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Die smartesten Ermittler im August 2021: Krimi Paket 7 Thriller

von Alfred Bekker (Autor:in) Pete Hackett (Autor:in) Cedric Balmore (Autor:in) Roland Heller (Autor:in) Bernd Teuber (Autor:in) Guy Brant (Autor:in) A. F. Morland (Autor:in)
2021 900 Seiten

Zusammenfassung

Dieser Band enthält folgende Krimis:

Killer ohne Reue (Alfred Bekker)

Komm ja mit heler Haut davon (Roland Heller/Guy Brant)

Trevellian und die Sekte der Grausamen (Pete Hackett)

Die Gier und der Tod (Bernd Teuber/ A.F.Morland)

Trevellian und der Gangterkrieg in Manhattan (Pete Hackett)

Trevelian und die Rache des Gangsterbosses (Pete Hackett)

Wochenede mit drei Toten (Cedric Balmore)

Mafiajäger Roberto Tardelli wünscht sich, dass es ein schönes Wochenende am Strand von Ocean City, dem Badeort an der Atlantikküste, wird, doch seine innere Stimme sagt ihm, dass daraus wohl nichts werden wird. Sein Auftrag lautet, den Austausch von wichtigen Plänen gegen Heroin zu verhindern.

Als er in der Nacht in dem Ort eintrifft und zum Strand geht, wo der Austausch stattfinden soll, entdeckt er die Leiche eines jungen Mädchens. Ein Schuss ins Herz hat sie getötet. Tardelli setzt sofort alles daran, den Killer zu finden, denn er glaubt, dass der zu den Leuten der Mafia gehört, die auch für den Austausch zuständig sind.

Leseprobe

Die smartesten Ermittler im August 2021: Krimi Paket 7 Thriller

Alfred Bekker, Roland Heller, Guy Brant, Pete Hackett, A.F. Morland, Bernd Teuber, Cedric Balmore

Dieser Band enthält folgende Krimis:


Killer ohne Reue (Alfred Bekker)

Komm ja mit heler Haut davon (Roland Heller/Guy Brant)

Trevellian und die Sekte der Grausamen (Pete Hackett)

Die Gier und der Tod (Bernd Teuber/ A.F.Morland)

Trevellian und der Gangterkrieg in Manhattan (Pete Hackett)

Trevelian und die Rache des Gangsterbosses (Pete Hackett)

Wochenede mit drei Toten (Cedric Balmore)


Mafiajäger Roberto Tardelli wünscht sich, dass es ein schönes Wochenende am Strand von Ocean City, dem Badeort an der Atlantikküste, wird, doch seine innere Stimme sagt ihm, dass daraus wohl nichts werden wird. Sein Auftrag lautet, den Austausch von wichtigen Plänen gegen Heroin zu verhindern.

Als er in der Nacht in dem Ort eintrifft und zum Strand geht, wo der Austausch stattfinden soll, entdeckt er die Leiche eines jungen Mädchens. Ein Schuss ins Herz hat sie getötet. Tardelli setzt sofort alles daran, den Killer zu finden, denn er glaubt, dass der zu den Leuten der Mafia gehört, die auch für den Austausch zuständig sind.


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author /

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Killer ohne Reue


von Alfred Bekker


Der Umfang dieses Buchs entspricht 206 Taschenbuchseiten.


Das Leben von Abertausenden ist bedroht, als eine Sekte von Wahnsinnigen beschließt, Tod und Verderben über die Metropole New York zu bringen.

FBI-Agent Jesse Trevellian und seinem Team bleibt nicht viel Zeit, diesen Plan zu durchkreuzen - denn das Ende ist nah und angeblich auch gar nicht mehr aufzuhalten...

Cover: STEVE MAYER


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de


1

New York 1998

Blutrot züngelte das Mündungsfeuer aus dem Schalldämpfer einer Automatik heraus. Der Schuss war kaum zu hören. Es machte einmal kurz 'Plop!', und der knurrende deutsche Schäferhund wand sich am Boden. Ein kurzes Zucken und das Tier lag reglos auf dem kalten Asphalt.

Der uniformierte Wachmann riss die Maschinenpistole hoch. Das Gesicht des Mannes war schreckgeweitet. Noch ehe der Security-Mann seine Waffe abfeuern konnte, ploppte es ein zweites Mal.

Auf der Stirn des Wachmanns bildete sich ein roter Punkt, der rasch größer wurde. Der Mann wankte. Dann schlug er der Länge nach hin. Schwer kam er auf dem Asphalt auf.

Zwei Maskierte traten aus der Dunkelheit der Nacht heraus.

Sie trugen dunkle Kleidung und Sturmhauben, die nur die Augen freiließen. Der eine war mit einer Automatik bewaffnet, auf deren Lauf sich ein langgezogener Schalldämpfer befand. Über der Schulter hing eine Sporttasche.

Der andere trug eine MPi vom Typ Uzi.

Der Mann mit der Automatik deutete auf den toten Wächter.

"Wir müssen den Toten dort wegziehen. Er liegt genau im Licht", wisperte er.

"Okay."

Sie gingen auf die Leiche zu, fassten sie an den Armen und schleiften sie aus dem Lichtschein heraus, der von den Außenleuchten des dreistöckigen Gebäudekomplexes ausging.

MADISON GEN-TECH stand in großen Neonbuchstaben auf dem Flachdach des quaderförmigen Komplexes.

Sie legten den Toten in den Schatten eines großen Blumenkübels. Mit dem Hund machten sie dasselbe.

Der Gebäudekomplex war weiträumig durch einen hohen Zaun abgeriegelt. Bis zu der Stelle, an der die beiden Maskierten auf das Gelände der Firma MADISON GEN-TECH gelangt waren, hatten sie noch eine beachtliche Distanz hinter sich zu bringen. Fast vierhundert Meter, auf denen ihr einziger Schutz die Dunkelheit war.

Sie konnten von Glück sagen, dass ihnen der Wachmann erst auf dem Rückweg über den Weg gelaufen war.

Der schwierigste Teil des Jobs war längst erledigt...

Jetzt mussten sie nur noch zusehen, dass sie das MADISON GEN-TECH-Gelände genauso unbemerkt wieder verließen, wie sie es betreten hatten.

Sonst war am Ende alles umsonst.

Wenn jemand den toten Wachmann entdeckte, dann war hier von einer Sekunde zur nächsten der Teufel los. Große Scheinwerfer würden umherschwenken und das Gelände absuchen. Das durfte nicht geschehen.

"Komm", sagte der Mann mit der Automatik.

Seine Linke presste die Sporttasche an den Oberkörper.

Er wollte bereits zu einem Spurt ansetzen.

Aber bevor es dazu kam, erstarrte er mitten in der Bewegung.

"Stehenbleiben, Waffe fallen lassen!", rief eine heisere Stimme.

Zwei Wachmänner mit gezogenen Revolvern standen kaum ein Dutzend Meter von den beiden Maskierten entfernt. Einer der Wachleute murmelte etwas in ein Walkie-Talkie hinein.

Der Maskierte mit der Uzi zögerte keine Sekunde. Er ballerte einfach drauflos. Einer der Wachmänner schrie auf und sank getroffen zu Boden. Der andere warf sich zur Seite, schoss seinen Revolver zweimal ab ohne zu treffen.

Eine Alarmsirene ertönte.

Die Scheinwerfer kreisten...

Hundegebell drang durch die Nacht.

Genau jenes Szenario war eingetreten, das die beiden Maskierten zu vermeiden gesucht hatten.

"Los, zum Tor!", schrie der Maskierte mit der Schalldämpfer-Waffe heiser.

Das Haupttor lag in genau entgegengesetzter Richtung zu der Stelle, an der die beiden Männer durch den Zaun gestiegen waren. Aber es war einfach näher. Erheblich näher.

Und das konnte unter Umständen die Rettung sein.

Sie rannten los, quer über einen vollkommen freien, asphaltierten Platz, der tagsüber als Parkplatz für die MADISON GEN-TECH-Mitarbeiter diente.

Die beiden Maskierten rannten und schossen dabei wild um sich.

Das Hundegebell wurde lauter.

Die Security-Leute schossen zurück. Von verschiedenen Seiten waren Stimmen zu hören. Dann Motorengeräusche. Ein Wagen wurde angelassen. Die Scheinwerfer hatten die Flüchtenden ständig in ihrem unbarmherzigen hellen Kegel.

Einer dieser Scheinwerfer wurde durch den Geschosshagel aus der Uzi zerfetzt.

Jede Laterne, die der Maskierte erwischen konnte, wurde zerschossen.

Es wurde etwas dunkler.

Der Kerl mit der Automatik holte ein Funkgerät aus seiner Jackentasche heraus.

"Zum Haupttor, Tom", flüsterte er. "Hast du gehört? Zum Haupttor!"

"Okay", kam es aus dem Funkgerät zurück.

Der Maskierte sagte: "Nicht dicht heranfahren, hörst du? Es wird einen ziemlichen großen Knall geben..."

Sie hatten das Tor erreicht und keuchten.

Der Mann mit der Uzi drehte sich um, riss das Magazin aus der Waffe und tauschte es gegen ein Neues aus. Von allen Seiten waren jetzt die Gestalten von Wachmännern zu sehen.

Sie führten Hunde und MPis bei sich.

Ein Jeep brauste heran.

Der Mann mit der Uzi zögerte nicht lange.

Ein Feuerstoß aus seiner Waffe ließ die Vorderreifen des Fahrzeug kurz hintereinander zerplatzen. Der Fahrer bremste, hatte Mühe die Kontrolle über das Fahrzeug zu behalten...

"Nun mach endlich!", schrie der Kerl mit der Uzi seinen Komplizen an.

Dieser holte einen quaderförmigen Gegenstand aus der Innentasche seiner Jacke. Er riss ein Stück Schutzfolie von einem Klebestreifen herunter und brachte das Ding am Schloss des Haupttores an. Dann zog er an einem Metallring einen Bolzen aus dem quaderförmigen Gegenstand heraus.

Wie auf ein geheimes Zeichen hin traten beide Maskierte einen Schritt zurück.

Eine Detonation folgte.

Grell schlugen die Flammen empor. Eine Welle aus Druck und Hitze verbreitete sich. Das Tor sprang auf. Mit einem Fußtritt öffnete es der Mann mit der Automatik, während sein Komplize wild mit der Uzi herumballerte. Er hielt die Wachleute auf Distanz.

Ein Wagen tauchte aus der Dunkelheit heraus auf.

Die beiden Maskierten rannten darauf zu.

Der Mann mit der Automatik blieb kurz stehen und schleuderte den Verfolgern einen eiförmigen Gegenstand entgegen. Die hatten überhaupt keine Chance, rechtzeitig zu erkennen, worum es sich handelte.

Um eine Handgranate.

Die Detonation war furchtbar. Ein mörderischer Flammenpilz machte für schreckliche Sekunden die Nacht zum Tag. Schreie gelten durch die kalte Nacht.

Die Maskierten hatten indessen den Wagen erreicht. Sie rissen die Türen auf, stiegen ein. Mit quietschenden Reifen brauste der Wagen davon.


2

Der Tatort lag im nördlich der Bronx gelegenen New Rochelle. Mitten in der Nacht hatte man mich und meinen Kollegen Milo Tucker aus dem Schlaf geklingelt und zusammen mit einigen weiteren Special Agents des FBI hier her geschickt.

Per Telefon hatte ich nur das Nötigste erfahren.

Unbekannte hatten einen Überfall auf das Gelände der Firma MADISON GEN-TECH verübt.

Ein Fall, der möglicherweise die nationale Sicherheit berührte.

Genaueres würden wir am Tatort erfahren.

Wir gehörten zu den Letzten, die dort eintrafen. Unsere Kollegen Agent Orry Medina und Clive Caravaggio erwarteten uns bereits, als wir das MADISON-Gelände betraten.

Das Gelände war von Uniformierten geradezu hermetisch abgeriegelt worden. Teilweise handelte sich dabei um Polizeikräfte, aber es waren auch Angehörige eines privaten Sicherheitsdienstes anwesend, der offenbar dafür zu sorgen hatte, dass sich keine Unbefugten auf dem Firmengelände von MADISON GEN-TECH aufhielten.

Einige Männer in weißen Seuchenschutzanzügen erregten meine Aufmerksamkeit. Da die Anzüge das Firmenemblem von MADISON GEN-TECH trugen, nahm ich an, dass es sich um Angestellte handelte.

"Habt ihr schon irgendeinen Schimmer, was hier los ist, Orry?", wandte ich mich an Agent Medina.

"Fest steht nur, dass mindestens zwei Täter auf das Firmengelände vorgedrungen sind und wild um sich geballert haben, als sie bemerkt wurden. Einer der Wachleute ist ermordet worden. Außerdem haben wir mehrere verletzte Wachmänner."

"Weiß man, was die Täter hier gesucht haben?", fragte Milo.

"Sie sind in die Labors eingedrungen", meinte Orry.

Mir gingen die Seuchenschutzanzüge nicht aus dem Kopf.

Wenn das die normale Dienstkleidung in den Labors von MADISON war, dann konnte das nur bedeuten, dass dort mit hochgefährlichen Substanzen umgegangen wurde...

Inzwischen trafen weitere FBI-Agenten ein. Spurensicherer vor allem. Das gesamte Gelände musste genauestens abgesucht werden, damit wir auch dem kleinsten Hinweis auf die Täter nachgehen konnten.

Als Milo und ich das MADISON-Gebäude betreten wollten, wurde uns von einem Mann im grauen Anzug und dicker Brille der Zugang verwehrt.

"Sie können hier nicht durch", sagte er und fuchtelte dabei mit den Armen herum. An seinem Revers befand ich eine ID-Card mit Lichtbild und Namen. Danach hieß er Dr. John Tremayne.

Ich hielt ihm meinen Dienstausweis entgegen.

"Special Agent Jesse Trevellian, FBI. Wir können hier sehr wohl hinein", sagte ich höflich, aber sehr bestimmt.

"Nein, das können Sie nicht", erwiderte Tremayne. "Jedenfalls nicht, wenn Ihnen Ihr Leben und das von vielen anderen etwas wert ist..."

"Wer sind Sie?"

"Dr. Tremayne. Ich bin in diesem Labor beschäftigt..."

Ich zuckte die Schultern. "Klären Sie mich darüber auf, was hier los ist!", forderte ich.

"Die Eindringlinge, so scheint es, sind in einen sehr sensiblen Bereich unserer mikrobiologischen Labors vorgedrungen. Einen Bereich, in dem höchste Sicherheit zwingend erforderlich ist. Wenn sie dort etwas zerstört haben, dann..."

"Woran wird dort gearbeitet?", fragte ich.

Tremayne sah mich an. Sein Gesicht wirkte faltig und kalt.

Er schien zu überlegen. Dann sagte er: "Ich weiß nicht, ob ich autorisiert bin, mit Ihnen darüber zu reden."

"Das sind Sie", erklärte ich. "Und falls Sie unsere Ermittlungen verzögern, wird das Konsequenzen haben."

Ein Mann mit Halbglatze tauchte hinter Tremayne auf. Er war recht füllig. Sein Gesicht war ernst.

Tremayne drehte sich zu ihm um.

"Dr. Ressing..."

"Es scheint alles unbedenklich zu sein", sagte Ressing. "Der Laborbereich kann betreten werden..." Er sah uns an.

"Wer...?"

Mein Ausweis beantwortete ihm seine Frage. Er nickte.

"Kommen Sie, Sir!"


3

Wir zogen hauchdünne, weiße Overalls über unsere Alltagskleidung.

Dr. Ressing lächelte matt, als er unsere skeptischen Blicke bemerkte. "Diese Anzüge sind nicht zu Ihrem Schutz. Sie sollen verhindern, dass Sie irgendwelche Mikroorganismen oder Staubpartikel in die Labors tragen, die unsere Arbeit von Jahren vernichten können." Er zuckte die Achseln.

"Leider waren diese ungebetenen Besucher weniger rücksichtsvoll..."

"Woran arbeiten Sie?", fragte ich.

"MADISON ist ein Unternehmen, das sich im Bereich der Gentechnik einen Namen gemacht hat", erklärte Ressing.

"Das ist mir klar", sagte ich. "Worum geht es hier genau?"

"Wir experimentieren mit gentechnisch veränderten Mikroorganismen."

"Zu welchem Zweck?"

"Zum Beispiel, um neue Impfstoffe herzustellen!"

"Dann experimentieren Sie mit Krankheitserregern!", schloss ich.

Ressing lächelte. "Das ist richtig. Anders kann man auf diesem Gebiet keine Erfolge erzielen."

"Ich verstehe."

"Die Bakterienpräparate in unseren Labors würden ausreichen, um die gesamte USA zu entvölkern. Eine richtige Büchse der Pandora, wenn Sie wissen, was ich meine. Darum ist hier auch alles abgesichert wie in Fort Knox."

Während wir einen langen, kahlen Flur entlanggingen, kam uns ein junger Mann mit bleichem Gesicht entgegen. Er trug eine ID-Card am Kragen seines weißen Schutzoveralls.

"Dr. Ressing! Es fehlt einer der CX-Behälter", brachte er der junge Mann mit gedämpfter Stimme vor.

Auf Dr. Ressings Gesicht erschienen ein paar tiefe Furchen.

"Sind Sie sicher?"

"Irrtum ausgeschlossen, Sir!"

"Mein Gott..." Auch aus Dr. Ressings Gesicht floh jegliche Farbe. Er wischte sich mit einer fahrigen Handbewegung über das Gesicht. Das Entsetzen war ihm anzusehen. Dann blickte er auf, mir direkt in die Augen. "Ein Behälter mit Pesterregern ist von den Einbrechern entwendet worden..."

"Ist das nicht eine Krankheit aus dem Mittelalter, die inzwischen längst ausgerottet ist?", fragte ich.

"Nein, leider nicht", sagte Ressing. "Die letzte große Pestepedemie schwappte in den zwanziger Jahren von China aus nach Kalifornien über. Die Krankheit ist bis heute unter den Nagetieren Nordamerikas und Eurasiens sehr verbreitet. Aber da es kaum noch direkte Kontakte zwischen dem Menschen und Nagetieren wie Ratten und Mäusen gibt, brechen nur noch selten kleinere, regional begrenzte Epidemien aus. Ab und zu geschieht das in Afrika oder Indien. Seit Erfindung der Antibiotika ist es allerdings kein Problem, eine solche Epidemie schnell in den Griff zu bekommen."

Milo sagte: "Sie wollen uns also damit sagen, dass man sich keine Sorgen zu machen braucht..."

"Nicht ganz", meinte Ressing. Er druckste etwas herum.

Langsam aber sicher fand ich es ziemlich ärgerlich, wie wir ihm die Informationen einzeln aus der Nase ziehen mussten. Aus irgendeinem Grund schien man uns bei MADISON GEN-TECH als lästig zu empfinden.

"Was hat es nun mit diesem verschwundenen Behälter auf sich?", hakte ich nach.

"Die Pesterreger waren gentechnisch verändert", erklärte Ressing.

"In welcher Weise?"

"Sie waren resistent gegen Antibiotika."

Ein Satz, den Ressing daher sagte wie ein kalter Fisch.

Keine Regung war in seinem Gesicht erkennbar.

"Das heißt, es gibt kein Gegenmittel", sagte ich. "Eine Epidemie würde sich ungehindert ausbreiten können..."

Dr. Ressing hob die Augenbrauen.

"Das wäre ein sehr ungünstiges Szenario."

Mir fiel unwillkürlich die Schießerei ein, die sich die Täter mit den Sicherheitskräften geliefert hatten. Bei dem Gedanken daran, dass dabei der Behälter hätte zerstört werden können, konnte einen nur das Grauen erfassen...


4

Am frühen Nachmittag saßen wir im Büro von Special Agent in Charge Jonathan D. McKee. Mr. McKee war der Chef des FBI-Districts New York und damit unser direkter Vorgesetzter.

Außer Milo und mir waren noch ein gutes Dutzend weiterer Agenten anwesend, dazu Spezialisten aus verschiedenen Bereichen. Der FBI hat in seinen Reihen Wissenschaftler aus fast allen Spezialgebieten.

In diesem Fall waren das neben den üblichen Spezialisten der Spurensicherung und der Ballistik vor allem Mediziner und Biologen.

Es ging darum, über erste Fahndungsmaßnahmen zu beraten.

FBI-Spezialisten untersuchten noch immer die MADISON-Labors und das Gelände. Jedes Projektil am Tatort wurde eingesammelt und von der Ballistik untersucht.

Wir hörten uns die Ausführungen von Dr. James Satory an, einem Epidemiologen von der nationalen Gesundheitsbehörde.

Während dessen warf ein Projektor das Abbild eines sogenannten CX-Behälters an die Wand, wie er bei MADISON entwendet worden war. Dr. Satorys Ausführungen nach handelte es sich um einen Behälter mit besonderen Sicherheitsstandards, der zum Transport oder der Lagerung von biologisch sensiblem Material verwendet wurde.

"Der Pest-Erreger nennt sich Yersinia Pestis und kommt ursprünglich bei Nagetieren vor", erläuterte Satory dann. "Die Übertragung von Nagetier zu Mensch erfolgt über Flöhe. Zwischen Menschen ist eine Tröpfcheninfektion möglich - wie bei einem grippalen Infekt. Bei den großen Epidemien im Mittelalter wurden ganze Landstriche entvölkert. Die Krankheit verläuft typischerweise so: Nach einer Inkubationszeit von 3-6 Tagen kommt es zu Schüttelfrost, Fieber und Lymphknotenschwellungen. Bei schwerem Verlauf kann innerhalb weniger Tage der Tod eintreten." Satorys Gesicht war sehr ernst, als er dann fortfuhr: "Ich habe hier einiges Datenmaterial vorliegen, das mir die Entwicklungsabteilung von MADISON GEN-TECH überlassen hat. Der Inhalt des CX-Behälters besteht aus Erregern, die gentechnisch verändert wurden. Das bedeutet, dass anhand von Tierversuchen verschiedene Auswirkungen dieser künstlichen Mutation nachweisbar sind: Erstens die Antibiotika-Resistenz, zweitens eine wesentlich erhöhte und beschleunigte Sterblichkeit bei den erkrankten Organismen und drittens scheint der Erreger jetzt einen biochemischen Mechanismus zu besitzen, der für eine Inkubationszeit von ungewöhnlicher Schwankungsbreite sorgt."

"Was hat das für Auswirkungen?", fragte Mr. McKee.

"Verheerende! Jedenfalls im Fall einer Epidemie. Natürlich kann man Tierversuche nicht eins zu eins auf Menschen übertragen, aber ich denke man kann folgendes sagen: Wir müssen damit rechnen, dass es einerseits Erkrankte geben wird, die innerhalb eines Tages nach der Ansteckung bereits tot sind, während andere die Krankheit möglicherweise bis zu einer Zeit von drei Jahren in sich tragen, ohne Symptome. Die veränderte Version des Pest-Erregers hat die teuflische Fähigkeit, jahrelang unter ungünstigsten Bedingungen zu überleben, um sich dann explosionsartig zu vermehren. Leider wissen wir zu wenig über den Mechanismus, von dem ich sprach, um genauere Voraussagen treffen zu können. Außer vielleicht dieser: Selbst das modernste Gesundheitswesen steht einer derart schwankenden Inkubationszeit fast ohnmächtig gegenüber, weil jede Quarantänemaßnahme ins Leere läuft." Satory deutete auf einen Stapel gehefteter Computerausdrucken. "Die wichtigsten Eigenschaften des Erregers - soweit ich die aus den Unterlagen von MADISON GEN-TECH herauslesen konnte, habe ich hier für jeden von Ihnen zusammengefasst! Eine Millionenmetropole wie New York City ist wie geschaffen für die Ausbreitung einer Pestepidemie... Und wenn man bedenkt, dass es sich um gentechnisch veränderte Yersinia Pestis handelt, dann Gnade uns Gott, falls dieser verschwundene Behälter in die Hände von Terroristen oder Fanatikern fällt... Es gibt kein Gegenmittel, die Ansteckungsgefahr ist immens und möglicherweise überlebt der Erreger sogar ohne Wirt, zum Beispiel im Abwasser. Ein Spielzeug für Wahnsinnige!"

"Es reicht schon ein Ahnungsloser", gab Milo zu bedenken.

"Ich halte diese Gefahr für eher gering", meinte Agent Nat Norton. Er war im Innendienst tätig und Spezialist für Betriebswirtschaft. Seine Hauptaufgabe bestand darin, Geldströme und Firmenverflechtungen aufzudecken. Bei Ermittlungen gegen das organisierte Verbrechen war das ein wesentlicher Teil der Ermittlungsarbeit. "Ich fürchte sogar, dass der Behälter bereits außer Landes sein könnte."

"An allen Flughäfen und Grenzübergängen sind die Kontrollen verschärft worden", gab Mr. McKee zu bedenken.

"Dennoch", meinte Norton. "Wenn man sich fragt, wer an gentechnisch veränderten Yersinia Pestis interessiert sein könnte, dann kommt man doch als erstes auf alle diejenigen, die sich ein Arsenal von biologischen Kampfstoffen anlegen wollen, aber nicht die Möglichkeit haben, es selbst zu entwickeln."

"Mindestens zwei Dutzend Staaten mit ihren Geheimdiensten kämen also als Urheber dieses Einbruchs in Frage", stellte Mr. McKee düster fest.

"Mir fiel auf, dass die Vertreter von MADISON uns gegenüber bisher ausgesprochen zugeknöpft waren", erklärte ich. "Ich hatte nicht das Gefühl, dass sie wirklich daran interessiert waren, uns die Arbeit leichter zu machen. Vielleicht würde es sich lohnen, diese Firma mal etwas zu durchleuchten."

Ein mattes Lächeln glitt über das Gesicht von Nat Norton. "Nun, ich habe schon mal zusammengetragen, was es auf die Schnelle über MADISON GEN-TECH in unsere Datenspeichern zu finden gibt. Die Aktienmehrheit wird von einem Schweizer Unternehmen mit dem Namen Fürbringer Holding in Zürich gehalten. In dieser Holding sind verschiedene Unternehmen aus dem Gen- und Biotechnikbereich zusammengefasst, außerdem pharmazeutische und chemische Betriebe in aller Welt. Wirtschaftlich gesehen ist Fürbringer allerdings alles andere als ein Riese. Aber in bestimmten Marktsegmenten haben die Unternehmen dieser Holding eine beherrschende Stellung. Uns liegen Informationen vom CIA vor, danach stehen einige Fürbringer-Tochterunternehmen im Verdacht, bei der Entwicklung von Biowaffen in verschiedenen Staaten des mittleren Ostens die Finger im Spiel gehabt zu haben."

"Gibt es einen solchen Verdacht auch gegen MADISON?", fragte ich.

Norton schüttelte den Kopf.

"Ich würde vermuten, dass MADISON GEN-TECH so etwas wie die saubere Entwicklungszentrale ist, in der das Know-how vermehrt wird - während dann andere Fürbringer-Töchter die Drecksarbeit erledigen."

"Aber das ist nur eine Vermutung", stellte Mr. McKee fest. "Etwas Konkretes gibt es weder gegen MADISON noch gegen Fürbringer."

"Das ist richtig", musste Norton eingestehen.

"Dieser Dr. Ressing, mit dem ich sprach, erzählte mir etwas von Impfstoffen", warf ich ein.

Norton verzog das Gesicht zu einem dünnen Lächeln.

"Einer der besten Kunden von MADISON ist unsere Regierung, Jesse! An Impfstoffen aller Art besteht überall Bedarf! Aber dasselbe Wissen, das sich für die Entwicklung solcher Seren nutzen lässt, ist genauso gut geeignet, um B-Waffen zu entwickeln. Vergessen Sie nicht, dass man diese Waffen nur wirksam einsetzen kann, wenn man eine Möglichkeit hat, die eigenen Leute zu schützen. Schließlich richten sich Bakterien nicht nach Landesgrenzen oder politischen Gesinnungen..."


5

Der Mann trug einen kleinen Ohrring und hatte ein scharfgeschnittenes Gesicht. Er starrte auf den CX-Behälter, der auf dem Tisch des spartanisch eingerichteten Motels stand. Der Behälter hatte eine zylindrische Form. Oben war ein Tragegriff aus Plastik.

"Je früher wir das Ding los sind, desto besser", meinte der andere Mann im Raum.

Er hatte sich mit einer Bierdose auf eines der Betten geflezt. Neben ihm lag griffbereit eine zierlich wirkende Maschinenpistole vom Typ Uzi.

"Mach dir nicht in die Hosen, Ray!"

Ray trank die Bierdose leer und versuchte mit ihr den Papierkorb zu treffen. Die Dose ging scheppernd daneben und knallte gegen die Wand. Er setzte sich auf. "Ich versteh das nicht, Tony! Unser Mann müsste längst hier sein!"

Der Mann mit dem Ohrring sah auf die Uhr. Er zuckte die Achseln.

"Es ist jetzt Rush Hour. Die Highways sind dicht. Kein Wunder, wenn er etwas später kommt..."

"Ich hoffe nur, dass wir nicht am Ende als die Dummen dastehen, Tony!"

"Was soll das Gerede? Mann, was ist mit deinen Nerven los! Man könnte denken, dass das dein erster Job ist!"

"Der erste dieser Art jedenfalls", gab Ray zurück und deutete dabei auf den Behälter.

Es klopfte an der Tür.

Ray griff nach der Uzi, machte einen Satz nach vorn und postierte sich links neben der Tür.

Tony lockerte den Sitz der Automatik im Gürtelholster, sorge aber dafür, dass die Waffe durch seine Jacke verdeckt wurde. Er ging zur Tür, blickte durch den Spion.

"Wer ist da?", fragte Tony dann durch die hellhörige Holztür hindurch.

"Harry Smith", kam es von draußen.

Der Name war so etwas wie ein Codewort. Ray und Tony wechselten einen schnellen Blick und nickten.

"Okay", sagte Tony und öffnete.

Draußen stand ein Mann im Regenmantel. Darunter trug er einen etwas unmodern wirkenden, schlecht sitzenden Anzug.

'Harry Smith' sah sehr bieder aus. Er war glatt rasiert, das Gesicht blass und fast konturlos. Er war noch jung. Höchstens Mitte zwanzig.

"Wo ist der Behälter?", fragte der Mann.

"Dort auf dem Tisch", erwiderte Tony.

Der Mann, der sich Smith genannt hatte, trat ein. Seine blassblauen Augen richteten sich auf den CX-Behälter auf dem Tisch, anschließend auf den Lauf der Uzi. Rays Waffe zeigte auf Smith, aber das schien diesen nicht zu beeindrucken.

"Ich hoffe, dass es der richtige Behälter ist", sagte Tony.

"Ich denke schon" meinte Smith. Er kontrollierte kurz die Kennnummer auf dem winzigen Etikett.

Dann griff er in die Innentasche seines Jacketts.

Ray hob die Uzi.

Smith lächelte kalt.

"So ängstlich? Ich dachte, Sie wären eiskalte Profis."

"Ich habe etwas gegen hektische Bewegungen", meinte Ray.

"Eine Erscheinung unserer Zeit", erwiderte Smith und zog ein Bündel mit Geldscheinen hervor. Er legte es auf den Tisch. Dann meinte er: "Zählen Sie nach, wenn Sie wollen. Es sind fünfzigtausend Dollar!"

Smith streckte die Hand in Richtung des Behälters aus.

Aber Tony war mit einem Satz bei ihm und packte ihn am Handgelenk.

Der Mann mit dem Ohrring bleckte die Zähne wie ein Raubtier.

"Mir scheint, dass Sie da etwas nicht richtig verstanden haben, Smith! Es war von einer anderen Summe die Rede!"

"Den Rest bekommen Sie, wenn wir festgestellt haben, ob das Material diesen Preis wert ist!"

"Das war nicht abgemacht!"

Smith lächelte kalt.

"Meinen Sie, wir geben ein Vermögen aus, ohne vorher zu prüfen, was wir dafür bekommen?"

"Oh nein, Smith! So haben wir nicht gewettet. Entweder Sie halten sich in jedem Detail an unsere Abmachungen, oder Sie können sich Ihren Behälter sonstwohin stecken!"

"Lassen Sie mich los", sagte Smith ruhig. Seine Stimme klirrte wie Eis.

Tony gehorchte. Er nahm mit einer schnellen Bewegung den Behälter und zog seine Automatik heraus.

"Sie wollen uns übers Ohr hauen, Smith." Er sagte das im Ton einer Feststellung. Er hob den Behälter etwas an. "Was ist hier eigentlich drin?"

"Sie könnten nichts damit anfangen", sagte Smith. "Also seien Sie vernünftig."

"Dass es irgendeine dieser Gen-Schweinereien sein muss, ist mir schon klar. Aber was?"

"Sie werden es früh genug erfahren!"

"In den Nachrichten wurde nichts über den Behälter gebracht. Wohl über den Einbruch, aber nichts über den Behälter." Tony atmete tief durch. "Das kann nur bedeuten, dass dieses Ding wirklich brandheiß ist..."

"Wir haben Ihnen ein gutes Angebot gemacht. Sie sollten es annehmen!"

"Kommen Sie mit mehr Bargeld wieder, Smith! Oder es läuft nichts."

Smith steckte seine Hände in die Manteltasche.

"Sie überschätzen sich."

"Ach, ja?

Jetzt mischte sich Ray ein. Er senkte die Uzi, trat einen Schritt näher. "Komm Tony, lass uns vernünftig mit ihm reden!"

Ein Schuss krachte los.

Der Mann, der sich Smith nannte, hatte aus der Manteltasche heraus gefeuert. Die Kugel war durch den dünnen Popeline-Stoff herausgeschossen und Tony in den Bauch gefahren.

Tony klappte zusammen wie ein Taschenmesser. Der Griff seiner Rechten klammerte sich noch um seine Automatik. Aber den CX-Behälter konnte er nicht mehr festhalten. Er fiel hart auf den Boden und rollte ein Stück in Richtung Tür.

Tony sackte in sich zusammen.

Smith wirbelte noch in derselben Sekunde herum.

Er war ein sehr guter und sehr schneller Schütze.

Noch bevor Ray seine Uzi hochreißen und damit eine Feuerstoß von 20 oder dreißig Geschossen pro Sekunde abgeben konnte, bildete sich auf seiner Stirn ein roter Punkt, der rasch größer wurde.

Die Wucht des Projektils riss Ray nach hinten. Er schien einen Schritt rückwärts zu gehen und schlug dann der Länge nach hin. Als die Uzi auf den Boden schlug löste sich ein Schuss daraus.

Dann war Stille.

Smith würdigte die beiden Toten keines Blickes.

Er stieg über Tony hinweg, nahm die fünfzigtausend Dollar wieder an sich und ging dann ein paar Schritte in Richtung Tür. Dort blieb er kurz stehen und bückte sich nach dem Behälter.

Zum Glück sind die Dinger ziemlich stabil, ging es ihm durch den Kopf, bevor er hinaus ins Freie trat.


6

Alec Mercer, seines Zeichens Geschäftsführer von MADISON GEN-TECH, empfing uns in seinem Büro in Midtown Manhattan. In den Labors in New Rochelle wurden Experimente mit gentechnisch veränderten Mikroorganismen durchgeführt - aber die Geschäfte von MADISON wurden von dieser Büroetage in der Third Avenue aus gesteuert.

Natürlich hofften wir, dass man hier etwas weniger zugeknöpft sein würde, als wir das bisher von dieser Firma gewohnt waren.

Mercer thronte hinter einem gewaltigen Schreibtisch. An den Wänden hingen großformatige Gemälde, deren Malstil an Graffitis in der Bronx erinnerte. Mercer schien Wert darauf zu legen, dass man ihn und sein Unternehmen für innovativ hielt.

"Mr. Trevellian und Mr. Tucker vom FBI", säuselte die brünette Sekretärin, die uns hereingeführt hatte.

Mercer reichte uns nacheinander die Hand. Er faßte hart zu, wie ein Mann, der gleich zeigen will, wer der Boss ist.

"Bitte nehmen Sie Platz. Wollen Sie einen Kaffee?"

"Wir kommen lieber gleich zur Sache", sagte Milo.

Mercer zuckte die Achseln und kratzte sich an seinem eckigen Kinn.

"Ist mir auch recht. Allerdings ist mir ehrlich gesagt schleierhaft, wie ich Ihre Ermittlungen unterstützen könnte."

Wir setzten uns.

"Oh, da würde mir schon einiges einfallen", erwiderte ich.

Mercer hob die Augenbrauen. "Ach, ja?"

"Zum Beispiel könnten Sie Ihre wissenschaftliche Abteilung dazu bewegen, nicht Katz und Maus mit uns zu spielen", meinte ich.

Auf Mercers Gesicht erschien ein geschäftsmäßiges Lächeln.

"Vielleicht übertreiben unsere Leute es manchmal mit der Geheimhaltung. Aber Sie müssen verstehen, Mr. Trevellian. Wir sind auf einem äußerst sensiblen Gebiet tätig. Ein Gebiet, das immer mehr an Bedeutung gewinnt. Es gibt viele Seiten, die an den Erkenntnissen brennend interessiert sind, die unsere Wissenschaftler in New Rochelle gewinnen. Und wir können es uns nicht leisten, Millionen zu investieren, nur um uns die Früchte unserer Arbeit kurz vor dem Ziel von der Konkurrenz stehlen zu lassen."

"Wer, glauben Sie, könnte ein Interesse an einem Behälter mit Pest-Bakterien haben?", fragte ich. "Vielleicht einer Ihrer Konkurrenten oder Geschäftspartner?"

"Das halte ich nicht für ausgeschlossen", meinte Mercer.

"Die Einbrecher wussten ausgesprochen gut Bescheid. Ihnen war bekannt, wie man die Alarmanlagen überlisten kann, in welchem Rhythmus die Wachen patrouillierten und welchen Behälter sie an sich zu bringen hatten..."

Mercer seufzte. "Die Art und Weise, in der Sie das sagen, klingt beunruhigend, Mr. Trevellian."

"Es liegt der Verdacht nahe, dass die Täter einen oder mehrere Komplizen bei der Belegschaft hatten. Anders ist dieser Coup für mich nur schwer vorstellbar..."

"Wir sind sehr sorgfältig bei der Auswahl unseres Personals, wie ich Ihnen versichern darf", erwiderte Mercer etwas ungehalten.

Milo sagte: "Die Tatsachen sprechen leider für sich, Mr. Mercer. Wir möchten gerne die Personaldaten haben, um alle in Frage kommenden Personen durch das Raster laufen lassen zu können. Diese Daten seien hier in Ihrer Zentrale..."

"Das ist richtig", gab Mercer etwas zögerlich zu.

"Dann machen Sie sie uns bitte zugänglich!"

Mercer lehnte sich etwas zurück, tickte mit dem Finger nervös auf der Schreibtischplatte. "Haben Sie dafür denn irgendeine Art Dokument, das Sie dazu berechtigt?"

Er hatte noch nicht zu Ende gesprochen, da hatte Milo die richterliche Anordnung bereits hervorgeholt. Nach den ersten Erfahrungen mit MADISON waren wir auf Nummer sicher gegangen.

Schließlich wollten wir dieses Büro nicht mit leeren Händen verlassen.

Mercer las sich das Schriftstück eingehend durch.

Dann betätigte er die Sprechanlage. "Wenn Sie mal eben zu mir ins Büro kommen würden, Harold", knurrte er. An mich gewandt fuhr er dann fort. "Ich möchte das erst von unserem Anwalt prüfen lassen, Sir!" Er verzog den Mund. "Eine reine Formsache."

"Natürlich! Sagen Sie, wie rekrutieren Sie eigentlich Ihr Sicherheitspersonal?", fragte ich.

"Wir haben eine eigene Abteilung dafür. Unsere Wachleute sind hochqualifiziert. Alles Ex-Cops, Ex-Marines und so weiter. Natürlich mit einwandfreiem Leumund."

"Aber diese Männer hatten keine Ahnung von dem, was innerhalb der Labors gelagert wurde."

"Nur eine ungefähre Ahnung. Dass es gefährliche Substanzen sind, für die die höchste Sicherheitsstufe gilt. Warum fragen Sie?"

"Ich denke an das Feuergefecht, das sich die Wachleute mit den Einbrechern geliefert haben. Die Pesterreger hätten dabei sehr leicht entweichen können, wenn der Behälter in Mitleidenschaft gezogen worden wäre!"

Mercer lächelte wie ein Wolf. Ein Goldzahn blitzte auf.

"Haben Sie einmal einen CX-Sicherheitsbehälter gesehen?"

"Ja, man hat mir welche gezeigt."

"Ich hoffe, dass man Ihnen dann dann auch erläutert hat, welche extremen Belastungen diese Behälter aushalten können. Im übrigen waren unsere Wachleute offenbar nicht darüber im Bilde, dass ein Einbruch bereits stattgefunden hatte."

"Unsere Kollegen hatten von sämtlichen Wachleuten am Tatort Aussagen aufgenommen", stellte Milo fest. "Aber die deuten eher darauf hin, dass Ihre Leute überhaupt nicht im Bilde darüber waren, was sie da zu bewachen hatten - geschweige denn, dass irgendwie dafür ausgebildet gewesen wären!"

"Geheimhaltung ist in unserem Business alles, Sir!"

Milo wollte noch etwas erwidern.

Aber in diesem Moment betrat ein Mann im dunklen Anzug den Raum. Mercer stand auf. Er gab dem Mann die richterliche Verfügung. "Lesen Sie das, Harold!"

Der Anwalt brauchte nicht lange, um sich eine Meinung gebildet zu haben.

"Ich fürchte, Sie können nichts dagegen machen, Sir! Dies ist eine richterliche Durchsuchungserlaubnis."

"Heißt das, dass die hier alles auf den Kopf stellen könnten?", fragte Mercer ungehalten.

Harold nickte. "So ist es."

Ich sagte kühl: "Vielleicht sind Sie ja jetzt etwas kooperationsbereiter."

Mercer betätigte die Gegensprechanlage und wies seine Sekretärin an, uns ein Update der Personaldaten anzufertigen.


7

Der Mann, der sich Smith nannte, hatte eine Plastiktüte aus dem Handschuhfach genommen, den CX-Behälter dort hineingetan und ihn so auf den Beifahrersitz seines Chevys gelegt.

Der Regenmantel mit dem Schussloch lag auf dem Rücksitz.

Immer wieder blickte er in den Rückspiegel während sich sein Chevy durch den abendlichen Verkehr New Yorks quälte.

Ungefähr ein Dutzendmal bog er ab, fuhr über Einbahnstraßen im Kreis. Er musste sichergehen, dass ihm keiner folgte.

Zwei habe ich erledigt, ging es ihm durch den Kopf. Zwei!

Aber sie waren zu dritt...

Und der dritte Mann würde alles andere als erbaut darüber sein, wenn er mitbekam, dass seine beiden Komplizen von Kugeln durchlöchert in einem billigen Motelzimmer lagen.

Smith atmete tief durch.

Irgendwann, als er schließlich die Upper East Side erreicht hatte, bog er in eine kleine Seitengasse ein.

Die Häuserfronten ragten schroff empor.

An beiden Straßenseiten parkte ein Wagen hinter dem anderen. Schließlich fand Smith eine Lücke. Er brauchte einige Augenblicke, bis er den Chevy in die enge Lücke hineingefahren hatte.

Er nahm die Plastiktüte mit dem CX-Behälter und stieg aus.

Mit einer nachlässigen Bewegung schloss er den Wagen ab.

Er ging die Straße ungefähr fünfzig Meter zurück, blieb dann vor einem zehnstöckigen Gebäude stehen. Ein mattes Lächeln erschien auf seinem Gesicht, als er die Sprechanlage am Eingang betätigte. Eine Überwachungskamera richtete ihre Linse auf ihn.

"Guten Tag, was wünschen Sie?", fragte eine weibliche Stimme.

"Hier ist Smith. Ich werde erwartet!"


8

Am nächsten Morgen, als wir in Mr. McKees Büro saßen, lag der ballistische Bericht vor. Es stellte sich heraus, dass eine der Waffen, die bei dem Überfall auf das Gelände von MADISON GEN-TECH benutzt worden war, bereits in unseren Datenbanken verzeichnet war.

Es handelte sich um eine automatische Pistole vom Kaliber .45. Vor zwei Jahren war mit dieser Waffe ein Wachmann erschossen worden, der vor einem Waffen- und Munitionsdepot der Navy seinen Dienst getan hatte.

"Es blieb damals bei einem versuchten Überfall", erläuterte uns Agent Max Carter, ein Innendienstler der Fahndungsabteilung. "Einer der Täter wurde gefasst, die anderen entkamen. Zeugenaussagen zu Folge muss es sich um zwei oder drei Männer gehandelt haben, die versuchten, in das Depot einzudringen. Allerdings wurden sie offenbar entdeckt, bevor sie irgendetwas erbeuten konnten."

"Was ist mit dem, der damals gefasst wurde?", fragte Mr. McKee.

"Es handelte sich um einen gewissen John F. Monty", erklärte Carter. "Und der sitzt heute noch auf Riker's Island ein. Leider hat er seine Komplizen nie verraten."

"Vielleicht kommen wir trotzdem über diesen Monty weiter", meinte Agent Medina. Orry war indianischer Abstammung und bekannt dafür, immer wie aus dem Ei gepellt herumzulaufen. Er galt als der bestangezogendste G-man des Districts. Während er den Kaffeebecher zum Mund führte, lockerte er etwas die Seidenkrawatte.

"Vielleicht könnten Sie und Clive sich darum kümmern", meinte Mr. McKee. "Dass Monty damals nicht ausgesagt hat, um sich damit eine gnädigere Justiz zu verschaffen, muss ja schließlich seinen Grund haben. Vielleicht wird er oder jemand aus seiner Familie finanziell unterstützt... Was weiß ich!"

Orry nickte.

"Wir nehmen uns das Umfeld dieses Mannes mal vor", versprach er.

"Weiß man irgendetwas über die Motive, die Monty und seine Komplizen damals hatten?", fragte ich an Carter gewandt.

Dieser schüttelte den Kopf.

"Leider nein, Jesse. Monty hat allerdings ein Vorstrafenregister, das eigentlich auf einen ganz gewöhnlichen Kriminellen deutet."

"Nichts, was in Richtung Geheimdienste deutete?", hakte Mr. McKee nach.

"Nein", sagte Carter. "Aber das muss natürlich nichts heißen. Selbst wenn ganz gewöhnliche Kriminelle den Überfall auf MADISON GEN-TECH ausgeführt haben, dann sagt das nichts darüber aus, wer diesen Coup in Auftrag gegeben hat. Gangster vom Format eines John F. Monty sind einfach zu kleine Fische, als daß sie die Möglichkeit hätten, einen CX-Behälter mit genveränderten Yersinia Pestis eigenständig zu vermarkten. Vielleicht wussten die Täter nicht einmal, was sie da genau erbeuteten. Sie haben einfach ihren Job gemacht. Fragt sich nur, für wen."


9

Die Fahndung lief auf Hochtouren. Vor allem suchten wir natürlich nach dem verschwundenen CX-Behälter. Jeder Polizist in New York City bekam eine Art Steckbrief mit einer genauen Beschreibung dieses Behälters und Farbfotos. Radio und Fernsehen verbreiteten Suchmeldungen, in denen allerdings der Inhalt dieses Behälters nicht erwähnt wurde. Schließlich sollte erstens keine Panik ausgelöst werden und zweitens gab es fahndungstaktische Gründe dafür, kein Detailwissen zu verbreiten. Schließlich war der Kreis derer, die über den Inhalt dieses Behälters Bescheid wissen konnten, sehr begrenzt. Vielleicht gehörten nicht einmal die Täter dazu ganz sicher aber ihre Auftraggeber.

Allerdings wurde in den Suchmeldungen eindringlich davor gewarnt, den CX-Behälter zu öffnen oder zu beschädigen.

Inzwischen lag eine erste Auswertung der Personaldaten von MADISON GEN-TECH vor.

Es gab eine Liste von insgesamt zwölf Personen, die Zugang zu dem mikrobiologischen Labor gehabt hatten, aus dem der CX-Behälter entwendet worden war. Es handelte sich ausschließlich um Wissenschaftler.

"Nur diese Zwölf konnten wissen, wo sich der Behälter mit Yersinia Pestis in der Nacht des Überfalls befinden würde", erläuterte Carter. "Und viel Zeit zum Suchen hatten die Täter bekanntlich nicht!"

"Könnte es nicht auch sein, dass jemand die Datenbanken von MADISON angezapft hat?", fragte Milo.

"Theoretisch möglich, in diesem Fall aber unwahrscheinlich. Die Laborrechner haben keinerlei Kontakt zur Außenwelt. Es gibt keine Datenfernverbindungen oder dergleichen. Offenbar wollte man auf Nummer sicher gehen und mit allen Mitteln verhindern, dass das Know-how von MADISON in die Hände der Konkurrenz gerät."

"Also nehmen wir mal an, dass zumindest die Auftraggeber gewusst haben, woran bei MADISON gearbeitet wird", sagte ich.

"Diese Zwölf sind dann wirklich die einzigen, die dieses Wissen weitergeben konnten? Da müsste man doch sicher noch ein paar Leute in der Manhattaner MADISON-Zentrale hinzurechnen. Alec Mercer wusste zum Beispiel ganz gut Bescheid. Und natürlich Fürbringer in Zürich."

"Ich spreche von Detailwissen", erwiderte Carter. "Wie weit die Kenntnisse von Alec Mercer gehen, weiß ich nicht. Aber es gibt da tatsächlich noch eine dreizehnte Person, die wir uns genauer ansehen sollten. In den Personaldaten ist vermerkt, dass diese Person seit zwei Monaten ein absolutes Verbot hat, den Laborbereich zu betreten."

"Um wen handelt es sich?", fragte ich.

"Dr. George Hiram. Es steht in in den Unterlagen keine Begründung für diese Maßnahme. Aber man sollte Hiram mal befragen."

Jetzt mischte sich Mr. McKee ein und fragte: "Gibt es bei den anderen Zwölf irgendetwas, was auffällig ist?"

"Dr. Tremayne reiste im letzten Jahr viermal nach Karachi, Pakistan."

"Um Urlaub zu machen oder im Auftrag der Firma?"

"Eine interessante Frage, Sir, auf die wir leider noch keine Antwort haben!"

Mr. McKee wandte sich an Milo und mich.

"Nehmen Sie beide sich die Liste mal vor und versuchen Sie etwas damit anzufangen..."


10

George Hiram hatte eine Wohnung in Midtown Manhattan.

Sündhaft teuer und ziemlich eng, aber dort trafen wir ihn nicht an.

Von Nachbarn erfuhren wir, dass Hiram sich zur Zeit in seinem Ferienhaus in Florida erholte.

Florida, New York State, wohlgemerkt - ein kleines verschlafenes Nest an einem traumhaften See, etwa siebzig Meilen nordwestlich von New York City.

Es war eine ziemlich lange Fahrt dorthin. Unterwegs las Milo mir Teile des Dossiers vor, das Agent Carter uns über Hiram zusammengestellt hatte.

Er war ohne Zweifel ein interessanter Mann.

Er hatte zunächst eine beeindruckende Universitätskarriere hinter sich gebracht. Ein geradezu kometenhafter Aufstieg, dann der Wechsel in die freie Wirtschaft. Er wurde Leiter der Entwicklungsabteilung von Fürbringer do Brasil, der brasilianischen Tochtergesellschaft des Züricher Unternehmens. Vor zwei Jahren schließlich wechselte er zu MADISON GEN-TECH.

Wir verzichteten darauf, in der MADISON-Zentrale nachzufragen, was es damit auf sich hatte, dass Hiram der Zutritt in den Laborbereich untersagt war. Zuerst wollten wir Hirams Version der Geschichte hören - ohne dass diese irgendwie zuvor beeinflusst werden konnte.

Außerdem kannte Hiram das gesamte Forscher-Team, das derzeit in den MADISON-Labors tätig war.

Und vielleicht konnten wir über ihn einen entscheidenden Hinweis erhalten.

Denn viel Zeit hatten wir nicht.

Mr. McKee hatte es gar nicht auszusprechen brauchen. Jedem der G-man, die an dem Fall arbeiteten, war klar, dass jeder Augenblick, in dem der Behälter mit den genveränderten Yersinia Pestis-Erregern in falschen Händen war, eine Gefahr bedeutete.

Eine Gefahr für zahllose Menschenleben.

"Ich weiß nicht, was man sich in dieser Lage wünschen soll", meinte Milo irgendwann, während der Fahrt. "Angenommen, irgendein Geheimdienst hat das Teufelszeug längst außer Landes gebracht, dann kann man zumindest hoffen, dass es dann erst einmal sachgemäß in einem militärischen Depot gelagert wird..."

"In den Händen irgendeines kleinen Diktators, der damit große Weltpolitik machen will?", gab ich zu bedenken.

"Regime wechseln schnell, Jesse. Vielleicht kommt es niemals zum Einsatz! Jedenfalls ist mir bei dem Gedanken daran immer noch um einiges wohler, als wenn ich mir vorstelle, dass das Zeug hier in New York in die Hände von Dilettanten oder Wahnsinnigen gerät..."

Ich verstand, was Milo meinte.

"Die erste Variante kann genauso verhängnisvoll sein", meinte ich jedoch. "Auch wenn die Katastrophe dann vielleicht ein paar Jahre auf sich warten lässt."

Beinahe zwei Stunden brauchten wir für die gut 70 Meilen.

Florida, N.Y. war klein aber nobel.

Der Lake Florida war traumhaft in den Bergen gelegen und von mondänen Privatvillen umringt. Diese Häuser gehörten Leuten, die es weit genug gebracht hatten, um sich ein wenig aus dem Ameisenhaufen New York City zurückziehen zu können.

In Florida waren sie allerdings immer noch nahe genug an den Schaltzentralen von Wall Street, um die Kontrolle zu behalten.

Kein Wunder, dass die Grundstückspreise hier in den letzten Jahren in einem Maß gestiegen waren, das außerhalb jeder Vernunft lag.

George Hiram mochte ein bedeutender Wissenschaftler sein, aber dass er bei MADISON genug verdiente, um sich hier niederlassen zu können, überrascht mich doch ein wenig.

Milo und ich brauchten eine weitere Stunde, bis wir Hirams Bungalow gefunden hatten. Für die Verhältnisse von Florida, N.Y., war es ein bescheidenes Anwesen, auch wenn es direkt am See lag und zusätzlich über einen Swimming Pool verfügte.

Ich parkte den Sportwagen in der Einfahrt.

Wir stiegen aus, sogen die klare Luft ein. Die Sonne schien und ließ die Wasseroberfläche des Sees glitzern.

"Hier könnte ich es auch aushalten", meinte Milo.

Wir gingen zur Tür und klingelten.

Eine Frau in den Dreißigern öffnete uns.

Sie hatte brünettes Haar, ein feingeschnittenes Gesicht und trug Ohrhänger mit jeweils drei weißen Perlen.

Der schwarze Badeanzug schmiegte sich hauteng an ihren perfekten Körper.

Die Linke hatte sie in die geschwungene Hüfte gestemmt.

Und in der Rechten hielt sie einen Revolver, dessen Lauf direkt auf meinen Bauch zielte.


11

"Wer sind Sie?", fragte die Frau. Ihre stahlblauen Augen musterten mich von oben bis unten.

Ich sagte: "Jesse Trevellian, Special Agent des FBI. Der Mann neben mir ist mein Kollege Agent Tucker. Und wenn Sie mir versprechen, nicht nervös zu werden, zeige ich Ihnen sogar meinen Ausweis!"

Einen Augenblick lang schien sie unschlüssig darüber zu sein, was sie tun sollte. Sie verlagerte das Schwergewicht ihres Körpers auf das andere Bein. Ihr aufregende Figur bildete dabei eine geschwungene Linie. Geradezu schwindelerregend.

"Na schön", sagte sie. "Aber ganz langsam. Passen Sie gut auf!"

"Sie sollten aufpassen", erwiderte ich kühl.

"Ach, ja?" Sie lächelte auf eine Art und Weise, die mir nicht gefiel. "Sie verkennen die Lage, Jesse - oder wie Sie auch immer heißen mögen. Ich habe nämlich den Abzug an der Waffe - und nicht Sie! Also tun Sie, was ich sage!"

"Auf Polizistenmord steht im Staat New York die Todesstrafe!"

"Glauben Sie, man wird Ihre Knochen je finden, wenn wir Ihre Leichen hier irgendwo in den Bergen verscharren?"

Ich griff sehr vorsichtig in die Innentasche der leichten Lederjacke, die ich trug.

Als ich meinem Gegenüber dann im nächsten Moment den Dienstausweis des FBI entgegenhielt, erbleichte sie etwas.

Der Lauf ihrer Waffe senkte sich.

Ein Mann mit dunklem Vollbart tauchte aus dem Hintergrund heraus auf. Er war mindestens zehn Jahre älter als die Frau im schwarzen Badeanzug.

"Was ist los, Sally?", fragte er.

"Wir haben Besuch, George", murmelte sie vor sich hin.

"Mr. George Hiram?", fragte ich.

"Ja. Was wollen Sie?"

"Trevellian, FBI. Wir möchten Ihnen ein paar Fragen im Zusammenhang mit dem Überfall auf die Labors von MADISON GEN-TECH stellen."

George Hiram und Sally sahen sich kurz an. Auf Hirams Stirn erschienen ein paar tiefe Furchen.

"Ich wüsste nicht, was ich dazu zu sagen hätte", erklärte er.

"Das wird sich herausstellen", erwiderte ich.

Hiram atmete tief durch. "Kommen Sie herein!"

Er führte uns durch den Bungalow hindurch auf die Terrasse.

Er deutete auf die Sitzecke und bot uns einen Platz an.

"Möchten Sie etwas trinken?", fragte er, nachdem wir uns gesetzt hatten.

"Höchstens einen Kaffee", sagte ich.

Und Milo schloss sich dem an.

Hiram nickte. "In Ordnung. Den etwas rauen Empfang durch meine Frau bitte ich zu entschuldigen..." Er legte einen Arm um Sallys Taille. Auf dem Weg hier her, hatte sie den Revolver irgendwohin verschwinden lassen. Jedenfalls hielt sie ihn nicht mehr in den zierlich wirkenden Fingern ihrer Rechten. Ihre Zähne blitzen, während sie lächelte.

"Ich mache Ihnen einen Kaffee", versprach sie.

Ich sah ihr nach.

Ihre Bewegungen hatte etwas Katzenhaftes. Lautlos glitten ihre schlanken Füße über den Steinboden.

Ihr Badeanzug war hinten tief ausgeschnitten und ließ so gut wie den gesamten Rücken frei. Mir fiel ein dunkler Punkt zwischen den Schulterblättern auf. Erst auf den zweiten Blick sah ich, worum es sich handelte.

Es war eine Tätowierung.

Ein eigenartiges Symbol, das ich noch nie zuvor gesehen hatte.

Drei Kreuze, angeordnet wie die Blätter eine Kleeblatts.

Hiram bemerkte meinen Blick , sagte aber nichts.

"Sie haben Fragen an mich?", stellte er fest. Er ließ sich in einen der breiten Korbsessel fallen. "Ich habe von dem Überfall auf MADISON GEN-TECH natürlich gehört. Allerdings ist mir schleierhaft, weshalb Sie mit Ihren Fragen ausgerechnet zu mir kommen..."

"Wissen Sie, was die Einbrecher dort mitgenommen haben?", fragte Milo.

Dr. Hiram wandte leicht den Kopf, dann zuckte er die breiten Schultern. "Ich kann es nur vermuten."

"Und was vermuten Sie?"

"Wenn die Diebe dumm waren, haben sie sich mit der Kantinenkasse zufrieden gegeben", versuchte er einen Witz zu machen. "Wenn sie wussten, was wertvoll ist, werden sie versucht haben, an Datenmaterial heranzukommen und Forschungsergebnisse zu stehlen."

"Sie haben einen CX-Behälter mit genetisch veränderten Yersinia Pestis-Kulturen in ihrer Gewalt", stellte Milo sachlich fest.

Hirams Gesicht blieb unbewegt.

Er bewegte kaum die Lippen, als er sagte: "Dann wünsche ich Ihnen bei Ihrer Aufgabe viel Glück - auch wenn Sie kaum darum zu beneiden sind."

Ich fragte: "Wofür genau waren diese Bakterienkulturen bestimmt?"

"Ich bin nicht autorisiert, darüber irgendetwas zu sagen, Mr. Trevellian", war Hirams spröde Erwiderung.

"Mr. Hiram, es geht vielleicht um das Leben von sehr vielen Menschen. Wenn dieser Behälter in die Hände von..."

"Mr. Trevellian, Sie versuchen jetzt, ein rabenschwarzes Szenario zu entwerfen. Aber ich bin Wissenschaftler. Das bedeutet, dass ich es gewöhnt bin, mit Risiken rational umzugehen. Glauben Sie, MADISON GEN-TECH ist die einzige Firma auf der Welt, die mit solchen Bakterienkulturen experimentiert? Überall werden Mikroorganismen gentechnisch verändert..."

"Aber Pesterreger dahingehend zu verändern, dass sie resistent gegen Antibiotika sind, deutete doch wohl auf die Entwicklung von Kampfstoffen hin..."

"Wenn Sie sich vor biologischen Kampfstoffen durch Impfstoffe oder Seren schützen wollen, müssen Sie zuvor Ihren Feind kennen! Aber niemand wird deswegen freiwillig seine Bakterienarsenale für Sie öffnen. Also müssen Sie die Pestilenz, die Sie bekämpfen wollen, erst selbst erzeugen. Wie Sie es auch drehen, Mr. Trevellian. Es sind zwei Seiten ein und derselben Medaille. Sie können das nicht trennen. Im übrigen wurde in New Rochelle mehr oder minder Grundlagenforschung betrieben. Die kommerzielle Umsetzung wurde von anderen Konzernteilen in die Hand genommen."

"Wir haben Grund zu der Annahme, dass die Täter Zugang zu Informationen hatten, über die insgesamt nur dreizehn Personen in den Labors von New Rochelle verfügten. Sie kannten sich bestens aus und haben vielleicht sogar mit jemandem zusammengearbeitet, der Zugang zu den Labors hatte."

"Mich können Sie von Ihrer Liste gleich wieder streichen", erklärte Hiram.

"Ach, ja?"

"Ich habe keinen Zugang mehr zum Laborbereich."

"Das wissen wir."

"Sie meinen, dass ich die nötigen Informationen vorher hätte weitergeben können!"

Ich lächelte dünn. "Wäre das so abwegig, Dr. Hiram?"

"Warum sollte ich das tun?"

"Fangen wir anders an", schlug ich vor. "Weshalb haben Sie keinen Zugang mehr zum Laborbereich? Sie haben eine Bilderbuchkarriere hinter sich. Jede Firma, die sich mit Gen-Technik, Mikrobiologie oder Biochemie beschäftigt, würde Sie mit Kusshand abwerben. Von Dozentenposten an den besten Universitäten mal ganz abgesehen..."

Hiram schien etwas erstaunt zu sein.

"Sie sind gut informiert!"

"Das ist ein Teil unseres Jobs."

"Ich verstehe..."

"Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet!"

"Es gab gewisse Differenzen zwischen mir und dem Leiter der Entwicklungsabteilung..."

"Dr. Ressing."

Hiram nickte. "Ja, genau."

"Worin bestanden die Differenzen?"

"Sie waren privater Natur. Mehr werde ich dazu nicht sagen, Mr. Trevellian."

"Warum kündigen Sie nicht bei MADISON?"

"Mein Vertrag sieht vor, dass ich innerhalb einer Sperrfrist von einem halben Jahr kein Angebot aus der Industrie annehmen darf." Er grinste. "Schlecht geht es mir allerdings auch nicht, schließlich erhalte ich bis zum Ablauf dieser Frist weiterhin mein Gehalt."

Jetzt erschien Sally mit einem Tablett, auf dem eine Kanne mit Kaffee sowie passendes Geschirr standen.

"Es tut mir sehr leid, Mr. Trevellian. Aber Sie haben den weiten Weg hier heraus nach Southampton wohl völlig umsonst gemacht", meinte Hiram, während Sally den Kaffee servierte.

Ich beachtete diese Bemerkung nicht.

Aus irgendeinem Grund wollte Hiram uns lieber früher als später loswerden.

"Was wissen Sie über die Pakistan-Reisen von Dr. Tremayne?", fragte ich dann in die Stille hinein.

Hiram blickte auf. Er wechselte einen kurzen Blick mit Sally. Sie hatte sich bereits halb zum Gehen gewandt. Jetzt erstarrte sie.

"Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen."

"Hatten seine Reisen dorthin irgendetwas mit Firmenprojekten zu tun?"

"Warum fragen Sie ihn nicht selbst?"

Ein harter Brocken!, dachte ich. Er wand sich um jede klare Aussage herum. Vielleicht hatte er aus seiner Sicht gute Gründe dafür. Möglich, dass die Geschäftsführung von MADISON ihm eine Art Maulkorb-Order gegeben hatte. Und was immer es auch an Differenzen im Forscherteam der Entwicklungszentrale des Fürbringer-Konzerns gegeben hatte, so war Hiram ganz offensichtlich nicht bereit, dafür seine noch ausstehenden Gehaltszahlungen und eine eventuell fällige Abfindung aufs Spiel zu setzen.

Ich wandte mich an Sally.

"Warum setzen Sie sich nicht zu uns?", fragte ich.

Sie zögerte.

Ein kurzer Blickwechsel mit Hiram, dann setzte sie sich.

"Sally kann zu der ganzen Angelegenheit nun wirklich nichts sagen", meinte Hiram. Er tickte dabei nervös auf der Sessellehne herum.

Ich blickte direkt in Sallys blaue Augen.

Ihr Lächeln war geschäftsmäßig, wirkte etwas unterkühlt.

"Haben Sie für das Schießeisen, mit dem Sie mich gerade bedroht haben eigentlich einen Waffenschein?", erkundige ich mich.

"Natürlich", erklärte sie. "Die Waffe ist ordnungsgemäß registriert."

"Sie schienen mir ziemlich nervös zu sein?"

"Ach, ja?"

"Wovor hatten Sie Angst, Sally?"

"Angst?"

"Wie sollte man die Art und Weise, in der Sie meinen Kollegen und mich begrüßt haben, sonst erklären?"

Sie zuckte die Achseln. "Die Welt ist verseucht vom Verbrechen", sagte sie mit leiser, fast brüchiger Stimme. "Das Böse regiert alles..."

"Ist das nicht etwas übertrieben?"

Sie sah mich erstaunt an. "Das sagen Sie? Ein FBI-Agent? Sie müssten es doch besser wissen, Mr. Trevellian. Sie müssten wissen, wie schlecht die Welt ist, wie weit die Herrschaft des Bösen bereits vorangeschritten ist. Vor zwei Wochen wurde hier in Southampton in eine Villa eingebrochen. Der Besitzer wurde erschossen. Die Beute: 500 Dollar Bargeld, einige Antiquitäten, die im Grunde unverkaufbar sind, weil man sie sofort identifizieren würde..." Sie beugte sich etwas vor.

Der hautenge Badeanzug spannte sich um die beiden Wölbungen ihrer festen Brüste. "Ich denke, Sie verstehen sehr gut, was ich meine..."

Ich kam nicht mehr dazu, ihr zu antworten.

Aus den Augenwinkeln heraus sah ich, wie ein Ruck durch George Hirams Körper ging. Ein kurzes Zucken. Das Gesicht wurde starr, die Augen blickten ins Nichts.

Auf der Stirn war ein roter Punkt zu sehen.

Blut sickerte heraus.

Und in der nächste Sekunde war die Hölle los.


12

"Vorsicht!", rief ich.

Meine Hand schob blitzschnell die Lederjacke zur Seite, so dass ich die Sig Sauer P226 erreichen konnte. Ich riss die automatische Pistole aus dem Gürtelholster heraus und warf mich seitwärts, während ein weiterer Schuss dicht über mich hinwegzischte.

Während ich zu Boden fiel, riss ich Sally mit mir. Der Korbsessel, in dem sie gerade noch gesessen hatte, stürzte um.

Milo hechtete sich zur anderen Seite, fand hinter einem Mauervorsprung Deckung und feuerte seine Pistole zweimal kurz hintereinander ab. Irgendwo in den nahen, zum Teil bewaldeten Hügeln saßen die Attentäter und lauerten auf uns.

Drei Laserpunkte, wie sie von Zielerfassungsgeräten ausgesandt wurden, wanderten suchend über die Hauswand.

"Gehen Sie ins Haus und verhalten Sie sich ruhig!", wies ich Sally an und deutete auf die Tür. "Los, jetzt! Ich gebe Ihnen Feuerschutz!"

Sie sprang hoch, während ich emportauchte und drauflosschoss. Ich hielt den Lauf der P226 ungefähr in die Richtung aus der ich den Angriff auf uns vermutete. Sally hechtete durch die Terrassentür ins Haus.

Einen Augenaufschlag später brach ein wahrer Kugelhagel los. Scheiben zersprangen. Projektile kratzten an dem makellosen Putz der Hauswand.

Ich machte einen Satz nach vorn, landete hart auf dem Boden und rollte mich herum.

Milo tauchte indessen aus seiner Deckung hervor und half mir, indem er vier, fünfmal den Abzug seiner P226 betätigte.

Dann hatte ich Deckung hinter der niedrigen Umgrenzungsmauer, die die Terrasse umgab. Der Swimmingpool Pool lag etwas tiefer. Eine Treppe mit insgesamt einem Dutzend Stufen führte hinab in den Gartenbereich, der zum Großteil aus Rasen bestand. Ab und zu ein paar karge Sträucher.

Dahinter begann die teils bewaldete Hügellandschaft.

Als ich einen Versuch machte, aus meiner Deckung hervorzukommen, pfiff sofort wieder eine Kugel über mich hinweg.

Ein Stück Stein splitterte aus der niedrigen Natursteinmauer heraus.

Ich fingerte mein Handy aus der Jackentasche und wählte die Nummer der Zentrale. In knappen Worten umriss ich die Lage, in der Milo und ich uns befanden.

Unsere Kollegen würden sofort die hiesigen Polizeibehörden alarmieren.

Der Wind trug den Klang heiserer Stimmen zu uns herüber.

Der Feuerhagel verebbte.

Ich schaltete blitzschnell.

Die Attentäter machten sich aus dem Staub.

Ich steckte das Handy weg, hob den Kopf über die niedrige Mauer. In der Rechten hielt ich die P226 fest umklammert.

Die Waffe war schussbereit.

Für den Bruchteil eines Augenblicks sah ich hinter einem der Hügelkämme einen Kopf auftauchen.

Eine Baseballmütze mit großem Schirm und eine Sonnenbrille mit überdimensionierten Spiegelgläsern sorgten dafür, dass man von dem Gesicht so gut wie gar nichts erkennen konnte.

Dann war der Mann verschwunden.

Ich schnellte hoch.

Es war riskant, was ich versuchte - aber ich setzte alles auf eine Karte. Diese Attentäter mussten handfeste Gründe dafür haben, George Hiram eine Kugel in den Kopf zu jagen.

Und vielleicht hatten diese Gründe etwas mit dem Verschwinden eines mit Yersinia Pestis gefüllten CX-Behälters zu tun...

Wenn nur eine geringe Chance bestand, in diesem Fall etwas ans Licht zu bringen, dann war es das Risiko wert, so glaubte ich.

Ich machte einen Satz nach vorn und übersprang die niedrige Natursteinmauer, die die Terrasse umgab. Dann stolperte ich die Böschung hinunter. Oben, auf einem der Hügelkämme bemerkte ich eine Bewegung.

Blitzschnell riss ich die P226 empor und feuerte zweimal kurz hintereinander.

Gleichzeitig sah ich, wie der nadelfeine Laserstrahl eines Zielerfassungsgerätes über den Rasen strich. Zwischendurch geriet für Sekundenbruchteile ein Strauch in seine schnurgerade Bahn, so dass die Richtung des Strahls gut zu sehen war.

Ich warf mich seitwärts, während dicht neben mir erst der Laserstrahl und dann ein Projektil auftraf. Ein faustgroßes Loch wurde in den Rasen gerissen und Brocken von schwarzem Mutterboden emporgeschleudert.

Ich zielte.

Es blieb keine Zeit, um lange zu überlegen.

Ich drückte ab.

"Stehenbleiben, FBI!", schrie ich.

Für einen kurzen Moment sah ich eine Gestalt, die aber sofort wieder im Gebüsch verschwand.

Es sind drei!, ging es mir durch den Kopf. Mindestens drei!

Jedenfalls hatte ich vorhin drei verschiedene Laserpointer gezählt.

Ich wirbelte herum, rappelte mich auf und stand im nächsten Moment in geduckter Haltung da. Die P226 hielt ich mit beiden Händen.

Seitlich nahm ich ein Bewegung war.

Es war Milo, der sich etwas herangepirscht hatte.

Auf den Hügelkämmen war niemand mehr zu sehen. Nur der Wind bewegte die Sträucher.

Das Geräusch eines startenden Motors drang jetzt leise zu uns herüber. Ich zögerte nicht. Sofort setzte ich zu einem Spurt an, hetzte den Hügelkamm empor.

Mit der Waffe im Anschlag kam ich oben an.

Ganz in der Nähe befand sich die Straße.

Ein Geländewagen wartete dort mit angelassenem Motor. Drei Männer liefen auf den Geländewagen zu. Die Türen wurden geöffnet, die Männer stiegen ein.

Ich spurtete los.

Die Straße hatte ich schnell erreicht.

Der Geländewagen war indessen losgefahren.

Er kam direkt auf mich zu. Ich stellte mich in die Mitte der Fahrbahn, die P 226 im Anschlag.

"Jesse!", hörte ich Milos Ruf. Er war ebenfalls auf dem Weg zur Straße.

Der Fahrer des Geländewagens trug eine Sonnenbrille. Sein Gesicht war verzerrt.

Er ließ den Motor aufheulen.

Ich feuerte einen Schuss auf den linken Vorderreifen. Der Geländewagen schlug einen Haken nach links. Es quietschte furchtbar. Das Geschoss sprengte ein knöchelgroßes Stück aus dem Asphalt heraus.

Der Fahrer des Geländewagens riss das Lenkrad herum.

Nur noch wenige Meter lagen zwischen mir und dem Kühlergrill des Wagens.

Sekunden nur, und er würde mich auf die Hörner nehmen wie ein wilder Stier einen unvorsichtigen Torero.

Aus einem der hinteren Fenster ragte der Lauf eines Sturmgewehrs. Zwei kurze, heftige Feuerstöße von jeweils mindestens zwanzig Geschossen bellten aus der Waffe heraus.

Genau in die Richtung, aus der Milo sich der Fahrbahn näherte.

Aus den Augenwinkeln heraus bekam ich mit, wie mein Kollege sich in Deckung warf. Ein, zwei Schüsse aus seiner Dienstwaffe konnten der geballten Feuerkraft unserer Gegner nicht Paroli bieten. Wenn wir Glück hatten, erwischte Milo einen Reifen und der Geländewagen jagte dann direkt in einen der Büsche hinein.

Sekundenbruchteile, bevor der heranrasende Wagen mich auf die Hörner nehmen und durch die Luft schleudern konnte, warf ich mich seitwärts. Ich kam hart auf dem Asphalt auf. Die Schulter schmerzte. Zentimeter von mir entfernt brausten die Räder des Geländewagens vorbei. Ich rollte mich auf dem Boden herum, während aus den Fenstern auf mich gefeuert wurde.

Mehr oder minder ungezielte Schüsse allerdings.

Die Projektile stanzten Löcher in den Asphalt.

Der Wagen jagte dahin. Der Motor heulte laut auf.

Ich wollte mich hochrappeln und die P226 emporreißen, um dann mit einem gezielten Schuss vielleicht doch noch einen Reifen zu erwischen.

Aber im nächsten Moment regnete ein wahrer Geschosshagel in meine Richtung nieder.

Die flüchtenden Attentäter feuerten buchstäblich aus allen Rohren. Mir blieb nichts anderes übrig, als mich so dicht wie möglich an den Asphalt zu pressen. Die Geschosse zischten haarscharf über mich hinweg oder kratzten links und rechts am Asphalt.

Ich atmete tief durch, als dieses Höllengewitter aus Blei endlich vorüber war.

Den Geländewagen sah ich als schwache Silhouette hinter einer Baumgruppe. Er verschwand hinter der nächsten Hügelkette. Ich stand auf, griff zum Handy.

Wenn wir Glück hatten, dann liefen diese Mörder den Beamten des hiesigen County-Sheriffs in die Arme. Ich gab eine entsprechende Meldung durch.


13

"Alles in Ordnung, Alter?", fragte Milo, als er auf mich zukam.

Ich nickte und klappte das Handy ein.

Dann klopfte ich mir notdürftig den Dreck aus den Sachen.

Wir kehrten zu Hirams Bungalow zurück. Einen Moment lang hatten wir erwogen, die Verfolgung aufzunehmen. Aber dann erreichte uns die Meldung der Zentrale. Die Beamten des County-Sheriffs hatten alle Straßen, die aus dem Gebiet herausführten abgesperrt. Das Kennzeichen des Geländewagens hatte ich durchgegeben.

Ich setzte mich per Handy noch einmal mit dem Büro des Sheriffs in Verbindung, um auf die Gefährlichkeit der Flüchtigen hinzuweisen.

Der Sheriff versicherte mir, dass seine Leute die Lage im Griff hätten.

"Wenn alles mit rechten Dingen zugeht, habe wir die Kerle in einer Viertelstunde", war er überzeugt. "Es gibt genau zwei Straßen, über die man diese Gegend verlassen kann - und die sind dicht. Machen Sie sich also keine Sorgen."

"Besser, wir überlassen die Verfolgung den hiesigen Cops", meinte Milo. "Die sind ortskundig. Wir wissen doch nach zehn Minuten gar nicht mehr, wo wir sind. Außerdem ist hier am Tatort auch eine Menge zu tun."

Milo hatte damit natürlich recht.

Vor allem würde uns Sally Hiram eine Reihe von Fragen zu beantworten haben. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass die Schönheit im Badeanzug so ahnungslos war wie sie tat.

Es war kein Zufall gewesen, dass sie uns mit einem Revolver in der Hand begrüßt hatte...

Wir trafen Sally weder auf der Terrasse, wo die Leiche ihres Mannes noch starr im Korbsessel saß, noch im Erdgeschoss des Bungalows. Milo forderte per Handy FBI-Spezialisten aus New York City an, vor allem Erkennungsdienstler.

Ich hörte Geräusche von oben.

Der Bungalow hatte ein ausgebautes Dachgeschoss.

Vermutlich befanden sich dort die Schlafräume. Jedenfalls hatte ich im Erdgeschoss davon nichts gesehen und einen Keller gab es nicht - vermutlich aufgrund des felsigen Untergrunds.

Ich stieg die steile Wendeltreppe empor, die hinaufführte.

Dann fand ich Sally.

Sie stand vor einem geöffneten Kleiderschrank. Auf dem ausladenden Wasserbett lag eine geöffnete Sporttasche. Sie packte ihre Sachen.

Sally sah mich in einem der Spiegel in den Schranktüren und drehte sich herum.

Ihre Augen waren rotgeweint.

Sie wischte sich mit einer fahrigen Geste über das Gesicht.

"Ich kann hier nicht bleiben", sagte sie, so als müsste sie mir erklären, was sie tat.

Ich ging auf sie zu, sah sie an.

Ihre stahlblauen Augen musterten mich. Sie hat Angst, dachte ich.

"Wo wollen Sie hin?", fragte ich.

"In unsere New Yorker Wohnung. Oder zu Bekannten. Mein Gott, ich weiß es noch nicht, aber hier..." Sie schluchzte auf.

Ich legte den Arm um ihre Schulter. Sie zitterte.

"Es ist so furchtbar, was hier passiert ist", flüsterte sie dann. "So furchtbar..."

"Sie müssen uns helfen, Sally", verlangte ich.

"Helfen?"

Sie rückte von mir ab, stieß meinen Arm von sich. Sie sah mich an, als hätte ich etwas Unanständiges gesagt.

"Wovor hatten Sie Angst, als wir hier auftauchten?", wiederholte ich die Frage, die ich ihr schon einmal gestellt hatte und der sie ausgewichen war.

Sie verschränkte die Arme unter den Brüsten.

Und schwieg.

Reglos stand sie einen Augenblick da. Das einzige, was sich in diesen Sekunden an ihr bewegte, war die Ader an ihrem Hals. Eine leichte Röte hatte ihr Gesicht überzogen.

Innerlich brodelte es in ihr. Aber ich wusste nicht, weshalb.

Ich wusste nur, dass sie mir etwas verschwieg, das mit diesem Fall zu tun haben konnte. Ich hatte einen Instinkt dafür und der hatte mich selten getrogen.

"Sie können mir vertrauen", sagte ich so ruhig wie möglich.

"Ach, ja?", erwiderte sie mit einem feindseligen Unterton.

"Was waren das für Leute, die Ihren Mann auf dem Gewissen haben. Vermutlich kleine Handlanger, die die mörderische Drecksarbeit für andere verrichten. Aber wer hat sie geschickt? Sie wollen mir allen ernstes weismachen, dass Sie davon nicht die geringste Ahnung haben."

"Ich will Ihnen gar nichts weismachen. Ich will nur weg hier."

"Bei MADISON GEN-TECH wird eingebrochen und ein Behälter mit sensiblem Material gestohlen und einer der maßgeblichen Wissenschaftler wird erschossen, nachdem er bei seiner Firma offenbar in Ungnade gefallen ist. Da sieht doch ein Blinder Zusammenhänge."

Ihre Augen wurden schmal.

Sie trat einen Schritt auf mich zu.

"Wollen Sie mich festnehmen, Mr. Trevellian. Habe ich mich irgendwie strafbar gemacht? Wohl kaum, was."

Ich erwiderte ihren Blick.

"Packen Sie ein paar ihrer persönlichen Sachen, Mrs. Hiram", sagte ich dann sachlich. "Aber rühren Sie bitte ansonsten hier nichts an. Unsere Leute werden hier jeden Zentimeter genauestens unter die Lupe nehmen. Und Sie nehmen wir mit nach New York City."

Sie widersprach nicht.

Stattdessen drehte sie sich um, ging zum Fenster. Sie blickte hinaus auf den blau glitzernden See.

"Habe ich es nicht gesagt, Mr. Trevellian", murmelte sie dann, kaum hörbar.

"Wovon sprechen Sie?"

"Davon, dass das Übel die Welt beherrscht. Überall kriechen sie aus ihren Löchern... Die Boten des Unheils... Überall. Sie töten wahllos im Auftrag des Antichristen."

Wieder fiel mir die Tätowierung auf ihrem Rücken auf.

Drei Kreuze.

"Wissen Sie, wer der Antichrist ist, Mr. Trevellian?", hörte ich ihre leise, brüchige Stimme. Sie wartete meine Antwort nicht ab, sondern fuhr fort: " Der Gegner des Guten. Das ist er!

Der Herr des Bösen. Sie können nicht gegen ihn gewinnen, Mr. Trevellian. Nicht mit Ihren Mitteln."

"Welche Mittel müsste ich anwenden?", fragte ich.

Sie sah mich etwas erstaunt an. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass ich darauf einging.

"Ich glaube nicht, dass Sie das verstehen würden", murmelte sie.

"Versuchen Sie, es mir zu erklären."

Ich wollte einfach, dass sie redete. Jedes Detail, das dabei zu Tage kam konnte uns der Klärung dieses Falls vielleicht einen Millimeter näher bringen. Und wenn der Gewinn nur darin bestand, ihr Vertrauen zu gewinnen, dann war das auch schon was.

Aber sie tat mir den Gefallen zu reden nicht.

Sie schwieg.

Die Frau eines nüchternen Naturwissenschaftlers entpuppte sich als evangelikale Fundamentalistin! Vielleicht war sie im Moment einfach auch nur ein wenig durcheinander. Schließlich war ihr Mann vor ihren Augen erschossen worden. Das wegzustecken war alles andere als eine Kleinigkeit.

Plötzlich sagte sie: "Vielleicht sind auch Sie und Ihre Organisation ein Teil des Bösen und wissen es nicht einmal."

Aus den Augenwinkeln heraus sah ich Milo in der Tür stehen.

Er hatte keinen Lärm gemacht, als er die Treppe heraufgekommen war und so wusste ich nicht genau, wie viel er mitgehört hatte.

Offenbar genug, um sich ein Urteil zu bilden.

Milo brauchte nichts zu sagen. Ich sah seinem skeptischen Gesicht an, was er dachte.

"Ich würde Ihnen gerne helfen", sagte Sally Hiram dann. Ich hatte Schwierigkeiten, ihr zu glauben. Sie fuhr fort: " Ich habe ihnen die Wahrheit gesagt, Mr. Trevellian. Ich weiß kaum etwas über die Arbeit meines Mannes oder ob er mächtige Feinde hatte... und ich habe auch keine Vermutung, wer die Wahnsinnigen waren, die dieses schreckliche Verbrechen begangen haben."

"Beantworten Sie einfach unsere Fragen", sagte ich. "Dann helfen Sie uns am meisten."

Jetzt meldete sich Milo zu Wort.

"Kann ich dich einen Moment sprechen, Jesse."

"Sicher."

Ich ging zusammen mit meinem Kollegen und Partner hinaus auf den Flur. Es war klar, dass Milo mich allein sprechen wollte.

"Gerade kam die Meldung von den Beamten des County Sheriffs."

"Und?", fragte ich.

"Der Geländewagen ist bislang bei keinem der Kontrollpunkte gesichtet worden."

"Was heißt das im Klartext?"

"Keine Ahnung, Jesse. Aber Tatsache ist, dass die Attentäter dort längst hätten auftauchen müssen. Es werden jetzt zusätzliche Polizeikräfte aus den benachbarten Städten herbeigeholt, um die Gegend abzusuchen."

"Sie können sich ja nicht in Luft aufgelöst haben", meinte ich.

Milo schüttelte den Kopf. "Nein, aber wenn sie sich gut in der Gegend auskennen, kann es trotzdem schwierig sein, sie zu kriegen. Schließlich sind diese Wälder und Berge wie geschaffen dafür, sich zu verkriechen..."


14

Wir kehrten erst nach New York City zurück, als es schon dunkel war. Von den Attentätern gab es keine Spur. Sie schienen sich einfach in Luft aufgelöst zu haben. Auch die großangelegte Durchsuchungsaktion des County-Sheriffs brachte nicht das erhoffte Ergebnis. Zwei Hubschrauber der State Police unterstützten die Aktion. Aber auch für sie blieben die Mörder unsichtbar. Die hereinbrechende Nacht half ihnen natürlich.

Milo und ich brachten Sally Hiram zu ihrer New Yorker Wohnung.

Ich brachte sie hinauf in den siebten Stock.

"Ich brauche wirklich niemanden, der mich beschützt", sagte sie.

"Sind Sie sich da so sicher?"

"Ja, ganz sicher. Dieses Haus verfügt über einen exzellenten Sicherheitsdienst... Die Überwachung ist lückenlos."

"Melden Sie sich morgen in der Federal Plaza Nummer 26, dem FBI-Hauptquartier. Dort wird man Sie noch einmal ausgiebig befragen und ein Protokoll ihrer Aussage anfertigen."

"Muss das sein?"

"Ich fürchte, ja", sagte ich.

"Gute Nacht, Mr. Trevellian."

"Sagen Sie Jesse zu mir."

Sie lächelte matt.

"Gute Nacht, Jesse."

Als ich fünf Minuten später wieder neben Milo im Sportwagen saß, meinte dieser: "Wir sollten sie beschatten lassen, Jesse."

"Wir können es Mr. McKee ja vorschlagen."

"Irgendetwas stimmt mit dieser Lady nicht..."

"Fragt sich nur was."

"Und noch was..."

Ich sah Milo erstaunt an. "Ja?"

"Schau nicht zu tief in ihre blauen Augen, Jesse. Das verwirrt dich nur!"


15

Am nächsten Morgen wurde der Geländewagen der Attentäter gefunden. Beamte des County Sheriffs entdeckten ihn. Er war im Unterholz eines Waldstücks versteckt worden. Ihre Waffen hatten die Täter ebenfalls zurückgelassen.

Reifenspuren deuteten darauf hin, dass die Flüchtigen mit zwei Wagen davongefahren waren, die sie dort vermutlich zuvor abgestellt hatten. Die Polizeikontrollen hatten sie auf diese Weise natürlich anstandslos passieren können, sofern sie gültige Papiere vorzeigen konnten.

"Wir haben es also mit Profis zu tun, die auf jede Eventualität vorbereitet waren", stellte Mr. McKee fest.

"Fragt sich nur, wer die geschickt hat..."

"Ich glaube nicht an Zufälle", sagte ich. "Der Mord an George Hiram muss in irgendeinem Zusammenhang mit dem Überfall auf MADISON GEN-TECH stehen. Da gehe ich jede Wette ein. Ich hoffe nur, dass irgendetwas dabei herauskommt, wenn wir uns das Privatleben dieses Mannes unter die Lupe nehmen..."

Unsere Kollegen Medina und Caravaggio hatten sich indessen um das Umfeld des auf Riker's Island einsitzenden John F. Monty gekümmert.

"Wir haben ihn besucht, aber er war stumm wie ein Fisch", berichtete Clive Caravaggio, ein flachsblonder Italo-Amerikaner. "Vielleicht haben wir den Grund dafür gefunden."

"Und der wäre?", erkundigte sich Mr. McKee.

"Seine Mutter leidet an Schizophrenie. Sie ist in einem Sanatorium in Yonkers untergebracht. Eine der besten Adressen dieser Art an der gesamten Ost-Küste. Der Aufenthalt dort kostet ein halbes Vermögen."

"Und wer bezahlt das?"

"Angeblich kommen die Beträge aus dem Privatvermögen der verwitweten Mrs. Monty. Aber andererseits glaube ich nicht, dass eine Kellnerin aus Little Italy soviel in ihrem Leben ansparen kann! Die Beträge werden von einer New Yorker Bank überwiesen. Diese erhält sie wiederum von einer Adresse auf den Cayman-Inseln."

"Der klassische Weg also, um zu verschleiern, woher das Geld wirklich kommt."

"Ich wette, dass Montys Komplizen dahinterstecken und sich damit sein Schweigen erkaufen. Nur können wir diesen Geldstrom im Moment nicht weiter verfolgen, denn auf den Cayman-Inseln hat der FBI bekanntermaßen keinerlei Befugnisse."


16

Nach der Besprechung in Mr. McKees Büro traf ich zufällig Sally Hiram auf einem der Flure im FBI-Hauptquartier. Agent Baker, einer unserer Vernehmungsspezialisten, war bei ihr.

Sie blieb kurz stehen und sah mich an.

Ich nickte ihr zu.

Irgendetwas stimmt mit dieser Frau nicht, ging es mir durch den Kopf. Ich sah ihr nach, als sie mit Agent Baker den Flur entlangging.

Sie wurde überwacht. Jeder Schritt, den sie machte, wurde von Kollegen beobachtet.


17

Gegen Mittag erreichte uns ein Anruf der Gerichtsmedizin in Stamford, Connecticut - einer etwa eine Autostunde von Manhattan entfernten Großstadt mittlerer Größe an der wilden Küste des Long Island Sounds.

Siebzig Minuten später empfing uns in der städtischen Leichenhalle der Pathologe Dr. Harold Gallimard, ein breitschultriger, untersetzter Mann in den Fünfzigern.

Außerdem war ein Beamter des Stamford Police Departments anwesend. Er stellte sich als Captain Max Carranoga vor und war seines Zeichens Leiter der Homicide Squad.

"Die beiden Toten wurden in einem Motel gefunden, das am United States Highway Number One zwischen Stamford und Darien liegt. Die Projektile, mit denen die beiden erschossen wurden, waren im Labor. Dabei stellte sich leider nichts heraus. Aber die Waffen, die die beiden Ermordeten bei sich führten, waren aktenkundig. Sie sind bereits kriminaltechnisch erfasst worden. Und zwar bei dem Überfall auf das MADISON GEN-TECH-Gelände in New Rochelle. Deswegen haben wir den FBI verständigt, Agent Trevellian."

"Vermutlich handelt es sich bei den Toten um die Männer, hinter denen wir her sind", meinte ich.

Dr. Gallimard führte uns durch die kühlen, gekachelten Räumlichkeiten des Leichenschauhauses.

Der Pathologe führte uns zu zwei Leichname, die mit weißen Tüchern bedeckt waren.

"Ich denke nicht, dass es etwas für Sie bringt, wenn Sie sich die Toten ansehen", meinte Gallimard. "Außerdem bin ich mit der Obduktion noch nicht ganz fertig. Die Todesursache ist jedoch eindeutig. Die Männer wurden aus nächster Nähe erschossen."

"Wissen Sie etwas über den Todeszeitpunkt?"

"Der liegt noch keine 48 Stunden zurück", war Gallimard überzeugt. "Aber um das herauszufinden braucht man keine Obduktion. Das geht aus Zeugenaussagen hervor. Aber das wird Ihnen Captain Carranoga erläutern."

"Die Schüsse wurden Dienstag gegen 2.34 vom Portier an der Rezeption gehört", sagte Carranoga.

"Das würde passen", meinte Milo. "Nach ihrem Coup in New Rochelle sind die Täter über den Highway one die Connecticut-Küste entlanggefahren und haben sich einen Platz zum Übernachten gesucht."

"Wir haben über das Abgleichen der Fingerprints die Identität der Beiden herausgefunden", erläuterte Captain Carranoga. "Es handelt sich um Ray Lansing und Tony Manzaro, zwei einschlägig vorbestrafte Berufsverbrecher. Ich habe Ihnen ein Dossier zusammengestellt, in dem alle unsere bisherigen Ermittlungsergebnisse festgehalten sind."

"Danke", sagte ich.

"Wenn Sie wollen, zeige ich Ihnen noch den Tatort. Ein anderer Mieter des Motels will einen Mann gesehen haben, der vor dem Zimmer der beiden Toten stand. Die Beschreibung dieses Unbekannten ist nicht besonders toll. Sie liegt bei den Akten. Aber es könnte der Täter gewesen sein."

"Ich hätte nichts dagegen, wenn wir noch zu dem Motel fahren würden", meinte Milo.

"Tut mir leid, dass ich Sie nicht in meinem Büro empfangen habe", entschuldigte sich Captain Carranoga dann. "Aber dort wird gestrichen. Alles, was wir an persönlichen Gegenständen der Toten im Motelzimmer sichergestellt haben, können Sie mitnehmen."

Zwanzig Minuten später erreichten wir Miller's Motel am Highway one in Richtung Darien. Das Motelzimmer, in dem der Mord geschehen war, war von der Stamford Police versiegelt worden. Auf dem Fußboden war mit Kreide aufgezeichnet, wie die Toten gelegen hatten.

"Wir nehmen an, dass ein kurzer, aber heftiger Kampf stattgefunden hat", erläuterte Captain Carranoga den Hergang.

"Draußen vor der Tür haben wir Abdrücke von sehr unterschiedlich großen Füßen gefunden, die vom Täter stammen könnten."

Milo runzelte die Stirn.

"Sie meinen, es waren zwei Personen hier."

"Nein." Captain Carranoga schüttelte energisch den Kopf. "Unsere Erkennungsdienstler sind der Ansicht, dass es sich um die Abdrücke einer Person handelt, die zwei sehr unterschiedlich große Füße hat. Vielleicht eine Art Missbildung oder so etwas. Wir haben versucht, herauszufinden, ob einer der Gäste Füße mit diesen Merkmalen hat, aber wir konnten noch nicht alle Personen erreichen, die sich im fraglichen Zeitraum hier eingetragen hatten."

"Ich möchte gerne mit demjenigen sprechen, der hier zur Tatzeit an der Rezeption Dienst hatte."

"Müsste sich einrichten lassen", meinte Carranoga.

"Allerdings sind alle relevanten Aussagen bei den Akten..."

"Ihre Akribie in allen Ehren, Sir", erwiderte ich. "Aber ich nehme nicht an, dass Sie dem Zeugen dies hier zeigen konnten." Und während ich das sagte holte ich das Bild eines CX-Behälters aus der Jackentasche heraus.

Wir gingen zur Rezeption.

Der Portier, der zur Tatzeit Dienst gehabt hatte, wurde von zu Hause herbeigeklingelt. Eine Viertelstunde später konnten wir ihn befragen.

"Ich habe doch schon alles der Polizei gesagt", meinte er. "Und diesen Kerl in Mantel und Anzug habe ich auch genau beschrieben... Mein Gott, der sah so brav und bieder aus. Wie einer dieser frommen Bibelverkäufer, die übers Land ziehen. Ich komme gebürtig aus Wisconsin, müssen Sie wissen. Und..."

"Von wo aus haben Sie den Mann gesehen?"

"Von meinem Platz an der Rezeption aus. Durch das Fenster. Er stand im Licht der Außenbeleuchtung."

"Hat er Sie auch bemerkt?"

"Das glaube ich nicht."

"Ist Ihnen sonst noch irgendetwas an ihm aufgefallen?"

"Nein. Er hat sich auch nicht bei mir gemeldet, sondern ist gleich zum Zimmer der beiden Männer gegangen, die jetzt tot sind."

"Sie haben ihn gesehen, bevor die Schüsse fielen?"

"Ja."

"Was haben Sie gemacht, als die Schüsse fielen?"

"Ich habe aus dem Fenster geschaut. Es war nichts zu sehen. Dann habe ich die Polizei angerufen. Ich hatte eine Höllenangst..."

"Haben Sie den Mann, der vor dem Motelzimmer wartete, noch einmal gesehen?"

"Ja, ganz kurz. Er befand sich auf dem Parkplatz und stieg gerade in seinen Wagen ein."

"Was für einen Wagen?"

"Eine Limousine. Vielleicht ein Chevy."

"Hatte der Mann irgendetwas bei sich?"

"Was meinen Sie damit?"

"Hatte er etwas in der Hand?" fragte ich. "Eine Tasche oder so etwas?"

"Ja, da war etwas. Ein Ding, das aussah wie eine Thermoskanne, in der man Kaffee warmhält... Jetzt, wo Sie es sagen, fällt es mir ein."

"Könnte es so etwas gewesen sein?", hakte ich nach und zeigte ihm das Bild des CX-Behälters.

Er nickte.

"Ja, ich bin mir sicher. Was ist das?"

"Ich habe noch eine letzte Frage", sagte ich, ohne darauf einzugehen. "Die beiden Männer, die erschossen wurden, haben sich hier bei Ihnen ins Gästebuch eingetragen..."

"Ja. Die Unterschriften sind kaum leserlich, vielleicht auch falsch. Ich habe ehrlich gesagt auch nicht weiter nachgefragt. Wenn ich das bei jedem machen würde, der hier her kommt..."

"Darum geht es nicht", unterbrach ich seinen Redefluss. "Wir haben Grund zu der Annahme, dass ursprünglich ein dritter Mann bei ihnen war."

"Davon weiß ich nichts."


18

Wir kehrten nach Manhattan in die Federal Plaza zurück.

Captain Carranoga hatte uns sämtliche Beweisstücke ausgehändigt, die in dem Motelzimmer sichergestellt worden waren.

Unter den Unterlagen, die Carranogas Homicide Squad inzwischen angelegt hatte, befand sich auch ein Phantombild des blassen Biedermanns, den der Portier gesehen hatte. Es war ein Allerweltsgesicht.

Die Kollegen aus Stamford hatten das Bild bereits durch den Computer gejagt, aber es gab keinerlei Hinweise darauf, dass der Mann den Behörden bereits in irgendeiner Weise bekannt war.

Später ging ich zusammen mit Milo die persönlichen Sachen durch, die in Miller's Motel am Highway One von der Stamford Police gefunden worden waren. Die Gegenstände und Kleidungsstücke waren bereits kriminaltechnisch untersucht worden. Wir konnten also nichts verderben.

Insbesondere interessierte uns ein Handy, das einer der Männer bei sich gehabt hatte. Eine vollständige Auflistung aller Gespräche würden wir über die Telefongesellschaft bekommen, bei der der Besitzer unter Vertrag gewesen war.

Aber das konnte noch einen Tag dauern.

Immerhin hatten die Kollegen vom Stamford Police Department den Pin Code geknackt, so dass wir in das Menue gelangen konnten. Etwa vierzig Telefonnummern waren im internen Speicher zu finden. Die meisten davon wurden auf dem kleinen Display sogar mit dem dazugehörigen Namen angezeigt, was uns die Arbeit zusätzlich erleichterte.

Die meisten Nummern gehörten zu Leuten aus dem Umkreis um John F. Monty.

Über einige fanden sich Dossiers in unseren Datenbanken.

Ein paar Nummern von verschiedenen Lokalen in Manhattan waren auch darunter.

Außerdem waren dann noch ein paar Eintragungen vorhanden, bei denen nur die Vornamen aufgeführt waren. Eine kurze Überprüfung ergab, dass es sich um Verwandte von Tony Manzaro handelte, was nahelegte, dass er - und nicht Lansing der Besitzer des Apparats gewesen war.

Blieben noch zwei Nummern.

Wie probierten sie einfach aus.

Bei der ersten Nummer meldete sich das Gemeindezentrum einer Kirche mit dem Namen DIE AUSERWÄHLTEN DER APOKALYPSE in der Upper West Side.

"Scheint als wäre Manzaro ein frommer Mann gewesen", kommentierte Milo dieses Ergebnis.

"Er wäre nicht der erste Gangster, der sich vor dem Einbruch bekreuzigt", erwiderte ich. Und plötzlich musste ich an Sally Hiram und ihr Gerede von der Herrschaft des Bösen denken.

"Was ist los?", fragte Milo.

Seine Stimme riss mich aus meinen Gedanken heraus zurück ins Hier und Jetzt.

"Nicht so wichtig", murmelte ich.

Es blieb noch eine weitere Nummer.

Sie war unter dem Namen Smith eingetragen.

Und dort meldete sich niemand.

Es kostete uns nur einen Blick in das Telefonnummernverzeichnis der Stadt New York - eine Art umgedrehtes Telefonbuch - um die Erklärung dafür zu finden.

Die Nummer gehörte nämlich zu einer Telefonzelle am Times Square.

"Sieht ganz nach einem konspirativen Kontakt aus", meinte ich.

"Dieser Smith könnte der dritte Mann gewesen sein", vermutete Milo. "Schließlich haben die Wachmänner in New Rochelle ausgesagt, dass die beiden Einbrecher von einem Wagen abgeholt wurden. Und den muss schließlich irgendwer gefahren haben." Er hob die Schultern und fuhr dann fort: "Offenbar sind die Kerle über den Verbleib der brisanten Beute in Streit geraten."

"Das ist eine Möglichkeit", erwiderte ich.

"Und was ist die andere?"

"Dieser Smith war der Auftraggeber oder ein Kontaktmann für den Auftraggeber."

"Vielleicht hatten Manzaro und Lansing andere Vorstellungen vom Honorar für ihre Dienste... Oder sie haben versucht, zu handeln."

"Ja, das wäre möglich, Milo."

"Das würde bedeuten..."

"...dass der dritte Mann wahrscheinlich einer der anderen Namen in diesem Menue ist!"

Milo pfiff durch die Zähne. "Dann lass uns mal durchchecken, wer von seinen Vorstrafen her für so eine Sache in Frage käme."

Wir sahen uns die verschiedenen Datenausdrucke an. Die Sache war ziemlich eindeutig.

"Tom Ridger", murmelte Milo. "Vor sieben Jahren fuhr er schon einmal einen Fluchtwagen bei einem Einbruch, an dem auch John F. Monty beteiligt gewesen sein soll."

"So schließt sich der Kreis."

"Ridger wurde damals verurteilt, müsste aber längst wieder draußen sein."

Es dauerte keine Minute und die Fahndung nach Tom Ridger war eingeleitet.


19

Der Mann, der sich Smith nannte, betrat das Halbdunkel von Frenzy's Billard Cafe in der 73. Straße Ost. Er knöpfte das Jackett auf. An seinem Hosenbund spürte er das Gewicht der Pistole, die er dort stecken hatte.

Hektisch glitt sein Blick über die Leute am Tresen. Es waren vorwiegend Männer. Zänkisches Stimmengewirr drang zu ihm herüber.

Ein riesiger Kerl in Ledermontur kam an ihm vorbei und musterte ihn.

"Ich weiß nicht, ob das der richtige Laden für dich ist", meinte er dann.

Smith' Gesicht blieb regungslos.

"Das lassen Sie mal meine Sorge sein", zischte er.

Der Kerl in Ledermontur zuckte die Achseln und ging hinaus.

Smith sah sich weiter in dem Lokal um.

Die Billardtische waren im Moment kaum frequentiert. Im Hintergrund lief gitarrenorientierte Musik.

Smith ging zum Schanktisch.

Der Mann, der die Getränke ausgab, hatte einen Vollbart, der ihm fast bis zum Rippenbogen reichte. Die schon schütter gewordenen Haare waren zu einem Zopf zusammengefasst.

"Ich bin ein Freund von Tom Ridger", behauptete Smith.

Der Bärtige grinste.

"Du siehst mir eher aus wie ein mormonischer Missionar, Bruder."

"Wo ist Tom?"

"Die Frage ist doch: Betrachtet Tom dich auch als seinen Freund? Mit so komischen Typen wir dir habe ich ihn nämlich noch nie 'rumlaufen sehen."

"Es geht für ihn um eine Menge Geld."

Der Bärtige runzelte die Stirn. "Für'n Bullen bist du zwar langweilig genug angezogen - aber nicht clever genug. Wer sind Sie?"

"Mein Name ist Smith!"

"Allein mit den Smith' von New York City könnten Sie 'ne ganze Kleinstadt füllen", erwiderte der Bärtige. "Ein bisschen genauer hätte ich's schon ganz gerne."

"Wenn Sie Tom sagen, dass Smith hier war, wird er Bescheid wissen."

"Habe ich gesagt, dass Tom hier her kommt?"

"Schon gut, Corey", meldete sich eine heisere Stimme von hinten. Smith drehte sich herum. Ein hoch aufgeschossener, muskulöser Kerl stand vor ihm. Das enganliegende schwarze T-Shirt ließ die Arme frei, auf denen vor lauter Tätowierungen kaum noch Platz war. Das Haar war blond und steil in die Höhe gerichtet. Aber das Blond ging zu sehr ins Gelbliche, um echt zu wirken.

"Du bist Smith?", fragte er.

"Ja."

Der Bärtige mischte sich ein. "Ich dachte, ihr kennt euch."

"Halt die Klappe", knurrte der andere.

"Wir sollten uns unter vier Augen unterhalten, Mr. Ridger", schlug Smith vor.


20

Milo saß am Steuer unseres Dienstwagens. Wir waren unterwegs nach Yorkville, wo Tom Ridgers letzte Adresse lag. Ob die noch stimmte, würde sich zeigen. Ridgers Bewährungsauflagen waren längst abgelaufen und er brauchte sich nirgends mehr zu melden.

Ich hatte die Mappe auf den Knien, in der die Ermittlungsergebnisse der Polizei in Stamford dokumentiert waren.

Eine ganze Weile betrachtete ich das Phantombild von dem Mann, der im Verdacht stand, Lansing und Manzaro getötet sowie den CX-Behälter an sich gebracht zu haben.

"Wir sollten dieses Bild mal in der Gegend des Times Square herumzeigen", meinte ich. "Vielleicht hat jemand diesen Mann dort in der Nähe einer bestimmten Telefonzelle gesehen..."

"Du glaubst, er könnte der mysteriöse Mann namens Smith sein", vermutete Milo.

Ich nickte.

"Liegt doch nahe", fand ich.

"Ich sag es ungern, aber uns läuft die Zeit davon."

"Wem sagst du das, Milo."

"Wenn wir diesen verdammten CX-Behälter bis Ende der Woche nicht aufgetrieben haben, sehe ich ziemlich schwarz."

Tom Ridgers Adresse lag in einem schmucklosen, fünfstöckigen Brownstone-Haus, das ziemlich heruntergekommen aussah. Dies war Sanierungsgebiet. Hier investierte niemand in alte Häuser. Jeder wartete darauf, dass der Abriss endlich begann.

Milo und ich stellten den Wagen aus der Fahrbereitschaft des FBI-Districts New York am Straßenrand ab, stiegen aus und gingen zur Haustür. Sie stand offen. Es gab keine Videoüberwachungsanlage oder irgendwelche anderen Sicherheitsmaßnahmen, wie sie inzwischen überall im Big Apple gang und gäbe waren. Es gab hier noch nicht einmal ein funktionierendes Schloss.

Der Flur war mit Graffitis verschmiert.

Der Fahrstuhl funktionierte nicht.

Mit schnellen, raumgreifenden Schritten brachten wir jeweils zwei oder drei Treppenstufen auf einmal hinter uns.

Ridgers Wohnung lag im ersten Stock.

Minuten später standen wir vor seiner Wohnungstür.

Die Klingel hatte jemand mutwillig zerstört. Von Ridgers Name war nur noch RIDG übriggeblieben. Auch hier war der Flur mit Griffitis übersät, doch selbst die waren schon nicht mehr vollständig. Überall blätterte der Putz herunter.

Milo und ich zogen unsere Dienstwaffen.

Aus dem Inneren der Wohnung waren Geräusche zu hören.

"Scheint, als wäre Ridger zu Hause", meinte Milo.

Wir hatten uns rechts und links von der Tür postiert.

Ich nickte Milo zu.

Milo schnellte vor, holte zu einem gewaltigen Fußtritt aus.

Die Tür sprang auf, Milo stürzte mit der P226 im Anschlag hinein. Er riss den Lauf der Waffe empor.

"FBI! Hände hoch!", rief er.

Ich folgte ihm in die Wohnung.

Inmitten eines chaotisch wirkenden Wohnzimmers stand ein Mann, wie zur Salzsäule erstarrt. Er hatte eine Halbglatze und war schätzungsweise fünfzig bis sechzig Jahre alt.

Die Bilder, die ich von Ridger auf dem Computerschirm gesehen hatte, waren zwar schon etwas älter, aber immer noch gut genug, um auf den ersten Blick zu sehen, dass dies ein anderer Mann war. Er war offensichtlich damit beschäftigt, die Wohnung zu durchwühlen.

Zögernd hob er die Hände.

"Sie denken jetzt sicher was ganz Falsches", stammelte er, während er auf den Dienstausweis starrte, den Milo ihm entgegenhielt.

Ich ging mit der Waffe im Anschlag an ihm vorbei. Einen Augenblick später hatte ich die Tür zum Nebenraum erreicht.

Ich tastete mich voran.

Vorsichtig warf ich einen Blick hinein.

Es handelte sich um ein Schlafzimmer, das genauso unaufgeräumt war, wie der Rest der Wohnung.

"Hier ist niemand", sagte ich.

Dann nahm ich mir noch das Bad und die Küche vor.

Milo durchsuchte indessen den Mann nach Waffen.

"Vielleicht erklären Sie mir mal, was hier eigentlich gespielt wird", brachte er dann hervor, nachdem er den ersten Schrecken verdaut hatte.

Wir steckten unsere Waffen ein.

"Dasselbe wollten wir Sie gerade fragen", meinte Milo.

"Ich weiß nicht, was Sie von mir wollen..."

"Wer sind Sie?, fragte Milo.

"Joel Mariano. Ich habe die Wohnung nebenan. Sie können es überprüfen, ich sage die Wahrheit..."

"Hat Mr. Ridger Sie beauftragt, hier aufzuräumen - oder was machen Sie hier?"

"Dieser Mr. Ridger schuldet mir 'ne Stange Geld. Er hat's mir immer wieder versprochen, der Hund. Und jetzt lässt er sich schon wochenlang nicht mehr hier blicken und da..."

"...da haben Sie die Sache selbst in die Hand genommen", vollendete ich.

Er zuckte die Achseln.

"Nicht jeder kann sich die Dienste eines Inkasso-Büros leisten."

"Wo ist Ridger?", fragte ich.

"Keine Ahnung."

"Rein rechtlich gesehen ist das, was Sie hier gemacht haben ein Einbruch..."

"Mann, ich weiß es wirklich nicht!", schrie er mich an und sein Kopf wurde dunkelrot dabei. Er atmete tief durch. "Muss eine große Sache sein, in die Tom Ridger da verwickelt ist, sonst würdet ihr vom FBI euch nicht dafür interessieren..."

"Ein bisschen mehr als Falschparken ist es schon", murmelte Milo. "Und wenn ich Sie wäre, würde ich mir jetzt ganz schnell überlegen, auf welcher Seite ich stehe. Außerdem sollten Sie daran denken, dass Tom Ridger sicher nicht begeistert davon sein wird, wenn er erfährt, was Sie hier gemacht haben..."

"Hören Sie..."

"Er ist unter anderem auch mal wegen Körperverletzung vor Gericht gewesen und soll mitunter ziemlich jähzornig sein."

Joel Mariano schluckte.

"Ja, ja...", knurrte er.

"Also sorgen Sie dafür, dass wir ihn schnell kriegen", schlug Milo vor.

Mariano machte zwei Schritte seitwärts, ließ die Schultern hängen. Dann sackte er in einen der durchgesessenen Sessel.

"Ich weiß wirklich nicht, wo Ridger ist, das müssen Sie mir glauben..."

"Und Sie haben keine Vermutung. Erzählen Sie keine Märchen", erwiderte Milo.

"Naja, er hat 'ne neue Freundin. Blondes Haar, lange Beine. Ich denke, er ist bei der."

"Adresse und Namen wissen Sie nicht zufällig?"

Mariano beugte sich vor.

"Versuchen Sie es doch mal in Frenzy's Billiard Cafe, 73. Straße Ost. Nicht gerade ein Laden nach meinem Geschmack, aber vielleicht finden Sie Ridger dort."


21

Bis zu Frenzys Billiard Cafe war es nur ein Katzensprung, aber weil der Verkehr über Einbahnstraßen geführt wurde, brauchten wir fast eine Viertelstunde.

Als wir das Lokal betraten, dröhnten uns Heavy Metal-Gitarren entgegen.

Misstrauische Blicke begegneten uns, als wir eintraten.

Es waren kaum Leute im Schankraum.

Die Billardtische wurden im Moment lediglich von einem einzelnen Spieler benutzt, der Pool spielte. Es sah nicht besonders fachmännisch aus, was er machte.

Wir wandten uns an den bärtigen Mann hinter der Bar.

"Heute tauchen hier aber wirklich lauter seltsame Vögel auf", meinte er grinsend.

Ich legte ihm den Dienstausweis auf den Tisch.

"Special Agent Jesse Trevellian, FBI", stellte ich mich vor.

"Wir suchen einen Mann namens Tom Ridger."

"Und warum gerade hier?"

Milo legte ihm eines der alten Fotos vor, die wir von Ridger hatten.

"War er hier oder nicht?", fragte ich scharf.

"Okay, okay", meinte er und hob beschwichtigend die Hände. "Ich will keine Schwierigkeiten."

"Na, großartig."

"Allerdings habe ich keine Ahnung, wo Ridger steckt."

"Er soll bei einer langbeinigen Blondine wohnen."

"Toms Freundinnen sind alle blond und langbeinig."

"Was Sie nicht sagen."

"Komisch, Sie sind nicht die Ersten, die heute was von Tom wollten..."

Ich hob die Augenbrauen.

"Ach! Wer interessierte sich denn noch für Ridger?"

"Vor einer halben Stunde war ein Mann hier, der noch ein bisschen spießiger aussah, als Ihr beide", berichtete der Bärtige. "Ziemlich komischer Kerl... Er wollte Ridger sprechen und gab vor, ein Freund von ihm zu sein. Seltsam, aber ich bin mir sicher, die sahen sich zum ersten Mal."

Ich holte das Phantombild des mysteriösen Smith aus der Innentasche meiner Lederjacke und faltete es vor dem Bärtigen auseinander.

"War es der hier?"

"Das könnte jeder sein. Keine Ahnung. Aber er nannte einen Namen."

"Smith?"

"Woher wissen Sie das?"



22

Wir gingen hinaus ins Freie. Smith und Ridger konnten inzwischen überall sein. Wir gingen zum Wagen. Milo verständigte per Handy die Zentrale. Uns wurde Verstärkung zugesagt. Insgesamt mehr als zwei Dutzend FBI-Agenten, die die Gegend absuchen sollten. Vielleicht hatten wir Glück und entweder Ridger oder Smith liefen uns über den Weg.

Während Milo telefonierte, warf ich einen Blick auf den Stadtplan.

"Das ist wie die berühmte Suche nach der Nadel im Heuhaufen", hörte ich Milo sagen, nachdem er das Handy eingeklappt hatte.

Aus der Ferne waren Polizeisirenen zu hören. Für New York eine ganz normale Geräuschkulisse. Zu jeder Tages- und Nachtzeit sind die Officers des NYPD irgendwo in dieser Riesenstadt im Einsatz. Die Sirenen wurden lauter.

"Das ist höchstens ein oder zwei Straßen entfernt", stellte Milo fest.

"Welches Revier ist hier zuständig?", fragte ich.

"Wieso?"

"Würde mich interessieren, was hier los ist..."

Milo und ich wechselten einen kurzen Blick. Wir hatten beiden denselben Gedanken. Der Mann, der sich Smith nannte, hatte bereits zwei der Täter des Coups in New Rochelle umgebracht. Warum nicht auch den Dritten?

Milo wählte mit mechanischen Bewegungen die Nummer des New York Police Departments und meldete sich dann mit mit "Agent Tucker, FBI." Wenig später wusste er Bescheid. "In der Fünfundsiebzigsten ist eine männliche Leiche entdeckt worden", berichtete er.

Ich setzte das Blaulicht auf das Dach unseres Wagens, damit wir etwas schneller am Ort des Geschehens waren.

Zu spät kamen wir vermutlich ohnehin.

In der 75. Straße war der Teufel los. Drei Einsatzwagen des NYPD hatten am Straßenrand geparkt. Die Blaulichter blinkten auf, und ein paar Officers versuchten eine Menge schaulustiger Passanten in Schach zu halten.

Wir mussten uns mühsam unseren Weg bahnen.

"Was ist passiert?", wandte ich mich an einen der Officers und hielt ihm gleichzeitig meinen Ausweis hin.

Der Officer deutete auf eine breite Einfahrt, die offenbar zu einem Hinterhof führte. "Da ist eine Leiche entdeckt worden. Mehr weiß ich nicht. Die Mordkommission ist schon unterwegs."

Milo und ich passierten die Einfahrt.

Der Hinterhof, in den wir gelangten, war ziemlich unübersichtlich. Einige halb ausgeschlachtete Lastwagen standen hier herum. Firmenschilder wiesen daraufhin, dass hier wohl einst ein privater Paketservice residiert hatte.

Aber das musste schon eine Weile her sein. Die Wände waren mit Graffitis bemalt. Drei abgerissene Gestalten - vermutlich Obdachlose - standen um einen Officer herum, der die Aussage der Männer auf einem Notizblock mitschrieb.

Zwischen den Lastwagen lag eine Leiche, ausgestreckt auf dem Asphalt.

Ein anderer NYPD-Beamter stand daneben. Sein Gesicht war aschfahl. Der Anblick, der sich ihm bot, war alles andere als leicht wegzustecken.

Wir traten näher, hielten dem Officer dabei wortlos die Ausweise hin.

Es konnte keinen Zweifel geben.

Als ich das Gesicht des Toten sah, wusste ich Bescheid.

Es handelte sich zweifellos um Tom Ridger.

Er lag auf dem Rücken.

In der Linken hielt er eine kleinkalibrige Waffe, die fast in seiner großen Hand verschwand. Ich beugte mich nieder, hob die Waffe etwas an, ohne den verkrampften Griff der Hand zu lösen und roch am Laufende.

"Aus der Waffe ist geschossen worden", stellte ich fest.

Jetzt kam einer der Obdachlose auf uns zu.

"Ich habe alles gesehen", behauptete er.

Ich wandte mich zu ihm herum.

"Erzählen Sie."

"Ich war dort, hinter dem blauen Lastwagen..."

"Was haben Sie gesehen."

"Zwei Männer sind hier her gekommen und haben sich gestritten. Ziemlich lautstark sogar. Ich habe nicht genau begriffen, worum es ging. Ich nehme an um Geld. Und dann hat plötzlich einer eine Pistole gezogen." Der Obdachlose deutete auf Ridger. "Nicht der da, sondern der andere. Der dort hat danach seine Waffe gezogen und dann wurde geschossen."

"Hier sind Blutspuren", meldete sich Milo zu Wort.

Mit wenigen Schritten war ich bei ihm.

Die Spur führte in einer geraden Linie auf das leerstehende Lagerhaus zu, das sich vor uns erhob.

"Vielleicht hat Ridger seinen Mörder noch erwischt", murmelte ich.

Mit einer raschen Bewegung hatte ich die P226 in der Hand.

Milo holte ebenfalls seine Dienstwaffe aus dem Gürtelholster.

Wenn Smith angeschossen war, konnte er nicht weit kommen.


23

Wir folgten der Blutspur bis zum Eingang des Lagerhauses. Die Schiebetür stand offen. Sie war so verrostet, dass man sie vermutlich gar nicht mehr bewegen konnte.

Die dunkelroten Flecken auf dem Boden waren immer größer geworden.

Smith musste bereits eine Menge Blut verloren haben.

"Das muss mehr als ein einfacher Streifschuss gewesen sein", meinte Milo.

Im Inneren des Lagerhauses war es ziemlich dunkel. Die meisten Fensterflächen waren einfach mit Spanplatten vernagelt worden. Nur an wenigen Stellen kam Tageslicht herein, das dann so grell wie das Licht von Taschenlampen wirkte.

Wir durchquerten das Erdgeschoss, das aus mehreren großen Räumen bestand. Vor allem ging es uns darum, zu überprüfen, ob es auf der anderen Seite einen Ausgang zur Straße gab.

Aber das war nicht der Fall.

Die Blutspur führte die Treppe in den ersten Stock hinauf.

Feiner Staub hatte sich auf die Stufen gesetzt. Durch ein Loch in einem der vernagelten Fenster drang ein Lichtstrahl herein. Im Staub konnte ich dicht neben einem der Blutflecke zwei Fußabdrücke erkennen.

Einer der Abdrücke war deutlich größer als der andere, obwohl sie mit großer Wahrscheinlichkeit von derselben Person stammten.

Milo und ich sahen uns kurz an.

Wir brauchten kein Wort darüber zu verlieren.

Auch so war uns beiden in dieser Sekunde klar, dass wir jetzt vielleicht einen entscheidenden Schritt nach vorn machen konnten.

Wir lauschten.

Von draußen drangen Geräusche herein. Motorengeräusche und Stimmengewirr. Die Kollegen, die wir als Verstärkung angefordert hatten, waren eingetroffen, desgleichen die Mordkommission und die Spurensicherung.

Vorsichtig schlichen wir Stufe um Stufe hinauf. Zuerst ich, mit der P226 im beidhändigen Anschlag, dann mein Freund und Kollege Milo Tucker, der mich absicherte.

Der erste Stock sah von der Raumaufteilung dem Erdgeschoss zum verwechseln ähnlich. Die Lichtverhältnisse waren hier allerdings noch etwas schlechter.

Ich ließ den Blick schweifen.

Ein schabender Laut ließ mich herumfahren.

Aus dem türlosen Eingang in einen noch dunkleren Nebenraum blitzte Mündungsfeuer auf.

Ich ließ mich seitwärts fallen.

Milo feuerte sofort in die Richtung, aus der der Schuss gekommen war. Dann stolperte er seitwärts und suchte Deckung hinter einem Mauervorsprung.

Ich rollte mich am Boden herum, schnellte hoch, riss die P226 hoch. Fünf, sechs Meter lagen zwischen mir und einem Stapel verstaubter Holzkisten mit der Aufschrift HARRISON EXPRESS MAIL.

Ein Schuss zischte dicht an mir vorbei.

Ich feuerte zurück.

Insgesamt viermal zog ich den Abzug der P226 durch, während ich auf den Kistenstapel zuschnellte.

Milo gab mir zusätzlichen Feuerschutz.

Sekunden später hatte ich es geschafft.

Ich hatte Deckung hinter den Kisten und duckte mich.

Milo konnte ich von meiner Position aus sehen. Er presste sich in die Mauernische und lud seine Waffe nach.

"Hier ist der FBI!", rief ich unserem Gegenüber zu. "Wir wissen, dass Sie uns hören können, Smith! Sie haben keine Chance. Fahndungsfotos von Ihnen hängen in jedem New Yorker Polizeirevier. Außerdem sind Sie verletzt. Sie müssen viel Blut verloren haben..."

Ich wartete ab.

Sekundenlang herrschte absolute Stille. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können.

"Geben Sie auf, Smith!", rief ich. "Sie tun sich keinen Gefallen, wenn Sie jetzt weitermachen. Ihre Lage kann nur schlimmer werden..."

Wieder folgte ein Augenblick der Stille.

Dann dröhnte ein Schuss aus dem Nebenraum heraus, in dem Smith sich verborgen hielt.

Ich hatte kein Mündungsfeuer aus der Dunkelheit heraus aufblitzen sehen.

Smith hatte also nicht auf uns gefeuert.

Es gab zwei Möglichkeiten - und die gefielen mir beide nicht.

Entweder, der Mann, der sich Smith nannte, hatte sich selbst eine Kugel in den Kopf gejagt, weil er erkannt hatte, dass seine Lage aussichtslos war.

Oder er wollte uns das nur glauben machen, um uns aus der Deckung herauszulocken.

In geduckter Haltung kam ich hinter dem Kistenstapel hervor, die P226 mit beiden Händen umklammert.

Ich musste höllisch aufpassen.

Vorsichtig tastete ich mich voran. Milo sicherte mich von hinten ab.

Dann hatte ich die Tür zu dem dunklen Nebenraum erreicht, in dem Smith sich aufhalten musste.

Ich wartete.

Kein Laut war zu hören.

Dann stürzte ich hinein.

Binnen eines Sekundenbruchteils musste ich mich an das Dunkel gewöhnen. Eine schattenhafte Gestalt lehnte an der Wand. Die Gestalt rührte sich nicht, saß da wie erstarrt.

Ich trat etwas zur Seite, so dass ich mir nicht selbst im Licht stand.

Dann senkte ich die Waffe.

"Der Kerl hat sich selbst eine Kugel in die Schläfe gejagt", sagte ich an Milo gerichtet, dessen Schritte ich hörte.


24

Kurze Zeit später wimmelte es in dem Lagerhaus nur so von FBI-Agenten und Spurensicherern der Scientific Research Division, dem zentralen Erkennungsdienst aller New Yorker Polizeieinheiten.

Unsere Kollegen Medina und Caravaggio waren auch anwesend.

"Lansing, Manzaro, Ridger - alle, die direkt an dem Überfall auf MADISON GEN-TECH beteiligt waren, sind tot", stellte ich nachdenklich fest.

"Das erhöht nicht gerade unsere Chancen, etwas über die Hintermänner herauszufinden", bemerkte Clive Caravaggio und strich sich mit einer beiläufigen Handbewegung das blonde Haar zurück.

Medina sagte: "Seien wir doch ehrlich, Clive. Wir stehen wieder ganz am Anfang."

"Wenn man bedenkt, dass dieser Kerl namens Smith auch nicht mehr aussagen wird, muss ich dir leider recht geben", stimmte Milo düster zu.

Sergeant Grady vom Erkennungsdienst kam auf uns zu.

"Sie werden noch etwas warten müssen, bis man etwas über die Identität des Toten sagen kann", meinte er. "Er hat keinerlei Papiere bei sich. Natürlich werde wir überprüfen, ob seine Waffe registriert ist, aber das ist wohl kaum anzunehmen."

"Wenn wir Glück haben, dann hat dieser Smith - oder wie immer er auch in Wahrheit heißen mag - hier irgendwo in der Gegend seinen Wagen abgestellt", meldete sich Orry zu Wort.

Grady erwiderte nüchtern: "Wir haben einen Schlüsselbund bei dem Toten gefunden. Trotzdem wird es 'ne Weile dauern, bis wir den passenden Wagen dazu gefunden haben. Selbst unter günstigsten Umständen."

"Ich frage mich, weshalb er sich umgebracht hat", murmelte ich. Ich wandte mich an Grady. "Haben Sie nichts weiter bei ihm gefunden? Nur diesen Schlüssel?"

"So ist es."

"Bis jetzt dachte ich, wir hätten es bei diesem Smith mit einem eiskalten Profi zu tun", meinte ich.

"Und was spricht bitte jetzt dagegen?", fragte Clive Caravaggio.

"Die Tatsache, dass er sich umgebracht hat. Dazu war keine Veranlassung."

"Seine Lage war aussichtslos, er war schwer verletzt", gab Milo zu bedenken. "Schwer genug, um eine Flucht utopisch erscheinen zu lassen."

"Wenn er kühl überlegt hätte, dann hätte er versucht, sich juristisch aus der Schlinge zu ziehen", meinte ich. "Vielleicht mit dem Staatsanwalt einen Deal aushandeln oder dergleichen."

"Selbstmörder sind entweder Verrückte oder Fanatiker", hörte ich Orry mit einer wegwerfenden Handbewegung sagen.

"Das ist es ja, was mich beunruhigt", sagte ich. "Ich frage mich, mit welcher Kategorie wir es bei 'Smith' zu tun haben."


25

Es war ziemlich spät, als ich Milo an diesem Abend an der bekannten Ecke absetzte. Unsere Stimmung war alles andere als gut. Es war uns beiden klar, dass wir im MADISON-Fall nach wie vor auf der Stelle traten. Die Täter waren ermordet worden und selbst der geheimnisvolle Mittelsmann, der aus dem Hintergrund die Fäden gezogen hatte, war nicht mehr am Leben.

Es war wie verhext.

"Wir müssen das persönliche Umfeld von Lansing, Manzaro und Ridger nochmal genauestens unter die Lupe nehmen", war Milo überzeugt. "Und vielleicht kommen wir ja auch auf einen grünen Zweig, sobald wir die wahre Identität dieses 'Smith' herausgefunden haben."

Sein Wagen war bislang nicht gefunden worden.

Es konnte also noch dauern, bis wir endlich etwas über ihn wussten.

"Bis morgen", sagte ich.

Milo nickte.

"Bis morgen, Alter!"

Ich hatte schon fast meine Wohnung mit Blick auf den Hudson erreicht, als das Handy klingelte.

Es war eine bekannte Stimme, die sich am anderen Ende der Verbindung meldete.

"Hallo, Jesse."

Es war Sally Hiram.

"Hallo", sagte ich leicht irritiert. "Wer hat Ihnen diese Nummer gegeben?"

"Niemand."

"Aber..."

"Ich habe in der FBI-Zentrale angerufen und die haben den Anruf weitergeleitet. Ich muss Sie sprechen, Jesse. Bitte."

"Es ist schon spät."

"Kennen Sie Montego's Bar in der Third Avenue?"

"Wer kennt die nicht."

"Ich werde in zehn Minuten dort sein, Jesse."

Sie wartete meine Erwiderung gar nicht erst ab, sondern legte einfach auf. Ich überlegte kurz, was ich tun sollte.

Schließlich fuhr ich in einem Bogen zurück zur Third Avenue. Als ich Montego's Bar betrat, war Sally Hiram noch nicht dort.

Ich bestellte mir einen Drink und begann mich zu fragen, was ich hier eigentlich machte.

Ich wartete zehn Minuten ab.

Sally kam nicht.

Nach weiteren fünf Minuten wollte ich gehen. Da kam sie hereingeschneit. Sie trug ein enganliegendes blaues Kleid, das bis zum Hals geschlossen war. Ihre Handtasche passte dazu.

Sie wirkte nervös. Als sie mich entdeckte, ging ein mattes Lächeln über ihr Gesicht.

"Schön, dass Sie da sind", murmelte sie, als sie sich zu mir setzte.

"Warum wollten Sie sich mit mir treffen?"

"Sie haben längst Feierabend?"

"Eine Frage mit einer Gegenfrage zu beantworten scheint eine Ihrer Lieblingsspiele zu sein."

Ihr Gesicht wurde ernst. Fast etwas ärgerlich.

"Ich spiele nicht, Jesse. Mein Mann ist auf brutale Weise umgebracht worden. Das ist kein Spiel."

"So war das nicht gemeint."

Sie schluckte. "Nein, ICH muss mich entschuldigen. Vielleicht haben Sie einen falschen Eindruck von mir gewinnen müssen... Wissen Sie, auf der einen Seite habe ich heute den ganzen Tag nichts anderes gemacht, als die Fragen Ihrer Kollegen zu beantworten und..."

"...und trotzdem treffen Sie sich am Abend mit einem G-man."

"Ich vertraue Ihnen, Jesse."

"Obwohl Sie nicht wissen, ob ich vielleicht dem Bösen diene, ohne es zu ahnen?", erwiderte ich.

"Was soll das?"

"Das haben Sie gesagt."

"Legen Sie nicht jedes Wort auf die Goldwaage, das ich nach dem Attentat auf meinen Mann von mir gegeben habe. Ich war wohl reichlich verwirrt." Sie atmete tief durch. Ihre stahlblauen Augen musterten mich dann nachdenklich.

Schließlich fragte sie: "Habe Sie schon eine Spur?"

"Was die Mörder Ihres Mannes, betrifft: leider nein."

"Ich möchte Ihnen gerne helfen."

"Dann geben Sie mir eine Antwort auf die Frage, weshalb Ihr Mann keinen Zugang mehr zum Laborbereich von MADISON GEN-TECH hatte und man ihn praktisch als eine Art Frührentner behandelt hat."

Sie seufzte. "George hat mir wirklich nicht von seiner Arbeit erzählt. Aber er verstand sich nicht sonderlich gut mit Ressing und Tremayne. Er hatte von Anfang an einen schweren Stand hier. Worum es genau ging, weiß ich nicht, aber er sagte oft, dass er besser bei Fürbringer do Brasil geblieben wäre." Sie beugte sich etwas vor. Mit gedämpfter Stimme fuhr sie fort: "Sie glauben doch nicht, dass MADISON etwas mit dem Tod meines Mannes zu tun hat."

"Diesen Zusammenhang haben Sie jetzt hergestellt", sagte ich.

Ihr Blick wurde abschätzig. "Sie haben also nichts in der Hand..."

"Ich bin nach wie vor überzeugt davon, dass der Tod Ihres Mannes etwas mit dem Raub eines CX-Behälters mit Pesterregern aus den MADISON-Labors zu tun hat."

"Sind Sie wenigstens in der Sache weiter?"

"Kennen Sie einen Mann, der sich Smith nennt?", fragte ich.

"Ein halbes Dutzend oder noch mehr", erwiderte sie. "Die, bei denen Smith nur Bestandteil eines Doppelnamens ist, gar nicht mitgezählt."

Ich legte ihr das Phantombild vor, das wir von dem Mann hatten. Sie sah es sich stirnrunzelnd an. "Haben Sie diesen Mann schon einmal gesehen? Er hat ein besonderes Kennzeichen.

Zwei sehr unterschiedlich große Füße."

In ihren Augen flackerte es für den Bruchteil einer Sekunde unruhig.

"Nein", sagte sie dann. "Nie gesehen. Was ist mit ihm?"

Sie fragt gar nicht, wer er ist, ging es mir durch den Kopf. Mein Instinkt sagte mir, dass sie ihn sehr wohl schon einmal gesehen hatte. Aber der Instinkt eines G-man ist nicht gerichtsverwertbar.

"Darüber kann ich Ihnen nichts sagen", erklärte ich.

"Wieso nicht?"

"Fahndungstaktische Überlegungen."

"Oh..."

Einen Augenblick lang schwiegen wir. Schließlich fragte sie: "Gehört es auch zu Ihrer Fahndungstaktik, dass Sie mich beschatten lassen?"

"Tue ich das?"

"Jetzt spielen Sie ein Spiel, Jesse. Und zwar kein Gutes."

"Sagen wir so, ich möchte, dass jemand auf Sie aufpasst. Vielleicht sind Sie in Gefahr."

Sie erhob sich, noch bevor Sie einen Drink bestellt hatte.

"Nett, dass Sie etwas Zeit hatten", sagte sie dann.

"Ich hätte noch eine Frage an Sie."

"Bitte."

"In Ihrem Haus am Florida Lake trugen Sie einen Badeanzug, der den Rücken freiließ. Sie haben dort ein Tattoo zwischen den Schulterblättern. Drei Kreuze... Hat das irgendeine Bedeutung?"

Ihre Zähne blitzten. Ihr Lächeln wirkte kühl.

"Das werde ich Ihnen auf keinen Fall verraten", erklärte sie dann.

"Und warum nicht?"

"Taktische Überlegungen."

"Welcher Art?"

Sie zuckte die Achseln. "Ein kleines Geheimnis erhöht vielleicht die Chance, dass Sie das nächste Mal, wenn ich mich mit Ihnen treffen möchte, genauso bereitwillig zusagen, Agent Jesse Trevellian."

Sie winkte mir zu. Dann drehte sie sich herum und ging in Richtung Tür. Wie eine trauernde Witwe wirkte sie ganz und gar nicht. Ich leerte meinen Drink und versuchte vergeblich, mir einen Reim darauf zu machen. Und ganz kurz dachte ich auch an Milos Rat, nicht zu tief in ihre blauen Augen zu blicken.


26

Am nächsten Morgen lag eine Kopie des Obduktionsberichts von 'Smith' auf dem Schreibtisch des Dienstzimmers, das Milo und ich uns seit ewigen Zeiten im FBI-Headquarter teilten.

Ich überflog die Ergebnisse.

Mit Überraschungen rechnete ich nicht.

Milo hatte indessen den Bericht der Ballistik vor sich.

Auch der enthielt keine Überraschungen. Wir hatten es jetzt amtlich, dass Lansing, Manzaro und Ridger mit Smith' Waffe erschossen worden waren.

Aber das hatte ohnehin niemand von uns noch ernsthaft in Zweifel gezogen.

"Nichts Weltbewegendes also", meinte Milo.

Ich stutzte, als ich die Photos des Obduktionsberichts betrachtete.

"Was ist los?", fragte Milo.

Ich zeigte ihm das Foto, das plötzlich meine Aufmerksamkeit gefesselt hatte.

Es zeigte den Rücken des toten Smith.

Zwischen den Schulterblättern war deutlich eine Tätowierung zu sehen. "Siehst du das hier?", fragte ich und deutete dabei auf die entsprechende Stelle.

"Ja, und?"

"Sally Hiram hat das gleiche Zeichen auf dem Rücken."

"Dann schlage ich vor, dass wir die Lady mal danach fragen", schlug Milo vor.

Ich griff zum Telefon und wählte die Nummer von Sally Hirams New Yorker Wohnung. Vergeblich. Es nahm niemand ab.

Dann rief ich die beiden Kollegen an, die zur Zeit mit Sallys Überwachung beauftragt waren. Agent Cronin meldete sich. Er war noch ziemlich neu in unserem Field Office. Er hatte gerade seine Prüfung an der FBI-Akademie in Quantico abgelegt.

"Mrs. Hiram muss in ihrer Wohnung sein", war er überzeugt.

"Gut", sagte ich. "Wir sind gleich bei euch."


27

Die beiden Möbelpacker schoben die mannshohe Kiste auf Rädern durch den Eingang des Apartmenthauses. Die Schiebetür öffnete sich selbsttätig.

Überwachungskameras folgten dabei jeder ihrer Bewegungen.

Ein dunkel gekleideter Security-Mann ging auf sie zu. Er schob sich die Uniformmütze etwas in den Nacken. "Moment mal, zu wem wollen sie damit?"

Einer der Möbelpacker - ein grauhaariger, hagerer Mann mit hervorspringenden Wangenknochen - zog einen Lieferschein aus der Gesäßtasche und las dann vor. "Mrs. Sally Hiram", erklärte er.

"Einen Augenblick. Ich werde eben bei Mrs. Hiram nachfragen, ob das seine Richtigkeit hat."

Der Möbelpacker machte eine wegwerfende Handbewegung.

"Meinetwegen. Hauptsache, das dauert keine Ewigkeit. Für uns ist Zeit nämlich Geld, wenn Sie wissen, was ich meine..."

"Ja, ja..."

"Wir sollen das Ding hier abliefern und damit fertig, der Rest interessiert uns nicht."

"Was ist denn in der Kiste drin?"

"Ein Schrank."

"Von welcher Firma kommen Sie?"

"Lewis Express!"

Der Wachmann musterte die beiden Möbelpacker kurz. Der Hagere griff in die weite Seitentasche seines Blaumanns.

Seine Rechte umfasste den zierlichen Griff eine 22er Revolver.

Wenn es sein musste, konnte er die Waffe blitzschnell herausreißen.

Der Wachman ging zu seinem Kollegen, der in einem mit Panzerglas gesicherten Büro saß.

Die beiden Möbelpacker beobachteten ihn aufmerksam.

Schließlich kehrte der Wachmann zurück.

"Alles in Ordnung", erklärte er. "Aber nehmen Sie mit dem Riesending da bitte den Lastenaufzug!"

"Okay", sagte der Hagere.

Er ließ den Revolvergriff los. Seine Körperhaltung entspannte sich. Ein kaltes Lächeln spielte um seine dünnen Lippen.


28

Die Straßen waren ziemlich verstopft und so brauchten wir fast zwanzig Minuten, um bis zur New Yorker Adresse der Hirams vorzudringen.

Am Eingang hielten uns die Mitarbeiter eines privaten Sicherheitsdienstes auf. Sie wollten über die Haussprechanlage bei Sally Hiram nachfragen, ob ihr unser Besuch auch genehm wäre.

Als Milo und ich ihnen unsere FBI-Dienstausweise unter die Nase hielten, verzichteten sie darauf.

"Es war vor einer halben Stunde schon einmal jemand da, der zu Mrs. Hiram wollte", berichtete uns einer der Wachleute.

Ich hob die Augenbrauen.

"Ach, ja?"

"Möbelpacker, die einen Schrank brachten."

Und so standen wir wenig später vor der Wohnungstür der Hirams.

Ich klingelte.

Niemand machte auf.

Ich versuchte es noch einmal.

"Irgendetwas stimmt da nicht", meinte Milo.

Er hatte die P226 bereits aus dem Gürtelholster herausgezogen und sich seitlich der Tür postiert.

Sally Hiram hatte das Telefon nicht abgenommen und nun machte sie die Tür nicht auf. Aber nach Aussage unserer Agenten war sie zweifellos noch im Haus. Und auch das, was die Wachmänner uns gesagt hatten, deutete darauf hin.

Mir schwante nichts Gutes.

Was, wenn die Möbelpacker in Wirklichkeit etwas ganz anderes gewesen waren.

Innerlich fluchte ich darüber, dass man unerfahrene Neulinge mit Sallys Überwachung betraut hatte.

Ich zog ebenfalls die Waffe.

"Mrs. Hiram! Hier ist der FBI! Machen Sie die Tür auf!"

Wieder keine Antwort.

Ich wechselte einen kurzen Blick mit Milo. Mein Partner nickte. Mit einem gezielten Tritt öffnete ich die Tür. Sie sprang auf. Mt der Waffe im Anschlag stürmte ich in den Raum, drehte mich herum.

Es war niemand da.

Milo folgte mir.

Ich erreichte die Tür zum Wohnzimmer. Auch sie öffnete ich mit einem Fußtritt. Mit einem ächzenden Geräusch flog sie zur Seite. Mein Blick schweifte durch das großzügig angelegte Wohnzimmer.

"Niemand da", stellte ich fest.

Milo nahm sich Küche und Bad vor, ich mir das Schlafzimmer und dann den begehbaren Kleiderschrank. Aber von Sally Hiram war nirgends eine Spur zu finden.

Ich steckte die Waffe ein.

"Wie vom Erdboden verschluckt", hörte ich Milo kopfschüttelnd sagen. Er blickte sich um und setzte dann hinzu: "Nirgends die Spur einer Gewalteinwirkung zu sehen."

"Das sollen sich unsere Spurensicherer mal genau ansehen", presste ich zwischen den Zähnen hindurch.

Dann griff ich zum Handy, um die Fahndung nach Sally Hiram einzuleiten.

Ich hoffte nur, dass wir sie lebend fanden.


29

Nachdem wir die Wachmänner befragt hatten, ließ sich zumindest vermuten, was geschehen war. Die angeblichen Möbelpacker waren mit einer großen Kiste bis zu Sally Hirams Wohnung vorgedrungen. Später hatten sie diese Kiste wieder mitgenommen. Aller Wahrscheinlichkeit nach hatte sich Sally darin befunden.

Oder ihre Leiche.

Je nachdem, ob es sich nun um einen Mord oder eine Entführung handelte.

"Ich hatte sie eindringlich gewarnt", sagte ich irgendwann zu Milo. "Sie hätte mit uns zusammenarbeiten sollen..."

"Die Fahndung nach ihr läuft. Mehr können wir im Moment nicht tun, Jesse", sagte Milo.

"Ich weiß."

Unsere Erkennungsdienstler nahmen sich die Hiram-Wohnung sehr gründlich vor. Es fanden sich keinerlei Fingerabdrücke.

Nicht einmal von Sally Hiram. Das war mehr als seltsam. Es sah fast so aus, als hätte da jemand auf Nummer sicher gehen wollen und und alles an Spuren beseitigt.

Die Einrichtung war sehr unpersönlich. Die Wohnung wirkte fast wie ein Hotelzimmer. Kaum persönliche Stücke darin.

Keine Zeitschriften, nur eine Handvoll Bücher. Die Fortsetzung von "Vom Winde verweht", eine Bibel und eine Ausgabe des "Kleinen Prinzen" von Saint-Exuperie. Das war alles.

"Vielleicht waren die Hirams nicht oft in dieser Wohnung, seit George keinen Zugang mehr zu den Labors hatte", versuchte Milo eine Erklärung dafür zu finden.

"Oder es hat jemand sehr gründlich aufgeräumt", erwiderte ich.

"Hast du irgendeine Theorie, Jesse?"

"Sobald ich eine habe, weißt du sie als erster, Milo."

Milos Handy schrillte.

Er sagte nur zweimal kurz hintereinander "Ja", nachdem er sich zuvor mit "Agent Tucker" gemeldet hatte.

Milos Gesicht verlor jegliche Farbe.

Selten zuvor hatte ich ihn so erschrocken gesehen.

"Was ist los?", fragte ich.

"Das war die Zentrale", erklärte er. "Im Saint James Hospitel in Queens wurde heute ein Mann eingeliefert, der eindeutig Symptome der Pest aufweist."


30

Das Licht war im ersten Moment furchtbar grell. Sally Hiram kniff die Augen zusammen und hob die Hand. Aber die Helligkeit war überall. Scheinwerfer leuchteten von allen Seiten. Eine kräftig zupackende Hand ergriff ihren Oberarm und half ihr, aus der großen Kiste herauszuklettern.

Undeutlich nahm Sally die beiden Möbelpacker wahr.

Aber da war noch eine dritte Gestalt.

Sie hob sich als dunkler Schemen gegen das grelle Licht ab, schritt langsam näher.

"Es ist schön, dich wieder bei uns zu wissen, Schwester Sally", sagte die Gestalt. Die Stimme war sehr tief. Die verhallte Akustik in diesem Raum gab ihr etwas Überlegenes, Allgewaltiges.

Die Gestalt kam näher.

Das Licht der Scheinwerfer beleuchtete ein kantiges, männliches Gesicht. Das sanfte, fast entrückte Lächeln stand im Widerspruch dazu. Der Blick der dunkelbraunen Augen hatte eine geradezu hypnotische Intensität. Der Mann hatte langes, fast weißes Haar, das in seinem Nacken zu einem Zopf zusammengefasst war.

Der Weißhaarige breitete die Hände aus.

Sally blieb stehen.

Sie wagte es nicht, in seine Augen zu sehen. Sie senkte den Blick, starrte auf das goldene Amulett, das ihr Gegenüber an einer Kette um den Hals trug.

Es hatte die Größe einer Faust.

Und es zeigte drei Kreuze, die sich deutlich von einer kreisförmigen Grundfläche abhoben.

Der Weißhaarige wandte sich kurz an die Möbelpacker.

"Ihr könnt gehen!"

Sie gehorchten wortlos und verschwanden durch seitlich gelegene Türen.

"Wo bin ich?", fragte Sally dann.

"Ist das von Bedeutung, meine Schwester im Glauben?" Der Weißhaarige trat näher, seine Hände berührten Sallys Schultern. "Vertrau mir. Oder hast du je Grund dazu gehabt, dies nicht zu tun?"

"Nein."

"Ich weiß, dass ein steiniger Weg der Prüfungen hinter dir liegt, meine Schwester."

"Es war so furchtbar..."

"Sei getrost! Die Tage der Herrschaft des Bösen sind gezählt! Der HERR vernichtete Sodom und Gomorra, und das sündige Babylon ist zu Staub zerfallen... Er wird auch New York, das neue Babylon, richten..."

Sally hob den Kopf. Einen Augenblick lang blickte sie in das unheimliche Feuer dieser hypnotischen Augen.

"Wann?", fragte sie.

"Sehr bald, meine Schwester. Die Zeit der Reinigung hat schon begonnen. Bald schon wird man das Wehklagen in den Straßen hören - so wie damals, als der Herr den Todesengel ausschickte, um die Häuser der Ägypter heimzusuchen. Aber diesmal wird es noch viel furchtbarer sein!"

Er sah Sally an. Sie wandte den Blick und schluckte. Er fasste ihr Kinn, zwang sie dazu, ihm direkt ins Gesicht zu sehen. "Was sind es für Gedanken, die dich quälen, meine Schwester?"

"Es ist nichts", wehrte sie ab.

"Vor mir kannst du nichts verbergen. Genauso wenig, wie vor Gott. Ich bin sein Gesandter, und ich blicke bis zum Grund deiner kleinen Seele! Du kennst die Gesetze unserer Gemeinschaft."

"Ja", flüsterte sie schluckend.

"Keine Geheimnisse."

"Keine Geheimnisse", wiederholte sie, fast wie in Trance.

Ihre Lippen murmelten diese Worte fast wie automatisch.

"Du weißt, wer ich bin?"

"Du bist der letzte Prophet", murmelte Sally. "Der Prophet der Apokalypse, gesandt von Gott."

"Also gehorche!"

Sally atmete tief durch. Die Stimme des Weißhaarigen klang eiskalt und unerbittlich. Du musst ihm alles sagen, hämmerte es in ihr. Alles!

"Ich frage mich, ob es richtig ist, was wir tun", sagte sie dann zögernd.

"Seit wann stellst du dir diese Frage?"

"Ich weiß nicht. Sie war einfach da..."

"Seit wann?", wiederholte der Weißhaarige scharf.

"Seit vorgestern."

Der Weißhaarige strich ihr über das Haar. "Du hast lange im Einflussbereich des Bösen leben müssen. Vielleicht zu lange... Deine Gedanken sind Einflüsterungen Satans. Nichts anderes."

"Ja", murmelte sie.

"Wir haben jedes Recht, das zu tun, was der Plan des Höchsten ist!"

"Ja."

"Wir handeln nicht anders, als jemand, der Ungeziefer zertritt!"

"Ich bin eine Närrin!"

"Nur verwirrt, meine Schwester!"

"So wird es sein!"

"Sterben soll die wiedererstandene Hure Babylon! Sterben soll New York!" Der Weißhaarige ballte dabei beschwörend die Hände zu Fäusten. Allmählich entspannte sich sein Gesichtsausdruck etwas. Die Ahnung eines Lächelns kehrte zurück. "Und nun berichte mir, meine Schwester..."


31

Als wir die Quarantäne-Abteilung des St. James Krankenhauses in Queens erreichten, trafen wir dort den Epidemiologen Dr. James Satory wieder. In seinem Schlepptau befand sich ein grauhaariger Schwarzer, dessen Hände tief in die Taschen seines blütenweißen Kittels vergraben waren.

"Trevellian, FBI", stellte ich mich mit dem Ausweis in der Hand vor. "Dies ist mein Kollege Agent Tucker."

Der Schwarze nickte stirnrunzelnd.

"Ich bin Dr. Miles Gray", erklärte er. "Ich habe schon mit Dr. Satory gesprochen und..."

"Wir möchten gerne mit dem Patienten sprechen", sagte ich.

"Ich fürchte, das ist unmöglich", erwiderte Dr. Gray. "Der Mann ist vor wenigen Augenblicken gestorben. Wir haben getan, was wir konnten, aber sein Allgemeinzustand war einfach zu schlecht..."

"Seit wann ist der Mann hier eingeliefert gewesen?", fragte ich.

"Seit heute Morgen."

Ich wandte mich an Satory. "Warum erfahren wir erst jetzt davon?"

"Die Symptome sind den Ärzten heute nicht mehr so geläufig, Mr. Trevellian."

"Sobald wir sicher waren, haben wir den Fall gemeldet", verteidigte sich Gray. Ich ballte innerlich die Fäuste.

"Schon gut", sagte ich.

"Dr. Satory hat mir erläutert, dass dieser Mann vermutlich von genveränderten Yersinia Pestis-Erregern befallen war, die durch ihre Antibiotika-Resistenz besonders gefährlich sind", murmelte Gray.

Ich warf Satory einen kurzen Blick zu. Dann sagte ich an Gray gewandt: "Das ist eine streng vertrauliche Information."

"Natürlich."

"Wie kam der Patient hier her?"

"Er muss sich bis zum Eingang der Notaufnahme geschleppt haben. Dort wurde er von Pflegern gefunden. Das war gegen 8.00 Uhr. Wie wir jetzt wissen, hatte er Lungenpest im letzten Stadium. Auf Grund des hohen Fiebers war er gar nicht mehr ansprechbar."

"Hatte er Papiere bei sich?"

"Sogar eine Karte seiner Krankenkasse."

Satory erklärte: "Sein Name war Aaron Jackson, er wohnte hier in Queens, 23 Cayard Street. Seine persönlichen Sachen sind unter Umständen infektiöses Material. Sie müssen ins Labor. Außerdem möchte ich, dass sich so schnell wie möglich ein Pathologe an die Obduktion macht. Sämtliche Personen, die mit Jackson oder seinen Sachen in Kontakt gekommen sind, müssen untersucht und gegebenenfalls unter einstweilige Quarantäne gestellt werden..."

"Wir tun, was wir können", versprach Gray.

"Hat Jackson Angehörige?", fragte ich.

"Er trug einen Ehering", sagte Gray. "Unter seiner Telefonnummer hat sich allerdings niemand gemeldet und es ist uns nicht gelungen, jemanden ausfindig zu machen."

"Wir brauchen ein Foto des Toten", sagte Milo.

"In Ordnung", erwiderte Gray. "Noch etwas?"

"Ja", sagte ich. "Ich möchte wissen, ob der Tote eine Tätowierung hat."

Auf Grays Stirn erschienen tiefe Furchen, als er fragend die Augenbrauen hob.

"Woher wissen Sie das, Agent Trevellian?"

"Lassen Sie mich raten: Drei Kreuze, genau in der Mitte zwischen den Schulterblättern."

Gray nickte. "Sie haben recht. Als ich den Patienten untersuchte, ist mir tatsächlich so eine Tätowierung aufgefallen..."

"Ich möchte, dass auch die fotografiert wird!"

"Jetzt?"

"Ja, unverzüglich! Wir haben nicht eine Sekunde zu verlieren!"


32

Während Milo unseren Dienstwagen in Richtung Cayard Street lenkte, saß ich auf dem Beifahrersitz und betrachtete nachdenklich das Polaroid des Toten, das in der St. James Klinik gemacht worden war. Natürlich unter entsprechenden Sicherheitsmaßnahmen.

Aaron Jacksons Gesicht sah furchtbar aus.

Die grausame Krankheit hatte es zu einem Sinnbild des Todes werden lassen.

"Was wird hier eigentlich gespielt, Jesse?", fragte Milo in die bedrückte Stille hinein. "Dieser Mann muss irgendetwas mit dem Raub des CX-Behälters zu tun haben. Vielleicht wusste er nicht um die Gefährlichkeit des Inhalts..."

"Das ist eine Möglichkeit", murmelte ich vor mich hin.

"Und was denkst du?"

"Es ist genauso möglich, dass Jackson absichtlich infiziert wurde."

"Bakterien als Mordwaffe?"

"Es gibt einige Geheimdienste, die das in der Vergangenheit praktizierten. Etwa der Staatssicherheitsdienst der DDR, der nachweislich Tollwut-Erreger als Mordwaffe verwendete."

Milo atmete tief durch. "Es gibt noch eine dritte Möglichkeit, an die ich gar nicht zu denken wage: Irgendein Wahnsinniger infiziert mehr oder minder wahllos Menschen, um eine Epidemie auszulösen."

"Wer käme dafür in Frage?"

"Terroristen, Fanatiker aller Schattierungen, Psychopathen, die auf sich aufmerksam machen wollen... Oder Erpresser! Sag mal, hörst du mir eigentlich zu, Alter?"

Ich war in Gedanken.

"Weißt du, mich beschäftigen diese drei Kreuze zwischen den Schulterblättern. Smith, Sally Hiram und jetzt dieser Pest-Tote... Sie alle hatten dieses seltsame Symbol auf dem Rücken."

"Vielleicht sind wir schlauer, wenn wir uns Jacksons Wohnung unter die Lupe nehmen."

Wir erreichten die Cayard-Street. Die Nummer 26 war ein mehrstöckiger Klotz mit kleinen bis mittelgroßen Wohneinheiten. Hier lebten Leute, die vorwiegend in Manhattan arbeiteten, denen das Leben dort aber zu teuer geworden war.

Aaron Jackson wohnte in der dritten Etage.

Eine Frau Mitte dreißig öffnete uns die Tür. Sie hatte dunkelbraunes Haar mit leichtem Rotstich. Es war zu einem sehr streng wirkenden Knoten zusammengefasst. Das Kostüm, das sie trug, wirkte konservativ.

"Mein Name ist Jesse Trevellian, ich bin Special Agent des FBI", stellte ich mich vor. "Dies ist die Wohnung von Aaron Jackson?"

"Ja, aber... Was wollen Sie von meinem Mann? Er ist nicht hier."

"Sie sind Mrs. Jackson?"

"So ist es. Vielleicht erklären Sie mir mal, was das alles soll."

"Können wir einen Moment hereinkommen?", fragte ich. "Ich möchte das ungern auf dem Flur besprechen."

Sie sah zweifelnd von einem zum anderen.

"Bitte", sagte Milo. "Es muss sein."

Sie wurde bleich. Dann nickte sie. Sie führte uns in ein einfach eingerichtetes Wohnzimmer. "Bitte, nehmen Sie Platz", sagte sie. "Darf ich Ihnen etwas anbieten?"

"Nein, danke."

"Was ist mit meinem Mann?"

"Wann haben Sie in zuletzt gesehen?"

Sie seufzte. "Das müsste beinahe vier Wochen her sein."

"Vier Wochen?"

"Ja."

"Wo war er in dieser Zeit?"

"Mein Gott, das weiß ich doch nicht. Ich dachte, Sie könnten mir darüber etwas sagen..." Sie schwieg einen Moment.

Dann sah sie mich sehr ernst an. "Was ist mir Aaron?"

Es gibt Dinge, an die ich mich in meinem Job einfach nicht gewöhnen kann. Dazu gehört das Überbringen schlechter Nachrichten. Ab und zu lässt sich das leider nicht umgehen.

"Ihr Mann ist tot", sagte ich. "Er wurde heute Morgen vor dem St. James Hospital gefunden, wo man versucht hat, ihm zu helfen. Er starb an einer sehr ansteckenden Krankheit. Bleiben Sie bei Ihrer Aussage, dass Sie ihn in den letzten vier Wochen nicht getroffen haben?"

"Ja", flüsterte Mrs. Jackson und schluckte.

"Es tut mir leid", sagte ich. "Für Ihren Mann kam jede Hilfe zu spät. Aber möglicherweise können viele weitere Menschenleben gerettet werden, wenn Sie uns helfen. Auch, wenn es Ihnen im Moment schwer fallen mag..."

Mrs. Jackson strich sich mit einer nervösen Handbewegung ein paar verirrte Haarsträhnen aus dem Gesicht. Dann biss sie sich auf die Unterlippe. Tränen glitzerten in ihren Augen.

"Was war das für eine Krankheit und... Ich begreife überhaupt nichts."

"Da geht es Ihnen leider so wie uns", erklärte ich. Dabei beugte ich mich etwas vor. Ich legte meine Hand auf die ihre, die eiskalt war. "Ihr Mann hatte eine Tätowierung auf dem Rücken..."

Mrs. Jackson blickte auf.

"Ja, das stimmt."

"Was bedeuten diese drei Kreuze?"

"Hat das irgendetwas mit seinem Tod zu tun?"

"Mrs. Jackson, das weiß ich nicht. Bitte beantworten Sie einfach meine Frage."

Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. "Es ist das Zeichen des Propheten", sagte sie dann.

"Welches Propheten?", hakte ich nach.

"Ich weiß nicht viel darüber. Aber, als ich meinen Mann kennenlernte, hatte er eine gute Stellung in der Grand National Bank. Er war Leiter der Kreditabteilung in seiner Filiale. Aber dann ist er nach und nach unter den Einfluss dieser Leute geraten..."

"Welcher Leute?"

"Einer Art Kirche oder Sekte. Erst habe ich das nicht so ernst genommen. Ich bin sogar zu Veranstaltungen hingegangen, die diese Gruppe organisierte. Ein Mann mit langen weißen Haaren predigte vom jüngsten Gericht und gegen die Sünde. Wissen Sie, ich komme aus dem mittleren Westen. Das klang für mich alles sehr bekannt. Solche Wanderprediger gibt es da wie Sand am Meer. Ich bin gläubig, aber das was diese Prediger von sich geben, war immer schon zu engstirnig... Aber Aaron hat es sehr angesprochen. Ich habe das gar nicht so richtig mitgekriegt. Wir entfremdeten uns. Er war kaum noch zu Hause. Dann hat er plötzlich seinen Job aufgegeben, um hauptberuflich für diese Gruppe tätig zu sein. Ich will ehrlich sein: Wir standen kurz vor der Scheidung. Er lehnte das zwar prinzipiell ab, aber ich hätte das nicht mehr lange mitgemacht. Wochenlang war er auf sogenannten Seminaren, für die er unsere ganzen Ersparnisse ausgab."

"Wie heißt diese Gruppe?", fragte ich. "Die Anhänger dieses Propheten..."

"Sie nennen sich DIE AUSERWÄHLTEN DER APOKALYPSE oder so ähnlich." Sie erhob sich und ging zu dem Bücherregal, auf dem sich kaum mehr als ein Dutzend Bände befanden. Mit zielsicherem Griff nahm Mrs. Jackson einen davon heraus. Ich sah sofort das Zeichen auf dem Ledereinband. Drei Kreuze, genau so angeordnet, wie ich es auf dem Rücken von Sally Hiram gesehen hatte. Mrs. Jackson reichte mir das Buch.

"Lesen Sie sich das durch, wenn Sie sich gruseln wollen... Im Wesentlichen geht um das Ende der Welt, um die Bestrafung der Sünder und darum, dass die Erde vom Satan beherrscht wird."

"Ich würde das gerne mitnehmen", erklärte ich.

"Tun Sie das."


33

Das Gesicht des Weißhaarigen war angespannt. Er legte die Pipette zur Seite und blickte auf die dampfende Mahlzeit auf dem ovalen Tablett.

"Ich weiß, dass es mir nicht zusteht, danach zu fragen, mein Prophet", sagte eine Stimme aus dem Hintergrund. Sie gehörte dem hageren Mann, der als Möbelpacker verkleidet mit einem Komplizen dafür gesorgt hatte, das Sally Hiram jetzt hier war...

Der Weißhaarige blickte auf.

Er hob das Tablett an, reichte es dem Hageren.

"Bring du es ihr, Melvin." Der selbsternannte Prophet sprach mit einer sonoren Stimme, deren Klang Stärke und Durchsetzungsvermögen signalisierten. Eine Stimme, der man einfach nicht zu widersprechen wagte. Der Weißhaarige blickte Melvin direkt in die Augen. "Ich sehe die Unsicherheit und den Zweifel in deiner Seele..."

"Nein, ich..."

"Das Gift des Bösen ist tückisch. Lange Zeit bemerkt man seine Wirkung nicht. Man ist vielleicht sogar selbst noch davon überzeugt auf der Seite des Herrn zu stehen - doch in Wahrheit hat einen Satan längst in seinen Klauen. Und genau das ist vielleicht mit Sally passiert..."

Melvin atmete tief durch.

"Aber sie war loyal. Sie hat uns niemals verraten. Und nur mit ihrer Hilfe ist es uns gelungen, die versteinerte Seele eines Mannes wie George Hiram zu erweichen..."

Der Weißhaarige deutete auf das Tablett.

Ein beinahe mildes Lächeln erschien um seine dünnen Lippen herum.

"Vielleicht lebte sie zu lange im Einflussbereich des satanischen Systems. Vielleicht hatte sie zu viel Kontakt mit dem Bösen, als dass ihre Seele rein bleiben konnte."

"Dann hat sie sich für den großen Plan des Herrn geopfert?"

"Möglicherweise wird man das eines Tages von ihr sagen, Bruder Melvin. Aber noch ist sie nicht verloren... Wenn ihr Glaube stark genug ist, wird ihr die Pestilenz nichts anhaben können. So wie uns allen - auch wenn rings um uns herum das Sterben und das Wehklagen beginnt."

Melvin schluckte.

"Verzeih mir den Augenblick des Zweifels, mein Prophet."

"Kämpfe dagegen an, wenn das Böse sich in deine Seele schleicht und dich zu einem Diener der Sünde machen will."

Melvin nickte.

Er ging mit dem Tablett zur Tür.

Ein großgewachsener, breitschultriger Wächter mit ausdruckslosem, blassem Gesicht, öffnete sie ihm.

Dann ging Melvin einen kahlen Flur entlang. Das Neonlicht wirkte kalt.

Er erreichte eine Tür, die mit einem großen Stahlriegel verschlossen war.

Ein Wächter stand davor. Über der Schulter trug er eine Maschinenpistole. Am Gürtel hing ein Elektroschocker.

Melvin brauchte kein Wort zu sagen.

Der Wächter entriegelte die Tür.

Melvin blickte in einen Raum, der nur eine Pritsche enthielt. Ansonsten war er vollkommen kahl. Die Wände waren grau verputzt. Es gab kein Fenster. Eine Neonröhre verbreitete blauweißes Licht. Frischluft blies durch einen Lüftungsschacht herein, der hinter einem Metallgitter verborgen war. Es war kalt.

Sally lag zusammengekrümmt auf der Pritsche.

Als sie Melvin bemerkte, setzte sie sich.

Ihr Gesicht wirkte eingefallen.

Melvin setzte das Tablett neben sie auf die Pritsche.

"Mein Gott, dieses Licht... Kann das nicht mal jemand ausmachen?"

Melvin sagte ruhig: "Du weißt, was unser Prophet dazu sagt, Schwester Sally..."

"Ja, ja..."

"Die Finsternis ist das Reich des Bösen."

"Ich weiß... Ich will schlafen...Mein Gott, ich bin so müde."

"Du wirst Schlaf finden", sagte Melvin.

"Ja", flüsterte sie. Sie sah auf das Tablett. "Ihr verriegelt die Tür..."

"Weil noch der Dämon des Zweifels in dir wohnt."

"Ich weiß, dass alles richtig ist, was du sagst. Alles. Und doch..."

"Iss, Schwester Sally. Iss..."

Sie nickte.


34

Ich trat das Gaspedal voll durch. Der Sportwagen aus dem Fuhrpark des FBI-Districts New York schnellte über die Queensboro Bridge Richtung Manhattan. Milo hatte das Blaulicht auf das Dach gesetzt.

Unser Ziel war klar.

Das Gemeindezentrum der AUSERWÄHLTEN DER APOKALYPSE in der Upper East Side. Die Telefonnummer war im Menue des Handys gespeichert gewesen, das die Beamten des Stamford Police Departments bei den Leichen von Lansing und Manzaro gefunden hatten.

"Im Nachhinein könnte ich mich ohrfeigen", sagte ich und schlug mit dem Handballen gegen das Lenkrad. "Wir waren schon ganz nahe dran! Ich habe sogar schon mit diesen AUSERWÄHLTEN

telefoniert!"

"Wer soll schon gleich darauf kommen, dass sich dahinter vielleicht keine frommen Wohltäter, sondern Fanatiker verbergen, in deren Händen sich vielleicht ein Behälter mit einer tückischen Massenvernichtungswaffe darin befindet."

Milo telefonierte mit der Zentrale.

Die genaue Adresse des Gemeindezentrums der AUSERWÄHLTEN war schnell herausgefunden. Sie stand sogar im Telefonbuch.

Unsere Innendienstler sollten schon mal zusammentragen, was in unseren Archiven und Datenspeichern über diese Vereinigung zu erfahren war. Außerdem bestellten wir Verstärkung in die Upper East Side. Spezialeinheiten sollten das Gebäude umstellen. Seuchenspezialisten machten sich bereit.

Schließlich wussten wir nicht, ob der CX-Behälter sich im Gemeindezentrum der AUSERWÄHLTEN befand - und in welchem Zustand er war. Immerhin war es auch möglich, dass der Pest-Tote aus Queens das Ergebnis eines Unfalls darstellte.

"Die Vorstellung, dass eine schnelle Razzia uns in den Besitz des Behälters bringen könnte, ist wohl kaum mehr als Träumerei", meinte Milo. "Die werden doch kaum so dumm sein, das Ding in der Upper East Side aufzubewahren - unter einer Adresse, die sogar im Telefonbuch steht."

Ich zuckte die Achseln.

"Eigentlich könnte man auch annehmen, dass niemand dumm genug ist, mit Yersinia Pestis-Erregern herumzuhantieren."

"Oder diese Erreger überhaupt erst so zu verändern, dass es kein Gegenmittel mehr gibt", ergänzte Milo.

Ich konnte ihm da nur recht geben.

Aber das war nun einmal geschehen - aus welchen Motiven auch immer. Jetzt ging es darum, das Schlimmste zu verhüten.

Als wir am Ort des Geschehens eintrafen, war dort bereits die Hölle los. Die letzten hundert Meter bis zum Gebäude der AUSERWÄHLTEN, mussten wir zu Fuß zurücklegen. Überall standen Einsatzwagen herum. Die kleine Seitenstraße, in der das Zentrum lag, war ohnehin von parkenden Fahrzeugen ziemlich blockiert.

Mit kugelsicheren Westen und Maschinenpistolen ausgerüstete G-men waren überall in Stellung gegangen. Die Seitenstraße war komplett abgeriegelt.

Beamte der City Police sorgten dafür, dass der Verkehr umgeleitet wurde. Nachdem wir einigen NYPD-Beamten unsere Ausweise gezeigt hatten, woraufhin wir passieren konnten, trafen wir unseren Kollegen Fred LaRocca.

Fred war mit einem Funkgerät in der Hand damit beschäftigt, den Einsatz zu koordinieren.

"Hallo, Jesse", begrüßte er mich. "Ich hoffe, dass der ganze Zirkus hier nicht umsonst ist."

"Und wenn schon", meinte ich. "Wir müssen alles versuchen. Sind die Seuchenspezialisten da?"

"Ja."

"Ich hoffe, dass wir sie nicht brauchen."

"Du glaubst wirklich, dass der CX-Behälter dort drin ist?"

"Ich kann es nicht ausschließen. Und wenn es der Fall sein sollte, dann wissen wir nicht, ob es unter diesen AUSERWÄHLTEN vielleicht zu einer Art Panikreaktion kommt..."

Ich zog die P226 unter meiner Jacke hervor und überprüfte die Ladung.

Unsere Kollegen Medina und Caravaggio trafen ein. Sie begrüßten uns knapp. Auch sie trugen Schutzwesten.

"Wie sieht es aus?", fragte Milo mit Blick auf den Eingang des mehrstöckigen Hauses, das den AUSERWÄHLTEN DER APOKALYPSE als Gemeindezentrum diente. "Wisst ihr, ob sich jemand im Gebäude befindet?"

"Zumindest sind die Überwachungskameras intakt", meinte Fred.

Und dann gab Fred LaRocca das Signal, das den Einsatz einleitete.

G-men näherten sich von allen Seiten dem Gebäude.

Milo und ich waren unter den ersten, die den Eingang erreichten.

"Die Tür ist verriegelt", stellte Milo fest.

Ich versuchte, die Gegensprechanlage zu betätigen, während gleichzeitig per Megafon eine Aufforderung erging, die Türen zu öffnen.

Mit einer kleinen Sprengladung wurde dann das Schloss aufgesprengt. Milo stürmte mit der Waffe im Anschlag hinein, ich folgte ihm mit einem guten Dutzend G-men.

Alle Eingänge zu den Aufzügen und zum Treppenhaus wurden besetzt.

So schnell es ging, stürmten wir die langen, kahlen Flure entlang. Neonröhren brannten hier. Manche Teile des Hauses hatten keinerlei Zugang zu natürlichem Licht. Der erste Raum, dessen Tür ich mit einem Fußtritt zur Seite fliegen ließ war vollkommen kahl. Kein Möbelstück, kein Wandbehang. Lediglich ein aschgrauer Teppichboden, der unsere Schritte etwas dämpfte.

Der nächste Raum sah nicht anders aus.

"Es sieht aus, als wäre hier niemand mehr", stellte ich fest. "Wir sind zu spät gekommen."

"Aber, du hast doch gestern noch telefoniert."

"Wer weiß, wohin dieser Anruf weitergeschaltet wurde. Vielleicht habe ich mit einem Handybesitzer in L.A. gesprochen - wer will das wissen?"

Gemeinsam mit unseren Kollegen nahmen wir jeden Winkel dieses Gebäudes unter die Lupe. Ein Heer von Spurensicherern würde sich anschließend noch darüber hermachen und versuchen, auch aus noch so kleinen Rückständen irgendwelche Schlüsse zu ziehen.

"Sie müssen gewusst haben, dass wir in Kürze hier auftauchen werden", meinte Milo und ballte dabei die Fäuste.

"Klar, sie haben damit gerechnet. Fragt sich nur, wieso..."

"Wegen der Kreuze an den Körpern von Smith und..."

"Sally!" Ich nickte leicht. "Ich habe mich gestern Abend in Montego's Bar mit ihr getroffen."

"Ach, das erzählst du mir erst jetzt, Jesse?"

"Ich hielt es für nicht so wesentlich."

"Und was wollte sie?"

"Etwas Trost - dachte ich."

"Aber in Wahrheit hat sie versucht, dich auszuhorchen."

Ich nickte. "Ja."

"Ihr Verschwinden ist keine Entführung gewesen", meinte Milo. "Sondern eine Flucht..."

"Fragt sich nur, wohin."

"Jedenfalls werden wir hier wohl kaum noch etwas finden. Die Gemeinde der AUSERWÄHLTEN DER APOKALYPSE scheint auf Tauchstation gegangen zu sein. Ein beunruhigendes Zeichen, wenn du mich fragst." Milo sah mich an. Auf seiner Stirn erschienen ein paar Falten. Wir standen in einem dieser neonbeleuchteten Flure und plötzlich fragte er in die Stille hinein: "Worüber denkst du nach Jesse?"

"Ich frage mich, wie der Tod von George Hiram in all das hineinpasst."

"Smith und Sally hatten dieses Zeichen auf dem Rücken. Sie gehörten auf jeden Fall zu den AUSERWÄHLTEN."

"Bei George Hiram war nichts auf dem Rücken!"

"Vielleicht haben sie ihn ganz gezielt benutzt..."

"Hiram war doch kein Dummkopf! Er wusste doch am besten, was passieren würde, wenn Fanatiker den veränderten Yersinia Pestis-Bakterien in die Hände bekommen."

"Trotzdem liegt der Schluss nahe, dass die Einbrecher über ihn die Informationen bekamen, die sie benötigten, um den CX-Behälter an sich zu bringen."

"Wir haben immer noch keine vernünftige Erklärung dafür, weshalb Hiram nicht mehr den Laborbereich betreten durfte", stellte ich fest. Vielleicht lag da der Schlüssel.

Über das Walkie-Talkie meldete sich Clive Caravaggio.

"Heh, Jesse! Wir haben hier was."

"Wo bist du?", fragte ich.

"Am Eingang zu einem Atomschutzbunker! Mein Gott, es muss ein Vermögen gekostet haben, so ein Ding hier, mitten in Manhattan, in die Erde zu setzen!"

Ein paar Minuten später trafen wir Orry und Caravaggio vor einem kreisrunden Loch im Boden, das mit einer Metallplatte verdeckt werden konnte. Das Ganze hatte Ähnlichkeit mit einem Gulli. Metallsprossen ragten im Inneren des röhrenförmige Lochs aus dem Beton heraus. An ihnen konnte man hinabsteigen. Es war nicht viel Platz dort unten.

Einer unserer Spezialisten hatte sich unten in das Loch gequetscht und versuchte nun, die Verriegelung zu öffnen.

"Diese Schutzräume wurden im kalten Krieg steuerlich gefördert", meinte Orry.

"Aber das hier sieht mir nicht aus, als würde es noch aus den Fünfzigern oder Sechzigern stammen", dröhnte der Mann aus dem Loch heraus. "Das ist modernste Technik!"

Mit einem ächzenden Geräusch ging die Tür auf.

Clive bewegte den Kopf seitwärts.

"Das sollten wir uns mal ansehen."

Einer nach dem anderen Stiegen wir hinunter. Hinter der Tür lag ein röhrenartiger Gang, dann folgte erneut eine Tür. An den Wänden waren Schilder mit detaillierten Anweisungen.

"Sieht aus wie eine Schleuse", stellte Orry fest.

Wir passierten die nächste Tür. Neonröhren gingen selbsttätig an, sobald wir eintraten. Es waren kahle, schmucklose Flure, an denen zweckmäßig eingerichtete Räume lagen, die kaum mehr als das nötigste Mobiliar enthielten.

Aber leider nicht den geringsten Hinweis darauf, wo sich die Bewohner dieses Hauses jetzt befinden mochten...


35

Es war bereits später Abend, als im Büro von Mr. McKee eine Art Krisensitzung stattfand. Die Sitzplätze reichten nicht aus, um allen anwesenden G-men einen Platz zu bieten. Milo und ich gehörten zu denen, die stehen mussten.

Agent Greg Botelli aus dem Innendienst trug vor, was an Informationen über die AUSERWÄHLTEN DER APOKALYPSE verfügbar war.

"Es handelt sich um eine Sekte, die zunächst durch verschiedene Wohltätigkeitseinrichtungen und Angebote zur Lebenshilfe auffiel. Menschen mit seelischen Problemen oder in persönlichen Konfliktsituationen wurden besonders angesprochen. Die Gruppe angeführt von einem fast schon legendären Mann, Josiah Morgan, der sich selbst als Prophet bezeichnet. Er hat absolute Autorität innerhalb der Sekte. Die AUSERWÄHLTEN glauben an das baldige Ende der Welt. Nach einem furchtbaren Fegefeuer würde die Herrschaft Gottes anbrechen."

"Die AUSERWÄHLTEN sind nicht die einzige fundamentalistische Sekte mit solchen Vorstellungen", gab Mr. McKee zu bedenken.

"Das ist sicher richtig", nickte Botelli. "Aber die AUSERWÄHLTEN glauben, dass sie dazu ausersehen seien, zur Vernichtung der Sünder beizutragen. Josiah Morgan soll sich früher als die Sense Gottes bezeichnet haben. Zumindest in der Zeit, als er noch öffentlich als Prediger auftrat. Seit einigen Jahren hat ihn niemand mehr gesehen, der nicht zum engeren Kreis der AUSERWÄHLTEN gehört. Es gibt sogar Gerüchte, dass Morgan gar nicht mehr lebt und irgendein Nachfolger die AUSERWÄHLTREN in seinem Namen führt. Vielleicht zeigt sich der selbsternannte Prophet aber nur deshalb nicht mehr, um den Nimbus des Geheimnisvollen um ihn herum etwas zu erhöhen."

"Wie viele Mitglieder gibt es?", fragte ich.

"Da gibt es nur Schätzungen. Aber es scheint so zu sein, dass es einen sogenannten inneren Kreis gibt, der relativ klein sein muss."

"Was bedeutet die Tätowierung von drei Kreuzen zwischen die Schulterblätter?"

"Vielleicht ein Zeichen der Zugehörigkeit zu diesem engeren Kreis. Aber das ist ungesichert."

Mr. McKee sagte: "Bei allem, was wir tun, müssen wir bedenken, dass es sich bei den AUSERWÄHLTEN um eine legale Religionsgemeinschaft handelt. Bislang jedenfalls. Eine Gemeinschaft, deren Ansichten extrem sein mögen - aber in diesem Land hat jeder die Freiheit, zu glauben, was er will."

"Aber der Zusammenhang, in dem die AUSERWÄHLTEN mit dem Überfall auf MADISON GEN-TECH stehen, ist doch unstrittig!", sagte ich.

"Wir bewegen uns auf dünnem Eis, Jesse", erwiderte Mr. McKee. "Um so mehr, seit die Aktion in der Upper East Side ja wohl ein kompletter Flop war."

"Der Killer, der sich Smith nannte, der Pest-Tote aus Queens und Sally Hiram hatten diese Tätowierung", gab ich zu bedenken.

"Jesse, ich will gar nicht bestreiten, dass die Verbindung sehr wahrscheinlich ist. Ich versuche Ihnen nur klarzumachen, dass wir aufpassen müssen. Solche Organisationen haben oft ganze Armeen von Anwälten und wenn wir nicht auf der Hut sind, dann haben die uns im Handumdrehen die Hände gebunden."

"Einstweilen scheinen diese AUSERWÄHLTE jedenfalls untergetaucht zu sein", sagte Orry.

"Gibt es weitere Niederlassungen?", fragte Mr. McKee.

"Keine, die uns bekannt wären", antwortete Agent Botelli.

"Im übrigen scheint sich die Sekte im Laufe der Jahre immer mehr radikalisiert zu haben. Der Gedanke, die Sünder zu vernichten, nahm immer größeren Raum im Denken dieser Leute ein..."

"Unter diesem Gemeindezentrum befand sich ein vollständig eingerichteter Bunker", sagte ich. "Nicht einfach nur ein Atomschutzbunker, sondern ein ABC-Schutzraum. Etwa dreißig Menschen hätten dort einen Atomkrieg, eine Naturkatastrophe oder eine schreckliche Seuche ohne weiteres überleben können. Die Luft wird gefiltert und es gibt ein perfektes Schleusensystem."

"Worauf wollen Sie hinaus, Jesse?", fragte Mr. McKee stirnrunzelnd. "Dass die AUSERWÄHLTEN dort das Inferno abwarten wollten?"

"Warum nicht?"

"Der Bunker ist vermutlich noch aus den Fünfzigern."

"Nein, ist er nicht", mischte Orry sich ein. "Wir haben das überprüft. Die Anlage ist auf dem neuesten Stand und wurde erst eingebaut, nachdem der jetzige Besitzer das Gebäude erwarb."

"Wer ist das?", fragte Mr. McKee.

Orry schaute auf einen Zettel. "Eine Immobilienfirma mit Sitz auf den Niederländischen Antillen. Vermutlich eine Tarnfirma der Sekte."

"Wir sollten nach einem ABC-Schutzraum suchen", schlug ich vor. "Einen, der entweder in den letzten Jahren gebaut oder zumindest renoviert und auf den neuesten Stand gebracht wurde. Dort finden wir vielleicht Sally Hiram... und wenn wir schnell sind, unter Umständen sogar den fehlenden CX-Behälter."


36

Die Schreie waren furchtbar. Die Gesichter wirkten verzerrt.

Geschwüre entstellten sie auf furchtbare Weise.

Pestbeulen, durchzuckte es Sally.

Glasige Augen starrten sie an.

Sally schrie.

Sie schnellte von ihrer Pritsche hoch, riss die Augen auf.

Der Schweiß stand ihr auf der Stirn. Ihr Mund fühlte sich trocken an. Sie versuchte zu schlucken. Es dauerte einige Momente, bis sie begriff, dass sie geträumt hatte.

Der Raum, in dem sie sich befand war noch immer grell erleuchtet.

Das Neonlicht tat ihr in den Augen weh.

Sie erhob sich, fröstelte unter dem kühlen Luftzug, der aus dem Lüftungsgitter hereinwehte.

Sally zitterte. Nicht nur vor Kälte, auch vor Angst. Sie blickte auf das Tablett, das sie auf dem Boden abgestellt hatte. Das Besteck hatte sie auf den leeren Teller gelegt.

Ist dein Glaube stark genug?, fragte sie sich. Oder wird das Böse dich regieren...

Sie biss sich auf die Lippe.

Unruhe erfasste sie. Schweißperlen liefen ihr kalt über die Stirn. Ihr Puls raste.

In ihrem Innern hörte sie die Stimme des Propheten. "Feuer muss mit Feuer bekämpft werden, das Böse mit den Mitteln des Bösen..."

Und all die Menschen?, dachte sie.

Ihr Atem ging schneller. Sie sollte sich vor solchen Gedanken hüten. Aber sie ließen sich nicht unterdrücken. Es ging einfach nicht.

Sally sank zurück auf die Pritsche.

Wie lange bin ich schon hier, in diesem Gefängnis?, dachte sie. Sie hatte jegliches Gefühl für Zeit verloren. Sie war so müde. Unendlich müde. Aber sobald sie die Augen schloss, sah sie die Gesichter vor sich... Diese schrecklich elenden Gesichter, so entstellt von dieser grausamen Krankheit, die man die Geißel Gottes genannt hatte.


37

Die Fahndung lief auf Hochtouren. Ein ganzes Team von Innendienstlern beschäftigte sich mit nichts anderem, als sämtliche Firmen ausfindig zu machen, die ABC-Schutzräume errichteten oder renovierten. Komplettanbieter waren auf diesem Gebiet leider die Ausnahme. Schließlich waren die für diese Branche seligen Zeiten des Kalten Krieges vorbei. Die Nachfrage war nahe dem Nullpunkt. Da es kaum Spezialanbieter gab, sondern fast ausschließlich Unternehmen, die ABC-Bunker unter anderem in ihrer Produktpalette hatten oder Teile davon liefern und installieren konnten, wurde die Liste entsprechend lang. Jede einzelne dieser in den gesamten USA und Kanada verstreuten Adressen würde überprüft werden müssen.

Eine Sisyphus-Arbeit.

Und es war noch nicht einmal gesagt, dass wir fündig wurden.

Am frühen Nachmittag fuhren Milo und ich zum Firmengelände von MADISON GEN-TECH in New Rochelle, um noch einmal mit Ressing und Tremayne zu sprechen.

"Irgendwie ist das deprimierend", meinte Milo während der Fahrt. "Wir kehren an den Ausgangspunkt unserer Ermittlungen zurück..."

"Manchmal muss man das", erwiderte ich.

"Vermutlich hast du recht. Aber das heißt nicht, dass es mir gefällt, Jesse."

"Glaubst du mir, Alter?"

Eine halbe Stunde später parkte ich den Sportwagen vor dem Firmengebäude. Die bewaffneten Posten hatten uns durch das Tor hereingewunken. Wir wurden erwartet.

Tremayne und Ressing empfingen uns in einem engen Büro, das sehr sachlich und steril eingerichtet war. Die Stühle waren unbequem. Und zu unserer Überraschung war noch ein dritter Mann anwesend.

Er ging nervös am Fenster auf und ab, als wir zusammen mit Tremayne und Ressing den Raum betraten.

"Mr. Mercer", entfuhr es mir unwillkürlich. Alec Mercer, der Geschäftsführer von MADISON GEN-TECH drehte sich herum.

Er verzog das Gesicht zu einem geschäftsmäßigen Lächeln und reichte mir die Hand.

"Guten Tag, Agent Trevellian. Wie ich höre, waren Sie mit ihrer Ermittlungsarbeit bisher nicht allzu erfolgreich."

"Leider muss ich Ihnen da recht geben."

Ich blickte seitwärts. Milo und ich hatten uns bei Tremayne und Ressing angemeldet. Offenbar hatten die beiden Wissenschaftler nichts besseres zu tun gehabt, als gleich in Mercers Manhattaner Büro anzurufen.

Offenbar wollte Mercer alles unter Kontrolle behalten.

Jedes Wort, das seine Leute über die Lippen brachten.

Mich machte das mehr als misstrauisch. Mein Instinkt meldete sich. Ein Instinkt, der mich in vielen Jahren als G-man selten im Stich gelassen hatte. Etwas ist hier faul, ging es mir durch den Kopf. Ich zermarterte mir das Hirn darüber, was es sein mochte...

"Vielleicht ist es gar nicht schlecht, dass Sie auch hier sind, Mr. Mercer", meinte Milo. "Wir sind in erster Linie hier, um Antworten auf einige Fragen zu bekommen, die sich im Zusammenhang mit Dr. George Hiram stellen..."

"Ach ja?" Mercer hob die Augenbrauen. Die beiden Wissenschaftler schwiegen.

"Aus welchem Grund hatte er keinen Zugang mehr zum Laborbereich? Weshalb wurde er wie eine Art Pensionär behandelt?", fragte Milo.

"Firmeninterna", sagte Mercer schnell, bevor Ressing oder Tremayne auch nur Luft geholt hatten. "Ich sehe keinen Zusammenhang mit dem Verschwinden des CX-Behälters. Und darum geht es ja wohl."

"Es geht auch um den Mord an Hiram", warf ich ein. "Sie zeigen nicht viel Interesse an der Frage, wer Ihren Mitarbeiter umgebracht hat."

"Das ist eine Unterstellung!", ereiferte sich Mercer. "Warum tun Sie nicht einfach Ihren Job, Agent Trevellian! Aber statt dessen kommen Sie hier her und sprechen haltlose Verdächtigungen aus."

"Ich habe keine einzige Verdächtigung ausgesprochen", erwiderte ich kühl. "Und was Ihre Anwesenheit hier angeht es hat Sie niemand darum gebeten, Mr. Mercer. Tatsächlich überlege ich mir, ob es nicht besser ist, Sie einzeln zu vernehmen..."

Jetzt mischte sich Dr. Ressing ein.

"Ich finde, wir können ruhig offen darüber sprechen, Mr. Mercer..." Er wandte sich an mich. "Sehen Sie, Hiram wechselte vor zwei Jahren von Fürbringer do Brasil hier her. Eine Kapazität, von der wir uns eine Menge versprochen haben."

"Und das hat sich nicht bewahrheitet?", hakte ich nach.

Ressing zuckte die Achseln.

"Wie man es nimmt. Das Problem war, dass ihm sein bisheriger Erfolg wohl etwas zu Kopf gestiegen war. Er war einfach unfähig, in einem Team zu arbeiten."

Und Tremayne ergänzte: "Bei Fürbringer do Brasil hat er seine Abteilung mehr oder minder wie ein Alleinherrscher regiert. Aber damit lag er hier natürlich völlig daneben... Er konnte sich nicht einordnen."

"Und es hat zwei Jahre gedauert, bis Ihnen das aufgefallen ist?"

"Sie können sich Ihren süffisanten Unterton sparen, Trevellian", maulte Mercer.

"Wie wär's, wenn Sie es uns erklären", erwiderte ich.

Mercer atmete tief durch, vergrub die Hände in den Hosentaschen. "Es gab von Anfang an Probleme", erläuterte er dann in gedämpftem Tonfall. "Aber schließlich war dieser Mann für uns eine Investition, die wir nicht so schnell abschreiben wollten."

"Sie haben ihn weiter bezahlt..."

"Wir konnten aus dem Vertrag nicht raus. Jedenfalls nicht so einfach..."

Irgendwie klang das in meinen Ohren nicht sonderlich überzeugend.

Jetzt meldete sich Tremayne zu Wort. "Man soll über Tote nichts Negatives sagen, aber..." Er stockte. Dann fuhr er fort: "Ich glaube, er stand ziemlich unter dem Einfluss seiner jungen Frau..."

"Sally Hiram."

"Sie kennen Sie?", fragte Tremayne. "Ich begegnete ihr bei einem Abendessen und zu verschiedenen anderen gesellschaftlichen Anlässen. Ich glaube, sie hatte ziemlich merkwürdige Ansichten, war irgendwie etwas esoterisch angehaucht oder so..." Er zuckte die Achseln.

"Sally Hiram ist höchstwahrscheinlich Mitglied einer Sekte, die sich die AUSERWÄHLTEN DER APOKALYPSE nennt", sagte ich. "Und es gibt Grund zu der Annahme, dass der verschwundene CX-Behälter in den Händen dieser Leute ist..."

"Das klingt beunruhigend", stellte Ressing fest.

"Das ist eine Untertreibung", erwiderte ich.

"Was haben diese Leute damit vor?"

"Vielleicht den Weltuntergang etwas beschleunigen. Wie weit sind Sie mit der Entwicklung eines passenden Impfstoffes gewesen?"

"In ein bis zwei Jahren wäre er anwendungsreif gewesen", sagte Ressing.

Und Mercer fragte: "Wo ist diese Sally Hiram?"

"Sie ist verschwunden", erwiderte ich.

Mercer war jetzt etwas ärgerlich. "Warum lassen Sie uns so lange zappeln und Blut und Wasser schwitzen? Verdammt, warum erfahre ich das alles erst jetzt?"

"Ich verstehe Ihre Aufregung nicht", erwiderte ich sachlich.

"Ach, nein? Jetzt liegt doch alles auf der Hand! Die Einbrecher verfügten über Detailkenntnisse unserer Labors und Anlagen. Sie kannten die Code-Bezeichnungen, mit denen die Bakterienkulturen bezeichnet worden waren. Schließlich haben sie ganz gezielt nach einem bestimmten CX-Behälter gegriffen! Von wem können sie diese Informationen wohl gehabt haben?"

"Sie denken an Hiram und seine Frau."

"Sie etwa nicht?"

"Natürlich. Deswegen möchten wir auch unbedingt wissen, welchen konkreten Anlass es gab, um Hiram so schlagartig zu suspendieren. Die menschlichen Schwierigkeiten in Ihrem Team dauerten doch schon länger an."

Die drei sahen sich an. Sie konnten sich nicht in unserer Gegenwart absprechen, aber ich mir war klar, dass sie im Moment genau das gerne getan hätten.

Mercer meldete sich schließlich als erster zu Wort.

"Wir hatten den Verdacht, dass Hiram Daten und Proben entwendet hat. Wir dachten eigentlich daran, dass er sie der Konkurrenz zuspielen oder bei einem eventuell bevorstehenden Wechsel in einen anderen Konzern dorthin mitnehmen würde. Als eine Art Mitbringsel zum Einstand sozusagen. Allerdings hatten wir keine Beweise, die vor Gericht ausgereicht hätten.

Hiram hätte uns verklagen können. Das war einer der Gründe, weshalb wir recht großzügig zu ihm waren. Aber wie es scheint, haben wir in eine ganz falsche Richtung gedacht. Das, was Sie sagen, macht viel mehr Sinn, Mr. Trevellian." Mercer hob die Hand. Seine Gestik signalisierte Nervosität. "George Hiram muss unter dem Einfluss dieser Sekte gestanden haben! Daran kann es doch nun kaum noch einen Zweifel geben." Er wandte sich an Ressing. "Erwähnten Sie nicht, dass Hiram sich in letzter Zeit verstärkt mit religiösen Fragen beschäftigte?"

"Das stimmt", sagte Ressing. "Ich hielt das für Anwandlungen, die einer bekommt, der viel Stress hat, aber nun..."

"Und wer sollte Ihrer Meinung nach für Hirams Tod verantwortlich sein?", fragte Milo.

"Ich nehme an, diese Auserwählten", sagte Mercer schulterzuckend. "Wer weiß, vielleicht hat Hiram erkannt, auf wen er sich eingelassen hatte und hat dann versucht auszusteigen..." Mercer lächelte dünn. "Wie gesagt, es ist Ihr Job, solche Mutmaßungen anzustellen."

"Sie sagen es", nickte ich.


38

"Sie hat getobt wie eine Berserkerin", sagte Melvin.

Der Weißhaarige nickte.

Ein mildes, wissendes Lächeln stand in Josiah Morgans kantigem Gesicht.

"Das ist der Dämon, der sie beherrscht. Das Böse ist in ihr. Es ist schade um sie..."

"Noch kann sie keine Zeichen der Krankheit tragen..", gab Melvin zu bedenken.

"Ich weiß es auch so", erwiderte Morgan.

Er schloss die Augen, kniff sie geradezu zusammen. Er sah aus, als fühlte er eine große, fast übermenschliche Anstrengung. Seine Hände ballten sich zu Fäusten. Er begann zu zittern. "Ich weiß es..", murmelte er. "Ich weiß es..."

Melvin schluckte.

"Sie muss aus unserer Welt getilgt werden", sagte der selbsternannte Prophet dann in einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldete. Kalte Grausamkeit klang aus seinen Worten heraus. "Das Gift ihrer armen Seele wird sonst alle zu Dienern des Bösen machen..." Er sah Melvin sehr ernst an, legte ihm eine Hand auf die Schulter. Morgans Blick hatte in diesem Moment etwas Stechendes. "...und aus wem sollte dann die neue Menschheit hervorgehen, die nach dem großen Weltenbrand die Erde zu Gottes Wohlgefallen bevölkern wird? Komm..."

Sie gingen durch einen kahlen Flur.

Der bewaffnete Posten vor der verriegelten Stahltür sah Morgan etwas verwundert an.

Der Weißhaarige deutete auf die Verriegelung.

"Aufmachen!", befahl er.

"Aber..."

"Töte sie!"

Der Wächter blickte etwas unschlüssig drein. Mit der Rechten umfasste er den Griff der MPi, die er an einem Riemen über der Schulter trug.

Morgans Augen wurden unnatürlich groß.

Sein Gesicht veränderte die Farbe. Es wurde dunkelrot.

Die Ader an seiner Schläfe pulsierte. "Worauf wartest du?", schrie er. "Sie wird uns alle ins Verderben reißen! Töte sie! Ich kann die böse Macht fühle, die in ihr wohnt. Sie greift nach unseren Seelen!"

Morgan entriss dem Wächter die MPi.

Er lud die Waffe mit einer entschlossenen Bewegung durch.

"Aufmachen!", kreischte er.

Melvin wich zur Seite.

Der Wächter machte sich indessen daran, die Verriegelung zu lösen.

Die Tür sprang auf.

Josiah Morgan hielt die MPi in Richtung der Pritsche. Er drückte ab. Rot züngelte das Mündungsfeuer aus dem kurzen Lauf heraus. Zwanzig, dreißig Projektile zischten durch die Luft, fraßen sich in den Putz an den Wänden und durchsiebten die Pritsche. Die Wucht der Geschosse ließ die Pritsche emporschnellen. Für einen kurzen Moment schien sie zu tanzen, ehe sie durchlöchert zu Boden krachte.

Morgan hielt inne.

Sein Gesicht war eine Maske fanatischen Hasses.

Er trat einen Schritt vor, ließ den Blick durch den engen, zellenähnlichen Raum schweifen.

Ein kalter Wind wehte ihm aus dem Lüftungsschacht entgegen. Das Metallgitter, mit dem er verschlossen war, saß nicht richtig in seiner Verankerung. An einer Seite war es verbogen.

Morgan durchschritt den leeren Raum.

Von Sally Hiram war hier keine Spur mehr.

So als wäre sie niemals hier gewesen.

Der Lüftungsschacht befand sich etwa in Brusthöhe. Morgan riss mit einem wütenden Aufschrei auf den Lippen daran. Das Gitter fiel aus der Halterung heraus. Scheppernd kam es zu Boden. Dahinter lag der kreisrunde Eingang zu einem röhrenartigen Schacht. Platz genug für eine zierliche Person wie Sally Hiram. Wütend ballerte Josiah Morgan in die Finsternis dieser Röhre hinein.

Dann wirbelte er herum.

Seine Nasenflügel bebten.

"Sie darf nicht entkommen!", zischte er.


39

Am nächsten Morgen begann der Dienst etwas früher als gewohnt. Das Telefon klingelte mich aus dem Bett. Ich war sofort hellwach, als ich erfuhr, worum es ging. Unsere Innendienstler hatten in der Nacht eine heiße Spur ausgegraben. Es gab eine Firma in Paterson, New Jersey - nur ein paar Meilen jenseits des Hudson Rivers - , die vor kurzem Luftfilter und Dekontaminationsschleusen verkauft hatte, wie man sie in ABC-Schutzräumen einsetzte. Der Kunde war eine Immobilienfirma namens Parker & Sarrasco in Newark gewesen - und die gehörte zu hundert Prozent genau dem Postfach-Unternehmen auf den Niederländischen Antillen, das auch als Besitzer des Gemeindezentrums in der Upper East Side fungierte.

So etwas nannte man einen Volltreffer.

Minuten später holte ich Milo an der bekannten Ecke ab.

Ich ließ den Sportwagen mit Blaulicht über den Broadway jagen.

Selbst zu dieser frühen Stunde war hier schon Verkehr genug, um einen gehörig aufzuhalten, wenn man es eilig hatte. Ich bog in die Canal Street ein. Augenblicke später fuhren wir in den Holland Tunnel ein.

Unser Ziel lag in Jersey City.

Parker & Sarrasco besaß dort ein ehemaliges Industriegelände. Dorthin waren die Luftfilter und Dekontaminationsschleusen geliefert worden.

Jetzt wurde das Gelände von Polizeikräften aus Jersey City umstellt.

Von uns waren gut ein Dutzend Agenten auf dem Weg dorthin.

"Dein Riecher war richtig", meinte Milo anerkennend, als wir aus dem Holland-Tunnel auf der New Jersey-Seite wieder hervortauchten. "Offenbar müssen wir tatsächlich nach einem ABC-Bunker suchen..."

Ich blieb skeptisch.

Wir erreichten das Gelände von Parker & Sarrasco.

Abbruchreife Lagerhallen waren im Licht der Morgensonne zu sehen, die blutrot am Horizont auftauchte. Eine Industriebrache in guter Lage. Wenn man ein paar Jahre wartete, konnte man sie vermutlich für das Doppelte verkaufen, denn rings herum schossen die Firmen nur so aus dem Boden. Die Preise stiegen.

Einem Kollegen der Polizei von Jersey City zeigten wir unsere Ausweise. Er winkte uns hindurch.

Medina und Caravaggio waren bereits vor uns da.

Wir stiegen aus.

Orry kam auf uns zu, während Clive Caravaggio noch mit einem Kollegen der hiesigen Polizei sprach.

"Hallo Jesse", begrüßte er mich. "Ich fürchte, man hat uns alle umsonst aus den Federn geholt."

"Wieso?"

"Bis jetzt lässt sich hier nichts finden..."

"Ich dachte, diese Kontaminationsschleusen und Filter wären hier her geliefert worden!"

"Sind sie auch."

"Und?"

"Von hier aus sind sie dann offenbar weitertransportiert worden. Weiß der Geier wohin..." Orry zuckte mit den Schultern. "Einen ABC-Bunker gibt es hier jedenfalls nicht. Ich habe schon mit den Kollegen der Jersey Police gesprochen."

"Was ist mit der Immobilienfirma, der dieses Grundstück gehört?"

"Parker und Sarrasco?"

"Eine Scheinfirma dieser Sekte..."

"Angeblich ist ein Vertreter des Unternehmens auf dem Weg hier her", meinte Orry. "Kollegen von uns durchsuchen gerade die Büroräume."

"Ich hoffe, es kommt auch etwas dabei heraus", meinte Milo.


40

Eine schwarze Limousine fuhr vor. Es handelte sich um eine Sonderanfertigung mit Überlänge. Offenbar wurde in der Immobilienbranche ganz gut verdient. Die Türen öffnete sich.

Ein grauhaariger, untersetzter Mann mit hoher Stirn stieg aus.

Wir gingen ihm entgegen.

"Sanders von Parker & Sarrasco", stellte er sich vor.

Wir hielten ihm unsere Ausweise hin, die er mit einem Nicken zur Kenntnis nahm.

Orry machte keine Umschweife. Er fragte sofort nach dem Verbleib der Lieferung aus Paterson.

"Tut mir leid, ich weiß nicht, wovon Sie sprechen", erklärte Sanders mit unbewegtem Gesicht. "Wir kaufen und verkaufen Grundstücke und Gebäude, sonst nichts."

"Ich nehme an, dass über diese Lieferungen entsprechende Unterlagen bestehen", mischte ich mich ein. "Und die werden unsere Kollegen vermutlich sehr bald ans Tageslicht bringen."

Sanders atmete tief durch. "Glauben Sie, ich kenne jede Buchung unseres Unternehmens auswendig?"

"Bauteile eines ABC-Schutzraums sind keine sehr alltägliche Ware", erwiderte ich.

Orrys Handy klingelte.

Unser Kollege nahm den Apparat ans Ohr, sagte zweimal kurz hintereinander "Okay" und nickte dabei. Dann schaltete er das Gerät ab.

Anschließend wandte Orry sich an Sanders.

Das Gesicht unseres indianischen Kollegen war sehr ernst.

"Sie sollten mit uns zusammenarbeiten, Mr. Sanders. Es gibt Unterlagen, die die Lieferung beweisen. Fragt sich nur, wo das Zeug geblieben ist."

"Es handelt sich nicht um illegale Güter", war Sanders' kühle Erwiderung.

"Es geht um Entführung und Mord", sagte ich. "Und wenn Sie da hineingezogen werden wollen, dann behindern Sie ruhig weiter unsere Ermittlungen... Ihr Unternehmen befindet sich im Besitz einer Scheinfirma auf den Niederländischen Antillen, die wiederum die Tarnadresse einer obskuren Sekte darstellt. Und diese Sekte bringen wir mit den Verbrechen in Verbindung..."

"Damit habe ich nichts zu tun" sagte Sanders. "Ich habe keine Ahnung, wer die Geldgeber sind, die..."

"Schon gut", unterbrach ich ihn. "Wo sind die Sachen geblieben, verdammt noch mal?"

"Meine Güte, das ist Monate her! Ich weiß es nicht!"

Sanders schrie es beinahe. Er war sichtlich nervös. "Es kam ein Anruf" sagte er dann. "Es hieß einfach nur, dass alles abgeholt würde. Ich habe mich nicht weiter darum gekümmert."

"Warum nicht?"

"Wie Sie richtig sagten, gehört unser Unternehmen einem Konsortium auf den Niederländischen Antillen. Von dort kam die Anweisung. Es war ein Gefallen, um den man uns gebeten hat und warum sollten wir da groß fragen?"


41

Sally fühlte sich schwach und elend. Sie taumelte vorwärts.

Schweißperlen rannen ihr über das Gesicht.

Sie zitterte.

Ich muss es tun, dachte sie. Ich muss einfach...

Sie wankte die enge Seitenstraße entlang. Eine streunende Katze huschte hinter übervollen Mülleimern hervor und jagte quer über die Straße.

Sally zuckte zusammen.

Sie drehte sich um. Ihr Puls raste. Stundenlang war sie einfach nur gelaufen. Durch dunkle Straßen und enge, schmale Seitengassen. Bei jedem Geräusch war sie bis ins Mark erschrocken.

Und immer war ihr so, als würde sie beobachtet.

Sie werden mir folgen, ging es ihr durch Kopf. Es hat keine Sinn! Du bist zu schwach, Sally... Sie versuchte gegen diese lähmenden Gedanken anzukämpfen, so gut es ging.

Aber sie fühlte kaum noch Kraft in sich.

Sie lehnte gegen die Wand eines Brownstone-Hauses.

Ein Wagen bog um die Ecke. Sally drückte sich an die Wand.

Sie wartete ab. Es war schon ziemlich hell geworden.

Der Wagen jagte die schmale Straße in viel zu hohem Tempo entlang.

Sally hielt den Atem an. Sie duckte sich hinter einen rostigen Ford, den jemand halb auf dem Bürgersteig geparkt hatte.

Die Bremsen des Fords quietschten. Türen wurden geöffnet.

"Sie muss hier irgendwo sein!", rief eine heisere Männerstimme.

Sally zitterte. Sie hörte die Schritte näherkommen.

Nur Augenblicke blieben ihr.

Aber sobald sie sich erhob, würde sie ins Blickfeld der Verfolger geraten.

Sie legte sich flach auf den Boden und rollte sich unter den parkenden Wagen.

Dann verhielt sie sich still. Sie wagte kaum zu atmen.

Die Schritte hatten sie erreicht.

Sally sah nur die Füße von zwei Verfolgern.

Sie hörte ein ratschendes Geräusch, so als ob jemand eine Waffe durchlud.

"Verdammt, wo kann sie geblieben sein?"

"Jedenfalls kann sie sich nicht in Luft auflösen..."

"Hier ist sie jedenfalls nicht..."

Die Schritte entfernten sich. Sally rührte sich noch immer nicht. Eine ganze Weile noch blieb sie unter dem parkenden Wagen liegen. Auch noch, als sie hörte, wie die Verfolger in den Wagen stiegen und davonfuhren.

Tränen standen in ihren Augen.

Ich will leben, dachte sie und blanke Verzweiflung stieg in ihr auf. Für mich ist es zu spät, ging es ihr durch den Kopf.

Viel zu spät...

Es ist nicht richtig, Hunderttausende oder noch mehr Menschen umzubringen, dachte sie. Selbst im Namen des Kampfes gegen das Böse nicht... Unter der Oberfläche hatte diese Erkenntnis immer in ihr geschlummert. Aber sie war verschüttet gewesen. Verschüttet durch die mit sonorer Stimme vorgetragenen Worte des Propheten Josiah Morgan - jenem Mann, von dem Sally geglaubt hatte, er sei die Sense Gottes.

Das sind die Einflüsterungen des Bösen, hörte sie eine andere Stimme in ihrem Kopf. Und vor ihrem inneren Auge sah sie dabei Josiah Morgans kantiges Gesicht vor sich.

Sie schüttelte sich.

"Nein!", stieß sie hervor.

Verzweifelt versuchte sie, diese Gedanken abzuschütteln.

Aber sie waren einfach in ihr und würden sie weiter verfolgen. Es war ein gnadenloser Kampf, der in ihrem Inneren stattfand. Sally fühlte sich elend.

Sie kroch aus ihren Versteck hervor. Sie war ziemlich dreckig geworden.

Sie wankte vorwärts, bog in eine andere Straße ein, blickte sich alle paar Schritte um. Schüttelfrost hatte sie erfasst.

Ich habe Fieber, ging es ihr durch den Kopf. Bestimmt! Das erste Zeichen der Geißel Gottes... Oder nur Einbildung...

Alles wirbelte in ihren Gedanken durcheinander.

Es fiel ihr schwer, sich überhaupt auf etwas zu konzentrieren.

Schließlich erreichte sie eine etwas belebtere Straße. Um diese Zeit waren noch keine Passanten unterwegs. Aber es quälten sich bereits Autoschlangen durch die Straßen der Riesenstadt New York.

Wo bin ich?, dachte sie.

Sie hatte etwas die Orientierung verloren. Ihre Flucht war ein heilloses Davonlaufen gewesen. Ohne Ziel, ohne Plan. Nur diktiert von nackter Angst.

Das Zittern erfasste ihren gesamten Körper.

Sie blieb stehen.

An der nächsten Ecke sah sie eine Telefonzelle.

Sie wankte darauf zu. Mit nervösen, hektischen Bewegungen holte sie eine Handvoll Kleingeld aus den Taschen ihrer Jeans heraus. Sie steckte ein paar Münzen in den Schlitz.

Und dann wählte sie eine bestimmte Nummer.

Sie musste sich sehr konzentrieren, um sich an die Reihenfolge der Zahlen richtig zu erinnern.

Es war die Nummer des FBI Field Office von New York City.


42

Gegen Mittag waren wir zurück im Hauptquartier an der Federal Plaza.

Zusammen mit Orry und Clive saßen wir in unserem Dienstzimmer vor dem Bildschirm, um doch noch irgendeinen Strohhalm zu finden, der uns in dieser Sache weiterbringen konnte.

Max Carter von der Fahndungsabteilung schaute zwischendurch kurz bei uns herein.

"Wir haben einen Wagen gefunden, der höchstwahrscheinlich diesem mysteriösen Killer namens Smith gehörte", berichtete er uns. "Jedenfalls lag im Handschuhfach ein Führerschein mit Lichtbild - allerdings auf einen ganz anderen Namen. Milton Leclerk."

"Und?", hakte ich nach. "Haben wir irgendetwas unter diesem Namen?"

"Nein, gar nichts. Straffällig ist der Mann nie gewesen. Zumindest nicht so, dass es aktenkundig wurde. Aber vielleicht finden wir noch was raus."

Jedes Detail konnte am Ende entscheidend sein.

Milo wollte gerade aufstehen, um sich einen Becher Kaffee zu holen, da schrillte das Telefon.

Ich nahm ab.

"Hier Agent Trevellian, FBI", meldete ich mich korrekt.

Die Stimme am anderen Ende der Leitung war mir bekannt.

"Jesse..." flüsterte sie. Ich hörte ihren Atem. Eine Frau in höchster Todesangst. Die Stimme vibrierte. "Können Sie mich hören?"

Es war Sally Hiram, da gab es für mich keinen Zweifel.

Ich drückte einen Knopf und das Gespräch wurde aufgezeichnet. Ich schaltete den Lautsprecher ein, damit alle im Raum mithören konnten.

Milo ging kurz hinaus, um zu veranlassen, dass der Anruf zurückverfolgt wurde.

"Jesse, hören Sie mir gut zu..."

"Sagen Sie nur wo Sie sind, Sally!"

"Das spielt keine Rolle..."

Der Geräuschkulisse nach telefonierte sie aus einer Zelle heraus. Im Hintergrund war Motorenlärm zu hören.

"Hören Sie mich Jesse... Es wird es etwas Furchtbares geschehen! Sie werden einen grausamen Plan vollenden und ich weiß nicht..." Sie stockte. Ich hörte sie schlucken. "Ich kann nicht glauben, dass Gott das will... Ich bin so verwirrt..."

"Wer sind SIE?" fragte ich. "Die AUSERWÄHLTEN DER APOKALYPSE?"

Ich musste sie irgendwie dazu animieren weiter zu reden.

Das Gespräch durfte auf keinen Fall abreißen.

"Sie wissen davon?"

"Sie sprachen von einem Plan..."

"Die Geißel Gottes soll New York vernichten", brachte sie dann hervor. "Die U-Bahn... Von der U-Bahn aus wird sie sich über die ganze Stadt verbreiten... Mein Gott... Sie..."

"Bleiben Sie dran, Sally!", rief ich.

"Ich bin ganz verwirrt... Ich will nicht sterben!" Ich hörte sie schluchzen.

"Wenn Sie mir sagen, wo Sie sind, komme ich zu Ihnen", versprach ich. "Dann kann ich Ihnen helfen."

"Mir helfen?", echote sie.

Ihre Stimme klang müde. Fast lethargisch.

Ich fragt mich, was um alles in der Welt mit ihr geschehen sein mochte.

Plötzlich sagte sie: "Mir kann niemand mehr helfen..."

"Wo sind Sie?", fragte ich noch einmal.

"Sie kommen..."

"Wer...?"

"Die Männer des Propheten! Mein Gott!"

Das letzte war beinahe ein Schrei.

"Sally!", rief ich.

Aber es war zu spät. Die Verbindung war unterbrochen.


43

Das Gespräch konnte zu einer Telefonzelle in der Bronx zurückverfolgt werden. Wir machten uns sofort mit mehreren Wagen auf den Weg.

"Sie klang, als wäre sie wirklich in Gefahr", meinte ich unterwegs, während ich den Sportwagen über den Broadway lenkte.

"Vor allem klang sie etwas durcheinander", erwiderte Milo ziemlich nüchtern. "Jesse, es spricht viel dafür, dass sie freiwillig mit ihren 'Entführern' mitgegangen ist. Die Tätowierung deutet darauf hin, dass sie eine der AUSERWÄHLTEN DER APOKALYPSE ist. Warum sollten die es jetzt plötzlich auf sie abgesehen haben?"

"Vielleicht ist sie abtrünnig geworden..."

"Jesse!"

"Worauf willst du hinaus, Milo?"

"Ich frage mich einfach nur, ob wir nicht manipuliert werden."

"Warten wir es ab!"

Die Telefonzelle, von der aus der Anruf gekommen sein musste, lag an einer vierspurigen Straße. Wir hielten am Straßenrand, stiegen aus. Ein paar Meter dahinter parkten Clive Caravaggio und 'Orry' Medina mit einem Chevy unserer Fahrbereitschaft. Unser Kollege Fred LaRocca war mit ihnen hergefahren.

Wir sahen uns um.

Es war keine gute Gegend. Mindestens jedes zweite Haus schien leerzustehen. Hier und da waren Fenster zerstört und mit Spanplatte vernagelt. Graffitis prangten an den Wänden.

Ein herzliches FUCK OFF!, begrüßte uns in grellgelb von einer ansonsten dunkelgrauen Hauswand.

Orry nahm sich die Telefonzellen vor, die an der Ecke standen.

Es waren insgesamt vier, dicht nebeneinander.

Nur eine einzige funktionierte überhaupt. Und wie diese dem allgegenwärtigen Vandalismus hatte entgehen können, war ein Rätsel.

Die vierspurige Straße war stark befahren.

"Die Anruferin ist längst über alle Berge!" war Orry überzeugt. "Wir hätten gar nicht erst herzufahren brauchen..."

"Sie kann sich nicht in Luft aufgelöst haben", widersprach ich.

"Sie kann sonstwo sein, Jesse!" erwiderte Milo ernst.

Er hatte natürlich recht. Vor allem dann, wenn sich seine Vermutung bestätigte, dass wir manipuliert werden sollten.

Aber ich hatte ein anderes Gefühl bei der Sache.

Ich ging in die Telefonzelle und überlegte.

Ein Telefonbuch gab es nicht mehr in der Zelle.

Jemand hatte es herausgerissen.

Hier, an dieser Stelle hat sie gestanden, ging es mir durch den Kopf. Und dann hatte Sally jemanden gesehen. So musste es gewesen sein. Panik hatte sie erfüllt...

Ich verließ die Zelle.

"Wahrscheinlich haben Sallys Verfolger sie gekriegt", meinte Milo.

"Wo ist die nächste U-Bahnstation?", fragte Orry. "Ich an ihrer Stelle würde dorthin flüchten..."

"Ich glaube zwei Straße weiter", sagte Clive Caravaggio.

"Aber wer sagt uns, dass sie sich hier auskennt?"

Ein dumpfer Knall übertönte für den Bruchteil einer Sekunde den Straßenlärm.

Kurz darauf geschah dasselbe noch einmal.

Ich wirbelte herum. Zwei Schüsse. Daran gab es für mich keinen Zweifel.

"Das kam dort her!", rief Milo. Er hatte bereits seine P226 in der Hand und deutete mit der Linken in Richtung des fünfgeschossigen Hauses an der Ecke. Im Erdgeschoss war früher mal ein Lebensmittelladen gewesen. Die Reklameschilder waren zum Teil noch vorhanden. Manche hatten Sprayer in ihre Bilder einbezogen. Der Putz bröckelte von den Wänden. Hier und da wurde der Blick auf die Steinwände freigegeben.

Die oberen Geschosse waren Wohnungen.

Die Fenster waren zum Teil eingeschlagen. Das Ganze wirkte wie eine Ruine und man konnte nur hoffen, dass niemand mehr darin wohnte.

Wieder war ein Schuss zu hören.

An einer der zerstörten Fenster im zweiten Stock war für Sekunden eine dunkle Gestalt zu sehen.

Ich überlegte nicht lange.

Mit der Waffe in der Hand stürmte ich vorwärts.

Nur Sekunden später hatte ich den Eingang erreicht. Eine Tür gab es nicht mehr.

Milo war mir auf den Fersen.

Vielleicht hatte Sally Hiram sich hier her retten können und sich vor ihren Verfolgern versteckt. Es war zumindest eine Möglichkeit...

Die Aufzüge funktionierten nicht.

Es gab keinen Strom.

Mit weiten Schritten hetzte ich die Treppenstufen hinauf.

Die anderen folgten mir.

Nur Augenblicke brauchte ich, um den zweiten Stock zu erreichen. Hier waren tatsächlich früher Wohnungen gewesen, wenn man nach dem Grundriss urteilte. Allerdings war alles herausgerissen worden, was sie bewohnbar gemacht hätte. Es gab keine Türen, kaum noch unbeschädigte Fenster und selbst der Fußbodenbelag fehlte.

Ein Labyrinth.

Ich tastete mich vorsichtig vor, wandte für den Bruchteil einer Sekunde den Kopf und sah Milo, der mich von hinten absicherte.

Die P226 hielt ich mit beiden Händen.

Ich hörte Schritte.

Und Stimmen.

"Ein verdammt guter Schuss, Buddy", sagte irgendjemand.

Und dann tauchte in der nächste Sekunde eine hoch aufragende Gestalt in dem engen Flur auf. Ein Mann in schwarzer Ledermontur.

Er hielt eine große Magnum in der Linken.

Sein Gesicht verzog zu einer Maske des Entsetzens, als er in den Lauf meiner P226 blickte.

"Waffe weg! FBI!", brüllte ich.

Der Kerl in Leder grunzte etwas Unverständliches, riss die Magnum empor und feuerte sofort wild drauflos.

Ich ließ mich seitwärts fallen, prallte gegen die Wand und schoss meine P226 ab. Tückische Querschläger ritzten am Beton.

Funken blitzen auf.

Ich feuerte ein zweites Mal.

Der Kerl in Leder schrie auf. Die Kugel erwischte ihn an der Schulter seines Waffenarms. Er wurde nach hinten gerissen.

Der Schuss aus seiner Magnum ging in die Decke. Der Mann taumelte zurück, strauchelte und rutschte an der von Schimmel angefressenen Wand hinunter. Er hielt sich die Schulter.

Milo stürmte jetzt vor, während ich wieder auf die Beine kam.

Mit wenigen Sätzen war Milo bei dem am Boden Liegenden. Der versuchte, seine Waffe erneut zu heben. Aber das gelang ihm nicht. Ein Zittern ging durch seinen Arm, der ihm nicht mehr so recht zu gehorchen schien. Milo kickte ihm die Waffe aus der Hand. Sie rutschte drei Meter über den Boden.

Milo richtete die Waffe auf den Kerl in Leder.

Dieser bleckte die Zähne wie ein Raubtier.

"Alles Okay", meinte Milo.

Ich hatte mich indessen bis zu der Tür vorgearbeitet, durch den der Mann in den Flur getreten war.

Ich blickte in einen kahlen Raum.

Auf dem nackten Beton lag eine Gestalt lang hingestreckt.

Das Gesicht sah ich nur von der Seite.

Zwischen den Schulterblättern war die Jacke des Mannes durch ein Projektil zerfetzt. Eine Blutlache hatte sich gebildet.

Neben dem Toten lag eine Pistole.

Ich trat an die Leiche heran, kniete nieder und drehte den Mann etwas herum. Das Gesicht kannte ich nicht. Aber etwas ließ mich stutzen.

Er trug ein Goldkettchen um den Hals, an dem ein kleines Amulett hing. Drei Kreuze hoben sich von einer kreisförmigen Oberfläche ab.

Das Zeichen der AUSERWÄHLTEN!


44

Ich zuckte hoch, als ich ein Geräusch hörte.

Eine weitere Tür führte in einen Nebenraum.

Ich tastete mich bis dorthin vor.

Dann hörte ich Schritte aus dem Nebenraum heraus.

Als ich versuchte eben einen Blick ins Innere zu werfen, knatterte eine Maschinenpistole los. Rot züngelte das Mündungsfeuer aus einem kurzen Lauf heraus und ein Kugelhagel von mindestens dreißig Geschossen wurde in meine Richtung abgefeuert.

Blitzschnell zog ich mich zurück in meine Deckung.

Kurz nachdem der Kugelhagel verebbte, hörte ich Schritte.

Ich setzte alles auf eine Karte, stürmte in den Raum hinein und hielt dabei meine P226 im Anschlag.

Ein kühler Luftzug kam mir entgegen. Er rührte von einem zerstörten Fenster her. Einen Ausgang gab es aus diesem Raum nicht, es sei denn durch das Fenster.

Ich rannte hin.

Ein Sprung aus dem zweiten Stock ist genau so hoch, um sich dabei den Hals zu brechen.

Ich blickte durch das Fenster in einen Hinterhof.

Aber in der nächsten Sekunde musste ich mich ducken. Ein Feuerstoß von drei, vier Schüssen, ließ mich zusammenzucken. Die Kugeln ließen das Holz des längst völlig verzogenen Fensterrahmens splittern. Einen Moment später kam ich aus meiner Deckung hervor und sah eine Gestalt über den Hinterhof davonlaufen. Ein Mann, schätzungsweise etwas kleiner als der, den ich außer Gefecht gesetzt hatte. Aber er trug ebenfalls eine Ledermontur. Auf dem Rücken war in blutroten Buchstaben das Wort TERROR aufgestickt. Mit einer Hand wirbelte er die MPi herum, mit der er bewaffnet war. Ein Feuerwerk ungezielter Schüsse. Er musste ziemlich große Angst haben.

Ein paar Meter noch und er verschwand hinter der ausgebrannten Ruine eines Lastwagens, den man genauso ausgeschlachtet hatte, wie alles andere hier. Lediglich das Firmenemblem des ehemaligem Lebensmittelladens im Erdgeschoss hatte man ihm noch gelassen.

Etwa in der Mitte des Hinterhofs lag ein weiterer Toter.

Der Mann nahm eine seltsam verrenkte Stellung ein. Seine Rechte hatte sich um den Griff einer Pistole mit langgezogenem Schalldämpfer gekrallt. Er trug Schlips und Kragen, dazu ein kleinkariertes Jackett.

Der Flüchtende mit dem Wort TERROR auf der Lederjacke konnte mit seiner Ballerei dafür nicht verantwortlich sein.

Dazu war die Blutlache viel zu groß, die sich neben dem Toten gebildet hatte.

Ich blickte aus dem Fenster.

Unten befand sich ein völlig überfüllter Müllcontainer mit halbverrotetem Verpackungsmaterial.

Der Flüchtende war vermutlich dort hineingesprungen.

Wenn ich noch eine Chance haben wollte, den Kerl zu kriegen, dann musste ich das auch tun.

"Jesse! Was machst du da?", hörte ich noch Orrys Stimme, als ich bereits auf der Fensterbank war.

Ich sprang.

Der Kerl mit der MPi tauchte indessen wieder hinter dem Lastwagen hervor und feuerte in meine Richtung. Grellrot sah ich das Mündungsfeuer am Heck des Lastwagens aufblitzen.

Dann kam ich unsanft auf den Pappkartons auf, die in den Container gequetscht worden waren. Der Regen hatte sie sich mit Wasser vollsaugen lassen. Ich duckte mich, riss die P226

hoch und feuerte in Richtung des Lastwagens.

Mein Gegner zog sich zurück.

Ich rappelte mich hoch, sprang aus dem Container.

Dann setzte ich zu einen Spurt an.

Eine breite Einfahrt führte aus dem Hinterhof heraus auf eine schmale Nebenstraße.

Der Kerl mit der MPi tauchte plötzlich hinter dem Lastwagen auf und spurtete in diese Richtung.

Ziemlich ungezielt ballerte er dabei in meine Richtung.

Dann machte es 'klack!'.

Das Magazin der Maschinenpistole war leer.

Der Flüchtende verlangsamte seinen Lauf, riss das Magazin aus seiner Halterung heraus und schleuderte es davon. Mit einem harten, metallisch klingenden Laut kam es auf den Asphalt auf.

Ein Ersatzmagazin holte er aus der Jacke heraus.

Aber er hatte Schwierigkeiten, es schnell genug einzusetzen.

Ich spurtete los.

"Bleib stehen!", rief ich. "Du bist verhaftet."

Der Kerl rannte wieder schneller. Das Magazin hielt er noch in der Linken. Das bedeutete, dass er im Moment nicht auf mich schießen konnte. Ich holte auf. Das Gesicht des Flüchtigen verlor den Großteil seiner Farbe.

Der Kerl hatte die Seitenstraße erreicht, bog nach links.

Ich folgte ihm.

Die Nebenstraße ähnelte eher einem Autofriedhof. Dutzende von schrottreifen, verrosteten Fahrzeugen standen hier herum.

Die meisten davon sahen aus, als wären sie als Ersatzteillager missbraucht worden. Die Fassaden der Häuser mussten schon seit einer Ewigkeit nicht mehr erneuert worden sein.

Ich rannte hinter dem Kerl mit der TERROR-Jacke her.

Er wurde nervös.

Immer öfter drehte er sich zu mir herum.

Ich kam auf zehn Meter heran, schließlich auf fünf. Dann hatte ich ihn. Ich sprang ihn an, riss ihn zu Boden. Gemeinsam kamen wir auf dem Asphalt auf. Aber dann reagierte er schneller als ich. Er schleuderte mir das volle MPi-Magazin ins Gesicht und rammte mir gleichzeitig die ungeladene Waffe in den Magen. Ich ächzte. Eine Welle aus Schmerz und Benommenheit durchflutete meinen gesamten Körper.

Der Flüchtige war schon wieder auf den Beinen. Ich erwischte gerade noch seinen Fuß. Wieder er fiel hin. Und ehe er sich dann rühren konnte, hielt ich ihm die P226 ins Gesicht.

"Keine Mätzchen mehr", zischte ich. "Ich bin Special Agent Trevellian vom FBI. Sie sind verhaftet. Sie haben das Recht zu schweigen. Falls Sie auf dieses Recht verzichten, kann alles, was Sie von nun an sagen, vor Gericht gegen Sie verwendet werden..."

Mein Gegenüber sah mich an, als hätte er diesen Spruch nicht zum ersten Mal gehört.

Er kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. Als er den Kopf drehte, sah ich, dass er am Hals eine Narbe hatte, die sich vom Ohrläppchen fast bis zum Adamsapfel hinzog. Sie sah aus wie aus einer Messerstecherei.

Der Mann verzog das Gesicht zu einer zynischen Grimasse.

"Was soll das werden?", fragte er dann.

"Genau das, was ich gesagt habe! Sie werden uns eine Menge erklären müssen. Und so, wie das für mich auf den ersten Blick aussieht, wird eine Anklage wegen Mordes dabei herauskommen."

"Da sei dir mal nicht zu sicher, G-man!"

Ich erhob mich.

"Aufstehen!", sagte ich.

Er gehorchte. Dann wies ich ihn an, mit erhobenen Händen die paar Meter bis zur nächste Hauswand zu gehen. Dort stellte er sich hin. Ich durchsuchte ihn nach Waffen. Außer der MPi hatte er nur noch einen Schlagring bei sich. Papiere hatte er auch bei sich. Einen Führerschein auf den Namen David Lennox.

Außerdem trug er ein Handy bei sich.

Auch das nahm ich an mich.

"Warum haben du und dein Komplize die beiden Männer umgebracht?", fragte ich. "Den im zweiten Stock und den im Hinterhof..."

"Du machst 'nen gewaltigen Fehler, G-man! Glaub mir..."

"Nein, der Fehler liegt auf deiner Seite!"

"Du wirst es noch sehen und dir wünschen niemals so eine Dummheit begangen zu haben!", zischte er zwischen den Zähnen hindurch.

"Mach dir um mich mal keine Sorgen", erwiderte ich kühl.

Ich registrierte, dass jeder Muskels, jede Sehne seines Körpers angespannt waren. Wie eine Raubkatze, kurz vor dem entscheidenden Sprung, mit dem sie ihre Beute erlegt.

Ich musste auf der Hut sein.

Trotz der Tatsache, dass ich im Moment eine P226 in der Hand hielt, während er unbewaffnet war.

"Hände auf den Rücken!", befahl ich.

Er gehorchte.

Ich nahm die Handschellen von meinem Gürtel, legte sie im an und ließ sie ins Schloss schnappen.

"Wie gesagt, ein großer Fehler, G-man. Dies ist UNSER Gebiet. Hier hat niemand etwas zu sagen... Hier regieren nur wir..."

"War das auch der Grund, weshalb ihr die beiden über den Jordan geschickt habt?"

"Das verstehst du nicht, du Cop!"

"Ich an deiner Stelle würde langsam den Mund aufmachen."

"Ach, ja?"

"Besser für dich! Ansonsten kommt dir dein Komplize zuvor und das kann für dich nur von Nachteil sein."

Er verzog verächtlich das Gesicht.

Dann spuckte er aus.

Ich holte indessen das Handy aus der Innentasche meiner Lederjacke heraus. Den Lauf der P226 hielt ich dabei nach wie vor in David Lennox' Richtung.

Ein Knopfdruck und ich hatte Milo am Apparat.

"Ich hab den Flüchtigen", sagte ich.

In diesem Augenblick brausten zwei Geländewagen um die Ecke. Reifen quietschten. Es waren große, sechssitzige Chrysler.

Die Wagen bremsten.

Die Türen sprangen auf.

In dunkles Leder gekleidete Gestalten sprangen heraus.

Ich wirbelte herum, packte den Gefangenen und stellte ihn vor mich, während mit einem scharf klingenden Ratsch die Waffen der Ledermänner durchgeladen wurden.

Mit grimmigen Gesichtern starrten sie in meine Richtung.

Ich blickte in die Läufe von mehr als einem Dutzend Maschinenpistolen.

"Ich dachte schon, ihr kommt gar nicht mehr!", knurrte Lennox.


45

Mein Handy war noch auf Empfang. Milo konnte mit anhören, was hier geschah.

"Wir lassen dich gehen, wenn du unseren Mann freilässt!", sagte einer aus der düsteren Gang. Er kaute die ganze Zeit auf irgendetwas herum, so dass man ihn ziemlich schlecht verstehen konnte.

"Na, dann kann ich ja wohl gehen", meinte Lennox selbstbewusst.

Ich drückte ihm die P226 in den Rücken.

"Du bleibst, wo du bist!", erwiderte ich.

Lennox erstarrte.

Einige Sekunden lang herrschte angespanntes Schweigen.

Niemand rührte sich.

"Du hast keine Chance, G-man!", meinte Lennox dann. "Meine Leute machen aus dir ein Sieb, wenn du dich hier weiter wie ein Paragraphenreiter aufführst..."

"Deine Leute wissen hoffentlich, dass auf Polizistenmord im Staat New York die Todesstrafe steht!"

Ich bewegte mich rückwärts, in Richtung der Einfahrt zum Hinterhof. Lennox zog ich mit mir.

"Was soll das denn, unternehmt doch was, verdammt!"

Seine Gang stand ratlos da.

Sie konnten nicht schießen, ohne auch Lennox zu treffen.

Schritt um Schritt wich ich zurück und zog dabei Lennox mit mir. Dann hörte ich Schritte in meinem Rücken.

Ein Ruck ging durch die Gang, als sie Milo mit der Waffe im Anschlag auftauchen sahen. Ein Wagen bog um die Ecke und sauste in die enge Seitenstraße hinein. Die Bremsen quietschten. Es war der Chevy, mit dem Caravaggio und Orry gekommen waren. Die Türen gingen auf. Unsere Kollegen sprangen aus dem Wagen. Mit der Waffe im Anschlag gingen sie in Deckung.

Im Hintergrund waren aus der Ferne Sirenen von Polizeifahrzeugen zu hören.

Jezt rissen den Gang-Mitgliedern die Nerven. Die Maschinenpistolen knatterten los. Die Scheiben des Chevy zerbarsten. Orry hechtete hinter einen abgestellten Buick, der fast nur noch aus Rost zu bestehen schien, und feuerte zurück.

Clive hatte Deckung hinter dem Chevy gefunden. Nur für den Bruchteil einer Sekunde wagte er es, dahinter hervorzutauchen.

Die Mündungsfeuer züngelten rot aus den MPis heraus. Die Projektile sprengten ganze Steinbrocken aus den Hauswänden heraus.

Milo gab mir Feuerschutz so gut er konnte.

Ich zog Lennox mit mir. Nach ein paar Schritten hatten wir die Einfahrt erreicht. Hinter einem Mauervorsprung gab es notdürftige Deckung.

Die Sirenen wurden indessen immer lauter.

Offenbar hatte einer meiner Kollegen zuvor Verstärkung vom zuständigen Revier der City Police angefordert.

Unseren Gegnern wurde die Situation jetzt offensichtlich zu heiß. Sie stiegen in ihre Wagen. Dabei ballerten sie wie wild um sich, ohne richtig zu zielen. Ihre Feuerkraft war der unseren haushoch überlegen. Türen klappten zu. Die Motoren der beiden Chrysler heulten auf. Einer der Geländewagen setzte zurück, rammte einen der abgestellten Wracks und drehte dann mit quietschenden Reifen. Eine Mülltonne wurde ein paar Meter später auf den Kühlergrill genommen und flog im hohen Bogen durch die Luft. Das scheppernde Geräusch übertönte für einen Moment sogar die Schießerei und die Motoren.

Der zweite Wagen versuchte auf ähnlich abenteuerliche Weise zu wenden, blieb aber an einer Straßenlaterne hängen.

Als der Geschosshagel, der auf uns abgefeuert wurde, für einen Moment nachließ, tauchte Orry aus seiner Deckung hervor. Ein gezielter Schuss folgte, der aber anstatt des linken Hinterrades nur das Blech des Kotflügels traf. Funken sprühten.

Der Chrysler schlug einen Haken.

Aus dem Fenster ragte der Lauf einer MPi heraus. Die Waffe knatterte los.

Orry feuerte noch einmal.

Ein Reifen platzte.

Der Geruch von verbranntem Gummi verbreitete sich.

Mit Mühe blieb der Chrysler auf der Fahrbahn. Die blanke Felge schrammte über den Asphalt. Die Funken sprühten so hoch wie bei Schweißarbeiten. Dann jagte er in einen uralten VW

Käfer hinein. Dem Fahrer gelang es einfach nicht, das Fahrzeug unter Kontrolle zu halten. Es gab einen dumpfen Knall. Und Sekunden später einen zweiten, als der andere Geländewagen von hinten aufprallte.

Die Sirenen wurden jetzt geradezu ohrenbetäubend. Von vorne tauchte ein Einsatzwagen des NYPD auf, kurz danach ein zweiter und ein dritter. Auch von der anderen Seite kamen Polizeifahrzeuge. Wenn die City Police sich in eine Gegend wie diese wagte, dann in der Regel nur mit massivem Aufgebot.

Die Männer in den beiden Chryslers saßen in der Klemme.

Und sie begriffen das jetzt auch.

Sie hatten keine Chance mehr, zu entkommen.

Die Schießerei verebbte.

Eine Megafonstimme forderte die Insassen der Chryslers dazu auf sich zu ergeben.


46

Lennox war ein alter Bekannter. Bereits eine Telefonabfrage in der Zentrale wies ihn als hochrangiges Mitglied der sogenannten T-Gang aus, die unseren Erkenntnissen nach den Crack-Handel in einem Dutzend Straßenzügen kontrollierte.

T stand für TERROR.

Lennox war mehrfach vorbestraft.

Ich ging mit ihm erst zu der Leiche im Hinterhof, dann zu der im zweiten Geschoss. Er zeigte keinerlei Regung, verzog nur verächtlich das Gesicht.

"Warum mussten diese Leute sterben?", fragte ich.

"Ich habe doch das Recht zu schweigen, oder? Hast du doch selbst gesagt.."

"Das ist richtig."

"Also mache ich Gebrauch davon."

"Hör mal..."

"Bist du schwer von Begriff, G-man, oder was ist los?"

Ich atmete tief durch. Ich musste mir Mühe geben, ruhig zu bleiben. Er versuchte, mich zu provozieren, aber wenn ich mich darauf einließ, hatte ich noch schlechtere Karten, mit ihm ein Stück weiterzukommen.

Es ging hier schließlich nicht nur um die Aufklärung eines Doppelmordes oder die Ausschaltung einer kriminellen Gang.

Es ging um viel mehr.

Vielleicht um die Existenz einer ganzen Stadt...

Ich zeigte Lennox eines der Fahndungsfotos, die wir von Sally Hiram hatten. Das Bild stammte aus ihrer New Yorker Wohnung. "Haben Sie diese Frau schon einmal gesehen?", fragte ich.

Er schüttelte den Kopf.

"Nein."

"Sie hat etwa eine Viertelstunde, bevor wir Sie hier erwischt haben von der Telefonzelle an der Ecke aus mit uns gesprochen."

"Na und? Was hat das mit mir zu tun? Ich kenne die Lady nicht und damit basta."

"Du steckst bis zum Hals im Dreck", sagte ich. "Vielleicht solltest du mal etwas tun, was man dir am Ende positiv anrechnen könnte..."

"Vergiss es, G-man!", zischte er.

Ich ließ ihn abführen.

"Ein harter Brocken", meinte Milo, der das Gespräch mitangehört hatte. "Vielleicht bekommen unsere Vernehmungsspezialisten ja etwas aus ihm heraus."

"Hoffentlich."

Der Gerichtsmediziner betrat den kahlen Raum, in dem wir den ersten Toten gefunden hatten. Es handelte sich um den Pathologen Dr. Gallimard, den ich schon von anderen Einsätzen her kannte. Er grüßte uns knapp.

"Haben Sie sich den Toten draußen im Hinterhof schon angesehen?"

"Nein."

"Ich möchte wissen, ob er eine Tätowierung zwischen den Schulterblättern hat. Die Sache eilt. Ich will Ihnen nicht ins Handwerk pfuschen, aber ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn wir das noch hier am Tatort überprüfen könnten."

Gallimard nickte.

"Das geht in Ordnung, Jesse."

"Gut."

"Nehmen wir mal an, die beiden gehörten zu den AUSERWÄHLTEN", meldete sich Milo zu Wort. "Sie waren hinter Sally Hiram her. Sie erwähnte doch so etwas am Telefon."

"Ja."

"Vielleicht ist sie hier her geflüchtet. Es gab eine Schießerei..."

"Und die T-Gang glaubte, dass ihre Konkurrenz die Finger nach dieser Gegend ausstreckt", schloss ich. "Schließlich glauben die ja, dass sie das alleinige Tötungsrecht in der Gegend haben..."

"Genau so, Jesse."

Ich nickte düster.

"Möglich. Aber das beantwortet noch immer nicht die Frage, wo Sally jetzt ist."

"Ich hoffe nur, dass wir sie nicht noch hier irgendwo auffinden. Mit einer Kugel im Kopf."

"Und wenn sie flüchten konnte? Wenn diese T-Gang ihr - ohne es zu beabsichtigen - das Leben rettete?" Ich überlegte.

"Sie kann hier überall stecken. Aber wenn wir ihr Foto herumzeigen, wird man uns nicht viel sagen. Die Leute wissen, dass die T-Gang hier regiert und das man besser die Klappe hält, wenn ein Cop eine Frage stellt."

"Ich verstehe nur nicht, weshalb sie sich dann nicht bei uns meldet, Jesse."

"Wir sind für sie eine Ausgeburt des Bösen, Milo. Der ganze FBI, der gesamte Staat, die Regierung, alle. Sie dienen dem Satan. Jedenfalls in Sallys Weltbild."

"Aber sie hat dennoch gedacht, dass sie uns irgendwie vor ihren eigenen Leuten warnen muss", gab Milo zu bedenken. "Für mich riecht das äußerst faul. Vielleicht ist sie gar nicht bedroht gewesen und alles ist nur ein perfides Spiel mit der Angst..."

"Kann man nicht ausschließen", gab ich zu. Wer immer damit drohte, Yersinia Pestis-Erreger in der Subway auszusetzen, spielte ein Spiel mit der Panik von Hunderttausenden. So oder so. Aber ob Sally Hiram daran beteiligt war, mochte ich nicht entscheiden.

Ihre Angst war echt gewesen, davon war ich überzeugt.

Ich dachte an die erste Begegnung mit dieser Frau.

Als sie mich mit einem Revolver in der Hand begrüßt hatte.

Auch da war sie in Panik gewesen.

"Uns fehlen immer noch ein paar entscheidende Mosaiksteine in diesem Puzzle", brummte ich düster.


47

Dr. Tremayne und Dr. Ressing betraten den sachlich eingerichteten Konferenzraum. Der Tisch war oval und erinnerte an den Stil der Sechziger.

"Setzen Sie sich", sagte Alec Mercer.

Die beiden Wissenschaftler gehorchten wortlos.

"Sie äußerten am Telefon, dass sie uns gerne gesprochen hätten", stellte Ressing fest. Mercer nickte. Er wirkte etwas nervös, hatte die Hände tief in den Hosentaschen vergraben.

Die Krawatte war gelockert, die Ärmel hochgekrempelt.

Die Sekretärin brachte ein Tablett mit einem Kaffee-Service.

Mercer sagte kein Wort, bis die Sekretärin nicht den Raum verlassen hatte.

"Ich habe Sie hier her gebeten, um ungestört mit Ihnen reden zu können. Ungestörter, als in New Rochelle. Sie wissen, dort sind viele Ohren..."

"Worum geht es?", fragte Ressing kühl.

"Nichts Besonderes...." Mercer sah die beiden Wissenschaftler sehr ernst an, atmete tief durch und sagte dann: "Ich möchte nur zum Ausdruck bringen, dass ich Ihre Loyalität zu unserem Unternehmen sehr zu schätzen weiß. Ich meine insbesondere damit, wie Sie sich verhalten haben, als diese beiden FBI-Agenten Sie in die Mangel genommen haben."

"Das ist doch selbstverständlich", sagte Ressing.

"Schließlich liegt es nicht in unserem Interesse, dass MADISON GEN-TECH in Schwierigkeiten gerät."

"Das ist eine Einstellung, die ich nur unterstützen kann, Dr. Ressing. Leider gibt es ab und zu auch Mitarbeiter, die nicht verstehen, dass der Egoismus des Einzelnen sich am besten verwirklichen lässt, wenn man Teil einer starken Gruppe ist..."

Tremayne wirkte etwas in sich gekehrt. Er hatte den Kaffee noch nicht angerührt, tickte mit den Fingern auf dem Tisch.

Mercer registrierte das.

"Nun", fuhr der Geschäftsführer von MADISON GEN-TECH dann fort. "Ich habe Sie nicht nur her gebeten, um Lobreden auf Sie halten oder mich zu vergewissern, dass Sie nicht plötzlich doch noch Ihre Meinung ändern, was gewisse Fragen angeht..." Mercer setzte sein geschäftsmäßiges Haifischlächeln auf. "Sie sollen wissen, dass die Konzernleitung Ihre Einstellung auch finanziell zu würdigen weiß..."

"Sie wissen, dass das nicht nötig gewesen wäre!" sagte Ressing. "Es geht mir um die Sache..."

"Natürlich. Aber eine kleine Zuwendung erleichtert es Ihnen vielleicht, auch in Zukunft stark zu bleiben..." Mercer beugte sich vor. Sein Gesicht hatte jetzt etwas Falkenhaftes.

"Keiner von uns weiß, was noch geschieht. Ob diese FBI-Agenten sich nicht vielleicht noch weiter in irgendwelchen Details verbeißen, die eigentlich bedeutungslos sein sollten... Die Firma hat sich entschlossen, Ihnen beiden in gewisser Weise den Rücken zu stärken - wenn Sie verstehen, was ich meine."

Tremayne und Ressing schwiegen.

Ressings Gesicht blieb reglos.

Tremayne wich Mercers Blick aus.

Mercer sagte: "Natürlich kann ich Ihnen Ihren Extra-Betrag nicht einfach auf Ihr Konto überweisen."

"Was schlagen Sie vor?", fragte Ressing.

"Richten Sie ein Nummernkonto in Zürich ein. Sobald Sie das getan haben, sagen Sie mir Bescheid und dann läuft alles wie von selbst..."

"Gut", sagte Ressing.

Mercer wandte sich an Tremayne. "Sind Sie auch damit einverstanden?"

"Natürlich", erwiderte er kaum hörbar.

"Gibt es sonst noch etwas zu besprechen?", fragte Ressing.

"Nein, das wär's. Nur noch soviel: Falls dieser Trevellian und sein Kollege nochmal bei Ihnen auftauchen sollten, wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie mir wieder Bescheid sagen würden.

Und zwar unverzüglich."

"Sicher."

"Dann hätten wir alles besprochen."

Die beiden Wissenschaftler erhoben sich. Mercer reichte erst Ressing, dann Tremayne die Hand. Mercer begleitete die beiden in Richtung Tür und öffnete sie. Tremayne zögerte hindurchzugehen.

"Mr. Mercer", begann er.

Mercer hob die die Augenbrauen.

"Was gibt es noch?"

"Ich weiß nicht, ob es richtig war, was..."

"Natürlich war es richtig, Dr. Tremayne. George Hiram ist tot, daran lässt sich nichts mehr ändern. Aber wir müssen aufpassen, dass wir nicht in den Strudel der Ermittlungen hineingeraten. Und das kann schneller geschehen, als Sie glauben. Mit weitreichenden Folgen, die niemand von uns verantworten könnte."

Tremayne zuckte die Achseln.

"Vielleicht haben Sie recht", murmelte er. "Es war nur so ein Gedanke..."

Mercer fasste den Wissenschaftler bei der Schulter. "Die Nerven behalten, Tremayne! In ein paar Wochen ist das alles vergessen!"

"Hoffen wir's!"

"Unser Unternehmen wurde mit Optimismus aufgebaut! Vergessen Sie das nicht, Tremayne!"


48

Wir suchten zusammen mit unseren Kollegen die ganze Gegend ab. Aber von Sally Hiram gab es keine Spur. In der U-Bahnstation, die zwei Straßen weiter zu finden, waren die Überwachungskameras einen Tag zuvor Opfer der Zerstörungswut geworden. Unbekannte hatten sich einen Spaß daraus gemacht, die Kameras mit Schrotflinten zu zerstören. Noch waren keine neuen Geräte installiert. Für uns bedeutete das, dass wir nicht feststellen konnten, ob Sally Hiram es vielleicht bis hier her geschafft und dann die Subway benutzt hatte.

Am Abend saßen wir ziemlich ernüchtert in unserem Dienstzimmer. Orry und Clive waren auch dabei.

"Im Grunde stehen wir ziemlich nackt da", meinte Orry und brachte damit die Situation ziemlich genau auf den Punkt.

Und Milo meinte: "Die wichtigste Frage ist für mich, wie ernst wir das nehmen können, was Sally Hiram am Telefon gesagt hat!"

"Wir könnten natürlich das gesamte Subwaynetz für ein paar Wochen schließen", meinte ich ironisch. "Leider würde uns das nur nichts nützen..."

Die Wahrheit war, dass wir kaum etwas dagegen unternehmen konnten, wenn es die AUSERWÄHLTEN tatsächlich darauf anlegten, die Pesterreger unter die Bevölkerung zu bringen.

Die U-Bahn war nur einer der neuralgischen Punkte, die es in dieser Hinsicht gab.

Die Toten in der Bronx hatten keine Papiere bei sich gehabt. Bis jetzt waren sie unidentifiziert. In unseren Dateien und Archiven waren sie nicht zu finden. Weder über einen Abgleich der Fingerabdrücke noch durch einen Computervergleich der Gesichter. Ganz in der Nähe des Tatorts hatten wir einen Wagen gefunden, den die beiden benutzt hatten. Jedenfalls war er auch im Inneren voll von ihren Fingerabdrücken. Eine Überprüfung ergab, dass der Wagen auf einen gewissen Greg Vincenzo aus Brooklyn zugelassen war.

Der hatte ihn jedoch am Tag zuvor als gestohlen gemeldet.

Damit endete auch diese Spur.

"Wir müssen herausfinden, wo die Teile für den ABC-Bunker geblieben sind", war ich nach wie vor überzeugt. "Ich glaube, dann haben wir ihr Nest..."

Clive zuckte die Achseln.

"Das sagt sich so leicht..."

Und Orry ergänzte: "Die Teile sind von einem abgelegenen Gelände weggebracht worden. Es gibt keine Zeugen. Was sollen wir da machen? Die Teil können wer weiß wohin gegangen sein."

Er hatte leider recht.

Aber der Gedanke, dass da eine Gruppe von Menschen irgendwo unter der Erde abwartete, bis über ihnen der Weltuntergang stattfand, gefiel mir einfach nicht.

"Vielleicht wissen wir morgen mehr", meinte Milo, aber der ernste Blick, mit dem er mich ansah, strafte seinen Optimismus lügen. "Immerhin dürften morgen früh ein paar interessante Berichte der Spurensicherung auf unserem Schreibtisch liegen..."


49

Alec Mercer fühlte sich sichtlich unwohl, als er das WONDERLAND betrat, eine Oben-ohne-Bar in der Nähe des Times Square. Auf einer Drehbühne tanzten ein paar kurvenreiche Girls. Die paar Quadratzentimeter Stoff, die sie noch auf der Haut trugen, fielen in dem glitzernden Lasergewitter nicht weiter auf.

Mercer drängelte zwischen den Gästen hindurch.

Schließlich erreichte er die Bar.

Er setzte sich auf einen der Hocker und lockerte die Krawatte. Es war schrecklich heiß hier.

Eine dunkelhaarige Schöne im hautengen Nichts drängte sich an ihn.

"Wie wär's, wenn du mal was bestellst", säuselte sie, gerade noch laut genug, dass man es durch die Musik hindurch verstehen konnte.

"Ich will zu Ricky!", sagte Mercer.

"Ja, ja, später..."

"Hör zu, ich will zu Ricky Benson! Und wenn du mir da nicht helfen kannst, dann hau ab und lass mich in Ruhe!", fauchte Mercer. Das Girl sah ihn etwas irritiert an.

Der Mixer kam herbei. Ein baumlanger Kerl, breite Schulten und völlig haarloser Schädel. "Gibt es Probleme?", fragte er.

"Ich will zu Ricky Benson!"

"Hören Sie, Mister! Wenn Sie hier Ärger machen wollen, dann..."

"Sagen Sie ihm, dass Mercer hier ist!"

"Einen Moment", knurrte der Mixer, ging zu einem Telefon, das an der Wand hing und nahm den Hörer ab. Mercer konnte nicht verstehen, was der Mixer sagte.

Einen Augenblick später kehrte er zurück.

Er deutete quer durch den Raum, vorbei an den tanzenden Girls.

"Sehen Sie die Tür?"

"Ja", sagte Mercer.

"Den Flur entlang, dann das erste Zimmer rechts."

Die dunkelhaarige Schönheit zog einen Flunsch, als Mercer an ihr vorbeiging.

Mercer ging quer durch den Raum.

Die Girls räkelten sich im Laserlicht. Die Musik dröhnte dabei stampfend aus den Lautsprechern.

Mercer erreichte die Tür.

Er betrat den Flur.

Vor der Tür zu Ricky Bensons Büro stand ein breitschultriger Gorilla. Der Griff einer Automatik ragte aus seinem Hosenbund heraus.

"Gehen Sie rein, Mercer! Mr. Benson erwartet Sie!", knurrte er.

Der Gorilla öffnete die Tür.

Das Büro war eng und ziemlich ungemütlich. Die Luft war kaum zu atmen. Dicke Schwaden von Zigarrenrauch schwebten über dem Schreibtisch.

Ricky Benson war ein dunkelhaariger Mann in den Dreißigern.

Im rechten Mundwinkel steckte eine lange Havanna.

"Sie haben sich einen ungünstigen Zeitpunkt für einen Besuch ausgesucht, Mercer", sagte Benson. "Ich habe 'ne Menge zu tun..."

"Ich brauche vielleicht nochmal Ihre Hilfe, Ricky."

Ricky Benson lachte.

Dann wurden seine Augen schmal.

"Was ist passiert?"


50

"Gegen Lennox und seinen Komplizen von der T-Gang liegt genug vor, um sie aus dem Verkehr zu ziehen", stellte Mr. McKee am nächsten Morgen fest. Er nippte an seinem Kaffeebecher. "Bis jetzt verweigern die Festgenommenen zwar jede Aussage, aber die Sachbeweise sprechen eine deutliche Sprache. Leider kann ich mich über die Festnahme dieser Crack-Gang so lange nicht richtig freuen, wie ich weiß, dass ein paar Wahnsinnige irgendwo da draußen mit einem Behälter voller Pest-Erreger herumlaufen!"

Unsere Bilanz war deprimierend. Die Auswertung des Beweismaterials, das in den Büroräumen von Parker & Sarrasco beschlagnahmt worden war, hatte bislang keinen Hinweis auf den Verbleib jener mysteriösen Bauteile ergeben, mit denen vermutlich ein ABC-Schutzraum ausgerüstet worden war.

Auf die Identität der beiden Toten aus der Bronx gab es keinerlei Hinweise. Und Sally Hiram hatte sich nicht mehr gemeldet. Welchen Schluss man auch immer daraus ziehen mochte.

Immerhin gab es einen Hinweis aus Florida, New York State.

Es ging um den Wagen, mit dem die Mörder von George Hiram geflohen waren und den sie später im Wald zurückgelassen hatten.

Der County Sheriff war auf eine Tankstelle 20 Meilen nördlich vom Lake Floria gestoßen, wo ein Wagen gleichen Typs aufgefallen war. Von einem der Insassen gab es eine ziemlich genaue Beschreibung. Groß, schlank, dunkelhaarig mit einem Muttermal über der linken Augenbraue.

Orry und Clive wurden beauftragt, die Sache zu überprüfen.

Milo und ich fuhren nach West New York in New Jersey.

Unsere Fahndungsabteilung hatte herausbekommen, dass Sally Hiram dort eine Schwester hatte. Die einzige lebende Verwandte, von der wir etwas wussten.

Sie hieß seit ihrer Hochzeit Ann Gardener und wohnte in einem zehnstöckigen Haus in der Lincoln-Street. Selbst bei diesigem Wetter konnte man von hier aus die Skyline von Manhattan auf der anderen Seite des Hudson sehen.

Ann Gardener wohnte ihm 8.Stock. Zusammen mit ihrem Mann betrieb sie eine Zahnarztpraxis. Praxis und Wohnräume nahmen zusammen beinahe die ganze Etage ein.

Die Gardeners hatten die Praxis heute noch nicht geöffnet.

Sie waren beim Frühstück, als wir an ihrer Wohnungstür klingelten.

"Agent Trevellian und Agent Tucker vom FBI", stellte ich uns vor, als Ann uns die Tür öffnete. Ihr Mann stand ein paar Meter dahinter. Ich hielt Ann meinen Ausweis hin.

"Was wollen Sie von uns?", fragte Mr. Gardener.

Ich wandte mich an Ann. Die Ähnlichkeit war frappierend.

"Wir möchten Ihnen ein paar Fragen über Ihre Schwester stellen", erklärte ich.

Ann wandte sich etwas hilfesuchend zu ihrem Mann herum, rieb dabei die Handinnenflächen nervös aneinander.

"Ich... Wir..." Sie atmete heftig. "Ich habe sie schon lange nicht mehr gesehen", sagte sie. "Aber kommen Sie doch erst einmal herein."

Eine Minute später hatten wir in der Sitzecke des Wohnzimmers Platz genommen.

"Was ist mit Sally?", fragte Ann dann fort.

"Sie ist verschwunden", erklärte ich wahrheitsgemäß.

"Vermutlich wurde sie erst entführt und ist jetzt vor ihren Entführern auf der Flucht." Ich fasste ihr die Situation so knapp wie möglich zusammen. Lediglich eine Tatsache ließ ich aus. Ich erwähnte nicht, dass Sally am Telefon davon gesprochen hatte, dass die AUSERWÄHLTEN Pest-Erreger in der Subway aussetzen wollten.

Ann hörte meinem Bericht mit versteinertem Gesicht zu.

Als ich geendet hatte, seufzte sie hörbar.

"Wissen Sie, ich hatte in letzter Zeit nicht viel Kontakt mit Sally. Sie war irgendwie... entrückt. Verstehen Sie, was ich meine? Vermutlich nicht."

"Seit wann gehörte sie den AUSERWÄHLTEN DER APOKALYPSE an?", fragte ich.

"Vielleicht seit drei Jahren. Sie hat damals noch bei uns gewohnt. Nach dem viel zu frühen Tod unserer Eltern habe ich mich etwas für sie verantwortlich gefühlt... Sie hat mich sogar einmal in dieses Gemeindezentrum mitgenommen, das die AUSERWÄHLTEN unterhalten. Ich weiß nicht, ob es noch immer in der Upper East Side ist. Jedenfalls stieß mich dieses Gerede von der Endzeit und dem blutrünstigen Strafgericht sehr ab."

"Aber Sally hat es fasziniert."

"Ja. Sie entfernte sich immer mehr von uns."

"Kennen Sie Ihren Mann?"

"George? Ja, bei der Hochzeit haben wir ihn kennengelernt. Er wurde ermordet... Ich hatte eigentlich gedacht, Sally würde sich wenigstens nach diesem Ereignis mal bei uns melden. Ich habe versucht, mit ihr Kontakt aufzunehmen, ihr Hilfe anzubieten. Aber sie war nicht zu erreichen."

"Hören Sie", sagte ich sehr ernst. "Wir wissen nicht, wo Ihre Schwester sich befindet. Aber es könnte ihr Leben davon abhängen, dass wir sie so schnell wie möglich finden!"

"Warum ruft sie denn nicht die Polizei zu Hilfe, wenn sie in Lebensgefahr ist?"

"Eine gute Frage", erwiderte ich. "Vielleicht liegt es daran, dass Sie in uns nur Diener des Bösen sieht. Jedenfalls hat sie das mal so formuliert."

"Das klingt nach dem Gedankengut der AUSERWÄHLTEN", stellte Ann fest. Dann sah sie mich etwas ratlos an. "Wie kann ich Ihnen helfen, Mr. Trevellian?"

"Sie kennen Ihre Schwester besser als wir..."

"Nicht gut genug!"

"Überlegen Sie, wo sie sich jetzt verstecken könnte? Gibt es jemanden, bei dem Sie Unterschlupf finden könnte? Freunde, Bekannte..."

"Sie hatte viele Freunde und Freundinnen", sagte Ann. "Aber das war, bevor sie den AUSERWÄHLTEN beitrat. Dann nach und nach sind diese Kontakte abgerissen. Sie hat sich nur noch um diese seltsame Sekte gekümmert. Sonst hatte in ihrem Leben nichts mehr Platz."

"Ich verstehe. Trotzdem! Überlegen Sie, ob es da nicht irgendjemanden geben könnte!"

"Sie hatte eine beste Freundin. Sally hat immer versucht, sie zum Beitritt zu den AUSERWÄHLTEN zu bewegen, aber das ist nie etwas geworden."

"Name?"

"Melanie Travis, wohnt jetzt in Queens, seit sie diesen tollen Job gekriegt hat. Adresse weiß ich nicht, aber sie arbeitet als Abteilungsleiterin im Kaufhaus Macy's."

"Dann kriegen wir das raus", versprach ich. "Sollte Sally sich bei Ihnen melden, dann sagen Sie uns bitte Bescheid", forderte ich sie dann auf und legte ihr eine der Visitenkarten auf den Tisch, die der FBI für seine Special Agents drucken lässt. "Ich bin jederzeit erreichbar."


51

Wir fuhren nach Manhattan zum Kaufhaus Macy's. Aber Melanie Travis war nicht dort. Sie hatte heute ihren freien Tag, aber immerhin erfuhren wir ihre genaue Adresse.

Melanie Travis wohnte in der Hausnummer 543 in der 39.Straße, Queens.

Wir überquerten die Queensboro Bridge. Unter uns befand sich das langgezogene Roosevelt Island, das den East River in den East Channel und den West Channel teilte. Die gewaltige Queensboro Bridge senkte sich langsam ab. Links erstreckte sich der Queens Bridge Park, rechts befand sich eine Gewerbeansiedlung.

"Ich komme immer noch nicht darüber hinweg, dass die Bauteile für den ABC-Schutzraum einfach abtransportiert wurden, ohne dass es eine Spur davon gibt", meinte ich, während ich in die 21. Straße einbog. Die 21. Straße in Queens wohlgemerkt. Es gibt eine Reihe von Straßenbezeichnungen, die in New York City mehrfach vorkommen.

"Die Spurensicherer haben nichts gefunden, die Durchsuchung der Geschäftsräume von Parker & Sarrasco hat nichts ergeben und nach Zeugen braucht man auf einer abgelegenen Industriebrache ja wohl kaum zu suchen", fasste Milo den Stand der Dinge trocken zusammen. "Jesse, die Spur ist tot."

"Ich würde mich trotzdem gerne nochmal auf dem Gelände in Jersey City umsehen."

"Ich halte es für Zeitverschwendung, Jesse. Aber ich komme natürlich mit."

"Auch, wenn es nach Dienstschluss ist?"

"Wann immer das heute auch sein mag."

Fünf Minuten später hatten wir Melanie Travis' Adresse erreicht. Ich fuhr den Sportwagen an den Straßenrand. Wir stiegen aus. Melanie Travis wohnte im Erdgeschoss eines fünfstöckigen Brownstone-Hauses. Wein rankte an den Mauern empor. Große Teile waren völlig zugewachsen.

Ein separater Eingang führte zu ihrer Wohnung.

Die Tür stand einen Spalt breit offen.

Schon auf den ersten Blick sahen wir, dass sich jemand auf ziemlich grobe Weise am Schloss zu schaffen gemacht hatte. Wie automatisch ging meine Hand zum Griff der P226. Milo und ich zogen unsere Waffen im selben Moment. Ich berührte mit der Schuhspitze die Tür und vergrößerte etwas den Spalt.

Geräusche drangen von innen heraus.

Ich blickte in einen Flur.

Dort war niemand.

Die Eingänge zu mehreren Räumen zweigten von diesem Flur ab.

Lautlos betrat ich die Wohnung.

Dann schnellte eine Gestalt aus einem der anderen Räume.

Ein Mann mit aschblondem, leicht gelocktem Haar. Wie erstarrt stand er in der nächsten Sekunde da, als er in den Lauf meiner P226 blickte. Er selbst hielt eine Automatik mit langgezogenem Schalldämpfer in der Rechten.

"Schön ruhig", sagte ich.

Milo war bei der Eingangstür geblieben und sicherte mich aus der Deckung heraus.

Der Lockenkopf wandte ihm einen kurzen Blick zu.

Ich konnte förmlich sehen, wie die Panik in unserem Gegenüber aufstieg. Ein heikler Moment. Die Gesichtsfarbe veränderte sich, wurde dunkelrot. Muskel und Sehnen spannten sich. Der Lockenkopf machte in dieser Sekunde den Eindruck eines in die Enge getriebenen Wolfs.

"Wir sind vom FBI! Sie sind verhaftet!", setzte ich hinzu. "Lassen Sie die Waffe fallen...."

Die Fingerknöchel des Lockenkopfs waren weiß, so umkrampfte er den Griff seiner Waffe. An seinem Hals sah ich ein metallisches Glitzern. Ein Amulett, das ich schon einmal gesehen hatte. Drei Kreuze auf einer kreisrunden Fläche...

Wir waren also auf der richtige Spur.

Ich hoffte nur, dass wir nicht bereits zu spät kamen. Zu spät, um Sally Hirams Leben zu retten...

Der Lockenkopf blickte seitwärts, in den Raum hinein, aus dem er gekommen war.

Ich wusste sofort, dass er jemanden anschaute.

Dort war noch jemand...

Einen Sekundenbruchteil später verriet ein schabendes Geräusch mir, dass ich recht hatte.

Der Lockenkopf riss seine Waffe hoch.

Wie ein Blitz zuckte das Mündungsfeuer aus dem Schalldämpfer heraus. Es machte zweimal kurz hintereinander 'plop!'. Ich wich zur Seite, kam hart gegen die Wand, während eines der Projektile nur Millimeter an mir vorbeizischte.

Der Lockenkopf stürzte seitwärts durch den Zimmereingang.

Das Klirren einer Fensterscheibe drang von dort zu uns herüber.

Mit drei, vier schnellen Schritten stand ich im Eingang zum Wohnzimmer, die P226 mit beiden Händen umfasst.

Ich riss die Waffe hoch.

Der Lockenkopf war gerade im Begriff, durch das zertrümmerte Fenster zu klettern. Draußen rannte eine Gestalt davon. Das einzige, was ich an ihr klar erkennen konnte war die Baseballkappe auf dem Kopf.

Ich feuerte.

Meine Kugel brannte sich eine Handbreit vom rechten Bein des Lockenkopfs entfernt in das Gemäuer. Ein Stück Fensterbank wurde mit herausgesprengt.

Der Lockenkopf erstarrte.

"Die Waffe weg!", brüllte ich.

Er zögerte. Mit dem nächsten Schuss holte ich eine der letzten Glasecken aus dem Fenster heraus. Der Lockenkopf zuckte zusammen. Der Griff um die Waffe löste sich. Mit einem harten Geräusch fiel sie auf den Parkettboden.

Ich trat auf den Mann zu, begann ihn zu durchsuchen. Einen Elektroschocker holte ich aus seiner Jackentasche.

Milo trat hinzu.

"Da war noch ein zweiter", sagte ich.

"Ich weiß", knurrte Milo. Er stieg auf die Fensterbank und sprang hinaus. "Den hol ich mir!"

Milo spurtete los.


52

Ich kettete den Lockenkopf mit den Handschellen an einen Heizkörper und setzte ihn dabei in einen der klobigen Plüschsessel.

Dann fielen mir die Blutflecken auf dem Boden auf, die im ganzen Raum verteilt waren. Es waren Fußabdrücke. Der Lockenkopf war in irgendetwas hineingetreten.

Ich ging durch die offene Tür ins Nebenzimmer.

Es war das Schlafzimmer.

Auf dem Boden lag eine junge Frau in seltsam verrenkter Stellung. In Höhe des Bauchnabels war ihr Kleid blutdurchränkt. Eine Schusswunde. Der ganze Raum zeigte Spuren eines heftigen Kampfes.

Außer der Schusswunde hatte die Frau noch zahlreiche kleinere Verletzungen im Gesicht und an den Armen. Am Hals war ein Abdruck, der aussah, wie eine Brandwunde. Ich holte den Elektroschocker noch einmal hervor, den ich dem Lockenkopf abgenommen hatte.

Die Form des Abdrucks passte.

Was hier geschehen war, lag auf der Hand. Die Frau war vermutlich mit dem Schocker gefoltert worden, bevor entweder der Lockenkopf oder sein Komplize sie erschossen hatten.

Vermutlich, um etwas aus ihr herauszupressen.

Die Tote war vermutlich Melanie Travis. Und die beiden Killer waren Sally Hirams Spur bis hier gefolgt. Es war nichts Ungewöhnliches, dass Sekten das persönliche Umfeld ihrer Mitglieder sehr genau ausleuchteten. Sie wussten Bescheid. Die AUSERWÄHLTEN waren uns gegenüber immer einen Schritt voraus.

Ich entschied mich dafür, das halbvolle Glas zu sehen nicht das, das halb leer war.

Was hier geschehen war, war grauenhaft.

Aber es bedeutete auch, dass Sally noch lebte und die AUSERWÄHLTEN sie noch nicht in ihrer Gewalt hatten.

Ich kehrte zurück zu dem Festgenommenen.

Er warf mir einen wütenden Blick zu.

"Warum wollt ihr Sally Hiram umbringen?", fragte ich. "Was hat sie getan?"

Schweigen war die Antwort.

Ich sah ihm in die Augen.

"Für dich bin ich nur ein Diener des Bösen..."

Er sah mich erstaunt an. Dann zischte er: "Es wird ein großes Wehklagen kommen, wenn die Diener der Finsternis im Höllenschlund vernichtet werden..."

Ich griff zum Handy, um die Zentrale anzurufen. Die Spurensicherung musste sich die Wohnung genauestens ansehen. Außerdem brauchten wir Verstärkung von der City Police. Der Tatort musste gesichert werden.

Ich blickte aus dem Fenster.

Ein Parkplatz befand sich dort. Zu dieser Tageszeit war er kaum frequentiert, da die meisten Hausbewohner bei der Arbeit waren. Dahinter befanden sich weitere Gebäude. Die engen Lücken, die man zwischen ihnen gelassen hatte, gaben hier und da den Blick auf eine Straße frei.

In der nächsten Sekunde hörte ich das Knattern einer Maschinenpistole.



53

Milo hatte den Kerl mit der Baseballmütze bis zur Straße verfolgt. Suchend ließ er den Blick schweifen. Der Verkehr quälte sich auf vier Spuren dahin. Auf den Bürgersteigen gab es kaum Passanten. Dies war eine Wohngegend, Geschäfte hatten Seltenheitswert. Die Konkurrenz des nahen Manhattan war einfach zu übermächtig.

Ein aufgeregtes Hupen ließ Milos Blick zur Seite fahren.

Und dann sah er ihn.

Er hatte sich bis zu dem Grünstreifen gerettet, der die Straße teilte.

Er blickte in Milos Richtung.

Milo trug die P226 in der Rechten. Aber er wusste, dass ihm die Waffe im Moment wenig nützte. Es wäre unverantwortlich gewesen, an diesem Ort eine Schießerei zu riskieren.

Sein Gegenüber hatte da weit weniger Skrupel.

Er begriff sofort, dass Milo hinter ihm her war. Der Mann mit der Baseball-Kappe riss den Arm hoch... Etwas Dunkles hielt er in der Rechten. Eine Maschinenpistole vom Typ Uzi.

Der Flüchtende ließ die Waffe einfach losknattern. Ein Kugelhagel von zwanzig bis dreißig Geschossen pfiff über die Autodächer. Viele der Fahrer bemerkten überhaupt nicht, was los war.

Milo duckte sich.

Hinter ihm gingen einige Fensterscheiben zu Bruch.

Der Mann mit der Baseballmütze versuchte, seinen Weg fortzusetzen und auch die zweite Hälfte der Straße hinter sich bringen. Jemand hupte. Bremsen quietschten. Der Flüchtende wich wieder zurück auf den Grünstreifen. Milo rannte indessen los. Ein Geländewagen verfehlte ihn nur um Haaresbreite. Ein Lastwagen fuhr Zentimeter vor seinen Füßen her und ließ ihn wieder einen Schritt zurückweichen. Als der Lastwagen davongefahren war, sah Milo, dass sein Gegner mitten auf der Fahrbahn stand. Er richtete die MPi direkt auf die Windschutzscheibe eines Mercedes. Der Mercedes bremste. Der Fahrer - ein Mann in hellblauem Pilotenhemd und dunkelroter Krawatte - war bleich vor Schrecken. Es gab ein dumpfes Geräusch. Hinter dem Mercedes gab es einen kleineren Auffahrunfall. Jemand hupte.

Der Flüchtende umrundete die Motorhaube des Mercedes, versuchte die Beifahrertür aufzureißen. Die Zentralverrieglung verhinderte das. Mit dem Magazin der Uzi schlug er die Seitenscheibe ein. Der erschrockene Mercedesfahrer löste die Verriegelung. Die Tür wurde aufgerissen...

In diesem Moment hatte Milo den Grünstreifen erreicht.

"Waffe fallenlassen! FBI!", brüllte Milo und versuchte, den Straßenlärm zu übertönen.

Es war riskant, was Milo versuchte. Aber es nicht zu versuchen, konnte genauso verhängnisvoll sein. Schließlich musste er versuchen, eine Geiselnahme zu verhindern.

Der Kerl mit der Uzi riss seine Waffe hoch.

Die MPi knatterte erneut los, aber die Kugeln gingen in den den stahlgrauen Himmel über Queens.

Milos Schuss war in der Geräuschkulisse beinahe untergegangen. Seine Kugel traf den Mann mit der Baseballmütze an der Schulter. Die Wucht des Geschosses riss ihn nach hinten. Der Lauf seiner Uzi wurde emporgerissen. Der Mann taumelte zurück, prallte gegen das Heck eines vorbeifahrenden Pkw, ehe er hart zu Boden kam. Milo machte ein paar Sätze nach vorn. Er sprang auf die Kühlerhaube des Mercedes.

Mit beide Händen packte er die P226.

Er richtete die Waffe nach unten.

Dem Mann mit der Baseballmütze war die Waffe aus der Hand geschleudert worden. Er hielt sich die Schulter und blickte auf.

"Das Spiel ist aus", sagte Milo.


54

Von irgendwoher schrillten die Polizeisirenen. Ich sah Milo auf der Kühlerhaube des Mercedes stehen, als ich es gerade bis zum Grünstreifen geschafft hatte.

"Alles in Ordnung?", rief ich.

"Es hätte schlimmer kommen können!", war Milos Erwiderung.

Milo sprang von dem Mercedes herunter. Ich eilte hinzu.

Inzwischen war ein heilloser Stau entstanden. Mindestens für die nächste halbe Stunde würde hier nichts vor oder zurück gehen.

Ich hob die Uzi vom Boden auf.

Der Verletzte ächzte.

Milo hielt das Handy in der Linken, um den Notarzt herbeizurufen.

Ich durchsuchte den Mann indessen. Eine Kleinkaliberpistole nahm ich ihm ab.

Endlich hatten wir zwei Männer gefasst, die vermutlich in direkter Verbindung zu jenen Wahnsinnigen standen, die noch immer einen Behälter mit Pest-Erregern in ihrer Gewalt hatten.

Aber ob uns das etwas nützen würde, musste sich erst noch zeigen.

Fanatiker hatten die unangenehme Eigenschaft, für eventuelle Angebote von Seiten der Staatsanwaltschaft wenig empfänglich zu sein. Und ich fürchtete, dass auch unsere erfahrensten Vernehmungsspezialisten bei diesen Männern auf Granit beißen würden...


55

Es herrschte Halbdunkel. Der schwere Geruch von Räucherstäbchen erfüllte den Raum. Auf dem Boden waren Kerzen. Ihre Lichter flackerten in der leichten Zugluft der Belüftungsanlage.

Die Kerzen waren in einer ganz bestimmten Weise angeordnet.

Sie bildeten drei Kreuze.

Drei Kreuze aus Licht.

Alle Anwesenden trugen weiße Gewänder. Ein dumpfer Singsang erfüllte den schmucklosen Raum. Der innere Kreis der Anwesenden saß um die Kerzen herum mit überkreuzten Beinen auf dem Boden. Die Männer und Frauen, die den äußeren Kreis bildeten standen in Dreiergruppen beieinander.

Josiah Morgan saß auf einem erhöhten Podest.

Er hatte die Hände gefaltet und die Augen geschlossen.

Der selbsternannte Prophet schien in äußerster Konzentration begriffen zu sein. Sein Gesicht wirkte angespannt.

Dann öffneten sich plötzlich seine Augen.

Er hob die Hände.

Der Singsang verstummte augenblicklich. Die leicht entrückt wirkenden Gesichter der Anwesenden waren auf ihren Propheten gerichtet.

Josiah Morgan sprach mit leiser, sonorer Stimme. In dem kahlen Raum herrschte eine verhallte Akustik, die sie bedeutungsvoll klingen ließ.

"Es ist soweit, meine Brüder und Schwestern. Die letzten Tage sind gekommen. Ich habe das Kommende vor mir gesehen! Vor meinem inneren Auge... Das große Sterben der Unreinen wird bald beginnen. Und wir werden alle sehr stark in unserem Glauben sein müssen, um nicht in den Strudel des Verderbens gerissen zu werden!"

Josiah Morgan machte eine Pause.

Er faltete die langfingerigen Hände und atmete tief durch.

"Die große Stunde ist nahe, lasst uns ihr in Zuversicht entgegen sehen!"

"So sei es!", antwortete der Chor der AUSERWÄHLTEN.

Josiah Morgan ließ den Blick schweifen. Seine falkenhaften Augen musterten einen nach dem anderen. Die AUSERWÄHLTEN hingen an seinen Lippen wie Süchtige an der Nadel. Ihre Gesichter waren verklärt.

"Es gibt einige unter Euch, für die der himmlische Plan der Vollendung große Aufgaben bereithält", sagte Josiah Morgan dann. "Einige, denen der Herr besondere Glaubenskraft gegeben hat und in deren Hände er deshalb das Geschick seiner Kirche gelegt hat!"

Morgan erhob sich.

Sein Blick wurde suchend.

Dannn streckte er den Arm aus.

"Tritt vor, Bruder Melvin!", rief er.

Melvin, der sich im inneren Kreis um die Kerzen herum befand, erhob sich.

Josiah Morgan trat zu ihm, legte ihm eine Hand auf die Schulter. Sein Blick bohrte sich in Melvins Augen, dem der Schauder anzusehen war, den er empfand.

"Bist du bereit, das Schwert Gottes zu führen?", flüsterte Morgan.

Melvin schluckte.

"Ja", murmelte er dann.

"Du wirst ganz auf dich allein gestellt sein... Nur dein Glaube wird dich beschützen!"

"Ja."

Der Weißhaarige wandte sich herum. Er ging zurück zu dem Podest, auf dem er wenige Augenblicke zuvor noch gesessen hatte. Ein zylinderförmiger Gegenstand war dort unter einem weißen Tuch verhüllt.

Josiah Morgan zog das Tuch weg.

Der CX-Behälter kam zum Vorschein.

Der Weißhaarige nahm ihn mit beiden Händen, drehte sich zu Melvin herum und ging mit gemessenen Schritten auf diesen zu.

Dann streckte er die Arme aus.

"Nimm dies!", forderte er.

Melvin gehorchte.

"Sei du die Sense Gottes, der Schnitter, der das Unkraut vom Antlitz der Erde tilgt!", fuhr Josiah Morgan fort.

Melvin zitterte.

"Ich werde es tun", flüsterte er. "Ich werde es tun..."

"Mein Segen sei mit dir, Bruder Melvin!"


56

"Die beiden Festgenommenen werden uns wohl kaum verraten, wohin diese Sekte ihr Hauptquartier verlegt hat", sagte Milo, als wir durch das nächtliche New York Richtung Holland Tunnel fuhren.

Wir wollten noch einmal zu dem Industriegelände in Jersey City, dessen Eigentümerin die Firma Parker & Serrasco war.

Milo war nicht sonderlich begeistert, aber der Gedanke an die abtransportierten Teile für einen ABC-Schutzraum ließen mir einfach keine Ruhe. Und wenn auch nur die geringste Chance dafür bestand, über diese Bauteile den Weg zum Hauptquartier der AUSERWÄHLTEN zu finden, dann war es den Einsatz wert.

Es war ziemlich spät, als wir das Gelände erreichten.

Beinahe Mitternacht.

Wie dunkle Ungetüme lagen die Umrisse der Lagerhallen vor uns. Das Gelände befand sich direkt am Hudson. Auf der anderen Seite blickten die Lichter Manhattans hinüber.

"Nimm's mir nicht übel, Alter, aber ich frage mich, was du hier eigentlich willst...", meinte Milo und ließ die Wagentür in Schloss fallen.

"Wenn ich das selbst so genau wüsste. Aber der Zusammenhang von diesem Grundstück zu den AUSERWÄHLTEN ist einfach zu geradlinig..."

"Geradlinig? Eine Verbindung über eine dubiose Immobilienfirma und ein Postfach auf den niederländischen Antillen nennst du geradlinig!"

"Alles ist relativ, Milo."

"Wie wahr!"

Ich zuckte die Schultern. "Weißt du, vielleicht sind wir auch nur deswegen hier, weil mich der Gedanke wahnsinnig machen würde, eventuell der entscheidenden Spur nicht intensiv genug nachgeforscht zu haben!"

Wir sahen uns etwas auf dem Gelände um.

Die Spurensicherer hatten jeden Zentimeter dieses Geländes unter die Lupe genommen. Und das unter besseren Lichtverhältnissen. Sogar Reifenabdrücke von Lastwagen waren gesichert worden.

"Da hinten ist jemand!", stellte Milo fest und deutete hinüber zum Hudson.

Gegen die Lichter Manhattans hob sich tatsächlich eine Gestalt ab.

Ein Mann.

Er stand direkt am befestigten Ufer des Hudson, der hier in eine Art Betonbett gezwungen worden war.

Ich ging auf die Gestalt zu.

Milo folgte mir.

Als ich näherkam, erkannte ich, dass er eine Angelrute in der Hand hielt. Eine weitere Rute war am Boden fixiert. Der Mann trug eine Schiebermütze.

Er drehte sich zu uns herum.

Seine Haltung wurde starr.

"Guten Abend", sagte ich und hielt meinen Dienstausweis in die Höhe. Ich war mir nicht sicher, ob er den überhaupt sehen konnte. "Ich bin Agent Trevellian vom FBI", sagte ich und deutete dann auf Milo. "Mein Kollege Agent Tucker."

"Habe ich gegen irgendwelche Gesetze verstoßen?", fragte der Mann.

Das Hudson-Wasser roch nach Salz und Tang.

"Wir sind nicht Ihretwegen hier", versicherte ich ihm.

"Kann ich Ihren Ausweis nochmals aus der Nähe sehen?"

"Sicher."

Ich gab ihm den Ausweis. Er legte die Angel auf den Boden und sah ihn sich eingehend an.

"Das müssen Sie schon verstehen," meinte er. "Schließlich gibt es eine Menge Gesindel heutzutage... Und wenn man hier so ganz allein ist..."

"Sind Sie öfter hier?", unterbrach ich ihn.

"Ja, immer wenn ich's einrichten kann. Wissen Sie hier ist es schön ruhig. Deswegen beißen die Fische auch an."

"Verstehe."

"Hier ist nichts los. Ich frage mich, warum ein Grundstück in dieser Lage nicht verkauft wird! Stattdessen lässt man hier alles vor sich hin rotten. " Er zuckte die breiten Schultern.

"Vielleicht warten die Brüder einfach nur ab, bis der Preis entsprechend gestiegen ist. Kann ja auch sein..."

"Wie heißen Sie?"

"Garry Parrots. Ich wohne zehn Minuten von hier entfernt. Können Sie alles überprüfen..."

"Vor einiger Zeit sind hier verschiedene Güter gelagert und später wieder abgeholt worden. Ist Ihnen das irgendwie aufgefallen?"

"Hier stand mal ein Container", erinnerte sich der Mann. "Ein paar Wochen ist das aber schon her... Ich war so gegen elf Uhr abends hier, so wie immer. Und da stand das Ding schon. Einige Tage später wurde der Container abgeholt. Von einem Truck. Ich war ein Stück weiter flussabwärts und habe mir das ganze Spektakel angesehen."

"Hat Sie jemand gesehen?"

"Nein. Ich habe mich auch nicht bemerkbar gemacht, sondern zugesehen, dass ich im Dunkeln bleibe..."

"Warum?", fragte ich.

"Ja, was soll ich sagen?" Er kratzte sich am Kinn. "Die haben sich irgendwie seltsam benommen..."

"Seltsam?", hakte ich nach.

"Einer der Kerle war mit einer Maschinenpistole bewaffnet. Ich dachte an irgendwelche Hehlerware oder dergleichen..."

"Warum sind Sie nicht zur Polizei gegangen?"

"Nicht einmischen, ist meine Devise. Bringt nur Ärger."

Ich atmete tief durch.

"Ist Ihnen an dem Truck irgendetwas aufgefallen?"

"Was meinen Sie damit?"

"Vielleicht haben Sie sich ein Teil der Autonummer gemerkt oder wissen Sie noch das Fabrikat?"

"Nein. Aber auf der Fahrertür stand ein Name. CRANSTON. In Großbuchstaben."

"Könnte der Name des Spediteurs sein", meinte Milo.

Ich sagte an den Mann namens Garry Parrots gewandt: "Ich möchte mir Ihre Adresse und Ihre Telefonnummer aufschreiben. Es könnte sein, dass wir noch weitere Fragen an Sie haben..."


57

Wir fuhren noch einmal zurück in die Zentrale. Etwa eine Stunde Computerrecherche brachten schließlich ein ernüchterndes Ergebnis. Es hatte tatsächlich eine Speditionsfirma mit dem Namen CRANSTON existiert. Allerdings war die vor einem Jahr in den Konkurs gegangen.

Eine Verbindung zu den AUSERWÄHLTEN DER APOKALYPSE war nicht erkennbar. Jedenfalls nicht auf den ersten Blick.

"Vielleicht lässt sich ja herausbekommen, an wen der CRANSTON-Fuhrpark bei dem Konkursverfahren verscherbelt wurde", meinte ich.

"Aber heute bekommen wir das nicht mehr heraus", meinte Milo.

Er hatte recht.

Wir verließen unser Dienstzimmer, das wir uns schon seit einer Ewigkeit teilten.

"Lohnt sich kaum noch, nach Hause zu fahren", meinte ich.

Milo gähnte.

Auf dem Flur kam uns Mr. McKee entgegen.

Seit die Familie des Chefs von Gangstern ermordet worden war, hatte er seine Kraft ganz dem Kampf gegen das Verbrechen gewidmet. Es kam durchaus vor, dass er in seinem Büro übernachtete.

Ein mattes Lächeln ging über Mr. McKees Gesicht.

"Ich hoffe nicht, dass Sie morgen im Einsatz einschlafen", meinte er.

"Da ist Mandys Kaffee vor", erwiderte Milo.

"Optimist", versetzte Mr. McKee.

Milo hob die Augenbrauen. "Muss man das in diesem Job nicht sein?"


58

Während des folgenden Vormittags fanden wir etwas mehr heraus. Wir fuhren hinaus nach Yonkers, wo Lewis Cranston, der ehemalige Besitzer der gleichnamigen Speditionsfirma, in einem Reihenhaus wohnte. Ein freundlicher, grauhaariger Mann, der seit dem Konkurs seiner Firma ein Lebensmittelgeschäft führte, das auf den Namen der Ehefrau lief.

Von Cranston erfuhren wir, dass der Fuhrpark an einen gewissen Charles McThorpe gegangen war.

McThorpe unterhielt ebenfalls ein Speditionsunternehmen, das in East Elmhurst in Queens, ganz in der Nähe des La Guardia Airports gelegen war. Wir brauchten eine Weile, um uns noch einmal durch einen Großteil des Big Apple hindurchzuquälen. Der Verkehr war wie immer so zähflüssig wie Sirup.

Während der Fahrt veranlasste Milo telefonisch eine Abfrage über McThorpe.

Wir hatten Glück.

Über Charles McThorpe existierte tatsächlich ein Dossier. Er war rechtskräftig wegen Betruges in mehreren Fällen verurteilt worden. Es ging um betrügerischen Bankrott mehrerer Unternehmen, die wiederum allesamt mit der Briefkastenfirma in Zusammenhang gestanden hatten, über die die AUSERWÄHLTEN DER APOKALYPSE ganz offensichtlich die Mehrheit ihrer Geschäfte abzuwickeln pflegte.

McThorpe war einige Zeit als deren Geschäftsträger aufgetreten.

"Das würde ich einen Volltreffer nennen", kommentierte ich das.

Milo nickte.

"Jedenfalls scheint McThorpe mit großer Wahrscheinlichkeit ein Mitglied dieser Sekte zu sein."

Wir erreichten das Firmengelände. Den Wagen stellten wir am Straßenrand ab. Wir stiegen aus und blickten auf den hohen Drahtzaun, der das Gelände umgab. Dahinter war ein großer Parkplatz zu sehen, auf dem mindestens zwei Dutzend Lastwagen abgestellt waren. Etwa die Hälfte trug die Aufschrift CRANSTON. Offenbar hatte sich bislang niemand die Mühe gemacht, die Lastwagen umzuspritzen.

Hinter dem Parkplatz befanden sich mehrere Gebäude.

Garagen, Lagerhallen und ein Flachdachbau, der vermutlich zur Unterbringung der Büros diente.

Wir gingen zum Tor. Telefonisch hatte wir inzwischen Verstärkung hier her beordert. Außerdem brauchten wir einen Durchsuchungsbefehl.

"Sieht nicht so aus, als würde hier im Moment jemand arbeiten", meinte Milo, während er auf das Schild deutete, das am Tor angebracht war.

CLOSED stand dort schlicht und einfach.

"Die scheinen hier eine Art Betriebsurlaub zu machen", vermutete ich. Anders war es in der Tat nicht zu erklären, dass hier zur besten Geschäftszeit alle Räder still standen.

Es dauerte nicht lange, bis unsere Kollegen eintrafen. Ein Dutzend G-men, die jeden Quadratzentimeter des Firmengeländes untersuchen würden. Schließlich ging es darum, einen Hinweis darauf zu finden, wo die Bauteile für den ABC-Bunker hintransportiert worden waren.

Agent Fred LaRocca zeigte mir den Durchsuchungsbefehl.

Das Tor wurde aufgebrochen.

Wir gingen mit einigen anderen zu den Büroräumen, während sich Kollegen von uns die Garagen und die Lastwagen vornahmen.

Die Bürotür aufzubekommen war keine Schwierigkeit. In den Räumen sah es ziemlich ordentlich aus.

Eine mühselige Arbeit lag vor uns.

Stück für Stück mussten die Aktenschränke durchsucht werden.

Vielleicht gab es ja irgendeinen Hinweis auf den Verbleib der Bauteile...

"Sieh dir das an, Jesse", meinte Milo nach einiger Zeit und zeigte mir einen Aktenordner. "McThorpe hat alle seine Mitarbeiter vor kurzem entlassen. Hier sind die Schreiben, schön sorgfältig nach dem Datum geordnet. Jeder der Betroffenen hat eine recht gute Abfindung bekommen..."

"Ziemlich merkwürdig", gab Fred LaRocca seinen Kommentar dazu ab.

"Vielleicht passt es auch genau", meinte ich.

"Wieso?", fragte Fred.

"Vielleicht denkt er, dass er eine Firma nicht mehr braucht... Und sein Geld auch nicht mehr."

"Weil vorher der Weltuntergang eintritt?"

"Warum nicht! Möglicherweise sitzt dieser McThorpe jetzt gerade in diesem ominösen ABC-Schutzraum und wartet darauf, dass hier oben die Lichter ausgehen..."

Fred atmete tief durch. "Ein Gedanke, der mir nicht gefällt..."

Mein Handy schrillte. Ich nahm den Apparat aus der Innentasche meiner Lederjacke heraus. Unser Kollege Medina meldete sich. Er und Clive Caravaggio waren von der Zentrale angewiesen worden, sich um McThorps Privatadresse zu kümmern, die am anderen Ende der Stadt, in der West Side von Manhattan lag.

"Was gibt es, Orry?", fragte ich knapp.

"Von diesem McThorpe gibt es keine Spur", meinte der G-man indianischer Abstammung. "Wenn du mich fragst, dann sieht das alles hier so aus, als wäre er verreist..."

"Gibt es vielleicht irgendeinen Hinweis darauf, wohin?"

"Nein. Aber im Bad ist keine Zahnbürste mehr. Übrigens haben wir zahlreiche Traktate dieser Sekte gefunden..."

"So etwas habe ich mir schon gedacht."

"Wir werden uns jetzt mal unter den Nachbarn umhören."

"Okay."

"Bis dann, Jesse!"


59

Der Weißhaarige ballte die Faust. Das Gesicht Josiah Morgans wurde zu einer steinernen Maske.

"Unsere Leute haben versagt", erklärte sein Gegenüber, ein breitschultriger Mann mit kahlrasiertem Kopf.

"Ich frage mich, warum Sally nicht geradewegs dem FBI in die Arme gelaufen ist?", murmelte Josiah.

"Vielleicht ist sie das längst", vermutete der Kahlkopf.

"Nein, das glaube ich nicht, Bruder Ron. Das glaube ich einfach nicht... Dann wären die längst hier!" Josiah lächelte plötzlich. "Sie war vom Bösen besessen, das steht außer Frage. Aber es scheint genug Sinn für das Gute in ihr zu sein, um zu erkennen, mit wem sie es zu tun hatte. Sie weiß, wer die andere Seite ist. Das abgrundtief Böse... Vielleicht ist der Einfluss Satans noch nicht groß genug auf ihre Seele."

"Aber er wird stärker werden", gab Ron zu bedenken.

"Natürlich", gab der selbsternannte Prophet Josiah Morgan zu. "Natürlich wird er das, aber schon in Kürze wird das keine Rolle mehr spielen. Dann wird die Sense Gottes unbarmherzig ihre Ernte einfahren. Das Wehklagen wird beginnen und in New York werden die Lichter ausgehen!

Gestraft wird das neue Babylon!"

Seine Stimme bekam einen geradezu beschwörenden Tonfall.

Eine Tür öffnete sich indessen.

Ein untersetzter Mann mit ausdruckslosem Gesicht trat ein.

Er hielt einen drahtlosen Telefonhörer in der Hand und reichte ihn dem Weißhaarigen.

Josiah Morgan sah erstaunt auf.

"Es ist Melvin", erklärte der Untersetzte, noch ehe Josiah Morgan überhaupt eine entsprechende Frage gestellt hatte.

Morgan nahm den Hörer ans Ohr.

Dann sagte er: "Bruder Melvin? Zögere nicht länger! Was du tun musst, tue gleich... Du wirst dich von nun an nicht mehr bei uns melden. Hörst du? Wir werden für dich beten, Bruder Melvin..."


60

Die Ordnung, die in McThorpes Büro herrschte, kam uns zu Gute. Jede einzelne Fahrt seiner Lastwagen war minutiös aufgelistet. Ladung, Ausgangspunkt, Zielpunkt.

Die Ladung, die wir suchten, fiel dadurch auf, dass sie nicht näher bezeichnet war. ZWEI CONTAINER, stand dort einfach vermerkt. Ausgangspunkt war das Gelände in Jersey City. Endpunkt der Fahrt war eine Adresse in Baychester, Bronx.

"Wir haben sie", war Milo überzeugt.

In Windeseile wurde ein Großeinsatz organisiert. Die AUSERWÄHLTEN durften uns einfach nicht durch die Lappen gehen. Und im Anbetracht der Tatsache, dass sich nach wie vor ein CX-Behälter in ihren Hände befand, mussten wir auf alles gefasst sein.

Auch darauf, dass die AUSERWÄHLTEN vielleicht in einem letzten Akt der Verzweiflung den Inhalt dieses Behälters als Waffe benutzten...

Mit Blaulicht fuhren wir gen Norden, in die Bronx.

Baychester lag ziemlich im Zentrum dieses übel beleumundeten Stadtteils. Der schlechte Ruf ist jedoch vor allem für den Süden der Bronx gerechtfertigt. Je weiter man nach Norden kommt, desto mehr geht die Bronx in ein bürgerliches Wohngebiet über.

Baychester lag irgendwo dazwischen.

Die Adresse auf die wir gestoßen waren, gehörte zu einem zehnstöckigen Gebäudekomplex. Die großen Neonlettern einer Versicherungsfirma und eines Kaufhauskonzerns waren noch sichtbar. Aber beide Unternehmen hatten sich hier schon seit langem zurückgezogen.

Als wir eintrafen, hatten bereits Kräfte der City Police das Gebiet weiträumig abgesperrt. Scharfschützen waren rund um das Gebäude in Stellung gegangen. Dutzende von FBI-Agenten bereiteten sich auf ihren Einsatz vor.

Orry und Clive waren eingetroffen. Sie grüßten uns knapp.

Mr. McKee persönlich war vom Hauptquartier aus her gefahren, um die Einsatzleitung zu übernehmen. Schon das unterstrich die besondere Wichtigkeit dieser Aktion.

Unser Chef begrüßte uns mit einem knappen Nicken.

"Worauf warten wir noch?", fragte Milo.

"Auf Agent Carter", erwiderte der Chef. "Er besorgt sich gerade Pläne des Gebäudes. Leider geht das nicht über den Rechner der Stadtverwaltung, weil der Klotz hier - und vor allem der ABC-Schutzbunker darunter - aus einer Zeit stammt, als diese Dinge noch nicht elektronisch aufgezeichnet werden konnten."

"Wir sollten nicht länger warten", meinte ich. "Wenn diese sogenannten AUSERWÄHLTEN tatsächlich tief unter diesem Komplex in aller Ruhe den Weltuntergang abwarten wollen, dann werden sie sich auch entsprechend eingerichtet haben!"

"Davon müssen wir ausgehen", nickte Mr. McKee.

"Was ist mit den oberen Stockwerken?"

"Steht alles leer, soweit wir wissen. Die AUSERWÄHLTEN stecken in den Bunkeranlagen unterhalb des Gebäudes. Jesse, ohne Pläne können wir hier nichts ausrichten..."


61

"Ich weiß nicht wie, aber offensichtlich hat der FBI unseren Aufenthaltsort herausgefunden", stellte Ron fest und deutete auf den Bildschirm der Überwachungskamera. Dutzende von Einsatzfahrzeugen waren zu sehen.

"Behaltet die Ruhe", sagte Josiah Morgan. "Wir können hier wochenlang ausharren, ohne dass Vorräte oder Wasser knapp würden. Wir werden uns verteidigen. Bis zum letzten Atemzug.

Die Diener des Satans werden uns nicht lebend bekommen!"

Sein Gesicht wirkte angespannt.

"Wir wissen, was wir zu tun haben, wenn die Feinde es bis hier her schaffen sollten", versicherte Ron.

"Gut...", murmelte der selbsternannte Prophet. "Jedenfalls werden wir nicht alleine den Tod finden... Und im Gegensatz zu den Dienern des Satans ist uns das ewige Leben sicher!"

Josiah Morgan deutete auf den Bildschirm. "Ihnen aber droht ewige Verdammnis..."

Er atmete tief durch.

Dann schloss er die Augen.

Er wirkte wie unter großer Anstrengung. Sein Gesicht bekam eine dunkelrote Farbe.

"Bruder Melvin - von dir hängt jetzt die Erfüllung des göttlichen Plans ab!"

Josiah Morgan faltete die Hände wie zum Gebet, während Bruder Ron ein Magazin in die Maschinenpistole einsetzte, die er an einem Riemen über der Schulter trug.

"Die letzten Tage sind angebrochen. Aber für uns werden sie nicht das Ende sein, sondern der Anfang..."


62

"Der gesamte Komplex ist mit einer bunkerähnlichen Anlage unterkellert", erläuterte uns Agent Carter eine halbe Stunde später anhand der Pläne. "Diese Bunkeranlagen entstanden in den Fünfzigern, als ABC-Schutzräume noch nach Kräften steuerlich unterstützt wurden. Später, als eine Kaufhauskette den Großteil des Gebäudes übernahm, hat man die Parkplatznot als ein so gravierendes Problem angesehen, dass man glaubte, die Folgen eines ABC-Angriffs dagegen vernachlässigen zu können. Kurz gesagt: Aus dem Bunker wurde ein Parkhaus."

"Aber ich schätze, der Aufwand war nicht allzu groß, die Anlage wieder so umzubauen, dass sie ihren ursprünglichen Zweck erfüllte", vermutete Mr. McKee.

Carter zuckte die Achseln. "Ich bin kein Fachmann dafür, aber ich denke, Sie haben recht. Das Problem ist, dass wir keinerlei Unterlagen darüber haben, wie die Anlagen JETZT

aussehen."

"Wie kommen wir hinein?", fragte ich.

Carters Finger wanderte über die Pläne.

"Der schlechteste Weg ist der durch den Eingang. Die Türen dürften so ausgelegt sein, dass sie auch Explosionen standhalten. Natürlich könnten Spezialisten versuchen, das Schloss aufzukriegen, aber selbst wenn sie das geschafft haben, dürfte es sehr schwer sein, dann ins Innere einzudringen. Ich fürchte, wir holen uns da eine blutige Nase."

"Und was schlagen Sie vor?"

"Hier... Dies sind Luftschächte. Nach den alten Plänen sind einige davon groß genug, dass ein Mensch hindurchkriechen kann. Der Betreffende müsste sich natürlich durch die Filteranlagen hindurchkämpfen, aber das ist zu schaffen."

"Klingt fast ein bisschen zu einfach", meinte Milo.

"Das ist es ganz und gar nicht", meinte Carter. "Vor allen Dingen muss man im Auge behalten, wo man aus dem Belüftungssystem aussteigt."

"Außerdem ist es eine Frage der Koordination", stellt Mr. McKee fest. "In dem Moment, in dem unsere Leute durch die Luftschächte hindurch sind, muss das Schloss der Eingangstür gesprengt werden."

Ich nickte.

"Immerhin können sie sich wohl kaum einigeln, wenn sie von mehreren Seiten angegriffen werden."


63

Orry und Clive trugen schusssichere Westen. Zusammen mit einem guten Dutzend G-men pirschten sie sich an die ehemalige Einfahrt der Tiefgarage heran.

Eine Betonfahrbahn führte hinab.

Mit der Waffe im Anschlag arbeitete sich die FBI-Agenten vor. Meter um Meter.

Unten, in dem ehemaligen Parkdeck herrschte Dunkelheit.

Und eine gespenstische Stille.

Einer der G-men ließ den Schein seiner Taschenlampe aufleuchten. Der Lichtkegel wanderte suchend durch den Raum, über Betonpfeiler, eine kahle, graue Wand und - ganz kurz über eine kreisrunde Tür.

Der Eingang ins Innere des Bunkers.

Ein surrendes Geräusch ertönte. Der Lichtkegel wanderte hektisch, zeigte für den Bruchteil eines Augenblicks die Linse einer Überwachungskamera.

Dann brach die Hölle los.

Blutrot zuckten mindestens ein Dutzend Mündungsfeuer aus der Dunkelheit hervor.

Orry hechtete zur Seite, warf sich hinter einen der Betonpfeiler. Er konnte fühlen, wie die Kugeln ganze Betonstücke aus dem Pfeiler heraussprengten. Funken sprühten, wenn Geschosse als tückische Querschläger weitergeschickt wurden.

Clive Caravaggio hatte sich zu Boden geworfen, herumgerollt und dann so dicht wie möglich an den Beton gepresst. Dabei riss er die Pistole hoch und feuerte fünfmal kurz hintereinander. Er schnellte hoch, spürte, wie ein oder zwei Projektile in die kugelsichere Weste einschlugen. Er taumelte. Die Wucht der Geschosse raubte ihm fast den Atem.

Sie zerfetzten zwar nicht seinen Körper, aber ihre Aufprallwucht war beträchtlich. Wie der Hieb mit einem Baseballschläger.

Clive rettete sich hinter einen der Betonpfeiler.

Ein Schrei gellte durch die Dunkelheit.

Es hatte einen der G-men erwischt.

Clive tauchte blitzschnell aus der Deckung hervor, zielte dorthin, wo er die Überwachungskamera gesehen hatte. Er konnte sie nur als schattenhaften Umriss sehen. Oben brannte eine rote Kontrolllampe. Einen Augenaufschlag später zerplatzte der Apparat von einem Treffer aus Clives P226. Blitzartig tauchte Clive zurück in Deckung.

Er atmete tief durch.

Der Geschosshagel hielt unvermindert an.

Durch das ohrenbetäubende Getöse hindurch hörte Clive bruchstückhafte Orrys Stimme.

"Bist du wahnsinnig, Alter?"

Sekunden noch, dann verebbte der Geschosshagel plötzlich.

Wieder herrschte Stille.

Vorsichtig und mit ihren Waffen im Anschlag, wagten sich die G-men einer nach dem anderen hervor. Taschenlampen leuchteten auf.

Vorsichtig arbeiteten sich die FBI-Agenten von Betonpfeiler zu Betonpfeiler vor.

Aber da war niemand.

Kein Mensch.

Keine Bewegung.

"Selbstschussanlagen", stellte Orry fest. Seine Stimme hallte relativ laut in dem kahlen Raum wider. "Ich schätze, die Magazine sind jetzt leergeschossen..."

"Agent Pulaski ist getroffen worden!", rief einer der anderen G-men. "Er ist tot..."

"Verdammt", murmelte Orry.

Sein Blick wanderte zu der kreisrunden Stahltür.

Dort hatten sie sich eingeigelt.

Die, die sich selbst die AUSERWÄHLTEN DER APOKALYPSE nannten.

Aber vielleicht kam das Ende ihrer obskuren Mörder-Sekte doch etwas eher als das Ende der Welt...


64

Der röhrenartige Luftschacht, durch den Milo und ich kriechen mussten, war verdammt eng. Man konnte sich kaum rühren. Damit wir uns besser bewegen konnten, hatten wir auf kugelsichere Westen verzichtet, die bei Risiko-Einsätzen wie diesem eigentlich obligatorisch waren. Schließlich sind G-men keine Selbstmörder.

Wir hatten Werkzeug dabei, um die Filteranlagen aus dem Weg zu räumen.

Milo kroch voran, ich hinterher.

Den Plan hatten wir uns so gut es ging einprägen müssen.

Es dauerte eine Ewigkeit, bis wir endlich unser Ziel erreicht hatten.

Der Schacht endete in einem abgelegenen Teil der Bunkeranlage. Natürlich konnten wir nicht wissen, wie die AUSERWÄHLTEN den Bunker umgebaut hatten. Wir hofften einfach, an einer Stelle herauszukommen, die uns eine Chance ließ.

Es war ein stockdunkler Abstellraum.

Milo brach das Belüftungsgitter aus der Wand. Es war fast schon eine akrobatische Leistung, in den Raum zu kommen, ohne sich dabei den Hals zu brechen. Ein paar Augenblicke später hatten wir es geschafft.

Ich leuchtete mit der Taschenlampe in dem dunklen Raum herum. Vornehmlich Bettwäsche wurde hier gelagert.

Die Tür war von außen verriegelt, wie ich feststellte.

Wir hatten ein Walkie-Talkie dabei.

Ich nahm es vom Gürtel und meldete Mr. McKee: "Wir sind am Ziel! Es kann losgehen!"

"Viel Glück, Jesse!"

"Wird schon schon schiefgehen, Mr. McKee!"


65

Mit einer kleinen Sprengladung öffneten wir die Tür. Ein Tritt ließ sie zur Seite fliegen. Mit der Waffe in beiden Händen stürmte ich vorwärts. Vor mir lag ein kahler Flur. Das Surren der Lüftungsanlage war das einzige, was zu hören war.

Sonst nichts.

Keine Schritte, keine Stimmen.

Vorsichtig ging ich weiter. Den Finger immer am Abzug. Milo folgte mir, stets bereit, mir Feuerschutz zugeben. Jeden Moment erwartete ich, hinter der nächsten Ecke einen Bewaffneten auftauchen zu sehen.

Ein Explosionsgeräusch ließ uns beide zusammenzucken.

"Das sind unsere Leute am Haupteingang", meinte Milo.

Vermutlich hatte er recht.

Kein Schuss war zu hören, gar nichts.

Eine furchtbare Ahnung stieg in mir auf.

Der Flur machte eine Biegung. Auch dort war niemand zu sehen. Ich öffnete eine der Türen, die vom Flur abzweigten.

Ich warf einen kurzen Blick in einen kahlen Raum, der kaum mehr als eine Pritsche enthielt.

Der nächste Raum sah nicht anders aus.

Aber keine Menschen.

"Ich will nicht hoffen, dass diese AUSERWÄHLTEN uns schon wieder ausgetrickst haben", raunte Milo mir zu.

Jetzt hörten wir Schritte. Gestalten bogen um die Ecke.

MPis und automatische Pistolen wurden emporgerissen.

Und wieder gesenkt.

Es waren unsere Leute.

"Was geht hier eigentlich vor sich?", hörte ich Orry sagen.

Ich hatte keine Antwort darauf.

Noch nicht.

Ich öffnete eine weitere Tür. Ein Fußtritt und sie sprang auf. Der Raum, der sich dahinter verbarg war etwas größer als die, die ich bisher gesehen hatte. Es herrschte Halbdunkel.

Kerzenlicht flackerte in der Zugluft, die durch die Belüftungsanlage verursacht wurde. Die Kerzen bildeten eine Form, die mir inzwischen nur allzu vertraut war. Drei Kreuze.

Der Kreis um diese drei Kreuzsymbole herum, wurde durch menschliche Körper gebildet. Sie trugen allesamt weiße Gewänder. Ihre Blicke waren entspannt, fast zufrieden. Ihre Hände gefaltet. Sie lagen auf dem Rücken. Die Augen waren geschlossen. Sie sahen aus, als ob sie schliefen. Aber nur auf den ersten Blick.

Ich trat ein, stieg über die reglos daliegenden Körper und blieb dann vor einer weißhaarigen Gestalt stehen. Auch sie lag reglos am Boden.

Das Lächeln wirkte erstarrt.

"Diese Leute scheinen den Weltuntergang für sich persönlich vorweggenommen zu haben", murmelte ich düster.

"Keine Spuren äußerer Gewalteinwirkung", meinte Milo, der sich über einen der Toten gebeugt hatte. "Vermutlich ein schnell wirkendes Gift."

Es gibt Dinge, an die man sich nach noch so vielen Dienstjahren beim FBI einfach nicht gewöhnen kann. Und der Anblick, der sich uns bot, gehörte zweifellos dazu. Diese Menschen hatten ihr Leben sinnlos weggeworfen, weil sie von der Lehre eines Sektenführers zu blindem Gehorsam verführt worden waren.

Ich erinnerte mich an Sally, an die Angst, die sie zweifellos gehabt hatte. Angst vor mir, vor dem FBI, vor der ganzen Welt, die für sie nichts anderes war, als ein Ort, der von Satan regiert wurde.

Ich konnte mir die Hysterie lebhaft vorstellen, die unter diesen Sektenanhängern geherrscht hatte, die sich selbst als die AUSERWÄHLTEN betrachteten.

Ich bemerkte, dass Milo mich ansah.

Er schien meine Gedanken zu erraten.

"Wir hätten es nicht verhindern können, Jesse", stellte er fest. Mein Verstand sagte, dass er recht hatte.

Trotzdem blieb da ein quälendes Gefühl zurück. Ein bitterer Nachgeschmack.

Ich atmete tief durch.

Wie durch Watte hörte ich die Stimme meines Kollegen 'Orry' Medina.

"Ich hoffe nur, dass wir diesen verdammten CX-Behälter hier finden", meinte er.


66

Melvin beobachtete argwöhnisch die drei Schwarzen, die an der Subway-Station 137.Street West in Harlem zugestiegen waren.

Der Subway-Waggon war in einem schlechten Zustand. Das Innere war mit Graffiti verschmiert. Es roch nach Erbrochenem.

Melvin griff instinktiv nach der Plastiktüte, die er neben sich auf der Bank stehen hatte. Ein zylinderförmiger Gegenstand hob sich deutlich ab.

Der CX-Behälter...

Melvin schwitzte.

Er durfte die Ausführung des Auftrags, der ihm gegeben worden war, nicht länger aufschieben. Obwohl ihm allein bei dem Gedanken die Hände zitterten.

Die drei Schwarzen näherten sich. Sie trugen viel zu große Trainingsanzüge und tief ins Gesicht gezogene Rapper-Mützen.

Vielleicht Angehörige irgendeiner Straßengang, dachte Melvin.

Sie grinsten ihn an, kauten auf ihren Kaugummis herum.

Einer spielte mit einem Schlagring, warf ihn hoch, fing ihn wieder auf. Ein älterer, etwas verschüchtert wirkender Mann wollte den Waggon verlassen. Er wurde zur Seite gerempelt. So schnell er konnte, suchte er das Weite. Er stolperte davon.

Die drei Schwarzen lachten.

Dann wandte sie sich Melvin zu.

Einer setzte sich ihm gegenüber, legte einen Fuß auf den Sitz neben Melvin. Er spielte immer noch mit Schlagring. Die Zahnlücke vorne zeigte, dass er trotz seiner Bewaffnung wohl nicht immer Sieger geblieben war.

Die beiden anderen lungerten in der Nähe herum.

Jedenfalls blieb Melvin kein Fluchtweg.

Die nächste Station Richtung Downtown war die 125. Straße.

Die wenigen Leute, die noch im Waggon saßen, sahen zu, dass sie rauskamen.

Melvin wollte sich erheben.

Ein grober Stoß nagelte ihn an den Sitz.

Die Subway beschleunigte wieder.

Melvin wurde bleich.

"Was wollt ihr?"

"Das fragst du noch?", kicherte der Kerl mit dem Schlagring.

"Du fährst einfach durch unser Gebiet und fragst auch noch, was wir wollen!" Das Gelächter der anderen wirkte wie ein Echo. Der Kerl mit dem Schlagring befühlte Melvins Jacke, ein graumeliertes Jackett mit Fischgrätmuster. "Dein Fummel ist nicht gerade das, was uns zusagt, Mann!"

"Pech für euch", erwiderte Melvin.

"Ein bisschen hipper hättest du hier schon auftauchen können. Ist doch absolut uncool, was du da am Leibe trägst! Da macht das Abziehen doch gar keinen Spaß mehr!"

Und einer der anderen ergänzte: "Du hast ihn echt vergrätzt, Mann!"

"Ach, ja?"

"Die letzten Freuden verdirbst du einem!"

Melvins Puls raste. Seine Hand legte sich krampfhaft um den CX-Behälter in der Plastiktüte., "Was hast du denn da in der Tüte?", fragte der mit dem Schlagring. Er grinste so breit, dass man das volle Ausmaß seiner Zahnlücke sehen konnte. "Lass mal sehen..."

Er beugte sich vor.

"Nein", keuchte Melvin.

Einer der Kerle riss etwas unter seiner Adidas-Trainingsjacke hervor. Es war ein zierlicher Revolver vom Kaliber 22. Aber er reichte völlig aus, um einen Menschen zu töten. Vor allem aus so naher Distanz.

"Schön ruhig!", zischte der Kerl mit der Pistole, während sein Komplize Melvin den Schlagring ins Gesicht sausen ließ.

Alles drehte sich vor Melvins Augen. Er sackte in sich zusammen.

Einen Sekundenbruchteil später hatte der Mann mit dem Schlagring die Tüte an sich gebracht. Eine fast beiläufige Handbewegung und das Plastik glitt zur Seite. Der CX-Behälter wurde sichtbar.

Die drei lachten schallend.

"Eine Thermoskanne! Wer hätte das gedacht!"

Der Kerl mit dem Schlagring warf den CX-Behälter seinem Komplizen zu. Der fing ihn auf. Beinahe rutschte der Behälter von seinem Handballen ab. Im letzten Moment hielt der Mann ihn mit zwei Händen.

"Mach das Ding mal auf", grunzte der Kerl mit dem Schlagring. "Ich will wissen, was der Kerl säuft. Ich wette Kamillentee, so spießig, wie der aussieht!"

"Die Kanne geht nicht auf!"

"Mann, bist du eine Lusche geworden, Harry!"

"Leck mich doch!"

Melvin schielte zu dem Behälter hin.

Sein Kinn war durch den Schlag mit dem Metallring angeschwollen.

"Zeig mal dein Portemonnaie, du Pappnase!"

Melvin reagierte nicht sofort.

"Hast du's mit den Ohren - oder was?"

Die Bahn bremste.

Melvin sah innerhalb eines Sekundenbruchteils das Schild vorbeirasen, das einem verriet, dass dies die Subway Station an der 96. Straße war. Die Türen gingen selbsttätig auf und plötzlich wirkten die drei Schwarzen wie aufgescheuchte Hühner.

"Cops", knurrte einer von ihnen.

Für den Bruchteil eines Augenblicks hatte auch Melvin die dunkelblauen Uniformen draußen auf dem Subwaybahnsteig gesehen. Eine Doppelstreife.

Sie betraten den Wagen.

Die drei Schwarzen sprangen auf, spurteten wie von der Tarantel gestochen los.

Den CX-Behälter ließen sie einfach fallen.

Mit einem krachenden Laut kam er hart auf dem Boden auf. Es schepperte.

Die drei Schwarzen rannten durch den nächsten Wagen, drängelten sich durch Dutzende von gerade eingestiegenen Fahrgästen. Wenig später rannten sie über den Bahnsteig, als ob der Teufel hinter ihnen her gewesen wäre.

Die Cops blickten sich um. Der kleinere der beiden hatte seine Dienstwaffe in der Rechten, steckte sie nun aber wieder ein.

"Ist irgendetwas passiert?", fragte der größere der beiden.

"Nein" sagte Melvin.

"Wenn Sie Anzeige erstatten wollen, dann..."

"Nein, will ich nicht!"

Der Schweiß perlte von seiner Stirn.

Melvin wollte sich nach dem Behälter bücken.

Aber einer der Cops war schneller. Es war der Größere. Auf seiner Stirn erschienen dicke Furchen.

"Gehört das Ihnen?"

"Ja", sagte Melvin.

Der Größere wollte den Behälter an Melvin weiterreichen.

Seine Finger berührten bereits das hochwertige Material aus Spezialkunststoff, da meinte der andere Police Officer: "Stop!"

"Wieso?"

"Joey, ich wette um hundert Dollar, dass DAS HIER genau der Behälter ist, dessen Bild jetzt überall herumhängt!"

"Quatsch, du..."

Der Polizist brach mitten im Satz ab.

Melvon hatte die Gunst des Augenblicks genutzt und dem Officer die Waffe aus dem offenen Holster gerissen.

Zitternd hielt er die Waffe auf die beiden gerichtet.

Die Bahn hatte längst wieder Fahrt aufgenommen.

Die beiden Officers standen da wie Salzsäulen. Melvin nahm den CX-Behälter an sich.

"Machen Sie keine Dummheiten", knurrte der größere der beiden Cops. Sein Gesicht war bleich wie die Wand.

Melvin drängte sich an ihnen vorbei.

"Keine Bewegung", sagte er mit zittriger Stimme.

Er hatte das Ende des Waggons fast erreicht, da fuhr der Kleinere der beiden Cops mit der Hand nach unten.

Melvin feuerte.

Die beiden City Police Officers hatten nicht den Hauch einer Chance. Getroffen sanken sie zu Boden. Melvin ballerte wie wahnsinnig um sich. Dann griff er nach der Notbremse. Ein Geräusch, das geeignet war, Trommelfelle zerplatzen zu lassen, schrillte. Mit einem Ruck kam die Bahn zum Stehen.

Die Bremsung ließ Melvin hart gegen die Wand fliegen. Er rappelte sich auf.

Ein anderer Fahrgast war aus dem Nachbarwaggon herbeigeeilt, stand mit offenem Mund einige Sekunden lag da und lief dann davon.

Melvin öffnete die Tür.

Er stieg hinaus in den düsteren Subway-Tunnel.

Noch nicht!, ging es ihm durch den Kopf. Noch konnte er die Sense Gottes nicht zum Einsatz bringen... Nicht hier... Es gab bessere Orte. Orte, an denen sie ihre Wirksamkeit um ein vielfaches mehr erweisen konnte...

Melvin hetzte an den Waggons vorbei, hinein in den dunklen Tunnel.


67

Jeden Quadratzentimeter des unterirdischen Bunkerkomplexes durchsuchten wir. Jeder von uns legte dabei eine geradezu fieberhafte Eile an den Tag.

Mit jedem Augenblick, der verstrich, wuchs unsere Unruhe.

Denn die Konsequenzen, die sich ergaben, wenn der CX-Behälter hier nicht zu finden war, waren mehr als beunruhigend.

Es gab zwei Möglichkeiten.

Entweder hatte Sally Hiram nicht die Wahrheit gesagt, als sie über die Pläne der AUSERWÄHLTEN sprach, den mutierten Pest-Erreger in der U-Bahn auszusetzen oder es war bereits ein Wahnsinniger in den unterirdischen Schächten New York Citys unterwegs, um den grausamen Plan des selbsternannten Propheten Josiah Morgan auszuführen.

Die Untersuchungen zogen sich hin. Spurensicherer rückten an. In einem verschlossenen Raum fanden wir eine Art Archiv.

Es ist geradezu typisch für solche Sekten, dass sie Personaldaten akribisch sammeln. Über ihre eigenen Leute, ihre Feinde und natürlich über jene, die sie vielleicht aufzunehmen gedenken. An Umfang und Ausführlichkeit verblasste jede FBI-Akte gegen das, was hier zu einzelnen Personen gesammelt war.

Lichtbilder, Fingerabdrücke, Schriftproben, ausführliche Lebensläufe, medizinische Berichte, Vermögensverhältnisse...

Die Identifikation der Toten war anhand dieser Unterlagen nicht schwer.

McThorpe war unter ihnen.

Er hatte sein Transportunternehmen geschlossen, um mit dem Propheten, an den er glaubte, die letzten Tage der Welt zu verbringen.

Es war unfassbar.

Wir fanden auch Unterlagen über die Killer, die Sally Hiram verfolgt hatten und dann in die Klauen einer Straßengang geraten waren. Über Sally Hiram war natürlich auch ein Ordner vorhanden. Ebenso von ihrem Mann George.

"Er war Mitglied der AUSERWÄHLTEN", berichtete Milo, der die Unterlagen überflog. "Angeworben hat ihn seine Frau."

"So wie wir gedacht haben", erwiderte ich. "Dr. George Hiram verriet den AUSERWÄHLTEN alles, was sie über die internen Vorgänge bei MADISON GEN-TECH wissen mussten. Die Sekte beauftragte dann ein paar Berufsverbrecher mit der Ausführung des Verbrechens..."

Mit Sicherheit würden wir auch über die Einbrecher hier umfangreiches Aktenmaterial finden.

Aber das war im Moment nicht so wichtig.

Es ging um etwas ganz anderes.

New York sollte nicht sterben!

Orry und Clive hatten die Mitgliederliste der AUSERWÄHLTEN mit den aufgefundenen Toten abgeglichen. Danach wurden die Namen jener Mitglieder gestrichen, die uns darüber hinaus namentlich bekannt waren: Sally und George Hiram, der geheimnisvolle Killer namens Smith, dessen Identität anhand der Dossiers ermittelt werden konnte. Außerdem jene Männer, die man auf Sally Hirams Spur gesetzt hatte.

Ein Name blieb übrig.

"Melvin Karrow, 40 Jahre alt, gehört seit fünf Jahren zum inneren Kreis der AUSERWÄHLTEN!", rief Orry.

"Was ist mit dem?", fragte Agent Caravaggio.

"Das ist unser Mann", war Orry überzeugt. "Alle lebenden Mitglieder der Sekte sind hier - mit Ausnahme von Sally Hiram, die ihrer Akte nach ja dem Satan verfallen sein soll!

Nur dieser Melvin Karrow nicht..."

Ich begriff.

"Sein Bild muss sofort an alle Polizeidienstellen", meinte ich. "Und vor allem an das Wachpersonal in der Subway. Die Security-Leute an den Videomonitoren sollen mal ein bisschen die Augen aufhalten..."

"Klingt wie ein Strohhalm, Jesse", meinte Milo.

Ich zuckte die Schultern.


68

Dr. Tremayne bewohnte einen Bungalow in Riverdale, dem bürgerlichen Teil der Bronx, die oft zu Unrecht als Ganzes mit Slums, Drogen und Gewalt in Zusammenhang gebracht wird.

Von den Problemen, die in der South Bronx nicht zu übersehen waren, war hier nichts zu sehen.

Schmucke Bungalows lagen an großzügig angelegten Straßen, die von hoch aufragenden Bäumen umsäumt waren.

Tremayne parkte den Wagen in der breiten Einfahrt seines Hauses, das er seit seiner zweiten Scheidung allein bewohnte.

Ein Tribut an seinen Job und die Besessenheit, mit der er ihn betrieb. Tremayne war aus ganzer Seele Forscher. Tatsächlich hatte er schon so manche Nacht in den Labors von MADISON

GEN-TECH verbracht. Und in seinem dortigen Büro gab es sogar eine Pritsche.

Tremayne schlug die Wagentür seines Porsche zu.

Sein Gesicht wirkte düster.

Es gab da ein paar Sachen, die ihm ziemlich an die Nieren gingen. Der Tod von George Hiram war eines dieser Dinge...

Er ging ins Haus.

In der Rechten hielt er eine Tüte mit dem Schriftzug eines asiatischen Schnellimbiss. Er stellte die Tüte auf den Tisch und begann, den Inhalt auszupacken.

Lustlos kaute er auf den Chop Sui herum, schob die ganze Packung dann zur Seite.

Er stand auf, ging zum Fenster und blickte hinaus.

Sein Atem wirkte schwer.

Er vergrub die Hände in den Taschen.

Ein Lieferwagen stand auf der anderen Straßenseite. Er war mit Reklame bedruckt. Einen Augenblick lang fragte sich Tremayne, weswegen dieser Wagen dort eigentlich stand.

Am Steuer saß ein Mann, der Zeitung las. Er blickte kurz zu Tremaynes Haus herüber. Vom Gesicht konnte Tremayne so gut wie nichts sehen. Der Kerl trug eine Sonnenbrille.

Etwas machte Tremayne stutzig. Ein weißer Golf fuhr die Straße entlang. Der Fahrer hielt an, machte ein Handzeichen in Richtung des Sonnenbrillenträgers im Lieferwagen und fuhr dann weiter.

Tremayne fühlte ein unangenehmes Kribbeln in der Magengegend.

Was soll ich tun?, dachte er.

Der Appetit war ihm jedenfalls gründlich vergangen.

Tremayne ging mit schnellen Schritten zu seinem Schreibtisch. Er holte einen Schlüssel aus der Hosentasche und öffnete die oberste Schublade.

Ein handlicher Revolver vom Kaliber 22 lag darin.

Tremayne atmete tief durch, nahm die Waffe an sich und öffnete die Trommel. In der Schublade befanden sich auch Patronen. Mit zitternden Fingern schob er eine Patrone nach der anderen in die sechs Kammern der Trommel. Dann schloss er die Waffe, drehte die Trommel herum.

Er steckte sich die Waffe hinter den Hosenbund.

Für den Moment fühlte er sich etwas sicherer.

Aber das hielt nicht lange an.

Verdammt, das ist kein Ausweg, ging es ihm durch den Kopf, während er fühlte, wie die Verzweiflung in ihm aufstieg.


69

Mit Blaulicht fuhren wir Richtung Süden, erst durch Harlem, dann am Central Park vorbei. In der Subway hatte es eine Schießerei gegeben, bei der ein Polizist getötet und ein weiterer schwer verletzt worden war.

Der Täter hatte den Triebwagen zwischen zwei U-Bahnstationen mit der Notbremse zum Halten gebracht und war zu Fuß entkommen. Er war auf dem Weg zur Subwaystation an der 72. Straße West, Ecke West Central Park.

Der verletzte Police Officer hatte den Mann gut beschrieben.

Sein Aussehen schien mit dem Foto übereinzustimmen, dass wir von Melvin Karrow hatten.

Aber wichtiger war etwas anderes.

Der Polizist hatte nämlich den CX-Behälter erkannt, den der Täter bei sich gehabt hatte und von dem längst auf jedem Revier Fotos hingen.

"Er will zu einem der Subway-Knotenpunkte zwischen Times Square und Grand Central", vermutete Milo.

Ich blickte auf die Uhr.

Bald war Rush Hour.

Dann drängten sich in den U-Bahnhöfen von Midtown Manhattan so viele Menschen zusammen, dass Melvin Karrow keine Schwierigkeiten haben würde, den Plan seines Propheten durchzuführen und auf einen Schlag Hunderte von Passanten zu infizieren. Mit der Subway würden sie den Erreger innerhalb kürzester Zeit im Big Apple und darüber hinaus herumtragen und weiterverbreiten. Eine Kettenreaktion.

Wir fuhren den Broadway hinunter. Ein paar Blocks nördlich vom Lincoln Tower kreuzt er die Amsterdam Avenue und die 72. Straße. In die bogen wir ein, fuhren Richtung Central Park.

Die dortige U-Bahnstation war längst von Einsatzfahrzeugen der City Police umlagert. Man hatte bereits damit begonnen, Passanten und Fahrgäste zu evakuieren. Megafone warnten die Leute davor, sich in die Nähe der Subway-Station zu begeben.

Milo und ich stellten den Wagen irgendwo am Straßenrand ab.

Der Verkehr war an dieser Stelle kurz vor dem Infarkt. Ohne Blaulicht gab es überhaupt kein Fortkommen mehr. Und das war noch schwierig genug. Aber noch schneller ging es im Moment zu Fuß.

Mit den Dienstausweisen in der Hand begrüßten wir kurz die NYPD-Beamten, die hier ihren Dienst taten.

Spezialisten des FBI waren auch schon in Stellung gegangen.

Die blauen Einsatzjacken mit den drei weißen Buchstaben waren nicht zu übersehen.

Alle verfügbaren Kräfte, die sich gerade in der Umgebung aufgehalten hatten, waren über Funk hier her beordert worden.

Der wahnsinnige Fanatiker, in dessen Händen sich jetzt der CX-Behälter befand, war zweifellos auf dem Weg hier her.

Jedenfalls saß er in der Falle, irgendwo tief unter der Erde zwischen den Subwaystationen an der 81. Straße Ecke Central Park West und an der Zweiundsiebzigsten. Die weiter nördlich gelegene Subway-Station an der Einundachtzigsten war genauso hermetisch abgeriegelt worden wie diese hier. Und so durfte es für Melvin Karrow eigentlich kein Entkommen geben.

Im Eiltempo liefen wir die Treppen hinunter, die zu den Subway-Gleisen führten.

Wenig später blickten wir in den großen dunklen Tunnel Richtung Norden.

Wir sprachen mit der Einsatzleiterin der City Police vor Ort. Es handelte sich um Captain Cathy Ericson, eine resolut wirkende Enddreißigerin.

"Ein Seuchenschutzkommando der Army ist hier her unterwegs", meinte Captain Ericson. "Aber es kann eine Weile dauern, bis das hier eintrifft..."

"Was ist mit den Triebwagen, aus denen Karrow geflüchtet ist?", fragte ich.

"Die sind zurück zur Station an der 81. Straße gefahren!"

Details

Seiten
900
Jahr
2021
ISBN (ePUB)
9783738955835
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (August)
Schlagworte
ermittler august krimi paket thriller

Autoren

  • Alfred Bekker (Autor:in)

  • Pete Hackett (Autor:in)

  • Cedric Balmore (Autor:in)

  • Roland Heller (Autor:in)

  • Bernd Teuber (Autor:in)

  • Guy Brant (Autor:in)

  • A. F. Morland (Autor:in)

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Titel: Die smartesten Ermittler im August 2021: Krimi Paket 7 Thriller