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Der alte Fuchs: Texas Wolf Band 60

von Glenn Stirling (Autor:in)
2021 120 Seiten

Zusammenfassung

Western von Glenn Stirling

Der Umfang dieses Buchs entspricht 117 Taschenbuchseiten.

Ernest McMurray macht gute Geschäfte mit dem mexikanischen Verbrecher El Churrasco, indem der Rinder von den Haziendas stiehlt und an McMurray verkauft. Doch die Texas-Ranger sind ihm auf den Fersen, besonders Tom Cadburn. McMurray will in die Politik, deshalb darf nichts über seine „Geschäfte“ bekannt werden.

Leseprobe

Der alte Fuchs: Texas Wolf Band 60

Western von Glenn Stirling


Der Umfang dieses Buchs entspricht 117 Taschenbuchseiten.


Ernest McMurray macht gute Geschäfte mit dem mexikanischen Verbrecher El Churrasco, indem der Rinder von den Haziendas stiehlt und an McMurray verkauft. Doch die Texas-Ranger sind ihm auf den Fersen, besonders Tom Cadburn. McMurray will in die Politik, deshalb darf nichts über seine „Geschäfte“ bekannt werden.



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Alfred Bekker

© Roman by Author

Cover: Edward Martin, 2021

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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1

„Ich habe eine Überraschung für dich“, sagte Ernest McMurray und lehnte sich in seinem Sessel zurück. Er tat einen Zug aus seiner Zigarre und blickte durch den kräuselnden Rauch hindurch auf Ray Johnson.

Gegensätzlicher konnten zwei Männer nicht sein. Ernest McMurray war schwergewichtig, breit, ein Mann Mitte fünfzig auf der Höhe seines Erfolges.

Der Mann ihm gegenüber, Ray Johnson, gut fünfzehn Jahre jünger, kein Gramm Fett, alles Muskeln und Knochen. Ein Energiebündel.

An den Schläfen seines dunklen Haares zeigten sich schon weiße Stellen.

Das Gesicht war wie Leder, tief gebräunt von Sonne und Wind. An ein paar Stellen waren Narben heller geblieben. Stahlblaue Augen, ein deutlich vorspringendes Kinn. Im Gegensatz zu McMurray, der einen teuren Prinz-Albert-Rock, blütenweißes Hemd und eine Schnürsenkelkrawatte trug, war Johnson wie ein Cowboy gekleidet. Man konnte ihn gut für einen Cowboy halten, nur die Hände passten nicht dazu, an seinen Händen fanden sich keine Lassonarben. Es waren feingliedrige Hände, die er meist durch Handschuhe schützte. Jetzt allerdings hatte er sie ausgezogen und in seinen Hosenbund gesteckt. Die Hände waren noch hell. Infolge der Handschuhe hatte die Sonne ihnen nichts anhaben können.

„Und was ist das für eine Überraschung?“, fragte Johnson mit tiefer, sonorer Stimme.

McMurrays feistes Gesicht verzog sich zu einem Grinsen. Dann machte er eine Kopfbewegung zum Fenster hin. Und dort stand Piet.

Piet war immer da, wo sich McMurray aufhielt. Ein Mann mit ziemlich dunkler Haut, groß, mindestens zweihundert Pfund schwer, bestens durchtrainiert, mit Fäusten wie Dampfhämmer.

Piets Gesicht verriet nicht, was in ihm vorging. Mit völlig ausdrucksloser Miene beugte er sich nach vorn und hob eine sorgfältig gezimmerte Kiste hoch. Sie war schmal und lang.

„Setz sie auf den Tisch“, sagte McMurray, und Piet brachte die Kiste zu McMurrays Schreibtisch hinüber, schob den Stoß Papiere, der dort lag, beiseite und setzte die Kiste ab.

„Mach sie auf!“, befahl McMurray, und Piet löste den Deckel.

Johnson erkannte mit Kennerblick, was sich in der Kiste befand. Sorgfältig in Ölpapier eingewickelt, lag zwischen Holzwolle ein Gewehr, ein sehr langes Gewehr.

„Nimm es heraus“, sagte McMurray, und Piet hob die eingepackte Waffe aus der Kiste, wickelte das Papier ab, und zum Vorschein kam ein für Johnsons Begriffe eigentümliches Gewehr. Er hatte so etwas überhaupt noch nie gesehen. Es war ganz anders als die Winchester und Marlin, die er kannte. Diese Waffe hier hatte einen sehr langen Lauf. Das erinnerte ihn an die Sharps und die Hawken. Und doch war diese wieder ganz anders. Die hatte auch einen merkwürdigen Verschluss.

„Da staunst du, was? Und sieh mal, was dabei ist. Wickle das Papier oben ab, Piet“, sagte McMurray, und Piet wickelte in der Mitte des Gewehrs noch mehr Papier ab. Und jetzt gewahrte Johnson das Fernrohr, ein auf dem Gewehr sitzendes Fernrohr. Auch so etwas hatte er noch nie gesehen.

„Was, zum Teufel, ist das für ein Ding?“, fragte er und streckte die Hände nach der Waffe aus.

„Gib sie ihm ruhig, Piet“, meinte McMurray. „Er wird staunen. Es ist eine Mauser. Ich habe sie extra aus Europa kommen lassen. Sie kostet ein Vermögen, alleine der Transport. Dafür kannst du dir fünf Winchester kaufen. Und dann die Waffe selbst, die kostet noch viel mehr. Das Zielfernrohr ist soviel wert wie fünfzehn Winchestergewehre.“

Johnson hielt die Waffe inzwischen in den Händen. Sie war schwer, viel schwerer als die, die er kannte. Vielleicht so schwer wie diese alten Vorderlader. Aber dies hier war alles andere als ein Vorderlader. Er rüttelte am Kammerstängel. „Wie wird das Ding behandelt?“

„Gib es mir“, sagte McMurray, „ich will es dir zeigen. Ich bin nämlich in Europa gewesen, habe mir alle möglichen Gewehre angesehen. Und damals kam mir die Idee, so ein Ding zu bestellen. Es gibt noch nicht allzu viele. Aber demnächst rüsten die Leute, die es bauen, die preußische Armee damit aus. Und nicht nur die. Es ist ungefähr das beste an Gewehren, was zur Zeit auf dem Markt ist. Nicht so schnell wie unsere Winchester. Aber hiermit kannst du noch auf eine Meile Entfernung präzise treffen. Da gibt es kein Streuen wie bei der Winchester, die nach zweihundert Schritt schon nicht mehr sicher trifft. Diese Waffe hier, die kannst du auf die größten Distanzen einsetzen. Ich sage dir, sie ist ein Vermögen wert. Aber das Geld habe ich ausgegeben. Und der erste, den ich damit von der Bühne jagen will, ist Sheng.“

„Das hast du mir schon gesagt“, meinte Johnson nachdenklich und betrachtete immer noch das Gewehr. Dann erst reichte er es McMurray. Und der schlug den Kammerstängel hoch, zog das Schloss zurück und deutete auf die Kammer.

„Fünf Schuss gehen hinein, und ich habe auch die Munition dafür, eine ganze Kiste voll. Du müsstest hundert Jahre alt werden, um das alles zu verschießen. Doch wenn du gut zielst, brauchst du nur einen einzigen Schuss.“

„Du willst also, dass ich diesen Sheng umlege?“, fragte Johnson.

McMurray schüttelte den Kopf. „Nein, umlegen wäre Blödsinn. Sheng ist gefährlich, ein bissiger Hund. Aber er ist nichts gegen Cadburn. Um Cadburn zu bekommen, müssen wir Sheng als Köder haben. Ein toter Sheng bringt gar nichts. Du musst ihn so verwunden, dass er vorläufig außer Gefecht gesetzt ist. Aber die Verwundung muss so sein, dass Cadburn davon hierher gelockt wird, also darf Sheng nicht mehr von hier wegkommen. Verstehst du, was ich meine?“

Johnson nickte nur. Er war ein Spezialist auf diesem Gebiet und kostete seinen Preis. Er hatte sich bereit erklärt, für McMurray zu arbeiten. Die finanzielle Seite der Geschichte hatten sie schon ausgehandelt. McMurray war bereit, diesen hohen Betrag zu bezahlen, den Johnson verlangte. Denn Johnson wusste, was er wert war. Aber mit dieser Waffe, das war Johnson in dem Moment klar, als er die Lobrede von McMurray auf dieses Gewehr hörte, würde alles noch sicherer sein. Doch zunächst einmal wollte Johnson die Waffe ausprobieren.

McMurray ließ Piet die notwendige Munition herausholen und befahl Piet, Johnson zu begleiten.

„Aber macht es so, dass ich etwas davon sehen kann. Ich werde vom Fenster aus zuschauen.“

Als die beiden hinausgingen, stemmte sich McMurray aus seinem Sessel und ging schwerfällig zum Fenster, stützte sich mit beiden Händen rechts und links an den Fensterrahmen und schaute hinaus. Er sah die beiden Männer ins grelle Sonnenlicht treten und zum Windrad des Brunnens hinübergehen.

Es war später Vormittag. Die Ranch wirkte in der Gluthitze wie ausgestorben. Die beiden Hunde und auch die Hühner hatten sich in den Schatten verzogen. Einer der Hunde sprang auf und lief zu Piet hin. Sehr begeistert schien er davon nicht zu sein, seine kühle Ecke verlassen zu müssen, und er war auch offensichtlich froh, dass er wieder zurückkonnte, als Piet ihn verscheuchte.

Dann waren die beiden Männer am Brunnen angelangt. Über ihnen bewegte sich das Windrad nur sehr langsam in der lauen Strömung des Windes, der von Süden immer mehr Hitze heranbrachte.

Piet deutete auf irgend etwas, und Johnson, der das Gewehr bereits in den Händen hielt, kniete und legte es auf dem Rand des Brunnenschachtes auf. Dann zielte er durch das Fernrohr ganz genau. Piet schien ihm irgend etwas zu erklären. Und plötzlich fiel der Schuss.

Offensichtlich hatte Johnson nicht mit einem solchen Rückschlag gerechnet. McMurray grinste amüsiert, als er sah, wie der Kolben unter dem Rückschlag hochgerissen wurde.

Irgendwo in der Ferne hatte ein Pfahl als Markierung gestanden. Diese Markierungen waren nötig, wenn Sandstürme herrschten, damit man sich orientieren konnte. Aber dieser Pfahl stand nicht mehr dort, er war umgekippt. Johnson hatte getroffen.

Der Erfolg überraschte auch McMurray. Aber die beiden am Brunnen schienen damit noch nicht zufrieden. Johnson repetierte, und die Art, wie er es tat, befriedigte McMurray, Johnson hatte vorhin nur zugesehen, aber jetzt hantierte er am Schloss wie einer, der das schon Hunderte von Malen getan hatte.

Die Hülse flog heraus, Johnson stieß den Kammerstängel wieder nach vorn, schlug ihn nach unten, zielte erneut.

Johnson schien nach einem Ziel zu suchen. McMurray, der inzwischen sein Spektiv langgezogen hatte, blickte nun durch das Fernrohr ungefähr in die Richtung, in die, wie er glaubte, Johnson schießen würde. Und wieder hatte er ein Ziel entdeckt. Kaum sah er es und hatte sein Spektiv richtig eingestellt, fiel der Schuss, und unmittelbar danach wurde der oberste Trieb eines Saguaro-Kaktus regelrecht weggefegt.

Er hat wieder getroffen! dachte McMurray zufrieden.

Sie gaben noch ein paar Schüsse ab, aber McMurray hatte die Lust an der Beobachtung verloren und saß längst wieder in seinem Stuhl, als die beiden zurückkehrten.

Johnson lächelte. Er tat das selten, aber jetzt war er begeistert. Das drückte sich in diesem milden Lächeln aus.

„Die Waffe ist gut. Ist ungefähr das Beste auf großer Distanz, was ich je in der Hand hatte. Du könntest sie mir verkaufen, Ernest.“

McMurray schüttelte den Kopf. „O nein, Ray! Abgesehen davon, dass sie wahnsinnig teuer ist, habe ich sie für mich bestellt. Du wirst sie mir, wenn du sie gebraucht hast, wieder zurückbringen.“

Johnson legte das Gewehr auf den Schreibtisch, deutete darauf und sagte: „Wir haben einen Preis ausgemacht. Ich ändere den Vertrag. Ich tue es für das Gewehr, für sonst nichts.“

„Dein Auftrag beschränkt sich nicht auf Sheng“, erklärte McMurray und beugte sich ein wenig vor.

„Ich weiß, du willst auch Cadburn haben.“

„Cadburn will ich besonders haben, und ihn solltest du töten.“

„Er ist ein Texas-Ranger.“

McMurray nickte. „Stimmt. Und Sheng ist auch einer. Das macht keinen Unterschied. Ich will, dass du Sheng verwundest und Tom Cadburn tötest. Und wenn du noch einen Schuss übrig hast für seinen verdammten Köter, dann mach den auch fertig. Und vor allen Dingen will ich keine Späne. Glatte Schüsse, du hast die Möglichkeit dazu.“

„Nur für diese Waffe.“

„Beide, Cadburn und Sheng?“, erkundigte sich McMurray nachdenklich.

„Beide“, erwiderte Johnson. „Und Cadburns Pferd.“

McMurray lächelte. „Das kannst du gerne haben. Es soll ein Wundertier sein. Aber ich interessiere mich nicht für Pferde. Ich interessiere mich nur für Leute, die mir ins Gehege kommen. Und Cadburn und Sheng tun das schon eine ganze Zeit. Sie müssen beide weg. Wenn du Sheng angeschossen hast, brauchst du dich um den Rest später nicht mehr zu kümmern. Ich will aber, dass du ihn nur anschießt. Töte ihn nicht, sonst machst du mir mein Konzept kaputt. Mit einem toten Sheng bekommen wir Cadburn nicht hierher. Wenn er in die Falle soll, muss Sheng am Leben bleiben, aber so verletzt sein, dass er nicht mehr wegkommt. Ist alles klar, Ray?“

Ray Johnson nickte. „Alles klar. Ich bekomme die Waffe und Cadburns Pferd.“

„Gut.“ McMurray lächelte. „Das Gewehr scheint dich überzeugt zu haben. Nun überzeuge du mich mal von deinem großen Ruf.“

„Du wirst keine Klagen haben“, erwiderte Ray Johnson, packte die Mauser mit der Linken, während seine Rechte beinahe zärtlich über den brünierten Lauf, den Schaft und dann hinunter über den Kolbenhals bis zur Kolbenplatte fuhr. Schließlich spielte sein rechter Zeigefinger liebevoll mit dem Abzug.

„Mach hier kein Feuerwerk, Ray! Ich glaube, die Sache ist klar.“

Johnson nickte. „Völlig klar“, meinte er. Dann verließ er den Raum, das Gewehr hielt er fest an seinen Körper gepresst, als müsste er fürchten, es wieder zu verlieren.

Als er draußen war, sagte McMurray zu Piet: „Er allein ist gefährlich wie ein angeschossener Bär. Aber mit diesem Gewehr schlägt er alles, was sich ihm in den Weg stellt. Ich bin sicher, dass er die Aufgabe meistert. Was meinst du, Piet?“

Auch Piet schien da sehr zuversichtlich zu sein, meinte aber: „Nur die Weibergeschichten, Mister McMurray, diese verdammten Weibergeschichten! Ich wette, dass er zu Kate gegangen ist.“

„Die Wette wirst du gewinnen. Aber es macht nichts. Irgend etwas muss der Mensch haben. Er ist sonst knallhart gegen sich selbst, rührt keinen Alkohol an. Du kannst dich sonst voll auf ihn verlassen. Seine Weibergeschichten gehen uns nichts an, solange er seine Aufträge zuverlässig erfüllt. Und ich bin sicher, dass er es auch diesmal tut. Und dann sind wir Cadburn und diesen Sheng los. Cadburn ist der einzige, der uns wirklich gefährlich werden kann, sonst niemand. Aber der ist schon so gut wie tot. Er weiß es nur noch nicht!“



2

Johnson kauerte neben dem Felsen im Schatten. Die Sonne stand schon hoch. Bald würde er seinen Standort wechseln müssen, wollte er nicht schmoren. Aber von hier aus hatte er einen herrlichen Ausblick. Ihn interessierte weniger die Naturschönheit, die er von diesem erhöhten Felsen aus sehen konnte, als vielmehr der Wagenweg, den die Kutsche von San Antonio nach El Paso nehmen würde. Etwa eine Meile von hier entfernt zweigte der Reitweg ab, der hinauf nach Highsmith führte, nur ein paar Schritte an der Stelle vorbei, wo Johnson hockte.

Die Luft flimmerte über dem Gestein, und der Wind, der jetzt stärker von Süden wehte, trieb Staubschleier über den Wagenweg hinweg.

Johnson blickte nach rechts den Wagenweg entlang, wie er in Serpentinen an den Felsen vorbei, etwas hinauf und irgendwo hinter dem Kamm wieder nach unten führte, direkt auf den Rio Grande und auf El Paso zu.

Aber die Kutsche würde von links kommen, von San Antonio her. Es war aber nicht die Kutsche, für die sich Johnson interessierte, denn die war erst morgen fällig. Sheng und den Deputy Sheriff erwartete er innerhalb der nächsten zwei Stunden.

Liebevoll betrachtete er das Gewehr in seinen Händen, die Mauser, diese Wunderwaffe. Und dass es eine Wunderwaffe war, war ihm seit den letzten drei Tagen absolute Gewissheit. Er hatte sie ausprobiert, immer wieder und wieder, um ganz sicher damit umgehen zu können. Und jetzt hatte er diese Sicherheit, die er brauchte, kannte das Gewehr sozusagen in- und auswendig. Er wusste, wie man es zerlegt, vor allen Dingen dieses komplizierte Schloss.

Und nun schimmerte sie matt und strahlte die Gefährlichkeit einer Viper aus.

Damit kein Staubkörnchen in den Verschluss kam, hatte er sein Halstuch darüber gebunden. Auch das Zielfernrohr war geschützt. Noch brauchte er es nicht.

Mit seinem Spektiv, das längst nicht so gut war wie das Zielfernrohr auf dem Gewehr, suchte er den Weg in Richtung San Antonio ab. Und plötzlich entdeckte er die beiden Reiter, die näherkamen. Sie ritten nicht schnell. Ab und zu blitzte etwas auf ihrer Brust, und er wusste, wovon das herrührte. Ihre Abzeichen. Bei dem einen der Stern, bei dem anderen das Schild eines Texas-Ranger.

Ohne Hast nahm Johnson das Halstuch vom Verschluss des Gewehres und das Papier vom Zielfernrohr. Langsam, ohne hastige Bewegung, legte er die Waffe auf diesen Felszacken auf, den er dafür vorgesehen hatte. Und noch immer voll im Schatten blickte er durch das Zielfernrohr, suchte die beiden und hatte sie jetzt voll im Fadenkreuz. Doch noch waren sie viel zu weit. Er musste sie deutlicher sehen können, um jene sicheren Schüsse anbringen zu können, wie er das wollte. Auf den Deputy und dessen Leben legte McMurray keinen Wert. Also würde er den ersten Schuss auf Sheng abfeuern, die beiden nächsten auf die Pferde. Der Deputy sollte unverletzt bleiben. Aber es hing von ihm selbst ab, wie er sich verhielt.

Er hat höchstens ein Winchestergewehr, dachte Johnson, also werde ich die Entfernung so groß halten, dass er mir nicht gefährlich werden kann. Und dieses Gewehr ist die Garantie, dass so etwas möglich ist.

Die beiden Reiter waren ahnungslos; sie kamen näher. Und Johnson verfolgte alles, was sie taten, durch das Zielfernrohr. Immer deutlicher wurden sie. Er konnte jetzt sogar Einzelheiten an ihnen erkennen. Bald hatte er heraus, dass Sheng auf einem Falben, links von ihm gesehen, ritt, der Deputy rechts, und er sah auch, wie Sheng seinen Hut abnahm, sich mit dem Halstuch über die Stirn tupfte, sah, wie das lange, volle schwarze Haar in der Sonne glänzte. Dann stülpte Sheng seinen Hut wieder auf.

Johnson ließ sie noch weiter herankommen. Als sie eine drittel Meile entfernt waren, wie er schätzte, zog er die Waffe fester an die Schulter. Er wusste, dass es einen mächtigen Rückschlag gab. Das hatte er bei seinem ersten Schuss erlebt.

Das Fadenkreuz zeigte jetzt genau auf die linke Schulter Shengs.

Aber dann glitt es tiefer, wanderte bis zum rechten Oberschenkel. Das war die richtige Stelle.

Das Fadenkreuz blieb jetzt genau auf diesem Punkt. Und beide Reiter kamen näher, nahe genug für Johnsons Schuss.

Der rechte Zeigefinger Ray Johnsons krümmte sich etwas, erreichte den Druckpunkt des Abzuges. Johnson atmete aus, zog die Kolbenplatte noch fester an die Schulter, hatte genau das Ziel, rechter Oberschenkel.

Der Finger krümmte sich weiter, gewann den Druckpunkt … ein donnernder Schlag! Der Rückstoß presste die Waffe hart gegen Johnsons Schulter. Der Feuerstrahl fegte aus dem Lauf.

Johnson hatte nicht verrissen. Noch immer schaute er durch das Zielfernrohr, sah wie der Mann zusammenzuckte, wie sein Pferd sich aufbäumte.

Johnson repetierte. Kammerstängel hoch, zurück, wieder nach vorn und nach unten schlagen. Die Hand schloss sich wieder um den Kolbenhals, der Finger befand sich erneut am Abzug. Druckpunkt. Und schon hatte Johnson den Kopf des Pferdes genau im Fadenkreuz. Er zog durch, und das Pferd, das sich eben noch aufgebäumt hatte, sackte regelrecht in sich zusammen.

Der getroffene Reiter flog aus dem Sattel.

Alles wiederholte sich: Kammerstängel hoch, Verschluss zurück, wieder nach vorn, Kammerstängel nach unten. Und wieder war der rechte Zeigefinger Johnsons am Abzug.

Er sah, wie der Deputy Sheriff, der sein ebenfalls erregtes Pferd zu parieren suchte, völlig damit beschäftigt war.

Da fiel der zweite Schuss, und wieder traf das Projektil ein Leben. Das Pferd des Deputys wurde voll in den Kopf getroffen, sackte mit den Vorderbeinen zusammen und katapultierte seinen Reiter über den Hals zu Boden. Dann kippte das Pferd völlig leblos auf die Seite und blieb liegen.

Der Deputy überschlug sich bei seinem Sturz, kam aber sofort auf die Knie, sprang auf die Beine und rannte schutzsuchend hinter sein zusammengebrochenes Pferd.

Durch das Zielfernrohr konnte Johnson erkennen, wie der Sheriff versuchte, sein Gewähr unter seinem Tier herauszuzerren.

Auch der verletzte Sheng hatte sich hinter sein Pferd retten können.

Johnson wollte keinen weiteren Schuss abgeben. Er nahm sein Gewehr herunter, wickelte, als habe er massenhaft Zeit, sein Halstuch wieder über Zielfernrohr und Verschluss, dann schlich er um den Felsen herum zurück, bis zu der Stelle, wo in absoluter Deckung zwischen Felsen sein Pferd stand. Er schob die Mauser in den Scabbard, der eigentlich zu klein für diese Waffe gewesen war. Er hatte ihn extra für dieses Gewehr verändert.

Dann band er sein Tier los, stieg in den Sattel und ritt in Richtung Highsmith davon.

Nach etwa einer Meile hielt er erneut an, stieg ab, diesmal ohne sein Gewehr. Er kletterte auf einen Felsen empor und hatte nur sein Spektiv dabei. Als er hoch genug war, konnte er über die Steinsäulen hinweg bis zu Tal sehen und damit bis zu den beiden Männern und den Kadavern ihrer Pferde.

Es erfüllte ihn mit Genugtuung, als er erkannte, dass der Sheriff damit beschäftigt schien, den verletzten Sheng zu verbinden.

Alles wird nach Plan laufen, dachte Johnson und kletterte wieder hinunter, setzte sich aufs Pferd und ritt weiter. Bevor er Highsmith erreicht hatte, dieses winzige West oben in den Bergen, verließ er den Pfad und ritt nach rechts in einem Arroyo weiter. Im Bett dieses ausgetrockneten Flusses kam er voran wie auf einem Weg. Es ging noch leicht bergauf, aber nicht mehr so steil wie vorhin.

Er brauchte zwei Stunden, bis er die Hochebene erreicht hatte. Dann ging es fast eben nordwärts. Noch siebzehn Meilen, und er hatte McMurrays Ranch erreicht

Nach Johnsons Schätzung wurde es etwa eine Woche dauern, bis Tom Cadburn auf dem Plan erschien. Er würde auf ihn warten. Und er war sicher ihn genauso zu treffen, wie er Sheng getroffen hatte. Nur mit einem Unterschied: Tom Cadburn würde er töten. Und anschließend war es kein Problem mehr, auch Sheng in die ewigen Jagdgründe zu befördern. Dies jedoch betrachtete er nicht mehr als seine Aufgabe und wollte es McMurray überlassen. Schmutzarbeiten tat er nicht gern. Einen verletzten hilflosen Mann umzubringen, war nicht nach seinem Geschmack. Aber das Gewehr wollte er haben.

Im Augenblick jedoch interessierte ihn Kate. Bei ihr war er gewesen, bevor er sich aufmachte, um Sheng abzuschießen. Und zu ihr wollte er zurück. Vielleicht werde ich sie mitnehmen nach Mexiko, wenn ich Cadburn erledigt habe, dachte er. Kate gefällt mir. So wie sie hat mir noch keine gefallen.



3

Wahnsinnige Schmerzen durchfluteten Shengs Körper. Er lag am Boden und Bill Braddock hatte, um ihn vor der glühenden Sonne zu schützen, eine der Satteldecken mit Hilfe von Ästen aufgespannt, so dass sie wie ein Sonnendach wirkte. Darunter lag Sheng.

Was mit seinem Bein war, wusste er inzwischen. Bill Braddock war kein Anfänger sondern ein erfahrener Mann. Bedeutend älter als Sheng. Und solche Verletzungen wie die von Sheng schien er schon öfter gesehen zu haben.

Das Hosenbein war aufgeschnitten, der Verband angelegt. Der grauhaarige Braddock kauerte neben Sheng.

„Da beißt die Maus keinen Faden ab, dass es ein Schussbruch ist. Zum Glück ist das Projektil wieder ausgetreten, hat natürlich eine schlimme Wunde gerissen. Aber die wird heilen. Das Schlimmere ist jetzt der Knochen. Und das Allerschlimmste ist, dass wir bis morgen warten müssen, bis die Postkutsche kommt. Mit ihr wirst du nach El Paso geschafft. Eine andere Möglichkeit bietet sich gar nicht an.“

Sheng lag mit zusammengebissenen Zähnen da. Er hielt die Augen geschlossen. Der Schmerz war unerträglich. Ihm war klar, dass der Bruch gerichtet werden musste. Immerhin hatte ihm Braddock mit Hilfe seines Gewehrs und eines Handspatens so etwas wie eine Schienung gemacht Aber vielleicht lag der Knochen nicht richtig. Es tat jedenfalls höllisch weh.

„Wenn ich nur wüsste“, meinte Braddock, „wer dieser Schweinehund war! Auf alle Fälle mit einem unverschämt weitreichenden Gewehr. Bei seinem dritten Schuss habe ich das Aufblitzen gesehen, da oben am Felsen. Ich würde ja liebend gerne hingehen, um nachzusehen, was da ist.“

Sheng öffnete die Augen. „Tu‘s nicht, es ist eine Falle. Der will, dass du dahin kommst. Der Kuckuck weiß, wer es ist.“

„Ja, du hast recht. Und trotzdem kann ich mir schon denken, wo es herkommt. Auf wen seid ihr denn scharf, du und Cadburn? Auf niemand anderen als McMurray. Gut, wir wissen alle, dass er ein Lump ist, ein reicher, mächtiger, gefährlicher Lump. Aber eben ein Lump. Nur beweisen kann man es ihm nicht. Er sitzt im Senat der Gouverneur ist sein Freund. Der Gouverneur hat auch Dreck am Stecken. Das ist dieselbe Geschichte. Jeder weiß es, nur beweisen kann es keiner.“

„Wir hätten es bewiesen“, sagte Sheng mit gepresst klingender Stimme.

„Was ihr bis jetzt wisst, ist zu wenig. Wir müssten viel mehr wissen. Also, machen wir uns aufs Warten gefasst. Die Kutsche kommt nicht vor morgen Mittag. Und wenn sie Verspätung hat, dauert es bis in den Nachmittag hinein. Zu trinken haben wir Gott sei Dank genug. Und auf alles andere können wir verzichten.“

„Wenn dieser Mistkerl uns nicht noch die Pferde abgeknallt hätte!“, meinte Sheng mit zusammengebissenen Zähnen.

„Ja, das hat er aber“, erwiderte Braddock. „Ohne die Pferde sind wir ein Dreck. Warten wir also auf die Kutsche. Und dann, wenn sie kommt, wird es noch einmal höllisch werden, bis sie dich in El Paso haben. Ich werde mit Duncan reden. Und wie ich ihn kenne, stellt er ein Aufgebot zusammen, grast hier alles ab. Aber wir haben natürlich Tage verloren, und der Himmelhund ist längst beim Teufel. Vielleicht waren es auch mehrere. Ich würde doch am liebsten mal nachsehen.“

„Er muss gewusst haben, dass wir kommen. Es ist Verrat im Spiele“, erklärte Sheng. „Es gibt irgendeinen bei euch, der mit ihnen unter einer Decke steckt.“

Braddock nickte. „Natürlich gibt es das. Vielleicht steckt sogar mein Boss mit ihm unter einer Decke. Marlowe ist mir sowieso immer schon verdächtig gewesen. Er hat einfach zu viel Geld, verstehst du? Das kann nicht nur sein Anteil von den Steuern sein. Da kommt noch Geld aus einer anderen Quelle. Und die Frau …“ Er lachte grimmig auf. „Weißt du, was dieses verdammte Weib an Geld braucht? Die lässt sich ihre Kleider aus dem Osten schicken, aus New York, Washington. Der ist da keine Bratwurst zu teuer. Und der Schmuck, den sie trägt, alles echt, verstehst du? Irgendwann wird ihr ein Bandit die Klunker vom Halse reißen. Das macht Marlowe mehr Sorgen als sonst etwas. Und er selbst, die jungen Mädchen, die er sich heimlich anlacht, vornehmlich Mexikanerinnen, da steht er drauf. Mexikanerinnen, die gefallen ihm, mit Feuer im Blut, mit Chili in den Adern, wie er immer sagt“

„Er weiß eben, was schmeckt“, erwiderte Sheng verbissen. „Das ist dasselbe Lied, du kannst es ihm nicht beweisen.“

Braddock nickte. „Keinem von denen. Und für mich ist es noch gar nicht heraus, ob es euch gelungen wäre, McMurray zu beweisen, was er alles treibt. Er hat gute Leute, und vor allen Dingen hat er das Geld, um diese guten Leute zu bezahlen. Das ist nämlich die halbe Miete, mein Lieber, dass man das Geld hat. Wenn man es hat, kann man sich alles leisten, auch so ein Gewehr, das auf solch riesige Entfernung noch hundertprozentig genau schießt und mit einer solchen Kraft schießt, dass es dir den Oberschenkelknochen zersplittert. Vielleicht wirst du nie mehr gehen können.“

„Vielleicht werde ich den Brand ins Bein bekommen“, knurrte Sheng.

„Dann wird man es dir abnehmen müssen. Ende der Fahnenstange. Dann bist du ein Krüppel, Bruder, ein verdammter, armseliger Krüppel. Du bist durch tausend Höllen geritten, und nichts hat dir was anhaben können. Und jetzt erwischt es dich. Da sitzt irgend so ein Geier hinter einem ganz tollen Gewehr und zielt auf eine Entfernung, die sagenhaft ist, knallt dir ins Bein. Und er hat dahin gezielt, da bin ich sicher.“

„Wieso?“, fragte Sheng.

„Weil er die Pferde genau in die Köpfe getroffen hat, haargenau. Dich wollte er nicht töten. Mir ist klar, was er bezweckt. Du bist ausgeschaltet, und jetzt wird Cadburn kommen. Und Cadburn werden sie abknallen.“

„Tom wäre auch gekommen, wenn ich …“

Braddock schüttelte den Kopf. „Das ist anders. Dann hätte er aufgepasst, mit allem gerechnet. Aber jetzt bildet sich dein Freund Tom Cadburn ein, du solltest getötet werden, es hat dich nur nicht erwischt. Er wird sich jetzt um dich kümmern wollen. Das ist es, er will sich um dich kümmern. Er wird also dahin kommen, wo du bist. Hätten sie dich erschossen, wäre es für ihn nicht mehr so wichtig gewesen, zu dir zu kommen. Das hätte er nachholen können. Erst einmal wäre er auf Spuren aus gewesen. Nun aber wird er zuerst zu dir gehen. Und das ist der Zweck.“

Sheng nickte. Er sah es ähnlich. Der Mann, dem man ansah, dass seine Vorfahren aus Asien stammten, hatte an Cadburns Seite wie ein Tiger gekämpft. Aber jetzt hatte es ihn erwischt. So erwischt, dass er sich völlig klar darüber war, was es für ihn bedeutete. Ein Oberschenkel-Schussbruch hieß nicht nur monatelanger Streckverband, es könnte ebenso gut sein, dass der Knochen viel zu kaputt war, um noch zusammenheilen zu können. Vielleicht, so sagte sich Sheng in diesem Augenblick, müssen sie mir wirklich das Bein abnehmen. Und dann ist alles vorbei, das sieht Bill völlig richtig. Dann bin ich ein Krüppel, ein Nichts. In diesem Land habe ich dann keine Chance mehr. Dann geht es mir wie all denen, die es schon im Sezessionskrieg erwischt hat Oh, welches verdammte Gewehr hat dieser Kerl gehabt?

Bill Braddocks Gedanken bewegten sich um dieselbe Sache. „Das Gewehr“, sagte er, „hat einen ganz eigenartigen Knall, dumpfer. Es war ein Wummern, als die Schüsse fielen. So ein Gewehr habe ich noch nie gehört. Es ähnelt im Knall den Militärgewehren, ist aber viel stärker. Und die Munition hatte eine Durchschlagskraft, davon können wir bei der Winchester nur träumen.“

„Vielleicht eine Hawken“, meinte Sheng.

,.Nein“, widersprach Braddock, „dazu ist der Einschuss zu klein. Die Hawken hat ein größeres Kaliber. Ein Vorderlader kann es nicht gewesen sein, das ist ein völlig anderer Knall. Schwarzpulverschüsse hören sich anders an. Nein, Freund, das war ein Nitrogeschoss. Ein richtiges Geschoss, ein ganz modernes. Und ich habe einen solchen Knall noch nicht gehört. Auf alle Fälle weiß niemand besser als du, wie die Schüsse aus so einem verdammten Ding wirken. Und wir haben jetzt noch die ganze Nacht und einen halben Tag vor uns, vorausgesetzt, die Kutsche kommt pünktlich.“

Im Verlauf der Nacht kam das Fieber. Braddock hatte eigentlich viel früher damit gerechnet. Und am Morgen glühte Sheng am ganzen Körper. Schweißausbrüche und Hitzeschauer wechselten mit Schüttelfrost. Er schnatterte mit den Zähnen; sein ganzer Körper war mit Gänsehaut bedeckt. Bis die Hitzewelle wiederkam und ihm der Schweiß aus allen Poren ausbrach.

Braddocks Angst, dass nun doch der Brand in die Verletzung kommen könnte, wuchs mit jeder Stunde. Und mit jeder Stunde wurde es auch heißer, glühend heiß. Die Kutsche aber kam und kam nicht.

Mittag war vorüber, und die Kutsche hätte längst da sein müssen. Der Wind aus Süden wurde heftiger. Die Luft die er vor sich her blies, schien zu glühen, als käme sie aus einem Ofen. Die Schleimhäute trockneten den Männern aus. Immer wieder tranken sie kleine Schlucke. Und Shengs Fieber stieg. Er war gar nicht mehr völlig bei Verstand, phantasierte. Das Weiß seiner Augen war gerötet. Die Schuttelfrostanfälle und die Hitzewellen wurden immer intensiver.

Braddock wechselte den Verband, ließ es auch einmal richtig bluten, weil er hoffte, dass damit Krankheitskeime herausgespült wurden. Dann machte er den Verband neu, ohne dass Sheng das bewusst mitbekam. Er schrie zwar auf in seinem Schmerz, aber er wusste gar nicht mehr richtig, was ihm geschah.

Dann, gegen drei, tauchte doch noch die Kutsche auf.

Heiliger Vater, dachte Braddock, jetzt wird es aber höchste Zeit. Und dann noch die Höllenfahrt von siebzig Meilen in diesem Ratterkasten. Für Sheng wäre es das beste, er verlöre das Bewusstsein völlig.



4

Captain McNelly schlug wütend mit der Faust auf seinen wackeligen Tisch, auf dem das Telegramm lag. Dann sah er zu dem weißblonden Texas-Ranger empor, der vor ihm stand.

„Es tut mir leid, Jim, ich muss dir die Sache übertragen. Ich kann Cadburn nicht erreichen.“

„Und was steht in dem Telegramm?“, fragte der hagere, weißblonde Texas-Ranger.

„Es steht drin, dass sie Sheng erwischt haben. Er liegt jetzt in El Paso bei irgendeinem Chirurgen. Es wird Monate dauern, bis er wieder auf den Beinen ist, wenn überhaupt. Auf alle Fälle können wir nicht mit ihm rechnen. Aber er hat wichtige Informationen. Er ist mit dem Deputy von Marlowe zusammen gewesen, als es passierte. Der Deputy ist unverletzt. Am besten wird sein, du machst dich direkt auf den Weg nach El Paso. Ich gebe das denen über Telegraphen bekannt. Nach El Paso haben wir eine gute Linie. Ich informiere Sheriff Duncan davon, dass du kommst.“

Details

Seiten
120
Jahr
2021
ISBN (ePUB)
9783738955767
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (August)
Schlagworte
fuchs texas wolf band

Autor

  • Glenn Stirling (Autor:in)

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Titel: Der alte Fuchs: Texas Wolf  Band 60