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Krimi Paket 8101 - Die packendsten Thriller im August 2021: 10 Romane

von Alfred Bekker (Autor:in) Don Pendleton (Autor:in) Horst Friedrichs (Autor:in) Glenn Stirling (Autor:in) Thomas Andresen (Autor:in) Meinhard-Wilhelm Schulz (Autor:in)
2021 1100 Seiten

Zusammenfassung

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Alfred Bekker: Der Mann mit der Seidenkawatte

Meinhard-Wilhelm Schulz: Volpe und der Fall des Capitano Nero

Cedric Balmore: Torringer und der Weg ohne Rückkehr

Glenn Stirling: Archibald Duggan und die Höllenfahrt mit Hindernissen

Horst Friedrichs: Sie schnappten mich

Glenn Stirling: Archibald Duggan und der Nebel war Zeuge

Thomas Andresen: Der Anonyme

Thomas Andresen: Mitwisser eines Verbrechens

Alfred Bekker: Patricia Vanhelsing und die Burg der Tempelritter

Don Pendleton: Asche zu Asche

Mord auf Bestellung ist viel zu offensichtlich und gefährlich. Man lässt stattdessen sein Opfer in eine Nervenheilanstalt einliefern, wo binnen weniger Tage der Wahnsinn um sich greift. FBI-Agent Mike Torringer wird auf eine Bande höchst ungewöhnlicher Gangster angesetzt, die allerdings ihr Geschäftsmodell weiterführen wollen. Torringer ist ihnen dabei im Weg.

Leseprobe

Krimi Paket 8101 - Die packendsten Thriller im August 2021: 10 Romane

Alfred Bekker, Don Pendleton, Horst Friedrichs, Meinhard-Wilhelm Schulz, Glenn Stirling, Cedric Balmore, Thomas Andresen

Dieses Buch enthält folgende Krimis:


Alfred Bekker: Der Mann mit der Seidenkawatte

Meinhard-Wilhelm Schulz: Volpe und der Fall des Capitano Nero

Cedric Balmore: Torringer und der Weg ohne Rückkehr

Glenn Stirling: Archibald Duggan und die Höllenfahrt mit Hindernissen

Horst Friedrichs: Sie schnappten mich

Glenn Stirling: Archibald Duggan und der Nebel war Zeuge

Thomas Andresen: Der Anonyme

Thomas Andresen: Mitwisser eines Verbrechens

Alfred Bekker: Patricia Vanhelsing und die Burg der Tempelritter

Don Pendleton: Asche zu Asche







Mord auf Bestellung ist viel zu offensichtlich und gefährlich. Man lässt stattdessen sein Opfer in eine Nervenheilanstalt einliefern, wo binnen weniger Tage der Wahnsinn um sich greift. FBI-Agent Mike Torringer wird auf eine Bande höchst ungewöhnlicher Gangster angesetzt, die allerdings ihr Geschäftsmodell weiterführen wollen. Torringer ist ihnen dabei im Weg.


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / COVER STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Der Mann mit der Seidenkrawatte


Alfred Bekker

Ein Harry Kubinke Kriminalroman






Kommissar Harry Kubinke und sein Kollege Rudi Meier erfahren von einem großangelegten Verschwörungsplan. Die Sicherheit der Bundeshauptstadt Berlin steht auf dem Spiel. Aber Kubinke und sein Team haben kaum einen Ansatzpunkt für Ermittlungen. Eine Teenagerin hat zuviel gehört und stirbt, ein dubioser Ex-Agent scheint mehr zu wissen, ein Profi-Killer tritt in Aktion und ein Mann mit einer Vorliebe für Seidenkrawatten glaubt, dass seine grausame Rechnung aufgehen wird…



ALFRED BEKKER wurde vor allem durch seine Fantasy-Romane und Jugendbücher einem großen Publikum bekannt wurde. Daneben schrieb er Krimis und historische Romane und war Mitautor zahlreicher Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton Reloaded, John Sinclair und Kommissar X.


  1. Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover:

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

w ww.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



Der Mann mit der Seidenkrawatte

Von Alfred Bekker


*

„Ey, Kubinke!”

Der Typ, der mich da so ansprach, war der Mann an der Currywurstbude. Wer mich kennt weiß, dass mein Kollege Kriminalhauptkommissar Rudi Meier und ich dort gelegentlich mal eine Wurst vertilgen. Alle Vegetarier und Angehörigen irgendeiner anderen, mehr oder weniger strengen Ernährungsreligion mögen mir das verzeihen, aber in unserem Job kommt es eben vor, dass man man nur Zeit für Fast Food hat.

Und davon abgesehen schmeckt es mir auch.

Ich wage es kaum, dies zuzugeben.

Ist aber so.

Ich drehte mich um und hatte noch den Mund voll. Deswegen konnte ich dem Currywurstmann nicht antworten.

„Ja, icke bin’s”,sagte der und interpretierte mein grunzendes „Hm” und das anschließende Schweigen fälschlicherweise als Beleidigtsein. „Tut mir leid, natürlich hätte ich >Herr Hauptkommissar Harry Kubinke< sagen sollen. Dit sindse doch, oder?”

„Ja”, brachte ich heraus, nachdem ich das Wurststück runtergeschluckt hatte.

„Oder hatte ich vielleicht noch ein >Von und zu< vergessen?”

„Nee.”

„So mit hochwohlgeboren und Hoppsasassa und Trallala.”

„Wir stehen ja nicht erst seit gestern hier regelmäßig an Ihrer Bude”, sagte mein Kollege Rudi Meier. „Also, was soll jetzt das Theater?” Rudi hatte den Vorteil, dass seine Currywurst bereits vollständig heruntergeschluckt war und jetzt im Magen darauf wartete, verdaut zu werden. Ich hingegen stand jetzt vor der Wahl, mich auf ein Gespräch mit dem Currywurstmann einzulassen und dabei meine Currywurst nicht mehr richtig genießen zu können oder aber ihn schroff abzuweisen und in Kauf zu nehmen, dass er beleidigt war. Was bei dem Besitzer einer Currywurstbude, wo einem die Wurst auch tatsächlich schmeckt, immer ein gewisses, nicht zu unterschätzendes Risiko beinhaltete.

Denn auch wenn der Currywurstmann immer davon redete, dass man nicht so empfindlich sein sollte und er eben eine Berliner Schnauze hätte, war er selbst der Allerempfindlichste.

Ein richtiges Sensibelchen.

Er konnte gut austeilen, aber nicht einstecken.

Soll ja öfter vorkommen.

„Icke will ja bloß mal eine Sache mit euch ansprechen, die ihr sozusagen aus fachlicher Sicht mal ein bisschen beleuchten könntet.”

„Kommt darauf an”, sagte ich.

„Also icke…”, und dabei zeigte er auf sich selbst, „...habe ja meine ganz persönliche Meinung dazu,aber mich würde jetzt mal interessieren, watt Sie dazu sagen. Denn Sie beide sind doch Kommissar.”

„Worum geht’s denn eigentlich?”, fragte mein Kollege Rudi.

Das hatte uns der Currywurstmann bisher noch nicht gesagt.

Und um auf seine Frage eingehen zu können, musste man das eigentlich wissen. Aber trotzdem erwies es sich als Fehler, das Rudi nachgefragt hatte. Denn der Currywurstmann nahm das als eine Art Aufforderung, sich jetzt erstmal zu allem möglichen zu äußern, was ihn so bewegte und was seiner Ansicht nach unbedingt mal gesagt werden müsste. Von der Politik über die Probleme des öffentlichen Nahverkehrs bis hin zum Für- und Wider einer Grippeschutzimpfung. Dass er uns dabei abwechselnd duzte und siezte, wenn er uns direkt ansprach, war dabei noch das geringste Problem.

Aber dann kam er doch noch zum Punkt.

„Watt ick nun wissen will, ist folgendes…”

„Bin ganz Ohr”, sagte ich.

War zwar genau genommen eine Lüge, was was hätte ich sonst sagen sollen?

>Interessiert mich nicht!<

Das hätte mir das Sensibelchen mit der Berliner Schnauze ganz sicher übel genommen.

Manchmal muss man die Wahrheit einfach besser für sich behalten. Vor allem dann, wenn sie den Gesprächspartner beunruhigen könnte.

Inzwischen hatte ich meine Currywurst vertilgt und versuchte, die Erinnerung an den Geschmack so lange wie möglich zu erhalten.

So eine Art luzides Tagträumen mit kulinarischer Note.

Der Currywurstmann sagte: „Also in der Zeitung stand was von einer alten Frau, der laut Zeugenaussagen ein Teenager-Mädchen von hinten mit einer Flasche auf den Kopp gehauen hat, weil die Alte ihr Portemonnaie nicht rausrücken wollte.”

„Tja…”

„Wat sagen Sie dazu?”

„Ist nicht unser Fall”, sagte Rudi.

„Ach! Und dann is datt für Sie erledigt, oder watt?”

„So war das nicht gemeint!”

„Icke fress einen Besen!”

„Das lassen Sie besser bleiben”, sagte ich.

„Wieso?”

„Ihre Currywurst ist besser.”

Er sah mich an wie ein Auto.

Rudi sagte: „Mein Kollege meint, Ihre Currywurst ist besser als ein Besen und deswegen beim Verzehr vorzuziehen.”

Der sensible Currywurstmann runzelte die Stirn.

Die Falten waren sehr tief.

Und sie wirkten sehr skeptisch.

„Jetzt fühle icke mir von dir verarscht”, sagte er. „Sie nehmen mir nicht ernst! Watt machen Sie denn, damit Sie die Kleine kriegen? Es war nicht möglich, die Göre gerichtsfest zu identifizieren, obwohl es Augenzeugen gab. Aber vermutlich kommt die Verwandtschaft von dem Gör und haut jedem auf die Schnauze, der sich an ihr Gesicht erinnert! Und die alte Frau liegt jetzt im Koma und wird wahrscheinlich die Jahre, die ihr noch bleiben, als komatöse Zimmerpflanze dahinvegetieren. Ja, wat is denn ditte? Gerecht jedenfalls nicht!”

„Wie gesagt: Ist nicht unser Fall”, sagte Rudi. „Wir haben auch nur davon gelesen.”

Der Currywurstmann machte eine wegwerfende Handbewegung. „Typisch”, meinte er. „Typisch Beamte! Womit beschäftigt ihr Brüder euch eigentlich den ganze Tag lang, häh?”

„Organisierte Kriminalität und Terrorismus”, sagte mein Kollege Rudi. „Zum Beispiel. Es gibt da natürlich auch andere Sachen. Serienmörder und…”

„...und so eine Alte, die wegen ein paar Euro ins Koma gehauen wird, die ist kein Fall für euch?”

Ich sagte: „Wir können ja nicht alles machen, oder?”

„Watt soll datt denn heißen?”

„Es gibt ja schließlich noch Kollegen.”

„Ja, dann hoffe icke aber, datt die sich auch darum kümmern!”

„Keine Sorge, das tun die schon”, versicherte Rudi.

Der Currywurstmann beugte sich nach vorn und sein Gesicht wirkte sehr ernst, als er uns jetzt ansah.

„Datt hoffe icke für euch”, sagte er. „Denn sonst kriegt ihr zwei hier demnächst keine Wurst mehr!”


*


„Können wir in Zukunft auf andere Currywurstbuden ausweichen?”, fragte Rudi, als wir schon wieder in unserem Dienstwagen saßen.

„Vom Geschmack her - nein.”

„Und von der Lage her?”

„Auch nein.”

„Es ist die einzige Currywurstbude, die so günstig liegt, dass sie für uns passt.”

„Eben.”

„Ja, und was heißt das nun? Doch nicht etwa, dass wir uns jetzt echt um diesen Fall kümmern, von dem der Currywurstmann gesprochen hat!”

„Nee, der fällt ja nicht in unsere Zuständigkeit.”

„Eben.”

„Manchmal hat man keine Wahl, was?”

„Man muss es nehmen wie es kommt.”

„Es geht um die Wurst, Mann!”

„Ach komm schon!”

Ich ließ den Motor unseres Dienstporsches an und wir fuhren los.

Wir hatten viel zu tun.

Und wenn wir all die Dinge, die auf unserer To-Do-Liste standen, nicht selber anpackten, dann würde es vermutlich niemand tun.

Trotzdem…

Ich konnte den Currywurstmann schon irgendwie verstehen.

Der Fall von der alten Frau, die von einer Teenagerin eine Flasche über den Schädel gezogen bekommen hatte und jetzt im Koma lag, ging mir auch nicht aus den Gedanken.


*


Der alte Mann war hager und gut durchtrainiert. Sein wahres Alter war schwer zu schätzen. Eigentlich unmöglich.

Sein Blick wirkte durchdringend.

Wie der Blick eines Mannes, der alles erkennt, alles erfasst und den man nicht täuschen kann.

Wie ein Schatten war er aus der Dunkelheit aufgetaucht.

„Du warst das mit der alten Frau”, sagte er mit einer dunklen Stimme.

Die Teenagerin stutzte. Ihre Freundin machte eine Blase mit dem Kaugummi, auf dem sie herumkaute.

„Ey Alter, ich schlitz dich auf!”, sagte die Teenagerin jetzt, nachdem sie den ersten Schrecken verdaut hatte. Sie hatte plötzlich ein Springmesser in der Hand. „Red nicht so einen Scheiß oder schlitz dich auf!“

„Ach, ja?“

„Ich stech dich ab wie eine Sau!”, setzte sie noch hinzu.

„Ich weiß, dass du der alten Frau eins über den Schädel gezogen hast”, sagte der alte Mann furchtlos. „Und jetzt liegt sie im Koma.”

„Ey, Scheiße, Mann…”

„Und das alles nur, weil sie dir ihr Portemonnaie nicht geben wollte.”

„Hau ab, du Wichser!”

„Wegen dieser Sache bin ich hier”, sagte der alte Mann.

„Was willst du, Wichser?”

Der alte Mann blieb vollkommen ruhig. „Für Gerechtigkeit sorgen.”

„Bist du ein Bulle oder was?”

„Ich bin im Auftrag der Tochter dieser alten Dame hier, die jetzt im Koma liegt. Die will auch Gerechtigkeit.”

„Ach, ja?”

„Ich finde, dass du bestraft werden solltest.”

„Man kann mich nicht bestrafen! Weil ich nämlich noch zu jung bin, du Arsch!”

„Da hast du Recht. Und da dich das Gesetz anscheinend nicht angemessen bestrafen würde, muss das wohl jemand anderes erledigen.”

Sie sah aus, als würde sie nicht hundertprozentig begreifen, was der alte Mann damit gemeint hatte.

Aber sie begriff eins: Dass er es ernst meinte.

„Willst du mir drohen?”

„Nein, das ist keine Drohung. Das ist eine Ankündigung”, sagte der alte Mann.

Sie verzog das Gesicht.

„Wenn ich meinem Bruder sage, dass er dich in die Mangel nehmen soll, dann macht der das!”

„Dein Bruder ist bei dieser Rocker-Gang, ich weiß.”

„Dann weißt du ja auch, dass die Ernst machen!”

„Ja, das weiß ich.”

„Wenn der mit dir fertig ist, liegst du auch im Koma, Alter!”

„Und was ist mit dir?”, fragte der alte Mann.

Sie stutzte. Schien einen Moment verwirrt zu sein.

„Häh?”

„Ich fragte: Was ist mit dir, wenn dein Bruder mit dir fertig ist?”

„Ey, hast du Scheiße im Gehirn?”

„Dein Bruder und seine Freunde machen viele schlimme Dinge. Aber alten Frauen Flaschen über den Schädel zu ziehen, gehört definitiv nicht dazu. Das verstößt nämlich gegen ihren Ehrenkodex. Was glaubst du, was er mit dir macht, wenn er davon erfährt, was du getan hast?”

Sie wurde blass.

„Du Arsch…”

„Sag du es mir, was er mit dir machen würde. Du kennst ihn besser als ich.”

„Wenn du die Fresse aufmachst, dann stech ich dich ab!”, kreischte sie.

Ihre Freundin sagte: „Komm wir hauen ab.”

Aber die Teenagerin mit dem Messer wollte davon nichts hören. Sie stürzte sich auf den alten Mann, stieß mit dem Messer zu.

Aber der alte Mann wich geschickt aus.

Der Messerstoß ging ins Leere. Mit einer eleganten, fast beiläufigen Bewegung, die an die fließenden Bewegungsabläufe des Tai Chi erinnerte, packte er kurz ihren Arm und hebelte ihn aus. Ganz beiläufig sah das aus. Und mit dieser eleganten Beiläufigkeit lenkte er die Kraft ihres Klingenstoßes gegen die Angreiferin selbst.

Im nächsten Moment steckte ihr die Klinge im Unterleib.

Die Teenagerin brach zusammen.

Sie stöhnte auf wie ein Tier. Ihre Hände versuchten die Blutung aufzuhalten. Aber das war aussichtslos.

„Scheiße!”, rief sie.

Die zweite Teenagerin stand mit offenem Mund da. Wie erstarrt.

Der alte Mann sagte: „Was ist mit dir?”

„Ich war nicht dabei! Wirklich nicht!”

„Ich weiß. Bei der alten Frau warst du nicht dabei. Aber bei anderen Sachen schon.”

„Scheiße, Sie müssen ihr … helfen!”, stammelte sie nach einem kurzen Blick auf ihre Komplizin, die sich am Boden wandt.

„Nein, muss ich nicht”, sagte der alte Mann. „Aber wenn du mich jetzt auch angreifen willst: Nur zu! Ich töte dich gerne in Notwehr!”

Der alte Mann machte einen Schritt auf sie zu.

Jetzt löste sich ihre Erstarrung. Sie rannte davon. Hetzte, drehte sich kurz nochmal um und war dann verschwunden.

Der alte Mann drehte sich zu der am Boden Liegenden um.

„Noch fünf Minuten. Dann bist du tot”, sagte er. „Vielleicht auch zehn. Länger nicht. Ich nehme an, dass eine Schlagader aufgerissen ist.”

„Ich…”

Er beugte sich über sie. Mit schnellen Bewegungen durchsuchte er ihre Kleider. Das war jemand, der gelernt hatte, wie man so etwas machte.

Sie konnte sich nicht dagegen wehren, denn ihre Hände versuchten noch immer, die Blutung aufzuhalten.

Schließlich fand er ihr Smartphone.

Er machte ein Foto von ihr.

„Für deine Profile in diversen sozialen Netzwerken. Deine Freunde sollen dich so sehen wie du jetzt bist.”

„Schwein!”, stieß sie hervor.

Er sah kalt auf sie herab.

„Du wolltest mich abstechen wie eine Sau. Jetzt bist du die abgestochene Sau.”

Der alte Mann war sich nicht sicher, ob sie seine letzten Worte überhaupt noch mitbekommen hatte. Ihre Augen waren nämlich starr und tot.

Sie hatte nicht so lange durchgehalten, wie er gedacht hatte.

„Möge der Richter, vor dem du jetzt stehst, dir ungnädig sein”, sagte der alte Mann halblaut.


*


Ein Bungalow in einem Neubaugebiet im Speckgürtel um die Hauptstadt. Der alte Mann stand vor der Tür und klingelte.

Eine Mittdreißigerin öffnete.

„Guten Tag”, sagte der alte Mann. „Ich wollte Ihnen nur sagen, dass die Angelegenheit erledigt ist.”

Die Mittdreißigerin schluckte.

„Ich wette, das Mädchen musste nicht annähernd so leiden wie meine Mutter.”

„Das trifft leider zu.”

„Meine Mutter wird jetzt ihre letzten Jahre wie eine Zimmerpflanze dahinvegetieren. Möglicherweise bekommt sie alles mit. Eingeschlossen im eigenen Körper. Eine Gefangene, für die es keine Bewährung und keine Hafterleichterung gibt.”

„Ich kann Sie sehr gut verstehen”, sagte der alte Mann. „Auch Ihren Zorn.”

„Meine Mutter hat lebenslänglich.”

„Ich weiß.”

„Und ich auch - in gewisser Weise.”

„Das Mädchen wird nie wieder jemanden etwas antun können.”

Sie schluckte.

„Das ist gut.”

Der alte Mann hob die Augenbrauen.

„Möchten Sie Einzelheiten wissen?”

Die Mittdreißigerin schluckte erneut. „Nein. Aber ich möchte Ihnen danken.”

„Ich tue nur, was getan werden muss. Und das, sonst niemand tut.”

„Ich war erst skeptisch.”

„Ich weiß.”

„Aber jetzt bin ich voller Bewunderung für Ihr Werk. Sie sorgen auf Ihre Weise für Gerechtigkeit.”

„Ein zu großes Wort”, sagte der alte Mann.

Die Mittdreißigerin nickte. „Ich möchte Ihnen etwas geben. Kommen Sie herein?”

„Aber nur kurz. Herr Butter, mein Partner, wartet im Wagen auf mich.”

„Sie arbeiten schon an einem neuen Fall?”

„Ja.”

„Sie scheinen rastlos zu sein.”

„Das bin ich.”

„Kommen Sie herein. Bitte!”

Der alte Mann folgte ihr. Die Mittdreißigerin führte ihn in ein großes Wohnzimmer. „Einen Augenblick”, sagte sie und verschwand im Nebenraum. Als sie zurückkehrte, hatte sie einen Briefumschlag in der Hand. Sie reichte ihn dem alten Mann. Ihr Lächeln wirkte verhalten.

„Das ist für Sie”, sagte sie.

„Ich sagte Ihnen doch ganz zu Anfang, dass ich nichts nehmen werde.”

„Ich möchte aber, dass Sie es nehmen.

„Ich suche mir meine Mandanten aus”, sagte der alte Mann. „Man kann mich nicht beauftragen, ich beauftrage mich selbst.”

„Ja, das sagten Sie bei unserem ersten Treffen. Ich erinnere mich.”

„Wie könnte ich das, wenn ich etwas von ihnen nehmen würde?”

„Bitte.”

„Ich bin finanziell unabhängig.”

„Ich danke Ihnen.”

„Leben Sie wohl. Wir werden uns nicht wiedersehen.”

„Eine Frage noch…”

Er sah sie ruhig an. „Ich kann nicht versprechen, dass ich sie Ihnen beantworte”, sagte er.

„Warum tun Sie das?”

„Auf wiedersehen.”

„Hat es einen persönlichen Grund?”

„Alles, was wir tun, hat letztlich einen persönlichen Grund”, sagte er ausweichend. „Oder habe ich da Unrecht?”

„Nein.”

Ein mildes Lächeln spielte um seine dünnen Lippen. „Sehen Sie!”

„Sie haben mir meine Frage nicht beantwortet.”

„Ich weiß.”

„Was ich nur wissen wollte: Hat es damit zu tun, dass es vielleicht in Ihrem persönlichen Umfeld ein nicht gesühntes Verbrechen gab.”

Der alte Mann zögerte. „Leben Sie wohl”, sagte er dann.

„Ich würde das gerne wissen.”

„Warum?”

„Ich wäre dann nicht - allein.”

„Sie sind nicht allein.”

„Und Sie auch nicht.”

Der alte Mann hatte sich bereits zum Gehen gewandt. Aber dann blieb er stehen. „Es gab tatsächlich ein Verbrechen in meinem persönlichen Umfeld. Zumindest…”

„Ja?”

„...glaubte ich das.”

Eine Falte bildete sich auf ihrer Stirn.

„Gab es nun ein Verbrechen oder nicht?”, hakte sie nach.

Der alte Mann sah sie an. „Das interessiert Sie wirklich?”

„Ja.”

„Meine Schwester erzählte eines Tages, sie sei während eines Frankreichurlaubs von einem Psychopathen vergewaltigt und über Stunden hinweg in einer Garage gefoltert und missbraucht worden.”

„Das ist furchtbar. Ich nehme an, der Täter wurde nie gefasst?”

„Es gab keinen Täter, wie ich schließlich feststellen musste. Sie hatte sich das alles ausgedacht, um Beachtung und Aufmerksamkeit zu bekommen.”

„Sind Sie sicher?”

„Ich wollte das erst lange selbst nicht glauben. Ganz zu Anfang, da hat sie mir vorgeworfen, nicht verständnisvoll und mitfühlend auf ihren Bericht reagiert zu haben. Aber später wurde mir klar, weshalb ich so zurückhaltend war.”

„Warum?”

„Weil es nicht glaubwürdig war. Weil ich schon im ersten Moment spürte, dass da etwas nicht stimmen konnte. Aber in solchen Momenten ist man solidarisch mit dem Familienmitglied und vielleicht etwas blind für die Wahrheit, die offensichtlich war.”

„Offensichtlich?”

„Naja, das ist ein relativer Begriff. Im Endeffekt hat sie uns jahrelang erfolgreich getäuscht und und uns alle mit ihrer Geschichte beschäftigt. Meine Eltern glauben ihr noch immer.”

„Aber Sie nicht.”

„Alles, was es über diesen Fall gibt, ist ein psychiatrisches Gutachten, das wiederum ausschließlich auf ihren eigenen Angaben beruht. Es gibt keine polizeiliche Untersuchung, es gibt keine Spuren, es gibt keine Zeugen… Als ich ihr damals sagte, dass dies kein Ersttäter gewesen sein könne, und dass es vorausgehende ähnliche Fälle gegeben haben müsste, da hat sie das schnell abgewimmelt. Sie litt angeblich unter einer posttraumatischen Belastungsstörung, aber das seltsame war, dass alles wie auswendig gelernte Schilderungen aus dem Lehrbuch gewirkt hat. Sehen Sie, wenn jemand so etwas erlebt hat, dann kommen einige oder vielleicht auch viele der bekannten Symptome vor. Aber niemals alle auf einmal.”

„Von diesen Dingen verstehe ich nichts.”

„Jedenfalls habe ich schließlich die Wahrheit herausgefunden.”

„Aber was hat das mit dem zu tun, was Sie für mich getan haben?”, fragte sie.

„Das verstehen Sie nicht?”

„Nein.”

„Es gibt Opfer und es gibt Opfer, die keine sind. Ich verhelfe den wahren Opfern zu ihrem Recht.”

„Das ist Ihnen eine Art Inneres Bedürfnis?”

„Ja, so könnte man sagen.”

Einige Augenblicke herrschte nun Schweigen.

„Ich bin froh, dass Sie wir miteinander gesprochen haben”, sagte sie dann.

„Ich auch”, sagte der alte Mann.

„Auf wiedersehen.”

„Nein.”

„Wie bitte?”

„Ich sagte es bereits: Wir werden uns nicht wiedersehen.”


*


Als der alte Mann zum Wagen zurückkehrte, war sein Partner etwas ungeduldig.

„Das hat länger gedauert, als du gesagt hattest, Alter Mann”, sagte er.

„Ich weiß, Butter.”

So nannten sie sich. Der alte Mann redete seinen Partner einfach mit seinem Nachnamen an: Butter. Und Butter sagte „Alter Mann”, wenn er den alten Mann ansprach. Er benutzte diese Bezeichnung wie einen Eigennamen.

Andreas Butter war deutlich jünger als der alte Mann. Die beiden arbeiteten schon eine halbe Ewigkeit zusammen. Ein eingespieltes Team. Butter war jemand, auf den sich der alte Mann absolut verlassen konnte. Und umgekehrt. Beide wussten das zu schätzen.

„Gab’s noch so viel zu quatschen?”, fragte Butter.

„Manchmal…” Der alte Mann sprach nicht weiter.

Butter wartete ab. Er dachte wohl, dass da vielleicht noch was kam. Zum Beispiel der Rest vom Satz.

Aber da kam nichts mehr.

Der alte Mann schien es sich anders überlegt zu haben und nun doch nicht gewillt zu sein, mit Butter darüber zu reden.

„Manchmal was, Alter Mann?”

„Manchmal ergibt es sich einfach so, Butter.”

„Ah, ja.”

„Ist so.”

„Du solltest dir schonmal Gedanken über ein paar Dinge machen, Alter Mann.”

„Worüber, Butter?”

„Darüber, wie wir überleben können, zum Beispiel.”

„Darüber mache ich mir keine Sorgen, Butter.”

„Ach, nein?”

„Nein.”

„Und der Bruder dieser Flaschenschlägerin?”

„Der macht dir wirklich Sorgen, Butter?”

„Nicht wirklich.”

„Dann bin ich ja beruhigt.”

„Aber der und seine Rocker-Gang werden dir übelnehmen, was du getan hast, Alter Mann.”

„Natürlich, Butter.”

„Und wenn wir eines Tages von dreißig bewaffneten Rockern in einem Hinterhof umzingelt werden, dann hätte ich für diesen Fall gerne einen Plan, Alter Mann.”


*


„Habt ihr dat gelesen?”, fragte der Currywurstmann meinen Kollegen Rudi und mich, als wir ein paar Tage später mal wieder Hunger auf eine Wurst hatten.

Ich war nicht so ganz im Bilde.

Zum Zeitunglesen kommt unsereins nicht immer.

Und schon gar nicht, wenn es um die Blätter mit den großen Buchstaben geht. Nicht jede Meldung hat dort tatsächlich auch einen Nachrichtenwert. Zum Beispiel wenn irgendeinem Sternchen, das auf dem absteigenden Karriere-Ast sitzt wie zufällig auf dem roten Teppich bei einer Filmpremiere die Brüste aus dem Kleid fallen, dann ist das manchen Medien eine Schlagzeile wert.

„Ihr seht aus wie Autos”, sagte der Currywurstmann. „Icke kann’s nicht glauben, die ganze Stadt spricht darüber und nur ihr vonne Polente kriegt mal wieder gar nichts mit! Und da wundert man sich dann über Staatsverdrossenheit und sowas.”

„Wie wär’s, wenn du uns einfach sagst, was du eigentlich meinst”, schlug Rudi vor. Er duzte den Currywurstmann jetzt genauso frech, wie der das auch tat. Konnte man richtig finden oder auch nicht. „Wir befragen nämlich schon den ganzen Tag Leute, bei denen wir raten müssen, was sie meinen und bei deren Aussagen wir uns dann hinterher alles haarklein bestätigen lassen müssen.”

„Ja ditte nennt man Rechtsstaat”, belehrte uns der Currywurstmann. „Auch wenn das lästig ist, ist es aber nunmal notwendig ist. Von wegen mit Willkür und so.”

„Worauf ich hinaus wollte: Für den Quatsch, der in der Zeitung steht, haben wir keine Zeit”, sagte Rudi.

„Und was ist mit der Teenagerin, die die alte Frau erschlagen hat?”, fragte der Currywurstmann. „Die ist jetzt selber abgestochen worden. Nicht, dass mir das in dem Fall Leid täte. Aber schön ist es auch nicht.”

„Die Angelegenheit ist bei den zuständigen Kollegen sicherlich in guten Händen”, meinte ich kauend. „Oder gibt’s irgendeinen Grund, etwas anderes anzunehmen, Rudi?”

„Nö”, sagte Rudi kauend.

”Na, also!”, bekräftigte ich.

„Ihr beiden seid wie die berühmten drei Affen: Nichts sehen, nichts hören, nichts mitkriegen.”

„Nee, da irrst du dich”, behauptete Rudi. „Wir kriegen alles mit. Verlass dich drauf.”

„Nee, besser nicht!”, widersprach der Currywurstmann..



*


Der alte Mann hatte zusammen mit Butter ein Büro im Erdgeschoss eines Altbaus.

Dort tauchte nach ein paar Tagen jemand auf, mit dem er nun wirklich auf keinen Fall gerechnet hätte.

Es war die Freundin der Teenagerin, die die alte Frau für ein paar Euro ins Koma geschlagen hatte.

Butter hatte ihr geöffnet und sie hereingelassen. Der alte Mann ärgerte sich ein wenig darüber. Butter ist zu großherzig, ging es ihm durch den Kopf. Es war immer dasselbe.

„Ich muss Sie sprechen”, sagte sie. Sie kaute auch diesmal auf einem Kaugummi herum. Aber viel nervöser. Und vor allem machte sie keine Blasen, wobei der alte Mann nicht daran glaubte, dass sie das wirklich aus Rücksichtnahme oder Höflichkeit unterließ.

Nein, daran glaubte er nicht.

Vermutlich gab es den einen Grund dafür, dass sie keine Blasen machte.Sie bekam sie aus irgendeinem Grund im Moment einfach nicht hin.

Hatte wohl auch mit ihrer im ganzen ziemlich nervösen Verfassung zu tun.

Der alte Mann erhob sich hinter seinem Schreibtisch.

Den tadelnden Blick in Richtung Butter konnte er diesem nicht ersparen.

„Wenn ich jetzt sagen würde, dass ich mich freue, dich zu sehen, wäre das glatt gelogen”, sagte der alte Mann. „Ich denke, Butter sollte dich wieder hinausbringen.”

„Ey, vielleicht lässt du mich mal ausreden!”

„Was willst du? Mich abstechen? Wie deine Freundin?”

„Ey das war eine blöde Fotze, die hat gekriegt, was sie verdient!”

Der alte Mann runzelte die Stirn. „Wer dich als Freundin hat braucht anscheinend keine Feinde mehr.”

„Ey die Schlampe hat mich gezwungen ihre Sachen mitzumachen und ich habe den Ärger gekriegt.”

„Mir kommen die Tränen.”

„Ist echt wahr! Ich bin nicht traurig, dass die Hure nicht mehr da ist!”

„Ach, wirklich!”

„Ich meine, die wollte dich abstechen und du hast sie erledigt. Das ist doch voll korrekt.”

„Na, wenn du das sagst”

„Ey Mann, was soll ich tun, dass du mir glaubst?”

„Was willst du von mir?”, fragte der alte Mann.

„Ich habe was gesehen und jetzt werde ich verfolgt.”

„So?”

„Da war ein Mann mit einer Seidenkrawatte. Auf der war so ein Zeichen.”

„Was für ein Zeichen?”

„Scheiße, mit sowas kenn ich mich nicht so aus.”

„Wie soll ich dir dann helfen?”

„Es war eine Blume.”

„Genauer?”

„Eine Rose. Schwarz.”

„Hm.”

„Es fiel mir halt auf. Jedenfalls unterhielt der Kerl sich mit einem anderen Mann. In einem Haus. das leer steht, bei uns in der Gegend. Es ging um einen großen Plan und viel Geld…”

„Ah, ja…”

„Scheiße Mann, ich habe fast nichts begriffen, die haben so geschwollen herumgelabert, aber jetzt stecke ich in der Kacke.”

„Und wie kommst du darauf, dass ausgerechnet ich dir helfen könnte?”

„Ich… habe Ihre Website gesehen… Da heißt es doch, dass Sie Leuten helfen und so…”

„Das muss ein Irrtum sein, was du da gesehen haben willst.”

„Nein, das war kein Irrtum.”

„Ich kann dir leider nicht helfen. Aber vielleicht solltest du zur Polizei gehen.”

„Soll das ein Witz sein? Zu den Bullen?”

„Es tut mir leid.”

„Sie helfen Leuten und nehmen kein Geld dafür! Scheiße, warum können Sie nicht mir helfen? Die sind hinter mir her und ich habe keine Ahnung, warum.”

Der alte Mann sah sie an. „Dann denk mal scharf nach. Vielleicht kommst du ja noch drauf. Ich jedenfalls kann leider nichts für dich tun.”

„Blöder Wichser!”

„Bring sie raus, Butter!”, sagte der alte Mann.

„Das wirst du noch bereuen!”, sagte sie, bevor Butter sie hinausführte. „Das wirst du echt noch bereuen.”

Der alte Mann hob die Augenbrauen und erwiderte den giftigen Blick, den sie ihm zuwarf mit stoischer Ruhe.

„Siehst du, genau das ist der Grund dafür, warum ich dir nicht helfen werde. Zumindest ist es einer der Gründe.”


*


„Harry, wir müssen los”, sagte mein Kollege Kommissar Rudi Meier zu mir.

Der eine Grund dafür, dass die tote Teenagerin überhaupt auf unserem Schreibtisch landete, war die Waffe, mit der man sie erschossen hatte. Die konnte nämlich identifiziert werden. Es war nicht das erste Mal, dass man so verwendet hatte.

Und immer in Zusammenhang mit Verbrechen, die der organisierten Kriminalität zugerechnet wurden.

„Das war ein Profi”, sagte ich. „Mit den Bandenkriegen zwischen Clans und Rockern hat das nichts zu tun.”

„Milieu hin oder her?”

„Wenn es mit ihrem Milieu zu tun hätte, wäre sie anders gestorben, Rudi.”

„Vielleicht hast du Recht.”

„Ganz sicher.”

„Na, heute sind wir aber mal wieder sehr überzeugt von uns, was Harry?”

„Wenn du von ‘wir’ sprichst, meinst du dich ja anscheinend auch.”

„Ich habe den Pluralis magistralis verwendet. Wie bei >Wir, Kaiser Wilhelm…<”

„Ich bin nicht adelig, Rudi.”

„Ich weiß.”

„Soll das jetzt irgendeine Andeutung sein?”

„Was denkst du denn?”

„Ich denke… gar nichts.”

„Ach, nee!”

„Ich denke, dass es sich nicht lohnt, darüber weiter nachzudenken.”

Rudi lachte.

Nicht jeder kam mit der Art von Humor klar, die zwischen Rudi und mir üblich war. Aber wir kannten uns inzwischen schon so lange, dass es eigentlich auch nur ganz natürlich ist, dass wir ein paar gemeinsame Eigenarten entwickelt hatten. Fast wie ein altes Ehepaar. Sowas gibt es auch unter Kollegen.

Ein Grund, weshalb wir diese Teenagerin auf unserem Schreibtisch liegen hatten (in Form von Tatortfotos, die die bereits erwähnten hässlichen Details zeigten), war die Tatsache, dass das Mädchen wohl kurz vor ihrem Tod noch Kontakt zu einem Mann aufgenommen hatte, der in unser Ressort fiel.

Man nannte ihn >Alter Mann<.

Die Namen, unter denen er bekannt war, waren alle falsch. Auch der, der im Augenblick in seinem Pass stand und mit dem er beim Einwohnermeldeamt registriert war.

Er war eine Weile für unterschiedliche Geheimdienste tätig gewesen, darunter auch den deutschen BND. Ohne, dass man ihm das im Einzelnen nachweisen konnte, war er aber wohl jemand, der dazu neigte, mehreren Herren zu dienen.

Im Zuge seiner diversen, undurchschaubaren Tätigkeiten, war er vermögend geworden.

Niemand wusste genau, woher das Vermögen des alten Mannes im Einzelnen stammte. Es machte ihn jedenfalls unabhängig. Inwieweit er im nachrichtendienstlichen Geschäft noch mitmischte, wusste niemand so genau. Vielleicht wollte man das auch an den entscheidenden Stellen nicht so genau wissen. Ich konnte mich des Verdachts nicht erwehren, dass an entscheidender Stelle hier und da die Hand über den Mann gehalten wurde, der überall nur mit einer Mischung aus Respekt und Schauder ‘der Alte Mann’ genannt wurde.

>Alter Mann< war in seinem Fall eine Art >Nom de Guerre< für eine zwielichtige, geheimnisumwitterte Gestalt.

Es hieß, dass er inzwischen als eine Art Privatermittler tätig war.

Es gab auch Hinweise darauf, dass er möglicherweise in Fälle von Selbstjustiz verwickelt war. Bewiesen werden konnte das bis jetzt nicht.

Wir suchten die Adresse auf, unter der der alte Mann ein Büro betrieb. Zusammen mit einem gewissen Andreas Butter. Welchen Zweck genau dieses Büro diente war ebenso dubios wie alles andere auch, was mit dem alten Mann zu tun hatte.

„Alter Mann! Wir haben Besuch”, sagte Andreas Butter, der uns die Tür geöffnet hatte.

Butter benutzte >Alter Mann< wie einen Eigennamen.

>Alter Mann< saß hinter einem Schreibtisch, auf dem sich buchstäblich gar nichts befand. Kein Computer. Kein Blatt. Kein Telefon. Nicht einmal ein Kugelschreiber. Es sah nicht so aus, als würde an diesem Schreibtisch viel geschrieben.

Ich fragte mich, ob er überhaupt dazu diente, dass daran gearbeitet wurde.

Jedenfalls in dem herkömmlichen Sinn dieses Wortes, den man eben mit einem Schreibtisch verband.

„Ich habe Sie schon erwartet”, sagte der alte Mann.

„Meines Wissens wurde unser Besuch nicht angekündigt”, stellte Rudi fest.

„Ich bin gewöhnlich gut informiert”, lächelte der alte Mann. „Sie sind Kommissar Rudi Meier… Und dies ist Ihr Kollege Kommissar Harry Kubinke.” Dabei ging sein Blick in meine Richtung.

Ich zeigte ihm meinen Ausweis.

„Ob Sie den jetzt überhaupt noch sehen wollen, weiß ich nicht”, sagte ich.

„Ich bin von Natur aus ein neugieriger Mensch”, sagte der alte Mann. „Außerdem ist es doch auch Vorschrift, nicht wahr?”

„Nur auf Verlangen.”

„Das werden Sie besser wissen als ich.”

„Hören Sie, Herr…”

„Sie können mich gerne >Alter Mann< nennen. Butter macht das so - und ich nehme an, dass Sie mich ebenfalls so bezeichnen, wenn Sie in Ihrem Büro über mich reden.”

„Weil Ihre anderen Namen alle falsch sind.”

„Falsch ist ein hartes Wort.”

„Finden Sie?”

„Ich war bisher in einem beruflichen Umfeld tätig, das einen gewissen flexiblen Umgang mit Namen und anderen persönlichen Daten erforderte. Aber das ist alles seinen legalen Gang gegangen.”

„Sie sollen eine Geheimdienstkarriere hinter sich haben.”

„Wenn es so wäre, wäre das doch auch geheim, oder?”

„Sie wissen, wie man sich immer wieder aus der Affäre zieht.”

„Das ist ein Teil des Spiels, an dem ich teilgenommen habe.”

„Habe?”

„Ja.”

”Sie sprechen in der Vergangenheit.”

„Ich bin draußen. Und Privatier, wenn ich das so nennen darf. Aber wenn Sie mit ein paar informierten Personen beim BND, im Verteidigungsministerium oder im Kanzleramt sprechen würden, dann würden Sie feststellen, dass sich dort der eine oder andere durchaus noch an mich erinnert.”

„Ich hoffe in positiver Weise.”

„Fragen Sie diese Personen doch selbst.”

Ich hob die Augenbrauen. Unglücklicherweise wollen diese Personen aber nicht mit mir reden.”

„Das ist bedauerlich”, lächelte >Alter Mann<. „Wirklich bedauerlich. Es könnte daran liegen, dass Ihnen einfach das gewisse Netzwerk fehlt, Herr Kubinke.”

„Sagen Sie bloß, Sie würden mir da mal aushelfen.”

„Wir werden sehen. Zu gegebener Zeit… vielleicht.”

„Sie halten sich immer gerne alle Optionen offen.”

Er hob die Augenbrauen.

Ein Ausdruck des Erstaunens - zumindest bei ihm.

„Sie nicht, Herr Kubinke?”

Ich zeigte ihm das Foto der toten Teenagerin.

„Kennen Sie die?”

„Warum sollte ich?”

„Zum Beispiel, weil wir durch den Verlauf ihres Smartphone-Browsers wissen, dass Sie Ihre Website aufgesucht hat.”

„Ach, diese Seite…”

„Auf der Sie quasi interessierten Personen anbieten, für sie Selbstjustiz zu üben.”

„Mit dieser Seite habe ich nichts zu tun.”

„Ich habe mir die Seite angesehen, da ist Ihr Foto mehrmals zu sehen.”

„Die Fotos stammen aus einem kommerziellen Foto-Stock. Ich arbeite hin und wieder als Model und stelle dann ältere Herren dar. Sie können meine Fotos immer dann auf den Online-Portalen großer Tageszeitungen bewundern, wenn dort ein Artikel zu Entwicklungen in der Rentenpolitik veröffentlicht wird. Manchmal auch, wenn Werbung für Wärmepflaster gemacht wird und jemand abgebildet werden soll, der die brauchen könnte.”

„Das ist doch jetzt eine Ausrede”, sagte ich.

„Es ist einfach die Wahrheit. Wenn Sie die Fakten überprüfen, werden Sie feststellen, dass alles genauso ist, wie ich es Ihnen gesagt habe.”

„Das heißt, mit der Website, auf der Sie Ihre gesetzlich zweifelhaften Dienste anbieten, haben Sie gar nichts zu tun?”

„Exakt.”

„Kaum zu glauben.”

„Überprüfen Sie es. Und fragen Sie die Kollegen, die sich bereits damit beschäftigt und versucht haben, mir Ärger zu machen. Ist alles im Sand verlaufen.”

„Ich werde das tatsächlich überprüfen.”

„Scheint bei Ihnen aus der Mode gekommen sein, die Kollegen zu fragen.”

„Ganz so schlimm ist es nicht.”

„Na, dann bin ich ja beruhigt, Herr Kubinke.”

Jetzt mischte sich mein Kollege Rudi Meier ein. Er sagte: „Wir sind uns sicher, dass die tote Teenagerin versucht hat, Ihre Hilfe zu bekommen. Und wir wüssten gerne Näheres dazu, weil wir annehmen, dass es mit ihrem Tod zu tun hat. Und was Sie über Ihre Website und den ungesetzlichen Service anbieten, der da offeriert wird…”

„Beweisen Sie mir, dass ich irgendetwas gesagt habe, was nicht stimmt”, unterbrach der alte Mann meinen Kollegen. „Sie werden feststellen: Das können Sie nicht. Bis Sie also nicht das Gegenteil beweisen können, sollten Sie davon ausgehen, dass das, was ich gesagt habe, der Wahrheit entspricht.”

„Jemand hat diesem Mädchen eine Kugel in den Kopf gejagt. Wir gehen davon aus, dass das ein Profi war”, sagte ich. „Und wir wissen, dass sie etwas von Ihnen wollte.”

„Ja, und?”

„Bringen Sie das für uns bitte irgendwie zusammen!”

Der alte Mann zögerte.

Er wusste mehr, als er uns bis jetzt gesagt hatte, das stand für mich außer Frage. So etwas hat man im Gefühl, wenn man den Job lange genug macht.

Und das traf auf mich mittlerweile zu.

Der alte Mann warf noch einmal einen Blick auf das Foto von der Toten.

„Sie ist einfach erschossen worden…”, murmelte der alte Mann. „Das ist schrecklich. Obwohl es keine Unschuldige trifft. Sie war an ein paar schlimmen Sachen beteiligt. Aber das hat alles nichts mit dem zu tun, was ihr nun offenbar geschehen ist.”

„Es wäre nett, wenn Sie uns in ganzen Sätzen aufklären, anstatt in Rätseln zu sprechen”, sagte ich.

„Also das Mädchen war tatsächlich hier.”

„Und sie wollte Ihre Hilfe.”

„Richtig.”

„Und dann?”

„Ich habe das abgelehnt.”

„Und ihr gesagt, dass die Website nur ein Fake ist und all das, was Sie mir auch erzählt haben?”

Darauf ging der alte Mann nicht näher ein.

„Sie erklärte mir, dass sie verfolgt würde, seit sie wohl durch Zufall Zeuge eines Gesprächs geworden ist.”

„Ein Gespräch zwischen wem?”

„Das weiß ich nicht, Herr Kubinke. Und sie wusste es auch nicht. Sie hat offenbar auch gar nicht begriffen, worum es bei diesem Gespräch ging. Ich habe das leider erst später begriffen. Und da war es wohl schon zu spät, denn wie ich jetzt von Ihnen erfahre, ist sie aus dem Weg geräumt worden.”

„Was haben Sie später erfahren?”, bohrte ich nach.

„Das Mädchen hat mir von einem Mann erzählt, der eine rote Seidenkrawatte mit schwarzer Rose trägt.”

„Und das bedeutet irgendetwas?”

„Es war die einzige konkrete Angabe, die sie mir gegenüber gemacht hat, Herr Kubinke. Ich konnte damit nichts anfangen und hatte auch keine Ahnung, worum es da gehen könnte. Aber wenig später habe ich das dann doch noch erfahren.”

„Wie?”

„Sagen wir, ich habe meine Fühler ausgestreckt und ein paar Verbindungen spielen lassen, die noch aus meiner aktiven Zeit stammen. Ich kann ihnen nur soviel sagen: Der Mann mit der Seidenkrawatte hat offenbar ein Ding vor, dass so groß ist, das ungeheuerlich sein muss.”

„Was genau?”

„Ich weiß nur, dass es ein Geschäft ist, dass solche Ausmaße hat, dass es unmöglich legal sein kann und plötzlich alle möglichen üblichen Verdächtigen daran mitverdienen möchten. Sollte diese Teenagerin tatsächlich etwas davon mitbekommen haben, dann wäre das tatsächlich ein Todesurteil gewesen. Selbst dann, wenn sie nicht ein Wort davon begriffen hat, was sehr wahrscheinlich der Fall ist.”

„Wer ist dieser Mann mit der Seidenkrawatte?”

„Das müssen Sie schon selbst herausfinden, Herr Kubinke.” Der alte Mann sah mich sehr ernst an. Seine Augen verengten sich etwas. Dann fuhr er fort: „Das ist eine Sache, bei der es nach meinen Informationen um die Sicherheit Deutschlands gehen könnte. Möglicherweise sogar um die Sicherheit Europas.”

„Große Worte.”

„Aber zutreffend.”

„Hat es was mit Terrorismus zu tun?”

„Könnte sein. Aber das kann ich weder ausschließen noch bestätigen.”

„Und wann wären Sie so nett gewesen, das Land vor dieser ominösen Bedrohung zu warnen, wenn wir jetzt nicht auf Sie zugekommen wären?”, fragte mein Kollege Rudi Meier. Seinem Tonfall war anzumerken, dass er ziemlich sauer war.

Der alte Mann lächelte dünn. „Wer sagt denn, dass ich das nicht längst getan habe - allerdings an anderer, sagen wir übergeordneter Stelle.”

„Natürlich! Mit dem gemeinen polizeilichen Fußvolk gibt sich eine große Nummer wie Sie ja auch normalerweis nicht ab!”, konnte Rudi seinen Ärger jetzt überhaupt nicht mehr verbergen.

„Sie tun ihm Unrecht”, mischte sich jetzt Andreas Butter ein.

Der alte Mann hob beschwichtigend die Hand.

„Lass nur, Butter. Ich kann den Ärger der Kommissare schon verstehen.” Er wandte sich an Rudi. „Sie können mir glauben, dass ich alles getan habe, was in meiner Macht steht. Auch wenn davon vielleicht zu Ihnen nichts durchgedrungen sein mag. Und davon abgesehen, bin ich jemand, der es vorzieht im Hintergrund zu bleiben. Das bedeutet, ich werde das, was ich Ihnen vorhin gesagt habe, in einem offiziellen Verhör nicht wiederholen. Und Sie wissen genau, dass Sie keine Möglichkeit haben, mich zu irgendetwas zu zwingen.”

„Besteht die Möglichkeit, dass Sie noch mehr erfahren?”, fragte ich betont sachlich.

Rudi musste sich offensichtlich erstmal beruhigen.

Es war wohl besser, wenn er erstmal ganz tief durchatmete.

„Sollte ich etwas erfahren, werde ich es Sie umgehend wissen lassen”, versprach der alte Mann. „Ich denke, das wär’s dann wohl, was wir miteinander zu besprechen hatten.”

„Nein, nicht ganz”, widersprach ich.

„Butter wird Sie zur Tür begleiten.”

„Es gibt da noch eine andere Teenagerin, die vor kurzem umgekommmen ist.”

„Ach, ja?”

„Durch ein Messer.”

„Berlin ist ein gefährliches Pflaster geworden, Herr Kubinke.”

„Wir wissen, dass es ihr eigenes Messer war, dass ihr im Unterleib steckte, als sie gefunden wurde.”

„Wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert umkommen. Heißt es nicht so in der Bibel? Auch wenn es in diesem Fall ein sehr kurzes Schwert ist.”

„Die Tote hatte zuvor eine alte Dame überfallen, ihr eine Flasche über den Schädel gezogen, um ihr das Portemonnaie abzunehmen. Die alte Dame liegt seitdem im Koma.”

„Die Welt ist böse, Herr Kubinke. Aber wem sage ich das…”

„Die alte Dame hat eine Tochter, die sehr unzufrieden darüber ist, wie die Justiz diesen Fall behandelt hat.”

„Ja, und?”

„Man hat Ihren Wagen vor dem Haus der Tochter gesehen. Da gibt es nämlich jemanden in der Nachbarschaft, der so etwas aufschreibt und an das Ordnungsamt weitergibt, wegen vermeintlichen Falschparkens.”

„Dies ist ein freies Land. Ich kann besuchen, wen ich möchte.”

„Sie sind auch in der Nähe des Ortes gesehen worden, an dem die Tote gefunden hat. In einem passenden Zeitfenster.”

„Worauf wollen Sie hinaus?”

„Waren Sie für die Tochter der alten Dame tätig?”

„Ach, Herr Kubinke…”

„Hat sie Sie beauftragt?”

„Mich beauftragt niemand.”

„Nein, ich weiß. Sie suchen sich Ihre Mandanten, für die Sie tätig werden und in deren Namen Sie handeln, selbst aus. So steht es zumindest auf der Website, mit der Sie ja angeblich nichts zu tun haben.”

„Sie können ja gerne ermitteln, auf welcher Karibik-Insel dieser Server steht und vielleicht bekommen Sie es dann ja sogar hin, was ich nicht geschafft habe: Dass diese Website abgeschaltet wird!”

Ich winkte ab. „Ach kommen Sie…”

Der alte Mann hob die Augenbrauen und fragte: „Worauf wollen Sie hinaus?”

„Ich wüsste gerne, was passiert ist”, sagte ich.

Einige Augenblicke herrschte Schweigen.

„Sie sollten jetzt wirklich gehen”, sagte Butter.

„Und ich denke, wir entscheiden, wann es soweit ist, dass wir gehen”, sagte Rudi.

Der alte Mann fixierte mich derweil mit seinem Blick.

Er tat das auf die ganz besondere Art und Weise, die ihm eigen war. Ein ruhiger Blick voller Entschlossenheit war das. Das war jemand, der genau wusste, was er tat. Jemand, der nichts dem Zufall überließ. Jemand, der die Situation stets kontrollierte - und zwar in erster Linie dadurch, dass er in der Lage war, sich selbst zu beherrschen.

In dieser Hinsicht war er mir selbst gar nicht so unähnlich.

„Sie suchen nach der Wahrheit, Herr Kubinke?”

„Ja.”

„Einer Wahrheit, die vermutlich nicht mehr zu ermitteln sein wird.”

„Möglicherweise.”

„Ich werde keine Aussage dazu machen, was sich abgespielt hat. Aber ich könnte eine Aussage dazu machen, was sich abgespielt haben könnte.”

„Das klingt sehr nach Konjunktiv.”

„Richtig.”

„Dann wollen Sie mir wieder ausweichen!”

„Wollen Sie nun hören, was ich darüber zu sagen haben oder nicht?”

„Sprechen Sie!”

„Wie gesagt, es ist das, was geschehen sein könnte.”

„Natürlich.”

„Die Erstochene könnte jemandem begegnet sein. Vielleicht jemanden, der sie angesprochen hat. Vielleicht jemanden, sie auf etwas angesprochen hat, was ihr unangenehm war. Etwas worüber sie nicht sprechen wollte. Die Sache mit der alten Dame zum Beispiel wäre so ein Thema, dass sie sie vielleicht aggressiv gemacht hat.”

„Fahren Sie fort.”

„Es könnte sein, dass sie dann denjenigen, der sie zur Rede stellte angegriffen hat. Es wäre nicht das erste Mal, dass sie jemanden angegriffen hat, nicht wahr?”

„Das ist korrekt.”

„Und vielleicht ist diese Angreiferin einfach an den Falschen geraten. Nämlich jemanden, der sich zu wehren wusste.”

„Und warum ist der Angegriffene nicht zur Polizei gegangen? Das wäre schließlich Notwehr gewesen.”

„Vielleicht läge das daran, dass der Angegriffene eine gewisse Zurückhaltung im Umgang mit der Polizei übt und nicht mehr mit ihr zu tun haben will als unbedingt nötig ist.” Sein Lächeln wurde für einen Moment etwas breiter, als man das ansonsten von ihm gewohnt war. „Möglicherweise hätte man ihm auch nicht geglaubt. Aber wie gesagt, das ist nur eine Geschichte darüber, wie es hätte gewesen sein können.”

„Natürlich.”

„Noch Fragen?”

„Wissen Sie, wer der Bruder der - hypothetischen - Angreiferin ist?”

Der alte Mann nickte.

„Der führt eine Rockergang mit Verbindungen ins rechtsradikale Milieu und den Drogenhandel an”, erklärte er gelassen und offensichtlich gut informiert. „Befindet sich in einer Art Dauerfehde mit mehreren arabischen Clans und hat beste Beziehungen in einige Abteilungen der Berliner Polizei, wie es scheint, was es doppelt gefährlich macht, sich mit ihm anzulegen.”

„Dann brauche ich Ihnen ja wohl nicht extra zu sagen, dass Sie diesem Kerl und seinen Leuten jetzt erstmal besser aus dem Weg gehen sollten!”, schloss ich.

*



Rudi war ziemlich außer sich, als wir wieder in unserem Dienstporsche waren.

„Was erlaubt dieser Kerl sich!”

„Rudi…”

„Ja, ist doch wahr, Harry! Ist doch verdammt nochmal wirklich war! Der glaubt wohl, dass er irgend etwas Besonderes ist! Jemand, für den keine Regeln gelten! Eine Art Berliner Version von Batman, dem dunklen Ritter, der in der Nacht durch die Gegend streift und Kriminelle zur Strecke bringt!”

„Ein Batman ohne Umhang, Neopren-Anzug und Maske”, sagte ich.

„Wer weiß, wie der nachts rumläuft, Harry!”

„Können wir ihm irgend etwas beweisen, Rudi?”

„Nein.”

„Na, also!”

„Und was hältst du von seinem Hinweis auf dieses angebliche Kriminelle Riesengeschäft und eine unspezifizierte Bedrohung für Deutschland?”

„Und Europa!”

„Ja, die Welt ist für manche eben nicht genug, Harry.”

„Du bist immer noch ziemlich geladen, Rudi!”

„Stimmt, bin ich. Und du bist erstaunlich ruhig.”

„Was ich von dieser Theorie einer großen Verschwörung halten soll, weiß ich nicht, Rudi. Wir haben keinerlei Ansatzpunkte dazu.”

„Und ich hoffe, das bleibt so.”

„Was sich erfahrungsgemäß schnell ändern kann, Rudi!”

„Man muss den Teufel ja nicht unbedingt an die Wand malen, Harry!”

„Ich frage mich, ob an dem Hinweis auf den Mann mit der Seidenkrawatte etwas dran ist. Das war jedenfalls ziemlich konkret.”

„Na, der Maßstab für das, was du mit dem Wort >konkret< meinst, scheint aber auch ziemlich locker geworden zu sein”, hielt Rudi mir entgegen.

Ich musste zugeben, dass da etwas dran war.

Und irgendwo tief in einer der hinteren Ecken meines Bewusstseins bohrte immer eindringlicher eine fast verdrängte Frage. Sie bohrte sich in mein Hirn hinein und nun konnte ich sie einfach nicht länger ignorieren.

Was sollten wir tun, wenn uns in nächster Zeit jemand über den Weg lief, der eine rote Seidenkrawatte mit schwarzer Rose trug?



*


„Ich habe gehört, dass Sie so etwas geräuschlos über die Bühne bringen“, sagte der Mann mit der roten Seidenkrawatte. Eine schwarze Rose war darauf aufgestickt. Sein Gesicht war hager, das Kinn wie ein V geformt. Die Augen wirkten falkenhaft und kalt. Sie waren so grau wie sein Haar.

Er griff in die Innentasche seines Jacketts und holte ein braunes Kuvert hervor, das er anschließend dem Mann gab, der neben ihm auf der Parkbank platzgenommen hatte – irgendwo im Park, in der Nähe des Bootshauses am See.

Ein kühler Wind blies.

Das Wasser des Sees kräuselte sich.

Der andere Mann hatte einen Jogging-Anzug an und wirkte etwas verschwitzt. Im Ärmel trug er ein Messer. Es steckte in einer Lederscheide, die mit Riemen am Unterarm befestigt war. Das Sonnenlicht spiegelte sich im glattpolierten Stahl. Mit einer schnellen Bewegung hatte der Mann mit dem Messer das Kuvert geöffnet. Einige Fotos befanden sich darin.

Sein Blick wirkte für einige Momente sehr konzentriert.

Dann entspannte sich seine Züge.

„Betrachten Sie die Sache als erledigt“, sagte der Mann mit dem Messer. „Diese Leute sind schon so gut wie tot.“

„Genau das wollte ich hören“, sagte der Mann mit der roten Seidenkrawatte. Sein Lächeln wirkte gequält. „Die Sache eilt allerdings.“

„Sobald Ihre Anzahlung auf meinem Schweizer Bankkonto eingegangen ist, werde ich in Aktion treten“, erwiderte der Andere. Er steckte das Messer zurück in das Futteral an seinem Unterarm und verdeckte es mit dem Ärmel seines Sweatshirts.

„Ich verlasse mich auf Sie.“

„Das können Sie.“

„Eine persönliche Frage hätte ich noch.“

„Lieber nicht.“

„Waren Sie wirklich bei der Fremdenlegion oder nennt man Sie nur so – den Fremdenlegionär?“

Der Mann mit der Sonnenbrille drehte eines der Fotos um. Auf der Rückseite stand ein Name: Christoph Morkowski. Dazu ein paar persönliche Daten, die zur Ausführung des Auftrags unerlässlich waren. Der 'Fremdenlegionär' steckte das Foto hinter die anderen und nahm sich das nächste vor. „Ich glaube, ich weiß jetzt alles, was ich wissen muss. Und Sie im übrigen auch.“

„War ja nur eine Frage“, meinte der Mann mit der roten Seidenkrawatte.

Der 'Fremdenlegionär' stand auf. Das Kuvert stopfte er in die Bauchtasche, die er mit sich führte. Dann steckt er sich die Ohrstöpsel seines iPods wieder ein. Die Musik war so laut, dass auch sein Gegenüber mithören konnte : 'Highway to Hell'.

„Nehmen Sie nach Möglichkeit keinen Kontakt mehr mit mir auf“, sagte der 'Fremdenlegionär' etwas lauter, als eigentlich nötig gewesen wäre, was wohl daran lag, dass er die Ohrstöpsel schon drin hatte. Ein rothaariger Teenager, der gerade von seinem Skateboard gesprungen war und es dann aufgehoben hatte, um irgend etwas an den Rollen zu überprüfen, sah schon etwas irritiert zu ihnen hinüber.

Der 'Fremdenlegionär' begann zu laufen – wie jemand, der sich nur für einen Augenblick auf die Bank gesetzt hatte, um tief durchzuatmen und neue Kraft zu schöpfen.

Der Mann mit der roten Seidenkrawatte sah ihm nach. Dabei lockerte sich der Griff um die Automatik in der Tasche seines Kaschmirmantels. Die ganze Zeit über, da er mit dem Mann gesprochen hatte, den er unter dem Decknamen 'Fremdenlegionär' kannte, hatte er die Waffe umklammert und sie sogar entsichert. Es war einfach besser, gewissen Leuten nicht zu trauen. Gut möglich, dass der Problemlöser am Ende selbst zum Problem wurde.

Aber der Mann mit der Seidenkrawatte hatte an alles gedacht. Zumindest glaubte er das.


*


Tage später…

Der alte Mann ließ den Blick über die verfallenden Wohnblocks schweifen. Plattenbauten, die vor sich hingammelten und langsam vom Schimmel zerfressen wurden. Hier lebte niemand mehr, der es sich leisten konnte wegzugehen.

Der große Block zur Linken war in Kürze für den Abriss vorgesehen. Der alte Mann hatte davon gehört, dass man sich endlich darauf geeinigt hatte, wer die Kosten für die Entsorgung des ganzen Asbests tragen würde.

Eine Gruppe von Motorradfahrern näherte sich dem Block. Sie ließen die Maschinen aufheulen. Zwanzig Mann waren das. Sie trugen einheitliche, mit martialischen Symbolen besetzte Westen über den Lederjacken.

Kutten nannten sie das.

Sie umkreisten den alten Mann.

Wie Indianer in alten Western-Filmen, die beim Angriff die Wagenburg eines Siedler-Trecks umkreisten.

Nur schossen sie nicht.

Noch nicht.

Dann blieben sie stehen und bildeten einen Kreis um den alten Mann und holten ihre Waffen heraus. Automatische Pistolen, Pump-Guns und sogar eine Utzi.

Der Anführer der Gruppe stieg von seiner Maschine.

Er hatte Sporen an den Cowboystiefeln.

In seinem Gürtel steckte eine Pistole.

Er machte sich gar nicht erst die Mühe, die Waffe zu verbergen. Offenbar gingen er und seine Leute davon aus, sich das hier erlauben zu können. Denn hier war ihr Gebiet. und hier hatten sie das Sagen, so lautete ihre feste Ansicht.

Eine No-Go-Area für alle, die sie hier nicht haben wollten.

Der Kerl mit den Sporen kam auf den alten Mann zu.

„Es gibt eine Sache zwischen uns zu regeln”, sagte er. „Und ich denke, du weißt, worum es geht, Alter Mann.”

„Ich wusste, dass ihr hier auftaucht”, sagte der alte Mann. „Wenn man den richtigen Leuten sagt, wo man sein wird, dann lockt das die Bluthunde an.”

Der Kerl mit den Sporen verzog das Gesicht.

Die Tattoos an seinem Hals verformten sich dabei auf groteske Weise.

„Es heißt, du hättest meine kleine Schwester abgestochen.”

„Ich wollte vermeiden, dass sie mich absticht. Das hatte sie nämlich vor.”

„Sie war eine Schlampe. Und für ihr Alter ziemlich verdorben.”

„Sie hat eine alte Frau ins Koma geprügelt.”

„Sowas tut man nicht.”

„Richtig.”

„Das heißt aber nicht, dass ich irgend jemandem gestatten kann, meine kleine Schwester abzustechen. Egal, aus welchem Grund.” Der Kerl mit den Sporen zog seine Waffe. Eine Automatik. „Tut mir leid, alter Sack!” Er drückte zweimal ab. Die Kugeln trafen den alten Mann in der Brust und ließen ihn rückwärts taumeln und zu Boden gehen.

„Erledigt”, sagte der Kerl mit den Sporen.

Es war sein letztes Wort.

Sein Allerletztes.


*


Die Kugeln kamen lautlos, aber sehr präzise. Die Mitglieder der Rocker-Gang hatten keine Ahnung, wo ihr Feind war. Vermutlich schoss er aus irgendeiner der leerstehenden Plattenbau-Wohnungen heraus. Eine Kugel traf den Anführer im Kopf. Dieser feuerte noch einmal einen ungezielten Schuss ab, ehe er tot zu Boden fiel wie ein gefällter Baum. Innerhalb von wenigen Sekunden sanken auch seine Kumpane zu Boden. Ein Kuttenträger nach dem anderen wurde getroffen, ohne auch nur den Hauch nur die Chance zur Gegenwehr zu haben.

Es dauerte keine halbe Minute und kein einziger von ihnen lebte noch.

Eine Weile geschah gar nichts.

Nur der alte Mann rührte sich noch. Er hatte unter seiner Kleidung Kevlar getragen, was die Schüsse, die ihn getroffen hatten, abgefangen hatte. Er ächzte.

Andreas Butter kam indessen aus einem der Plattenbauten heraus. Im Laufschritt lief er auf den Ort des Geschehens zu. Er trug ein Scharfschützengewehr in der Linken.

„Alles in Ordnung, Alter Mann?”

„Wie kannst du ernsthaft so eine Frage stellen, Butter!”

„Fühlt sich an, als wäre man verprügelt worden, was?”

„Da das schon lange niemand mehr geschafft hat, erinnere ich mich kaum noch daran, wie das war.”

„Soll ich dir aufhelfen?”

„Bin ich ein alter Mann?”

„Ja.”

„Das kriege ich noch selber hin.”

„Mit dieser Gang dürften wir keinen Ärger mehr bekommen”, meinte Butter.

Der alte Mann hatte sich unterdessen mühsam erhoben. Butters Versuch, ihm doch noch zu helfen, wehrte er unwirsch ab.

„Ein Problem weniger, Butter…”

„Sagte ich doch.”

„Dafür ergeben sich mit Sicherheit jetzt andere Schwierigkeiten.”

„Vielleicht sollten wir uns in nächster Zeit etwas zurückhalten.”

„Findest du wirklich, Butter?”

In der Ferne waren Polizeisirenen zu hören.

„Könnte sein, dass sich die Polizei zum ersten Mal seit langer Zeit in diese Gegend traut.”

„Möglich, Butter.”

„Wir sollten nicht so lange warten, bis sie hier sind, Alter Mann.”

„Wo steht der Wagen?”

Butter streckte die freie Hand aus. „Da vorne auf dem Parkplatz. Ich wollte ihn im Auge behalten. Du weißt ja, hier werden so oft die Reifen geklaut.”

*


„Massaker unter kriminellen Rockern”, las Rudi mir die Schlagzeile vor.

„Wenn zwanzig Mann umgenietet werden, dann kann man schon von einem Massaker sprechen”, fand ich. „In diesem Fall kann ich den Sensationsmedien nicht einmal vorwerfen, dass sie übertreiben.”

„Das ist die Handschrift des alten Mannes, würde ich sagen.”

„Zwanzig Mann?” Ich hob die Augenbrauen. „Ich glaube, das wäre selbst für ihn etwas zu viel, glaubst du nicht, Rudi?”

„Ich habe mir mal angesehen, was es bislang zu dem Fall an Fakten gibt, Harry.”

„Der Kerl lässt dich nicht los, was?”

„Es lässt mich nicht los, dass wir ihn weder kriegen noch stoppen können.”

„Hm.”

„Hör zu: Erstens kann es kein Zufall sein, dass jetzt plötzlich der Bruder der erstochenen Teenagerin und seine ganze Rockergang über den Jordan gegangen ist. Das löst für unseren Freund doch ein paar Probleme, oder nicht?”

„Für ein paar andere Leute aber auch.”

„Er ist in der Nähe gesehen worden.”

„Der alte Mann?”

„Ja. Angeblich wurde er erschossen und ist wieder aufgestanden.”

”Wer sagt das?”

„Ein Zeuge.”

„Das bedeutet, der alte Mann hat eine Kevlar-Weste getragen!”

„Ja. Er hat sich mit der Gang getroffen, sich erschießen lassen und dann muss sein Partner, wahrscheinlich dieser Butter, aus einem der Nachbarhäuser gefeuert haben. Systematisch hat er einen nach dem anderen abgeknallt.”

„Man könnte darin so etwas wie Notwehr sehen, wenn man das sehr großzügig auslegt.”

„Ich wette, der alte Mann würde das so sehen - unabhängig davon, was die Gesetze dazu sagen. So macht er das. Er stellt eine Situation her, in der er angegriffen wird und dann schlägt er selbst zu.”

„Wir können ihm das nicht beweisen, Rudi.”

„Ich weiß.”

„Wir haben nichts gegen ihn oder diesen Butter in der Hand.”

„Ich weiß.”


*


Einen Tag später suchten wir das Büro auf, das der alte Mann und Butter betrieben. Es war niemand dort. Die (ohnehin falschen) Namensschilder waren nicht mehr da. Wenn man durch das Fenster sah, konnte man feststellen, dass auch nichts vom Mobiliar geblieben war.

„Ausgezogen”, stellte ich fest.

„Irgendwie überrascht mich das nicht”, gestand Rudi.

„Eigentlich hatte ich gehofft, dass wir von den beiden noch etwas über den Mann mit der Seidenkrawatte erfahren würden”, meinte ich.

„Hast du das wirklich geglaubt, Harry?”

„Ja.”

„Manchmal kann ich mich über deine Gutgläubigkeit nur wundern, Harry.”

„Ich glaube eben an das Gute im Menschen.”

„So kann man das auch sehen.”

„Da ragt ein Brief aus dem Postkasten…” Ich nahm ihn heraus. Er war an mich adressiert. Zweifellos hatte der alte Mann ihn hier für mich hinterlassen, damit ich ihn fand. Ich öffnete ihn. Es war ein Computerausdruck. >Achten sie auf den ALGO-CYBERMAFIA CLUB”, stand dort.

Rudi blickte mir über die Schulter.

„Soll das ein Hinweis sein oder eher ein Rätsel?”, fragte er.

„Keine Ahnung”, murmelte ich. „Vielleicht ist es beides.”


*

Zwei Wochen später...

Ich hielt den Dienstporsche am Straßenrand, um Rudi an der bekannten Ecke abholen. Mein Kollege unterdrückte ein Gähnen, als er zu mir den Wagen stieg.

Aber mir ging es nicht anders.

„War nicht viel Zeit zum Schlafen in der letzten Nacht, was?“

„Du sagst es Harry.“

Wir hatten die halbe Nacht damit zugebracht, an einer Observation teilzunehmen. Auf einer abgelegenen Industriebrache im Norden der Gropiusstadt sollte ein Drogendeal über die Bühne gehen, wie wir von einem Informanten erfahren hatten.

Dabei hatte sich für uns die Chance geboten, eine ziemlich wichtige Figur des organisierten Verbrechens für lange Jahre aus dem Spiel zu nehmen. Allerdings hatte der uns lange warten lassen. Unser Kollege Stefan Carnavaro, bei dem die Einsatzleitung gelegen hatte, war schon beinahe entschlossen gewesen, den Einsatz abzubrechen.

Aber dann war der Mann, auf den wir alle gewartet hatten, doch noch aufgetaucht und wir hatten zuschlagen können.

Der Austausch von Drogen gegen Geld war sorgfältig per Video dokumentiert worden, sodass am Ende juristisch alles wasserdicht war. Was jetzt noch folgte war das übliche Tauziehen vor Gericht. Rudi und ich würden da auch noch unsere Aussagen machen müssen. Aber ansonsten war unser Job in dieser Sache getan.

Den Rest mussten wir anderen überlassen.

Während der Fahrt zum Präsidium redeten wir nicht viel.

Die Müdigkeit lastete noch bleiern auf uns.

Als wir uns schließlich im Büro von Kriminaldirektor Hoch, unserem Chef, eintrafen, waren unsere Kollegen Stefan Carnavaro und Oliver (genannt 'Ollie') Medina schon dort. Außerdem waren noch die Innendienstler Walter Stein und Manuel Schneyder anwesend. Walter gehört zu unserer Fahndungsabteilung, während Manuel Schneyder einer unserer Verhörspezialisten war.

Für Manuel war diese Besprechung das Ende seines Arbeitstages, während er für uns erst anfing. Manuel hatte nämlich Walid Hassani, den in der vergangenen Nacht festgenommenen Drogenboss, mehrere Stunde lang verhört.

Wir nahmen Platz. Mandy brachte ein Tablett mit dampfenden Kaffeebechern. Die Sekretärin unseres Chefs verließ danach wieder den Raum. Während ich an dem Becher nippte und der Kaffee dafür sorgte, dass ich wieder hellwach wurde, fasste Manuel zusammen, was das Verhör von Walid Hassani ergeben hatte.

Ich sah, dass Rudi sich alle Mühe geben musste, ein ausgiebiges Gähnen zu unterdrücken.

„Ich bin nicht auf den Mund gefallen, aber in diesem Fall hatte ich Mühe, zu Wort zu kommen“, berichtete unser Verhörspezialist. „Hassani hatte eine Batterie von Anwälten dabei, die jede Nuance auf die Goldwaage gelegt haben.“

„Diesmal kann Herr Hassani so gute Anwälte haben wie er will – das wird ihm auch nichts nützen“, war Kriminaldirektor Hoch zuversichtlich.

„Die Beweislage gegen ihn ist erdrückend“, stimmte Stefan zu. „Er wird sich nicht herauswinden können.“

„Ich wette, es läuft in ein paar Tagen auf einen Deal hinaus“, glaubte Ollie.

„Das glaube ich kaum“, widersprach Kriminaldirektor Hoch. „Dafür müsste er der Staatsanwaltschaft schon etwas anbieten können und ehrlich gesagt, sehe ich da im Moment nichts.“

Manuel Schneyder zuckte mit den Schultern. „Wer weiß, was die Anwälte von Herrn Hassani da noch so aus dem Hut zaubern. Daher sollten wir den Tag nicht vor dem Abend loben.“

„Was jetzt kommt, liegt nicht in unserem Zuständigkeitsbereich“, stellte Kriminaldirektor Hoch klar. „Das müssen wir nehmen, wie es kommt. Aber Ihnen und allen anderen Kollegen, die an diesem Einsatz beteiligt gewesen sind, möchte ich meine Anerkennung für die gute Arbeit aussprechen. Sie haben getan, was erforderlich war, um diesen Verbrecher endlich dingfest zu machen.“ Kriminaldirektor Hoch machte ein ernstes Gesicht. Seine Hände verschwanden in den weiten Taschen seiner Flanellhose. Dann wandte er sich an Manuel. „Sie sind für heute entlassen. Schlafen Sie sich gut aus.“

„Das werde ich“, versprach Manuel und trank seinen Kaffee aus.

„Das Verhör heute Nacht wird sicherlich nicht das letzte Gespräch sein, bei dem Sie sich mit Herrn Hassanis Anwälten herumärgern müssen, Manuel. Dafür müssen Sie fit und erholt sein.“

„Ja.“

Bevor Kriminaldirektor Hoch dann fortfuhr, wartete er noch ab, bis Manuel Schneyder das Besprechungszimmer verlassen hatte.

„Sagt einem von Ihnen der Name ALGO-CYBERMAFIA CLUB etwas?“, erkundigte sich unser Chef anschließend mit hochgezogenen Augenbrauen.

Ich dachte an den seltsamen Hinweis des alten Mannes…

Und natürlich hatte ich mich damit beschäftigt.

Ohne konkretes Ergebnis allerdings.

Zumindest gab es keinerlei Zusammenhang zu irgendeinem Mann mit Seidenkrawatte, der mutmaßlich die Zeugin eines Gesprächs hatte ausschalten lassen.

Und da der alte Mann und Butter anscheinend abgetaucht waren, konnte man sie auch nicht fragen.

Leider.

„Waren das nicht diese Witzbolde, die vor einem Dreivierteljahr die Website des BKA gekapert haben?“, sagte ich.

„Richtig“, nickte Kriminaldirektor Hoch. „An die unangenehmen Einzelheiten möchte ich an an dieser Stelle nicht erinnert werden.“

Es war beileibe nicht die erste Hacker-Attacke dieser Art gewesen. Im Verlaufe der Jahre war es immer wieder Unbefugten gelungen, die Websites von Regierung, Behörde und Polizei zu infiltrieren.

Der Angriff des sogenannten ALGO-CYBERMAFIA CLUB würde für uns alle allerdings wohl unvergesslich bleiben und für Kriminaldirektor Hoch galt das ganz besonders. Schließlich war es sein Gesicht gewesen, das die Hacker in die Fahndungsdossiers von gesuchten Schwerverbrechern eingearbeitet hatten. Kriminaldirektor Hoch war es bis heute unangenehm, auf diesen Vorfall angesprochen zu werden. Erst nach drei Tagen war es Cyber-Spezialisten des BKA gelungen, das eigene Computersystem wieder unter Kontrolle zu bekommen und die Bilder auszutauschen.

Es war nicht einmal möglich gewesen, die BKA-Website abzuschalten. Auch dafür hatten die Mitglieder des ALGO-CYBERMAFIA CLUBS gesorgt.

Bis heute war es nicht möglich gewesen, alle Mitglieder dieser Vereinigung aufzuspüren und vor Gericht zu stellen. Und von einigen bekannten Mitgliedern wusste man zwar mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, dass sie an der Sache beteiligt gewesen waren, aber es mangelte an gerichtsverwertbaren Beweisen. Auch in dieser Hinsicht waren die Hacker nämlich außerordentlich geschickt vorgegangen.

Immerhin waren einige der Täter verurteilt worden.

Aber die Tatsache, dass nicht alle der daran beteiligten Angreifer aus dem Cyberspace einwandfrei identifiziert waren, sorgte bei einigen unserer Innendienstler bis heute für Unbehagen.

„Ich hoffe nicht, dass wir es wieder mit einer Attacke dieser Gruppe zu tun bekommen“, meinte Rudi.

„Ganz im Gegenteil“, erläuterte Kriminaldirektor Hoch. „Diesmal wendet sich jemand aus dem Umfeld dieser Vereinigung an uns und bittet um unseren Schutz. Es handelt sich um Melanie Morkowski. Sie ist die Schwester von Christoph Morkowski, der im ALGO-CYBERMAFIA CLUB eine gewisse Führungsrolle spielt. Sie will ein Treffen unter konspirativen Bedingungen.“ Kriminaldirektor Hoch wandte sich an Rudi und mich. „Sie beide, Harry und Rudi, werden sich heute Nachmittag zu einer Adresse begeben, die ich Ihnen gleich noch mitteile. Dort werden Sie sich mit Melanie Morkowski treffen.“

Ich atmete tief durch.

„Haben Sie irgendeine Ahnung, was sie von uns will?“, fragte ich.

„Nein.”

„Schade.”

„Der Informant, über den sie Kontakt mit uns gesucht hat, meinte allerdings, es könnte sich um eine Sache handeln, die die nationale Sicherheit Deutschlands betrifft. Und da Melanie Morkowski nun einmal die Schwester eines Mitglieds des ALGO-CYBERMAFIA Clubs ist, glaube ich das sofort.“

„Wir habe Erkenntnisse aus anderen Quellen, dass es in der Vergangenheit bereits Versuche von ausländischen Geheimdiensten und terroristischen Gruppen gegeben hat, die Hacker des ALGO-CYBERMAFIA Clubs für sich einzuspannen“, ergriff Walter Stein das Wort. „Wir wissen doch alle: Der Krieg der Zukunft wird mit Computern ausgefochten. Man zerstört die Infrastruktur des Gegners, indem man in die Computersysteme der Energieversorgung oder wichtiger Industrieanlagen und Behörden einfach lahmlegt und man schaltet damit unter Umständen ein ganzes Land aus, ohne eine einzige Rakete abgefeuert zu haben.“

„Das Schlimme an solchen Angriffen ist, dass sie leider von nahezu jedem ausgeführt werden können, der über die nötigen Kenntnisse verfügt“, sagte Kriminaldirektor Hoch. „Oder man bezahlt jemanden, der diese Kenntnisse hat, das läuft auf dasselbe hinaus.“ Unser Chef wandte sich an Stefan und Ollie. „Ich möchte, dass sämtliche Informanten, die wir zurzeit in der Hacker-Szene haben, abgeschöpft und die Informationen zusammengetragen und ausgewertet werden.“

„Bis jetzt gibt es da kaum Konkretes“, bekannte Stefan.

„Dann bohren Sie, wenn nötig, etwas tiefer. Nutzen Sie alle zur Verfügung stehenden Quellen. Die Kollegen des Bundesnachrichtendienstes weisen uns seit längerem darauf hin, dass verschiedene terroristische Gruppen und Staaten, die uns nicht wohlgesonnen sind, Cyber-Attacken vorbereiten. Ob diese Hinweise in irgendeinem Zusammenhang mit dem ALGO-CYBERMAFIA CLUB stehen, ist nicht gesichert. Aber es besteht Anlass genug für uns, dieser Sache nachzugehen.“ Kriminaldirektor Hoch machte eine Pause und ließ den Blick von einem zum anderen schweifen. Es herrschte einige Augenblicke vollkommene Stille im Besprechungszimmer. Jedem der Anwesenden war klar, für wie ernst Kriminaldirektor Hoch die Lage hielt.

Eine allgemeine Bedrohung der Sicherheit.

Davon hatte der alte Mann auch gesprochen.

Vielleicht war doch mehr an seinem rätselhaften Hinweis, als ich bisher geglaubt hatte.



*


Später fuhren wir zu der angegebenen Adresse im Norden von Berlin. Das Haus, in dem wir uns mit Melanie Morkowski treffen sollten, war gut gepflegt. Es handelte sich um einen unscheinbaren Bungalow, wie es sie zuhauf in den Vorstädten gibt.

Das Haus gehörte dem BKA. Normalerweise verwendeten wir es, um zum Beispiel gefährdete Zeugen für eine Weile unterzubringen. Aber hin und wieder diente es auch als Treffpunkt. Momentan war dort niemand untergebracht.

Es standen allerdings zwei Fahrzeuge in der Einfahrt von der kleinen Garage, die zum Haus gehörte. Ein Ford und ein Audi. Der Ford gehörte Nilüfer Malik, einer Immobilienmaklerin, die früher als Informantin für uns tätig gewesen war. In diesem Fall unterstützte sie uns dadurch, dass sie Melanie Morkowski hier her gebracht hatte - vorgeblich, um ihr das Haus zu verkaufen, das im übrigen auch ganz normal auf der Homepage von Nilüfer Maliks Maklerbüro zum Verkauf angeboten wurde.

Eine perfekte Tarnung für ein Treffen wie dieses.

Ich stellte den Wagen an den Straßenrand der breiten Allee.

Eine schöne Gegend.

„Bin mal gespannt, ob diese Melanie Morkowski uns wirklich etwas zu bieten hat oder sich da nur jemand wichtig machen will“, meinte Rudi.

„Ich nehme schon an, dass es sich um etwas Ernstes handeln muss“, glaubte ich. „Diese Leute rund um den ALGO-CYBERMAFIA CLUB oder vergleichbare Netzwerke sind doch extrem misstrauisch gegenüber allem, was nach Staat oder Behörden aussieht. Dazu zählt nunmal auch das BKA. Und wenn so jemand sich aus eigener Initiative an uns wendet, steckt sicher was dahinter.“

„Du vergisst, dass diese Melanie kein offizielles Mitglied dieses ALGO-CYBERMAFIA CLUBS ist. Ich hab mir die Dossiers daraufhin nochmal gründlich angesehen.“ Bevor er ausstieg, schaltete Rudi noch unseren Bordrechner ab. Die Fahrt hatte er bis zum letzten Moment dazu genutzt, sich mit den Daten besser vertraut zu machen, die über unserer Verbundsystem BKA-DATA-REQUEST bis jetzt zum Themenkomplex ALGO-CYBERMAFIA CLUB vorlagen.

Wir gingen zu Haustür und klingelten.

Nilüfer Malik öffnete uns.

„Hallo.”

„Guten Tag.”

„Ich habe Sie schon erwartet. Eine andere Interessentin ist gerade im Haus, ich hoffe, das stört Sie nicht.“

„Nicht im Geringsten“, erklärte ich.

Wir zeigten unsere Ausweise erst, nachdem wir eingetreten waren. Schließlich konnte man es nicht ausschließen, dass das Haus beobachtet wurde. Die Wände waren so präpariert, dass das Haus im Inneren vollkommen abhörsicher war.

Selbst das stärkste Richtmikrofon konnte nicht aufzeichnen, was innerhalb dieser Wände gesprochen wurde. Auch dieser Umstand machte es zu einem idealen Treffpunkt.

Nilüfer Malik führte uns in das Wohnzimmer.

Es war sparsam und zweckmäßig möbliert.

Eine Frau Ende zwanzig stand am Fenster. Sie trug das Haar kinnlang. Sie hatte ihre knielangen Mantel nicht ausgezogen und die Hände tief in den Taschen vergraben.

„Ich denke, ich lasse Sie allein“, sagte Nilüfer und verließ den Raum.

„Harry Kubinke, BKA. Dies ist mein Kollege Rudi Meier“, stellte ich uns vor und zeigte meine ID-Card. Rudi folgte meinem Beispiel.

Unser Gegenüber nahm die Ausweise nur mit einem Seitenblick zur Kenntnis.

„Melanie Morkowski. Ich denke, man wird Sie mit allen möglichen Vorurteilen gegen mich geimpft haben.“

„Ich denke, wir setzen uns erst einmal“, schlug ich vor. „Und davon abgesehen wüsste ich nicht, was das für Vorurteile sein sollten.“

Melanie Morkowski zögerte, aber schließlich nahm sie doch in einem der Sessel platz.

Wir setzten uns ebenfalls.

„Sehe Sie, mein Bruder ist in diesem ALGO-CYBERMAFIA CLUB aktiv und hat an Kampagnen für die Freiheit des Internets und solchen Dingen teilgenommen – und auch ein paar Dinge gemacht, die eindeutig kriminell waren. Man bringt mich damit immer in Verbindung, obwohl ich nichts damit zu tun habe.“

„Man vermutet, dass Sie gewissermaßen ein informelles Mitglied dieses ALGO-CYBERMAFIA CLUBS sind“, stellte Rudi fest.

„Das ist absurd.“

„Nach unseren Daten haben Sie die Arbeit dieses Netzwerks finanziell unterstützt.“

„Ich habe meine Bruder finanziell unterstützt – aber das ist etwas anderes. Das tue ich seit dem Unfalltod unserer Eltern, weil er leider bisher aus seinen überragenden Talenten nichts gemacht hat, was ihm ein regelmäßiges Einkommen verschafft hätte.“

„Im Gegensatz zu Ihnen“, sagte Rudi. „Sie gelten als erfolgreiche Geschäftsfrau in der Versicherungsbranche. Da Ihr Bruder mit einigen Fällen von Datenraub in Verbindung gebracht wird, und sie in der Versicherungsbranche tätig sind, zählen manche eben einfach eins und eins zusammen. Wem könnte beispielsweise die Gesundheitsdaten sämtlicher Berliner Polizisten etwas nützen – außer einem Versicherungsunternehmen, bei dem besonders viele Polizisten kranken- und unfallversichert sind und für dass ausgerechnet Sie als selbstständige Vertreterin tätig waren.“

„Ist es zum Prozess gekommen, Kommissar Meier? Nein. Es wurde nicht einmal Anklage erhoben.“

„Wir sind auch nicht wegen dieser Ding hier – sondern, weil Sie offenbar ein dringendes Anliegen haben“, mischte ich mich ein.

„Danke, dass Sie darauf zurückkommen, Kommissar Kubinke“, sagte Melanie Morkowski. „Es geht um meinen Bruder. Um es kurz zu machen: Er steckt in ziemlich großen Schwierigkeiten.“

„Was für Schwierigkeiten?“, hakte ich nach.

Das Gespräch hatte irgendwie nicht ganz glücklich begonnen. Die Tatsache, dass Rudi ihr gleich die etwas dubiosen Verbindungen zwischen ihr und dem ALGO-CYBERMAFIA CLUB unter die Nase gehalten hatte, war sicherlich für das Gesprächsklima nicht gerade förderlich gewesen. Aber wir sind eben auch nur Menschen.

„Jemand ist an meinen Bruder mit einem unglaublichen Angebot herangetreten, Kommissar Kubinke“, erklärte Melanie Morkowski dann in gedämpftem Tonfall, so als würde sie selbst hier, in diesen geschützten Räumen, fürchten, dass jemand mithörte, für den diese Informationen nicht gedacht waren. „Es ging darum, ein Schadprogramm zu entwickeln und in die Rechnersysteme der Energieversorger einzuschleusen. Dieses Schadprogramm soll dann einen großflächigen Stromausfall in ganz Europa verursachen. Mein Bruder sagte mir, dass das auch gar kein Problem sei. Man müsst nur dafür sorgen, dass es an bestimmten Knotenpunkten zu Überspannungen kommt und anschließend kommt es zu einer Kettenreaktion, die den ganzen Kontinent lahmlegen kann. Ich dachte, dass Sie das vielleicht interessiert.“

„Ein klassischer Fall der nationalen Sicherheit“, sagte ich. Und wieder musste ich an den alten Mann denken. Darum ging es also. Das Lahmlegen der Stromversorgung. „Wir sollten uns mit Ihrem Bruder unterhalten, denke ich.“

„Aber deswegen bin ich doch hier!“

„Ja, mag sein, aber...“

„Christoph würde sich niemals an die Behörden wenden! Dann wäre er bei seinen Hackerfreunden unten durch. Das Kürzel BKA steht doch gewissermaßen als Chiffre für den alles überwachenden Obrigkeitsstaat, der die Freiheit des Netzes einzuschränken versucht.“

„Weiß Christoph, dass Sie sich mit uns treffen?“

„Nein. Natürlich nicht. Ich glaube aber, er ahnt es oder hält es zumindest für möglich.“

„Wie kommen Sie darauf?“

„Na, sonst hätte er mir davon überhaupt nichts erzählt! Er ist verzweifelt, Herr…”

„...Kubinke.”

„Das ist so ähnlich wie mit der Sache, als es um die veränderten BKA-Seiten ging.“

„Hatte Ihr Bruder doch etwas damit zu tun?“

„Dazu werde ich offiziell nichts sagen, Herr Kubinke. Er wurde nicht angeklagt, deswegen könnte die Staatsanwaltschaft das Verfahren wieder aufnehmen.“

„Wie Sie wollen. Aber wenn wir Ihrem Bruder helfen sollen, müssen Sie offen sein.”

„Das bin ich! Im Rahmen meiner Möglichkeiten.”

„Davon abgesehen ist das, was Sie hier sagen, wie nicht ausgesprochen. Es wird niemand etwas davon gegen Sie oder Ihren Bruder verwenden.“

Sie verzog das Gesicht zu einem etwas säuerlichen Lächeln.

„Das würde mich wundern!“

„Wenn es anders wäre, hätten wir in ganz Berlin keinen einzigen Informanten mehr.“

„Gut, das ist natürlich ein Argument.”

„Eben!”

Sie musterte mich prüfend. Offenbar dachte sie noch darüber nach, wie viel sie uns nun letztlich anvertrauen wollte. „Herr Kubinke, die Sache ist einfach zu groß für meinen Bruder und seine Freunde vom ALGO-CYBERMAFIA CLUB. Die sind mit Leuten in Kontakt geraten, die offenbar skrupellose Terroristen oder Kriminelle sind. Die werden vor nichts zurückschrecken.“

„Ihr Bruder hat den Auftrag abgelehnt?“, fragte ich.

„Er sagte: So etwas kann man nicht ablehnen. Er hat sie hingehalten. Zumindest habe ich das so verstanden.“

„Wer sind sie?“, hakte ich nach.

„Ich habe keine Ahnung. Namen hat er nicht genannt.“

„Hat er sich mit jemanden getroffen oder erfolgte die Kontaktaufnahme über das Netz? Gibt es eine Personenbeschreibung oder irgendein Merkmal, das er erwähnt hat?“

„Nein, nichts. Alles, was ich weiß ist, dass es diesen Plan gibt, einen Crash der Stromversorgung zu verursachen. Mehr weiß ich nicht. Und Christoph auch nicht.“

„Wie können Sie da so sicher sein, wo er Sie doch auch in andere Einzelheiten nicht weiter eingeweiht hat?“

„Ich habe ihn danach gefragt, was er glaubt, wer dahintersteckt. Aber er konnte auch nur die üblichen Vermutungen äußern.“

„Und die wären?“

„Islamistische Terroristen, nordkoreanischer oder iranischer Geheimdienst, Russland und so weiter. Und genau dieselben Fragen, mit denen Sie mich jetzt löchern, habe ich ihm natürlich auch gestellt: Zum Beispiel, auf welche Weise die Kontaktaufnahme erfolgte.“

„Und?“

Sie atmete tief durch und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

„Er hat gesagt: Je weniger ich weiß, desto besser für mich.“

„Es wird tatsächlich das Beste sein, wir statten ihm mal einen Besuch ab“, mischte sich Rudi ein.

„Ganz meine Meinung”, sagte ich.

„Dann sollten Sie einen Vorwand finden, der wirklich stichhaltig ist“, erwiderte Melanie Morkowski. „Sonst…

Ich hob die Augenbrauen. „Sonst was?”, hakte ich nach.

Sie schluckte.

„Sonst ist er nicht nur bei seinen Freunden vom ALGO-CYBERMAFIA CLUB unten durch, sondern...“ Sie stockte und sprach nicht weiter. Ihre Augenbrauen zogen sich zusammen. Die Stirn umwölkte sich. Ich hätte einiges darum gegeben, in diesem Augenblick den Gedanken lesen zu können, der sich anscheinend gerade hinter ihrer Stirn geformt hatte.

„Sie denken, dass man Ihren Bruder beobachtet“, vermutete ich.

Melanie Morkowski nickte. „Ja“, bestätigte sie. „Davon gehe ich aus.”

„Warum?”

„Was immer das auch für eine Organisation sein mag, sie muss sehr mächtig sein.”

„Okay…”

„Und ich wette, diese Verbrecher hätten sich gar nicht erst an Christoph gewandt, wenn sie zuvor nicht genau ausgekundschaftet hätten, mit wem sie es zu tun haben.“ Sie holte eine Visitenkarte hervor. Darauf war ihre Büroadresse inklusive Telefonnummern und Emailadresse drauf. Außerdem allerdings auch noch eine mit der handgeschriebenen Mobiltelefonnummer. „Rufen Sie mich auf dem Handy an, wenn Sie irgendwelche Fragen haben oder sich etwas Neues ergibt“, sagte sie. „Ganz egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit.“

„Gut.”

„Ich meine damit: NUR auf diesem Handy.”

„Ich verstehe, was Sie meinen.”

„Ich kann nicht ausschließen, dass alle anderen Verbindungen abgehört werden.”

„Und bei dieser sind Sie absolut sicher, dass es nicht so ist?”

Ihr Lächeln wirkte schwach.

„Absolute Sicherheit gibt es nicht”, sagte sie. „Wenn ich eins inzwischen gelernt habe, dann das.”


*


„Was hältst du von ihr?“, fragte mich Rudi, als wir schon wieder auf dem Rückweg nach Berlin Mitte waren. Ich hatte nur einmal tief geatmet und war noch gar nicht dazu gekommen, ihm zu antworten, als er bereits fortfuhr: „Ich habe es im Gefühl, dass da was faul an der Sache ist. Diese Melanie Morkowski ist nicht so ahnungslos, wie sie tut!“

„Mag ja sein. Aber den Hinweis gibt sie uns nicht ohne Grund. Und wenn sie die Sache nicht als wirklich sehr ernst einschätzen würde, hätte sie sich nicht an uns gewendet! Ein Stromausfall von der Art, wie ihn Melanie Morkowski beschrieben hat, ist kein Kleinigkeit.“

„Das habe ich auch nicht gesagt, Harry.“

„Es geht ja nicht nur um die kurzfristigen Folgen. Wenn es richtig schlimm kommt, dann brennen reihenweise Transformatoren durch, die so schnell gar nicht ersetzt werden können. Innerhalb von Tagen brechen Nahrungsmittelversorgung und die Gesundheitsversorgung zusammen. Es kann niemand mehr Geld abheben oder im Supermarkt einkaufen. Die Heizungen fallen aus und es gibt kein Licht – und das vielleicht für Wochen, Monate oder sogar noch länger, wenn die Störungen am System wirklich nachhaltig sind.“

„Harry, das wäre nicht der erste Blackout, den Berlin überstanden hat. Zumindest stadtteilweise.”

„Es geht nicht nur um Berlin, Rudi. Du hast doch gehört, was Melanie Morkowski gesagt hat! Da ist viel mehr geplant!“

„Da können wir nur hoffen, dass in unserem Informantennetz irgend etwas Brauchbares hängenbleibt, damit wir zumindest ganz grob wissen, in welche Richtung wir ermitteln sollen. Ein kleiner Unterschied ist es ja schon, ob sich Al Qaida-Terroristen für den Tod von Osama bin Laden rächen wollen oder nur Kriminelle dahinterstecken.“

„Das können wir ausschließen, Harry.“

„Ach, ja?“

„Was sollte irgendein Krimineller davon haben, dass das Stromnetz eines halben Kontinents lahmgelegt wird? Harry, überleg doch mal! So etwas Irres tun nur Fanatiker oder ausländische Geheimdienste. Auf jeden Fall jemand, dem es darum geht, einen möglichst großen und lang anhaltenden Schaden anzurichten.“

„Aber die müssen nicht notwendigerweise aus dem Ausland stammen“, gab ich zu bedenken. Ich brauchte Rudi nicht weiter zu erläutern, was ich damit meinte. Wir hatten schließlich auch unsere eigenen, hausgemachten Terroristen. Gruppen, die den Staat als solche ablehnten oder Rechtsradikale und Reichsbürger, die zur Verteidigung der angeblich bedrohten weißen Rasse des Abendlandes aufriefen. Auf der anderen Seite militante Linksextremisten, für die das Abschalten des Stromnetzes vielleicht als willkommene Möglichkeit gesehen wurde, den Kapitalismus doch noch in die Knie zu zwingen.

Aber was immer auch hinter diesem mysteriösen Plan steckte, wir würden gut daran tun, unsere Ermittlungen nicht vorschnell auf eine bestimmte Richtung einzugrenzen.

Wir bekamen einen Anruf aus dem Präsidium.

Es war die Stimme von Kriminaldirektor Hoch persönlich, die wir über die Freisprechanlage hörten. „Wie ist Ihr Gespräch mit Melanie Morkowski verlaufen?“, erkundigte er sich.

Rudi gab ihm einen kurzen zusammenfassenden Bericht.

„Sie werden einen guten Grund haben, um Herrn Morkowski aufzusuchen“, erklärte uns unser Chef schließlich, nachdem Rudi geendet hatte. „Es gibt nämlich Neuigkeiten über ihn. Es haben sich Hinweise ergeben, dass Morkowski und einige andere Mitglieder dieses ALGO-CYBERMAFIA CLUBS in großangelegte Geschäfte mit illegal erlangten Kreditkartendaten verwickelt waren, die dann für viel Geld weiterverkauft werden. Detlef und seine Kollegen arbeiten zurzeit noch an diesem Fall, aber die Spuren der Geldflüsse sind ziemlich eindeutig.“

Detlef L. Richards war einer der Kollegen in unserem Präsidium, die sich auf betriebswirtschaftliche Fragen konzentrierten. Den verborgenen Geldflüssen zu folgen führte gerade im Bereich des organisierten Verbrechens oft genug zu den Hintermännern.

„Dann ist er doch nicht so unschuldig, wie seine Schwester ihn uns gegenüber darstellte“, meinte Rudi dazu. „Aber ehrlich gesagt überrascht mich das nicht, nachdem ich mich etwas genauer mit ihm beschäftigt habe.“

„Also ich habe den Eindruck gewonnen, dass Melanie Morkowski ehrlich um ihren Bruder besorgt ist, auch wenn sie uns vielleicht nicht alles gesagt hat, was sie weiß“, sagte ich. „Aber was diesen Plan angeht, in halb Europa das Licht ausgehen zu lassen, von dem Christoph ihr erzählt hat, bin ich mir noch nicht so ganz sicher, ob sie das wirklich richtig verstanden hat.“

„Was sollte daran denn misszuverstehen sein, Harry?“, erkundigte sich Kriminaldirektor Hoch. Ich musste den Dienstporsche inzwischen an einer Kreuzung anhalten, wo eine Ampel in letzter Sekunde auf Rot gesprungen war.

„Ich meine ja nur. Irgendwie stimmt da etwas nicht, an der Sache“, sagte ich.

„Haben wir noch Zeit, um was zu essen, Harry – oder fahren wir gleich zu Christoph Morkowskis Adresse?“

„Wo wohnt der denn?“

Rudi sah auf die Daten, die unser Bordrechner anzeigte.

„Ist noch ein bisschen hin.“

„Dann finden wir unterwegs sicher etwas, was man mitnehmen und während der Fahrt essen kann.“

„Gesund ist das nicht, Harry.“

„Ich weiß. Aber es geht schnell. Und überhaupt – seit wann achtest du darauf, ob dein Essen gesund ist, solange es satt macht?“

„Sollte ich vielleicht ändern.”

„Daraus wird doch nichts, Rudi.”

„Ach, und wieso?”

„Das ist wie mit allen guten Vorsätzen.”

„Und was ist mit allen guten Vorsätzen?”

„Man schafft es nie, sie tatsächlich umzusetzen.”

Rudi atmete tief durch.

„Vermutlich hast du recht, Harry.”



*


Christoph Morkowski klappe sein Laptop zusammen. Der Schweiß stand ihm auf der Stirn. Der Puls raste und schlug ihm bis zum Hals. Für Augenblicke konnte er kaum atmen. Ein beklemmendes Gefühl beherrscht ihn. Fast so, als hätte ihm jemand den Brustkorb zusammengeschnürt. Er steckte das Laptop in eine Sporttasche, in der sich bereits ein paar Kleidungstücke befanden. Dann zog er seine Lederjacke an und setzte eine Baseballmütze auf. Er ließ den Blick schweifen. Nichts durfte zurückbleiben, was ihn irgendwie verraten konnte.

Nichts...

Er ging zum Schreibtisch, an dem sich eine Schublade befand. Er holt den Schlüssel aus seiner Hosentasche, steckte ihn hinein, drehte ihn herum.

Im Inneren der Schublade lag eine Waffe.

Ein kurzläufiger Revolver. Außerdem eine Packung mit Patronen. Zwölf Schuss hatte er. Sechs davon steckten schon in der Trommel. Christoph öffnete die Waffe, überprüfte die Ladung. Die Waffe war schwer. Zu schwer für die Hosentaschen seiner weiten Jeans, die ihm sowieso schon ziemlich tief auf den Hüften hingen. Also steckte er sie in die Innentasche seiner Lederjacke. Die Patronen verstaute er in der Seitentasche. Er spürte das Gewicht von Waffe und Munition und irgendwie beruhigte ihn das einigermaßen.

Trotzdem.

Sicherheit fühlte sich anders an.

Scheiße, ich hoffe, ich hab an alles gedacht, ging es ihm durch den Kopf. Er überprüfte sein Smartphone. Er hatte es abgeschaltet. Schließlich bestand immer die Gefahr, dass man geortet wurde. Und denen traute er alles zu. Auch, dass sie ihn schon längere Zeit komplett überwachten.

Wenn die dich in die Finger bekommen, kennen die keinen Spaß, ging es ihm durch den Kopf.

Er ging zur Tür, sah nochmal zurück, ließ sie dann ins Schloss fallen. Dann ging er den Flur entlang.

„Hey, Christoph! Wohin?“

Die Stimme gehörte zu einem schlaksigen Mann mit kinnlangen Haaren und einem dünnen Oberlippenbart, der gerade aus dem Lift kam. Er stand irgendwie etwas unsicher auf den Beinen. Die Augen waren groß und wirkten unnatürlich weit aufgerissen. Die Pupillen waren so groß, dass man die Augenfarbe kaum sehen konnte. Das Auffälligste an ihm war die rote, entzündete Nase.

„Muss weg, Ralf.“

„Ey, Christoph, Mann, du wolltest doch noch meinen Rechner fertigmachen.“

„Ich sagte doch: Muss weg.“

„Scheiße, Mann, ich bin auf das verdammte Ding angewiesen.“

„Es geht nicht!”

„So eine Kacke!”

„Lass mich!”

„So eine verdammte Scheiße! Was soll das denn!”

Ralf fasste ihn an der Schulter. Vielleicht, um Christoph festzuhalten. Vielleicht aber auch nur, um sich selbst festzuhalten. Ralf schloss kurze Zeit die Augen und öffnete sie dann wieder – noch weiter als ohnehin schon. Diese Augen erinnerten Christoph manchmal an aufgeblendete Scheinwerfer. Um so schattiger war es dafür dahinter, so dachte er nicht zum ersten Mal.

„Hör mal…”

„Ich stehe völlig auf dem Schlauch!”

„Ich mach dir das noch in Ordnung, Ralf. Ehrenwort.“

„Das hast du gestern auch schon gesagt!“

„Und ich sag dir auch seit einer Ewigkeit schon was anderes, Ralf: Dass es nämlich total beknackt ist, sich nicht um einen vernünftigen Virenschutz zu kümmern.“

„Wann bist du denn zurück?“

„Kann ein bisschen dauern.“

„Ein bisschen dauern? Was soll das bitteschön genau heißen? Ich muss arbeiten!“

„Ich melde mich bei dir.“

Christoph schob die Hand weg, die immer noch auf seiner Schulter lastete. Sie glitt an seiner Jacke herab. Genau über die Waffe.

„Hey, Mann, was hast du denn da drunter?“

„Mach's gut, Ralf.“

„Ist das eine Knarre?“

„Smartphone.“

„Du willst mich verarschen!“

Christoph drängte sich an Ralf vorbei in den Lift. Er sah noch Ralfs verständnislosen Blick mit den weit aufgerissenen Augen, ehe sich die Schiebetür schloss.

Dann ging es abwärts.

Irgendwie ein Scheiß-Tag!, dachte Christoph. Und eine Scheiß-Situation, in der er steckte.

Als sich im Erdgeschoss die Lifttür öffnete, stand da ein großer, breitschultriger Mann. Vom Gesicht war nichts zu sehen. Es lag im Schatten der Kapuze, die er über den Kopf gezogen hatte. Der Kerl machte einen Schritt nach vorn. Ein Fuß blieb dabei in der Tür und verhinderte, dass sie sich wieder schloss. Blitzschnell hatte er ein Messer aus dem Ärmel gezogen. Er trug Handschuhe aus grauem Latex. Der Stoß kam so schnell und wuchtig, dass Christoph Morkowski nicht mehr reagieren konnte. Seine Hand krallte sich zwar noch um den Griff der Waffe in seiner Jacke, aber er konnte sie nicht einmal mehr ganz herausreißen. Während er zurücktaumelte und blutend an der Wand der Liftkabine zu Boden rutschte, entfiel der Revolver seiner Hand und kam mit harten Geräusch auf den Boden.

Christoph Morkowski rutschte in die von der Tür aus gesehen linke hintere Ecke der Liftkabine und blieb dort mit weit aufgerissenen, toten Augen sitzen.

Der Killer wischte die Klinge an Christoph Morkowskis Hosenbein ab und ließ sie dann wieder in dem Futteral verschwinden, das er unter dem Ärmel verborgen trug.

Dann suchte der Killer in der Hosentasche des Opfers herum und fand einen Wohnungsschlüssel und steckte ihn ein. Er klappte die Jacke zur Seite und holte Smartphone und Revolver hervor.

Beides nahm er an sich. Das Smartphone wanderte zuerst in die Gürteltasche. Er nahm ein Taschentuch hervor und wickelte darin die Waffe ein und verstaute sie ebenfalls dort. Anschließend öffnete er Morkowskis Tasche, deren Riemen diesem bei dem Angriff von der Schulter gerutscht war. Er öffnete sie, wühlte die Kleidungsstücke heraus und nahm das Laptop an sich. Dann verließ er die Liftkabine. Die Tür schloss sich. Der Lift setzte sich in Bewegung. Aufwärts ging es. Christoph Morkowskis letzte Reise führte ihn ins oberster Stockwerk.


*


Christoph Morkowski wohnte in einem Mietshaus in Yorkville. Es handelte sich um einen eher schmucklosen, aber gut gepflegten Gründerzeit-Bau. 15 Stockwerke war der hoch und damit für Berliner Verhältnisse ein eher niedriger Bau. Christoph Morkowski wohnte in Etage Nummer 9.

Gleich, als wir zum Lift gelangten, trafen wir auf eine Traube von Menschen. In der Ferne war ein Polizeisirene zu hören.

„Was ist da los?“, fragte ich einen älteren Mann, der in der Nähe stand.

„Wie?”

„Was da passiert ist!”

Ich hielt meinen Ausweis hoch.

„Kubinke, Kriminalpolizei!”

„Da ist ein Toter im Aufzug! Sowas haben Sie noch nicht gesehen! Die ganze Kabine ist voller Blut.“

Rudi griff ebenfalls nach seinem Ausweis. „Machen Sie bitte Platz und lassen Sie uns durch.“

„So schnell?“, wunderte sich eine Frau, die ein Mobiltelefon in der Hand hielt. „Ich habe doch gerade erst angerufen. Keine Minute her… Alle Achtung, das hätte ich der luschigen Berliner Polizei gar nicht zugetraut!”

„Ja, wir sind schneller als die Feuerwehr”, log ich. „Und manchmal sind wir sogar schon vorher da!”

„Was du für einen Quatsch redest, wenn du unter Stress stehst, Harry, das geht auf keine Kuhhaut”, meinte Rudi.

Vor uns bildete sich eine Gasse.

Die Kabinentür stand offen. Jemand hatte sich vor die Lichtschranke gestellt, damit sie auch offen blieb. Das Gesicht des Mannes, der in seinem Blut auf dem Boden lag, war zwar etwas verzerrt, aber den Bildern, die sich von Christoph Morkowski in unserem Datenbestand befanden, immer noch ähnlich genug, um ihn sofort zu erkennen.

Das darf nicht wahr sein!, dachte ich.

Ein Mann von Mitte dreißig, dunkelhaarig und von zierlichem Körperbau hatte sich über ihn gebeugt. Seine Hände waren blutverschmiert. Und er machte einen ziemlich schockierten Eindruck.

„Das ist nicht so, wie es aussieht“, stammelte er.

„Wie könnte es denn aussehen?“, fragte ich.

„Naja…”

„In ganzen Sätzen bitte - und in aller Ruhe!”

„Ich habe den Mann nicht umgebracht, sondern versucht ihm zu helfen.”

„Schon klar”, nickte ich.

„Ich dachte, da wäre noch was zu machen, aber...“

„Ich glaube Ihnen, was Sie sagen!”

„Echt?”

„Bestimmt.”

Er atmete tief durch und schnaufte dabei auf eine Weise. die nicht gesund klang.

Irgendwie war das wohl alles der außergewöhnlichen Situation geschuldet, die für ihn ganz zweifellos durch einen außergewöhnlich hohen Stresspegel gekennzeichnet war.

Aber das galt nicht nur für ihn.

Da war eine Menge Adrenalin in der Luft.

Er schien ziemlich außer sich zu sein und stammelte wirres, unzusammenhängendes Zeug vor sich hin. Plötzlich redeten ein Dutzend verschiedene Stimmen laut durcheinander. Einige meinten, dass sie gesehen hätten, dass der Dunkelhaarige sich tatsächlich nur um den am Boden liegenden Christoph Morkowski gekümmert hätte. Andere meinten, die Tür des Lifts hätte sich geöffnet und der Kerl mit den blutigen Händen hätte sich über den Toten gebeugt.

Von den meisten Statements waren allerdings nur Bruchstücke zu hören.

Welche Version nun auch zutreffen mochte, es stand wohl fest, dass die Kollegen des Erkennungsdienstes einen nicht ganz leichten Job vor sich haben würden. Schon ein oberflächlicher Blick auf die reichlich vorhandenen Blutspuren an den Wänden der Liftkabine und auf dem Boden zeigte, dass Christoph Morkowski nach seinem Tod noch erheblich bewegt worden war.

„Ganz ruhig und alles schön der Reihe nach!“, rief ich. Dass Gerede ebbte allerdings erst ein wenig ab, nachdem ich mehrfach darauf hinwies, dass es so ohnehin unmöglich war, irgendwen zu verstehen.

„Wir können gerne bei anderer Gelegenheit zusammen singen, aber nicht zusammen reden!”, rief ich unter Aufbietung meiner geballten männlichen Stimmgewalt. „Da versteht man nämlich nichts!”, setzte ich noch hinzu, nachdem sich dann tatsächlich die Geräusch-Wogen des allgemeine Geschnatters gelegt hatten.

„Immer der Reihe nach und systematisch”, meinte Rudi.

Guter Vorschlag, dachte ich. Ich hoffte nur, es hörten auch alle drauf. Dann war unser Job nämlich erheblich leichter.

Ich wandte mich an den Mann mit den dunklen Haaren. „Wie heißen Sie?“

„Ich?”

„Genau.”

„Mario Brandes.“

„Stehen Sie vorsichtig auf, versuchen Sie dabei nicht noch mehr Blut zu verbreiten oder irgendetwas anzufassen und kommen Sie dann aus der Kabine heraus!“

„Ich war das nicht!“, beteuerte er noch einmal.

Ich seufzte. „Ich dachte das hätten wir geklärt: Ich glaube Ihnen!”

Aber offensichtlich glaubte er nicht, dass ich ihm glaubte.

So kompliziert kann manchmal die zwischenmenschliche Kommunikation sein, wenn Stresshormone den Verstand vernebeln.

„Ich habe auch gar keine Waffe bei mir!“

„Ja, ja…”

„Wirklich nicht!”

„Herr Brandes, tun Sie jetzt einfach, was ich Ihnen sage und bleiben Sie dann einen Meter vor der Kabine stehen. Unsere Kollegen vom Erkennungsdienst werden Sie genauso abspuren wie den Toten und die Kabine. Und wenn Sie niemanden umgebracht haben, wird sich das dann auch beweisen lassen, da bin ich mir ganz sicher. Und jetzt kommen Sie!“

Rudi hielt nochmal seinen Ausweis hoch und wandte sich unterdessen an die anderen Leute. „Und Sie treten bitte alle vier Schritte zurück. Sofort! Wir werden Sie vernehmen und ich möchte Sie bitten, sich zu Verfügung zu halten, damit wir Ihre Personalien aufnehmen und außerdem klären können, was hier passiert ist!“

Als die Leute zurück wichen fielen mir ein paar blutige Fußabdrücke auf dem Boden auf.

Mal vorausgesetzt, die Story, die Brandes uns erzählt hatte stimmte und er hatte tatsächlich Morkowski nur helfen wollen, dann war er allerdings nicht der einzige gewesen, der die Liftkabine betreten hatte.

Ich wandte mich an den Mann, der in der Lifttür stand und sich wohl nicht so ganz sicher war, ob unsere Anweisungen vielleicht auch für ihn galten. „Wenn Sie noch einen Moment hier stehen bleiben würden“, sagte ich.

„Sicher.“

„Zumindest bis wir den Lift lahmgelegt haben.“

„Harry, das dürfte der Alptraum für jeden Spurensicherer sein“, raunte Rudi mir zu.

„Ja – und für Melanie Morkowski dürfte sich auch ein Albtraum erfüllt haben“, murmelte ich.


*


Da die Polizeikollegen bereits vor unserem Eintreffen gerufen worden war, trafen wenig später die ersten uniformierten Einsatzkräfte ein, sodass wir Unterstützung bekamen.

Unterstützung, die wir auch dringend brauchten.

Inzwischen hatte einer der Hausbewohner dafür gesorgt, dass die Sicherung für Aufzüge herausgenommen worden war, sodass der Lift außer Betrieb war.

„Ich wohne ganz oben“, berichtete inzwischen Brandes – immer noch mit blutigen Händen, aber etwas gefasster. „Der Lift kam und da fand ich den Mann! Das müssen Sie mir glauben! Wieso hätte ich ihn auch umbringen sollen! Ich kenne den Typ doch kaum!“

„Ich glaube Ihnen wirklich“, sagte ich und versuchte dabei so überzeugend wie möglich zu wirken. „Ehrenwort!” Schließlich wollte ich nicht, dass er durchdrehte und ich spürte, dass dazu nicht viel fehlte. Doch abgesehen davon erschien es mir tatsächlich auch nicht besonders wahrscheinlich, dass Brandes der Täter war.

Die Kollegen der Schutzpolizei nahmen die Personalien der herumstehenden Hausbewohner auf und fingen damit an, sie zu befragen. Die meisten Aussagen waren irrelevant, wie sich schnell herausstellte. Die Mehrheit der Schaulustigen war erst nach und nach zusammengekommen. Über die Tat und das Tatgeschehen konnten sie keinerlei Angaben machen.

Wir hatten natürlich die Kollegen der Abteilung Kriminaltechnische Untersuchung gerufen. Zusammen mit den KTU-Kollegen traf auch der Gerichtsmediziner Dr. Heinz ein, den wir von anderen Einsätzen gut kannten. Außerdem erreichten uns noch Verstärkungskräfte des zuständigen Polizeireviers.

Ich wandte mich an einen der KTU-Kollegen. Er hieß Reinhold Euskens. Sein Ganzkörper-Schutzanzug ließ kaum das Gesicht frei und er trug abwaschbare Schuhe mit Kunststoffsohle, wie sie für solche Einsätze am Tatort seit Jahren üblich sind. Reinhold Euskens kümmerte sich um Brandes. „Wir brauchen Ihre Kleidung fürs Labor“, sagte Euskens. „Aber wenn Sie hier im Haus wohnen, dürfte das ja kein größeres Problem darstellen.“

„Gehen Sie am besten mit ihm in seine Wohnung“, meinte ich an Euskens gerichtet. „Nehmen Sie einen Kollegen mit. Rudi und ich schauen nachher auch dort vorbei.“

„In Ordnung.“ Euskens’ Blick schweifte über den ziemlich chaotischen Tatort. „Das sieht nicht gerade so aus, wie man sich einen Tatort wünscht.“

„Vor allem würde ich mir wünschen, dass niemand umgebracht worden wäre“, erwiderte ich.

„Sorry, das natürlich auch“, sagte Euskens. „Ich hoffe nur, dass der oder die Täter aus dem Chaos hier keine allzu großen Vorteil ziehen wird.“

„Wir müssen es nehmen, wie es kommt“, meinte Rudi, während er Dr. Heinz grüßend zunickte, der keine Zeit verlor und sich sofort zum Opfer begab.


*


Wir begaben uns zu Christoph Morkowskis Wohnung. Die Tür stand einen Spalt breit offen. Wir zogen sicherheitshalber unsere Dienstwaffen. Der Schlüssel steckte von innen. Ein braunroter Belag am Griff wirkte auf den ersten Blick wie Rost. In Wahrheit war es wohl getrocknetes Blut.

Wir sahen uns in der Wohnung um, die aus einem Wohnzimmer, Schlafzimmer, Bad und einer kleinen Küche bestand. Alles war durchwühlt. Die Schubladen hatte jemand herausgezogen und den Inhalt auf dem Boden verstreut. Selbst die Sessel der Wohnzimmergarnitur waren aufgeschlitzt worden. Die Schnitte waren sehr gerade, sehr präzise. Und offenbar war das Messer, mit dem der Unbekannte sie ausgeführt hatte, ausgesprochen scharf.

„Hier ist niemand!“, meldete Rudi, als er aus dem Schlafzimmer kam. Ich hatte kurz ins Bad gesehen. Der Wasserkasten der Toilettenspülung war geöffnet worden. Offenbar hatte der Unbekannte, der hier vor uns gewesen war, auch dort noch nach irgendetwas gesucht.

Wonach auch immer.

Ich senkte meine Pistole und steckte sie zurück ins Holster.

„Während da unten noch dieser Volksauflauf stattgefunden hat, muss der Täter hier in aller Seelenruhe alles durchwühlt haben“, meinte ich.

„Vorsicht! Keine voreiligen Schlüsse. Wir wissen nicht, wie lange Christoph Morkowski schon tot in dem Aufzug gelegen hat, bevor er entdeckt wurde.“

„Vorausgesetzt, die Story von diesem Brandes stimmt.”

„Richtig.”

„In dem Fall wird sich das vielleicht ja noch genauer feststellen lassen“, gab ich zurück.

Ich ließ den Blick schweifen.

Schön sah das nicht aus.

Was immer in diesen vier Wänden vielleicht auch für uns von Interesse gewesen war – wir konnten davon ausgehen, dass es jetzt fehlte.

Wir waren zu spät.

Mal wieder.

Zumindest, was diesen Fall anging, schienen Rudi und ich auf das Zuspätkommen ein regelrechtes Abo bekommen zu haben. Wie eines dieser Abos, von denen man nicht mehr weiß, wann man mal falsch geklickt oder dem Drücker doch ja gesagt hatte, obwohl man nein meinte (oder der einen mutwillig so verstanden hatte, wie ihm das in den Kram passte). Eines dieser Abos, die einem dann am Fuß klebten wie Hundescheiße und auch genauso schwierig wieder loszuwerden waren.

„Siehst du hier irgendwo einen Computer?“, fragte Rudi. „Ein Laptop, Netbook, was weiß ich...“

„Nein.“

„Ist doch seltsam!”

„Was?”

„Morkowski war doch Computer-Freak. Es muss so etwas hier gegeben haben.“

„Stimmt.”

„Alles weg, Rudi! Alles weg!”

„Wer immer hier war, hat ganze Arbeit geleistet.”

„Das kannst du laut sagen!”

„Harry, wir sollten den Erkennungsdienstlern das Feld überlassen. Vielleicht finden sich ja irgendwelche Anhaltspunkte, die uns doch noch weiterbringen.“

Ein Geräusch ließ unsere Hände zur Waffe fahren. Die Tür knarrte. Sie öffnete sich ganz langsam und dann kam ein Mann mit kinnlangen, dunklen Haaren und einem dünnen Oberlippenbart zum Vorschein. Die Augen waren weit aufgerissen und die Nase offensichtlich schwer entzündet. Entweder ein schwerer grippaler Infekt der Atemwege oder andauernder Kokainmissbrauch, der die Nasenschleimhäute vollkommen ruiniert hatte. Angesichts der großen Pupillen tippte ich auf das Zweite.

Der Mann mit der roten Nase stand einige Augenblicke vollkommen konsterniert da. Er blieb regungslos, sein Kinnladen klappte nach unten und für einen Moment hatte ich den Eindruck, dass er etwas sagen wollte. Aber da kam nichts.

„Kubinke, BKA“, sagte ich.

„Häh?”

„Wer sind Sie?“

„Ralf Brackmann“, sagte er. „Ich wohne hier im Haus.“

„Und was wollen Sie jetzt hier?“

„Ich habe gehört, dass etwas mit Christoph passiert ist und da dachte ich... also ich wollte mal... naja also...“

Ich senkte die Waffe. „Sie kannten Christoph Morkowski?“

„Ja.“

„Wann haben Sie Ihn zuletzt gesehen?“

„Als er seine Wohnung verließ und zum Lift ging. Ich dachte: Scheiße, haut der einfach ab und ist wieder mal tagelang nicht zu Hause und ich kann sehen, wie ich meinen Rechner wieder flott kriege. Ich bin nämlich selbstständiger Webdesigner, müssen Sie wissen. Ich mache für andere Leute die Websites und sowas und außerdem betreibe ich einen kleinen Online-Handel. Leider habe ich mir irgendeine fiese Schadsoftware eingefangen. Ich verstehe zwar auch einiges davon, aber mit diesem Virus bin ich einfach nicht klar gekommen. Und Christoph ist nunmal...“ Er stockte und korrigierte sich dann: „... war nun mal der größere Crack am Computer von uns beiden. Er hat mir schon manchmal aus der Patsche geholfen und manchmal auch man meiner Hardware herumgeschraubt, wenn da irgend etwas nicht mehr so funktionierte, wie es eigentlich sein sollte.“

„Aber heute hatte Christoph Morkowski offenbar etwas anderes vor“, stellte Rudi fest.

„Scheiße, ja, er hatte mir versprochen, sich endlich um die Sache mit dem Virus zu kümmern und da haut der einfach ab und lässt mich Stich, der Sack.“ Er machte eine Pause. „Naja, über Tote soll man ja nicht schlecht reden.“

„Nein, soll man nicht.”

„Tut mir leid.”

„Er hat’s ja nicht gehört, der Christoph Morkowski.”

„Auch wieder wahr.”

„Wann war das genau, als Sie ihn zuletzt vor dem Lift gesehen haben?“

„Das ist noch nicht lange her. Vielleicht eine Stunde. Oder vielleicht auch zwei...“ Er kratzte sich am Kopf. „Ich habe ein schlechtes Zeitgefühl, wissen Sie.“

„Sie haben nicht zufällig auf die Uhr gesehen?“

„Nein. Ich hab keine Uhr.”

„Ach, nein?”

„Ich kann das nicht am Handgelenk haben.”

„Allergie?”

„Nein, das ist nicht der Grund, sondern was anderes. Für mich fühlt sich an wie eine Sklavenkette, verstehen Sie?“

„Ich dachte immer, eine Uhr sei nur dazu da, dass man weiß, wie spät es ist.”

Ich vermutete, dass er was eingenommen hatte, was seinen Zeitsinn stark beeinträchtigt hatte. Und es stellte sich die Frage, welchen Wert seine Zeugenaussage insgesamt beizumessen war. Ich vermutete, das er außer Kokain auch noch starke Medikamente nahm.

Rudi telefonierte inzwischen mit den Kollegen der Abteilung Kriminaltechnische Untersuchung, damit jemand abgestellt wurde, der sich um Christoph Morkowskis Wohnung kümmerte.

„Die Kollegen meinten, dass Christoph Morkowski eine Waffe bei sich hatte“, stellte Rudi fest, nachdem das Gespräch beendet war. „Jedenfalls hatte er Munition für einen .38er Revolver bei sich. Die Waffe selbst fehlt aber.“

„Hat vermutlich der Täter“, meinte ich.

„Hey, da erinnern Sie mich an etwas“, meinte Ralf Brackmann.

„An was?”, hakte ich nach.

„Ich bin an seine Jacke gekommen, als ich ihn aufzuhalten versuchte und da habe ich genau gespürt, dass da eine Waffe war!”

„So?”

„Mann, ich habe ihn natürlich gefragt, was er denn mit so einem Ding will?“

„Und?“

„Er wollte dazu nichts sagen, ist in den Aufzug und weg war er.”

„Und dann?”

„Was dann passiert ist, werden Sie in Kürze wohl besser wissen als ich, wenn Ihre Kollegen die Spuren richtig gedeutet haben, die sie hoffentlich finden werden.“

Ich gab ihm meine Karte. „Wenn Ihnen irgend etwas einfallen sollte, dann rufen Sie mich an“, verlangte ich. „Egal wann.“

„Gut, aber…”

„Kann auch mitten in der Nacht sein. Über meine Mobilfunknummer bin rund um die Uhr erreichbar. Die Büronummer können Sie eh vergessen. Da bin ich selten.”

„Ja, aber da gibt es nichts, was ich Ihnen noch sagen könnte.“

Wir verließen mit Ralf Brackmann die Wohnung von Christoph Morkowski. Ein Kollege der KTU kam herauf und ich wies ihn auf den Schlüssel in der Tür und das Blut daran hin.

„Ich kümmere mich darum“, versprach der Erkennungsdienstler.

„In Ordnung”, sagte ich.

Wir wollten schon gehen, da wandte ich mich doch noch einmal an Ralf Brackmann. „Von wo kamen Sie eigentlich, als Sie Christoph Morkowski begegneten?“

Er machte seine Augen schmal und fuhr sich mit einer fahrigen Handbewegung über das Gesicht. „Ich verstehe irgendwie nicht so richtig, was Sie damit genau meinen, Herr Kommissar.“

„Kamen Sie aus Ihrer Wohnung oder von unten?“

Seine Stirn legte sich in Falten. Fast so, als müsste zur Beantwortung dieser Frage tatsächlich angestrengt nachdenken.

„Von unten”, sagte er dann.

„Sicher?”

„Ja. Ich war kurz weg gewesen. Nur ganz kurz – und ausgerechnet da macht sich Christoph davon und ich stehe ohne funktionierenden Rechner da.“

„Haben Sie unten am Aufzug jemanden gesehen?“

„Nein... ich weiß nicht... also...“

„Ja was denn nun – haben Sie oder haben Sie nicht?“

„Ein paar eigenartige Typen hängen da immer herum.“

„Sie haben den Lift benutzt?“

„Ja.“

„Und Sie sind wirklich überhaupt niemandem begegnet?“

„Doch, da war so ein Typ mit einem Kapuzen-Sweatshirt oder sowas. Der trug auch eine Gürteltasche. Ich dachte erst, der wollte auch in den Aufzug, aber dann ist er nicht mitgekommen und ich bin allein hochgefahren.“

„Kann es sein, dass er im Erdgeschoss gewartet hat?“

„Keine Ahnung. Vielleicht wollte er auch einfach nur nicht mit mir hinauffahren.“

„Können Sie sich an das Gesicht erinnern?“

„Tut mir leid.“

„Unser Zeichner könnte mal bei Ihnen vorbeisehen, damit ein Phantombild erstellt werden kann. Dieser Mann könnte ein wichtiger Zeuge sein.“

„Das hat wenig Sinn. Das Gesicht lag im Schatten. Die Kapuze war ziemlich tief herabgezogen. Und seine Größe war...“ Er stockte und deutete dann auf mich. „So wie bei Ihnen, Kommissar.“

Mittelgroß bis durchschnittlich, Gesicht im Schatte und nicht erinnerbar - eine präzise, gut verwertbare Zeugenaussage klingt normalerweise etwas anders.

Aber es war wie so häufig.

Wir mussten halt mit dem zufrieden sein, was wir kriegten und dann das Beste daraus machen.

War nicht immer ganz einfach.

Schließlich war niemandem gedient, wenn die Gefängnisse voll von falschbeschuldigten Unschuldigen waren.

„Haben Sie vielen Dank, Herr Brackmann“, mischte sich nun Rudi ein. Aus dem kriegst du sowieso nicht mehr raus, schien der Blick zu sagen, den er mir zuwarf. Und wahrscheinlich hatte er sogar recht damit.

Unsere Quelle war erschöpft, so konnte man es wohl auf den Punkt bringen.


*


Wir kehrten zum Tatort zurück. Die Leiche war inzwischen abtransportiert worden. Dr. Heinz meinte, dass die Verletzung, die zu Christoph Morkowskis Tod geführt hatte, durch ein Messer entstanden war. „Ein Kampf- oder Jagdmesser. Ich werde mal bei der Obduktion genauer untersuchen, ob sich da vielleicht bestimmte Merkmale irgendeiner Kampftechnik ausmachen lassen. Aber da kann ich natürlich nichts versprechen.“

„Wann wissen Sie Näheres?“, fragte ich.

Dr. Heinz war sich nicht zu blöd, auf diese Frage immer noch ruhig, sachlich und höflich zu antworten. Ich jedenfalls hätte verstanden, wenn er genervt reagiert hätte.

„Wie immer: In zwei bis drei Stunden, gerechnet vom Ankunftszeitraum der Leiche im gerichtsmedizinischen Institut der KTU in der Gropiusstadt.“

„Dann geben Sie uns bitte sofort Bescheid. Jeder Hinweis kann uns weiterhelfen.“

Rudi stieß mich an. „Sieh mal, wer da kommt“, murmelte er.

Zu meinem Erstaunen sah ich das Gesicht von Melanie Morkowski.

Die Augen waren schmal und gerötet.

Das Gesicht wirkte zornig. Sie ging geradewegs auf uns zu. Den Hinweis, eines KTU-Kollegen, doch bitte keinen Schritt weiter zu gehen, weil sie über eine der markierten, blutigen Fußspuren lief, die noch nicht hatten zugeordnet werden können, ignorierte sie einfach.

Ihr Blick durchbohrte mich förmlich. „So sieht das also aus, wenn das BKA einem hilft“, zischte sie zwischen den Lippen hindurch, während sich ihr Mund kaum bewegte.

„Also, ich...“

„Sie können das nicht entschuldigen, Herr Kubinke!”

„Ganz ruhig, Frau…”

„Ganz ruhig? Das haben Sie jetzt nicht wirklich gesagt, oder?”

„Hören Sie…”

„Ich dachte, Sie könnten meinem Bruder helfen!”

„Ja, natürlich, aber…”

„Stattdessen muss ich jetzt erfahren, dass er umgebracht wurde.”

„Das tut mir leid.”

„Und ich hatte doch tatsächlich schon den Eindruck, dass man Ihnen vielleicht trauen könnte, aber Christoph hatte wohl Recht! Diese Staatsdiener sind doch alle gleich!“

„Hören Sie zu! Wir hätten Ihrem Bruder gerne geholfen, aber dazu wurden wir offenbar zu spät eingeschaltet.”

„Das heißt, Sie geben jetzt mir die Schuld? Und meinem Bruder? Ist es das, weorauf es hinausläuft? Man wird umgebracht und ist selber fran Schuld?”

„Nein, natürlich nicht!”

„Nicht zu fassen, sowas!”

„Er wurde kurz bevor wir hier eintrafen, ermordet und mich würde jetzt brennend interessieren, wer Sie davon in Kenntnis gesetzt hat!“

Sie hob das Kinn. „Ach, wirklich? Warum sollte ich überhaupt noch irgendein einziges Wort mit Ihnen oder einem anderen Polizisten reden - jetzt, da mein Bruder tot ist!“

„Sie werden mit mir reden, weil ich denke, dass Sie genau wie wir daran interessiert sind, dass der Mörder von Christoph Morkowski nicht ungeschoren davonkommt.“

Ihre Augen wurden so groß, dass sie beinahe aus ihren Höhlen zu fallen schienen.

„Ach – interessiert Sie das denn überhaupt?“

„Allerdings!“

Ich trat auf sie zu und versuchte sie etwas zu beruhigen.

„Es scheint so zu sein, wie Sie schon sagten: Ihr Bruder ist in Dinge hineingeraten, die zu groß für ihn waren. Und jetzt geht es darum, die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen und vor allem zu verhindern, dass es in der Zukunft weitere Opfer gibt.“

„Ach daher weht der Wind. Es geht Ihnen gar nicht um meinen Bruder, sondern nur um die Sache mit dem Zusammenbruch der Energieversorgung. Darum sind Sie so sehr hinter dem Killer eines Hackers her, bei dem Sie doch sonst froh wären, dass er Ihre Homepage nicht mehr verunstaltet oder vielleicht sogar Verschlussdaten auf Onlineplattformen veröffentlicht.“

„Erstens würde eine Cyber-Attacke, die zu einem derart weitreichenden Blackout führt, unter Umständen Hunderte, wenn nicht sogar Tausende von Todesopfern fordern – allein schon durch ausfallende Verkehrsleitsysteme, Ampelanlagen und dem Zusammenbruch der medizinischen Versorgung. Aber ich dachte jetzt auch an die anderen Mitglieder dieses ALGO-CYBERMAFIA CLUBS. Ihr Bruder hätte diesen Plan nicht allein durchführen können, er hat mit anderen darüber kommuniziert und wie jetzt gesehen haben, verstehen die Hintermänner keinen Spaß. Die schalten anscheinend rücksichtslos jeden aus, von dem sie glauben, dass er ihnen gefährlich werden könnte!“

„Da kann ich ja froh sein, dass Christoph mich nicht weiter in Details eingeweiht hat.“

„Ja – und ich hoffe, die wissen das auch! Und jetzt mache ich Ihnen einen Vorschlag, wie wir vorankommen können: Sie hören auf mir vorzuwerfen, dass mein Kollege und ich hier erst eintrafen, nachdem Ihr Bruder ermordet worden war – und ich werde Ihnen nicht vorwerfen, dass Sie sich offenbar erst reichlich spät an uns gewandt haben und Ihr Bruder vielleicht noch leben würde, wenn Sie das eher getan hätten!“

„Wie bitte?“

„So etwas bringt nämlich niemandem etwas – und Ihren Bruder kann es auch nicht wieder lebendig machen.“

„Was Sie nicht sagen...“

„Wir sollten uns jetzt auf den Blick nach vorne konzentrieren. Ich brauche Ihre Hilfe. Alles, was Sie jemals über den ALGO-CYBERMAFIA CLUB, seine Mitglieder und so weiter gehört haben, will ich wissen. Und auch alles über Ihren Bruder. Sie können ihm jetzt nicht mehr schaden. Nach Moabit wird ihn kein Richter mehr bringen, gleichgültig, was vielleicht noch ans Tageslicht kommt. Darauf brauchen Sie also keine Rücksicht mehr zu nehmen.“

Eine dunkle Röte überzog ihr Gesicht. Sie schluckte. Und vielleicht schluckte sie auch einen Teil des Zorns hinunter, den sie empfand. Einen Zorn, den sie zwar mir gegenüber abgeladen hatte, der sich aber wohl eigentlich gegen sie selbst richtete. Es lag auf der Hand, dass sie sich Vorwürfe machte, uns so spät eingeschaltet zu haben. Jeder hätte sich die in ihrer Situation gemacht, nehme ich an.

„Sie machen es niemandem leicht”, sagte sie.

„Mag sein.”

„Naja…”

„Mir selbst aber auch nicht.”

„Das stimmt.”

„Also gut“, sagte sie. „Ich werde Ihnen alles sagen, was ich weiß.“

„Das klingt gut.”

„Versprechen Sie sich nicht zuviel.”

„Das sollten Sie meine Sorge sein lassen.”

„Okay…”

„Und noch etwas: Haben Sie jemanden, bei dem Sie in der nächsten Zeit übernachten können?“, fragte ich. „Ich würde an Ihrer Stelle nicht damit rechnen, dass dieser Killer nichts von Ihnen weiß!“

„Am besten wäre Sicherheitsgewahrsam, Überwachung rund um die Uhr, Telefonüberwachung und Überwachung der Internetverbindung“, schlug Rudi vor. „Falls dann diese Leute auch nur Kontakt mit Ihnen aufnehmen oder Sie zu überwachen versuchen, werden unsere Spezialisten das mitbekommen und können die Spuren zurückverfolgen.“

„Das kommt überhaupt nicht in Frage“, entschied Melanie Morkowski.

„Warum nicht?”, fragte ich.

„Sie stellen die falschen Fragen.”

„Ich habe mal gelernt, dass es keine falschen Fragen gibt - sondern nur dumme Antworten.”

„Ach, was!”

„Dieser Meinung bin ich bis heute.”

„Ich habe nichts verbrochen und habe keine Lust, mich wie eine Gefangene fühlen zu müssen.“

„Sie müssen selbst bestimmen, wie weit Ihre Kooperationsbereitschaft gehen soll“, bestätigte ich.

Sie verschränkte die Arme vor der Brust.

„Eine großartige Wahlmöglichkeit habe ich ja wohl nicht, oder?”

Ich hob die Augenbrauen.

„Schön, dass Sie das nun auch langsam erkannt haben”, sagte ich.

*


Wir begleiteten Melanie Morkowski zu ihrer eigenen Wohnung. Das Haus hatte einen gehobenen Sicherheitsstandard. Es wurde zwar nur der Bereich um den Haupteingang videoüberwacht, aber dafür gab es Security Guards. Melanie Morkowski bewohnte eine relativ geräumige Wohnung. Ich schätzte die Ausmaße auf gut hundertzwanzig Quadratmeter, vielleicht auch etwas mehr. Die Einrichtung war sparsam aber sicher nicht billig. Sie schien eine Vorliebe für antike Holzmöbel zu haben. Sie telefonierte von ihrer Festnetzleitung aus mit jemandem und eröffnete uns später, dass es sich um eine Freundin handelte.

„Dana Geßner. Ich schreibe Ihnen die Adresse und die Nummer auf. Vielleicht haben Sie recht und ich sollte etwas vorsichtiger sein. Dort kann ich erstmal unterkommen.“

„Gut“, sagte ich. „Haben Sie einen Rechner in der Wohnung?“

„Nein, nur im Büro.“

„Sie trennen Beruf und Privatleben so strickt?“

„Allerdings. Naja, nicht ganz. Mails checke ich mit dem Smartphone.“

„Benutzen Sie fürs Erste ein anderes Mobiltelefon mit Prepaid-Karte. Wir wissen nicht, ob Sie geortet werden.“

„Daran habe ich auch schon gedacht, Herr Kubinke.“

„Hat Ihr Bruder jemals etwas bei Ihnen zurückgelassen oder deponiert? Datenspeicher, mobile Festplatten oder irgendetwas anderes, worauf der Täter und seine Hintermänner vielleicht scharf sein könnten?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, nie.“

„Gut, dann schlage ich vor, wir setzen unsere Unterhaltung von vorhin fort und Sie packen restlos aus, was Ihren Bruder betrifft.“

Wir erfuhren einige Namen von Personen, mit denen Christoph Morkowski in letzter Zeit Kontakt gehabt hatte. Namen, die er im Gespräch erwähnte, die aber zumeist nicht vollständig und vielleicht noch nicht einmal echt waren. Von einigen glaubte Melanie Morkowski zu wissen, dass sie ebenfalls Mitglied im ALGO-CYBERMAFIA CLUB waren. „Aber beschwören könnte ich das auch nicht, denn wie ich schon sagte, habe ich damit nichts zu tun gehabt, auch wenn Ihr Kollege mich noch immer so ansieht, als wäre das nur eine Schutzbehauptung.“ Damit wandte sie den Blick kurz in Rudis Richtung. Dessen Gesicht blieb betont regungslos.

„Bei der Leiche befand sich kein Handy“, sagte ich. „Ich nehme an, er besaß so etwas.“

„Natürlich.“

„Ich brauche die Nummer.“

„Smartphone und Laptop. Ohne diese beiden Geräte ist er nirgends hingegangen.“

„Das Laptop fehlt ebenfalls. Wissen Sie etwas über Typ, Größe, Ausstattung oder irgendwelche anderen Merkmale, die es uns erleichtern könnten, das Gerät vielleicht doch noch irgendwann zu identifizieren?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Auf der linken Seite des Laptops waren zwei Kratzer. Der eine davon sah fast aus wie das Zeichen an den Nike-Turnschuhen, aber das war wohl kaum Absicht. Sonst ist mit nichts in Erinnerung.“

„Er trug außerdem eine Packung Patronen bei sich, als er starb. Sechs von zwölf Patronen waren noch drin. Wir gehen davon aus, dass die anderen sechs in der Trommel eines .38er Special steckten.“

„Die Waffe haben Sie nicht gefunden?“

„Nein. Aber anscheinend wussten Sie darüber Bescheid, dass Ihr Bruder sie besaß.“

Melanie Morkowski nickte. „Ja, ich habe vor einiger Zeit bemerkt, dass er sie bei sich trug. Sie steckte hinter seinem Gürtel und seine Jacke war zur Seite gerutscht. Ich habe ihn natürlich gefragt, wieso er jetzt eine Waffe hätte.“

„Wann war das?“

„Kann ich nicht mehr genau sagen, aber das muss so die Zeit gewesen sein, als Christoph sowieso schon genug Ärger mit der Justiz hatte. Ich habe ihm gesagt, dass er das Ding nicht tragen soll, weil das strafbar ist.“

„Und was hat er gesagt?“

„Man müsste sich verteidigen können. Er wollte nicht weiter darüber reden, aber er hatte wohl schon damals Angst, dass ihn jemand überfallen könnte.“ Melanie Morkowski schluckte noch einmal und brauchte einige Augenblicke, um sich wieder zu fassen. „Ich hätte vielleicht damals etwas intensiver nachbohren sollen, aber da dachte ich noch, dass sein Hauptproblem wäre, dass man ihn verdächtigte, irgendwelche Späße mit den Seiten des BKA und anderer Behörden angestellt zu haben. Aber da habe ich mich wohl gewaltig getäuscht, wie es scheint.“

Ich nickte leicht. „Ja, das könnte man so sagen.“

„Seien Sie ehrlich, wie groß ist die Chance, den Killer zu fassen, der Christoph auf dem Gewissen hat? Wenn mein Bruder da wirklich in eine großangelegte Verschwörung von Geheimdiensten und Terrororganisationen geraten ist, dann war das doch ein Profi und der dürfte längst über alle Berge sein. Stimmt das etwa nicht?“

Ich erwiderte ihren Blick. „Die Frage, wie wahrscheinlich es ist, einen Täter auch gerichtsfest überführen zu können, darf keine Rolle dabei spielen, wie intensiv man nach einem Mörder fahndet. Wir tun einfach immer alles, was in unserer Macht steht und was die Spurenlage hergibt. Manchmal kann es längere Zeit dauern, als wir alle uns das wünschen, aber das bedeutet nicht, dass wir deswegen gleich aufgeben.“

„Wie auch immer. Ich nehme fürs Erste einfach mal an, dass Sie Ihren großen Worten auch Taten folgen lassen, Herr Kubinke.“

Rudi mischte sich jetzt in das Gespräch ein. „Wissen Sie eigentlich, wohin Ihr Bruder wollte, als er seine Wohnung verließ?“, fragte er.

Sie schüttelte den Kopf. „Da bin ich wirklich überfragt.“

„Er hatte Kleidung dabei und wollte offenbar für länger weg“, ergänzte ich.

„Wie gesagt, ich habe keine Ahnung.“

„Irgendein besonders enger Freund, den er mal erwähnt hat?“, hakte ich nach. „Oder vielleicht eine Freundin?“

Melanie Morkowski runzelte die Stirn. Sie fuhr sich mit der Hand über die Augen, rieb sich die Nasenwurzel und schüttelte dann abermals den Kopf. „Es gab da eine Art Beziehung. Aber ich kann Ihnen weder den Namen sagen, noch weiß ich, wie die junge Frau heißt. Und ich weiß noch nicht einmal, wie weit es mit den beiden tatsächlich ging. Ich habe die beiden nur einmal zusammen gesehen und da Christoph mir nichts weiter darüber sagen wollte, habe ich das akzeptiert.“

„Aber Sie würden die Frau auf einem Foto wiedererkennen?“

„Vorausgesetzt, sie ist genauso auffällig geschminkt wie bei unserer ersten, zugegebenermaßen ziemlich flüchtigen Begegnung – ja.“

„Auffällig geschminkt?“, hakte ich nach. „In wie fern?“

„Na, sehr dunkel eben. Schwarzer Kajal-Stift oder so etwas in der Art. Sah sehr düster aus. Aber so eine Schminke kann das Gesicht stark verändern. Ich glaube nicht, dass ich die Frau ohne wiedererkennen würde.“

„Habe Sie den Namen Ralf Brackmann schonmal gehört?“

„Nein, wer soll das sein?“, fragte sie.

„Er wohnt im selben Haus wie Ihr Bruder und behauptet, ihn gut zu kennen. Ein selbstständiger Webdesigner, für den Christoph wohl manchmal etwas am Rechner in Ordnung gebracht hat.“

Sie machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Ach dieser Kokain-Junkie, dessen Nase so rot ist, als wäre es eine deformierte Tomate?“

„Ein ziemlich drastische Beschreibung – aber sie trifft zu.“

Melanie Morkowski machte eine wegwerfende Handbewegung. „Das ist nur ein Schnorrer. Christoph hat ihm einmal geholfen und das hätte er besser nie getan. Solche Typen wird man nämlich nicht wieder los.“

„Verstehe.“

„Der Kerl, den Sie da erwähnten, weiß nichts über Christoph und ich kann mir nicht denken, dass er so leichtsinnig gewesen ist, mit so einem Looser über den ALGO-CYBERMAFIA CLUB und alles, was damit zusammenhängt, überhaupt nur zu reden.“

„Wenn Sie das sagen...“

„Aber wo Sie so nach Namen bohren...“

Ich merkte auf und hob die Augenbrauen. War Melanie Morkowski vielleicht doch noch etwas eingefallen? Manchmal sind es diese Kleinigkeiten, die entscheidend sind, um einen Fall zu lösen. In diesem Moment wäre ich schon froh gewesen, wenn wir überhaupt nur einen einzigen Schritt weitergekommen wären.

„Um wen geht es?“, hakte ich nach, als sie nicht sofort weitersprach und offenbar noch darüber nachdachte, ob sie mich an ihrem plötzlichen Geistesblitz überhaupt teilhaben lassen wollte.

„Da war ein Kerl namens Norbert Gerolds, mit dem Christoph früher viel zusammen war. Die beiden haben zum Beispiel – jetzt kann ich es ja zugeben! - eine Nummer mit gefälschten Kreditkartencodes abgezogen. Christoph kann froh sein, dass man ihn damit nie gerichtlich belangen konnte.“

„Haben Sie eine Adresse von diesem Norbert Gerolds?“

„Nein – und abgesehen davon hat Christoph mir vor kurzem gesagt, Norbert sei verschwunden. Er vermutete, dass er diese Nummer mit den Kreditkarten nochmal durchgezogen hat und Christoph befürchtete deswegen, dass seine Sünden dann irgendwann auch noch ans Licht kämen.”

„Verstehe.”

„Zumindest, wenn Norbert gefasst würde und Christoph meinte, das würde zwangsläufig irgendwann der Fall sein. Ein und dieselbe Masche nochmal zu versuchen, sei einfach zu dämlich, da könnte man sich auch gleich selbst anzeigen und schonmal für die Unterstützung eines guten Anwalts sorgen.“


*


Später suchten wir Dr. Heinz im gerichtsmedizinischen Institut der KTU auf. Dr. Heinz empfing uns in seinem Büro. „Ich bin gerade mit der Leiche fertig geworden“, erklärte er. „War alles doch etwas komplizierter, als ich gedacht hatte. Aber jetzt sind meine Fragen ziemlich gut beantwortet.“

„Dann schießen Sie mal los!“, sagte Rudi.

„Das Opfer wurde mit einem Messer umgebracht. Und zwar auf eine Weise, die schnell, lautlos und relativ blutfrei ist.“

„Da war aber jede Menge Blut“, widersprach ich.

„Ja, aber erst hinterher.“

„Was bedeutet hinterher?“

„Eine Viertelstunde bis zwanzig Minuten später.“

„So lange hat er also mindestens im Aufzug gelegen, ohne dass er gefunden wurde“, stellte ich fest. Verwunderlich war das nicht unbedingt.

„Ich hatte vor einem halben Jahr einen Mord in der Gropiusstadt, bei dem ein Crackhandler umgebracht worden ist. Die Art und Weise, in der der Täter sein Messer benutzt hat, der Winkel, in dem die Klinge eingedrungen ist und die Verletzungen, die letztlich dadurch verursacht wurden, scheinen mir sehr ähnlich zu ein.“

Ich hob die Augenbrauen.

„Worauf wollen Sie hinaus?“

„Der Täter bei der Messerstecherei von vor sechs Monaten wurde gefasst und verurteilt. Er sitzt in Moabit, heißt Gavin Trömpe und war insgesamt fünf Jahre bei der französischen Fremdenlegion. Ich nehme an, dass er dort für den Nahkampf mit dem Messer ausgebildet wurde.“

„Dann suchen wir also jemanden, der eine militärische Spezialausbildung hatte“, sagte ich.

„Wenn er tatsächlich bei der Legion war, dürfte das den Kreis der Tatverdächtigen erheblich eingrenzen“, meinte Rudi. „So viele ehemalige Fremdenlegionäre gibt es schließlich nun auch wieder nicht.“

„Vorsicht! Keine voreiligen Schlüsse ziehen“, warnte uns Dr. Heinz. „Ich bin kein Experte für militärische Nahkampftechniken mit dem Messer, sondern mir sind nur die Gemeinsamkeiten zwischen den Verletzungen von zwei toten Männern aufgefallen, die ich beide innerhalb relativ kurzer Zeit auf dem Seziertisch hatte. In wie fern sich das Training mit dem Kampfmesser in der Legion von dem in anderen Armeen unterscheidet, weiß ich nicht. Und es wäre vermutlich auch sehr schwer, solche Unterschiede an der Leiche so zu spezifizieren, dass man eindeutig sagen könnte, von welcher Armee er ausgebildet wurde. Aber wie gesagt, da sollte man einen Fachmann zu rate ziehen. Ich habe einen Kollegen aus Minneapolis angemailt, der sich mit solchen Fragen etwas besser auskennt und ihm die Befunde zugeschickt. Mal sehen, ob sich daraus noch etwas ergibt.“

„Kann man denn etwas zur Tatwaffe sagen?“, fragte ich.

Dr. Heinz nickte. „Ein übliches Kampfmesser könnte durchaus die Waffe gewesen sein. Allerdings ein konventionelles Messer, also nicht mit Gasdruck. Dann wären die Verletzungen ganz anders.“

Es gab von Jägern oder Mitgliedern militärischer Spezialeinheiten benutzte Messer, aus denen mit hohem Druck Gas austrat, sobald die Klinge in den Körper des Opfers eintrat. Da sich dieses Gas explosionsartig ausdehnte, wurden schwerste, in der Regel sofort tödliche Verletzungen hervorgerufen. Bei Jägern in Kanada und den USA erfreuten sich diese Waffen einer gewissen Beliebtheit, weil es damit möglich war, sich notfalls auch gegen einen Grizzly zu verteidigen – was ansonsten nur im Film und in den Büchern von Karl May möglich war.

„Dann werden wir mal sehen, ob wir in den Daten von BKA-DATA-REQUEST irgendeinen Profikiller oder Terroristen finden, der eine solche Nahkampfausbildung hatte und mit dem Messer tötet“, meinte Rudi.

„Noch was dürfte Sie interessieren“, eröffnete Dr. Heinz. „Der Tote hatte Schmauch an Händen und Kleidung.“

„Wir nehmen an, dass er einen Revolver besaß“, gab ich zu bedenken.

„Und mit dem muss er vor nicht allzu langer Zeit auch noch geschossen haben“, erklärt Dr. Heinz.


*


Als wir zum Präsidium zurückkehrten und uns im Besprechungszimmer von Kriminaldirektor Hoch einfanden, trafen wir dort außer Stefan Carnavaro und unseren Innendienstler Walter Stein außerdem noch einen hageren Mann mit einem schwarzen Haarkranz an. Oberhalb der Ohren war sein Kopf kahl. Er trug einen korrekten Dreiteiler mit Fliege, was ihn etwas hervorhob.

„Das ist Kommissar Florian Heller“, sagte Kriminaldirektor Hoch. „Er unterrichtet normalerweise in Hamburg Methoden zur Abwehr von Cyber-Angriffen.“

Florian Heller nickte uns freundlich zu. „Guten Tag“, sagte er, beinahe ohne dabei die Lippen zu bewegen. „Ich bin zusammen mit ein paar Kollegen dazu abgeordnet worden, hier Ihre Arbeit zu unterstützen. Schließlich geht es ja möglicherweise um einen Anschlag auf die Stromversorgung Mitteleuropas, mindestens aber des Großraums Berlin. Und allein das wäre schon verheerend genug, wenn es gelänge, hier einen kompletten Blackout zu verursachen.“

„Nun, das Einzige, was wir wissen ist, dass Christoph Morkowski diesen Auftrag wohl nicht mehr ausführen kann, weil ihm jemand einen Killer auf den Hals geschickt hat“, sagte ich.

„Seien Sie sicher, dass irgendjemand anderes diesen Job annehmen wird“, sagte Florian Heller.

„Wenn wir wüssten, wer hinter der ganzen Sache stecken könnte, wäre die Suche vielleicht einfacher“, meinte Rudi.

„Genau deswegen lassen meine Leute gerade die Rechnersysteme der wichtigsten Energieversorger daraufhin unter die Lupe nehmen, ob in letzter Zeit Cyber-Angriffe auf deren Systeme stattgefunden haben und vielleicht Schadsysteme eingeschleust wurden.“

„Das hört sich nach einer Sisyphos-Arbeit an“, meinte Rudi.

Florian Heller nickte. „Es gibt unzählige Möglichkeiten, einen Blackout herbeizuführen. Die Angriffspunkte sind zu zahlreich, um sie alle sichern oder auch nur halbwegs zuverlässig überprüfen zu können. Dafür reichen unsere Ressourcen bei weitem nicht aus, denn das Problem ist immer wieder dasselbe: Wenn hunderte oder sogar tausende von Rechnern miteinander verbunden sind, dann gibt es in solchen Netzwerke immer irgendwo einen leichten Eingang. Eine Sicherheitslücke, die nicht geschlossen wurde, ein Rechner, der noch auf Werkseinstellung steht oder ein Mitarbeiter, der einen infizierten Datenträger mit dem Rechner verbindet. All das sind mögliche Einfallstore für Schadprogramme.“

„Jedenfalls sind wir froh, dass wir die Unterstützung durch Sie und Ihr Team bekommen haben, Herr Heller“, wandte sich Kriminaldirektor Hoch an den Spezialisten aus Hamburg. „Falls Sie oder Ihre Leute irgendetwas herausfinden, was in eine bestimmte Richtung deutet, dann will ich darüber umgehend informiert werden.“

„Natürlich“, versprach Heller.

„Wenn ich umgehend sage, dann meine ich auch wirklich umgehend“, stellte Kriminaldirektor Hoch klar. „Denn das hätte unter Umständen sofort Konsequenzen für unsere Ermittlungen und wir könnten unsere Ressourcen konzentrieren.“

Später gingen wir noch zusammen mit Walter in dessen Büro. Dass unser Innendienstler aus der Fahndungsabteilung Florian Heller nicht besonders mochte, war mir schon aufgefallen, als wir noch bei Kriminaldirektor Hoch im Besprechungszimmer gesessen hatten. Aber Walter war professionell genug, um dass nicht allzu sehr nach außen dringen zu lassen. Dass Rudi und mir das so deutlich auffiel, lag wohl daran, dass wir ihn schon lange kannten.

Walter konnte es wohl nicht leiden, dass jemand daherkam und anscheinend alles besser wusste. Zumindest trat Heller mit dieser Einstellung auf. Ob das den Tatsachen entsprach, musste sich natürlich erst noch herausstellen.

„Ihr sucht also einen Killer, der mit dem Kampfmesser tötet – wie ein Elitesoldat“, murmelte Walter, der sich aus Kriminaldirektor Hochs Büro noch einen gerade gefüllten Becher mit Helens Kaffee mitgenommen hatte.

„Könnte in der französischen Fremdenlegion gewesen sein“, ergänzte Rudi. Ich hatte schon überlegt, dieses zusätzliche, Detail, dass sich auf unserem Abstecher zum gerichtsmedizinischen Institut ergeben hatte, zunächst mal unerwähnt zu lassen, um die Suche nicht gleich über Gebühr einzuschränken.

Schließlich konnte ja niemand mit Sicherheit sagen, ob es wirklich die Fremdenlegion gewesen war, in der dieser Killer gedient hatte.

Walter stellte sein ganzes Können im Umgang mit unseren Computerdaten unter Beweis.

„Hier ist ein Killer, der angeblich mal bei der Fremdenlegion war und in den letzten acht Jahren insgesamt 23 Personen umgebracht hat.“

„Gibt es da keinen Namen?“, fragte ich.

Walter schüttelte den Kopf. Ich sah auf den Schirm und stellte fest, dass die entsprechende Spalte im Dossier frei war. Selbstverständlich besaßen wir auch kein Foto, sondern nur ein Phantombild, das nicht besonders detailreich war. Es waren nur zwei Merkmale, die bekannt zu sein schienen. Er hatte offenbar rassistische Vorurteile gegenüber Arabern und Asiaten und schien eine Vorliebe für Kleidungsstücke mit Kapuze zu haben. Zumindest war er so von Personen beschrieben worden, die ihm begegnet waren und später darüber ausgesagt hatten, weil sie sich im Rahmen eines juristischen Deals zu einer Übereinkunft hatten bewegen lassen.

„Wie zuverlässig diese Informationsquellen sind, möchte ich doch sehr bezweifeln“, stellte Rudi fest. „Und das Phantombild ist ein Allerweltsgesicht! Ich könnte mir denken, dass diejenigen, auf deren Aussagen das Bild letztlich basiert, überhaupt kein Interesse daran hatten, dass man den Typ wiedererkennt.“

„Du meinst, weil sie sonst fürchten müssten, dass dieser Fremdenlegionär den Betreffenden über die Klinge springen lässt?“, meinte ich.

Rudi nickte entschieden. „Allerdings! Wenn dieser Kerl tatsächlich unser Mann ist, können wir seine Auftraggeber im Bereich islamistischer Terror oder wahlweise russischer, nordkoreanischer oder chinesischer Geheimdienst wohl endgültig ausschließen.“

„Ganz im Gegenteil, Rudi“, mischte sich Walter ein. „Die Tatsache, dass er offenbar schon wiederholt durch seine Vorurteile aufgefallen ist, wäre eine gute Tarnung für Auftraggeber aus diesen Gegenden.“

„Zunächst mal haben wir nur ein Indiz dafür, dass dies unser Mann ist: Er tötet mit dem Messer“, stellte ich fest. „Alles andere ist nur Spekulation.“

Rudi sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Was ist los, Harry? Du bist doch sonst auch etwas wagemutiger mit deinen Schlüssen und folgst einfach mal deinem Instinkt?“

„Wir stehen ja auch erst am Anfang, was die Fahndung nach diesem Fremdenlegionär angeht“, gab Walter zu bedenken. „Vielleicht ergeben sich noch ein paar neue Hinweise, die unsere Suche etwas zielführender werden lassen!“


*


Kollegen von uns waren damit beschäftigt, sämtliche Personen aufzusuchen, von denen bekannt war, dass sie etwas mit dem ALGO-CYBERMAFIA CLUB oder Christoph Morkowski zu tun hatten. Personen, von denen man vermuten konnte, dass sie von dem Angebot wussten, dass offenbar an an Christoph Morkowski und einige andere ergangen war.

Jede dieser Personen war nun vielleicht in Gefahr – auf jeden Fall aber ein wichtiger Zeuge für uns.

Unsere Kollegen Rita Breitenkämper und Fred Paluschke gingen sogar nach Moabit in die JVA, um mit denjenigen Mitgliedern des ALGO-CYBERMAFIA CLUBS zu reden, die derzeit einsaßen. Die waren zwar nicht durch den Killer gefährdet, konnten uns allerdings vielleicht wichtige Hinweise geben. Zumindest, soweit sie kooperationsbereit waren, was nicht unbedingt vorausgesetzt werden konnte.

Eine weitere Stoßrichtung unserer Ermittlungen sollte sich auf das Abschöpfen unserer Informanten fokussieren, die uns mit Neuigkeiten aus dem organisierten Verbrechen versorgten.

Vielleicht hatte dort ja schonmal jemand etwas von einem Hitman gehört, auf den dieselben Merkmale zutrafen, wie auf den Mörder von Christoph Morkowski.

Kommissar Florian Heller und sein Team fuhren derweil fort, Rechner, die als Ziel einer Cyber-Attacke in Frage kamen bei Energieversorgern oder in den Behörden unter die Lupe zu nehmen. Die Rechnersysteme des BKA gehörten natürlich auch dazu. Ähnliche Aktionen liefen auch landesweit in anderen Großstädten an. Die Erfolgsaussichten waren natürlich von vornherein fragwürdig. Auf mehr als einen Glückstreffer konnte man da wohl nicht hoffen.

Was die Fahndungsmaßnahmen betraf, war die Zeit unser schlimmster Feind. Es würde vermutlich einige Zeit dauern, bis die Informationen flossen, die wir brauchten.

Ungefähr zur gleichen Zeit, als Rudi und ich in Walter Steins Dienstzimmer zum ersten Mal von einem Killer hörten, der bei der Fremdenlegion gewesen war, befanden sich unsere Kollegen Stefan Carnavaro und Ollie Medina in Potsdam. Dort lebte Wilfried Pellheim, 32 Jahre alt und eines der bekannten Mitglieder des ALGO-CYBERMAFIA CLUBS. Pellheim hatte ein paar Jahre im Gefängnis gesessen. Zumeist war es um Betrug mit manipulierten Kreditkarten und durch Identitätsdiebstahl gegangen.

Aber seitdem Pellheim wieder draußen war, lag nichts Neues gegen ihn vor. Ihm gehörte ein Bungalow in einem der Außenbezirke von Potsdam.

Ollie klingelte an der Haustür.

Es gab keine Reaktion. Allerdings stand ein blauer Ford in der Einfahrt. Es war daher anzunehmen, dass jemand zu Hause war.

„Vielleicht will Pellheim einfach nicht mit uns reden“, meinte Ollie. „Diese Leute vom ALGO-CYBERMAFIA CLUB dürften ja exzellent miteinander vernetzt sein und sich entsprechend schnell warnen.“

„Oder Pellheim kann die Tür nicht mehr öffnen“, gab Stefan zurück. „Ich sehe mir das Haus mal von hinten an.“

Stefan ging seitlich am Haus vorbei. Recht war der blaue Ford. Stefan fiel auf, dass der Schlüssel steckte. Auf dem Rücksitz befand sich eine Reisetasche, die aber offenbar durchwühlt worden war. Dann erreichte Stefan die Rückfront.

Es gab eine schlecht gepflegte Terrasse. Die Gartenmöbel hatten schon Moos angesetzt. Pellheim schien nicht viel Zeit zu haben, um an der frischen Luft zu sitzen. Die Terrassentür stand einen Spalt breit offen. Es war deutlich zu sehen, dass sie gewaltsam geöffnet worden war. Und das noch nicht einmal besonders geschickt. Ein Profi-Einbrecher war das nicht gewesen.

Stefan griff zur Waffe, trat ein. Im Wohnzimmer herrschte Chaos. Alles war durchsucht worden. Die Sessel hatte jemand aufgeschlitzt. Die Tür zum Nebenraum stand halb offen. Stefan bemerkte einen Schatten, dann eine Bewegung. Aus dem Halbdunkel des Nebenraums zuckte das blutrote Mündungsfeuer einer Schusswaffe hervor. Der Knall war ohrenbetäubend. Stefan feuerte im selben Moment, aber sein Schuss wurde verrissen. Der Schuss aus dem Dunkel hatte unseren Kollegen an der Schulter erwischt. Er taumelte zurück.

Aus dem Schatten schnellte jetzt ein Mann in Kapuzenshirt und Jeans hervor. In der Hand hielt er einen kurzläufigen Revolver vom Kaliber .38 Special.

Stefan feuerte noch einmal. Der unbekannte Kapuzenshirtträger ebenfalls. Aber diesmal war es Stefan der traf.

Der Mann sank getroffen zu Boden.

Aber noch immer umklammerte er den Revolver.

„Waffe weg! Polizei!“, rief jetzt Ollie. Unser Kollege Herkunft hatte natürlich die Schüsse gehört, das Haus umrundet und war dann von hinten in das Wohnzimmer gestürmt, um Stefan zu helfen.

Der Kerl mit dem .38er war schwer getroffen. Trotzdem wollte er die Waffe einfach nicht loslassen. Seine Augen waren stark geweitet. Schweißperlen glänzten auf dem Teil seiner Stirn, den man unter der Kapuze sehen konnte.

Er riss den Arm mit der Waffe in der Hand herum, feuerte ziemlich ungezielt auf Ollie und ließ diesem keine andere Wahl, als zurückzufeuern. Eine Kugel fuhr dicht an Ollie vorbei, streifte sogar noch das Schulterpolster seines Jacketts. Der Mann mit dem .38er bekam jedoch einen weiteren, schweren Treffer.

Er sank zu Boden, wollte noch einmal die Waffe hochreißen, aber seine Hand und der Arm gehorchten ihm nicht mehr. Die Waffe entfiel ihm.


*


Wir erfuhren von der Schießerei in Pellheims Haus, während wir auf dem Weg in die Gropiusstadt waren. Auf dem Gelände eines stillgelegten Malerbetriebs hatte man eine Leiche gefunden. Es handelte sich um eine junge Frau, die offenbar von dem mysteriösen 'Fremdenlegionär' umgebracht worden war. Zumindest war Dr. Heinz nach oberflächlicher Erstuntersuchung dieser Ansicht und hatte uns deswegen sofort verständigt.

Und so hatten wir uns sofort auf den Weg gemacht. Der Berliner Feierabendverkehr verhinderte allerdings, dass wir wirklich schnell vorwärts kamen.

„Stefan ist verletzt und wird in einer Klinik in Potsdam behandelt“, erläuterte uns Kriminaldirektor Hoch während der Fahrt. Wir hörten seine Stimme über die Freisprechanlage. Wie es unserem Kollegen ging, interessierte uns natürlich besonders. Aber bis wir da Näheres erfahren konnten, mussten wir uns wohl noch etwas gedulden.

„Und was ist mit dem Täter?“, fragte Rudi. „Ist er ansprechbar?“

„Nein“, sagte Kriminaldirektor Hoch. „Er ist schwerer getroffen worden. Die Tatwaffe war ein Revolver vom Kaliber .38 Special.“

„Also die Waffe, die wir bei Christoph Morkowski vermisst haben“, schloss Rudi.

„Vermutlich. Pellheim starb allerdings durch ein Messer – auf dieselbe Art wie Christoph Morkowski. Sobald hier neue Informationen eintreffen, werde ich Sie darüber in Kenntnis setzen.“

„In Ordnung.“

Unser Chef beendete das Gespräch.

„Glaubst du, wir haben unseren 'Fremdenlegionär' schon gefunden, Rudi?“, fragte ich meinen Kollegen.

Unterdessen schickte uns das Präsidium ein Foto auf den Bordrechner, das am Tatort in Potsdam gemacht worden war.

Wir bekamen es auch auf unsere Handys geschickt, sodass wir damit in Zukunft bei den Zeugen im Fall Christoph Morkowski hausieren gehen konnten. Die Beschreibung stimmte auf jeden Fall mit dem überein, was wir bisher über den Killer wussten.

Rudi zuckte mit den Schultern. „Die Tatsache, dass er offenbar sofort auf Stefan geschossen hat, spricht dafür. Aber ich bin ja grundsätzlich skeptisch eingestellt.“

„Eine Berufskrankheit, Rudi.“

„Offensichtlich!“


*


Wir erreichten das Gelände des stillgelegten Malerbetriebs. Es gab mehrere Gebäude und auf dem Hof stand ein Lieferwagen, dem die Reifen fehlten. Die Firma war in Konkurs gegangen und bisher hatte sich niemand gefunden, der das Grundstück kaufen wollte. Seitdem war es zu einem Treffpunkt für Cracksüchtige geworden und diente manchen außerdem als wilde Müllkippe.

Kollegen der Schutzpolizei hatten das Gelände weiträumig abgesperrt. Wir wurden durchgewunken und fuhren so weit, wie es angesichts der zahlreichen Einsatzfahrzeuge möglich war. Wir stiegen aus. Wenig später sahen wir auch schon Dr. Heinz.

Die Tote lag zwischen zwei überquellenden Müllcontainern. Es roch furchtbar. Ein paar Ratten sahen dem ganzen Treiben ziemlich furchtlos zu.

„Hallo Rudi. Hallo Harry“, begrüßte uns Dr. Heinz. „Die Tote ist hier einfach abgelegt worden. Die Ratten haben den Plastiksack schon angenagt.“

Ich sah hinein. Dr. Heinz hatte offenbar sowohl den Plastiksack als auch die Kleidung der Toten soweit geöffnet, dass er sehen konnte, was los war und sie dann wieder zugedeckt. Das Gesicht der Toten starrte mich an. Sie hatte tatsächlich viel Kajal-Stift benutzt. Ihre Ohrringe hatten die Form von Totenköpfen, waren aber aus echtem Gold, soweit ich das auf den ersten Blick beurteilen konnte. Dem Mörder schien das nicht weiter wichtig gewesen zu ein und die Cracksüchtigen, die sich auf dem Gelände herumtrieben, hatten davon nichts sehen können.

„Sie hat eine Messerwunde, die wie der Zwilling von der Verletzung aussieht, die Christoph Morkowski davongetragen hat“, sagte Dr. Heinz. „Genau unter den Rippenbogen und sehr tief. Der Killer wusste, was er tat.“

„Dann wollen wir hoffen, dass man ihn in Potsdam erwischt hat“, meinte Rudi dazu.

Dr. Heinz trug Latexhandschuhe. Er ging neben mir in die Hocke, fasste der Toten ans Kinn und und drehte ihren Kopf zur Seite. Die Art der Verletzung, die an ihrer Schläfe zu sehen war, erkannte ich sofort. Dazu war ich einfach schon zu lange im Dienst. Wie oft hatte ich so etwas schon ansehen müssen!

„Ein Einschuss“, stellte ich fest.

„Die Kugel ist am Hinterkopf ausgetreten“, erklärte Dr. Heinz. „Das Projektil können wir deswegen nicht vergleichen. Es muss sich dort befinden, wo die junge Frau erschossen wurde. Dafür haben wir etwas anderes.“

„Und das wäre?“

Dr. Heinz wandte sich einem der Kollegen zu. „Kollege Jarrett? Zeigen Sie es den beiden!“, verlangte er.

Der Kollege war ein großer, etwas übergewichtiger Mann mit hellblondem Bart und hoher Stirn. Er hatte sich gerade mit einem Erkennungsdienstler der KTU unterhalten und war nicht sofort im Bilde. Dr. Heinz wurde daher ungewohnt ungeduldig. „Die Waffe, Kollege.“

„Einen Moment“, verlangte er, ging drei Schritte zu einem Dienstfahrzeug und holte die Waffe. Sie war sorgfältig in einer Folie gesichert worden, wie es Vorschrift war. Er grüßte uns knapp. Wir stellten uns gegenseitig kurz vor. Der Name des Blonden lautete Sören Jarrett. „Ein Revolver 38. Special der Firma Smith und Wesson“, stellte ich fest, nachdem mir Kollege Jarrett die Waffe gegeben hatte.

„Haben Sie diese Waffe auch noch benutzt? Ich sage immer: Die hatte zwar nicht dieselbe Feuerkraft wie unsere jetzigen Dienstwaffen, aber ein .38er ist einfach absolut zuverlässig. Wie ein Uhrwerk, wenn Sie verstehen was ich meine.“

Sein Vergleich mit dem Uhrwerk war vielleicht etwas daneben, aber ich verstand gut, was er meinte.

„Starb die junge Frau durch den Schuss oder durch die Messerwunde?“, fragte ich.

„Wenn ich sie obduziert habe, werde ich das genau wissen“, erklärte Dr. Heinz. „Allerdings ist an der Schläfe ein Hämatom zu sehen, das darauf zurückzuführen sein könnte, dass der Lauf des .38ers aufgesetzt war. Sie hat sich anscheinend nicht dagegen gewehrt, deswegen. Ich nehme daher an, dass erst der Messerstich erfolgte und danach der Schuss.“

„Und was sollte das für einen Sinn machen?“, fragte Rudi.

„Das herauszufinden ist euer Job, Rudi. Aber ich muss zugeben, dass mir das auch rätselhaft erscheint. Zumal ja auch noch die Waffe der Toten quasi in den Leichensack gelegt wurde.“

„Es liegt doch auf der Hand, was da los ist“, meinte Kollege Jarrett. „Da wollte jemand alles auf einmal loswerden. Die Waffe und die Leiche.“

„Ja, aber das Messer wurde hier ja wohl nirgends gefunden“, stellte ich fest.

„Das ist korrekt“, nickte Kollege Sören Jarrett. „Andererseits sind wir hier noch längst nicht fertig. Und um eine Leiche abzulegen ist das da wirklich kein schlechter Ort. Die Cracksüchtigen, die sich hier mit ihren Dealern treffen, sind mit Sicherheit nicht daran interessiert, etwas mit der Polizei zu tun zu bekommen – und viele von denen sind auch so zugedröhnt, dass sie die Frau wahrscheinlich nicht einmal bemerkt hätten, wenn sie nicht in einen Plastiksack eingepackt gewesen wäre und vollkommen offen da gelegen hätte.“

„Wer hat sie denn überhaupt entdeckt?“, fragte ich.

„Wir“, erklärte Kollege Jarrett. „Es gab einen anonymen Anruf, den wir zu einer Telefonzelle konnten - eine der wenigen, die es noch gibt! Darin wurde uns gemeldet, dass hier eine in einen Plastiksack eingepackte Leiche zu finden sei und wir zusehen sollten, dass wir hier auftauchen, bevor sich die Ratten durchgefressen hätten.“

„Das war sicher keiner dieser Crack-Dealer“, meinte Rudi. „Denn ich schätze mal, von denen wird wohl kaum jemand besonders auskunftsfreudig gegenüber dem BKA sein.“


*

Wir sahen uns noch etwas auf dem Gelände um. Die Kollegen der Schutzpolizei hatten einen Cracksüchtigen aufgegriffen und versuchten, ihm ein paar Informationen zu entlocken. Aber der Mann war kaum vernehmungsfähig. „Ich habe nichts gesehen“, sagte er immer wieder.

Ich telefonierte inzwischen mit Ollie und erkundigte mich noch einmal genau nach der Schießerei, nach Stefans Befinden und vor allem auch nach der Waffe, die der Mann im Kapuzenshirt benutzt hatte.

„Ein Revolver vom Kaliber .38“, bestätigte Ollie. „Mit kurzem Lauf. Ich schick dir ein Foto aufs Handy.“

„Das Seltsame ist, dass wir hier ebenfalls so eine Waffe gefunden haben. Aber nur eine davon kann Christoph Morkowski entwendet worden sein!“

„Vielleicht hatte er zwei...“

„Ollie!“

„Ja, ist sehr unwahrscheinlich. Gebe ich zu. Aber nicht ausgeschlossen.“

„Es gibt eine Möglichkeit, die weitaus wahrscheinlicher ist“, stellte ich fest.

„Du meinst, der Typ, der auf Stefan geschossen hat, war nicht der Killer, der Christoph Morkowski erstach?“

„Ja.“

„Aber Pellheim wurde auch mit dem Messer getötet – so wie Christoph Morkowski und die Frau, die ihr gefunden habt.“

„Das müssen wir natürlich noch genau überprüfen. Deswegen wäre es das beste, wenn der tote Pellheim zur Obduktion in die Gropiusstadt gebracht wird, damit Dr. Heinz ihn auf den Tisch bekommt.“

„Werde ich mich drum kümmern, Harry“, versprach Ollie.

Wir beendeten das Gespräch. Ich wandte mich an Rudi. „Irgendetwas passt hier noch nicht zusammen, Rudi.“

„Mal vorausgesetzt, Pellheim und diese Frau wurden tatsächlich beide von Christoph Morkowskis Mörder getötet, diesem 'Fremdenlegionär', wie wir ihn mal nennen wollen.“

„Was dann?“

„Dann gibt dieser zweite Revolver wirklich Anlass zum Nachdenken.“

„Warten wir die Laboruntersuchungen ab, dann sehen wir vielleicht klarer.“


*


Der Mann mit der roten Seidenkrawatte betrat das exquisite Restaurant „The French“. Warum ein französisches Restaurant einen englischen Namen tragen musste, war wohl nur mit Marketing-Gründen zu erklären. Es lag im obersten Stockwerk. Durch die hohen Fenster hatte man einen freien Blick auf einen nahen Park.

Der Mann mit der Seidenkrawatte zog den Mantel aus und gab ihm der Bedienung.

„Ich hatte meinen Tisch für heute reserviert“, sagte er.

„Einen Moment“, sagte die Bedienung.

Ein junger Mann in Weste und Fliege eilte herbei. „Kommen Sie... Ihre Gäste sind bereits eingetroffen.“

Der Mann mit der Seidenkrawatte ließ sich zum reservierten Tisch bringen. Er befand sich an der Fensterfront. Drei Personen hatten dort bereits platz genommen. Zwei Männer und eine Frau. Die Männer trugen graue Anzüge und Krawatten in dezenten Farben. Die Frau ein konservativ wirkendes Business Kostüm. Sie hatte die Haare zu einem strengen Knoten gebunden.

„Tut mir leid, dass ich mich verspätet habe“, sagte der Mann mit der Seidenkrawatte.

„Wir haben uns schon Sorgen um Sie gemacht“, sagte einer der beiden Männer. Er war korpulent und breitschultrig.

Der Mann mit der Seidenkrawatte setzte sich. Getränke wurden bestellt. So lange, bis die Bedienung am Tisch war, herrschte eisiges Schweigen.

Schließlich ergriff die einzige Frau am Tisch das Wort, während sie den Mann mit der Seidenkrawatte mit einem durchdringenden Blick musterte. „Ich habe kein gutes Gefühl, Frank. In dem Punkt will ich ganz offen zu Ihnen sein.“

„Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Die Probleme werden aus der Welt geschafft – und zwar eins nach dem anderen“, erklärte Frank. „Wir müssen halt die nötige Ruhe bewahren.“

„So etwas Ähnliches haben wir schon einmal gehört“, stellte der Korpulente fest und atmete tief durch, wobei sich seine Gesichtsfarbe von rot nach dunkelrot veränderte. „Frank, wir müssen definitiv wissen, ob der ursprüngliche Plan weiter Gültigkeit hat oder ob wir neu disponieren müssen!“

„Zu letzterem besteht nicht der geringste Anlass“, erklärte der Mann mit der Seidenkrawatte. „Alles wird planmäßig verlaufen. Ich jedenfalls habe dafür alles Nötige in die Wege geleitet.“

„Dann kann man sagen: Der Countdown läuft?“, fragte der Korpulente.

„Wir werden von unserem Plan nicht abweichen“, erklärte Frank. „Und Sie sollten nicht die Nerven verlieren.“ Während er sich zurücklehnte und die Seidenkrawatte mit der schwarzen Rose zurechtrückte, verzog sich sein Mund zu einem dünnen, kalten Lächeln. „ Das sollten wir getrost anderen überlassen!“, sagte er.


*


Wir wussten noch immer nicht, wer die Tote aus der Gropiusstadt war. Der Killer hatte ganze Arbeit geleistet. Sie trug weder Papiere noch ein Handy bei sich. Wenn wir Fotos von ihr in den Medien veröffentlichten, konnte es eine Weile dauern, bis sich darauf jemand meldete. Zeit, die wir nicht hatten.

Da ihr Äußeres ziemlich genau mit jener Frau übereinstimmte, die Melanie Morkowski uns als Begleiterin ihres Bruders beschrieben hatte, schickte ich ihr ein mit dem Handy aufgenommenes Foto der Toten. Dazu eine SMS, mit der Frage, ob dies die Frau sei, die sie in Begleitung ihres Bruder gesehen hatte. Ihre Bestätigung kam wenige Minuten später.

„Namen und Adresse haben wir dadurch aber noch immer nicht“, meinte Rudi.

„Aber vielleicht kommen wir weiter, wenn wir in Christoph Morkowskis Umkreis nach ihr fahnden.“

Der Erste, an den wir uns da wandten, war Ralf Brackmann, der rotnasige Webdesigner für den Christoph Morkowski ab und zu den Rechner repariert hatte.

Als wir vor seiner Wohnungstür standen und dreimal geklingelt hatten, machte er uns in einem Morgenmantel auf und wirkte, als wäre er gerade aus dem Bett gekommen.

„Was ist?“, fragte er.

„Wir haben noch ein paar Fragen zum Tod von Christoph Morkowski an Sie.“

„Wüsste nicht, was ich Ihnen noch erzählen könnte“, murmelte er.

„Können wir kurz hereinkommen?“

„Bitte!“

Er führte uns ins Wohnzimmer.

Auf dem Weg dorthin sah ich durch die offenstehende Tür seines Arbeitszimmers, dass der Rechner eingeschaltet war.

„Ihr Computer geht wieder?“, fragte ich.

„Ja. Obwohl Christoph ja jetzt nichts mehr dran machen konnte. Aber es ist alles wieder paletti. Wie von selbst!“ Ralf Brackmann zuckte mit den Schultern. „Muss ja auch! Ich hätte die Kiste ja schon am liebsten auf den Müll geworfen, aber da sind alle meine Daten drauf und das wäre dann ziemlich unangenehm für mich geworden.“ Er rieb sich die Nase. Sie sah entzündeter aus, als bei unserer letzten Begegnung. Die Sessel und die Couch in seinem Wohnzimmer waren mit Kleidungsstücken bedeckt. Auf dem Tisch befand sich eine angegessene Pizza und ein paar Dosen Bier. Zum Hinsetzen lud die Umgebung nicht gerade ein. Ich zeigte ihm eines der Tatortfotos der Toten, die wir zuletzt gefunden hatten..

„Meine Güte, die hat es aber übel erwischt. Ist die tot?“

„Ihre Leiche wurde heute gefunden“, sagte ich. „Kennen Sie die Frau, Herr Brackmann?“

„Wieso sollte ich?“

„Sehen Sie genau hin. Könnte es sein, dass sie die Betreffende mal in Begleitung von Christoph Morkowski gesehen haben?“

Er nahm mir das Mobiltelefon aus der Hand, hielt es sich näher ans Gesicht und verengte die Augen. „Jetzt, wo Sie mich darauf bringen...“

„Ja, und?“

„Das ist Katja. Ich glaube, Christoph hatte was mit ihr.“

„Wissen Sie, wie diese Katja weiter heißt?“

„Sie hat eine Weile bei Christoph gewohnt. Aber wie sie vollständig heißt, das weiß ich nicht.“

„Wie lange hat sie denn bei Christoph Morkowski gewohnt?“

„Nicht lange. Ehrlich gesagt kann ich das auch gar nicht genau sagen. Sie war mal ein paar Tage hier und dann hat man sie eine Weile nicht mehr gesehen. Allerdings bekam sie zum Schluss ihre Post hier her. Und vor einer Woche etwa ist sie dann verschwunden und nicht wieder aufgetaucht.“ Er zuckte mit den Schultern. „Muss wohl irgendeinen Streit zwischen den beiden gegeben haben, schätze ich mal. Ich meine, das ist ja nun wirklich nichts Ungewöhnliches! Zwei Menschen denken, sie können es für immer zusammen aushalten und dann gehen sie sich nach kurzer Zeit schon auf den Geist, dass die Fetzen fliegen.“

„Wir müssen unbedingt wissen, wer sie war“, sagte ich.

„Hat derjenige, der Katja umgebracht hat, auch Christoph auf dem Gewissen?“

„Davon gehen wir zurzeit aus, ja“ bestätigte ich.

Ralf Brackmanns Gesicht veränderte sich. Auf seiner Stirn erschien eine v-förmige Falte. „Mir fällt da gerade etwas ein“, meinte er. „Warten Sie mal...“

Er ging hinüber ins Arbeitszimmer. Auf dem Rechner lief ein Fantasy-Online-Spiel. Nach Arbeit sah das für mich nicht unbedingt aus. Plötzlich wurde der Bildschirm dunkel und eine Fehleranzeige wurde sichtbar.

Ralf Brackmann hatte inzwischen einen Briefumschlag unter einem Stapel anderer Post hervorgeholt. Als er jetzt zum Bildschirm sah, wirkte er fassungslos. „Oh, nein, nicht schon wieder!“

„Ich dachte, es funktioniert wieder alles“, meinte Rudi.

Ralf Brackmann atmete tief durch.

Dabei entstand ein Laut, der wie eine bizarre Mischung aus Ächzen und einem Fluch klang.

„Ja, dachte ich auch. War aber wohl ein Irrtum.“ Er gab mir den Umschlag. „Das ist heute gekommen. Diese Katja wohnt zwar nicht mehr hier, aber manchmal landete Post, die eigentlich in Christophs Briefkasten gehörte, bei mir.“

Der Brief war an eine gewisse Katja Marie Armsberg adressiert. Es handelte sich um die Rechnung eines Online-Versands über ein paar Schuhe.

„Immerhin wissen wir nun, wer sie ist“, sagte Rudi.

Und das war ja imerhin auch schon mal etwas.


*


„Katja Marie Armsberg, 28 Jahre alt, wurde wegen Betrug verurteilt“, las Rudi mir aus dem Dossier vor, das wir über die Tote aus unserem Bordrechner über das Datenverbundsystem aufrufen konnten.

„Lass mich raten: Es ging um Kreditkarten?“, vermutete ich.

Aber da lag ich falsch.

Knapp daneben sozusagen.

„Nein, um Identitätsdiebstahl. Sie hat durch ein paar Tricks schlicht und ergreifend auf Kosten anderer Leute Waren bei Online-Versendern bestellt. Sie hatte noch Bewährung. Deswegen ist hier eine Adresse angegeben.“

„Dann würde ich sagen, wir fahren dort mal hin“, meinte ich.

„Nicht gerade die beste Zeit am Tag, um quer durch die Stadt zu fahren“, gab Rudi zurück. „Aber selbst wenn sie dort schon länger nicht mehr gewohnt hat, kennt man Katja Marie Armsberg dort vielleicht und irgendwer kann uns etwas mehr sagen.“

Die Adresse gehörte zu einem mehrstöckigen Mietshaus. Die Besitzerin hieß Margret Rennings, war in den Sechzigern und bewohnte das gesamte Untergeschoss. Die anderen Stockwerke vermietete sie und die Einnahmen daraus waren wohl der größte Teil ihrer Altersversorgung.

„Was ist mit Katja Marie geschehen?“, fragte Margret Rennings, nachdem wir ihr unsere Ausweise gezeigt hatten.

„Sie wurde umgebracht“, erklärte ich ihr gerade heraus. Die Einzelheiten ersparte ich ihr, fasste aber in knappen Worten das Wesentliche zusammen. Es war schließlich auch ein Wettlauf mit der Zeit. Erstens war ich mir nicht sicher, ob der unbekannte Killer mit Katja Marie tatsächlich sein letztes Opfer gefunden hatte und zweitens gab es da ja auch noch den großen Plan eines Cyber-Angriffs auf die Energieversorgung. Ein Angriff, der vielleicht längst gestartet worden war, sodass wir kaum noch eine Chance hatten, uns auszuruhen.

Margret Rennings wirkte sehr betroffen. Sie führte uns zu dem Apartment, das Katja Marie bewohnt hatte. „Wissen Sie, ich hatte sie ein bisschen unter meine Fittiche genommen, aber dann lernte sie diesen Typ kennen, der diese krummen Computersachen gemacht hat. Wie hieß er noch?“

„Christoph Morkowski“, versuchte ich ihr auf die Sprünge zu helfen, wofür ich von Rudi einen ziemlich missbilligenden Blick erntete. Zeugen etwas suggestiv in den Mund zu legen, entspricht ja eigentlich nicht der professionellen Art der Befragung. Aber im Moment waren wir ziemlich in Druck.

„Ich weiß nicht, wie der Kerl hieß“, sagte Margret Rennings. „Und ich habe ihn auch nur einmal gesehen.“

Ich nahm mein Handy hervor und zeigte ihr ein Foto.

„War er das?“

„Ja, das war er“, nickte sie. „Jedenfalls ist Katja zu ihm gezogen. Sie hatte schon vorher mehr bei ihm als in ihrer Wohnung hier gewohnt. Aber dann kam sie plötzlich wieder zurück. Ich habe sie gefragt, ob es zwischen ihr und diesem Computertypen – wie war noch mal der Name?“

„Christoph Morkowski“, half ich ihr aus.

„Ich hab sie gefragt, ob es aus mit ihm wäre, aber sie wollte nicht darüber sprechen. Ich wollte das dann doch etwas genauer wissen, denn irgendwas stimmte da meiner Ansicht nach nicht.“

„Und was gab Ihnen das Gefühl, dass da etwas nicht stimmte?“, hakte ich nach.

Sie zuckte mit den Schultern. „Kann ich nicht so genau sagen. Ich hatte einfach nur das Gefühl...“

Sie öffnete uns die Wohnungstür.

Wir traten ein. Das Apartment war vollkommen verwüstet. Die Sessel hatte jemand aufgeschlitzt, die Schränke standen offen. Kleidung lag auf dem Boden verstreut herum und der Inhalt von einem halben Dutzend Schubladen war einfach ausgeschüttet worden.

„Oh, mein Gott, was ist denn hier passiert!“, stieß Margret Rennings hervor. „Wie konnte hier jemand eindringen?“

„Derjenige hatte vermutlich einen Schlüssel – und zwar sowohl für das Haus als auch für die Wohnung“, glaubte ich.

„Aber woher denn?“

„Von Katja Marie. Bei der Toten wurde kein Haustürschlüssel gefunden, also hat ihn vermutlich der Täter. Genau wie das Handy, von dem wir annehmen, dass sie es bei sich trug.“

„Nein. Ihr Handy habe ich“, stellte Margret Rennings klar.

Rudi und ich sahen sie daraufhin völlig überrascht an.

„Wie kommen Sie denn an das Handy von Katja Marie Armsberg?“, fragte ich.

Margret Rennings verschränkte die Arme vor der Brust. „Wir haben beide das gleiche Gerät. Es ist schon eine Weile her. Ein paar Tage mindestens, vielleicht aber auch ein oder zwei Wochen. Das weiß ich nicht mehr so genau, aber man sagt ja auch, dass im Alter das Empfinden für...“

„Sie wollten uns über Katja Marie Armsberg berichten?“, hakte ich nach, denn ich hatte das Gefühl, dass sich sich zu verzetteln drohte. „Und davon, wie Katjas Handy in Ihren Besitz gelangt ist.“

„Sie war bei mir in der Wohnung und wir haben besprochen, wie es jetzt weitergehen soll. Es gab da auch noch einen Mietrückstand, den sie mir schuldete. Sie hat ihr Telefon auf meinem Wohnzimmertisch abgelegt, um etwas in ihrer Handtasche zu suchen. Aber da lag auch mein Gerät und sie muss die beiden wohl verwechselt haben. Genau weiß ich das nicht, denn es klingelte gerade an der Tür und ich bin zur Sprechanlage gegangen.“

Während Rudi in der verwüsteten Wohnung von Katja Marie Armsberg blieb, folgte ich Margret Rennings in deren Wohnbereich. Dort übergab sie mir dann das Handy. „Ich dachte immer, dass sie wieder auftauchen würde“, sagte sie. „Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass sie den Irrtum nicht bemerkt hat...“

Ich versuchte in das Menue zu kommen und sah wenig später eine Liste der Anrufe, die an dieses Handy geführt worden waren.

„Das ist wirklich interessant“, murmelte ich.


*


Wir fuhren ins Lichtermeer des abendlichen Berlin zurück zum Präsidium. Das Handy übergaben wir an unseren Kollegen aus dem Innendienst – und das war in diesem Fall Walter Stein.

„Wir werden die Daten auslesen“, erklärte Walter. „Sowohl die Telefondaten, als auch die SMS. Und falls sie sich nicht nur mit Leuten unterhalten hat, die Prepaid-Handys benutzen, können wir daraus einen Teil ihrer Kontakte ermitteln...“

„...und vielleicht dem einen oder anderen noch das Leben retten“, unterbrach ich ihn. „Die Sache ist doch ziemlich eindeutig: Christoph Morkowski und ein paar seiner Freunde bekommen den Auftrag, einen Cyber-Angriff auf die Stromversorgung zu starten. Wie weit sie sich anfangs darauf eingelassen haben wissen wir nicht. Jedenfalls wird es den Beteiligten zu heiß, sie wollen aussteigen und jetzt werden alle aus dem Weg geräumt, die etwas darüber verraten könnten und für die Auftraggeber eine Gefahr darstellen.“

„Aber Ollie hat den Killer in Potsdam doch festgenommen“, meinte Walter Stein.

„Die Leute, die dahinterstecken, können jederzeit einen anderen Lakaien schicken“, glaubte Rudi. „Wer immer die auch sein mögen. Das ist nämlich die eigentlich interessante Frage.“


*


„Weißt du, über welchen Punkt ich nicht hinwegkomme?“, wandte ich mich an Rudi, kurz bevor ich ihn später an der bekannten Ecke absetzte.

„Verrate es mir!“

„Ich meine die zwei Revolver, Rudi! Einer bei der Leiche von Katja Marie Armsberg und der andere in den Händen dieses Typen, den Ollie angeschossen hat!“

„Und von dem du nicht glaubst, dass er der Killer ist?“

Ich zuckte mit den Schultern. „Die Sache beschäftigt mich eben, das ist alles.“

„Geh die Sache doch mal logisch an, Harry.“

„Wie denn sonst?“

Er grinste. „Naja, nicht mit Instinkt meine ich.“

„Und was sagt dir deine Logik?“

„Fest steht: Der Killer hat Christoph Morkowski einen 38. entwendet – entweder bevor oder nachdem er ihn erstochen hat.“

„Richtig.“

„Wenn die Waffe, die wir bei der toten Katja Marie Armsberg gefunden haben, damit identisch sein sollte und sich bestätigt, dass nicht der Schuss, sondern die Stichverletzung todesursächlich war, dann gibt es nur ein Motiv, um die Waffe zur Leiche zu legen: Harry, der Killer wollte uns beschäftigen und den Verdacht auf Christoph Morkowski lenken. Überleg doch mal, Katjas Vermieterin hat ausgesagt, dass es da wohl gewisse Differenzen zwischen den Beiden gab und und wenn man dann eins und eins zusammenzählt, ließe sich daraus auch was konstruieren.“

„Dieser 'Fremdenlegionär' muss doch wissen, dass das irgendwann auffliegt“, meinte ich.

„Meinst du? Aber er könnte auch denken: Hauptsache Verwirrung stiften. Wir reden doch jetzt auch darüber, Harry. Und vielleicht wollte er das.“

„Aber jetzt hast du auch vorausgesetzt, dass die Waffe von dem Kerl, den Ollie festgenommen hat, nicht identisch mit der Waffe von Christoph Morkowski ist“, gab ich zu bedenken.

„Erscheint mir logischer.“

„Dann kann er nicht unser Mann sein, Rudi!“

Rudi atmete tief durch. „Morgen Früh sind hoffentlich einige Untersuchungsergebnisse da, die uns zumindest in diesem Punkt Klarheit verschaffen.“


*


Als wir uns am nächsten Morgen im Besprechungszimmer unseres Chefs eintrafen, waren auch Ollie und Walter Stein schon dort. Sie unterhielten sich angeregt mit Kommissar Florian Heller.

Heller nickte uns kurz zu, während er unentwegt weitersprach. Soviel bekam ich selbst auf die Schnelle mit: Die Bemühungen, die Urheber des perfiden Cyber-Sabotageplans ausfindig zu machen, war wohl nicht sonderlich erfolgreich gewesen.

Das wunderte mich nicht und sprach auch keineswegs gegen die Qualifikation der beteiligten Kollegen. Solche Ermittlungen ähnelten einfach zu sehr der berühmten Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Vor allem dann, wenn man so gut wie überhaupt keine Anhaltspunkte hatte, welche grobe Ermittlungsrichtung einzuschlagen war.

„Stefan geht es übrigens besser“, wandte sich Ollie jetzt an uns zu.

„Da bin ich erleichtert“, sagte Rudi. „Ich hoffe nur, dass nicht etwas von dieser Verletzung zurückbleibt.“

„Nein, wird es vermutlich nicht. Ich habe gestern Abend noch mit ihm gesprochen. Der Arzt war dabei. Stefan hat offensichtlich großes Glück gehabt – alles in allem.“

„Und der Kerl, der auf ihn gefeuert hat?“, wollte ich wissen.

„Nach wie vor nicht ansprechbar“, erklärte Ollie.

Kriminaldirektor Hoch telefonierte gerade und bedeutete uns mit einer Handbewegung, uns zu setzen.

„Wir warten noch auf Dr. Heinz, der uns die Ergebnisse der Obduktion von Katja Marie Armsberg erläutern wird“, erklärte unser Chef, nachdem er das Gespräch beendet hatte. „Vorher habe ich hier noch Laborergebnisse, die die Waffe betreffen, die bei der Toten gefunden wurden.“ Kriminaldirektor Hoch öffnete eine Mappe und sah sich den Inhalt noch einmal kurz an. „An der Waffe waren Fingerabdrücke, die mit denen von Christoph Morkowski übereinstimmten.“

„Das bedeutet, man hat Katja Marie Armsberg die Waffe in den Plastiksack gelegt, um uns glauben zu machen, dass der Hintergrund dieses Mordes vielleicht doch eine Beziehungstat war.“

„Ganz genau“, mischte sich jetzt ein anderer Sprecher ein. Es war der gerade eben eingetroffene Dr. Heinz, der den Mantel noch halb auf der Schulter hängen hatte und ihn dann eilig auszog. „Dazu passen nämlich auch die Ergebnisse meiner Obduktion.“

„Erstmal guten Morgen, Dr. Heinz“, sagte Kriminaldirektor Hoch. „Und da Sie bereits mit Ihren Erläuterungen begonnen haben, können Sie dann ja auch am besten gleich fortfahren.“

Dr. Heinz nickte. Er suchte sich einem Platz und holte seine Unterlagen und sein Notebook hervor.

„Katja Marie Armsberg starb eindeutig durch die Stichverletzung - und die wiederum wurde auf eine verblüffend ähnliche Weise beigebracht wie bei Christoph Morkowski und diesem Mann aus Potsdam – Pellheim.“

„Das bedeutet, alle drei sind durch dieselbe Person umgebracht worden“, vergewisserte ich mich.

„Richtig. Außerdem steht fest, dass Katja Marie Armsberg schon einige Tage tot ist. Jedenfalls starb sie deutlich früher als Christoph Morkowski und Pellheim, den die Kollegen aus Potsdam mir ja inzwischen dankenswerterweise auch auf den Seziertisch gebracht haben.“

„Und der Schuss?“, fragte ich. „Was sollte der Schuss in die Schläfe?“

„Der kam sehr viel später – post Mortem. Der Täter muss die Leiche irgendwo eine Weile aufbewahrt haben. Vermutlich an dem Ort, wo er sie gefoltert hat, denn der Körper ist übersät von entsprechenden Spuren.“

„Dann wird sie dem Killer vermutlich alles über die anderen Opfer verraten haben, was er bis dahin noch nicht gewusst hatte“, vermutete Kriminaldirektor Hoch. „Gibt es Anhaltspunkte, wo das gewesen sein könnte?“

Dr. Heinz schüttelte den Kopf. „Nein, bislang nicht. Unsere Kollegin aus dem Labor meinte, an der Kleidung seien Teppichfasern gefunden worden. Aber das muss erst noch genauer untersucht werden.“

„Jedenfalls steht dann wohl fest, dass der Kapuzenmann, der auf Stefan geschossen hat, nicht unser Mann sein kann“, stellte ich fest.

„Aber wieso hat er dann sofort auf Stefan gefeuert?“, fragte Ollie.

„Davon abgesehen stimmt ja auch die Beschreibung überein“, gab Rudi zu bedenken.

Kriminaldirektor Hoch wandte sich an Walter. „Haben Ihre Kollegen schon die Identität des Verletzten herausfinden können?“

„Nein“, antwortete unser Kollege aus dem Innendienst. „Und befragen kann man ihn zurzeit nicht. Aber wir bleiben dran.“

„Ich habe heute Mittag ein Meeting mit dem Regierenden Bürgermeister von Berlin und einigen Ministerpräsidenten von“, erklärte unser Chef. „Es scheint, als hätte ich Ihnen kaum etwas zu berichten, was uns allen Hoffnung machen könnte.“ Er wandte sich an Kommissar Heller. „Ich hoffe, Sie sind da wenigstens eine Ausnahme.“

„Leider nein“, erklärte Florian Heller. „Unsere Cyber-Teams sind rund um die Uhr im Einsatz. Aber ich bin ganz offen: Es würde schon einem unglaublichen Zufall gleichen, wenn wir den Plan dieser Cyber-Terroristen doch noch verhindern könnten. Dass wir da schlechte Karten hatten, wussten wir ja von Anfang. Wirklich rätselhaft ist an diesem Fall etwas anderes.“

Kriminaldirektor Hoch hob die Augenbrauen, enthielt sich jedoch einer Bemerkung und wartete geduldig ab, bis Florian Heller weitersprach.

„Es sind sowohl von uns, als auch von den Kollegen des BND CIA, des MAD und einiger Geheimdienste befreundeter Nationen sämtliche in Frage kommenden Nachrichtenquellen angezapft worden. Bislang ohne greifbares Ergebnis. Es gab anscheinend ein paar Gerüchte, die sich jedoch sehr schnell als haltlos erwiesen hatten. Weder der Iran, noch die Hisbollah im Libanon oder eine der verbliebenen Al-Qaida-Zellen scheinen mit den Plänen dieser Unbekannten irgendetwas zu tun zu haben.“

„Ich kann mir kaum vorstellen, dass da wirklich alle Quellen stumm bleiben“, meinte Hoch.

„Stumm ist nicht ganz das richtige Wort“, erwiderte Florian Heller. Sein Lächeln wirkte leicht verzweifelt. „Aber es gab nicht einen einzigen Hinweis, der sich als substanziell erwiesen hätte.“

„Das bedeutet, unser Feind kann weiterhin unsichtbar bleiben“, stellte Ollie fest.

Heller zuckte mit den Schultern. „So wie ich das sehe – und die Kollegen des BND teilen diese Einschätzung – gibt es da eigentlich nur zwei Möglichkeiten. Die eine ist, dass die andere Seite wirklich außerordentlich geschickt operiert und ein Maß an Geheimhaltung praktiziert, das fast schon unmöglich zu sein scheint. Die andere ist, dass wir bisher einfach noch nicht in der richtigen Richtung ermittelt haben und deswegen auch gar nichts entdecken konnten.“

„Für den Erfolg unserer Arbeit wäre es dringend nötig, dass wir unsere Kräfte konzentrieren könnten, anstatt weiter in alle Richtungen aufmerksam zu sein“, meinte Kriminaldirektor Hoch mit einem sehr ernsten Gesicht. „Aber solange es keine konkreten Anhaltspunkte gibt, dürfen wir wohl keine Möglichkeit vorschnell verwerfen.“

Florian Heller nickte. „Sie haben vollkommen Recht. Aber da wir bislang wirklich keinerlei Anzeichen für eine politisch motivierte Cyber-Attacke gefunden haben, sollten wir auch die Möglichkeit nicht außer Acht lassen, dass es sich schlicht und ergreifend um die Aktivitäten von Kriminellen handeln könnte.“

„Wem sollte denn ein Zusammenbruch der Energieversorgung nutzen?“, fragte Walter Stein.

„Abgesehen von den Aktienbesitzen und Anteilseignern von Energieversorgungsunternehmen wahrscheinlich niemandem“, erwiderte Heller.

„Ist das Ihr Ernst?“, wollte Kriminaldirektor Hoch wissen. „Wenn Sie einen großen Crash der Stromversorgung haben, dann sind doch die Folgen nicht zu kalkulieren! Da finde ich, ist es etwas weit hergeholt, an Kriminelle zu denken, die sich vielleicht große Kursgewinne erhoffen.“

„Ein Bankräuber trägt ein viel größeres Risiko“, gab Heller zu bedenken. „Und jeder stinknormale Überfall ist ebenfalls völlig unkalkulierbar. Der Täter weiß nie, auf welche Weise die Situation vielleicht auf die eine oder andere Weise eskalieren könnte – und trotzdem wissen Sie so gut wie ich, dass das jeden Tag geschieht.“

„Trotzdem...“, murmelte Kriminaldirektor Hoch kopfschüttelnd.

„Ich sage ja nicht, dass ich das für sehr wahrscheinlich halte, sondern nur, dass wir auch diese Möglichkeit jetzt nicht mehr außer Acht lassen dürfen.“

„Dann sollten wir Detlef auf die Sache ansetzen“, schlug Walter Stein vor. Detlef L. Richards war bei uns im Präsidium der Spezialist für Betriebswirtschaft. Oft genug kamen wir Hintermännern des organisierten Verbrechens nur dadurch auf die Spur, dass wir den Geldströmen folgten. Und diese Spuren aufzunehmen war der Job von speziell ausgebildeten Mitarbeitern wie Kollege Detlef L. Richards.

„Jedenfalls kann es nicht schaden, verdächtige Transaktionen zu verfolgen“, glaubte auch Ollie. „Zumindest in dem gesetzlichen Rahmen, den wir dabei zu beachten haben.“

„Die Amtshilfe der Steuerfahndung müsste in diesem Fall möglich sein“, sagte Heller.

„Und wenn die andere Seite ihren Plan inzwischen aufgegeben hat?“, warf Ollie ein. Er wandte sich an Heller. „Das würde auch erklären, weshalb Sie nicht auf verdächtige Attacken gestoßen sind.“

„Das“, so sagte Heller, „wäre die schlimmste aller Möglichkeiten.“

„Wieso?“, hakte Ollie nach und nippte dabei an seinem Kaffee.

„Weil wir dann so gut wie gar keine Chance haben, die Hintermänner zu schnappen. Sie stellen sich einfach tot und warten ab. Und irgendwann tauchen diese Leute dann wieder auf und schlagen vollkommen unerwartet doch noch zu.“


*


Gegen Mittag schneite Walter Stein in das Dienstzimmer, das ich mir mit Rudi teilte. „Ich habe jetzt die Identität des Kerls, der in Potsdam auf Stefan geschossen hat.“

„Und?“, fragte ich.

„Es muss Norbert Gerolds sein. Zumindest nach dem Abgleich der Gesichtserkennung. Ich muss allerdings dazu sagen, das in diesem Fall ein gewisser Prozentsatz an Unsicherheit bleibt.“

„Ich dachte, dieses Programm irrt sich nie.“

„Fast nie, Harry. In diesem Fall waren die Fotos des Verletzten nicht optimal. Ich habe mit den Ärzten gesprochen. Offenbar hatte Gerolds vor anderthalb Jahren einen Unfall, der eine aufwändige Kieferoperation nötig machte. Die Vergleichsbilder in unseren Datenbanken von ihm sind allerdings vorher aufgenommen worden.“

Ich hob die Augenbrauen. Melanie Morkowski hatte Gerolds erwähnt. Nun war er also wieder aufgetaucht. Und leider war er noch immer nicht in der Lage, mit uns zu reden.

„Vielleicht hat er Familie oder Bekannte hier in Berlin, die uns weiterhelfe könnten“, erriet Rudi meinen Gedanken.


*



Wir trafen uns mit Claus-Jürgen Gerolds, einen Mann in den Fünfzigern, untersetzt und im maßgeschneiderten Dreiteiler. Er war Mitinhaber eines vielbeschäftigten Architekturbüros und außerdem Norbert Gerolds Vater.

Herr Gerolds schenkte uns seine kurze Mittagspause, nachdem ich ihm am Telefon in knappen Worten zusammengefasst hatte, was mit seinem Sohn los war.

Wir trafen uns mit ihm in einem kleinen Lokal. Er grüßte uns mit einem Händedruck, der so fest war, dass danach wohl jedem sofort klar sein sollte, wer der Boss war. Dass ich etwas größer war als er und er deshalb zu mir aufschauen musste, schien er schon als Zumutung zu empfinden.

Für unsere Dienstausweise hatte er keinen Blick.

Wir setzten uns.

„Geht es meinem Sohn gut?“, fragte er ohne Umschweife, nachdem ich ihm Fotos von Norbert gezeigt und er ihn eindeutig identifiziert hatte. „Natürlich den Umständen entsprechend.“

„Er ist außer Lebensgefahr. Wenn Sie Ihn besuchen wollen, dann...“

„Das wäre keine gute Idee“, unterbrach er mich.

„Wieso nicht? Sie sind sein Vater!“

„Ja, aber erstens sagten Sie doch, dass er im Moment nicht ansprechbar ist.“

„Das stimmt natürlich.“

„Und zweitens... Wie soll ich mich da ausdrücken? Unser Verhältnis war ein bisschen angespannt. Sein Lebenswandel hat mir nicht gepasst und meiner ihm nicht. So ist das leider manchmal. Er hätte ja bei uns im Büro anfangen können! Aber das hat ihn nie interessiert. Stattdessen hat er immer wieder versucht, ohne Arbeit an Geld heranzukommen.“

„Was ist mit seiner Mutter?“

„Wir haben uns vor vielen Jahren getrennt. Meine Frau ist auf einen Öko-Hof gezogen, verkauft selbstgefertigten Schmuck im Stil der Navajo-Indianer und sucht seit Jahren ihre spirituelle Mitte. Ich glaube nicht, dass sie die in diesem Leben noch finden wird.“

„Hatte Norbert zu ihr noch Kontakt?“, fragte ich.

„Glaube ich nicht. Er hat uns beide abgelehnt. Bei mir hat er sich erst wieder gemeldet, als er Schwierigkeiten mit der Justiz hatte und jemand seine Anwälte bezahlen musste – und später, als er den Unfall hatte und es darum ging, die Arztrechnungen zu begleichen.“ Gerolds seufzte. „Ich nehme an, diesmal werde ich wohl auch wieder finanziell herhalten müssen.“

„Das sollte nicht Ihre größte Sorge sein, Herr Gerolds.“

„Sie halten mich für hart und unsensibel, Herr Kubinke? Haben Sie Kinder, die nicht tun, was man Ihnen sagt und deshalb immer wieder bis zum Hals in der Scheiße stecken, aber dann von Ihnen erwarten, dass man sie da rauszieht?“

„Nein.“

„Dann können Sie auch kaum mitreden.“

„Hatte Ihr Sohn eine Waffe?“, fragte ich, ziemlich ruhig, obwohl ich innerlich kochte.

„Eine kurzläufigen Revolver. Den hat er schon lange. Ich habe ihn mal bei ihm gesehen – bei den wenigen Gelegenheiten, bei denen wir uns getroffen haben. Ich habe ihn natürlich gefragt, wozu er die braucht. Dass er damit fast einen Kommissar erschießt, konnte ich ja nicht ahnen. Aber dieser Christoph, mit dem er viel zusammen war und der damals dauernd um ihn herumschwirrte, hatte wohl auch so einen Schießprügel.“

„Christoph Morkowski?“

„Ja. Kann sein. Die beiden sind zusammen auf den Schießstand gegangen, um damit zu trainieren.“

„Haben Sie eine Ahnung, was Ihr Sohn im Haus von Wilfried Pellheim in Potsdam wollte?“

„Pellheim, ist das der Tote, in dessen Wohnung Ihre Kollegen Norbert überrascht haben?“

„Ja.“

Er zuckte mit den Schultern. „Kann ich Ihnen nicht sagen. Ich kann Ihnen noch nicht einmal sagen, ob er nicht dazu fähig gewesen wäre, jemanden umzubringen.“

„Norbert war in letzter Zeit quasi untergetaucht“, stellte Rudi fest. „Haben Sie eine Ahnung, wo er gelebt haben könnte?“

„Nein. Allerdings hat er mir mal eine Bankverbindung angegeben, als er mal wieder Geld für einen Anwalt brauchte. Und dieses Konto war auf den Namen Markus Möhring eingerichtet worden.“

„Hat er Ihnen dazu irgendeine Erklärung abgegeben?“, fragte ich.

„Wie bitte? Herr Kubinke, wo denken Sie hin! Er hat mir eine SMS mit der Nummer und allen anderen Daten geschickt und das war’s. Ich habe angenommen, dass er entweder eine gefälschte Identität oder das Konto von jemand anderem benutzt, auf das er Zugriff hat. Im günstigsten Fall gehört es einem Bekannten und es war nichts Illegales dabei. Aber wenn Sie eine Bank hätten und von Norberts Vorstrafen wüssten – mal ehrlich, würde Sie ihm ein Konto geben? Und ich sage Ihnen, sowas spricht sich rum unter den Banken.“

Er sah schon zum dritten Mal auf die dicke Rolex an seinem Handgelenk. „Ich muss ins Meeting“, behauptete er. „Hat mich gefreut, Sie kennenzulernen.“

Ich gab ihm meine Karte. „Falls Ihnen noch irgendetwas einfällt, melden Sie sich bitte bei mir. Jederzeit.“

„Da dürfte nichts mehr kommen“, behauptete er. „Ich habe Ihnen alles gesagt.“

„Haben Sie die SMS noch, von der Sie sprachen?“

„Nein, musste ich löschen und habe es auch so gemacht, wie Norbert es wollte.“

„Aber die Bankverbindung wird sich doch sicher feststellen lassen.“

Er sah auf meine Karte. „Schicke ich Ihnen innerhalb der nächsten halben Stunde per Mail.“


*


„Wer so einen Vater hat, braucht keine Feinde mehr, Harry“, meinte Rudi, als wir wieder unterwegs waren.

Wir bekamen die genaue Bankverbindung bereits nach zehn Minuten auf unseren Bordrechner. Rudi telefonierte unterdessen mit Walter Stein um zu sehen, was die Kollegen so auf die Schnelle über einen gewissen Markus Möhring herausfinden konnten.

Wir hatten innerhalb weniger Minuten eine Adresse. Wir machten uns sofort auf den Weg dorthin.

Das Apartment von Norbert Gerolds alias Markus Möhring lag im vierten Stock eines angegrauten Sandsteinhauses. Als wir vor der Tür standen und klingelten, stellte Rudi fest, dass die Tür einen Spaltbreit offen stand. Wir zogen unsere Dienstwaffen und gingen hinein. Das Bild, das sich uns dort bot, ähnelte stark dem, was wir auch in der Wohnung von Katja Marie Armsberg gesehen hatten. Es herrschte ein einziges Chaos. Das Apartment war schnell durchsucht und als wir sicher waren, dass sich niemand in der Wohnung befand, steckten wir die Dienstwaffen wieder weg.

„Scheint, als wäre uns hier jemand mit der Durchsuchung zuvor gekommen“, sagte Rudi mit Blick auf die aufgeschlitzten Sessel und den auf dem Boden verteilten Inhalt der Schränke fest.


*


Wir verständigten die KTU, die auch wenig später eintrafen. Zwar schien es mir ziemlich unwahrscheinlich zu sein, dass man hier noch etwas finden konnte, was uns irgendwie weiterbrachte, aber man konnte ja nie wissen.

Während wir auf die Kollegen warteten, sahen Rudi und ich uns auch noch etwas in dem Appartment um.

„Ich wette, dass Norbert Gerolds auch in dieser Sache mit drinsteckte“, sagte ich. „Und deswegen muss er eine ziemlich große Angst gehabt haben.“

„Kein Wunder! Er wird doch gemerkt haben, dass einige seiner Freunde oder Komplizen – wie immer man das nennen will – von einem Auftragskiller umgebracht werden. Da wäre mir auch mulmig geworden.“

„Was meinst du, könnte er einfach nur aus Angst auf Stefan geschossen hat?“

„Jetzt mach ihn nicht zum Opfer! Er hat unseren Kollegen um ein Haar umgebracht, Harry!“

„Aber überleg doch mal! Das wäre eine Erklärung! Er wusste, dass er verfolgt wurde, schaut bei diesem Pellheim vorbei. Vielleicht wollte er den warnen, denn der steckte ja wohl auch in dieser Sache mit drin. Und dann findet er ihn erstochen auf. Er sieht sich um...“

„Vielleicht um belastendes Material zu entfernen?“

„Ja, oder um sich zu vergewissern, was jetzt wohl alles fehlt und folglich vom Killer mitgenommen wurde.“

„Der Computer zum Beispiel.“

„Richtig. Und dann dringt ein bewaffneter Mann ins Haus ein und Norbert hat Panik bekommen.“

„Ich bin gespannt, was Norbert selbst dazu sagen wird, wenn er wieder vernehmungsfähig ist“, meinte Rudi.

Walter Stein rief uns an, während ich an einer Kreuzung halten musste.

„Harry? Rudi? Ich rufe wegen des Mobiltelefons von Katja Marie Armsberg an. Die darauf gespeicherten Nummern gehören leider fast ausnahmslos zu Prepaid-Geräten ohne Vertrag. Aber es gab jetzt einen Anruf an das Gerät, den wir zurückverfolgen konnten. Und zwar zu einer Adresse in der Nähe vom Park – also ganz in der Nähe eures gegenwärtigen Standorts.“

Walter Stein gab uns die Adresse und die Nummer des Anrufers durch.

„Das ist ein Festnetzanschluss“, wunderte sich Rudi.

„Richtig. Und der gehört zu einer Pension namens Sleepy Hollow.“

„Der Besitzer muss ein Kino-Fan oder ein Witzbold sein“, meinte ich. Rudi ließ bereits das Seitenfenster herunter, um das Rotlicht auf das Dach des Dienstporsches zu setzen.

„Wer war am Apparat, Walter?“, erkundigte sich Rudi.

„Hat leider sofort aufgelegt“, erwiderte Walter.

Wir beendeten das Gespräch.

„Was glaubst du, wer dieser Anrufer war?“, fragte Rudi.

„Er oder sie kannte jedenfalls Katja Marie Armsberg“, stellte ich fest. „Es könnte jemand sein, der auch in dieser ganzen Sache drinsteckt und jetzt auf der Flucht vor dem Killer ist.“

„Dann wollen wir hoffen, dass wir noch rechtzeitig kommen“, meinte Rudi.


*


Die Pension 'Sleepy Hollow' lag in den unteren drei Stockwerken eines Gebäudes, das sich in einer Seitenstraße befand.

Wir stellten den Dienstporsche am Straßenrand ab, stiegen aus und stürmten in das Foyer des 'Sleepy Hollow'. Hinter dem Tresen saß ein Mann mit schütterem grauem Haar, spitzem Kinn und tiefliegenden Augen. Er war in die Lektüre einer Zeitschrift vertieft und zuckte regelrecht zusammen, als wir vor ihm auftauchten.

Er öffnete halb den Mund, so als wollte er etwas sagen, klappte ihn dann aber wieder zu, als er meinen Dienstausweis sah.

Rudi legte ihm einen Zettel auf den Tresen.

„Zu welchem Zimmer gehört dieser Telefonanschluss?“, fragte er.

„Also... ich weiß nicht, ob... Ich meine...“

„Wir brauchen die Auskunft heute noch“, sagte Rudi.

„Genauer gesagt: Sofort!“

Er nannte uns die Zimmernummer. „Erster Stock, ganz am Ende des Flurs.“

„Wer hat sich dort eingemietet?

„Peter Schmitt.“

„Sie wurden nicht misstrauisch?“, fragte ich.

„Sollen wir etwa eine Identitätsprüfung durchführen?“

„Ist Herr Schmitt im Zimmer?“

„Ja. Aber...“

„Aber was?“, hakte ich nach, als er so herumzudrucksen begann.

„Es ist jemand bei ihm.“

„Wer?“

„Keine Ahnung. Hat er mir nicht gesagt.“

„Beschreiben Sie ihn!“

„Er trug eine Kapuzenshirt und eine Gürteltasche. Sah aus, als wäre er gerade beim Joggen. Vom Gesicht habe ich ehrlich gesagt nicht so viel gesehen, aber ich habe auch nicht so genau darauf geachtet, muss ich zugeben.“

Vermutlich hatte der Portier Geld dafür bekommen, dass er dem Kerl sagte, wo sich das Zimmer befand, in dem Herr „Schmitt“ wohnte. Für uns hieß es jetzt schnell einzugreifen. Ich zog meine Dienstwaffe. Rudi forderte telefonisch Verstärkung an.

„Sie unternehmen nichts“, wies ich den Portier an und hoffte nur, dass ich streng genug klang, um ihn auch wirklich von irgendwelchen Dummheiten anhalten zu können. Dann stürmte ich die Treppe hinauf. Rudi nahm den Aufzug. Wir wollten auf gar keinen Fall, dass der Kerl uns durch die Lappen ging.

Vorausgesetzt, der Kapuzenmann war tatsächlich der ominöse 'Fremdenlegionär', dann hatten wir jetzt wahrscheinlich eine einmalige Chance, ihn dingfest zu machen.

Eine Chance, die so schnell nicht wiederkehren würde.

„Gibt es einen Hinterausgang?“, fragte Rudi den Portier noch.

„Ja. Ist aber abgeschlossen.“


*

Ich nahm die Treppe, Rudi den Lift. Wir trafen uns auf dem Flur wieder, an dem das Zimmer von „Schmitt“ lag. Wir zogen unsere Dienstwaffen. Rudi trat die Tür ein. Sie sprang zur Seite. Ich stürzte mit der Waffe in beiden Händen hinein.

Ein Mann saß gefesselt und geknebelt auf einem Stuhl. Er war so verschnürt worden, dass er sich nicht bewegen konnte. Die Augen waren weit aufgerissen. Blut sickerte an mehreren Stellen durch die Kleidung.

Ein Mann in einem Kapuzenshirt stand dahinter.

In der Rechten hielt er ein Kampfmesser. Dessen Spitze berührte den Hals des Gefesselten.

„Keinen Schritt weiter“, murmelte der Mann im Kapuzenshirt.

„BKA! Das Messer weg! Sofort!“, rief ich.

„Wenn Sie denken, Sie könnten schneller abdrücken, als dass ich einen Hals aufschlitze, dann irren Sie sich!“

„Und wenn Sie denken, dass ich auf diese Entfernung Ihren Kopf verfehlen könnte, dann irren Sie sich!“

Einige Augenblicke lang hing alles in der Schwebe. Der Gefesselte stieß einen unterdrückten Laut aus.

„Sie sind der Killer, den man den 'Fremdenlegionär' nennt“, stellte ich fest. Sein Gesicht verzog sich zur Grimasse.

Für einen Moment befürchtet ich, dass er durchdrehen würde. Seine Muskulatur spannte sich. Die Klinge des Messers drückte sich gefährlich in den Hals des Opfers. Aber dann lockerte sich der Druck. Der 'Fremdenlegionär' ließ sein Messer sinken und sich anschließend widerstandslos festnehmen.

„Sie sind verhaftet“, informierte Rudi ihn, während die Handschellen klickten.

Ich kümmerte mich derweil um das Opfer, entfernte den Knebel und löste die Fesseln. „Dieser Teufel“, entfuhr es dem Mann. Ich schätzte ihn auf Ende zwanzig. Seine unnatürlich geweiteten Augen verrieten namenlose Furcht.

„Er hat Sie gefoltert“, stellte ich fest.

Der Gequälte wollte sich auf den 'Fremdenlegionär' stürzen, aber ich hielt ihn zurück.

„Lassen Sie mich!“

„Er wird seine Strafe schon bekommen, da können Sie sicher sein“, erklärt ich ihm. Er wirkte ziemlich ungläubig.

Ich führte ihn zu der Couch, die auf der anderen Seite des Raumes stand. Er setzte sich. Während Rudi darauf achtete, dass der Festgenommene keine Dummheiten machte, griff ich zum Handy und sorgte telefonisch dafür, dass Verstärkung eintreffen würde. Sowohl die Kollegen der Schutzpolizei, als auch zusätzliche Kommissars unseres Präsidium. Einen Mann wie den mysteriösen 'Fremdenlegionär' einfach im Fond des Dienstporsche zu transportieren, war schlichtweg zu gefährlich. Einen Profi-Hitman von seinem Schlag durfte man nicht unterschätzen.

„Ich nehme nicht an, dass Sie wirklich Smith heißen“, sagte ich unterdessen zu dem Mann auf der Couch.

„Sie sind wirklich vom BKA?“

Ich zeigte ihm meine ID-Card. „Sie können uns vertrauen“, erklärte ich. „Und ich denke, es wäre nun an der Zeit alles auf den Tisch zu legen. Wirklich alles!“

„Mein Name ist Ortwin Lasker“, sagte er. „Und eigentlich hatte ich auch schon längst vor, mich bei Ihnen zu melden.“

„Aber Sie haben es leider nicht getan, sondern stattdessen nur versucht, Katja Marie Armsberg anzurufen.“

Er nickte. „Ja, das ist richtig. Geht es Katja gut?“

„Nein. Sie wurde umgebracht.“

Ortwin Lasker schluckte. „Das hatte ich schon befürchtet!“


*


Sehr viel später saß uns Ortwin Lasker in einem Verhörraum gegenüber. Er war zunächst ärztlich behandelt worden. Die Verletzungen, die der 'Fremdenlegionär' ihm zugefügt hatte, waren zwar schmerzhaft, aber nicht lebensbedrohend. Er wusste offenbar genau, wie man Informationen aus jemanden herauspresste. Die Verletzungen waren genauestens dokumentiert worden. Beim Prozess gegen den Hitman würden sie als wichtige Beweismittel dienen.

„Wo ist der Kerl jetzt?“, fragte Ortwin Lasker. Er schien jetzt noch Angst vor ihm zu haben. Ich konnte ihm das nicht verdenken.

„Er sitzt in einer unserer Gewahrsamszellen.“

„Haben Sie herausgefunden, wer er ist?“

„Noch nicht. Wissen Sie etwas mehr über ihn?“

„Nein. Nur, dass er ein paar Freunde von mir auf dem Gewissen hat.“

„Die alle zu diesem ALGO-CYBERMAFIA CLUB gehörten.“

„Vielleicht sollte ich mir erstmal einen Anwalt besorgen.“

„Vielleicht sollten Sie jetzt reinen Tisch machen, Herr Lasker. Erzählen Sie uns alles von Anfang an und so, dass wir die Zusammenhänge begreifen, die uns bisher noch nicht klar sind.“ Ich sah ihn an. Er erwiderte meinen Blick und wich ihm dann aus. „Wohin Sie Ihr Schweigen gebracht hat, sollten Sie doch inzwischen gemerkt haben. Und davon abgesehen verfolgen die Hintermänner dieses Killers einen Plan, den sie vermutlich noch nicht aufgegeben haben. Und wenn es wirklich zum Blackout kommt, dann wird man auch Sie dafür verantwortlich machen, wenn Sie jetzt schweigen.“

Ein Ruck ging durch Ortwin Lasker. Er schien ziemlich perplex zu sein.

„Woher wissen Sie...?“ Er brach ab.

Ich beugte mich vor. „Steckt noch jemand in der Sache drin? Dann sollten Sie auch das jetzt offenbaren. Vielleicht können wir denjenigen dann noch retten.“

„Aber Sie sagten doch, dass der Kerl in Ihrer Zelle sitzt?“

„Glauben Sie, die Leute, für die der Kerl arbeitet, hätten nicht notfalls einen Ersatzmann parat?“

Er schien noch innerlich zu kämpfen. Aber dann brach es schließlich aus ihm heraus. „Christoph wurde von einem Typen angesprochen, der einen verrückten Plan hatte und eine Menge Geld dafür bot, einen Crash der Stromversorgung herbeizuführen.“

„Und Christoph hat sie mit dazugenommen?“, fragte Rudi.

Ortwin Lasker drehte den Kopf in Richtung meines Kollegen und musterte ihn kurz abschätzig. „Sowas macht man nicht im Alleingang. Dazu braucht man schon etwas Hilfe. Selbst wenn man sich gut auskennt.“

„Katja Marie Armsberg, Christoph Morkowski, dieser Pellheim aus Potsdam... Fehlt noch jemand?“

„Norbert Gerolds“, murmelte Lasker. „Aber die Sache wurde uns zu heiß. Wir hatten uns da auf etwas eingelassen, was eine Nummer groß für uns war. Das Problem war nur, dass man uns nicht so einfach aufhören lassen wollte.“

„Was wissen Sie über den oder die Auftraggeber?“

„Ich bin ihm nie begegnet und ich glaube sonst auch niemand anderes von uns. Nur Christoph Morkowski hat ihn getroffen und er sollte dann die Leute dazuholen, von denn er meinte, dass sie die Richtigen seien.“

„Versuchen Sie sich genau an jede Einzelheit zu erinnern! Was wissen Sie über diesen mysteriösen Herr X – es war doch ein Mann, oder?“

Er nickte. „Ja. Wie gesagt, ich weiß nur, was Christoph mir erzählt hat.“

„Und das wäre?“

„Er hat sich mit ihm in einem Bistro getroffen.”

„Hier in Berlin?”

„Ja.”

„Fahren Sie fort!”

„Zuerst hat er sich über den Typ lustig gemacht, weil er so verflucht spießig angezogen war.“

„Wie genau?“

„Immer in Anzug und Krawatte. Als er mir zum ersten Mal von dem Typ erzählt hat, musste Christoph so lachen, wegen...“ Er sprach zunächst nicht weiter. Ein flüchtiges Lächeln erschien in seinem Gesicht und erstarb gleich wieder.

„Wegen was?“, hakte ich nach.

„Wegen der schwarzen Rose auf der Krawatte. Auf der roten Seidenkrawatte war eine schwarze Rose und Christoph meinte, das wäre der Gipfel der Spießigkeit.“

„Eine schwarze Rose auf roter Seidenkawatte?”, vergewisserte ich mich.

Das musste der Kerl sein, von dem der alte Mann gesprchen hatte.

„Ja. Ist das so wichtig?”

„Wissen Sie sonst noch etwas über den Kerl? Hat er irgendwelche äußerlichen Merkmale erwähnt? War er dünn oder dick, hatte er helles oder dunkles Haar?“

„Ich nehme an, sehr dünn.“

„Wieso nehmen Sie das an?“

Er zuckte mit den Schultern. „Weil Christoph einmal gesagt hat, dass sein Gesicht aussieht wie ein Totenschädel. Etwas noch Magereres gibt es ja wohl nicht.“

Rudi warf mir einen Blick zu. Einen Blick, der nichts anderes sagte als: Es hat keinen Sinn, Harry, er weiß nichts über den Kerl. Und vermutlich war das auch wirklich so. So sehr wir auch in seinen Erinnerungen herumbohrten, er war dem Kerl mit der schwarzen Rose auf der Krawatte schließlich nie begegnet. Zumindest, wenn man davon ausging, dass er uns die Wahrheit sagte.

„Ich will ehrlich sein“, fuhr er dann fort. „Sie wissen ja, dass ich einschlägig vorbestraft bin. Ich hätte es gemacht und mitgeholfen, einen halben Kontinent für eine Weile dunkel werden zu lassen. Aber irgendwie wurde die ganze Angelegenheit immer seltsamer. Wir glaubten zuerst schon, dass das alles nur eine verdeckte Operation des BKA oder eines Geheimdienstes wäre, um uns eine Falle zu stellen und uns als Terroristen zu entlarven.“

„Dafür, dass wir Ihr Leben gerettet haben, scheinen Sie aber eine ziemlich negative Meinung vom BKA zu haben, wenn Sie uns so etwas zutrauen“, stellte Rudi fest.

Ortwin Lasker wandte den Kopf in Rudis Richtung. „Vielleicht werde ich meine Haltung dazu bei Gelegenheit mal überdenken“, sagte er.

„Reden Sie weiter“, forderte ich ihn auf. „Diese Leute werden alles daran setzen, ihren Plan doch noch in die Tat umzusetzen. Vor allem, wenn es sich um fanatische Terroristen handeln sollte. Und falls es noch irgend jemanden aus Ihrem ruhmreichen ALGO-CYBERMAFIA CLUB geben sollte, der in der Sache irgendwie mit drinhängt, dann ist jetzt der richtige Zeitpunkt uns das zu sagen – denn dann können wir vielleicht noch dem einen oder anderen das Leben retten.“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, es gibt da keinen mehr, von dem Sie noch nicht wüssten.“

„Dann sind Sie und Norbert Gerolds die einzigen Überlebenden?“

„Ja. Wie geht es ihm übrigens?“

„Er hat auf einen unserer Leute geschossen und liegt jetzt schwerverletzt in der Gefängnisklinik. Bislang ist er nicht vernehmungsfähig.“

„Das klingt ja nicht besonders ermutigend“, meinte er sichtlich betroffen. „Ich kannte Norbert gut. Er war der erste der gesagt hat, dass wir aus der Nummer besser aussteigen sollten. Als er verschwunden war, dachten wir alle, er hätte irgendwelchen anderen Ärger, wie das bei ihm so üblich war. Christoph befürchtete schon, dass das ganze Geschäft mit diesen Unbekannten platzen könnte. Aber dann ging die erste Teilsumme auf einem Schweizer Konto ein und das hat die Bedenken dann erstmal hinweggefegt. Als wir dann tatsächlich uns dazu entschlossen haben auszusteigen, war es wohl schon viel zu spät. Da saßen wir bereits bis zum Hals drin.“

Wir redeten noch einige Zeit mit Ortwin Lasker, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass es nichts Wesentliches mehr an Informationen aus ihm herauszuholen gab.

„Sie waren ziemlich leichtsinnig“, sagte Rudi dann irgendwann einmal in eine von Laskers Antworten hinein.

„Wir hatten uns wohl etwas zu sehr auf Christoph verlassen“, antwortete er daraufhin.

Das machte mich stutzig. Mein Instinkt meldete sich sehr deutlich zu Wort. „Wie meinen Sie das“

Er verstand erst nicht, worauf ich hinaus wollte und sah mich mit einem Gesicht an, das nichts anderes als pures Unverständnis ausdrückte. „Wie jetzt?“

„Was für Vorkehrungen hat Christoph denn getroffen, damit Sie Ihren 'Geschäftspartnern' oder wie immer man das jetzt auch nennen mag, nicht ausgeliefert wären.“

Ortwin Lasker lehnte sich zurück. „Kann ich mal einen Kaffee haben?“

„Sicher.“

Rudi holte ihm einen Becher. Ortwin Lasker nippte daran und verzog das Gesicht. „Christoph sagte immer, dass diese Typen uns nichts könnten, denn für den Notfall hätte er nämlich ein paar sehr brisante Daten gespeichert. Und wenn irgendetwas schief gehen sollte, dann könnte er jederzeit dafür sorgen, dass diese Daten an die richtigen Stellen gelangen oder auch einfach nur frei im Netz veröffentlicht werden.“

„Was sollten das für Daten sein?“, fragte ich.

Ortwin Lasker zuckte mit den Schultern. „Ich glaube, Christoph wusste mehr über diesen Krawattenmann und seine Komplizen, als wir anderen alle zusammen. Und er hat auch mal angedeutet, dass er einiges über diese Leute herausgekriegt hat. Nur war das letztlich wohl eher das Todesurteil für uns, als das es uns etwas genutzt hätte. Ach ja, und noch was fällt mir gerade ein.“

„Und was?“

„Es betrifft diesen Mann mit der schwarzen Rose auf der Krawatte. Christoph hat erwähnt, dass er einen ziemlich bescheuerten Handyklingelton gehabt hätte.“

„Wie klang der?“

„Wie ein Gong oder sowas. Das meinte Christoph jedenfalls. Aber außergewöhnlich war es auf jeden Fall!“


*


Später saßen wir zusammen mit Walter Stein in unserem Dienstzimmer. Etwas später kam Ollie dazu. Er war bei dem Verhör des Killers dabei gewesen, von dem wir annahmen, dass er der 'Fremdenlegionär' war.

„Bislang schweigt der Kerl eisern“, berichtete uns Ollie. „Inzwischen ist sein Anwalt da.”

„Ich nehme an, dass der 'Fremdenlegionär' seine juristischen Möglichkeiten doch ziemlich überschätzt.“

„Sag das nicht, Ollie“, erwiderte ich. „So lange immer noch die Gefahr besteht, dass es jemandem gelingen könnte, durch einen Cyber-Angriff die Lichter ausgehen zu lassen, wird selbst der härteste Staatsanwalt gezwungenermaßen offene Ohren für den Kerl haben müssen.“

„Hm.”

„Kronzeugenregelung und so.”

„Dieser Kollege Heller und seine Leute versuchen derweil an dieses mysteriöse zweite Hacker-Team heranzukommen, das mutmaßlich engagiert worden ist, um den Blackout-Plan doch noch in die Tat umzusetzen“, erklärte Walter.

„Ich nehme an, die Erfolgsaussichten sind nicht besser geworden“, vermutete ich.

„Sie geben es nicht zu, aber ich denke, sie wissen, dass sie keine Chance haben. Dieses zweite Team könnte überall sitzen“, bestätigte Walter. „Hier in Berlin, aber auch in Hamburg, München oder sogar irgendwo im Ausland. Niemand weiß wann und wie sie zuschlagen oder ob sie vielleicht doch noch ein Jahr damit warten und bis dahin auf Tauchstation gehen.“

Ich sah in meinen leeren Kaffeebecher. „Mir geht nicht aus dem Kopf, was Ortwin Lasker gesagt hat“, meinte ich.

„Sprichst du von seinen Bemerkungen darüber, dass Christoph Morkowski angeblich irgendwo alles gespeichert hat, was er über die Auftraggeber herausbekam oder über die Sache mit dem dämlichen Klingelzeichen.“

„Was denn für ein Klingelzeichen?“, fragte Ollie.

„Ein Gong“, gab ich Auskunft.

„Oder sowas Ähnliches“, ergänzte Rudi. „Wenn einer erzählt, was ein anderer gehört haben will, weißt du doch, was dabei herauskommt, Harry! Zeugen sind das unsicherste Beweismittel überhaupt und Hörensagen ist nicht umsonst vor Gericht ein Einspruchsgrund gegen die Zulässigkeit einer Aussage.“

Ich zuckte mit den Schultern. „Kann ja sein. Aber dieser Kerl mit der schwarzen Rose auf der Krawatte hatte nunmal ein solches Klingelzeichen. Und das heißt, es muss irgendeine Bedeutung für ihn haben. Wo gibt es denn einen Gong? Oder...“

„Eine Glocke? Dann war es vielleicht ein Pfarrer und er hat die Glocke seiner Kirche als Klingelzeichen aufgenommen“, meinte Ollie. Aber er nahm das offensichtlich nicht so recht ernst. „Harry, das führt zu nichts.“

Er hatte Recht. Und doch beschäftigte mich der Gedanke daran. Diese Glocke musste für diesen mysteriösen Unbekannten einen Bedeutung haben. Und wenn wir darüber mehr gewusst hätten, wäre das ja vielleicht der direkte Weg gewesen, um ihm auf die Spur zu kommen.

„Die andere Frage, die ich mir stelle ist, wo Christoph Morkowski wohl sein Wissen über die Hintermänner dieser Cyber-Attacke gespeichert hat“, sagte ich.

„Harry, sein Rechner ist entwendet worden“, gab Rudi zu bedenken. „Und unsere Kollegen vom Erkennungsdienst haben in seiner Wohnung wirklich jeden Quadratzentimeter genaustens unter die Lupe genommen. Da war nichts mehr.“

„Wie wäre es mit einem Datenspeicher im Netz? Irgendein Emailfach oder so etwas“, lautete Walters Lösung. „Allerdings kommen wir da natürlich nicht dran.“

„Wir nicht, aber jemand, der über ähnliche Fähigkeiten und genauso wenig Skrupel verfügt, wie es bei Christoph Morkowski der Fall gewesen ist, würde sich auch dort einhacken“, war ich überzeugt.

„Wenn du eine andere Idee hast, bitte raus damit, Harry!“, forderte Rudi. „Ich wette, dass Herr Hoch in diesem Fall sofort einen Durchsuchungsbeschluss erwirken könnte.“

Mein Handy klingelte. Ich nahm das Gespräch entgegen. „Das war die Gefängnisklinik“, sagte ich wenige Augenblicke später, nachdem ich das Gespräch beendet hatte. „Herr Gerolds ist vernehmungsfähig.“

„Dann sollten wir mal mit ihm reden“, schlug Rudi vor.


*


Wir machten uns auf den Weg zur JVA. Unterwegs hatte Rudi den Bildschirm unseres Bordrechners aktiviert und sah sich den Livestream eines lokalen Nachrichtensenders an. Es hatte offenbar Probleme in einem Umspannwerk in dem nur einen Katzensprung von Berlin entfernt in Brandenburg gelegenen Ort gegeben. Die Folge war ein lokaler Stromausfall. Etwa hunderttausend Bewohner waren für die nächsten Stunden ohne Energieversorgung. Ein Sprecher des Versorgungsunternehmens und der lokale Bürgermeister wurden interviewt und beide versprachen, dass dieses Problem innerhalb kürzester Zeit gelöst sei.

„Ist das schon die erste Stufe des großen Crashs oder einfach nur ein Stromausfall, wie er immer mal wieder vorkommen kann?“, fragte Rudi.

„Das wird sich herausstellen“, erwiderte ich. „Früher oder später jedenfalls.“

Die Reporterin stellte ziemlich bohrend die Frage, weshalb das Umspannwerk von zahlenmäßig ungewöhnlich starken Polizeikräften abgeriegelt worden sei.

„Ich darf Sie beruhigen, es besteht kein Anlass zu der Annahme, dass ein terroristischer Anschlag vorliegt“, erklärte der Bürgermeister, bei dem ich mich fragte, ob sein Gesicht immer so blass war oder er sich nur in diesem Augenblick einfach nicht wohl in seiner Haut fühlte.

„Schon eigenartig, wenn ein Politiker eine Frage beantwortet, die niemand gestellt hat“, sagte Rudi.

Wir riefen im Präsidium an.

Kriminaldirektor Hoch war am Apparat. „Ich bin auch gerade erst darüber informiert worden“, sagte unser Chef. „Allerdings weiß ich noch keine Einzelheiten. Unser Kollege Heller ist vor Ort. Es ist durchaus möglich, dass es schon zu spät ist, und die Cyber-Attacke längst begonnen hat.“

Noch während Kriminaldirektor Hoch sprach, liefen im Hintegrund die Nachrichten des Livestreams weiter. Ich hörte einen Gong. Oder eine Glocke. Ein kurzer Seitenblick zum Bildschirm und ich sah, worum es ging.

Die Frankfurter Börse hatte geschlossen. Die Schlussglocke war zu hören. Im nächsten Moment kommentierte ein Reporter den Tag auf dem Parkett.

Wir erreichten die erste Sicherheitskontrolle der JVA. Ich ließ das Fenster herunter und reichte meine ID-Card hinaus. Aber der Klang der Schlussglocke ging mir ebenso wenig aus dem Kopf wie das, was ich über einen etwas exzentrischen Handy-Klingelton gehört hatte.


*


Als wir Norbert Gerolds Krankenzimmer betraten, wirkte er schwach. Seine Stimme klang sehr leise.

„Hören Sie, ich wusste nicht, dass der Mann, der da plötzlich im Haus stand, ein Kollege von Ihnen war...“, murmelte er. „Ich hatte einfach nur große Angst und dachte, das wäre einer von 'denen'.“

„Ja, so viel haben wir uns inzwischen auch schon zusammengereimt“, erwiderte ich.

„Wie geht es Ihrem Kollegen? Man hat mir gesagt, ich hätte ihn übel getroffen!“

„Er ist über den Berg, Herr Gerolds.“

Rudi zeigte ihm auf dem Smartphone eines der Bilder, die wir inzwischen von dem 'Fremdenlegionär' gemacht hatten. „Haben Sie diesen Mann schonmal gesehen?“

„Ja. Der war auch hinter mir her. Ich habe ihn aber abhängen können. Zumindest dachte ich das.“

Ich brachte ihn in ein paar knappen Sätzen auf den Stand der Dinge. „Es ist sinnlos, wenn Sie abzustreiten versuchen, dass Sie in diesem Plan, eine Cyber-Attacke auf die Energieversorgung durchzuführen, drinhängen. Jetzt geht es darum, das Schlimmste zu verhindern und dabei sind wir auf jede Hilfe angewiesen.“

Er nickte. „Ich stehe Ihnen zur Verfügung“, erklärte er. „Kommt natürlich darauf an, was für mich dabei herausspringt.“

„Ihr Angriff auf einen BKA-Kommissar ist eine objektive Tatsache, Herr Gerolds. Daran kommt kein Staatsanwalt vorbei. Allerdings ist noch sehr viel Spielraum in der Bewertung gegeben. Wenn wir Davon ausgehen, dass das tatsächlich ein Versehen war, dann...“

„...will ich das erst schriftlich!“

„...sollten Sie das durch Ihr jetziges Verhalten uns gegenüber dokumentieren. Das wird jedem Ankläger die Entscheidung zu Ihren Gunsten erleichtern.“

„Aber...“

„Mehr kann ich Ihnen im Moment nicht anbieten. Aber wenn Sie jetzt warten und irgend etwas zurückhalten, dann geht das garantiert zu Ihren Lasten.“

„Zumal Sie damit rechnen müssen, dass Ihre Angelegenheit in jedem Fall nicht einfach auf dem Schreibtisch eines einfachen Staatsanwalts geregelt wird“, ergänzte Rudi. „Sie müssen damit rechnen, dass der Generalbundesanwalt entscheidet, den Fall an sich zu ziehen!“

„Ich bin doch kein Terrorist!”

„Das ist Ansichtssache.”

Gerolds schluckte. „Okay, fragen Sie“, forderte er uns auf. „Was immer Sie wollen.“

„Christoph Morkowski soll irgendwo an belastendes Material über die Auftraggeber dieser Attacke gelangt sein.“

„Davon habe ich auch gehört“, erklärte Gerolds. „Darum meinte er ja auch, dass uns nichts passieren könnte. Christoph war so, er ging immer auf Nummer sicher und davon abgesehen war er einfach der Beste.“

„Der Beste – was meinen Sie damit?“

„Naja, es gab kein System, in das er nicht hineinkam. Das war übrigens auch einer der Gründe, weshalb es Probleme mit seiner Freundin gab?“

„Sie sprechen von Katja Marie Armsberg?“

„Ja.“

„Und was waren das für Probleme?“

„Er hatte ihr Handy gehackt und sie überwacht. Die war ihm absolut treu, da bin ich mir sicher, aber Christoph, dieser Idiot, wollte auf Nummer sicher gehen. Da hat's dann gekracht. Aber nur kurz. Die beiden konnten nicht voneinander lassen. Jedenfalls nicht auf Dauer.“

„Die Frage ist, wo Christoph diese Daten über seinen Auftraggeber...“

„... vielleicht auch nur über einen Mittelsmann“, unterbrach mich Gerolds. „Wie soll man wissen, ob der Kerl mit dem Christoph Kontakt hatte, tatsächlich das Ende der Fahnenstange war oder ob da noch ein ganz Großer im Hintergrund steht.“

„Wie auch immer. Wo sind die Daten?“

„Ich nehme an, Handy, Notebook und alles andere, worauf man etwas speichern könnte, sind weg!“

Ich nickte. „Die Wohnung wurde restlos auf den Kopf gestellt. Hatte er vielleicht ein Schließfach oder so etwas?“

„Zu unsicher.“

„Wieso?“

„In den Computer einer Bank kommen Sie doch nun wirklich ziemlich leicht rein. Und wenn Sie nicht irgendwelche Konten leerräumen, sondern nur die Liste der Zugangsberechtigten zu einem Schließfach ändern, fällt das niemandem auf, wenn Sie es richtig machen. Noch einfacher ist allerdings, Sie tauchen da mit einem gefälschten Erbschein auf und behaupten, der Betreffende ist tot. Denn bei den Behörden sind die Sicherheitsvorkehrungen im EDV-Bereich noch sehr viel laxer.“

„Sie kennen sich ja aus“, murmelte Rudi.

„Also er hat mir mal gesagt, das Sicherste wäre, ein ausgelagerter Rechner, zu dem man jederzeit Zugang hat – und zwar 'körperlich', wenn Sie verstehen, was ich meine!“

„Noch nicht so ganz“, gab ich zu.

„Naja, Sie können doch auch einen fremden Rechner fernsteuern, wenn Sie wollen und wenn Sie es hinbekommen, dort irgendwelche Schadsoftware aufzuspielen. Aber wenn Ihre Gegner sehr gut sind, dann führt am Ende doch irgendeine verräterische Datenspur zu Ihnen. Aber wenn Sie mit einem guten alten Datenspeicher, zum Rechner eines völlig Fremden gehen, mit dem Sie sich nach Möglichkeit keine Emails schreiben oder sonst irgendeinen Online-Kontakt haben, dann ziehen Sie Ihr Material einfach auf dessen Rechner und lassen es dort liegen. Sie müssen jetzt nur eine Gelegenheit finden, es wieder abzuholen, wenn Sie es brauchen.“

„Klingt logisch“, meinte ich und kam ins Grübeln.

„Also wenn Christoph irgendeine feste Anstellung gehabt hätte, würde ich ja annehmen, dass er den Firmenrechner dafür verwendet hat“, erklärte Gerolds.

„Ich denke, da gibt es noch jemand anderen“, stellte ich fest.


*


Ralf Brackmann schaute uns ziemlich verwundert an, als er uns seine Wohnungstür öffnete. „Sie kommen ungünstig“, sagte er. „Ich habe gerade jemanden hier, der mir für lau den Computer fertig macht und der muss jetzt...“

„Der Computer ist beschlagnahmt“, sagte ich.

„Wie?“ Er sah mich an, als wäre ich ein Außerirdischer.

Während Rudi ihm den entsprechenden gerichtlichen Beschluss zeigte, den Kriminaldirektor Hoch für uns eingeholt hatte, drängte ich mich an ihm vorbei.

Als ich das Zimmer erreichte, in dem der Rechner stand, traf ich auf einen Jungen mit hochgegelten Haaren. Er trug ein Sweatshirt, das ihm mindestens drei Nummern zu groß war. Ich schätzte sein Alter auf höchstens 13 oder 14 – aber da kann man sich leicht vertun.

Der Junge hatte bereits das Außengehäuse des Computers aufgeschraubt. Ich zeigte ihm meinen Ausweis. „Kommissar Harry Kubinke, BKA“, sagte sich. „Der Rechner...“

„...ist beschlagnahmt. Ich habe schon gehört, was Sie auf dem Flur gesagt haben.“

„Wie heißt du?“

„Eric Dollhoff. Ich wohne hier im Haus und Herr Brackmann hat mich gefragt, ob ich ihm seinen Rechner in Ordnung bringen kann.“

„Und du kriegst gar nichts dafür?“

„Ein paar alte Spiele, die er nicht mehr braucht. Ich wäre auch fast fertig gewesen. Da ist irgendeine Schadsoftware aufgespielt worden, die dafür sorgt, dass das System lahmgelegt wird.“

„Sowas hatten wir uns schon gedacht“, meinte ich.


*


Wir brachten Ralf Brackmanns Rechner ins Präsidium. Er war natürlich alles andere als begeistert von der Aussicht, jetzt erst einmal ohne Computer dazustehen. Schließlich war nicht gesagt, wann er das Gerät zurückbekommen würde.

Florian Heller war eingetroffen und außerdem noch Devid Nolendorff, ein Computerspezialist der Abteilung Kriminaltechnische Untersuchung, mit dem wir auch in der Vergangenheit immer wieder mal zu tun gehabt hatten.

Unsere Vermutung stellte sich schon bald als richtig heraus. „Christoph Morkowski hat diesen Rechner offenbar als ausgelagerte Festplatte missbraucht“, meinte Kommissar Heller.

„Und die Schadsoftware hat er wahrscheinlich aufgespielt, damit er in mehr oder minder regelmäßigen Abständen an den Rechner kommt – angeblich, um ihn wieder in Ordnung zu bringen“, stellte ich fest.

„Ziemlich raffiniert. Ich wette dieser Brackmann ist auch noch dankbar dafür gewesen, dass ihm jemand aus der Patsche hilft, wenn sein Rechner mal wieder verrückt gespielt hat“, meldete sich Nolendorff zu Wort. „Die Schadsoftware ist übrigens ziemlich harmlos. Aber sie sorgt für dramatische Effekte, die jeden Computernutzer schier verzweifeln lassen kann. Es läuft nichts mehr, wenn man nicht weiß, was man tun muss.“

„Und die Daten?“, fragte Rudi.

„Haben wir gleich“, versprach Devid Nontonrino.

Der Datensatz, den die beiden fanden, war natürlich verschlüsselt. Aber für Heller und Nolendorff war es keine Schwierigkeit, sie mit Hilfe eines Dechiffriereprogramms umzuwandeln.

„Hier ist eine Nummernfolge“, stellte Heller fest.

„Könnte das die Nummer eine Smartphones sein“, fragte ich.

„Gut möglich, wie kommen Sie darauf?“, wunderte sich Kommissar Heller.

„Norbert Gerolds hat ausgesagt, dass es eine von Christophs Spezialitäten war, Smartphones zu manipulieren. Er hat unter anderem seine Freundin ausspioniert und überwacht, wo sie sich aufhielt.“

„Das hat er hier wohl auch getan“, vermutete Heller. „Fragt sich nur, was an dem Inhaber dieser Mobilfunknummer so wichtig war...“

„Wetten wir, dass der Krawatten mit einer schwarzen Rose trägt und außerdem einen glockenartigen Klingelton eingerichtet hat?“

„Willst du dich jetzt als Hellseher versuchen, Harry?“, fragte Devid Nolendorff.

Ich lächelte dünn. „Es würde mich nicht wundern, wenn er irgend etwas mit der Börse zu tun hat! Ein Börsenmakler vielleicht oder jemand aus der Finanzbranche zumindest. Und der muss ständig erreichbar sein und kann sein Mobiltelefon Tag und Nacht nicht abschalten.“

„Wie praktisch, wenn man ihn überwachen will“, meinte Rudi.


*


Der Mann, zu dem das Mobiltelefon gehörte, hieß Frank Hammelbacher. Ihm gehörte ein halbes Dutzend Firmen, deren Tätigkeiten sich allesamt um Geldanlage, Verwaltung von Aktiendepots und Fond-Vermögen und Consulting drehten. Auf seiner Homepage konnte man sein v-förmiges Gesicht sehen – und wenn man ganz genau hinsah, sogar die eingestickte schwarze Rose an seiner Krawatte.

Christoph Morkowski hatte den kompletten Mailverkehr der letzten Monate von diesem Hammelbacher abgespeichert.

„Da werden wir wohl etwas länger brauchen, bis wir das alles ausgewertet haben“, meinte Walter Stein.

Aber das, was schon bei oberflächlicher Prüfung zu finden war, reichte vollkommen aus.

Es war bereits dunkel, als wir durch das Lichtermeer des Großraum Berlin fuhren, um Hammelbacher festzunehmen. Dank seines Mobiltelefons war es keine Schwierigkeit für uns, seinen Aufenthaltsort zu bestimmen. So, wie Christoph Morkowski es auch getan hatte.

Hammelbacher hielt sich demnach in einem Restaurant mit der Bezeichnung „Dritte Jahreszeit“ auf. Es befand sich in einem ehemaligen Industriebau.

„Haben Sie einen Tisch bestellt?“, fragte uns der Kellner. „Oder werden Sie erwartet?“

„Ich glaube kaum“, antwortete Rudi und zeigte ihm daraufhin die ID-Card des BKA. „Aber Herr Hammelbacher wird uns trotzdem empfangen müssen.“

Ich gab Hammelbachers Nummer in sein Handy ein, als wir zu seinem Tisch gingen. Daraufhin war ein Klingelton zu hören, der mir bekannt vorkam. Es glich tatsächlich der Schlussglocke der Börse.

Hammelbacher ging an den Apparat. „Ja, was gibt es?“, fragte er etwas mürrisch, aber in der Zwischenzeit waren wir längst bei seinem Tisch aufgetaucht. Zwei Männer und eine Frau hatten bei ihm Platz genommen. Sie hatten uns bereits bemerkt, als Hammelbacher noch glaubte, dass er gerade einen wichtigen Anruf bekam.

„Herr Frank Hammelbacher?“

„Ja? Was wollen Sie?“

„Kommissar Harry Kubinke, BKA. Sie sind wegen des Verdachts, einen terroristischen Anschlag und mehrere Morde in Auftrag gegeben zu haben, verhaftet.“

„Was fällt Ihnen...?“

Bevor Hammelbacher unter die Jacke greifen konnte, bog Rudi ihm den Arm nach hinten. Er legte ihm Handschellen an. Ich holte eine schlanke 22er unter seiner Jacke hervor.

Ich wandte mich an die anderen am Tisch. „Sie werden als Zeugen vernommen werden – und zwar jetzt gleich im Präsidium.“

„Wir haben wichtige Termine“, sagte der Korpulente.

„Ich werde unsere Anwälte verständigen“, erklärte die Frau und wollte zu ihrem Mobiltelefon greifen.

„Vielleicht ist das keine schlechte Idee“, sagte ich. „Zumindest dann, wenn Sie glauben, dass Sie durch Ihre Zusammenarbeit mit Herr Hammelbacher in Kürze rechtlichen Beistand benötigen werden.“

„Das wird Konsequenzen haben“, knurrte Hammelbacher.

„Für Sie – wie ich hoffe“, erwiderte ich. „Sie haben im übrigen das Recht zu schweigen. Falls Sie von diesem Recht keinen Gebrauch machen, kann und und wird alles gegen Sie verwendet, was Sie von nun an sagen. Und vielleicht sind Sie klug genug zu reden, denn bei uns sitzt ein gedungener Killer in der Zelle, der es sich gut überlegen wird, ob er nicht doch noch vor Ihnen auspackt!“


*


Die drei Personen am Tisch, die wir als Zeugen vernehmen würden, waren Geschäftspartner von Frank Hammelbacher. In wie fern sie in die Pläne eingeweiht gewesen waren, musste sich herausstellen. Unser Kollege Detlef L. Richards, der Spezialist für betriebswirtschaftliche Fragen war, kümmerte sich darum, die Verflechtungen und Geldströme im Einzelnen nach und nach zu analysieren.

Zu Hammelbachers Privatwohnung im Süden Berlins schickten wir ein Team von Erkennungsdienstlern und außerdem die Kollegen Kalle Brandenburg und Hansi Morell. Ein anderes Team nahm sich die Geschäftsräume vor.

Für uns hatte jetzt eines absolute Priorität: Wir mussten das zweite Hacker-Team finden, von dem wir vermuteten, dass es damit beschäftigt war, die Cyber-Attacke doch noch durchzuführen.

Hammelbacher bestand natürlich auf der Anwesenheit eines Anwalts. Und so war auf unserer Seite auch eine Vertreterin der Staatsanwaltschaft dabei, als wir Hammelbacher befragten.

„Sie wollen also allen Ernstes behaupten, mein Mandant hätte ein Hacker-Team damit beauftragt, halb Europa dunkel werden zu lassen und anschließend einem Killer den Auftrag gegeben, dieses Team nach und nach umzubringen, als dessen Mitglieder für meinen Mandanten ein Sicherheitsrisiko darzustellen begannen.“

„Ja, so kann man es zusammenfassen“, sagte ich. „Allerdings sind wir überzeugt davon, dass der Plan nicht aufgegeben wurde, sondern fortbesteht und jemand anderes damit beauftragt wurde, ihn in die Tat umzusetzen.“

„Das sind haltlose Unterstellungen, Herr Kubinke! Dieser Berufskiller, den Sie festgenommen haben, sagt doch jetzt wahrscheinlich alles Mögliche, nur um den Kopf aus der Schlinge zu ziehen und einen Teil der Schuld auf andere abzuladen! Ich glaube kaum, dass Richter und Schöffen darauf anspringen werden. Und davon abgesehen – worin sollte das Motiv für meinen Mandanten bestehen, dafür zu sorgen, dass bei uns die Lichter ausgehen? Er ist weder ein islamistischer Terrorist noch haben Sie nachweisen können, dass er Kontakte zu ausländischen Geheimdiensten unterhält, die vielleicht ein Interesse daran haben könnten, uns zu schaden.“

„In dieser Richtung haben wir auch zunächst lange das Motiv für diesen Plan gesucht“, sagte Rudi. „Aber es hat sich in dieser Hinsicht nichts ergeben. Nicht einmal der kleinste Hinweis.“

„Na, eben!“, erwiderte der Anwalt. Er hieß Arthur Brökers und vertrat eine der renommiertesten Kanzleien von Berlin. Er machte seinen Job sicherlich gut, aber in diesem Fall würde er seinen Mandanten wohl nicht vor einer Verurteilung bewahren können.

Ich wandte mich direkt an Hammelbacher. „Sie werden noch Gelegenheit dazu bekommen, zumindest Ihrem Anwalt gegenüber reinen Wein einzuschenken, Herr Hammelbacher. Christoph Morkowski, der Mann, dem Sie zuerst den Auftrag gaben, ein Team für diese Cyber-Attacke zu bilden, hat Sie nach Strich und Faden ausspioniert. Er hat Ihr Mobiltelefon gehackt, ist an Ihre Email-Accounts herangekommen und es liegen uns so viel Beweise für Ihre Urheberschaft an dem Plan vor, dass sich damit eine richtig dicke Anklageschrift füllen lässt!“

„Ein schönes Märchen, Herr Kubinke“, erwiderte Hammelbacher. „Wie mein Anwalt schon sagte, können Sie mir keine Verbindungen zu irgendwelchen...“

„Was passiert, wenn es zu einem Blackout dieses Ausmaßes kommt, bei dem ein terroristischer Hintergrund vermutet wird?“, unterbrach ich ihn. „Ungefähr dasselbe wie nach dem 11. September: Die Börsenkurse gehen massiv in den Keller. Dem Blackout folgt der Börsencrash. Aber das wird sich legen – und jemand der weiß, dass das alles nichts weiter als ein durch Auftrags-Hacker herbeigeführtes Ereignis ist, hinter dem keineswegs eine terroristische Bedrohung oder eine fremde Macht stehen, der kann wie bei einem Insider-Geschäft anschließend astronomische Gewinne machen, wenn die Kurse wieder hoch gehen!“

„Sie vergessen nur eins, Kubinke. Wenn es tatsächlich nirgendwo Strom gibt, dann gibt es auch keinen Handel auf dem Parkett! Ohne Elektronik läuft da nichts!“

„Ich bin überzeugt davon, dass die Börse zu den ersten Orten gehören wird, die nach einem derartigen Blackout wieder Energie hätte“, mischte sich Rudi ein.

„Die Informationen, die dieser Christoph Morkowski gesammelt hat, wurden illegal erlangt“, stellte der Anwalt fest. „Ich werde darauf drängen, dass sie als Beweis vor Gericht nicht zugelassen werden.“

„Sie sollten das Material erst einmal prüfen“, erwiderte ich. „Davon abgesehen, hat nur Christoph Morkowski es auf illegale Weise erworben, wir aber keineswegs. Und die Verwendung von Kommunikation unter Kriminellen ist zulässig, das wissen Sie! Davon abgesehen, ist es auch nur eine Frage der Zeit, wann einer der anderen Beteiligten aussagen wird. Entweder der Killer – oder die Personen, von denen wir auf Grund gewisser Finanzbewegungen annehmen, dass sie sich an dem Geschäft beteiligen wollten und denen die Sache früher oder später zu heiß werden wird.“

„Ich schlage vor, dass ich mich mit meinem Mandanten beraten werde“, sagte der Anwalt.

„Warten Sie nicht zu lange mit Ihrer Entscheidung“, warnte ich ihn. „Wenn dieses zweite Hacker-Team immer noch aktiv sein sollte und dann plötzlich die Lichter ausgehen, wird man das Herrn Hammelbacher anrechnen!“


*


Frank Hammelbacher war anscheinend ein Taktiker. Er schien zu glauben, dass er diese Situation vielleicht noch juristisch zu seinen Gunsten ausnutzen und mehr für sich herausholen konnte, wenn er zögerte.

Zudem hätte er dann natürlich zugeben müssen, tatsächlich der Urheber des Plans gewesen zu sein. Anscheinend schien er doch eher auf die Hoffnung zu setzen, dass die von uns gesicherten Beweismittel aus dem eine oder anderen Grund vielleicht vor Gericht ausgeschlossen werden würden – oder er war einfach nur juristisch schlecht beraten.

„Das Dumme ist nur, dass wir ohne Hammelbachers Mithilfe so gut wie keine Chance haben, das zweite Hacker-Team zu finden“, meinte Kriminaldirektor Hoch, als wir später in seinem Büro platznahmen. „Wir wissen nicht einmal, ob dieses Team wirklich noch aktiv ist.“

„Jedenfalls hatte Hammelbacher keine Gelegenheit, seine Handlanger zurückzupfeifen“, gab Rudi zu bedenken.

„Selbst das wäre keine Garantie dafür, dass sie nicht einfach auf eigene Faust weitermachen“, glaubte Kriminaldirektor Hoch. „Christoph Morkowski ist ja schließlich auch dahintergekommen, aus welchem Motiv heraus er und seine Freunde angeheuert wurden. Da könnten bei dem einen oder anderen durchaus die Euro-Zeichen in den Augen aufblinken und man zieht den Plan einfach allein durch.“

„Und verschiebt ihn vermutlich, sobald in den Medien bekannt ist, weswegen wir Hammelbacher festgenommen haben“, vermutete ich.

Kriminaldirektor Hoch nickte. „Wir müssen dieses Team finden! Unbedingt! Allerdings fürchte ich, dass Kollege Heller und seine Helfer was das betrifft mehr oder minder auf verlorenem Posten stehen.“

„Dann läuft alles auf Hammelbachers Aussage hinaus“, sagte Rudi.

„Er wäre ja nicht der Einzige, der sich bewegen könnte“, gab ich zu bedenken. „Es gibt da doch schließlich noch jemanden, der im Zweifel noch viel mehr zu verlieren hat.“

*


Am nächsten Tag zeigte sich ein anderer Akteur in diesem Fall entscheidungsfreudiger. Der sogenannte 'Fremdenlegionär' entschied sich dazu, sein Schweigen zu brechen.

Unser Verhörspezialist Manuel Schneyder rief uns dazu, als das entscheidende Gespräch stattfand. Ein Anwalt und ein Vertreter der Staatsanwaltschaft waren ebenfalls dabei.

Sein wahrer Name war Ulrich Zellweg. Er war ursprünglich Schweizer, diente tatsächlich fünf Jahre in der französischen Fremdenlegion und hatte an verschiedenen Kampfeinsätzen in aller Welt teilgenommen, bevor er sich in Deutschland unter dem Namen Claas Ferris niedergelassen und seine ersten Aufträge als Hitman angenommen hatte.

In seiner Aussage ging es natürlich zunächst mal darum, Frank Hammelbacher als Auftraggeber der Morde an Christoph Morkowski und seinen Freunden zu belasten.

Die Aussagen dazu waren sehr überzeugend. Frank Hammelbacher würde sich vor Gericht warm anziehen müssen. Das ganze war natürlich mit einem umfangreichen Geständnis von Zellweg verbunden, was die Morde betraf.

„Ich wette, dass Sie auch das zweite Hacker-Team suchen“, grinste Zellweg.

„Was wissen Sie darüber?“, fragte unser Kollege Manuel Schneyder.

„Ich würde sagen, was ich bisher ausgepackt habe, entspricht der Vereinbarung, die ich mit der Staatsanwaltschaft getroffen habe. Alles weitere wird extra berechnet!“

Zellweg wandte sich an Herrn Gardino, den Vertreter der Staatsanwaltschaft.

„Ich will, dass die Kronzeugenregelung angewendet wird“, verlangte Zellweg.

„Sie denken wirklich, mit einer Handvoll Morde möglichst billig davon zu kommen?“, brauste Gardino auf.

„Fragen Sie in einem Jahr mal all die Leute, die Ihre Jobs verloren haben, weil die Wirtschaft nach dem großen Crash erstmal ein paar Monate in den Keller gegangen ist, ob es das nicht vielleicht doch wert gewesen wäre“, erwiderte Zellweg.

Sein Vorstoß war offenbar nicht mit seinem Anwalt abgesprochen gewesen, denn der sah ziemlich überrascht aus. Aber er war Profi genug, um sich schnell genug auf die neue Situation einzustellen. „Mein Mandant verlangt ja keine Immunität für diese Morde, sondern nur, dass beim Strafmaß etwas herauskommt, was für ihn noch akzeptabel ist“, erklärte er. An einem Urteil, dass >Lebenslang< hieß, kam der Killer wohl kaum vorbei. Was der Anwalt mit seinem Vorstoß meinte war wohl, dass er sich für seinen Mandanten Hoffnungen machte, dass alles abgewendet werden konnte, was eine Aussetzung der lebenslangen Haft nach frühestens 15 Jahren prinzipiell verhinderte. Sicherheitsverwahrung, Feststellung der besonderen Schwere der Schuld und dergleichen mehr. Der Anwalt fuhr fort: „Und Angesichts der doch ziemlich erheblichen Gegenleistung, die er dafür erbringt, sollten Sie sich das überlegen.“

Gardinos Augen wurden schmal. „Das werde ich erst mit meinem Vorgesetzten besprechen müssen“, sagte er.

„Das wird in der Tat das Beste sein“, nickte der Anwalt.

Gardino verließ für ein paar Minuten den Raum. Als er zurückkehrte, nickte er nur. Es gab also grünes Licht.

„Dann reden Sie, Herr Zellweg“, verlangte Manuel Schneyder.

„Ich habe von jedem dieser Burschen ein Dossier gekriegt. Sobald die Sache über die Bühne gegangen wäre, hätte ich sie ausknipsen sollen. Zur Sicherheit.“

„Dann wissen Sie auch, wann die Cyber-Attacke durchgeführt werden sollte?“

„Nein. Ich hätte vorher eine Nachricht von Hammelbacher bekommen, um mich darauf einzustellen. Aber wenn überall die Lichter aus sind, sind das ideale Arbeitsbedingungen, wenn Sie verstehen, was ich meine!“


*


Wir fuhren los. Zellweg hatte die Dossiers in einem Schließfach deponiert. Den Schlüssel dazu hatte Zellweg in seiner Gürteltasche bei sich getragen, als wir ihn festgenommen hatten. Nur hatte diesen Schlüssel bisher niemand zuordnen können.

Wir öffneten die Dossiers noch an Ort und Stelle. Dabei trugen wir zwar Latex-Handschuhe, um keine Spuren zu vernichten – aber in diesem Fall war das zweitrangig. Telefonisch gaben wir die enthaltenen Namen und Adressen durch. Es waren insgesamt fünf Personen, die über ganz Berlin verstreut wohnten.

Bei einem gewissen Gregor Hilmar war ein handschriftlicher Zusatz auf dem Foto. LEADER stand dort in krakeligen Großbuchstaben.

Hilmar war offensichtlich der Anführer des zweiten Teams – und Zellweg hätte ihn zuerst umgebracht, damit es keinerlei Spuren gab, die zu den Hintermännern der Cyber-Attacke führen konnten.

Wir fuhren zu seiner Adresse. Während der Fahrt sorgte Rudi mit dem Handscanner unseres Bordrechners dafür, dass die Fotos ans Präsidium geschickt wurden. Schließlich sollten die Kollegen sicher sein, dass sie die richtigen festnahmen.

Hilmar bewohnte eine drei Zimmer-Wohnung im zweiten Stock eines fünfgeschossigen GründerzeitHauses. Sicherheitsvorkehrungen, wie sie in Berlin üblich waren, gab es hier nicht. Keine Security Guards, keine elektronischen Schlösser und keine Überwachungskameras. Aber das war Hilmar vielleicht auch lieber so.

Wir standen vor seiner Wohnungstür, aber niemand öffnete.

Rudi trat die Tür ein, ich stürzte mit der Waffe im Anschlag hinein. „BKA! Keine Bewegung!“

Ich drang bis zum Wohnzimmer vor. Rudi überprüfte Küche und Bad. Aber es war niemand zu Hause. Auch nicht in den angrenzenden Räumen.

Ich sah mich um. Es gab mehrere Computer mit gewaltigen Flachbildschirmen. Die stellten jetzt wichtiges Beweismaterial dar.

Rudi deutete auf eine Dose Cola auf dem Wohnzimmertisch. Sie stand neben einer geöffneten und halb leer gegessenen Tüte Chips.

„Sieht nicht aus, als wäre Herr Hilmar unbekannt verzogen“, meinte Rudi.

In den Schränken im Schlafzimmer war seine Kleidung.

Ich verständigte das Präsidium. Die Wohnung musste genau unter die Lupe genommen werden. Bevor wir sie verließen, sorgten wir dafür, dass sie versiegelt wurde.

Eine ältere Frau sah uns dabei zu. „Was machen Sie da eigentlich?“, fragte sie.

„Meier, BKA“, wandte sich Rudi an sie und zeigte ihr dabei seine Ausweis. „Und wer sind Sie?“

„Ich wohne auch hier und habe mich über den Lärm gewundert.“

„Wir suchen Herrn Hilmar. Haben Sie eine Ahnung, wo er steckt?“

„Beim Job – wo sonst!“

„Was ist das für ein Job?“, fragte ich.

„Also bis vor kurzem hatte er glaube ich gar keine Arbeit. Der war immer zu Hause und ich habe mich schon gefragt, woher der eigentlich genug Geld hatte, um sich seinen Wagen zu leisten. Ich kenne mich mit Autos zwar nicht so aus, aber der Wagen, den er fährt, sieht teuer aus.“

„Und jetzt hat er einen Job?“

Sie nannte einen Namen.

„Einer der größten Berliner Energieversorger“, murmelte ich.

„Er meinte, man sollte hier im Haus dringend den Anbieter wechseln, weil es sehr viel günstigere Angebote gäbe! Ich habe davon keine Ahnung – aber Herr Hilmar müsste eigentlich jeden Augenblick zurück sein. Was wollen Sie denn von ihm?“


*


Ein Mann war gerade aus dem Lift gekommen. Er blieb stehen. Er trug einen Overall mit dem typischen Logo des Energieversorgers.

Als er den Kopf hob, sah ich, dass es Hilmar war. Er sah uns an und schien zu ahnen, dass unsere Anwesenheit etwas mit ihm zu tun hatte.

„Herr Hilmar! Bleiben Sie stehen! BKA!“, rief Rudi und zog sofort die Dienstwaffe.

Hilmars Erstarrung löste sich.

Er lief sofort los.

Den Lift konnte er nicht benutzen, denn es gab nur eine Aufzugskabine und die war schon wieder auf dem Weg. Er versuchte, zum Treppenhaus zu gelangen und hetzte die Stufen hinunter.

Rudi folgte ihm.

Als Hilmar den ersten Treppenabsatz erreicht hatte, war seine Flucht zu Ende. Rudi stellte ihn. Hilmar blickte in den Lauf seiner SIG Sauer 226. „Keine falsche Bewegung! Sie sind verhaftet!“

Hilmar atmete schwer. Der Spurt bis hierher hatte ihm offenbar schwer zugesetzt. Er rang nach Luft und konnte im ersten Moment kaum etwas sagen.


*


Ungefähr zur gleichen Zeit, als wir Hilmar verhafteten, wurden auch dessen Komplizen des sogenannten zweiten Teams von unseren Kollegen festgenommen.

Auf Hilmars Rechner befand sich eine Schadsoftware, die er zusammen mit den anderen entwickelt hatte und die dafür sorgen sollte, dass Frank Hammelbachers Plan, durch einen großangelegten Stromausfall ein Vermögen zu ergaunern, doch noch in die Tat umgesetzt würde.

Um diese Schadprogramme einzubringen hatte er den einfachsten Weg gewählt, der möglich war.

Ein Job bei einem großen Energieversorger. Zwar musste Hilmar nur Stromzähler ablesen, aber auch diese Daten mussten irgendwo in das EDV-System des Energieversorgers eingelesen werden. Und genau dort hatte Hilmar eine Schwachstelle gesehen, durch die man dieses Programm einschleusen konnte.

Unser Kollege Florian Heller und seine Leute führten daraufhin umfangreiche Untersuchungen an den Computernetzwerken des Unternehmens durch.

Es stellte sich heraus, dass der Cyber-Angriff tatsächlich schon erfolgt war.

Die Datenbombe war scharf gestellt und hätte jederzeit explodieren können.

„Hilmar und sein Team belasten sich jetzt gegenseitig“, berichtete uns Kriminaldirektor Hoch, kurz bevor wir uns zum Haftprüfungstermin von Harry Zellweg aufmachten.

„So werden nach und nach alle Details des Plans ans Tageslicht kommen“, meinte Rudi.

„Inzwischen wissen wir, dass die Schadprogramme bereits bei zwei anderen Firmen ins System eingebracht wurden“, fuhr Kriminaldirektor Hoch fort. „Soweit mir Kollege Heller das erklärt hat, würde schon der Komplettausfall eines einzigen großen Versorgers ausreichen, um eine Kettenreaktion auszulösen, die dann alle anderen mit in den Abgrund reißt.“

„Aber dazu wird es ja nun wohl nicht kommen“, sagte ich.

„Aber es war verdammt knapp“, stellte unser Chef klar. „Und das Schlimme ist, dass es jederzeit wieder geschehen kann... Sie haben jedenfalls gute Arbeit geleistet.“

„Danke“, sagte ich.

Kriminaldirektor Hoch sah auf die Uhr. „Sie sollten pünktlich sein, wenn Sie den Termin einhalten wollen!“

Die Medien hatten inzwischen ausführlich über Zellwegs Fall berichtet und entsprechend groß war das öffentliche Interesse nun daran.

„Dann werden wir uns mal besser auf den Weg machen“, meinte Rudi.

„Tun Sie das.“

„Sie lassen sich das entgehen, Herr Hoch?“

„Im Gegensatz zu Ihnen stehe ich nicht auf der Liste der Personen, die im Rahmen dieses Termins befragt werden sollen“, sagte Kriminaldirektor Hoch. „Und davon abgesehen sind mir Leute, die für Geld töten, einfach zuwider.“

Bevor wir das Bundesgebäude verließen, gingen wir noch kurz zu dem Dienstzimmer, das Rudi und ich uns teilten, um unsere Jacke zu holen.

Ein Teil der Beleuchtung funktionierte nicht.

„Das ist jetzt aber nicht der Anfang vom großen Crash“, sagte Rudi.

„Könnte ja durchaus sein, dass doch irgendeine Kopie von Hilmars Schadprogramm ans Ziel gekommen ist“, gab ich zurück.

Rudi grinste. „Ich glaube in diesem Fall eher an den ganz normalen Verschleiß von Leuchtstoffröhren.“

Wenige Augenblicke bekam ich eine Nachricht auf mein Smartphone.

>Ein alter Mann fühlt sich jetzt etwas sicherer<, stand da.

Rudi hatte die Nachricht auch bekommen.

„Glaubst du, er ist das wirklich?”

„Wer sonst, Rudi?”


ENDE










Volpe und der Fall des Capitano Nero


Zwei Kriminalnovellen von Meinhard-Wilhelm Schulz


Der Umfang dieses Buchs entspricht 138 Taschenbuchseiten.


In Venedig macht ein Wahnsinniger von sich reden. Nacht für Nacht zieht er los, um Büsten des italienischen Nationalhelden Garibaldi zu zerschmettern. Anfangs kann Commissario di Fusco darüber nur lachen. Aber dann geschieht über den Trümmern einer dieser Skulpturen ein grausiger Mord, und weil di Fusco mit seinem Latein am Ende ist, zieht er Privatdetektiv Volpe zu, der sich mit der üblichen Intelligenz des verzwickten Falles annimmt, in dem es neben Millionen auch noch um eine schlagkräftige schöne Frau von Ein Meter Neunzig Größe geht … und auch in der zweiten Erzählung kommt es auf der Insel Torcello zu einem spektakulären Mord. Ein Mann wird in seiner Gartenhütte an die Wand gespießt. Di Fusco macht sich auf die Suche nach dem Mörder und kommt nicht weiter. Also bittet er seinen Freund Volpe um Unterstützung. Und wieder zieht eine sehr große Dame, die sich als Profiboxerin über Wasser hält, die Strippen, bis es Volpe gelingt, die düsteren Geheimnisse der Vergangenheit zu lüften.


Dieses Buch enthält die beiden Novellen:

Meinhard-Wilhelm Schulz: Volpe und der Garibaldi-Hasser von Venedig

Meinhard-Wilhelm Schulz: Volpe und der Fall des Capitano Nero



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Motive von Pixabay mit Steve Mayer, 2019

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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Volpe und der Garibaldi-Hasser von Venedig

Kriminalnovelle von Meinhard-Wilhelm Schulz



Hauptpersonen:

Dr. med. Sergiu Petrescu: ich, der Erzähler

Giuseppe Tartini ‚Volpe‘: Privatdetektiv; mein Freund

Ambrosio di Fusco: Commissario Tenente der Carabinieri

Giulio Marcello: Commissario Capitano der Carabinieri, sein Chef

Teodore Franceschini: Inhaber eines Trödler-Ladens

Medico Dottore Alfredo Tedesco: ein Chirurg

Alberto Scimmia (‚Affe‘): Reporter des Corriere della Sera

Salvatore Biondi: Besitzer einer Manufaktur für Skulpturen

Flavilla Alberti, genannt Fiametta: Arbeiterin in Marghera

Teodoro Francescani: Andenken und Antiquitätenhändler

Carlo Andreotti: Andenken-Händler am Campo S. Stefano

Marcantonio Farinelli: Käufer einer Garibaldi-Büste

1. Teil: Vorbemerkungen des Dr. Sergiu Petrescu

Geliebter Leser (m/w/d), dass ich ein rumäniendeutscher Italiener bin, der als Arzt im Adria-Badeort Jesolo praktiziert und mit dem venezianischen Privatdetektiv Giuseppe Tartini befreundet bin, den man einerseits seines schulterlangen roten Haares, andererseits auch seiner pfiffigen Methoden wegen ‚Volpe‘, auf deutsch: ‚Fuchs oder Schlaumeier‘, nennt, habe ich kürzlich in meinem Büchlein ‚Volpe und der Frauenmörder von Venedig‘ so ausführlich dargelegt, dass es hier keiner Wiederholung bedarf. Andernfalls sollten mich meine Freunde aus Griechenland davor warnen, ‚Eulen nach Athen zu tragen‘.



2. Teil: Dr. Sergiu Petrescu besucht seinen Freund ‚Volpe‘

Es war ein verregneter Novembertag des Jahres 2019. Die deutschen Touristen hatten Jesolo längst verlassen, und mit ihnen war mir eine meiner lukrativsten Einnahmequellen abhanden gekommen, denn die Einwohner der Landzunge, die vor der großen Lagune liegt, sind ein zu gesunder Menschenschlag, um einen Arzt auf Dauer ernähren zu können.

Daher nahm ich den zurzeit nur noch in größeren Abständen fahrenden Bus, um bis an die Spitze der Halbinsel zu fahren, die ihre Fortsetzung im berühmten ‚Lido‘ von Venedig findet. Der Ort heißt ‚Punta Sabbioni‘ und ist Anlegestelle der Vaporetti, die den Freund der Lagunenstadt in kurzer Zeit zur ‚Riva degli Schiavoni‘ schippern, von wo aus, Seufzerbrücke und Dogenpalast zur Rechten, der berühmte Markusplatz binnen weniger Minuten zu Fuß zu erreichen ist.

Nach stürmischer Überfahrt durch Regenböen und Nebelfetzen stieg ich an ‚San Zacccharia Jolanda‘ aus und überlegte, ob ich mir den strapaziösen Marsch zur Volpes Wohnung zumuten sollte, auch wenn ich eigens zu diesem Zweck ein Paar dicke Socken und halbhohe sportliche Stiefel über die klammen Füße gestreift hatte.

Wie der geneigte Leser (m/w/d) sich hoffentlich noch erinnert, haust mein Freund an der Südseite eines bemerkenswert schönen, aber von den Touristen weniger heimgesuchten Platz, dem ‚Campo SS. Giovanni e Paolo‘. Sein kleiner Palazzo steht unmittelbar an der Einmündung der ‚Calle di Cavallo‘ (Gasse des Pferdes). So kann Volpe aus dem Nordfenster heraus das Reiter-Monument des Colleoni erblicken, in Bronze gegossen von Verocchio, welches in meinen Augen neben dem ‚Mark Aurel‘ zu Rom das schönste seiner Gattung überhaupt darstellt.

Da ein Fußmarsch gesund ist, wollte ich mich schon auf die Socken machen, als ich mit Schrecken bemerkte, dass ich den nagelneuen Regenschirm auf dem Vaporetto, der inzwischen das Weite gesucht hatte und im Grau in Grau des Novembers untertauchte, liegen gelassen hatte. (An mir sind gleich mehrere zerstreute Professoren verloren gegangen.)

Also winkte ich einem der zahlreichen, unbeschäftigt herumlungernden Wassertaxifahrer und ließ mich, vom hochgeklappten Verdeck vor dem Regen geschützt, nordwärts durch den ‚Rio dei Greci‘ (Griechenkanal) und seine Fortsetzung, den ‚Rio di S. Lorenzo‘, am ‚Palazzo Cappello‘ vorüber und dann unmittelbar nach links in den ‚Rio di S. Giovanni‘ fahren, wo ich mich an der Einmündung der ‚Calle di Cavallo‘ absetzen ließ.

Nachdem ich den Fahrpreis bezahlt hatte, legte ich im Sturmschritt, durch den peitschenden Regen hindurch, die noch verbleibenden 50 Meter zu Volpes Haus zurück.

Als ich ganz außer Atem ins Wohnzimmer eintrat, geleitet von seinem Butler und Koch Giovanni, lümmelte sich mein Freund, in eine baumwollene Decke gewickelt, gerade missmutig im geliebten Korbsessel und schlürfte ein heißes Getränk, während im Kamin ein paar dicke Scheite glommen. Ansonsten verschwamm das unbeleuchtete Zimmer im Halbdunkel des trüben Tages.

Ich grüßte ihn betont und gespielt fröhlich, obwohl mir anders zumute war. Er aber war zu faul, sich zu erheben, antwortete nur mit Kopfnicken und kurzem Grunzen, während seine Rechte mit fahriger Bewegung auf den Sessel zeigte, der an seiner Seite stand. Ich ließ mich aufseufzend hinein fallen, legte den Kopf auf die hohe Lehne und streckte ihm die Füße entgegen.

Giovanni brachte eilends einen Pott fast kochend heißen Zitronentee, den ich bei solchen Unbilden der Witterung liebe. Ich räusperte mich. Volpe hob den Kopf ein paar Zentimeter in die Höhe, streifte sich die wirren roten Strähnen aus dem Gesicht, sah aus glasigen Augen zu mir herüber, gähnte, ohne die Hand vorzuhalten und sprach dann teuflisch grinsend:

»Dottore, du hast deinen nagelneuen Schirm auf dem Vaporetto liegen lassen, zerstreuter Herr Professor und bist per Taxi hierher gekommen, und das im frisch aus der Reinigung geholten Zweireiher. Ferner sehe ich dir an, über alles geliebter Sergiu, dass du wieder einmal einen meiner unbedeutenden Fälle digitalisiert hast und jetzt willst, dass ich deine Ergüsse lese, um dich über den grünen Klee zu loben. Kritik verträgst du bekanntlich nicht, sehr zu meinem Leidwesen.

Meines Erachtens hast du nämlich leider die Eigenschaft, alles dramatisch aufzupolieren und allzu geheimnisvoll zu tun, statt eine wissenschaftliche Studie daraus zu machen, deren Lektüre für jeden unserer Commissari nützlich wäre.

Bevor ich mich daher mit der Lektüre abplacke, nein, bevor du mir deine Story vorliest, mein Lieber, denn zum selber Lesen fehlt mir die Lust, verrate mir, warum du heute deine hübsche kleine private Sauna aufgesucht hast, in welcher wir neulich unsere kostbare Freizeit vergeudet haben, nur weil du meintest, das wäre der Gesundheit förderlich.

Ich denke, mein Lieber, du hast dir bei unserem Novemberwetter einen kleinen Schnupfen eingefangen.«

»Ich … äh … ja, du hast vollkommen recht, ich wollte mir die Erkältung, die mir das herbstlich kühle Wetter beschert hat, aus den Gliedern schwitzen. Das ist ein uraltes Rezept, immer noch das beste, was man bei Schnupfen, Husten, Heiserkeit tun kann. Doch woher weißt du, dass ich dazu …«

»Man sieht es dir zweifellos an, dass du dir heute ein Heißluftbad gegönnt hast.«

»Woran?«

»An deinen Schuhen. Gewiss hast du sie noch nicht lange.«

»Quatsch keine Opern! Hältst du mich für blöd? Ich pflege nackt und damit barfuß in der Sauna zu hocken, wie das alle anderen vernünftigen Leute auch tun. Ich glaube, du hast sie nicht alle.«

Volpe kicherte unverschämt und legte dabei die Fingerspitzen aufeinander. Dazu hielt er den Kopf so schief, dass ihm seine feuerfarbene Mähne einseitig aufs Schlüsselbein herunter floss. Ich starrte auf die Sportstiefel hinab, die ich heute trug und konnte nichts Verräterisches an ihnen entdecken. Verärgert runzelte ich die Augenbrauen und sah ihn wütend an. Volpe kicherte sekundenlang unverschämt, um schließlich zu sagen:

»Also, mein Bester, es war so: Nachdem du dich dem Schwitzen unterworfen hattest, war die Glut deines Körpers im Nu wieder verflogen, kaum dass du die Glut der Sauna verlassen hattest. Heute ist es kühl. Es fröstelte dir, wie das bei Erkältungskrankheiten vorkommt.

Aus diesem kühlen Grunde hast du dir die Klamotten über den klammen Körper gestreift und dich an deinen mir bestens bekannten Kamin gehockt. Dabei hast du deine funkelnagelneuen Schuhe (dass sie kaum benutzt sind, sind ja jeder Blinde) auf den ehernen Rand gestellt, so nahe wie möglich an die Glut der glimmenden Scheite, denn du Ärmster hattest mittlerweile auch noch kalte Füße bekommen.«

»Da könnte man ja glauben, du wärest dabei gewesen.«

»Das zwar nicht, aber ich kenne deine Behausung und Gewohnheiten. Bis vor wenigen Augenblicken habe ich selbst übrigens noch im Bett gelegen und Gott einen guten Mann sein lassen, bei diesem Sauwetter …«

»Aber … aber … woher denn sonst … und der offene Kamin?«

»Mein lieber Freund, die immer noch kaum verschlissenen Sohlen deiner Stiefel sind ganz vorne ein klein Bisschen angesengt. Sie haben winzige schwarze Flecken. Das ist schon alles.«

»Und ich dachte schon, wunder was für ein Genie du wärst«, knurrte ich, »und doch war alles leicht zu erkennen …«

»Das hat man davon, wenn man, hihihi, seine Perlen vor die, äh, entschuldige! Säue wirft.«

»Jetzt wirst du frech. Aber das zweite Rätsel kann ich ohne deine Hilfe lösen, das mit dem Schirm. Giovanni hat es dir verraten.«

»Hast du das, Giovanni?«

»No, no, Signore, gewiss nicht. So etwas würde ich dem Dottore doch nicht antun.«

»Siehst du!«

»Vielleicht deshalb, weil ich vom Regen durchweicht hergekommen bin, was mir mit Schirm nicht widerfahren wäre.«

»Auch das nicht. Du bist trocken wie die afrikanische Wüste. Naturgemäß hast du dich von einem Taxi fahren und an der ‚Calle di Cavallo‘ absetzen lassen. Sie verläuft exakt nordsüdlich. Indem du dann wie verrückt an den westlichen Fassaden der geschlossenen Häuserreihe entlang gerannt bist, obwohl an dir gewiss kein Sportler verloren gegangen ist, flog der stürmisch von West nach Ost herein peitschende Regen glatt über dich hinweg. Mann Gottes, wie schlau du warst; mein Kompliment!«

»Gut. Mit dem Regen hast du recht. Woher weißt du aber, dass ich gerannt bin?«

»Deine Lungen arbeiteten wie ein Blasebalg, als du hier einschneitest. Der Atem geht dir immer noch zu schnell, mein Bester. Du solltest dir zu Trainingszwecken endlich ein Laufband anschaffen, um dich auf Vordermann zu trimmen.«

»Gut, verstehe, logisch. So etwas hätte sogar ich bemerkt. Aber das mit dem vergessenen Regenschirm, dem außerdem nagelneuen, hast du frei erfunden. Dies kannst du unmöglich wissen, obwohl es stimmt, und der gottverfluchte gottverdammte Vaporetto-Capitano, möge er zur Hölle fahren, hatte bereits abgelegt, als ich es bemerkte.«

»Fluche nicht, Sergiu, das steht dir nicht! ‚Grau, teurer Freund, ist alle Theorie und grün des Lebens goldener Baum‘, wie dein alter Freund Goethe sagen würde, denn dass der Schirm neu war und du ihn auf dem Schiff vergessen hast, liegt auf der Hand.«

»Ich wüsste nicht, warum.«

»Oh, ihr Götter! Warum bist du so begriffsstutzig! Vor zwei drei Tagen waren wir am Lido unterwegs, in Erinnerung an die Plätze, wo fünf Jahre lang, Juli für Juli, eine Frauenleiche angespült worden war, bis unsere neueste Freundin, die Commissaria Debora, dem Spuk ein Ende bereitete.

Ein gar garstiger Wind wehte und es regnete Hunde und Katzen. Ich steckte bestens geschützt im Südwester. Du dagegen warst wie üblich im feinen Anzug und stemmtest den Schirm gegen die himmlischen Fluten, bis ihn eine plötzliche Böe umdrehte. „Mein Gott, das war mein einziger“, jammertest du und stecktest ihn in einen Abfallkorb.«

»Ja, ich weiß. Bis auf die Haut wurde ich nass und plage mich seitdem mit dem Schnupfen herum. Damit hast du aber noch längst nicht gesagt, warum ich den neuen Schirm auf dem Vaporetto liegen ließ.«

»Dazu bedurfte es nur einer Minderheit der kleinen grauen Zellen, mein Lieber. Du steckst mal wieder im feinen Anzug, im selben wie bei unseren ungastlichen Lido-Besuch. Daraus ergibt sich, dass er in der Reinigung war. Da du aber mit dem Bus nach der Punta Sabbioni zu fahren pflegst und die nächste Bushaltestelle hundert Meter von deiner Praxis entfernt zu finden ist, ergibt sich, dass du beim heutigen Dauerregen einen neuen Schirm schützend über dir und dem frisch gereinigten Anzug aufgespannt hast.«

»Und woher weißt du, dass ich ihn auf dem Schiff vergessen habe und per Wassertaxi hergekommen bin?«

»Nun, zum einen kommst du gewöhnlich zu Fuß hierher, was du für gesund hältst. Dass du das vorhattest, beweisen die Sportstiefel, die zu deinem Zweireiher passen wie die Faust aufs blaue Auge. Da du den Schirm aber verloren hattest, musstest du das Taxi nehmen, wie der trockene Zustand beweist, in welchem du bei mir einschneitest.«

»Das nehme ich dir nicht ab. Unter dem Schirm wäre ich ebenfalls trockenen Fußes hierher marschiert.«

»Nicht bei diesem Wind, mein Bester. Mindestens bis zur Höhe deiner Knie wärst du nass geworden.«

»Ich geben mich geschlagen«, sagte ich und fummelte nervös in der Westentasche herum.

»Na dann zaubere schon den Stick hervor und lies mir dein wunderschönes neuestes Werk vor, das du dem Garibaldi-Hasser gewidmet hast. Wie lieblich ist es doch, dass du unseren Nationalhelden magst. Hier ist mein Tablet. Ich bin ganz Ohr.«

»Woher willst du wissen, was ich drauf gespeichert habe und Giuseppe Garibaldi verehre?«

»Weil sich zunächst deine Blicke auf die vergoldete Büste unseres Freiheitshelden dort drüben auf dem Sims an der Wand verirrten, dieses prächtigen Mannes mit Vollbart und Schlapphut. Vergreife dich mal bloß nicht an ihm. Das Kunstwerk ist aus feinstem Porzellan und echt vergoldet, keines der billigen Imitate aus Ton, wie sie der vermeintlich Verrückte zerschmetterte.

Ja und dann? Dann hast du deine rechte Hand in der linken Westentasche verschwinden lassen. Ein Lächeln ging über dein Gesicht, und du warst ein zufriedener Mensch.

Auch wenn du ein rumänisch deutscher Italiener bist, wird dich die patriotische Begeisterung nicht unberührt gelassen haben, die dem aus Argentinien in die Heimat zurückgekehrten Metzger bis heute entgegen brandet.

Weil aber den Verbrechern in diesen unseren verregneten Tagen die Lust am Übeltun vergangen ist, was man ihnen nicht verdenken kann, will ich deinen salbungsvollen Ergüssen mit Geduld und Spucke lauschen. So stöpsele denn deinen Stick in die zugehörige Steckdose und lies mir vor, was du über den ‚Garibaldi-Hasser‘ aufgezeichnet hast.«

Ich zuckte mit den Achseln. Vor Volpes Adlerblick bleibt eben nichts verborgen. Unverdrossen las ihm dann meinen Bericht über das groteske Drama eines, wie es schien, wahnsinnigen Mannes vor, den sein Hass auf Giuseppe Garibaldi (18071882) grausige Verbrechen verüben ließ.

Den Kopf auf der runde hohen Lehne, über der sich feurig seine Mähne ausbreitete, die Augen fest geschlossen und die Fingerspitzen aufeinander gelegt, die langen dürren Beine mir lässig entgegen gestreckt, hörte mein Kumpel mir zu.



3. Teil: Das Drama des Mannes, der Garibaldi hasste.

Gelegentlich leistete uns der Commissario Tenente (Leutnant) di Fusco Gesellschaft, wenn wir abends in den Korbsesseln hingen, um das Leben zu genießen. Volpe freute sich, wenn er uns besuchte, denn auf diese Weise war er stets über die derzeit laufenden Kriminalfälle im Bilde. Umgekehrt war es für den Tenente von Vorteil, Meinung und Rat des Freundes einzuholen.

Eines Tages, im Juli des Jahres 2017, als wir wieder einmal beisammen saßen, um zu speisen, wollte unser Gespräch nicht über so banale Dinge wie das Wetter hinaus kommen.

Eine scheußliche Hitzewelle hatte Venedig nämlich im Griff und die engen verwinkelten Kanäle, durch die ich mich sonst so genüsslich rudern lasse, verströmten faulige Luft.

Schließlich verstummte unser Gast vollends und widmete sich nur noch dem Mahle. Was es gab, habe ich leider vergessen. Mein Freund jedenfalls blickte forschend zu ihm hinüber, nahm einen tiefen Schluck aus dem Glas und sagte schließlich:

»Gar nichts mehr los an der Verbrecherfront? Nicht mal ein klitzekleiner Mord?«

»Im Grunde … eigentlich … äh … tatsächlich zurzeit nichts Besonderes. Ein paar Verrückte nur. Ein Tourist hat beispielsweise versucht, dem Markusdom nur im Slip einen Besuch abzustatten und ein paar Männer aus Norwegen wollten unbedingt im Canal Grande nackend schwimmen. Wir haben ihnen allesamt ein erkleckliches Sümmchen abgeknöpft. Tut der Gemeindekasse gut. Sonst gab‘s leider nichts von Belang.«

»Aha, nichts Besonderes. Na schön, dann erzähle uns, was es gerade an auffällig nichts Besonderem gibt.«

Der Tenente musste schallend lachen:

»Wunderschön, mein lieber Volpe, wie du das sagst. Gerne will ich zugeben, dass ich mir über diese urkomische Sache schon Gedanken gemacht habe. Aber die Chose ist so verrückt, ein solcher Schwachsinn, dass ich dich damit nicht behelligen wollte. Eher ein Fall für unseren Dottore, nein, eher für einen Irrenarzt.

Aber auch wenn die Vorfälle beklopft erscheinen, wie ein übler Scherz, so ist doch etwas Skurriles dran. Und weil ich ja weiß, wie sehr du dich für Abwegiges interessierst, wollte ich dir schon davon berichten, obwohl es sich um nichts anderes als das lächerliche Wüten eines leider Gottes immer noch frei herumlaufenden Geistesgestörten handelt.«

»Ach, es geht hier also nur um einen Akt von Wahnsinn, der, wie Shakespeare sagt, ‚Methode hat‘«, mischte ich mich ein.

»Ganz meiner Meinung. Ein Irrer macht von sich reden, der jetzt noch, ungefähr hundertvierzig Jahre nach seinem Tode, einen dergestalt glühenden Hass auf unseren Giuseppe Garibaldi hat, so dass er jede Büste dieses Vorkämpfers unserer Nation, die er aufspürt, kurz und klein schlägt.«

Volpe stöhnte und seufzte jämmerlich:

»Nein, nein, da hast du recht, das ist kein Fall für einen Detektiv sondern für den Psychiater.«

»Höchstens in einer Hinsicht, denke ich«, knurrte Ambrosio.

»Und das wäre?«

»Dieser komische Kauz schreckt nicht einmal davor zurück, in die Häuser unseres schönen Venedigs einzubrechen, um dort sein Werk fortzusetzen. In diesem Fall sind wir Carabinieri zuständig, und der Capitano meint, ich solle ihm schleunigst das Handwerk legen. Dabei darf ich auf die Hilfe der mir zugeordneten Commissaria Debora Rainone rechnen, du weißt schon, die Zuckerpuppe, die kürzlich im Fall des Lido-Mörders Beachtliches geleistet hat und ums Haar mit dem Leben bezahlt hätte.«

»Was!?«, schrie Volpe, zu neuem Leben erwacht, »der Idiot begeht tatsächlich Einbruch, um Garibaldi-Büsten zu zerschmettern? Das gibt es doch nicht. Hat er etwa etwas gegen Kitsch? Venedig ist voller Kunst und Kitsch, und wenn die Touristen bei uns wie die Heuschrecken einfallen, hat der Kitsch die Oberhand. Hihihi, der Fall gewinnt Konturen. Kannst du uns mit ein paar Einzelheiten aufwarten?«

Der Tenente Commissario holte umständlich sein Tablet aus der uralten, ihm seit eh und je unzertrennlich begleitenden Ledertasche und fuhr es hoch, um auf die dort verzeichneten Notizen gestützt fogenden Vortrag zu halten:

»Der erste Vorfall dieser Art, der auf meinem Schreibtisch landete, ereignete sich vor vier Tagen. In der ‚Calle dell‘ Orso‘ (Bärengasse), unmittelbar hinter dem ‚Fondaco dei Tedeschi‘ (Kaufhaus der Deutschen) und gar nicht weit von der Rialtobrücke entfernt, liegt der Andenken und Kramladen des Teodoro Francescani, kenntlich gemacht durch die lustig gemeinte Blockschrift über dem Schaufenster: IL VECCHIO ABRAHAM.

Er und sein junger Angestellter sind meistens damit beschäftigt, alle möglichen Kopien wie kleine Rialtobrücken oder nachgeahmte Skulpturen an den Mann zu bringen.

Am angegebenen Tag ist der Inhaber unterwegs, um aus einer Keramik-Werkstatt in Mestre oder Marghera Nachschub zu holen, nur der Mitarbeiter im Laden ist anwesend. Der muss mal und verzieht sich aufs Häuschen mit Herz, um sich zu erleichtern. Er hat dabei vergessen, den Laden abzuschließen.

Als er auf dem Rückweg ist und, wie er behaupte, den Ohrwurm vom alten ‚Trödler Abraham‘ singt, diesen Song aus bella Germania, hört er ein lautes hässliches Krachen.

Er sprintet in den Laden zurück. Ein Vermummter rennt ihn über den Haufen, stürzt sich auf die von Touristen verstopfte Calle, um in der Menge unterzutauchen.

Der überrumpelte Angestellte überkugelt sich zweimal und rappelt sich dann mühsam wieder auf. Er blutet aus einer Platzwunde am Kopf und kreischt wie wahnsinnig um Hilfe.

Bis sich beim allgemeinen Gedränge zwei unserer Carabinieri an den Schauplatz des scheinbaren Vandalismus zwängen, vergehen kostbare Minuten. Dann endlich ist die Streife da, um den Verkäufer nach der Person des Flüchtigen zu befragen. Aber der Gute ist dergestalt geschockt, dass er keinerlei Angaben zu ihm machen kann, abgesehen davon, dass er an oder um die 1, 90 Meter groß und verdammt kräftig sei.

Dann erst überschaut er den Schaden, findet eine aus Gips gefertigte lebensecht bemalte Garibaldi-Büste an der hinteren Wand des Ladens zerschmettert vor und lacht sich halbtot. Es handelt sich nämlich nur um ein Serienprodukt, das knapp zehn Euro wert ist, während die wertvolleren marmornen Werke wie eine köstliche Nachbildung der Venus von Milo oder des neapolitanischen Hercules unversehrt geblieben sind.

Es handelte sich übrigens um die letzte von mehreren bereits verkauften Garibaldi, sagt der junge Spund und atmete erleichtert auf, denn der Schaden, den er durch seine Unachtsamkeit verursacht hat, ist gering.

Schließlich kommt sei Chef, Signore Francescani, zurück und besieht sich den Scherbenhaufen. Da der Verlust von lächerlich geringem Ausmaß ist, verzeiht er dem Verkäufer seine Unvorsichtigkeit und verzichtet sogar darauf, dass dieser die Kosten übernimmt. Soweit zur scheinbaren Komödie.

Die zu Hilfe geeilten Carabinieri aber meldeten diesen vermeintlichen Bubenstreich nicht einmal oben bei uns auf der Stadtwache oder erstatteten irgendeine Anzeige. Gegen wen auch? Wäre es bei dem einmaligen Anschlag auf unseren Nationalhelden geblieben, hätte ich gar nichts davon mitgekriegt. Da das Zerschmettern aber weiter ging, mussten sie mich schließlich auch über den ersten Vorfall informieren.«

Volpe rieb sich vergnügt die Hände und kicherte verhalten. Der Tenente fuhr fort:

»Lieber Dottore, sicher kennst du deinen Kollegen, den Medico Dottore Alfredo Tedesco, der westlich der Rialtobrücke in der ‚Calle del Storione‘ seine Praxis betreibt, kaum dreihundert Meter von genanntem Andenken-Laden entfernt«

»Gewiss kenne ich ihn. Wir sind uns begegnet, wenn ich ihm Patienten zur Behandlung überwies. Er ist Facharzt für Chirurgie, nicht mein Metier. Im Erdgeschoss hat er das Sprechzimmer, oben den Raum für ambulante Operationen.«

»Ganz genau, Dottore«, sagte di Fusco, »und es geht bei ihm so munter zu wie im Taubenschlag, so viele Patienten hat er. Er wohnt übrigens in einer netten kleinen Wohnung am Lido, mit Blick auf die Adria, auch wenn er keine einzige der sechs Fraueneichen entdeckte, denn er liebt frische Luft.

In der stickigen Altstadt hat er nur sein Sprechzimmer und die kleine Chirurgie liegen. Dieser Dottore Medico ist bekennendes Mitglied der ‚Forza Italia‘ und BerlusconiFan; somit von Natur aus Bewunderer des guten alten Garibaldi. Von und über diesen sammelt er alle möglichen Schriften und Bildnisse und kann gar nicht genug davon kriegen.

Vor fünf Tagen, also kurz vor dem ersten zerstörerischen Wüten des verrückten Unbekannten, kaufte er im nahe gelegenen Laden IL VECCHIO ABRAHAM gleich drei bunt bemalte Gipsabgüsse des Freischärlers, so gut gefielen sie ihm. Die eine Büste stellte er im Sprechzimmer auf; die anderen beiden links und rechts, oben im Saal der Chirurgie.

Als er heute Morgen aus dem Wassertaxi stieg, um die Praxis aufzuschließen, erwartete ihn eine Überraschung. Jemand hatte in der Stille der Nacht die Tür ausgehebelt und war in die heiligen Räume des Medico Chirurgo eingedrungen.

Wie verrückt rannte Dottore Tedesco im Sprechzimmer und den zugehörigen Nebenräumen herum, um zu sehen, was gestohlen war, aber nichts, rein gar nichts, fehlte. Der genannte Garibaldi freilich war zerschmettert worden und lag in Trümmern auf dem Fußboden verstreut.«

Volpe strahlte jetzt über das ganze Gesicht und rieb sich erneut die Hände, bevor er sorgsam die Fingerspitzen aufeinander legte und auf seine perfekt geschliffenen Nägel schaute. Dazu krähte er vergnügt:

»Köstlich, einfach köstlich, und dieser Wahnsinn hat tatsächlich Methode! Ist ganz nach meinem Geschmack!«

Ambrosio lachte nicht und sagte mit erster Miene:

»Ich dachte es mir, dass dir die Sache gefallen würde, aber es geht noch weiter. Ich bin längst noch nicht am Ende.

Als der Medico Chirurgo die Treppe hinauf in die Chirurgie bewältigt hatte, fand er auch seinen zweiten und dritten Garibaldi in Scherben vor, während ein marmornes Portrait von Papst Pius XII. unversehrt war. Das ist der Beweis dafür, dass der Täter aus purem Hass handelt und kein Dieb oder Vandale ist.

So, lieber Volpe, liegen die Dinge, und wir von den Carabinieri besitzen nicht die geringsten Hinweise auf den Verrückten.«

»Waren die zerstörten Büsten des Dottore Chirurgo identisch mit derjenigen, die der Schuft im Laden des Signore Francescani zerstörte?«, fragte Volpe den Tenente jetzt.

»Gewiss, mein Freund! Es waren jedes Mal, wie es scheint, lebensecht bunt bemalte Abgüsse des Helden, ganz nach einem der erhaltenen Portraits gestaltet, die mit ein und derselben Form hergestellt worden waren.«

Volpe schüttelte missbilligend den roten Schopf und meinte:

»Genau das spräche aber dagegen, dass der Täter einen allgemeinen Garibaldi-Hass auslebt, denn wenn man bedenkt, wie viele marmorne Büsten des großen Mannes, der mein geliebtes Italien einigte, vorhanden sind, dann nimmt es Wunder, dass der Verrückte es nur auf diese eine und noch dazu sehr preiswerte Variante abgesehen hat, und das in so hohem Maße, dass er darüber sogar zum Einbrecher, zum Verbrecher wird.

Also müssen wir herauszufinden, warum er ausgerechnet diese vier der wertlosesten Exemplare vernichtet hat, jedes Mal das gleiche Modell, und dabei sogar einen tollen Bruch riskierte, für den man ihn ins Gefängnis sperren wird.«

»Daran hatte ich bereits gedacht«, sagte Ambrosio wichtigtuerisch und nahm einen tiefen Schluck vom eiskalten Zitronentee, den Giovanni aufgetischt hatte, »denn es ist schon auffällig, dass beide Tatorte so dicht beieinander liegen.

Das deutet meines Erachtens auf einen Täter aus eben diesem Stadtviertel hin, in dem sich nachts viel zu viel Ungeziefer herum treibt und die Gegend unsicher macht. Ich tippe daher auf einen ortsansässigen Verrückten, den wir ermitteln müssen. Sind Sie nicht einer Meinung mit mir, caro Dottore?«

»Gewiss, gewiss«, sagte ich lahm, »dem Wahnsinn, der sich stets in derselben Person oder Sache austobt, sind keine Grenzen gesetzt. Beim verrückten Frauenmörder von Rom, vor vielen Jahren, brachte Volpe eben dies auf die Fährte des Täters.

Immer waren es mollige Frauen mit rötlichem Haar, die da umgebracht wurden. Jemand hatte ihnen die Kehle abgeschnitten, als sie es wagten, nachts das Haus zu verlassen, und man fand sie anderen Tages im Blute schwimmend vor. Sämtliche Morde fanden im selben Viertel statt.

Als wir unter Begleitung der römischen Carabinieri von Haus zu Haus gingen, war der Täter bald gestellt. Seine mollige rötliche Frau verriet ihn, ohne es zu wollen. Sie unterdrückte ihren Mann nach Strich und Faden. Weil er sich vor ihr fürchtete, rächte er sich an Dritten. Das war aber auch schon alles.«

»Mein lieber Dottore«, sagte Volpe jetzt, »das mag ja gut und schön sein, aber damit kommen wir keinen Schritt weiter, denn auch der allergrößte Hass auf Garibaldi könnte nicht dazu führen, in wildfremde Häuser einzubrechen, um dort die billigsten Skulpturen, die es zurzeit gibt, zu zertrümmern. Allein die Mühe, die sich der Unhold gemacht hat, den Ort herauszufinden, wo sie untergebracht waren, ist bemerkenswert.«

»Einverstanden«, sagte ich tief seufzend, »aber mit welch besserer Erklärung hättest du denn aufzuwarten?«

»Mit gar keiner«, sagte Volpe, »denn soweit bin ich noch längst nicht, das Unerklärliche zu erklären. Mir fällt nur auf, dass der Täter planvoll vorgeht. Vorerst können wir leider nichts unternehmen. Es gibt außer ‚1, 90 Meter groß und kräftig‘ keine Personenbeschreibung. Wie sollen wir ihn da finden?

Allerdings, Ambrosio, wäre es doch unverständlich, wenn er sein Tun nicht fortsetzen wollte und es dadurch zu Taten eines Ausmaßes kommt, das wir uns noch gar nicht vorstellen können.

Noch lächeln oder grinsen wir vergnügt über diesen haarsträubenden Blödsinn, den er anrichtet. Aber es wäre nicht das erste Mal, dass sich eine blutige Tragödie daraus entwickelte. Ambrosio, ich bin dir dankbar, wenn du mich über den Fortgang auf dem Laufenden hältst.«

Der Commissario sicherte uns das zu. Die übrige Zeit des Abends verbrachten wir dann damit, einen prächtig brodelnden, mit Käse überbackenen Gemüseauflauf in der Tonform zu verzehren, den Giovanni zubereitet hatte, mild gepfeffert und gesalzen und mit frischen Lorbeerblättern verfeinert. Dazu gab es köstlichen Wein aus der Val Pollicella, nach italienischer Art mit Wasser abgeschmeckt und zuletzt ein Stück Käse.

Gegen Mitternacht erst trennten wir uns, und das in ausgelassener Stimmung. Ich ging aufs Gästezimmer, naturgemäß mit Dusche und WC, während der Tenente im davon Torkeln noch etwas von Gipsschädeln lallte, die es bald einzuschlagen gelte.


*


Am nächsten Morgen rüsselte ich noch unregelmäßig im Halbschlaf vor mich hin, als Volpe wie verrückt an meine Türe hämmerte und dann herein stürmte, ohne dass ich ‚herein‘ gesagt hätte. Ich stand senkrecht im Bett. So eine Frechheit! Schon wollte ich ihn hinaus werfen, da rief er:

»Auf, du altes Faultier! Nichts wie aus den Federn, du Schlafmütze! Wir müssen lange Beine machen!«

Er wedelte mit einem frischen Computerausdruck in der Luft herum. Ich gähnte und murmelte, er solle mir den Wisch bitte vorlesen. Er tat es, gnädig, wie er war und sagte:

»Der Tenente hat uns eine E-Mail geschickt, drin steht: „Lieber Volpe, komme bitte so schnell wie möglich in die ‚Calle Spiaccio‘ und bring den Dottore mit! Ihr beiden könnt es in zehn Minuten zu Fuß schaffen. Es ist etwas Furchtbares geschehen; bis dann, Euer Ambrosio.“«

»Ach, schon wieder im selben Viertel, höchstens 250 Meter Luftlinie östlich der Rialtobrücke. Und genauer beschreibt der Tenente nicht, was dort los ist, der alte Wichtigtuer? Ich tippe auf den Garibaldi-Hasser und den nächsten kaputten Schädel«, murmelte ich verschlafen.

»Ja, das denke ich auch, und alles deutet darauf hin, dass wir auf unsere Kosten kommen. Einbruch wäre noch das Mindeste. Ich glaube, unser Bilderstürmer hat weiter gemacht und seine Aktivitäten ins diesseitige Stadtviertel zurück verlegt. Komm ins Speisezimmer! Das Frühstück steht bereit; aber beeile dich!«

»Darf ich noch rasch unter die Dusche?«

»Leider keine Zeit. Zieh dich an!«

Ich tat es, taumelte ins Esszimmer, fraß ein belegtes Brötchen in mich hinein und stürzte einen Becher warmen Wassers hinterher, musste prompt auf den WC, was den Aufbruch um zehn Minuten verzögerte. Dann machten wir uns auf und davon.

Mir war nicht wohl in der ungewaschenen Haut, aber mein Freund duldete keinen Aufschub, und die vielleicht 500 Meter von seinem Haus am ‚Campo SS. Giovanni e Paolo‘ bis zur ‚Calle Spiaccio‘ war im Nu zurückgelegt. Angekommen, blieb uns das Ziel der Reise nicht lange verborgen. Eine Menschentraube auf der Gasse wies auf das Haus hin, vor dem di Fusco unser harrte. Volpe rieb sich die Hände:

»Ein kleiner Mord, mein Bester, ist uns so gut wie sicher. Schau nur, wie sie mit den Armen fuchteln und immer wieder auf ein bestimmtes Gebäude deuten, ein schmales, hoch aufgeschossenes Stadthaus übrigens; ach! Und auf der obersten Stufe vor dem Eingang steht Ambrosio und winkt uns zu.«

Der Tenente, eskortiert von vier Carabinieri, nahm uns mit Leichenbittermiene in Empfang und führte uns durch den Eingangsbereich ins Innere, wo uns kein anderer als ausgerechnet Alberto Scimmia, der Korrespondent des ‚Corriere della Sera‘ erwartete. Verärgert dachte ich, er wäre uns zuvorgekommen, aber rasch stellte sich heraus, dass er hier der Hausherr war.

»Der Garibaldi-Hasser hat wieder zugeschlagen«, sagte di Fusco grimmig, »und da du, lieber Volpe, Interesse an diesem Fall bekundet hast, will ich dich jetzt, wo die Sache eine üble Wendung genommen hat, meinen Bemühungen gerne hinzuziehen.«

»Was ist geschehen?«, fragte ich neugierig.

»Mord; glatter Mord. Lieber Signore Scimmia, würden Sie meinen Mitarbeitern noch einmal berichten, was geschehen ist?«

Der widerliche Kerl mimte verlogen ein verschrecktes Gesicht, zögerte ein Weilchen und hub dann großsprecherisch an:

»Als Zeitungsmann kenne ich Sie natürlich, lieber Signore Tartini, und es ist mir eine Ehre, Ihnen mein Erlebnis zu berichten, bevor ich mich an den Computer setze, um für den Corriere einen Bericht zu schreiben.

Die Sache muss mit meiner Garibaldi-Büste zu tun haben, die ich vor ungefähr einem Monat erstanden habe, als ich die Gegend östlich der Rialtobrücke zu einem Einkaufsbummel aufsuchte. Sie war preiswert und trotzdem hübsch gemacht, ganz unser guter alter Garibaldi, dem wir so viel verdanken.

Hier auf diesem Sims brachte ich sie unter, und da stand sie bis letzte Nacht: Ich hockte im rückwärtigen Zimmer mit hübschem Blick auf den ‚Rio della Fava‘ und schrieb an einem Artikel. Gegen Mitternacht vernahm ich unheimliche Geräusche, die von der Vorderseite meines Hauses kamen. Ich lauschte angespannt, aber es war nun nichts mehr zu hören. Schon dachte ich, mich getäuscht zu haben, doch da …«

Alberto schüttelt sich im nachträglichen Grauen und klapperte mit den Zähnen. Volpe sah ihm erwartungsfroh ins Gesicht. Der Zeitungsfritze riss sich zusammen und flüsterte:

»Plötzlich drang ein Heulen in meine Ohren, wie das Kreischen eines auf ewig in die Hölle Verdammten. Nie zuvor hatte ich entsetzlicheres Schreien vernommen. Während das Grauen seine Dolche in meiner Seele versenkte, verharrte ich wie gebannt auf der Stelle. Dann überwand ich die Furcht, nahm ein Küchenmesser zur Hand und stürmte durch den Korridor nach vorne.

Als ich hier in meinem Wohnzimmer ankam, wehte mir Zugluft entgegen. Das Fenster zur ‚Calle Spiaccio‘ stand sperrangelweit offen. Der Schein einer fernen Laterne spende spärliches Licht. Ich sah, dass der Sims, auf welchem der Garibaldi gestanden hatte, leer war. Eine Zeitlang schüttelte ich den Kopf und musste über den schwachsinnigen Dieb lachen, der diese wertlose Büste gestohlen hatte.

Dann starrte auf die zur Straße führende Treppe des Hauses. Irgendein sackartiger Gegenstand lag über den Stufen. Ich ging in den Korridor zurück, eilte zur Haustür und schob den Riegel beiseite, um hinaus ins Halbdunkel zu treten.

Als ich einen zweiten Schritt nach vorne tat, stieß ich mit den Füßen an einen weichen Gegenstand. Ich hetzte ins Haus zurück, meine Taschenlampe zu holen, um zu sehen, was da lag.

Es war ein Mensch, ein Mann. Er lag mit dem Kopf treppab. Seine rechte Faust umklammerte einen Dolch. Jemand war ihm zuvor gekommen und hatte ihm die Kehle abgetrennt, bis hin zur offen daliegenden Wirbelsäule. Aus dem Spalt war das Blut ausgeströmt und in trägem Fluss die unteren zwei Stufen der Treppe hinunter geronnen und dann hinaus auf die Calle. Die ersten Fleischfliegen machten sich bereits über die Leiche her.

Ich wusste nicht, was ich tat, als ich wilde Schreie ausstieß. Die Nachbarn riss das aus dem Schlaf. Einer von ihnen tätigte den Notruf und holte die Carabinieri herbei, kommandiert von Tenente di Fusco. Aufatmend legte ich die Sache in seine erfahrenen Hände.«

»Aha, soso«, sagte Volpe und wendet sich an Ambrosio.

»Hast du schon herausgefunden, lieber Ambrosio, wer der Ermordete ist, äh, war?«

»Nein; keine Ahnung. Niemand scheint ihn zu kennen. Aber du wirst ihn bald zu sehen bekommen, wenn du willst. Ich habe ihn sozusagen auf Eis legen lassen. Doch fürs Erste will ich euch den Ermordeten beschreiben.

Es ist ein groß gewachsener Mann von bräunlicher Gesichtsfarbe und krausem Haar, leicht afrikanisch angehaucht. Ich denke, ein Mann aus Nordafrika. Er hat die wuchtige Gestalt eines Gorillas und dürfte um die Dreißig sein. In einem überall geflickten Overall mit seitlich angebrachten Taschen steckte er, die Füße in abgetretenen Sandalen.

In seiner rechten Hand fanden wir ein echtes Bowie Knife. Der umgekommene Mann war also bereit, mit dem zweiten Mann auf Leben und Tod um die Garibaldi-Büste zu kämpfen. In den links und rechts aufgenähten Taschen fand sich nicht der geringste Hinweis auf seine Identität. Ich zauberte nur einen Bindfaden sowie eine Birne hervor; dazu ein nettes Foto. Hier ist es.«

Di Fusco hielt uns ein Portrait unter die Nase. Volpe nahm es an sich, um es zu studieren. Es zeigte das Gesicht einer jungen Frau, einer, wenn ich das als, äh, Fachmann so sagen darf, hinreißend schönen Person:

Hohe Stirn; mandelförmige blaue Augen unter harmonisch gebogenen Augenbrauen; gerade Nase; sinnlich roter Mund; Sommersprossen über Sommersprossen; dann ein feiner aber muskulös wirkender Hals, der in gerade unbedeckte Schultern überging. Auf der Rückseite stand mit krakeliger Bockschrift geschrieben, „Mustafa, ich liebe dich“. Volpe kicherte, als er mir die Begeisterung ansah:

»Eine niedliches Mädchen hatte der arme Teufel«, sagte ich.

»Vielleicht«, entgegnete Volpe, »vielleicht aber auch nicht. Wenn sie nicht diese scheußlichen Sommersprossen hätte, könnte ich deine Auffassung teilen. Möglicherweise ist sie seine Schwester, Freundin oder Frau, wer weiß? Vielleicht hat sie ihn ja auch nur umgebracht. Vorerst können wir nur vage Vermutungen anstellen, und da wäre es besser, lediglich die nackten Tatsachen zur Kenntnis zu nehmen.«

Volpe gab Ambrosio das Foto zurück und fragte:

»Und was geschah mit dem gipsernen Garibaldi?«

»Das weiß ich nicht«, sagte Ambrosio und schüttelte bedauernd den Kopf, als einer seiner Carabinieri herbei geeilt kam. Er nahm Haltung an, salutierte und rief dann:

»Tenente, wir haben sie! Zwei Häuser weiter, das Gebäude ist zurzeit unbewohnt, habe ich die Trümmer entdeckt. Der Täter hat die Skulptur gegen die Hauswand geworfen.«

»Dann nichts wie hin«, rief Ambrosio.

»Immer mit der Ruhe! In der Ruhe liegt die Kraft. Primo pensa e poi fa (Denke zuerst; handle danach)«, entgegnete Volpe süffisant lächelnd, »denn dass der zerstückelte Garibaldi in der Nähe liegen müsste, wusste ich bereits von Anfang an. Zuvor will ich mich daher erst einmal hier an Ort und Stelle umschauen. Wer weiß, mein lieber Ambrosio, was du alles übersehen hast.«

Di Fusco zuckte merklich zusammen, petzte die Lippen aufeinander und schwieg, während Volpe wie ein Spürhund auf allen Vieren durchs Zimmer kroch, um sich schließlich am nach wir vor offen stehenden Fenster aufzurichten.

»Hm«, sagte er, »der Unbekannte hat ungewöhnlich lange Beine und ist auch sonst ein geübter Klettermaxe. Zuerst hat er den Sims oben in der Mauer gewonnen. Dabei wurde das darauf wuchernde Moos in Mitleidenschaft gezogen. Dann hebelte er das Fenster auf, und das mit großem Geschick, um sich des armen Garibaldis zu bemächtigen.

Der Rückweg war bequem. Er ließ die Skulptur einfach auf das 50 Zentimeter breite Blumenbeet vor dem Hause fallen. Da es geregnet hatte, war der Boden feucht und weich. Schauen Sie hier, Ambrosio, hier ist die Aufschlagstelle.

Ich denke, er hat sich dabei tief hinab gebeugt. Wie der vom Sims gefegte Staub zeigt, lag er bäuchlings darüber, um die Büste vorsichtig und aus den nach unten gereckten Händen gleiten zu lassen. Er wollte also vermeiden, dass sie hier vor Signore Scimmias Haus zu Bruch ging. Dann hangelte er sich selbst hinunter und wurde mit dem Getöteten handgemein. Wenn ich die Kratzspuren auf der Treppe und die wirren Fußabdrücke neben der Stiege im Schlamm der Blumenrabatte richtig einordnete, war es ein Kampf um Leben oder Tod.«

Volpe eilte über den Korridor hinaus, sprang die Treppe hinunter, beugte sich tief hinab, besah sich die Fußabdrücke mit der Lupe und legte ein Maßband darüber. Nachdem er es wieder aufgerollt und eingesteckt hatte, meinte er:

»Wenn der Mörder über normale Proportionen verfügt, so lässt sich seine ungefähre Größe aus der Länge der Füße bestimmen, und dann ist er ungefähr 1, 95 Meter lang, ein Riese. Ich gelte mit meinen gut 1, 80 Metern schon als groß. Es sollte sich also um einen jungen Riesen handeln. Er trug genagelte Stiefel von der Schuhgröße 46.«

»Genagelte Stiefel, das kapiere sogar ich, aber woran erkennt man, dass der Mörder jung ist?«, entfuhr es mir.

»Langer energischer Schritt über das Blumenbeet; geschickt und kräftig; ein akrobatischer Kletterer und exzellent in der Handhabe des Dolches. Der Umgebrachte ist körperlich nicht von schlechten Eltern und hatte trotzdem keine Chance. Suchen wir also nach einer für unsere italienischen Verhältnisse auffällig großgewachsenen Person! Ach, und was sehe ich denn da Niedliches auf der Treppe?«

Triumphierend hielt er ein blondes Haar in die Höhe. Es war ungefähr dreißig Zentimeter lang und gewellt.

»Aha«, sagte ich Neunmalkluger, »der Mörder trägt die Haarpracht schulterlang und ist ein blonder Athlet.«

»Natürlich nicht; so ein Unsinn«, murrte Volpe und hielt mir das Haar vor Augen.

»Na, Freundchen, siehst du nichts?«

»Ich sehe nichts, nichts Besonderes.«

»Ausgerissen oder von alleine ausgefallen?«

»Keinen Schimmer«, sagte ich.

»Keine Ahnung«, sagte Ambrosio, der auch drauf starrte.

»Und was ist das da?«, rief Volpe triumphierend, indem er auf das eine Ende des Haars deutete.

»Hehe«, grunzte Ambrosio, »man erkennt die Zwiebel, aus der es einst heraus gewachsen war. Sie ist total vertrocknet. Es ist also von alleine ausgefallen oder liegt schon länger hier in der Gegend herum.«

»Und mehr seht ihr nicht?«, fragte Volpe.

»Nein«, antworteten wir unisono.

»Bin ich denn unter die Blinden geraten?«, jammerte mein Freund und zeigte auf die Stelle unmittelbar oberhalb der trockenen Zwiebel. Ich beugte mich über die Lupe und petzte die Augen zu einem Schlitz zusammen:

»Ein winziges Stück lang ist das Ding schwarz, dann geht es in Blond über«, sagte ich und sah Volpe erstaunt ins Gesicht:

»Und was ist daraus zu schließen?«

»Der, äh, Mörder färbt sich das Haar blond«, sagte Ambrosio an meiner Stelle, »aber das tun zig Tausende in Italien, sowohl Männlein wie Weiblein. Germanisch blond ist gerade in Mode. Immerhin könnte uns das über den Gentest bei der Identifizierung des Täters weiter helfen.«

»Und wenn es nur zufällig dort lag?«, wagte ich einzuwenden.

»Gut möglich«, sagte Volpe, »man muss alle Aspekte in Betracht ziehen. Doch jetzt wollen wir uns den in Stücke geschlagenen Freischärler einmal zu Gemüte führen.«

Wir ließen Signore Scimmia im Hause zurück. Im Gehen hörte ich ihn auf der Tastatur seines PCs herum hacken. Wir gingen zum genannten Gebäude hinüber, einer baufälligen Bude, in welcher kein Bewohner zu finden war. An der Stelle, wo der Gipskopf aufgeschlagen war, sah man den Putz der Wand beschädigt.

Volpe beugte sich über den Scherbenhaufen darunter. Konnte es wirklich Hass auf Garibaldi, den Einiger Italiens, sein, der solch ein hirnrissiges Tun veranlasst hatte? Volpe hob einige Bruchstücke auf und drehte sie in Händen hin und her. Sein Gesicht nahm dabei einen fuchsigen Ausdruck an. Aus Erfahrung wusste ich, dass er der Lösung auf der Spur war und man ihn jetzt auf keinen Fall stören durfte.

»Hast du was gefunden?«, fragte Ambrosio schließlich.

»Ich weiß nicht; vielleicht; aber es ist noch zu früh. Es wäre reine Spekulation. Ich brauche weitere Anhaltspunkte, und dennoch können einige Dinge als abgehakt gelten.

Dem großen blondierten Unbekannten oder einem anderen Täter samt möglichem Rivalen ist der Erwerb dieser Skulptur so viel wert, dass er über Leichen geht. Komisch nur, dass er es tut, um die erbeutete Büste dann zu zerschmettern. Ferner legte er größten Wert darauf, den Gipskopf diesmal nicht an Ort und Stelle zu zerschlagen.«

»Wahrscheinlich wollte er nicht vom Hausbesitzer erwischt werden«, wandte ich ein, »während er ja beim letzten Mal wusste, dass die Arztpraxis leer stand.«

»Das denke ich auch«, sagte Ambrosio lahm.

»Da habt ihr den Ort nicht bedacht oder beachtet, an dem die Zerstörung stattfand.«

»Gewiss habe ich das«, sagte di Fusco wichtigtuerisch, »ein leer stehendes Haus, wo ihn niemand stören konnte.«

»Schräg gegenüber von Scimmias Wohnung befindet sich aber noch ein zweites leer stehendes Gebäude. Warum nicht dieses näher stehendes Haus?«

»Reiner Zufall«, murmelte ich. Ambrosio nickte zustimmend.

»Signori, ich glaube nicht an Zufall«, sagte Volpe spitz, »und vielleicht erinnert ihr euch ja noch an die letzte Nacht?«

»Natürlich«, sagte Ambrosio, »es war Vollmond, nur gelegentlich durch Wolken getrübt.«

»Gut, schön«, sagte Volpe, »und auf welcher Straßenseite stand der Mond, als ihr am Ort des Schreckens eintraft?«

»Im rechten Winkel auf der linken Seite.«

»Und das Haus, an dessen Wand die Skulptur in Stücke gehauen wurde, steht, aus diesem Blickwinkel gesehen, auf der rechten Seite. Das heißt für die vergangene Nacht, dass es sich auf der vom Mondschein grell erhellten befand, während die Front des anderen leer stehenden Gebäudes im Schlagschatten lag.

Der sogenannte Garibaldi-Hasser suchte also einen hellen Platz aus. Ebenda zerschlug er die Skulptur, obwohl hier die Gefahr bestand, beobachtet zu werden. Er tat es einerseits, weil er an dieser Stelle, wo wir gerade stehen, besser sehen konnte, andererseits, weil das Haus unbewohnt ist. Beides war ihm wichtig.«

»Mein Gott«, schrie Ambrosio, »das ist richtig. Es erinnert mich daran, dass die drei Gipsköpfe in der Praxis des Dottore Chirurgo unmittelbar unter einer Stehlampe zerstört worden waren. Der Dottore Medico sagte mir, er ließe in jedem der beiden Stockwerke nachts ein Lämpchen brennen, für alle Fälle. Aber ich habe keine Ahnung, was das zu bedeuten hat.«

»Ich denke«, wandte ich ein, »für mich als Arzt ist so etwas typisch bei Wahnsinnigen dieser Art: Sie wollen sehen, was sie angerichtet haben. Erst wenn sie ihr Werk in Augenschein genommen haben, sind sie zufrieden. Leider hält diese Zufriedenheit nicht allzu lange an. Es geht ihnen wie den Rauschgiftsüchtigen. Der Entzug meldet sich. Zwanghaft wiederholen sie die Tat.«

»Mag sein, Dottore, aber in unserem Fall ist das anders. Wir müssen uns fragen, warum der Täter immer den gleichen Gipsabguss zerstört. Ich denke, wir sollten uns davor hüten, voreiligen Schlüssen zu erliegen. Wir müssen die Fakten im Auge behalten und sie gegebenenfalls heran ziehen. Was wirst du als nächstes unternehmen, lieber Ambrosio?«

»Ich denke, wir haben zuerst einmal herauszufinden, wer der Tote ist. Das sollte sich machen lassen. Wenn wir wissen, mit wem wir es zu tun haben, ergibt sich das Weitere. Insbesondere werden wir auf diese Weise erfahren, was er in der ‚Calle Spiaccio‘ zu suchen hatte und wen er hier treffen wollte. Denn von dem, mit welchem er sich anscheinend verabredet hatte, wurde er dann ja umgebracht, glatt abgemurkst, dort drüben auf der Treppe von Meister Scimmias hübschem Haus.«

»Vieles spricht für deine These, Ambrosio, aber ich persönlich würde der Sache auf ganz andere Weise zuleibe rücken.«

»Auf welche?«

»Wenn ich dir das schildern wollte, stünden wir noch lang hier herum. Besser, jeder von uns geht seine eigenen Wege. Du hast deine Methoden, ich die meinigen. ‚Getrennt marschieren, vereint schlagen‘, wie es einst der Preuße Moltke sagte, das ist unsere Devise, und es wird reizvoll sein, wenn wir einander ergänzen und zum Schluss die Ergebnisse zu vergleichen.«

»Einverstanden«, sagte Ambrosio, »aber bevor ich aufs Revier gehe, dem Capitano Marcello Bericht zu erstatten, muss ich noch einmal hinüber zum Zeitungsfritzen, äh, Scimmia. Wie kann ein Mensch aber auch ‚Affe‘ heißen!«

»Hihihi«, kicherte Volpe, »genauso gut wie sich andere ‚Signore Dunkel‘ nennen, hihihi.«

»Meinst du mich damit?

»Gewiss; wen sonst? Wenn du Latein gelernt hättest, wüsstest du, dass ‚fuscus‘ ‚dunkel‘ heißt, hihihi.«

»Gib nicht so an«, meckerte ich. Volpe sagte:

»Signore Scimmia tippt gerade seinen Bericht für den Corriere della Sera zusammen. Sage ihm, wir hätten festgestellt, dass es sich beim Mörder um einen Irren handelt, vom Garibaldi-Hass getrieben. Das wird er für seinen Bericht gut verwenden können. Er darf sich dabei auf Commissario di Fusco und den bekannten Privatdetektiv Giuseppe Tartini berufen.«

»Aber«, sagte Ambrosio erstaunt, »das glaubt doch kein Hutmacher mehr, wenn er unseren Kenntnisstand besitzt.«

»Natürlich nicht; aber Scimmia wird es akzeptieren und seine Leser ebenso. Das wäre von Vorteil für unsere Ermittlungen. Arrivederci, Commissario Tenente! Gehen wir ans Werk! Wir haben einen anstrengenden Tag vor uns. Zur Cena bis du mir herzlich willkommen, noch kurz vor Sonnenuntergang, wenn ich bitten darf. Wir werden neue Erkenntnisse haben. Während wir die Köstlichkeiten vertilgen, die Giovanni uns auftischt, wollen wir das weitere Vorgehen besprechen; nur eine kleine Bitte noch, lieber, guter Ambrosio:

Könntest du mir das Bildchen einmal ausleihen, du weißt schon, welches, auf dem die vorgebliche Freundin des Ermordeten gemalt ist, damit ich es für meine Ermittlungen aufs Smart Phon bannen kann, denn es ist gut möglich, dass uns noch ein kleines gemeinsames nächtliches Unternehmen bevorsteht. Bis dahin darf ich dir ‚guten Erfolg‘ wünschen.«

Ambrosio gab ihm das genannte Portrait. Volpe lichtete es ab und reichte es ihm zurück. Dann trennten wir uns. Volpe stürmte so rasch davon, dass ich ihm kaum folgen konnte. Ziel war der Laden des Trödlers in der ‚Calle del Orso‘.

Wir betraten die Geschäftsräume, aber der Inhaber war nicht zu finden. Nur sein Mitarbeiter lümmelte hinter der Theke herum und sagte gähnend, der Chef komme erst am späten Nachmittag zurück. Er sei nach Mestre gereist und besuche einen Hersteller von Skulpturen jeder Art. Er selbst, sagte er grinsend, sei nicht befugt, Auskunft zu erteilen, nicht einmal einem Volpe.

Mein Freund zuckte zusammen, als er feststellen musste, dass er nicht Inkognito gekommen war. (Heute hatte er übrigens das Feuer des Haupthaares in einem schiefen Zopf vereinigt.)

Volpe sagte, er werde dann eben in Laufe des Nachmittags noch einmal einschneien. Im Gehen flüsterte er dem arroganten Angestellten noch etwas ins Ohr, das ihn erbleichen ließ. Zitternd stammelte er dies und das und verbeugte sich mehrfach tief vor Volpe. Doch da waren wir schon vor der Tür und schritten ins gleißende Sonnenlicht hinaus:

»Was hast du ihm gesagt?«, fragte ich.

»Nichts Besonderes; nur, dass ich ihm demnächst einmal die Fresse polieren werde, und er sich danach um eine beträchtliche Anzahl von Zähnen ärmer vorfinden wird …

Ansonsten, mein Freund, war ja nicht damit zu rechnen, dass wir schon beim ersten Versuch Erfolg hätten. Wie du gewiss bemerkt hast, geht es mir darum, die Bahnen des Vertriebes festzustellen, vom Hersteller über den Händler bis zum Käufer, auf denen der gipserne Garibaldi lustwandelte, bevor ihn sein böses Los ereilte und man ihn in Trümmer legte. Und jetzt wäre es das Beste, wir begeben uns in die nächste Trattoria, um uns zu stärken. Danach gilt es, einen neuen Anlauf zu nehmen.«

Wir aßen und tigerten anschließend zum besagten Laden zurück, um dem Besitzer unser Anliegen vorzutragen. Er war übrigens fett und klein, rund wie ein Fässchen, der Kopf mit Spiegelglatze; das Gesicht rötlich wie bei einem ein Schweinchen.

»Das ist eine Riesensauerei! Eine Unverschämtheit! Da kommt so ein Kerl, mir nichts, dir nichts, in mein Geschäft herein gestürmt, um den letzten Garibaldi, den ich noch auf Lager habe, zu zertrümmern, so dass ich nachbestellen musste.

Dann stößt er meinen Mitarbeiter zu Boden und haut ab. Dass ich nicht lache, die Carabinieri, unser Freund und Helfer! So ein Blödsinn! Hier in Venedig laufen die Spitzbuben vor der Nase der Bullen herum, und keiner wird eingebuchtet. Dafür knöpft man mir die Steuern ab. Beim nächsten Mal wähle ich die ‚Lega Nord‘, das schwöre ich, denn die werden gründlich unter dem Gesindel aufräumen.

Und dem Dottore Chirurgo hatte ich drei dieser Büsten verkauft, eine schöner als die andere, und jetzt sind sie hinüber, wie ich hörte. Wenn man mich fragte, aber man fragt mich ja nicht, dann handelt es sich um eine kommunistische Verschwörung gegen unser heiliges Italien.«

Der Händler schnaubte vor Wut. Fehlte noch, dass er stramm stehend die Nationalhymne gesungen hätte. Sein gerade noch rosarotes Gesicht glühte jetzt auf. Volpe fragte ihn trocken:

»Und von wem haben Sie die Gipsfiguren bezogen?«

»Von Salvatore Biondi aus Marghera bei Mestre. Ich habe gerade drei neue im Gepäck. Sie sind noch lieferbar.«

»Und wo finde ich seine, äh, Fabbrica?«

»Begeben Sie sich in die ‚Via della Chimica‘ (Chemiestraße), da können Sie seine Werkstatt gar nicht verfehlen. Salvatore wird meine Angaben bestätigen. Ich bin sein Freund und Kunde und hole mir die Ware jedes Mal persönlich ab, ohne die geldgeilen Zwischenhändler zu mästen.«

»Wie viele Garibaldi-Köpfe hatten Sie dort gekauft?«

»Genau vier, Signori. Drei hat mir der Medico Chirurgo abgenommen. Die vierte war leider noch im Laden, wo sie der Verbrecher zerstörte.«

Volpe zauberte das Frauenportrait auf den Bildschirm des Smart Phons und hielt es dem Trödler unter die Nase:

»Kennen Sie die Dame da?«

»Nein, nie gesehen … oder doch? Sie weist eine gewisse Ähnlichkeit mit einer auf, die mir bekannt ist; eine daher gelaufene Person, die sich in meinem Laden mal nützlich machte, nur für ein paar Tage. Sie war nicht unbegabt. Mein Mitarbeiter, dieser Trottel, verliebte sich in sie und nannte sie ‚Fiametta‘. Seit Kurzem ist sie verschwunden, ich glaube, zwei Tage bevor der erste Garibaldi zertrümmert wurde. Ich habe nichts mehr von ihr gehört.

Solange sie noch hier war, hatte ich keinen Grund zur Beschwerde, und hübsch war sie auch: bezaubernd süße Sommersprossen; lange Beine, die sie aus kessen Hot Pants heraus streckte; ein Wenig zu groß für eine Frau; ein freches Luder.«

Wir verabschiedeten uns, um den Zug nach Mestre zu nehmen. Ein Wassertaxi sollte uns zur ‚Stazione Ferroviaria S. Lucia‘ bringen. Volpe lehnte sich zurück, genoss die Fahrt durch den Canal Grande und schmunzelte:

»Eine wahre Auskunftei, der gute alte Trödler. Wir haben wirklich alles erfahren, was wir erwarten konnten. Deine These, unsere ‚Fiametta‘ sei die Freundin des Ermordeten, hat sich vielleicht in Luft aufgelöst. Sie ist jedenfalls unmittelbar in das Rätsel um die Garibaldi-Büsten verwickelt. Vielleicht erfahren wir ja am Ort der Herstellung einiges mehr, wer weiß?«

An der ‚Stazione Mestre‘ stiegen wir aus und ließen uns per Taxi zur kleinen Fabbrica des Salvatore Biondi kutschieren. Eine überlebensgroße Venusstatue, Nachbildung der Venus von Milo, für meinen Geschmack allzu kitschig bemalt, zeigte uns, dass wir am Ziel der Reise angekommen waren.

Durch den Eingang hindurch gelangten wir in eine Halle, wo es von nachgeäfften Werken der klassischen Bildhauerkunst nur so wimmelte. Für jeden Geschmack und jeden Geldbeutel war das Passende vorhanden. Aus dem Raum hinaus ging der Blick in die Fertigungshalle, wo sich um die zwanzig Arbeiter tummelten. Einer der Angestellten erblickte uns, verließ seinen Arbeitsplatz und kam zu uns herüber.

Volpe fragte ihn, wer hier der Chef sei. Der Mann zeigte auf einen fein gekleideten Herrn, der gerade aus seiner Wohnung herunter geschritten kam, um die Gipsgießer zu beaufsichtigen. Es war ein ziemlich großer, gut aussehender Mann mit auffälliger Adlernase und krausem Haar. Als er uns gewahrte, kam er strahlend auf uns zu, schüttelte uns die Hand und sprudelte los:

»Welch Ehre, welch hoher Besuch! Der berühmte Privatdetektiv Tartini samt seinem Freund, dem Dottore! Ich bin Salvatore Biondi, der Inhaber der Bude und kann mir denken, warum ihr hier seid. Kommt mit mir in die gute Stube! Ich werde euch einen netten Schluck Wein vorsetzen. Das löst die Zunge. Gewiss seid ihr auf der Jagd nach dem Unhold, der es auf meine Garibaldi-Büsten abgesehen hat, und ich soll euch dabei helfen.«

Rasch geleitete er uns in sein Esszimmer. Wir setzten uns zu Tisch. Der Butler brachte stark verdünnten Süßwein herein, eine Wohltat bei dieser Hitze. Wir prosteten einander zu und schlürften das Getränk. Mein Freud sagte dann:

»Wir sind tatsächlich in Sachen Garibaldi-Hasser unterwegs. Wie ich sehe, haben Sie schon davon gehört.«

»Gewiss doch! Alberto Scimmia, der Journalist, berichtet im Corriere della Sera darüber. Außerdem ist Venedig samt seiner hässlichen Anhängsel Mestre und Marghera eine einzige Klatschbude. Meine Sekretärin hat mich auf den Artikel gestoßen. Sonst habe ich keine Zeit dafür. Der ‚Affe‘ scheibt darin, wie es ihm mit seinem eigenen Garibaldi ergangen ist. Hier habe ich die Zeitung. Darf ich es Ihnen rasch vorlesen?«

»Gerne; bitte sehr«, sagte Volpe geduldig und tat einen tiefen Zug. Unser neuer Freund las:

Grausiger Mord in der Calle Spiaccio, Venezia

Im Weichbild der schönen Stadt und Perle Italiens geht ein Wahnsinniger um. Sein Wüten besteht darin, dass er die Bildnisse unsers großen Giuseppe Garibaldi zerstört.

Nachdem er eine erste Büste am helllichten Tag im Trödlerladen ‚Il Vecchio Abraham‘ zerschlagen hatte, drang er mitten in der Nacht in einer kleinen Chirurgie ein, wo drei dieser Gipsabgüsse standen und zerschmetterte sie an der Wand. Zuletzt schlich er sich vergangene Nacht in das Haus unseres geschätzten Mitarbeiters Alberto Scimmia (Calle Spiaccio), um sich an einer dritten Büste zu vergreifen. Als ihm dabei ein bislang noch Unbekannter in die Quere kam, schnitt er diesem kurzerhand den Hals ab. Die Skulptur zerschlug er dann an der Wand eines leer stehenden Gebäudes in derselben Gasse.

Kommissar Tenente di Fusco und sein Freund, der bekannte Privatdetektiv Giuseppe Tartini, haben sich der Sache bereits angenommen. Für sachdienliche Hinweise sind sie dankbar. Für den Fall, dass sie zur Ergreifung des Mörders führen, hat die Behörde Tausend Euro als Belohnung ausgesetzt.

»Hübsch, wirklich hübsch geschrieben«, murmelte Volpe und rieb sich die Hände, »dann wissen Sie ja Bescheid, um welche Skulptur es sich handelt, nicht wahr?«

»Ja, ja«, sagte Salvatore, »es ist unser preiswertestes Modell, das wir im Angebot haben, und wir stellen es immer noch her. Die Nachfrage in ganz Italien ist groß.«

»Und wie fertigt ihr den Gipskopf an?«, fragte ich.

»Man muss nur eine zweiteilige, inwendig gut gefettete Form mit flüssigem Gips ausfüllen und diesen trocknen lassen. Das Innere der Figur ist freilich hohl. Wir erreichen es dadurch, dass wir das, äh, Gehirn durch einen Klumpen Wachs ersetzen, das nach dem Verfestigen und Trocknen der Masse problemlos aus der Büste heraus geschmolzen wird. Das feine Loch unten im Halsstumpf wird dann zugegipst.«

Ich sah es meinem Freund an, wie sehr er darunter litt, dass der Gegenstand, hinter dem er her war, zur Massenware verkommen war. Wo sollte man da anfangen, zu suchen?

»Aber«, sagte Salvatore, »es ist keineswegs so, dass wir die Köpfe nicht von einander unterscheiden könnten. Wir signieren jede einzelne Gruppe, die dann sozusagen eine Serie für sich darstellt. Dazu verwenden wir Buchstaben und Zahlen; zum Beispiel: F1. Das bedeutete: Erstes Exemplar der Serie F.

Haben wir alle Buchstaben durch, nehmen wir sie einfach doppelt und notfalls dreifach, also beispielsweise DD3. Das wäre das dritte Exemplar der Serie DD. Wenn wir diese Gruppen hinter uns haben, kombinieren wir verschiedene Buchstaben.

Auf diese Weise kann man alle Büsten identifizieren und so sind sie auch in meinem Computer registriert. Wir haben ja unsere Gesetze, und die Behörde will wissen, wie viel Steuern ich zu zahlen habe, und was sie dem Einzelhändler abknöpft.«

»Und wie groß ist die jeweilige Serie?«

»Das ist von Fall zu Fall verschieden, je nach Absatz. Beim Garibaldi bin ich über die Zahl hundertsiebzig noch nicht hinaus gekommen und werde es beim nächsten Mal mit Kaiser Napoleon versuchen. Nur genau sieben davon wurden hier in der Region ausgeliefert. Die anderen gingen in die Ferne.«

»Vielleicht könnte man jetzt den einzelnen dieser sieben Exemplaren nachgehen«, sagte Volpe.

Seine Miene hatte sich aufgehellt. Auf seine Bitte hin erteilte Salvatore dem Sekretär einen Befehl, und der holte die Rechnungen der Garibaldi-Köpfe auf den Bildschirm. Wir beugten uns darüber, um sie zu studieren. Nach geraumer Zeit konnten wir feststellen, dass alle vier Exemplare, die der venezianische Trödler erstanden hatte, ein und derselben Serie angehörten. Es waren genau die vier Abgüsse, die zerschlagen worden waren und einen Mord ausgelöst hatten.

»Wo sind die übrigen drei geblieben?«, fragte ich.

»Einen Augenblick, bitte«, sagte Salvatore und stierte auf den Bildschirm, »aha, ich hab’s; hier steht‘s: Sie wurden an den venezianischen Andenkenladen des Carlo Andreotti am Campo S. Stefano verkauft und unterscheiden sich, bis auf die Zahl, in nichts von den übrigen Köpfen. Es ist mir ein Rätsel, weshalb es jemand auf diese Massenware abgesehen hat und dafür sogar tötet. Der Mann muss wahnsinnig sein.«

»Oh, du lieber Gott«, stöhnte Volpe, der inzwischen selbst dem Wahnsinn nahe war, »warum ausgerechnet der Campo S. Stefano? Der ist ja um die sieben Kilometer westlich vom Kampanile des Markusplatzes zu finden. Ohne Wassertaxi würden wir uns zu Tode laufen, aber auch dann kommt man nur mit einer Gondel über die verwinkelten Seitenkanäle hin, nachdem man den Canal Grande an der Vaporetto-Station S. Angelo verlassen hat.«

»Das tut mir aufrichtig leid «, sagte Salvatore.

Volpe nickte ihm dankbar zu und zauberte nun das Bildchen der geheimnisvollen Schönen auf den kleinen Bildschirm seines Smartphones. Die Wirkung auf den Fabrikanten war unvergleichlich. Er glühte vor Wut und schrie:

»Oh, dieses Dreckweib! Oh, ja, die kenne ich, und wie! Wir sind hier eine angesehene und ehrenwerte Werkstatt. Nur ein einziges Mal hatten wir Ärger mit den Carabinieri, und schuld daran war dieses Biest. Sie wollte ‚Fiammetta‘ genannt werden und war eine begabte Arbeiterin, aber die Streitsucht in Person. Ich hätte sie auf der Stelle entlassen sollen, als sie mir ein paar Euro klaute, war aber zu gutmütig dazu und zog es ihr nur vom Lohn ab. Doch eines Tages, ich glaube, es war vor einem Jahr, gerieten sich ein Kollege und sie in die Haare, und im Nu hatte sie ihm das Messer in die Brust gestoßen, diese Bestie.«

»Wurde sie dafür bestraft?«, fragte ich.

»Nein, nicht besonders. Der Mann hatte den Streit angefangen und überlebte. So setzte man die Puppe wieder auf freien Fuß, vielleicht vor einem Monat, unter Anrechnung der Untersuchungshaft. Ich habe sie seitdem nicht mehr gesehen, aber … aber ein … ich glaube … entfernter Cousin von ihr ist noch bei mir beschäftigt. Soll ich ihn holen lassen? Vielleicht weiß er, wo sie sich aufhält.«

Volpe rief in höchster Erregung:

»Nein, auf gar keinen Fall! Die Sache muss geheim bleiben. Bereits wenn das Geringste ausgeplaudert wird, könnten unsere Untersuchungen im Sande verlaufen. Doch als ich eben die Verkaufszahlen durchsah, las ich, dass die ominöse Serie im Vorjahr am 15. August hergestellt wurde. Wann kam es zur geschilderten Messerstecherei?«

»Das weiß ich nicht mehr genau«, sagte Salvatore, »aber das lässt sich leicht feststellen, denn ich zahle das Gehalt täglich in bar aus und führe darüber Buch.«

Eilig brachte der Sekretär die Lohnliste des vergangen Jahres auf den Bildschirm. In feinen Kolonnen waren links der jeweilige Arbeiter und rechts das Datum samt dem Betrag verzeichnet.

Eine gewisse Flavilla Alberti war am 14. August zum letzten Male entlohnt worden. Daraus ließ sich messerscharf schließen, dass der Tag ihrer Verhaftung mit dem Tag der Herstellung der ominösen Gipsköpfe zusammen fiel.

»Vielen, vielen Dank, lieber Salvatore, Sie haben uns sehr geholfen. Ich darf mich mit der Bitte verabschieden, niemandem etwas vom Inhalt unseres Gespräches mitzuteilen. Sollte mein Freund diesen Fall eines Tages als Buch herausbringen, werden Sie sich angemessen darin wiederfinden.«

Der Manufakturbesitzer strahlte über das ganze Gesicht und geleitete uns auf den Firmenparkplatz, wo sein Wagen schon auf uns wartete, der uniformierte Chauffeur am Steuer. Während wir davon ratterten, winkte er uns fröhlich hinterher.

Vor dem Bahnhof Mestre stiegen wir aus, schickten das Firmenauto zurück und stiegen in den nächsten Zug nach Venedig, denn auf der Brücke in die Lagunenstadt hatte sich ein Stau gebildet und es für Fahrzeuge war kein Durchkommen mehr möglich.


*


Die Sonne neigte sich schon den westlichen Gefilden zu, als wir am Bahnhof der Stadt anlangten. Eine Trattoria lud zum Stehimbiss ein. Hastig verdrückten wir ein belegtes Brötchen und tranken einen gemeinsamen Liter San Benedetto. Bevor wir gingen, bekam Volpe ein abgegriffenes Exemplar des Corriere in die Fänge und wir lasen die ersten Zeilen dessen, was da an Sensationellem geschrieben stand:

Grausiger Mord in der Calle Spiaccio, Venezia

Im Weichbild der schönen Stadt und Perle Italiens geht ein Wahnsinniger um …

Wir kannten den Text ja schon auswendig. Volpe rieb sich die Hände, kicherte und meinte, Scimmia feiere hier und heute wohl seinen größten schriftstellerischen Erfolg, ganz in unserem Sinne übrigens, und schon tuckerten wir als Passagiere eines gemächlich dahingleitenden Vaporettos den Canal Grande ostwärts, bis wir endlich an S. Angelo ausstiegen, um einem Gondoliere zu winken. Er ruderte uns auf dem ‚Rio di S. Angelo‘ ostwärts. In der Nähe der bei Touristen wenig bekannten Chiesa S. Stefano ließen wir uns absetzen und erreichten nach fünf Minuten den Campo Santo Stefano. Dort angekommen, gedachten wir, den Skulpturenhändler Carlo Andreotti aufzusuchen.

Mit der Kirche im Rücken, standen wir vor einem Rundbogentor nebst Schaufenster; darüber die in roter Leuchtschrift angebrachte Aufschrift ‚Carlo Andreotti‘.

»Na, da sind wir ja an der richtigen Adresse«, keuchte Volpe, »nichts wie hin!«

Signore Andreotti war nicht zu Hause. Sein Adjutant erkannte Volpe sofort, empfing uns mit erlesener Freundlichkeit, geleitet uns ins Hinterzimmer und versprach, jede ihm mögliche Auskunft zu erteilen. Nach kurzer Begrüßung fragte ihn Volpe, ob er über den neuesten Mord im Bilde sei.

»Wer ist das nicht?«, sagte er, »es steht ja alles im Corriere. Und der Verfasser des Berichtes, Signore Alberto Scimmia, ist gelegentlich unser Kunde. Auch über die zerschlagenen Büsten weiß ich bestens Bescheid. Sie gleichen einander wie ein Ei dem anderen. Wir haben bei Signore Salvatore Biondi insgesamt drei Kopien bestellt. Eine davon hat Scimmia erworben, der Mann vom Corriere.«

»Und an wen gingen die beiden anderen Abgüsse?«

»Da muss ich im Computer nachsehen. Das werden wir gleich haben; einen Augenblick bitte.«

Bevor der gute Mann noch den Rechner hochfahren konnte, hielt ihm Volpe schon das Bildchen vor die Nase.

»Kennst du diese Tussi da?«

»Nein, dieses Gesicht habe ich noch nie gesehen. Es ist ja viel zu auffällig, um es zu vergessen: eine Blondine mit Tausend Sommersprossen, wirklich süß, die Biene.«

Volpe kniff die Lippen zusammen und versagte sich eine Entgegnung. Er war nämlich, was Sommersprossen anbetraf, gänzlich anderer Meinung.

Noch schüttelte mein Freund den Kopf, da holte der Geschäftsführer die entsprechende Akte auf den Bildschirm, ließ den Mauszeiger herum wuseln, bis er die gesuchte Stelle gefunden hatte; er sagte:

»Hier! Da haben wir’s: Der erste Garibaldi wurde bekanntlich an Signore Scimmia geliefert; ein zweiter an einen gewissen Giulio Bretone, wohnhaft am Campo dei Frari, mit großartigem Blick auf die berühmte Kirche. Der Mann ist steinreich. Warum er eine so preiswerte Skulptur gekauft hat, ist seltsam. Vielleicht ist er ein Geizhals. Sein Haus ist auffällig groß, zwar schmal, aber vier Stockwerk hoch, der Dachboden nicht mitgezählt. Es hat sogar einen Namen, wie hier im Rechnungsbuch verzeichnet ist: Über dem Portal ist »Casa Male Parta« (lateinisch: ‚auf üble Weise erworbenes Haus‘) eingemeißelt. Der Signore verdient sein Geld als Immobilienhändler und hat anscheinend Humor …

Die dritte und letzte dieser Büsten ging an Signore Marcantonio Farinellii; er lebt in Mestre, letztes Haus der Via Orlanda (Roland Straße), unmittelbar am Campingplatz. Man kann es kaum verfehlen.«

»Großartig! Vielen Dank!«, sagte Volpe, »Sie haben uns einen großen Dienst erwiesen.«

Der gute Mann strahlte vor Freude über das Lob aus dem Munde meines berühmten Freundes; dieser sagte:

»Könnte es sein, dass Sie hier auch Arbeiter beschäftigen, die ein, äh, leicht afrikanisches Aussehen haben?«

»Ja doch«, sagte der Geschäftsführer erstaunt, »wir haben welche unter unseren Reinigungskräften. Einer von ihnen, ein jüngerer, ist heute nicht zur Arbeit erschienen. Sein Äußeres erinnert mich immer an einen Affen. Aber Faulenzen ist bei ihm keine Seltenheit; und wenn er eben keinen Lohn will …«

»Und hatte dieser, äh, affenartige junge Mann Einsicht in die Geschäftsbücher?«

»Das ist gut möglich. Der Computer steht offen herum; warum auch nicht? Niemand kann die Eintragungen nutzbringend anwenden; wozu also Geheimhaltung?«

»Ich bin da anderer Meinung, aber das tut nichts zur Sache«, sagte Volpe. Wir erhoben uns, um uns zu verabschieden. Während wir die Straße gewannen, rief er uns noch »viel Erfolg!« hinterher. Volpe war bester Laune und sagte:

»Wir müssen uns beeilen, sonst ist Ambrosio eher in unserem kleinen Palast angekommen als wir selbst. Freilich sollten wir uns den Umweg über den Campo dei Frari nicht entgehen lassen und Signore Giulio Bretone kurz sprechen. Wer weiß, wozu das noch gut ist. Nebenbei ist die Frari Kirche immer einen Besuch wert, auch schon, um Tizians ‚Assunta‘ wieder einmal zu genießen.«


*


Das grelle Licht der Sonne war schon dem glühenden Abendrot gewichen, als wir endlich zu Hause ankamen. Ambrosio thronte bereits stolz wie der Pfau in einem unserer Korbsessel und mimte ein mehr als zufriedenes Gesicht.

»Na, was hab ihr beiden Hübschen denn erreicht«, nuschelte er süffisant grinsend.

»Einiges, lieber Ambrosio«, entgegnete Volpe.

»Wir kennen jetzt den Hersteller der Büsten samt den beiden zuständigen Einzelhändlern in Venedig, die sie verkauft haben. Jetzt kann ich über dem Weg, den jeder der Gipsabgüsse genommen hat, genaueste Auskunft erteilen.«

»Bei Gott, immer diese blöden Garibaldi-Köpfe!«, maulte der Tenente, um dann freundlicher fortzufahren:

»Nun, mein Lieber, du hast deine eigenen Methoden, und ich will nichts daran kritisieren. Aber ich darf doch wohl behaupten, heute der Erfolgreichere gewesen zu sein. Ich weiß nämlich jetzt, wer der Ermordete war.«

»Na, das ist ja großartig!«

»Und ich weiß auch, warum er umgebracht wurde.«

»Fantastisch, mein Bester! Du übertriffst dich selbst.«

»Ich habe da einen Mitarbeiter, Commissario Albini, der sich unter den afrikanischen Migranten auskennt, und unser Ermordeter war einer von ihnen, wie seine bräunliche Hautfarbe sowie das krause Haar verrieten. Diese Leute halten wie Pech und Schwefel zusammen und bilden in Mestre und Marghera eine verschworene Gemeinschaft der Hilfsarbeiter.

Meinem Kollegen Albini habe ich den Ermordeten gezeigt, und er identifizierte ihn auf der Stelle. Er war ein berüchtigtes Mitglied unserer Nordafrikaner-Kolonie, wo es nicht selten zu Mord und Totschlag kommt. Wir sind da machtlos, denn wenn wir auftauchen, gibt uns keiner von ihnen Auskunft.

Meiner Meinung nach hat der Tote sich mit seiner Organisation angelegt, und man hetzte ihm einen Killer auf den Hals. Wir sollten den Täter also unter genau diesen Leuten suchen. Commissario Albini ist schon dabei.«

»Bravo, bravissimo, mein lieber, guter Freund«, rief Volpe und klatschte Beifall, »aber da bleiben noch die gipsernen Köpfe. Was die mit der Sache zu tun haben, hätte ich gerne erklärt.«

»Immer diese lächerlichen Gipsbüsten; immer dieser alte Garibaldi!«, schnaubte der Tenente verächtlich, »das ist doch nur eine alberne Diebesgeschichte und für unsere Belange überflüssig wie ein Kropf. Mir geht es um den Mord, und da stehe ich kurz vor der Aufklärung.«

»Was du nicht sagst«, sagte Volpe, »und was wirst du als Nächstes unternehmen?«

»Dumme Frage! Ich gehe zusammen mit Albini ins Afrikaner-Viertel, um die Bekannten und Verwandten des Ermordeten zu verhören. Kommst ihr mit?«

»Ich denke, nein«, sagte Volpe, »denn ich habe ein anderes Plänchen im Kopf; einen Weg, auf dem wir rascher ans Ziel gelangen könnten als durch Verhöre. Sicher bin ich mir meiner Sache allerdings nicht. Es käme auf einen Versuch an. Glückt er, haben wir Arbeit gespart; am besten, wir machen es so:

Sobald wir das Mahl hinter uns haben, begleitest du uns in der kommenden Nacht. Ich bin mir so gut wie sicher, dass wir den Mörder dann dingfest machen können. Misslingt es, dann werden wir dich am folgenden Tag nach Mestre begleiten. Bist du damit einverstanden?«

»Einverstanden; aber wohin geht die Reise? Etwa zu den Afrikanern?«, fragte Ambrosio neugierig.

»Ich denke, nein«, antwortete Volpe, »unsere Expedition führt uns vielmehr an den Campo dei Frari. Noch schimmert das Tageslicht rosig herein. Wir können uns daher in aller Muße dem widmen, was Giovanni uns gerade auftischt. Sobald es dann stockfinster ist, brechen wir auf. Ich darf jetzt schon die nötige Geduld anmahnen, denn es kann dauern, bis sich das Wild, welches wir zur Strecke bringen wollen, dort einfindet.«

»Und du weißt schon, wer es ist?«

»Ich bin mir nicht völlig sicher. Aber wenn es so kommt, wie ich erwarte, geht das Abenteuer mit einer mehr als faustdicken Überraschung zu Ende.«

Während Ambrosio und ich uns zu Tische setzten, eilte Volpe noch einmal rasch ins Arbeitszimmer, um eine kurzes Schreiben zu verfassen, welches er einem jungen Mann anvertraute, der gelegentlich in seinen Diensten stand. Er nahm es an sich und verschwand in der aufkommenden Dämmerung.

Dann erst widmete sich Volpe dem Abendessen. Diesmal bestand das Getränk nur zu einem Achtel aus Wein. Dazu gab es einen Getreide-Gemüseauflauf, der in einer Tonform gegart und mit Käse überbacken worden war, also leichte Kost. Volpe meinte dazu leise und verhalten kichernd:

»Plenus venter non studet libenter (lateinisches Sprichwort: ‚Ein voller Bauch gibt sich nur ungern Mühe‘).«

Im Unterschied zum Tenente war mir klar, was uns im Schatten der Frari-Kirche erwartete: Dort im Hause, das wir vorhin aufgesucht hatten, befand sich bekanntlich die nachweislich vorletzte Büste der ominösen Serie, zugleich die letzte innerhalb der Stadt! Volpe erwartete also, dass der Unbekannte heute Nacht kommen würde, um auch sie zu zerstören.

Auf diese Weise könnten wir ihn an Ort und Stelle verhaften, ohne nach ihm fahnden zu müssen. Ich ärgerte mich aber darüber, dass Volpe schon eine Vermutung dazu hatte, wer der Schuft sei, ohne mich einzuweihen. Der Getreideauflauf schmeckte übrigens köstlich, auch wenn mir gegrillter Aal oder gekochte Languste lieber gewesen wäre.


*


Dann hatten wir das Essen glücklich hinter uns und erhoben uns. Volpe bewaffnete sich mit seinem Bowie Knife. Zusätzlich streifte er sich die schussfeste Weste über, welche ihm schon gute Dienste geleistet hatte.

Auch Ambrosio streifte sich ein solches Hemd über. Ich gürtete mich mit meinem doppelschneidigen Dolch. Dann verließen wir wie eine kleine Armee unser Haus durch das rückwärtige Tor, um uns von einem vorher bestellte Wassertaxi auf dem üblichen Weg zum Canal Grande und von dort aus über den ‚Rio di Frari‘ zum genannten Campo fahren zu lassen. Wir hatten uns weiche Turnschuhe auf die Füße gestreift.

Das angestrebte Gebäude hatte seinen Eingang seitlich zur ‚Calle di Passion‘ hin. Im aufkommenden Licht des Mondes entzifferte ich über einem besonders trutzig empor ragenden Haus die Worte »CASA MALE PARTA«. Wir waren am Ziel.

Der Lattenzaun, welcher den winzigen Vorgarten von der Gasse trennte, warf seinen Schlagschatten gegen die Fassade. Die nächste Laterne war weit weg. Sträucher, die sich im Wind bewegten, bereicherten die gespenstische Szene. Hinter ihnen verkrochen wir uns. Volpe flüsterte kaum hörbar:

»Gut, dass es eine klare Nacht ist. Bei Regen wäre es schwerer. Wir werden nicht mehr lange warten müssen, pscht!«

In diesem Augenblick knarrte das Törchen in rostigen Angeln und fiel nach innen. Eine lange, geschmeidige Gestalt huschte gebückt auf das Haus zu, das Gesicht in einer Kapuze mit Sehschlitzen verborgen, um die Fassade wie ein Affe empor zu klettern. Auf dem Sims stehend, zog er einen blinkenden Gegenstand hervor, ein starkes Messer und hebelte das Fenster aus. Leise, leise nur klirrte es. Dann verschwand er im Inneren des Hauses. Volpe flüsterte:

»Wir nehmen ihn fest, wenn er wieder herunter geklettert ist, wenn‘s geht erst, nachdem er die Büste zerschmettert hat.«

Schon tauchte der Mann wieder auf. Im sich kreuzenden Licht des Mondes und der fernen Laterne erkannten wir, dass er einen rundlichen Klumpen trug.

Bäuchlings legte er sich über den Fenstersims, ließ einen GipsKopf aus den Händen gleiten, so dass er mit einem leichten Plumps-Geräusch im Vorgarten aufschlug.

Schon flog er mit einem Seitwärts-Schwung über das Fensterbrett und landete wie eine Katze auf der Erde. Noch ehe wir uns auf ihn stürzen konnten, hatte er die Büste schon an der Hauswand zerschmettert, starrte jetzt wie gebannt auf das Gewirr der Scherben hinab und ließ ein enttäuschtes Grunzen ertönen.

Volpe gab uns ein Zeichen: Gemeinsam stürzten wir uns auf den Einbrecher. Doch bevor wir ihm noch die Hände auf den Rücken biegen konnten, hatte er schon den Dolch gezückt und zugestoßen. Dumpf stöhnend antwortete Volpes Sicherheitshemd, ohne das er ein toter Mann gewesen wäre.

Ich war hinter dem Schuft zum Stehen gekommen und schlug ihm nun den Knauf meines Dolches über den Schädel, dass es nur so krachte. Er ließ das Messer fallen, sackte stöhnend in sich zusammen und drohte, zu Boden zu gehen:

Ich aber kriegte ihn von hinten um die Brust zu fassen und griff in zwei zarte Rundungen. Doch schon hatten ihn Ambrosio und Volpe in Handschellen gelegt.

Dann drehten wir den Gefangenen um. Ich riss ihm mit der Kapuze auch den Umhang ein Stück weit herunter. Unbedeckte Schultern und eine weibliche Brust, weiß in Frau Lunas grellem Licht, leuchteten auf als wären sie aus Marmor. Volpe kicherte schadenfroh. Ambrosio und ich, wir waren baff.

Vor uns stand nämlich, wie ein Tiger fauchend, eine auffällig große Frau, größer noch als Volpe, und im Mondschein leuchtete uns ihr vor Wut verzerrtes Gesicht entgegen, das unverkennbar große Ähnlichkeit mit dem Portrait auf dem Dir, lieber Leser, schon längst bekannten Bildchen hatte.

Nicht einmal die Sommersprossen, die Volpe nicht mag, fehlten; kurz: Der gesuchte Verbrecher hatte sich als Frau entpuppt, in die ich mich im Nu vergaffte. Doch als ich ihr begütigend zur Seite treten wollte, um ihr über das auffällig hell blondierte Haar zu streicheln, schnappte sie mit Zähnen nach mir.

Während wir staunten, hatte Volpe jedes Interesse an dem in meinen Augen bezaubernden Mädchen verloren und beugte sich nur noch über den Scherbenhaufen, den er mit der Taschenlampe grell beleuchtete.

Ein Bruchstück nach dem anderen hielt er ins Licht, aber es handelte sich nur um Trümmerteile aus Gips. Kaum hatte er die Untersuchung abgeschlossen und rieb sich vergnügt die Hände, als sich die Haustür öffnete und der Besitzer mit einem flackernden Öllämpchen in der Hand zum Vorschein kam:

»Lieber Ambrosio«, sagte Volpe, »darf ich dir den ehrenwerten Signore Giulio Bretone vorstellen, seines Zeichens Bankier und Immobilienkaufmann?

Und dir, lieber Signore Bretone, darf ich den Tenente di Fusco vorstellen, führender der venezianischen Carabinieri?«

Beide schüttelten einander die Hände. Bretone sagte:

»Ich habe es genau so gemacht, wie Sie, verehrter Signore Giuseppe Tartini, es vorgeschlagen haben. Die Haustür blieb verschlossen und verriegelt. Ich habe im hinteren Zimmer gewartet, was geschehen würde und bin jetzt heilfroh, dass ihr den Schuft festgenommen habt. Darf ich euch zu einer kleinen Erfrischung einladen? Das Speisezimmer ist bereit.«

»Gerne«, sagten Volpe und ich mit einer Stimme. Ambrosio aber meinte, er müsse erst die Gefangene aufs Revier bringen. Aus Sicherheitsgründen sollten wir ihn leider begleiten, denn das Mädchen fauche schon wieder wie eine Bestie und er wisse nicht, wie er sie ohne unsere Hilfe bändigen könne.

So wurden wir um die uns zustehende Belohnung gebracht, bildeten die Ehrengarde und führten die zornige Frau zum Rio di Frari, wo das vom Tenente telefonisch georderte Polizeiboot binnen weniger Minuten anlegte.

Als die Gefangene in Gewahrsam genommen war, durchsuchte man jetzt auch den Beutel, den sie bei sich gehabt hatte und förderte neben ein paar Scheinen nur noch einen zweiten Dolch zutage, der mit getrocknetem Blut besudelt war.

»So, das war‘s«, sagte di Fusco, »wir haben den Mörder, äh, die Mörderin, und wer sie ist, kriegen wir schon noch heraus. Man hat da diese und jene Methode, verstockte Schufte zum Reden zu bringen. Immerhin darf ich dir, lieber Volpe, dafür danken, dass wir sie so rasch haben verhaften können. Wie du das allerdings zuwege brachtest, ist mir immer noch ein Rätsel.«

Volpe gähnte herzhaft und sagte:

»Das zu erklären, braucht einige Zeit. Jetzt ist es spät in der Nacht oder früh am Tage. Komme gegen Mittag zu mir und lass dir einen schmackhaften Happen auftischen. Bis dahin hoffe ich, die letzten Unklarheiten überwunden zu haben, denn es gibt da noch Dinge, deren Bedeutung du nicht ahnst, mein Lieber. Habe also Geduld, und auch du, caro Dottore! Du hast dich übrigens bei unserer Rauferei prächtig geschlagen; mein Kompliment.«

Ambrosio versprach, pünktlich einzuschneien und verschwand in Dienstgeschäften, während wir uns auf den Heimweg machten. Das erste Grau überzog den östlichen Himmel.


*


Gegen Mittag gelangte der Tenente zu uns. Wir hockten uns in die Korbsessel, rund um Volpes kleinen Tisch, auf dem seltsamer Weise neben einem Kugelschreiber ein hölzerner Fleischklopfer lag. Giovanni setzte uns stark verdünnten Wein und ein paar nette Häppchen vor. Der Tenente war bester Laune und sprudelte nur so vor Geschwätzigkeit.

Seine Bemühungen, sagte er, die Identität der schweigenden Täterin zu lüften, seien erfolgreich gewesen:

‚Fiammetta‘ werde sie genannt, eine auffällig große Frau. Sie gehe seit einiger Zeit im Afrikaner-Viertel ein und aus. Gewisse Männer, so hieß es, hielten sie gegen Sex über Wasser. Früher habe sie in ehrbaren Verhältnissen gelebt und sei eine geschickte Bildhauerin gewesen, dann aber ausgeflippt, einmal schon im Knast gesessen, und das wegen schwerer Körperverletzung. Sie gelte als aggressive Person, mit der nicht gut Kirschen zu essen sei.

Weshalb sie die Büsten zerstört hatte, habe er nicht ermitteln können, und sie schweige dazu wie das Grab. Freilich halte er es für gut möglich, dass sie die sechs Skulpturen persönlich gegossen hatte, denn sie sei damals bei Salvatore Biondi, dem Besitzer einer Manufaktur für Skulpturen zu Marghera angestellt gewesen, den sie einmal sogar beklaut hatte. Leider aber, so Ambrosio, könnten die Scherben keine Auskunft darüber geben, wer genau der persönliche Hersteller des Kunstwerks gewesen war.

»Da bin ich anderer Meinung«, murmelte sich Volpe in den Dreitagebart hinein, der Ambrosios Bericht geduldig gefolgt war, obwohl er all dies ja längst schon wusste. Ich sah ihm an, dass er nervös war und voller Ungeduld irgendwelcher Dinge harrte, um plötzlich erregt aus dem Korbsessel aufzuspringen.

Schwere Schritte polterten durch den Korridor und hinein ins Speisezimmer. Es war unser Giovanni, der einen wohlbeleibten Signore hinein geleitete. Dieser hatte ein rötliches Gesicht mit Pausbacken, sah aus freundlichen Schweinsäuglein zu uns herüber und schlenkerte eine Reisetasche in der linken Hand. Fragend gingen seine Blicke von einem zum anderen, bis er zielsicher auf Volpe zu trat:

»Seien Sie gegrüßt, edler Signore Tartini; seien auch Sie gegrüßt, Signori!«

»Auch ich grüße Sie, Signore Marcantonio Farinelli aus Mestre, wenn ich mich nicht irre. Dies hier ist mein Adjutant, und das da Tenente Commissario di Fusco. Darf ich Ihnen einen Sessel und eine kleine Erfrischung anbieten.«

»Aber gerne«, sagte Farinelli und setzte die Tasche, in der sich ein schwerer runder Gegenstand befinden musste, auf den Tisch, um einen tüchtigen Schluck zu schlürfen:

»Und ich bitte gnädigst um Entschuldigung dafür, dass ich mich ein Wenig verspätet habe, aber mein Vaporetto blieb im Gewimmel der Gondeln stecken und ich musste zu Fuß weiter gehen; oh, und das bei dieser Hitze! Und hier in der Tasche steckt die Gipsbüste, welche Sie mir abkaufen wollen, oder irre ich mich?«

»Keineswegs; es ist so«, sagte Volpe.

»Gut, verehrter Signore Tartini, Sie bieten mir hundertfünfzig Euro für den Kopf, zuzüglich zwanzig Euro Reisekosten. Haben sie das ernst gemeint?«

»Natürlich; ich stehe zu meinem Wort.«

»Doch dann darf ich Ihnen meine doppelte Verwunderung aussprechen: Woher wussten Sie eigentlich, dass ich im Besitz einer solchen Skulptur bin? Und sind Sie auch darüber im Bilde, dass ich dafür nur fünfzehn Euro gezahlt habe?«

»Das ist einfach zu erklären: Der Händler sagte mir, dass er sein letztes Exemplar an Sie verkauft habe. Wenn ich bereit bin, das Zehnfache des Preises zu zahlen, ist und bleibt das meine eigene Sache. Immerhin ehrt es Sie, dass Sie mir offen und ehrlich den ursprünglichen Preis genannt haben.«

»Dann ist ja alles in Ordnung, Signore Tartini. Hier in der Tasche steckt die Büste. Wir können handelseinig werden.«

Mit diesen Worten öffnete er den Reißverschluss, mit welchem die Reisetasche verschlossen war und setzte uns einen unversehrten Garibaldi-Kopf vor die Nase.

Volpe warf drei Fünfzigeuroscheine und einen Zwanziger auf das Tischtuch, legte ein vorbereitetes Blatt Papier daneben und sagte feierlich und förmlich:

»Lieber Signore Farinelli, gewiss ist Ihnen schon zu Ohren gekommen, dass ich methodisch vorzugehen pflege. Um das Geschäft hieb und stichfest zu machen, bitte ich Sie, diesen kleinen Kontrakt da zu unterzeichnen, mittels dem Sie alle Rechte an dieser Skulptur mir persönlich überlassen. Der Dottore und di Fusco werden ihre Unterschriften als Zeugen hinzufügen.«

Eilig steckte Farinelli das Geld ein. Dann nahm er den Kugelschreiber und unterschrieb den Vertrag. Der Tenente und ich folgten ihm in seinem Bemühen. Volpe rollte das Schriftstück zusammen, verschnürte es sorgfältig, träufelte aus einer Kerze flüssiges Wachs auf den Knoten und drückte sein Siegel in die rasch erkaltende Masse:

»Vielen, vielen Dank, lieber Signore Farinelli. Ich darf Ihnen noch einen angenehmen Aufenthalt in Venedig wünschen, bevor Sie nach Mestre zurück fahren.«

Farinelli wurde Giovanni hinaus geleitet. Der Tenente und ich sahen ihm erstaunt hinterher. War Volpe verrückt geworden, dieses billige Ding so teuer zu erstehen? Fragend blickte ich zu ihm hinüber, während er eilig den Stift beiseite räumte, den Garibaldi-Kopf auf das weiße Tischtuch stellte und ihn eine Zeitlang in Händen drehte. Sein Gesicht nahm dabei einen überaus gespannten Ausdruck an:

Dann nahm er den kleinen Holzhammer und gab dem Freischärler einen heftigen Schlag mitten auf den Scheitel. Die Skulptur zerbrach. Scherben rieselten über das Tuch.

Volpe nahm ein erstes, dann ein zweites Bruchstück in die Hände und hielt sie prüfend ans Licht. Dann klaubte er noch ein drittes hervor, stieß einen heiseren Schrei des Triumphes aus und hielt uns die Scherbe vors Gesicht: Ein dunkelblauer, fast schwarzer Gegenstand steckte darin, ungefähr von der Größe und Form einer reifen Pflaume.

»Meine Herren«, schrie er mit schriller Stimme, »das hier ist die verschollene Perle der Contessa Sabina di Sforza aus Milano. Es ist eines der wertvollsten Schmuckstücke aller Zeiten.«

Verblüfft blieben Ambrosio und ich noch für einen kleinen Augenblick im Korbsessel sitzen. Dann erhoben wir uns und applaudierten dem Meister begeistert. Volpe blühte auf vor Freude, denn in solchen Momenten verließ ihn die Bescheidenheit, welche ihn sonst so auszeichnet, und wie ein gefeierter Schauspieler des Theaters oder ein siegreicher Athlet des Stadions reckte er triumphierend die Fäuste zur Decke.

»Es ist ganz gewiss eine der berühmtesten Perlen«, sagte er, »aber vor einem Jahr verschwand sie spurlos aus dem Besitz der Contessa. Doch gerade eben konnte ich ihren Weg rekonstruieren, von dem Entwenden bis zu ihrem Auftauchen in der Skulpturenmanufaktur des Signore Salvatore Biondi zu Marghera.

Der Verdacht fiel von Anfang an auf die Zofe der Contessa, aber man konnte ihr nichts nachweisen. Als man nicht mehr weiter wusste, riet Conte Alfredo di Sforza dazu, auch mich um Rat zu fragen, aber auch das war durchaus erfolglos.

Immerhin konnte ich ermitteln, dass die Zofe eine Schwester hatte. Die beiden standen aber, so schien es, in keiner Verbindung miteinander. Beim letzte Nacht ermordeten Mann handelt es sich jedoch ohne jeden Zweifel um das Opfer eben dieser Frau, die sich Fiammetta nennt. Sie ist die Schwester der Zofe.

Ich bin dann der Geschichte dieser Mörderin nachgegangen und habe festgestellt, dass die Perle genau zwei Tage, bevor sie wegen einer Messerattacke, die sie in Biondis Firma ausübte, eingesperrt wurde, verschwand. Die Bluttat ereignete sich in eben der Zeit, als unsere Fiammetta mit dem Fertigen von Garibaldi-Skulpturen beschäftigt war. Sie hatte inzwischen die Perle von der Schwester übernommen.

Als ihr die Verfolger im Nacken saßen, darunter auch ich, wusste sie sich keinen anderen Rat, als das Juwel im Inneren des Abgusses, den sie gerade fertigte, zu verstecken. Schon standen die von ihr gefertigten Gipsköpfe zum Trocknen im Regal, und sie merkte sich die Registrierungsnummer. Wer sollte jetzt noch auf ein derart wunderbares Versteck kommen?

Kurz darauf kam es zum genannten Streit, und Fiammetta wanderte für ein Jahr in den Knast, während sich die Skulpturen in alle vier Winde zerstreuten.

Da sie als entlassene Straftäterin unmöglich wieder bei Biondi anfangen konnte, machte sie sich an einen Mann aus dem Afrikanerviertel heran, der zufällig dort arbeitete, um herauszufinden, wohin die Skulpturen geliefert worden waren. Vermutlich hat sie ihm alles im Bett ausgeplaudert, denn sie schlug sich als Prostituierte durch. Jedenfalls hatte der Mann keine Schwierigkeiten, das Erwünschte zu ermitteln, da Biondi die Geschäftsbücher grundsätzlich nicht verschlüsselt, wie wir ja wissen.

So erfuhr denn unsere Fiammetta, wer der oder die Einzelhändler waren bzw. sind und ermittelte den Aufenthaltsort aller sieben gesuchten Skulpturen.

Dann machte sie sich auf die Jagd nach den einzelnen, ohne daran zu denken, dass ihr Liebhaber, der junge Nordafrikaner, gar nicht daran dachte, den Gewinn mit ihr zu teilen.

Nachdem Fiammetta als Mann verkleidet die erste Skulptur beim Händler und drei weitere beim Arzt zerschlagen hatte, schlich er ihr hinterher, um ihr die immer wahrscheinlicher werdende Beute beim fünften Versuch abzujagen, aber Fiammetta war mit dem Messer zur Hand, bevor er sich den Gipskopf sichern konnte und schnitt ihm die Kehle ab. Dann zerschlug sie den Abguss, einige Häuser vom Tatort entfernt, wie bekannt, und wieder war die Perle nicht in ihrem Inneren.

Jetzt gab es nur noch zwei in Frage kommende Abgüsse, einen leicht erreichbaren in Venedig, wo sie untergekrochen war, und einen im entfernteren Mestre. Dass sie sich zuerst dem venezianischen Kopf widmen würde, war mir klar, und dabei haben wir sie dann festgenommen.

Die Perle ließ jedoch weiterhin auf sich warten. Wenn meine Theorie stimmte, dann steckte sie in dem vom Mann aus Mestre erworbenen Gipskopf. Ich schickte ihm also einen Eilboten mit dem euch bekannten Kaufangebot. Er kam; ich kaufte; und dann, ja dann … mir zitterten die Hände, als ich zum Fleischklopfer griff. Was wäre, wenn ich mich geirrt hätte?«

Volpe schwieg. Wir schwiegen eine Zeitlang mit ihm, bis Ambrosio das Wort nahm:

»Mein lieber Volpe, guter Freund! Wir haben schon manches Mal erfolgreich zusammengearbeitet; aber diesmal … wie soll ich das nur sagen … diesmal hast du dich selbst übertroffen. Diesmal hast du uns ein Meisterwerk geliefert, das wohl kein anderer zustande hätte bringen können. Im Namen des Capitano Marcello, auch wenn er noch nichts davon weiß, darf ich dich zur Feier des Triumphes aufs Revier einladen. Wie sehr sich die Contessa erst freuen wird!«

»Danke, vielen Dank, meine Freunde!«, sagte Volpe tief errötend, »doch jetzt an die Arbeit, caro Dottore!

Begib dich ans Telefon und informiere die Familie der Sforza zu Milano über unseren Fund. Man möge einige Vertraute schicken, um das Objekt abzuholen. Richte seiner Durchlaucht aus, es sei mir eine Freude gewesen, ihm diesen unbedeutenden Dienst erwiesen zu haben!«

»Weißt du auch«, sagte Ambrosio gedehnt, während ich mich erhob, »welches Sümmchen die Versicherung auf die Wiederbeschaffung des Steinchens ausgesetzt hat?«

»Keine Ahnung; damit beschäftige ich mich nicht. Ich arbeite grundsätzlich nicht gegen Geld, auch wenn ich das Honorar nicht verschmähe. Mir geht es grundsätzlich ums Problem. Der Rest ist Giovannis Angelegenheit.«

»Dann will ich es dir mal sagen«, sagte di Fusco, »es sind 300.000 Euro und Null Cent.«

»Mann Gottes!«, entfuhr es mir.

»Ist ja wunderschön«, meinte Volpe und legte die Fingerspitzen aufeinander, »davon lässt es sich eine Weile leben. Aber da die venezianischen Carabinieri tüchtig mit von der Partie waren, erlaube ich mir, die Hälfte des Gewinns in deren Freud und Leidkasse abzuführen. Einem Beamten, selbst wenn er mein Freund ist, darf ich leider nichts anbieten außer mein Haus:

Casa mia sempre è aperta agli amici (mein Haus steht meinen Freunden immer offen).«

Di Fusco und ich klatschten leise Beifall.



4. Teil: Ein Nachwort

Auf den Triumph folgte die Depression. Volpe verhockte Tag für Tag in sinnlosem Brüten. Vergebens suchte ich ihn aufzumuntern. All seine Energie, die er bewiesen hatte, war wie vom Winde verweht. Trübsinnig stierte er zu Boden. Er aß nichts und trank nur ab und zu einen Schluck Wasser. Alles was ich von ihm zu hören bekam, war das stunden lange Spielen von Tonleitern auf der Violine, erst einfach, dann im Doppelgriff, und wenn er das zwei Stunden vollführt hatte, eine Solosonate von Bach.

Mitten hinein polterte eines Tages Ambrosio, setzte sich, ohne lange zu fackeln, leerte genießerisch einen Pokal, halb Wasser, halb Wein, den ihm Giovanni vorgesetzt hatte und sagte:

»Ich komme gerade vom Gericht, wo ich alle möglichen Aussagen machen musste. Die Sache war natürlich klar. Unsere Gefangene, ganz gleich wie immer das Biest sich auch nannte, hat gar nicht erst zu leugnen angefangen. Man hat ihre Schwester, die ehemalige Zofe, ebenfalls eingesperrt. Auch sie fing gar nicht erst zu leugnen an und bekannte sich schuldig.«

»…und das Urteil?«, fragte Volpe tonlos und gähnte.

»Die ehemalige Zofe wurde der Mittäterschaft schuldig gesprochen. Sie muss für drei Jahre hinter Gitter. Das Gericht war der Meinung, die Gräfin hätte fahrlässig gehandelt und erst dadurch das Fehlverhalten der Dienerin provoziert.

»Und das Urteil für Fiammetta?«, fragte ich atemlos.

»Nun, ich habe getan, was ich konnte«, sagte der Tenente, »und dem Gericht klar gemacht, dass es sich beim vermeintlichen Mord nur um Notwehr handelte. Dennoch wurde sie wegen Diebstahls und Totschlages zu acht Jahren verurteilt.«

»Eine Schweinerei!«, entfuhr es mir.

»Ach, da sieh mal einer an«, murmelte Volpe, »der gute alte Dottore hat sich mal wieder verliebt; und das, obwohl das mörderische Biest auch noch Sommersprossen hat …«

»Dir gefällt sie doch auch«, sagte ich trotzig.

»Ja, sie ist allerliebst, eine rechte Honigpuppe und langbeinige Venus, wären da nur nicht diese scheußlichen …«

»Gut, sagte ich, dann lege gefälligst Berufung gegen das Urteil ein. Nimm einen Staranwalt. Du hast ja neuerdings genug auf der hohen Kante. Auf ihn wird man hören.«

»Wie Herr General befehlen «, sagte Volpe und legte die Fingerspitzen aufeinander, »das lässt sich machen.«


*


Ein guter Monat mochte vergangen sein, als wir drei wieder einmal in fröhlicher Runde beisammen saßen. Die Berufung war erfolgreich über die Bühne gegangen. Fiammettas Strafe war auf vier Jahre reduziert worden, die nach zwei Jahren auf Bewährung ausgesetzt werden konnte.

Zwei Monate nach Beginn der Haft durfte sie sich unter die Freigängerinnen einreihen. Bereits im Januar des folgenden Jahres konnte sie einer Feier im Palazzo meines Freundes beiwohnen und saß dem Tenente auf dem Schoß; doch davon später.

Wie wir vernahmen, hatte sie sich dem Boxklub der Frauenhaftanstalt von Padua angeschlossen und auf Anhieb die Meisterschaft im Veneto gewonnen. Als Profi stehen ihr eine goldene Zeiten bevor.

»Nur noch ein klein Wenig Geduld, caro Dottore«, sagte Volpe süffisant grinsend, »und dann ist sie auf freiem Fuße. Dann kannst du das männermordende Biest ja heiraten.«

»Lieber nicht«, entgegnete ich.

»Ach, auch du hast jetzt etwas gegen Sommersprossen?«

»Nein, aber diese Ehe wäre mir, äh, ein Wenig zu gefährlich. Ich denke, ich bleibe diesmal ausnahmsweise lieber ledig. Aber ihren nächsten Kampf lasse ich mir nicht entgehen. Ich denke, ihr seid mit von der Partie, nicht wahr? «

»Ich bin auf jeden Fall dabei«, rief Ambrosio, »und werde die Flamme unseres Dottore anfeuern.«

Volpe zögerte einen Augenblick. Dann sagte er:

»Na, da werde ich wohl mitmachen müssen. Leichter fiele es mir freilich, wären da im Gesicht der Süßen nicht diese, diese …«

Jetzt lachten wir um die Wette und ließen die Gläser klingen.


ENDE



Volpe und der Fall des Capitano Nero

Kriminalnovelle von Meinhard-Wilhelm Schulz



Hauptpersonen:

Dr. med. Sergiu Petrescu: ich, der Erzähler

Giuseppe Tartini ‚Volpe‘: Privatdetektiv; mein Freund

Capitano Benedetti: Deckname für Volpe

Ambrosio di Fusco: Commissario Tenente der Carabinieri

Giulio Marcello: Commissario Capitano der Carabinieri, sein Chef

Alfredo Scimmia: Korrespondent des Corriere della Sera

Capitano Marco Fimbria, alias Capitano Nero: Mordopfer

Namenlos: Seine Frau und seine unverheiratete Tochter

Mario Fontane: Matrose und jahrelanger Begleiter Fimbrias

Lucio Porcello (‚Schweinchen‘): Landwirt zu Torcello; Zeuge

Banca Popolare d‘ Udine: machte 1956 betrügerischen Bankerott

Paolo Ancelotti: letzter Inhaber der Bank; verschollen

Angelina Ancelotti: Enkelin des Paolo Ancelotti; Profiboxerin

La Bionda: Kosename (die Blonde) von A. Ancelotti; Profiboxerin

Flavilla Alberti: die Bekannte aus dem Garibaldi-Fall; Boxerin


1. Teil: Vorbemerkungen

Das Drama ging Mitte Januar 2018 über die Bühne. Ich hatte meine Praxis kurz vor Weihnachten geschlossen, Jesolo hinter mir gelassen und die paar Schnupfenpatienten einem jungen Kollegen anvertraut, der die paar Kröten nötiger als ich hatte. Gegen Ostern, wenn die ersten Touristen aus Deutschland einschneien, wollte ich wieder auf dem Posten sein. In der Zwischenzeit logierte ich bei meinem Freund Volpe, um mir ihm gemeinsam die Öde der Jahreszeit zu überwinden.

Venedig im Winter! Grau in grau unter einer Hochnebeldecke. Eisiger Nordostwind lässt das Leben erstarren; kleine Kanäle wie aus grauem Glas; Plätze und Sehenswürdigkeiten menschenleer; die Touristen haben die Stadt den Einheimischen zurückgegeben. Was wissen sie schon von den Beschwernissen, in einer 500 Jahre alten Siedlung, mitten im Museum zu leben, wo es keine Autos gibt und Geduld der Lebensbegleiter ist.

Trübe sanfte Melancholie: Vom fernen Sibirien in die Lagune herüber gewehte Krähen und kreischende Möwen geben den Ton an. Die Sonne, wenn sie sich denn einmal blicken lässt, steht zu tief, um den Boden der Gassen zu erhellen; Temperaturen kaum über Null. Venedig im Winterschlaf, bevor es im venezianischen Karneval zu neuem, zu sprühendem Leben erwacht und die vorübergehend verschwundenen Gäste herrisch ihren Herrschaftsanspruch erneuern.



2. Teil: Der Fall des Capitano Nero

Ein solch trostloser Tag war es, als ich mich zum Frühstück hinunter begab. Volpe hockte im Morgenmantel am Tisch und war mit dem Vertilgen eines Vollkornbreis beschäftigt, während auf meinem Platz frische Brötchen lungerten. Statt mir einen ‚Guten Morgen‘ zu wünschen, murmelte er, ohne aufzublicken:

»Schon mal in Torcello gewesen?«

Er hatte mir das richtige Stichwort gegeben, denn nachdem ich mir eine Tasse Kaffee in den Kopf gekippt und einmal tief in einen Käse-Weck gebissen hatte, sprudelte ich los:

»Der typische Ausflug für ausgeflippte Gäste: Murano, Burano und Torcello; erst dem allmählichen Entstehen handgemachter Klöppelspitzen zusehen, dann schwitzend dem Glasbläser in Burano über die Schulter schauen und zuletzt des beträchtliche Stück hinüber nach Torcello schippern. So habe ich es auch gemacht, einmal und nie wieder; zu viel auf einmal. Nach Torcello bin ich aber noch oft gefahren.

Venedig und Torcello, größere Gegensätze kann es gar nicht geben. Hier das bunte Leben, da die feierliche Stille. Steigt man zu Torcello aus Boot oder Vaporetto, taucht man in eine fremde Welt ein, eine Umgebung, die dem gehetzten Menschen von heute geradezu unwirklich vorkommt.

Auf der schmalen Kanalstraße ins Herz der Insel umfängt den Besucher feierliche Stille. Der Weg führt an ein paar stillen Lokalen vorüber, die jetzt Winterpause haben, und man kommt zum zentralen Platz mit einer uralten Basilika samt mächtigem Turm sowie einer runden Kirche.

Torcello soll bereits seit dem fünften Jahrhundert besiedelt worden sein, lange vor Venedig. Bis zu 20.000 Menschen, sagt man, hätten hier gelebt, für damalige Verhältnisse eine Großstadt wie das mittelalterliche Köln an Rhein.

Doch wie sagt schon der gute alte Römer? ‚Sic transit gloria mundi – so vergeht der Ruhm der Welt‘. Seit dem Aufstieg Venedigs ging es mit Torcello unaufhaltsam bergab. Heute leben nur ganz wenige Leute auf der einsamen Insel.«

»Großartig, mein Freund«, murmelte Volpe und stocherte irgendwie angewidert in seinem Getreidemüsli herum, »du hast die Prüfung als Fremdenführer mit Auszeichnung bestanden.«

Darauf erhob er sich träge, sagte im Hinausgehen, er werde heute Nachmittag weitere Gedanken mit mir über die ‚Insel der Seligen‘ austauschen, müsse jetzt aber der Arbeit nachgehen, während ich mich weiter auf der faulen Haut ausruhen dürfe.


*


Ich wusste ganz genau, dass er sich mit einem Problem beschäftigte, hatte aber aus leidvoller Erfahrung darauf verzichtet, ihn danach zu fragen, wohl wissend, dass er schon noch auf mich zukommen würde, wenn Not am Mann wäre.

In letzter Zeit kam es nämlich vor, dass bei uns Männer erschienen und nach einem ‚Capitano Benedetti‘ fragten. Wie Freund Volpe mir verraten hatte, firmierte er zurzeit unter diesem Namen und hatte sich dafür etliche Absteigequartiere in Venedig, Marghera und Mestre gemietet. Offenbar arbeitete er an der Lösung eines Kriminalfalles.

Gegen Mittag desselben Tages: Giovanni trat ein, räusperte sich, machte eine kleine Verbeugung, setzte mir einen Becher stark verdünnten Süßweines auf den Tisch und meinte, er bitte um ein paar Minuten Geduld. Der Chef werde jeden Augenblick zurück sein, und richtig:

Schon schlenderte mein Freund herein, mein guter alter Giuseppe Tartini, wegen seiner feuerroten schulterlangen Haare meist nur ‚Volpe‘ (Fuchs/Schlaumeier) genannt. Aber wie sah er denn heute nur aus! Kaum kannte ich ihn wieder.

Einen struppigen schwarzen Vollbart hatte er sich angeklebt und trug die grobleinene Tracht der Seeleute. Auch das sonst so feurige Haar war tief schwarz gefärbt und zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden.

Unter den Arm geklemmt, brachte er ein seltsam plumpes Gerät herein. Wenn es schlanker gewesen wäre, hätte ich es als Speer bezeichnet. Seine eiserne Spitze war aber mit einem Widerhaken versehen. Der mächtige hölzerne Schaft endete in einer markanten Verdickung, die durchbohrt war, so dass man ein Seil hätte durchziehen können.

»Gott, steht mir bei!«, schrie ich, als ich seiner ansichtig wurde, »wie siehst du denn aus! Du wirst doch nicht etwa mit diesem Mordinstrument da am helllichten Tag in unserem friedlichen Venedig spazieren gegangen sein?!«

Volpe nahm den falschen Bart ab, lehnte den ‚Speer‘ an die Wand, eine Ecke ausnutzend, kicherte verhalten und ließ sich aufseufzend in den nächsten Korbsessel fallen, während Giovanni ihm die geliebte Tonform voller frisch gegarter Verdure (Gemüse), alles fein mit Käse überbacken, auftischte.

»Nun, mein Lieber, während du dich wie üblich dem ‚dolce far niente‘ (süßes Nichtstun) hingabst, wie das so deine Art ist, bin ich schon stundenlang unterwegs gewesen, um meinem Beruf nachzugehen. Dabei habe ich mich unter die Seeleute gemischt, um Erfahrungen zu sammeln. Den Ruß muss ich mir noch aus den Haaren waschen, hihihi.

Aber das ‚seltsame Mordinstrument‘ da, wie du es in deiner Ahnungslosigkeit nanntest, ist nichts anderes als eine historische Harpune, wie sie die zur Hochsee fahrenden Fischer noch bis über die Mitte des Zwanzigsten Jahrhunderts hinaus verwendeten, um dem von dir so sehr geliebtem Thunfisch oder dem gefürchteten Hai, ja sogar dem Wal nachzustellen, bevor das naturnahe Gerät durch moderne Harpunenkanonen ersetzt wurde, was gewisse Meerestiere an den Rand des Aussterbens brachte.

Ich habe mir das Ding von einem Freund ausgeliehen, dessen Großvater damit noch Thunfische aufspießte. Ich beabsichtigte nämlich, damit zu experimentieren. Giovanni wird es ihm noch heute zurückerstatten, denn der Versuch ist geglückt.«

»Ach, so ist das«, sagte ich betont frech und hob die Brauen, »du hast deinen Beruf gewechselt, bist zumindest für diesen einen Tag unter die Walfänger geraten und kehrst gerade mit frischer Beute zurück; her mit dem Fisch!«

»Hihihi«, meinte Volpe, »jetzt wirst du aber unverschämt. Immerhin bin ich gerade eben zu einem Macellaio (Metzger) gelaufen, dem ich mal einen Gefallen erwiesen hatte, um dort dies und das zu versuchen oder auf die Probe zu stellen. Solches Tun war nicht ohne Schweißvergießen zu machen, was bei diesen Temperaturen jedoch nicht das Übelste ist.

Ja, und davon habe ich jetzt einen Mordsappetit, obwohl es ja immer heißt, wir Italiener hielten nicht viel vom Pranzo (Mittagessen) und gingen lieber halbverhungert der Arbeit nach, um uns erst abends mit der fünfgängigen Cena den Wanst voll zu schlagen. Mit leeren Magen macht man aber schneller schlapp.«

»Wie bitte? Höre ich recht? Du warst beim Metzger? Ich dachte, du machtest dir nichts aus Fleischspeisen. Hast du deine Mitgliedschaft im ‚Club der Vegetariani’ gekündigt?«

»Blödsinn! Aus mir wird nie ein richtiger Kadaverfresser, da kannst du Gift drauf nehmen, auch wenn ich die vegane Art des Lebens für heillos übertrieben halte. Darum ging es aber auch gar nicht. Ich denke, du wirst nie im Leben erraten, was ich dort so tat. Dafür fehlt es dir leider an der Kombinationsgabe.«

»Besser also, ich versuche es erst gar nicht.«

»Ist auch gut so. Doch jetzt will ich erst einmal in Ruhe meinen Gemüseauflauf vertilgen; danach Oliven und Zitrusfrüchte; dazu jede Menge frisch gepressten Obstsaftes! Labe du dich an dem, was dir Giovanni gleich vorsetzt. Ich habe es für dich ausgesucht, und dabei sämtliche meiner kleinen grauen Zellen auf Empathie getrimmt.«

Giovanni stellte einen kleinen italienischen Salat auf dem Tisch, der mit feinen Käse und Schinkenwürfelchen abgeschmeckt war, daneben eine Schale frisch zubereiteter Kroketten und eine abgedeckte Schüssel.

»Heb den Deckel herunter«, befahl mir Volpe. Ich tat es und stieß einen Schrei des Entzückens auf. Eine herrlich zubereitete Seespinne wartete auf mein Gebiss.

»Giovanni ist eigens dafür zum Fischmarkt an der Rialtobrücke gestiefelt, damit mein Freund nicht verhungern muss.«

Ich legte oberlehrerhaften Widerspruch ein und sagte:

»Korrekt müsste es heißen ‚Fisch und Gemüsemarkt‘. Woher stammt wohl all die ‚Verdure‘ im deiner Tonform da? Nachdem Giovanni dir dein ewiges Grünfutter besorgt hatte, dachte er auch an meinen Magen, hatte Mitleid und erbarmte sich meiner. So war das, mein wahrheitsliebender Kamerad.«

»Mein Gott, was habe ich doch für einen kombinationsfreudigen Mitarbeiter und Freund gewonnen«, sagte Volpe. Während wir das Mittagessen vertilgten, berichtete er mir dann, noch auf beiden Backen kauend, was er beim Macellaio vollführt hatte.

»Wärst du nicht so ein Frierpinsel, hättest du mich trotz aller Kälte begleiten können. Beim guten alten Ottorino Ospite hing nämlich ein frisch geschlachtetes Schwein am Haken, den Kopf nach unten, und wartete darauf, endlich verarbeitet zu werden. Das Blut schwappte schon schaumig in einer Wanne. Manche Barbaren mögen ja diese widerliche Blutwurst.

Es war übrigens eine kapitale Sau mit dem Körper eines bulligen Mannes, genau das also, was ich suchte, und die Harpune da in der Ecke, eine Leihgabe des oben erwähnten Freundes, hatte ich vorsorglich mitgebracht.«

Ich musste beim Gedanken, dass sich mein Volpe neuerdings für frisch geschlachtete Schweine interessierte, schallend lachen und mir, um nicht zu platzen, beidhändig den Bauch halten. Er aber fuhr ungerührt fort:

»Ich erklärte dem Meister, was mein Begehr sei. Er war einverstanden, da ich ihm vor zwei Jahren aus der Bredouille geholfen hatte, ohne dem Habenichts ein Honorar abzufordern.

Dann streifte ich die Kleidung ab und hüllte mich in einen Metzgeroverall aus Kunststoff, um ans Werk zu gehen und ein einziges Mal mit diesem spitzen Ding da auf das verblichene Schwein einzustechen, mit Anlauf und höchster Kraft, versteht sich’s, aber ach! All meine Kräfte, und deren sind nicht wenige, verpufften wirkungslos. Die Harpune blieb mitten im Leib des Tieres stecken statt ihn, wie erhofft, zu durchbohren und ließ sich nicht herausziehen, wie das die Art solcher Geräte eben ist.

Meister Ottorino Ospite ließ sich nicht lumpen und schnitt sie kopfschüttelnd wieder heraus. Wenn du nicht glaubst, dass es überhaupt nicht klappte, die Sau zu durchbohren, dann gehe hin und versuche es selber! Vielleicht hast du ja mehr Kraft.«

»Gott bewahre, im Leben nicht!«, rief ich, »aber was soll das Ganze? Wie ich dich kenne, heißt es wieder einmal, ‚dieser Wahnsinn hat Methode‘, oder? Lass mich vermuten! Ich denke, äh, ich kombiniere. Torcello müsste etwas mit einer museumsreifen Harpune zu tun haben. Jemand dürfte auf der Insel durch ein solches Ding zu Tode gekommen sein. Klingt verrückt. Ein Walfänger bringt jemand in der Einsamkeit der Laguneninsel mit einer ausgemusterten Harpune um.«

»Was heißt hier ‚verrückt‘, mein Freund, es könnte sich ja vielleicht um den berüchtigten Mordfall von Torcello handeln, über den unser alter Freund Alberto Scimmia im Corriere della Sera ausführlich und fantasievoll geschrieben hat. Hast du vielleicht schon davon gehört?«

»Wenn ich Winterschlaf halte, kenn ich keine Medien.«

»Ein Volpe schläft nie, auch wenn es so scheint, das macht den Unterschied zwischen uns aus. Die Sache hat sich vor acht Tagen ereignet, am achten Januar; üble Geschichte; ekelhafter Mord; und meine Experimente mache ich auf eigene Faust, denn die Carabinieri halten es noch nicht für nötig, mich hinzuzuziehen; nicht mehr lange. Das werden sie schon längst bereut haben.

Doch was vernehme ich da? Freund Ambrosio, Commissario Tenente unserer Carabinieri, poltert herein, unangekündigt, wie das so seine feine Art ist. Ich kenne seinen Schritt. Er ist es, unverkennbar. Ach, da bist du ja, lieber Tenente. Ich habe schon seit ein paar Tagen mit dir gerechnet. Nicht wahr, der Fall von Torcello brennt dir unter den Nägeln und ist einfach zu kompliziert für dich. He, hallo, Giovanni! Ein drittes Mittagessen bitte samt einem guten Trunk, unser Gast ist hungrig.«

Der Tenente di Fusco ist ein Mann von mittlerer Statur, gut gebaut, das Haar leicht schütter. Er trug einen schlichten Straßenanzug samt Trenchcoat darüber, aber sein schneidiges Auftreten bewies, dass er es gewohnt war, samt seinen Carabinieri in Uniform durch die Schluchten Venedigs zu patrouillieren.

Er warf den Mantel über die Lehne des Korbsessels, ließ sich hinein plumpsen, legte die speckige lederne Tasche, die er grundsätzlich bei sich trägt, auf den Tisch, zog ein Tuch aus wollweißem Leinen hervor, wischte sich damit die Schweißperlen von der Stirn, die ihm sein hektisches herbei Stürmen trotz aller Kälte beschert hatte und sagte gedehnt:

»Ein guter Schluck Weißwein, möglichst mit der doppelten Menge Wasser verdünnt, täte mir gut, denn ich habe einen Dauerlauf hinter mir, mit dem ich mich für Olympia qualifizieren könnte. Gefrühstückt habe ich zwar schon, aber seitdem nichts mehr gegessen. Daher nehme ich dein Angebot gerne an. Unsereiner braucht Kalorienhaltiges im Magen. Es wäre schön, wenn du zufällig etwas nicht Vegetarisches im Angebot hättest.«

Volpe warf Giovanni einen belustigten Blick zu.

»Signore Tenente, wie wäre es mit Rinderbraten?«

»Mit Freuden, bester Giovanni! Aber ich bin hier nur kurz eingeschneit, um dir, lieber Volpe, den Stand der Dinge vorzutragen. Vielleicht interessierst du dich ja für den Fall. Dann muss ich weiter. Die Zeit drängt. Capitano Marcello erwartet meinen Bericht. Ich hocke auf heißen Kohlen.«

Der Tenente räkelte sich im Korbsessel, den ihm mein Freund angeboten hatte und schlürfte genießerisch das Getränk, welches ihm Giovanni soeben vorgesetzt hatte, rülpste ungeniert und stürzte sich auf den in Soße schwimmenden Rinderbraten. Volpe fragte ihn süffisant lächelnd:

»Na, Freundchen, und was kannst du deinem Chef jetzt endlich etwas Neues vom Harpunenmord berichten, mein Bester?«

»Nichts, überhaupt nichts. Alles ist mir in die Hose gegangen; oh, dieser verfluchte Mordfall, maledetta merda! Je länger ich darüber nachdenke, desto verzwickter wird die Sache.«

»Na, na, na, wer wird denn gleich so wütend sein!«, sagte Volpe begütigend, »bist du denn gar nicht weiter gekommen?«

»Nicht den kleinsten Schritt, und Marcello ist inzwischen verdammt ungeduldig. Er wünscht mir Pest und Verderben an den Leib, wenn ich nicht bald Ergebnisse vorlegen kann, denn ihm wiederum hockt der Bürgermeister im Nacken.«

»Ach, so ist das! Tja, dann bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als mich persönlich um die Angelegenheit zu kümmern.«

»Genau das wünsche ich mir, und um dich zu bitten, bin ich hergekommen. Es ist mein erster unlösbarer Fall, und wenn ich jemals zum Capitano befördert werden will, muss ich das Ding so bald wie möglich aufklären. Bei unserer alten Freundschaft, lieber Giuseppe, bitte, steh‘ mir bei!«

»Das will ich gerne tun, und wir wollen die Lösung gewiss nicht Marcello überlassen. Rein zufällig bin ich über den Verlauf bestens im Bilde, einerseits durch persönliche Recherchen, weil ich den Fall anregend finde, andererseits hat Freund Scimmia ausführlich im Corriere della Sera darüber informiert.

Übrigens: Was hast du aus dem kleinen Lederbeutel samt seinem körnigen Inhalt an Cannabis entnommen? Meiner Meinung nach lassen sich allerlei Rückschlüsse daraus ziehen.«

»Rückschlüsse? Welche denn? Außen drauf ist das Monogramm des ermordeten Besitzers aufgestickt, MF für Marco Fimbria, und so heißt, äh, hieß der Ermordete.«

»Aber der Tote nahm kein Cannabis zu sich, wie seine Frau und seine Tochter bezeugt haben, schreibt Scimmia.«

»Das ist richtig, mein Bester, aber ich denke, er hielt er das berauschende Zeug für seine Gäste bereit, und dass Seemänner verrückt danach sind, ist nur zu bekannt.«

»Gut, gut, lieber Ambrosio, ereifere dich nicht! Nichts für ungut, aber ich habe den Beutel nur deshalb erwähnt, weil ich ihn zum Ausgang meiner Untersuchung gemacht hätte. Na, mag es sein, wie es will, der Dottore, unser gemeinsamer Freund, ist in unsere Untersuchungen noch gar nicht eingeweiht. Ich denke, wir sollten ihn als Mitstreiter über die Dinge unterrichten, so dass er auch mitreden kann, denn ich lege auf seine Meinung stets den allergrößten Wert.

Darum wäre es lieb von dir, wenn du ihn in aller Kürze über den mysteriösen, aber grässlichen Tod des sonst kaum bekannten früheren Seemannes Marco Fimbria in Kenntnis setzen könntest, der auf den ihn gut beschreibenden Spitznamen ‚Capitano Nero‘ (Schwarzer Kapitän) hörte.«

Der Commissario holte umständlich die geliebte speckige Aktentasche vom Tisch, wühlte eine Weile in ihr herum, um dann sein Tablet hervor zu zaubern. Er fuhr es hoch, blickte eine Zeitlang über seine Aufzeichnungen, die er eine Zeitlang noch hin und her schob und sagte dann feierlich:

»Ich habe hier einiges über die Biographie des umgebrachten Mannes niedergeschrieben:

Marco Fimbria wurde vor zweiundachtzig Jahren in Napoli geboren, also 1935, sprach fließend Englisch, Spanisch und Italienisch und galt in seinen Kreisen als der große alte Mann aus den Zeiten, wo verwegene Männer in arktischen Breiten Robben und Wale noch mit der von Hand geschleuderten Harpune fingen.

Bis vor fünfzehn Jahren war er Capitano und Eigentümer des Fischerbootes ‚Drago‘ (Drache) gewesen. Vor zehn Jahren heuerte er ab, ließ das altersmorsche Schiff verschrotten und begab sich in den Ruhestand.

Ein oder zwei Jahre trieb er sich noch in der Weltgeschichte herum, dann ließ er sich in der Einsamkeit Torcellos nieder, wo er sich einen abgelegenen kleinen Grundbesitz kaufte, auf dem er eine Hütte und ungefähr dreißig Meter davon entfernt ein nettes kleines Häuschen errichtete, in dem noch immer seine alte Frau und seine unverheiratete Tochter leben.

In seiner genannten schmalen Kiste, die in Wirklichkeit nichts anderes als die mit allem Drum und Dran vor dem Verschrotten gerettete Kajüte der Drago ist – ihr Name steht außen groß an der Wand – wurde er vor fünf Tagen von einem bislang unbekannten Verbrecher auf die scheußlichste Weise ermordet.

Unser Capitano war ein bemerkenswerter Mann. Insbesondere lebte er so bedürfnislos, dass er für einen Anhänger des Philosophen Diogenes hätte gehalten werden können, der bekanntlich in einem alten Fass hauste und damit zufrieden war.

Obwohl Signore Fimbria, wie gesagt, Herr über ein Anwesen war, in dem neben seiner Frau und einer einzigen Tochter nur ein Hausmädchen lebten, hielt er sich gewöhnlich in seiner Gartenhütte auf, in seiner Kajüte. Darauf komme ich später zurück.

Er hatte schon immer, in Abständen, das Bedürfnis gehabt, sich zu betrinken, und wenn er dann betrunken war, führte er sich auf wie ein Wahnsinniger. Einmal peitschte er in diesem Zustand sogar Frau und Tochter so brutal durch den Garten, dass ihre Schreie bis zur ‚Piazza Torcello’ oder der seit Ernest Hemmingway’s Besuch berühmten ‚Locanda Cipriani‘ zu hören waren, wo die Gäste durch das ferne Kreischen verschreckt wurden.

Kurz darauf stand er denn vor Gericht und musste ein hübsches Sümmchen berappen, weil er einem Vertreter der Carabinieri, der den flüchtenden Frauen zu Hilfe hatte kommen wollen, die Fresse poliert hatte.

Auch seine ehemaligen Matrosen sagen aus, es könne schwerlich einen brutaleren Kerl als ihn geben. Die wenigen Nachbarn fürchteten und verabscheuten ihn, obwohl er weit weg vom nächten hauste und nichts mit ihnen zu tun hatte oder haben wollte. Kein einziger der Insulaner wollte ihm im Mondschein begegnen. Niemand weit und breit bedauerte sein vorzeitiges Hinscheiden. Keiner weinte ihm eine Träne nach.

Nicht vorhandene Freunde sowie seine zahllosen Feinde nannten ihn halb aus Hass, halb aus Ehrfurcht den ‚Capitano Nero’, was einerseits auf seinen dunklen Teint sowie das von struppigen Haar und einem verfilzten Vollbart (beides pechschwarz gefärbt) umwucherte Gesicht, andererseits genauso auf seinen Charakter gemünzt war. Sein Aussehen war furchterregend. In seinem verwilderten Haargestrüpp, munkelte man, habe es vor Ungeziefer nur so gewimmelte.

Nun zu seiner kleineren Behausung: Der Capitano hatte sich aus der Kajüte seiner Drago eine Gartenhütte zimmern lassen, die nur einen einzigen Raum umfasste, ungefähr 5 x 3 Meter groß. Darin befanden sich Bett, Tisch und Stuhl sowie ein Wandregal, bestehend aus drei Brettern.

Die Schlüssel zum zweifachen Sicherheitsschloss gab er nie aus der Hand. Kaum jemand hatte Zutritt zu seinem Allerheiligsten, in dem er sich Tag und Nacht aufhielt. Wer es wagte, ungefragt einzutreten, musste mit dem Schlimmsten rechnen.

Jeweils zum gekiesten Weg, über den allein man zu seinem Grundstück gelangte, wie zur Gartenseite hin besitzt die Kajüte ein kleines Fenster. Beide waren zur Tatzeit mit einer feinen Gardine verhängt, so dass Passanten, die zufällig einmal nachts dort vorüber kamen, nur seine schemenhafte Gestalt sehen konnten, und ganz Torcello rätselte, was Fimbria dort wohl treibe.

Eben dieses zum Kiesweg gewandte Fenster, ihr beiden Lieben, lieferte uns den bislang einzigen Anhaltspunkt, auch wenn ich sagen muss, ‚una rondine non fa primavera‘ (auf Deutsch: Eine Schwalbe macht noch keinen Frühling).

Eines Nachts nämlich, zwei Tage, bevor der Capitano ermordet wurde, schlenderte der ortsansässig Landwirt Lucio Porcello (deutsch: ‚Schweinchen‘) den oben genannten Pfad entlang, um an Fimbrias Haus vorbei auf seinen Bauernhof zu gehen. Als er in der Kajüte Licht brennen sah, blieb er stehen, um zu sehen, was da vor sich ging. Er behauptet, den Schattenriss eines herkulisch gewaltigen Mannes gesehen zu haben, der den Bart auf ganz andere Weise, womöglich noch verwilderter als der Tote trug.

Da Signore Lucio Porcello zur Zeit seiner Beobachtungen aber einen über den Durst getrunken hatte, wurde seiner Aussage kein Glauben geschenkt.

Einen Tag vor seiner Ermordung hatte auch Capitano Fimbria zu tief ins Glas geschaut. Sinnlos betrunken, wie er war, tobte er wie ein tollwütiges Tier Frau und Tochter ergriffen die Flucht und brachten sich im genannten Ristorante, Piazza Santa Fosca 21, in Sicherheit. Erst bei Einbruch der Nacht wagten sie sich wieder nach Hause und wollen, als sie kaum weiter als fünfzig Meter von Heim und Herd entfernt waren, ein grausiges Brüllen gehört haben, auf das vollkommene Stille folgte.

Was war geschehen? Gerne hätten sie nach dem Capitano gesehen, dem Gatten, dem Vater, aber da sie immer noch voller Furcht vor dem Wüterich waren, wagten sie es nicht, vor Mitte des nächsten Tages in den Garten zu gehen, wohl wissend, dass er sie womöglich in die Flucht prügeln könnte.

Die Tür zur Kajüte bewegte sich knarrend im Wind. Sonst war alles totenstill. Das Hausmädchen traute sich schließlich hin, eine Taschenlampe in der Hand. Ihr bot sich ein Anblick des Grauens, der sie in ein tierisches Kreischen ausbrechen ließ. Nun gab es kein Halten mehr. Frau und Tochter des Capitano eilten herbei und erstarrten vor Entsetzen.

Kurz darauf war einer der dort zufällig spaziergehenden Touristen zur Stelle, sah voller Entsetzen, was geschehen war und tätigte den Notruf, um die Carabinieri herbei zu holen. Vernünftig, wie er war, ließ er alles unverändert. Knapp eine Stunde später war auch ich zur Stelle. Torcello liegt aus der Welt. Hinzubrettern, braucht seine Zeit.

Caro Dottore! Caro Volpe! Ich gelte als Mann von eisernen Nerven, aber als ich diese Gartenhütte betrat, erlitt ich den Schock meines Lebens und schüttelte mich vor Grauen. Das werde ich nie im Leben mehr vergessen.

Als ich nämlich über den knirschenden Kies eines verunkrauteten Gartenpfades gekommen und den ersten Schritt in dieses verwahrloste Gelass der ‚Kajüte‘ getan hatte, umbrummten und umsummten mich hunderte von widerlichen Schmeißfliegen oder Fleischfliegen, die vor mir das Weite suchten, während weitere hundert noch auf der Leiche hockten, um dort ihre Eier abzulegen. Keine noch so ungepflegte Schlachtstube irgendeiner Metzgerei hätte blutiger, hätte ekliger aussehen können, als dieses Gehäuse, dessen Inneres ich zunächst beschreiben möchte:

Hinten seitlich angeordnet, befindet sich eine Schlafkoje mit hoher Umrandung, ganz wie auf einem Schiff. An der Wand darüber Bretter voller alter Logbücher, auf deren Etikett die jeweilige Seefahrt des Toten angegeben ist, Signore Fimbrias Tagebücher.

Daneben findet sich ein Farbfoto, 120 x 50 Zentimeter, auf dem ein Schiff namens Drago wiedergegeben ist. An der Rückwand der Kajüte aber erblickte ich aufrecht stehend und mit scheußlich verzerrtem Gesicht und blicklos weit aufgerissenen Augen den toten Signore Marco Fimbria.

Ein unbekannter Täter hatte die Harpune, Andenken an älteste Zeiten, die sich sonst, so sagte man mir, in einer Halterung an der rechten Wand befand, herunter gerissen und dem Capitano mitten durch die Brust gerammt, und das mit solcher Wucht, dass sie hinter ihm ins Holz der Rückwand fuhr. Auf diese Weise senkrecht aufgespießt, hatte er eben diesen letzten Schrei ausgestoßen, den die Damen auf dem Rückweg vernommen hatten und war dann zweifellos zur Hölle gefahren, in der es von Männern Seinesgleichen wimmeln soll.

Nachdem ich mein Entsetzen überwunden hatte, machte ich mich an die Spurensuche, konnte aber auf den trockenen Dielen nicht einmal die Fußtappen des Mörders entdecken.«

»Hihihi«, kicherte Volpe verhalten, »das will doch nur heißen, dass du keine gefunden hast.«

»Bei Gott, es waren keine da.«

»Wenn das wirklich so wäre, Tenente, müssten wir den Täter unter die geflügelten Unholde rechnen. Unser Doktor Petrescu als Fan solcher Biester könnte dir da von einem hübschen Fall von Vampiren berichten, hihihi … den ich an seiner Seite zu lösen das Vergnügen hatte. Wie ich hörte, will er das Manuskript dazu in Kürze seinem Verleger anbieten. Wird es nicht „Volpe und der Vampir von Venedig“ heißen, Dottore?«

»Ich denke schon, aber Änderungen sind immer noch möglich«, sagte ich. Volpe fuhr fort:

»Solange unsere Verbrecher noch auf bis zu zwei Beinen daher kommen, müssen sie Spuren hinterlassen, und handele es sich nur eine Kleinigkeit, die einem geschulten Auge nicht entgehen kann. In diesem blutbesudelten Zimmer muss es daher Anhaltspunkte geben. Immerhin kann ich deinem Vortrag entnehmen, dass du dies und das übersehen hast …«

Ambrosio zuckte merklich zusammen, war sichtlich gekränkt und murmelte vor sich hin:

»Die Genanalyse hat keinen Hinweis auf irgendeine der Polizei bekannte Person ergeben. Im Kabuff ist seit Jahren nicht mehr gekehrt worden. Es gab keine Fingerabdrücke auf der Harpune. Der Täter trug Handschuhe, vielleicht wegen der Kälte.

Dennoch gebe ich gerne zu, es wäre besser gewesen, wenn ich dich und den Dottore gleich zu Beginn zugezogen hätte. Lass mich zunächst zur Harpune kommen.

Sie war von der zum Eintretenden rechten Wand herunter gerissen worden, wie die freie Stelle samt Halterung bewies. Ferner war in den Schaft aus Eichenholz der Name des Schiffes, das unser Capitano einst befehligte, eingeritzt, ‚Drago‘.

Der Täter hatte demnach den Mord nicht geplant und handelte im Affekt, als er voller Wut die Harpune an sich riss, wohl, weil er keine eigene Waffe mitgebracht hatte.

Ferner lässt die Tatsache, dass der alte Capitano trotz tiefer Nacht noch nicht zu Bette gegangen war sondern in voller Kleidung getötet wurde, darauf schließen, dass er sich mit irgendjemandem verabredet hatte. Darauf deutete auch die frisch geöffnete Flasche ‚Grappa’ (hochprozentiger italienischer Branntwein) neben zwei halb geleerten Gläsern hin, die immer noch auf dem Tisch stehen.«

»Diesen deinen Schlüssen kann ich ohne Weiteres zustimmen«, sagte Volpe, »aber fand man abgesehen vom Feuerwasser noch andere Getränke im Raum?«

»Ja, gewiss. Aber das ist ohne jede Bedeutung. Auf dem kleinen Schrank zur rechten Seite steht eine Zweiliter-Flasche ‚crema di Marsala‘, also des starken sizilianischen Süßweines. Sie wurde nicht geöffnet. Daher braucht man sie nicht zu beachten.«

»In dieser Hinsicht kann ich dir keineswegs zustimmen«, sagte Volpe, »doch dazu später. Und wenn ich dich kurz korrigieren darf: Diese Pulle wurde nicht mehr geöffnet. Doch erzähle uns jetzt erst einmal, welch andere Gegenstände du dort noch vorfandest, die deiner Meinung nach von Bedeutung sind.«

»Nun, da war noch dieser mit Cannabis gefüllte Lederbeutel samt ‚MF‘, dem Monogramm des Toten. Er lag auf dem Tisch.«

»Kannst du uns die Stelle genauer beschreiben?«

»Ungefähr in der Mitte. Darin das Cannabis-Granulat; sonst nichts; genügt ja auch, weil verboten.«

»Hervorragend! Hast du noch etwas entdeckt?«

Ambrosio zog eine vergilbtes abgeschabtes Blatt aus dickem festem Papier aus der Aktentasche; auf der Vorderseite standen die Initialen ‚CCL‘. Galba drehte das Blatt um. Die Rückseite war eng beschrieben. Über der ersten Spalte, die nun erschien, befanden sich die Buchstaben ‚BPU‘. Darunter folgten etliche Kolumnen mit seltsamen Zahlenkolonnen.

»Was meinst du, Ambrosio, was das bedeutet?«

»Ich denke, vermutlich handelt es sich um eine Aufstellung von Wertpapieren, von Anteilscheinen an Unternehmen oder Staatsanleihen. CCL könnte eine Abkürzung für den Finanzmakler und PCO für den Kunden sein. Freilich kommen wir damit nicht weiter.«

»Vielleicht doch! Versuchen wir es zunächst mit der zweiten Abkürzung! Wie wäre es mit ‚Banca Popolare d‘ Udine‘, was meinst du, mein Freund?«

Der Tenente drosch sich mit der flachen Hand vor die Stirne und stieß eine Reihe lästerlicher Flüche aus.

»Ich alter Hornochse! Daran hätte ich wirklich denken können! Schließlich handelt es sich um ein einstmals bekanntes Geldhaus aus unserer Region, welches aber vor etwas über sechzig Jahren einen denkwürdigen Bankrott erlitten hat und seitdem nicht mehr existiert. Viele Familien und Firmen verloren damals ihre gesamte Habe. Die Sache ist bis heute nicht vergessen.

Doch dann müssten wir noch die anderen Initialen entziffern. Ich habe bereits alle im Veneto ansässigen Makler abgeklappert, konnte aber keinen ihrer Kunden finden, auf den diese Buchstabenkombination gepasst hätte. Dennoch glaube ich, dass es eine wichtige Spur ist, die wir verfolgen müssen. Vermutlich beginnen die drei Namen des Mörders mit CCL.

Außerdem glaube ich, diese Aufstellung da könnte uns Erkenntnisse über das Motiv des Täters liefern, denn ich denke, es geht dabei um viel Geld, um Millionen. Es sollte irgendeinen Zusammenhang mit dem Untergang der genannten Bank geben, fragt sich nur, was der umgebrachte Seebär damit zu tun und ob er seine schmutzigen Finger drin stecken hatte. Seine Frau sagt jedenfalls, er sei steinreich gewesen. Aber er habe sich nie in die Bücher blicken lassen. Aus seinen Fischfanggründen heraus konnte er es gewiss nicht zum Millionär bringen.«

Ich sah meinem Freund am Gesicht an, dass ihn das aufgefundene Schriftstück verwirrte und seine alte Theorie über den Haufen geworfen hatte.

»Zugegeben, lieber Ambrosio«, sagte er nach einer Weile, »mit deinen Vermutungen triffst du vermutlich ins Schwarze, und genau das widerlegt meine bisherigen Gedanken. Solltet ihr von den Carabinieri nicht möglichst bald beim Konkursverwalter des Bankhauses vorsprechen, falls es noch einen gibt?«

»Marcello sollte das tun. Er versteht mehr von solchen Geschäften als ich und hat mal Betriebswirtschaftslehre studiert. Aber wir haben hier nur nackte Zahlenkombinationen vorliegen. Es kann Monate dauern, bis man alles herausgefunden hat, falls deine Theorie überhaupt stimmt, und so viel Zeit haben wir nicht, den Fall aufzuklären.«

Volpe nahm das Papier zur Hand und untersuchte es unter der Lupe aufs Gründlichste. An seinem typischen Grunzen erkannte ich, dass er fündig geworden war:

»Sieh mal hier, Ambrosio«, sagte er, »da ist ein winziger Blutfleck drauf. Hast du ihn schon gesehen?«

Di Fusco nahm sich das Blatt vor und beäugte es misstrauisch. Dann legte er es wieder auf den Tisch und sagte:

»Ja, ich habe es beim Aufheben schon bemerkt, ohne mir weiter Gedanken zu machen. Es ist ja kein Wunder, wenn Blut dran ist. Das Blatt lag ja auf dem Fußboden, als ich es fand, und da gab es zahlreiche Blutspritzer.«

»War der Fleck, als du es aufhobst, eher dem Boden zugewandt oder oben drauf?«

»Lass mich nachdenken! Ja, als ich mich hinunter bückte, war er nicht zu sehen. Doch als ich das Blatt dann in Händen hielt, erkannte ich ihn. Vermutlich lag es also mit der blutigen Stelle nach unten.«

»Dann kann das Papier erst nach dem Mord zu Boden gefallen sein«, sagte Volpe triumphierend.

»Genau das denke ich jetzt auch. Der Mörder wird es auf seiner überstürzten Flucht fallen lassen haben. Es lag nämlich unmittelbar neben dem Ausgang.«

»Hat man irgendwelche verdächtige Wertpapiere im Nachlass es Toten gefunden, die aus dem betrügerischen Bankrott der Bank von Udine stammten?«

»Nicht die Bohne.«

»Könnte man vermuten, der Täter habe sie geraubt?«

»Wohl kaum! Nach Aussage seiner Frau hatte Fimbria keinerlei solcher Papiere im Haus oder in der Kajüte. Frau und Tochter sagen, es fehle nichts.«

»Na, das macht uns die Lösung des Falles nicht gerade leichter. Gibt es denn kein Messer, mit dem sich der Getötete hätte zur Wehr setzen können?«

»Doch, doch! Man fand es zu Füßen des an die Wand Gespießten, einen doppelschneidigen Seemannsdolch. Fimbrias Frau sagt, ihr Mann habe diese Waffe stets bei sich getragen, obwohl dies in Italien gesetzlich verboten ist, aber sie weist keine Blutspuren auf. Es kann also nicht zu einem Kampf gekommen sein, das steht doch wohl fest.«

»Na, na! Was würdest du machen, Ambrosio, wenn sich jemand mit dem Messer auf dich stürzte und deine einzige Chance bestünde darin, dem Tod zu entrinnen, indem du die glücklicherweise bereit stehende Harpune an dich reißt?«

»Ach so«, sagte Ambrosio lahm, »eine neue Theorie.«

»Oh, du Allmächtiger«, stöhnte Volpe, »diesmal komme ich auf die einfache Weise nicht weiter, und schlichtes Denken führt zu nichts. Mir bleibt daher wohl nichts anderes übrig, als samt dem Dottore hinaus nach Torcello zu fahren, um mir die Szene einmal persönlich vor Augen zu führen, und das bei diesem Wetter.«

»Gott sei Dank!«, seufzte der Commissario di Fusco, »mit dieser Entscheidung nimmst du mir einen Zentner von der Seele. Ich muss zugeben, dass ich mit meinem Latein am Ende bin.«

Volpe entgegnete trocken:

»Wärest du um einige acht Tage früher zu mir gekommen, sollte uns die Lösung des Falles leichter gefallen sein. Dennoch hoffe ich, dass unsere Untersuchung vor Ort nicht ganz ohne Sinn sein wird. Sergiu wird uns, wie ich ihn kenne, gerne begleiten, nachdem er seinen neuesten Pelzmantel aktiviert hat, denn ich lege größten Wert auf sein Urteil.«

Ich nickte nur und erhob mich. Auch di Fusco und Volpe standen nun auf. Der Commissario sagte strahlend:

»Darauf hatte ich gehofft; damit hatte ich gerechnet. Mein Motorboot wartet am Ende der ‚Calle di Cavallo‘ auf dem ‚Rio San Marina‘. Machen wir uns auf den Weg durch den Canal Grande und dann hinaus ins offene Meer. Es ist hübsch stürmisch draußen. Hoffentlich plagt keinen von euch die Seekrankheit. Ich denke wir werden die Fahrt genießen und nebenbei dem Mief der Stadt entrinnen.«


*


Knapp eine Stunde ratterten wir durch die wunderschöne Stadt und dann die Weite der Lagune. Trotz des grauen Winterwetters schwelgte ich in ihrem Anblick und genoss das Schwanken des Motorbootes, während Volpe in sich zusammengekauert da saß und auf die aneinander gelegten Fingerspitzen starrte. Er war in tiefem Nachdenken versunken und bekam von der göttlichen Gegend nichts mit. Schließlich endlich tauchte Torcello schemenhaft aus dem Nebel auf.

Wir legten unmittelbar neben der Vaporetto-Station an und stiegen aus und begaben uns unter Ambrosios kundiger Führung auf einen Fußmarsch ins Innere der Insel, bis wir auf einen schmalen Kiesweg abbogen und ans Ziel der Reise gelangten.

Vielleicht dreißig Meter rechts neben einem unscheinbaren Häuschen erhob sich ein Verschlag aus Holz, der uns eine Tür und ein schmales Fenster, unterteilt in vier winzige Scheiben, zuwandte. Das musste die ‚Kajüte‘ sein, in der sich die Tragödie abgespielt hatte. Wir beschleunigten unsere Schritte und drangen auf das Grundstück vor. Di Fusco sagte:

»Die Leiche ist nicht mehr da. Bereits als ich sie erstmals zu Gesicht bekam, wimmelte sie inwendig vor Maden und sonderte einen fauligen Leichengeruch ab. Wir mussten sie in aller Eile ins Krematorium bringen, von wo aus man sie zur Beisetzung aufs anonyme Gräberfeld unserer Friedhofsinsel San Michele brachte«, sagte di Fusco bedauernd und führte uns zuerst in das eigentliche Haus hinein, wo uns eine verhärmte, aber glückliche Witwe und eine noch glücklichere Tochter erwarteten, deren Alter ich auf knapp Sechzig schätzte und die in jungen Jahren ein hübsches Mädchen gewesen sein könnte.

Die ältere der beiden Frauen wies ein hageres, von zahllosen Furchen gezeichnetes bleiches Gesicht auf, welches samt den rot geränderten Augen mehr als alle Worte von jahrelanger Misshandlung berichtete. Die grauhaarige Tochter war ein unscheinbares bleiches Ding, das uns aus tief liegenden Äuglein trotzig entgegen starrte. Sie tat mir unendlich leid. Das Leben war an ihr vorüber gegangen. Ihre besten Jahre hatte sie verloren. Statt uns zu begrüßen, sagte sie nur, wie dankbar sie dem Lieben Gott sei, dass ihr Vater endlich hingeschlachtet wurde. Nur ein Gesandter Gottes, nur ein Engel, könne diese Tat vollbracht haben.

Wir machten, dass wir diesem düsteren Haus entkamen und schöpften im himmlisch verwilderten Garten erst einmal frische Luft. Dann schritten wir über einen ausgetretenen Kiesweg zur Behausung des umgekommenen Capitano Fimbria.

Die sogenannte Kajüte erwies sich primitiver und abstoßender, als ich sie mir nach Ambrosios Bericht vorgestellt hatte: Die Wände waren aus rohem Holz gefertigt. Ein leicht schräges Bretterdach, über das eine giftgrüne Plastikplane gespannt war, schützte das Innere vor dem Regen. Zwei kleine Fenster, eines vorne neben dem Eingang, eines auf der Rückseite spendeten spärliches Licht. Volpe war aschfahl geworden und murmelte:

»Einfach scheußlich, dieser Fall. Se non vero è ben trovato (wenn nicht wahr, dann gut erfunden).«

Ambrosio fummelte nervös in seiner speckigen Aktentasche herum und brachte schließlich den erforderlichen Schlüsselbund zum Vorschein. Schon wollte er die Schüssel, einen nach dem anderen, durch die beiden Schlitze zwängen, da brach er seine Bemühungen plötzlich ab und murmelte:

»Jemand hat versucht, hier unbefugt einzudringen.«

Volpe war mit einem Satz an seiner Seite und sah sich die altersmorsche Tür genauer an:

»Du hast recht. Zweifellos wollte jemand eindringen. Sieh einmal hier! Das Holz ist gesplittert; und hier! Auch am Fenster hat sich der Amateur-Einbrecher versucht, aber alles war vergebens. Er hatte, ganz klar, nur ein Messer dabei, und das war zu wenig. Ich denke, wir haben es mit einem blutigen Anfänger zu tun, auf keinen Fall mit einem professionellen Schurken.«

»Seltsam, seltsam«, sagte der Tenente kopfschüttelnd, »bei meinem gestrigen Besuch war davon noch nichts zu sehen gewesen. Er muss in der vergangenen Nacht herbei geschlichen sein.«

»Vielleicht war es nur ein neugieriger Nachbar«, sagte ich.

»Im Leben nicht«, entgegnete Ambrosio, »denn einmal abgesehen vom schaurigen Ort in der Finsternis: Welcher der wenigen Bewohner Torcellos sollte einen triftigen Grund haben, hier einzubrechen? Was meinst du dazu, mein lieber Volpe?«

»Ich denke, Gott meint es gut mit uns.«

»Du meinst, der verhinderte Einbrecher wird es noch einmal versuchen?«, sagte ich.

»Höchstwahrscheinlich! Denn wenn schon jemand in stockfinsterer Nacht hier eindringen wollte, und nur daran scheiterte, dass die Klinge seines kleinen Messers abbrach … hoppla! Da haben wir sie ja schon; ein schlichtes Küchenmesser also …«

Volpe hatte die abgebrochene Klinge aufgehoben und ließ die Strahlen der märchenhaft durch den Nebel dringenden untergehenden Sonne auf ihr tanzen und hüpfen.

»…und er wird in der kommenden Nacht mit besserem Gerät wiederkommen, ganz gewiss, denn er muss nach etwas suchen, das für ihn von großem, größtem Wert ist, fragt sich nur, was.«

»Davon bin ich fest überzeugt«, sagte der Tenente, »und wir sind selber schuld, wenn wir ihn dabei nicht überrumpeln. Aber lasst uns jetzt erst einmal das Innere des Verschlags besichtigen, bevor die Sonne uns wieder den Dienst verweigert. Alles ist so belassen, wie ich es vor acht Tagen vorfand. Nur die Leiche mussten wir leider entfernen.«

Kurz darauf spähten wir durch die offen stehende Tür ins Innere der scheußlichen Schlachtkammer und ließen unsere Blicke über allen möglichen Dingen, darunter den Blutflecken, schweifen.

»Ach übrigens«, sagte Volpe plötzlich zum Commissario, »hast du neulich vielleicht irgendetwas dort drüben aus dem Regal genommen?«

»Nichts, das weiß ich genau. Alles sollte so bleiben, wie es war.«

»Nun, dort habe ich jedenfalls eine Stelle entdeckt, an welcher der sonst überall fingerdick liegende Staub fehlt. Daher vermute ich, dass dort ein Kästchen gestanden hat. Der staubfreie Fleck ist nämlich rechteckig, ungefähr 30 x 3o Zentimeter.

Nun ja, mehr ist hier nicht herauszuholen, und bevor es Nacht wird und der Einbrecher zurückkommt, möchte ich die Zeit nutzen, zum stillen Hauptplatz der Insel zu gehen und den uralten Kirchen einen Besuch abstatten. Kommt ihr mit?«

Und ob wir mitkamen! Es ist immer wieder ein Erlebnis, mehr als ein Jahrtausend auf sich einwirken zu lassen. Dann kehrten wir zur Kajüte zurück, um dem nächtlichen Besucher aufzulauern. Die Tür zum Gelass ließen wir verschlossen, damit der Einbrecher keinen Verdacht schöpfte. Volpe riet uns, ihn bei seinen Hantierungen in der Hütte von außen her zu beobachten. Nur so könnten wir herausfinden, wonach er suchte.

Inzwischen war die Nacht hereingebrochen. Wieder lag ein unangenehmer Dunst über der stummen Lagune. Wolken hatten den Himmel überzogen, aus denen es sanft zu tröpfeln begann. Wir zogen uns unter die schützenden Zweige einer mächtigen Pinie zurück und harrten der Dinge, die da kommen sollten.

Stumm und starr hockten wir nun im Versteck, gleich dem Jäger, der einem edlen Wild auflauert. Hin und wieder vernahmen wir die Schritte der letzten nach Hause gehenden Insulaner. Einige waren betrunken und grölten Lieder.

Dann trat Stille ein, nichts als Stille, nur Winseln des auflebenden Windes unterbrochen, während der Nieselregen sanft und stetig auf das über uns ausgebreitete Nadel-Dach rieselte, und nichts, gar nichts ereignete sich.

Schon zeichnete sich am fernen Horizont ein erster Grauschimmer ab. Schon wollten wir die steifen Beine schütteln, um wieder Leben in sie hinein zu bringen. Schon dachten wir daran aufzugeben, da knirschte der Kies auf dem Gartenweg. Jemand näherte sich, der gerade das äußere Pförtchen durchquert hatte, auf leisen Sohlen, um kurz darauf wieder stehen zu bleiben, wie der Luchs, welcher vorsichtig Witterung aufnimmt.

Längere Zeit blieb alles ruhig, und schon vermutete ich, mich verhört zu haben, da näherte sich eine Gestalt, kaum in Umrissen zu erkennen, gewandt wie eine große Katze, der Hütte.

Ein kratzendes Geräusch verriet, dass der Unbekannte jetzt versuchte, die Behausung gewaltsam zu öffnen. Ein dumpfes Knacken, und schon wimmerte die Tür in rostigen Angeln. Der Schatten verschwand im Inneren der ‚Kajüte‘.

Wir schlichen zum Fenster, um ins Innere sehen zu können: Der Einbrecher hatte eine Taschenlampe auf den Tisch gestellt, deren Schein nach oben gerichtet war, so dass das Licht gebrochen von der Decke zurückgeworfen wurde und einen unsteten Schein über die Wände flackern und flimmern ließ. Wir konnten nun durch den Vorhang hindurch alles sehen, was sich ereignete und staunten nicht schlecht über den Anblick, der sich uns bot. Der nächtliche Eindringling war nämlich nichts anderes als eine ziemlich große, athletisch anmutende Frau.

Sie trug einen Overall, wie ihn die Arbeiter verwenden, der aber überall zerrissen war. Das dunkelblonde Haar hing ihr wirr über die Schultern herab. Die ungewöhnlich langen Füße am Ende der langen Beine steckten in speckig weißen Boxerstiefeln von geschätzter Größe 46. Die Frau war überall mit Schmutz bedeckt, vermutlich, weil sie auf allen Vieren durch die Büsche gekrochen war. Ich schätzte sie auf etwas älter als Mitte Dreißig.

Ihr feines Gesicht war bleich wie der Tod und von den dunklen Tupfen der Sommersprossen gesprenkelt. Die Zähne schlugen aufeinander und klapperten hörbar. Ständig blickte sie sich um, als ob sie unsere Nähe fühlte. Schließlich ging sie zum Regal hinüber und holte eines der der Logbücher des toten Capitano herunter. Die Ellenbogen auf den Tisch gestützt, schlug sie es auf, Seite um Seite, bis sie anscheinend genau die Stelle gefunden hatte, nach der sie fahndete.

Mit einer Mischung von Wut und Verzweiflung starrte sie eine Zeitlang auf eben diese Stelle und ballte die Fäuste. Ich sah, dass die aufgeschlagene Seite dergestalt mit schwarzer Tinte besudelt war, dass man nichts mehr lesen konnte.

Dann klappte sie das Buch so heftig zu, dass ihm ein Staubwölkchen entwich, stellte es ins Regal zurück, knipste die Taschenlampe aus und machte sich daran, die Kajüte zu verlassen.

Noch war sie nicht recht im Freien, da stieß sie schon einen schrillen Schrei aus, denn der Commissario hatte sie am Schlafittchen gepackt. Doch ehe er sich’s versah, riss sie sich los und warf ihn rücklings über den Haufen. Jetzt stürzten wir beide uns auf diese wilde Amazone, und eine wüste Rauferei begann.

Sie wehrte sich erbittert, biss und kratzte wie eine Bestie und entglitt unserem Zugriff mehrfach, aalglatt wie eine riesige Schlange, bis es mir gelang, sie unter meinem Körper zu begraben. Im selben Augenblick bogen ihr der Tenente und Volpe die Arme auf den Rücken, dass die Gelenke nur so knackten. Ambrosio ließ die Handschellen zuschnappen. Wir richteten sie wieder auf.

Trotzig keuchend stand das nicht mehr ganz so junge Mädchen nun vor uns, etwas größer noch als Volpe. Der Tenente ließ es sich nun nicht mehr nehmen, das von ihr selbst mitgebrachte Licht der Taschenlampe wieder leuchten zu lassen, um den Lichtkegel auf ihr Gesicht zu richten.

Ich sah sie unmittelbar vor mir stehen, im Abstand von höchstens fünfzig Zentimetern und tat einen Ausruf des Erstaunens, und das diesmal nicht etwa, weil ich mich Hals über Kopf in die Hübsche verknallt hätte, obwohl sie wirklich gut aussah und ich demnach wieder einmal allen Grund der Welt dazu gehabt hätte.

»Du kennst sie also«, sagte Volpe trocken und grinste frech.

»Ja, ja«, sagte ich aufseufzend und schmachtend, »ich bewundere und verehre sie schon lange. In meinen Augen ist Signorina Angelina Ancelotti die schönste Frau, die es zurzeit im Veneto, ja, ganz Oberitalien gibt.«

»Was du nicht sagst«, sagte Volpe süffisant kichernd, »und immer hast du es auf besonders große Frauen abgesehen, mein Bester. Für meine Begriffe ist sie um einen Fuß zu lang geraten, um noch als schön zu gelten. Und was muss ich da sehen?! Oh Gott! Sie hat auch noch diese Sommersprossen im Gesicht! Das Biest erinnert mich an unsere ‚La Bionda‘, die einem Nordafrikaner vor dem Haus des Signore Scimmia den Hals abgeschnitten hat.«

»Unglaublich«, mischte sich jetzt kennerisch der Commissario ein, »wir haben hier allen Ernstes Norditaliens berühmte Profiboxerin ‚La Bionda‘ (die Blonde) vor uns. Ich hatte schon wiederholt das Vergnügen, ihr beim Kampf zuzusehen, wenn auch nur vor der Glotze. Sie ist die geschickteste Faustkämpferin, welche es jemals hierzulande gab; hoch aufgeschossen, schlank und zudem katzengewandt und flink wie ein Reh oder eine Gazelle, und für die Sommersprossen kann sie nichts.«

»Oho, oho«, sagte Volpe, »ich sehe schon, ihr seid Freunde des Boxens und steigt am liebsten selbst in den Ring. Ich hingegen trainiere zwar regelmäßig mit den Kampfsportlern der japanischen Klasse, um in Form zu bleiben, aber diesen mörderischen Weibern, die sich da in aller Öffentlichkeit dreiviertelnackt die Fresse polieren, kann ich nichts abgewinnen.«

»Jedem das Seine«, sagte der Tenente, der sich grimmig an die Gefangene wandte, »nachdem wir nun wissen, wer du bist, mein Täubchen, tu das Maul auf und erkläre uns, was du in diesem schmutzigen Verschlag wolltest!«

»Gewiss seid ihr von den Carabinieri und denkt, ich hätte etwas mit dem Mord zu tun. Dem ist aber nicht so.«

»Gut, schön, wunderbar«, sagte Volpe, »und was hattest du dann hier zu suchen, Signorina?«

»Ich … ich … will dazu nichts sagen.«

»Das dürften dir die Richter demnächst aber verdammt übel nehmen«, brüllte Ambrosio wütend, »und die anderen goldigen Knastschwestern, die, hihihi, ‚schweren Mädchen‘ hinter Gittern, warten schon voller Sehnsucht auf Deinesgleichen. Ich kenne da eine gewisse ‚Flavilla Alberti‘, Volpe erwähnte sie gerade, weil sie dir ziemlich ähnlich sieht, die genauso verrückt aufs Boxen ist. Die brummt gerade im Weiberknast zu Padua ein paar Jährchen ab, weil sie jemand den Hals abgeschnitten hat. Sie ist übrigens Meisterin im Veneto und nennt sich ‚Fiammetta‘ (Fünkchen). Gib endlich zu, dass du sie kennst!«

Die junge Frau zuckte merklich zusammen:

»Ja, ja, die entzückende kleine ‚Fiammetta‘, seit kurzem meine beste Freundin. Doch wenn ihr schon so viel wisst, da … da will ich lieber sprechen; warum auch nicht? Allerdings möchte ich im Grunde nicht, dass all das Zeug, das längst vergangen und vergessen ist, über dem Gras gewachsen ist, wieder ans Licht kommt und öffentlich breitgetreten wird.«

»…wieder ans Licht kommt? Was denn?«, rief der Tenente.

»Ja, habt ihr denn nicht vom verheerenden Bankrott des Geldhauses ‚Banca Popolare d‘ Udine’ gehört? Mein Großvater Paolo Ancelotti war der letzte Besitzer und wurde weltweit wegen betrügerischem Bankrott gesucht aber nie gefasst.«

Der Tenente und ich blickten verblüfft aus der Wäsche, während Volpe geradezu aufblühte, als er dies vernahm.

»Ja, hör ich recht? Du spielst doch nicht etwa auf den berüchtigten Sturz des großen Bankhauses an?«, fragte mein Freund, zeigte plötzlich lebhaftes Interesse und rief:

»Die Bank ging im Januar 1956 mit über fünfhundert Millionen Dollar an Schulden pleite und riss zahllose kleine Unternehmen mit in den Untergang. Paolo Ancelotti, der Inhaber, verschwand dann von der Bildfläche. Man munkelte, er habe sich umgebracht. Seine Leiche wurde aber nicht gefunden.«

»Ja, das ist richtig, das ist wahr, ich bin sozusagen der einzige noch lebende Erbe das toten Bankhauses«, sagte die Athletin.

»Damals, als es geschah, war ich noch nicht geboren und weiß alles nur von meiner schon vor Jahren verstorbenen Mutter. Ich kam unehelich zur Welt und habe erst zu Beginn meiner Sportlerinnenkarriere den Namen ‚Angelina Ancelotti’ angenommen. Auf dem Standesamt zu Udine bin ich noch unter ‚Corinna Cornelia Lavanda’ (deutsch: ‚Lavendel’) eingetragen.

Damals musste ich lernen, mit der doppelten Schande zu leben, der Opa ein verschollener Betrüger, die Mama eine Dirne. Nachdem mir deswegen mein Bräutigam den Laufpass gegeben hatte, wollte ich mich umbringen. Als man nach allen Prozessen unser Haus versteigert hatte, um wenigstens noch ein Wenig des verschwundenen Vermögens einzutreiben, starb meine Mutter vor Kummer. Ich besaß jetzt nicht mehr als das eine Kleid am Leibe und landete mittellos auf der Straße.«

»…und darum bist du Boxerin geworden, Kleines«, sagte ich.

»Mir dünkte das besser, als im nächsten Bordell unterzukriechen«, entgegnete sie, »und man gab mir, weil ich von Natur aus hellblond bin, den Arena-Namen ‚La Bionda‘, unter dem ich führende Faustkämpferin wurde. Zur absoluten Spitze fehlen noch ein paar Zentimeter, denn im Kampf um den Titel ganz Italiens ging ich vergangenes Jahr leider k.o.«

Jetzt begriffen wir natürlich, dass es eine Beziehung zwischen dem Vater der Athletin und dem jämmerlich an die Wand gespießten Capitano Nero geben musste, aber welche nur?

»Alle haben damals behauptet, mein Großvater hätte zahllose Wertpapiere aller Art rechtzeitig beiseite geschafft und sich dann aus dem Staub gemacht. Das sei vor ungefähr sechzig Jahren geschehen, aber es ist eine Lüge. Meine Mama beteuerte, ihr Vater hätte so etwas niemals getan und sei immer ein anständiger Kerl gewesen.«

»Aber er ist damals tatsächlich verschwunden und ward seitdem nie wieder gesehen. Jeder kann das im Internet nachlesen. Ancelotti gilt daher als einer der raffiniertesten Betrüger Italiens im Zwanzigsten Jahrhundert«, entgegnete Volpe und fügte bei, dass auch er erst vor zwei Jahren noch einmal von den Nachkommen der ums Vermögen geprellten Gläubiger hinzu gezogen worden sei, um den Papieren nachzuforschen.

Deren Wert habe sich inzwischen auf geschätzte rund anderthalb Milliarden Euro gesteigert. Die fünf Prozent Courtage, die ihm als ‚Finderlohn‘ zuständen, hätte er sich daher ganz gern verdient gehabt. Leider habe aber nicht einmal er etwas Licht in die Angelegenheit bringen zu können.

»Ich kann mich noch ganz genau daran erinnern, mit welchen Worten die Mama von mir Abschied nahm, als sie nicht mehr leben wollte oder konnte, und mein Vati war unbekannt.

Die Mutter hat vor dem Richter ausgesagt, dass ihr Vater sich mit einem Schnellboot nach Amerika habe begeben wollen, um von dort als unbescholtener Mann zurückzukehren. Der Beamte hat ihr nicht geglaubt und auch sonst keiner, denn seitdem gilt mein Großvater als verschollen. Er ist nicht zurückgekommen. Keiner weiß, was aus ihm geworden ist.

Ich vermute, er wollte seine persönlichen Wertpapiere aus der New Yorker Filiale holen und nach Udine bringen, um die Gläubiger zu befriedigen. Als er nicht heimkehrte, glaubte, ahnte meine Mama, er liege samt den Unterlagen am Grund des Atlantischen Ozeans.«

»Das verstehe ich, aber warum ist dein Großvater nicht mit einem Jet ans Ziel geflogen«, sagte ich voller Mitleid und löste ihr mit Ambrosios Zustimmung die Handschellen, ohne dass Volpe dagegen Widerspruch eingelegt hätte. Dann nahm ich die hemmungslos Schluchzende in die Arme, streichelte ihr über das wirre Haar und versuchte, sie zu trösten.

Volpe warf einen Blick der komischen Verzweiflung gen Himmel, an welchem sich, nachdem der Nieselregen abgeebbt war, der Sichelmond gerade eben durch die schütteren Wolken gewühlt hatte, um uns gnädig Licht zu spenden.

»Mein Gott, guter Dottore! Es geschah alles vor gut sechzig Jahren, als sich die meisten noch die Zeit nahm, den Atlantik per Schiff zu überqueren, statt den Himmel mit den irren Abgasmengen der Düsenflugzeuge zu verpesten, wie heute.«

Wir hockten uns auf eine morsche Gartenbank, La Bionda in die Mitte nehmend. Ich legte ihr den Arm über die Schultern. Sie schien es zu genießen und sagte:

»Ein einziger Freund war mir noch verblieben, der Sohn eines ehemaligen Angestellten meines Vaters. Er war längere Zeit ohne Stellung gewesen und arbeitet jetzt bei den Mailänder Bankiers Orso & Orso. Genau dadurch aber war es ihm möglich zu entdecken, dass einige der Papiere, die in New York deponiert und damals von dort verschwunden waren, seit Kurzem hier im Veneto in Umlauf waren. Das war eine faustdicke Überraschung.«

»…kann ich mir denken«, sagte der Commissario, »und wenn nur einige der Wertpapiere auf dem Markt sind, dann sind auch all die anderen nicht von der See verschlungen worden.«

»So ist das«, sagte Angelina, »und mein Freund fand in geduldiger Kleinkleinarbeit heraus, wer sie in Umlauf gebracht hatte. Jetzt war es an mir, ihn zu stellen und um Herausgabe all der anderen gestohlenen zu ersuchen …«

»…und der Gesuchte war natürlich unser Capitano Fimbria Nero«, sagte mein Freund zähneknirschend, »und das Ganze ist eine extrem üble Geschichte, welche sich doch wohl auf seinem Fangschiff Drago ereignete. Der Capitano Nero muss sich in den Besitz der Wertpapiere gebracht haben, vermutlich, nachdem er deinen Vater aus Seenot gerettet und anschließend umgebracht hatte.«

»So ähnlich dachte auch ich. Daher versuchte ich, als ich erfuhr, dass er tot sei, vorhin bereits zum zweiten Mal, an seine Logbücher heran zu kommen, um die Wahrheit herauszufinden, denn er selbst war ja leider nicht mehr zu sprechen.

Ich brach also die Tür auf und nahm den dem Datum nach richtigen Band vom Regal herunter. Doch als ich die entsprechende Spalte aufgeschlagen hatte, war sie so sehr mit Tinte übergossen, dass man nichts mehr lesen konnte. Und schon im nächsten Augenblick seid ihr drei starken Männer über mich schwache Frau hergefallen und habt mich zu Boden gerungen.«

»…und das ist alles, was du zu sagen weißt?«, fragte Volpe.

Die bezaubernde Frau zögerte einen winzigen und doch merklichen Augenblick, wobei sie die sommersprossige Stirn in Falten legte. Dann schüttelte sie den Kopf und petzte die rosigen Lippen zu einem Strich zusammen.

»…und vor zwei Tagen bist du nicht rein zufällig in dieser muffigen Kiste da drüben gewesen, mein süßes Püppchen, meine ‚La Bionda‘, Signorina ‚Corinna Cornelia Lavanda’ alias ‘CCL’?«, fragte sie di Fusco streng.

»Nein, natürlich nicht«, flüsterte sie und ließ den Kopf hängen.

»…und was ist das hier, dieses kleine feine Ding samt deinem CCL-Monogramm, dieses Blatt da?«, wütete Ambrosio und fuchtelte ihr mit dem Papier samt winzigem Blutfleck vor ihren Augen herum.

Unsere Gefangene vergrub das Gesicht in Händen, zitterte am ganzen Körper wie Espenlaub und flüsterte heiser:

»Ich dachte, äh, ich hätte es irgendwo, vielleicht in der Boxschule verloren, äh, hat mir nämlich meine Mama gemacht … und als ich in die Hütte eindrang, was ganz leicht war, weil die Tür offen stand, war der Capitano Fimbria schon tot. Jemand hatte ihn stehend an die Wand gespießt. Das wollte ich ausnutzen.«

»Was ausnutzen?«, fragte ich.

»Das verrate ich nicht.«

»Warum wolltest du unbedingt noch mal an diesen schaurigen Ort?«, fragte Volpe.

»Wie ihr wisst, hatte ich den Zettel vergessen. Aber mit dem Mord habe ich nichts zu tun.«

»Eine feine Lügnerin also, das bist du, meine Süße, eine falsche Schlange«, tobte der Tenente, »und du gehst jetzt mit mir zu unserem Boot. Ich bringe dich auf dem kürzesten Weg in unsere Arrestzelle. Dort darfst du auf Staatskosten übernachten. Morgen kann man dich dann in den Knast von Padua überstellen, bis man dir den Prozess macht. Wertpapiere hin, Wertpapiere her, kein anderer als du, Süße, hat den Capitano Nero ermordet; gut geübt beim Boxkampf«, höhnte der Tenente, um dann zu sagen:

»Lieber Volpe, lieber Dottore, trotz allem besten Dank! Für mich ist der Fall geklärt. Wir können jetzt nach Venedig zurück fahren. Capitano Marcello wird mit mir zufrieden sein.«

Dann laut und herrisch zur Boxerin:

»Im Namen des Gesetzes, Signorina Corinna Cornelia Lavanda, ich erkläre Sie für verhaftet. Legen Sie Ihre Hände freiwillig auf den Rücken, sonst muss ich Gewalt anwenden!«

Sie tat es weinend, und er ließ die Handschellen zum zweiten Mal um ihre Handgelenke zuschnappen. Dann schleppten wir sie zum Polizeiboot und machten uns mit der kostbaren Beute auf den Heimweg, zurück nach Venedig, das im Purpur des Morgenrotes in berauschender Schönheit zu neuem Leben erwachte. Ein göttlicher Wintertag war angebrochen.

Der grimmige Tenente setzte uns am Ende der ‚Calle di Cavallo‘ ab, hundert Meter von zu Hause entfernt, und knatterte dann samt der Gefangenen und den zwei ihn begleitenden Carabinieri davon. Volpe sah ihm hinterher und runzelte die Stirn.

Mir war flau im Magen, denn ich machte mir Vorwürfe, dass ich der Entzückenden nicht hatte beistehen können, aber schon wartete uns Giovanni (per SMS über unser Kommen informiert) mit einem köstlichen Frühstück auf. Volpe verputzte vier Scheiben Toaste Hawaii, ich als alter Münchener eine dick gebutterte riesige Scheibe Bauernbrot samt einem Pärchen echt bayerischer Weißwürstel samt dem unvermeidlichen Senf.

»Nun, mein Freund«, sagte Volpe, auf beiden Backen kauend, »was hältst du von der Angelegenheit?«

»Ich weiß nicht recht«, antwortete ich, »irgendwie tut mir die Süße leid, obwohl ja wirklich alles gegen sie spricht. Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass sie es über sich brachte, den Capitano Nero, und mag er sich noch so schuldig am Tode ihres Großvaters gemacht haben, an die Wand zu spießen.«

»Das ist kein Argument, mein Lieber. Warum sollte jemand, der es gewohnt ist, im Ring mit Fäusten über den Gegner herzufallen, keinen Mord begehen können? Wir hatten schon einmal einen Fall, in dem ein schüchtern wirkendes Mädchen zu unerhörter Grausamkeit im Stande war. Alles ist möglich.

Wenn ich persönlich aber an ihrer Schuld zweifle, und das tue ich, so hat dies rein methodische, rein logische Gründe, denn ob die Signorina nun hübsch oder hässlich oder sogar hübsch hässlich ist, interessiert mich nicht.

Der Commissario ist leider in den alten Fehler verfallen und hält seine Lösung, die erstbeste Lösung für die einzig mögliche, statt sie sofort wieder in Zweifel zu ziehen. Ferner kennst du ja im Unterschied zu dem wenig experimentierfreudigen Tenente mein vergebliches Hantieren mit der Harpune. Und da sollte dieses um mindestens einen Kopf zu lang geratene Püppchen erheblich mehr Mumm in den Armen haben als ausgerechnet ich?!«

»Vielleicht hatte unsere süße Signorina ‚Lavendel‘ ja mehr Anlauf genommen als du …«

»Nein! Ich habe es nämlich mit energischem Anlauf versucht, vergebens. Ich jedenfalls hätte den Capitano Nero niemals so aufspießen können, wie er aufgespießt war:.

Die Lösung des Falles ist meiner Meinung nach in eben der Spur zu suchen, die ich von Anfang an verfolgt habe, indem ich mich als Seebär verkleidet drüben am Festland beim ‚Porto Marghera‘ (Hafen von Marghera) herum trieb, nahe bei der ‚Via delle Chimica‘, wo wir kürzlich eine Fabbrica besuchten, in der man aufs Herstellen von Garibaldi-Büsten spezialisiert ist, hihihi. Mein Vorgehen ist nach dem Motto, ‚primo pensa e poi fa‘ (denke zuerst und handele erst dann).

Ich will gar nicht sagen, dass wir mit diesem Verfahren Erfolg haben werden, aber bevor ich dieser Fährte nicht nachgegangen bin, bevor ich nicht alles versucht habe, kann man deine Boxerin wirklich nicht des Mordes bezichtigen.«

Als er dies gesagt hatte, kam Giovanni und brachte die Post auf einem silbernen Tablett herein. Volpe fischte mit sicherem Griff einen Brief heraus und lachte triumphierend auf:

»Na, das ist ja prächtig! Da haben wir Schwein gehabt. Göttliche Aussichten! Wir hatten mal wieder recht. Heda, Giovanni, holte das Notebook! Ich muss dir zwei Briefe diktieren. Das Ding verträgt keine Weile. Auf spute dich! Wenn ich die Schreiben fertig habe, mache sie über alle zur Verfügung stehenden Kanäle im Internet bekannt. Sende sie ferner an die Anzeigenblätter der Region, die Agentur für Seeleute in Mestre und bezahle das jeweilige Inserat! Sorge unbedingt dafür, dass sie als Plakate beim ‚Porto Marghera‘ und den Bahnhaltestellen Marghera und Mestre ausgehängt werden.«

Giovanni kam eine Minute später mit dem Laptop unter den Arm herein und hockte sich an den freien Tisch. Volpe aber räkelte sich im Korbsessel und diktierte ‚Brief Nr. 1‘, der wie oben geschildert, zu verbreiten sei:

Filmagentur sucht alten Seemann für das Projekt ‚Moby Dick‘

Wir benötigen einen Mann von Sechzig plus, der das traditionelle Schleudern der Harpune noch beherrscht, wie es zur Zeit der Jagd auf den berühmtesten Wal erforderlich war. Wir zahlen 150 Euro Gage pro Tag, zusätzlich Kost und Logis.

Bewerben Sie sich bei Capitano Sergio Petresco, Calle di Cavalli No. 1, Venezia. Voranmeldung bitte über die Telefon-Nummer … oder als E-Mail …


…und ‚Brief Nr. 2‘, diesmal rein als E-Mail an den Tenente:

Lieber Freund, es gibt möglicherweise Neuigkeiten im Fall des ermordeten Capitano Nero, welche der Sache eine sensationelle Wende verleihen könnten. Sei bitte gegen 8. 30 Uhr in meinem Hause zugegen. Postiere vor dem Haus zwei Carabinieri in Zivil. Es könnte hoch hergehen.

Giovanni wird für ein vorzügliches Frühstück sorgen. Falls du nicht kommen kannst, bitte ich noch heute Abend um eine entsprechende Nachricht. Damit würdest du freilich einem Verbrecher die Gelegenheit zur Flucht verschaffen.

Bis dann also, dein Giuseppe Tartini!

Volpe beugte sich über den Bildschirm, überlas beide Briefe sorgfältig und gab dann die Zustimmung zum Absenden.

»Mein lieber Sergiu«, sagte er, »dieser Fall beschäftigt mich allmählich über die Gebühr lange. Es wird Zeit, dass er abgeschlossen ist. Möge Gott dafür sorgen, dass morgen alles vorbei ist! Doch jetzt wollen wir uns zur Abwechslung mit der geliebten deutschen Sprache beschäftigen, die du um Längen besser beherrschst als ich. Du bist halber Deutscher, ich nur ein angelernter, wenn auch eifriger. Es wäre mir ein Genuss, wenn du Einiges aus Goethes Faust vortragen könntest. Wie ich dich kenne, verfügst du über eine angemessene schauspielerische Gabe.

Nicht wahr, der berühmte Monolog des Doktor Faust beginnt mit ‚Habe nun, ach! Philosophie, Medizin, Juristerei und leider auch Theologie gewiss studiert mit heißem Bemühen. Da steh ich nun, ich armer Tor und bin genauso klug als wie zuvor. Heiße Magister, heiße Doktor gar und weiß doch, dass wir nichts wissen können. Das will mir schier das Herz verbrennen‘.

Ich klatschte leise Befall, lehnte mich zurück und begann damit, ihm den Text, der dem Monolog folgt, aus dem Gedächtnis vorzutragen. Ich kann Faust I. auf weiten Strecken auswendig, denn ich höre mir immer wieder die vorzügliche alte Aufnahme mit Will Quadflieg und Heinz Moog samt Ensemble des Wiener Burgtheaters aus den Sechziger Jahren an.

Volpe lauschte mir ergriffen und mit geschlossenen Augen, die sehnigen Hände locker ineinander gelegt. Selten sah ich ihn so entspannt, ja, geradezu glücklich.


*


Wie gewünscht, erschien der Tenente bereits zur ersten Tagesstunde. Giovanni servierte eine vorzügliche ‚Colazione’. Vergnügt plaudernd saßen wir in unseren bequemen Korbsesseln im prächtigen Esszimmer meines Freundes und speisten. Ambrosio war von überschäumender Laune und nahm in seiner Überheblichkeit eine Art Siegerpose ein, indem er dachte, er hätte den Fall ohne Zutun seines berühmten Kollegen gelöst.

»Der Fall des Capitano Nero war einfach zu lösen«, knurrte er frech, »und ich habe ihn zu Mercellos Zufriedenheit gelöst, auch wenn diese Boxerin immer noch leugnet. Es wird ihr nichts nützen, selbst wenn wir ihr abnehmen, dass der Ermordete die ominösen Wertpapiere an sich gebracht hat. Das rechtfertigt nämlich keinen Mord.«

»…und du bist von deiner Lösung überzeugt, absolut überzeugt?«, fragte ihn Volpe zögerlich.

»Gewiss doch; die Sache ist abgeschlossen.«

»Aber ich habe da meine Zweifel.«

»Soll das ein Witz sein?«

»Nun, ist die Kette deiner Beweise wirklich lückenlos?«

»Aber gewiss doch! Ich habe den gesamten gestrigen Tag mit meinen Untersuchungen verbracht: Die ‚La Bionda‘ kam am Tage des Mordes in Torcello an, am frühen Morgen. Ich konnte die Herberge ausfindig machen, ein Privatquartier. Die Aussage der Wirtin liegt vor. Das Mädchen nahm naturgemäß ein Zimmer im Parterre, auf der Gartenseite, um das Haus jederzeit ungesehen verlassen zu können, indem sie durch das niedrige Fenster hinaus stieg, während der Weg zum Hauseingang durch das Wohnzimmer der Inhaberin führt.

In der Mordnacht ging sie dann zu Fimbria, um ihn wegen der verschollenen Papiere zur Rede zu stellen. Man wurde sich nicht einig und geriet in Streit. Sie riss die Harpune von der Wand und tötete den Capitano, um dann Hals über Kopf zu flüchten, ohne der ersehnten Papiere erbeutet zu haben. Dabei ließ sie versehentlich das Blatt fallen, deren Monogramme uns einige Zeit vor Rätsel stellten, bis wir ihre Bedeutung entschlüsselten.

Wie wir mit Hilfe eines Bankiers feststellen konnten, bezogen sich eben die Ziffern, welche sie angekreuzt hatte, auf Wertpapiere, welche zurzeit in Italien im Umlauf sind. Die meisten waren aber nicht angekreuzt und sollten sich immer noch im Besitz des Nero befinden, irgendwo versteckt sein.

Die ‚lange Blonde mit dem großen Schuh‘ gibt doch offen zu, dass sie von ihm die Rückerstattung verlangen wollte, um die Enkel der Gläubiger ihres Vaters zu entschädigen und seinen Ruf wiederherzustellen.

Nach ihrer überstürzten Flucht aus der Kajüte traute sie sich einige Tage lang nicht mehr dort hin zurück. Schließlich wagte sie es dann doch. Sie wollte unbedingt an die Papiere heran. Beim ersten Versuch brach ihr die Klinge des Messers. Beim zweiten hatte sie ein Stemmeisen dabei und drang erfolgreich ein. Dabei konnten wir sie festnehmen.

Das alles habe ich ermittelt, und sie streitet es ja auch nicht ab. Nur den Mord leugnet sie. Aber es ist eine Frage der Zeit, bis sie auch das noch zugibt.«

Volpe schüttelte Kopf und rote Mähne:

»An deiner Geschichte, lieber Freund, ist ein Haken, wie der Haken einer Harpune. So schön und überzeugend deine Story auch klingt, ist sie unmöglich. Ich habe das schon vorgestern durch einen praktischen Versuch bewiesen.

Details

Seiten
1100
Jahr
2021
ISBN (ePUB)
9783738955712
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (August)
Schlagworte
krimi paket thriller august romane

Autoren

  • Alfred Bekker (Autor:in)

  • Don Pendleton (Autor:in)

  • Horst Friedrichs (Autor:in)

  • Glenn Stirling (Autor:in)

  • Thomas Andresen (Autor:in)

  • Meinhard-Wilhelm Schulz (Autor:in)

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Titel: Krimi Paket 8101 - Die packendsten Thriller im August 2021: 10 Romane