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Acht spannende Western im August 2021: Western Sammelband

von Alfred Bekker (Autor:in) Larry Lash (Autor:in) Pete Hackett (Autor:in) Glenn Stirling (Autor:in) W. W. Shols (Autor:in)
2021 900 Seiten

Zusammenfassung

Dieser Band enthält folgende Western:

Wölfe in der Stadt (W.W.Shols)

Kentucky-Melodie (Larry Lash)

Zum Sterben nach Sonora (Alfred Bekker)

Der Kopfgeldjäger - Zwischen den Fronten (Pete Hackett)

Im Tal des toten Bären (Glenn Stirling)

Der alte Cowboy (Larry Lash)

Wo das Nordlicht leuchtet (Larry Lash)

Dunkle Pfade und rauchende Colts (Larry Lash)

Überlistet von seinen Feinden und von ihnen zu Boden geschlagen, war er ihnen nur um Haaresbreite entkommen. Amb Robinson schleppte sich durch die Gasse. Er sah das Abzeichen des Gesetzes im Dreck liegen und bückte sich, um es aufzuheben, denn tief war in ihm die Achtung vor dem Gesetz verankert. Als er nach dem Abzeichen tastete, da nagelte ein Stiefel seine ausgestreckte Hand am Boden fest, und gleichzeitig presste sich die Mündung eines Revolvers gegen seinen Nacken. Sein Todfeind hatte ihn gestellt! Das war die Minute der tiefsten Erniedrigung für den jungen Mann, der fremd in diesem Land war. Doch gerade er sollte es sein, der, diesen Stern des Gesetzes auf der Brust, den Banditen die „Kentucky-Melodie“ spielen würde!

Leseprobe

Acht spannende Western im August 2021: Western Sammelband

Alfred Bekker, W.W.Shols, Pete Hackett, Glenn Stirling, Larry Lash

Dieser Band enthält folgende Western:


Wölfe in der Stadt (W.W.Shols)

Kentucky-Melodie (Larry Lash)

Zum Sterben nach Sonora (Alfred Bekker)

Der Kopfgeldjäger - Zwischen den Fronten (Pete Hackett)

Im Tal des toten Bären (Glenn Stirling)

Der alte Cowboy (Larry Lash)

Wo das Nordlicht leuchtet (Larry Lash)

Dunkle Pfade und rauchende Colts (Larry Lash)


Überlistet von seinen Feinden und von ihnen zu Boden geschlagen, war er ihnen nur um Haaresbreite entkommen. Amb Robinson schleppte sich durch die Gasse. Er sah das Abzeichen des Gesetzes im Dreck liegen und bückte sich, um es aufzuheben, denn tief war in ihm die Achtung vor dem Gesetz verankert. Als er nach dem Abzeichen tastete, da nagelte ein Stiefel seine ausgestreckte Hand am Boden fest, und gleichzeitig presste sich die Mündung eines Revolvers gegen seinen Nacken. Sein Todfeind hatte ihn gestellt! Das war die Minute der tiefsten Erniedrigung für den jungen Mann, der fremd in diesem Land war. Doch gerade er sollte es sein, der, diesen Stern des Gesetzes auf der Brust, den Banditen die „Kentucky-Melodie“ spielen würde!




Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: ALFREDBOOKS, CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Wölfe in der Stadt

Western von W. W. Shols




Der Umfang dieses Buchs entspricht 150 Taschenbuchseiten.


Er war jahrelang nichts weiter als ein Tramp gewesen, dieser gutaussehende und sympathische Tom Delaware. Er lebte sein Leben und störte sich an niemand. Das wurde anders, als er eines Tages über die Main Street von Silver Rock ritt und mitansehen musste, wie drei Galgenvögel einen alten, weiß-bärtigen Mann brutal zusammenschlugen. Tom zögerte nicht eine Sekunde, dieses Trauerspiel zu beenden. Er kam mit seinen starken Fäusten dem Alten zu Hilfe und haute ihn heraus. Damit handelte sich Tom zwei Dinge gleichzeitig ein: Die Feindschaft Shane Warners, in dessen Auftrag die drei Halunken den Blacksmith Ben Forton fertigmachen sollten, aber auch die Freundschaft dieses kernigen Schmieds. Die Bürger wollten, dass Forton Mayor werden sollte. Der verschlagene und größenwahnsinnige Warner erstrebte dieses Amt für sich. In dem Texaner Tom Delaware erwuchs ihm jedoch ein starker, unverhoffter Gegner. Das konnte einfach kein gutes Ende nehmen …


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover: Tony Masero, 2019

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



1

Tom Delaware sah die Stadt unter sich liegen. Sie sah aus wie die meisten Städte von Arizona bis Texas.

Über Silver Rock spannte sich ein blass-blauer Himmel, und fern am westlichen Horizont zeigten sich rosafarbene Wolken.

Tom Delaware hatte es nicht eilig. Er hielt sein Pferd an und zog noch einmal die würzige Gebirgsluft in seine Lungen.

Dort unten würde er zunächst einen Whisky trinken, und dann ein riesiges Steak verdrücken, nahm er sich vor. Sein erstes Steak seit Tagen.

Irgendein Saloon würde hoffentlich geöffnet sein, trotz der Mittagsstunde. Tom konnte sich genau vorstellen, wie es unten in Silver Rock aussah. Nur ein paar Katzen und Hunde würden herumstreunen. Die Männer und Frauen scheuten die Hitze des Mittags und hatten sich vermutlich in ihre Häuser verkrochen.

Selbst der Barkeeper würde verschlafen über seinen Tresen äugen und verärgert sein über den Gast.

Ja, Tom Delaware wusste genau, was ihn dort unten erwartete. Aber er hatte keine Lust, bis abends mit dem Steak und dem Whisky zu warten.

„Lauf, Brownie!“

Das müde, staubbedeckte Pferd ging träge an. Schleppend bewegten sich die Beine des Tieres durch das trockene Buffalo-Gras, und jeder Schritt wirbelte den Staub auf.

Wie sein Pferd, so sah auch der Reiter aus. Total verstaubt. Sein breitrandiger Stetson, der einst weiß gewesen sein musste, war dunkelgrau geworden. In der Krone des Hutes befanden sich zwei kleine Löcher, die darauf hinwiesen, dass irgend jemand ihn als Zielscheibe benutzt haben musste.

Das einst leuchtend grün-karierte Hemd mit der schwarzen Kordel war ausgeblichen und grau geworden. Nicht anders sahen die Leggins aus und die kurzen Mexicanstiefel. Ihnen fehlte der Glanz früherer Tage.

Tom Delaware hielt es nirgendwo lange aus. Er war so etwas wie ein Herumtreiber geworden, ein Tramp. Die Unruhe trieb ihn von Ort zu Ort, und sein jahrelanger Ritt hatte ihn schließlich bis nach Arizona hineingebracht.

Tom wusste selbst nicht, was ihn trieb. Sein Vater war früher ein guter Sheriff in Texas gewesen, bis er den Alkohol kennenlernte. Seine Mutter war aus Gram früh verstorben. Und als man seinen Vater an die alte Eiche am Eingang von Lamesa hängte, weil er mit anderen Outlaws zusammen das Vieh der Umgebung geraubt hatte, da hatte es Tom nicht mehr ausgehalten in der Heimat. Er war ein Tramp geworden, von der Unruhe getrieben und von der Angst, eines Tages selbst an irgendeiner Eiche zu hängen.

Dieses Bild würde er nie vergessen. Er selbst hatte sich an der Posse beteiligt, die schließlich die Outlaws einfing, und einer dieser Viehräuber war sein völlig heruntergekommener Vater gewesen.

Tom sah ihn manchmal noch vor sich, wenn das Bild der Vergangenheit vor ihm auftauchte.

Klein und kümmerlich hatte Dad auf dem Pferd gesessen, die Hände über dem Sattelknopf gebunden. Ein wilder, grauer Bart hatte ihn fast unkenntlich gemacht. Und die Augen waren nicht mehr die hellen Adleraugen von Sheriff Delaware gewesen.

Tom wusste noch genau, wie es ihm damals die Kehle zuschnürte, wie er zu schlucken versucht und geglaubt hatte, keine Luft mehr zu bekommen.

„Dad!“, hatte er ausgerufen, als man dem die Schlinge um den Hals legte.

Da war der Blick des alten Outlaw für einen Moment klar geworden. „Reite, Tom Delaware, und vergiss, dass du einen Vater hattest!“

Tom hatte alles versucht, Dad zu vergessen. Sie hatten sich nie nahe gestanden. Damals, als Dad noch Sheriff war, konnte Tom kaum reiten. Er erinnerte sich, dass ihn die anderen Boys in der Schule immer als ihren Anführer wählten, weil sein Vater der Sheriff von Lamesa gewesen war. Dann hatte Dad zu trinken begonnen, und plötzlich war der große Held von Lamesa ein Ausgestoßener.

Mit der Mutter war Tom aus der Stadt gezogen. Ein kleiner Rancher hatte ihnen Unterkunft auf seinem Anwesen geboten. Von Dad hatte man monatelang nichts gehört, bis er eines Tages auftauchte und Geld forderte, um sich Whisky kaufen zu können. Aus Gram war Ma eines Tages gestorben, ehe Tom darüber hinweggekommen war.

Aber auf der kleinen Ranch hatte er das Arbeiten gelernt – bis sein Vater an der Eiche aufgehängt wurde.

Wie lange war das nun her?, fragte sich der Cowboy Tom Delaware. Vier Jahre? Oder sogar fünf?

„Lauf, Brownie!“

Der Braune war stehen geblieben.

Sie hatten die Hügelkette verlassen und befanden sich am Ortseingang von Silver Rock.

Tom Delaware hob den Blick und sah die Main Street der kleinen Stadt hinunter.

Zuerst konnte er gar nicht begreifen, was sich seinen Augen bot.

Tom zog sich den Stetson tiefer in die Stirn, um seine Augen gegen die grellen Sonnenstrahlen zu schützen.

Silver Rock hielt nicht wie andere Städte in Arizona um diese Zeit ihren Mittagsschlaf.

In Silver Rock war der Teufel los.



2

Zwei grimmige, verwegen aussehende Kerle hielten einen alten Mann mit weißem Bart fest. Einer von ihnen schlug ihm ein paarmal die geballte Faust auf die Nase, aus der bereits das Blut zu laufen begann.

Aber kein Laut kam über die Lippen des alten, knorrigen Mannes, der sich immer wieder zu befreien versuchte und einem der Rowdys heftig gegen das Schienbein trat, dass er brüllend zu fluchen begann.

„Dir werde ich’s zeigen, Ben Forton, du räudiger Schakal!“

Der Kerl riss seinen Colt aus dem Holster und schlug auf den weiß-bärtigen Mann ein.

Ben Forton sackte zusammen und wurde schlaff in den Armen der beiden Schläger.

Die Kerle lachten und sahen sich triumphierend um.

Die Einwohner von Silver Rock standen auf den Gehsteigen und sahen der Schlägerei schweigend zu. Niemand wagte sich näher heran, um dem alten Mann zu helfen. Auf den Gesichtern konnte man Ablehnung lesen – und Angst.

Der Rowdy rammte seinen Colt in das Holster und stieß mit dem Fuß gegen den Leib des zusammengesunkenen Mannes, dann stiefelte er auf den Saloon zu.

Vor den Schwingtüren drehte er sich noch einmal um und grinste zynisch.

„Damit ihr es alle wisst: Silver Rock kann sich nach einem neuen Blacksmith umsehen. Die Schmiede ist vorläufig geschlossen.“

Für einen Augenblick blieb der Blick des Schlägers auf dem Reiter haften, der sich langsam von Westen her näherte.

Aber der Braune und der Reiter sahen so heruntergekommen aus, dass es der Schläger für unwichtig hielt, sich länger mit dem Fremden zu befassen.

Tom Delaware zügelte sein müdes Pferd vor dem Mietstall. Aber er stieg nicht aus dem Sattel. Er überlegte sich noch, ob es nicht besser wäre, einfach weiterzureiten.

Silver Rock, das fühlte er instinktiv, war ein unruhiges Nest. Und Tom Delaware wollte in Ruhe gelassen werden, so wie er andere Leute auch in Ruhe ließ. Er wollte jedem Ärger nach Möglichkeit aus dem Weg gehen.

Er sah zu, wie der Schläger die Schwingtüren aufstieß und den Saloon betreten wollte. Er kam jedoch nicht weiter.

Der alte Mann im Staub der Straße richtete sich knurrend auf. Jetzt erkannte Tom Delaware, dass der mächtige Fäuste hatte, und dass er jünger sein musste, als er zuerst geglaubt hatte.

Der wilde Bart und das hellgraue Haar waren arg zerzaust, und seine mit schwarzen Brandstellen bedeckte Lederschürze war ihm halb vom Körper gerissen worden.

Kein Zweifel, das war der Schmied von Silver Rock.

Ben Forton musste den Schlag auf den Hinterkopf schnell verdaut haben. Als er sich aufrichtete, taumelte er nicht mal.

Das vorher eingetretene Gemurmel der Zuschauer, die sich ängstlich an die Häuserwände drückten, verstummte wieder.

„Shatter!“, knurrte Ben Forton grollend.

Der Schläger, der gerade den Saloon betreten wollte, drehte sich ganz langsam um.

Für einen Augenblick fiel ein Sonnenstrahl in sein Gesicht, und Tom erkannte darin die zynische Grimasse und das hasserfüllte Grinsen eines Berufskillers.

Mit einem Blick bemerkte Tom, dass der Blacksmith nicht mal einen Waffengurt umgeschnallt hatte.

Shatter zog seinen Colt aus dem Holster.

„Hast du immer noch nicht genug, Forton? Du kannst mehr haben, wenn du willst. Und da der Undertaker arbeitslos wird, schicke ich dich noch mal in den Dreck – aber für immer. Begriffen?“

Tom legte die Hände auf den Sattelknopf, beugte sich nach vorn und schüttelte unwillig den Kopf.

Auch der andere Kerl näherte sich dem Schmied wieder lauernd wie ein Puma. Es war klar, dass sie Forton erneut von zwei Seiten bearbeiten wollten.

Weit spreizte Ben Forton die Beine und ruderte mit den mächtigen Armen durch die Luft. Er wollte sich Bewegung verschaffen und die Blutzirkulation wieder in Gang setzen.

Sein Auge war klar wie das eines Raubtieres. Er passte genau den Zeitpunkt ab, wo ihn der zweite Schläger anspringen wollte.

Mit seiner gewaltigen Faust schlug Ben Forton zu. Der Mann wurde schwer am Kinn getroffen und segelte vier Yards durch die Luft. Als er zu Boden fiel, wirbelte eine Staubwolke auf, und erst als sie sich wieder senkte, sah man, dass der Mann besinnungslos am Boden lag.

Auf dem Gesicht Shatters malte sich das Erstaunen ab. Ungläubig starrte er Forton an und dann seinen Komplicen, der sich immer noch nicht rührte.

„Die harte Tour war anscheinend immer noch nicht hart genug“, knurrte er giftig, holte aus und wollte Forton den Kolben seiner Waffe ins Gesicht schlagen.

Geschickt wich der Schmied aus, aber zu spät bemerkte er, dass sich ein dritter Schläger hinzugesellt hatte. Auch Tom Delaware sah den Mann erst jetzt. Er war klein und drahtig und erinnerte ihn an einen Fuchs.

Dieser Mann ließ einfach sein Bein stehen, über das Ben Forton stolperte und sein Gleichgewicht verlor.

Wieder fiel er in den Staub der Straße. Und diesmal warfen sich Shatter und der Kleine, Drahtige über ihn und schlugen auf ihn ein.

Die Schläge klatschten bis in den letzten Winkel von Silver Rock. Aber es gab niemanden, der dem alten Forton zur Hilfe geeilt wäre.

Tom Delaware drängte sein Pferd näher an die Rails.

„He!“, rief er einem älteren Mann zu, der sich nervös mit der Zunge über die Lippen fuhr und mit den Händen die Kordel an seinem ausgeblichenen Hemd zerpflückte. „Was ist dies für eine Stadt, wo man nicht mal in der Mittagszeit Ruhe findet?“

Der Mann starrte Tom misstrauisch an, wandte sich ab und drängte sich durch die Umstehenden davon.

Kopfschüttelnd glitt Tom Delaware aus dem Sattel. Er sah kurz die Gehsteige entlang, wo sich die Männer ängstlich an die Häuserwände drückten, ohne einen Finger zu rühren.

Er hatte nie Streit gesucht, aber er konnte einfach nicht mitansehen, wie drei brutale Kerle einen Mann zusammenschlugen, der nicht mal eine Waffe trug.

Tom war hergekommen, um in aller Ruhe und in Frieden einen Whisky durch seine raue Kehle rinnen zu lassen und ein halbtellergroßes Steak zwischen die Zähne zu schieben und seinen knurrenden Magen zu beruhigen.

Tom sah das Schild über der Schwingtür. Die Farbe blätterte bereits ab, aber noch deutlich stand darauf zu lesen, dass sich dort der „Golden Nugget“ befand, und dass es darin Drinks und Steaks gab.

Um hineinzukommen, musste Tom nur an dem wirren Knäuel von Armen und Beinen vorbei. Der Mann, den Forton mit einem Schlag von den Beinen geholt hatte, war auch wieder zu sich gekommen und beteiligte sich nun daran, Ben Forton völlig fertigzumachen.

Langsam ging Tom Delaware auf die sich am Boden wälzenden Männer zu. Der Staub kitzelte in seiner Nase.

Er sah, wie Ben Forton sich immer noch mit Armen und Beinen wehrte, aber seine Lage wurde immer schlimmer.

Entschlossen griff Tom Delaware nach der erstbesten Schulter eines der Schläger und grub seine Hände ins Flanellhemd.

Überrascht richtete sich der Mann auf. In seinen Augen stand ein großes Erstaunen, als er über die Schulter sah und in ein ausdrucksloses, hageres Gesicht blickte. Er sah in kühle, graue Augen und bemerkte auch die Bartstoppeln am Kinn des Fremden.

„Was, zum Teufel …“

„Was soll das hier?“, unterbrach ihn Tom ganz ruhig. „Solche Schlägerei kann böse enden. Schließlich wird noch jemand ernsthaft verletzt, und möglicherweise könnten Sie es sogar sein, der im Staub liegen bleibt.“

Die Augen des Schlägers schlossen sich zuerst zu schmalen Schlitzen, dann öffneten sie sich unnatürlich weit. Er schnappte nach Luft und schien sich zu fragen, ob dieser Fremde noch alle Sinne beisammen hatte.

Doch im nächsten Augenblick riss er die Fäuste hoch, um sie in den Leib des Fremden zu rammen.

Tom Delaware sah die Gefahr kommen. Er machte einen Schritt zur Seite und schien plötzlich zu explodieren. Seine linke Faust schoss vor, streifte das Kinn des Mannes, dann folgte die Rechte mit voller Wucht in die Magengrube.

Ein tiefes Stöhnen entrang sich der Brust des Mannes. Zum zweiten Mal verlor er die Besinnung und wurde in den Staub der Straße geschleudert, wo er regungslos liegenblieb.

Shatter hatte aus den Augenwinkeln bemerkt, dass sie einen zweiten Gegner erhalten hatten. Als er nun seinen Komplicen durch die Luft segeln sah, sprang er auf, ließ von Forton ab, und riss seinen Colt hoch.

Die Zuschauer in Silver Rock glaubten schon das Peitschen des Schusses zu hören und den Fremden lang ausgestreckt auf der Straße liegen zu sehen.

Stattdessen geschah etwas ganz anderes.

Shatter hielt bereits den Zeigefinger am Abzug, als er sich plötzlich am Arm gepackt fühlte und den Boden unter den Füßen verlor. Dann sah er für einen Moment direkt in die grelle Sonne und wunderte sich, warum er ein solch merkwürdiges Gefühl im Magen verspürte.

Im nächsten Moment klatschte er in den Staub und blieb benommen liegen. Er regte sich erst wieder, als er Hände an seinem Körper verspürte, die sich an seinem Waffengut zu schaffen machten. Seine Rechte klatschte zum Holster, aber zu seiner Verblüffung gab es kein Holster mehr und auch keinen Colt, der diesen Fremden ein für allemal zur Vernunft gebracht haben könnte.

Stattdessen stand der Fremde mit gespreizten Beinen über ihm, den Waffengurt lässig über die Schulter gehängt und freundlich grinsend.

„Stehen Sie auf, Mister“, sagte Tom ruhig. „Sie haben Ihren Spaß gehabt. Ihr Schießeisen können Sie sich aus dem Sheriff-Office abholen, wenn Sie Ihren Rausch ausgeschlafen haben.“

Shatter sah mit verwirrten Blicken um sich. Da lagen zwei Männer in der Mitte der Mainstreet. Aber Ben Forton war nicht dabei. Der Schmied lehnte erschöpft am Haltebalken vor dem Saloon und wischte sich mit einem karierten Tuch das Blut aus dem Gesicht. Und über der Schulter des Fremden hing nicht nur ein Waffengurt, sondern gleich drei.

Die Sporen an den kurzen Mexicanstiefeln des Fremden klirrten leise, als er sich dem Gehsteig näherte und auf den Saloon zuging.

Shatter stemmte sich wütend auf die Beine.

„He, Mister! Sie glauben wohl, sie sind clever, he? Irrtum! Wir werden uns wieder begegnen, und dann werden Sie merken, dass Sie den größten Fehler Ihres Lebens machten. Auf Boothill ist noch ein Platz frei für Sie.“

Wütend klopfte Shatter den Staub von seinem Hut und schoss Tom vernichtende Blicke nach. Auch die anderen beiden Galgenvögel erhoben sich und fluchten hinter dem Fremden her.

„Du solltest lieber in den Sattel steigen und deinen Ritt fortsetzen“, zischte der kleine Drahtige giftig, „solange du noch in einem Stück bist.“

Tom Delaware antwortete nicht. Aber er hörte die Drohung in den Flüchen der Schläger wohl heraus. Er wusste, dass er sich durch sein Eingreifen in den ungleichen Kampf böses Blut geschaffen hatte.

Er ging hinüber zu dem Blacksmith und legte dem bärtigen Forton die Hand auf die Schulter.

„Wieder okay, Mister?“

Der Schmied ließ sein verschmiertes Taschentuch verschwinden und zauberte ein dankbares Grinsen in sein geschundenes Gesicht. Sein rechtes Auge war geschwollen. Quer über seine linke Wange zog sich eine blutige Strieme, und selbst sein zerzauster Bart war blutgetränkt.

Aber seine Augen leuchteten Tom Delaware dankbar entgegen.

„Ich glaube, ich muss mich bei Ihnen bedanken, Mister. Allein hätte ich es nicht geschafft. Ich bin Ben Forton, der Schmied hier in Silver Rock.“

„Delaware“, sagte Tom, die Pranke des riesigen Forton ergreifend. „Tom Delaware. Schätze, Sie hätten mich auch aus der Patsche geholt, wenn ich drin gesessen hätte. Außerdem hätte ich jedem anderen geholfen gegen diese Rowdys. Eines verstehe ich nicht, Forton. Wie konnte es soweit kommen? Gibt es keinen Sheriff in Silver Rock?“

Ben Forton stieß ein raues Lachen aus und spuckte auf den Boden.

„Sie haben bereits mit seinen Deputys Bekanntschaft geschlossen, Delaware. Die beiden Halunken, die mich zuerst angegriffen haben, sind vom Sheriff vereidigt worden.“

Eine steile Falte erschien auf Toms Stirn. Überrascht hielt er den Atem an und sah die Main Street hinunter, wo die drei Männer gerade unten beim Hotel in ihre Sättel stiegen und langsam aus der Stadt ritten.

Die meisten Bürger hatten sich mittlerweile in ihre Häuser verkrochen, und langsam nahm Silver Rock jenes Bild an, das sich Tom oben in den Hügeln vorgestellt hatte.

Die Main Street der kleinen Town war einsam und verlassen – außer den beiden Männern, die vor den Rails am Saloon standen und miteinander Freundschaft schlossen.

„Deputys“, sagte Tom, und plötzlich nahm dieses Gefühl von ihm Besitz, das ihn immer überfiel, wenn irgendwo Ärger auf ihn zukam.

Eigentlich wurde es jetzt Zeit für ihn, Shatters Rat anzunehmen, in den Sattel zu steigen und so lange zu reiten, bis er die nächste Stadt aus den Hügeln auftauchen sah. Dort konnte er vielleicht in aller Ruhe seinen Whisky trinken und sein Steak verdrücken – vielleicht.

Verdammt, sagte sich Tom Delaware, man kann nicht immer nur davonlaufen und jedem Ärger aus dem Wege gehen.

Sein Blick kehrte zu Ben Forton zurück. Der Schmied sah nicht so aus, als würde er jetzt ebenfalls die Stadt verlassen, um sich irgendwo zu verkriechen.

„Wir haben wohl einen Sheriff“, sagte Forton leise und strich seinen Bart einigermaßen glatt. „Aber was für einen.“

Wieder spuckte der Schmied aus, und Tom kam es so vor, als würde der Schmied diesen Sheriff verächtlich anspucken.

„Er wird nicht erbaut sein, davon zu hören, was Sie für mich getan haben, Delaware. Wenn Sie länger in Silver Rock bleiben, werden Sie herausfinden, dass es verdammt ungesund ist, mit mir befreundet zu sein. Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, mein Sohn, dann steigen Sie in den Sattel und reiten Sie, bis Sie die Berge hinter sich haben.“

Tom grinste.

„Kann sein, dass ich bald weiterreite, Forton. Aber ich glaube kaum, dass ich noch eine Minute länger ohne Essen und Trinken auskomme. Außerdem muss mein Brauner besohlt werden. Hat draußen einen Schuh verloren. Können Sie das für mich besorgen, Forton?“

Der Schmied streckte Tom impulsiv die Hand hin.

„Kommen Sie in einer Stunde wieder. Bis dahin habe ich Ihr Pferd fertig, Delaware. Und es soll Sie keinen Dime kosten.“

„Gut. Diese drei Waffengurte lasse ich hier liegen. Kann sich der Sheriff abholen, wenn er will.“

Forton ging hinüber zu Toms Pferd und führte es quer über die Straße auf die Schmiede zu. Tom sah ihm nach.

Er begann sich zu wundern. Forton hatte mit keinem Wort den Grund der ungleichen Schlägerei erwähnt. Tom Delaware war es gewohnt, keine Fragen zu stellen, wie er es wünschte, dass man ihn nicht mit Fragen belästigte. Wenn jemand sprechen wollte, musste er es von sich aus tun.

Tom blieb noch einen Moment vor dem Gehsteig stehen und sah sich die Stadt an.

Sie ähnelte in jeder Weise anderen Städten in Arizona, New Mexico und Texas, durch die Tom schon geritten war.

Weiter unten befand sich die Union Bank, daneben die Poststation. Weiter oben lag das City Hotel, schräg gegenüber das Sheriff-Office mit dem angeschlossenen Jail.

Dort, wo sich die Main Street und die South Street kreuzten, lag ein freier Platz. Eine kleine Holzkirche schien der ganze Stolz der kleinen Stadt zu sein. Gleich daneben lag die Schule von Silver Rock.

Eine Stadt wie jede andere.

Und doch lag eine seltsame Atmosphäre in der Luft, die selbst von den heißen Sonnenstrahlen nicht fortgewischt werden konnte, auch nicht von der trockenen Brise, die von Süden her aus den Bergen kam und den Geruch der verbrannten Savanne mit sich führte.

Als Tom Delaware seinen Hut in den Nacken schob und sich den mit Staub vermischten Schweiß aus der Stirn rieb, entdeckte er, dass auf verschiedenen Schildern über den Gehsteigen der gleiche Name stand: Shane Warner.

Eigentümer: Shane Warner.

Tom drehte sich auf dem Absatz und sah auf das verwitterte Schild über dem „Golden Nugget“.

Eigentümer: Shane Warner

Scheint mächtig herumzukommen, dieser Shane Warner, dachte er.

Aber der Besitzer interessierte ihn nicht. Die Hauptsache war, dieser Shane Warner führte einen guten Whisky und verstand es, ein großes Steak nach Toms Geschmack zu braten.

Also gab sich Tom Delaware einen Ruck und stiefelte die Holztreppe zum Saloon hinauf.

Bevor er die Schwingtüren aufstieß, vernahm er das gedämpfte Murmeln einiger Stimmen.

Noch einmal überprüfte Tom Delaware den Sitz seines alten, abgewetzten Peacemaker, der ihn nun schon einige Jahre auf seinem Ritt begleitete.

In einer Stadt, die ihn mit einer handfesten Schlägerei empfing, war alles möglich. Zur Umkehr war es längst zu spät, und diesmal wollte Tom dem Ärger auch nicht aus dem Wege gehen, bevor er nicht zu seinem Whisky und zum Steak gekommen war.

Entschlossen trat er durch die Schwingtüren.

Als er die Lider zusammenkniff, um sich an das mit Rauch und Whiskydunst geschwängerte Halbdunkel zu gewöhnen, stockten die Gespräche.



3

Es dauerte nur Sekunden, dann konnte Tom Delaware wieder richtig sehen und den ganzen Raum überfliegen.

Zur linken Hand stand der Tresen. Dahinter erhob sich eine Regalwand, darüber ein langer stumpfer Spiegel, in dem man kaum noch etwas erkennen konnte.

Hinter dem Tresen stand mit hochgekrempelten Hemdsärmeln ein dicker Keeper, auf dessen kahler Stirn dicke Schweißperlen glänzten.

Der Barraum war gut gefüllt. An mehreren Tischen saßen Männer in typischer Cowboykleidung, aber nahe der Treppe, an der rechten Seite, die in die obere Etage führte, saßen drei aalglatte Burschen, die Tom sofort als berufsmäßige Killer einstufte.

Ihre Gesichter waren zu ausdruckslos, ihre Augen zu schmal, als dass sie für Tom als Cowboys durchgingen. Die drei hielten Karten in ihren behandschuhten Händen, und ihre Aufmerksamkeit wurde durch Toms Eintritt nur für einen Moment abgelenkt.

Als die Schwingtüren hinter Tom wieder auspendelten, nahmen sie schon ihre Pokerpartie wieder auf.

Tom ging hinüber zur Theke, wo ihn der Keeper schläfrig musterte.

„Einen Whisky und ein großes Steak!“, sagte Tom Delaware. „Mein Magen knurrt gewaltig, ich kann also nicht zu lange warten.“

Dass der Keeper nicht dieser Shane Warner sein konnte, dachte sich Tom gleich. Der Mann hinter dem Tresen sah nicht so aus, als würde er seine Finger in jedem Geschäft haben.

„Yeah“, brummte der Keeper gedehnt. Er nahm eine Flasche unter dem Tresen auf und schob sie mit einem leeren Glas über die Theke. „Das Steak dauert fünf Minuten.“

„Na, ich werd’s aushalten können.“

Tom suchte sich einen Platz an der langen Theke, von wo aus er die drei Pokerspieler im Auge behalten konnte.

Als sich der Keeper entfernte und in der Küche verschwand, klang draußen Hufschlag auf. Ein Reiter kam vom Westen her über die Main Street geritten und schien mächtig viel Zeit zu haben.

Es gab eigentlich niemanden im Saloon, der diesem Hufschlag Beachtung schenkte. Auch Tom Delaware nicht.

Vor dem Saloon verklang der Hufschlag, und dann klirrten Sporen.

Der Barkeeper kam zurück und nickte Tom zu.

„Steak kommt gleich, Mister. Sie sind fremd in Silver Rock, oder? Wollen Sie lange bleiben?“

Obwohl der Keeper sich Mühe gab, ruhig und fast gelangweilt zu wirken, fiel Tom doch das leichte Vibrieren in der Stimme des Mannes auf.

Er nahm sein Glas, trank einen kleinen Schluck Whisky und schüttelte den Kopf.

„Sobald ich mich gestärkt habe, reite ich weiter. Silver Rock ist nicht die Stadt, die mir mehr als ein Steak bieten kann.“

Die Schwingtüren knarrten und schlugen hart gegen die Außenwände. Im Eingang zeichnete sich eine schwarze Gestalt ab, und es dauerte eine Weile, ehe klare Umrisse des neuen Gastes zu erkennen waren.

Im Saloon brachen alle Gespräche unvermittelt ab, und es wurde noch stiller als bei Toms Eintritt.

Mit einem Schritt trat ein Mann in den Saloon, von dem eine eisige Kälte auszugehen schien.

Tom Delaware sah den Fremden über die Schulter an, und sein erhobenes Glas blieb mitten in der Bewegung in der Luft stehen. Er vergaß, dass er eigentlich wieder einen kleinen Schluck nehmen wollte.

Der neue Gast war in Schwarz gekleidet. Selbst der Stetson war schwarz gefärbtes Leder, und auch die Schleife, mit der sein schwarzes Lederhemd zusammengehalten wurde.

Im Gegensatz dazu war das Gesicht des Mannes kalkweiß, und irgendwie überkam Tom bei diesem Anblick ein Frösteln, das er bis hinunter in die Stiefel zu spüren glaubte.

Der Mann war groß und schlank, und seine beiden Hände hingen ruhig über den silbernen Griffen seiner Colts, die er in einem Kreuzgurt stecken hatte.

In das allgemeine Schweigen hinein klang eine Stimme, hart und sanft zugleich, wie das kurze Zischen einer Giftschlange.

„Wo finde ich Shane Warner?“

Der Keeper fasste sich überraschend schnell. Mit einer Behändigkeit, die man seinem runden Körper kaum zugemutet hätte, zwängte er sich hinter dem Tresen hervor und wies auf die Treppe.

„Dort hinauf, Fremder. Die letzte Tür im Gang.“

Der Schwarze nickte kurz und wandte sich der Treppe zu. Mit einem letzten, schnellen, Blick überflog er den ganzen Raum. Tom Delaware bemerkte dabei, dass der Fremde ebenso schwarze Augen wie seine Kleidung hatte, dass diese Augen aber wie Diamanten in dem schneeweißen Gesicht flammten.

Jeder Mann im Raum verfolgte den Fremden mit Blicken, wie er die Treppen hinaufstieg. Sein Gang war federnd und erinnerte Tom an einen Puma.

In den Augen der Gäste konnte man die große Spannung lesen, wer dieser Mann wohl sein konnte.

Tom Delaware brauchte nicht zu raten. Er wusste, wer dieser Fremde war.

Bull Carr!

Bull Carr war ein gefürchteter Revolverheld. Sein Name wurde in New Mexico nur hinter der Hand leise ausgesprochen. Er kam gleich hinter dem Teufel persönlich. Und wo sich Bull Carr aufhielt, gab es für irgend jemanden nur noch wenige Stunden, um Luft zu holen.

Wo Bull Carr auftauchte, konnte der Undertaker des Ortes getrost schon ein frisches Grab ausheben.

In Silver Rock war für irgend jemanden schon das Todesurteil geschrieben.



4

Obwohl sich Bull Carr keine Mühe gab, seine Schritte zu dämpfen, wurde Shane Warner von dem Gast überrascht.

Carr hatte es sich in den Jahren seiner gefährlichen Tätigkeit angewöhnt, lautlos wie ein Puma zu kommen und zu gehen. Es war einfach ein Instinkt, der des wilden Tieres im Dschungel, zu überleben.

Und dieses Überleben hatte Bull Carr bis zum heutigen Tage meisterhaft verstanden, nicht zuletzt mit Hilfe seiner beiden Colts vom Typ 44er Starr Army und seiner katzenartigen Gewandtheit.

Bevor Bull Carr sanft mit den Knöcheln gegen die Tür pochte, stellte er sich leicht gespreizt in den Lichtschatten des Flures.

Selbst wenn Carr zu einem Freund ging, vergaß er die Vorsicht nie. Denn auch Freunde konnten erschrecken und damit eine Reflexbewegung Carrs heraufbeschwören.

Als es klopfte, riss Shane Warner überrascht den Kopf hoch. Er horchte einen Moment zum Flur hin, dann schob er mit einer hastigen Bewegung einige Papiere in die Lade seines Schreibtisches, verschloss sie sorgfältig und erhob sich.

Shane Warner ließ sich Zeit.

Während er zum Flur hin lauschte, aber nichts weiter als das Gemurmel aus dem Saloon hören konnte, griff er zur Vorsicht in die Brusttasche seines eleganten Coat. Der kühle Griff des Wells Fargo Colt, der auch von Spielern bevorzugt wurde, gab ihm ein beruhigendes Gefühl der Sicherheit.

Ein flüchtiges Grinsen huschte über den schmallippigen Mund Shane Warners, als er seine Krawatte zurechtzupfte und mit schnellen Schritten auf die Tür zuging.

Die Tür öffnete sich nach außen, Bull Carr entgegen.

Warner sah zunächst nur den schlanken Schatten des Mannes. Aber der helle Fleck, den Bull Carrs Gesicht im Dunkeln bildete, sagte dem Saloonbesitzer sofort, wen er vor sich hatte.

„Warner?“, klang es zischend aus dem Dunkeln.

„Treten Sie ein, Carr! Sie kommen früher als erwartet“, erwiderte Shane Warner mit sonorer Stimme.

Bull Carr sicherte noch einmal nach unten, ehe er den Schatten verließ und lautlos an Warner vorbei ins Office trat.

Vor dem Schreibtisch blieb er stehen und sah sich nur einmal flüchtig um. Dieser kurze Blick genügte einem Mann wie Bull Carr, um für alle Zeiten über die Ausstattung und den Aufbau des Büros Bescheid zu wissen. Außerdem vergewisserte er sich, dass sie wirklich allein waren.

Dann musterten sich die beiden Männer sekundenlang.

Shane Warner war ein bulliger Mann mit massigen Schultern und grauem, welligem Haar. Durch seine Größe fiel seine Korpulenz kaum auf, und außerdem verstand er sich geschmackvoll zu kleiden. Seine dezente Krawatte wurde mit einer glitzernden Perle zusammengehalten, und quer über seine seidene Weste spannte sich eine goldene Uhrkette. Wer Shane Warner kannte, der wusste, dass er damit nicht protzen wollte, sondern die Kette einfach brauchte, um sie ständig um seinen Zeigefinger zu wickeln, wenn er erregt war.

In diesem Augenblick war es eine reine Reflexbewegung, die Shane Warner veranlasste, zu dieser Uhrkette zu greifen und sie gedankenlos um seinen Finger zu wickeln.

Bull Carr stand unbeweglich. Dennoch entging dem Salooner nicht, dass der Revolvermann lauernd wie ein Fuchs wirkte.

Warner hatte diesen Mann kommen lassen, um seine beiden Colts zu mieten. Dass er dafür eine Menge Dollars auf den Tisch legen musste, darüber war er sich vorher im Klaren gewesen. Der Mensch Bull Carr interessierte Shane Warner im Grunde überhaupt nicht. Für ihn war nur wichtig, dass er sein Ziel erreichte. Und dieses Ziel hieß: Silver Rock ganz zu besitzen.

Irgend etwas in den glitzernden Augen des Killers ließ Shane Warner frösteln. Aber ein Zurück gab es nun nicht mehr.

„Sie haben sich mächtig beeilt“, sagte Warner, um das drückende Schweigen zu brechen.

„Ich beeile mich immer, wenn ich gerufen werde und weiß, dass der Preis richtig ist. Wer ist der Mann, Warner?“

Die Stimme Carrs beeindruckte Warner. Sie war eigentlich nur ein leises, abgehacktes Zischen, das Warner erneut eine Gänsehaut über den Rücken jagte. Zugleich wusste er aber auch, dass er den richtigen Mann für diese Aufgabe ausgesucht hatte.

Ihm wurde mit einem Mal auch klar, dass er selbst von Bull Carr nichts zu befürchten hatte, dass er der Boss war über die beiden gefürchteten Colts aus New Mexico. Die nackte Gier nach Herrschaft und Gewalt nahm von Shane Warner wieder Besitz. Mit diesem Mann an seiner Seite würde er endlich an das langersehnte Ziel gelangen.

„Wer sagt Ihnen, dass es sich um einen bestimmten Mann handelt?“

„Da ist immer irgendein bestimmter Mann, Warner, wenn man nach mir ruft. Wer ist es also?“

Der Salooner ließ seine Uhrkette los und sank seufzend in den Sessel hinter seinem Schreibtisch.

„Okay, Carr. Spielen wir mit offenen Karten“, meinte er.

Von unten her sah Warner den Killer an, der immer noch unbeweglich und anscheinend teilnahmslos dastand und aus schmalen Augen den Salooner anblickte.

Bull Carr sagte nichts. Er ließ Warner zuerst reden.

„Unser Mann ist der Blacksmith von Silver Rock, ein Mann namens Ben Forton.“

Bull Carr glaubte, sich verhört zu haben. Man merkte es an dem leichten Zucken seiner rechten Braue. Hinzu kam, dass über sein gespenstisch weißes Gesicht eine Spur von Hohn zuckte.

„Ein Blacksmith?“, fragte er ungläubig.

„Yeah, ein Schmied“, erwiderte Shane Warner heftiger, als er beabsichtigte. „Aber Forton ist kein gewöhnlicher Blacksmith, Carr. Er hat viele Männer hinter sich, die ihn zum Mayor von Silver Rock wählen wollen. Er ist ein Mann, der das Vertrauen der Leute besitzt, ehrlich bis auf die Haut. Aber er steht mir im Wege und …“

„… und Sie wollen natürlich Mayor von Silver Rock werden, wenn ich nicht irre“, unterbrach ihn Bull Carr spöttisch.

Mit einem Ruck erhob sich der stämmige Warner. Der Stuhl scharrte zurück und unterbrach die Stille wie der peitschende Schuss eines Colts.

„Damit wir uns richtig verstehen, Carr“, zischte Warner eisig. „Ich bin hier der Boss, und wenn Sie den Job übernehmen, werden Sie von mir bezahlt. Ich zahle nicht für Ihren Kopf oder was darin steckt, sondern für die Schießeisen da an Ihrer Seite. Haben wir uns verstanden?“

Das spröde Grinsen blieb auf Bull Carrs Gesicht haften. „Ich bin nicht taub, Mister.“

„Also gut. Mit meinem Geld habe ich die meisten Farms und Ranches in der Umgebung aufgekauft und Pächter eingesetzt, die mir vierteljährlich ihre Zinsen zahlen müssen. Außerdem besitze ich die meisten Geschäfte im Ort.“

„Und die Schmiede können Sie nicht erreichen, wie?“

„Im Gegenteil, ich besitze sie schon. Forton ist nur mein Pächter.“

Bull Carr massierte nachdenklich sein Kinn.

„Das verstehe ich nicht, Warner. Warum setzen Sie ihn nicht einfach an die frische Luft?“

„Weil ein Vertrag die Sache regelt, Carr. Ich sehe, von Geschäften verstehen Sie nicht viel. Der Vertrag besagt, dass Forton die Schmiede so lange betreiben darf, wie er seine Zinsen zahlt.“

„Aha, das leuchtet mir ein. Sie wollen ihn ruinieren.“

Warner setzte sich wieder. Ein Grinsen huschte über sein Gesicht, und sein Blick richtete sich auf das mit einem Plüschvorhang verhangene Fenster des Office.

„Um ihn zu ruinieren, brauche ich Sie nicht. Ich sagte bereits, dass ich Ihre Colts mieten will. Irgend jemand steht noch hinter Ben Forton, jemand, der ihm Geld zufließen lässt, damit er die Zinsen zahlen kann. Denn seit Monaten hat er so gut wie keinen Kunden mehr.“

Bull Carr steckte eine Stroogie in Brand und paffte sekundenlang gegen die Decke.

„Mit anderen Worten“, nahm er das Gespräch dann wieder auf, „dieser Forton muss aus dem Wege geräumt werden, um den Mann im Dunkeln aus der Reserve zu locken und die Bahn freizubekommen für den Posten des Mayor von Silver Rock.“

„Ja, es gibt nur einen Weg, um diesen Forton loszuwerden.“

„Ihn zu einem Kampf herauszulocken. Das meinen Sie doch, Warner? Ich soll ihn erschießen.“

Der Salooner zuckte zusammen, als wäre er von einer Schlange gebissen worden. Er fühlte sich sichtlich unwohl unter dieser direkten Anschuldigung, als Auftraggeber für einen Mord dazustehen.

„Reden Sie nicht so laut, Mann!“

Bull Carr grinste spöttisch. Er sprach nie laut, obwohl selbst sein Zischen von seinen Gegnern gefürchtet wurde.

„Es darf natürlich nicht wie Mord aussehen, Carr. Verstehen Sie? Er muss zuerst ziehen. Sie wissen, was ich meine. Versuchen Sie zuerst, einige Farmer einzuschüchtern, dass sie die Geschäfte mit Forton aufgeben. Die Männer unten am Spieltisch werden Ihnen helfen, Carr. Wenn jedoch nichts erreicht wird …“

Er sprach nicht weiter. Bull Carr verstand auch so, was Shane Warner beabsichtigte.

„Ich hoffe, dieser Ben Forton lässt sich zu einer Schießerei bringen, Warner“, meinte Bull Carr, der noch nie einen Mann von hinten erschossen hatte. Im Gegenteil, ihm bereitete es nur dann Spaß, einen Mann aus den Stiefeln zu schießen, wenn er ihm dabei in die Augen sehen konnte.

„Wie meinen Sie das, Carr?“

„Ich meine, dass ich es hasse, einen Mann in den Rücken zu schießen, Warner“, sagte Bull Carr verächtlich. „Und dass ich jeden Mann hasse, der jemanden in den Rücken schießt. Ich erschieße Ihren Ben Forton, all right, aber von vorn, und wenn er zuerst zum Eisen greift. Ein toter Mann kommt nämlich niemals zurück.“

Bull Carr ging zur Tür, und Shane Warner sah ihm nach, wie er geräuschlos das Office verließ, die Tür leise hinter sich ins Schloss zog, sie dann aber wieder öffnete.

„Besser, Sie kommen mit und machen mich mit den Gents da unten bekannt, Warner“, brummte Carr ärgerlich. „Sonst schieße ich womöglich vorher noch einen von ihnen über den Haufen, und das ist sicher nicht in Ihrem Interesse.“

„Gut“, sagte Warner und erhob sich. „Ich komme mit, Carr.“

Der Salooner verließ sein Office, aber als die beiden Männer das Geländer der Treppe erreichten und in den Saloon hinuntersehen konnten, merkten sie, dass sich die Dinge dort unten inzwischen hektisch entwickelt hatten.

Gerade als Shane Warner den Fuß auf die Treppe setzte, peitschte ein Schuss durch die unnatürliche Stille im Saloon.

Nachdem Bull Carr in der oberen Etage verschwunden war, hatten die Männer unten im Saloon ihre Köpfe zusammengesteckt.

Nur Tom Delaware schien den Mann zu kennen, der sich und seine Colts vermietete. Alle anderen rätselten noch herum.

Tom bekam sein Steak vorgesetzt und stürzte sich heißhungrig darüber. Für ihn war es das beste Stück Braten, das er jemals gegessen hatte. Dass es zäh wie Leder war und voller Sehnen, das bemerkte Tom Delaware nicht.

Als er den leeren Teller zurückschob und nach seinem Glas griff, hatten sich die Gemüter im Saloon wieder beruhigt.

Toms Blick streifte den Tisch am Treppenaufgang, wo die drei Galgenvögel immer noch pokerten. Aber Tom konnten sie nicht täuschen. Geschickt verbargen die drei Männer, wie sie ihre Aufmerksamkeit der oberen Etage schenkten. Einer von ihnen rückte unter dem Tisch immerzu unruhig an seinem Holster herum.

Tom sagte sich, dass es jetzt eigentlich Zeit wäre, aus Silver Rock zu verschwinden. Er kannte Bull Carrs Ruf und wusste von seiner unerhörten Schnelligkeit. Dass man den Killer nur wegen Ben Forton kommen ließ, darauf wäre Tom niemals gekommen. Er hätte es auch nicht begriffen.

Als die Schwingtüren knarrten und drei neue Gäste in den Saloon traten, wusste Tom, dass er sich zu lange aufgehalten hatte.

Zwei Männer hatte er vor einer Stunde dort draußen zusammengeschlagen. Der dritte war ein dicklicher Mann mit einem roten Gesicht und einem Sheriffstern auf der Weste.

Tom nahm sein Glas auf und trank einen tiefen Schluck.

„Da ist er“, hörte er Shatter zu dem Sheriff sagen. „Nennt sich Delaware, und wenn er nicht gewesen wäre, hätten wir den Blacksmith schon gehabt.“

„Okay, Boys, ich werde das regeln“, meinte der Sheriff mit brüchiger Stimme, dann schlurften seine Stiefel durch den Saloon und wirbelten das herumliegende Sägemehl auf.

Tom blieb an der Theke stehen und starrte in den Rest von Whisky in seinem Glas, ohne sich umzudrehen. Allerdings spielte ein verstecktes Lächeln um seinen Mund.

Tom Delaware wandte erst den Kopf, als eine harte Faust sich auf seine Schulter legte.

„Hörte, Sie haben sich da in Dinge gemischt, die nur meine Deputys angingen, Mister“, fauchte der Sheriff.

Tom sah in zwei rot unterlaufene Augen, auf den gestutzten Schnurrbart in dem roten Gesicht, und auf den blankpolierten Stern auf der blauen Seidenweste des Sheriffs.

„Solche Späße mögen wir in Silver Rock nicht gern“, fuhr der Sheriff krächzend fort, als er von dem Fremden keine Antwort erhielt. „Ich gebe Ihnen genau drei Minuten, Ihren Whisky zu trinken und die Stadt zu verlassen. Ist das deutlich?“

Tom Delaware runzelte unwillig die Brauen.

„Wollen Sie damit sagen, diese drei Schlägertypen hielten das Gesetz aufrecht und waren in Ihrem Auftrag unterwegs? Well, Sheriff, tut mir Leid, das hätten sie mir sagen können.“

Delawares Stimme hatte ein wenig belustigt, aber auch schleppend geklungen. Im ganzen Saloon herrschte plötzlich jene eisige Stille, die immer dann eintritt, wenn sich Dinge zuspitzen.

Selbst die drei Pokerspieler hatten ihre Karten beiseite gelegt, sich zurückgelehnt und ihre Stühle ein wenig vom Tisch gerückt, um Spielraum zum Aufspringen zu haben.

Tom Delaware war sich bewusst, dass er in eine unbequeme Situation geraten würde, wenn es zu einer Schießerei kam.

Aus den Augenwinkeln bemerkte er, dass sich Shatter wieder seinen Waffengurt umgeschnallt hatte und die rechte Faust in unmittelbarer Nähe seines Kolbens hielt.

Nur die Ruhe bewahren, alter Freund, sagte Tom sich, nahm sein Whiskyglas auf und wollte trinken.

Da holte Sheriff Dean Brand zum Schlag aus.

Seine klobigen Finger schnitten durch die Luft und schlugen Delaware das Glas aus der Hand. Krachend zersplitterte es auf dem Tresen. Der Rest Whisky rann über die Tischkante und tröpfelte auf Toms Stiefelspitzen.

Tom Delaware reagierte mit einer Gewandtheit, die seine schläfrige Art Lügen strafte.

Er wirbelte herum, packte mit der Linken das Halstuch des Sheriffs und zog ihn dicht zu sich heran.

„Das hätten Sie nicht tun sollen, Sheriff. Habe nämlich gerade für den Whisky bezahlt.“

Im nächsten Moment schoss seine rechte Faust vor und landete krachend unter dem Kinn des überraschten Gesetzeshüters.

Der Sheriff taumelte zurück, direkt auf Shatter und dessen Komplicen zu. Die beiden Schläger sprangen jedoch zur Seite, so dass der Sheriff bis hinüber zu den Pokerspielern gewirbelt wurde, wo er ächzend gegen den harten Tisch prallte.

Shatter glaubte diese Situation für sich nutzen zu können. In die allgemeine Stille hinein ertönten Schritte oben auf der Galerie, so dass Shatter auch noch von der Anwesenheit Shane Warners gereizt wurde. Er wollte zeigen, dass er ein ganzer Kerl war.

Shatter hätte sich jedoch vorher lieber diesen Fremden genauer ansehen sollen.

Er brachte nämlich nicht mal seinen Colt aus dem Holster, als er die verwirrende, unkontrollierbare Bewegung Tom Delawares bemerkte.

Das Peitschen des Schusses durchschnitt die tödliche Stille im Saloon. Shatter sah das Aufflammen des Schusses im selben Moment, als ihm die eigene Waffe mit einer unerklärlichen Gewalt aus der Hand gerissen wurde. Der Huf eines wilden Hengstes hätte keine größere Wirkung erzielen können.

Shatter hörte sich schreien, aber sein Schrei erstickte in der Kehle. Entgeistert starrte er auf seine rechte Hand, über die das Blut warm zu rinnen begann.

Tom Delaware grinste nicht mehr. Sein hageres Gesicht war wie eine steinerne Maske geworden. Immer noch geduckt und seinen Colt durch den Saloon schwenkend, ging er Schritt für Schritt zurück.

Niemand wagte es in diesem Augenblick, zur Waffe zu greifen. Sie alle hatten mit angesehen, wie schnell der Fremde seinen Colt ziehen und abdrücken konnte. Wie schnell musste einen von ihnen erst die Kugel erreichen, wenn der Lauf schon auf ihn gerichtet war.

Sie hielten alle die Hände weit von ihren Kolben weg.

„So ist es richtig, Gents“, sagte Tom Delaware mit spröder Stimme. „Dass bloß keiner auf die Idee kommt, sein Eisen anzufassen! Das nächste Mal ziele ich nicht nur auf die Hände.“

Immer weiter wich Tom zurück. Und es gab keinen Mann im Saloon, der auch nur zu atmen gewagt hätte. Selbst oben auf der Galerie, wo Warner und Bull Carr erschienen waren, hörten die Dielenbretter auf zu knarren.

Tom hatte mittlerweile die Schwingtüren erreicht. Mit einem flüchtigen Blick über die Schulter stellte er fest, dass sich ihm auch dort niemand in den Weg stellte.

„Wenn dieser komische Sheriff wieder wach wird, dann sagt ihm, dass er selbst Schuld daran ist! Ich werde die Stadt verlassen und nach Süden reiten. Aber lasst euch nicht einfallen, mir zu folgen!“

Im nächsten Augenblick knarrten die Schwingtüren, und Tom Delaware war verschwunden. Gerade in diesem Moment regte sich Dean Brand. Ächzend kam er auf die Beine und sah sich verwirrt um.

„Was, zum Teufel …“

„Was geht hier vor, Brand?“, schnappte eine kalte Stimme von oben. Shane Warner beugte sich über das Geländer der Galerie. „Wer war der Mann?“

„Irgend so ein Satteltramp, Mr. Warner“, keuchte der Sheriff. Er schüttelte sich wie ein nasser Hund, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Trotzdem schien eines völlig klar in seinem Gehirn zu funktionieren: der Schmerz. Vorsichtig tastete Brand sein Kinn ab. Das Sprechen fiel ihm schwer, seine Zuge war wie gelähmt.

„Der Bursche hat einen verdammt harten Schlag“, lallte Dean Brand. „Hat sich vorhin mit dem Blacksmith eingelassen.“

Shane Warner, der Delawares Aktion mit angesehen hatte und nicht verstehen konnte, dass ein Saloon voller Deputys diesen Mann nicht stoppen konnte, legte eine schneidende Schärfe in seine Stimme.

„Jagt ihn aus der Stadt! Und lasst euch Trottel nicht noch einmal zu Narren von diesem Kerl machen!“

„Keine Angst, Mr. Warner“, murrte Sheriff Brand. „Ich übernehme diesen Halunken selbst.“

Das Grinsen der Umstehenden ließ Brands Gesicht noch roter werden.

Er nahm seinen Stetson vom Boden auf, klopfte das Sägemehl auf dem Oberschenkel ab und stülpte den Hut wütend über den Kopf. Seine beiden Deputys folgten ihm mit schweren Schritten zum Ausgang. Krachend flogen die Türen gegen die Hauswände, als die drei Männer auf den Gehsteig stiefelten.

Bull Carr grinste verächtlich.

„Einen komischen Sheriff haben Sie da“, murmelte er.

Verärgert wandte sich Shane Warner tun.

„Dieser Brand ist zu schwerfällig für den Job. Er hat kein Format. Es wird Zeit, dass Sie Ihre Arbeit aufnehmen, Carr.“

Er ging voran die Treppen hinunter.

Alle Blicke der noch anwesenden Gäste richteten sich nach oben. An Shane Warner sahen die Männer vorbei auf das weiße Gesicht mit den glitzernden Augen, und jeder spürte das unangenehme Frösteln auf seinem Rücken.

Dieser Mann in Schwarz hatte etwas Raubtierhaftes an sich.



5

Tom Delaware erreichte die Schmiede, ohne von irgend jemandem aufgehalten zu werden.

Die Straße war ohnehin wie leergefegt, und die Sonne brannte noch unbarmherzig vom Himmel herab.

Allerdings konnte Tom hinter einigen Fenstern Bewegungen erkennen.

Diese Stadt lebte in Furcht, das stand fest.

Aber vor wem fürchtete sie sich?

Ben Forton hatte den Cowboy bereits erwartet. Er führte ihm den Braunen zu.

„He“, rief Tom überrascht aus, „mein Pferd verlor ein Eisen, und Sie haben ihm gleich einen ganz neuen Satz verpasst?“

„Vergessen Sie es, Delaware“, meinte der Schmied lächelnd. „Ich war es Ihnen schuldig. Sie werden jetzt weiterreiten, wie?“

Das hatte Tom Delaware eigentlich vorgehabt. Aber die letzte Frage Ben Fortons hatte irgendwie merkwürdig geklungen, als ob der Schmied gespannt auf die Antwort war.

Tom sah in das ledrige Gesicht des Mannes, der kaum die Fünfzig erreicht haben konnte. Sein wilder, grauer Bart machte ihn älter. Die klaren, grauen Augen hingegen ließen ihn wie einen jungen Mann erscheinen. Es war schwer, Fortons Alter zu schätzen.

Tom sagte sich, dass er eigentlich weiterreiten musste, um jedem Ärger aus dem Wege zu gehen. Er fragte sich aber auch, ob er diesen Schmied einfach mit seinem Problem zurücklassen durfte. Was er eine Stunde vorher gesehen hatte, genügte Tom, um zu wissen, dass Forton nicht viel Unterstützung in Silver Rock finden würde, wenn die Deputys von diesem verrückten Sheriff wieder auftauchten.

Tom winkte daher ab.

„Mal sehen“, sagte er ausweichend. „Vielleicht lege ich noch eine Pause ein.“ Er klopfte den Hals seines Pferdes. „Mein Brauner braucht ein paar Stunden Ruhe. Hier gibt es doch sicher einen Mietstall in der Stadt?“

„Sicher, Delaware“, erwiderte Forton. Obwohl er sich nichts anmerken ließ, war der Schmied über Toms Antwort irgendwie erleichtert. Er mochte diesen jungen Cowboy, der nicht an seine eigene Sicherheit gedacht hatte, als er in den ungleichen Kampf eingriff. Forton verstand sich auf Menschen und ihre Gesichter. Und in diesem hageren Gesicht mit den klaren, grauen Augen und dem scharf geschnittenen Mund stand die Ehrlichkeit geschrieben. Es gab nicht viele ehrliche Gesichter in Silver City. Viele der besten Männer lagen bereits oben auf dem Boothill, sechs Fuß tief unter der Erde.

Ben Forton öffnete das Tor der Schmiede und führte Tom auf die Straße. Er wies nach Süden.

„Rechts hinter der Schule befindet sich der Mietstall, dort können Sie Ihr Pferd versorgen lassen. Der alte Jan Gant ist in Ordnung, Delaware.“

„Danke, Forton! Bis später.“

Tom Delaware zog sich in den Sattel und ließ seinen Braunen im leichten Trott nach Süden über die Main Street gehen. Er ritt an der kleinen Kirche vorbei, an der Schule vorüber, und dann entdeckte er den Mietstall.

Das Schild über dem Eingang war so verwittert, dass er die Buchstaben kaum noch entziffern konnte. Erst als Tom dicht davor stand, konnte er mit einiger Phantasie vermuten, dass auch dieser Mietstall Shane Warner gehörte.

„Egal“, murmelte Tom in sich hinein. „Die Hauptsache ist, du bekommst Festtagsfutter, Brownie.“

Knarrend öffnete sich die Tür. Ein kleiner, runzeliger Mann lugte auf die Straße. Die Sonne schien ihm nicht zu gefallen. Er spie einen braunen Strahl Tabaksaft aus und schien sehr erstaunt darüber zu sein, einen Kunden zu erhalten.

„Mister Gant?“

„Eh?“, machte der Alte kichernd und zeigte seinen zahnlosen Mund. „Mister Gant hat schon lange keiner zu mir gesagt.“

„Ben Forton schickt mich. Können Sie mein Pferd versorgen?“

Gant schnitt eine Grimasse und spuckte noch einmal aus.

„So, hm, Ben Forton schickt dich?“

Tom spürte das Misstrauen des alten Mannes und lächelte.

„Ich habe ihm vorhin aus der Patsche geholfen, als ihn einige Raufbolde fertigmachen wollten.“

„Ach, du bist das. Habe schon davon gehört, mein Sohn. Komm rein! Den Gaul werde ich schon wieder hochpäppeln.“

Tom folgte dem alten Gant in den Mietstall. Man brauchte kein Hellseher zu sein, um sofort festzustellen, dass Jan Gant sich mit billigem Whisky befreundet hatte. Die Flaschen standen überall herum, und in der Luft lag eine seltsame Mischung aus frischem Heugeruch, Whiskydunst und Tabakqualm.

Gant brabbelte ununterbrochen vor sich hin, und es schien ihm nichts auszumachen, dass er meistens keine Antwort bekam.

Tom sah zu, wie der alte gebeugte Mann sein Pferd versorgte. Er lehnte sich mit dem Rücken gegen einen Stützbalken und drehte sich eine Zigarette.

Die vertrauten Geräusche im Mietstall, das Scheppern des Wassereimers, das Scharren des Pferdes und das Rascheln des Strohs waren sicher daran schuld, dass Tom von einer plötzlichen Müdigkeit überfallen wurde. Seit acht Tagen hatte er in keinem richtigen Bett mehr geschlafen, sondern sich nachts in seine Satteldecke eingerollt und mit den Sternen zugedeckt.

Tom Delaware sehnte sich nach einem weichen Bett und auch einem erfrischenden Bad. Er trat seine Zigarette aus und reckte seine Schultern.

Zu spät bemerkte er den heranfliegenden Schatten. Erst als der Revolver gegen seinen Hinterkopf krachte und Tom sich instinktiv herumwarf, sah er die Umrisse von zwei Männern im Halbdunkel des Mietstalls.

Aber jede Gegenwehr kam zu spät. Die Bewusstlosigkeit hüllte Tom ein.



6

Sheriff Dean Brand und seine beiden Gehilfen hatten aus der Ferne beobachtet, wie Tom Delaware in der Schmiede Ben Fortons verschwand.

Bebend vor Wut winkte Brand seine beiden Begleiter hinüber ins Sheriff-Office, von wo aus sie die Schmiede im Auge behalten konnten.

Endlich öffnete sich knarrend die Tür dort drüben. Forton und Delaware traten hinaus auf die Straße.

„Er reitet weg“, brummte Shatter missmutig. „Lassen wir ihn doch reiten.“

„Abwarten!“, brummte Brand.

Er sah, wie Forton die Hand hob und nach Süden wies. Offenbar erklärte er Delaware den Weg. Dann stieg der Mann in den Sattel, schien es aber gar nicht eilig zu haben, aus der Stadt zu kommen, denn er ließ sein Tier im Schritt gehen.

Noch fester umklammerte Brand die Gitterstäbe.

„Wenn er bleibt, machen wir ihn fertig.“

Shatter grinste verschlagen.

„Dann müssen wir uns schon was ausdenken, Brand. Der Boy wird vorsichtig sein.“

Brand warf einen wütenden Blick über die Schulter. Shatters Grinsen war wie weggewischt. Er wusste, dass der Sheriff die Niederlage nie vergessen und alles daransetzen würde, diesen merkwürdigen Fremden zu vernichten.

Nicht nur, dass Brand vor den Augen vieler Bürger zusammengeschlagen worden war, schlimmer war schon die Schmach, ausgerechnet vor den Augen Shane Warners am Boden gelegen zu haben.

Shatter aber steckte seine eigene Niederlage gelassen ein. Irgendwann würde er diesem Delaware schon wieder begegnen, und dann konnte man sich immer noch einen günstigen Zeitpunkt aussuchen, sich zu revanchieren.

„Wir folgen ihm“, zischte Brand, als er den einsamen Reiter aus den Augen verlor.

Die Main Street von Silver Rock war menschenleer, als die drei Männer in die Mittagssonne traten.

Sie hasteten bis zur Hotelecke und sahen, wie der Fremde direkt vor dem alten Mietstall aus dem Sattel glitt.

„Verdammt“, knurrte der Sheriff. „Er hat tatsächlich vor, hierzubleiben. Möchte wissen, wer ihn uns auf den Hals gehetzt hat. Langsam wird die Sache komisch.“

„Du meinst, ihn könnte jemand hergeholt haben? Vielleicht ist er gar nicht Delaware, sondern ein ganz anderer.“

Shatter kratzte sich nachdenklich das Kinn. Die Vorstellung, dass sie sich vielleicht mit einem Revolvermann einließen, behagte ihm nicht. Schon der schwarze Kerl auf der Treppe neben Shane Warner hatte ihm den Schweiß aus allen Poren getrieben.

Shatter fühlte sich nur so lange stark, wie er nicht auf sich allein angewiesen war.

Brand sagte nichts zu Shatters Mutmaßung. Ähnliche Gedanken beschäftigten auch ihn. Aber die Angst, von Shane Warner getreten zu werden, war viel größer. Immerhin war der Sheriffposten mit einem Mann wie Warner im Rücken, der für alles die Verantwortung übernahm, das einzige, was Brand noch ausüben konnte.

Tom Delaware sah noch einmal die Straße entlang, bevor er mit dem alten Jan Gant im Mietstall verschwand.

„Jetzt!“, zischelte Brand. „Du bleibst draußen, Monti, und passt auf, dass uns niemand in die Quere kommt! Wir beide, Shatter, werden den Kerl da drinnen fertigmachen, dass er das Wiederkommen vergisst.“

Shatter zog seinen Colt aus dem Holster.

„Nicht schießen, du Dummkopf!“, krächzte Brand. „Forton wiegelt die Leute auf, und uns wird womöglich ein Mord angehängt. Das können wir uns im Augenblick nicht erlauben. Nach der Wahl sieht das ganz anders aus. Nein, dieser Delaware, oder wie immer er heißen mag, muss zuerst aus der Stadt, ohne viel Aufsehen. Also los!“

Brand schob sich, immer im Schatten der Hauswände bleibend, näher an den Mietstall heran. Shatter folgte ihm dichtauf, während Monti die Straße beobachtete.

Alles blieb still. Drüben bei Millers heulte ein Hund auf, in der westlichen Ecke der Stadt war für einen Moment Hufschlag zu hören, aber sonst schien Silver Rock nun wirklich Siesta zu halten.

Diese Ruhe kam Brand sehr gelegen. Er wusste, dass ihn die meisten Männer der Stadt für unfähig hielten, seinen Posten auszuüben. Aber von Shane Warner wollte er sich nicht nachsagen lassen, seinen Befehl nicht ausgeführt zu haben. Und wenn Warner erst Mayor von Silver Rock war, dann …

Sheriff Brand wusste, dass er dann mit Warner zusammen aufsteigen würde. Schließlich kannte er so einiges von den Machenschaften des reichen Mannes.

Die drei Männer erreichten den Mietstall. Brand legte vorsichtig sein Ohr gegen die morsche Tür.

Er hörte den alten Gant reden, konnte aber seine Worte nicht verstehen. Shatter, der sich niedergekniet hatte und durch einen Spalt im Holz der Tür blickte, sah den Fremden lässig an einem Stützpfeiler stehen. Er steckte sich eine Zigarette an.

An der ganzen Haltung Delawares erkannte Shatter, dass der Cowboy ziemlich schläfrig wirkte. Er beobachtete ihn noch einen Moment, um herauszufinden, ob dieser Eindruck nicht täuschte.

Er stieß Sheriff Brand an und machte ihm ein Zeichen, leise die Tür zu öffnen. Brand vergewisserte sich zuerst, ob die Sonne für dieses Vorhaben auch günstig stand, dann schob er die morsche Tür millimeterweise auf.

Das leise Quietschen wurde von dem Scheppern des Wassereimers verschluckt. Beide Männer zwängten sich ins Halbdunkel des Mietstalls. Monti blieb draußen als Deckung zurück.

Delaware drückte gerade seine Zigarette aus, als Shatter seinen Colt hob und auf den Hinterkopf des Cowboys krachen ließ.

Ächzend sank Tom Delaware in einer Spirale zu Boden.

In diesem Moment drehte sich Gant um. Seine Augen wurden unnatürlich groß, als er den Cowboy am Boden liegen sah und die beiden Männer daneben erkannte.

„Eine falsche Bewegung, Gant, und es wird deine letzte sein!“, fauchte der Sheriff, als sich Gant nach einer passenden Waffe umsah. Der Eimer schepperte zu Boden, und der Braune wieherte erschreckt auf.

Sheriff Brand hielt seine Waffe auf den alten Mann gerichtet und kam langsam näher.

„Und noch was, Gant. Ein Wort hiervon an irgend jemanden, und du kannst dir jetzt schon die Stelle auf Boothill aussuchen. Jetzt ändern sich die Zeiten bei uns. Verstanden?“

Jan Gant spuckte verächtlich aus.

„Es wird der Tag kommen, da hängen sie dich an den höchsten Baum auf dem Silver Rock, Brand. Pfui Teufel!“

Sheriff Brand holte aus und schlug dem alten Mann die Faust genau ins Gesicht. Gant taumelte zurück und schlug mit dem Kopf hart gegen die Futterkrippe. Von dort sackte er langsam zu Boden und blieb unbeweglich liegen.

„Lass ihn!“, warnte Shatter, als Brand den Hahn seines Revolvers knacken ließ.

„Well, der kann uns sowieso nichts anhängen. Lassen wir ihn liegen. Lege Delaware Fesseln an! Ich nehme sein Pferd, und dann verschwinden wir.“

Es dauerte nicht lange, dann war der besinnungslose Tom Delaware ein zusammengeschnürtes Bündel.

Brand sah hinaus auf die Straße, und als ihm Monti ein Zeichen machte, dass die Luft rein war, zerrte der Sheriff das Pferd aus dem Mietstall.

Über die von Unkraut überwucherten Hinterfronten der Stadt brachten die drei Sternträger den Gefangenen zum Hintereingang des Jails, wo ihre Pferde standen.

Wenig später befanden sie sich auf dem Ritt in die Berge. Sie ritten bis zum Einbruch der Abenddämmerung, ehe Brand einen günstigen Platz ausfindig machte, wo sie Tom Delaware abladen konnten.

Steif stiegen die drei Sternträger von ihren Pferden. Shatter löste Toms Sattelgurt und ließ den Gefesselten einfach in den Sand fallen.

„So“, sagte Dean Brand heiser, nahm seinen Colt lässig zur Hand und baute sich breitbeinig über Tom Delaware auf. Der war längst wieder zu sich gekommen. Er wusste, dass er kaum eine Chance besaß, die Berge wieder lebend zu verlassen.

Ganz in der Nähe murmelte ein Bergbach, von dem er gern ein paar Schluck Wasser getrunken hätte, denn seine Zunge klebte ihm schon am Gaumen fest.

Als jetzt der Sheriff mit der Waffe herantrat und lächelnd auf ihn herunterblickte, wusste Tom, dass er am Ende seines Weges angekommen war.

Gefesselt gab es keine Möglichkeit für ihn, der Kugel auszuweichen. Dennoch sah er ruhig zu Brand auf.

„Und so was trägt einen Stern“, sagte er verächtlich. „Sie sind ein Coyote, Mister.“

Brand lachte nur höhnisch auf, aber da trat Shatter heran und berührte die Schulter des Sheriffs.

„Lass das, Brand! Okay, wir sind Warners Leute und führen fast alle seine Befehle aus, aber seine Morde soll er selbst vornehmen. Ich bin sicher, Delaware hat seine Lektion gelernt und begriffen, dass er uns nicht noch einmal in die Quere kommen darf. Er wird so schnell nicht wieder nach Silver Rock zurückkommen.“

Zuerst wollte Brand wütend auffahren, aber dann leckte er sich nachdenklich mit der Zunge über die spröden Lippen und sah aus zusammengekniffenen Lidern auf Tom Delaware hinab.

Er überlegte, ob es nicht besser war für alle, wenn diesen Cowboy die Geier holten. Hatte er nicht schon zu viel gesehen? War er überhaupt ein Satteltramp, oder wurde er nicht von irgend jemandem bezahlt?

Kurz entschlossen bückte sich der Sheriff und begann in Toms Taschen zu wühlen. Er brachte nicht viel zutage. Ein paar Krumen Tabak, einen Bleistiftstummel und weiteres wertloses Zeug. Ein Telegramm – oder überhaupt einen Hinweis darauf – dass dieser Mann von jemandem bezahlt wurde, fand Brand nicht.

„In Ordnung“, brummte er. „Lassen wir ihn hier liegen. Sollte er es überhaupt wieder schaffen, hier herauszukommen – ohne Pferd kommt er jedenfalls nie nach Silver Rock zurück.“

Der Sheriff wandte sich ab, Monti und Shatter folgten ihm. Toms Braunen nahmen sie mit, um, wie sie sagten, es irgendwo laufen zu lassen.

Tom hörte das Hufgetrappel noch eine ganze Zeit, ehe es sich im Plätschern des Bergbaches verlor und dann vollends verstummte.

Tom begriff für lange Zeit nicht, dass er noch lebte. Die Dunkelheit kroch schnell heran und hüllte die ganze Umgebung ein. Die ersten Geräusche der Nacht wurden laut. Tiere der Berge meldeten sich, in weiter Ferne schrie ein Puma.

Tom hatte nie Angst gehabt vor der Wildnis, weil er selbst viele Nächte darin verbrachte.

Aber noch nie hatte er Nächte in gefesseltem Zustand verbringen müssen. Das machte seine Lage so schwierig. Er wusste nicht mal, ob es ihm überhaupt jemals gelang, die Fesseln abzustreifen. Und dann war es noch eine Frage, ob er ohne Pferd jemals wieder eine menschliche Ansiedlung erreichte.

Zuerst begann Tom Delaware laut zu fluchen. Er verwünschte diesen Shane Warner und dessen ganze Brut im Allgemeinen und diesen sauberen Sternträger Brand im Besonderen. Wütend zerrte er an den Fesseln, nur um die Feststellung zu machen, dass sie immer tiefer in die Haut schnitten.

Schließlich gab Tom Delaware erschöpft auf. Der Schweiß rann in Bächen von seinem Körper, und der Staub legte sich schwer auf die Lunge.

Keuchend blieb Tom liegen und wünschte, Brand hätte ihn erschossen. Vor Erschöpfung schlief der Cowboy ein.



7

Bull Carr machte sich an diesem Abend zunächst mit der Stadt vertraut.

Überall, wo ihm Einwohner von Silver Rock begegneten, wich man dem großen, hageren Mann in schwarzer Kleidung aus. Jeder, der in sein kalkweißes Gesicht sah, erschrak über den kalten Glanz in diesen Augen.

Bull Carr bewegte sich lautlos wie eine Katze durch die Straßen der Stadt. Nur die Main Street war von Rochesterlampen einigermaßen ausgeleuchtet, die anderen Straßen lagen im tiefen Dunkel. Aber Carr schien auch sehen zu können wie eine Katze.

Er durchstreifte die Hinterhöfe und prägte sich die Örtlichkeiten ein, vergewisserte sich genau über Fluchtmöglichkeiten. Man konnte nie wissen, wie sich die Dinge entwickelten.

Erst kurz vor Mitternacht kehrte Bull Carr in den Saloon zurück. Bei seinem Eintritt stockten die Gespräche, und als sie wieder aufgenommen wurden, flüsterte man nur noch.

Carr trat an die Theke und ließ sich einen Whisky geben. Niemand traute sich an ihn heran, um ein Gespräch zu beginnen.

Der „Golden Nugget“ war bis auf den letzten Platz gefüllt. Bull Carrs Anwesenheit und der Vorfall vom Mittag hatten auch einige Cowboys aus der Umgebung angelockt. Sie wollten alle diesen Mann sehen, von dem man sagte, er sehe aus wie ein Gespenst. Auf den ersten Blick konnten die Leute erkennen, dass sie einen Schießer vor sich hatten. Selten kam jemand nach Silver Rock, der seine Colts am Kreuzgurt so tief geschnallt trug wie Bull Carr.

Shane Warner ließ sich nicht blicken. Wahrscheinlich wollte er sich im Hintergrund halten, wenn Bull Carr sich mit Ben Forton anlegte.

Doch Carr war ein vorsichtiger Mann. Wenn er es umgehen konnte, dann bestimmte er den Zeitpunkt einer Auseinandersetzung. Er wollte sich auch einen Überblick verschaffen, wen er alles zum Gegner bekommen würde, wenn er Forton ausschaltete.

Er blieb an der Theke stehen, sah gelangweilt aus, aber in Wirklichkeit achtete er auf die Gesprächsthemen der Einwohner von Silver Rock.

Wie er feststellen konnte, befanden sich nur Freunde von Shane Warner im Saloon oder solche Männer, die weder die eine noch die andere Partei ergriffen.

Hier konnte Carr nicht viel Neues erfahren.

„Gibt es in dieser Stadt noch einen Saloon?“, fragte er den Keeper.

Sofort herrschte Stille hinter ihm. Alle Blicke richteten sich auf den Sprecher.

Dem Keeper perlte plötzlich der Schweiß auf der Stirn. Er schielte vorsichtig zur Treppe hinauf, ob Shane Warner auch nicht zuhören könnte. Denn es war ein ungeschriebenes Gesetz in Silver Rock, dass die Gegner Warners in den „Silver Dollar Saloon“ gingen. Nur durfte dieser Saloon hier nicht erwähnt werden.

Dass ausgerechnet Bull Carr sich nach dem „Silver Dollar“ erkundigte, ließ die Männer aufhorchen.

„Na, was ist?“, zischte Bull Carr gefährlich leise. „Können Sie nicht reden, Mister? Ich habe gefragt, ob …“

„Doch, Sir“, meinte der Keeper und schielte noch einmal ängstlich nach oben. „In der South Street liegt der Silver Dollar. Aber ich würde Ihnen nicht raten, dort hinzu …“

„Schreiben Sie den Drink auf Warners Rechnung“, unterbrach ihn Carr gelangweilt, drehte sich um und steuerte auf die Schwingtüren zu.

„Nur Coyoten gehen in den Silver Dollar“, sagte da eine Stimme in die klirrenden Sporen des Revolvermannes hinein.

Bull Carr verhielt, als wäre er gegen eine Wand gelaufen. Er starrte einen Augenblick über die Schwingtüren hinweg in das diffuse Licht einer Lampe hinein. Dann drehte er sich langsam um, und um seine Mundwinkel bildete sich eine verächtliche Falte.

„Wer nennt mich einen Coyoten?“, fragte er so leise, dass es fast nur ein Flüstern war. Und doch hatte es jeder Mann im Raum klar und deutlich vernommen.

Sie starrten ihn an, wie hypnotisierte Kaninchen eine Schlange anstarren. Jeder im Saloon spürte mit einem Mal die tödliche Drohung, die von diesem Revolvermann ausging. Dabei stand Bull Carr einfach da, die Hände ruhig an den Seiten des Körpers. Nur seine diamantenen Augen richteten sich auf jedes einzelne Gesicht.

Bei Spencer Mullock verharrte Bull Carrs Blick. Mullock konnte dem Blick nicht standhalten. Gerade als sich Carrs Augen auf ihn richteten, schien Mullock mehr Interesse für eine Fliege an der Wand zu zeigen.

„Steh auf!“

Wie elektrisiert sprangen ein paar Männer auf, um aus der Schussbahn zu kommen. Sie wichen bis zur Wand zurück und verharrten erneut in gespanntem Schweigen.

Spencer Mullock schoss die Röte ins Gesicht. Er biss sich hart auf die Lippen und wollte den Anschein erwecken, als hätte er die Worte Carrs gar nicht gehört.

Mullock war ein Herumtreiber, der sich sonst immer hinter den Rücken der Stärkeren versteckte. Er hatte sich Shane Warner angeschlossen, weil dabei für ihn auch ein paar Krumen abfielen. Er machte sozusagen die Dreckarbeit für den reichen Salooner.

Jetzt hatte er einmal seinen Mut beweisen wollen, und schon nahte sein Ende.

„Steh auf, du Feigling!“, fauchte Carr giftig wie eine Schlange. „Zieh!“

Spencer Mullock wusste nicht, wie es ihn überkam. Diese Aufforderung, zuerst zu ziehen, prägte sich in seinem Kopf ein. Er hatte die Vorstellung, dass er mit einem Schlage berühmt werden konnte, wenn es ihm gelang, diesen Schwarzen aus den Stiefeln zu schießen, obwohl er nicht mal wusste, wen er vor sich hatte. Als sie vorhin über diesen Mann sprachen, redeten sie nur von dem Gespenst.

Nun stand das „Gespenst“ da und machte gar nicht den Eindruck, als sei es so unerhört schnell, wie verschiedene Cowboys gemunkelt hatten.

Mullock trug einen alten Peacemaker an der Hüfte. Er wusste nicht mal, woher das Eisen stammte. Er hatte es mal irgendwann im Saloon aufgelesen, als sein Besitzer zum Boothill getragen wurde. Das war schon Jahre her.

Verdammt, sagte sich Mullock, du schießt zuerst und triffst, und dann bist du aus dem ganzen Dreck heraus. Vielleicht kannst du dich dann als Schießer vermieten. So was sollte es ja geben. Er hatte davon gehört, dass sie drüben in New Mexico und in Texas viele Revolverhelden in den Ranchmannschaften hatten.

Von ihm würde man sagen: Da kommt der Mullock, der das „Gespenst“ mit einem Schuss erledigt hat. Sie würden vor ihm zurückweichen, ihm Platz machen, und die Girls in den großen Saloons würden sich auf seinen Schoß setzen und mit ihm Whisky trinken.

Spencer Mullock strich sich versonnen über das stachelige Kinn. Er schnalzte mit der Zunge und schob langsam seinen Stuhl zurück.

Das Scharren brach durch die Stille wie ein Revolverschuss. Aber das „Gespenst“ stand immer noch unbeweglich da und schien fast apathisch zu sein. Jedenfalls hatte der Mann die Augen beinahe geschlossen und lugte nur durch einen winzigen Spalt seiner Lider.

Mullock überkam nun zum ersten Mal eine Spur von Angst. Der Mann da konnte doch nicht so langsam sein, wie er zuerst dachte, wenn er noch immer keine Anstalten machte, sich schussbereit zu stellen. Ein Schießer stand breitbeinig da, die Hand über den Kolben seiner Waffe zur Klaue gekrallt.

Mullock leckte sich erregt über die Lippen und sah die Hände Carrs an. Ruhig und gelassen hingen sie am Körper, und der ganze Mann schien locker und entspannt zu sein.

„Ich sage es noch einmal“, krächzte Spencer Mullock, um sich selbst Mut zu machen. „Wer in den Silver Dollar geht, ist ein Coyote. Das wird Ihnen hier jeder sagen.“

„Aber Sie haben es gesagt. – Zieh!“

Die giftig hervorgestoßene Aufforderung ließ Mullock zusammenzucken. Seine Rechte klatschte auch tatsächlich zur Waffe. Er brachte den Peacemaker auch fast aus dem Holster, als er sah, wie sich das „Gespenst“ bewegte.

Mullocks Unterkiefer klappte herab. Sein Zeigefinger legte sich krampfhaft um den Abzug, aber er brachte die Waffe nicht mehr hoch.

Das letzte, was Spencer Mullock sah, war der Feuerstoß, der in sein Gesicht prallte. Er spürte eine sengende Hitze in der Brust und den harten Schlag, der ihn nach hinten warf.

Dann hüllte die Dunkelheit Mullock ein. Dass er mehrere Yards zurücktaumelte und dann in den Knien einbrach und in einer Schraube zu Boden ging, das merkte Mullock nicht mehr. Denn als er das Sägemehl berührte, war er schon tot.

Die Blicke der Saloongäste wanderten erschrocken von Mullock hinüber zu Bull Carr. Zur Verblüffung der Leute hielt der Schießer schon keinen Colt mehr in der Hand. So schnell wie er sie gezogen hatte, waren sie auch wieder verschwenden.

Nur noch der ätzende Pulverdampf, der langsam in einer Wolke zum Ausgang strich, bewies, dass hier soeben zwei Schüsse abgefeuert worden waren, die sich wie einer angehört hatten.

„Noch jemand da, der mich einen Coyoten nennen möchte?“

Bull Carr sah grinsend in die Runde. Er begegnete nur schweigenden Gesichtern.

„Dann nicht“, stieß er verächtlich hervor, drehte sich um und trat nach draußen. Noch minutenlang hörten sie seine sporenklirrenden Schritte, dann wurden auch sie vom Nachtwind verschluckt.



8

Es war längst nach Mitternacht, als Bull Carr die Schwingtüren des „Silver Dollar“ aufstieß und den Raum betrat.

Rauch geschwängerte Luft schlug ihm entgegen. Genau wie im „Golden Nugget“ stockten auch hier die Gespräche bei seinem Eintritt.

Bull Carr machte sich gar nichts daraus. Er trat an die Theke und verlangte einen Whisky.

Der Keeper war ein schlanker junger Mann mit einer langen Schmarre im Gesicht. Irgendwie wirkte es dadurch entstellt, und es sah so aus, als würde Bob Egman dauernd grinsen.

Egman schenkte dem neuen Gast einen Whisky ein und ging mit der Flasche gleich weiter an den nächsten Tisch, wo einige Farmer aus der näheren Umgebung saßen und den Fremden misstrauisch betrachteten.

Es hatte sich auch schon hier herumgesprochen, dass ein Fremder in der Stadt war und sich nach Shane Warner erkundigt hatte. Man rätselte nur noch daran herum, ob Warner diesen Fremden hergeholt hatte oder nicht. Wenn das nämlich der Fall war, dann konnte man sicher sein, irgendeinen Revolvermann in der Stadt zu haben.

„Die Flasche bleibt hier“, sagte Bull Carr in die Stille hinein und hielt Bob Egman am Arm fest.

Egman, die Ruhe selbst, drehte sich um und sah Carr an.

„Warum grinsen Sie? Ich sagte, die Flasche bleibt hier.“

„Hören Sie, Mister“, erwiderte der Keeper seelenruhig. „Sie haben einen Whisky verlangt, und da steht er vor Ihnen. Meine anderen Gäste haben auch Durst. Außerdem stehen dahinten noch eine Menge Flaschen im Regal. Zufrieden, Mister?“

„Sie sollen aufhören zu grinsen!“, zischte Bull Carr, und seine Finger schlossen sich noch fester um Egmans Arm.

Der Keeper sah auf Carrs Hand, in das weiße Gesicht und erkannte darin die Gier nach einer Auseinandersetzung.

Trotzdem versuchte der Keeper noch einmal einzulenken.

„Trinken Sie Ihren Whisky aus und gehen Sie, Mister! Ich will keinen Streit in meinem Saloon.“

„Vielleicht will ich Streit, Whiskypanscher.“

Meinetwegen, dachte Bob Egman, und ehe sich Bull Carr versah, landete die Whiskyflasche auf seinem Kopf. Das Glas zerbrach, und die scharfe Flüssigkeit ergoss sich über seine schwarze Kleidung.

„Ich hatte Sie gewarnt“, murmelte Egman, sprang hinter die Theke, und im nächsten Augenblick richtete sich der Lauf einer Winchester auf den Killer.

Bull Carr wischte sich gelassen den Whisky aus dem Gesicht, klopfte seinen Stetson von Scherben frei, und beachtete das Gewehr überhaupt nicht. Wer ihn jedoch kannte oder richtig einzuschätzen wusste, musste bemerken, wie Bull Carr nur nach einer Gelegenheit suchte, den Spieß umzudrehen.

Aber dazu kam der Revolverschwinger nicht. Denn plötzlich erhoben sich zwei Männer im hinteren Teil des Raumes. Einer von ihnen war groß und breitschultrig, und sein Gesicht wurde von einem struppigen Bart umrahmt. Der andere war viel kleiner, aber elegant gekleidet.

In den Fäusten beider Männer schimmerten Revolver, und der größere sagte mit drohender Stimme: „Genug, Mister! Verschwinden Sie, bevor der Wind durch ein paar Löcher in Ihrem Schädel streichen kann. Wir wissen, dass Warner Sie hergeschickt hat, um Streit zu suchen. – Bob, dieser Gentleman wünscht zu zahlen!“

Bull Carr war clever genug, einzusehen, dass er gegen diese beiden auf der einen Seite und gegen die Winchester von hinten keine Chancen besaß. Er stellte sich nur einem Kampf, wenn die Aussicht bestand, die Stätte als Lebender zu verlassen.

Ungeachtet der drohend auf ihn gerichteten Revolver nahm Carr seinen Drink auf, leerte ihn ruhig, bis auch der letzte Tropfen Whisky verschwunden war, dann warf er verächtlich eine Münze auf die Theke und ging zur Tür.

Misstrauische Blicke folgten ihm.

Als Carr die Hand auf die Schwingtüren legte, um sie aufzustoßen, drang noch einmal die dröhnende Stimme durch den Raum.

„Bleiben Sie in Zukunft lieber im Golden Nugget, Mister! Dort ist die Luft für Sie sicher gesünder. Damit Sie übrigens wissen, mit wem Sie es zu tun hatten, will ich Ihnen meinen Namen sagen. Ich bin Ben Forton, und dies hier sind alles meine Freunde. Sagen Sie Shane Warner, er soll seine Sachen packen und aus der Stadt verschwinden, bevor er hinausgejagt wird!“

Bull Carr drehte sich. Ein feines Grinsen warf Falten über sein Gesicht.

„Erfreut, Sie kennengelernt zu haben, Forton. Wir werden uns sicher bald wiedersehen. Gute Nacht, Gents!“

Carr ging. Und als seine Schritte verstummten, sahen sich die Männer im Saloon schweigend an.

Jeder von ihnen wusste, dass es nur das erste Zusammentreffen mit diesem Revolvermann gewesen war, sozusagen der Auftakt. Beim zweiten Zusammentreffen würde dieser Mann in Schwarz den Joker in der Hand halten.



9

Während Bull Carr dabei war, sich in der Stadt umzusehen und sich ins rechte Licht zu setzen, lag Tom Delaware immer noch zwischen den Felsen am Silver Rock und starrte den sternenübersäten Himmel an.

Die Nacht war frisch, und der Wind strich säuselnd durch das karge Buschwerk. Ganz in der Nähe murmelte der Silver Creek, und einige hundert Yards entfernt musste das Wasser in einer Stromschnelle viele Fuß tief hinunter schießen.

Es war eine Nacht, wie sie Tom auf seinem jahrelangen Ritt viele Male erlebt hatte, voller Geräusche und voller Leben.

Nur seine Fesseln waren neu.

Dieser Shatter hatte feste Knoten gemacht. Tom, der nur ein paar Stunden unruhig geschlafen hatte, wusste längst, dass er mit Wut geladen, niemals diesen Strick abstreifen konnte.

Nur die Ruhe bewahren, sagte er sich. Wenn erst einmal die Sonne hochkommt, musst du hier weg sein, sonst dörrt die Hitze des Tages dir den Körper aus.

Was er nach seiner Befreiung tun wollte, darüber machte sich Tom Delaware noch keine Gedanken. Er hatte nie viel über die Zukunft nachgedacht, sondern alles dem Zufall überlassen.

Es gelang ihm, sich mühsam bis zu einem Felsen hinzurollen und dort mit dem Rücken dagegenzulehnen. Dass er dabei in Schweiß geriet, versteht sich.

Immer wieder rieb er die Handfesseln an den scharfen Kanten des Felsens, aber das Lasso des Sheriffs schien außergewöhnlich haltbar zu sein. Jedenfalls sah Tom die Morgendämmerung über den Horizont kriechen, und er war immer noch gefesselt.

Es fiel ihm unsagbar schwer, sich eine Pause zu gönnen. Aber er musste einen klaren Kopf behalten und in aller Ruhe neue Befreiungsversuche unternehmen, wenn er überhaupt freikommen wollte.

Einmal strich ein Raubtier durch die Felsen dicht an ihm vorbei. Tom spürte es an dem scharfen Geruch, der für Sekunden seine Sinne lähmte. Aber das Tier ließ ihn in Ruhe. Vielleicht hatte es früher schon unliebsame Bekanntschaften mit der Rasse Mensch gemacht.

Und dann, als die Sonne über die Berge kroch und die ersten Strahlen das Wasser des Creek vergoldeten, da hatte es Tom Delaware geschafft.

Er hatte überhaupt kein Gefühl mehr in den Händen, und seine Lunge rang verzweifelt nach Luft. Erst nach Minuten begann er, die Blutzirkulation erneut in Gang zu setzen.

Dann ging alles sehr schnell.

Am Creek steckte Tom den Kopf tief ins kalte Wasser, um sich abzukühlen und einen klaren Kopf zu bekommen. Er trank wie ein Verdurstender vom frischen, kühlen Quellwasser. Danach fühlte er sich bedeutend wohler, und der Lebenswille kehrte zurück.

Er musste sich nun darüber klarwerden, welchen Schritt er als nächsten tun sollte. Ohne Pferd war ein Cowboy nur ein halber Mensch. Und Tom Delaware wusste, dass er schon nach ein paar Stunden Fußmarsch wunde Füße haben würde. Aber er musste wieder eine menschliche Ansiedlung erreichen, um zu einem Pferd und zu einem Colt zu kommen.

Wenn diese Sternträger aus Silver Rock glaubten, einen Tom Delaware in die Knie gezwungen zu haben, nur weil sie ihn in den Felsen abgesetzt hatten, dann hatten sie sich gewaltig getäuscht. Mehr noch: Jetzt würde dieser Delaware erst recht in Silver Rock auftauchen und den Halunken zeigen, dass man so etwas mit einem Texaner nicht anstellen durfte.

Tom vermisste an diesem Morgen sein Frühstück. Wenn er auch bei seinen Ritten durch die Wildnis nie wie ein Großrancher gefrühstückt hatte – eine Scheibe Speck und ein paar Bohnen, manchmal auch ein saftiger Braten, waren immer dagewesen.

Obwohl Tom der Magen knurrte, machte er sich an den Abstieg aus den Felsen. Da der Texaner nicht wusste, ob ihm die Sternträger von Silver Rock nicht doch vielleicht irgendwo auflauerten, um ihn abzuschießen, hielt sich Delaware in westlicher Richtung.

Stunden vergingen, und Tom Delaware spürte bald schon seine Beine nicht mehr.

Zu der Hitze kam noch eine dumpfe Schwüle, die ihm schwer zu schaffen machte. Mehr als einmal verfluchte Tom den Sheriff von Silver Rock.

Gegen Mittag verdunkelte sich plötzlich die Sonne, und ein Sturm brach mit unvermittelter Heftigkeit los. Der Himmel öffnete seine Schleusen, Blitze zuckten über das Firmament, und der Donner krachte ohrenbetäubend.

Als der Regen losprasselte, suchte Tom Deckung unter ein paar Mesquitebüschen und zog das alte, schäbige Cordsamtjackett an, das er von seinem Sattel genommen hatte, als er diesen in den Felsen liegenlassen musste.

Aber die Mesquitebüsche gaben ihm keinen großen Schutz gegen den Regen. Innerhalb von wenigen Minuten war er bis auf die Haut durchnässt.

Zumindest ließ jetzt die dumpfe Schwüle nach, und der Regen, der sich in der trockenen Ebene zu kleinen Bächen sammelte, begann die Luft zu erfrischen.

Tom taumelte weiter durch das Gewitter, und als er eine Bodenwelle erreichte, konnte er im gespenstischen Widerschein eines Blitzes ein paar Gebäude vor sich erkennen.

Es bestand kein Zweifel: Da vorn lagen die Gebäude einer Farm oder Ranch, direkt am Fuß des Hanges, den er hinunter musste. Die Gebäude lagen ungefähr eine halbe Meile entfernt.

„Thanks Heaven“, stieß Tom Delaware erleichtert hervor, rieb sich das Regenwasser aus dem Gesicht und stiefelte schwerfällig weiter.

Die Blasen an seinen Füßen konnte er sicher nicht mehr zählen, und sämtliche Knochen taten ihm weh. Aber dort vorn bekam er ein Dach über den Kopf, wenn alles gut ging, auch ein Bett im Bunkhouse und einen Teller Suppe.

Am nächsten Morgen würde die Welt dann schon ganz anders aussehen.

Tom war erst ein kurzes Stück auf die Gebäude zugegangen, als hinter ihm Hufschlag aufklang. Tom wich zur Seite und suchte Deckung in einer Mulde.

Ein Reiter galoppierte in wildem Tempo an ihm vorbei.

Wieder flammte ein Blitz auf, und Tom Delaware konnte den Reiter deutlich erkennen.

Es war weder Sheriff Brand noch einer seiner Gehilfen, sondern eine Frau. Sie ritt einen Schecken. Ihr Hut hing an einem Band auf die Schulter hinab, und ihr blondes Haar wurde von Wind und Regen zerzaust. Als der Blitz erlosch, war sie auch schon verschwunden.

Tom hob die Hand und rieb sich die Augen, so ungewöhnlich war dieser Anblick gewesen. Denn diese Reiterin war nicht nur eine Frau gewesen, sondern auch noch eine junge und hübsche, das hatte er erkennen können.

„Verdammt“, sagte Tom laut vor sich hin in das Pfeifen des Sturms hinein, als er erkannte, dass die Reiterin das gleiche Ziel wie er zu haben schien.

Als Tom Delaware die ersten Gebäude erreichte, sah er weder eine Spur von dem Mädchen noch von dem Schecken.

Viel wichtiger war jetzt ein Dach über dem Kopf. Daher wandte Tom seine Aufmerksamkeit dem erreichten Gebäude zu. Es war eine alte Blockhütte, die als Geräteschuppen benutzt wurde. Auf den ersten Blick erkannte Tom, dass die herumliegenden Geräte auf einer Farm gebraucht wurden, aber lange nicht benutzt worden waren.

Seine Hoffnung schwand, hier am Abend, wenn das Gewitter vorüber war, eine warme Mahlzeit einnehmen zu können. Die Blockhütte machte außerdem den Eindruck, als wäre die notwendige Reparatur längst überfällig.

Tom schüttelte das Regenwasser aus seinem Stetson und sah sich suchend um. Immer wenn ein Blitz über den dunklen Himmel zuckte, konnte er seine Umgebung einigermaßen erkennen.

Die Tür hing nur noch an einem Scharnier. Sie stand offen. Durch das Dach der Hütte tropfte es an mehreren Stellen. Aber es gab einen alten Hafersack, der noch trocken geblieben war und als Kopfkissen dienen konnte.

Tom. sagte sich, dass es wenig Sinn hatte, bei diesem Gewitter weitere Erkundigungen auf der anscheinend verlassenen Farm anzustellen. Solange das Unwetter tobte, konnte er auch eine Mütze voll Schlaf einfangen, um wieder langsam zu Kräften zu kommen. Das Knurren des Magens besänftigte er, indem er sich die letzten Tabakkrumen zusammensuchte und sich davon eine Zigarette drehte. Allerdings war es schwierig, das feuchte Zeug in Brand zu setzen. Es gelang Tom erst, als er die letzten Streichhölzer verbrauchte.

Morgen, dachte er voller Hoffnung, gibt es nicht nur ein gutes Frühstück, sondern auch frischen Tabak, einen neuen Colt und ein neues Pferd. Morgen sieht die Welt ganz anders aus, denn morgen scheint auch die Sohne wieder.



10

Der Zigarettenrauch stieg noch langsam zum Dach der Blockhütte auf, als Tom in einen erschöpfenden Schlaf fiel.

Er war viel zu müde, um im Widerschein eines Blitzes die Gestalt auszumachen, die in der offenen Tür der Blockhütte stand und einen Colt auf den Mann am Boden gerichtet hielt.

Der krummbeinige Jerome hatte deutlich das Geräusch gehört, als die knarrende Tür des Geräteschuppens geöffnet wurde.

Er lauschte angestrengt in die plötzliche Stille hinein. Dabei hielt er wie gewöhnlich seine Augen geschlossen. Jerome behauptete nämlich, dass man viel besser hören könnte, wenn man dabei die Augen zumachte.

Billy grinste amüsiert vor sich hin, als er den Oldtimer lauschend dasitzen sah. Er stocherte weiter in seinen Zähnen herum und nickte Buster zu, der die Arme unter dem Kopf verschränkt hatte und so aussah, als hoffte er, das Gewitter würde drei Wochen anhalten.

Die drei Farmgehilfen saßen im Bunkhouse. Sie waren die einzigen, die noch von der Besatzung übriggeblieben waren. Die anderen – meist jüngere Burschen – hatten inzwischen das Weite gesucht.

„Und ich sage euch“, flüsterte Jerome heiser, „da ist einer gewesen.“

„Bestimmt“, murmelte Buster gähnend. „Wird der Teufel gewesen sein, der dich holen will.“

Jerome warf Buster einen vernichtenden Blick zu, erhob sich und schlich sich bis zur Tür vor.

„Vorsicht!“, kicherte Billy. „Der Teufel reitet auf einem Blitz.“

Das grollende Donnerrollen ließ Jerome zusammenfahren. Wieder zuckte ein Blitz über den Farmhof und erhellte die Gebäude ringsum.

Jerome aber starre nur zum Schuppen hinüber. Die Tür wurde vom Wind gepackt und krachend gegen die Wand geschlagen.

Jerome atmete erleichtert auf. Jetzt glaubte er, dieses Geräusch hätte ihn hellhörig gemacht.

Er wollte sich schon abwenden, als er den schwachen Feuerschein bemerkte, der gleich darauf wieder erlosch.

„Damned!“, stieß der Oldtimer durch die Zähne.

Erschrocken wandte er sich um.

„Da ist einer im Schuppen. Ich habe es deutlich gesehen. Eben hat er sich eine Zigarette angesteckt.“

Buster stemmte sich wütend von seinem Bett.

„Hör auf zu spinnen, Jerome! Wird der Teufel gewesen sein, der schon sein Höllenfeuer ansteckt.“

Es hätte nicht viel gefehlt, und Jerome wäre dem Faulpelz von Buster an den Hals gesprungen. Wenn Buster auch Hände so groß wie Präriepfannen hatte, Angst kannte der Oldtimer nicht. Deshalb hatte er es schließlich bis heute auf der Lander-Farm ausgehalten.

„Macht, was ihr wollt“, fauchte Jerome bissig. „Ich will mir den Burschen mal aus der Nähe ansehen.“

„Die Hölle kann verdammt heiß werden“, rief ihm Billy kichernd nach.

Jerome öffnete vorsichtig die Tür, umklammerte seinen alten, abgewetzten Colt und trat hinaus in den strömenden Regen. Die Tropfen peitschen in sein altes, von Wind und Wetter gegerbtes Gesicht, und sein schütteres, schlohweißes Haar hing ihm in Sekundenschnelle wirr in der Stirn. Aber die wasserhellen Augen des Oldtimers schimmerten unternehmungslustig.

Wenn dieser Shane Warner irgendeine Schweinerei vorhatte, sollte er sich gewaltig verschätzt haben, sagte sich Jerome und packte den alten Colt noch fester.

Er kümmerte sich nicht darum, dass ihm das Regenwasser von der Hutkrempe herab in den offenen Hemdkragen lief, und dass sein Hemd sehr schnell durchnässt war.

Jerome hielt nur die Schuppentür im Auge. Wieder zuckte ein Blitz über den drohend dunklen Himmel, und das folgende Donnerrollen kam dem Oldtimer wie ein Kanonenschuss während der Schlacht am Bend River vor. Damals hatte er noch unter General Lee als Sergeant gedient.

Vorsichtig pirschte sich der Oldtimer bis an die Blockhütte. Das überhängende Dach gewährte ihm einigen Schutz gegen den Regen.

Durch die Fugen der alten Wand sah Jerome hin und wieder schwachen Feuerschein aufleuchten.

Der Halunke da drinnen rauchte in aller Ruhe eine Zigarette. Jerome begann wütend zu werden.

Kommt der Kerl mitten am Tage im Schutz eines Unwetters her, um sich hier gemütlich einzunisten. Der Spaß sollte dem Burschen vergehen, schwor sich der Oldtimer.

Fest entschlossen, den Mann vor seinen alten Colt zu bekommen, trat Jerome in die offene Tür.

Zu seiner großen Überraschung legte sich der Kerl zum Schlafen nieder, Jerome hätte am liebsten einen seiner ellenlangen Flüche von sich gegeben. Er wusste aber auch, dass sich Shane Warner gern mit Giftnattern umgab, und wenn der Townboss einen Mann hierher auf die Farm schickte, dann suchte er sich vermutlich auch einen cleveren Schießer aus.

Also war Jerome vorsichtig.

Im Widerschein eines Blitzes sah er, wie der Rauch der Zigarette noch in der Luft schwebte und langsam zur Decke aufstieg. Von der Gestalt im Türrahmen nahm der Fremde gar keine Notiz. Also schief er doch.

„He!“, schnappte Jerome.

Der Mann am Boden bewegte sich wie eine Schlange. Jerome konnte gar nicht so schnell hinsehen, wie der Kerl den Kopf von dem alten Hafersack hob, mit einem Blick die Situation übersah, und wie von der Natter gebissen, hinter einen alten Waschtrog hechtete.

Jerome stand da und kniff die Lider zusammen. Eigentlich hätte jetzt das Knacken einer Coltsicherung folgen müssen.

„Keine falsche Bewegung!“, fauchte Jerome. „Ich habe dich vor der Mündung, Bursche. Lang zum Himmel und komm raus, du Ratte.“

Tom Delaware hörte es an der Stimme, und er sah es auch an der Gestalt, dass er einen alten Mann vor sich hatte. Das schlohweiße Haar schimmerte in der Dunkelheit.

Obwohl Tom hundemüde war und einen gewaltigen Schreck bekommen hatte, als er so unsanft aus dem Schlaf gerissen wurde, begann er jetzt zu lachen.

Jerome lief ein kalter Schauer über den Rücken. Das Lachen klang so leise, so belustigt und siegessicher, dass der Oldtimer unwillkürlich einen Schritt zurückwich.

„Das Lachen wird dir vergehen“, schrie er aufgebracht. „Komm raus da, oder ich jage dir erbsengroße Löcher durch den Bauch, du Ratte!“

Tom Delaware hörte auf zu lachen. Er dachte daran, dass der alte Mann ja gar nicht wissen konnte, dass er keine Waffe besaß.

„Okay“, rief er belustigt zurück. „Ich komme heraus. Damit Sie aber gleich über mich Bescheid wissen, Oldtimer: Ich habe keinen Revolver.“

„Wie?“, fragte Jerome irritiert.

Bestimmt bluffte der Bursche jetzt. Hier kam doch niemand ohne Waffen her, sagte sich Jerome und beschloss, noch vorsichtiger zu sein.

„He, Billy, Buster – herkommen! Habe den Kerl erwischt“, rief er über die Schulter, mehr um seinem Gegenüber Furcht einzujagen, als in der Hoffnung, von den beiden Faulpelzen gehört zu werden.

Tom trat hinter dem Waschzuber hervor und hielt die Hände seitwärts vom Körper ab. Als er näher kam, sah Jerome, dass der Mann wirklich keine Waffe trug.

Er konnte das nicht begreifen und schüttelte unwillig den Kopf.

„Was suchen Sie hier, he?“

„Das ist eine lange Geschichte. Sind Sie hier der Farmer?“

„Wieso?“, erwiderte Jerome misstrauisch, ohne den Colt zu senken. „Wer sind Sie eigentlich, und wo kommen Sie her?“

„Hören Sie, Oldtimer“, sagte Tom ungehalten, „fuchteln Sie mir nicht mit der Waffe vor der Nase herum! Der Colt könnte losgehen.. Sie sehen doch, dass ich fast nackt bin.“

„Weiß man’s?“, knurrte Jerome. „Ihr Halunken in Warners Stall seid mit allen Hunden gehetzt. Vielleicht steckt ein Derringer da in der Tasche.“

Langsam begriff Tom Delaware. Man hielt ihn für einen Schießer von Shane Warner. Er lachte noch einmal leise auf, aber Jerome wurde abweisend. Die Waffe blieb nach wie vor auf Toms Stirn gerichtet.

„Ich bin fremd in dieser Gegend“, lenkte Tom schnell ein.

„Und was tust du hier auf dieser Seite des Silver Creek?“

„Habe in diesem Stall Unterschlupf wegen des Unwetters gesucht. Außerdem hat man mir mein Pferd und meine Waffe gestohlen.“

Jerome glaubte sich verhört zu haben. Er hatte noch nie einen Cowboy gesehen, der zu Fuß ging, und auch keinen, dem man das Schießeisen weggenommen hatte. Für gewöhnlich schoss man solche Kerle aus den Sätteln.

„Ich bin Texaner …“, fuhr Tom fort, wurde aber durch eine unwirsche Handbewegung Jeromes am Weiterreden gehindert.

„Texas“, unterbrach der Oldtimer verächtlich. „Jeder sagt, er kommt aus Texas, wenn er fremd in der Gegend ist. Habe aber noch nie einen Texaner ohne Pferd und ohne Colt gesehen.“

Tom zuckte die Schultern. Glücklicherweise ließ das Unwetter nach. So schnell, wie es heraufgezogen war, ebbte es auch wieder ab. Es wurde draußen heller. Zurück blieb eine angenehme, frische Kühle nach dem Regen.

„Hören Sie, Oldtimer!“, seufzte Tom Delaware. „Wenn Sie wollen, erzähle ich Ihnen alles später. Was ich jetzt brauche, ist ein ordentliches Steak.“

Jerome bekam fast einen Hustenanfall. Eine solche Frechheit war ihm noch nicht vorgekommen. Da verkroch sich dieser Kerl im Schuppen, und als er sich entdeckt fühlte, verlangte er nach einem Steak.

Misstrauisch winkte der Oldtimer den Gefangenen aus dem Schuppen. Die Sonne kroch schon wieder hinter den Wolken hervor.

Tom folgte dem Alten willig. Er erkannte jedoch, dass ihn der Oldtimer gnadenlos erschießen würde, sobald er auch nur eine einzige feindselige Bewegung machte.

„Geh du vor“, knurrte der Oldtimer, „auf das Bunkhouse zu!“

Tom gehorchte.

Er überquerte den Hof und sah auch das Farmhaus versteckt unter alten Douglasfichten stehen. Es war ein massives Haus aus Adobe gebaut und erst kürzlich neu gestrichen worden. Überhaupt sah es hier sauber und gepflegt aus.

Beim Näherkommen hörte Tom zwei Männerstimmen im Bunkhouse murmeln.

„He, ihr da! Ich habe den Burschen gefasst“, rief der Oldtimer triumphierend.

Das Murmeln verstummte, und gleich darauf wurde die Tür des Bunkhouses aufgestoßen. Zwei Männer drängten sich nach draußen.

Erstaunt rissen sie die Augen auf, und Billy vergaß für einen Moment, sich zwischen den Zähnen zu bohren.

Sprachlos sahen die beiden von Jerome zu dem Fremden. Ihre Blicke blieben an den ausgetretenen Stiefeln des Cowboys haften.

„Man hat mir mein Pferd gestohlen“, sagte Tom freundlich, als er die Bedeutung ihrer Blicke begriff.

Billy lachte zuerst, dann fiel auch Buster in das schallende Lachen ein. Das war ein Witz. Ein Cowboy ohne Pferd!

Tom ließ sie lachen. Jerome stand hinter ihm und sah wütend aus.

„Warum lacht ihr? Holt ein Lasso und bindet den Halunken! Dann kann ihn sich der Boss vornehmen.“

Von allen unbemerkt, war ein schmächtiger Mann vor das Farmhaus getreten. Er sah den vier Männern eine Weile zu, dann kam er her.

„Was geht hier vor? Ihr könnt wieder an die Arbeit gehen, das Unwetter ist vorüber. Wer ist das?“

Sein Blick blieb auf Tom haften. Genau wie vorher die Farmgehilfen taxierte auch der Farmer den Fremden. Mit einem Blick streifte er das leere Coltholster und die abgetretenen Stiefel des Mannes. Er sah aber auch, dass die abgewetzte Cordjacke, die Tom zusammengerollt hatte und unter dem Arm festhielt, völlig durchgeweicht war.

„Sie sind fremd hier, wie? Kommen Sie ins Haus, Mister, damit Sie Ihre Kleider trocknen können! Ich nehme an, Sie werden eine Einladung zum Mittagessen nicht abschlagen.“

Tom nickte grinsend, aber Jerome hastete an ihm vorbei auf den Farmer zu.

„Ich habe ihn dort im Schuppen gefunden, Boss“, erklärte er. „Ich wette, er ist einer von Shane Warners Schießern.“

„Ohne Waffe, Jerome?“, fragte Hank Lander lächelnd.

„Vielleicht hat er sie versteckt und holt sie hervor, wenn er eine passende Gelegenheit findet“, beharrte Jerome starrköpfig.

Lander sah den Fremden noch einmal forschend an, dann schüttelte er den Kopf.

„Ich habe es gelernt, Menschen mit einem Blick zu beurteilen, Jerome. Überlass den Stranger nur mir! Sie sind fremd hier, oder?“

Der Farmer ging mit ausgestreckter Hand auf Tom zu.

„Ich bin Hank Lander. Mir gehört diese Farm. Früher hatte ich mehr Leute hier, aber …“

Lander zuckte die Schultern und tat den Rest mit einer wegwerfenden Handbewegung ab. Tom schien es, als wollte er damit einen Fremden nicht behelligen.

Jerome stand mit geballten Fäusten und einem zerknirschten Gesicht daneben, als Delaware zusammen mit dem Farmer auf das Haus zuging.

Schon als Tom durch die Tür des Hauses trat, spürte er, dass eine Frau in der Nähe war.

In der Luft lag jenes Fluidum, mit dem sich Frauen gern umgeben. Tom hatte nicht viel Ahnung von Parfüm und Seifen, aber wie dieses Zeug roch, das wusste er. Unwillkürlich dachte er wieder an die Reiterin auf dem Schecken, die in der Dunkelheit an ihm vorbeigeprescht war.

Und dann stand sie auch schon vor ihm.

Tom spürte, wie seine Handflächen feucht wurden.

Eine solch schöne Frau hatte er noch nicht gesehen. Sie war noch hübscher, als er vorher vermutet hatte.

Sie hatte braune, funkelnde Augen, die wunderbar zu ihrem blonden Haar kontrastierten. Ihre Haut war wie reines Kupfer. Sie trug eine enge Reithose und hielt eine kurze Gerte spielerisch in der Hand.

Als sie ihren Vater mit einem Fremden eintreten sah, verdunkelte sich unwillkürlich ihr Gesicht.

„Wir haben einen Gast zum Lunch, Darling. Würdest du bitte dafür sorgen, dass noch ein Gedeck aufgelegt wird?“

Tom sah an sich herab und begann sich für seinen Aufzug zu schämen.

„Sorry“, murmelte er.

„Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen“, meinte Hank Lander lächelnd.

„Aber ich möchte Ihnen wenigstens erklären, warum …“

„Später“, winkte der Farmer ab. „Sie werden sich zuerst bei uns stärken.“

Das Girl nickte ihrem Vater zu und verschwand in der Küche. Tom wurde von Lander ins Esszimmer gebeten und in einen Stuhl gedrückt.

Lander steckte sich eine Stroogie an, und als der Rauch kräuselnd zur Decke aufstieg, trat er vor seinen Gast hin.

„Sie sollten mir zumindest Ihren Namen verraten, damit ich weiß, wie ich Sie ansprechen darf. Einverstanden?“

Tom erhob sich mit einem Ruck. „Entschuldigung, Sir. Mein Name ist Delaware. Ich bin Texaner.“

„Bleiben Sie doch sitzen, Mr. Delaware! Ah, da kommt das Essen schon.“

Das Mädchen kam mit einem großen Tablett herein und stellte es auf dem Tisch ab. Minuten später begann Tom mit großem Appetit die köstlich zubereiteten Steaks zu verdrücken. Dass ihm dabei der Löwenanteil zugeschoben wurde, bemerkte er erst, als der Teller leer war.

Erschrocken lehnte er sich zurück, aber das Mädchen begann plötzlich glockenhell zu lachen.

„Sie brauchen sich nicht zu schämen, Mr. Delaware. Wer einen so langen Fußmarsch vom Silver Rock bis hierher hinter sich hat, der kann …“

Sie brach ab, als sie Toms überraschten Gesichtsausdruck bemerkte.

„Sie wissen?“

„Moment mal, Kathy“, sagte Lander. „Wir wollen unseren Gast nicht im Unklaren lassen. Ja, wir wissen, Mr. Delaware. Das heißt, wir ahnten, dass Sie der Mann sein konnten, der sein Pferd verlor. Kathy hat es heute morgen gefunden, mit gebrochenen Fesseln. Sie hat es erschießen müssen. Sie fand auch Ihren Sattel am Silver Creek und die verknoteten Seile. Ich will nicht wissen, was dort vorgefallen ist. Da verlasse ich mich lieber auf meine Augen. Ich erkannte jedenfalls, dass Sie mit ehrlicher Absicht hergekommen sind.“

„Bei Gott“, schwor Tom und begann zu erzählen, was er seit seiner Ankunft in Silver Rock erlebt hatte. Als er den Namen des Blacksmith erwähnte, hob Kathy ihre Hand zum Mund und unterdrückte einen Schrei. Unter Landers dringendem Blick schwieg sie jedoch. Aber die ganze Zeit saß sie mit blassem Gesicht am Tisch und hörte Tom zu.

„Und was haben Sie jetzt vor?“, erkundigte sich Lander, anscheinend ganz unbeteiligt. „Sie werden weiterreiten wollen und möglichst einen großen Bogen um Silver Rock schlagen, oder?“

Tom presste die Zähne zusammen und schüttelte den Kopf.

„Nein, Mr. Lander. Ich werde mir ein Pferd besorgen und einen Colt, und dann werde ich nach Silver Rock zurückkehren. Ich habe dort noch eine Rechnung zu begleichen.“

Lander schüttelte den Kopf.

„Überlegen Sie sich die Sache, Delaware! Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf: Reiten Sie weiter! Vergessen Sie, dass es eine Stadt mit Namen Silver Rock gibt, einen Blacksmith, der Ben Forton heißt, und einen Sheriff Brand! Silver Rock ist wie ein Vulkan, der lange geschlummert hat und nun ausbrechen wird. Sie wissen, was ein Vulkan ist? Heiße Asche wird zuerst ausgestoßen. Sie haben sich daran schon die Finger verbrannt, mein Sohn. Was jetzt kommt, ist weit schlimmer. Die glühende Lava wird vielleicht vielen Leuten den Tod bringen.“

„Kann man den Ausbruch nicht verhindern?“, fragte Tom sanft.

Hank Lander schüttelte den Kopf.

„Dazu ist es zu spät, Delaware“, sagte er hart. „Es hat zu lange heiße Asche geregnet, und niemand hat etwas dagegen unternommen. Die es versucht haben, verbrannten sich und zogen davon oder wurden fortgejagt. Wir, die wir zurückblieben, werden der glühenden Lava trotzen.“

Große Worte, die dieser schmächtige Mann dort sprach. Dabei sah er gar nicht aus, als könnte er irgend etwas unternehmen.

Doch wer eine solche Farm aufbaute – Tom hatte schon gesehen, dass sie ziemlich groß sein musste – der wusste auch, welchen Weg er zu beschreiten hatte.

Aber konnte dieser Farmer zusammen mit dem Schmied Forton gegen den gerissenen Shane Warner antreten? Gegen den Mann, der sich Killer vom Format Bull Carrs kaufte?

Tom begann sich zu fragen, auf wen Bull Carr eigentlich angesetzt werden sollte. Auf Forton? Auf Lander?

Der Farmer sah seinem Gast an, welche Gedankengänge sich hinter dessen Stirn abspielten. Aber er schwieg. Er hatte alles gesagt und den Stranger gewarnt.

„Können Sie mir ein Pferd besorgen?“

Lander und Kathy sahen sich an, dann nickte der Farmer.

„Sie können auch einen Colt bekommen, Delaware. Hm, suchen Sie vielleicht auch einen Job?“

„Einen Job?“

Tom hatte darüber noch nicht nachgedacht. Aber eigentlich konnten seine Finanzen wieder eine Aufbesserung gebrauchen. Tom Delaware wollte schon zustimmend nicken, als ihm Ben Forton einfiel, der ganz allein in Silver Rock arbeitete und womöglich von Shane Warners Leuten angegriffen wurde.

Hier auf der Farm wäre er weit von Silver Rock entfernt – zu weit, wenn er hierbliebe.

„Danke für das Angebot, Mr. Lander. Ich suche einen Job, aber einen, der nicht so weit von Silver Rock entfernt ist wie diese Farm.“

Der Farmer nickte bedächtig.

„Ich verstehe, Mr. Delaware.“

Lander ging zur verschnörkelten Anrichte, öffnete eine Lade und nahm einen in einen sauberen Lappen gewickelten Colt heraus.

Auf den ersten Blick erkannte Tom, dass es sich um eine außergewöhnliche Waffe handelte.

Der Griff war mit Silber beschlagen. Darunter befand sich dunkel gebeizter Hickory. Der Stahl der Waffe schimmerte.

Lange blickte der Farmer auf den Colt in seiner Hand. Für einen Augenblick schien er in Gedanken weit fort von hier zu sein. Tom bemerkte, dass die Augen Landers glänzten.

Auch Kathy schien die Erinnerung an diesen Colt zu kennen, denn sie stand da und blickte zu Boden.

Tom räusperte sich.

„Ich möchte Ihnen keinen Colt wegnehmen, der für Sie eine bestimmte Bedeutung hat.“

Lander drehte sich um, Er sah jetzt fast wütend aus.

„Hier, nehmen Sie, Delaware! Er hat meinem Sohn gehört.“

Ehe sich Tom versah, hielt er die Waffe in der Hand. Lander machte auf dem Absatz kehrt und ging aus dem Raum. Verblüfft sah ihm Tom nach. Auch Kathy starrte eine Zeitlang die Tür an, durch die Lander verschwunden war. Und als sie sich wieder umdrehte, schimmerten Tränen in ihren Augen.

„Tom Lander“, erklärte sie, „war Offizier unter General Lee. Er hatte den ganzen Krieg überlebt, und als er zurückkam, wurde er in einem Hinterhalt erschossen. Niemand weiß bis heute, wer sein Mörder ist. Die Leute in Silver Rock wollten ihn damals zum Mayor wählen. Er war der beste Mann für diesen Posten, den man sich nur vorstellen kann.“

Tom starrte die Waffe an. Es war ein Smith & Wesson Schofield 44er Colt, eine Waffe, von der man sagte, dass sie nie ihr Ziel verfehlte.

Tom hatte solch einen Revolver noch nie gesehen. Er räusperte sich, um den Kloß aus seinem Hals zu bekommen.

„Wenn alles vorbei ist, wird er ihn zurückbekommen“, murmelte er. „Sagen Sie Ihrem Vater, dass ich sein Vertrauen nicht missbrauchen werde.“

Kathys Augen wurden für einen Moment unnatürlich groß. Sie setzte zum Sprechen an, aber dann presste sie die Lippen zusammen und nickte.

„Ich zeige Ihnen den Corral. Sie können sich ein Pferd aussuchen.“

„Danke!“

Ein wenig benommen trat Tom Delaware hinaus in den Sonnenschein. Die drei Helps saßen im Schatten des Bunkhouses und sahen misstrauisch herüber.

Dann wurden sie durch Geräusche im Stall abgelenkt. Lander zog eigenhändig den Buggy auf den Hof. Der Farmer war angekleidet, als hätte er eine lange Reise vor.

Die drei Männer eilten ihm zu Hilfe, und Tom sah fragend auf Kathy.

„Er fährt in die Stadt“, sagte sie ausweichend. „Einkaufen vielleicht.“

Sie warf ihr langes, blondes Haar in den Nacken und ging voraus zum Corral. Tom folgte ihr einen Moment später, nachdem das Gefährt vom Farmhof gerollt war und im Hohlweg nach Westen verschwand.

Kathy lehnte an der Fence des Corrals, den Blick in weite Fernen gerichtet. Als Tom herankam, schrak sie auf.

„Wissen Sie eigentlich, dass Sie eine gewisse Ähnlichkeit mit Tom haben, Mr. Delaware?“, fragte sie.

„Deshalb also“, meinte der Cowboy.

Kathy schüttelte den Kopf.

„Nicht allein deshalb. Dies hier war einst Indianerland. Die Cherokee leben heute zurückgezogen in den Bergen, und ihr Häuptling Rote Feder kommt manchmal zu Besuch. Er weiß, dass wir friedliche Leute sind. Er weiß auch, dass er jederzeit Lebensmittel von uns erhalten kann. Er sagte einmal, Manitu würde einen Sohn schicken, der zu Fuß über die Mountains käme, mit bloßen Händen. Und wenn er bliebe, würde er für Recht und Ordnung sorgen.“

Tom lächelte verlegen auf.

„Und sie glauben, ich sei dieser Sohn?“

Kathy gab darauf keine Antwort. Sie drehte sich um und wies auf die Pferde im Corral.

„Suchen Sie sich eins aus, Mr. Delaware !“

Tom entdeckte den Schecken, auf dem sie während des Gewitters an ihm vorbeigeritten war.

Abseits der anderen Pferde hielt sich ein schwarzer Hengst, dessen Fell seidig in der Sonne schimmerte. Als Kathy seinem Blick folgte, lächelte sie verträumt.

„Das ist Tolepec, ein Geschenk des Häuptlings Rote Feder an Tom Lander. Tolepec heißt übersetzt etwa Sturm. Er hat bisher niemanden, außer Tom, auf seinen Rücken gelassen.“

Tom musterte den Hengst. Es war ein Vollblüter, wie er ihn selten gesehen hatte. Über den Preis für solche Pferde brauchte Tom gar nicht nachzudenken. Der Hengst war für einen Cowboy unbezahlbar.

Aber Tom wusste mit Pferden umzugehen. Er hatte schon als Broncoreiter gearbeitet und Wildpferde gezähmt. Er traute sich zu, auch diesen Hengst gefügig zu machen, wenn ihm die nötige Zeit gegeben wurde.

„Versuchen Sie es“, sagte da Kathy mit einem seltsamen Schwingen in der Stimme.

„Ich soll Tolepec reiten?“

„Warum nicht?“

Tom spürte, wie ihm ein heißer Schauer über den Rücken jagte. Aber irgendwie wurde er von dem schwarzen Fell des Hengstes wie magisch angezogen.

Mit einem Satz setzte er über die Fence und ging langsam auf das rassige Tier zu.

Tolepec stand ganz ruhig da und sah dem Mann entgegen. Das war kein Sturm, das war der reinste Wirbelwind, stellte Tom Delaware fest. Diese schlanken Fesseln, dieser starke Nacken und die Haltung des Kopfes – alles war einmalig.

Auf Pferden dieser Art mussten früher die Indianerhäuptlinge geritten sein.

Tom wäre kein Cowboy gewesen, hätte er nicht den unbändigen Wunsch verspürt, dieses Pferd zu reiten.

Fünf Yards vor dem Hengst blieb er stehen und streckte die Hand aus, damit sich das Tier an den neuen Geruch gewöhnen konnte.

„Ich heiße auch Tom“, murmelte er. „Aber ich bin nicht Tom Lander, das witterst du bestimmt ganz genau. Tom Lander kommt nie wieder, aber ich trage seinen Colt und werde auch auf deinem Rücken sitzen.“

Der Hengst schnaubte unruhig, blieb aber stehen. Die dunklen Augen schimmerten wild und die Flanken des Tieres zitterten leicht.

Tom ging noch einen Schritt näher. Dann sah er einmal über die Schulter und entdeckte die drei Farmgehilfen neben Kathy. Sie standen einfach da und starrten den Mann an, der es wagte, sich dem Tier zu nähern, das sich sonst wie wild aufführte, wenn auch nur jemand den Versuch wagte, an ihn heranzukommen.

„Holt Toms Sattel!“, hörte der Cowboy Kathy leise sagen.

Tom wusste nicht, ob es die Hitze des frühen Nachmittags war oder die Aufregung, die ihm den Schweiß auf die Stirn trieb.

Er trat noch einen Schritt näher. Jetzt konnte er fast die Nüstern des Hengstes berühren. Aber das Tier wich nicht zurück. Es schnaubte nur unruhig, und die Flanken zitterten stärker.

Der Cowboy begann wieder zu sprechen. Er wusste nicht einmal, was er alles sagte. Er gab sich nur Mühe, beruhigend zu sprechen, damit sich der Hengst an seine Stimme gewöhnen konnte.

Hinter ihm an der Fence verharrten die Zuschauer in gespanntem Schweigen. Sie hörten auf zu atmen, als dieser verrückte Cowboy, wie ihn Jerome heimlich titulierte, noch näher an den Hengst herantrat und seine Hand auf die Nüstern des Pferdes legte.

Tolepec riss zuerst erschreckt den Kopf zurück und begann zu tänzeln, aber dann hatte es Tom Delaware geschafft. Tolepec ließ es zu, dass sich der Mann ihm wieder näherte und seinen Kopf gegen den Hals des Tieres legte.

„Und jetzt werde ich dir den Sattel auflegen“, sagte Tom.

Jerome warf den Sattel über die Fence, sagte aber keinen Ton, als Tom hinging, den Sattel aufnahm und damit zu dem Hengst zurückkehrte.

Fünf Minuten später kam der große Augenblick.

„Ich wette eine Stroogie gegen deinen verbeulten Hut, dass er nicht in den Sattel kommt“, meinte Buster ehrfürchtig.

Doch Tom kam in den Sattel. Er zweifelte selbst noch daran, dass es ihm gelingen würde. Aber als er den ersten Fuß in den Steigbügel setzte und der Hengst weiterhin ruhig blieb, schwang er sich hinauf.

Tolepec, lange Zeit nicht an den Sattel und Reiter gewöhnt, stand zunächst unbeweglich. Dann spürte Tom, wie der Hengst heftig zu zittern begann und auszubrechen drohte.

Tom nahm die Zügel fest in die Hand und begann wieder beruhigend auf das Tier einzureden. Als Tolepec sich daraufhin noch nicht beruhigte, drückte Tom ihm seine Knie hart in die Flanken.

Der Hengst machte sich mit einem gewaltigen Sprung Luft, und fast wäre der Cowboy aus dem Sattel geschleudert worden.

Tolepec reagierte weder auf den Zügeldruck noch auf die Knie. Er preschte einfach auf die Fence und setzte mit einem mächtigen Sprung darüber weg.

Kathy und die drei Helps duckten sich ängstlich zu Boden, als der schwarze Hengst, mit dem Selbstmörder im Sattel, an ihnen vorbeifegte.

Der Kampf Mann gegen Tier dauerte nur wenige Minuten. Tolepec schien einzusehen, dass er einen neuen Meister gefunden hatte. Lammfromm ließ sich der Hengst zur Farm zurückreiten.

Ein seltsamer Ausdruck stand in Kathys Augen, als Tom zurückkehrte.

„Ich reite nach Silver Rock. Eines Tages bringe ich das Pferd und den Colt zurück. Sagen Sie das Ihrem Vater, falls ich ihn nicht mehr sehe! Und nochmals besten Dank, Miss Kathy!“

Sie nickte nur und sah dem Mann nach, der Tom Landers Pferd ritt und Tom Landers Colt im Holster stecken hatte.

Als der Reiter im Hohlweg verschwand, glaubte Kathy, ihren Bruder fortreiten zu sehen – Tom Lander, den sie einst heiraten wollte, denn sie war nicht Hank Landers Tochter.



11

Weit vor sich sah Tom die Staubwolke, die nur vom Buggy herrühren konnte. Er beugte sich über den Hals des Hengstes und flüsterte ihm auf Indianerart ein paar Anweisungen zu.

Tolepec bewies, dass er ein echter Indianerhengst war. Was Tom vorher für unmöglich gehalten hatte, geschah. Der Hengst wirbelte wie ein Sturm über die Ebene.

Hank Lander schien das Trommeln der Hufe hinter sich gehört zu haben. Denn als Tom den Buggy einholte, stand der Farmer aufrecht, neben seinem Wagen und hielt eine Winchester auf den Reiter gerichtet.

Als Lander den Mann erkannte und das Pferd sah, das Tom Delaware ritt, begannen seine Augen aufzuleuchten.

„Sie haben es also geschafft, mein Sohn“, murmelte er bewegt und steckte die Winchester in die Halterung zurück. „Haben wir den gleichen Weg?“

„Wenn Sie auch nach Silver Rock wollen, dann haben wir den gleichen Weg, Mr. Lander. Ich will zu Ben Forton.“

„Ich auch, Delaware.“

Hank Lander stieg auf seinen Buggy, ergriff die Zügel und schnalzte mit der Zunge. Rumpelnd setzte sich das Gefährt in Bewegung.

Schweigend ritt Tom eine Zeitlang neben dem Wagen her. Er bemerkte manchmal den verstohlenen Seitenblick des schmächtigen Farmers und konnte sich denken, dass er im Stillen mit Tom Lander verglichen wurde.

Er wollte nicht für einen zweiten Tom Lander gehalten werden. Er besaß weder das Zeug für einen Mayor, noch war er Offizier in der Army gewesen.

Außerdem war Hank Lander so ganz anders, als es Delawares Vater war. Lander war schmächtig und zäh wie Leder. Toms Vater dagegen war ein Bulle gewesen, ein Raubein und Säufer – und ein Bandit.

Tom glaubte, dass er es dem Farmer schuldig war, ihn aufzuklären. Und so begann er ganz zwanglos aus seinem Leben zu erzählen.

Hank Lander hörte zu, ohne den Cowboy einmal zu unterbrechen. Manchmal glaubte Tom schon, der alte Farmer hörte gar nicht, was ihm da alles berichtet wurde.

Als Tom aber zu Ende war mit seiner Lebensgeschichte, da nickte ihm Lander zu.

„Jeder macht aus seinem Leben das Beste, mein Sohn. Und Ihr Vater ist einfach auf die schiefe Bahn geraten und hat nicht mehr den richtigen Weg für die Rückkehr gefunden. Deshalb sollten Sie aber nicht glauben, Sie könnten nicht über diesen Schatten springen. Jeder kann das. Ich habe früher auch nie geglaubt, dass ich noch einmal eine Waffe in die Hand nehmen muss. Ich hasse Schusswaffen. Männer sollten ihre Streitigkeiten mit den Fäusten austragen. Heute habe ich wieder eine Waffe. Und ich werde damit schießen, wenn es nötig ist. So ist der Lauf der Welt.“

Tom kam da nicht ganz mit. Aber er fragte auch nicht. Lander würde schon Grund haben, sich auszuschweigen.

Er beobachtete den alten Farmer von der Seite und stellte fest, dass Lander aber auch keine Ähnlichkeit mit Kathy hatte. Dafür musste Kathys Mutter eine hübsche Frau gewesen sein, und blond.

Plötzlich zügelte Lander sein Pferd und brachte den Buggy zum Stehen.

„Sie sollten noch wissen, dass es sich nachteilig für Sie auswirken könnte, wenn Sie mit mir zusammen in der Stadt gesehen werden, Delaware.“

„Wieso nachteilig?“, fragte Tom grinsend zurück. „Mehr Ärger, als ich schon habe, kann ich gar nicht mehr bekommen. Aber Sie sollten wissen, dass ein Revolverheld in Silver Rock steckt. Ich kenne Bull Carr und dessen Qualitäten genau. Aber selbst wenn sich alle Revolverhelden von Texas bis Arizona in Silver Rock aufhalten würden, käme ich mit Ihnen. Genügt das?“

„Das reicht“, murmelte Lander unbeeindruckt, nickte verstehend und setzte den Buggy wieder in Bewegung.

Der Wagen rumpelte über eine Holzbrücke, die über den Silver Creek führte, der aus den Bergen kam und weiter unten einige Ranches bewässerte.

Die Sonne stand direkt über den Dächern von Silver Rock, als die beiden Männer die Hügel hinter sich ließen und die Stadt unter sich liegen sahen.

Lander seufzte einmal, dann setzte er ein grimmiges Gesicht auf und trieb sein Pferd zu schnellerer Gangart an.

„Eine Frage noch“, rief ihm Tom zu, der eine ganze Zeitlang überlegt hatte. „Auf welcher Seite stehen Sie?“

„Auf der richtigen“, erwiderte Lander lakonisch.

Sie erreichten die ersten Häuser.

Es war früher Nachmittag. Am Vortag hatte Tom Delaware diese Stille und Verlassenheit von Silver Rock erwartet. Kein Mensch befand sich auf den Straßen, und fast sah es so aus, als wären die Bewohner von Silver Rock ausgewandert.

Da entdeckte Tom hinter einem Fenster eine Bewegung. Die Gardine wurde sofort wieder vorgezogen. Es war wie ein Alarmsignal.

Nicht weit entfernt schlug jemand krachend einen Fensterladen zu, Türen wurden verriegelt.

Ein seltsames Lächeln stand auf Toms Gesicht. Wer ihn kannte, der wusste, dass sich der Cowboy längst auf eine Auseinandersetzung vorbereitet hatte.

Hank Lander schien von der Spannung nichts zu spüren. Er hielt seine Leinen locker in den Händen und ließ den Buggy langsam über die Main Street bis vor die Schmiede rollen.

Als der leichte Wagen anhielt, kam Tom die unheimliche Stille in der Stadt erst so richtig zu Bewusstsein.

Lässig glitt er aus dem Sattel und band den schwarzen Hengst an die Rails. Unruhig bewegte Tolepec die Hufe und wirbelte den Staub der Straße auf. Auch das Pferd schien zu wittern, dass es ein heißer Nachmittag werden sollte.

Ben Fortons Tür war verschlossen. Aber kurz nachdem Hank Lander geklopft hatte, schob man von innen einen schweren Riegel zurück.

Ben Forton trat hinaus in den Sonnenschein.

Es sah so aus, als wäre er gar nicht überrascht, Lander und Delaware zusammen zu sehen. Erstaunt war er erst, als er das Pferd erkannte, das einsam an den Rails stand.

Sein Blick glitt von Tolepec prüfend über Delaware hinüber zu dem Farmer. Aber er sagte kein Wort darüber.

„Es ist ruhig heute“, meinte der Schmied.

„Zu ruhig“, bemerkte Hank Lander, „Ihr beide kennt euch ja.“

Forton nickte.

„Ich hätte nicht geglaubt, Sie noch in einem Stück wiederzusehen, Delaware. Im Saloon hat man die Geier gefeiert, die sich mit Ihnen beschäftigten.“

Tom grinste grimmig.

„Ich werde mich später an der Feier beteiligen“, sagte er spöttisch.

Wie zur Bestätigung seiner Worte klopfte er gegen den silberbeschlagenen Griff seines neuen Colts. Der Blacksmith warf einen prüfenden Blick auf das Holster, stutzte und starrte die Waffe an, als hätte er ein Weltwunder vor sich.

„Ich habe ihm die Waffe geschenkt“, erklärte Lander lakonisch.

„Geliehen“, verbesserte Tom.

„Streiten wir uns nicht darüber“, warf der Farmer lächelnd ein. „Ich wollte mit dir reden, Ben. Dieser junge Mann sucht einen Job in der Stadt. Und ich weiß, dass du einen Gehilfen gebrauchen kannst. Ich habe nämlich einen Großauftrag zu vergeben. Meine ganzen Geräte müssen wieder in Ordnung gebracht werden. Dann will ich neue Leute einstellen, damit die Farm wieder auf Vordermann gebracht wird. In den letzten Monaten habe ich alles ein bisschen vernachlässigt.“

Ben Forton zog seine buschigen Brauen zusammen und sah den Farmer forschend an.

„Du weißt, was du sagst?“

„Ich weiß, was ich sage. Und du musst noch ein paar Tage aushalten, Ben. Wenn wir es schaffen, dass wenigstens zehn Leute den Mut haben, dich zum Mayor zu wählen, dann geht die ganze Stadt mit fliegenden Fahnen zu dir über. Du bist der einzig richtige Mann für diesen Posten.“

Tom Delaware stand daneben und hörte dem Zwiegespräch zu. Er hatte erkannt, dass diese beiden Männer Freunde waren. Aber waren sie die einzigen, die sich Shane Warner widersetzten?

Ben Forton wandte sich ihm zu.

„Die ganze Stadt spricht von Ihrem Auftreten im Saloon, Delaware. Wenn Sie bei mir einen Job annehmen, wird man glauben, wir beide hätten das gleiche Eisen im Feuer. Sie müssen sich darüber klarwerden, dass Sie dann in der Sache mit drinstecken.“

„Well, mitgefangen, mitgehangen.“

Sie sahen sich ernst in die Augen, dann streckte Forton dem jungen Cowboy seine schwielige Hand hin. Es wurde ein Händedruck, wie er nur unter befreundeten Männern zustande kommt. Ein Händedruck, der einem Vertrag gleichkam.

„Das wäre also erledigt“, sagte Hank Lander. „Wenn das die Runde macht, dass ihr beide zusammenarbeitet, werden auch andere Farmer den Mut haben, wieder zu dir zu kommen, Ben. Vielleicht auch ein paar Ranchers. Und dann bricht der Vulkan aus. Wie ich es Ihnen schon vorausgesagt habe, mein Sohn.“

Aus schmalen Augen beobachtete Forton die beiden Männer. Er konnte erkennen, dass Lander dem Texaner großes Vertrauen entgegenbrachte, ja, dass Lander seit Monaten nicht so zufrieden ausgesehen hatte.

Seit Tom Lander, quer über dem Sattel seines Pferdes liegend, zur Farm zurückgebracht worden war, war Hank Lander verbittert gewesen.

An diesem Nachmittag sah man in seinen Augen einen neuen Hoffnungsschimmer.

Der Schmied klopfte dem Cowboy auf die Schulter.

„Ich glaube, wir gehen an die Arbeit. Das Feuer brennt. Jetzt werde ich Ihnen erst einmal beibringen, was man damit alles machen kann.“

Lander blieb draußen stehen, als die beiden Männer in der Schmiede verschwanden.

Minuten später klangen die dumpfen Schläge aus der Werkstatt durch die stille Stadt. Forton hatte die Tür offen gelassen.

Vergnügt vor sich hin schmunzelnd, lehnte sich der Farmer gegen ein Rad seines Buggy und sah die Straße hinunter.

Es dauerte nicht lange, dann traten die ersten Bewohner von Silver City zögernd auf die Gehsteige.

Aber noch blieb alles still. Es war die Ruhe vor dem Sturm.



12

Selbst im „Goldenen Nugget“ hörte man die dumpfen Schläge, die aus der Schmiede weit durch die Stadt hallten.

Es war für die Männer um Sheriff Brand wie ein Signal. Die Pokerkarten fielen auf den Tisch, die Whiskygläser wurden zurückgeschoben, und die Köpfe hoben sich lauschend.

Es wurde totenstill in der Bar. Bis Shatter seinen Stuhl zurückschob. Das Scharren nach der Stille trieb Shane Warner und Bill Carr aus dem Office in der oberen Etage. Sie traten an die Barriere und blickten in die Bar hinab.

Mit schlurfenden Schritten bewegte sich Shatter zur Schwingtür und trat auf den Gehsteig.

Noch immer drang das Hämmern aus der Schmiede durch die Main Street. Die ersten murmelnden Stimmen waren zu hören.

Ein Ruf setzte sich fort: „Ben Forton arbeitet wieder!“

Shane Warner fühlte die eiskalte Wut in sich aufsteigen. Aber er verstand es, seine Gefühle nicht zu zeigen. Sein Gesicht war wie eine undurchdringliche Maske.

Bull Carr hingegen hatte ein verstecktes Grinsen auf den schmalen Lippen. Es ließ sein weißes Gesicht wie eine teuflische Fratze erscheinen.

Carr hatte nur auf einen solchen Moment gewartet. Er hasste es, zunächst selbst die Fäden in die Hand zu nehmen. Aber jetzt bot sich eine Gelegenheit einzugreifen. Dieser Forton forderte ihn geradezu heraus.

Bull Carr wollte sich in Bewegung setzen, doch Shane Warner hielt ihn am Ärmel zurück.

„Moment noch“, sagte er leise. „Shatter wird uns erst berichten, was da los ist.“

Shatter stieß wenig später die Schwingtüren auf und blieb breitbeinig im Saloon stehen.

„Forton arbeitet wieder“, verkündete er. „Und er hat einen Gehilfen bekommen.“

Shatters Blick richtete sich auf Sheriff Brand und glitt dann hinauf zu Shane Warner.

„Dieser Satteltramp ist zurückgekommen.“

„Welcher Satteltramp?“, fragte Shane Warner scharf von der Balustrade herab, und seine Stimme trieb Sheriff Brand von seinem Stuhl, als wäre er von einer Schlange gebissen worden.

Brands Gesicht wurde noch röter. Graue Flecken zeichneten sich auf seinen Wangen ab.

„Ich hätte den Skunk erledigen sollen“, sagte er mit rauer Stimme. „Holly, jetzt ist er endgültig reif für den Boothill.“

Seine Hand klatschte auf die Waffe, aber sie verharrte dort. Und Brand stampfte auch nicht zur Tür, wie er es eigentlich vorgehabt hatte, denn Shane Warners Stimme klang durch den Saloon, diesmal sanft wie eine Feder.

„Einen Moment, Brand!“

Ganz langsam drehte sich der Sheriff um. Seine Augen wurden klein und schmal, als er den Boss die Treppe herunterkommen sah, den unheimlichen Bull Carr direkt hinter sich.

„Hatte ich dir nicht den Auftrag gegeben, diesen Satteltramp aus der Stadt zu befördern und dafür zu sorgen, dass er das Wiederkommen vergisst?“

Brand schluckte schwer.

„Das haben wir doch getan“, stieß er schrill hervor. „Aber das sage ich Ihnen, Boss, diesmal ist er endgültig reif.“

Shane Warner grinste teuflisch in das erregte Gesicht des Sheriffs.

„Irrtum, Brand! Du hast jetzt endgültig genug Dummheiten angestellt. Dieser Delaware hat einen Narren aus dir gemacht. Ich werde dafür sorgen, dass es nicht noch einmal vorkommt. Deshalb wirst du in Zukunft deine Anweisungen von Bull Carr bekommen.“

Brands Blick irrte an Warner vorbei auf das weiße Gesicht des Revolverhelden, dann wieder zurück zum Salooner.

„Das können Sie nicht machen“, stammelte er. „Warten Sie, Warner!“

Warners Grinsen erstarb allmählich. Ohne Brand noch einen Blick zu gönnen, wandte er sich an Bull Carr und zog ihn mit sich zur Theke.

„Wir werden jetzt die Zügel straff in die Hand nehmen. Es sind nur noch wenige Tage bis zur Wahl. Ich gebe dir alle Vollmachten, Carr. Ich wünsche, dass die Farmer gar nicht erst auf die Idee kommen, Forton Aufträge zu geben. Sorgen Sie dafür, dass die so viel Angst bekommen, dass sie diesen Forton nicht einmal von Weitem sehen wollen, dass er Gift ist für sie und für die Stadt. Mir ist es völlig egal, wie Sie das anstellen, Carr.“

Shane Warner zeigte zum ersten Mal sein wahres Gesicht. Und das vor allen Gästen im Saloon. So manchem Mann lief ein kalter Schauer über den Rücken. Dem größten Teil der anwesenden Gäste allerdings kam diese Wandlung sehr gelegen. Sie warteten schon lange auf die Explosion des Pulverfasses Silver Rock.

Gespannt war man nun auf die Antwort Bull Carrs.

Der Killer griff nach einem Glas Whisky, nippte daran und drehte sich halb um, damit ihn auch jeder verstehen konnte.

„Okay“, sagte er in seiner lässigen, leisen Art. „Bin sowieso der Meinung, dass das Pferd bisher verkehrt aufgezäumt wurde. Mal sehen, ob wir die Zügel nicht ein wenig straffer ziehen können. Bin sicher, dass dabei einigen Gents die Luft abgedreht wird. Cheers, Warner!“

Carr kippte den ganzen Inhalt des Glases in sich hinein, schob zwei Männer zur Seite und ging auf den Hinterausgang des Saloons zu.

„Jemand da, der mich auf einem Ritt begleiten möchte?“, brüllte Carr.

Brand schob sich sofort nach vorn.

„Ich“, sagte er wütend. „Und meine beiden Deputys kommen mit, damit Sie klarsehen.“

Bull Carr lächelte nur verächtlich. Ohne auf die drei Männer zu warten, verließ er den Saloon. Brand, Shatter und Monti liefen hinterher.

Wenig später entfernten sich Hufschläge.

Shane Warner wartete, bis dieser Hufschlag nicht mehr gehört werden konnte, dann ging er wieder die Treppe hinauf in sein Office.

Endlich begannen die Dinge so zu laufen, wie er es wünschte. Er konnte jetzt beruhigt abwarten, wie Bill Carr die Sache für ihn erledigte.

Warner wollte schließlich nicht umsonst zweitausend Dollar ausgegeben haben.



13

Es wurde schon kühler in Silver Rock. Allerdings merkte Tom Delaware nicht viel davon. Ihm stand der Schweiß auf der Stirn, sein Hemd war vom Schweiß durchnässt, und seine Hände schmerzten von der ungewohnten Arbeit.

Trotzdem fühlte er sich so wohl wie lange nicht.

Ben Forton konnte seinem neuen Gehilfen zufrieden sein. Zufrieden war Forton auch mit der Entwicklung in Silver Rock. Wenn er auch ahnte, dass sich hinter den Kulissen einiges abspielte, das den Ärger auf einen Höhepunkt treiben würde, war er doch froh, dass er sich wieder mit einigen Leuten aus der Stadt und der Umgebung unterhalten konnte.

Da waren ein paar verschüchterte Bürger, die zögernd an die offene Tür der Schmiede traten; da kamen Farmer aus der Umgebung, nickten Forton freundschaftlich zu und verwickelten ihn in ein Gespräch.

Und jeder brachte zum Ausdruck, dass er froh war, alles wieder wie in alten Zeiten vorzufinden.

Der Boss der Broken-G-Ranch, Art Gilroy, und der Farmer Miller, enge Nachbarn im Süden von Silver Rock, betraten die Schmiede gemeinsam.

„Eine Frage, Ben. Ist das der Cowboy, der allein gegen die Warner-Leute im Golden Nugget aufgestanden ist?“

Ben Forton nickte zustimmend. „Das ist er, Männer. Tom Delaware.“

„Soll verdammt schnell mit den Schießeisen sein, Ben.“

Der Blacksmith grinste.

„Mit den Fäusten auch, Freunde.“

Gilroy und Miller wechselten einen schnellen Blick, nickten den weiter hinten stehenden Farmern und Ranchers zu und klopften Forton auf die Schulter.

„Mit dem Cowboy in der Nähe scheint die Sache wieder ruhiger zu werden. Wie sieht es aus, Ben, kannst du diese Woche noch meine beiden Buggys reparieren?“

„Ich habe ein paar Pferde im Corral, die neue Eisen benötigen“, fügte Gilroy grinsend hinzu.

„Danke, Freunde“, meinte Forton bewegt. „Und damit ihr es alle wisst: Shane Warner zwingt mich nicht in die Knie.“

Tom Delaware legte den Hammer zur Seite und wischte sich den Schweiß aus der Stirn.

Shane Warner vielleicht nicht, dachte er, aber Bull Carr ist auch noch da. Irgendwann würde Carr seine Position einnehmen.

Der Blacksmith wurde im Laufe des Nachmittags mit Aufträgen überhäuft.

Als die Sonne schon viel von ihrer wärmenden Kraft verlor und sich im Osten die Abenddämmerung ankündigte, kehrte Hank Lander zurück.

Er hatte seinen Buggy vollgeladen mit Lebensmitteln und Ausrüstungsgegenständen.

„Im Silver Dollar ist was los“, berichtete er. „Sieht so aus, als würde ein Fest gefeiert. Man wartet auf euch. Bob Egman hat eine Flasche für euch stehen.“

„Später“, winkte Ben Forton lächelnd ab. „Wir haben noch ein paar Aufträge zu erledigen.“

„Morgen ist auch noch ein Tag, Ben.“

„Es werden noch viele Tage kommen, Hank. Aber jetzt wird es Zeit, dass du nach Hause kommst. Sei vorsichtig mit dem neuen Rad an der Hinterachse! Und grüße Kathy von mir! Sag ihr, bald ist alles vorbei!“

Tom hörte dem Gespräch zu, aber er teilte Fortons Begeisterung nicht. Er wusste, dass der Sturm erst noch losbrechen würde. Vor allem über Bull Carr machte er sich Gedanken.

Wenn es nur bald soweit ist, dachte er. Die Ruhe vor dem Sturm dauert viel zu lange.

Hank Lander verabschiedete sich von Ben Forton, dann nickte er Tom zu.

„So long, mein Sohn!“

Er kletterte auf den Buggy, griff nach den Zügeln und schnalzte mit der Zunge.

Rumpelnd setzte sich der vollbeladene Wagen in Bewegung. Die beiden Männer aus der Schmiede sahen Hank Lander nach, bis der Buggy abbog und ihren Blicken entschwand.

Die ersten Lichter wurden angesteckt, Tom und Forton wollten gerade wieder in die Schmiede zurückgehen, da drang das Lallen eines Mannes durch den Abend.

„He, Satteltramp!“

Tom wurde steif.

Schritte polterten über den Gehsteig, dann erschien ein Mann auf der Straße. Er konnte sich kaum aufrecht auf den Beinen halten. Andere Männer drängten sich durch die Tür des „Goldenen Nugget“.

„Bleib stehen, Satteltramp! Dreh dich um und … hick … pass auf, wie die Kugel aus meinem Coltlauf jagt. Ich will mir die Dollars verdienen, die … auf deinen Kopf ausgesetzt worden sind.“

„Sie sind betrunken“, erwiderte Tom gelassen. „Gehen Sie zu Bett, und schlafen Sie sich Ihren Rausch aus!“

„Willst du sagen, du bist zu feige, dich mit Scarface-Joe zu schießen?“

„Ich habe noch nie einen Betrunkenen erschossen. Gehen Sie nach Hause, Mann, und lassen Sie mich in Ruhe!“

Tom hatte keine Lust, sich mitten in Silver Rock mit einem Betrunkenen zu schießen. Er kannte den Mann nicht und konnte sich auch nicht vorstellen, dass Warner oder Carr diesen Irren auf ihn gehetzt hatten.

„Zieh, du … du Coyote!“, lallte Scarface-Joe.

Die Sache begann gefährlich zu werden. Tom musste den Mann irgendwie loswerden, bevor er zu randalieren begann. Aber irgendwie ahnte er, dass die Ruhe vor dem Sturm nun zu Ende ging.

Er warf einen Blick auf Ben Forton, und seine Augen schienen zu fragen: Was soll ich nun machen?

Der Blacksmith stand da und nagte nachdenklich an seiner Unterlippe. Ihm gefiel diese Entwicklung auch nicht. Es war klar, dass Delaware den anderen erschießen konnte, wenn er wollte. Aber der Sache wäre damit auch nicht gedient gewesen. Dieser betrunkene Scarface-Joe, der immer schon nach einer passenden Gelegenheit für einen Streit suchte, konnte Fortons ganzes Konzept durcheinanderbringen.

„Ich will mich nicht schießen“, entgegnete Tom Delaware.

„Dann nimm das!“, schrie Scarface-Joe.

Er stand plötzlich kerzengerade. Seine Rechte klatschte zum Kolben, und die Waffe kam aus dem Holster frei.

In diesem Augenblick handelte Tom. Er riss den silberbeschlagenen 44er aus dem Holster und schoss aus der Hüfte.

Der Schuss peitschte über die Main Street von Silver Rock.

Scarface-Joe schrie gellend auf und wurde von dem harten Schlag um seine eigene Achse gewirbelt. Aber er blieb stehen. Verständnislos starrte er seine blutende Hand an.

Sein Colt landete einige Yards seitwärts mit dumpfem Schlag in dem Straßenstaub.

Lässig steckte Tom den 44er ein und bückte sich nach der Waffe.

„Wenn ich gewollt hätte, lebten Sie jetzt nicht mehr“, grollte er. „Ihr Eisen können Sie morgen wieder bei mir abholen. Verschwinden Sie jetzt!“

Wimmernd zog Scarface-Joe ab, immer noch seine rechte Hand festhaltend.

„Was hätte ich anders machen können?“, sagte Tom zu dem Schmied und händigte ihm den fremden Revolver aus. Dann fügte er grinsend hinzu: „Jedenfalls weiß ich jetzt, dass diese 44er genau dahin schießt, wo ich treffen will.“

Die Abendschatten sanken über Silver Rock herab. Die Sonne war längst hinter den Bergen verschwunden, und die Straßen der Town füllten sich mit Männern und Frauen.

Man promenierte die Gehsteige entlang, hielt einen Schwatz mit dem Nachbarn, und eigentlich wartete jeder auf den entscheidenden Augenblick, wo sich das Duell Warner gegen Forton entscheiden musste.

Ben Forton und Tom hatten sich gewaschen, umgezogen und waren auf dem Weg zum „Silver Dollar“.

„Woran denken Sie?“, fragte Tom den grübelnden Blacksmith.

„An meine Tochter, an Kathy.“

Tom Delaware blieb überrascht stehen.

„Kathy – Ihre Tochter?“

Ben Forton nickte. Er lächelte schwach und griff nach Toms Arm.

„Ich habe sie auf Hanks Farm geschickt, weil sie dort sicherer ist als hier in der Stadt. Warner ist alles zuzutrauen. Außerdem ist sie gern dort. Sie war mit Tom Lander verlobt.“

Tom fühlte, wie es auf seinem Rücken siedend heiß wurde. Langsam begriff er. Deshalb also diese merkwürdigen Andeutungen auf der Farm.

Aber gleichzeitig verspürte er auch ein wenig Angst um das hübsche, blonde Girl.

Hoffentlich wusste Carr nichts von dieser Sache.



14

Bull Carr sah die Sonne untergehen. Der rote Feuerball verschwand hinter den Big Horn Mountains, und die Abendschatten sanken herab.

Über die Ebene zog bald grauer Dunst herauf. Die ersten Tiere verließen ihre kühlen Bauten und begannen im Schutz der hereinbrechenden Dämmerung nach Nahrung zu suchen.

Carr ließ dies alles unbeeindruckt. Er saß am Boden, den Rücken gegen einen Felsen gelehnt und sah den Himmel an.

Der hatte die Farbe des Bleis angenommen. Nur im Westen färbte er sich rötlich, und ein paar graue Wolkenfetzen zogen nach Süden.

Carr wartete auf irgend etwas.

Ungeduldig rannte Sheriff Brand hin und her, während sich Shatter an der Nervosität Brands erfreute und grinsend eine Zigarette nach der anderen rauchte.

Monti war bei den Pferden zurückgeblieben. Von ihm sah und hörte man nichts. Aber Shatter hätte schwören können, dass Monti diese Pause für ein Nickerchen benutzte.

„Worauf, zum Teufel, warten wir denn eigentlich noch?“, schimpfte Sheriff Brand, verärgert über die Schweigsamkeit des Revolverschwingers.

Bull Carr gab ihm auch jetzt keine Antwort. Da riss dem Sheriff die Geduld.

„Ich will Ihnen mal was sagen, Mister“, fauchte er, vor Carr stehenbleibend. Die Fäuste in die Hüften gestemmt, das Gesicht hochrot vor Wut. „Bleiben Sie hier sitzen, bis Sie schwarz werden! ich und meine Boys reiten wieder zurück. Wir haben Besseres vor mit unserer Zeit.“

„Reiten Sie! Aber die Boys bleiben hier“, gab Bull Carr zynisch zurück. „Aber reiten Sie schnell, ich kann Ihr verdammtes Gesicht nicht mehr sehen!“

Dem Sheriff verschlug dieser Ton die Sprache. Hinzu kam der Ärger, den ihm Warner bereitete, weil in letzter Zeit alles schieflief.

„Sie … Sie aufgeblasenes Gespenst! Stehen Sie auf, damit ich Ihnen den Bauch voll Blei pumpen kann, Sie verdammter …“

Sheriff Brand kam nicht weiter.

Mit Bull Carr ging eine merkwürdige Veränderung vor sich. Lauschend hob er den Kopf, seine Gesichtszüge spannten sich, und der Himmel und Brand – alles das, was vorher seine Aufmerksamkeit angeregt hatte, interessierte ihn nicht mehr.

Langsam erhob er sich, Brand tastete vorsichtig zur Waffe, weil er dem Frieden noch nicht traute. Doch da stieß Carr ihn einfach vor die Brust und schob ihn zurück.

Jetzt hörten es auch der Sheriff und Shatter.

Durch das Murmeln der Silver Creek konnte man das ferne Rumpeln eines Wagens vernehmen.

Bull Carr erhob sich und sah über die Felsen hinweg auf die Ebene. Nicht weit entfernt zog sich eine deutliche Spur durch das Buffalo-Gras. Auf dieser Wagenspur musste der Buggy kommen.

„Das wird Hank Lander sein“, sagte Shatter grinsend. „Haben Sie es auf ihn abgesehen?“

„Wenn es der ist, der sich zuerst mit dem Blacksmith anbiederte, dann habe ich es auf ihn abgesehen.“

Shatter leckte sich erregt mit der Zunge über die Lippen. Verdammt, dachte er, dieser Schießer aus New Mexico fasst verdammt heiße Eisen an. Lander war einer der angesehensten Bürger des Landes, einer, der bisher keiner Fliege ein Bein ausgerissen hat. Und der Boss hätte sich bestimmt nicht mit ihm angelegt.

Selbst Sheriff Brand wiegte bedenklich den Kopf.

„Das können Sie nicht machen, Carr. Dazu haben wir keinen Auftrag.“

„Halten Sie die Klappe!“, zischte Bull Carr, giftig wie eine Schlange. „Jetzt bin ich an der Reihe. Ich habe alle Vollmachten. Und ich regele diese Sache auf meine Weise.“

Dean Brand biss sich wütend auf die Lippen. Wenn Hank Lander erschossen wurde, dann würde in Silver Rock der Teufel los sein, und Shane Warner konnte all seine Hoffnungen auf den Mayor jetzt schon begraben. Bestimmt würde kein einziger Farmer oder Rancher für ihn seine Stimme geben. Denn Warner war es, der diese Natter nach Silver Rock geholt hatte.

Es blieb jedoch keine Zeit mehr für lange Diskussionen.

„Monti, die Pferde!“

Monti brachte die Gäule, und die Männer stiegen in die Sättel. Abwartend verhielten sie hinter den Felsen, bis Hank Lander mit seinem Buggy aus dem Dunst auftauchte, der jetzt schon die ganze Ebene erfasst hatte.

Bald musste es ganz dunkel sein, und Lander hatte noch einen weiten Weg vor sich. Er ahnte nichts Böses, schreckte aber auf, als plötzlich Hufschlag erklang, und vier Reiter aus den Felsen jagten, direkt auf ihn zu.

Hank Lander war kein Angsthase. Mit einer Hand hielt er die Zügel, klatschte sie auf den Rücken der braunen Stute, damit sie schneller lief, mit der anderen Hand tastete er sich zur Winchester vor, die griffbereit im Scabbard steckte.

Hier also schlagen sie zu, dachte Lander bitter, und er wusste, dass er die ganze Zeit auf irgend etwas gewartet hatte.

Zwei Reiter sprengten an der rechten Seite vorbei. Deutlich erkannte der Farmer die große, schlanke Gestalt des in Schwarz gekleideten Revolverschwingers, den er schon im „Silver Dollar“ gesehen hatte. Der andere Reiter war Shatter, der Hilfssheriff.

Sie zügelten ihre Pferde und verbauten dem Farmer den Weg. Zwei andere Reiter kamen von links.

Hank Lander zerrte an den Zügeln, bis der Buggy stand. „Was wollt ihr?“

„Runter vom Wagen!“, befahl Bull Carr zischend.

Der Farmer sah direkt in das weiße Gesicht des Killers, und ein Frösteln überfiel ihn.

Er spürte dieses Frösteln sogar in den Beinen, als er vom Wagen kletterte.

Es gab für Lander keinen Zweifel, dass er am Ende seines Weges angekommen war. Er wusste, was Brand und Shatter und Monti für Warner machten, und er wusste auch, warum dieser unheimliche Gunner nach Silver Rock gekommen war. Aber Hank Lander dachte auch an die Farm, an Kathy, an seine drei Gehilfen, die keine Ahnung davon hatten, dass die Mörder in der Nähe der Farm lauerten.

Hank Lander zwang sich zur Ruhe. er sah, wie der Sheriff sich aus dem Sattel schwang, und wie der Killer in Schwarz seinem Beispiel folgte.

„Was wollt ihr? Warum haltet ihr mich auf?“

Bull Carr stieß ein teuflisches Lachen aus. Er wies auf den vollbeladenen Buggy.

„Einen hübschen, kleinen Wagen haben Sie da, Mister. Zu dumm, dass der Schmied ein neues Rad anbaute und die Hinterachse erneuert hat. Er hätte sich nämlich die Arbeit sparen können, weil wir Feuerholz aus dem Wrack machen.“

Hank Lander zog die Stirn in Falten. Er bemühte sich um Fassung. Aber er ging rückwärts auf den Buggy zu, als wollte er den Wagen mit seinem schmächtigen Körper vor der Vernichtung bewahren.

„Das können Sie nicht machen. Der Buggy ist beladen und …“

„Wir können alles, Mister. Oder wollten Sie uns daran hindern?“

Der Farmer sah sich nach seiner Winchester um. Wenn er den richtigen Zeitpunkt abpasste, konnte er das Gewehr unter Umständen erreichen. Aber diese vier Kerle trugen Colts, und bestimmt waren sie schneller im Ziehen.

„Keiner rührt meinen Wagen an!“, zischte Lander wütend. „Oder ich werde den erstbesten von euch erschießen.“

Stille trat ein. Totenstille. In diese Stille hinein bewegte Bull Carr den linken Fuß und schob ihn zur Seite, so dass er breitbeinig vor dem alten Farmer stand.

Die Fußbewegung ließ eine kleine Staubfontäne aufwirbeln. Und als sie sich gesenkt hatte, drang Carrs Zischen durch die Stille.

„Okay, warum warten wir so lange, Farmer? Lass uns zum Ende kommen, damit die Sache schnell erledigt wird! Versuch mich zu erschießen!“

Hank Lander starrte in das mordlustige Grinsen in dem weißen Gesicht. Er spürte den Atem des Todes und wusste, das er gleich in den Staub sinken und nie wieder das Licht der Sonne erblicken würde. Aber Hank war auch ein Mann, der im Westen hart geworden war. Es war ihm klar, dass es kein Zurück mehr gab. Hier endete sein Weg. Er kannte keine Angst vor dem schwarzen Killer, wusste aber, dass er es niemals schaffen würde, diesen Mann aus New Mexico aus den Stiefeln zu holen.

Hank Lander entschloss sich, wie ein Mann zu sterben. Ein letzter Funke von Hoffnung blieb ihm vielleicht doch …

Da tauchte eine Gestalt von der Seite auf. Dean Brand trat gebeugt nach vorn neben den Farmer.

„Sie wissen genau, dass er niemals eine Chance hat, Carr. Ehe er auch nur die Winchester aus der Halterung hat, ist er ein toter Mann. Und ich lasse nicht zu, dass Lander ermordet wird. Warner hat nichts davon gesagt.“

Bull sagte zuerst gar nichts. Er stand weiterhin breitbeinig da. Und fast schien es, als hätte er die Worte des Sheriffs gar nicht vernommen. Nur langsam drehte sich sein Kopf, und sein Blick saugte sich an dem roten Gesicht des Sheriffs fest.

Um Carrs Lippen spielte ein siegessicheres,ironisches Lächeln.

„Ich habe immer gesagt, dass du ein Holzkopf bist, Brand. Stimmt, Warner hat diesen Auftrag nicht gegeben. Aber jetzt gebe ich die Befehle. Aus dem Weg, Brand!“

Der Sheriff warf einen flüchtigen Seitenblick auf den Farmer. Er wusste nicht, weshalb er dies für Hank Lander tat. Freunde waren sie nie, und Brand wusste auch, dass ihn der Farmer verachtete. Vielleicht war es sein letzter Funken von Ehrgefühl, der jetzt von Dean Brand Besitz ergriff, der letzte Strohhalm, an den sich ein Mann klammerte, der alles im Leben falsch gemacht hatte. Hinzu kam, das Brand immer noch hoffte, von Shane Warner wieder für voll genommen zu werden. Einen Mord konnte und durfte der Salooner nicht zulassen, wenn er die Stadt beherrschen wollte.

„So kann man nicht mit mir reden, Carr“, stieß der Sheriff hervor. „Ich habe die Sache in der Hand gehabt, bevor Sie kamen. Und ich bin immer noch Sheriff von Silver Rock. Denken sie daran!“

Carr stieß ein scharfes, zischendes Lachen aus.

„Nicht mehr lange, Brand. Außerdem warst du ein Sheriff für Luft, für nichts als Luft. Hast nur zum Spaß den Stern getragen. Hörst du? Du bist für mich eine Witzfigur.“

Die Röte wich aus Dean Brands Gesicht, ging in eine fahle Blässe über. Und er fühlte das heftige Zittern in den Knien und die Wut, die in ihm hochkroch. Diese Wut erfasste ihn ganz und gar und legte sich auf seinen Verstand. Denn sonst hätte Dean Brand niemals den Kolben seiner Waffe berührt.

„Jetzt habe ich genug!“, stieß er hervor.

Es war schwer für die Zuschauer, die nächsten Bewegungen zu verfolgen. Bull Carr jedenfalls schien nur auf diesen Moment gewartet zu haben.

In der aufkommenden Dunkelheit konnte man nicht so genau erkennen, wer das Eisen zuerst aus dem Holster bekam. Dann krachte ein Schuss durch die Nacht, und der Feuerschein erhellte das weiße Gesicht des Berufskillers.

Dean Brand wurde von dem harten Schlag nach hinten gedrückt, prallte mit dem Rücken gegen das Wagenrad, und sackte schwer zu Boden.

Niemand bewegte sich, niemand sagte etwas. Sie starrten den am Boden liegenden Sheriff an, während noch das Echo des Schusses von den Felsen widerhallte und sich irgendwo in der Weite der Ebene verlor.

„Sie sagen ja gar nichts mehr, Lander“, krächzte Bull Carr, als wäre nichts geschehen. „Sie werden sicher auch nichts mehr dagegen haben, wenn wir jetzt anfangen, Ihren Buggy auseinanderzunehmen, he?“

Hank Lander musste sich zwingen, den Blick von den am Boden liegenden, kaum noch erkennbaren Umrissen Dean Brands zu reißen. Er vernahm die eisige Stimme des Killers, hörte auch die Ironie heraus, aber der Schock über die Schießerei war so groß, dass er sich nicht bewegen konnte. Eigentlich müsste ich jetzt da liegen, dachte er nur immer wieder, und nichts anderes hatte Platz in seinen Gedanken.

„An die Arbeit, Boys!“, durchschnitt Carrs Befehl die Stille der Nacht erneut.

Wenn Monti und Shatter jemals irgendwelche Gefühle für Dean Brand gehegt hatten, in diesem Moment vergaßen sie es. In ihren Augen stand noch die Furcht vor den beiden tiefhängenden Colts des Gunners.

Sie gehorchten ohne Widerrede. Hank Lander wurde am Arm ergriffen und ein Stück zur Seite geführt. Und dann klangen die Laute des berstenden Holzes durch die Nacht, das schrille Klingen des Metalls, das Brechen von Verstrebungen.

Hank Lander stand da mit hängendem Kopf und beobachtete, wie sein Buggy in Trümmer zerschlagen wurde.

Er bohrte seine Fingernägel in die Handflächen und fühlte, wie der Kloß in seinem Halse immer höher stieg. Der Farmer hätte heulen können vor Wut, aber Hank Lander hatte keine Tränen.

Eine ganze Weile später wurde es still, nur Sporen klirrten, und Pferdehufe trampelten unruhig den Boden auf.

Die drei Reiter saßen wieder in den Sätteln. Es war schon so dunkel, dass Hank Lander nur noch undeutliche Schatten erkennen konnte.

„Wenn Sie wieder mal Lust verspüren sollten, mich zu erschießen, Mister, ich warte in Silver Rock auf Sie. So long!“

Sie gaben ihren Pferden die Sporen. Das Donnern der Hufe verklang in der Nacht. Hank Lander stand immer noch da und starrte in die Dunkelheit.

Er bewegte sich erst, als die braune Stute in seine Nähe kam und mit ihren Nüstern gegen seinen Rücken stieß.

„Hast recht, Mary“, murmelte der alte Mann. „Zu Hause warten sie auf uns.“

Er stieg auf den Rücken des Pferdes und ritt langsam zur Farm zurück. Und als er vom sattellosen Rücken der Stute glitt, wirkte Hank Lander um Jahre gealtert.

Kathy stand auf der Veranda. Das Licht einer Rochesterlampe fiel voll auf ihr langes, blondes Haar. Es schimmerte auf wie reines Gold, und Hank war von ihrem Anblick für Sekunden wie verzaubert.

Ich darf noch nicht sterben, dachte er. Ben hat sie mir anvertraut, und mein Tom wollte sie heiraten. Jetzt ist ein anderer Tom da, der sie beschützen könnte.

Jerome kam vom Bunkhouse her angeschlurft und sah verwundert auf den Farmer und auf die Stute.

Aber weder er noch Kathy stellten Fragen. Jeder ahnte, was geschehen sein musste, und außerdem standen die Antworten in dem Gesicht des Farmers geschrieben.

Bevor Hank Lander die Veranda betrat, wandte er sich seinem alten Farmgehilfen zu.

„Wir stellen Wachen auf, Oldtimer. Sorge dafür, dass genügend Waffen bereit liegen! Wir werden bald Besuch erhalten.“



15

Kurz vor Mitternacht durchbrach donnernder Hufschlag die Nachtruhe von Silver Rock.

Einige Männer drängten sich an die Schwingtüren des „Goldenen Nugget“, die letzten Spaziergänger drückten sich gegen die Hauswände.

Drei Männer kamen aus Osten in die Stadt geritten, und ihnen voran ritt Bull Carr. Sein weißes Gesicht wirkte abschreckend.

Im Saloon erstarb das Gemurmel der noch ausharrenden Gäste, als der Hufschlag vor dem „Goldenen Nugget“ verklang und das Klirren der Sporen auf dem Gehsteig laut wurde.

Carr schob sich als erster durch die Schwingtüren. Ihm folgten Monti und Shatter, dann schwangen die wippenden Schwingtüren aus.

Alle Blicke blieben jedoch auf den Ausgang gerichtet.

Der vierte Mann fehlte.

Shane Warner stand oben auf der Balustrade.

Er schien noch nicht bemerkt zu haben, dass sein Sheriff fehlte. Als sich Carrs und sein Blick trafen, stellte Warner die entscheidende Frage.

„Habt ihr es dem Farmer gegeben?“

„Alles klar, Warner“, erwiderte Carr mit einem abfälligen Grinsen. „Es wird eine verdammt lange Zeit dauern, ehe sich wieder jemand in die Nähe dieses Blacksmith wagt.“

Es sah so aus, als wollte sich Warner schon wieder abwenden, da stellte er das Fehlen von Dean Brand fest.

„Wo ist Brand?“

Bull Carr zuckte ironisch die Schultern.

„Er war sehr versessen darauf, mich aus den Stiefeln zu schießen. Ich musste ihm zeigen, dass er nicht der Mann dafür war. Glaube, ein Mann hat das Recht, sich selbst zu verteidigen.“

Die Männer im Saloon atmeten kaum, als sich der Schießer umsah, als suche er nach einem neuen Opfer.

Es war so still, dass man Warners leise Schritte hören konnte. Der Salooner kam die Treppe herab und zog den Gunner mit sich zur Theke. Dass Dean Brand nicht mehr lebte, erschütterte ihn nicht sehr. Der Sheriff war in letzter Zeit kaum noch zu gebrauchen gewesen. Anders dagegen dieser teure Schießer. Wenn Bull Carr auch eine Menge Geld kostete, so ließ sich mit seiner Hilfe doch einiges erreichen.

„Nach dieser Nachtarbeit wird Forton vielleicht einsehen, dass es besser ist, aus der Stadt zu verschwinden. Ich hoffe, dass er es einsieht, denn ich gebe ihm noch genau vierundzwanzig Stunden. Dann können Sie ihn haben, Carr.“

Der Gunner ergriff das Glas Whisky, betrachtete eingehend die goldgelbe Flüssigkeit und nickte unbeeindruckt.

„Er gehört mir, Warner. Er gehört mir schon, seit ich in diese Stadt kam.“

Niemand sah dem Revolverschwinger an, dass er geradezu danach lechzte, sich mit einem Mann wie Ben Forton anzulegen. Der Blacksmith stand einem kaltblütigen Salooner im Wege, aber der wagte es nicht, ihn zu einem Zweikampf zu fordern. Er, Carr, würde es tun.

Mit einem Zug leerte Carr sein Glas, nickte Warner zu und verließ den Saloon. Monti folgte ihm.

Diese Nacht sollte Ben Forton noch in seinem Bett schlafen, die letzte Nacht seines Lebens. Dafür nahm sich Carr einen anderen vor. Sein Weg führte erneut nach Osten, zur Lander-Farm.



16

Jerome hatte es schwer, die Augen offenzuhalten. Der Oldtimer hatte die Wache nach Mitternacht für zwei Stunden übernommen. Gewöhnlich schnarchte er um diese Zeit.

Es war kühl hier draußen. Die Sterne blinkten am wolkenlosen Himmel, und aus den Hills wehte eine frische Brise. Hin und wieder klangen Tierlaute herüber, ein Dingo bellte, oder der Schrei eines Vogels klang durch die Nacht.

Jerome hatte sich neben den alten Holzstoß vor den Geräteschuppen gesetzt. Von hier aus glaubte er, den Hohlweg gut im Auge zu haben.

Jerome gähnte herzhaft und steckte seine alte Pfeife in Brand. Immer wieder ging das verdammte Ding aus. Der Tabak musste feucht geworden sein beim Gewitter.

Hinter ihm blieb alles ruhig. Die Farm lag still und friedlich da. Licht brannte längst nicht mehr, also musste auch Miss Kathy zu Bett gegangen sein.

„Halte die Augen offen!“, hatte ihm Kathy eingeschärft. „Um zwei Uhr löse ich dich ab, Jerome.“

Ja, das hatte sie gesagt. Jerome hatte heftig dagegen protestiert, aber das Girl hatte sich einfach umgedreht und war ins Haus gegangen.

Ein Teufelsmädchen, diese Miss Kathy. Sie konnte mit einem Revolver umgehen wie ein Gunner, und reiten konnte sie besser als mancher Cowboy.

Jerome erinnerte sich noch genau an den Tag, als man Tom Lander heimgebracht hatte. Er lag auf dem Rücken von Tolepec, mit einer Kugel im Kopf. Seinen silberbeschlagenen Revolver, den jetzt dieser Fremde trug, hatten sie genau untersucht und festgestellt, dass Tom nicht einen Schuss abgegeben hatte, dass er vermutlich nicht einmal zum Ziehen gekommen war. Und da Tom ein verdammt guter Schütze war, musste ihn die Kugel überraschend und aus dem Hinterhalt erwischt haben.

Kathy war damals nicht zusammengebrochen. Auch der alte Lander nicht. Sie hatten Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um den heimtückischen Mörder zu finden.

Umsonst.

Die Spuren verloren sich in den Felsen. Aber Lander hatte nie die Hoffnung aufgegeben, eines Tages den Mörder zu fassen. Und seitdem hatte Miss Kathy noch mehr Schießen geübt. Sie unternahm weite Ritte in die Umgebung, in der Hoffnung, eines Tages auf eine Spur des Mörders zu stoßen.

Jerome hatte auch lange Zeit darüber nachgegrübelt. Und seiner Meinung nach konnte der Mörder nur in Silver Rock zu finden sein, in Shane Warners Mannschaft. Vielleicht war es sogar Warner selbst gewesen.

Oldtimer Jerome klopfte ärgerlich seine Pfeife aus. Sie wollte einfach nicht brennen. Er setzte sich noch bequemer zurecht und schob seinen Hut tief in die Stirn.

Überhaupt eine blöde Idee, dass ausgerechnet in dieser Nacht jemand kommen sollte. Die Sterne leuchteten viel zu hell, fand Jerome. Und wenn er ein kleines Nickerchen hielt, konnte es sowieso niemand sehen.

Bei dem geringsten fremdartigen Geräusch würde er schon hellwach sein, sagte er sich.

Im nächsten Moment wurde Jerome jedoch schon hellwach. Er hatte deutlich gehört, wie dumpfer Hufschlag in der Ferne für einen Moment aufklang und dann wieder verstummte.

Jerome lauschte angestrengt und glaubte schon, sich verhört zu haben, da polterte drüben im Hohlweg ein Stein die Böschung hinab.

Langsam zog Jerome seinen Colt aus dem Holster und presste die Lippen zusammen.

Konnte ein Tier gewesen sein – oder auch nicht. Und gespukt hatte es hier noch nie.

Jerome kroch vorsichtig in den Schatten des Holzstoßes und suchte den Hohlweg ab. Einmal glaubte er einen schnellen Schatten zu sehen, Dann sirrte es metallisch, und der Oldtimer zuckte zusammen.

Verdammt, der Bursche war schon viel zu nahe herangekommen. Er musste unbedingt die anderen wecken.

Kurz entschlossen riss Jerome den Abzug seines Colts durch. Der Schuss entlud sich krachend, und das Echo rollte donnernd über den Hof.

Sekunden später flammte im Farmhaus Licht auf, aber da war es schon zu spät.

Dicht vor Jerome tauchte ein Schatten auf, und ehe sich der alte Help versah, krachte eine Faust gegen sein Kinn und schleuderte ihn rückwärts gegen den Holzstapel, wo er besinnungslos zusammenbrach.

Kathy stürmte als erste aus dem Haus, noch in voller Reitkleidung, einen Colt in der kleinen Faust.

Darauf schienen die Besucher nur gewartet zu haben. Ein Mann schnellte von der Seite auf sie zu und schlug mit der Faust auf ihren Arm. Kathy ließ mit einen erstickten Schrei die Waffe fallen und blickte dann verstört in die Mündung eines Revolvers.

„Keinen Laut, Baby!“, zischte eine gefährlich leise Stimme. „Oder ich vergesse meine gute Erziehung und schicke dich zur Hölle.“

Kathy sah einen großen, schwarzen Mann vor sich, dessen Gesicht gespenstisch aus der Dunkelheit leuchtete. Unheimlich waren seine dunklen, stechenden Augen.

Dann sah sie den zweiten Mann. Lässig trat er auf die Veranda. Und in diesem Moment erkannte sie ihn. Es war Monti, der kleine, drahtige Bandit, den sie in Silver Rock zum Hilfssheriff gemacht hatten, und den sie noch nie ausstehen konnte.

„Hallo, Miss Kathy!“, sagte er sarkastisch. „Entschuldigen Sie die späte Störung. Wo steckt der Farmer? Hat er sich verkrochen?“

„Hier steckt er“, sagte Hank Lander.

Monti und der Mann in Schwarz standen für Sekunden erstarrt, denn Landers Stimme kam vom Bunkhouse her und nicht aus dem Hauptgebäude, wie sie es erwartet hatten.

Im nächsten Moment durchdrang das metallische Klicken des Gewehrhammers die nächtliche Stille.

„Und jetzt lasst die Waffen fallen!“, fuhr Lander scharf fort. „Diesmal gebe ich die Kommandos.“

Monti warf einen verstörten Blick auf Bull Carr und gehorchte. Aber der Revolverschwinger hatte solche und ähnliche Situationen schon zu oft überstanden, um jetzt auch nur für eine Sekunde die Nerven zu verlieren.

Carr konnte unheimlich schnell denken und aus jeder Situation das Beste machen.

Im selben Augenblick, als Montis Colt auf den Holzboden der Veranda polterte, schnellte er wie eine Katze hinter Kathy und rammte dem Mädchen die Mündung seiner Waffe in den Rücken.

„Sag diesem Trottel, dass ich den Finger am Abzug habe, Baby, und dass ich keine Gewissensbisse kenne. Na los, sag’s ihm!“

Carr schob das Mädchen vor sich her, bis sie in den Lichtkreis der Wohnzimmerlampe traten. Hank Lander sah also deutlich, dass er nicht schießen durfte, wenn er das Leben Kathys nicht gefährden wollte.

Ein abgrundtiefes Stöhnen entrang sich der Brust des Farmers, dann ließ er die Winchester sinken.

„Was wollen Sie?“, fragte er müde.

„Da anfangen, wo wir vorhin stehengeblieben waren“, rief Bull Carr in ätzendem Tonfall. „Werfen Sie das Gewehr herüber! Los, Oldtimer, sonst knallt’s!“

Kathy ließ die Arme sinken und sah, wie Hank Lander die Augen schloss, und wie seine Schultern einsanken. Diese Hoffnungslosigkeit machte sie rasend. Ohne die drohende Revolvermündung in ihrem Rücken zu beachten, wirbelte sie herum und schlug dem Mann hinter ihr mit der Hand ins Gesicht.

Bull Carr trat überrascht einen Schritt zurück, dann begann er zu lachen. Niemals vorher hatte Kathy ein solch teuflisches Lachen vernommen.

Mitten in diesem Lachen hinein peitschte ein Schuss aus seinem Revolver. Die Kugel traf Landers Winchester und schleuderte sie ihm aus den Fäusten.

„Wenn ich einen Befehl gebe, dann muss er befolgt werden“, zischte Carr giftig.

Mit der Linken stieß er Kathy zur Seite, dass sie gegen die Brüstung der Veranda geschleudert wurde. Geduckt ging er auf Lander zu.

„Und nun, Oldtimer, werde ich dir ein paar Andenken verpassen lassen, damit die Leute in Silver Rock zu spüren bekommen, wer hier die Kommandos gibt. Komm her, Monti!“

Monti steckte seinen Colt wieder ein und kam lauernd näher. Er grinste teuflisch und begann seine Fäuste zu massieren.

„Fang an, Monti!“, zischte Carr. „Und ihr beiden dahinten werft eure Kanone raus, sonst pumpe ich euch voll Blei!“

Carr war es nicht entgangen, dass die beiden Helps nach einer Gelegenheit suchten, einzugreifen. Aber Lander verdeckte ihnen die Sicht auf Bull Carr, und solange der Revolverschwinger die Waffe auf den Farmer gerichtet hielt, war es für ihn zu gefährlich.

Buster und Jimmy wussten bereits von der Gefährlichkeit dieses unheimlichen Mannes. Sie zogen es vor, seinem Befehl zu gehorchen und warfen ihre Colts aus dem Bunkhouse.

„Fangt endlich an!“, forderte Carr grob.

Monti schnellte vor und schlug Lander die Faust mitten aufs Kinn. Der alte Farmer taumelte zurück, und ehe er überhaupt eine abwehrende Handbewegung machen konnte, tauchte Monti wieder vor ihm auf und rammte ihm seine beiden Fäuste in den Leib.

Lander stöhnte wild auf und versuchte sich zu wehren. Bull Carrs ironisches Gelächter machte ihn wahnsinnig. Alle Vorsicht vergessend, riss der alte Mann die Arme hoch und schwang sie wie Mühlenräder um sich.

Monti war jedoch wie eine Ratte, schnell und zäh, und wenn er jemandem Schmerzen zufügen konnte, ohne dabei selbst welche einstecken zu müssen, dann tat er es mit Vergnügen. Lander hatte gegen ihn kaum eine Chance.

Der ungleiche Kampf dauerte keine fünf Minuten, dann lag Hank Lander besinnungslos im Staub.

„So“, sagte der Gunner zufrieden. „Das wird die Leute in und um Silver Rock hoffentlich zur Einsicht bringen. Sie werden sich merken müssen, dass Shane Warner der Boss ist und niemand anders.“

Er warf noch einen abschätzenden Blick auf Kathy, die immer noch die Brüstung der Veranda umklammert hielt und mit tränengefüllten Augen auf den am Boden liegenden Farmer blickte.

Kathy war im Augenblick nicht fähig, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Ihre Gefühle bestanden in diesem Moment nur aus Hass und Wut.

Sie sah wie durch einen Schleier, wie Carr hoch aufgerichtet, aber behände wie eine Schlange in der Dunkelheit hinter dem Geräteschuppen verschwand, und erst dann brach der Schrei von ihren Lippen.

Aufschluchzend warf sie sich über Hank Lander.



17

Schon vor den ersten Sonnenstrahlen war Tom Delaware auf der Main Street von Silver Rock. Er setzte sich auf die Bank vor der Schmiede und drehte sich eine Zigarette.

Tom sah, wie der alte Higgins weiter unten an der Straße seinen Store öffnete, auf den Gehsteig trat und einen Blick auf den Himmel warf, dann ein paar Fässer auf die Straße rollte, die sicher von einem Rancher abgeholt werden sollten.

Als nächster erschien Bob Egman vor seinem „Silver Dollar“, mit einem Besen in der Hand.

„Wird wieder ein heißer Tag“, rief er freundlich herüber.

„Bestimmt“, erwiderte Tom und dachte an die Zweideutigkeit seiner Worte.

Jeder Tag konnte jetzt praktisch die Entscheidung bringen. Man musste immer damit rechnen, dass Bull Carr die Zügel an sich riss und sein Spiel machte.

Shatter trat als nächstes aus dem Sheriff Office, reckte sich und rieb sich gähnend die Augen. Als er Tom Delaware vor der Schmiede entdeckte, verschwand er wieder und knallte die Tür zu.

„Sie sind früh auf“, sagte da Ben Forton hinter Tom.

„Gewohnheit, Ben.“

Der Blacksmith strich seinen Bart glatt und sah die Straße hinauf und hinunter. Seine Stirn furchte sich.

„Irgend etwas passiert, Tom. Ich rieche es förmlich. Sonst ist mehr Betrieb auf der Straße, um diese Zeit. Selbst die Cowboys bleiben fern, wo sie doch sonst morgens schon ihre ersten Drinks nehmen.“

Über den Silver Rock kroch die Sonne empor, die Dächer der Stadt funkelten rötlich auf, und die Schatten der Nacht wichen endgültig dem neuen Tag.

Drüben, auf der anderen Straßenseite, öffnete sich die Tür bei Doc Williams. Er wollte auf die Straße treten, doch als er Tom und den Blacksmith entdeckte, überlegte er es sich und blieb im Haus.

Tom schob seinen Stetson in den Nacken und sah Ben Forton fragend an.

„Was hat der denn?“

„Angst“, murmelte Forton. „Sie haben alle Angst. Haben Sie das noch nicht bemerkt, Tom?“

„Wie kann man vor einer Ratte wie Warner Angst haben?“

Der Schmied schüttelte bedeutsam den Kopf.

„Es geht nicht um Shane Warner. Leute wie er werden immer da sein und die Gewalt an sich zu reißen versuchen. Es geht um das Recht allgemein. Es ist schon lange her, seit hier in Silver Rock Ruhe und Frieden herrschte. Damals hatten wir die Chance, einen Mann an unsere Spitze zu stellen, der alle Shane Warners zum Teufel gejagt hätte. Tom Lander aber wurde heimtückisch ermordet, und Shane Warner bekam immer mehr Macht. Ein paar Leute beauftragten mich, gegen Warner anzutreten. Und weil ich den Frieden für diese Stadt will, werde ich mich zur Wahl des Mayor stellen. Ein anderer ist nicht mehr da.“

Ben Forton wollte noch weitererzählen, aber da klang weit vor der Stadt Hufschlag auf. Die beiden Männer blickten die Main Street hinauf nach Westen.

Irgend jemand musste es verdammt eilig haben, wenn er sein Pferd so antrieb. Das Trommeln der Hufe füllte bald die ganze Straße. Aber niemand trat auf den Gehsteig. Alles verkroch sich ängstlich in den vier Wänden.

Ben Forton stand da mit geballten Händen, als ahnte er, dass der Zeitpunkt der Gewalt herangekommen war.

Weit über den Hals seines Pferdes gebeugt, preschte ein Reiter heran. Noch war er nicht zu erkennen, aber sein Brauner wurde von der Wucht des Galopps fast gegen die Rails an der Schule getrieben. Nur mit Mühe gelang es seinem Reiter, das Pferd auf der Straße zu halten.

Kurz vor der Schmiede zügelte der Mann sein Pferd und richtete sich auf. Der aufwirbelnde Staub der Straße verdeckte den beiden Männern die Sicht auf das schweißbedeckte Pferd und sein Brandzeichen. Aber den Mann im Sattel erkannten sie beide.

Es war Jerome, der Oldtimer von der Lander-Farm.

Noch ehe er sein Pferd zum Stehen bringen konnte, sprang Jerome aus dem Sattel. Sein linkes Auge war dunkel angeschwollen, und aus einer klaffenden Wunde unterhalb des linken Ohres rann das Blut über sein Gesicht.

Keuchend rang er nach Atem, und Tom musste hinzuspringen, sonst wäre der Oldtimer vor den beiden Männern zusammengebrochen.

Ben Forton bewegte sich nicht. Aber seinem Gesicht sah man an, dass er auf die schrecklichste Nachricht vorbereitet war.

„Sie waren da …“, keuchte Jerome mühsam. „Hank Lander … hat es erwischt. Zuerst der Buggy … und jetzt…“

Tom führte den Alten zur Hauswand und drückte ihn auf die Bank. Dann eilte er zum Brunnen und kam mit einem Schöpflöffel voll Wasser zurück.

„Hier, trink das erst mal, Oldtimer“, sagte er leise, aber seine Stimme vibrierte.

Jerome trank von dem Wasser und nickte dem Texaner dankbar zu.

„Das tut gut, Boy. Also, auf der Rückfahrt zur Farm haben sie unseren Buggy zu Kleinholz verarbeitet und …“

„Das Wichtigste zuerst“, unterbrach Ben Forton rau. „Ist Hank tot? Und Kathy?“

Jerome schüttelte den Kopf.

„Hank ist nicht tot. Ihn hat es schwer erwischt. Dieser schwarze Teufel war da mit Monti. Sie haben Hank zusammengeschlagen. Ist erst heute morgen wieder aufgewacht und hat mir gesagt: Reite zu Ben! Ja, das hat er gesagt. Ich Rindvieh hätte gleich in der Nacht kommen sollen.“

„Kathy?“, fragte Ben Forton scharf.

„Die ist okay. Soll dich grüßen, Ben. Du sollst dir keine Sorgen machen. Aber ich muss dir trotzdem sagen, was der Farmer mir aufgetragen hat.“

„Komm rein, Jerome!“

Ben Forton drehte sich wortlos um und ging in die Schmiede. Als ihm Tom Delaware und Jerome folgten, war der Blacksmith gerade dabei, seinen Revolvergurt umzuschnallen. Er hatte ein so grimmiges, entschlossenes Gesicht aufgesetzt, dass Tom für einen Moment stumm in der Tür stehenblieb.

„Setz dich da hin und fange von vorn an zu erzählen!“, sagte Ben Forton. Er nickte zu einer Bank hinüber und ließ sich mit seinem Waffengurt gar nicht stören.

„Also, das war so“, begann Jerome, leckte sich erregt mit der Zunge über die Lippen und erzählte die Geschichte des Überfalls.

Tom und Ben hörten ihm schweigend zu, aber je länger Jerome erzählte, desto mehr spürte der Cowboy, wie die Wut auf Shane Warner und alle, die auf seiner Seite standen, von ihm Besitz ergriff.

Das Maß war voll, das stand fest. Auch Ben Forton schien fest entschlossen zu sein, nun mit der Faust auf den Tisch zu schlagen und eine Entscheidung herbeizuführen.

„Du wirst der nächste sein“, beendete Jerome die Nachricht von Hank Lander. „Das hat Hank gesagt. Dieser Berufskiller wird sich mit dir anlegen wollen. Er hat Dean Brand schon wie einen räudigen Hund niedergeschossen.“

Ben Forton starrte grübelnd in die schwach glimmende Kohlenglut des Schmiedefeuers. Jerome und Tom Delaware sahen ihn erwartungsvoll an, aber der Blacksmith behielt seine Gedanken für sich.

Plötzlich setzte sich Forton in Bewegung. Hoch aufgerichtet ging er auf den Ausgang zu und trat hinaus in den Morgensonnenschein. Seine Schritte hallten dumpf durch die Schmiede, und das ungewohnte Gewicht des Revolvers an seiner Hüfte zog den Waffengurt an der rechten Seite tief hinab.

„Einen Moment!“, sagte Tom rau, aber Forton nahm keine Notiz von dem Texaner.

Er erreichte die Straße und wandte sich nach rechts, dem „Golden Nugget“ zu. Noch immer wirkte die Main Street wie ausgestorben.

Tom Delaware rannte ihm nach und legte dem Schmied die Hand auf die Schulter. Ben Forton blieb stehen, sah Tom an, aber sein Blick schien durch den jungen Cowboy hindurchzugehen.

„Was wollen Sie mit dem alten Navy Colt, Ben? Doch nicht etwa eine Schießerei anfangen?“

Ben Fortons Blick wurde klar. Er griff zur Waffe und zog sie halb aus dem Holster.

„Dieses Schießeisen hat schon mein Vater getragen. Ich habe es vorher nie benutzt, weil ich keine Waffe nötig hatte. Aber jetzt ist das Maß voll. Warner soll den Kampf haben, den er schon so lange herbeisehnt.“

Tom schüttelte den Kopf.

„Sie würden nicht die geringste Chance haben, Ben. Da drüben wartet ein kaltblütiger Killer auf Sie. Er wartet doch nur auf eine solche Gelegenheit. Und mit dieser Kanone können Sie nicht mal eine leere Whiskyflasche auf fünf Yards treffen.“

Ein schwaches Grinsen huschte über Ben Fortons ledriges Gesicht.

„Ich weiß, dass Sie mir helfen wollen, Tom. Und ich weiß auch, dass Sie nur darauf warten, von mir zu Hilfe gerufen zu werden. Aber diese Sache muss ich allein durchstehen, mein Freund. Entweder muss ich diesen Weg gehen, oder ich kann zu laufen anfangen, und dann würde ich laufen, bis mir die Puste ausgeht. Es gibt nur diese beiden Möglichkeiten. Die letzte, das Laufen kommt, für mich nicht in Frage.“

Ben Forton schüttelte Tom ab und setzte seinen einsamen Weg fort.

Tom biss sich nachdenklich auf die Lippen. Forton würde niemals zulassen, dass er, der im Schießen erfahrene Mann, die Sache für ihn in die Hand nahm.

Fortons Schritte klangen dumpf durch die leere Stadt. Es schien, als hielte Silver Rock den Atem an.

Selbst die Sonne verdunkelte sich für einen Moment und hüllte sich in Wolkenfetzen.

Verdammt, sagte sich Tom, du kannst nicht hier stehenbleiben und zusehen, wie der alte Blacksmith aus den Stiefeln geschossen wird. Er marschiert dort geradewegs in die Hölle.

Mit einem Ruck setzte sich Tom in Bewegung. Seine Sporen klirrten. Als er Ben Forton erreichte, waren sie nur noch fünfzig Yards vom „Golden Nugget“ entfernt.

Mit hartem Griff packte Tom Ben Fortons Arm und riss den schweren Schmied herum.

„Seien Sie kein Narr, Ben! Ihr Weg führt Sie direkt in die Hölle. Nehmen Sie mich wenigstens mit, akzeptieren Sie meine Hilfe! Ich habe auch noch etwas mit den Burschen abzurechnen.“

Ben Forton schwoll eine rote Ader auf der Stirn an. Seine Augen begannen kalt und abweisend zu blitzen.

„Verschwinden Sie, Tom, das ist jetzt allein meine Angelegenheit!“

„Gut“, sagte Tom Delaware sehr sanft, wandte sich halb ab, um im nächsten Augenblick wieder herumzuwirbeln.

Seine Faust krachte mit unwahrscheinlicher Wucht gegen das Kinn des Blacksmith und holte ihn von den Beinen.

Ben Forton riss die Arme hoch, verdrehte überrascht die Augen und fiel in den Staub, wo er ohne Besinnung liegenblieb.

„Sorry, Ben“, murmelte Tom, sich die Knöchel reibend. „Aber ich musste es tun.“

Er richtete sich auf, sah noch einmal auf Forton, leckte sich entschlossen mit der Zunge über die trockenen Lippen und ging langsam auf den Saloon zu …



18

Im Saloon waren sie schon alle versammelt. Nur Shatter fehlte noch. Bull Carr stand an der Theke und genehmigte sich den ersten Whisky an diesem Morgen, als die Schritte draußen aufklangen und das Gemurmel der beiden Stimmen die Männer aufhorchen ließen.

Einige von ihnen eilten zum Fenster und starrten hinaus.

„Ist was los?“, erkundigte sich Shane Warner von oben her.

„Forton kommt, und dieser Cowpuncher folgt ihm. Jetzt haben sie eine Diskussion … he! Der Satteltramp hat ihn ausgeknockt. Was sagt ihr nun?“

Montis Gesicht war das reinste Fragezeichen.

Shane Warner eilte die Treppen hinab, um sich selbst von dem Zwischenfall zu überzeugen.

Nachdenklich betastete er sein Kinn, als er Tom Delaware allein auf den Saloon zukommen sah.

„Was sagen Sie dazu, Carr? Dieser Satteltramp scheint wahnsinnig geworden zu sein.“

Carr hatte mächtig viel Zeit, seinen Whisky zu trinken. Wie eine Katze trat er dann ans Fenster und sah hinaus. Ein hämisches Grinsen verzerrte sein Gesicht.

„Er fragt danach, Carr“, knurrte Warner. „Schaffen Sie ihn aus dem Weg, und dann können Sie gleich Ben Forton erledigen! Ich habe es satt, noch länger zu warten. Die Boys werden Ihnen von hier aus Rückendeckung geben.“

Bull Carr sah noch einmal kurz auf den jungen Cowboy, der da langsam die Straße heraufkam. Irgend etwas an der Haltung Tom Delawares beeindruckte den Schießer, aber Shane Warners Worte über die Rückendeckung entlockten ihm nur ein müdes Lächeln.

„Sagen Sie Ihren Leuten, sie sollen sich zurückhalten! Ich brauche keine Hilfe. Der da wird kaum meine Zeit in Anspruch nehmen. Das mache ich mit einer Hand.“

Wie ein Puma huschte Bull Carr zur Tür. Dort, im Halbdunkel, verharrte er noch einen Moment. Bis Delawares Schritte stockten und sich der Cowboy drüben auf der anderen Straßenseite aufstellte. Es sah aus, als wollte sich Delaware nur mal den Saloon von außen ansehen.

Bull Carr hielt schon ein verächtliches Grinsen auf den Lippen bereit, als plötzlich eine messerscharfe Stimme die Stille von Silver Rock durchschnitt.

„Komm heraus, Bull Carr! Ich gebe dir genau drei Minuten, dann hole ich dich!“

Der Revolverschwinger traute seinen Ohren nicht. Ein ironisches Lachen steckte in seiner Kehle, kam aber nicht heraus, so überrascht war er. Früher, als man ihn noch nicht kannte, da wurde er hin und wieder so zum Kampf herausgefordert, aber seit sein Name von Texas bis Arizona nur hinter der hohlen Hand geflüstert wurde, war es nicht wieder vorgekommen.

Nur ein Narr konnte dort draußen auf ihn warten.

Tom Delawares Herausforderung war bis in den letzten Winkel von Silver Rock zu hören gewesen. Jetzt hielt die ganze Stadt den Atem an und wartete auf Bull Carrs Reaktion.

Der Schießer stieß die Schwingtüren auf. Krachend schlugen sie gegen die Hauswand und quietschten beim Zurückschlagen.

Tom Delaware stand ganz ruhig und unbeweglich und sah hinüber zum Gehsteig, wo aus dem Schatten der Überdachung die große, schlanke Gestalt des Revolverschwingers auftauchte.

Tom entdeckte die ironisch herabgezogenen Mundwinkel des Schießers, seine hohnlachenden Augen, aber auch die Geschmeidigkeit, mit der sich Carr bewegte.

Es war totenstill auf der Main Street von Silver Rock.

Bis die ätzende Stimme Carrs diese Stille durchbrach.

„Man sagt, du seist schnell, Delaware. Ein scharfer Hund, sozusagen. Ich persönlich glaube, du bist ein Coyote. Etwas anderes kann ich nicht glauben, denn ich sehe nichts weiter als einen lumpigen Satteltramp auf der Straße.“

Tom ließ den Hohn einfach an sich abgleiten. Lässig stand er da, völlig gelockert. Er wusste, dass ihn Bull Carr dazu treiben wollte, den ersten Zug zu machen.

Wenn es auch in Toms Händen zuckte, er ließ sich nicht hinreißen, Carr diesen Gefallen zu tun. Tom überlegte in diesen Sekunden sehr scharf, und er rechnete sich gegen Bull Carr zumindest eine ebenbürtige Chance aus. Aber es kam darauf an, klaren Kopf zu behalten und mit eiskalter Überlegung auf den passenden Moment zu warten.

„Gut“, sagte Tom gelangweilt, „ich bin ein Coyote und ein Satteltramp. Nichts dagegen einzuwenden. Aber du, Carr, bist ein Skunk, ein Stinktier! Dein Gestank verpestet diese Stadt, und nicht nur diese Stadt. Seit ich dich einmal in New Mexico gesehen habe, werde ich diesen Gestank nicht los.“

Der Gunner war zuerst erstaunt über die gespielte Lässigkeit seines Gegners. Überrascht zog er die linke Augenbraue in die Höhe, und langsam bekam sein weißes Gesicht ein wenig Farbe. Schließlich begannen seine Augen zu funkeln.

„Du Ratte!“, stieß er giftig hervor.

Tom Delaware lächelte, aber er beobachtete seinen Gegner kühl und gespannt. Doch Carr machte noch keine Bewegung. Und als der Revolverschwinger fortfahren wollte, hob Tom nur leicht die Schultern.

„Well, Carr, worauf wartest du? Ich habe es satt, hier noch lange herumzustehen.“

Irgend etwas zerbrach von Carrs eiskalter Arroganz und gespielter Überlegenheit. Tom spürte diesen Zeitpunkt ganz genau.

Er sah, wie der großmäulige Kerl mit einer verwirrenden, fast unkontrollierbaren Bewegung reagierte, und Tom wusste, dass er schnell sein musste, schneller als jemals zuvor in seinem Leben.

Der unbändige Wille zum Leben trieb ihn vorwärts. Seine Rechte klatschte nach unten und riss den silberbeschlagenen Kolben der Smith & Wesson 44er Schofield nach hinten.

Als er aus der Hüfte abdrückte, sah er die beiden Mündungen der mörderischen Waffen Bull Carrs hochkommen.

Drei Schüsse peitschten durch Silver Rock, und sie hörten sich fast an, als würde eine einzige Kanonenkugel abgefeuert. Doch wer genau hinhörte, konnte feststellen, dass Delawares Kugel ihren Lauf um den Bruchteil einer Sekunde schneller verließ.

Tom sah durch einen roten Schleier, wie vor seinen Stiefelspitzen zwei kleine Staubfontänen aufspritzten, wie aber Carrs Körper wie ein vom Wind gepeitschter Cottonbusch zusammenzuckte, als ihn die Kugel in der Brust traf.

Tom konnte es noch gar nicht begreifen, dass er weiter atmete und auf seinen Beinen stand. Bull Carr hingegen taumelte um seine Achse und sank in einer Spirale zu Boden. Ungläubig starrte Tom auf die bewegungslose schwarze Gestalt, da ließ ihn Sporenklirren herumwirbeln.

Durch die Schwingtüren des Saloons stürmten Monti und ein anderer Schießer mit gezückten Colts.

Ohne lange zu überlegen, handelte Tom mit der gleichen Schnelligkeit, die ihn gegen Bull Carr überleben ließ. Er schoss aus der Hüfte, ohne sich die Mühe zu machen, den silberbeschlagenen Colt aus dem Holster zu reißen. Er drückte nur den Kolben nach hinten, zog den Abzug durch, und zweimal peitschten die Kugeln aus dem Lauf.

Monti kam noch dazu, selbst einen unkontrollierten Schuss abzufeuern. Die Kugel riss Tom den Stetson vom Kopf. Aber dann taumelte der kleine Schießer mit voller Wucht gegen einen Stützbalken des Gehsteigs und sank daran zu Boden.

Jetzt glaubte der junge Cowboy, sein Pensum erfüllt zu haben, aber als er sich aufrichtete und sich den Schweiß aus der Stirn wischen wollte, ließ ihn Ben Fortons Warnung erneut herumwirbeln.

Der Schmied war inzwischen aus der Ohnmacht erwacht, hatte mit Erstaunen mitansehen müssen, wie furchtlos Tom gegen Bull Carr antrat, und wie er dann mit eiskalter Überlegung noch zwei weitere Schießer aus den Stiefeln schoss.

Aber in diesem Augenblick flog die Tür des Sheriff-Office auf. Shatter witterte seine große Chance, Shane Warners erster Mann am Platze zu werden.

„Tom!“

Fortons warnender Ruf gellte durch die Main Street. Der Cowboy zuckte herum wie eine Giftschlange, die Hand am Kolben.

Er sah, dass er zu spät kommen musste, erkannte, dass dieser vierte Gegner im Vorteil war und erwartete jeden Moment den brennenden Einschlag in der Brust.

Da schoss Ben Forton. Zum ersten Mal in seinem Leben zielte der Blacksmith auf einen Menschen, und zum ersten Mal benutzte er die alte Waffe seines Vaters.

Der Schuss donnerte durch Silver Rock, und niemand war mehr erschrocken als Ben Forton selbst, als Shatter wie von einem Hufschlag getroffen, vom Gehsteig geschleudert wurde und neben den Rails vor dem Sheriff-Office den Staub berührte.

„Danke, Ben!“, rief Tom Delaware rau, und dann handelte er erneut.

Tom wusste, dass drüben im Saloon noch eine ganze Menge Schießer darauf warteten, ihn auszulöschen und dass Shane Warner seine Leute immer wieder auf ihn und Forton hetzen würde.

Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, um ein für allemal Schluss zu machen mit dem Gesindel.

Tom überlegte nicht lange, und er fragte auch nicht viel. Er hatte die Initiative ergriffen und wollte einen Schlussstrich ziehen.

Zielstrebig steuerte der Cowboy auf den Saloon zu.

„Wohin, Tom?“, rief Ben Forton.

„Jetzt hole ich die anderen Coyoten aus ihrem Nest, Ben.“

Forton schüttelte den Kopf und nahm noch einmal seine Waffe in die schwielige Faust.

„Verdammt will ich sein, wenn dieser Sonntagsschuss nicht noch einmal glückt. Ich komme mit.“

Hinter Tom marschierte er auf den „Golden Nugget“ zu.

Die Männer in der Bar sahen und hörten, was sie erwartete. Tische und Stühle scharrten über den Boden, eine schrille Stimme versuchte einige Befehle zu erteilen, da wurde bereits die Schwingtür aufgestoßen, und ein Mann wirbelte in den Raum.

Fünf Colts krachten auf einmal, aber sie verfehlten ihr Ziel, weil Tom Delaware längst am Boden lag und von dort aus schoss. Immer wieder wechselte er seine Position, rollte sich um sich selbst, schoss, spürte einmal das heftige Brennen im linken Oberarm, als eine Kugel ihm die Haut aufriss. Aber er war so in seinem Element, dass er erst zu schießen aufhörte, als Ben Forton mit donnernder Stimme dazwischenrief.

„Stopp, Tom!“

Tom schüttelte sich wie ein nasser Hund und raffte sich vom Boden auf. Der Colt war heiß geworden in seiner Faust, und der Barraum war angefüllt mit ätzendem Pulverdampf.

Ganz hinten, im letzten Winkel des Raumes hatten sich noch drei Männer verkrochen, die ängstlich die Hände in die Höhe hielten und winselnd um Gnade bettelten.

„Sind das die letzten, Ben?“

„Nicht ganz“, knurrte der Schmied. „Shane Warner fehlt noch. Er ist durch die Hintertür entwischt.“

„Mann“, stöhnte er, „das war Schwerarbeit.“

„Der Undertaker wird sich auch bei dir bedanken für diese Schwerarbeit“, erwiderte Ben Forton, kopfschüttelnd auf die Männer blickend, die den Boden des Saloons bedeckten.

Es war schwer zu glauben, aber dieser Texaner hatte in wenigen Minuten das geschafft, was eine ganze Stadt seit Monaten herbeisehnte. Shane Warners Mannschaft war bis auf ein paar Feiglinge gestutzt worden.

„Jetzt brauche ich einen kühlen Drink“, stöhnte Tom, schleppte sich zur Theke und lehnte sich schwer dagegen.

„Hat es dich erwischt, Tom?“

„Nein.“ Der Texaner schüttelte den Kopf. „Ich bin nur müde, verdammt müde.“

„Und dein Arm?“

„Mein Arm?“

Erst jetzt erinnerte sich Tom an das schmerzhafte Brennen im linken Oberarm. Er riss sich den Jackenärmel herunter und starrte den schmalen Blutstreifen an.

„Nur eine kleine Schramme.“

In diesem Moment tauchte der glatzköpfige Keeper hinter dem Tresen auf. Sein Gesicht war kalkweiß, seine Augen waren unnatürlich weit geöffnet. Er starrte Tom an, als hätte er ein Gespenst vor sich. Dichter Schweiß bedeckte das Gesicht bis hinauf zu seinem kahlen Kopf.

„Ein Bier!“, verlangte Tom. „Kalt muss es sein.“

„Yeah … Sir“, stammelte der Keeper, ängstlich nach Toms im Holster steckenden Colt starrend.

Tom bekam sein Bier, und auch Ben Forton nahm einen Drink. Während der alte Schmied trank, sah er immer wieder den jungen Cowboy an.

„Ist was?“, fragte Tom trocken.

Ben Forton nickte grimmig.

„Den Schlag von vorhin bekommst du irgendwann zurück. So was vergisst ein Forton nicht. Jetzt habe ich dir wohl mein Leben zu verdanken, he?“

„Möglich – vielleicht“, brummte Tom. „Wenn ich aber so richtig darüber nachdenke, glaube ich, dass du mich gar nicht gebraucht hättest.“

„Du meinst, ich wäre allein mit diesen Halunken fertig geworden?“, fragte Ben Forton sehr sanft, um dann im nächsten Augenblick zu explodieren. „Willst du mich jetzt auch noch auf den Arm nehmen?“

Lachend schlug er seinem jungen Partner auf die Schulter, wurde dann aber schlagartig ernst.

„Ich danke dir – nicht nur in meinem Namen. Ich glaube, Silver Rock ist dir etwas schuldig. Vielleicht …“

„Einen Moment!“, unterbrach Tom den Ausbruch des Blacksmith. „Vergiss nicht, wir sind noch nicht fertig. Shane Warner ist noch in der Stadt.“

„Dann sollten wir ihn suchen.“

Ben Forton kippte das Bier in sich hinein und trat vor die Tür auf den Gehsteig.

Überrascht blieb er unter dem schattigen Vorbaudach stehen. Die Main Street war voller Menschen. Stumm und schweigend standen die Bürger von Silver Rock da und starrten zum Saloon herüber. Ben Forton wurde der Hemdkragen zu eng. Er riss ihn sich auf, fühlte sich aber immer noch nicht wohler unter den Blicken der Leute.

Da trat ein Mann aus der Menge heran. Es war Bob Egman, der Eigentümer des „Silver Dollar“.

„Lebt er, Ben?“

„Wer? Shane Warner lebt. Er hat sich irgendwo verkrochen …“

„Nicht Warner, Ben“, unterbrach ihn der Salooner sanft. „Ich meine, ob Tom Delaware lebt.“

„Er lebt“, sagte da der junge Cowboy und trat durch die Schwingtüren.

Ein Raunen ging durch die Menge, und Tom erging es nicht besser als Ben Forton vor ihm. Unter den bewundernden Blicken der Menschen wäre er am liebsten im Erdboden versunken.

„Werden Sie in Silver Rock bleiben, Mr. Delaware?“, fragte Bob Egman laut, und die Menge hielt gespannt den Atem an.

Tom wusste nicht so recht, was diese Frage zu bedeuten hatte. Er zuckte die Schultern.

„Kann sein, dass ich noch eine Weile hierbleibe. Warum fragen Sie?“

„Wir alle“, sagte der Saloonbesitzer und machte eine weitreichende Handbewegung, „wir alle, Mr. Delaware, wollten uns erkundigen, ob Sie ab heute unser Sheriff sein wollen.“

Tom machte einen überraschten Schritt zurück, aber Ben Forton drehte sich um, und seine Augen begannen zu leuchten.

„Ich wüsste keinen besseren Mann für diesen Posten, Tom.“

Noch niemals hatte Tom Delaware einen Stern an der Brust getragen. Dieser Stern, so sagte er sich, verpflichtete und verlangte von einem Mann, dass er Vorbild war.

Tom dachte über sein vergangenes Leben nach und fragte sich, ob er wirklich fähig sein sollte, Recht und Gesetz zu vertreten, nur weil er ein paar Banditen ausgeschaltet hatte.

Gleichzeitig sagte er sich aber auch, dass kein Sheriff gleich mit einem Stern geboren wird. Irgendwie hatte jeder gute Gesetzeshüter angefangen, vielleicht war das Showdown an diesem Morgen sein Anfang gewesen.

Dann dachte Tom an die ferne Weite der Prärie, an die Mountains, an die kühlen Nächte am Lagerfeuer, an die Einsamkeit seiner Ritte. Irgendwie kam ihm diese Zeit schon unwirklich vor, als läge sie bereits in weiter Vergangenheit, obwohl er erst zwei Tage in dieser Stadt weilte.

Ein Gesicht tauchte vor ihm auf. Kathy Forton, das hübsche Mädchen mit dem langen, blonden Haar und der zarten Gestalt in Reitkleidung. Er sah wieder ihre braunen Augen mit einem seltsamen Glanz, als er auf Tolepec davonritt.

Kathy und der Sheriffstern konnten ihm die Zukunft bedeuten. Aber Tom dachte auch nüchtern über seine Chancen nach, während die Menge gespannt auf seine Antwort wartete.

„Ich kann euch jetzt noch nichts dazu sagen. Ich brauche noch etwas Zeit. Vielleicht entscheide ich mich heute Abend, vielleicht erst morgen.“

Bob Egman machte ein enttäuschtes Gesicht, aber Ben Forton, der den jungen Cowboy genau beobachtete, schien seine Gedanken zu erraten.

Er wandte sich an die Menge.

„Seid froh, dass er nicht sofort auf euer Angebot eingeht. Ein solcher Vorschlag muss überlegt werden. Und außerdem handelt ihr vielleicht nur aus einem Impuls heraus, vielleicht aus Dankbarkeit. Und außerdem … Shane Warner ist noch im Lande.“

Genau das war es.

Tom nickte dem Blacksmith dankbar zu.

Solange dieser Warner noch in der Nähe steckte und womöglich seine Leute zusammenrief, durfte sich Tom den Sheriffstern noch nicht an die Brust heften lassen.

Warner musste eine ehrliche Chance bekommen und durfte nicht auf einen Sternträger schießen.

Tom wollte außerdem nicht durch den Stern daran gehindert sein, mit diesem Banditenboss abzurechnen.

Es dauerte lange, ehe sich die Menge verlor. An Arbeit war an diesem Morgen nicht zu denken. Die beiden Saloons waren brechend voll. Es gab nur ein Gesprächsthema:

Showdown in Silver Rock.

Dieser Morgen ging in die Geschichte der kleinen Stadt ein, und ein Name war in aller Munde:

Tom Delaware.

Sie nannten ihn den Retter, den größten aller Revolverhelden, den schnellsten Mann von Texas bis Arizona. Aber gerade darauf legte Tom keinen Wert.

Er wusste, welche Anziehungskraft der Name eines Schießers besaß. Sie würden von allen Seiten kommen, um ihn herauszufordern und sich seinen Skalp an den Gürtel zu hängen.

Am liebsten wäre Tom in den Sattel gestiegen und hätte dieser Stadt Goodbye gesagt, um nie wieder zurückzukehren.

Auch das konnte er nicht. Gegen Mittag war die Stadt schon voller Ranchers, Farmer und Cowboys, und die Nachricht von der Schießerei am Morgen verbreitete sich wie im Flug. Es würde keine Woche vergehen, und Tom Delawares Name musste bis hinein nach New Mexico und Texas bekannt geworden sein.

Tom verkroch sich in der Schmiede und dachte über seine Situation nach. Der Menge konnte er entgehen, aber nicht dem Ruf als Revolverheld. Ihm blieb gar keine andere Wahl, als den Sheriffstern anzunehmen und sich dadurch vor schießwütigen Fremden zu retten.

Tom dachte verzweifelt darüber nach, wie er dem Schicksal Carrs, der Billy the Kids und der anderen großen Namen entgehen konnte. Er wollte nichts, als in Ruhe gelassen zu werden. In Frieden wollte er leben, sich eine Zukunft aufbauen. Und immer wieder, wenn er an diese Zukunft dachte, erschien das Gesicht Kathy Fortons vor seinem geistigen Auge.

„Hier bist du also“, sagte Ben Forton leise von der Tür her.

„Ja, hier bin ich“, antwortete Tom müde.

Ben Forton kam näher und legte ihm die Hand auf die Schulter.

„Ich weiß, was dich quält, mein Junge. Du hättest es vermeiden können, wenn du mich meinen Weg gehen gelassen hättest.“

„Dann würdest du jetzt da draußen liegen, und nichts hätte sich in Silver Rock geändert, Ben. Nein!“ Tom schüttelte den Kopf. „Für die Stadt ist es schon besser so.“

Ben setzte sich neben den Cowboy und starrte düster in das schwach glimmende Kohlenfeuer der Schmiede.

„In drei Tagen findet die Wahl statt. Shane Warner wird noch einen letzten Versuch wagen, seine Felle zu retten. Auch wenn seine besten Leute tot sind. Ein Mann wie er findet immer Dumme, die sich auf seine Seite schlagen und seine Kastanien aus dem Feuer holen.“

„Wo ist Warner?“

Der Blacksmith zuckte die Schultern.

„Als er Carr fallen sah, hetzte er seine Leute aus dem Saloon. Von diesem Zeitpunkt an hat ihn niemand mehr gesehen. Leute wie Warner lassen sich immer eine Hintertür offen. Vermutlich hatte er draußen ein gesatteltes Pferd stehen und ist damit geflohen. Aber er kommt wieder. Ich spüre es förmlich in den Knochen.“

Entschlossen erhob sich Tom.

„Ich werde ihn suchen“, presste er durch die Zähne. „Und ich werde erst zurückkommen, wenn ich ihn gefunden habe.“

„Du willst allein reiten?“, fragte der Schmied besorgt.

Tom zauberte ein schwaches Grinsen auf sein Gesicht.

„Ich bin jahrelang allein geritten. Vergiss das nicht, Ben!“

Tom ging grußlos hinaus. Er sattelte den schwarzen Hengst, überprüfte und fütterte den silberbeschlagenen Colt Tom Landers und stieg in den Sattel.



19

Die Sonne stand genau über Silver Rock, und die Dächer flimmerten vor Hitze. Von den Mountains herunter kam ein lauer Wind, der die ganze Hitze der Steppe durch die Straßen der Stadt fegte.

Irgendwo musste Shane Warner stecken. Irgendwie musste er sich verkrochen haben oder hingeritten sein, um eine Mannschaft zusammenzutrommeln.

Tom Delaware mied die Hauptstraßen, als er sich nach Osten wandte.

Es gab vier Richtungen, in die Warner geflohen sein konnte, aber Tom wählte die östliche aus reinem Instinkt heraus. Im Osten, da lag der Silver Rock, da lag der Silver Creek, und im Osten lag auch die Farm Hank Landers.

Die brütende Hitze kümmerte Tom nicht, und auch Tolepec, der schwarze Hengst, zeigte keinen Schweiß auf seinem Fell.

Ein Gefühl des Friedens überkam Tom in der weiten Ebene zwischen der Town und dem Silver Rock, und am liebsten wäre er jetzt einfach davongeritten. Aber irgend etwas Unerklärliches zog ihn hinauf in die Hills am Silver Rock.

Er überquerte den Creek, dessen Wasser golden im Sonnenschein blitzte, und näherte sich langsam den Felsen.

Plötzlich zügelte er den Hengst.

Hinter einem Felsen hervor kam langsam ein Reiter aus dem Schatten ins Sonnenlicht.

Tom griff unwillkürlich zum Kolben der Waffe, zog die Hand aber langsam wieder zurück.

Der Reiter saß wie eine Statue auf dem Rücken seines schneeweißen Pferdes, und sein blauschwarzes Haar wurde von einer einzigen Feder geschmückt.

Eine Rothaut!

Tom blickte argwöhnisch in die Runde, aber er konnte keinen weiteren Indianer entdecken. Er wusste allerdings, dass die Rothäute es meisterhaft verstanden, ihre Anwesenheit zu verbergen.

Bei seinen jahrelangen Ritten durch die Weiten des Westens war Tom nie mit Indianern zusammengestoßen. Um Indianergebiete hatte er immer einen weiten Bogen geschlagen. Er wollte nicht für Fehler anderer Siedler büßen müssen.

Jetzt konnte er nicht mehr ausweichen. Fast schien es so, als hätte dieser Indianer geradezu auf ihn gewartet.

Entschlossen lockerte Tom die Zügel und ließ Tolepec im Schritt weitergehen. Der Hengst schnaubte unruhig, und je näher Tom dem einsamen Reiter kam, desto misstrauischer wurde er.

Die Haltung des Indianers gefiel ihm nicht. Er saß unbeweglich da und beobachtete den Ankömmling nur. Tom lief trotz der Hitze ein kalter Schauer über den Rücken, als er daran dachte, dass dieser Mann nur die Hand zu heben brauchte, und aus den Felsen würde sich eine Horde wilder Rothäute wälzen.

Dicht vor dem Indianer verhielt Tom. Die beiden Männer sahen sich minutenlang schweigend an. Erst jetzt erkannte Tom, dass er einen alten Mann vor sich hatte, mit vielen Runzeln im Gesicht. Aber auf diesem Gesicht konnte man keine Regung entdecken. Nur die dunklen Augen waren hellwach auf Pferd und Reiter gerichtet.

Schließlich blieb der Blick des Indianers am silberbeschlagenen Griff des 44er Colt haften.

„Ich wusste, dass du kommen würdest, Bleichgesicht“, ergriff der Indianer schließlich das Wort. Seine Stimme war dunkel und rau wie ein Reibeisen. Aber auch in der Stimme lag weder Wärme noch Kälte. Sie klang so, als hätte die Rothaut alle Empfindungen unterdrückt.

„Du hast mich erwartet?“, fragte Tom erstaunt. „Weißt du denn, wer ich bin?“

„Ich weiß, wer du bist. Du reitest Tolepec und trägst auch den Colt von Ruda Matec.“

Tom sah zweifelnd in das Gesicht des alten Indianers. Er erinnerte sich an die Worte Kathy Fortons. Sie hatte ihm erzählt, dass Tom Lander den Hengst von einem Indianerhäuptling geschenkt bekommen hatte.

Er ahnte, dass er diesen Indianer vor sich hatte. Trotzdem fragte er: „Wer ist Ruda Matec?“

„Ruda Matec heißt guter Freund. Ihr Bleichgesichter habt ihn Tom Lander genannt. Tom Lander war mein Freund. Du reitest sein Pferd und trägst seine Waffe. Folge mir!“

„Einen Moment“, knurrte Tom, wieder misstrauisch geworden. „Wohin soll ich dir folgen? Ich habe weder das Pferd noch den Colt gestohlen – wenn es das ist, was du wissen willst.“

Der Indianer zeigte zum ersten Mal so etwas wie ein Gefühl. Über sein faltiges Gesicht huschte sekundenlang ein amüsiertes Schmunzeln, aber gleich darauf war er wieder ablehnend kühl.

„Rote Feder hätte dich längst getötet, wenn du ein Dieb wärest. Deine Knochen würden jetzt schon in der Sonne bleichen“, erwiderte der Häuptling der Cherokee verächtlich. „Folge mir!“

Der Indianer lenkte sein Pferd herum und ritt, ohne eine Antwort abzuwarten, auf einen schmalen Felsenpfad zu. Gleich darauf war er aus Toms Blickfeld verschwunden.

Tom zögerte noch. Der Indianer hatte recht. Vermutlich wäre er – Tom – nicht mehr am Leben, wenn er den Hengst und die Waffe gestohlen hätte. Aber woher wollte der Häuptling wissen, dass er sich die Sachen ausgeliehen hatte?

Misstrauisch folgte Tom Delaware dem Häuptling „Rote Feder“. Die Rothaut sah sich gar nicht nach dem Weißen um, sondern ritt langsam quer durchs Felsengebiet, ließ den Schimmel die steilsten Hänge erklimmen und hielt plötzlich auf dem Gipfel des Silver Rock.

Die Sonne ließ die Haut des Häuptlings wie alte Bronze aufleuchten. Fasziniert sah Tom von unten her zu ihm auf und bemerkte, wie der Häuptling mit der Hand für irgend jemand ein Zeichen machte.

Sofort war wieder gespannte Aufmerksamkeit. Er hatte keine Erfahrung mit Indianern, nur aus Erzählungen einiger Fallensteller und Pelzjäger wusste er, dass man sich nie auf eine Rothaut verlassen sollte.

Tom sah sich den Häuptling genauer an. Er trug keine Schusswaffe bei sich. Nur ein Messer steckte in seinem Gürtel. In dieser Beziehung brauchte er sich vor Rote Feder nicht zu fürchten. Er konnte sich den Indianer mit dem Colt vom Körper halten.

Aber was lag hinter dem Silver Rock?

Und wem hatte Rote Feder ein Zeichen gegeben?

Hinter jedem Felsen konnte ein Indianer lauern. Ihre Pfeile waren lautlos und tödlich.

Rote Feder erkannte Toms Unentschlossenheit. Ein wenig verächtlich rief er vom Felsen herab: „Nur Coyoten sind feige.“

„Lieber als feige gelten, dafür aber nicht als Leiche umherreiten“, gab Tom zurück.

„Blondes Haar hat gesagt, der Mann, der Tolepec reitet und den Silbercolt trägt, sei wie ein Bruder von Ruda Matec.“

„Blondes Haar?“, fragte Tom erstaunt. „Meinst du etwa Kathy Forton damit?“

„So wird sie von den Bleichgesichtern genannt.“

„Also Kathy hat dir von mir erzählt?“

Jetzt wurde Tom einiges klar. Klar wurde ihm auch, dass er vor diesem Indianer die Achtung verlieren würde, wenn er ihm jetzt nicht folgte.

„Reiten wir“, sagte der Cowboy, als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt.

Rote Feder setzte sich wortlos in Bewegung, und Tom Delaware folgte ihm. Mehr als einmal tastete er sich heimlich nach dem Kolben des silberbeschlagenen Colts vor, aber er fürchtete, vielleicht heimlich von anderen Indianern beobachtet zu werden.

Im Osten kündigte bereits die heraufziehende Dämmerung den kommenden Abend an, obwohl die Sonne im Westen noch nicht untergegangen war.

Es wurde jedoch schon merklich kühler, und Tom war dankbar dafür. Sein Magen hing ihm schon in den Kniekehlen, und seine Kehle war ausgedörrt und trocken. Da aber der Indianer keinen Halt machte, um eine Rast einzulegen, fand es auch Tom unter seiner Würde, ihn darum zu bitten. Das verächtliche Grinsen des Häuptlings hätte ihn verrückt gemacht.

Wem immer Rote Feder, von der Höhe des Silver Rock aus ein Zeichen gegeben hatte, der musste längst passiert worden sein. Denn als Tom einmal über die Schulter zurückblickte, konnte er nicht mal die Mountains mehr sehen.

Aber jetzt wurde das Land wieder hügeliger, und nicht weit entfernt befand sich eine felsige Wildnis, auf die sie schweigend zu ritten.

Während des ganzen Tages hatten sie außer dem ersten Gespräch kein Wort mehr gewechselt.

So konnte Tom seinen Gedanken nachhängen und darüber nachdenken, warum er diesem verdammten Indianer folgte und nicht nach Shane Warner suchte, der schon heute Nacht in Silver Rock einbrechen und ein Blutbad veranstalten konnte.

Plötzlich war der Ritt zu Ende.

Noch ehe die beiden Männer die Felsen erreichten, glitt der Häuptling aus dem Sattel und gebot Tom mit einem Handzeichen, seinem Beispiel zu folgen.

Verwundert stieg Tom vom Rücken des Hengstes und folgte dem Blick des alten Indianers.

Da entdeckte er eine andere Rothaut. Sie war hinter einem Felsen halb verborgen und machte den beiden Männern Zeichen.

Der Häuptling setzte sich in Bewegung, und sein Schimmel folgte ihm brav wie ein dressierter Hund.

Tom versuchte dasselbe und war sehr erstaunt, als Tolepec ihm willig folgte.

Abwartend hielt Tom einigen Abstand zu Rote Feder. Er sah, wie der fremde Indianer seinem Häuptling etwas zuflüsterte und dann im Felsengewirr untertauchte.

„Komm!“, forderte der Häuptling den Cowboy auf, dann sah er an ihm herunter und starrte die Sporen an den Stiefeln an.

„Nimm das Eisen von den Schuhen! Wir müssen leise sein wie eine Katze, schnell wie ein Puma und voller Kraft wie ein Bär. Wenn du ein Bruder von Ruda Matec bist, dann hast du diese Eigenschaften. Wenn nicht, wirst du den nächsten Sonnenaufgang nicht mehr erleben.“

Er drehte sich um und glitt die Felsen hinauf.

Tom stand einen Moment nachdenklich da und fragte sich, warum er so verdammt idiotisch war, alles zu tun, was dieser Indianer von ihm verlangte. Es wurde Zeit, dass er selbst die Initiative in die Hand nahm und der Rothaut den Colt an die Brust setzte.

Aber er schnallte gehorsam die Sporen ab und verstaute sie in den Satteltaschen. Tolepec graste friedlich neben dem Schimmel des Häuptlings, und Tom folgte Rote Feder seufzend.

Durch die Hügel strich ein frischer Wind. Manchmal peitschte eine Bö eine Krüppelkiefer, und das Rascheln des Buschwerks war wirklich das einzige Geräusch in dieser Einsamkeit.

Plötzlich kam ein neues Geräusch hinzu. In weiter Ferne schienen Leute ein Fest zu feiern. Immer wenn der Wind von vorn kam, brachte er verzerrte Laute von Gesang und Händeklatschen mit.

Tom holte den Häuptling ein und erkannte, dass sich das ledrige Gesicht des Alten noch mehr verdunkelt hatte. Die schwarzen Augen leuchteten voller Hass und Wut.

„Was ist das?“, fragte der Cowboy.

„Ein Skunk ist gekommen und hat meinen Brüdern die Sinne verwirrt“, erwiderte Rote Feder zischend.

Tom sah ihn fragend an, bekam aber nicht mehr als diese Andeutung heraus. Weiter ging die Kletterpartie. Tom hielt sich hinter dem Indianer und musste feststellen, dass Rote Feder wirklich geräuschlos wie eine Katze und gewandt wie ein Puma durch die Felsen kletterte.

Dann tauchte unvermittelt vor ihnen ein anderer Indianer auf. Er war dem Häuptling wie aus dem Gesicht geschnitten, aber statt der roten Feder trug er eine einzige winzige Feder im blauschwarzen Haar.

Sein Oberkörper war nackt, und Tom konnte das Spiel seiner Armmuskeln beobachten. Die beiden jungen Männer tasteten sich mit Blicken ab, dann streckte der Indianer dem Cowboy plötzlich impulsiv die Hand hin.

„Der Bruder von Ruda Matec ist auch mein Bruder. Ich bin Weiße Feder.“

Tom spürte einen festen, freundschaftlichen Händedruck.

„Ich heiße Tom, Tom Delaware.“

„Noch ehe die Nacht zu Ende ist, wirst du einen anderen Namen bekommen, Bruder. Sieh da hinüber!“

Sie hatten nur leise gesprochen. Jetzt machte Weiße Feder dem Cowboy Platz, und Tom schob sich dicht an den Felsen heran, hinter dem eine Talmulde sichtbar wurde.

Der Gesang und das Händeklatschen waren jetzt deutlich zu hören, und Tom wurde unwillkürlich an Wochenendnächte in Saloons erinnert, wenn die Cowboys aus der Umgebung mit ihrer Monatslöhnung in die Stadt kamen.

Zuerst traute er seinen Augen nicht. Dann wurde ihm manches klar.

Etwa zweihundert Yards unterhalb des Felsens, hinter dem sie lagen, hatten die Indianer ein Lagerfeuer entzündet. Einige Zelte waren im Halbkreis aufgebaut. Die untergehende Sonne schickte ihre Strahlen nicht mehr in das Tal, der flackernde Feuerschein tanzte gespenstisch über die Zelte.

Um das Feuer herum tobten etwa ein Dutzend Indianer. Andere saßen in der Hocke und klatschten rhythmisch zu dem wilden Tanz, der dort unten aufgeführt wurde.

Tom sah noch mehr.

Etwas abseits des Lagerfeuers lehnte ein dunkel gekleideter Weißer an einem Totenpfahl. Er hielt die Arme über der Brust verschränkt, und der Widerschein des Feuers geisterte manchmal über sein zynisch grinsendes Gesicht.

Shane Warner!

Noch zwei Weiße hielten sich dort unten auf. Sie versorgten die Indianer mit Alkohol. Gerade jetzt schleppten sie wieder einen Armvoll Flaschen in den Ring um die Tanzenden heran.

Der Tanz wurde unterbrochen, und mit lautem Gejohle stürzten sich die Indianer über das Feuerwasser.

Tom konnte es nicht mehr mit ansehen, wie dort Menschen sich in wilde Bestien verwandelten. Er trat zurück und setzte sich stumm mit dem Rücken an einen Felsen.

„Ist das der Mann, den du suchst?“, fragte Rote Feder lauernd.

Tom nickte bedrückt.

„Er ist es, Häuptling.“

„Die Männer vom Stamm der Cherokee sind sind lallende Weiber geworden“, sagte Rote Feder erbittert. „Das Feuerwasser hat ihre Sinne verwirrt und wird wilde Tiere aus ihnen machen.“

„Wie konnte das passieren?“

Die beiden Indianer sahen sich an, dann ergriff der Häuptlingssohn das Wort.

„Mein Vater und ich waren auf der Farm von Hank Lander, um unserem kranken Bruder zu helfen. Wir wissen, was dort passierte. Auf dem Ritt in unsere Wigwams begegnete uns ein Oldtimer und berichtete von dem Kampf in Silver Rock. Er sagte, du wärest stark wie ein Büffel, schnell wie eine Schlange und klug wie ein Adler. Stimmt es, dass du den Mann, den ihr Bull Carr nennt, im Kampf erschossen hast?“

„Es stimmt“, murmelte Tom.

Der Alte ließ ein beifälliges Gemurmel hören.

„Und stimmt es, dass du danach zwei Männer auf einmal erschossen hast, als sie dich angriffen?“

„Auch das stimmt.“

„Dann musst du ein Bruder von Ruda Matec sein. Und stimmt es, dass du diesen Mann dort unten, den Manitu verdammen wird, suchst, um ihn zu töten?“

„Ich suchte ihn, um ihn der gerechten Strafe zuzuführen.“

Rote Feder hob den Blick und musterte eindringlich Toms Gesicht, dann dessen Kleidung.

„Oldtimer sagte, sie wollten dich zum Weißen Häuptling in Silver Rock machen. Ich sehe den Stern nicht an deiner Brust.“

Tom schüttelte den Kopf und überlegte, wie er den beiden Indianern klarmachen konnte, was ihn gehindert hatte, schon am Morgen den Sheriffstern anzunehmen.

„Ich war bisher ein Herumtreiber. Nirgendwo hielt ich es länger als eine Woche aus. Als ich nach Silver Rock kam, eilte ich dem Blacksmith Ben Forton zu Hilfe und wurde dafür von den Männern Shane Warners überfallen und verschleppt. Ich kehrte nach Silver Rock zurück, um Ben Forton nicht im Stich zu lassen. Was sich auf der Farm ereignete, wisst ihr ja. Blondes Haar gab mir den Hengst Tolepec und Hank Lander diesen Colt. Als der Kampf zu Ende war, sollte ich den Sheriffstern tragen. Aber ich lehnte ab, weil ich mich nicht würdig fühlte.“

„Du bist würdig“, knurrte Rote Feder.

„Ich will ehrlich zu euch sein“, erwiderte Tom. „Zuerst muss ich noch mit Shane Warner abrechnen, damit er mir nicht vorhalten kann, ich verkröche mich hinter einem Stern. Und dann gestehe ich ehrlich, dass ich Angst habe.“

„Pah“, entfuhr es Rote Feder, „ich sehe dir an, dass du kein Weib bist.“

„Was fürchtest du?“, fragte Weiße Feder sanft und sah gespannt in Toms Augen.

„Es wird die Runde machen, dass in Silver Rock einer sitzt, der Bull Carr im ehrlichen Kampf getötet hat. Aus allen Gegenden werden die Schießer kommen, um mich herauszufordern und dann sagen zu können, sie hätten den schnellen Tom Delaware erschossen, Ihr wisst nicht, wie es bei uns zugeht.“

„Wir wissen es. Aber jetzt verstehe ich dich, und du steigst in meiner Achtung. Du meinst, Silver Rock wird ein Sammelpunkt weißer Skunks?“

„Genau, Weiße Feder, und das möchte ich vermeiden. Seht, wenn ich den Stern trage und für Recht und Frieden in einer Stadt verantwortlich bin, kann ich nicht auf der anderen Seite dauernd zu einem Revolverkampf herausgefordert werden. Das verträgt sich nicht mit dem Stern. Und deshalb werde ich das Angebot ablehnen und weiterreiten.“

Eine Weile schwiegen die beiden Indianer. Tom spürte, dass sie sich über seine Lage Gedanken machten. Die Cherokee lebten in guter Nachbarschaft mit den Farmern und Ranchers um Silver Rock. Einst hatte ihnen hier jeder Stein, jeder Handbreit Boden gehört, und in den frühen Siedlerjahren mochte sie auch manche Fehde mit den Weißen ausgefochten haben.

Aber der kluge Häuptling Rote Feder hatte eingesehen, dass es besser war, in Freundschaft mit den Weißen zu leben und sich in die Einsamkeit der Berge zurückzuziehen.

So hatte er seinen kleinen Stamm versammelt und ihnen Freundschaft zu den Weißen eingeschärft. In den letzten Jahren war nie eine Klage über Zusammenstöße zwischen Rot und Weiß vorgekommen, dank der klugen Führung des Häuptlings.

Aber nun versuchte ein gewissenloser Mann aus der Stadt, diesen Frieden zu zerstören und die Indianer für seine Ziele einzusetzen.

„Es gibt einen Weg, wie du den Stern annehmen und in Würde tragen kannst, Bleichgesicht. Kein kampflustiger Revolvermann kann dich herausfordern, wenn er keinen Revolver bei sich trägt.“

„Waas?“ Tom starrte Rote Feder erstaunt an. Dann endlich begriff er, und ein dankbares Lächeln huschte über sein Gesicht.

„Du bist ein Fuchs, Rote Feder. Du meinst, ich sollte nach meinem Antritt als Sheriff jedes Tragen von Feuerwaffen in der Stadt verbieten?“

„Wenn du für den Frieden bist, und die Bleichgesichter in der Stadt sind das auch, dann wird nur ein Verbrecher eine Waffe tragen, und du hast das Recht, ihm die Freiheit zu nehmen.“

Tom überlegte, und je länger er darüber nachdachte, desto erregter wurde er. Das war der Weg, der es ihm ermöglichte, in Silver Rock zu bleiben, den Posten des Sheriffs anzunehmen – und in der Nähe von Kathy zu bleiben.

Impulsiv streckte er dem Häuptling die Hand hin.

„Ich danke dir, Rote Feder, und ich hoffe, dass wir gute Freunde werden.“

„Ich auch“, gab Rote Feder knapp zurück, dann huschte er zum Felsen, um über den Rand hinweg ins Tal zu blicken.

Das wilde Treiben dort unten schien auf dem Höhepunkt angelangt zu sein. Die Indianer führten sich wie rasend auf, und einige lagen bereits völlig betrunken am Boden.

Man sah dem alten Häuptling an, dass er nur mit Mühe seine Wut und seinen Hass auf Warner unterdrücken konnte.

„Warum forderst du ihn nicht auf, deinen Stamm in Ruhe zu lassen und zu verschwinden, Rote Feder?“

„Weil ich meinen Stamm retten will“, stieß der Häuptling grimmig hervor. „Wenn ich diesen Skunk töte, kommen viele Weiße und nehmen Rache. Ich kenne das. Und das muss das Ende unserer Freundschaft mit den Weißen bedeuten – und auch das Ende meines Stammes. Du wirst ihn töten!“

Tom starrte zu Boden. Die Dunkelheit zog herauf, die Sonne war bereits untergegangen.

„Aber deine Männer, Rote Feder? Ihre Sinne sind vom Alkohol umnebelt. Sie werden unter dem Einfluss dieses Verbrechers alles tun, was er ihnen befiehlt.“

„Und er hat befohlen, dass sie die Stadt angreifen und bestimmte Leute umbringen sollen. Willst du, dass es soweit kommt?“

Tom schluckte schwer. Welch ein Verbrecher war doch dieser Warner, dass er als letzten Ausweg zu den Indianern eilte, um sie für seine schmutzigen Pläne arbeiten zu lassen. Wenn diese Horde betrunkener Indianer die Town überrannte, dann würde ein Blutbad angerichtet werden, wie Silver Rock es noch nie erlebt hatte.

Der Hass auf die Indianer würde von Neuem entfacht, und die Rache konnte nicht ausbleiben.

Tom war sicher, dass Shane Warner all dies bedacht hatte. Wenn die Indianer dann vernichtet worden waren, konnte ihm niemand mehr nachweisen, dass er der eigentliche Urheber dieses Gemetzels war.

Tom erhob sich entschlossen.

„Hast du noch Einfluss auf deine Leute, wenn ich jetzt mit Shane Warner rede?“

„Ich werde jeden töten, der es wagt, seine Hand gegen dich zu erheben“, schwor Rote Feder, und sein Sohn schloss sich diesem Schwur an.

Tom sah ihre Gesichter jetzt nur noch undeutlich. Aber vom Tal herauf kam jetzt weniger Lärm.

Shane Warner war seinem Ziel sehr nahe. Bald würde er die Indianer wecken und sie nach Silver Rock treiben.

„Gehen wir!“, sagte Tom heiser.

Vorsichtig huschte er durch die Felsen und suchte nach einem Abstieg ins Tal. Weiße Feder zeigt ihm eine passende Stelle, aber die drei Männer kamen nicht weit.

Warner musste geahnt haben, dass der Häuptling und dessen Sohn nach irgendeiner Möglichkeit suchten, sein Vorhaben zu vereiteln.

„Stopp!“, bellte eine Stimme von unten, und ein Gewehrhahn knackte aus dem Dunkeln.

Tom verhielt, aber hinter ihm raschelte es kurz, dann war Weiße Feder verschwunden. Nur noch der Häuptling hielt sich hinter dem Cowboy auf.

„Die Flossen hoch!“, bellte die gleiche Stimme von unten. „Ich habe dich genau vor dem Lauf, Rote Feder. Wer ist da bei dir?“

„Fahr zur Hölle!“, zischte der Häuptling.

Im nächsten Augenblick vernahm Tom das Zischen des Messers. Es wirbelte durch die Dunkelheit, aber es schrammte nur mit einem metallischen Klirren an einem Felsen entlang. Dafür brach der donnernde Schuss einer Rifle durch die Nacht.

Rote Feder stieß einen gurgelnden Laut aus und warf die Arme in die Luft. Tom hörte, wie der Häuptling hinter ihm röchelnd zusammenbrach.

Voller Wut klatschte Toms Rechte zur Waffe. Er bekam den silberbeschlagenen Colt frei, aber noch ehe er schießen konnte, zischte ihn von der Seite eine Stimme an.

„Ich brauche nur abzudrücken, Delaware.“

Der heiße Atem eines Mannes streifte Toms Nacken. Tom wusste, wann er verspielt hatte.

Warner war schlauer und gerissener, als er ihn sich vorgestellt hatte.

Langsam sank Toms rechter Arm nach unten.

„Und jetzt ab mit dir nach unten!“, befahl der Verbrecher kalt.

Die Mündung eines Revolvers bohrte sich in Toms Rücken. Brutal wurde er nach vorn gestoßen. Stolpernd suchte er sich den Weg durch das Felsenlabyrinth, ins Tal hinunter.

Das Lagerfeuer brannte nur noch schwach vor dem Halbkreis der Zelte. Einige Indianer glotzten die drei Männer schlaftrunken an, fielen dann wieder in ihren Rauschzustand zurück.

„Das ist also dieser Delaware, der Bull Carr aus den Stiefeln schoss“, knurrte der Mann, der neben Shane Warner her hinter Tom ging und seine Rifle schussbereit in den Fäusten hielt.

„Das ist er“, krächzte Warner. „Nimm ihm das Schießeisen ab!“

„Halte solange mein Gewehr fest, Boss.“

Tom horchte auf das kleinste Geräusch hinter sich. Er wusste, wenn er erst einmal entwaffnet war, würde Warner an ihm seine Wut auslassen. Er traute dem Desperado ohne Weiteres zu, dass er ihn kaltblütig ermorden ließ.

Tom dachte auch an Weiße Feder, der über den Tod seines Vaters den Verstand verlieren konnte. Hoffentlich besaß der Junge den gleichen Verstand wie sein Vater.

Schritte knirschten hinter dem jungen Cowboy; Im selben Augenblick wirbelte Tom herum. Er hatte das Glück, den Banditen genau zwischen sich und Warner zu haben. Offenbar war der Killer selbst vom Alkohol so benebelt, dass er diese Vorsichtsmaßnahme außer Acht ließ.

Tom schoss nicht. Er sprang den Mann nur an und setzte ihm die Mündung des 44ers an die Kehle. Mit der linken Faust stieß er den Kopf des Mannes nach hinten.

„Keine falsche Bewegung!“, zischte er den überraschten Banditen an.

„Aus dem Weg!“, schrie Warner mit schriller Stimme.

„Dein Boss wird auch dich durchlöchern, wenn er jetzt zu schießen wagt“, herrschte Tom den verängstigten Banditen an. „Sag ihm, er soll abdrücken!“

Noch ehe es zu einer Entscheidung kommen konnte, schoss eine dunkle Gestalt aus den Gängen zwischen den Zelten heran. Wie ein Phantom sprang Weiße Feder Warner überraschend von der Seite an. Der Salooner verlor das Gleichgewicht, stieß einen Schrei aus und stürzte zu Boden.

Ohne lange zu überlegen, riss Tom die Hand mit der Waffe hoch und schlug dem Mann vor ihm den Lauf auf den Kopf.

Tom spürte, wie der Körper schlaff wurde. Er ließ den Kopf los und trat einen Schritt zur Seite. Der Mann fiel wie ein gefällter Baum um.

Ein paar Yards weiter kniete Weiße Feder über Warner. Sein Messer hatte er an die Kehle des Verbrechers gesetzt, und die Augen des Salooners flackerten voller Furcht.

„Coyote“, zischte der Häuptlingssohn verächtlich, als Warner um Gnade winselte. Weiße Feder erhob sich, steckte sein Messer in den Gürtel zurück und spie angewidert aus. Dann stellte er sich breitbeinig hin und sah über das Lagerfeuer hinweg auf die zusammengesunkenen Gestalten seiner Krieger.

Shane Warner richtete sich zitternd auf.

„Hände weg von den Waffen!“, donnerte ihn Tom an, und der Salooner gehorchte.

Da im Augenblick keine Lebensgefahr bestand, fühlte er sich wieder sicher.

„Verschwinden Sie, Delaware, bevor die Indianer aus ihrem Rausch erwachen! Sie können sie doch nicht mehr halten. Silver Rock gehörte mir und wird mir auch wieder gehören. Die Leute da haben viel zu viel Angst vor mir. Hauen Sie ab, und lassen Sie sich nie wieder blicken!“

Tom schloss sekundenlang die Augen.

Am liebsten hätte er die Waffe hochgerissen und sie auf Warner abgedrückt.

Dieser größenwahnsinnige Verbrecher ekelte ihn an. Aber Tom bezwang seine Wut.

„Wenn diese Indianer aufwachen und zu hören bekommen, dass Sie den Häuptling ermorden ließen, werden Sie keine Sekunde länger auf Ihren Skalp stolz sein, Warner. Passen Sie auf, was Weiße Feder macht!“

Der Häuptlingssohn war an das langsam versickernde Feuer gegangen. Jetzt nahm er ein Bündel Reisig auf und schürte das Feuer erneut an. Ein paar leere Flaschen, die ihm dabei vor die Füße rollten, stieß er verächtlich beiseite.

Als die Flammen wieder hell aufloderten, und Weiße Feder mit verschränkten Armen direkt im Widerschein stand, sah er aus wie einer dieser großen, berühmten Indianerhäuptlinge aus der Zeit Sitting Bulls.

Selbst Tom zuckte zusammen, als der Häuptlingssohn einen unartikulierten Schrei ausstieß, der jedem Weißen das Blut in den Adern gerinnen lassen musste.

Aber die Indianer vor den Zelten kamen taumelnd auf die Beine. Ihr Rausch schien schlagartig verflogen zu sein, denn sie standen da und starrten Weiße Feder an.

„Rote Feder ist tot“, sagte er mit machtvoller Stimme, die keine Widerrede duldete. „Er ist von einem Bleichgesicht erschossen worden, von dessen Hand ihr dieses Teufelswasser angenommen habt.“

Die ersten Indianer sahen verschämt zu Boden. Andere suchten Warner mit den Blicken. Und zum ersten Mal überkam den Salooner ein Frösteln und ein Angstgefühl.

Auch Tom fühlte sich plötzlich unsicher, denn der Hass der Indianer auf Warner konnte leicht auf alle Weißen umschlagen.

Doch da sprach Weiße Feder schon weiter.

„Dieses Bleichgesicht da hinten ist ein Bruder von Ruda Matec, und er ist mein Bruder. Sein Name ist Ponoc Dali. Wer gegen ihn die Hand erhebt, erhebt sie auch gegen Weiße Feder. Ponoc Dali ist ein weißer Häuptling des Sterns. Er ist gekommen, um diesen feigen Coyoten Warner zum Kampf zu fordern, aber Warner hatte sich wie ein feiges Weib zu euch verkrochen und suchte eure Hilfe. Eure Sinne sind vom Feuerwasser umnebelt gewesen. Aber jetzt werdet ihr meinen Befehlen gehorchen, oder Manitu wird euch zu sich holen! Denn ich bin jetzt der Häuptling der Cherokee.“

Wie Raubkatzen huschten die Indianer heran, rissen Warner die Hände auf den Rücken und fesselten ihn. Der andere Bandit, der noch seinen Rausch ausschlief und von dem ganzen Vorgang kein Wort mitbekommen hatte, wurde ebenfalls gewaltsam aus dem Schlaf gerissen und gebunden.

Weiße Feder begab sich hinüber zum Felsengang und kam wenig später mit seinem Vater wieder. Er trug den alten Häuptling wie ein Kind in den Armen.

Rote Feder war noch nicht tot. Aber Tom sah, dass er es nicht mehr lange machen würde. Die Gewehrkugel war ihm in die Brust gedrungen.

Weiße Feder musste den alten Häuptling aufrecht an das Feuer setzen, damit der alte Mann alles überblicken konnte. Seine Lippen bewegten sich, und die dunklen Augen huschten noch ungebrochen in die Runde. Lange Zeit blieb sein Blick auf Tom haften, der langsam nähertrat.

„Ich habe gehört“, sagte Rote Feder sehr leise und unter Anstrengung, „wie Weiße Feder dich Ponoc Dali nannte. Du hast diesen Namen verdient und sollst ein Sohn unseres Stammes sein. Ponoc Dali heißt Tapferes Herz. Gebt euch die Hände, wie die Bleichgesichter Freundschaft schließen!“

Weiße Feder drückte Toms Hand kräftig, und ein fester Blick besiegelte eine tiefe Freundschaft zwischen beiden Männern.

Rote Feder verlor langsam an Kraft. Er begann Worte zu murmeln. Sie waren an seinen Sohn gerichtet und stellten das letzte Vermächtnis eines großen Häuptlings für seinen Stamm dar.

Tom stand daneben und bohrte sich die Fingernägel in die Handflächen. Ihm ging der Tod dieses alten Mannes, den er erst vor wenigen Stunden kennengelernt hatte, sehr zu Herzen.

Wenig später starb Rote Feder. Sein Sohn zeigte nach außen keinerlei Gefühl der Trauer. Er wandte sich um, überflog seine Krieger mit einem stummen Blick und winkte Tom hinüber zu den drei gefesselten Verbrechern.

„Der letzte Wunsch meines Vaters wird erfüllt. Kein Indianer wird diesen Coyoten ein Haar krümmen. Aber du wirst mit ihnen fertig werden, Ponoc Dali. Sie sollen mit dir um ihr Leben kämpfen. Eine Meile vor Silver Rock wird der Kampf stattfinden, damit alle Bleichgesichter sehen können, dass kein Sohn Manitus gegen die Weißen die Hand erhob. Howgh!“

Weiße Feder wandte sich ab und verschwand zwischen den Zelten. Tom aber stand da und presste erbittert die Zähne zusammen.

Es sollte sein letztes Revolverduell werden, das schwor er sich. Gegen den letzten Wunsch Rote Feders gab es ohnehin keine Widerrede.

„Ich reite zurück nach Silver Rock“, sagte Tom. „Dort warte ich auf euch.“

„Du kannst schon dein letztes Gebet sprechen“, rief ihm Warner krächzend nach. „Besser hätte sich Rote Feder gar nicht für mich entscheiden können.“

Tom hörte nicht mehr auf das Gelächter der Gefesselten, als er durch die Felsen stieg und Tolepec suchte.

Auf seinem Ritt zurück durch die Nacht versuchte Tom Delaware, nicht an eine Zukunft zu denken.

Denn ob es für ihn überhaupt eine Zukunft gab, musste sich bei Sonnenaufgang – beim Showdown mit Shane Warner – eine Meile vor Silver Rock entscheiden.



20

Ganz Silver Rock war auf den Beinen.

Noch ehe die Sonne über den Horizont im Osten kroch, noch ehe überhaupt ein Schimmer des heraufziehenden Morgens über dem Silver Rock sichtbar wurde, kamen die ersten Bürger aus der Stadt.

Reiter kamen aus allen Richtungen herbei. Es hatte sich herumgesprochen, welches salomonische Urteil Rote Feder gesprochen hatte, bevor er die Augen schloss.

Viele Männer behaupteten, man sollte nicht auf die alte Rothaut hören, sondern Shane Warner und seine beiden Killer einfach aus den Sätteln schießen, wenn sie kamen. Andere wollten noch einmal sehen, wie schnell Tom Delaware schießen konnte, wenn er gleich drei Revolver gegen sich hatte.

Der größte Teil der Einwohner von Silver Rock jedoch war der Meinung, Tom sollte sich den Sheriffstern an die Brust heften lassen und Warner und seine Kumpane verhaften und ins Jail sperren. Die Jury würde dann schon das Urteil fällen.

Tom hielt sich um diese Zeit noch in der Schmiede auf. Er war spät nach Mitternacht zurückgekehrt und hatte Ben Forton von dem bevorstehenden Ereignis erzählt.

Der Blacksmith rief sofort ein paar Leute zusammen und unterrichtete die Bürgerschaft. Wer schon geschlafen hatte, wurde aus dem Bett geholt. Und so kam es, dass alle Farmer und Ranchers der Umgebung Bescheid wussten.

Es war ein Mittwoch, aber für die Bewohner der Umgebung war es ein Sonntagmorgen, als man sich vor Sonnenaufgang vor der Stadt versammelte.

„Es wird Zeit“, sagte Ben Forton nach einem Blick auf seine Taschenuhr. „In einer halben Stunde geht die Sonne auf. Wir müssen los.“

„Ich muss los, Ben“, verbesserte Tom mit einem schwachen Grinsen.

„Du glaubst doch nicht, dass ich dich jetzt allein lasse, mein Sohn? Einen Moment. Ich nehme noch den Stern mit. Du wirst hoffentlich nichts dagegen haben, wenn ich ihn dir an die Brust hefte, wenn alles vorbei ist.“

Tom antwortete nicht. „Wenn alles vorbei ist“, hatte Ben gesagt. Vielleicht war dann auch für ihn alles vorbei.

Schweigend stieg Tom in den Sattel, und schweigend ritten die beiden Männer aus der Stadt. Nur noch ein paar Nachzügler eilten aus der Town nach Osten, dem Silver Rock zu, der mehr und mehr im Morgengrauen von purpurnem Licht umgeben wurde.

Nicht lange, und die Sonne würde über den Horizont kriechen. Vielleicht das letzte Mal, dass ich einen Sonnenaufgang zu sehen bekommen, dachte Tom. Und dann sah er Kathy Forton.

Sie saß neben Hank Lander auf dem Bock des Buggy, die Zügel fest in der Hand. Sie sah Tom an, und er entdeckte die Angst in ihrem Blich.

Er tippte gegen den Rand seines Stetsons und grüßte.

„Good Morning, Ma’am, Good Morning, Mr. Lander! Wie geht es Ihnen?“

„Besser als dir, mein Sohn“, brachte der zusammengeschlagene Farmer mühsam hervor. Trotz der vielen blauen Stellen und der aufgerissenen Lippen brachte Hank Lander ein zuversichtliches Schmunzeln zustande.

„Du wirst es schon schaffen, mein Sohn. Ich weiß es genau.“

„Ich auch, Mr. Delaware“, sagte Kathy leise und senkte rasch den Blick.

„Papperpalapp“, krächzte der Farmer. „Hör dir das an, Ben! Vorhin hat sie sich bald die Augen ausgeweint und nur von Tom gesprochen. Kein Auge hat sie diese Nacht zugemacht. Und jetzt sagt sie Mr. Delaware zu ihm.“

Ben Forton streifte seine Tochter mit einem schnellen Blick. Stolz sah er dann zu Tom Delaware hinüber.

„Sie kommen!“, rief da eine erregte Stimme.

Alle Leute blickten nach Osten. Es wurde totenstill im weiten Umkreis. So konnte man das Trommeln der Hufe vernehmen, das immer lauter und dröhnender herüberschallte.

An der Spitze seiner Krieger ritt Weiße Feder auf dem weißen Hengst seines Vaters.

Hinter ihm befanden sich die drei Weißen, die von den übrigen Indianern gefolgt wurden.

Shane Warner und seine beiden Komplicen waren nicht mehr gefesselt. Weiße Feder hob die Hand, der Reitertrupp kam zu einem Halt, und auf einen Wink des jungen Häuptlings wurden den drei Banditen ihre Waffen ausgehändigt.

„Ich komme mit“, presste Ben Forton durch die Zähne. „Drei gegen einen ist …“

„Du bleibst!“, herrschte Tom den Schmied an und ritt langsam auf die drei Banditen zu.

Hinter Tom bildete sich eine breite Gasse, ebenfalls hinter Warner, der ironisch grinsend dem einsamen Reiter entgegensah. Auch die Indianer verhielten sich abwartend.

Die Sonne kroch gerade über den Silver Rock, und Tom sah den roten Feuerball direkt hinter dem Salooner aufgehen.

„Zieh dein Schießeisen, Delaware, es ist der letzte Sonnenaufgang, den du zu sehen bekommst!“

Die beiden Komplicen hielten sich rechts und links von Warner. Ihre Hände schwebten klauenartig über den Holstern, bereit, den entscheidenden Zug zu tun.

Tom lächelte, wie er schon Bull Carr an gelächelt hatte.

„Das, was ich diesem Carr gesagt habe, gilt ebenfalls für dich, Warner. Du bist ein Skunk, und dein Gestank verpestet die Luft von Silver Rock. Niemand wird dich hier zum Mayor wählen. Die Entscheidung ist längst gefallen. Die Wahl fand nämlich gestern Abend statt.“

Über das Gesicht Warners lief ein Zucken. Das ironische Grinsen war wie weggewischt, und ein verzerrter Zug glitt darüber hin.

„Ist das wahr, Forton?“, schrie er aufgebracht.

„Es ist wahr, Warner.“

„Das habe ich dir zu verdanken, du …“

Niemand erfuhr mehr, welchen Namen er Tom Delaware geben wollte, denn noch ehe Warner zu Ende sprach, riss er seinen Revolver aus dem Holster.

Tom Delaware aber handelte wieder einmal mit einer verwirrenden, unkontrollierbaren Bewegung. Drei Schüsse peitschten aus dem Lauf des silberbeschlagenen Smith & Wesson Schofield 44er.

Shane Warner stürzte als erster aus dem Sattel in den Staub. Die beiden anderen Revolverschwinger kamen auch nicht zum Schuss. Vielleicht war Warners Reaktion zu früh gekommen, denn ehe sie abdrücken konnten, wurden sie von den Kugeln Delawares getroffen.

„Tom!“

Ein Schrei gellte auf, als die Schüsse fern in den Mountains verhallten. Und dann sprang ein blondes Girl vom Sitz des Buggy, rannte quer durch die Menge auf den schwarzen Hengst zu.

Tom glitt aus dem Sattel und fing das Mädchen auf.

„Es ist alles gut.“

„Wirst du hierbleiben?“, fragte sie und sah flehend zu ihm auf.

„Ich werde hierbleiben“, versprach Tom. Langsam löste er sich aus Kathys Armen und trat zu Ben hin. „Ich bin bereit, Mayor.“

Alle Bewohner von Silver Rock, die Farmer und Ranchers der Umgebung und auch die Krieger vom Stamm der Cherokee waren Zeuge, wie Tom Delaware der Sheriffstern an die Weste geheftet wurde und wie der junge Mann seinen Schwur leistete.

Bevor Weiße Feder mit seinen Männern zurück in die Berge ritt, verabschiedete er sich von Tom mit einem festen Händedruck.

„Wenn du mal Sorgen hast, Bruder, ruf mich in die Berge. Ich werde kommen.“

„Ich weiß, mein Bruder. Weiße Feder ist stolz auf dich, Ponoc Dali.“

Die Rothäute ritten davon, und die Menge begab sich zurück nach Silver Rock. In den beiden Saloons wurde der Tag gefeiert, aber Tom Delaware kam erst später dazu. Er legte seine erste Amtshandlung ab.

An den vier Stadteingängen wurden große Holzschilder errichtet. Darauf stand zu lesen:

„In Silver Rock ist das Tragen von Schusswaffen verboten. Revolver und Gewehre sind im Sheriff-Office abzugeben.“

Als alle vier Schilder standen, ging Tom Delaware durch die Saloons und begann die Waffen einzusammeln. Niemand beschwerte sich darüber. Sie alle erkannten, dass nun endlich Frieden herrschen würde in Silver Rock.

Diese Schilder sind noch heute an den Stadteingängen zu finden. Die Schrift ist zwar verwittert und das Holz wurmstichig und verrottet, aber die Bewohner von Silver Rock werden niemals den Stranger vergessen, der für sie sein Leben aufs Spiel setzte: Tom Delaware aus Texas.


ENDE

Kentucky-Melodie

Western von Larry Lash




Der Umfang dieses Buchs entspricht 135 Taschenbuchseiten.


Überlistet von seinen Feinden und von ihnen zu Boden geschlagen, war er ihnen nur um Haaresbreite entkommen. Amb Robinson schleppte sich durch die Gasse. Er sah das Abzeichen des Gesetzes im Dreck liegen und bückte sich, um es aufzuheben, denn tief war in ihm die Achtung vor dem Gesetz verankert. Als er nach dem Abzeichen tastete, da nagelte ein Stiefel seine ausgestreckte Hand am Boden fest, und gleichzeitig presste sich die Mündung eines Revolvers gegen seinen Nacken. Sein Todfeind hatte ihn gestellt! Das war die Minute der tiefsten Erniedrigung für den jungen Mann, der fremd in diesem Land war. Doch gerade er sollte es sein, der, diesen Stern des Gesetzes auf der Brust, den Banditen die „Kentucky-Melodie“ spielen würde!


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© Cover: Tony Masero, 2019

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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postmaster@alfredbekker.de



1.

Die Regenböen jagten einander. Schauer auf Schauer prasselte auf den jungen Reiter nieder. Grau war der Himmel, und das Land lag in eigenartiger Melancholie.

Ah, es störte Amb Robinson keineswegs mehr, dass beide Stiefel mit Wasser gefüllt waren, dass ihm das Reithemd und der darüber befindliche Umhang klatschnass am Körper klebten. Es störte ihn auch nicht, dass die aufgeweichte Stetsonkrempe einen Sturzbach niederprasseln ließ.

Es war April, und solche Dinge musste man eben in Kauf nehmen. Yeah, alles hätte Amb Robinson hingenommen, nur nicht, dass ein Gaul unter seinem Sattel ging, der alles andere als ein Reittier war … Nur dem Namen nach war es ein Pferd – in Wirklichkeit war der Falbe ein Ziegenbock. Schweif- und Mähnenhaare hatten das Alter ihm genommen. Sein eckiger, hässlicher Kopf pendelte unterhalb der Knie, als wäre er zu schwer für den mageren Hals. Kein Kosen, kein Schmeicheln und selbst Sporenhiebe und Schläge konnten diesen Gaul um ein kleines bisschen schneller vorwärts bewegen. Täglich legte er die Strecke von fünfzehn Meilen zurück; mehr war auf keinen Fall aus ihm herauszuholen. Yeah, auf diesem Gaul würde selbst der Präsident der Staaten eine lächerliche Figur abgeben. Amb wusste das. By gosh, und er war jung und stolz, hart und unduldsam, ein richtiger Texaner.

Well, Amb presste die Lippen aufeinander, als ihm sein Vater zum Abschied das Pferd mit den Worten überreichte: „Höre, Sohn, du wirst einsehen müssen, dass ich dir nur Isabell mitgeben kann. Eisenherz und Sonnyboy müssen auf der Ranch bleiben. Nun, die Jahre sind verflossen, die Fünf-Finger-Ranch ist klein geblieben. Ich habe Pech gehabt, die Herde vermehrte sich nicht gut, da das Raubzeug zu zahlreich ist, und weil ich mir keine starke Mannschaft halten konnte. Inzwischen bist du zwanzig Jahre alt geworden. Unsere Ranch ist zu klein für zwei Männer. Zieh hinaus und lass dir den Wind um die Ohren wehen, werde ein echter Weidereiter. Damit du es auch wirklich wirst, gebe ich dir einen Brief mit. Suche John Tanner auf. Er lebt in Kentucky, ist Vormann auf der Weide eines Rinderkönigs. Damals, als das Land noch wild und einsam war, waren Tanner und ich Trailgefährten. Wir ritten Seite an Seite, und uns gehörte das weite Land. Wir steckten es sozusagen in die Tasche. Well, ich habe für dich getan, was ich konnte, habe versucht, dir deine Mutter zu ersetzen, die bei deiner Geburt starb, habe versucht, aus dir einen rechten Mann zu machen. Du kannst schießen, reiten, Lasso werfen und die Bullpeitsche schwingen, verstehst mit Rindern umzugehen, und nun wirst du beweisen müssen, was in dir steckt. – Cheerio, Sohn!“

Das war die längste Rede, die Amb jemals von seinem Vater gehört hatte. Sie nahmen Abschied, und Amb hatte die huflahme Isabell aus dem Corral geholt. Yeah, er sah ein, dass die beiden Braunen Eisenherz und Sonnyboy auf der Ranch bleiben mussten. Ohne diese Broncos hätte die Fünf-Finger-Ranch aufgehört zu existieren.

Wortlos trennte sich Ambs Vater von seinen Eisen. Es waren 44er Colts mit einfachen, dunklen Kolben. Mit bebenden Händen schlang der Vater den Waffengurt um Ambs Hüften, wandte sich schweigend ab, ergriff den Packen, und mit seltsam verzerrtem Gesicht half er ihm, Isabell aufzusatteln, dann stand er am Ranchtor und sah ihm nach.

Ob er ihn jemals wiedersehen würde?

Nun waren schon Wochen vergangen. Tage und Nächte reihten sich aneinander.

Fünfzehn Meilen am Tag legte Isabell zurück, und Amb hatte Zeit, genug, sich ausgiebig die Gegend anzusehen. Nachts rollte er sich in seine Schlafdecke ein und träumte mit wachen Augen von wilden Ritten auf wunderschönen Pferden und von erregenden Abenteuern.

Holy gee, er war jung – und das erkannten auch die Cowboys, die ihm auf seinem Trail begegneten. Ja, sie erkannten noch mehr, keiner wagte es, über das traurige Aussehen des Falben zu grinsen. Sie unterdrückten ihre Heiterkeit und prusteten erst ihr Lachen heraus, wenn Pferd und Reiter außer Sichtweite waren.

Teufel auch, über den Gaul konnte man wirklich lachen, nicht aber über den Reiter! Amb Robinson hatte trotz seiner Jugend etwas an sich, was zur Vorsicht mahnte. Well, er war einer von der Sorte, die jedes Lächeln für Schimpf und jeden Blick für eine Herausforderung hielten.

Und nun ritt Amb durch den Regen und sann über seinen Trail durch Arkansas und Tennessee nach. Beide Staaten hatte er passiert. Jetzt befand er sich in Kentucky. Hinter den nächsten Hügeln musste Evansville, das Ziel seiner Reise, auftauchen.

Linker Hand schob sich ein Stangencorral aus dem Regendunst, dann schälten sich die verschwommenen Konturen eines langgestreckten Blockhauses hervor, ein offener Schuppen schloss sich an.

Pferdeschnauben und -wiehern klang herüber.

Hier könnte man absteigen, dachte Amb und lenkte Isabell der offenen Überdachung zu. Drei gesattelte Pferde standen dort und wichen scheu zur Seite. Wahrscheinlich hatten sie Achtung vor dem ehrbaren Alter Isabells. Amb rutschte indes steifbeinig aus dem Sattel.

„Altes Mädchen“, knurrte er leise. „Das hier ist ein Postkutschenstation und zugleich eine Handelsniederlassung. Man kann hier alles bekommen, was das Herz begehrt, und, by Jove, mich verlangt nach einem scharfen Whisky!“

Eilig band er den Falben an der Haltestange fest. Das Regenwasser in seinen Stiefeln gluckste leise. Aus langer Gewohnheit heraus betrachtet Amb aufmerksam das Brandzeichen der anderen Tiere. Er wollte sich gerade abwenden, als eine Stimme in seinem Rücken ihn förmlich herumriss und seine Hände zu den Colts fahren ließ.

„Hallo, Mister!“

„Hallo!“, murrte Amb und nahm die Fäuste von den Kolben.

„Niiiicht – nicht schießen!“, schrillte der kleine, schreckensbleiche Mann im Hintergrund. „Teufel auch, haben Sie einen glatten Zug!“, fügte er hinzu und atmete hastig. „Eyah, aber dort drinnen in der Station ist einer, der Ihnen gewiss noch über ist … Rate Ihnen nicht, hineinzugehen!“

Amb war mit seiner schnellen Musterung fertig. Der Kleine war gewiss kein Weidereiter. Er trug weder Waffen noch die Tracht der Cowboys. Vielleicht war der ungepflegte, zahnlose Kerl ein Tramp, der Teufel mochte es wissen!

Amb zog die Oberlippe ein wenig hoch, so dass seine weißen Zähne aufblitzten.

„Um mir das zu sagen, sind Sie herausgekommen, Mister?“

Wahrscheinlich hatte noch niemand den Kleinen mit Mister angeredet, denn es tat ihm sichtlich gut. Er nickte ernsthaft, und erst jetzt sah Amb, dass er gute, helle Augen hatte.

„Yeah, nur um Ihnen das zu sagen. Ich sah Sie heranreiten und hörte, wie Mister Hug Drehly Ihr Pferd verhöhnte …“ Er verstummte, denn Amb ging bereits mit schnellen Schritten an ihm vorbei.

„Heilige Mavericks, was wollen Sie tun, Gent?“

„Ich will mir nur den Mann ansehen, der sich Hug Drehly nennt“, gab Amb zur Antwort.

„Sie haben keine Chancen, Mister! Sage Ihnen, dass Hug Drehly ein gewaltiger Mann ist. Er ist großspurig, und sein Wort ist in Evansville Gesetz. Reiten Sie weiter, Mister …“

Amb stoppte. Der Kleine kam hinter ihm her, wischte sich den Regen aus dem Gesicht und blieb keuchend neben ihm stehen.

„Hier haben Sie einen Dollar für die Nachricht, Mister“, erwiderte Amb gelassen und sah zu, wie sein Dollar gierig aufgefangen wurde. Dankbar wackelte der Kleine mit dem Kopf. „Wenn Sie es wünschen, versorge ich Ihr Pferd, Mister!“, raunte er.

„Well, tun Sie das, ich will mir inzwischen Hug Drehly ansehen“, knirschte Amb aufgebracht. Zum Teufel – man sollte nicht über ihn lachen – niemand hatte das Recht dazu!

„So jung noch“, murmelte dann der krummbeinige Alte hinter ihm her, „so jung – und gleich fährt er zur Hölle!“

Yeah, Amb wollte sich Hug Drehly ansehen, der es wagte, über sein Pferd zu spotten, der der große Mann von Evansville sein wollte, ausgerechnet der Stadt, in der John Tanner lebte.

Entschlossen stieß Amb die Schwingtür mit der linken Stiefelspitze auf. Tabakrauch und Stimmenlärm schlugen ihm entgegen. Gerade prasselte eine Lachsalve aus rauen Männerkehlen, und Amb sah sich dem breiten Rücken eines schwarzhaarigen Mannes gegenüber, hörte noch seine letzten Worte: „Ich werde ihn dazu zwingen, mir den Ziegenbock zu verkaufen …“

Mitten im Satz brach er ab; denn das Gelächter der anderen verstummte schlagartig. Durch die Rauchschwaden hindurch sah Amb in bleiche Gesichter, sah, wie der Keeper hinter der Theke sich versteifte. Vier Männer sahen ihn an – warfen ihm giftige, höhnische Blicke zu. Nur der fünfte, eben jener, der ihm den Rücken bot, zeigte sein Gesicht nicht. Die betonte Lässigkeit seiner Haltung und die tief geschnallten Eisen redeten eine nicht zu verachtende Sprache.

Wenn einer aus diesem Verein gefährlich war, dann gewiss er. Er hatte die Geschmeidigkeit einer großen Raubkatze, und seine bassstimmigen Worte waren ohne Erregung, als er seinen Kumpanen zuwarf: „Na also, das Geschäft kann beginnen!“

Teufel, dieser Mann war hart und hatte bestimmt keine Nerven.

„Tom, führe du die Verhandlung!“

Der mit Tom Angeredete war ein wahrer Goliath, ein Muskelpaket. Er zuckle leicht zusammen und erhob sich mit einer ironischen Verbeugung von seinem Stuhl.

„Willkommen!“, rief er Amb Robinson zu. Es machte ihm sichtlich Vergnügen, der Aufforderung seines Bosses Folge zu leisten. Doch Amb übersah ihn einfach. Himmel und Hölle, wer in Kentucky würde es wagen, Tom Mahltzahn zu übersehen? By gosh, das war ein starkes Stück! Jeder Reiter, und es gab deren viele in Kentucky, wurde schon bei seinem Anblick klein und hässlich, doch dieser junge Bursche hatte offenbar keinen Respekt vor ihm. Er löste sich von der Schwingtür, kam lässig heran, baute sich vor der Männergruppe auf, und seine Stimme schwang voll Trotz und bissiger Erregung, als er hervorstieß: „Sie brauchen wohl einen Aufseher, Mister, wie?“

Diese Worte waren direkt an den schwarzhaarigen Beidhandschützen gerichtet, und nun erst konnte Amb Robinson in das dreieckige, seltsam anziehende und zugleich abstoßende Gesicht des Mannes sehen. Jetzt erst; denn ruckartig wandte es sich ihm zu. Unter der breiten Stirn standen buschige Brauen, und in tiefen Höhlen brannten ein Paar höllische Augen.

„Wohl Texaner, wie?“, fragte der Mann überrascht, und nun erst musterte er Amb voll kühler Neugierde.

„Yeah“, knirschte Amb, „ich bin Texaner und bin nicht gewillt, etwas hinzunehmen …“

„Nun, man sagt, dass die Cowboys aus Texas gut mit den Eisen zu wedeln verstehen.“

„Man sagt das nicht nur, es ist auch so, und Sie können es gern ausprobieren!“, zischte Amb. Er ließ keinen der Männer aus den Augen, beugte sich vor und spreizte die Beine.

„Alles zu seiner Zeit“, lächelte der höllische Bursche. „Du bist noch nicht groß genug, um mit uns anzubinden. Wir wollten dich nur fragen, ob du dein Schaukelpferd für drei Dollar verkaufst – das war alles!“

Der Schwarzhaarige maß Amb mit einem leichten Lächeln, hielt seinem Blick stand, und seine Ruhe ließ die anderen Kerle leise auflachen.

„Nun – du willst doch nicht etwa mit deinen Eisen durch die Gegend wedeln, wie? Schau dich nur um, du hast keine Chance, und ich will verdammt sein, wenn ich mich mit einem Milchbart schieße.“ Der Mann grinste anzüglich.

Er konnte es, denn hinter Amb hatte sich der Keeper aufgestellt. Der abgesägte Lauf einer Schrotflinte zeigte auf Ambs Rücken.

„Fein ausgedacht“, zischte Amb. „Ich glaube nicht, dass ihr dies mit mir wagen würdet, wenn John Tanner …“ Er verstummte. Es war zu offensichtlich, dass der Name John Tanner allen geläufig war. Sie ruckten die Köpfe hoch, und wenn sie ihn bisher mit einer Mischung von Schadenfreude und herablassender Ironie bedacht hatten, so änderte sich dies augenblicklich.

Yeah, der Schwarzhaarige stieß sogar einen leisen Pfiff aus, entblößte die gelben Zähne. Tief in seinen nachtdunklen Augen begann es zu schwelen, zu glimmen.

Amb biss sich auf die Lippen, ahnte, dass er etwas falsch gemacht hatte. By gosh, der Name John Tanner wirkte auf diese Gesellschaft wie ein rotes Tuch.

„Hat Tanner dich geschickt?“, klang die scharfe Frage.

„Das geht dich einen wunderbaren Dreck an“, gab Amb zurück.

„Nun, wir werden sehen.“ Wie ein Wirbelwind kam der Schwarzhaarige auf die Beine, doch Amb war schneller.

Er sauste vor und schlug gerade in dem Augenblick zu, als der Schwarzhaarige vom Stuhl schnellte. Alle Wucht hatte er in diesen Schlag gelegt, die ganze Kraft seiner einhundertfünfundsiebzig Pfund. Seine Faust traf den Gegner und warf ihn mitsamt dem Stuhl gegen den Tisch. Gläser und Flaschen klirrten. Die vier Burschen sprangen hoch, konnten aber nicht verhindern, dass ihr Boss über den Tisch hinwegsegelte und alle Gläser und Flaschen mit sich nahm. Es war unverkennbar, dass sie Amb Robinson für einen kläffenden Dackel gehalten hatten, jetzt aber einen wütenden Tiger in ihm sahen – und sie selbst hielten sich für Löwen. Vier muskelharte, sehnige, ausgewachsene Löwen gegen einen Tiger – by gosh, was sollte da schon werden? Man konnte es vorausahnen.

Der Muskelmann Tom Mahltzahn fletschte seine Zähne. Das tat er immer, wenn ihm etwas über die Leber gelaufen war. Alle vier drangen gleichzeitig auf Amb ein. Aya, davon verstanden sie einiges, das musste man ihnen lassen. Keiner griff zum Eisen – wozu auch – sie wollten ihren Spaß haben, und den sollten sie bekommen.

Amb bekam die erste Tracht Prügel seines Lebens. Sie droschen auf ihn ein, spielten ihn sich gegenseitig zu, und so sehr er auch die eigenen Fäuste in Bewegung setzte, so sehr ihn auch Wut und Grimm anspornten, so sehr er auch immer wieder versuchte, die Mauer aus Muskeln und Sehnen aufzubrechen – er prallte ab.

By gosh, sie hätten ihm die Seele aus dem Leib geprügelt, wenn nicht der Schwarzhaarige eingegriffen und ein jähes Halt befohlen hätte.

„Er ist erledigt.“ Das war alles, was er sagte. Und wahrhaftig, das war keinesfalls gelogen, denn Amb lag am Boden und regte sich nicht mehr.

„He, Keeper, schaff den Boy fort und wisch dann den Boden auf, möchte nicht, dass Miss Dunnhill das Blut sieht. Los, beeil dich, sie kann jeden Augenblick eintreffen!“ Nach diesen Worten blickte er seine Männer an. Seine Augen wurden zu schmalen Schlitzen, und seine Nasenflügel bebten.

„Gents, wenn mich nicht alles täuscht, hat uns Tanner diesen jungen Wolf an den Hals gehetzt. Möchte nur wissen, warum er sich keinen besseren Mann aus seiner Mannschaft aussuchte. Nun, das ist seine Sache – und schließlich war der Boy nicht einmal so schlecht, was ich deutlich an euch sehe. Er hat jedem von euch seine Fäuste zu spüren gegeben. Wirklich, er hat euch einige Zeit aufgehalten und zu schaffen gemacht. Nur der Teufel mag wissen, warum Tanner ihn auf so einen Ziegenbock von Gaul gesetzt hat. Vielleicht glaubte er, dass ein Reiter auf so einem Gaul einen schlechten Eindruck macht und weniger beachtet wird. Er hat sich jedoch getäuscht. Und nun, Gents, sorgt dafür, dass ihr der Lady nicht mit Kampfspuren auf dem Gesicht vor die Augen kommt. Ihr wisst, dass sie alles hasst, was auf rohe Gewalt deutet.“

Er strich sich mit der Hand über seinen Nasenrücken, schaute mit grimmiger Genugtuung und gerunzelten Brauen auf den Keeper, der den Ohnmächtigen über die Schulter wuchtete und mit ihm ins Nebenzimmer verschwand.

„Er war wirklich nicht schlecht, der Boy“, meinte Tom Mahltzahn mit funkelnden Augen. „Er wird mal eine harte Nuss, und es kann sein, dass keiner von uns sie dann knacken kann!“

„Yeah, wenn“, dehnte nun der Schwarzhaarige vieldeutig. „Vielleicht hat er für immer genug – für immer …“

„Der nicht, Boss, das ist ’ne harte Sorte“, knurrte Mahltzahn, „der muss drei- oder viermal zusammengeschlagen werden, und dann ist es immer noch ungewiss, ob man ihn brechen kann. Teufel, ich werde auf ihn achtgeben!“

„Dafür werden wir wohl kaum noch Zeit haben, Miss Dunnhill braucht unseren Begleitschutz, macht, dass ihr wieder wie normale Menschen ausschaut!“, fauchte Hug Drehly.

Die Boys wandten sich schweigend ab. By Jove, zwei seiner Leibgarde hatten zugeschlagene Augen, einem fehlten drei Vorderzähne, und Mahltzahn rieb sich mit faunischem Lächeln seine stark lädierte Nase. Selbst Hug Drehly massierte sich sein Kinn und tastete nach einer gewaltigen Beule an der Stirn.

Hug Drehly ließ sich wieder an seinem Tisch nahe dem Fenster nieder und spähte hinaus.

„Gents“, rief er, „Gents, beeilt euch, der Einspänner kommt!“

In diesem Augenblick wurde drinnen in der Küche der fünfte Wassereimer über Amb Robinson geleert. Er lag auf rohen Dielen, schnaufte und murmelte: „Kein Wasser, Gents, ich habe doch Whisky bestellt!“

„Ich sagte doch, dass er noch lange nicht am Ende ist“, zischte eine heisere Stimme. Diese Stimme war es, die Amb restlos munter machte. Er riss die Augen auf, sah dem zahnlosen Alten in das grinsende Gesicht. Himmel, der Kleine war wirklich ein Tramp, die Karikatur eines Menschen. Mit einem Ruck hockte sich Amb auf, stöhnte, biss die Zähne zusammen.

Stechende Schmerzen zogen durch seinen Körper, vor seinen Augen kreisten feurige Spiralen. Es war ihm flau in der Magengegend, und seine Knie schienen aus Pudding zu sein. Er riss sich zusammen, schob den grinsenden Tramp zur Seite, taumelte einige Schritte, musste sich an der Tischkante festhalten und versuchte, seine rasselnden Atemzüge zu beruhigen.

„Boy, du bist unter einen Dampfhammer geraten, und wenn du jetzt ins Nebenzimmer gehst, wird man dir den Rest geben“, raunte der Barkeeper besorgt.

Amb hörte die Warnung nur mit halbem Ohr, war schon an der Tür, riss sie auf.

Der Schankraum war leer – Hug Drehly und seine Leibwache verschwunden.

Amb stieß ein unterdrücktes Stöhnen aus, zischte einen Fluch vor sich hin, und erst jetzt tastete er nach seinen Eisen – stellte fest, dass man ihm diese vorsorglich abgenommen hatte.

„Damit du keine Dummheiten machst, Sonnyboy“, zischte der Alte hinter ihm. „Dein Gurt liegt in der Küche – und nun lass es gut sein. Du hast ihnen gezeigt, wie ein wirklicher Mann kämpft.“

Das Männchen krallte seine Finger in Ambs Schulter und rüttelte daran.

Amb gab sich innerlich einen Ruck, sah den Keeper im Türrahmen stehen und befreite sich jäh von dem Klammergriff des Kleinen.

Der lange Ritt durch den Regen, die Prügel und seine innerliche Verfassung, das alles zusammengenommen hatte ihn auf den Siedepunkt gebracht. Ah, die elenden Cowpuncher sollten nicht glauben, dass er nicht genug Mark in den Knochen hätte. Himmel und Hölle, er war Mann genug, um die ganze Bande zum Teufel zu jagen. Gewiss, das würde er – und der kleine Tramp würde ihn mitsamt dem Keeper nicht davon abhalten können. Nein, niemand konnte das! Drehly und seine Genossen konnten nicht weit sein, er musste sich beeilen und handeln.

Nahe dem Schuppen stand ein Einspänner. Der Mann auf dem Bock hob gerade die Peitsche, schien ungeduldig zu sein und blickte verstimmt auf den Reiter neben dem Wagenschlag, spähte dann zu den anderen hin, die bereits ihre Pferde in eine leichte Gangart gebracht hatten und davonritten.

Teufel auch, der Mann neben der Kutsche war niemand anderes als Hug Drehly – doch das interessierte Amb in diesem Augenblick recht wenig; denn ihn fesselte der Anblick des Mädchens, das im Einspänner saß und sich erregt mit Hug Drehly unterhielt. Dieses Mädchen war herrlich, war eine strahlende Schönheit. Yeah, Amb war zwanzig Jahre alt, und zum ersten Mal in seinem Leben erweckte ein weibliches Wesen, das alle Vorzüge ihres Geschlechts in sich vereinte, seine Aufmerksamkeit.

Ihre Haare hatten die Farbe eines reifen Weizenfeldes im Sonnenlicht.

Ihre Haut war weiß und perlmuttfarben, makellos und rein. Strahlende Blauaugen standen in ihrem zarten Gesicht.

„Das ist Miss Dunnhill“, flüsterte der Kleine neben ihm mit vibrierender Stimme. „Man sagt, dass sich ihretwegen sieben gute Revolvermänner eine Grube schaufelten, um sich selbst hineinzulegen. Komisch, wie?“

„Ich könnte ihr die Sterne vom Himmel holen“, raunte Amb leise.

„Sie würde darüber nur lächeln, Sonny“, krächzte der Alte bissig. „Sie ist ein Gletscher – ha, ein Eisklumpen und …“

Amb legte ihm die Hand auf den Mund, und das war gut; denn nun konnte Amb deutlich ihre Worte hören: „Ich soll also in Danville bleiben?“

„Ganz recht, Madam, Sie haben die Aufgabe, auf den Geächteten Duff Wilson zu achten und genau aufzupassen, wann er aus den Bergen aufbricht. Das dürfte Ihnen doch nicht schwerfallen. Sie werden uns dann sofort Nachricht schicken, und über Ihre weiteren Aufträge sind Sie wohl informiert?“

„Yeah“, lächelte sie, „und was den Jungen anbelangt, ich würde ihn mir genau vornehmen und seine Kleidung sowie sein Gepäck durchsuchen. Bedenken Sie, was auf dem Spiel steht, und bedenken Sie ferner, er sagte selbst, dass John Tanner …“

Nun konnte Amb nicht mehr an sich halten, was er da hörte, war auf ihn gemünzt. Er fegte den Kleinen mit einer raschen Bewegung zur Seite, stürzte wie von Sinnen hinaus.

Himmel und Hölle, mit ihm konnte man so etwas nicht machen – mit ihm nicht. Well, jetzt sah er kaum noch etwas von der strahlenden Schönheit des Mädchens. Er hörte nur ihren spitzen, erschreckten Aufschrei und sah für Sekunden ihr bleiches Gesicht mit den leuchtenden Augen, hörte ihre gurgelnden Worte: „Er trägt keine Waffe, Hug.“

„Den Rest kann ich ihm mit der Faust beibringen. Er wird klein – klein und hässlich. Ich werde ihm heilige Mannesfurcht einbläuen!“, zischte Hug Drehly wütend und stieß die halb gezogene Waffe ins Holster zurück, wich geschickt den stürmisch geführten Faustschlägen Amb Robinsons aus. Doch bevor er die Chance richtig nutzen konnte, war Amb herumgewirbelt. Auge in Auge standen sie sich gegenüber, und ihre Blicke verkrallten sich, und jetzt erst erkannte Hug Drehly, womit er sich eingelassen hatte. Yeah, er wusste einen Kämpfer richtig einzuschätzen, und dieser ungebärdige Boy, den vier Mann zu Boden schlugen, dem vier Mann die Luft und fast die Seele aus dem Körper geschlagen hatten, war ein zäher Tiger! Nun, jetzt wollte Hug es austragen, und in ihm war die wilde Freude eines Mannes, der sich immer wieder nach einem harten Kampf umschaut. Hug war gewillt, sich von der kühlen, blonden Schönheit bewundern zu lassen. Ein Mann wie er brauchte Bewunderung, und eine schöne Frau war gerade die richtige Zuschauerin in diesem Vergleich der Kräfte.

„Es wäre besser für dich gewesen, Kleiner, wenn du es nicht versucht hättest, nun werde ich dich zertrümmern, und dann kannst du John Tanner einen schönen Gruß von mir bestellen.“

Mit einem Ruck warf er den hinderlichen Waffengurt von sich, wippte ein wenig auf den Zehenspitzen, und erst jetzt kam seine körperliche Überlegenheit voll zum Ausdruck. Yeah, er war bedeutend schwerer und wuchtiger als Amb. Breiter und gewaltiger in den Schultern, und sein Stiernacken verriet unheimliche Kräfte. Well, beim ersten Zusammenstoß konnte ihn Amb mit seinem blitzschnellen Vorstoß über den Tisch werfen – jetzt aber?

Grimmige Genugtuung leuchtete in Hug Drehlys Augen, und noch immer starrten sich die beiden Kämpfer an. Amb wollte kämpfen, weil die Scham und Wut ihn innerlich verbrannten. Er

stierte in das spöttische, faunische Dreiecksgesicht mit den Höllenaugen, sagte heiser: „Hug Drehly, vielleicht haben Sie einen Namen auf dieser Weide, vielleicht haben Sie viele und große Männer zerbrochen und vernichtet, vielleicht aber auch sind Sie gar kein richtiger Kämpfer, sondern nur ein Bluffer … Well, sei es wie es will, wenn ich diesen Kampf hinter mir habe, wird mein Name einen Klang bekommen.“

„Du bist ein Narr, Junge, dein Name wird jetzt schon verlöschen – so wie der Name Ken Wells. Schau ihn dir an, er trägt keine Waffen mehr.“ Er nickte auf den Kleinen. „Er wird niemals wieder welche tragen, weil er innerlich gebrochen ist und die Nerven verloren hat. Einmal war er ein großmächtiger Bursche, ein hartmäuliger Bronco auf der Kentucky-Weide. Jetzt ist er ein Tramp, und jedes Kind kann ihn anspucken, wenn es will. Ken wird sich nicht wehren. Er lebt wie ein getretener Hund – niemand will ihn auf einer Weide reiten lassen, niemand will ihn noch haben – und doch wagt er es nicht, das Land zu verlassen, weil in einer unbekannten Gegend nicht mehr der Schutz des harmlosen Idioten auf ihn fällt. Yeah, das ist Ken Wells! Und ich habe ihn zu dem gemacht, was er jetzt ist, habe ihm den Nerv genommen, und jetzt ist er nur noch eine Karikatur seines früheren Ichs – und dasselbe mache ich mit dir, mein Junge.“

Grollend und dröhnend kamen die Worte herausgesprudelt. Sie rissen plötzlich einen Vorhang auf, und Amb sah nun diesen schwarzhaarigen Mann mit den höllischen Augen, wie er wirklich war.

Und Amb lächelte. Sein Lächeln war unwirklich, geisterhaft, stand seltsam in seinem zerschlagenen Gesicht!

Hart wie blitzende Degenklingen blickten seine Augen. Nicht ein Schimmer von Furcht stand darin – nur Trotz, gewaltiger Grimm und der unbeugsame Wille, den Gegner zu zerschmettern.

Er explodierte, und ein gellender Schrei fetzte von seinen blutenden Lippen.

Sein gewaltiger Ansturm schleuderte Hug Drehly gegen den Einspänner. Der Braune im Geschirr schnaubte und stellte die Ohren hoch, stampfte unruhig mit den Hufen. Der Schmerz jagte wie eine eisige Welle durch Hugs Körper, und seine Rückenmuskeln waren einen Moment wie gelähmt. Nein, das hatte er nicht erwartet, und wieder musste er die Lehre einstecken, dass man keinen Gegner unterschätzen sollte. Wieder schnellte Ambs Faust durch die Luft. Hug warf sich mit einem tief aus der Brust kommenden Knurren vor, und es gelang ihm, Ambs Faust zu umklammern, ihn daran zu hindern, wilde Schwinger in seinen Körper zu rammen.

Ambs Linke indes zuckte durch die Luft, traf Drehlys linkes Ohr. Der gewaltige Schmerz nahm ihm fast die Besinnung. Doch dann riss er in jähem Impuls Amb herum und stellte gleichzeitig das Bein vor. Amb stolperte, krachte gegen das Rad des Einspänners, rollte sich aber blitzschnell zur Seite.

Der spitze Schrei der Lady gellte durch die Luft, und vom Bock her ertönte das keuchende Aufstöhnen des Kutschers. Amb stieß beide Beine vor, als Drehly wie ein Panther sich auf ihn schnellte. Beide Stiefel bohrten sich in Drehlys Magen und warfen ihn wie ein Geschoss rücklings. Er flog durch die Luft, stieß ein heiseres Brummen aus, ging in die Knie, fing sich auf, aber da stand ihm auch schon Amb gegenüber. Yeah, der Junge hatte es in sich und lächelte sogar noch – seltsam, sehr seltsam!

Etwas benommen duckte sich Hug. In diesem Augenblick jagte Amb seine Fäuste vor. Sie trafen Hugs Kinn, schnellten seinen Kopf hoch. Ja, Hug musste fürchterliche Hiebe einstecken. Gleich einem Trommelfeuer fielen die Schläge hageldicht und pressten ihm die Luft aus den Lungen, schüttelten ihn durch und durch, und kaum war er fähig, die Hände zur Deckung heraufzureißen. Und doch fand er sich – yeah, er war hart im Nehmen, ein Mann der Sonderklasse. Ein anderer hätte den drängenden Ansturm des tollen Jungen kaum überstanden – Hug Drehly war eisern – und jetzt schaffte er sich mit raschen Schlägen Luft.

Wieder standen sich die beiden Kämpfer gegenüber.

Auge in Auge!

Beide waren schon matt, rangen nach Luft, hatten gerötete Augen und stierten sich an. Nein, keiner von ihnen würde aufgeben, keiner. Sie waren beide aus Stahl.

Ich muss ihn zu Fall bringen, dachte Amb, es darf nicht mehr lange dauern, sonst bin ich in der Hölle!

Er hatte das kaum gedacht, als Hug von sich aus den Angriff startete. Amb konnte nicht mehr ausweichen. Die Fäuste des anderen erwischten ihn. Mit einem Ruck zerfetzte das Baumwollhemd. Wie Schmiedehämmer kamen die Schwinger. Volltreffer waren es, und sie warfen Amb aus dem Stand heraus gegen den Einspänner. Grelle Schmerzexplosionen ließen ihn wild um sich schlagen – aber es waren Schläge, die nur die Luft aufrissen, Schläge, die aus dem Strudel der grenzenlosen Verzweiflung abgefeuert wurden. In seinen Ohren sauste und brauste es. Paukenschläge marterten sein Hirn. Wogende Feuerschleier zuckten vor seinen Augen in bizarrem Spiel.

Und doch – Amb stieß sich ab. Der Teufel mochte wissen, wieso er Drehly erwischen und mit ihm zu Boden stürzen konnte. In einer schlammigen Masse rollten sich die Männer vor den entsetzten Augen der Lady, die immer wieder spitze Schreie hinausgellte, die ihre weißen, gepflegten Hände am Fenster des Einspänners verkrallte. Plötzlich verschwand eine ihrer Hände, und als sie wieder erschien, lag ein kurzläufiger Derringer darin. Wild fuchtelte sie damit durch die Luft, schrie, tobte, und ihre Stimme klang nun gar nicht mehr angenehm.

Der Kutscher auf dem Bock zerbrach die Peitsche und merkte nicht einmal, dass er mit den zerbrochenen Enden durch die Luft fuchtelte. Er war ganz dabei und erlebte alle Phasen des heftigen Kampfes mit, als wäre es seine eigene Sache.

Ken Wells und auch der Keeper waren schon längst wie unter einem magischen Bann bis nahe an den Kampfplatz herangekommen, und beide reagierten verschieden. Der Keeper raufte seine Kraushaare, und Ken reckte den kleinen Kopf, und sein magerer Hals wurde länger und länger. Die halb erloschenen Augen begannen zu funkeln und zu glimmen, und über sein verrunzeltes Gesicht huschten Schatten.

Well, Amb Robinson zeigte, wie man mit fliegenden Fahnen untergehen konnte, ohne zu zerbrechen.

Yeah, das Herz krampfte sich einem zusammen; der Junge kämpfte wahrhaftig mit dem Mut eines Löwen, doch nun hatte er keine Chance mehr. Er lag am Boden, und Hug Drehly hieb mit beiden Händen zu. Er legte sogar ein gewisses System in seine harten Schläge, es lag die qualvolle Wut eines stolzen Mannes darin, der beinahe von einem jungen Tiger ausgepunktet worden wäre.

Hug Drehly schlug zu, bis sich Ambs Körper streckte. Er blieb bewegungslos liegen.

Taumelnd kam Hug Drehly auf die Beine. Mit der Fußspitze stieß er den Gegner in die Rippen, der bewegungslos vor ihm im Schlamm, in der zerwühlten, aufgestampften, breiigen Erde lag. Dann warf er den Kopf hoch, und jeder konnte erkennen, dass er sich nur mühsam auf den Beinen hielt, dass auch er am Ende war. Müde und erschöpft hingen seine Arme herab, und Blut rann aus seinen Mundwinkeln.

„Schrecklich – ist er tot?“, kreischte die blonde Miss.

„Vielleicht“, klang es dumpf aus Hug Drehlys Mund. „Madam …“ Seine weiteren Worte erstickten. Er wandte sich ab, taumelte an dem Einspänner vorbei, krächzte heiser zu dem Kutscher: „Worauf warten Sie noch, Mann? Fahren Sie los!“

Als er sich umwandte, sah er, dass der Keeper und Ken Wells die schlaffe Gestalt des Jungen wegtrugen. Vorsichtig, fast zärtlich, trugen sie ihn, und unverkennbar hatten sie eine Scheu und zugleich eine großartige Achtung vor dem Jungen, der gegen Hug Drehly angegangen war.

Sie legten ihn vorsichtig auf die Lagerstatt des Keepers.

„Hol heißes Wasser, Ken“, raunte der Hagere. „Well, John Tanner kann sich beglückwünschen, wenn er dieses scharfe Eisen in seiner Mannschaft behält.“

„Sicher – er hat bereits drei tolle Burschen, und doch, was sind sie alle gegen die Meute Hug Drehlys?“, murmelte Ken. Mit vereinten Kräften packten sie an, entkleideten Amb, legten ihn auf die graue Decke und wuschen ihm den Dreck von der Haut.

„Nur eine Gewaltkur kann hier helfen. Wells, hol eine Flasche hochprozentigen Whisky!“

„Hm, soll ich den trinken?“, schmatzte der Alte.

„Der Teufel hol dich!“

„Yeah!“ Ken Wells grinste. „Er reitet bereits hinter dem Einspänner her …“ Sie rieben Amb mit dem scharf duftenden Whisky ein, massierten ihn.

„Vielleicht ist er wirklich tot“, sagte Wells besorgt und schnaufend. „Er gibt kein Lebenszeichen von sich.“

Er hatte noch nicht ganz ausgesprochen, als Ambs Rechte vorschnellte und den kleinen Mann traf. Mit verdrehten Augen sackte Ken in die Knie.

„Zum Teufel, dieser angebliche Tote rammt mich wahrhaftig in den Fußboden hinein“, fauchte er, nahm seine Arbeit wieder auf, war aber vorsichtig und schielte immer wieder zu den Fäusten des Boys hin.



2.

Drei Tage blieb Amb bei dem freundlichen Keeper, dann brach er auf. Seine Zeche brauchte er nicht zu bezahlen.

„Boy, es war mir eine Ehre und ein Vergnügen, einem wirklichen Kämpfer zu helfen. Man weiß in diesem wilden Land nie, wann man einen rauen Mann zum Freunde braucht. Vergiss nicht, dass hier draußen ein Store und ein Ausschank immer für dich da sind. Nun, und den größten Gefallen tust du mir ja, indem du meinen Halbbruder mit dir nimmst. Ken wird nicht von deiner Seite weichen, und vielleicht wird er durch dich wieder das, was er früher war – ein Mann.“

Das war des Keepers Abschiedsrede, und Amb bedankte sich herzlich. Dann ritten sie in Richtung Evansville davon. Auch jetzt trug Ken Wells keine Waffen, und dennoch hatte er sich irgendwie zu seinem Vorteil verändert. Er war rasiert und sah frisch aus, Wasser und Seife hatten aus ihm einen anderen Menschen gemacht. Er strahlte, saß aufrecht im Sattel auf Isabell.

„Boss, dieses Pferd wird mir Glück bringen!“, behauptete er, und in der Tat, Ross und Reiter harmonierten prächtig zusammen. Amb ritt jetzt einen drahtigen Bronco, den ihm der Keeper für wenig Geld überlassen hatte.

„Ken, du hattest früher mit Hug Drehly einen Zusammenstoß, erzähle, wie das kam.“

Der Kleine winkte resigniert ab, doch dann drängte er die huflahme Isabell näher heran und raunte: „Boss, ich habe noch mit keinem Menschen darüber gesprochen, und ich will es auch jetzt nicht, du musst das verstehen!“

„Sicher. Es gibt Dinge, über die ein Mann nicht spricht“, murmelte Amb und sah rasch weg. Er konnte nicht mehr in die traurigen Augen des Kleinen sehen.

Gegen Mittag lag Evansville vor ihnen, und sie zügelten ihre Pferde. Yeah, es war eine große Stadt. Malerisch lag sie in wogendem Grün.

„Schau, Boss, das ist Evansville, und zwei große Rancher-Könige haben es sich geteilt!“, kicherte Ken Wells. „Von hier aus betrachtet, liegt die Ring-Ranch im Nordosten und die Dreieck-Ranch im Westen. Alle Stiere, die uns bisher begegneten, gehören zur Ring-Ranch – du hast doch gewiss das Brandzeichen gesehen?“

Amb nickte, legte die Rechte um das Sattelhorn und beugte sich im Sattel vor.

„Die Ring-Ranch gehört wohl Hugstone, wie?“, fragte er hastig.

„Yeah. Er hat so viele Rinder, dass er sie nicht einmal zu zählen vermag. Beim großen Roundup stellt er Reiter aus der Stadt ein; denn seine sechzig Cowboys schaffen es einfach nicht“, erklärte Ken Wells. „Vielleicht sind es auch noch mehr Reiter, die für ihn reiten – aber die interessieren nicht; denn für dich kommt wohl nur die Stammmannschaft in Frage, habe ich recht?“, forschte er gepresst.

„Stammmannschaft?“, raunte Amb zurück. Himmel und Hölle, was sollte das nun wieder bedeuten?

Die Erklärung folgte sofort:

„Yeah, Sonnyboy, der gewaltige Rinderkönig lebt nur selten auf seiner Ranch. Er hat, genau wie sein Gegenspieler, sein Quartier in Evansville aufgeschlagen.Beide Könige plaudern miteinander, gehen gemeinsam auf die Jagd, aber ihre Stammmannschaften, die bekämpfen sich.“

„In Texas nennt man solche Mannschaften Revolvermänner oder Leibwachen“, meinte Amb.

„Ich werde mich hüten, dir zu widersprechen – aber das kann ich dir sagen, in beiden Mannschaften sind die härtesten Burschen aus dem Westen. Vielleicht sind die Männer unter John Tanner eine Idee besser als die unter Drehly – aber das kann man nicht mit Bestimmtheit sagen; denn schließlich überwiegt einmal die und einmal jene Partei. Jedermann im Land verfolgt mit Aufmerksamkeit, was sich in Evansville zuträgt, und der Teufel soll es holen, den Marshal und den Sheriff hier stellen beide Parteien. Und weil dies der Fall ist – sind sie wirklich neutral und haben eine riesige Hochachtung vor beiden Mannschaften. Yeah, für einen Fremden ein reichlich verwirrtes Lasso, Boss, wie?“

„Kaum“, gab Amb knapp zur Antwort. „Aber die Sache interessiert mich, lass uns weiterreiten.“


*


John Tanner kannte den Kontinent. Schon als junger Cowboy ritt er von Ost nach West, von Süd nach Nord und umgekehrt. Er kannte Alaska genauso gut wie Feuerland, und überall dort, wo harte Männer auf rauchigen Pfaden ritten, war er zu finden, und seine Campfeuer waren ungezählt. Sie brannten in der Wüste, in der Prärie, auf steilen Graten und zerklüfteten Plateaus. Dort, wo im Winter die ewige Nacht sich über eine eiserstarrte Welt legte, und dort, wo die Hitzeschleier der unbarmherzigen Sonne das Leben versengte und auf leuchtende, buntfarbene Lavaberge eine verlockende Fata Morgana zauberte.

Yeah, und nun war John Tanner grau und ging schon ein wenig gebeugt. Die scharfe Adlernase in seinem Gesicht stand unter hellen Gletscheraugen, die noch jung und unheimlich beweglich und lebendig waren, die verrieten, dass ein Mann wie Tanner eigentlich nie alt wurde; denn Männer wie er hatten junge Herzen.

Jetzt stand er hinter den Gardinen und schaute auf den geräumigen Hof hinunter.

Pferde standen an den Holmen. Raue Männer hockten herum und debattierten. Auf dem Hof des Saloons „Zwei Mustangs“ befand sich die Stammmannschaft der Ring-Ranch, und selbst einem Laien wäre es aufgefallen, dass es harte Burschen waren.

John Tanner hätte lächeln oder zum mindesten schmunzeln müssen; denn wo gab es noch einmal im ganzen Westen eine derartige Mannschaft?

Ah, es gab keine – außer – nun, John Tanners gerunzelte Augenbrauen verrieten, dass ihn etwas stark beschäftigte. Er schien selbst das Anklopfen zu überhören, und auch beim Öffnen der Tür regte er sich nicht.

„Was gibt es?“, forschte er indessen, ohne sich nach dem Mann an der Tür umzusehen.

„Sie sind da, Mastah – und …“

„Herein mit ihnen, Samuel!“, klang es barsch.

Es erfolgte keine Antwort, abwartend stand der Schwarze an der Tür.

„Was willst du denn noch?“ Ungeduld lag in Tanners Stimme.

„ Ein Mann sein da …“

„Ein Mann?“, staunte John Tanner, und seine Stimme wurde grimmig. „Ein Mann, sagst du? Ha, außer unserer Stammmannschaft gibt es keine Männer, verstanden?“ Er wandte sich dem Schwarzen zu, der noch immer an der Tür stand und vorsichtshalber seine Rechte auf der Türklinke liegen hatte – so, als ob er sich jederzeit für einen schleunigen Rückzug bereithalten wollte.

„Nun, dann bring ihn ebenfalls herein!“, befahl er abschließend und setzte sich hinter seinen Schreibtisch. Samuel verschwand, und als er abermals die Tür öffnete, trat Amb Robinson ein, und hinter ihm drängten sich weitere zwei Reiter in den Raum.

Tanner schien Amb nicht die geringste Beachtung zu schenken. Er deutete nur mit dem Daumen seiner linken Hand auf einen Hocker am Fenster, dann wandte er sich den beiden anderen zu, fuhr sie grimmig an: „Ich hätte nie geglaubt, euch nochmals wiederzusehen. Zum Teufel, wo habt ihr gesteckt? Und wo ist Ray Williams?“

Amb fand die Begrüßung recht seltsam und ließ sich lässig auf einem Hocker nieder, dann überflog er mit schnellen Blicken den Raum, und er hatte genügend Zeit, sich John Tanner genau anzusehen. Well, Tanner schien über irgend etwas erbost zu sein.

„Zane Sietteck, der Rancher vom Dreieck-Brand, hat sich bei mir beschwert“, fauchte er und hieb seine Faust auf den Tisch, „was haltet ihr davon, hm?“

„Das wird er immer wieder tun!“, schnappte einer der Männer bissig zurück, was jedoch von Tanner überhört wurde. Er stand langsam auf und baute sich vor den beiden auf.

„Yeah“, bellte er, „du wirst es besonders gut wissen, Jesse Lipscob – du und Aldo Ray. Wer, zum Teufel, hat euch den Befehl gegeben, in die ungebrannten Maverickherden der Dreieck-Ranch einzufallen und den Tieren unseren Ringbrand aufzudrücken? Wer? Ich kann mir nur denken, dass euch das Fell juckte und ihr nichts Besseres zu tun wusstet, als sinnlose Streiche auszuführen. Wozu bin ich wohl der Vormann, he? Ich will es euch sagen – nämlich dazu, damit die Ring-Ranch in dieser verteufelten Stadt von harten und guten Leuten vertreten wird, und damit Zane Sietteck nicht zu mächtig wird. Doch wenn ihr so weitermacht, werden die guten Leute von Evansville und von Kentucky vor uns ausspucken. Ihr macht die Crew einfach unmöglich, Gents, und dann lasst ihr euch noch von den Cowpunchern der Dreieck-Ranch zusammenschlagen. Wo, zum Teufel, ist Ray Williams?“

In diesem Moment öffnete sich die Tür abermals, und ein Mann trat herein, der um die Stirn einen blutbefleckten Verband trug.

„John, da bin ich!“ Der Neuankömmling grinste. Er war blass, und die Spuren eines schweren Kampfes standen in seinem gut geschnittenen Gesicht. Grüne Augen hatte er, und rote Haare lugten unter dem schwarzen Stetson hervor. Er nickte seinen Kumpanen zu und lächelte.

„Und ihr habt euch zusammenschlagen lassen!“, fauchte John wütend. Eiskalt war sein Blick, mit dem er seine Männer bedachte.

Jesse Lipscob versteifte sich ein wenig und grinste kläglich. Er war ein Mann von hohem Wuchs, stolz, und in seinem schmal geschnittenen Gesicht standen graue, kluge Augen.

Neben ihm stand Aldo Ray, dessen schwarze Augen auf seine Stiefelspitzen gerichtet waren. Er war der kleinste, fast zierlich im Körperbau, mit rosigen Wangen und hellem Bartflaum. Alle drei hatten ihre Eisen tief geschnallt, und alle hatten sie schlanke, nervöse Hände – Revolverhände, und gewiss waren sie erstklassige Schützen. Man konnte es ihnen ansehen, dass sie wohl das Ass aus einer Spielkarte herausholen konnten, selbst wenn sie zwanzig Yard entfernt war.

„John, die Sache mit dem Maverick brennen ist eine gemeine Lüge“, sagte nun Jesse Lipscob. Er warf sich zum Sprecher auf und fuhr eilig fort: „Wir stießen auf zehn Cowboys der Dreieck-Ranch und hatten eine kleine Schießerei – drei Kerle wurden verletzt – so war es!“

Yeah, das war ein kurzer und sehr knapper Bericht eines Kampfes, der sich über zehn Stunden hingezogen hatte. Aber so waren diese Männer, sie machten nicht viel her.

John Tanner strich sich über die Stirn, wurde zusehends freundlicher.

„Nun, dann war Zane Sietteck wieder einmal falsch berichtet worden. Ich hoffe jedoch, dass ihr es bei dieser Sache bewenden lasst. Wir wollen keinen Streit“, bemerkte er und ließ seine Männer nicht aus den Augen.

„All right!“ Alle drei grinsten. Tanner machte eine abschließende Bewegung, die wohl andeuten sollte, dass für ihn die Unterredung beendet war. Sofort verließen die Männer den Raum, und nun war Amb mit dem berühmten Vormann einer noch berühmteren Crew allein.

„Ich sehe, dass Sie Ihre Colts an der richtigen Stelle tragen, Stranger“, sagte Tanner unvermittelt und lachte eigentümlich. „Sie sind hier, um …“

„Um in Ihrer Crew zu reiten“, ergänzte Amb lässig. Er erwiderte die stählernen Blicke des Alten, zuckte mit keiner Wimper.

„So?“, klang es erstaunt. „Nun, da müssen Sie erst den Beweis erbringen, dass die Schießeisen an Ihren Hüften keine Attrappen sind. Well, junger Mann, in meiner Crew reiten nur Spitzenkönner. Jeder Revolvermann drängt sich danach, für mich zu reiten; jeder Möchtegern und jeder Schießer, jeder Kerl, der nur ein wenig die Eisen handhaben kann, möchte bei mir aufgenommen werden, denn nirgendwo gibt es einen derart hohen Lohn wie hier – nirgendwo!“

„Danach frage ich nicht!“, unterbrach Amb schroff.

Die eiskalten Augen des Vormanns weiteten sich. „So?“, dehnte er. „Du stammst wohl aus Texas, wie?“

„Yeah – ist das eine Schande?“, fuhr Amb unwillig auf.

„Stranger“, schnappte John Tanner. „Du hast in diesem Raum drei Männer gesehen, merke dir, alle drei waren Berühmtheiten. Ich will dir nicht ihre Kriegsnamen sagen – nein, aber sei versichert, dass ihre Namen an allen Campfeuern bekannt sind. Von Ost nach West, von Süd nach Nord. Einer stammt aus Arizona, der andere aus Nevada und der dritte aus Kentucky – und du – du stammst aus Texas – nun, nenn mir deinen Kriegsnamen!“

„Ich habe keinen“, murmelte Amb. „Ich will ihn mir erst hier erwerben.“

„Du hast anscheinend vor den Toren der Stadt schon damit angefangen“, dehnte Tanner und betrachtete scharf die kaum verheilten Kampfspuren auf dem Gesicht des Jungen.

„Yeah, es wurde mir gleich Gelegenheit geboten, meinen ersten ordentlichen Faustkampf auszutragen“, brach es aus Amb heraus: „Hug Drehly nannte sich der Bursche …“

„Drehly?“, zischte Tanner. Er warf den Kopf hoch, ballte die Fäuste, und jählings waren seine Augen dunkel.

Wie ein Traumwandler kam Tanner auf Amb zu, hob beide Hände, legte sie ihm auf die Schulter, und sein heißer Atem streifte über sein Gesicht hinweg.

„Stranger – zum Teufel, wer bist du?“, keuchte es über die Lippen des Vormanns.

„Ich bin Amb Robinson …“

„Robinson? Doch nicht etwa …“

„Genau der“, unterbrach Amb. „Sie sind mit meinem Vater auf dem langen Trail geritten.“

Er brach ab und übergab John Tanner den Brief seines Vaters. Dieser nahm ihn, riss ihn auf, überflog die Zeilen, dann ließ er den Brief zu Boden fallen, trat rasch auf Amb zu, und dieser sah in sein zuckendes, bewegtes Gesicht, hörte seine schnellen, raunenden Worte.

„Yeah – du gleichst deinem Vater. Ich wollte es nicht wahrhaben – doch der Brief beweist es, und wenn einer mit Drehly anbindet, dann muss er die Hölle im Leib haben.“ Er senkte den Kopf, schien mit gerunzelter Stirn über einiges nachzusinnen, sagte wie zu sich selbst: „Drehly ist mit dir zusammengetroffen, und du lebst – das ist unfassbar, aber noch sonderbarer ist, dass er hier in der Nähe ist – dass er …“

Amb hörte nicht hin, er schaute über Tanners Schulter durch ein Fenster, das auf die Straße führte. Plötzlich riss er sich los, wirbelte herum.

„He, Robinson, was ist los?“, forschte Tanner recht erstaunt. Doch Amb hatte keine Zeit, wurde blass, und seine Augen loderten.

„Himmel und Hölle – er ist es!“, rief er wie von Sinnen und stürmte an John vorbei. Die Tür krachte hinter ihm ins Schloss.

„Er hat wahrhaftig die Hölle im Leib“, murmelte John Tanner mit zuckenden Lippen. „Wenn mich nicht alles täuscht, wird er in meinem Rudel der gefährlichste Wolf werden!“

Amb hörte indes diese anerkennenden Worte nicht mehr. By Jove, jetzt hätte ihn auch das höchste Lob nicht zurückhalten können, jetzt nicht mehr; denn auf der Straße – im Gewühl der Reiter und Präriefahrzeuge – hatte er einen Mann gesehen, einen Mann, an den er alle Stunden dachte und von dem er sich nichts Sehnlicheres wünschte; als dass er ihm nur in wenigen Yards Abstand gegenüberstehen würde – Hug Drehly!

Er rannte durch den Korridor, prallte auf einen Mann, wollte weiter, doch der Mann griff blitzschnell zu, verkrallte sich in Ambs Kalbslederweste, fauchte: „Warte, Freundchen …“

„Dazu habe ich jetzt keine Zeit“, knirschte Amb wütend und wollte sich mit Gewalt losreißen. Doch er musste erkennen, dass die Faust sich nicht abschütteln ließ.

„So geht das nicht, Fellow, du rennst mich über den Haufen und verlangst, dass ich das so einfach hinnehmen soll – he, ich schlucke das aber nicht.“

„Ich habe doch jetzt keine Zeit, ich muss hinter einem Mann her“, zischte Amb wütend, sah erst jetzt, dass er Ray Williams vor sich hatte, der ihn nun losließ und höhnisch dabei lächelte.

„Dann lauf zu, Buddy, wenn Tanner dich …“

„Niemand kann mir Beine machen“, brüllte Amb wütend.

„Anscheinend aber doch“, grinste Ray Williams.

„Ich laufe auch vor dir nicht davon“, fuhr Amb ihn an. „Sag mir, wann und wo wir es austragen können …“

Ray Williams rückte sich den Verband zurecht. Durch den heftigen Zusammenprall war seine Kopfwunde aufgebrochen und blutete stark. Die Blässe auf seinem streng geschnittenen Gesicht verstärkte sich, dennoch vertiefte sich das höhnische Lächeln um seine Mundwinkel.

„All right, Buddy – um drei Uhr an den drei Eichen.“

„Well, du wirst nicht zu warten brauchen“, murmelte Amb und hetzte weiter. Er nahm die Treppen im Sprung, sauste an einer Männergruppe vorbei und duckte sich unter einem Pferd hindurch. Himmel und Hölle – er musste Hug Drehly finden.

Der rasche Lauf erhitzte ihn und jagte den Atem über seine Lippen.

Und dann war es geschehen. Zum zweiten Mal rammte er einen Mann, doch diesmal nur an der Schulter.

Der wirbelte herum, schrie hinter ihm her: „He – Buddy!“

„Hab keine Zeit“, schrie Amb zurück. Er überhörte den drohenden Ton in der Stimme des anderen. Doch das hätte er nicht tun dürfen – im gleichen Augenblick krachte es, pfiffen Geschosse um ihn herum, Kugeln spritzten um seine Stiefel, warfen Sandfontänen auf. Das harte Lachen des Meisterschützen gellte an sein Ohr, und jetzt wusste Amb auch, dass es nur Jesse Lipscob gewesen sein konnte.

Doch Amb ließ sich nicht aufhalten, jagte nur über seine Schulter hinweg dem anderen zu: „Wir tragen das aus, an den drei Eichen …“

„Yeah – wann?“

„Um drei Uhr!“

„All right“, gellte es, und dann war Amb aus dem Tor hinaus und verhielt auf der Straße.

Ein Strom von Menschen wanderte auf den Bohlensteigen rechts und links der Fahrbahn, schob und drängte sich, staute sich vor den Stores und Kneipen, flutete weiter – doch von Hug Drehly war weit und breit nichts mehr zu sehen. Amb gab nicht auf, mischte sich unter die Passanten und hielt eifrig Ausschau.

Nach einer Weile sah er ein, dass es keinen Zweck hatte, weiterzusuchen.

„Er ist mir entwischt“, knirschte er vor sich hin, und erst jetzt dachte er darüber nach, dass er eine harte Sache mit zwei Männern auszutragen hatte, mit Männern, von denen jeder einzelne ein großer Kämpfer war, groß genug, um ihn mit einer Handbewegung von der schönen Erde zu wischen.

Resigniert machte er kehrt, ging den Weg zurück, den er gekommen war.

By gosh, was mochte bloß John Tanner von ihm denken?

Amb wischte sich den Schweiß von der Stirn. Well, er war kaum in Evansville, und schon lief er in heißen Stiefeln herum.

„Sonny, wie hat dich der alte Feuerfresser auf genommen?“ kicherte es an seiner Seite. Unbemerkt war der kleine Ken Wells neben ihn getreten und schielte ihn listig an.

„Ich weiß es nicht“, murmelte Amb verdrossen.

„Himmel, das ist ein schlechtes Zeichen! Dann musst du noch einmal zu ihm“, sagte Ken Wells.

Sie erreichten den Saloon „Zwei Mustangs“, und Ken sagte: „Ich werde im Saloon auf dich warten, Sonny. Cheerio!“ Er riss seinen verbeulten Stetson vom Kopf und schwenkte ihn, klatschte ihn in das Gesicht eines Mannes, der gerade aus der Schwingtür trat. Er konnte wirklich nichts dafür und war noch entsetzter als Amb, denn vor ihm stand Aldo Ray mit schwarzen, glimmenden Augen. Seine linke Wange brannte; denn dorthin war der Stetson des Kleinen geknallt.

„Ray, lass ihn in Ruhe!“, kam es von Ambs Lippen. Die herabsausende Faust des Schwarzhaarigen stoppte mitten in der Luft, nur wenige Zoll vor den weit aufgerissenen Augen des Tramps. Unwahrscheinlich schnell reagierte Aldo Ray, wirbelte herum, und seine schwarzen, sengenden Augen loderten Amb an.

„Du willst die Sache für diesen kleinen Dackel austragen, wie?“, schnappte er böse.

„Yeah, wenn du darauf bestehst“, erwiderte Amb gleichgültig. „Doch im Augenblick habe ich keine Zeit. John Tanner erwartet mich. Sagen wir – nun, um drei Uhr an den Eichen?“

„All right, Sonny“, knurrte es zurück. „Aber vergiss das Kommen nicht!“

„Ich werde dort sein, Ray“, sagte Amb lässig.

Aldo Ray erstickte ein fauchendes Lachen in der Kehle, wandte sich dann schroff ab, bot Amb und Ken seinen breiten Rücken und schritt sporenklirrend davon.

Amb berichtete Ken, dass dies der dritte sei, mit dem er sich an den drei Eichen treffen musste.

„Na, wenn die beiden anderen von derselben Sorte sind, dann können wir gleich zum Sargmacher gehen. Übrigens – Aldo Ray wird auch Nevada genannt“, sagte Ken.

„Das ist wohl sein Kriegsname, wie?“, fragte Amb.

„Yeah.“

„Und wer ist Arizona?“

„Himmel, das ist Jesse Lipscob.“

„Und Kentucky ist Ray Williams?“, folgerte Amb abschließend.

„Yeah“, schnaubte Ken mit verdrehten Augen. „Alle drei sind verteufelte Burschen. Sie sind fähig, einen Kontinent aufzurollen, zu zerreißen und unter sich zu verteilen.“

„Du übertreibst mal wieder, Ken – nun, das sind die drei Burschen, mit denen ich heute Nachmittag zusammenrasseln werde.“

„Mann, oh, Mann“, stotterte Ken mit zuckenden Wangen.



3.

Amb war schneller zurück, als Ken Wells annahm. Düster brannten seine Augen. Kerben standen in seinen Mundwinkeln. Sofort setzte Ken das Whiskyglas von seinen Lippen und verließ mit Amb die Schankstube.

„Wohin?“, forschte er gespannt, als die Schwingtür hinter ihnen zufiel.

„Zum Mietstall, Fellow. Wir reiten“, erklärte Amb grimmig.

„Was ist nun mit John Tanner, hat er dich in seine Crew aufgenommen?“, fragte Ken.

„Er war nicht mehr da, als ich zurückkam“, erwiderte Amb bitter. „Er will mich morgen auf der Ring-Ranch sprechen. Wahrscheinlich will er sich meine Schießvorführungen ansehen.“

„Das hätte er leichter haben können. Er brauchte nur zu den drei Eichen zu kommen“, zischte Ken Wells und hieb die Linke durch die Luft. „Tatsächlich, ich habe noch keinen Mann in Evansville gesehen, der gleich dir so in den Nesseln steckte – keinen, außer Duff Wilson, dem Geächteten. Aber er hat es vorgezogen, das heiße Pflaster dieser verruchten Stadt zu verlassen. Er brachte seine Haut in Sicherheit, und wenn man es recht bedenkt – nun, er war eine reitende Kanone, ein verteufelt schnelles Eisen, ein schleichender Panther, und dennoch hat er kapituliert. Du solltest …“

„Stopp, was Duff Wilson getan hat, ist seine Sache“, unterbrach Amb. Mit einer raschen Handbewegung deutete er an, dass das Thema ihn nicht interessierte, und dennoch konnte es sich Ken nicht verkneifen zu murmeln: „Du hast zwar keinen Kriegsnamen, aber – hm, Texas klingt auch nicht schlecht – holy gee!“

Etwas später zogen sie ihre Pferde aus dem Mietstall und saßen auf.

Jeder Fahrer und Reiter riss die Augen auf, sobald er Ken Wells auf Isabell sah. By Jove, Männer grinsten, und einige Kerle auf dem Gehsteig lästerten laut. An Ken prallte alles ab, er war einfach taub, hockte mit ausdruckslosem Gesicht im Sattel und hatte beide Hände um das Sattelhorn geklammert.

„Sonny“, flüsterte Ken, „noch nie in meinem Leben bin ich so beachtet worden. Ich sagte dir doch, dass mir Isabell Glück bringen wird!“

Amb hörte nicht auf seine Worte; denn gerade fuhr linker Hand ein schneller Einspänner vorbei. Eine Dame beugte sich vor und lehnte sich rasch wieder zurück. Nur für Sekunden sah Amb die Lady, und sein Herz schlug mit einem Mal rasch, pochte stürmisch gegen die Rippen.

„Miss Dunnhill!“, murmelte Amb. „Ken, was weißt du von ihr? Ich will wissen, wer sie ist!“

„Tja, wer ist sie – nun, das wird sie keinem mitgeteilt haben. Sie tauchte eines Tages in Evansville auf und mietete die größte Tanzhalle und den Spielpalast. Man sagt, dass sie mit den beiden Königen heftig flirtet, ohne den beiden Ranchern indes auch nur die geringste Hoffnung zu machen. Man sagt ferner, dass die beiden sich ihretwegen ernstlich verfeindeten. Ob das den Tatsachen entspricht – wer kann das nachprüfen? Jedenfalls stand sie immer zwischen den Parteien. Wo sie heute steht – wer weiß es?“

„Aber wir haben doch mit eigenen Augen gesehen, dass sie für Drehly, den Vormann Zane Siettecks, einen Auftrag ausführte“, murmelte Amb verbissen. Seine Gedanken jagten sich.

Ken zuckte die Schultern.

Sie ritten aus der Stadt, lenkten ihre Pferde nach Norden und bogen schon bald von der Zufahrtsstraße ab, ritten durch schwarze Sagehügel hindurch.

„Hinter der nächsten Anhöhe liegen die drei Eichen, Sonny – bist du fit?“, forschte Ken Wells.

„Ich denke doch. Jedenfalls ist es ein herrlicher Tag heute“, sinnierte Amb und ließ seine Augen über die Landschaft schweifen.

„Noch können wir umkehren“, meinte Ken Wells. Sie hatte die Anhöhe erreicht. Im Norden beherrschten drei Eichen die Landschaft. Groß und mächtig ragten sie in den azurblauen Himmel.

Unwillkürlich verhielten beide Reiter ihre Pferde und schauten wie gebannt dorthin.

„Sie sind anscheinend noch nicht da“, sagte Ken erleichtert.

Sie ritten weiter.

Ken berichtete über die Ruhmestaten der drei Männer, die sie bei den Eichen treffen wollten.

„Das ist alles gut und schön“, unterbrach ihn Amb ungerührt. „Sind sie besser als Hug Drehly, besser als Tom Mahltzahn? Das allein interessiert mich.“

Diese Frage brachte Ken sichtlich durcheinander.

„Sonny“, röchelte Ken, „dein Kampf mit Mahltzahn und Drehly ist dir in den Kopf gestiegen. Himmel und Hölle, du hast sie nicht mit den Eisen erlebt – du …“

Weiter kam er nicht. Eine scharfe Detonation riss ihm das Wort von den Lippen. Isabell sprang mit einem seltsam schrillen Schnauben mit allen Hufen in die Luft, bockte, krümmte sich, und Ken Wells segelte durch die Luft, schlug einen Salto und fiel dumpf ins Gras. Mit einem Ruck zügelte Amb Robinson sein Pferd, und gleichzeitig hatte er auch schon den Colt in der Faust. Doch es wurde ihm sofort klar, dass der Abstand zum Gebüsch hinter den drei Eichen viel zu groß für eine Revolverkugel war. Kaum hatte er das erkannt, als sich drüben die Büsche teilten, und trotz der Entfernung erkannte Amb, dass Jesse Lipscob hervortrat, eine Henry-Büchse in seinen Fäusten.

Ein fauchender Laut kam von Ambs Lippen. Wütend stieß er sein Eisen in das Futteral zurück und sprang aus dem Sattel.

Ha, er dachte nicht daran, in Deckung zu gehen, sondern versuchte Ken aufzuhelfen, der sich von dem Schreck immer noch nicht erholt hatte.

„Wie geht’s, Fellow?“

Der kleine Satteltramp war noch etwas benommen, schüttelte sich, prustete los: „Bring dich …“

„Er wird nicht schießen – es war Jesse Lipscob“, unterbrach ihn Amb ruhig.

„Sei vorsichtig“, würgte Ken hervor und fischte nach seinem Stetson. „Isabell ist fast gelähmt“, flüsterte er mit heiserer Stimme. „Er ist ein Satan.“

„Nimm Isabell am Zügel, Fellow – und dann vorwärts!“

Kalt und schneidend kamen diese Worte aus Ambs Mund. Sie standen in krassem Gegensatz zu seiner sonstigen Sprechweise. Sie forderten, befahlen, ließen nur eins zu – gehorchen. Kens Blick fiel auf den wartenden Jesse Lipscob.

„Sonny“, stotterte er ängstlich, „vielleicht warten die anderen auch in den Büschen. Ah, vielleicht haben sie dir angesehen, dass du ein scharfes Eisen bist und wollen nun sichergehen …“

Yeah, das konnte stimmen.

„Das wäre nicht fair“, brummte nun Amb.

Ken richtete sich an dem Mut des Jungen auf, denn, by Jove, Amb schritt wie ein Mann aus, der sich vor Tod und Hölle nicht fürchtete, dem es gleichgültig war, ob in der nächsten Sekunde Flammenstöße aus dem verfilzten Busch aufblitzen. Hoch aufgerichtet, stolz, mit wiegenden Schritten ging er genau auf Jesse Lipscob zu. Er war nur noch wenige Yards von ihm entfernt, als die angeschlagene Waffe erneut aufbellte. Das Geschoss fauchte an Ambs linkem Ohr vorbei. Er hörte das Zirpen der Kugel und blieb stehen, versteifte sich.

Bevor er seine Wut dem Gegner in das ausdruckslose Gesicht schleudern konnte, setzte der kraushaarige, schmalgesichtige Schütze die Büchse mit einer gleitenden Bewegung ab.

Amb kämpfte gegen das höllische Feuer in seinem Inneren, schluckte und würgte.

Lipscob jedoch zuckte mit keiner Wimper, auch dann nicht, als Amb leise sagte: „Freund, du bist dir deiner Sache vielleicht doch zu sicher!“

„Es gibt keinen Zweifel“, grinste Jesse. „Doch ich habe leider nicht den Vortritt und weiß daher nicht, ob Ray Williams mir etwas von dir übriglassen wird!“

„Wenn das so ist, dann hast du dir erst recht etwas herausgenommen, Lipscob.“ Ein grimmiges Lächeln huschte über Ambs Gesicht. Doch dann wurde sein Gesicht wieder kalt und ausdruckslos, und er fragte: „Wo sind deine Kameraden?“

„Sie würfeln gerade darum, wer zuerst mit dir anfangen soll, und wir haben uns gedacht, dass jeder etwas von dir haben soll.“

„Das klingt sehr anständig …“

„Nun, zwei Kämpfe wirst du mit den Fäusten, den dritten mit dem Colt austragen, was hältst du davon?“, fragte Lipscob.

„Well, ich bin einverstanden.“

„Ach – dort kommen meine Freunde, und wie ich sehe, ist Ray Williams der Glückliche, der dich auf den langen Trail bringen wird.“

Yeah, dort kamen sie hinter dem Buschwerk hervor, schwarz schimmerte das Haar des einen, rot leuchtete es unter der Stetsonkrempe des anderen hervor.

Sie grinsten Amb lässig an. In der Tat, es waren verteufelte Burschen, und gewiss hatte jeder einzelne von ihnen den Satan schon persönlich begrüßt.

„Höre, Jesse, Aldo wollte, dass ich den Abschluss mit dem Colt mache. Er verspricht sich mehr davon, mit den Fäusten zu arbeiten. Es kann nun losgehen – du bist der erste!“

Diese Kerle liebten es anscheinend nicht, viele Worte zu machen.

Ray Williams betrachtete Amb, sah dann den schreckensbleichen Ken Wells an und ließ seine Blicke zu den beiden Pferden gleiten, bemerkte dann kurz: „Das war nicht nötig, Jesse. Wir wollten unseren Spaß haben, aber das da – nun, es ist deine Sache!“

„Ich weiß, was ich tue. Ich habe den ersten Kampf. Es kann sein, dass ich für euch nichts mehr übriglasse“, erklärte er großartig, indem er sich bis zum Gürtel entkleidete.

„Robinson, es wäre zweckmäßig, wenn auch du deine Kleider ablegen würdest. Leg auch deinen Waffengurt weg. Wenn du willst, kann dein Begleiter mit dem Eisen in der Hand aufpassen …“

„Yeah, das werde ich tun“, krächzte Ken giftig. „Gib mir deinen Gurt, Sonny, ich werde höllisch aufpassen!“

Ray Williams ließ sich durch die Unterbrechung nicht aus der Ruhe bringen, er fuhr fort: „Wir kämpfen fair.“

„Eine Frage“, unterbrach Ken. „Was ist, wenn Robinson euch besiegt?“

Die drei Freunde warfen die Köpfe herum, und jeder reagierte anders.

Jesse Lipscob trommelte sich mit den Fäusten auf den gewölbten Brustkasten, schrie vor wildem Vergnügen. „Mann Gottes, wenn ich ihn unter meinen Fäusten habe, dann wirst du nichts mehr von ihm übrig behalten.“

„Und wenn er dazu noch in meine Hände gerät, dann kannst du ihm kaum noch einen Gefallen erweisen“, unterbrach Aldo Ray und klatschte sich auf die Chaps.

„Und sollte doch noch etwas von ihm vorhanden sein, dann puste ich es in alle Winde“, prahlte Ray Williams.

„Nun, wir werden ja sehen, Gents“, sagte Amb, und der beißende Spott in seinen Worten war nicht zu überhören.

Unter seinem Hemd kamen prächtige Muskeln zum Vorschein, und obwohl der Oberkörper viele blaue Flecken aufwies und deutlich sichtbare Spuren eines vergangenen schrecklichen Kampfes zeigte, so war nicht zu übersehen, dass Jesse einen Gegner gefunden hatte, der ihn vielleicht bezwingen – zum mindesten aber schwer in Druck bringen würde.

„Sky and hell“, zischte Aldo Ray, „es wird wirklich ein Spaß werden. Robinson, welche Stampede hat dich denn mitgenommen?“

„Eine Fauststampede“, erklärte Amb ruhig und warf bei diesen Worten Ken seinen Gurt zu, den dieser mit einer geschickten Bewegung auffing.

„Du wirst dich auch jetzt nicht zu beklagen haben“, krächzte Jesse bissig.

„Das tue ich nie!“, klang es rau zurück. „Bist du fertig?“

„Yeah, Sonny – und ich will es kurz machen“, kam es spöttisch von Jesses Lippen, „ich bin nicht dafür, dass man Kinder quält!“

„Mach dir keine Sorgen“, klang es kalt, und Lipscob warf sich vorwärts, riss beide Fäuste hoch, schlug zu – traf – die Luft. Blitzschnell war Amb beiseite gewichen, tauchte unter den fliegenden Fäusten weg wie ein Schemen und wirbelte herum, gerade früh genug, um einem fürchterlichen Schwinger durch Zurückweichen die Härte zu nehmen. Lipscob zeigte Überraschung, stieß einen ächzenden Knurr laut aus und drängte langsamer nach.

So begann der Kampf. Es war offensichtlich, dass Lipscob im ersten Ansturm Amb erledigen wollte, nun aber vorsichtiger wurde. Wie zwei geschmeidige Pantherkatzen belauerten sie sich,

kreisten umeinander, und jeder suchte die Technik des anderen zu erforschen.

Yeah, Jesse Lipscob war knorriger, und die Muskelstränge unter seiner Haut tanzten und schwollen bei der kleinsten Bewegung. Seine Brust und auch sein Rücken war behaart, und eine Anzahl Narben deutete darauf hin, dass er in Faustkämpfen einige Erfahrung gesammelt hatte.

„Du gibst dem Burschen einen zu langen Atem“, fauchte Aldo Ray. Missstimmung schwang in seinen Worten; denn was die beiden Kämpfer bisher zeigten, war ein schnelles Kreisen, ein Sichdrehen – Wenden – ein gewiss hochinteressantes Spiel, aber kein Kampf.

Plötzlich kam es zu einem Schlagabtausch. Dann standen sie wieder auf Distanz.

„Sonny, ich würde dich gern schonen, aber leider kann ich es nicht. Jetzt bekommst du deinen Teil.“ Leidenschaftslos und kalt waren Ambs Worte, und der schlanke, stark an der linken Augenbraue blutende Jesse nahm sie mit wildem Keuchen hin, duckte sich abwehrbereit.

Jetzt war es offensichtlich, wer bei der Schlagserie eingesteckt hatte.

Ken gellte ein lautes „Jippieeh“ hinaus und kreischte: „Du schaffst es, Sonny!“

„Abwarten“, grollte Jesse Lipscob. Zorn und Wut verzerrten sein Gesicht, machten es zur Maske. Himmel und Hölle, schon die erste Schlagserie hatte einiges entschieden, und nun schöpften die Kämpfer Luft, füllten die Lungen auf.

„Pass auf, Jesse!“, gurgelte Ray Williams plötzlich. Aber es war schon zu spät. Ambs mächtiger Schwinger traf Jesse, wirbelte ihn um die Achse. Hart und schnell setzten Ambs Fäuste nach und mit der sturen Angriffstechnik eines gereizten Stiers ließ er seinem Gegner keine Ruhe. Ja, es sah böse für Jesse aus, sehr böse. Drei, vier Schläge pressten ihm den Atem aus den Lungen, erschütterten ihn, ließen ihn mit schmerzverzerrtem Gesicht im Kreise taumeln. Er stolperte und bekam kaum die Fäuste hoch, um sich decken zu können. Die Deckung wurde ihm aufgeschlagen, immer und immer wieder heruntergefegt, und lange Gerade und kurze Haken schüttelten ihn durch und durch. By Jove – Jesse hatte manchen Faustkampf für sich entschieden, und er wusste auch, dass er erledigt war, wenn er nicht alle Schmerzen überwand und den Gegner für Sekunden von seinem Körper halten konnte. Der Luftmangel machte ihm schwer zu schaffen, und die pochenden Schmerzen fraßen sich wie ätzendes Gift durch ihn hindurch, legten seinen Willen lahm.

Amb wurde zum Tornado, zum vernichtenden Wirbelwind. Er kämpfte locker und leicht, schnell und wendig, trieb Lipscob vor sich her, ließ keinen Augenblick von ihm, schlug so lange mit kurzen Haken auf ihn ein, bis Jesse schwankte und in die Knie ging und die Arme hochwarf. Er war vollkommen blind, beide Augen waren ihm zugeschlagen.

Aldo Ray musste ihn von der Wallstatt führen, und Amb sah beiden nach.

„Sonny, lass dich betrachten“, staunte Ken Wells. „Ah, mach so weiter, mach sie alle drei ganz klein und hässlich. Du schaffst es wirklich, und du bist noch fit.“ Mit trippelnden Schritten kreiste er um Amb.

Wenngleich Williams sich nichts anmerken ließ, so verrieten seine düster glimmenden Augen, was in ihm vor ging. Die Hölle brannte darin, und Staunen prägte sich darin aus.

„Robinson, Tanner hat dich zur Ring-Ranch bestellt – du wirst die nie erreichen!“, presste Aldo Ray heraus. Er hatte die Kleider abgelegt, kam heran, und in seinem Gesicht zeigte sich eine erbarmungslose Härte.

„Mach es besser als ich“, gurgelte der zerschlagene Jesse. „Gib ihm keine Chance!“

„Ich werde das schon besorgen“, sagte Aldo Ray zuversichtlich. „Er soll den harten Grenzstil kennenlernen.“

Aldo schnellte sich ab. Langgestreckt sauste er durch die Luft, die gespreizten Hände stießen auf Amb zu. Doch so unmittelbar der Angriff auch kam, Amb war schneller, glitt zurück und sprang in die Höhe, landete mit den Stiefeln auf Aldo Rays Rücken, sprang eilig zur Seite, wirbelte herum und traf den sich aufstemmenden Gegner unter das Kinn.

Langsam kam Aldo hoch, warf sich aus der Hocke heraus auf Amb. Hart kamen seine Fäuste hoch, trafen, schleuderten Amb wuchtig zurück. Er stolperte, fiel über eine Baumwurzel rückwärts und sah für den Bruchteil einer Sekunde den stahlblauen Himmel über sich und dann den schnellen Schatten seines Gegners. Benommen fuhr er hoch. Aldo Rays Faust traf sein Kinn, und er fiel wieder zurück, warf sich im Fallen zur Seite, zog die Beine an und trat mit aller Kraft zu. Die Stiefel trafen Aldo Ray voll, wuchteten ihn aus dem Stand und warfen ihn empor.

Einen Augenblick später stand Amb auf den Beinen. Jetzt ließ er sich nicht mehr aufhalten, jetzt nicht mehr!

Himmel und Hölle – so einen Kampf wollte Amb nicht haben, das war ein mörderisches Ringen, in dem alle Mittel recht waren. Nun, Aldo Ray hatte es gewollt – nun sollte er auch bedient werden.

Ohne Zweifel war Aldo von einer rasenden, mörderischen Wut erfüllt, von einer Wut, die vor nichts haltmachte – vor nichts zurückschreckte.

Es wurde ein verbissener, schrecklicher Kampf, und dann war auch Aldo Ray mit seinen Kräften am Ende.

Yeah, es war kaum zu glauben, aber der junge Amb hatte die Zähigkeit eines Wolfes und die Wendigkeit eines Pumas. Allen Finten und Tricks kam er zuvor.

Aldo lag schließlich am Boden und rührte sich nicht mehr.

„Robinson – nun bin ich dran!“, presste Ray Williams hervor. Tanzende Lichter gellten in seinen Augen. Mit keinem Blick beachtete er den zusammengeschlagenen Freund. Vielleicht war er zu hart, zu stolz, um dem Verlierer Hilfestellung zu leisten, vielleicht war es auch die grenzenlose Wut, die ihn zwang, eine Entscheidung herbeizuführen.

Blass, fast grau war sein Gesicht. Ein kaltes Lächeln fraß sich in seinen Mundwinkeln ein. „Du bist ein Löwe, Robinson – und du hast zwei gute Männer erledigt. Well, du hast ihnen ihren Ruf genommen und sie damit aus dem Land vertrieben … Nun bist du dran. Hol deine Waffen, und dann tragen wir es aus.“

Die letzten Worte waren nur noch ein Keuchen. Die steigende Erregung machte seine Stimme brüchig, heiser und kehlig. Er sah unverwandt Amb Robinson an, als müsste er sich das Gesicht des Jungen für alle Zeiten fest einprägen.

„Williams, ich kam zu dieser Weide, um für Tanner zu reiten, und nicht, um seine besten Männer umzubringen.“

„Ah, du hast Angst?“, pfiff es von Ray Williams Lippen. Er bleckte die Zähne und stieß das Kinn vor, lächelte verächtlich.

„Nicht vor dir, und vor keinem. Aber ich will, dass du dir darüber im Klaren bist: Ich wollte mit euch und nicht gegen euch reiten – für die Ring-Ranch“, murmelte Amb leise und bückte sich über Aldo Ray, zerrte ihn hoch, sagte über die Schulter hinweg zu Ray Williams: „Warte, ich will ihn nur neben Jesse legen, will dafür sorgen, dass er etwas zu trinken bekommt.“

„Teufel, lass das!“, bellte Williams aufgebracht. „Du brauchst nicht den barmherzigen Samariter zu spielen. Oder hoffst du, dass ich dich dann nur leicht verwunde? Gib diese Hoffnung ruhig auf, meine Kugel wird dir den Kopf abreißen!“

„Noch hängt er fest am Hals“, erwiderte Amb ungerührt und griff fest zu.

Aldo Ray schwankte wie ein Blatt im Wind. „Du bist besser als ich“, röchelte er mit zerschlagenen Lippen. Das war in der Tat ein Männerwort.

„Kaum“, keuchte Amb und legte sich Aldos Arm um die Schultern. „Ich war nur in Übung und habe vor kurzer Zeit eine gehörige Lektion erhalten, das ist alles. Das hat mich durch die Hölle gebracht und gegen alle Teufel abgebrüht.“

„Und wer war der Teufel?“, grinste Aldo. Wahrhaftig, er grinste schon wieder, und es war ein schreckliches Grinsen, maskenhaft und starr im blutverschmierten Gesicht.

„Er nannte sich Hug Drehly – yeah“, murmelte Amb.

„Drehly?“ Drei Stimmen fetzten den Namen gleichzeitig heraus. Unglaube, Zweifel und Staunen schwangen darin mit.

„Es stimmt, Gents, ich war dabei“, krächzte Ken Wells, „yeah, ich war dabei und sah den größten Faustkampf meines Lebens. Der große, mächtige Drehly wurde von diesem Boy hier so zurechtgestutzt, dass er nur noch auf allen Vieren zu seinem Gaul kriechen konnte.“

Ken konnte nicht weitersprechen. Aldo Ray krallte seine Finger in Ambs Schultern fest, Ray Williams machte einen Riesensatz und baute sich vor Amb auf, und der zerschlagene Jesse Lipscob stemmte sich mühsam in die Höhe, lachte wie irr.

„Holy gee, du hast – wenn du Drehly zusammengeschlagen hast, dann – nun, dann kann man das hinnehmen – dann ist es wahrhaftig keine Schande“, stammelte er wild.

„Sonny, warum hast du das nicht sofort gesagt“, zischte Aldo Ray, „dieses ganze Theater wäre dann wohl überflüssig gewesen und …“

„Ihr habt nicht danach gefragt – und was hätte es auch genützt.“

„Well, das mag sein, und ich muss sagen, ich kann es jetzt noch nicht ganz verdauen. Das klingt fast so, als ob eine Mücke einen Elefanten erledigt hätte. Ah, nimm es mir nicht übel, Sonny, wenn es nicht stimmt, säume ich dem kleinen Zwerg eigenhändig die Ohren und schicke ihn zur Hölle. Sollte es aber tatsächlich stimmen, dann ist das der beste Song, den ich je hörte. Und nun erzähle, wir wollen alles über diesen Kampf wissen, aber auch jede Einzelheit!“

Ken war gern bereit.

„Gents – ich will es euch erzählen, aber dieser Ort ist mir zu ungemütlich. Ich hasse die drei Eichen, ich …“

„Kann das verstehen, Wells; denn hier an den drei Eichen hat dich Hug Drehly vor seiner versammelten Mannschaft …“

„Genug, Williams“, presste Ken Wells heraus.

Jesse Lipscob musste fast zu den Pferden getragen werden, und dass ausgerechnet Amb ihn schleppte, war irgendwie bezeichnend. Dann stiegen sie alle in die Sättel und ritten los.

Am Green River hielten sie an. Aldo Ray und Jesse Lipscob waren zu erschöpft, um den Ritt bis Evansville in einer Tour durchzuhalten. Sie kühlten ihre Wunden, und Ken Wells fand hier genügend Zeit, um von der Begegnung und dem Kampf mit Hug Drehly zu berichten. Mit beinahe andächtiger Aufmerksamkeit lauschten die Männer, und als Ken seinen Song beendet hatte, fauchte Jesse Lipscob: „Robinson, wenn du es wünschst, lasse ich mich noch einmal von dir zusammenschlagen.“

„Höre, Robinson – auch ich schlucke es. Es soll vergessen sein, einverstanden?“, murmelte Aldo Ray.

„Yeah, es sei vergessen“, sagte Amb rasch.

„Nun, wir beide haben noch etwas offen!“, forschte Ray Williams.

„Wenn ich es jetzt mit dir austragen müsste, dann würde ich in die Luft schießen“, lächelte Amb.

Drei Augenpaare saugten sich an ihm fest, doch Amb zuckte mit keiner Wimper, drehte sich schwerfällig auf dem Absatz und schritt zum Ufer des Green River, um sich zu waschen.

„Er ist schon ein prächtiger Bursche“, murmelte Williams.

„Yeah, ein zäher Wolf, und John Tanner kann sich beglückwünschen!“, raunte Jesse Lipscob.

„Yeah“, fügte nun auch Aldo Ray hinzu, und seine Stimme hob sich, wurde scharf und hell: „Vielleicht ist er noch besser als Duff Wilson.“

Sie schauten sich in die Augen und schwiegen eine Weile. Dann fragte Ray den kleinen Ken Wells: „Und du sagst, dass die Lady bei Drehly war – von ihm Befehle empfangen hat?“

„Ich kann es beschwören“, keuchte Ken.

„Was, zum Teufel, könnte Drehly durch Miss Dunnhill erreichen wollen?“, sinnierte Aldo Ray.



4.

Es wurde Nacht, als sie in Evansville einritten. Die Lichterketten der aushängenden Laternen spendeten nur wenig Helligkeit. Ein dunkler Himmel hing über den Häusern, und der Mond war von Wolken verdeckt.

Dumpf pochten die Hufe über den staubigen Boden.

„Gefällt mir nicht“, zischte Aldo Ray, der neben Amb ritt. „Evansville gleicht einer Totenstadt.“

Das konnte nicht besser ausgedrückt werden. Die Stadt war irgendwie verwandelt, jeder fühlte es. Sie lag gleichsam auf der Lauer, und zwischen den dunklen Gassen stand eine drohende Ungewissheit, eine fühlbare, knisternde Spannung.

Ein einzelner Reiter tauchte aus einer der Nebengassen auf. Der Lichtschein der Laterne ließ den Stern auf seiner Weste auf blitzen.

„Der Nacht-Marshal“, murmelte Aldo Ray laut genug, dass Amb es hören konnte.

Amb spähte interessiert dem Reiter entgegen, der hager und ausgemergelt im Sattel saß, vor dem kleinen Reitertrupp seinen löwenfarbigen Gaul anhielt und sich im Sattel vorbeugte. Die Reiter verhielten nun auch; denn es war offensichtlich, dass der Marshal ihnen etwas zu sagen hatte.

„Wie ich sehe, habt ihr einen Ausflug gemacht, Gents“, klang es grollend von seinen Lippen. „Manche Leute fallen dabei aus dem Sattel oder rennen gegen einen Stein.“ Bei diesen Worten sah er aufmerksam in Jesse Lipscobs und Aldo Rays zerschlagene Gesichter, und seine Augen blitzten. „Nun, das ist eine Sache, die jeder mit sich selbst auszumachen hat“, fuhr er eilig fort, denn Jesse machte schon den Mund auf, um eine scharfe Erwiderung vom Stapel zu lassen. „Well, ihr habt den ganzen Nachmittag versäumt – ihr wart zu lange fort …“

„Rück endlich mit der Sprache ’raus, Mister!“, brach es aus Aldo heraus. „Halte mit deinem Song nicht hinterm Berg. Sag, was geschehen ist.“

„Ah, John Tanner wird euch heute vermisst haben, Gents“, erklärte der Nacht-Marshal schleppend.

„Was ist mit der Crew?“, schleuderte Aldo Ray dem Marshal entgegen.

„Ich sagte doch, John Tanner wird euch vermisst haben. Jetzt allerdings, jetzt wird er es nicht mehr. Ho – jetzt nicht mehr!“

„Was soll das heißen?“, fauchte Ray Williams aufgebracht. Eisig war der Ton seiner Stimme, und sie forderte, befahl, ließ keine Umschweife mehr zu.

„Immer mit der Ruhe“, versuchte der Hüter des Gesetzes auszuweichen. Fahrig strich er sich mit der Linken über den Stern, nestelte daran, zerrte ihn plötzlich von der Weste und schleuderte ihn fort.

Schweigen senkte sich zwischen den Männern nieder, ein unheilvolles, quälendes Schweigen.

Es war kaum verständlich – der Nacht-Marshal trennte sich von seinem Orden? Warum? Die bittere Antwort folgte sofort.

„In dieser höllischen Stadt gibt es kein Gesetz mehr“, brach es von seinen zuckenden Lippen. „Der Orden ist nur einen Dreck wert. Well, ich bin kein Selbstmordkandidat und habe auch nicht die Absicht, es in Kürze zu werden. Mag sein, dass ich zu weich bin, um den Posten als Nacht-Marshal noch zu behalten. Yeah, gewiss bin ich das.“

„Höre“, zischte Aldo Ray wütend, „du stimmst einen üblen Song an und schuldest uns eine Erklärung.“

„Erklärung? Ha, jeder Mann und jedes Kind könnte sie euch geben. Fragt nur – Gents, und jeder wird es euch sagen.“

„Auch John Tanner?“, unterbrach Lipscob, und seine Augen funkelten in einer unbegreiflichen Spannung.

„Tanner“, echote der Marshal, und dann lachte er stockend, abgehackt, kehlig. Dann krächzte er: „Nein, der kann es nicht mehr. Ich sagte euch doch, ihr seid lange fort gewesen , viel zu lange. Der Teufel tanzte in Evansville. Tanner ist tot – tot!“ Er schrie es fast heraus, hieb beide Fäuste durch die Luft, stierte die drei Männer an, die sich seltsam versteift hatten und deren Atemzüge deutlich hörbar wurden. Ah, es war einfach nicht zu fassen. Tanner sollte tot sein – ihr John Tanner?

„Du hast getrunken, du …“ Jesse Lipscobs Worte erstickten in seiner Kehle.

„Er ist tot“, flüsterte der Marshal nun bewegt, mit zuckenden Lippen in das Schweigen der Männer hinein. „Aber das ist noch nicht alles – nein. Der heutige Tag soll verdammt sein, für immer und alle Zeiten! Zane Sietteck hat endgültig die Maske von seinem Gesicht gerissen, hat alle Grenzen überschritten und hat seine Mörder von den Ketten gelassen.“

„Hug Drehly und …“

„Nein“, brüllte der Marshal wild auf, „das ist es eben, es war nicht Hug Drehly – es war Duff Wilson, der John Tanner umlegte und Ring Hugstone einige Kugeln gab. Gewiss hat Zane Sietteck den Schießer angeworben und auf seine Seite gebracht, ließ ihn für sich und seine Crew die schmutzige Arbeit tun. Ah, das Verhältnis zwischen den beiden Rinderkönigen war in der letzten Zeit recht gespannt. Sie warben beide um Miss Dunnhill, sie flirtete besonders heftig mit Ring Hugstone. Sage euch, das wird der Ausgangspunkt für diesen Kampf sein. Zwei Männer und eine Frau – das kann und konnte nicht gutgehen …“

„Halt die Luft an, Marshal! Du bist früher für die Ring-Ranch geritten, und du wirst es auch jetzt wieder tun – oder?“. schnitt Williams die langatmige Rede ab.

„Ich habe meinen Posten niedergelegt – ich reite.“

„Well, los denn – auf zum Halben Büffel!“

Das war keine Aufforderung, das war einfach ein Befehl. Im „Halben Büffel“ hatte sich die Dreieck-Crew einquartiert, dort hatte Hug Drehly sein Hauptquartier aufgeschlagen.

Sie ritten an. Aldo trieb seinen Rappen neben das Pferd des Marshals und fauchte: „Und was ist mit unserer Crew?“

„Sie haben die Stadt verlassen, um Hugstone beizustehen.“

„Nun, wir sind sechs Männer, das sollte genügen, um den Kerlen der Sietteck-Crew heilige Manneszucht beizubringen.“

Aldo rief Amb Robinson zu: „Sonny, mit deiner Ankunft ist die Hölle aufgebrochen. Du hast dir keinen guten Start für deine Arbeit in …“

„Es ist der beste Start“, klang es hart zurück. „John Tanner war der Freund meines Vaters.“

„Dann hast du einen Grund mehr, deine Eisen richtig zu gebrauchen. Ha, ich sage dir, Sonny, die Hölle wird sich auftun!“

Yeah, sie tat sich auf. Noch bevor sie den „Halben Büffel“ erreicht hatten, gellte es bereits auf. Flammende Mündungsfeuer hieben blendendes Licht durch die Nacht. Kugeln summten wie angreifende Hornissen. Das Pferd Ambs knickte auf der Vorderhand ein, und bevor es in den Straßenstaub rollte, bevor es mit einem leisen Schnauben verendete, rutschte Amb vom Pferderücken.

Er presste die Lippen zusammen. Der kühle Nachtwind streifte seine pochenden, wild hämmernden Schläfen. Vor ihm duckte sich Aldo unter einem Pferdebauch, rannte bis zu der dunklen Ecke des nächsten Hauses und feuerte.

Zwei Kugeln gruben sich vor Ambs Stiefelspitzen in die Erde. Eine Sekunde später hatte auch er die an den Holmen angebundenen Pferde erreicht. Und hier erst sah er, dass zwei Pferde getroffen mitten auf der Fahrbahn lagen. Ray Williams, Jesse Lipscob und der Nacht-Marshal hetzten auf der anderen Straßenseite sprungweise vorwärts. Wo war Ken?

Hatte er sich in Sicherheit gebracht? Hatte ihn wieder die alte Feigheit in den Krallen?

Nein, der Kleine dort, der allen anderen weit voraus war, im Zickzack mitten auf der Fahrbahn lief und fast den „Halben Büffel“ erreicht hatte, das war Ken. Zum Teufel, wie ein Berserker stürmte er vorwärts und bestimmte das Tempo des Angriffs.

Den Kleinen durfte Amb nicht allein lassen. Er rannte hinter ihm her, achtete nicht auf die surrenden Geschosse, die an ihm vorbeifegten. Mit pfeifenden Lungen hastete er vorwärts, schoss auf Schatten, die hinter einem Fenster sichtbar wurden, rannte weiter, und die Eisen in seiner Faust rauchten.

Hinter ihm klang ein kehliges Lied auf. Das konnte nur Jesse sein – wenn er kämpfte, dann musste er singen. Er hatte die linke Deckung übernommen, und Aldo Ray tat rechts das gleiche. Amb stolperte, konnte sich im letzten Moment fangen, duckte sich unter den Holm und hörte auch schon die keuchenden Worte des kleinen Satteltramps: „Sonny, ich habe sie aus der Tür geschossen – ich halte hier die Stellung. Sie sind im Bau!“

„All right“, stieß Amb hervor und lief über den Bohlensteig. Well, für Ken brauchte er sich nicht mehr zu bemühen. Der hatte eine gute Position erobert und war bereit, sie zu halten.

„Cheerio!“. brüllte Ken ihm nach, doch das hörte Amb kaum noch. Mit katzenhafter Gewandtheit erklomm er das Dach eines Schuppens, ließ sich zur anderen Seite wieder niedergleiten, blieb lauschend stehen.

Pausenlos dröhnten die Revolver.

„Sie haben den Angriff der Hugstone-Crew erwartet“, zuckte es von seinen Lippen. „By gosh, ich bin in eine rauchige Sache hineingeraten, und es ist wirklich so, dass ich Kugeln anziehe. Nun, solange sie nicht in mein Fell dringen, will ich es gelten lassen!“

Ah, er war aus Texas gekommen, um in Kentucky über eine große Weide zu reiten, vom Rindergeschäft soviel wie möglich zu lernen – und was war das hier? Ah, eine mörderische Sache und oberfaul dazu. Ambs Lippen wurden zu Strichen, hart und kantig wurde sein Gesicht. Einen Tag war er in Evansville, und in diesem Tag hatte er schon mehr hinter sich gebracht als die ganzen Jahre vorher.

Seine Faust schloss sich fester um den Kolben seiner Waffe. In seinen Ohren dröhnten die scharfen Detonationen der Colts.

Seine Augen hatten sich an die Dunkelheit gewöhnt und nahmen bestimmte Umrisse wahr. Links stand ein Schuppen. Pferde waren darin untergestellt. Er konnte sie förmlich riechen. Daneben stand ein leerer Hundezwinger, an dem Gerätschaften lehnten, und genau vor ihm schob sich die hölzerne Wand des „Halben Büffels“ in die Höhe.

Auf der ihm zugekehrten Seite gab es keine Fenster. Dafür aber tauchte der Schatten eines Mannes auf, der sich schemenhaft von der Hausfront abzeichnete und leise flüsterte: „Es ist gut, dass du zurückkommst, Drehly, ich will nicht, dass wir uns zu lange mit den Cowpunchern befassen, wir …“ Er brach ab.

Amb war nun so nahe heran, dass jener seinen Irrtum einsah. Er riss die langläufige Rifle hoch. Zu spät, den Bruchteil einer Sekunde zu spät! Ambs Faust schmetterte an seine Schläfe. Der Schlag war gewaltig, riss Amb herum, und mit seinem Opfer stürzte er über einen Holzstapel, der augenblicklich zusammenkrachte.

„Hölle“, tönte eine Stimme, „Ray, pass doch auf!“

„Ich bin über einen Holzstapel gefallen“, schnaufte Amb mit verstellter Stimme, und gleichzeitig sprang er zu. Seine Faust landete an der Kinnspitze eines Mannes, der auf so eine Begrüßung nicht vorbereitet war, mit einem trockenen Schnauben gegen die Holzwand flog und langsam zu Boden rutschte.

Über ihn hinweggleitend, wollte Amb die schmale Hintertür erreichen, die zu den inneren Räumlichkeiten führte, doch belfernde Stimmen hielten ihn zurück, und so kletterte er eilig auf das Vordach, drückte ein Fenster auf und schwang sich über den Fenstersims in das dunkle Zimmer hinein.

Draußen wurde immer noch gekämpft, heftiger noch als zuvor. Sicherlich lauerte Ken Wells immer noch hinter der Regentonne und ließ keinen Feind auf die Straße hinaus. Sicherlich hielt er auch weiterhin den Eingang unter Feuer, und die anderen drängten vor und warteten vielleicht nur auf ein Signal von Amb Robinson.

Amb wich wie ein Schatten vom Fenster fort in den Raum hinein und blieb mit angespannten Sinnen an der Wand stehen.

Aus den unteren Räumen dröhnten Schussdetonationen. Es war kein schönes Gefühl für Amb, in einem unbekannten Raum zu stehen. Vielleicht lauerten sie bereits – warteten nur darauf, einen günstigen Fangschuss anzubringen – hatten die Waffen im Anschlag.

Doch Amb beschäftigte sich nicht mehr damit, sondern durchquerte entschlossen den Raum, legte die Rechte auf die Türklinke, die er nach einigem Tasten gefunden hatte, und öffnete sie, schloss sie jedoch sofort. Der Gang war erleuchtet. Zwei Gestalten hatte er im Bruchteil einer Sekunde gesehen. Deutlich hörte er eine helle, weibliche Stimme sagen: „Mahltzahn, schau nach – die Tür dort!“

„Wenn es Sie beruhigt, Lady“, grollte es bassstimmig. „Well, die Kerle sind des Teufels. Ich hatte schon angenommen, sie würden sich hier nicht mehr sehen lassen; denn unsere Boys haben dafür gesorgt, dass sie auf der Ostweide genug Arbeit vorfinden.“

Feste Männerschritte näherten sich rasch.

Amb warf einen schnellen Blick zum geöffneten Fenster. By Jove, jetzt musste er schnell handeln. Er hatte Mahltzahn nicht gerade in bester Erinnerung und wusste, dass der Bursche hart war, einer von der Sorte, die das zähe Leben von Katzen in sich haben.

Nur zu gut entsann er sich der schlimmsten Prügel seines Lebens. Die Spuren waren noch ziemlich frisch auf seiner Haut, und Mahltzahn hatte sich maßgeblich daran beteiligt. Grimmig lächelte Amb vor sich hin, fasste den Kolben fester. In diesem Augenblick flog die Tür mit einem Ruck auf. Amb hatte mit diesem Trick gerechnet und sich darauf vorbereitet. Mahltzahn hatte die Tür aufgerissen und stand unsichtbar im Gang. Zuerst stieß sein Revolver um die Ecke, dann ein Stückchen seines Stetsons, und das linke Auge lugte herein. Dennoch schien ihm das Ergebnis seiner Suche nicht befriedigend, vielleicht machte ihn das geöffnete Fenster stutzig. Ein Knurrlaut kam von seinen Lippen. Amb versteifte sich, hielt den Atem an, und seine Fingerknöchel sprangen unter dem Druck, mit dem er den Colt umspannte, weiß hervor.

Yeah, Mahltzahn hätte keine Sporen tragen dürfen. Sie verrieten ihn, und es war sein Pech, dass im Augenblick kein Revolverschuss aufdröhnte.

Trotzdem, er war ein erfahrener Kämpfer, und sein schneller Eintritt bewies es. Er huschte wie ein Schatten herein.

Amb flog vor, schlug zu, prallte auf ihn. Doch der Kolben seiner Waffe traf nicht den Kopf, sondern die gepolsterte Schulter.

Der Schmerz lähmte für Sekunden die Tatkraft Mahltzahns. Ein schrecklicher Laut flog von seinen Lippen. Bevor er recht begriff, zerrten ihn Ambs stählerne Fäuste vorwärts, rissen ihn quer durch das Zimmer zum Fenster hin.

Details

Seiten
900
Jahr
2021
ISBN (ePUB)
9783738955705
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (August)
Schlagworte
acht western august sammelband

Autoren

  • Alfred Bekker (Autor:in)

  • Larry Lash (Autor:in)

  • Pete Hackett (Autor:in)

  • Glenn Stirling (Autor:in)

  • W. W. Shols (Autor:in)

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Titel: Acht spannende Western im August 2021: Western Sammelband