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Im Tal des roten Bären: Texas Wolf Band 59

von Glenn Stirling (Autor:in)
2021 140 Seiten

Zusammenfassung

Western von Glenn Stirling

Der Umfang dieses Buchs entspricht 110 Taschenbuchseiten.

Eine Eskorte soll einen verurteilten Rebellen nach Fort Stockton bringen. Dazu wollen sie das Tal des roten Bären durchqueren. Über das Tal kursieren seltsame Gerüchte, und die Soldaten müssen bald erkennen, dass einiges an Wahrheit daran ist. Old Joe ist ebenfalls in diesem Tal, Sam begleitet ihn, und plötzlich stecken sie inmitten unglaublicher Turbulenzen.

Leseprobe

Im Tal des roten Bären: Texas Wolf Band 59

Western von Glenn Stirling


Der Umfang dieses Buchs entspricht 110 Taschenbuchseiten.


Eine Eskorte soll einen verurteilten Rebellen nach Fort Stockton bringen. Dazu wollen sie das Tal des roten Bären durchqueren. Über das Tal kursieren seltsame Gerüchte, und die Soldaten müssen bald erkennen, dass einiges an Wahrheit daran ist. Old Joe ist ebenfalls in diesem Tal, Sam begleitet ihn, und plötzlich stecken sie inmitten unglaublicher Turbulenzen.



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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

Cover: Edward Martin, 2021

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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1

„Wir haben drei Möglichkeiten“, sagte Horney und blickte die beiden staubbedeckten Gestalten an, die mit hängenden Schultern vor ihm standen. „Entweder ziehen wir kerzengerade durch die Wüste. Das sind fünf Tage ohne einen winzigen Tropfen Wasser für das Vieh. Oder wir machen den Umweg von sechshundert Meilen, was uns vierzig Tage mindestens kostet.“ Er zögerte, ehe er den dritten Ausweg nannte. „Und dann haben wir noch die Chance, durch das Tal des roten Bären zu ziehen, aber das haben schon drei Herdenmannschaften versucht. Die Skelette der Rinder liegen heute noch dort …“

Der hagere Mann, der vor Horney stand, schüttelte sich, dass der Staub im Winde davonwehte. „Außer dem Umweg“, sagte er, „sind das nur Möglichkeiten zum Sterben. Oder wie siehst du das, Leach?“ Er wandte sich an den Mann an seiner Seite.

Leach stand leicht vorgebeugt und hatte die Hände in den Taschen. Seine Augen leuchteten regelrecht aus dem staubverkrusteten Gesicht heraus. Damit blickte er auf Horney.

„Slim hat recht“, erklärte er, „es sind nur zwei Möglichkeiten zum Sterben und dann der Umweg von vierzig Tagen.“

„Durch das Tal des roten Bären“, entgegnete Horney nachdenklich, „hätten wir unheimlich Zeit gewonnen, wenn wir es schaffen, durchzukommen. Wenn mir nur einer einmal sagen könnte, wieso die beiden anderen Herden schlappgemacht haben?“

„Du hattest von drei Herden gesprochen und nicht nur von zwei“, korrigierte ihn Leach. Er fuhr sich mit der Hand über das knochige Gesicht, um den Staub abzuwischen. Aber der vermischte sich mit dem Schweiß, und es gab dunkle Streifen.

„Die dritte Herde ist durchgegangen, sie ist zurückgelaufen. Das hat natürlich Verluste gegeben“, berichtete Horney, „aber die beiden anderen sind regelrecht in diesem Tal kaputtgegangen, verreckt, und keiner weiß, wie. Mein Gott, es gibt keinen Spuk, keinen Zauber. Irgendwie wird es schon mit rechten Dingen zugegangen sein. Vielleicht sollte man das Tal erkunden. Es lohnte sich. Hier, wo wir sind, haben wir noch für zwei Tage Wasser. Wenn wir losreiten, dieses Tal erkunden und uns alles ganz genau ansehen, müssten wir eine Chance haben.“

Leach zuckte die Schultern. „Vielleicht – und vielleicht auch nicht.“ Sein Blick schweifte über die Herde, die in der knalligen Sonne lagerte; eintausendvierhundert Rinder, staubpanierte braune Leiber mit furchterregend langen Hörnern. Zwei der Kühe hatten in der letzten Nacht gekalbt. In der prallen Gluthitze lagen die inzwischen trocken gewordenen Kälber neben ihren Müttern. Heißer Wind wehte von Süden herauf über die Ebene, die bis zu der Hügelkette reichte, und auf der anderen Seite begann die Wüste, schier endlos. Weiter links darüber aber, bei den höheren Bergen, gab es diesen dritten Weg, den Weg durch das Tal des roten Bären; durch ein geheimnisvolles Tal. Und Leach hätte eine Menge darum gegeben zu wissen, worin dieses Geheimnis bestand.

Wieso, so fragte sich Leach insgeheim, waren zwei große Herden mit ihren Mannschaften umgekommen. Woran mochte es gelegen haben? Indianer? Nein, dachte er, Indianer nicht. Es gab ja sogar Wasserstellen dort. Aber irgendwer musste diese Männer und ihre Herden aufgehalten und vernichtet haben, aber wer?

Ich denke mir, überlegte er weiter, es ist tatsächlich das Beste, wir reiten mit zwei, drei Mann in dieses Tal, erkunden es, sehen uns ganz genau an, was dort wirklich ist, und vielleicht lässt sich an den Skeletten, die da noch liegen sollten, noch erkennen, wodurch diese Rinder umgekommen sind. Waren es Schüsse? Waren es vielleicht Pfeile? So lange kann das alles ja noch nicht her sein; drei Jahre vielleicht.

„Wir werden es sehen. Am besten ist, wir versäumen keine Zeit“, erklärte Leach und sah, wie die anderen beipflichtend nickten. Sie wussten genau, was er wollte.

„Morgen früh vor Sonnenaufgang“, entschied Horney, „beizeiten reiten wir los, nutzen noch die Nachtkühle und sind, wenn alles klappt, am Vormittag wieder zurück. Vielleicht ist es am besten, wenn wir nachts treiben. Wir haben etwas Mond. Es müsste hell genug im Tal sein.“

Leach hatte bei Horneys Worten ein eigenartiges Gefühl. Er war noch nie ein Freund davon gewesen, Rinder nachts zu treiben, vor allem deshalb, weil sie zu leicht erschraken; nachts noch mehr als am Tage. Und wenn ihnen die Herde durchging, bedeutete das nicht nur einen Verlust an Tagen, sondern auch an vielen Tieren.

„Also gut, dann können wir uns noch die Nacht hinlegen und morgen früh beizeiten losreiten.“ Er nickte den beiden anderen zu, nahm sein Pferd am Zügel und führte es hinüber zur Wasserstelle. Die Rinder belagerten die Ufer dieses Wasserlochs. Ein Stück entfernt stand der Küchenwagen. Dort saßen die Männer der Mannschaft um ein Feuer herum, dessen dünne Rauchfahne vom Wind zur Seite getrieben wurde.

Fünf Männer waren es, fünf stahlharte Burschen, die nicht Tod und Teufel scheuten, um die eintausendvierhundert Rinder notfalls durch die Hölle zu treiben, um sie ans Ziel zu bringen.

Aber zwischen ihnen und dem Ziel lag das Tal des roten Bären, lag die Wüste oder ein vierzig Tage währender Umweg. Alle fünf hätten sich genau wie Horney, Leach und Slim für die beiden kürzeren Wege entschieden, den mörderischen durch die Wüste, den unbekannten geheimnisvollen, sagenumwobenen durch das Tal des roten Bären. Was von den Legenden stimmte und was reines Gerede war, wussten sie nicht. Aber bald sollten sie mehr davon erfahren; bald schon …



2

Der Gesang des Mexikaners übertönte noch das Gerumpel des Wagens, auf dem er saß. Mit gefesselten Händen, die Beine an eine Stange gebunden, so hockte er auf dem Brett, das man quer über die Bracken gelegt hatte. Die Augen verbunden durch ein weißes Tuch, barhäuptig, das schwarze Haar wie dunkle Seide in der Sonne glänzend, so saß er da oben und sang. Sang die alten mexikanischen Freiheitslieder, und über all die Stunden hinweg hatte er nicht aufgehört zu singen.

Die beiden Fahrer auf dem Bock waren längst daran gewöhnt, mochten nichts mehr sagen, hatten es aufgegeben, Manuel diesen Gesang zu verbieten. Die beiden wussten, dass Manuel ein Todeskandidat war, und ebenso war es jenen drei Reitern bekannt, die neben dem Wagen ritten. Alle fünf trugen die Uniform der amerikanischen Kavallerie. Vor einem Erschießungskommando der Kavallerie würde Manuel in drei Tagen stehen. Wenn es auf dem Exerzierplatz von Fort Stockton angetreten sein würde und der Befehl „Feuer!“ käme, dann würde das Urteil vollstreckt sein, das ein Militärgericht über den Revolutionär gefällt hatte.

Manuel, der Rebell. Manuel, der versucht hatte, die mexikanische Bevölkerung in Süd-Texas, Neu Mexiko und Arizona daran zu erinnern, dass diese Gebiete vor 1848 einmal zu Mexiko gehört hatten; der angeblich versucht hatte, einen Aufstand gegen die Gringo-Unterdrücker zu entfachen. Alles war misslungen, war abgestorben an der Sattheit seiner Landsleute, die lieber Frieden wollten, ein ruhiges Dasein, als eine Rückkehr dieser Gebiete zu Mexiko. Die wenigen Jungen, die der Führer der Rebellen an seiner Seite gehabt hatte, waren nach kurzer Zeit getötet worden oder wie Manuel durch Verrat in die Hände der übermächtigen Gegner geraten.

Nun saß er da oben und sang, und sie ließen ihn singen, weil sie dachten, dass er irgendwann heiser sein würde, dass er gar nicht mehr die Kraft haben werde, bis Fort Stockton weiterzusingen. Aber das alles hatten sie schon vorgestern gedacht, und er sang immer noch.

Weder Hitze noch Staub vermochten ihm die Kehle auszudörren; er sang. Und selbst die hasserfüllten Begleiter jener fünf, die zu seiner Bewachung aufgeboten waren, mussten zugeben, dass er das war, was man einen schönen Mann nennt. Er hatte eine sehnige schlanke Gestalt. Seine von der Sonne tief gebräunte Haut bildete einen deutlichen Kontrast zu dem weißen Hemd, das er trug. Sein Oberlippenbart war sorgfältig geschnitten. Alles an ihm wirkte sauber und gepflegt und keinesfalls schmutzig und verwahrlost, wie einer der Ankläger behauptet hatte. Manuel war ein Mann voller Ideale, der auch jetzt noch auf dem Weg zum Tod an seine Mission glaubte, der sicher war, dass es eines Tages so kommen werde, wie er es jetzt schon gewollt hatte.

Sie hatten ihm zu trinken und zu essen geben wollen, aber nur den Durst löschte er und spülte seinen Mund, um singen zu können. Das Essen verweigerte er, verweigerte es seit dem Urteil, nun schon den siebten Tag. Doch der Hunger schien seine Kraft nicht zu brechen. Und selbst am Abend, wenn die Mannschaft dieses Gefangenentransportes lagerte, die Pferde müde vom langen Marsch sich legten, da sang er – und sie hatten ihn nicht damit einschüchtern können, ihn mit einem Schuss zu drohen. „So schießt doch“, hatte er geschrien, „ihr feigen Hunde!“

Sie schossen nicht; sie ließen es wie eine Marter über sich ergehen. Ja, es war eine Marter für sie, eine Marter, ständig ihn und seine herausfordernden Lieder hören zu müssen. Denn sie alle fünf stammten aus diesem Süden, aus dieser Gegend, wo fast jeder außer dem Englischen noch des Spanischen mächtig war. Und so verstanden sie den Text seiner Lieder, fühlten sich von ihm persönlich beleidigt, angegriffen und mit seinem Hass überschüttet.

Der Weg, den sie fuhren, führte von der Stelle seiner Verurteilung, dem Fort Hancock, über die Ebene, durch die Wüste und dann über die Hügel bis zu der am Nordosthang der Apache Mountains gelegenen Garnison Fort Stockton.

Der Führer der kleinen Eskorte war Sergeant Cant, ein erfahrener Mann Anfang Vierzig, dessen Schläfen sich schon grau zu färben begannen. Sein Gesicht war verwittert wie die Gebirgsformationen weit am Horizont. Tiefe Runen hatte ein Leben in der Wildnis in die markanten Züge des Mannes eingegraben. Die vier Männer, die ihn auf dem Wagenbock und zu Pferde begleiteten, waren erheblich jünger als er. Corporal Snyder ritt neben dem Sergeant. Er war von den vieren der Älteste, gerade vorige Woche fünfundzwanzig geworden. Von ihm kam der Vorschlag, statt durch die trockene Wüste lieber das Tal des roten Bären als kürzeren Weg zu nutzen. Er hatte es eben dem Sergeant erklärt.

„Ich bin schon einmal durchgeritten. Vor zwei oder drei Jahren sollen da Rinderherden steckengeblieben sein. Viele der Tiere sind umgekommen, warum, weiß ich nicht. Es gibt auch Gräber von Männern dort. Vielleicht hat alles eine natürliche Erklärung, aber die Leute spinnen die merkwürdigsten Gerüchte um diesen Vorfall. Es heißt, in diesem Tal spukt es.“

„Dummes Zeug“, knurrte der Sergeant, „Kinderkram, wo gibt‘s denn so etwas?“

Snyder nickte. „Habe ich mir auch gedacht. Als ich durchgeritten bin, war gar nichts. Und mein Bruder, der eine Zeitlang die Post nach Fort Stockton geschafft hat, ist viele Male durchgeritten. Er hat nichts bemerkt, was irgendwie seltsam wäre. Er meint, das ist nichts weiter als ein Krieg zwischen Ranchern gewesen, die irgendwie um das Vieh gekämpft haben. Und dabei sind eben alle draufgegangen. Vielleicht haben sie sich gegenseitig abgeschossen.“

Cant sagte nichts. Er hockte zusammengesunken im Sattel und überlegte. Der Vorschlag von Snyder hatte einiges für sich. Sie konnten erheblich abkürzen, und Wasser sollte es in diesem Tal des roten Bären auch geben. Andererseits lag dieses Tal nicht an der offiziellen Wegstrecke, die ihnen vorgeschrieben war. Demzufolge mussten sie durch die Wüste. Aber genau wie Snyder und den anderen Männern ging Cant das Gesinge des Gefangenen bis an den Rand des Erträglichen. Er wusste auch, dass wenigstens zwei seiner Männer einen Punkt erreicht hatten, wo man nicht mehr für ihre Disziplin garantieren konnte. Zumindest Mackenzie war jederzeit imstande, sein Gewehr aus dem Sattelschuh zu reißen und den Mexikaner zu erschießen. Wenn das geschehen würde, hatte der Tote wie ein Märtyrer alle Sympathien der mexikanischen Bevölkerung auf seiner Seite. War es ihm lebend nicht gelungen, sie gegen die Nordamerikaner aufzuwiegeln, so würde ihm dieser Triumph im Tode beschieden sein.

Mackenzie schielte schon immer wieder zum Wagen hin. Er war der dritte, der neben dem Gefährt ritt.

Merkwürdigerweise, so stellte Cant fest, konnten sich die beiden auf dem Wagenbock am meisten beherrschen. Obgleich Manuel hinter ihnen saß und praktisch immerzu in ihre Richtung sang, schien er sie kaum zu beeinflussen. Aber das Bild täuschte, und Cant war ein viel zu erfahrener Vorgesetzter, um nicht zu ahnen, wie sehr es in den beiden kochte.

„Also gut“, sagte er, „nehmen wir das Tal. Die drei anderen wissen nichts“, fügte er leise hinzu. „Und Sie, Snyder, halten die Klappe. Sie wissen ja, was uns vorgeschrieben ist.“

„Ich weiß es, aber ich hätte verdammt wenig Lust, zwei trockene Camps aufzuschlagen. Mit dem Wasser sind wir so dick nicht dran, und wenn ich mir vorstelle, dass ich mir dieses Wolfsgeheul einen Tag weniger anzuhören brauche, dann gibt es für mich auch nur eine einzige Entscheidung.“

„Genauso ist es“, brummte Cant. „Hoffentlich macht es wirklich einen Tag aus, und hoffentlich ist der Weg auch für den Wagen gut.“

„Das ist er ganz bestimmt. Ich kenne es ja, dieses Tal.“

„Warum heißt es eigentlich Tal des roten Bären? Da gibt es doch sicherlich keine Bären mehr.“

„Nein, damit hat es nichts zu tun. Es hängt mit Indianern zusammen. Ein Indianer, den sie Roter Bär nannten, soll da begraben liegen, und deshalb ist doch die Geschichte von dem Spuk.“

„Vielleicht hängt das mit den Rindern und den toten Cowboys mit Indianern zusammen“, überlegte Cant laut.

„Nein, nein“, widersprach Snyder sofort. „Das hat die Armee auch gedacht. Von Fort Stockton sind damals welche losgeschickt worden. Mein Bruder war dabei. Niemand hat etwas von Indianern entdecken können oder von Spuren von ihnen. Es wird wohl ewig das Geheimnis des Tales bleiben, wie die Geschichte damals passieren konnte. Aber seitdem hat niemand mehr versucht, auch nur einen Rinderschwanz durch dieses Tal zu treiben.“

Snyder lachte: „Kann man auch begreifen. Eine dritte Herde sollte ebenfalls hindurch, aber aus irgendeinem Grund sind die Tiere in Panik geraten und davongelaufen. Es hat Verletzte gegeben, ich glaube sogar Tote, weil das Vieh in Stampede geriet, und die Männer, die dabei waren, wussten selbst nicht, wie das alles geschehen konnte. Sie waren auch viel zu wenige für eine solch große Herde. Na, ich glaube nicht, dass wir noch irgend etwas sehen, was geheimnisvoll ist. Dieses Tal ist öde, und das einzige was daran gut ist, wäre die Wasserstelle. Da können wir drin baden; soviel Wasser ist da, und es ist gutes Wasser.“

Cant nickte nur. Und so ganz wohl war ihm bei dem Gedanken gar nicht, durch dieses Tal zu ziehen. Irgend etwas in seinem Innern warnte ihn davor. Aber dann sagte er sich, dass er als alter Soldat doch nicht etwa auf Spukgeschichten und Geisterbeschwörungen hereinfallen werde. Natürlich, dachte er, ziehen wir durch dieses Tal. Wir werden doch nicht vor einem Gespenst kneifen.

Fast hätte er gelacht. Aber zum Lachen war ihm dann doch nicht zumute, besonders nicht, als er das Lied hören musste, das Manuel jetzt angestimmt hatte. Ein Lied, in dem allen Gringos der Tod angedroht wurde. Es war von allen Liedern, die Manuel gesungen hatte, das hasserfüllteste.

„Timcock“, brüllte Cant dem Beifahrer auf dem Wagenbock zu, „reißen Sie diesem Schweinehund die Binde vom Gesicht! Los! Er soll sehen, was um ihn herum geschieht. Er soll es sehen!“

Der Beifahrer kletterte vom Bock nach hinten, riss dem Gefangenen die Binde von den Augen und der schloss, geblendet ob der grellen Helligkeit, die Augen.

Cant ritt dicht an den Wagen heran und brüllte: „Sieh mich an, du verdammter Bastard! Sieh mich an!“

Manuel konnte ihn gar nicht ansehen. Nachdem seine Augen stundenlang durch die Blende geschützt gewesen waren, traf die Helligkeit die Pupillen jetzt wie ein Dolch. Er blinzelte, versuchte in Cants Richtung zu blicken, aber er vermochte es nicht. Immer wieder musste er die Augen schließen. Erst nach einer ganzen Zeit, die Cant allerdings geduldig gewartet hatte, gelang es Manuel, blinzelnd auf den Sergeant zu blicken.

„Siehst du mich?“, fragte Cant laut.

Der Wagen war stehengeblieben. Mit gesenkten Köpfen standen die Pferde und scharrten mit den Hufen in dem ausgedörrten Boden. Der Kutscher saß ab und gab den Tieren jetzt zu saufen. Cant hatte kein Auge dafür. Er blickte auf Manuel, und der sah nur Cant.

Cant deutete auf Mackenzie. „Dieser Mann dort“, sagte er gefährlich leise, „wird bald nicht mehr die Kraft haben, sich an die Gesetze der Armee zu erinnern. Er wird bald in einem Zustand sein, wo ihm alles egal ist, wo er einfach sagt: Jetzt sorge ich dafür, dass dieses Geheul aufhört. Und er wird sein Gewehr nehmen und dich über den Haufen knallen. Aber vielleicht wird er schlecht treffen, vielleicht trifft er dich in den Bauch. Und weißt du was? Ich habe den Befehl, dich nach Fort Stockton zu bringen. Ich würde versuchen, was ich kann, dass ich dich lebend hinbringe. Du wirst Höllenschmerzen haben. Du wirst nicht mehr singen, du wirst brüllen. Du wirst brüllen, dass die Wolken am Himmel zu zittern beginnen, dass die Wüste staubt, dass die Pferde durchgehen. Aber vielleicht ist es gar nicht Mackenzie. Vielleicht bin ich es selbst, der den Revolver zieht und auf dich feuert, nicht in den Bauch, dass es womöglich schwer sein wird, dich durchzubringen. Vielleicht in dein Bein, in deinen Arm. Es wird weh tun, aber du wirst nicht daran sterben. Es wird dir nur die Hölle bereiten, und wir bringen dich sicher nach Fort Stockton. Ich habe einen Befehl, dich hinzubringen, und ich werde ihn ausführen. Und noch etwas werde ich tun, wenn du nicht mit dem Gesinge aufhörst. Ich werde mein Halstuch nehmen und es dir in den Mund stopfen. Dir wird der Schweiß ausbrechen, du wirst Atemnot haben bei dieser Hitze. Vielleicht kommst du dann selbst an den Rand des Wahnsinns, wie du uns an den Rand des Wahnsinns bringen willst mit deinem Geheule. Aber wir werden unsere Ruhe haben. Hast du mich verstanden? Du wirst aufhören zu singen!“

„Niemals“, erwiderte Manuel und warf den Kopf in den Nacken. Von seinem Brett, auf dem er saß, blickte er auf Cant herab wie von einem Thron. Aller Stolz, zu dem ein Mexikaner fähig war, leuchtete aus den dunklen Augen Manuels.

„In Ordnung“, brummte Cant, als habe er nichts anderes erwartet, „genauso hatte ich es mir gedacht.“ Er klappte seine Satteltasche auf, griff hinein und brachte ein gelbes Tuch zum Vorschein. Er rollte es zusammen und reichte es Timcock, dem Beifahrer, und sagte: „Stopf es ihm in den Mund! Los, Snyder, helfen Sie ihm dabei. Und wenn er nicht spurt, dann kann ein kleiner Schlag auf den Kopf Wunder wirken.“

Manuel war gefesselt, aber er versuchte alles, um es Timcock und Snyder unmöglich zu machen, ihn zu knebeln. Der Fahrer sowie Mackenzie mussten zu Hilfe kommen. Dieser Übermacht war Manuel nicht mehr gewachsen. Es gelang ihn zwar noch, Mackenzie in den Arm zu beißen, aber dann hatte er das Tuch im Mund und vermochte es nicht auszuspucken.

Er hatte große Mühe, Luft zu bekommen, und Mackenzie schrie ihn hasserfüllt an: „Ersticken sollst du, Schweinehund, ersticken!“

Cant beobachtete den Gefangenen sorgfältig, dass dieser nicht wirklich ersticken konnte. Als er also sicher war, dass keine Gefahr befand, befahl er weiterzufahren. Und nun war es auf einmal still, still bis auf das Rumpeln des Wagens, das Klappern der Eisen, wenn sie auf Geröll trafen, das Knarren der Sättel und des Lederzeuges. Schweigend ritten die drei Männer neben dem Wagen, und schweigend saß denn auch Manuel auf dem Bock, die Augen im Hass aufgerissen, die Haare zerwühlt von dem Zweikampf von vorhin, aber immer noch stolz und ungebrochen in seiner Kraft. Trotz seines Hungers, trotz des Durstes, den er empfand und trotz der Schmach, dass er hier gefesselt auf diesem Wagen sitzen musste.

Der Wagen bog jetzt in die Richtung ab, die Snyder angezeigt hatte, die Richtung zum Tal des roten Bären. Langsam ging der Weg, den sie nahmen, bergan, und dort drüben über dem karstigen Gebirge wölbte sich ein tiefblauer, wolkenloser Himmel. Trotzdem hatte Cant das Gefühl, als reite er einem drohenden Gewitter entgegen.



3

Captain McNelly deutete mit dem Zeigefinger auf eine bestimmte Stelle der Karte. Diese Karte bedeckte fast die ganze hintere Wand des spartanisch eingerichteten Büros, von dem aus der Captain die härteste Truppe, die es im ganzen Westen gab, leitete: die Texas-Rangers.

Neben dem hageren, grauhaarigen Captain McNelly stand ein kräftiger, sehniger blonder Mann in schwarzer Kleidung.

„Hören Sie zu, Tom“, sagte McNelly und deutete auf die Karte. „Hier ungefähr könnten sie jetzt sein. Sie haben den Befehl, den Kurierweg zu nutzen, und der geht hier entlang durch die Wüste. Ich schätze, dass sie ungefähr zehn bis fünfzehn Meilen in die Wüste eingedrungen sind. Sie haben also noch zwei Tage.“

„Kann man denn“, fragte Cadburn, „Fort Stockton nicht auf einem Umweg telegrafisch erreichen? Sind denn alle Leitungen unterbrochen?“

„Jedenfalls die zum Fort“, erklärte McNelly. „Hören Sie zu, Tom! Es hilft gar nichts, als die Spur der Eskorte aufzunehmen und ihr zu folgen. Ganz gleich, wie Sie es machen, Sie müssen verhindern, dass Manuel vor ein Exekutionskommando gestellt und erschossen wird. Wenn das geschieht, ist Crooks Tochter auch dran.“

Tom Cadburn nickte. Er dachte an die Meldung, die sie vor einer Stunde erhalten hatten. Eine Meldung über den Telegrafen. In Süd-Arizona hatte ein Trupp von elf mexikanischen Rebellen die Tochter des Generals Crook entführt. Die neunzehnjährige Angie Crook war zusammen mit ihrem Verlobten, dem Lieutenant Baker, bei einem kurzen Ausritt überfallen worden. Baker trafen zwei Schüsse. Aber dem Vernehmen nach befand er sich nicht in Lebensgefahr. Immerhin hatte er nicht die Entführung seiner Verlobten verhindern können. Angie Crook befand sich nun in der Hand mexikanischer Banditen und war zwischenzeitlich, so hatte man feststellen können, auf mexikanisches Gebiet gebracht worden. Und dahin konnten Soldaten des Generals nicht mehr folgen, ohne einen Konflikt mit Mexiko heraufzubeschwören. Trotzdem, und da war Cadburn ebenso sicher wie Captain McNelly, würden Männer in Zivil die Spur weiterverfolgen, um zu versuchen, Angie zu befreien. Aber in Mexiko hatten die Rebellen die gesamte Bevölkerung zu Verbündeten. Hinterlassen hatten die Entführer nur einen kurzen Brief, und in ihm stand, dass Angie sterben würde, krümmte man Manuel nur ein Haar.

„Die Sache ist eindeutig“, erklärte McNelly, „wir müssen zumindest so lange Zeit gewinnen, bis der Gouverneur entscheidet, wie die Sache weiterlaufen soll. Und der Gouverneur ist ausgerechnet auf der Jagd, so dass ein zweiter unglücklicher Zufall außer der nicht intakten Telegrafenleitung hinzugekommen ist. Es gibt nichts weiter, als Zeit zu gewinnen. Versuchen Sie Ihr Bestes, Tom. Versuchen Sie, entweder die Eskorte aufzuhalten oder auf einem anderen Weg Fort Stockton zu erreichen und die Botschaft von mir hinzubringen. Das Schreiben haben Sie schon. Vielleicht gelingt es Ihnen auch, die defekte Stelle der Leitung zu finden. Wir haben ja einen Trupp losgeschickt, aber keiner weiß, wie lange es dauert. Sie haben das beste Pferd, das hier je ein Ranger geritten hat. Wenn jemand eine Chance hat, rechtzeitig im Fort zu sein, dann Sie. Old Joe wollen Sie wohl sicher nicht mitnehmen?“

Tom schüttelte schweren Herzens den Kopf. Nein, dachte er, seinen alten Freund konnte er hierbei nicht gebrauchen. Und auch auf Sam, seinen vierbeinigen Begleiter, musste er auf diesem Ritt verzichten. Hier kam es allein auf Schnelligkeit an, auf sonst nichts. Jedenfalls sagte sich das Tom. Aber wie es wirklich werden würde, konnte er nicht ahnen.

„Also verliere ich keine Zeit und mache, dass ich wegkomme“, erklärte er, setzte sich den Hut auf, tippte an die Krempe und nickte McNelly zu.

McNelly erwiderte nichts. Er sah Cadburn nach, als der draußen zu seinem prächtigen Blauschimmelhengst ging, mit einem Sprung im Sattel saß, die Zügel aufnahm und losritt. Nein, dachte er, einen besseren Mann auf einem besseren Pferd habe ich nicht. Wenn es jemandem gelingt, Fort Stockton rechtzeitig zu erreichen, dann ihm. Er zog seine Taschenuhr aus der Weste, blickte auf das Zifferblatt und dachte: Achtundvierzig Stunden Zeit, verdammt wenig. Verflucht wenig! Vielleicht schafft noch nicht einmal er es, und Angie dürfte dann verloren sein. Wie sollen die in Fort Stockton wissen, was sich inzwischen ereignet hat?



4

Der dachsbärtige Alte hockte am Ufer des Arroyos, schrubbte sich seine Füße und sang mit heiserer Altmännerstimme. Unweit von ihm ließ sein hässliches Maultier Rosinante die Ohren spielen. Rosinante graste. Hier am Arroyo wuchs saftiges Gras. Ein gutes Stück oberhalb lag Fort Davis, und von dort näherte sich der Reiter.

Im Schatten eines überhängenden Felsens lag Sam, der schwarze Halbwolf, dessen grüne Augen in der schon tiefstehenden Sonne funkelten. Er hatte längst die Witterung aufgenommen, sprang jetzt hoch und lief mit wedelnder Rute dem Reiter entgegen.

„Mein Gott“, brummte der Alte, „du tust gerade so, als hättest du ihn Jahre nicht gesehen, Sam. Aber warum hat der Junge es so eilig? Er reitet ja, als gäb‘s den großen Preis zu gewinnen.“

Der Reiter kam näher, parierte seinen herrlichen Blauschimmel und sprang aus dem Sattel. Der große schwarzgekleidete Mann trat näher und blickte auf den Alten herab, der sich zu ihm umwandte.

„Es gefällt mir nicht, Tom, wie du daherkommst. Das sieht aus, als wäre es mit unserer Ruhe am Ende.“

„Nicht für dich“, erwiderte Tom Cadburn. „Du hast Zeit. Sam auch.“ Er beugte sich zu dem schwarzen Wolfsblut herab, streichelte es, kraulte es am Hals, und Sam fiepte beglückt über diese Liebkosung.

„Also schieß schon los! Was hast du vor?“, wollte der Alte wissen.

„Fort Stockton – knapp achtundvierzig Stunden Zeit.“

Der Alte stieß einen schrillen Pfiff aus. „Achtundvierzig Stunden ist verdammt knapp. Wie willst du das schaffen? Schraubst du Thunder Flügel an oder was?“

„Es ist zu schaffen, und du weißt es! Aber nicht, wenn du mit Rosinante neben mir reitest und ich auf euch Rücksicht nehmen muss. Ich werde also allein reiten. Jemand soll erschossen werden, und wenn das passiert, werden gewisse Leute sich revanchieren.“

„Also eine Geiselnahme“, mutmaßte der Alte.

Tom Cadburn nickte. „Die Tochter von General Crook ist entführt worden. Man wird sie umbringen, wenn Manuel, der in achtundvierzig Stunden erschossen werden soll, ein Haar gekrümmt wird.“

„Das also ist es. Wie willst du reiten? Durch die Wüste? Das wäre der kürzeste Weg.“

„So ist es“, bestätigte Tom Cadburn, „ich habe drei Wasserschläuche dabei. Das wird langen. Ein Stück lang folge ich hier noch dem Fluss. Dann kann sich Thunder noch einmal vollsaufen, und dann geht es durch die Wüste. Kein Problem!“

„Es gäbe noch einen anderen Weg. Durch das Tal des roten Bären. Was hältst du davon?“, fragte Old Joe.

„Nichts“, entgegnete Tom Cadburn, „die Wüste schaffen wir zwei. Schneller kann ich nicht vorankommen. Ich habe keine Lust, durch dieses Tal zu reiten.“

„Weil es heißt, dort würde es spuken?“, erkundigte sich der Alte grinsend.

„Rede nicht solchen Quatsch. Ich will vorankommen. Verstehst du? Da braucht nur eine Lawine niedergegangen zu sein; schon ist mir der Weg versperrt. Dieses Risiko will ich in diesem Falle nicht eingehen. Thunder wird die Wüste schaffen, ich weiß es.“

Details

Seiten
140
Jahr
2021
ISBN (ePUB)
9783738955675
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (August)
Schlagworte
bären texas wolf band

Autor

  • Glenn Stirling (Autor:in)

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Titel: Im Tal des roten Bären: Texas Wolf  Band 59