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Die eiskalte Bande: Texas Wolf Band 57

von Glenn Stirling (Autor:in)
2021 120 Seiten

Zusammenfassung

Western von Glenn Stirling

Der Umfang dieses Buchs entspricht 138 Taschenbuchseiten.

Der Blizzard! Allein der Name lässt die Menschen in Fritch erstarren, denn gemeint ist nicht der schreckliche Wintersturm. Nein, dieser Blizzard geht auf zwei Beinen und tötet gnadenlos, wenn auch aus niederen Beweggründen. Tom Cadburn kommt mit seinem Schwarzwolf Sam nach Fritch und muss erkennen, dass man ihn für ein Mitglied der Bande hält.

Leseprobe

Die eiskalte Bande: Texas Wolf Band 57

Western von Glenn Stirling


Der Umfang dieses Buchs entspricht 138 Taschenbuchseiten.


Der Blizzard! Allein der Name lässt die Menschen in Fritch erstarren, denn gemeint ist nicht der schreckliche Wintersturm. Nein, dieser Blizzard geht auf zwei Beinen und tötet gnadenlos, wenn auch aus niederen Beweggründen. Tom Cadburn kommt mit seinem Schwarzwolf Sam nach Fritch und muss erkennen, dass man ihn für ein Mitglied der Bande hält.



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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

Cover: Tony Masero, 2021

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Alles rund um Belletristik!



1

„Einen Drink für meinen Freund!“

Lome Kling ist ein hagerer Bursche, der so aussieht, als wäre nicht viel Anstrengung nötig, um ihn quer durch Texas zu werfen. Und der Mann, für den er den Drink bestellt, und den er seinen Freund nennt, ist ganz schön gewichtig. Breit in den Schultern, mit langen Armen und Händen wie Schaufeln.

Aus kleinen tückischen Augen sieht er den Dürren an, der „Freund“ zu ihm gesagt hat.

„Ich suche mir meine Freunde selber aus, Knochengestell“, wirft er bissig hin.

„Wie denn, Stranger?“ Lome dreht sich langsam zu ihm um und drückt sich zugleich ein wenig vom Tresen ab. „Du lehnst einen Drink, eine Einladung von mir also ab?“

„Was sonst?“, kommt es sofort angriffslustig zurück – und auch der Fremde rückt vom Tresen ab.

Es ist nicht viel nötig, in dieser kleinen Stadt Fritch im Panhandle von Texas in eine Schießerei zu geraten. Man kann sehr leicht sterben, wenn man eine Einladung ausschlägt … eine Einladung zu einem Drink, wie das der Fremde eben getan hat. Und sicher wäre er nicht der erste Mann, der eine Kugel erwischt, die aus einem der beiden Colts von Lome Kling kommt. Er hat einen höllischen Ruf als Revolverheld, dieser Lome Kling.

Der Fremde grinst nur. Und so viel Verachtung ist in seinem Grinsen, dass Lome anfängt, nervös zu werden.

„Kleiner, mistiger Angeber“, sagt der Hüne höhnisch. „Bisher ist wohl noch nie ‘n richtiger Mann in dieses Drecksnest gekommen, wie? Da, wo ich herkomme, Kleiner, da erschrickt man mit solchen Affen wie dir nicht einmal mehr die kleinen Boys. Was denkst du, wie viel Chancen du noch hast, mein Lieber, wenn ich wirklich ziehen würde? Nicht mehr als ‘n Schneeball, den man ins Feuer wirft.“

Lome Kling zieht höllisch schnell, Freunde, viel schneller, als man denken sollte oder sogar denken kann. Der Fremde sieht die Hand gar nicht, die an den Kolben saust – aber er hat auch keine Sekunde lang auf diese Hand hingesehen, hat nur die Augen Lomes beobachtet. Und darum ist er noch ‘n winziges Ende schneller als Mr. Kling aus dem Panhandle von Texas.

Als Lome seine Kanone aus dem Halfter hüpfen lässt, da hat der Fremde die seine schon in der Hand und schießt mit einer lässigen Gleichgültigkeit, die kaum noch zu überbieten ist.

Und Kling starrt auf die leere Hand!

„Narren soll man nicht totschießen, wenn noch ‘n Funken Hoffnung besteht, sie wieder zur Vernunft zu bringen“, tönt es an sein Ohr durch das dumpfe Brausen, das plötzlich in seinem Kopf ist. „Nimm aber ja nicht den anderen Revolver, Hosenmatz, sonst muss ich dich so verprügeln, dass du nie mehr wagen wirst, auch nur die Augen zu heben, wenn ein Mann in deine Nähe kommt!“

„Wer – wer bist du?“, fragt Lome Kling mit so fest zusammengebissenen Zähnen, dass man seine Frage kaum verstehen kann.

„Der Mann im Mond, mein Kleiner“, sagt der Fremde spöttisch. „Kann aber auch sein, dass ich nur ‘n Mann bin, mein Kleiner. Verstehst du, was ich damit sagen will, Freundchen? Und nun kannst du verschwinden, wenn dir danach zumute ist. Geh heim zu Mama und lass dich trösten, Boy.“

Er wendet sich wieder dem Tresen zu und greift nach seinem Glas. Niemals kommt er auf die Idee, dass es besser gewesen wäre, Lome Kling zu erschießen, statt ihm nur die Hand zu prellen.

So trifft ihn die heimtückische Kugel des Mannes, ehe er auch nur eine Reflexbewegung der Abwehr machen kann. Und sie trifft ihn so, dass er keine Möglichkeit mehr hat, vielleicht zurückzuzahlen, was er eben bekommen hat.

Lome tötet diesen Fremden nicht, darauf kommt es ihm gar nicht an. Dieser Mann hat ihm die Rechte so geprellt, dass er sie kaum noch fühlt – und er will ihm dasselbe antun. Dazu aber muss man noch ‘n ganzes Ende besser schießen können als Lome Kling.

Er trifft die Hand dieses Fremden voll, und seine Kugel richtet weitaus mehr Schaden an, als beabsichtigt war. Und wäre nicht der Colt im Halfter, der das Geschoss auffängt, das glatt durch die Hand schlägt – sicher würde der Fremde eine schwere Verletzung davontragen.

So taumelt er nur mit einem unterdrückten Ausruf der Wut, aber auch des Schreckens beiseite, reißt die Rechte hoch und starrt sie mit einem wilden verzweifelten Blick an. Schlagartig weiß er, dass er mit ihr nie mehr einen Colt wird halten können. Und er – er ist nicht zweihändig wie Lome Kling. Er hat nur eine Hand, nur die rechte, die schnell und sicher genug ist, einen Revolver zu schwingen.

„Du Bastard!“, faucht er Lome Kling wütend an. „Du gottverdammter, kleiner Straßenköter! Dafür wirst du tot sein, ehe noch die Sonne sinkt! Und ich …“

Jetzt ist Lome Kling wieder eiskalt. Er steckt sogar den Colt zurück ins Halfter, als er blitzschnell erkennt, wie grässlich lahm der Fremde mit der Linken ist. Und er lässt ihn die Waffe halb herausziehen, ehe er selbst wieder zaubert …

Der Schuss des Fremden vorhin, der hat James Blaine aus seinem Office gelockt, in dem er vor sich hin döste. Er ist Sheriff in dieser kleinen Rinderstadt im Panhandle, und man sagt, dass er noch immer ein guter Mann ist mit den Eisen, trotz seiner fünfunddreißig Jahre, die er auf dem Buckel hat

Er steht draußen vor der halbhohen Pendeltür des Saloons und sieht, wie ein Fremder zum Eisen greift, ein ganzes Ende eher als Lome Kling. Und er sieht auch, wie dann Lome mächtig schnell zieht und schießt, ehe der Fremde noch den Hammer spannen kann.

Jetzt erst betritt der Sheriff den Saloon, sieht erst Lome an, der ihn mit wilden Blicken empfängt, schließlich den Fremden, der tot am Boden liegt, dann zuckt James Blaine mit den Achseln.

„Lome – ich will nicht fragen, wie es angefangen hat“, sagt er schleppend. „Vielleicht könnte ich dich darauf festnageln und dich endlich in die Steinbrüche schicken, du Narr, wie du es seit Langem verdient hättest. Aber so wird es noch besser sein. Und ich gebe dir mein Wort, Lome Kling, ich werde mich nicht einmal dann einmischen, wenn ich dabei sein sollte, sobald der beste Freund dieses Toten kommen wird, um die Rechnung zu kassieren, die du jetzt eben aufgemacht hast! Es ist Warren Hayes! Es gibt kaum einen Mann im Panhandle, der auch nur annähernd so schnell war wie er. Niemand weiß das am Ende besser als du, was? War es nicht Warren Hayes, der vor drei Jahren deinen Bruder erschossen hat?“

„Stimmt, Blaine“, gibt Lome Kling unumwunden zu, und seine Stimme klingt, als hingen eine Menge Eiszapfen an ihr. „Warren Hayes hat meinen Bruder erschossen, und niemand war dabei.

Frank bekam die Kugel in den Kopf, Ordensträger, so war es doch? Du hast es mir erzählt, als ich wiederkam, als mein Bruder schon begraben war. Ich selbst habe Hayes nie zuvor gesehen. Ich hatte keine Ahnung, dass dieser Fremde der Mann war, den ich länger als ein Jahr lang vergeblich gesucht habe. Und jetzt ist der Mörder meines Bruders dort, wohin ihn eigentlich das Gesetz hätte bringen müssen. Frank wurde ja hier – in dieser Stadt, keine hundert Schritte von deinem Office entfernt, erschossen. Was aber hast du getan? Du hast erklärt, es wäre eine Schießerei zwischen zwei Revolverleuten gewesen. Und der schlechtere Mann wäre eben auf die Nase gefallen. Damit war diese Sache für dich erledigt. Alles, was du sonst noch getan hast, das war, dass du mir den Namen des Mannes nanntest, der Frank umbrachte. Beschreiben aber konntest du ihn angeblich nicht. Ich will dich gar nicht fragen, Blaine, wieso eigentlich nicht. Und ich will dich auch nicht fragen, wieso du diesen Warren Hayes mit einem einzigen Blick wiedererkannt hast, als du ihn hier liegen sahst. Ebenso wenig will ich dich danach fragen, wie es möglich ist, den Namen eines Mannes zu wissen, ohne einem sagen zu können, wie dieser namentlich bekannte Mann eigentlich aussieht.“

„Goddamned, Boy, willst du vielleicht sagen …“, Blaines heisere Stimme hebt sich in drohendem Ton.

Lome fällt ihm respektlos ins Wort „Ich habe deutlich erklärt, dass ich gar nichts sagen, ja, nicht einmal was fragen will“, erklärt er kalt. „Das werden bei Gelegenheit andere tun, Sheriff … Texas-Ranger vielleicht. Und am Ende kommen diese Männer dann auch noch auf die Idee, wieso es kommen kann, dass sich in deinem County ein Mann wie der Blizzard seit geraumer Zeit herumtreiben kann, ohne dass du ihn erwischt hast bis jetzt. Obwohl du doch alle anderen Schnellschießer und Banditen sehr radikal ausmerzen konntest, als du hier den Stern übernommen hast!“

Lome zeigt ein hartes, aber auch weicheres Grinsen, als er den Saloon verlässt. Er weiß, dass er um ein paar Schritte zu weit gegangen ist. Und er weiß auch, dass er damit die letzten nachsichtigen Freunde verloren haben wird, die er bisher noch hatte.

Er geht zum Mietstall, in dem er seinen Braunen stehen hat. Ein wunderbarer Gaul ist es, schnell und ausdauernd, und es gibt kaum ein Pferd, das ihn schlagen kann.

Als Lome den Schatten des Mannes sieht, der bei seinem Hengst in der Box steht, zuckt seine Hand zum Colt.

„Seit wann schießt man auf seine Freunde, Lome?“, kommt es spöttisch aus der Box, und der Mann taucht auf, steht breit und groß vor Lome Kling.

„Ah, du bist das, Wero Brooks“, sagt Kling verdrossen und lässt die Waffe wieder los. „Auf Freunde schießt man natürlich auf keinen Fall – du hast recht. Ich frage mich aber: Bist du noch mein Freund, Wero? Habe ich überhaupt noch einen Freund in diesem verdammten Nest hier?“

„Ich kam vorhin hier an und hörte Schüsse im Saloon“, sagt Brooks langsam, „Ich dachte mir schon, dass du mit diesen Schüssen was zu tun hast, als ich dann hier deinen Hengst fand. Und nun weiß ich es sicher, Lome, denn so wie jetzt, so warst du noch jedes Mal, wenn du eine Schießerei hattest und ein Mann liegengeblieben ist. Wer war es diesmal?“

„Warren Hayes!“ Es erleichtert Lome, mit jemanden darüber sprechen zu können, das ist unverkennbar. „Das Üble aber ist, Wero, ich wusste es vorher nicht. Erst nachher sagte mir Blaine, wer er ist … als er schon tot war.“

„Wir wollen diese leidige Sache vergessen, Nachbar, wie? Kommst du mit zu Judy Tiber?“, sagt Wero Brooks.

„Nein“, antwortet Lome Kling hart. „Mir ist nicht nach Frauen zumute, Wero, ich reite nach Hause.“

„Schade! Judy sieht dich gerne, Freund Lome.“

„Aber bestimmt nicht lieber als dich“, gibt Kling zurück. „Du passt auch im Alter besser zu ihr, und auch sonst, du Indianer. Ich wette, sie würde ihren Saftladen aufgeben, wenn du … “

„Donnerwetter!“, ruft Wero erschrocken aus und legt seine sehnige Hand hastig auf Lomes Mund. „Freund, beschreie es nicht – ich bin abergläubisch, als wäre ich ein Vollblutapache. Wenn auch nur mein Großvater ein verdammter Indsman war.“

Das sagt er zum Schluss ziemlich bitter, und Lome Kling bekommt einen roten Kopf.

„Sorry, Wero – aber so habe ich es natürlich nicht gemeint, Nachbar“, entschuldigt er sich unbeholfen. „Wenn ich manchmal Indianer zu dir sage, dann hat das nichts mit dem Tropfen roten Blutes zu tun! Auf gar keinen Fall.“

Wero Brooks ist kein nachtragender Mensch. Er grinst schon wieder und klopft Lome auf die Schultern, „Weiß ich ja, Alter, weiß ich alles“, nickt er ihm zu. „Du bist ein prächtiger Boy, Freund, nur ein bisschen wild eben mit deinen zweiundzwanzig Lenzen. Dein Bruder Frank – er ist zu früh gestorben, Lome, das ist alles. Er musste dir von Kind an Vater und Mutter ersetzen, und du hättest ihn sicher noch eine Weile nötig gehabt. Nun, auch du wirst einmal zur Ruhe kommen, wenn ich nicht irre, Lome, und dann ist alles in Ordnung. Niemand kann ja sagen, dass du ein übler Bursche wärst – du schießt nur ein wenig zu oft und vielleicht auch ein wenig zu schnell.“

„Well, ich glaube, davon habe ich jetzt aber auch genug“, brummt Kling noch, dann geht er zu seinem Pferd in die Box und legt dem Hengst den Sattel auf. „Grüße Judy Tiber von mir“, sagt er noch, ehe Wero Brooks aus dem Stall verschwindet.

„Mache ich, Lome“, kommt es lachend zurück, dann ist er allein.

Eine einzige verkrüppelte Douglastanne wächst im Teufels Canyon. Und gerade in ihrer Nähe reitet Lome Kling, als es passiert. Doch noch ahnt er nichts. Noch grübelt er über seine Zukunft.

„Well, ich denke, ich werde doch lieber nicht auf meine einsame Ranch reiten“, murmelt er in sich hinein. „Vielleicht sollte, ich überhaupt aus der Gegend hier erst einmal verschwinden. Was hält mich auch? Die verwahrloste Ranch … sie läuft mir nicht weg, das ist sicher. Und Terry Dutton? Ihr Onkel kann mich nicht ausstehen – und sie auch nicht mehr, seit ich mich nicht mehr um die Ranch gekümmert habe. Und Jeff, ihr Bruder? Er ist tot. Er war der Letzte, der dem Blizzard begegnete – und er hat es so wenig überlebt wie jeder andere vor ihm. Well, ich verschwinde. Ich werde zu Terry reiten und ihr sagen, dass sie meine Weide mitbenutzen kann. Ich werde … “

Nun, sicher hat er eine Menge Ideen, was er alles tun könnte, sobald er nur erst einmal unterwegs ist weg von hier. Die Sache ist aber die, dass er nicht mehr dazu kommt, auch nur eine einzige von diesen Ideen durchzudenken.

Er hört den Knall der Winchester wohl noch, aber die Kugel spürt er nicht mehr, die seinen Kopf trifft. Lautlos kippt er aus dem Sattel des steil hochsteigenden Braunen und bleibt liegen.

Zwei Reiter tauchen nach geraumer Weile auf. Ihre Gesichter sind vermummt, nicht einmal eine Nasenspitze ist zu sehen. Und einer von ihnen führt den ausgebrochenen Braunen Lome Klings mit sich, der nun allerdings eine Menge Scherereien zu machen beginnt, als er den Toten wittert. Er stemmt sich gegen den Zug, der ihn näher heranführen soll, und er stößt ein derart schrilles und wildes Wiehern aus, dass man es sicher meilenweit hören kann,

„Dieser verdammte Satan!“, kommt es dumpf unter dem knallroten Tuch hervor, das sich der eine Mörder vors Gesicht gebunden hat, während ein ähnliches Tuch bei seinem Begleiter grün ist. „Schieß ihn über den Haufen!“

„Rede keinen Unsinn“, erwidert der Mann, der nun alle Hände voll zu tun hat, den Hengst und seinen eigenen Wallach zu beruhigen. „Hilf mir lieber!“

Der andere Mann flucht zwar gräulich, aber er kommt doch heran und wirft die Schlinge seines Lassos nach Lomes Braunem.

Das Tier sieht die Schlinge kommen und weiß genau, was es tun muss, um ihr zu entgehen. Es wirft sich katzengewandt beiseite, und die Schlinge saust ins Leere. Im nächsten Augenblick springt der Hengst mit einem wilden Ruck an und reißt dem zweiten Reiter die Zügel aus der Hand, ist frei und erkennt es sofort. Wie der Wind fegt er los. Und es gibt auf hundert Meilen im Umkreis keinen Gaul, der ihn einholen könnte,

„Dieser Satan!“, flucht der mit dem roten Halstuch nun wieder. „Erschießen hätte man ihn sollen. Aber du wusstest es ja besser, goddamned!“

„Still, Oldman!“

Es klingt sanft, aber es ist ein Befehl, und der andere gehorcht sofort, wie wütend er auch sein mag. Jetzt hört es auch er.

„Reiter!“, stößt er heiser flüsternd hervor. „Fünf oder sechs Reiter, Boss. Wir verschwinden besser aus der Gegend.“

Er bekommt keine Antwort, aber der Mann, den er seinen Boss nennt, der gibt seinem Pferd die Sporen zu kosten. Und der zu Tode erschrockene Vollblüter springt an wie ein jagender Wolf, lässt die Hufe in wirbelndem Stakkato auf den harten Boden trommeln und saust schräg den Hang hinunter, als stünde das Land hinter ihm in hellen Flammen.

Der andere hat Mühe, dem „Boss“ zu folgen, der sich nicht einmal mehr umsieht nach ihm. Und er flucht jetzt nicht mehr.

Hätten diese beiden Mordbanditen gewusst, dass es nur zwei Reiter sind, die auf die Stelle zureiten, an der Lome Kling mit der Kugel des Blizzards im Kopf auf dem harten Fels liegt … sie wären sicher nicht geflohen. Aber das Ohr kann die Zahl der trabenden Gäule nur ungefähr erkennen. Es braucht das Auge als Hilfe, um zu erfahren, ob auf diesen Gäulen auch Reiter sitzen.

Nur zwei der sieben Pferde tragen einen Sattel, auf dem ein Reiter sitzt. Die anderen laufen ledig hinterdrein, sind zu einer Tropa zusammengebunden wie Maultiere. Und nur einer der beiden Reiter ist ein Mann, wenn der andere auch so aussieht, als wäre er ebenfalls einer. Aber die derbe Levishose, die Stiefel, das bunte Hemd und der Stetson – sie können nicht verbergen, dass der zweite Reiter ein Mädchen ist.

Es hört die jagenden Hufe auf dem harten Boden zuerst und wirft den Arm hoch, während es zugleich mit einem leisen Ruf sein Pferd zum Stehen bringt. Der Mann hat alle Hände voll zu tun, um die Tropa anzuhalten, die ihn fast über den Haufen rennt.

„Wer hat es so eilig nach dem Schuss, den wir gehört haben, Onkel Sol?“, fragt das Mädchen. Es hat eine rauchige, tiefe Stimme.

„Halte die Gäule – ich sehe nach“, erwidert der Reiter und wirft ihr die Leine zu, ehe sie etwas dagegen sagen kann.

Sie ruft hinter ihm her, aber er tut so, als wäre er taub; und dann ist er um die nächste Bodenerhebung verschwunden.

Es dauert lange, ehe die Reiterin den erstickten Ruf hört, den der alte Mann ausstößt, als er auf Lome trifft. Und ohne zu zaudern, reitet sie dorthin, woher dieser Ruf ihrer Meinung nach gekommen sein muss.

„Mein Gott!“, schreit sie dann auf, als sie Lome Kling am Boden liegen sieht, neben dem der Oldman kniet, der sie düster von unten her ansieht. „Das – das ist doch – das ist doch nicht wahr, Onkel Sol!“

Und dann lässt sie die Leine los und springt aus dem Sattel, fällt neben Lome auf die Knie und hebt mit einem lauten Aufweinen seinen Kopf hoch.

„Lome!“, schluchzt sie immer Wieder: „Mein Gott … Lome!“

„Girly – er ist tot“, sagt der Alte heiser. „Was sollen wir denn tun? Wir können ihn höchstens nach Fritch bringen, dass man ihn begräbt. Aber wie? Hier gibt es keine Äste, aus denen man eine Schleifbahre machen könnte, und wir haben keinen gesattelten Gaul, auf den wir ihn binden können. Es bleibt uns nichts anderes übrig, Terry, als ihn liegenzulassen und nachher …“

Sie sieht ihn mit ihren tränennassen Augen an, als würde sie seine Worte nicht verstehen.

„Reite, wohin du willst, Onkel Sol“, sagt sie dann leise. So leise, dass er Mühe hat, sie zu verstehen. „Ich – ich bleibe hier an dieser Stelle. So lange, wie auch er hierbleiben muss. Ich habe einmal auf dich gehört, Onkel, und so getan, als würde ich ihn gar nicht mehr sehen können … und es war das Verrückteste, was ich tun konnte. Ich werde nie mehr auf das hören, was du mir sagst … nie – mehr. Alles wäre anders, wenn ich … “

„Terry – ich habe noch nie etwas anderes gewollt als stets euer Bestes“, sagt der Alte mit unsicherer Stimme. „Vielleicht habe ich dir wirklich den verkehrten Rat gegeben – vielleicht aber tust du mir auch unrecht. Sieh, Girly, es ist doch durchaus möglich, dass Lome nun selbst bekommen hat, was er etlichen anderen Männern …“

Sie lässt ihn nicht aussprechen. Ihr Kopf ruckt so wild empor, dass der Stetson wegfliegt und nur noch durch das Kinnband festgehalten wird. Eine Flut von braunroten Locken legt sich weich um das bleiche, nun so zornige Gesicht. Und die tiefblauen Augen, sie blitzen so wild, als würde Terry Dutton niemanden auf der Welt mehr hassen als ihren Onkel Sol Delaney, den Bruder ihrer längst verstorbenen Mutter.

„Ich weiß, dass du ihn nie leiden konntest, Onkel Sol“, sagt sie wild. „Und ich weiß auch, dass du froh bist, dass er jetzt hier liegt und tot ist. Wärst du nicht die ganze Zeit bei mir gewesen … ich wurde sogar glauben, dass du selbst ihn erschossen hast. Was hat er dir getan, alter Mann, dass du ihn auch noch über den Tod hinaus hassen musst und ihm Übles nachsagst?“

„Du tust mir unrecht“, erwidert der Oldtimer mit brüchiger Stimme. Und nie zuvor hat er so erschreckend alt und verfallen ausgesehen wie in diesem Moment. „Ich habe Lome Kling nie gehasst und hasse ihn daher auch jetzt nicht. Aber ich habe nur an das Leben meiner einzigen Schwester, deiner Mutter also, gedacht, wenn ich gegen Lome Kling war. Terry, dein Vater war ein Revolvermann, du weißt es. Du weißt aber nicht, wie unmenschlich deine Mutter deswegen gelitten hat. Und als man ihn dann eines Tages auf die Ranch brachte, mit einer Kugel im Kopf, genau wie dieser Junge da … da war auch ihr Leben zu Ende. Konnte ich zusehen, dass du in das gleiche Unglück laufen wolltest, wie deine Mutter es getan hat? Ich sage dir nochmals, Kind, ich habe Lome nie gehasst … niemals! Aber ich will ehrlich sein und dir auch sagen, dass ich ihn eher erschossen hätte, ehe er dein Mann geworden wäre. Nun – das ist nun nicht mehr nötig, und ich glaube, ich bin froh darüber. “

Ihr Zorn, ihre Wildheit, ihr Hass, der sekundenlang in den schönen, großen Augen gebrannt hat … das alles ist wie weggeblasen von einem scharfen Wind.

„Sol, es tut mir leid … das wollte ich gar nicht so sagen, wie es herausgekommen ist“, fleht sie leise. „Du – du weißt aber wahrscheinlich gar nicht, wie lieb ich diesen verrückten, prachtvollen Jungen hatte … immer haben werde. Hilf mir, wir wollen ihn auf mein Pferd heben, Onkel Sol, ich werde eines der anderen nehmen. Ich brauche keinen Sattel bis zur Ranch … Ich will ihn wenigstens im Tod in meiner Nähe haben, wenn es mir schon im Leben nicht vergönnt war.“

Er sagt nichts, er hilft ihr, Lome Kling auf den Sattel ihres Pferdes zu heben, wo sie ihn festbinden. Terry sitzt hinter dem Toten auf, hält ihn fest mit einem Arm, während die andere Hand die Zügel fuhrt.

Sol Delaney jagt mit seiner Tropa los, so schnell die Gäule nur laufen können.

Terry aber reitet im Schritt, so langsam, wie es nur geht Und sie überlässt es dem Pferd, das Tempo zu bestimmen.



2

So kommt es, dass sie noch nicht sehr weit von der Stelle entfernt ist, an der sie Lome gefunden haben, als sie der leichte Wagen des Docs einholt, der von Fritch her kommt und zu den McClennans will, bei denen ein Baby erwartet wird.

Doc Hawkins ist kein Jüngling mehr, aber er hat Bärenkräfte. Für ihn ist es nicht schwer, Terry den Toten abzunehmen und ihn aus dem Sattel auf seinen Wagen zu heben.

Dann jedoch stutzt er, und plötzlich arbeiten seine Hände fieberhaft, reißen Weste und Hemd auf, und schon presst der alte Doc sein Ohr an Lomes Brust, richtet sich gleich wieder auf und hüpft wie ein Jüngling auf den Wagen.

„Adelante!“ Er brüllt Terry an, als wäre sie stocktaub. „Wenn wir Glück haben …“

Sonst versteht sie nichts mehr. Denn die beiden schnellen Rappen vor dem leichten Wagen haben die Köpfe frei und rennen, als liefen sie um ihr eigenes Leben. Aber der Doc hat ihnen auch noch nie so hart die Peitsche zu schmecken gegeben.

Terry hat einen prächtigen Gaul unterm Sattel, der sie pfeilschnell an den Wagen heranträgt, an diesem vorbei und dann auf die Ranch zu, die nur noch drei Meilen Weit entfernt ist

Hier trifft sie auf Sol, der gerade mit dem Wagen abfahren will, um Lome zu holen.

„Was – was denn?!“, stößt er erschrocken hervor. „Er lebt noch, Sol!“, gellt ihre Stimme wie eine Fanfare des Jüngsten Gerichts in seine alten Ohren. „Doc Hawkins … “

Sie ist aus dem Sattel und im Haus, und ehe Sol sich noch richtig erholt hat, rumpelt der Wagen des Docs auf die Plaza. Nun aber gibt es auf keine Frage eine Antwort mehr.



3

Es ist dunkel, als der Braune in die Stadt kommt und langsam die Mainstreet entlang tappt … ohne Reiter … mit schleifenden Zügeln.

Er ist müde, der Braune, und lange nicht so wild wie sonst, wenn er ausgeruht ist. Vielleicht hat er deshalb nichts dagegen, dass ein Mann nach seinen Zügeln greift, den er noch nie gesehen hat und also auch nicht kennt.

„Hoh, Freundchen“, raunt eine weiche, angenehme Menschenstimme an seinem Ohr. „Wo hast du denn den Mann gelassen, der in deinen Sattel gehört? Ich fürchte, du wirst eine höllische Tracht Prügel bekommen, mein Lieber. Kein Mann hat es gern, wenn man ihn in den Dreck wirft, was?“

Und der Braune folgt gehorsam und lammfromm, dass der Fremde lachen muss über diesen scheinheiligen Verbrecher, für den er ihn hält. Doch dann fällt das Licht der beiden Laternen vor dem Stall auf den Hengst, und das Lachen verschwindet noch schneller, als es erschienen ist.

„Damned, Blut!“, stößt der Mann zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor und tupft mit dem Finger auf die Stelle. „Es ist ganz hart und muss schon vor Stunden geronnen sein! Freund – hat man deinen Reiter aus dem Sattel geschossen?“

Mit einem Fußtritt öffnet der Fremde das Stalltor und führt den Hengst in den langgestreckten Bau, in dem an die fünfzig Pferde Platz finden können. Nur drei Boxen sind besetzt, und in einer steht sein eigenes Tier. Er führt den Braunen in die danebenliegende, sattelt ihn sorgsam ab und bindet ihn fest.

„Heh, Mister! Was ‘n das? Das ist doch Lome Klings Bock“, ruft jemand kehlig von hinten. Und dann klingt ein erschrockener Schrei auf. „Blutig? Lomes Sattel … blutig? Allmächtiger!“^

Und dann rennt Ben Russell weg, ohne eine Erklärung zu geben. Es dauert aber keine fünf Minuten, und er ist wieder zurück, bringt aber jetzt einen zweiten Mann mit. Dessen Stern schimmert matt im trüben Licht der Stalllaternen.

„Was ist das, Stranger, was mir Ben Russell da erzählt?“, fragt Blaine rau. „Sie haben Lome Kling erschossen?“

„Du Idiot!“, brüllt ihn aber der alte Stallmann ohne allen Respekt wütend an. „Ich habe gesagt, jemand hat Lome erschossen, und ein Fremder hat seinen Gaul gefunden und zu mir gebracht. Hast du dein Gehirn wieder daheim gelassen, James Blaine?“

Der Sheriff geht in die Box. Er sieht die paar rostbraunen Flecken auf dem Leder des schweren Cowboysattels – aber er findet auch noch einige auf dem Fell des Braunen.

„Wo haben Sie den Hengst gefunden, Fremder?“

„Er kam die Mainstreet entlang, Sheriff … ohne Reiter.“

„Und woher kamen Sie?“, fragt der Sheriff sachlich weiter.

„Von hier. Ich hatte eben meinen Gaul eingestellt und wollte in den Saloon.“

„Woher kamen Sie nach Fritch?“

„Oh – ich glaube … von da“, sagt der Fremde lächelnd und weist mit dem Daumen einfach hinter sich. „Und um es gleich vorwegzunehmen, Sheriff, ich denke, dass ich dorthin reiten werde.“ Nun zeigt er vorwärts, an Blaine vorbei. „Vielleicht morgen … oder auch erst übermorgen, wie es mir grade einfällt.“

„Wann haben Sie Lome Kling zuletzt gesehen?“

„Sheriff, machen Sie sich nicht zum Narren.“ Der Fremde lacht schallend auf. „Ich habe den Namen nicht einmal gehört, ehe ihn mir dieser Oldtimer hier nannte. Was wollen Sie eigentlich von mir, Mann? Wollen Sie einen Fremden zum Mörder stempeln, um sich die Arbeit zu ersparen, den wirklichen erst suchen zu müssen?“

„Das wird sich alles finden“, erwidert Blaine grob. „Ehe Sie nicht bewiesen haben, was Sie behaupten, stehen Sie unter Verdacht. Lome Kling war ein guter Junge, nur ein bisschen schießwütig. Das ist noch lange kein Grund, ihn umzubringen. Also? Weshalb … “

„Gut gemacht, Sheriff!“ Das ist eine, neue Stimme in diesem Chor, und sie gehört Roy Arbuckle, dem Besitzer des Saloons. „Ich war Zeuge, James, wie Lome erschossen wurde. Er hatte keine Chance, nicht die Spur einer solchen. Dieser Strolch schoss aus dem Hinterhalt auf ihn, sicher hatte er zu viel Angst, dass Lome für ihn zu schnell sein könnte.“

Der Fremde lächelt nicht mehr.

Aber er zeigt den drei Männern von Fritch etwas … ein kleines Zauberkunststück mit den Colts. Sie hüpfen wie die Flöhe, diese schweren Eisen. Und ehe die drei Helden noch begriffen haben, was geschehen soll, starren sie bereits in die Mündungen der Eisen.

„Meint ihr, Hombres, dass euer Lome Kling noch schneller mit seinen Colts umgehen kann als ich?“ Die Stimme ist ruhig, aber in ihr schwingt was mit, das auch einen Narren zur Vernunft bringen würde. „Ich habe die Wahrheit gesagt – und nur die Wahrheit. Dieser alte Narr aber lügt, als hätte er es erfunden, damned! Mann, wie kann man die Unverfrorenheit haben, einen Fremden einen Mörder zu nennen, ohne es ruhigen Gewissens beschwören zu können?“

Roy Arbuckle sieht aus wie eine verwelkte Zitrone, so ist ihm der Schreck in alle Glieder gefahren.

„Ich habe – habe einen Mann gesehen“, krächzt er heiser, „einen Mann, der Lome aus dem Sattel geschossen hat. Und wenn Sie mich umbringen, es ist die reine Wahrheit. Dieser Mann sah so aus wie Sie, Mister. Und er hatte auch das gleiche grüne Halstuch wie Sie, ritt ein graues Vollblut wie das da, das wohl das Ihre ist, weil ich alle anderen Gäule kenne. Und er hatte auch den gleichen flachen Texaner-Stetson wie Sie, verdammt noch mal. Alles stimmt. Sie müssen ganz einfach der eine Mann gewesen sein. Und der zweite, der mit dem roten Fetzen vor der Nase, wird sich auch noch einfinden.“

Wann war das, Hombre?“

„Vor fünf … es kann auch sein vor sechs Stunden. Am Fuß des Antelope Peaks war es, und die Leiche liegt sicher noch dort.“

„Wie lange reitet man von der Stelle bis nach hier?“

„Anderthalb Stunden! Aber das wissen Sie doch sicher ebenso gut wie ich, was?“

Der Fremde schiebt den linken Colt wieder ganz gemächlich zurück ins Halfter und knöpft mit der nun freien Hand die dicke Mackinaw-Jacke auf, die er trägt, schlägt ihren linken Teil weit zurück, und nun sehen die drei den silbernen Stern, der an dem Hemd des Fremden steckt.

„Mein Name ist Dave McClennan“, sagt er sehr ernst. „Ich bin Lieutenant der Texas-Ranger in Houston, zur Zeit allerdings beurlaubt. Mein Bruder Bob hat eine Ranch hier in der Nähe, und er schrieb mir, dass ich demnächst Onkel werden soll. Deshalb kam ich hierher. Es war zu spät geworden, und ich kenne mich hier in der Gegend nicht aus, Gents, deshalb wollte ich die Nacht im Hotel schlafen und morgen früh wieder aufbrechen. Glauben Sie mir nun, dass ich diesen Lome Kling nicht gekannt und auch seinen Namen nie zuvor gehört habe?“

„Roy – an deiner Stelle würde ich mich mächtig schnell entschuldigen“, sagt der Sheriff. „Und beim nächsten mal überlebst du es dir besser vorher noch einige Male, ehe du einen Mann verdächtigst!“

„Ihr könnt mich sonst was“, sagt der Keeper jedoch erbittert und stapft mit grimmiger Miene aus dem Stall.

„Roy!“, brüllt Blaine hinter ihm her. Doch er bekommt keine Antwort mehr, nicht einmal eine so unhöfliche wie eben. Und als er hinter dem Saloonkeeper herlaufen will, da hält ihn der Ranger-Offizier zurück.

„Lassen Sie ihn laufen, Sheriff“, sagt McClennan lächelnd. „Ich würde vorschlagen, wir kümmern uns lieber um den Toten da draußen. Sie kennen sich doch sicher aus und finden den Weg auch jetzt in der Nacht. Ich komme mit Ihnen, Sheriff, Sie können aber auch ein Aufgebot mitnehmen, wenn Sie wollen.“

„Was sollten wir mitten in der Nacht da draußen? Wir würden nur die Spuren vernichten. Und Lome ist tot, das sagte Roy ja.“

„Er könnte sich irren.“

„Goddamned – der Doc ist nicht in der Stadt, Lieutenant, der ist bei Ihrem Bruder Bob draußen. Und ich – ich kann Lome beim besten Willen nicht helfen. Was versteht unsereins schon von der Knochensägerei?“

„Ich komme mit Ihnen! Und wenn dem Mann noch zu helfen ist, dann werden wir es vielleicht können. Nehmen Sie wenigstens einen Mann noch mit, der zu meinem Bruder reitet und den Doc holt.“

Das alles kommt so glatt und einfach, dass es den Sheriff gewaltig ärgert, nicht selbst darauf gekommen zu sein. Aber nun entwickelt er eine fieberhafte Tätigkeit. Und nach kaum einer halben Stunde sind sie unterwegs: der Ranger Lieutenant, der Sheriff, Roy Arbuckle, zehn beherzte, mutige Männer und ein Wagen für den Verwundeten – oder Toten. Denn für den Sheriff ist er tot, ebenso für Roy Arbuckle.



4

Trotz der herrschenden Finsternis findet Roy den Platz. Sie haben Fackeln mitgenommen, und als diese brennen, können sie sich davon überzeugen, dass der „Tote“ nicht mehr da ist. Doch an Hand der Blutspuren erkennen sie, dass Roy sich nicht geirrt, dass er die Stelle sicher gefunden hat.

„Damned – ein Toter kann nicht weglaufen“, sagt er verdrossen, als er aller Augen auf sich gerichtet sieht. „Jemand muss ihn also weggeschafft haben.“

Der Boden ist felsig, und es gibt nur kaum wahrnehmbare Spuren, die von den meisten Männern nicht einmal bei Tageslicht gefunden werden könnten. Aber Wero Brooks ist nicht umsonst bei den Apachen groß geworden.

Er hat sich in Fritch dem Aufgebot sofort angeschlossen, als er im Saloon erfuhr, worum es ging. Und nun ist er es, der die Spur findet, die nur aus den Resten eines von Pferdehufen zermahlenen Steinchens und Ähnlichem besteht.

Als der Morgen graut, befindet sich das Aufgebot auf der Dutton-Ranch. Bis hierher konnte Wero der Fährte folgen. Und auf der Ranch ist trotz der frühen Stunde schon alles auf.

Terry Dutton tritt den Männern entgegen, als sie auf die Plaza reiten. Sie sieht so aus, als wäre sie noch nicht im Bett gewesen in dieser Nacht. Und im ersten Licht des neuen Tages sehen die harten Männer aus Fritch, dass dieses schöne Mädchen rotgeweinte Augen hat. Hinter ihr taucht Sol Delaney, ihr Onkel, auf. Seine sehnige Rechte liegt auf dem Kolben des Revolvers. Und die vier Reiter der kleinen Pferderanch, die da und dort auf der Plaza stehen, haben schussbereite Gewehre lässig in den Ellenbeugen hängen.

„Terry, wir suchen Lome“, sagt der Sheriff sanft. Jedermann in Fritch und drumherum weiß, dass es einmal so ausgesehen hat, als sollte Terry Dutton Mrs. Kling werden.

„Ihr braucht ihn nicht mehr zu suchen, James Blaine“, erwidert das Mädchen leise. „Wir haben ihn schon gefunden, Sol und ich … am Antelope Peak …“

„Und – wo ist er?“, fragt Wero Brooks heiser. Lome und er waren gute Freunde seit ihrer Kindheit.

„Dort drüben … dort, wo auch mein Vater und meine Mutter ihre letzte Ruhestätte gefunden haben“, sagt Terry herb und weist zu der Gruppe hoher und breitästiger Linden hin, unter deren weit ausladenden Häuptern man drei Kreuze und einen frischen Grabhügel erkennen kann, den noch kein Kreuz schmückt „Lome ist tot.“

„War er schon tot, als ihr ihn gefunden habt, Terry?“, will der Sheriff wissen.

„Yeah“, kommt es verhalten zurück. Dann schluchzt das junge Mädchen auf, wendet sich hastig ab und geht ins Haus.

Sol Delaney sieht den Mann mit dem Stern grimmig an.

„Du verstehst von einer Frau soviel wie ‘n Ochse vom Fliegen, Mann“, sagt er zornig. „War es nötig, Terry das zu fragen, goddamned? Wie wichtig ist es denn, ob er schon tot war oder ob er erst hier auf der Ranch gestorben ist?“

„Tut mir leid, Sol, aber der Ranger hier hat gedacht, das Roy sich geirrt haben könnte“, erwidert Blaine ungerührt „Also war es nicht unwichtig für mich, das zu erfahren, wie?“

Sol Delaney sagt etwas, das man nicht gerade liebenswürdig nennen kann. Doch James Blaine hat die Haut eines alten Bisons, die saftige Beleidigung prallt daran wirkungslos ab.

Weniger Schutz allerdings bietet sie dem Mann gegen die andere Beleidigung, die sich Sol Delaney leistet. Er fordert die Männer des Aufgebots nicht auf, ins Haus zu kommen, sondern lässt sie nach einer kurzen Auseinandersetzung mit dem Sheriff einfach stehen und geht ebenfalls ins Haus. Dabei knallt er die Tür so heftig zu, dass jedermann genau im Bilde ist, wie wenig die Männer auf dieser Ranch willkommen sind.

„Dieser verdammte alte Hitzkopf‘, flucht Roy Arbuckle wütend. „Was hat er gesagt? Ich wäre ein Idiot, ein feiger Idiot, der einen Schwerverletzten im Stich gelassen hat? I‘ll be damned, wenn Lome nicht schon so tot wie ein Türnagel gewesen ist, als ich ihn dort gesehen habe.“

„Reiten wir“, entscheidet Sheriff Blaine knapp, ohne auf das grimmige Fluchen des Saloonkeepers einzugehen. „Wir werden versuchen, die Spuren der beiden Mörder zu finden.“

Lieutenant McClennan trennt sich von dem Aufgebot. Er hat einen anderen Weg, wenn er zur Ranch seines Bruders will, als das Aufgebot, das wieder dorthin zurückreitet, wo Arbuckle den Toten hat liegen sehen.

Aber er lässt sich mächtig viel Zeit, der Ranger. So viel Zeit, dass er noch immer auf der Ranch ist als das Aufgebot längst nicht mehr zu sehen ist.

Und nun geht er von seinem Pferd, an dessen Sattelgurt er sich die ganze Zeit zu schaffen machte, zu dem kleinen Wagen, den er vor dem Wagenschuppen der Ranch stehen sah. Es ist nicht außergewöhnlich, dass es auf einer Pferderanch einen solchen Wagen gibt. Aber es ist außergewöhnlich, dass man für ihn keinen Platz unterm Schuppendach hat.

Ehe McClennan noch diesen Wagen erreicht, schiebt sich einer der Reiter Terrys zwischen ihn und sein Ziel.

Er sagt nichts, dieser Mann, kein einziges Wort. Aber er hat nun den Winchester nicht mehr so lässig in den Händen wie vorhin. Jetzt ist das Gewehr entsichert, der Finger liegt auf dem Abzug, und die Mündung weist mitten auf McClennans Bauch.

„Was denn?“, fragt der Ranger sanft. „Wollen Sie mich erschießen, Cowboy – nur, weil ich mir einen Wagen ein wenig ansehen will? Was ist an ihm, das ich nicht sehen sollte?“

„Verschwinden Sie, Hombre“, bekommt er zu hören.

Langsam schlägt er die Mackinaw-Jacke auf, und der Ranger-Stern funkelt an seiner Brust.

„Machen Sie Platz, Cowboy“, sagt McClennan ruhig. „Mich interessiert dieser Wagen jetzt ganz besonders!“

„Ich habe gesagt, Sie sollen verschwinden, Mister! Und Ihr Stern wird mich nicht aufhalten, wenn Sie taub sein sollten!“

„Greg!“, ruft da jedoch eine scharfe Stimme. Und der Cowboy wendet sich achselzuckend ab und gibt den Weg für McClennan frei.

Sol Delaney, der den Reiter zur Ordnung gerufen hat, kommt herbei. Düster sieht er McClennan an.

Details

Seiten
120
Jahr
2021
ISBN (ePUB)
9783738955651
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (August)
Schlagworte
bande texas wolf band

Autor

  • Glenn Stirling (Autor:in)

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Titel: Die eiskalte Bande: Texas Wolf  Band 57