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Krimi Doppelband 63 - Zwei Kriminalromane in einem Band!

von Alfred Bekker (Autor:in) Horst Friedrichs (Autor:in)
2021 400 Seiten

Leseprobe

Krimi Doppelband 63 - Zwei Kriminalromane in einem Band!

Alfred Bekker, Horst Friedrichs

Dieses Buch enthält folgende Krimis:


Horst Friedrichs: Wen Natalia aufs Korn nimmt

Alfred Bekker: Der Sauerland-Pate





Das attraktive Callgirl Natalia Ustinov nimmt Colin B. Ronstone aufs Korn, denn noch weiß man nicht, was der Waffenhersteller für eine Rolle in den nächsten Wochen spielen soll.

Ronstone ist von Natalia begeistert und nimmt sie mit zu einer ausschweifenden Party, zu der Popstar Rocco Mentone eingeladen hat. Der sizilianische Fortezza-Clan fordert einen Gefallen von Rocco. Und dieser Gefallen bezieht sich auf Colin B. Ronstone …

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter:

https://twitter.com/BekkerAlfred


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Alles rund um Belletristik!

Wen Natalia aufs Korn nimmt


Die Agentin – Heiße Fälle im Kalten Krieg


von Horst Friedrichs


Der Umfang dieses Buchs entspricht 121 Taschenbuchseiten.


Das attraktive Callgirl Natalia Ustinov nimmt Colin B. Ronstone aufs Korn, denn noch weiß man nicht, was der Waffenhersteller für eine Rolle in den nächsten Wochen spielen soll.

Ronstone ist von Natalia begeistert und nimmt sie mit zu einer ausschweifenden Party, zu der Popstar Rocco Mentone eingeladen hat. Der sizilianische Fortezza-Clan fordert einen Gefallen von Rocco. Und dieser Gefallen bezieht sich auf Colin B. Ronstone …



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

»Ein Geschenk für dich, Rocco«, sagte Aldo Sarana grinsend, »kleine Aufmerksamkeit der Familie Fortezza.«

Rocco Mentone richtete sich schläfrig in seinem Liegestuhl auf, blinzelte durch blauschwarze Sonnenbrillengläser und griff nach seinem eiswürfelgekühlten Longdrinkglas, das außen mit Schwitzwasser beschlagen war. Er nippte mit spitzen Lippen, stellte das Glas ab, zündete sich eine Mentholzigarette an und hielt es dann schließlich für angemessen, dem schlanken Sizilianer einen Blick zu gönnen.

»Was ist es diesmal?«, fragte Mentone gelangweilt. »Wieder eine LP mit neapolitanischen Volksliedern?«

Sarana schüttelte den Kopf und grinste noch breiter.

»Handfesteres, Rocco. Soll ich die Katze aus dem Sack lassen?«

Mentone nickte gnädig. Es bedeutete jedoch keineswegs, dass sein Interesse schon geweckt war.

Sarana, der einen eleganten taubenblauen Sommeranzug trug, wandte sich halb um und winkte in Richtung Terrassentür. Ein Girl trippelte heraus - langbeinig und blond, Zahnpastalächeln unter dezentem Make-up. Rocco Mentone sprang auf, schleuderte die Zigarette in den Pool und vergaß alle sommerlich schwüle Trägheit. Er starrte den Sizilianer an.

»Was sagtest du eben, Aldo?«

»Ein Geschenk«, wiederholte Sarana. »Oder hältst du das für so unwahrscheinlich?« Er nahm die Hand der Blondine und zog sie näher heran.

»Hi, Rocco!«, sagte sie gurrend und produzierte ein aufreizendes Gewinke.

Mentones Blick wanderte an ihr auf und ab, von den Fußspitzen bis zu den seidenmatt glänzenden Haaren und zurück. Er stellte fest, dass es sehr viel Sehenswertes gab, das mehr als nur einen kurzen Blick wert war. Die Kleine trug einen geblümten Hauch von einem Kleid, dessen Raffinesse darin bestand, dass es zwar durchsichtig schien, jedoch bei eindringlichem Hinsehen allen optischen Enthüllungsversuchen standhielt.

»Was ist das für eine neue Masche?«, fragte Mentone kopfschüttelnd. »Seit wann verschenkt man so was? Gehört sie dir?«

Aldo Sarana grinste noch immer.

»Scheint so, als ob die Überraschung gelungen ist. Du weißt, Don Lucio hat eine Vorliebe für gelungene Überraschungen. Und es macht ihn glücklich, wenn er seine Freunde mit netten kleinen Gesten erfreuen kann. Dies hier ist so eine Geste. Die Süße heißt Melissa Prudence, und als wir ihr anboten, dass wir sie dir wie auf einem Silbertablett servieren wollten, war sie total aus dem Häuschen. Schließlich hat ein kleines Mädchen nicht jeden Tag das Glück, den großen Rocco Mentone kennenzulernen. Stimmt’s, Melissa Darling?«

Mentone zog geschmeichelt den Mund schief. Das Girl kicherte, spielte Verlegenheit.

»So ist das also«, sagte Mentone. »Fangt ihr jetzt an, mir die Verehrerinnen frei Haus zu liefern?«

»Hm, nur eine kleine Aufmerksamkeit, wie gesagt. Es muss nicht zur Gewohnheit werden, denn Gewohnheit ist manchmal gleichzusetzen mit Langeweile. Stimmt’s, Rocco?«

»Stimmt.«

»Nun, Melissa ist allerdings nicht irgendeine Durchschnittspuppe ...«

»Ach nein?«

»Nein. Wenn du so willst, ist sie der absolute Partyknüller. Ihre Show hebt die älteste Rothaut aufs Pferd. Aber andererseits ist es auch das Richtige für lauschige Zweisamkeit.«

Mentone griff zu seinem Longdrinkglas, wobei er unverwandt den Blick auf das blonde Girl gerichtet hielt.

»Und? Was heißt das im Klartext?«

»Strip«, antwortete Sarana knapp.

Mentone machte eine wegwerfende Handbewegung.

»Wen willst du damit hinter dem Ofen hervorlocken, Aldo?«

Sarana lächelte.

»Ich sagte schon, dass die süße Melissa weit über dem Durchschnitt steht ...«

Sie kicherte von Neuem.

»... und wenn sie ihre Strip-Show abzieht, dann ist das wirklich ein Knüller. Im Grunde ist sie nämlich alles andere als eine Stripperin. Weil sie es einfach nicht fertigbringt, sich vor anderen Leuten zu entblättern.«

»Wo ist da die Logik?«, fragte Mentone verwirrt.

Melissa zog die fein geschwungenen Brauen hoch und bedachte ihn mit einem verführerischen Blick.

»Ganz einfach«, erklärte Sarana, »Melissa schafft es nur, wenn andere Hand anlegen. Das hilft ihr, die innere Barriere zu überwinden. Kleine Kostprobe?«

»Ja, ja«, nuschelte Mentone stirnrunzelnd.

Sarana griff mit der freien Hand hinter den Rücken des Girls. Ein kurzer Ruck genügte, und das Kleid fiel von ihr ab wie ein Schleier. Sie stieß einen spitzen Entsetzensschrei aus, machte große Augen und versuchte verzweifelt, mit den flachen Händen ihre Blößen zu bedecken.

Rocco Mentone nickte anerkennend. Noch einmal packte Sarana zu und zerrte den schwarzen BH unter Melissas schützender Hand weg.

Sie ließ ein erschrockenes »Huch!« hören und mühte sich vergeblich ab, ihre enorme Oberweite in den Griff zu bekommen. Zu viel, um sie mit zwei Händen auch nur annähernd zu verbergen.

»Den Rest kannst du dir für später aufheben, Rocco«, sagte Sarana. »Nun, wie gefällt dir das?«

Melissa gab ihre verschreckte Pose auf, lächelte hintergründig, lockerte ihre Haltung und ließ sich von Sarana den BH zurückgeben. Für einen Moment waren ihre prallen Brüste unverhüllt.

Mentones Adamsapfel bewegte sich ruckend auf und ab. Hölle und Teufel, es gab eigentlich nichts, was er noch nicht gesehen oder angefasst hatte. Aber dies hier, das war denn doch überdurchschnittlich, alles in allem.

Aldo hatte recht. Wenn diese atemberaubende Schönheit alle Register zog, war sie garantiert der Knüller des Monats. In längeren Zeitspannen pflegte Rocco Mentone seine wilden Partys, die er mindestens einmal wöchentlich so nötig brauchte wie seine täglichen Frühstücksbrötchen, nicht vorzuplanen.

Aldo Saranas Grinsen zerfaserte plötzlich.

»Verschwinde jetzt, Melissa!«, sagte er kalt.

Das Girl gehorchte, machte kehrt, schnappte sich ihr duftiges Kleid und trippelte in Richtung Livingroom davon. Ihre Schritte ließen eine prachtvoll gerundete Kehrseite schwingen, die mit einem knappen schwarzen Höschen nur im Ansatz bedeckt war.

»He, was soll das?«, rief Mentone aufgebracht. »Du schickst sie wieder weg?«

»Sie bleibt hier«, entgegnete Sarana herrisch, »du kannst dich später mit ihr beschäftigen. Jetzt habe ich mit dir zu reden, Rocco, und zwar unter vier Augen. Setz dich hin!«

Meaione schluckte. Da war etwas im Tonfall des Sizilianers, das seinen plötzlichen Stimmungsumschwung mehr als deutlich machte. Etwas, das Mentone veranlasste, keine Widerworte vom Stapel zu lassen. Er, der große Popstar Rock Mentone, wurde von einem Atemzug zum anderen so klein und hässlich wie damals, als er am Anfang seiner Karriere gestanden hatte. Er gehorchte, ließ sich auf den Liegestuhl sinken, zündete sich eine neue Zigarette an, und sein schmales Gesicht mit den gefühlvollen dunklen Augen wirkte wie ein großes Fragezeichen, als er den Sizilianer anblickte.

Aldo Sarana setzte sich auf einen Klappstuhl, der auf der anderen Seite des Tisches am Rand von Mentones herzförmigem Swimmingpool stand. Die Kante des Schwimmbeckens war mit roten Fliesen eingefasst, und darunter schimmerte es leuchtend blau, so dass das Wasser eine reizvolle Färbung erhielt. Der Pool war Zentrum eines parkähnlichen Gartens, der Mentones Villa in Rockaway mit einer Fläche von annähernd dreitausend Quadratyards umgab. Vom Balkon im oberen Stockwerk der Villa hatte man einen prachtvollen Ausblick auf Rockaway Beach und auf die weißen Schaumkronen der Atlantikwogen. Eine der exquisiten Wohngegenden, die New York City trotz aller Verkommenheit immer noch zu bieten hat.

»Was ist los, Aldo?«, fragte Mentone vorsichtig. »Was soll dieser Zirkus? Warum musst du erst so ein Theater veranstalten, wenn du was mit mir zu besprechen hast?«

Sarana lächelte frostig.

»Don Lucio möchte dir zeigen, wie sehr er dich schätzt, und dass er deine persönliche Vorliebe für gewisse Dinge respektiert. Er lässt dir sagen, dass er die Freundschaft, die ihn und seine Familie mit dir verbindet, als etwas sehr Wertvolles betrachtet. Als etwas, das er auf keinen Fall missen möchte. Das Geschenk, das ich dir heute in Don Lucios Namen überbracht habe, ist also auch eine Art Freundschaftsbeweis.«

Rocco Mentone musste ein Gähnen unterdrücken. Er kannte diese blumige Sprache zur Genüge. In gewissen Situationen hantierten die Leute aus dem Sizilianer Clan damit wie mit einem lieb gewonnenen Werkzeug. Sie schaukelten sich gegenseitig damit hoch. Mentone dachte indessen nicht daran, sich an der Phrasendrescherei zu beteiligen. Er fuhr sich mit den schlanken Fingern durch das naturkrause dunkle Haar und zupfte das rote Seidenhemd glatt, das in duftigen Falten über den hellblauen Jeans-Shorts lag.

»Was ist es?«, fragte er beinahe schroff. »Was erwartet der Don als Gegenleistung von mir?«

Sarana spielte Entrüstung.

»So solltest du das nicht betrachten, Rocco. Mit seinen Freunden pflegt Don Lucio keine Geschäfte zu machen, nichts, was mit Leistung und Gegenleistung zu tun hätte.«

»Sondern?«

»Du weißt, dass Don Lucio auf deine Freundschaft vertraut. Er hat dir vor Jahren manchen Gefallen erwiesen, und er hat es aus Freundschaft getan ...«

Mentone zuckte kaum merklich zusammen. Darauf lief es also hinaus. Sie erinnerten ihn wieder einmal daran, wie er damals angefangen hatte. Und sie machten ihm unmissverständlich klar, dass seine kometenhafte Karriere ohne sie nicht stattgefunden hätte. Nicht ohne die Hilfe von Lucio Fortezza und seiner großen Familie. Er hatte diese Tatsache immer wieder aus seinem Bewusstsein verdrängt. Besonders jetzt, wo er ganz oben auf der Erfolgsleiter stand. Aber sie brauchten ihn nur daran zu erinnern, brauchten nur den Hinweis aus der Schublade zu holen, und schon hatten sie ihn wieder in der Hand.

Himmel, er konnte nichts dagegen tun. Genau genommen war er dem alten Fortezza ausgeliefert. Nur hatte der Don von dieser Möglichkeit bislang keinen Gebrauch gemacht.

War es jetzt soweit?

»... und deshalb«, fuhr Sarana fort, »erlaubt es Don Lucio sich nun, mit einer kleinen Bitte an dich heranzutreten. Es handelt sich lediglich um eine kleine Gefälligkeit, die er von dir erwartet. Nichts, was dir Schwierigkeiten bereiten würde. Du kannst es sozusagen aus dem Ärmel schütteln.«

»Tatsächlich?« Mentone zog die Augenbrauen hoch. »Weshalb dieser Aufwand, wenn es so eine Nebensächlichkeit ist?«

»Für Don Lucio ist kein Aufwand zu groß, wenn er seinen Freunden eine Freude machen kann.«

»Hm, ja. Rück schon heraus damit, Aldo! Was ist es?«

Sarana faltete die Hände vor der Brust.

»Wir möchten, dass du in Kürze ein großes Fest veranstaltest.«

»Das hatte ich sowieso vor.«

»Sehr schön. Wir möchten außerdem gern einen Blick auf die Gästeliste werfen.«

»Genehmigt. Das ist kein Geheimnis.«

»Wir möchten allerdings ein wenig bei der Zusammenstellung der Gästeliste mitwirken.«

Mentone runzelte die Stirn.

»Warum?«

»Es handelt sich um einen bestimmten Mann, den wir gern auf der Liste hätten. Du wirst dagegen sicherlich nichts einzuwenden haben, denn er gehört ohnehin zu deinen ständigen Gästen.«

»Also wird er auch eingeladen. Was soll dann das Ganze? Wen meinst du überhaupt?«

»Später. Wir wünschen uns für dieses besagte Fest ein bestimmtes Programm. Es wäre deine Aufgabe, das auf die Beine zu stellen, und dafür zu sorgen, dass unser Mann an diesem Programm beteiligt wird.«

»Kannst du mir das mal im Detail erklären?«

Sarana erklärte. Als er geendet hatte, stieß Rocco Mentone einen leisen Pfiff aus.

»Ihr wollt ihn unter Druck setzen, ihn erpressen.«

»Das ist nicht mehr dein Teil des Jobs.«

»Willst du mir nicht endlich sagen, wer es ist?«

»Nein. Es würde dich nur in Gewissenskonflikte stürzen. Wir sagen es dir dann, wenn du uns die Gästeliste präsentierst. Nun die entscheidende Frage: Bist du bereit, Don Lucio diesen kleinen Gefallen zu tun?«

»Natürlich«, antwortete Mentone, »oder habe ich eine andere Wahl?«

»Im Grunde nicht«, sagte Sarana, und seine Stimme klang so kalt wie Gletschereis.



2

Auf der Shore Road rollte der offene Mercedes Flitzer mit mäßigem Tempo durch den nordwestlichen Teil der Bronx. Der rote Karosserielack des Cabrios bildete auf dem vierspurigen Betongrau der Fahrbahn einen munteren Farbtupfer. Zur Rechten waren die Grünanlagen von Orchard Beach und dahinter die blaue Wasserfläche des Long Island Sound zu sehen. Links überragte das Häusermeer von Baychester die grüne Kulisse des Pelham Bay Park.

Natalia Ustinov genoss es, ihr kurzes blauschwarzes Haar vom Fahrtwind fächern zu lassen. Sie lenkte den bärenstarken Wagen mit einer Hand und ließ sich im mäßigen Verkehrsfluss dahintreiben. In Pelham Manor verließ Natalia die Shore Road und bog auf die Weyman Street ab, die bis unmittelbar an die Uferanlagen des Sound führte. Die Bootshäuser der exklusiven Yachtklubs und die Bungalows jener Privilegierten, die sich ein Grundstück in dieser fast unerschwinglichen Lage leisten konnten, bestimmten die Szenerie.

Die Ustinov brauchte nicht lange zu suchen. Am Telefon hatte er ihr den Weg hervorragend beschrieben. Sein Grundstück grenzte an das Anwesen des »Westchester Yachting Club«, besaß einen eigenen Bootsanleger und war durch hohe Buschgruppen vor nachbarlichen Blicken abgeschirmt. Der strahlende Glanz der Nachmittagssonne tauchte das dreitausend Quadratyard große Areal in ein freundliches Licht.

Natalia parkte ihren geliehenen Flitzer an der Bordsteinkante vor dem schmiedeeisernen Portal, stieg aus und betätigte den Klingelknopf, der in den rechten Torpfeiler eingelassen war. Aus dem darunter installierten Lautsprecher quäkte eine blecherne Stimme.

»Ja, bitte? Sie wünschen?«

»Mr. Ronstone erwartet mich«, sagte Natalia nur.

»Oh, selbstverständlich. Einen Augenblick bitte, Madam! Benutzen Sie den Hauptweg zum vorderen Eingang des Hauses. Dort werden Sie empfangen.«

Es knackte im Lautsprecher. Dann schwang automatisch die Pforte im Portal auf. Natalia ging hindurch und ließ die Pforte hinter sich zuschnappen.

Am Rand der asphaltierten Zufahrt führte ein Plattenweg durch den riesigen Garten, der mit Buschgruppen, Blumenrabatten, Rasenflächen und künstlichen kleinen Teichen idyllisch angelegt war. Vögel zwitscherten, und eine sanfte Brise wehte durch das Blattwerk der Büsche.

Eine Landschaft, die durch nichts daran erinnerte, dass die Betonschluchten von New York City nur einen Katzensprung entfernt waren. Am Eingang des weißgestrichenen Bungalows wurde Natalia von einem Mann in Butlerlivree erwartet. Ronstones Hausangestellter konnte sich einen ausgedehnten Blick nicht verkneifen. Die Ustinov registrierte es mit einem milden Lächeln.

Ihre beeindruckende Oberweite schwebte halterlos unter einem sommerlich luftigen, hauchzarten T-Shirt. Und der enganliegende weiße Hosenanzug im Edeljeans-Stil verbarg nur wenig von den übrigen körperlichen Attraktionen der Top-Agentin, die als Callgirl unter der geheimen New Yorker Rufnummer 2000 zu erreichen war.

»Mr. Ronstone hält sich zur Zeit noch im Schießstand auf, Madam«, sagte der Butler mit einer angedeuteten Verbeugung. »Er würde sich freuen, Sie dort begrüßen zu können. Wenn Sie es aber vorziehen, zu warten ...«

»Oh, nein«, unterbrach Natalia den Livrierten flötend, »bringen Sie mich zum Schießstand! Ich brenne darauf.«

»Wie Sie wünschen, Madam.«

Der Butler führte die attraktive Frau durch eine geräumige Halle, die mit rustikalen Möbeln eingerichtet war. Über eine schmale Treppe erreichten sie einen weißgetünchten Korridor im Kellergeschoss des Hauses. Kein Laut war zu hören. Erst als der Butler eine Stahltür öffnete, traf das Bellen von Revolverschüssen schmerzhaft auf Natalias Trommelfelle.

Sie blieb stehen, presste ihre Handflächen gegen die Ohren, drehte sich um und verzog das Gesicht. Der Livrierte lächelte verständnisvoll, öffnete einen Wandschrank, nahm ein Paar Gehörschutzkapseln heraus und half der jungen Frau, die voluminösen Kunststoffdinger über die Ohren zu stülpen. Wie unbeabsichtigt strich er dabei mit einer hastigen Handbewegung über ihre linke Brustspitze. Natalia gönnte ihm das kleine Vergnügen, verzichtete darauf, ihm auf die Finger zu klopfen und bedankte sich mit einem strahlenden Lächeln.

Die Schüsse klangen nur noch dumpf, kaum lauter als das heftige Zuschlägen einer Tür.

Der Butler verbeugte sich und ließ die Top-Agentin, die er für ein Playgirl der Luxusklasse hielt, im beißenden Pulvergestank allein.

Natalia trat um den Mauervorsprung herum, der den kleinen Vorraum vom eigentlichen Schießstand trennte. Abwartend verharrte sie an der Mauerecke.

Der Mann war groß und drahtig, fast hager, schmal in den Hüften, breiter in den Schultern. Sein graumeliertes Haar trug er kurzgeschoren, fast im militärischen Stil. Bekleidet mit Jeans und weißem Oberhemd, stand er in lässiger Haltung vor der hüfthohen Brüstung, die linke Hand in die Hosentasche versenkt. In der Rechten hielt er einen schweren Ruger GA, Security Six, Kaliber 357 Magnum, Stainless Ausführung, Lauflänge sechs Inch.

Colin B. Ronstone.

Geschäftsführender Gesellschafter von »Ronstone Optical Industries«, Kurzbezeichnung ROI. Ein marktbeherrschender Konzern, der hochwertige optische Zieleinrichtungen für moderne Waffensysteme herstellte - so unter anderem für den geplanten neuen amerikanischen Kampfpanzer. Diesen Auftrag hatte Ronstone bereits in der Tasche, denn sein Unternehmen galt in den Staaten als führend und konkurrenzlos.

Anerkennend stellte Natalia fest, dass der Lauf des schweren Revolvers in seiner Hand nicht die Spur vibrierte. Mit kurzer, blassroter Mündungsflamme löste sich der letzte Schuss. Der Lauf bäumte sich auf. Ronstone legte den Revolver auf die Brüstung, betätigte einen Knopf, der die Beleuchtung hinter den Zielscheiben aufflammen ließ, und griff zum Fernglas. Die Distanz bis zu den Scheiben, die vor einem Kugelfang aus Beton und aufgeschüttetem Sand hingen, betrug 25 Yards.

»Hallo, Colin!«, sagte Natalia mit leicht rauchiger Stimme.

Er bekam es mit, trotz der blauen Gehörschutzkapseln, die er ebenfalls trug. Und er wirbelte herum, ließ das Fernglas liegen. Ein erfreutes Lächeln glitt über sein schmales Gesicht, das braungebrannt und von harten Furchen geprägt war.

Er sah Natalia Ustinov zum ersten Mal. Trotzdem erkannte er sie sofort, denn seine Freunde hatten ihm ihre außergewöhnlichen Reize genüsslich beschrieben - ebenso, wie sie ihm die Telefonnummer 2000 als Geheimtipp zugeflüstert hatten.

Mit ausgebreiteten Armen, strahlend, kam er auf sie zu. Im ersten Moment schien es, als wollte er sie an sich ziehen, doch dann zögerte er und ergriff ihre Hand zur Begrüßung. Die Ustinov produzierte einen ihrer gekonntesten Augenaufschläge und registrierte, wie sein Blick unsicher wurde, seine Verwirrung wuchs.

»Natalia!«, rief er schwärmerisch. »Alles, was man mir über Sie gesagt hat, ist billiger Abklatsch gegen die Wirklichkeit. Worte reichen einfach nicht aus, um zu beschreiben, wie Sie ...«

»Colin«, unterbrach sie ihn lächelnd, »haben Sie schriftstellerische Ambitionen?«

Er legte den Kopf schief und blinzelte.

»Ehrlich gesagt, darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Vielleicht wäre das ein neues Hobby, das ich mir zulegen könnte. Aber genug davon. Ich freue mich, dass Sie da sind.« Er umfasste die linke Faust mit der rechten Hand. »Jetzt ist es mir direkt peinlich, dass ich Sie ausgerechnet hier unten empfange. Es ist wirklich kein angemessener Ort für eine so bezaubernde Lady.«

»Oh, sagen Sie das nicht«, entgegnete Natalia, »ich halte sehr viel vom Schießsport. Deshalb lassen Sie sich durch mich nicht stören. Ich bin eine aufmerksame Zuschauerin.«

Er zog die Augenbrauen hoch.

»Möchten Sie es vielleicht auch einmal probieren?«

»Mit Vergnügen.«

Er nickte erfreut und deutete mit einer Handbewegung auf den Ruger Revolver.

»Trauen Sie sich diese schwere Kanone zu? Ich hätte auch etwas Leichteres da, was besser zu Ihren zarten Händen passen würde.«

Sein Blick haftete sekundenlang auf ihrem Busen, ehe er wieder zu ihren Augen zurückkehrte.

»Unterschätzen Sie meine Hände nicht«, sagte Natalia vieldeutig, »ich kann zupacken, wenn es sein muss. Und dreifünfsieben Magnum ist nichts Neues für mich.«

»Sagen Sie nur, Sie hatten schon mit so einem Mordsding geschossen?«

»Mein persönliches Geheimnis.«

Er zuckte die Achseln.

»Nun, ich bin gespannt auf das Ergebnis.« Er nahm den Revolver, schwenkte die Trommel aus und betätigte den Ejektor, der die leeren Patronenhülsen zum Vorschein kommen ließ. Dann lud er die sechs Trommelkammern mit fabrikneuen Patronen nach und übergab Natalia die schussbereite Waffe.

»Nehmen Sie die linke Scheibe, die ist noch unbenutzt.« Er knipste die Beleuchtung hinter den Scheiben aus.

Natalia trat an die hölzerne Brüstung, hob den Revolver im Beidhandanschlag und visierte an.

Ronstone stand schräg hinter ihr und richtete sein Fernglas auf die Scheibe.

Natalia stellte fest, dass der Spannabzug des Revolvers butterweich ging. Ruhig zog sie durch. Mit dem Hochrucken der Waffe spie der großkalibrige Lauf Feuer und Vollmantelblei.

»Donnerwetter!«, rief Colin B. Ronstone begeistert. »Eine Acht!«

In kürzeren Zeitabständen jagte Natalia die nächsten fünf Schüsse hinaus. Nach jedem Schuss ließ sie den Revolver kurz sinken, um dann erneut anzuvisieren. Als die Trommelkammern leer waren, legte sie den Schießer auf die Brüstung.

»Kaum zu glauben«, murmelte Ronstone fassungslos. Er hielt das Fernglas noch immer vor den Augen. »Acht - neun - zehn — zehn - neun - zehn!« Er legte das Fernglas weg. »Kommen Sie, das müssen wir uns aus der Nähe ansehen!«

Die Agentin folgte ihm durch eine Klapptür in der Brüstung.

»Tatsächlich!«, stieß Ronstone hervor, als sie vor der Scheibe standen. »Ich habe mich nicht geirrt.« Er drehte sich zu Natalia um. »Wie, in aller Welt, haben Sie das gemacht?«

»Ich habe gezielt und abgedrückt.«

»Kommen Sie! Erzählen Sie mir nicht, dass Sie völlig unbedarft sind. Geben Sie zu, dass Sie irgendwo regelmäßig trainieren.«

»Ich streite es nicht ab.«

Seine Augen leuchteten.

»Natalia, wir müssen uns unbedingt öfter sehen. Dann können wir unsere privaten kleinen Vergleichswettkämpfe veranstalten.«

»Dagegen ist nichts einzuwenden. Aber ich glaube kaum, dass ich eine Chance gegen Sie habe.« Sie deutete zu der anderen Scheibe, wo die Einschüsse mit nur faustgroßer Streuung im Schwarzen lagen.

Ronstone zwinkerte verschmitzt mit den Augen.

»Das ist nicht immer so. Heute bin ich besonders gut in Form.«

Natalia lächelte sanft.

»Und ich bin eigentlich nicht gekommen, um mich mit Ihnen im Schießen zu messen.« Mit einer raubtierhaft elastischen Bewegung schob sie sich kaum merklich näher auf ihn zu. Sein Adamsapfel bewegte sich ruckend auf und ab, als er den Duft ihrer Haut spürte. Er räusperte sich, fand kein Ventil für seine Unsicherheit.

»Erzählen Sie mir etwas über sich, Colin«, bat Natalia schnurrend und strich mit einer Hand über seine rechte Schulter. Er erschauerte.

»Da ... da gibt es nicht viel zu erzählen«, sagte er achselzuckend, »ich bin Junggeselle.«

»Ist das das Wichtigste?«, hauchte sie und berührte mit der anderen Hand seine linke Schulter.

»Für mich schon«, entgegnete er heiser, »meine Freiheit bedeutet mir sehr viel.«

»Aber hin und wieder lassen Sie sich schon mal gefangennehmen, nicht wahr?« Aus ihren kohlefarbenen Glutaugen blickte Natalia zu ihm auf. Er presste die Lippen aufeinander. Und plötzlich gab er sich einen Ruck.

»Teufel, ja«, keuchte er und zog die verführerische Frau an sich. Er stöhnte auf, als sich der zarte Duft ihrer Haut intensivierte und er die harten Spitzen ihrer wunderbaren Brüste auf seinem Oberkörper spürte. Natalia schmiegte sich verlangend an ihn, ließ ihre Hände über seinen Rücken gleiten und registrierte mit Zufriedenheit, wie sein Blut in Wallung geriet.

Irgendwann, schon sehr bald, würde sie ihn um den Finger wickeln können. Denn das war ihr Auftrag. Und um ihren Auftrag zu erfüllen, setzte sie die Methode ein, die sich am besten bewährt hatte. Gegen ihre weiblichen Waffen war noch kein Mann gewappnet gewesen.

Sie spürte seine Fingerkuppen auf ihrem Rücken. Er tastete sich abwärts, erreichte den straff sitzenden Hosenbund und forschte darunter nach dem Saum ihres T-Shirts. Sein Atem wurde heftiger, als er die nackte Haut ihrer berauschenden hinteren Rundungen erfühlte. Natalia küsste ihn. Ihre Zungenspitzen trafen sich, gerieten in wilde, kreisende Bewegungen. Drängend presste Natalia ihren Schoß gegen den seinen, ahmte die Bewegungen ihrer Zungen nach. Ronstone stöhnte von Neuem auf. Die Forschungsarbeit seiner Hände wurde fordernder, verlangender. Und Natalia unterstützte ihn, als er keuchend begann, ihre Kleidungsstücke abwärts zu schieben.

Dann, als sie nackt in seinen Armen lag, und als ihre Hand unter seine Gürtelschnalle glitt, verlor er jede Beherrschung. Mit einem leisen Aufschrei zerrte er sich die eigene Kleidung weg und ließ sich mit Natalia in den weichen Sand hinter den Zielscheiben sinken. Sie sträubte sich nicht, als er sich schwer atmend auf den Rücken rollte. Rittlings schob sie sich über ihn und schloss die Augen, als er mit sanfter Gewalt in sie eindrang. Seine Hände umschlossen ihre Brüste, als sich ihre Körper in wildem, fast ekstatischem Rhythmus gegeneinander zu bewegen begannen. Schweißperlen traten auf Colin B. Ronstones Stirn, und Natalia spürte die eigene Erregung wachsen. Sekunden und Minuten wurden zu Ewigkeiten. Die Umgebung versank im Rausch der brandenden Gefühlswogen.

Irgendwann, sehr viel später, streckte sich der schlanke Mann unter Natalia Ustinov. Doch sie ließ ihm noch keine Ruhe, bis sie selbst den Punkt erreichte, an dem sie innerlich zu explodieren schien. Ermattet sank sie auf seine Brust. Er schloss sie in die Arme.

»Himmel«, flüsterte er, immer noch heftig atmend, »noch nie in meinem Leben habe ich eine Frau wie dich gehabt. Und du kannst mir glauben, dass ich das nicht zu jeder sage.«

»Ich glaube es dir, Colin«, antwortete Natalia leise, »aber jetzt würde ich es schön finden, wenn wir beide gemeinsam duschen. Oder willst du mich schon wegschicken?«

»Nein, nein«, sagte er, »du darfst noch nicht gehen, Kleines. Und ich möchte, dass du sehr oft wiederkommst. Es ist wunderbar, sich von dir gefangennehmen zu lassen.«

Natalia antwortete mit einem langen Kuss.

Noch minutenlang lagen sie nebeneinander im weichen Sand.

Die Top-Agentin war froh, dass Ronstone ihre Gedanken nicht ahnen konnte, denn sie betrachtete den ersten Teil ihres Jobs als erfüllt. Sie hatte den Mann da, wo sie ihn haben wollte.



3

Das Haus stand am Ditmars Boulevard im Bezirk Astoria im Nordwestlichen Queens. Ein dreigeschossiges Backsteingebäude mit weißleuchtenden Fugen und Türmchen und Erkern. Mehr als mannshohe Mauern umgaben das gesamte Grundstück und schirmten es von der Außenwelt hermetisch ab.

Die Männer saßen auf der Veranda, deren Glastüren zum Garten hin geöffnet waren. Kleine braune Espressotassen dampften auf dem weißen Tischtuch, und Zigarren und Zigaretten lagen in Silberschalen bereit. Lucio Fortezza hatte den Platz am Kopfende des Tisches, hing scheinbar kraftlos und zusammengesunken in einem Polsterstuhl, dessen hohe Lehne den alten Mann besonders klein und gebrechlich wirken ließ. Don Lucio Gesichtshaut war faltig wie verwittertes Pergament. Strähniges, schlohweißes Haar bedeckte seinen schmalen Greisenschädel. Seine knochigen Hände ruhten leicht zitternd auf der Tischplatte. Einzig lebendig an ihm schienen die dunklen Augen, die hellwach in die Runde blickten.

Zu dieser Runde gehörten Pietro Fortezza, der älteste Sohn Don Lucios, Giulio Garimondi, der Cinsigliere der Familie, und Aldo Sarana, der im Rang eines Capos stand. Der fünfte Mann war strohblond, hochgewachsen und breitschultrig. Sein leichter hellgrauer Sommeranzug und das blaue Hemd ohne Krawatte gaben ihm das saloppe Aussehen eines Athleten in der Trainingspause.

»Wir freuen uns, dass Sie unserer Einladung gefolgt sind, Signor Johnsen«, sagte Lucio Fortezza mit brüchiger Stimme, »und ich bin sicher, dass wir dieses Gespräch mit einem für beide Teile zufriedenstellenden Ergebnis abschließen werden.«

Hendrik Johnsen, Agent des südafrikanischen Geheimdienstes BOSS, lächelte dünn.

»Uns bleibt gar nichts anderes übrig, als auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen, Don Lucio. Nachdem wir einmal Kontakt aufgenommen haben, können wir nicht mehr zurück. Sie besitzen Informationen über meinen Auftrag. Ich könnte es nicht zulassen, dass Sie sich jetzt aus dem Geschäft zurückziehen wollen, das wir gemeinsam begonnen haben. Mitwisser, auch wenn sie noch so zuverlässig schienen, sind in meiner Branche gefährlich.«

Don Lucio ließ mit keiner Regung seines Faltengesichts erkennen, wie er über diese Äußerung des Südafrikaners dachte.

»Nun, Signor Johnsen«, sagte der Chef der Mafia-Familie gedehnt, »es widerspricht normalerweise unseren Verhandlungsprinzipien, dass wir uns auch nur in irgendeiner Weise unter Druck setzen lassen. Unsere Position steht in jedem Fall auf gesunden Füßen, wenn ich das einmal so ausdrücken darf. Aber lassen wir das. Wir haben uns hier nicht getroffen, um über solche Bagatellen zu sprechen. Und ich darf Ihnen versichern, dass wir nicht beabsichtigen, uns aus dem Geschäft zurückzuziehen, wie Sie es nennen.«

»Dann bin ich beruhigt.« Johnsen nickte. »Wir verstehen uns also.«

»Sicher«, sagte Don Lucio, »kommen wir jetzt zur Sache. Mein Sohn Pietro wird Ihnen einen kurzen Bericht über das erstatten, was wir bislang in Erfahrung bringen konnten und an ersten Maßnahmen ergriffen haben.«

Pietro Fortezza war ein schwarzhaariger Hüne, und alles an ihm war kantig: die Schultern, der Schädel, der vorspringende Unterkiefer. Seine leicht eingedellte Nase und die mächtigen Fäuste ließen darauf schließen, dass er im Boxring nicht unerfahren war.

Der Sohn, des Familienoberhaupts räusperte sich.

»Wir setzen den Hebel an einem Punkt an, der uns vielversprechend erscheint. Unser Mann gehört zum Bekanntenkreis von Rocco Mentone.«

»Wer ist das?«, fragte Hendrik Johnsen dazwischen.

Die Sizilianer lächelten.

»Gibt es in Südafrika keine Hitparaden?«, erkundigte sich Giulio Garimondi, ein drahtiger Mann mit krausem Schwarzhaar und listigen Fuchsaugen. »Unser Freund Rocco hat mit seinen Titeln in der letzten Zeit ein paarmal die Nummer eins auf den Hitlisten der amerikanischen Rundfunk und TV-Stationen erreicht. Und im Ausland ist er auch nicht mehr unbekannt.«

»Ich interessiere mich nicht für Popmusik«, sagte Johnsen wegwerfend. »Bitte weiter, Mr. Fortezza! Ist dieser Mentone etwa über Details informiert?«

»Nein, keineswegs«, antwortete Pietro Fortezza, »und dabei wird es auch bleiben. Rocco ist uns in mancher Hinsicht verpflichtet. Er tut, was wir von ihm verlangen. In diesem Fall handelt es sich darum, dass er unseren Mann in den nächsten Tagen zu einer seiner großen Partys einladen wird. Bei dieser Gelegenheit werden wir die Voraussetzung dafür schaffen, dass wir den Mann in den Griff bekommen.«

»Wie stellen Sie sich das im Einzelnen vor?«, wollte Johnsen wissen.

Garimondi war es, der diesmal die Antwort gab.

»Signor Johnsen, ich denke, Sie haben Verständnis dafür, dass wir über diesen Punkt noch keine Auskunft geben möchten. Sie sind an uns herangetreten, weil Sie wissen, dass unsere Familie in New York und Umgebung über beträchtlichen Einfluss verfügt. Und wir haben Ihnen zugesagt, dass wir das Notwendige für Sie arrangieren. In dieser Hinsicht war es durchaus richtig, dass Sie sich mit uns in Verbindung gesetzt haben.«

»Ich zahle dafür«, erinnerte ihn Johnsen.

»Natürlich«, Garimondi nickte, »das habe ich nicht vergessen. Aber es dürfte auch in Ihrem Interesse liegen, dass gewisse Details unseres Vorhabens streng vertraulich behandelt werden. Letztlich geht es Ihnen doch um das Endergebnis. Sie wollen den Mann fest in der Hand haben. Und dafür sorgen wir. Was Sie anschließend daraus machen, ist Ihre Sache.«

Johnsen sah ein, dass er gegen die Mauer, die die Sizilianer aufgebaut hatten, nicht anrennen konnte.

»Also gut«, sagte er. »Meinen Sie, dass die Zusammenarbeit mit diesem Rocco Mentone der einzige Weg ist, der zum Ziel führt?«

»Wir sind überzeugt, dass es der erfolgsversprechendste Weg ist«, erklärte Aldo Sarana. »Sie kennen Roccos Partys nicht. Das ist nichts im üblichen Sinne. Wenn ein Mann dabei nicht aufpasst, kann er sehr schnell in Teufels Küche kommen.«

Johnsen zuckte die Achseln.

»Ich kann nur hoffen, dass es nicht schiefgeht. Wann erhalte ich Informationen von Ihnen, wie die Sache gelaufen ist?«

»Spätestens in einer Woche«, antwortete Pietro Fortezza. »Bis dahin haben wir alles über die Bühne gebracht.«

Hendrik Johnsen nickte, halbwegs zufrieden.

Lucio Fortezza blickte lächelnd in die Runde.

»Nun, Signori, ich meine, wir können damit den geschäftlichen Teil unserer Besprechung abschließen. Lassen Sie Ihren Espresso nicht kalt werden!«



4

Manhattan brütete unter der Gluthitze eines hochsommerlichen Nachmittags. In den Straßenschluchten flirrte die mit Abgasen angereicherte Luft. Die Quecksilbersäulen der Thermometer hatten Rekordhöhe erreicht. Über die aufgeweichten Asphaltfahrbahnen quälte sich die gewohnte Lawine aus Blech und Chrom und verursachte die nie endende Geräuschkulisse, ohne die das Zentrum von New York City nicht existieren konnte.

Natalia Ustinov ließ das Taxi zwei Häuserblocks vom Büro des Dicken entfernt anhalten. Die restlichen hundert Yards legte sie zu Fuß zurück. Das Büro ihres Auftraggebers befand sich in einem der schwindelnd hohen, modernen Betongiganten Manhattans. Der dicke Charles Newton war einer von mehr als hundert Mietern - überwiegend Freiberuflern, die hier ihre Offices unterhielten.

Natalia betrat die marmorgetäfelte Eingangshalle, fand einen freien Lift, der im Basement ruhte, und ließ sich nach oben katapultieren. Noch nie hatte sie dieses Gebäude zweimal in der gleichen Aufmachung aufgesucht. So war es diesmal eine Premiere für das blauweiß gepunktete luftige Sommerkleid und die hellblonde Langhaarperücke, die sie trug. Ohnehin war es für einen zufälligen Beobachter so gut wie ausgeschlossen, festzustellen, welchen der zahlreichen Büroinhaber die vermeintlich blonde Frau aufsuchte. Allein auf der Etage des Dicken residierten zwanzig verschiedene Leute - Rechtsanwälte, Wirtschaftsberater, Steuerexperten.

CHARLES NEWTON war in erhabenen Lettern auf einem Messingschild zu lesen. Besucher konnten das Office nur auf ein vereinbartes Klingelzeichen betreten.

Die Tür war von innen gepolstert. Es gab ein saugendes Geräusch, als Natalia sie hinter sich schloss. Die Sekretärin des Dicken residierte in einem Raum mit teuren Mahagonimöbeln, flauschigem Teppichboden und pinienholzgetäfelten Wänden. Die Vorzimmerdame war elegant und aufgedonnert, wie es sich für eine Sekretärin in diesen Sphären gehörte. Sie bedachte die Ustinov mit einem herablassenden Gruß, bequemte sich, aufzustehen und öffnete den Durchgang zu dem geheimnisumwitterten Mann. Der Dicke thronte hinter einem monströsen Schreibtisch. Er thronte wahrhaftig. Zwangsläufig keimte in Natalia bei jedem Besuch der Vergleich mit einem Buddha auf. Was ihn von den fernöstlichen Schwergewichtsmonumenten unterschied, waren lediglich die gutmütig blickenden Augen.

Im Grunde kannte sie von ihm nicht viel mehr als seinen Namen. Darüber hinaus waren es nur wenige Fakten, die sie über Charles Newton, ihren Auftraggeber, wusste. Offiziell fungierte er als Rechtsberater der Großindustrie und High Society. Ein Tarnberuf in erster Linie. Was dahintersteckte, war so geheimnisvoll wie die gepanzerte Tür, die von seinem luxuriösen Büro in einen Nebenraum führte. Natalia konnte nur vermuten, dass sich dort nebenan die raffiniertesten technischen Apparaturen verbargen — vom Computer der dritten Generation über direkte Fernschreibleitungen nach Washington bis zum abhörsicheren Telefon.

Die Aufgaben, die der Dicke unter dem Deckmantel seines bürgerlichen Jobs erfüllte, kannten nur wenige Männer in der amerikanischen Bundeshauptstadt. Natalia wusste lediglich, dass Newton über einen geheimen Superetat verfügte, mit dem er in brandheißen Fällen die Aktionen von FBI, CIA, Justizministerium und Pentagon koordinierte. Was seinen Geheimauftrag betraf, waren die Möglichkeiten des Dicken unbegrenzt. Sein ungeheurer Einfluss ließ sich an kleinen Dingen messen. So beschaffte er jede benötigte Information in Sekundenschnelle — egal, ob aus dem Zentralarchiv des FBI oder aus den vertraulichen Akten der CIA.

Natalia wartete, bis die Vorzimmerfee sie mit dem Dicken allein gelassen hatte. Dann setzte sie sich in den Besuchersessel vor Newtons Schreibtischmonstrum. Der Dicke faltete die Hände vor dem Bauch.

»Darf ich auf einen positiven Bericht in Sachen Ronstone hoffen, Nat?«

»Sie dürfen, Mr. Newton«, entgegnete die junge Agentin lächelnd, »und der Bericht ist mit einem Satz erstattet: Ich habe den Fisch an der Angel.«

Newton legte sein Gesicht in zufriedene Buddhafalten.

»Etwas anderes habe ich nicht erwartet. War es sehr schwierig?«

»Sir!«, sagte Natalia protestierend. »Sie wollen doch nicht etwa Einzelheiten hören?«

Der Dicke grinste.

»Habe ich das jemals von Ihnen verlangt, Nat? Ich weiß, dass Sie mit Ihren weiblichen Waffen unschlagbar sind. Das genügt.«

Die Ustinov öffnete ihre braune Lederhandtasche und nahm ein Bündel Dollarnoten heraus.

»Tausend Dollar«, sagte sie. »Colin B. Ronstone war sehr großzügig.«

Sie schob ihrem Chef das Geldscheinpaket zu. Über den Verwendungszweck gab es keine Fragen. Alles, was Natalia bei ihrem Tarnjob als Callgirl zwangsläufig einstreichen musste, ging auf ein Sonderkonto nach Washington. Eine private Pensionskasse, die von zahlreichen Geheimagenten gemeinsam ins Leben gerufen worden war. Mit den Geldern aus dieser Kasse wurden auch Familienangehörige unterstützt, wenn ein Agent im dienstlichen Einsatz sein Leben lassen musste.

Charles Newton ließ die Dollars in seiner Schreibtischschublade verschwinden.

»Und jetzt wollen Sie von mir hören, weshalb Sie überhaupt am Ball sind«, resümierte er.

»Eine messerscharfe Folgerung«, stellte Natalia fest. »Oder haben Sie erwartet, dass ich aus purem Vergnügen mit Ronstone anbändeln würde?«

»Manchmal denke ich, dass Sie eigentlich ein bisschen Vergnügen daran haben müssten. Aber in diesem Punkt werde ich die weibliche Psyche wohl nie ergründen.«

»Erstens bleibt es mein Geheimnis, und zweitens muss ich Sie korrigieren, Mr. Newton. Ich bin überzeugt, dass man nicht von der weiblichen Psyche im Allgemeinen sprechen kann, sondern nur von der Psyche einer jeden Frau im Einzelnen.«

»Puh«, stöhnte der Dicke, »eingebildet seid ihr gar nicht, wie?«

»Wollen Sie vom Thema ablenken?«

»Nein, keineswegs.«

»Also dann ... Ronstone Optical Industries - damit hängt es vermutlich zusammen. Welche geheimnisvollen Dinge produziert der liebe Colin, dass sich Washington darüber Sorgen machen müsste?«

»Zielgeräte für Kampfpanzer beispielsweise«, antwortete der Dicke, »oder zumindest die optischen Teile dieser Zielgeräte. Die technischen Details kenne ich nicht. Wir sind auch noch nicht einmal soweit, dass wir präzise sagen könnten, um welches Produkt aus Ronstones Fabrikationsliste es sich handelt. Ich möchte es so ausdrücken: Es handelt sich um eine vage Vermutung der CIA-Zentrale. Die CIA hat Berichte von Mitarbeitern erhalten, wonach sich ein gewisses Interesse unerwünschter Kreise auf die Ronstone Optical Industries gerichtet hat.«

»Das ist mehr als vage«, bemerkte Natalia.

»Eben drum. Ein offizielles Tätigwerden der CIA ist nach den gegebenen Umständen noch nicht zu rechtfertigen. Andererseits sind aber Ronstones Präzisionsgeräte von so erheblicher Bedeutung für unsere Rüstungsindustrie, dass Washington jedes auch nur zu ahnende Risiko ausschalten möchte. Deshalb Ihr Einsatz, Nat. Es geht schlicht darum, Colin B. Ronstone auf Schritt und Tritt im Auge zu behalten.«

»Warum gerade ihn? Ist nicht jeder seiner Mitarbeiter genauso gefährdet?«

»Im Prinzip schon. Aber Washington hält Ronstone selbst für den schwächsten Punkt. Es liegen ausführliche Berichte über sein Privatleben vor. Es soll ziemlich hoch hergehen bei ihm. In Sachen Wein, Weib und Gesang, wenn ich es so ausdrücken darf, ist Ronstone nicht gerade zimperlich. Und ich sage Ihnen nichts Neues, wenn Washington befürchtet, dass sich die Gegenseite gerade diesen Punkt aussucht, um aktiv zu werden. Ein Mann, der seine Schwächen zu deutlich zeigt, ist verwundbar.«

»Wer ist die Gegenseite in diesem Fall?«, erkundigte sie sich.

»Darüber liegen keine Informationen vor. Es wäre allerdings denkbar, dass, gerade wegen dieser fehlenden Informationen, gewisse Zwischenstufen eingeschaltet sind. Die Gegenseite könnte beispielsweise mit Mittelsmännern operieren, um nicht selbst in Erscheinung treten zu müssen. Das ist es, was uns und der CIA die Arbeit höllisch erschwert.«

»Ich habe verstanden«, sagte Natalia. »Mein Job in den nächsten Tagen wird es also sein, Ronstones Luxuspuppe zu spielen. Und wenn die CIA uns ein Windei ins Nest gelegt hat, spiele ich noch nächstes Jahr Ronstones Luxuspuppe.«

Der Dicke lehnte sich mit buddhahaftem Lächeln zurück.

»Das, meine Liebe, befürchte ich eigentlich am wenigsten.«



5

An der Wand neben dem Fenster hingen Rahmen mit insgesamt drei goldenen Schallplatten. Daneben, in einer Vitrine, reihten sich goldene und silberne Trophäen verschiedener Beliebtheitswettbewerbe, die von Rundfunkanstalten und Zeitschriften veranstaltet worden waren. Berge von Fanpost ruhten auf dem Schreibtisch, von dem Rocco Mentone einen ausgedehnten Blick auf Rockaway Beach und den Atlantik zu genießen pflegte.

Mae Bonham sah sich mit ehrfurchtsvoller Miene im Arbeitszimmer des Popstars um. Die Journalistin trug das rostrote Haar in einem kurzen Pagenschnitt. Ihre blauen Augen blickten wach und forschend. Ein blaues Jeanskleid, vom geknöpft, schmiegte sich eng an ihren makellos schlanken Körper.

Mentone lümmelte sich in seinem ledergepolsterten Drehsessel. Innerlich schwankte er zwischen der Sehnsucht nach einem erfrischenden Bad im Swimmingpool und dem Verlangen, dieses kühle Girl, das so pflichtbesessen mit Notizblock und Kugelschreiber hantierte, umzupolen.

Eine halbe Stunde dauerte dieses Interview nun schon. Der Termin war bereits vor einer Woche vereinbart worden. Mae Bonham war die neue Redakteurin, die bei den NEW YORK DAILY NEWS für die Jugendseite verantwortlich zeichnete. Ihr Vorgänger war ein Mann gewesen.

Immerhin eine positive Veränderung, dachte Mentone grinsend.

Die Journalistin bemerkte seinen Gesichtsausdruck, als sie von ihrem Block aufblickte.

»Irgendetwas nicht in Ordnung?«, fragte sie irritiert.

»Sie haben eine angenehm klingende Stimme, Mae«, sagte er, ohne auf ihre Frage einzugehen. »Ich denke, wir sollten in Zukunft öfter telefonieren, wenn wir uns schon nicht sehen können.«

Sie errötete leicht.

»Aber ... ja, gern, natürlich. An einem guten Kontakt mit Ihnen bin ich selbstverständlich interessiert, Rocco. Ich denke zum Beispiel an eine ständige Rubrik, die ich auf meiner Seite bringen möchte. Etwas über Ihre jeweils neuen Pläne, Ihre Konzerte, Ihre Tourneen ...«

»Das kann Ihnen mein Pressebetreuer liefern«, entgegnete Mentone mit verschleiertem Blick, »was unsere Kontakte betrifft, denke ich mehr an Direkteres.«

»Oh, wie soll ich das verstehen?«

»Nehmen wir zunächst mal einen Drink«, entschied Rocco Mentone, »dieses Interview wird mir langsam zu trocken.«

»Aber ich hätte noch einige Fragen über ihren neuesten Titel >Way up to the Sky<.«

Mentone stand auf.

»Haben Sie es so eilig, Mae? Sie können noch sehr viele Fragen stellen. Aber jetzt bin ich an der Reihe. Was bevorzugen Sie? Bourbon, Scotch, Gin?«

»Dann einen Gin Tonic«, antwortete die Journalistin nach kurzem Zögern.

»Ist schon in Arbeit«, sagte Mentone lächelnd und begab sich zu der kleinen Hausbar seines Arbeitszimmers.

»Eine Frage zwischendurch«, sagte Mae Bonham beharrlich, während er mit Gläsern, Flaschen und Eiswürfeln hantierte. »Weshalb nennen Sie sich in der Öffentlichkeit Rock Mentone und nicht Rocco?«

»Das Amerikanische macht sich besser«, entgegnete er, ohne sich umzudrehen. »Manche Leute werden nicht gern daran erinnert, dass es eine Menge Italiener in unserem Land gibt.«

»Aha, danke.« Der Kugelschreiber der Journalistin flog über den Notizblock.

Rocco Mentone kam mit den Drinks zu der zweisitzigen Couch herüber, setzte sich unaufgefordert neben die Redakteurin, nahm ihr mit sanfter Gewalt den Kugelschreiber weg und drückte ihr stattdessen den Gin Tonic in die Hand.

Unsicher verzog sie das hübsche Gesicht, und die wenigen Sommersprossen über ihrer schmalen Nase gerieten in Bewegung. Wegen der Seitenlehne der kleinen Couch hatte sie keine Ausweichmöglichkeit.

»Cheers, Mae!«, sagte Mentone, stieß mit ihr an und legte wie unbeabsichtigt den freien rechten Arm auf ihre Schultern.

Sie wollte sich sträuben, doch dann war es der Gedanke an die benötigten guten Kontakte, die sie die innere Barriere überwinden ließ. Mit einem schwachen Lächeln prostete sie ihm zu.

Rocco Mentone nippte an seinem Bourbon Sour.

»Was halten Sie von einer Einladung, Mae?«, fragte er dann.

Sie blickte ihn an.

»Eine Einladung - wofür?«

»In drei Tagen findet hier bei mir ein großes Fest statt. Es ist nicht das erste, und es wird auch nicht das letzte sein. Aber bei meinen Partys trifft sich immer eine Menge interessanter Leute. Ich meine, das würde sich auch für Sie lohnen. Viel Prominenz, vor allem aus der Schlagerbranche.«

»Aber ja!«, rief Mae Bonham begeistert. »Ich würde mich glücklich schätzen.«

»Sehen Sie«, fuhr Mentone fort, »das habe ich mir gedacht. Aber es ist so, die Leute, die ich einlade, kenne ich alle sehr gut. Deshalb, bevor ich mich endgültig entscheide, sollten auch wir beide uns ein wenig näher kennenlernen.« Er schob seinen Arm weiter um ihre Schultern und spielte mit seinen Fingern an ihrem Haaransatz im Nacken.

Sie wandte sich zu ihm um.

»Aber Rocco«, protestierte sie matt, »Sie wollen doch nicht etwa ...«

»Ist das so abwegig?«, unterbrach er sie. »Sie sind eine bezaubernde junge Frau, Mae. Hat Ihnen das noch nie ein Mann gesagt?«

»Nun, ja, ich weiß nicht ...«

Er zog sie näher zu sich heran und stellte seinen Drink auf die Tischplatte.

»Ich glaube, ich kenne Ihr Problem, Mae«, sagte er leise und eindringlich. »Sie wissen sehr wohl, dass Sie durch Ihren Charme und durch Ihre Ausstrahlung ein gewisses Verlangen in Männern wecken. Aber Sie unterdrücken diese Tatsache, indem Sie sich wie besessen an Ihren Job klammern. Warum tun Sie das?«

Mae Bonham zog die Augenbrauen hoch. Kleine, steile Falten entstanden über ihrer Nasenwurzel. In ihren Augen lag Hilflosigkeit.

»Ich ... ich ...« Sie suchte vergeblich nach Worten.

Rocco Mentone registrierte zufrieden, dass er sich bereits auf der Siegerstraße befand. Langsam glitt seine Linke um Maes Hüfte, und er genoss die jugendliche Straffheit ihres Körpers.

»Sie sollten ein wenig mehr an die schönen Seiten des Lebens denken«, flüsterte er, »und diese schönen Seiten finden Sie weiß Gott nicht nur im Berufsleben.«

Seine Hand wanderte von ihrer Hüfte aufwärts, erreichte die oberen Knöpfe ihres Jeanskleides, löste sie behutsam. Mae Bonham stöhnte leise auf. Rocco Mentones tastende Fingerspitzen fühlten die zarte Haut ihrer festen Brüste: Sie trug keinen BH. Sein Pulsschlag beschleunigte sich, als diese Wahrnehmung sein Sinneszentrum erreichte.

Er nahm Mae das Longdrinkglas aus der Hand, stellte es auf den Tisch und presste sie fester an sich. Ungestüm küsste er sie, während seine Linke das Oberteil ihres Kleides auseinanderschob. Seine Lippen lösten sich von den ihren, bewegten sich abwärts und saugten sich an ihrer linken Brustspitze fest. Gleichzeitig löste er die anderen Knöpfe ihres Kleides. Die Redakteurin stieß einen leisen Schrei aus. Ihre Finger krallten sich in Roccos Rücken, und als seine Hand um ihre hinteren Rundungen glitt, drängte sie ihm ihren Körper in wildem Verlangen entgegen.

Er ließ sich mit ihr auf die weiche Couch sinken. Mit wenigen Handgriffen befreite Rocco sie endgültig von ihrer Kleidung. Nackt und schwer atmend, mit geschlossenen Augen, lag sie vor ihm. Sekundenlang genoss er diesen Anblick, ehe er ihre Schenkel auseinanderschob und sich fordernd gegen ihren Schoß presste. Die rhythmischen Bewegungen ihrer Körper steigerten sich in Sekundenschnelle zu ekstatischer Wildheit. Ihr Atem ging rasend schnell, und die Woge ihrer überschäumenden Gefühle riss sie hinweg.

Als sie nach langen Minuten ermattet nebeneinander auf den Teppich sanken, seufzte die Journalistin leise. Rocco Mentone strich mit einer sanften Handbewegung über ihre Brüste.

»Tut es dir leid, Darling?«, fragte er.

»Oh, nein«, hauchte sie, »ich wünsche mir nur, dass es nicht das letzte Mal gewesen ist.«

»Den Wunsch kann ich dir leicht erfüllen«, entgegnete er lächelnd, »aber jetzt bist du erst einmal zu meiner Party eingeladen. Es würde mir sehr leid tun, wenn du nicht kämest.«

Mae Bonham strahlte.

Der Popstar richtete sich auf, gab ihr den Drink, nahm sein eigenes Glas und zündete sich eine Zigarette an. Schweigend verbrachten sie die nächsten Minuten. Diese kleine Journalistin war verteufelt gut, musste Rocco anerkennend feststellen. Es hatte sich gelohnt, sie in die Liste seiner Eroberungen einzureihen. Und in Gedanken malte er sich aus, wie schön es mit ihr noch werden könnte. Himmel, es gab so unendlich viele Möglichkeiten, das Leben interessant zu machen.

Eine halbe Stunde später brachte Rocco sie hinaus und blickte ihr nach, wie sie mit ihrem zitronengelben Volkswagen Rabbit abfuhr. Beschwingt und gutgelaunt schlenderte er durch den Livingroom zur Terrasse vor dem Swimmingpool. Eine Hausangestellte hatte den Servierwagen mit kühlen Drinks und Eiswürfeln bereitgestellt.

Rocco Mentone ließ sich auf einen Gartenstuhl sinken und mixte sich einen Highball. Dann blickte er grinsend auf den Pool hinaus, wo es zwischen den herzförmigen Fliesen munter planschte.

Nach einer Weile tauchte Melissa Prudence aus den kristallklaren Fluten auf und erblickte den dunkelhaarigen Mann, der lässig auf seinem Stuhl hing und lediglich mit weißen Shorts bekleidet war. Erfreut kletterte das Girl die chromblitzende Leiter hinauf und lief mit kurzen, trippelnden Schritten über die Steinplatten. Melissa war nackt. Ihr beachtlicher Busen wogte bei jeder Bewegung auf und ab. Wassertropfen perlten über ihre hellbraun schimmernde Haut, und in dem dunklen Kraushaar zwischen ihren prallen Oberschenkeln funkelten die Wassertropfen wie kleine Kristalle. Freudestrahlend setzte sie sich auf Rocco Mentones Schoß.

»Bist du endlich fertig mit ihr?«, fragte sie, und es klang ein leiser Vorwurf heraus.

Er ließ seine Finger um ihre Brüste kreisen.

»Für heute ja«, sagte er lachend, »aber du wirst dich daran gewöhnen müssen, dass du nicht das einzige weibliche Wesen bist, mit dem ich mich abgebe. Oder hast du das erwartet?«

»Nein, eigentlich nicht«, seufzte sie, »doch ich habe mir vorgenommen, dir zu beweisen, dass ich besser bin als all die anderen.«

»Sehr schön.« Er nickte und wog ihre Brüste wie prüfend in beiden Händen. »Du wirst deine Fähigkeiten sehr bald unter Beweis stellen können. Meine Party findet in drei Tagen statt. Und dann hast du deinen großen Auftritt, Melissa Darling.«

»Das habe ich dir ja versprochen.«

»Deine Show ist nicht alles«, fuhr Rocco fort. »Du wirst dich vorher und nachher intensiv mit einer Lady beschäftigen, die ich sehr schätze. Sie gehört zu meinen ständigen Gästen und heißt Cyril Baker. Ihre Eigenart ist es, dass sie sich nach einem bestimmten Quantum Alkohol in ein ziemlich loses Frauenzimmer verwandelt, obwohl sie sonst die Prüderie in Person ist. Vielleicht liegt das auch an ihrem Mann. Er hält sie ziemlich an der Kandare, lässt ihr wenig Freiheiten.«

»Was hast du mit ihr vor?«, wollte Melissa Prudence wissen. »Wenn ihr Mann so ein Herrschertyp ist, wird er es dann überhaupt dulden?«

»Er ist nicht da«, sagte Mentone grinsend, »und das ist der springende Punkt. Jefferson Baker befindet sich auf einer Dienstreise in Europa. Irgendein internationaler Polizeikongress.«

»Polizei?«

»Ja. Er ist Captain bei der City Police. Arbeitet im Büro des Commissioners. Also ein ziemlich hohes Tier.«

»Und was soll ich nun mit seiner Frau anstellen?«, fragte Melissa.

Rocco Mentone küsste ihre Brustspitzen und erklärte es ihr bis ins letzte Detail.

»Das ist alles?«, fragte Melissa erstaunt. »Mehr nicht? Nun, das wird eine meiner leichtesten Übungen.«

»Auf die Wirkung kommt es an, Baby«, feixte Mentone, und er hatte nichts dagegen, als Melissa ihn stürmisch umarmte und sich verführerisch an ihn schmiegte.



6

Das »Century Paramount Hotel« an der West 46th Street in Manhattan gehörte zur unteren Mittelklasse. Entsprechend deprimierend war der Ausblick aus dem Fenster von Zimmer 1432 im 14. Stock. Ein Schacht von nicht mehr als zwanzig Quadratyards Ausdehnung, schmutziggraue Mauern, dunkle Fensterquadrate in symmetrischen Reihen. Auf dem Boden des schachtförmigen Hinterhofes türmten sich Abfallberge: Plastiktüten, alte Zeitungen, Konservendosen, Bierdosen Hinterlassenschaften jener Hotelgäste, denen angesichts überquellender Mülleimer kein anderer Ausweg eingefallen war.

Hendrik Johnsen drehte sich am Fenster um und lehnte sich mit dem Rücken gegen den summenden Blechkasten der Belüftungsanlage. Über eine Klimaanlage verfügte dieses Hotel, das aus den dreißiger Jahren stammte, noch immer nicht.

Will Vandome und Carl Lynman, Johnsens Untergebene, saßen auf den beiden einzigen Stühlen des Zimmers, schlürften kühle Dosenlimonade und rauchten amerikanische Filterzigaretten.

Vandome war mittelgroß und breitschultrig, hatte einen kantigen Schädel mit kurzem, leuchtend rotem Haar. Lynman wirkte neben ihm eher drahtig, obwohl er seinem Kollegen an Körpergröße in nichts nachstand. Lynman trug die dunkelblonden Haare halblang, und ein buschiger Schnauzbart zierte seine Oberlippe. Beide Männer hatten die Ärmel ihrer Hemden aufgekrempelt. Obwohl sie aus ihrem Heimatland Südafrika einiges an Hitze gewohnt waren, machte ihnen die stickig schwüle New Yorker Luft zu schaffen.

»Ihr wisst jetzt über alles Bescheid«, sagte Johnsen. Er hatte seine Mitarbeiter mit knappen Worten über den Stand der Dinge informiert. »Ich würde gern eure Meinung über die Geschichte hören.«

Sie unterhielten sich in Afrikaans, ihrer Muttersprache, die dem Holländischen sehr ähnelt.

Vandome stellte seine Limonadendose beiseite.

»Diese Sizilianer sind mir nicht besonders sympathisch«, sagte er. »Ich persönlich habe zwar mit den Kerlen noch keinen Kontakt gehabt. Aber nach dem, was du sagst, Hendrik, würde ich ihnen nicht über den Weg trauen.«

Johnsen lächelte dünn.

»Und du, Carl?«

Lynman wiegte den Kopf.

»Ich meine,es war völlig richtig, dass wir uns mit diesem Fortezza in Verbindung gesetzt haben. Allein hätten wir hier in den Staaten auf verdammt verlorenem Posten gestanden. Eines befürchte ich allerdings: Ich glaube nicht, dass wir den Fortezzas gegenüber irgendeinen Druck ausüben können. Solche Familien sitzen hierzulande hundertprozentig im Sattel. Darüber hat man doch genug gelesen und gehört. Es wird sie einen Dreck interessieren, wenn wir darauf hinweisen, dass wir sie in der Hand haben, weil sie bei unserem Job mitmachen. Männer vom Schlage eines Fortezza finden immer Mittel und Wege, um sich durch gekaufte Zeugen und fingierte Aussagen aus der Affäre zu ziehen. Ich würde also auf jeden Fall vorsichtig sein.«

Hendrik Johnsen nickte.

»Ich befürchte, du hast recht, Carl. Und was Will gesagt hat, kann ich nur unterstreichen. Aus allem zusammen ergibt sich eine Konsequenz, die wir bei unseren zukünftigen Überlegungen berücksichtigen sollten. Der Fortezza Clan könnte versuchen, das Geschäft allein abzuwickeln. Sie wissen zwar noch nicht, wer hinter uns steht, aber sie können zwei und zwei zusammenzählen. Dass unser Land mit dem Material, das wir beschaffen wollen, wenig anfangen kann, liegt auf der Hand. Und dass der KGB als wichtigster Interessent in Frage kommt, ist ebenfalls klar. Wenn wir nicht aufpassen, könnte es also passieren, dass die Fortezzas direkten Kontakt aufnehmen.«

Vandome und Lynman murmelten Zustimmung.

»Bevor wir weitermachen, Hendrik«, sagte Vandome gedehnt, »würde ich eines gern wissen. Ist unsere Regierung über unsere geplante Aktion informiert?«

Johnsen schüttelte den Kopf.

»BOSS handelt in diesem Fall auf eigene Faust. Die ehrenwerten Kollegen von der CIA haben sich in unserem Land einiges herausgenommen, was wir nicht stillschweigend dulden können. Betrachten wir unsere Aktion also als eine Art Auf-die-Finger-klopfen. Die Amerikaner sollen merken, dass sie mit uns nicht umspringen können, wie es ihnen passt.«

»Begriffen«, brummte Vandome. »Was können wir jetzt tun, damit der Fortezza Clan uns nicht zu schlau wird?«

»Es gibt nur eine Möglichkeit«, antwortete Johnsen, »wir müssen die Leute im Auge behalten. Und das fängt bei diesem Rocco Mentone an. Wenn sein großes Fest steigt, werden wir dabei sein.«

»Als Gäste?«, fragte Lynman verwundert.

»Als Zaungäste«, korrigierte ihn Johnsen. »Es genügt, wenn wir uns auf eine unauffällige Beobachtertätigkeit beschränken.«



7

Das strahlende Licht der Morgensonne fiel durch die breite Fensterfront und zauberte ein freundliches, helles Muster auf den flauschigen Teppichboden des Schlafzimmers. Flirrende Lichtreflexe waren auf der weiten Wasserfläche des Long Island Sound zu sehen, nur unterbrochen von den weißen Farbtupfern vereinzelter Segelyachten, die vor einer mäßigen Brise auf Nordostkurs lagen.

Natalia setzte sich auf, blinzelte, rieb sich die Augen, war von einer Minute zur anderen hellwach. Die dünne Decke fiel von ihr ab, und die Sonnenstrahlen spielten um ihre nackten Brüste.

Colin B. Ronstone lag neben ihr in dem luxuriösen französischen Bett. Er schlief noch immer tief und fest. In den langen Stunden des Abends und der Nacht war Natalia mit ihm zusammen gewesen, und er hatte es zu schätzen gewusst. Die Top-Agentin hatte feststellen müssen, dass er ihr keineswegs unsympathisch war. Und hätte sie ihn unter anderen Umständen kennengelernt, wäre vielleicht eine freundschaftliche Beziehung daraus geworden. Doch sie durfte ihre Rolle als Callgirl auf keinen Fall aufgeben. Auch wenn es sich vorerst nur um vage Vermutungen handelte, hing doch zu viel von ihrem Einsatz ab.

Die Zeiger der silbern eingefassten Wanduhr standen bereits auf zehn.

Natalia schwang sich behände aus dem Bett und schlich auf nackten Sohlen ins angrenzende Bad. Nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, nahm sie eine erfrischende Dusche, abwechselnd heiß und kalt. Dann widmete sie sich ausgiebig ihrer Morgentoilette, klappte anschließend ihren Koffer auf und entschied sich für eine leichte weiße Hose und eine dunkelrote Bluse. Als sie ins Schlafzimmer zurückkehrte, war fast eine Stunde vergangen. Frische Morgenluft wehte herein.

Colin hatte das Bett verlassen. Natalia fand ihn auf dem Balkon, wo ein umfangreicher Frühstückstisch gedeckt worden war. Kaffee stand in einer großen Warmhaltekanne bereit, und von frischem Toast bis zu gekochten Eiern gab es alles, was den morgendlichen Appetit anregte.

Ronstone begrüßte seine vermeintliche Luxusgespielin mit einem strahlenden Lächeln. Er sprang auf, verknotete den Gürtel seines seidenweichen blauen Morgenmantels und umarmte die rassige Frau.

»Ich wollte dich nicht wecken«, sagte sie, nachdem sie sich beide gesetzt hatten. »Wie fühlst du dich, Darling?«

»Herrlich«, er lächelte, »ich könnte die ganze Welt umarmen.«

»Beschränk dich auf mich«, sagte Natalia schmunzelnd, »das gefällt mir besser.«

Er beugte sich vor, und sein Gesichtsausdruck wurde ernst.

»Wirklich? Ist das so? Ist es für dich nicht nur eine Art - Routine?«

Die Ustinov schüttelte kaum merklich den Kopf.

»Hast du das nicht selber gemerkt? Kannst du nicht zwischen gespielten und echten Gefühlen unterscheiden?«

Er senkte den Kopf.

»Entschuldige. Es war idiotisch von mir, dich so etwas zu fragen.«

»Nein«, entgegnete Natalia, »es war dein gutes Recht.«

Eine Weile widmeten sie sich schweigend dem Frühstück. Natalia spürte, wie der pechschwarze Kaffee auf wohltuende Weise ihre Lebensgeister vollends mobilisierte. Sie fühlte sich frisch und ausgeruht wie selten. Und sie bemerkte, dass Colin irgendwelchen tiefschürfenden Gedanken nachhing.

»Worüber grübelst du?«, fragte sie deshalb. »Oder handelt es sich um etwas, worüber du mit mir nicht reden kannst?«

Er blickte auf, neigte verlegen den Kopf zur Seite.

»Doch, doch. Warum, zum Teufel, rede ich eigentlich nicht mit dir darüber? Ich benehme mich wie ein schüchterner Collegeboy.«

»Dann werde wieder ein erwachsener Mann.«

Ronstone nickte entschlossen, griff nach links und zog einen Servierwagen heran, auf dem in mehreren Stapeln die morgendliche Privatpost lag. Er wühlte darin herum und fischte schließlich einen bereits geöffneten länglichen Umschlag heraus. Er enthielt eine gedruckte Karte aus teurem Büttenpapier.

»Darum handelt es sich«, sagte Colin, »eine Einladung.«

»Was hat das mit mir zu tun?«

»Vielleicht eine Menge, vielleicht überhaupt nichts. Das hängt ganz von dir ab.«

Natalia fing an zu begreifen.

»Von wem kommt die Einladung?«

Ronstone hob die Karte hoch und zitierte lächelnd den Anfang des Vorgedruckten: »Rock Mentone gibt sich die Ehre ...«

»Der Schlagerstar?«, fragte die junge Agentin.

»Genau der.«

»Du bist mit ihm befreundet?«

»So könnte man es nennen. Unsere Freundschaft besteht hauptsächlich aus gegenseitigen Einladungen.«

»Und was ist es diesmal?«

»Man könnte fast sagen, das Übliche. Rocco ist bekannt für seine irren Partys, und er bietet jedes Mal irgendwelche neuen Überraschungen.«

»Kommst du jetzt zur Sache?«, erkundigte sich Natalia.

Colin B. Ronstone legte die Karte beiseite und zündete sich eine Zigarette an.

»Ich weiß nicht, ob ich es von dir verlangen kann«, antwortete er, »aber ich würde gern mit dir zu dieser Party gehen.«

Natalia blickte ihn über den Rand ihrer Kaffeetasse hinweg an.

»Weshalb glaubst du, ich würde dir das abschlagen?«

»Weil ... weil ... Nun, wir müssten in der Öffentlichkeit so tun, als wären wir wirklich privat befreundet.«

»Sind wir das nicht?«

»Du meinst ...« Ronstone strahlte plötzlich »Das heißt also, du würdest mit mir zu Rocco Mentone gehen?«

»Aber ja, Darling, wenn du mich mitnehmen willst.«

»Ich wüsste nichts Schöneres.«

»Dann solltest du das Ganze nicht als so schwierig betrachten. Es ist eine ganz einfache Geschichte. Du hast mich eingeladen, und ich habe zugesagt - fertig, aus.«

»Du hast recht«, Colin lachte, »manchmal denke ich wirklich zu kompliziert.«

Natalia Ustinov sagte ihm nicht, dass sie über seinen Wunsch sogar hocherfreut war. Dass er sie zu diesem rauschenden Fest mitnahm, erleichterte ihr den Auftrag. Andernfalls hätte sie erhebliche Schwierigkeiten gehabt, einen Dreh zu finden, Colin nicht aus den Augen zu lassen.



8

Rocco Mentones Fest begann zwei Tage später, am frühen Abend, als noch helles Tageslicht über dem Villengrundstück in Rockaway lag. Die ausgedehnten Gartenanlagen waren in einen Rummelplatz verwandelt worden. Zwei Tage lang waren an die hundert Hilfskräfte damit beschäftigt gewesen, jene Budenstadt-Atmosphäre zu schaffen, die dem Gastgeber vorgeschwebt hatte. Bereits über dem Portal des Anwesens leuchteten Ketten von verschiedenfarbigen Glühlampen, und ähnliche Lichterketten zogen sich an der Zufahrt entlang bis zum großen Vorplatz der Villa, wo sich die chromblitzenden Luxuskarossen der Gäste in dichten Reihen aneinanderdrängten.

Die Glastüren vom Livingroom zur Terrasse waren weit geöffnet. Drinnen waren Tische mit weißen Decken hergerichtet, auf denen später das kalte Büffet arrangiert werden sollte. Sämtliche übrigen Räume der Villa, einschließlich der Kellerbar, waren mit Lampions dekoriert, und Lautsprecherboxen übertrugen die Musik in jeden einzelnen Raum.

Jene Musik stammte von der fünfköpfigen Band, die Rocco Mentone auf seinen Tourneen zu begleiten pflegte: THE ROCKAWAYS, wie sich die Kapelle in Anlehnung an Mentones Wohnort und an seinen Vornamen nannte, hatten sich auf einem Podium am Rand des herzförmigen Swimmingpools mit Verstärkern und Kabelgewirr niedergelassen. Die Band bestand aus zwei Gitarristen, einem Bassisten, einem Organisten und einem Schlagzeuger. Sie trugen die goldfarbenen Flitteranzüge, die für Rocco Mentone bei seinen Konzerten und Fernsehauftritten bereits eine Art Markenzeichen geworden waren.

Die ersten dezenten Backgroundklänge der Band, eine sanfte Soul-Samba, hallten über das beginnende Stimmengewirr auf dem Villengrundstück.

Auf der anderen Seite des Schwimmbeckens war eine Tanzfläche eingerichtet worden. Mentones Helfer hatten zu diesem Zweck einen zwanzig Quadratyard großen transportablen Parkettboden auf dem Rasen platziert. Nicht weit davon entfernt, eingebettet zwischen Buschgruppen, befand sich die Freiluftbar: ein Tresen mit Kühlaggregaten und Flaschenbatterien, die sich in offenen Regalen aneinanderreihten. Drei Hausangestellte in weißen Anzügen sorgten für den Servierservice unter dem Tresen.

In einem entfernten Winkel der Gartenanlagen wartete ein vorbereitetes Feuerwerk darauf, gegen Mitternacht gezündet zu werden. Ketten von Lampions und Luftballons durchkreuzten den Garten in unüberschaubar buntem Arrangement. Und überall, fast versteckt zwischen Blumenrabatten und Buschformationen, gab es die verschiedenen kleinen Buden, mit denen Rocco Mentone seiner Party den besonderen Akzent zu setzen suchte. Mexikanische Tortillas mit scharf gewürzten Beilagen. Italienische Pizzas, jugoslawische Cevapcicis vom Holzkohlengrill. Amerikanische Pancakes nach allen nur erdenklichen Rezepten. Und auf einer Rasenfläche war ein steinerner Kamin errichtet worden, über dessen Feuer in großen Pfannen spanische Paellas garten.

Außerdem waren Spielbuden im Las Vegas Stil errichtet worden. Von einarmigen Banditen bis zum Pokertisch unter luftigem Zeltdach war alles vertreten, was an Glücksspielen existierte.

Gegen sieben Uhr abends waren bereits über die Hälfte aller geladenen Gäste erschienen. Die Wege zwischen den einzelnen Buden und der Bar füllten sich mit Menschen - Frauen in duftigen Kleidern, Männer in eleganten hellen Sommeranzügen. Lachende Stimmen wurden lauter vor dem Hintergrund der Musik. Rocco Mentone stand im Schwarm seiner Manager und Konzertveranstalter auf der Terrasse. Serviergirls mit weißen Schürzchen schleppten Tabletts mit leeren und gefüllten Gläsern durch die Gegend, um bei den herumstehenden, Konversation betreibenden Gruppen der Partygäste für Getränkenachschub zu sorgen.

Auf dem Vorplatz der Villa dirigierten zwei weiß gekleidete Hausangestellte die eintreffenden Besucher zur Terrasse, wo sie vom Gastgeber begrüßt wurden. Mentone, der weiße Jeans und ein bis zum Gürtel offenes rotes Seidenhemd trug, umarmte jeden einzelnen seiner Gäste mit italienischem Temperament. Bei den weiblichen Partygästen fielen diese Umarmungen etwas länger aus.

Es war halb acht, als Colin B. Ronstone seinen offenen silbergrauen Bentley in eine noch freie Parklücke auf dem Vorplatz rangierte. Er half Natalia beim Aussteigen und drückte dem Bediensteten, der ihm den Weg zur Terrasse zeigte, eine Dollarnote als Trinkgeld in die Hand.

Natalia Ustinov trug ein blumiges langes Kleid aus hauchzarter indischer Seide. Das Ganze umgab sie wie ein wogender Duft, verschleiernd und scheinbar enthüllend zugleich. Den tiefen Ausschnitt betonte eine diamantenbesetzte Brosche. Colin B. Ronstone war mit einem leichten weißen Smoking und einem feingestreiften, offenen schwarzen Hemd bekleidet.

Rocco Mentone löste sich freudestrahlend aus der Meute seiner Geschäftsfreunde, als er Ronstone und seine Begleiterin erblickte. Mit ausgebreiteten Armen kam er zum Rand der Terrasse.

»Colin! Ich freue mich, dass du gekommen bist. Ohne dich hätte dieses Fest einen Wermutstropfen für mich gehabt.« Mentones Blick fiel auf die bildhübsche Begleiterin, konnte sich nicht von ihr lösen. »Colin, alter Junge, du bist zu beneiden.« Er begrüßte die Ustinov mit einem übertrieben devoten Handkuss.

Sie schenkte ihm ein freundliches Lächeln.

»Ich glaube, Rocco Mentone brauche ich dir nicht vorzustellen, Natalia«, sagte Colin B. Ronstone mit stolzgeschwellter Brust. Er weidete sich in dem Gefühl, dass seine Eroberung zweifellos beträchtlichen Eindruck machte, denn auch Roccos Managervolk hatte das Gespräch abgebrochen und starrte fasziniert herüber.

»Natalia«, wiederholte Mentone und ließ dabei jeden einzelnen Buchstaben auf der Zunge zergehen, »ein wohlklingender Name. Ich kann nur hoffen, dass wir uns an diesem Abend noch sehr oft über den Weg laufen, Natalia.«

»Ich hätte nichts dagegen«, sagte sie, »aber Colin könnte vielleicht eifersüchtig werden.«

Mentone und Ronstone fielen in Natalias Lachen ein.

»Colin und ich sind alte Freunde«, erklärte Mentone und klopfte ihm auf die Schulter. »Zwischen uns hat es noch nie Unklarheiten gegeben. Stimmt’s, Colin?«

»Stimmt, Rocco.«

»Okay, ihr beiden Hübschen. Geht an die Bar oder seht euch an, was Rocco alles für euch vorbereitet hat! Ich hoffe, ihr werdet euch nicht langweilen. Und ich hoffe ...«, er bedachte Natalia mit einem tiefen Blick, »dass wir uns im Gedränge nicht aus den Augen verlieren.«

Natalia begab sich mit Colin zunächst an die Bar, wo sie sich beide einen Highball bestellten. Sie zündeten sich Zigaretten an, nippten an den Drinks und wechselten die üblichen Belanglosigkeiten mit den Leuten, die Colin entweder beruflich oder von früheren Partys her kannte. Nachdem sie sich etwa eine Stunde lang an der Bar aufgehalten hatten, schienen endgültig alle Gäste eingetroffen zu sein.

Rocco Mentone bahnte sich einen Weg durch die Menge, wurde von Applaus begleitet und stieg zu den ROKKAWAYS auf das Podium. Er begrüßte die Partyteilnehmer mit markigen Worten, wünschte ihnen haufenweise Vergnügen und ließ sich erneut vom Beifall berieseln.

Nachdem wieder Ruhe eingekehrt war, kündigte Mentone an, er würde nun eine Kostprobe liefern und seinen neuesten Hit ,Way up to the Sky‘ zum Besten geben. Unter erneut aufbrandendem Applaus setzte die Band mit den ersten Takten ein. Es handelte sich um einen Slow Rock, den Mentone mit gefühlvoller, samtener Rauchstimme interpretierte.

Nach den letzten Takten wollte der Beifall nicht enden. Rocco Mentone ließ sich zu einer Zugabe erweichen und brachte seinen Vorjahreshit: Yonder in Paradies Garden. Danach winkte er den stürmisch klatschenden Leuten mit erhobenen Händen zu und verließ endgültig das Podium.

Die Band ließ sofort eine Samba folgen, wie sie zur Zeit in Mode war. Rocco Mentone ging mit leuchtendem Beispiel voran, angelte sich Melisa Prudence aus einem Pulk von Männern und begab sich mit auf die Tanzfläche. Das blonde, langbeinige Girl trug ein an der rechten Seite bis zur Hüfte geschlitztes schwarzes Kleid, das hochgeschlossen war und dennoch ihre imponierende Oberweite wirkungsvoll zur Geltung brachte.

Natalia hörte, wie ringsherum aufgeregtes Getuschel entstand. Aus den halblauten Worten war zu entnehmen, dass niemand das blonde Girl zuvor bei einer von Roccos Partys gesehen hatte.

»Kennst du die Kleine, Colin?«, wandte sich Natalia an ihren Begleiter. »Sie scheint einiges Aufsehen zu erregen.«

Ronstone zuckte die Achseln.

»Nicht ungewöhnlich für Rocco. Er hat meistens etwas in der Richtung drauf. Wenn nicht, würde es ihn krank machen. Er braucht die kleinen Begebenheiten am Rande, mit denen er seine Freunde verblüffen kann.«

Weitere Paare bewegten sich auf die Tanzfläche zu, und bald darauf waren Rocco Mentone und die blonde Melissa im Gedränge kaum noch zu sehen.

»Möchtest du tanzen, Natalia?«, erkundigte sich Colin B. Ronstone. »Oder wollen wir zuerst einen Blick auf Roccos Sehenswürdigkeiten werfen?«

»Letzteres, würde ich sagen«, antwortete sie, »tanzen kann man auch im Dunkeln, aber von den Buden haben wir mehr bei Tageslicht.«

Sie nahmen einen Drink mit auf den Weg und schlenderten los. Das Gelächter und die angeregten Gespräche der Leute ringsum verdeutlichten, dass die Stimmung bereits an Steifheit verloren hatte. Der Alkohol, der in ausreichender Menge floss, zeigte seine Wirkung. Noch bevor sie die erste Bude erreichten, schwebte aus dem Gedränge plötzlich eine schwarzhaarige Frau auf Colin B. Ronstone zu. Sie trug einen knapp sitzenden rosafarbenen Hosenanzug, der sich über ihren leicht molligen Körperformen spannte.

»Hallo, Colin, mein Schatz!«, rief sie und fiel ihm um den Hals. Er sträubte sich nicht, als sie ihn heftig küsste.

Natalia stand lächelnd daneben.

»Freut mich, dich zu sehen, Cyril«, sagte Colin ein wenig förmlich. »Darf ich dir Miss Ustinov vorstellen? Natalia Ustinov ...«

Die Schwarzhaarige wandte sich um, als hätte sie Ronstones Begleitern erst in diesem Moment bemerkt.

»Oh! Verzeihen Sie, dass ich Sie nicht gleich begrüßt habe. Wissen Sie, Colins Bekanntschaften wechseln so häufig, dass man nicht immer leicht Schritt halten kann.«

»Mrs. Cyril Baker«, sagte Ronstone leicht gepresst in Natalias Richtung.

»So ist das also«, entgegnete die Ustinov mit entwaffnendem Lächeln, »dann betrachte ich es direkt als eine Auszeichnung, bei so zahlreichen Bekanntschaften von Colin auch noch berücksichtigt zu werden.«

Der schwarzhaarigen Cyril Baker fiel keine schlagfertige Antwort ein. Für den Bruchteil einer Sekunde war das Aufglimmen von Zorn in ihren dunklen Augen zu erkennen. Doch dann überspielte sie es mit Gleichgültigkeit.

»Wir sehen uns später noch«, rief sie und entschwand in der Menge auf die gleiche flatterhafte Weise, wie sie gekommen war.

Natalia registrierte erstaunt, dass Colin der Frau mit einem geradezu schwärmerischen Gesichtsausdruck nachblickte. Als er Natalias Blick spürte, schien er abrupt in die Wirklichkeit zurückzukehren.

»Und wo ist Mr. Baker?«, erkundigte sich die Ustinov.

»Wahrscheinlich auf einer seiner vielen Dienstreisen«, erwiderte Colin. »Er ist hoher Führungsbeamter beim Police Department.«

»Oh, was hast du mit der Polizei zu tun?«

»Nichts«, antwortete Ronstone lachend, »Cyril und ich kennen uns vom College her. Wir waren schon befreundet, bevor Cyril heiratete. Wenn man so will, hat Jefferson Baker sie mir weggeschnappt. Aber Cyril und ich sind trotzdem gute Freunde geblieben. Vielleicht ist es besser so. Meine Freiheit ist mir doch verdammt viel wert.«

»Davon sprachst du schon«, sagte Natalia. »Wenn ich ehrlich sein soll, hätte ich jetzt Appetit auf eine Paella. Was hältst du davon?«

»Abgemacht«, antwortete Colin. Irgendwie schien er froh, dass sie das Thema gewechselt hatte.



9

Das blaue Licht der Dämmerung senkte sich über das Villengrundstück an der Rockaway Beach. Die Stimmen der Partygäste klangen ausgelassener, fröhlicher, und Rocco Mentones Begleitband intonierte anfeuernde Rhythmen, die zusehends mehr Paare dazu veranlasste, sich im Takt der Musik auf der kleinen Tanzfläche zu drängen.

Und die ersten Paare waren zu sehen, die sich nach dem Tanz dezent zurückzogen, um die Zweisamkeit in einem der zahlreichen Räume der Villa zu genießen. Auch die Kellerbar war bereits ebenso stark frequentiert wie der Tresen im Freien. Die laue Luft des Sommerabends tat ein Übriges, um die Stimmung anzuheizen.

Rocco Mentone registrierte zufrieden, dass der Alkohol in Mengen floss, und dass die entsprechende Wirkung nicht ausblieb. Er verließ den Pulk von Managern und Konzertveranstaltern und winkte Melissa Prudence zu sich. Nur widerstrebend trennte sie sich von zwei schwarzhaarigen Jünglingen, die sie mit Drinks versorgt und bereits die ersten tastenden Vorstöße zur Erkundung ihrer Körperrundungen unternommen hatten.

Rocco legte seinen Arm um ihre Taille, als sie auf ihn zu getrippelt kam. In der Rechten hielt sie ein hohes Glas mit Bourbon Sour.

»Du hast mich mitten aus der schönsten Unterhaltung gerissen«, rief sie mit leisem Protest gegen den Lärm an, der sie umgab.

Rocco Mentone grinste.

»Du kannst dich an diesem Abend noch genug amüsieren, Kleines. Aber bevor du bei deinen neuen Verehrern voll einsteigst, möchte ich, dass du deinen Job nicht vergisst.«

»Oh, ich weiß, was ich dir versprochen habe, Rocco.«

»Umso besser.« Mentone deutete zu der Freiluftbar hinüber, die von Partygästen umlagert war. »Wir werden uns die süße Cyril jetzt aus dem Gewühl picken, und dann kannst du loslegen. Du weißt, wie du mit ihr umspringen musst.«

»Hauptsache, es stimmt, was du über sie erzählt hast.«

»Verlass dich drauf! Ich kenne Cyril lange genug. Komm jetzt, Melissa Darling!«

Er nahm ihre Hand und zog sie hinter sich her durch das Gedränge. Unterwegs wurden sie immer wieder von Männern und Frauen aufgehalten, die versuchten, Rocco Mentone in ein Gespräch zu verwickeln. Er speiste sie mit Floskeln ab, bis sie schließlich die Bar erreichten.

Cyril Baker war von einem halben Dutzend junger Männer eingekreist, die als Angestellte in Rocco Mentones Schallplattenfirma arbeiteten. Cyril lachte über platte Scherze, nippte in regelmäßigen Abständen an ihrem Bourbon-Ontherocks und ließ sich Feuer für ihre soundsovielte Zigarette geben.

»Cyril Darling!«, rief Mentone über die Köpfe der jungen Männer hinweg. »Bist du sicher, dass du das alles verkraften kannst?«

Mit einer Handbewegung, die die schwarzhaarige Frau nicht sehen konnte, scheuchte er ihre Belagerer weg. Sie verzogen sich mit gemurmelten Entschuldigungen, zögerten nicht eine Sekunde lang, der Aufforderung ihres Chefs Folge zu leisten.

Cyril Baker schob sich schmollend auf den Schlagerstar zu. Mit den Fingern ihrer Linken spielte sie an seinem Seidenhemd und widmete ihm einen gekonnten Augenaufschlag.

»Nun hast du sie alle vertrieben, Schätzchen. Und ich war gerade dabei, mich für einen oder zwei von ihnen zu entscheiden.«

»Die Nacht ist noch lang«, sagte Mentone wegwerfend, »und ich möchte dich nur davor bewahren, dass der gute Jefferson vor Eifersucht platzt, wenn er aus Europa zurückkommt.«

Die Schwarzhaarige kicherte.

»Meinst du, dass er überhaupt von dieser Party erfahren muss?«

»Natürlich nicht«, antwortete Mentone lächelnd, »du weißt, dass ich sehr viel von Diskretion halte. Aber jetzt möchte ich dir Melissa Prudence vorstellen, eine gute Freundin von mir. Ich würde mich freuen, wenn ihr beide euch ein wenig unterhaltet. Melissa kennt praktisch noch niemanden hier, und du bist haargenau der Typ, Cyril, um sie ein bisschen in Schwung zu bringen.«

Die Schwarzhaarige kicherte abermals, nahm ihr Bourbonglas in die Linke und streckte dem blonden Girl ihre Hand entgegen.

»Freut mich, dich kennenzulernen, Melissa. Wer mit Rocco befreundet ist, hat bei mir immer einen Pluspunkt im Voraus.«

Mentone legte ihnen beide die Arme auf die Schultern und schob sie aufeinander zu.

»Seht ihr, ich habe mich nicht geirrt. Ich bin sicher, ihr beide werdet prächtig zurechtkommen. Wir sehen uns später noch. Ich muss mich um all die Geier kümmern, die glauben, dass so eine Party der richtige Anlass ist, um mit mir Geschäfte zu machen.« Er zog sich zurück und war wenig später im Gewühl verschwunden.

»Ich hoffe, Sie halten mich nicht für aufdringlich, Cyril«, sagte Melissa Prudence. »Bei Rocco habe ich manchmal den Eindruck, dass er gern mit der Tür ins Haus fällt.«

»Ach, Unsinn«, entgegnete Cyril Baker, »wir beide gönnen uns jetzt erst mal einen handfesten Drink, und dann lässt du dieses verdammte >Sie< weg, ja?«

»Einverstanden«, sagte Melissa und zwängte sich gemeinsam mit der Schwarzhaarigen durch die Meute der Thekensteher, bis sie bei einem der Barkeeper neue Drinks orderten.

Zufrieden registrierte Melissa Prudence, dass Cyril bei Bourbon mit Eis blieb. Die Tatsache, dass sie das ölig braune Zeug pur bevorzugte, würde rascher zu der erforderlichen Wirkung führen.

Cyril Baker nahm Rocco Mentones Wunsch, das langbeinige blonde Girl in Schwung zu bringen, sehr ernst. Mit Vehemenz und vielen neuen Drinks stürzte sie sich auf diese Aufgabe. Melissa hielt tapfer mit. Nach zwei Stunden war sie überzeugt, die Hälfte aller Partygäste kennengelernt zu haben. Und sie spürte, dass die Wirkung des Alkohols auch bei ihr eingesetzt hatte.

Cyril schwebte längst in höheren Regionen der Glückseligkeit. Jedem Bekannten, der ihr über den Weg lief, fiel sie um den Hals, und immer wieder kehrte sie mit ihrer neuen Freundin zur Bar zurück. Melissa Prudence hielt schließlich die Zeit für gekommen, die große Show abzuziehen.

In einem unbeachteten Moment, als Cyril Baker mit einem der Männer in ihrer Nähe flirtete, fischte Melissa die kleine Kapsel mit dem weißlichen Pulver aus ihrem Handtäschchen und leerte die Kapsel blitzschnell in Cyrils Glas.

Rocco Mentone hatte ihr das Zeug gegeben, und er hatte versichert, dass es sich lediglich um ein harmloses Rauschmittel handelte. Nichts, was nachhaltige Wirkung außer einem Brummschädel verursachte. Nachdem Cyril ihr Glas ausgetrunken hatte, griff Melissa nach ihrem Unterarm und zog sie behutsam beiseite. Die Schwarzhaarige musterte sie.

»Würdest du mir einen kleinen Gefallen tun?«, erkundigte sich die Blonde mit Verschwörermiene.

»Jeden, Darling, wenn es nichts Unmögliches ist.« Cyril kicherte und gab dem Barkeeper das Handzeichen, einen neuen Drink zu liefern.

»Vielleicht ist es unmöglich«, sagte Melissa, »aber auf jeden Fall ist es verrückt. Ich hätte dich gern als Assistentin, Cyril.«

»Wie bitte?«

Melissa erklärte es ihr, indem sie ihr die Einzelheiten ins Ohr flüsterte. Cyril Bakers Augen weiteten sich, und dann brach sie in begeistertes Lachen aus.

Rocco Mentones blondes Geschenk wusste in diesem Moment, dass es klappen würde - egal, was Rocco auch immer mit dieser Inszenierung bezwecken mochte.



10

Die ROCKAWAYS intonierten einen anhaltenden Tusch. Danach erscholl eine Männerstimme aus den zahlreichen Lautsprecherboxen. Die Ankündigung ging jedoch im allgemeinen Gemurmel und Gelächter unter. Nur allmählich wurde es ruhiger. In Trauben begannen die Partygäste, sich zum Rand des Swimmingpools zu schieben. Rufe pflanzten sich fort, und die Menschenmenge geriet zusehends mehr in Bewegung.

Natalia Ustinov und Colin B. Ronstone hatten ihren Rundgang durch Mentones kleine Budenstadt beendet und waren wieder an der Bar gelandet.

»Ich glaube, da gibt es etwas zu sehen!«, rief Natalia gegen den Lärm an. »Und ich bin neugierig, Colin.«

Er blickte sie mit leicht glasigen Augen an. Seine schlanken Finger hielten das Longdrinkglas wie ein lieb gewonnenes Spielzeug. Doch die junge Agentin hatte schon nach den ersten Stunden erkannt, dass Colin bei aller Party-Routine nicht zu jener Sorte gehörte, die sich durch hohe Alkoholverträglichkeit auszeichnet.

»Sehen wir nach, was es dort gibt«, sagte er, und seine Zunge stieß beim Sprechen kaum merklich an.

Natalia hakte ihn unter, nahm ihr Glas ebenfalls mit und zwängte sich gemeinsam mit ihm durch das Gewühl. Sie hatten Glück und erwischten einen Platz an der Spitze des herzförmigen Pools.

Das Stimmengewirr der Leute hatte sich auf ein erwartungsvolles Murmeln reduziert.

Gedämpfte Rhythmen erklangen.

Auf der freien Fläche vor dem Podest der Band erschien Melissa Prudence mit tänzelnden Bewegungen - blond, langbeinig, begehrenswert. Männeraugen begannen zu glänzen.

»Ah, Roccos neue Eroberung«, sagte Natalia Ustinov leise.

Colin B. Ronstone lächelte matt.

»Eigentlich ist es meistens umgekehrt«, entgegnete er, »Rocco hat es selten nötig, sich anzustrengen. Meistens lässt er sich erobern. Verehrerinnen gibt es genug.«

»Neidisch?«

Er winkte ab.

»Nicht, wenn ich dich an meiner Seite habe.«

Ihre Aufmerksamkeit wurde abgelenkt. Melissa Prudence bewegte sich mit katzenhafter Geschmeidigkeit zu den Klängen der Musik. Beifall wurde laut. Überwiegend waren es die männlichen Partygäste, die klatschten.

Sanft und geradezu zärtlich ließ Melissa ihre flachen Hände über ihre wohlgerundeten Hüften gleiten. Der Seitenschlitz ihres langen schwarzen Kleides klaffte auf und ermöglichte lohnende Blicke auf ihren prallen Oberschenkel.

Im nächsten Moment verstärkte sich der Beifall noch, als unvermittelt Cyril Baker hinter dem Podest der Band erschien und sich gleichfalls mit rhythmischen Tanzbewegungen auf das blonde Girl zubewegte. Melissa empfing ihre Partnerin für die Show mit ausgestreckten Armen.

Der Applaus versiegte, als die beiden sich im Takt der Musik nebeneinander wiegten. Ihre Bewegungen waren aufreizend, herausfordernd und stimulierend.

Andächtige Stille kehrte ein. Der Glanz in den Augen der Männer intensivierte sich.

Mit einem Seitenblick bemerkte Natalia Ustinov, dass Colin geradezu fasziniert die schwarzhaarige Cyril Baker anstarrte. Die Frau schien einen ungewöhnlichen Reiz auf ihn auszuüben - etwas, das ihn alles andere vergessen ließ.

Es war keine Eifersucht oder verletzte Eitelkeit, die die Top-Agentin empfand. Doch sie spürte instinktiv, dass sich hier etwas anbahnen konnte, was ihre erhöhte Aufmerksamkeit erforderte. Im Trubel des Partygeschehens war es leicht möglich, dass sie Colin B. Ronstone aus den Augen verlor. Besonders dann, wenn jemand versuchte, seine schwachen Seiten auszunutzen.

Melissa Prudence und Cyril Baker gerieten in Aktion. Begeisterte Rufe wurden laut, als Melissa ihre Hände am Körper aufwärts schob und wie spielerisch um ihre großen Brüste gleiten ließ, die unter dem eng anliegenden Kleid auf erregende Weise modelliert wurden.

Während Melissa mit ihren Tanzbewegungen fortfuhr, kam Cyril näher. Betont langsam, beinahe zögernd, tasteten ihre schlanken Finger über den Rücken Melissas zum Reißverschluss des Kleides. Den Mund halb geöffnet, fuhr sich das blonde Girl mit der Zungenspitze über die Lippen. Sie tanzte auf der Stelle, wand sich, wiegte die Hüften unter den Händen der schwarzhaarigen Assistentin. Dann, als Cyril den Reißverschluss langsam herabzog und Melissas prachtvolle rückwärtige Rundungen erreichte, presste sie das Kleid vorn mit beiden Händen gegen die Brüste.

Von Neuem klatschten die Zuschauer Beifall.

Cyril wich beiseite, blieb jedoch in der Nähe, um erneute Handreichungen leisten zu können.

Im Tanzrhythmus drehte sich Melissa, zeigte den Partygästen ihren halbnackten Rücken.

Der Beifall wollte kein Ende finden.

Als sie sich im nächsten Moment abermals umdrehte, ließ sie ihre Hände abrupt sinken.

Das schwarze Kleid fiel wie ein duftiger Schleier von ihr ab. Graziös tanzte sie zur Seite, nur noch mit einem schwarzen Slip und einem schwarzen BH bekleidet.

Cyril Baker bückte sich, hob das Kleid auf und ließ es wie eine Trophäe über dem Kopf kreisen, ehe sie es lachend wegschleuderte.

Der Applaus steigerte sich zu frenetischem Jubel.

Wie angefeuert, bewegte sich die Schwarzhaarige wieder auf ihre Partnerin zu und begann ohne Umschweife, am Verschluss ihres BH’s zu fingern.

Melissa Prudence stöhnte kaum hörbar auf, schloss die Augen, strich mit sanftem Fingerdruck über ihre schweren Brüste, die sich bei jedem Tanzschritt wogend auf und ab bewegten.

Der Beifall versiegte. Es wurde still.

Mit einem plötzlichen Ruck riss Cyril Baker dem blonden Girl den BH weg. Melissa stieß einen gespielten Laut des Erschreckens aus. Ihre Hände reichten nicht aus, den Umtang ihrer beeindruckenden Oberweite zu verbergen. Scheinbar resignierend gab sie es auf, präsentierte ihre Brüste in voller Pracht.

Die Männer johlten begeistert. In den Augen der Frauen glomm der Neid auf.

Angeheizt durch den Beifall der Zuschauer, war Cyril Baker nun geradezu begierig bei der Sache. Sie tanzte schräg hinter Melissa, schob ihre Hände um die prallen Hüften der Blonden und drängte ihre Fingerspitzen unter den Gummizug des Slips. Nur Melissa Prudence hörte, dass der Atem der Schwarzhaarigen dabei heftiger ging. Und sie spürte die Zärtlichkeit, mit der Cyril ihr Millimeter für Millimeter den Slip abwärts zog und ihr dabei die Handflächen auf die nackte Haut presste.

Ein Raunen ging durch die Zuschauermenge.

Und dann strich Cyril Baker den Slip endgültig nach unten.

Mit gespielter Schamhaftigkeit versuchte Melissa noch einmal, ihre Blößen zu bedecken. Doch dann gab sie es scheinbar auf, drehte sich im Rhythmus der nun aufpeitschenden Musik und präsentierte ihre berückende Nacktheit im matten Licht der beginnenden Abenddämmerung.

Die Partygäste überschlugen sich förmlich vor Begeisterung.

Cyril Baker ergriff den schwarzen Slip der Nackten und schleuderte ihn lachend in die Menge.

Die aufpeitschenden Rhythmen der Band näherten sich dem Finale. Aus einer letzten Drehbewegung heraus tanzte Melissa Prudence auf den Rand des Swimmingpools zu. Ihre prallen Brüste wippten. Im nächsten Moment, als die Kapelle zu einem Tusch ansetzte, hechtete die Blondine kopfüber in die kristallklaren Fluten des Beckens.

Der Beifall hielt noch an, als sie am jenseitigen Ende wieder auftauchte.

Nach einer Pause von wenigen Sekunden fuhr die Band mit einem Slow Rock fort.

Cyril Baker, noch immer erregt durch die Show, wiegte sich weiter im Rhythmus der Musik. Und während Melissa den Pool verließ und ihr einer der Hausangestellten einen Bademantel brachte, begann Cyril an den Verschlüssen ihres Kleids zu nesteln.

Rocco Mentone war plötzlich zur Stelle, zog die Schwarzhaarige beiseite, redete auf sie ein. Es gelang ihm, sie zur Ruhe zu bringen.

Per Lautsprecher forderte der Bandleader die Partygäste auf, sich wieder auf die Tanzfläche zu begeben.

Natalia Ustinov entging es nicht, dass Colin B. Ronstone beim Stripversuch Cyril Bakers mit leisem Unwillen das Gesicht verzogen hatte. Und es entging der Agentin ebensowenig, dass Rocco Mentone einen kurzen Blick zu Ronstone herüberwarf, während er die schwarzhaarige Frau mit Worten traktierte.

Natalia beschloss, die Dinge nicht länger auf sich zukommen zu lassen. Wenn sie herausfinden wollte, was hier gespielt wurde, musste sie etwas unternehmen. Der Ansatzpunkt, den sie zu diesem Zweck ins Auge fassen musste, stand fest: Rocco Mentone.



11

Natalia Ustinov verbarg ihre Genugtuung, als der Schlagerstar kurze Zeit später neben ihr und Colin an der Bar erschien. Dunkelheit hatte sich inzwischen über das parkähnliche Gartengelände gesenkt. Ketten von Lampions erhellten die Tanzfläche und die Wege zwischen den Buden.

»Ich habe unsere erste Begegnung nicht vergessen, Natalia«, sagte Rocco Mentone mit herausforderndem Lächeln.

»Wie soll ich das auffassen?«

»Im Zweifelsfall als Kompliment.«

»Über Mangel an Selbstüberzeugung scheinen Sie jedenfalls nicht klagen zu können.«

»Selbstüberzeugung ist in meinem Beruf lebensnotwendig, Natalia. Ich möchte Sie entführen - zunächst auf die Tanzfläche.«

»Zunächst?«

»Missfällt Ihnen der Reiz des Geheimnisvollen?«

»Absolut nicht«, erwiderte sie mit gekonntem Augenaufschlag, »aber vielleicht sollte man Colins Meinung dazu hören.«

Ronstone wedelte abwehrend mit der Hand.

»Über solche Diskussionen sind Rocco und ich erhaben. Als alte Freunde brauchen wir kein Wort darüber zu verlieren.« Die Augen des Firmenchefs waren leicht glasig und geistesabwesend, waren suchend auf die Ansammlung der Partygäste gerichtet, während er sprach.

»Sehen Sie, Natalia«, sagte Mentone lächelnd und legte ihr den Arm um die Schulter, »ich habe es gewusst. Colin hat gegen die geplante Entführung nicht das Geringste einzuwenden.«

»Geht nur, geht nur«, murmelte Ronstone und nippte an seinem Drink.

Natalia musterte ihn mit einem erstaunten Blick. Eine seltsame Veränderung schien mit ihm vorgegangen zu sein. War Cyril Baker, seine Jugendliebe, die Ursache?

Natalia lächelte ihrem Begleiter noch einmal zu, ehe sie sich von Rocco Mentone zur Tanzfläche führen ließ. Vielleicht war es Einbildung, vielleicht sogar Wunschdenken von ihr, dass sie Unannehmlichkeiten witterte. Aber in den Jahren ihrer beruflichen Tätigkeit als Agentin hatte sie ein feines Gespür für mögliche Zusammenhänge entwickelt. Und dazu gehörte es insbesondere, das Verhalten und die Reaktionen von Menschen mit unbestechlichem Scharfblick zu beurteilen. Es erschien ihr eine Spur zu eindeutig, wie Mentone sie von Ronstone losgeeist hatte.

Und nach den wenigen Andeutungen, die Colin von sich gegeben hatte, war die schwarzhaarige Cyril Baker zweifellos der richtige Köder, um seine schwachen Seiten zu treffen. Die Frage blieb nur, welches Interesse ausgerechnet Mentone daran haben konnte.

Natalia war entschlossen, dieser Frage auf den Grund zu gehen. Wenn der Popstar glaubte, sie durch seinen Charme schachmatt gesetzt zu haben, so sollte er sich mächtig getäuscht haben.

Während Natalia sich mit ihm auf der Tanzfläche zu den Klängen eines Blues bewegte, nahm sie sich vor, den Spieß umzudrehen. Sie kannte die Mittel und Wege, um einen Mann auszuhorchen. Wenn es sein musste, würde sie alle Register ziehen, um Rocco Mentone weich zu kochen. Dass er für ihre Ausstrahlung anfällig war, hatte sie bereits festgestellt.

Die betörende Agentin lächelte in sich hinein und legte ihre Arme zärtlich um seinen Nacken.

Mit ihren besonderen weiblichen Waffen hatte sie bislang noch jeden Mann bezwungen.



12

Colin B. Ronstone winkte einen der Barkeeper heran und ließ sich einen neuen Drink geben. Gedankenverloren setzte er das Glas an die Lippen, trank, genoss die Wirkung des scharfen Alkohols, zündete sich eine Zigarette an und inhalierte tief. Das Geschnatter der Leute ringsherum nahm er nur als dumpfe Geräuschkulisse wahr. Er fühlte sich plötzlich einsam. Und das, obwohl er froh war, dass er wenigstens vorübergehend Natalia nicht mehr am Hals hatte.

Verrückt. Er wusste es. Trotz seiner umnebelten Sinne staunte er über sich selbst. Anfangs war es eine enorme Genugtuung für ihn gewesen, diese rassige Frau neben sich zu wissen. Und er hatte die neiderfüllten Blicke der anderen Männer genossen.

Aber jetzt?

Er musste sich eingestehen, dass in einem fernen Winkel seines alkoholgetrübten Hirns etwas eingerastet war. Etwas, das er nicht genau beschreiben konnte. Er wusste nur, dass es in dem Moment geschehen war, als Cyril aus der Menge aufgetaucht war und ihn begrüßt hatte. Und dieses Gefühl hatte sich dann noch verstärkt, als Cyril gemeinsam mit der Blonden diesen aufsehenderregenden Strip inszeniert hatte.

Ronstone leerte den Rest des Glases mit einem Zug, drehte sich um, schob es auf den Tresen, bestellte nach, nahm den neuen, soundsovielten Drink in die Hand und ging los. Suchend schob er sich durch das Stimmengewirr. Er spürte, dass die Wirkung des Alkohols bei ihm bereits in beträchtlichem Maße eingesetzt hatte. Er beobachtete sich selbst stets sehr genau. Doch es war kein unangenehmes Gefühl. Er fühlte sich leicht und beschwingt, spürte die Unternehmungslust eines Schuljungen und wäre bereit gewesen, jeden nur erdenklichen Unsinn mitzumachen, wenn ihn jemand dazu aufgefordert hätte.

Aber es ging nicht um irgendjemand.

Er hoffte, dass Rocco sich noch recht lange mit Natalia beschäftigen würde. Und er hoffte noch mehr, Cyril Baker irgendwo im Gewühl zu entdecken.

Männer begrüßten ihn lachend und schulterklopfend, Frauen widmeten ihm leuchtende Blicke, während er sich seinen Weg bahnte. Er registrierte es alles mehr im Unterbewusstsein.

Cyril ...

Zusammenfassung

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Horst Friedrichs: Wen Natalia aufs Korn nimmt

Alfred Bekker: Der Sauerland-Pate

Das attraktive Callgirl Natalia Ustinov nimmt Colin B. Ronstone aufs Korn, denn noch weiß man nicht, was der Waffenhersteller für eine Rolle in den nächsten Wochen spielen soll.

Ronstone ist von Natalia begeistert und nimmt sie mit zu einer ausschweifenden Party, zu der Popstar Rocco Mentone eingeladen hat. Der sizilianische Fortezza-Clan fordert einen Gefallen von Rocco. Und dieser Gefallen bezieht sich auf Colin B. Ronstone …

Details

Seiten
400
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738955576
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (August)
Schlagworte
krimi doppelband zwei kriminalromane band

Autoren

  • Alfred Bekker (Autor:in)

  • Horst Friedrichs (Autor:in)

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Titel: Krimi Doppelband 63 - Zwei Kriminalromane in einem Band!