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Krimi Doppelband 2221 - Zwei Thriller in einer Sonder-Edition

von Alfred Bekker (Autor:in) Bernd Teuber (Autor:in) Richard Hey (Autor:in)
©2021 400 Seiten

Zusammenfassung

Dieser Band enthält folgende Krimis:

Geldgier ist des Menschen Tod (Bernd Teuber/ Richard Hey)

Der Hacker (Alfred Bekker)

Er nennt sich "The Virus" - und er ist einer der berüchtigsten Hacker aller Zeiten. Und er versucht den Coup seines Lebens zu machen, indem er die Zugangscodes der Pentagon-Rechner knackt und an den chinesischen Geheimdienst zu verkaufen versucht.

Bald ist ein Gejagter, der um sein Leben kämpfen muss. Und die Fahnder des FBI sind dabei noch sein geringstes Problem...

Leseprobe

Krimi Doppelband 2221 - Zwei Thriller in einer Sonder-Edition

von Alfred Bekker, Bernd Teuber, Richard Hey

Dieser Band enthält folgende Krimis:



Geldgier ist des Menschen Tod (Bernd Teuber/ Richard Hey)

Der Hacker (Alfred Bekker)


Er nennt sich "The Virus" - und er ist einer der berüchtigsten Hacker aller Zeiten. Und er versucht den Coup seines Lebens zu machen, indem er die Zugangscodes der Pentagon-Rechner knackt und an den chinesischen Geheimdienst zu verkaufen versucht.

Bald ist ein Gejagter, der um sein Leben kämpfen muss. Und die Fahnder des FBI sind dabei noch sein geringstes Problem...


​Copyright


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Klappe

Theo Kossler bittet Katharina Ledermacher um Hilfe, weil er sich bedroht fühlt. Als die Privatdetektivin in seiner Wohnung eintrifft, findet sie den Mann nur noch tot vor. Jemand hat ihm mit einer Marmorfigur den Schädel eingeschlagen. Bei ihren Nachforschungen findet Katharina heraus, dass es etliche Leute gibt, die ein Interesse an Kosslers Tod hatten. Bald darauf geschieht ein weiterer Mord.

Geldgier ist des Menschen Tod: Ein Katharina Ledermacher Krimi

von Bernd Teuber nach Motiven von Richard Hey







Seit Stunden war Theo Kossler von einer nervösen Unruhe erfüllt. Der Grund dafür lag in den Geschäften, die er tätigte. Vorausgesetzt, man konnte so etwas als Geschäft bezeichnen. Doch diesmal hatte er sich verrechnet. Sein Vorhaben verlief nicht so wie erwartet. Er brauchte Hilfe. Und zwar so schnell wie möglich. Aber an wen sollte er sich wenden? Die Polizei? Nein, unmöglich. Wenn er das tat, war sein Leben nichts mehr wert. Außerdem würden sie ihn sofort einsperren.

Kossler musste jemanden finden, dem er vertrauen konnte. Er fühlte sich ausgesprochen unwohl. Sein Gang wurde unsicher. Er begann zu taumeln. Erst nach einigen Minuten gewann er seine Fassung wieder. Seine Gestalt straffte sich unwillkürlich. Seine Augen flackerten nicht mehr, und auch die Hände blieben ruhig. Er suchte er die Gelben Seiten hervor und schlug den Buchstaben ‚P‘ auf. Kossler war erleichtert, als er gefunden hatte, was er suchte. Mit zitternden Fingern wählte er die Nummer im Berliner Stadtteil Charlottenburg.




Privatdetektivin Katharina Ledermacher kam aus dem kleinen Schnellimbiss und ging zu dem Haus in der Krummen Straße, in dem sie wohnte. Sie schnupperte die regenhaltige Luft und überlegte, was sie mit dem Abend anfangen sollte. Eigentlich wollte sie mit ihrem Lebensgefährten Robert Tillmann ins Kino, doch diese Pläne mussten sie verschieben, weil er sich das linke Bein gebrochen hatte und im Krankenhaus lag. Sie kam zu dem Schluss, dass es bei diesem Wetter das Beste sei, zu Hause zu bleiben und endlich mal wieder ein gutes Buch zu lesen.

Katharina streifte ihre Jacke ab, hängte sie an den Garderobenhaken, ging ins Wohnzimmer, setzte sich auf die Couch und legte die Beine hoch. Nicht dass der Tag besonders anstrengend gewesen wäre. Nein, im Gegenteil. Verglichen mit den Fällen, die sie in den letzten Wochen hinter sich gebracht hatte, waren die letzten Stunden relativ ruhig gewesen. Und dennoch hatte sie das Bedürfnis, mal richtig auszuspannen.

Katharina ließ ihren Blick umherschweifen. In dem Regal zwischen den Büchern hockte Horst, Kathinkas alter Teddy, dem an Bauch und Pfoten das räudige Fell aufgeplatzt war. Jedes Mal, wenn ihre Tochter zu Besuch kam, versprach sie, Horst zu reparieren. Stattdessen benutzte sie ihn, um Staub von Schallplatten zu entfernen. Dadurch wurden die Schallplatten zwar nicht sauberer, aber Horst verlor immer mehr von dem Zeug, mit dem er ausgestopft war.

Schmutzig, faltig, von Besuch zu Besuch dünner und räudiger, außerdem schon einäugig, so hockte Horst mit welker, offener Schnauze und heraushängendem Füllmaterial im Regal. Katharina durfte ihn nicht wegwerfen. Sie wollte es auch nicht. Es war eines der wenigen Erinnerungsstücke, das sie mit ihrer Tochter verband. Um ihn zu stützen, hatte sie ein Buch gegen ihn gelehnt. Seit Kathinka verheiratet und selbst Mutter war, kam sie nur noch selten nach Berlin zu Besuch. Aber zumindest telefonierten Mutter und Tochter recht häufig miteinander.

Katharina erhob sich, warf einen Blick auf ihre Armbanduhr und beschloss, erst einmal ein Bad zu nehmen. Sie ging ins Schlafzimmer, entledigte sich ihrer Kleidung, nahm ein Frotteetuch aus dem Kleiderschrank und betrat das Bad. Der Raum war nicht besonders groß aber die beiden Farngewächse gaben ihm eine besondere Note. Zufrieden lächelnd betätigte Katharina die Einlaufdüsen. Einen Augenblick später füllte sich die Wanne mit klarem Wasser. Katharina setzte sich hinein, legte den Kopf gegen das Badekissen und atmete den Duft des Rosenwassers ein, während sie sich in einer Modezeitschrift darüber informierte, welche Trends im nächsten Sommer aktuell werden würden.

Sie hatte sich gerade die Kollektion eines französischen Designers angesehen, der den Frauen hautenge Lederkleider empfahl, als das Telefon im Flur klingelte. Da geht meine Erholung, dachte Katharina, während sie die Modezeitschrift aus der Hand legte und sich langsam erhob. Sie schlang sich das Badetuch um den Oberkörper, ging in den Flur, nahm den Hörer vom Apparat und meldete sich.

„Hier spricht Kossler“, sagte eine aufgeregte Männerstimme am anderen Ende der Leitung. „Theo Kossler. Sind Sie Frau Ledermacher?“

"Ja.“

„Okay“, sagte Kossler. Es klang erleichtert. „Vertreten Sie auch Kellner?“

Es sollte scherzhaft klingen, doch Katharina hörte, dass der Mann nur seine Unsicherheit verbergen wollte.

„Kellner vertrete ich nur Montags“, erwiderte die Detektivin grinsend. „Heute ist Montag. Sie haben Glück. Worum handelt es sich?“

Ein paar Sekunden blieb es still in der Leitung.

„Kommen Sie zu mir“, sagte Kossler endlich. „Es ist so verworren, dass ich es Ihnen nicht am Telefon erklären kann. Ich befinde mich in Lebensgefahr. Hören Sie? In Lebensgefahr. Sie müssen mir helfen, Frau Ledermacher, sonst ...“

„Warum wenden Sie sich nicht an die Polizei?“ unterbrach Katharina seinen Redefluss. „Das ist billiger und auch sicherer für Sie. Die Polizei schickt Ihnen mindestens zwei Beamte. Aber ich bin nur allein.“

„Unmöglich“, erwiderte der Anrufer. „Ich erkläre Ihnen alles, wenn Sie hier sind, Frau Ledermacher.“

„Zuerst muss ich wissen, um was es sich handelt.“

„Ich kann Ihnen am Telefon keine Einzelheiten erzählen. Kommen Sie zu mir. Dann können wir weiterreden.“

„Okay“, sagte Katharina. „Wo wohnen Sie?“

Kossler gab seine Adresse durch. Katharina versprach, zu kommen und legte auf. Ohne große Begeisterung zog sie sich wieder an, verließ die Wohnung und stieg die Treppen hinab. Ihr roter VW-Golf parkte am Bordstein. Sie stieg ein, startete den Motor und fuhr nach Neukölln.

Gewohnheitsmäßig blickte Katharina auf die Uhr, als sie ihr Ziel erreichte. Es war jetzt 19.04 Uhr. Sie stieg aus und ging zu dem Haus hinüber. Die breite Eingangstür stand weit offen. Sie orientierte sich anhand der Namensschilder und fuhr mit dem Lift hinauf in den dritten Stock. An der Tür der Wohnung, an der ‚Kossler‘ stand, drückte sie den Klingelknopf. Katharina hörte, wie drinnen im Flur die Glocke schrillt und wartete darauf, das geöffnet wurde.

Nichts geschah.

Katharina läutete ein zweites und drittes Mal. Als sich nichts rührte, klopfte sie an die Tür. Mit einem leisen Quietschen schwang sie nach innen auf. Sie war nicht verschlossen, sondern nur angelehnt. Katharina betrat einen schmalen Flur. An der Garderobe hing eine Jacke. Es war totenstill in der Wohnung. Zu still, nach Katharinas Auffassung. Kein Gefühl drohender Gefahr, wie sie es schon oft gespürt hatte, sondern das Empfinden eisiger Leere.

Sie ging zur nächstgelegenen Tür und stieß sie auf. Dahinter befand sich das Wohnzimmer. Ihr Blick fiel auf eine einfache Standarteinrichtung, wie sie in möblierten Wohnungen dieser Preislage üblich ist: Eine Couch, zwei Sessel, ein Tisch und ein Schrank. An den Wänden hingen einige Bilder mit ländlichen Motiven. Auf dem Tisch stand eine halbvolle Whiskyflasche, ein leeres Glas, eine Schüssel mit Eiswürfeln und ein Siphon.

Theo Kossler schien weggegangen zu sein. Es blieb ihr offenbar nichts anderes übrig, als auf ihn zu warten. Doch plötzlich kam ihr zu Bewusstsein, dass die Wohnung nicht leer war. Im Gegenteil! Kossler war zu Hause, aber nicht mehr in der Lage, sich mit ihr zu unterhalten. Er lag hinter der Couch auf dem Rücken, ein Arm ausgestreckt, den anderen abgewinkelt, vom Körper bedeckt. Er war untersetzt, kaum füllig, sein schmales Gesicht blass. Seine Augen starrten, halb unter die Lider verdreht, nach oben.

Unter seinem Hinterkopf hatte sich eine Blutlache auf dem Teppich ausgebreitet. Man brauchte kein Arzt zu sein, um zu erkennen, dass Kossler tot war. Irgendjemand hatte gründliche Arbeit geleistet und ihm den Schädel eingeschlagen. Die Marmorfigur einer Frau mit viereckigen Konturen lag neben ihm.

Katharina beugte sich über den Toten. Die Wunde war noch frisch, das Blut nicht vollständig geronnen. Seit dem Mord konnte höchstens eine viertel Stunde vergangen sein. Katharina verließ das Wohnzimmer ging zum Telefon, wickelte sich ihr Taschentuch um die linke Hand, hob den Hörer ab und wählte die Nummer der Polizei. Mit wenigen Worten unterrichtete sie den Beamten über ihre Entdeckung. Dann legte sie auf und dachte nach. Bis zum Eintreffen der Polizei würde mindestens eine Viertelstunde vergehen. Sie hatte also genügend Zeit, sich in der Wohnung umzusehen.

Die Hände in den Taschen ihrer Jacke vergraben, wanderte sie umher und ließ ihren Blick über die wenigen Möbel schweifen. Daran, dass hier eine Schublade nicht richtig zugeschoben worden war, dass dort ein Bild schief an der Wand hing, dass die Schranktür ein wenig offenstand und dass der Teppich an zwei Stellen verrutscht war, sodass man die helleren Parkettstellen sehen konnte, die er vorher bedeckt hatte, erkannte Katharina sofort, dass hier jemand die Wohnung durchsucht und danach wieder oberflächliche Ordnung geschaffen hatte.

Nach Lager der Dinge war anzunehmen, dass der Mörder hier etwas Bestimmtes gesucht hatte. Doch was hatte er gesucht? Katharina entsann sich der Worte Kosslers am Telefon. Er hatte gesagt, dass die Angelegenheit so verworren sei, dass er sie nicht am Apparat erklären könne. Und Kossler wollte keinen Schutz von der Polizei. Folglich gab es zwei Möglichkeiten.

Entweder wurde Kossler erpresst, weil er eine strafbare Handlung begangen hatte oder er Mitglied einer Bande war und sich vor seinen Komplizen fürchtete. Vielleicht hatte er aber auch betrogen oder er wusste zu viel, oder – es gab eine menge Möglichkeiten. Katharina beendete ihre Wanderung in der Küche. Hier war alles in bester Ordnung. Im Spülbecken standen zwei Gläser. An einem konnte sie den deutlichen Abdruck einer vollen geschwungenen Lippe erkennen. Offenbar hatte die Frau keinen kussechten Lippenstift benutzt, oder ihre Lippen frisch geschminkt und nicht gewartet, bis getrocknet waren. Dieses Glas gab Katharina zu denken.

Es war kaum anzunehmen, dass Kossler einer Frau einen Drink eingeschenkt hatte, ohne sich selbst zu versorgen. Sein Glas stand noch im Wohnzimmer, und er hatte es, wie die Eiswürfel bewiesen, erst vor kurzer Zeit benutzt. Sollte er Gesellschaft gehabt haben? Dann konnte diese Gesellschaft entweder der Mörder oder in diesem Fall die Mörderin sein oder sie war, während die Tat begangen wurde, in der Wohnung gewesen und hatte ihr Glas vorsichtshalber in die Küche gestellt, ohne jedoch die Lippenstiftspuren zu entfernen.

Erst jetzt fiel Katharina auf, dass dieser Lippenstift eine ganz ungewöhnliche Tönung hatte. Er war orangefarben. Daraus schloss die Detektivin, dass die Frau brünett oder schwarzhaarig gewesen sein müsse. Unter Zuhilfenahme ihres Taschentuchs hob sie das Glas vorsichtig hoch, aber zu ihrer Enttäuschung fand sie keine Fingerabdrücke. Es war abgespült worden, jedoch nicht gründlich genug, um den Lippenstift zu entfernen.

Bald darauf erklangen vor der Wohnungstür die Schritte von mehreren Personen. Die Polizei rückte an. Der Mann, der als erster eintrat, trug einen braunen Trenchcoat, blaue Hosen und schwarze Schuhe. Katharina kannte ihn noch aus der Zeit, als sie selbst bei der Polizei gearbeitet hatte. Hauptkommissar Walter Görling tat alles auf eine schwerfällige methodische Art und Weise, teils weil er Polizeibeamter und teils, weil er so gebaut war. Einige sagten, er sei fett und dumm, andere bezeichneten ihn als groß und träge.

Beide Parteien hatten recht, denn trotz seiner Größe war er um die Taille eine Kleinigkeit zu üppig. Ein unvoreingenommener Beobachter hätte gesagt, er sei ‚überdimensional‘, und obwohl er sich immer gute Anzüge kaufte, gelang es ihnen niemals, perfekt an seiner gut gepolsterten Gestalt zu sitzen. Erschwerend kam hinzu, dass er wenig einnehmend aussah. Görling hatte schwere Wangen, schlammbraune Augen und einen nichtssagenden unveränderlichen Ausdruck auf seinem gleichmütig wirkenden Gesicht.

„Katharina“, sagte er überrascht. „Ich werd‘ verrückt. Die Ledermacherin. Hab‘ dich ja eine Ewigkeit nicht gesehen.“

„Hallo, Walter. Du bist also immer noch bei der Polizei.“

„Ja, aber in einer besseren Gehaltsklasse. Und du?“

„Ich arbeite jetzt als Privatdetektivin.“

„Lohnt sich das überhaupt?“

„In der Regel schon. Außer natürlich, wenn der Klient ermordet wird.“

„Aha.“ Görling trat näher an den Toten heran. „Ich habe nie verstanden, warum du damals alles hingeschmissen hast.“

„Ich hatte meine Gründe.“

„Welche?“

Katharina zögerte einen Moment, bevor sie antwortete. „Wenn man Kollegen … ehemaligen Kollegen nicht mehr vertrauen kann, ist es besser, einen Schlussstrich zu ziehen und etwas anderes zu machen.“

Görling nickte.

Katharina sagte, was sie zu sagen hatte. Sie berichtete von dem Anruf Kosslers und davon, wie sie die Wohnung vorgefunden hatte.

„Ich glaube, Kossler fürchtete sich vor etwas“, erklärte sie. „Ich empfahl ihm, sich an die Polizei zu wenden, aber davon wollte er nichts wissen. Vielleicht deswegen, weil er Dreck am Stecken hat. Er meinte, die Sache sei so verworren, dass er sie mir nicht am Telefon auseinandersetzen könne. Zuerst dachte ich an Erpressung, aber dann fiel mir an verschiedenen Kleinigkeiten auf, dass die Zimmer durchsucht wurden, wahrscheinlich sogar vom Mörder. Deshalb neige ich jetzt eher zu der Ansicht, dass Kossler einer Bande angehörte und Angst vor den eigenen Leuten hatte.“

„Du irrst dich“, sagte Görling. „Zumindest in einem Punkt. Er gehörte keiner Bande an. Bei der anderen Sache hast du recht. Theo Kossler ist für uns kein Unbekannter. Gerüchten zufolge arbeitet er als Erpresser, vorausgesetzt, man kann so etwas als ‚Arbeit‘ bezeichnen. Deshalb halte ich es für sehr wahrscheinlich, dass er von jemandem ermordet wurde, den er erpresste. Wir haben schon mehrmals versucht, ihn aus dem Verkehr zu ziehen, aber die Beweise reichten niemals aus. Hat er dir keine Andeutungen darüber gemacht, wer ihn bedrohte?“

„Nein. Nicht am Telefon. Er wollte mit mir persönlich sprechen.“

„Das beweist meine Theorie. Um ihn ist es nicht schade. Ich bin sogar der Ansicht, dass er nur bekommen hat, was er schon lange verdiente. Aber Mord bleibt Mord. Und was ist mit dir? Betrachtest du dich als Vollstreckerin seines letzten Willens oder gehst du jetzt auf Mördersuche?“

Katharina lächelte.

„Ich hatte den Auftrag angenommen, als ich mich dazu bereit erklärte, ihn aufzusuchen“, sagte sie. „Folglich werde ich ihn auch zu Ende führen.“

Görling schüttelte energisch den Kopf. „Nein, das wirst du nicht. Das ist ein Mordfall. So etwas fällt in meinen Zuständigkeitsbereich. Verstanden?“

„Ja.“

„Wirklich?“

„Natürlich. Glaubst du mir etwa nicht?“

„Sollte ich?“

„Was denkst du eigentlich von mir?“

„Eine ganze Menge. Du wirst dich gefälligst aus den Ermittlungen heraushalten“, sagte Görling eindringlich. „Die Aufklärung dieses Mordes ist Aufgabe der Polizei.“

„Ich weiß.“

„Natürlich weißt du das. Aber das bedeutet nicht, dass du dich auch daran hältst.“

„Wie kommst du denn darauf?“

„Weil du schon früher einen Dickkopf hattest und dich überall einmischen musstest. Ich bezweifle, dass sich daran etwas geändert hat.“

Statt einer Antwort zuckte Katharina nur mit den Schultern. Währenddessen lief der Routineapparat an. Katharina wartete noch solange, bis die Todeszeit durch den Rechtsmediziner festgestellt worden war. Dieser gab den Zeitpunkt des Todes mit 18.30 Uhr bis 18.45 an. Danach musste Kossler kurz nach seinem Anruf ermordet worden sein. Gerade als sie sich verabschieden wollte, trat einer der Kriminaltechniker auf Görling zu und zeigte ihm einen Plastikbeutel, in dem sich ein Taschentuch befand. Es wies Lippenstiftspuren auf. Sie waren von der gleichen Farbe wie an dem Glas.

„Was halten Sie davon, Kommissar?“ fragte er. „Das Tuch ist feucht. Es sieht aus, als habe jemand geweint und seine Tränen damit getrocknet. Die Tatsache, dass es noch feucht ist, beweist, dass es noch nicht lange hier gelegen hat.“

„Das würde genau zu Kossler passen“, erwiderte Görling. „Bei seinen Opfern handelte es meistens um Frauen, die über viel Geld verfügten. Vielleicht ist er diesmal an die Falsche geraten. Trotzdem beweist dieses Taschentuch gar nichts. So etwas kann man überall kaufen.“

„Vielleicht hat der Mörder oder die Mörderin nach dem Geld gesucht“, meinte Katharina.

„Geld?“ Görling sah sie erstaunt an.

„Du sagtest doch, Kossler war ein Erpresser. Er wird das Geld vermutlich nicht auf sein Bankkonto gebracht haben.“

„Nein, er hat es verspielt“, antwortete Görling.

Katharina verabschiedete sich und verließ die Wohnung.

Auf dem Weg nach Hause beschäftigte sie nur ein Gedanke: Warum hatte Kossler dem Mörder geöffnet und nicht gewartet, bis sie eingetroffen war? Hatte er geglaubt, Katharina sei an der Tür, als es klingelte? Nein, das war unwahrscheinlich. Wenn Kossler ihre Nummer aus dem Telefonbuch herausgesucht hatte, dann musste er auch gelesen haben, dass sie in der Krummen Straße in Charlottenburg wohnte und etwa zwanzig Minuten brauchte, bis sie bei ihm eintraf.

Katharina kam zu dem Schluss, dass sich der Mörder kurz nach Kosslers Anruf eingetroffen sein musste. Darauf deuteten die Spuren der Durchsuchung hin. Wonach hatte der Täter gesucht? Gehörte er zu denen, die Kossler erpresst hatte? Wollte er sich das Belastungsmaterial beschaffen? Oder hatte er nach dem Geld gesucht? Wenn Görlings Behauptung stimmte, und Kossler ein notorischer Spieler war, dann dürfte die Durchsuchung ergebnislos verlaufen sein. Katharina kam plötzliche eine Idee. Sie wendete den Wagen und fuhr Richtung Norden.




Auf den ersten Blick unterschied sich das „Twenty Hours“ nicht von anderen Cocktail-Bars in Berlin. Die Aufmachung war dezent, das Personal höflich und gut geschult. Und doch gab es hier eine Besonderheit. Verborgen hinter einem roten Samtvorhang war eine massive Stahltür in die rückwärtige Wand eingelassen. Sie führte zu einem illegalen Spielklub, in dem es um hohe Einsätze ging.

Katharina parkte ihren Wagen am Straßenrand, stieg aus und betrat das „Twenty Hours“. Sie war davon überzeugt, dass der Mörder oder die Mörderin zu den Leuten gehörte, mit denen Theo Kossler in den letzten Wochen oder Monaten verkehrt hatte. Diese Leute musste sie ausfindig machen. Und der beste Platz, um die Bekannten eines Spielers ausfindig zu machen, war das „Twenty Hours“.

Der Besitzer Gerd Topolski stand am Tresen und unterhielt sich gerade mit dem Barkeeper, als Katharina eintrat. Ohne zu zögern ging sie auf ihn zu.

„Oh, Frau Ledermacher“, sagte er lächelnd. „Wir haben uns ja lange nicht gesehen. Wie ich hörte, haben Sie Ihren Job bei der Polizei hingeschmissen und sich selbstständig gemacht.“

„Ja, stimmt.“

„Das war das Beste, was Sie tun konnten. Glauben Sie mir.“

„Ach ja? Woher wollen Sie das wissen?“

Topolski zuckte mit den Schultern. „Ist nur so eine Vermutung. Aber Sie sind doch bestimmt nicht hierhergekommen, um sich meinen attraktiven Betrieb anzusehen, oder? Wenn ich Ihnen helfen kann, tue ich das gerne.“

„Das freut mich. Es geht um einen Ihrer Stammgäste. Ein gewisser Theo Kossler wurde heute Abend in seiner Wohnung ermordet.“

„Kossler?“ wiederholte Topolski. „Tut mir leid, aber ich kenne niemanden dieses Namens.“

„Sind Sie sicher?“

„Natürlich.“

„Nun gut, wie Sie wollen. Sie können mit mir reden, oder mit der Polizei. Es ist Ihre Entscheidung.“

„Polizei?“ Topolski wurde merklich blass im Gesicht. „Weshalb sollte die Polizei hier aufkreuzen?“

„Das sagte ich doch bereits. Theo Kossler ist ermordet worden. Die Polizei weiß, dass er ein Spieler war. Also wird man zwangsläufig sämtliche Läden abklappern, in denen um hohe Einsätze gespielt wird.“

Topolski zögerte einen Moment. „Ja, ich kenne ihn“, gab er schließlich zu. „Er ist … er war ein stets angenehmer und ruhiger Gast.“

„Das sind solche Leute meistens. Er war nicht nur ein leidenschaftlicher Spieler, sondern auch ein Erpresser. Ich setze voraus, dass er sich ein Opfer suchte, das allerdings nicht so gefügig war, wie er glaubte.“

Katharina bemerkte, wie Topolski alle möglichen Leute vor seinem geistigen Auge Revue passieren ließ.

„Ich möchte wissen, mit wem Kossler in letzter Zeit zusammen gespielt hat“, fuhr die Detektivin fort. „Ich möchte wissen, wer größere Summen an ihn verlor, und ob diese bar bezahlt wurden.“

Topolski gab vorläufig keine Antwort. Er winkte einen seiner Angestellten heran und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Der Mann nickte und verschwand hinter dem roten Samtvorhang. Nach wenigen Minuten kehrte er in Begleitung eines zweiten Angestellten zurück.

„Sie wollten mich sprechen, Herr Topolski“, sagte er.

„Ja, es handelt sich um eine äußerst unangenehme Geschichte, die streng vertraulich behandelt werden muss. Sie kennen doch Herrn Kossler?“

Der Mann nickte. „Ja.“

„Er ist ermordet worden. Frau Ledermacher hat mich darum gebeten, ihr die Freunde und Bekannten zu nennen. Soweit wir dazu imstande sind.“

„Das kann ich Ihnen ganz genau sagen. Es war fast immer die gleiche Gesellschaft: Herr Hermann Frede und seine Frau Ina aus Duisburg, Herr Roland Freyberger und seine Schwester Natalie, die sich jedoch meistens auf das zusehen beschränkte. In den letzten Tagen kam noch Herr Paul Wesselow dazu, der Promoter der Miss-Wahlen.“

„Gab es sonst noch Leute, mit denen Herr Kossler zusammen war?“ fragte Katharina.

„Nein.“

„Und wie waren die Gewinnverhältnisse? Verlor Kossler häufig?“

Der Mann schüttelte den Kopf. „Nein, im Gegenteil. Er spielte nicht nur ausgezeichnet, sondern hatte auch unglaubliches Glück. Er war jedenfalls der einzige in der Runde, der jeden Abend mit einem Gewinn abschließen konnte.“

„Dieses Geheimnis kann ich lösen“, sagte Katharina. „Eigentlich hätten Sie es sogar merken müssen. Der Mann hat dem Glück etwas nachgeholfen. Außerdem ist er ein berüchtigter Erpresser. Hat er sich vielleicht von jemandem Schuldscheine geben lassen?“

„Ich … ich ...“, stammelte der Mann und blickte hilfesuchend seinen Chef an.

„Sagen Sie ihr die Wahrheit! Ich möchte betonen, dass ich ausdrücklich untersagt habe, dass Spieler einander Schuldscheine geben. Aber es ist nun einmal geschehen.“

„Wer gab ihm die Scheine?“ fragte Katharina.

„Herr Freyberger“, antwortete der Mann. „Er gab ihm zwei Mal Scheine über höhere Summen. Ich erinnere mich noch, dass seine Schwester darüber sehr wütend war. Ich habe mich nicht eingemischt, da ich weiß, dass Herr Freyberger der Sohn eines sehr reichen Mannes ist.“

„Dulden Sie Derartiges nicht noch einmal!“ schnauzte Topolski den Mann an. „Sie sehen ja, das solche Dinge nur Unannehmlichkeiten bringen.“

Der Mann nickte und verschwand.

„Sie werden doch von dem, was Sie eben gehört haben, nichts der Polizei erzählen, oder?“ fragte Topolski.

„Vorläufig nicht“, erwiderte Katharina. „Ich liefere nur Informationen, die ich auch beweisen kann. Und davon dürfte im Augenblick keine Rede sein. Natürlich werde ich der Sache nachgehen. Aber ich warne Sie. Kommissar Görling ist kein Idiot. Früher oder später wird er auch draufkommen.“

Katharinas Warnung kam keine Sekunde zu früh. Einer der Kellner kam mit schnellen Schritten heran und sagte mit gedämpfter Stimme: „Die Polizei!“

Zum zweiten Mal an diesem Abend wurde Topolski blass im Gesicht.

„Los, schaffen Sie die Gäste zum Hinterausgang hinaus. Und zwar so schnell wie möglich. Und dann bringen Sie die Beamten in mein Büro“, befahl er und setzte sich in Bewegung. Katharina schloss sich unaufgefordert an. Vor dem Büro des Besitzers trafen sie auf Hauptkommissar Görling und seinen Kollegen Kommissar Karl Spirk. Er warf nur einen kurzen Blick auf die Detektivin und grinste.

„Sehen Sie, Spirk, habe ich es Ihnen nicht gesagt?“ fragte er seinen Begleiter. „Frau Ledermacher ist uns schon wieder eine Nasenlänge voraus.“

Spirk gab keine Antwort. Katharina und die Männer betraten das Büro und gruppierten sich sofort um den großen Schreibtisch.

„Ich möchte betonen, dass ich nicht dem Glücksspieldezernat angehöre“, sagte Görling. „Ich arbeite für die Mordkommission. Ein gewisser Theo Kossler, der, wie ich erfuhr, bei Ihnen verkehrte, wurde heute Abend ermordet. Er war nicht nur ein Spieler, sondern auch ein Erpresser. Wir nehmen an, dass der Mord mit seinen Aktivitäten zusammenhängt. Wir haben dafür sogar Beweise.“

Er sah Katharina mit einem triumphierenden Lächeln an.

„Ich habe keinen Grund, Ihnen etwas zu verschweigen“, sagte Topolski. „Zuvor möchte ich jedoch klarstellen, dass wir es unseren Gästen zwar gestatten zu spielen, aber niemals um Geld. Das wäre ja auch illegal.“

„Natürlich wäre es das“, gab Görling zurück. „Kossler hat also hier gespielt?“

„Ja. Und wie mir ein Angestellter berichtete, mit sehr großem Erfolg. Das heißt, er gewann sehr oft. Seine Partner waren fast immer dieselben. Ein älterer Herr namens Frede mit Frau, Herr Freyberger, seine Schwester Natalie, die sich jedoch kaum am Spiel beteiligte und Herr Wesselow, der Veranstalter der Miss-Berlin-Wahl.“

Görling nickte, während sein Begleiter die Namen in ein Notizbuch kritzelte.

„Wer verlor am meisten?“ wollte der Kommissar wissen.

„Herr Freyberger. Mein Angestellter, der das Spiel überwachte, handelte leider entgegen meiner Anweisung und ließ es zu, dass Herr Freyberger an Kossler zwei Mal Schuldscheine über erhebliche Summen ausstellte.“

Wieder nickte Görling ohne jedes Anzeichen von Überraschung.

„Wann war das?“

„Vor fünf Tagen. Seit dem habe ich weder das Ehepaar Frede noch einen der anderen gesehen.“

„Sind diese Fredes heute hier?“

„Nein.“

„Gut, das genügt mir vorläufig“, sagte Görling und verließ das Büro. Katharina und Spirk folgten ihm. Auf der Straße zog sie den Kommissar auf die Seite.

„Was weißt du?“

„Da könnte ja jeder kommen“, erwiderte Görling. „Außerdem habe ich dir ausdrücklich untersagt, dich in meine Ermittlungen einzumischen.“

„Ich habe mich überhaupt nicht eingemischt“, verteidigte sich Katharina. „Ich habe lediglich einige Erkundigungen eingezogen.“

„Ausgerechnet in dem Laden, in dem der Tote gespielt hat?“

„Ich bin einer inneren Eingebung gefolgt.“

„Ja, natürlich.“

„Und was hat dich hierher geführt?“ fragte Katharina vorsichtig.

„Das geht dich überhaupt nichts an. Die Ergebnisse meiner Ermittlungen sind vertraulich.“

„Na schön, aber früher oder später werde ich es sowieso herausfinden.“

„Wirst du nicht!“ widersprach Görling. „Du hältst dich gefälligst aus der Sache heraus, verstanden?“

„Ich stecke doch schon mitten drin.“

„Ja, leider.“

„Also erzählst du mir jetzt, weshalb du hier im „Twenty Hours“ erschienen bist?“

Görling zögerte einen Moment, bevor er antwortete. „Wir haben bei der Durchsuchung von Kosslers Wohnung etwas Interessantes gefunden.“

„Was?“

„Papierschnitzel! Ganz kleine Papierschnipsel, die zusammengesetzt zwei Schuldscheine ergaben. In diesen verpflichtete sich Roland Freyberger, innerhalb von drei Tagen einmal zweitausend und einmal dreitausend Mark an Kossler zu zahlen. Als Kossler ermordet wurde, war der ältere der beiden Schuldscheine bereits achtundvierzig Stunden überfällig.“

Katharina schwieg. Sie hatte etwas Derartiges erwartet.

„Das lässt nur einen Schluss zu“, fuhr Görling fort.

„Welchen?“

„Seit wann bist du so schwer von Begriff? Roland Freyberger ist ein junger Kerl von zweiundzwanzig Jahren, der sich einbildet, den Playboy spielen zu können, weil sein Vater reich ist. Für jemanden wie Kossler ist Freyberger ein gefundenes Fressen.“

„Glaubst du, dass Freyberger der Täter ist?“

„Nein, ich habe eher seine Schwester in Verdacht. Sie war dabei, als er Kossler die Schuldscheine gab. Außerdem haben wir in Kosslers Wohnung Lippenstiftspuren gefunden, und ein Taschentuch.“

„Und warum verhaftest du sie nicht?“

„Wie stellst du dir das vor, Katharina? Ich kann doch nicht zur Tochter eines Millionärs gehen und sagen: Ich habe Sie im Verdacht, einen Mord begangen zu haben. Geben Sie mir bitte Ihre Hand, damit ich Ihre Fingerabdrücke nehmen kann. Wenn sie es nicht war, ist der Teufel los, und ich werde dafür büßen müssen. Dann kann ich wahrscheinlich an irgendeiner Straßenecke den Verkehr regeln.“

Katharina verstand die Situation, in der Görling steckte.

„Ich mache dir einen Vorschlag“, sagte sie. „Ich werde mit Natalie Freyberger reden. Vielleicht gelingt es mir, die Wahrheit zu erfahren. Wenn sie Kossler tatsächlich getötet hat, dann mit Sicherheit in Notwehr.“

Görling überlegte einen Moment. „Na gut“, meinte er schließlich. „Versuch dein Glück.“




Katharina ließ sich im mäßigen Verkehrsfluss dahintreiben. Die Häuser jener Privilegierten, die sich ein Grundstück in dieser fast unerschwinglichen Lage leisten konnten, bestimmten die Szenerie. Katharina brauchte gar nicht lang zu suchen, bis sie das Anwesen gefunden hatte. Es war durch eine hohe Hecke vor neugierigen Blicken abgeschirmt. Strahlender Sonnenschein tauchte das gesamte Areal in ein freundliches Licht.

Katharina parkte ihren VW-Golf am Straßenrand vor dem schmiedeeisernen Portal, stieg aus und betätigte den Klingelknopf, der in den rechten Torpfeiler eingelassen war. Aus dem darunter installierten Lautsprecher ertönte eine blecherne Stimme.

„Ja, bitte? Sie wünschen?“

„Ich möchte mit Natalie Freyberger sprechen.“

„Werden Sie erwartet?“

„Nein, aber es ist sehr wichtig, das ich mit ihr spreche.“

„Warten Sie bitte einen Augenblick.“

Für einige Minuten blieb es still. Katharina fürchtete schon, man hätte sie vergessen, doch dann meldete sich die Stimme wieder.

„Benutzen Sie den Hauptweg zum vorderen Eingang des Hauses. Dort werden Sie empfangen.“

Es knackte im Lautsprecher. Die Pforte im Portal schwang automatisch auf. Katharina ging hindurch und ließ die Pforte zuschnappen. Am Rande der asphaltierten Zufahrt führte ein Plattenweg durch den riesigen Garten, der mit Büschen, Blumenbeeten, Rasenflächen und künstlichen kleinen Teichen idyllisch angelegt war. Vögel zwitscherten. Eine sanfte Brise wehte durch das Blattwerk der Büsche. Die Landschaft erinnerte durch nichts daran, dass die Großstadt Berlin nur ein paar Hundert Meter entfernt war.

Am Eingang des weißen Hauses wurde Katharina von einem Mann in einem schwarzen Anzug erwartet. Er verbeugte sich und wollte sie gerade hereinbitten, als eine junge Frau neben ihm erschien und Katharina begutachtete. Sie hatte lange schwarze Haare, große dunkle Augen, ein regelmäßiges Gesicht und einen Mund, der zu dem Abdruck auf dem Glas passte.

„Ja, bitte?“

„Sind Sie Natalie Freyberger?“

„Ja.“

„Mein Name ist Katharina Ledermacher. Ich bin Privatdetektivin und möchte gerne mit Ihnen sprechen.“

„Worum geht es?“

„Um den Mord an Theo Kossler.“

„Ermordet?“ fragte sie überrascht. „Aber wer …?“

„Das möchte die Polizei auch gerne wissen.“

„Polizei?“

Natalie blickte über die Schulter nach hinten, dann packte sie Katharina am Arm und zog sie ins Haus. Der Butler schloss die Tür.

„Kommen Sie.“

Die junge Frau loste Katharina in einen kleinen Raum. Sie schloss die Tür und drehte den Schlüssel herum. Natalie deutete auf einen der beiden Sessel, die in der Mitte standen.

„Bitte, nehmen Sie Platz.“

Katharina folgte der Aufforderung. Natalie setzte sich in den anderen Sessel und schlug die Beine übereinander.

„Was wollen Sie eigentlich von mir?“

„Vor allem möchte ich Ihnen raten, eine andere Lippenstiftfarbe zu benutzen“, erwiderte Katharina. „Erstens mag ich dieses ausgefallene Orange nicht, und zweitens könnte es Sie in Verlegenheit, wenn nicht sogar in Gefahr bringen.“

„Wieso? Ich versehe nicht. Das müssen Sie mir schon näher erklären.“

„Keine Sorge, das werde ich. Doch zuerst möchte ich Ihnen eine Frage stellen. Weshalb haben Sie gestern Kossler in seiner Wohnung besucht?“

Natalie wurde blass. „Ich weiß nicht, was Sie damit sagen wollen.“ Sie lehnte sich zurück und schloss die Augen. „Wer, außer Ihnen weiß davon?“ fragte sie vollkommen ruhig.

„Die Polizei. Aber Kommissar Görling ist sich noch nicht ganz sicher. Im Übrigen haben Sie ihr Taschentuch dort vergessen. Und auf dem Glas befand sich Ihr Lippenstift.“

Natalie öffnete die Augen und starrte Katharina an. „Aber ich habe es doch abgewaschen.“

„Stimmt, das haben Sie. Aber nicht richtig. Deshalb wiederhole ich meine Frage: Warum waren Sie dort?“

„Kann ich Ihnen vertrauen?“

„Sie können mir solange vertrauen, wie ich nicht davon überzeugt bin, dass Sie Kossler ermordet haben.“

Natalie schüttelte den Kopf. „Das habe ich nicht. Vielleicht hätte ich es getan, aber mir fehlte dazu der Mut. Roland hat gespielt und mehr verloren, als er bezahlen konnte. Er hat Kossler Schuldscheine über insgesamt fünftausend Mark ausgestellt. Kossler drohte, sie unseren Vater zu zeigen. Vater ist sowieso schon schlecht auf Roland zu sprechen. Er hat ihm gedroht, ihn auf die Straße zu setzen, wenn er das Spielen nicht lässt. Infolgedessen habe ich seine Schulden schon zwei Mal bezahlt. Aber dann hatte ich selbst nichts mehr. Schließlich war es mir doch noch gelungen, fünftausend Mark aufzutreiben.“

„Wie und wo?“ fragte Katharina.

„Ich habe sie mir geliehen.“ Ihre Augen wurden feucht. „Roland kannte den Mann, aber er bekam nichts von ihm. Es war scheußlich. Er gab mir das Geld und bot mir an, auf Zinsen zu verzichten, wenn ich ...“ Sie schüttelte sich. „Es war einfach furchtbar. Aber schließlich konnte ich mich doch mit ihm einigen und bekam das Geld.“

„Und was machten Sie anschließend?“

„Ich ging zu Kossler und bezahlte. Aber auch er wurde unverschämt. Doch ich rückte das Geld nicht eher heraus, bis er mir die Schuldscheine gegeben hatte.“

„Sie haben sie zerrissen und in den Papierkorb geworfen. Und die Polizei hat sie prompt gefunden.“

Natalie nickte. „Ja, das war keine gute Idee.“

„Anschließend sind Sie also weggegangen?“

„Ja, so schnell wie möglich, obwohl er mich festhalten wollte.“

„Und warum haben Sie Ihr Glas abgespült?“

„Kossler verlangte es. Er war so wütend, weil er nicht erreichen konnte, was er wollte.“

„Um wie viel Uhr war das?“

„Kurz nach sechs. Ich blieb nicht länger als zehn oder zwölf Minuten.“

„Ich glaube Ihnen zwar, trotzdem ist es eine üble Angelegenheit. Kossler wurde zwischen sechs Uhr und halb sieben ermordet. Die Polizei hat nur drei Spuren: das Glas, Ihr Taschentuch und die zerrissen Schuldscheine. Wenn Sie nicht die Tochter eines prominenten Vaters wären, hätte man Sie wahrscheinlich bereits festgenommen.“

„Man muss doch auch die fünftausend Mark bei ihm gefunden haben“, entgegnete Natalie. „Er legte sie auf den Schrank unter eine Marmorfigur.“

„Handelte es sich um ein scheußliches, modernes Ding?“

„Ja.“

„Genau mit dieser Figur wurde er erschlagen.“

„Und die fünftausend Mark?“

„Hat man nicht gefunden. Die Polizei wird behaupten, dass das Geld nur in Ihrer Fantasie existiert.“

„Aber ich kann Ihnen doch den Namen des Mannes nennen, der mir das Geld geliehen hat.“

„Er würde leugnen, Sie überhaupt zu kennen.“

„Was soll ich denn jetzt machen? Ich habe Kossler nicht umgebracht. Das müssen Sie mir glauben.“ Sie schlug die Hände vors Gesicht und begann zu weinen. „Ich wollte doch nur Roland helfen.“

„Das hätten Sie besser lassen sollen. Er hat es nicht verdient. Sie sollten Ihrem Vater die Wahrheit sagen.“

Natalie ließ die Hände sinken und blickte Katharina überrascht an. „Unmöglich. Vater würde das nicht verkraften. Der Arzt hat ihm jegliche Aufregung verboten. Vater hat einen schweren Herzfehler.“

Auch das noch, dachte Katharina. Wenn ich den alten Freyberger hätte ins Vertrauen ziehen können, wäre alles halb so schlimm gewesen. Sie versetzte sich in die Lage des Kommissars und des Staatsanwalts. An deren Stelle würde sie Natalies Geschichte für ausgemachten Schwindel halten.

„Hören Sie“, sagte Katharina. „Ich werde tun, was möglich ist. Sollte man Sie jedoch verhören, dann bleiben Sie stur bei Ihrer Geschichte. Wenn alle Stricke reißen, war es eben Notwehr. Kossler wurde zudringlich. Sie wussten sich nicht anders zu helfen und schlugen ihm die Statue über den Schädel.“

„Ich kann doch nicht lügen.“

„Manchmal ist eine kluge Lüge besser als eine dumme und unglaubhafte Wahrheit“, erwiderte Katharina. „Wir können nur hoffen, dass es nicht so weit kommt. Denken Sie immer daran, dass ich hinter Ihnen stehe.“

Im Stillen überlegte die Detektivin, ob sie nicht zu viel versprochen hatte. Sie kannte Natalie erst seit wenigen Minuten. Vielleicht hatte sie die ganze Geschichte nur erfunden und die fünftausend Mark niemals bezahlt. Vielleicht hatte sie Kossler besucht, um ihn umzustimmen und er war zudringlich geworden. Vielleicht hatte er geglaubt, leichtes Spiel mit ihr zu haben. Natalie setzte sich zur Wehr und erschlug ihn. Aber dann hätte sie die Schuldscheine nicht zerrissen und in den Papierkorb geworfen, sondern mitgenommen. Außerdem hätte sie die Lippenstiftspuren vom Glas entfernt. Während Katharina noch darüber nachdachte, klopfte es. Dann drückte jemand auf die Klinke, aber die Tür war verschlossen.

„Natalie! Was machst du da drinnen?“ fragte eine näselnde, arrogante Stimme. „Wer ist da bei dir? Treibt ihr es etwa miteinander?“

„Das ist Roland“, flüsterte Natalie. „Mein Bruder.“

Katharina erhob sich, drehte leise den Schlüssel um und riss die Tür auf. Der junge Mann, der sich dagegen gestützt hatte, stolperte ins Zimmer. Bevor er begriffen hatte, was geschehen war, schloss Katharina wieder ab und steckte den Schlüssel ein. Dann holte sie aus und verpasste Roland eine Ohrfeige. Zuerst war er verwirrt, doch dann hob er die Arme und wollte sich auf Katharina stürzen. Natalie ging im letzten Moment dazwischen.

„Hör auf, Roland!“ sagte sie leise. Dann wandte sie sich an die Detektivin. „Das hätten Sie nicht tun sollen, Frau Ledermacher.“

„Ich tue noch viel mehr als das“, antwortete Katharina. „Ich verpasse ihm eine solche Abreibung, dass er für die nächsten vier Wochen genug hat. Anstatt ihnen auf Knien zu danken, wird er auch noch unverschämt.“

Roland schien offenbar zu begreifen, was vorging. Er setzte sich, schlug die Beine übereinander und blickte seine Schwester gehässig an.

„Du hast also nichts Besseres zu tun gehabt, als mich bei der Polizei anzuschwärzen!“ zischte er. „Du denkst wohl, wenn Vater mich hinauswirft, kannst du davon profitieren. Aber du irrst dich, mein liebes Schwesterchen. Das werde ich dir noch beweisen.“

„Sie sind ein mieser Dreckskerl“, sagte Katharina. „Wenn Sie versuchen, Ihre Drohung auf irgendeine Art wahrzumachen, wenn Sie Ihre Schwester noch einmal schief ansehen, werden Sie mich kennenlernen. Das können Sie mir glauben! Abgesehen davon bin ich keine Polizistin, sondern Privatdetektivin.“

„Um so schlimmer. Eine Schnüfflerin ist das Letzte, was wir hier gebrauchen können. Was wollen Sie überhaupt von mir? Ich kann doch nichts dafür, wenn meine Schwester fünftausend Mark Schulden macht.“

„Die Schuldscheine, die Ihre Schwester eingelöst und zerrissen hat, befinden sich nun in den Händen der Polizei. Sie tragen Ihre Unterschrift.“

Roland zuckte mit den Schultern. „Na und? Ich weiß von nichts. Lassen Sie mich in Ruhe.“

„Der Besitzer des „Twenty Hours“ und der Spielleiter können alles bezeugen. Ebenso die Leute, mit denen Sie gespielt haben.“

„Das beweist gar nichts. Ich habe nichts verloren, und wenn, dann habe ich es bezahlt. Ich habe niemals einen Schuldschein ausgestellt. Sie mögen welche mit meiner Unterschrift gefunden haben, aber die sind gefälscht. Beweisen Sie mir doch das Gegenteil.“

„Tja, dann wird uns doch nichts anderes übrigbleiben, als die Polizei zu benachrichtigen“, meinte Katharina. „Dann herrscht endlich Klarheit. Habe ich Ihre Einwilligung, Natalie?“

„Bitte, tun Sie es nicht. Schon wegen meines Vaters. Ich würde mir ewig Vorwürfe machen, wenn er sich dermaßen aufregt, dass es ihm schadet.“

Roland lachte höhnisch. Doch als seine Schwester ihn vorwurfsvoll anblickte, verstummte er.

„Mach, dass du rauskommst“, sagte Natalie. „Und zwar so schnell wie möglich. Aber ich warne dich. Es könnte der Augenblick kommen, in dem ich auf Vater keine Rücksicht mehr nehme.“

Er wollte noch etwas erwidern, doch dann überlegte er es sich anders. Katharina schloss die Tür auf und wartete, bis Roland das Zimmer verlassen hatte.

„Und was nun?“ fragte sie Natalie.

„Nichts!“ entgegnete sie. „Hoffen wir, dass alles gut geht. Roland wird seinen Mund bestimmt halten. Im Grunde seines Herzens ist er ein Feigling.“

„Hoffentlich.“

„Ich werde jetzt gehen“, meinte Katharina. „Was ich wissen wollte, das weiß ich. Ich werde jetzt versuchen, Kosslers Mörder zu finden und damit jeden Verdacht gegen andere zu zerstreuen.“

„Vielen Dank!“ sagte Natalie.




Am nächsten Vormittag um zehn Uhr parkte Katharina ihren VW-Golf auf dem Besucherparkplatz des Landeskriminalamtes in der Keithstraße. Der Himmel war grau gescheckt wie das Fell einer Katze. Vermutlich würde es bald regnen. Katharina steckte beide Hände in die Taschen, als sie das Gebäude betrat. Sie ging zum Empfang und bat, mit Hauptkommissar Walter Görling sprechen zu dürfen. Ein Beamter brachte sie zum Dienstzimmer.

„Hallo, Walter“, rief sie. „Wie heißt der Mörder?“

„Seinen Namen hatte er verschwiegen“, erwiderte der Kommissar grinsend. „Aber er hat mir versprochen, nachher vorbeizukommen.“

„Großartig“, meinte Katharina.

„Also, was gibt es Neues?“ fragte Görling.

„Was soll es Neues geben?“ fragte Katharina zurück. „Ich habe angenommen, du könntest mir etwas sagen.“

„Versuch nicht, mich anzuführen. Ich weiß genau, wo du gestern Abend warst. Willst du mir die Wahrheit sagen oder nicht?“

„Das ist ein Erpressungsmanöver, Walter. Wenn du es auf die Tour versuchen willst, musst du dir ein anderes Opfer suchen.“

„Zum Beispiel Natalie Freyberger.“

„Was soll das heißen?“

„Du hast Natalie besucht. Stimmt das?“

„Aus welcher Quelle stammt deine Information?“

Görling schaltete den Kassettenrekorder ein, der auf seinem Schreibtisch stand. Es knackte, dann ertönte eine Stimme, die durch die Übertragung dermaßen verzerrt war, dass Katharina sie nicht erkennen konnte. Die Aufnahme begann mitten im Satz.

„ … kam um sieben Uhr dreißig hier an. Sie verschwand mit Natalie Freyberger im Nebenraum und schloss die Tür von innen ab. Die beiden hatten eine sehr lebhafte, aber leider unverständliche Unterhaltung, die durch Roland Freyberger unterbrochen wurde. Er verlangte lautstark, eingelassen zu werden. Die Tür wurde geöffnet und sofort gab es einen gewaltigen Krach. Aus den Bruchstücken, die ich mitkriegte, konnte ich einwandfrei schließen, dass entweder Natalie allein oder zusammen mit ihrem Bruder einen gewissen Theo Kossler umgebracht haben, weil sie diesem Mann fünftausend Mark schuldeten. Es wurde beschlossen, die Sache zu vertuschen, wobei diese Detektivin ihre Hilfe versprach. Ich habe den Eindruck, dass sie dafür eine finanzielle Belohnung erhielt …

Nein, es tut mir leid. Ich kann Ihnen meinen Namen nicht nennen. Das wäre für mich lebensgefährlich. Ich habe keine Lust, mir den Schädel einschlagen zu lassen. Geben Sie sich keine Mühe. Wenn Sie mich nur festhalten wollen, um herauszubekommen, von wo ich anrufe, dann können Sie sich das sparen. Ich befinde mich im Haus der Familie Freyberger, an einem der sechs Telefonanschlüsse.“

Görling stoppte die Aufnahme und blickte Katharina ernst an. „Was sagst du dazu?“

„Der Kerl ist ein Gauner und dazu noch unglaublich dumm“, antwortete die Detektivin. „Bis jetzt hatte ich keine Ahnung, wer Kosslers Mörder sein könnte. Als ich gestern Abend mit Natalie und ihrem Bruder gesprochen hatte, war ich von deren Unschuld noch nicht hundertprozentig überzeugt. Jetzt bin ich es. Dein Informant hat sich nicht an die Wahrheit gehalten, sondern nur das dazu fantasiert, von dem er glaubte, das die Polizei es gerne hören würde. Aus diesem Grund scheiden die Geschwister vollkommen aus. Andererseits ist Roland ein ziemlich mieser Kerl, der sogar seine Schwester hereinlegen würde, um seine Haut zu retten.“

„Ich versteh gar nichts“, sagte Görling. „Du musst schon etwas deutlicher werden.“

Katharina berichtete ihm alles, was sich am vergangenen Abend zugetragen hatte.

„Jetzt stellt sich natürlich die Frage, weshalb der Anrufer, den Verdacht unbedingt auf die Geschwister Freyberger lenken will“, meinte Görling. „Er muss sich dort im Haus befunden haben.

„Da dürfte die Auswahl nicht besonders groß sein. Vielleicht sollte ich mich mal im Umfeld der Familie umsehen.“

Er blickte sie durchdringend an. „Komm bloß nicht auf die Idee dort herumzuschnüffeln.“

„Niemand kann mir verbieten, meiner Arbeit nachzugehen“, erwiderte Katharina.

„Natürlich nicht.“

„Tja, dann mach‘s gut. Vielleicht sieht man sich mal wieder.“

Görling nickte und sah ihr nach, als sie das Zimmer verließ. Katharina stieg in ihren Wagen und startete den Motor und fuhr nach Hause. Dort wollte sie erst in Ruhe Mittag essen und anschließend ihre weiteren Schritte planen. Sie parkte ihren VW-Golf vor dem Hochhaus in der Krummen Straße und stieg aus. Die Eingangstür stand offen. Katharina kletterte die Stufen empor. Das Haus verfügte zwar über einen Fahrstuhl, doch keiner der Mieter benutzte ihn. Die Fahrt war weder schnell noch bequem.

Als Katharina den zweiten Stock erreichte, kam ihr Madame Silvana entgegen. Eigentlich hieß sie Irene Schlüter, doch mit diesem Namen kam man in ihrer Branche nicht sehr weit. Deshalb hatte sie sich ein Pseudonym zugelegt. Ihren Kunden gegenüber behauptete sie außerdem, dass sie einer alten Zigeunerfamilie entstammte. Madame Silvana betätigte sich als Wahrsagerin. Sie las vornehmlich aus Tarotkarten, Teeblättern oder aus ihrer Kristallkugel. Angeblich konnte sie auch Verbindung mit bereits Verstorbenen aufnehmen.

„Hallo, Katharina“, sagte Silvana und zupfte das bunte Tuch zurecht, das sie um den Kopf trug. „Wir haben uns ja schon seit einiger Zeit nicht mehr gesehen. Wie geht es dir?“

„Ganz gut. Und dir?“

„Ach, na ja, ist immer dasselbe. Hast du heute Abend schon etwas vor?“ fragte sie und zwinkerte Katharina vielsagend zu.

Die Detektivin schüttelte den Kopf.

„Gut“, meinte Silvana. „Ich möchte dich nämlich zum Essen einladen. Es gibt Chili con Carne.“

„Wann soll ich vorbeikommen?“ fragte Katharina.

„Jederzeit ab 20.00 Uhr. Und bring Robert mit.“

„Das geht leider nicht. Er liegt im Krankenhaus.“

„Ach du liebe Zeit. Was ist denn passiert?“

„Beinbruch. Er wollte mir beim aufhängen der Gardinen helfen und ist dabei von der Leiter gefallen.“

„Uh, das ist aber übel.“

„Halb so schlimm“, winkte Katharina ab. „In ein paar Wochen ist er wieder auf den Beinen.“

„Na, dann wünschen Sie ihm von mir ‚Gute Besserung‘.“

„Mache ich.“

Silvana verabschiedete sich von Katharina. Während sie Treppe hinabstieg, ging die Detektivin hinauf und öffnete die Wohnungstür. Sie war so in Gedanken versunken, dass ihr gar nicht auffiel, dass das Schloss sofort aufsprang. Sie zog die Jacke aus, hängte sie an den Garderobenhaken und ging ins Wohnzimmer. Fast im gleichen Moment sah die Detektivin, dass sie unerwartete Gäste hatte.

Ein bulliger Kerl lag auf ihrer Couch und hatte seine schmutzigen Stiefel auf ihr bestes Kissen gebettet. Er trug einen hellgrauen Sommeranzug und ein Grinsen im Gesicht. In seiner Hand hielt er eine Flasche Bier, die sich am Morgen noch in Katharinas Kühlschrank befunden hatte.

„Hallo!“ grüßte er.

Der zweite Mann sagte gar nichts. Er hielt eine Pistole in der Hand und richtete den Lauf auf die Detektivin. Dabei rekelte er sich bequem im Sessel. In der anderen Hand hielt er ebenfalls eine Bierflasche, die fast leer war. Katharina erlebte etwas Derartiges nicht zum ersten Mal. Deshalb blieb sie vollkommen ruhig.

„Nett von euch, dass ihr mich besucht“, sagte sie lächelnd. „Aber im Augenblick habe ich leider keine Zeit, mich um euch zu kümmern.“

Der Kleinere trank die Flasche leer und warf sie Katharina vor die Füße. „Hol mir eine Neue!“

„Ich habe euch nicht eingeladen. Wenn Ihr etwas trinken wollt, dann geht gefälligst in die nächste Kneipe.“

„Wir werden nirgendwo hingehen, hast du das verstanden, du blöde Schlampe?“ erwiderte der Kleine.

„Reg dich nicht auf, Joe“, beruhigte ihn der andere. „Dazu hast du immer noch Zeit.“ Dann wandte er sich an Katharina. „Und du erzähl uns mal, was du weißt und wonach du im Augenblick schnüffelst.“

„Ich weiß gar nichts. Und wenn ich schnüffele, dann ist das meine Sache.“

Katharina war neugierig zu erfahren, wer die beiden Kerle geschickt hatte, und was sie von ihr wollten.

„Dann verrätst du uns aber, wer dich bezahlt.“

„Niemand.“

„Das kannst du deiner Großmutter erzählen.“

„Zwecklos. Sie ist bereits seit vielen Jahren tot. Ich schlage vor, ihr verschwindet so schnell wie möglich. Ich erwarte nämlich Besuch.“

Die beiden Männer schienen den Bluff zu durchschauen. Der Kerl mit der Waffe stand auf und schlug ihr ins Gesicht.

„Dreh dich um!“

Katharina war wütend, aber Widerstand wäre Selbstmord gewesen. Sie hatte inzwischen erkannt, dass sie es mit Leuten zu tun hatte, die für ein paar Mark ihre Mutter umbringen würden. Sie spürte die Waffe des Mannes genau im Kreuz, während er sie abtastete. Und er tat es äußerst gründlich. Als er endlich fertig war, drehte er sich halb zu seinem Komplizen um.

„Sie hat nichts bei sich. Nicht mal ein Taschenmesser ...“

Katharina wirbelte herum. Dabei schob sie ihren linken Arm unter seinen rechten am Handgelenk. Sie packte zu und drehte mit aller Kraft. Aus der Pistole löste sich ein Schuss. Die Kugel bohrte sich in die Wand. Im gleichen Augenblick, in dem sie sich gegenüberstanden, rammte ihm Katharina ihr Knie zwischen die Beine. Der Mann kippte nach vorne und ließ seine Waffe fallen. Eigentlich war er damit schon erledigt, doch zur Sicherheit verpasste ihm die Detektivin noch einen Faustschlag zwischen die Augen. Sein Kopf flog in den Nacken. Er taumelte nach hinten und prallte gegen den anderen Mann, der seinen Platz auf der Couch verlassen hatte.

Der Kerl reagierte blitzschnell. Er sprang zur Seite und feuerte einen Schuss auf Katharina ab. Die Kugel verfehlte sie nur um wenige Zentimeter. Bevor er ein zweites Mal den Abzug betätigen konnte, traf ihn Katharina gegen das Knie. Die Kante der Sohle schabte über sein Schienbein. Er grunzte und kippte nach vorn. Die Pistole entglitt seiner Hand. Als er danach greifen wollte, bekam er einen Tritt zwischen die Rippen. Keuchend blieb er auf dem Boden liegen.

Katharina bückte sich und hob die beiden Pistolen auf. Der kleinere Mann war noch immer bewusstlos. Sein Komplize versuchte wieder auf die Füße zu kommen. Katharina verpasste ihm einen Fußtritt. Stöhnend blieb er liegen. Katharina setzte sich in den Sessel und richtete eine der Pistolen auf die Männer. Nach einigen Minuten bewegten sie sich wieder.

„Los, hoch mit euch!“ befahl die Detektivin. „Beeilt euch gefälligst.“

Nur der Größere, der vorher auf der Couch gesessen hatte, kam ihrer Aufforderung nach. Langsam krabbelte er auf Händen und Füßen herum.

„Verdammt, du hast mir ein paar Rippen gebrochen!“ stöhnte er.

„Was hast du denn erwartet?“ erwiderte Katharina. „Steh auf!“

An einem Sessel zog er sich hoch.

„Wer hat euch geschickt?“

Details

Seiten
400
Jahr
2021
ISBN (ePUB)
9783738955569
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (August)
Schlagworte
krimi doppelband zwei thriller sonder-edition

Autoren

  • Alfred Bekker (Autor:in)

  • Bernd Teuber (Autor:in)

  • Richard Hey (Autor:in)

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Titel: Krimi Doppelband 2221 - Zwei Thriller in einer Sonder-Edition