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Der Keller des Grafen: Mitternachtsthriller

von Carol East (Autor:in)
©2021 150 Seiten

Zusammenfassung

Der Graf zeigte ein so häßliches Grinsen, dass Jessica Berger eine gelinde Gänsehaut verspürte. Nicht etwa deshalb, weil sie es wirklich als gruselig empfand, obwohl dies die Absicht gewesen war, sondern einfach nur deshalb, weil sie solch übertriebene Szenen ganz und gar nicht leiden mochte. Niemals wäre sie sozusagen freiwillig in so einen ihrer Meinung nach grottenschlechten Film gegangen. Daß sie hier saß, mit ein paar wenigen anderen Zuschauern im in jeglicher Beziehung provinziell anmutenden Kino, hatte nur einen einzigen Grund: Es gab keinerlei Alternative.

Das war ja zu befürchten gewesen, dachte sie und schüttelte unwillkürlich den Kopf, daß die langen, goldblonden Haare nur so flogen. Ihr voller Mund ließ die Winkel sinken, was ihrem hübschen Gesicht fast einen Ausdruck von Bitternis verlieh. Ihre blauen Augen blitzten.

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© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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Der Keller des Grafen: Mitternachtsthriller

Carol East



Der Graf zeigte ein so häßliches Grinsen, dass Jessica Berger eine gelinde Gänsehaut verspürte. Nicht etwa deshalb, weil sie es wirklich als gruselig empfand, obwohl dies die Absicht gewesen war, sondern einfach nur deshalb, weil sie solch übertriebene Szenen ganz und gar nicht leiden mochte. Niemals wäre sie sozusagen freiwillig in so einen ihrer Meinung nach grottenschlechten Film gegangen. Daß sie hier saß, mit ein paar wenigen anderen Zuschauern im in jeglicher Beziehung provinziell anmutenden Kino, hatte nur einen einzigen Grund: Es gab keinerlei Alternative.

Das war ja zu befürchten gewesen, dachte sie und schüttelte unwillkürlich den Kopf, daß die langen, goldblonden Haare nur so flogen. Ihr voller Mund ließ die Winkel sinken, was ihrem hübschen Gesicht fast einen Ausdruck von Bitternis verlieh. Ihre blauen Augen blitzten.

Aber dann beruhigte sie sich wieder. Immerhin war sie freiwillig nach Blackwood gekommen. Allein schon der Name hätte sie abschrecken sollen. Obwohl es wörtlich übersetzt nichts anderes als Schwarzwald hieß und obwohl es in Old England ungefähr so viele Orte namens Blackwood gab wie in ihrer deutschen Heimat andere Orte mit sogenannten Allerweltsnamen. Der eine hatte mit dem anderen absolut gar nichts zu tun. Nur in einem unterschied sich ein Blackwood wie dieses hier von einem x-beliebigen deutschen Ort mit häufigem Namen: Hier gab es ein waschechtes Schloß. In der Art traditionell sehr streng gebauter englischer Schlösser, nicht vergleichbar mit einem entsprechenden Äquivalent in Deutschland oder gar in Frankreich. In England waren solche alten Schlösser eher mit einer deutschen Burg zu vergleichen als mit einem “richtigen” Schloß.

Aber auch ein Blackwood Castle war nicht gerade eine Ausnahme in England. Vielleicht nannte sich dieses hier, in diesem Blackwood, deshalb New Blackwood Castle? Wobei das Wort New zwar für das deutsche Neu stand, aber neu war es ganz und gar nicht. Natürlich nicht!

Jedenfalls, sie war nach Blackwood gekommen, weil sie es satt gehabt hatte, als unterbezahlte Lehrerin einer staatlichen Schule ihr Dasein zu fristen. Ihre Fächer Deutsch und Geschichte waren nun einmal nicht dazu geeignet, Reichtümer ernten zu lassen. Die Einladung von Blackwood Castle – pardon: New Blackwood Castle verbesserte sie sich in Gedanken – war ihr da gerade recht gekommen. Alles hatte wunderbar gepaßt. Nicht nur die Bezahlung, sondern vor allem der Zeitpunkt. Sie konnte ohne große Umstände ihre sprichwörtlichen Siebensachen packen und reiste sofort hierher.

New Blackwood Castle lag außerhalb des verschlafenen Nestes, dem das Schloß seinen Namen verdankte. Jessica war direkt zum Schloß gefahren. Das war jetzt genau drei Wochen her – und heute hatte sie ihren allerersten freien Tag. Weil sie sofort hatte voll einsteigen müssen und das im wahrsten Sinne des Wortes. Der Graf, hier landesüblich Earl genannt, was wohl auf dasselbe herauskommen mochte, war das Oberhaupt einer recht großen Familie. Größer jedenfalls als Jessica es vermutet hätte. Insofern war das Jobangebot als Privatlehrerin in Deutsch und Geschichte eher vage gehalten worden. Aber der inzwischen schon ziemlich betagte Graf hatte mehrere Söhne, die allesamt längst verheiratet waren und gemeinsam mit ihren Ehefrauen und natürlich ihren Kindern wiederum auf dem Schloß lebten. Dadurch kamen genau dreizehn Kinder zusammen, die Jessica unterrichten sollte.

Drei Wochen hatte sie benötigt, um herauszufinden, welchen Wissensstand die einzelnen Kinder bereits hatten, was ihre Fächer betraf. Dabei hatte sie sich genau auf diese drei Wochen konzentrieren müssen, weil eben zur selben Zeit Ferien gewesen waren und danach alle dreizehn Kinder wieder regulär zur Schule gehen mußten, wie man ihr erklärt hatte. Dort hatten sie zwar auch schon das Fach Geschichte, aber dabei konzentrierten sich die Lehrer auf die Geschichte von England, wobei alles andere eher nebensächlich erschien. So jedenfalls hatte es Jessica herausgefunden. Und die Sprache Deutsch wurde an hiesigen Schulen überhaupt nicht gelehrt. Nicht jedenfalls in dieser Gegend von England.

Heute war Schulbeginn, und heute hatte sie endlich ihren ersten freien Tag nutzen können, um Blackwood kennenzulernen. Allerdings war das ein Ort, in dem sozusagen bei Einbruch der Dunkelheit die Bürgersteige hoch geklappt wurden. Zwar nur sprichwörtlich, aber selten in ihrem Leben hatte Jessica einen Ort erlebt, in dem diese Metapher besser zutraf. Es war nicht das erste Mal, daß sie sich fragte, ob das wirklich die richtige Entscheidung gewesen war, auf das Jobangebot einzugehen. Wenn sie sich vorstellte, auf Jahre hier festzusitzen...

Und dann, auf vergeblicher Suche nach ein wenig Zerstreuung vom zurückliegenden Lehrerstreß auf dem Schloß, hatte sie das einzige Kino im Ort entdeckt. Na, das war doch was, oder?

Nun, es wäre etwas gewesen, hätte es einen Film gegeben, der Jessica auch nur annähernd interessierte. Aber ausgerechnet die Geschichte von einem durchgeknallten Grafen, der so etwas wie Gruselatmosphäre in einem gänzlich unglaubwürdigen Gruselfilm verbreiten sollte?

Was Jessica noch am meisten störte: Das Schloß im Film hieß doch tatsächlich Blackwood Castle! Und es hatte verblüffende Ähnlichkeiten mit dem Schloß, auf dem Jessica zur Zeit arbeitete. Kein Wunder wahrscheinlich. Dafür hatten die nicht extra auf dem echten Blackwood Castle zu drehen brauchen, denn so sahen sowieso die meisten Schlösser in England aus. Jene Mischung halt aus Trutzburg und Schloß.

Gottlob hieß zumindest der Graf im Film anders als der Graf in Wirklichkeit. Dieser hieß nämlich Allister Earl of Norfolk.

Als Jessica diesen Namen zum ersten Mal gelesen hatte, war sie stutzig geworden, denn dieses Adelsgeschlecht kannte sie gar nicht. Allister Earl of Norfolk? Überhaupt kein Hinweis auf den Herrschaftssitz oder die Region, in der sich Blackwood Castle befand? Sie kannte sich nicht nur in deutscher Geschichte aus, sondern selbstverständlich auch in englischer. Auch wußte sie leidlich Bescheid über Adelsgeschlechter, nicht nur in England, aber wirklich, ein Allister Earl of Norfolk...?

Sie war nicht umhin gekommen, den Lord danach zu fragen. Der jedoch hatte milde gelächelt und sie aufgeklärt: “Deshalb heißt es auch New Blackwood Castle! Der Ort war vorher da. Als meine Vorfahren diese Gegend vom König persönlich zum Geschenk gemacht bekamen, haben sie ihr Schloß bauen lassen. Ihr Name war geblieben, und es gibt diesen Adelszweig inzwischen nur noch hier. Mit anderen Worten: Wenn meine Familie eines Tages ausstirbt, dann endet damit auch die ganze Linie.” Jetzt hatte er sogar gelacht. “Vielleicht ist das der Grund dafür, wieso meine Kinder so fleißig waren und für so viele Namensträger sorgten?”

In der Tat, alle dreizehn seiner Kindeskinder waren Jungs, im Alter zwischen sieben und zehn Jahren.

Jessica hatte pflichtschuldig mitgelacht und dieses Thema für die nächsten drei Wochen lieber verdrängt. Sie wollte ja nicht vor ihrem neuen Arbeitgeber als geschichtsunkundig da stehen. Ausgerechnet, wo sie doch Geschichtslehrerin war, neben ihrem Fach als Deutschlehrerin.

Seltsam, daß ihr dies alles jetzt durch den Kopf ging. Ein Gutes hatte es allerdings: Sie versäumte damit einen großen Teil dieses billig gemachten Gruselstreifens, ehe es für sie noch langweiliger wurde. Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, daß es wirklich Leute gab, die sich einen solchen Film freiwillig antaten. Überhaupt war sie eher die Person, die mit beiden Beinen im Leben stand und alles Mystische und Okkulte für absolut hirnrissig hielt. Vor allem seit ihrer letzten Beziehung. Diese lag noch nicht so lange zurück, aber wenn sie sich daran erinnerte, dann eher mit Erleichterung als mit Trauer, weil es vorbei war. Ihr Freund war von der großen Liebe innerhalb relativ kurzer Zeit zu einem okkulten Spinner mutiert. Wahrscheinlich war er das schon vorher gewesen. Er hatte ihr nur anfangs etwas vorgemacht. Bis Jessica es nicht mehr länger mit ihm ausgehalten hatte. Sie hatte ihm zum Abschied einen langen Vortrag gehalten über die Seriösität des Geschichtsunterrichtes, in dem solche Dinge wie Werwölfe, Untote, Geister und Dämonen einfach nichts zu suchen hatten.

Er hatte sich doch tatsächlich seinerseits enttäuscht gegeben und hatte ihr sogar versichert, mit ihr sowieso Schluß machen zu wollen. Sie sei ihm lediglich zuvor gekommen.

Größer hätte sie eine Beleidigung gar nicht empfinden können. Sie hatte einfach auf dem Absatz kehrt gemacht und war davongegangen, ohne einen einzigen Blick zurück.

Ja, noch jetzt erinnerte sie sich voller Schaudern an ihren Exfreund. Und ausgerechnet sie saß hier und heute in einem Gruselfilm?

Sie schüttelte schon wieder den Kopf, daß die langen, goldblonden Haare flogen.


*


Das Geschehen auf der Leinwand zog sie wieder ein wenig mehr in seinen Bann. Normalerweise wäre sie längst aufgestanden und hätte das Kino verlassen, aber schließlich hatte sie Eintritt bezahlt und – was noch viel wichtiger war - es gab eben nicht die geringste Alternative. Sollte sie bei dem Wetter, das ausgerechnet heute herrschte, in einem Straßencafe sitzen und sich vollregnen lassen? Einmal abgesehen davon, daß sie sowieso der einzige Gast gewesen wäre, wie sie vermutete.

So schaute sie der Szene zu. Wer das nun war, den der Graf mit großspurigen Gesten, die anscheinend seinen Wahnsinn unterstreichen sollten, durch das Schloß führte, vermochte sie gar nicht zu sagen. Sie hatte die entsprechende Schlüsselszene irgendwie verpaßt. Es handelte sich jedenfalls um einen jungen Mann, der aus irgendeinem Grunde sehr beunruhigt wirkte.

Der Graf zeigte auf die Bildergalerie in einem langen Gang. In Großaufnahme sah man, daß ausschließlich ziemlich irre aussehende Personen auf den einzelnen Bildern dargestellt wurden.

“Was soll das alles?” fragte der junge Mann und blieb trotzig stehen.

Ich frage mich das auch schon länger, dachte Jessica sarkastisch.

Der Graf machte erst ein paar theatralische Gesten, ehe er mit verstellter Stimme ausrief: “Sie suchen nach Ihrer Geliebten, und ich zeige Ihnen mein Schloß, damit sie sich mit eigenen Augen davon überzeugen können: Sie ist nun mal nicht hier!”

Aha, dachte Jessica respektlos. Darauf sollte man erst einmal selber kommen...

“Also gut”, lenkte der junge Mann ein und folgte dem Grafen, als dieser weiterschritt. Der Graf öffnete jede Tür, die von dem Gang wegführte. Dahinter lagen verlassene Räume. Offensichtlich wurden sie schon länger nicht mehr benutzt, denn alles hing voller Spinnweben, und auch auf dem Boden hatte sich der Staub fingerdick angesammelt.

Nur eine bestimmte Tür ließ er dabei aus. Er strebte zur Treppe zu, die nach unten führte.

Wie sollte es anders sein? stöhnte Jessica in Gedanken, weil sie genauso wie alle anderen Zuschauer ganz genau wußte, was jetzt kam: Der junge Mann blieb natürlich wieder stehen und deutete auf jene einzelne Tür.

“Und was liegt dahinter?”

“Diese Tür ist seit langer Zeit versiegelt. Niemand darf sie öffnen”, erwiderte der Graf abweisend und drängte den jungen Mann danach, endlich weiterzugehen.

Dieser ließ sich jedoch nicht beirren.

“Ich will wissen, was sich dahinter für ein Geheimnis verbirgt.”

Na, ein paar Geister vielleicht? dachte Jessica teils amüsiert, teils angeödet. Könnte auch sein, ein paar klappernde Skelette? Vielleicht noch einer von diesen grottenschlechten Spezialeffekte, an denen dieser Film nicht gerade arm ist?

Es kam, wie es kommen mußte: Als der Graf sich stur stellte, ging der junge Mann einfach selber hin und probierte an der Türklinke. Die Tür ließ sich tatsächlich öffnen. Sie war nicht abgeschlossen, geschweige denn versiegelt, wie der Graf behauptet hatte.

Hinter der Tür lauerte rabenschwarze Finsternis. Der Junge trat trotzdem näher. Sein Gesicht in Großaufnahme. Dann weiteten sich seine Augen entsetzt. Ein erstickter Laut drang über seine Lippen.

Bildwechsel: Der Graf stand direkt hinter ihm und stieß ihn in den Raum hinein. Dabei ließ der Graf ein wahrhaft irres Gelächter hören.

Jessica wollte jetzt wirklich aufstehen und gehen. Genug war genug, wie sie fand. Schon schickte sie sich an, sich zu erheben, als eine weibliche Person durch den Gang mit der Bildergalerie gerauscht kam. Im Film natürlich.

Jessica schaute auf die Leinwand und traute ihren Augen nicht. Konnte es sein, daß die Schauspielerin eine gewisse Ähnlichkeit mit... ihr hatte?

Sie sank unwillkürlich wieder in ihren Sitz zurück.

Die weibliche Person tat ganz aufgeregt.

Jessica grübelte vergeblich darüber nach, wie diese Person überhaupt in die Story eingeführt worden war. Sie stellte fest, daß sie zu sehr in ihren eigenen Gedanken verstrickt gewesen war, um genügend von dem Film mitzubekommen. Sie hatte nicht die geringste Ahnung, worum es da überhaupt ging. Es hatte sie bis zu dieser Szene aber auch nicht im Geringsten interessiert.

“Ich – ich habe einen Schrei gehört!” rief die aufgeregte Blondine mit der erstaunlichen Ähnlichkeit.

Der Graf winkte böse lächelnd ab.

“Es war nur die alte Tür, die in den Angeln gar fürchterlich quietscht. Sonst nichts”, behauptete er.

Jetzt haben die doch tatsächlich sogar den Spezialeffekt wegrationalisiert, so daß man keine Ahnung hat, was den armen jungen Mann überhaupt in dem stockfinsteren Raum erwartete. Und wieso hat es ihn erschrecken können, wenn man doch sowieso nichts hat sehen können?

Jessicas ketzerische Gedanken, mit denen sie das Geschehen auf der Leinwand kommentierte, wurden unterbrochen von der Blondinen auf eben dieser Leinwand.

“Ich habe auch Stimmen gehört. Die eine klang so wie die Stimme meines Geliebten.”

“Das ist sogar richtig, meine Liebe, denn Ihr Geliebter befindet sich hier. Er hat nach Euch gefragt, aber ich wußte selber nicht, wo Ihr Euch aufgehalten habt. Schließlich seid Ihr davongeeilt, wie von tausend Schrecken gehetzt, ohne daß ich hierfür einen Grund erkennen konnte.”

“Sie haben mich so sehr entsetzt, Sie allein!” warf die Blondine dem Grafen vor. Es klang reichlich gekünstelt. Überhaupt hatte die Blondine offensichtlich die entscheidenden Unterrichtsstunden auf der Schauspielschule permanent versäumt. Jessica Berger hätte in dieser Rolle nicht schlechter sein können. Und sie hatte niemals so etwas wie eine Schauspielschule von innen gesehen. “Und ich bin nur zurückgekommen, weil ich die Stimme meines Freundes gehört habe.”

Jessica seufzte ergeben: Noch unglaubwürdiger konnte ihrer Meinung nach eine Szene überhaupt nicht mehr gedreht werden. Sie machte schon wieder Anstalten, aufzustehen.

Da nahm der Film-Graf die junge Dame am Arm und sprach beruhigend auf sie ein: “Ihre Nerven spielen Ihnen einen Streich, glauben Sie mir. Jetzt gehen wir hinunter in die Halle und zu Ihrem Geliebten.”

Vor allem hätten sie sich beim Dreh entscheiden sollen, wie sich die Figuren gegenseitig anreden, ärgerte sich Jessica, der solche ständigen Stilbrüche an den Nerven zehrten. Dennoch blieb sie jetzt sitzen, um zu sehen, was die junge Dame denn dort unten in der Halle erwartete.

Zunächst ließ sie sich willig führen, aber auf der Treppe, die hinunterführte, riß sie sich auf einmal los.

“Ich kann allein gehen!” versicherte sie schnippisch.

Die Halle war leer. Das beeindruckte aber den Grafen in keiner Weise.

“Habe ich nicht die Stimme Ihres Geliebten hinter jener Tür gehört?” fragte er, wie zu sich selbst gewandt, und ging hinüber, um die bewußte Tür zu öffnen.

Ahnungslos folgte ihm die Schauspielerin, die Jessica so sehr ähnelte. Erst als sie die Tür erreichte, öffnete der Graf weit genug, daß die Unglückliche direkt in diese Schwärze hineinblicken konnte, wie Minuten vorher oben ihr Freund.

Der Graf hatte keine Mühe, sie vorwärts zu stoßen. Aber diesmal schloß er nicht hinter ihr die Tür wieder, sondern folgte sogar.

Die Leinwand wurde kohlrabenschwarz. Man hörte einen gellenden Schrei, offensichtlich von der Blondinen ausgestoßen. Dann vernahm man tapsende Schritte. Im nächsten Moment flammte Licht auf: eine flackernde Fackel.

Als würde sich eine Fackel so plötzlich und dann auch noch gleich zur vollen Stärke entzünden lassen, dachte Jessica kopfschüttelnd. Dabei hielt der Graf die Fackel auch noch so, daß sein Gesicht von unten beleuchtet wurde, was ihm einen besonders dämonischen Ausdruck verlieh. Unter normalen Umständen hätte er sich dabei wahrscheinlich den Kinnbart verbrannt, aber hier diente es ja dazu, Angst und Schrecken unter den Zuschauern zu erzeugen. Trotzdem hörte Jessica Gelächter im Zuschauerraum. Sie war also nicht die einzige, die diesen Film in erster Linie lächerlich und keineswegs gruselig fand.

Dann sah man, daß sich die Blondine und der Graf auf einer steilen Treppe befanden, die abwärts führte.

Die Blondine warf sich herum und wollte fliehen. Sie kam nicht weit, denn inzwischen war die Tür, durch die sie gekommen waren, von innen verschlossen.

Noch so eine Unmöglichkeit, regte sich Jessica auf.

Es blieb der Blondinen nichts anderes übrig, als dem Grafen nach unten zu folgen.

“Der Keller des Grafen!” murmelte der Graf böse. “Schon mal davon gehört?”

Ja, antwortete Jessica in Gedanken: Steht draußen als Titel auf dem Filmplakat! Da ist der Titel wirklich auch noch hundertmal besser als der ganze Film...

“Nein”, behauptete hingegen die Blondine im Film.

Verflixt, wieso ähnelt die mir so sehr? fragte sich Jessica nicht zum ersten Mal. Beinahe müßte ich das wie eine Unverschämtheit empfinden.

“Kommen Sie, meine Liebe. Ich zeige Ihnen das Geheimnis von Blackwood Castle. Es befindet sich im Keller des Grafen. So nennt man jenen Ort, aus dem der Graf seine Kräfte bezieht.”

“Wieso – wieso sprechen Sie auf einmal von sich selber in dritter Person?” fragte die Blondine mit zittriger Stimme.

Na, endlich! kommentierte Jessica das in Gedanken.

“Sie sehen den Grafen, aber ich bin nicht derselbe. Ich habe jetzt seinen Körper übernommen. Er hat hier unten nichts mehr zu melden. Hier bin ich der Herr, denn im Keller des Grafen, da herrscht der Herr der Finsternis.” Ein schauerliches Lachen, das nicht nur aus dem Mund des Grafen kam, sondern scheinbar von überallher.

“Kommt mit, meine Liebe, seht und staunet, was sich im Keller des Grafen verbirgt.”

Nicht nur die Blondine im Film sah es und staunte, sondern auch die Kinobesucher, einschließlich Jessica Berger: Tief unter der Treppe, die aus dieser Perspektive gesehen scheinbar an einer hohen Felswand klebte, mit zwei Personen, die im Vergleich zur Größe dieser unterirdischen Höhle geradezu winzig anmuteten, wimmelte es gespenstisch. Halbnackte Leiber, nur mit zerlumpten Fetzen bekleidet, krochen und schlurften unstet hin und her. Sie bewegten sich ungelenk, wie man es aus sogenannten Zombiefilmen kannte. Mit dem Unterschied, daß in diesem Film hier die Maskenbildner allesamt hoffnungslose Versager waren, denn alles wirkte so gekünstelt, daß auch nicht die geringste Gruselatmosphäre aufkommen wollte.

Prompt verstärkte sich das Gelächter im Zuschauerraum.

Jessica fiel nicht in dieses Gelächter ein. Ihr war ganz und gar nicht zum Lachen zumute. Wenn sie bedachte, daß sie doch tatsächlich für einen solchen Schund Geld ausgegeben hatte...

Jetzt stand sie wirklich auf und bahnte sich einen Weg durch die Sitzreihen in Richtung Ausgang. Auf die Leinwand schaute sie gar nicht mehr. So hörte sie nur die theatralischen, von irrem Gelächter immer wieder unterbrochenen Worte des angeblichen Grafen:

“Das sind all die Vorfahren, die der Graf aus ihren Gräber geholt hat. Gemeinsam mehren sie die Energien, die mir meine Macht verleihen. Ich heiße Sie willkommen in meinem Reich, meine Liebe. Werdet die Gemahlin des Grafen, und ich lasse Euch teilhaben an meiner Macht, genauso wie ihn. Ich schenke Euch die Unsterblichkeit. Hört Ihr, meine Liebe? Was ist dagegen ein so lächerlicher Nichtsnutz wie Ihr Geliebter. Den gibt es sowieso nicht mehr. Zumindest nicht in seiner ursprünglichen lebendigen Form. Seht, dort unten, da bereichert er mit seiner Anwesenheit meine Macht. Als Untoter!”

Gerade öffnete Jessica die Tür nach draußen. Sie hörte längst nicht mehr richtig hin. Doch dann glaubte sie, endlich den Namen der Blondinen erfahren zu haben. Wenn sie sich nicht irrte, sagte nämlich der irre Graf im Film: “Aber wieso weint Ihr, Jessica? Freut Ihr Euch denn gar nicht darüber?”

Die Tür fiel hinter ihr zu. Sie fand sich in der Eingangshalle des Provinzkinos wieder. Der Kartenschalter links war unbesetzt. Die Tür nach draußen stand auf. Jessica sah, daß es nicht mehr regnete. Das Wetter schien inzwischen deutlich besser geworden zu sein.

Wie betäubt taumelte sie ins Freie. Dabei hatte sie den Eindruck, aus einer anderen Welt in die Wirklichkeit zurückgekehrt zu sein.


*


Wann immer man das Glück hat und einen Film sieht, der einen ganz besonders fesselt, stellt sich dieses Gefühl ein beim Verlassen des Kinos, dachte Jessica Berger. Man empfindet es wie den Übergang von einer Welt in die andere. Die Rückkehr in die Wirklichkeit sozusagen. Aber bei einem Film, der in keiner Weise überzeugen kann wie dieser seltsame Grusler?

Verwundert schaute sie umher.

Als sie zum ersten Mal Supermann im Film gesehen hatte, war sie ziemlich beeindruckt gewesen. Sicher deshalb, weil sie normalerweise solche Filme nicht mochte. Umso mehr hatten wohl die Spezialeffekte auf sie gewirkt, daß sie nach dem Verlassen des Kinos unwillkürlich ihren Blick zum Himmel richten mußte, wie in Erwartung dessen, daß so ein komisch gekleideter Typ daher geflattert kam...

Sie griff sich an die Stirn, als würde ihr das helfen, ihre Gedanken zu ordnen.

Der Reihe nach! wies sie sich selbst zurecht: Das Wetter war so schlecht in diesem Ort völlig ohne Abwechslung, daß es dich ins Kino trieb, trotz der Tatsache, daß du solche Art von Filmen regelrecht haßt. Die Schauspielerin in der Hauptrolle sieht aus wie du selber.

Ihr Blick blieb an dem Glaskasten hängen, der nicht nur das Filmplakat, sondern auch einige Szenenfotos zeigte. Der Anblick zog sie wie magnetisch an. Sie starrte auf die Bilder und auch auf das Plakat und mochte ihren eigenen Augen nicht mehr trauen: Die hier abgebildete Darstellerin hatte nicht die geringste Ähnlichkeit mit ihr. Sie war noch nicht einmal blond! Aber sie hatte doch ganz deutlich auf der Leinwand...

An dieser Stelle ihrer Überlegungen brach sie ab.

Noch einmal! versuchte sie erneut, ihre Gedanken zu ordnen. Jetzt ist das Wetter ausgezeichnet, und es gibt nicht die geringsten Spuren des vergangenen Regens mehr, als hätte es ihn nie gegeben. Genau dieser Regen hat dich ins Kino getrieben. Und wieso siehst du eine Schauspielerin auf der Leinwand, die dir ähnelt, wenn die in Wirklichkeit ganz anders auszusehen scheint?

Sie winkte mit beiden Händen ab. Zufällige Passanten gönnten ihr einen erstaunten Blick. Anscheinend wunderten sie sich über ihr Benehmen, aber das war Jessica in dieser Minute völlig egal, denn sie hatte sowieso das Gefühl, allmählich durchzudrehen.

Alles Zufall! redete sie sich ein. Das Wetter war schlecht. Nach dem Kino ist es jetzt besser. Na und? Was die Schauspielerin betrifft: Die Szenenfotos können ja auch separat gemacht worden sein – und bei einem so grottenschlechten Film wundert es überhaupt nicht, wenn die kurzfristig einfach die Darstellerin ausgewechselt haben. Da waren die Fotos und das Plakat wohl schon fertig – und sie hatten kein Geld, neue Fotos anfertigen und neue Plakate drucken zu lassen...

Zwar erschien ihr das nicht sehr einleuchtend, aber immerhin wäre es eine mögliche Erklärung gewesen. Und auch die Tatsache, daß plötzlich auf der Straße viel mehr los war als vor ihrem Kinobesuch, mochte völlig normal sein: Bei schlechtem Wetter waren beinahe zwangsläufig weniger Leute unterwegs als bei gutem Wetter. Und vielleicht hatten jetzt auch einige Leute Feierabend und befanden sich auf dem Weg nach Hause?

In der Nähe wußte Jessica Berger ein kleines Cafe. Es war völlig verwaist gewesen, als sie vorbeigekommen war. Danach erst hatte sie das Kino entdeckt. Jetzt lenkte sie ihre Schritte wieder in Richtung zu jenem Cafe.

Sie kam sozusagen gerade rechtzeitig: Ein Mann in Kellnerkleidung war gerade dabei, die angeschrägt gegen die Tische gelehnten Stühle richtig hinzustellen. Er hatte einen Lappen dabei und wischte alles trocken. Sofern es noch Spuren des vergangenen Regens gab.

Auf Jessica hatte das eine ungemein beruhigende Wirkung. Beinahe hatte sie schon geglaubt, sich den Regen nur eingebildet zu haben, weil man auf der Straße nichts mehr davon sah.

Der Kellner lächelte ihr entgegen, als sie genau auf ihn zusteuerte. Er deutete sogar eine Verbeugung an und meinte charmant:

“Alle Plätze zu Ihrer freien Auswahl, bitte schön!” Jessica lächelte zurück und setzte sich einfach irgendwohin, während sie einen Tee bestellte. Der Tee war genau das, was sie in diesem Moment dringend benötigte.

“Sie sind auf Durchreise?” fragte der Kellner, als er den dampfenden Tee an den Tisch brachte. “Pardon, ich bin mal wieder vorlaut und viel zu neugierig”, fügte er rasch hinzu. “Können Sie mir noch einmal verzeihen?”

“Aber nur, weil Sie es sind!” scherzte Jessica. “Nein, ich bin nicht auf Durchreise, sondern ich arbeite hier.”

“Aha?” Das sollte wohl heißen: “Wo denn?” Jessica verstand es jedenfalls in der Art und antwortete auch prompt darauf. Schließlich sah sie keinen Grund dazu, ein Geheimnis daraus zu machen. Zumal sie noch länger in dieser Gegend bleiben mußte. Vielleicht kam sie ja nicht zum letzten Mal in dieses Cafe?

“Ich arbeite auf New Blackwood Castle.”

“Aha?” kam es wieder zurück. Diesmal jedoch mit anderer Bedeutung. Eine seltsame Irritiertheit schwang darin mit. Und dann fügte der Kellner hinzu: “Dann sind Sie wohl so etwas wie eine... Archäologin oder so?”

Er freute sich sichtlich darüber, daß er nicht nur den Begriff Archäologin kannte, sondern sogar wußte, was damit gemeint war.

Jessica verstand es trotzdem nicht: “Wie kommen Sie darauf, daß ich eine Archäologin sein könnte?”

Er zögerte, ehe er darauf einging.

“Nun, ich meine, das sind doch die Leute, die sich um alte Ruinen und so kümmern, oder?”

“Teilweise schon, aber ich bin keine Archäologin und interessiere mich nur sehr wenig für Ruinen. Die sind normalerweise auch viel zu ungemütlich, nicht wahr?”

Der Kellner lachte gekünstelt, weil er anscheinend den Scherz nicht richtig nachvollziehen konnte, obwohl es überhaupt nicht Jessicas Absicht gewesen war, einen Scherz zu machen. Ganz im Gegenteil...

Und dann versuchte er, seine anfängliche Vermutung zu verteidigen: “Nun, immerhin handelt es sich ja bei New Blackwood Castle um eine alte, verfallene und vermoderte Ruine. Soviel ich weiß hat man dort, wie sonst meist üblich, nicht einmal die Steine geklaut. Alles noch vorhanden, aber in sich zusammengefallen. Ich selbst war noch nie dort draußen, aber ich weiß es von den Touristen, die hierherkommen, extra wegen dieser Ruine.”

“Ruine?” echote Jessica Berger verständnislos. Nein, der Kellner sah nicht danach aus, als hätte er damit selber einen Scherz machen wollen. Es war im offenbar ernst.

Jessica fuhr fort: “Moment mal, wie kommen Sie eigentlich darauf, daß dieses Castle nur noch eine Ruine ist?”

“Wie schon gesagt, die Touristen, die jedes Jahr hierherkommen, um die Ruine zu besichtigen. Sie sind ziemlich begeistert davon, daß die ganze Bausubstanz zwar zusammengestürzt, aber dennoch vollständig vorhanden ist. Das sei eine große Ausnahme. Viele vermuten, es würde wohl an dem Gerücht liegen, weil es auf New Blackwood Castle spuke, daß noch niemand gewagt hat, von dort Steine zu klauen.”

Er versuchte ein Lachen, aber als er Jessicas abweisende Miene sah, erschrak er so sehr, daß es ihm verging.

“Was ist los mit Ihnen? Habe ich was Falsches gesagt?”

“Natürlich!” konterte Jessica trocken. “Denn ich wohne und arbeite dort draußen, und zwar nicht in einer Ruine, sondern in einem vollkommen intakten Schloß. Meine Aufgabe ist es, den dreizehn dort mit ihren Eltern und ihrem Großvater lebenden Kindern Deutsch und Geschichte beizubringen. Ich bin also keine Archäologin, sondern eine Lehrerin.”

Der Kellner schaute sie jetzt an, als hätte sie vollkommen den Verstand verloren. Ohne einen weiteren Kommentar zog er sich zurück.

Jessica sah eine Minute später, daß er sie von drinnen heimlich beobachtete. Das war ja gerade so, als hätte er Angst vor ihr bekommen. Was war los mit dem Mann?

Nein, dieses Cafe würde sie mit Sicherheit nicht mehr besuchen. Selbst wenn es das einzige im ganzen Ort sein sollte. Ein solch seltsames Benehmen war ihr nämlich noch nie untergekommen.

Sie trank den Tee viel zu schnell, weil sie sich nicht wohl fühlte in dieser Umgebung. Als sie bezahlen wollte, war der Kellner nirgendwo zu finden. Sie betrat das Cafe und rief nach ihm. Da tauchte er am Hinterausgang auf und rief hastig: “Kein Problem: Sie waren eingeladen! Danke für Ihren Besuch.”

Eingeladen? Das wurde ja immer verrückter.

Aber Jessica zuckte nur die Achseln und ging davon.

Der Kellner war der erste Einwohner von Blackwood, mit dem sie bisher gesprochen hatte - und dann ein solch Verrückter? Wie war das eigentlich mit den anderen Einwohnern?

Sie schaute suchend umher und entdeckte eine kleine Bäckerei. Unter dem Vorwand, ein Brötchen kaufen zu wollen, trat sie ein. Sie lächelte die Verkäuferin hinter dem schmalen Tresen an, und ihr Lächeln wurde freundlich erwidert. Jessica bestellte ihr Brötchen und meinte beiläufig:

“Haben Sie eine Ahnung, von welchem Bäcker die Herrschaften von New Blackwood Castle ihre Brötchen beziehen? Ich finde, die schmecken ganz besonders gut, wenn sie ganz frisch und noch duftend morgens auf den Tisch kommen.”

Die Verkäuferin schaute sie entgeistert an. Ihre Kinnlade klappte sogar nach unten. So stand sie fast eine Minute lang stocksteif da, während ihre geweiteten Augen auf Jessica gerichtet blieben. Aber dann hatte sie sich wieder gefangen. Sie brustete lauthals lachend los.

“So einen Witz habe ich ja noch nie gehört. Sind Sie vom Fernsehen oder was? Wollen Sie mich hereinlegen? Beinahe hätte ich es Ihnen geglaubt, das mit den Herrschaften auf dem Schloß, das es schon seit Jahrhunderten nicht mehr gibt.”

Jessica schaute nun ihrerseits entgeistert drein und wartete, bis die Verkäuferin fertig war mit Lachen. Nachdem die es endlich geschafft hatte, Jessica das bestellte Brötchen in einer Tüte zu übergeben, meinte sie noch:

“Der war wirklich gut! Alle Achtung!”

Jessica bezahlte und ging ohne ein weiteres Wort.

Ein paar Schritte von der Bäckerei entfernt, schaute sie zum Cafe hinüber. Der Kellner zuckte erschrocken zusammen, als er ihre Blicke gewahrte und flüchtete regelrecht in das Innere des Cafes.

Jessica schaute durch das Schaufenster der Bäckerei. Durch die leichte Spiegelung konnte sie nicht viel vom Innern sehen, aber es reichte, um sie erkennen zu lassen, daß sich die Verkäuferin anscheinend immer noch köstlich über den angeblichen Witz amüsierte.

Für Jessica stand zweifelsfrei fest: Blackwood war kein normaler Ort, sondern eher das, was der Volksmund ziemlich derb als Irrenhaus bezeichnete. Und was wollte sie hier noch?

Sie rannte fast zu ihrem Wagen, um diesem Ort möglichst schnell den Rücken zu kehren. Man wußte ja nie, ob solche Leute nicht auch gefährlich werden konnten in ihrem Wahnsinn...


*


Es war zwar nicht wirklich weit bis zum Schloß, zumal Jessica mit ihrem Wagen unterwegs war, aber trotzdem zog sich die Strecke dermaßen in die Länge, als würde ihr Ziel mit jedem Meter, den sie fuhr, nicht näher kommen, sondern immer weiter wegrücken. Zusätzlich wuchs ihre Nervosität. Der Grund war klar: Mehr und mehr zweifelte sie an der Richtigkeit ihrer Entscheidung, ihren guten Job aufzugeben und stattdessen als Privatlehrerin auf dem Schloß anzuheuern. Wie hatte sie nur so naiv sein können, zu glauben, daß sie das auf Dauer durchhalten konnte?

Aber da hatte sie ja auch noch nicht gewußt, daß diese einsame Gegend nicht nur total verschlafen und völlig ohne Abwechslung war – außer einem Vorstadtkino mit grottenschlechten Billigfilmen, die wahrscheinlich sonst nirgendwo liefen -, sondern daß der einzige Ort weit und breit von ausnahmslos Irren bewohnt wurde.

Doch sobald Jessica endlich das Schloß vor sich sah, war alles wie weggeblasen. Die Nervosität verflog, und neue Zuversichtlichkeit keimte tief in ihrem Innern auf: Das Schloß wirkte zwar in der Tat eher wie eine Trutzburg und ganz und gar nicht wie ein Märchenschloß, aber es war so intakt, als hätte man es neu gebaut, und es handelte sich ganz und gar nicht um etwas, was auch nur entfernt an eine Ruine erinnern könnte. Vielleicht in tausend Jahren, aber jetzt jedenfalls noch lange nicht.

Was Jessica besonders gut gefiel, war der sauber angelegte und sehr gepflegte Barockgarten. Ganz im Stil vergangener Zeit.

Während sie den breiten Weg entlangfuhr, der kerzengerade zum Hof vor dem Schloß führte, kam sie sich beinahe so vor, als würde sie gleichzeitig mit jedem Meter tiefer in die Vergangenheit fahren. Aber sie wohnte bereits seit drei Wochen auf dem Schloß und wußte von daher, daß es nur von außen so altmodisch wirkte. Im Innern war alles auf dem neuesten Stand.

Oder etwa doch nicht?

Sie runzelte nachdenklich die Stirn und überlegte, ob es irgendwo im Schloß einen Fernseher gab. Nein, sie konnte sich nicht erinnern. Vielleicht deshalb nicht, weil sie keinen in den letzten drei Wochen vermißt hatte? Sie hatte auch ganz anderes im Kopf gehabt: Der Lernhunger der dreizehn Jungs vom Schloß war schier unstillbar gewesen. Sie hatten sie mit Fragen regelrecht überrannt. Dabei hatten sie sich als überaus begabt gezeigt. Anfangs hatten sie kein einzige Wort Deutsch gekannt, aber innerhalb dieser kurzen Zeit hatten sie bereits enorme Lernfortschritte gemacht.

Jessica hatte sich sogar schon angewöhnt, mit ihnen sich in ihrer Muttersprache zu unterhalten, sofern das möglich war. Sie wurde von den Jungs schon recht gut verstanden, wenn sie langsam und betont sprach. Nur wenn sie selbst etwas sagen wollten, klang es noch holprig und in einem zwar schauderhaften, aber charmanten Akzent gesprochen. Jessica war dennoch sicher, daß sie ihnen das auch noch wegerziehen konnte. Willig genug waren sie jedenfalls.

Irgendwie freute sie sich jetzt wieder auf ihre dreizehn Schüler. In den drei Wochen hatten sie sich so mustergültig benommen, daß sie von daher gesehen niemals auf die Idee gekommen war, eine falsche Jobwahl getroffen zu haben. Sollte sie sich wirklich durch die unliebsamen Erlebnisse in diesem “blöden” Blackwood drüben aus dem Konzept bringen lassen?

Sie stellte den Wagen auf den dafür vorgesehenen Parkplatz und ließ den Schlüssel stecken. So war das vereinbart: Einer der Bediensteten, der sich um den Fuhrpark kümmerte, würde ihren Wagen hinter das Gebäude bringen, dorthin, wo sich früher die Stallungen befunden hatten. Anstatt Pferde hatten die Herrschaften dort wohl ihre Autos untergestellt.

Jessica hatte noch keine Gelegenheit bekommen, den Fuhrpark des herrschaftlichen Anwesens zu bewundern, aber sie war auch nicht sonderlich interessiert an Autos. Vor allem nicht an solchen, die nicht ihr gehörten.

Beinahe fröhlich schritt sie die breit ausladende Treppe zum Hauptportal hinauf, das sich rechtzeitig öffnete, ehe sie anlangte. Der livrierte Butler mit dem wahrscheinlich obligatorischen Namen James erschien in der Öffnung. Er nickte ihr wohlwollend lächelnd zu.

“Den Ausflug in die nahegelegene Kleinstadt genossen, wenn ich mir die Frage erlauben darf?”

“Sie dürfen sich erlauben, zu fragen, und ich erlaube mir im Gegenzug dazu, Ihnen zu antworten: Nein, ganz und gar nicht! Ich habe keine Ahnung, ob ich sobald meinen Besuch von Blackwood wiederholen werde.”

“Wie soll ich das verstehen?” hakte der Butler prompt nach und schnitt dabei eine betroffene Miene.

“Gar nicht”, gab Jessica lachend zurück. “Vergessen Sie es wieder, James, es ist nur, die Blackwoodleute sind allesamt ein wenig verrückt, wie mir scheint. Ach was, nicht ein wenig, sondern sogar eine ganze Menge!”

Er schien immer noch nicht zu begreifen, worauf Jessica hinaus wollte, aber Jessica hatte keine Lust, es ihm zu erklären. Warum sollte sie an ihre negativen Erlebnisse in der Stadt erinnert werden? Sie wollte sie im Gegenteil so schnell wie möglich vergessen. Sonst kamen wieder diese unangenehmen Bedenken, ob es wirklich richtig gewesen war, hierher zu kommen. Nein, sie wollte ihren Aufenthalt genießen. Und falls diese Kleinstadt mit Namen Blackwood gar zu unmöglich erschien, würde sie in Zukunft weiter weg fahren an ihrem freien Tag. Zwar lagen das Schloß und auch der Ort Blackwood ziemlich abgelegen, umgeben von Hügeln und Wäldern, aber mit dem Auto war das alles ja nicht wirklich ein Problem.

Jetzt würde sie jedenfalls den Rest ihres freien Tages lieber im Schloß verbringen. Vielleicht in der Bibliothek, deren Benutzung ihr ausdrücklich erlaubt worden war? Bislang hatte sie keinerlei Gelegenheit gehabt, sich die Bücher anzusehen und dabei herauszufinden, ob es etwas für sie Interessantes darunter gab. Wenn der Rest dieses Tages nicht Gelegenheit genug war...

Sie winkte dem verduzten Butler noch einmal fröhlich zu und rauschte dann wie der Wirbelwind an ihm vorbei in das Innere der großen Eingangshalle.

Niemand war zu sehen. Die dreizehn Jungs auch nicht, die gern im ganzen Schloß herumtollten. Waren sie denn noch in der Schule? Um diese Zeit?

Jessica hatte völlig vergessen, zu fragen, ob es sich gar um eine Ganztagsschule handelte. Möglich war das schon, denn diese Schule befand sich nicht in Blackwood. Soviel stand fest. Wieso hatte sie eigentlich nicht genauer danach gefragt? Normalerweise wäre es das Erste gewesen, was sie hätte fragen müssen. Vor allem, weil sie ja hatte wissen müssen, wie denn der Wissenstand der Jungs in Geschichte war. Doch bei all den Erklärungen der Jungs war noch nicht einmal der Name ihrer Schule gefallen, geschweige denn, wo diese sich befand.

Ach, egal, dachte sie leichthin und lief schnurstracks in die Bibliothek. Die breite Tür dazu befand sich im Hintergrund der Halle, zwischen den beiden Treppen, die im Bogen nach oben zur Empore führten. Von dort oben aus ging es zu den Schlafgemächern. Das Schloß war immerhin so groß und geräumig, daß noch einige mehr Bewohner Platz gefunden hätten als diejenigen, die bereits hier wohnten. Zumal die Bediensteten allesamt außerhalb wohnten, im angrenzenden Gesindehaus.

Alles hier erschien warm und freundlich. Es gab keinen einzigen dunklen Fleck, in keiner Ecke. Falls das von draußen hereinfallende Tageslicht nicht ausreichte, wurde sofort die Beleuchtung eingeschaltet: Kunstvoll geformte Lampen, wie Jessica sie noch niemals gesehen hatte. Sie spendeten ein angenehm helles und dabei auf keinen Fall blendendes Licht. Gewiß hatten sich die Herrschaften dafür extra einen Designer kommen lassen. So jedenfalls sahen die Lampen aus.

Wenn sie dabei an das angebliche Schloß im Film dachte, mit seiner billigen Kulisse, der man zum großen Teil sogar ansah, daß es sich nur um Kulisse handelte...

Sie machte unwillkürlich eine wegwerfende Handbewegung. Bloß nicht mehr daran denken. Bloß sich nicht unnötig die gute Laune verderben lassen.

Sie betrat die Bibliothek, die dank der hohen Fenster mit dem bunten Glas sehr gut ausgeleuchtet wurde. Diese Bibliothek war immerhin so groß, daß sich wahrscheinlich jede normale Stadtbibliothek gewissermaßen die Finger danach geleckt hätte.

Ein wenig ehrfürchtig blieb Jessica vor den Büchern stehen. Alle waren sorgsam abgestaubt und wirkten sehr gepflegt. Sie konnte sich vorstellen, daß die Ledereinbände regelmäßig behandelt wurden, um nur ja keine Alterserscheinungen zu zeigen.

Sie traute sich, einen x-beliebigen Band herauszuziehen und ihn aufzuschlagen, ohne dabei auf den Titel zu achten.

Es war die Schrift wie im Mittelalter üblich. Das Buch war alles andere als eine Massenanfertigung. Es sah so aus, als wäre es einzeln gedruckt worden, entstanden nicht lange nach der Einführung der Buchdruckerkunst. Auch Sprache und Schrift waren wie aus der damaligen Zeit. Doch das konnte nicht sein. Es mußte sich um eine perfekte Nachahmung handeln, denn wenn das Buch wirklich so alt gewesen wäre, hätte es nicht wie neu wirken können.

Lächelnd stellte Jessica es wieder auf seinen Platz. Sie ging langsam an den langen Buchreihen vorbei und achtete jetzt endlich auch auf die Titel. Es war nichts Modernes dabei. Alles alte Schinken, die wie neu wirkten. Welch ein Aufwand, in der Art der uralten Bücher eine ganze Bibliothek anzufüllen. War der Graf ein solcher Liebhaber der mittelalterlichen Buchdruckerkunst?

Sie nahm sich ein anderes Buch vor. Ein Foliant, der so schwer wog, daß sie ihn auf das Lesepult legen mußte, um darin zu blättern.

Wahllos begann sie zu lesen:

“Im Jahre des Herrn 1437...” Die Schrift war typisch verschnörkelt, die Sprache aus heutiger Sicht sehr holprig. Schriftzeichen waren darunter, die Jessica nur deshalb lesen konnte, weil sie Geschichte studiert hatte und sogar lehrte: “...trug es sich zu, daß jene holde Maid in Ungnade fiel bei ihrem gar so gestrengen Herrn...” las sie weiter unten, völlig aus dem Zusammenhang gegriffen.

Sie blätterte ein paar Seiten weiter und las mitten auf der Seite:

“...nicht böse und nicht gut. Wie es Menschensein beliebt. Doch die Macht war sein, beinahe entlarvt durch jene holde Maid, die ihm nicht mehr aus dem Sinn geraten wollte. Viel zu lange hatte er sich gewehrt dagegen, zuzugeben, was er ihr angetan. Aus purstem Egoismus gesündigt, ja, das hatte er. Sich entlarvt gefühlt, hatte er die holde Maid verstoßen, die ihm doch so getreu gewesen. Nun, allein, verlassen, aus eigenem Begehr, nagte die Einsamkeit gar sehr an seiner Seele. Er hatte schlecht gehandelt, sicherlich, doch begierte es ihn danach, dies wiedergutzumachen. Nicht aus eigenen Machtgelüsten heraus, was ihn nahe des Bösen getrieben hätte, sondern rein aus Einsamkeit und dem Willen zur Wiedergutmachung heraus. Weder gut noch böse, wie er sich zu handeln vorgenommen hatte. Wie ein Mensch halt, obwohl da etwas in ihm wuchs, das ihm zuflüstern wollte, eher ein Gott zu sein als ein solch niederes Wesen. Doch war er ein Gott, wenn es ihn nach jenem Menschlein sehnte, dem er Leid angetan hatte durch die ungerechte Verstoßung? So fielen all seine Bedenken mit einem Mal, und er brauchte es nur noch zu wollen, um sie zur Heimkehr zu bewegen. Ach, wie es ihn freute, als er die holde Maid vor sich erscheinen sah, wie aus dem Nichts. Sie sah schlimm aus. Was war ihr da draußen, unter ihresgleichen immerhin, widerfahren? Doch als sich ihre Blicke kreuzten, sah er ihre Tränen. Sie freute sich gleichsam, wieder daheim zu sein...”

Jessica hob den Blick und hatte Mühe, wieder in die Wirklichkeit zurückzukehren. Welch ein seltsamer Text. Irgendwie schien er überhaupt keinen Sinn zu ergeben. Was war das nun? Ein Roman oder irgend ein mystisches Zeug? Ihr Exfreund hätte ihr dazu sicherlich mehr sagen können.

Sie klappte das Buch einfach wieder zu und trug es auf seinen Platz zurück.

Details

Seiten
150
Jahr
2021
ISBN (ePUB)
9783738955392
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (August)
Schlagworte
keller grafen mitternachtsthriller

Autor

  • Carol East (Autor:in)

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Titel: Der Keller des Grafen: Mitternachtsthriller