Lade Inhalt...

…und einsam heult der Wolf: Texas Wolf Band 56

von Glenn Stirling (Autor:in)
©2021 130 Seiten

Zusammenfassung

Western von Glenn Stirling

Der Umfang dieses Buchs entspricht 119 Taschenbuchseiten.

Ein fehlgeschlagener Überfall führt dazu, dass der Bandit Rolls mit seiner Bande ein Mädchen als Geisel nimmt und flüchtet. Tom Cadburn folgt ihnen mit dem Bruder des Mädchens. Doch die Bande beginnt unterwegs Streit. Jeder einzelne von ihnen ist gefährlicher als eine Klapperschlange, und Tom sieht keine Möglichkeit, das Mädchen zu befreien.

Leseprobe

…und einsam heult der Wolf: Texas Wolf Band 56

Western von Glenn Stirling


Der Umfang dieses Buchs entspricht 119 Taschenbuchseiten.


Ein fehlgeschlagener Überfall führt dazu, dass der Bandit Rolls mit seiner Bande ein Mädchen als Geisel nimmt und flüchtet. Tom Cadburn folgt ihnen mit dem Bruder des Mädchens. Doch die Bande beginnt unterwegs Streit. Jeder einzelne von ihnen ist gefährlicher als eine Klapperschlange, und Tom sieht keine Möglichkeit, das Mädchen zu befreien.



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

Cover: Edward Martin, 2021

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter:

https://twitter.com/BekkerAlfred

Erfahre Neuigkeiten hier:

https://alfred-bekker-autor.business.site/

Zum Blog des Verlags!

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!




1

„Wir haben vier Stunden Zeit“, sagte der graue Ebo und warf einen prüfenden Blick hinunter ins Tal. Dort lag der kleine Ort. Der neben ihm stehende dunkelblonde Rolls folgte dieser Blickrichtung. Er war jünger als der Grauhaarige, größer, kräftiger, und sein kantiges Gesicht wirkte energiegeladen. „Wir hätten uns Zeit lassen können. Warum pennen die über Mittag so lange?“

Der Alte zuckte die Schultern. „Das ist nun mal im Süden so.“

Rolls sagte nichts. Er wandte sich um und schaute zu den Pferden, die in einer leichten Senke des Hügelkammes standen. Und dort war auch das Lager der übrigen sechs Männer. Sie hatten ein rauchloses Feuer von ausgedörrten Kakteen und Gestrüpp gemacht. Ein Stück Fleisch hing über den Flammen. Der Duft zog bis hier herüber. Rolls spürte den grimmigen Hunger, in seinem Bauch.

„Also gut“,sagte er, „ruhen wir uns aus. Das wird den Pferden nicht schaden. Und du bist sicher, dass der Texas-Ranger nicht in der Stadt ist?“

Der Alte schüttelte den Kopf. „Aber nein. Ich sage dir doch, nur dieser dämliche Sheriff ist da und der Alte. Er ist sogar älter als ich. Immerhin sollten wir sehr auf ihn achten. Erstens hat er ein unheimlich weittragendes Gewehr, und zweitens ist er ein alter Fuchs, mit allen Wassern gewaschen. Sonst wäre er hier im Lande nicht so alt geworden.“

„Er wird, sich nicht lange zwischen mich und die zehntausend Dollar stellen können. Hoffentlich stimmt es auch, was du erfahren hast“, meinte Rolls.„Ich meine, wenn es nun keine zehntausend sind.“

„Es ist eine absolut sichere Information“, erwiderte Ebo, ohne den Blick von dem Ort dort unten, zu wenden. „In diesem Nest wohnen nicht mehr als hundert Menschen. Die Hälfte davon sind auch noch Mexikaner. Du siehst doch, was hier zu holen ist.“ Er machte eine Handbewegung in die Runde. „Außer ein paar Schafen kann hier kein Tier sein Leben fristen. Und die anderen, die existieren nur von der Wells Fargo Station.“

Rolls lächelte grimmig. „Klar. Und dort holen wir uns das Geld. Verdammt, wir sind weit genug geritten. Wenn deine Information nichts taugt, war alles für die Katz.“

Der Alte verzog das Gesicht.„Informationen von Betty haben immer gestimmt, das weißt du. Tu nicht so, als hätte sie uns nur ein einziges Mal einen schlechten Tipp gegeben! Das einzige Problem ist der Texas-Ranger gewesen. Aber der kommt frühestens in zwei Tagen wieder. Da sind wir weg.“

„Ein Texas-Ranger hätte uns auch nicht gestört“, meinte Rolls verächtlich. „Das ist auch mir ein Mensch, der mit Wasser kocht.“

Der Alte wandte sich um und sah Rolls mahnend an. „Du neigst immer dazu“, erklärte er. „Das ist dein Fehler. Glaube mir, ich wäre nicht so alt geworden in diesem Geschäft hätte ich solche Fehler gemacht.“

„Ach, pfeif doch auf deinen Cadburn! Wenn er ein richtiges Stück Blei in seinen Astralleib bekommt, dann ist Ende der Fahnenstange; auch für ihn. Und was diesen Alten angeht, für den wird es auch höchste Zeit, dass er auf den Friedhof kommt. Der nimmt den anderen bloß die Luft weg.“

Ebo wollte etwas sagen, tat es aber dann doch nicht. Die Augen in seinem zerknitterten, von Sonne und Wind gegerbten Gesicht wurden schmal. Dann wandte er sieh wortlos um und ging zu

den anderen, die in der Senke saßen, zurück.

Rolls blieb noch eine Weile stehen, blickte hinunter ins Tal und durchdachte noch einmal den Plan, wie sie vorgehen wollten. Er beabsichtigte seine Bande zu teilen. Acht waren sie insgesamt.

Und jeweils vier sollten von Norden und von Süden einreiten. Die Straße verlief genau in der Nord-Süd-Richtung. Die mexikanischen Häuser standen im Südteil, die der Nordamerikaner im Norden. Das Wells Fargo Gebäude war der Beschreibung Ebos nach das vierte auf der linken Seite, wenn man von Norden her in den Ort Fawcett ritt.

Es wird leicht sein, dachte Rolls, wandte sich um und ging langsam zu den anderen zurück. Ein Stück entfernt von ihnen blieb er wieder stehen und schaute die Männer, die da um das Feuer saßen, der Reihe nach an. Ebo hatte sich neben seinen Freunden Marc Erkins und Tim Torring niedergelassen.

Beide waren kräftige, aber nicht mehr junge Männer. Mit ihnen zusammen hatte sich Ebo vor vier Jahren der Bande angeschlossen. Alle drei hatten auf Seiten der Konföderierten den Bürgerkrieg mitgemacht. Und seitdem kannten sie sich auch. Die anderen waren viel junger. Matty und Philby waren etwa im Alter von Rolls selbst, also Mitte, dreißig. Flop und Cat ritten erst seit einem halben Jahr in der Bande mit. Rolls selbst hatte, sie mit Ebos Hilfe seinerzeit aus dem Gefängnis eines Sheriffs geholt: Die beiden Zwanzigjährigen standen damals vor der Wahl mitzukommen oder wegen Viehdiebstahls gehängt zu werden. Ehemalige Cowboys waren sie, die sich allerdings in diesem halben Jahr an der Seite von Rolls und seinen Freunden zu knallharten Typen gemausert hatten. Ebo fand sie oft genug zu hart und zu grausam und versuchte, sie zu zügeln, wenn ihnen die Pferde durchgingen.

Ihretwegen, dachte Rolls, haben wir in Kansas nicht weniger als ein Dutzend Marshals, auf unserer Fährte gehabt. Ebo hat recht Man muss sie kurz halten.

Er ging langsam auf das Feuer zu, und der Bratendurft weckte seinen Hunger aufs Neue.

„Wann ist dieses verdammte Stück Fleisch denn gar?“, rief er den Männern am Feuer zu.

Die wandten die Gesichter in seine Richtung, und der blonde Flop sagte: „Wir haben selber Kohldampf bis unter die Haarspitzen, aber wir können ja ein paar Streifen abschneiden.“ Er war es, der das Fleisch.über dem Feuer drehte.

Rolls fiel auf, wie abgerissen seine Männer wirkten. Es war höchste Zeit, dass sie endlich einmal Beute bekamen und sich neue Klamotten anschaffen konnten.

Rolls ließ sich auf seinem Sattel nieder, während Flop damit begann, mit seinem Bowiemesser Streifen vom Fleisch zu schneiden, die schon gar waren. Immer, wenn er einen abgeschnitten hatte, hielt er ihn an die Spitze des Messers gepickt, einem seiner Kumpane hin.

Ebo bekam zuerst. Er war der Älteste. Und dann die beiden anderen, die auch wie er um die Fünfzig waren, Marc Erkins und Tim Torring.

Zu Tim Torring hatte Flop einmal Großvater gesagt, und seitdem fehlten Flop vorn zwei Schneidezähne. Zudem war die Erkenntnis in ihm gereift, dass Tim Torring nicht nur stark aussah, sondern auch einen Faustschlag verteilte mit der Wirkung eines Pferdetritts.

Als sie alle ein Stück Fleisch hatten, fragte der dunkelhaarige Philby, der als einziger etwas mehr wert auf sein Äußeres legte: „Hast du dir die Sache angesehen, Rolls?“

Rolls nickte. „Ebo sagt, sie schlafen da bis fünf. Und dann machen sie die Station wieder auf. Wir werden die ersten Kunden sein.“

„Und warum nicht einfach jetzt?“, wollte der krausköpfige junge Bursche an der Seite von Flop wissen.

„Weil sie Mittagspause haben, Cat. Und da, ist das Ding verrammelt und verschlossen“, erwiderte Rolls geduldig. „Kannst du dir das nicht denken?“

Cat wirkte ungeduldig wie immer, wenn sie etwas vorhatten. Am liebsten wäre er wohl jetzt losgeritten.

„Und wenn wir die Tür einschlagen?“, fragte Cat.

„Bis du sie auf hast, verlieren wir soviel Zeit, dass wir in einen Bleihagel rennen, wenn wir wieder herauskommen.“

„Nimmst du das ernstlich an? Du weißt doch, wie diese Leute sind. Die haben alle Angst.“

„Es sind immer ein paar“, meinte Rolls mahnend, „die keine Angst haben. Und wenn nur einer von denen richtig trifft und du es vielleicht bist, der eine fängt, was dann, Cat? Schwerverletzte können wir nicht mitschleppen. Das haben wir hundertmal besprochen. Bis jetzt ist es immer gut ausgegangen, und zwar deshalb, weil wir das Risiko klein halten.“

Cat sagte nichts, aber man konnte ihm ansehen, dass er Rolls wegen seiner übergroßen Vorsicht verachtete. Auch Flop machte so ein Gesicht. Rolls meinte, dessen Gedanken lesen zu können, und er sagte sich, dass die beiden sich auch noch die Hörner abstoßen würden, wenn dazu überhaupt noch für sie Zeit war. Irgendwann, dachte er, laufen die ins offene Messer. Verrückt und wild genug dazu sind sie.

Ebo hatte seine Decke vom Sattel geschnallt, hängte sie jetzt an einen Mesquitestrauch, so dass ein wenig Schatten gebildet wurde, dann rollte er sich wie ein Igel im Schatten seiner Decke zusammen und schien auf der Stelle eingeschlafen zu sein. Seine beiden Freunde Tim Torring und Marc Erkins taten es ihm nach.

„Seht euch die an“, meinte Cat. „Die haben noch den Nerv zu pennen, als wäre gar nichts. Tun die jedes Mal vorher.“

„Solltet ihr auch tun“, mahnte Rolls. „Sie sind jedenfalls fit, wenn es darauf ankommt.“

Cat lachte geringschätzig. „Die haben es auch nötig. Wenn man so alt ist wie die …“

Tim Torring öffnete die Augen und warf Cat einen Blick zu. Cat grinste, sagte aber nichts mehr. Aber er wartete schon lange auf eine Gelegenheit, um diesem bulligen Schläger einmal zu zeigen, dass er in seinem Alter keine Chance mehr gegen ihn hatte. Cat konnte Torring überhaupt nicht ausstehen. Aber gegen Rolls, das wusste Cat, kam er ebenso wenig an, wie gegen Philby, Matty oder Ebo. Den alten Ebo hasste er wie die Pest. Und trotzdem musste er zugeben, dass es gerade der Alte war, der immer die besten Ideen hatte.

Irgendwann einmal, dachte Cat, erwischt es die drei Knacker. Wenn die die Löffel abgegeben haben, hören die schlauen Sprüche auf. Mit Rolls kommt man noch klar, und mit Matty, Philby und Flop sowieso. Aber Philby, Matty sind auf Rolls eingeschworen. Ohne den machen die gar nichts. Er ist wie der liebe Gott für sie. Na ja, noch ein paar Stunden, und es geht endlich los. Wird auch höchste Zeit. Die letzten drei Monate sind wir bloß immer vor irgendwelchen Marshals hergeritten und mussten zusehen, dass wir mit dem Rücken an die Wand kamen. Aber heute legen wir ganz groß los. Nur ein paar Stunden noch!



2

Der hagere blonde und an den Schläfen ergraute Sheriff Beck döste im Schatten des Vordachs auf der Veranda. Den Schaukelstuhl, in dem er saß, hatte er selbst gebaut. Ein klobiges, schweres Ding, das er im gleichen Rhythmus bewegte.

Neben ihm auf einer Holzbank lag Old Joe, der eisgraue, faltengesichtige Freund von Texas-Ranger Tom Cadburn.

Er lag auf dem Rücken, hatte sich ein mexikanisches Zigarillo angesteckt und blies den Rauch zur Decke.

„Wann kommt Cadburn wieder?“, fragte Sheriff Beck unter dem Rand seines Hutes weg, den er tief ins Gesicht gezogen hatte.

Old Joe nahm das Zigarillo aus dem Mund, blickte dem kräuselnden Rauch nach und sagte: „Zwei oder drei Tage denke ich. Warum fragst du?“

„Weil sie morgen das Geld bringen. Der Stationer hatte es eigentlich heute erwartet. Aber vorhin ist er bei mir gewesen und sagte, es käme erst morgen. Er hat die Nachricht vom Postreiter bekommen.“

„Komisch“, murmelte Old Joe. „Machst du dir da Sorgen?“

„Ich weiß nicht recht. Aber ein bisschen schon. Ich hätte Cadburn ganz gerne hier.“

„Na, wenn schon. Du könntest dir doch ein paar Männer nehmen, die dich unterstützen, bis das Geld wieder weg ist. Wie lange ist es überhaupt hier?“

„Nur ein paar Stunden. Wenn der Wagen von Pecos kommt, nimmt er einen Teil mit, und der Rest wird ebenfalls am selben Tag hoch abgeholt.“

„Wer es will, könnte es auch unterwegs rauben. Ist bestimmt einfacher als es sich hier in der Stadt zu holen. Was meinst du?“

„Ich weiß es nicht. Aber das ist ein Problem, über das wir heute noch nicht nachdenken müssen. Erst wenn das Geld da ist. Und vor morgen Mittag ist das nicht der Fall.“

Old Joe schnippte den Stummel seines Zigarillos auf die Straße, nahm seinen Hut, der an einem Haken der Stütze hing, und deckte ihn sich übers Gesicht. Sheriff Beck hörte Old Joe mit gedämpft klingender Stimme sagen: „Nichts ist hier los. Die verdammte Warterei. Aber, er wollte mich nicht mitnehmen. Eilig hatte er es gehabt. Eilig. Als wenn ich auf meiner Rosinante nicht ebenso schnell vorwärts käme wie er auf seinem Blauschimmelhengst. In den Bergen holt Rosinante jedes Pferd ein. Nur in der Ebene ist er schneller. Verdammte Warterei!“

„Schlaf, du hast doch Zeit! Du versäumst nichts. Sei froh, dass er dich nicht mitgenommen hat bei der Hitze“, meinte Beck und begann wieder in seinem Schaukelstuhl hin und her zu wippen.

Der Ort war wie ausgestorben. Gegenüber im Schatten hockten ein paar Hühner, die in der Hitze sogar zum Picken zu faul waren. Menschen waren nirgendwo zu sehen. Nebenan hatte ein zottiger Hund einen kühlen Platz im Schatten gesucht, wo er alle viere von sich streckte und wie tot da lag. Nur die aus der Schnauze hängende Zunge und das kaum hörbare Hecheln verrieten, dass er am loben war.

Nicht einmal Vögel zeigten sich irgendwo auf den Dächern.

Beck langte nach seiner Flasche, die er neben seinem Schaukelstuhl stehen hatte, nahm einen Schluck von dem bitteren Tee, den er darin abgefüllt hatte, und stellte die Flasche wieder zurück. Er wischte sich mit dem Handrücken den Mund ab und überlegte, wie schon so oft in seinem Leben, was er denn falsch gemacht hatte, dass er hier in dieser Einöde gelandet war.

Ach was, dachte er, auch morgen wird nichts passieren. Es ist noch nie etwas passiert, wenn die Wells Fargo Geld herbringt. Es wäre das erste Mal. Nie passiert hier etwas. Aber Old Joe kann froh, sein, dass er seinen jüngeren Freund nicht begleitet hat. In dieser martialischen Hitze jagt man doch nicht einmal einen Hund vor die Tür. Und Cadburn wollte bis Pecos hinüber. Das alles in sechs Tagen, wozu andere die doppelte Zeit benötigt hätten. Na ja, er hat ein erstklassiges Pferd, sagte sich Beck, und er ist jünger als ich. Jung genug, um so einen Gewaltritt zu machen. So etwas habe ich früher auch gekonnt … Mit diesem Gedanken schlief auch er ein.

Allmählich sank die Sonne tiefer, doch noch immer war es glühend heiß. Da und dort kam aber Bewegung in den Ort. Hier klappte eine Tür, verließ ein Mann mit einem Eimer das Haus, ein Stück weiter schleppten zwei Frauen einen Backtrog in einen Schuppen. Und die Hühner, die vorhin die Köpfe unter die Federn gesteckt hatten, begannen wieder zu picken. Der Hund nebenan hatte sich aufgerichtet und schnupperte an der Hauswand. Weiter vorne im Ort, dort, wo die mexikanischen Einwohner lebten, tauchten drei junge Mädchen auf, die Körbe auf den Schultern trugen. Sie näherten sich der Ortsmitte und gingen weiter auf die Wells Fargo Station zu, die schräg gegenüber dem Office des Sheriffs lag.

An der Wells Fargo Station wurden jetzt die Fensterläden geöffnet, so dass man die Gitter sehen konnte, mit denen die Fenster zusätzlich geschützt waren. Der Stationer, ein Mann um die Fünfzig, ein Mann mit einem gewaltigen Bauch, trat in die Tür, hakte seine Daumen in die Armausschnitte seiner Weste, reckte den Bauch noch mehr vor und warf einen prüfenden Blick über die Straße. Dann tupfte er sich den Schweiß von der Stirn, wischte sich die Glatze ab, steckte das Taschentuch umständlich weg und begann anschließend die Spitzen seines gewaltigen Schnurrbarts zu zwirbeln. Dabei schaute er hinüber zum Sheriff-Office und schien zu überlegen, ob er zu einem Schwätzchen zu Beck hinübergehen sollte oder nicht. Aber er meinte zu erkennen, dass der Sheriff im Schaukelstuhl eingeschlafen war. So zuckte er nur die Achseln, wandte sich um und schlurfte ins Innere der Station zurück.

Einer der beiden mexikanischen Pferdejungen tauchte mit einer Schubkarre auf und verschwand in der Scheune nebenan. Kurz darauf kam noch ein zweiter Pferdejunge, ebenfalls ein Mexikaner, der eine Melodie pfiff und ebenfalls in der Scheune verschwand. Man hörte die beiden lachen, und wenig später kamen sie mit der voll mit Stroh beladenen Karre zurück.

In diesem Augenblick tauchten die Reiter auf. Es waren vier!



3

Eines der drei Mädchen mit den Körben rief in diesem Moment mit schriller und mit spanischem Akzent gefärbter Stimme: „Misses Kane, wir bringen die Wolle! Misses Kane!“

Old Joe war von dem Ruf des Mädchens erwacht, hörte gleichzeitig den sich nähernden Hufschlag und richtete sich auf. Sein Blick fiel erst auf die drei Mädchen, die genau vor dem Wells Fargo Gebäude standen und zum ersten Stockwerk hinaufblickten. Und da wurde dort das Fenster geöffnet, eine korpulente Frau tauchte auf, blickte erst auf die Mädchen herab, schaute dann aber nach rechts.

Aus dieser Richtung kamen die vier Reiter.

Old Joe sah sie jetzt ebenfalls. Auch der Sheriff war wach geworden und blinzelte den vier Reitern entgegen.

Im ersten Augenblick erkannte Old Joe keinen von ihnen. Sie sahen aus wie Cowboys, ritten aber für die herrschende Hitze unverständlich schnell, und sie waren paniert von Staub.

Plötzlich erkannte er den Vordersten der vier. Er erkannte ihn an der Figur und dann an dem breiten Gesicht. Es war kein Irrtum möglich: der Mann an der Spitze musste Tim Torring sein.

Old Joe hatte ihn zweimal in seinem Leben gesehen. Das erste Mal, als er und Tom ihn geschnappt hatten. Vor drei Jahren war das gewesen. Und das zweite Mal wenig später bei der Gerichtsverhandlung. Zehn Jahre hatten sie ihm gegeben. Aber bereits nach einem Vierteljahr gelang es ihm mit Hilfe seiner in Freiheit befindlichen Freunde aus dem Gefängnis zu entkommen.

Old Joes Gedanken jagten sich. Tim Torring, dachte er, das heißt Rolls Blichard und Ebo Coolidge. Aber das letzte Mal waren sie acht Mann gewesen. Wo sind die anderen?

Vor der Wells Fargo Station parierten die vier ihre Pferde. Erschrocken sahen sich die drei Mädchen um. Zwei ahnten wohl nichts Gutes und rannten mit gerafften Röcken die Straße hinunter. Das dritte Mädchen wollte ebenfalls weglaufen, konnte aber nicht. Zwei der vier Reiter versperrten ihm den Weg. Die anderen beiden trieben ihre Pferde jetzt genau auf das Sheriff-Office zu.

Als Old Joe nach rechts schaute, konnte er vier weitere Reiter erkennen, die von Süden heraufkamen.

Im Gegensatz zu Sheriff Beck, der noch im Schaukelstuhl saß und von den beiden herannahenden Reitern gesehen wurde, lag Old Joe hinter der Brüstung der Veranda. Die Bretter waren auf Lücke genagelt und durch die Ritzen hindurch konnte er das Geschehen verfolgen. Aber länger mochte er nicht warten. Mit einer für sein Alter unheimlichen Behändigkeit, ließ er sich von der Bank rollen, robbte auf die Tür des Office zu, um zu seinen Waffen zu gelangen.

In diesem Augenblick fielen die Schüsse.

Old Joe warf einen kurzen Blick nach links und sah, wie Sheriff Becks Schaukelstuhl wild hin und her schwankte. Und dann hörte er das Röcheln des Sheriffs, der nicht einmal dazu gekommen war, nach seiner Waffe zugreifen.

Ein dritter Schuss fiel und schlug ins Holz der geöffneten Tür zum Haus.

Old Joe war jetzt um den Türrahmen herum, richtete sich auf, hastete zu der großkalibrigen Hawken-Büchse, die abseits vom Gewehrrechen an der Wand lehnte.

Die Hawken war eine gewaltige Waffe. Allerdings ein Einzellader. Doch die großkalibrigen Geschosse richteten bei dem, der davon getroffen wurde, fast immer tödliche Verletzungen an.

Old Joe richtete sich jetzt mit der Waffe auf, stieß den Fensterladen zurück und hatte jetzt einen der beiden Reiter im Schussfeld, einen schmalen, dunkelhaarigen Mann mit buschigen Augenbrauen. Er hatte seinen rauchenden Revolver noch in der Rechten, sah in diesem Augenblick Old Joe, wollte schießen, aber der Alte war schneller. Er riss den Abzug der Hawken zurück, und der Schuss donnerte wie aus einer Kanone aus dem Lauf. Der Reiter wurde aus dem Sattel gestoßen, sein Pferd bäumte sich auf und verdeckte sekundenlang dem zweiten Mann die Sicht. Old Joe ließ sich nach unten sinken, hatte jetzt seinen Waffengurt erreicht, der über der Stuhllehne am Tisch hing, riss den Colt heraus, und es geschah keine Sekunde zu früh.

Im selben Augenblick tauchte in der Türfüllung der zweite der beiden Männer auf. Er hatte seinen Revolver bereits in der Hand, da warf sich Old Joe, der gekniet hatte, beiseite, der Schuss des Mannes vorn fiel, und Old Joe feuerte unmittelbar danach. Er lag auf dem Rücken, feuerte ein zweites Mal, als der Mann schon getroffen gegen den Türrahmen taumelte, und dann brach der Bandit zusammen.

Draußen kreischte das Mädchen mit überkippender Stimme, schrie verzweifelt um Hilfe, und in das Geschrei mischten sich peitschende Schüsse.

Old Joe zog sich hoch, ging zum Fenster und sah drüben, wie zwei der Männer von den Pferden sprangen und in die Wells Fargo Station hineinliefen. Ein dritter hatte die junge Mexikanerin zu sich aufs Pferd gezogen und hielt ihr die Mündung seines Revolvers hinters linke Ohr. Dann brüllte er schon los: „Wenn noch ein einziger Mann etwas gegen uns versucht, ist sie tot!“

Die Stadt hüllte sich in lähmendes Schweigen.

Zwei der Banditen waren jetzt drinnen. Kurz darauf kamen sie wieder heraus und trieben den dicken Stationer vor sich her. Draußen stieß ihm einer der beiden die Mündung einer doppelläufigen Flinte in den Rücken. Dann schrie er in Richtung auf das Sheriff-Office: „Der Bastard, der unsere Jungs umgelegt hat, soll rauskommen! Komm raus, Kerl, oder der Fettsack stirbt!“

„Und das Mädchen auch!“, brüllte der junge Bursche, der die Mexikanerin zu sich aufs Pferd gezogen hatte. Das Mädchen war kreidebleich vor Angst.

„Komm heraus, du Feigling! Sonst geht s dem Fettsack dreckig!“, brüllte der drüben wieder, dessen Flintenmündung dem Stationer in den Rücken gepresst war.

„Es ist … es ist der Freund des Texas-Rangers, der Alte. Er kann es nur gewesen sein“, stieß der Stationer in Todesfurcht hervor. „Mister Joe, kommen Sie doch heraus, bitte! ich möchte nicht sterben. Bitte, ich habe Familie!“

„Das war schon nicht schlecht“, sagte einer der Banditen. „Aber du hast uns noch nicht verraten, wo das Geld ist.“

„Ich habe die Wahrheit gesagt. Es kommt erst morgen. Die haben den Plan geändert. Es kommt erst morgen“, rief der Stationer mit zitternder Stimme.

„Du Scheißkerl willst uns anschmieren. Aber daraus wird nichts.“

Zwei Banditen waren wieder im Haus verschwunden. Jetzt kamen sie mit der dicken Frau des Stationers heraus. Sie schrie wie am Spieß. Einer der beiden hatte sie am Haar gepackt, der andere hielt ihr die Spitze seines Bowiemessers unter die Nase.

„Also, ich zähle bis drei!“, brüllte der Anführer der Bande, von dem Old Joe der Meinung war, dass es der Beschreibung nach Rolls Blichard sein musste.

Die Entfernung war für einen sicheren Revolverschuss zu weit. Old Joe begann in fieberhafter Eile seine Hawken neu zu laden. Das ging nicht so einfach wie bei Gewehren, die mit Patronen schießen. Als er den Lauf gestopft hatte und nur noch die Kugel einfüllte, brüllte es wieder von drüben: „Nun zeig dich, du Feigling! Komm heraus!“

Old Joe dachte gar nicht daran. Die werden nicht riskieren, den Stationer einfach umzulegen. Einen feigen, hinterhältigen Mord traute er ihnen dennoch nicht zu. Das hatten sie noch nie getan. Aber vielleicht war es gar nicht Rolls Blichard? Womöglich hätte sich Tim Torring nur einer anderen Bande angeschlossen. Denn er war der einzige, den Old Joe kannte.

Die Frau des Stationers schrie wieder. Das Mädchen wagte nicht zu schreien. Es saß ganz still vor dem jungen Kerl im Sattel.

Old Joe war mit seinem Gewehr soweit. Er nahm es an die Hüfte, trat dann ans Fenster, ohne dass die Burschen drüben die Waffe selbst sehen konnten. Aber er schob die Mündung dicht neben sich über die Fensterbank. Seine Rechte lag am Abzug etwas nach hinten zurück. Dann schob er den Lauf ganz langsam nach vorn. Die drüben konnten das nicht sehen. Sie sahen nur ihn, sein Gesicht, seinen grauen zottigen Bart, und dann brüllte der Anführer, den Old Joe für Rolls Blichard hielt: „Nun komm schon heraus, du Stinktier!“

„Ich komme heraus, aber erst lasst ihr die beiden Frauen los!“, brüllte Old Joe zurück.

„Du gibst hier keine Befehle, du Stinktier!“, sagte der vermeintliche Rolls Blichard.

Old Joe schwenkte das Gewehr ein paar Finger breit nach rechts. Jetzt hatte er Rolls voll vor der Mündung, und der hatte das noch immer nicht gesehen.

„Ich zähle jetzt bis drei, Rolls Blichard. Du bist es doch, nicht wahr?“

Das Grinsen des Anführers verriet Old Joe, dass es sich offenbar wirklich um Rolls Blichard handelte.

„Ich zähle bis drei, dann lässt ihr die Frauen gehen!“

„Du kannst so lange zählen wie du willst, du Stinker. Komm heraus! Sonst erledigen wir den Stationer. Wir sind es, die zählen. Wirst du endlich hören? Wenn wir ihn umlegen, bist du daran schuld.“

Wie auf Kommando begann der Stationer um sein Leben zu jammern. „Das können Sie nicht tun! Mister Joe, das können Sie nicht tun! Sie sind ein Texas-Ranger.“

„Rede keinen Quatsch!“, erwiderte Old Joe. „Mein Freund ist das, ich bin es nicht. Und das weißt du genau.“

„Ist er nun wirklich einer oder nicht?“, fragte Rolls Blichard und sah dabei den Stationer an. Aber der hörte gar nicht hin. Der war so mit sich und seiner Angst beschäftigt, dass er nur einen Gedanken.hatte: das hier zu überleben.

Old Joe schielte eine Sekunde lang nach rechts und sah, dass Sheriff Beck offenbar tot war. Er lag mehr als dass er saß im Schaukelstuhl. Die Arme hingen schlaff herunter, das Gesicht war blutüberströmt. Die schienen ihn direkt in die Stirn getroffen zu haben.

Der Schwarzhaarige lag zu seinen Füßen. Sein Pferd stand ein Stück entfernt mit hängendem Kopf. Ein zweites Tier, wohl das des anderen, den Old Joe erschossen hatte, war noch ein Stück weggelaufen und stand ebenfalls mit hängenden Zügeln da.

Die Straße war jetzt wieder wie leer gefegt, bis auf die Gruppe vor dem Wells Fargo Gebäude. Aber sonst ließ sich niemand sehen, noch nicht.

Plötzlich blickte Rolls nach Süden zu. Auch ein paar der anderen schauten in diese Richtung. Und dann brüllte Rolls: „Kommt bloß nicht näher, ihr verdammtes Greaserpack, mistiges Gesindel! Bleibt, wo ihr seid! Sonst knallt es!“ Und dann sagte er leiser, an die Adresse seiner Kumpane gerichtet: „Die haben irgend etwas mit dem Mädchen zu tun. Aber die pauken es nicht heraus. Um dieses Greaserpack kümmert sich kein Aas.“

Old Joe rief noch einmal: „Lasst die Frauen frei!“

Plötzlich stieß Rolls einen Befehl heraus, den Old Joe nicht verstehen konnte. Aber unmittelbar danach schwenkten alle Waffen herum, und die Mündungen waren auf Old Joe gerichtet.

Und dann schossen sie.

Old Joe zuckte zurück, war so schnell er konnte, an der Tür und legte sich zu Boden. Während die Schüsse vorn ins Fenster hineinfuhren und die Einrichtung des Offices zertrümmerten, war Old Joe jetzt hinter dem am Boden liegenden Banditen an der Tür angelangt, hatte die Hawken hoch und drückte ab, als er Tim Torring sehen konnte. Der war ihm am nächsten und bot das beste Ziel. Eine große Auswahl hatte Old Joe nicht; und er dachte auch nicht darüber nach.

Als sein Schuss aus dem Lauf fuhr, schien das Haus zu beben. Sofort zuckten die Männer dort drüben herum und suchten das neue Ziel.

Old Joe war schon zurück. Die Schüsse, die ihm galten, prasselten in den leblosen Körper des Mannes, der an der Tür war. Old Joe wusste nicht, dass es sich dabei um Matt Jackson handelte, einem von Rolls Blichard engsten Vertrauten.

Drüben hatte es Tim Torring erwischt. Das gewaltige Geschoss war ihm in die rechte Schulter gefahren, hatte ihn herumgewirbelt und aus dem Sattel seines Pferdes gestoßen. Das Tier jagte in Panik los, und Torring blieb mit dem linken Fuß im Steigbügel hängen. Das davonrasende Pferd schleifte den schwergewichtigen Mann hinter sich her, der dabei schrie wie am Spieße. Aber das Gebrüll erstarb, wurde zum Gurgeln, und zuletzt blieb das Pferd dort stehen, wo das mexikanische Viertel begann. Mitten auf der Straße stand es, und Torring, der noch immer mit dem Fuß im Bügel hing, rührte sich nicht mehr.

Old Joe sah von all dem nichts. Jetzt wurde das Office mit Schüssen eingedeckt.

Er hörte aber plötzlich Schüsse aus einer ganz anderen Richtung. Das musste von der Ortsmitte herkommen, da, wo das mexikanische Viertel begann. Aber es waren nur wenige Schüsse, die jäh abbrachen, als eine Frauenstimme gellend schrie. Das musste die junge Mexikanerin sein, wie sich Old Joe überlegte.

Der Alte kroch ein Stück zurück, nahm eine Spiegelscherbe aus seiner Westentasche und hielt sie so hoch, dass er mit dieser Hilfe die Straße überblicken konnte.

Und da sah er den Grund für diesen Schrei von eben. Der junge Bursche, der das Mädchen vor sich auf dem Pferd hatte, hatte eine Hand ins Haar des Mädchens gekrallt und ihm den Kopf nach hinten gezogen.

Da ertönte wieder ein Schrei. Und jetzt sah Old Joe, dass der vorher gar nicht von dem Mädchen gekommen zu sein schien, sondern von der Frau des Stationers. Der Kerl, der sie festhielt, schien ihr mit der Messerspitze die Haut geritzt zu haben. Old Joe konnte es nicht deutlich erkennen, aber er sah das entsetzte Gesicht, den weit aufgerissenen Mund der Frau; und sie schrie jetzt wieder.

In diesem Augenblick ertönte ein Schuss, und gleichzeitig brach der dicke Stationer zusammen, wälzte sich am Boden, aber Old Joe konnte nicht erkennen, wo er getroffen war.

Länger wollte der Alte nicht warten.

Der Kerl, der den Stationer niedergeschossen hatte, stand jetzt völlig frei.

Old Joe ließ sich nicht die Zeit, seine Hawken ein drittes Mal aufzuladen. Er kroch zurück zum Gewehrrechen, aber dort könnten ihn die Banditen durch die offene Tür sehen. Während er versuchte, eine der beiden Winchester aus dem Gewehrrechen herauszuholen, erfolgte ein regelrechtes Trommelfeuer durch die offene Tür in den Raum hinein.

Ein Schlag an den linken Unterarm riss Old Joe die Hand zurück, aber mit der Rechten hatte er inzwischen den Winchester-Karabiner gepackt, wälzte sich herum und bekam seinen zweiten Treffer, bevor er in Deckung war, in den linken Unterschenkel.

Mit zusammengebissenen Zähnen, verkniffenem Gesicht und schmalen Augen arbeitete sich der Alte kriechend zum Fenster zurück, stemmte sich dort hoch.

Blut lief an seinem linken Arm hinunter. Er spürte auch den schneidenden Schmerz am linken Unterschenkel. Trotzdem stand er, verlagerte das Gewicht aufs rechte Bein, nahm alle Kraft

zusammen, legte die Winchester fest an die Hüfte, machte einen Schritt nach links, so dass er voll in der Fensteröffnung stand und feuerte.

Er schoss, hebelte durch, schoss; hebelte abermals, und das alles geschah trotz der Verletzung des linken Arms in rasender Schnelligkeit.

Drüben drehte sich der Bursche, der den Stationer niedergeschossen hatte, im Kreise, fiel auf die Knie kam wieder hoch und rettete sich in die Deckung eines Pferdes.

Der junge Bursche mit dem Mädchen vor sich galoppierte davon.

Dann hatten sich auch die drei anderen, die noch auf den Beinen waren, in den Sattel gezogen. Zwei von ihnen rissen den wieder auf die Füße gekommenen Tim Torring hoch, und er kam trotz der Schüsse, die Old Joe abfeuerte, noch vor einem jungen Burschen mit krausem Haar aufs Pferd.

Während sie wie wild um sich schossen, so dass Old Joe in Deckung gehen musste, galoppierten sie nach Norden zu aus der Stadt.

Old Joe wollte sie nicht entwischen lassen, nicht mit dem Mädchen als Geisel.

Er beugte sich weit aus dem Fenster heraus, nahm alle Kraft zusammen, um einen gezielten Schuss anzubringen. Er wollte notfalls nur das Pferd des jungen Kerls treffen, der die Mexikanerin vor sich im Sattel hatte.

Aber gerade in diesem Augenblick schoss der letzte der vier Reiter zurück. Schoss und traf Old Joe in die rechte Schulter.

Dennoch hatte der Alte abgedruckt, aber sein Schuss verfehlte das Ziel.

Vom Schlag des Schusses wurde Old Joe gegen den Fensterrahmen geschleudert. Er konnte von einer Sekunde zur anderen seinen rechten. Arm nicht mehr bewegen, und ein lähmender Schmerz strahlte in die ganze Brust aus.

Ihm wurde schwarz vor Augen. Er sackte zusammen und rutschte an der Innenwand des Raumes herunter, bis er am Boden saß.

Er spürte, wie das Blut nur so aus ihm herausquoll.

Endstation, dachte er. Nun gut, ich habe mein Leben gelebt und noch nicht einmal schlecht. Tut mir leid, Tom, wenn du wiederkommst, da werden Sie mich irgendwo verscharrt haben.

Draußen war es jetzt mit einem Male still. Doch das währte nur eine Minute oder zwei. Dann ertönten die Schreie von Männern, und Old Joe, der fast bewegungslos saß, aber alles um sich herum wahrnahm, konnte an den Stimmen heraushören, dass es Mexikaner waren. Vielleicht, so dachte er, die Angehörigen des Mädchens. Er verstand sehr gut die Sprache dieser Leute, und könnte dann hören, um was es ging.

Sie schienen Pferde zu satteln und wollten wohl die Verfolgung aufnehmen.

Es gab in Fawcett keinen Arzt, aber ein ehemaliger Armeesanitäter hatte hier schon vielen geholfen. Er war auch gleichzeitig der Frisör im Ort, und jetzt hatten sie ihn gerufen. Sie riefen ihn wegen des offenbar schwerverletzten Stationers. Die schrillen Schreie von dessen Frau übertönten jetzt alles andere.

Old Joe spürte, wie das Leben aus ihm herausrann, und er stellte keine Gedanken darüber an, ob sie nun auch zu ihm kommen würden, um ihm zu helfen. Sie konnten sich ja denken, dass er verletzt war.

Er hätte nicht sagen können, wie lange er so gehockt hatte. Zeitweise verlor er das Bewusstsein, wachte wieder auf und sah alles wie in der Hitze flimmernd, verwischt und mit roten Punkten durchsetzt. Ihm war, als träume er, als befände er sich gar nicht mehr in dieser Welt. Er hatte das Gefühl zu schweben.

Details

Seiten
130
Jahr
2021
ISBN (ePUB)
9783738955361
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (August)
Schlagworte
wolf texas band

Autor

  • Glenn Stirling (Autor:in)

Zurück

Titel: …und einsam heult der Wolf: Texas Wolf  Band 56