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Dämonen kehren immer wieder zurück: Gruselroman Sammelband 7 Romane

von Alfred Bekker (Autor:in) Wilfried Hary (Autor:in) Wolf G. Rahn (Autor:in) A. F. Morland (Autor:in) Art Norman (Autor:in) Walter G. Pfaus (Autor:in)
©2021 800 Seiten

Zusammenfassung

Diese Ausgabe enthält folgende Beiträge:

Alfred Bekker: Wiedergänger

W.A.Hary/Art Norman: Mark Tate - Rivalen der Nacht

W.A.Castell: Die Diamanten der Dämonen

Walter G. Pfaus: Die Gruft der Grünen Spinnen

A.F.Morland: Das Spinnen-Phantom

Wolf G. Rahn: Skeletthände sind nicht zärtlich

Wolf G. Rahn: Die untoten Rächer

Unverhofft wird ein Kleinganove wegen eines Autounfalls ins Polizeipräsidium gebracht. Bei der routinemäßigen Durchsuchung wird ein Diamant bei dem Ganoven gefunden. Es ist nicht bekannt, dass ein oder mehrere Diamanten gestohlen wurden, und so entschließt sich der zuständige Beamte, einen Fachmann zu bemühen. Dieser behauptet, der Stein habe einen Wert von vielen Millionen Schilling und sei in Indien gestohlen worden. Außerdem habe der Stein magische Kräfte und es wäre seinetwegen schon viel Blut geflossen. Der Kleinganove behauptet, eine Inderin hätte ihm den Stein gegeben. Die Inderin behauptet, sie wisse von nichts. Doch dann taucht plötzlich ein junger Detektiv auf. Er möchte der Inderin helfen und verfügt über bemerkenswerte Fähigkeiten.

Leseprobe

Dämonen kehren immer wieder zurück: Gruselroman Sammelband 7 Romane

Alfred Bekker, Wolf G. Rahn W.A.Hary, Art Norman, A.F.Morland, Walter G. Pfaus, W.A.Castell

Diese Ausgabe enthält folgende Beiträge:


Alfred Bekker: Wiedergänger

W.A.Hary/Art Norman: Mark Tate - Rivalen der Nacht

W.A.Castell: Die Diamanten der Dämonen

Walter G. Pfaus: Die Gruft der Grünen Spinnen

A.F.Morland: Das Spinnen-Phantom

Wolf G. Rahn: Skeletthände sind nicht zärtlich

Wolf G. Rahn: Die untoten Rächer



Unverhofft wird ein Kleinganove wegen eines Autounfalls ins Polizeipräsidium gebracht. Bei der routinemäßigen Durchsuchung wird ein Diamant bei dem Ganoven gefunden. Es ist nicht bekannt, dass ein oder mehrere Diamanten gestohlen wurden, und so entschließt sich der zuständige Beamte, einen Fachmann zu bemühen. Dieser behauptet, der Stein habe einen Wert von vielen Millionen Schilling und sei in Indien gestohlen worden. Außerdem habe der Stein magische Kräfte und es wäre seinetwegen schon viel Blut geflossen. Der Kleinganove behauptet, eine Inderin hätte ihm den Stein gegeben. Die Inderin behauptet, sie wisse von nichts. Doch dann taucht plötzlich ein junger Detektiv auf. Er möchte der Inderin helfen und verfügt über bemerkenswerte Fähigkeiten.




Copyright

COVER TONY MASERO

Eine Cassiopeiapress Romanzeitschrift: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Wiedergänger

von Alfred Bekker



Der Umfang dieses Buchs entspricht 108 Taschenbuchseiten.


Ein Vampir-Schocker.

Rabenschwarz, blutig, grausam, zynisch – und so kalt wie eine Totengruft!

Die Welt wird von Vampiren aus dem Verborgenen beherrscht. Sie sind organisiert wie die Mafia und haben die Erde unter sich aufgeteilt


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



1

„Der Mann in diesem Sarg ist ein Verdammter!", dröhnte die sonore Stimme des groß gewachsenen, korpulenten Mannes. Mit dem langen grauen Bart und den etwas wirr herumstehenden Haaren wirkte er wie ein biblischer Patriarch. Seine Kleidung glich der eines Reverends. Mit der Faust tickte er gegen den dunklen Eichensarg, der in der Mitte der Bühne aufgebahrt war. Es herrschte absolute Stille in der Halle. Die Blicke der Zuschauer waren wie gebannt auf Moses Jordan gerichtet, einem der charismatischsten Prediger, die Amerika je gesehen hatte.

Moses Jordan ließ den Blick über die Reihen der Zuschauer schweifen. "Norman Guthridge, der Mann in diesem Sarg, ist körperlich tot. Aber seine Seele leidet noch immer. Sie leidet unter der Schuld, die unser Bruder Norman, dieses verirrte Schaf vor dem Herrn, auf sich geladen hat..."

Orgelmusik setzte ein.

Moses Jordan öffnete den Eichensarg. Ein knarrender Laut entstand dabei, als er den Deckel zur Seite schob. Der bärtige Prediger blickte auf den bleichen, wächsern aussehenden Leichnam im Inneren des Sargs.

"Ich werde dich jetzt ins Leben zurückholen, Norman!", kündigte Moses Jordan an. "So kannst du deine Sünden öffentlich vor all diesen Menschen hier bereuen und auf Vergebung hoffen..."

Die Orgelmusik schwoll zu einem dramatischen Crescendo an.

Das Licht veränderte sich. Es wurde stockdunkel in der Halle. Nur Moses Jordan wurde von Scheinwerfern grell angeleuchtet. Sein Gesicht wirkte jetzt geradezu gespenstisch.

Jordan schloss die Augen.

Seine Züge verzogen sich, wie unter einer nicht näher definierbaren Qual. Es wirkte, als ob der Prediger eine unglaubliche Kraftanstrengung zu verrichten hätte. Er beugte sich über den Toten, ohne dabei die Augen zu öffnen. Dann legte er der Leiche die Hand auf die Stirn.

"Die Kraft des Herrn fahre in dich, Norman! Sie ist hier anwesend, jetzt, in diesem Augenblick! Die Kraft möge durch meinen Körper hindurch in dich fahren und dir die Augen ein letztes Mal öffnen, damit deine verdammte Seele Frieden zu finden vermag..."

Moses Jordan öffnete die Augen.

Er wandte ruckartig den Kopf in Richtung des Publikums.

Die Orgelmusik wurde mit einem swingenden Rhythmus unterlegt. Ein Gospelchor erklang aus dem Hintergrund.

"Fasst euch bei den Händen, Brüder und Schwestern! Fasst euch bei den Händen und betet dafür, dass diese sündige Seele ein letztes Mal ins Leben zurückkehrt... Lasst den Herrn unter uns sein und ein Wunder der Barmherzigkeit vollbringen. Hallelujah!"

"Amen!", antwortete das Publikum.

"Herr, lass unseren Bruder Norman erwachen!", rief Jordan.

Er hob seine Hand. Das Licht änderte sich. Es wurde bläulich und kalt. Die Szenerie auf der Bühne wirkte wie ein Blick in die Unterwelt.

Im Sarg bewegte sich etwas.

Die Menschen in der Halle hielten den Atem an.

Der Gospelchor verstummte.

Die Orgel verharrte im Tremolo.

Der Leichnam setzte sich auf. Jordan hielt dabei immer die Hand auf die Stirn des Toten, so dass das wächsern wirkende Totengesicht für das Publikum im Schatten der Hand und des Unterarms lag.

"Norman, hörst du mich?"

"Ja...", kam es dumpf zurück.

"Norman, du hast ein sündiges Leben im Dienste Satans geführt..."

"Ja..."

"Du warst ein Zuhälter an der Bowery in New York City. Du hast junge Frauen dazu gezwungen, ihren Körper zu verkaufen! Du hast sie dir mit Drogen gefügig gemacht. Außerdem hast du zahlungsunfähige Schuldner brutal verprügeln lassen! Norman, deine Mutter, die hier unter uns sitzt und ein gottgefälliges Leben in Wrinkleton, Massachusetts geführt hat, wird es nicht gerne hören, aber es hat keinen Sinn, etwas zu beschönigen! Du warst ein Verbrecher!"

Ein unartikulierter Laut war die Antwort. Er klang wie ein Stöhnen. Ein Laut des Schmerzes.

Jordan fuhr fort: "Norman, du wärst verloren gewesen, wenn deine Mutter nicht diesen starken Glauben gehabt und dafür gesorgt hätte, dass dein totes Fleisch heute hier, an diesem Ort ist. Hallelujah!"

"Amen!", antwortete die Gemeinde.

"Die Macht Gottes kann das Fleisch auferstehen lassen. Das steht in der Bibel - und ihr alle seit jetzt schon Zeuge dieses Wunders, das das kommende Himmelreich vorwegnimmt! Hallelujah!"

"Amen!"

"Norman, bereust du, was du getan hast? Bereust du deine Sünden? Bereust du, dass du in unglaublicher Skrupellosigkeit dem Mammon und der Hurerei gedient hast?"

Wieder ein ächzender, stöhnender Laut.

"Ja, es tut weh so etwas zu hören! Das reinigende Feuer Gottes tut weh! Deine Seele erleidet furchtbare Schmerzen! Du hast gedacht, dass mit dem Herzanfall, der dein armseliges irdisches Dasein beendete, alles vorbei wäre! Aber du hast dich geirrt... Du musst durch das Feuer der Verdammnis gehen, hin zum Licht der Vergebung unseres einzigen Herrn! Halleluja!"

"Amen!"

"Du bereust, was du getan hast, Norman? Dann sag es allen, die hier sind! Sag es deinen Eltern, die mit uns für dich beten! Sag deiner Schwester, die immer versucht hat, dich vom Weg des Übels abzubringen, dass du bereust! Sag es uns allen, um endlich deinem Schöpfer entgegentreten zu können! Halleluja!"

"Amen!", murmelte das Publikum.

"Norman, bereust du aufrichtig?"

Sekundenlang herrschte absolute Stille in der Halle. Eine gespannte Atmosphäre der Erwartung war überall spürbar. Das Publikum hielt den Atem an.

"Ja!", kam die gequälte Antwort. "Ja! Ja! Ja!"

Dann sank der Leichnam zurück in den Sarg.

Das Licht ging aus. Die Finsternis verschluckte den Sarg ebenso wie Moses Jordan.

Wenig später beleuchtete ein Spotlight dessen Gesicht und Oberkörper.

Jordan breitete die Arme aus.

"Die Seele von Norman Gutheridge hat ihren Frieden vor dem Herrn gefunden. Halleluja!"

"Amen!", erscholl es.



2

Minuten später erreichte Moses Jordan seine Garderobe. Abschminken stand jetzt auf dem Programm. Er schloss die Tür hinter sich, setzte sich vor den Spiegel. Er sah müde aus. Die Veranstaltung hatte ihn ziemlich geschlaucht. Aber war der Kampf für das Gute nicht jeden Einsatz wert? Er atmete tief durch.

"Bravo! Gute Show!", sagte eine schneidende Stimme. Ein Mann im grauen Maßanzug saß mit übereinander geschlagenen Beinen in einem tiefen Ledersessel auf der anderen Seite der Garderobe. Moses Jordan hatte ihn zuvor nicht bemerkt. Entsprechend erschrocken fuhr er herum. Als ob er aus dem Nichts erschienen wäre!, ging es Jordan durch den Kopf. Sein Gegenüber blickte ihn mit hellblauen Augen an. Der Mann im grauen Maßanzug hatte ein feingeschnittenes, fast engelsgleiches Gesicht, dessen Linien für einen Mann sehr weich wirkten. Sein hellblondes Haar war leicht gelockt, was den engelhaften Eindruck noch verstärkte. Jordan war bei ihrer ersten Begegnung an die Putten des Barock erinnert gewesen.

Der Mann mit dem Engelsgesicht klatschte in die Hände.

"Du bist wirklich gut, Mo!", meinte er, wobei nicht ganz eindeutig erkennbar war, in wie weit er das tatsächlich so meinte. Spott und echte Bewunderung schienen sich mehr oder minder die Waage zu halten. "Du hast Show-Talent!"

"Es ist für die gute Sache!", betonte Moses Jordan ernst.

Ein zynisches Lächeln erschien auf dem Engelsgesicht.

"Oh, natürlich! Du hast die Nummer inzwischen perfekt drauf, wie mir scheint!"

"Es ist keine Nummer!", erwiderte Jordan eisig. "Ich rette verlorene Seelen, verstehst du? Ich kämpfe gegen die Verdammnis!"

"Klar doch!" Der Mann mit dem Engelsgesicht erhob sich. Jordan hatte seit ihrem ersten Zusammentreffen versucht, das Alter des Blonden zu schätzen. Er wirkte sehr jung. In seinem Maßanzug sah er aus wie einer der blutjungen Yuppies in Wall Street. Nur die Augen verrieten eine Erfahrung, die nicht zu dem Gesamteindruck passen wollte.

Der Blonde sah Moses Jordan jetzt direkt in die Augen.

Ein leicht spöttischer Zug spielte um seine Lippen.

"Mir scheint, es wird Zeit, dass du noch etwas dazulernst und einen Schritt weiter gehst..."

Jordan verengte die Augen. Der Unterton, in dem sein Gegenüber mit ihm sprach, gefiel ihm nicht.

"Was meinst du damit?", fragte der Prediger.

Der Blonde lächelte. "Ich denke, wir sind uns darüber einig, dass die schlimmste Form der Verdammnis der Vampirismus ist!"

"Ja."

"Dann werde ich dir jetzt zeigen, wie du diesem Gegner entgegentreten kannst... Das Aufwecken von Toten war eine Art Vorübung dafür." Er grinste. "Solltest du übrigens nicht zu oft machen, Mo! Schadet dem Teint!" Er kicherte.



3

"Hey, Mike! Ich weiß nicht, ob ich wirklich noch mit zu dir will..."

Ein Sternenmeer aus Neonlichtern verbreitete so viel Licht, dass es für jeden New Yorker schwer war, überhaupt noch etwas von den echten Sternen am Nachthimmel zu sehen.

Teresa Pender war 23 Jahre alt, dunkelhaarig und sehr sexy. Das eng anliegende schwarze Kleid betonte ihre aufregende Figur.

Ein guter Fang!, hatte Mike Tensold gedacht, als er es geschafft hatte, die junge Frau an einem der Billard-Tische des LAST CHOICE auf sich aufmerksam zu machen. Das LAST CHOICE war ein Heavy Metal-Schuppen im Süden von Yorkville. Tensold hatte sie so weit gehabt, dass sie bereit war, mit ihm zu gehen. Fünf Minuten Fußweg hatten sie hinter sich.

"Nun komm schon, mach keine Zicken! Mein Wagen ist nur noch einen Block entfernt!", sagte Tensold.

Der gereizte Unterton war unüberhörbar.

So nah am Ziel...

Nein, er würde sich nicht davon abbringen lassen, sich das zu nehmen, was er haben wollte.

Tensold dachte dabei nicht so sehr an ihren formvollendeten Körper, sondern an ihre inneren Werte.

Ihr Blut.

Denn Mike Tensold war ein Vampir.

Der Durst nach Blut wurde beinahe unerträglich. Lange würde er nicht mehr warten, um über sie herzufallen, seine Reißzähne auszufahren und sie in ihren weichen, weißen Hals zu schlagen.

Mike Tensold musterte die junge Frau, fasste sie am Handgelenk, als sie vor ihm zurückweichen wollte.

"Lass mich los, du tust mir weh!"

Instinktiv musste sie erfasst haben, dass Tensold keiner der üblichen Kerle war, die im LAST CHOICE herumhingen, auch wenn seine äußere Aufmachung mit Lederjacke und einem langen Haarschopf, der zu einem Zopf zusammengefasst war, ihn so erscheinen ließen.

Anfangs hatte Teresa die düstere Aura, die diesen Mann umgab, fasziniert. Ja, sie war regelrecht davon angezogen worden. Aber jetzt verkehrte sich die Faszination in Unbehagen.

"Lass mich los, ich gehe nicht mit dir mit!", sagte sie bestimmt.

"Hey, was soll das, Baby?"

"Ich habe es mir eben anders überlegt, das ist alles."

Sie versuchte, sich mit aller Kraft loszureißen, aber sein Griff war eisern. Wie ein Schreibstock.

Teresas Unbehagen wandelte sich in pures Grauen. Der Puls schlug ihr bis zum Hals. Eine Sekunde lang war sie unfähig, auch nur einen einzigen klaren Gedanken zu fassen. Er zog sie an sich, drückte sie gegen die Wand. Im tiefen Rückenausschnitt ihres Kleides spürte sie den kalten Stein.

Teresa schrie aus Leibeskräften.

Sie hoffte, dass irgendein Passant ihr half.

Aber in dieser Seitenstraße gab es um diese Uhrzeit kaum Menschen.

Und die Insassen der Autos, die in mehr oder minder regelmäßigen Abständen um die Ecke bogen und dem Lauf der Einbahnstraße bis zur nächsten Kreuzung folgten, konnten ihren Schrei nicht hören.

Tensold drückte ihr seine Hand auf den Mund.

Ihr Schrei erstarb.

Die Augen der jungen Frau weiteten sich vor Entsetzen, als sie sah, wie die Vampirzähne ihres Gegenübers sichtbar wurden. Einen Sekundenbruchteil später bohrten sich die Zähne in ihren Hals, zerfetzten die Membran ihrer Schlagader. Das Blut spritzte auf. Und Mike Tensold begann zu trinken.

Er gab sich ganz diesem unvergleichlichen Genuss hin. Begierig schlürfte er den kostbaren Lebenssaft in sich hinein. Immer wieder biss er neu zu. Der Hals der jungen Frau war eine einzige Wunde. Als Mike Tensold mit ihr fertig war, ließ er den schlaffen, leblosen Körper zu Boden sinken. Das Blut troff ihm von den Lippen, hatte teilweise seine Kleidung besudelt.

Sein schrecklicher Durst war gestillt.

Zunächst jedenfalls.

Er wandte sich von der Leiche ab, blickte die Häuserzeile entlang. In einiger Entfernung stand ein Mann in den Fünfzigern. Er war gedrungen und etwas übergewichtig. Bei Fuß führte er eine riesige Dogge.

"Was tun Sie da...?", stammelte der Passant fassungslos.

Tensold schnellte ihm entgegen.

Mit einer Armbewegung wischte er sich das Blut von den Lippen.

Der Passant ließ seine Dogge los.

Das Tier sprang auf Tensold zu. Der Vampir fing es mit einem mörderischen Schlag ab. Der Körper der Dogge wurde gegen die nächste Hauswand geschleudert. Mit einer Blutspur rutschte die Dogge zu Boden und blieb regungslos liegen.

Der Passant taumelte zurück. Das Grauen stand ihm ins Gesicht geschrieben. Dann begann er zu laufen. Tensold holte ihn rasch ein. Ein einziger Schlag genügte, um dem Mittfünfziger das Genick zu brechen.



4

Chase Blood ließ sich vom Lift in die oberen Stockwerke des Empire State Buildings tragen. Dorthin, wo Franz, Fürst von Radvanyi, der Herr der New Yorker Vampire, seine Residenz hatte und sein geheimes Imperium regierte.

Im Vorzimmer wurde Chase gleich weitergeleitet.

Der Fürst erwartete die Nummer zwei unter den Vampiren New Yorks offenbar sehr dringend.

Augenblicke später betrat Chase das Büro.

Der Fürst war über dreihundert Jahre alt und stets wie ein Adeliger des 17.Jahrhunderts gekleidet. Das Haar fiel ihm lang über die Schultern. Unter dem brokatbesetzten Gehrock war ein weißes Rüschenhemd zu sehen. Dazu trug er eine Kniebundhose. Sein Gesicht wirkte totenbleich, die Haut fast wie Pergament. Dieser Eindruck entstand vor allem durch den starken Gebrauch von Puder.

Er saß mit übereinander geschlagenen Beinen auf einem zierlichen antiken Rokoko-Diwan. Davor befanden sich ein kleiner runder Tisch und ein paar Sessel, bei denen es sich offenbar auch um Antiquitäten handelte. Diese Möbelstücke bildeten einen eigenartigen Kontrast zu dem modernen Computer-Equipment, über das der Fürst sein Imperium regierte.

In einem der Sessel hatte eine attraktive, gut gekleidete Frau Platz genommen. Ihr dunkles Kleid wirkte elegant und zeichnete perfekt die Linien ihres Körpers nach. Das Gesicht war feingeschnitten, die Augen wach und intelligent.

Chase verzog unwillkürlich das Gesicht.

Petra Brunstein! Die Vampirin gehörte zu den zahlreichen Beratern des Fürsten. Und sie war Chase' persönliche Feindin. Nur zu gerne hätte sie Chase' Position in der Hierarchie der New Yorker Vampire eingenommen.

Um ihre Mundwinkel spielte ein verächtlicher Zug, als sie den Kopf in Chase' Richtung wandte.

"Ich habe dich schon erwartet", sagte jetzt der Fürst. Er wandte sich an Petra. "Wenn du uns bitte jetzt allein lassen würdest..."

"Ja, Herr", erwiderte sie und erhob sich. Als sie Chase erreichte, blieb sie kurz stehen. Ihre dunklen Augen musterten ihn. "Es hätte eine so schöne Nacht werden können, aber dein Anblick sorgt bei mir immer dafür, dass mir übel wird!"

Chase lächelte dünn.

"Das Phänomen kenne ich..."

Petra rümpfte die Nase. "Was ist das für ein apartes After Shave, das du heute benutzt hast? Das Altöl deiner Harley?"

"Ich dachte, damit treffe ich deinen Geschmack, Petra!"

"So long, du Ahnungsloser. Es wird sich wohl nicht vermeiden lassen, dass wir uns demnächst wieder über den Weg laufen."

"Ich fürchte, da hast du Recht!"

Chase sah ihr nach, bis sie den Raum verließ. "Diese Kratzbürste wird sich wohl nie ändern!", murmelte er dann vor sich hin.

Der Fürst deutete indessen auf die Sessel der kleinen Sitzgruppe. "Setz dich, Chase. Es gibt ein Problem, dass ich dringend mit dir besprechen muss."

"Ja, Herr!"

Chase neigte leicht den Kopf.

Er setzte sich.

Der Fürst hob die Augenbrauen, die unter den Schichten von Puder kaum sichtbar waren. Einen Augenblick lang musterte der Herr des New Yorker Vampir-Imperiums sein Gegenüber. Obgleich kaum jemand etwas davon ahnte, war der Dreihundertjährige die weitaus mächtigste Person im gesamten Big Apple. Allerdings übte er seine Macht vorzugsweise aus dem Hintergrund heraus aus. Sein langer Arm reichte sowohl in die Spitzen führender Wirtschaftsunternehmen als auch in Behörden, Verwaltung und Polizei hinein.

Unter allen Umständen aber war ihm daran gelegen, dass die Menschen nicht erfuhren, wer sie in Wahrheit beherrschte.

"Hast du die Lokalnachrichten gesehen?", fragte der Fürst.

"Nein, Herr, ich..."

"Schon gut, ich habe ohnehin direktere Informationsquellen. Die Computer des New York Police Department zum Beispiel. In der letzten Nacht wurde eine junge Frau in Yorkville umgebracht. Der Täter war ganz offensichtlich ein Vampir, daran kann es überhaupt keinen Zweifel geben. Ein weiterer Toter hängt wahrscheinlich mit diesem Fall zusammen. Man fand ihn nur wenige Meter vom ersten Opfer entfernt. Ihm wurde nicht das Blut ausgesaugt, daher vermute ich, dass er den Täter beobachtete..." Der Fürst atmete tief durch. "Ich möchte, dass du ermittelst, wer dahinter steckt, Chase."

"Ja, Herr."

"Ich hoffe nicht, dass >du> so dumm warst..."

"Nein!", wehrte Chase ab.

"Ich habe nichts dagegen, wenn ein Vampir sich zwischendurch einen Imbiss gönnt! Das ist die natürlichste Sache der Welt - zumindest für uns. Aber dann muss das diskret geschehen! Sonst macht es die Menschen auf uns aufmerksam! Es gibt schon genug dieser lästigen Vampirjäger, die sich für die Erfüllungsgehilfen des Guten halten! Wir müssen ihre Zahl nicht noch durch unser Zutun vergrößern."

"Diese Meinung teile ich, Herr."

"Das hoffe ich", erwiderte Fürst von Radvanyi mit einem Unterton, in dem durchaus etwas Drohendes mitschwang. "Ich erinnere mich sehr ungern an die Schwierigkeiten, die daraus resultierten, dass du die Tochter dieses Polizisten getötet hast..."

"Malloy!", murmelte Chase. Er hob den Blick. "Malloy ist tot. Er liegt bei seiner Tochter auf dem Trinity Cemetery."

"Er möge in Frieden ruhen. Aber diese Geschichte sollte uns allen als warnendes Beispiel dienen. Ein Vampir, der auf offener Straße seinen Durst befriedigt, muss zur Rechenschaft gezogen werden! Er gefährdet uns alle!"

"Ja, Herr."

"Außerdem müssen wir eine andere Möglichkeit in Betracht ziehen."

Chase ahnte, worauf der Fürst hinauswollte.

"Sie meinen, dass fremde Vampire dafür verantwortlich sein könnten?"

Immer wieder kam es vor, dass sich Vampire unautorisiert im Machtbereich des Fürsten aufhielten. Die meisten von ihnen hatten es bereut. Außerdem versuchten immer wieder die vampirischen Gegner des Fürsten, ihre jeweiligen Gebiete auch auf New York auszudehnen. Umgekehrt war natürlich auch der Fürst bestrebt, seinen Machtbereich stetig auszudehnen.

"Ich denke, du weißt, was zu tun ist, Chase. Ein umfangreiches Dossier aus Polizeiunterlagen steht dir zur Verfügung. Wenn ein Abgesandter unserer Konkurrenz in Chicago dahinter steckt - töte ihn!"

"Ja, Herr. Und wenn es einer unserer eigenen Leute sein sollte?"

"Dann auch. Schließlich kann ich nicht zulassen, dass meine Befehle so sträflich missachtet werden!"



5

Moses Jordan stieg in die dunkle Limousine und setzte sich zu dem Mann mit dem Engelsgesicht auf die Rückbank.

Er war diesmal nicht wie ein Business-Mann gekleidet, sondern trug einen schneeweißen Anzug, der an die Gala- Uniformen der US-Marine erinnerte. Die helle Kleidung ließ sein Gesicht noch etwas blasser erscheinen.

"Fahren Sie los, Nolan!", sagte er an den Chauffeur gewandt.

Jordan atmete tief durch.

"Ich war etwas überrascht, dass du mich jetzt noch sprechen wolltest, Gabriel", sagte Jordan. "Ich meine, um diese Zeit..."

"Es ist genau die richtige Zeit, Mo!"

"Worum geht es denn?"

"Um den Kampf gegen den Vampirismus."

"Und wohin fahren wir?"

"Zum Trinity Cemetery."

"Ich verstehe nicht..."

Gabriel lächelte kalt. "Du wirst bald verstehen, Mo! Ich habe dir gesagt, dass wir einen Schritt weiter gehen müssen in unserem Kampf. Und außerdem gibt es so viele Fragen, die ich dir bisher nie beantworten durfte. Aber in dieser Nacht wird dir vieles klar werden."

Gabriel musterte den bärtigen Prediger einige Augenblicke lang.

Moses Jordan schluckte.

Die Art und Weise, in der dieser weiß gekleidete Mann mit dem Engelsgesicht ihn ansah, verursachte ein Gefühl des Unbehagens. Gabriels Blick war sehr intensiv. Beinahe so, als würde er direkt in die Seele des Predigers zu blicken vermögen.

Gabriel lächelte.

"Hab keine Angst, Mo. Du bist ein Hirte unter ahnungslosen Schafen. Ein Hirte im Auftrag des Herrn. Einer wie du sollte keine Angst haben - und keinen inneren Zweifel, denn der Zweifel ist der Tod des Glaubens."

Jordan musste unwillkürlich schlucken.

Was weißt du bis jetzt über diesen Mann?, ging es ihm durch den Kopf. Gabriel... Wie aus dem Nichts war er nach einer der zahllosen Predigt-Veranstaltungen aufgetaucht und hatte Jordan angesprochen.

Der Prediger erinnerte sich noch genau daran.

Ein Augenblick, den er nicht vergessen würde.

Gabriel hatte davon gesprochen, ihn in seinem Kampf um die Seelen unterstützen zu wollen. Er sei ein Diener Gottes, so hatte er behauptet. Und er hatte ihm gezeigt, wie man die Seelen Toter für kurze Zeit ins Leben zurückholte.

Er besaß ein umfassendes okkultes Wissen und war bereit, es mit Moses Jordan zu teilen. Jordan war der Faszination der neuen Möglichkeiten erlegen, die ihm nun zur Verfügung standen.

"In jedem von uns schlummern ungeheure Kräfte von denen die meisten Menschen nicht den Hauch einer Ahnung besitzen!", hatte er Gabriels Worte noch im Ohr. "Das gilt auch für dich, Mo!"

Bis sie den Trinity Cemetery erreichten, schwiegen sie.

Dort angekommen stiegen sie aus.

Die Limousine fuhr weiter.

Dann betraten sie den Friedhof, gingen die Reihen der Gräber entlang. Die emporragenden Bäume und Sträucher sorgten dafür, dass es hier in der Nacht dunkler war als an den meisten anderen Orten im Big Apple.

Nebelschwaden waren vom nahen Hudson River aufgestiegen, hatten sich wie Tentakelarme eines formlosen Ungeheuers langsam durch die Straßenschluchten gedrängt. Wie Bänke aus grauer Watte standen sie vor den Hecken und zwischen den Gräbern.

Ein Anblick, der Moses Jordan unwillkürlich schaudern ließ.

>Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt wird leben, wenn er auch stürbe>.

Jesus hatte das gesagt.

Die Angst vor dem eigenen Tod war der entscheidende Faktor gewesen, der ihn so sehr an den Glauben gefesselt hatte. Die Aussicht auf Auferstehung des Fleisches, wie es in der Bibel hieß. Aber Orte, die ihn an den Tod gemahnten, mochte Moses Jordan bis heute nicht, so fest er in seinem Glauben auch sein mochte.

Sein Blick ging die Reihe der Gräber entlang.

Namen, Geburts- und Todesdaten.

Plötzlich blieb Gabriel stehen.

"Genau hier muss es geschehen", sagte er dann.

"Wovon sprichst du?"

"Du wirst es gleich sehen. Es ist ein Wunder, Mo! Ein Wunder, dass der Herr vollbringen wird - durch dich!"

Eine leuchtende, wie ein Fluoreszenz-Phänomen wirkende Aura umgab plötzlich Gabriels Körper. Jordan wich unwillkürlich einen Schritt zurück.

Gabriels Gesicht leuchtete auf geheimnisvolle Weise. Er lächelte. Jordan bemerkte die eigenartige Lichterscheinung auf dem Rücken des weiß gekleideten Mannes.

Flügel!, dachte Jordan mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Schauder. Mein Gott...

Er sank auf die Knie, faltete die Hände.

"Ist es wahr, Gabriel? Du bist ein Engel! Ein Gesandter des Herrn?"

"Hast du es nicht immer geahnt, Mo? Schon bei unserem ersten Zusammentreffen?"

"Ja!", flüsterte Jordan voller Inbrunst. Er war überwältigt, zitterte jetzt am ganzen Körper. "Darum hast du mir geholfen bei meiner Mission..."

"Nicht ich!"

"Nein, ich weiß! Die Kraft des Herrn."

"Du bekommst eine neue Mission, Mo!"

"Eine neue Mission? Und was ist mit dem Kampf um die verlorenen Seelen?"

"Nur ein Teil in einer viel größeren Auseinandersetzung! Dem Kampf gegen die Verdammnis!"

"Ja", flüsterte Moses Jordan.

Gabriel trat näher an Jordan heran, legte ihm eine Hand auf den Kopf, so als wollte er ihn segnen.

"Steh auf, Moses Jordan! Deine neue Mission ist der Kampf gegen die Vampire, jene übelsten Diener des Bösen! Sie sind dem Herrn widerlich und du wirst sie vom Antlitz seiner Schöpfung tilgen wie Ungeziefer, das man zertritt!"

"Hallelujah! Amen!", rief Moses Jordan. Langsam erhob er sich.

Gabriel deutete auf eine der Grabparzellen.

"Dies ist ein Ort, an dem besonders starke Energien wirksam sind. Ein Friedhof. Aber nicht irgendeiner! Zwei Opfer der Vampire aus jüngster Zeit liegen hier begraben. Lieutenant Detective Robert Malloy vom New York Police Department! Ein Cop, der vom Dienst suspendiert wurde, weil niemand ihm glauben wollte, in welch schrecklicher Gefahr wir uns alle befinden! Und Madeleine Malloy, seine Tochter. Beide ermordet von Dienern des Imperiums der Finsternis... Malloy kämpfte allein, aber du wirst Verbündete haben, Mo! Du wirst nicht allein sein in deinem Feldzug gegen das Natterngezücht der Finsternis!"

"Du wirst mir helfen, Gabriel?"

Der Mann mit dem leuchtenden Engelsgesicht schüttelte den Kopf. "Nein, das ist nicht möglich..."

"Aber..."

Gabriel hob die Hand und Moses Jordan verstummte. Noch immer hielt er die Hände gefaltet. Ein Moment der Offenbarung!, ging es ihm durch den Kopf.

Ein Augenblick, wie ein berühmterer Namensvetter ihn vor einem brennenden Dornbusch Jahrtausende zuvor erlebt hatte. Jordans Puls schlug ihm bis zum Hals. Jede Faser seines Körpers war angespannt und wie elektrisiert.

"Ich werde dir zeigen, wie du diese Verbündeten im Kampf gegen die Vampire beschwören kannst, Mo!", kündigte Gabriel an. "Du wirst viel Kraft dazu brauchen... Es ist nicht ganz ungefährlich. Bist du dennoch dazu bereit!"

"Ich bin bereit!", flüsterte Jordan.

"Der Zeitpunkt ist günstig. Wir müssen uns beeilen..."

Eine Bewegung in der Finsternis zwischen den hoch aufragenden Bäumen lenkte Jordan einen Augenblick lang ab.

Da ist etwas!, durchzuckte es ihn.

Er verengte die Augen, ließ suchend den Blick schweifen.

Und dann entdeckte er >es>. Es war beinahe unsichtbar. Nur wenn man genau hinsah, sah man ein über zwei Meter fünfzig großes Monstrum. Es wirkte mit seinen lederhäutigen Flügeln wie die Parodie eines Engels.

Gabriel bemerkte die Verwirrung des Predigers sofort. Ein ärgerlicher Zug erschien in seinem makellosen, glatten Gesicht.

"Ptygia!", stieß er hervor. "Verschwinde! Du siehst doch, wie sehr du dieses brave Kind Gottes verwirrst..."

Jordan stand mit offenem Mund da, starrte das lederhäutige Monstrum an. Ohne Zweifel war dieses Wesen weiblich. Aber es wies auch tierhafte Merkmale auf. Blitzende Raubtierzähne wurden sichtbar. Dann schien Ptygia zu verblassen, war kaum noch sichtbar und verschmolz mehr und mehr mit dem Schatten.

"Was war das?"

"Ptygia gehört zu mir."

"Ah..." Wahrscheinlich hatte sich der Prediger die Geschöpfe des Himmels anders vorgestellt.

Gabriel legte Moses Jordan einen Arm um die Schulter. Eine besitzergreifende Geste.

"Wir dürfen keine Zeit mehr verlieren... Ich muss diesen Ort verlassen!"

Jordan hob die Augenbrauen.

"Warum?"

"Das kann ich dir jetzt nicht erklären, Mo. Und es hat für dich keine Bedeutung."

"Aber..."

"Vertraust du mir, Mo?"

"Der HERR hat dich gesandt."

"So ist es."

"Warum sollte ich dir also nicht trauen?"

"Du musst mir bedingungslos folgen. In allem, was ich dir sage!"

Jordan schluckte ergriffen. "Ja, das werde ich!", versprach er und dachte: Wahrhaftig! Eine Offenbarung! Was sonst konnte dies alles zu bedeuten haben?

Seine Stimme bekam einen belegten Klang. Er wirkte zutiefst ergriffen.

"Ich bin auserwählt, nicht wahr? Ich habe es immer schon gespürt."

Gabriel nickte.

Wie es scheint, wird es ihm wohl sogar noch Spaß machen, seine schwache, sterbliche Lebenskraft zu vergeuden!, ging es dem Mann in Weiß zynisch durch den Kopf.

"Ich werde dich jetzt in das Geheimnis eines sehr mächtigen Rituals einweihen..."



6

Moses Jordan breitete die Arme aus.

Er war jetzt allein auf dem Friedhof.

Sowohl der engelhafte Gabriel, als auch seine monströse Begleiterin hatten sich davongemacht.

Jordan hoffte, dass er alles richtig machte. Er spürte eine unsichtbare, schwere Last auf seinen Schultern. Ich bin der Auserwählte!, ging ihm durch den Kopf. Auserwählt durch einen leibhaftigen Boten Gottes! Wer konnte das schon von sich sagen?

Und jener Weg des Kampfes gegen die Vampire, den Gabriel ihm vorgeschlagen hatte, war mit Sicherheit erfolgreicher, als die Vampirjagd mit Holzpflock und Armbrust, die so manch einsamer Vampirjäger betrieb.

So wie Robert Malloy, der jetzt einige Fuß unter einem Beet mit frisch gepflanzten Blumen seine letzte Ruhe gefunden hatte.

Moses Jordan atmete tief durch. Seine Lippen murmelten Worte in einer unbekannten, uralten Sprache. Wie in Trance wiederholte er immer wieder dieselbe Folge von Silben, deren genauen Sinn ihm heute niemand mehr hätte übersetzen können.

Vielleicht mit Ausnahme von Gabriel.

Gabriel hatte mit einem Stück Holzkohle magische Zeichen auf einige der Gräber gezeichnet, bevor er sich davongemacht hatte.

Welche Rolle diese Zeichen bei der Durchführung des Rituals genau spielten, war Moses Jordan nicht klar.

Er musste dem Mann mit dem engelsgleichen Gesicht einfach vertrauen.

Jordan schloss die Augen.

Er spürte auf einmal, wie eine Kraft ihn von innen her erfasste. Eine geistige Kraft, deren Ursprung er nicht kannte.

Kälte erfasste ihn.

Gabriel hatte ihn diesbezüglich vorgewarnt. "Die Kälte des Limbus, der Zwischendimension... Du darfst sie nicht übermächtig werden lassen!" Immer wieder hallten diese Worte in Jordans Kopf wieder.

Aber jetzt war er allein und auf sich gestellt.

Jordans Gesicht verzog sich wie unter einem starken Schmerz. Er spürte, wie sämtliche Kräfte aus seinem Körper flohen. Seine Knie begannen zu zittern und er fragte sich, wie lange er sich überhaupt noch auf den Beinen halten konnte. Das Gefühl der Kälte breitete sich immer schneller in ihm aus.

Jordan öffnete die Augen.

Aber um ihn herum war nichts als Finsternis.

Ich bin blind!, durchfuhr es ihn schaudernd. Der Puls schlug ihm bis zum Hals. Herr, lass diesen Augenblick vorüber gehen!, durchfuhr es ihn. Sein Mund murmelte derweil unablässig jene beschwörenden Worte, die Gabriel ihm beigebracht hatte. Immer wieder. Eine Wiederholung, die eine Art hypnotischen Singsang ergab.

Jordan konnte nicht sehen, wie sich die Erde auf so mancher Grabparzelle plötzlich zu regen begann. Ein Blitz zuckte aus einem der Grabsteine heraus, griff auf den am nächsten liegenden über. Weitere Blitze folgten. Sie verbanden jene Grabsteine untereinander, die mit magischen Zeichen versehen worden waren. Ein bizarres Muster, das an einen Stern erinnerte.

Der Grabstein von Rob Malloy stürzte vornüber.

Stöhnende, murmelnde Laute drangen jetzt von überall her, vermischten sich dabei mit dem Lärm der nahen Straßen.

Die Seelen der Verdammten!, ging es Jordan durch den Kopf. Sie rufen. Und sie möchten, dass ich meine Mission erfülle - - nicht zuletzt für sie!

Moses Jordan fühlte sich schwindelig. Alles begann sich zu drehen. Er musste sehr aufpassen, um auf den Beinen zu bleiben.

Etwas stieß in der Grabparzelle von Rob Malloy aus der Erde heraus, ließ sich dabei auch vom Wurzelwerk einer Staude nicht abhalten. Knackende Laute entstanden. Der Boden zu Jordans Füßen begann hier und da leicht zu zittern. Es war beinahe so, als wäre jemand auf die Idee gekommen, anstatt eines Toten eine Sprengladung in eines der Gräber hineinzulassen und diese dann nach ein paar Tagen mit Hilfe eines Zeitzünders in die Luft gehen zu lassen. Sand und Gesteinsbrocken flogen plötzlich im hohen Bogen aus der Erde heraus. Löcher bildeten sich. Ein formloses Etwas langte an die Oberfläche. Augenblicke später konnte man sehen, dass es eine Hand war.

Überall kam jetzt Bewegung in die Erde, mit denen die Gräber bedeckt waren.

Arme und Hände erschienen, ragten plötzlich aus dem Erdreich empor und fuhren damit fort, sich aus den Beeten heraus zu graben. Die ersten Köpfe erschienen, halbe Körper. Manche dieser Körper trugen furchtbare Zeichen der Verwesung. Seit Jahren hatten sie in der modrigen Erde gelegen und waren den Gang allen Fleisches gegangen, hatten langsam vor sich hingerottet.

Die zum Großteil umgestoßenen Grabsteine leuchteten, als ob sie aus fluoreszierendem Material bestanden hätten.

Überall schaufelten sich nun mit bloßen Händen untote Wiedergänger an die Oberfläche. Manche von ihnen mit Knochenhänden. Unartikulierte Laute drangen über ihre verwesten Lippen. Es klang wie eine Art Chor. Der Chor der verdammten Seelen!, dachte Jordan ergriffen. Alles drehte sich in seinem Kopf. Ein schreckliches Gefühl der Kraftlosigkeit hatte ihn befallen und die innere Kälte, die nun in ihm herrschte, ließ ihn zittern. Doch unentwegt sprach er die Beschwörungsformel, die Gabriel ihm beigebracht hatte.

Es ist deine Mission!, durchzuckte es ihn. Du darfst nicht nachlassen, nicht der Agonie nachgeben, die dich zu befallen droht! Du musst durchhalten, koste es was es wolle...

Die Furcht vor dem Tod, die Moses Jordan sein Leben lang beherrscht hatte und ihn schließlich zu einem fanatischen Prediger hatte werden lassen, stieg in ihm auf.

Ein Schauder, der das innerste Mark seiner Seele erfasste.

Er versuchte, dieses Gefühl zu unterdrücken, aber es gelang ihm nicht. Oh, Herr, gib mir Stärke!, dachte er, während seine Lippen immer noch unablässig jene Silben formten, die vor Äonen vielleicht einmal einen nachvollziehbaren Sinn ergeben haben mochten.

Ein greller Blitz erschien plötzlich vor seinen Augen.

Es dauerte einige Augenblicke, bis Jordan begriff, dass dieser Blitz in seinem Gehirn stattgefunden haben musste, nicht außerhalb seines Körpers auf dem Trinity Cemetery. Grelles Licht blendete ihn. Er schloss die Augen, aber das half nichts dagegen. Das blendend weiße Licht war da.

Ein Schmerz durchzuckte Jordan vom Kopf aus. Ein Schmerz von einer Intensität, wie er ihn nie zuvor in seinem Leben gespürt hatte. Er schrie unwillkürlich auf. Der Singsang, den er bis dahin ständig fortgesetzt hatte, verstummte.

Jordan ließ die Arme sinken, betastete seinen Kopf.

Langsam nur verebbte diese Schmerzwelle.

Das blendenweiße Licht brannte nicht, es war eiskalt. Als es sich langsam auflöste, kehrte sein Sehvermögen zurück.

Noch immer wurde er von schrecklichen Schwindelattacken heimgesucht. Er taumelte einen Schritt zur Seite und konnte sich nur mit Mühe auf den Beinen halten.

Er blickte sich um.

Ein Blick des Grauens zeigte sich ihm auf dem Trinity Cemetery.

In den kniehohen Nebelbänken standen die wiedererstandenen Toten, die sich mühsam aus dem Erdreich gegraben hatten. Der Friedhof sah aus wie eine Baustelle. Als hätten skrupellose Leichenfledderer ihn heimgesucht. Aber einige Details zeigten doch, dass hier etwas ganz anderes vor sich gegangen sein musste. Etwa die Holzstücke von geborstenen Särgen, die überall herumlagen.

Die Untoten selbst bildeten ein Bild des Grauens.

Der Grad der Verwesung war sehr unterschiedlich. Es gab Tote, die erst vor kurzem begraben worden waren. So wie der Mann in den Vierzigern und die junge Frau. Das müssen Robert Malloy und seine Tochter Madeleine sein!, ging es Jordan schaudernd durch den Kopf.

Hingemeuchelt von skrupellosen Vampiren, den Dienern des Bösen und der Finsternis...

Aber jetzt, so ging es Jordan mit einem Gefühl der Genugtuung durch den Kopf, würden sie Gelegenheit bekommen, sich an jenen zu rächen, die ihnen das angetan hatten. Auge um Auge, Zahn um Zahn, so spricht der Herr!, erinnerte sich der Prediger.

Robert Malloy stand da, blickte an seinem Körper hinab. Er war bleich, seine Haut wirkte wächsern. Ebenso wie bei seiner Tochter. Malloy wandte den Blick in ihre Richtung. Seine Augen blieben ausdruckslos. Madeleine erwiderte den Blick. Sie öffnete halb den Mund, aber kein Laut kam über ihre ausgesprungenen Lippen.

Dies sind die Heerscharen des Herrn im Kampf gegen das Böse!, wurde es Jordan schaudernd klar. Er ging auf die Knie. Nicht in erster Linie aus andächtigen Gefühlen heraus, sondern vor Schwäche.

Malloy machte einen unsicheren Schritt auf ihn zu, betrachtete erst seine Tochter, dann seine Hände, so als könnte er dieses neue Leben, dass ihm eingehaucht worden war noch gar nicht fassen.

Glanz trat jetzt in seine Augen.

Ein hungriger Glanz. Er hob das Kinn, es wirkte fast so, als würde der Ex-Cop Witterung aufnehmen.

Auch die anderen Untoten begannen sich zu bewegen, sie traten auf Jordan zu, bildeten einen Halbkreis um ihn. Es waren Dutzende von zombihaften Untoten, darunter lebende Leichen, die sehr stark zersetzt waren. Mehr Erde als Fleisch. Leere Augenhöhlen, aus denen die Maden heraus krochen, schienen den Prediger anzustarren.

Jordan schluckte unwillkürlich.

Doch dann sah er etwas, das ihm schier den Atem raubte.

Die zerstörten Körper begannen sich vor seinen Augen auf wunderbare Weise zu regenerieren. Modriger Humus wurde wieder zu Muskeln, Sehnen und Fleisch. Nackte Knochen bedeckten sich langsam mit Haut. Selbst halbzerfallenes Kleider-Gewebe begann sich wieder in seinen ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen.

"Es ist wahr!", sagte Jordan laut und voller Ergriffenheit. "Die Auferstehung des Fleisches - sie ist wahr! Hallelujah!"

Die Sinne schwanden ihm.

Das Bild vor seinen Augen verschwamm zu einem formlosen Brei aus Farben.

Er hatte das Gefühl zu fallen.

Dann senkte sich Finsternis über ihn.



7

Diesmal war es eine Blondine, in deren Hals Mike Tensold seine Vampirzähne schlug. Er hatte sie in den Waschraum für Herren hineingezerrt. Das LAST CHOICE schien ein gutes Jagdrevier zu sein. Er drückte die Blondine gegen eines der Waschbecken. Seine Zähne zerfetzten ihr den Hals und mit einem genießerischen Brummlaut schlürfte Tensold ihr Blut.

Der Druck ihrer Arme, mit denen sie ihn wegzustoßen versucht hatte, ließ nach. Das Leben war längst aus ihr gewichen. In ihren starren Augen stand das Grauen.

"Heh, lass mich auch mal!"

Eine Hand packte Mike an der Schulter und riss ihn herum. Blut spritzte aus der Kehle der jungen Frau empor bis an die Decke. Spiegel und benachbarte Waschbecken waren rot gesprenkelt.

Tensold wandte ärgerlich den Kopf, während seine Hände die Leiche mit sicherem Griff festhielten.

Er blickte in die leicht rötlichen Augen seines Kumpels Pel Fernandez.

Fernandez war noch ziemlich jung. Kaum zwanzig und erst seit einem halben Jahr Vampir.

"Was fällt dir ein, Bastardo!", schimpfte Tensold. "Sieh dir die Schweinerei an!" Tensold konnte es auf den Tod nicht ausstehen, wenn Blut verschwendet wurde. "Andere Vampire hungern!"

"Sorry, aber ich dachte, wir sind wie Brüder, Mann! Und in der Kleinen ist doch genug für uns Beide, denke ich!"

Tensold hatte eine giftige Erwiderung auf den Lippen.

Aber er verschluckte sie, als plötzlich jemand von den Toiletten hereinkam, um sich die Hände zu waschen. Ein groß gewachsener, übergewichtiger Rocker mit einer Lederjacke voller Embleme und einem Piratentuch um den Kopf. Der Bart war noch etwas länger als bei den Musikern von ZZ Top. Er hatte ihn zu zwei kleinen Zöpfen zusammen geflochten, was ihm eine gewisse Ähnlichkeit mit einem alt-keltischen Barbarenkrieger verlieh.

Er stand wie erstarrt da, blickte auf das Blut und öffnete dann halb die Lippen, so als wollte er etwas sagen. Aber kein einziger Laut drang aus seinem Mund. Selbst ein Kerl wie er war offenbar von dem, was er hier vorfand zu sehr schockiert, um auch nur irgendeinen Laut herauszubekommen.

"Na, los, Pel! Worauf wartest du?", rief Tensold.

Pel Fernandez schnellte auf den Rocker zu.

Diesem blieb überhaupt keine Zeit, um sich noch zu wehren.

Der junge Vampir versetzte dem Koloss einen brutalen Stoß.

Der Rocker wurde zurückgeschleudert. Er kam so hart gegen die Wand, dass er regungslos zu Boden rutschte. Blut verschmierte dort, wo er aufgekommen war.

"Erledigt!", meinte Fernandez.

Er atmete auf.

Jetzt flog die Außentür der Waschräume zur Seite. Ein Mann mit einer Machete trat ein. Er hatte schwarz gefärbtes Haar, trug Lederjacke und Jeans. Und er blieb vollkommen ruhig, während sein Blick über die Szenerie schweifte.

Tensold ließ den Körper der jungen Frau sinken, deren Blut sich nun in einer ausgedehnten Lache auf den Boden ergoss.

"Was ist dass denn für einer?", knurrte Tensold. Er fuhr seine Vampirzähne ein.

"Mein Name ist Chase Blood", sagte der Mann mit der Machete. "Und ich bin im Auftrag von Franz, Fürst von Radvanyi hier, um euch abzuschlachten!"

Und dabei entblößte Chase für einen kurzen Moment seine Vampirzähne.

Tensolds Augen verengten sich. Er sah zu Fernandez hinüber.

"Da hast du dir aber eine Menge vorgenommen! Wäre es nicht besser, wir würden einen netten Blut-Snack teilen?"

"Ihr gehört nicht zu den New Yorker Vampiren. Und der Fürst hat euch keinesfalls erlaubt, dass ihr euch in seinem Bereich aufhaltet."

"Hey, Mann, warum so förmlich?"

Chase fuhr ungerührt fort.

"Außerdem macht ihr durch eure Unbeherrschtheit die Menschen auf uns aufmerksam. Es gibt schon Vampirjäger genug. Wir müssen keinesfalls noch etwas für die Motivierung des Nachwuchses tun!"

"Sorry, wenn wir eure Regeln verletzt haben, aber..."

"Wie viele seid ihr? Nur ihr beide?"

Tensold ballte die Hände zu Fäusten.

"Jedenfalls sind wir im Moment zu zweit - und du allein! Bevor du es auf die Spitze treibst, solltest du darüber noch mal nachdenken, Bruder!"

"Ich glaube, es ist effektiver, wenn ich mich nur mit einem von euch weiter unterhalte!", knurrte Chase.

Er packte die Machete mit beiden Händen und stürzte auf Tensold zu.

Doch der war schnell.

Und im Gegensatz zu Chase Blood war er offenbar in seinem ersten, menschlichen Leben auch Kampfsportler gewesen. Blitzartig wich Tensold zur Seite, duckte sich. Der Machetenhieb, mit dem Chase dem fremden Vampir den Kopf vom Rumpf hatte trennen wollen, ging ins Leere. Die Spitze der Machetenklinge kratzte über das Glas der Spiegel.

Tensold ließ seinen Fuß hochfahren.

Ein mörderischer Karatetritt traf Chase in Höhe des Bauchnabels. Er taumelte seitwärts, rang nach Luft.

"Verschwinden wir, da kommen sicher noch mehr von seiner Sorte!", rief er.

Der Weg zur Tür, die zum Flur führte, war frei.

Mit zwei weiten Schritten war Tensold dort.

Pel Fernandez folgte ihm.

Aber da war Chase schon wieder auf den Beinen.

Er erreichte Fernandez kurz bevor dieser seinem Kumpan zur Tür hinaus folgte. Dann ließ Chase die Machete niedersausen.

Er hieb tief in die Schulter des Flüchtenden.

Dieser schrie auf.

Der Schmerz musste höllisch sein. Chase wusste, das er seinen Gegner auf diese Weise nicht töten konnte. Aber das beabsichtigte er im Moment auch nicht.

Noch nicht.

Er zog die Klinge aus dem Körper seines Gegenübers.

Er packte den konsternierten und durch den höllischen Schmerz an seiner Schulter völlig außer Gefecht gesetzten Fernandez und schleuderte ihn durch den Waschraum. Er kam hart gegen die Wand, rutschte an ihr zu Boden. Die Wunde, die er dem fremden Vampir beigebracht hatte, würde sich nach einiger Zeit wieder schließen, je nachdem, wie viel Willenskraft Fernandez aufbrachte.

Aber für ein paar Sekunden konnte Chase es riskieren, Fernandez dort auf den Fliesen des Waschraums liegen zu lassen, ohne dass er Angst haben musste, dass ihm der junge Mann entkam.

Chase stürtzte hinauf den Flur, die blutige Machete in den Händen.

Er sah sich zu beiden Seiten um.

Von Tensold gab es keine Spur mehr.

Chase atmete tief durch.

Es hatte keinen Sinn, jetzt zu einer Verfolgung anzusetzen. Dazu war Chase auch gar nicht schnell genug. Aber schließlich war es eine Kleinigkeit gewesen, ihn und seinen Freund beim ersten Versuch aufzuspüren. Chase war überzeugt, dass ihm das wieder gelingen würde. Und wenn sein Gegner New York Hals über Kopf verließ - umso besser für ihn selbst.

Chase drehte sich herum, kehrte in den Waschraum zurück.

Fernandez hatte sich bereits etwas erholt.

Der Schnitt, den Chase ihm beigebracht hatte, reichte Fernandez bis zur Herzgegend. Die übermenschliche Wucht des Machetenschlages hatte Schlüsselbein und Rippen zerschmettert.

Fernandez war auf den Knien, versuchte gerade aufzustehen.

Chase ließ die Machete niedersausen, hieb Fernandez den rechten Arm ab. Fernandez schrie auf. Der Arm rutschte über den Boden. Er würde nachwachsen, aber Chase dachte nicht daran, seinem Gegenüber dazu noch lange genug Zeit zu geben.

Mit einem Tritt vor den Oberkörper stieß er Fernandez zu Boden. Dieser starrte auf den blutigen Armstumpf. Seine Augen waren vor Grauen geweitet. Chase kniete sich auf den Boden, beugte sich über ihn, setzte ihm die Machete an die Kehle.

"Ich will jetzt ein paar Auskünfte!", sagte Chase dann.

Fernandez war fast von Sinnen vor Schmerzen.

Er brauchte seine gesamte Willenskraft, um wenigstens die Blutung des Armstumpfs zu stoppen.

Chase fragte: "Wie viele seid ihr? Nur du und dieser mutige Freund, der dich sofort im Stich gelassen hat, als es schwierig wurde?"

"Ja!", stieß er hervor.

Chase nahm die Machete, drehte sich etwas und ließ sie dann niedersausen. Fernandez schrie auf, als ihm der linke Fuß vom Bein getrennt wurde.

Dann setzte er die Klinge wieder an Fernandez Kehle und der junge Vampir verstummte.

"Keinen Ton mehr! Wenn du dich nicht zusammenreißt, ist es aus mit dir!"

Fernandez presste die Lippen aufeinander.

"Was sollte das?", keuchte er.

"Ich mag's nicht, wenn ich angelogen werde!"

"Also gut, wir sind insgesamt etwa ein Dutzend."

"Und wer schickt euch?"

"Niemand!"

"Sorry, aber bald ist nicht mehr viel an dir dran, was ich noch abhacken könnte!"

Fernandez versuchte, Chase einen Faustschlag zu versetzen. Aber Chase reagierte kompromisslos. Er hieb zu. Ein sauberer Schnitt. Die Faust trennte sich vom Arm. Ein blutiges Stück Fleisch, das ein paar Meter durch den Waschraum geschleudert wurde und dann punktgenau in einem der Becken landete.

Chase grinste. "Zwei Punkte-Korb!"

Das Blut schoss aus dem Stumpf heraus. Fernandez hatte kaum genug Kraft, um den Heilungsprozess in Gang zu setzen und die Blutung zu stoppen.

"Ihr kommt nicht zufällig aus Philadelphia, oder?"

In Philadelphia residierte Magnus von Björndal, einer der schärfsten vampirischen Konkurrenten des Fürsten. Immer wieder hatte er versucht, seinen Einflussbereich auszudehnen, wie umgekehrt auch der Fürst Philadelphia gerne unter seinem Einfluss gesehen hätte.

Fernandez war jetzt nicht mehr in der Lage, zu antworten.

Der Schmerz machte ihn rasend.

Chase ließ die Machete niedersausen, trennte ihm den Kopf vom Leib - oder dem, was Chase davon noch übrig gelassen hatte.

Fernandez zerfiel zu grauem Staub.

Nur die Kleidung blieb zurück. Sie fiel in sich zusammen. Chase durchsuchte die Taschen, fand neben einem Ticket für den Nachtzug aus Philadelphia auch die Adresse eines Hotels in Manhattan. Dazu einen maschinell ausgestellten Rechnungsbeleg über die Inanspruchnahme des Zimmer Service für eine bestimmte Suite.

Also doch!, durchzuckte es Chase. Sie kamen aus Philadelphia.

Magnus von Björndals Leute!

Und wie es schien, ein ganzes Nest davon!

Den Fürst würden diese Nachrichten nicht gerade freuen!

Chase ging hinaus.

Er passierte den Flur, erreichte schließlich das LAST CHOICE. Die Heavy Metall Musik, die dort aus den Boxen dröhnte war derart laut, dass es ziemlich unwahrscheinlich war, dass jemand die Schreie aus dem Waschraum gehört hatte.

Umso besser, dachte Chase.

Das machte die Sache unkomplizierter.

Sein nächstes Ziel stand fest. Es war das Hotel Shapiro am unteren Broadway. Zumindest einer der Philadelphia-Vampire hatte dort übernachtet. Und möglicherweise gab es da ja ein ganzes Nest.

Chase atmete tief durch, als er ins Freie gelangte und die kühle Nachtluft in sich aufsog.

Scheiß Job!, dachte er.



8

Malloy ging die Straße entlang. Madeleine folgte ihm mit etwas Abstand. Ein paar Meter dahinter folgten weitere jener wiedererstandenen Toten, die sich aus den Gräbern des Trinity Cemetery heraus gegraben hatten. Es war weit nach Mitternacht und der Verkehr in New York hatte zwar etwas nachgelassen, war aber weit davon entfernt, sich völlig zu beruhigen. Diese Stadt schlief eben nie. Malloy drehte sich um, ließ den Blick schweifen. Er starrte einer Limousine nach, die die Straße entlangfuhr.

Dann stierte er einen Passanten an, der daraufhin etwas befremdet wirkte.

Sieh dir alles genau an!, ging es durch seinen Kopf. Sieh es dir an und nimm es sorgfältig in dir auf...

Er wirkte wie jemand, der zum ersten Mal diese Straße entlang ging. Jemand, der nicht wusste, wo er war. Sein Blick war der eines ahnungslosen Kindes.

Alles ist so fremd!, dachte er. Nichts erinnert dich an die eiskalte Welt, aus der du gekommen bist.... Es wird eine Weile dauern, bis du dich zurechtfindest...

Er stoppte abrupt, betrachtete einige Augenblicke lang einen Obdachlosen, der in einer Türnische saß.

Madeleine blieb ebenfalls stehen.

Sie wechselte einen kurzen Blick mit ihrem Vater.

Malloy atmete tief durch.

"Wir werden Vampire jagen!", sagte Malloy. Er lächelte dabei, betastete ungläubig seinen Mund, so als konnte er kaum glauben, dass er tatsächlich gesprochen hatte.

"Ja!", stieß Madeleine hervor.

Und auch sie betastete ungläubig ihre Lippen. "Es funktioniert tatsächlich..."

"Ich hätte es kaum für möglich gehalten!"

"Was ist geschehen?"

"Ich weiß nicht... Aber ich bin überzeugt davon, dass wir es bald begreifen werden."



9

Mike Tensold atmete tief durch, als er sich in seiner Suite im Hotel Shapiro am südlichen Ende des Broadway befand. Er schloss die Tür hinter sich. Hier war sein Ruheraum, an dem er die Tage in einem fast komatösen Schlaf verdämmerte, so wie Vampire es zu tun pflegten.

Der Fernseher lief.

Zach McCall, einer der anderen Vampire, die mit Mike Tensold nach New York gekommen waren, saß vor dem Bildschirm, sah sich die nächtliche Wiederholung eines Footballspiels an und aß dazu Chips. Auf dem niedrigen Wohnzimmertisch standen leere Bierdosen.

"Hi, Mike!"

Tensold ging zum Fernseher, schaltete ihn ab.

McCall sah ihn ärgerlich an. Er hatte den Körper eines Dreißigjährigen, trug ein fleckiges T-Shirt und Jeans. In Wirklichkeit war er allerdings bereits über sechzig. Aber das sah ihm niemand an.

"Wir müssen reden", sagte Mike Tensold.

"Hey, was soll das? Ich weiß, dass Magnus von Björndal gewisse Erwartungen an unseren hiesigen Aufenthalt hat, aber ich finde, wir haben schon für genug Aufsehen gesorgt! Ich habe heute Abend auch noch einen kleinen Imbiss verzehrt!" Er kicherte. "Ein Zimmermädchen aus dem Shapiro!"

"Bist du verrückt?"

"Ich habe sie in einer Seitenstraße abgelegt. Aber man wird sie natürlich finden. Und die verdammten Vampirjäger werden aus den Meldungen in der Presse schon ihre Schlüsse ziehen..." Er sah Tensold an, stierte auf die Blutflecken auf dessen T-Shirt. Jetzt, da er die Lederjacke aufgeknöpft hatte, kamen sie zum Vorschein. McCall grinste. "Ich sehe, du warst auch aktiv!"

Genau darin bestand der Auftrag, den Magnus von Björndal seinen nach New York entsandten Leuten gegeben hatte. Sie sollten die Aufmerksamkeit der Vampirjäger auf New York richten, damit Fürst von Radvanyi so viel Ärger wie nur irgend möglich bekam. Sollten sich die unter dem Befehl des Fürsten stehenden Vampire doch erstmal an den Vampirjägern buchstäblich die Zähne ausbeißen... Für Magnus von Björndals Gefolgschaft würde es dann umso leichter werden, New York schließlich zu übernehmen.

"Pel und ich wurden in den Waschräumen des LAST CHOICE angegriffen", meinte Tensold.

"Und?" McCall kniff die Augen zusammen. "Was ist mit Pel?"

"Er hat's wohl nicht geschafft! Dieser Kerl hatte eine Machete."

"Ein Vampir?"

"Sicher, sonst hätte ich ihn doch alle gemacht!"

"Verdammt!"

"Scheint so, als wären die New Yorker Artgenossen auf uns aufmerksam geworden."

"War doch früher oder später mit zu rechnen!"

Tensold nickte. "Wenn du mich fragst - um Pel Fernandez ist es auch nicht besonders schade. Ich konnte ihn ohnehin nicht leiden..."

"Weil er scharf auf deinen Posten war!", stellte McCall grinsend fest und entblößte dabei kurz seine Vampirzähne.

Ein ärgerlicher Zug trat in Tensolds Gesicht. Es passte ihm nicht, dass für McCall seine Gedanken offenbar wie ein offenes Buch waren.

Das krachende Geräusch von berstendem Holz ließ die beiden Vampire herumfahren.

Jemand hatte die Tür eingetreten.



10

Robert Malloy war in einem dunklen Anzug beerdigt worden. Genau die richtige Garderobe für ein Hotel wie das Shapiro.

Trotzdem fiel er dem Nachtportier viel mehr auf als Mike Tensold mit seiner abgetragenen Lederjacke und der fleckigen Jeans. Tensold hatte als Beruf 'Musiker' ins Gästebuch eingetragen. Das Hotelpersonal war in dieser Hinsicht einiges gewohnt.

Malloy fiel wegen seines eigenartigen Ganges auf. Er wirkte zögernd, unsicher.

Zusammen mit Madeleine betrat er die Eingangshalle des Shapiro.

"Hier sind sie!", sagte er.

Madeleine nickte. "Ja."

"Du spürst ihre Anwesenheit auch, nicht wahr?"

"Ja", hauchte sie. Ein eigenartiger Glanz trat in ihre Augen.

Seine Lippen zuckten, formten etwas, das sehr entfernte Ähnlichkeit mit einem Lächeln hatte.

Der Portier runzelte die Stirn.

Was ist das denn für einer?, ging es ihm durch den Kopf. Irgendetwas stimmte mit dem Mann nicht... Und für die Frau galt dasselbe!

Sie traten an die Rezeption heran.

Der Nachtportier hob die Augenbrauen.

"Sie wünschen?"

Malloy und Madeleine wechselten einen kurzen Blick.

Als keine Antwort kam, meinte der Portier: "Bei Gästen, die ohne Gepäck kommen, muss ich allerdings auf Vorkasse bestehen. Ich denke, dafür haben Sie Verständnis."

Mit einer Schnelligkeit, die der Portier keinem der beiden zugetraut hatte, wurde sein Handgelenk von Malloy gepackt.

"Heh..."

Der Portier verstummte.

Malloys Griff war wie ein Schreibstock.

Er schien über eine geradezu unmenschliche Kraft zu verfügen.

Seine Hand verwandelte sich, ihre Form floss auseinander. Die Finger wurden zu Tentakeln, die den Arm hinauf wuchsen. Innerhalb einer Sekunde reichten sie bis zu den Achseln des Portiers, einen Augenblick später waren sie bereits zum Kopf emporgewachsen. Sie teilten sich. Ein kleineres etwa einen halben Finger dickes Tentakel saugte sich an der Schläfe fest. Ein Zischlaut entstand. Der Blick des Portiers wurde leer und starr.

Die Tentakel zogen sich blitzschnell wieder zurück.

Malloys Hand bekam ihre alte Form zurück.

Er ließ den Portier los.

Dieser wirkte orientierungslos und verwirrt. Er starrte Malloy an, öffnete die Lippen, brachte aber nicht ein einziges Wort heraus.

Er wirkte wie zur Statue gefroren, starrte scheinbar ins Nichts.

Malloy wandte sich an Madeleine.

"Ich weiß jetzt, was >er> wusste!", stellte er fest. "Im dritten Stock wohnen die, auf die die Merkmale zutreffen..."

"Dann hat uns unser >Sinn> nicht im Stich gelassen..."

"Er funktioniert auch hier... Seltsam..."

"Was?"

"Die Bewohner dieser Welt scheinen nichts von der Existenz der Vampire zu wissen..."

"Lass uns keine Zeit verlieren!"

"Ja."

Sie gingen die Treppe hinauf. Weder Madeleine noch Malloy kamen auf den Gedanken, den Lift zu benutzen.

"Eine unvollkommene Art der Verständigung", sagte Malloy plötzlich.

Madeleine sah ihn fragend an.

"Was?"

"Reden."

"Das stimmt."

Sie nahmen immer mehrere Stufen auf einmal. Die Suite im vierten Stock, auf deren gegenwärtige Bewohner die Vampirmerkmale zutrafen, hatten sie schnell erreicht.

Malloy zögerte, bevor er versuchte die Tür zu öffnen.

"Dieser Körper...dieses Gehirn..."

"Hast du es nicht originalgetreu genug nachgebildet?"

"Doch..." Die Karikatur eines Lächelns erschien auf Malloys Gesicht. Es verzog sich zu einer schwer deutbaren Grimasse. "Da sind einige Bewegungsreflexe... Warte!"

Im nächsten Moment trat Malloy die Tür ein, so wie es der Lieutenant Detective bei zahllosen heiklen Einsätzen getan hatte.

Die Tür flog zur Seite.

Die beiden Vampire wirbelten herum.

Ein Ausdruck vollkommener Überraschung stand ihnen ins Gesicht geschrieben.

"Hier sind wir richtig!", sagte Malloy an Madeleine gewandt.

Die beiden betraten die Suite. Sie bewegten sich nicht mit besonderer Eile. Dazu bestand auch kein Grund. Sie wussten, dass die beiden Blutsauger ihnen nicht entkommen konnten.

Der Fluchtweg war ihnen schließlich abgeschnitten.

Tensold wich einen Schritt zurück. McCall erhob sich aus dem Sessel, kaute noch auf ein paar Chips herum.

"Du hättest mir auch sagen können, dass dir Radvanyis Brut so nahe auf den Fersen ist!", beschwerte sich McCall.

Tensold ging derweil zum Angriff über.

Er machte einen Schritt zur Seite, griff sich einen Spieß aus dem Kaminbesteck und stürmte damit auf Malloy zu. Malloy wich blitzschnell zur Seite. Der Stoß ging ins Leere.

Malloy packte den Spieß, riss ihn dem Vampir aus der Hand und schleuderte ihn zur Seite. Das Metall kratzte über den edlen Parkettboden. Tensold wich zurück.

Malloy setzte nach, streckte den Arm nach dem Vampir aus. Und dabei verwandelte er sich in ein langes kräftiges Tentakel, dessen dünnes Ende sich wie eine Peitschenschnur um Tensolds Hals legte.

Tensolds Augen quollen vor Schrecken aus ihren Höhlen.

Malloy - dessen Gestalt jetzt nur noch teilweise menschlich war - zog den Vampir zu sich heran. Auch der andere Arm verwandelte sich in ein Tentakel. Malloy setzte es an der Schläfe ein. Ein Zischlaut war zu hören. Tensold schrie laut auf, als sich ein fingerdickes Tentakelende in seinen Schädel hineinbohrte.

Er ließ das Knie hochfahren, schlug mit aller Kraft auf seinen Gegner ein und versuchte ihn von sich zu stoßen.

Malloy taumelte zurück.

Tensold keuchte. Aus der Wunde an seinen Kopf blutete es.

Gleichzeitig fühlte er eine unheimliche Schwäche. Eine Schwäche, die nichts mit dem zu tun hatte, was mit seinem Körper geschehen war... Die Gedanken wurden langsamer, es fiel ihm schwer, sich zu konzentrieren.

Malloy war durch den Stoß des Vampirs fast bis zur Tür zurückgeschleudert wurden. Er stöhnte auf, erhob sich dann langsam. Einige Augenblicke lang bildete sein Körper eigenartige Formen aus. Tentakelartige Gliedmaßen, die keinen speziellen Zweck zu erfüllen schienen. Dann stabilisierte sich seine Form wieder. Mit einem vollkommen menschlichen Körper erhob sich Malloy wieder. In seinem Gesicht zuckte es. Er warf einen kurzen Blick zu Madeleine, die inzwischen auch zum Angriff übergegangen war. Aber McCall wich ihr aus. Offenbar war der Chips essende Vampir kein großer Kämpfer.

Tensold schnellte ein paar Schritte seitwärts, bückte sich und griff nach dem Kaminspieß.

Er schleuderte ihn wie einen Speer.

Der Spieß bekam durch die übermenschlichen Kräfte des Vampirs eine ungeheure Wucht.

Die Spitze drang durch Malloys Brustkorb hindurch.

Es war ein Akt der Verzweiflung. Natürlich wusste Tensold, dass er einen vampirischen Gegner auf diese Weise nicht zu töten vermochte. Aber immerhin konnte er ihn möglicherweise schwächen. Und in der Zeit, in der er sich regenerierte, war er verwundbar. Verdammt, warum musste dieser Kaminspieß auch aus Gusseisen sein - anstatt aus Holz!

Inzwischen zweifelte Tensold jedoch dran, es überhaupt mit einem Vampir zu tun zu haben. Zwar gab es durchaus auch Vampire, die ihre Körperform zu ändern vermochten, aber von einem tentakelbildenden Monstrum unter seinen Artgenossen hatte der Vampir noch nie etwas gehört.

Er fühlte Schwindel. Alles drehte sich vor seinen Augen.

Mit letzter Kraft hatte er sich aus den Tentakelfängen seines Gegenübers befreit. Er atmete schwer. Schweißperlen standen ihm auf der Stirn. Er hat dir einen Teil deiner Kraft genommen!, wurde es ihm klar. Auf welche Weise das auch immer geschehen sein mochte...

Der Schmerz an seinem Kopf war höllisch.

Malloy hingegen schien das in seinen Brustkasten eingedrungene Wurfgeschoss wenig auszumachen.

In seinem Gesicht zuckte wieder die Verhöhnung eines menschlichen Lächelns. Er kam näher, ging unerbittlich auf Tensold zu.

Der Vampir ahnte, dass sein Gegenüber die besseren Karten auf seiner Seite hatte.

"Im Gegensatz zu dir kenne ich keinen Schmerz!", sagte Malloy dann gedehnt. Er öffnete den Mund. Eine Art Lachen drang über seine Lippen. Er riss dabei den Mund auf wie ein heulender Wolf.

Dann packte er den Kaminspieß, zog ihn sich aus der Brust heraus.

Blut und grüner Schleim flossen aus der Wunde, die sich schon wieder zu schließen begann. Malloy schleuderte den Spieß in Tensolds Richtung. Er durchbohrte den Vampir, ließ ihn zurücktaumeln und nagelte ihn förmlich an die Wand. Die Spitze steckte in der Holzvertäfelung fest. Tensold schrie laut auf. Einen Augenblick später war Malloy bei ihm. Seine Arme wurden zu Tentakeln, die sich immer wieder teilten. Blitzschnell wuchsen sie und schnürten Tensold regelrecht ein. An mehreren Stellen bohrten sich die Tentakelenden in den Schädel. Aber da hatte Tensold schon gar nicht mehr genug Kraft, um zu schreien. Sein Blick erstarrte wie unter einem Anfall von Katatonie.

Malloy stieß unterdessen ein wohliges Brummen aus.

"Ja, das tut gut!", murmelte er, während er den Strom an mentaler Energie genoss, der jetzt über ihn hereinbrach. Pure Lebenskraft!, dachte Malloy ergriffen. Und in einer Vampirseele war so unvergleichlich viel mehr davon vorhanden als es bei einem der ach so verletzliche anderen Bewohner dieser Welt der Fall war.

Als Malloy schließlich von ihm abließ, hing der Körper des Vampirs schlaff an der Wand. Sein eigenes Gewicht zog schließlich die Spitze des Kaminspießes aus der Wand und ließ den Körper zu Boden fallen. Sehr bleich war er. Die Haut wirkte ausgetrocknet und fast wie mumifiziert. Eine grässliche Veränderung war mit Tensold vor sich gegangen.

Der Blick war gefroren.

Malloy atmete tief durch, wandte sich um und sah Madeleine zu, die es gerade geschafft hatte, Zach MacCall zu Boden zu reißen. Ihre Arme und Beine waren zu Tentakeln geworden und schnürten McCall zusammen. Der Vampir hatte zu langsam reagiert. Sein Kampfstil taugte wohl nur etwas gegen schwache Sterbliche.

Sein Kopf war noch frei.

Verzweifelt versuchte er damit, den sich immer weiter teilenden und verzweigenden Tentakeln auszuweichen. Aber schließlich fixierten diese formlosen Gliedmaßen, die entfernt an Krakenarme erinnerten, den Kopf des Vampirs. An mehreren Stellen setzten sie an. Der Vampir schrie. Aber nicht lange. Dann war auch sein Blick erstarrt.



11

Als Chase Blood das Foyer des Shapiro durchschritt, war dort gerade einiges los. Ein Wagen des Emergency Service stand vor der Tür. An der Rezeption des Nachtportiers kümmerten sich einige Pfleger und der Notarzt um den Diensthabenden. Jedenfalls nahm Chase das an, denn der Mann auf der Bahre trug die Uniform der Hotelbediensteten.

Der Mann starrte ins Leere.

Für Chase war die Situation günstig.

Er konnte unbemerkt durch das Foyer gelangen.

Niemand beachtete ihn, als er sich mit dem Lift hinauftragen ließ. In der Hand hielt er einen Blumenstrauß, den er in einem der 24 Stunden geöffneten Geschäfte in New York gekauft hatte, um seine Machete damit zu tarnen.

Minuten später stand er vor der Tür jener Suite, in die zumindest einer der Philadelphia-Vampire den Zimmerservice bestellt hatte.

BITTE NICHT STÖREN! stand an der Tür.

Als Chase die Tür leicht berührte, stellte er fest, dass sie nicht geschlossen war. Das Schild war so aufgehängt, dass man das zerstörte Schloss nicht gleich sehen konnte. Aber es konnte keinen Zweifel geben: Die Tür war eingetreten worden. Chase öffnete sie, trat dann ein.

Einen Augenblick später fand Chase die beiden Vampire.

Sie lagen auf dem Boden, den Blick starr ins Nichts gerichtet. Tensold erkannte Chase nur an der Kleidung. Er sah aus wie eine Mumie.

Das Abscheulichste waren die fingerdicken Löcher in den Schädeln der beiden Vampire.

Chase atmete tief durch.

Sein Gesicht verdüsterte sich.

So etwas wünscht man nicht mal seinen schlimmsten Feinden!, ging es Chase durch den Kopf. Eine Ahnung stieg in ihm auf. Eine Ahnung davon, was mit den beiden geschehen war.

Chase warf die Blumen zur Seite, holte die Machete hervor.

Dann machte er sich daran, den beiden mumifizierten Vampiren den Kopf abzuhacken.

Sekundenbruchteile, nachdem er ihnen jeweils den Hals durchtrennt hatte, zerfielen sie zu grauem Staub. Keine Pension wird dich irgendwann von diesem Höllenjob erlösen!, ging es ihm düster durch den Kopf.

Als er das Shapiro verließ und sich wieder im Freien befand, hatte man den Portier gerade in den Emergency-Wagen geschleppt. Chase hörte wie sich der Arzt mit einem der Pfleger unterhielt. "Muss eine Art Katatonie sein!"

"Scheintod?"

"Ja, kann man so nennen. So etwas habe ich noch nie erlebt!"

"Ich dachte, so etwas gibt es nur in Horror-Filmen, in denen jemand aus versehen lebendig begraben wird!"

"Dachte ich auch."

Chase ging an ihnen vorbei. Er hatte seine Harley in der Nähe abgestellt. Als er die Maschine erreicht hatte, schwang er sich auf den Bock und startete sie. Wenig später brauste er über den Broadway Richtung Norden. Er musste so schnell wie möglich zum Empire State Building, wo der Fürst residierte.

Das, was er im Shapiro gesehen hatte, bedeutete eine völlig neue Situation.

Und darüber musste auch der Herr des Imperiums der Finsternis in Kenntnis gesetzt werden.



12

Fürst von Radvanyi hörte stirnrunzelnd zu, dann ging er an die Fensterfront und blickte auf das Lichtermeer des Big Apple. Nicht mehr lange und die ersten Strahlen der Sonne würden sich über den Horizont wagen. Dann war es Zeit für die Vampire, sich in ihre Ruheräume zu begeben. Ein Sarg war nicht unbedingt notwendig. Wahrscheinlich schlief die Mehrheit der New Yorker Vampire in ganz gewöhnlichen Betten. Nur achtete sie peinlich genau darauf, dass der jeweilige Raum auch abgedunkelt werden konnte. Denn Sonnenlicht wirkte tödlich.

Chase Blood berichtete weiter.

Und was er zu berichten hatte, konnte Fürst von Radvanyi nicht gefallen.

Er wandte schließlich den Kopf in Chase' Richtung. Eine Strähne seiner gelockten Haarpracht fiel ihm dabei in das bleiche Gesicht. Er strich sie sich mit einer fahrig wirkenden Geste zurück.

"Die Gefahr für uns ist viel größer, als ich in meinen schlimmsten Albträumen befürchtet habe!", brachte er dann heraus. "An sich hätte ich nichts dagegen, wenn jemand für uns die Vampire aus Philadelphia zur Strecke bringt, aber unter diesen Umständen..."

">Ich> habe sie zur Strecke gebracht", betonte Chase. "Zweifellos lebten sie noch, als ich sie fand, wenn auch ihr Zustand..." Chase brach ab.

"Das, was du mir berichtet hast spricht eine eindeutige Sprache", meinte der Fürst. "Es müssen Komori gewesen sein..."

"Ich dachte, das wäre eine Legende, Herr!"

"Du Ahnungsloser! Nein, es gibt sie wirklich, auch wenn es lange her ist, seit sie das letzte Mal in unsere Welt gerufen wurden. Es muss im Jahr 1744 oder 45 gewesen sein. Jedenfalls wütete die Pest und..." Er brach ab. Nie zuvor hatte Chase den Fürst so erschüttert gesehen.

"Sie bohren ihre Tentakel durch die Schädel ihrer Opfer, nicht wahr?", fragte Chase.

Der Fürst nickte. "Ja. Die Komori sind Gestaltwandler aus dem Limbus zwischen den Dimensionen. Sie ernähren sich von Mentalenergie, bohren ihre Tentakel in die Schädel hinein... Vampire sind ihre bevorzugten Opfer. Menschen sind dagegen für sie uninteressant. Die Mentalenergie der Sterblichen ist nämlich nur wenig höher als die von Fröschen." Der Fürst schluckte. "Aber durch das, was diese Wesen mit ihren vampirischen Opfern tun, wird dieses nicht getötet, sondern nur mental entleert. Ein Zustand, der grausamer sein muss, als die Hölle. Es war ein Akt der Barmherzigkeit, dass du die Philadelphia-Vampire daraus erlöst hast."

"Wie können diese Gestaltwandler nach New York gelangt sein?", fragte Chase.

"Jemand hat sie gerufen. Es ist sehr viel Energie dazu nötig. Ein Sterblicher würde umkommen, wenn er die Rituale durchführte, es sei denn..."

"Ja?"

"Es sei denn, er hätte sehr mächtige Hilfe. Chase, es muss jemand dahinter stecken! Die Komori sind wie hungrige Tiere! Sie töten wahllos und kalt, einfach nur, um ihren Energiebedarf zu decken. Aber es muss jemand anderen, jemand sehr Mächtigen geben, der sie gerufen hat!"

"Magnus von Björndal!", vermutete Chase. "Dass diese Bestien seine eigenen Leute angegriffen haben, könnte gewissermaßen ein Unfall gewesen sein!"

Der Fürst lachte heiser auf.

"Du beliebst zu scherzen!"

"Nein, Herr, danach ist mir nicht wirklich nicht zumute! Nicht nach dieser Nacht..."

Der Fürst hob den Kopf. Er musterte Chase mit einem sehr intensiven Blick. Schließlich sagte er: "Es gibt nur noch wenige, sehr alte Vampire, die überhaupt das okkulte Wissen besäßen, um das zu tun, Chase! Und sie würden gewiss davor zurückschrecken, denn wenn jemand die Komori in unsere Welt holt, besteht die Gefahr, dass sie sich hier festsetzen. Im Übrigen unterscheiden sie in ihrem unersättlichen Appetit keineswegs nach unterschiedlichen Vampir-Syndikaten!" Er schüttelte energisch den Kopf. Sein Gesicht verzog sich zu einer Maske. Tiefe Falten durchfurchten seine Stirn. "Ich glaube, vampirische Gegner können wir ausschließen."

"Wer dann?"

"Jemand viel Mächtigeres! Jemand, der zudem unsere Existenz auf dieser Welt als störend empfindet und uns vom Antlitz der Erde tilgen will... Wir müssen es schnell herausfinden, Chase! Und unsere Leute müssen umgehend gewarnt werden! Wer weiß, für wie viele von ihnen es vielleicht schon zu spät ist!"



13

"Heh, aufstehen!"

Jemand rüttelte Moses Jordan an den Schultern.

Nur zögernd erwachte Jordan aus der tiefen Bewusstlosigkeit. Ein todesähnlicher Schlaf lag hinter ihm. Jedenfalls empfand der Prediger das so. Nur zögernd kehrten die Erinnerungen zurück. Aber die raue Stimme, die ihn anschrie, trug entscheidend dazu bei.

Eine andere Stimme meldete sich zu Wort.

"So ein Perverser! Den ganzen Friedhof umgraben! Sieh dir nur die Grabsteine an! Ich frage mich immer, was in >so einem> vor sich geht..."'

"Wetten, nachher wird man ihn wegen verminderter Schuldfähigkeit freisprechen, weil er in seiner Jugend irgendein Trauma erlitten hat?"

"So'n alter Knacker kommt doch gleich auf die Pflegestation!"

Es dauerte ein paar Augenblicke, bis Moses Jordan begriff, dass von ihm die Rede war. Er öffnete die Augen. Erst einige Momente später entstand ein Bild. Und langsam kehrte auch die Erinnerung an das zurück, was in der vergangenen Nacht geschehen war.

Die Leichen, die sich aus den Gräbern heraus gegraben hatten...

Wie eine Armee von Zombies hatten sie vor ihm gestanden. Erstaunlich adrette Zombies. Denn die gespenstische Regeneration, die mit ihnen geschehen war, hatte kaum ein Merkmal an ihnen übrig gelassen, dass sie wie Leichen hätte erscheinen lassen.

Moses Jordan wandte den Kopf.

Er ließ den Blick über den völlig verwüsteten Friedhof kreisen.

"Oh, mein Gott!", flüsterte er.

Ein hoch gewachsener, etwas übergewichtiger Cop in blauer Uniform kaute auf einem Kaugummi herum und grinste schief.

"Wundert mich, dass Ihnen überhaupt etwas heilig ist - nach dem, was Sie hier angerichtet haben..."

"Ich..."

"Stopp!"

Er hob die Hand.

Moses Jordan sah ihn etwas überrascht an, verengte die Augen. Ja, er erinnerte sich wieder. Die Diener aus der Tiefe der Erde, die er gerufen hatte, damit sie ihn in seinem Kampf gegen die Verdammnis unterstützten. Er erinnerte sich auch an Gabriel, den Mann im weißen Anzug, der ihm in der Gestalt eines Engels erschienen war. Gabriel, der Diener des Herrn, der Bote, der ihm seinen Auftrag übermittelt hatte.

Der Kampf gegen die Vampire, er konnte beginnen, nun, da jene Kämpfer die Bühne betreten hatten, von denen Gabriel überzeugt war, dass sie diese schrecklichen Ausgeburten der Hölle zur Strecke bringen konnten.

Die Stimme des Officers drang in Moses Jordans Bewusstsein.

"Bevor Sie noch einen Ton sagen, möchte ich, dass Sie über Ihre Rechte informiert sind. Nach dem fünften Zusatz zur amerikanischen Verfassung haben Sie das Recht zu schweigen. Wenn Sie auf dieses Recht verzichten, kann jedes Wort, das Sie von nun an sagen, vor Gericht gegen Sie verwendet werden. Sie haben des Weiteren das Recht, sich anwaltlich vertreten zu lassen. Sollten Sie sich keinen Anwalt leisten können, so wird Ihnen ein Verteidiger gestellt... Sie haben des Weiteren..."

Der Cop betete seine Leier herunter, aber Moses Jordan hörte ihm kam zu. Er richtete sich langsam auf, hörte noch, wie ein anderer Cop meinte, für den alten Mann bräuchte man keine Handschellen.

>Für den alten Mann!>, hallte es in ihm wider. Jordan war fünfundvierzig. Seine massige Gestalt ließ seine Bewegungen manchmal etwas schwerfällig erscheinen aber - <ein alter Mann?<

Zwei Cops nahmen ihn in die Mitte und halfen ihm beim aufstehen.

Jordan sah für einen kurzen Moment seine eigenen Hände.

Grauen erfasste ihn.

Seine Hände waren dürr und faltig. Ein Gefühl von Schwäche und Kraftlosigkeit herrschte in ihm. Die Cops nahmen ihn mit zu ihrem Einsatzwagen. In der Seitenscheibe sah Jordan sein Gesicht im Spiegel und erschrak.

Seine Haare und sein Bart waren weiß geworden.

Er war tatsächlich zu einem >alten Mann> geworden.



14

Als Chase in der nächsten Nacht im Büro des Fürsten eintraf, befand sich dort auch Petra von Brunstein. Sie war Radvanyis Beraterin in politisch-diplomatischen Dingen. Möglicherweise hatte der Fürst mit ihr besprochen, wie mit der Konkurrenz aus Philadelphia zu verfahren wäre. Einen offenen Konflikt konnte sich Fürst von Radvanyi angesichts der Gefahr durch die Komori im Grunde gar nicht leisten.

Chase verzog das Gesicht, als er Petra sah.

"Vielleicht sollen wir dich den Komori als Köder vorwerfen", meinte er dann ironisch.

Sie hob das Kinn.

"Könnte dir so passen!"

"Es gäbe nur ein Problem dabei."

"Ach, ja?"

"Soweit ich dich kennen gelernt habe >bist> du bereits mental entleert, Petra. Damit dürftest du für diese Seelensauger ziemlich uninteressant sein!"

Petra errötete leicht. Ihre Lippen bildeten einen dünnen Strich, als sie sie aufeinander presste. Der Winkel, in dem sie das Kinn anhob, ließ sie überheblich erscheinen.

"Du hast keinen Stil, Chase!"

"Sollte es tatsächlich wahr sein, dass ich dich mal ausnahmsweise rhetorisch mattgesetzt habe?"

"Bilde dir nur nichts ein, Kleiner!"

Jetzt fuhr der Fürst dazwischen. "Schluss jetzt", rief er in einem Tonfall, der deutlich machte, dass er eine Fortsetzung des Streits nicht dulden würde.

Sowohl Chase als auch Petra neigten leicht den Kopf.

"Ja, Herr!", sagte Chase.

"Ich habe Petra hergebeten, weil ihr Rat für uns sehr wichtig sein kann!"

"Ich glaube kaum, dass Komori für uns diplomatische Verhandlungspartner sein könnten!", gab Chase etwas vorlaut von sich und bereute es sogleich wieder. Mit einem leisen Knurren entblößte der Fürst seine Vampirzähne. Sein Gesicht verzog sich zu einer Grimasse. Chase hatte das Maß des Ärgers, der den Herrn der New Yorker Vampire zurzeit beherrschte, offenbar unterschätzt.

Ein dritter Gast traf bald darauf ein und der Fürst schien gerade auf ihn gewartet zu haben. Es war Basil Dukakis, ein sehr zurückgezogen lebender New Yorker Vampir. Er hatte den Körper eines Achtzigjährigen, gebeugt wirkenden Greises, da er erst im hohen Alter konvertiert worden war. In Wahrheit war er allerdings nur fünf Jahre älter als Petra, die zwar den Körper einer jungen Frau besaß, aber bereits 75 Jahre alt war. In den letzten Jahrzehnten versuchte sie in der New Yorker Kunstszene als Malerin zu reüssieren, was ihr auch ganz erfolgreich gelang. Letztlich war das nicht verwunderlich, besaß sie die Gabe, mit ihrer Willenskraft Gehorsam zu erzwingen. Und bei Kunstkritikern und Galeristen pflegte sie diese Fähigkeit geradezu hemmungslos anzuwenden.

Chase Blood war der Jüngste im Raum.

Er war zwanzig gewesen, als er konvertiert worden war. Weitere zwanzig Jahre waren seitdem vergangen. In Petras Augen war es nicht zu verstehen, dass ein vierzigjähriger Vampir in der Hierarchie der Vampire einen höheren Rang einnahm als sie, die doch fast doppelt so alt war. Aber Petra hatte ihre Pläne, diesen Umstand irgendwann zu ihren Gunsten zu ändern, noch nicht aufgegeben.

Basil Dukakis wirkte gebrechlich. Er stützte sich auf einen Stock. Auf seinem Kopf befanden sich kaum noch Haare. Aber die Augen wirkten wach und lebendig. Der alte Mann ließ sich in einem der Sessel nieder.

"Wir können anfangen, Herr!", meinte er an den Fürst gewandt.

Er besaß ein gewisses Privileg, sich gegenüber seinem Herrn so äußern zu dürfen. Vielleicht hing es damit zusammen, dass kompetente Experten für okkulte Phänomene sehr rar waren. Selbst unter Vampiren. Und genau auf diesem Gebiet beriet der Sohn griechischer Einwanderer den Fürst.

"Mr. Dukakis wird uns mit seinem umfangreichen Wissen über die Komori zur Seite stehen", erklärte der Fürst. "Es geht vor allem um die Frage, was nötig ist, um Komori in unsere Welt zu holen..."

"Ein Ort an dem sich starke Energien bündeln", meinte Dukakis. "Ein Friedhof beispielsweise. Soweit ich weiß, wurden die Rituale meistens auf Friedhöfen durchgeführt. Übrigens ist die Durchführung sehr gefährlich. Der Betreffende verliert reichlich an Lebensenergie. Er altert vorzeitig. Die Komori selbst sind gestaltlos. Tentakelbewehrte, formlose Wesen. Wenn man sie auf einem Friedhof beschwört, nehmen sie die Gestalten der Verstorbenen an, sofern es noch sterbliche Überreste gibt..."

"Wir suchen also einen geschändeten Friedhof!", stellte der Fürst fest.

Dukakis nickte er. "Ja, das wäre ein Anhaltspunkt."

"Über die Polizeicomputer werde ich das leicht herausfinden", erklärte der Fürst. Er war schließlich der geheime Herr dieser Stadt. Seine Augen waren überall.

"Wenn Sie etwas herausfinden, Herr, dann lassen Sie es mich umgehend wissen!"

"Ja", nickte der Fürst.

"Wie viele Komori können bei einer einzelnen Beschwörung aus dem Limbus geholt werden?", erkundigte sich Chase.

Dukakis machte ein skeptisches Gesicht und zuckte schließlich mit den Schultern. "Ich würde mit ein bis zwei Dutzend rechnen", meinte er. "Aber letztlich hängt das davon ab, wer hinter dieser Beschwörung steckt. Wenn es ein Sterblicher ist, können es nicht mehr sein, als ich gerade gesagt habe! Sonst würde es ihn auf der Stelle hinwegraffen!" Petra seufzte.

"Ja, sie sind ja so empfindlich, diese Sterblichen!"

"Wie kann man sich gegen sie schützen?", fragte Chase.

"Bei einem Kampf gegen einen Vampir stehen die Chancen fifty-fifty", meinte Dukakis, "Man muss nur sehen, dass sie ihre Tentakel nicht an die Schläfen anbringen... Sonst sieht es schlecht aus!"

"Was tötet sie?"

"Junger Mann, Sie müssen sie schon mühevoll mit einer Machete oder einer Axt zerhacken! Schusswaffen sind wirkungslos. Und die Regenerationszeiten dieser Wesen sind deutlich kürzer als die unseren!"

Der Fürst wandte sich jetzt an Chase. "Du musst dir unter deinen Kumpels ein paar aussuchen, auf die du dich verlassen kannst", meinte er.

Chase nickte.

Er verstand genau, was Franz, Fürst von Radvanyi wollte.

Er sollte eine schlagkräftige Truppe aufbauen, um Jagd auf diese Wesen aus dem Limbus zu machen.

Chase war alles andere als begeistert von dieser Aussicht.

Aber andererseits war es eine Art der Selbstverteidigung.

Das Gesicht des Fürsten war sehr ernst.

"Etwa zwei Dutzend unserer Freunde haben sich in dieser Nacht nicht gemeldet", sagte er dann. "Ich fürchte, ihre Tageslager sind aufgespürt worden. Das ist nämlich auch ein Vorteil, den diese Wesen uns gegenüber haben: Sie können am Tag aktiv sein!"



15

"Jemand hat die Kaution für Sie bezahlt, Mr. Jordan!", sagte der Cop, der dem Prediger die Zellentür öffnete. "Sie müssen verdammt einflussreiche Freunde haben."

Jordan erwiderte nichts. Er ließ sich hinausführen.

Wenig später traf er mit seinem Anwalt zusammen. Er hieß Monty G. Redman, ein grauhaariger, drahtig wirkender Mann mit höhensonnengebräunten Gesicht. "Kommen Sie, Mr. Jordan!", sagte er nachdem die Formalitäten erledigt waren. "Mr. Gabriel wartet auf Sie!"

Jordan nickte matt.

Er fühlte sich unsagbar leer und ausgelaugt.

Verzweifelt versuchte er sich einzureden, dass es mit den anstrengenden Verhören zu tun hatte, die der Prediger über sich hatte ergehen lassen müssen. Aber in seinem tiefsten Inneren wusste er, dass das nicht der Fall war.

Ich hoffe nur, dass die Kämpfer im Dienst der Lichtmächte nun ihr schreckliches Werk tun!, ging es ihm durch den Kopf. Und du hast deinen Beitrag dazu getan. Ist das nicht ein erhebendes Gefühl?

Jordan schloss einen Augenblick lang die Augen und blieb stehen.

Die Bilder der vergangenen Nacht kamen wieder in ihm hoch.

Die Bilder des verwüsteten Friedhofs und der untoten Gestalten, deren Hände sich aus der nebelverhangenen Erde gegraben hatten.

Eine schaurige, unwirkliche Szenerie.

Der Anwalt führte den Prediger hinaus.

Eine dunkle Limousine wartete mit laufendem Motor.

Jordan stieg ein.

"Sei gegrüßt!", drang ihm Gabriels Stimme in die Ohren. Mit übereinander geschlagenen Beinen saß der Mann mit dem Engelsgesicht auf der Rückbank, während sich der Anwalt auf den Beifahrersitz setzte.

Der Wagen fuhr los.

"Der Staatsanwalt will Anklage erheben", meinte der Prediger. "Wegen Schändung eines Friedhofs."

Gabriel lachte.

"Ja, ich weiß. Aber inzwischen hat man festgestellt, dass immer noch alle Toten in ihrem Grab liegen. Die Komori - jene Wesen, die du dankenswerter Weise mit dem Ritual gerufen hast, haben lediglich ihre Gestalt angenommen."

"Was wird jetzt geschehen?", fragte Jordan mit einem matten, fast fiebrigen Glanz in den Augen. Er musste sich sehr konzentrieren, um überhaupt noch einen Satz formulieren zu können.

Gabriel sah ihn etwas erstaunt an.

"Juristisch meinst du? Ich habe einen Stall voller Anwälte. Die werden am Ende alles aus dem Weg geräumt haben, was da an Paragraphen auf dich abgefeuert wird. Da kannst du ganz beruhigt sein. Ich kenne mich da aus..."

"Klingt ja sehr zuversichtlich."

"Das bin ich auch!"

"Die Verhaftung wird mir negative Publicity einbringen."

"Mach dir darüber keine Sorgen, Mo!"

"Das muss ich aber! Schließlich sollen die Menschen auch weiterhin Vertrauen zu mir haben und in meine Veranstaltungen strömen..."

Gabriel nickte. "Natürlich. Aber in der gestrigen Nacht hast du einen viel größeren Dienst für den Kampf gegen die Verdammnis geleistet."

Moses Jordan hob die Hand. Sie zitterte. Er starrte sie an, aber es gelang dem Prediger nicht, sie ruhig zu halten. Ein Ausdruck der Verzweiflung trat in sein Gesicht. "Ja", murmelte er. "Aber ich habe auch einen hohen Preis dafür bezahlt, nicht wahr?"

Gabriels Blick war eiskalt.

"Du bist müde, nicht wahr, Mo?"

"Ja, sehr müde... Warum warst du nicht mehr da, letzte Nacht? Warum hast du zugelassen, dass die Cops mich finden?"

"Es würde zu weit führen, dir das zu erklären. Du würdest es auch gar nicht verstehen..."

Gabriel legte die Hand an Moses Jordans Genick.

Die Hand begann zu leuchten, so als ob sie fluoreszierte.

Ein zischender Laut entstand. Blitze zuckten aus den Fingerkuppen in den Hals des Predigers. Es wirkte wie ein elektrischer Schlag. Das Gesicht des Predigers verzog sich. Muskeln zuckten unkontrolliert. Dann sackte der Mann leblos vornüber.

"Hätte das nicht noch Zeit gehabt?", fragte der Anwalt mit skeptischem Gesicht.

Gabriel schüttelte den Kopf.

"In diesem Zustand hätten wir ihn unmöglich vor das Publikum gehen lassen können."

"Und wer soll jetzt seine Rolle übernehmen?"

Gabriel lächelte.

"Einer der Komori..."

"Ich frage mich, ob sie dazu in der Lage sind."

"Sie lernen schnell. Außerdem braucht der neue Mo Jordan auch nicht unbedingt so viel in seiner Show zu reden, wie es der alte getan hat..."



16

Malloy hatte das Kellerfenster eingeschlagen und die Schutzgitter zerbrochen. Das alte Brownstone-Gebäude an der Delancey Street besaß keine Alarmanlage. Jedenfalls nicht für den Keller.

Es war ziemlich dunkel, aber das machte weder Malloy noch Madeleine etwas aus.

Ihnen standen andere Orientierungssinne zur Verfügung. Auf Helligkeit waren die beiden daher nicht angewiesen.

Malloy blieb kurz stehen, fing den feinen Geruch auf, den er in der modrig feuchten Kellerluft wahrzunehmen glaubte. Ja, du spürst ihre Anwesenheit! Die Anwesenheit von Vampiren, den Gestank der Verdammnis! Malloy hatte das Gefühl, als ob eine Stimme zu ihm sprach. Eine Stimme, die aus seinem eigenen Bewusstsein zu kommen schien. Er war verwirrt.

Was war das?

Du bist ein Komori und du hast die Struktur eines Wesens angenommen, dass sich in einem Zustand befand, den die Bewohner dieser Welt als >tot> definierten!, überlegte er. Er hatte die zerfallende Struktur des Toten nicht nur kopiert, sondern auch weitgehend wiederhergestellt. Bis in jedes Detail. Das galt auch für das Gehirn. Damit hatte der Komori auch Reste von Malloys Bewusstsein rekonstruiert. Gedankensplitter, die ihn verwirrten.

Malloy, Madeleine...

Namen.

Dem Komori war nur zum Teil klar, was ein Name war. Aber er lernte schnell. Die Gedankenreste von Malloys Bewusstsein nahm er in sich auf. Den Hass gegen die Vampire konnte er nicht verstehen, nur zur Kenntnis nehmen. Vampire waren für den Komori kein Objekt des Hasses, nur der unersättlichen Gier. Madeleine... Ein Name, der mit dem Ursprung dieses Hasses zu tun hatte.

Er blieb stehen.

"Was ist los?", fragte Madeleine.

"Ich weiß nicht..." Er drehte sich zu ihr um. Seine Augen konnten kaum mehr als einen Schatten erkennen. Aber der mentale Spürsinn des Komori nahm wesentlich mehr wahr. "Je länger man eine kopierte Struktur innehat, desto mehr verschmilzt man mit ihr", sagte Malloy. Oder der Komori in ihm. "Ein eigenartiger Effekt..."

"Ja", sagte sie und fügte dann ein Wort hinzu, mit dem ihr Gegenüber im ersten Moment nichts anzufangen wusste: "Dad."

"Ich habe Hunger", sagte der Komori, der aussah wie Malloy. Und gleichzeitig drangen Erinnerungen in sein Bewusstsein. Malloys Erinnerungen. Sie waren bruchstückhaft. Er sah sich durch ähnliche Keller stapfen, mit eigenartigen Gerätschaften bewaffnet und Vampire jagend. Er pfählte sie auf ihren Ruhelagern. Der eine oder andere mochte erwachen, aber der komatöse Tagesschlaf sorgte dafür, dass sie nichts auszurichten vermochten. Malloy hatte sie getötet. Und der Komori genoss die intensive Empfindung des Hasses, die bei dieser fremden Erinnerung entstand. Es war Malloys Hass.

Jetzt gehört dieses Gefühl auch mir!, dachte der Komori.

Madeleine ging jetzt voran. Sie gelangten in einen Raum, der mit mehreren Schlössern gesichert war.

Für Malloy war es keine Schwierigkeit, die Tür zu öffnen.

Auf ein paar einfachen Pritschen hatten es sich hier ein paar Vampire gemütlich gemacht.

"Unsere Sinne haben uns nicht getrogen!", meinte Madeleine.

Sie war bereits an eine der Liegen herangetreten, hatte die Hand ausgestreckt. Als sie den Körper des Vampirs berührte, verwandelten sich ihre Finger in Tentakel. Diese Arme wuchsen über seinen Körper hinauf zu seinem Kopf, so wie man es bei einer Rankpflanze sehen kann, wenn man sie in Zeitraffer aufnimmt.

Die Tentakel bohrten sich in den Schädel. Aus dem Vampir, der den Körper eines jungen Mannes besaß, wurde ein mumienhaftes Etwas. Er riss noch die Augen auf, versuchte sich noch im letzten Moment gegen diesen Angriff im Schlaf zu wehren. Doch es war zu spät. Der Vampir stöhnte auf, als die kleinen Tentakel sich an verschiedenen Stellen durch seine Schädeldecke hindurchbohrten.

Die Augen waren weit aufgerissen.

Einen Augenblick später blieb nur eine pergamentartige Mumie zurück.

Madeleine stieß einen Ausdruck tiefen, hemmungslosen Entzückens aus. Ihn ihrem Gesicht zuckte es. Sie hatte die Gesichtsmuskulatur noch immer nicht so recht unter Kontrolle. Aber das würde sie auch noch in den Griff bekommen. Schließlich war es wichtig, so unauffällig wie möglich zu wirken.

Madeleine zog ihre Tentakel zurück. Sie wurden wieder zu einer zierlichen Hand. Zurück blieb ein wie mumifiziert wirkender Körper, dessen Gesicht zu einer Maske des Grauens gefroren war.

Malloy hatte sich inzwischen einen der anderen Vampire vorgenommen. Ein anderer Vampir erwachte, erhob sich stöhnend. Er blinzelte. Nur wenig Licht fiel durch die offen stehende Tür herein. Aber ehe der Vampir sich versah, hatte Madeleine ihm einen mörderischen Faustschlag versetzt. An Kraft war der Komori, der Madeleines Gestalt angenommen hatte, jedem Vampir ebenbürtig. Der Blutsauger sackte zusammen und Madeleine beugte sich über ihn.

Ganz kurz nur tauchte dabei eine Erinnerung an die Oberfläche.

Ein Gesicht.

Ein Name...

Chase!

Unwillkürlich griff Madeleine sich an ihren makellosen Hals, bevor sie ihren anderen Arm zu einem Tentakel werden ließ, das sich immer wieder teilte. Als schließlich sich die erste der immer dünner werdenden Verästelungen sich ihren Weg durch die Schläfe ihres Opfers bohrte und sie dessen mentale Energie aufnahm, überkam sie ein angenehmer Schauder.



17

"Wir haben jetzt ein klareres Bild", sagte der Fürst, als Chase in der nächsten Nacht, gleich nach Einbruch der Dunkelheit, in seinem Büro erschien. Fürst von Radvanyi saß hinter seinem Schreibtisch. Er bot Chase keinen Platz an. Auf dem Schreibtisch lag eine Mappe. Ohne aufzublicken deutete der Fürst darauf und meinte: "Ich habe hier ein paar Fakten zusammentragen lassen, die dir nützlich sein werden..." Der Fürst erhob sich. "Dukakis sagte uns, dass Komoris vorzugsweise an Friedhöfen gerufen werden... Gestern Nacht ist der Trinity Cemetery geschändet worden. Sieh dir die Fotos in meinem Dossier an, Chase!"

"Ja, Herr", gehorchte Chase. Er nahm die Mappe, betrachtete die Fotos. "Es sieht aus, als hätte man die Leichen aus der Erde geholt..."

"...oder als sie wären selbst daraus hervor gekrochen!", ergänzte der Fürst. "Aber die Toten waren noch in der Erde, wie der Polizeibericht feststellt. Aber das spricht nur für meinen Verdacht. Schließlich nehmen die Komori ja nur die Gestalt der Toten an..."

"Verstehe", murmelte Chase.

"Verhaftet wurde ein sehr interessanter Mann, der inzwischen wieder gegen Kaution auf freiem Fuß ist", fuhr der Fürst fort. "Sein Name ist Moses Jordan."

"Den Namen habe ich vielleicht schon mal gehört!"

"Gut möglich! Er lässt Tote auferstehen, um die verdammten Seelen ihre Sünden bekennen zu lassen!"

"Verstößt er damit nicht gegen jegliche Gesetze zur Regelung des Bestattungswesens?"

Der Fürst nickte. "Den Behörden gegenüber behauptet er, es handele sich um eine Show-Veranstaltung. Und bislang konnte ihm das Gegenteil nicht nachgewiesen werden. Vielleicht hat auch nur noch niemand genau genug ermittelt."

Chase blätterte das Dossier durch. Er fand auch einige Bilder von Moses Jordan. Ein Pressefoto zeigte ihn als Mittvierziger. Das Bild, das auf dem zuständigen NYPD-Revier bei der erkennungsdienstlichen Behandlung gemacht worden war, zeigte einen Greis.

Der Fürst musterte Chase einen Augenblick. Ein dünnes Lächeln stand in seinem bleichen Gesicht.

"Du wunderst dich über den Alterungsprozess..."

"Auch ein Indiz, Herr!"

"Ja, so ist es. Ich bin überzeugt davon, dass du im Umfeld dieses Predigers auf jene Macht stoßen wirst, die hinter diesem Angriff steckt."

"Ja, Herr."

Chase verneigte sich leicht.

"Das war alles", sagte der Fürst. Seine Stimme klirrte wie Eis.

Chase wandte sich zum Gehen. Nach ein paar Schritten drehte er sich noch einmal um. Fürst von Radvanyi hob die Augenbrauen.

"Gibt es sonst noch irgendwelche Neuigkeiten?", fragte Chase.

Der Fürst wusste genau, was sein Stellvertreter meinte.

Er nickte leicht. "Es hat am vergangenen Tag nur eine Gruppe illegal in New York weilender Vampire erwischt, die in einem Kellerraum hausten."

"Ich weiß nicht, ob ich das beruhigend finden soll."

"Im Moment ist wahrscheinlich jeder Vampir zwischen Hudson und East River froh, wenn er die nächste Nacht erlebt! Übrigens sind in deinen Unterlagen auch Karten für die nächste Show des Predigers! Wenn du dich beeilst, schaffst du es noch!"

Chase verzog das Gesicht zu einem zynischen Lächeln.

"Ich muss sagen, im Moment wäre mir selbst ein konventioneller Gottesdienst mit reichlich Weihwasser lieber!"



18

Chase erreichte die Tiefgarage des Empire State Building. Dort hatte er seinen 'Hummer' abgestellt. Chase benutzte den Militärjeep immer dann, wenn er mehr als nur eine Person transportieren wollte. Der Stellvertreter des Fürsten hatte nämlich keinesfalls vor, allein zur Wiedererweckungs- und Buße-Show des fanatischen Predigers Moses Jordan zu gehen. Vorher wollte er ein paar Kumpels abholen. Allesamt getreue Gefolgsleute des Fürsten.

Chase hatte den Hummer erreicht, da ließ ihn ein Geräusch herumfahren.

Die Tiefgarage war gut ausgeleuchtet. Überall brannte kaltes Neonlicht, das durch den hellen Beton reflektiert wurde. Es gab keine Schatten, keine dunklen Nischen, nichts, wo sich jemand vor den allgegenwärtigen Videokameras verbergen konnte.

Neben einer der massiven Betonsäulen, die die Decke der Tiefgarage trugen, bemerkte Chase eine Gestalt.

Er glaubte seinen Augen nicht zu trauen, kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen und blinzelte angestrengt.

"Malloy!", flüsterte er.

Er musste unwillkürlich schlucken. Der Mann neben der Säule war zweifellos Rob Malloy.

Nein, das ist vollkommen absurd!, ging es Chase durch den Kopf. Wenn jemand bezeugen konnte, das Malloy tot war, dann Chase. Schließlich hatte er den Lieutenant Detective eigenhändig umgebracht. Die Szenerie dieses furchtbaren Kampfes kehrte in Chase' Erinnerungen zurück. Er sah es vor seinem inneren Auge, so als wäre es erst vor Minuten geschehen. Chase hatte damals mit Malloy gespielt. Fast wie es eine Katze mit ihrer Beute zu tun pflegte.

Und nun stand er wieder vor ihm.

Chase musste an den Spruch denken, dass man sich stets zweimal begegnete...

Verdammt!, durchzuckte es sein Hirn. In diesem Fall hättest du gerne darauf verzichten können!

Er ging auf den Mann zu, der aussah wie Malloy.

Dann machte der Kerl plötzlich einen Schritt zur Seite und verschwand damit hinter der Säule.

Chase setzte zu einem kurzen Spurt an.

Er wollte wissen, ob er einer Sinnestäuschung erlegen war oder ob da wirklich jemand auf ihn wartete, den er nur all zu gut kannte.

"Chase!"

Es war der Klang einer Frauenstimme, die Chase abrupt stoppen ließ. Er wirbelte herum. Hinter einer anderen Säule tauchte eine junge Frau auf. Chase kannte sie nur zu gut. Madeleine! Sie hatte sich damals in ihn verliebt und war dann hinter Chase' Geheimnis gekommen. Er hatte keine andere Wahl gehabt, als sie zu töten. Zumindest sah er das so.

Sie ging auf ihn zu.

Ihr Blick war starr. Sie fixierte ihn damit auf eine Weise, die ihm nicht gefiel.

"Madeleine, was..."

"Du erinnerst dich an uns!", meldete sich jetzt Malloy zu Wort. Er näherte sich von der anderen Seite. Seine Schritte wirkten etwas schleppend. Und der Gesichtsausdruck war ebenfalls merkwürdig. Immer wieder traten eigenartige Zuckungen darin auf, so als könnte der Ex-Cop seine Gesichtsmuskulatur nicht unter Kontrolle halten.

Und dann begriff Chase.

Der Trinity Cemetery war geschändet worden! Und dort befanden sich auch die Gräber von Madeleine und Robert Malloy! Das wusste Chase.

"Du bist nicht Malloy!", rief er dem Ex-Cop entgegen.

"Ich...bin Malloy!", war die etwas schleppende Antwort. Er sprach ziemlich undeutlich. So als hätte er getrunken.

Oder wie jemand, der erst seit kurzem zu sprechen versucht und noch ziemlich ungeübt darin ist!, ging es Chase schaudernd durch den Kopf.

Er wandte sich an Madeleine.

"Ihr seid Komori!", stellte er fest.

Das Gesicht Malloys verzog sich.

Es bildete das Zerrbild eines Lächelns.

"Du bist Chase!", stellte Malloy fast maschinenhaft fest.

"Chase!", wiederholte Madeleine. Der Blick, mit dem sie den Vampir musterte war interessiert, neugierig.

Malloy fragte: "Erinnerst du dich an unseren letzten Kampf, Chase? Du hast mit Malloy gespielt. Mit mir. Madeleine hat nicht glauben wollen, dass du wirklich existierst und mehr bist, als eine Spiegelung eines verblassenden Bewusstseins."

"Wie habt ihr mich gefunden?", fragte Chase. Einerseits wollte er Zeit gewinnen, denn er wusste, dass die beiden Komori ihm an Kampfkraft mindestens ebenbürtig sein würden. Andererseits fragte er sich, ob dies nicht vielleicht sogar ein gezielter Angriff auf das Hauptquartier der New Yorker Vampire war.

Schließlich residierte hier ja Fürst von Radvanyi.

"Wir finden alles, was wir wollen", sagte Madeleine an Malloys statt. "Im Vergleich zu uns ist eure Sinneswahrnehmung die eines taubstummen Blinden..."

Der Malloy-Komori rümpfte die Nase. "Chase scheint jede Menge mentale Energie zu besitzen..."

"Aber irgendwo hier in der Nähe gibt es noch ein stärkeres Kraftzentrum!", gab Madeleine zu bedenken.

Damit konnte sie eigentlich nur den Fürst meinen!

In Chase' Hirn arbeitete es fieberhaft.

Aufmerksam beobachtete er jede noch so feine Regung seiner beiden Gegner, wich dabei langsam einen Schritt zurück. Unter dem Sitz seines Jeeps befanden sich eine Shotgun und eine Machete. Aber es war illusorisch, schnell genug dorthin zu gelangen.

Malloy hob den linken Arm. Er verlängerte sich blitzartig, verlor seine normale Form und wurde zu einem unglaublich langen, rasch wachsenden Tentakel, dessen Ende wie eine Peitschenschnur auf Chase zuschnellte. Chase wich zurück. Aber es war zu spät.

Das Tentakel hatte ihn gepackt. Es legte sich um seinen Hals, bildete eine mörderische Schlinge.

Malloy zog ihn zu sich heran.

Hilflos stolperte Chase ihm entgegen.

Auch Malloys anderer Arm verwandelte sich in ein Tentakel.

Chase wehrte sich, schlug um sich. Ein Fausthieb traf Malloy dabei am Kopf, zertrümmerte ihm den Kiefer. Blut und grüner Schleim schossen ihm aus dem Mund.

Ein glucksender Laut drang aus Malloy heraus. Sein Gesicht veränderte sich, verzog sich eigenartig. Die Stirnpartie trat plötzlich hervor, desgleichen die Wangenknochen und das Kinn. Ein anderes Gesicht entstand, das mit Malloy nichts mehr gemein hatte. Das zertrümmerte Kinn regenerierte sich innerhalb von Augenblicken. Dieser Vorgang ging wesentlich schneller, als Chase es je von einem Vampir gehört hatte.

Gleichzeitig umschlangen die sich immer wieder teilenden und weiter wachsenden Tentakel Chase' Oberkörper. Einer dieser Greifarme legte sich um sein Handgelenk. Chase zerrte daran mit solcher Kraft, dass er abriss. Das tote Tentakelstück hing an seinem Handgelenk. Er schleuderte es von sich. Er spürte, wie jener Tentakel, der ihm schier die Luft abdrückte in Richtung Schläfe emporwuchs, sich teilte und dann mit den jeweiligen Enden am Kopf festsaugte. Ein schmatzender Laut entstand dabei.

Chase fielen die Löcher ein, die er in den Schädeln der mental entleerten Philadelphia-Vampire gesehen hatte.

Mit aller Kraft schlug er um sich, befreite seine Arme, nach denen erneut Tentakelausläufer gegriffen hatten und packte den starken, jetzt völlig unmenschlich wirkenden und weit aus dem Ärmel herausragenden Arm, von dem jene Verzweigungen ausgingen, die seinen Kopf bedrohten.

Gleichzeitig holte Chase zu einem wuchtigen Tritt aus. Kein eleganter Angriff, sondern ein Ausbruch purer, roher Kraft.

Der Tritt traf den Komori mit voller Wucht genau dort, wo Malloy seinen Bauch hatte.

Er wurde zurückgeschleudert.

Der Arm riss an einer Stelle nahe an Chase' Kopf, wo er schon sehr dünn geworden war. Chase spürte ein mörderisches Ziehen im Nacken. Er glaubte schon, dass sein Genick gebrochen wäre. Einige Augenblicke lang bekam er keine Luft. Er sah nur, wie sein Gegner mit voller Wucht gegen die Betonsäule geschleudert wurde.

Die Wucht war so groß, dass ein menschlicher Körper sie unmöglich aushalten konnte.

Malloy rutschte zu Boden.

Blut, vermischt mit grünem Schleim schmierte über den Beton.

Aber der Komori war offensichtlich bestrebt, den Verlust an körpereigener Substanz so gering wie möglich zu halten.

Seine Tentakel schrumpften. Das Gesicht veränderte sich abermals, wurde zu einer tierischen Maske, die entfernt an das Antlitz eines Oktopus erinnerte. Auch mit seinem Körper ging eine Verwandlung vor sich. An manchen Stellen wurde die Kleidung schlaff, an anderen platzte sie dafür auf.

Chase sorgte inzwischen dafür, dass die Reste der Tentakel von seinem Kopf verschwanden. Ein höllischer Schmerz durchzuckte ihn heiß, als er die dünnen Enden der verschiedenen Verzweigungen von seinem Kopf zu entfernen versuchte. Es gelang ihm erst beim zweiten Versuch und er musste dabei regelrecht die Zähne aufeinander beißen, so schlimm war es. Blut rann ihm aus den Wunden. Die Tentakelenden hatten bereits damit begonnen, sich in seinen Schädel hineinzubohren.

Chase war etwas benommen, betastete die Stellen.

"Verflucht!", knurrte er.

Aber noch hatte sein Gegner nichts Schlimmes anrichten können. Die Wunden waren nur oberflächlich und betrafen die Haut und ein paar zu starken Blutungen neigende Adern.

Mit dem Ärmel wischte sich Chase das Blut ab.

Er starrte seinen Gegner an.

Malloy lag am Boden.

Oder besser gesagt, der Komori, der Malloys Gestalt und teilweise wohl auch seine Identität angenommen hatte. Jetzt kauerte da ein eigenartiger Zwitter aus den entfernt noch erkennbaren Umrissen eines menschlichen Körpers und einem krakenhaften Ungeheuer, dem jemand einen dunklen Anzug angezogen hatte.

Dieses Wesen erhob sich mühsam, stieß dabei gurgelnde Laute aus.

Die wahre Gestalt des Komori!, ging es Chase schaudernd durch den Kopf. Oder doch eine Ahnung davon! Denn komplett war diese Verwandlung ganz offensichtlich wohl nicht.

Chase taumelte zurück.

Er wollte den Jeep erreichen.

Aber Madeleine trat ihm in den Weg. Sie war einen Bogen gegangen und schnitt ihm jetzt den Weg ab. Was für Sinne mochten es sein, von denen die beiden gesprochen hatten?, überlegte Chase. Vielleicht auch leichte Telepathie? Es gab hin und wieder Vampire, die über diese Gabe verfügten. Warum also nicht auch ein Komori? Der Gedanke beunruhigte Chase. Die Konsequenz war nämlich, dass seine Gegner ihm stets einen Schritt voraus waren.

"Jetzt gehörst du mir!", sagte Madeleine.

Hinter sich vernahm Chase ein Geräusch. Ein glucksender, schmatzender Laut. Er wandte den Kopf zur Seite, sah wie sich der aus der Form geratene Malloy-Komori auf ihn zu bewegte. Er war langsam dabei. Der Kopf besaß keinerlei erkennbare Sinnesorgane. Weder Augen noch Ohren. Aber so etwas brauchten die Komori wohl auch nicht.

Der Körper des Komori begann sich wieder zu verwandeln. Langsam schälten sich erneut menschliche Züge heraus, die mehr und mehr Ähnlichkeit mit Lieutenant Detective Robert Malloy besaßen. Es dauerte nur ein paar Augenblicke, dann hatte sich Malloys Gestalt wieder stabilisiert.

"Ich überlasse ihn dir!", meinte Malloy dann. Seine Worte waren schwer verständlich und schlecht artikuliert. Das hing vielleicht damit zusammen, dass die Mundpartie in ihrer Erscheinung noch etwas instabil war.

In Madeleines Augen blitzte es.

"Und du willst dir in der Zwischenzeit das mentale Kraftpaket schnappen, das irgendwo in den oberen Stockwerken haust!" meinte sie.

"Ich denke, wir sind beide auf unsere Kosten gekommen, seit wir in diese Welt geholt wurden!"

Madeleine ging jetzt zum Angriff über. Ihre Arme verwandelten sich in peitschenartige Tentakel. Chase duckte sich, als einer dieser Fangarme über ihn hinwegzischte. Der Zweite, von der anderen Seite heranschnellende Arm erwischte ihn jedoch. Er schlang sich um Chase Bauch.

Chase reagierte blitzschnell.

Er hatte aus dem Kampf mit dem Malloy-Komori gelernt und riss sofort mit aller Kraft an dem Fangarm - noch ehe Madeleine ihn zu sich heranziehen konnte.

Der Arm war nicht sonderlich widerstandsfähig.

Er riss ab.

Madeleine schrie auf.

Ein Schrei, der schließlich in einen anderen, sehr fremdartigen, fast tierhaften Laut überging.

Jetzt griff Chase an.

Er stürmte auf Madeleine zu und versetzte ihr einen Stoß. Sie taumelte zurück, landete auf der Motorhaube eines Chryslers. Chase rannte zum Jeep, so schnell er konnte. Er langte unter den Sitz, riss die Shotgun hervor. Madeleine hatte sich inzwischen von dem Schlag erholt. Ihre Frisur wirkte etwas derangiert. Das Kleid, in dem man sie beerdigt hatte, saß nicht richtig. Es hing an ihr wie ein nasser Sack. Sie näherte sich Chase. In ihren Augen glomm ein unheimliches Feuer. Gier!, dachte Chase schaudern. Blanke Gier stand in diesen Augen. Gier nach der Mentalenergie, die Chase ihr liefern sollte, um danach als pflanzenhaftes Etwas vor sich hin zu dämmern, es sei denn, jemand hatte die Gnade ihn davon zu erlösen.

So wie Chase es mit den Philadelphia-Vampiren im Hotel Shapiro getan hatte.

Madeleine schien Grund zur Eile zu sehen.

"Spiel mit ihm!", meinte Malloy aus dem Hintergrund. "Spiel mit ihm - so wie er mit Malloy gespielt hat."

"Warum sollte ich das tun?", fragte Madeleine. Ihre Lippen bewegten sich kaum dabei.

"Bist du nicht neugierig, wie er darauf reagiert?"

"Meine Gier ist stärker, Dad!"

Chase feuerte die Shotgun ab. Die Ladung sorgte dafür, dass von Madeleines Kopf kaum etwas übrig blieb. Nur der Unterkiefer und ein Stück des Mundes. An einer Seite noch ein wenig vom Wangenknochen. Ein paar Hautfetzen hingen daran. Der Rest war zerplatzt wie eine Melone, die jemand aus dem zweiten Stock geworfen hatte. Die Hirnmasse klebte überall. An den in der Nähe parkenden Fahrzeugen, am Beton der Decke und an den Rundpfeilern.

Sie wankte weiter auf Chase zu.

Einen Kopf schien der Madeleine-Komori nicht zu benötigen. Aber der Verlust an Körpersubstanz schien dieser Kreatur zu schaffen zu machen.

Zu einem weiteren Angriff schien sie im Moment nicht in der Lage zu sein. Ihre Tentakelarme ruderten aufgeregt.

Jetzt griff Malloy wieder ein.

Mit einer Schnelligkeit, die der Vampir seinem Gegner gar nicht mehr zugetraut hatte, nachdem Chase ihm ja bereits ziemlich übel mitgespielt hatte, war Malloy in seiner Nähe. Er stürmte auf Chase zu.

Etwas überhastet feuerte Chase die zweite Ladung seiner Shotgun ab. Aber sein Gegner duckte sich. Die Ladung ging in den nächsten Betonpfeiler.

Chase warf die Waffe zur Seite, holte die Machete aus dem Wagen. Damit hieb er auf den Komori ein. Ein Arm flog zu Boden. Eine Masse aus Blut und grünem Schleim spritzte. Der Komori veränderte seine Körperform. Neue Tentakel entstanden. Die Kleidung zerriss an einem halben Dutzend Stellen, an denen nun peitschenartige Fangarme herausschossen. Ein halbes Dutzend davon hieb Chase mit seiner Machete ab. Dann hatte eines dieser Tentakel seinen Fuß erwischt, sich um die Fessel geschlungen und mit einem Ruck verlor der Vampir das Gleichgewicht. Schwer stürzte er zu Boden. Er war benommen, als er mit dem Hinterkopf auf dem Beton aufkam.

Verzweifelt umklammerte er den Griff der Machete, versuchte gleichzeitig, bei Bewusstsein zu bleiben. Schwindel erfasste ihn. Und ein brummender, bohrender Schmerz.

Er spürte, wie Malloy ihn am Fuß zu sich heranzog. Seine Kraft war ungeheuerlich. Chase schauderte bei dem Gedanken an die überaus schnelle Regenerationsfähigkeit dieser Wesen. Das machte sie zu äußerst gefährlichen Gegnern. Wenn man sie töten wollte, gab es vermutlich nur die Möglichkeit, sie innerhalb sehr kurzer Zeit so zu zerfleischen, dass sie sich davon nicht wieder erholen konnten.

Chase stieß die Machete in den inzwischen wieder völlig aus der Form geratenen Körper seines Gegners. Ein gurgelnder Laut ertönte, der sich langsam in eine Art schmerzerfülltes Stöhnen wandelte. Blut spritzte bis zur Decke - aber auch eine grünliche, undefinierbare Flüssigkeit. Er hackte den Greifarm ab, der sich um sein Fußgelenk gelegt hatte, rappelte sich auf und hieb erneut zu. Diesmal mit so ungestümer Wucht, dass er den Komori in der Mitte beinahe durchteilte. Die Machete blieb in der Körpersubstanz stecken. Der brutale Schlag eines anderen Arms, an dessen Ende plötzlich eine knochige Verdickung gebildet wurde, ließ Chase benommen zurücktaumeln. Wie eine Keule wirkte diese Verdickung.

Chase wurde gegen einen Mercedes geschleudert.

Er war jetzt waffenlos.

Ächzend kam er wieder auf die Beine, erwartete den nächsten Angriff seines Gegners.

Aber der Komori gab nur ein gurgelndes Geräusch von sich.

Offenbar hatte Chase seinen Gegner sehr schwer getroffen. Die Regeneration schien diesem Wesen jetzt doch einiges an Problemen zu bereiten. Die keulenartige Verdickung am Ende des Tentakels zog sich zurück, löste sich schließlich auf.

Chase näherte sich.

Der Komori rührte sich nicht mehr. Er zerfloss zu einer breiigen Masse, hatte jetzt jegliche Struktur verloren. Chase nahm den Griff der Machete, zog sie aus der Substanz heraus.

Ein Zischlaut ertönte.

Die Substanz schrumpfte. Von der Kleidung, die der Malloy-Komori getragen hatte, war jetzt nichts mehr übrig. Beißende Dämpfe stiegen auf, so als würde sich der Komori durch eine in seiner Körpersubstanz enthaltenen Säure selbst zersetzen. Nur Augenblicke später war nichts von ihm übrig, außer einem dunklen Fleck auf dem Boden.

Chase wandte sich dem Madeleine-Komori zu.

Die Kreatur war noch immer kaum fähig, etwas zu tun. Sie hatte ihre Form inzwischen ebenfalls vollkommen verloren, zerfloss zu einem gallertartigen Klumpen. Lediglich der Rest von Madeleines Kopf wuchs noch deutlich erkennbar aus diesem amorphen Körper heraus.

Ein grässlicher Anblick.

Ein peitschenartiges Tentakel wuchs plötzlich aus ihrem Körper heraus, schleuderte in Chase' Richtung. Aber ihr fehlte jetzt Kraft und Schnelligkeit. Chase wich aus, dann schnellte er vor und hieb das Tentakel ab. Eine Mischung aus Blut und jener grünen Flüssigkeit, die auch schon aus dem Körper des Malloy-Komoris ausgetreten war, quoll in einer breiten Lache auf den Betonboden.

Chase packte den Griff der Machete mit beiden Händen, ging in einem kleinen Bogen auf die Kreatur zu, um nicht durch die ekelhafte Lache hindurch treten zu müssen.

Dann hieb er zu.

Immer wieder und erbarmungslos.

Die Gegenwehr der Kreatur war schwach.

Chase trennte ganze Stücke aus ihrem Körper heraus. Blut und grüner Schleim spritzten bis zur Decke und auch Chase war damit vollkommen besudelt.

Schließlich löste sich auch diese Kreatur in ihrer körpereigenen Säure auf. Nichts blieb zurück, außer einem eigenartigen Abdruck.

Chase ließ die Machete sinken.

Er sah an seiner besudelten Kleidung herab.

"Scheiße!"



19

Chase stieg in den Hummer und brauste davon. Er hatte keine Lust zu warten, bis die Angehörigen des Security Service auftauchten, um zu überprüfen, ob das, was sie auf ihren Video-Schirmen beobachtet hatten, auch wirklich geschehen war.

Minuten später fädelte sich Chase in den New Yorker Abendverkehr ein.

Unterwegs ließ er sich per Handy mit dem Fürst verbinden. Schließlich musste er gewarnt werden. Nicht viel hatte gefehlt und ihm selbst, dem Herrn der New Yorker Vampire wäre es an den Kragen gegangen.

Umso wichtiger war es, herauszufinden, wer hinter diesem Angriff steckte. Den Komori war es nicht möglich, von allein den Weg aus dem Limbus zwischen den Dimension auf die Erde zu finden. Sie mussten gerufen werden. Und genau das hatte jemand mit der Absicht getan, den Vampiren New Yorks zu schaden.

Chase fuhr zur Ecke Elizabeth Street/Street in Little Italy. Dort hatte er sich mit zwei anderen New Yorker Vampiren verabredet. Joe Carlito und Fred Lazarre. Die beiden hatten etwa Chase' Alter und teilten seinen modischen Geschmack. Beide trugen Lederjacken, Jeans und schwarze T-Shirts. Joe war - im Gegensatz zu Chase - ein echter Dunkelhaariger. Fred hatte sich die Haare weiß gefärbt. Da sie auch noch stachelig herumstanden, sah er etwas schrill aus. Jedenfalls waren die beiden zur Stelle, wenn Chase mal Unterstützung brauchte.

Chase hielt den Hummer an der Straßenseite im Parkverbot.

Er stieg aus. Die beiden kamen auf ihn zu.

"He, was geht ab, Alter! Du bist viel zu spät!", meinte Joe.

"Ich bin aufgehalten worden."

"Hattest du Ärger?"

"Kann man auch so ausdrücken."

Fred sah abschätzig an Chase besudelten Klamotten herab und schüttelte den Kopf. "Sieht aus, als müsstest du dringend mal duschen." Er rümpfte die Nase. "Und von deinem Deo riecht man auch nichts mehr! Teufel, ist das ein Schweinkram mit dem du dich eingesaut hast!"

Chase grinste.

"Wahrscheinlich hast du Recht! Ich müsste wirklich duschen."

"Egal, wo wir heute Abend hingehen, man wird dich in dem Aufzug vor die Tür setzen, Chase!"

"Wir haben's eilig!", meinte der Stellvertreter des Fürsten. "Ich erkläre euch alles unterwegs."

"Hat wahrscheinlich mit diesen Komori zu tun, vor denen wir alle gewarnt wurden!"

"Ja, hat es", bestätigte Chase.

Fred öffnete seine Lederjacke.

Darunter kam ein ganzes Waffenarsenal zum Vorschein: Eine 45er Automatik, ein Elektroschocker, ein Springmesser und ein Wurfstern.

"Na, klasse!", meinte Chase. "Dann kann's ja losgehen!

Fred verzog das Gesicht. "Wo mischen wir die Bande auf?"

"Erstmal machen wir gar nichts dergleichen, sondern sehen uns die Show eines frommen Predigers an - Moses Jordan!"

Joe Carlito verdrehte die Augen. "Doch nicht diesen Retter der verdammten Seelen!"

"... oder auch bekannt als der 'Sturmtank Gottes'!", bestätigte Chase ironisch. "Ganz genau den meine ich! Ich erkläre euch alles unterwegs!"

"Chase, ich wohne zwei Minuten von hier! Tu mir den Gefallen und leih dir wenigstens ein frisches T-Shirt! Du stinkst erbärmlich!", meinte Fred. "Bah, so viel Verwesung hält ja der verfaulteste Vampir nicht aus!"



20

Zur selben Zeit...

Die weiß gekleidete Gestalt ließ den Blick über die geschändeten Gräber des Trinity Cemetery schweifen. Ein zynisches Lächeln spielte um Gabriels Gesicht. Die Aufräumarbeiten auf dem zur Gemeinde der Trinity Church gehörenden Friedhof waren schon weit fortgeschritten. Am Tag hatte man mit Hochdruck daran gearbeitet. Der Friedhof war für den Besucherverkehr vorübergehend geschlossen worden.

Jetzt in der Nacht war hier niemand mehr.

Fast niemand.

Gabriel nahm einen Gedankenimpuls wahr. Er verfügte über eine leichte telepathische Gabe. Ruckartig bewegte er den Kopf.

"Ptygia!", stieß er hervor. Suchend sah er sich um. "Nun zeig dich schon! Was soll das Versteckspiel?"

In der Nähe einer Hecke wurden Ptygias Umrisse sichtbar. Zunächst wirkte sie wie eine undeutliche Projektion. Wirklich unsichtbar machen konnte sie sich das Monstrum mit den Lederschwingen nicht. Wenn man genau auf sie achtete, konnte man sie auch dann sehen. Ptygia materialisierte vollends. Der zwei Meter fünfzig große Koloss bewegte sich mit plumpen Bewegungen auf Gabriel zu.

Die weiblichen Attribute, die das Monstrum auszeichneten, machten sie leider um keinen Deut hübscher. Das Gesicht trug tierhafte Züge. Sie entblößte zwei Reihen von Raubtierzähnen und faltete ihre Lederschwingen sorgfältig zusammen.

"Kompliment!", meinte sie an Gabriel gewandt. "Dein Plan war bislang äußerst erfolgreich!"

"Noch steht er erst am Anfang."

"Willst du mich nicht über die nächsten Schritte informieren? Schließlich sind wir doch Partner!"

"Ptygia, du gehst mir auf die Nerven!"

Das Monstrum mit den Lederschwingen stieß einen grollenden Knurrlaut aus. An Kraft war sie Gabriel um ein Vielfaches überlegen. Also zog er es in der Regel vor, seine Partnerin nicht über Gebühr zu reizen. Dort wo sie hinschlug, wuchs nämlich buchstäblich kein Gras mehr. Und Ptygia neigte nun einmal zu gewissen Stimmungsschwankungen. In diesen Fällen war man dann besser nicht in ihrer Nähe.

Gabriel machte eine weit ausholende Geste. Seine Hand begann dabei zu leuchten, so als bestünde sie aus fluoreszierendem Gewebe. Die Knochen waren sichtbar wie auf einem Röntgenschirm. "Dies ist ein besonderer Ort, Ptygia."

"Ja, ich weiß, es vergeht kein Tag, an dem du es nicht erwähnst!"

"Es ist die Wahrheit! Kraftlinien von ungeheurer Intensität treffen sich hier. Wusstest du, dass sich hier schon seit Jahrhunderten immer wieder Friedhöfe befanden? Bevor die Holländer an dieser Stelle New Amsterdam gründeten, gab es genau an dieser Stelle eine indianische Begräbnisstelle." Gabriel deutete auf den Boden zu seinen Füßen. "Wer hier gräbt wird sehr tief graben müssen, um auf eine Schicht zu stoßen, in der es keine Gebeine gibt... So ein Ort ist wie geschaffen für die Durchführung schwarzmagischer Rituale!" Er atmete tief durch. "Wir werden bald die Vampire in dieser Gegend vernichtet haben... Und dann gehört mir die Macht! Ich werde das Imperium dieses komischen Fürsten einfach übernehmen..." Gabriel kicherte in sich hinein.

"Ich hoffe, du hast dabei auch an mich gedacht!", meldete sich Ptygia zu Wort.

"Natürlich!"

"Wir sind schließlich Partner!"

"Niemals würde ich dass auch nur einen einzigen Augenblick lang vergessen, Ptygia!"

"Hoffentlich!"

"Keine Sorge!"

Ptygia scharrte mit dem Fuß in der Friedhofserde.

"Du hast mich hier her bestellt, um ein Ritual durchzuführen...", sagte sie dann.

Gabriel nickte. "Es ist schon alles fertig! Ich habe ein paar gehäutete Ratten zu einem Hexagon angeordnet. Pass ein bisschen auf. Trampel nicht darauf herum... In der verfluchten Dunkelheit kann man sie schon mal übersehen..."

Ptygia drehte den Kopf und entdeckte schließlich eine der Ratten. Gabriel hatte sie auf einem Holzpflock gesteckt. Das Monstrum verzog angewidert das Gesicht. "Und was ist mein Part bei der Sache?"

"Pass auf, dass die Ratten genau noch mindestens sechs Stunden so angeordnet bleiben, egal was auch passiert. Es hängt viel davon ab. Dieses Ritual dient nämlich dazu, die Komori unter meiner geistigen Kontrolle zu halten. Bislang setzt diese Kontrolle nämlich immer komplett aus, sobald sie einen Vampir wahrnehmen."

"Liegt an ihrer Gier, was?"

"Vermutlich."

"Hast du keine Angst, dass dir die Komori mal völlig außer Kontrolle geraten?"

"Notfalls habe ich ja die Möglichkeit, sie in den Limbus zurückzuschicken, Ptygia! Also mach dir mal keine Sorgen und überlass das Denken mir! Pass hier schön auf. Und solltest du einen ungebetenen Besucher zerfleischen müssen, dann zertrampel dabei bitte nicht das, was ich so mühsam aufgebaut habe!"

Eine tiefe Furche bildete sich auf Ptygias hoher Stirn. Gurgelnd grollte es aus ihrer Kehle heraus. Ein Laut, der Missfallen ausdrückte.

Wenn sie etwas auf den Tod nicht ausstehen konnte, dann waren das Anspielungen, die von ihrer grobschlächtigen Erscheinung auf eine gewisse Tollpatschigkeit schlossen. Denn ein Tollpatsch war sie ganz und gar nicht! Im Kampf pflegte sie sich trotz ihrer massigen Erscheinung zwar mit großer Wuchtigkeit, aber auch mit tödlicher Geschmeidigkeit zu bewegen. Schon so mancher hatte das schmerzhaft zu spüren bekommen.

Gabriel bereute seine Stichelei schon. Schließlich brauchte er Ptygias Dienste im Moment ziemlich dringend und war auf das Wohlwollen der Gigantin angewiesen.

"Sorry, ich wollte natürlich keinesfalls andeuten, dass du vielleicht nicht siehst, wo du hintrittst!"

"Natürlich wolltest du das? Weißt du was selbst mit jemandem wie dir passiert, wenn ich einmal richtig hinlange?"

Gabriel hob beschwichtigend die Hände.

"Ich hab's oft genug mit angesehen, Ptygia! Also jetzt keine Kraftdemonstration, wenn ich bitten darf. Außerdem bin ich jetzt auch schon ziemlich spät dran!"

"Und wohin gehst du jetzt, wenn ich fragen darf?"

Gabriel grinste. "An einen Ort, an den ich dich auf Grund deiner aparten Erscheinung leider nicht mitnehmen kann! Außerdem ist eine Veranstaltung des frommen Predigers Moses Jordan vielleicht auch nicht der richtige Aufenthaltsort für eine Dämonin wie dich!" Einen gewissen bissigen Unterton hatte sich Gabriel einfach nicht verkneifen können.

Ptygia fauchte wütend.

"Aber für einen Sendboten der Hölle wie dich schon, ja?"

Ein überhebliches Lächeln erschien auf Gabriels engelsgleichem Gesicht. "Immerhin habe ich als ehemaliger Streiter Gottes ein bisschen Erfahrung, wie man sich in diesen Kreisen bewegt, Ptygia!"

"Geh nur! Aber solltest du mich in irgendeiner Weise hinters Licht führen wollen, dann Gnade dir..."

"Wer auch immer!", unterbrach Gabriel sie. Lächelnd entmaterialisierte er. Für Sekundenbruchteile hinterließ er eine leuchtende Aura, doch schließlich war auch die verschwunden.

Ptygia atmete tief durch.

Mal abwarten, was aus Gabriels Plan wird!, überlegte sie. Wenn er geklappt hatte und der Mann mit dem Engelsgesicht die Vampire New Yorks aus dem Weg geräumt hatte, konnte sie immer noch überlegen, ob sie sich dann ihres Partners entledigen sollte.

Schließlich war sie Gabriel an Kampfkraft erheblich über- legen. Wenn es hart auf hart ging, sah es schlecht für den Mann in Weiß aus.

Aber so ein Schritt wollte gut überlegt sein.

Einstweilen brauchte sie Gabriel und sein unvergleichliches okkultes Wissen jedenfalls noch. Aber das war vielleicht nur eine Frage der Zeit.



21

Es war brechend voll in der Thomas Jefferson Memorial Hall, einem Kongress-Zentrum in Yonkers, das von Moses Jordans Management offenbar für die Totenerweckung des heutigen Abends angemietet worden war.

Die Kontrollen am Eingang waren ziemlich streng. Es wäre unmöglich gewesen, irgendwelche Waffen mit ins Innere zu nehmen. Fred musste also sein ganzes Arsenal im Hummer zurücklassen.

Chase sah trotz des frischen T-Shirts nicht gerade wie ein frommer Kirchgänger aus.

"Friede und Erlösung deiner armen Seele!", sagte der Türsteher. Erst dachte Chase, dass sei speziell auf ihn gemünzt. Aber dann bemerkte er, dass alle Gäste so begrüßt wurden.

Chase und seine beiden Begleiter gehörten zu den Letzten, die sich in die Halle drängten. Etwa fünftausend Besucher waren gekommen. Der Saal glich einem riesigen Kino.

"Ich bin mal gespannt, was da auf uns zukommt!", meinte Joe Carlito.

"Wir sind nicht zum Spaß hier!", mahnte Chase.

"Aber ein bisschen Fun muss doch auch dabei sein!"

"Haltet die Augen auf. Dieser Jordan hat etwas mit der Beschwörung der Komori zu tun, das liegt auf der Hand..."

Fred meldete sich zu Wort. "Wie wär's, wenn wir uns den Kerl in der Garderobe vorknöpfen und richtig ausquetschen?"

"Machen wir!", versprach Chase. "Aber nicht jetzt."

"Wieso nicht?"

"Ist schon zu spät. Das Ding hier fängt jeden Augenblick an. Aber vielleicht gibt's ja 'ne Pause. Oder wir nehmen ihn uns hinterher vor."

Fred Lazarre zuckte die Achseln.

"Du bist der Boss!", meinte er in Anspielung auf Chase' hohe Position in der Organisation der New Yorker Vampire. Chase hatte Joe und Fred schon gekannt, als er noch nicht so weit oben gewesen war. Ihr Umgangston hatte sich seitdem nicht geändert. Aber wenn es hart auf hart ging, war allen klar, dass Chase das Kommando hatte.

Und Chase wusste, dass er sich bei aller Flapsigkeit auf die beiden verlassen konnte.

Andernfalls hätte er sie auch nicht auf eine so wichtige Mission wie diese mitgenommen.

Eine Mission, bei der ihre Gegner keineswegs nur schwächliche Sterbliche waren, die ihren Kräften nichts entgegenzusetzen hatten, sondern Wesen, die ihnen mindestens ebenbürtig und sehr schwer zu töten waren, wie Chase inzwischen erfahren hatte.

Chase ließ den Blick über das Publikum schweifen. Ein Mann im weißen Anzug fiel ihm auf. Sein leicht gelocktes, blondes Haar und die ebenmäßigen Gesichtszüge gaben ihm ein fast engelhaftes Aussehen. Der Mann in Weiß wirkte auf Chase wie jemand, der etwas mit der Organisation dieser Veranstaltung zu tun hatte. Der Mann stand ruhig da, betrachtete das Publikum und lächelte überlegen. Zwischendurch kam einer der Saalangestellten auf ihn zu, schien ihn etwas zu fragen.

Auf der Bühne wurden derweil letzte Vorbereitungen getroffen.

Vom Band wurde im Hintergrund 'I saw the Light' von Johnny Cash gespielt.

Dann wandte der Mann in Weiß mit einer ruckartigen Bewegung den Kopf in Chase' Richtung.

Er sah den Vampir direkt an.

Unter all den vielen Menschen hatte er sich gerade die Nummer zwei des Imperiums herausgefischt. Er fixierte Chase regelrecht mit seinem intensiven Blick. Eine Falte erschien auf der glatten Stirn des Engelsgesichts.

"Was ist das denn für einer?", murmelte Chase vor sich hin.

"Der Kerl in der Marine-Uniform dahinten?", witzelte Joe Carlito. "Sieht aus wie der Oberkellner vom Dienst!"

In diesem Moment ging das Licht aus. Johnny Cash's sonore Stimme wurde leiser und schließlich blendete man sie ganz aus. Scheinwerfer beleuchteten die Bühne. Chase' Augen suchten in der Dunkelheit nach dem Mann in Weiß. Aber er fand ihn nicht. Irgend etwas stimmt mit dem Kerl nicht!, dachte er. Es war eine Art Instinkt, der ihm das sagte. Er fühlte Unbehagen. Die Art und Weise, in der der Kerl ihn mit seinem Blick fixiert hatte gefiel ihm ganz und gar nicht.

So als ob er alles über dich wüsste!, ging es ihm durch den Kopf.

Im nächsten Moment wurde Chase' Aufmerksamkeit durch etwas anderes abgelenkt.

Auf der Bühne erschien ein von einem Spotlight angeleuchteter Conferencier. Er trug einen dunklen Anzug. Am Revers blinkte ein silbernes Kreuz, das auf Chase einen ziemlich protzigen Eindruck machte.

"Ladies and Gentlemen - Brüder und Schwestern im Glauben! Ich habe die Ehre Ihnen heute einen Mann zu präsentieren, der als unerschrockener Prediger überall in den USA bekannt geworden ist! Von Kalifornien bis Chicago, von Miami bis New York City trat er auf, um verdammte Seelen zu erlösen und für die Sache des Herrn Jesus Christus zu gewinnen, um ihnen die Botschaft der Liebe zu bringen, aber auch jene Botschaft, die von der Gewissheit des Gerichtes spricht. Er bringt uns die Botschaft vom Krieg gegen das Böse und der Verdammnis - und man nennt ihn den daher auch den 'Sturmtank Gottes'! Halleluja!"

"Amen!", antwortete das Publikum wie ein Mann.

Leicht swingende Gospelmusik erklang im Hintergrund.

"Brüder und Schwestern! Ich habe die Ehre Ihnen einen Mann vorzustellen, der vermutlich das Leben von mehr Menschen veränderte, als die letzten drei Präsidenten der Vereinigten Staaten! Ein Mann, den Gott Wunder tun und sogar den Tod überwinden lässt! Ladies and Gentlemen, begrüßen wir gemeinsam den Superstar des Gebets: MOOOOSES JORDAN!"

Das Spotlight schwenkte herum.

Moses Jordan erschien auf der Bühne.

Beifall brandete auf. Die Gospel-Musik im Hintergrund schwoll zu einem Crescendo an.

Jordan hob die Arme, nahm die Huldigungen des Publikums entgegen.

Chase sah voller Erstaunen auf den dunkelhaarigen, bärtigen Prediger. Auf den Polizeifotos, kurz nach seiner Festnahme aufgenommen, hatte dieser Mann noch wie ein Greis gewirkt. Doch die Lebenskraft schien in seinen Körper zurückgekehrt zu sein. Jedenfalls wirkte Jordan wieder wie ein fünfundvierzigjähriger.

Nur beiläufig hörte Chase den salbungsvollen Worten des Predigers zu, in denen er zum Kampf gegen das Böse aufrief und die Sünder zur Umkehr mahnte.

Ein Sarg wurde hereingefahren.

Moses Jordan trat an den Sag heran, legte die Hand auf das dunkel gemaserte Holz. "Hier liegt Elizabeth Jenkins, eine verführte Sünderin, die für Geld ihren Körper verkaufte und insgesamt sogar dreimal unschuldiges Leben abtreiben ließ, dass in ihrem Bauch heranreifte!"

Ein Raunen ging durch das Publikum.

Moses Jordan atmete tief durch.

Er schüttelte den Kopf.

"Elizabeth, du bist tief gefallen. Du hast einen Stoff genommen, der sich Crack nennt und der dich schließlich körperlich zu Grunde richtete. Der Herr hat dich zu sich genommen, aber wäre es nicht gut gewesen, wenn du deine Sünden vor all den Menschen, die dich kannten, noch hättest bereuen können?" Er machte eine kurze Pause. Dann fuhr der Prediger emphatisch fort: "Der Herr und die Gebete deiner Brüder und Schwestern werden dich retten, Elizabeth! Hallelujah!"

"Amen!", antwortete das Publikum.

Die Gospelmusik im Hintergrund schwoll dramatisch an.

"Der Herr ist wunderbar! Er wird durch meine Hände ein Wunder tun und dir ermöglichen, was eigentlich nicht möglich ist, Elizabeth! Er wird dir für Augenblicke das Leben zurückgeben, damit du deine Sünden bereuen kannst! Es gibt ein paar Menschen in deinem Leben, denen das sehr wichtig ist! Sie haben dafür gesorgt, dass dein Leichnam hier her gelangte - allen Vorschriften zum Trotz! Aber heißt es nicht: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und gebt Gott, was Gottes ist?" Ein Augenblick der Stille entstand. Der Gospelchor setzte aus.

Moses Jordan deutete auf den Sarg. "Dein Fleisch, Elizabeth, gehört Gott! Und ER wird von den Toten erwecken und wiederauferstehen lassen, wenn es IHM gefällt!"

Zwei Männer kamen auf die Bühne, nahmen den Sargdeckel ab, trugen ihn von der Bühne. Ein Spotlight leuchtete das Innere aus, so dass man von den erhöhten Plätzen im Auditorium aus die tote Elizabeth Jenkins sehen konnte. Eine bleiche junge Frau mit eingefallenem Gesicht.

"Cool, Mann! Der Typ hat's echt drauf!", meinte Joe Carlito an Chase gewandt.

"Jedenfalls weiß er, wie man die Leute bei der Stange hält!", murmelte Chase.

Jetzt ließ der Prediger die arme Elizabeth sich hinsetzen. Seine Hand auf ihrer Stirn. Der entstehende Schatten sorgte dafür, dass man das Gesicht der jungen Frau nicht sehen konnte. Wenn es sich wirklich um die Leiche einer Crack-süchtigen handelt - um so besser!, ging es Chase durch den Kopf. Aber vielleicht ging der ganze Zauber auch nicht mit rechten Dingen zu.

"Elizabeth! Hörst du mich! Deine Brüder und Schwestern hier im Publikum beten für dich und deiner verdorbenen Seele, der hier und heute und vor aller Öffentlichkeit, im Angesicht Gottes und der Menschen, die einmalige Chance zuteil wird, reinen Tisch zu machen. Reinen Tisch, um guten Gewissens vor den Schöpfer treten zu können, der deine Seele dann wägen wird."

Der Prediger wandte den Kopf in Richtung der Gemeinde. "Betet, Brüder und Schwestern! Fasst euch bei den Händen und betet! Euer Glaube ist es, die die Kraft des Herrn herbeiruft!"

Die Menschen fassten sich bei den Händen.

Chase sah sich befremdet um.

Da waren eiskalte Yuppies aus der Wall Street, für die sonst nur Chartanalysen und Renditen zählten. Hier wurden sie zu gläubigen Kindern und standen neben Leuten, die vielleicht Bauarbeiter oder Kindergärtnerin waren. Alle vereint in dem Glauben, dass Moses Jordan Tote erwecken konnte. Durch die Kraft Gottes. Die Wiederauferstehung des Fleisches.

"Komm, lasst uns gehen", meinte Chase und musste sich dabei Mühe geben, den wieder zum Crescendo anschwellenden Gospel-Chor zu übertönen.

"Hey, Mann! Wieso denn?", maulte Fred Lazarre. "Ich will jetzt sehen, ob die Leiche wirklich redet!"

"Und ich will wissen, wo die Garderobe dieses Moses-Verschnitts da unten ist, damit wir ihn abpassen können!"

"Moment noch!" Auch Joe Carlito war von dem Geschehen auf der Bühne vollkommen fasziniert. "Die Lady da unten ist genauso tot wie wir! Vielleicht sollten wir uns auch mal eine Spezialbehandlung von Mr. Jordan gönnen!"

"Sehr witzig, Joe!"

Von den Leuten in der Sitzreihe vor ihnen ernteten sie ein paar vernichtende Blicke. Wie konnte jemand nur im Angesicht eines Wunders so wenig Andacht zeigen. Sie warteten noch ab, bis die tote Lady ihr Reuebekenntnis abgelegt hatte. Dann verließen sie das Auditorium.

Es war nicht schwer, den Weg zur Garderobe des Star-Predigers zu finden.

Zwei Security Guards bewachten den Weg dort hin.

"Hey, was wollt ihr hier!"

Einer der beiden zog seinen Revolver.

Joe Carlito stürzte sich auf ihn, verpasste ihm einen Schlag, der ihn tödlich getroffen zu Boden gehen ließ. Fred Lazarre nahm sich den anderen vor und schaltete ihn aus.

"Das war knapp!", meinte Joe. "Wenn der Kerl einen Schuss abgegeben hätte, wär's eng für uns drei geworden."

Chase nickte.

"Scheint so, als könnte man sich immer noch auf euch verlassen!"

"Was hast du denn gedacht!"

"Jetzt seht mal zu, dass ihr ein unauffälliges Plätzchen für die Leichen findet! Und dann..."

Joe und Fred sahen Chase mit gerunzelter Stirn an.

"Was - und dann?", hakte Joe Carlito nach.

"Dann zwängt ihr euch in diese Uniformen! Sicher ist sicher..."

Joe seufzte schwer. "Schon lange her, dass ich das letzte Mal eine Hose mit Bügelfalte getragen habe!"

"Na, dann wird's ja wieder mal Zeit!", war Chase' Erwiderung.



22

Gabriel fühlte ein tiefes Unbehagen. Schon bei Beginn der Veranstaltung hatte er ganz flüchtig ein Gedankensignal wahrgenommen, das ihm irgendwie verdächtig vorgekommen war. Er konnte nicht genau sagen, wieso. Und ob es letztlich sein schwache telepathische Begabung oder eine Art innerer Gefahreninstinkt gewesen war, der sich da bei ihm gemeldet hatte, konnte er auch nicht mit Bestimmtheit sagen. Dafür befanden sich einfach zu viele Menschen in der Thomas Jefferson Memorial Hall von Yonkers, deren Gedankenströme jede gezielte telepathische Wahrnehmung völlig unmöglich machten. Und für jemanden, bei dem diese Begabung nur schwach ausgeprägt war, galt das im Besonderen.

Gabriel saß mitten im Publikum, beobachtete die Show, die Moses Jordan auf der Bühne brachte.

Eine Show, die ohne Gabriels okkultes Wissen überhaupt nicht möglich gewesen wäre.

Moses Jordan - oder der Komori, der inzwischen seinen Platz eingenommen hatte - spielte eine entscheidende Rolle in seinen Plänen. Gabriel wollte Macht. Und so sehr er die Sterblichen auch verachtete - er brauchte auch Macht über sie, wenn er auf dieser Welt Fuß fassen wollte. Und dazu war Moses Jordan genau das richtige Mittel. Ein Mann, der gewusst hatte, wie man Menschen einfing. Der Komori, der Jordans Körper kopiert hatte, war bereits zu einer fast perfekten Zweitversion des Predigers geworden. Mit Hilfe einiger Rituale hatte er dafür gesorgt, dass nicht nur Bewusstseinsreste, sondern das komplette Wissen des Predigers in den Komori übergegangen war. Dass dieses Wesen aus dem Limbus manchmal noch Probleme in der perfekten Beherrschung der Gesichtsmuskulatur hatte, ließ sich durch eine geschickte Beleuchtung wettmachen.

Nein, an der Show, die der Moses Jordan-Komori lieferte, gab es nichts herumzumäkeln. Er machte seine Sache perfekt. Besser, als Gabriel es in seinen kühnsten Träumen erwartet hatte.

Der Sarg mit der armen Elizabeth wurde von der Bühne getragen.

Für einen kurzen Augenblick stand ein zynisches Lächeln in Gabriels engelhaftem Gesicht. Mochte der Teufel wissen, ob die Arme jetzt ihren Seelenfrieden gefunden hatte... Für den Fall, das die Behörden irgendwelche Schwierigkeiten machten, hatte Gabriel jederzeit gefälschte Bescheinigungen auf Lager, die beweisen konnten, dass die Verstorbene zu Lebzeiten erklärt hatte, damit einverstanden zu sein, nach dem Ableben in der Moses-Jordan-Show aufzutreten.

Gabriel beobachtete den Prediger.

Jetzt ging es um die Sünden der Leute auf den Publikumsrängen. Auch sie sollten ihren Willen zur Buße zeigen.

Aber etwas stimmte nicht mit dem Jordan-Komori.

Ein eigenartiger Ruck ging durch seinen Körper. Er wirkte plötzlich wie abgelenkt. Und dann erkannte Gabriel, was los war.

Vampire!, duchzuckte es ihn. Sie müssen ganz in der Nähe sein! Der Komori spürt ihre Anwesenheit!

Gabriel schloss die Augen, konzentrierte sich. Ich werde den Jordan-Komori unter stärkere geistige Kontrolle nehmen müssen!, überlegte er. Sonst geht die Gier mit ihm durch!



23

Als Moses Jordan seine Garderobe betrat, bekam er einen heftigen Schlag vor der Brust. Einen Sekundenbruchteil später einen zweiten gegen den Kopf. Er wurde zu Boden geschleudert.

Chase hatte auf ihn gewartet. Er verschloss von innen die Garderobentür. Draußen würden Joe Carlito und Fred Lazarre dafür sorgen, dass er sich hier ungestört mit dem Prediger unterhalten konnte.

Jordan erhob sich wieder.

Er hatte die Schläge erstaunlich gut verdaut.

Chase hatte seine Kraft dosiert.

Schließlich wäre ein Sterblicher sofort tot gewesen, wenn der Vampir etwas härter hingelangt hätte.

Und Chase' Absicht war es, sich mit dem selbsternannten Kämpfer gegen die Verdammnis zu unterhalten.

"Erzählen Sie mir alles, was Sie über eine gewisse Nacht zu sagen haben, in der Sie offenbar auf dem Trinity Cemetery geschlafen haben!", forderte Chase. "Andernfalls sehe ich mich gezwungen..."

Ein wütender Knurrlaut war die Antwort von Jordan.

Er streckte die Arme aus. Sie verwandelten sich zu peitschenartigen Fangarmen, die er durch die Luft schleuderte.

Moses Jordan - ein Komori!, durchzuckte es Chase. Du hättest es ahnen können, dachte er. In dem Moment, als er ohne ein einziges weißes Haar auf der Bühne stand, hätte bei dir der Groschen fallen müssen.

Chase duckte sich.

Einer der Fangarme zischte über ihn hinweg, schlug dann in einen der Spiegel hinein, der zu Bruch ging.

Den zweiten tentakelartigen Fangarm fing Chase mit den Händen. Er packte ihn, riss daran. Der Jordan-Komori taumelte auf ihn zu. Chase holte zu einem wuchtigen Tritt aus, der Jordan mit voller Wucht erwischte.

Der bärtige Prediger mit den peitschenartigen Krakententakeln wurde mit unglaublicher Gewalt gegen die Wand geschleudert. Ein halb gurgelnder, halb ächzender Laut kam aus seinem Mund. Chase zögerte keine Sekunde.

Zu gegenwärtig war ihm noch der Kampf mit den beiden Komori, die die Körper von Madeleine und Robert Malloy nachgebildet hatten.

Chase setzte nach, schlug auf den Prediger ein. Seine Fäuste trommelten auf dessen Kopf. Das Geräusch zerbrechender Knochen vermischte sich mit den dumpfen Schlägen.

Moses Jordans Gesicht wurde von Chase regelrecht zu Brei geschlagen. Blut schoss aus der Nase und dem Mund. Blut vermischt mit grünlicher Flüssigkeit. Ein Röcheln ertönte. Das Gesicht veränderte seine Form. Ein konturloser Krakenkopf entstand. Und auch ansonsten begann der Körper seine menschliche Form nicht mehr halten zu können. Die Kleidung zerplatzte an mehreren Stellen.

Der Komori schien stark angeschlagen zu sein.

Aber Chase wusste, dass er noch nicht nachlassen durfte.

Ein Tentakel wuchs plötzlich aus der Körpermitte des Jordan-Komori heraus. Ein heftiger Stoß traf Chase genau vor den Solar Plexus. Er wurde zurückgeschleudert, klatschte gegen die Tür. Der Hinterkopf kam hart gegen das Holz. Eine Platzwunde begann zu bluten.

Das Tentakelwesen schien sich wieder etwas erholt zu haben. Es hatte die menschliche Gestalt nun nahezu komplett aufgegeben, kroch auf Chase zu.

Ein Tentakel zischte wie eine Peitsche durch die Luft, schloss sich um seinen Hals. Ein Ruck, der dem Vampir beinahe das Genick brach, zerrte ihn an das Monstrum heran.

Chase trat um sich. Seine Stiefel trafen mit voller Kraft auf den amorphen Körper seines Gegners. Der Vampir spürte, wie sich der Griff des Tentakelarms um seinen Hals lockerte. Es gelang Chase, sich aus der Umklammerung zu befreien. Er rollte auf dem Boden herum, sprang auf.

Sekundenbruchteile später war Chase wieder in Kampfhaltung. Aber sein Gegenüber war noch nicht wieder bereit. Chase machte ein paar Schritte zur Seite. An der Wand neben dem Waschbecken waren ein paar schwenkbare Handtuchhalter aus Metall an einem Gelenkstück verschraubt.

Chase brach einen davon aus seiner Verankerung.

Er brauchte jetzt eine Waffe, um diesen Kampf endlich für sich entscheiden zu können. Und auch wenn ihm eine Shotgun oder eine Machete in diesem Moment entschieden lieber gewesen wäre.

Manchmal konnte man es sich eben nicht aussuchen.

Chase packte den Handtuchhalter wie einen Dolch mit beiden Händen.

Einer der Tentakel zuckte vor.

Chase wich aus, dann trat er mit dem Stiefel drauf. Ein schmatzendes Geräusch entstand dabei. Blut und grüner Schleim quollen auf den Boden, während Chase mit dem Handtuchhalter zustieß.

Er rammte die Metallstange in den Körper seines Gegners. Die Außenhaut platzte auf und das Metall drang ins Innere. Blut und grüner Schleim spritzten bis zur Decke. Chase riss die Metallstange wieder heraus und stieß erneut zu. Immer wieder. Bis das Wesen aus dem Limbus keine Gegenwehr mehr zeigte. Ein zischendes Geräusch ließ ihn zur Seite springen. Die Säure aus dem Körperinneren des Komori begann, ihn zu zersetzen. Ätzende Dämpfe stiegen auf. Chase rümpfte die Nase, versuchte so wenig wie möglich davon einzuatmen.

Von dem Komori, der Moses Jordans Gestalt angenommen hatte, blieb nichts weiter als ein eigenartiger Abdruck im Fußboden.

Chase ging zur Tür, entriegelte sie und trat hinaus auf den Flur. Die Metallstange ließ er in der Garderobe zurück.

Der Vampir atmete tief durch.

Am Ende des Flurs standen Joe Carlito und Fred Lazarre in der Uniform des Security Service. Wenigstens das hat geklappt!, ging es Chase durch den Kopf. Die beiden hatten ihm zweifellos den Rücken freigehalten. War nur zu hoffen, dass sie schlau genug gewesen waren, um ein gutes Versteck für die Leichen der echten Security Service-Leute gefunden zu haben. Aber es gab hier jede Menge Nebenräume, in denen sie fürs erste nicht gefunden werden würden.

Der Klang eines Gospel-Chors drang aus dem Auditorium. Die Gemeinde sang etwas schief und nicht ganz im Tempo, aber dafür leidenschaftlich mit. Eine ganze Stunde dauerte die Moses Jordan-Show noch. Bald würde man ihn wieder auf der Bühne erwarten. Spätestens dann mussten Chase und seine Freunde auf und davon sein.

Innerlich fluchte Chase.

Die Aktion hatte nicht viel gebracht. Er war kaum schlauer als zuvor.

"Hi Folks! Alles klar?", meinte Chase an Joe Carlito und Fred Lazarre gerichtet.

Die beiden drehten sich zu ihm um, sahen ihn an.

Fred machte einen Schritt auf Chase zu.

"Hallo", sagte er.

"Mein Gesprächspartner war leider nicht sehr redefreudig!", sagte Chase zynisch.

Aus irgendeinem Grund wanderte Chase' Blick zu Boden. Dort waren einige Flecke, die aussahen, als wären sie erstens frisch und zweitens als hätte man versucht, sie in aller Eile zu entfernen.

Das kann alles mögliche sein!, ging es Chase durch den Kopf. >Vielleicht - Blut!>

Er sah in Joe Carlitos kalt glitzernde Augen. Sein Gesicht war starr bis auf ein eigenartiges, unkontrolliertes Zucken unterhalb des linken Auges.

Als Chase die Erkenntnis dämmerte, war es zu spät.

Die Arme der beiden verwandelten sich in Tentakel. Sie verlängerten sich innerhalb von Sekundenbruchteilen, schossen regelrecht auf Chase zu. Es war ein koordinierter Angriff. Eines der Tentakel umfasste seinen Hals, nahm Chase beinahe die Luft zum atmen. Ein anderes umschlang den Oberkörper, ein weiteres schnürte ihm die Beine regelrecht zusammen. Innerhalb von Augenblicken war Chase eingewickelt wie in einem Kokon. Er versuchte sich loszureißen, aber der vereinten Kraft seiner Gegner hatte er nichts entgegenzusetzen. Sie hatten den Vorteil des Angreifers auf ihrer Seite gehabt. Vor wenigen Augenblicken noch, bei dem Kampf in Moses Jordans Kabine, war dieser Vorteil auf Chase' Seite gewesen.

Joe Carlitos Uniform platzte auseinander. Ein Tentakel wuchs aus seinem Brustbein heraus und steuerte zielstrebig auf Chase' Kopf zu. Es teilte sich. An der Schläfe und an verschiedenen anderen Stellen des Kopfes saugten sich die Enden fest.

Nur das nicht!, ging es Chase schaudernd durch den Kopf. Ein mental entleerter Dämmerzustand, aus dem es keine Rettung mehr gab, es sei denn ein barmherziger Vampirjäger machte sich die Mühe, einem den Kopf abzuhacken.

Etwas Schlimmeres konnte Chase sich nicht vorstellen.

Die Tentakelenden begannen, sich in Chase' Kopf hineinzubohren.

Das erste Blut spritzte.

Verdammt!, dachte Chase.

Denn das war er nun wirklich im wahrsten Sinn des Wortes.



24

"Halt!", rief Gabriels dünne Stimme. Der Mann in Weiß war wie aus dem Nichts in der Szenerie erschienen. Eine schimmernde Aura umgab ihn. Er hob die Hände, die leuchteten, als ob sie fluoreszierten. Seine Augen waren vollkommen weiß, wie angestrahltes Platin.

Ein grollender Laut kam von den beiden Komori, die die Körper von Joe Carlito und Fred Lazarre kopiert hatten. Es gefiel ihnen nicht, was ihr Herr ihnen befahl.

"Halt!", dröhnte Gabriel ein zweites Mal, jetzt verbunden mit einem unmissverständlichen mentalen Befehl.

Du hast von Anfang an gewusst, wie schwer es ist, Komori unter geistiger Kontrolle zu halten!, ging es Gabriel durch den Kopf. Es war ein Risiko gewesen. Trotz der Rituale, die er zu diesem Zweck durchgeführt hatte und die ihn eigentlich zum unumschränkten Herrn über diese Kreaturen hätte machen sollen.

Ihre Gier wird irgendwann alles überlagern!, ging es ihm durch den Kopf.

Vielleicht wird es in ein paar Stunden besser, wenn das Ritual auf dem Trinity Cemetery beendet ist!, ging es im durch den Kopf.

Joe Carlito öffnete den Mund.

"Warum?", stieß er hervor.

"Zieh dein Tentakel zurück!", befahl Gabriel.

"Warum?", wiederholte er dumpf.

"Es steht dir nicht zu, zu fragen. Ich bin der Herr. Und ich befehle euch, ihn nur gefangen zu halten, aber nicht mental zu entleeren..."

Die beiden Komori zögerten.

Quälend lange Sekunden dauerte es, bis sie endlich gehorchten und sich die Tentakelenden von Chase Schläfen zurückzogen. Der Vampir sah ziemlich zerschrammt aus. Mit seiner Willenskraft schloss er die nur oberflächlichen Wunden rasch. Nicht viel hatte gefehlt und die Tentakelenden hätten sich in sein Hirn hineingebohrt.

Gabriel trat auf Chase zu.

Ein kaltes, überlegenes Lächeln stand im Gesicht des Mannes in Weiß.

"Wer bist du?", fragte er.

"Chase Blood."

"Ah, die Nummer zwei in der Vampir-Organisation!"

"Du weißt gut Bescheid!"

"Natürlich..."

"Darf ich erfahren, weshalb ich noch keinen löchrigen Schädel habe - so wie meine Freunde vermutlich? Wenn du Informationen willst..."

Gabriel lachte auf.

"Du Narr! Wenn einer dieser netten Freunde dich mental entleert, hat er auch dein gesamtes Wissen! Aber daran bin ich nicht interessiert! Glaubst du, ich hätte den Angriff auf eure Organisation gestartet, wenn ich mich nicht vorher eingehend über euch informiert hätte!" Gabriel schüttelte den Kopf. Er beugte sich nieder. Der Blick seiner platinhellen Augen schmerzte Chase. "Nein, die Tatsache, dass du jetzt keinen Schädel hast, der aussieht wie ein Schweizer Käse, verdankst du einzig und allein einem spontanen Entschluss meinerseits. Ich brauche dich für ein Ritual, das bereits im Gange ist. Aber die Mentalenergie eines Vampirs könnte die Wirkung um ein Vielfaches verstärken. Einen Sterblichen zu opfern wäre kaum der Mühe wert, aber dich..." Gabriel kicherte hässlich. "Die Strahlen der Morgensonne werden dich verbrennen, Chase Blood. Und du musst zugeben, dass das Schicksal, das ich dir zugedacht habe, sehr viel gnädiger ist als jenes, das deine Freunde ereilte!"

Chase machte einen letzten Versuch, sich aus der Fesselung durch die Tentakel der beiden Komori zu befreien.

Aber es war sinnlos.

Verzweiflung stieg in ihm auf.

Gabriel berührte mit der Hand Chase' Stirn.

Der Vampir war an das erinnert, was er in der Moses Jordan-Show gesehen hatte.

Gabriel murmelte einige Worte in einer unbekannten Sprache vor sich hin.

Und Chase hatte ein Gefühl, als ob ein starker elektrischer Schlag seinen Körper durchfuhr und erzittern ließ. Der Schmerz erfasste ihn wie eine rote Welle.

Im nächsten Moment senkte sich bewusstlose Dunkelheit über ihn.



25

Als Chase erwachte, hatte er jegliches Gefühl für Raum und Zeit verloren. Er lag mit ausgebreiteten Armen auf der feuchten Erde. Der Vampir versuchte, sich zu bewegen, musste aber feststellen, dass das unmöglich war. Er wandte den Kopf. Ringe aus weißem Licht umschlossen seine Hand- und Fußgelenke und hielten sie am Boden. Er riss daran, aber es hatte keinen Sinn. Zuckende Schmerzen durchfuhren jedes Mal seinen Körper, wenn er versuchte, sich von diesen Fesseln zu befreien, die irgendeinen schwarzmagischen Hintergrund haben mussten.

Immerhin konnte Chase den Kopf wenden. Er sah, dass er auf einem Friedhof war. Überall Grabsteine, manche umgestoßen, andere bereits wieder an ihrem Ort. Die Aufräumarbeiten waren noch nicht abgeschlossen. Chase war sofort klar, dass es sich um den Trinity Cemetery handelte. Zwei in Stein gemeißelte Namen fielen ihm auf.

ROBERT MALLOY.

MADELEINE MALLOY.

"Ich habe dich extra so hingelegt, dass du die Gräber der beiden gut sehen kannst, Chase Blood!", ertönte eine Stimme, die Chase inzwischen nur zu vertraut war.

Es war der Mann in Weiß.

Er trat an den am Boden Liegenden heran, sah auf ihn herab.

"Wer bist du?", fragte Chase. "Wer bist du wirklich?"

"Mein Name ist Gabriel."

"Ein Dämon?"

"Ein ehemaliger Diener Gottes. Aber das ist jetzt nicht mehr wichtig. Jedenfalls nicht für dich. Nicht einmal für deinen Herrn und Meister, den Fürst von Radvanyi, der sicherlich einiges über mich in den alten Büchern seiner Bibliothek finden würde..." Er lachte. "Auch seine Tage sind gezählt."

Gabriel umgab jetzt eine leuchtende Aura. Auf dem Rücken war eine Lichterscheinung, die entfernt an Flügel erinnerte.

Ein Engel, dachte Chase. Hat mir gerade noch gefehlt! Ein Engel des Todes...

Am Handgelenk trug er eine Rolex.

Gabriel warf einen Blick darauf.

"Noch genau eine Stunde bis zum Aufgang der Sonne. Die wird dich grillen wie ein Steak. Durch die magische Aura dieses Rituals wird der Vorgang etwas langsamer vor sich gehen, als es normalerweise der Fall wäre, Chase!" Gabriel verzog das Engelsgesicht zu einer zynischen Maske. "Sorry, aber das lässt sich nicht vermeiden..."

"Danke für das Mitgefühl!"

"Eine alte sentimentale Angewohnheit aus der Zeit, als ich noch im Auftrag eines anderen unterwegs war!"

"Verstehe!"

Chase nahm aus den Augenwinkeln heraus Bewegungen war. Er wandte den Kopf.

Eine Gruppe von mindestens einem Dutzend Personen stand dort. Joe Carlito und Fred Lazarre waren auch darunter.

Die Komori!, schloss Chase.

Ihre Gesichter waren leer und ausdruckslos.

"Ich habe sie hergerufen", erklärte Gabriel.

"Sie nehmen an diesem Ritual teil?"

"In gewisser Weise."

"Du hast Schwierigkeiten, sie mit schwarzmagischen Mitteln zu kontrollieren!", schloss Chase.

"Das hat jetzt bald ein Ende!", lächelte Gabriel.

Chase bemerkte außerdem die aufgespießten Ratten, die in einem Sechseck angeordnet waren. Im Zentrum dieses Sechsecks war er selbst.

Auf der anderen Seite ertönte jetzt das Geräusch schlagender Schwingen. Chase entdeckte ein groteskes Monstrum. Eine über zwei Meter fünfzig große Riesin, die mit ihren Schwingen schlug. Es war unmöglich, dass diese Kreatur damit tatsächlich zu fliegen vermochte. Dazu wirkte sie einfach zu schwerfällig.

"Ptygia! Mach nicht so viel Wind!", wies Gabriel sie zurecht. Er grinste hässlich. "Ich hätte gerne mal gesehen, wie du gegen einen Vampir kämpft, Ptygia!"

"Jederzeit!", entfuhr es der Dämonin.

"Tut mir leid, dass ich dich enttäuschen muss, meine teuerste dämonische Partnerin! Schließlich habe ich für unseren Gefangenen ein anderes Schicksal vorherbestimmt. Allerdings könnte ich mir vorstellen, dass Fürst von Radvanyi vielleicht ein adäquater Gegner für dich wäre!"

Ptygia stieß ein dumpfes Knurren aus.

Gabriel merkte, dass er sie jetzt keinesfalls mit ironischen Bemerkungen weiter reizen durfte. Bemerkungen, die sie teilweise nicht verstand und die sie daher leicht rasend machen konnten. Und dann war wurde sie ungenießbar. Gabriel kannte das aus leidvoller Erfahrung. Also schwieg er.

Der Mann in Weiß blickte auf seine Rolex.

"Genau 66 Minuten vor Sonnenaufgang!", meinte er. "66 - die Zahl Satans!"

Dumpfe Knurrlaute kamen von den Komori. Sie näherten sich. Ihr Blick war auf Chase gerichtet.

Ein unruhiger Gesichtsausdruck trat in Gabriels Züge. Er war offenbar beunruhigt.

"Zurück!", rief er.

Und Ptygia ließ ein Fauchen hören, dass sie zusammenzucken ließ. Aber die Gedanken der Komori waren auf etwas ganz anderes gerichtet.

Auf mich!, durchzuckte es Chase.

Die Gier nach Lebensenergie wurde übermächtig in ihnen.

Chase fragte sich, ob sie sich lang genug zurückzuhalten vermochten, bis die ersten Strahlen der Sonne über die Ummauerung des Trinity Cemeterys krochen und Chase verbrannten. Langsam, wie Gabriel angekündigt hatte. Chase riss an seinen Fesseln. Er kniff die Zähne zusammen, als der mörderische Schmerz von den Handgelenken aus seinen gesamten Körper erfasste. Schließlich sank er ermattet zurück auf den feuchten Moderboden. Es hat keinen Sinn, durchzuckte es ihn. Diese magische Fesselung ist zu stark.

Von wem mochte sie kontrolliert werden?

Gabriel?

Das war anzunehmen.

Die Minuten dehnten sich zu kleinen Ewigkeiten.

Es gab keine Hilfe, auf die Chase hoffen konnte. Wenn der Plan des gefallenen Engels in der weißen Marine-Uniform Wirklichkeit wurde, dann war dies seine buchstäblich letzte Stunde. Die Komori näherten sich wieder. Gier leuchtete in ihren Augen. Sie können es nicht ertragen, mich hier liegen zu sehen und nicht mental entleeren zu dürfen!, ging es Chase durch den Kopf.

"Zurück!", donnerte Gabriel.

Er hob die Hände. Sie begannen zu leuchten wie geschmolzenes Eisen.

Chase stellte fest, dass die Leuchtringe, die in fesselten, zu pulsieren begannen. Ihre Helligkeit hatte etwas nachgelassen.

Offenbar musste Gabriel sich seine Kraft einteilen.

Dann begann der erste von ihnen seinen Angriff.

Es war Joe Carlito. Er machte einen Satz nach vorn, auf Chase zu. Ptygia wollte eingreifen, aber Carlito verpasste ihr mit einem plötzlich in die Länge wachsenden Tentakel einen Peitschenschlag, der sie zurückweichen ließ. Und ehe Gabriel oder Ptygia noch etwas tun konnten, hatte Carlito Chase erreicht. Eines der Tentakel war bereits zu Chase' Kopf vor gewachsen. Nur noch Augenblicke und Joe Carlito würde versuchen, die sich immer wieder teilenden Tentakelenden in seinen Schädel zu bohren.

Gabriel rief mit heiserer Stimme eine Beschwörung nach der anderen in die Nacht.

Aber nun griffen auch die anderen an. Sie wollten es ganz offenbar nicht zulassen, dass einer der ihren sich die Beute allein unter den Nagel riss. Wie Bluthunde waren sie.

Ein anderer Komori packte Joe Carlito von hinten, riss ihn weg.

Chase schrie auf, als die festgesaugten Tentakelspitzen von seinen Schläfen gerissen wurden. Die Komori begannen untereinander zu kämpfen, während Chase bemerkte, dass die Leuchtringe um seine Hand- und Fußgelenke nur noch schwach glommen.

Gabriels Gesicht zeigte Verzweiflung.

Schweiß stand ihm auf der Stirn, während er den Komori seine Beschwörungen entgegenschleuderte. Aber offenbar hatte er die geistige Kontrolle über sie jetzt vollkommen verloren. Einzelne konnte er in Schach halten, aber unmöglich alle auf einmal.

Und offenbar hatten die ersten unter ihnen inzwischen entdeckt, dass auch ein ehemaliger Engel ein erhebliches Maß an Lebensenergie besaß. So versuchten sie auch Gabriel anzugreifen. Er wich ihnen aus, hielt sie mit einer Beschwörung auf Distanz.

Ptygia griff ein, zermalmte einen von ihnen unter ihren Füßen. Blut und grüne Flüssigkeit spritzten in einer Fontäne auf.

Chase startete unterdessen einen neuen Versuch, sich von den Fesseln zu befreien.

Vergiss alle Schmerzen!, versuchte er sich einzureden. Ein einziger Moment nur und...

Er schaffte es. Offenbar hatte Gabriel nicht mehr genug Kraft, um auch diese Fesseln zu kontrollieren. Der Schmerz, der Chase durchzuckte war höllisch, aber er war frei. Er rollte auf dem Boden herum, während er im nächsten Moment bereits den Tentakel eines Komori um den Hals spürte. Der Komori riss ihn herum. Er hatte das Gesicht von Fed Lazarre, aber sein Körper wies kaum noch Ähnlichkeiten mit dem eines Menschen aus. Überall wucherten Tentakel aus seiner Kleidung heraus, die nur noch in Fetzen von einem nichtmenschlichen Körper hing.

Chase trat um sich, wehrte sich.

Dabei in das Gesicht eines Freundes zu schlagen, war nicht leicht.

Es irritierte ihn für einen Augenblick.

Dann spürte er plötzlich, wie sich der eiserne Griff um seinen Hals lockerte. Der Komori, der Fred Lazarres Gestalt angenommen hatte, wirkte auf einmal seltsam blass. Wie eine schwache Dia-Projektion. Er erstarrte mitten in der Bewegung. Chase schlug nach ihm, aber seine Schläge gingen durch ihn hindurch.

Gabriel stand mit ausgebreiteten Armen da, murmelte immer wieder eine Folge dunkel klingender Silben, die aus einer uralten Sprache zu kommen schienen, deren Bedeutungsgehalt seit Äonen vergessen war. Wie einen Singsang wiederholte er diese Beschwörung, sank auf die Knie dabei, umringt von mehreren Komori, die ebenfalls verblassten.

Ptygia ließ ihre gewaltigen, prankenartigen Arme kreisen.

Aber auch ihre furchtbaren Schläge, mit denen sie die Wesen aus dem Limbus bislang einigermaßen auf Distanz hatte halten können, gingen jetzt ins Leere. Sie durchdrangen die Körper der Komori wie Nebel.

Gabriel schickt sie zurück in den Limbus!, ging es Chase durch den Kopf. Er atmete tief durch, während er mit ansah, wie die Schreckensgestalten eine nach der anderen entmaterialisierten. Zurück in jenes Reich der Kälte, aus dem sie geholt worden waren.

Gabriel war völlig erschöpft.

Sein blondes Haar hatte jetzt einen weißen Schimmer. Er sah elend aus. Leichenblass. Schweiß rann ihm über das Gesicht.

Chase erhob sich.

"Scheint so, als hättest du dir ziemlich unzuverlässige Verbündete ausgesucht!", meinte Chase.

Gabriel blickte auf. Er zitterte. Er musste unglaublich viel Kraft verloren haben, anders war sein Zustand nicht zu erklären.

Vielleicht eine gute Gelegenheit, diesen gefallenen Engel umzubringen!, dachte Chase. Falls das so einfach möglich war.

Gabriel sah Chase an.

"Dieser Kampf ist noch lange nicht zu Ende!"

"Ach, wirklich?"

"Ptygia! Bring ihn um!", stieß Gabriel dann hervor. Sein Gesicht war eine Maske des blanken Hasses. "Zerquetsch ihn wie eine unnütze Motte!"

Ein Grinsen ging über Ptygias Gesicht.

"Mit Vergnügen!", meinte sie.



26

Ptygia kam auf Chase zu. Ihre Bewegungen waren überraschend schnell. Schneller jedenfalls, als es Chase diesem Koloss zugetraut hätte. Sie holte zu einem furchtbaren Schlag aus. Chase tauchte zur Seite. Der Schlag traf ihn nicht mit voller Wucht, schleuderte ihn aber trotzdem mehrere Meter weit.

Chase rappelte sich wieder auf.

"Na, willst du mehr davon, du Wurm! Vampire töten war mir immer ein besonderes Vergnügen!"

"Spiel nicht mit ihm! Mach ein Ende!", forderte Gabriel, offenbar sehr wütend darüber, dass seine Pläne sich fürs erste in Nichts aufgelöst hatten.

Ptygia packte sich einen der Grabsteine und schleuderte ihn Chase entgegen. In letzter Sekunde wich Chase aus. Wie ein Geschoss schnellte der Grabstein an ihm vorbei und prallte schließlich mit der Umgrenzungsmauer des Trinity Cemeterys zusammen.

Chase wich etwas vor seiner massigen Gegnerin zurück. Dann fand er einen Spaten, den die Friedhofsgärtner bei ihren Aufräumarbeiten zurückgelassen hatten. Er fasste den Spaten mit beiden Händen.

In den Händen eines Vampirs wurde daraus vielleicht eine Waffe, mit der er es gegen die riesige Dämonin aufnehmen konnte, die ihm an Körperkraft offenbar um einiges überlegen war.

Er näherte sich ihr.

Ptygia schleuderte einen weiteren Grabstein.

Es war der von Malloy.

Für sie war das kein Gewicht.

Chase wich diesem makabren Wurfgeschoss mit knapper Not aus. Dann stürzte er auf Ptygia zu. Er hieb mit dem Spaten auf ihre Körpermitte. Ein Schlag, in den er alle seine Kraft legte. Er traf gut. Ptygia schrie auf. Ein markerschütternder, tierischer Laut. Chase ließ gleich den zweiten Hieb folgen. Die scharfe Metallkante des Spatens verletzte sie. Er blieb in ihrem Körper stecken. Sie brüllte auf. Chase wich zurück.

Ptygia umfasste den Spaten.

Sie blutete stark.

Ihr Gesicht war eine Maske der Wut und des Hasses. Sie nahm den Spaten, zerbrach den Stil über dem Knie.

In jeder Hand hielt sie ein Stück.

Spitz zulaufende Holzpflöcke waren entstanden.

Wie geschaffen, um sie einem Vampir in den Brustkorb zu rammen, vorausgesetzt man hatte genug Kraft dazu. Aber davon konnte man bei der starken Ptygia ohne weiteres ausgehen. Mit lauerndem Blick näherte sie sich Chase. Dieser sah sich um.

Er brauchte eine neue Waffe.

Ptygia trieb ihn in die Enge. Der Weg zum Ausgang war Chase versperrt. Sie trieb den Vampir in eine Ecke der Umgrenzungsmauer hinein.

Dann griff sie an, ließ die Holzspitzen vorschnellen.

Chase wich aus, schlug zu.

Ptygia ächzte zwar, weil Chase darauf geachtet hatte, ihre Wunde zu treffen. Aber wirklich in Schwierigkeiten brachte sie dieses Manöver nicht. Ein Grollen kam über ihre Lippen. Ptygia vollführte eine Finte mit einem der Holzpflöcke, stieß dann mit dem anderen zu.

Sie erwischte Chase schmerzhaft an der Seite.

"Ich werde dich schon noch richtig treffen, du Blutsauger!", knurrte sie düster. "Asche zu Asche, Staub zu Staub – schon mal was davon gehört?"

"Muss an der schlechten Gesellschaft eines Ex-Engels liegen, dass du solche Sprüche absonderst!", knurrte Chase.

Ptygia versuchte eine weitere Finte. Aber diesmal fiel Chase nicht darauf herein. Er wich dem kräftigen Stoß mit dem spitzen Pflock aus, ergriff Ptygias Arm und bog ihn zur Seite. Alle Kraft setzte Chase in diese Bewegung. Ein Knacken war zu hören. Irgendetwas brach. Ptygia ließ den halbierten Spatenstil fallen. Chase versetzte ihr einen Tritt, sie taumelte, ruderte mit den Armen.

Der linke Arm wirkte ausgerenkt.

Ptygia brüllte kaut auf.

In der Rechten hielt sie die andere Hälfte des Spatens fest umklammert. Sie schleuderte ihn auf Chase. Chase duckte sich. Das Wurfgeschoss krachte gegen die Umgrenzungsmauer.

Chase hob es auf, packte es mit beiden Händen und stürmte auf Ptygia zu. Er wollte Ptygia das spitze Holzende in den Bauch rammen.

Er traf Ptygia ungefähr dort, wo sie bereits verletzt war.

Tief drang das Holz in ihren Körper ein.

Doch Chase traf ins Leere.

Er taumelte nach vorn.

Da war keinerlei Widerstand. Chase fiel zu Boden, rollte herum und sah Ptygia über sich. Sie wandte sich zu ihm herum, verblasste dabei zusehends. Offenbar entmaterialisierte sie. Und dasselbe galt für Gabriel, der abseits dieses Kampfes auf dem Boden kauerte. Offenbar hatte er sich zu Genüge erholt um sich und Ptygia entmaterialisieren zu können.

Einen Augenblick später war Ptygia vollkommen verschwunden.

Von Gabriel blieb einen Augenblick lang noch die nur noch schwach leuchtende Aura zurück. Dann war auch von dem gefallenen Engel nichts mehr zu sehen.

Chase erhob sich langsam.

Er hörte Polizeisirenen. Vielleicht hatte irgendein Anwohner die Cops alarmiert, weil er Ptygias Schreie gehört hatte. Aber auch aus anderen Gründen würde es für Chase höchste Zeit zu verschwinden.

Schließlich war es nicht mehr lang bis Sonnenaufgang.

Fehlt nur noch, dass die Subway Verspätung hat!, dachte er.



27

"Wir werden von Gabriel sicher noch hören", sagte der Fürst, als Chase ihm Bericht erstattet hatte.

"Ihnen ist dieser ehemalige Streiter Gottes ein Begriff, Herr?", fragte Chase.

Der Fürst nickte. Sein Blick schien wie abwesend. Seine Gedanken wanderten offenbar in lang vergangene Zeiten zurück. "Ja, ich habe schon von ihm gehört, aber das ist lange her. Scheint so, als hätte er für viele Jahre keine Möglichkeit gehabt, sich auf der Erde breit zu machen. Aber er scheint seinen Traum von der Macht wohl doch nicht aufgegeben zu haben..."

"Er ist einer, der andere vorschickt, Herr! Immer dann, wenn ein Angriff erfolgt, den wir nicht so recht zurückverfolgen können, müssen wir damit rechnen, dass ER dahinter steckt."

"Du sagst es, Chase! Und möglicherweise gilt dies sogar für die Vergangenheit. Wir werden auf der Hut sein müssen..."

"Das fürchte ich auch." Chase ballte die Hände zu Fäusten. "Ich war so nahe daran, seine Begleiterin zu töten..."

"Ptygia?"

Die Ahnung eines Lächelns flog über das Gesicht des Fürsten. "Sie wird sich sicher bald von dieser Niederlage erholen! Und stell dir das nicht so leicht vor, sie auszuschalten!"

"Habe ich gemerkt."

"Es gibt da noch etwas, dass du in Ordnung bringen müsstest, Chase."

Chase hob die Augenbrauen. "Mein Hummer steht noch auf dem Parkplatz der Thomas Jefferson Memorial Hall! Ich hole ihn ab. Und außerdem... Da ist noch die Sache mit Joe und Fred."

Der Fürst nickte.

"Zwei deiner Freunde sind in ziemlich übler Verfassung. Ich habe gute Beziehungen zum Leichenschauhaus in Yonkers. Schau doch in einer der nächsten Nächte mal dort vorbei, um sie zu erlösen, ja? Wir wollen nicht darauf setzen, dass ihnen vielleicht der Coroner bei der Obduktion den Kopf vom Leib trennt oder aus Versehen einen Bleistift in die Brust sticht!"

Chase verneigte sich.

"Danke, Herr."


ENDE



Mark Tate - Rivalen der Nacht

W.A.Hary mit Art Norman





Ich spürte das Stechen in der Brust, als sei ich von einem Dolch verletzt worden. Das war neu. So hatte sich mein Schavall noch nie verhalten. Mit einem heftigen Ruck streifte ich das Amulett mitsamt Silberkettchen ab und warf es auf den Tisch neben die beiden Weingläser.

Das Amulett glühte hellrot.

Ein paar Gäste in der Wirtshausstube sahen überrascht auf. Mays Augen weiteten sich.

„Was ist los?“, stieß sie leise hervor und berührte meine Hand. „Wir erregen Aufsehen.“

Ich starrte das Amulett an.

In der Mitte, wo sich der eigentliche Schavall befand, wie die rote Pupille eines Auges, zeigte sich… ein Bild. Das war ebenfalls noch nie da gewesen. Als wäre das gar nicht mehr mein Schavall, sondern nur etwas, das so ähnlich aussah.

Ich schüttelte verwirrt den Kopf und traute meinen Augen kaum: Das Bild war winzig und verschwommen, aber ich glaubte, eine mittelalterliche Burg zu sehen. Vorsichtig – sehr vorsichtig! - berührte ich das grell leuchtende Amulett mit den Fingern. Da erlosch die Helligkeit schlagartig.

Das Bild der Burg blieb noch für die Dauer einiger Sekunden bestehen, während denen es langsam verblasste, wie in einem Film, wenn die Szene ausgeblendet wurde, und ich hörte ein Flüstern, das nicht von dieser Welt zu stammen schien: Das war ein Name:

„Castillo Ferreira!“

Eindeutig war diese Burg gemeint! Dann verlosch das Bild endgültig.

Ich sah in die Gesichter der Wirtshausbesucher, die sich neugierig unserem Tisch genähert hatten und mich und May gespannt ansahen.

„Es ist nichts“, behauptete ich leichthin. „Ich habe nur einen kleinen Zaubertrick für meinen nächsten Auftritt ausprobiert, Señores. Alles ganz harmlos.“

Aber ich wusste gleichzeitig, dass es alles andere als harmlos war!


*


Später, als wir unser Zimmer im Obergeschoss des kleinen Gasthauses aufgesucht hatten, warf sich May Harris mit ausgebreiteten Armen rücklings auf das Bett, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und sah mich herausfordernd an.

„Was war mit diesem Castillo?“

„Hast du den Namen denn ebenfalls gehört?“, fragte ich zurück. „Was hast du denn noch mit bekommen?“

May erhob sich wieder.

„Castillo Ferreira“, wiederholte sie. „Das ist seltsam. Castillo heißt Burg. Ferreira müsste demnach der Name dieser Burg sein.“

„Vielleicht sollten wir erst inmal feststellen, wo sich diese Burg befindet?“, schlug ich vor. „Dann sehen wir weiter. Irgendetwas geschieht dort, das unsere Anwesenheit erfordert, sonst hätte das Amulett sich nicht so bemerkbar gemacht. Und ich schätze, dass dieses Castillo sogar in der Nähe ist.“

„Und wieso hat sich dein Schavall überhaupt auf diese Weise bemerkbar gemacht?“ Sie schüttelte ungläubig den Kopf. „Also, ich bin ja schon viel gewöhnt von dem Amulett, das schon immer äußerst unberechenbar war, aber das jetzt… Was ist anders geworden, oder noch besser: Wieso ist es überhaupt anders geworden?“

Ich zuckte die Achseln.

„Woher soll ich das denn wissen? Hat der Schavall jemals auf mich gehört?“

Sie lachte humorlos.

„Wenn du das sagst…“

Dann machte sie eine wegwerfende Handbewegung und wechselte spontan das Thema:

„In Zweifelsfällen dürfte also der Alkalde oder der Wirt oder der Dorfpolizist oder sonst wer Bescheid wissen“, sagte sie. „Trotzdem… versuchen wir’s mal hiermit…“

Sie kramte alles an Kartenwerk hervor, was wir besaßen: Ein Autoreiseatlas von Frankreich, der die angrenzenden Pyrenäen und ein Stück von Spanien zeigte. Anhand dieser Karte hatten wir uns bei unserem gerade abgeschlossenen Fall orientiert, und in den Pyrenäen, in einem kleinen Dorf am Roncesvalles-Pass, befanden wir uns auch jetzt noch, nachdem der Werwolf und die Dämonendiener ausgeschaltet worden waren.

Es war im Vergleich zu dem, was wir ansonsten an Aufgaben bewältigen mussten, beinahe so etwas wie ein Spaziergang gewesen. Vielleicht auch nur der Auftakt zum eigentlichen Problem, das es zu bewältigen galt?

Obwohl: Werwölfe schienen in letzter Zeit zu einer spanischen Spezialität zu werden. Immerhin hatten wir vor einiger Zeit schon einmal mit einem Werwolf zu tun gehabt, allerdings in der Nähe von Barcelona, und da war es nicht so ein stinknormales Biest gewesen, sondern ein MÄCHTIGER, der in dieser Gestalt aufgetreten war.

Jedenfalls: In der Umgebung war kein Castillo Ferreira verzeichnet. Nicht in unserem Kartenwerk zumindest.

Und ich hatte da so einen Verdacht. Ich klappte den Atlas um, schlug die große Europa-Seite auf und hielt das Amulett über Spanien. Ob es was bringen würde? Nun, bekanntlich geht probieren über studieren! Ich konzentrierte mich auf das, was mir das undeutliche Bild gezeigt hatte, und versuchte, genau dieses Bild wieder zu beschwören.

Zunächst ohne jeglichen Erfolg. Der Schavall wirkte wie ein kitschiges Modestück, das schlaff an der Silberkette hing, ohne jegliche Wirkung.

Und dann geschah es: Dort, wo wir uns befanden, flammte die Karte auf. Es war, als sei das Sonnenlicht durch ein Brennglas verstärkt worden und habe ein Feuer entzündet. Das Feuer fraß sich blitzschnell über die gesamte Doppelseite.

May schrie auf und wollte das Feuer löschen, aber ich stoppte sie mit schnellem Griff.

Solange der Atlas auf dem Tisch lag, konnte kein Zimmerbrand entstehen, wenn man das flammende Ding rechtzeitig mit gekonntem Schwung ins Waschbecken der Waschnische warf. Höchstens die Tischdecke konnte ein Fall für die Zimmerrechnung werden.

Aber ich wollte wissen, warum mir das Amulett auf eine so aggressive Weise den Standort der Burg zeigen wollte.

Das Feuer breitete sich aus. Es begann die gesamte Doppelseite zu zerfressen und sparte nur ein bestimmtes Muster aus. Linien, die einen Umriss ergaben. Aber innerhalb dieses Umrisses brannte es fröhlich weiter. Eine bräunliche, hauchdünne Papierasche blieb als gewellte Folie zurück.

Dann erloschen die Flammen von allein, ohne unser Zutun.

Von der Europa-Doppelseite waren nur die ausgesparten Konturen übriggeblieben - und ein vergleichsweise winziger Fleck. Kleiner als ein Fingernagel.

„Und da soll Castillo Ferreira liegen?“, staunte May.

„Diese Umrisse… Das ist eine Zeichnung“, sagte ich verblüfft. „Oder irre ich mich? Das stellt doch eine Figur dar. Hier, der Kopf… der Körper… wie ein Mensch, der eine Kutte trägt…“

„Oder ein bodenlanges Kleid“, sagte May. „Das scheint eine Frau zu sein.“

„Ich sehe es so, dass diese Frau etwas mit dem Castillo zu tun hat“, überlegte ich laut. „Und hier… muss sich dieses Castillo befinden. Schade, dass der Rest der Karte verbrannt ist. So können wir es nur ungefähr lokalisieren.“

„Fragen wir den Wirt. Der wird doch eine Karte seines Heimatlandes haben, und dann können wir feststellen, wo sich diese Burg befindet.“

Ich nickte.


*


Ich hatte ein fotografisches Gedächtnis und mir genauestens gemerkt, wo auf der spanischen Karte sich der erhaltene Fleck befand. Mit diesem Wissen suchte ich die Gaststube wieder auf, die sich zu abendlicher Stunde immer mehr füllte.

Als ich eintrat, unterbrachen die meisten Gäste ihre Unterhaltung und sahen mich erwartungsvoll an. Offenbar erhofften sie sich ein weiteres „Zauberkunststück“ des angeblichen Magiers aus Old England. Aber ich dachte nicht daran, noch einmal alle Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen, und fragte den Wirt nach einer Landkarte.

Dann verglich ich meine Erinnerung mit dem Kartenbild.

„Murcia“, murmelte ich überrascht. „Das muss Murcia sein… und das sind gut 500 Kilometer Luftlinie von hier entfernt…“

Aber ein Castillo Ferreira war in der Umgebung von Murcia nicht eingezeichnet.

Dennoch war ich sicher, auf der richtigen Spur zu sein. Ich bedankte mich und ging wieder nach oben.

„Murcia“, berichtete ich, „eine Hunderttausend-Seelen-Stadt in Küstennähe, am 38. Breitengrad. Da muss es sein.“

„Und es muss dringend sein“, sagte May. „Während du unten warst, glühte das Amulett wieder hell auf, dreimal hintereinander. Und auch diesmal habe ich die Burg gesehen und den Namen gehört.“

Ich wischte die Asche in den Abfallkorb. Erstaunlicherweise waren die anderen Seiten vollkommen unversehrt geblieben, nicht einmal an den Rändern angesengt.

Ich sah May herausfordernd an.

Sie wusste sofort, was ich von ihr hören wollte:

„Ich bin fit genug“, sagte sie. „Wir können meinetwegen die Nacht durchfahren.“

„Nicht die ganze Nacht“, wehrte ich ab. „Ich schätze, dass wir für die rund 500 Kilometer auf spanischen Straßen sieben bis acht Stunden brauchen werden. Lass uns noch wenigstens drei oder vier Stunden schlafen. Ich kläre mit dem Wirt schon mal die Rechnung ab, und wir brechen zum Ende der Geisterstunde auf.“

„Einverstanden“, erklärte May.


*


Ich hatte mir das Amulett nicht mehr umgehängt. Ich wollte nicht abermals durch einen dolchstoßartigen Schmerz getroffen werden, sondern die Fahrt zum Schlafen ausnutzen, zumindest solange, wie May fuhr und sich nicht ablösen ließ. Ich hatte den Schavall ins Handschuhfach gelegt, die Sitzlehne in Liegeposition gebracht und die Augen geschlossen.

Wenig später war ich eingenickt.

Ich träumte von einem Kellergewölbe. Vor einer schief in den Angeln hängenden, morschen Holztür schraubte sich eine Steintreppe vorbei. Durch die sich öffnende Tür schritt eine junge, dunkelhaarige Frau in einem langen, weißen Gewand. In Ketten! Die Frau war durchscheinend wie eine Geistererscheinung, und doch verursachten die Ketten ein scharrendes, schleifendes Geräusch von Metall auf Stein - die beiden langen Ketten, die an Eisenschellen an den Handgelenken des Mädchens begannen und irgendwo in der Düsternis jenseits der morschen Holztür endeten.

Das Mädchen hob den Kopf, und ich konnte die Augen sehen. Pupillenlose, weiß leuchtende Augen, und das Leuchten wurde immer greller, umfasste die gesamte Gestalt, bis sie plötzlich in einer grellen Explosion auseinanderflog - und etwas ganz anderes freigab, das unbeschreiblich und grauenhaft war…

Ich schreckte hoch.

„He, was ist los?“, fragte May besorgt und brachte den Wagen am Straßenrand zum Stehen. „Du siehst ja leichenblass aus.“

Ich atmete tief durch und brauchte einige Zeit, um in die Wirklichkeit zurückzufinden. Vergeblich versuchte ich mich zu erinnern, was ich nach der Explosion gesehen hatte. Ich konnte es nicht mehr beschreiben. Ich hatte nur den Eindruck von etwas ungeheuer Gefährlichem, etwas, das namenlose Schrecken und furchtbare Tode in sich barg.

Ich erzählte meiner Lebensgefährtin May Harris von dem Alptraum.

„Es muss in einer Beziehung zu der Burg stehen“, schloss ich. „Mir scheint, als sei die Sache doch gefährlicher als es zuerst den Anschein hatte.“ Ich brachte die Sitzlehne per Knopfdruck wieder auf normale Höhe zurück. „Wo sind wir eigentlich, Darling?“

„Wir haben soeben die Mancha durchquert und befinden uns jetzt in der Nähe von Albacete“, erklärte sie. „Wenn du Lust hast, können wir einen Zwischenstopp einlegen und uns die legendären Höhlenwohnungen am Fuß der Murcia-Berge ansehen.“

Ich schnappte nach Luft. Dass es draußen schon hell geworden war, hatte ich logischerweise längst bemerkt, aber dass wir schon so weit gekommen waren, erschien mir doch etwas seltsam. Immerhin hatte ich mir die Karte eingeprägt, als ich beim Gastwirt die Rechnung beglichen hatte, und von Albacete bis zur Stadt Murcia waren es noch etwas über 100 Kilometer – Luftlinie wohlgemerkt. Dass wir in der relativ kurzen Zeit schon vier Fünftel der Strecke zurückgelegt haben sollten, überraschte mich ehrlich. Aber der Stand des Kilometerzählers, den ich misstrauisch prüfte, bewies es.

„Bist du geflogen?“, fragte ich kopfschüttelnd.

May zuckte mit den Schultern.

„Das nicht gerade, aber auch nicht sonderlich langsam gefahren. Ich denke, dass wir an der nächsten Tankstelle ein wenig Benzin nachfassen müssen.“

Das war zu erwarten gewesen. Der Cadillac zog sich so seine fünfzehn bis fünfundzwanzig Liter pro hundert Kilometer, bei forcierter Fahrweise auch mal etwas mehr. Aber daran hatten wir uns sozusagen gewöhnt. Obwohl mir persönlich ein Kleinwagen bereits gereicht hätte. Aber May musste ja stets bemüht sein, zu repräsentieren. Immerhin als oberste Chefin eines Weltkonzerns wie Harris-Industries.

Wie schnell bist du gefahren?“, fragte ich ahnungsvoll, eingedenk der Geschwindigkeitsbegrenzungen auf Spaniens Straßen, eingedenk eines saftigen Strafgeldes, das man mir vor einiger Zeit ausgerechnet im Schnellfahrerland Deutschland wegen „zu tiefen Fliegens“ verpasst hatte, und eingedenk des erwähnten hohen Benzinverbrauchs.

„Jenseits von Gut und Böse“, wich May aus. „Kontrolliert hat keiner, und die Straßen waren frei. Erst in der nächsten Stunde wird so ganz allmählich Verkehr aufkommen, wenn Spanien erwacht.“

Jenseits von Gut und Böse? Das hieß für May, dass sie das Gaspedal kräftig durchgetreten hatte. Wenn man ihn ließ, lief der Wagen fast 200 Sachen, trotz seines hohen Alters.

Sie lächelte auf einmal verschmitzt und sah mich kurz von der Seite an.

„Und vergiss nicht: Ich bin eine echte Hexe. Da rieche ich förmlich die Gefahr, erwischt zu werden. Wenn du ehrlich bist: Ich bin noch niemals erwischt worden, du aber schon…“

Oh, das saß mitten im Schwarzen!

Ich seufzte ergeben.

„Spanien ist ein gemütliches, warmes Land, da fährt man dezent und beschaulich. Man rast nicht, auch wenn es noch so eilig ist. Mañana ist auch noch ein Tag - morgen…“

„Dann hätten wir ja nicht so sündhaft früh abreisen müssen“, hielt May mir prompt entgegen.

Ich seufzte noch eindringlicher, als ich an die kurzen schönen Stunden erinnert wurde.

Sie beugte sich kurz zu mir hin und küsste mich. Dann fuhr sie fort:

„Wenn wir unseren Schnitt halten, sind wir in einer Stunde in Murcia. Dann ist es gerade sieben, und wir können den Burgherrn beim Morgenritt stören.“

Ich schürzte skeptisch die Lippen.

„Wird wohl nicht so ganz klappen“, wandte ich ein. „So früh haben die Tankstellen hier noch nicht geöffnet. Das hier ist nicht Europa, sondern Südeuropa. Rechne lieber mit einer kleinen Zwangspause.“

„Wir werden sehen“, orakelte May optimistisch und fuhr wieder an.


*


Die Zwangspause dauerte fast drei Stunden, dann endlich erschien ein verschlafener Tankwart und verdeutlichte allein durch seine Erscheinung, in welchem Teil des Kontinentes man sich befand: Eben im südlichen. Interessiert umschlich er einige Male das riesige Fahrzeug und warf abwechselnd der Wagenkarosse und May bewundernde und begehrliche Blicke zu. Immerhin waren beide für sich sehenswert - das weiße Cadillac-Cabrio aus den fünfziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts mit viel blitzendem Chrom, Haifischmaulgrill und überdimensionalen Heckflossen, das Verdeck inzwischen aufgeklappt und die Lederausstattung präsentierend; May hatte den Wagen vor längerer Zeit überraschend günstig erstehen können und sich sofort in das Fahrzeug verliebt. Sie hegte und pflegte es. Und sie selbst sah im Moment nicht weniger aufregend aus, in weißen Shorts, weißem, hauteng sitzenden T-Shirt, weißen Texas-Stiefeln und einem nicht minder weißen Westernhut.

Ich machte den begehrlichen Blicken des Tankwarts ein Ende, indem ich ihn im Falle May darauf hinwies, dass diese Dame bereits an einen äußerst eifersüchtigen, streitsüchtigen und kampfkräftigen Mann, nämlich Mark Tate selbst, fest vergeben sei und der Cadillac außerdem die Dreißig-Liter-Marke im Durchschnittsverbrauch auf hundert Kilometer lässig auch mal überschritt.

Davon deutlich ernüchtert, füllte der Tankwart endlich den begehrten Saft in den Tank, wenngleich er auch zumindest im letzteren Fall leichte Zweifel anmeldete. Sooo viel könne ein einzelnes Auto doch gar nicht verbrauchen.

Die ganze Prozedur des Tankens währte über eine Viertelstunde, derweil der Tankwart sich auch noch um besonderen Service bemühte und Frontscheibe, Haube und Chromgrill von im Fluge erschlagenen Insekten befreite. Dennoch fiel mein Trinkgeld mäßig aus; der „Flinkheit“ des Tankwarts angepasst.

„Man müsste leben wie manche Spanier“, seufzte ich, als wir endlich weiterfuhren. „Morgens Rotwein, mittags Siesta und abends Touristinnen.“

„In Ermangelung der Morgen- und Abend-Diät hat dieses ausgemachte Exemplar die Siesta wohl schon auf den frühen Morgen ausgedehnt. Oder unsere Uhren gehen falsch“, behauptete May.

Gezwungenermaßen fuhr sie jetzt langsamer, da das Verdeck aufgeklappt war und der Fahrtwind sich bei höherer Geschwindigkeit auch von der steilen Windschutzscheibe nicht lange aufhalten ließ: May bangte um ihren Stetson.

Mir konnte es recht sein. Zuweilen sah ich Motorradstreifen der Polizei, die mich immer wieder an die Geschwindigkeitsbegrenzung erinnerten.

May schien einfach nicht müde zu werden. Sie war topfit und genoss die Morgensonne, während sie Murcia ansteuerte. Ganz klar, sie trickste mit ihren Hexenkräften…


*


Gegen zehn Uhr vormittags erreichten wir schließlich Murcia, eine Stadt von etwa drei Kilometern Ausdehnung, also nicht etwa sonderlich groß. Größe gewann sie nur durch die hinzuzählenden Vororte. Vom Castillo Ferreira war weit und breit nichts zu sehen.

„Hoffentlich ist die Burg nicht 30 Kilometer entfernt, und wir sind schon daran vorbeigefahren“, unkte ich.

„Kannst du vielleicht auch mal die Klappe halten?“, fragte May freundlich. „In letzter Zeit gehen mir deine düsteren Prognosen zu oft in Erfüllung.“

Ich zuckte gleichmütig mit den Achseln.

May fuhr in Richtung Bahnhof. Dort befand sich eine große Schautafel, die den Grundriss der Stadt und der Umgebung zeigte.

Ich stieg aus und begutachtete den Stadtplan, während eine Schar halbwüchsiger Jungen und Mädchen May und den Cadillac begutachteten. Immerhin war der große Wagen in dieser eher ärmlich orientierten Gegend, in denen Kleinwagen das Höchste der Gefühle waren, wenn man nicht gerade zu den Spitzen von Industrie, Politik oder Verbrechen gehörte, eine Sensation.

„Nichts eingezeichnet“, berichtete ich schließlich, als ich mit sportlich kühnem Schwung über die Wagentür flankte, Applaus einheimste und der Schau die Krönung bot, indem ich May umarmte und küsste.

„Musste das sein?“, fragte sie etwas indigniert, während sie wieder losfuhr. „Ich meine, diese Schau. Spanien ist ein sehr - äh - konservatives Land, und Küsse in der Öffentlichkeit stellen immerhin den Tatbestand der Erregung öffentlichen Ärgernisses dar.“

Ich grinste.

„Wenn sich einer geärgert hätte, hätte bestimmt keiner applaudiert. Außerdem… nicht, dass ich etwas gegen dein freizügiges Auftreten hätte, im Gegenteil… Aber vielleicht sind die konservativen Spanier doch ein wenig befremdet.“

Ich betrachtete provozierend Mays aufreizende Kleidung.

„Wenn dir die Sachen nicht gefallen, kann ich sie ja ganz ausziehen“, kündigte sie an. Doch dann wurde sie rasch wieder ernst: „Wie finden wir die Burg jetzt, wenn sie nicht auf dem Plan steht?“

„Auf dem Plan steht, wo sich das örtliche Büro der gesetzeshütenden Obrigkeit befindet. Ich lotse dich hin, und dort erkundigen wir uns. Oder besser - ich, bevor sie dich als zu sexy inhaftieren.“


*


Als mindestens tausendfach Wiedergeborener gab es wohl kaum noch eine Sprache, die ich nicht sprechen konnte. Es war also kein Problem für mich, auf der hiesigen Polizeistation vorzusprechen und mich nach dem Castillo Ferreira zu erkundigen.

Die drei anwesenden Beamten sahen sich kopfschüttelnd an.

„Oh, Señor, da kommen Sie zu spät. Im vorigen Jahr noch hätten Sie Castillo Ferreira besichtigen können. Aber jetzt - geschlossen. Keine Führungen mehr. Der junge Señor Ferreira hat sich völlig aus dem Geschäft zurückgezogen. Aber wenn Sie wollen, beschreibe ich Ihnen gern den Weg. Obwohl Sie ihn vergebens machen werden, Señor…“


*


„Das Ganze sieht mir nicht gerade nach einer Dämonen- oder Gespensterjagd aus, geschweige denn nach einer ausgewachsenen Teufelsjagd“, sagte ich selbstironisch, während wir mit dem Wagen wieder aus Murcia hinaus in Richtung Molina de Segura fuhren; auf der Hinfahrt hatten wir bereits dieses Dorf passiert, und so bewahrheitete sich eine weitere meiner düsteren Prognosen. Allerdings handelte es sich um höchstens acht Kilometer.

Ich schüttelte missbilligend den Kopf.

„In jeder gängigen Spukgeschichte wird der strahlende Held, der nach dem Gespensterschloss oder dem Gespenst selbst fragt, erst einmal von den Dorfbewohnern gemieden und vom Wirt aus der Gaststätte geworfen. Und alle haben Angst vor dem bösen Grafen oder dessen Geist.“

May grinste spitzbübisch.

„Und hier ist alles anders?“

„Völlig anders“, behauptete ich und kratzte zusammen, was alles ich in der kurzen Zeit auf der Polizeistation hatte in Erfahrung bringen können. „Das Castillo liegt in den Bergen, an einem Hang, und war bis vor einem Jahr zur Besichtigung freigegeben. Der alte Ferreira hatte damit ein Geschäft machen wollen. In der anderen Richtung, etwa zwei Kilometer vor El Esparva, befinden sich eine maurische Burgruine und eine römische Ruine, direkt gegenüber. Ferreira wollte vom kargen Touristenstrom profitieren und ihn auch zu seiner Burg lenken. Offenbar haben die Einnahmen nicht gereicht; die Tochter des Burgherrn, zarte zwanzig Lenze jung, aber anderweitig vermögend, fand man eines Morgens vergiftet in den Gemächern. Testamentarischer Alleinerbe war der Burgherr. Jüngst fand er sich erhängt im Pferdestall. Der junge Ferreira hat den Touristenbetrieb geschlossen, und keiner weiß so genau, was er jetzt macht.“

„Die Tochter war anderweitig vermögend? Wie dieses?“, wollte May wissen.

„Sie hatte einen reichen Millionenerben geheiratet, der sie aber sitzen ließ. Er musste sie abfinden, und das hat ihr eine Menge Geld eingebracht, das sie aber nicht in den Bankrottbetrieb ihres Vaters investieren wollte. Stattdessen hielt sie die Fingerchen drauf. Aber dieser Touristenbetrieb war ein Zuschussbetrieb.“

„Du meinst also, der Alte hat seine Tochter vergiftet? Frauen arbeiten mit Gift, aber nicht Männer. Ich tippe auf Selbstmord aus mir unerfindlichen Gründen.“

„Dieser Ansicht ist die Polizei auch. Da er mehr Schulden als Haare auf dem Kopf hatte und der einzige Nutznießer des Vermögens seiner Tochter war, lag der Verdacht natürlich nahe. Aber man hat es ihm nicht beweisen können, und der Junior schweigt sich heute noch darüber aus, ob der Vater seine Tochter vielleicht in den Freitod getrieben haben oder selbst nachgeholfen haben könnte. Jetzt, da er ebenfalls tot ist, hat auch keiner mehr ein Interesse an Nachforschungen. Man nimmt an, er habe sich aus Gram über den Tod des Mädchens erhängt.“

„Und wovon lebt der Junior jetzt?“, fragte May. „Wenn jemand seine Burg zur Besichtigung freigibt und vermarktet, dann braucht er in aller Regel Geld, sie zu restaurieren und zu erhalten. Er muss also schon vorher nicht besonders begütert gewesen sein.“

„Niemand weiß etwas Genaues, was dies betrifft“, sagte ich. „Hier - wir müssen abbiegen.“

Eine asphaltierte, nicht sonderlich breite Straße führte seitwärts durch einen Taleinschnitt von der Hauptstraße in den Höhenzug hinein. Immerhin war diese Straße breit genug, dass ein Reisebus sie befahren konnte, und hier und da gab es Ausweichstellen. Allein das Anlegen dieser Straße musste eine fröhliche Million verschlungen haben.

Ich verzog das Gesicht. Mit dem Geld hätte man schon eine Menge restaurieren können.

Ein grüner Talkessel öffnete sich irgendwann vor uns. Im Hintergrund erhob sich ein braungraues Gemäuer mit hohen Zinnen - das Castillo. Und davor ritt, von rechts aus den Bergen kommend, ein junges Mädchen mit blauschwarzem wehenden Haar auf das Castillo zu.

May fuhr schneller; gut 200 Meter vor der Burg, die am Ende des Talkessels am Berghang lag, schnitt sie dem Mädchen den Weg ab.

Das reitende Mädchen, in Bluse, Jeans und Stiefeln und ohne Sattel und Zaumzeug, winkte uns zu, ohne sich aufhalten zu lassen, trieb das Pferd sogar noch schneller an und verschwand dann durch das Burgtor.

Als der Cadillac nur wenig später über eine hölzerne Brücke in den Burghof rumpelte und mitten auf dem gepflasterten Platz stehenblieb, war weder von dem Mädchen noch vom Pferd etwas zu sehen.


*


Der Empfang, den man uns angedeihen ließ, war nicht gerade einer der sieben freundlichsten. Kaum hatte May den Motor des Wagens abgeschaltet, als sich ein Portal öffnete und ein junger Mann im Jeansanzug herauskam. Der junge Mann kam schnurstracks auf den Cadillac zu, neben dem May sich jetzt in aufreizender Pose aufbaute.

„Das ist Privatgrundstück“, sagte der Junge. „Haben Sie das Schild an der Straße nicht gesehen? Unbefugten ist der Zutritt verboten.“

„Da war kein Schild. Außerdem ist uns das Benzin ausgegangen“, behauptete May und zeigte dabei ihr besonders spitzbübisches Grinsen.

„Sie wollen mich wohl auf den Arm nehmen? Steigen Sie in Ihr Vehikel und verschwinden Sie von hier.“

„Hören Sie, Señor“, mischte ich mich ein und stieg langsam aus, „höfliche Menschen wünschen einander erst einmal einen guten Tag, was ich hiermit nachhole: Buenos dias, Señor. Da war übrigens wirklich kein Schild, und außerdem sind wir absichtlich hierher gefahren. Wir hatten eine ausführliche Unterredung mit der Polizei in Murcia.“

Aufmerksam beobachtete ich den jungen Mann, der es immer noch nicht für nötig hielt, sich vorzustellen. Ich vermutete mal, dass es sich um den jungen Ferreira handelte. Aber als der liebe Gott die Höflichkeit verteilt hatte, schien er gerade weit abwesend gewesen zu sein.

„Dann hat Ihnen die Polizei sicher auch gesagt, dass es seit Jahren keine Touristenführungen mehr gibt, und dass Fremde hier nicht gern gesehen sind. Also, bitte - dort hinter Ihnen hat man vor tausend Jahren eigens das Loch in der Mauer gelassen, damit Sie jetzt ihren Straßenkreuzer wieder hinausfahren können.“

Ich seufzte ergeben.

„Wer war übrigens das schwarzhaarige Mädchen, das vorhin hier hereinritt, und wohin ist es so schnell verschwunden?“, lenkte ich vom Thema ab.

Der junge Spanier zuckte deutlich zusammen.

„Sie müssen sich irren“, behauptete er dann. „Hier ist niemand hereingeritten.“

„Das Mädchen hatte eine ziemliche Ähnlichkeit mit Ihnen, Señor“, fügte ich unerbittlich hinzu.

„Sie irren sich“, wiederholte der Spanier stur. „Wenn Sie nicht freiwillig von hier verschwinden, rufe ich die Polizei. Und täuschen Sie sich nicht - sie kommt sehr schnell.“

Abrupt wandte er sich ab und kehrte ins Gebäude zurück. Das Portal schloss er hinter sich.

May sah mich an.

„Sag mal…“, grübelte sie. „Diese Ähnlichkeit des reitenden Mädchens, die ist mir auch aufgefallen, aber erst, als du davon sprachst. Dann ihr schnelles Verschwinden, so spurlos… Glaubst du denn, wir haben einen Geist gesehen?“

„Vielleicht“, wich ich der Frage aus. „Schade, dass das Amulett im Handschuhfach liegt. Es hat sich vielleicht bemerkbar gemacht, ohne dass wir es merkten.“

„Also doch eine typische Spukgeschichte“, sagte May und setzte sich wieder hinter das Lenkrad. „Nur dass der klassische Rauswurf nicht in der Kneipe, sondern beim bösen Grafen in seinem Spukschloss stattfindet.“

„Wir bewegen uns in der Tat immer noch im Rahmen des gängigen Klischees, liebe May“, gab ich ihr recht. „Der Rausschmiss durch den bösen Grafen gehört nämlich definitiv dazu.“

Ich nahm das Amulett aus dem Handschuhfach, sah es nachdenklich an und rieb dann mit leichtem Druck der Fingerkuppe die rote Pupille des stilisierten Auges. Dabei flüsterte ich etwas, das May nicht verstand.

„Was machst du da?“, fragte sie neugierig.

Ich grinste sie an.

„Ich wurde zum Daedra, zumindest zur Hälfte, wie du weißt. Seit ich im Daedrareich war. Du weißt, dass dies vieles geändert hat. Vielleicht sogar… alles? Irgendwie gibt es eine veränderte Resonanz zwischen dem Schavall und mir. Ich muss nur noch herausfinden, inwiefern sich das noch auswirken wird. Jedenfalls sind meine Daedrakräfte eine echte Hilfe. Zuweilen. Aus dem Rausschmiss wird jedenfalls erst mal nix.“

Ich nickte ihr auffordernd zu.

„Versuche doch mal zu starten.“

May versuchte es. Der Wagen orgelte nur, sprang aber nicht an.

„Wir geruhen eine kleine Panne zu haben“, verkündete ich vergnügt. „Damit liegen wir hier fest.“

Ich griff an May vorbei und betätigte lautstark die Hupe.


*


Der Spanier tauchte ziemlich schnell wieder auf, diesmal entschieden verärgerter als zuvor.

„Unser Wagen springt nicht an“, sagte May bedauernd und demonstrierte es sofort. „Wir haben eine Panne. Vielleicht können Sie uns helfen, Señor?“

„Uralter Trick“, murmelte der Mann abfällig. „Natürlich haben Sie die Zündkerzen verölt. Schrauben Sie sie raus, trocknen Sie sie ab und verschwinden Sie.“

„Aber das habe ich bestimmt nicht getan“, sagte May. „Bitte…“

Sie betätigte den Zug für die Motorhaube, stieg aus und klappte die Motorhaube ganz hoch.

Der Spanier zögerte erst. Dann kam er tatsächlich näher und warf einen nur mäßig interessierten Blick auf den riesigen Motor mit respektablen 8,2 Litern Hubraum.

„Brauchen Sie Werkzeug?“, fragte er. „Sie können…“

Er unterbrach sich jäh. Auch May schnappte nach Luft. Sie verstand immerhin genug von Autos, Motoren und Technik, dass sie wusste: ein solches Fahrzeug braucht auf jeden Fall Zündkabel, um den Strom vom Verteiler zu den Zündkerzen zu übertragen.

Und sie war auch hundertprozentig sicher, dass ihr Cadilly diese Kabel besaß - besessen hatte. Aber die Dinger… fehlten inzwischen.

„Das gibt’s doch gar nicht“, keuchte der Spanier, stützte sich auf und beugte sich über den Motor. „Das ist einfach unmöglich. Wo sind die Zündkabel? Sie sind doch hierhergekommen mit dem Ding, auf eigenen Rädern. Die Dinger können sich doch nicht in Luft auflösen!“

„Das ist ja gespenstisch“, sagte May bedeutsam.

Ich auf dem Beifahrersitz hatte Mühe, ein Grinsen zu unterdrücken. Die Zündkabel lagen mittlerweile im Kofferraum. Es hatte mich einige Schwierigkeiten gekostet, sie dorthin zu befördern. Das Lösen der Zündkabel war vergleichsweise einfach gewesen, aber das anschließende Fortteleportieren… Wenn Ferreira die Kabel unter dem Wagen liegend gefunden hätte, wäre das Fahrzeug ja alsbald wieder flott gewesen.

Ich tupfte mir mit einem Taschentuch die wenigen Schweißperlen von der Stirn, die mich der magische Trick gekostet hatte.

Der Spanier warf May einen argwöhnischen Blick zu.

„Das verstehe ich nicht“, sagte er. „Da ist doch ein Trick bei.“

Er beugte sich wahrhaftig nieder und sah unter den Wagen.

Ich war erleichtert, dass die Teleportation geklappt hatte.

Der Spanier richtete sich wieder auf.

„Da ist wohl nichts zu machen“, sagte er. „Ich werde die General-Motors-Werkstatt in Alicante anrufen. Hoffentlich haben die für diese alte Kiste überhaupt noch Ersatzteile, und hoffentlich kriegen sie die Kabel in der richtigen Reihenfolge an die Zylinder angeschlossen.

Seltsam, seltsam… Nun gut, in der prallen Sonne kann ich Sie in der Zwischenzeit nicht stehen lassen, denn es wird einige Zeit dauern, bis die Leute aus Alicante kommen. Aber ich kann mich nicht ständig um Sie kümmern. Ich werde Ihnen Zimmer zur Verfügung stellen, in denen Sie sich bitte aufhalten. Herumlaufen im Castillo mag ich nicht - die Zeiten sind vorbei. Ich habe keine Lust, überall Aufpasser zu spielen. Sollten Sie sich nicht an diesen Rat halten wollen, werden Sie doch im Freien bleiben müssen.“

„Wir werden ganz brav sein, Señor Ferreira!“, versprach May. „Das sind Sie doch, oder?“

„Miguel Ferreira y Lescobar“, antwortete Ferreira und deutete eine Verneigung an. „Zu Ihren Diensten - aber nur eingeschränkt.“

„Mein Name ist Mark Tate“, sagte ich indessen. „Und das ist meine Gefährtin May Harris.“

„Mark Tate? Das klingt nicht gerade spanisch. Sie haben außerdem eine englische Zulassung am Wagen.“

„Wir sind beide Engländer“, gab ich zu. „Der Wagen gehört außerdem nicht mir, sondern May Harris. Sie ist die Harris-Erbin, also die alleinige Besitzerin von Harris-Industries.“

Ferreira machte nicht den Eindruck, als würde ihn das auch nur im Geringsten interessieren, aber ich hatte ihn eigentlich nur von May ablenken wollen.

May ging derweil zum Kofferraum und holte mein Aktenköfferchen und einen von ihren eigenen Koffern heraus. Dabei fiel ihr Blick auf die acht Zündkabel. Sie zuckte leicht zusammen, begriff und schwieg.

„He, ich habe nicht gesagt, dass Sie hier übernachten dürfen“, protestierte Miguel Ferreira. „Sie können den Koffer ruhig im Wagen lassen.“

„Ich möchte mich umkleiden“, sagte May bestimmt. „Ich bin durchgeschwitzt. Sie wohnen in einem von der Sonne verwöhnten Land, Señor Ferreira.“

„Also gut“, knurrte Miguel missmutig. „Kommen Sie mit.“


*


Er führte uns durch eine große, mit Ritterrüstungen geschmückte Halle, eine breite Freitreppe hinauf und dann zu rechts und links befindlichen Zimmertüren. Nacheinander öffnete er zwei dieser Zimmer.

„Sie dürfen Hotelkomfort erwarten“, sagte er abweisend kühl. „Früher, als mein Vater noch Besichtigungen und Ritterspiele durchführen ließ, war es üblich, dass Gäste hier übernachteten. Bitte…“

Er zog sich zurück. May und ich besichtigten unsere Zimmer. Es gab sogar kleine Fernsehapparate.

Ich schob mich durch die Tür in Mays Zimmer.

„Natürlich hat er uns Einzelzimmer gegeben, seit er weiß, dass wir nicht verheiratet sind. Das soll es ja tatsächlich noch geben: Mittelalterlich anmutende Ansichten in adeligen Kreisen.“

„Hast du etwas anderes erwartet?“, fragte sie leichthin. „Was versprichst du dir übrigens von dieser Aktion?“

„Nun, wir sind erst einmal im Castillo“, antwortete ich, „und wir haben mit Sicherheit wenigstens eine, vielleicht zwei Stunden Zeit, bis die GM-Leute aus Alicante kommen. Diese Zeit können wir nutzen, uns einmal dieses Castillo näher anzusehen. Ich möchte es liebend gern auf magische Kraftquellen untersuchen.“

„Ferreira wirft uns raus, wenn wir durch die Burg geistern.“

„Hm“, machte ich nur.

„Pass auf, Darling, ich habe nicht gelogen - ich werde tatsächlich erst einmal duschen und die Kleidung wechseln“, sagte May und deutete auf ihren Koffer. „Inzwischen kannst du ja schon mal deine Vorbereitungen treffen.“

„Kommst du herüber, wenn du fertig bist?“, fragte ich, der ihren Worten entnahm, dass sie erst einmal allein sein wollte. Ich schnappte also mein Ausrüstungsköfferlein und verließ May, um das mir zugewiesene andere Zimmer aufzusuchen.

Vorhin war es leer gewesen.

Jetzt nicht mehr.

Auf dem Bett lag ein hinreißend geformtes nacktes Mädchen und lächelte mich auffordernd und verführerisch an.

Es war die schwarzhaarige Reiterin.


*


Miguel Ferreira ging das Phänomen der verschwundenen Zündkabel nicht aus dem Kopf. Es musste der Spuk sein, den er unter Kontrolle gehabt zu haben glaubte. Aber wie konnte dieser Spuk am helllichten Tag auftreten? Demzufolge musste da noch etwas anderes im Spiel sein, nicht nur die Erscheinungen, deretwegen er damals den gesamten Touristikbetrieb eingestellt hatte.

Er wurde aus den beiden Engländern nicht so recht schlau. Woher wussten die überhaupt von dem Spuk? Denn ohne genaueres Wissen hätten sie die Reiterin nicht erwähnen können. Es musste ein Versuch gewesen sein, ihn, Ferreira, zu einer Reaktion zu provozieren. Noch dazu auf so plumpe, leicht durchschaubare Art.

Miguel beschloss, sich den Wagen erst noch einmal genauer anzusehen, ehe er bei der GM-Niederlassung anrief. Er öffnete die Haube des Wagens, sah sich die Maschine noch einmal genau an. Nirgends war eine Spur einer Vorrichtung, die Zündkabel verschwinden lassen konnte. Aber sie waren doch mit dem Wagen gekommen, und ein Auto ohne Zündkabel, ohne fließenden Zündstrom, fuhr eben nicht?

Der Schlüssel steckte. Miguel Ferreira zog ihn ab, nachdem er im Handschuhfach nicht fündig geworden war, und öffnete den Kofferraum, um den Gepäckrest einer Untersuchung zu unterziehen.

Da lagen die Zündkabel, alle acht.

Ferreira pfiff durch die Zähne. Wie zum Teufel kamen die Kabel hier hinein?

Nachdenklich wog er sie in den Händen und überlegte, ob er sie wieder befestigen sollte. Die Zündfolge der Zylinder war am Motorblock aufgedruckt, das war also das geringste Problem. Dann aber entschied er sich dagegen. Er öffnete die beiden noch im Gepäckraum liegenden Koffer.

Kleider und persönliche Gegenstände, sonst nichts. Er konnte auch keinen doppelten Boden ertasten, nichts. Es sei denn, dieser doppelte Boden war so flach, dass er nur für Papier Raum bot. Aber das erschien ihm in diesem Fall unlogisch.

Ferreira schloss die Koffer und den Kofferraum wieder, sah an der Hauswand empor und zuckte mit den Achseln. Die Fenster der Gästezimmer lagen zur anderen Seite. Die Engländer konnten ihn bei seinem Tun nicht beobachtet haben. Aber er würde ihnen einige Fragen stellen. Und er war auf die Antworten gespannt.

Die acht Zündkabel locker in der Hand, betrat er das Gebäude.


*


„Ich komme mir vor wie im Film“, sagte ich perplex.

Ich sah das Mädchen an, das da verführerisch auf meinem Bett lag, sich jetzt halb aufstützte und mir zulächelte.

Erst einmal stellte ich den kleinen Aktenkoffer ab und schloss die Tür hinter mir.

Das nackte Mädchen ließ die eingehende Musterung über sich ergehen. Wahrscheinlich, dachte ich, hätte so gut wie jeder andere Mann diese Einladung wahrgenommen. Aber in dieser Hinsicht war ich mit May bestens bedient. Grundvoraussetzung für Sex war aus meiner Sicht gesehen Liebe, und die empfand ich eben nur für May. Was nicht hieß, dass ich nicht hübsche Mädchen gern betrachtete. Aber mehr war einfach nicht drin. Pech für die Schwarzhaarige, die sich wohl einiges mehr erwartet hatte.

Und wer war sie?

Auf jeden Fall die Reiterin, die so spurlos verschwunden war und die eine so verblüffende Ähnlichkeit mit Miguel Ferreira hatte. Aber ich hatte das Gefühl, sie auch vorher schon einmal gesehen zu haben. Ich kam nur nicht darauf, wo das gewesen sein sollte.

„Buenos dias“, sagte ich höflich. „Ist es vermessen zu fragen, was Sie in dieses Zimmer führt, Señorita?“

Die Schwarzhaarige setzte sich jetzt richtig auf, schwang die aufregend langen Beine über die Bettkante und fuhr sich mit der Hand durch das Haar. Es schien zu knistern.

Ich atmete tief durch. Das Mädchen strahlte eine unglaubliche Erotik aus. Und wenn es May nicht gegeben hätte…

Beeinflusst sie mich etwa?, fragte ich mich unwillkürlich. Zwingt mir dieses Mädchen mit einer Art Hypno-Kräften ihren Willen auf?

Wenn ja, dann ohne echten Erfolg. Dann war dieser Versuch entweder einfach nur stümperhaft oder aber es lag daran, dass meine Daedrakräfte mir halfen. Überhaupt konnte die Schwarzhaarige nicht davon ausgehen, dass ich ebenfalls über Para-Kräfte verfügte und ihren Versuch deshalb erkannte. Meine Gedanken lesen konnte sie nicht, weil eine Sperre in meinem Bewusstsein das verhinderte und jeden Versuch automatisch abblockte. Darin hatte ich immerhin dank May jahrelange Übung.

Aber dann war ich verblüfft, als ich mich meinerseits auf ihre Gedanken konzentrierte und sie ebenfalls nicht wahrnehmen geschweige denn lesen konnte! Ich stieß bei meinem Tastversuch ins Leere. Als würden da überhaupt keine Gedanken in diesem hübschen Kopf entstehen.

Sie reagierte in keiner Weise. Hatte sie meinen Versuch gar nicht bemerkt, oder hatte sie beschlossen, einfach darüber hinweg zu gehen? Das würde bedeuten, dass sie mit einem solchen Versuch ihrerseits gerechnet hatte.

Ich wurde aus diesem seltsamen Mädchen nicht klug.

Langsam ging ich auf die Schwarzhaarige zu.

Plötzlich erwärmte sich das Amulett, das ich ja vorhin unten am Wagen wieder an mich genommen und umgehängt hatte. Aber diese Erwärmung war nur kurz und wich sofort wieder.

Für Bruchteile von Sekunden hatte das Amulett fremde magische Energien gespürt! Aber entweder waren die jetzt wieder verschwunden, oder sie waren von der eher harmlosen Sorte, also keine gefährliche schwarze Magie.

„Hallo“, sagte die Schwarzhaarige mit einer rauchigen Stimme. „Ich habe auf dich gewartet, amigo mio.“

Und sie erhob sich endgültig, kam auf mich zu und umarmte mich, wollte mich sogar küssen. Dabei berührte sie das Amulett, das unter meinem halb offenen Hemd hing.

Sie zuckte zurück.

Die Luft knisterte. Unwillkürlich rechnete ich mit einem Angriffsschlag, aber das geschah nicht. Stattdessen sah das Mädchen plötzlich unendlich traurig aus.

„Es stößt mich ab!“

Ich presste die Lippen zusammen.

„Wer sind Sie, und was wollen Sie von mir?“, fragte ich heiser und fügte in Gedanken hinzu: Abgesehen von dem eindeutigen Sexangebot! Aber davon bekam sie natürlich nichts mit.

„Ich brauche… Hilfe“, behauptete das Mädchen. „Hilfe… helfen Sie mir!“

„Wer sind Sie überhaupt? Und zwischendurch dürfen Sie sich ruhig…“ Ich unterbrach mich. Eigentlich hatte ich sie auffordern wollen, sich wieder anzukleiden, weil ihre Masche, mich mit ihrem schönen Körper für sich zu gewinnen, zu ködern, bei mir sowieso nicht zog. Aber ich suchte vergeblich nach ihren Kleidern. Sie musste schon splitternackt in mein Zimmer gekommen sein.

Es war nicht zu fassen…

„Sie müssen mir helfen! Bitte“, flüsterte das Mädchen. „Aber… es stößt mich ab, es ist furchtbar…“ Sie deutete auf den Schavall an meiner Brust. „Tun Sie es weg, Señor… bitte!“

Ich öffnete das Hemd.

Kurz zögerte ich, dann beschloss ich, jetzt mein eigenes Spiel zu beginnen.

„Erst, wenn Sie mir Ihren Namen genannt haben, verflixt noch mal. Das kann doch nicht so schwer sein!“

An der Tür wurde geklopft.

Ich unterdrückte eine lästerliche Verwünschung. May konnte es nicht sein, denn die hätte nicht erst angeklopft, sondern wäre so herein marschiert. Blieb also eigentlich nur Miguel Ferreira selber oder jemand von seinem Personal, so er welches beschäftigte.

Das Gesicht des Mädchens zeigte plötzlich panische Angst.

„Nein“, keuchte sie. „Lassen Sie ihn nicht… er ist…“

Die Tür, nicht abgeschlossen, wurde nach dem einmaligen Klopfen von außen geöffnet, ohne dass ich etwas gesagt hatte!

Ich fuhr herum. Ferreira trat ein.

„Vielleicht warten Sie beim nächsten Mal, bis ich ›herein‹ sage“, fauchte ich ihn an und wunderte mich im nächsten Augenblick, warum Ferreira kein Erstaunen über die Anwesenheit des Mädchens zeigte.

Ich drehte leicht den Kopf und glaubte zu träumen: Die Schwarzhaarige war spurlos verschwunden als hätte sie sich in Luft aufgelöst!

Ist sie ein Gespenst oder was?, fragte ich mich unwillkürlich. Aber Gespenster treten doch nicht am hellen Tag auf!

Für gewöhnlich jedenfalls nicht!

„…Sie etwas gefragt, Señor“, vernahm ich die drängende Stimme Ferreiras. Der Burgbesitzer hielt mir dabei die linke Hand entgegen.

Ich wusste ja schon, was er darin trug, was diese schwarzen gummiummantelten Kabel zu bedeuten hatten. Ferreira musste im Wagen geschnüffelt und die Kabel gefunden haben.

Na, dachte ich, dann wird es jetzt ja erst richtig lustig.


*


May fühlte sich nach der langen Fahrt doch ein wenig ermüdet. Wahrscheinlich würde die Dusche ihr helfen, wieder halbwegs munter zu werden. Sie konnte, wenn es sein musste, zwei Tage hintereinander ohne Schlaf auskommen, und ein wenig hatte sie im Halbschlaf gedöst, während wir auf den Tankwart gewartet hatten.

Sie klappte den Koffer auf, suchte aus, was sie anschließend anziehen wollte, und ging dann in das kleine Bad, das zum Zimmer gehörte. Sie stellte sich unter den Wasserstrahl, ließ das Wasser allmählich kälter werden, bis es erfrischende Wirkung zeigte, und genoss die prasselnden Wasserstrahlen. Währenddessen machte sie sich ihre Gedanken.

Es war eine recht seltsame Geschichte. Wenn nicht das Amulett auf Castillo Ferreira hingewiesen hätte, hätte sie eher geglaubt, dass irgendeine magische Macht aus der Vergangenheit drüben in den alten maurischen und römischen Ruinen erwacht wäre. Das wäre naheliegender gewesen. Aber dann war da diese Reiterin, die so jäh verschwunden war. Das gab’s doch gar nicht.

Wenigstens die Stalltür hätte noch offen sein müssen. Denn so viel Vorsprung hatte sie gar nicht gehabt, als sie in die Burg eingeritten war. Und ringsum gab es keine Möglichkeit, anderweitig zu verschwinden. Der Burghof war offen und einsehbar, die Gebäude drängten sich an die Mauern.

Unwillkürlich fragte sich May, was den Erbauer dieser Burg bewogen hatte, seine Festung direkt an den Berghang zu klatschen. An der Frontseite gab es einen u-förmigen Wassergraben, der ursprünglich wohl künstlich gefüllt gewesen und jetzt eine trockene Grünzone war. Auf der Rückseite erhob sich eine Felswand, aber von weiter oben musste es ein Leichtes sein, sich abzuseilen, oder gar mit Katapulten, Kanonen und Steinen diese Festung anzugreifen.

„Ganz schön idiotisch“, murmelte sie.

Sie dachte wieder an die Reiterin, die eine so starke Ähnlichkeit mit diesem Miguel Ferreira hatte. Sie hätte seine Schwester sein können. Aber hieß es nicht, diese Schwester sei vergiftet aufgefunden worden?

Oder gab’s da noch weitere Schwestern?

Auf den Schavall war nicht unbedingt Verlass, wenn es um das Anzeigen von Spukerscheinungen ging. Das Amulett stellte zuweilen überraschend den Dienst ein. Zu anderen Gelegenheiten wurde es von selbst aktiv und war dann superstark. Aber so recht verlassen konnte man sich eben nie darauf. Es war schon eigenartig genug, dass es von selbst den Weg hierher gewiesen hatte - wenn auch auf recht seltsame, aggressive Weise. Aber immerhin hatte es den Grund für seine Aktivitäten nicht verraten. Diesen Grund galt es nun herauszufinden.

Als ob wir nicht ohne diese zusätzliche Aktion schon genug Probleme hätten!, dachte May und drehte sich unter dem kalten Wasserstrahl, der sie nun wirklich wieder munter machte.

Erst als sie merkte, dass ihre Haut aufzuweichen begann, drehte sie das Wasser ab, griff nach dem Frotteetuch und begann sich abzutrocknen. Ein zweites Tuch musste herhalten, um als Turban das nasse Haar zu bergen. Dann öffnete sie die Verbindungstür zum Zimmer und trat in die absolute Finsternis.


*


„Was wollen Sie hier? Wie haben Sie das gemacht?“, fragte Ferreira schroff. „Entweder ich erfahre jetzt von Ihnen die Wahrheit, oder ich lasse Sie verhaften. Die Polizei ist bereits informiert und auf dem Weg hierher.“

Er lügt, spürte ich. Die Polizei weiß von nichts.

Abgesehen davon war ich sicher, dass ich von der Polizei nichts zu befürchten hatte - im Gegenteil. Für eine Verhaftung reichte das alles nicht aus, höchstens für einen Verweis von Burg und Grundstück. Andererseits würde Ferreira es schwer haben zu erklären, wie er an die Kabel gekommen war.

Ich beschoss, sozusagen zum Gegenangriff überzugehen.

„Sie führen sich auf, als hätten Sie etwas zu verbergen“, sagte ich ruhig und fragte mich erneut, wohin das Mädchen so plötzlich verschwunden war und ob es vielleicht wirklich ein Gespenst gewesen war. Aber es hatte sich außerordentlich echt angefühlt.

Mein vorläufiges Fazit war jedenfalls: Hier liegt einiges im Argen!

„Ich will keinen Fremden hier haben. Niemanden. Ist das so schwer zu verstehen?“, fragte Ferreira grimmig. „Ich dachte, die Polizei hätte Ihnen das klar gemacht. Oder waren Sie am Ende gar nicht dort? Wer sind Sie? Was wollen Sie hier?“

Ich seufzte.

„Okay. Ich bin Privatdetektiv, nicht nur der Lebensgefährte und Stellvertreter von May Harris, und als Detektiv bin ich auf übersinnliche Erscheinungen spezialisiert. Ich habe Grund zu der Annahme, dass es hier zu okkulten oder magischen Erscheinungen kommt. Diese Reiterin… ist ein weiterer Hinweis. Deshalb bin ich hier. Ich möchte mich mit dem vermuteten Spuk befassen.“

„Es gibt hier keinen Spuk. Sie müssen sich irren, Mark Tate. Der einzige Spuk, der hier stattfand, ist von Ihnen selbst veranstaltet worden. Ein ziemlich übler Trick.“

„Sie haben den Kofferraum geöffnet. Sie hatten kein Recht dazu“, sagte ich ruhig. „Ich könnte Strafantrag gegen Sie stellen lassen…“

„Sie haben Hausfriedensbruch begangen. Sie wurden mehrfach aufgefordert, Castillo Ferreira zu verlassen, und haben sich mit einem Trick Zugang erzwungen…“

„Nun hören Sie mal langsam mit dieser Leier auf“, verlangte ich verärgert. „Ich bin mir meiner Sache absolut sicher. Warum sträuben Sie sich? Vielleicht kann ich Ihnen helfen?“

„Sie helfen mir, indem Sie verschwinden. Und zwar sofort. Bauen Sie Ihre verdammten Kabel wieder ein, und dann will ich Sie beide hier nicht mehr sehen. Ich gebe Ihnen genau eine halbe Stunde Zeit. In einer halben Stunde ist die Polizei hier. Wenn Sie dann immer noch anwesend sind…“

„Ja, bitte? Was passiert dann?“, fragte ich freundlich.

„Dann sorge ich dafür, dass Sie juristisch belangt werden.“

„Viel Vergnügen“, wünschte ich. „Aber bitte… überlegen Sie es sich. Vielleicht kann ich Ihnen ja tatsächlich helfen.“

Ferreira warf mir die Kabel vor die Füße und verließ das Zimmer, ohne die Tür zu schließen. Ich hörte ihn über den Gang draußen davoneilen.

Nun, in der Tat, ich besaß nicht wirklich die Möglichkeit, mich dem Willen des Burgherrn zu widersetzen. Wir mussten wohl oder übel das Feld räumen. Aber trotzdem ging mir dieses gespenstische Mädchen nicht aus dem Kopf. Eine Dämonin konnte es nicht sein, denn dann hätte das Amulett sicherlich anders reagiert. Was aber dann? Der Geist der ermordeten Tochter?

Geister spuken für gewöhnlich nur nachts, erinnerte ich mich wieder. Diese Erscheinung aber zeigte sich bei Tageslicht und war dabei außerordentlich materiell. Da waren also noch andere Dinge im Spiel. Zudem war es irgendwie doch recht verdächtig, dass der junge Ferreira uns beide nicht hier haben wollte, uns so nachdrücklich untersagte, dass wir uns im Castillo bewegten… Irgendetwas verbarg er auf jeden Fall.

Ein Verbrechen?

Ich seufzte. Nach Lage der Dinge hatte ich keine Chance mehr, es vor Ort herauszufinden. Ich musste mich dem Willen Ferreiras beugen und mich zurückziehen. Aber vielleicht gab es ja doch noch andere Möglichkeiten?

Und immer wieder hämmerte es in mir:

Irgendetwas ist hier sogar oberfaul, denn sonst hätte das Amulett nicht über eine so große Entfernung auf magische Aktivitäten hingewiesen.

Nun lachte ich sogar.

Warten wir’s ab.

Ich nahm mein Köfferchen, in dem sich so nützliche Dinge wie Weihwasser, magische Kreide, Silber und Knoblauch befanden, eine Allround-Notausrüstung für alle Fälle, verließ das Zimmer, dessen luxuriöse Annehmlichkeiten ich nicht einmal ansatzweise hatte genießen können, und klopfte bei May an.

Da rührte sich nichts. Auch das Wasserrauschen war nicht mehr zu hören. Sie war also wohl schon mit dem Duschen fertig. Aber warum antwortete sie dann nicht? War sie etwa doch eingeschlafen? Kein Wunder nach der schlaflosen Nacht…

Ich drückte die Klinke nieder und schob die Tür auf.

Das Zimmer war Leer.

Ich öffnete die Tür zum kleinen Bad. Es zeigte Spuren von ausgiebiger Benutzung; auf den Bodenfliesen breitete sich ein kleiner See aus. Aber von May war nichts zu sehen. Im Zimmer auf dem Bett befanden sich lediglich ihr geöffneter Koffer und Kleidungsstücke - frische und die gebrauchten.

Ich pfiff leise durch die Zähne.

May war spurlos verschwunden!


*


May machte einen schnellen Schritt zurück. Aber die Schwärze blieb. Als sie die Arme ausstreckte, fühlte sie ringsum nur grenzenlose Leere. Von den Wänden und den Einrichtungsgegenständen des Zimmers war nichts mehr da.

Eine magische Falle!

Und sie war dieser Falle jetzt schutzlos ausgeliefert. Sie konnte nicht einmal etwas spüren. Also konnte sie auch keine Zauberformel gegen diese Falle einsetzen, um sie zu sprengen. Sie konnte ohne jegliche Anhaltspunkte ihre Hexenkräfte nicht zum Einsatz bringen.

Plötzlich war da Licht.

Aus dem Nichts schälte sich ein dünner Streifen, der immer heller wurde, sich zu einer Art Säule ausweitete und schließlich eine Gestalt freigab. Ein schwarzhaariges Mädchen mit blasser Haut, in Jeans und Bluse.

Die Reiterin!

Sie stutzte, als sie May betrachtete, dann flog ein Lächeln über ihre Miene.

„Verzeih mir - ich wusste nicht…“ Sie unterbrach sich, schüttelte den Kopf. „Aber das ist jetzt nicht wichtig. Du musst mir helfen.“

May schluckte.

„Wer bist du?“

„Ich bin tot“, sagte die Reiterin. „Ich wurde ermordet. Und doch finde ich nicht den Weg ins Hohe Licht. Etwas bannt mich, hält mich gefangen in dieser Zwischenwelt und trotzt allen Versuchen, mich zu befreien.“

„Du bist die Tochter des Burgherrn - des alten Burgherrn“, vermutete May überrascht.

„Ich bin Ines Ferreira“, bestätigte die Schwarzhaarige. „Besser gesagt: Ich war es. Ihr seid zu zweit. Hilf mir. Ich bat deinen Gefährten, doch er trägt eine Waffe, die mich abstößt. Und dann kam er hinzu.“

„Wenn wir dir helfen sollen, Inez, müssen wir mehr wissen“, sagte May eindringlich. „Was ist geschehen? Von Anfang an. Und - müssen wir das hier besprechen, oder können wir in die reale Ebene zurückkehren? Ich heiße May, Inez.“

„Das weiß ich“, kam die überraschende Antwort. „Ich belauschte euch. Aber es ist vielleicht besser, wenn wir hier bleiben. In der realen Ebene bin ich auch fest, aber er könnte wieder hinzukommen und uns stören.“

„Wer ist er?“

„Das, was einmal mein Bruder gewesen war“, hauchte das Gespenstermädchen. „Er ist nicht mehr der, der er früher war. Etwas beherrscht ihn, zwingt ihn zu seinem Tun. Und da ist noch eine andere Macht, die ich nicht erfassen kann. Du musst mir helfen.“

Allmählich wurde es May zu dumm.

„Du bittest andauernd, dass ich dir helfen soll, aber wobei und wogegen? Schaffst du es nicht, von Anfang an zu berichten? Nur dann ist Hilfe möglich, verflixt!“

„Gut“, flüsterte Inez.

Vor Mays Augen verwandelte sich ihre Kleidung. Sie trug plötzlich ein bodenlanges, weißes Gewand.

May schluckte. Sie erinnerte sich an meine Erzählung von meinem Traum, den ich während der Fahrt gehabt hatte. Ob dies die Gestalt war, die ich gesehen hatte? Wenn ja, war Vorsicht geboten.

May fühlte, wie sich eine Gänsehaut auf ihrem Rücken bildete.

Plötzlich grellte der Gefahrenimpuls in ihr auf. Sie wirbelte herum, versuchte etwas zu erkennen, aber rings um sie her war nach wie vor nichts als Schwärze.

Inez Ferreira schrie auf. Sie machte eine abwehrende Geste, schrumpfte zusammen, wurde durchsichtig und verschwand völlig.

Schlagartig verschwand auch das Licht.

Eine Titanenfaust packte May, riss sie von dem imaginären Boden, auf dem sie stand, und schleuderte sie durch die grenzenlose Schwärze. Dann wurde es von einem Moment zum anderen taghell; gleißende Helligkeit schmerzte in Mays Augen. Donnerschläge ertönten in rascher Folge dicht neben ihr, und Feuer flammte auf, wie von Blitzen erzeugt.

Das knisternde, prasselnde Feuer fiel sofort wieder in sich zusammen, und sie vernahm sekundenlang ein drohendes wildes Gelächter von einer männlichen, tiefen Stimme, die ihr bekannt erschien. Dann war alles vorbei.

Am Himmel brannte die Sonne über Spanien.

May war irgendwo in der Berglandschaft, lag an einem sanft abfallenden Hang, und rund um sie her war ein Aschekreis, wo das Feuer getobt hatte. Gräser und Büsche waren niedergebrannt worden, und rings um den Kreis zeigten sich bizarre Muster wie von magischen Zeichen, zu Asche verbrannt.

Und nirgendwo war eine Menschenseele zu erkennen. Ringsum war nur die Wildnis der Bergwelt.


*


Ich überlegte. May musste entführt worden sein. Denn wenn sie auf Entdeckungsreise gegangen wäre, um das Castillo zu erforschen, dann bestimmt nicht unter Zurücklassung ihrer sämtlichen Textilien. Ich traute ihr eine Menge Verrücktheiten zu, und May bewegte sich gern sehr freizügig, aber das hier war wohl doch etwas übertrieben.

Bedächtig nahm ich das Amulett ab und trat in die Mitte des Zimmers. Ich wollte herausfinden, was geschehen war. Vielleicht sprach der Schavall auf jene magische Kraft an und zeigte mir, was geschehen war?

Ich versetzte mich in Halbtrance und wirkte mit geistigen Befehlen auf den Schavall ein. Das Amulett begann schwach zu glühen, wie ein rotes Auge. Dann zeigte es mir wieder ein Bild: In der Tat war das Zimmer zu erkennen.

Das Amulett bewegte sich in der Zeit rückwärts. Ich sah mich selbst in der Zimmermitte stehen, dann rückwärts zur Tür gehen, mich umsehen und rückwärts das Zimmer verlassen.

Eine Weile geschah sonst nichts. Wenn ich die Zeit anhand meiner eigenen Bewegungen abzuschätzen vermochte, dann verstrich etwa eine Minute.

Dann wurde das Zimmer schlagartig dunkel.

Tiefste Schwärze erfüllte alles.

Im ersten Moment befürchtete ich ein Versagen meines magischen Amuletts, das ich wegen seiner speziellen Form auch gern Dämonenauge nannte. Dann aber wich die Schwärze wieder, und für den Bruchteil einer Sekunde erhaschte ich einen Blick auf die halb geöffnete, sich im zeitlichen Rückwärtslauf folgerichtig schließende Tür zum Bad und die dahinter befindliche, nur mit einem Handtuchturban „bekleidete“ May.

Dann war die Tür zu. May nebenan im Bad und das Zimmer selbst leer.

Ich ging zeitlich noch weiter zurück, um zu erfahren, ob sich ein Fremder im Zimmer aufgehalten und diese Schwärze gewissermaßen installiert hatte. Aber nichts dergleichen war zu erkennen.

Schließlich ging ich in der Zeit zurück bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich mich von May getrennt hatte, um das mir zugewiesene Zimmer aufzusuchen. Da konnte ich sicher sein, dass kein Lebender die Schwärze erzeugt hatte.

Es musste etwas anderes gewesen sein, etwas, das ich nicht begriff und das sich auch nicht erfassen ließ.

May war entführt worden, während ich mich mit Ferreira herumgestritten hatte.

Das änderte alles. Entweder wusste Ferreira davon, und dann war er endgültig als Gegner einzustufen - oder er war ahnungslos, und dann zogen wir alle tatsächlich an einem einzigen Strang. Er würde es einsehen müssen.

Ich ging zum Zimmertelefon auf der Bettkonsole hinüber, nahm den Hörer ab und wählte die 1 der Hausverbindung.

Niemand hob ab.

Ich hätte es mir ja denken können. Warum sollte die Telefonzentrale besetzt sein, wenn der Hotelbetrieb schon vor einem Jahr eingestellt worden war? Und Ferreira hatte wahrscheinlich anderes zu tun, als nur neben dem Telefon zu hocken.

„Also gut“, murmelte ich vor mich hin. „Wenn nicht so, dann eben anders.“

Ich trat auf den Korridor hinaus, holte tief Luft und brüllte:

„Señor Ferreira! Señor Ferreira!“

Irgendwann musste der den Höllenspektakel hören.

In der Tat dauerte es nicht lange, bis Ferreira zornbebend auftauchte.

„Sind Sie verrückt geworden, Mann?“, fauchte er mich an. „Was fällt Ihnen ein, hier wie ein Wilder herumzuschreien?“

Ich sah ihn an.

„Ich weiß, dass Sie mich nicht leiden können und dass Sie uns auf Teufel-komm-raus hier fort haben wollen. Trotzdem werden Sie sich anhören, was ich Ihnen zu erzählen habe“, sagte ich. „Meine Begleiterin ist aus ihrem Zimmer heraus entführt worden. Und ich will von Ihnen wissen, von wem!“

„Sie sind wirklich verrückt“, stieß Ferreira hervor. „Ich gebe mich keine Sekunde länger mit Ihnen und Ihrer Spinnerei ab.“

Er schlug ansatzlos zu.

Ich sah die Faust trotzdem rechtzeitig, drehte mich halb zur Seite und riss das Knie hoch. Der Stoß wehrte den Fausthieb ab.

Ich drehte mich zurück und erwischte Ferreira mit der Handkante. Mit der anderen Hand setzte ich sofort nach.

Ferreira stöhnte auf, schnappte nach Luft und krümmte sich zusammen.

Ich verzichtete darauf, einen alles entscheidenden Hieb anzusetzen, packte vielmehr zu und führte den stöhnenden, taumelnden Mann in das Zimmer, drückte ihn auf einen Stuhl.

„Sind Sie jetzt gewillt, mir zuzuhören?“, fragte ich eindringlich.

„Sie sind ja gemeingefährlich“, ächzte Ferreira.

Er versuchte aufzustehen, aber ich drückte ihn wieder zurück und ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass ich gewillt war, den angeschlagenen Zustand meines unfreiwilligen Gastgebers zur Dauereinrichtung zu machen, wenn es sein musste.

„Wenn Sie sich mit anderen Leuten prügeln wollen, müssen Sie auf das Echo gefasst sein“, sagte ich trocken. Und dann erzählte ich, was geschehen war, und hielt Ferreira das Amulett entgegen. „Wenn Sie wollen, führe ich Ihnen den Ablauf des Geschehens gern noch einmal vor.“

Ferreira schüttelte den Kopf.

„Nicht nötig, Señor“, ächzte er. „Ich weiß, dass Sie recht haben - nur die Schwärze ist mir neu. Das gab es bisher nicht. Es… es entgleitet alles meiner Kontrolle.“

„Sie wissen…?“, fragte ich ungläubig. „Sie wissen von der Entführung? Warum haben Sie sie nicht verhindert?“

„Von der Entführung weiß ich nichts“, behauptete Ferreira düster. „Nur von den Spukerscheinungen. Deshalb will ich ja keinen Menschen mehr hier haben.“

„Und Sie wollen sich auch nicht helfen lassen, wie? Wissen Sie, was ein Narr ist? Jemand wie Sie, Señor Ferreira. Wie wäre es, wenn Sie mir erzählen würden, was hier gespielt wird, und zwar von Anfang an. Es muss irgendeine Gefahr sein, die ich noch nicht völlig erfassen kann, die ich aber von den Pyrenäen aus gespürt habe. Deshalb sind wir hier.“

„Bueno“, murmelte Ferreira. „Ich will Ihnen erzählen, was Sie wissen müssen. Kommen Sie mit.“ Er richtete sich auf. „Por diablos, haben Sie Stahl in den Fäusten, Mann?“

Ich enthielt mich einer Antwort. Sollte ich ihm etwa sagen, dass ich zu einem halben Daedra geworden war?


*


Ganz so unangenehm, wie es auf den ersten Moment erschien, war May die Einsamkeit dann doch nicht. Es wäre wesentlich fataler gewesen, wäre sie mitten auf dem Marktplatz von Murcia erschienen. Ihre derzeitige Kostümierung war dafür wohl doch etwas unpassend. Sie wickelte das Handtuch vom Kopf ab, bot das Haar der heißen Mittagssonne zum Trocknen und schlang sich den Stoff um die Hüften.

Sie versuchte Ordnung in das Chaos zu bringen.

Sie war von der ermordeten Tochter entführt worden. Diese hatte sie um Hilfe gebeten und ihr mitgeteilt, dass ihr noch lebender Bruder von einer fremden Macht besessen war und dass sie selbst keinen Frieden finden konnte. Anschließend hatte ein Gegner eingegriffen, sie getrennt und May nicht wieder zurück ins Zimmer im Castillo gebracht, sondern quasi durch eine andere Tür aus der Schwärze geschleudert.

Das war alles, was sie jetzt wusste, und das war nicht sonderlich viel. Wer steckte hinter dem Geschehen? Wer zog die Fäden und kontrollierte sowohl die Geister der Toten als auch die Lebenden? Wenn sie Inez’ Worten glauben durfte und Miguel besessen war, schied er als Gegner aus, sondern war auch nur Opfer.

Zweite Frage: Wieso war es Inez Ferreira überhaupt möglich, bei Tageslicht zu erscheinen und zu spuken?

Drittes Problem: Woher kannte May dieses diabolische Lachen, das ihre Ortsversetzung ins Freie begleitet hatte?

Fragen, auf die es noch keine Antwort gab. Sie ahnte nur, dass sie es hier mit einer bekannten Größe zu tun hatte. Sie musste erst nur die richtige Spur finden, dann würde sich alles andere von selbst ergeben.

Vielleicht konnte Mark Tate mit dem Schavall mehr herausfinden?

May versuchte abzuschätzen, wo sie sich befand. Sehr weit konnte sie sich ihrer Meinung nach nicht vom Castillo entfernt haben.

Sie sah nach dem Stand der Sonne, betrachtete sich die Geländeformationen und beschloss, sich westwärts zu halten. Irgendwann musste sie zwangsläufig auf eine Straße treffen.

Und wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses von der ersten aufkreuzenden Polizeistreife verhaftet werden…

Aber das war das geringste Problem. Schlimmer würde der Durst werden, wenn der Weg sich als länger erwies, als sie glaubte. Denn es wurde immer heißer. Die Sonne meinte es etwas zu gut. Nicht umsonst hielten die Spanier um diese Zeit Siesta…


*


Miguel Ferreira zeigte sich plötzlich von der gastfreundlichen Seite. Er hatte mich in einen kleinen Salon eingeladen, der geschmackvoll eingerichtet war und in dem es eine gut sortierte Bar gab.

Ferreira genehmigte sich einen Napoléon, während ich mir Rotwein anbieten ließ und beschloss, es vorsichtshalber bei diesem einen Glas bewenden zu lassen; Alkohol konnte gefährlich werden.

In bequemen, flachen Ledersesseln saßen wir uns gegenüber. Ich betrachtete die Ritterrüstungen, die rechts und links neben der Tür auf kleinen Sockeln standen. Die Größe dieser Rüstungen irritierte mich. Im Mittelalter waren die Menschen allgemein kleinwüchsiger gewesen; in die Originalrüstungen passte heutzutage allenfalls noch ein vierzehnjähriger Knabe bequem hinein. Diese beiden hier aber waren auf die Größe eines neuzeitlichen Mannes abgestimmt.

„Vater pflegte Ritterspiele abzuhalten“, erklärte Miguel. „Damit glaubte er, weitere Besucher anlocken zu können. Aber die kamen selten bis hierher. Die meisten fahren nach Barcelona. Die dortigen Ritterspiele, die fast monatlich für die Touristen abgehalten werden, sind bekannter. Und mit den Stierkämpfen können wir ohnehin nicht konkurrieren. Deshalb habe ich diese geldverschlingenden Aktionen sofort abgeblasen. Und dann war da der Spuk…“

„Aha“, machte ich. „Jetzt wird es also interessant.“

„Inez spukt“, sagte Miguel bedrückt. „Sie hat Selbstmord begangen, und deshalb findet sie wohl keine Ruhe. Nachts spielten sich etliche teilweise bösartige Szenen ab, die die Gäste verschreckten. Dann beging Vater Selbstmord…“

„Und er spukt nicht?“

Miguel schüttelte den Kopf.

„Zumindest hat ihn bisher niemand gesehen.“

„Das ist aber eigenartig“, sagte ich und nippte am Wein. „War Ihre Schwester so innig mit dieser Burg verbunden, und Ihr Vater weniger? Das kann ich mir nicht vorstellen. Außerdem - man munkelt, dass sie ermordet worden sei.“

„Das ist Unsinn“, sagte Miguel energisch. „Böse Gerüchte. Vater soll sie ihres Erbes wegen vergiftet haben. Da ist nichts dran. Sie hatte kein Vermögen. Der Kerl, der sie damals hat sitzen lassen, hat keinen Cent bezahlt, die Klagen wurden abgewiesen. Und wir hatten das Nachsehen.“

Ich hob die Brauen.

„Also sind Ihnen doch geschäftliche Interessen an der damaligen Angelegenheit nicht abzusprechen…“

„Jeder möchte gern viel Geld haben, besonders, wenn einem die Schulden über den Kopf wachsen“, sagte Miguel. „Mich wundert, dass mir die Banken immer noch Stundungen gewähren. Nach Recht und Gesetz hätte mir dieser Steinkasten längst unter dem Gesäß weg versteigert werden müssen. Aber vielleicht will keiner das Ding haben?“

„Weiß die Öffentlichkeit von dem Spuk?“

Miguel schüttelte den Kopf.

„Was glauben Sie wohl, warum ich niemanden mehr hierher lasse? Was damals die letzten Touristen erlebten, habe ich als Show-Effekt darstellen lassen; man hat es geglaubt. Und seitdem sind hier die Schotten dicht.“

Er schenkte sich den nächsten Cognac ein.

„Was ich nicht verstehe, ist das, was heute geschehen ist oder geschehen sein soll. Sie können Inez unmöglich gesehen haben. Nicht bei Tage. Sicher, sie ritt immer gern aus, das stimmt. Aber Geister spuken nachts, und sie ist auch nur immer nachts aufgetreten. Und das Verschwinden Ihrer Gefährtin begreife ich noch viel weniger.“

„Sie sagten vorhin etwas von ›teilweise bösartigen Szenen‹“, warf ich ein. „Was waren das für Szenen?“

„Die Gästebetten mit den Gästen darin wurden mit Blut beschmiert. Wein wurde zu Essigsäure, Vorhänge versuchten Menschen zu würgen und dergleichen mehr. Und jedes Mal wollte man Inez gesehen haben. Ich selbst habe sie dabei nie gesehen, aber einige der Effekte miterlebt. Ich habe dann versucht, mit einer Geisteraustreibung die Angelegenheit in den Griff zu bekommen. Der Erfolg ist, dass Inez sich seither auf die Kellergewölbe beschränkt.“

„Hm“, machte ich bedeutsam. „Kellergewölbe…“ Da war die Erinnerung an meinen Traum. „Darf ich den Keller sehen?“

„Sie lassen ja doch nicht locker“, sagte Ferreira. „Meinetwegen. Aber verraten Sie mir noch den verdammten Trick, mit dem Sie die Zündkabel entfernt haben?“

„Wenn Sie mir erzählen, wie Sie die Geisteraustreibung bewerkstelligt haben“, bot ich an. „Ich glaube nämlich nicht, dass Sie besondere Erfahrungen in Sachen Geisterjagd, Spiritismus und Okkultismus haben.“

„Man liest sich so einiges an“, behauptete Ferreira. „Außerdem gibt es Geisterjäger und Dämonentöter, von denen man sich Tipps holen kann. Oben in Andorra steht so eine von einem Geisterjägerteam bewohnte Burg…“

Ich nickte und schnitt eine säuerliche Miene.

„Die ist inzwischen allerdings von den Dämonen sturmreif geschossen worden, und die Leute haben sich einen anderen Unterschlupf suchen müssen“, erklärte ich ihm. „Kommen Sie, schauen wir uns mal Ihren Keller an.“

Ferreira nickte.

„Ich gehe am besten voraus“, bot er sich an.

Ich folgte ihm.

Unterwegs fragte ich mich, was mit May geschehen war. Ich wusste nichts, und die Zeit verstrich unaufhaltsam. Zeit, die vielleicht über Leben und Tod entschied…


*


May war noch nicht weit gegangen, als sie Hufschlag vernahm, der sich rasch näherte.

Sie blieb stehen und lauschte. Wer mochte da kommen?

Sie überlegte noch, wo sie in Sichtdeckung gehen sollte, oder ob sie den Reiter vielleicht ansprechen sollte, um Hilfe zu erbitten, da tauchte er bereits hinter einem Hügel auf.

Es war eine Reiterin.

Die schwarzhaarige Inez Ferreira!

Sie galoppierte heran und parierte ihr Pferd dicht vor May.

„Gut, dass ich dich wiederfand“, stieß sie hervor. „Oh, du hast ja immer noch nichts zum Anziehen gefunden, das tut mir leid. Komm, steig mit auf. Ich bringe dich zurück zum Castillo.“

May benutzte das Handtuch als Schutzdecke und schwang sich hinter Inez auf den Pferderücken. Pferd und Mädchen, um das May die Arme schlang, um sich festzuhalten, waren überraschend stabil, gar nicht geisterhaft durchlässig.

„Halte dich gut fest“, mahnte Inez Ferreira und trieb das Pferd, das sie auch jetzt ohne Sattel und Zaumzeug ritt, an.

May wurde durchgeschüttelt. Krampfhaft klammerte sie sich fest. Es war nicht das erste Mal, dass sie auf einem Pferd saß, aber sie ritt zum ersten Mal ohne alle Hilfsmittel.

Inez konnte hervorragend mit dem Tier umgehen, und May war froh, dass sie hinter dem Gespenst saß, das damit dem Wind die Kraft nahm, der bei diesem Galopptempo doch recht kühl wirkte - trotz der Hitze.

„Kannst du mich nicht mit Magie ins Castillo zurück bringen?“, schrie May nach vorn.

Inez schüttelte den Kopf, dass die langen Haare im Wind flogen. Sie wirkte ungeheuer real.

May überlegte, ob vielleicht doch mehr Leute als geahnt dieses Gespenst gesehen hatten, es aber nicht für einen Geist hatten halten können.

„Ich kann es nicht“, rief Inez zurück. „Das kann nur der Feind…“

„Wer ist der Feind?“, wollte May wissen. „Ist es der, der von deinem Bruder Besitz ergriffen hat?“

„Ja…“

Es verwehte förmlich.

Nach kurzer Zeit tauchte vor ihnen die Straße auf, die zum Castillo führte. Die Berglandschaft wurde sanfter, um dann vor dem steilen Hang zu enden, an dem Castillo Ferreira sich anlehnte.

„Du musst mir mehr verraten“, verlangte May. „Über die Hintergründe. Nur so können wir dir helfen.“

Neben dem Cadillac brachte Inez das Tier zum Stehen. May rutschte vom Pferderücken. Im gleichen Moment seufzte Inez vernehmlich, und sie und das Pferd lösten sich einfach auf. Sie verschwanden wie Licht, das ausgeschaltet wird.

„Verflixt, jetzt weiß ich immer noch nicht mehr als vorher“, schimpfte May.

Das Tuch, das inzwischen nach Pferd roch, ließ sie einfach liegen und ging zum Haus. Jetzt machte sie sich keine Gedanken mehr darüber, ob sie beobachtet wurde oder nicht. Sie eilte die Treppe hinauf, über den Korridor und fand ihr Zimmer, dessen Tür nur angelehnt war.

Drinnen stand mein Köfferchen.

May hob die Augenbrauen. Also war Mark Tate in der Zwischenzeit hier gewesen und hatte ihr Verschwinden zwangsläufig bemerkt.

Sie suchte seine Unterkunft auf, aber die war Leer.

„Nanu?“, überlegte sie laut.

War er etwa im Castillo auf die Suche nach ihr gegangen? Nun, dann würde er über kurz oder lang mit Ferreira junior zusammengeraten, und dann gab es Ärger. Irgendwann würde Mark Tate jedenfalls zurückkommen.

Oder war er ebenfalls von der Schwärze entführt worden?

May schüttelte den Kopf. Inez hätte ihr es jetzt beim Heimritt gesagt. Sie hatte nur einmal vorhin im schwarzen Nichts davon gesprochen, dass sie versucht hatte, mit Mark Tate zu reden, und dass er, also ihr Bruder, dazwischengekommen war. Demzufolge hatte es Mark Tate nicht so erwischt wie sie, May.

Diese Inez Ferreira musste ein Phänomen sein. Sie war materiell, sehr materiell sogar, wenn sie bei Tageslicht erschien, und sie konnte irgendwie mit den Grenzen der Dimensionen spielen. Diese Schwärze war nach Mays Auffassung nichts anderes als eine Welt neben der Welt, ein Bereich mit tausend Toren zu tausend Orten in tausend Welten.

Wie kontrollierte Inez das? War die Schwärze ihr angestammter Bereich, in dem sich ihr Geist aufhielt, wenn er nicht gerade in der Welt der Lebenden spukte? Wie aber hatte dann der Feind in diesen Bereich hineingreifen und May an einen anderen Ort schleudern können?

Rätsel über Rätsel…

May stellte sich noch einmal unter die Dusche, um den Pferdegeruch los zu werden, der so real war wie die Spukerscheinung selbst.

Diesmal trat sie bei der Rückkehr ins Zimmer nicht in grenzenlose Schwärze. Sie schlüpfte in einen kanariengelben leichten Overall, kombinierte ihn wieder mit den Cowboystiefeln und einem breiten weißen Gürtel und versenkte diverse kleine Hilfsmittelchen, die sie Mark Tates Koffer entnahm, in den praktischen Taschen des Overalls.

Da fiel ihr Blick auf die Zündkabel.

Wie kamen die in ihr Zimmer?

Sie ahnte, dass der Trick durchschaut worden war. Ferreira schien mit Mark Tate also irgendwo ein sprichwörtliches Hühnchen zu rupfen.

Schulterzuckend nahm May die Kabel auf und beschloss, sie zunächst einmal selber wieder zu montieren, damit der Wagen für den Fall der Fälle startklar war. Danach würde sie nach Mark Tate suchen.

Sie pfiff etwas missvergnügt eine Melodie so falsch wie möglich vor sich hin und ging hinaus zum Wagen.


*


Ich folgte Miguel Ferreira vorsichtig. So ganz traute ich dem Braten nun doch nicht. Sicher, Ferreira hatte mir einiges erzählt, und es klang auch irgendwie logisch. Aber mein Gefühl warnte mich dennoch.

Etwas stimmte hier immer noch nicht.

Unter anderem fragte ich mich, warum sich Ines Ferreiras Spukbereich auf die Kellerräume beschränkt haben sollte. Das war unlogisch.

Das elektrische Licht schuf eine ausreichende Helligkeit, als wir eine breite Treppe hinunter schritten.

Unwillkürlich schmunzelte ich, trotz der ernsten Lage.

Es ist tatsächlich der typische Klischeefall, dachte ich selbstironisch. Alles Geheimnisvolle und alles Finstere verbirgt sich stets in den Kellergewölben…

Die Wände waren glatt und weiß getüncht. Rechts und links zweigten Türen ab. Ferreira ging immer weiter geradeaus, bis er schließlich am Ende des Korridors stehenblieb.

Eine schwarze Eisentür versperrte den Weg. Sie nahm die gesamte Breite des geräumigen Ganges ein.

Ich versuchte nachzurechnen, in welchem Teil des großen Wohngebäudes wir uns inzwischen befanden. Ich schätzte, dass wir die Grundmauern erreicht hatten. Was hinter dieser Eisentür lag, musste sich außerhalb des Wohngebäudes befinden. Dass man einen Keller in den Berg hinein, also zur anderen Seite, getrieben hatte, bezweifelte ich nämlich.

„Wo hat sich der Spuk nun genau abgespielt?“, fragte ich und versuchte gleichzeitig, über das Amulett irgendetwas festzustellen. Aber es blieb neutral.

„Das will ich Ihnen gerade zeigen, Señor Mark Tate“, sagte Ferreira.

Er schob einen schweren, eisernen Doppelriegel beiseite. Der Riegel war schwergängig, kreischte und kratzte aber nicht, wurde also offenbar häufiger bewegt, trotz seiner Schwergängigkeit.

Ich fragte mich, was dort unten so geheimnisvoll war, dass es verriegelt wurde.

Ferreira ließ die Tür nach innen schwingen. Auf einer Breite von zwei Metern öffnete sie sich und gab den Blick in ein riesiges, düsteres Gewölbe frei. Es ging um gut drei Etagen in die Tiefe, die Steine waren nur roh behauen. Das einzige Licht, das diese Halle erhellte, war das, was aus dem Korridor kam.

Ich schätzte, dass tatsächlich der ganze Burghof unterkellert war. Diese Halle nahm sehr viel Raum ein. Wozu war sie angelegt worden? Vielleicht ein großzügiger Foltersaal aus der Zeit der Inquisition? Aber damals hatte man eher klein gebaut. Die Kerker waren für gewöhnlich so klein geraten, dass man sich höchstens gekrümmt darin aufhalten konnte, und die Folterkammern waren kaum größer als ein mittleres Wohnzimmer, dafür aber meist sehr gut bestückt mit allerlei perfiden Werkzeugen.

„Wozu dient dieser… Raum?“, erkundigte ich mich misstrauisch.

„Sehen Sie selbst“, forderte Ferreira.

„Nach Ihnen, Señor“, blieb ich lieber vorsichtig und sah zu, wie Ferreira in den Raum hinein schritt.

Hinter der Tür befand sich eine breite Plattform, und erst hinter dieser begann eine große, nach unten schwingende Steintreppe, die man im Dämmerlicht mehr erahnte als dass man sie sehen konnte. Nur dank meiner Daedrakräfte sah ich mehr.

Ich folgte Ferreira bedachtsam.

Das Amulett nahm plötzlich eine schwache, schwarzmagische Aura wahr, die sich in diesem Raum befand. Der Moment des Türdurchschreitens war der Moment des Erkennens. Die Aura musste sehr deutlich auf diesen Raum begrenzt sein.

Ich fühlte es als ein schwaches Prickeln und leichte Erwärmung des vor meiner Brust hängenden Dämonenauges.

Die Erwärmung blieb. Die Magie war also eindeutig finster, denn sonst hätte das Amulett sich nach dem kurzen Warnimpuls wieder neutralisiert.

Ferreira trat zur Seite.

„Schauen Sie“, sagte er und streckte einen Arm aus.

Zu spät erkannte ich, dass Ferreira mir damit nicht etwa etwas zeigen wollte. Die Hand des Spaniers umklammerte plötzlich einen aus der Wand hervorragenden Hebel, an dem er zog.

Instinktiv wollte ich zurückspringen, aber ich reagierte zu spät, und ich stand schon zu weit vorn. Die Plattform klappte in ihrer ganzen Breite nach unten weg und ließ nur einen schmalen Rest stehen, auf dem der rechtzeitig zur Seite getretene Ferreira stand.

Mit einem wütenden Schrei stürzte ich in die Tiefe.


*


May hatte die Kabel wieder angebracht. Ganz sicher war sie sich nicht, ob die Reihenfolge auch wirklich stimmte. Wenn nicht, konnte ein Startversuch für den Motor katastrophal enden. Aber dann raffte sie sich auf, drückte auf den Starterknopf, und der riesige Motor setzte sich willig und ohne fehlgesteuerte Benzinexplosionen in Bewegung. Er lief sofort satt und rund.

May drehte den Wagen so, dass er mit der langen Schnauze in Richtung Burgtor stand, schaltete den Motor wieder ab und ging zum Haus zurück. Vorsichtig sah sie an sich herunter; sie war vorsichtig genug gewesen, außerdem war der Motorraum penibel sauber und wurde ständig entweder von May selbst oder von Angestellten auf Harris-Castle gepflegt, so dass ihr gelber Overall keine dunklen Flecken davongetragen hatte.

Als nächstes galt es, Mark Tate zu finden.

Sie warf noch einmal einen Blick in beide Zimmer, aber ihr Lebensgefährte war noch nicht wieder aufgetaucht.

May begann, nachdem sie eine Zettelnotiz hinterlassen hatte, diesen Teil des Gebäudes systematisch zu durchforschen. Sie drückte jede Türklinke nieder, und wo sich eine solche Tür zugesperrt zeigte, rief sie laut meinen Namen, bevor sie mit ihren Hexenkräften die Tür aufschloss, was ihr keinerlei Mühe bereitete.

Aber niemand meldete sich und niemand war zu finden. Weder hinter geschlossenen noch in einem der offenen Räume. Meist waren es Gästezimmer, die im Grunde von selbst ausschieden. Ein Aufenthaltsraum… dann die Treppe hinunter, wo sich die offensichtlichen Privaträume des einstigen Personals befanden…

Plötzlich sah May einen Schatten am Ende des Ganges. Sie fuhr herum.

„Was machen Sie da?“, fragte Ferreira.

May starrte ihn an. Ferreira war allein, Mark Tate nicht bei ihm. Waren sie sich noch nicht begegnet, oder war etwas Unangenehmes geschehen?

May nahm Letzteres an. Sie verließ sich auf ihr Gefühl, das ihr in diesem Moment zuraunte, dass Mark Tate etwas zugestoßen sein musste.

„Wenn Sie nicht total blind sind, sehen Sie es doch“, sagte May. „Ich durchsuche das Castillo.“

„Und was, bitte, suchen Sie? Das ominöse Gespenst, oder verborgene Schätze?“

Er kam näher. May griff in eine Overalltasche. Darin befand sich in einem Kunststoffbeutel ein magisches Pulver. May wusste, dass sie es nicht auf die Schnelle aktivieren konnte, um einen magischen Gegner damit zu bekämpfen. Aber wenn Ferreira sie angriff, konnte sie es ihm ins Gesicht stäuben.

„Nichts dergleichen“, fuhr Miguel Ferreira fort, „werden Sie hier finden. Es gefällt mir außerdem ganz und gar nicht, dass Sie hier herumschnüffeln.“

„Wo befindet sich Mark Tate?“, fragte May.

Sie versuchte, den Beutel aus der Tasche zu ziehen.

Ferreira sah die Bewegung. Er griff in einer rasend schnellen Bewegung in die Tasche seiner weit geschnittenen Hose und holte eine flache Astra hervor.

May sah in die drohende Mündung der Pistole. Die Astra war zwar als nicht sonderlich treffsicher und wenig durchschlagkräftig bekannt, aber auf die kurze Distanz würde ein Treffer dennoch tödlich sein.

„Nehmen Sie die Hand leer wieder aus Ihrer Tasche“, befahl Ferreira. „Aber schön langsam. Und dann gehen Sie vor mir her nach draußen.“

„Was haben Sie mit Mark Tate angestellt?“, fragte May, während sie Ferreiras Anordnung gezwungenermaßen befolgte.

„Er lebt. Das muss Ihnen reichen. Ich hatte Sie gewarnt. Sie haben sich beide nicht daran gehalten und im Castillo herumgeschnüffelt. Das mag ich nicht. Und mit Leuten, deren Verhalten ich nicht mag, mache ich kurzen Prozess.“

May versuchte nicht das erste Mal, seine Gedanken zu lesen. Es gelang ihr nicht. Genauso wenig wie beim Gespenst seiner Schwester.

Sie traten in den Hof hinaus.

Ferreira fiel die veränderte Position des Wagens auf.

„Aha, Sie haben ihn wieder flott gemacht. Das ist gut, dann brauche ich meinen Wagen nicht zu holen. Steigen Sie ein – auf der Beifahrerseite.“

„Was soll das?“

„Wir werden jetzt eine kleine Spazierfahrt unternehmen“, sagte Ferreira und wartete, bis May eingestiegen war. Dann schlug er blitzschnell mit der Pistole zu.

May sah den Hieb nicht einmal mehr kommen. Bewusstlos sank sie zusammen.

Ferreira nahm ihr den Zündschlüssel ab, benutzte ihn und drückte auf den Starterknopf. Er fand sich erstaunlich schnell mit dem Wagen zurecht, machte sich mit dem an der Lenksäule befindlichen Hebel der Getriebeautomatik vertraut und ließ das riesige Fahrzeug anrollen. Er fuhr aus dem Burghof hinaus auf die Privatstraße, verließ sie aber schon bald über einen unbefestigten Feldweg, noch lange bevor er die Hauptstraße erreichen konnte.

Der Wagen rumpelte über den unebenen Boden. Der Feldweg schraubte sich am Berg hinauf, bis er schließlich auf einem Plateau endete.

Ferreira fuhr bis einige Meter vor der Abrisskante, an der es steil in die Tiefe ging. Er stieg aus und ging bis zur Kante. Zufrieden stellte er fest, dass er auf Anhieb die für seine Pläne geeignete Stelle gefunden hatte. Es ging hier rund zwölf Meter senkrecht in die Tiefe, dann kam eine Kante, und danach ging es immer noch steil abwärts.

Ferreira ging zum Wagen zurück und zerrte May auf den Fahrersitz. Er legte ihr den Sicherheitsgurt an, dann griff er zum Wählhebel der Automatik und schaltete den Fahrgang ein, schlug die Tür zu und entfernte sich im Laufschritt. Er wollte so rasch wie möglich zum Castillo zurück; zu Fuß gab es einen kürzeren, steileren Weg, den er benutzte.

Der Cadillac ruckte derweil langsam an und kroch bedächtig auf die Abrisskante des Plateaus zu. Einmal sah es so aus, als würde er an einer Bodenwelle hängenbleiben, aber dann erwies sich die Motorkraft doch um eine Spur stärker als der Widerstand, und der Wagen rollte unaufhaltsam weiter.

Noch einen Meter bis zum tödlichen Sturz in die Tiefe… noch einen halben… dann war es soweit…


*


Ich hatte verdammtes Pech, weil ich mich im Fallen drehte, ohne es verhindern zu können. Wäre es weiter bis zum Boden gewesen, hätte ich mich vielleicht noch rechtzeitig zusammenkrümmen können. So aber kam ich mit dem Kopf nach unten auf.

Es wurde schlagartig schwarz vor meinen Augen.

Nicht für lange. Als ich wieder zu mir kam, wusste ich, dass sich mein Körper völlig regeneriert hatte. Wahrscheinlich hatte ich mir beim Sturz das Genick gebrochen. Zumindest. Doch das konnte einen Daedra nicht töten. Auch wenn er zur Hälfte ein Mensch geblieben war.

Ich tastete nach meinem Schavall, der immer noch vor meiner Brust hing. Er hatte mich eigentlich gewarnt, und ich hatte ja wirklich vorsichtig sein wollen.

Nicht vorsichtig genug!

Oben schwang die große Eisentür wieder zu, und ich hörte das Schließen des Doppelriegels. Schlagartig wurde es stockfinster.

„Teufel auch“, murmelte ich – und stellte mich auf die Finsternis ein. Das war, als habe jemand das Licht angeknipst. Es war allerdings eine Sichtweise, die mit normalem Licht nicht erreicht werden konnte.

Das Amulett gab immer noch seine Warnung ab. Der ganze Raum musste von dunkler Magie erfüllt sein. Aber warum manifestierte sich das Dunkle nicht? Warum griff das Böse nicht direkt an?

Der große Raum schien ansonsten leer zu sein. Falls es hier nichts gab, das meine Daedrasicht vielleicht in irgendeine Weise zu narren verstand, hieß das, und inzwischen rechnete ich wahrlich mit fast allem, nur nicht mit etwas Gutem.

Immerhin besaß dieser unterirdische Raum die Abmessungen einer kleinen Turnhalle, obwohl er völlig leer war.

Ich schritt die Wände ab und untersuchte sie sorgfältig. Ich sah auch nach oben, ob dort in erreichbarer Nähe Fackeln hingen. Aber das war nicht der Fall. Es gab keinerlei Leuchtkörper. Der ganze Saal schien keine Möglichkeit aufzuweisen, ihn zu beleuchten.

Ich schüttelte den Kopf. Irgendwelchen Zwecken musste er doch einst gedient haben, und da hatte man bestimmt nicht im Dunkeln herumgetappt!

Und dann stieß ich auf eine Überraschung: Es gab einen Mauervorsprung. Wenn man sich ein paar Schritte entfernt befand, konnte man das glatt übersehen. Erst beim Näherkommen wurde es offenbar: Dahinter gab es jene geschwungene Steintreppe, die sich nach oben schraubte. Auf halber Strecke erkannte ich eine morsche Holztür.

Schlagartig wurde ich an meinen Traum erinnert. Hinter dieser Tür war die gespenstische Frau hervorgetreten.

Würde sie auch jetzt, in der Wirklichkeit, auftauchen?

Ich schluckte unwillkürlich.

Bevor ich das untersuchte, was sich hinter der Tür befand, wollte ich ausprobieren, ob es nicht doch eine Möglichkeit gab, das Eisenportal oben auszutricksen.

Vorsichtig bewegte ich mich die Treppe weiter hinauf.

Die abgekippte Plattform war wieder nach oben geschwenkt worden.

Ich vergewisserte mich, dass der Hebel in der Wand festsaß, so dass die Plattform arretiert war und nicht bei Belastung wieder abkippte. Dann näherte ich mich der Eisentür.

Sie schwang nach innen auf, der Riegel saß außen… ein seltsames Verschlusssystem.

Ich untersuchte eingehend den Bereich um das Schloss herum, um Anhaltspunkte zu erkennen, aber das Schlüsselloch war winzig klein, und es gab keinen Beschlag. Das Loch war direkt in das Türmetall eingelassen; das eigentliche Schloss musste sich im Innern der Tür befinden, wohl von der anderen Seite eingesetzt - und das half mir auch nicht weiter. Erstens besaß ich nichts, was ich als Dietrich benutzen konnte, und zweitens bekam ich damit den Doppelriegel auf der anderen Seite auch nicht fort. Dazu reichten auch meine Daedrakräfte nicht aus.

Ich hatte insgeheim gehofft, mit der Schraubenzieherklinge meines Allzwecktaschenmessers das Schloss öffnen und auseinandernehmen zu können, um so an den Doppelriegel besser heranzukommen. Aber das war eine Fehlüberlegung gewesen. Ich kam mit der Klinge nicht einmal durch einen Spalt zwischen Tür und Zarge, weil es den nicht gab: die Tür überlappte.

„Wir geruhen also festzusitzen“, murmelte ich humorlos und machte mich wieder an den Abstieg.

Unten wandte ich mich der morschen Holztür zu.

Aber da war hinter mir plötzlich Helligkeit.

Ich fuhr herum und sah, wie sich die Helligkeit ausdehnte, und in ihr erschien das schwarzhaarige Mädchen, Inez Ferreira. Diesmal nicht nackt wie in meinem Zimmer, auch nicht in dem weißen Gewand wie in meinem Traum, sondern in Bluse und Jeans, wie draußen auf dem Pferd.

„Nicht“, sagte sie seltsam schrill. „Nicht hinter die Tür sehen…“


*


May erwachte mit rasenden Kopfschmerzen. Sie spürte das Schaukeln, und die Erinnerung setzte sofort ein. Ferreira hatte sie in den Wagen gezwungen und bewusstlos geschlagen! Das musste einen Sinn haben.

Sie riss die Augen auf.

Sie befand sich auf dem Fahrersitz, angegurtet, der Wagen fuhr, und vor ihr war… nichts!

Schlagartig begriff sie.

Der Wagen kippte über eine Felskante in den Abgrund!

Details

Seiten
800
Jahr
2021
ISBN (ePUB)
9783738955309
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (August)
Schlagworte
dämonen gruselroman sammelband romane

Autoren

  • Alfred Bekker (Autor:in)

  • Wilfried Hary (Autor:in)

  • Wolf G. Rahn (Autor:in)

  • A. F. Morland (Autor:in)

  • Art Norman (Autor:in)

  • Walter G. Pfaus (Autor:in)

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Titel: Dämonen kehren immer wieder zurück: Gruselroman Sammelband 7 Romane