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Ich sage niemals mehr ich liebe dich! Liebesroman

von W. A. Hary (Autor:in)
©2021 140 Seiten

Zusammenfassung

Der große, stattliche Mann, der trotz seiner relativen Jugend schon leicht angegraute Schläfen hatte, kam direkt auf Doris Becker zu. Sie hatte sich nach dem heute etwas früheren Feierabend zu einem kleinen Spaziergang in der Fußgängerzone entschlossen, um das heute ausnahmsweise sehr schöne Wetter zu nutzen.

Allein befand sie sich hier. Mit wem hätte sie den Spaziergang auch machen können?

Und jetzt begegnete sie ihm. Nicht irgendwem, sondern ausgerechnet diesem Mann, den sie erst so kurz kannte und nach dem sie sich dennoch so sehr sehnte, wenn er nicht bei ihr sein konnte.

Purer Zufall. Ein glücklicher Zufall, wie sie fand.

Sie blieb stehen, in Vorfreude der Überraschung, die sich bald auf seinem markanten Gesicht abzeichnen würde.

Er würde sie hier in der Fußgängerzone genauso wenig erwarten, wie sie ihn erwartet hatte.

Nur noch vielleicht zehn Schritte.

Er schaute überhaupt nicht in ihre Richtung...

Bitte, blick doch auf!, wünschte sie sich.

Leseprobe

Copyright

"Originaltitel: Doris und Georg"



Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author /

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Ich sage niemals mehr ich liebe dich! Liebesroman

W.A.Hary




1


Der große, stattliche Mann, der trotz seiner relativen Jugend schon leicht angegraute Schläfen hatte, kam direkt auf Doris Becker zu. Sie hatte sich nach dem heute etwas früheren Feierabend zu einem kleinen Spaziergang in der Fußgängerzone entschlossen, um das heute ausnahmsweise sehr schöne Wetter zu nutzen.

Allein befand sie sich hier. Mit wem hätte sie den Spaziergang auch machen können?

Und jetzt begegnete sie ihm. Nicht irgendwem, sondern ausgerechnet diesem Mann, den sie erst so kurz kannte und nach dem sie sich dennoch so sehr sehnte, wenn er nicht bei ihr sein konnte.

Purer Zufall. Ein glücklicher Zufall, wie sie fand.

Sie blieb stehen, in Vorfreude der Überraschung, die sich bald auf seinem markanten Gesicht abzeichnen würde.

Er würde sie hier in der Fußgängerzone genauso wenig erwarten, wie sie ihn erwartet hatte.

Nur noch vielleicht zehn Schritte.

Er schaute überhaupt nicht in ihre Richtung...

Bitte, blick doch auf!, wünschte sie sich.

Sie musterte die hochgewachsene, sportliche Gestalt. An der Art, wie er sich bewegte, merkte man, dass er sozusagen von Kopf bis Fuß durchtrainiert war.

So mochte ihn Doris Becker. Er war ihr Traummann, und sie hatte sich auf Anhieb in ihn verliebt - vor zwei Monaten auf dem Stadtfest.

Gern schloss sie immer wieder die Augen, um in Erinnerung an diese erste Begegnung mit ihm zu schwelgen: Er hatte sie sofort bemerkt, und sie hatte in seinem Blick gelesen, wie sympathisch sie ihm war.

Dennoch hatte er sich ihr nicht sogleich genähert. Das hatte lange auf sich warten lassen, weil er nicht aufdringlich erscheinen wollte. Erst hatte sie ihm ein aufmunterndes Lächeln schenken müssen - irgendwann im Verlauf des Abends, an dem er stets in ihrer Nähe geblieben war.

Dieses Lächeln hatte alle Schranken zwischen ihnen niedergerissen. Er war gekommen, ebenfalls lächelnd, und hatte sich einfach vorgestellt:

„Georg Venturato!“

Überrascht hatte sie ausgerufen:

„Oh, Sie sind Italiener?“ Dabei hatte er überhaupt nicht viel Südländisches an sich, außer dem dunklen, leicht gewellten Haar und dem sonnengebräunten Teint.

Er hatte den Kopf geschüttelt.

„Nein, wieso? Hätten Sie etwas dagegen?“

„Natürlich nicht“, antwortete sie verlegen. „Es ist nur - wegen Ihrem Nachnamen.“

Er lachte herzlich.

„Gewiss, der klingt sehr italienisch. Aber das hat wenig mit mir zu tun, denn daran ist irgendein mir unbekannter Vorfahr schuld.“

So waren sie ins Gespräch gekommen.

Die Stunden waren wie im Flug vergangen.

Schon am nächsten Tag hatten sie sich wieder getroffen - ebenfalls auf dem Stadtfest, das da beschlossen wurde.

Die letzten beiden Monate waren die glücklichsten ihres Lebens geworden, und oft hatte sie das Gefühl, sie sei schon immer mit Georg verbunden gewesen - aufs Tiefste!

Schon öffnete sie den Mund, um seinen Namen zu rufen, weil er jetzt direkt vor ihr war und sie immer noch nicht bemerkt hatte.

In diesem Augenblick schaute er auf. Ihre Blicke begegneten sich.

Etwas Seltsames geschah: Sie sah sein Erschrecken. Sofort wandte er den Blick ab und… ging grußlos an ihr vorbei.

Sie stand da, wie vom Donner gerührt, unfähig, zu reagieren. Erst nach Sekunden konnte sie sich umdrehen...

Da ging er. Auf einmal hatte er es sehr eilig, und die hübsche Brünette in seiner Begleitung, mit dem strenggeschnittenen Kostüm, die Doris jetzt erst so richtig auffiel, wurde von ihm zusätzlich zur Eile ermahnt. Das war deutlich zu sehen.

Ja, die Brünette war Doris erst gar nicht aufgefallen, denn sie hatte nur auf ihren Georg geachtet.

Ihr Georg?

Wer war sie? Warum dieses Erschrecken in seinem Gesicht?

Doris war völlig durcheinander. Sie konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen.

Was hatte dies zu bedeuten?

Es war ganz offensichtlich, dass es Georg sehr unangenehm gewesen war, ihr hier zu begegnen.

Gestern Abend noch war er bei ihr gewesen. Sie hatten wunderbare Stunden voller Zärtlichkeit miteinander verbracht, hatten sich gegenseitig ewige Liebe geschworen...

Tränen verschleierten ihren Blick.

„Dieser Heuchler!“, schluchzte sie.

Passanten, die in diesem Moment an ihr vorbeigingen, schauten überrascht auf.

Es war ihr egal. Doris ballte die zarten Hände zu Fäusten. Sie war hin und her gerissen zwischen und Schmerz und Trauer.

Georg hatte sie hintergangen. Er hatte sich mit den Worten verabschiedet:

„Bis nächste Woche, Liebes! In den kommenden Tagen bin ich leider geschäftlich unterwegs. Ich weiß noch nicht, wie lange es dauern wird. Freu dich auf meinen Anruf!“

„Ja, ich freue mich!“ Sie hatte sich verliebt an ihn geschmiegt. „Obwohl ich dich nicht gern gehen lasse. Mir wäre es am liebsten, wir würden nie mehr auseinandergehen!“

„Mir auch!“

Sie schloss die Augen. Wie hatte er ihr nur ein solches Theater vorspielen können? Wie konnte ein Mensch nur so gemein sein?

Für Doris Becker ging eine wunderbare Welt in Scherben. Was zurückblieb, das waren hässliche Scherben.


*


Doris wusste gar nicht, wie sie danach den Nachhauseweg geschafft hatte. Sie stand vor dem hohen Spiegel in der Diele und betrachtete sich.

Die Augen waren vom Weinen verquollen.

Ihr Blick folgte den feinen Linien ihres Gesichtes. Doris mochte es nicht, stark Schminke aufzutragen. Sie war der Meinung, dass man es gar nicht sofort sehen sollte, dass sie geschminkt war.

Sie strich sich eine blonde Locke aus der Stirn und schüttelte das Haar im Nacken auf.

Ihr Blick glitt tiefer. Sie war schlank und wirkte zierlich.

„Sieht die Brünette vielleicht besser aus als ich?“, fragte sie unwillkürlich.

Schade, sie hatte nicht so darauf geachtet - im Gegensatz zu sonst, wo ihr nichts dergleichen entging.

Doris wandte sich vom Spiegel ab, denn auf einmal kam sie sich abgrundtief hässlich vor.

Georg - er hatte sie hinters Licht geführt. Von wegen Geschäftsreise... In Wirklichkeit trieb er sich mit einer anderen herum.

„All der falsche Schmus“, murmelte sie.

Georg hatte sie enttäuscht und gedemütigt.

Sie ging ins Wohnzimmer und ließ sich schwer in einen Sessel fallen.

„Kein Wunder, dass er so erschrocken ist, als ich plötzlich vor ihm stand. Ich habe ihn ertappt. Dabei war das überhaupt nicht meine Absicht. Ich wollte doch bloß spazieren gehen. Wo ich doch so allein bin...“

Die Tränen kamen wieder, obwohl sie geglaubt hatte, nicht mehr zum Weinen fähig zu sein.

Sie barg das Gesicht in den Händen und heulte hemmungslos. Immer wieder sagte sie dazwischen seinen Namen. Und dann:

„Was soll ich bloß tun? Alles ist aus. Mein Gott, Georg, alles ist aus. Ich liebe dich doch so sehr. Jetzt weiß ich es ganz bestimmt. Ich kann nie mehr ohne dich leben. Nie mehr!“

Sie rollte sich ganz eng in den Sessel, als könnte sie in sich selbst kriechen.

„Am liebsten wäre ich tot!“

Das war es! Das war jetzt wirklich ihr Wunsch, und als sie es aus dem eigenen Munde hörte, erschrak sie darüber. Tot sein? Sterben, weil Georg mit einer anderen...? Nein, sie würde es nicht fertigbringen - auch nicht für den Mann, den sie aus ganzem Herzen liebte, und dann entstand irgendwo in ihr sogar ein Funken von Hoffnung:

Vielleicht war es doch nicht so schlimm? Vielleicht irrte sie sich und Georg hatte mit der Brünetten überhaupt keine Absichten?

Sie sagte es laut:

„Vielleicht ist sie seine Sekretärin, mit der er die Reise gemeinsam antreten muss? Und die Abreise hat sich ganz einfach in der Hektik der Vorbereitungen verzögert?“

Es war eine vage Möglichkeit, und sie kam ihr selber recht naiv vor. Aber sie begann dennoch, sich mit aller Kraft daran festzuklammern, denn das begründete ihre neue Hoffnung. Obwohl ihr dabei zweierlei schmerzlich bewusst wurde:

„Ich kenne weder seinen Beruf, noch weiß ich, wo er eigentlich wohnt. Wenn ich ihn fragte, wich er mir aus, sagte höchstens: ,Am anderen Ende der Stadt!' und so. Einmal hat er die Andeutung gemacht von einem Büro in der Stadt. War dabei nicht auch die Rede von der Fußgängerzone gewesen, in der...?“

Sie brach ab, denn ihre Gedanken verwirrten sich

Wie hatte sie sich nur auf einen Mann einlassen können, der ihr zwei Monate eigentlich völlig fremd geblieben war? Er hatte sie besucht, wann immer es seine Zeit zugelassen hatte. Auf ihre Fragen hatte es keine Antworten gegeben. Sie hatte alles so akzeptiert, wie es abgelaufen war, ohne Murren. Wie hatte sie das alles nur zulassen können? Wie hatte sie sich überhaupt benommen?

„Es ist kein Wunder, dass er mir nicht vertraut - so dumm, wie ich mich ihm gegenüber verhalten habe!“, schluchzte sie. „Was mag er nur von mir denken? Vielleicht glaubt er, ich würde auch mit anderen Männern so schnell Freundschaft schließen? Oh, Gott! Wie konnte es mir nur passieren?“

In der Diele klingelte das Telefon.

Doris schreckte zusammen. War ihr Ruf erhört worden? Gab es diese geheimnisvolle Verbindung zwischen zwei Liebenden wirklich, dass der eine den Schmerz des anderen auch über große Entfernung verspürte?

„Georg!“, rief sie zuversichtlich und sprang freudig erregt auf.

All ihre Zweifel waren mit einem Mal wie weggewischt. Sie rannte zum Telefon und riss förmlich den Hörer von der Gabel.

„Georg?“, fragte sie bang.

„Nein, Doris, ich bin es - Claudia!“

Claudia?, grübelte Doris.

Sie war so sehr verwirrt, dass sie eine Weile brauchte, um ihre Gedanken soweit zu ordnen, dass sie wieder wusste, wer das war: Ihre Freundin - eigentlich! Ja, in den letzten zwei Monaten hatte sie sich gar nicht mehr mit Claudia getroffen. Sie war ihr richtiggehend aus dem Weg gegangen. Dabei hatten sie vorher häufiger zusammengesteckt.

Claudia war eine stets fröhliche, um nicht zu sagen ausgelassene junge Frau. Sie studierte Biologie. In den Semesterferien hatten sie sich kennengelernt - in dem Kaufhaus, in dem Doris als Fachverkäuferin arbeitete. Claudia hatte dort einen Ferienjob übernommen.

Unwillkürlich stellte Doris sich ihre Freundin vor: großgewachsen und schlank, die Figur eines Mannequins, immer hochmodern gekleidet - manchmal sogar ein wenig verrückt. Sie hatte lange, dunkelblonde Haare, die sie manchmal im Nacken hochsteckte. Dann betonte das ihre ein wenig spitze Nase, was Claudia vorwitzig erscheinen ließ. Wenn dann auch noch ihre Augen schelmisch blitzten, konnte ihr kein Mensch auf der ganzen Welt mehr wegen irgendwas böse sein...

„Claudia?“, brachte Doris endlich hervor. „Du bist das?“

„Schade, dass du einen anderen erwartet hast. Wer ist Georg? - Ach ja, stimmt, das ist ja dein neuester Schwarm.“

„Schwarm?“, entrüstete sich Doris. „Ich - ich liebe ihn aus ganzem Herzen und...“

Sie brach ab, denn Claudia lachte respektlos:

„Schon gut, Doris, ich wollte dich keineswegs beleidigen. War nicht so gemeint. Na, ich dachte mir, rufst einmal an. Du hast lange nichts mehr von dir hören lassen. Ich glaube, daran ist dein Georg schuld?“

Doris sagte nichts. Jetzt, wo von ihm die Rede war, kam der Schmerz wieder, und sie konnte ihn nicht unterdrücken, so sehr sie sich auch bemühte.

Claudia merkte, was mit ihr los war:

„Ist daran denn auch dein Georg schuld? Hast du deshalb seinen Anruf erwartet?“

Auch darauf gab Doris keine Antwort. Bis Claudia fragte:

„Soll ich zu dir kommen?“

„Nein!“, rief sie erschrocken.

„Warum nicht, Doris? Glaubst du, Freundschaft ist nur gut in guten Zeiten? Das wäre eine schlechte Freundschaft. Ich will dir die Wahrheit sagen, Doris: Ich rufe in Wirklichkeit an, weil ich mir große Sorgen um dich mache. Das letzte Mal habe ich dich gefragt, was dein Georg von Beruf ist und wo er wohnt. Du hast es nicht gewusst, hast mir ausweichende Antworten gegeben. Dabei hast du ihn schon wochenlang gekannt, und er ging in deiner Wohnung ein und aus. Gewiss, ich glaube dir, dass du ihn liebst, denn sonst hättest du niemals so gehandelt, Doris. Niemand weiß besser als ich, was für ein guter und wertvoller Mensch du bist.

Doris, dich wird kein Mann verderben - nicht so lange du eine gute Freundin hast, die immer für dich da ist - vor allem in schweren Stunden!“

Doris wusste nicht, warum sie solche Angst vor dem Besuch von Claudia hatte. War es, weil sie die Wirklichkeit zu sehr fürchtete? Dass sie auf einen Mann hereingefallen war, der sie nach Strich und Faden belogen und hintergangen und ausgenutzt hatte?

„Nein!“, schrie sie und knallte den Hörer auf die Gabel.

Eine neue Tränenflut brach sich Bahn. Weinend rannte sie ins Wohnzimmer zurück und warf sich auf das Sofa. Sie drückte ihr Gesicht in die Zierkissen und konnte die Tränen doch nicht ersticken.

„Oh, Georg, du bist der beste Mensch von der Welt. Du kannst niemandem etwas Böses antun, nicht wahr? Du liebst mich genauso wie ich dich. - Auch wenn alles gegen dich spricht, werde ich doch ewig zu dir halten!“


*


Claudia Werning ließ die Hand mit dem Hörer sinken.

„Ich hab's geahnt!“, sagte sie düster. „Dieser Georg hat ihr den Kopf verdreht, und die arme Doris ist ihm in ihrer ahnungslosen Naivität völlig verfallen. Arme Doris, du bist einfach zu unerfahren. Mit mir hätte dieser Georg das nicht gemacht.“

Sie legte den Hörer auf.

„Was tun?“

Kopfschüttelnd raufte sie sich die Haare.

Eine Idee setzte sich in ihr fest. Sie zupfte ihr leichtes, bequemes Hauskleid zurecht und griff entschlossen wieder zum Telefonhörer. Die Nummer kannte sie auswendig.

Eine männliche Stimme meldete sich nach dreimaligem Läuten:

„Kappler!“

„Hallo, Erich!“

Er erkannte sie sofort:

„Wie denn? Claudia?“

„Ja, genau die bin ich.“

„Du rufst an?“, erstaunte er sich. „Bei mir?“

„He, warum denn nicht?“

„Sagtest du nicht das letzte Mal, ich sei wohl der einzige Mann auf der ganzen, weiten Welt, der für dich niemals infrage kommen könnte?“

„Ja, gewiss, Erich, aber das war doch nur ein Scherz gewesen.“

„Ach, Scherz nennst du das?“

„Du kennst mich doch, Erich. Ich wollte dich halt ein bisschen ärgern.“

„Dann höre mir jetzt gut zu: Du weißt genau, dass ich mit dir nichts im Sinn habe, solange ich nicht hundertprozentig weiß, dass Doris nichts von mir wissen will und nicht nur einfach so sagt...“

„Um die geht es ja gerade!“, unterbrach Claudia ihn.

„Um Doris?“

„Ja, Erich. Warum glaubst du, würde ich sonst anrufen? Mir ist schon klar, dass du auf mich sauer bist. Daran bin ich selber schuld, und ich möchte mich bei dir dafür entschuldigen, Erich. Es ist nur...“

„Was ist mit Doris? Heraus mit der Sprache!“

„Wann hast du sie das letzte Mal gesehen?“

„Vor über zwei Monaten!“, antwortete er spontan.

„Was war inzwischen?“

„Ich habe ein paarmal angerufen. Als sie meine Stimme erkannte, hat sie jedes Mal aufgelegt. Was hat das zu bedeuten? Rufst du dessentwegen an?“

„Doris geht es gar nicht so gut, Erich, aber ich kann dir das nicht so am Telefon sagen.“

„Du willst bei mir hier auftauchen? Aha, dann ist das mit Doris nur wieder so ein übler Scherz von dir? Was hast du vor? Willst du dich lächerlich über mich machen? Du weißt, wie sehr ich an Doris hänge. Ich würde alles für sie tun. Ist es das? Dir könnte das ja nie passieren. Ich glaube, du bist zur Liebe überhaupt nicht fähig. Du bist viel zu kalt. Spaß machen, ja, das kannst du. Sonst nichts. Und jetzt will ich nicht länger von dir belästigt werden. Auf Freundinnen wie dich sollte Doris lieber verzichten. Das werde ich ihr bei nächster Gelegenheit mal sagen.“

„Nein, Erich, so warte doch! Bitte nicht auflegen. Vielleicht wird es ein nächstes Mal mit Doris nie mehr geben? Ich mache mir schrecklich Sorgen ihretwegen...“

Und dann erzählte sie ihm alles, was sie wusste.

Erich Kappler hörte ihr zu, aber nur, weil es um Doris ging. Er kannte sie schon seit ihrer Kindheit. Sie waren stets gute Freunde gewesen. Den ersten Heiratsantrag hatte er ihr gemacht, da waren sie beide gerade erst sieben Jahre alt gewesen. Doris hatte ihn damals ausgelacht.

Den zweiten Heiratsantrag hatte er ihr mit vierzehn wieder gemacht. Da hatte Doris zwar nicht gelacht, aber sie hatte ihm abermals einen Korb gegeben.

Er erinnerte sich daran, als wäre es erst gestern geschehen. Er hatte danach betroffen zu Boden geschaut. Da hatte sie seine Hände ganz fest in die ihrigen genommen und gewartet, bis er wieder den Kopf hob. Sie hatte in seinen Augen geforscht und gesagt:

„Wir sind die besten Freunde von der Welt, du und ich - Doris und Erich. Ich weiß genau, dass ich mich auf dich verlassen kann - für immer. Und genauso wirst auch du dich auf mich verlassen können. Wann immer wir in Not geraten, ist stets der eine für den anderen da. Dies ist ein heiliges Versprechen.“

„Dann willst du mich vielleicht doch...?“, hatte er hoffnungsfroh gefragt.

Sie hatte sehr ernst den Kopf geschüttelt:

„Sieh mal, all die Menschen um uns herum, die glauben, sich zu lieben... Später betrügen sie sich gegenseitig und bringen sich Unglück.“

„Aber es muss doch nicht so enden. Es gibt andererseits so viele, die ihr Leben lang miteinander sehr glücklich sind!“, begehrte er auf.

Sie schüttelte den Kopf.

„Freundschaft ist das Wertvollste, das es gibt. Glaube mir, lieber Erich. Und deshalb möchte ich niemals deine Geliebte oder gar deine Frau werden. Du wirst eines Tages die Frau deines Lebens kennen und lieben lernen. Du wirst mit ihr glücklich werden - so lange es mit euch beiden gutgeht. Aber ich werde stets und für immer deine beste Freundin bleiben - für dich da, wann immer dich Kummer bedrückt.“

Seitdem hatte er es nie mehr gewagt, ihr einen Antrag zu machen. Denn er wusste, dass es sinnlos war.

Obwohl er andererseits die Hoffnung niemals aufgegeben hatte. Wann immer er ein Mädchen kennengelernt hatte, hatte er sie unwillkürlich mit Doris verglichen. Und so war er eigentlich unfähig geblieben, eine andere zu lieben.

Jedes weibliche Gesicht, das er ansah, wurde überschattet von dem Gesicht seiner Jugendfreundin Doris, das für ihn das reinste Engelsgesicht war.

Und jetzt hörte er eine solche Geschichte... Und was das Schlimmste war: Doris hatte ihr Wort gebrochen - ihm gegenüber. Sie hatten sich geschworen, auf ewig füreinander da zu sein. Jetzt war sie in Not - und hatte geschwiegen. Sie tat ganz so, als sei er für immer aus ihrem Leben geschieden...


*


Georg Venturato kannte sehr wohl seine Wirkung auf Frauen. Wenn er ehrlich gegenüber sich selbst war, musste er auch zugeben, dass er oftmals in der Vergangenheit diese Wirkung leidlich genutzt hatte.

Ein Freund hatte ihm dessentwegen einmal Vorhaltungen gemacht. Georg hatte sich damit herausgeredet: „Was willst du überhaupt? - Ich mache Frauen glücklich!“

„Aber doch nur vorübergehend, Georg! Danach brichst du ihre Herzen und stürzt sie in großes Unglück. Kannst du das wirklich verantworten?“

Nein, das konnte er nicht, und er hatte über dieses Gespräch immer wieder nachgedacht. Das hatte ihn reifen lassen.

Dabei hatte er sich nur deshalb als Frauenheld aufgespielt, weil er irgendwie geglaubt hatte, alles wiedergutmachen zu müssen, was man ihm angetan hatte.

Es hing mit seiner Frau zusammen, von der er inzwischen längst geschieden war: Sie hatte ihn immer wieder betrogen. Und wenn er es herausbekommen hatte, hatte sie es einfach bestritten. Eines Tages dann, als er ihr wieder auf den Kopf zugesagt hatte, dass ein anderer Mann im Spiel war, hatte sie aufgehört zu leugnen - und das war dann der Anfang vom Ende gewesen. Tage später war sie ausgezogen - weil sie angeblich die ständigen Vorwürfe nicht mehr ertrug. Sie war nie mehr zu ihm zurückgekehrt.

Anfangs hatte Georg Venturato geglaubt, darüber verrückt zu werden. Mehrmals hatte er sogar mit dem Gedanken gespielt, sich das Leben zu nehmen.

Ein guter Schutzengel hatte ihn gottlob davor bewahrt. Das einzige, was noch von dem zeugte, was er damals seelisch durchgemacht hatte, waren die viel zu früh ergrauten Schläfen.

Beinahe wäre sein ganzes Haar darüber ergraut.

Und Georg Venturato hatte, um sein inneres Gleichgewicht wiederzufinden, vielleicht auch, um sich auf sehr dumme Weise „seine Männlichkeit zu beweisen“, eine recht fragwürdige „Karriere“ als Frauenheld begonnen. Obwohl das ganz und gar nicht zu seinem Charakter passte, im Grunde genommen.

Durch all dies war er jedoch gereift, und er hatte sich geschworen, dass er gefühlsmäßig nie mehr von einer Frau so abhängig werden würde wie von seiner ehemaligen Ehefrau. Er wollte diese Demütigungen nie mehr ertragen müssen. Keine Frau sollte ihn jemals wieder so enttäuschen dürfen...

Er blieb stehen und schloss sekundenlang die Augen.

„Arme Doris!“, sagte er.

„Doris?“, echote seine Begleiterin überrascht.

Er öffnete die Augen wieder und schaute in ihr hübsches Gesicht. Darin las er leise Sorge.

Er lachte.

„Ach, nichts, Fräulein Gebert!“

Sie glaubte ihm nicht. Das sah er ihr deutlich an. Aber es war ihm letztlich egal. Silke Gebert war seine Sekretärin. Über sein Privatleben wusste sie so gut wie gar nichts. Georg Venturato fand es richtig so. Er war der Meinung, das Geschäftliche und das Private streng trennen zu müssen.

Etwas, was er in seiner ersten Ehe niemals beherzigt hatte. Und deshalb war für ihn bei der Scheidung alles verlorengegangen, wofür er vorher gekämpft hatte.

Georg Venturato hatte ganz von vorn anfangen müssen.

Heute jedoch war er wieder ganz oben. Ein erfolgreicher Architekt, der so viele Aufträge bekam, dass er auswählen konnte. Nur die interessantesten Objekte kamen für ihn infrage.

Sie gingen weiter. Einmal nur warf er einen scheelen Blick auf seine Sekretärin Silke Gebert. Sie war sehr überrascht gewesen, als er sie so unerwartet zu einem Tässchen Kaffee eingeladen hatte. Deshalb waren sie gemeinsam unterwegs, und Georg Venturato war sich bei Silke Gebert sicher, dass sie sich ansonsten nichts dabei dachte: Sie war gern seine Sekretärin. Privat hatte sie ihren Verlobten, und Georg Venturato wusste, dass in Kürze schon die Hochzeitsglocken für die beiden läuten würden.

Tut mir leid!, dachte er, aber ich werde Doris eine Erklärung geben müssen. Schließlich hat sie uns beide zusammen gesehen. Es war für mich ein gelinder Schock gewesen, wo ich doch behauptet hatte, ich sei geschäftlich unterwegs. Ja, tut mir leid, aber ich werde Doris erklären, dass wir beide Mann und Frau sind!

Die Geschäftreise war nur eine Ausrede gewesen, denn er befürchtete, sich mehr und mehr an Doris Becker zu verlieren.

Nein, das darf mir nie mehr passieren! Ich mag Doris sehr. Das ist alles. Vor allem darf es nie zur wahren Liebe kommen. Deshalb kann und darf ich sie auch nicht heiraten. Ich werde behaupten, bereits verheiratet zu sein. Dann hat sich dieses Problem von allein gelöst.

Sie betraten ein Café und suchten einen freien Platz.

Beim folgenden Gespräch war Georg Venturato nicht recht bei der Sache, denn er schielte immer wieder zur Tür, als erwartete er, dass noch jemand eintreten würde.

„Vielleicht jene - Doris?“ erkundigte sich Silke Gebert, und weil sie ihren Chef dabei sehr genau beobachtete, entging es ihr nicht, dass er erschrocken zusammenzuckte.

Aber Doris kam nicht.

Etwas anderes hätte Georg eigentlich von seiner Freundin nicht angenommen. Doris war sicher viel zu diskret, um ihn einfach zu verfolgen.

Und dann begann er, sich doch Sorgen um sie zu machen. Sie hatte sehr schlimm reagiert, als er einfach an ihr vorbeigegangen war. Wie würde sie es überhaupt aufnehmen, wenn er behauptete, Silke Gebert sei seine Ehefrau? Er hatte ihr gegenüber weder das Geschäftliche, noch das Private jemals so richtig angesprochen.

Doris, du vertraust mir. Vielleicht… liebst du mich sogar? Fast bedauere ich es, dass ich dich niemals richtig lieben kann - und darf!

Gedanken, über die er selbst erschrak.

„Was ist eigentlich los mit Ihnen, Chef?“, fragte seine Sekretärin respektlos. „Das war doch vorher nicht so. Es ist, als hätten sie unterwegs ein schlimmes Erlebnis gehabt. Wieso habe ich nichts davon bemerkt?“

Er wich ihrem Blick aus.

„Entschuldigen Sie bitte, Fräulein Gebert. Ich mache mir jetzt wirklich Vorwürfe Ihretwegen. Aber...“

„Wer ist diese Doris? Sie hätten sie einfach mitnehmen sollen und...“

„Das verstehen Sie nicht, Fräulein Gebert.“ Eine steile Falte war auf seiner Stirn erschienen. „Doris - das ist eine Frau, der ich besser niemals begegnet wäre. Vielleicht nicht nur heute in der Fußgängerzone?“


*


Claudia holte Erich mit ihrem kleinen Wagen ab, da Erichs Auto in der Werkstatt war.

Erich stand schon vor der Tür des Apartmentgebäudes, in dem er wohnte.

Claudia fuhr ihm fast über die Füße. Er sprang erschrocken zurück.

Claudia lachte. Sie hatte sich darauf verlassen können, dass Erich schnell genug reagieren würde. Er war ein sehr sportlicher junger Mann, der schon viele Preise gewonnen hatte. Claudia imponierte das, obwohl sie es niemals offen zugegeben hätte. Ganz im Gegenteil nutzte sie jede Gelegenheit, Erich damit aufzuziehen und ihm klarzumachen, dass sie so muskulöse Männer einfach nicht ausstehen konnte. - Angeblich!

Das ärgerte ihn jedes Mal.

Aber Erich war keineswegs auf den Kopf gefallen, und so kam es, dass sie sich stets gegenseitig aufzogen, wann immer sie zusammen waren.

Doris hatte sich schon oft darüber beschwert und immer wieder alles getan, dass die beiden sich nicht mehr trafen. Aber wie der Zufall es wollte, waren sie viel öfter zu dritt gewesen, als es Doris lieb gewesen sein konnte.

Vielleicht war es gar kein Zufall gewesen, und die beiden waren sich absichtlich immer wieder bei Doris begegnet?

Keiner der beiden hätte es zu sagen vermocht. Sie waren überzeugt davon, sich gegenseitig nicht ausstehen zu können.

Jetzt trafen sie sich ja auch nur, weil sie Doris helfen wollten, nicht wahr?

Claudia stieß die Beifahrertür auf und rief:

„Komm schon, Trottel. Ich stehe hier im Parkverbot.“

Er stieg ein.

„Absolutes Fahrverbot wäre für dich viel besser!“, sagte er dabei.

„Wie meinst du das?“

„Frau am Steuer - igitt!“

„Na warte!“ Sie gab kräftig Gas, dass die Reifen quietschten. So dann brauste sie davon.

Erich zeigte keine Furcht. Er schnallte sich an und lachte herzlich.

„Wem willst du denn jetzt deine Fahrkünste beweisen? Mir vielleicht?“

Ärgerlich ging sie mit dem Gas wieder herunter.

Er schaute sich in dem kleinen Auto um.

„He, der ist doch nicht etwa neu? Ich jedenfalls habe ihn noch nicht bei dir gesehen.“

„Nein, neu ist er nicht. Es ist das Auto von meiner Mutter. Sie hat ein neues bekommen und das hier an mich abgetreten.“

„So eine Mutter müsste ich auch mal haben...“

In dieser Beziehung war Claudia sehr empfindlich - wenn man sie auf ihre Herkunft im reichen Haus ansprach. Vor allem, wenn Erich es tat. Sie wusste, dass Erich Kappler von Hause aus nicht so betucht war. Er hatte Eltern, die recht bescheiden leben mussten, um ihrem Sohn das Studium zu finanzieren. In wenigen Monaten würde er jedoch sein Staatsexamen machen, und dann würde er seinen guten Eltern wieder zurückzahlen können, was sie ihm unter vielen Entbehrungen gegeben hatten.

Etwas, worum Claudia Erich sehr beneidete, denn sie wusste genau, dass ihre Eltern nicht zu sparen brauchten, und sie würde sich schon sehr anstrengen müssen, um jemals nach ihrem Studium so wohlhabend zu werden wie sie es heute schon waren.

Erich wusste, dass er einen Fehler gemacht hatte. Er schüttelte den Kopf und sagte:

„Tut mir leid, aber du hattest das verdient, nachdem du mir das letzte Mal...“

„Ich habe mich doch bei dir dafür entschuldigt, oder?“, fragte sie schnippisch.

„In Ordnung!“ Er machte mit beiden Händen eine Geste der Abwehr. „Ich bin ja schon ruhig. Außerdem geht es jetzt um Doris und nicht um uns. Oder glaubst du vielleicht, ich würde mich freiwillig mit einer solchen Kratzbürste in einen wildgewordenen Kleinwagen setzen?“

Claudia konnte wieder lachen. Nein, solche Sätze war sie von Erich schon gewöhnt, und normalerweise zahlte sie es ihm mit gleicher Münze heim. Jetzt hatte sie ausnahmsweise keine Lust dazu. Sie gab wieder mehr Gas und fuhr so schnell um die Kurve, dass es Erich den Atem nahm.

„Was soll denn das schon wieder?“

„Na, das ist doch nur der wildgewordene Kleinwagen. Hast du das vergessen?“

„Ich werde dich anschließend einmal gründlich über das Knie legen. Ich schwöre es dir.“

„Nur zu, Freundchen. Hoffentlich verträgst du auch das Echo gut?“

Sie waren bald da, und dann wurden sie ganz ernst. Erich schaute unverwandt zu dem zwar alten, aber sehr schmucken Gebäude hinüber, wo Doris ihre Wohnung hatte. Als müsste er Doris an einem der Fenster sehen. Obwohl er doch genau wusste, dass ihre Wohnung auf der anderen Seite lag.

„Dieser Georg!“, murmelte er. „Der kann was erleben, wenn er Doris was antut!“

So hatte ihn Claudia noch niemals reden hören. Sie bekam regelrecht eine Gänsehaut bei diesen Worten.

Sie wusste genau, dass Erich auch einmal einen Boxwettbewerb gewonnen hatte. Sie konnte diese Sportart nicht ausstehen, und er betrieb sie auch schon lange nicht mehr. Aber wenn er so daher redete, konnte einem wirklich angst und bange werden.

„Du wirst doch wohl keine Dummheiten machen?“, erkundigte sie sich.

„Nein, ganz gewiss nicht! Worauf du dich verlassen kannst, Claudia!“

Es klang nicht sehr überzeugend, wie Claudia fand, und als sie den Wagen eingeparkt hatte, sprang Erich wie ein gereizter Tiger hinaus. Unruhig schritt er ein paarmal auf und ab. Es dauerte ihm viel zu lange, bis Claudia ausgestiegen war und den Wagen abgeschlossen hatte.

„Komm schon!“, brummte er und setzte sich in Marsch.

„So warte doch, Erich! Wir wollen doch gemeinsam...“

Er hörte nicht auf sie und wurde immer schneller. Claudia hatte alle Mühe, mit ihm einigermaßen Schritt zu halten.

Um Gottes Willen, da habe ich bestimmt einen riesigen Fehler gemacht, indem ich Erich einschaltete. Der steigert sich immer mehr in Zorn. Und wenn das einmal in Hass umschlägt...

Sie klammerte sich an seinem Arm fest.

„Erich, ich bitte dich!“

Betroffen blieb er stehen. Es schien ihm jetzt selber bewusst zu werden, in welche Stimmung er sich gebracht hatte.

Nervös fuhr er sich über die Stirn.

„Schon gut, Claudia. Du hast ja recht. Es ist Unsinn, jetzt den Kopf zu verlieren und den wilden Mann zu markieren. Doris braucht meinen Beistand und nicht meine Fäuste.“

Claudia atmete erleichtert auf. Jetzt glaubte sie ihm, dass er vernünftig blieb.

Als sie die Treppe hinaufstiegen, spürte sie wieder tiefe Sorge um ihre Freundin. Im Moment zog sie alle Möglichkeiten in Betracht - nur leider keine guten.

„Hoffentlich tut sie sich nichts an, Erich. Als ich mit ihr telefonierte, war sie in einer grässlichen Verfassung!“

Er blieb stumm.

Sie beeilten sich.


*


Die Türklingel und das Telefon gaben gleichzeitig Alarm. Doris saß in ihrem Lieblingssessel und starrte blicklos vor sich hin. Es dauerte eine Weile, bis ihr das Läuten überhaupt auffiel.

In der Diele kam sie zuerst am Telefon vorbei. Deshalb hob sie ab und meldete sich mit leiser, kaum deutlicher Stimme.

Am anderen Ende der Leitung blieb es ruhig. Aber da war jemand. Doris spürte es deutlich.

Sie sagte nichts mehr, sondern wartete nur ab.

Die Türglocke sprach wieder an.

Schon war sie versucht, den Hörer auf die Gabel zu legen, um nachzusehen, wer an der Tür war, als sie die Stimme von Georg hörte:

„Hallo, Liebes!“

Sie war unfähig zu antworten.

Georg begann zu sprechen. Sie verstand es nicht. Sie hörte nur seine Stimme, und das genügte ihr.

Bis sie dann stöhnte:

„Georg!“

Auch die Türglocke hörte sie nicht mehr. Jetzt klopfte der Besucher sogar noch gegen die Tür.

Sie ignorierte es:

„Georg!“

„Was ist denn, Liebes? Du klingst so - sonderbar?“

„Georg, warum...?“ Sie hatte fragen wollen: »Warum hast du das getan? Warum bist du an mir so vorbei? Warum bist du sogar erschrocken, als du meiner ansichtig wurdest? Liebst du mich denn nicht? Ist es dir denn unangenehm, mich zu sehen - außerhalb dieser vier Wände? Müssen wir uns und unsere Liebe denn… verstecken? Ist sie etwas… Verbotenes?«

Ja, das hatte sie ihn eigentlich alles fragen wollen, aber zustande brachte sie nur dieses eine: „Warum?“

Er blieb die Antwort zunächst schuldig, und als er dann mit der Erklärung anfangen wollte, hörte er das Klingeln an der Tür, das durch Rufen und Klopfen ergänzt wurde.

„Bitte, Liebes, schau erst einmal nach, wer das ist, bevor er die Tür eintritt!“

Verwirrt schaute sie auf.

Ja, tatsächlich, da war jemand an der Tür.

Wie in Trance legte sie den Hörer neben den Apparat und ging hinüber, um zu öffnen.

Sie hatte nicht einmal zuerst durch den Spion gesehen.

Draußen standen zwei Menschen, die ihr normalerweise sehr vertraut waren. Jetzt brauchte sie Sekunden, bis sich auf ihrem Gesicht Erkennen zeigte.

„Um Gottes Willen, wie - wie siehst du denn aus?“, entfuhr es Erich.

Er hatte recht: Doris hatte vom vielen Weinen ein ganz verquollenes Gesicht, und sie wirkte apathisch, als sei sie gar nicht mehr ganz bei Verstand.

„Bitte, bleibt draußen!“, sagte Doris.

Erich ließ seinen Fuß vorschnellen, damit sie nicht die Tür schließen konnte.

„Ich - ich telefoniere gerade“, erklärte Doris.

Claudia schielte an ihr vorbei zum Telefon und sah, dass Doris die Wahrheit sagte.

Erich wollte sich allerdings nicht abwimmeln lassen. Er machte Anstalten, die Wohnung zu betreten - auch gegen den Willen von Doris.

„Wer ist es? Dieser Georg?“

Doris nickte nur.

Claudia hielt Erich fest.

„Bitte, Erich, du hast mir versprochen, vernünftig zu sein. Lass jetzt erst einmal Doris mit ihm reden. Und dann...“

Er wollte nicht vernünftig sein, aber Claudia schaffte es, ihn von der Tür wegzuziehen. Wenn er sich zu sehr gewehrt hätte, hätte er gegenüber Claudia sehr rücksichtslos sein müssen. Das war der Grund, dass sie es schaffte, ihn zu bezwingen.

Doris schloss die Tür und ging zum Telefon zurück. Sie nahm den Hörer auf.

„Bist du wieder… da?“, fragte Georg.

Doris hörte im Hintergrund Musik. Wo befand er sich?

Sie wollte fragen, brachte aber keinen Ton hervor.

„Doris, es tut mir so schrecklich leid. Ich glaube, ich werde dir viel erklären müssen. Diese Frau, die du bei mir gesehen hast...“

Sie brauchte alle Kraft, um zu fragen:

„Was - was ist mit… ihr?“

„Sie ist meine... Ehefrau.“

„Deine...?“ Ihre Stimme versagte wieder.

Und da kam der nächste Tränenstrom, den sie nicht zurückhalten konnte.

„Doris, ich bitte dich! Ich - ich hätte es dir viel früher sagen müssen.“

„Ja, Georg, das hättest du müssen!“

„Ich - ich wollte es ja, aber ich hatte Angst, dich dadurch zu verlieren. Verzeih mir, Doris, Liebes. Ich bin ein Schuft, ich weiß. Ich habe dir etwas vorgemacht, was niemals sein kann. Wir dürfen niemals ein Paar werden.“

„Nein, Georg, das dürfen wir nicht. Deine - deine Frau... Ich habe kein Recht dazu, mich zwischen euch zu stellen. Sie sah so gut aus - und so glücklich. Ich...“

Sie hängte einfach auf. Mit beiden Händen drückte sie auf den Hörer, als befürchtete sie, er könnte sich von allein erheben, und sie müsste wieder die Stimme von Georg hören. Sie hatte sich so sehr nach dieser Stimme gesehnt und auch gehofft, dass er zu ihr kam und ihr alles erklärte...

Er hatte es ihr erklärt, aber das war jetzt für sie so schlimm, dass sie glaubte, auf der Stelle im Erdboden versinken zu müssen. Sie als die Geliebte eines verheirateten Mannes? Ausgerechnet!

Es war die Erkenntnis, dass Georg nie richtig zu ihr gehört hatte - und auch niemals richtig zu ihr gehören würde!

Niemals!

Sie schrie es hinaus: „Niemals!“ und brach regelrecht zusammen...


*


Sie hörten ihren Schrei und sprangen gleichzeitig vor, um mit den Schultern gegen die verschlossene Tür zu rammen. Es war aus der Verzweiflung heraus, Doris könnte etwas Schlimmes widerfahren sein.

Claudia rieb sich prompt mit schmerzverzerrtem Gesicht die lädierte Schulter.

Was in Fernsehspielen immer so gut klappte, erwies sich in der Praxis als ziemlich undurchführbar.

Auch Erich machte diese Erfahrung, und der Schmerz brachte ihn wieder zur Vernunft.

„Rasch, Claudia, wo wohnt hier der Hausmeister?“ Ja, das war mit Sicherheit der bessere Weg.

Details

Seiten
140
Jahr
2021
ISBN (ePUB)
9783738955217
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (August)
Schlagworte
liebesroman

Autor

  • W. A. Hary (Autor:in)

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Titel: Ich sage niemals mehr ich liebe dich! Liebesroman