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Geheimnisse einer Liebe: Liebesroman

von W. A. Hary (Autor:in)
©2021 140 Seiten

Zusammenfassung

„Ich bin wieder da!“, sagte er einfach und lächelte sie an.

Karin Ramus flog in seine Arme. Ganz fest schmiegte sie sich an seine breite Brust, wo sie sich immer so geborgen fühlte. Und dennoch stahlen sich Tränen in ihre Augen.

Er merkte es, fasste ihr sanft unter das Kinn und hob ihren Kopf, um in ihren Augen zu forschen.

Beschämt senkte sie den Blick.

„Keine Wiedersehensfreude?“, fragte er.

Schwang da leichte Enttäuschung mit?

Karin Ramus nickte: „Doch!“

Aber sie wagte es nicht mehr, zu ihm aufzuschauen.

„Warum dann die Tränen?“

Ach, der Augenblick wäre so schön. An nichts denken, nur mit ihm zusammen sein.

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© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

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Geheimnisse einer Liebe: Liebesroman

W.A.Hary






1


„Ich bin wieder da!“, sagte er einfach und lächelte sie an.

Karin Ramus flog in seine Arme. Ganz fest schmiegte sie sich an seine breite Brust, wo sie sich immer so geborgen fühlte. Und dennoch stahlen sich Tränen in ihre Augen.

Er merkte es, fasste ihr sanft unter das Kinn und hob ihren Kopf, um in ihren Augen zu forschen.

Beschämt senkte sie den Blick.

„Keine Wiedersehensfreude?“, fragte er.

Schwang da leichte Enttäuschung mit?

Karin Ramus nickte: „Doch!“

Aber sie wagte es nicht mehr, zu ihm aufzuschauen.

„Warum dann die Tränen?“

Ach, der Augenblick wäre so schön. An nichts denken, nur mit ihm zusammen sein.

Weil sie sich so sehr danach gesehnt hatte. Und er doch auch - oder?

Es war dieses ODER, die Zweifel, die an ihrer Seele nagten, dass sie manchmal glaubte, ihr Herz müsse daran zerbrechen. Nur wenn er dann bei ihr war, vermochte sie es zu vergessen. Zumindest ein wenig. Und dann war er wieder weg - so lange weg. Und sie wusste niemals, wo er sich befand, weil er nicht einmal für sie erreichbar war.

Und immer, wenn sie ihn darauf ansprach, wenn sie ihn fragte:

„Wo warst du nur so lange?“

...antwortete er gerade so wie jetzt:

„Ich war geschäftlich unterwegs, rein geschäftlich!“

Und er wandte ihr seinen breiten, männlichen Rücken zu, und dieser Rücken erschien ihr dann wie eine Mauer, die zwischen ihnen stand - unüberwindlich, unbezwingbar!

Ach, könnte ich mich bloß einmal damit abfinden, dass mein geliebter Mann Geheimnisse vor mir hat!

Sie konnte die Tränenflut endgültig nicht mehr zurückhalten und barg deshalb das Gesicht in den Händen.

„Geschäftlich“, murmelte er wie zu sich selbst, bevor er sich sichtlich einen Ruck gab und zur Tür schritt.

„Harald!“, schrie sie hinterher. Fast klang es wie ein Verzweiflungsschrei.

All die ungezählten Tage und vor allem Nächte, in denen die Zweifel in ihr gnadenlos genagt hatten, all die unbeantworteten Fragen… Dies alles schwang in diesem einen Schrei mit.

Er blieb tatsächlich an der Tür stehen, die Rechte auf der Klinke ruhend, den Kopf tief gesenkt, den sonst so breiten, stolzen Rücken gebeugt.

„Ich wollte, du wärst glücklicher!“

„Ich bin es doch – glücklich mit dir!“, widersprach sie, und es klang wie eine Lüge.

Nur halb wandte er den Kopf.

„Nein, Karin! Ich liebe dich so sehr, und ich habe dich geheiratet, um mit dir zusammen zu sein, wann immer es mir möglich ist. Doch du kannst nicht verstehen, dass es halt Dinge gibt...“

„Was für Dinge?“, hakte sie sofort nach, ganz gegen ihren eigenen Willen. Es kam von allein über ihre bebenden Lippen, und sie fragte sich vergeblich, wieso sie sich nicht einfach mit den Gegebenheiten abfinden konnte. Hatte sie nicht den wunderbarsten Mann der Welt geheiratet? Sie liebte ihn – und er liebte sie. Was wollte sie denn noch mehr?

Er öffnete die Tür und sagte im Hinausgehen:

„Eine liebende Frau, die wieder geliebt wird, sollte manchmal auch auf Antworten verzichten können! Wäre das wirklich zu viel verlangt? Wieso kannst du nicht einsehen, dass es nicht anders geht?“

Fassungslos sah sie ihn nach draußen verschwinden. Seine Schritte hallten über die Marmorfliesen im Gang.

Du hast ja vollkommen recht, Harald!, riefen ihre Gedanken hinterher, aber Karin war unfähig, es laut zu sagen.

Du hast ja so was von recht! Aber - was soll ich denn tun gegen die bohrenden Gedanken, die drohen, unsere Liebe zu zerstören?

Wenn du nicht da bist und ich mich einsam fühle. Wenn ich vor Sehnsucht schier vergehe. Wenn ich mich frage, mit wem du jetzt die Stunden verbringst, die uns beiden verlorengehen...


2


Susanne Uhlen wollte an diesem Abend besonders früh zu Bett gehen. Morgen war ein schwerer Tag, und doch war sie glücklich über all das, was sie morgen erwartete: Eine wichtige Besprechung, und sie war sicher, dass sie ihrem Chef, dem berühmten Rechtsanwalt einmal wieder beweisen konnte, wie gut und vor allem wie unentbehrlich sie als seine Sekretärin war!

Das versprach zwar, sehr anstrengend und vor allem sehr aufregend zu werden, aber das machte Susanne nichts aus. Ganz im Gegenteil: Es machte sie ebnen glücklich!

Kein Wunder, dass sie während ihrer Abendtoilette ein Liedchen trällerte. Obwohl man ihr oft genug bescheinigt hatte, nicht singen zu können. Aber zumindest ihr selber machte es Spaß, war es doch der Ausdruck dafür, wie sie sich innerlich fühlte.

Sie dachte kurz an Karin. Anfangs war es ihr zu einsam in der Wohnung vorgekommen, als ihre beste Freundin ausgezogen war, um ihren Harald Ramus zu heiraten, aber sie hatte sich inzwischen einigermaßen daran gewöhnt. Außerdem hatte sie ja immer noch ihre Arbeit, die sie voll und ganz ausfüllte.

Ja, voll und ganz!

Einen Moment lang hielt sie inne und betrachtete sich im Spiegel. Manchmal war so ein dummer Gedanke in ihr aufgekommen:

Konnte es denn sein, dass sie sich in Wahrheit in ihren Chef verliebt hatte und gar nicht so sehr in die Arbeit mit ihm und für ihn?

„Nein!“, sagte sie laut und entrüstet. „Doch nicht in den eigenen Chef!“

Der berühmte Rechtsanwalt Dr. Ernst Steinhaus, das war ein Mann, in den man sich tatsächlich verlieben konnte, aber er wirkte so unnahbar. Dieser gut aussehende, gepflegte Mann mit den Umgangsformen eines Weltmenschen, der ganz genau wusste, was er wollte...

„Nein!“ bekräftigte sie.

Und doch - seit sie bei Dr. Ernst Steinhaus arbeitete, interessierte sie sich überhaupt nicht mehr für andere Männer, obwohl Karin sie früher immer damit aufgezogen hatte, wenn sie eigentlich viel zu oft nach „geeignetem Männermaterial“ Ausschau gehalten hatte und dabei stets mit dem Ergebnis unzufrieden gewesen war.

Vielleicht war sie einfach zu anspruchsvoll gewesen? Oder sie hatte halt auf den Richtigen gewartet? Der Richtige? Nein, nein, nicht Dr. Ernst Steinhaus. Auf keinen Fall. Nie im Leben!

„Apropos Karin“, lenkte sie sich selber ab. Wie es ihr wohl ging in ihrer Ehe? Das hatte ja ziemlich vielversprechend ausgesehen, das mit den beiden. Umso verwunderlicher, dass Karin sich in letzter Zeit dermaßen rar machte und auf diesbezügliche Fragen immer nur ausweichende Antworten gab…

Susanne und Karin kamen aus demselben Ort, und sie waren auch gemeinsam hier in die Stadt gezogen, auch noch in eine gemeinsame Wohnung. Nicht nur, weil sie anfangs zu wenig verdient hatten, um sich allein eine so große Wohnung leisten zu können. Und jetzt auf einmal hatte Karin womöglich Geheimnisse vor ihr? Vielleicht sogar… schlimmer Geheimnisse? Hatten sie sich denn nicht ewige Offenheit und Ehrlichkeit versprochen?

Daran musste Susanne gerade wieder denken, als auf einmal das Telefon klingelte.

Susanne krauste ihre hübsche die Stirn und strich sich in einer unbewussten Geste die dunkle Löwenmähne zurück, die jedoch in ihrer Widerborstigkeit sogleich wieder ihre übliche Position einnahm. In ihren tief dunklen, auf viele Männer geheimnisvoll wirkenden Augen blitzte es.

Wer mochte das denn sein?

Immer, wenn sie früher zu Bett gehen und ihre Ruhe haben wollte...

Sie drehte den Wasserhahn ab und ging zum Telefon, um herauszufinden, wer dieser Störenfried war. Aber sie hob erst ab, als es einfach nicht mehr aufhören wollte zu klingeln.

„Uhlen!“, meldete sie sich.

Auf der anderen Seite der Leitung blieb es ruhig. Zunächst. Dann, plötzlich, ein erstickter Seufzer.

„Wer ist denn da?“, rief Susanne und schaltete den Mithörlautsprecher ein, um nur ja nichts zu versäumen. Irgendwie spürte sie aufkeimende Panik in sich, weshalb sie sorgenvoll hinzu fügte:

„Karin?“

Endlich sagte die Anruferin etwas:

„Ja, ich...“

„Karin, du?“

„Ja, ich!“

„Um des Himmels Willen, was ist denn los mit dir, Kind?“

Susanne sagte oft Kind zu Karin, obwohl sie gleichaltrig waren. Aber Karin war gewissermaßen die Naivere von ihnen. Während Susanne vorgab, mit beiden Beinen fest im realen Leben zu stehen, hatte sie Karin immer als hoffnungslos romantisch mit einer viel zu hohen Dosis Naivität eingeschätzt. Und in der Tat war Karin früher stets gern und oft zu Susanne gekommen, wenn sie Rat gebraucht hatte, denn Susanne erschien ihr selber immer als die viel stärkere.

„Ich...“ Ein Tränensturm ließ sie verstummen.

„Ist etwas mit Harald? Kind, diese Männer! Die verstehe einmal! Ich hab's ja gleich geahnt, und dann...“

„Nein, Susanne, nicht so, wie du jetzt glaubst. Es - es ist nichts zwischen uns. Kein Streit. Nur...“

„Kein Streit? Ja, was denn sonst? Bist du denn nicht glücklich mit Harald? Liebt er dich nicht?“

Jetzt kam keine Antwort mehr.

„Karin, bist du noch da? Kind, so melde dich doch!“

„Ja, Susanne, ich - ich bin noch am Apparat. Es ist nur, weil ich... Ach, Susanne, ich weiß schon gar nicht mehr, was richtig ist und was falsch. Ich bin so schrecklich durcheinander.“

„Weißt du was, Kind?“, sagte Susanne spontan. „Du setzt dich in deinen schicken Wagen und kommst sofort zu mir. Dann kannst du dich in aller Ruhe aussprechen, ungestört und ganz ohne diesen Harald, und wir werden gemeinsam sehen, was weiter wird. Einverstanden?“

„Das geht leider nicht, Susanne. Harald hätte sicher wenig Verständnis dafür. Und es geht mir jetzt auch schon wieder viel besser.“

„Ich komme dann zu dir hinaus? Na? Pfeif drauf, wenn dieser Harald uns zu stören versucht. Sind wir nicht seelenverwandte Blutsschwestern? Haben wir uns nicht geschworen, für immer füreinander da zu sein?“

„Lieb von dir, Susanne, wirklich lieb. Es - es geht mir jetzt wirklich wieder viel, viel besser. Ehrlich. Die paar Worte, die wir miteinander gewechselt haben, die geben mir Kraft. Bitte, entschuldige, dass ich dich gestört habe. Noch einen schönen Abend, Susanne, und vergiss alles, denn ich bin doch glücklich verheiratet mit meinem Harald. Das ist mir jetzt wieder klar geworden. Und das sollst du auch wissen. Tschüß, Susanne - und verzeih mir bitte meinen dummen Anruf. Es soll nicht wieder vorkommen...“

Karin legte einfach auf.

Fassungslos betrachtete Susanne den Hörer in ihrer Hand. Was sollte sie davon halten? Was war los mit Karin und Harald? Was stimmte mit den beiden nicht?

„Schade, dass du mir nicht mehr vertraust, Karin!“, murmelte Susanne ein wenig enttäuscht.

Oder gab es einen anderen Grund für das seltsame Verhalten?

Eigentlich hatte Susanne ja früh schlafen gehen wollen, aber die ersten zwei Stunden, die sie an diesem Abend im Bett lag, konnte sie kein Auge zutun. Immer wieder dachte sie an den Telefonanruf ihrer Freundin, und ihr Verdacht wurde riesengroß, dass es da irgendein Geheimnis gab.

„Ich muss dieses Geheimnis ergründen, koste es, was es wolle - Karin zuliebe!“, lautete ihr heiliger Schwur, bevor sie endlich doch noch einschlief.


*


Dr. Ernst Steinhaus fiel es durchaus auf, als Susanne am nächsten Morgen die letzten Vorbereitungen für die wichtige Besprechung traf: Irgendwie erschien sie dabei geistesabwesend.

„Was ist los, Susanne? Sie sind heute gar nicht so fröhlich wie sonst? Angst vor der großen Aufgabe?“

„Nein, Herr Doktor, natürlich nicht!“

„Ja, das brauchen Sie auch gar nicht, Susanne. Wir wissen beide, dass Sie die perfekte Chefsekretärin sind, und außerdem kennen Sie sich inzwischen so gut in Rechtsfragen aus, dass ich manchmal schon das Gefühl bekomme, entbehrlich zu sein!“

Sie erschrak regelrecht wegen dieser Behauptung, aber dann sah sie sein Lächeln und wusste gleich, dass er es nicht ernst meinte. Schließlich wollte sie ihrem eigenen Chef keine Konkurrenz machen, und er durfte auch niemals das Gefühl haben...

„Na, sehen Sie, Susanne“, unterbrach er gut gelaunt ihre Gedanken, „jetzt geht es uns doch gleich wieder besser!“

Gern hätte sie ihm widersprochen, aber sie hielt den Mund, weil sie wusste, was sich gehörte. Sollte sie ihm denn von den Schwierigkeiten ihrer Freundin erzählen?

Dr. Steinhaus kannte Karin natürlich, denn Harald Ramus war einer seiner Klienten. Und genau hier waren sich Harald und Karin zum ersten Mal begegnet.

So ein Zufall aber auch, dachte Susanne. Sie hatte ihrem Chef immer von ihrer Freundin vorgeschwärmt, auch davon, dass Karin viel zu schüchtern sei. Und da hatte Dr. Steinhaus eines Tages gesagt, er würde Karin gern einmal persönlich kennenlernen.

„Schließlich habe ich jetzt wirklich den Eindruck, sie sei eine alte Bekannte von mir, obwohl ich noch nicht einmal eine Ahnung davon habe, wie sie überhaupt aussieht.“

„Ja sie ist blond, zierlich, ziemlich hübsch, wie ich meine, und...“

Lachend hatte er abgewunken.

„Nein, nein, so genau will ich es gar nicht hören. Selber sehen wäre mir lieber!“

Wenn sie ehrlich war: Ein bisschen eifersüchtig war sie darüber doch geworden. Und dann hatte sie sich trotzdem dazu entschlossen, einmal einfach Karin mitzubringen.

Am selben Tag, an dem Harald Ramus einen Termin mit Dr. Steinhaus gehabt hatte!

Ja, welch ein Zufall!

Und es war Liebe auf den ersten Blick gewesen. Susanne konnte sich noch ganz genau erinnern. Die beiden hatten sich angesehen, und man hatte es förmlich in der Luft knistern hören.

Susanne spürte eine gelinde Gänsehaut – jedes Mal, wenn sie daran zurückdachte. Es war wie so ein angenehmes Rieseln. Sie hatte es beiden so sehr gegönnt, und sie war selber darüber glücklich gewesen.

„Und jetzt das!“, murmelte sie unwillkürlich vor sich hin.

„Wie bitte?“, fragte Dr. Steinhaus.

„Äh, eigentlich nichts, Herr Doktor! Ich - äh...“

Er schüttelte lächelnd den Kopf.

„Ja, heute Morgen scheint Ihnen wirklich eine ganze Menge im Kopf herumzugehen. Hoffentlich hat es etwas mit der bevorstehenden Besprechung zu tun? Sie wissen ja, was davon abhängt, falls ich die beiden Konzernchefs für meine Praxis begeistern kann...“

Natürlich wusste sie ganz genau, was von dem Auftrag abhing. Dr. Steinhaus hatte eine große Praxis, und einige Rechtsanwälte arbeiteten inzwischen bereits für ihn. Aber nach den Verträgen mit dem Konzern würde Dr. Steinhaus seine Praxis sogar noch vergrößern können.

Susanne würde eine Gehaltserhöhung bekommen. Das war ihr fest versprochen.

„Als würde es mir darauf überhaupt ankommen!“, sagte sie laut – gegen ihren Willen.

„Na, jetzt mache ich mir aber wirklich ernstlich Sorgen, Susanne!“ Dr. Steinhaus betrachtete sie stirnrunzelnd. „Was geht denn hinter dieser hübschen Stirn vor? Sagen Sie es mir endlich! Ich verspreche Ihnen, dass ich nicht eher Ruhe gebe!“

„Nein, Herr Doktor, ich - ich muss mich jetzt wirklich bei Ihnen entschuldigen. Es - es ist nur...“

„So durcheinander heute Morgen? Und da wollten Sie eine ganz besonders gute Chefsekretärin sein? Na, heraus mit der Sprache. Ich will jetzt wissen, was Sie so sehr bewegt!“

„Bitte, Herr Doktor, es ist mir wirklich peinlich, und ich verspreche Ihnen, nachher ganz bei der Sache zu sein...“

„Nicht doch, Susanne. Wie gesagt: Ich gebe nicht locker, glauben Sie mir. Und Sie kennen mich ja zur Genüge: Wenn ich mir mal etwas in den Kopf gesetzt habe, erreiche ich es auch!“

Susanne senkte den Blick zu Boden. Sie fühlte sich ertappt. Sollte sie wirklich etwas von Karin erzhlen?

Sofort kam sie sich gemein vor - gegenüber der Freundin.

Andererseits: Warum hatte Karin nichts verraten? Nur diese Andeutungen.

Ist ja kein Wunder, wenn man sich so sorgt. Und Dr. Steinhaus hat es nicht verdient, dass ich so kopflos bin. Ausgerechnet an einem besonders wichtigen Tag.

Er hat ein Recht darauf, zu erfahren, was los ist mit Karin und Harald. Schließlich haben sich die beiden ja hier in seiner Praxis kennengelernt...

„Karin!“, platzte Susanne heraus.

„Karin Ramus?“, fragte Dr. Steinhaus überrascht. „Was ist mit ihr?“

„Gestern Abend rief sie mich an und...“ Mit knappen Worten erzählte sie es ihm, und als es über ihre Lippen war, fühlte sie sich sogar erleichtert.

Sie hatte sich in Dr. Ernst Steinhaus auch nicht getäuscht:

Die Geschichte langweilte ihn nicht etwa, sondern er war genauso darüber bestürzt wie sie vordem.

„Na, so was!“, entfuhr es ihm.

Susanne drohte scherzhaft mit dem Zeigefinger.

„Jetzt sind Sie es aber, Herr Doktor, der nicht mehr so recht bei der Sache ist!“ Sie runzelte die Stirn. Dann schlug sie sich die Hand vor den Mund. „Ach du lieber Himmel, hätte ich nur nichts gesagt: Wie sollen Sie sich denn jetzt auf die so wichtige Besprechung konzentrieren?“

Da lächelte er wieder.

„Ich verlasse mich da ganz auf Sie, Susanne. Ich sehe, Sie sind jetzt wieder ganz bei der Sache, nachdem Sie sich ausgesprochen haben.“

„Ich wollte, Karin könnte das ebenso - sich aussprechen.“

Dr. Steinhaus stand auf und drückte freundschaftlich ihren Arm.

„Keine Bange, Susanne, jetzt sind Sie nicht mehr allein. Gemeinsam werden wir einen Weg finden, wie wir Ihrer Freundin und vor allem Karins Ehe helfen können...“

Susanne bedauerte es insgeheim, als er seine Hand wieder von ihrem Arm zurückzog - und gleichzeitig ärgerte sie sich über sich selbst, weil solche Gefühle überhaupt aufzukommen wagten!

Als Dr. Steinhaus zu seinem Schreibtisch zurückging, schaute sie ihm nach. Es war gut, dass der berühmte Rechtsanwalt jetzt ihr Gesicht nicht sehen konnte, denn es wäre ihm gewiss aufgefallen, wie sehr sie um Beherrschung rang.

„Sie haben recht, Herr Doktor: Ich fühle mich jetzt der ganzen Sache viel eher gewachsen - nachdem ich mich ausgesprochen habe.“

Er drehte sich ihr zu.

„Welche Sache meinen Sie denn jetzt: Die mit der Ehe Ihrer Freundin oder die bevorstehende Besprechung?“

„Beiden!“, versicherte sie schelmisch.


3


Die ganze Nacht über war Karin allein geblieben. Sie hatte kaum ein Auge zu getan, hatte im Licht gelegen und immer wieder zur Tür geschaut.

Dreimal hatte sie draußen Schritte gehört: Harald? Die Schritte waren vor der Tür verstummt. Minuten waren vergangen, in denen Karin kaum zu atmen gewagt hatte.

Ach, wie groß war die Hoffnung gewesen, Harald könnte den Mut aufbringen und zu ihr kommen...

Er war draußen stehengeblieben - und später wieder weggegangen. Jetzt machte sie sich die heftigsten Vorwürfe. Nicht nur wegen ihrer ewigen Fragerei und der ständigen Zweifel, sondern auch, weil sie nicht einfach aufgestanden war. Sie hätte doch nur die Tür aufzumachen brauchen. Warum war sie ihm nicht auf halbem Wege entgegengekommen?

Sie wusste es selbst nicht zu beantworten. Wie gelähmt hatte sie jedes Mal auf ihrem Bett verharrt.

Wäre sie doch nur halb so stark wie ihre Freundin Susanne…

Oh, Harald, bitte komm doch zu mir! Wir lieben uns doch! Ja, ich spüre es ganz deutlich, dass auch du mich liebst. Und es ist mir jetzt gleich, ob du Geheimnisse vor mir hast oder nicht. Ach, ich bin manchmal so schrecklich dumm. Verzeih mir bitte dessentwegen.

Das waren insgeheim zwar ihre Gedanken, doch kein Wort davon kam über ihre Lippen. Susanne hätte solche Probleme wahrscheinlich niemals gehabt.

Sie stattdessen lag nur weinend hier auf dem Bett, und ihre Augen waren schon ganz rot und aufgeschwollen, dass sie wie durch einen Schleier blickte.

Die Tür indessen blieb zu - auch noch am Morgen. Und Schritte waren davor auch nicht mehr zu hören.

Harald hatte es aufgegeben!

Und das war ganz allein ihre Schuld!

Sie barg ihr Gesicht in den Kissen und hob es erst wieder, als sie zu ersticken drohte.

„Ich - ich möchte so nicht mehr leben!“, murmelte sie. „Ich - ich bin ja so unglücklich!“

Aber - musste es denn überhaupt sein? Wieso stand sie nicht endlich auf und ging zu ihm? Fürchtete sie seine Ablehnung? Was sonst? Wieso nur fühlte sie sich so schwach und hilflos und außerstande, endlich ihr Glück selber in die Hände zu nehmen?

Noch nicht einmal diese Frage konnte sie sich beantworten.

Susanne, ja, die hätte wirklich solche Probleme niemals gehabt. Davon war Karin felsenfest überzeugt.

Und sie murmelte vor sich hin:

„Bitte, Harald, versteh mich doch: Niemand kann über seinen Schatten springen. Ich weiß ja selber, dass es an mir liegt, den ersten Schritt zu tun, damit wir wieder zusammenfinden...“

Leider war es zu leise, um von ihm gehört werden zu können.

Oder gab es einen anderen Grund dafür, dass sie hier liegen blieb und zu sich selber sprach anstatt zu ihm? Fürchtete sie nicht vielmehr neue Zweifel?

Ja, jetzt fiel es ihr wie Schuppen von den Augen: Deshalb konnte sie Harald nicht entgegenkommen, denn sobald wieder alles gut war, kamen ihre Zweifel wieder zurück - und alles begann von vorn.

In ihrer Ohnmacht ballte sie die Hände.

Alles erschien so schrecklich ausweglos. Da hatte sie ihren Traummann kennengelernt, und der Altersunterschied störte sie überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil, bei Harald hatte sie die Geborgenheit gefunden, die ihr ein jüngerer Mann niemals hätte geben können. Sie wohnte gemeinsam mit ihm in einer herrschaftlichen Villa. Es fehlte ihnen an nichts.

Alle Voraussetzungen für eine glückliche Ehe waren erfüllt gewesen - bis Harald eines Abends nach Feierabend einfach nicht nach Hause gekommen war. Kein Anruf, nichts. Es war in der Firma auch niemand mehr erreichbar gewesen.

Karin hatte das Hausmädchen gefragt:

Sie wusste von nichts.

Auch die Köchin hatte keine Ahnung, wo er denn sein könnte.

Letzte Rettung war die Sekretärin von Harald gewesen. Doch Karin hatte ihre private Telefonnummer nicht. Deshalb hatte sie bis zum nächsten Tag warten müssen.

Dabei war ihr diese Nacht als die längste ihres bisherigen Lebens vorgekommen!

Die Sekretärin war ebenso wenig informiert gewesen über seinen Verbleib. Sie hatte schon anrufen wollen, weil er noch nicht in der Firma aufgetaucht war und sie deshalb dachte, Harald Ramus habe sich ausnahmsweise verschlafen und würde sich noch daheim befinden.

An diesem Tag waren sämtliche Termine verfallen, weil Harald einfach nicht mehr aufgetaucht war.

Karin hatte wahre Todesängste ausgestanden und am Ende die Polizei angerufen. Nur um zu erfahren, dass es eine Frist gab, während der eine Vermisstenmeldung nicht angenommen werden konnte. Aber selbst Erkundigungen bei den Krankenhäusern ergaben gottlob kein Ergebnis.

Am Abend schließlich war Harald Ramus doch wieder heim gekommen - zurückhaltend, verschlossen, ohne ein Wort zu sagen.

Karin hatte zum ersten Mal Fragen gestellt - und zum ersten Mal die lakonische Antwort erhalten:

„Geschäftlich!“

Seitdem war es immer wieder vor gekommen. Manchmal war Harald Ramus sogar tagelang von Heim und Geschäft fern, ohne vorherige Ankündigung und ohne erreichbar zu sein.

Inzwischen glaubte Karin, dass die Sekretärin doch etwas wusste, ihr es aber aus ungewissen Gründen verheimlichte. Sie war darauf gekommen, weil Harald seit dem ersten Mal keine Termine mehr platzen ließ. Das hätte er sich als Makler auch nicht erlauben können. Jetzt ließ er die Termine lieber seine Angestellten wahrnehmen und entschuldigte sich rechtzeitig bei den Kunden.

Wie hätte er das alles machen können, ohne die Sekretärin einzuweihen?

Ja, seitdem kam ihr die Sekretärin wie eine Feindin vor – zumindest jedoch als Mitwisserin einer Verschwörung gegen ihre Ehe.

Karin Ramus sah zum Telefon hinüber.

Susanne fiel ihr wieder ein, die ach so starke Susanne. Warum hatte sie sich gestern Abend nicht ausgesprochen? Vielleicht hätte Susanne einen guten Rat gewusst?

Jetzt war es zu spät dazu. Gewiss war Susanne längst in der Praxis des berühmten Rechtsanwaltes Dr. Ernst Steinhaus, und Karin wagte es nicht, sie dort anzurufen.

Karin wischte sich die Tränen aus den Augen und setzte sich auf die Bettkante.

„Es hat keinen Zweck“, murmelte sie vor sich hin. „Ich kann mich doch nicht hier vergraben. Ich - ich muss aufstehen und hinausgehen.“

Insgeheim hoffte sie, Harald möge ihr auf dem Gang begegnen - oder bereits am Frühstückstisch sitzen.

Das gab ihr neuen Mut.

Sie zog sich einen seidenen Morgenmantel über und huschte zur Tür.

Sort zögerte sie sekundenlang. Noch einmal brauchte sie allen Mut. Dann aber öffnete sie beherzt und trat hinaus.

Der Gang mit den blank geputzten Marmorfliesen lag leer vor ihr.

Für die „alten Meister“, die rechts und links an den Gangwänden hingen, hatte Karin an diesem Morgen überhaupt keinen Blick. Sie lief über den von unten beheizten Marmor. Es war ein angenehmes Gefühl in den Fußsohlen. Karin ging in diesem Haus gern barfuß, obwohl Harald eigentlich dagegen war. Sonst achtete sie seine Wünsche, heute jedoch wurde ihr überhaupt nicht bewusst, dass sie barfuß war.

Auch die Treppe in die große Eingangshalle hinunter war leer. Niemand außer ihr schien sich im Haus zu befinden.

Erst als Karin unten in der Halle war, hörte sie Geräusche. Sie kamen aus der Küche. Offenbar war die dicke Köchin Martha dabei, das Frühstück zu bereiten.

Und wie gewohnt steht Gertrud, unsere Hausmagd, bei ihr und hält endlose Gespräche!, dachte Karin in einem Anflug von Humor.

Jetzt ging es ihr auf einmal wieder besser. Sie hätte schon viel früher ihr Zimmer verlassen sollen. Es erschien ihr alles nicht mehr ganz so hoffnungslos.

Es sei denn... Ihre Hand verkrampfte sich unwillkürlich vor der Brust.

Es sei denn, Harald war doch nicht mehr im Frühstücksraum!

Ihr Herz schlug ihr schier bis zum Hals, als sie es endlich wagte, einzutreten.

Das Frühstückszimmer war menschenleer. Auf dem Tisch standen zwei fertige Gedecke.

Zwei? Dann hatte Harald also noch nicht gefrühstückt? Befand er sich in seinem Arbeitszimmer?

Das gab ihr neue Hoffnung. Karin würde Gertrud, die Hausmagd, los schicken. Dafür gab es immerhin einen triftigen Grund: Schließlich musste Harald noch in sein Immobilienbüro!

Karin Ramus trat durch die Verbindungstür in die angrenzende Küche. Das Gespräch der beiden Hausangestellten verstummte sofort.

Karin betrachtete sie kurz:

Martha war eine dralle, gutmütige Person. Nicht nur eine ausgezeichnete Köchin, sondern Karin wusste, dass sie mütterliche Gefühle für ihre Herrin hegte.

Gertrud erschien wie das genaue Gegenteil: Sie war sehr mager und hatte wieselflinke Augen, denen kaum etwas entging. Anfangs war sie Karin nicht sehr sympathisch vorgekommen, aber inzwischen wusste sie, dass auch Gertrud ihr Herz auf dem rechten Fleck hatte. Sie war sehr fleißig und hatte im Grunde genommen nur eine einzige schlechte Angewohnheit: Sie redete gern und deshalb viel zu viel.

Um was war es diesmal gegangen? Hatten die beiden etwas gemerkt?

Karin zwang sich zu einem unverbindlichen Lächeln. Niemand sollte ihr etwas ansehen. Dabei vergaß sie glatt ihre verweinten Augen.

„Ist mein Mann noch nicht unten?“

Sie tauschten einen Blick aus.

Was soll denn das?, fragte sich Karin ärgerlich.

Gertrud übernahm die Rolle der Sprecherin:

„Ihr Mann? Der Herr Ramus ist schon weggegangen, gnädige Frau!“ Sie deutete einen Knicks an. „Äh, guten Morgen, gnädige Frau!^

Das personifizierte schlechte Gewissen!, dachte Karin. Also haben sich die beiden soeben über Harald und mich unterhalten!

Martha wich ihrem forschenden Blick aus.

„Aus dem Haus gegangen? Ohne zu frühstücken?“

„Ja, gewiss, gnädige Frau!“, versicherte Gertrud.

Karin verließ die Küche, weil sie sich nicht mehr länger beherrschen konnte.

Ihre Augen füllten sich wieder mit Tränen, wo sie doch vorher gemeint hatte, vor lauter Weinen überhaupt keine Tränen mehr haben zu können.

Natürlich hatten die beiden etwas bemerkt. Nicht nur, dass Harald ohne Frühstück aus dem Haus gegangen war, sondern ihre bereits total verweinten Augen...

Karin blieb direkt neben der offenen Tür stehen. Deshalb entging es ihr nicht, als Gertrud zur Köchin sagte:

„Die arme gnädige Frau. Der arme gnädige Herr!“

Sie hielt es nicht mehr länger aus und eilte hinaus in die Halle und dann über die Treppe wieder nach oben.

Nur einmal wandte sie den Blick. Gertrud betrat soeben unten die Halle und öffnete den Mund zu einer Frage.

„Nein, ich frühstücke heute auch nicht!“, rief Karin knapp und floh auf ihr Zimmer.

Dort kam sie sich irgendwie erst recht wie eine Versagerin vor. Ja, sie hatte in der Tat versagt. Nicht nur in ihrer Ehe, sondern auch... Was würden denn jetzt die Hausangestellten von ihr denken?

„Ist - ist es denn wirklich allein meine Schuld?“, fragte sie sich laut und warf sich auf ihr Bett...


*


Alles verlief tadellos, und Dr. Ernst Steinhaus konnte sehr zufrieden sein. Auch mit seiner jungen Sekretärin Susanne Uhlen. Anfangs war er bestimmt etwas skeptisch gewesen, in den ersten Tagen, als Susanne noch nicht bewiesen hatte, wie gut sie wirklich war. Vor allem war sie ihm sicher zu jung vorgekommen für so verantwortungsvolle Aufgaben.

Inzwischen hatte Dr. Steinhaus diese Bedenken längst nicht mehr. Das zeigte er Susanne immer wieder.

Als Susanne Uhlen heute wohlverdient Feierabend machte, schaute sie auf einen zwar ereignisreichen und deshalb sehr anstrengenden Tag zurück, aber sie fühlte sich gern gefordert und bewies gern, was in ihr steckte.

Somit konnte auch sie selbst zufrieden sein!

Wenn nur nicht diese besorgten Gedanken an ihre Freundin Karin gewesen wären.

Dadurch, dass heute soviel zu tun war in der gutgehenden Rechtsanwaltspraxis, war es Susanne unmöglich gewesen, bei ihrer Freundin zwischendurch einmal kurz anzuläuten, wie sie es sonst getan hätte.

„Jetzt denkt sie gewiss, ich hätte sie vergessen!“, murmelte Susanne vor sich hin, als sie die Praxis verließ und nach ihrem privaten Telefon griff.

„Susanne!“, hörte sie da die Stimme ihres Chefs.

Sie blieb stehen und wandte den Kopf.

Dr. Steinhaus kam hinterher.

„Haben Sie inzwischen einmal Ihre Freundin Karin angerufen?“, erkundigte er sich.

Susanne verneinte.

Sie zuckte mit den Achseln.

„Leider nicht, Herr Doktor. Sie wissen ja selbst, wie viel heute los gewesen war.“

„Dann müssen Sie mir jetzt noch einen Gefallen tun!“

Normalerweise hatte Susanne nichts dagegen, Überstunden zu machen, aber ausgerechnet heute, wo sie sich doch um Karin kümmern wollte...?

Er sah ihr an, was in ihr vor ging, und winkte mit beiden Armen ab.

„Nein, nicht, was Sie jetzt meinen, Susanne. Ich denke genauso an Ihre Freundin Karin. Deshalb wollte ich Sie nämlich bitten, sich mit ihr zu beschäftigen!“

Susanne musste lachen.

„Das werde ich ganz bestimmt tun, Herr Doktor!“

Er legte seine warme Hand leicht auf ihre Schulter.

Eine eher kameradschaftliche Geste, obwohl sich dabei ihr Herzschlag beschleunigte.

„Dann hätte ich noch eine kleine Bitte, Susanne: Sagen Sie Sie um des Himmels Willen nicht immer Herr Doktor zu mir! Das klingt ja, als wäre ich ein Arzt!“

„In Ordnung, Herr Doktor!“ Erschrocken schlug sie sich die Hand vor den Mund.

Er lachte kopfschüttelnd und drohte scherzhaft mit dem Zeigefinger.

„Versprochen?“

Ihr Lächeln wirkte ein wenig verkrampft, als sie ihm zunickte.

„Ja, versprochen, Herr...?“ Aber wie sollte sie ihn denn sonst nennen?

Sie schaffte es irgendwie nicht mehr, ihm in die Augen zu sehen,

Er fasste ihr sanft unter das Kinn und hob ihren Kopf wieder.

„Sagen Sie doch einfach Herr Steinhaus zu mir - und wenn wir allein sind, so wie jetzt, können Sie mich vertraulich Ernst nennen! Schließlich sind wir doch so etwas wie Verschwörer, nicht wahr? Und es geht um eine gute Sache: Die Ehe Ihrer Freundin Karin und eines meiner besten Klienten und altem Freund Harald Ramus!“

Röte schoss ihr ins Gesicht, und sie konnte nichts dagegen tun. Das ärgerte sie. Deshalb wandte sie sich viel zu brüsk ab.

Im gleichen Augenblick bereute sie diese Reaktion. Aber es war zu spät.

Sie sollte ihn Ernst nennen? Ihren eigenen Chef?

Unmöglich!, sagte sie sich. Das schickt sich nicht.

Und sie ging zu ihrem Auto, ohne ein weiteres Wort zu sagen, so durcheinander war sie.

Beim Wegfahren wurde ihr das bewusst. Sie trat heftig auf die Bremse, als wäre plötzlich auf der Straße vor ihr ein Hindernis aufgetaucht, und schaute zum Bürohaus hinüber, an dessen Eingang Dr. Ernst Steinhaus immer noch stand.

Wie hatte sie sich ihm gegenüber denn benommen?

Unmöglich!, dachte sie wieder.

Hatte ihn einfach stehenlassen, wo er ihr gerade seinen Vornamen...

Jetzt winkte er auch noch lachend herüber.

Susanne Uhlen hätte gern zurückgewunken, aber sie brachte es nicht über sich. Deshalb schaute sie nur und war unfähig, sich auch nur zu rühren.

Es dauerte eine Weile, bis sie endlich auf das Hupkonzert hinter sich aufmerksam wurde, denn sie versperrte mit ihrem Wagen die Weiterfahrt.

Und jetzt winkte sie doch: Ganz zaghaft nur. Und ein leises Lächeln stahl sich um ihre Lippen.

Ernst, ich liebe dich!

Dieser Satz entstand ganz von allein in ihrem Kopf. Aber sie erschrak so heftig darüber, dass sie Gas gab und davon brauste wie von Furien gehetzt, also viel schneller als sie es sonst getan hätte...


4


Susanne Uhlen fuhr nicht zu sich nach Hause.

Karin, ich weiß, es ist eigentlich gemein von mir, aber irgendwie bin ich sogar dankbar, dass ich dir heute beistehen kann. Ich bin so durcheinander im Kopf wie noch nie zuvor. Du würdest dich wundern, könntest du meine Gedanken lesen. Wo du sonst immer meinst, mich könnte überhaupt nie etwas aus der Fassung bringen.

Verzeih mir, Karin, aber ich brauche dich viel mehr als du mich - indem ich dir versuche zu helfen. Ob das jemals jemand versteht?

„Ich verstehe es ja selber nicht!“, sagte sie laut vor sich hin.

Und dann fügte sie hinzu:

„Hoffentlich weist du mich nicht ab! Ja, hoffentlich!“

Wie von allein lenkte sich ihr Auto in den vornehmen Stadtteil, in dem Karin Ramus mit ihrem Mann wohnte. Susanne war schon oft hier gewesen, seit der Hochzeit. Anfangs zumindest. Es war jedoch das erste Mal zu einem vielleicht traurigen Anlass.

Die Auffahrt zur Garage war leer. Die große Garage, die mehrere Autos beherbergen konnte, stand weit offen. Susanne sah zwar den weißen Sportwagen von Karin, aber nicht die dunkle Limousine ihres Mannes Harald. Also war Karin wohl allein im Haus?

„Es ist vielleicht besser so!“

Sie parkte ihr Auto vor dem großzügig angelegten Grundstück und stieg aus.

Stirnrunzelnd schaute sie zum Haus hinüber, das halb hinter hohen Bäumen und sauber geschnittenen Hecken verborgen lag. Alles wirkte herrschaftlich und sehr gepflegt. Darauf legten Karin und Harald gleichermaßen großen Wert.

Das Eingangstor war nur angelehnt. Susanne schob es auf und ging den sanft geschwungenen und mit Natursteinen ausgelegten Weg zum Hauseingang.

Beim Haus selbst rührte sich nichts, obwohl Susanne es insgeheim gehofft hatte.

War Karin vielleicht auch nicht daheim? War sie denn mit ihrem Mann weggefahren?

Susanne schöpfte tief Atem. Ja, dann wäre sie umsonst hergekommen. Obwohl es vielleicht besser gewesen wäre - hätte es doch davon gezeugt, dass sich die beiden wieder vertrugen.

„Das wäre schließlich die Hauptsache!“, sagte sie überzeugt - und dachte dabei nicht zufällig an alles dies, was ihr auf dem Weg hierher durch den Kopf gegangen war und was so sehr im Widerspruch dazu stand.

Susanne erreichte das breite Hausportal und zögerte unschlüssig. Aber dann legte sie den Daumen doch auf den Klingelknopf.

Drinnen läutete es melodisch: die Anfangstakte von Karins Lieblingslied. Susanne selbst war dieses Lied viel zu melancholisch.

Niemand kam öffnen.

War wirklich keiner daheim?

„Wenigstens von den beiden Angestellten müsste um diese Zeit jemand da sein!“, murmelte Susanne vor sich hin.

Details

Seiten
140
Jahr
2021
ISBN (ePUB)
9783738955200
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (August)
Schlagworte
geheimnisse liebe liebesroman

Autor

  • W. A. Hary (Autor:in)

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Titel: Geheimnisse einer Liebe: Liebesroman