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Deputy-Rache: Cowboy Western Sammelband 5 Romane

von Pete Hackett (Autor:in) Heinz Squarra (Autor:in) Timothy Kid (Autor:in)
©2021 600 Seiten

Zusammenfassung

Der Umfang dieses Buchs entspricht 600 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende Romane:

Heinz Squarra: Carringo und die Hölle auf Erden

Pete Hackett: Ein Deputy rächt sich

Pete Hackett: Der Tod mischt die Karten

Timothy Kid: Flammen über Minnesota

Timothy Kid: Verdammt im Land der Sioux

Chaco muss feststellen, dass er ein Gefangener auf der Paradise Ranch ist. Doch dieses „Paradies“ ist die reinste Hölle, aus der es kein Entrinnen gibt.

Auch Carringo hat nicht besonders viel Glück, denn er findet sich im Keller eingesperrt wieder, nachdem er der Station der Wells Fargo einen Besuch abstattet, die von Buz Williamson und seiner Familie geleitet wird.

Auf der Suche nach den Vermissten stößt er auf Danago und erfährt so vom Verschwinden der Papagos. Gemeinsam reiten sie, um die Vermissten zu finden …

Leseprobe

Deputy-Rache: Cowboy Western Sammelband 5 Romane

von Pete Hackett & Timothy Kid & Heinz Squarra



Der Umfang dieses Buchs entspricht 600 Taschenbuchseiten.



Dieses Buch enthält folgende Romane:

Heinz Squarra: Carringo und die Hölle auf Erden

Pete Hackett: Ein Deputy rächt sich

Pete Hackett: Der Tod mischt die Karten

Timothy Kid: Flammen über Minnesota

Timothy Kid: Verdammt im Land der Sioux


Chaco muss feststellen, dass er ein Gefangener auf der Paradise Ranch ist. Doch dieses „Paradies“ ist die reinste Hölle, aus der es kein Entrinnen gibt.

Auch Carringo hat nicht besonders viel Glück, denn er findet sich im Keller eingesperrt wieder, nachdem er der Station der Wells Fargo einen Besuch abstattet, die von Buz Williamson und seiner Familie geleitet wird.

Auf der Suche nach den Vermissten stößt er auf Danago und erfährt so vom Verschwinden der Papagos. Gemeinsam reiten sie, um die Vermissten zu finden …



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de


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Carringo und die Hölle auf Erden


Western von Heinz Squarra


Der Umfang dieses Buchs entspricht 111 Taschenbuchseiten.


Chaco muss feststellen, dass er ein Gefangener auf der Paradise Ranch ist. Doch dieses „Paradies“ ist die reinste Hölle, aus der es kein Entrinnen gibt.

Auch Carringo hat nicht besonders viel Glück, denn er findet sich im Keller eingesperrt wieder, nachdem er der Station der Wells Fargo einen Besuch abstattet, die von Buz Williamson und seiner Familie geleitet wird.

Auf der Suche nach den Vermissten stößt er auf Danago und erfährt so vom Verschwinden der Papagos. Gemeinsam reiten sie, um die Vermissten zu finden …



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Carringo - stößt bei der Suche nach den Vermissten auf Danago und erfährt vom Verschwinden

der Papagos.

Chaco - Als Gefangener der Paradise Ranch lernt er die Hölle auf Erden kennen.

Buz Williamson - Er und seine Sippschaft erleben eine böse Überraschung, als sie auf der

Paradise Ranch Hilfe suchen.

Poncho Blessing - Ein eiskalter Bursche, der nicht zulassen kann, dass jemand von der Paradise

Ranch und den Vorgängen dort etwas erfährt.




1

Wer auf die Paradise Ranch kam, dem drohte ein Schicksal, das schlimmer war als der Tod.

Über den Kämmen der Lalaja Mountains schob das Morgengrauen die Dunkelheit der Nacht nach Westen. Undeutlich ließen sich die bewaldeten Hänge bald darauf erkennen. Sanft schwangen sich die Hangwälder in ein großes Tal inmitten einer grauen Felsregion hinunter. Der langsam einschlafende Nachtwind ließ die Felder hinter drei Yards hohen Drahtzäunen leise rauschen und bog den Mais wiegend hin und her.

Schwer bewaffnete, wild aussehende Gesellen, vor denen kläffende Hunde herliefen, ritten hinter den Zäunen in kurzen Abständen vorbei, manchmal zwei Mann nebeneinander.

„Paradise Ranch“ stand auf einem kleinen, unscheinbaren Schild am Zaun. Das Geflecht reichte unten bis in den Boden und wurde oben durch mehrere Reihen Stacheldraht so gesichert, dass an ein Überklettern kaum zu denken war.

Hinter den Feldern wies eine lange, rötlich schimmernde Geröllhalde auf einen Steinbruch hin. Feldbahnschienen führten vom Fuß der Wand zu einer Verladerampe, an der einige abgestellte Frachtwagen im Morgengrauen sichtbar wurden. Das neue Tageslicht zog auch das große, klobige Ranchhaus, tief drinnen im abgeschirmten Gelände, versteckt hinter hohen Büschen und Bäumen, aus dem Dunkel. Kleinere, flache Baracken umstanden das hohe Adobelehmgemäuer. Sie bestanden aus einfachen, ungehobelten Brettern und wiesen nur knapp unter den Dächern winzige Sehschlitze auf, kaum geeignet, um einen Blick von außen nach innen oder umgekehrt zu werfen. Lediglich etwas Licht und Luft konnte so in die Hütten eindringen.

Bei den Stallungen dahinter, den Wagen im Hof, am Brunnen und vor dem Innenhof standen weitere bis an die Zähne bewaffnete Wächter.

Die Lalaja Mountains galten in Arizona als eine verlassene Gegend, die viele Jahre lang von kriegerischen Indianerbanden heimgesucht worden war. Niemand in den Städten war je versessen darauf gewesen, hier herumzustreifen oder gar siedeln zu wollen. Sicher lag es daran, dass die Paradise Ranch nur solche Leute kannten, die mit ihr zu tun hatten, im guten oder im bösen Sinne.

Chaco, der Marshal von Prescott, gehörte zu jenen, die die Ranch in den Bergen im bösen Sinne kennenlernen mussten.

Ein scharfer Pfiff und das Bellen eines Hundes zerrissen seinen Schlaf. Er fuhr vom dünnen Stroh auf dem festgestampften Boden, das als Nachtlager diente, in die Höhe. Durch die offene Tür und die winzigen Luftschlitze in den Wänden drang das Morgengrauen herein.

„Aufstehen, ihr Faulpelze!“, brüllte der Wächter. „Seht ihr nicht, dass es bald Mittag ist?“

Chaco richtete sich auf und trat an die Wand zurück. Rund um ihn erhoben sich zerschlagene, taumelnde, noch todmüde Gestalten, denen der Schlaf kaum neue Kraft verliehen hatte.

„He, liegst du auf den Ohren!“ Mit der Peitsche schlug der Wächter auf einen Mann ein, der offenbar vor Entkräftung nicht erwachte. Der Getroffene wurde außerdem vom Hund angefallen und gebissen. Jäh hellwach schrie der Mann und versuchte, sich der Bestie zu erwehren.

Entsetzt sprangen andere zurück, um nicht auch von der Peitsche getroffen oder von dem Köter angefallen zu werden.

„Zurück, Lincoln!“, befahl der Wächter. „Der ist doch nur Haut und Knochen und schmeckt dir nicht.“

Knurrend und unwillig gehorchte der Hund, die Nackenhaare gesträubt und die Reißzähne entblößt. Die Gier ließ Speichel über seine Lippen laufen und ins stinkende Stroh tropfen.

„Alles raus jetzt!“ Der Posten knallte wieder mit der Peitsche.

„Beeil dich, sonst beziehst du Schläge!“, flüsterte Chacos Nachbar, der schon loshastete.

Inmitten eines Pulks wurde der Marshal aus Prescott aus der Baracke geschoben und stand gleich darauf in dichter Reihe mit Indianern, Chinesen, Mexikanern, Schwarze und stoppelbärtigen Weißen. Samt und sonders handelte es sich um ausgehungerte Gestalten mit tief in den Höhlen liegenden Augen und hohlen Wangen. Sie steckten in zerfetzten Lumpen, primitiv geflickt und vielfach von Stricken gehalten. Wer noch einen Hut besaß, und war der noch so lädiert, durfte sich glücklich preisen, hatte er doch einen Schutz gegen die gnadenlose Mittagshitze auf den Feldern oder im Steinbruch.

Aus den anderen Hütten wurden weitere Gefangene getrieben. Man hatte sie getrennt, in den beiden rechten Hütten die Männer, in denen links davon Frauen, Halbwüchsige und Kinder.

Obwohl Chaco sich nun bereits den zweiten Tag in der Gewalt jener mörderischen Bande befand, die diese Ranch, die eher eine Farm war, betrieb, fiel es ihm immer noch schwer, zu glauben, dass er nicht in einem tiefen Traum lag. Dass es so etwas inmitten der übrigen Welt geben sollte, ohne dass sie es in Prescott oder anderswo bemerkten. Denn alles deutete daraufhin, dass dieses Anwesen bereits seit Jahren existierte.

Die hohen Busch- und Baumgürtel ließen hier und da ein winziges Stück der Zaunanlage erkennen. Sie befand sich in dem großen Tal außerdem so weit von den Gefangenen entfernt, dass ein außerhalb stehender Mensch kaum etwas von dem sehen konnte, was hier geschah. Auch ein Ruf würde soweit nicht dringen.

Brutal trieben die Wachen mit ihren Peitschen, vom Kläffen der Hunde unterstützt, die Reihen weiter auseinander und zählten lautstark die kleinen Kolonnen durch.

Chaco fielen unter den ausgemergelten Indianern die Papagos auf, die sie in Prescott gesehen hatten. Genau erinnerte er sich an jene sechs Wagen mit den dürftigen, stinkenden Strohschütten darauf, wie sie hier in den Baracken lagen. Ein gewisser Major Kent und eine Abteilung Kavallerie hatten den Zug der Unglücklichen begleitet. Und das hier schien jene Hälfte der Papagos zu sein, die er im Bahnwaggon an der Verladestation nach Oklahoma vermisst hatte. Spurlos verschwunden, tauchten sie hier plötzlich wieder auf.

„He, nach links!“ Der Wächter stand plötzlich vor ihm, und der bellende Hund fuhr Chaco entgegen. Ein Stoß ließ ihn zur Seite taumeln. Ein anderer Gefangener griff nach Chacos Arm und flüsterte: „Keinen Widerstand leisten. Sie töten jeden, der so etwas wie eigenen Willen zeigt. Und du hast gegen sie keine Chance.“

„So, erste Abteilung, vorwärts!“

Die Aufseher peitschten den verlorenen Indianerhaufen aus dem Innenhof.

„Du nach rechts!“, schrie ein Posten, zerrte einen besonders dürren Indianer aus der Reihe und versetzte ihm einen Tritt. Der Papago vermochte sich nicht auf den Beinen zu halten und brach zusammen. Der Wachhund fuhr ihn knurrend an, was dem Mann genügend Kraft verlieh, sich noch einmal zu erheben. Er taumelte einer Schranke hinter der Teilung des Weges entgegen, die geöffnet wurde. Auch dahinter entdeckte Chaco Posten sowie das Dach und die Wandseite einer geschwärzten Hütte.

Der zweite Zug bestand aus Frauen und Kindern, die man gleichermaßen gnadenlos wie die Indianer aus dem Hof prügelte. Ausgebrannt schleppten sich drei Gestalten nach, die immer mehr zurückblieben.

Von den schwer bewaffneten Bewachern wurden alle drei Frauen, eine von ihnen schien schwanger zu sein, ebenfalls in den zweiten Weg und unter der geöffneten Schranke hindurchgetrieben.

Chaco schaute seinen Nachbarn an.

„Die sehen wir nie wieder“, flüsterte der hohlwangige Mann. „Und irgendwann geht jeder von uns diesen Weg.“

„Wohin?“

„Zu der geschwärzten Hütte!“

Die Frauen begannen zu schreien und wollten flüchten, was ganz im Gegensatz zu dem ausgesonderten Indianer stand, der in stoischer Ruhe den Weg ins Verderben ging, sicher wissend, was ihm bevorstand. Doch auch die drei Frauen hatten keine Chance. Die Bewacher schleiften sie hinter das Gestrüpp.

„Marsch!“, drang es barsch an Chacos Ohren. Einen Sekundenbruchteil streifte die Peitsche seinen Arm. Schmerzen durchzuckten ihn. Er kämpfte das Verlangen nieder, herumzuwirbeln und den Wächter zusammenzuschlagen, setzte sich aber wie die anderen in Bewegung und trottete mit seinem Zug in den anderen, offenen Weg, hinter dem die Felder jenseits der grünen Gürtel begannen.

Sein Vordermann ging unsicher und hustete erstickt, wobei seine Gestalt gebeutelt wurde, als müsse er durch einen sturmgepeitschten Canyon.

„Du bist am Ende, Freundchen!“ Der raugesichtige Posten zog den Mann aus der Reihe und versetzte ihm einen Stoß. Der Alte strauchelte, brach auf dem Weg zusammen und wurde von einem weiteren Hustenanfall geschüttelt.

Fünf Wächter stürzten sich auf den Unglücklichen, rissen ihn hoch und bugsierten ihn unter der Schranke hindurch.

Chaco verlor den Kranken aus den Augen. Es waren zu viele Aufpasser, als dass sich gegen sie etwas ausrichten ließe.

Die Kolonnen teilten sich hinter den Büschen in kleinere Gruppen auf und wurden zu den langen Feldern getrieben. Mit gespreizten Beinen, eine kurze Reitpeitsche am Riemen am Handgelenk, einen Hund neben sich und an jeder Hüfte einen Revolver, so stand ein bulliger Mann vor Chaco.

Er musste stehenbleiben.

„Neu?“

„Ja.“

Der Kerl grinste mit nach unten gebogenen Mundwinkeln.

„Da ist es besser, ohne Werkzeuge zu arbeiten. Weil mancher noch glaubt, er könne sie als Waffe benutzen. Tatsächlich kann er das nie mehr bereuen. Aber wir bringen die kräftigen Burschen nicht gern um. Es ist, als werfe man Geld weg.“ Chaco gab keine Antwort und vermied es, den hartgesottenen Burschen anzuschauen. „Hast du kapiert? Wir wollen, dass jeder möglichst lange etwas Nützliches tut. Wenn er auf uns losgeht, müssen wir ihn auslöschen. Keiner hat etwas davon, am wenigsten der Dummkopf selbst.“ Der Hund knurrte und fletschte die Zähne. „Der riecht, dass an dir noch gutes Fleisch ist.“ Das Grinsen des Wächters wurde noch höhnischer. „Also, zwischen den Kartoffelpflanzen wächst eine Menge Unkraut. Unkraut ist in keiner Gemeinschaft gut. Nicht in der der Menschen, nicht in der der Tiere, auch nicht bei den Pflanzen. Und streng dich an! Ich sehe jeden, der faulenzt. Und ich greife gnadenlos durch.“

„Das glaube ich gern.“

Der Kerl wurde ernst und packte die Peitsche. Als hätte er einen Befehl gegeben, sprang sein Hund auf und leckte sich wie im Vorgeschmack über die großen Zähne. Es handelte sich um eine bösartig aussehende Dogge, die dem Mann fast bis an den Patronengurt reichte. In den unterlaufenen Augen schien Feuer zu brennen.

„Du hast nur zu antworten, wenn du gefragt wirst. Und dann nur mit ja oder nein. Kapiert?“

Chaco schaute an dem Mann vorbei. Die Männer und Frauen krochen bereits wie Wühlmäuse über die Felder und rupften das sprießende Unkraut aus dem trockenen Boden. Hinter Chaco verklangen Schritte.

„Ist was mit ihm?“, fragte ein weiterer Bewacher.

„Ein Neuer, dem ich gerade erkläre, wie das bei uns läuft.“

Der zweite Mann, der ebenfalls einen Hund bei sich führte, trat um Chaco herum. Irgendwie ähnelte er seinem Kumpan mit den harten Zügen, dem Stoppelbart und dem Gesichtsausdruck, der schon dem der Doggen erschreckend glich.

„Der soll Marshal in Prescott gewesen sein“, sagte der zweite Mann ironisch.

„Der?“

„Wenn ich es sage. Stimmt das?“

„Ja“, erwiderte Chaco, um sich vor Misshandlungen möglichst zu schützen.

„Das ist ja verrückt, Pete. Der ist ein Indianer. Mindestens ein halber.“

„Trotzdem.“

„Als Marshal hast du den ganzen Tag in der Sonne gesessen und den lieben Gott einen frommen Mann sein lassen, was Halbblut? Jetzt findest du endlich mal Gelegenheit, deine Kraft sinnvoll einzusetzen. Zum Nutzen der Menschheit.“

Der beißende Spott tropfte wie Wasser von Chaco ab und brachte ihn nicht dazu, die Hand zur Faust zu schließen.

„Also, du weißt Bescheid!“

Beide Wächter traten zur Seite. Chaco ging zwischen ihnen und den knurrenden Hunden hindurch. Die abgerichteten Bestien schnappten nach seinen Beinen und zerbissen die Hose. Von den Wächtern wurden Peitschenhiebe nachgereicht.

„Nicht so müde!“, brüllte der eine. „Du schläfst ja am frühen Morgen schon wieder ein!“

Er musste laufen, um sich vor den Gewalttätigkeiten in Sicherheit zu bringen.

„Herunter!“, flüsterte der ausgemergelte Mann, als Chaco vorbeihasten wollte.

Er ließ sich auf die Knie fallen und rupfte wie der Gefangene neben ihm das wuchernde Unkraut aus dem Boden.

„Das hält man eine Zeitlang durch, dann ist es vorbei, und du musst unter der Schranke hindurch“, murmelte der andere. „Aber je besser du von Anfang an gehorchst, desto länger wird deine Gnadenfrist sein, Amigo.“

Chaco hielt inne und schaute den anderen ungläubig an.

„Du hast dich schon selbst aufgegeben. Weißt du das eigentlich?“

Die Wächter hatten sich abgewandt und trieben andere Gefangene mit ihren Peitschen an.

Chacos Nachbar lächelte müde.

„Sterben muss jeder Mensch, mein Sohn. Hier drin geht es nur schneller als draußen. Aber damit findet sich jeder früher oder später ab. Du auch. Warte nur die Zeit ab!“

Chaco zupfte weiter Unkraut aus dem Boden und kroch auf Knien durch die grünen Reihen. Noch verwelkte das Kartoffelkraut nicht. Die Zeit der Ernte lag noch in der Ferne. Wochenlang würde neues Gras zwischen den Reihen wachsen und immer die gleiche Arbeit verlangen.

„Wie lange bist du schon hier?“

„Seit vor dem Winter. Ich bin einer der alten Hasen. Zäh wie Rindsleder, mein Junge. Ich überlebe auch den nächsten Winter noch. Es ist dann etwas ruhiger, weil sie kaum Arbeit für uns haben, und man findet Zeit, sich ein wenig zu erholen.“

Die Wächter kehrten zurück und knallten mit den Peitschen.

„Was ist denn heute los, Opa, sind dir die Gelenke eingerostet?“

Der eben noch zuversichtliche Mann wurde geschlagen und stürzte winselnd wie ein kleiner Hund zwischen das Kraut.

„Und jetzt haut er auch noch alles kaputt, der alte Tollpatsch!“, schimpfte der zweite Bewacher scheinbar aufgebracht.

Und schon eilten weitere waffenstarrende Männer mit ihren Hunden herbei, weil sie glaubten, jemand habe gewagt, sich den Anordnungen zu widersetzen.

Chaco kroch auf Händen und Knien weiter. Er musste den Mann seinem Schicksal überlassen, weil es ihm nichts half, wenn er sich einmischte und selbst zusammengeschlagen werden würde. Vielleicht würde man sie auch beide augenblicklich aussondern und zu jener rauchgeschwärzten Hütte schleifen, aus der es keine Rückkehr mehr geben sollte.

Bald ließen die Wächter von dem Unglücklichen ab und gestatteten sogar, dass er noch ein paar Minuten stöhnend auf dem Gesicht liegenblieb. Dann jedoch näherten sie sich wieder.

„Kannst du noch arbeiten, oder ist es vorbei damit?“, fragte einer höhnisch.

Seufzend raffte sich der Misshandelte auf und kroch unkrautrupfend durch das Kartoffelfeld.

„Na siehst du, das war wie eine Schmierung für deine alten Gelenke!“, rief einer der Halunken.

Die Horde brach in polterndes Gelächter aus. Das Interesse an dem Mann verlor sich. Der kroch so schnell rupfend dahin, dass er Chaco einholte.

Chaco blickte verstohlen zurück. Überall zogen die Wachen herum. Es mussten Dutzende schwer bewaffneter Kerle in dem großen Gelände sein.

„Schaffst du es?“, fragte Chaco besorgt.

„Das kann man auch lange überleben“, erwiderte der Alte. Sein Hemd hing in Fetzen auf dem Rücken, das aber sicher schon seit langer Zeit. Neu waren nur die blutigen Striemen zwischen verkrusteten und blaue Zeichen der Drangsal.

Chaco kroch weiter.

„Einmal in der Woche ist jeder dran“, fuhr der Alte fort. „Das ist wie ein feststehendes Ritual. Sie lassen keinen aus, auch den Fleißigsten nicht. Bevor die Woche um ist, bist du auch an der Reihe.“

Chaco fragte sich, was geschehen würde, wenn sie auf ihn einzudreschen begannen, nur weil er einfach an der Reihe damit war. Er konnte sich noch nicht vorstellen, dass er sich misshandeln ließ, bis er mit dem Gesicht im Dreck lag und die teuflischen Schurken zufrieden die Peitschen einrollten.

„Und wenn du sie bei dem Spaß störst, töten sie dich“, sagte der alte Mann, der offenbar Gedanken lesen konnte.

Chaco musste sich beeilen, um mit dem Leidensgenossen Schritt zu halten.

„Siehst du die armen Teufel im Steinbruch, Amigo?“

Chaco schaute über das Feld. Sie befanden sich inzwischen so nahe an der Steilwand und dem Geröllfeld, dass sie das Klirren und Schlagen der Hämmer vernahmen.

„Es sind fast nur Indianer“, fuhr der alte Mann fort. „Aber nicht ausschließlich. Wenn du dort landest, hältst du kein halbes Jahr durch. Die Knochenarbeit und der Gesteinsstaub werfen den stärksten Mann innerhalb kurzer Zeit um.“

„Kann sein.“

„Es ist so. Wir können noch von Glück reden, nur die Felder in Ordnung halten zu müssen. Aber auch das kann sich natürlich schon morgen ändern.“

Am Ende des Feldes kehrten sie um und krochen in der nächsten Furche zurück. Und mit ihnen krochen eine nicht zählbare Anzahl anderer Gefangener durch Kartoffeln und Mais, Hafer und Roggen und hielten die Felder in Ordnung. Alles für den Preis, noch ein bisschen am Leben bleiben zu dürfen.

„Woher stammst du?“, fragte Chaco, als er sich und den alten Mann noch unbeobachtet wähnte.

„Ich wurde mal irgendwo am Schienenstrang in Ohio geboren. Von einer armen Frau in einem Farmhaus, bei der gelegentlich Eisenbahntramps gegen geringes Geld übernachteten. Später wurde ich selbst so ein Tramp.“

„Hast du Verwandte?“

Der Alte lächelte schief.

„Falls ich welche haben sollte, wissen die von mir so wenig wie ich von ihnen.“

Rupfend krochen sie weiter.

„Die Ranchbesitzer suchen nach Leuten, um die sich kein Mensch kümmert, die niemand vermisst, wenn sie spurlos verschwinden. Verstehst du, was ich meine?“

„Natürlich.“

„So ist es ganz einfach, billige Arbeitskräfte zu kriegen, ohne aufzufallen. Niemand wird nach einem anderen forschen, von dem er nichts weiß. Deshalb brauchen die Kerle auch kaum zu befürchten, dass sich jemand für ihr Anwesen interessiert.“

„Das ist aber nicht bei allen so.“

„Bei den meisten bestimmt. Sieh dir die Chinesen an! Das sind Schwellenleger, die irgendwo verschwanden und nicht zu ihrem Bautrupp zurückkehrten. Die Vorarbeiter nehmen an, die hätten die Schufterei satt gehabt und sich nach Mexiko abgesetzt. Niemand wird nach denen suchen. Oder die Schwarzen. Sie liefen vor Jahren von ihren Plantagen weg oder von den Arbeitsstellen in den Manufakturen im Osten. Das war nicht das, was sie lockte. Sie gingen in die Wildnis und gaben sich selbst Mühe, keine Spuren für andere zu hinterlassen. Oder die Indianer. Die meisten Weißen halten ohnehin nur tote Rothäute für gute Rothäute. Wer wird sich da die Mühe geben wollen, nach lebenden zu suchen?“

Chaco nickte, kroch durch den Sand und rupfte das Unkraut aus.

Über dem Ostkamm stieg die Sonnenscheibe hoch und warf goldenes Licht in das weite Bergtal. Die letzten Nebelfetzen über der großen Farm verschwanden wie weggewischt. Mörderische Hitze schickte ihre ersten Vorboten nieder und ließ die Erbarmungslosigkeit ahnen, die alsbald die Menschen peinigen würde.

Die Wächter näherten sich. Überall knallten die Peitschen und feuerte das Gebrüll die geschundenen Menschen an. Keiner der Gefangenen hatte bisher etwas zu essen oder auch nur einen Schluck Wasser erhalten. Chaco spürte das Brennen in der Kehle, als er daran dachte. Auch die Zunge schwoll ihm an, die Kiefer schmerzten, und der Staub trocknete den Mund aus. Schweiß brach ihm aus. Sein Verstand wollte sich sträuben, das, was er sah, als Wahrheit hinzunehmen. Dabei wusste er genau, dass er nicht träumte, dass er nicht irgendwo in einem Bett aufwachen und die Welt noch in Ordnung finden würde.



2

Ich lag in völliger Dunkelheit auf kühlem Erdboden und sah über mir Licht in schmalen Streifen. Es fiel durch die Dielenbretter in den Keller. Ein Zeichen, dass es inzwischen wieder heller Tag sein musste.

Die Williamsons, auf deren Station ich mich befand, schienen das Weite gesucht zu haben. Einen anderen Schluss ließ die Stille oben im Haus nicht zu. Ich drehte mich auf den Bauch, kniete und griff haltsuchend um mich. Meine Finger ertasteten die Stiege, die ich hinuntergestürzt war. In dem Bestreben, das Haus gründlich zu durchsuchen und dem Stationer zu beweisen, dass er und seine feine Sippe Halunken wären, hatte ich es versäumt, dieser Bande gründlich zu misstrauen. Sie hatten es entsprechend genutzt und mich in den Keller befördert.

An der Stiege zog ich mich mit noch schmerzenden Gelenken hoch, kletterte hinauf und stemmte mich mit eingezogenem Kopf mit der Schulter gegen die Luke. Aber alle Kraft nutzte nichts. Keinen Zoll gab die Klappe nach. Ich tastete den Falz ab, auf dem das Hindernis lag. Nirgendwo befand sich eine größere Fuge.

Dann atmete ich tief durch und versuchte es noch einmal mit dem gleichen Misserfolg. Sie mussten etwas darauf gestellt oder gerollt haben, was meine Kraft überstieg.

„Diese verdammten Halunken.“ Ich stieg wieder hinunter und setzte mich auf die unterste Sprosse der Stiege.

Die Luft im Keller war stickig und erschwerte das Atmen erheblich. Hunger und Durst quälten mich außerdem. Bis hier wieder einmal eine Kutsche anhalten würde, konnten Tage vergehen.

Der Gedanke, solange ein Gefangener zu sein und dann vielleicht zu allem Überfluss noch nicht einmal bemerkt zu werden, ließ mich aufstehen. Mit vorgestreckten Händen tastete ich mich durch die Finsternis und fand Regale mit irgendwelchem Kram darin, der sich zum Öffnen der Luke kaum verwenden ließ.

Dann stand ich wieder unter der Luke, zog den zum Glück noch in dem Holster steckenden Revolver und feuerte nach oben. Pochend fuhr die Kugel in ein Brett, vermochte es jedoch noch nicht einmal zu spalten. Ich jagte noch drei Schüsse ins Holz dahinter, wo ich die Klappscharniere vermutete. Aber da die Klappe in einem Falz lag, würde auch das Zerschießen der Blechbänder keine Rettung bedeuten, denn dann lag die beschwerte Falltür noch genauso wie eben.

Pulverdampf hüllte mich ein. Ich verfluchte die reichlich unüberlegte, sinnlose Aktion, die nichts weiter bewirkt hatte, als die Ratten aufzuscheuchen. Allerdings hörte ich irgendwo oben auch aufgeschreckte Pferde wiehern und mit ihren Hufen gegen Holzwände donnern.

Den Colt in das Holster zurückschiebend, durchstöberte ich den Keller noch einmal, suchte ihn bis in die entferntesten Ecken durch und fand ein yardlanges Winkeleisen. Mit dem kehrte ich zur Stiege zurück, kletterte hinauf und tastete den Falz wieder ab.

In einer Ecke fand sich doch ein geringfügiger Spalt, in den sich das Eisen ein winziges Stück zwängen ließ. Ich hebelte es nach unten und sah einen neuen Spalt an der fingerbreit nach oben gedrückten Klappe. Mit aller Gewalt presste ich das Eisen weiter hinein, so dass es oben auf dem Fußboden auflag. Ich schöpfte Atem und drückte wieder nach unten.

Der Spalt wurde breiter. Sonnenlicht ließ sich auf dem Boden und unten an der Wand des Kellers erkennen. Die Klappe knarrte heftig, die Scharniere, zum Glück nur ins Holz genagelt, brachen aus. Ein schwerer Gegenstand stürzte rumpelnd von der Falltür und schlug dumpf gegen eine Wand.

Auf einmal ließ sich die Klappe leicht mit der linken Hand nach oben drücken und zur Seite schieben.

Die Sonnenstrahlen trafen mich auf der Stiege. Ich atmete die Luft tief ein und ließ das Winkeleisen in den Keller fallen. Vorsichtshalber zog ich den Colt wieder, stieg nach oben und ging durch den Bau in den Hof.

Der alte Ranchwagen stand nicht mehr am Schuppen. Und im Haus deutete alles daraufhin, dass die Stationsbewohner hastig zusammengerafft hatten, was sie gerade greifen konnten. Sie schienen mit dem Wagen geflohen zu sein. Aber da höchstens zwei auf dem Bock Platz fanden, ging ich davon aus, dass sie auch zwei Reitpferde hatten mitgehen lassen, also insgesamt vermutlich mindestens vier Tiere.

Genau das fand ich bestätigt, als ich in den Stall trat. Von den zwanzig Pferden, die hier gestanden hatten, waren nur noch sechzehn da. Zwei Sättel, die vorher über den Trennwänden gehangen hatten, waren verschwunden.

Ich kehrte ins Haus zurück, fand unter dem Tresen eine Flasche Sodawasser und trank sie in wenigen langen Zügen aus. Altbackenes Maisbrot lag wie für mich hingelegt in der Küche auf dem Tisch. Die Fliegen darauf stoben bei meiner Annäherung davon. So ungefähr schienen die Williamsons geflohen zu sein, nachdem sie mich im Keller eingesperrt hatten. Heillose Angst musste sie dazu veranlasst haben. Das wiederum ließ nur den Schluss zu, dass sie mit dem spurlosen Verschwinden des Kutschers aus Willow oder dem des Reisenden Huston doch zu tun haben mussten. Vielleicht wussten sie sogar von beiden, warum sie von der Bildfläche verschwunden waren.

Kauend setzte ich die Suche durch das ganze Haus fort und entdeckte im Obergeschoss eine Kammertür mit drei schweren Eisenriegeln, die von innen durchgeschraubt auf dem Holz saßen. Ich schob sie zurück und die Tür auf. Das Fenster war von außen mit Brettern vernagelt, so dass nur Licht aus dem Flur eindringen konnte. Eine einfache Holzpritsche stand in der Kammer. An langen Nägeln hingen ein paar Seile an der gegenüberliegenden Wand. Weitere Einrichtungsgegenstände gab es nicht.

„Sieht wie ein Gefängnis aus.“ Ich schüttelte den Kopf, dachte aber im Moment nicht weiter darüber nach. Es erschien mir wichtig, nach Willow zu reiten und den Agenturleiter dort zu verständigen. So verließ ich das Obergeschoss, kehrte in den Stall zurück, versorgte die Pferde, um sie unbesorgt zurücklassen zu können, und führte Fox vor das Haupthaus.

Ich dachte an Dancer, jenen seltsamen Musikanten, der dauernd etwas von einer anderen Welt gefaselt hatte. Damit konnte ich noch immer nichts anfangen. Vielleicht war es nur dummes Gerede gewesen, Wichtigtuerei des Komikers.

Im Haus suchte ich noch einmal alle Räume durch und hielt vor allem nach alten Blutspuren Ausschau. Es ist sehr schwer, vergossenes Blut vom Holz wieder zu entfernen, da es rasch tief eindringt und nach dem Scheuern und Auskratzen unweigerlich hellere Stellen zurückbleiben.

Aber es gab keinen Hinweis darauf, dass hier jemand umgebracht worden war und dabei Blut verloren hatte. Ich versuchte, einem anderen Gedanken nachgehend, ein Grab bei der Station, den Schuppen, am Corral oder hinter den kargen Feldern der Williamsons zu finden. Die Sonnenglut hatte den Boden ausgedörrt und rissig werden lassen. War während der letzten Wochen irgendwo gegraben worden, musste ich das so zwangsläufig finden, wie mir eine Veränderung in der Station aufgefallen wäre. Abermals blieb das Ergebnis negativ. Sie hatten nirgendwo gegraben.

Ich holte eine Mistgabel und schaufelte den Komposthaufen um, hoffend und fürchtend zugleich, darunter eine, wenn nicht gar zwei Leichen zu entdecken.

Auch nichts. Ich warf die Mistgabel in den Haufen, wischte mir den Schweiß vom Gesicht, schloss sämtliche Türen, hängte die Sicherungsbalken in die rostigen Eisenkrampen davor und stieg in den Sattel.

Noch einen Blick nach allen Seiten werfend, überlegte ich, ob anderweitig von mir etwas übersehen worden war. Aber ich schüttelte den Kopf.

„Also dann!“ Ich trieb Fox an, ritt zur Straße und galoppierte in Richtung Willow.



3

Die Sonne stand senkrecht über den Lalaja Mountains. Hinter Dunst und Staub sah sie wie eine fahle Scheibe aus, von der sengende Glut in das große Bergtal geschleudert wurde.

Nass klebten den Gefangenen die zerfetzten Kleidungsstücke an den Körpern. Müde krochen sie über den Boden, der die Gluthitze speicherte und zurückwarf. Die Knie und die Hände schienen sich über glühende Herdplatten zu bewegen. Nur wer längst Leder auf der Haut hatte, merkte davon nicht mehr sehr viel.

Chaco brannte der Schweiß in den Augen. Immer häufiger musste er gegen den Wunsch, sich aufzubäumen, ankämpfen.

Der alte Mann befand sich irgendwo weit von ihm entfernt. Von ihm konnten keine gutgemeinten Ratschläge mehr erfolgen. Chaco blieb auf die eigene Klugheit angewiesen und musste sich zwingen, die Fron zu ertragen. Dabei war ihm längst klar geworden, dass auch seine eiserne Konstitution bei der Knochenarbeit zwangsläufig früher oder später zermürbt werden und er eines Tages den Weg hinüber zu der rußgeschwärzten Hütte antreten würde - so wie alle in diesem Bergtal zwischen den Stacheldrahtzäunen.

Er hatte ihn einmal genauer gesehen, und zwar vom Ende des Feldes aus. Die Höhe, der Wall darunter, der verriet, dass man die unteren Maschen eingegraben haben musste, und die oben nach innen gebogenen Halteeisen mit den Stacheldrahtreihen daran verrieten ihm auf den ersten Blick, dass man mit heiler Haut nicht auf die andere Seite klettern konnte. Dazu kamen die Kontrollposten mit ihren Hunden, die auf dem sandigen Innenstreifen patrouillierten und denen kaum einer entging, der den Todesstreifen und den Zaun überwinden wollte.

Ein zweirädriger Karren, den ein Maultier zog, tauchte vor dem Buschwerk diesseits der Ranchgebäude auf. Zwei Kübel standen auf dem Karren. Eine Frau führte das Maultier. Sie trug einen durchlöcherten Strohsombrero und einen zerlumpten Leinenkittel. Offenbar eine Mexikanerin, die den Schergen des schurkischen Ranchers irgendwo in die Hände gefallen war.

„Es gibt Essen und Wasser.“

In Chacos Nähe richtete sich ein Chinese auf und wankte dem Wagen entgegen. Sofort sprengte ein Bewacher heran. Bevor der Chinese seinen Irrtum korrigieren konnte, traf ihn die Peitsche. Mit einem Schrei stürzte der Mann zu Boden. Der Hund warf sich mit heiserem Knurren auf ihn und fetzte das Hemd von seinem Rücken.

„Zurück, Banjo!“, befahl der Reiter.

Widerwillig gehorchte der Köter. Der Reiter stieg ab, packte den Chinesen, zerrte ihn hoch und versetzte ihm einen Fußtritt.

„Wer hat denn gesagt, dass schon Pause wäre, Idiot? Kein Essen, kapiert? Du kriegst heute nichts zwischen die Zähne, gelber Hund, verfluchter!“

Der losgelassene Chinese taumelte in seine Reihe zurück, fiel auf die Knie und nahm die Arbeit wieder auf.

Chacos Gelenke und Muskeln hatten sich gespannt. Er blickte zu dem Peiniger, das gesattelte Pferd mit dem Gewehr im Scabbard und zu dem wachsamen Hund.

„Was ist mit dir, Indianer? Auch keine Lust?“ Chaco rupfte weiter Unkraut aus dem Kartoffelfeld und kroch über den heißen Boden. „Das gefällt mir vielleicht, wenn jeder glaubt, selbst das Kommando zur Pause geben zu dürfen. Schreib dir das hinter die Löffel, China, sonst wanderst du über den Jordan!“

Der Chinese zitterte am ganzen Körper wie Espenlaub im Herbststurm, aber er gab keinen Ton von sich.

Der Bewacher kehrte zu dem Pferd zurück, stieg auf und galoppierte so knapp an Chaco vorbei, dass ein Pferdehuf dessen Arm traf und ihn zur Seite warf.

„Teufel!“, stieß der Chinese unterdrückt hervor. Seine Faust schlug ins Kartoffelkraut.

Der Karren mit dem Maultier davor erreichte den Anfang des Feldes. Die Mexikanerin hielt das alte Tier mit dem durchgebogenen Rücken an und wartete mit gesenktem Kopf. Alle hielten die Köpfe gesenkt. Es schien Vorschrift zu sein, die Wächter möglichst nicht anzublicken.

Da ertönte ein Pfiff.

„Zwanzig Minuten Pause!“, brüllte ein Reiter. „Die habt ihr faulen Schweine zwar nicht verdient, aber wir wollen heute mal gnädig mit euch sein.“

Rund um Chaco richteten sich die Misshandelten auf und schleppten sich dem Karren entgegen. Er folgte ihrem Beispiel.

Die Mexikanerin trat zurück. Neben den beiden Kübeln standen Weißblechgeschirre auf der Ladefläche. Es mochten zwanzig Stück sein.

Chaco gehörte zu den ersten, die den Karren erreichten, weil er ihm am nächsten war. So empfing er auch ein Geschirr, in das die Frau mit der Kelle Wassersuppe schöpfte.

„Beeil dich, du musst es gleich abgeben“, sagte sie flüsternd.

„Was?“, fragte er naiv.

„Den Napf.“

„Hast du einen Löffel?“

„Nein. Du musst es trinken. Alle müssen es trinken. Aber es ist ja fast nur Wasser.“

Chaco trat zurück. Die Indianerin neben ihm, die wortlos, als wäre sie taub, den Morgen über in seiner Nähe gearbeitet hatte, trank das Geschirr aus, stellte es auf den Wagen, trat hinter die Ankömmlinge zurück und setzte sich auf den Boden.

Chaco tat das Gleiche und konnte sich unbehelligt von den Aufsehern zurückziehen. Er setzte sich und blickte sich mit halbgesenktem Kopf um. Je mehr er sich darüber klar wurde, wie ausweglos die Situation hier war, desto mehr versuchte er, alles in sich aufzunehmen, den Ablauf zu studieren und vielleicht doch eine Lücke zu entdecken, die zur anderen Zaunseite führen könnte.

Immer mehr entnervte, ausgebrannte Gestalten sanken neben ihm zu Boden. Manche ließen sich einfach umfallen.

Vom Steinbruch schleppten sich Gestalten heran, die kaum noch menschliche Züge aufwiesen und unfähig waren, sich zusammenzureißen oder zu verbergen, wie ausgebrannt sie waren.

In der Reihe am Wagen schwankte noch mancher. Einem fiel das Essgeschirr aus der Hand, weil es zu schwer für seine Hände war. Prompt schlugen ihn die Wachen zusammen.

„Habt ihr das gesehen? So achtet dieser rote Teufel, was der liebe Gott auf unseren Feldern wachsen lässt!“

Alles, was sie von sich gaben, war der nackte Hohn, sollte aber als tiefer Ernst aufgenommen werden.

Unter den Nachzüglern brach einer zusammen. Sein Versuch, sich wieder zu erheben, scheiterte. Er blieb hinter den anderen in den Staubschwaden zurück. Dort lag er, bis die Hunde kläffend losjagten und ihn umkreisten. Zwei wollten zugleich über ihn herfallen und stießen mit den Schnauzen und Zähnen zusammen. Wütend attackierten sie sich gegenseitig.

Die Wächter mussten mit Peitschenhieben dazwischengehen, um die Bestien auseinanderzubringen. Dann wurde der Indianer auf die Füße gezerrt und zum Karren getrieben. Dort brach er wieder zusammen.

Ein verschmutzter, bärtiger Mann lehnte sich gegen Chaco, weil er allein nicht mehr sitzen konnte, sich jedoch fürchtete, den Körper im Sand auszustrecken. Nie konnte einer sicher sein, dass sie es während der Pause duldeten.

„Wer bist du?“, fragte der Bärtige flüsternd.

„Ist das wichtig?“ Chaco spürte keine Lust, sich Gefahren auszusetzen und mit anderen zu tuscheln, da ihn das sowieso nicht weiterbringen würde. Vielleicht kam bald eine andere Zeit, in der man etwas Handfestes besprechen konnte, einen Fluchtplan vielleicht. Aber das ließ sich nur nachts in der Baracke durchführen, nicht hier, direkt unter den Augen misstrauischer Aufpasser.

„Ich bin Cutty. Schon von mir gehört?“

Chaco schüttelte den Kopf.

„Jahrelang zog ich in Arizona von Stadt zu Stadt. Hab mich durchgebettelt. Dann auf einmal ergriffen mich Poncho Blessings Halunken und schleppten mich fort. Auf der Overlandstraße einfach so abkassiert. Die haben Nerven, was?“ Chaco schaute den abgerissenen Mann nur an. „Aber die wussten wohl, dass es glatt gehen würde“, schwatzte der andere munter weiter. „Wer vermisst schon einen Landstreicher, nur weil er plötzlich nicht mehr zum Betteln aufkreuzt. Und wie oft war ich schon in derselben Stadt? Alle Jubeljahre mal. Die denken sicher, ich wäre abgekratzt.“ Noch immer gab Chaco keine Antwort darauf. „Alle hier sind mehr oder weniger unbekannte Wesen. Oder Tagediebe. Verschwunden für die Welt. Einfach weg von der Bildfläche.“

Die Mexikanerin verteilte am Karren das letzte Essen.

„Was passiert mit der Ernte, die hier Jahr für Jahr eingebracht wird?“, fragte Chaco leise.

Der Landstreicher kicherte.

„Die wird verkauft. Was denn sonst! Wir kriegen doch nur den Abfall.“

„An wen?“

„Regierungsstellen.“ Chaco starrte den Mann jetzt doch interessiert an. „Ja, kannst du ruhig glauben, mein Junge. Da stecken eine Menge Leute mit drin. Feine Herrschaften, die irgendwo sitzen und mit abkassieren.“

Schlagartig wurde Chaco an jene Soldaten unter Major Kent erinnert, die einen Teil ihrer Gefangenen bei der Verladestation nicht mitbrachten, dann aber die drei leeren Wagen. Offensichtlich hatten sie die Papagos irgendwo in den Bergen verkauft. Das konnte natürlich nur nach einem vorher vereinbarten Plan vor sich gegangen sein.

„Hier wird doch billig produziert“, redete der Landstreicher weiter. „Da kann man gut vielen Herren dienen und trotzdem noch zu einem niedrigen Preis verkaufen. Was interessiert die Regierung schon? Gute Ware und ein lukrativer Preis.“

„Das klingt ziemlich unwahrscheinlich.“

„Dafür hat es den Vorzug, wahr zu sein, mein Junge. Für ein bisschen Wassersuppe schinden wir uns zu Tode, nur um ein paar Tage länger zu leben. Wir kosten den Ranchleuten noch keinen Dollar pro Woche. Wo findest du noch mal so billige Arbeitskräfte?“

Chaco musste zugeben, dass die Logik des Landstreichers absolut schlüssig war.

„Ist Poncho Blessing der Boss?“

„Er spielt hier den Boss, aber der Besitzer ist ein anderer. Der wurde inzwischen stinkreich. Kein Wunder. Hier sehen lässt er sich nur selten.“

Die Mexikanerin sammelte die letzten Blechnäpfe ein, verstaute sie auf dem Karren, lenkte das Maultier Richtung Buschwerk und Ranchgebäude und zog davon.

„Siehst du den da drüben?“ Der Landstreicher nickte zu einem hageren, unrasierten Kerl von ungefähr fünfunddreißig Jahren hinüber.

„Das ist Dancer. Neu hier. Ein Musikant, der durch die Städte zog und für die Bande Spitzel spielte.“ Chaco schaute zu dem Musikanten, der noch nicht so abgerissen wie die anderen aussah. „Der hat viele von uns auf dem Gewissen. Hat in den Kneipen herumgedudelt, sich an die Leute herangepirscht und sie ausgehorcht. Woher sie kämen, wohin sie wollten, ob sie allein herumtippeln, Verwandte besuchen und so weiter.“

„Und dabei fand er leicht heraus, ob das Schicksal der Leute jemals andere Menschen interessieren würde oder nicht“, setzte Chaco verstehend hinzu.

„Genauso war das.“

„Und wieso ist er jetzt hier?“

„Wer weiß? Irgendetwas wird er falsch angepackt haben. Ist wohl gefährlich geworden für Poncho Blessing und seine Meute.“

„Pause zu Ende!“ Einer der Aufseher schlug mit seiner Peitsche klatschend durch die Luft.

Sofort sprangen alle Zwangsarbeiter auf und schleppten sich, so schnell jeder konnte, an die verschiedenen Arbeitsplätze zurück.

„Du gehst zum Mais!“ Ein vorbeitrabender Reiter trat Chaco gegen die Schulter.

Chaco taumelte, konnte sich aber vor einem Sturz bewahren. Vor ihm riss der Schurke sein Pferd brutal zurück. „Hast du verstanden, Bastard?“

„Ich bin nicht taub!“, entfuhr es Chaco gegen seinen Willen, und er verfluchte sich deswegen.

Der Kerl grinste spöttisch und schlug zu. Chaco sprang zurück. Das dünne Peitschenende verfehlte ihn um eine Handbreit und traf den Boden. Staub wurde aufgewirbelt. Chaco hätte den Kerl jetzt anfallen und ohne große Mühe aus dem Sattel holen und zusammenschlagen können. Gewachsen wähnte er sich ihm auf jeden Fall. Aber er unterdrückte das Verlangen und blieb stehen. Es nutzte ihm nichts, wenn er den Schurken bestrafte, entwaffnete und sich dessen Pferd schnappte. Das Lager vermochte er deswegen nicht hinter sich zu bringen.

Sie musterten sich mit kalten Blicken, und vielleicht erkannte der Halunke sogar, wie dicht er eben am Abgrund gestanden hatte. Er rollte die Peitsche auf und drängte den Grauen zurück.

„Los, zum Maisfeld!“

Chaco ging an dem Reiter vorbei, darauf gefasst, von hinten geschlagen zu werden. Er hoffte, wenn es geschah, nicht zu reagieren und den heißen Tag zu überleben. Nur wenn er nicht auffiel, nicht extra misshandelt wurde und Zeit fand, sich alles in Ruhe anzusehen, ergab sich vielleicht doch die Möglichkeit, einen Weg zurück aus der Hölle ins Leben zu finden.

Im Mais stand das Unkraut kniehoch zwischen den Stauden. Chaco begann es auszurupfen.

Die Wachen blieben außerhalb des Feldes, weil sie die Kolben abreißen würden, wenn sie zwischen die Stauden ritten.

Auf einmal hatte Chaco Dancer, den Musikanten, vor sich. Der gelenkige Kerl grinste ihn an, lachte, als hätte er schon vor langer Zeit den Verstand verloren, und begann einen wilden Tanz aufzuführen. Dabei zog er eine Mundharmonika aus der Tasche und spielte eine genauso wilde Melodie. Ein paar Gefangene blieben in der Nähe stehen und verfolgten die seltsame Aufführung des offenbar verrückten Kerls. Dann blieb Dancer stehen, ließ das Instrument sinken und stieß abermals das irre Lachen aus.

Chaco dachte an das, was er vor wenigen Augenblicken über diesen Mann erfahren hatte, und mochte nicht glauben, dass Dancer im Kopf nicht ganz richtig sein sollte. Der tat sicher nur so verrückt. Es konnte zu dem Geschäft gehören, dem er bisher nachgegangen war. Ein Narr konnte sicher leichter etwas erbetteln, wenn es ihm gelang, andere zur Heiterkeit zu veranlassen, als einer, der sich todernst benahm und den Leuten eher das Fürchten lehrte.

„Spiel noch was!“, sagte eine gebückte Frau. „Ich habe seit Jahren keine Musik mehr gehört.“

Dancer kicherte.

„Ich kenne ihn“, sagte ein alter Mann. „Er muss noch andere Instrumente haben.“

„Nein.“ Dancer wurde ernst. „Sie haben mir alle weggenommen. Nur die Mundharmonika nicht.“

Chaco ging vorbei und zupfte das Unkraut aus dem rissigen Boden zwischen den Maisstauden. Es konnte nur noch Sekunden, höchstens eine Minute dauern, bis die Wächter merkten, dass im Feld nicht gearbeitet wurde. Vermutlich fuhren sie dann wie ein Gewittersturm dazwischen und schlugen wüst um sich.

„Spiel noch mal“, bettelte die Frau. „Ich höre gern Musik.“

Dancers Gelächter erklang, dann wieder eine seiner wilden Melodien, und bestimmt tanzte er auch wieder und wirbelte neuen Staub auf.

„Was ist denn da los?“, brüllte jäh eine tiefe Stimme.

Die Musik brach ab.

„Heilige Jungfrau Maria, hilf uns!“, rief eine Mexikanerin und hastete davon.

Hunde kläfften. Reiter sprengten ins Feld. Stauden wurden niedergewalzt. Dann teilten die Reiter Schläge aus.

Chaco befand sich schon ein beträchtliches Stück entfernt und sah nicht, was hinter ihm geschah.

„So eine verdammte faule Bande!“, rief eine harte Stimme. „Wir stecken euch gleich alle ins Krematorium!“

„Gnade, Sir!“, jammerte eine Frauenstimme.

„An die Arbeit, vorwärts!“

Wieder knallten die Peitschen. Niemand dachte mehr an Musik, sondern versuchte nur, den Hieben zu entgehen und von den Hunden nicht gebissen zu werden.

Chaco erreichte das Ende des Feldes und warf das herausgerissene Unkraut in einen dafür extra bereitstehenden Sack. Von dieser Stelle aus konnte er den Steinbruch in nur noch hundert Yards Entfernung trotz Dunst und Flimmern und dem erheblichen Gesteinsstaub in der Luft sehr gut sehen.

Die ausgemergelten Indianer schlugen mit Vorschlaghämmern auf die Granitbrocken ein, bis diese barsten, und luden die Steine, so groß sie diese heben konnten, in die Feldbahnloren. Sie stemmten sich hinter die Wagen und schoben sie zur Rampe, wo die Ladungen in die unter der Rampe stehenden Erzwagen gekippt wurden.

Die Kutscher waren weiße Männer mit Colts in den Holstern und Gewehren in den Händen, die auf die geschundenen Indianer schimpften, weil diese nicht schnell genug arbeiteten, mochten sie sich auch noch so schinden.

Chaco ging in die nächste Feldzeile und setzte die doch erheblich leichtere Arbeit fort. Vor allem brauchte er hier nicht auf den Knien zu rutschen und fand zwischen den Stauden ein wenig Schutz vor den Sonnenstrahlen.

„Es ist gemein, was ihr mit mir tut“, schimpfte der Musikant in der Nähe. Chaco verharrte gebückt und lauschte. „Hab ich euch nicht immer geholfen und viele billige Sklaven beschafft, zur Hölle?“

„Die schöne Zeit der Faulenzerei ist vorbei, Dancer“, höhnte ein Wächter. „Einmal muss jeder was Nützliches tun. Und wenn es das Letzte im Leben ist!“ Hohngelächter und Peitschenknallen folgten den Worten. Ein Hund schlug an. Dancer brüllte. „Bewegung, Musikus, Bewegung!“, rief der Wächter fröhlich. Dann knallte wieder die Peitsche.

Chaco ging weiter und riss das sprießende Gras aus dem Boden um die Maisstauden. Am Ende des Feldes hielt direkt vor ihm ein Wächter. Die große Dogge an seiner Seite starrte ihn aus unterlaufenen Augen blutrünstig an. Ein leises Knurren drang aus der offen stehenden Schnauze.

Chaco verbarg sein Erschrecken, tat, als wären der Posten und sein Bluthund nicht da und kehrte in der nächsten Staudenzeile ins Feld zurück. Der Reiter unterließ es, die Peitsche zu heben, und die Dogge beließ es bei dem leisen Knurren.



4

Es dämmerte bereits, als ich Willow erreichte. Ben Homer, der Boss der Wells-Fargo-Station stand vor der Agentur und schaute mir entgegen.

Fox blieb stehen, ohne dass ich ihn zu zügeln brauchte. Er war schnell und ausdauernd gelaufen und entsprechend erschöpft.

„Endlich“, sagte Homer. Ehrlich erleichtert sah er aus, der fünfundvierzig Jahre alte, korpulente Mann mit dem auffälligen Backenbart, der etwas zu zittern schien. Ich saß ab und band Fox an die Zügelstange.

„Was ist denn passiert? Sie sehen ziemlich mitgenommen aus.“

„Haben Sie die Williamsons gesehen?“, fragte ich zurück.

„Nein. Was ist mit denen?“

„Die haben mich in eine Falle laufen lassen. In eine ziemlich plumpe, um ehrlich zu sein.“ Ich lächelte schief.

Ein Stallknecht trat aus dem Hof. Homer winkte und befahl ihm, sich um den Hengst zu kümmern. Ich betrat die Veranda und wurde von dem Agenten ins Haus geschoben. Da keine Lampe brannte, ließ sich im Dunkeln kaum noch etwas im Stationsraum erkennen.

Ich berichtete von meinen Erlebnissen, was Homer mit wiederholtem Kopfschütteln quittierte. Sichtbar nahm sein Entsetzen von Sekunde zu Sekunde zu.

„Nein!“, rief er schließlich. „Das würde ja heißen, dass die Williamsons mehr als kleine Gauner sind.“

„Das kann man wohl sagen“, erwiderte ich, setzte mich an den Tisch und streckte die Beine aus. Das tat gut.

Der Agenturleiter ging hin und her und raufte sich die wenigen Haare um seine Halbglatze herum.

„Williamson hatte übrigens zwanzig Pferde im Stall.“

Homer blieb stehen und wandte sich um.

„Ausgeschlossen! Zwölf. Ich habe übrigens Ihre Anfrage erst erhalten und konnte noch keine Antwort losschicken.“

„Wie viele Pferde müssten auf der Station sein?“

„Zwölf bis vierzehn vielleicht. Zwanzig auf keinen Fall. So selten, wie dort Pferde gewechselt werden, wäre das ja auch völliger Unsinn.“

Ich nickte, weil es meinen Verdacht nur erhärtete.

„Die Williamsons haben den Kutscher Baine verschwinden lassen, Mister Homer.“

Er trat an den Tisch und stützte die Hände darauf.

„Und warum?“

„Das weiß ich nicht. Aber es gibt keine andere Erklärung. Die Pferde mit dem bekannten Wells-Fargo-Brand konnte nur Williamson in seinen Stall stellen, ohne dass sie auffielen, wenn sie jemand sah. Dort stehen schließlich nur Pferde mit diesem Brandzeichen. Und wer weiß schon, wie viele Pferde dort sein dürften? Wer überhaupt bereitet sich die Mühe, auf einer Station die Tiere zu zählen?“

Homer schüttelte erneut den Kopf.

„Das verstehe, wer will.“

„Sie müssen jemanden hinausschicken, der sich um die Station und die Tiere kümmert.“

„Ja, das werde ich gleich erledigen.“ Homer strich sich über die Glatze. „Die haben doch relativ gut verdient da draußen. Da kann eine Familie gut auskommen. Warum sollten die einen Kutscher verschwinden lassen? Was bringt das? Wegen einer Fuhre Saatgut?“

„Für das bisschen Feld, was ich da draußen sah, brauchten sie das Zeug auf keinen Fall“, bestätigte ich. „Es muss dafür eine völlig andere Erklärung geben.“

„Ich muss Ihnen erst mal was zu essen und zu trinken holen. Himmel, das hätte ich wieder mal völlig vergessen!“ Homer eilte durch das Dunkel zur Küche, stieß irgendwo an und schimpfte.

Ich stand auf und brannte die Lampe über dem Tisch an. Draußen sank die Nacht allmählich über die Stadt. In der Küche flammte ebenfalls eine Petroleumlampe auf. Ich ging zur Tür. Homer bereitete am Tisch ein Mahl vor und sagte: „Ich hab auch noch nichts gegessen. Wollen wir gleich hierbleiben?“

„Das ist sicher einfacher.“ Ich ging hinein und nahm hinter dem blankgescheuerten Tisch Platz.

Homer tafelte Maisbrot, Butter und Ziegenkäse auf.

„Die Wurst ist in der Hitze wieder mal verdorben. Ich glaube, ich kaufe besser keine mehr.“

Ich griff zu, aß und trank den kalten Tee, den der Stationer servierte.

„Und Sie meinen, von den Williamsons aus ist auch Sam Huston verschwunden, der seinen Bruder auf dessen Farm besuchen wollte?“ Ich nickte. „Aber Web Huston sagte, dass sein Bruder keine Reichtümer hätte und folglich nichts von Wert mit sich geführt haben könnte. Was sollte Williamson an seinem Verschwinden für ein Interesse haben?“

„Das müssen wir noch herausfinden.“ Ich berichtete von dem eigenartigen Zimmer mit den vielen Riegeln an der Tür und dem vernagelten Fenster. Homer starrte mich wieder an. Er fiel von einem Erstaunen ins andere, was sein Entsetzen weiter steigerte.

„So was gibt es doch gar nicht.“

„Doch. Sieht aus wie eine Gefängniszelle, in der man für längere Zeit jemanden gefangenhalten kann. Die Williamsons sind offenbar mit einem Wagen und zwei Reitpferden verschwunden und haben mitgenommen, was sich schnell aufladen ließ. Allerdings kennen sie die Möglichkeiten, die uns die Telegrafie bietet, sicher genau und müssten wissen, dass wir sie auf der Flucht noch schnappen könnten.“

„Ich begreife das alles nicht.“ Homer stopfte sich den letzten Bissen in den Mund und spülte mit Whisky nach. „Der Kutscher war auch keiner, den man ausplündern konnte. Der besaß nichts. Seinen Lohn hat er gebraucht, um leben und mit seinen Freunden pokern zu können. Und das haben die Williamsons genau gewusst.“

„Es gibt dafür sicher eine Erklärung, Mister Homer. Wir müssen sie nur finden. Hat Ihnen Web Huston, der Farmer, berichtet, wie seine Suche bei den anderen Stationen verlief?“

„Huston?“ Homers Stirn legte sich in Falten. „Wie kommen Sie denn darauf. Den hab ich eine Ewigkeit nicht mehr gesehen.“

Ich stand auf.

„Er war nicht hier?“

„Nein.“

„Soll er denn so fertig gewesen sein, dass er sich erst mal schlafen gelegt hat?“ Ich konnte mir das nicht vorstellen, wollte es aber augenblicklich nachprüfen. „Wo kriegt man ein Bett in Willow?“

„Nur im Boardinghouse. Und davon haben wir nur eins.“

„Gehen wir!“ Ich durchquerte den Stationsraum und verließ die Agentur.

Fox stand nicht mehr an der Zügelstange. Ein Stallknecht trat aus dem Hof und sagte: „Ihr Pferd habe ich abgerieben, Mister, und ihm Futter gegeben. Es soff einen ganzen Eimer Wasser und wird sich wohl ausruhen.“

„Daraus wird vermutlich nichts werden“, murmelte ich.

„Mach dich bereit, zur Williamson Station zu reiten!“, befahl Homer, der hinter mir aus dem Haus trat. „Ich erkläre dir das nachher genau. Du musst noch in dieser Stunde losreiten.“

Ich ging durch das ständig zunehmende Dunkel über die Straße. Das Boardinghouse war an einem Schild an der nächsten Straßenecke zu erkennen. Davor befand sich ein Saloon, aus dem Lärm und der schrille Gesang eines heiseren Mädchens drangen.

Ben Homer holte mich ein, betrat vor mir das Haus an der Ecke und steuerte auf den knochigen, weißhaarigen Mann hinter dem Pult zu. Der Portier trug eine Nickelrahmenbrille mit kleinen, runden Gläsern und runzelte die Stirn bei unserem Eintritt.

„Wollen Sie hier ein Zimmer nehmen, oder bringen Sie nur einen Gast, Homer?“

„Weder noch. Vielmehr möchten wir uns nach einem Gast erkundigen. Nach einem gewissen Web Huston.“ Der Weißhaarige schüttelte den Kopf. „Seien Sie so nett und sehen Sie im Buch nach“, forderte Ben Homer und tippte auf das dicke Meldebuch auf dem Pult.

„Brauch ich nicht, das Haus ist leer.“

„Traf im Laufe des Tages ein Web Huston ein und ritt vielleicht wieder weg?“, fragte ich.

„Nein. Den ganzen Tag ließ sich niemand sehen. Saure-Gurken-Zeit, Homer. Dagegen kann man nichts tun.“

Ich wandte mich ab und verließ das Eckhaus. Draußen, auf dem Bretterfußweg, blieb ich stehen und wartete. Homer löcherte den Portier noch mit Fragen, weil er offenbar nicht glaubte, was unumstößliche Tatsache war. Web Huston hatte Willow nicht erreicht. Ich fragte mich, ob er auch auf geheimnisvolle Weise verschwunden war oder doch noch hier auftauchte.

Ich schüttelte den Kopf. Huston würde nicht mehr hier eintreffen. Ich dachte plötzlich an den Killer im Poncho und dessen raubeinige Mannschaft.

Homer trat neben mich.

„Mir ist, als sei ich von einem Stier getreten worden.“

„Mir geht es ähnlich“, entgegnete ich. „Kennen Sie einen gewissen Dancer?“

„Der komische Witzbold, der als Musikant durch die Gegend zieht?“, fragte Homer zurück.

„Ja, der.“

„Den hab ich schon ewig nicht mehr gesehen. Aber natürlich kennt ihn jeder in der Gegend.“

„Der müsste eigentlich auch hier sein“, sagte ich gedehnt. „Denn unterwegs sah ich ihn nicht.“ „Menschen verschwinden spurlos und tauchen auch nach Tagen und Wochen nicht wieder auf“, sagte Ben Homer. „Glauben Sie, dass es Gespenster oder so was gibt?“

„Nein.“

„Ich eigentlich auch nicht. Aber vielleicht muss ich umdenken lernen, was das betrifft.“

„Und kennen Sie einen Mann im Poncho, der Blessing heißt? Einen mittelgroßen, schlanken Mann, der wie ein böser Geist aussieht und in der größten Hitze unter dem dicken Poncho nicht im Mindesten zu schwitzen scheint?“

„Nein, so einen Mann hab ich nicht gesehen. Wer soll denn das nun wieder sein?“

„Der reitet mit einer Horde von Kerlen herum, denen man selbst am hellen Tage nur höchst ungern begegnet. Was ist über Dancer bekannt? Hat er Verwandte, Freunde oder so?“

„Soviel ich weiß, ist er ein Landstreicher ohne jeglichen Anhang. Da er musizieren kann, lebt er natürlich wesentlich besser als andere Tramps.“

„Sollte er eines Tages verschwinden, wird das kaum jemandem auffallen. Wie?“

„Man wird eines Tages feststellen, dass er sich nicht mehr sehen lässt. Das war’s dann.“

Wir erreichten wieder die Agentur.

„Ich reite weg, Mister Homer. Das gibt es nicht, dass Menschen einfach verschwinden. Dafür gibt es eine Erklärung, die man nur finden muss.“

„Wollen Sie jetzt gleich losreiten?“

„Wird wohl das Beste sein“, sagte ich.

„Dann lasse ich Ihnen eines unserer Pferde satteln.“

„So fertig ist mein Hengst nicht“, widersprach ich. „Außerdem werde ich mir Zeit lassen und noch einmal vor den Bergen gründlich nach Spuren suchen.“

„Wie Sie meinen.“ Homer ging an der Tür und den Fenstern der Station vorbei und betrat den Hof.

Ich folgte ihm. Die Stalltür stand offen. Einer der Stallknechte sattelte sich gerade ein Pferd, um zur Williamson-Station zu reiten und dort die Aufsicht zu übernehmen. Ein zweiter Mann brachte Proviant. Ich ging hinein, sattelte Fox und führte ihn in den Hof. Zu dem Stallknecht sagte ich, dass wir zusammen reiten könnten, was dem Mann zusagte.

„Hat einer von euch diesen Farmer Huston noch mal in der Stadt gesehen?“ Homer blickte von einem seiner Leute zum anderen. Sie schüttelten beide die Köpfe.

„Vielleicht klappert er immer noch die Stationen ab und fragt nach seinem Bruder“, meinte der Agenturleiter, aber es klang schon nicht mehr danach, als glaube er das selbst.

„Er war doch schon überall.“ Ich stieg auf und wartete, bis auch der Stallknecht im Sattel saß.

„Ich schicke in den nächsten Tagen eine Ablösung hinaus“, versprach der Stationsleiter. „Es wird sicher seine Zeit dauern, bis ein neuer Pächter gefunden wird.“

Ich ritt zur Straße und lenkte den Hengst dem Ende der Stadt entgegen. Erst bei der letzten Hütte holte Homers Mann mich ein.

„Hoffentlich verschwinde ich nicht auch spurlos“, maulte er. „Gefällt mir gar nicht, mutterseelenallein in der Wildnis zu hocken.“

„Sie würden schon nach kurzer Zeit vermisst und gesucht werden“, beruhigte ich ihn.

„Soll das heißen, ich wäre deswegen weniger gefährdet?“

„Ja, genau das.“ Ich hoffte, dass er nicht stundenlang mit mir über seine Angst debattierte. Um das zu verhindern, trieb ich den Hengst auch zu einer schnelleren Gangart an.



5

Ins Buschwerk geduckt beobachtete Danago das Hügelland vor sich. Im Mondschein erkannte er die Büsche und Kakteen bis auf eine Entfernung von etwa fünfzig Yards. Was dahinter lag, vermochte der Papago-Krieger nur zu ahnen. Das Pferd hinter ihm schnaubte unruhig und stampfte mit einem Huf auf den Boden.

Danago, der einzige Papago, dem die Flucht auf dem Transport ins Reservat in Oklahoma gelungen war, stieß ein warnendes Zischen aus, trat zurück und hielt dem Armeepferd die Nüstern zu. Als es sich beruhigt hatte, zog er die Sharps 52 aus dem Scabbard und spannte den außenliegenden Hammer.

Das Heulen eines Wolfes klang gespenstisch durch das Buschland. Ein geduckter Schatten floh durch die Hügel und tauchte bei den Saguaro Kakteen unter.

Danago sah sich wieder genötigt, dem gestohlenen Tier die Nüstern zuzuhalten. Scharf beobachtete er dabei den Einschnitt zwischen den Hügeln, aus dem der geflohene Wolf aufgetaucht war. Es dauerte nicht lange, dann ließ sich Hufschlag vernehmen.

Der Indianer hob das einschüssige Gewehr.

Undeutlich, wie er den Wolf gesehen hatte, erkannte er eine Gruppe Reiter. Im ersten Moment sah es aus, als führten sie ledige Pferde zwischen sich. Kaum verließen sie das Buschwerk jedoch, erkannte Danago, dass auf den Pferden Menschen lagen.

Er drängte das Armeepferd zurück. Zweige mit welken Blättern daran streiften über seine Schulter und schlossen sich wie ein Vorhang vor ihm und dem Tier. In der Senke schwenkten die Reiter nach Norden und gerieten binnen kurzer Zeit aus dem Blickfeld des lauernden Indianers. Die Geräusche verklangen.

Danago wartete noch ein paar Minuten, weil er fürchtete, weitere Reitertrupps könnten auftauchen und der seltsamen Gruppe folgen. Doch als nichts dergleichen geschah, führte er das Tier die Halde hinunter und suchte in der Senke nach Spuren.

Der hartgebrannte Boden hatte keine Hufabdrücke aufgenommen. Nur ein paar Kratzer und hier und da ein von den Büschen gebrochener Ast wiesen noch auf den Trupp hin.

Danago saß auf. Ein Stück gelang es ihm, demWeg der Reiter zu folgen, dann verloren sich die spärlichen Hinweise auf deren Verbleib, noch bevor er die undeutlich sichtbaren Felswände voraus erreichte.



6

Als der Morgen graute, senkten sich dichte Nebelschwaden über den kühlen Boden. Die bizarren Felskegel ragten daraus hervor wie eine große Ansammlung von Eisbergen aus dem Meer.

Das Schnauben eines Pferdes ließ mich jäh hellwach werden und den Hengst zügeln.

Nichts geschah.

Ich hielt das Gewehr schussbereit in der Hand, wartete eine volle Minute und trieb Fox wieder an. Das dichte Buschwerk zwischen den skurrilen Kegeln und der Nebel ließen mich nur sehen, was sich in unmittelbarer Nähe befand. Fox umging einen Mesquitegürtel. Dahinter stand ein Pferd, das einen Armeesattel trug. Eine Sharps und ein Schrotgewehr hingen daran.

Ich saß sprungbereit auf dem Hengst und blickte auf die Asche neben dem Armeepferd. Hier hatte unverkennbar jemand die letzten Stunden verbracht. Seltsamerweise benutzte er nicht den Sattel und die Campdecke, die drangeschnallt war, sondern er schien auf dem Sandboden gelegen zu haben. Nichts regte sich in meiner Umgebung. Der Nebel verdichtete sich noch, je mehr er zu Boden gedrückt wurde.

Plötzlich schnellte eine mittelgroße, dunkle Gestalt aus dem Gestrüpp.

Ich zuckte herum und wollte das Gewehr auf den auftauchenden Indianer richten. Doch der war so schnell, dass ich das nicht mehr schaffte. Er sprang in die Höhe, klammerte sich an mich und stieß sich zugleich mit solcher Kraft von Fox ab, dass ich die Winchester verlor und aus dem Sattel gerissen wurde.

Der dunkelhäutige, zerlumpte Indianer landete unter mir. Mit der Schulter prallte ich auf seine Brust, wurde zur Seite geschleudert und rollte über den Sand. Ein kehliger Kriegsschrei ertönte. Ich wusste, was das bedeutete, und warf mich herum.

Hinter mir fuhr ein Messer in den Boden. Sand spritzte auf. Zitternd blieb die Klinge stecken.

Der dunkelhäutige, geschmeidige Indianer warf sich mit einem zweiten Sprung auf mich. Doch diesmal überraschte mich sein Angriff nicht. Ich fing ihn mit angezogenen Beinen und den Händen auf und streckte mich. Der Indianer flog zurück und landete auf dem Gesicht. Mit einem Satz stand ich.

Zweimal rollte der Mann um seine Achse, dann sprang er auf, als raste eine gespannte Feder aus und schnelle in die Höhe. Er griff an, zeigte aber schon beim ersten Versuch, dass er als Faustkämpfer schlechter als mit seinen Sprüngen und mit dem Messer war. Ich blockte seine Faust ab, lenkte sie zur Seite und hielt die andere fest. Doch der Krieger warf sich mit seinem ganzen Gewicht gegen mich, so dass sich meine Finger wieder öffneten. Meine sekundenlange Unsicherheit genügte ihm für den neuen Angriff. Mit einem Wutschrei warf er sich vorwärts und wollte mir mit beiden Händen an die Kehle. Ich schnappte ihn an den Hüften, hob ihn hoch und schleuderte ihn an mir vorbei.

Der Indianer flog zwei Yards zurück und schlug neben seinem noch im Sand steckenden Messer auf. Ich ahnte, dass er danach greifen, herumfahren und es werfen würde, zog den Colt und wischte in dem Augenblick über den Hammer, als er tatsächlich die Hand ausstreckte.

Das Krachen des Schusses hallte durch das Dickicht und brach sich grollend an den Felsen.

Die Hand des Kriegers griff ins Leere. Von der Kugel getroffen flog das Messer ins Mesquitegestrüpp. Meine rauchende Waffe zielte auf den Liegenden, der sich jetzt nicht mehr bewegte. Nervös wieherten die Pferde und trabten um uns herum, beruhigten sich aber rasch wieder.

Ich ging auf den Indianer zu, bis ich direkt vor seinen Füßen stand. Erst jetzt, als ich Zeit fand, die abgerissene Gestalt genau zu betrachten und die aufgescheuerte Haut an den Handgelenken und den Füßen sah, wurde mir klar, dass dies einer der Papago-Krieger sein musste, die ich zusammen mit Chaco in Prescott gesehen hatte.

„Du gehörst zu dem Transport von Major Kent“, sagte ich feststellend. „Wir haben uns in Prescott gesehen.“

„Warum schießt du nicht?“, fauchte der Papago mich an. Er sprach beinahe einwandfrei englisch, was mich sehr wunderte.

„Ich habe nichts gegen dich. Im Übrigen hast du mich angegriffen und nicht etwa umgekehrt.“ Ich schob den Colt in das Holster, beobachtete ihn jedoch weiterhin.

Er blieb zunächst auf dem Rücken liegen, als misstraue er meiner friedlichen Absicht. Und es schien mir, als schätze er den Weg bis zu seinem Pferd ab.

„Kannst du dich nicht an mich erinnern? Ich heiße Carringo. Mit dem Marshal versuchte ich in Prescott mit euch zu reden.“

„Du lügst!“

„Warum sollte ich lügen?“ Ich ging in die Hocke.

„Alle Weißen lügen!“ Er setzte sich und zog die Beine an. So verhungert wie in Prescott sah er nicht mehr aus.

„Warum versuchst du nicht, dich an den Tag in unserer Stadt zu erinnern? Da gab es viele Weiße, die euch helfen wollten. Die Frauen warfen Brote auf die Wagen und wurden dafür von den Soldaten bedroht.“

„Wollten sie uns auch von den Ketten befreien?“ Die dunklen Augen des Indianers funkelten mich wild an. Ich erhob mich.

„Nein, das wollte wohl keiner von uns. Ihr seid Gefangene der Armee gewesen. Da hat niemand hineinzureden. Aber dass sie euch wie Vieh behandelten und ihnen gleichgültig war, wie viele dabei draufgingen, das durfte uns nicht egal sein.“

„Was ist Brot gegen die Ketten?“, stieß der Indianer höhnisch hervor. „Was hilft es den Papagos? Dass sie länger Gefangene der Reitersoldaten sind?“ Er war verbittert. Eine Verständigung zwischen uns schien beinahe ausgeschlossen. Doch unvermittelt sagte der Papago: „Ja, ich sah dich in der Stadt. Ich bin Danago.“

Ich ging wieder in die Hocke, lächelte und hoffte, Vertrauen auszustrahlen.

Danago federte hoch, überraschte mich noch einmal und warf mich um. Er sprang über mich weg, aber ich erwischte sein Fußgelenk noch und riss ihn zurück. Neben mir schlug er auf den Boden. Ich hielt ihn fest, bis ich gebückt stand. Dann ließ ich los und richtete mich auf.

Er hatte nur meine Wachsamkeit einschläfern wollen. Nichts weiter.

„Steig auf dein gestohlenes Pferd und verschwinde“, sagte ich, ging zu den Büschen, zog das Messer mit dem Fuß heraus und versetzte ihm einen Tritt in seine Richtung. Es rutschte ihm bis vor die Füße.

„Du lässt mich fortreiten?“

„Ja, verschwinde. Ich kann niemanden in meiner Nähe gebrauchen, der weiter nichts im Sinn hat, als mich abzumurksen. Nun verschwinde endlich!“

Er sah ziemlich sprachlos, eigentlich schon verdattert aus, und diesmal täuschte er offenbar nicht einmal. Ich stand abwartend da und sah an ihm vorbei, als wollte ich ihn nicht länger beachten.

„Ich konnte vom Zug springen“, sagte Danago da mit veränderter Stimme. „In Sitgreave befreiten sie uns von den Ketten. Irgendwo später sprang ich ab.“

„Und deine Angehörigen?“, fragte ich. „Hast du keine Verwandten?“

„Eine Frau und einen Bruder. Sie saßen auf einem anderen Wagen, als wir durch deine Stadt fuhren. Ich wurde von ihnen getrennt, weil ich schon einmal zu fliehen versuchte. Dann trennten sie uns ganz. Die drei ersten Wagen schlugen einen anderen Weg ein als die drei letzten.“

„Was?“ Ich kniff die Augen zusammen und starrte ihn fragend an.

„Nicht weit von hier entfernt“, fuhr er fort. „Drei Wagen fuhren in die Mountains, die drei anderen zur Eisenbahn. Ich saß in einem Wagen zur Eisenbahn. Sie befreiten uns von den Ketten und pferchten uns in einen Waggon mit hohen Wänden, aber ohne Dach.“

„Und die drei anderen Wagen?“

„Sie trafen später auch in Sitgreave ein. Aber sie waren leer. Die Hälfte der Papagos ist irgendwo verschwunden.“

„Das müssten ungefähr fünfundzwanzig Personen sein“, murmelte ich. „Sprachen die Soldaten nicht darüber, wohin die anderen gebracht wurden?“

„Kein Wort.“

„Dann sind deine Leute sozusagen spurlos verschwunden?“

Danago nickte. „Ich bin tagelang gelaufen und werde sie finden!“

„Ich suche ebenfalls nach Menschen, die spurlos verschwunden sind.“

„Weiße?“

„Ja. Auf sehr merkwürdige Weise verschwinden Menschen. Vorwiegend solche, um die sich kein Mensch kümmert, die niemand vermisst.“ Mir fiel ein, dass die Papagos auch niemand vermissen würde, höchstens die Armeebehörde in Oklahoma. Aber der konnten die Soldaten sicher erklären, dass ein Teil der Indianer verhungert wäre oder anderweitig durch Krankheit und Unfälle auf der weiten Reise den Tod fand.

„Gestern und diese Nacht sah ich Reiter mit Gefangenen unterwegs in die Berge.“

„Wo?“

Der Indianer deutete nach Osten.

„Hinter den Hügeln. Ein Stück konnte ich den Spuren folgen, dann nicht mehr.“

Im Osten stach die Sonne über den Horizont und löste das Nebelfeld auf. Von einer Minute zur anderen tauchten das Gestrüpp und die Kakteen aus den Dunstfeldern. Rötlich schimmerten die Felsquader.

„Ich glaube, wir suchen das Gleiche, Danago.“

„Verschwundene Menschen?“

„Du sagst es. Wollen wir es zusammen versuchen?“

„Hast du keine Angst, ich könnte dich von hinten angreifen, wenn du dich umdrehst?“

Ich lächelte. „Nein.“

„Dann reite mit mir.“ Danago schwang sich auf das Pferd und trieb es an.

Ich holte ihn nach wenigen Yards ein und lenkte Fox an seine Seite.

„Wie bist du denn zu den Waffen und dem Pferd gekommen?“

„Besorgt.“

„Das dachte ich mir schon.“

Der Krieger zeigte die Zähne.

„Sie haben mir alles genommen und meine Blutsbrüder getötet oder verschleppt.“

„Ich erwarte gar nicht, dass du irgendwelche Rücksichten nimmst“, erwiderte ich. „Mich interessierte nur, wie und wo du dazu gelangen konntest. Vergiss, dass ich danach fragte!“

Danago schwieg sich verbissen aus. Es stand etwas zwischen uns, zwischen ihm, den Papago-Krieger und mir, dem Weißen. Und das würde wohl immer bleiben. Dennoch ritten wir weiter zusammen durch das Buschland, und ich hoffte weiter, dass er ehrlich Zutrauen zu mir fassen und eine echte Hilfe sein würde, wenn wir uns plötzlich Feinden gegenüber sehen sollten.

Aber noch lag das Berg und Hügelland friedlich vor uns im goldenen Sonnenschein. Nichts deutete darauf hin, dass hier Menschen, die ebenso friedlich ihres Weges zogen, spurlos verschwanden.



7

Chaco kroch durch die Zeilen des Kartoffelackers. Gnadenlos brannte die Hitze auf seinen Rücken. Schweiß lief in Strömen über seinen Körper. Er fühlte, dass seine Kraft bereits nachzulassen begann. Die Knochenarbeit laugte den Körper viel mehr aus, als die Wassersuppe wieder auszugleichen vermochte. Der Tag ließ sich absehen, an dem er während der Arbeit umfiel, bei den gnadenlosen Wächtern Aufsehen erregte und ihn der Rest seines Willens aus dem Körper geprügelt wurde.

Schwarzer Qualm stieg bei der geschwärzten Hütte hinter dem Dickicht auf. Ein süßlicher Geruch wie nach verbranntem Fleisch breitete sich aus.

Chaco verharrte und blickte hinüber. Die Rauchfarbe änderte sich, erhielt einen orangenen Schimmer und blieb dennoch sehr dunkel.

Neben ihm kroch ein anderer Gefangener heran. Im Augenblick befand sich kein Posten in der Nähe, der sie beobachtete.

„Die gestern ausgesondert wurden, haben es hinter sich.“ Der Mann seufzte. „Dort fahren ihre Seelen in den Himmel!“

Chaco wusste, was der ausgelaugte Mann meinte. Die Leichen wurden verbrannt.

„Es ist die Totenhütte“, fuhr der Gefangene fort. „In diesem Sommer lande ich auch noch da.“ Chaco schaute ihn an. „Du siehst noch kräftig aus und kannst es bis zum nächsten Jahr schaffen“, sagte der Mann.

„Ich habe keine Lust, auf den Tag zu warten, an dem ich, verbraucht und fertig, umgebracht werde“, erwiderte Chaco.

Der Mann lächelte müde.

„Das wirst du aber kaum ändern können, Kamerad. Es ist unser Schicksal. Wir hätten ihnen nicht in die Hände fallen dürfen.“ Chaco schaute zu dem Zaun, den er an zwei Stellen jenseits der Büsche in voller Höhe sehen konnte. „Da gelangst du nicht hinüber.“ Überrascht schaute Chaco den Mann neben sich an. „Das schafft keiner. Viele versuchten es. Nein, nein, hinübergelangt ist da noch keiner.“

„Es muss einen Weg geben, diesen Mördern zu entrinnen.“

„Aus der Hölle führt kein Weg zur Erde zurück“, orakelte der ausgelaugte Mann und kroch weiter.

Das Kläffen eines Hundes näherte sich hinter Chaco. Er kroch über den Acker, rupfte das Unkraut aus dem Boden und schaute zu der Rauchsäule, die senkrecht in den Himmel stieg und sich in Dunst und Flimmern verlor.

Ein Reiter trabte vorbei und schlug mit der Peitsche. Chaco wurde gegen den Arm getroffen und fiel auf die Schulter.

„Nicht so müde!“, schrie der Kerl.

Der Hund jagte bellend vorbei, wirbelte herum und kehrte zurück.

Chaco kniete, sah die unterlaufenen Augen der Bestie und ballte die Hand, um dem Tier eins auf die Nase zu geben, wenn es ihn anfiel.

„Zurück!“, befahl der Reiter, bevor der Hund Chaco erreichte. Das Tier stoppte.

Chaco zupfte das Unkraut aus dem Boden, um einem dementsprechenden Befehl und neuer Misshandlung vorzubeugen.

„Beeile dich, Bastard, sonst wirst du nutzlos für uns!“ Der Kerl trieb seinen Braunen wieder an und sprengte weiter. Der Hund hetzte kläffend hinterdrein.



8

Zwischen den Felsen gaukelte das Flimmern in der Luft Wasserflächen vor, obwohl es in dieser Gegend nicht einmal einen schmalen Creek gab.

Unsere Spurensuche blieb weiterhin erfolglos. Kein Mensch, außer uns, schien in dem Berggebiet unterwegs zu sein. Gelegentlich flohen Präriehunde, die es zahlreich in diesem Gebiet gab, aber jedes Mal hatten wir sie selbst aufgeschreckt. Eine Klapperschlange fuhr mit lautem Rasseln neben einem Stein auf. Fox wieherte erschrocken und stieg auf die Hinterhand. Die Eisen der wirbelnden Hufe klirrten gegeneinander. Ich wurde abgeworfen und stürzte auf den Rücken.

Danago schleuderte sein Messer und traf den dreieckigen Kopf des Reptils, der gespalten wurde. Die Schlange fiel auf den heißen Sand zurück. Zuckend verendete das Tier.

Fox trabte schnaubend durch das Gestrüpp.

Ich lag noch auf dem Rücken. Mein Hemd war aufgerissen, und die drei Medaillons an meinem Hals glitzerten im Sonnenlicht.

Danagos Blick glitt von dem noch zuckenden Schlangenkörper zu mir und blieb auf den drei Anhängern haften. Ich stand auf.

„Du hast mir wahrscheinlich das Leben gerettet.“

Er schüttelte den Kopf, den Blick immer noch auf die Medaillons gerichtet.

„Sie konnte nur nach deinem Pferd beißen. Und das weißt du auch, Carringo.“ Er trat näher. „Jetzt kann ich mich genau an alles erinnern.“

„An was?“

„Die Soldaten drängten dich zurück in Prescott. Und einer zerriss dir das Hemd.“

„Richtig.“ Ich erinnerte mich auch sofort wieder an die Szene. Ein Papago erkannte meine Medaillons und nannte mich „Bruder“. Aber das war nicht Danago gewesen.

„Kennst du sie?“

Danago trat zurück und schüttelte den Kopf.

„Nein, ich habe diese Zeichen nie gesehen. Es war Alfango, der es gekannt haben muss.“ „Alfango?“

„Ja.“ Danago bückte sich und hob sein Messer auf. Er wischte das Schlangenblut an der zerrissenen Hose ab und schob die gefährliche Waffe hinter den Hosenbund.

Fox tauchte im Dickicht wieder auf und schnaubte leise.

„Feigling“, sagte ich.

„Alfango lebte längere Zeit in Mexiko“, fuhr Danago fort.

„Und was trieb er da?“

„Sie handelten mit Weißen.“

„Mit Gefangenen?“ Danago nickte. „Wo ist Alfango, in Oklahoma oder bei den Verschwundenen?“

„Bei denen, die sie in den Bergen von uns trennten.“

„Ich muss ihn finden!“

„Er war noch sehr jung, als er den Handel trieb. Seltsam, dass er sich so gut an ein Medaillon erinnert.“

„Das wundert mich allerdings auch“, gab ich zu, dachte darüber aber nicht weiter nach.

Vielleicht konnte ich Alfango finden. Wenn das gleichzeitig mit Huston und Baine der Fall war, würde ich das sehr begrüßen.

Ich redete Fox noch etwas beruhigend zu, dann saß ich auf und ritt neben Danago weiter durch die Wildnis.

„Der Marshal von Prescott wollte versuchen, mit euch Kontakt aufzunehmen“, erzählte ich dem Krieger nun. „Wegen Alfango. Der Marshal wollte ihn sprechen und wegen der Medaillons befragen. Hast du den Marshal gesehen?“

Danago schüttelte den Kopf.

„In Sitgreave veranstalteten die Soldaten Jagd auf jemanden. Aber erfolglos.“

„Das weißt du genau?“

„Sie kehrten ohne ein Opfer zurück und fluchten tüchtig. Sie können keinen Erfolg gehabt haben.“

„Dann ist Chaco sicher nach Prescott zurück“, murmelte ich.

Danago schaute mich an, sagte aber nichts dazu.

Wir ritten immer noch nach Norden. Das Felsgewirr verdichtete sich zusehends. Schon wurde das Buschwerk spärlicher, und die Kakteen standen nur noch auf ein paar mit Geröll bedeckten Halden. Vor uns führte ein Canyon in die Tiefe. Rechts und links davon versperrten bizarre Kegel den Weg. Wir mussten durch die Schlucht. Und wenn die Reiter, die Danago gesehen hatte, auch diesen Weg nahmen, mussten sie ebenfalls den Canyon passiert haben.

Der Abstieg wurde steiler. Herumliegendes Geröll wurde von den Hufen angestoßen und polterte vor uns her.

Danago hielt an. Pferdedung auf dem Boden zeigte, dass hier mindestens ein Reiter unterwegs gewesen sein musste. Wir schauten uns an und dachten das Gleiche. So gut wie die Reiter, die Danago gesehen hatte, konnte auch jemand anderes hier unterwegs gewesen sein.

„Es ist jedenfalls eine ziemlich verlassene Gegend“, sagte ich. „Wir haben guten Grund zu der Annahme, auf der richtigen Spur zu sein.“

Unsere Pferde trugen uns weiter in die Schlucht hinunter. Zwischen den Wänden staute sich die Hitze, so dass ich das Gefühl bekam, durch einen Backofen zu reiten.

Danago hielt Ausschau, suchte die Ränder der Felswände über unseren Köpfen mit seinen Blicken ab und ermüdete trotz der Hitze keine Sekunde in dieser Wachsamkeit. Ich war inzwischen froh, ihn getroffen zu haben, auch wenn das um Haaresbreite dramatisch ausgegangen wäre. Seine Fähigkeiten als Spurensucher und Kämpfer ersetzten mehrere Männer von normaler Qualität.

Nach einer Meile stieg der Canyon wieder an und führte in eine kahle Felsregion hinaus. Geröll lag in einer Schmelzwasserrinne. Ein wenig Erde lagerte darin und ließ ein paar gelbe Grammagrasbüschel sprießen. Größere Pflanzen gab es hier nicht.

„Wo sind wir?“, fragte Danago. „Wie nennt der weiße Mann diese Berge?“

„Es sind immer noch die Black Forrest Mountains“, entgegnete ich.

„Und was liegt dahinter?“

„Andere Berge. Die Lalaja Mountains. Da leben meines Wissens keine weißen Menschen und keine Indianer. Aber genau weiß ich es nicht. Wir werden sehen.“



9

Buz Williamson, der geflohene Stationer der Wells Fargo, ritt mit seinem Sohn Les vor dem Wagen her, auf dem Stan, Williamsons jüngerer Sohn, und seine hässliche Frau Lora saßen.

Lora Williamson zeterte immer noch. Es passte ihr nicht in den Kram, dass sie die Station aufgegeben hatten. Hals über Kopf waren sie geflohen. Und manches, was ihr sehr wichtig erschien, blieb dabei zurück. Je genauer sie in den Sachen auf der Ladefläche herumkramte, desto mehr vermisste sie.

„Du hast noch nicht mal meinen Kamm eingepackt, Les, du verdammter Bengel!“, schimpfte sie lauthals. Ihre durchdringende Stimme ließ die Worte im Hohlweg nachhallen. Rot leuchtete die geschwungene Nase, die an den Schnabel eines Geiers erinnerte. Ihre Warzen am Kinn hüpften auf und ab. „Hörst du nicht, verdammter Idiot! Soll ich mich vielleicht mit den Fingern kämmen?“

„Mach doch, was du willst“, maulte Les, der nicht einmal hinter sich schaute.

„Lora, halt’s Maul!“, befahl der Alte.

„Wie Stümper habt ihr euch benommen. Dieser Sicherheitsagent musste euch ja auf die Schliche kommen. So plump könnt nur ihr euch anstellen. Zu dritt seid ihr mit ihm nicht fertig geworden. He, warum habt ihr ihn nicht verschwinden lassen, als er im Keller lag?“

Buz und sein Sohn Les schauten sich an.

„Na eben“, sagte Stan. „Den hätten wir doch Poncho Blessing übergeben können, Dad.“

„Er lag bewusstlos im Keller.“ Die Alte lachte schallend. „Seid ihr blöd!“

„Einen Sicherheitsagenten der Wells Fargo wollen sie bestimmt nicht haben“, sagte Les.

„Eben“, stimmte der Alte zu.

„Sie müssen doch damit rechnen, dass Dutzende anderer Sicherheitsagenten und Marshals nach ihm suchen und ganz Arizona durchkämmen“, setzte Les hinzu.

„Sage ich doch!“, rief der alte Williamson. „Aber darüber hast du nicht nachgedacht, was, Lora?“

„Der verdammte Narr hätte wenigstens meinen Kamm mitnehmen können!“, rief die alte Frau wütend.

„Sie will nicht nachdenken“, sagte Les grinsend.

Der alte Williamson lenkte sein Pferd aus dem Hohlweg in einen anderen. In der Dämmerung versanken die grauen, verwitterten Felsen bereits. Höheres Buschwerk am Wegrand signalisierte, dass die Vegetation wieder besseren Boden fand.

„Jetzt sind wir gleich da“, sagte Buz Williamson.

„Wir könnten noch in unserem schönen Haus sitzen“, legte die Frau wieder los. „Wenn Poncho ihn nicht genommen hätte, hättet ihr ihm eine Kugel geben und ihn wegschaffen können. Kein Mensch hätte uns nachgewiesen, dass wir ihn um die Ecke brachten.“

„Sag ihr doch mal, dass sie endlich damit aufhören soll“, stöhnte Les verzweifelt.

„Sie hört nicht auf mich.“

„Das hört ihr nicht gern, was?“ Die Frau lachte keifend. „Das habt ihr mit anderen Dummköpfen gemeinsam. Die hören auch nicht gern, wenn über ihre Dummheit gesprochen wird.“

Waldstreifen schoben sich in den Weg, der erheblich breiter wurde. Dunkle mit Fichten bestandene Hänge, dazwischen senkrechte Felswände, lösten das Einerlei aus morschem Granit ab.

Plötzlich kläffte ein Hund. Und als der Wagen in den Wald fuhr, lag ein großes Tor mit hohem Zaun rechts und links in der Schneise vor den Williamsons.

Die Alte wurde endlich still. Auch Williamson und seine Söhne bedrückte die Nähe der Paradise Ranch, und sie zogen die Köpfe zwischen die Schultern.

Zwei Reiter mit angeschlagenen Gewehren hielten vor dem Tor. Zwischen ihnen standen die Hunde, große Doggen mit blutunterlaufenen Augen und tropfendem Speichel an den Mäulern.

„Halt, weit genug!“, befahl der eine. Sein Gewehr richtete sich auf den ehemaligen Stationer, der sich selbst schon sagte, in Panik gehandelt zu haben, als er sein Anwesen einfach so aufgegeben hatte, nur weil er sich ertappt fühlte, dass sein Handel mit Menschen aufgedeckt worden war und zu viele Pferde in seinem Stall standen.

„Was wollt ihr?“, herrschte der eine Wächter die Williamsons an und lenkte sein Pferd näher heran.

„Platz!“, befahl der andere scharf, als die Doggen sich aufrichteten und dem Reiter folgen wollten.

Die Reitpferde des Alten und seines Sohnes drängten schnaubend zurück. Auch die Wagenpferde wollten rückwärts.

„Sag ihm doch endlich, wer wir sind!“, erklärte die Frau. „He, Mister, wir sind die Williamsons, das sehen Sie doch! So dunkel ist es ja noch gar nicht!“

Der Reiter hielt neben Williamson an.

„Ich will zu Mister Blessing“, sagte Buz.

„Du willst zu ihm?“

„Ich habe mit ihm zu reden.“ Williamson ignorierte das Grinsen des Mannes.

„Über was?“

„Das werde ich ihm schon sagen.“

Der Wächter grinste breiter.

„Du weißt offenbar nicht, wo du hier bist, Mann!“

„Doch, das weiß ich genau. Es ist wichtig!“

„Dann würde ich mal damit herausrücken“, schlug der andere vor, der noch neben den Hunden hielt.

„Was wir Mister Blessing zu sagen haben, geht euch einen Dreck an!“, rief die Alte und erhob sich auf dem Bock. „Los, das Tor auf, zur Hölle!“

Hinter dem Tor tauchten weitere Wachen auf.

„Was ist dort los?“, wollte einer wissen.

„Es sind die Williamsons“, erklärte der Reiter bei den Doggen. „Mit Sack und Pack, wie mir scheint.“

„Du wirst schon auspacken müssen, Williamson.“ Der Mann neben dem ehemaligen Stationer schob sein Gewehr in den Scabbard und stützte die Hände aufs Sattelhorn.

Buz sah, dass sie ihn nicht passieren lassen würden und auch nicht daran dachten, ihren Boss zu benachrichtigen. Er kannte sie gut genug, um zu wissen, dass er sie nicht umstimmen konnte. Sie waren hartgesottene Burschen, die durchführten, was ihnen aufgetragen war. Zudem spürte er nicht die mindeste Lust, sich mit ihnen anzulegen, da er ihrer Hilfe bedurfte.

„Feine Geschäftspartner, die wir da haben!“, zeterte die Alte.

„Sei still, Lora! Wir mussten unsere Station verlassen. Ziemlich schnell sogar.“

Der Reiter wurde ernst, und seine Haltung straffte sich.

„Warum denn das?“

„Die Wells Fargo ist uns auf den Pelz gerückt“, gab Williamson kleinlaut zu.

„Hast du das gehört?“ Der Reiter schaute zu seinem Partner zurück. „Die sind vor der Wells Fargo abgehauen.“

„Ausgerechnet hierher?“

„Es ist niemand hinter uns her“, versicherte Williamson schnell. „Der Schnüffler der Gesellschaft hat sich bei uns umgesehen und einiges entdeckt.“

„Was?“

„Zum Beispiel, dass da zu viele Pferde im Stall standen.“

„Und wo ist der Schnüffler jetzt?“

„Wir haben ihn in den Keller gesperrt.“ Williamson zog den Kopf wieder ein und hoffte, dass seine Frau nicht noch einmal auf die Idee verfiel, ihn deswegen zu beschimpfen.

Aber Lora beließ es dabei, Verwünschungen zu murmeln, die inzwischen den Wächtern galten.

Der zweite Posten rückte nun näher heran, schärfte den Hunden aber nochmals ein, den Platz mitten auf dem Weg nicht zu verlassen.

„Warum seid ihr ausgerechnet hierher?“

„Wir wissen nicht, was der Kerl für Instruktionen hatte. Der erschien nicht einfach so und wollte mal nachsehen. Der suchte gezielt. Er muss schon gewusst haben, was er finden würde.“

„Na und?“

„Sie können unter Umständen schon Kuriere in alle Himmelsrichtungen geschickt haben, so dass wir auf jeder Straße gefährdet gewesen wären. Das durften wir nicht riskieren.“

„Ihr wollt euch demnach hier verstecken?“

„Eine Weile nur“, versicherte Buz Williamson. „Bis ein wenig Gras über die Sache gewachsen ist. Dann setzen wir uns aus Arizona ganz ab. Mein Wort darauf, Mister!“

„Die haben ganz schön Bammel, was?“ Die Wächter grinsten einander an.

„Wir rechnen fest auf Mister Blessings Hilfe“, sagte der alte Williamson. „Schließlich haben wir ihm eine Menge billiger Arbeitskräfte beschafft!“

„Dafür seid ihr bezahlt worden!“, fuhr der eine Reiter ihn an. „Und die Bucks habt ihr euch gern verdient!

„Mehr als dreißig kräftige Männer und Frauen verdankt ihr uns!“, meldete sich die keifende Alte wieder zu Wort. „Was sind dagegen die läppischen paar Dollar, die wir kassierten?“

„Sei endlich still, Lora!“, murmelte Williamson. „Natürlich haben wir das Geschäft gern getätigt.“

„Ihr habt Glück, dass Mister Blessing da ist. Ich werde mit ihm reden. Mal sehen, was wir mit euch anfangen.“ Der Reiter rechts des Wagens lenkte sein Pferd zurück und ritt dem Tor entgegen. Er rief den Hunden etwas zu, die daraufhin aufstanden und ihm folgten. Das Tor wurde geöffnet.

Williamson blickte etwas beklommen hinter dem Mann her.

Das Tor wurde geschlossen. In der Dunkelheit dahinter tauchte der Reiter mit den Doggen unter.

Der andere Posten hielt noch links des Wagens, beobachtete die Williamsons und schwieg.

„Es ist doch sicher kein Problem, uns hier eine Weile zu verstecken?“, fragte der alte Mann. „Natürlich nur für ein paar Wochen. In der Prärie wächst das Gras schnell.“

„Nur, wenn es regnet“, schränkte der Wächter ein. „Aber das war schon lange nicht mehr der Fall.“

Les blickte irritiert zu seinem Vater.

„Was soll denn das heißen?“, fragte die Frau scharf. „Buz, hast du nicht gesagt, Blessing wäre uns das schuldig?“

„Du sollst das Maul halten!“, brüllte Williamson die hässliche Frau auf dem Bock an.

Der Wächter grinste.

„Also, ich habe abgeraten, hierher zu fahren“, murmelte Stan, der bisher kein Wort gesagt hatte. „Ich hab gleich erklärt, dass wir Arizona bestimmt ungeschoren verlassen können. Und woanders kräht kein Hahn danach, was hier passiert ist.“

Dem Alten lief der Schweiß in Strömen über das Gesicht.

„Ich war auch dagegen“, sagte Les zu allem Überfluss.

„Es dürfte doch wirklich nicht schwierig sein, uns eine Weile zu verstecken“, sagte der alte Williamson gepresst. „Und was wir essen, können wir gut bezahlen.“

„Hier ist genug Platz, und Essen haben wir auch“, erwiderte der Reiter. „Wir haben sogar Arbeit für jede Menge Menschen. Vor allem für solche, die niemals etwas Vernünftiges getan und nie ordentlich geschwitzt haben.“ Er lenkte sein Pferd herum und ritt zum Tor zurück.

Bleich starrte Les seinen Vater an.

„Hast du die Andeutung verstanden?“

Buz Williamsons Antwort bestand in einem Fluch, den er regelrecht zerbiss.

Les schaute sich um.

„Ich war dagegen, hierher zu fahren!“ Die Alte bemühte sich, leise zu tuscheln.

„Die lassen uns vielleicht nie mehr weg“, wandte Stan ein. „Wir verschwinden auf Nimmerwiedersehen hinter dem Zaun. Und drinnen geht es uns wie den anderen.“

„Mein Gott, hilf uns!“, flehte Lora zum Himmel und faltete zum ersten Mal seit Jahren die Hände.

„Los, wir hauen ab!“, schlug Stan vor. Er griff zur Peitsche und zog die Zügel der Wagenpferde an.

„Warte!“, befahl die Alte.

„Das stinkt zum Himmel!“, flüsterte Les. „Riechst du das wirklich nicht?“

„Nicht so laut, sonst versteht er dich.“

„Noch ist Zeit!“, sagte Stan. „Los, ich wende die Pferde!“

„Idiot, das schaffen wir doch nie, wenn die nicht wollen“, gab der Alte zurück. „Mit dem Wagen! Wie stellst du dir denn das vor?“

„Hilf uns, lieber Gott!“, murmelte die Frau mit immer noch gefalteten Händen. „Dass wir die Strolche gefangen setzten und verkauften, war nicht böse gemeint. Wir wollten nur, dass sie einer nützlichen Arbeit zugeführt wurden.“

Dem Alten klebte das Hemd auf der Haut fest, und er begann zu kratzen. Er verfluchte die Idee, ausgerechnet hierher gefahren zu sein. Und das auch noch gegen den Rat der Söhne und der Alten.

„Es wäre viel harmloser gewesen, den Schnüffler umzulegen!“, zeterte Lora, als könnte sie seine Gedanken erraten. Ihr Flehen war schon wieder vergessen.

„Lass uns abhauen!“, drängte Stan. „Wir schaffen es sicher.“

Hin und her gerissen von seinen Wünschen und Befürchtungen starrte der alte Buz Williamson auf das Tor, das er kaum noch in der herabsinkenden Nacht erkannte. Die Dunkelheit und die Buschgürtel dahinter verdeckten die Ranchgebäude. Niemand näherte sich.

Und der Posten verharrte neben dem Tor und schien sie zu beobachten. Vielleicht war er der Meinung, schon zu viel gesagt zu haben.

„Du hast alles falsch angefasst“, sagte die Frau. „Die genieren sich gar nicht, uns hier zu verheizen.“

„Wir wollen abwarten, ob Blessing erscheint“, sagte Buz Williamson heiser. „Und ob er allein ist.“



10

Poncho Blessing stand am Fenster im dunklen Arbeitszimmer und blickte auf die Büsche und Bäume, die jenseits der Mauer das Gelände abschirmten. Hinter ihm verharrte der Wächter an der Tür. Er schaute durch den Raum, in dem er praktisch nur noch den Mann undeutlich vor dem helleren Fenster erkannte.

„Williamson war ein brauchbarer Mann“, sagte Blessing gegen die Scheibe. Seine mittelgroße, schlanke Gestalt bewegte sich keinen Zoll. Das knochige Gesicht wirkte wie eine Totenmaske. Nichts verriet, was er dachte.

Der Wächter gab keine Antwort, weil er wusste, dass sein Boss keine von ihm erwartete.

Blessing drehte sich langsam um. Er hatte sich seines Ponchos bereits entledigt und war im Begriff gewesen, zu Bett zu gehen, als der Posten ihn alarmierte.

„Aber zu seiner Station kann er sowieso nie mehr zurück. Anderweitig kann er in Arizona nicht mehr für uns tätig werden. Ist er nutzlos geworden?“

„Es sieht ganz danach aus, Boss.“

Blessing nickte. Da ihm praktisch nie widersprochen wurde, hatte er keine andere Antwort erwartet. „Und wenn sie ihn irgendwo aufgreifen, redet er aus lauter Angst und plaudert alles aus.“

„Dann können wir von Glück reden, dass er hier aufgetaucht ist.“

Der Wächter grinste, was Blessing jedoch wegen der Dunkelheit im Raum nicht sehen konnte.

„Nimm noch ein paar Männer mit und holt sie herein! Und wenn sie sich widersetzen, dann nichts als drauf. Damit sie gleich wissen, was die Uhr geschlagen hat. Wir werden sie der Arbeit zuführen. Immerhin wieder vier Leute, die eine Weile durchhalten werden.“

Der Wächter verließ den Raum. Blessing wandte sich wieder dem Fenster zu und schaute in den Hof hinunter. Es dauerte nicht lange, dann traten Männer mit brennenden Sturmlaternen aus dem Haupthaus. Hank Blessing öffnete das Fenster.

„Wartet!“, befahl er. „Wartet, ich gehe mit.“

Er hatte sich plötzlich anders entschieden und wollte dabei sein und die Williamsons persönlich in seinem Reich empfangen.

„In Ordnung, Boss“, sagte der Posten unten.

„Und sattelt für alle Pferde, falls es doch Schwierigkeiten gibt. Denn das wird denen nicht gefallen.“

Die Männer gingen zum Stall. Blessing wandte sich um und zog den auf der Stuhllehne hängenden Poncho über. Er lockerte den Colt in dem Holster und verließ den Raum.

Als er den Hof betrat, wurden die Pferde bereits gesattelt. Drüben, bei den Baracken der Gefangenen, standen Postenketten mit angeschlagenen Gewehren Wache. Alle Tore waren geschlossen. Drinnen regte sich nichts. Vermutlich schliefen die erschöpften Zwangsarbeiter längst.

Blessing stieg auf das für ihn bestimmte Pferd und wartete, bis seine Leute soweit waren. Gewehre wurden repetiert. Dann öffnete einer das Tor in der Mauer.

„Haben die Williamsons Pferde?“, fragte Blessing. „Oder sitzen sie auf einem Wagen?“

„Der Alte und einer seiner Söhne reiten. Die Frau und der andere Strolch sitzen auf einem Wagen mit zwei Pferden davor.“

„Dann nehmen wir genügend Hunde mit. Falls denen einfallen sollte, meine Idee nicht sehr gut zu finden und die Lalaja Mountains wieder zu verlassen.

Drei Reiter stiegen wieder ab und holten die großen Hunde aus einem Zwinger neben den Stallungen. Blessing ritt hinaus und durch die Buschgürtel. Die Meute strich an ihm vorbei.

„Zurück!“, befahl er.

„King, hierher!“, rief der Posten, der Blessing benachrichtigt hatte.

Das Rudel blieb hinter Blessing zurück. Er sah das Tor, aber noch nichts von dem, was davor in der Waldschneise lag.



11

Buz Williamson hörte den Hufschlag. Wie er schon befürchtet hatte, mussten das mehrere Reiter sein. Fünf vielleicht oder noch mehr.

„Hörst du es!“, flüsterte Les, der zusammengeduckt wie ein sprungbereites Raubtier im Sattel hockte.

„Ich bin nicht taub“, maulte der Alte, nach wie vor unentschlossen, was er tun solle.

Lora Williamson stand auf dem Bock auf. Der Wächter auf dem Weg schaute hinter sich und ritt ganz ans Tor.

Da tauchten die Laternen auf und ließen die Silhouetten der Männer, Pferde und Hunde erkennen. Lora stieß einen entsetzten Schrei aus und fiel auf den Bock zurück.

„Nichts wie weg!“, schrie Stan und knallte mit der Peitsche.

Die Pferde zogen an, rissen das Gefährt vorwärts und stießen die beiden Reitpferde aus dem Weg. Hart wurde Buz Williamsons Pferd vom Wagen gestreift und sprang wiehernd zur Seite.

„Halt!“, schrie der Posten und feuerte aus seinem Gewehr in die Luft. Die Kugel pfiff in die Baumkronen. Ein dünner Ast brach ab.

Zu Stans Glück war die Schneise genügend breit, dass er umlenken konnte.

Die Reiter galoppierten zum Tor.

„Anhalten!“, befahl Poncho Blessing.

Die Hunde schlugen an. Der Posten vor dem Tor feuerte wieder. Diesmal gezielt. Aber sie hatten Glück. Die Kugel schrammte in die hintere Bordwand des Wagens. Stan knallte mit der Peitsche.

„Schneller, ihr müden Böcke!“, rief die Frau.

Buz und Les sprengten hinter dem Gefährt her. Am alten Williamson pfiff eine Kugel haarscharf vorbei.

„In den Wald!“, brüllte der Alte.

„Bist du verrückt, da bleibt der Wagen zwischen den Bäumen stecken!“, schrie die Alte. „Bleib auf dem Weg, Stan! Zum Teufel, warum haben wir zwei eigentlich keine Reitpferde?“

„Weil wir verrückt sind!“, fauchte Stan. •

Er beließ es nicht dabei, über die Pferde hinweg zu schlagen und sie allein mit dem Knallen anzutreiben, nein, er schlug direkt hin und traf die glänzenden Felle. Die Tiere vollführten bockende Sprünge und beschleunigten das Tempo derart, dass der Wagen ebenfalls springend hinterherjagte und so sehr ins Schlingern geriet, dass er jeden Augenblick umstürzen konnte.

Buz feuerte aus seinem Revolver hinter sich. Die Feuerzungen warfen gespenstisches Licht in die Schneise. Aus dem Wald hallte das Echo aller Geräusche mehrfach zurück. Es klang, als tauchten von überall schießende Reiter auf.

„Da geht ein Weg hinein!“ Die alte Lora Williamson deutete nach links.

Stan lenkte die Pferde in den schmalen, unbekannten Weg. Hinter ihnen folgten die Reiter mit den kläffenden Hunden.

„Halt!“, schrie der Alte. „Halt an, Stan, dann jagen sie vielleicht vorbei.“

Stan zügelte die Pferde.

„Du bist verrückt!“, wetterte die Alte. „Wir haben doch einen schönen Vorsprung!“

„Nichts haben wir. Schon gar nicht, wenn sie die Hunde erst mal richtig suchen lassen. Dann können wir einpacken.“

Das Schießen in der Schneise hielt an. Damit bestätigte sich Buz Williamsons Verdacht, dass sie zunächst aufs Geradewohl dahingaloppierten. Bis aus dem Wald hinaus dürfte es dabei auch bleiben.

Die Geräusche entfernten sich wieder. Im Wald grollte das Echo weiter.

Williamson wischte sich den Schweiß mit dem Ärmel vom Gesicht.

„So, etwas langsamer weiter.“

Stan schnalzte mit der Zunge. Jetzt mit der Peitsche zu knallen, wagte er nicht.

Da brach das Knattern der Schüsse ab, und das Echo verstummte allmählich im Wald.

„Gleich sind sie wieder hinter uns her“, jammerte die Frau. „Schneller, Stan, schneller!“



12

„Verdammt!“ Poncho Blessing beugte sich über den Hals seines Pferdes. Aber er sah nicht mehr als vorher. Seine Männer zogen die Köpfe ein.

„Ist der Posten hier, der auf die Williamsons aufgepasst hat?“

„Nein, Boss“, sagte einer aus dem Rudel.

„Sein Glück.“ Blessing blickte weiter herum. Hier, vor dem Wald, war die Dunkelheit wesentlich weniger intensiv als unter den Baumkronen. So wusste er auch, dass sie den Wagen und die beiden Reiter nicht mehr vor sich haben konnten. Es wären noch Geräusche zu hören gewesen, dessen konnte er völlig sicher sein.

„Zurück!“, befahl er. „Lasst die Hunde die Spuren aufnehmen! Die dürfen nicht entwischen. Der alte Narr könnte auf den Gedanken verfallen, sich rächen zu wollen und den Behörden vielleicht einen Brief schreiben. Wenn der in die falschen Hände gerät, wird mehr Staub aufgewirbelt, als sich in zehn Jahren wieder setzen kann.“

Sie galoppierten in die Schneise zurück. Die nervösen Hunde erhielten Befehle und irrten auf dem Weg herum.

„Hier gibt es Dutzende frischer Spuren“, sagte jemand. „Das wird doch nichts, Boss. Wir müssten schon etwas von den Leuten haben, damit sie die Witterung aufnehmen können.“

„Versucht es da, wo der Wagen gestanden hat. Etwas schneller, verdammt!“

Die Reiter beeilten sich, den Befehl ihres unwirsch werdenden Bosses zu befolgen. Mit Hank Blessing war nicht gut Kirschen essen, das wussten sie genau.

„Hier stand er!“, rief jemand.

„Das Nashorn soll herkommen!“, bellte Blessing. Er stand in den Steigbügeln auf und wartete, bis der Posten bei ihm auftauchte. „Bist du von allen guten Geistern verlassen? Du musstest dichter dran bleiben, du Hohlkopf! Und sofort ein Pferd abknallen, als sie durchdrehten.“

„Ich hatte nicht den Eindruck, dass sie was riechen würden, Boss“, entschuldigte sich der Mann.

„Dein Eindruck interessiert mich nicht, verdammt! Was denkst du denn, was los geht, wenn die plaudern?“ Der Mann duckte sich immer tiefer und war hinter dem Pferdekopf kaum noch zu sehen. „Darüber reden wir, wenn ich mehr Zeit habe.“ Blessing wandte sich den anderen Männern zu.

Die Kerle brüllten auf die Hunde ein, dass sie gefälligst die Spuren aufnehmen sollten, als könnten die Tiere sie verstehen.

„Nein, das wird nichts“, sagte jemand.

„Dann teilt euch. Vielleicht können die Hunde doch noch nützlich werden. Nehmt sie mit!

Die ersten Reiter trieben ihre Pferde an und tauchten mit den Hunden im Wald unter. Ein Tier schnupperte noch auf dem Boden herum.

„Stand der Wagen dort?“ Blessing schaute finster zu dem zusammengestauchten Wächter. Was er mit dem vorhatte, wusste er in dieser Stunde selbst noch nicht.

„Ja, da stand er.“

Der Hund lief mit der Nase am Boden durch die Schneise. Der Führer des Tieres hinterdrein.

„Dranbleiben!“, befahl Blessing. „Los reitet mit ihm!“

Alle noch dagebliebenen Reiter schlossen sich dem suchenden Hund an.



13

„Wir hauen auf schnellstem Wege ab aus Arizona!“ Lora Williamson schlug mit der Faust bekräftigend auf die Lehne am Bock. „Und wenn du was anderes sagst, soll dich der Satan holen und im Fegefeuer rösten, du alter Trottel!“

„Gleich hole ich dich herunter und prügle dich windelweich!“, brüllte Buz Williamson.

„Versuch es nur!“ Die keifende Alte nahm Stan die Peitsche aus der Hand. „Na, was ist, keine Traute mehr?“

Fluchend ritt der alte Williamson weiter durch den Wald. In seiner Ratlosigkeit, mit der Angst im Nacken, war er konfus wie bei der kopflosen Flucht von der Station. Jetzt wurden sie zu allem Überfluss auch noch von Poncho Blessing und seinen Bluthunden gehetzt.

Herumliegende Äste brachen unter den Hufen und Rädern und barsten knackend. Die aus dem Wald zurückschallenden Geräusche ließen Williamson immer wieder anhalten und lauschend nach hinten blicken.

Stan nahm seiner Mutter die Peitsche ab und schlug auf die Tiere ein, weil sie seiner Meinung nach zu langsam liefen. Buz Williamson befand sich inzwischen hinter dem Wagen. Anstelle des Colts hielt er jetzt sein Gewehr in der Hand und hoffte, auch den Mut zu haben, zu schießen, wenn er Poncho Blessing wirklich sah.

Vor den Revolvermännern hatte er keinen Respekt. Das waren nur Handlanger, auf die er kaltblütig anlegen würde. Aber bei dem eiskalten Poncho Blessing sah das doch wesentlich anders aus. Der bloße Anblick des totenstarren Gesichts ließ Williamson jedes Mal erschauern, wenn er hier die unglücklichen Opfer ablieferte, die ihm selbst in die Falle gegangen waren.

„Fahr doch etwas schneller, Stan!“, schimpfte die Alte. „Du schläfst gleich ein!“

Der Junge knallte heftig mit der Peitsche. Das Echo gaukelte Buz Williamson vor, dass die Verfolger bereits dichtauf wären. Er zügelte sein Pferd und wendete es, so dass er den Weg zurückblicken konnte.

„Buz, auf was willst du denn dort warten?“, brüllte Lora. „Ist er verrückt geworden, oder tut er nur so?“ Niemand tauchte aus dem tiefen Dunkel auf.

Buz Williamson folgte dem Wagen. Da, ein durchdringendes Pferdewiehern!

Die Alte fluchte in allen Tonlagen.

„Was ist passiert?“ Williamson sah den Wagen und hielt an.

„Der Dummkopf muss Tomaten auf den Augen haben!“, zürnte die Alte. „Lässt die Gäule gegen einen Baum laufen. So ein hirnverbrannter Idiot! Wenn man nicht alles selbst macht!“

Stan stieg ab. Buz Williamson ritt am Wagen vorbei und erkannte undeutlich, dass ein Zugpferd rechts eines Baumes im Unterholz stand, das andere links davon.

„So ein Idiot!“, wetterte die Alte. „So blöd, wie die Nacht schwarz ist!“

Buz stieg ab und half Stan, die Pferde rückwärts zu drängen.

„Pass auf, dass wir jetzt nicht hinten anrennen!“, meldete sich Lora Williamson wieder. „Ab jetzt fahre ich. Kann man doch wirklich sehen, wenn ein Baum im Wege steht!“

„So, steig auf“, sagte Buz Williamson. „Und halt dir die Ohren zu, wenn es mit ihr zu schlimm wird.“

Stan kehrte zum Bock zurück und kletterte hinauf. Die Alte gab ihm die Zügel und die Peitsche nicht wieder, sondern trieb die beiden Tiere selbst an.

„Ho, ho! Vorwärts, wir haben es eilig. Und lasst die Bäume stehen, ihr verdammten Gäule!“

Buz saß auf und blickte wieder zurück. Les lenkte sein Pferd an die Seite des Vaters.

In die vielfältigen Geräusche mischte sich das jähe Kläffen eines Hundes. Stan brüllte, dass sie sich beeilen sollten. Aber Buz Williamson und Les schauten in die Dunkelheit, hielten den Atem an und lauschten.

Da ertönte wieder das Kläffen, näher als zuvor. Buz repetierte das Gewehr.

„Los, wir hauen ab!“

„Scheint nur ein Hund zu sein.“

„Na und? Ich höre mindestens ein halbes Dutzend Pferde. Schieß nicht, dann wissen sie vielleicht nicht, wo sie suchen müssen.“

„Das nimmt ihnen der Hund doch ab.“ Buz Williamson ließ das Gewehr trotzdem sinken und ritt mit Les hinter dem Wagen her.

„Sie knallt zu laut mit der Peitsche und brüllt, dass man es meilenweit hören muss!“

„Sinnlos, darüber mit ihr reden zu wollen“, knurrte der Alte.

„Vorwärts, vorwärts!“ Lora Williamson stand auf dem Bock und schlug auf die beiden geschundenen Pferde ein. „Na, sind wir jetzt schneller?“

Buz Williamson gab ihr keine Antwort. Er schaute zurück und meinte, das Bellen des Suchhundes zu hören.

„Was war das?“, schrie Stan entsetzt.

„Ein Bluthund!“, rief Les zurück.

„Sie holen uns ein!“ Stans Stimme drohte überzuschnappen.

„Weil du zu langweilig gefahren bist. Wundert dich das noch?“ Die Alte drosch auf die Pferde ein. „Nun schieß doch endlich, Buz! Wozu hast du denn das Ding in der Hand, wenn du es nicht benutzt?“

Der alte Williamson hoffte immer noch, die Verfolger in die Irre führen zu können.

„Hier herum, Lora!“ Er schob das Gewehr in den Scabbard und brachte den Zügel des links eingeschirrten Pferdes an sich. Mit Gewalt lenkte er den Wagen in eine neue Richtung.

Vor ihnen lichtete sich der Wald plötzlich. Der Mond war aufgegangen und warf gespenstisches Licht in die Schlucht, die sich vor ihnen öffnete.

„Aber jetzt!“ Die Frau schlug wieder auf die Tiere ein.

Die Eisenräder rutschten auf dem Gestein, holperten über Hindernisse und durch Löcher und versetzten das Gefährt in Schlingerbewegungen.

Buz Williamson entfernte sich etwas vom Wagen und zog das Gewehr wieder aus dem Futteral am Sattel. Er schaute zurück und sah einen großen Hund auftauchen. Reiter sprengten aus dem Wald. Rufe tönten den Fliehenden nach. Die Verfolger feuerten. Kugeln winselten vorbei oder trafen die schroffen Felswände, prallten ab und jaulten durch den Canyon.

Buz Williamson schoss hinter sich und verlor beinahe das Gewehr dabei.

„Les, warum schießt du nicht?“ Die Frau gab Stan die Peitsche. „Los, du wieder! Ich kann den Arm kaum noch heben!“

Les auf der anderen Wagenseite feuerte in die Dunkelheit.

Der kläffende Bluthund vollführte einen Luftsprung, stürzte, sprang wieder auf und hetzte weiter.



14

Danago suchte im Mondlicht ein Stück voraus den Boden ab. Ich hielt die beiden Pferde und schaute auf den Papago.Krieger, der sich abmühte, eine Spur zu finden. Danago richtete sich auf und kehrte zurück.

„Wir müssen falsch sein“, sagte ich.'

„Sind wir schon in den Lalaja Mountains?“

„Ja.“

Danago wandte sich um und schaute auf die skurrilen Felsgebilde, die uns umgaben. Nach Norden zu erstreckte sich eine Schlucht zwischen Felswänden und in einen Wald hinein, zwängte sich zwischen steil aufragende, von Höhlen unterminierte Berge und führte vor dem schwarzen Gehölz auf den Hängen wieder auseinander. Dutzende von Wegen konnte man kreuz und quer durch diese versteinerte Welt nehmen.

Ich konnte mir nicht vorstellen, hier auch nur einen der verschwundenen Menschen zu finden.

Plötzlich war mir, als hörte ich Schüsse. Die Geräusche kamen von Norden, wo Felstürme höher standen als auf den anderen Seiten.

Danago lauschte ebenfalls.

Binnen weniger Sekunden nahm der Lärm derart zu, dass es keine Verwechslung mehr geben konnte. Ich stieg in den Sattel. Danago saß mit einem Sprung auf seinem Armeepferd. Nebeneinander schlugen wir die Richtung zu den hohen Granittürmen ein. Die Pferde trugen uns eine flache Halde hinauf. Hundekläffen mischte sich in das Krachen von Gewehren. Auch ein scharfes Knallen ließ sich aus den vielfältigen Geräuschen heraushören.

Hinter dem Kamm stand vertrocknetes Buschwerk, das uns die Sicht versperrte. Wir ritten hinunter, bis wir die Schlucht sehen konnten.

Ein von zwei Reitern begleiteter Wagen raste schlingernd durch die Nacht. Ich meinte, Lora Williamson auf dem Bock stehend zu erkennen und auf die Tiere einzuschlagen. Der Alte daneben musste Buz Williamson sein. Er feuerte gerade hinter sich.

Ein Hund flog mit langen Sätzen hinter dem Wagen her, gefolgt von einer Reiterhorde, die die Fliehenden mit Kugeln eindeckte.

„Williamson!“, rief ich Danago zu. „Der hat mich übel in die Pfanne gehauen und weiß bestimmt eine ganze Menge!“

In diesem Augenblick holte die Dogge den Wagen ein und wollte von hinten hineinspringen. Aber das holpernde Gefährt wurde gerade nach oben katapultiert. Die Räder drehten sich in der Luft. Der Hund prallte gegen die Planke und stürzte aufs Gestein zurück.

Ich legte die Winchester an und feuerte auf die Verfolger, in denen ich jene raubeinigen Cowboys zu erkennen meinte, die schon einmal meinen Weg gekreuzt hatten.

Danago schoss mit der Sharps.

Der Hund verfolgte den Wagen bereits wieder. Auch die Reiter holten jetzt rasch auf.

Buz Williamson und sein Sohn Les lenkten die Pferde den Hang hinauf uns entgegen.

„Buz, du feiges Schwein, hau nicht ab!“, wetterte die Frau auf dem Bock.

Schon wechselte der Bluthund die Richtung und lief den Reitern nach.

Ich repetierte die Winchester, legte an und feuerte. Der Hund überschlug sich und blieb liegen.

Hinter dem Wagen teilten sich die Kerle. Während der größere Teil das Gefährt einholte, galoppierten ein paar hinter den flüchtenden Reitern her. Les feuerte noch hinter sich. Der Alte schlug nur auf sein Pferd ein.

In der Schlucht wurden die Wagenpferde von der Horde gestoppt.

Ich repetierte und schoss an den flüchtenden Männern vorbei im Schnellfeuer auf die Verfolger.

Einer der Kerle stieß einen erschrockenen Schrei aus und stürzte aus dem Sattel. Er schlug auf die Halde und rutschte auf nachgebendem Geröll ein Stück zurück. Die beiden anderen zügelten die Pferde.

Danago schoss aus seinem erbeuteten Colt, und ich setzte das Feuer aus der Winchester fort.

Der dritte Verfolger erhob sich und humpelte zusammengekrümmt seinem Pferd nach.

Buz Williamson und sein Sohn Les galoppierten an mir vorbei und über den Kamm. Schießend schlossen wir uns an. Ich sah noch, wie der Wagen in der Schlucht von der Reiterhorde umringt wurde.

Dann lag die Höhe hinter uns. Am Waldsaum holte ich vor Danago die beiden Williamsons ein. Sie sahen geschockt aus und erschraken zusätzlich, weil sie mich offenbar erst in diesem Moment erkannten.

„In den Wald!“, befahl ich. „Und runter von den Pferden.“

Sie lenkten die Tiere in die Dunkelheit zwischen den winterharten Kiefern und sprangen ab. Danago und ich folgten den beiden.

„Stehenbleiben!“, befahl ich.

Wir lauschten, konnten aber von den Verfolgern nichts hören. Von der Höhe polterte ein Stein herunter, drang ins Gehölz ein und verfing sich im Unterholz.

„Sie wagen sich nicht hierher“, sagte ich. „Noch nicht, weil sie zu wenige sind. Aber wenn sich die anderen noch hinzugesellen, suchen sie nach uns.“

„Es war nur der eine Hund“, entgegnete der Papago-Krieger. „Sie finden uns so nur schwer.“

„Wir gehen weiter“, schlug ich vor. „Langsam und möglichst leise.“

Die Williamsons widersprachen nicht, blieben aber stehen.

„Na los!“, herrschte ich den Alten an.

Er zog den Kopf ein und führte das Tier tiefer in den Wald.



15

„Lasst mich los, ihr verdammten Blutsauger!“, fauchte Lora Williamson die Kerle an, die sie bedrängten. Wild schlug sie mit beiden Fäusten um sich.

„He, ist das eine Furie!“, rief einer der Kerle.

Lora verschaffte sich Platz und wollte fliehen. Aber ein Mann warf ihr das Gewehr zwischen die Füße. Prompt stolperte sie darüber und stürzte der Länge nach auf den Weg. Brüllendes Gelächter war die Reaktion der Bande.

Stan wollte den Augenblick nutzen, in dem sich niemand um ihn kümmerte. Er sprang auf eins der gesattelten Pferde, die neben dem Wagen herumstanden und trieb es an.

„Achtung, der Kerl will sich verdrücken!“, rief ein wachsamer Mann.

Sie konnten ihn nicht mehr schnappen. Doch ein drahtiger Wächter schwang sich auf seinen schnellen Rappen und jagte hinter Stan her. Er löste das Lasso vom Sattel und schwang es aufgerollt in der rechten Hand. Abwechselnd traf es den Hals und die Hinterhand des Pferdes und veranlasste es zu immer größerer Geschwindigkeit. Hart trommelten die Hufe auf den Boden. Funken stoben zu der Felswand, an der sich das Hämmern brach.

Stan schaute gehetzt zurück, schmetterte die Faust zwischen die Ohren seines Wallachs und bohrte ihm die Absätze der ausgetretenen Stiefel in die Flanken. Es nutzte nichts. Der Abstand verringerte sich zusehends.

Stan besaß keine Waffe und sah keine Chance mehr, wie der Alte und Les das Glück zu haben, den Banditen zu entwischen. Scharf riss er den Wallach herum, als er neben sich einen Hohlweg sah, der wie eine breite Spalte zwischen die zerrissene Felswand führte.

Das Manöver erfolgte zu spät. Schon warf der Verfolger das Lasso. Stan ritt geradewegs in die tanzende Schlinge hinein. Sie zog sich um seinen Oberkörper zusammen und presste ihm die Arme gegen die Rippen. Er wurde vom Sattel auf die Hinterhand des Wallachs gerissen und stürzte aufs Gestein.

Der Kerl lachte triumphierend.

„Wie konntest du dir nur einbilden, abhauen zu können?“ Er lenkte das Pferd scharf herum und setzte ihm die Sporen ein.

Das Lasso straffte sich. Stan wurde über den Granitboden gerissen und brüllte, als würde er aufgespießt. Zwei weitere Männer tauchten auf.

„Holt den Gaul zurück! Um den Kleinen kümmere ich mich!“

Die beiden jagten vorbei und den Hohlweg hinauf. Der Kerl hielt an. Stan kniete und wollte aufstehen. Da gab der Mann unter wildem Gelächter dem Pferd wieder die Sporen. Stan wurde umgerissen und weitergeschleift.

Die Alte zeterte und wetterte noch, obwohl sie gebunden neben dem Wagen lag und längst keine Chance mehr hatte, die üble Situation zu ändern.

Stan schrie. Sein Gesicht schrammte über den Boden. Sein Hemd ging in Fetzen und blieb hinter ihm zurück. Bevor auch er am Wagen lag, war seine Haut aufgerissen und blutverschmiert.

Der Wächter ließ das Lasso fallen.

„Da habt ihr ihn wieder.“

„So ein Blödmann. Was hast du dir denn dabei gedacht, Kleiner?“

„Der Teufel soll euch holen!“, schrie die Frau. Sie versuchte immer noch, sich der Stricke zu entledigen, was den Wächtern neue Heiterkeitsausbrüche entlockte.

Die beiden Reiter kehrten mit dem Wallach zurück. Stan wurde wie die Alte gefesselt.

Danach schauten die Reiter zum Kamm hinauf. Erst da geriet der Verletzte in ihr Blickfeld. Er saß auf einem Stein und versuchte gerade, sich selbst mit dem vom Hemd gerissenen Ärmel zu verbinden.

„Ist es schlimm, Stiv?“, fragte einer.

Der Mann fluchte abscheulich.

„Offenbar hält er es ganz gut aus, so wie er fluchen kann“, meinte ein anderer.

„Was waren das für Kerle?“ Der Wortführer der Meute schaute zu der Höhe hinauf, über die die Williamsons entwischt waren. „Was haben die hier zu suchen?“

„Wir müssen sie finden, sonst gibt es Ärger“, sagte ein anderer.

„Drei Mann bleiben hier und bewachen die beiden“, bestimmte der Anführer. „Falls die Alte wieder loslegen sollte, stopft ihr einen Knebel in den Mund. Wäre doch gelacht, wenn wir mit denen nicht fertig würden. Los, Leute!“

„Habt doch Erbarmen“, sagte die Frau mit veränderter Stimme zur allgemeinen Verblüffung der Schurken.

„Was ist denn jetzt los?“ Der Wortführer zog die Augenbrauen hoch und hatte eine steile Falte auf der Stirn.

„Wir sind doch Geschäftspartner!“, flehte die Frau. „Freunde! Habt ein Herz mit einer alten Frau.“

„Die spinnt“, sagte einer wegwerfend. „Das muss man nicht so tragisch nehmen.“

„Vorwärts!“ Der Anführer ritt die Halde hinauf.



16

Wir standen vor einer senkrecht aufragenden Felswand mitten im dichten Kieferngehölz und hörten das entfernte Knacken von zu Boden gefallenen Ästen, die unter den Hufen von Pferden brachen.

„Sie sind überall“, flüsterte Buz Williamson. Er schien mit den Nerven völlig am Ende zu sein, so dass ich keinen Gegner mehr in ihm sah, den es mit Vorsicht zu genießen galt.

Danago stand auf der anderen Seite der beiden.

„Haltet den Pferden die Nüstern zu! Sie rücken näher.“

„Wieso redet der Indianer so perfekt in unserer Sprache?“, fragte Les.

„Du hast wohl geglaubt, so was gibt es nicht, was?“, fragte ich zurück.

„Ich dachte, die Wilden ...“ Les brach ab und biss sich auf die Unterlippe.

„Halt’s Maul, du redest nur dummes Zeug!“ Der Alte fluchte verdrossen und hielt dem Pferd wie befohlen die Nüstern zu.

Wir lauschten wieder in die Dunkelheit vor uns. Hin und wieder hörten wir, dass die Kerle noch in der Nähe weilten. Doch bald entfernten sich die Geräusche in Richtung Westen.

Buz Williamson ließ sein Pferd als Erster los. „Sie sind fort.“

„Dann hauen wir ab!“, verlangte Les.

„Ich dachte, ihr wolltet uns etwas erklären“, sagte ich. Diese beiden Kerle hatten die weißen Männer nämlich offenbar verschwinden lassen - zumindest jene, nach denen ich suchte.

Les trat zurück, um hinter seinem Vater zu verschwinden. Da ich ihm nicht über den Weg trauen durfte, stieß ich Buz Williamson zur Seite, packte den Sohn am Hemd und schob ihn zwischen die schnaubend zur Seite weichenden Pferde. Ich stieß ihn gegen die Wand und ließ los.

„Ihr packt jetzt aus. In die Pfanne gehauen habt ihr mich schon. So was klappt nur einmal!“

„Wir sind am Ende“, murmelte der alte Williamson mit gesenktem Kopf.

„Wo sind die Leute, die ich suche?“

„Nicht weit von hier entfernt gibt es eine große, versteckte Ranch in den Bergen. Eigentlich eine große Farm, ein Musterbetrieb an Wirtschaftlichkeit.“

Ich blickte ihn scharf an und fragte mich, ob er die Wahrheit sagte oder mir einen Bären aufbinden wollte.

„Die Arbeit wird ausschließlich von Gefangenen ausgeführt“, berichtete Williamson weiter.

„Du redest dich um Kopf und Kragen“, knurrte Les.

„Wir sitzen zwischen den Stühlen, falls du das noch nicht gemerkt haben solltest.“

„Weiter“, sagte ich.

„Wir haben ihnen geholfen, Arbeitskräfte zu finden.“ Williamson zuckte mit den Schultern. „Leute, die sowieso im ganzen Leben nichts getan haben, Strolche, Wegelagerer, die eigentlich an den Galgen gehörten. Auch mal ein paar verdammte Tramps, die bei uns schnorren wollten. Aber der Bedarf wurde immer größer, weil die Felder größer wurden. Wir mussten mehr Zwangsarbeiter beschaffen, als es Tagediebe in dieser Gegend gab.“

Ich begriff, dass er tatsächlich die Wahrheit sagte.

Danago starrte den ehemaligen Stationer wie einen bösen Geist an.

„Haben die Banditen auch Indianer auf dieser Ranch?“, fragte ich.

„Alles, was man sich an Rassen denken kann. Chinesen, Mexikaner, Schwarze. Selbstverständlich auch Indianer.“

„Und als der Bedarf größer wurde, habt ihr auch Reisende gefangengenommen, wie? Die wurden in die Kammer mit dem vernagelten Fenster und den vielen Riegeln an der Tür gesperrt, bis sie abtransportiert werden konnten, nicht wahr?“

„Wir hatten keine Wahl. Poncho Blessing hatte uns in der Hand. Ein Wink an Homer in Willow oder an einen US-Marshal, und wir wären fällig gewesen.“

„Poncho Blessing ist der Boss?“

„Ja.“

Ich dachte an den finsteren, eiskalten Mann im Poncho, der noch bei der größten Tageshitze den Eindruck erweckte, als wäre ihm kühl.

„Am Anfang fanden wir das alles sehr in Ordnung“, berichtete Williamson mürrisch weiter. „Die Landstreicher konnten ruhig mal was tun. Und bevor man Indianer in Reservate steckt und für sündhaftes Steuergeld durchfüttert, war es doch vernünftiger, wenn sie selbst den Lebensunterhalt verdienten.“

„Wie war das, wenn ein Reisender dran glauben musste?“, fragte ich. Williamsons Rechtfertigungen interessierten mich nicht.

„Wenn einer darunter war, dem man den Einzelgänger anmerkte, holten wir ihn ins Haus und horchten ihn aus. Ob er irgendwo Verwandte hat, wohin er will, woher er kommt und so weiter. Wenn sich dabei herausstellte, dass er nirgendwo Anhang hatte, erhielt er schon mal ein schnell wirkendes Durchfallmittel in den Whisky. Dann zögerten wir die Abfahrt ein wenig hinaus, und schon hatten wir einen Kranken auf der Station.“

„Wie einfach“, sagte ich, bemüht, mein Entsetzen über diese Sippe zu verbergen. „Und Sam Huston, der zu seinem Bruder unterwegs war?“

„Der dämliche Kerl hat nichts von sich erzählt“, erwiderte der alte Williamson. „Der tat, als wäre er zum reinen Zeitvertreib unterwegs. Und wir mussten wieder dringend an Poncho Blessing liefern. Also sonderten wir ihn etwas ab. Da war günstig, dass er halbwegs einen Sonnenstich hatte. Die Fahrt war ihm gar nicht bekommen. Ein Whisky mit unserem Spezialpulver, und schon saß er auf dem Klo, bis es dämmerte.“

Les grinste in der Erinnerung, verschluckte aber das hämische Lachen, das über seine Zunge wollte.

Ich schaute Danago an und merkte, dass der Indianer begriff, was da abgelaufen war.

„Allerdings mussten wir Huston ein paar Tage im Haus behalten. Eben, weil es ihn so stark erwischt hatte. Wir hatten ihn schon tags darauf abtransportieren wollen. Das ging nicht. Dann erschien Baine mit seinem Fuhrwerk. Und oben hat Huston gewettert und gegen die Tür geschlagen. Um Hilfe schrie er auch. Stan, der Idiot, hatte ihn von den Fesseln befreit und ihm den Knebel abgenommen. Er dachte, Huston wäre noch so fertig, dass er allein nicht aufstehen könnte.“

„Und da habt ihr Baine auch eins auf den Kopf gegeben und ihn wie ein Paket verschnürt?“

Williamsons Gesicht zeigte Bedauern. „Was sollten wir sonst tun, Mister Carringo. Ehrlich, das lag nicht in unserer Absicht. War doch klar, dass er vermisst werden würde.“

„Ihr tut mir richtig leid“, sagte ich spöttisch. „Bestimmt rührt es den Richter zu Tränen, wenn er eure Geschichte hört.“

„Richter?“, stieß Les hervor.

„Was dachtest du denn?“, fragte ich scharf.

„Verdammt, die verbraten uns, Alter!“

Buz Williamson blieb bekümmert und halb gebrochen, als habe er sich bereits in sein Schicksal ergeben. Er seufzte sogar.

„Was hat Poncho Blessing denn für die Opfer bezahlt, Williamson?“, fragte ich weiter. „Das habt ihr doch nicht aus purer Menschenfreundlichkeit für die große, versteckte Ranch getan.“

„Ein paar Dollar“, murmelte Williamson.

„Wie viele!“ Mein Ton wurde schärfer.

Williamson hob den Kopf. „Unterschiedlich.“

Er schien nicht damit herausrücken zu wollen.

„Wie war der höchste Preis?“

„Zweihundert für einen kräftigen jungen Mann.“

Ich pfiff durch die Zähne.

„Das ist aber ein schöner Batzen Geld, Williamson. Da habt ihr euch ja goldene Nasen verdient.“

„Wäre es nur möglich gewesen, einmal damit aufzuhören“, jammerte Williamson. „Und Pete Baine, den Kutscher, wollten wir ja gar nicht verschwinden lassen. Das war sozusagen eine Kettenreaktion. Zu allem Überfluss mussten wir ja auch noch sein Fuhrwerk verstecken und einen Überfall vortäuschen. Deswegen brachten wir das Saatgut in unseren Silo. Was sollen wir mit dem Zeug anfangen? Das geht kaputt, bevor man es auf unserem bisschen Feld verbrauchen kann. Die Pferde stellten wir in den Stall. Das fiel zwar einem Fremden nicht auf, da sie alle den Wells-Fargo-Brand trugen. Aber wenn ein Schnüffler ...“ Williamsons Redefluss brach jäh ab.

„Wenn ein Schnüffler auftaucht, sieht das anders aus“, ergänzte ich.

„Hätten wir nur gewusst, dass Huston einen Bruder hat“, sagte der alte Mann bedauernd.

„Dann wäre er durchgelassen worden, und euer Geschäft würde heute noch florieren, wie?“

„Ja.“ Williamson hob den Kopf und starrte mich entsetzt an.

Ich lächelte. „Sie sind ein richtiger Mistkäfer, Williamson.“

„Mann, Vater, der horcht dich nur aus und erzählt dem nächsten US-Marshal alles weiter“, erklärte Les.

„Wir sind am Ende“, sagte der Alte gepresst. „Und wir haben alles falsch angepackt. Mit ein paar nutzlosen Landstreichern ... Ach so, das erzählte ich wohl schon.“

„Wie ist die Ranch gesichert?“

„Durch einen hohen Drahtzaun mit Stacheldraht daran. Und durch viele Posten mit Hunden.“

„Und weiter? Wie geht es dort zu?“

„Das weiß ich auch nicht, Mister Carringo. Wir haben unsere Ware abgeliefert, empfingen das Geld und hauten wieder ab. Diesen Abend fuhren wir zur Ranch und baten, für ein paar Wochen aufgenommen zu werden. Versteckt sozusagen. Dann wurde uns klar, dass wir wie die anderen verschwinden würden. Zwangsarbeiter! Als ob wir uns selbst verkaufen wollten. Da sind wir geflohen. Wie das ausging, haben Sie ja erlebt.“

„Ein Major Kent war vor Tagen mit fünfzig gefangenen Papago Indianern unterwegs. Er wollte mit seiner Abteilung die Indianer nach Sitgreave bringen. Aber von den fünfzig Papagos erreichten nur die Hälfte die Bahnstation. Die anderen fünfundzwanzig wurden in den Black Forrest Mountains vom Zug getrennt. Sind die Indianer auch auf dieser seltsamen Ranch?“

„Davon weiß ich nichts. Wir haben keine Ahnung, wo alles Leute gefangen werden. Auch nicht, wer das für Mister Blessing besorgt.“

„Du redest dich um den eigenen Hals“, maulte Les.

„Wir müssen Lora und Stan retten.“ Williamson schaute mich an. „Helfen Sie uns, meine Frau und meinen Sohn zu befreien?“

„Noch wissen wir nicht einmal, wo wir die Ranch finden“, erwiderte ich ausweichend.

„Sie nennt sich Paradise Ranch, Mister Carringo.“

„Ein schönes Paradies“, sagte ich ironisch.

„Ja.“ Der ehemalige Stationer nickte bekümmert. „Wir haben diese Entwicklung wirklich nicht voraus gesehen.“

Ich war schockiert von der Eröffnung und sah Danago an, dass es ihm genauso ging. Es gab auch kaum einen Zweifel daran, dass die verschollenen Papagos von den Soldaten verkauft worden waren und dort gesucht werden mussten, wo Huston und der Kutscher gelandet waren.

„Was passiert mit den Erzeugnissen der Ranch?“, wandte ich mich wieder an Williamson.

„Sie verkaufen das Zeug vorwiegend an die Armee.“

„Was?“, entfuhr es mir ungläubig. „Ja, das können Sie ruhig glauben. Das ist für alle ein lukratives Geschäft. Die Ranch hat sichere Abnehmer, und die Armee spart viel Geld dabei.“

„Dann müssten die Militärs ja wissen, was da gespielt wird?“

„Einige bestimmt.“

„Und Major Kent hat gar nicht unbedingt auf eigene Faust gehandelt.“

„Ich weiß darüber nichts“, versicherte Buz Williamson. „Aber wenn er unter den Augen vieler Soldaten so etwas tut, muss er die Gewissheit haben, dass nichts aus der Abteilung hinausdringt.“

„Genau“, stimmte ich zu. „Das kann er nur riskieren, wenn auch seine Vorgesetzten mit von der Partie sind.“

„Ich hätte ihm das nicht alles auf die Nase gebunden“, sagte Les unzufrieden. „Die verwenden es nur gegen uns. Keiner ist gezwungen, sich selbst zu verraten.“

„Er hilft uns dafür, die Mutter und Stan zu befreien“, erwiderte der ehemalige Stationer. „Das tun Sie doch, oder?“

„Sie führen uns zu dieser Teufelsranch, dann sehen wir weiter. Ich muss das Anwesen erst einmal sehen. Und möglichst aus der Nähe.“ Ich wandte mich um und lauschte in den Wald.

„Die sind fort“, murmelte Williamson.

Ich nahm Fox am Zügel.

„Keine Tricks, Williamson.“

„Mit denen bin ich fertig!“, versicherte der Mann.

„In Ordnung. Dann gehen Sie voran.“

Der Alte führte sein Pferd an mir und Danago vorbei und tiefer in den Wald.



17

Der Morgen graute bereits, als der Wagen im Innenhof der Teufelsranch hielt.

„So, da wären wir“, sagte einer der Wächter.

Lora Williamson und ihr Sohn lagen auf der Ladefläche und sahen die Mauer, das Haupthaus und die hoch aufragenden Bäume, die das Anwesen abdeckten. Sie wurden gepackt, vom Wagen gehoben und von den Fesseln befreit. Der finstere Kerl grinste sie an, während er die Stricke durchschnitt.

„Die braucht ihr jetzt nicht mehr. Wer hier mal drin ist, geht nicht mehr hinaus.“

„Noch nicht mal als Leiche“, setzte ein anderer hämisch hinzu.

Die sonst so großspurige Frau wagte keine Erwiderung. Sie zitterte am ganzen Körper, und ihre Zähne schlugen aufeinander, dass es die Männer hören konnten. Furchtbare Angst schnürte ihr die Kehle zu und trieb ihr Tränen in die Augen.

Poncho Blessing öffnete oben das Fenster und schaute heraus.

„Habt ihr sie?“

„Zwei, Boss“, erwiderte einer der Männer.

„Und die anderen?“

„Wir haben die ganze Nacht gesucht, Boss. Denen haben noch zwei andere geholfen.“

„Wer?“

„Keine Ahnung. Der Hund wurde erschossen. Dann waren wir ziemlich aufgeschmissen. Stiv hat es übrigens auch erwischt. Streifschuss am Arm. Ganz schöner Kratzer.“

Poncho Blessing wurde wütend.

„Ihr seid verrückt! Es darf niemanden geben, der weiß, was hier los ist. Unsere Existenz hängt davon ab. Wie viele habt ihr gesehen?“

„Mindestens noch zwei, Boss. Und die haben wie verrückt geschossen und den Hund erwischt.“

„Du wiederholst dich!“, sagte Blessing grollend. „Sucht die Kerle und schafft sie her! Beeilt euch! Nehmt genug Hunde mit!“ Blessing schmetterte das Fenster zu.

Zwei Männer bugsierten die Frau und ihren Sohn ins Haus.

Blessing öffnete die Tür seines Arbeitszimmers und wandte sich um. Als die Frau hineingestoßen wurde, lehnte er am Fenster.

Im Zimmer ließ sich wegen des Dämmerlichts noch nicht viel erkennen. Poncho Blessing schien auch etwas gegen Lampen zu haben, denn wie am Abend zuvor brannte keine.

Stan stolperte hinter der Mutter her. Die beiden Banditen postierten sich an der Tür, die Hände auf den Coltgriffen. Lora Williamson lief auf Blessing zu und warf sich vor ihm auf die Knie. Flehend rang sie die Hände.

„Gnade, Sir, Gnade für mich und den Jungen!“ Angewidert von der hässlichen Alten trat Blessing zur Seite. „Wir tun alles, was Sie wollen, aber lassen Sie uns nicht in den Baracken verschwinden!“ Sie kroch auf den Knien hinter ihm her und griff nach seinem Poncho. Sie wurde auf den Boden geschleudert, jammerte deswegen jedoch nicht, schimpfte auch nicht, sondern flehte weiter um Gnade.

„Wer hierher gebracht wird, muss arbeiten“, erwiderte der Ranchboss kalt. „Es gibt hier keine Leute, die müßig herumhocken oder die Ranch wieder verlassen dürfen. Aus welchem Grund sollte das Reglement wegen euch durchbrochen werden?“

„Wir haben Ihnen so viele Arbeitskräfte gebracht, Mister Blessing!“ Die Frau kniete wieder. „Und es war nicht unsere Schuld, dass wir die Station verlassen mussten.“

„Erzähle!“

„Ein Schnüffler der Wells Fargo tauchte auf. Und der wusste schon, was er wollte. Im Stall hat er sich umgesehen und von zu vielen Pferden geredet, die wir hätten. Er wollte nach Willow zurück und das nachprüfen. Sie hätten sofort gewusst, dass es nur die Pferde des Frachtwagens sein konnten, die wir überzählig hatten. Wir konnten dort nicht länger bleiben.“

„Schafft sie zu den Arbeitern!“, befahl Blessing, angeekelt von der Alten.

Die beiden Wächter näherten sich. Stan wurde gepackt und die Frau auf die Füße gezogen.

„Gnade!“, rief sie noch einmal.

„Die beiden werden getrennt“, sagte Blessing. „Sie zu den Weibern. Keine Ausnahmen!“

„Bedenken Sie doch, dass uns Gefangene erkennen werden“, wandte Stan ein. „Leute, die wir hierher brachten.“

Auf Poncho Blessings Gesicht lag längst wieder die maskenhafte Starre, die nicht erkennen ließ, was er dachte.

„Sie werden uns steinigen!“, rief die Frau in panischer Sorge um ihr verpfuschtes Leben.

Blessing gab keine Antwort. Die Wächter zerrten die Gefangenen hinaus.

Als sie bei dem noch im Innenhof stehenden Wagen anlangten, wurden die ausgemergelten, krummrückigen Gefangenen gerade aus den Baracken getrieben.

„Hier, zwei Neue!“, rief der eine Posten. „Nehmt Sie gleich mit, die wollen gern was tun!“

Lora Williamson und ihr Sohn wurden unter dem Hohngelächter der Aufseher getrennt und in zwei Arbeitskommandos gestoßen.

Chaco musste einen Augenblick stehenbleiben, weil Stan vor ihm in die Reihe taumelte. Er kannte den Burschen und die kreuzhässliche Alte nicht und wunderte sich über das Murren einiger Gefangener, das offensichtlich dem jungen Kerl galt.

Drüben, bei den Frauen verhielt es sich ähnlich. Ein paar Frauen gingen wie Furien auf die Alte los, die jammernd den Kopf abzudecken versuchte. Die Wachen mussten dazwischen gehen und den Pulk trennen.

„Wer ist denn das?“, fragte Chaco seinen Nachbarn.

„Zwei von den Williamsons. Die haben vor den Bergen eine Station betrieben, Reisende überlistet, mit einem Mittel Durchfall bei den Leuten erzeugt und so dafür gesorgt, dass sie nicht weiterreisen konnten. Dann haben sie die Geschwächten eingesperrt und hierher verkauft.“

Chaco schob sich zur Seite, um den vorauslaufenden Burschen besser betrachten zu können. Stan Williamson lief mit gesenktem Kopf. Tränen rannen ihm über die Wangen.

Ein katzenhaft gewandter Bursche sprang hinter ihm in die Luft und warf Stan um. Mehrere Männer warfen sich auf ihn und droschen auf ihn ein. Ein Reiter sprengte heran und hieb mit der Peitsche dazwischen. Eilig ließen die Gefangenen von ihrem Opfer ab.

Stan kroch aus der Reihe.

„Zurück!“ Der Wächter schmetterte ihm die Peitsche von vorn über die Brust.

Heulend taumelte Stan in die Reihe zurück.

„Ich gehöre doch zu euch!“, brüllte er.

„Dem Teufel gehörst du!“

„Der lebt nicht mehr lange“, flüsterte Chacos Nachbar. „Die Wächter sind nicht überall dabei!“

Vor den Feldern wurden die Kolonnen getrennt.

„Stan, durchhalten!“, rief Lora Williamson, als ihr Trupp abschwenkte.

Der Junge heulte wie ein kleiner Hund, blieb stehen, wurde aber von den anderen weitergestoßen.

„Das hat er sich wohl nicht träumen lassen.“ Chacos Nachbar rieb die Hände aneinander und sah richtig zufrieden aus. Zum ersten Mal sah Chaco ein grinsendes Gesicht in dieser Hölle von Brutalität, Fronarbeit und Angst.



18

Danago ließ einen warnenden Laut hören, blieb stehen und legte die Hand auf die Nüstern seines Pferdes.

Hinter ihm verharrten wir ebenfalls und lauschten in das Dunkel des Kiefernwaldes. Es schien hier, als wäre noch tiefe Nacht. Nur zwischen den Kronen, hoch über unseren Köpfen, ließ sich goldenes Sonnenlicht erkennen.

Da erklangen Geräusche. Noch weit entfernt bewegten sich offenbar Reiter vorbei. Hunde kläfften.

„Sie suchen nach uns“, sagte Buz Williamson verzweifelt und wischte sich den Schweiß vom Gesicht. „Sie sind überall unterwegs. Ganz klar, Blessing kann nicht zulassen, dass jemand entwischt und seine Ranch verrät.“

Ich gab keine Antwort darauf, fragte aber: „Wie weit ist es noch?“

„Wir sind dicht am Zaun. Noch über einen Hang, auf dem ebenfalls Wald steht, dann sehen wir den Zaun. Aber da reiten auch Posten entlang und sichern das Gelände ab.“

Die Geräusche verklangen bald wieder.

Danago ließ die Hand sinken.

„Sie sind nach Westen.“

„Es sind nicht nur die, mit denen wir es zu tun kriegen könnten. Ich kenne Blessing. Der hat etwa ein halbes Dutzend Suchtrupps mobilisiert.“

„Sie zittern, Williamson“, sagte ich kühl.

„Wundert Sie das?“

„Es ist mindestens eigentümlich. Sie mussten damit rechnen, dass es mal an den eigenen Kragen geht. Gefährliche Geschäfte bergen immer ein erhebliches Risiko in sich.“

Danago setzte den Weg fort. Ich winkte Williamson mit dem Kopf. Er führte sein Pferd vorbei.

„Du auch!“, herrschte ich Les an, als der keine Anstalten traf, vor mir zu bleiben. „Ich hab nun mal hinten keine Augen!“

„Das geht anderen genauso.“ Der Kerl grinste unsicher.

„Was ist los, Les, willst du was ändern?“

„Ich? Wieso?“

„Es erweckt den Eindruck, als jucke dir das Fell. Ich helfe dir, das wieder loszuwerden, wenn es sein muss.“

Sein Gesicht verzerrte sich.

„Der Alte muss nicht mehr dicht sein, dass er dir traut. Du wirst uns beide dafür aufs Kreuz legen.“ Buz Williamson blieb stehen und schaute zurück. „Der legt dich rein, Vater, jede Wette!“

„Werden Sie mich in Willow anzeigen, Mister Carringo?“, fragte der Alte.

Ich trat ein wenig zur Seite und drängte Fox dabei zurück, um sie beide im Auge behalten zu können. „Was erwartet ihr denn eigentlich von mir?“

„Eine Hand wäscht die andere“, entgegnete Les. „Das war doch immer so.“

„Ah, ihr zeigt mir, wo die Ranch liegt, und ich vergesse dafür, was ihr für Halsabschneider seid?“

„Wir haben Ihnen immerhin auch die Geschichte der Paradise Ranch erzählt“, erklärte Buz Williamson. „Das war für Sie was völlig Neues. Sie wussten, dass ein paar Leute verschwunden waren, mehr auch nicht.“

„Ich könnte in Willow aussagen, dass ihr uns diesbezüglich geholfen habt“, schlug ich vor. „Im Übrigen werden sich meine Aussagen mit den Tatsachen decken.“

„Da hörst du es selbst. Keinen Finger rührt er für uns. Der steckt uns in Willow in den Kasten und erzählt dem US-Marshal und dem Richter, dass wir hundsgemeine Halunken seien, die Menschenhandel betrieben hätten. Stimmt’s?“

„Ich werde sagen, was ich weiß“, wiederholte ich. „Auch, dass ihr mir geholfen habt.“

„Das gefällt mir gar nicht“, maulte der Alte. „Unsere Hilfe sollte wirklich ein bisschen mehr wert sein. Allein findet ihr die Ranch nie.“

„Jetzt schon“, schränkte Les ein. „Du hast ihn ja bereits geführt, statt vorher mit ihm zu verhandeln.“

„Wir sollten in Ruhe darüber reden, Mister Carringo.“ Buz Williamson kehrte zurück und zog das Pferd mit herum.

Die beiden widerten mich an. Ich hatte sie im Verdacht, dass einer von ihnen mich in der Wildnis vor Tagen aufgelauert und versucht hatte, mir das Lebenslicht auszublasen. Als ich sie deswegen zur Rede gestellt hatte, waren sie zu dritt auf mich losgegangen. Schließlich war ich dann im Keller gelandet.

„Wir haben euch vor den Schergen gerettet“, sagte Danago, der ebenfalls mit seinem Pferd zurückkehrte. „Und vor einem Bluthund, der euch zerfetzen wollte.“

„Sie müssen dem Richter sagen, dass wir unser Tun bitter bereuen und eine große Hilfe für Sie waren. Dass Sie ohne uns die Geschichte nie aufgedeckt hätten.“

„Wir befanden uns höchstens noch zwei Meilen von dieser sogenannten Ranch entfernt, als wir Ihnen halfen, den Häschern zu entrinnen, Williamson. Es ist deswegen nicht sicher, ob wir wirklich mit leeren Händen umgekehrt wären.“

„Jetzt schlägt’s dem Fass den Boden aus!“, empörte sich Les. „Hörst du das? So wird er es dann darstellen.“

„Wollt ihr den beiden anderen noch helfen oder nicht?“, fragte ich. „Entscheidet euch jetzt!“

„Und wenn wir es allein versuchen?“, fragte Les.

Sie brachten mich ziemlich in Bedrängnis. Ich brauchte ihre Hilfe und musste sie gleichzeitig festnehmen, wenn sie etwa daran dachten, mich und Danago zu verlassen.

Der Alte schüttelte den Kopf.

„Ich will Sie doch nicht erpressen, Mister Carringo. Meine Lage ist schlimm genug. Sie sollen nur sagen, dass wir Ihnen sehr geholfen haben. Dass Sie es uns verdanken, die Paradise Ranch gefunden zu haben.“

„Ich werde dem Richter erklären, dass ich alles von euch erfahren habe und wir von euch geführt wurden. Selbstverständlich.“

„Also gut“, knurrte der alte Williamson, kehrte mit seinem Pferd um und ging an Danago vorbei.

„Los, vor mir her!“, befahl ich dem jungen Burschen.

„Wie ein Gefangener, was?“

„Richtig.“

Les gehorchte.

Weit gelangten wir nicht, dann drangen wieder entfernte Geräusche durch den Wald. Buz Williamson und sein Sohn blieben stehen. Danago führte sein Armeepferd neben die beiden und verharrte ebenfalls.

„Das sind sie wieder“, flüsterte der ehemalige Stationer, als ich ihn erreichte.

Ich ließ Fox los und legte die Hand auf den Revolvergriff.

„Wenn wir nur wüssten, wie viele es sind und wo der nächste Suchtrupp steckt“, murmelte Williamson.

Es klang mir, als verweilten die Häscher an einem Platz und besprächen sich.

„Ich sehe mal nach. Wartet hier und verhaltet euch still!“ Niemand widersprach.

Ich entfernte mich und pirschte allein durch den Wald weiter nach vorn. So gut das möglich war, umging ich das Unterholz und wich auch den herumliegenden Ästen aus, weil man es laut hörte, wenn sie unter den Sohlen zerbrachen.

Der Wald lichtete sich bald vor mir, aber noch war ich zu weit entfernt, um zu erkennen, was sich in der Schneise tat. Hinter einem Baum blieb ich stehen.

Da erklang hinter mir ein dumpfer Schlag. Zweige prasselten.

„Ab!“, rief Williamson.

Ich wirbelte herum und hetzte zurück. Nach einigen Yards sah ich Danago, der sich vom Boden erhob, ein Stück nach links taumelte, gegen einen kahlen Stamm wankte und wieder zusammenbrach. Williamson und sein Sohn flüchteten mit ihren Pferden.

Ich zog den Colt, hob den Arm und sah den Schurken über den achtkantigen Lauf hinweg. Aber ich durfte nicht schießen, wenn ich die Verfolger nicht anlocken wollte. Ohnedies war es sehr fraglich, ob ihnen der Lärm entgangen war.

Neben Danago kniete ich, wälzte den Papago-Krieger herum und rüttelte ihn.

„Danago, wach auf!“

Er hörte nicht, lallte im Unterbewusstsein und gab ein Stöhnen von sich.

Ich holte die Wasserflasche, goss ihm das laue Nass über das Gesicht und zwängte ihm den Flaschenhals zwischen die Zähne.

Die Williamsons tauchten in der Walddunkelheit unter. Von der anderen Seite erschien noch niemand. So merkwürdig das war, aber die Häscher hatten offenbar nichts gehört.

Danago hustete, spuckte das Wasser wieder aus und öffnete die Augen. Er setzte sich auf und blickte sich um.

„Sie sind weg“, sagte ich, verkorkte die Flasche und richtete mich auf.

Noch immer verriet nichts die Annäherung der Suchtrupps. Ich hängte die Flasche an den Sattel. Danago erhob sich und rieb über seinen Nacken. Sie mussten ihn ziemlich brutal niedergeschlagen haben. Ich erinnerte mich daran, dass einer der Söhne mit einer Mistgabel auf mich losgegangen war, als ich zum zweiten Male die Station besucht hatte. Das war schon eine böse, gefährliche Sippschaft. Und die Frau und ihr zweiter Sohn schienen den alten Williamson auch nicht mehr so sehr zu interessieren, wie es kurz nach deren Gefangennahme den Anschein erweckt hatte. Offenbar hatten er und Les sich damit abgefunden, allein das Weite suchen zu müssen.

Wenn ich an das furchterregende, krakeelende Weib mit den Warzen am Kinn dachte, erschien mir das allerdings weniger verwunderlich. Anders bei Stan, dem jüngsten Sohn, der dem Alten sicherlich an Grausamkeit gleichstand.

Völlige Stille war um uns eingekehrt. Auch von der Schneise her konnte ich nichts mehr hören. Vielleicht zogen die Häscher gerade weiter, als hier der Lärm losging und hatten deswegen nichts davon bemerkt.

Minuten verstrichen. Ein Windstoß ließ die Wipfel über uns gespenstisch rauschen.

„Weiter, sie sind weg“, sagte ich.

Wir führten die Pferde durch das Gehölz den Hang hoch und erreichten die Schneise.

Sonnenlicht fiel bis auf den Boden. Zwei Blechbüchsen im Gras verrieten, dass die Verfolger hier in der Tat gerastet haben mussten.

„Ich habe wieder Hunger“, gestand Danago bei dem Anblick dieser Reste eines Zivilisationsmahls. Ich gab ihm ein Stück Brot und Käse aus meiner Satteltasche. Ich hatte auch noch Trockenfleisch dabei, alles von der Station, wo die Williamsons genügend hatten liegen lassen, um eine ganze Eskadron Soldaten zu beköstigen.

Der Indianer schlang die Verpflegung heißhungrig herunter. Als ich ihm noch etwas geben wollte, schüttelte er den Kopf und bewies, wie genügsam er war.

Wir überquerten die Schneise und schlichen in der von Williamson angegebenen Richtung weiter durch den Wald. Noch bevor wir die Höhe erreichten, sahen wir Reiter auf dem Kamm und blieben stehen.

„Sie sind überall“, flüsterte der Papago-Krieger.

Abermals sahen wir uns gezwungen, zu warten. Da die Bäume hier auch längst nicht so dicht wie weiter unten im Tal auf dem fetteren Boden standen, war erhöhte Vorsicht geboten.

Doch schließlich pirschten wir weiter, ließen die Pferde dort zurück, wo die Bäume überwiegend von Buschwerk abgelöst wurden, schlichen den Hang hinauf und legten uns auf den Boden. Über die Höhe hinweg sah ich ein großes Tal mitten in den Lalaja Mountains.

Buschwerk, Kakteen und horstartige Kieferngehölze wuchsen auf den Hängen und teilweise bis weit ins Tal hinunter. Dazwischen erkannte ich weiter als eine Meile entfernt ein Stück Zaun mit mehreren Reihen Stacheldraht darüber. Jedoch standen auch dahinter Büsche und Bäume, so dass für uns noch verborgen blieb, was sich dahinter abspielte.

„Das schaffen wir nicht bei Tageslicht“, sagte ich. „Wir müssen die Nacht abwarten.“

Danago schaute zum Himmel, den wir endlich richtig sahen. Die Sonne hatte noch nicht einmal den Zenit erreicht. Eine lange Wartezeit lag vor uns.

Ich kroch zurück, führte Fox tiefer in den Wald zurück und legte mich auf den Boden.

Danago folgte mir bald. Der schweigsame Krieger hockte sich neben mich, das Schrotgewehr zwischen den Beinen.

Ich schloss die Augen. Es gab nichts Besseres zu tun, als ein wenig zu schlafen, um während der Nacht frisch zu sein.



19

Chaco taumelte erschöpft in die Hütte und ließ sich auf seine Strohschütte fallen. Rund um ihn stürzten die anderen einfach auf den Boden und stöhnten, betasteten die durchgescheuerten Knie und Handflächen oder streckten die müden Glieder aus.

Dancer, der seltsame Musikant, der letztlich wie Stan Williamson sein eigenes Opfer wurde, zog die Mundharmonika aus der Tasche und entlockte ihr ein Lied. Es klang ziemlich gequält und war dennoch ein Lichtblick in der Trostlosigkeit des Lagerlebens. Ein an der offenen Barackentür stehender Wächter schien sich daran nicht zu stören.

Die Dunkelheit kroch bereits über die Berge. In der Baracke verbreiteten zwei Petroleumlampen trübes Licht.

Draußen tauchten weitere Männer auf. Zu viert drangen sie ein, zerrten zwei Gefangene von den Strohschütten und beförderten sie mit Schlägen und Tritten nach draußen.

„Die haben nicht genug gearbeitet“, flüsterte neben Chaco ein untersetzter Fünfziger.

„Ich dachte schon, sie würden mich holen“, wandte der Mann auf der anderen Seite des Sprechers ein.

Chaco setzte sich auf. Draußen wurden die Gefangenen zusammengeschlagen. Die Tür fiel zu.

Dancer setzte die Mundharmonika wieder an und spielte weiter. Von den Wächtern befand sich keiner mehr in der Baracke.

Chaco schaute auf die beiden Männer neben sich. Sie sahen sich ungewöhnlich ähnlich und mussten Brüder sein.

„Ich bin Web Huston“, erklärte sein Nachbar. „Und das ist Sam, mein Bruder.“ Er lächelte unglücklich. „Als ich nach Sam suchte, muss ich den Schergen aufgefallen sein. Zu sehr, wie mir jetzt klar ist.“

„Du hättest auf deiner Farm bleiben sollen“, sagte der andere. Ihm ließ sich leicht ansehen, dass er schon länger hier weilte. Sein Bart war inzwischen verfilzt, die Wangen hohl geworden und um die tiefliegenden Augen standen schwarze Ringe.

Die Tür wurde schon wieder geöffnet.

„Dancer!“, rief der Wächter scharf in die Baracke hinein.

Der Musikant sprang auf und presste sich gegen die Wand.

„Nein!“, rief er entsetzt.

„Du sollst nur Musik für uns machen.“ Der Posten grinste. „Wir haben ein Fest. Los, zier dich nicht, sonst setzt es erst eine Tracht Prügel, Halunke!“

Der Musikant hastete zur Tür und wurde hinausgestoßen. Kaum war die Tür wieder geschlossen, tönten Frauenschreie aus der nächsten Baracke herüber.

„Sie holen sich Mädchen zu ihrem Fest“, erklärte Sam Huston. Er befand sich seit Wochen in der Gewalt der Bande und kannte das Ritual inzwischen ziemlich genau.

Das Geschrei entfernte sich. Türen klappten. Chaco rutschte auf seinem Lager zurück und lehnte sich gegen die Wand. Bald hörte er Gelächter vom Hauptgebäude herüberdringen. Dancer spielte.

„Jetzt saufen sie“, sagte Sam Huston. „Heute sah ich übrigens Stan Williamson.“

„Ich auch“, erwiderte sein Bruder. „Dort war ich mehrere Male, Sam. Aber dass sie dich dort kassierten, darauf verfiel ich nicht.“

„Die Williamsons holt der Teufel ein“, sagte Sam. „Was mögen die nur ausgefressen haben, dass es ihnen an den Kragen geht?“

„Ein Sicherheitsagent der Wells Fargo suchte nach dem Kutscher Baine.“ Web Huston blickte zu dem Frachtwagenfahrer hinüber, der erschöpft auf seinem Bodenlager eingeschlafen sein musste.

„Ein Sicherheitsagent?“ Der Gedanke elektrisierte Chaco.

Web Huston blickte ihn an. „Ja. Aus Prescott.“

„Carringo?“

„Sie kennen ihn?“

„Ich bin der Marshal aus Prescott.“

„Ein Marshal?“, staunte Huston. „Ich dachte, die nehmen nur möglichst alleinstehende, unbekannte Leute als Gefangene.“

„Manchmal hängt das von den Umständen ab. Wo trafen Sie Carringo?“

„In Willow. Wir ritten auch zusammen zu Williamson.“

„Wenn Carringo hinter der Bande her ist, haben wir Hoffnung“, sagte Chaco. Seine Augen funkelten. Das war der erste Lichtblick in dieser Finsternis.

„Machen Sie sich nicht selbst verrückt“, erwiderte Huston. „Hinter so ein Geheimnis blickt keiner. Das kann man sich als normaler Mensch noch nicht einmal vorstellen, dass es so was geben soll.“

„Ja“, gab Chaco widerstrebend zu. Es erschien völlig unmöglich, dass ein Außenstehender das Geheimnis der Bande lüften sollte, ohne selbst in den Maschen hängenzubleiben, die das dichte Netz von Handlangern im weiten Umkreis bildeten.

„Wir sind verloren“, murmelte Hustons Bruder auf der anderen Seite. „Du durftest nicht nach mir suchen. Williamson ging davon aus, dass ich keine Angehörigen hätte und niemand mich vermisst.“

Chaco dachte an den jungen Burschen, der am Morgen in ihre Reihe gestoßen worden war. Das war Williamson. Er musste irgendwo ganz vorn an der Tür in der Baracke liegen.

„Wie viele Menschen gibt es auf der Station?“

„Vier“, entgegnete Huston. „Aber sie brachten nur den Jungen und die keifende Alte. Da fehlen noch der ältere Sohn und der Vater. Merkwürdig.“

„Vielleicht ist Carringo denen doch früh genug auf die Schliche gekommen und hat sie verhaftet.“

Chaco schüttelte gleich darauf den Kopf.

„Nein. Er wird sich ja nicht so dumm anstellen, dass ihm ausgerechnet eine alte Frau entwischt.“

„Eben“, stimmte Huston zu. „Schlagen Sie sich das wirklich besser aus dem Kopf! Carringo tappte völlig im Dunkel. Wenn hier einer noch mal lebend hinaus will, muss er fliehen. Aber wie soll das klappen? Der hohe Zaun, die Posten, die Hunde! Und falls man den Zaun dennoch überwindet, wie weit kann man es dann schaffen?“

„Meilenweit nichts als tote Berge“, sagte Sam Huston. „Da lebt kein einziger Mensch. Sie hetzen dich wie einen Hasen, wenn du den Zaun überwunden hast.“

„Draußen ist Wald“, widersprach Chaco. „Da kann man sich schon verstecken.“ Der Gedanke an Flucht saß bereits fest in seinem Kopf, weil er keine andere Chance sah, den Banditen zu entrinnen. Auf Hilfe durften sie wohl wirklich nicht hoffen. Darüber würde er auch nur die Tage vertrödeln, in denen er noch die Spannkraft in sich spürte, viele Meilen laufen zu können. Aber ohne exakte Vorbereitung, ohne genaue Kenntnis des Wachablaufs, durfte nichts unternommen werden - weil man es nur einmal versuchen konnte, dann nie mehr. Wurde man gefasst, war das eigene Schicksal besiegelt. Das Ende würde Rauch hinter der geschwärzten Totenhütte sein.

Er legte sich nieder, wollte weiter darüber nachdenken und nahm sich zugleich vor, sich am folgenden Tag Williamson zu nähern und ihn nach seinen Angehörigen auszufragen, um zu erfahren, wo sein Vater und der Bruder geblieben wären.

Er schlief darüber ein.



20

Wir ließen die Pferde im Wald zurück und überquerten nach Einbruch der Nacht den Kamm ins große Bergtal. Danago trug die Sharps unter dem Arm. Das Schrotgewehr hing am Armeesattel seines zurückgelassenen Pferdes.

Am Saum eines Gehölzes tasteten wir uns dahin, wo ich vor dem Mittag den Zaun gesehen hatte. Es dauerte eine ganze Stunde, bis wir weit genug vorgedrungen waren, um ihn im kalten Mondschein zu entdecken. Hinter den Büschen ragte er auf. Ein Wachturm befand sich in unmittelbarer Nähe. Seltsamerweise hatte ich ihn nicht sehen können. Die Bäume mussten ihn verdeckt haben.

Das auf hohen Stelzen stehende, kistenförmige Gebilde hatte ein weit nach unten gezogenes Spitzdach, unter dem ich nur Dunkelheit sah. Vielleicht stand dort oben ein Wächter, vielleicht auch nicht.

Undeutlich ließen sich hinter dem Zaun die großen Felder erkennen. Kein Mensch befand sich dort.

Danago schaute mich an. Er erwartete, dass ich eine Entscheidung träfe, aber ich wusste noch nicht, was geraten erschien. Allein konnten wir hier jedenfalls kaum etwas ausrichten. Die Armee verständigen, schied aus, weil wir an die falschen Leute geraten konnten. An jene, die wie Major Kent nicht das mindeste Interesse daran hatten, dass sich hier etwas änderte.

„Siehst du die Hütten?“ Ich meinte, Dächer hinter den Feldern über einem Buschgürtel zu sehen. Aber die konnten auch zu offenen Scheunen gehören, in denen man wahrscheinlich die Ernte bis zum Abtransport einlagerte. Ich nickte trotzdem.

„Dort sind meine Brüder und Schwestern“, flüsterte Danago mir zu. „Ich fühle es.“

„Wir können allein nichts ausrichten, Danago.“ Ich musste ihn langsam darauf vorbereiten, dass wir Hilfe holen mussten.

Er blickte mich geradezu entsetzt an.

„Das schaffen wir nicht. Da laufen sicher Dutzende bis an die Zähne bewaffnete Männer herum.“

„Die Reitersoldaten gehören auch zu denen. Alle Weißen ...“ Danago brach ab.

Ich grinste ihn an.

„Alle Weißen sind Schufte und alle Indianer durch und durch gute Menschen, was? Wie einfach das ist, Danago. So reden die Weißen am liebsten auch. Umgekehrt natürlich. Und wehe dem, der etwas anderes behauptet.“

„Es ist falsch, ich weiß“, gab der Papago, kleinlaut geworden, zu. „Überall gibt es gute und böse Menschen.“

„Und nur die guten sterben jung“, sagte ich. „Jedenfalls wird es so behauptet. Kehren wir nun um? Wir werden irgendwo Hilfe finden. Nicht alle Menschen sind bestechlich, nicht alle in eine solche Sache verwickelt. Wir werden Menschen treffen, die nicht glauben wollen, was wir berichten.“

Danago stieß einen zischenden Laut aus.

Ich blickte zu den Büschen und dem Zaun. Auf dem gerodeten Streifen dazwischen stand plötzlich eine große Dogge. Eiskalt lief es mir über den Rücken.

Danago nahm das Gewehr in die linke Hand und zog das Messer hinter dem Hosenbund hervor.

Ein tiefes Knurren ertönte von dem Hund.

Ich wollte weiter zurück und stieß gegen das raschelnde Unterholz. Da fiel mir das Trockenfleisch ein, das unter meinem Hemd steckte. Ich nahm es mit, weil ich eine solche Begegnung befürchtet hatte, aber jetzt hatte ich kaum noch Hoffnung, dass sich die Bestie damit besänftigen lassen würde.

Danago schob sich ebenfalls zurück.

Knurrend näherte sich die Dogge. Noch immer tauchte hinter ihr kein Wächter auf.

Wir schoben uns in das knackende Buschwerk. Der knurrende Köter folgte und stand auf einmal beinahe zum Greifen nahe vor mir.

Ich warf ihm das Fleisch zu. Es landete zwischen uns im Gras. Der Hund stürzte sich darauf, hielt es mit den Pfoten fest und zerfetzte es mit den messerscharfen Zähnen.

Danago und ich wichen Schritt um Schritt zurück.

Bevor eine Minute verstrichen war, hatte der Hund das Fleisch gefressen und leckte sich über die Schnauze. Er beobachtete uns aus unterlaufenen Augen. Mir schien, als blicke ich in einen tiefen Abgrund, in dem Wasser stand, das im Mondlicht schimmerte. Natürlich hätte ich genügend Zeit gefunden, auf den Hund zu schießen. Aber das würde sicher das ganze Lager alarmieren und eine hektische Suchaktion auslösen.

Danago zögerte ebenfalls, das Messer zu werfen. Vielleicht fühlte er sich nicht sicher genug, zu treffen, und fürchtete, das Tier zu verletzen und erst recht auf uns zu hetzen.

„King?“, rief eine Stimme.

Wir hatten die Annäherung des Reiters nicht bemerkt. Ich sah seinen Kopf und die Schultern in Umrissen über dem Buschwerk. Er vermochte von uns in der Dunkelheit bestimmt nichts zu erkennen.

Der Hund rührte sich nicht. Er stand vor uns, die Schnauze offen und die Sprunggelenke gespannt. Und schon wieder drang das tiefe Knurren zu uns herüber.

„King?“ Der Reiter näherte sich. Ich hörte, wie er das Gewehr repetierte. Noch eine Pferdelänge, dann musste er uns entdecken.

Meine Waffe war auf die Bestie gerichtet. Ich würde ihr in die offene Schnauze schießen, wenn sie jetzt sprang.

„Wo steckst du denn?“

Schweiß lief mir über das Gesicht und den Hals.

Der Hund wirbelte herum und sprang durch das Dickicht.

„Was gibt es denn dort?“, fragte der Wächter.

Mein Gewehr hob sich mit der Mündung.

Wie vorher der Hund, so zögerte nun der Posten. Doch dann trieb er sein Pferd wieder an und ritt auf dem gerodeten Todesstreifen vor dem Zaun weiter.

Der Hufschlag verklang. Ich atmete tief durch und ließ das Gewehr sinken.

Danago schob das Messer hinter den Bund der zerfetzten Hose.

„Gehen wir“, flüsterte ich und trat sofort den Rückweg an.



21

Chaco erwachte mitten in der Nacht. Die Lampen brannten noch. Im trüben Lichtschein taumelte Dancer durch die Baracke und ließ sich neben ihm auf das dürftige Stroh fallen.

Es stank in der großen Hütte schlimmer als in einem wochenlang nicht ausgemisteten Stall. Chaco versuchte, es zu ignorieren.

„Willst du hier heraus?“, flüsterte er dem seltsamen Musikanten zu.

Dancer hob den Kopf. „Fliehen?“

„Was sonst.“

Der Kerl tippte sich gegen die Stirn.

„Ausgeschlossen. Eher findest du aus dem Zuchthaus in Yuma einen Weg in die Freiheit. Hier geht das nicht.“

Chaco schaute sich wachsam um.

Die erschöpften Gestalten schienen ausnahmslos zu schlafen. Auch die Huston-Brüder und der Fahrer Baine, der in der Nähe lag, hörten nichts von der nächtlichen Unterhaltung.

„Was völlig unmöglich ist, weiß man immer erst, wenn man es ausprobiert“, murmelte Chaco.

„Über den Zaun kannst du nicht klettern. Unten haben sie ihn eingegraben. Die Reiter und ihre Hunde darf man auch nicht vergessen.“ Dancer schüttelte den Kopf. „Da läuft garantiert nichts.“

„Wenn man erst mal lange genug hier drinsteckt und kaum noch geradeaus laufen kann, dann wirklich nicht“, gab Chaco zu. „Aber soweit sind wir noch nicht.“

Dancer schob sich dichter heran.

„Was denkst du denn, wie es gehen könnte? Natürlich bin ich dabei, wenn es einen Weg in die Freiheit gibt. Nur ein Narr würde hierbleiben.“

„Sie werden dich noch öfter holen, um für sie zu spielen.“

„Natürlich. Daran haben sie Spaß. Sie lassen auch die Mädchen tanzen, die es noch können, bevor sie über sie herfallen.“

„Du müsstest herausfinden, nach welchem Plan die Wachen eingeteilt sind. In welchen Abständen sie den Zaun abreiten.“

„Darüber reden sie schon“, gab der Musikus zu. „Ich hab nur nicht darauf geachtet.“

„Das musst du eben tun.“

„Und was fangen wir damit an? Willst du den Zaun mit den Zähnen durchbeißen?“

„Lass den Quatsch!“, zischte Chaco. „Es soll kein dummer Witz sein.“

„Was dann?“

„Auf manchen Feldern sind Werkzeuge erforderlich. Ich hatte heute eine Hacke in der Hand. Stundenlang. Man müsste so etwas verstecken. Sie haben keine Kontrolle darüber. Die Werkzeuge werden nicht gezählt, ich konnte es sehen.“

Dancer rückte noch näher an Chaco heran. Das stinkende Stroh raschelte leise.

Chaco schaute sich wieder sichernd um.

„Die Hustons und Baine sind auch dabei. Wenn wir ein Werkzeug weglegen können, ist es auch möglich, den Zaun zu zerschlagen. Uns genügt ein Schlitz, dann sind wir draußen. Aber wir müssten wissen, wieviel Zeit vergeht, bis der nächste Posten auftaucht, der das Loch vielleicht entdeckt. Wieviel Zeit uns bleibt, um ein Stück Weg zwischen uns und diese Teufelsranch zu bringen.“

„Ich werde versuchen, das herauszufinden“, versprach Dancer und legte sich nieder.

„Du hast dafür nicht viel Zeit. Wenn sie uns erst genug geschunden und den Willen aus uns herausgeprügelt haben, ist es vorbei.“

„Wenn sie mich morgen holen, belausche ich ihre Gespräche genau“, versprach Dancer. Dann schloss er die Augen.

Chaco rollte auf den Rücken.

Die eine Lampe flackerte. Die Flamme am Docht sank in sich zusammen. Beinahe schlagartig war es im hinteren Teil der Hütte dunkel. Da verglomm das Feuer schon ganz. Bald würde auch die andere Lampe ausgehen und tiefe Dunkelheit die Baracke beherrschen.

Chaco dachte noch einmal an Stan Williamson, an den er sich am folgenden Tag unbedingt heranmachen musste, um zu erfahren, ob Carringo auf der Station doch etwas erfahren hatte und wo die beiden anderen Williamsons abgeblieben waren.

Er schloss die Augen. Wie die zweite Lampe verlosch und Finsternis in die Hütte einkehrte, sah er nicht mehr.



22

Poncho Blessing verließ das Haupthaus und trat den im Hof mit Hunden und Pferden versammelten Häschern entgegen.

„Nichts“, sagte Pat Young, der dreißig Jahre alte Vormann, ein sechs Fuß großer, bulliger Kerl, vollbärtig, dunkelhaarig und finster wie eine Regennacht.

„Die kann doch nicht der Erdboden verschluckt haben“, stieß Blessing hervor.

„Es scheint aber so, Boss. Wir haben alles durchgekämmt.“

„Ihr müsst sie finden. Sie dürfen keine Stadt erreichen, sonst ist der Teufel los.“

Die Männer sahen mürrisch aus. Sie hatten gehofft, sich endlich wieder einmal schlafen legen zu dürfen. Nötig hatten sie es alle. Und doch wagte keiner, etwas dazu zu sagen.

„Sucht weiter!“, befahl Blessing schroff. „Ihr müsst sie finden. Alle! Keiner darf eine Stadt erreichen.“

Die Männer stiegen auf und ritten von den Hunden begleitet aus dem Innenhof.

„Es darf nicht sein“, murmelte Poncho Blessing. „Es muss unser Geheimnis bleiben!“



23

Eine Berührung am Arm zerriss Chacos Schlaf. Er öffnete die Augen und sah die völlige Dunkelheit um sich. Huston stieß neben ihm ein Zischen aus.

„Was ist?“

„Still!“

Chaco setzte sich auf. Schemenhaft sah er eine Gestalt durch die Dunkelheit schleichen. Sie bewegte sich Richtung Tür, konnte also für ihn und seine Nachbarn keine Gefahr bedeuten.

Stroh raschelte. Ein Flüstern war zu hören, aber nicht zu verstehen.

Chaco begriff nicht, was das zu bedeuten hatte. Mehrere Gefangene schlichen durch die Baracke.

Plötzlich ein leiser, erschrockener Schrei, der kaum nach draußen dringen konnte. Dann ein dumpfer Schlag und ein harter Aufprall im raschelnden Stroh. Das gepresste Atmen kämpfender Männer musste für jeden, der munter war, zu hören sein.

Jäh brach es ab. Noch einmal schlichen die schemenhaften Gestalten durch die große Hütte, ließ sich das Rascheln der stinkenden Strohschütte hier und da vernehmen.

Neue Stille senkte sich über die zusammengepferchten Gefangenen.

Chaco legte sich zurück.

„Sie haben jemanden umgebracht“, flüsterte Huston, der jüngere, der seit Wochen die Fron aushielt und die Verhältnisse kannte.

„Vielleicht Stan Williamson“, mutmaßte sein Bruder so leise, dass Chaco ihn gerade noch mit Mühe verstand.

„Kann sein. Die Williamsons haben viele Menschen hierher gebracht und eine Menge Geld damit verdient.“

Chaco wurde sofort wieder an die Geschichte des Mannes erinnert, die er von der Station erzählt hatte. Und an den jungen Burschen, der am Morgen in ihre Reihe gestoßen worden war und an dem sich der Hass der Gefangenen augenblicklich entflammt hatte. Niemand schien sich um ihn kümmern zu wollen. Offenbar gingen sie alle davon aus, dass er den Tod gefunden hatte.

Chaco schloss die Augen und versuchte zu schlafen, um für den folgenden Tag Kräfte zu sammeln. Aber die Ereignisse beschäftigten ihn zu stark.

„Seht nach, ob er auch wirklich über den Jordan ist!“, rief da jemand.

Das Rascheln wurde wieder hörbar.

Chaco hob den Kopf. Eine Gestalt kroch durch die Gasse zwischen den Liegenden.

„Aus!“, schallte es durch die Hütte.

„Na, was habe ich gesagt?“

Chaco blickte zu Sam Huston, konnte das Gesicht aber nur wie einen hellen Fleck in der Dunkelheit erkennen.

„Stan Williamson hat schon dran glauben müssen. Die Rache der Verlorenen ereilte ihn!“

„Das ist ja schrecklich.“

„Etwas Besseres hat er nicht verdient“, sagte Sam Huston unterdrückt.

„Ich meine, es ist schrecklich, zu was Menschen fähig sind. Die einen wie die anderen. Was soll denn aus uns werden, wenn wir einander wie Bestien belauern?“

„Das ist etwas anderes, Chaco. Es ist nur die gerechte Strafe. Wenn es die nicht geben würde, hielte sich niemand an die Regeln, die das Zusammenleben der Menschen ermöglichen. Jeder - fast jeder - ließe sich von der Gier leiten.“

Chaco gab darauf keine Antwort, schloss die Augen und versuchte, wieder zu schlafen.

Draußen ritt ein Wächter vorbei, den ein knurrender Hund zu begleiten schien.

Die Gefangenen in der Baracke schienen alle munter zu sein und hielten den Atem an.

Doch die Geräusche verklangen. Noch wusste niemand, welches Schicksal Stan Williamson erlitten hatte. Aber der Morgen war nahe. Und dann mussten sie es entdecken. Chaco fragte sich, wie ihre Reaktion ausfallen würde.



24

Wir hatten einen Bogen geschlagen und waren von einer anderen Seite noch einmal an den Zaun zurückgekehrt. Und das lag an mir mehr als an Danago. Ich wollte die Zwangsarbeiter mit eigenen Augen sehen und mich selbst davon überzeugen, ob es sich auf der Teufelsranch so verhielt, wie Buz Williamson geschildert hatte. Zweifel an seiner Geschichte quälten mich eigentlich nicht. Aber in Willow oder woanders würde man mit Sicherheit fragen, ob ich es selbst gesehen hätte.

Als die Sonne aufging und die Nebelfelder hinter dem Zaun in der Wärme zerfielen, sahen wir die Arbeitskolonnen zu den Feldern ziehen.

Reiter mit Hunden begleiteten die geschundenen Menschen und schlugen mit Peitschen auf sie ein, wenn etwas nicht nach ihrem Willen verlief.

Zu erkennen vermochten wir niemanden. Ausgenommen, dass es sich bei einem der Züge zweifelsfrei um Indianer handelte. Sie zogen über einen Hügel dem Steinbruch entgegen.

Danago bewegte sich heftig. Ich hielt ihn an der Schulter fest.

„Wir können ihnen allein nicht helfen“, murmelte ich. „Lass uns jetzt umkehren!“

Er trat zurück und wischte sich über die Augen, als wolle er ihnen noch nicht trauen.

Durch lichtes Gestrüpp vor dem Zaun sah ich einen Reiter auf dem Todesstreifen.

„Weg jetzt!“

Der Papago-Krieger zögerte.

„Wir müssen Verstärkung holen!“ Ich lief schon durch das Dickicht zu den Bäumen und nutzte den dunklen Wald als Deckung.

Vom Hang aus sah ich den Reiter noch einmal durch die Baumreihen. Ein großer Hund jagte vor ihm am Zaun entlang und ließ die Stelle unbeachtet, an der wir längere Zeit gestanden und auf das Tageslicht gewartet hatten.

Erleichtert hasteten wir weiter. Doch kaum lag die Bodenwelle hinter uns, sahen wir weitere Reiter auf einer freien Fläche zwischen Büschen und Bäumen. Sie schienen noch immer das ganze Gebiet um den Zaun durchzukämmen.

Wir mussten warten, bis sie verschwanden. Langsamer als vorher tasteten wir uns dahin, wo die Pferde versteckt standen. Ich war in erheblicher Sorge, man könnte sie entdeckt haben.

Danago bewegte sich ohne das geringste Geräusch von Baum zu Baum, das Gewehr in der linken und sein Kampfmesser in der rechten Hand.

Vor uns brachen Äste. Von den Pferden befanden wir uns höchstens noch zweihundert Yards entfernt.

Zwei Reiter tauchten auf, hielten an und beugten sich aus den Sätteln. Sie suchten nach Spuren. Wenn das hier in der Nähe unserer Tiere geschah, konnten sie diese noch nicht gefunden haben. Denn dann wäre von ihnen eine komplette Falle aufgebaut worden und niemand würde so auffällig suchen.

Von den Kiefern gedeckt, warteten wir. Ich drehte das Gewehr herum. Schießen durfte ich nicht, denn dann würden sie von allen Seiten zusammenströmen und uns in die Zange nehmen. Sie würden uns töten oder ebenfalls hinter den Zaun transportieren. Eins musste so schlimm sein wie das andere, und danach würde es wieder niemanden geben, der Hilfe holen konnte.

Buz Williamson und sein Sohn Les befanden sich vielleicht schon weit entfernt. Sie würden sich hüten, auch nur einem Menschen noch einmal etwas von ihren grausamen Machenschaften zu berichten.

Die Reiter näherten sich, hielten an und blickten suchend auf den Boden.

Danago glitt gebückt zum nächsten Baum, legte das Gewehr ab und richtete sich hinter der Kiefer auf.

Noch zehn Yards trennten den Halunken auf der linken Seite von mir. Ich würde über diesen herfallen, da er mir näher war. Mit dem intelligenten Papago-Krieger brauchte ich mich darüber nicht extra zu verständigen. Danago stand schon richtig, um über den anderen herfallen zu können.

„Die müssen irgendwo sein“, sagte der eine verdrossen.

„Ich halte für wahrscheinlicher, dass sie abgehauen sind. Was wollen ein paar Männer allein gegen die Ranch ausrichten?“

„Es war Nacht. Wenn sie was auskundschaften wollten, mussten sie den Tag abwarten. Oder was wollen sie dann anderen Leuten erzählen?“

„Wir dürfen Williamson nicht vergessen.“

Die Reiter näherten sich weiter.

Danago schaute zu mir herüber. Ich nickte ihm zu.

Noch drei Yards trennten den einen Schurken von mir. Da sprang ich aus der Deckung an seinem Pferd in die Höhe und schlug mit dem Gewehrkolben zu.

Der Kerl wurde derart überrascht, dass er seine Waffe nicht mehr anschlagen konnte. Voll getroffen stürzte er auf der anderen Seite aus dem Sattel. Das Pferd schnaubte und jagte mit ein paar langen Sätzen vorbei.

Danago hatte den anderen Wächter aus dem Sattel gerissen. Der Kerl lag auf dem Rücken, wollte sich wehren, doch Danago stach ihm das Messer in die Brust.

Mein Gegner richtete sich noch einmal auf und taumelte angeschlagen auf mich zu. Ich durfte mich auf nichts einlassen, war froh, dass er nicht um Hilfe schrie und setzte noch einmal nach. Er stöhnte, kippte zur Seite und blieb zusammengekrümmt im Unterholz liegen.

Mit dem blutverschmierten Messer in der Hand richtete sich der Papago-Krieger auf und blickte auf den anderen, der nur bewusstlos auf der Erde lag.

„Schnell, sie haben die Pferde nicht entdeckt.“ Ich lief weiter durch den Wald.

Danago zögerte, den Blick weiterhin auf den Ohnmächtigen gerichtet. Doch dann überwand er das Verlangen, ihn auch zu töten und hastete hinterher.

Unsere Pferde standen noch da, wo wir sie verlassen hatten. Wir zogen die Sattelgurte nach und schwangen uns auf die Rücken der Tiere. Es galt, schnell zu verschwinden. Sobald der Halunke zu sich kam, würde er Alarm schlagen, und dann würde sich die fieberhafte Suche nach uns auf diese Seite der Teufelsranch konzentrieren. Wir konnten nicht mehr darauf achten, möglichst lautlos durch den schützenden Wald zu gelangen. Geschwindigkeit ging vor.

Im Galopp jagten wir nach Südwesten und hatten das Glück, niemanden vor uns zu haben, der den Weg sperrte.

In Sicherheit befanden wir uns deswegen noch lange nicht. Der Weg zurück zu anderen Menschen war weit.

Der Waldsaum tauchte auf. Ich zügelte Fox und hielt hinter den letzten Bäumen. Danago brachte das Armeepferd neben dem Hengst zum Stehen.

„Wohin willst du?“

„Nach Fort Clark. Das ist der nächste Armeeposten, der sich erreichen lässt.“ Ich schaute den Krieger neben mir an. Zwei Dinge beunruhigten mich. Danago hätte sich jetzt schon in einem Reservat in Oklahoma befinden sollen. Das war der Wille der Armee. Und wer alles in die Machenschaften des Poncho Blessing und des Major Kent mit seiner Abteilung Kavallerie verstrickt war, ließ sich nicht einmal ahnen. Dennoch, es gab keinen anderen Weg als den nach Fort Clark.

Im Buschland vor uns rührte sich nichts. Kein Reiter war auf den Felsen zu erkennen.

„Weiter!“ Ich trieb Fox an und verließ den Schutz der Bäume.

Danago ritt weiter mit mir. Er wollte vor allem seinen Leuten helfen, die Teufelsranch lebend wieder zu verlassen. Das andere schien ihn weniger zu interessieren ...


ENDE

Ein Deputy rächt sich

von Pete Hackett


1

An seiner Weste funkelte der Stern eines Deputysheriffs. Sein Name war John McKinney. Seit zwei Tagen folgte er zwei Pferdedieben. Sie hatten auf einer Ranch in der Nähe von Flagstaff vier Pferde gestohlen und waren auf dem Weg nach Süden. Jetzt befand sich McKinney in der Unwegsamkeit der Apache Maid Mountains. Totes Gestein, Staub, glühende Hitze und verkümmerte Comas umgaben ihn. Nur Eidechsen und Klapperschlangen trieben hier ihr Unwesen.

John McKinney war ein Mann von achtundzwanzig Jahren. Er war mit einer schwarzen Hose, einem dunkelblauen Hemd und einer schwarzen Lederweste bekleidet. Seine Haare waren sandfarben. Blaue Augen beherrschten das schmale, braungebrannte Gesicht. Ein breites, eckiges Kinn verriet Selbstbewusstsein und Energie. Am rechten Oberschenkel von McKinney steckte ein schwerer, langläufiger Remington im Holster. Matt schimmerten die Messingböden der Patronen in den Schlaufen des Gurtes.

Das Pferd ging mit hängendem Kopf. Pferd und Reiter waren verstaubt und verschwitzt. McKinneys Augen waren entzündet. Feiner Staub war unter seine Kleidung gekrochen und scheuerte die Haut wund, feiner Staub knirschte auch zwischen seinen Zähnen.

Der Mann zügelte und lauschte. Es war still. Er nahm seinen Hut ab, knüpfte das Halstuch auf und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Dann trocknete er das Schweißband des Hutes und stülpte ihn sich wieder auf den Kopf. Sein Mund war trocken, die Lippen waren spröde und rissig. McKinney trank einen Schluck aus der Wasserflasche. Das Wasser war brackig, aber es belebte ihn. Dann ruckte er im Sattel. Das Pferd setzte sich in Bewegung. Die Gebisskette klirrte leise, Sattelleder knarrte, dumpf pochten die Hufe.

Der Deputy spürte Anspannung. Er war hellwach und auf blitzschnelle Reaktion eingestellt. Die Gefahr konnte hinter jedem Felsen lauern, der Tod war allgegenwärtig. Er ritt weiter und lenkte das Pferd in eine Schlucht hinein. Die Hufe krachten. Der Wind trieb Staub über die Schluchtränder und feines Prasseln erfüllte die Luft. Manches Mal schoben sich die Felsen nahe zusammen, dann traten sie wieder weit auseinander.

Ein Schuss zerriss die Grabesstille in der Schlucht. Aufbrüllend antworteten die Echos. McKinney spürte den Gluthauch der Kugel an der Wange und gab seinem Pferd die Sporen. Die Hufe des Tieres wirbelten. Der prasselnde Hufschlag wurde von den Felsen zu beiden Seiten zurückgeworfen.

Der Schütze verharrte am Rand der Schlucht. Vor seinen Zehenspitzen fiel der Felsen fast senkrecht in die Tiefe. Nur noch aufgewirbelter Staub markierte McKinneys Weg. Der Deputy war hinter einem Knick verschwunden. Im Gesicht des Banditen arbeitete es. Er wandte sich um, lief zu seinem Pferd, kam mit einem kraftvollen Satz in den Sattel und trieb das Tier an. Im gestreckten Galopp donnerte er nach Süden.

Sein Kumpan wartete zwischen einigen Felsen. Fünf Pferde standen an einem Strauch und knabberten die jungen Triebe. Die Tiere peitschten mit den Schweifen nach den blutsaugenden Bremsen an ihren Seiten. Wes Cardigan erhob sich, als er seinen Kumpan kommen sah. Zwischen seinen Lippen klemmte ein Zigarillo. Er nahm es zwischen die Finger. Jesse Sloane parierte das Pferd.

»Ich hörte einen Schuss«, sagte Cardigan.

»Es ist uns nicht gelungen, den Hundesohn abzuhängen. Er trägt einen Stern. Leider habe ich vorbeigeschossen.«

Cardigan presste sekundenlang die Lippen zusammen. Sie bildeten nur noch einen dünnen, blutleeren Strich. Schließlich stieß er hervor: »Reiten wir weiter. Vielleicht gelingt es uns, in der Felswildnis unsere Spur zu verwischen.«

»Der ist schlimmer als ein Bluthund«, knurrte Sloane.

Cardigan stieg auf sein Pferd. Sie trieben die gestohlenen Tiere vor sich her. Der Weg führte in eine staubige Senke. Die Hitze füllte beim Atmen die Lungen wie mit Feuer. Die Hufe rissen kleine Staubfontänen in die heiße Luft.

Die beiden Banditen zogen in die Senke hinein. Im Süden wurde sie von bizarren, zerklüfteten Felsen begrenzt. Überall lag Geröll. Winzige Kristalle blitzten im Sonnenlicht wie Diamanten. Die Konturen verschwammen in der flirrenden Luft.

Am Ende der Senke erwartete McKinney die beiden. Er trieb sein Pferd hinter einem Felsen hervor. Das Tier lenkte er mit den Schenkeln, das Gewehr hielt er an der Seite, den Kolben hatte er sich unter die Achsel geklemmt. Sein Zeigefinger krümmt sich um den Abzug, die anderen drei Finger steckten im Ladebügel.

»Hände hoch!«, gebot McKinney. »Eine falsche Bewegung, und es kracht.«

Erschreckt stemmten sich die beiden Pferdediebe gegen die Zügel. Die Tiere standen. Unwillkürlich zuckten die Hände der beiden Burschen zu den Revolvern. Aber der Verstand holte diesen Reflex ein. Wes Cardigans Hände wanderten langsam nach oben. In Jesse Sloanes Zügen arbeitete es. Verkniffen starrte er den Deputy an.

»Na schön«, sagte Sloane schließlich, nachdem er und McKinney sich sekundenlang belauert hatten. »Du hast uns vor dem Lauf. Was nun?«

»Ich werde euch und die Pferde nach Flagstaff bringen. Dort wird man euch vor Gericht stellen, und ihr werdet für einige Zeit hinter Zuchthausmauern verschwinden.«

»Du hast dir ziemlich was vorgenommen.« Ein hinterhältiges Grinsen umspielte Sloanes Lippen. Die dünne Schicht aus Staub und Schweiß in seinem Gesicht war gebrochen. In seinen Augen loderte ein heimtückisches Feuer.

»Zieht vorsichtig die Revolver aus den Futteralen«, kommandierte McKinney. »Werft sie zu Boden. Und dann die Gewehre.«

Wes Cardigan senkte die Hände.

Jesse Sloane gab seinem Pferd die Sporen und griff gleichzeitig nach dem Revolver. Das Eisen flirrte aus dem Holster, der Bandit brachte es in die Waagerechte. Begleitet vom peitschenden Knall des Schusses riss ihn McKinneys Kugel vom Pferd.

Nun kam auch in Wes Cardigans Gestalt Leben. Seine Rechte zuckte zum Sechsschüsser. Das Donnern der Detonation von McKinneys Gewehr in den Ohren, bäumte er sich auf, machte das Kreuz hohl und stürzte aus dem Sattel. Staub schlug unter seinem aufprallenden Körper auseinander.

McKinney nahm sein erregt tänzelndes Pferd hart in die Kandare. Die beiden Banditen rührten sich nicht. Sloane lag auf der Seite, Cardigan auf dem Bauch. Ihr Blut versickerte im Staub. McKinney saß ab. Bei Sloane ging er auf das linke Knie nieder. Die Lider des Banditen zuckten. Ein leises Stöhnen brach aus seiner Kehle und drang über seine zuckenden Lippen. McKinney richtete sich auf und ging zu Cardigan hin. Dem konnte keine Macht der Welt mehr helfen. Er hatte die Kugel ins Herz bekommen.

McKinney hatte einen blutigen Schlussstrich unter das Leben des Banditen gezogen. Doch er verspürte keine Genugtuung. Er hasste es, zu töten. Aber Cardigan hatte ihm keine andere Wahl gelassen. Die Zeit, genau zu zielen, ließ er ihm nicht.

Sloane hatte die Kugel in die rechte Brust bekommen. McKinney holte aus seiner Satteltasche ein Messer und schnitt Sloanes Hemd auf. Aus einem Stück Binde drehte er einen Pfropfen, den er in den Wundkanal steckte, um die Blutung zu stoppen. Dann legte er Sloane einen Verband an. »Ich bringe dich nach Rimrock«, sagte er. »Von dort aus wird man dich, wenn du transportfähig bist, nach Flagstaff schaffen.«

McKinney kratzte mit dem Gewehrkolben eine Mulde in den feinen Sand, in die er Cardigan legte. Dann häufte er Steine über den Leichnam. Bald zeugte nur noch der Haufen Steine davon, dass hier ein Mann seine letzte Ruhe gefunden hatte. Ein namenloses Grab in einem Land, in dem man seine Lektionen entweder sehr schnell lernte oder vor die Hunde ging …



2

Auf der Main Street von Flagstaff ballte sich die Hitze. Die Sonne stand senkrecht über der Stadt. Fünf Reiter verhielten auf dem Scheitelpunkt der Anhöhe, über die der Weg führte. Aufgewirbelter Staub senkte sich. Die Pferde tänzelten auf der Stelle. Helles Wiehern erhob sich.

Es war Mittagszeit. Die Menschen in der Stadt hielten Siesta. Sie hatten sich in der Kühle ihrer Behausungen verkrochen. Die Hauptstraße des Ortes war wie leergefegt.

»Ob Meredith noch Sheriff in Flagstaff ist?«, fragte Burt Anderson. »Es ist immerhin fünf Jahre her.«

»Wir werden es sehen«, antwortete Cash Anderson, ein dunkler Mann mit eingefallenem Gesicht und tagealten Bartstoppeln auf Kinn und Wangen. Seine Kiefer mahlten. »Es gibt keinen Ort auf der Welt, an dem ich Meredith nicht finden würde. Ich habe es geschworen damals …«

Es war ein verwegener Haufen. Verkommenheit und Niedertracht standen den Kerlen in die Gesichter geschrieben. Ein unstetes Leben jenseits von Recht und Ordnung hatte unübersehbare Spuren hinterlassen. Der Eindruck von Wucht und Stärke, den das Rudel vermittelte, war nicht zu übersehen.

Cash Anderson war voll Hass. Es war ein Hass, der keine Zugeständnisse und kein Entgegenkommen kennen würde. Er war tief in ihm verwurzelt und vergiftete sein Bewusstsein.

Sie trieben die Pferde an. Der Tod näherte sich auf stampfenden Hufen Flagstaff. Die Reiter folgten der von Rädern zerfurchten und von Hufen aufgewühlten Straße, die sich wie der riesige Leib einer Schlange zwischen die Häuser wand und dort zur Main Street verbreiterte. Viele Fassaden waren falsch. An den Vorbauten hatten sich Tumbleweds verfangen; abgestorbene Sträucher, die der Wind in die Stadt getrieben hatte. In den Schatten lagen Hunde und dösten. Irgendwo erklang die keifende Stimme einer Frau. Ein Kind weinte, die grollende Stimme eines Mannes erklang, dann schlug eine Tür.

Das Rudel ritt in loser Ordnung. Die Augen der Kerle lagen im Schatten der Hutkrempen. Menschen schauten aus den Fenstern und verspürten beim Anblick der Reiter Unbehagen.

Vor dem Saloon zügelten sie die Pferde und schwangen sich aus den Sätteln. Lose schlangen sie die langen Zügel um den Holm, dann zogen sie die Gewehre aus den Scabbards und gingen steifbeinig und sporenklirrend in den Schankraum. Hinter dem letzten schlugen knarrend und quietschend die Türpendel aus. Die Absätze der Reitstiefel riefen auf den Dielen ein polterndes Echo wach.

Um diese Zeit befand sich niemand im Saloon. Es roch nach kaltem Rauch und verschüttetem Bier. Der Keeper saß an einem der runden Tische und las in einer Zeitung. Er sah die fünf Kerle und wusste, dass das Böse Einzug in Flagstaff gehalten hatte. Wie von Schnüren gezogen erhob er sich und ging hinter den Tresen. Die fünf setzten sich an einen der Tische. »Fünf Bier!«, rief einer mit staubheiserer Stimme.

Der Keeper schenkte fünf Krüge voll und trug sie zum Tisch. Er stellte sie ab und wollte sich wieder abwenden, doch einer der Kerle hielt ihn am Arm fest und fragte: »Ist James Meredith noch Sheriff hier?«

Der Keeper nickte. Und jetzt erkannte er den Burschen, der die Frage gestellt hatte. »Cash Anderson!«, entrang es sich ihm, und das jähe Erschrecken spiegelte sich in seinen Augen wider. »Ich dachte …«

»Du dachtest sicher, dass ich zwanzig Jahre in Yuma absitze, mein Freund. Nun, das war ein Trugschluss. Nach fünf Jahren hatte ich die Schnauze voll. Meredith ist also noch Sheriff hier.«

Der Keeper räusperte sich. Seine Stimmbänder versagten. »Ja«, murmelte er.

Cash Anderson ließ den Arm des Mannes los, trank von seinem Bier und schaute einen seiner Kumpane an. »Geh zum Office, Wade. Sag Meredith, dass er um Punkt ein Uhr auf die Straße kommen soll. Sag ihm, dass Cash Anderson nach Flagstaff zurückgekehrt ist. Wenn er um ein Uhr nicht aus seinem Bau kommt, holen wir ihn uns.«

Wade Spencer drückte sich am Tisch in die Höhe und stiefelte aus dem Saloon. Seine Schritte verklangen.

»Die Stunde der Rache ist angebrochen«, murmelte Cash Anderson. Jeder Zug seines Gesichts verriet eine tödliche Entschlossenheit. Ein brutaler Zug hatte sich in seinen Mundwinkeln festgesetzt.

Währenddessen schritt Wade Spencer in Richtung Office. Er bewegte sich in den Schatten der Vorbaudächer. Um das Office zu erreichen, musste er über die Fahrbahn. Staub puderte seine Stiefel und knirschte unter seinen Sohlen.

James Meredith stand am verstaubten Fenster und sah den Fremden kommen. Er hatte die fünf Kerle an seinem Büro vorbeireiten sehen. Erkannt hatte er keinen von ihnen. Aber er spürte das Verhängnis, das mit den fünfen Einzug gehalten hatte, tief in der Seele. Er wusste nicht, worauf sich dieses Gefühl bezog, aber es war da und ließ sich nicht verdrängen.

Draußen polterten Schritte. Dann klopfte es gegen die Tür. James Meredith ging hinter seinen Schreibtisch und rief: »Herein.« Der Dreiundfünfzigjährige stemmte sich mit beiden Armen auf die Tischplatte.

Wade Spencer betrat den Raum. Es war düster zwischen den vier Wänden. Hinter dem Schreibtisch führte eine Tür in den Zellentrakt. Fragend musterte der Sheriff den Ankömmling. »Was kann ich für Sie tun?«

»Ich soll Ihnen Grüße bestellen, Sheriff. Grüße von Cash Anderson.«

Merediths Miene verschloss sich. »Der ist in Yuma. Schätzungsweise verbringt er dort noch fünfzehn Jahre. Was …« Dem Sheriff fiel es wie Schuppen von den Augen. »Er ist in Flagstaff, nicht wahr?«

Spencer nickte. »Er will Sie zur Rechenschaft ziehen, Sheriff. Kommen Sie um ein Uhr auf die Straße. Wenn Sie nicht kommen, holen wir Sie.« Der Bandit warf einen Blick auf den Regulator, der an der Wand hing und monoton tickte. Das Messingpendel schlug rhythmisch hin und her. »Sie haben noch eine Viertelstunde Zeit, Sheriff. Wenn Sie ein Gebet kennen, dann beten Sie.«

Spencer schwang herum und verließ das Office. Hinter ihm klappte die Tür zu.

James Meredith zog die Unterlippe zwischen die Zähne und kaute darauf herum. Die Worte hallten in ihm nach. Vor seinem geistigen Auge stiegen farbige Bilder aus den Nebeln der Vergangenheit. Das Gericht hatte Cash Anderson damals für zwanzig Jahre in die Steinbrüche von Yuma geschickt.

Meredith seufzte. Er wünschte sich, dass John McKinney, sein Deputy, hier wäre. Aber McKinney ritt auf der Fährte zweier Banditen und war seit drei Tagen fort.

Eine Viertelstunde!

James Meredith gab sich einen Ruck. Er ging zum Gewehrschrank und nahm eine Schrotflinte mit Doppellauf heraus, knickte die Läufe ab und versicherte sich, dass sie geladen war. Er schloss die Läufe wieder, rückte seinen Revolvergurt zurecht und verließ das Büro. Draußen schwenkte er den Blick die Main Street hinauf und hinunter. Vor dem Saloon standen die fünf verstaubten und verschwitzten Pferde am Holm. James Meredith schluckte. Erneut griff die grausig kalte Hand aus der Vergangenheit nach ihm.

Der Sheriff wandte sich nach links und marschierte in eine enge Gasse, und dann trat er in den Hof der Schmiede. Das Tor der Werkstatt stand offen. Der Schmied bearbeitete ein glühendes Eisen mit einem schweren Hammer. Die Hammerschläge klangen hell und monoton. Der Gehilfe des Schmieds trat den Blasebalg.

Als er den Sheriff kommen sah, hielt der Schmied inne. Ihm entging nicht der Ernst in Merediths Zügen, und seine Brauen schoben sich zusammen. Der Sheriff blieb an der Schattengrenze unter dem Tor stehen und sagte: »Cash Anderson ist aus dem Zuchthaus ausgebrochen. Er und vier Kumpane sind vor wenigen Minuten in Flagstaff eingetroffen. Anderson will sich an mir rächen.«

Der Schmied legte den Hammer weg, nahm das Eisen, das er gerade bearbeitete, und schob es in die Glut. Dann kratzte er sich am Hals und erwiderte: »Eine üble Sache, James. Was erwartest du?«

»Ich brauche Hilfe. Alleine werde ich mit der Bande nicht fertig.«

Die Miene des Schmiedes verschloss sich. »Ich verstehe es, ein Hufeisen zu schmieden, James. Aber mit dem Gewehr oder dem Revolver kann ich nicht besonders umgehen. Ich glaube nicht, dass ich dir helfen kann. Außerdem habe ich eine Familie …«

John Meredith spürte Enttäuschung. Dazu gesellte sich Verbitterung. Er nickte und sagte: »Ich verstehe, Earl. Nun, ich kann niemand zwingen, mir zu helfen.« Nach dem letzten Wort schwang der Sheriff herum und verließ mit langen Schritten den Hof der Schmiede. Er lief hinter den Häusern entlang zur Schreinerei. Der Tischler arbeitete an einer Anrichte. Es roch nach frischem Holz und Leim. Der Schreiner legte die Stirn in Falten. Instinktiv spürte er, dass der Sheriff nicht von ungefähr zu ihm kam. »Wo brennt es, James?«

»Cash Anderson ist nach Flagstaff gekommen.«

Der Schreiner blickte nachdenklich drein. Dann murmelte er: »Anderson – wurde der damals nicht zu zwanzig Jahren Zuchthaus verurteilt? Das ist fünf Jahre her …«

»Er muss ausgebrochen sein. Und nun will er es mir heimzahlen, dass ich ihm damals das schmutzige Handwerk legte. Er hat vier Kerle mitgebracht, denen die Verworfenheit in die Gesichter geschrieben steht.«

»Du kommst zu mir, weil du Hilfe suchst, nicht wahr?«, fragte der Schreiner und zog unbehaglich die Schultern an, als fröstelte es ihn. Er fühlte sich plötzlich nicht wohl in seiner Haut, und sein Blick irrte nervös ab.

»So ist es. Ich habe nur noch wenige Minuten Zeit. Um ein Uhr soll ich auf die Main Street kommen. Alleine habe ich gegen die fünf Kerle nicht den Hauch einer Chance.«

»Wen außer mir …«

»Den Schmied. Er hat abgelehnt. Du musst mir nur den Rücken freihalten, Richard. Mehr erwarte ich nicht. Ich …«

»Tut mir leid, James. Ich bin kein Kämpfer. Ich muss damit rechnen, getötet zu werden. Um in einen solchen Kampf zu ziehen, fehlt mir der Mut.«

»Als ich Anderson vor fünf Jahren aus dem Verkehr zog, habt ihr mir auf die Schultern geklopft.«

»Du hast deinen Job gemacht, James. Sicher, wir waren stolz auf dich. Aber das ist kein Grund, sich jetzt von ein paar Revolverhelden abknallen zu lassen. Ich bin zweiundvierzig und zu jung zum Sterben. Wo ist denn dein Hilfssheriff?«

»Auswärts«, murmelte James Meredith und wandte sich um. Ein grenzenloses Gefühl des Alleinseins befiel ihn und hielt ihn im Klammergriff. Er zog die Uhr aus der Westentasche. Er hatte noch fünf Minuten Zeit. Mit der Intensität eines Mannes, nach dem der Tod bereits die knöcherne Klaue ausstreckte, spürte er, dass sich an diesem heißen Tag hier in Flagstaff sein Schicksal erfüllen sollte.

Müde wandte er sich ab.



3

Langsam schritt James Meredith die Main Street hinunter. Die Schrotflinte trug er links am langen Arm. Auf seinem Stern brach sich das Sonnenlicht. Sein rechtes Handgelenk streifte beim Gehen den Knauf des Revolvers. Mechanisch setzte der Sheriff einen Fuß vor den anderen.

An den Fenstern der Häuser drückten sich die Bewohner der Stadt die Nasen platt. Irgendwo hinter den Häusern bellte ein Hund. Mit dem heißen Südwind wehte Urin- und Kotgeruch von den Corrals und Koppeln am Stadtrand heran.

Vor dem Saloon blieb James Meredith mitten auf der Straße stehen. In seinem Gesicht zuckte kein Muskel. Er verstand es, seine Angst zu verbergen. »Anderson!« Seine Stimme entfernte sich von ihm, trieb über die Fahrbahn und versank in der Stille.

Einige Sekunden verstrichen. Dann ertönten hämmernde Schritte. Cash Anderson drückte mit beiden Händen die Türflügel des Saloons auf und trat auf den Vorbau. Er ging bis zum Geländer. »Du kommst zwei Minuten zu früh, Meredith.«

»Es spielt keine Rolle. Haben dich deine Freunde aus Yuma herausgeholt, Anderson?«

»Ja, mit ihrer Hilfe ist mir die Flucht gelungen. Ich bin gekommen, um dir eine blutige Rechnung zu präsentieren, Meredith. Fünf Jahre lang war ich lebendig in den Steinbrüchen begraben. Yuma ist die Hölle für einen Mann. Ich habe es dir zu verdanken.«

»Du hast Postkutschen und Banken überfallen, Anderson, und bekommen, was du verdient hast. Na schön. Worten wirst du nicht zugänglich sein. Werden sich deine Kumpane heraushalten?«

Darauf gab Anderson keine Antwort. Er tauchte unter dem Vorbaugeländer hindurch und sprang auf die Straße. »Hörst du den Hund bellen, Meredith? Beim nächsten Bellen ziehen wir.«

In dem Moment hörte der Sheriff hinter sich das Mahlen von Schritten. Er drehte den Kopf und schaute über die Schulter. Ein hämisch grinsender Kerl stand in der Mündung einer Gasse an einer Hausecke. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Das Grinsen erreichte seine Augen nicht. Sie blickten kalt wie Bachkiesel.

An verschiedenen Stellen kamen die Banditen zwischen den Häusern hervor. Sie hatten James Meredith regelrecht eingekreist. In seinen Mundwinkeln zuckte es. Eine unsichtbare Faust schien ihn zu würgen. Er wandte sich Cash Anderson zu. »Du überlässt also nichts dem Zufall.«

Der Hund hinter den Häusern hatte zu bellen aufgehört. Die Stadt schien den Atem anzuhalten.

»Wenn der Hund bellt …«, rief Anderson.

Die Atmosphäre schien vor Spannung zu knistern wie vor einem schweren Gewitter. James Meredith gab sich keinen Illusionen hin. Diese Kerle waren tödlicher als die Pest im Mittelalter. Andersons Hass war grenzenlos. James Meredith nahm die Beine etwas auseinander und beugte sich leicht nach vorn, um einen festeren Stand zu haben. Jeder seiner Sinne war aktiviert und er war angespannt bis in die letzte Faser seines Körpers.

Der Hund bellte.

Andersons Hand sauste zum Revolver.

Der Sheriff riss die Schrotflinte an die Hüfte und zog durch. Der Donnerknall vermischte sich mit dem Krachen des Banditencolts. Wie eine Botschaft von Untergang und Tod stieß das Dröhnen durch die Stadt. Meredith war zur Seite geglitten. Weitere Schüsse krachten. Er wirbelte halb herum und feuerte den zweiten Lauf ab. Dann hechtete er in den Staub, zog den Revolver und rollte herum.

Cash Anderson kniete auf der Straße. Einige Schrotkugeln hatten ihn getroffen. Blut rann über sein Gesicht. Sein Mund war in der Anspannung verzogen, die Lippen waren fest aufeinandergepresst. Der Colt in seiner Faust bäumte sich auf und schleuderte sein Krachen über die Fahrbahn. Die Waffen in den Fäusten seiner Kumpane brüllten auf.

James Meredith spürte die Einschläge. Er lag auf dem Bauch. Sein Gesicht fiel in den Staub. Der Schmerz kam in heftigen Wellen. Schwäche befiel den Sheriff – eine Schwäche, die tief aus seinem Innersten kam. Benommenheit brandete gegen sein Bewusstsein an.

Auf der Straße zerflatterte der Pulverdampf. Die Echos der Detonationen waren verebbt. Stille hatte sich wie ein Leichentuch in die Stadt gesenkt.

Cash Anderson drückte sich hoch. Den Revolver auf den Sheriff angeschlagen setzte er sich in Bewegung. Der Daumen lag auf der Hammerplatte. Auch die anderen Banditen kamen langsam auf die Straße. Schließlich standen sie um den Sheriff herum. Meredith atmete noch. Seine Finger hatten sich im Staub verkrallt. »Fahr zur Hölle, Meredith«, presste Anderson hervor und spannte den Hahn. Klickend bewegte sich die Trommel um eine Kammer weiter. Der Schuss sprengte die Stille wie die Explosion einer Granate. James Merediths Gestalt erschlaffte.

»Verschwinden wir«, stieß Cash Anderson hervor. Aus der Mündung seines Revolvers kräuselte ein dünner Rauchfaden. Er hatte einen kaltblütigen Mord begangen. Sein Gesicht verriet nicht die Spur einer Gemütsregung. Jetzt ließ er den Sechsschüsser einmal um seinen Zeigefinger rotieren und versenkte ihn geschickt im Holster. Dann bückte er sich, drehte Meredith auf den Rücken und riss ihm den Stern von der Weste. Sekundenlang starrte er darauf, dann schleuderte er ihn zu Boden. Das Symbol des Gesetzes versank halb im Staub.



4

John McKinney trieb die vier Pferde auf den Hof der Triangle-S Ranch. Einige Männer kamen aus Schuppen, Ställen und Scheunen. Bei einem Corral waren einige Cowboys dabei, Pferde einzureiten.

Besitzer der Triangle-S war Lorne Granger. Der Rancher trat auf die überdachte Veranda. Ein paar Männer liefen heran und kümmerten sich um die Pferde, die der Deputysheriff zurückgebracht hatte. Vor der Veranda zügelte McKinney sein Pferd und legte beide Hände übereinander auf das Sattelhorn. »Ich musste den beiden Schuften bis in die Apache Maid Mountains folgen«, erklärte er. »Aber ich habe sie erwischt. Und Sie haben Ihre Pferde wieder, Mister Granger.«

»Mussten Sie kämpfen, McKinney?«

»Ja. Einen der Kerle musste ich töten. Der andere befindet sich in der Obhut des Sheriffs von Rimrock.«

»Schlechte Nachricht, McKinney«, murmelte der Rancher. Sein Blick ging an dem Hilfssheriff vorbei und verlor sich in der Ferne. Er schien seine nächsten Worte im Kopf zu formulieren.

McKinneys Brauen hatten sich zusammengeschoben. Über seiner Nasenwurzel hatten sich zwei steile Falten gebildet.

Der Rancher fuhr fort. Abgehackt sagte er: »Cash Anderson hat Flagstaff einen höllischen Besuch abgestattet.« Die Worte fielen wie Hammerschläge.

McKinney kannte die Geschichte. Sein Herzschlag beschleunigte sich. »Er sollte in Yuma sein«, entrang es sich McKinney.

»Ist er aber nicht. Anderson ist aus dem Zuchthaus ausgebrochen. Gestern war er in der Stadt und hat den Schwur, den er vor fünf Jahren leistete, in die Tat umgesetzt.«

McKinney hielt unwillkürlich die Luft an. Entsetzt musterte er den Rancher. Dann stieß er die verbrauchte Atemluft aus und schnappte: »Er hat damals Rache geschworen. James hat ihn verhaftet. Großer Gott …« Mit dem zitternden Atemzug des lähmenden Entsetzens brach McKinney ab.

Granger nickte. »Sie haben James mitten auf der Main Street zusammengeknallt. Er hatte nicht den Hauch einer Chance.«

Eine tonnenschwere Last schien sich auf McKinneys Schultern zu legen. Er war fassungslos und erschüttert. Als er vor drei Jahren völlig am Ende in diesen Landstrich kam, kümmerte sich James Meredith um ihn. Schon bald machte er ihn zum Hilfssheriff. Mit James Merediths Hilfe hatte McKinney endlich einen Platz gefunden, an dem bleiben konnte. Und nun …

Heiß stieg es in dem Hilfssheriff auf. Etwas in ihm zerbrach. Wortlos zog er das Pferd herum, ruckte im Sattel und gab dem Tier den Kopf frei. Eine Stunde später erreichte er die Stadt. Er saß vor dem Sheriff's Office ab und ging hinein. Die Luft war muffig und abgestanden. Es roch nach Bohnerwachs. McKinney machte kehrt und verließ das Office wieder. Niemand zeigte sich. Er rannte schräg über die Straße und betrat ein Haus. Eine junge Frau kam ihm im Flur entgegen. Sie war dunkelhaarig und sehr hübsch. »John«, murmelte sie. »Es ist alles so furchtbar.«

Seine Hände legten sich um ihre Oberarme. »Was ist geschehen, Joana?«

Sie berichtete stockend. Die Erinnerung übermannte sie und sie begann zu weinen. Ihre Stimme brach.

Aber McKinney hatte genug gehört. Er begab sich zur Schreinerei. Der Schreiner war zugleich Sargtischler und Totengräber. In einem kleinen Raum neben der Werkstatt war der tote Sheriff aufgebahrt. Zwei brennende Kerzen standen am Kopfende des einfachen Sarges. Die Augen des Toten waren geschlossen. Sein Gesicht mutete seltsam gelöst an. Er sah aus, als würde er schlafen – wäre die wächserne Hautfarbe nicht gewesen. Es war die Farbe des Todes.

McKinney nahm seinen Hut ab. Sein Gesicht war wie aus Granit gemeißelt. Es überstieg sein Begriffsvermögen. Die Trauer um den väterlichen Freund zog durch seinen Verstand. Er erschauerte. Der Schreiner trat neben ihn. »Wo war die Stadt?«, fragte McKinney mit einer ihm selbst fremden Stimme. »Warum hat sie zugelassen, dass diese Schufte James zusammenknallten?«

Der Schreiner schwieg betreten.

Nur mit Gewalt gelang es McKinney, seinen Blick von dem erstarrten Gesicht des Freundes zu lösen. Ein Laut, der sich anhörte wie trockenes Schluchzen, stieg aus seiner Kehle. Mit hängenden Schultern verließ er den Raum. Er schritt die Straße hinunter und betrat das Office. Seine Gedanken wirbelten. Ohne von einem bewussten Willen geleitet zu werden setzte er sich hinter den Schreibtisch und schlug die Hände vor das Gesicht. Seine Schultern zuckten.

Joana Murdock betrat das Office und sagte: »Die Stadt hat ihn schmählich im Stich gelassen. Sie haben ihn zusammengeknallt wie einen tollwütigen Hund. Dann hat ihm Anderson den Stern von der Weste gerissen. Was wirst du tun, John?«

McKinneys Hände waren nach unten gesunken. Seine Augen brannten und hatten sich gerötet. »Ich werde seine Mörder zur Rechenschaft ziehen.« Es klang wie ein Schwur. »Es gibt keinen Ort auf dieser Welt, an dem sie sich vor mir verkriechen können. Ich hole sie mir. Einen nach dem andern.«

»Ich befürchtete es«, murmelte die junge Frau. Ihr Blick schien sich nach innen zu verkehren. »Wenn ich dich bitte, hierzubleiben, ist das wohl zwecklos. Darum versuche ich es erst gar nicht.«

»Ich bin es James schuldig, Joana«, murmelte McKinney mit brüchiger Stimme. »Du wirst es verstehen.«

»Ich warte auf dich, John.«

»Nach der Beerdigung werde ich Flagstaff verlassen. Wohin haben sich die Schufte gewandt?«

»Nach Süden. Niemand versuchte, sie aufzuhalten. Flagstaff ist eine Rattenburg, und die Ratten haben sich in ihren Löchern verkrochen. Ich kann nur noch Verachtung für die Männer dieser Stadt aufbringen.«

»Hast du die Kerle gesehen, Joana?«

»Nur vom Fenster aus. Aber sie waren im Saloon. Der Keeper sah sie aus nächster Nähe.«

John McKinney holte einen Packen vergilbter Steckbriefe aus dem Schreibtischschub. Zusammen mit Joana verließ er das Office. Während die Frau nach Hause ging, begab sich der Hilfssheriff in den Saloon. Der Keeper blätterte die Steckbriefe durch und sortierte drei Stück aus. »Die waren dabei«, erklärte er. »Wirst du den Mördern folgen, McKinney?«

»Ich werde erst ruhen, wenn der letzte von ihnen tot vor mir liegt.«



5

Am Nachmittag fand die Beerdigung statt. Alles, was in Flagstaff zwei Beine hatte und laufen konnte, hatte sich eingefunden. Der Sarg stand auf zwei Balken, die quer über das Grab gelegt worden waren. Der Pfarrer wurde von einem Messdiener begleitet, der ein Gefäß mit Weihrauch schwang. Die Männer der Stadt hatten die Hüte abgenommen und hielten sie in den Händen.

Der Pfarrer segnete das Grab und rief: »Lasset uns beten. O Gott, durch dessen Erbarmung die Seelen der Gläubigen zur Ruhe eingehen, segne in Gnaden dieses Grab …«

McKinney hörte die monotone Stimme, aber mit seinen Gedanken war er weit, weit weg. Neben ihm stand Joana. Sie weinte leise. Der Blick des Hilfssheriffs wanderte über die Gesichter hinweg. Die Männer wichen seinem Blick aus.

»… die Seele dessen aber, der hier bestattet wird, löse von allen Banden der Sünde, auf dass sie in dir mit deinen Heiligen selig sei ohne Ende …«

Die Zeremonie dauerte fast eine halbe Stunde. Dann löste sich die Trauergemeinde auf. Die Menschen verliefen sich. McKinney begleitete Joana nach Hause. Sie standen sich in der gemütlich eingerichteten Wohnstube der jungen Frau gegenüber. »Gib auf dich Acht, John«, murmelte Joana. »Den Kerlen ist nichts heilig. Ein Menschenleben ist ihnen gerade mal den Preis für eine Kugel wert.«

»Ich komme zurück, Joana«, versprach McKinney. »Allerdings weiß ich nicht, wann das sein wird.«

Sie küssten sich. Dann löste sich McKinney sanft aus ihrer Umarmung und verließ das Haus. Er ging ins Office, nahm seinen Stern ab und legte ihn auf den Schreibtisch. Wenig später betrat er den Mietstall. Der Stallmann saß auf einer Futterkiste und nähte ein Zaumzeug. Ein handlicher Klumpen Schusterpech lag neben ihm auf der Kiste, durch das er den Faden zog, damit er wasserabweisend wurde.

»Hilf mir, mein Pferd zu satteln, Curly«, bat McKinney.

»Hass führt in die Hölle, mein Junge«, murmelte der Oldtimer und erhob sich.

»Du irrst dich, Curly«, versetzte McKinney. »Es ist nicht der Hass, der mich treibt. Ich will Gerechtigkeit. James' Tod darf nicht ungesühnt bleiben.«

»Gerechtigkeit ist nur ein Wort«, murmelt der Stallmann. »Ich glaube nicht daran. Oft bleibt sie auf der Strecke.«

Er ging zu einer Box, öffnete sie, holte einen hochbeinigen Braunen heraus und wandte sich dem Balken zu, auf dem einige Sättel lagen. Zehn Minuten später war das Pferd gesattelt und gezäumt. McKinney führte es ins Freie und saß draußen auf. Er ritt noch einmal zum Office und ging hinein. Als er zurückkehrte, trug er ein Fernglas und eine Winchester 73. Das Gewehr rammte er in den Scabbard, das Fernglas verstaute er in der Satteltasche. Das Pferd schnaubte. McKinney band es los und schwang sich in den Sattel, nahm das Tier um die linke Hand und ruckte im Sattel. Der Braune setzte sich in Bewegung.

John McKinney verließ die Stadt in südliche Richtung. Er ritt mit Hass im Herzen – einen Hass, den er sich nicht eingestehen wollte. Der Stallmann hatte es richtig erkannt. McKinney redete sich ein, seine Rache an den Mördern seines väterlichen Freundes diene er der Gerechtigkeit. Das Bild des Sheriffs erstand vor seinem geistigen Auge. Es war das Bild eines Toten. McKinneys Herz schlug schneller.

Das Pferd trug ihn über eine Bodenwelle. Als er sich einmal umwandte, konnte er von Flagstaff nichts mehr sehen. Vor ihm lag sonnendurchglühtes Land. Das spärliche Gras war braun verbrannt. In rauchiger Ferne erhoben sich über den Hügeln bizarre Felsen, deren Gipfel in ein Meer aus weißen Wolken hineinragten. Die Vegetation bestand in kargem Dornengestrüpp. Hier und dort erhob sich eine Korkeiche.

McKinney hatte keine Ahnung, was vor ihm lag. Er dachte auch nicht darüber nach. Er ritt mit der Entschlossenheit, die Mörder seines Freundes zur Rechenschaft zu ziehen. Was am Ende seines Weges stehen würde, überließ er der Vorsehung. Das Schicksal begann ein neues Kapitel im Buch seines Lebens zu schreiben. Die Feder führte der Tod. Und er schrieb mit Blut ...



Details

Seiten
600
Jahr
2021
ISBN (ePUB)
9783738954944
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (August)
Schlagworte
deputy-rache cowboy western sammelband romane

Autoren

  • Pete Hackett (Autor:in)

  • Heinz Squarra (Autor:in)

  • Timothy Kid (Autor:in)

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Titel: Deputy-Rache: Cowboy Western Sammelband 5 Romane