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Sommer Special Gruselfälle: 8 Strand Krimis

von Alfred Bekker (Autor:in) Wolf G. Rahn (Autor:in) Cedric Balmore (Autor:in) G. S. Friebel (Autor:in) Franc Helgath (Autor:in)
©2021 900 Seiten

Zusammenfassung

Dieser Band enthält folgende Grusel-Krimis:

Alfred Bekker: Patricia Vanhelsing und die Spinnenkönigin

Alfred Bekker: Murphy und der Tod

G.S.Friebel: Das Monsterschloss

Cedric Balmore: Der Sohn des Monsters

Franc Helgath: Das Grauen wohnt in Zelle 7

Wolf G. Rahn: Sendbote der Hölle

Wolf G. Rahn: Die Dämonen von Dartmoor

Wolf G. Rahn: Tod aus roten Augen

Seltsame Todesfälle beschäftigen Doc Landon. Er glaubt, dass er etwas Großem auf der Spur ist. Als Gregor Handock wegen urplötzlich auftretender brauner Flecken auf seinem Körper diesen Doc aufsucht, sieht der seine Chance. Landon betäubt Handock und bringt ihn in seinen Keller.

Handocks Frau wendet sich an die drei Dämonenjäger, da sie glaubt, dass die Polizei ihr nicht helfen wird, ihren vermissten Mann zu finden. Die Dämonenjäger ahnen, dass die Orkusen ihre Hand im Spiel haben …

Leseprobe

Sommer Special Gruselfälle: 8 Strand Krimis

Alfred Bekker, G.S.Friebel, Cedric Balmore, Wolf G. Rahn, Franc Helgath

Dieser Band enthält folgende Grusel-Krimis:


Alfred Bekker: Patricia Vanhelsing und die Spinnenkönigin

Alfred Bekker: Murphy und der Tod

G.S.Friebel: Das Monsterschloss

Cedric Balmore: Der Sohn des Monsters

Franc Helgath: Das Grauen wohnt in Zelle 7

Wolf G. Rahn: Sendbote der Hölle

Wolf G. Rahn: Die Dämonen von Dartmoor

Wolf G. Rahn: Tod aus roten Augen



Seltsame Todesfälle beschäftigen Doc Landon. Er glaubt, dass er etwas Großem auf der Spur ist. Als Gregor Handock wegen urplötzlich auftretender brauner Flecken auf seinem Körper diesen Doc aufsucht, sieht der seine Chance. Landon betäubt Handock und bringt ihn in seinen Keller.

Handocks Frau wendet sich an die drei Dämonenjäger, da sie glaubt, dass die Polizei ihr nicht helfen wird, ihren vermissten Mann zu finden. Die Dämonenjäger ahnen, dass die Orkusen ihre Hand im Spiel haben …






Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author /

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Patricia Vanhelsing und die Spinnenkönigin

Roman von Alfred Bekker


Der Umfang dieses Buchs entspricht 106 Taschenbuchseiten.


Mein Name ist Patricia Vanhelsing und – ja, ich bin tatsächlich mit dem berühmten Vampirjäger gleichen Namens verwandt. Weshalb unser Zweig der Familie seine Schreibweise von „van Helsing“ in „Vanhelsing“ änderte, kann ich Ihnen allerdings auch nicht genau sagen. Es existieren da innerhalb meiner Verwandtschaft die unterschiedlichsten Theorien. Um ehrlich zu sein, besonders einleuchtend erscheint mir keine davon. Aber muss es nicht auch Geheimnisse geben, die sich letztlich nicht erklären lassen? Eins können Sie mir jedenfalls glauben: Das Übernatürliche spielte bei uns schon immer eine besondere Rolle.

In meinem Fall war es Fluch und Gabe zugleich.



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Alfred Bekker

© Roman by Author /COVER WERNER ÖCKL

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Michael Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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postmaster@alfredbekker.de

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1

Nebel lag wie grauer Spinnweben über London. In dicken Schwaden war er gegen Abend vom Themseufer heraufgezogen und hatte sich über die ganze Stadt ausgebreitet.

Der Nebel kroch durch die Straßen und erreichte schließlich auch die kleinste Gasse und den letzten Winkel dieser riesigen Stadt.

Es war schon nach Mitternacht, als der Bus an der einsamen Haltestelle Pelton Street hielt. Wie ein großer dunkler Schatten wirkte der Doppeldecker. Mit einem Zischen der Bremsen hielt er an.

Ein einzelner Fahrgast stieg aus.

James McGordon war Mitte dreißig, trug eine sportliche Lederjacke in Kombination mit Jeans. In der Hand hielt er eine Reisetasche. Glück gehabt, dachte er. Gerade noch den letzten Bus gekriegt...

Er hatte einen zweiwöchigen Urlaub in der Karibik hinter sich. Als er aus dem Flugzeug getreten war, war das berühmt berüchtigte englische Wetter für ihn der erwartete Schock gewesen. Inzwischen war er ziemlich durchgefroren. Die feuchte Kühle, die unter dem Nebel herrschte, ging einem durch Mark und Bein.

Wieder daheim, dachte er sarkastisch. Aber sein Urlaub war nunmal zu Ende, obwohl er gut und gerne noch weitere zwei Wochen unter Sonne und Palmen hätte vertragen können.

Der Bus setzte sich ächzend wie ein riesiges Tier in Bewegung und bog dann um die nächste Ecke.

McGordon atmete tief durch. Er hängte sich die Reisetasche über die Schulter und rieb sich die Hände. Seine Dachgeschosswohnung lag etwa fünf Minuten entfernt.

Er ging mit schnellen Schritten die Straße entlang.

Das diffuse Licht der Straßenlaternen wurde durch den dichten Nebel eigenartig gestreut, was der gesamten Szenerie eine gespenstische Atmosphäre gab. Spinnweben zitterten an einer dieser Lampen und irgendwo im Verborgenen saß eine achtbeinige Jägerin, die geduldig auf Beute wartete.

Die Häuser zu beiden Seiten der Straße ragten als schattenhafte Umrisse empor. Und irgendwo zwischen den eng am Straßenrand geparkten Fahrzeugen huschte eine schwarze Katze blitzartig daher...

Für einen Sekundenbruchteil sah McGordon das Leuchten ihrer gelblichen Augen, dann war sie verschwunden. Ein flüchtiger Schatten in der Nacht...

McGordon schlug sich den Kragen seiner Jacke hoch. Auf dem Pflaster des Bürgersteigs bemerkte er einige ungewöhnlich große Spinnen, die mit schnellen, hektischen Bewegungen seinen Turnschuhen auswichen.

Verfluchte Biester! Der Gedanke kam wie automatisch. Er wusste, dass sie harmlos waren, aber dennoch ging es ihm wie den meisten Menschen. Er ekelte sich unwillkürlich vor ihnen.

Und dann stutzte er.

Er sah eine Gestalt im Nebel.

Nachdem er noch ein paar Schritte hinter sich gebracht hatte, konnte er sie sehen. Eine Frau mit dunklen Haaren und einem sehr altmodisch wirkenden Kleid stand da. Ihr Blick schien ins Nichts zu gehen. Sie wirkte wie in Trance.

McGordon kniff die Augen zusammen und warf ihr einen forschen Blick zu.

Sie drehte den Kopf. Der Blick ihrer dunklen Augen begegnete ihm. Sie lächelte auf eine Art und Weise, die McGordon nicht gefiel.

Irgend etwas stimmt nicht mit ihr, ging es McGordon durch den Kopf.

Dann fühlte er etwas Kleines, Krabbelndes in seinem Nacken und schlug sofort zu.

Er blickte auf und sah, wie sich gerade eine Spinne an ihrem Faden von einer Straßenlaterne herabließ. McGordon ging hastig einen Schritt zur Seite. Dann glaubte er, seinen Augen nicht zu trauen. Ein wahres Heer dieser kleinen krabbelnden Ungeheuer kamen jetzt von allen Seiten auf ihn zu.

Wie aus dem Nichts waren sie plötzlich erschienen. Ihre Körper bedeckten dicht den Boden. Mit einer schnellen Bewegung streifte er sie von seinen Jeans ab.

„Nein“, flüsterte.

Das durfte nicht wahr sein. Sie waren überall. An seiner Tasche, unter seinem Hemdkragen, inzwischen auch in den Haaren. Und wie aus dem Nichts schienen ständig weitere der Achtbeiner heranzuströmen.

Wie von Sinnen schlug McGorden inzwischen um sich. Aus den Augenwinkeln heraus sah er die geheimnisvolle Frau, die einfach nur dastand und zusah.

Und sah ihr Lächeln...

Das hungrige Blitzen ihrer dunklen Augen...

McGordon erschauerte.

Er fühlte etwas Klebriges an der Hand und einen Augenblick später auch am Hals...

Spinnweben!

Er versuchte das klebrige Zeug abzustreifen, doch die Tausenden von Spinnen, die mittlerweile seinen gesamten Körper bedeckten, sponnen es schneller nach, als McGordon sich dagegen wehren konnte.

Verzweifelt ruderte er mit den Armen, versuchte, sie abzustreifen, doch ihre Zahl war einfach zu groß.

Er wollte einen Schritt zur Seite machen und stolperte zu Boden. Erst jetzt begriff er, was geschehen war. Seine Beine waren bis zur Höhe der Knie von ungewöhnlich starken Spinnweben umwickelt...

Das letzte, was James McGordon sah, war das Lächeln jener geheimnisvollen Frau aus dem Nebel...



2

„Hallo Patricia! Du brauchst dich gar nicht erst auf deinen Drehstuhl zu setzen!“

Der junge Mann, der mich früh am Morgen auf diese Weise begrüßte, hieß Jim Field und war wie ich bei den LONDON EXPRESS NEWS, einer großen englischen Boulevardzeitung, angestellt. Er als Fotograf, ich als Reporterin. Wir bildeten des Öfteren ein Team.

Jim war blond, trug eine verwaschene Jeans und ein Jackett, dessen Revers durch die Kameras, die er um den Hals zu tragen pflegte, ziemlich verknittert und vermutlich nie wieder in seine ursprüngliche Form zu bringen war. Mit einer lässigen Geste strich er sich das etwas zu lange blonde Haar zurück und grinste mich an.

„Wir sollen zum Chef kommen“, meinte er. „Muss wohl was ziemlich Wichtiges sein...“

Ich atmete tief durch und nahm meine Handtasche wieder vom Schreibtisch. Dann folgte ich Jim quer durch das Großraumbüro, in dem die Redaktion der LONDON EXPRESS NEWS untergebracht war, bis wir vor jener Tür standen, an der ein kleines Schild mit der Aufschrift MICHAEL T. SWANN - CHEFREDAKTEUR stand.

Jim klopfte vorsichtshalber.

„Herein“, knurrte es von der anderen Seite.

Wir betraten das Büro, in dem unser mitunter etwas cholerisch veranlagter Chefredakteur unruhig auf und ab ging.

In der Hand hielt er ein Diktiergerät.

Swann war breitschultrig und hatte die Ärmel hochgekrempelt. Die Krawatte saß locker wie ein Strick. Er machte stets einen überarbeiteten Eindruck. Seine Leidenschaft war die LONDON EXPRESS NEWS. Dieses Blatt wollte er genau dort halten, wo seiner Ansicht nach der Platz dieser Zeitung war: Ganz oben. Dafür setzte er alles ein. So etwas wie ein Privatleben schien er kaum zu kennen.

Immerhin hatte ich ihn inzwischen davon überzeugen können, eine Journalistin zu sein, die selbst wenn man Swanns strenge Maßstäbe anlegte, gute Arbeit leistete.

Swann wirbelte herum.

„Da sind Sie beide ja“, murmelte er. Er nahm sich nicht die Zeit, uns zu begrüßen. „Kennen Sie die Pelton Street, Patricia?“

„Nein“, erwiderte ich wahrheitsgemäß.

„Dann suchen Sie sie auf dem Stadtplan und fahren Sie so schnell wie möglich hin!“

„Worum geht es?“

Swann machte ein paar Schritte auf mich zu. Dann hob er die Augenbrauen und sah mich an.

„Es scheint, als würde es einen weiteren dieser rätselhaften Todesfälle geben...“ Seine Stimme hatte einen gedämpften Tonfall bekommen. Swann mochte abgebrüht sein und einer, der sich über so viele Jahre in der Nachrichtenbranche behauptet hatte, musste das wohl sein. Aber das bedeutete nicht, dass Swann kein Herz hatte. Unter seiner rauen Schale befand sich ein weicher, empfindsamer Kern, auch wenn er den zumeist sehr gut zu verbergen wusste.

Ich erwiderte seinen Blick.

„Sie meinen...“

Er nickte. „Ja, Patricia. Es geht um diese seltsam mumifizierten Toten, die in einen Kokon aus Spinnweben eingewoben waren... Beeilen Sie sich! Im Moment ist in der Pelton Street riesig was los! Die Polizei sucht überall nach Spuren...“

Ich nickte und wandte mich dann an Jim.

„Komm“, sagte ich.

Wir hatten schon fast die Tür erreicht, da ließ uns Swanns durchdringende Stimme noch einmal herumfahren.

„Noch etwas!“, rief er.

„Ja?“, fragte ich.

„Die Untersuchung dieser Mordserie wird laut einer Pressemitteilung von Scotland Yard neuerdings von Inspektor Barnes geleitet“, erklärte Swann.

„Oh.“

„Ich wusste, dass Ihnen das nicht gefällt. Ich wollte Sie vorwarnen.“

„Danke.“

„Was hat Barnes eigentlich gegen Sie, Patricia?“

Ich zuckte die Achseln. „Eigentlich wüsste ich das auch gerne.“

Swann zwinkerte mir zu. „Wahrscheinlich kann er nur nicht vertragen, wenn jemand besser ist als er.“

Ich lächelte matt. „Das wird es sein!“



3

Kalt und diesig war es an diesem Tag.

Jim und ich stiegen in den roten Mercedes 190 - ein Geschenk meiner Großtante Elizabeth Vanhelsing, bei der ich seit dem frühen Tod meiner Eltern aufgewachsen war. Ich liebe diesen Oldtimer - denn das war er inzwischen schon beinahe und hätte ihn für kein neues Modell derselben Klasse eingetauscht. Geschwindigkeitsrekorde oder waghalsige Lenkmanöver verboten sich im dichten Londoner Stadtverkehr ohnehin.

Es dauerte eine Weile, bis wir die Pelton Street erreichten. Jim lotste mich mit dem Stadtplan auf den Knien dorthin.

Die Gegend war weiträumig für den Verkehr abgesperrt und so mussten wir das letzte Stück des Weges zu Fuß gehen.

Die Pelton Street lag in einem der Außenbereiche.

Wohnblocks und Reihenhäuser mischten sich hier mit einer Reihe altehrwürdiger Villen im viktorianischen Stil.

Wir bogen um eine Ecke und dann sah ich in einiger Entfernung auch schon die massige, hoch aufragende und irgendwie ziemlich einschüchternd wirkende Gestalt von Scotland Yard-Inspektor Gregory Barnes. Sein kurzgeschorenes Haar hatte Ähnlichkeit mit den Stacheln eines Igels.

Er notierte etwas auf einen Block, während überall Kollegen von ihm suchend umherstreiften. Manche waren in zivil, andere uniformiert. Ich sah den Wagen des Gerichtsmediziners.

Der Arzt - ein Mann mit hoher Stirn und spärlichem Haarwuchs - ging auf Barnes zu, wechselte ein paar Worte mit ihm und ging dann in Richtung seines Wagens davon.

Der Tote ruhte in einem Metallsarg, der bereits geschlossen war.

Vielleicht war das auch gut so.

Barnes blickte auf.

„Ah, Miss Vanhelsing! Mr. Field! Meine Güte, mir bleibt heute auch nichts erspart!“ Er verzog das Gesicht. „War ein Scherz, Miss Vanhelsing...“

„Wir scheinen ein unterschiedliches Verständnis von Humor zu haben, Inspektor.“

Er zuckte die Achseln.

„Gut möglich.“ Er sah mich an. In seinen Augen blitzte es angriffslustig. „Sie können sich hier gerne herumtreiben, aber es wäre nett, wenn Sie die ernsthafte Ermittlungsarbeit, die hier stattfindet, nicht behindern...“

„Natürlich. Wer ist der Tote?“

Er seufzte.

„Wir haben eine Tasche gefunden, in der Papiere waren, die ihn als James McGordon ausweisen. McGordon wohnt hier in der Nähe und kam wohl gerade von einer Reise zurück... Er müsste 34 Jahre alt sein, aber... Die Leiche, die wir gefunden haben ist uralt!“

Barnes war ein harter Brocken, aber in diesem Moment war es ihm deutlich anzumerken, wie mitgenommen er war.

Ich deutete auf den Metallsarg.

„War er - wie die anderen Opfer - in einen Kokon eingesponnen?“

Barnes nickte. „Ja. Fast so, als hätten Hunderttausende von Spinnen sich auf ihn gestürzt und mit ihren Fäden eingewickelt... Aber das ist natürlich völlig absurd.“

„Wirklich?“

„Ich weiß, dass Sie nach dem Außergewöhnlichen suchen, Miss Vanhelsing. Aber ich richte mich nur nach den Fakten.“

„Und?“, fragte ich. „Haben Sie schon eine Theorie?“

Er schüttelte den Kopf. „Im Grunde wissen wir noch nicht einmal, ob es sich um Mord handelt. Auch der Todeszeitpunkt liegt im Dunkeln. Vermutlich irgendwann während der Nacht. Der Kokon lag hier in den Büschen und es hat wohl eine ganze Weile gedauert, bis jemand richtig nachgesehen hat... So ohne weiteres war ja auch nicht zu erkennen, dass es sich um einen Toten handelte...“

„Die bisherigen Todesfälle geschahen alle in diesem Teil Londons, nicht wahr?“

„Ja“, nickte er. „In einem Umkreis von zwei, drei Kilometern...“

„Darf ich einen Blick in den Sarg werfen?“, fragte ich.

„Nur, wenn Ihr Kollege kein Foto davon macht!“

„Selbstverständlich.“

„Und dann wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie so schnell wie möglich wieder verschwinden würden. Und lassen Sie es sich ja nicht einfallen, etwa hier die Nachbarschaft auf eigene Faust zu befragen, bevor wir das nicht getan haben!“

„Ich wüsste nicht, dass es ein Gesetz dagegen gibt!“

Er zuckte die breiten Schultern.

„Man sollte es einführen!“

Ich hob die Augenbrauen. „Die Presse - der natürliche Feind von Inspektor Barnes?“

„Der Unterschied zwischen uns ist doch wohl klar“, erwiderte er. „Ihnen geht es um die Sensation - mir um die Wahrheit!“

Nein, dachte ich. Die Sache lag im Grunde etwas anders. Uns beiden ging es um die Wahrheit, aber Barnes hatte einen anderen Begriff davon. Für ihn existierte all das nicht, was sich nicht auf Anhieb in sein Weltbild einordnen ließ, während ich fand, dass man diese Dinge nicht einfach ignorieren konnte, nur weil sie dem gegenwärtigen Stand der Wissenschaft widersprachen.

Aber im Moment hatte ich keinerlei Lust, mich mit ihm darüber weiter auseinanderzusetzen.

„Ach übrigens!“ meinte Barnes dann noch, als er bereits an mir vorbeigegangen war. Wir drehten uns zu ihm herum, und als wollte er meine Meinung über ihn widerlegen fuhr er dann fort: „Ich habe mich mit einem Spinnenkundler unterhalten...“

„Ach, ja?“

„Er ist der Auffassung, dass es keine Spinnenart auf der Welt gibt, die so etwas“ - dabei deutete er in Richtung des Metallsargs - „vollbringen könnte. Auch keine exotischen Arten, die vielleicht hier eingeschleppt wurden. Es widerspricht allem, was man über das Verhalten dieser Tiere weiß...“

Ich sah ihn an.

„Und was folgern Sie daraus?“

Er zuckte die Achseln. „Noch gar nichts“, meinte er. „Nur soviel: „Es gibt Spinnen mit acht Beinen und welche, die nur auf Zweien zu gehen pflegen...“ Und dabei grinste er schief.

„Sie sprechen von einem Psychopathen, der...“

„...der Menschen, die bereits tot waren so behandelt, dass sie aussehen wie die Beute einer Spinne...“



4

„Mein Gott, wie kann so etwas geschehen?“, flüsterte Jim mir zu, nachdem wir in den Sarg geblickt hatten. Er wirkte sichtlich mitgenommen und mir ging es nicht anders.

„Ich habe keine Ahnung“, murmelte ich. Wir arbeiteten schon eine ganze Weile an dieser Sache. Immer wieder gab es in dieser Gegend Tote, die in Kokons eingesponnen waren. Die Leichen selber waren auf geheimnisvolle Weise mumifiziert und wirkten stets uralt, obwohl sie es ihren Papieren nach nicht sein konnten. Fast so, als hätte sie innerhalb eines einzigen Augenblicks der Hauch der Zeit erfasst und um hundert Jahre altern lassen.

Irgendwelche Verletzungen hatte keiner der Toten aufgewiesen.

Der erste Fall hatte sich vor beinahe einem halben Jahr abgespielt.

Nun hatte es drei Tote innerhalb einiger Wochen gegeben. Und wenn man den Bulletins der Gerichtsmediziner glauben konnte, dann waren die Betreffenden an Altersschwäche gestorben. Zumindest hatte man nichts gefunden, was irgendwie auf Gewalt- oder Gifteinwirkung hindeutete. Aber vielleicht hatte man auch nur nicht gewusst, wonach man suchen sollte.

Ich ließ den Blick schweifen.

Der Nebel war nicht mehr so dicht, wie er noch am Morgen gewesen war. Aber noch immer hing eine schwere Dunstglocke über London. Der Himmel war grau.

„Was schlägst du vor, Patricia?“, hörte ich Jim sagen.

„Wir werden genau das tun, was Barnes uns zu verbieten versucht hatte: die Nachbarn befragen.“

„Aber dann warten wir besser, bis das Riesenaufgebot hier weg ist, nicht wahr?“

„Ja.“

Ich sah, wie sich hinter den Fenstergardinen der umliegenden Häuser etwas bewegte. Die Anwohner schienen dazusitzen und alles haargenau zu verfolgen, was sich da buchstäblich vor ihrer Haustür abspielte. In einiger Entfernung hatte sich ein Rentner mit Tweedjackett und Schiebermütze postiert und registrierte mit skeptischen Blick jeden Handgriff der Spurensicherer.

Mir ein fiel ein Mann auf, der unter einer Laterne stand.

Der Tag war dermaßen grau und düster, dass die auf Helligkeit reagierenden Sensoren der Laterne wohl noch immer „Dämmerung“ anzeigten. Jedenfalls war die Laterne an und verursachte ein diffuses Zwielicht.

Der Mann unter der Laterne war außerordentlich gut gekleidet. Er trug einen zweireihigen dunkelgrauen Mantel, hatte dunkles Haar und einen Oberlippenbart.

Seine Züge waren feingeschnitten. Der Blick verfolgte aufmerksam das Geschehen. Eine seltsame Unruhe schien in ihm zu herrschen. Nervös trat er von einem Fuß auf den anderen.

Dann bemerkte er meinen Blick und sah mich an.

Ich hatte eine eigenartige Empfindung dabei. Die Ausstrahlung dieses Mannes nahm mich gefangen. Eine Ausstrahlung, die eigentlich eher zu einem älteren erfahreneren Mann gepasst hätte. Aber ich schätzte ihn auf höchsten 35 Jahre.

Nur seine Augen, die schienen älter zu sein.

Er begegnete meinem Blick und wurde etwas ruhiger.

Dann wandte er sich herum und ging die Straße entlang.

Seine Schritte waren schnell und wirkten entschlossen. Er drehte sich nicht noch einmal um.

Hinter der nächsten Ecke verschwand er.

„Was ist los, Patricia?“, drang Jims Stimme in mein Bewusstsein. „Wo starrst du hin?“



5

Am Abend kehrte ich spät nach Hause zurück. In der Redaktion war viel zu tun gewesen. Ich hatte einen Artikel geschrieben, ohne wirklich etwas über die Hintergründe dieser eigenartigen Serie von Todesfällen zu wissen. Die Fakten waren dürftig. Kein Motiv, kein Täter, vielleicht noch nicht einmal ein Mord.

Und wenn es wirklich ein besonders widerwärtiger Psychopath war, wie Barnes vermutete? Mir erschien diese Theorie zumindest nicht plausibel genug, um sie in meinen Artikel aufzunehmen.

Am Nachmittag hatte ich mit Jim einige der direkten Nachbarn abgeklappert und interviewt. Das Ergebnis war gleich null. Niemand hatte etwas gesehen oder gehört. Die meisten kannten noch nicht einmal das Opfer. James McGordon, so hatte ich in Erfahrung bringen können, arbeitete bei einem Computerunternehmen in der City. Seine Wohnung diente eigentlich nur als Schlafstätte. Entweder er hatte gearbeitet oder er war ausgegangen. Urlaub und freie Tage hatte er auf Reisen verbracht. Kein Wunder, dass niemand wirklich etwas über ihn wusste.

Ich war ziemlich resigniert, als ich zu Hause ankam und den roten Mercedes in die Einfahrt stellte. Zu Hause - das war die viktorianische Villa meiner Großtante Elizabeth Vanhelsing, bei der ich seit dem frühen Tod meiner Eltern lebte.

Elizabeth - oder Tante Lizzy, so wie ich sie nannte - hatte mich wie eine eigene Tochter aufgezogen. Inzwischen hatte sich unser Verhältnis etwas dahingehend gewandelt, dass sie mehr zu einer Art guten, erfahrenen Freundin geworden war, die mir mit Rat und Tat zur Seite stand. Ein Mensch, auf den ich mich in jeder Lebenslage absolut verlassen konnte.

Ich öffnete die Tür der altehrwürdigen Villa.

Tante Lizzys verschollener Mann Frederik war ein berühmter Archäologe gewesen, der von seinen zahlreichen Forschungsreisen allerhand Fundstücke mit nach Hause gebracht hatte. Diese Fundstücke standen überall in der Villa herum und bildeten zusammen mit Tante Lizzys eigener Sammlung okkulter Schriften und Gegenstände ein bizarres Sammelsurium.

Jeder Winkel von Tante Lizzys Räumen schien mit alten, staubigen Folianten, Schriftrollen unklaren Ursprungs, Pendeln, afrikanischen Voodoo-Fetischen, Geistermasken und dergleichen angefüllt zu sein.

In langen Reihen standen die Bücher in den überquellenden Regalen, hin und wieder unterbrochen von einem geheimnisvollen Stein aus dem Grab eines Königs, von dem auch die Altertumsgeschichte nicht einmal den Namen übermittelt hatte oder einer Götzenstatuette, die mit grimmiger Fratze böse Geister vertreiben sollte.

Lediglich meine eigenen Räume, die sich in der oberen Etage der Villa befanden, waren eine 'okkultfreie Zone'. Dort waren solche Dinge tabu.

Tante Lizzy interessierte sich für alle Bereiche des Okkultismus und der übersinnlichen Wahrnehmung und sammelte auf diesem Gebiet buchstäblich alles. Vom Zeitungsartikel, den sie sorgfältig archivierte, bis hin zu seltenen Exemplaren irgendwelcher Geheimschriften, die bei der Haushaltsauflösung eines Logenbruders ebenso auftauchen konnten, wie auf Trödelmärkten oder Antiquariaten. Sie besaß inzwischen eines der größten Privatarchive Englands auf diesem Gebiet.

Dabei war ihre Einstellung durchaus kritisch.

Es war ihr bewusst, dass die meisten, die sich auf diesem Gebiet tummeln, nichts als Scharlatane waren, die nichts weiter im Sinn hatten, als sich bei Leichtgläubigen zu bereichern oder sich wichtig zu machen.

Aber es blieb ein Rest.

Ein Rest von Phänomenen, die mit den Mitteln der heutigen Wissenschaft noch nicht hinreichend zu erklären waren.

Es ging also darum, die Spreu vom Weizen zu trennen. Und dieser Aufgabe hatte Tante Lizzy sich ganz verschrieben.

Ich ging durch den Flur, während mich eine der Geistermasken höhnisch angrinste. Aber das konnte mich schon lange nicht mehr erschrecken. Schließlich war ich hier zu Hause.

Ich hörte Stimmen aus der Bibliothek.

Tante Lizzy hatte offensichtlich Besuch.

Gerade wollte ich zur Treppe gehen, um in meinen Teil der Villa zu gelangen, da ging die Tür auf.

Tante Lizzy trat in Begleitung eines Mannes aus der Tür, der... Ich stockte unwillkürlich.

Das feingeschnittene Gesicht, der Oberlippenbart. die dunklen Haare. Er wandte den Kopf in meine Richtung und ich sah sofort, dass er mich ebenfalls wiedererkannte.

Seine grauen Augen musterten mich auf eine Weise, die ich nicht zu deuten wusste.

„Guten Abend Patricia“, sagte Tante Lizzy.

„Guten Abend“, sagte ich. Und Tante Lizzy stellte mich dem Dunkelhaarigen vor.

„Das ist Patricia Vanhelsing, meine Großnichte. Sie ist Reporterin bei den LONDON EXPRESS NEWS... Patricia, das ist Mr. Harold Benbow, ein Privatgelehrter für alte Sprachen und Archäologie.“

Wie ein staubtrockener Gelehrter sah er nun gar nicht aus, ging es mir durch den Kopf.

„Wir sind uns heute Morgen kurz begegnet, nicht wahr, Mr. Benbow“, sagte ich, wobei ich ihn offen ansah. „Erinnern Sie sich?“

Er lächelte.

„Wie könnte ich ein so liebenswürdiges Gesicht wie das Ihre vergessen!“

„Es war kein sehr liebenswürdiger Ort, an dem wir uns gesehen haben.“

„Nun...“

„Es war vielleicht der Tatort eines Mordes...“ Sein Gesicht wurde ernst.

Der Blick seiner grauen Augen veränderte sich leicht.

„Ich nehme an, die Polizei wird herausfinden, was sich wirklich abgespielt hat“, erklärte er.

„Abgespielt?“, mischte Tante Lizzy sich ein. „Wovon redet ihr beide?“

„Es wurde heute Morgen wieder einer jener auf geheimnisvolle Weise in einen Kokon aus Spinnweben eingewickelten Leichname gefunden...“, berichtete ich.

Harold Benbow sah kurz auf die Uhr und meinte dann: „Ich muss jetzt leider gehen.“ Er wandte sich an Tante Lizzy: „Ich danke Ihnen sehr für Ihre Hilfe, Mrs. Vanhelsing. Sie wissen gar nicht, wie sehr Sie mir damit weiterhelfen...“

„Wie gesagt“, erwiderte Tante Lizzy. „Ich möchte Ihnen Hermann von Schlichtens Absonderliche Kulte nicht im Original überlassen, aber bis morgen kann ich Ihnen eine Kopie herstellen...“ Auch wenn es sich bei den Beständen von Tante Lizzys Archiv zum Großteil um uralte Dinge ging - sie verfügte längst auch über eine moderne Büroausstattung inklusive Kopierer. Schließlich waren gerade sehr alte Exemplare seltener Schriften derart empfindlich, dass man sie für wissenschaftliches Arbeiten nur in kopierter Form verwenden konnte, wollte man sie nicht völlig zerstören.

Benbow sagte: „Selbstverständlich komme ich für die Unkosten auf!“

„Ich bitte Sie!“, erwiderte Tante Lizzy.

„Nein, nein, dass ist selbstverständlich! Ich bin ja heil froh, jemanden gefunden zu haben, der ein derart umfangreiches Archiv sein Eigen nennt... Ich muss schon sagen, Mrs. Vanhelsing: Ich bin beeindruckt!“

„Oh, danke.“

„Auf Wiedersehen!“

Harold Benbow verabschiedete sich auch von mir. Sein Handkuss war formvollendet und so unerwartet, dass ich völlig perplex war.

Unsere Blicke begegneten sich.

Er hat Charme, dachte ich. Und das eigenartig antiquierte Flair, was er ausstrahlte machte ihn noch interessanter.

Er lächelte mich an und hob die Augenbrauen.

„Es hat mich gefreut, Sie kennenzulernen, Miss Vanhelsing.“

„Ganz meinerseits“, murmelte ich wie automatisch.

Dann führte Tante Lizzy ihn zur Tür und ich sandte ihm einen nachdenklichen Blick hinterher. Die Frage, ob es wirklich Zufall war, dass ich ihn am Morgen in der Pelton Street gesehen hatte, trat in den Hintergrund.



6

Überall in diesem halbdunklen Gewölbe befanden sich Spinnweben. Ich hatte keine Ahnung, wo ich war oder wie ich hierher gelangt war und sah mich verwundert um. Es gab nur wenig Mobiliar hier.

Neben einer kunstvoll verzierten, etwa hüfthohen Truhe stand eine Frau von seltsam entrückter Schönheit.

Sie sah kurz auf, so dass unsere Blicke sich trafen.

Die Frau hatte dunkles, kinnlanges Haar und blaue Augen.

Ihr Blick schien seltsam abwesend ins Nichts gerichtet zu sein. Sie trug ein rosafarbenes, langes Kleid und eine kostbare Perlenkette um den Hals. Ihr volllippiger Mund gab ihrem hübschen Gesicht einen traurigen Zug.

Melancholie stand ihr im Gesicht geschrieben.

Plötzlich begann ein Lächeln um ihre Lippen herum zu spielen. Ein Lächeln, dass mir nicht gefiel und ihre makellos weißen Zähne entblößte.

Der matte Glanz ihrer Augen verwandelte sich in ein teuflisches Blitzen.

„Es wird schnell gehen, Patricia“, sagte sie „Sehr schnell...“

Ich wich unwillkürlich einen Schritt zurück.

„Wovon sprechen Sie?“

„Von Ihrem Tod, Patricia!“

Und mit diesen Worten öffnete sie die Truhe. Das Innere befand sich im Schatten. Nichts als Schwärze war dort zu sehen.

Und eine Bewegung.

Etwas Dunkles krabbelte über den Rand der Truhe.

Eine Spinne.

Sie war nicht einmal besonders groß und wenn diese Tiere es sicher auch kaum verdient haben, so sind sie doch für die meisten Menschen der Inbegriff des Ekelhaften. Ich machte da keine Ausnahme.

Die Frau, die mir gegenüberstand, lachte leise, als sie das Erstaunen in meinen Zügen sah.

Weitere Spinnen - große und kleinere - kamen jetzt aus der Truhe herausgekrabbelt. Erst waren es nur ein Dutzend, dann kamen sie plötzlich zu Hunderten aus der Truhe heraus. Ich wich noch weiter zurück, während ein wahrer Teppich aus krabbelndem Getier auf mich zukam.

Und noch immer kamen weitere aus der Truhe heraus.

Sie waren schnell.

Schon waren die ersten mir das Hosenbein hinaufgekrabbelt und ich versuchte sie mit hektischen Handbewegungen abzustreifen.

Sie kamen jetzt von überall her.

Einige ließen sich an ihren klebrigen Fäden von der Decke herab, andere schienen zu Tausenden an den Wände hinabzukommen und sie alle hatten sich dieselbe Beute ausgesucht.

Mich.

Ich strampelte, schlug um mich, aber es waren zu viele, die von allen Seiten auf mich zuströmten, an mir emporkletterten und damit begannen, mich einzuspinnen.

Ich begriff es erst wirklich, als mein Handgelenk bereits von einer dicken Schicht aus klebrigem Gespinst umwickelt war.

„Nein!“, keuchte ich.

Eisige Schauder überliefen mich.

Todesangst hatte mich gepackt.

Ich erinnerte mich an das, was ich in der Pelton Street gesehen hatte und sah mich selbst bereits als mumifiziertes, in einen Kokon eingesponnenes Etwas, das in einen Metallsarg gelegt wurde...

Schon hatte ich Schwierigkeiten, meine Beine zu bewegen.

Etwas Elastisches schien um sie herumgewickelt worden zu sein. Ich wollte es wegschlagen, aber auch meine Arme konnte ich nicht mehr ganz frei bewegen.

„Es wird schnell gehen, Patricia!“, echoten die Worte der geheimnisvollen Frau in mir nach.

Ich spürte, dass ich mich nicht mehr lange würde wehren können... Mein gesamter Körper war von den kleinen Plagegeistern bedeckt, von denen jeder ein Stück des Kokons wob, der mein Verderben sein sollte.

Tränen der Verzweiflung traten mir aus den Augen.

Ich schrie aus Leibeskräften.



7

Ich versuchte meine Arme zu bewegen und spürte irgendeinen Widerstand. Ich schlug um mich.

„Nein!“

„Patricia!“

Ich öffnete langsam die Augen. Es war dunkel, so furchtbar dunkel...

Die ewige Dunkelheit des Todes...

Hände hielten mich an den Schultern und ich sah in ein ruhiges Augenpaar. Ich atmete tief durch und nach einigen Sekunden hatte ich mich ein wenig beruhigt.

„Patricia, du hast geträumt. Es ist alles gut.“

„Tante Lizzy“, flüsterte ich.

Ich saß in meinem Bett. Kerzengerade und mit schweißnassem Nachthemd. Tante Lizzy hatte sich auf die Bettkante gesetzt und hielt mich noch immer bei den Schultern. Das Mondlicht fiel durch das Fenster in ihr Gesicht und ließ ihre Züge weich erscheinen. Doch selbst jetzt war die Besorgnis darin recht deutlich zu lesen.

Ich wischte mir mit der Hand über das Gesicht.

„Es war so furchtbar“, sagte ich. „So furchtbar...“ Noch in der Erinnerung lief es mir kalt über den Rücken und jeder kleine Schatten auf meiner Bettdecke ließ mich bis ins Mark zusammenzucken.

Tante Lizzy nahm mich in den Arm.

„Mein Kind“ sagte sie und strich mir das Haar zurück. Sie hielt mich einfach fest, so wie sie es früher getan hatte, als ich noch klein gewesen war...

„Oh, Tante Lizzy....“

Und dann schwiegen wir einige Augenblicke lang. Ich war froh, dass sie da war, froh, dass ich in diesem Moment nicht allein war.

Ich presste die Lippen aufeinander und schloss die Augen.

„Was hast du geträumt?“, fragte Tante Lizzy.

„Du meinst, dass es einer jener Träume ist, nicht wahr?“, erwiderte ich.

Sie hob die Augenbrauen.

„Du etwa nicht?“

„Doch.“

Ich hatte von meiner verstorbenen Mutter eine leichte übersinnliche Gabe geerbt, die sich in besonderen Träumen oder tagtraumartigen Visionen zeigte. Manchmal waren es auch nur unbestimmte Ahnungen. Ich konnte auf diese Weise kurze, schlaglichtartige Blicke auf die Zukunft, die Vergangenheit oder Geschehnisse an weit entfernten Orten erlangen. Als zwölfjährige hatte ich den Tod meiner Eltern vorhergesehen.

Damals hatte ich natürlich noch nicht gewusst, was mit mir geschah. Lange Zeit hatte ich mich dagegen gewehrt, zu akzeptieren, dass ich diese „Gabe“ besaß, wie Tante Lizzy es nannte. Tante Lizzy hatte mich immer wieder darauf hingewiesen, dass ich lernen müsse, damit umzugehen, anstatt die Augen davor zu verschließen.

Kontrollieren konnte ich die Gabe nach wie vor nur unzureichend und oft kam sie mir nicht zuletzt deswegen auch manchmal eher wie ein Fluch vor.

Es war furchtbar ein Bild aus der Zukunft zu bekommen und nicht zu wissen, wie man ein drohendes Verhängnis eventuell noch abwenden konnte...

Ich erzählte Tante Lizzy in knappen Worten von meinem Traum. Sie hörte mir geduldig zu und nickte. „Es war so realistisch, Tante Lizzy! Ich hatte nicht das Gefühl zu träumen, sondern wirklich von Spinnen in einen Kokon eingewoben zu werden...“

„So wie die Toten dieser seltsamen Serie von Leichenfunden...“

„Ja, genau“, nickte ich.

Dann stand ich auf, raufte mir Haare nach hinten und machte das Licht an. Tante Lizzy hatte sich ebenfalls erhoben und sah mich mit einem besorgten Gesichtsausdruck an.

„Du solltest diesen Traum ernst nehmen, Patricia!“ Ich zuckte die Achseln und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Vielleicht bin ich einfach nur etwas überreizt“, meinte ich dann. „Es war ein harter Tag heute und der Tote in der Pelton Street...“ Ich schluckte, bevor sich weitersprach.

„Das hat mich schon ziemlich mitgenommen.“

Ich wusste, dass ich Unsinn redete.

Es war ein Traum, der mit meiner Gabe zu tun hatte. Tief in meinem Inneren wusste ich das auch, aber irgendwie weigerte sich ein Teil von mir, das zu akzeptieren. Ich sah Tante Lizzy etwas verzweifelt an.

„Was soll ich tun?“, fragte ich.

Sie kam auf mich zu und berührte mich leicht an der Schulter.

„Ich weiß es nicht. Vielleicht wird deine Gabe dir noch mehr Hinweise geben.“

„Die Vorstellung ist grauenhaft, von diesen kleinen achtbeinigen Tieren...“ Ich sprach nicht weiter.

Schlaglichtartig erschienen wieder die Traumbilder vor meinem geistigen Auge. Ich schüttelte mich kurz, in der Hoffnung, sie loszuwerden.

„Gib auf dich acht, Patricia!“

Ich atmete tief durch.

Und dann nickte ich leicht.

„Es ist nicht leicht“, murmelte ich dann.

„Ich weiß.“

„Man spürt ein kommendes Verhängnis und weiß, dass etwas Schreckliches auf einen zukommt, aber man weiß nicht wann und wo...“

„Patricia...“

Ich sah sie an. „Ich denke oft, dass es besser ist, gar nichts über die Zukunft zu wissen!“



8

Am nächsten Morgen fühlt ich mich ziemlich zerschlagen. Ich hatte das Gefühl, so gut wie überhaupt nicht geschlafen zu haben. Der starke schwarze Kaffee von Tante Lizzy sorgte dafür, dass ich wenigstens einigermaßen die Augen offenhalten konnte.

Aber es war da noch etwas anderes.

Etwas, das mit einer Müdigkeit des Körpers nichts zu tun hatte.

Es hing mit dem Traum zusammen. Ich fühlte mich gelähmt.

Immer wieder drohten die furchtbaren Szenen meines Traumes vor meinem inneren Auge zu erscheinen.

Ich fühlte Tante Lizzys Hand auf der meinen und blickte auf.

„Wenn man dich da so sitzen sieht, mein Kind...“

„Ich fühle mich nicht besonders gut...“

„Patricia!“

„Ich frage mich, was diese mumifizierten Toten mit meinem Schicksal zu tun haben?“

„Du wirst es sicher herausfinden.“

„Wenn es dann nicht zu spät ist.“

„Patricia! Die Dinge, die du in deinen Träumen siehst müssen nicht unbedingt genau so geschehen, wie sie dir im Traum vor Augen standen... Es besteht nur eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür, dass diese Ereignisse auch eintreten!“

Ich wusste, woher sie das hatte. Seit Tante Lizzy vermutete, dass ich über eine seherische Gabe verfügte, hatte sie buchstäblich jede Zeile an Fachliteratur verschlungen, die es zu diesem Thema gab.

Allerdings war das zumeist alles weit weniger wissenschaftlich abgesichert, als auf anderen Gebieten, was kein Wunder war. Schließlich beschäftigten sich kaum Wissenschaftler damit - und schon gar nicht diejenigen, die auf ihren guten Ruf bedacht waren.

Ich trank meinen Kaffee leer.

„Du musst auch was essen, Patricia!“

„Ich bringe keinen Bissen herunter!

„Patricia! Dann iss um der Vernunft willen! Du kannst einen stressigen Tag in der Redaktion nicht mit nüchternem Magen überstehen!“

Da hatte sie natürlich recht.

Also drückte ich ein paar Bissen hinunter.

Etwas unvermittelt fragte ich sie dann: „Was weißt du über diesen Harold Benbow?“

„Der Gentleman, der gestern hier war?“

„Ja.“

„Nicht viel. Ein Privatgelehrter - was immer das auch bedeuten mag, der sich für von Schlichtens Absonderliche Kulte interessierte, das Werk eines deutschen Okkultisten, der jedoch nur in mittelalterlichem Latein zu schreiben pflegte, damit seine Schriften nicht so leicht von Unbefugten gelesen werden. Er gehörte nämlich einer Geheimloge an.“ Sie machte eine Pause und fuhr dann fort: „Dieser Benbow ist ein sehr höflicher Mensch...“

„Ja, den Eindruck hatte ich auch.“

„Irgendwoher kommt mir der Name auch bekannt vor!“ Tante Lizzy runzelte die Stirn und zuckte dann die Achseln. „Vermutlich irgend eine zufällige Namensgleichheit. Schließlich dürfte es allein in London einige Träger dieses Namens geben.“

„Vermutlich.“

„Wie kommst du jetzt auf ihn?“

„Ich weiß es nicht“, erwiderte ich. Mein Blick ging ins Leere. „Es hängt mit dem Traum zusammen...“

„Aber, Mr. Benbow kam doch nicht darin vor?“

„Nein, das nicht, aber...“ Ich stockte und sprach nicht weiter. Wieder sah ich ihn vor meinem inneren Auge. Sein Gesicht, sein dunkles Haar, die feingeschnittenen Züge und den ruhigen Blick seiner grauen Augen...

Er hatte mich fasziniert, das stand außer Frage.

Aber das lag nicht nur daran, dass er ein sehr attraktiver Mann war, der darüber hinaus noch über gute Manieren zu verfügen schien. Nein, da war auch noch etwas anderes.

Etwas, das ich noch nicht so recht einzuordnen wusste...

Etwas Beunruhigendes, Dunkles.

Ein Geheimnis.

„Mir geht nicht aus dem Kopf, wie er da in der Pelton Street stand, während Scotland Yard alles absuchte...“ Ich strich mir das Haar zurück und rieb mir die Augen. „Ja, ich weiß, es ist völlig absurd. Wahrscheinlich war er einfach neugierig und stehengeblieben, aber es erscheint mir doch als ein eigenartiger Zufall. Und außerdem muss ich an diese Szene immer im Zusammenhang mit meinem Traum denken...“

„Pelton Street?“, fragte Tante Lizzy zurück. „Es ist überhaupt kein Wunder, dass du ihn dort getroffen hast.“

„Ach, nein?“

Sie stand auf, ging in die Bibliothek und kam einen Augenblick später mit einer kleinen Visitenkarte zurück.

Harold Benbows Visitenkarte.

Ja, so etwas passt zu ihm, dachte ich.

Tante Lizzy legte sie so vor mir auf den Tisch, dass ich sie lesen konnte.

„Mr. Benbow wohnt in der Carlton Street, das ist ganz in der Nähe. Ich weiß das, weil ich dort früher Bekannte hatte. Es gibt schöne Villen dort...“

„Ah, ich verstehe.“

„Solltest du vorhaben, ihm einen Besuch abzustatten, dann nimm doch bitte die Kopie der Absonderlichen Kulte mit... Ich habe sie gestern Abend noch fertiggemacht!“



9

„Ich möchte Fakten!“, schimpfte Michael T. Swann und fuhr sich mit der flachen Hand über das Gesicht. „Menschen sind getötet und auf seltsame Weise mumifiziert worden - und niemand weiß auch nur im Ansatz, was sich abgespielt hat!“ Wir saßen im Büro unseres Chefredakteurs - Jim und ich.

Nach einem kurzen Blick, den wir miteinander getauscht hatten, stand unsere Strategie fest.

Schweigen.

Am besten man wartete einfach ab, bis Swann irgendwann wieder bessere Laune hatte und ihm sein eigenes Gepolter am Ende leid tat.

Unsere Story war auf Seite eins der heutigen LONDON EXPRESS NEWS Ausgabe gekommen. Aber sie war dünn, das wusste ich selbst am besten.

„Sie sind doch gute Journalisten!“, sagte Swann dann.

Schön, dass Sie das mal sagen, ging es mir dabei sarkastisch durch den Kopf, doch hütete ich mich davor, dass auch über meine Lippen gehen zu lassen.

Swann ließ sich auf seinen Drehsessel fallen, dessen Hydraulik daraufhin erheblich in die Knie ging. „Versuchen Sie, etwas herausfinden. Diese Todesfälle müssen doch eine Ursache haben! Und Sie sind doch Spezialistin für das Ungewöhnliche...“

„Scotland Yard tappt auch noch völlig im Dunkeln“, erklärte ich schließlich in eine unangenehme Pause hinein. „Inspektor Barnes glaubt an einen Psychopathen, der seine Opfer entsprechend präpariert...“

Swann lachte kurz und heiser auf.

„Ja, das sieht diesem Barnes ähnlich!“ Er schüttelte den Kopf und sah mich dann einen Moment lang nachdenklich an.

„Bleiben Sie an der Sache dran, Patricia! Durchleuchten Sie das Leben der Opfer! Fragen Sie in der Nachbarschaft der Tatorte, lesen Sie Bücher über Spinnen!“ Dann stoppte er unwillkürlich im Redefluss.

Er stand auf und ging zu der Kaffeemaschine, die er auf einem stählernen Büroschrank voller Hängemappen stehen hatte. Daneben befand sich eine Packung mit Pappbechern.

„Jim? Patricia? Möchten Sie beide einen Kaffee?“

„Gerne“, sagte ich.

Ich wusste, dass das seine persönliche Art und Weise war, einzugestehen, dass er zu schnell zu viel von uns erwartet hatte. Eine Entschuldigung, wenn man so wollte.



10

„Was machen wir eigentlich hier?“, fragte Jim, als wir von der Pelton Street in die Carlton Street einbogen, an der sich eine schöne Villa an die nächste reihte.

„Wir recherchieren“, sagte ich. „Wir befragen Leute, ob sie etwas gesehen haben oder etwas wissen...“

„Das haben wir doch gestern schon gemacht - und es hat zu nichts geführt.“

„Ich weiß.“

Jim lachte heiser.

„Swann hatte ja wirklich eine schlechte Laune heute!“

„Am besten man nimmt das hin wie den Londoner Regen“, erwiderte ich.

Er nickte. „Da ist was dran.“

Ich parkte den Wagen am Straßenrand. Vom Rücksitz nahm ich den Umschlag, in dem sich Tante Lizzys Kopie der Absonderlichen Kulte befand - meine Eintrittsbillett in das Haus dieses Harold Benbow, von dem ich das Gefühl hatte, dass er in irgend einem Zusammenhang mit dem Traum stand, den ich gehabt hatte. Aber schließlich konnte ich ja mein Auftauchen vor seiner Haustür nicht einfach mit einer vagen Ahnung und meiner seherischen Gabe begründen.

„Warum ausgerechnet dieses Haus?“, fragte Jim, als wir vor Benbows Villa standen.

Ich sah ihn an.

„Erstens wurde das erste Opfer dieser Todesserie hier in der Carlton Street aufgefunden...“

„Und zweitens?“

„Kenne ich Mr. Benbow. Das wird ihn vielleicht etwas auskunftsfreudiger machen.“

„Ich hoffe, du behältst recht.“

Als ich das niedrige Gartentor öffnen wollte, bemerkte ich etwas an meiner Hand.

Ohne, dass es zu hören gewesen wäre, zerriss etwas und ich zuckte unwillkürlich zurück.

„Was ist?“, hörte ich Jim fragen.

„Spinnweben“, flüsterte ich.

Er grinste.

„Die Sache scheint dich ziemlich mitzunehmen, was?“ Ich sah ihn ärgerlich an, verkniff mir aber eine Bemerkung.

Vielleicht hatte er sogar recht und ich begann langsam hysterisch zu werden.

Wir passierten das niedrige Gartentor und gingen zur Haustür.

Der Garten schien sehr weitläufig zu sein, war allerdings nicht besonders gepflegt. Das Gras stand höher, als das in England üblich war.

Alte, verwachsene Bäume standen dort. Manche von ihnen waren kaum mehr als morsche Stümpfe, in denen kein Leben mehr war. Spinnweben zitterten zwischen den Ästen. Mitunter spannten sie sich über mehrere Meter weit. Feine Fäden, die im Licht glitzerten und dem Wind standhielten.

Auch an den Verzierungen der gusseisernen Laternen, die in regelmäßigen Abständen den gepflasterten Weg vom Gartentor zur Haustür säumten waren graue Gespinste.

Und hin und wieder konnte man eine der achtbeinigen Jägerinnen dabei beobachten, wie sie geduldig wartete oder an ihrem kunstvollen Spinnennetz wob.

„Scheint hier eine Spinnenplage zu geben!“ meinte Jim leicht angewidert, als ihm eines der Tiere blitzschnell vor den Füßen über das Pflaster huschte, um dann im hohen Rasen zu verschwinden.

Auch an den grauen Steinwänden der Villa rankten sich Gespinste empor. Hin und wieder hingen kleine Kokons darin fest, in dem sich eingesponnene Beute befand. Und immer wieder kletterten einige dieser Achtbeiner die Wände empor, versteckten sich in den Fugen oder ließen sich von der Dachrinne an ihren hauchdünnen Fäden hinunter.

Es gab keine Klingel an der Tür.

Lediglich einen gusseisernen Ring, den ein grimmiger Löwe aus demselben Material in seinem Maul hielt. Alter, kolonialer Stil...

Ich zögerte, den Ring zu ergreifen, denn auch an ihm befanden sich Spinnweben.

Jim bemerkte das und lächelte nachsichtig. Mit einer schnellen Handbewegung hatte er das graue Gespinst entfernt und klopfte dann mit dem Ring ziemlich heftig gegen die dunkle Holztür.

Nachdem wir einige Augenblicke gewartet hatten und Jim ein zweites Mal geklopft hatte, öffnete uns schließlich eine junge Frau mit einer weißen Schürze und einem Putzlappen in der Hand.

„Guten Tag, Sie wünschen?“, fragte die junge Frau.

„Sind Sie Mrs. Benbow?“, fragte ich.

„Nein, ich bin nur das Hausmädchen.“

„Könnte ich Mr. Benbow sprechen?“

„Nun, er möchte nicht gestört werden und...“

„Sagen Sie ihm, Patricia Vanhelsing sei hier, um ihm eine Kopie der Absonderlichen Kulte von Hermann von Schlichten vorbeizubringen...“

Das Hausmädchen sah uns nacheinander prüfend an.

Dann sah sie die Spinnweben, die sich am Postkasten empor rankten. Ihr Gesicht veränderte sich. In ihren Augen blitzte es ärgerlich. Mit einer schnellen, entschlossenen Bewegung ließ sie den Putzlappen über den Postkasten fahren und entfernte das Gespinst. Der Ausdruck des Ekels stand ihr im Gesicht geschrieben.

„Sie haben hier viele Spinnen“, stellte ich fest.

„Ja, in diesem Jahr scheint es besonders schlimm zu sein! Eine richtige Plage! Ich weiß auch nicht woran das liegt! Jedenfalls nicht daran, dass ich zu nachlässig wäre! Was glauben Sie, wie oft ich das wegmache!“ Dann atmete sie tief durch. Ihr Lächeln wirkte ein wenig gezwungen. Mit einer nach hinten gerichteten Handbewegung strich sie sich eine Strähne aus dem Haar, die sich aus ihrer Frisur herausgestohlen hatte.

Dann sagte sie: „Warten Sie hier!“

Wir sahen ihr nach, als sie davonging und hinter einer Tür verschwand.

„Man scheint hier nicht besonders begeistert von unserem Besuch zu sein“, meinte Jim. „Und was ist das eigentlich für ein Buch - Absonderliche Kulte. Mein Gott, das klingt ja furchtbar...“

„Ich habe es nicht gelesen, weil ich kein mittelalterliches Latein beherrsche!“

Jim lachte.

„Aber dieser Benbow - der beherrscht diese Sprache?“

„Ich nehme es an.“

„Alle Achtung.“ Und nach einer kurzen Pause raunte er mir dann zu: „Ehrlich gesagt, weiß ich nicht so recht, wozu das Ganze führen soll. Diese Leute werden uns genauso wenig weiterbringen, wie all die anderen, die wir befragt haben. Niemand weiß etwas.“

Ich sah ihn an.

„Sollen wir etwa aufgeben? Irgend jemand - oder irgend etwas - schleicht des Nachts durch diese Gegend und tötet...“

In diesem Moment kehrte das Hausmädchen zurück.

„Mr. Benbow ist bereit, Sie zu empfangen“, erklärte sie. „Wenn Sie mir bitte folgen würden!“



11

Wir wurden in einen weitläufigen Salon geführt, dessen Einrichtung aus kostbaren Antiquitäten im viktorianischen Stil bestand.

Harold Benbow war wie schon bei unserem ersten Zusammentreffen, sehr korrekt gekleidet. Alles saß wie angegossen. Er trug einen dreiteiligen Anzug, allerdings auf eine Art und Weise, die zeigte, dass er daran gewöhnt war.

Nicht wie eine Verkleidung zu besonderen Anlässen. Er kam auf uns zu und begrüßte uns nacheinander.

Dann sagte er: „Es freut mich sehr, Sie wiederzusehen, Miss Vanhelsing!“

„Ich habe Ihnen die Kopie der Absonderlichen Kulte mitgebracht!“

Er nahm sie entgegen, lächelte und bedankte sich. Dann führte er uns zu einem sehr zart und zerbrechlich aussehenden Tisch, der reich verziert war.

„Bitte nehmen Sie Platz“, meinte er und deutete auf die um den Tisch herumgruppierten Sessel. „Möchten Sie etwas trinken?“

„Nein, danke“, sagte ich.

Er zuckte die Achseln. „Wie Sie wollen.“ Ich ließ den Blick über die massiven Schränke schweifen.

Auch hier bemerkte ich hin und wieder Spinnweben...

„Mr. Benbow, ich bin nicht nur hier, um Ihnen die Kopie zu bringen...“ begann ich, nachdem wir uns gesetzt hatten.

„Immer heraus damit! Worum geht es?“

„Sie werden sicher von dieser Serie eigenartiger Todesfälle gehört haben, nicht wahr? Schließlich trafen wir uns zum ersten Mal an jener Stelle, an der die Leiche eines James McGordon kurz zuvor aufgefunden worden war...“ Benbows Gesicht veränderte sich.

Es verlor ein wenig die charmante Lockerheit, die es zuvor ausgestrahlt hatte. Er wirkte jetzt etwas angespannt. Seine grauen Augen musterten mich auf eine Weise, die mich verwirrte.

„Selbstverständlich habe ich davon gehört!“

„Wissen Sie irgend etwas darüber? Haben Sie eine Vermutung?“

Er hob die Schultern. „Ich bedaure“, sagte er. „Ich weiß vermutlich noch weniger als Sie, denn wie ich annehme, haben Sie als gute Journalistin die offiziellen Informationsquellen wie Polizei und dergleichen längst ausgeschöpft.“

„Ja.“

„Es tut mir sehr leid, Ihnen in dieser Sache gar nicht weiterhelfen zu können, Miss Vanhelsing.“

„Es muss Sie doch beunruhigen!“ meinte ich. „Schließlich sind sämtliche Opfer hier in der Gegend gefunden worden - in einem Umkreis, der sich zu Fuß ablaufen lässt!“

„Selbstverständlich beunruhigt uns das, aber...“

„Uns?“, echote ich.

Er blickte auf. In seinem Gesicht schien ein Muskel leicht zu zucken. „Ja“, erklärte er dann. „Außer mir lebt noch meine Schwester Morgaine in diesem Haus.“

„Ich verstehe.“

„Allerdings leben wir noch nicht sehr lange hier. Kaum ein halbes Jahr. Und um ehrlich zu sein, wir haben kaum Kontakt zu den Leuten der Umgebung. Vermutlich kann man Ihnen dort eher helfen...“

„Sie sind nicht die ersten, mit denen wir sprechen“, erklärte ich. „Aber niemand hat etwas bemerkt, was uns weiterhelfen könnte.“

Benbow sah mich an. Sein Blick jagte mir einen Schauer über den Rücken - einen angenehmen Schauer. Dieser Mann hatte Ausstrahlung. Seine Augen wirkten ruhig und intelligent.

Und geheimnisvoll.

Ich registrierte beunruhigt, dass ich mich von ihm angezogen fühlte.

„Sie scheinen sich diesen Fall sehr zu Herzen zu nehmen, Miss Vanhelsing“, sagte er dann mit einer samtweichen, tiefen Stimme, deren Klang dafür sorgte, dass sich mir die kleinen Nackenhärchen aufrichteten.

„Es ist mein Job“, erwiderte ich schwach.

Er lächelte .

„Ach wirklich? Nein, Sie tun mehr. Wenn Sie nur Ihren Job machen würden, dann bräuchten Sie nur abzuwarten, bis die Polizei etwas herausgefunden hat - vorausgesetzt sie haben einen einigermaßen guten Draht zu Scotland Yard.“

„Ich fürchte, der Inspektor, der den Fall bearbeitet, mag mich nicht besonders!“

„Ach! Unvorstellbar! Eine so reizende junge Frau wie Sie...“

Ich schluckte und erwiderte dann: „Das sagen Sie nur, weil Sie mich nicht richtig kennen, Mr. Benbow!“

„Nun - ließe sich das nicht ändern?“

„Wer weiß?“

Meine Stimme war nur ein Hauch.

Ich wollte ihn näher kennenlernen, das war die eine Seite der Medaille. Die andere...

Ich konnte sie nicht erklären. Es schien auf geheimnisvolle Weise mit diesem Haus zusammenzuhängen, mit der Aura, die es umgab...

„Ihr Haus scheint auf Spinnen eine geradezu magische Anziehungskraft auszuüben, Mr. Benbow!“ Das war Jim. Sein Blick war auf eine Lampe an der Decke gerichtet, von der sich gerade eines jener achtbeinigen Geschöpfe hinab in die Tiefe seilte.

„Es ist eine Plage in diesem Jahr!“, erklärte Benbow kühl.

„Jedenfalls sagen das die Nachbarn. Wir können das nicht beurteilen...“

Die Spinne kroch über den Fußboden und kletterte einen Augenblick später an Jims Hosenbein empor. Als sie seinen Oberschenkel erreicht hatte, bemerkte er sie und schlug mit der Hand nach ihr.

„Hören Sie auf! Sofort!“

Es war eine etwas schrill klingende Frauenstimme, die uns alle herumfahren ließ.

„Morgaine!“, entfuhr es Harold Benbow unwillkürlich. Er erhob sich.

Ich sah eine junge Frau im Türrahmen stehen. Ihr Gesicht war etwas blass und vom Ausdruck blanken Entsetzens gezeichnet. Das Haar dunkel, die Augen blau. Ihr Kleid reichte bis zu den Knöcheln.

Ich starrte diese junge Frau nur an und fühlte, wie meine Unterarme von einer Gänsehaut überzogen wurden. Das Herz schlug mir bis zum Hals und ein Gefühl von Enge und aufkeimender Verzweiflung hatte mich erfasst.

Morgaine war niemand anderes, als jene junge Frau, die ich Traum gesehen hatte!



12

Morgaine kam mit schnellen Schritten auf uns. Sie raffte dabei ihr raschelndes Kleid etwas zusammen. Dann blieb sie stehen und funkelte Jim mit ihren blauen Augen giftig an.

Die Spinne, die Jims Schlag entgangen war, krabbelte direkt auf sie zu.

Morgaine bückte sich, ehe das Tier den Saum ihres Kleides erreichte und ließ es auf ihre Hand krabbeln. Dann erhob sie sich wieder.

Der Blick, den sie Jim zuwarf, war vernichtend.

„Wie konnten sie so etwas nur tun?“, fauchte sie.

Jim war ziemlich fassungslos.

Er hatte nicht im Traum mit einer derartigen Reaktion gerechnet.

„Ich...“

„Sie Unmensch!“

Jetzt mischte Harold Benbow sich ein, dem die ganze Szene ganz offensichtlich sehr unangenehm war. „Morgaine!“, rief er beschwörend.

Aber seine Schwester ließ sich nicht besänftigen. Sie atmete heftig und schien einem hysterischen Anfall ziemlich nahe zu sein.

Sie wandte den Kopf in Richtung ihres Bruders.

„Harold, wie kannst du so eine grobe Person überhaupt in unser Haus lassen und hier als unseren Gast weilen lassen!“

„Morgaine!“

Harold ging auf sie zu, wollte sie am Arm fassen, doch sie entzog sich ihm mit einer ruckartigen Bewegung.

Morgaine trat auf Jim zu. Ihre Augen funkelten noch in einer Weise, die einen erschauern lassen konnte. Wahnsinn leuchtete aus ihnen, gepaart mit großer Traurigkeit und Melancholie.

Aber im Moment überwog das Wilde, Unwirsche in ihr. Sie erinnerte mich in diesem Moment an eine Wildkatze, die man in die Enge getrieben hatte. Eine Katze, die ihr Junges verteidigte. Mit ihren Händen hatte sie eine Art Schale gebildet, in der die Spinne jetzt kauerte.

Sie hielt sie Jim entgegen.

„Was sehen Sie?“, flüsterte sie. Ihre Stimme hatte einen drohenden Unterton.

„Nun, ich... Entschuldigen Sie, wenn ich...“ Jim stotterte irgend etwas herum.

Morgaine unterbrach ihn.

„Dies ist ein lebendes Wesen, Sir!“

„Ja, natürlich!“

„Ein Wesen, in dem ein göttlicher Funke wohnt! Und sie hätten es um ein Haar getötet!“

Die beiden wechselten einen Blick miteinander. Jim hatte sich wieder gefasst. Er hielt ihrem Blick stand und erwiderte dann ruhig: „Glauben Sie, dieses Tier wäre mir gegenüber nachsichtiger gewesen, wenn ich, sagen wir nur wenige Millimeter groß wäre?“

Morgaine Benbows Gesicht verzog sich zu einer Grimasse des Hasses.

„Gewiss nicht“, flüsterte sie zischend. Sie atmete tief durch und fügte dann hinzu: „Seien Sie vorsichtig, wenn Sie das nächste Mal einem dieser wunderbaren Geschöpfe begegnen... Seien Sie auf der Hut...“

Jim schluckte.

Er wechselte einen etwas ratlosen Blick mit mir.

Harold hatte seine Schwester indessen bei den Schultern gepackt. „Morgaine, es ist jetzt genug! Dies sind Gäste!“ Sie drehte ruckartig den Kopf zu ihrem Bruder herum und sah ihn mit einem Blick an, den ich nicht zu deuten vermochte.

Die Melancholie schien jetzt Oberhand über ihre Wut zu bekommen. Ihre Haltung erschlaffte. Ein Seufzen war zu hören.

„Oh, Harold“, flüsterte sie.

„Komm, Morgaine... Ich bringe dich in dein Zimmer.“

„Ja, Harold.“

„Soll das Hausmädchen dir etwas zu essen machen?“

„Nein.“

„Du hast heute noch nichts zu dir genommen.“

„Ich bin nicht hungrig, Harold.“

Er nahm sie in den Arm. Sie legte den Kopf an seine Schulter und ihre Mundwinkel entspannten sich dabei. Für einen kurzen Moment schien so etwas ähnliches wie der Ausdruck von Frieden in ihrem Gesicht zu stehen.

Und dann führte Harold sie zur Tür. Er hatte dabei immer noch einen Arm um sie gelegt. Sie schluchzte leise.

„Es wird alles gut, Morgaine“, sagte Harold. Seine tiefe Stimme klang beruhigend.

„Wirklich?“

„Ja.“

„Harold, ich...“ Ihre Stimme war tränenerstickt. Sie schien noch etwas sagen zu wollen, aber es kam nichts mehr über ihre Lippen.

Dann gingen sie hinaus und Harold schloss die Tür hinter sich.

„Eine eigenartige Dame“, meinte Jim. „Scheint leicht hysterisch zu sein!“

„Zumindest hat sie ein besonderes Verhältnis zu Spinnen“, stellte ich fest.

„Ich glaube eher, sie hat einfach nur eine Schraube locker!“ So war Jim nun mal. Direkt und unkompliziert. Er sagte geradeheraus seine Meinung und wirkte dadurch oft etwas unkonventionell. Aber das machte ihn sympathisch.

Jim erhob sich.

„Ich glaube, wir gehen jetzt“, meinte er.

Ich erhob mich ebenfalls und ging zu einem der hohen Fenster, durch die man in den Garten blicken konnte. Auf dem Fensterbrett sah ich zwei winzige Spinnen blitzschnell in ein paar Ritzen verschwinden.

Morgaine, dachte ich. Sie war die Frau aus meinem Traum und ich hatte das Gefühl, dass sie auch in irgend einem Zusammenhang mit den eingesponnenen Toten stand. Es war eine vage Ahnung, gegründet auf einen Alptraum. Nichts, womit ich Jim oder gar Michael T. Swann überzeugen konnte. Nichts, was einen wirklichen Verdacht begründete...

Im nächsten Moment ging die Tür auf.

Es war Harold Benbow.

Er wandte sich an mich.

„Es tut mir wirklich leid, aber ich muss mich im Moment etwas um meine Schwester kümmern.“

„Natürlich“, nickte ich.

Harold zögerte etwas, bevor er weitersprach.

Dann fuhr er schließlich nach einer kurzen Pause fort: „Sie werden bemerkt haben, dass Morgaine eine Frau ist, die sich - gelinde gesagt - nicht im seelischen Gleichgewicht befindet.“

„Das kann man wohl sagen!“, meinte Jim.

„Ich bitte vielmals um Entschuldigung für diesen Vorfall...“

„Schon vergessen“, erwiderte Jim.

Harold wandte sich an mich und nahm meine Hand. „Es wäre mir ein Vergnügen, die Unterhaltung irgendwann fortsetzen zu können.“

„Gerne“, sagte ich.

„Dann vielleicht unter günstigeren Umständen.“

„Bestimmt.“

„Grüßen Sie Mrs. Vanhelsing von mir und sagen Sie Ihr vielen Dank für die Mühe, die sie mit den Kopien hatte.“

„Das werde ich!“, versprach ich,



13

Am Nachmittag statteten wir Inspektor Barnes in seinem Büro bei Scotland Yard noch einen Besuch ab.

Er verdrehte die Augen, als er mich sah. Ohne darauf zu warten, dass er uns einen Platz anbot, setzten wir uns.

„Nun, womit kann ich Ihnen helfen, Miss Vanhelsing?“, fragte Barnes, während er sich hinter dem Schreibtisch erhob. Er hatte sein Jackett ausgezogen und die Ärmel seines Hemdes hochgekrempelt. Seine Freundlichkeit war nur gespielt. Sein Lächeln hatte etwas Raubtierhaftes.

Ich hob die Augenbrauen und sah ihn an.

„Nun, ich denke, es müsste inzwischen einen Bericht der Gerichtsmedizin geben.“

„Richtig“, sagte er kühl.

Ich beugte mich etwas vor.

„Seien Sie nett und lassen Sie uns einen Blick hineinwerfen!“

Er beugte sich ebenfalls vor. In seinen Augen blitzte es angriffslustig.

„Wozu? Denken Sie sich Ihre Zeitungsgeschichten nicht sowieso am liebsten selbst aus? Ich verstehe ohnehin nicht, weswegen Sie sich noch die Mühe machen, mein Büro aufzusuchen. Sie schreiben ja doch, was Ihnen passt!“

„Und bei allem was Ihnen nicht passt, tun Sie so, als würde es nicht existieren!“

Er atmete tief durch.

„Sagen Sie bloß, Sie haben schon irgend etwas herausgefunden! Ich meine, bei den Tönen, die Sie hier spucken, Miss Vanhelsing!“

„Nein, leider nicht!“

„Ach!“

Ich blieb ruhig. Barnes' aggressive Art konnte mich im Moment nicht wirklich innerlich erreichen, obwohl er mich ansonsten damit auf die Palme bringen konnte. Vielleicht lag es einfach daran, dass ich das Gefühl hatte, dass es im Moment einfach wichtigeres gab. Ich dachte an meinen Traum.

Und an Morgaine Benbow...

Mir schauderte unwillkürlich dabei.

„Hören Sie, Inspektor Barnes, ich tappe genauso im Dunkeln wie Sie. Es scheint für diese Todesfälle keinerlei plausible Erklärung zu geben...“

„Dass ich es noch mal erleben darf, dass Sie zugeben, keine Ahnung zu haben...“

„Inspektor!“

„...wo es Ihnen doch sonst immer so gefällt, die Neunmalkluge zu spielen. Nein, Sie sind nicht nur Journalistin! Ich wette, Sie haben noch ein kriminalistisches Studium hinter sich! Ich wäre nicht einmal überrascht, wenn Sie mir gleich auch noch die fachliche Kompetenz des Gerichtsmediziners anzweifeln.“

Ich atmete tief durch.

Und schwieg.

Barnes' Laune schien wirklich selbst für seine Verhältnisse sehr schlecht zu sein und irgendwie konnte ich ihn sogar verstehen. Vermutlich saß ihm sein Vorgesetzter im Nacken und verlangte Erfolge. Und bei einem Fall wie diesem war das nicht so einfach.

Vielleicht sogar unmöglich, wenn man ausschließlich auf herkömmliche Methoden vertraute.

„Sind Sie jetzt fertig?“, fragte ich dann nach einer längeren Pause.

Er warf mir eine Mappe hin. Ich nahm sie, blätterte darin herum.

„Dass ist der gerichtsmedizinische Bericht“, erklärte Barnes, stand dabei auf und ging zum Fenster. Er blickte hinaus und strich sich das Haar nach hinten und gähnte.

„Es steht nichts darin, was uns irgendwie weiterbringen könnte“, meinte er. „Die Todesursache ist nicht zu ermitteln.

Plötzlicher Stillstand sämtlicher lebenswichtiger Funktionen oder so ähnlich könnte man das nennen. Keine Wunde, kein Gift, jedenfalls keines, dass wir kennen würden. Es ist wie bei den vorhergehenden Opfern auch: Die inneren Organe sind in einem Zustand, wie bei einem erheblich älteren Menschen.“

„Als ob McGordon ungewöhnlich schnell gealtert wäre“, murmelte ich.

Er nickte. „Ja.“

„Und der Kokon?“

„Zweifellos Spinnweben. Das steht fest.“

„Na, das ist doch wenigstens etwas.“

„Finden Sie?“ Sein Tonfall war ironisch.

Ich ging nicht darauf ein.

„Glauben Sie noch immer, dass es ein Psychopath war?“

„Ich glaube gar nichts, Miss Vanhelsing. Ich weiß nur, dass das der rätselhafteste Fall ist, mit dem wir es je zu tun hatten.“

Ich nickte.

Dann sagte ich einen Augenblick später: „Ich freue mich.“ Er runzelte die Stirn.

„Worüber?“

„Dass Sie zweimal 'wir' gesagt haben, Inspektor Barnes. Vielleicht nähert sich die Eiszeit zwischen uns ja dem Ende.“ Er sah mich an. Sein Blick wirkte nachdenklich. Einen Augenblick lang glaubte ich in seinen grimmigen Zügen sogar so etwas wie die Ahnung eines Lächelns zu entdecken.

Dann meinte er „Wer sagt Ihnen, dass ich mit 'wir' Sie und mich meinte?“

„Ich vermute immer das Beste für Sie, Inspektor!“, erwiderte ich.

Er wirkte etwas perplex und ich gab ihm den medizinischen Bericht zurück.

„Wenn Sie etwas wissen, dann teilen Sie es mir doch bitte mit“, meinte Barnes dann noch, bevor Jim und ich zur Tür hinausgingen.

Ich nickte.

„Versprochen“, sagte ich.

Barnes musste sehr verzweifelt sein. Anders war diese Bitte nicht zu werten.



14

Die Dämmerung hatte bereits eingesetzt, als ich die Redaktion der LONDON EXPRESS NEWSS in der Lupus Street verließ. Ich hatte noch einige Routine-Arbeiten hinter mich zu bringen und einen Zweihundert-Zeilen-Artikel auf die Hälfte kürzen müssen, da in letzter Sekunde noch eine Meldung über ein Erdbeben in Nordindien mit ins Blatt musste. „Katastrophen passieren immer kurz vor Redaktionsschluss!“, war Michael T. Swanns Kommentar dazu.

Jedenfalls befanden sich nicht mehr viele Wagen auf dem Parkplatz vor dem Verlagsgebäude.

Ich ging auf meinen roten 190er Mercedes zu und war etwas überrascht, als mich plötzlich jemand ansprach.

„Guten Abend, Miss Vanhelsing!“

Ich wirbelte herum und blickte in Harolds graue Augen.

Er war gerade aus seinem Wagen gestiegen, einem schlichten Coupe.

„Mr. Benbow...“

„Sie sind überrascht?“ Er kam auf mich zu. Ein charmantes Lächeln umspielte seine Lippen. Sein Blick ruhte noch immer auf mir.

„Ein wenig schon“, gab ich zu.

Er zuckte die Achseln. „Ich sagte doch, dass ich die Unterhaltung mit Ihnen gerne fortsetzen würde.“

„Ja, schon, aber...“

„Wenn ich Ihnen zu aufdringlich bin, dann sagen Sie es mir und ich belästige Sie nicht länger.“

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, so war das auf keinen Fall gemeint!“

„Das freut mich.“ Er atmete tief durch. „Die Wahrheit ist: Ich habe schon seit langem niemanden mehr getroffen, der mich auf den ersten Blick derart fasziniert hätte...“

„Übertreiben Sie nicht?“

„Kaum, Miss Vanhelsing. Sie scheinen mir eine ungewöhnliche Frau zu sein. Eine Frau, die ich gerne näher kennenlernen würde...“

Bei aller Galanterie war er doch recht deutlich.

Ich sah ihm ins Gesicht. Seine grauen Augen waren die eines Mannes, der genau wusste, was er tat.

„Wie stellen Sie sich das vor?“, fragte ich und damit tat ich immerhin so, als würde ich noch darüber nachdenken, ob ich sein Spiel mitspielen sollte oder nicht.

Er lächelte.

„Lassen Sie Ihren Wagen hier stehen! Ich entführe Sie in ein exquisites Restaurant! Geben Sie's zu! Außer irgendwelchen Sandwiches haben Sie heute noch nichts gegessen!“

„Mir scheint, Sie sind nicht nur Gentleman, sondern auch Hellseher!“, lachte ich.

Er zwinkerte mir zu.

„Wer weiß?“



15

Ich stieg zu ihm in den Wagen. Das Restaurant, in das Harold mich 'entführen' wollte, lag am anderen Ende der Stadt und so brauchten wir eine ganze Weile, um uns durch den dichten Abendverkehr zu quälen.

Ich nutzte die Zeit, um Tante Lizzy kurz per Handy anzurufen. Ich wollte ihr mitteilen, dass es etwas später werden könnte...

„Ein außergewöhnliche Frau, Ihre Großtante“, meinte Harold Benbow, nachdem ich das Gespräch beendet hatte. „Sie dürfte eine der ganz wenigen sein, die sich wirklich ernsthaft mit dem Okkultismus beschäftigen.“

„Für Sie scheint das auch zu gelten, Mr. Benbow.“

„Nennen Sie mich Harold!“, meinte er. „So groß dürfte der Altersunterschied ja wohl nicht sein...“ Ich lachte.

„Gut“, sagte ich. „Aber ich nennen Sie nur dann Harold, wenn Sie mich Patricia nennen!“

„Ein hübscher Name.“

„Sie sind Privatgelehrter...“

„Nun, man kann es so ausdrücken.“

„Ich frage mich, wie Sie sich dann eine Villa wie die, in der Sie und Ihre Schwester leben, leisten können...“

„Glücklicherweise haben wir von unseren Eltern ein nicht unbeträchtliches Vermögen geerbt, dass es uns ermöglicht, einen gewissen Lebensstil aufrechtzuerhalten...“

„Beneidenswert!“

„...und außerdem halte ich recht gut bezahlte Vorträge und Seminare, werde für Übersetzungen und dergleichen herangezogen...“ Er zuckte die Schultern. „Jedenfalls möchte ich mich nicht beklagen.“

„Wozu brauchen Sie von Schlichtens Absonderlichen Kulte?“ Er lachte kurz auf. „Nicht gerade eine Gute-Nacht-Lektüre, nicht wahr?“

„Sie sagen es, Harold!“

Wir kamen an eine rote Ampel und so konnte er den Kopf zu mir hinwenden. Er sah mich an. „Studien...“, meinte er dann nichtssagend.

„Was für Studien?“

„Ist es nicht ein viel zu schöner Abend, um sich über solche Dinge zu unterhalten, Patricia?“

Ich lächelte. „Meine Fragerei geht Ihnen wohl auf die Nerven, Harold?“

„Ach, wissen Sie...“

„Tut mir leid. Das ist eine Berufskrankheit, von der man wohl nicht verschont bleibt, wenn man in meinem Job tätig ist. Ich hoffe, Sie verzeihen mir!“

„Aber Patricia! Was für eine Frage!“

„Es freut mich, dass Sie das so sehen“, erwiderte ich lächelnd. „Sie werden nämlich wohl damit rechnen müssen, dass ich rückfällig werde!“



16

Harold machte mir die Tür auf, nachdem er den Wagen in einer Seitenstraße geparkt hatte. Dies war ein Teil von London, in dem ich mich nicht besonders auskannte. Aber bei einer derart riesigen Stadt war das eigentlich auch kein Wunder.

„Kommen Sie, Patricia“, sagte er und bot mir seinen Arm. Ich hakte mich bei ihm unter.

„Ist es weit?“

„Nur ein paar Schritte.“

„Das ist gut. Es ist nämlich ziemlich kalt geworden!“

„Wir sind gleich da!“

Wir bogen in eine belebtere Straße ein, in der grelle Leuchtreklamen aufblinkten und für diese Zeit noch erstaunlich viele Passanten unterwegs waren. Aus dem Lokal, in das er mich ausführen wollte, klang dezente Jazzmusik heraus und schon nachdem wir die ersten Schritte durch die Tür gemacht hatten, ahnte ich, dass meine Garderobe nicht gerade dem entsprach, was hier üblich war...

Ich trug Jeans und einen praktischen Sweater, während man hier auch im Cocktailkleid nicht unbedingt zu fein gewesen wäre.

„Sie werden sich schrecklich mit mir blamieren, Harold“, sagte ich, nachdem der Ober uns die Mäntel abgenommen hatte. „Wenn ich eine Ahnung gehabt hätte, welchen Rahmen dieses Essen haben soll, dann hätte ich mich vorher noch umgezogen...“

Er sah mich an.

Sein Lächeln war charmant und hatte etwas Herausforderndes, das mir sehr gefiel.

„Machen Sie sich über Ihr Äußeres keine Gedanken, Patricia! Sie sehen einfach bezaubernd aus!“

„Aber...“

Er legte mir den Finger auf die Lippen.

„Über Komplimente diskutiert man nicht. Man nimmt sie einfach an! Okay?“

„Für einen staubtrockenen Altsprachler und Archäologen können Sie aber recht gut Süßholz raspeln!“

„Das mit dem 'staubtrocken' ist ja auch ein reines Vorurteil - oder nicht?“

„Sie haben mich heute davon überzeugt, Harold.“ Ein dunkel gekleideter Ober brachte uns zu unserem Tisch, den Harold offensichtlich vorher bestellt hatte. Kerzen wurden entzündet.

Der richtige Rahmen für ein romantisches Diner, ging es mir durch den Kopf. Das musste man Harold wirklich lassen. Er hatte Stil.

Wir setzten uns und er nahm vorsichtig meine Hand. Dabei sah er mich fast beschwörend an. Den Zauber seines Blickes konnte ich nicht widerstehen. Ich wollte es auch gar nicht.

„Erzählen Sie mir von sich“, forderte er. „Ich habe einige Ihrer Artikel gelesen. Sie befassen sich oft mit dem Übersinnlichen...“

„Das ist richtig.“

„Was fasziniert Sie so daran?“

„Nun, ich denke, dass man bestimmte außergewöhnliche Phänomene nicht einfach schon deshalb leugnen kann, weil sie nicht in das Bild der herkömmlichen Wissenschaft passen. Sicher gibt es auch eine Menge Scharlatane auf diesem Gebiet. Aber da bleibt doch ein Rest, mit dem es sich zu beschäftigen lohnt.“

„Hatten Sie selbst auch bereits Erlebnisse, die...“ Er zögerte damit weiterzusprechen. Er beugte sich noch etwas vor. Sein Tonfall veränderte sich, das Timbre wurde noch dunkler. „Erlebnisse aus dem Bereich des Übersinnlichen... Kennen Sie so etwas aus eigener Erfahrung? Das würde das starke Interesse erklären...“

Ich schluckte.

In diesem Moment war mir sein Blick zum ersten Mal ein wenig unangenehm. Ich hatte das Gefühl, dass er mir bis zum Grund meiner Seele blicken konnte und das erschreckte mich.

Ich wollte nicht über meine Gabe sprechen. Und schon gar nicht über den Tod meiner Eltern und die Tatsache, dass ich ihn seinerzeit vorhergesehen hatte. Das waren schreckliche Dinge, die so tief wie möglich in der Vergangenheit begraben bleiben sollten. Ich hatte nicht das geringste Interesse daran, sie an die Oberfläche zu bringen.

„Sie wirken so in sich gekehrt, Patricia.“

„Ich dachte an Ihre Schwester.“ Ich zuckte die Schultern und fuhr dann fort: „Der Zusammenhang mag Ihnen etwas an den Haaren herbeigezogen vorkommen, aber...“ Ich stockte und sprach nicht weiter. Statt dessen versuchte ich, dem Blick seiner grauen Augen standzuhalten.

„Aber was?“ hakte er nach.

Und seine Stimme hatte in diesem Moment zum allerersten Mal seit ich ihn kannte einen leicht metallisch klingenden, harten Unterton.

„Als mein Kollege nach der Spinne schlug und das Tier dann zu Ihrer Schwester auf die Hand flüchtete... Es sah beinahe so aus, als ob sie das Tier beeinflusst hätte!“ Sein Gesicht wurde ernst.

„Sie wissen, dass das Unsinn ist, Patricia!“

„Ach, ja?“

„So etwas gibt es nicht!“

„So sicher?“, fragte ich zurück. „Und das aus dem Mund eines Mannes, der sich mit von Schlichtens Absonderlichen Kulten beschäftigt?“

Er sah mich ziemlich perplex an. Dann hob er die Hände und lachte. „Ein zu null für Sie Patricia! Wahrscheinlich hat jeder von uns seine blinden Flecken und Sie haben mich gerade auf einen der meinigen hingewiesen! Sie sind sehr scharfsinnig!“

In diesem Moment kam der Ober und brachte uns den Wein.

Als er wieder gegangen war, sagte Harold: „Meine Schwester ist psychisch schwer krank. Sie ist gewissermaßen in ihrer eigenen, inneren Welt gefangen. Wenn ich mich nicht um sie kümmern würde, müsste man sie in einem Sanatorium dauerhaft unterbringen. Sie ist auf meine Hilfe angewiesen.“

„Besteht keine Heilungschance?“

„Ich fürchte nein...“

Ein Anflug von Melancholie war jetzt in Harolds Züge getreten. Sein Blick schien in die Ferne gerichtet. Ins Nichts. Dann flüsterte er plötzlich: „Ganz im Gegenteil, was die Ärzte auch versucht haben, es wurde immer schlimmer mit ihr. Und ich fürchte, dass Ihr Zustand irgendwann einen Punkt erreicht, an dem auch ich nicht mehr in der Lage sein werde, mich um sie zu kümmern.“

Er blickte auf.

Sein Lächeln wirkte etwas gezwungen, als das Glas hob. Ich folgte seinem Beispiel und nahm das meine.

Die Gläser berührten sich mit einem zarten Klirren.

„Worauf trinken wir?“, fragte ich.

„Auf die glücklichen Umstände, die uns zusammengeführt haben!“

Wir nippten fast gleichzeitig an unseren Gläsern und stellten sie dann wieder auf den Tisch. „Das Diner wird noch ein paar Minuten auf sich warten lassen. Haben Sie Lust, inzwischen zu tanzen?“

Er wartete meine Antwort gar nicht ab. Seine Hand ergriff zärtlich die meine und ich stand wie automatisch auf.

Er führte mich zur Tanzfläche, während im Hintergrund ein langsames, verträumtes Stück gespielt wurde. Die hellen Klaviertöne erinnerten mich an das Glitzern der Sonne auf dem Meer. Der Blick seiner grauen Augen schien auf mich eine geradezu hypnotische Wirkung zu haben. Ich fühlte den Griff seiner starken Hand in meinem Rücken und ich schlang die Arme um seinen Hals.

Unsere Blicke hingen untrennbar aneinander.

Die Lippen näherten kaum merklich, bis sie sich fast berührten. Einen Moment noch zögerten wir, ehe wir uns vorsichtig tastend zum Kuss fanden.

Etwas später legte ich dann den Kopf an seine Schulter. Ich hatte mich verliebt und diesem Gefühl hätte mich gerne ganz hingegeben. Aber da war etwas, das wie ein dunkler Schatten im Hintergrund zu lauern schien...

Ich schloss die Augen für einen Moment.

Und ich sah Morgaines Gesicht, so wie ich es im Traum vor mir gehabt hatte: Zur Grimasse verzerrt und mit teuflisch blitzenden Augen.

Und ich sah Spinnen.

Unmengen dieser achtbeinigen Tiere, die für so viele Menschen der Inbegriff des Widerlichen waren.

Natürlich dachte ich an die Toten, die es bis jetzt gegeben hatte. Und ich fragte mich, was Morgaine damit zu tun hatte... Dass es da irgend einen kaum fassbaren Zusammenhang geben musste, war mir inzwischen klar. Um daran noch zu zweifeln, dazu hatte ich mittlerweile auch zu sehr gelernt, meiner Gabe zu vertrauen...

Ich öffnete die Augen, riss sie förmlich auf, um diese furchtbaren Bilder aus meinem Inneren loswerden zu können.



17

Es war sehr spät, als wir zurück zum Wagen gingen. Es war eine feuchtkühle, dunstige Nacht. Aber der Arm, den Harold um meine Schulten legte, gab mir Wärme.

„Es war ein wunderschöner Abend, Patricia.“

„Das fand ich auch.“

Wir hatten inzwischen die düstere Seitengasse erreicht, in der Harolds Coupe parkte.

Er griff kurz in die Seitentasche seiner Anzugweste und zog eine golden schimmernde Taschenuhr hervor, ließ sie auf-klappen und warf einen kurzen Blick darauf. Sein Gesicht bekam einen sorgenvollen Zug.

„Was ist?“, fragte ich, während ich leicht seinen Oberarm berührte. Ich sah ihm dabei über die Schulter und bemerkte eine Gravur. Das einzige, was ich jedoch davon lesen konnte, bevor Harold sie wieder zuklappte, war eine Jahreszahl.

1891.

Harold bemerkte meinen Blick und sah mich an.

„Es ist sicher nicht die beste Art und Weise, sein Interesse an einer Frau zu zeigen, in dem man vor ihren Augen auf die Uhr sieht...“

„Daran dachte ich jetzt nicht.“

„Es ist wegen Morgaine... Ich kann sie nicht zu lange allein lassen.“

„Das verstehe ich.“ Ich deutete auf die Uhr. Harold steckte sie gerade wieder ein. „Ein sehr altes Stück, nicht wahr?“

„Ja.“

Er lächelte und strich mir sanft über die Wange.

Ich sagte: „So etwas sieht man heute kaum noch... Tante Lizzy erzählte mir einmal, ihr Vater hätte eine solche Uhr gehabt, sie aber während der großen Wirtschaftskrise in den dreißiger Jahren zum Pfandleiher bringen müssen...“

„Ich bekam sie zu meinem einundzwanzigsten Geburtstag“, erklärte Harold. „Und wenn es sicher heute Uhren gibt, die viel praktischer sind - ich hänge an dem Stück.“ Er ist auf eine sympathische Weise altmodisch, ging es mir durch den Kopf. Sein förmliches Benehmen, seine Kleidung, die Uhr... Aber das alles wirkte nicht so, als hätte sich hier ein junger Mann nur eine bestimmte Marotte zugelegt. Es war sein persönlicher Stil, der auf perfekte Weise zu ihm zu passen schien und ihm eine unvergleichliche Ausstrahlung verlieh.

Er öffnete mir die Tür des Wagens.

Als ich den Kopf ein wenig zur Seite drehte, erstarrte ich mitten in der Bewegung.

An der ausgefahrenen Radioantenne des Coupes kletterte ein schwarzes, vielbeiniges Etwas empor.

Mehrere klebrige Bänder, die im Schein der Straßenlaternen glitzerten, spannten sich bereits zwischen der Antenne und der Regenleiste der Frontscheibe.

Die dunkle achtbeinige Jägerin hangelte sich jetzt an ihrem eigenen Faden entlang...

„Was ist los, Patricia? Du siehst aus, als wärst du dem Leibhaftigen begegnet?“

„Nichts“, murmelte ich. „Es ist gar nichts...“



18

Morgaine spürte, wie die kühle Luft den dünnen Stoff ihres langen Kleides durchdrang, als wäre es nichts. Aber das machte ihr nichts. Sie achtete einfach nicht darauf. Die bizarren, zum Teil eigenartig verwachsenen Bäume wirkten jetzt bei Nacht wie ungeheuerliche, nur schattenhaft sichtbare Fabelwesen.

Morgaine ging wie in Trance den schmalen Weg entlang, der mitten durch den Garten führte und sich dort mehrfach verzweigte.

Irgendwo in den Baumwipfeln war das Schlagen schwarzer Schwingen zu hören. Ein dunkler Vogel erhob in die Luft und schwebte als schemenhaftes Etwas dahin.

Immer weiter ging Morgaine, während eine Gänsehaut längst ihren ganzen Körper überzogen hatte. Dann blieb sie kurz stehen und blickte zurück.

Die Haustür stand offen. Sie hatte nicht daran gedacht, sie hinter sich zu schließen.

Einen Moment lang dachte sie darüber nach, dass womöglich Tiere ins Haus gelangen konnten, die vor der Kühle der Nacht flohen oder durch das Licht im Inneren angezogen wurden.

Aber es war ihr gleichgültig.

Es kümmerte sie nicht.

Ihr Blick war ins Nirgends gerichtet. In eine innere Welt, zu der nur sie allein Zugang hatte.

Sie lächelte verhalten.

Warum bist du hier draußen - jetzt, zu dieser Zeit?, fragte eine Stimme in ihr.

Einen Augenblick stand sie da, wirkte etwas unschlüssig.

Ihr Gesicht zeigte eine kleine Falte zwischen den Augen, die wohl Ausdruck ihrer Verwirrung war.

Ich weiß es nicht.

Aber tief in ihrem Inneren wusste sie, dass das eine Lüge war. Sie wusste es sehr wohl, auch wenn der Gedanke an den Grund ihres nächtlichen Ausflugs sie erschreckte.

Nein! Nicht daran denken!

Sie fasste sich an den Kopf, presste die Hände an die Schläfen. Und ihre Augen traten groß, rund und schreckgeweitet aus ihren Höhlen hervor.

„Nein!“, sagte sie dann laut, obwohl niemand anders da war, der es hätte hören können. Niemand menschliches zumindest.

Nur einige nachtaktive Tiere, die den Garten bevölkerten...

Sie atmete tief durch.

Und dann fiel ihr Blick auf die kunstvoll gewebten Netze der Spinnen, die sich überall zwischen den Ästen der Bäume und an den gusseisernen Laternen entlang des Weges befanden.

Sie lächelte.

Ja, sie liebte diese Tiere, auch wenn alle Welt sonst sie als den Inbegriff des Ekel empfand.

Aber bei ihr war das anders.

Sie fühlte eine starke Verbundenheit zu diesen kleinen achtbeinigen Jägerinnen, die mit soviel filigranem Geschick ihre Netze zu weben wussten...

Aber da war noch etwas anderes.

Ein dunkles Gefühl, das sich kaum in Worte fassen ließ und das darum um so mächtiger in ihr brodelte.

Dieses Gefühl war es, das sie hinaus in die kalte Nacht getrieben hatte. Es kam einem schier unwiderstehlichen Sog gleich.

Sie schluckte.

Und strich sie sich über die Haut ihres Gesichts. Sie ertastete die kaum sichtbaren Fältchen neben ihrer Nasenwurzel und die Ringe, die sich unter ihren traurigen Augen gebildet hatte. Eine Träne rollte ihr über die Wange und dieser ersten Träne folgten noch einige weitere. Sie weinte stumm, ohne einen Laut von sich zu geben.

Dann ließ ein kratzendes Geräusch sie herumfahren.

Ein Eichhörnchen saß auf einem morschen Baumstumpf und knabberte an irgend etwas herum. Die schwarzen Knopfaugen des kleinen Tieres blickten plötzlich auf. Das Eichhörnchen erstarrte und blickte in Morgaines Richtung.

Diese erwiderte den Blick.

In ihren Augen blitzte es. Ihr Gesicht verzog sich zu einem teuflischen Lächeln.

Im nächsten Moment krabbelten dann plötzlich Spinnen den Baumstumpf empor. Es waren Hunderte, die wie aus dem Nichts aufgetaucht zu sein schienen. Ihre dünnen, zerbrechlich wirkenden Beine trugen sie schnell empor und dann hatten die ersten auch schon das Eichhörnchen erreicht.

Das Eichhörnchen versuchte, davon zu schnellen und gab einen klagenden Laut von sich. Doch es war zu spät. Die schwarzen Jägerinnen waren zu schnell. Schon waren die Hinterbeine des Eichhörnchens in den klebrigen, ungewöhnlich reißfesten Gespinsten gefangen, mit denen die Spinnen ihr Opfer fesselten.

Ein Opfer, aus dem auf geheimnisvolle Weise plötzlich jegliche Kraft und Initiative zu entweichen schien.

Morgaine sah ruhig zu.

Und lächelte.

Und dabei fuhr sie sich über die Haut in ihrem Gesicht, die ihr jetzt irgendwie straffer erschien.

Sie wusste nicht, wie lange sie dort so stand.

In diesem Augenblick verlor sie jegliches Gefühl für Zeit.

Ein Prickeln durchfuhr sie. Eine Empfindung, nach der sie sich gesehnt hatte.

„Morgaine!“, rief eine Stimme.

Sie klang ihr in diesem Augenblick wie von sehr weit her.

Morgaine reagierte nicht. Sie sah weiter zu, sah wie aus dem Eichhörnchen ein kleines graues Bündel wurde.

Ein Kokon.

„Morgaine, was tust du da draußen!“

Schritte. Dann fühlte sie zwei Hände nach ihren Schultern greifen und drehte sich herum. Sie sah in das besorgte Gesicht ihres Bruders.

„Harold“, sagte sie. „Du bist schon zurück?“

„Morgaine, ich hatte gedacht, du wolltest dich zur Ruhe legen! Schließlich war es ein anstrengender Tag für dich.“

„Ich konnte nicht schlafen, Harold.“

„Und da bist du hinausgegangen...“

„Ja.“ Sie sah ihn an, schluckte und schüttelte dann leicht den Kopf. „Ich weiß nicht genau, weshalb.“

„Komm jetzt rein, Morgaine! Du wirst dir hier draußen den Tod holen.“

„Den Tod?“, echote sie.

Und dann lachte sie kurz auf. Die Art und Weise, in der sie das tat, gefiel Harold nicht. Seine Stirn zog sich in Falten. Die Augenbrauen bildeten eine Schlangenlinie. Dann fiel sein Blick auf den Kokon.

Sein Blick gefror.

Er sah seine Schwester jetzt mit einem Ausdruck an, in dem sich Mitleid mit einer Portion Abscheu mischte.

„Komm jetzt!“, sagte er auf eine Weise, die keinerlei Widerspruch duldete. Und damit führte er sie in Richtung der Haustür.

„Es ist so schön hier draußen“, sagte sie abwesend, fast wie in Trance oder unter Hypnose. Sie lächelte, diesmal sanft und friedlich.

Die beiden erreichten die Haustür.

Harold atmete tief durch.

„Geh schonmal hinein“, sagte er.

„War es schön mit dieser Miss Vanhelsing?“

„Ja, es war ein schöner Abend. Aber nun geh...“

„Ich mag sie nicht, diese Reporterin.“

„Morgaine...“

„Genauso wenig, wie ich ihren Kollegen mag.“

„Wir können später darüber reden...“

Sie sah ihn an. Ihre Augen verengten sich etwas.

„Du willst noch einmal hinaus? Lass mich nicht allein, Harold.“

„Das werde ich auch nicht.“

„Du gehst nicht weg?“ Ihre Stimme hatte einen flehenden Unterton. Sie krallte sich mit ihren schlanken, zarten Händen am Revers seines Mantels fest. „Bitte...“, hauchte sie.

„Es dauert nur einen Moment“, versprach er.

Und damit ließ Harold sie stehen, passierte die Haustür und schloß sie hinter sich. Mit schnellen Schritten ging er durch den Garten. Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte er, dass Morgaine in einem der Zimmer Licht gemacht hatte. Harold sah ihre Schatten am Fenster. Sie beobachtete ihn.

Harold ging auf den Kokon zu.

Es kostete ihn etwas Überwindung, ihn anzufassen. Aber von den Spinnen, die ihn gewoben hatten, war nirgends etwas zu sehen. Harold hob den Kokon auf, ging damit auf die andere Seite des Hauses und ließ ihn der Mülltonne verschwinden.

Dann atmete er tief durch.

Auf dem Rückweg sah er Morgaine noch immer am Fenster stehen und hinaus in die Nacht blicken.

Es wird immer schlimmer mit ihr, ging es ihm durch den Kopf. Sein Gesicht zeigte jetzt einen Anflug von Verzweiflung.



19

Als ich nach Hause kam, bemühte ich mich, sehr leise zu sein.

Ich nahm an, dass Tante Lizzy bereits schlafen gegangen war.

Überraschenderweise sah ich dann aber in der Bibliothek noch Licht brennen.

Ich näherte mich der halboffenen Tür und sah meine Großtante in einem große Ohrensessel sitzen. Auf den Knien hielt sie einen dicken, staubigen Band.

Ihre Haltung war entspannt.

Die Augen hatte sie geschlossen. Und um ihre Mundwinkel herum spielte ein mildes Lächeln.

Offenbar war sie über der Lektüre des Buches auf ihren Knien eingeschlafen.

Ich wollte mich zurückziehen, da trat ich unglücklicherweise so auf, dass es knarrte. Tante Lizzy riss die Augen auf und war sofort hellwach.

„Ah, du bist es Patricia!“

„Ich wollte dich nicht wecken!“

„Ist nicht weiter schlimm“, behauptete sie, klappte das Buch zu und legte es auf den kleinen runden Tisch. Dann erhob sie sich und unterdrückte ein Gähnen. „Es wird Zeit für mich“, meinte sie. „Hattest du einen schönen Abend?“

„Oh, ja.“

„Ein kultivierter Mann, dieser Mr. Benbow. Ein richtiger Gentleman. Leider scheint es von dieser Sorte heutzutage nicht allzu viele zu geben!“ Sie lächelte. „Die Männer von heute gleichen eher deinem Kollegen Mr. Field! Kaputte Jeans, Drei-Tage-Bart und eine burschikose Umgangsform, in der nichts mehr ernstgenommen wird!“

„Tante Lizzy...“

„Mein Frederik, das war auch ein Gentleman“, unterbrach sie mich und dabei bekam ihr Gesicht einen Ausdruck voll zärtlicher Melancholie. „Das ist jetzt schon so lange her...“ Sie sprach nicht weiter.

Ihr Mann Frederik Vanhelsing war auf einer Forschungsreise nach Südamerika verschollen. Einen wirklichen Beweis für seinen Tod hatte man nie finden können, obwohl das natürlich die wahrscheinlichste Annahme war. Ich wusste, dass Tante Lizzy insgeheim jedoch die Hoffnung nie aufgegeben hatte, ihm eines Tages wieder gegenüberzustehen. Auch, wenn alles dagegenzusprechen schien.

Sie sah mich an und ein Ruck schien durch sie hindurchzugehen. Sie wollte jetzt nicht über diese traurigen Dinge reden. Ihr Lächeln wirkte etwas maskenhaft.

„Der Name Benbow - Harold Benbow - kam mir übrigens gleich bekannt vor. Schon, als dieser junge und wie ich finde höchst begabte Wissenschaftlicher sich bei mir vorstellte. Er ist Archäologe...“ Tante Lizzy schüttelte den Kopf. „Es gibt doch manchmal erstaunliche Zufälle!“

Ich begriff nicht, worauf sie hinauswollte. Je älter sie wurde, desto öfter passierte es ihr, dass sie halb in Gedanken mehr mit sich selbst als mit ihrem Gegenüber sprach.

Sie sah mich an.

„Es gab bereits einmal einen sehr berühmten Archäologen namens Harold Benbow! Ich habe in einigen Nachschlagewerken nachgesehen! Dieser erste Benbow wurde 1870 geboren und leitete 1902 eine wichtige Grabung in Algerien, bei der er auf die Überreste der sogenannte Patembi-Kultur stieß. Allerdings waren seine Forschungsergebnisse sehr umstritten. Er erhielt wohl nie den Ruhm, der ihm eigentlich zugestanden hätte...“

„Wann starb dieser erste Harold Benbow?“, fragte ich plötzlich aus einem Instinkt heraus.

Tante Lizzy sah mich etwas überrascht an. Dann zuckte sie die Schultern. „Ich weiß es nicht“, meinte sie. „In meinen Enzyklopädien steht das nicht drin - aber die sind auch ein bisschen veraltet. Aber, dass er noch am Leben ist, dürfte wohl nahezu ausgeschlossen sein - nach 127 Jahren! Wie kommst du darauf?“

„Es war nur so ein Gedanke.“

„Solltet Ihr Euch nochmals treffen, dann frage Mr. Benbow doch mal, ob er vielleicht ein Verwandter dieses ersten Harold Benbows ist. Wäre doch denkbar!“ Ich nickte.

„Ja“, murmelte ich. „Das werde ich...“



20

Der nächste Tag verging zum Großteil mit langwierigen Archiv-Recherchen. Jim maulte etwas herum. Schließlich sei er Fotograf und kein Bücherwurm, dem es nichts ausmachte, sich durch Meter von staubigen Akten zu fressen.

Schließlich war er es allerdings, der etwas fand, was uns wirklich weiterzubringen versprach.

Er präsentierte es mir mit schelmischer Miene.

Ich versuchte, ihm die Mappe zu entreißen, aber er hatte das vorausgeahnt und entzog sie mir blitzschnell.

„Du kriegst das nur, wenn du mir versprichst, dass ich so etwas nie wieder machen muss!“

„Oh, Jim! Dann solltest du für ein Modemagazin arbeiten!“

„Eigentlich kein schlechter Gedanke.“ Er zwinkerte mir zu und fuhr dann fort: „Das einzige, was mich noch bei den LONDON EXPRESS NEWS hält ist ohnehin nur meine überaus charmante Mitarbeiterin!“

„Du spinnst!“

„Na, hast du etwa geglaubt, es sei die Freundlichkeit unseres Chefredakteurs, der mich so an dieses Blatt fesselt?“ Wir mussten beide lachen.

Jim war insgeheim ein wenig verliebt in mich. Aber aus meiner Sicht konnte aus uns kaum ein Liebespaar werden. Er war ein guter Kollege, der mittlerweile sogar so etwas wie ein vertrauter Freund geworden war. Aber den Mann meiner Träume stellte ich mir anders vor.

Jim wusste das.

Aber das hieß nicht, dass er es nicht immer wieder mal bei mir versuchte.

Er gab mir die Mappe.

„Es gab bereits eine ähnliche Serie von Todesfällen“, sagte er dazu.

„Ach....“

„Sie begann vor drei Jahren in Caracas und hörte vor einem halben Jahr auf...“

Die Benbows wohnen seit einem Jahr in London, ging es mir siedend heiß durch den Kopf. Und genau seit dieser Zeit wurden mumifizierte Tote in den Straßen Londons gefunden...

Aber das war sicher nur ein zufälliger zeitlicher Zusammenhang... Zumindest versuchte ich mir das einzureden.

Ich blätterte die Presseberichte durch, die über die Todesserie in Caracas erschienen waren.

Es stimmte alles überein.

Auch dort waren die Toten allesamt in einem eng umgrenzten Bereich gefunden worden - im Villenviertel Allegras. Die Auswahl der Opfer schien mehr oder minder wahllos zu sein.

Gemeinsamkeiten zwischen den Betroffenen wurden jedenfalls von der dortigen Polizei nicht ermittelt...

Ich dachte an meinen Traum.

Vertrau deiner Gabe und deinen Träumen, hörte ich eine Stimme in mir sagen. Vielleicht war es die von Tante Lizzy.

Jedenfalls hatte ich zu oft in meinen Träumen die Wahrheit gesehen, um sie einfach nur als alptraumhafte Hirngespinste abtun zu können.

Und selbst, wenn dieser Traum nur symbolisch zu verstehen war, sprach er doch eine ganz eindeutige Sprache: Morgaine Benbow stand in irgend einem Zusammenhang mit den schrecklichen Todesfällen, die London seit einem halben Jahr in mehr oder minder regelmäßigen Abständen erschütterten.

„Was machen wir damit?“, fragte Jim.

„Auf jeden Fall lohnt es sich, daraus einen kleinen Hintergrundbericht zu machen.“

Er grinste. „Naja, dass ist dann ja mehr etwas für deinen Aufgabenbereich...“

„Und wir werden weitersuchen! Wenn es in Caracas solche Fälle gegeben hat - vielleicht ja auch noch anderswo!“ Jim raufte sich seine unbändige blonde Mähne.

„Womit habe ich das nur verdient, Patricia!“

„Ich werde Swann gegenüber besonders auf deinen Beitrag bei der Sache hinweisen! Vielleicht springt ja sogar eine Gehaltserhöhung irgendwann dabei heraus!“ Jim schüttelte den Kopf.

„Da glaube ich eher an Wunder als an so etwas.“

„Wieso so mutlos?“

Er zuckte die Achseln und meinte dann: „Was eine Gehaltserhöhung angeht, habe ich Swann vor einiger Zeit bereits angesprochen. Er war nicht gerade begeistert!“



21

Später, als ich an meinem Schreibtisch im Großraumbüro der Redaktion saß, knallte Jim mir noch eine weitere Mappe vor die Nase.

„Es hat zuvor bereits eine ähnliche Todesserie in Delhi gegeben.“

Ich sah ihn überrascht an.

„Sag bloß, diese Serie endete vor drei Jahren...“

„...als die in Caracas begann. Genau so ist es, Patricia. Und vor den Toten in Delhi gab es einige in Trinidad...“

„Und all diese Todesfälle konnten nie zufriedenstellend aufgeklärt werden“, murmelte ich.

„Scheint fast so, als würde da jemand von einem Ort zum anderen reisen...“ Er sprach nicht weiter. Ich nickte nachdenklich.

Bislang war das ganze offiziell noch nicht einmal mit Sicherheit ein Mordfall.

„Tu mir einen Gefallen, Jim!“

„Jeden, Patricia!“

Mir war im Moment aber nicht zum Scherzen zu Mute. Ich sah ihn ernst an. „Lass Inspektor Barnes Kopien dieses Materials zukommen. Vielleicht spornt das ja seine Ermittlungen etwas an...“

Er nickte.

Seinem Gesicht war anzusehen, dass er auf die Aussicht, mit Barnes zusammenzutreffen nicht gerade begeistert war.

„Patricia...“, sagte er dann.

„Ja?“

„Ich frage mich wirklich, was hinter dieser Sache steckt!“ Ich nickte leicht. „Mit einer gewöhnlichen Mordserie hat das wohl nichts zu tun“, murmelte ich vor mich hin.



22

Abends nach Redaktionsschluss fuhr ich noch zur Villa der Benbows in der Carlton Street.

Ich parkte den roten Mercedes am Straßenrand und stieg aus.

Eine eigenartige Aura schien über der Villa zu liegen. Sie wirkte düster und abweisend. Einen Augenblick stand ich einfach nur da.

Ich sah gerade das Hausmädchen die Villa verlassen. Die junge Frau ging mit schnellen Schritten und pfiff leise vor sich hin. Als sie den Bürgersteig erreichte, ging ich auf sie zu und sprach sie an.

„Kennen Sie mich noch? Ich bin Patricia Vanhelsing von den LONDON EXPRESS NEWS.“

Sie blieb stehen.

Sie sah mich etwas überrascht an und nickte dann.

„Sicher! Viel Besuch bekommen die Benbows ja nicht gerade...“

„So spät haben Sie noch in der Villa zu tun?“ Sie zuckte die Achseln. „Mr. Benbow bat mich darum, auf seine kranke Schwester aufzupassen, da er einen Vortrag halten musste, den er nicht absagen konnte.“

„Und jetzt ist er wieder im Haus.“

„Ja.“

„Hat er Sie sonst auch schon darum gebeten, seine Schwester zu beaufsichtigen?“

„Nein. Das war das erste Mal. Er macht sich wohl Sorgen um seine Schwester...“ Sie atmete tief durch und meinte dann mit leichter Empörung im Tonfall: „Was stellen Sie mir eigentlich für Fragen?“

Ich versuchte, sie zu beschwichtigen. „Entschuldigen Sie. Ich bin eben neugierig. Das muss wohl an meinem Beruf liegen...“

„Wollen Sie eine Zeitungsstory über Mr. Benbow machen?“

„Nein, gewiss nicht. Es ist nur so...“ Ich sah ihr geradewegs in die klaren blauen Augen. Immer noch sah ich Misstrauen in ihrem Gesicht. Aber das war nur zu verständlich.

Schließlich hatte ich nichts anderes versucht, als sie nach Strich und Faden auszufragen. „In dieser Gegend geschehen seit einiger Zeit seltsame Dinge...“

„Sie meinen die Toten, die in Spinnweben eingewickelt sind!“ Sie schüttelte sich vor Abscheu. „Furchtbar ist das.. Und die Polizei scheint völlig im Dunkeln zu tappen...“

„Ja, das ist leider wahr.“

Sie sah mich an und kniff dabei die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. „Deswegen sind Sie hier!“

„Ihnen sind sicher schon die vielen Spinnen um das Haus der Benbows herum aufgefallen!“

„Sicher! Und nicht nur im Garten, auch innen! Was glauben Sie, wie viel Zeit ich damit verbringe, diese Gespinste wegzumachen! Ich komme kaum nach. Es ist eine richtige Plage. Aber am schlimmsten ist Miss Morgaine...“

„In wie fern?“

Sie kam etwas näher und sprach in gedämpftem Tonfall. Zuvor drehte sie sich einmal kurz herum , so als wollte sie sichergehen, dass ihr kein Dritter zuhörte.

„Ich darf die Spinnweben nur wegputzen, wenn Miss Morgaine es nicht sieht. Sie bekommt dann regelrechte Anfälle, wird ausfallend und ist dann selbst durch ihren Bruder kaum zu bändigen.“

„Miss Morgaine scheint eine besondere Verbindung zu Spinnen zu haben, nicht wahr?“

„Ja, das kann man wohl sagen! Es gibt ja viele Menschen, die krankhafte Furcht vor diesen harmlosen Tieren haben, aber bei Miss Morgaine muss man wohl vom Gegenteil reden.“ Das Hausmädchen schluckte und atmete tief durch. Die junge Frau sah mich mit einem leicht verstörten Blick an. Sie zögerte noch und schien zu überlegen, ob sie sich mir wirklich anvertrauen sollte. Aber das Bedürfnis, mit jemandem darüber zu reden, war schließlich stärker.

„Manchmal hatte ich fast den Eindruck, als könnte sie diese Tiere beeinflussen“, flüsterte sie dann. „Ich weiß, dass es so etwas nicht gibt und dass das vermutlich reiner Unfug ist, den ich Ihnen da erzähle... Aber mitunter kam mir das schon sehr gespenstisch vor...“

„Erzählen Sie weiter!“, forderte ich.

„Ich habe heute morgen die Papierkörbe im Haus geleert und dafür die Mülltonne geöffnet. Da lag etwas Furchtbares! Es muss ein kleines Tier gewesen sein, vielleicht eine Maus oder ein Eichhörnchen. Auf keinen Fall größer. Es war völlig eingesponnen... Sie halten mich jetzt sicher für verrückt.“

„Nein“, flüsterte ich tonlos. „Ich glaube Ihnen jedes Wort!“

„Es ist nicht das erste Mal, dass ich auf so etwas gestoßen bin. Es gab hier eine streuende Katze. Miss Morgaine mochte sie nicht, weil sie die Vögel jagte. Und Vögel gehören auch zu den Tieren, die sie liebt. Eines Tages lag die Katze im Garten.“

„In einem Spinnenkokon.“

„Ja.“

„Warum sind Sie nie zur Polizei gegangen?“, fragte ich dann vorsichtig. „Nach dem letzten Todesfall sind die Leute von Scotland Yard doch in der Gegend von Haus zu Haus gegangen.“ Sie lachte heiser auf.

„Habe ich einen Beweis? Irgend etwa Konkretes? Ich würde mich doch nur selbst in Schwierigkeiten bringen. Am Ende landet man doch in der Irrenanstalt, wenn man solche Dinge herumerzählt... Außerdem brauche ich die Stellung bei den Benbows. Es ist nicht so einfach, etwas zu finden.“

„Ich verstehe.“

An einem der Fenster in der Benbow-Villa war jetzt eine Bewegung an der Gardine zu sehen. Die junge Frau hatte das auch wahrgenommen.

„Ich muss jetzt gehen“, sagte sie.

„Warten Sie...“, rief ich ihr noch hinterher, aber sie war schon auf und davon. Ich hörte ihre Absätze auf dem Pflaster in schnellem Rhythmus klackern. Sie drehte sich nicht um. Der Blick war starr nach vorn gerichtet. Dann bog sie um die Ecke in eine andere Straße und war verschwunden.

In diesem Augenblick wurde die Haustür geöffnet.

Harold Benbow trat heraus, wie immer in einen edlen Zwirn gekleidet. Er winkte mir zu und näherte sich dann mit weit ausholenden Schritten.

„Guten Tag, Patricia!“ Er lächelte auf seine unnachahmlich charmante Weise. „Es freut mich sehr, dich zu sehen...“

„Hallo, Harold“, murmelte ich mit belegter Stimme, während er meine Hand nahm.

Ein Prickeln durchfuhr meinen gesamten Körper.

Er sah mich an.

Seine blauen Augen strahlten, sein warmer, intensiver Blick ging mir durch und durch.

„Der gestrige Abend war für mich unvergesslich, Patricia.“

„Für mich auch“, erwiderte ich.

Fast unmerklich hatten wir uns einander genähert. Ich berührte leicht das Revers seines Jacketts. Ich glaubte, die elektrisierende Spannung zwischen uns sogar körperlich spüren zu können. Mein Herz schlug wie wild.

„Ich glaube, ich habe mich regelrecht in dich verliebt, Patricia.“

Und dann sprang der Funke über. Unsere Lippen fanden sich zu einem Kuss, der nicht mehr so vorsichtig und tastend wie am Vorabend war, sondern leidenschaftlich und fordernd.

Ein Moment des Glücks, von dem man sich wünscht, er möge ewig andauern und von dem man weiß, dass er nicht mehr als ein Augenblick sein kann...

Und doch...

Selbst in diesem Augenblick konnte ich mich dem Glücksgefühl nicht so hingeben, wie ich es gerne gewollt hätte und wie eigentlich jede Faser meines Körpers und meiner Seele von mir verlangte.

Denn noch immer war da jener düstere Schatten, der drohend über allem hing.

Ein Schatten, der alles zu verdunkeln drohte.

Was hat Morgaine Benbow mit den mumifizierten Toten zu tun?

durchzuckte es mich wie ein Blitz. Aber dahinter stand noch eine zweite Frage. Eine, die ich nicht einmal in Gedanken wirklich auszuformulieren wagte.

Und diese Frage betraf Harold.



23

Wir gingen in die Villa. Harold führte mich nicht in jenen weitläufigen Salon, den ich bereits kannte, sondern in ein ebenfalls sehr großzügiges Wohnzimmer, dass etwas gemütlicher wirkte.

Ich blickte die lange Reihe der Bücher entlang, die in den Regalen standen. Das meiste war archäologische Fachliteratur.

„Ich nehme an, du weißt, dass du einen berühmten Namen trägst“, sagte sich dann.

Er nahm meine Hand.

„Ach, ja?“

„Harold Benbow - es gab bereits einmal einen Archäologen mit diesem Namen.“

Er lächelte. „Ja, es gibt seltsame Zufälle, was Namen angeht...“

„Dieser erste Harold Benbow entdeckte die Patembi-Kultur in Nordafrika.“

Sein Gesicht veränderte sich und wurde einen Moment lang starr. „Es gibt nicht mehr viele Menschen, die sich überhaupt noch daran erinnern“, stellte er fest. „Vor einigen tausend Jahren herrschte in Nordafrika nicht das Wüstenklima, das man dort heute findet. Statt dessen gab es eine reichhaltige Vegetation, Flüsse, Seen, Binnenmeere... Heute ist alles unter einem Meer aus Sand begraben, das sich Sahara nennt.“

„Tante Lizzy hat ein bisschen in den Büchern ihres Mannes herumgestöbert. Sie hat mich darauf gebracht“, sagte ich. „Bist du verwandt mit jenem Harold Benbow, der um die Jahrhundertwende in die algerische Wüste aufbrach?“

Sein Lächeln wirkte seltsam gefroren.

„Nun...“

„Tante Lizzy lässt das fragen!“

„Ich verstehe“, sagte er und dabei fühlte seine Hand sich plötzlich kalt an. „Was soll ich sagen? Jener erste Harold Benbow ist tatsächlich ein weitläufiger Verwandter, ohne dass ich jetzt genau sagen könnte, welchen Grades. Allerdings glaube ich kaum, dass meine Eltern bei der Namensgebung an ihn gedacht haben. Eher schon an den Vater meiner Mutter, der ebenfalls Harold hieß.“

„Und dennoch bist du offenbar in die Fußstapfen von Harold Benbow getreten.“

„Ja. Es gibt Leute, die behaupten, dass das Schicksal eines Menschen bereits am Namen ablesbar sei. Auf mich scheint das zuzutreffen.“

Ich sah ihn forschend an, studierte aufmerksam seine Augen und versuchte durch sie in sein Inneres zu dringen. Aber im Moment schien mir der Zugang zu seiner Seele verschlossen zu sein. Ich hatte irgendwie den Eindruck, dass ihm das Gesprächsthema unangenehm war.

„Patricia!“ sagte er dann. „Du trinkst sicher ein Glas Wein mit mir, oder?“

„Gerne.“

„Dann warte hier einen Augenblick. Ich gehe eben hinunter in den Weinkeller, um uns einen schönen Tropfen heraufzuholen.“

„Du besitzt einen Weinkeller?“

Er nickte. „Ja.“

„Dann lass mich mitkommen...“

„Aber...“

„Hast du etwas dagegen, wenn ich mit darüber entscheide, welcher Tropfen für den heutigen Abend angemessen ist?“ Er wirkte etwas überrascht, zuckte dann die breiten Schultern und meinte schließlich: „Warum nicht?“



24

Wir gingen eine Treppe hinab und kamen in ein halbdunkles, mehr schlecht als recht beleuchtetes Kellergewölbe.

Die steinernen Wände strahlten Kälte aus. Spinnweben rankten sich an Mauervorsprüngen empor und füllten die Zwischenräume des gusseisernen Treppengeländers aus. Immer wieder sah man einige der dunklen Jägerinnen ihre Gespinste überprüfen oder in winzigen Ecken geduldig auf Beute warten.

„Ja, man müsste hier mal wieder putzen“, sagte er. „Aber das Hausmädchen kommt einfach nicht nach. Ich denke, dass Haus ist einfach ein bisschen zu groß. Aber es gefiel Morgaine so gut. Deshalb haben wir es genommen...“

„Geht es Morgaine inzwischen etwas besser?“

„Sie schläft. Und das ist wohl das beste, was sie im Moment tun kann.“

„Was ist es, was deine Schwester mit diesen Spinnen verbindet, Harold?“

Er blieb stehen und sah mich an.

In seinen Augen sah ich jetzt zum ersten Mal so etwas wie eine stille Qual, die er empfand. Er öffnete halb die Lippen, aber kein Laut kam aus seinem Mund.

„Vertrau mir!“, forderte ich und berührte ihn dabei am Oberarm. „Bitte!“

„Ich weiß nicht, wovon du sprichst, Patricia!“

„Was hat Morgaine mit den mumifizierten Toten zu tun, Harold?“

Er sah mich überrascht an.

„Bist du deswegen hier?“, fragte er dann scharf.

„Nein.“

„Ach!“

„Ich bin hier, weil...“ Ich atmete tief durch, bevor ich es aussprach, aber einen Moment später war es heraus. „Weil ich dich liebe. Das ist die Wahrheit. Ich weiß, dass das der unpassendste Ort und der schlechteste Augenblick ist, um so etwas zu sagen, aber... Harold, es ist die Wahrheit.“ Sein Gesicht wirkte nachdenklich.

Ich fühlte mich wie jemand, der auf das Urteil einer Geschworenenjury wartete. Einerseits hatte ich mich in diesen Mann heftig verliebt, daran gab es nichts zu deuteln. Ein wahrer Sturm romantischer Gefühle war da, der in mir tobte.

Aber andererseits war ich auch auf der Suche nach Wahrheit.

Nach der Wahrheit, was diese mysteriöse Todesserie betraf.

Vielleicht sogar, was mein eigenes Schicksal anbetraf, denn schließlich hatte ich in meinem Traum einen kurzen, schrecklichen Ausschnitt aus einer, meiner? Zukunft gesehen.

Eingewickelt in ein undurchdringliches Gespinst, angegriffen von Tausenden von Spinnen...

Allein die Erinnerung ließ mich bis ins Mark frösteln.

„Ich liebe dich ebenfalls“, sagte Harold dann mit belegter Stimme. „Vom ersten Augenblick an hast du mich in deinen Bann geschlagen. Ich glaube dir jedes Wort, Patricia...“

„Oh, Harold!“

„Aber du solltest auch etwas zur Kenntnis nehmen und als das akzeptieren, was ist: Die Wahrheit!“

„Nun?“

„Ich spreche von Morgaine. Sie ist eine sehr kranke Frau, deren Verhalten sicher oft den Rahmen dessen sprengt, was die meisten von uns als normal empfinden. Sie spricht mit Tieren und mit sich selbst. Sie glaubt, dass die Spinnen ihre Freunde seien und wenn man nicht auf sie achtet, gefährdet sie sich selbst. Aber sie ist keine Mörderin, sondern eine gequälte Seele.“

„Hatte ich behauptet, dass sie eine Mörderin ist?“ Er hob die Augenbrauen.

„Sind wir nicht eigentlich hier, um uns einen Wein auszusuchen?“

„Natürlich.“

„Dann komm.“



25

Vom ersten Moment an, war dieses Kellergewölbe mir bekannt vorgekommen. Durch meinen Traum wusste ich, dass es irgendwo in dieser Villa ein solches Gewölbe geben musste. Deswegen hatte ich Harold auch unbedingt begleiten wollen.

Aber absolut sicher, dass dieser Keller der Raum war, in dem ich mich in meinem Traum befunden hatte, war ich mir erst jetzt, in diesem Augenblick.

Ich erstarrte unwillkürlich, als ich die große, reich verzierte Truhe sah...

Ich schluckte.

Es war jene Truhe, aus der in meinem Traum die Unmengen von Spinnen gekommen waren, die mich dann angegriffen hatten.

„Patricia!“, hörte ich Harolds Stimme wie durch Watte sagen.

„Was ist los? Meine Güte, du bist weiß wie die Wand? Vielleicht soll ich dich besser wieder hinaufbringen...“

„Nein, nein, nicht nötig“, murmelte ich. Ich hatte das Gefühl, der Wahrheit ganz nahe zu sein.

Er wollte mich mit sich ziehen, aber ich blieb stehen.

„Zum Weinkeller geht es da vorne!“, meinte Harold und deutete mit der ausgestreckten Rechten auf eine Steintreppe, die noch tiefer führte, in einen Raum, der offenbar unter dem eigentlichen Keller gelegen war.

Ich deutete auf die Truhe.

„Was ist das?“, flüsterte ich, während mir wieder die Szene vor Augen stand, in der Morgaine diese Truhe geöffnet hatte.

In meinem Traum hatte der dort der Tod gelauert...

„Ein altes Erbstück“, sagte Harold leichthin. Er konnte meine Aufregung in keiner Weise nachvollziehen.

Ich fragte: „Darf ich einmal hineinsehen?“ Er sah mich verwundert an und fasste mich bei den Schultern.

„Was ist nur los mit dir? Patricia!“ Er drückte mich an sich. Es war angenehm, die Wärme seines Körpers zu spüren.

Aber irgendwie erschien er mir in diesem Moment sehr fremd.

„Es muss an der düsteren Atmosphäre dieses Gewölbes liegen“, meinte er und lachte kurz auf. Es wirkte etwas gezwungen. „Wo ist dein Lächeln geblieben, Patricia? Das Lächeln, der bezauberndsten Frau, der ich je begegnet bin...“

„Was ist in der Truhe?“

Er atmete tief durch.

„Ich weiß nicht, warum dich das derart beschäftigt. Aber wenn es dein ausdrücklicher Wunsch ist...“ Er ließ mich los und ging auf die Truhe zu.

Dann drehte er sich zu mir herum.

Auf seinem Gesicht stand ein Lächeln. Er zwinkerte mir zu...

Genau so hat Morgaine dort auch gestanden...

In meinem Traum...

Diese Gedanken trafen mich wie Faustschläge.

Ich schluckte.

„Bereit?“, fragte Harold.

Er hob den Deckel der Truhe an und ich wich unwillkürlich einen Schritt zurück. In der Truhe schien nichts als Finsternis zu sein. Namenlose Dunkelheit, aus der ich im Traum das Grauen hatte empor kriechen sehen...

„Nun komm schon, tritt etwas näher!“, forderte Harold und ich gehorchte.

Ich blickte hinein und sah einige steinerne Tafeln, in die Schriftzeichen einer uralten Sprache eingemeißelt waren.

„Ich bewahre hier einige archäologische Fundstücke auf“, erläuterte Harold dann.

„Ich verstehe.“

Kurz bevor Harold die Truhe wieder schloss, fiel mir auf einer Tafeln ein Symbol ins Auge.

Es schien sich um eine Sonne zu handeln.

Eine Sonne, von der acht Strahlen ausgingen.

Wie die acht Beine einer Spinne, durchzuckte es mich.



26

Der Weinkeller war wohlgeordnet. Natürlich waren hier die Spinnen allgegenwärtig.

„Eine erlesene Weinsammlung“, musste ich zugeben.

Er deutete auf die Flasche, die ich ausgesucht hatte und Harold meinte lächelnd: „Ich sehe, du verstehst etwas davon.“

„Nun, als Expertin würde ich mich auf diesem Gebiet nicht gerade bezeichnen.“

Harold atmete tief durch und ließ den Blick kurz über die Weinflaschen schweifen.

„Ja, es war gar nicht so einfach, diesen Schatz aus Caracas hier her zu schaffen...“, murmelte beinahe mehr zu sich selbst als an mich gerichtet.

Caracas, durchfuhr es mich. Auch dort hatte es einige dieser seltsamen Todesfälle gegeben.

Es versetzte mir einen Stich.

„Du und deine Schwester - ihr habt in Caracas gelebt, bevor ihr hier her nach London gezogen seid?“

„Ja“, nickte er, während wir die Treppe hinaufgingen.

„Zufällig im Villenviertel Allegras?“ Er drehte sich herum und stutzte etwas.

„Wie kommst du darauf?“

„Nur so“, sagte ich. „Vor Jahren war ich auch einmal für ein paar Tage dort“, log ich dann.

„Im Auftrag der LONDON EXPRESS NEWS?“

„Nein, da war ich Studentin. Verwandte von uns hatten mich eingeladen.“

Er hob die Augenbrauen.

„Du hattest Verwandte in Allegras? Die Welt ist klein...“

„Das kann man wohl sagen...“



27

Etwas später saßen wir dann im Wohnzimmer und hoben die Gläser.

„Auf uns!“, sagte er. „Und auf den Zufall, der uns zusammenführte!“

Die Gläser klirrten aneinander.

Ich nippte an meinem Wein. Er schmeckte süß, aber mit einer kleinen Nuance von Bitterkeit.

„Ich weiß noch so wenig über dich“, sagte ich.

„Ach, Patricia! Warum hängst du so sehr an der Vergangenheit? Ist es nicht einzig und allein die Gegenwart, die zählt? Das Hier und Jetzt?“

Ich sah ihn mit großen Augen an.

„Und das sagt ein Mann, dessen Beruf es ist, im Wüstensand nach den Überresten alter Kulturen zu suchen?“ Er lachte kurz auf.

Auf seinen Wangen bildeten sich kleine Grübchen, was ihm einen weichen Zug gab.

„Wo habt ihr vor eurer Zeit in Caracas gelebt?“

„Patricia...“

„Ich möchte es wirklich gerne wissen!“

„In Delhi... Aber frag mich nicht, wo wir davor gelebt haben!“

Auch das passt, ging es mir durch den Kopf. „Ihr scheint nie lange an einem Ort zu bleiben.“

„Das hängt mit meinem Beruf zusammen.“

„Ja, sicherlich... Mein Großonkel Frederik war auch immer unterwegs.“

Er hob die Augenbrauen.

„Das ist nun mal so! Schließlich muss man sich schon dorthin begeben, wo es für einen Archäologen etwas auszugraben gibt!“

„Das ist natürlich wahr.“

Aus den Augenwinkeln heraus sah ich eine Bewegung. Harold und ich drehten uns nahezu gleichzeitig herum und starten die Gestalt im weißen Nachthemd an, die im Türrahmen stand.

Zwei katzenhafte Augen funkelten mich an.

Ein Blick, der einem das Blut in den Adern gefrieren lassen konnte, soviel abgrundtiefer Hass und wilde, unbändige Wut war darin zu lesen.

„Morgaine!“ rief Harold. „Du hattest dich doch hingelegt...“

„Ich habe gehört, dass jemand im Haus ist“, flüsterte sie.

Ihre Stimme klang wie das Zischen einer Schlange. Sie schob die Unterlippe etwas vor und entblößte dabei die Zähne. Ein Zittern erfasste ihren ganzen Körper und schien ihn wie ein Schauer zu durchlaufen.

Dann streckte sie den Arm aus und deutete auf mich.

„Diese Frau...“, sagte sie dann mit einer brüchigen Stimme, deren Klang nichts Gutes verhieß.

Sie kam auf mich zu, während ihr Zeigefinger wie ein Dolch in meine Richtung wies.

Harold trat ihr entgegen.

„Morgaine, hör auf!“

„Diese Frau ist böse, Harold! Sie ist die Verkörperung des Übels! Sie darf unser Haus nie wieder betreten! Hörst du! Nie wieder!“

„Morgaine! Patricia ist mein Gast!“

Er fasste sie hart am Oberarm. Sie blickte ihn an und verzog dann das Gesicht zu einer grotesken Grimasse. Sie lachte auf.

Ein schauerliches Gelächter war es und sie schien wie von Sinnen dabei zu sein.

„Du nennst sie bereits Patricia“, stellte sie dann fest.

„Morgaine, komm, ich bringe dich wieder in dein Zimmer!“

„Ja, das könnte dir so passen! Mich wegzusperren! Aber ich werde nicht tatenlos zusehen, wie...“ Sie holte mitten im Satz Luft und drohte beinahe, sich zu verschlucken. Sie rang nach Atem.

„Wie was?“, fragte Harold.

„Wie diese Frau Unglück über uns bringt!“, kreischte sie. „Sie will uns vernichten, Harold, das musst du doch sehen! Harold! Wie kannst du so blind sein!“ Genau in diesem Moment fiel eines der staubigen Bücher aus dem Regal. Es hatte am Ende der Reihe gestanden. Vielleicht war der Druck der anderen Bände zu groß gewesen... Das Buch krachte auf den Boden und eine kleine Staubwolke erhob sich.

An jener Stelle im Regal, an der es gerade noch gestanden hatte, war jetzt etwas Kleines, Krabbelndes zu sehen...

Eine Spinne.

Dazu noch ein ziemlich großes Exemplar.

Diesem Achtbeiner folgten dann in rascher Folge noch ein gutes Dutzend weiterer in verschiedenen Größen. Sie schienen hinter der Buchreihe hervorzukommen und für einen Moment war ich starr vor Schreck.

Ich fühlte mich an das erinnert, was in meinem Traum geschehen war.

Die Gefahr war für mich in diesem Moment beinahe körperlich spürbar. Die kleinen Härchen in meinem Nacken richteten sich auf. Das Herz schlug mir bis zum Hals und im Geiste sah ich mich schon von Tausenden dieser kleinen Krabbler angegriffen.

Doch nichts dergleichen geschah.

„Morgaine!“, sagte Harold streng und zog sie mit sich heraus. „Du weißt, ich würde alles für dich tun. Aber ich lasse mir nicht vorschreiben, mit wem ich mich treffe!“ Die Spinnen suchten sich neue Verstecke zwischen den Büchern und in den Ritzen zwischen den schweren Holzschränken.

Indessen hörte ich die Stimmen von Harold und Morgaine durch die offene Tür aus dem Flur heraus.

„Du wirst schon sehen, Harold...“

„Morgaine!“

„Eines Tages wirst du es bereuen, Harold! Bitter bereuen, aber dann wird es zu spät sein!“ Sie kreischte und schien jetzt völlig hysterisch geworden zu sein.

Ich hörte schnelle Schritte.

Jemand schien die Treppe hinauf ins Obergeschoss zu laufen.

Ich nahm an, dass es Morgaine war.

Einem plötzlichen Impuls folgend bückte ich mich, um das Buch aufzuheben, dass zu Boden gefallen war.

Es war ein aramäisches Wörterbuch. Der Einband war halb zerfallen. Ich klappte den Buchdeckel zur Seite und las die handgeschriebene Widmung darin:

UNSEREM SOHN HAROLD BENBOW ZUM GEBURTSTAG.

MÖGE DEIN STUDIUM DIR GELINGEN!

15.7.1890

Ich klappte den Band sofort wieder zu, als Harold eintrat und stellte das Buch dann zurück ins Regal.

Harold kratzte sich nachdenklich am Kopf.

Ich sah ihm an, dass er sich große Sorgen machte.

Sorgen um seine Schwester, wie ich annahm.

Er trat an mich heran. Seine Hände berührten zärtlich meine Schultern. „Ich glaube, wir haben uns beide diesen Abend etwas anders vorgestellt“, sagte er dann.

Ich widersprach nicht.

„Du musst dich jetzt um deine Schwester kümmern?“, fragte ich.

Er nickte.

„Ja. Sie ist in einer äußerst kritischen Verfassung. Vielleicht werde ich ihr nachher etwas zur Beruhigung geben.“

„Ich frage mich, womit ich mir eigentlich ihren Zorn zugezogen habe!“

Er schüttelte den Kopf.

Das Lächeln, das jetzt um seine Lippen herum spielte, wirkte etwas matt.

„Es lohnt nicht, sich darüber Gedanken zu machen, Patricia. Du kannst nichts dafür. Morgaine lebt in ihrer eigenen Welt, zu der sie kaum jemandem Zugang gewährt. Sie mag auf dich jetzt sehr aggressiv wirken. In Wahrheit ist sie nur einsam...“

„Ja, das mag sein.“

Er strich mir über das Haar und fuhr dann fort: „Ich wäre froh, wenn wir diese Flasche Wein sehr bald zu Ende trinken!“

„Gerne“, hauchte ich.

Er umarmte mich und ich legte den Kopf an seine Schulter.

Ich hatte das Gefühl, dass von Morgaine eine Gefahr ausging.

Vielleicht auch eine Gefahr für Harold. Irgendein Geheimnis umgab diese seltsame Frau und ich fragte mich, in wie weit Harold daran teilhatte.

In meinem Inneren fühlte ich ein Chaos widerstreitender Gefühle. Da war meine Zuneigung zu diesem faszinierenden Mann. Aber auf der andere Seite stand da ein furchtbarer Verdacht.

Wir küssten uns zum Abschied.

Aber seine Lippen erschienen mir in diesem Moment nicht weich und warm, so wie sonst, sondern kalt und rissig.



28

Was sollte ich tun?

Diese Frage beherrschte mich die ganze Zeit über, während ich hinter dem Steuer meines roten Mercedes 190 saß und mich durch den Londoner Verkehr quälte. Ich war umgeben von einem Meer aus Lichtern, die in der Dunkelheit aufblitzten. Es begann zu regnen und bald prasselten die Tropfen derart auf die Windschutzscheibe, dass meine Scheibenwischer kaum nachkamen.

Mehr denn je war ich überzeugt davon, dass das Geheimnis hinter der langen Serie von Todesfällen, die sich um die ganze Welt zu ziehen schien, in der Villa der Benbows zu finden war.

Nirgends sonst.

Und Morgaine schien im Zentrum von alledem zu stehen.

Aber hatte es Sinn, zu Inspektor Barnes zu gehen, ohne irgend etwas Konkretes in der Hand zu haben? Es war nicht strafbar, Spinnen als seine Freunde zu betrachten.

Es regnete immer noch, als ich Tante Lizzys Villa erreichte.

Ich stieg aus und huschte so schnell es ging durch den wolkenbruchartigen Schauer. Trotzdem waren meine Haare klatschnass, als ich die Haustür erreichte. Als ich die Tür geöffnet hatte und in den Flur trat, kam Tante Lizzy mir schon entgegen.

„Ein furchtbares Wetter!“, meinte sie mitfühlend. „Meine Güte, du bist ja klatschnass.“

„Halb so schlimm!“

„Du solltest dich sofort abtrocknen, sonst holst du dir den Tod!“

Ich seufzte und sah sie an.

Sie erwiderte den Blick und verstand mich ohne Worte.

Sie nahm meine Hand.

„Nun sag schon, was ist los?“

„Ich brauche dich, Tante Lizzy.“

Sie lächelte mild. „Du weißt, dass du dich immer auf mich verlassen kannst!“

„Ja“, nickte ich. „Das weiß ich!“

„Wenn du dir gleich die Haare abgetrocknet hast, muss ich dir übrigens etwas zeigen. Ich habe etwas in meinen Büchern - und vor allem in denen von Frederik! - herumgestöbert und bin auf etwas gestoßen.“

„Worum geht es?“, fragte ich eher beiläufig.

„Um Harold Benbow. Allerdings meine ich den Harold Benbow, der um die Jahrhundertwende die Patembi-Kultur in der algerischen Wüste fand...“

„Vielleicht sind sie beide identisch“, murmelte ich vor mich hin.



29

Nachdem ich mich abgetrocknet hatte, ging ich zu Tante Lizzy in die Bibliothek und berichtete ihr davon, dass die Wohnsitze der Benbows mit dem Auftreten dieser geheimnisvollen Todesfälle übereinzustimmen schien. Natürlich würde ich das in den Einzelheiten noch überprüfen müssen, aber die Parallelen waren schon verblüffend.

„Du glaubst, dass Morgaine die Mörderin ist?“, fragte Tante Lizzy.

Ich zuckte Schultern, verschränkte die Arme vor der Brust und ging etwas auf und ab. „Ich weiß es nicht. Es ist nur so ein Gefühl, aber ich glaube, dass diese Morgaine...“ Ich sprach nicht weiter.

Der Gedanke klang ziemlich absurd.

„Was?“, hakte Tante Lizzy nach.

„Mir scheint, sie kann Spinnen auf geheimnisvolle Weise beeinflussen... Andererseits sind die Toten definitiv nicht durch die Spinnen umgekommen, sondern auf rätselhafte Weise gealtert...“

„Vielleicht habe ich die Erklärung!“ meinte Tante Lizzy und ich sah sie überrascht an. „Weißt du, diese Namensgleichheit hat mich einfach nicht losgelassen... Harold Benbow...“ Sie zeigte mir ein verstaubtes Buch. Die Schrift auf dem Umschlag war längst verblichen und nur noch in Bruchstücken lesbar. Ich klappte es auf.

„Harold Benbow entdeckte 1901 Überreste einer jahrtausendealten Stadt in der algerische Wüste, die Überbleibsel einer bis dahin unbekannten sehr frühen Hochkultur war.“

„Patembi“, murmelte ich.

Tante Lizzy nickte. „Ja. Und er fand unter anderem auch Steinplatten mit eingemeißelten Schriften, verfasst in einer bis dahin unbekannten Sprache. Benbow hat diese Sprache in mühevoller Kleinarbeit entschlüsselt. Eine Arbeit, die in meinen Augen gleichrangig neben der Entzifferung der ägyptischen Hieroglyphen steht!“ Tante Lizzy geriet beinahe ins Schwärmen vor lauter Bewunderung. Sie seufzte dann und fügte nach kurzer Pause hinzu: „Und doch bekam Benbow nie die ihm zustehende Anerkennung unter den Archäologen. Aber das lag vielleicht auch an ihm selbst...“

„Das verstehe ich nicht“, erklärte ich.

„Weißt du, Patricia, Benbow begann sich mehr für die Inhalte der Schriften zu interessieren. Er fertigte eine Übersetzung an und begann sich mehr und mehr dem Okkultismus zuzuwenden. Das hat ihm wohl seinen zweifelhaften Ruf eingebracht. Er konnte von Glück sagen, dass er durch das beträchtliche Erbe seiner Eltern finanziell unabhängig war und nicht darauf angewiesen war, einem Lehrstuhl an irgend einer Universität innezuhaben.“

Ich blätterte etwas in dem Buch.

Es handelte sich um einen Bericht über die Expedition von 1901. Fotos waren darin, die den Archäologen bei der Arbeit in Algerien zeigten.

Ich schluckte unwillkürlich.

„Die Ähnlichkeit ist frappierend“, stellte ich fest. „Harold behauptet, dass dieser erste Benbow ein entfernter Verwandter sei...“

Ich blätterte weiter und stutzte dann erneut.

Im hinteren Teil des Buches befanden sich Abbildungen der Steintafeln, die Benbow aus dem Wüstensand gegraben hatte.

Deutlich sah ich die achtstrahlige Sonne...

Vielleicht hat er diese Fundstücke ja geerbt, versuchte ich mir einzureden. Aber eine andere Stimme in mir glaubte nicht daran.

„Warum starrst du da so hin?“, fragte Tante Lizzy.

„Diese Tafeln befinden sich in der Villa der Benbows“, erklärte ich. „Harold hat sie mir gezeigt. Und dann war da noch dieses Buch, das sich in seinem Besitz befand... Es enthielt eine Widmung seiner Eltern von 1891!“ Wir sahen uns einen Moment lang an und Tante Lizzy sagte dann: „Du glaubst, dass beide Benbows identisch sind.“

„Ich weiß, dass kein Mensch über 120 Jahre alt werden kann...“

„Oh, es gibt da einige Berichte von...“

„Aber er sieht aus wie dreißig!“, fuhr ich Tante Lizzy ins Wort.

Sie nickte.

„Ja, ich weiß“, erklärte sie ruhig.

Sie deutete auf das Buch in meinen Händen.

„Da steht übrigens noch etwas anderes drin, was dich interessieren wird.“

„Was?“

„In Patembi verehrte man eine Gottheit namens K'nuaan. Das war der Gott der Spinnen.“

Ich sah Tante Lizzy entgeistert an.

„Die achtstrahlige Sonne...“

„Ja, genau! Die Patembianer identifizierten die Sonne mit dem Spinnengott K'nuaan. Harold Benbow fertigte eine Übersetzung der Steintafeln an. Es handelte sich dabei im Wesentlichen wohl um eine Sammlung von Ritualen und magischen Rezepturen, die in der K'nuaan-Religion eine Rolle spielten...“

„Besitzt du diese Übersetzung?“

„Oh, ja! In Okkultistenkreisen fand sie großen Widerhall. Allerdings weiß ich im Moment nicht genau, wo dieses Büchlein geblieben ist. Ich meine, es war im Esszimmer, aber vor zwei Jahren, als dort die Heizungsrohre erneuert wurden und ich alles herausräumen musste...“ Tante Lizzy hob die Arme. Eine Geste der Hilflosigkeit. „Es ist nicht mehr an seinem Ort, aber ich bin mir sicher, dass es noch irgendwo hier sein muss! Aber ich werde es finden, Patricia! Das verspreche ich dir!“



30

Ich schlief schlecht in dieser Nacht. Immer wieder wälzte ich mich von einer Seite zur anderen. Einmal ließ mich ein Regenschauer aus dem Schlaf schrecken.

Es ist alles in Ordnung!, versuchte ich mir selbst klarzumachen, während ich schweißnass im Bett saß und zum Fenster blickte. Die Regentropfen klatschten gegen die Scheibe. Ein Wind fegte durch die nahen Baumwipfel und bog sie hin und her.

Ich legte mich wieder hin.

Du hast Angst, die Augen zu schließen, stellte eine Stimme in mir fest.

Und ich spürte instinktiv, dass das die Wahrheit war. Wovor fürchtete ich mich? Vor den Schreckensvisionen meiner Alpträume?

Ich fiel schließlich doch in einen tiefen Schlaf.

Dunkelheit umgab mich und ich war dankbar dafür. Ich wollte nichts sehen, keine Bilder und Visionen... Ich wollte nichts als traumlosen Schlaf.

Doch irgendwann stellten sich die Bilder dann doch ein.

Ein Straßenschild.

Mortimer Street. Ich konnte den Namen deutlich erkennen.

Das kalte Licht einer Straßenlaterne strahlte ihn an. An der Laterne zitterte ein bizarres Gespinst im leichten Nachtwind.

Scheinwerfer leuchteten auf.

Ein Wagen kam die Straße entlanggefahren und hielt an. Es war eines der unverwechselbaren, etwas altertümlich wirkenden Londoner Taxis. Eine junge Frau stieg aus. Sie schlug sich den Kragen ihrer Jacke hoch, nachdem sie bezahlt hatte und ging dann die Straße entlang.

Das Taxi fuhr weiter.

Die junge Frau stutzte plötzlich, als sie in einiger Entfernung eine schattenhafte Gestalt erblickte. Dann sah sie zu Boden.

Spinnen krabbelten über die Pflastersteine. Erst nur ein paar, dann Dutzende, Hunderte.

Schließlich Tausende.

Einem, großen dunklen Teppich gleich krochen sie im Licht einer Straßenlaterne daher. Eine gespenstische Kolonne kleiner, tödlicher Jägerinnen, die aus dem Dunkel hinter einem Gartenstrauch zu kommen schien.

Aus dem Nichts...

„Nein“, flüsterte die junge Frau und schlug das erste Tier zur Seite, das gerade ihr Knie erklommen hatte. Aber es waren zu viele...“

Die junge Frau schrie.

„Nein!“

Ich schlug die Augen auf und stellte fest, dass ich selbst es war, der dieses Wort unablässig über die Lippen brachte.

„Nein...“ Ich flüsterte es nur noch.

Die Szene hatte so unglaublich realistisch gewirkt...

Ich wusste sofort, dass es ein seherischer Traum war.

Schauder erfasste mich. Aber gleichzeitig hatte ich das Gefühl, etwas tun zu müssen. Irgendwo in London geschah vielleicht jetzt, in diesem Augenblick etwas Schreckliches...

Mortimer Street!

Der Straßenname war mir wieder ins Gedächtnis gekommen.

Ich schlug die Decke zur Seite und zog mich rasch an. Eine Jeans und einen Pullover dazu Turnschuhe. Ich war nicht wählerisch, denn ich ahnte, da es vielleicht um jede Minute ging.

Wenig später lief ich die Treppe hinunter.

Vielleicht ist es nur eine fixe Idee, ging es mir durch den Kopf. Ich hoffte es. Ich versuchte, es mir sogar einzureden.

Aber wenn es nicht so war. Wenn in diesem Moment wieder ein Mensch auf diese schreckliche Weise starb und ich hatte nicht alles nur menschenmögliche unternommen, um das zu verhindern...

Ich hätte es mir vermutlich niemals verzeihen können.

„Patricia!“, rief mich eine Stimme, als ich dabei war, die Haustür aufzuschließen.

Ich drehte mich herum und sah in Tante Lizzys verwundertes Gesicht. Sie hatte einen leichten Schlaf und mich natürlich gehört. „Patricia, was soll das? Was ist in dich gefahren?“

„Ich kann es dir nicht erklären, Tante Lizzy. Nicht jetzt. Es ist keine Zeit!“

„Aber, Patricia!“

„Ich fahre in die Mortimer Street und melde mich sobald ich kann!“

Und damit war ich draußen im Freien.

Der Regen hatte indessen aufgehört.

Es herrschte eine feuchte Kühle, die mir durch den Pullover schnitt. Ich lief zu meinem Mercedes, setzte mich ans Steuer und ließ den Motor an. Ich riss den Stadtplan förmlich aus dem Handschuhfach.

Wie ich vermutet habe!, durchzuckte es mich. Die Mortimer Street befand sich genau in jenem Gebiet, in dem die Toten bislang alle aufgefunden worden waren. Eine kleine Seitenstraße, die auch Ortskundige nicht unbedingt kennen mussten...

Ich schluckte.

Das Herz schlug mir bis zum Hals, während ich den Mercedes 190 zurücksetzte.

Und dann fuhr ich wie der Teufel und konnte von Glück sagen, dass die Zahl der nächtlichen Polizeistreifen in London in den letzten Jahren stetig verringert wurde.

Ich war ungeduldig, überfuhr sogar eine rote Ampel.

Während der Fahrt griff ich nach meinem Handy und rief Scotland Yard an. Sollte Inspektor Barnes mich ruhig für völlig verrückt halten, wenn sich alles als blinder Alarm herausstellte!

Vielleicht hatte ich die Chance, ein Menschenleben zu retten. Und nur das zählte für mich in diesem Moment.

Zum Glück hatte ich nicht Barnes selbst am Apparat, sondern einen Beamten der Bereitschaftsdienst hatte. Das machte es etwas einfacher. In knappen Sätzen sagte ich ihm worum es ging.

„Kommen Sie schnell!“, rief ich beschwörend in den Hörer hinein. „Kommen Sie in die Mortimer Street. Es geht um den Fall der mumifizierten Leichen... Klingeln Sie Inspektor Barnes aus dem Bett!“

„Könnte ich bitte Ihren Namen und Ihre Anschrift haben?“, hörte ich den Beamten auf der anderen Seite der Leitung etwas steif sagen.

Ich unterbrach das Gespräch.

Mit quietschenden Reifen erreichte ich schließlich die Mortimer Street.

Und dann bremste ich. Ich trat mit voller Kraft auf das Pedal. Die Räder blockierten und der Wagen rutschte ein Stück seitwärts.

Ich zitterte am ganzen Körper.

Im Licht meiner Scheinwerfer sah ich eine Gestalt, die mich mit einem Blick anstarrte, der vollkommene Überraschung ausdrückte.

Es war niemand anderes als Morgaine Benbow.

Ihr Gesicht wirkte straff. Die Augenringe, die ich zuletzt bei ihr gesehen hatte, waren verschwunden. In ihren Augen blitzte es böse. Der Mund verzog sich zu etwas, das niemand, den ich kannte, als ein Lächeln bezeichnet hätte...

Einen Augenblick stand Morgaine mitten auf der Straße und sah mich an. Dann raffte sie ihr langes, irgendwie sehr altmodisch wirkendes Kleid zusammen und rannte davon.

Nachdem eine Schrecksekunde vergangen war, riss ich die Tür des Mercedes auf und stieg aus.

„Warten Sie!“, rief ich.

Sie rannte, als ob buchstäblich der Teufel hinter ihr hergewesen wäre. Ich wollte ihr folgen, aber nach wenigen Schritten hielt ich an. Mein Blick wurde durch ein graues Bündel gefangengenommen.

Ich näherte mich vorsichtig.

Pures Entsetzen packte mich, als ich sah, was dort auf dem Pflaster lag.

Es war ein Kokon.

Entsetzt begriff ich, dass alles, was ich geträumt hatte, tatsächlich passiert sein musste.

Schaudern erfasste mich.

Ich blickte auf und sah in jene Richtung, in die Morgaine davongelaufen war.

Sie war in der Dunkelheit verschwunden.

Ich schluckte und Tränen liefen mir über die Wangen. Ich war zu spät gekommen. Andererseits - was hätte ich tun können, wenn ich früher in der Mortimer Street angelangt wäre? Ich wusste es nicht.

Aus der Ferne drangen indessen die Sirenen mehrerer Polizeiwagen an mein Ohr.



31

Harold Benbow erwachte aus tiefem Schlaf und stellte fest, dass er sich in einem der großen Plüschsessel befand, die im Empfangsraum der Villa standen.

Mein Gott, ich bin eingeschlafen!, durchzuckte es ihn und sein Blick ging instinktiv zur Uhr. Seit mindestens einer Stunde war er eingenickt. Er war einfach zu lange auf den Beinen gewesen. Die Müdigkeit hatte ihn schier überwältigt.

Und das, obwohl er genau gewusst hatte, wie wichtig es in dieser Nacht gewesen wäre, wachzubleiben.

Um Morgaines Willen.

Er hörte die Geräusche an der Tür und erhob sich aus dem Sessel. Starr vor Entsetzen sah er Morgaine in ihrem langen Kleid hereinrauschen. Sie erstarrte kurz, als sie ihren Bruder sah.

„Harold!“

„Wo warst du, Morgaine...“

Sie kam näher, lächelte und strich sich mit den Händen über die Wangen. Dann seufzte sie. „Ich fühle mich so wunderbar, Harold...“

„Oh, Morgaine...“

„Soviel Kraft ist in mir. Lebenskraft, Harold. Meine Haut... Sie fühlt sich an wie ein Pfirsich!“ Harold sah sie ernst an. „Wir werden bald gehen müssen, Morgaine...“

„Oh, wirklich?“

„Ja.“

„Was ist so schlimm daran?“

„Es wird nicht ewig so weitergehen können, Morgaine...“ Ein Schatten fiel auf Morgaines Gesicht. „Ich will darüber jetzt nicht reden!“, erklärte sie und rauschte die Treppe hinauf. Sie summte dabei ein Lied vor sich hin.



32

Nicht lange und es wimmelte nur so von Polizisten in der Mortimer Street. Inspektor Barnes hatte mir mit tiefen Falten auf der Stirn zugehört und meinte dann: „Schon merkwürdig, dass ausgerechnet Sie auf diesen Kokon gestoßen sind...“

„Inspektor, ich...“

„Nein, jetzt hören Sie mir zu, Miss Vanhelsing! Möglicherweise ist diese Morgaine Benbow eine wichtige Zeugin und ich werde sie ganz bestimmt auch vernehmen. Aber bislang spricht in meinen Augen nichts dafür. dass sie für den Tod dieser Menschen verantwortlich ist!“

Ich sah ihn hilflos an. Er hatte recht. So schwer es mir fiel, dass zugeben zu müssen, aber es gab kein einziges Argument, mit dem ich ihn widerlegen konnte.

Und doch...

„Kommen Sie!“, forderte ich. „Die Villa der Benbows ist ganz in der Nähe! Wir können zu Fuß hingelangen. Es sind keine fünf Minuten! Fragen Sie Morgaine nach ihrem Alibi!“ Er seufzte.

„Also gut“, sagte er dann. „Ich kann in Ihrem Interesse nur hoffen, dass wir diese Leute nicht umsonst aus dem Bett klingeln!“

Ich blickte ihn fest an und sagte dann: „Ach, tun Sie doch nicht so, Inspektor. Das, was ich Ihnen gerade gesagt habe, ist doch der einzige Strohhalm, den Sie in diesem Fall haben! Ihnen bleibt doch gar nichts anderes, als ihn zu ergreifen, wenn Sie nicht zugeben wollen, dass Sie nach all Ihren Ermittlungen ohne jedes Ergebnis dastehen!“ Barnes' Gesicht wirkte jetzt ärgerlich. Seine Nasenflügel blähten sich auf und seine Stimme klang wie das Zischen einer Schlange, die zum Angriff übergeht. „Das, was ich von Ihnen gehört habe ist nichts weiter als ein vager Verdacht, gegründet auf Vermutungen. Diese Frau mag verrückt sein und mit Spinnen reden. Aber einige der Opfer waren körperlich sehr kräftig und ich wage es zu bezweifeln, dass sie sie überwältigen konnte. Und an geheimnisvolle Kräfte glaube ich nicht!“

„Reden wir nicht länger!“, forderte ich. „Gehen wir statt dessen zur Benbow-Villa!“



33

Wir erreichten die Villa wenige Minuten später. Ich fühlte mich seltsam dabei, jetzt in Begleitung eines Scotland Yard-Beamten hier aufzutauchen. Schließlich liebte ich Harold.

Und doch blieb mir nichts anderes übrig, als gegen seine Schwester einen schrecklichen Verdacht auszusprechen...

Möglicherweise sogar auch gegen Harold.

Wenn Morgaine mit diesen Todesfällen etwas zu tun hatte, dann erschien es mir kaum denkbar, dass Harold nichts davon wusste.

Harold öffnete uns.

Er schien noch nicht zu Bett gewesen zu sein. Jedenfalls war er vollständig angezogen.

Er wirkte etwas erstaunt. Barnes erklärte in knappen Sätzen, worum es ging.

„Wieder eine Leiche? Und jetzt wollen Sie meine Schwester sprechen...“, meinte Harold gedehnt. Dabei warf er mir einen rätselhaften Blick zu. Ein Blick, der zu sagen schien: Warum tust du mir das an, Patricia?

„Wo ist Ihre Schwester. Dürfen wir hereinkommen?“, fragte Barnes.

„Meine Schwester schläft“, erklärte Harold. „Sie ist psychisch sehr labil und ich halte es nicht für ratsam, sie jetzt zu wecken. Im übrigen war sie heute Nacht nicht außer Haus.“

„Da sind Sie sich sicher?“

„Ja.“

Barnes deutete auf mich. „Diese Zeugin hier will Ihre Schwester gesehen haben!“

„Sie muss sich geirrt haben!“, erklärte Harold kalt. „Aber, wenn Sie ein Protokoll darüber anfertigen wollen, dann wird das ja wohl auch morgen noch möglich sein, oder?“ Barnes nickte.

„Ich möchte, dass Sie und Ihre Schwester in den nächsten Tagen in mein Büro kommen!“

„Nichts dagegen!“

In diesem Moment meldete sich mit einem Piepton das Walky Talky, das Barnes in seiner Manteltasche stecken hatte.

„Inspektor, der Gerichtsmediziner ist hier! Es wäre gut, wenn Sie schnell mal herkommen würden, um sich etwas anzusehen...“, meldete sich einer der Beamten.

„Ich bin schon unterwegs!“, knurrte Barnes zurück.

Dann sah er mich an.

„Gehen Sie ruhig schon. Ich komme nach.“ Barnes zuckte die Achseln. „Machen Sie keine Dummheiten hier!“

Schulterzuckend ging der Inspektor davon. Er fluchte irgend etwas Unverständliches vor sich hin. Ich war nicht sonderlich neugierig darauf, zu erfahren was es war. Ich war nur wütend auf ihn. Wütend, weil er sich so leicht hatte abwimmeln lassen.

Harold bedachte mich mit einem Blick, der voller Schmerz war. Nie zuvor hatte ich ihn so gesehen.

„Wo ist Morgaine?“, fragte ich. „Ich will mit ihr sprechen....“

Ich wollte an ihm vorbei ins Haus gelangen, doch er hielt mich an den Oberarmen.

„Patricia!“

Unsere Blicke begegneten sich.

„Harold, was wird hier gespielt? Du weißt es! Du weißt viel mehr über die rätselhaften Todesfälle, als du bislang zuzugeben bereit warst! Und wenn...“

„Patricia!“, unterbrach er mich. „Geh jetzt bitte!“

„Wenn du je etwas für mich empfunden hast, Harold, dann musst du mir jetzt Wahrheit sagen...“

„Die Wahrheit?“ Er lachte kurz auf. Und im heiseren Timbre seiner Stimme verriet sich die Verzweiflung in ihm. „Glaub' mir, ich empfinde nach wie vor etwas für dich. Was ich zu dir gesagt habe, ist wahr. Jede Silbe! Du bist der wunderbarste Mensch, den sich seit langem getroffen habe...“ Er seufzte.

Melancholie leuchtete in seinen blauen Augen. „Seit sehr langer Zeit... Aber wir können uns nicht wieder treffen, Patricia!“

Ich sah ihn überrascht an.

„Was?“

„Geh bitte nach Hause. Geh zu deiner Großtante und vergiss mich! Das ist das Beste, was du tun kannst.“

„Aber Harold!“

„Ich bitte dich, Patricia! Um deiner selbst Willen! Ich würde dir nichts als Unglück bringen...“ Ich berührte seine Wange. Er gab mir einen letzten Kuss auf die Stirn. Ein Kuss des Abschieds...

Ich konnte es nicht fassen.

„Harold, was ist geschehen?“

„Ich kann es dir nicht erklären!“

„Versuch es wenigstens.

Er schüttelte entschieden den Kopf und schob mich sanft aber bestimmt hinaus. „Leb wohl, Patricia! Glaub mir, es ist besser so...“

Ich sah ihn mit einer Mischung aus Unverständnis und ohnmächtiger Verzweiflung an.

Meine Augen wurden feucht.

Ich versuchte etwas zu sagen, brachte aber keinen Laut über die Lippen.

Zögernd ging ich ein paar Schritte, wandte mich dann noch einmal herum. Dabei sah ich, dass in einem der oberen Räume der Villa Licht brannte. Eine Gestalt stand dort und schob die Gardinen zur Seite.

Morgaine...

Ich sah das teuflische Lächeln auf ihrem Gesicht und zuckte unwillkürlich zusammen.



34

Rabenschwarzer Kaffee sollte mich am nächsten Morgen wachmachen. Aber gegen die bleierne Müdigkeit hatte er kaum eine Chance. Ich war einfach übernächtigt.

Und dazu kam noch dieses Chaos an Gedanken und Gefühlen, dass in mir tobte.

Tante Lizzy hatte ich nach meiner Rückkehr noch das Nötigste gesagt und mich dann für die kurze Zeit bis zum Morgengrauen aufs Ohr gelegt.

Ich hatte das Gefühl, überhaupt nicht geschlafen zu haben.

„Ich habe das Buch übrigens gefunden“, sagte Tante Lizzy irgendwann, als sie glaubte, dass ich nun wohl wach genug war, um ihr zuzuhören.

Ich sah sie erstaunt an. „Die Übersetzung der Schriften aus Patembi?“, vergewisserte ich mich.

„Ja.“ Sie seufzte. „Es geht darin um eigenartige Rituale, die in Verbindung mit einem von den patembianischen Ärzten entwickelten Serum Unsterblichkeit verleihen sollen...“

„Du meinst...“

Tante Lizzy nickte.

„Ich denke, Harold Benbow hat diese Rituale an sich selbst ausprobiert. An sich und seiner Schwester und auf diese Weise ihrer beider Leben verlängert... Durch die Kraft K'nuaans, des Gottes der Spinnen, wie es in der Übersetzung heißt. Leider ist sie nicht vollständig. Einige Passagen fehlen, insbesondere was die Zusammensetzung des Serums angeht, das die Ärzte von Patembi vor Jahrtausenden verwandten....“

„Deswegen mussten die beiden ihre Wohnsitze so häufig verändern“, meinte ich. Ich wollte einfach glauben, dass das nichts mit den Todesfällen zu tun hatte.

Tante Lizzy hob die Augenbrauen. „Das hatte noch einen anderen Grund.“

Wir sahen uns an. Tante Lizzy nahm meine Hände und ich wusste, dass sie mir etwas Unangenehmes zu sagen versuchte.

„Es steht in den Schriften aus Patembi auch, dass derjenige, der auf diese Weise sein Leben verlängert K'nuaan ähnlich würde und nach und nach über die geheimnisvollen Kräfte des Spinnengottes verfügen könnte... Eine tödliche Macht, Patricia, mit deren Hilfe einem Gegner die Seelenkraft entzogen werden kann... Zurück bleiben uralte Mumien, eingewickelt in die Fäden der Geisterspinnen aus dem Reich K'nuaans... Patricia, so steht es in Benbows Übersetzung!“

„Das bedeutet, dass auch Harold über alles Bescheid wusste. Die ganze Zeit über. Er lässt zu, dass seine Schwester des Nachts durch die Straßen zieht und wahllos tötet...“ Meine Stimme klang belegt. Ich musste schlucken und war erfüllt von unendlicher Traurigkeit.

„Vielleicht“, flüsterte Tante Lizzy, „ist es noch viel schlimmer.“

„Was meinst du damit?“

„Könnte es nicht sein, dass Harold selbst dasselbe getan hat? In den Schriften aus Patembi wird davor gewarnt, dass ein unersättlicher Hunger nach der Kraft der Sterblichen bei denen entstehen könnte, die mit Hilfe des Serums ihr Leben verlängern...“

„Ich kann das nicht glauben“, sagte ich. „Harold ist...“ Ich stockte.

„Du bist blind vor Verliebtheit, Patricia!“

„Aber...“

„Was weißt du denn wirklich über ihn? So gut wie nichts, Patricia!“

Ich nickte leicht. Ein dicker Kloß steckte mir im Hals und ich begann zu ahnen, dass mehr Wahrheit in Tante Lizzys Worten liegen mochte, als ich wahrhaben wollte.

Vielleicht hat er mich deswegen weggeschickt!, ging es mir durch den Kopf. Das würde Sinn machen!

Er erinnerte mich Harolds Worte. „Ich würde dir nichts als Unglück bringen“, hatte er gesagt.

Dieser Satz hallte in meinem Inneren wieder und klang jetzt wie ein schauerlicher Fluch.

„Gibt es irgend etwas, was man dieser Kraft K'nuaans entgegensetzen könnte?“, fragte ich dann schließlich.

Tante Lizzy schüttelte den Kopf.

„Nicht, dass ich wüsste.“



35

Mit gedankenschwerem Kopf setzte ich mich ans Steuer meines Mercedes, um in die Redaktion der LONDON EXPRESS NEWSs in der Londoner Lupus Street zu gelangen.

Einem plötzlichen Impuls folgend, entschied ich mich dann aber anders.

Ich lenkte meinen Wagen in die Carlton Street und parkte schließlich unweit der Benbow Villa.

Die Geschehnisse der letzten Nacht erschienen mir in diesem Moment beinahe unwirklich. Wie die blasse Erinnerung an einen Alptraum, den man so schnell wie möglich vergessen wollte.

Aber das war alles wirklich geschehen.

Dennoch...

Ich wollte Harold zur Rede stellen. Ihm die Chance geben, alles an furchtbaren Verdachtsmomenten zu entkräften...

Mit zusammengepressten Lippen stand ich vor der Haustür und klopfte kräftig mit dem gusseisernen Ring.

Das Hausmädchen öffnete.

„Ah, Sie sind es, Miss Vanhelsing...“

Die junge Frau wirkte angespannt.

„Ich möchte zu Mr. Benbow.“

„Das geht jetzt nicht.“

„Aber...“

„Ich habe strikte Anweisung, niemanden ins Haus zu lassen...“

Ich sah an ihr vorbei. Im Empfangsraum stapelten sich mehrere große Kisten, fertig versiegelt für den Transport nach Übersee...

Ich drängelte mich an dem verdutzten Hausmädchen vorbei, das nur halbherzig protestierte. „Steht ein Umzug bevor?“, fragte ich scharf.

„Ich weiß es nicht.“

„Reden Sie schon...“

„Ja, vielleicht. Diese Sachen sollen gleich abgeholt werden! Aber von einem Umzug weiß ich nichts...“ Ich kümmerte mich nicht mehr um sie, sondern ging mit schnellen entschlossenen Schritten an ihr vorbei und durchquerte den Empfangsraum und ging dann einen Flur entlang.

„Harold?“, rief ich.

Dann hörte ich Geräusche und Stimmen. Sie schienen aus dem Keller zu kommen. In meinem Rücken hörte ich die Schritte des Hausmädchens.

„Miss Vanhelsing, das geht nicht!“

Doch da hatte ich bereits die Kellertreppe erreicht.

Ich hörte ihre Stimmen ganz deutlich: Morgaine und Harold...

Mit sicherem Tritt ging ich die schmalen Stufen herab und gelangte in den gewölbeartigen Keller, in dem ich bereits zusammen mit Harold gewesen war.

Die Spinnweben, die sich an den Wänden empor rankten, schienen seitdem noch zugenommen zu haben. Ich folgte den Stimmen und stand ihnen wenig später gegenüber.

Harold und Morgaine hatten gerade die große Truhe, in der sich die Steinplatten aus Patembi befanden, mit vereinten Kräften ein Stück von der Wand abgerückt.

Jetzt hielten sie mitten in der Bewegung inne, während hinter mir das Hausmädchen auftauchte.

„Es tut mir leid, Mr. Benbow, ich habe sie nicht aufhalten können...“

„Schon gut“, meinte er, nachdem er die erste Überraschung verwunden hatte.

Morgaine sah mich von der Seite her aus den Augenwinkeln heraus an. Ihre Züge machten einen feindselig wirkenden Ausdruck. Mit einer fahrigen Bewegung strich sie sich das ebenholzfarbene Haar zurück. Sie schien etwas nervös zu sein.

Harold atmete tief durch.

„Sie können gehen, Betty!“, wandte er sich an das Hausmädchen. Sein Tonfall war dabei so barsch, dass die Angesprochene erst einmal einen Augenblick lang wie zur Salzsäule erstarrt dastand. Etwas versöhnlicher fügte Harold dann hinzu: „Sie haben doch sicher noch genügend Aufgaben im Haus, nicht wahr, Betty?“

„Ja, sicher...“

Und damit machte sie dann auf dem Absatz kehrt und ging wenig später die Treppe wieder hinauf.

Dann waren wir allein.

Harold, Morgaine und ich.

„Nun werdet ihr also erneut flüchten - wie schon so viele Male zuvor. So ist es doch, nicht wahr?“ Ich sagte das so ruhig und gefasst, wie es mir in dieser Situation möglich war.

Ich deutete auf die Truhe. „Die Steinplatten, die sich dort befinden hast du vor fast einem Jahrhundert in den Ruinen des untergegangenen Patembi gefunden. Nicht wahr, Harold?“ Harold atmete tief durch. Er kam etwas näher und schwieg.

Aber dieses Schweigen war auch eine Antwort. Seine blauen Augen bedachten mich mit einem Blick voller Rätsel.

Vergeblich versuchte ich, zu ergründen, was in seinem Inneren jetzt vor sich ging.

Morgaine trat indessen einen Schritt seitwärts.

Sie trug ein langes rosa Kleid.

Eine Perlenkette hing ihr um den Hals und ich erschrak bis ins Mark, als ich erkannte, dass es genau die Dinge waren, die sie in meinem Traum getragen hatte. In jenem Traum, der mir vielleicht mein eigenes Schicksal gezeigt hatte.

Angstvoll warf ich einen kurzen Blick auf die Truhe, aus deren dunklen Inneren im Traum die Unmengen von angreifenden Spinnen herausgekrabbelt waren.

Kalte Schauder erfassten mich.

Aber jetzt war es nicht mehr zu ändern. Jetzt war ich hier, in diesem unheimlichen Kellergewölbe...

Vielleicht sollte dies der Ort meines Todes werden.

Eine Gruft für eine in einen klebrigen Kokon eingesponnene Mumie.... Das Herz hämmerte mir bis in die Halsschlagader, als ich dies begriff.

„Nur weiter, Miss Vanhelsing!“, forderte dann Morgaines krächzende Stimme. Wie im Traum hatte sie die Hand am Deckel der Truhe. Ich wagte nicht daran zu denken, was geschah, wenn sie ihn öffnete und die Heerscharen achtbeiniger Jägerinnen daraus hervorkamen. Alle vereint in dem Willen, mich zu töten...

Ich zuckte unwillkürlich zusammen, als ich eines dieser Tiere die Wand emporklimmen sah.

„Patricia, du hättest nicht herkommen sollen“, sagte Harold.

Ich blickte ihn an.

„Ich habe es nicht glauben wollen“, murmelte ich dann. „Ihr habt euer Leben mit Hilfe der in den patembianischen Schriften beschriebenen Rituale und dem Serum verlängert. Aber es gibt eine Nebenwirkung, nicht wahr?“

Harold nickte. „Ja, so ist es.“

„Der unersättliche Hunger nach der Lebenskraft der Sterblichen“, zitierte ich.

Harold wirkte sehr ernst. „Du besitzt ein Exemplar meiner Übersetzung der patembianischen Steintafeln?“

„Nicht ich. Aber Tante Lizzy.“

Er lächelte matt. „Ich hätte es mir denken können. Ja, du hast recht. Dieser unheimliche Hunger erfasste uns. Uns beide, Morgaine und mich. Aber Morgaine erlag diesem Sog früher und bei ihr ist diese Sucht nach der Lebensenergie anderer so weit fortgeschritten, dass nicht einmal ich sie noch habe zurückhalten können.“

„Sie tötete mit der Kraft des Spinnengottes K'nuaan...“

„Ja. Ich suchte verzweifelt nach einer Möglichkeit, uns beide von diesem Fluch zu befreien... Jeden Fetzen okkulter Literatur habe ich durchstöbert nach eine Hinweis, wie man dieses Problem in den Griff bekommen könnte. Dutzende von Ritualen habe ich ausprobiert. Vergeblich...“ Er sah mich an.

„Hast du auch getötet?“, flüsterte ich. „Harold, ich muss es wissen...“

Er schwieg.

Er sah mich hilflos an und schüttelte dann den Kopf.

„Nein“, flüsterte er. „Aber ich weiß, dass es geschehen wird. Eines Tages, vielleicht morgen Macht bereits. Der Sog ist unwiderstehlich. Ich fühle ihn bereits und liege nächtelang wach deswegen. Meine Schwester ist psychisch labil. Sie hatte dem nichts entgegenzusetzen. Aber auch mein Widerstand wird schwächer... Ich hoffe noch immer, eine Lösung zu finden, bevor es bei mir ebenfalls so weit ist!“ Unsere Blicke begegneten sich, sogen sich ineinander fest.

Vor noch gar nicht langer Zeit war er mir so vertraut gewesen. Ich hatte mich ihm so nah gefühlt. Tiefe Zuneigung und Liebe hatten mich erfüllt,

Und jetzt?

Ich wusste es nicht.

Zumindest kam er mir jetzt sehr fremd vor - fast wie jemand, dem man zum ersten Mal begegnet.

„Glaubst du mir?“, fragte er.

„Spielt das eine Rolle?“, fragte ich zurück.

„Ja, für mich schon. Es ist sehr wichtig...“

„Ich weiß es nicht!“

Jetzt mischte sich Morgaine ein. „Sie kennt unser Geheimnis, Harold. Wir sind in höchster Gefahr....“

„Morgaine!“ Seine Stimme klang beschwörend.

Morgaine wandte sich an mich und hob mit einem Lächeln den Deckel der Truhe. „Es wird sehr schnell gehen“, versprach sie mit einem teuflischen Lächeln auf den Lippen.

„Wovon sprechen Sie?“, fragte ich überflüssigerweise, obwohl ich es längst wusste und in meinem Traum sogar erlebt hatte.

„Von Ihrem Tod!“

Sie stand genau so vor mir, wie ich sie in meinem Traum gesehen hatte. Und aus der Truhe krabbelten bereits die ersten Spinnen. Sie sammelten sich zu Dutzenden, dann zu Hunderten.

Von überall her schienen sie zu kommen. Manche waren erst transparent und schienen gleichsam aus dem Nichts heraus aufzutauchen.

Die ersten von ihnen krabbelten bereits mein Hosenbein empor...

In einem dichten Teppich aus kleinen, wimmelnden Leibern und Beinen kamen sie auf mich zu.

Unwillkürlich wich ich zurück, sah hilfesuchend zu Harold hinüber und schrie dann aus Leibeskräften. Schauerlich hallte das in dem kühlen Gewölbe wider.

Es war der Schrei einer Verzweifelten, die dem Tod geweiht war.

Schnell würde es gehen, dass hatte Morgaine Benbow versprochen. Und am Ende würde nicht mehr bleiben, als eine unter geheimnisvollen Umständen innerhalb von Augenblicken gealterte Mumie, eingewoben in das graue Gespinst des Todes.

Harold hatte recht gehabt.

Ich hätte niemals hierher kommen dürfen...



36

Wild schlug ich in meiner Verzweiflung um mich und versuchte die Unzahl von Spinnen abzustreifen. Panik erfasste mich und kalte Schauder krochen mir den Rücken hinauf. Ich war verloren, daran schien es in dieser Sekunde nicht den geringsten Zweifel geben zu können.

„Morgaine!“, rief Harold. „Hör auf damit!“

„Sie muss sterben, Harold.“

„Nein, Morgaine!“

„Harold, sie hat dir den Kopf vernebelt! Jeder, der um unser Geheimnis weiß, ist gefährlich!“ Sie lachte schauderhaft. In dem Kellergewölbe hallte das vielfach wieder und klang wie das boshafte Echo einer Teufelin.

„Oh, nein Morgaine! Nicht sie ist die Gefahr! Wir selbst sind es. Du und ich!“

Mit diesen Worten stürzte Harold sich auf seine Schwester.

Aus dem Nichts erschien nun ein weiteres Heer von Spinnen.

Aber diese zweite Armee achtbeiniger Jägerinnen griff nicht mich an, sondern begann sich gegen Morgaine zu wenden.

„Harold!“, schrie sie und schüttelte die ersten Plagegeister von ihrem Unterarm.

Harold hatte sie gepackt. Sie schlug um sich und griff nach Harolds Kehle.

Ihrer beider Körper waren innerhalb kürzester Zeit über und über mit den Leibern von fleißigen Spinnen bedeckt, die unablässig an ihren Fäden sponnen.

Morgaine und Harold rangen miteinander. Sie ächzten.

Morgaine versuchte sich loszureißen, aber Harold hielt sie eisern in seinem Griff. Beide wurden sie von einer Aura aus grellem Licht umgeben. Die Helligkeit nahm immer mehr zu, so dass ich die Hand vor die Augen nehmen musste.

„Harold!“, rief Morgaine. „Was tust du!“

„Das, was schon längst hätte geschehen müssen...“ Ihrer beider Augen verwandelten sich in etwas Funkelndes, das wie glühende Kohlen aussah. Blitze aus dunkelrotem Licht zuckten daraus hervor und trafen den jeweils anderen, während gleichzeitig immer neue Spinnenheere sich aus dem Nichts materialisierten.

Welche unheimlichen Energien hier am Werk waren...

Die magische Kraft K'nuaans!

Aber beide Kontrahenten schienen etwa gleich stark zu sein.

Eine unheimliche Kälte breitete sich aus, wie sie entsteht, wenn die Kräfte des Lebens aus einem zu fliehen beginnen.

„Nein!“

Mein Schrei war kaum mehr als ein müdes Krächzen.

Sie hielten sich gegenseitig in tödlicher Umklammerung.

Ein furchtbares Gleichgewicht der Magie und des Grauens!

Ich hatte mich meinerseits gegen die achtbeinigen Angreifer zu wehren und fühlte bereits, wie meine Füße von klebrigen Fäden gefesselt worden waren, die ich normalerweise mit Leichtigkeit hätte zerreißen können.

Aber gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass eine unheimliche Kraft mir die Energie entzog. Ich fühlte die Schwäche sich in meinem gesamten Körper ausbreiten. Die Lethargie des Todes begann mich zu erfüllen.

Unheimliche, kaum zu erklärende Kräfte waren hier im Spiel...

Kräfte, die mir dünne Spinnweben wie reißfeste Nylonschnur erscheinen ließen.

Oder waren sie es am Ende gar, bevor sie später zu einem porösen Kokon wurden? Einer Art bizarren Sarg mit einer verschrumpelten Mumie darin?

Das Grauen schüttelte mich und ich fror ins Mark hinein.

Ich bekam nicht jede Einzelheit des Kampfes zwischen den Geschwistern mit. Ich sah nur, wie sie ineinander verkrallt miteinander rangen und sich am Boden wälzten. Von beiden war so gut wie nichts zu sehen. Über und über waren sie von kleinen achtbeinigen Tieren übersät, von denen sie beide schier unermessliche Mengen beschwören zu können schienen.

Ich fiel auf den Boden, rollte mich herum und versuchte, mich aus den Fesseln der kleinen Biester zu befreien, was aber misslang.

Und dann bemerkte ich plötzlich, dass die Zahl der Spinnen abzunehmen schien. Manche zogen sich zurück. Andere verblassten einfach und lösten sich vor meinen Augen in Nichts auf.

Irgend etwas musste geschehen sein...

Ich blickte ungläubig an mir herab. Der Teppich krabbelndem Getier, der sich wie ein dunkles, lebendiges Leichentuch über mir ausgebreitet hatte, verschwand vor meinen Augen. dasselbe galt für das graue Gespinst, mit dem ich mehr und mehr gefesselt worden war. Auch diese ungewöhnlich reißfesten Spinnweben lösten sich vor meinen Augen in Nichts auf.

Ich stand auf und blickte fassungslos auf ein graues Bündel, das neben der großen Truhe lag. Zwei ineinander im Todeskampf verkrallte menschliche Gestalten, über und über von einer dicken Schicht grauer Spinnweben bedeckt.

„Harold!“, rief ich aus. Mit der Hand berührte ich den Kokon und riss ihn an jener Stelle auseinander, an der ich sein Gesicht vermutete. Das Gespinst ließ sich leicht entfernen. Es war bereits halb zu Staub zerfallen und wirkte, als ob es bereits ein Jahrhundert alt wäre.

„Harold!“, flüsterte ich.

Grauen erfasste mich, als ich sein erstarrtes, mumienhaftes Gesicht sah. Das Gesicht eines uralten Mannes.

Tränen rannen mir über die Wangen.

Er hat mir das Leben gerettet, ging es mir durch den Kopf.

Ich selbst hätte den unheimlichen Kräften seiner Schwester nicht das Geringste entgegenzusetzen gehabt...

„Oh, Harold. Ich...“ Ich wollte ihm etwas sagen, aber die Stimme versagte mir. Zu sehr war ich noch im Bann des grauenvollen und letztlich wohl unerklärlichen Geschehens, das sich hier unten in diesem Gewölbe abgespielt hatte. Ich wischte mir die Tränen aus dem Gesicht und erhob mich dann.

Wie in Trance ging ich auf die Treppe zu, die hinauf ins Erdgeschoss führte.

Eine Gestalt stand dort.

Ihr Anblick riss mich augenblicklich ins Hier und Jetzt zurück, heraus aus dem Reich der grauenhaften Erinnerung und des Schreckens.

Es war Betty, das Hausmädchen.

Und da der Gang eine Biegung machte, konnte sie das graue, kokonartige Bündel nicht sehen...

Und das war vielleicht gut so.

„Was ist geschehen?“, fragte sie. „Ich habe Geräusche gehört...“

Sie war bleich wie die Wand.

„Rufen Sie die Polizei!“, sagte ich leise.



37

Inspektor Barnes ließ nicht lange auf sich warten. Und natürlich löcherte er mich mit Dutzenden von Fragen. Fragen, deren Antworten außerhalb dessen lagen, was sich in das trockene Weltbild eines Scotland Yard-Inspektors vom Schlage Gregory Barnes' einordnen ließ.

Zuvor hatte ich Jim in der Redaktion angerufen. Er war sogar noch schneller als Barnes und das war gut so. Ich wollte diesem Kerl im Moment einfach nicht allein ausgeliefert sein.

Die Spurensicherer legten unter dem Kokon zwei ineinander verkrallte Mumien frei. Mumien von uralten Menschen, wie die gerichtsmedizinische Untersuchung später ergab. Ob es sich dabei um die Benbows handelte, wurde offiziell nie mit letzter Sicherheit bestätigt.

Der Gerichtsmediziner meinte immerhin feststellen zu können, dass die beiden alten Menschen sich gegenseitig erwürgt hatten.

Im Zuge der Untersuchung wurde dann festgestellt, dass das Vermögen der Benbows ins Ausland transferiert worden war. Ein Umzugsunternehmen hatte den Auftrag erhalten, den Hausrat abzuholen und nach Buenos Aires zu verschiffen. Tatsächlich hatten die Benbows in der argentinischen Botschaft ein Visum beantragt, das aber nie abgeholt worden war. Desweiteren fanden sich im Keller eigenartige Chemikalien und exotische Rezepturen, die möglicherweise zur Mumifizierung verwandt werden konnten, woraufhin Barnes mir zugestand, sich möglicherweise in seiner anfänglichen Einschätzung geirrt zu haben. „Vielleicht hatten Sie doch recht, was die Benbows angeht. Die beiden scheinen sich mit absonderlichen Ritualen befasst zu haben. Möglicherweise sind sie die Wahnsinnigen, nach denen ich suche...“

„Morgaine war es. Nicht Harold.“

„Und woher wissen Sie das so genau?“

„Weil...“

Ich schwieg. Was hätte ich sagen sollen? Weil ich Harold vertraute? Für ihn waren das genauso wenig relevante Fakten wie meine Ahnungen und Träume.

„Ich hoffe, Sie denken an diesen Fall, wenn Sie mich das nächste mal wieder wie eine sensationsgierige Hyäne behandeln, der die Wahrheit angeblich völlig gleichgültig ist...“

„Naja“, meinte er dann. „Vielleicht haben Sie ja doch einen gewissen Riecher...“

Ich wusste schon jetzt, dass er sich in einer Woche nicht mehr an das erinnern würde, was er jetzt gesagt hatte. Aber so war er nunmal. Und meine Chancen, seine Meinung dauerhaft zu ändern, standen schlecht.



38

„Vermutlich die eigenartigste Todesserie, die Scotland Yard je untersucht hat“, sagte Tante Lizzy Tage später, während sie das neueste Exemplar der LONDON EXPRESS NEWSs zusammenfaltete. Es stand ein Artikel von mir darin, in dem ich die Untersuchungsergebnisse von Scotland Yard zusammengefasst hatte.

„Du hast dich in dem Artikel sehr zurückgehalten“, sagte sie dann.

Ich sah sie an. „Hätte ich vielleicht all das schreiben sollen, was ich erlebt habe, um dann für verrückt gehalten zu werden?“

„Nein.“

„Ich habe das berichtet, was sich unumstößlich beweisen lässt. Der Rest wird selbst mir ein Rätsel bleiben...“ Als Tante Lizzy mir in die Augen sah, schien es mir, als könnte sie mir bis in den Grund meiner Seele blicken. Sie kannte mich einfach zu gut, um nicht zu wissen, was in mir vorging.

„Du denkst an Harold Benbow, nicht wahr?“, erriet sie.

„Er hat mir das Leben gerettet.“

„Seine Zeit war lange um, mein Kind. Er hat sein Leben gelebt - und mehr als das!“

„Ja, ich weiß.“

An einem der folgenden Tage suchte ich noch einmal die Benbow-Villa auf, die jetzt verwaist dastand. Ich weiß nicht, warum ich hier her kam. Es hatte keinen fassbaren Grund.

Vielleicht wollte ich einfach auf meine persönliche Weise Abschied nehmen.

Abschied von Harold.

Schon als ich das kniehohe Gartentor passierte, sah ich, dass sich etwas verändert hatte.

Die düstere Aura, die zuvor über dem Haus wie ein dunkler Schatten gehangen hatte, schien verflogen zu sein. Erst dachte ich, dass das nur an dem sonnigen Wetter lag, das an diesem Tag herrschte. Aber dann bemerkte ich, dass sich noch etwas verändert hatte. Die allgegenwärtigen Spinnweben in den Bäumen und an der Hauswand schienen sich auf geheimnisvolle Weise zurückgezogen zu haben.

Ich ging an der Villa vorbei in den Garten.

Die Sonne blinkte zwischen den Zweige der Baumkronen hindurch.

Meine Gedanken waren bei Harold. Was wäre gewesen, wenn wir uns unter anderen Umständen kennengelernt hätten? Ich bedauerte, dass ich es nie erfahren würde.

Vor meinem inneren Auge erschien mir plötzlich Harolds Gesicht in unglaublicher Intensität und Klarheit. Es war eine jener Tagtraumvisionen, die ich hin und wieder hatte und mit denen ich die Abgründe von Raum und Zeit überwinden konnte.

Zumindest für einen Augenblick.

„Harold...“ Ich flüsterte seinen Namen und kam mir seltsam vor, als ich ihren Klang hörte.

„Patricia, ich möchte mich von dir verabschieden. Ich habe lange über meine Zeit hinaus gelebt und wäre unweigerlich dem Bösen verfallen, wenn es nicht zu jener schrecklichen Auseinandersetzung im Keller gekommen wäre...“

„Oh, Harold...“

„Ich möchte, dass du weißt, wie sehr ich dich geliebt habe. In deinen Gedanken werde ich weiterexistieren... Ich habe Frieden gefunden, Patricia.“

Mit tränenblinden Augen blinzelte ich in die Sonne. Vögel zwitscherten in den Bäumen und ein sanfter Wind bog die hochstehenden Grashalme. „Harold, in meinen Gedanken wirst du mich immer begleiten!“ sagte ich.


ENDE

Murphy und der Tod

Alfred Bekker



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



1

Ich.

David Murphy.

Ich.

Wirklich...

Es gibt Dinge, derer man sich ständig neu vergewissern muss. Der eigenen Existenz zum Beispiel. Wer bin ich? Ein Staubkorn im Universum? Ein Mitglied des Ordens vom Weißen Licht, der sich den Kampf gegen die Mächte des Bösen auf seine Fahnen geschrieben hat. Ein Mann, der ein paar Kilo Übergewicht mit sich herumträgt und rote Haare hat.

Rote.

In einer anderen Zeit war das die Farbe Satans.

Ja, in einer anderen Zeit.

Ich gehe über den Asphalt. Eine Straße, eine Stadt, Stimmen...

Es dauert einige Zeit, bis ich begreife, wo in diesem verwirrenden Koordinatensystem aus Raum, Zeit und Möglichkeit ich mich befinde. "Sagnuet marateskor...", murmele ich. Eine Formel, die den Sog der metamagischen Energien etwas mildern sollte.

Ich weiß, dass es nicht viel bringt.

Zu oft habe ich es erlebt.

Viel zu oft.

Es ist immer dasselbe.

Natürlich gäbe es wirksamere Mittel. Franz von Borsody erwähnt sie in seinem Buch ZEICHEN DER GEHEIMEN MACHT. Aber ich weiß, dass es eine so große Wirkung niemals ohne eine Nebenwirkung gibt. Wenn man so will, stellt dies ein Prinzip dar.

Ein großes Wort, ich weiß.

Vielleicht zu groß.

Ich erkenne jetzt die Stadt und die Straße, in der ich mich befinde. Es sind die Ramblas von Barcelona. Mir ist nicht klar, was ich hier soll, warum ich hier bin. Einer der fliegenden Händler, die hier Blumen, Gemüse und Bücher verkaufen, starrt mich an, als wäre ich der Leibhaftige. Eine Erscheinung. Vielleicht bin ich das aus seiner Sicht auch. Plötzlich materialisiert aus dem Nichts. Mir ist schwindelig. Ich murmelte eine Beschwörung. Irgendwo in diesen Straßen, in den engen Seitengassen dieser Hafenstadt, gibt es ein Hotelzimmer. Ich spüre, dass ich es bald wiederfinden muss. Sehr bald. Eine bleierne Müdigkeit fällt mehr und mehr über mich, lähmt mich.

Mit der gewöhnlichen Erschöpfung des Körpers hat diese Art von Müdigkeit nichts zu tun.

Nein, es ist eine Erschöpfung der Seele, so glaube ich. Etwas, gegen dass es kein Mittel gibt. Oder fast keines. Keines, dass ich nehmen möchte, auch auf diesen Nenner kann man es bringen.

Ich biege in eine Nebenstraße ein.

Du wirst es nicht mehr schaffen. Nicht, bevor du ohnmächtig niedersinkst, dir die Sinne schwinden.

Ein Schatten erhebt sich vor mir. Ich schrecke zusammen.

Ein dunkler Kuttenträger steht vor mir. Sieht aus wie ein Mönch. Kein Lichtstrahl dringt in die Finsternis unter seiner Kapuze. Ich bleibe stehen. Eine Hand legt sich auf meine Schulter. Eine Knochenhand.

Schwindel erfasst mich.

Und Kälte.

Sie durchdringen meinen gesamten Körper, kriechen bis in den letzten Winkel meiner Seele.

Alles verschwimmt vor meinen Augen, beginnt sich drehen. Der Fluss der metamagischen Energien reißt mich mit sich. Oder sind es die Kräfte dieses geheimnisvollen Knochenmannes? Ich weiß es nicht.

Kein einziger klarer Gedanke ist noch in meinem Hirn zu finden. Nur Chaos. Und einen Augenblick später...

...Schwärze.



2

Ich bin verwirrt.

Der Raum, in dem ich mich befinde, gleicht einem Verlies. Einer dunklen Gruft. Einem Kerker. Es ist feucht, modrig und riecht nach Tod und Fäulnis.

Wo bist du? In einer anderen Zeit? Einer anderen Welt?

Ich murmele einen magischen Spruch, der die Schmerzen in meinen Armen und Beinen etwas lindern soll. Ohne Erfolg.

Ich spüre, dass die Magie, wie ich sie bisher kenne, hier keine Wirkung hat. Immerhin, der metamagische Sog ist auch nicht mehr spürbar.

Ich hebe meine Hände, schaue sie an.

Deine Hände? Sie sehen so fremd aus...

WO bist du?

WER bist du?

Eine Ahnung dessen, was geschehen ist, steigt in mir auf. Ich erinnere mich wieder an den Knochenmann. An die Begegnung in Barcelona, unweit der Ramblas.

Danach war alles anders.

Ich sehe auf diese Hände, die mir vertraut sein müssten und es doch nicht sind.

Ein anderes Leben, ein anderer Körper, ein anderer Name.

Ich flüstere ihn.

"Graf David de Murphy..."

Eine andere Zeit...

Ein anderes Universum, nur durch die hauchdünne Trennwand der Wahrscheinlichkeit von jenem getrennt, in dem ich heimisch bin.

Du warst es auch hier --- heimisch. Ein ganzes Leben lang.

Die Erinnerungen steigen auf.

Zwischen den Steinen sehe ich plötzlich etwas Graues.

Eine Ratte.



3

Ich bin Graf David de Murphy, ein Pestdoktor. Ich betrachte die Republik Venedig als meine Heimat. Mein Schicksal war es, im Jahre 1453 zu einem Verlauf der Geschichte beizutragen, der meine Heimat nahe an den Abgrund brachte.

Aber genau dort befinde ich mich auch.

Am Abgrund.



4

Das Scharren der Ratten treibt mich noch zum Wahnsinn. Es ist beinahe schlimmer als die Schmerzensschreie, von denen diese grauen, modrigen Gemäuer widerhallen. Der Geruch des Kohlenfeuers, in dem die Foltereisen glühend gemacht werden, dringt bis in das dreckige Loch, in dem man mich gefangenhält. Die Aura des Todes ist hier so allgegenwärtig, wie sie es sonst wohl nur in der Hölle selbst zu sein vermag.

Manchmal glaube ich, den Verstand zu verlieren.

Vielleicht habe ich das auch schon.



5

"Ich dachte, Ihr wolltet vielleicht Eure Seele erleichtern, Graf de Murphy", sagte der Priester, den man vor kurzem in mein Verlies schickte.

"Noch weiß ich nicht einmal genau, was man mir eigentlich vorwirft", erwiderte ich. "Aber wahrscheinlich werde ich am Ende alles gestehen, was man von mir verlangt."

"Ihr habt Euch aufgegeben, wie mir scheint."

"Habe ich nicht allen Grund dazu? Ist das Urteil nicht längst gefällt, auch wenn es noch keine Anklage gibt?

"Es geht nicht um die irdischen Richter, die über Euer Schicksal beschließen werden, Graf." Ein beinahe mildes Lächeln erschien in dem aufgedunsenen, feisten Gesicht. "Euer bleicher Leib ist rettungslos verloren und wird dem Handwerk des Henkers anheimfallen. Aber für Eure Seele gibt es vielleicht Läuterung und Rettung vor der ewigen Verdammnis."

"Ich glaube kaum", erwiderte ich.

"So seid ihr doch ein Diener des Satans? Verstockt bis ins Mark? Ich mag es kaum glauben."

Ja, dachte ich, vielleicht bin ich das --- und bin es immer gewesen. Ein Diener des Bösen. Ein Sendbote der Hölle.

Manche nennen mich den Herrn des Schwarzen Todes. Und sie haben recht!



6

Ich bin ein Mensch der zutiefst an der Erkenntnis der Naturgesetze interessiert ist. Viele meiner Zeitgenossen können mit einer solchen Haltung nichts anfangen.

Aber das stört mich nicht. Du hast dich schon gut daran gewöhnt, Graf de Murphy zu sein, nicht wahr? Als wärst du nie jemand anderer gewesen. Bedenke, der Pestdoktor ist eine Probabilität deiner selbst. So wie auch der Geisterjäger. Nichts weiter. Eine Version derselben Software. Welche von euch beiden die veraltete Schrott-Version und welche der neue Hype ist, muss sich erst noch herausstellen.

Es kann mich nicht beirren, in dem was ich tue, in meinen Streben nach Erkenntnis und danach, in das tiefste Wesen der Dinge einzudringen. Nicht wenige meiner Zeitgenossen sehen allein dieses Streben bereits als einen furchtbaren Frevel am Allerheiligsten an. Aus der Bibel wissen wir, dass im Tempel zu Jerusalem das Allerheiligste immer hinter einem Vorhang verborgen war. Das Göttliche ist ein Geheimnis, soll uns das wohl sagen --- und mit ihm die Schöpfung selbst. Ich aber glaube nicht, dass es irgendwelche Beschränkungen dieser Art für den menschlichen Geist geben sollte. Der Hunger nach Erkenntnis ist eine der tiefsten und reinsten Kräfte, die sich im Inneren des Menschen zu entfalten mögen.

Auch ihretwegen sitze ich jetzt in dieser misslichen Lage, in diesem feuchtkalten, von grauschwarzen Ratten bevölkerten Kellerverlies, dass an mich eine Gruft gemahnt. Lebendig begraben, so fühle ich mich. Aufgegeben, abgeschrieben und wahrscheinlich längst dem Tode geweiht.

Gerechtigkeit?

Vielleicht finde ich sie vor jenem himmlischen Richter, den zu lästern man mir vorgeworfen hat.

Welch ein Hohn!

Welch eine grausame Ironie!

Ich weiß, dass meine Leiden in diesem Jammertal bald vorüber sein werden. Der einzige Trost, der mir bleibt. Ich sehe den Ratten dabei zu, wie sie hintereinander herjagen. Eines Tages werden sie vielleicht an meinen geschundenen Gebeinen nagen, nichts zurücklassen als blanke Knochen.

Wie sehr mein Schicksal doch mit gerade diesem unappetitlichsten aller Getiere verbunden ist...

Schreie gellen durch das kalte Gemäuer. Schreie geschundener Seelen, die zu Geständnissen gezwungen werden, die niemanden von ihnen retten, ihnen vielleicht aber ein gnädigeres, weil schnelleres Ende bescheren wird.

Die meisten von ihnen sind viel unschuldiger als ich.

Sie haben keine wirkliche Ahnung dessen, was man als 'das Böse' bezeichnen könnte. Sie kennen nur Angst und Schmerz und die ungläubige Verwunderung darüber, dass sie dem Satan gedient haben sollen.

Ich aber habe wirklich Schuld auf mich geladen.

Auf gewisse Weise...

Aber Schuld ist immer auch eine Frage des Standpunktes.

Ich habe eigentlich geglaubt, nur das Notwendige getan zu haben. Meine irdischen Richter jedoch werden das anders beurteilen. Aber sie verurteilen für gewöhnlich ja auch Bettler, die Mundraub begingen oder alte Frauen mit eigenartigen Runzeln und Flecken auf der Haut zu wahrhaft grausamen Strafen und sehen darin die Erfüllung der Gerechtigkeit.



7

Ich sitze noch immer in diesem venezianischen Gefängnis, jetzt angeklagt des Verrats an der Republik, deren Bürger ich nach wie vor bin.

Ich habe sehr schlechte Karten, ich weiß es.

Ich werde zum Tode verurteilt werden, das ist ziemlich sicher. Ich bin ein Mann, der den Gegebenheiten ins Auge zu sehen vermag, denn ich weiß, dass meine Verzweiflung nichts bewirken könnte, außer der Vermehrung meiner Qualen.

Man hat mir Schreibzeug gegeben, worum ich gebeten hatte.

Ich werde entsprechend der Gesetze behandelt und kann mich eigentlich nicht beklagen.

Noch ist der Prozess nicht gewesen, noch hat der Richter sein Urteil nicht gefällt, aber in Anbetracht der gegenwärtigen Lage wird es wohl kaum möglich sein, einen Schuldspruch zu verhindern.

Mag sein, dass ich in den Augen meiner Ankläger und meines Landes und der Kirche mit ihrer heiligen Inquisition schuldig bin, ich selbst kann keine Schuld empfinden.

Manchmal scheint es mir, als würde ich überhaupt nichts mehr empfinden...

Ich will mich an dieser Stelle nicht verteidigen oder rechtfertigen. Ich will nur erklären, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Um die Vorgänge zu verstehen, an deren Endpunkt aller Wahrscheinlichkeit mein Tod stehen wird, müssen wir in die Jahre vor 1453 A.D. zurückgehen. Ich lebte damals in Konstantinopel - allerdings nicht in der Kolonie der Venezianer, sondern in der eigentlichen Stadt, die in einem erbarmungswürdigen Zustand war. Halb verlassen, in den letzten hundert Jahren neunmal von der Pest heimgesucht, voller Trost- und Hoffnungslosigkeit...

Was war aus dem alten Byzanz geworden, dem Zentrum eines Reiches, dass unter Konstantin und Justinian alle Mittelmeerländer umfasst hatte! Wo war der Reichtum vergangener Jahrhunderte geblieben, der dem Namen dieser Stadt etwas sagenhaftes verlieh? Die Stadt verfiel schneller, als ihre schwindende Zahl von Bewohnern im Stande war, sie zu erhalten. Ratten und Bettler tummelten sich zwischen von den Kräften des Verfalls und der Zeit zerfressenen Mauern, die langsam von feuchtem, fauligen Moos überwachsen wurden.

Byzanz, die Erhabene --- ein Monument des Verfalls.

Wenig mehr als die Stadt selbst war vom einstigen Imperium geblieben. Der Kaiser war gezwungen gewesen, die Oberhoheit des Sultans anzuerkennen, der keinen Tagesritt entfernt seine Residenz und sein Heerlager errichtet hatte.

Der Verteidiger der rechtgläubigen Christenheit und des Zweiten Roms war zu einem Vasall herabgesunken. Einem kleinen Potentaten, dessen Macht von der Gnade der Barbaren aus der Steppe Asiens abhing. Konstantin, Theodosius, Justinian - sie hätten sich im Grabe umgedreht, hätten sie von dieser Schande erfahren.

Seit einiger Zeit wurde die Stadt belagert, was nur deshalb keine allzu schlimmen Folgen zeitigte, weil sie von See aus versorgt werden konnte - und weil die vor Jahrhunderten gebauten äußeren Stadtmauern, die schon die Goten abgewehrt hatten, noch standen.

Irgendwann, so war mir und allen anderen unabhängigen Beobachtern klar, würden die Türken zum letzten Schlag gegen den Kaiser ausholen - und dieser würde tödlich sein.

Ich weiß, wie unsinnig und geradezu abstrus ein solcher Satz heute erscheint, in Anbetracht der Tatsache, dass die Griechen dabei sind, Dalmatien und Ungarn zu erobern und ihre Schiffe sich mit der Flotte Venedigs erbitterte Seeschlachten um Zypern geliefert haben!

Damals aber sprach alles von der Gefahr durch die Türken und der Kaiser in Konstantinopel hatte sich vergeblich bemüht, eine christliche Allianz gegen die Muselmanen zu Stande zu bringen! Man vergisst so schnell, dass die Lage damals eine ganz andere war.

Ich selbst, der ich am Triumph über die Türken, die sonst unweigerlich über Konstantinopel gesiegt hätten - schon weil sie die besseren Kanonen ihr Eigen nannten – maßgeblich beteiligt bin, wie ich in aller gebotener Bescheidenheit feststellen möchte, konnte den Gang der Geschichte nicht in vollem Umfang abschätzen und im Voraus ermessen. Und das möge man mir bitte zu Gute halten!

Ich genoss zu jener Zeit das Vertrauen des Kaisers, eines Mannes, der - völlig im Gegensatz zu mir! - mehr an Hexerei, als an die Ergebnisse der Wissenschaft glaubte.

Ich bin ein nüchterner Mann. Ich glaube nur an das, was ich durch meine Sinne erfassen kann. Das durch Erfahrung Erfassbare ist die Realität, alles andere existiert nicht.

Die Ansicht eines Ketzers? Gewiss. Aber diese eng gefassten Kategorien bedeuten mir schon lange nichts mehr.

Ob Satan in einen Menschen gefahren ist und ihn anleitet, Böses zu tun, oder ob dieser Mensch Böses tut, weil er böse IST, interessiert mich nicht.

Mich interessieren auch die Dogmen nicht, über die sich die Herren in Schwarz, gleich welcher Konfession, so heftig erhitzen und die bis in alle Ewigkeit nur zu immer neuen Schismen führen werden!

Kleingeistige Streitereien, die der Menschheit nichts als Leid brachten, und das im Namen der Erlösung und Erleuchtung!

Ich denke, dass die Christenheit hier einiges von den Muselmanen lernen kann, deren Religion um vieles toleranter ist. Ich sprach in der genuesischen Kolonie einmal ausführlich mit einem Kaufmann aus Lübeck darüber, der viele der muselmanischen Länder bereist und mit den Einwohnern Handel getrieben hatte. Er wusste wovon er sprach, denn er kannte die Muselmanen weit besser, als alle anderen, mit denen ich mich je über dieses Thema ausgetauscht habe.

Nach Aussage des lübeckischen Kaufmanns kann jeder Mann sich mit Fug und Recht Muselmane nennen, der anerkennt, dass Gott GOTT ist, dass es keinen anderen Gott außer GOTT gibt und das Mohammed sein Prophet ist.

Jeder, der das bezeugt, ist ein Muselmane.

Keinerlei kleinliche Dogmen.

Kein Streit darum, ob Gott eine Dreieinigkeit ist oder ein einziges Wesen oder drei Wesen in einem Wesen... Kein Papst, kein Patriarch, der bestimmt, welche Gedanken sich ein Christ erlauben darf und welche nicht...

Die meisten muselmanischen Herrscher dulden in ihrem Herrschaftsbereich andere Bekenntnisse, das der Juden etwa oder auch eine der vielen christlichen Konfessionen. Aber welcher christliche Fürst würde einem seiner Untertanen erlauben, ein Muselmane zu sein, ohne dass er befürchten müsste, seines Kopfes verlustig zu gehen oder in den Flammen eines Scheiterhaufens zu sterben! Selbst in Venedig, das sich eine Republik nennt, ist das nicht anders!

Aber ich will nicht abschweifen, sondern über mein Verhältnis zu Kaiser Michael sprechen, mit dem mich eine Zeitlang fast so etwas wie Freundschaft verband - bis ich schließlich in Ungnade fiel.

Der Kaiser glaubte, ich sei vom Teufel besessen.

Es sei aber hinzugefügt, dass er zu dieser Überzeugung erst gelangte, nachdem meine Forschungen ihm seinen Staat gerettet hatten - und vermutlich auch sein Leben.

Bei allem Respekt, aber ich empfinde das als grobe Undankbarkeit.



8

Es könnte der Eindruck entstehen, ich sei ein Heide. Wenn ich nochmals überfliege, was ich bisher zu Papier gebracht habe, dann komme ich zu der Überzeugung, dass ich diesen Eindruck vielleicht richtigstellen sollte.

Nicht aus Opportunismus, denn zu dem gibt es im Angesicht des Todes keinen Anlass mehr. Man kann nur einmal hingerichtet werden. Eine Anklage wegen Ketzerei brauche ich also nicht zu fürchten.

Nein, ich muss meine Vorstellungen, die Religion betreffend präzisieren. Ich weiß nicht, ob oder in wie weit ich ein ungläubiger Heide bin, ich mag mich da nicht festlegen.

Allerdings glaube ich, dass eine Religion für das Funktionieren eines Staates notwendig ist. Ob allerdings das Christentum eine Religion ist, die geeignet ist, einen Staat zu stützen ist mir zweifelhaft. Eine Religion sollte sich auf ein paar Grundregeln und Normen beschränken. Die Dogmenflut unserer Kirche stützt nicht eine sinnvolle Ordnung, sondern lässt den Menschen in der Finsternis der Unwissenheit, weil sie alles Denken erstickt. Was wüssten wir von den Autoren der Antike, wenn die Araber sie nicht für uns aufbewahrt hätten?

Fast nichts!

Byzanz ersteht wieder, aber mehr und mehr stellt sich mir die Frage, ob ich nicht der falschen Seite zum Sieg verholfen habe! Ich sage das als jemand, der die Gewichte in der Weltordnung im Auge hat, nicht als venezianischer Patriot, der ich vielleicht nie war. Was bedeutet es schon, ob ein paar Inseln mehr oder weniger unter der Herrschaft der Republik stehen oder nicht?

Es erschiene mir verschwenderisch, für eine solche Sache mein Leben einzusetzen.

David Murphy scheint da etwas andere Ansichten zu haben, als ein gewisser Graf... Aber in dieser Welt ist Murphy nicht von Bedeutung.

Er existiert nicht.

Nichteinmal in Gedanken.



9

Wenn man es genau nimmt, dann waren es keinesfalls die veralteten Geschütze der Byzantiner, die die Türken besiegten.

Es war die Pest, jene Krankheit, die zuvor mit Vorliebe jene Stadt heimgesucht hatte, die sich selbst als das neue Rom bezeichnete.

Ich weiß, wovon ich rede.

Ich habe mein halbes Leben mit der Erforschung dieser Krankheit und ihrer möglichen Nutzbarmachung verbracht.

Insgesamt zehn Jahre verlebte ich in Konstantinopel. Ich besaß schon zuvor einen guten Ruf als Pest-Doktor und dieser Ruf muss - auf welchen Wegen auch immer - bis an den Hof des Kaisers gedrungen sein. Jedenfalls wurde ich von ihm engagiert und gefördert. Er finanzierte meine Forschungen, die ich den byzantinischen Katakomben mit von der Pest befallenen Ratten und anderen Nagetieren durchführte und durch welche ich grundlegende Erkenntnisse über Natur und Ausbreitungsweise dieser Krankheit erfuhr.

Der Kaiser ist ein dunkelhaariger, hochgewachsener Mann, der ein wenig zum Hochmut neigt - und zum religiösen Wahn, wie heute allgemein bekannt ist. Damals war das noch nicht so. In jenen Tagen war er noch im Vollbesitz seines gesamten Intellekts.

"Ihr seid ein Spezialist auf dem Gebiet der Pestkunde, Graf de Murphy?", fragte er mich, bei meiner ersten Audienz. In einem ganz und gar figürlichen Sinne trug er seine Nase sehr hoch, selbst für einen Kaiser. Dabei hatte er kaum Anlass, Stolz auf irgend etwas zu sein. Seine Stadt war ein Armenhaus, von Gott und der Welt verflucht und gestraft!

Ich nickte.

"Ja, das bin ich!"

"Nun, Graf de Murphy, Ihr wisst, dass diese Stadt über Gebühr durch diese Krankheit heimgesucht wird. Ich möchte den Grund dafür wissen. Und ich möchte, dass diese Geißel damit aufhört, Konstantinopel zu plagen und zu quälen! Als ob wir nicht genügend andere Sorgen hätten! Als ob wir durch die Türken nicht schon genug gestraft wären!"

"Mit Verlaub, Majestät, es ist nicht schwer, die Ursache zu benennen, die dazu führt, dass Eure Stadt immer wieder von der Seuche heimgesucht wird! Gleichfalls ist es relativ leicht, etwas dagegen zu unternehmen!" Ich sah, wie Kaiser Michael die Stirn runzelte. Seine dunklen Augen, deren Blitzen wohl schon damals vom künftigen Wahnsinn kündete, wie ich mir später klarmachte, musterten mich durchdringend.

"Sprecht!", befahl er.

"Konstantinopel ist eine Hafenstadt, die mit aller Herren Länder Handel treibt, in deren Hafen Schiffe aus hundert Staaten liegen... Kein Wunder, dass die Krankheiten der ganzen Welt hier her eingeschleppt werden..."

"Aber so oft! Vergleicht es mit anderen Häfen dieser Welt! Sind Venedig, Lübeck und Antwerpen auch so oft heimgesucht worden? Ihr kommt aus dem Westen, vielleicht wisst Ihr mehr darüber. Bis zu mir sind solche Nachrichten jedenfalls noch nicht vorgedrungen!" Sein Gesicht verfinsterte sich und mich fror beim Anblick seiner Züge.

Unter den gekrönten Häuptern dieser Welt, so habe ich erfahren (denn ich hatte mit so manchem von ihnen zu tun) ist Schwachköpfigkeit ebenso verbreitet wie die Lust an der Qual anderer und der nackte Wahnsinn. In diesen drei Punkten, das gebe ich gerne zu, da haben sie vielleicht dem gemeinen Bauern etwas voraus!

"Es scheint wie ein Fluch!", sagte Michael mit zitternder Stimme, wobei er die Faust ballte. "Vielleicht haben wir in besonderer Weise gesündigt, vielleicht ist es auch nur ein blinder Schlag Satans..."

"Sagen das die Männer der Kirche?"

"Ja, unserer Kirche."

"Glaubt Ihr, was die Männer in Schwarz sagen, o Kaiser?"

Michael machte eine vollkommen hilflose Geste.

"Ich... Ich weiß es nicht..." Er zuckte mit den Schultern.

"Es wird sich herausstellen, Graf de Murphy! Es wird sich herausstellen, ob Ihr mit Euren Ansichten recht habt, oder die heilige Kirche Konstantinopels!"

"Ich hoffe, ich kann Euch überzeugen!"



10

Wie man ein Land vor der Pest bewahren kann, dass hat vor mehr als hundert Jahren König Kasimir von Polen gezeigt, als er anordnete, jeden, der die Grenze zu überschreiten suchte, vierzig Tage in Quarantäne zu halten. Während der Schwarze Tod überall in Europa die Menschen dahinraffte, wurde Polen verschont.

Ich erzählte dies bei anderer Gelegenheit dem Kaiser.

Dieser hob die Augenbrauen, verzog etwas den Mund und fragte nur: "Wo liegt dieses Land, von dem Ihr sprecht - Polen?" Dann machte er eine wegwerfende Geste, seine Züge bekamen etwas Zynisches. "Vielleicht existiert es gar nicht und Ihr habt Euch das alles nur ausgedacht!" Dann lachte er mit bitterem Unterton. "Oder die Bewohner dieses Landes, von dem ich noch nie etwas gehört habe, sind besonders fromm und gottesfürchtig und wurden deshalb verschont!"

"Herr, Ihr werdet nicht bestreiten, dass Gott es war, der die Natur und ihre Gesetze erschuf."

Kaiser Michael sah mich an. Seine Augen wurden schmal dabei. Er musterte mich auf eine Weise, die mir nicht gefiel.

Die Macht in den Händen eines Ungebildeten, das war das Elend. In der christlichen Kunst meiner Zeit war dieses Dilemma häufig, wenn auch sehr sublim dargestellt worden.

Jesus auf dem Schoß Marias. Ein kleiner Junge, der ein Zepter und einen Reichsapfel in der Hand hielt, manchmal auch einen Globus in der Art, wie in der große Gelehrte Beheim geschaffen hatte. Die Welt als Spielball eines Kindes! Wie sehr entsprachen diese Darstellungen der Wahrheit. Eine Laune dieses Kaisers Michael konnte über Leben und Tod, Wohlstand oder Untergang von vielen entscheiden. Eine Laune, die womöglich nur aus einem Angstgefühl heraus entstand, dass ihm der pure Aberglaube eingeflößt hatte.

"Natürlich schuf Gott die Natur!", sagte der Kaiser schließlich.

"Und seine Gesetze?"

"Auch die!"

"Wie kann dann derjenige, der diese Gesetze zu nutzen sucht, aus der Sicht des Glaubens gesehen ein Sünder sein?"

Der Kaiser atmete tief durch.

Ich wusste nicht, ob ich vielleicht zu weit gegangen war in meiner Respektlosigkeit diesem hohen Würdenträger gegenüber, der sich selbst als weltlicher Stellvertreter Gottes auf Erden sah. Als Bewahrer der Christenheit und römischen Kultur gegen die Barbarei.

"Eure Worte sind durchaus bedenkenswert, Graf de Murphy", erklärte er gedehnt.



11

Viele meiner Zeitgenossen, vom einfachen Bauern bis zum Fürsten, führen die merkwürdigsten Dinge als Begründungen für das Auftreten der Pest an. Man sagt zum Beispiel, die Juden hätten die Brunnen vergiftet. Wie trefflich! Da sie schon den armen Jesus umgebracht haben, kann man ihnen gleich noch eine weitere Schandtat anhängen und schlägt damit zwei Fliegen mit einer Klappe!

Aber so sind die Menschen nun einmal, und ich habe wenig Hoffnung, dass sie sich je ändern werden!

Es ist damals bereits bekannt gewesen (zumindest denen, die sich näher mit der Materie befasst hatten), dass ein Zusammenhang zwischen Ratten und anderen Nagetieren und der Ausbreitung der Pest besteht. Und überall dort, wo Nagetiere sehr eng bei den Menschen leben, ist ein Ausbruch der Seuche besonders wahrscheinlich.

Die Ratten leiden unter der Pest ebenso, wie dies unsere eigene Art tut, sie sterben auf dieselbe grässliche Weise zu Millionen dahin und geben die Krankheit von Tier zu Tier weiter, so dass eine immerwährende Kette entsteht.

Ich stellte in meiner Zeit in Konstantinopel Forschungen an Ratten an, die mit der Pest verseucht waren.

Man wird sich fragen, wie das möglich sein kann, ohne dabei sein Leben zu riskieren.

Die Wahrheit ist, ich und alle, die an dieser Sache beteiligt waren, riskierten ihr Leben und zwei meiner Helfer verloren es dabei, weil sie unvorsichtig waren. Unsere Arbeit verzieh keinen Fehler, jede Unachtsamkeit wurde mit einem qualvollen Tod bestraft, der - je nachdem, ob von der Beulen- oder der schlimmeren Lungenpest befallen zwischen wenigen Tagen und ein paar Wochen dauern konnte.

Tage und Wochen verbrachte ich mit meinen Helfern in den feuchten Gewölben unter der Stadt, die seit Jahren schon keinerlei Zweck mehr erfüllten. Angeblich soll es in dieser Stadt schon öffentliche Latrinen und ein System von Abwasserkanälen gegeben haben, als sie noch Byzantion hieß.

Welch grausiges Bild des Verfalls und der Dekadenz! Zu jener Zeit, als ich am Hofe Kaiser Michaels von Konstantinopel weilte, verrichteten die Bewohner auch der höheren und höchsten Stände ihre Notdurft auf der Straße oder leerten ihre Nachttöpfe aus dem Fenster.

Welch schwacher Abglanz einstiger Größe lag vor mir!



12

Manchmal sah ich über Wochen hinweg das Tageslicht nicht, so besessen war ich von meiner Arbeit.

Ich hatte das Gefühl, einem grundlegenden Geheimnis sehr nahe auf der Spur zu sein.

Jahrhundertelang hatte der Schwarze Tod die Menschen Europas gepeinigt und ganze Landstriche in menschenleere Einöden verwandelt.

Und nun schien es mir, als stünde ich nur noch wenige Schritte vor der Enthüllung seiner letzten Geheimnisse.

Es war sehr schwer, zunächst an ein paar Ratten zu gelangen, die Pest in sich trugen. Der Rest war vergleichsweise einfach. Wir verbrachten die Tiere (zusammen mit einer genügenden Anzahl gesunder, die wir ständig aufzufrischen hatten, weil sie uns mitunter recht schnell dahinstarben) in eines der bereits erwähnten verlassenen, unter der Stadt gelegenen Labyrinthe, das wir zunächst sorgfältig abschotteten, so dass nichts und niemand zu entweichen in der Lage war.

Von Anfang an stand fest, dass wir mit den verseuchten Tieren nicht in Berührung kommen durften. So schützten wir uns mit mehreren Zentimeter dicken, den gesamten Körper bedeckenden Anzügen aus Leder, die von außen mit einer Schicht aus Pech bestrichen waren. Auf dem Kopf trugen wir (denn wie konnten wir ausschließen, dass nicht irgendeine Art Gas für die Verbreitung der Krankheit verantwortlich war) eigens für unsere Zwecke angefertigte Glashelme, die mit dem Halsausschnitt des Anzugs vollkommen dicht verbunden waren.

Für diesen Zweck hatte ich einen Glasbrenner aus Nürnberg kommen lassen, der mir fürderhin gute Dienste tat.

Wie wichtig dieser Schutz war, sollte sich aber erst im Verlaufe der Arbeit herausstellen. Ich fand heraus, dass nicht die Ratten für die Übertragung der Pest verantwortlich sind, so wie es bei oberflächlicher Betrachtung zunächst den Anschein macht. Es sind vielmehr kleine, unscheinbare Flöhe, die den Nagetieren im Pelz sitzen, von diesen abspringen und dann ein anderes Lebewesen beißen. Auf diese Weise wird die Pest übertragen.

Freilich bleiben noch zu Genüge fragen offen, die zu beantworten mir wohl keine Gelegenheit mehr bleiben wird. So ist zum Beispiel nach wie vor ungeklärt, welcher Stoff es nun schlussendlich ist, der die Krankheit auslöst. Ist es ein Sekret, das der Floh bei seinem Biss ausstößt und dass dann das Blut des Menschen verdirbt?

Es ist mir nicht gelungen, diesen Stoff zu isolieren, obgleich ich mir redlich Mühe gegeben habe! So habe ich unzählige Flöhe in ein Gefäß gesammelt, dieses dann mit einer Apparatur verbunden und erhitzt, um den gesuchten Stoff aus den verkochenden Flöhen herauszudestillieren.

Aber das, was als Substanz sich in jenem Röhrchen sammelte, dass ich dazu bestimmt hatte, den geballten Tod zu sammeln, war vollkommen harmlos. Keine der Ratten und anderen Nager, die wir damit in Verbindung brachten, bekam die Pest.

Nichteinmal, nachdem wir die Tiere zwangen, die Substanz zu essen.



13

In jenen Tagen sammelten sich vor den Mauern der Stadt die Truppen des Sultans. Die Geschütze der Türken rissen Löcher in die Befestigungen. Über kurz oder lang mussten immer größere Teile der Befestigungsanlagen buchstäblich in Schutt und Asche versinken.

Was die Goten vergebens versucht hatten, dass versuchten nun diese neuen Eroberer zu vollenden, die sich in den zurückliegenden Epochen bereits ganz Kleinasien unterworfen hatten.

Die Kanonen waren ihr größter Trumpf!

Weder im Heiligen Römischen Reich des Deutschen Königs und Kaisers noch Frankreich, Spanien oder England vermochte man zu jener Zeit etwas ähnliches in der Metallverarbeitung hervorzubringen.

Gewaltige Bleigeschosse schleuderten diese Kanonen auf das alte Byzanz, dass seit Kaiser Konstantins Tagen Konstantinopel hieß.

'In diesem Zeichen wirst du siegen', soll dem ersten Kaiser der Christenheit eine Stimme gesagt haben, als ihm ein Lichtkreuz erschien.

Die Kraft dieses Zeichens schien längst erloschen zu sein.

So wie die Kraft des orthodoxen Glaubens, der durch die entsetzlichen Seuchen, die die Stadt heimgesucht und kaum ein Haus verschont hatten, wohl allzu sehr geprüft worden war. Allerlei Quacksalber, Magier und Wunderheiler begannen sich in den Mauern des uralten, vor Altersschwäche ächzenden Byzanz zu tummeln. Selbst die Angst vor Verfolgung, Folter und Tod schreckte viele der Griechen nicht davon, sich hemmungslos dem Aberglauben hinzugeben und ihr Heil in allerlei Heilslehren und Ritualen von fragwürdiger Wirksamkeit zu suchen.

Die Angst war es, die solche Blüten hervortrieb.

Aber genauer betrachtet hatte sie schon zuvor die Seelen der Bewohner beherrscht. Nur dass die Angst vor der ungewissen Zukunft, dem Verfall und dem Ausgeliefertsein an die Heiden vor den Stadtmauern größer zu werden begann, als die Angst vor dem Kaiser, der Kirche und der ewigen Verdammnis.

Allen, die sich in der Stadt befanden, war klar, dass dieser Zustand nicht mehr lange andauern konnte. Eine Allianz der Christen war nicht zustande gekommen. Vielen Vertretern der römischen Kirche waren die langen Bärte der orthodoxen Priester ebenso verhasst wie der Fez eines muselmanischen Türken. Der Sultan war zu allem entschlossen. Er wollte Konstantinopel unterwerfen, und es schien keine Möglichkeit zu geben, ihn davon abzuhalten.

Meine Forschungen, die der Menschheit soviel nutzen konnten, wären wohl ebenfalls einem raschen Ende anheimgefallen.

Der Kaiser deutete mir gegenüber an, dass meine Aufgabe vielleicht sogar noch eher beendet sein könnte. Männer der Kirche hätten den Verdacht geäußert, dass es bei den Dingen, die da in den Katakomben und unterirdischen Gewölben geschahen, vielleicht um Zauberei und schwarze Magie handeln könnte. Und er führte weiter aus, dass man in Kreisen der Priesterschaft befürchtete, dass Gott die Stadt für das schändliche Tun, das innerhalb ihrer Mauern stattfand, bitter bestrafen würde - vielleicht durch einen Sieg der Türken, vielleicht durch eine weitere Seuche.

Außerdem müssten in dieser angespannten Lage alle vorhandenen Mittel in die Verteidigung fließen!

Ich führe das an dieser Stelle so ausführlich aus, damit verständlich wird, wie ich dazu kam, dem Kaiser einen Vorschlag zu unterbreiten, der ihm schließlich ermöglichte, die Türken zu besiegen!

Es war keineswegs die landesverräterische Absicht, der Republik Venedig einen Feind heranzuzüchten, der inzwischen bedrohlicher geworden ist, als es die Geschütze des Sultans je waren!

Nie habe ich so etwas gewollt!

Und doch ist es geschehen.

Wie ich schon einmal schrieb: Schuld ist eine Sache des Standpunktes. Es mag sein, dass meine Forschungen und meine Vorschläge dazu beitrugen, dass sich die Geschichte so ereignete, wie es überliefert ist. Aber konnte ich im Voraus erahnen, was aus meinem Handeln folgte?

Hat irgendeiner jener christlichen Herrscher darüber auch nur einen Augenaufschlag lang nachgedacht, als er Konstantinopel die Hilfe verweigerte?

Ich glaube kaum.

Ich fürchte sogar, dass so gut wie alle von ihnen kaum über den egoistischen Tellerrand ihres Tagewerks hinwegzublicken vermochten.

Ja, die Maler haben Recht, die die Welt als Spielball in Kinderhänden dargestellt haben. Diese Vorstellung erklärt manches. Ein Trost ist sie nicht.

Nein, in Wahrheit tragen die christlichen Staaten alle miteinander einen Gutteil der Schuld daran, dass der Zorn der Byzantiner sich gegen sie richtet. Hätten sie Konstantinopel in der Stunde der Gefahr nicht den Beistand und die Freundschaft verweigert, so wären die Byzantiner heute vielleicht Verbündete!

Doch ich will nicht abschweifen!

Ich machte Kaiser Michael den Vorschlag, die Pest als militärisches Mittel einzusetzen, das sicherlich viel wirkungsvoller sein würde, als die beste türkische Kanone!

Die Pestflöhe wären einzusammeln und in sichere Behälter zu verbringen, aus denen sie unmöglich entweichen könnten.

Als Händler oder fahrendes Volk verkleidete Männer und Frauen würden diese Behälter dann ins Lager der Türken bringen, sie dort irgendwo öffnen und zurücklassen.

Der Kaiser sah mich einige Augenblicke lang mit großen, erstaunten Augen an, nachdem ich geendet hatte. Ich war mir zunächst nicht sicher, ob es mir vielleicht am Geschick bei der Erläuterung gemangelt und er meinen Plan vielleicht gar nicht verstanden hatte.

Doch wie es schien, hatte er das sehr wohl.

Ich hatte ihn unterschätzt.

"Ein wahrhaft teuflisches Vorhaben", stellte er fest. "Ihr wollt die satanische Kraft dieser Seuche nutzen, um Konstantinopel vor den Türken zu retten?"

"Seid Ihr sicher, dass es sich wirklich um satanische Kräfte handelt, o Kaiser? Sind es nicht vielmehr die Kräfte jener Natur, die Gott selbst erschuf?"

"Es ist die Schlange, die uns prüfen soll, Graf de Murphy - und Gott erwartet von uns, dass wir ihr widerstehen!"

"Ihr vergesst, dass die Erde nicht der Garten Eden ist!"

Über das Gesicht Kaiser Michaels flog ein mattes Lächeln.

Ein Lächeln, dass beinahe hintergründig wirkte. "Ja, da habt Ihr wohl recht, Graf."

"Was könnte Gott dagegen haben, wenn wir die Mittel und das Wissen nutzen, das er selbst doch letztlich in unsere Hände legte, o Kaiser!"

Kaiser Michael hob den Kopf. "Ihr argumentiert geschickt."

"Ich bin Euer gehorsamer Diener!"

"Ihr seid ein Fuchs!"

"Ihr übertreibt!"

"Vielleicht auch die Schlange, der ich widerstehen sollte!"

"Zuviel der Ehre, o Kaiser!"

"Ich möchte, dass diese Stadt überlebt. dass sie das bleibt, was sie ist, vielleicht auch wieder wird, was sie einst war: Eine Trutzburg der Christenheit gegen das Heidentum und das Zentrum des griechischen Geistes. Aber das alles ist hinfällig, wenn Konstantinopel im Hagel der türkischen Kanonenkugeln untergeht und von ihren ungezählten Heerscharen überrannt wird."

"Kann ein solches Unterfangen gegen den Willen Gottes sein?"

"Nein, ich glaube kaum."

"Also geht Ihr auf meinen Vorschlag ein?"

Eine quälend lange Pause folgte. "Manchmal muss man Feuer mit Feuer bekämpfen", antwortete er.



14

Der Rest ist für uns heute Geschichte. Die Flöhe machten ihre Arbeit sehr gründlich, viel gründlicher, als jede andere Armee.

Den Männern der Kirche wurde das ganze zu unheimlich, sie nährten den Verdacht der Hexerei und als ihr Einfluss über den Kaiser schließlich die Oberhand gewann, fiel ich in Ungnade und musste fliehen.

Die gekrönten Häupter kennen keine Dankbarkeit, und ich habe sie auch gar nicht erwartet.

Ich hörte, dass bei den ungarischen Truppen, die den Byzantinern gegenüber standen, die Seuche ausgebrochen war, einen Großteil von ihnen dahinraffte und die Griechen anschließend mit dem Rest leichtes Spiel hatten.

Vielleicht ist es ein Zufall, zumindest wäre es nicht das erste Mal, dass in einem Heerlager die Pest ausbricht.

Aber es könnte ebenso gut sein, dass meine Methode nach wie vor angewandt wird, gleichgültig, ob es sich nun um schwarze Magie handelt oder nicht...

Mir erscheint das nicht unwahrscheinlich, werfen die Menschen doch allzu schnell ihre Grundsätze über Bord, wenn es ihnen opportun erscheint. Und so würde es mich auch nicht verwundern, wenn die heilige griechische Kirche von Konstantinopel mit dem Satan paktiert, der eigentlich nichts weiter ist, als die Ausnutzung eines Naturgesetzes.



15

Ich erwachte in meinem Hotelzimmer in Barcelona.

Ich.

David Murphy.

Nicht Graf David de Murphy, dessen Vater einst in die Republik Venedig übersiedelte und dort die Bürgerrechte erwarb.

Ich lag auf dem Bett, hob den Kopf und setzte mich auf. Mir schwindelte.

Ich war nicht allein im Zimmer. In dem klobigen Plüschsessel, mit dem das Hotelzimmer vollgestellt war, saß...

...der Knochenmann!

Ich blickte unter die Schwärze seiner Kapuze, in die eigenartigerweise kein Lichtstrahl fiel. Und das, obwohl es heller Tag war und die Sonne durch das Fenster hereinfiel.

"Wer bist du?", fragte ich.

"Ich habe viele Namen", sagte mein Gegenüber.

"Und welchen würdest du - bei dieser großen Auswahl - bevorzugen?"

"Nenn mich einfach HERR!"

"Nicht gerade unbescheiden!"

"Bescheidenheit gehört nicht zu meinen Eigenschaften!"

"Wie bedauerlich."

"Eine Frage des Standpunktes, Graf de Murphy...oh, pardon! Ich vergaß..."

"Du weichst meinen Fragen aus..." Mein Blick fiel auf die Knochenhand. Was hatte ich vor mir? Einen lebendigen Leichnam. Der Gestank der Verwesung schlug mir entgegen.

"Ich bin der Herr dieser und vieler anderer Welten. Ich bin ihr Vernichter und Erhalter in einer Person. Ob du es nun glauben willst oder nicht, Murphy..."

"Bist du ein Dämon der Dämmerung?"

"Du Ahnungsloser."

Der Knochenmann schlug seine Kapuze zurück. Ein bleicher Schädel grinste Murphy an.

Innerhalb der nächsten Augenblicke begannen sich die Wangen mit Fleisch zu bedecken. Es war der umgekehrte Prozess der Verwesung. Ein faszinierender Anblick, dessen düsterer Anziehungskraft sich Murphy nicht entziehen konnte. Er starrte sein Gegenüber ziemlich entgeistert an.

Das Gesicht, das sich formte, hatte Hörner wie ein Bock. Ein höhnisches Lächeln spielte um den dünnlippigen Mund. Die Augen waren schwarz wie die Nacht. Ihr Blick war stechend.

"Ich habe dich nicht ohne Grund auf eine Reise geführt, Murphy..."

Murphy fühlte sich elend. Er langte zu seiner zerbeulten Jacke, die über der Bettkante hing. Zielsicher griff er nach einer kleinen Dose. In ihr befand sich das sogenannte SALZ DES LEBENS. Eine geheimnisvolle Substanz, die ihm Meister Darenius vom Orden des Weißen Lichts gegeben hatte.

Der Knochenmann schien Murphys Absicht zu erraten. "Davon solltest du jetzt nichts nehmen, Murphy. Würde dir übel bekommen!" Er kicherte.

"Was willst du von mir?"

"Deine Gefolgschaft, Murphy. Ich brauche jemanden wie dich. Jemanden, mit deinen Begabungen und deinem Wissen."

"Du wolltest mir deine Macht demonstrieren!"

"Ich bin Herr über ganze Universen, Murphy."

"Aber nicht über mich."

"Ich regiere - alles. Du tust gut daran, das zu akzeptieren."

"Die Aura des Bösen umgibt dich."

Schallendes Gelächter schlug Murphy entgegen. "Ich bin die Verkörperung des Bösen!", erwiderte der Kuttenträger. "Ich trage viele Namen. Satan ist einer davon."

"Ja, das dachte ich mir schon."

"Nenn mich den Tod-in-Gestalt."

"Ein passender Name."

"Ich weiß. Komm mit..."

Das Gesicht des Todes-in-Gestalt zerfiel vor Murphys Augen. Der geheimnisvolle Kuttenträger wurde wieder zum Knochenmann. Er setzte sich die Kapuze wieder auf. Gnädigerweise. Denn sein Anblick konnte einem Übelkeit verursachen.

Murphy stand wie erstarrt da. Er wusste, dass das SALZ DES LEBENS ihm hätte helfen können. Geheimnisvolle magische Kräfte wohnten in dieser Substanz. Kräfte, mit deren Hilfe man die Abgründe zwischen Raum und Zeit überwinden konnte. Allerdings war es gefährlich, die Substanz zu benutzen. Es war leicht möglich, dass ihre Wirkung über die Kräfte desjenigen, der sie einsetzte, hinausging. Und das hatte Schlimmeres als den Tod zu Folge.

Murphy allerdings hatte das SALZ längst angewendet.

Er hatte keine Angst davor.

Doch er war unfähig, sich zu bewegen, auch nur den kleinen Finger zu rühren. Wie ein starrer Zinnsoldat stand er da, eine Salzsäule im Angesicht Sodoms...

Der Tod-in-Gestalt ergriff Murphys Hand.

"Komm...", sagte er.

"Wohin?"

"In mein Reich."

"Ich dachte, dort habe ich mich bereits von Geburt an befunden!"

"Spar dir deinen Sarkasmus, Murphy. Dazu hast du kein Talent!", war die ärgerliche Erwiderung des Knochenmannes.



ENDE

Das Monsterschloss

Mystery-Thriller von G. S. Friebel


Der Umfang dieses Buchs entspricht 155 Taschenbuchseiten.

Ein schrecklicher Traum macht Julia Angst. Schon oft hatte sie Träume, die sich bewahrheiteten, aber dieses Mal träumt sie, dass ihr Verlobter und sie sterben sollen. Durch Zufall wird sie bei einer Reise zu einer Verwandten verwechselt und gelangt in ein verwunschenes Schloss, und damit scheint das Grauen aus ihrem Traum Wahrheit zu werden. Doch niemand will ihr glauben, stattdessen hält man sie für verrückt.



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© Cover nach Motiven von Pixabay

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Julia de Fileu spürte die Gefahr. Ängstlich blickte sie sich um. Man hatte sie an eine Säule gefesselt, mitten in einem kleinen Innenhof. Die Wände waren aus grauen Quadern, genau wie die Mauer, die sich hoch auftürmte. Nirgends hörte sie ein Geräusch. Es herrschte absolute Stille.

Wer sie angekettet hatte, wusste sie nicht. Sie wusste auch nicht, wo sie sich befand. Verzweifelt zerrte sie an den Fesseln, aber diese schnitten nur noch tiefer in ihr Fleisch.

Julia de Fileu blickte empor zum Himmel. Er war grau. Kein Vogel überflog dieses Gebäude.

Und dann hörte sie die Geräusche. Ein kalter Schauer rann ihr über den Rücken. Es waren schabende, kratzende Töne.

Doch dann verschwanden sie wieder. Stille! Und auf einmal Stimmen. Eine Tür wurde quietschend aufgezogen.

Julia wendete den Kopf zur Seite – und wurde starr vor Schreck. Vor ihr stand eine der schrecklichsten Gestalten, die sie je gesehen hatte. Sie trug einen kuttenartigen Umhang. Als sie die Kapuze zur Seite drückte, sah Julia auch das Gesicht. Es flößte ihr Furcht und Grauen ein. Die Augen lagen tief in den Höhlen. Die Knochen traten scharf hervor, und die Hände waren wie Krallen geformt, so lang und dürr waren die Finger.

Der Fremde sah wie ein lebendiger Leichnam aus.

Seine Augen starrten sie an. Dann öffnete er den Mund, und sie hörte sein grässliches Lachen. Julia erschauerte, ihr Herz schlug in erregtem Tempo. Nein, nein, dachte sie immer wieder. Das gibt es nicht, das darf nicht wahr sein!

»Hast du vielleicht Angst, mein Täubchen?« Er fuhr mit seinen Krallen über ihr Gesicht.

Sie zitterte vor Schreck und brachte keinen Ton über ihre blutleeren Lippen.

»Jetzt wirst du ein feines Schauspiel sehen. Du wirst dich wundern, was wir alles können. Entzückt wirst du sein. Schreien wirst du, dass die Wände sich biegen, aber niemand wird dich hören. Niemand, mein Täubchen!«

Und nach einer kleinen Pause: »Das ist meine Strafe für neugierige Leute.«

Er fletschte die Zähne wie ein wildes Tier. Wahnsinn funkelte in seinen Augen.

»Niemand hat euch eingeladen zu kommen«, schrie er sie an. »Niemand, denke daran, wenn du das gleich alles siehst. Ihr seid allein gekommen, freiwillig. Ihr seid selbst schuld an eurem Tod.«

Julia dachte nur: Ich werde sterben, dieser Anblick ist nicht mehr zu ertragen. Wenn er mich noch mal berührt, werde ich verrückt. O mein Gott, wo bin ich eigentlich? Was ist denn los? Warum kann ich mich an nichts erinnern? Warum nicht?

Der Totenkopf wandte sich zur Seite und wies auf etwas.

»Siehst du es, mein Täubchen? Ganz genau? Schau hin, sage ich dir!«

Sie starrte nach vorn. Vor ihr baumelte eine Schlinge. Diese war über einen Flaschenzug an einer Art Galgen befestigt. Julia konnte sich nicht erklären, was das zu bedeuten hatte.

»Warum bringen Sie mich nicht sofort um«, schleuderte sie ihm ins Gesicht. »Wenn ich schon sterben muss, warum dann nicht sofort?«

Er kicherte irr.

»Weil ich noch meinen Spaß mit dir haben will, Täubchen. Du sollst ja alles mitbekommen, verstehst du?«

Der muss verrückt sein, dachte das Mädchen, verrückt und wahnsinnig. Aber ich begreife nicht, wieso ich hier bin. Hat man mir vielleicht etwas eingegeben, damit ich mich an nichts mehr erinnern kann? Diese Mauern, der Innenhof, alles erinnert mich an ein Schloss, nein, an eine alte, zerfallene Burg.

Julias Gedanken wurden unterbrochen. Der Totenkopf schnippte laut mit den Fingern, und wieder ging irgendwo eine Tür auf. Sie quietschte fürchterlich. Dann hörte Julia Schritte. Zuerst wagte sie nicht, die Augen zu öffnen. Sie glaubte, dass jetzt ihr Ende gekommen sei. Sie wollte gar nicht sehen, was man mit ihr vorhatte.

Die Schritte machten halt. Und dann hörte sie eine Stimme, und ihr Kopf ruckte hoch.

»Julia, o Julia!«

Vor ihr stand Frederick Larsen, ihr Verlobter.

»Frederick«, schrie sie auf. Sie wollte zu ihm, aber die Fesseln gaben nicht nach.

Und auch er konnte nicht zu ihr. Drei Mann hielten ihn fest zwischen sich. Man hatte ihm Ketten angelegt. Und Julia sah auch, dass er unter seinem weiten Umhang nackt war.

»Mein kleines Mädchen«, sagte Frederick verzerrt. »Geht es dir gut?«

»Ja«, schluchzte Julia und senkte den Kopf.

»Man wird uns rächen«, sagte er mit fester Stimme. »Sie werden kommen und uns rächen.«

Die Tränen liefen ihr über das Gesicht. Julia wusste nun, dass Frederick an kein Entrinnen mehr glaubte. Sie waren hier gefangen und hilflos ihrem Schicksal ausgeliefert.

»Frederick«, stammelte sie, »ich will nicht sterben, ich bin doch noch so jung, Frederick!«

Ihr Flehen zerschnitt sein Herz, und er bäumte sich noch mal gegen seine Bewacher auf. Er konnte sie zwar zu Boden werfen, sich aber von den Fesseln nicht befreien. Und der Totenkopf stand an die Mauer gelehnt und lachte sein grässliches Lachen.

Die drei untersetzten Männer rafften sich wütend auf und wollten sich auf den Wehrlosen stürzen.

»Genug«, sagte der Totenkopf. »Schlagt ihn mir nicht vorher schon tot. Er soll das Vergnügen haben, alles mitzubekommen.«

Das Mädchen sah, wie man ihm den Mantel abriss.

Sein Körper war mit Striemen bedeckt. Sie hatten ihn geschlagen. Als Julia das sah, brach sie erneut in Tränen aus.

Langsam kam jetzt die Schlinge des Flaschenzuges herab. Julia war zu Tode erschrocken. Sie werden ihn doch nicht vor meinen Augen hängen? Das können sie doch nicht tun. Frederick darf nicht sterben. Ich liebe ihn doch, sie dürfen ihm nichts antun!

»Frederick, Frederick«, schrie sie wie von Sinnen. Er hob den Kopf und sah, wie die Schlinge über ihm baumelte. Er begann zu zittern und wurde fast ohnmächtig.

Sie wollen uns nur ängstigen, dachte Julia. Wir sollen halb verrückt werden, vor Angst und dann hören sie auf. Sie wollen ihn nicht wirklich umbringen. Das werden sie nicht wagen. Nur quälen wollen sie uns, mehr nicht! So versuchte sie, ihre Nerven zu beruhigen.

»Los«, kreischte jetzt der Totenkopf. »Worauf wartet ihr noch?«

Einer der Männer packte die Schlinge und warf sie über Fredericks Kopf.

Dort hielt er sie fest, bis ein anderer das Seil straff angezogen hatte.

Der Totenkopf tänzelte zu Julia, blieb neben ihr stehen und geiferte: »Und jetzt, mein Täubchen, sieh genau hin!«

Sie erschrak schon nicht mal mehr vor seinem grausigen Anblick. Das Entsetzen saß zu tief. Verzweifelt starrte sie in seine Fratze. Sie begriff nicht, was er meinte.

Der Totenkopf drehte sich um und gab den Männern ein Zeichen. Sie ergriffen das Seil und begannen langsam zu ziehen …



2

»Julia, so hör doch auf, Julia!«

«Lasst mich, lasst mich.«

Eine Hand griff nach ihr.

»Julia!«

Etwas klatschte in ihr Gesicht.

Julia de Fileu hob den Kopf. Sie riss die Augen auf und sah ein Mädchen vor sich. Es hatte blaue Augen und blondes Haar.

Julia umklammerte ihren Arm und schrie: »Sonja, hilf mir, so hilf mir doch!«

Die Freundin rüttelte sie immerzu. »Julia, du hast geträumt! Mein Gott, so wach doch endlich auf! Das ist ja schrecklich. Dieser Schrei, ich kann ihn nicht mehr hören. So werde doch endlich wach.«

»Sonja, sie wollen mich töten, so hilf mir doch!«

Die Freundin wusste sich nicht anders zu helfen. Sie holte einen Krug Wasser und kippte ihn in Julias Gesicht.

Sie kam endlich zu sich und richtete sich im Bett auf. Sie starrte die Freundin an, sah ihr Zimmer und erkannte alles wieder. Sie war nicht mehr auf diesem schrecklichen Hof. Und Frederick war nicht tot …

Ihr Herz schlug rasend.

»Sonja«, schluchzte sie, »man wird ihn umbringen, man wird Frederick umbringen. Ich weiß es.«

»Du hast geträumt, Liebes. Es war nur ein Traum. Deine schrecklichen Schreie haben mich geweckt. Ich bin bei dir, hörst du!«

Noch immer umklammerte sie die Freundin. Obwohl im Raum überall Licht und nichts Schreckliches zu sehen war, konnte sie sich nicht beruhigen.

»Komm, ich bring dir was zu trinken. Dann wird dir besser.«

Julia ließ sich in die Kissen zurückfallen und blickte starr zur Decke. Das Grauen hielt sie noch immer gepackt. Alles sah sie ganz deutlich vor ihren Augen. Sie glaubte sogar, noch die Fesseln um ihre Gelenke zu spüren.

Ihre Freundin Sonja kam mit einem Glas zurück. Gehorsam öffnete sie den Mund. Etwas Scharfes durchlief ihre Kehle. Minuten später begann es zu wirken. Jetzt war sie hellwach. Sie setzte sich auf und fing zu Sonjas größter Verwunderung an zu weinen.

»Was ist denn bloß los, Julia? Was war denn so schrecklich in deinem Traum?«

Sie weinte und wollte sich nicht beruhigen. Sonja musste ein zweites Glas holen. Dann wickelte sie sich in ihren Morgenmantel. Es war um diese Zeit empfindlich kühl. Sonja spürte, dass sie jetzt die Freundin einfach nicht allein lassen konnte. Dazu war Julia viel zu sehr aufgewühlt. Und sie selbst konnte jetzt auch nicht mehr an Schlaf denken.

Julia war schon halb betrunken, als sie endlich zu weinen aufhörte und zu erzählen begann. Und sie schilderte es so, wie sie es im Traum erlebt hatte. Sonja liefen kalte Schauer über den Rücken, und sie fragte sich, wie man nur so etwas Schreckliches träumen konnte.

»Du weißt doch jetzt, dass alles nur ein Traum war, Julia?«, fragte sie vorsichtig.

Doch die Freundin machte ein merkwürdiges Gesicht. Apathisch erhob sie sich und ging ruhelos auf und ab.

»Was ist mit dir los, Julia? So rede doch!«

Sie umkrampfte ihr Glas und drehte sich um. Ihr Blick wirkte sonderbar starr.

»Man wird Frederick umbringen«, sagte sie leise. »Er wird sterben müssen. Alles wird so sein, wie ich es geträumt habe. Und ich werde dabei sein und kann ihm nicht helfen, ich …«

Sonja fühlte einen kalten Schauer über ihren Rücken laufen.

»Julia, du bist verrückt!«

Sie schüttelte den Kopf.

»Nein, ich bin nicht verrückt.«

»Aber Julia, es war ein Alptraum. Und der ist jetzt vorbei. Bald wird es Tag, dann wirst du nur noch über deine Angst lachen können. Hörst du, es ist vorbei.«

Sie hörte mit der Wanderung auf und setzte sich neben Sonja auf das Bett. Gespannt wirkten ihre Züge, die Augen übergroß.

»Du willst mich trösten«, murmelte sie leise und streichelte kurz über Sonjas Hand. »Ich merke das, und das ist auch sehr lieb von dir, aber ich weiß es besser.«

Sonja zuckte zusammen. War sie vielleicht noch immer nicht ansprechbar? Gestern war sie doch noch ganz vernünftig gewesen. Sie hatten sich einen lustigen Film im Fernsehen angesehen, hatten sich unterhalten und waren dann zu Bett gegangen. Die ganze Zeit über, in der sie bei Julia zu Gast war, hatte sie nichts Außergewöhnliches an ihrer Freundin bemerkt.

»Es ist ja so schrecklich«, hörte sie Julia stammeln. »Ich sträube mich dagegen, aber dann …«

Sonja erhob sich mit einem Ruck. Das war ja lachhaft, wirklich. »Ich werde uns jetzt einen Kaffee machen, und dann wird dir sofort besser werden.«

»Mir fehlt nichts«, erwiderte Julia scharf. »Sonja, sei ehrlich, du glaubst mir nicht.«

Sie stand schon in der Tür.

»Was soll ich dir nicht glauben, Liebes?«

»Dass ich hellsehen kann«, sagte sie ruhig.

Die Schwedin wollte auflachen, aber es klappte nicht.

»Was sagst du da?«, fragte sie entgeistert. »Was willst du können?«

»Ich kann in die Zukunft sehen. Darum weiß ich ja auch so genau, dass Frederick etwas Schreckliches widerfahren wird. Man wird ihn töten, vor meinen Augen.« Sie begann zu zittern, und Tränen stürzten ihr aus den Augen.

Sonja bekam einen trockenen Mund. Zuerst wusste sie nicht, was sie sagen sollte. Das war ja ungeheuerlich, das konnte einfach nicht sein.

»Julia, du bildest dir das nur ein. Du kannst noch nicht wieder klar denken, ich meine, Julia, sieh mich doch nicht so an …«

Ihre Augen standen weit auf, und ihr Blick ging durch Sonja hindurch.

»Damals, als die Schule mit den vielen Kindern abbrannte, ich habe es geträumt. Ich habe sie gewarnt, aber sie haben mich nur ausgelacht«, sagte sie monoton. »Und dann das Unglück in der Kirche, ganz deutlich habe ich das Monate vorher geträumt. Und wie das Schiff versank, ich wusste es lange vorher. Immer habe ich versucht, die Leute zu warnen, aber sie haben mich nur ausgelacht.«

Sonja packte das Grauen. So hatte sie die Freundin noch nie erlebt. Sie begann sich zu fürchten. Ihr wurde auf einmal kalt. Sie fror.

»Darum«, schluchzte Julia plötzlich auf, »darum habe ich ja so Angst, Sonja. Alle meine schrecklichen Träume werden wahr, sie werden Wirklichkeit«, schrie sie heraus.

Sonja fiel in einen Sessel. Sie zitterte so sehr, dass sie sich nicht mehr aufrecht halten konnte.

»O mein Gott«, stammelte sie nur.

»Immer habe ich das Schicksal mir völlig fremder Personen im Traum gesehen. Nie mein eigenes. Jetzt, in dieser Nacht, habe ich zum ersten Mal von mir und Frederick geträumt!«

Julia sprang auf. »Ich muss ihn warnen. Mein Gott, ich muss ihn warnen.« Sie stürzte zum Telefon.

Es war erst kurz nach fünf, und so wunderte sich Sonja kein bisschen, dass Frederick sich nicht meldete.

»Er wird schlafen, bestimmt hat er wieder anstrengenden Dienst gehabt.«

»Nein, er darf nicht schlafen, ich muss ihn warnen. Er ist nicht da, Sonja, er ist schon fort …« Sie gebärdete sich wie eine Wahnsinnige und wollte die Freundin angreifen, als diese ihr den Hörer aus der Hand nehmen wollte.

Dann hörten sie eine Stimme aus der Muschel.

»Hallo, zum Teufel, wer ist denn da?«

»Frederick, o Frederick«, schluchzte sie in den Hörer, »du bist es wirklich.«

»Julia, zum Kuckuck, weißt du auch, dass es noch nicht fünf ist? Was ist denn los?«

Sie hörte gar nicht hin, was er sagte. Sie war in einer derartigen Panik, dass sie kaum reden konnte.

»Frederick, komm, ich flehe dich an, komm sofort, ich muss – ich kann …« Dann brach sie zusammen.

Ihre Nerven spielten nicht mehr mit. Sie hatten die ganze Zeit unter Spannung gestanden und forderten nun ihr Recht. Kein Wunder, dass Frederick Larsen hellwach war und verzweifelt nach der Verlobten rief.

»Julia, um Gottes Willen, was ist denn geschehen? So antworte doch, Julia!«

Sonja nahm den Hörer auf: »Du solltest wirklich sofort kommen, Frederick. Mit Julia stimmt was nicht.«

»Was ist denn passiert?«

Die Freundin zögerte und wusste nicht, wie sie sich ausdrücken sollte.

»Bitte komm doch, Frederick. Vielleicht gibst du ihr eine Beruhigungsspritze. Bitte!«

»Selbstverständlich komme ich sofort. In zehn Minuten bin ich bei euch. Nur keine Panik, Sonja. Lass sie ruhig liegen, rege sie nicht auf und warte, bis ich da bin. Ich bin ja schon unterwegs.«

Julia lag quer über dem Sessel. Die Augen geschlossen. Totenblässe überzog ihr Gesicht. Sonja packte unsägliche Angst. Verzweifelt starrte sie in das sonst so schöne Gesicht ihrer Freundin. Es hatte mal eine Zeit gegeben, da hatte sie diese beneidet. Um ihre Schönheit, um den vollkommenen Körper, sie war so klug, so liebenswürdig. Alle mochten Julia. Überall, wo sie hinkam, wurde sie herzlich empfangen.

Dann war Sonja nach Schweden zurückgegangen. Erst vor zwei Wochen war sie wieder nach Deutschland zurückgekommen. Wegen einer Tante, die plötzlich gestorben war. Julia hatte ihr in ihrer selbstlosen Art sofort ihre Wohnung zur Verfügung gestellt. Da sie ein kleines Gästezimmer besaß, machte es ihr nichts aus, ja, sie freute sich sogar sehr über sie. Und Sonja fühlte sich wohl bei ihr.

All das durchflog ihr Gehirn, während sie vor Julia stand und nicht wusste, was sie tun sollte. Jetzt wusste sie auch, dass Julia krank war. Sie litt wirklich. Und was sie da von den Träumen erzählt hatte – das konnte kaum stimmen, das war unmöglich. Sie lebten im zwanzigsten Jahrhundert. Da glaubte man nicht an Spuk …

Als die Türglocke anschlug, zuckte sie zusammen.

»Jetzt werde ich auch noch schreckhaft«, murmelte Sonja ärgerlich vor sich hin.



3

Vor der Tür stand Frederick mit besorgtem Gesichtsausdruck. Aber er konnte nicht ganz sein jungenhaftes, übermütiges Wesen übertünchen. Sonja sah, dass er sich hastig angekleidet hatte.

Er begrüßte sie und stürmte ins Wohnzimmer.

»Was ist denn passiert? Rasch, erzähle es mir! Bevor ich etwas unternehme, muss ich wissen, was vorgefallen ist.«

Frederick war Arzt. Er musste noch ein Jahr in der Klinik arbeiten, dann wollte er sich selbständig machen und Julia heiraten. Eher nicht. Er hatte seine Prinzipien.

»Sie hatte einen Alptraum und hat fürchterlich geschrien. Davon bin ich wach geworden und sofort zu ihr gelaufen. Ich habe sie gerüttelt bis sie wach wach war. Dann bin ich …«

Frederick sah sie nachdenklich an, dann meinte er: »Schon gut, du kannst mir gleich alles erzählen. Ich weiß schon Bescheid.«

Sein Gesicht war völlig ausdruckslos, als er sich über Julia beugte.

»Ich werde ihr ein leichtes Beruhigungsmittel spritzen. Dann wird sie bald wieder zu sich kommen, und ich hoffe, auch wieder ganz normal sein.«

Er zog die Spritze auf und stach ihr die Nadel in den Arm. Wenig später hob er Julia auf und legte sie bequem auf das Sofa. Noch immer hielt sie die Augen geschlossen.

»Der Puls wird schon viel ruhiger«, murmelte er.

Sonja konnte nicht mehr an sich halten.

»Frederick«, stammelte sie, »sag mir eins: Weißt du von ihren Träumen?«

Er blickte sie fest an. »Ja, ich weiß davon. Arme Julia, sie quält sich immer so und will helfen. Aber niemand glaubt ihr. Das zermürbt sie ganz. Wenn ich ihr doch nur helfen könnte …«

Sonjas Herzschlag setzte für einen Augenblick aus. »Soll das heißen, dass sie die Wahrheit sagt, dass sie wirklich in die Zukunft blicken kann?«

»Es gibt einige Menschen, die das können«, sagte er ruhig und packte die Spritze wieder weg. »Aber man glaubt ihnen eben nicht, weißt du.«

Plötzlich war aus Sonjas Gesicht alle Farbe gewichen.

»Holla, du wirst mir doch jetzt nicht auch noch umkippen?«, sagte er lachend, sah sie aber sehr ernst an.

Doch die Schwedin hörte nicht zu. Jetzt träume ich, dachte sie, das gibt es nicht, das darf nicht wahr sein. Das wäre ja grauenvoll. Dann müsste sie ja die ganze Zeit mit dieser Gewissheit leben? Immer vor Augen haben, so wird Frederick einmal enden?

»Setz dich hin und trink dies«, forderte Frederick sie auf.

Mechanisch nahm sie das Glas und trank, mied dabei aber seinen Blick.

»Sag mal, was hat Julia denn diesmal geträumt? Sind wieder so viele Menschen ums Leben gekommen? Sie hat es dir doch gesagt, oder?«

Automatisch nickte sie mit dem Kopf. Sie öffnete die Lippen und wollte zu sprechen anfangen.

»Sonja«, hörte sie da Julias flehende Stimme. Sie war wieder zu sich gekommen, saß jetzt aufrecht auf dem Sofa und blickte sie durchdringend an.

Frederick dachte weder an den Traum noch an Sonjas Blässe. Er sah nur Julia, und dass sie wieder zu sich gekommen war. Zärtlich legte er seinen Arm um ihre Schulter und küsste sie.

»Geht es dir jetzt wieder besser?«

Julia sah ihn lange an. So, als wolle sie nie vergessen, wie er aussah.

»Frederick.« Es war nur ein Hauch.

»Ich habe dir eine Beruhigungsspritze gegeben, Julia. Nun wird dir gleich wieder besser sein.«

»Ja«, sagte sie leise und schmiegte sich wie ein Kind an seine Brust.

»Wo ich jetzt schon hier bin, können wir eigentlich auch zusammen frühstücken«, munterte er die beiden Mädchen auf. »Kaffee kann ich jetzt gut vertragen. Und gebratene Eier und Speck und Marmelade!«

Sonja stand auf. »Ich werde mich darum kümmern.«

Julia stand ebenfalls auf und folgte ihr.

»Ich helfe dir, dann geht es schneller.«

»Ich decke inzwischen den Tisch«, rief Larsen lachend hinter den beiden her.

Sonja ging in die kleine Küche. Julia hielt sie fest, blickte ihr in die Augen und sagte leise: »Du darfst es ihm nie sagen. Nie, hörst du!«

»Aber …«, brach es aus der Schwedin heraus.

»Ich werde ihn beschützen«, sagte Julia. »Ich werde es nicht zulassen, ich weiß es ja jetzt schon.«

Sonja konnte es immer noch nicht glauben.

Julia stellte mechanisch die Kaffeemaschine an und sprach weiter: »Frederick ist der einzige Mensch, der mir glaubt. Er will sogar mit seinem Professor über mich sprechen und ihn fragen, ob man es nicht wirklich ernsthaft auswerten soll, was ich hin und wieder träume. Ich sehe das doch alles klar und deutlich. Man wird dann genau wissen, wo etwas Schreckliches passieren soll, und kann es noch rechtzeitig verhindern.«

»Julia, ich …«

»Frederick glaubt mir«, rief sie beschwörend. »Wenn ich ihm den Traum erzähle, oder du, dann – begreifst du denn nicht? Bis jetzt waren immer andere Menschen betroffen. Aber diesmal ist er es selbst, verstehst du, Sonja?«

»Warum hast du mir noch nie etwas davon erzählt?«, fragte die Freundin mit brüchiger Stimme.

Julia schlug Eier in die Pfanne.

»Ich will es vergessen, verstehst du. Ich muss es vergessen, darum rede ich nicht darüber. Nur mit Frederick, er hilft mir dann. So wie eben. Ich habe ein schwaches Herz.«

Die Schwedin war jetzt noch fassungsloser als Julia. Sie musste sich wirklich zusammennehmen, um sich nichts anmerken zu lassen. Wenig später saßen sie zu dritt um den kleinen Esszimmertisch und scherzten. Nur Sonja sah, wie schwer es Julia fiel, fröhlich und lustig zu wirken.

Über eine Stunde saßen sie zusammen, dann stand Larsen auf. »So nett es auch bei euch ist, aber jetzt muss ich mich wirklich auf die Socken machen. Ich habe heute Dienst. Aber wenn ihr Lust habt, gehen wir heute Abend aus, ja?«

»O ja, gern«, rief Julia strahlend.

Sie brachte ihn zur Tür. Frederick küsste sie leidenschaftlich und ging nur ungern fort. Als er unten in seinen Wagen stieg, fiel ihm erst etwas auf. »Merkwürdig«, murmelte er, »sie hat mir gar nicht erzählt, was sie diesmal geträumt hat. Sonst hat sie es mir doch immer sofort gesagt.« Er schüttelte den Kopf und beschloss, Julia am Abend danach zu fragen.



4

Vierzehn Tage später.

Sonja erklärte: »Wenn du willst, bleibe ich wirklich noch hier. Ich müsste dann nur telegrafieren, Julia.«

Sie standen beide vor dem halbgeöffneten Koffer.

»Und dein Verlobter wird kommen und mir die Haare einzeln ausreißen«, sagte Julia lachend.

Sonja fragte sich, ob sie es wirklich vergessen hatte oder ob sie es nur unterdrückte. Julia war anders, sie spürte es.

»Ich dachte nur, vielleicht hättest du es im Augenblick wirklich gern, wenn ich noch bei dir bleiben würde.«

Julia blickte sie an und wusste, woran Sonja dachte.

»Ich habe mich schon wieder beruhigt«, sagte sie und versuchte, fröhlich auszusehen. »Du musst gehen. Dein Verlobter wartet doch schon.«

»Sobald ich kann, komme ich wieder«, sagte Sonja.

»Darauf freue ich mich schon. Wir werden uns dann wundervoll unterhalten.«

»Du bist die beste Freundin, die ich kenne.«

»So«, sagte Julia lachend, »nun müssen wir uns wirklich beeilen. Sonst ist Frederick da, und wir sind noch nicht fertig.«

Als hätte er auf dieses Stichwort gewartet, klingelte Frederick stürmisch. Sonja packte den Rest ihrer Sachen in den Lederkoffer und schloss ihn ab.

Als Julia für einen Augenblick das Zimmer verließ, wandte Sonja sich an Larsen. »Pass auf Julia auf, Frederick!«

»Das tue ich doch immer, Sonja. Wenn sich einer in ihre Nähe traut, findet er sich kurze Zeit später als Patient in einem Krankenhaus wieder.«

Sie wollte lachen, doch der Kloß in ihrer Kehle hinderte sie daran.

»Ich meine es wirklich ernst«, sagte sie.

Fredericks Gesicht wirkte plötzlich gespannt: »Was ist los? Hatte sie wieder einen Traum?«

»Nein, das nicht.«

»Was ist es dann?«

Nun war er hellwach und auch sehr beunruhigt.

Sonja wusste nicht, wie sie sich verständlich machen sollte. Den Traum durfte sie nicht erzählen, sie hatte es Julia mehrfach versprechen müssen.

»Sofort sagst du mir, was vorgefallen ist, Sonja! Bitte, ich muss das wissen.«

Die Schwedin machte ein unglückliches Gesicht.

»Julia ist zu gut, weißt du«, murmelte sie hastig und sah ihn dabei flehend an.

»Ach, das meinst du also«, sagte Frederick erleichtert. »Nun, damit kenne ich mich schon aus. Ich werde mit ihr darüber reden, Sonja. Du brauchst keine Angst zu haben, ich pass schon auf Julia auf.«

Dann waren sie unterwegs zum Bahnhof. Es gab noch so viel zu sagen, aber sie brachte keinen Ton über die Lippen. Und dann standen sie und warteten auf den Zug.

Sonja fühlte sich scheußlich. Im hellen Bahnhofslicht fiel ihr erstmals die erschreckende Magerkeit ihrer Freundin auf. Da wusste sie, dass sie es keine Sekunde vergessen hatte. Julia hatte schreckliche Angst, sie wartete auf das Unfassbare. Sonja konnte jetzt nichts für die Freundin tun. Sie nahm sich aber vor, so schnell wie möglich zurückzukommen. Sie musste ihr beistehen, sie allein wusste ja von ihren schrecklichen Ängsten.

Dann stieg Sonja in den Zug, und wenig später rollte er langsam aus der Bahnhofshalle. Mit Tränen in den Augen stand Julia da und hob noch mal grüßend die Hand.

Frederick hatte sich heute den ganzen Tag freigenommen. Sie machten zuerst einen Stadtbummel und aßen dann in einem kleinen Restaurant. Er war voller Zärtlichkeit. Und Julia war eine perfekte Schauspielerin. Er merkte ihr weder die Angst noch die Unruhe an.

Und auch heute fragte er sie nicht nach dem Traum. Er hatte es schon wieder vergessen. Als er sich von ihr verabschiedete, musste sie in die leere Wohnung zurück. Ja, sie hatte wahnsinnige Angst, aber Sonja musste nach Hause.



5

Das Telefon läutete noch sehr spät. Julia starrte es entgeistert an. Nur zögernd nahm sie den Hörer ab.

»Ich bin’s. Frederick. Julia, ich muss dir sagen, dass ich gleich morgen früh nach Kiel fahre. Meine Tante ist schwer erkrankt. Du kennst sie noch nicht, aber ich hänge sehr an ihr. Ich habe mir eine Woche freigenommen.«

Julia starrte vor sich hin. Sie begann zu zittern. Frederick wollte fort, und sie konnte ihn nicht begleiten. Aber sie musste ihn doch beschützen.

»Was ist? Hörst du mich noch?«

»Ja«, sagte sie leise, »ich bin noch da.«

»Julia, es tut mir doch auch leid, aber …«

»Natürlich musst du zu ihr«, antwortete sie hastig und schloss erschöpft die Augen.

»Du bist so merkwürdig. Geht es dir auch gut?«

Ich muss mich zusammennehmen, dachte sie. Er darf es nicht merken. Dann fiel ihr wieder ein, dass das Unglück nur passieren konnte, wenn sie beide zusammen waren. Erleichtert atmete sie auf. Auf ihre Träume konnte sie sich verlassen. Die spielten sich immer genauso ab, wie sie sie gesehen hatte. In dieser Sekunde wusste sie, dass Frederick immer dann in Sicherheit war, wenn sie nicht bei ihm war! Welche Ironie, dachte sie bitter.

Sie sprachen noch ein wenig miteinander, aber Julia hörte nur noch halb hin. Sie wünschte ihm eine gute Reise, legte dann den Hörer auf die Gabel und setzte sich in den Sessel. Da saß sie nun und grübelte.

Und wenn sie jetzt Frederick verließ? Wenn sie nicht mehr seine Verlobte war, konnte der Traum auch nicht Wirklichkeit werden. Aus Liebe zu Frederick musste sie es tun. Aber sie glaubte nicht, dass sie es schaffte.

Hart bäumte sie sich auf. Es durfte nicht geschehen. Jetzt, wo sie alles wusste, musste sie es verhindern. Wäre sie sonst nicht auch seine Mörderin? Julia wurde fast wahnsinnig bei diesen Gedanken.

Am nächsten Morgen war sie so geschwächt, dass sie nicht in die Uni konnte. Das war das erste Mal, dass sie eine Vorlesung versäumte. Vielleicht musste das auch alles so sein, denn dadurch bekam sie schon am frühen Morgen Neddas Brief. Nedda war ihre Kusine und lebte irgendwo im Rheinland auf dem Land. Sie war Bildhauerin. Nedda schrieb ihr und bat sie inständig, sie doch ein

paar Tage zu besuchen.

»Liebe Julia, ich habe ein Problem. Ich möchte mit dir darüber sprechen. Ich weiß einfach nicht mehr, was ich tun soll. Und wir sind doch die Letzten aus unserer Familie, außer Onkel Harry. Aber um ihn geht es ja eben. Bitte, wenn du es einrichten kannst, so komm doch.«

Julia blickte auf den Brief und dachte: Er kommt mir wie gerufen. Die Wohnung ohne Sonja, und Frederick ist auch fort – ja, ich werde Nedda besuchen. Wir werden zusammensitzen und von alten Zeiten reden. Vielleicht kann ich ihr mein Geheimnis anvertrauen.

Sofort wählte sie Neddas Nummer. Diese schien sich wirklich sehr zu freuen.

»Hör zu, ich habe schon mit meinem Nachbarn gesprochen, Julia. Mein Auto ist in der Werkstatt, also kann ich dich nicht abholen. Er wird kommen und dich zu mir bringen.«

»Gut«, sagte Julia, »ich freue mich auch schon auf das Wiedersehen. Gegen einundzwanzig Uhr werde ich am Bahnhof eintreffen.«

»Ich werde uns ein prachtvolles Abendbrot zubereiten«, sagte Nedda.

Julia war jetzt wie ausgewechselt. Im Augenblick brauchte sie keine Angst zu haben. Frederick war in Sicherheit. Sie würde ein paar wundervolle Tage bei Nedda verbringen. Und vielleicht hatte sie dann auch soviel Mut, um mit dem Professor über Frederick und ihren Traum zu sprechen. Je mehr sie darüber nachdachte, wusste sie, dass dies die Lösung war. Der Professor war wie Frederick von ihren Träumen überzeugt. Und wenn er erst mal erfuhr …

Sie packte ihren kleinen Koffer, räumte die Wohnung auf, gab ihre Blumen der Nachbarin in Pflege und kaufte noch ein paar Kleinigkeiten ein. Dann wurde es Zeit, dass sie zum Bahnhof ging.

Vorgestern noch hatte sie hier gestanden und Sonja verabschiedet. Sie musste ihr unbedingt schreiben, sonst würde diese sich ängstigen, wenn sie mal anrief und sie, Julia, sich nicht meldete. Bei Nedda wollte sie alles erledigen.

Der Zug war nur schwach belegt. Bald brach auch die Dunkelheit herein, denn es ging auf den Herbst zu. Das monotone Geräusch der Räder schläferte sie ein. Zu Hause hatte sie immer Angst vor dem Einschlafen, Angst vor ihren Träumen. Sie wehrte sich verzweifelt dagegen, aber sie kamen unweigerlich. Doch seit dem letzten Traum hatte sie nicht mehr geträumt.

Mit einem Ruck hielt der Zug, und Julia rutschte nach vorn und wäre fast mit dem Kopf gegen die Scheibe gedonnert. Aber sie konnte sich noch rechtzeitig festhalten. Verdutzt blickte sie durch das halbblinde Glas und erkannte, dass sie am Ziel war. In einer Viertelstunde würde sie Nedda um den Hals fliegen.

Sie nahm den kleinen Koffer, stieg aus und sah sich auf dem tristen Bahnhof unruhig um. Wo war denn der Nachbar, der sie abholen sollte? Ganz hinten, am Ende des Zuges stiegen noch ein paar Leute aus.

»Darf ich Ihren Koffer nehmen?«, hörte sie plötzlich hinter sich eine Stimme.

Julia drehte sich um und sah in der Dunkelheit einen Mann stehen. Sie konnten ihn nicht erkennen.

»Ach, und ich dachte schon, ich würde nicht abgeholt«, sagte sie freundlich.

»Kommen Sie, vor dem Bahnhof steht mein Wagen.«

Als sie den sah, wunderte sie sich über dessen Größe. Der Nachbar musste ja über viel Geld verfügen. Sie stieg hinten ein. Das Gepäck verstaute der Mann im Kofferraum, dann klemmte er sich hinter das Lenkrad. Draußen hatte es zu regnen angefangen. Eine pechschwarze Nacht stand vor dem Fenster. Julia blickte unwillkürlich zum hellerleuchteten Bahnhof zurück. In der gleichen Sekunde, in der das Auto anfuhr, sah sie, wie ein junges Mädchen, das ihr verblüffend ähnlich sah, aus dem Portal kam. Neben ihr ging ein junger Mann. Sie schienen beide erregt zu sein. Aber das ging alles so schnell, dass Julia im nächsten Augenblick schon zweifelte, ob sie wirklich richtig gesehen hatte. Sie hatte noch nie gehört, dass sie eine Doppelgängerin besaß.

Sie wollte sich mit dem Fahrer unterhalten, aber ein Gespräch war zwecklos. Der Motor dröhnte so laut, dass man nichts verstand. So lehnte sie sich einfach zurück und schloss die Augen. Bei Nedda würde sie erst ein Bad nehmen, dann würde sie sich gleich wieder frisch und munter fühlen.

Julia dachte über ihren Brief nach. Er hatte sehr dringend geklungen, und wie sie Nedda kannte, musste wirklich etwas Ernsthaftes vorgefallen sein. Nedda war zehn Jahre älter als sie und eine vernünftige Person. Hoffentlich kann ich ihr helfen, dachte sie unwillkürlich.

In diesem Augenblick donnerte das Auto über eine Holzbrücke. Julia schrak zusammen. Früher waren sie nie über eine Holzbrücke gefahren. Aber sie war schon so lange nicht mehr hier gewesen, da hatte sich bestimmt manches geändert.

Sie versuchte aus dem Fenster zu blicken, um festzustellen, ob sie noch nicht bald da seien. Aber die Dunkelheit stand wie eine schwarze Wand vor ihren Augen. Ganz plötzlich ruckte das Auto und blieb dann stehen. Draußen plätscherte der Regen auf das Dach.

Der Fahrer drehte sich um und sagte: »Kommen Sie!«

Sie stieg aus, stolperte in eine Pfütze und rannte einfach auf das Licht zu. Regen hatte sie noch nie gemocht. Als sie über die Schwelle trat, rief sie laut und freudig: »O Nedda, wie schön, dich wiederzusehen.«

»Wie bitte?«, hörte sie da eine Männerstimme.

Erstaunt hob sie den Kopf und blickte in das Gesicht eines ihr unbekannten Mannes. Jetzt bemerkte sie auch, dass sie in einer Art Halle stand. Die Wände waren weiß. Nirgends ein Bild oder Zierrat. Unfreundlich lag sie dem gleißenden Licht preisgegeben. Das war wirklich nicht Neddas gemütliche Behausung.

Julia war so sprachlos, dass sie im ersten Augenblick keinen Ton über die Lippen brachte. Draußen hörte sie, wie das Auto sich entfernte.

»Sind Sie denn nicht Frau Brandes?«, fragte der Mann und blickte sie erstaunt an. Er war ganz dunkel gekleidet, hatte fein gemeißelte Züge und dunkle Augen.

»Nein«, stammelte Julia. »Nein, mein Name ist Julia de Fileu. Ich wollte meine Kusine besuchen.«

Der Mann vor ihr zeigte keine Regung. Er verbeugte sich kurz und meinte nur: »Hier muss eine Verwechslung vorliegen. Tut mir leid!«

»Also habe ich mich doch nicht getäuscht«, murmelte sie leise. »Das mit der Ähnlichkeit.«

Der Fremde sagte: »Warten Sie einen Augenblick. Ich werde das gleich klären.«

Er entfernte sich, und Julia stand nun ganz allein in der weiten, ihr unheimlichen Halle. Sie hatte das Gefühl, beobachtet zu werden, konnte aber nirgends jemanden entdecken.

Dann war der Fremde wieder da: »Ich habe mit dem Bahnhof gesprochen. Es stimmt, hier liegt eine Verwechslung vor. Frau Brandes, die wir erwarten, hat sich für die Nacht im Gasthaus ein Zimmer genommen. Leider ist der Wagen schon fort. Sie müssen schon diese Nacht bei uns bleiben, verehrtes Fräulein. Wir liegen so weit ab von der Ortschaft. Es würde in der Dunkelheit Stunden dauern, bis Sie das Haus Ihrer Kusine gefunden haben.«

Draußen rauschte der Regen herunter.

Julia fühlte sich sehr unbehaglich. Das Haus war wie eine Gruft. Aber was sollte sie machen? Sie musste die Gastfreundschaft dieses Mannes annehmen, ja, sie musste ihm sogar dankbar sein.

»Judith wird sich um Sie kümmern.« Damit entfernte er sich.

Einen kurzen Augenblick später kam eine hochgewachsene Frau mit pechschwarzen Haaren auf sie zu. Ein seltsam heller Glanz stand in ihren Augen. Julia schluckte und umkrampfte ihren kleinen Koffer, als suche sie darin Trost.

»Kommen Sie«, sagte Judith nur und ging voran.

Sie stiegen über eine breit geschwungene Holztreppe ins Obergeschoss. Ein langer kahler Gang tat sich auf. Ein paar Türen aus dunklem Holz waren die einzige Unterbrechung. Wenn ich hier länger leben müsste, würde ich erfrieren, sogar mitten im Sommer, dachte Julia.

»Hier ist das Bad und dort, die zweite Tür links, können Sie diese Nacht bleiben.«

»Danke«, würgte Julia hervor.

»In zehn Minuten essen wir zu Abend. Ich hole sie dann ab.«

Als sie allein in dem altmodischen Zimmer war, fühlte sie ihr Herz stürmisch klopfen. Hastig lief sie zum Fenster, aber sie konnte nicht viel erkennen. Doch dann sah sie zu ihrer Verwunderung unter dem Fenster einen breiten Wassergraben. Julia starrte darauf nieder – und dann ahnte sie schlagartig, wo sie sich befand. Es musste sich um eine Burg handeln, in die sie durch Zufall geraten war. Nedda hatte ihr oft genug erzählt, dass diese Gegend mit alten Gemäuern geradezu übersät sei. Einige seien noch ganz in Ordnung, aber viele eben im Lauf der Zeit schon ziemlich verfallen.

Jetzt erinnerte sie sich auch wieder, dass sie ja über eine Holzbrücke gefahren waren. Ob das eine Zugbrücke gewesen war? Sie musste das feststellen. Ungeachtet des Regens, beugte sie sich weit hinaus und richtig, sie sah die Zugbrücke, denn in diesem Augenblick schob sich der Mond hinter einer dicken Wolkendecke hervor.

Julia lehnte sich an das Fensterkreuz und holte tief Luft. Alles in ihr war in Aufruhr. Der Traum, dachte sie mit Entsetzen, bis jetzt habe ich nicht gewusst, was es für dicke Mauern waren. Aber jetzt weiß ich es. Es muss sich um eine uralte Burg gehandelt haben. So eine Burg wie diese? Langsam begannen sich ihre Haare zu sträuben. Sie fühlte sich müde und schwach.

In diesem Augenblick klopfte es an ihre Tür. Entgeistert starrte sie auf die Klinke. Wollte man sie jetzt vielleicht holen? Sie hätte fast wild aufgeschrien. Aber Julia fühlte, solange Frederick nicht bei ihr war, konnte der furchtbare Traum nicht Wirklichkeit werden.

Ob die seltsame Frau ihre Verstörtheit bemerkt hatte oder nicht, das würde sie nie erfahren.

»Ich möchte Sie abholen. Allein verirren Sie sich in den weiten Gängen«, sagte sie nur und ging voran.

Julia spürte, dass sie diesen Dienst nur ungern tat. Lieber Gott, betete sie bei sich, lass es bald Tag werden, damit ich wieder hier hinaus kann.

In dem kleinen Speisesaal traf sie den dunklen Mann wieder. Er hatte sich ihr noch nicht vorgestellt, und Julia wagte auch nicht, ihn zu fragen. Gespenstische Kälte lag über der reichlich gedeckten Tafel. Es sah so aus, als würden sonst viel mehr Menschen hier essen. Aber jetzt waren nur drei Gedecke vorhanden.

Im Kamin brannte ein helles Feuer. Ein wenig Leben, dachte Julia unwillkürlich. Zaghaft und beklommen setzte sie sich an den Tisch. Sie hatte keinen Appetit, aber sie spürte, dass sie nicht auffallen durfte.

Judith servierte. Es schmeckte vorzüglich. Der Mann begann ein Gespräch. Julia bemerkte gar nicht, dass er sie geschickt ausfragte. Wenige Zeit später wusste er, dass sie die Bildhauerin Nedda besuchen wollte.

»Natürlich kenne ich sie«, antwortete er auf ihre erstaunte Frage hin. »Wenn man in einem Dorf lebt, dann kennt man doch jeden, verehrtes Fräulein.«

Julia schluckte und sagte leise: »Früher habe ich sie nie bemerkt.«

»Wen?«, fragte er scharf, und seine schwarzen Augen schienen sie zu durchbohren.

»Diese Burg«, stammelte sie verwirrt. »Es ist doch eine Burg?«

Er blickte sie ärgerlich an. Aber dann räusperte sich Judith. Er sah in ihre Richtung, und sofort wurde er ruhiger. »Nun ja«, meinte er gönnerhaft. »Die Bäume verdecken das Anwesen. Und dann liegt es auch sehr weit außerhalb. Ich sagte Ihnen ja schon, Sie müssen Stunden laufen.«

Komisch, dachte Julia, wieso kennt er dann Nedda so gut, wenn sie so weit auseinander wohnen?

»Essen Sie doch noch! Sie sehen ja ganz blass aus.«

Julia hob tapfer den Kopf und fragte: »Darf ich meine Kusine anrufen? Sicher wird sie sich schon große Sorgen machen, weil ich nicht pünktlich eingetroffen bin.«

Wieder dieser seltsame Blick. Dann sagte der Mann: »Der Sturm hat die Drähte zerrissen. Im Augenblick sind wir ohne Verbindung. Ich hoffe, dass es morgen wieder in Ordnung gebracht wird.«

Julia spürte deutlich, dass der Mann sie anlog. Sie sollte also nicht mit der Außenwelt in Kontakt geraten. Vielleicht ließ man sie nie mehr fort und benutzte sie als Lockvogel für Frederick! Sie musste sich krampfhaft an der Stuhllehne festhalten. Die Schwäche übermannte sie, und Julia dachte nur, ich darf mir nichts anmerken lassen. Sonst ist Frederick verloren.

»Sie essen ja kaum etwas«, sagte der Mann und blickte sie prüfend an.

Julia stammelte: »Ich esse nie viel. Verzeihen Sie!«

Die Frau brachte den Nachtisch. Eine Unterhaltung kam jetzt nicht mehr auf. Immer wieder spürte Julia, wie sich die beiden heimlich anstarrten. Und dann hatte sie auch wieder das Gefühl, von hinten beobachtet zu werden.

Plötzlich erhob sich der Mann und sagte mit seiner tiefen Stimme: »Judith, bring’ unseren Gast auf sein Zimmer! Gnädiges Fräulein, ich wünsche Ihnen eine gute Nacht! Morgen früh wird der Wagen wieder hier sein, und dann werde ich dafür sorgen, dass man Sie gleich zu Ihrer Kusine bringt.«

Julia dachte, du lügst, ich spüre es. Alles was du sagst, ist Lüge. Ich soll nicht fort, ich weiß das. Fast hätte sie aufgeschluchzt, aber sie konnte sich noch mal beherrschen.

Judith führte sie durch die weiten Gänge, und wenig später standen sie vor ihrer Schlafzimmertür. Die Frau blickte sie nur durchdringend an und verschwand dann lautlos …



6

In der Halle begegnete Judith Rochus, dem merkwürdigen Hausherrn. Sie kam näher, legte eine Hand auf seinen Arm und fragte: »Was machen wir jetzt mit der Kleinen?«

Rochus drehte sich um und blickte sie ruhig an. »Was wohl schon? Morgen ist sie wieder verschwunden. Sie hat nichts gehört und nichts gesehen. Sie ist naiv und merkt nichts, gar nichts.«

»Ich weiß nicht«, murmelte die Frau. »Irgendwie kommt sie mir komisch vor.«

»Wenn wir sie nicht gehen lassen, wird man sie bald überall suchen. Auf dem Bahnhof wird sich jemand erinnern, dass sie angekommen ist, und vielleicht hat man auch gesehen, dass sie in den Wagen gestiegen ist. Dann werden wir Ärger bekommen.«

»Ich hoffe nur, dass du Recht behältst«, betonte sie gleichgültig.

»Lass mich jetzt bitte in Ruhe«, sagte er müde. Die Kopfschmerzen plagten ihn wieder.

Aber die Frau ließ sich nicht davon beeindrucken. Sie schien hier die Anführerin zu sein. Als sie sich vor dem Kaminfeuer niederließ, meinte sie sinnend: »Die Zufälle sind wirklich merkwürdig. Zur gleichen Zeit steigen zwei Menschen aus einem Zug, die sich sehr ähneln. Vielleicht ist sie gar nicht so naiv? Vielleicht ist sie eine Agentin?«

»Dieses kleine, zittrige Früchtchen?«, lachte der Mann. »Die fürchtet sich ja schon vor ihrem eigenen Schatten.« Er lachte heiser.

Während sich die beiden unten in der Halle unterhielten, wurde Julia oben in ihrem Zimmer immer unruhiger. Zuerst war sie auf und ab gelaufen und hatte sich vorgenommen, wach zu bleiben. Aber die Aufregung der letzten Wochen, die Bahnfahrt, alles zerrte an ihren Nerven. Sie war am Ende, sie spürte es deutlich. Ihr Herz machte sich auch wieder bemerkbar. Hastig kramte sie in ihrer Tasche nach den Tabletten. Frederick hatte ihr welche gegeben, für den Fall, dass er mal nicht sofort kommen konnte. Als sie diese eingenommen hatte, wurde sie merklich ruhiger.

Dann suchte sie das Bad auf. Während sie sich wusch, dachte sie: Ich sehe vielleicht wirklich Gespenster. Ich bin nervös und abgespannt, und jetzt denke ich mir lauter Schauermärchen aus. Woher sollen diese Leute Frederick kennen? Es ist ja wirklich lachhaft. So beruhigte sie sich selbst.

Julia war mit der abendlichen Toilette fertig und verließ das Bad. Nicht sehr weit befand sich die Tür zu ihrem Schlafgemach. Auf dem Gang brannte eine helle Lampe. Kaum hatte sie ein paar Schritte getan, da fühlte sie eine zähe, breiige Masse unter ihren Füßen. Sie konnte einfach nicht weitergehen. Ihr war, als wäre sie plötzlich in einen Sumpf geraten. Zwar wurde sie nicht tiefer gezogen, denn sie stand ja auf Steinboden, aber die zähe, klebrige Masse ging ihr bis zu den Knöcheln.

Starr vor Schreck blieb sie stehen. Mit weit aufgerissenen Augen blickte sie auf ihre Füße. Und dann hörte sie das Geräusch. Etwas weiter hinten machte der Gang einen Knick. Von daher kam ein seltsames und erschreckendes Schaben und Stöhnen. Töne, wie sie sie noch nie vorher vernommen hatte. Sie wirkten fremdartig und furchterregend. Die Geräusche schienen aus einer anderen Welt zu kommen und waren so schrill, dass Julia es bald nicht mehr ertragen konnte. Sie hielt sich die Ohren zu, um sich vor diesem Schmerz zu schützen.

Und der zähe Brei stieg und stieg. Bald hatte er ihre Knie erreicht. Sie blickte starr auf den langen Gang hinaus.

Gleich würde dort hinten irgend etwas Ungeheuerliches um die Ecke kommen, etwas, das für sie eine unsagbare Gefahr darstellte.

Wieder das Prusten, und dann sah sie einen langen, spitzen Schatten. Der ganze Gang war inzwischen mit dieser gelblichen Masse angefüllt.

Julia sah nun den Anfang des Ungeheuers und wollte vor Entsetzen aufschreien. Sie hatte den Mund weit aufgerissen, aber die Angst lähmte ihre Stimme. Sie konnte im Augenblick weder schreien noch fortlaufen.

Sie fühlte, wie ihr Herz immer schwächer wurde, trotz der Tabletten. Julia dachte, das gibt es nicht, das kann nicht wahr sein. Aber was sie sah, existierte wirklich. Was sie so erschreckte, war ein Auge. Ein Auge, das auf einen langen Stab aufgespießt war. Es hatte einen Durchmesser von dreißig Zentimetern, schwebte auf und ab, betrachtete die Wand, zuckte wieder zurück. Und dann kam noch ein Auge um die Ecke, genauso grotesk und ungeheuerlich anzusehen. Auf einem langen, dünnen Stiel schwebte das Auge durch die Luft und blickte Julia starr an.

Dann sah Julia den Körper des schrecklichen Ungeheuers. Er war wie eine dicke Wurst, gelb und schwarz zugleich, und wabbelte und zitterte. Er war sehr lang und an die zwei Meter hoch. Das Untier rutschte auf dieser zähen Masse dahin wie andere auf Schmierseife. Es bewegte sich allerdings nicht sehr schnell, obwohl es sehr groß war. Das Ungeheuer nahm den ganzen Gang in Anspruch. Es musste sich sogar dünn machen, um nicht ständig an den Wänden anzustoßen.

Jetzt sah Julia es in seiner ganzen Länge, und ihr Verstand wollte verzweifeln. Sie dachte spontan an eine Schnecke, an eine Wegschnecke ohne Gehäuse. Aber, registrierte ihr Verstand, eine Wegschnecke ist höchstens zwanzig Zentimeter lang!

Sie sah jetzt auch, woher die breiige Flüssigkeit kam. Sie wurde aus einem riesigen Rachen gestoßen, und auf ihr glitt dann das Ungeheuer weiter. Julia presste sich an die Wand. Sie glaubte sterben zu müssen. Es war schrecklich. Die riesigen Augen schwebten vor ihr und krochen über ihren Körper. Im Augenblick war ihr ganzes Gesichtsfeld von einem riesigen, starren Auge ausgefüllt. Sie sah sich selbst in dieser glasigen Masse widergespiegelt, sah ihren weit aufgerissenen Mund, ihre zu Tode erschreckten Augen. Aber dann wippte dieses Auge weiter, der Körper kam näher. Die winzigen Fühler unter dem Rachen berührten sie kaum. Aber dieser Rachen war weit geöffnet, und sie blickte in einen fürchterlichen Schlund. Schaudernd betrachtete sie die wulstartige, von Knorpeln gestützte Zuge. Sie glich einer mit vielen tausend zurückgebogenen Zähnen besetzten Platte und glitt unruhig hin und her. Kurz vor ihrem Körper aber zuckte dieses riesige Mordinstrument zurück, als habe es sich erschrocken.

Bei einer winzigen Schnecke sah man dies alles gar nicht so deutlich. Aber jetzt wirkten die Zähne wie Schwerter, und ihre Spitzen funkelten im Lampenlicht. Ein paar unvorhergesehene Bewegungen und dieses Ungeheuer hätte sie erdrückt.

Obwohl Julia dem Tod nahe war, dachte sie unwillkürlich daran, dass eine Wegschnecke nur Grünzeug frisst. Wäre sie aber eine Raubschnecke, die in der Natur Jagd auf Würmer und Glasschnecken macht, dann wäre Julia für sie ein gefundenes Fressen, und sie hätte sie schon verschlungen.

Die Raspelzunge glitt in den Rachen zurück. Die Augen schwebten weiter, eine wellenförmige Bewegung ging durch den ungeheuren Körper. Das Ende des Rückens reichte fast bis an die Decke des Ganges. Das Untier kroch weiter und drückte Julia einfach an die Wand. Sie glaubte, in der harten, hornigen Masse zu ersticken. Sie wurde so fest an die Wand gepresst, dass sie kaum noch Luft bekam.

Und in dieser Sekunde endlich löste sich ihre Zunge. Sie konnte schreien! Ihre Stimme hatte nichts Menschliches mehr. Sie schrie wie ein Mensch, der schon fast seinen Verstand verloren hat.

Julia hatte die Arme emporgerissen und stemmte sich mit letzter Kraft gegen den riesigen Fleischberg. Sie wollte leben, nicht erdrückt und erstickt werden.

Und dann endlich hörte sie Stimmen. Zornige und böse Stimmen. Ihr war, als befänden sie sich in weiter Ferne. Aber es waren menschliche Stimmen, und irgendwie gab ihr das wieder Mut und Kraft. Plötzlich ließ dann der Druck nach, das Ende des Ungeheuers nahte. Jetzt war es nur noch der lange, spitz auslaufende Körper, der zuckend an ihr vorbeiglitt. Und mit ihm zogen sich auch die zähen Massen weiter. Jetzt konnte sie endlich wieder ihre Füße bewegen.

Julia stand an die Wand gelehnt und keuchte. Jetzt kamen die menschlichen Stimmen näher. Sie hörte laute Schritte auf dem Gang. Hilfesuchend blickte sie zur Ecke, woher auch das Ungeheuer gekommen war.

Und dann sah sie den großen Schatten. Diesmal war es wirklich ein Mensch in einem weiten dunklen Umhang.

Sie wollte nur Hilfe, man sollte sie davor bewahren, abermals mit diesem Ungeheuer konfrontiert zu werden. Julia rannte los.

»Helfen Sie mir, helfen Sie mir«, schrie sie schon von Weitem.

Der Mann mit dem weiten Umhang fluchte. Keuchend rannte er ihr entgegen. Dann waren sie so nah, dass Julia stehen blieb und die Arme nach ihm ausstreckte.

»Ich flehe Sie an, helfen Sie mir!«

Die Kapuze rutschte vom Kopf des Mannes, und Julia konnte ihn jetzt genau im Licht erkennen. Und dieser Anblick war für sie noch grauenhafter als der der schwebenden Augen. Alles in ihr schien sich zu sträuben. Ein fürchterlicher Schrei drang aus ihrer Kehle.

»Nein!«

Der Mann blickte sie starr an, kam noch ein wenig näher.

»Nein!« Das ganze Haus schien von diesem Schrei widerzuhallen.

Denn Julia sah in diesem Augenblick den Totenkopf aus ihrem Traum. Genauso hatte er ausgesehen. Ganz genauso! Nicht die kleinste Kleinigkeit hatte sie übersehen. Und jetzt stand dieser Unmensch vor ihr und musterte sie mit seinen tiefliegenden Augen, die fast traurig wirkten.

Julia wusste nur eins: Sie musste fliehen, fort, dem Ungeheuer entkommen …

»Nein, nein.« Sie rannte den Gang entlang, wie von Sinnen schreiend.

Da, endlich hatte sie ihre Tür erreicht, ihr Schlafzimmer. Sie war für einen kurzen Augenblick in Sicherheit. Sie lehnte sich zitternd gegen die Tür und horchte nach draußen. Aber der Mann kam ihr nicht nach. Er rannte an ihrer Tür vorbei, dem Ungeheuer nach.

Schon bei ihrem ersten Schrei waren Rochus und Judith nach oben gestürzt, blieben aber dann auf der Treppe stehen und warteten, weil alles auf einmal so still war. Schon wollten sie wieder nach unten in den Salon zurückgehen, als der Totenkopf um die Ecke keuchte.

»Sie hat die Schnecke gesehen«, rief er stotternd. »Sie hat sich befreit und ist oben durch die Gänge gekrochen. Die Fremde wäre fast von ihr erdrückt worden.«

Rochus bekam vor Wut einen roten Kopf. »Du hast mal wieder geschlafen und nicht aufgepasst. Eigentlich solltest du kein Abendbrot dafür bekommen.«

Judith mischte sich ein: »Bitte, Rochus, doch nicht so. Sag mir lieber, was wir jetzt mit der Kleinen machen sollen.«

Der Mann blickte sie an.

»Fort kann sie jetzt wohl nicht mehr, wie? Sie hat zu viel gesehen.«

»Das habe ich mir auch schon gedacht.«

Weder Rochus noch der andere Mann ahnten in diesem Augenblick, dass Judith schon lange wahnsinnig war. Sie war so intelligent, so schön, dass Rochus ihr völlig verfallen war. Was sie sagte und tat, war eben gut. Sie lebten in einer Welt für sich.

Und sie spürten auch schon nicht mehr, wie sie selbst ihren Verstand unter diesen Umständen zu verlieren begannen.

Wahnsinn und Genie stehen nun mal auf Messers Schneide. Und bei allen dreien war er vor einiger Zeit ins Rutschen gekommen. Bei Judith allerdings am stärksten.

Immer hatte man sich gegen das Neue gesträubt, immer und in allen Jahrhunderten. Die, die für die Zukunft dachten, waren immer Außenseiter. Sie mussten Opfer bringen. Sie hielten die Zukunft in der Hand und mussten dafür kämpfen.

Der Wissenschaft mussten Opfer gebracht werden, leidenschaftliche Opfer. Daran dachte jetzt Rochus. Dieses Mädchen durfte der Zukunft nicht im Weg stehen.

Und der Totenkopf mit seinem wirren Sinn glaubte, alles Schöne vernichten zu müssen. Die Schönheit eines Menschen bereitete ihm fast körperliche Qualen. Nur Judith duldete er als einzige Ausnahme um sich, sie liebte ihn ja. In der Qual des anderen sah er so etwas wie eine Erlösung. Und dabei war er sonst so sanft wie ein Lamm.

An diese leidenschaftlichen Menschen war Julia geraten.

In diesem Augenblick kam die Frau die Treppe hoch. In der Hand hielt sie eine Spritze.

»Was ist das?«

Details

Seiten
900
Jahr
2021
ISBN (ePUB)
9783738954876
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Juli)
Schlagworte
sommer special gruselfälle strand krimis

Autoren

  • Alfred Bekker (Autor:in)

  • Wolf G. Rahn (Autor:in)

  • Cedric Balmore (Autor:in)

  • G. S. Friebel (Autor:in)

  • Franc Helgath (Autor:in)

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Titel: Sommer Special Gruselfälle: 8 Strand Krimis