Lade Inhalt...

Wenn der Hass beißt: Krimi Trio - 3 Romane

2021 225 Seiten

Zusammenfassung

Dieser Band enthält folgende Krimis:

G.S.Friebel: Alarm im Dirnen-Revier

Alfred Bekker: Tiefster Hass

Hans-Jürgen Raben: Der Biss der Kobra

Eine Reihe von Anschlägen auf Kliniken stellt die Ermittler vor ein Rätsel. Stecken radikale Aktivisten dahinter? Als dann das Morden beginnt, müssen die Fahnder umdenken...

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden und Janet Farell.

Leseprobe

Wenn der Hass beißt: Krimi Trio - 3 Romane

Alfred Bekker, G.S.Friebel, Hans-Jürgen Raben

Dieser Band enthält folgende Krimis:


G.S.Friebel: Alarm im Dirnen-Revier

Alfred Bekker: Tiefster Hass

Hans-Jürgen Raben: Der Biss der Kobra



Eine Reihe von Anschlägen auf Kliniken stellt die Ermittler vor ein Rätsel. Stecken radikale Aktivisten dahinter? Als dann das Morden beginnt, müssen die Fahnder umdenken...

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden und Janet Farell.


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author /

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter:

https://twitter.com/BekkerAlfred


Erfahre Neuigkeiten hier:

https://alfred-bekker-autor.business.site/


Zum Blog des Verlags

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!Verlags geht es hier:

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!



Alarm im Dirnen-Revier


von G. S. Friebel


Der Umfang dieses Buchs entspricht 96 Taschenbuchseiten.


Der Regen hatte den Dirnen eine freie Nacht beschert. Sie waren in der Kneipe und tranken zusammen mit ihren Zuhältern. Erst am Morgen schwankten sie zurück in ihre Absteigen, doch auf dem Weg dorthin fanden ein paar von ihnen einen Mann auf der Straße. Als sie ihn umdrehten, sahen sie, dass er tot war. Außerdem war er einer der schlimmsten und gemeinsten Zuhälter, den sie kannten.



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter

https//twitter.com/BekkerAlfred


Zum Blog des Verlags geht es hier

https//cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!



1

Schon am Abend hatte es in Strömen geregnet. Kein Wunder, dass die Tippelmädchen schlecht gelaunt waren. Am Nachmittag hatte noch die helle Sonne geschienen, und man war richtig guter Laune zur Strichstraße gepilgert. Gutes Wetter, das bedeutete viele auswärtige Kunden, vor allen Dingen Touristen. Gegen zwanzig Uhr fing es an, zunächst mit wenigen Tröpfchen. Die Dirnen fluchten nicht schlecht.

»Wie soll ich da mein Soll schaffen, wenn keiner auf der Bildfläche erscheint?«

Murrend standen sie an den Laternen und fauchten sich gegenseitig an.

Das war immer so: War man über irgend etwas wütend oder hatte auch nur schlechte Laune, beschimpfte man gern die Nachbarin, ließ Dampf ab, wie sie das nannten.

»Ist ja nicht so schlimm, da hinten ist schon ein Loch in der Wolke!«

Eine andere Dirne rief dazwischen: »Ich hab den Mond gesehen!«

»Ach, das ist doch alles Augenwischerei! Wetten, dass dieses Hundewetter jetzt erst richtig anfängt?«

Zuerst hatte man standgehalten und sich dem Regen ausgesetzt, als aber die kunstvollsten Frisuren wie aus dem Bade gezogen aussahen, da war es mit der Gemütlichkeit endgültig vorbei.

Ehe man sichs versah, waren plötzlich Schirme zur Stelle. Da stand man nun, frierend, durchnässt und schaute die Straße auf und ab.

Natürlich kamen ein paar Kunden. Ganz ausgestorben war diese Sündenmeile nie. Aber die wenigen, die kamen, hasteten an dem Fußvolk vorbei.

»Lass mich in Ruhe, du nasse Katze, ich will nichts von dir wissen.«

»Hör mal, bei diesem Sauwetter mach ich auch einen Sonderpreis, ehrlich!«

Der Mann lachte rau auf.

»Und ich soll darauf reinfallen? Biste wirklich so behämmert? Dich nehme ich nicht. Ich kenn das! Dann biste in deiner Bude und musst dich erst mal trocken machen, und das geht alles von meiner Zeit ab. Nee, da such ich mir gleich eine Trockene, kapiert?«

»Blöder Kerl! Hau ab, zieh Leine und lass dich nie mehr hier blicken«, schimpfte die Dirne hinter ihm her.

»Wohin der wohl will?«

»Mensch, du hast heute wohl deine Brille vergessen, das ist doch ein Stammkunde!«

Sehnsüchtig blickte man auf die nasse Häuserfront.

»Fenstergirl müsste man sein! Verdammt, dann könnte man so richtig ranklotzen, großes Geld machen. Dann hätte der Macker nichts mehr zu schimpfen. Dann könnte man ihm jeden Wunsch erfüllen.«

»Biste aber nicht!«

»Das weiß ich selbst, das brauchste mir nicht erst unter die Nase zu reiben!«

»Tu ich das? Du hast doch damit angefangen!«

»Die sitzen da in ihren warmen Koberzimmern, diese hochmütigen Weiber, und wissen nicht einmal, wie es ist, hier draußen stehen zu müssen.«

»Ja, ja, aber eines Tages werden sie es auch wissen.«

»Meinste?«

»Bist wohl noch nicht lange auf dem Strich hier, wie?«

»Nee!«

Der Regen wurde noch schlimmer. Hoch spritzte das Wasser in den Pfützen.

»Jede Nutte, die jetzt noch so verdammt vornehm tut, landet eines Tages hier auf dem Strich.«

»Das versteh ich nicht. Die sind doch zum Teil älter als wir. Und ich hab immer gedacht, die Jugend zählt da.«

»Natürlich, aber da musste dir auch den richtigen Macker aussuchen. Wenn er hier nichts zu sagen hat, dann kriegste nie ein Zimmer. Weißte eigentlich, wieviel so eine Bude kostet?«

»Natürlich muss man täglich Miete bezahlen! Das weiß ich auch! So blöd bin ich auch wieder nicht«, war die giftige Antwort,

»Das ist doch nicht alles!«

»Nee?«

»Zuerst musste den Großluden ein Handgeld geben, so an die zwanzig Mille, verstehste! Die müssen erst mal her, sonst darf die gar nicht einziehen. Das muss dann auch noch verdient werden. Weißte, ich möchte in deren Haut nicht stecken, die müssen ganz schön ranbunkern.«

Die kleine Dirne starrte unter dem Regenschirm hervor und hatte böse Gedanken. Ranklotzen, dachte sie ärgerlich, das muss ich doch auch! Und wie! Verflixt, wenn ich heute das Soll nicht schaffe, dann ist er wieder sauer.

»Gehen wir einen trinken?«

»Weiß nicht...«

»Haste gestern Kloppe gekriegt?«

»Woher weißte das denn schon wieder?«, staunte die Kleine.

»Das ist doch nicht schwer: Wenn eine Hure fügsam ist, dann hat es vorher was gesetzt.«

»Die verdammten Hurenböcke«, schimpfte die Kleine, »man sollte sie alle erschießen.«

»Dann fang mit deinem an; tust vielleicht noch ein gutes Werk!«

»Eines Tages werde ich mich rächen!«, sagte sie aufgebracht.

»Die Platte kenne ich, die wird von jeder runtergeleiert. Wetten, dass du es nicht tun wirst? Wetten, dass du vor Angst schlotterst? Du tust alles, er braucht doch nur mit dem Finger zu schnippen.«

»Ach, lass mich doch in Ruhe!«

Die Dirne lächelte verächtlich.

Sie stapfte auf und ab. Da hatte sie heute einen Laternenplatz ergattert und was war? Nichts! Immer ging alles schief.

Sie blickte die Straße entlang. Die Mädchen waren verschwunden. Verdutzt schob sie den Schirm beiseite. Da sah sie jemanden durch die Pfützen springen.

Pickel-Fred!

»Brennt’s?«

»Mensch, ihr sollt reingehen!«

»Wie?«

»Die Luden sitzen im »Karo«. Die haben’s beschlossen. Alle Nutten runter von der Straße.«

»Ehrlich?«

Die Kleine wurde hellwach.

»Die Ware soll nicht rosten. Kommt doch nichts mehr. Also los!«

»Na, das lass ich mir nicht zweimal sagen«, quiekte das Nüttchen auf.

»Dann ab durch die Mitte!«

Sie rannten los, im Zick-Zack-Kurs um die Pfützen herum.

Im »Karo«, der Kaschemme an der Ecke, war schon dicke Luft. War das nicht der Normalzustand?

Im Hinterzimmer saßen die Zuhälter um den grünen Tisch herum. Sie schienen etwas zu beraten. Es ging hoch her. Die anderen Dirnen hockten an der Theke und tranken bereits unmäßig.

»Los, hier ist noch Platz!«

Der Wirt nahm ihnen die Schirme ab.

Zuerst gingen sie zur Toilette und trockneten sich die Haare.

»Mensch, das hab ich auch schon lange nicht mehr ...«

»Was?«

»Eine Nacht anders verbracht, als Freier anzusprechen und so.«

»So ist eben unser Leben. Haste denn schon was eingenommen?«

»Nein.«

»Drüben sitzt dein Macker, hol dir ein paar Mäuse, dann machen wir eine Sause.«

Sie schlängelte sich durch die Reihen und blieb hinter ihrem Zuhälter stehen. Als sie die kleine Dirne bemerkten, schrie man sie an:

»Verschwinde, du hast hier nichts zu suchen! Du stinkst, zisch ab!«

»Aber ...«, stammelte sie.

Ihr Zuhälter drehte sich herum.

»Was willst du?«

»Ich hab kein Geld.«

Er kniff die Lippen zusammen.

Der Großlude sagte: »Gib ihr endlich was, sie muss schließlich essen.«

Widerwillig zog er einen Zwanzigmarkschein aus der Tasche.

»Besauf dich aber nicht!«

Sie umkrallte das Geld, als wäre es ein Vermögen.

»Danke«, stammelte sie.

Sekunden später war sie wütend auf sich selbst. War es nicht eigentlich ihr Geld? Sie schaffte Nacht für Nacht für ihn an, und er gab es mit vollen Händen aus. Er arbeitete nicht, lebte nur von ihrem Hurengeld. Und jetzt musste sie sich auch noch diesen Ton gefallen lassen.

Man war ein armes kleines Luder und sonst gar nichts, in den Augen der Zuhälter ebenso, wie in den Augen der übrigen Welt.

Ein Dreck war man!

Für Sekunden schloss sie die Lider.

Tränen wollten hervorquellen, aber dann sagte sie sich: Es nützt ja doch nichts. Diese Bande macht sich nur noch lustig über mich.

»Mein Gott...«, murmelte sie vor sich hin.

Vorsichtig kletterte sie auf den freien Hocker.

»Haste Zaster?«

Der Wirt hatte von den Zuhältern Order erhalten, nur etwas auszuschenken, wenn die Mädchen Geld besaßen. Anschreiben hatte keine Gültigkeit.

»Ja!«

»Was willste?«

»Kannste mir ’nen Glühwein machen?«

Der Wirt starrte sie überrascht an.

»Wie?«

»Kennste das nicht?«

»Schon, natürlich! Aber so was wird hier nie verlangt.«

»Bitte«, sagte sie leise.

Von den anderen Dirnen wurde sie gar nicht beachtet.

»Ich sag in der Küche Bescheid.«

Sie starrte in das trübe Licht. Das Leben war schon merkwürdig. Überall wurde sie nur Trine genannt, und dabei war ihr richtiger Name Sabine! Ein Wort wie Sahne, es zerging auf der Zunge.

Das dampfende Gebräu wurde gebracht.

Ihre klammen Finger umschlossen das Glas.

Erinnerungen kamen. Zu Hause hatten sie im Winter oft Glühwein selbst gemacht. Als sie noch ganz jung gewesen war, hatte sie am Glas der Mutter nur nippen dürfen, dabei war ihr immer ganz warm geworden. So wie jetzt...

In den Zehen begann es zu kribbeln.

Die junge Dirne bekam blanke Augen.

Die anderen schienen sich über irgend etwas zu streiten. Es wurde recht laut. Zwei von ihnen wurden sogar handgreiflich. Die eine zog die andere vom Hocker, und dann war schon eine Schlägerei im Gange. Die übrigen Geldmädchen standen daneben und feuerten sie auch noch an.

Der Wirt schlug mit einem Schuh auf die Theke.

»Ruhe!«, rief er.

Die Dirnen ließen sich dadurch jedoch nicht stören.

Sabine sah die verbissenen Gesichter der beiden. Es war ihnen bitterernst. Die eine war furchtbar wütend. Ein leichter Schauer lief ihr über den Rücken.

Instinktiv zog sie die Schultern hoch. Sie hatte entsetzliche Angst vor Schlägen.

Schläge!

Jetzt kamen die Tränen doch.

Mit Sicherheit wäre sie in eine Art sentimentalen Traum verfallen. Doch da erschienen zwei Zuhälter und rissen ihre Mädchen auseinander. Ein jeder schlug seine Dirne ein paarmal hart ins Gesicht.

Sie kreischten auf.

»Wenn das noch mal passiert, dann werfen wir euch raus! Und dann könnt ihr drei Tage und Nächte stehen, ist das klar?«

Einem Mädchen blutete die Nase.

Zwei andere Dirnen nahmen sie und gingen mit ihr zur Toilette.

Die andere schaute sich triumphierend um.

»Worum ging es eigentlich?«, fragte Sabine ihre Nachbarin.

»Haste das nicht mitbekommen?«

»Nein.«

»Transuse, du, na schön, die Ella behauptet, Helga hätte sie beklaut.«

»Stimmt das denn?«

Sie zuckte die Schulter.

»Kann sie es denn nachweisen?«

»Mensch, das ist doch nicht mein Bier! Verdammt, was für ein Gebräu trinkst du da eigentlich?«

»Glühwein.«

»Hab ich noch nie getrunken. Ist das gut?«

»Das macht schön warm.«

»Ein Argument, das sich hören lassen kann. Mir ist verdammt kalt in den Knochen.«

Ella drehte sich zu ihr herum und blickte sie hämisch an. »Kein Wunder, ich sag doch schon lange, du hast dir was eingeheimst.«

»Was sagst du da, du alte Giftnatter!«, schrie die Dirne empört auf.

»Nur die Wahrheit!«, rief Ella zurück.

Ellas Zuhälter stand noch an der Theke, er hatte alles gehört. Jetzt war er wirklich wütend. Ehe sichs die Dirne versah, bekam sie einen Tritt und wurde nach draußen befördert.

Gleich darauf steckte sie den Kopf wieder durch die Tür.

»Es regnet noch immer!«

»Um so besser, du versoffene Hure, dann kühlst du schneller ab!«

Thekla regte sich noch immer auf.

»Das ist nicht wahr! Verdammt, ich geh immer regelmäßig zum Bockdoktor, jeder weiss das hier!«

Sie wandte sich an Sabine.

»Du bist doch das letzte Mal mitgekommen! Sag es ihnen, los sag es ihnen! Wir zwei sind zusammen losgezogen, wegen dem frischen Bockschein.«

Sabine nahm vorsichtig einen Schluck, dann runzelte sie die Stirn.

»Thekla, ich kann mich nicht daran erinnern. Ich denke schon die ganze Zeit nach, ehrlich.«

»Du verdammtes Stück, sag bloß nicht, dass ich dir noch mal helfen soll!«

Die kleine Dirne dachte: Ich habe mir noch nie von ihr helfen lassen. Warum ist sie eigentlich so empört?

Sie sah sie von der Seite an.

Thekla hatte sich beruhigt, als sie merkte, dass niemand mehr Notiz von ihr nahm.

»Bring mir auch einen Glühwein«, sagte sie mürrisch zum Wirt.

»Ja, es dauert aber einen Augenblick.«

Sabine lehnte sich an die Wand und ließ das heiße Gebräu in kleinen Schlückchen in sich hinunterlaufen.

Mein Gott, ich bin schon soweit, dass ich mich betrinken muss, um mich ein wenig glücklich zu fühlen.

Der Regen klatschte gegen die Scheiben. Sie hatte schon einen heißen Kopf, sie sass im Trockenen. Eigentlich war das Leben doch gar nicht so schlecht.

Die Stimmen umbrandeten sie wie eine Meeresbucht! Wenn sie die Augen schloss, konnte sie sich tatsächlich einbilden, sie befände sich am Meer.

Schmeckte sie nicht das Salz auf den Lippen? Ihr Haar wurde vom Wind zerzaust.

Beinahe wäre sie vom Hocker gefallen, als jemand vorbeikam und sie anstieß.

Unwillig öffnete sie die Augen.

Jetzt spürte sie die Müdigkeit in ihren Gliedern.

Warum bin ich eigentlich noch hier? Ich kann ja nach Hause gehen, mich ins Bett legen und pennen. Schon lange habe ich keine Nacht mehr durchschlafen können. Jetzt ist es doch erst zweiundzwanzig Uhr!

So viele Stunden Schlaf hatte sie vor sich!

Sie empfand das wie ein kostbares Geschenk.

»Bring noch einen Glühwein, und dann gehe ich.«

»Du bist ja schon blau wie ein Veilchen!«

»Ich mach keinen Ärger.«

Der Wirt sah sie aus schrägen Augen an. »Ich kenne dich noch nicht lange genug.«

»Ehrlich!«

»Haste noch Geld?«

»Hier.«

»Sollst dir lieber was zu essen bestellen, bist ja dünn wie ’ne streunende Katze.«

Erst als der Wirt davon sprach, spürte sie den nagenden Hunger. Der heiße Rotwein hatte die Magennerven für eine Weile lahmgelegt.

»Kann ich denn noch was kriegen?«

»Klar, was willste?«

»Ist mir egal. Bring mir irgend etwas.«

»Sag mal, du nimmst doch nicht Rauschgift?«

Sie fuhr hoch.

»Wie kommste denn darauf?«, fauchte sie ihn an.

»Wie du dich verhältst, da muss man sich doch Gedanken machen. Dir ist wohl alles scheißegal, wie?«

»Du errätst auch alles.«

Der Wirt zuckte die Schultern. Er war hier schon so lange, und schon so viele verkorkste Mädchen hatten auf diesen Hockern vor ihm gesessen, da kam es auf ein paar mehr oder weniger nicht mehr an.

»Ist dein Leben; du musst wissen, was du damit machst. Aber verdammt, du bist noch sehr jung. Ich würd mich doch aufraffen, Mädchen.«

Sie wischte sich mit einer fahrigen Handbewegung das Haar aus dem Gesicht.

»Ist doch egal, irgendwann wird es mich erwischen. Ich komm nicht mehr zurück. Das weiß ich schon lange.«

»Zuerst könnt ihr den Rand nie voll genug bekommen, hört nicht auf Lehrer und Eltern, und dann habt ihr nicht mal mehr Mumm, euch aufzulehnen. Ich möchte bloss mal wissen, was für eine Brut wir uns da heranzüchten.

Ich bin ja schon still, geh schon in die Küche und bestell dein Essen.«

Sabine starrte in ihr leeres Glas.

Im Hinterzimmer ging es laut zu, aber sie kümmerte sich nicht darum.

Die Dirne dachte: Wenn ich noch mal auf die Welt komme, dann werde ich Zuhälter, das ist schon mal klar; dann werde ich mich an allen rächen.

Das Essen wurde gebracht, und sie schlang es gierig hinunter. So gut wie an diesem Abend hatte sie es schon lange nicht mehr gehabt.

»Danke«, sagte sie müde.

»Penn dich mal gründlich aus, dann haste morgen wieder klare Gedanken.«

»Werd ich machen!«

Sie rutschte vom Hocker, schenkte dem Wirt ein kleines Lächeln, öffnete die Schwingtür und war auch schon verschwunden.



2

Wie gesagt, der Regen und der Sturm hatten die ganze Nacht getobt. Nicht einmal einen Hund mochte man bei diesem Wetter vor die Tür jagen.

Im »Karo« ging es noch hoch her. Die anderen Dirnen dachten gar nicht daran, zeitig schlafen zu gehen. Ein paar Luden waren so betrunken, dass sie spendabel eine Runde nach der anderen zahlten. Davon profitierten sogar die kleinen käuflichen Mädchen.

Nicht eine Stardirne war in dieser Nacht im »Karo« zu sehen. Aber eigentlich waren sie auch sonst nicht häufig hier anzutreffen. In ihrer Vornehmheit suchten sie sich bessere Lokale aus. Es roch ihnen hier nicht gut genug.

Der Morgen graute schon über den Dächern. In der Ferne hörte man den Müllwagen die Straßen entlangrumpeln. Bald würde er auch dieses Viertel erreicht haben.

»Jetzt ist Schluss! Ich will noch ein paar Stündchen Schlaf abbekommen, und die Atagirls sind auch bald zur Stelle«, sagte der Wirt.

»Wie spät ist es denn?«

»Gleich fünf!«

»Mann, das war aber eine Nacht«, grölte Thekla und hakte eine Dirne unter, die sie sonst nicht einmal ansprach. Alkohol verbindet.

Sie stolperten aus der Kneipe und gingen über die Strichstraße. Vielmehr wollten sie das tun, denn dahinter befanden sich die wirklichen Absteigen dieser armen Mädchen, die sich schon auf dem Absägeast befanden.

Doch mitten auf der Strichstraße hielt die Gruppe an, und die ersten Mädchen starrten auf eine bestimmte Stelle.

»Habt ihr schon mal so was Verrücktes gesehen? Mitten in der dicksten Pfütze liegt ein Besoffener.«

»Der bildet sich ein, daheim bei Mami im Bett zu liegen«, kicherte Helga.

»Vielleicht sollten wir ihn filzen? Das wär doch was!

Sie umstanden das dunkle Bündel Mensch und plapperten drauflos.

»Der muss aber verdammt besoffen sein, dass er das nicht merkt«, meinte eine.

»Mensch«, sagte Thekla und besah sich den Kerl näher, »der liegt mit dem Gesicht im Wasser!«

»Vielleicht ist er Tieftaucher.«

»Halt doch die Klappe!«

»Wir müssen ihn umdrehen, der ersäuft sonst noch!«

»In einer Regenpfütze? Geh, das gibt’s doch nicht!«

»Natürlich gibt’s das. Ich hab mal gesehen, wie sie einen im Wein ersäuft haben.«

»Was?«

»Du lügst.«

»Ich lüge nicht!«, kreischte Helga laut. »Nein, das ist Wahrheit!«

»Dann haben sie ihn in einen tiefen Bottich geworfen?«

»Quatsch! Nee, die haben ihn gefesselt und dann so viel von dem Zeug in den Kerl gekippt, da ist er ersoffen. Die Leber hat nicht mitgespielt.«

Den Dirnen lief ein Frösteln über die Haut.

»Wir müssen den Kerl rumdrehen, bevor es zu spät ist.«

»Bei dem Lärm hätte ein Toter schon aufwachen müssen«, murrte Thekla.

Keines der Mädchen hatte Lust, den fremden Mann anzufassen. Seine Kleidung war nur noch ein nasses Knäuel. Aber die Schuhe waren fesch und teuer.

Helga wollte sich mal wieder hervorkehren und bückte sich. Ihre Finger krallten sich in den Stoff und rissen dann an dem Mann. Nur zögernd legte er sich auf den Rücken. Klatschend fielen die Arme zu beiden Seiten auseinander.

Mit weit aufgerissenen Augen starrten die Dirnen darauf nieder.

Die gebrochenen Augen des Mannes waren ebenfalls weit aufgerissen. Sie schienen die Mädchen durch den schwachen Nieselregen anzustarren.

Die Dirnen schrien auf.

Thekla erhob sich ächzend.

»Das ist doch Klunker-Emil«, keuchte sie.

Ein toter Zuhälter!

Wehrlos den Dirnen ausgeliefert! Er lag zwischen ihnen und rührte sich nicht mehr.

Einer der schärfsten und gemeinsten Kerle von der Straße. Er hatte immer das ganz große Sagen. Nie konnte er genug kriegen. Keine Dirne wusste genau, wie weit sein Reich ging. Aber man munkelte, dass er auch in anderen Städten Mädchen laufen hatte.

Sie nannten ihn Klunker-Emil, weil immer viele Goldketten vor seinem Bauch klimperten. Und dann erst sein schwerer Goldring!

Die Kopfhaut der Mädchen zog sich zusammen. Helga hatte das Gefühl, sich übergeben zu müssen.

»Ist er wirklich ersoffen?«

Dichtgedrängt umstanden die Mädchen den Toten in der Gosse. Plötzlich machte sich die aufgestaute Wut vieler Jahre frei. Hier hatten sie einen Peiniger, an dem sie sich rächen konnten. Er war sozusagen Ersatz für all die anderen Zuhälter, deren Brutalität sie sich fügen mussten.

Zuerst stieß man den Toten zögernd an, dann begannen die Dirnen zu schreien.

»Dieses Satansluder, man sollte es ihm jetzt noch geben! Man sollte ...«

Helga kam als erste zur Vernunft.

»Mensch, hört auf, sonst machen die uns noch dafür verantwortlich.«

Sofort traten sie zurück.

»Aber wir haben ihn doch nur gefunden, weiter nichts! Wir wollten doch sogar helfen!«

Atemlos blickten sie sich gegenseitig an. Jeder sollte für den anderen Zeuge spielen.

»Ist er nicht der Lude von dieser Pute?«

Einstimmiges Nicken.

»Meinste nicht, dass wir der Bescheid sagen müssten? Die müsste es doch zuerst erfahren.«

»Und die Bullen?«

»Mensch, der ist doch schon kalt! Die können warten.«

»Vielleicht sollten wir warten, bis die Müllabfuhr dagewesen ist. Vielleicht nimmt sie den Dreckskerl mit?«

Helles Gelächter erklang durch die regennasse Straße.

Alle Fenster waren geschlossen. Nichts regte sich. Nicht einmal die Puffwirte waren wach. Also war es für alle eine sehr schlechte Nacht gewesen.

»Los, eine muss die Tülle holen!«

»Wir anderen bleiben zurück, falls er die Absicht hat, zu türmen!«

Wieder lachten einige auf.

Thekla und Helga machten sich auf den Weg.

»Jetzt gibt es Leben, darauf hab ich schon sehr lange gewartet.«

»Wie meinste das?«

»Wenn die Bullen kommen, dann ist der Teufel los. Die müssen doch alles untersuchen, und dann können wir nicht stehen, verstanden? Kein Freier wagt sich auf eine Strichstraße, in der es nur so von Bullen wimmelt.«

»Wieder keine Einnahme?«

»Wen juckt das denn? Uns doch nicht! Wir müssen doch den Zaster sowieso abliefern. Schade, es müsste alle paar Tage was passieren, wir könnten dann die ganze Zeit im »Karo« sitzen, uns volllaufen lassen und hätten eine gemütliche Zeit.«

»Und unsere Macker?«

»Wenn die das erst mal erfahren, dann sind sie ganz kusch, Mädchen.«

Helga blieb stehen.

»Haste schon darüber nachgedacht?«

»Was?«

»Na, wer den auf dem Gewissen hat!«

»Wieso? War das denn nicht ein Unfall?«

Höhnisch lachte die andere auf.

»So naiv kannst auch nur du sein!«

Sie hatten das erste Haus erreicht. Auch hier waren die Vorhänge noch zugezogen.

»Ob sie noch da ist? Sie soll eine verdammt tolle Wohnung in der Stadt besitzen, hab ich mir sagen lassen.«

»Wieso eigentlich die? Ich dachte, wir kriegen nie in einer anständigen Gegend eine Bude?«

»Geld, Schätzchen, auch hier zählt Geld.«

Thekla rümpfte die Nase.

»Los, gehn wir mal rein.«

Der Puffwirt war noch nicht zur Stelle, aber er hatte die Tür bereits für die Putzfrau geöffnet. Die beiden Dirnen stiegen die Treppe hinauf. Es war das erste Mal, dass sie in so eine Nobelabsteige hineinkamen. Natürlich sogen sie gierig alles in sich auf. Neid glomm in ihren Augen.

Unten an der Tafel hatten sie gelesen, wo die Stardirne zu finden war.

Jetzt standen sie vor deren Tür und klopften beide laut gegen das Holz.

»Verdammt, zieht Leine«, rief es von innen, »ich bin noch hundemüde! Zischt ab, ich steh erst in vier Stunden auf.«

»Es ist etwas Schreckliches passiert. Wir müssen dich unbedingt sprechen.«

Stille.

»Ist das wahr?«

»Klar!«

Jasmin, so wurde die Stardirne genannt, schaute neben sich. Der Mann war noch immer da. Nun gut, sie würde die Tür nur einen Spalt öffnen, dann konnte man ihn nicht erkennen.

Als sie den blonden Haarschopf hinausstreckte, sahen die beiden Dirnen natürlich, dass sie nicht allein im Bett gelegen hatte. Beide dachten zugleich: Solche Kunden müsste man haben, mit denen man eine ganze Nacht verbringen kann. Da würde die Arbeit noch Spaß machen.

Jasmin starrte die Tippelmädchen an.

»Muss ich euch kennen?«

Thekla spielte die Unterwürfige.

»Wir stehen auch in dieser Straße.«

»Biste gekommen, um dich vorzustellen?«, sagte sie giftig.

»Nein, ich hab gedacht, es würd dich vielleicht interessieren, dass dein Macker unten in der Gosse liegt.«

»Welcher Macker?«

»Dein Loddel natürlich!«

Jasmin lachte hell auf.

»Deswegen habt ihr mich geweckt?«

»Ja!«

»Er kann dort liegen, bis er krepiert; dafür bin ich nicht zuständig. Und ich sage euch, ihr habt mir nicht Bescheid gesagt, ist das klar!«

Helga schluckte, dann sagte sie trocken: »Brauchst nicht mehr drauf zu warten, er ist schon tot.«

Die Augen der Stardirne verengten sich zu zwei schmalen Spalten.

»Was sagst du da?«

»Meinste, wir sind gekommen, um dir nur zu verkünden, dass er besoffen im Rinnstein liegt? Er ist mausetot!«

Jasmin wurde um ein paar Grade blasser.

»Sein Leben hat man ausgepustet.«

»Habt ihr schon die Bullen verständigt?«

»Nein, wir haben gedacht, das wär deine Sache. Wir haben ihn nur gefunden.«

»Wartet ein paar Sekunden, bis ich mich angezogen habe, dann komm ich mit.«

Helga grinste sie an.

»Willste den Macker da nicht rauswerfen?«

»Der findet schon allein raus. Ich bin sofort wieder da.«

Die Tür fiel zu.

Thekla lehnte sich an die Wand.

Der Puffwirt kam die Treppe herauf, weil er Stimmen gehört hatte. Verdutzt blieb er stehen und wandte sein schwammiges Gesicht den beiden Bordsteinschwalben zu.

»Ja, in des Teufels Namen, euch werde ich Beine machen! Was sind das denn für neue Methoden, euch hier reinzuschleichen! Werdet ihr wohl sofort verschwinden!«

Thekla machte: »Püh, hören wir doch nicht auf den!«

»Ihr Armutskrampen, ich werde euch schon zeigen, wer hier das Sagen hat!«

Helga sagte: »Gleich platzt er vor Wut, sagen wir ihm also gleich, dass wir auf das Handelsklasse-A-Mädchen warten.«

»Was tut ihr?«

»Wir haben was auszurichten!« Dann setzte sie lachend hinzu: »Von ihrem Seibelheini, Gepäckträger!«

»Ihrem Luden?«

»Du bist aber ein schlaues Köpfchen«, höhnte Thekla.

Er kratzte sich am Kopf.

»Warum habt ihr das nicht gleich gesagt? Wie kommt ihr überhaupt hier rein?«

»Durch die Tür, ganz einfach!«

Jetzt öffnete sich die Apartmenttür, und Jasmin erschien.

Sie blickte den Puffwirt an.

»Ist schon in Ordnung.«

»Du gehst weg? Aber du hast noch nicht die Miete bezahlt!«

»Bin ich dir je etwas schuldig geblieben?«

Er zog die Schultern ein.

»Kommt, Mädchen!«

Thekla war in Hochstimmung. So müsste man alle Kerle angehen, dachte sie neidisch.

Unten auf der Straße sah sie schon die Gruppe der Bordsteinschwalben.

»Da hinten liegt er.«

Jasmin trug eine schwarze Hose und einen dunklen Pulli. Federnd lief sie auf die Gruppe zu; sofort bildete man eine Gasse.

So stand die Dirne gleich darauf vor ihrem toten Zuhälter.

Zuerst regte sich nichts in ihrem Gesicht.

Die Augen der Straßendirnen hefteten sich an ihrem Gesicht fest und sogen gierig jede Reaktion in sich auf.

Jasmin stand starr vor Erbitterung!

Niemand verstand, wie sie im Augenblick fühlte. Es war auch sehr schwer zu beschreiben.

Sie starrte auf die tote Hülle ihres Luden hinab und biss sich auf die Lippen.

Dieser mächtige Hundesohn, dachte sie verächtlich. Was hat er mich gequält und unter Druck gesetzt, all die vielen langen Jahre mich ausgesaugt wie eine Zitrone. Und nun liegt er in der Gosse!

Wie die niedrigste Dirne.

Sie lachte!

»Willste nicht die Klamotten an dich nehmen?«

Das Lachen erstickte ihr in der Kehle.

»Welche Klamotten?«

»Nun, seinen Zaster, seine Ringe, sieh doch mal!«

Jasmin, die Hochschulnutte, wie sie auch von ihren Kolleginnen genannt wurde, beugte sich nieder.

»Er hat tatsächlich noch seine Ketten und Ringe!«

»Er hat ja die ganze Zeit auf dem Bauch gelegen. Der Kerl ist wohl ersoffen.«

Jasmin kniete sich nieder. Die Dirnen schauten nur ausdruckslos zu.

Mit geschickten Fingern streifte sie die Ringe ab. Dabei erschauerte sie ein wenig. Dann schluckte sie, als sie den schweren, scharfkantigen Diamanten in Händen hielt.

Wie oft hat er mir damit bedroht, mir das Gesicht zu zerschlagen, wie oft!

Sekundenlang war ihr übel. Sie presste die Lippen zusammen.

»Hat jemand einen Schluck für mich?«

»Nee«, sagte Helga.

Sie öffnete die Augen, mied aber den starren Blick des toten Zuhälters.

Dann öffnete sie die Jacke. Sie wusste genau, wo er sein Geld aufbewahrte. Erst jetzt bemerkten sie den dunklen Fleck.

Hörbar sogen die Dirnen den Atem ein.

»Da ist ja Blut!«

»Das seh ich auch!«

Da hörten sie Schritte auf der Strichstraße.

»Beeil dich!«

Wie eine Schlange zuckte ihre Hand unter die Jacke, und da hatte sie auch schon die prallgefüllte Brieftasche. Sie erhob sich und lächelte grimmig.

»Mensch...«, flüsterte Helga ehrfürchtig.

Jasmin schaute die vier Dirnen der Reihe nach an, dann nahm sie ein Bündel Geld aus der Brieftasche und reichte es Thekla.

»Verteile es. Das ist für eure Gefälligkeit!«

»Bist du närrisch?«

»Nimm!«

Schritte hallten von der Häuserfront zurück.

»Das beste ist, wenn wir alle so schnell wie möglich verschwinden. Sonst kriegen wir nur Ärger.«

Und fort liefen sie alle.

Jasmin, geschmeidig wie eine Dschungelkatze, sprang über einen Zaun, erreichte das Haus vom Hintereingang her und war wenige Sekunden später im Treppenhaus. Hier stieß sie mit dem Pfuffwirt zusammen.

»Hör zu, Kalle, wenn dir dein Leben lieb ist, dann hast du mich nicht fortgehen sehen, verstanden!«

»Klar, aber warum?«

»Schweig, ist besser für dein Herz. Dir könnte sonst ein Unfall zustoßen.«

Er zog den Kopf zwischen die schwammigen Schultern.

»Ich meine, ich will es doch nur wissen, damit ich mich nicht verspreche.«

»Wenn du nix weißt, kannste auch nichts verraten!«

Der spendable Freier war zu dieser Zeit aus ihrem Zimmer verschwunden.



3

Die Schritte auf der Strichstraße vermieden die größten Wasserlachen.

»Die könnten hier auch mal eine neue Straßendecke ziehen. Schau dir mal meine Schuhe an«, schimpfte der Schutzbeamte, an seinen Kollegen gewandt.

»Das haste doch alles gewusst, und trotzdem haste dich zu uns versetzen lassen.«

»Auf dem Lande setzt man doch Moos an. Ehrlich!«

»Komm, wir drehen um.«

»Warte mal, ich hab doch was gehört!«

»Du bist gut! Natürlich hört man hier immer was. Wir sind doch nicht auf dem Mond.«

»Da läuft jemand, viele laufen, warum?«

»Weil sie es eilig haben.«

»Schauen wir doch mal um die Ecke, vielleicht sehen wir sie dann noch!«

Sie beeilten sich.

»Da hinten liegt etwas auf der Straße!«

»Ein Kleiderbündel.«

Unentschlossen blieben sie stehen, dann sahen sie eine alte Putzfrau um die Ecke gehen. Die blieb vor dem Bündel stehen und schrie plötzlich auf.

Die beiden Polizisten rannten los.

Die Alte schrie noch immer, als sie angekommen waren.

Jetzt sahen sie auch den Toten und schluckten. Der Anblick war ekelerregend.

»Mensch, ist das nicht Klunker-Emil?«

»Ganz recht.«

»Da wird sich aber die Sittenpolizei freuen!«

»Hör auf zu schreien.«

»Ist der wirklich tot?«

»Klar!«

Die Alte zitterte. Der Polizist musste sie stützen. »Geh jetzt.«

Auf wackeligen Beinen entfernte sie sich.

Es würde jetzt nicht mehr lange dauern, bis die ganze Straße Bescheid wusste.

»Geh zur nächsten Kneipe und ruf an, ich sichere inzwischen den Tatort. Beeil dich aber!«

»Haste Schiss?«

»Nein, aber in diesem Viertel dürfen wir uns nur zu zweit aufhalten. Vorschrift!«

»Warum?«

»Wirste schon noch alles merken, Kleiner. Aber jetzt beeil dich.«

Die schweren Polizeistiefel achteten jetzt nicht mehr auf die Pfützen.

An der Ecke stieß er mit dem Wirt des »Karo« zusammen.

»Ich muss telefonieren.«

»Muss das sein?«

»Wir haben einen Toten gefunden.«

»Wen?«, fragte der Wirt neugierig.

»Klunker-Emil.«

»Ist das wahr?«

» Ja!«

»Verdammt, der schuldet mir noch eine Latte Geld.«

Der Polizist stand bereits am Telefon. Man verprach ihm, sofort zu kommen.

Er ging zurück.

»Sie kommen gleich.«

Die Zigarette war noch nicht aufgeraucht, da hörten sie auch schon die Sirenen. Jetzt endlich wurde es lebendig in der Strichstraße.

Der Karowirt stand in der Nähe und sah zu. Überall flogen die Fenster auf, und die Dirnchen blickten interessiert auf die Straße. Wie ein Lauffeuer ging die Nachricht von Fenster zu Fenster.

Keine war traurig, im Gegenteil!

Kommissar Kelter starrte den toten Zuhälter an.

»Auf den war ich schon lange scharf, aber lebend, verdammt, jetzt kann ich ihn nicht mehr zur Rechenschaft ziehen.«

»Jetzt können wir die Akte schließen.«

Der Spurendienst war ebenfalls schon zur Stelle. Jeder wusste, was zu tun war.

Kelter stand ein wenig abseits und verhörte die beiden Streifenbeamten. Sein Mitarbeiter, Herr Braun, stand dabei und schrieb alles auf.

»Was mich an der Sache ärgert, ist, dass wir gezwungen sind, seinen Mörder zu suchen.«

»Das ist unsere Pflicht!«

»Gewiss«, bestätigte er müde.

Der Polizeiarzt gab nach einer ersten Untersuchung an, dass der Tote mit Sicherheit schon seit fünf Stunden dort liege.

»Wann bekomme ich den Bericht?«

»Morgen früh.«

»Geht es nicht schneller?«

»Nein, beim besten Willen nicht.«

»Nun gut, dann fangen wir mal mit der Kleinarbeit an. Was meinst du, Braun, welches Haus nehmen wir uns zuerst vor?«

»Sollten wir uns nicht zunächst einmal die anderen Zuhälter vorknöpfen? Ich meine, vielleicht können die uns mehr sagen? Zumindest muss einer ihn zuletzt gesehen haben.«

»Man hat kein Geld bei ihm gefunden, auch keine anderen Schmuckgegenstände. Er war doch immer übersät damit. Daher auch sein Spitzname.«

»Nichts!«

»Also Raubmord. Tja ...«

Als Kommissar Kelter sich umwandte, fiel sein Blick auf den Karowirt.

»Bleiben Sie mal stehen!«

Vorsichtig drehte der Mann sich herum.

»Ich weiß nichts, ich habe nichts gesehen.«

»Diese Platte ist uralt. Die will ich nicht hören. Aber ich frage etwas ganz anderes.«

»Ja?«

»Kennst du die Luden dieses Viertels?«

»Natürlich.«

»Wer kann sie zusammentrommeln?«

»Pickel-Fred.«

»Ach der! Den kenne ich ja auch.«

»Sie finden ihn bei Alfons.«

»Gut, wir gehen dann gleich in den Laden und verhören sie dort.«

»Aber, Herr Kommissar, ich will nach Hause. Ich bin hundemüde. War die ganze Nacht auf den Beinen. Das können Sie mir nicht antun.«

»Freund und Kupferstecher, was glaubst du, wie dankbar dir die Luden und die kleinen Mädchen sein werden, wenn ich so nett bin, sie hier zu vernehmen. Ich könnte ja auch sagen, sie sollten ins Polizeipräsidium kommen, alle. Du weißt doch selbst, welch einen Horror sie davor haben, meinen Laden zu betreten. Es ist doch auch gar kein Verlust für dich.«

Der Wirt biss sich auf die Lippen. Er allein wusste, wie wichtig es war, sich mit den Luden gut zu stehen. Das zahlte sich immer wieder aus.

»Nun, von mir aus.«

»Kannst du uns einen anständigen Kaffee brauen? Auch wir sind Menschen. Übrigens, mein Kollege und ich, wir hatten auch die ganze Nacht Dienst.«

»Natürlich kann ich Kaffee machen.«

Ein Beamter wurde ausgeschickt, Pickel-Fred zu suchen. Als dieser dann endlich erschien, saß Kelter am Tisch und machte sich mit Kaffee munter. Die Müdigkeit steckte ihm in allen Gliedern. Er wäre jetzt gern heimgefahren, hätte sich gebadet und umgezogen. Doch daran war jetzt nicht zu denken. Ein Mord im Strichviertel, da musste man sich beeilen, die Spuren wurden sehr schnell kalt.

Was ihn am meisten verblüffte, war die Tatsache, dass der tote Zuhälter fünf Stunden an dieser Stelle gelegen hatte.

»Und das will keiner bemerkt haben? Das gibt es doch nicht! Das kann mir keiner vormachen!«

»Das Wetter«, sagte der Wirt. »Damit die Mädchen nicht Rost ansetzen oder die Schwindsucht bekommen, haben die Luden sie eingezogen. Keine war in der Nacht auf der Straße, das kann ich sogar beschwören.«

»Das ist interessant«, sagte der Kommissar. »Das erleichtert ja die Sache. Da müsste man den Mörder eigentlich ziemlich schnell finden.«

»Vielleicht.«

Pickel-Fred stand beklommen vor dem Kommissar.

»Du kriegst einen Blauen, wenn du innerhalb einer Stunde alle Luden zusammentrommelst. «

»Fünf Mann, das ist viel.«

»Sonst bist du doch immer so schnell.«

»Worum geht es denn?«

»Mord«, sagte der Kommissar fröhlich. »Das wird die Burschen anheizen.«

»Verdammt, wer ist denn umgebracht worden?«

»Das, mein Süßer, wirst du sehr schnell bemerken. Denjenigen, den du nicht antriffst, der befindet sich bereits im Leichenschauhaus.«

Dem Strichjungen lief eine Gänsehaut über den Rücken.

»Ich weiß nichts«, lispelte er, »gar nichts.«

»Aber sicher!«

Eilig lief Pickel-Fred davon.

Inzwischen ging draußen auf der Strichstraße das Leben weiter. Man reinigte die Lokale, frisches Bier und Lebensmittel wurden herangekarrt. Nachdem die Sensation allgemein bekannt war, legten sich die Dirnen wieder schlafen.

Genau fünfzig Minuten später erschien Pickel-Fred bei Emil, vielmehr bei dem Freund, der mit ihm zusammenlebte.

»Was willst du von ihm?«, wurde er argwöhnisch gefragt.

»Kommissar Kelter schickt mich, Mord! Ihr sollt alle in der Karo-Bar erscheinen.«

»Was? Wer ist denn umgebracht worden?«

»Weiß ich nicht.«

»Verdammt, ich weiß nicht, wo Emil steckt. Er ist noch nicht zurück.«

Pickel-Fred riss die Augen auf.

»Dann ist er es!«

»Was sagst du da?«

»Der Kommissar hat gesagt: Derjenige, den du nicht antriffst, der ist es.«

»Verflucht, der hat schwarzen Humor!«

»Kommste jetzt?«

»Ja, natürlich.«

Als er die Tür schloss, schließlich musste er sich erst noch ankleiden, dachte Emils Gehilfe fieberhaft nach. Entweder war das nur Bluff, und man wollte ihm eine Falle stellen, oder aber,

Emil war tatsächlich tot, hatte dran glauben müssen.

Er biss sich auf die Lippen.

Eine Falle, das würde bedeuten, es konnte ihn den Kragen kosten, wenn er nicht hinging.

Reich konnte er werden, wenn der Boss wirklich tot war und er nicht zum Kommissar ging, sondern alles jetzt sofort zusammenraffte und damit verschwand.

Das war eine heikle Situation.

War er aber nicht tot, würde man ihn bis ans Ende der Welt verfolgen. Er wollte nicht gevierteilt werden.

»Verflucht, ich hätte ihn besser ausfragen müssen«, knurrte er vor sich hin.

Dann kam ihm eine Idee: Wenn er tot ist, wenn ich es also sicher weiß, dann kann ich noch immer sofort zurückgehen und mit den Sachen verschwinden.

Ein vielsagender Blick traf den Tresor.



4

Die Luft in der Bar war stickig. Der Karowirt war jetzt wieder in Hochform.

Alle verlangten sofort ein Frühstück.

Die Zuhälter standen gelangweilt an der Theke. Man musste immer einen harmlosen Eindruck machen, wenn der Kommissar in der Nähe war. Sie wussten, das war ein scharfer, unbestechlicher Mann.

Bis jetzt kannten sie die Wahrheit noch nicht.

Pickel-Fred stieß die Tür auf.

»Na, kommt er?«

»Bruno will kommen, Emil ist noch nicht da!«

Kelter lächelte träge.

»Das Geld haste dir redlich verdient.«

Fred stürzte zum Tresen und verlangte ein großes Bier. Verächtlich blickten die Zuhälter den Strichjungen an. Gewöhnlich durfte er sich nicht in Tuchfühlung mit den großen Luden aufhalten. Aber in Gegenwart des Kommissars konnten sie ihn schlecht hinauswerfen.

Bruno betrat die Bar, elegant wie immer!

»Kommt Emil?«, fragte einer der Anwesenden.

Der Kommissar meinte grinsend: »Da ist ja das Kaffeekränzchen beisammen! Dann gehen wir mal alle hübsch ins Hinterzimmer, wo es noch gemütlicher ist.«

Als der Wirt wieder Kaffee brachte, sollte er gleich im Zimmer bleiben.

Bruno regte sich noch immer auf.

»Ohne Emil habe ich keine Vollmacht.«

»Ja, das glaube ich dir«, sagte Kelter. »Aber auf den brauchen wir nicht mehr zu warten.«

»Waaas?«

»Er liegt im Leichenschauhaus und rührt sich nicht mehr.«

Bruno sprang auf.

»Das ist eine Lüge!«

»Habe ich euch je belogen?«

Die vier Zuhälter und Bruno, als Vertreter für Emil, starrten den Kommissar an.

»Verdammt...«, murmelte Bruno endlich.

Der Kommissar konnte sich schon denken, was in dem Halunken vorging.

Lächelnd sagte er: »Du brauchst nicht wie auf heißen Kohlen dazusitzen, Bruno. Im Augenblick wird Emils Wohnung bereits versiegelt.«

»Das dürft ihr nicht machen! Meine Privatsachen, sie sind alle da drin! Ich lebe doch auch dort!«

»Nun, dann musst du dich an einen Beamten wenden. Der geht mit dir, und dann kannst du all deine privaten Sachen holen, Aber unter Aufsicht, mein Lieber.«

Bruno fiel sichtlich in sich zusammen.

Kosta machte ein zorniges Gesicht.

»Wer hat ihn auf dem Gewissen? Nur das interessiert mich. Verdammt, das können wir nicht auf uns sitzen lassen. Das geht entschieden zu weit.«

Der Kommissar sagte: »Wenn ihr euch auch so aufregen würdet, wenn ein kleines Strichmädchen umgebracht worden ist, dann euer Zorn in allen Ehren. Aber ich weiß ganz genau, was du denkst, Kosta! Man darf sich doch nicht an einem Luden vergreifen!«

Der Zuhälter schwieg verbissen.

Kelter dachte: Wie oft habe ich mir gewünscht, sie alle zugleich in die Mangel nehmen zu können. Jetzt sind sie hier! Aber ich kann nichts als Wut und Zorn bei ihnen entdecken. Also, kein Kleinkrieg!

»Was ist los? Könnt ihr mir einen Tipp geben? Es muss hier im Viertel einen Menschen geben, der ihn abgrundtief gehasst hat. Wie ist es mit seinen Mädchen?«

Bruno dachte nach.

»Nein, die waren doch gestern alle in der Kneipe.«

»Alle?«

»Natürlich das Stehvolk. Die im Haus arbeiten, die haben es ja nicht nötig, rauszugehen. Da hat er ja auch nur die Jasmin. Dann gibt es noch die Grete und die Wilma. Aber die waren hier, das können wir beschwören.«

»Es hat keine vorzeitig die Kneipe verlassen?«

Die Zuhälter blickten sich an. Wocke hatte plötzlich ein eigenartiges Gefühl in der Magengrube. Alle sahen ihn an. Natürlich hatte ein Mädchen früher den Raum verlassen! Dieses kleine Biest, die Sabine. Richtig, die wollte früher gehen! Alle anderen waren geblieben.

Sie schwiegen wie eine Mauer, gegen die der Kommissar vergeblich anrannte.

»Tja, wenn das so ist, kann ich schwerlich den Mord an eurem Kumpel aufklären. Ihr müsst mir schon helfen.«

Peer sagte verächtlich: »Spielen Sie hier doch nicht den gerechten Mann! Wir wissen ganz genau, dass sie jetzt nur halbe Sache machen. Sie hassen uns wie die Pest.«

Das Gesicht des Kommissars wirkte versteinert. Braun sah ihn erschrocken an. Das konnte er doch nicht auf sich sitzen lassen!

Kelter erhob sich langsam.

»Sollte das eine Beleidigung sein?«

Peer zog den Kopf zwischen die Schultern.

Jono sagte krächzend: »Du verdammtes Luder, halt deine vorlaute Klappe!«

»Ich muss jetzt gehen, aber, meine Herren, ich werde wiederkommen. Sie wissen, was das bedeutet?«

»Sie wollen doch nicht damit sagen, dass Sie unseren Betrieb stören werden? «

»Ich werde zu den unmöglichsten Zeiten kommen, meine Herren.

»Und, wie lange?«

»Bis ich den Mörder gefunden habe.«

Stille!

»Ist etwas mit Rauschgift? Muss ich den oder die Täter vielleicht in einem anderen Bezirk suchen?«

Verächtlich grinsten sie ihn an.

»Wir sind sauber«, sagte Jono.

»Du rührst mich zu Tränen.«

Sie schwiegen verbissen.

»Dann wünsche ich Ihnen einen guten Tag.«

Der Wirt begleitete ihn hinaus.

Kelter sagte: »Ich möchte jetzt heimgehen, verdammt, ich bin noch nie so müde gewesen.«

»Ich auch.«

»Aber wir müssen noch eine Vernehmung machen.«

»Herrje, wen denn noch?«

»Jasmin.«

»Aha, die Startülle.«

»Ja, sie war doch Emils bestes Pferdchen.«

Sie schlenderten die Strichstraße entlang. Deutlich spürten sie die vielen harten Blicke hinter ihrem Rücken.

»Wollen Sie wirklich zu jeder Stunde kommen?«

»Besonders spät abends«, sagte Kelter.

»Verdammt!«

Er sah seinen Mitarbeiter an und lachte. »Dir ist das nicht recht?«

»Diese kleinen Mädchen können einen verrückt machen. Vor allen Dingen sind sie immer so wütend auf uns.«

»Das weiß ich doch. Aber solange ich sie störe, haben die Kunden Angst. So etwas spricht sich sehr schnell herum, und das bedeutet einen großen Verlust für die Bosse. Nur so kann ich sie treffen.«

»Sie decken also den Mörder?«

»Ich bin mir noch nicht sicher.«

Sie blieben vor dem ersten Häuserblock stehen.



5

Der Puffwirt saß in seiner Loge und verdaute sein Frühstück. Als er den Kommissar erblickte, ahnte er Schlimmes. Der Beamte kam nicht ohne dienstlichen Grund hierher.

»Razzia?«

»Wäre es für uns erfolgreich?«

Der Wirt zog den Kopf ein.

»Nein, ein kleiner Mord!«

Er riss die Augen auf.

»Bei uns?«

»Hier auf der Straße. Du hast doch schon davon gehört?«

Er hatte in der Tat noch nichts erfahren; er war auf dem Großmarkt gewesen, und dann hatte er sich um das Frühstück für die hier im Haus lebenden Mädchen kümmern müssen. Sofort dachte er an Jasmins eigenartiges Benehmen. Dumpf dröhnte das Blut in seinen Schläfen.

»Wer ist denn abgemurkst worden?«

»Klunker-Emil. Tja, jetzt müsst ihr wohl für einen Kranz sammeln, was?«

Seine Augen wirkten verschwommen.

Kelter spürte seine Nervosität.

»Ich bin gekommen, um Jasmin zu sprechen.«

»Äh«, sagte der Mann und fuhr sich mit dem dicken Zeigefinger hinter den Kragen.

»Ist sie noch daheim?«

»Ja, sie hatte einen Stammkunden, für die ganze Nacht, der ist vor gut einer Stunde gegangen.«

»Fein, dann kann ich ja zu ihr raufgehen.«

»Ich will sie holen«, sagte der Hauswirt hastig.

»Nicht nötig, wir kennen den Weg. Wir werden uns nicht verlaufen.«

Die Unruhe des Wirtes stieg ins Unerträgliche.

Kelter ging mit seinem Kollegen die Treppe hinauf. Er war so oft hier im Viertel, ihm machte das nichts mehr aus. Aber die jüngeren Kollegen mussten sich erst daran gewöhnen, vor allen Dingen an den rüden Ton der Dirnen. Diese »Damen« hassten Polizisten, und ließen sie das auch deutlich spüren.

Vor der Tür zum Apartment Nummer fünf blieben sie stehen.

»Jasmin, mach auf, ich muss dich sprechen.«

Sie erkannte diese Stimme sofort und rief: »Die Tür ist offen!«

Kommissar Kelter trat ein.

Eine junge kapriziöse Frau stand vor ihm. Keiner hätte jetzt in ihr eine Stardirne gesehen. Sie war bereit, nach Hause zu gehen; sie besaß eine Luxuswohnung mitten in der Stadt.

»Darf ich mich setzen?«

»Warum nicht. Dauert es sehr lange? Ich bin beim Friseur angemeldet, und der hat es nicht gern, wenn ich mich verspäte.«

»Nein, ich möchte nur ein paar Fragen von dir beantwortet haben.«

»Über meinen Macker?«

»Du weißt es also?«

»Ja, ich war vorhin unten und hab mir eine Tasse Kaffee geholt. Die Mädchen sprachen darüber. Ist er wirklich tot?«

Sie lachte auf.

»Ja.«

»Meine Güte, ich werde heute ein Fest feiern, das sich sehen lassen kann.«

»Du hast nichts damit zu tun?«

»Ich war die ganze Nacht in meinem Zimmer. Der Pfuffwirt und mein Freier können das bezeugen.«

»Der Freier?«

»Ja, der auch.«

»Er würde wirklich für dich aussagen?«

»Mensch, Kelter, er mag mich, er will mich sogar heiraten. Zumindest sagt er das immer wieder. Vielleicht sollte ich ihn mal erschrecken und zustimmen.« Wieder lachte sie auf.

Kelter lächelte.

»Wenn man dich so betrachtet, da könnte selbst ich schwach werden.«

»Danke für das Kompliment.«

Kelter sah sie ernst an.

»Vielleicht brauche ich seine Aussage. Du stehst im Schussfeld, wenn wir keinen anderen Verdächtigen finden können, Jasmin. Das ist dir doch klar?«

Sie reckte sich, sah aber den Beamten verächtlich an.

»Du machst es dir sehr bequem, mein Lieber. Aber daran ist nicht zu rütteln.«

»Wirst du mir den Namen des Kunden nennen?«

Sie blickte Braun an.

»Kann er mal kurz das Zimmer verlassen?«

Kelter kannte sich mit den Luxusdirnen aus. Sie hatten oft sehr bekannte Kunden.

»Gehen Sie inzwischen nach unten, ich komme sofort.«

Braun nickte und verschwand.

»Nun, jetzt will ich aber den Namen hören.«

Jasmins Augen glitzerten hell auf. Das hätte ihn eigentlich warnen müssen.

»Aber ja, natürlich, wenn ich etwas verspreche, dann halte ich das auch. Doch ich glaube, dass du ihn trotzdem nicht fragen wirst.«

»Schon um dich freizubekommen, Süße!«

»Wie edel!«

»Ich höre!«

»Dein Chef, Kelterchen! Habe ich nicht ein Riesenglück! So einen Zeugen!«

Er starrte sie entgeistert an.

»Das ist nicht wahr!«

Sie lächelte nur, und er schluckte heftig.

»Biste jetzt enttäuscht?«

In seinem Kopf rauschte es. Sein Chef war vor gut zwei Jahren Witwer geworden. Seine Frau war bei einem Autounfall ums Leben gekommen.

»Danke ...«, murmelte er.

»Bin ich jetzt frei?«

»Ja, natürlich.«

Er drehte sich um, sah sie an und sagte dann mit leiser Stimme: »Ich danke dir, dass du so nett warst und den Kollegen fortgeschickt hast.«

»Aber Kelterchen, ich denke, wir zwei verstehen uns.«

»Ja.«

Sie reichte ihm die Hand.

»Ich weiß wirklich nicht, wer Emil auf dem Gewissen hat. Und ich schwöre dir hier und jetzt, sollte ich irgendwo auch nur die Mäuse darüber husten hören, dann lass ich es dich wissen. Deine Telefonnummer habe ich ja.«

»Vielleicht Rauschgift?«

»Kann schon sein. Dieser Hundesohn hat viel auf dem Gewissen. Wenn es da oben wirklich einen Richter gibt, dann möchte ich jetzt nicht in Emils Haut stecken.«

Sie verließen das Zimmer gemeinsam.

Sein Kollege Braun wartete im Auto.

»Hat sie gesprochen?«

»Ja.«

»Und?«

»Darüber kann ich nicht reden. Aber sie ist wirklich aus dem Schussfeld.«

»Boss, bloß weil sie ’ne Stardirne ist? Das ist aber unfair, das dürfen wir nicht.«

»Dieser Zeuge genügt.«

»Und wenn er lügt?«

»Jasmin lügt nicht und der Zeuge auch nicht.«

Kelter fühlte sich wie ausgelaugt.

»Fahren wir!«



6

Während der Kommissar Jasmin einen Besuch abgestattet hatte, saßen die Zuhälter noch immer im »Karo«.

Kosta lief wie ein gefangenes Tier hin und her.

»Das werd ich schon rausfinden, darauf könnt ihr euch verlassen!«

»Und dann?«

»Ich werde sie ans Messer liefern! Natürlich!«

»Verflucht, das hätte ich von der Kleinen nicht gedacht.«

Er presste die Zähne zusammen.

»Verdammt, das gibt Ärger.«

»Warum?«

»Wenn sie es wirklich getan hat, dann muss ich untertauchen. Freunde, dann müsst ihr für mich hier die Stellung halten. Ich muss so lange verduften, bis der Prozess gelaufen ist.«

»Und wenn wir selbst Gericht halten?«

Kosta sah Jono an.

»Du meinst...«

»Wenn sie es getan hat, dann haben wir doch das Recht, unseren Kollegen zu sühnen. Schon wegen der anderen Mädchen, sonst werden die noch übermütig.«

Kosta biss sich auf die Unterlippe.

»Ich hab noch nie einen Mord gebilligt. Das ist mir einfach zu heiß.«

»Niemand wird die Leiche finden.«

»Aber sie ist eine Registrierte, der Kelter ist ein schlauer Fuchs. Er wird sie alle fragen.«

Die Zuhälter sahen sich an.

»Du kannst recht haben. Aber sie könnte ja auch verkauft worden sein?«

»Der lässt nicht locker.«

»Wir müssen ihm den Mörder servieren, oder für uns brechen schlechte Zeiten an.«

Peer sagte: »Wieso musst du dich eigentlich verstecken, wenn wir die Kleine abliefern?«

»Weil ich sie sozusagen von den Eltern weg entführt habe. Wenn sie wegen Mordes vor Gericht steht, dann wird sie doch alles erzählen. Alles, kapiert? Ich bin nicht sehr sanft mit ihr umgegangen. Verdammt, war ein hartes Stück Arbeit, aus der eine einigermaßen gebrauchsfähige Nutte zu machen. Und das wird sie aussagen. Dann hat sie ja nichts mehr zu verlieren. Außerdem wird ihre Vergangenheit dort ohnehin aufgerollt.«

»Du könntest für einige Zeit nach Paris gehen. Du kannst doch Französisch. Wäre gar nicht mal so schlecht.,«

Kosta setzte sich wieder.

»Aber bevor ich verschwinde, möchte ich noch etwas geklärt sehen.«

»Ja?«

»Emils Erbe!«

Die Zuhälter sahen sich an.

Bruno atmete ganz flach. Jetzt hatte er keine Chance mehr. Die vier Großluden würden alles unter sich verteilen.

»Wer bekommt sein Vermögen?«

Sie wandten sich an Bruno.

»Hat er ein Testament gemacht?«

»Bist du verrückt? Wer denkt denn schon ans Abkratzen!«

Die Zuhälter belauerten sich gegenseitig.

Jeder erhoffte den dicksten Brocken für sich.

»An das Geld und die Sachwerte kommen wir nicht mehr ran. Verdammt, der Kelter ist ein gerissener Fuchs. Wer ist denn von der Verwandtschaft noch da?«

»Ein Bruder und eine Schwester«, gab Bruno widerwillig Auskunft. »Er hat mal von ihnen gesprochen. Aber die wollten von ihm nichts mehr wissen. Sind wohl ganz einfache Leute, leben auf dem Lande, haben ’nen kleinen Hof zu bewirtschaften.«

»Vielleicht können wir ihnen das Geld abjagen?«

Kosta erhob sich.

»Für mich ist jetzt erst mal die Kleine wichtig.«

»Sieh zu, dass du sie zum Sprechen bekommst, dann sehen wir weiter.«

Er nickte grimmig.

»Darauf könnt ihr euch verlassen!«

Er sah sie der Reihe nach an.

»Will keiner mitkommen?«

»Nein, das ist deine Hure. Du hast sie nicht gut genug erzogen. lass sie das ja spüren, verdammt noch mal.«

Kosta dachte wütend: Diese Aasgeier, alles wollen sie haben, aber mithelfen?

Er starrte Bruno an.

»Willst du mitkommen?«

Dieser blies die Backen auf.

»Ich bin doch kein Lude, und ihr wollt mir ja auch nichts abgeben. Warum soll ich mir dann die Finger schmutzig machen?«

Kosta stürmte aus dem Lokal.

Jetzt betrat der Wirt den Raum und fragte: »Will noch jemand Kaffee?«

»Nein!«

»Dann kann ich jetzt den Laden schließen?«

»In einer Stunde sind wir wieder zurück.«



7

Kosta stand vor seinem Superauto. Vor ein paar Stunden war für ihn die Welt noch in Ordnung gewesen, auf seine Weise. Wenn das Nüttchen Emil tatsächlich umgebracht hatte, dann konnte sie was erleben!

Er brauste los.

Ahnungslos lag Sabine in ihrem Bett. Sie hatte nicht bemerkt, dass schon längst die Sonne schien. Sie hörte auch nicht, wie ihr Zuhälter die Treppe heraufstürmte und die Tür zu ihrem Zimmer aufriss.

Sabine wurde erst wach, als er ihr mit einem Ruck die warme Decke fortriss.

»Du verdammte, dreckige Hure!«, schrie er sie an.

Mit weit aufgerissenen Augen sah sie in das jähzornige Gesicht ihres Zuhälters. Instinktiv legte sie einen Arm über ihr Gesicht.

Der Schlag kam blitzschnell. Dann riss er sie an den Haaren aus dem Bett. Spitz schrie sie auf.

»Du Straßenratte, auf der Stelle sagst du mir, wo du das Geld versteckt hast!«

Winselnd lag das Mädchen am Boden und versuchte den harten Tritten zu entkommen.

»Ich hab kein Geld, ich hab kein Geld«, beteuerte sie in einem fort.

Wie ein Wilder stürzte sich der Zuhälter auf ihr Bett und riss alles auseinander. Er stürmte zum Schrank, warf die Kleidungsstücke auf den Boden, zerrte die Schubladen heraus. Je mehr er sich anstrengte, um so rasender wurde sein Zorn.

»Wo hast du es gelassen? Ich schlage dich zu Brei, wenn du es mir nicht sofort sagst! Wo hast du sein Geld? Du Kilometerschnecke, ich werde dir beibringen...«

Lähmendes Entsetzen stand in ihren Augen. Angst schnürte ihr die Kehle zu. Das Blut raste durch ihre Adern. Sie konnte nicht klar denken. Der Überfall war zu überraschend gekommen. Sabine hatte sich in Sicherheit vor dem Zugriff ihres Zuhälters gewähnt.

Sie saß an die Wand gelehnt, Todesangst in ihren Augen.

»Nein«, jammerte sie.

»Das willst du doch nicht, das hast du doch nicht gern, nicht wahr? Ich weiß es, aber ich werde dich so lange prügeln, bis du es mir endlich sagst. Ich will nicht als Waschlappen dastehen! Nur du warst es, du du du ...!«

Seine Hand sauste durch die Luft.

Das Mädchen sah rote Schleier vor den Augen. Der Schmerz war fast unerträglich. Einige Male schlug er zu.

Mein Gott, dachte sie, mein Gott, ich...

Der Zuhälter hielt inne, starrte in die wie leblos wirkenden Augen.

»He, du wirst nicht abkratzen, das wirst du nicht!«

Er zerrte sie an den Schultern hoch, Ohrfeigen brachten sie in die Wirklichkeit zurück.

»Ich habe kein Geld«, sagte sie apathisch.

»Du hast ihn umgebracht«, beschuldigte Kosta sie kalt.

Tränen stürzten aus ihren Augen.

»Umgebracht?«, stammelte sie. »Wen soll ich denn umgebracht haben?«

»Klunker-Emil ist tot!«, schrie er ihr ins Gesicht.

Ihr Mund öffnete sich, sie starrte ihn verständnislos an. Dann brach sie in ein grässliches Lachen aus.

»Ich soll ihn umgebracht haben? Ich soll, ich soll...« Wieder lachte sie, ein schreckliches Lachen. Es hallte von den Wänden zurück und machte den Zuhälter unsicher.

»Hast du es nicht getan?«

Sabine war jetzt ganz ruhig. Fast gelassen.

»Mein Gott«, sagte sie müde, »mein Gott, es tut mir wirklich leid, dass ich es nicht getan habe. Wie gern, wie gern würde ich dich umbringen, Kosta. Aber vielleicht wird das eine andere für mich tun. So wie bei Klunker-Emil!«

Breitbeinig stand er über der Dirne.

»Aber du bist als einzige fortgegangen, vor den anderen! Du!«

»Ja.«

Er glaubte ihr. Sie besaß viel zu wenig Rückgrat, um das durchzustehen. Schon längst hätte sie die Wahrheit hinausgeschrien.

»Verdammt!«

Langsam zog sie das zerrissene Nachthemd über die zerschundenen Schultern.

Wütend sagte er: »Bilde dir bloß nicht ein, dass du heute nicht stehen musst!«

»Das kann ich nicht«, jammerte sie.

»Du wirst!«

Er knallte die Tür hinter sich zu.

Sabine lag lang ausgestreckt auf dem zerwühlten Bett. Das Leid nahm wieder seinen Anfang. Eine Nacht lang hatte sie glauben dürfen, alles wäre schön. Vielleicht wird doch noch einmal alles gut?

Die Striemen auf ihrer Haut brannten wie Feuer. An einigen Stellen war sogar die Haut aufgeplatzt. Sie wusste, in der Apotheke an der Ecke gab es eine Salbe.

Langsam erhob sie sich und wusch ihr Gesicht. Als sie sich im Spiegel betrachtete, brach sie abermals in Tränen aus. Aufgeschwollen war ihr Gesicht, entstellt ihre Züge. Jeder würde sehen, dass man sie geschlagen hatte. Helga und die anderen würden sich totlachen.

Schluchzend legte sie Puder auf die ärgsten Stellen, aber die Schwellungen würde man doch sehen. Außerdem spürte sie jetzt wieder Hunger. Doch zunächst musste sie die Salbe besorgen.

In der kleinen Handtasche fand sie noch ein wenig Kleingeld.

»Hoffentlich reicht es«, dachte sie und ging zur Tür.

Vorsichtig stieg sie die Treppe hinunter. Ihr Kopf dröhnte. Die Aufregung und die Angst der vergangenen Minuten hatten ihr neben den Schlägen ordentlich zugesetzt.

Auf der Straße schlich sie an der Häuserwand entlang. Ihre Knie waren vor Angst noch immer gummiartig. Hier im Viertel kannte man diese Symptome. Es geschah nicht gerade selten, dass Frauen von ihren Männern geschlagen wurden. Am besten, man kümmerte sich nicht darum.

Da war die Apotheke.

Sabine schluckte, als sie an ihr verschwollenes Gesicht dachte.

In diesem Augenblick hielt ein eleganter Sportwagen am Rinnstein. Eine hübsche, schlanke Frau stieg aus. Sabine sah nicht hin zu ihr. Sie wollte den Eingang erreichen, knickte aber zusammen und fiel auf den Bürgersteig.

Erschrocken blieb die elegante Dame stehen.

»Kann ich Ihnen helfen?«

Sie beugte sich nieder und blickte in das entstellte Gesicht.

»Wer war das?«, fragte sie zornig.

Sabine hob die Augenlider und erkannte Jasmin. Natürlich kannte sie das Starpferdchen. Alle in der Straße kannten diese tolle Erscheinung.

Sie schluckte.

Unsicher stand sie auf.

»Ich kenn dich doch?«

Sabine lächelte müde.

»Ich glaube nicht, ich bin ja bloß eine billige Nutte.«

»Du stehst vor Block drei?«

Das Mädchen nickte mit gesenktem Blick.

»War das dein Lude?«

Wieder nur ein Nicken.

»Hast du nicht genug eingebracht?«

Sabine fühlte den ganzen Jammer von neuem. Wut über ihre Hilflosigkeit erfasste sie.

»Was geht es dich an, wenn er mich zu Brei schlägt! Du hilfst mir ja auch nicht! Niemand tut das! Ich wünschte, ich hätte ihn wirklich umgebracht. Mein Gott, dann hätte ich jetzt nicht so ein totes Gefühl im Bauch.«

»Du willst deinen Luden umbringen?«

»Nein, dieses Schwein behauptet, ich hätte Klunker-Emil auf dem Gewissen. Dieser Hundesohn! Und ausgeraubt soll ich ihn auch noch haben. Mein Gott, hätte ich es doch bloß getan, ich wäre dann auf und davon. Vielleicht liegt darin die Rettung der Dirnen, wir müssen uns zusammentun und diese Blutsauger umbringen. Die Welt von diesen Schmeißfliegen und Ratten befreien.«

Jasmin war beim ersten Satz schon zusammengezuckt.

»Wie kann er das behaupten?«

»Ich bin aus dem »Karo« früher als die anderen weggegangen, weil ich mal ausschlafen wollte.«

»Mein Gott, das habe ich ja nicht wissen können, murmelte die Stardirne betroffen.

Es war eigentlich nicht die Art dieser Klassedirnen, sich um so kleine Pferdchen wie Sabine zu kümmern. Aber Jasmin hatte das Gefühl, diese Schlägerei verschuldet zu haben.

»Hör zu«, sagte sie hastig, »was wolltest du in der Apotheke? Ich will auch hinein, kann ich es für dich besorgen? Setz dich in meinen Wagen, ich bin gleich wieder da. Mach nur nicht wieder schlapp.«

»Mir ist ganz wirr im Kopf, so, als wäre ich gar nicht ich selbst«, stammelte das Mädchen.

»Was hast du in der Apotheke holen wollen? «

»Salbe«, antwortete sie.

Jasmin schob sie resolut auf den Beifahrersitz. Sie nickte grimmig. Diese Salbe kannte sie.

Schnell erledigte sie in der Apotheke ihre eigenen Einkäufe. Dann stieg sie in den Wagen und startete.

»Kann ich die Salbe haben?«

»Gleich, wenn wir zu Hause sind.«

»Aber du weißt ja gar nicht, wo ich wohne.«

»Wir fahren zu mir.«

»Was?«

»Wir müssen miteinander reden. Wie heißt du eigentlich, Mädchen?«

»Sabine.«

»Wie alt? «

»Neunzehn.«

Geschickt lenkte Jasmin den Wagen durch den Verkehr. Sie befanden sich jetzt mitten in der Stadt. Dann fuhren sie in eine Tiefgarage.

Jasmin sah sich nach allen Seiten um. Niemand war zu sehen. Um diese Zeit waren die Männer schon fort zur Arbeit. Die Hausfrauen räumten entweder ihre Wohnungen auf oder waren im Supermarkt.

»Hier, nimm diesen Schal und leg ihn vor das Gesicht.«

»Warum?«

»Man soll nicht sehen, dass man dich zusammengeschlagen hat«, antwortete die Dirne ärgerlich. »Man weiß hier nämlich nichts von meinem Beruf, verstanden! Wegen dir will ich nicht diese Superwohnung verlieren.«

Sabine sah die andere groß an.

»Aber ich habe dich doch nicht gebeten, dich um mich zu kümmern.«

»Los schon, dort ist der Lift! Beeil dich, komm, ich helfe dir. Du liebe Güte, der muss dich ja schön in die Mangel genommen haben.«

Sabine zog die Luft zwischen den Zähnen ein. Die Haut ihres Gesichtes spannte und brannte. Der Schock saß ihr noch immer in den Gliedern, so dass sie sich darüber wunderte, dass sie in der Lage war, einen Fuß vor den anderen zu setzen.

Der Lift fuhr bis in den zwölften Stock hinauf, dann hielt er mit einem kleinen Ruck. Sabine und Jasmin stiegen aus.

Hier oben hatte sogar der Flur Teppichboden. Das mussten wohl die Luxuswohnungen sein. Die Namensschilder hatten goldene Rahmen.

Mit brennenden Augen nahm Sabine all diese Dinge in sich auf. Jasmin öffnete die Tür und ließ sie eintreten. Wie geblendet blieb die Kleine in der kostbar eingerichteten Diele stehen.

»Leg ab und dann geh ins Wohnzimmer. Ich glaub, ich mach dir erst mal ein Frühstück. Ich selbst könnte auch noch was brauchen.«

Sabine gehorchte.

Im Wohnzimmer lag ein hellblauer Teppich, weiße Möbel, vergoldete Spiegel und Bilder vervollkommneten das Bild. So etwas Schönes hatte sie bisher nur in Schaufenstern gesehen, aber nie gedacht, dass man auch so wohnen könnte.

Atemlos stand sie vor dem großen Panoramafenster.

Im Hintergrund deckte die Stardirne den Frühstückstisch, mit Kerzen und Blumen, einer weißen Tischdecke und herrlichem Porzellan.

Als Sabine das sah, brach sie in Tränen aus.

»Was ist denn jetzt schon wieder?«

»Mein Gott, ich muss an daheim denken, zu Weihnachten hat die Mutter es auch immer besonders hübsch gemacht. Mein Gott.. .«

Jasmin hatte einen herben Zug um die Lippen.

»Ich bin gleich soweit.«

Vorsichtig setzte Sabine sich auf einen Stuhl.

»Willst du Zucker und Sahne in den Kaffee?«

»Ja, bitte«, flüsterte sie bescheiden.

Die Schmerzen schienen wie weggeblasen zu sein.

Erst als sie die knusprigen Brötchen sah, spürte sie, wie groß ihr Hunger war. Gierig stürzte sie sich auf all die Köstlichkeiten.

Jasmin trank nur eine Tasse Kaffee und sah dem Mädchen zu. Ein seltsames Gefühl hatte sich ihrer bemächtigt.

»Geht es dir jetzt besser?«

Sabine nickte stumm.

»Wenn ich dich nicht getroffen hätte, dann hätte ich warten müssen, bis er mir Geld gebracht hätte, um mir etwas zu essen kaufen zu können.«

»Iss nur, es ist genug da.«

»Ich kann nicht mehr, bin satt. Danke.«

Jasmin beobachtete, wie die Kleine Besteck und Serviette fortlegte, und schloss daraus, dass sie aus einem guten Elternhaus stammte. An Kleinigkeiten verrät sich die Erziehung.

»So, komm jetzt ins Bad, ich will deine Wunden behandeln.«

Es war ein sehr schöner großer Raum, sogar mit einer Liege. Die Kacheln waren grün mit handgemalten Kräutern und die Farbe der Wanne darauf abgestimmt. Der Spiegel war aus Kristall und reichte bis zum Boden.

Die Stardirne bemerkte den Blick der kleinen Dirne.

»Ja, weißt du, man muss den Geschmack der Kunden berücksichtigen.«

»Magst du das denn nicht?«

»Aber ja!«

Als Sabine sich auszog, sah Jasmin die Striemen auf deren Rücken. Nein, so war sie noch nie geschlagen worden. Früher ja, Emil, dieser Hundesohn. Sie presste die Zähne zusammen. »War das dein Lude?« Sie brauchte eigentlich gar nicht zu fragen, sie wusste schon die Antwort.

»Ja, er dachte, ich hätte Emil umgebracht und suchte bei mir das Geld!«

»Ach ja, du hast es schon einmal gesagt«, bestätigte die Dirne mit schwacher Stimme.

Als sie die Salbe auftrug, spürte das Mädchen wieder den heißen Schmerz und biss die Zähne zusammen.

»Fertig!«

Sabine erhob sich und zog sich wieder an.

»Danke«, murmelte sie.

»Verdammt, wenn ich gewusst hätte, dass man es dir ankreiden würde, dann hätte ich es nicht getan.«

»Was?«

»Alles genommen, seinen Schmuck und das Geld!«

Sabine riss den Kopf hoch.

»Was hast du da gesagt?«, fragte sie verwirrt.

Die Stardirne lächelte müde.

»Dieses verdammte Leben ist doch oft recht rätselhaft. Aber was soll man tun?«

»Jasmin, hast du ihn umgebracht?«

Sie war noch immer völlig verwirrt.

Rau lachte die Dirne auf.

»Ich will dir mal was sagen, jetzt, wo der Kerl tot ist, da tut es mir direkt leid, dass ich es nicht war! Ich hab nie darüber nachgedacht. Verflixt, das hätte ich tun sollen, dann wären viele meiner Sorgen weggefallen. Na ja, es war ein anderer.«

»Aber das Geld? Man hat es nicht gefunden, und du sagst...?«

»Komm mit ins Wohnzimmer, dann erkläre ich dir alles.«

Gleich darauf saßen sie auf den hellblauen Samtsesseln und rauchten. Jasmin erzählte, wie sich alles zugetragen hatte. Sabine konnte ihr nicht böse sein.

»Man hat mich ganz umsonst zusammengeschlagen.«

»Ja.«

Jasmin ging unruhig auf und ab.

»Und wie soll es jetzt weitergehen?«

Sabines Blick war unsicher.

»Sie müssen den Mörder bald finden. Mein Gott, hätte ich das geahnt, dann wäre ich doch in der Kneipe geblieben. Aber ich war ja so müde.«

»Ob sie den Mörder wirklich finden werden?«

»Die Polizei ist doch schlau!«

»Aber, wenn es ein Freier war?«

»Was?«

»Oder ein Fixer?«

Sabine starrte sie an.

»Willst du damit sagen ...«

Jasmin lachte rau auf. »Du kennst die Wirklichkeit noch nicht, meine Liebe.«

»Aber du hast doch das große Geld gebracht, und er soll noch ein paar Mädchen laufen haben ...«

Sie fühlte, dass sie jetzt ein Thema ansprach, das Jasmin nicht gerne hatte.

Es klingelte.

Jasmin runzelte die Stirn.

»Ich gehe jetzt lieber«, sagte Sabine hastig.

»Warte, ich habe keinen Kunden bestellt.«

Sie meldete sich über die Sprechanlage.

»Kommissar Kelter«, hörte sie vom anderen Ende der Leitung.

»Schon wieder?«

»Ja!«

»Einen Augenblick.«

Sie drehte sich zu Sabine um.

»Bleib ruhig sitzen. Die Sache ist schnell erledigt.«

Wenig später stand der Beamte vor ihr. Er war allein. Als er das Strichmädchen sah, runzelte er die Stirn.

»Die kenne ich doch?«

»Ich weiß nicht«, antwortete sie scheu.

Jasmin sagte: »Sie steht bei uns auf der Straße.«

Kelter sah die beiden so verschiedenen Dirnen an, dann sagte er: »Ich bin zurückgekommen, weil ich das dumme Gefühl nicht loswerde, du könntest mir noch etwas sagen.«

Jasmin lachte kehlig.

Kelter sah das zerschundene Gesicht der kleinen Dirne.

»Was ist mit dir passiert?«

Rasch nahm die Stardirne der anderen das Wort ab.

»Ihr verdammter Lude hat sie ein wenig auseinandergenommen, weil er glaubt, sie hätte Emil umgebracht.«

»Und du weißt, dass sie es nicht getan hat?«

»Ich weiß es deswegen so genau, weil man bei ihr das Geld und den Schmuck nicht finden konnte.«

»Und warum bist du dir so sicher?«

»Kelter, du bist ein schlauer Fuchs. Meine Aussage stimmt, da ist nicht dran zu rütteln. Aber du hast recht, ich habe dir nicht alles gesagt. Es ist aber wirklich nicht wichtig. Also, man hat den Satan tot gefunden, und dann haben die Tippelmädchen mich verständigt, und ich bin auf die Straße hinuntergegangen. Es war noch alles da. Also kein Raubmord. Ich habe das Geld genommen, weil es mir gehört. Mehr weiß ich wirklich nicht.«

»Für mich ist das schon sehr wichtig; jetzt ist es kein Raubmord mehr, sondern ein Racheakt!«

»Von mir aus.«

Er lächelte sie an.

»Und was machen wir mit dem kleinen Mädchen?«

Sabine sah ihn aus erschrockenen Augen an.

»Ich habe nichts getan.«

»Willst du deinen Luden anzeigen?«

Jasmin sagte ärgerlich: »Das ist unfair! Du weißt, dass ihr sie nicht schützen könnt.«

Kelter brauste auf: »Wann seht ihr endlich mal ein, dass etwas getan werden muss! Auch du, Jasmin, meinst du wirklich, du hättest es jetzt leichter?«

Kühl fragte sie zurück: »Ich denke, ich habe deinen Schutz?«

»Den hast du auch. Aber sicher knobeln sie schon darum, wer dich jetzt besitzen wird.«

Sie richtete sich auf.

»Mich wird man nie mehr besitzen!«

Kelter wusste, im Augenblick konnte er darüber nicht diskutieren.

»Kennst du seine Verwandten?«

Jasmin sah ihn lauernd an.

»Was willst du damit sagen?«

»Nun, sie werden ihn beerben. Wir haben die Wohnung und den Tresor versiegeln lassen. Morgen wird alles abgeholt.«

Für Sekunden war es totenstill, dann brach die Dirne in schallendes Gelächter aus.

»Was habe ich Lustiges gesagt, Jasmin?«

»Nichts ...« Sie rang nach Atem. »Oh, du liebe Güte, daran habe ich noch gar nicht gedacht.« Wieder lachte sie, bis ihr die Tränen kamen.

»Wenn euch noch etwas einfallen sollte, dann lasst es mich wissen.«

»Ja«, antwortete Sabine gehorsam.

Nachdem die Tür ins Schloss gefallen war, ging die Dirne zum Barschrank und sagte: »Darauf muss ich erst mal einen trinken.«



8

Kosta war noch immer davon überzeugt, dass die Dirne etwas wissen musste. Er würde sie jetzt zu den anderen Luden mitnehmen. Wenn sie erst mal vor denen stand, würde sie schon den Mund aufmachen.

Er rannte die Treppe hinauf und riss die Tür mit einem Ruck auf und schrie: »Los, zieh dir die Kledage an, wir gehen fort, hörst du!«

Keine Antwort.

Da erst sah er, dass das Zimmer leer war.

Verwirrt lief er wieder hinaus, trommelte an die Nebentür und verlangte zu wissen, wo die Kleine hingegangen sei.

Ein schlampiges Weib öffnete ihm und sagte wütend: »Pass du auf deine Brut selbst auf! Ich vermiete nur die Zimmer!«

»Verflucht, hast du denn nicht gesehen, wann sie fortgegangen ist? Du kannst mir doch nicht weismachen, dass du es nicht gesehen hast! Du kriegst doch alles mit, du alte Spinne. Sitzt doch den ganzen Tag am Fenster und schaust raus!«

Er steckte ihr einen braunen Schein zu, da ging ein Grinsen über ihr Gesicht.

»Vor gut einer Stunde ist sie aus dem Haus gewankt.«

Er raste die Treppe hinunter, fragte spielende Kinder nach der kleinen Dirne. Aber sie schien wie vom Erdboden verschluckt.

Wütend brauste er zum »Karo« zurück,

Dort waren die anderen Zuhälter schon eingetroffen.

»Was ist?«

»Das Geld hab ich nicht gefunden.«

»Wo ist die Kleine?«

Jetzt halfen Kosta keine Ausflüchte.

»Verschwunden.«

Wocke glaubte, nicht richtig verstanden zu haben.

»Sag das noch mal!«

Kosta erzählte nun hastig, dass er die Kleine zusammengeschlagen habe und danach kurz fortgegangen sei, er hätte etwas erledigen müssen. Hätte einen Kunden für diese Zeit bestellt gehabt.

»Das Geschäft muss doch laufen! Nie und nimmer hab ich gedacht, dass die mit dem Gesicht nach draußen geht.«

»Und wenn sie zu den Bullen gelaufen ist?«

Kosta fühlte, wie sich seine Kopfhaut zusammenzog.

»Man kann sie für lange Zeit in Schutzhaft nehmen. Diese Schmeißfliege von Kelter, der denkt sich etwas aus, darauf kannst du Gift nehmen.«

»Warum sollte sie zu den Bullen laufen?«, versuchte Kosta, die Sache zu bagatellisieren.

»Hast du es vorhin nicht selbst gesagt?«

Er fiel auf den Holzstuhl und stöhnte.

»Du bist der größte Armleuchter, den man sich nur denken kann«, sagte Jono.

»Und was machen wir jetzt?«, wollte Peer, der Kühle, wissen.

»Ich hab das blöde Gefühl, dass wir zusammenhalten müssen. Verdammter Bockmist!«, schrie Wocke.

Kosta starrte düster vor sich hin.

»Wenn ich das Luder erwische, dann kann sie was erleben.«

Jono ging zur Tür.

»Ich hole Pickel-Fred.«

»Was soll der denn?«

»Werdet ihr gleich erfahren.«

Er trieb sich in der Nähe des Lokals herum. Wo die großen Luden zusammentrafen, fielen immer ein paar Brosamen für ihn ab. Das war eine alte Erfahrung. Und siehe da, Jono erschien und winkte ihn heran.

Pickel-Fred machte ein unterwürfiges Gesicht. Dabei war er mit allen Wassern gewaschen. Er hatte sich fest vorgenommen, eines Tages ein großer Zuhälter zu werden. Wie konnte man das erreichen? Indem man die Fehler der Zuhälter studierte und damit wusste, was man nicht tun durfte.

Die Zuhälter hielten ihn für beschränkt.

»Hör zu«, sagte Jono kalt. »Du gehst jetzt herum und sagst allen auf der Puffstraße, wenn sie die kleine Kilometerschnecke Sabine sehen, dann sollen sie uns sofort verständigen. Ist das klar?«

Pickel-Fred machte ein dümmliches Gesicht.

»Ist sie ausgebrochen?«

»Quatsch!«, fuhr Kosta ihn wütend an. »Wir wollen sie nur sprechen, verstanden?«

»Ja.«

»Haben die Bullen dich schon ausgefragt?«

»Wegen Emil?«

»Was denn sonst!«

»Ich bin ein viel zu kleines Licht«, sagte er bescheiden.

»So, jetzt zisch ab.«

Er sauste davon.

Eine Viertelstunde später erfuhr Helga, dass man Sabine suchte. Man kannte keine Freundschaft auf der Strichstraße. Aber sie spürte, dass die Luft dick war. Man musste die Kleine warnen. Wie konnte sie das tun? Sie hatte so wenig Macht, sie war ja selbst nur eine kleine Hure.

Da fiel ihr Jasmin ein. Die war freundlich zu ihr gewesen. Vielleicht tat sie ihr einen guten Dienst, wenn sie ihr die Nachricht zusteckte.

Thekla wusste zufällig deren Telefonnummer.

Also rief sie an.

Jasmin nahm den Hörer ab und meldete sich.

»Ich will nur sagen, dass man die Sabine sucht. Die kennste nicht, steht aber mit uns. Die Luden hocken zusammen, und es braut sich was. Ich weiß nicht, warum. Kann man denn nix machen? Ich meine .. «

Jasmin sagte scharf: »Du meinst, weil ich das Geld habe, könntest du mich erpressen, Helga?«

»Nein, nein«, antwortete diese hastig. »Daran hab ich doch gar nicht gedacht. Ich mein doch bloss, verdammt, du bist doch auch nur eine wie wir. Und dir geht es doch jetzt auch an den Kragen. Bestimmt würfeln sie schon um dich. Ich wollt es nur sagen. Du hast uns ja auch das Geld geschenkt.«

»So meinst du das also?«

»Klar! Ich bin doch nicht lebensmüde!«

»Man kann sich auf dich verlassen?«

»Klar«, sagte Helga.

Jasmin dachte nach.

»Hör zu, du warst doch mit deinen Freundinnen gestern die ganze Zeit im »Karo«. Denk mal nach, vielleicht ist doch mal einer der Luden rausgegangen. Überleg mal, wie sich der Abend wirklich abgespielt hat. Und wenn du zu einem Ergebnis gekommen bist, dann ruf mich wieder an.«

»Klar, mache ich. Ich weiß zwar wirklich nicht... Aber was ist denn jetzt mit der kleinen Sabine?«

»Darum werde ich mich schon kümmern.«

Sie legte auf.

Sabine hatte hinter ihr gestanden.

»Was ist los?«

»Man sucht dich. Die Luden sind scharf auf dich.«

Verzweifelt sank das Mädchen in sich zusammen.

»O nein«, schluchzte sie.

»Tja, das habe ich mir schon die ganze Zeit gedacht.«

»Wer hat angerufen?«

»Eine Helga.«

»Die kenne ich.«

Jasmin nahm wieder einen Drink.

»Ja, was machen wir denn jetzt mit dir?«

Die kleine Dirne sah sie ergeben an.

»Wirfst mich jetzt wohl raus, nicht wahr? Jetzt biste schon sauer, dass du mir geholfen hast. Das kann ich ja sogar verstehen. Sie sind halt stärker. Der Kommissar kann viel reden, aber wir kommen nicht gegen die Bande an. Sie sind zu gemein und stark.«

Sabine stand am Panoramafenster und blickte über die Stadt. In der Ferne sah man Wälder und Wiesen. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.

»Vielleicht bringen sie mich schnell um. Ich meine, wenn ich vorher nicht zu sehr leiden muss, dann ist es mir egal. Dann hab ich endlich Ruh. Dieses verdammte Leben halt ich ohnehin nicht mehr aus. Ich bin fix und fertig. Ich kann nicht mehr! Ich kann doch nicht mehr ...!« Die letzten Worte schrie sie hinaus.

Der Dirne lief es eiskalt über den Rücken.

Sie hatte ja ein ganz anderes Leben. Sie besaß Geld und in gewisser Weise auch so etwas wie Anerkennung. Sie hatte sehr nette Kunden, und ihr Leben machte ihr Spaß. Jetzt, da Emil tot war, erst recht.

Gewiss, sie hatte sich nicht träumen lassen, dass sie mal eine Edeldirne sein würde. Aber sie besaß Geld! Sehr viel! Emil hatte nicht alles gewusst.

Da gab es einen Kunden, ein Ass an der Londoner Börse. Er hatte ihr ein kleines Vermögen eingespielt. Und das vermehrte sich ständig. Sie war klug und kalkulierte. Jetzt würde es noch besser gehen, jetzt brauchte sie nichts mehr abzuliefern.

Sie ging zu der kleinen verzweifelten Dirne und sagte mit tröstender Stimme: »Hier vermutet man dich ganz bestimmt nicht. Also bist du hier sicher. Kelter wird dich nicht verraten. Keiner hat gesehen, dass du mit mir zusammen fortgefahren bist. Also bist du hier sicher.«

»Für wie lange?«, stammelte sie.

Verflixt, dachte die Stardirne, wohinein lasse ich mich da treiben? Aber ich kann sie doch nicht hinauswerfen, das wäre doch glatter Mord.

»Sicher bist du, solange man dich nicht findet.«

»Aber ich habe doch kein Geld! Wenn ich hier in der Wohnung bleibe, dann kann ich nichts verdienen.«

Jasmin lächelte dünn.

»Das ist unwichtig! Wenn du auch nur einen Schritt nach draußen machst, dann hat dich schon einer entdeckt, und dann geht das Rennen los.

Außerdem, du sollst ja nicht dein ganzes Leben hier verbringen. Und das bisschen Essen kann ich wohl noch bezahlen.«

Sabine schluckte.

»Du bist gut.«

Die Stardirne wurde fast wütend.

»Ich bin nicht gut! Verdammt, ich denke die ganze Zeit auch an mich! Wenn sie erfahren, dass ich dich hier habe, dann müssen sie doch annehmen, ich wüsste etwas oder würde mit dir eine Sache machen.«

»Ich kann aber nicht so untätig sein, ich meine ...«

»Zuerst hast du genug mit deiner Erholung zu tun. Das dauert schon einige Tage, bis du das überwunden hast. Lass dir das gesagt sein, Mädchen.«

Ungläubig starrte Sabine die Dirne an.

»Willst du damit sagen, dass du auch schon mal so zusammengeschlagen worden bist?«

»Ganz recht!«

Sie schwiegen sich an.

Die Stardirne dachte nach: Was will ich eigentlich? Verdammt, ich setze mich da in die Nesseln. Ist das die Sache überhaupt wert? Und was ist, wenn ich meine Freier hier bediene? Verdammt, die Sache fängt an, kritisch zu werden.

»Hör zu, ich mach dir einen Vorschlag: Solange du bei mir bist, kannst du ja meinen Haushalt machen. Dann kannst du dein Essen sozusagen verdienen.«

»Ja«, erklärte sich Sabine sofort bereit.

»Kannst du kochen?«

»Aber ja!«

»Wo hast du das denn gelernt?«

»Ich kann das eben«, sagte sie mit herber Stimme.

Sabine wollte nicht von der Vergangenheit sprechen.

»Gut, dann spare ich sogar eine Menge Geld. Du sagst mir also, was du brauchst, ich kaufe es ein, und dann kochst du. Du gehst nicht vor die Tür. Auch wenn es klingelt oder das Telefon

geht, hast du mich verstanden?«

»Ja.«

»Gut. Der Morgen hat mich ganz schön geschlaucht. Ich lege mich jetzt ein wenig aufs Ohr. Du kannst machen, was du gern willst, nur stören darfst du mich nicht.«



9

Jasmin stand vor dem hohen Spiegel und betrachtete ihren Körper. Schon oft hatte sie so gestanden und über sich nachgedacht. Ein paar Jahre konnte sie diesen Job noch durchhalten, doch dann musste sie aufhören. Sie wollte nicht absinken.

Jasmin zog sich an, fertig für den Strich. In zwei Stunden fing ihr »Dienst« an.

Gerüche, die sie nicht kannte, zogen durch die Wohnung. Da erinnerte sie sich wieder an die kleine Dirne.

Sie schnupperte.

Nachdem sie ihre Haare gebürstet hatte, verließ sie das Schlafzimmer und ging in die Küche. Hier traf sie Sabine beim Arbeiten. Es roch ausgezeichnet und machte ungeheuren Appetit.

»Was gibt es denn?«

»Gefüllte Paprika.«

»Donnerwetter, wenn das auch so gut schmeckt wie es riecht.«

»Wird es. Dazu gibt es Reis. Außerdem sind das keine Dickmacher.«

Jasmin lachte.

»Das lass ich mir wirklich gefallen, Kleine. Bei den Restaurantmahlzeiten muss man so aufpassen. Meistens lege ich Fastentage ein, sonst kriege ich Figurprobleme.«

»Wenn man richtig kocht, hat man das gar nicht nötig«, erklärte die Strichmieze.

Wenig später konnte sich Jasmin davon überzeugen, dass es tatsächlich hervorragend schmeckte.

»Also, wenn du mich auch weiterhin so gut bedienst, dann kann das Versteckspiel noch ziemlich lange dauern; dann habe ich absolut nichts dagegen.

Sabine strahlte. Zum ersten Male nach langer Zeit hatte jemand sie gelobt. In der Regel wurde eine kleine Strichkatze wie Dreck behandelt. Man kaufte sie, nahm ihren Körper, aber danach ließ man seinen Ekel an ihr aus.

Mit der Zeit veränderte das einen Menschen.

Jasmin blickte auf die Uhr.

»Ich muss jetzt los. Gleich zu Anfang hab ich zwei Stammkunden. Die kommen immer nach Ladenschluss, damit die Frauen nichts merken. Wahrscheinlich sagen sie daheim, dass der Stau in der Stadt mal wieder entsetzlich war.«

»Unterhältst du dich viel mit deinen Kunden?«

»Aber ja. Die Stammkunden kenn ich wie meine Westentasche.«

Sabine wurde ganz still.

»Um drei Uhr werd ich dann wohl wieder daheim sein. Du kannst das Gästezimmer nehmen. Niemandem die Tür aufmachen, hörst du?«

»Nein.«

Gleich darauf fuhr die Stardirne zur Strichstraße. Die Dunkelheit war schon angebrochen. Diesmal regnete es nicht, und ein reger Betrieb herrschte auf der Straße.

Helga und Thekla standen unter ihrer Laterne.

»Hallo«, sagten sie freundlich.

Jasmin blieb stehen.

»Gibt es etwas Neues?«

»Nein.«

»Na schön.«

»Bloß, die Kleine ist noch nicht wieder aufgetaucht. Hoffentlich findet man sie nicht irgendwo, wie Emil.«

»Hoffentlich«, bestätigte sie freundlich.

Nachdem Jasmin weitergegangen war, wandte sich Helga an Thekla: »Glaubst du, dass die Anteil an Sabine nimmt? Der ist das doch alles wurscht.«

»Aber sie hat sich nett verhalten, und vor allen Dingen ist sie nicht so hochmütig wie die anderen Häuserkatzen.« So nannten die Strichmädchen die Häuserdirnen. Zwischen ihnen bestand schon immer eine gewisse Spannung.

»Vielleicht ist sie abgehauen?«

»Hör zu, ich hab keine Lust mehr, über den Mord zu reden. Das ist langweilig.«

Jasmin betrat das Haus.

Sofort kam ihr der Hauswirt entgegen.

»Ich habe den Mund gehalten«, sagte er eifrig.

»Das habe ich dir ja auch geraten.«

»Mord ist ein dicker Brocken«, sagte er verschlagen. »Ja nun, das kann ganz bös ins Auge gehen. Aber ich werde auch weiterhin beschwören, dass du die ganze Zeit in deinem Zimmer warst.«

Jasmin hatte schon die halbe Treppe hinter sich. Jetzt drehte sie sich um und fixierte den Puffwirt von oben herab mit kalten Blicken.

»Was willst du damit sagen?«

»Nichts!«

»Hast du vielleicht eine kleine Erpressung vor?«

Ihre Stimme war wie Stahl.

»Mord ist immerhin kein Pappenstiel.«

»Nein, das ist er wirklich nicht.«

»Ich ...«

Sie verengte die Augen zu Schlitzen.

»Du willst doch diesen Posten behalten?«

Er nickte eifrig.

»Nun, dann ärgere mich nicht.«

Vor Aufregung übergoss Röte sein Gesicht.

Gemächlich stieg sie die Treppe nach oben.

Der Puffwirt ballte die Hände.

»Schlange, widerliche, dir werde ich auch noch mal dein weißes Hälschen umdrehen. Du kannst mir keine Daumenschrauben anlegen. Du wirst noch angewinselt kommen.«

Wut stand in seinen Augen.

»Na, was ist denn?«

In der Tür lehnte Jono.

Der Puffwirt fuhr herum.

»Wie lange stehst du schon da?«

Heißer Schrecken erfasste ihn. Hatte der etwas mitbekommen?

Der Zuhälter ahnte das schlechte Gewissen des anderen.

»Ja, das möchtest du jetzt wohl gerne wissen, wie?«

Der Hauswirt atmete schneller.

»Hör mal, du hast wohl das Gesetz vergessen!«

»Dass ich den Bau nicht betreten darf? Ich weiß, ich weiß, ich stehe ja auch nur auf der Schwelle.«

Wie sollte er sich verhalten, falls Jono etwas wusste? Über diese Situation brauchte er im Augenblick nicht weiter nachzudenken, denn draußen wurden Stimmen laut.

Jono verschwand in der Dunkelheit.

Der Puffwirt fragte sich, was er eigentlich hier beabsichtigt hatte, er hatte ja kein Mädchen in diesem Hause.

Ein Mann stand auf der Schwelle.

Der Puffwirt begrüßte ihn unterwürfig.

»Jasmin ist gerade gekommen.«

»Die Pünktlichkeit selbst. Ich kenne ja den Weg.«

Ein Geldschein wechselte den Besitzer.

Ob Jasmin weiß, dass ich immer Trinkgeld bekomme, dachte der Wirt.

Der Mann stieg die Treppe hinauf.

Er starrte ihm nach.

Wie oft träumte der schwammige Puffwirt davon, einmal als Kunde hinaufgehen zu dürfen. Alle Mädchen im Haus verachteten ihn nur.

Es entspricht nämlich nicht der Wahrheit, dass man nur den entsprechenden Preis auf den Tisch des Hauses zu zahlen hat, um dann mit jeder beliebigen Dirne ins Bett gehen zu können. Dem ist nicht so. Gerade die Edeldirnen können sich ihre Kunden aussuchen. Betrunkene sind da schon gar nicht erwünscht.

Er durfte hier katzbuckeln und ihnen gefällig sein, und sie behandelten ihn wie ihren Leibeigenen.

»Eines Tages ...«, murmelte er vor sich hin. Doch er schielte zur Sicherheit in Richtung Tür.

Jasmin hatte sich gerade den weichen Morgenmantel übergezogen, da klopfte es schon an ihre Tür. Der Morgenmantel war ein Geschenk ihres jetzigen Kunden. Sie sollte ihn tragen, wenn sie ihn empfing.

Es war ein sündhaft teures Stück, fast durchsichtig, mit tiefem Ausschnitt. Sie mochte ihn auch gern, den Mantel wie den Kunden.

Er hatte ihr damals anvertraut: »Eigentlich wollte ich ihn meiner Frau schenken, doch als ich etwas in dieser Richtung andeutete, war sie schier entsetzt. Ich verstehe nicht, warum sie sich so darüber aufregt. Sie hat gesagt, sie wäre doch keine Nutte.«

Jasmin war nicht beleidigt.

Lächelnd hatte sie geantwortet: »Weißt du, sie denken einfach nicht nach. Im Grunde genommen verkaufen sich alle Frauen, verstehst du?«

»Nein.«

»Wir tun es für Geld, die ehrbaren Frauen dafür, dass man mit ihnen zum Standesamt geht.«

»Ist das denn nicht ein gewaltiger Unterschied?«

»Meinst du? Sind Ehefrauen denn noch wirklich frei? Überleg doch mal. Ich möchte nicht wissen, wieviel Ehefrauen Nacht für Nacht mit Gewalt genommen werden. Ich möchte auch die Zahl derer nicht wissen, die es gar nicht zu dieser Gewalt kommen lassen, sondern sich einfach hingeben, ohne Gefühl, weil sie sonst seelisch oder auch körperlich unter Druck gesetzt werden. Entweder sagen die Herren der Schöpfung, man sei frigide, kalt, herzlos oder, was noch viel schlimmer ist, sie lassen dann lange Zeit ihre schlechte Laune an der Ehefrau aus.

Sie bestrafen sie sozusagen, weil sie nicht willig war. Denk mal nach, wie oft hast du es getan?«

Sie hatte vor ihm gestanden und ihn nicht aus den Augen gelassen. Dabei hatte sie dann gesehen, wie er ganz langsam rot geworden war.

Jasmin hatte heiser aufgelacht.

»Also, auch du! Mein Lieber, wenn sich deine Frau weigert, so ein Stück zu tragen, dann nur, weil sie sich selbst Sand in die Augen streut.

Jede verheiratete Frau ist die Prostituierte ihres Mannes, mein Lieber.

Erst wenn die Ehefrau das Recht hat, über ihren Körper selbst zu bestimmen, erst dann spreche ich von wahrer Liebe. Deswegen, mein lieber Freund, gibt es auch so viele Ehefrauen, die frustriert sind, die einfach nicht lieben können, weil sie zu häufig dazu gezwungen werden, und das noch ohne Gegengabe. Ich kann mir meine Freunde aussuchen, deine Frau nicht. Sie hat nur diesen einen. Ich bekomme Geld dafür, kann mir also einbilden, ich sei was wert. Die Ehefrau dagegen, wenn sie nicht gut war, bekommt sie noch böse Worte hinzu, sie kann ihren Mann nicht aus dem Bett werfen.«

»Hör mal, das ist aber verdammt starker Tobak!«

»Ja? «

Seit damals hatten sie nicht mehr über seine Frau gesprochen. Sie wusste nicht, wie sein Leben zu Hause verlief. Aber sie hatte noch genügend andere Themen.

Heute lächelte sie ihn strahlend an.

»Du hast Mut«, sagte sie.

»Warum?«

»Ja, hast du denn noch nichts von dem Mord gehört?«

Er war erstaunt.

»Was soll das heißen?«

Sie lachte auf.

»Also doch nicht so mutig. Ach ja richtig, das kann ja noch gar nicht in den Zeitungen stehen. O Gott, armer Herbert, du tust mir leid.«

»Hier ist jemand ermordet worden?«

»Ein Zuhälter. Na, geht es dir jetzt kalt über den Rücken, mein Lieber?«

»Du machst Spaß«, vermutete er.

»Nein. Wenn du Pech hast, kommt heute noch die Polizei.«

Sein Gesicht wurde blass.

Sie legte den Arm um seinen Hals.

»Du brauchst keine Angst zu haben. Ich bin nicht die Mörderin.«

»Das soll mich wohl trösten?«

»Natürlich!«

Sie knöpfte ihm das Hemd auf.

»Ich habe nur Spaß gemacht. Die Polizei war schon hier. Und du brauchst auch wirklich keine Angst zu haben, bei mir sind sie immer ganz diskret. Sie wissen, dass ich ziemlich bekannte Persönlichkeiten aus der Stadt bediene.«

»Wirklich? Wen denn alles?«

»Mein Lieber, das willst du doch nicht wirklich wissen?«

»Es würde mich sehr interessieren.«

Kühl blickte sie ihm in die Augen.

»Ich nenne dir jeden Namen, wenn du mir schriftlich gibst, dass ich dann auch deinen Namen weitergeben darf«, gab sie sanft zur Antwort und küsste ihn.

Er lachte auf.

»Du bist heute wirklich spaßig. Das soll doch wohl ein Witz sein, wie? Du würdest doch niemals preisgeben, dass ich zu dir komme.«

»Gleiches Recht für alle. Die anderen wollen deinen Namen nicht wissen, doch wenn ich sie nennen soll, dann muss ich doch auch deinen nennen, nicht wahr?«

Lachend nahm er sie in die Arme.

»Gegen dich ist einfach kein Kraut gewachsen.«

»Da hast du recht.«

»Du bist mein Jungbrunnen. Andere gehen in den Wald und laufen sich Schwielen an die Hacken, und ich komme zu dir. Morgen bin ich wieder fit wie noch nie. Komm, jetzt lass uns keine Zeit mehr verstreichen.«

»Das sage ich schon lange.«

»Ich bin dir hörig.«

»Ich weiß, mein Lieber.«

Mit einer zärtlichen Leidenschaft zog er die Dirne in seine Arme. Nicht der Preis störte ihn, sondern dass sie ein käufliches Mädchen war. Wenn er sagte, er sei ihr hörig, dann hieß das, dass er sie wirklich liebte. Und was man gernhat, was man liebt, das möchte man auch gern für sich behalten. Das teilt man nur ungern.

Wie oft hatte er ihr schon das Angebot gemacht, nur für ihn da zu sein. Verletzt hatte er sich anfangs zurückgezogen, als sie ihn ausgelacht hatte.

Sie war eine rätselhafte Frau.

Er kam nicht los von ihr.

Manchmal lag er nachts wach und grübelte darüber nach. War es ihre Offenheit? Weil er mit ihr über alles reden konnte? Seltsamerweise war er immer fit, wenn er zu ihr kam.

Jetzt kam er allmählich in die Jahre, in denen es mit der Potenz nicht besonders gut steht.

Auch jetzt, in diesen Minuten!

Sein Herz schlug schneller, als er mit der Hand über ihre Brüste fuhr.

Längst hatte sie den Morgenmantel abgestreift. Er konnte sich nie sattsehen an diesem schönen Körper. Auch seine Frau war nicht hässlich, sie achtete sehr auf ihre Figur, und doch fand er zu ihr nicht dieses zauberhafte Verhältnis wie zu der Dirne.

Ihre schlanken Arme umfassten den Mann.

Jasmin wusste genau, was er dachte. Und sie wusste auch, was er sich nicht eingestehen wollte. Ihr größter Reiz lag darin, dass sie eben eine Dirne war. Der Mann suchte das Primitive, er wusste es nur nicht.

»Oh, Mädchen ...«, stöhnte er.

»Ist es schön?«

»Ja, ja!«

Er presste seinen heißen Körper an sie und wollte sie schier erdrücken. Ihre Hände waren überall. Das liebte er besonders. Sie schaffte es, ihn in starkem Maße zu erregen und ihm dann die Erlösung zu bringen.

Während er sich leidenschaftlich gebärdete und sie in seinen Armen lag, blickte sie zur Decke und dachte: Hoffentlich dauert’s nicht zu lange.

Jasmin hatte sich nie die Mühe gegeben, einen perfekten Liebhaber zu erziehen, der sich auch um ihr Teil an der Liebeslust bemühte. Wenn das mal passierte, dass sie sich gehenließ, dann konnte sie schrecklich wütend werden. Alle Dirnen hassten es, wenn sie Gefühle einem Freier gegenüber empfanden.

Sie verkauften ihren Leib, aber nicht das Gefühl. Das wurde nur vorgetäuscht. Darin waren sie Meister. Jedesmal, wenn ein Mann die Dirne verließ, dachte er: Der hab ich es jetzt mal so richtig gegeben. Darauf hat sie ja schon die ganze Nacht gewartet. Du liebe Güte, die war ja scharf.

Die Zimmerdecke müsste auch mal wieder gestrichen werden, dachte Jasmin.

Fast hätte sie den Zeitpunkt verpasst. In letzter Sekunde fühlte sie den Höhepunkt des Mannes und spielte eifrig mit. Wenig später fiel er in sich zusammen.

Er rollte zur Seite und rang nach Atem.

Amüsiert blickte sie auf das erschöpfte Gesicht. Schweiß stand auf seiner Stirn.

Da empfand sie fast ein wenig Mitleid mit ihm.

Ihr habt es wirklich nicht einfach, ehrlich nicht; ihr müsst euch immer beweisen, immer wieder von neuem.

»Du schläfst doch nicht ein?«

»Lass mich doch noch einen Augenblick«, murmelte er.

»Das kannst du haben; aber ich denke, du hast es eilig?«

»Wie spät ist es denn?«

Als sie ihm die Uhrzeit nannte, fuhr er auf.

»Du meine Güte, wie kommt denn das? Wo ist denn die Zeit hin?«

Sie zuckte die Schultern, erhob sich und stand nackt vor ihm.

»Kommst du mit ins Bad?«

»Ja.«

Sie betrachtete seinen Körper und fragte sich: Könnte ich mit ihm leben? Immer? Jeden Morgen dieselbe Figur sehen?

Jasmin wusste schon längst, dass sie nicht für die Ehe taugte. Dafür war sie zu sehr emanzipiert.

»Es war herrlich. Jetzt fühle ich mich wieder ganz frisch, Jasmin«, sagte er und küsste sie auf die Schulter.

»Das freut mich.«

»Warum schaust du immer auf die Uhr?«

»Weil ich einen Kunden erwarte und ich nicht möchte, dass ihr euch trefft.«

»Du bist wirklich rührend.«

Wieder küsste er sie.

Verstohlen wischte sie den Kuss mit dem Handrücken wieder ab.

»Nächste Woche also?«

»Herrlich, ich freue mich jetzt schon auf dich!«

»Ja, dann will ich jetzt mal gehen.«

»Grüß mir deine Frau!«

Das sagte sie immer, und jedesmal brach er in Gelächter aus.

Als er gegangen war, sah sie in ihrem kleinen Taschenkalender nach. Für diese Nacht hatten sich noch weitere vier Stammkunden angemeldet.

Nur selten war sie gezwungen, sich neue Kunden zu suchen. Dabei war sie dann sehr wählerisch. Sie hatte es geschafft! Wieder klopfte es an die Tür.

Der nächste Freier begehrte Einlass.



10

Thekla sagte zu Helga: »Ich möchte mal wissen, was die so Nacht für Nacht einnimmt.«

»Frag sie doch.«

»Bist du bekloppt? Das sagt die uns doch nicht.«

Helga lachte.

»Ich frag mich die ganze Zeit, wieso ist die anders, wieso haben wir nicht dieses Glück. Die macht doch das Gleiche wie wir und nicht mehr.«

»Tja, diese Kerle, weiß der Teufel.«

Jono kam.

»Sagt mal, habt ihr schon Ella gesehen?«

Die beiden Straßenmädchen blickten sich an.

»Hast du sie gesehen?«

»Nee!«

»Vielleicht steht sie weiter unten. Wir haben ja im Augenblick Knatsch.«

»Aber sie muss doch hier vorbeikommen!«

»Verdammt, sind wir dafür da, auf deine Huren aufzupassen? Erzieh sie dir besser, dann hast du keinen Ärger!«

»Werd nicht frech, ja!«

Sie kicherten.

Sofort wurden sie aber wieder ernst.

»Wir haben sie wirklich noch nicht gesehen.«

»Verdammt, wie ich meine Alte kenne, hat sie schon wieder verschlafen.«

Helga sagte: »Wenn ich dir einen Rat geben darf, so schick sie auf den Hafenstrich. Die taugt doch nichts mehr. Das ist doch ein altes Wrack. dass du die noch laufen lässt, versteh ich nicht.«

»Halt dich zurück, ja? Meine Sachen gehen dich einen Dreck an. Habt ihr Sabine gesehen?«

»Auch nicht.«

»Wenn sie auftaucht, Bescheid geben, verstanden!«

»Was kriegen wir denn dafür?«, fragten sie.

»Einen Tritt«, gab er wütend zurück.

Jono kochte.

Kein Zuhälter hatte es gern, wenn er von Dirnen geringschätzig behandelt wurde. Aber da sie nicht zu seiner Garde gehörten, durfte er sie noch nicht mal bestrafen.

Thekla holte eine Zigarette aus ihrer Tasche und zündete sie an.

»Wo mag sie denn nun wirklich stecken?«

»Die dreckige Hure kann mir gestohlen bleiben. Die hat es ja nicht mal mehr nötig, sich regelmäßig zu waschen.«

»Kiek mal da hinten, wer da steht!«

Thekla drehte sich herum.

»Grüß dich, Kommissarchen!«

Er kam näher, die Hände in die Taschen vergraben.

»Na, wie ist das Geschäft?«

»Solange du in der Nähe bist, Ebbe.«

Er lachte gutmütig.

»Sind eure Bockscheine in Ordnung?«

»Vor einer Woche haben sie uns doch eingefangen. Verdammt, wenn ich daran noch denke!«

»Ihr sollt freiwillig gehen, dann habt ihr keinen Ärger.«

Sie machten lange Gesichter.

Die Straße hatte sich schlagartig geleert.

Thekla sagte wütend: »Sag mal, klebst du überall Schilder an: Die Polizei ist da?«

»Nein.«

»Verdammt, warum hauen sie dann ab.

»Was weiß ich?«

Er machte die Dirnen sichtlich nervös.

»Was willste denn?«

»Ihr wart nicht nett zu mir, also werde ich auch nicht nett zu euch sein.«

»Was haben wir denn jetzt schon wieder angestellt?«

»Denkt mal darüber nach.«

Ehe sie noch eine Antwort geben konnten, war er schon wieder gegangen.

»Verstehst du den?«

»Nein.«

Thekla nagte an ihrer Unterlippe.

»Ich hab noch nicht mal das Fußgeld beisammen. Das sieht ja schon wieder düster aus.

»Gehst du mit zur Beerdigung?«

»Nur wenn anschließend Kaffee und Kuchen spendiert wird, sonst nicht.«

Sie lachten.

Der Beamte schlenderte gemächlich über die Strichstraße.

Er spürte deutlich die hasserfüllten Blicke der Zuhälter. Aber zur Zeit muckten sie nicht auf. Jeder hatte krumme Sachen vor und man wollte die Aufmerksamkeit dieses Mannes nicht auch noch auf sich lenken.

Jono stand neben Bruno.

»Hast du sie noch immer nicht gefunden?«

»Ich krieg nichts ab, wieso soll ich dann noch für euch schuften?«

»Hör mal, für dich wird sich schon noch was finden.«

»Eine zweite Art Pickel-Fred, danke!«, war seine entschiedene Antwort.

Jono zog nervös an seiner Zigarette.

Peer sah ihn an.

»Wir müssen endlich was unternehmen. So geht das nicht weiter. Wenn wir uns ein wenig umsehen, dann finden wir die Kleine vielleicht.«

»Weiß ich nicht. Ich muss jetzt erst mal meine Alte aus dem Stall holen. Verdammt, die wird auch noch was zu spüren bekommen, wenn sie nicht pünktlicher wird.«

»Welche meinste denn?«

»Ella, wen denn sonst!«

Wocke grinste.

»Das alte Fregattenstück. Kriegt die denn noch Freier?«

»Sie nimmt jetzt Abartige, und die zahlen ja gut.«

»Ach so!«

»Dann geh ich jetzt mal.«

»Wir sind wieder im »Karo«.«

»Ich komme dann nach!«

»Können wir den Bullen nicht eine falsche Fährte legen?«

»Wie willste das denn anstellen?«

»Wenn wir alle zusammen überlegen, fällt uns bestimmt etwas ein. Er soll von der Strichstraße runter, verflixt noch mal. Wenn das so weitergeht, dann könne wir einpacken.«

»Der wird ja wohl auch noch andere Fälle bekommen.«

»Der nicht, der lässt nicht locker. Der hört erst auf, wenn er den Mord aufgeklärt hat.«

Jono grinste: »Eigentlich eine Beruhigung. Wenn uns mal was passieren sollte, dann haben wir wenigstens die Gewissheit, dass wir gerächt werden.«

Wocke konnte sich gar nicht darüber freuen.

»Ich hole jetzt erst mal meine Schreckschraube hervor.«

»Schlag sie nicht wieder krankenhausreif, denk an die Kosten vom letzten Mal.«

»Eine Abreibung kriegt sie!«

Sein Gang war federnd, als er durch die Straße lief, ein typischer Zuhältergang. Alle Dirnen blickten ihm nach, die Freier nur verstohlen. Sie hatten alle Angst vor diesem Menschentyp, sie waren schnell mit dem Schießeisen und dem Messer.

Jono wurde immer wütender.

Jetzt bog er um die Ecke.

Hier war fast nie die Straßenbeleuchtung in Ordnung. Die Kinder dieses Viertels zerschlugen sie fast jeden Tag. Er fluchte, als er über eine vorspringende Haustreppe stolperte.

Hier wohnten die Ärmsten der Armen. Man roch es förmlich. Hier gab es fast immer nur Kohl und Kartoffeln. Das füllte den Magen, und um diese Jahreszeit wurde er fast verschenkt.

Die Fremden, die sich hier blicken ließen, waren meistens Beamte von der Fürsorge. Sie gingen immer zu zweit, denn es war nicht ungefährlich.

In einem dieser »Löcher«, die längst hätten abgerissen werden sollen, hauste Jonos Dirne. Für ein anderes Zimmer reichte das Geld nicht mehr. Er nahm ihr jeden Abend das Soll ab. Wenn sie leben wollte, musste sie eben Überstunden machen. Es kümmerte ihn nicht, dass sie das oft nicht schaffte.

Jono wusste: Seit sie abartige Kunden nahm, hatte sie größere Chancen.

Eine Katze oder Ratte sprang über seine Füße. Im Schein der Laterne sah er nur den gekrümmten Rücken. Er sprang zurück.

»Was willst du?«, fragte ihn eine rostige Stimme.

Da erkannte ihn die Alte, von der Ella das Zimmer gemietet hatte.

»Wo ist Ella?«

»Wahrscheinlich in ihrer Bude.«

Er hielt sich das Taschentuch vor die Nase. Gestank konnte er nicht ertragen. Im dritten Stock wohnte sie. Die Treppen knarrten, als würden sie jeden Augenblick zusammenbrechen.

»Ella!«, rief er schon auf der Treppe.

Die Alte folgte ihm keuchend.

»Ist etwas nicht in Ordnung?«

»Das Miststück hat mal wieder verschlafen! «

Sie lachte.

Oben angekommen, riss er die Tür auf. Zuerst konnte er nichts sehen als ein zerwühltes Bett. Dann knipste er das Licht an und erstarrte.

Das Weib schrie spitz auf.

»Ist sie tot?«

Jono sah Ella in ihrem Blut liegen. Der Anblick war entsetzlich.

Sein erster Impuls war, fortzulaufen. Aber die Alte versperrte ihm den Weg.

Da ging er zum Bett und fühlte den Puls.

»Er schlägt noch.«

»Ella!«, schrie die Alte. »Ella, was ist los!«

Die Verletzte stöhnte nur.

»Jessas, die hat man aber zugerichtet.«

»Verdammt...«, fluchte der Zuhälter.

»Wir müssen was tun«, sagte die Alte.

»Diese Freier, ich jab es ja gewusst, eines Tages wird sie dran glauben müssen. Diese Typen sind doch nicht ganz klar im Kopf, wenn sie in Rage sind.«

»Wir müssen die Polizei rufen!«, schrie die Alte.

Jono zuckte zusammen.

»Sie muss ins Krankenhaus! Ich lauf runter und ruf sie an.«

Die Alte war verschwunden.

»Krankenhaus! Kosten! Verflucht, konnte man nicht...«

Unten im Flur schrie die Alte in die Telefonmuschel.

»Ja, es ist dringend, schnell!«

Jono zündete sich eine Zigarette an.

Das ganze Zimmer roch nach getrocknetem Blut.

»Ella, gib Antwort.«

Sie wollte sich aufrichten, die Augen weit aufgerissen.

»Wer bist du?«, röchelte sie.

»Wer war das Schwein?«

Doch sie fiel schon wieder hintenüber.

»Verflucht, kannst du mir keine Antwort geben?« Er wollte sie voller Zorn an den Schultern rütteln. Doch dann sah er wieder das viele Blut und ließ es sein.

Die Alte kam keuchend ins Zimmer gewankt.

»Sie haben gesagt, sie sind gleich da.«

Jono stand am Fenster.

»Hast du denn nichts gehört?«

»Gar nichts«, antwortete die Alte. »Verdammt, die muss doch geschrien haben.«

»Vielleicht hat man ihr einen Knebel in den Mund gesteckt? Du kennst doch diese Kerle.«

»Warum hat man sie nicht ganz umgebracht? Ich kannte mal einen, der musste sein Opfer immer ein bisschen aufhängen, sonst ging das einfach nicht mit seiner Lust. Tja, und eines Tages dann war er so hingerissen, dass sie zu lange gehangen hat. Zwanzig Jahre hat er gekriegt, und dann hat man ihn in eine Klapsmühle gesteckt.

War ein vornehmer Kerl, das kann ich dir flüstern. Zaster hatte der!«

»Es sind ja meistens die reichen Böcke, die abartig sind. Die wissen vor Überdruss nicht mehr, was sie tun sollen.«

Die Alte blickte den Zuhälter an.

»Mitleid kennst du wohl nicht, wie?«

»Wieso? Für dieses Miststück? Das habe ich doch schon lange abgeschrieben.«

Die Frau stemmte beide Arme in die Seiten. »Und warum hast du ihr dann nicht die paar Kröten gelassen? Hast sie wie ein Vampir ausgesaugt!«

»Hör auf!«, fuhr er sie an und warf die Zigarette auf den Boden.

»In meinem Haus kann ich sagen, was ich will. Du Mistkäfer kannst mir nicht den Mund verbieten. Du nicht!«

Seine Augen funkelten.

Ella hob ganz leicht den rechten Arm und öffnete den Mund, doch sie war zu erschöpft, und der Kopf rollte nur wieder zur Seite.

Die Alte hatte Mitleid mit der zerschundenen Frau, aber sie wusste auch keinen Rat.

Da hörte sie endlich in der Ferne das Martinshorn.

»Los, die Bullen sind da, geh mal runter!«

»Ich? «

Über diese Zumutung war der Zuhälter ehrlich empört.

»Weil du jünger bist und schneller rennen kannst! Aber verschwinde nicht, das hilft dir gar nichts.«

»Wir werden uns auch noch mal sprechen«, sagte er wütend.

»Weiß ich, weiß ich.«

Wenig später erschien der Arzt mit den Trägern auf der Schwelle. Kommissar Kelter stand im Hintergrund.

»Da biste ja, Kommissarchen!«

»Schau mal, das Gretchen lebt ja auch noch.«

»Warum sollte ich nicht?«, erwiderte die Alte grinsend.

Er kam näher und besah sich die zugerichtete Dirne.

»Wie ist das geschehen?«

»Das rauszukriegen ist deine Sache, Kommissarchen. Jono ist gekommen und wollte sie zur Arbeit antreiben. Und dann haben wir sie so gefunden.«

Kelter blickte den Arzt an.

»Wie lange hat sie schon die Verletzungen?«

»Das kann ich schwer sagen. Eine Weile, ja, und ich wundere mich, dass sie noch nicht daran verblutet ist.«

»Wir sind nun mal zähe Brocken«, sagte Gretchen.

Jono lehnte hässlich grinsend an der Tür und sagte: »Schade, dass du mich nicht verhaften kannst, wie?«

Kelter blickte ihn ruhig an. »Bist du dir da so sicher? Woher weißt du denn, was ich schon alles gesammelt habe, mein Lieber?«

Dem Zuhälter wurde ein wenig heiß.

»Zur Seite!«, sagte der Arzt. »Wir nehmen sie jetzt mit.«

»Wann kann ich den Bericht haben?«

»Morgen.«

»Kann ich sie heute noch fragen?«

»Das glaube ich schwerlich.«

Als man die schwerverletzte Ella weggetragen hatte, riss Gretchen die Fenster auf.

»Verdammt, jetzt hab ich gar nicht gefragt, wie lange sie fortbleibt, und ob sie dieses Zimmer überhaupt noch brauchen wird.«

»Ihr Lude wird dir liebend gern die Miete so lange bezahlen, Gretchen.«

»Der?«, sagte sie verächtlich.

Kelter sah ihn listig an. »Ich freue mich schon darauf, wenn man dir die Krankenhausrechnung präsentiert, mein Lieber.«

»Ich werde sie zum Sozialamt weiterschicken«, sagte er wütend. »Ich habe mit der Alten nichts mehr zu tun.«

»Wolltest du sie nicht zur Arbeit holen?«

»Im allgemeinen . . .«, wich er hastig aus.

»Ich werde den Behörden flüstern, dass du ihr Zuhälter bist. Fang schon mal an zu sparen.«

»Brauchst du mich noch?«, schrie Jono den Kommissar an.

»Du kannst gehen, ich komme aber gleich nach.«

Jono stürmte davon.

Als Jono endlich ins »Karo« zurückkam, schimpften die Luden nicht schlecht.

»Wir warten auf dich!«

»Es ist etwas passiert.«

Sein kantiges Gesicht wirkte steinern.

»Jetzt geht der Budenzauber erst so richtig los.«

Peer sagte scharf: »Mach keine Andeutungen, sondern rede ein klares Deutsch.«

»Ich habe eben Ella gefunden. In ihrem Blut. Man hat versucht, sie umzubringen.«

»Waaas?«

Müde fuhr er sich über die Stirn.

»Bring mir ’nen Doppelstöckigen, den kann ich jetzt gebrauchen.«

Wocke schnellte nach vorn.

»War Kelter schon da?«

»Ja.«

»Hast du mit ihr reden können?«

»Ich hab es versucht. Ging nicht!«

Totenstille.

Der Wirt stellte vorsichtig das Glas vor den Zuhälter. Mit einer Bewegung kippte der den Inhalt hinunter.

»Was machen wir jetzt?«

»Verdammt, ich stecke jetzt verdammt tief im Schlamm. Das eine sage ich gleich: Ich brauche sehr schnell Emils Anteil.«

»Aber seine Verwandten«, wandte Kosta ein.

»Verdammt, wir waren uns doch einig, dass wir denen das Geld nicht überlassen. Es muss jetzt endlich etwas geschehen! Ich brauch Geld!«

»Hast du denn kein Rückenpolster?«

»Was gehen euch meine Konten an!«

»Also hast du wieder gepokert. Ich hab dir schon so oft gesagt, du sollst es bleibenlassen. Du verstehst nichts davon«, sagte Peer.

»Einen Dreck werde ich! Und dich brauch ich noch lange nicht als Kindermädchen. Zum Glück habe ich ja noch ein paar Mädchen für mich laufen.«

»Aber alles miese Typen. Überhaupt, die Huren, wenn sie erst einmal erfahren, was los ist, dann sind sie nicht mehr zu halten. Dann haben wir echten Ärger.«

»Ich habe nichts gesagt.«

»Keine Sorge«, sagte Peer grimmig, »Gretchen wird in diesem Augenblick schon dafür sorgen, dass die ganze Strichstraße diese Neuigkeit erfährt.«

Und so war es auch.

Zehn Minuten später stürmten die ersten Mädchen ins »Karo« und verlangten die Zuhälter zu sprechen.

Die kamen aus dem Hinterzimmer.

»Wieso seid ihr nicht bei der Arbeit? Es regnet nicht, und es muss eine Menge nachgeholt werden.«

Aber sie riefen wütend: »Wir sollen an die Arbeit gehen und uns aufschlitzen lassen? Sind wir denn verrückt? Wozu bezahlen wir euch eigentlich? Ihr sollt doch auf uns aufpassen, und was tut ihr? Sitzt hier herum und verplempert unser Geld!«

»Nicht frech werden«, warnte Wocke.

»Was anderes kannst du wohl nicht sagen. Ich bin doch nicht lebensmüde!«

»Verdammt, denkt doch mal nach: Das war ein Abartiger. Wir sagen euch doch immer wieder, mit solchen Typen sollt ihr euch nicht einlassen.«

»Tun wir ja nicht. Aber jeder fremde Kunde kann abartig sein. Und an den Abartigen glauben wir nicht mehr.«

»Sollen wir es vielleicht getan haben?«, fragte Peer mit schneidender Stimme.

Thekla sagte: »Kannste mir mal erklären, wieso Emil dran glauben musste? Hat er vielleicht auch einen Abartigen bedient, mein Lieber?«

Daran hatten sie noch gar nicht gedacht.

Kosta sagte: »Er ist doch auch erstochen worden.«

»Eben«, bestätigten die Mädchen ironisch.

»Das ist etwas anderes«, sagte Jono.

Sie lachten verächtlich auf.

»Was anderes! Ach nee, dann stellt ihr euch doch mal auf die Straße! Dann wisst ihr erst mal, wie schwer unser Job ist. Wir haben Angst, verstanden!«

»Der Strich ist sauber, dafür haben wir gesorgt.«

»Natürlich, aber wir gehen nur nach draußen, wenn ihr uns beschützt, jeden Typ. aufschreibt, ihm nachgeht, aufpasst, auf die Uhr seht und so weiter.«

»Ihr seid wohl nicht ganz klar im Kopf!«

»Nein, sie haben recht«, kam eine Stimme aus dem Hintergrund.

Der Kommissar stand dort.

Die Mädchen drehten sich herum und bestürmten ihn gleich mit Fragen. »Kannste schon was sagen?«

»Nein.«

»Wird sie durchkommen?«

»Weiß ich auch nicht.«

»Wendet euch mal ruhig an den, der hilft euch ganz bestimmt«, sagte Wocke verächtlich.

»O ja, ich weiß ein sehr gutes Rezept«, sagte der lachend.

»Und?«, riefen sie gierig.

»Meine Hübschen, ihr bleibt so lange daheim, bis ich die Sache geklärt habe!«

Die Zuhälter wollten fast platzen.

»Wenn du das tust!«

»Was?«, fragte er sanft.

»Unsere Mädchen gegen uns aufbringst!«

»Tue ich das? Ich habe nur einen Rat erteilt, mehr nicht.«

»Die Mädchen wissen,was sie tun sollen«, sagte Peer scharf. »Man muss ihnen nur Zeit lassen.«

Thekla sagte: »Komm, wir gehen. Wir denken uns schon etwas aus.«

Als Jasmin ihren vierten Kunden verabschiedet hatte, erfuhr auch sie die Neuigkeit.

Sie starrte Thekla an.

»Ist das wirklich wahr?«

»Ja!«

»Es wird doch nicht ein Wahnsinniger hier herumlaufen?«

»Das denken wir alle. Du hast es ja zum Glück besser.«

»Wieso?«

»Deine Stammkunden.«

Die Stardirne lächelte müde.

»Auch die können sich ändern. Gerade die«, sagte sie leise.

»Hast du schon Anzeichen bemerkt?«

»Noch nicht.«

»Kannste uns keinen Rat geben?«

»Dass wir gefährlich leben, wusstest du doch vom ersten Augenblick an, nicht wahr.«

»Aber ich will noch nicht ins Gras beißen. Die ganze Straße ist verrückt.«

»Das glaube ich.«

»Sabine ist auch noch nicht aufgetaucht. Sicher wird man sie auch bald finden, auf der Müllkippe oder im Kanal.« Ihr lief eine Gänsehaut über den Rücken. »Dabei war sie ein so nettes Mädchen.«

»War sie das wirklich?«

»Ja, aber auch gebildet. Ich weiß nicht, woher sie kommt, aber sie war anders als wir.

»So«, meinte die Stardirne nur.

Die Zuhälter kamen heran.

»Was redet ihr denn hier?«

»Über Sabine reden wir«, sagte Thekla wütend. »Oder habt ihr die vielleicht schon vergessen?«

Jono grinste Kosta an. »Ach die! Sicher, die muss es ja auch noch geben. Vielleicht bekommen die beiden das gleiche Zimmer im Krankenhaus?«

»Hör auf!«

Sie jagten Thekla wieder an die Arbeit.

Dann umstellten sie die Stardirne.

»Wir müssen mit dir reden.«

»Ich aber nicht mit euch. Und jetzt macht, dass ihr fortkommt. Da hinten kommt ein Kunde von mir.«

»Du kannst uns nicht entschlüpfen, meine Liebe. Wir werden dich schon kriegen.«

»Wirklich?«

Sie lächelte zynisch.

»Willst du den Krieg?«

»Mal was anderes, nicht wahr? Eine Dirne, die nicht sofort kuscht, habt ihr schon lange nicht mehr gehabt.«

»Werd nicht frech!«

Sie lachte nur und zog ihren Kunden mit sich ins Haus.



11

Um drei Uhr in der Früh hatte Jasmin genug eingenommen. So zog sie sich um und verliess das Haus durch den Hinterausgang. Auf kleinen Umwegen gelangte sie an ihren Wagen. Die Zuhälter warteten noch immer. Sie hatten sich vorgenommen, sie gleich nach der Arbeit zu fassen, ins »Karo« mitzunehmen und ihr dann klarzumachen, welche Pläne sie mit ihr hatten. Um es genau zu sagen, sie wollten um das Mädchen knobeln. Sie brauchte einen Zuhälter, zumindest waren sie dieser Ansicht.

Noch nie hatte sich Jasmin so müde und ausgelaugt gefühlt. Als sie mit dem Fahrstuhl nach oben fuhr, dachte sie wieder an Sabine.

Komisch, dachte sie, zum ersten Mal freue ich mich darauf, nach Hause zu kommen. Die Wohnung ist nicht leer. Ich habe einen Menschen, mit dem ich reden kann.

Als sie in der Diele ihre Jacke ablegte, fand sie dort einen Zettel.

»Ich habe dir ein paar Schnittchen gemacht, sie stehen im Kühlschrank, heißer Tee ist in der Warmhaltekanne.«

Sie war gerührt.

»Das hätte sie doch nicht zu tun brauchen«, murmelte sie vor sich hin.

Aber dann holte sie die Sachen und aß. Sie hatte den Teller noch nicht leergegessen, als Sabine in der Küchentür stand.

»Habe ich dich geweckt?«

»Nein, ich habe einen leichten Schlaf.«

»Was machen die Schmerzen?«

»Es geht schon wieder.«

»War jemand an der Tür?«

»Nein, ich habe nichts gehört«, antwortete das junge Mädchen.

»Willst du nicht erfahren, was sich auf der Strichstraße tut, Sabine?«

»Suchen sie mich noch?«

»Mit Sicherheit! Aber es ist etwas anderes passiert. Kennst du eine Ella?«

»Natürlich kenne ich die. Sie steht in meiner Nähe. Ich mag sie nicht besonders. Sie ist schnell aufbrausend und pöbelt jeden an. Besonders wenn sie was getrunken hat, ist sie unausstehlich.«

»Na, das ist jetzt nicht mehr drin.«

»Wieso? Darf sie nicht mehr stehen? Ich glaub, man will sie in den Hafen schicken.«

»Man hat sie durch mehrere Messerstiche schwer verletzt, jetzt liegt sie im Krankenhaus.«

»Nein ...«, sagte Sabine erschrocken.

»Leider sind die Luden unschuldig.«

»Wer war es dann?«

»Das weiß Kelter noch nicht. Es ist allerhand los auf der Strichstraße.«

»O mein Gott!«

»Du bist hier sicher.«

»Und du?«

Jasmin legte den Kopf schief. Das hatte es auch schon lange nicht mehr gegeben, dass sich jemand um sie sorgte.

Natürlich wollte sie ihre Gefühle nicht zeigen.

Daher antwortete sie ein wenig schroff: »Ich kann für mich selbst sorgen, Kleine.«

Die kleine Dirne sah die große ruhig an und sagte:

»Vielleicht ändert sich jetzt alles.«

»Wie meinst du das?«

»Nun, wenn sie so viel Ärger auf dem Strich haben, denken sie bestimmt nicht mehr an mich, und dann kann ich für alle Zeit verschwinden.«

»Du willst also wieder zurück?«

»Wer will das nicht?«, sagte Sabine leidenschaftlich.

Jasmin seufzte: »Ich nicht mehr. Ich hab mein gutes Auskommen, und jetzt, wo Klunker-Emil nicht mehr ist, jetzt geht es mir noch prächtiger. Jetzt wirst du mich erst so richtig kennenlernen! Alles Geld wird mir gehören! Ich überlege mir schon, ob ich das Zimmer in der Strichstraße nicht aufgeben soll.«

»Wie willst du dann deine Freier treffen?«

»Nun, den Stammkunden kann ich ja meine Adresse geben, und dann kann man ja auch kleine Anzeigen in die Zeitung setzen. Das ist doch schon lange modern.«

»Und du meinst, die Zuhälter lassen das zu?«

»O ja!«

Sabine machte ein bedrücktes Gesicht.

»Ich möchte fort, ich möchte nicht mehr zurück auf den Strich. Ich finde das entsetzlich. Ich bin erst neunzehn, also noch nicht zu alt, um mein Leben neu beginnen und selbst in die Hand nehmen zu können. Was meinst du?«

»Du bist doch eine Registrierte, nicht wahr?«

Details

Seiten
225
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738954760
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Juli)
Schlagworte
wenn hass krimi trio romane

Autoren

Zurück

Titel: Wenn der Hass beißt: Krimi Trio - 3 Romane