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Höllenritt und blutige Dollars: Wichita Western Sammelband 6 Romane

2021 374 Seiten

Leseprobe

Höllenritt und blutige Dollars: Wichita Western Sammelband 6 Romane

Luke Sinvlair, Glenn Stirling, Heinz Squarra

Dieser Band enthält folgende Western:


Blutige Dollars für Joe Wood (Heinz Squarra)

Buffalo greift ein (Glenn Stirling)

Warrens tödlicher Entschluss (Heinz Squarra)

Die Ranch des Satans (Glenn Stirling)

Höllenritt durch Texas (Heinz Squarra)

Kent Morrisons teuflischer Plan (Luke Sinclair)



Ein Banküberfall zerstört das Leben des Bankiers John Forster Hilton. Er überlegt und hat einen der Verbrecher erkannt. Doch weil er seine Gläubiger nicht auszahlen kann, macht er sich auf die Suche nach den Ganoven und seinem Geld. Der Weg wird zu einem persönlichen Rachefeldzug.


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de


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Blutige Dollars für Joe Wood


Western von Heinz Squarra


Der Umfang dieses Buchs entspricht 113 Taschenbuchseiten.


Nur knapp sind Chet McCoy und Rizzos mit heiler Haut davongekommen, als sechs Banditen sie überfielen. In einer verfallenen Poststation haben sie Zuflucht gesucht. Als im Dunkel der Nacht eine Kutsche mit zwei Männern und einer schönen Frau eintrifft, werden die beiden Bullhead-Männer Zeuge eines merkwürdigen Deals: Der junge Helfer des Stationers, Joe, der Geld für seine todkranke Mutter braucht, erhält von den beiden Fremden fünfzig Bucks. Aber Joe weiß nicht, was er dafür tun muss. Es sind »blutige Dollars« …



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1

Chet McCoy ritt vor dem Wagen auf die Mesa hinaus und zügelte den Hengst. Von Kratern und Schluchten zerrissen, lag die karge Höhe in der Front Range vor ihm. Aus zusammengekniffenen Augen beobachtete der Vormann der Bullhead-Ranch die Gegend, während er daran dachte, dass sie vor ungefähr einer halben Stunde Reiter gesehen zu haben meinten. Sie befanden sich noch im Canyon, als er das Blitzen in der Sonne und dann die dünnen Staubschwaden auf der Höhe sah, und, wenn er nicht einem Trugschluss zum Opfer fiel, auch einen Reiter.

Hinter ihm hielt Rizzos, der hünenhafte Schmied der Bullhead-Ranch mit dem Wagen an. Die beiden Ziegen auf der Ladefläche meckerten, und die im Drahtverschlag eingesperrten Hühner begannen lautstark zu gackern und schlugen mit den Flügeln.

Sie kamen von Denver herunter, hatten bei einem Großfarmer das Federvieh und die Ziegen für die Bullhead-Ranch gekauft und aus der Stadt Stoffe, Hufeisen, Nägel und einen Schmiedehammer, aber auch Tapeten, Leim und vieles andere, bis hin zu einem ganzen Kasten der verschiedenen Gewürze für Koch Doc Cook mitgebracht.

»Du hast dich geirrt, Chet«, brummte der muskelbepackte Schmied auf dem Wagenbock. »War vielleicht ein Reh, was du gesehen hast.«

»Ja, vielleicht.« Chet schnalzte mit der Zunge. Der Hengst trug ihn weiter auf die Mesa hinaus.

In der Ferne standen ein paar Josuabäume in einer Gebirgsfalte, davor hohes Buschwerk. Das Flimmern in der heißen Luft gaukelte Wasserflächen auf dem grauen Gestein vor. Die Sicht war schlecht.

Chet hielt die Winchester in der Hand. Und weil ihn die Unruhe nicht verließ, blickte er wieder in der Runde herum.

Das Gestrüpp im Westen schien sich zu bewegen, aber im Dunst unter der sengenden Sonne war es nicht deutlich zu erkennen.

»Los, weiter«, schimpfte Rizzos. »In vier Tagen sind wir wieder auf der Ranch.«

»Ich glaube, da vorn ist jemand.«

»Wo?« Rizzos reckte die massigen Schultern, zog sich den Hut tief in die Stirn, legte die Peitsche weg und griff nach dem Gewehr im Lederscabbard am Wagenbock.

Chet deutete mit der Winchester in der Richtung.

»Und du denkst, da könnte es jemand auf uns abgesehen haben?«

»Wer mit einem Wagen unterwegs ist, muss immer damit rechnen, dass er Leuten begegnet, die gern wüssten, was er bei sich hat. Und die das gebrauchen könnten.«

Rizzos repetierte das Gewehr. »Sie haben von Banditen in der Front Range erzählt, das ist wahr. Aber dass ausgerechnet wir denen in einem so großen Berggebiet begegnen müssen, ist doch wirklich nicht schön.Täuschst du dich auch nicht?«

»Nein.« Der Vormann sah es nun genau. Das Dickicht bewegte sich. Er schlug das Gewehr an der Hüfte an und feuerte.

Das Krachen des Schusses rollte über die Mesa und schallte leise wummernd aus den Schluchten und Spalten zurück. Bei den Büschen wurden Äste abgerissen.

Mit lauten Schreien sprengten sechs Reiter aus dem Gestrüpp, schlugen mit den Gewehrkolben auf ihre Pferde ein und galoppierten dem Wagen und Chet McCoy entgegen.

»Teufel noch eins, die wollen wirklich was von uns«, Rizzos sprang vom Bock und schoss auf die Angreifer.

Chet lenkte den scheuenden Hengst herum, ritt hinter den Wagen und sprang ab.

Die Angreifer schossen. Kugeln pfiffen über das Gefährt. Die Hühner flogen im Gatter auf dem Wagen empor, prallten gegen den Draht und fielen übereinander. Federn stoben aus dem Maschendraht. Die beiden Ziegen hatte Rizzos so kurz an die Spriegel gebunden, dass sie nur die Hinterläufe bockend schleudern konnten.

Rizzos warf sich auf den Boden und rollte unter den Wagen.

Den Zugpferden flogen die Kugeln um die Ohren. Lange konnte es nicht mehr dauern, bis das erste getroffen zusammenbrach.

»Diese verdammten Halunken soll der Satan holen!« Rizzos schoss wieder.

Chet lief hinter den Wagen. Die linke Schulter gegen die Planke gepresst zielte er und drückte ab.

Ein Pferd brach zusammen. Staub wirbelte auf. Der Reiter überschlug sich, sprang empor und lief weiter.

Rizzos schoss. Ein Reiter schrie und warf die Arme in die Luft. Er kippte langsam nach hinten und landete ebenfalls im Staub.

Sie repetierten in rasender Folge und schossen, so schnell sie konnten. Pulverdampf hüllte sie ein. Der durchdringende Gestank erschwerte das Atmen erheblich, aber sie merkten es nicht.

Das ledige Pferd scherte aus der Reihe und kehrte um. Erst da schienen die Kerle, die sich die Halstücher über Mund und Nasen gezogen hatten, zu bemerken, dass sie nur noch zu viert die wilde Attacke ritten.

Einem wurde der Hut vom Kopf gerissen. Er stoppte sein Pferd, brüllte etwas in das Donnern der Schüsse und das Trommeln der Hufe hinein und kehrte um.

Sofort gaben auch die anderen auf, galoppierten zu dem laufenden Kumpan zurück, der sich dem ledigen Pferd in den Weg warf und den Zügel ergreifen konnte.

Chet und Rizzos jagten ihnen noch Kugeln nach, bis sie hinter den zerfetzten Büschen verschwanden.

Rizzos kroch unter dem Wagen hervor, wischte über Mund und Augen und schob neue Patronen in den Füllschlitz des Gewehres.

Ein offenbar toter Bandit und ein erschossenes Pferd lagen unter den Staubschwaden. Der Hufschlag verlor sich im Westen.

Chet ging zu den Pferden und beruhigte sie. »Wir hatten Glück, was?«

»Ziemlich großes sogar.«

»Aber wahrscheinlich reicht es denen nun.Was machen wir mit dem Toten, Chet?«

»Nichts. Den werden die Kerle schon holen, wenn wir uns weit genug entfernt haben.« McCoy zog seinem Pferd den Sattelgurt nach, nahm einen ihrer Wasserschläuche vom Wagen und ließ das Tier saufen.

Die Hühner und Ziegen beruhigten sich allmählich. Rizzos füllte die Trinknäpfe, warf den Ziegen Futter vor und streute Körner in den Verschlag.

»Vielleicht kennen wir ihn?«

»Wen?«

»Den Toten.«

»Unsinn!« Chet führte sein Pferd ein paar Yard vom Wagen weg, saß auf und ritt weiter.

Bald kam der Schmied mit dem Wagen nach. Ihre Wachsamkeit blieb erhalten, obwohl sie beide nicht an einen weiteren Überfall glaubten. Und tatsächlich erreichten sie zwei Stunden später das Ende der Mesa, ohne von den Banditen noch etwas bemerkt zu haben.

Der breite Weg führte in eine Schlucht hinunter. Von der Steilwand lagen bereits Schatten auf der Sohle, wodurch die gnadenlose Hitze des Tages rasch gemildert wurde.

»Nach Nordosten nahmen wir aber einen anderen Weg«, sagte Rizzos, als Chet den Hengst neben den Wagen lenkte, weil der Canyon dafür breit genug wurde.

»Spielt doch keine Rolle. Jetzt folgen wir jedenfalls der Poststraße zum Bluegrass Valley, und das ist allemal richtig. Wenn mich nicht alles täuscht, muss es nicht mehr weit vor uns eine Poststation geben. Irgendwo müssen die Kutschen schließlich mal die Pferde wechseln.« Rizzos wusste, was der Vormann meinte. Wenn sie die Station vor Anbruch der Dunkelheit erreichten, durften sie sich vor den Banditen sicher fühlen.

Die Schlucht endete am Beginn eines viele Meilen großen Bergtales. Ein glasklares Wildwasser schäumte aus einer drei Yard breiten Felsspalte und floss später als leise murmelnder Creek ins Buschland hinein. Cottonwoods und Krüppelkiefern überragten die Sage- und Scrubbüsche. Die Dächer von Hütten spiegelten sich in der Sonne.

»Na also«, frohlockte Chet. »Das muss die Station sein!«

Der Postagent trat ihnen mit finsterer Miene entgegen, den Schlapphut ins breite, von Falten zerfurchte Gesicht gezogen und das abgesägte Schrotgewehr in der nach unten hängenden Hand. Er mochte fünfzig sein, war mittelgroß, gedrungen und ziemlich beleibt. Er trug alte, ausgebeulte Arbeitshosen mit Flicken auf den Oberschenkeln und ein kragenloses graues Hemd. Ein breiter Patronengurt, den ein schwerer Colt nach unten zog, umspannte die massigen Hüften.

Chet stieg ab und trat vor das Pferd.

»Wir sind unterwegs ins Bluegrass Valley und würden gern über Nacht hier bleiben.« Er blickte an dem Mann vorbei.

Die Station bestand aus drei Gebäuden, dem flachen, wehrfähigen Haupthaus, einem Schuppen und der Remise. Ein Corral stand zwischen den Nebengebäuden und beherbergte acht schwere Wells-Fargo-Pferde. Im Misthaufen dahinter stocherte ein junger, dunkelhäutiger Bursche von vielleicht achtzehn Jahren herum.

»Habt ihr Geld?«, knurrte der Stationer.

»He, der ist aber direkt«, entfuhr es Rizzos, der ebenfalls vor den Pferden erschien.

»Es reicht. »

»Für euch, die Gäule und das Einstellen des Wagens zwei Dollar«, verlangte der Postagent.

»Einverstanden.«

Der Mann nahm das Gewehr in die linke Hand. »Ich bin Errol Hull.«

Chet nannte Rizzos Namen und den eigenen.

Hull nickte, winkte mit den Fingern und sagte: »Zuerst den Zaster, damit es deswegen später keinen Ärger gibt.«

Chet gab dem Mann zwei Dollarmünzen.

»Die Remise ist da drüben. Futter und Wasser ist drin. Kommt ihr allein zurecht?«

»Ich denke schon.« McCoy nahm das Pferd am Zügel und führte es über den Hof.

Der junge Bursche am Misthaufen schien ein Mischling zu sein. Er war drahtig, nicht sehr groß und sicher wieselflink. Zu einer alten schwarzen Cordhose trug er ein verwaschenes, schmutzig gewordenes rotes Hemd, Schnürschuhe und einen mit Patronen gespickten Gurt mit einem 44er Starr in der Halfter. Aus schwarzen Augen schaute er misstrauisch auf die fremden Männer.

»Hallo!«, rief Rizzos, bekam aber keine Antwort.

Chet führte sein Pferd in die Remise. Rizzos kam mit dem Wagen nach und schirrte die Pferde aus.

»He, wie lange willst du noch Maulaffen feilhalten?«, brüllte der Postagent draußen.

»Ich bin fertig, Mister Hull«, erwiderte der Junge.

»Dann geh in den Schuppen und säge das Holz. Der nächste Winter kommt bestimmt.«

»Ja. Mister Hull.«

Die Remise bestand auf der einen Seite aus einer Feldschmiede, auf der anderen waren Ringe an der Wand befestigt und Futterkrippen aufgestellt. Chet füllte sie, während Rizzos Wasser draußen vom Brunnen holte.

Aus dem Schuppen drangen scharrende Sägegeräusche.

»Ein bisschen schneller, verdammt!«, schrie der Stationer.

Chet und Rizzos schauten sich an.

»Der gibt ganz schön an, was?«

»Ich möchte bei ihm jedenfalls nicht arbeiten«, erwiderte McCoy.

Sie verließen die Remise.

Errol Hull stand mitten im Hof, das abgesägte Schrotgewehr noch immer in der Hand. »Und du wirst den Hof noch fegen. Die Postkutsche muss heute noch kommen. Ich mag es nicht, wenn sie soviel Staub aufwirbelt, der ins Haus zieht.«

»Ja, Mister Hull«, antwortete der dunkelhäutige Junge im Schuppen gehorsam.

Sie gingen zum Haupthaus hinüber und betraten einen niedrigen, langgestreckten Raum, in dem es halbdunkel war. Man hatte ihn wie einen Saloon eingerichtet, rechts mit einigen Tischen und Stühlen darum, links mit einem langen Tresen und Regalen an der Wand. Mit Flaschen und Gläsern sah es allerdings recht spärlich aus.

Hull schlurfte in Pantoffeln über den Hof und trat brummend ein. »Whisky?«

»Ja. Mit Sodawasser, wenn es geht.« Chet warf gleich noch einen Dollar auf den Tresen, um der unweigerlichen, unhöflichen Aufforderung zur Zahlung zuvorzukommen,

Hull schenkte zwei Gläser mit wenig Whisky und viel Sodawasser voll, steckte den Dollar in die Hosentasche und dachte nicht daran, etwas herauszugeben. »Auch was essen?«

»Was gibt es denn?«, fragte Rizzos.

»Ich habe gute Steaks da.«

»Ja, sehr gut. Für mich am besten gleich zwei.« Rizzos Augen leuchteten hell auf.

Hull schlurfte zum Fenster und öffnete es. »He, Joe, komm herüber, ich brauche Feuer im Herd! Beeile dich ein bisschen, du weißt doch, wie langsam du bist.«

Chet trank einen Schluck. Das Gesöff war lau und schlecht, aber der Vormann bemühte sich, davon nichts merken zu lassen.

Joe kam herein, hastete in die Küche und rumorte am Herd.

»Ein Mischling«, sagte Hull abfällig.

»Halb Ire, halb Nigger. Tut mir leid, euch mit dem Anblick konfrontieren zu müssen.«

»Was soll denn das heißen?«, herrschte Chet, dessen Großmutter eine Comanchin gewesen war, den Kerl an. »Wir haben keine Vorurteile gegen Leute, die wir treffen.«

»Ach, so seid ihr.« Hull zuckte mit den Schultern. »Ihr müsst sie mal für länger auf dem Hals haben, dann denkt ihr bestimmt anders darüber, verdammt!«

Der Junge tauchte wieder auf. »Das Feuer brennt, Mister Hull.«

»Dann scher dich wieder an den Sägebock!« Der Postagent wandte sich den Gästen zu. »Also drei, oder nehmen Sie auch zwei, Mister McCoy?«

»Nein, ich bin doch kein Vielfraß«, erwiderte Chet.

Rizzos ließ die Augen rollen, sagte aber nichts.

Der Stationer ging in die Küche.

Joe stand immer noch neben dem Tresen. »Verstehen Sie etwas von Medizin, Mister?«

»Ich?« Chet tippte sich gegen die Brust.

»Ja.« Joe kam näher. Ein helles Schimmern lag auf einmal in seinen schwarzen Augen. Er strich sich glättend über das halblange, dunkle Haar, als wollte er sein Äußeres verbessern.

»Nein, tut mir leid. Ich bin Rindermann.«

»Gar nichts? Verstehen Sie gar nichts davon? Es ist wegen meiner Mutter. Sie liegt in einem Zimmer. Hier in einem Zimmer! Würden … Ich meine, sehen Sie doch mal, ob Sie ihr nicht helfen können!«

Hull tauchte auf der Türschwelle auf. »Scher dich in den Schuppen, zur Hölle, sonst mache ich dir Beine!«

»Bitte, Mister!« Joe ging schon rückwärts zur Haustür.

»Ist gut, Joe.«

»Verschwinde!« brüllte der Stationer.

Joe lief hinaus.

»So ein verdammter Tagedieb!«, bellte Hull.

»Was ist denn hier nur los?«

»Das werde ich Ihnen sagen, Mister. Dieses kleine Stinktier haut jeden meiner Gäste an, er solle seiner Mutter helfen. Aber der kann keiner mehr helfen. Und wenn sie das selbst schon eingesehen hätte, läge alles hinter ihr.

»Können Sie etwas deutlicher werden?«

»Kann ich. Wood, sein Vater, war mit seiner Frau Natalia und dem Jungen nach Westen unterwegs. Sie hatten eine Farm in Nebraska. Aber da konnte der Ire sich mit seiner Niggerin nicht länger halten. Dort zivilisieren sich die Städte. Dort gibt es jetzt schon Schulen, und in denen nehmen die feinen weißen Leute natürlich keinen Nigger auf! Da haben die Woods protestiert. Das muss sich mal einer vorstellen, Mister! Eine Negerin protestiert! Na, jedenfalls mussten sie verschwinden, wollten weit weg in die Wildnis und noch mal neu anfangen. Bis sie die Zivilisation wieder einholt.»Hull lachte lauthals. »Noch einen?«

»Ja.« Chet reichte sein Glas über den Tresen.

»Für mich auch«, verlangte Rizzos und schob sein Glas hinterher.

»Aber vor der Zivilisation haben Indianer den Wagen eingeholt«, erzählte der Postagent weiter. »Den Iren schossen sie vom Bock. Die Niggerin bekam eins in den Rücken. Eine gute 52er Kugel. Sie wissen ja, was es heißt, wenn man so was in die Lunge kriegt. Aber die ist zäh wie altes Leder. Die hat den Wagen aus der Gefahrenzone kutschiert. Und der Kleine, dieser Bastard, soll drei von den Rothäuten mit dem Gewehr des Alten abgeknallt haben. Der ist gefährlich. Haben Sie schon gesehen, der läuft mit dem Revolver seines Alten herum!«

Hull unterbrach sich erneut, weil er offenbar nicht gleichzeitig erzählen und einschenken konnte.

»Und weiter?«, fragte Rizzos.

»Nichts weiter. Die Rothäute ließen von den beiden eben ab. Und Joe brachte seine verletzte Mutter hierher. Die Niggerin. Ausgerechnet in mein sauberes Haus!«

»Mann, mir kommen die Tränen«, sagte Chet.

Hull starrte ihn mit gefurchter Stirn an. »Finden Sie irgend was komisch?«

»Nein, nein, durchaus nicht, Mister Hull.«

»Tatsächlich hatten die keinen roten Knopf mehr«, fuhr der Postagent fort. »Keinen müden Dollar, um zu bezahlen. Und ich kann dieses schwarze Weib nicht ’rauswerfen. Muss gewärtig sein, der knallt mich wie einen tollen Hund ab. Was soll ich machen?«

»Sie lassen ihn doch für sich arbeiten, wenn ich mich nicht sehr irre«, entgegnete Rizzos, nahm sein Glas und trank einen Schluck. Er war immer noch durstig.

»Was ist das schon? Was ist die Arbeit eines halben Niggers denn schon wert?«

»Wo ist die Frau?«, wollte Chet wissen.

»Hinten links das letzte Zimmer. Von mir aus ladet sie auf euren Wagen und nehmt sie mit. Und den jungen Halunken auch. Mir fällt ein Stein von der Seele, wenn ihr das tut!«



2

Sie lag in einem schäbigen Bett auf einer noch schäbigeren, durchlöcherten Decke. Das Zimmer war ein finsterer Verschlag mit einem winzigen Fenster, in dem außer dem Bett nur eine alte, offene Kiste und ein Drahtständer mit einer Waschschüssel darin standen.

Natalia Wood musste einmal eine Schönheit gewesen sein Die Reste davon waren in ihrem dunklen, ovalen Gesicht mit den großen schwarzen Augen noch zu erkennen. Aber nun hatten es starke Schmerzen gezeichnet, die Wangen fielen ein, die Haut besaß einen grauen Schimmer, und um die Augen hatten sie schwarze Ringe gebildet.

Chet McCoy trat so leise wie möglich auf, aber das Knarren der dünnen Dielen verriet seine Anwesenheit, bevor die Kranke ihn sah. Ihr Gesicht wandte sich zur Seite.

»Wer … wer sind Sie?«, stieß sie mühsam hervor.

Chet nannte seinen Namen, blieb neben dem schäbigen Bett stehen und beugte sich zu ihr hinunter. »Ihr Sohn möchte, dass ich …«

»Mir ist nicht zu helfen!«, unterbrach sie ihn. »Es sei denn …«

»Was?«

»Sind Sie ein Arzt?«

»Nein.«

Der jähe Hoffnungsschimmer verschwand wieder aus ihren großen, dunklen Augen. Plötzlich musste sie husten, und ein dünner Blutfaden rann aus ihrem Mund und am Kinn entlang.

Draußen waren die schlurfenden Schritte des Stationers zu hören und dann auch Rizzos unverkennbar derber Tritt. Angeln einer Tür kreischten.

»So, hier ist das Zimmer für Sie und Ihren Partner«, sagte der Postagent. »Die Steaks sind in zwanzig Minuten fertig.«

Die schlurfenden Schritte entfernten sich.

Die Verletzte stöhnte leise und qualvoll, und ihr Blick veranlasste den Vormann zurückzutreten. Er erkannte das Flehen in den Pupillen: sie wollte, dass er sie allein ließ.

»Entschuldigen Sie, Madam«, murmelte er und verließ rückwärts gehend das Zimmer.

Rizzos stand ein Stück weiter vorn im finsteren Gang auf der Schwelle einer offenstehenden Tür. Chet ging zu ihm und schaute in den Raum, der auch nicht viel besser als das Krankenzimmer aussah, jedoch über ein größeres Fenster verfügte, so dass reichlich Licht einfloss. Die rohen Bretterwände waren stellenweise mit alten Zeitungen beklebt worden. Der schlechte Kleister löste sich jedoch an vielen Stellen auf und Ecken hingen umgeknickt nach unten. Es gab einen Schrank im Raum, Nägel als zusätzliche Kleiderhaken in der Wand, je ein einfaches Bett mit Strohsack rechts und links des Fensters und eine Waschgelegenheit ähnlich der bei Natalia Wood.

»Schön hässlich«, sagte Rizzos. »Aber wir werden die Nacht überleben. Was ist denn mit ihr?«

Chet schüttelte den Kopf.

»Was? Aussichtslos?«

Ja. Lungenbluten. Und bestimmt auch Blutvergiftung. Da nützt auch ein Doc nichts mehr.« Chet schob sich an Rizzos vorbei, lief durch den Flur und betrat den Stationsraum.

»Na, haben Sie sich die Niggerin angesehen?« Der Keeper wischte mit einem großen Leder die Theke ab.

»Wenn Sie gleich einen Arzt gerufen hätten, wäre der Frau vielleicht zu helfen gewesen.«

»Einen Arzt?« Hull tippte sich an die Stirn. »Wissen Sie überhaupt, wo der nächste Arzt wohnt? Ich will es Ihnen verraten: In Colorado Springs, satte fünfzig Meilen von hier entfernt. Der wäre sicher gar nicht gekommen, weil sie dort auch nur den einen haben und bestimmt keine ganze Woche auf ihn verzichten wollen.«

»Ja, kann sein«, gab Chet zu.

»Das ist ganz bestimmt so, verdammt. Wegen einer Niggerin soll ein Doc hundert Meilen weit reiten oder mit der Kutsche fahren. So was Verrücktes hab ich noch nie gehört, Mister.«

McCoy ging hinaus und zum Schuppen hinüber.

Joe sägte wieder Holz für den Winter.

Chet blieb stehen und lehnte die Schulter gegen den Türrahmen.

Joe hielt inne, lehnte die Säge an den Bock und kam auf McCoy zu. »Können Sie Ihr helfen?«

Chet stellte sich wieder gerade. »Es ist …« Er brach ab, weil ihm die Worte fehlten, Joe zu erklären, was der wissen sollte, um darauf vorbereitet zu sein.

»Sie wollen sagen, sie stirbt, nicht wahr?«, stieß der junge Mann scharf hervor.

»Ja, Joe.«

»Das ist nicht wahr.« Joe packte den Vormann am Hemd und wollte ihn schütteln.

Chet befreite sich sanft und doch mit Gewalt und schob Joe zurück. »Du solltest dich damit abfinden. Ich weiß, das ist schwer. Aber es ist auch unvermeidlich.«

»Ich müsste nur einen Arzt bezahlen können. Der würde ihr schon helfen.«

»Es ist zu spät, Joe. Tut mir leid.« Chet senkte den Kopf, drehte sich um und lief über den Hof.

»Ich müsste nur Geld haben und einen Doc holen können, der würde ihr schon helfen!« rief der junge Mann ihm nach.

Chet wusste, dass es kaum jemand zuwege bringen konnte, Joe anderen Sinnes werden zu lassen, was ihm leid tat.



3

Revolverschüsse peitschten über den Hof.

Rizzos fuhr am Tisch in die Höhe und griff zum Colt. Auch Chet zuckte zusammen.

Der Postagent fluchte, griff unter den Tresen und brachte eine Peitsche zum Vorschein. »Jetzt ballert er wieder herum.«

Im Corral trabten die Pferde schnaubend am Zaun entlang, aus der Remise schallte Pferdewiehern, die Ziegen meckerten, und die Hühner schlugen mit den Flügeln und gackerten.

»Die Banditen!«, sagte Rizzos scharf.

»Blödsinn, es ist der Bastard!«, schimpfte der Postagent, der schon zur Tür eilte. »Der ballert immer herum, obwohl ich es strikt verboten habe!«

Sie folgten dem Mann bis an die Tür und sahen Joe in Pulverdampf gehüllt links der Remise. Er schoss hinter einer über den Boden rollenden, völlig deformierten Blechbüchse her, die getroffen in die Höhe sprang und an die Bretterwand knallte.

Das Wummern der Schüsse verlor sich in dem großen Bergtal in der Dämmerung.

»Was habe ich dir gesagt?«, brüllte Hull. »Ich will das nicht mehr hören!« Er rollte die Peitsche aus, rannte quer über den Hof und blieb ein paar Yard von Joe entfernt jäh stehen, als der Junge den rauchenden Revolver auf ihn richtete.

»Eine Kugel muss noch in der Trommel stecken«, flüsterte Chet.

Hull hatte die Peitsche halb erhoben. »Was soll das? Du wagst es, mich zu bedrohen?«

»Gehen Sie zurück, Mister Hull!«, stieß Joe scharf hervor. »Ich übe, solange es mir passt. Wenn uns wieder Indianer überfallen, muss ich es können, damit meine Mutter nicht noch einmal verletzt wird.«

Hulls Hand sank herab. Er ging rückwärts. »Du solltest den Hof noch fegen, zum Teufel«, sagte er lahm. »Wenn du nicht spurst, könnt ihr beide sehen, wo ihr bleibt. Geh an deine Arbeit.«

Chet kehrte an den Tisch zurück und aß das letzte Stück seines Steaks.

»Der hätte ihn wirklich abgeknallt.« Kopfschüttelnd kehrte auch Rizzos zurück. »Wie kann man in dem Alter schon so wild sein?«

»So kann einer wie Joe gemacht werden, wenn sie andauernd sagen, wie minderwertig er ist und er sich selbst gar nicht so fühlt.«

Der Stationer trat ein und warf die Peitsche fluchend hinter den Tresen.

»Wissen Sie jetzt, was ich hier mitmache?«

»Es gibt genug Leute, die täglich mit ihrem Revolver üben«, entgegnete Chet.

»Sie haben einen Narren an dem Bastard gefressen, was?« Hull kam an den Tisch. Böse funkelten seine Augen unter der herabgezogenen Krempe des Schlapphuts.

»Es hat kaum Sinn, dass ich Ihnen erzähle, was davon zu halten ist.«

»Wovon zu halten ist?«, zischte der Postagent.

»Von der Behandlung, die Sie und andere ihm angedeihen lassen und ließen, Mister Hull.« Chet erhob sich.

»Ach, so einer sind Sie also.«

»Ja, so einer«, sagte Chet kalt.

Fernes Peitschenknallen unterbrach den Disput. Der Stationer blickte zur Tür.

»Die Postkutsche von Littletown.« Der Mann ging zur Tür und verließ die Station.

»Hier sind wir ja in was reingeschlittert, zum Teufel!« Rizzos schob sich den letzten Bissen in den Mund und den Hut in den Nacken. Mit dem Unterarm wischte er über den Mund.

»Und nun ist der Hof wieder nicht gefegt!«, schimpfte Hull draußen.

»Der Staub steigt so und so auf«, rief der junge Wood von der anderen Seite herüber.

»Und das herumliegende Stroh, he? Muss das hier wie im Schweinestall aussehen?«

»Ich kann nicht alles auf einmal machen!«, verteidigte Joe sich.

»Aber auf Blechbüchsen ballern, was, das kannst du? Wo hast du eigentlich immer neue Munition her, du verdammter Dreckskerl. Die klaust du mir doch?«

Das Peitschenknallen schallte lauter über die Station. Hufschlag und Räderrasseln wurden laut.

»Verschwinde jetzt. Los, in den Schuppen mit dir!«

Chet konnte durch das Fenster neben der Tür sehen, wie Joe sich in den Schuppen trollte.

Der Postagent schlug den Staub von seiner alten Kleidung, nahm den Hut vom Kopf und bürstete ihn mit dem Ärmel.

»Der hat eine ganz schöne Meise!« Rizzos konnte es ebenfalls sehen und lachte leise. Der Junge hatte ja auch Pech, ausgerechnet hier mit der verletzten Mutter zu landen.

»Ob er anderswo freundlicher aufgenommen worden wäre, ist zu bezweifeln.«

»Ja, stimmt auch wieder.«

»Hulls Station, Gentlemen!«, rief eine bärbeißige Stimme. »Hier müssen Sie auf die Ostwest-Kutsche warten, wenn Sie immer noch nach Colorado Springs wollen!«

Im folgenden Augenblick tauchte die von vier Pferden gezogene Concord-Kutsche auf. Der in Leder gekleidete Fahrer lehnte sich zurück, zog die vielen Zügel in den Händen an und trat zugleich auf den langen Holzhebel, der die Bremsklötze bediente. Das Gefährt hielt zwischen Schuppen und Haupthaus an. Der aufwirbelnde Staub ließ sich im Dämmerlicht kaum noch erkennen.

Hull ging dem Gefährt entgegen, doch der Schlag wurde geöffnet, bevor der Stationer die Kutsche erreichte.

Eine ungefähr achtundzwanzigjährige Frau in Lederhosen und einer weißen Rüschenbluse unter der schwarzen, reichlich mit Silberstickerei verzierten mexikanischen Weste, sprang aus dem Wagen. Sie hatte langes, rotblondes Haar und Sommersprossen um die Stupsnase. Eine Schönheit war sie nicht, aber dennoch wie ein Sonnenstrahl in der tristen Umgebung.

»Hallo«, sagte Hull verwundert. »Frauen verirren sich nur selten so weit in die Wildnis heraus, Madam.«

»Um so besser für mich. Ich bin Tanja und mit den beiden unterwegs, die Sie gleich kennenlernen werden, Mister.«

»Wir nahmen sie aus Littletown mit, weil Sie keinen Job mehr hatte.« Ein großer, klotziger Vierziger mit grauen Borstenhaaren und bernsteinfarbenen Augen zwängte sich aus der Concord-Kutsche, gefolgt von einem ebenfalls großen, aber regelrecht bulligen Mann mit schwarzen Haaren und Stiernacken, ungefähr fünfunddreißig Jahre alt.

»Er ist Raoul Tyman.« Tanja deutete auf den Älteren, der einen zerknautschten schwarzen Anzug trug, schwarze Stiefel und einen ebenfalls schwarzen Hut mit breiter Krempe und flacher Krone.

»Und er Heston Lacon. So, nun kennen wir uns alle. »

Heston Lacon, der jüngere der beiden hartgesichtigen Männer, tippte an seinen Hut. Er war mit Schnürstiefeln, einer gestreiften Röhrenhose, schwarzem Hemd und Lederjacke bekleidet, so dass an ihm alles finster wirkte. Sein schwerer Colt steckte in einem tief geschnallten Halfter, dessen unteres Ende mit einem dünnen Riemen ans Bein geschnallt war.

Tyman trug seine Waffe nicht so tief, wirkte aber nicht weniger gefährlich.

»Gehen Sie ins Haus, da treffen Sie zwei Cowboys aus dem Bluegrass Valley. Ich muss dem Kutscher helfen, die Pferde zu wechseln.«

Der Fahrer stand hinter dem Wagen und hatte die Plane des Gepäckteils geöffnet. »Nehmt euer Zeug mit, ich trage es nicht hinterher!«

»Wann kommt denn die Kutsche nach Colorado Springs?«, wollte Lacon wissen.

»Voraussichtlich übermorgen, Mister«, brummte der Stationer. Er gab sich den Männern gegenüber viel weniger nett und schaute Tanja an, während er sprach.

Das Mädchen ging weiter, weil Lacon versprach, ihre Reisetasche mitzubringen. Als sie eintrat, blieb sie wieder stehen. »Ist es hier finster.«

»Es dachte noch niemand daran, eine Lampe anzuzünden. Ich bin Rizzos.«

Tanja kam lächelnd näher. »Die beiden Typen wollen mich mit nach Colorado Springs nehmen. Sie meinen, dort würde ich einen Job in einem Saloon kriegen. Ob das stimmt?«

»Wir sind nicht von Colorado Springs«, erwiderte Chet.«Und wir kennen uns da auch nicht aus.«

»Na ja, wir werden ja sehen. Darf ich?« Tanja setzte sich, bevor Chet oder Rizzos antworten konnten.

Lacon kam mit Reisetaschen beladen herein, warf alles am Tresen auf den Boden und näherte sich.

»Jemand müsste mal eine Lampe anbrennen, damit man sich sehen kann«, schlug Tanja vor.

»Wir sind hier nicht zu Hause«, brummelte Rizzos. »Sagt es dem Stationer.«

»Ich bin Heston Lacon.«

Chet stellte Rizzos und sich vor und sagte, dass sie mit einer Wagenladung zur Bullhead-Ranch unterwegs wären.

Inzwischen tauchte auch Raoul Tyman auf. Der Wirt kam herein und brannte über dem Tresen eine Lampe an. Sie verbreitete nur spärliches Licht und animierte Lacon zu der Bemerkung: »Können wir nicht etwas mehr Licht kriegen?«

»So dick hab ich es nicht!«, knurrte Hull abweisend.

»Aber hier sehen wir doch nicht, was auf dem Teller liegt, Sir!« Tanja stand auf und schlenderte zum Tresen. »Oder kriegen wir nichts zu essen?«

»Sie kriegen. Aber immer eins nach dem anderen.« Hull verließ das Stationshaus und ging zu dem Kutscher hinüber, der bereits die Pferde ausschirrte.

Raoul Tyman lief im Raum herum und betrachtete sich die Wände, die kleinen Fenster, deren Scheiben wackelten, weil der Kitt völlig vertrocknet war und herausfiel, die Tür, den Tresen und das Regal dahinter. Er holte eine Flasche und zwei Gläser und schenkte sie voll.

Der andere finstere Typ kam zu ihm und sie tranken den scharfen Whisky pur aus großen Gläsern.

»Denkt ihr immer nur an euch?«, fragte Tanja spitz.

»Das ist kein Drink für kleine Mädchen.« Tyman mühte sich ein Grinsen ab.

Draußen wurden die abgetriebenen Pferde in den Corral gebracht und andere herausgeführt und vor die wartende Kutsche gespannt.

Auf einmal stand Joe Wood auf der Schwelle der offenen Tür.

Tyman und Lacon starrten ihn an.

»Ist einer ein Doc?«, fragte Joe.

»Ein Doc?« Lacon grinste mit nach unten gebogenen Mundwinkeln. »Was soll denn das heißen?«

»Ich brauche dringend einen Doc. Für meine Mutter. Sind Sie einer?«

Lacon schüttelte den Kopf, und als Joe Tyman anblickte, tat der das gleiche.

»Und Sie, Madam?«

»Nein, tut mir leid. Ich bin nur ein ganz gewöhnliches Animiermädchen aus den Kneipen der wilden Städte. Vielleicht ein bisschen alt für den Job geworden. Na ja, die Jahre in der Wildnis zählen eben doppelt. Wie heißt du?«

»Joe Wood. Madam.«

»Ich bin doch keine Madam, Joe, mein Junge. Sag Tanja zu mir. Wo ist deine Mutter, und was fehlt ihr?«

»Würden Sie mal nach ihr sehen?« Ein neuer Hoffnungsschimmer glomm in den Augen des jungen, dunkelhäutigen Mannes auf. »Sie liegt hier in der Station. Kommen Sie, Madam Tanja!«

Joe lief durch den Stationsraum. Tanja stand auf und folgte ihm.

Kaum waren die beiden draußen, traten vorn der Stationer und der Postkutscher ein. Hull sah die beiden noch und sagte: »Eine Niggerin. Seine Mutier ist eine Niggerin.«

»Lebt denn die immer noch?«, brummte der Fahrer.

»Die ist zäh wie eine Katze. Seit drei Tagen spuckt sie Blut. Aber sie denkt nicht daran, das Zeitliche zu segnen!« Der Keeper war nahe daran, mit der Faust auf die Theke zu schlagen, aber er beherrschte sich im letzten Augenblick.

»Eine Schwarze?«, fragte Tyman mit zusammengekniffenen Augen.

»Ja, sage ich doch!« Noch einmal erzählte Hull die Geschichte, die Joe und seine verletzte Mutter ins Haus verschlug. Dann trank er einen gewaltigen Schluck aus der Flasche.

»Errol, ich will was essen«, knurrte der Fahrer. »Muss dann weiter.«

»Sie fahren nachts?«, fragte Rizzos.

»Ja, das will meine Gesellschaft so haben. Weil sich die Strecke eh kaum rentiert, meinen sie, ich könnte nicht auch noch die Nächte verpennen. Lieber teilen sie die Strecke für zwei Fahrer.«

»Aber in den Bergen sind Banditen unterwegs!«

Der Postagent zog den Kopf zwischen die Schultern.

»Banditen?«, fragte der Kutscher. »Davon müsste ich doch auch was wissen. Mister. Bin andauernd hier unterwegs.«

»Komisch«, murmelte Rizzos. »Die haben Sie noch nicht gesehen?«

»Nicht, dass ich wüsste.«

»Uns griffen sie an. Allerdings, als der eine sein Pferd und ein anderer das Leben verloren hatten, ließen sie es genug sein. Wissen Sie auch nichts von Banditen, Mister Hull?«

»Nein«, erklärte der Postagent schroff.

Joe kam aus dem hinteren Teil des Hauses zurück und blieb stehen. Direkt nach ihm kam Tanja.

»Ich werde mich um die Frau kümmern«, sagte das Mädchen in einem Ton, der Widerspruch ausschließen sollte.

»Hat denn das Sinn?«, knurrte Hull.

»Solange ein Mensch lebt, sollte man sich um ihn kümmern. Eigentlich müssten Sie das wissen.« Tanjas Augen funkelten, und ihre Stimme klang so scharf, dass die Worte noch im Raum zu stehen schienen.

Hull tippte sich unbeeindruckt an die Stirn. »Ich lebe doch nicht hier draußen, um Nigger zu pflegen. Der Bastard kann froh sein, dass sie beide hier ein Dach über dem Kopf finden. Umsonst!«

Joe stand mit weißem Gesicht dabei, die Hand auf dem Revolver, der sicher längst nachgeladen in seinem Halfter steckte.

Die beiden Männer am Tresen betrachteten ihn und warfen sich gegenseitig Blicke zu, die Chet sah, aber nicht verstand.

Tanja ging in die Küche.

»Kriege ich nun mein Essen oder nicht?«, maulte der Kutscher. »Was ist denn das hier für ein Saftladen?«

Hull schien ihn wütend anfahren zu wollen, fing sich aber wieder. Der Kutscher grinste ihn an. Hull mochte sich mit diesem Mann, hinter dem die mächtige Postgesellschaft Wells Fargo stand, offenbar nicht anlegen, ging in die Küche und maulte mit dem Mädchen herum.

Joe verließ die Station.

Die beiden Männer am Tresen schenkten sich wieder Whisky ein. Lacon legte ein paar Silbermünzen auf den Schanktisch.

Tyman trank aus, warf sein Glas ins Spülbecken und sagte: »Ich muss mir nach der langen Reise noch ein bisschen die Füße vertreten.«

»Warte!« Lacon trank ebenfalls aus und folgte dem anderen nach draußen.

»Was sind denn das für Leute?«, wollte Rizzos wissen. Er stand auf und schlenderte zum Tresen.

»Spieler oder so was«, brummte der Kutscher. »Aber genau weiß ich es nicht.«

Joe Wood stand in der Dunkelheit am Schuppen. Lacon sah ihn erst, als er bei der reisefertigen Postkutsche war. Er und Tyman blieben gleichzeitig ein paar Schritte vor dem Jungen entfernt stehen.

»Wie alt bist du, Joe?« Tyman gab sich freundlich im Ton und grinste, was aber Joe nicht sehen konnte.

»Achtzehn.«

»Bist du sie schon gewesen, oder willst du sie erst noch werden?«

»Ich bin sie schon. Seit drei Monaten.Was geht Sie das an, Mister?«

»Tyman, Joe. Raoul Tyman. Sei nicht so kratzbürstig, wir wollen dir doch helfen.«

»Helfen?« Joe stieß sich von der Wand ab.

»Wir helfen immer gern, wenn einer im Dreck sitzt«, versicherte Lacon.

»Wie wollen Sie mir helfen?«

»Vielleicht mit Geld«, sagte Tyman.

»Damit du einen Arzt holen kannst. Für fünfzig Dollar müsstest du doch einen Knochenflicker finden, der hierher reitet und deiner Mama hilft.«

»Fünfzig Dollar?«, staunte Joe. »Sie wollen mir fünfzig Dollar geben?«

»Nicht gerade schenken. Leihen, versteht sich.«

»Wann?«

»Sofort. Es ist doch eilig.« Tyman griff in die Jacke und brachte ein paar mehrmals gefaltete weiße Bogen heraus. Er zog einen aus dem kleinen Stapel und steckte die anderen wieder ein. »Du musst uns natürlich einen Schuldschein unterschreiben. Damit alles seine Ordnung hat. Das ist doch klar?»

»Ja, natürlich.«

»Kannst du lesen und schreiben?«, fragte Lacon schleppend. »Wenigstens den Namen schreiben?»

»Das hat meine Mutter mir gelernt.«

»Mich gelehrt«, verbesserte Tyman. »Na ja, egal. Hier lies ihn durch, den Schuldschein.« Er hielt Joe Wood den weißen, bedruckten Bogen hin.

Joe griff zu, obwohl er weder lesen konnte, noch im Moment an den Bedingungen interessiert war, die ihn an das begehrte Geld brachten, von dem er glaubte, es könnte die Hilfe holen, die seiner Mutter hier fehlte.

»Und dann musst du hier unterschreiben.« Tyman hielt den Tintenstift schon in der Hand und tippte auf eine gepunktete Linie unten auf dem Bogen.

Joe nahm den Stift.

»Hier, leg ihn auf das Rad.« Lacon nahm den Zettel ab und legte ihn mit der gepunkteten Linie auf den Reifen.

Joe unterschrieb. Tyman nahm ihm den Bogen sofort wieder ab und steckte ihn ein. Lacon zählte dem jungen Mann Silberdollars in die Hand; zehn Stück, jeder fünf Dollar im Wert.

»Alles klar?« Tymans Stimme klang wieder hart.

»Danke, Mister.«

»Nichts zu danken, Joe.« Lacon grinste unverschämt, aber Wood sah es nicht. Er lief schon an den Männern vorbei.

»Nun müssen wir nur geduldig warten, bis er wieder da ist«, raunte Tyman dem Partner zu. »Damit uns nie jemand nachsagen kann, er hätte mit dem Zaster nichts anfangen können.«

In diesem Augenblick trat Tanja aus der Poststation. »Joe?«, rief sie heiser.

»Verdammt!«, zischte Lacon. »Da ist was passiert.«

»Joe!«, rief das Mädchen noch einmal.

»Ich hole den Doc aus Colorado Springs!«, meldete sich Joe bei der Remise.

Das Mädchen lief über den Hof.

Tyman und Lacon blieben im Schutz der Kutsche.

»Joe, wo steckst du?«

»Hier. Ich reite jetzt nach Colorado Springs. Sag ihm, er kriegt den Gaul zurück.«

»Habt ihr denn keine Pferde?«

»Er hat uns doch alles abgenommen. Für Verpflegung und das Zimmer, und weil ich im Schuppen schlafen darf.«

»Joe, warte noch. Es ist … Deine Mutter …«

Der Fahrer verließ das Stationshaus und kam zum Wagen.

Tyman und Lacon zogen sich zum Schuppen zurück und warteten.

Der Kutscher blieb stehen. »Weiß er es?«

»Was ist mit meiner Mutter?«, fragte Joe in die eintretende Stille.

»Sie ist tot. Joe.« Tanja ging weiter und wollte nach Woods Arm greifen.

»Das ist gelogen!« Er stieß sie zur Seite und rannte zum Haupthaus.

»So ein Drama!« Kopfschüttelnd stieg der Kutscher auf den Bock der leeren Concord-Kutsche, nahm die Peitsche und die Zügel und löste die einfache Sperre des Bremshebels und knallte mit der Peitsche.

Seine vier frischen Pferde zogen an. Die Kutsche rollte vom Hof und wurde von der Nacht verschluckt.

Das war sozusagen ein Geschäft in letzter Minute. Tyman grinste gnadenlos.

»Wurde ja auch Zeit, dass wir mal was kriegen. Der Job lohnt sich doch sowieso nur als Nebengeschäft.«



4

Tanja saß bleich auf einem Stuhl, die Hände zwischen den Knien zusammengepresst und Schweiß auf dem Gesicht. Ihre Sommersprossen schienen nachgedunkelt zu sein.

Chet und Rizzos saßen noch am Tisch, obwohl sie sich beide müde genug fühlten, endlich ins Bett zu kommen.

Der Keeper rumorte in der Küche und fluchte immer wieder. Offensichtlich war ihm die entstandene Lage recht unangenehm, auch wenn er sich nach seiner Denkart sagen konnte, nun endlich alles ausgestanden zu haben.

Tyman und Lacon lehnten am Tresen. Tyman trommelte manchmal mit den Fingerspitzen auf den Tresen.

Joe wankte aus dem Gang im Hintergrund und geriet in den Lichtschein.

Niemand sagte etwas, keinem fielen Worte ein, die passend gewesen wären. Tanja ging Joe ein Stück entgegen, verharrte aber am letzten Tisch, als habe sie Angst vor dem nächsten Schritt.

Joe kam bis zu ihr und legte die Münzen auf den Tisch. Er hatte sie die ganze Zeit in der feuchten Hand gehalten, ohne es selbst zu merken.

»Was ist das?« Tanja strich dem Jungen über den Kopf. »Woher hast du das Geld?«

Joe schaute auf und die beiden Männer mit den harten Gesichtern an.

»Sie haben es mir geliehen.«

»Geliehen?« Tanja wandte sich um. »Ihr habt soviel Geld zu verleihen?«

»Der Junge spinnt«, sagte Tyman schroff.

Lacon lachte scharf auf.

Hull trat aus der Küche und trocknete die Hände an einem Lappen ab.

»Was ist denn los?«

»Am besten, ihr beerdigt sie gleich«, wechselte Tyman das Thema.

»Das meine ich auch«, sagte Hull sofort.

»Geht das nicht ein bisschen fix?«, fragte Tanja.

»Je schneller, desto früher hat er es hinter sich«, brummte Lacon. »Und morgen, wenn es wieder knallheiß ist, hat kein Mensch Lust, ein Loch zu graben.«

»Ich gehe mit Ihnen, Gentlemen.«

Hull war heilfroh, ein paar so unerwartete Helfer gefunden zu haben, führte sie hinaus und zum Schuppen hinüber.

»Begreifst du das seltsame Verhalten der beiden?« Rizzos Gesicht glich einem Fragezeichen.

»Nein«, gab Chet unumwunden zu. »Aber das sind keine Männer, die etwas ohne tieferen Sinn machen würden. Und ich schätze, diesen Sinn erfahren wir.«

»Wieso haben die dir denn das Geld gegeben?«, versuchte Tanja in den verstörten jungen Mann zu dringen.

»Damit ich den Arzt aus Colorado Springs holen kann, Miss.«

»Und was wollen sie dafür von dir haben?«

»Nichts, Miss.«

Tanja blickte über die Schulter auf Chet und Rizzos, als sollten sie bestätigen, was der junge Wood da Unglaubliches erzählte.

Die beiden Männer und der Wirt kamen aus dem Schuppen. Sie trugen Werkzeuge und Hull eine brennende Sturmlaterne.

Chets Blicke folgten ihnen, bis sie hinter der Remise verschwanden. Dann erhob er sich und ging zu Tanja und Joe hinüber. Er nahm eine der Münzen und betrachtete ihre beiden Seiten eingehend.

»Ist etwas nicht richtig damit?«, fragte Joe gepresst.

Chet legte die Münze zurück. »Nein, völlig in Ordnung. Hast du etwas unterschrieben?«

»Den Schuldschein, natürlich. Wenn man Geld leiht, muss man immer einen Schuldschein unterschreiben.«

»Wie gut du das weißt«, murmelte der Vormann der Bullhead-Ranch. »Hast du ihn auch durchgelesen?«

Joe senkte den Kopf.

»Oder kannst du nicht lesen, Joe?«

»Nein.«

«Dann weißt du also gar nicht, ob es auch ein Schuldschein war, was du unterschrieben hast?Kannst du deinen Namen schreiben?«

»Ja, Mister.«

Chet blickte wieder auf die Münzen. »Wir werden mit den beiden reden. Nachher. Nach der Beerdigung. Nun komm und trink mal etwas Scharfes. Das ist gut in solchen Situationen.«

Joe ließ sich zum Tresen ziehen, wirkte aber dabei immer noch sehr abwesend. McCoy schenkte vier Gläser voll. Tanja kam nach und Rizzos vom Tisch herüber.

Das Geld blieb auf der Platte im Hintergrund liegen und schimmerte im Halbdunkel geheimnisvoll.

»Mein herzliches Beileid, Joe.« Chet gab dem Jungen die Hand, dann griff er zum Glas.



5

Die Tote lag in eine Decke gehüllt in dem Grab. Gespenstisch huschten die Schatten der Anwesenden über sie hinweg und schienen noch einmal Leben in ihr wecken zu wollen.

Tanja sprach mit gefalteten Händen und sehr ernstem Gesicht ein Gebet. Niemand achtete darauf, dass es eigentlich gedacht war, Kinder in den Schlaf zu wiegen und nicht Toten zu versprechen, der Himmel und die Erlösungen von allen Qualen der Welt stünde nun vor ihnen.

Als sie schwieg, blickte Hull sie ein paar Sekunden schweigend an. Dann fragte er barsch: »Wär‘s das?«

Tanja trat zur Seite.

»Los, Leute!« Hull ergriff einen der Spaten, Tyman und Lacon nahmen die anderen und schaufelten die Erde in das Grab.

Chet hielt den schwankenden Jungen fest, dem Tränen über die Wangen rannen, der aber keinen Laut von sich gab.

»Hier, mach auch mal was!« Lacon warf Rizzos den Spaten zu. »Stehst nur herum und hältst Maulaffen feil!«

»Du auch, Mister.« Chet bekam von Tyman den anderen Spaten in die Hand gedrückt. Nur der Stationsagent schaufelte wacker weiter, wahrscheinlich heilfroh, dass nun alles ein Ende haben sollte, dass Joe verschwand und er hier wieder allein schalten und walten konnte. Als billige Arbeitskraft hätte er den Jungen schon gebrauchen können. Aber dass dies ausgerechnet ein Mischling sein sollte, nein, das gefiel Errol Hull gar nicht. Lieber wollte er seine Arbeit allein erledigen.

Als sie das Grab geschlossen hatten, schlug Hull den kleinen Hügel mit dem Rücken des Spatens fest. Tanja umarmte Joe und blieb mit ihm noch stehen.

Die anderen brachten die Werkzeuge in den Schuppen. Hull blies die Sturmlaterne aus und hängte sie an einen langen rostigen Nagel.

Tyman wartete vor der Tür, die Hand auf dem Coltkolben und den Blick auf die Remise gerichtet. Tanja und der Junge tauchten immer noch nicht auf.

»Die kommen schon«, murmelte Lacon.

»Wir müssen damit rechnen, dass er abhauen will.«

»Erst, wenn er es weiß, Raoul.«

Chet, Rizzos und der Postagent liefen zum Haupthaus hinüber.

»Und die haben wir auch gegen uns, verdammt!«, schimpfte Lacon leise.

»Was wir tun, ist rechtlich in Ordnung, auch wenn es vielen Leuten nicht gefällt. Wir schaffen ihn irgendwie fort. Am besten gefesselt. Der Wirt muss uns einen Gaul leihen.«

»Am besten, der Kleine wäre stockblau.«

»Vielleicht kriegen wir ihn dazu, den Zaster zu verölen.« Tyman grinste scharf.

Tanja und Joe Wood tauchten bei der Remise im fahlen Mondschein auf.

Die beiden Kerle beobachteten das ungleiche Paar und zogen sich dabei in den Schatten des Schuppens zurück. Sie warteten, bis auch diese beiden im Haupthaus waren, dann liefen sie über den Hof.

Tyman blieb wieder stehen und hielt Lacon fest. Da die Tür noch offen stand, konnten sie die beiden Bullhead-Reiter, Joe und das Mädchen am Tresen sehen, den Wirt dahinter.

»Und wenn wir bis morgen warten?«, fragte Tyman leise. »Dann sind die beiden weg.«

»Gute Idee. Aber die werden uns jetzt mit Fragen löchern, Raoul. Wird wohl schwer halten, nichts zu sagen. Und wie gesagt, wir sind mit dem Gesetz im Einklang.«

Sie gingen mit gemischten Gefühlen weiter und betraten das Stationshaus. Die Blicke der Anwesenden richteten sich auf sie.

»Ich brauche das Geld nicht mehr, Mister. Vielen Dank, dass Sie mir helfen wollten.« Joes Worte klangen, als hätten die anderen Hilfestellung bei der Formulierung geboten.

»Du hast gekriegt, was dir zusteht, mein Junge.« Lacon kratzte sich an der Wange.

»Mir zusteht?«, fragte Joe verwirrt.

Lacon hob die Schultern an. »Das Handgeld. Kriegt doch jeder, wenn er sich verpflichtet, Soldat zu werden.«

McCoy lief es eiskalt über den Rücken, obwohl er gar nicht betroffen war.

»Aber …« Joe schien im Halse steckenzubleiben, was er sagen wollte.

Tyman zog den gefalteten Bogen aus der Innentasche der schwarzen Jacke, hielt ihn an einer Ecke und schüttelte ihn so, dass er sich entfaltete. »Das ist der Vertrag, mein Junge. Deine Verpflichtung. Du wirst wohl zu den schwarzen Soldaten in Texas kommen. Freue dich darauf! Es ist eine große Ehre, den blauen Rock der US Armee tragen zu dürfen!«

»Aber Sie haben mir das Geld doch geliehen und mich einen Schuldschein unterschreiben lassen«, murmelte Joe, der niemanden und alle meinte.

»Schuldschein?« Tyman schüttelte den Kopf. »Das muss ein Irrtum sein. Können Sie lesen. Mister?« Er hielt Chet den Vertrag hin. »Sehen Sie sich an, was es ist!«

McCoy trat näher. Der Bogen war eng bedruckt und bei dem diffusen Licht in der Station nur schwer zu lesen. Tyman drehte den Vertrag um. »Bitte, er hat unterschrieben und ausgesagt, achtzehn Jahre alt zu sein. Der Vertrag ist damit rechtmäßig zustande gekommen.« Tyman faltete ihn und steckte ihn ein.

Chet trat zurück. »Hast du unterschrieben, Joe? Ist das deine Schrift?«

»Ja. Aber sie haben gesagt, es wäre ein Schuldschein. Und außerdem, es war so dunkel, da hätten auch Sie nichts lesen können, Mister McCoy!«

»Du hast freiwillig unterschrieben. Ohne jeden Zwang. Du wolltest die Bucks!« Lacon griff nach dem Coltkolben.

»Er hat gesagt, es wäre ein Schuldschein!«, schrie Joe.

»Du lügst«, behauptete Tyman. »Wir sind zwei gegen dich und werden vor jedem US Gericht bezeugen, dass wir dir einen Vertrag vorgeschlagen haben. Einen sehr ehrenhaften Vertrag für dich!«

Peinliche Stille trat ein. Hinter Chets Stirn jagten sich die Gedanken, aber er sah kaum noch einen Ausweg für den Jungen, den sie in seiner Notlage so vollständig aufs Kreuz legten.

»Ihr seid Schweine«, sagte das Mädchen.

»Warum haben Sie denn nichts von den Kerlen erzählt?«, herrschte Rizzos Tanja an.

»Ich hatte doch keinen blassen Schimmer, dass die Armeewerber sind. Denkt, ihr denn, mit so was hätte ich mich in die gleiche Postkutsche gesetzt?«

»Riecht man das nicht, wenn man ihnen so nahe ist?«, fragte Chet gedehnt. »Das muss doch stinken.«

Tyman grinste herablassend. Solche Beleidigungen schienen von ihm abzutropfen wie Regenwasser.

»Betrink dich von dem Zaster ordentlich«, schlug Lacon vor. »Es ist für die nächste Zeit sicher die letzte Gelegenheit, Joe, mein Freund. Und morgen früh reiten wir nach Colorado Springs.«

»Ich bin nicht euer Freund, ihr Hundesöhne!«, entfuhr es dem jungen Mann. Er warf sich Lacon entgegen und wollte ihm ins Gesicht schlagen. Doch der bullige Kerl wehrte die Faust beinahe lässig ab und schmetterte Joe einen Haken ans Kinn, der Wood förmlich abhob, schweben ließ und Rizzos entgegenwarf.

»So nicht!« Der Ranchschmied schob Joe Wood gegen den Tresen und wollte seinerseits zum Angriff übergehen. Doch bevor er den ersten Schritt tun konnte, riss Lacon den Colt aus dem Halfter. Noch im Hochschwingen der Waffe spannte er den Hammer.

»Noch einen Schritt, und du fährst in die Hölle, Cowboy!«

»Sie wollen uns doch nicht etwa daran hindern, einen staatlichen Auftrag durchzuführen?«, fragte Tyman.

»Ihr seid im Irrtum, wenn ihr euch einbildet, so Eindruck bei uns schinden zu können«, erwiderte Chet.

»Für uns sind Armeewerber so was ähnliches wie Kopfgeldjäger«, setzte Rizzos hinzu.

Lacon bedrohte ihn immer noch mit dem Colt. »Unter diesen Umständen sollten wir am besten gleich verschwinden, Raoul. Mister Hull, wir erwarten Hilfe von Ihnen! Los, verdammt, nehmen Sie schon Ihr Gewehr zur Hand!«

»Was geht mich das an?«, schnaubte der Postagent.

»Sie leben hier draußen unter dem Schutz der Armee, zur Hölle!«, brüllte Tyman scheinbar aufgebracht. »Diesen Schutz brauchen Sie wie das tägliche Brot. Ich werde dem Colonel melden, dass Sie sich weigerten, uns bei der Durchführung einer dienstlichen Aufgabe zu helfen.«

»Seid ihr denn auch Soldaten?«, staunte der Stationer.

»Quatsch, die sind so was ähnliches wie Kopfgeldjäger!«, schimpfte Tanja. »Das hat Rizzos doch eben schon gesagt.Verdammt, mit so was war ich zwei Tage lang unterwegs. Ist das zu fassen?«

»Was ist nun, Mister Hull?«, schrie Tyman.

Da griff der Postagent seufzend unter den Tresen, brachte das abgesägte Schrotgewehr zum Vorschein, bedrohte die Leute vor der Theke und spannte die beiden außenliegenden Hämmer der mörderischen Waffe mit den dollargroßen Mündungslöchern. »Tut mir leid. Ich mische mich in so was grundsätzlich nicht gern ein. Aber Staatsbürgerpflichten muss jeder erfüllen.«

»Ach nee«, murmelte Chet.

Tyman hatte ebenfalls den Revolver gezogen und winkte Joe Wood damit.

Die Situation wirkte aufs Äußerste gespannt. Wenn Hull aus irgendeinem Grund abdrückte, würden sie außer Lacon vermutlich alle getroffen. Und das aus kürzester Entfernung.

»Joe, hierher!«, befahl Tyman, weil der Junge sich noch immer nicht vom Fleck bewegte.

»Ich gehe nicht mit euch!« Joe schob sich weiter rückwärts.

»Verdammt, ich schieße!« Lacon geriet ins Schwitzen.

»Auf mich?«, fragte Rizzos grinsend, obwohl ihm flau in der Magengegend war.

»Auf dich!«

»Was kann ich denn dafür, wenn er nicht mit euch Halunken gehen will, he?«

»Ich schieße!«, drohte Lacon noch einmal.

»Das wäre eiskalter, berechneter, gemeiner Mord«, sagte Tanja. »Und dafür würden sie dich hängen, Heston!«

Chet schob sich so unauffällig wie möglich einen Schritt weiter zur Seite. Irgendwie musste er versuchen, die Lage zu verändern.

»Bleiben Sie stehen!«, befahl der Wirt, dem Schweißbäche über das zerhackte Gesicht rannen.

Dafür schob Joe sich weiter, wirbelte jäh herum und rannte durch die Station.

Chets Hand schwebte über den Revolverkolben. Falls Lacon wirklich abdrückte, würde er die Waffe ziehen und ihn töten, das stand für ihn in diesen Sekunden fest.

Aber Lacon feuerte nicht.

»Bleib stehen, du Bastard!«, brüllte Tyman.

Joe warf sich gegen die Hintertür.

»Ich hole ihn. Bleib hier. Heston! Hull, helfen Sie Lacon!« Tyman lief aus dem Stationshaus.

Dem Stationer liefen Schweißbäche bis zum Kinn. Die ersten Tropfen fielen auf sein Hemd.

»Können wir denn wirklich nichts tun?«, fragte Tanja. »Die stecken den Jungen in eine Uniform und zu den Schwarzen, und irgendwo wird er dann verheizt!«

»Hebt die Hände!«, kommandierte Lacon. »Los, Pfoten über die Köpfe!«

Sie mussten gehorchen, weil der Stationer sie ebenfalls noch bedrohte. Auch Tanja hob die Hände.

»So was habe ich noch nie erlebt«, sagte das Mädchen.

»Alles kommt irgendwann zum ersten Mal auf den Menschen zu.« Rizzos wollte näher an Lacon heran, aber der fuchtelte wild mit der Waffe hemm,

»Stehenbleiben, verdammter Kuhfladentreter!«

»Dir begegne ich noch mal!«, drohte Rizzos. »Und wenn ich zehn Jahre nach dir suchen muss!«

Das Peitschen eines Schusses hallte in die Station.

Tanja zuckte zusammen und wollte sich bekreuzigen.

»Pfoten oben lassen!«, herrschte Hull sie an.



6

Keuchend rannte der junge Joe Wood durch das Dickicht hinter der Poststation.

Da fiel der zweite Schuss. Die Kugel pfiff durch das Gestrüpp und fetzte welke Blätter und strohtrockene Äste ab.

Joe trat in eine Rinne, stolperte über einen Stein und landete auf dem Bauch. Sein Gesicht schlug in den Sand. Das Hemd klebte in seinem Rücken auf der Haut und war am Ärmel aufgerissen.

»Wo steckst du Bastard?«, schrie Tyman.

Joe kniete und zog den 44er Revolver. Mit einem leisen Klicken rastete die Feder unter den gespannten Hammer in die Sperre.

»Ich finde dich schon, verdammter Nigger!«

Gestrüpp raschelte. Raoul Tyman konnte nicht mehr weit entfernt sein. Joe wollte weiter, trat an den Stein, der klirrend gegen einen anderen stieß und in die Rinne rutschte.

Er lauschte mit angehaltenem Atem und hörte wieder das Rascheln. Der Halunke musste sich bereits in seiner unmittelbaren Nähe befinden. Dann schienen sich die Äste der Scrubbüsche zu bewegen.

Joe hob die Waffe und feuerte. Der Rückstoß schmerzte in seinem Handgelenk und sein Arm wurde etwas nach oben gerissen. Pulverrauch trieb in sein Gesicht.

»Ha, jetzt sehe ich dich!«

Joe wirbelte herum und rannte, schoss blindlings hinter sich, verhedderte sich in einem Busch und stürzte wieder. Das laute Rascheln musste ihn verraten. Er jagte die dritte Kugel aus dem Lauf, schlug einen Haken und schoss weiter, bis die Trommel leer war. In seiner Angst bemerkte er das nicht, bis er zum siebten Mal den Finger krümmte und der Hammer wirkungslos auf einen geschwärzten Patronenboden schlug.

Im Rennen klappte er die Trommel aus dem Rahmen, hielt den Revolver nach oben und schlug mit der linken Hand dagegen, damit die Hülsen aus den Kammern fallen sollten. Dabei konnte er nicht auf den Weg achten, rannte in den nächsten Busch und wurde von den verschlungenen Ästen festgehalten und wie von Federn zurückgeschleudert. Er verlor die Waffe und stürzte.

Sand knirschte unter Stiefeln. Das Keuchen eines schwergewichtigen Menschen war zu hören.

Joe sprang auf. Da wurde er von hinten am Kragen gepackt und bekam einen Tritt versetzt, der ihn wieder im Sand landen ließ. Er versuchte es abermals, sprang auf und bekam etwas auf den Hinterkopf geschmettert. Er taumelte, meinte, in seinem Kopf fände eine Explosion statt und sah in der Schwärze, die sich vor seine Augen schob, ein buntes Feuerwerk. Glitzernd und schimmernd schrumpfte es zu einem Feuerball zusammen und barst wieder auseinander. Joe merkte nicht, wie er erneut auf den Boden schrammte und das Bewusstsein verlor.

Keuchend blieb der hartgesottene Armeewerber stehen. Joe lag regungslos.

Tyman schob den Colt in die Halfter.

»Du hast ja Haare auf den Zähnen, Kleiner. Aber das nützt bei uns gar nichts.«

Er beugte sich hinunter, packte Joe am Kragen, hob ihn an und schleifte ihn durch das Gestrüpp zur Station zurück. Am Schuppen ließ er ihn fallen, ging hinein und suchte eine Weile, bis er Zügel fand. Mit ihnen band er das immer noch wehrlose Opfer.

»Raoul?«, fragte Lacon aus dem Stationshaus.

»Ja, ich bin es. Alles in Ordnung. Ich hab den kleinen Feuerfresser zu einem Paket verschnürt.« Tyman ließ den Gefesselten mitten im Hof liegen und kehrte ins Haus zurück. Er grinste überlegen.

»Lebt er noch richtig?«, fragte Lacon.

»Natürlich. Die Armee braucht gesunde Kerle. Ich hab so geschossen, dass er nicht getroffen werden konnte.« Tyman hielt den Colt wieder in der Hand.

Chet ließ die Hände sinken und lehnte sich gegen einen Pfosten. Tyman kam auf ihn zu und stieß ihm die Revolvermündung gegen den Leib.

»Ich möchte nicht, dass uns jemand verfolgt, Cowboy. Das kannst du doch sicher verstehen?«

»Und wir wollen uns nicht mit der Armee anlegen, werden den Colonel aber trotzdem wissen lassen, wie der Vertrag zustande kam. Ich hoffe, das geht euch auch in die Köpfe.«

»Der kleine Halunke hat euch belogen. Er war in Schwierigkeiten und brauchte dringend Geld, egal, was dann passiert. Der wusste, auf was er sich einlässt.«

Chet schaute in die kalten Bernsteinaugen des Schurken. So genau wie er wusste, dass Raoul Tyman ihn belog, so klar war ihm, dass er das niemals beweisen konnte.

»Dreh dich um. Wir sperren euch hinten in ein Zimmer. Der Stationer wird euch bewachen!«

»Na los, du auch!« Lacon fuchtelte mit der Waffe herum und blickte Rizzos an. »Tanja, scher dich aus dem Weg!«

Das Mädchen gehorchte sofort. Rizzos ließ die Hände sinken, blieb jedoch wie Chet stehen.

»Die wollen nicht, Raoul«, sagte Lacon gedehnt. »Was machen wir denn nun? Knallen wir sie wegen Widerstand gegen die Staatsmacht einfach ab?«

»Das würde alles sehr vereinfachen«, entgegnete der klotzige Kerl mit den grauen Borstenhaaren. »Vor allem, wenn sie es auch noch wagen sollten, uns anzugreifen. Na, was macht ihr nun, ihr Kuhjungen?«

Sie hatten mindestens im Augenblick überhaupt keine Chance. Aber wären ihre Aussichten gegen diese Männer nicht so schlecht gewesen, hätte Chet wohl trotzdem versucht, eine Änderung herbeizuführen. So allerdings sagte er sich, es wäre besser, zunächst sich zu fügen und dann dahin zu reiten, wohin Joe gebracht werden sollte. Deshalb gehorchte er.

Rizzos wandte sich ebenfalls um. Aber bevor sie losgehen konnten, um sich einsperren zu lassen, schlugen die heimtückischen Schurken sie hinterrücks nieder.

Chet taumelte gegen einen Stuhl und riss ihn um. Ein zweiter Schlag raubte ihm die Besinnung, so dass er den eigenen Sturz nicht mehr spürte, Rizzos nicht zusammenbrechen sah und den Schrei des Mädchens nicht mehr hörte.

»Stricke!«, befahl Tyman an den Keeper gewandt. »Na los, bewege dich, du lahme Schnecke!«

Der Stationer legte die abgesägte Schrotflinte auf den Tresen und lief in die Küche.

Tanja stand zitternd dabei.

Der Postagent brachte Stricke. Chet und Rizzos wurden an Händen und Füßen gefesselt und nach hinten geschleift.

Das Mädchen war unfähig, sich zu bewegen und befürchtete für sich selbst das Schlimmste.

Aber die drei Männer kehrten zurück und schenkten ihr keine Beachtung. Tyman und Lacon schienen ein Saloonmädchen nicht als ernsthaften Gegner zu betrachten. Nur als sie nach draußen gingen, winkte ihr Lacon.

»Komm, wir wollen dich sehen. Damit du nicht auf dämliche Gedanken verfällst!«

Sie ging mit. Die kühle Nachtluft tat ihr gut. Joe Wood lag wie ein Bündel mitten im Hof.

Plötzlich blieb Tyman stehen und stieß ein Zischen aus. Auch die anderen verharrten.

»Reiter!«, stieß Lacon hervor. »Was hat das zu bedeuten, Hull?«

Tyman trat in den Schatten des Haupthauses zurück.

Der Stationer fluchte verdrossen.

»He, mein Partner redet mit dir!«, knurrte Tyman scharf.

»Es sind vielleicht Leute, die bei mir nur was abholen wollen. Leute aus den Bergen. Farmer. Für die bringen manchmal die Kutschen was mit hier heraus. Ist doch normal, oder?«

»Wenn es normal ist, musst du keine Reden halten. Gib ihnen, was sie zu kriegen haben und jage sie zum Teufel!«

Auch Lacon trat in den schwarzen Schatten zurück. »Hol den Bastard hierher, den müssen die nicht unbedingt sehen!«

Hull hastete weiter und schleifte Joe zum Haus herüber. Er bewegte sich, schien aber noch benommen zu sein. Der Postagent ging auf den Corral zu.

Fünf Reiter schälten sich aus der Nachtschwärze und hielten beim Schuppen. Hull erreichte die Männer und sagte: »Wollt ihr die Ware abholen, Mister?«

Einer schaute herüber. Hull flüsterte ihm etwas zu.

Tyman packte den Colt fester.

»Weißt du, wer das ist?«, flüsterte er Lacon zu.

»Ich kann die Visage nicht gut genug erkennen.«

»Aber ich!«

»Und?«

Tyman beugte sich noch weiter zu seinem Kumpan herüber. »Bide Wilder und seine Bande!«

Lacon pfiff durch die Zähne, schaute prüfend auf das Mädchen und kam zu der Überzeugung, dass es die letzten Worte nicht verstanden haben konnte.

Zwei Banditen stiegen ab und folgten Hull in den Schuppen.

»Das ist ja ein Ding«, sagte Lacon. »Wenn wir das gegen ihn ausspielen, frisst er uns aus der Hand. Ob er will oder nicht.«

»Und ob wir das ausspielen.«

Die Banditen schleppten ein paar Säcke aus dem Schuppen und gaben sie den anderen. Hull schien Geld zu bekommen. Dann saßen die beiden auf, die Pferde wurden im Hof gewendet, und die Outlaws sprengten in die Nacht hinaus.

»Wer war das?«, fragte Tanja hohl und kaum interessiert.

»Das geht dich einen Dreck an!«, zischte Lacon. »Und noch was: Halte dich aus der Sache ganz heraus, wenn du keine Schwierigkeiten haben willst. Setz dich in die nächste Postkutsche und verschwinde. Aber lass dich nicht in Colorado Springs sehen! Kannst du dir das merken, Flittchen.«

Tanja gab keine Antwort.

Lacon fluchte.

Hull kam herüber. Die beiden Kerle grinsten ihn kalt an. Lacon stieß ihn in die Station und folgte. Tyman schloss sich an.

»Das hatten wir allerdings nicht von dir erwartet, Hull.« Tyman lehnte sich gegen den Tresen, griff nach der Whiskyflasche und schenkte drei der herumstehenden Gläser voll.

Lacon beobachtete das Mädchen in der Lichtbahn vor dem Haus.

»Was denn?« Hull sah unsicher aus.

»Dass du mit diesen Leuten einen flotten Handel treibst. Die müssen sicher ordentlich für jedes Pfund Mehl blechen, das du ihnen beschaffst was?«

Hull wurde bleich. »Ich weiß nicht …«

»Doch, du weißt es ganz genau«, unterbrach Tyman ihn schroff. »Und nun weißt du sogar, dass wir es auch wissen.«

Lacon beugte sich über den Tresen. »Bide Wilder«, raunte er dem Postagenten zu.

Hull zuckte zusammen.

»Du wirst die beiden eine Woche hier festnageln«, verlangte Tyman. »Bis dahin haben wir den Bastard verkauft und uns in eine andere Gegend abgesetzt. Hast du kapiert?«

Hull nickte, weil er keine Worte über die Zunge brachte, so sehr saß ihm der Schreck in den Gliedern.

»Du kontrollierst jede Stunde die Fesseln der Halunken«, befahl Tyman. »Auch die Stricke, die sie ans Bett binden und verhindern, dass sie zueinander kommen. Und du sperrst die Bude zu und behältst das Weibsstück im Auge. Mit der nächsten Postkutsche jagst du sie zum Teufel! Kannst du dir das alles merken?«

»Es sind die Bedingungen, unter denen wir totschweigen, was wir eben sahen«, setzte Lacon hinzu.

»Und jetzt sattelst du drei Pferde. Vorwärts!«

Hull trank erst das eine Glas leer, dann hastete er aus dem Stationshaus.

»Haben wir heute einen Dusel!« Tyman wackelte mit dem Kopf, stieß die Gläser zusammen und trank das eine aus.

Das Mädchen stand noch wie zu einer Salzsäule erstarrt in der Lichtbahn und schien die böse Welt um sich herum vergessen zu haben.

Hull fing im Corral Pferde ein und sattelte sie am Zaun.

Die beiden hartgesichtigen Männer verließen die Station, schleiften Joe über den Hof und warfen ihn quer über einen Sattel.

»Vergiss nie, den Schlüssel der Bude abzuziehen!«, schärfte Lacon dem Postagenten ein.

Hull trat zurück. »Was wird denn mit den Pferden?«

»Die geben wir in Colorado Springs in der Poststation ab. Dann muss die Wells Fargo zusehen, wie sie die Gäule wieder zu dir bringt. Tyman schwang sich in den Sattel und nahm das dritte Tier am Zügel.

»Und behalte Tanja im Auge«, sagte Lacon. Dann saß er ebenfalls auf dem Pferd.

Hull schaute den Reitern nach, während er verdrossen vor sich hin fluchte. Wenn die beiden ausplauderten, welchen trüben Geschäften er nachging, war er als Postagent erledigt. Und vielleicht nicht nur das.

»Los, rein!«, fuhr er Tanja an, als er das Haus wieder erreichte.

Sie wandte sich steif um und betrat mit hölzern wirkenden Bewegungen die Station.

Hull hieb hinter sich die Tür zu, ging hinter den Tresen und wischte die Gläser mit der abgesägten Schrotflinte ins Spülbecken.

Tanja sank auf einen Stuhl. »Wann kommt die nächste Postkutsche?«

»Übermorgen. Aber die geht nach Colorado Springs. Dorthin würde ich dir nicht raten, zu fahren. Da kommst du den beiden wieder in die Quere!« Er beobachtete sie scharf, als wollte er ergründen, ob sie auch wusste, wer die Reiter waren, die bei ihm die Säcke abholten. Aber ihrem verschlossenen Gesicht ließ sich nichts entnehmen.

»Wohin soll ich dann fahren?«

»Mit einer anderen Kutsche. In drei Tagen nach Boulder zum Beispiel.« Hull ließ das Gewehr los. »Was haben Tyman und Lacon noch erzählt?«

Sie blickte ihn zwar an, aber es sah aus, als hätte sie nicht zugehört. Hull ging um den Tresen herum und fuchtelte mit dem abgesagten Gewehr herum.

»He, ich rede mit dir!«

Tanjas Blick kehrte aus weiter Ferne oder einer anderen Welt zurück.

»Was ist?«

»Was Tyman und Lacon erzählt haben?«

»Erzählt? Ich weiß nicht. Ich stand doch draußen.«

»Sie haben nichts zu dir gesagt?«

»Nein.«

Hull war beruhigt und kehrte hinter den Tresen zurück.



7

Obwohl ein bleicher Lichtschimmer des Mondes durch das Fenster fiel, war es stockdunkel in der Kammer.

Chet wollte den Arm bewegen. Er war irgendwo angebunden. Es ging nicht. Und seine Hände hatte man auf dem Rücken zusammengeschnürt. Die Beine zwängte ebenfalls ein Strick zusammen.

»Chet?«, fragte Rizzos.

»Ja.«

»Verdammt, diese Hundesöhne haben uns geleimt.«

»Und wie, Rizzos«, gab McCoy zu.

»Konnten wir wirklich nichts unternehmen?«

»Ich weiß nicht. Ich wollte mich auch nicht mit der Armee anlegen. Dieser Joe Wood muss verrückt gewesen sein, da draußen in der Nacht einfach etwas zu unterschreiben, was er nicht lesen kann. Ich denke, das werde ich dem Colonel erklären.«

»Und du meinst, es nützt etwas?«

»Keine Ahnung, Rizzos. Wenigstens sollen sie wissen, wie sie zu den Soldaten kommen.«

»Das wird ja wohl nur in Ausnahmefällen so sein.«

»Wenn es so ist, hat Joe vielleicht doch noch eine Chance, aus der Geschichte wieder herauszukommen.«

Schlurfende Schritte näherten sich im Flur. Dielen knarrten.

»Halte die Lampe!«, bellte der Stationer. »Und lass dir keine Schwachheiten einfallen. Wir erfüllen unsere Pflicht dem Vaterland gegenüber. Nichts weiter.«

Ein Schlüsselbart rutschte über Eisen und fuhr ins Kastenschloss. Die Falle schabte über die trockene Metallplatte. Dann kreischten die rostigen Angeln, die Tür schob sich auf, und der Lichtschein quoll ins Zimmer.

Erst da sahen die beiden Bullhead-Reiter, dass sie oben und unten am Bett auf dem Fußboden saßen und jeder an einem Giebel festgebunden war.

Der Stationer trat über die Schwelle, einen schweren Revolver in der Hand und den finsteren Blick auf seine Gefangenen gerichtet. Sie haben befohlen, dass ich euch eine Woche fest halten soll.«

»Wie nett, dass du es uns sagst«, höhnte Rizzos.

Tanja stand draußen im Flur und hielt die brennende Petroleumlampe in beiden Händen. Sie sah noch immer sehr bleich und ratlos aus. Der Tod der Frau, die Brutalität der Männer, mit denen sie in der Postkutsche ankam und die Verschleppung des jungen Wood waren ihr tief in die Glieder gefahren und schienen einen nachhaltigen Schock verursacht zu haben.

»So, ihr wisst also, woran ihr seid. Um eure Tiere kümmere ich mich. Ihr kriegt auch, was nötig ist. Und in einer Woche könnt ihr abdampfen. Also macht mir keinen Ärger.« Hull schlurfte wieder hinaus, schob das Mädchen zurück und schloss die Tür.

Schabend drehte sich der Schlüssel um und wurde abgezogen. Der durch die Ritzen fallende Lichtschein wurde schwächer und verlor sich, so wie die schlurfenden Schritte verklangen.

»Können wir auf das Mädchen rechnen, Chet? Die ist doch auf unserer Seite.«

»Kaum.« Chet versuchte die Hände hinter dem Körper zu bewegen. Es war sehr schwer, beinahe ausgeschlossen Lange würde es auch nicht dauern, bis ihm die Gelenke schmerzten und die Haut aufgescheuert wurde. Aber er wollte es einfach versuchen, wollte nicht wahrhaben, dass sie eine Woche hier sitzen sollten und vielleicht hin und wieder einmal gefüttert wurden und in der ganzen Zeit nichts tun konnten.

»Wenn ich mich wenigstens anders herumdrehen und anlehnen könnte., brummte Rizzos. »Mir tut in der blöden Lage schon das Kreuz weh.«

Vor dem Fenster tauchte schemenhaft eine Gestalt auf.

»Zur Hölle, komm hierher!«, rief der Stationer draußen. »Das fehlt mir gerade noch, dich auch irgendwo anbinden zu müssen!«

Die kaum sichtbare Gestalt verschwand wieder.

»Das Mädchen würde uns offenbar gern helfen«, murmelte Chet.

»Irgendwann wird der Halunke doch mal schlafen. Vielleicht klappt es dann.«

»Darauf sollten wir besser nicht hoffen.« Chet bewegte erneut die Hände in den Fesseln. Es schien ein Stück Lederriemen zu sein, der die Hände zusammenschnürte. Vielleicht konnte er ihn im Lauf der Bemühungen dehnen.



8

Als die Sonne aufging, hatte McCoy sich von den Handfesseln befreit. Der Unterarm schmerzte ihn tatsächlich erheblich, und die Handgelenke waren aufgescheuert. Aber er war frei.

»Ich habe es geschafft, Rizzos«, flüsterte er.

»Ich spüre die Arme schon nicht mehr, und die verdammten Fesseln sitzen immer noch so fest wie am Anfang!«, maulte der Ranchschmied.

Chet konnte die Hand nach vorn nehmen und den Strick lösen, der ihn an den Bettgiebel band. Eine Minute danach waren auch seine Beine frei. Er stand auf und half dem Partner. Dann lief er zum Fenster und spähte hinaus.

Im Hof war niemand zu sehen. Er öffnete das Fenster und stieg über den Sims. Die Haustür stand offen, aber es drangen keine Geräusche aus dem Stationshaus.

Rizzos kletterte heraus. »Die schlafen selig, wie?«

»Scheint so.« Chet schlich an der Wand entlang, duckte sich unter den Fenstern hinweg und stand hinter der Tür.

Sie waren doch munter. Durch den Spalt zwischen Tür und Rahmen sah er den Mann. Hull stellte eine Kaffeekanne auf den Tresen. Er war nur mit Hemd und Hose bekleidet, trug keine Waffe, und seine Haare standen zu Berge. Lange konnte er noch nicht munter sein.

»Findest du die Tassen nicht?«

Das Mädchen tauchte auf. Es sah übernächtigt aus, seine Bluse war zerknautscht und schmutzig und stand offen. Die Weste hatte Tanja abgelegt. Sie brachte zwei große Steinguttassen, ging aber vor den Tresen und stellte die Tassen ab.

»Sie haben von Banditen geredet.«

Hull starrte sie an. »Wer?«

»Tyman und Lacon. Es fiel mir erst heute morgen wieder ein.«

»Von Banditen?«, fragte der Stationer, scheinbar unwissend, was gemeint sein könnte.

»Ja. Als sie hereinkamen und die fünf Kerle weggeritten waren.«

»Aber das waren Farmer, die hier was abholten.«

»Sie haben aber was von Banditen gesagt!«, beharrte das Mädchen.

»Weiß nicht, was das heißen soll.« Hull schenkte die Tassen voll dampfenden Kaffee.

»Und du hast Angst vor den beiden«, fuhr Tanja fort.

»Ich?« Hull hob die Brauen an und furchte die Stirn.

»Ja. Dass die nicht astrein sind, weißt du so gut wie ich, Mister. Die haben dich unter Druck gesetzt. Niemand ist berechtigt, ein paar unbescholtene Cowboys einfach wie Banditen zu behandeln. Du tust es trotzdem. Sie zwingen dich dazu.«

»Du spinnst doch! Vergiss den Quatsch! Ich erfülle meine Pflicht als Staats …«

»Dummes Zeugs«, sagte Tanja. Sie schien den Schock überwunden zu haben. »Du kommst in Teufels Küche, wenn die beiden wieder frei sind. Das lassen die doch nicht einfach auf sich beruhen.«

»Ich erfülle eine staatsbürgerliche Pflicht!«, beharrte der Postagent.

»Der hat vielleicht Haare auf den Zähnen«, flüsterte Rizzos.

»Oder es steckt mehr dahinter.«

»Was denn?«

»Hast du nicht zugehört? Es waren Reiter hier und man hat von Banditen gesprochen. Erinnerst du dich an den Überfall?« Chet beobachtete die beiden am Tresen immer noch und wartete auf eine Gelegenheit, in die Station eindringen zu können.

Errol Hull hatte seine mörderische Schrotflinte bestimmt unter dem Tresen liegen und konnte sie dort schneller hervorholen, als er, Chet, bei ihm war. Er benötigte einen kleinen Vorsprung, musste wenigstens schon auf der Türschwelle stehen, wenn der Stationer ihn bemerkte.

Der Mann trank schlürfend und fluchte, weil der Kaffee zu heiß war.

»Ich an deiner Stelle würde die beiden freilassen und mich entschuldigen«, redete das Saloonmädchen weiter.

»Mich interessiert nicht, was du würdest.« Hull versuchte erneut zu trinken. »Teufel noch eins, ist der Kaffee heiß!«

»Das hat frisch Gekochtes so an sich.Du bist ziemlich aufgeregt, Mister Hull! Die beiden Kerle haben dich in die Tasche gesteckt. Soll ich dir sagen, was ich denke? Die Reiter waren keine Farmer, sondern die Banditen, die man in der Front Range vermutet.«

»So ein Schwachsinn kann nur dir entfallen.« Hull blies in die Tasse.

»Wollen wir uns hier verewigen?«, schimpfte Rizzos.

»Mann, wenn der die Schrotflinte greifen kann, erkennt später unsere Gesichter kein Mensch mehr!«

Tanja trank.

»Du musst Hornhaut auf der Zunge haben!«, knurrte der Postagent. Und auf den Zähnen auch, was?«

Tanja stellte die Tasse auf den Tresen. »Ich hole noch zwei Tassen und schaffe den Cowboys auch Kaffee in ihr Gefängnis.« Sie wartete keine Antwort ab, sondern ging in die Küche.

Hull stellte die Tasse ab und folgte dem Mädchen einen Schritt, reckte den Kopf vor und spähte in die Küche.

»Was hast du denn, Mister Hull? Angst, ich könnte vielleicht ein Messer an mich bringen?«

»Jetzt!«, stieß Chet leise hervor, schlich geduckt um die Tür und stand im nächsten Moment auf der Schwelle. Er hatte Pech. Errol Hull sah ihn sofort.

Den Bruchteil einer Sekunde stand der Mann wie gelähmt und starrte den Vormann entsetzt an. Dann wirbelte er herum.

Chet rannte vorwärts. Als der Postagent unter die Theke griff, sprang er schon auf den Tresen. Die Kaffeetassen wurden umgestoßen, und das dampfende schwarze Getränk spritzte über das Holz. Hull hatte das Gewehr in der Hand, wollte es heben und die Hämmer spannen. Doch da warf sich Chet schon auf ihn, riss ihn um, stürzte auf den Schurken und knallte ihm die Faust gegen die Stirn. Er richtete sich mit auf, zerrte Hull hoch und versetzte ihm noch einen Kinnhaken, bevor der sich wehren konnte.

Der Postagent schlitterte zurück und verlor das Gewehr. Er landete in Rizzos Armen, wurde wie eine steife Puppe herumgedreht und fasste den nächsten Hieb.

»Damit du nicht denkst, ich wollte mich nicht bedanken!«, schimpfte der Ranchschmied.

Hull flog bis in die Küche: Das Mädchen trat schnell zur Seite. Der Postagent taumelte vorbei, räumte mit der einen Hand ein paar scheppernde Blechtöpfe vom Tisch und ging zu Boden.

Chet hob die Schrotflinte auf, richtete sie auf den schimpfenden Mann auf dem Boden und klemmte den Kolben mit dem Ellenbogen gegen die Hüfte. »Komm, steh auf, Hull!«

Tanja trat noch weiter zur Seite, um nur nicht in die Reichweite des Stationers zu geraten.

Hull griff nach der Tischkante und richtete sich ächzend auf. »Ich habe nur eine staats …«

»Mann, lass die alte Leier!«, unterbrach Rizzos den zwielichtigen Gesellen grob. »Das musst du Leuten erzählen, die ihre Hosen mit der Beißzange anziehen.«

»Es ist die Wahrheit!« Hull hob beschwörend die rechte Hand.

»Heraus hier!« Chet ging mit dem noch an der Hüfte angeschlagenem Schrotgewehr rückwärts.

»Na, was ist, stehst du auf den Ohren?« Rizzos ging auf Errol Hull zu und wollte nach ihm greifen, aber der Mann fiel ihn an.

Darauf hatte der herkulische Schmied der Bullhead-Ranch genau gewartet. Er wischte die Faust wie etwas Lästiges leicht zur Seite und setzte Hull die Rechte knallhart auf den Punkt. Der Postagent verdrehte die Augen und ging in die Knie, dann fiel er nach der Seite.

»Wie ein nasser Sack fällt der um«, staunte das Mädchen.

Rizzos schleifte den Bewusstlosen in den Stationsraum, kehrte zurück, nahm den leeren Zinkeimer und ging hinaus. Er ließ ihn in den Brunnen hinunter, zog ihn voll herauf, kam zurück und leerte ihn über Errol Hull aus.

Das eiskalte Nass brachte den Mann sofort in die für ihn noch wesentlich ungemütlicher gewordene Gegenwart zurück.

Wie Riesen standen die Bullhead-Reiter vor ihm. Tanja tauchte an der Küchentür auf. Rizzos ließ den Eimer aus der Hand fallen.

»Es …«

»Du redest nur noch, wenn du gefragt wirst!«, befahl Chet eisig. »Sonst kommen wir nie weiter. Wohin sind die beiden geritten?«

»Nach Colorado Springs, das konntet ihr von mir erfahren«, wandte das Mädchen ein. »Dort muss die Armee irgendeine Agentur, oder wie man das sonst nennen mag, unterhalten.«

»Wahrscheinlich einen Armeeposten«, mutmaßte Rizzos. »Der als Anwerbestation dient. Gewöhnlich kommen die künftigen Soldaten wohl freiwillig da hin.«

»Und wie lange sind sie fort?« Chet blickte über die Schulter.

»Das kann schon zehn Stunden her sein.« Tanja kam bis an den Tresen. »Hull hat ihnen drei Pferde gesattelt. Aber Joe Wood haben die Strolche einfach quer darüber geworfen. Mir wird noch übel, wenn ich daran denke, in was für eine Gesellschaft ich da geraten bin!«

Chet ging zurück und lehnte sich gegen den Pfosten.

Hull setzte sich und kroch so bis zum nächsten Pfosten, an den er den Rücken lehnte.

»Wie war denn das nun mit den Reitern?«

»Farmer aus den Bergen!«, stieß Hull sofort hervor.

Chet begriff, dass es sinnlos war, in den Mann dringen zu wollen. Wenn er mit Banditen schwunghaften Handel trieb, musste es ihm bewiesen werden. Er schaute Rizzos an und überlegte, ob er den Schmied mit dem Wagen nach Hause schicken sollte, oder ob es besser war, wenn der mit dem Mädchen hier blieb, die Postkutsche am nächsten Tag erwartete und den Fahrer über das aufklärte, was sich hier abspielte. Den Ritt nach Colorado Springs wollte er allein unternehmen, denn bis er dort sein konnte, war Joe sowieso abgeliefert. Um mit dem Colonel zu reden, bedurfte es keiner Hilfe durch Rizzos. Beweisen konnten sie ohnehin nichts.

Rizzos ging durch die Station und sagte: »An die Bucks hat keiner mehr gedacht, die liegen immer noch hier.«

»Dann lass sie am besten auch liegen. Wo sind unsere Waffen?«

»In der Küche. Ich hole sie.« Tanja wandte sich um.

»Und nun?« Rizzos kehrte zurück.

»Einer von uns muss hier bleiben. Wegen des Mädchens. Und damit dem Führer der nächsten Kutsche die Wahrheit über diesen ehrenwerten Postagenten erzählt wird.«

»Ihr wollt mich unmöglich machen!«, jammerte Hull.

»Darauf dürfte es wohl hinauslaufen«, entgegnete Chet.

»Ich habe aber nur eine Pflicht erfüllt.«

Chet winkte ab. »Wir hoffen, es lässt sich das Gegenteil beweisen. Übernimmst du ihn, Rizzos?«

Der Schmied seufzte. »Bleibt mir was anderes übrig?«

»Ich fürchte, nein«, gestand Chet.

»Soll ich ihn fesseln?«

»Wenn du seine Arbeit übernehmen willst.« Chet lächelte.

Rizzos verzog das Gesicht, dann streckte er die Hand aus und winkte mit den Fingern. Chet gab ihm die Schrotflinte.

»Tanja, hole seinen Revolver und durchsuche das ganze Haus nach Waffen!«, verlangte der Schmied.

Chet wollte zur Tür.

»Warte!«, rief das Mädchen. »Du musst erst einen Kaffee trinken und was essen. Und du brauchst Wasser bei dieser Hitze. Und Proviant für unterwegs!«

Chet kehrte an den Tresen zurück.

»Nicht so hudeln, sonst wird es nichts!«, mahnte Rizzos. »Die haben es vielleicht gar nicht so eilig, wie du denkst. Rasten müssen sie unterwegs sowieso. Schon wegen der Pferde!«

McCoy schüttelte den Kopf. »Nein, die beeilen sich. Nicht nur, weil sie ihre Prämie kassieren wollen. Das Geschäft müssen sie schleunigst hinter sich bringen und verduften. Ist doch ganz klar, dass die Armee solche Art von Rekrutenfang kaum gut finden kann.«

»Auf jeden Fall wird erst was gegessen und Kaffee getrunken!«, bestimmte das Mädchen kategorisch.

Der Postagent richtete sich am Pfosten auf. Das Hemd klebte noch nass an seinem Körper, und auch seine Hose war noch sichtbar bei der kalten Dusche in Mitleidenschaft gezogen worden

Rizzos richtete das abgesägte Schrotgewehr auf den Halunken.

»Setz dich dort an den Tisch und bewege dich nicht, Hull! Ich werde nicht fackeln, wenn du mir Schwierigkeiten bereiten willst!«

»Ich habe nichts getan, als meine Pflicht erfüllt!«, jammerte der Stationer.

Rizzos verdrehte die Augen. »Ist das zu fassen? Wie lange willst mir das noch auf die Backe kleben, Hull?«

»Es ist die Wahrheit!«

»Am besten, du verpasst ihm einen Knebel«, schlug Chet vor.

Tanja brachte Tassen und schenkte Kaffee ein, wischte den Schanktisch ab und goss ihre Tasse auch wieder voll. »Inzwischen dürfte er ja etwas abgekühlt sein.«

Chet trank und fand seine Vermutung bestätigt. Der Kaffee war recht stark.

Tanja beobachtete ihn und lächelte. »Da bleibt der Löffel drin stecken, was?«

»Scheint ganz so, Tanja. Wirst du Woods helfen?«

»Aber natürlich. Und ich kann ein Gewehr nicht nur festhalten, sondern auch damit schießen. Und noch etwas, Vormann: Ich hoffe, du kannst für Joe wirklich etwas tun!«



9

Es ging auf den Abend zu. Die mörderische Hitze ließ langsam nach. Schwankend liefen die drei Pferde in die Stadt hinein. Joe, der seit dem Morgen im Sattel sitzen durfte, lag auf dem Pferdehals.

»Wir müssen den Pferden Ruhe gönnen«, sagte Tyman mit kratziger Stimme. »Die zwei Stunden am Creek haben nicht gereicht.«

»Nach Colorado Springs kann es nicht mehr weit sein«, erwiderte Lacon. »Wir kamen gut voran.«

Die beiden Kerle beobachteten die vierzehn Holzhütten, aus denen sich die kleine Präriestadt am Rande der Berge zusammensetzte. Es sah ärmlich aus in dem Nest. Und es schienen selten Fremde hierher zu kommen, denn die Bewohner beäugten die Reiter neugierig.

»Die haben einen Gefangenen dabei, Pa!«, rief ein Junge.

»Wo denn?«

»Der in der Mitte! Sieh doch hin. Seine Hände sind gefesselt!«

»Der Junge hat recht!«, sagte eine keifende Frauenstimme. »Ob es Marshals sind?«

»Eher Kopfgeldjäger«, sagte eine andere Frau im Halbdunkel hinter einem offenstehenden Fenster.

Die beiden großen Reiter blickten mit finsterer Miene auf den von Radrinnen zerfurchten Weg vor den Pferden und übersahen die Bewohner. Vor dem Saloon hielten sie an und stiegen ab. Joe wurde von Heston Lacon am Arm gepackt und vom Pferd gerissen. Er stürzte in den Straßenstaub, bekam einen Tritt, weil er dem Kerl ans Bein schlug und wurde anschließend von Tyman hochgezogen.

»Mach uns keinen Ärger, Niggerjunge.« Tyman stieß Wood vor sich die beiden Stufen zur Veranda hinauf, folgte ihm auf dem Fuß und schob ihn in die Kneipe.

Es war ein finsterer Laden, der Errol Hulls Poststation verblüffend ähnelte, nur dass sich die Gästezimmer nicht in einem hinteren Trakt, sondern im Obergeschoss befanden. Auf der einen Seite gab es einen langen Tresen mit Regalen dahinter an der Wand, ähnlich schlecht gefüllt wie bei Hull. Auf der anderen Seite standen ein paar Tische mit Stühlen darum, und an der Wand hing eine riesige US Flagge, fadenscheinig, rissig und total verstaubt.

Niemand schien sich im Haus zu befinden. Die Küchentür stand offen. Auf dem Tisch lag ein geräucherter Schinken, den eine summende Fliegentraube umschwärmte.

Tyman stieß den taumelnden Jungen auf einen Stuhl. »Hallo, ist hier niemand?«

»Was ist denn los?« Im Obergeschoss tauchte ein rundlicher Mann auf.

»Hier sind Gäste, Mister. Leute, die übernachten würden, wenn es möglich ist.«

Der Mann kam die Treppe herunter und musterte die Fremden. Als er die Fesseln an Joes Händen sah, zogen sich seine Augen zusammen.

»Wir sind nach Colorado Springs unterwegs«, erklärte Lacon. »Mit diesem jungen Mann, der Soldat werden möchte.«

»Soldat?« Der Wirt blickte immer noch auf die Fesseln. »Komisch.«

Lacon überhörte es. »Haben Sie ein Zimmer für uns?«

»Eins?«

»Ja, wir brauchen nur eins. Aber es muss groß genug sein.«

»Und wir würden endlich was trinken!«, knurrte Tyman. »Das hier ist doch der Saloon?«

Der Wirt trollte sich hinter den Tresen. »Whisky mit Sodawasser?«

»Ja.«

»Der Kleine auch?«

»Natürlich. Wir wollen ihn doch lebend bei seiner Einheit abliefern, zum Teufel!«

»Komisch«, brummte der Salooner wieder, während er drei Gläser füllte. »So sollen die Rekruten früher in den Dörfern Europas eingefangen worden sein. Hat mein Vater immer wieder erzählt. Sein Bruder wurde beim Dreschen …«

»Ihre Familiengeschichte interessiert uns nicht«, unterbrach Tyman den rundlichen Mann barsch.

»Schade.« Der Wirt schob die Gläser über den Tresen. »Ich dachte, das wäre schon lange Geschichte geworden, Mister.«

»Gibt es hier einen Arzt?«, fragte Joe plötzlich. »Mister Hull hat behauptet, der nächste Arzt wäre erst in Colorado Springs zu erreichen.«

»Damit hat er nicht gelogen«, sagte der Salooner. »Wir hier haben keinen Doc.«

Joe ließ den Kopf wieder sinken.

»Hat das Nest einen Namen?«, fragte Tyman. »Am Stadtrand konnte ich kein Schild sehen.«

»Sie sind in Howard Junction, Mister. Hat sich noch niemand gefunden, der Schilder bezahlen wollte, und umsonst stellt der Schreiner nichts her. Wir vermissen sie auch nicht. Übrigens, einen Stadtrat oder einen Marshal gibt es hier auch nicht. Es sind ja nur die paar Häuser, die um die Poststation errichtet wurden.«

»Für den Postagenten Hull existiert die Stadt auch nicht«, erwiderte Tyman.

Gleichmütig zuckle der Wirt mit den Schultern. »Von mir aus.«

Lacon brachte Joe ein Glas an den Tisch und kehrte zum Tresen zurück.

Draußen tauchte ein kleiner Mann in verschlissener Kleidung auf. Er blieb auf der Veranda, blickte nur über die Schwingflügel und fragte, ob sie die Pferde nicht im Stall einstellen wollten.

Tyman ging auf die Tür zu. »Sie können die Pferde füttern und tränken und von mir aus auch einstellen, aber wir wollen sehr früh weiter.«

»Mich können Sie jederzeit wecken, Mister. Ich schlafe im Stall.«

»Und hier?« Tyman bewegte Daumen und Zeigefinger gegeneinander.

»Einen Dollar für alle drei.«

»Sie sind verrückt.« Tyman wandte sich ab und kehrte an den Tresen zurück.

»Also weil Sie es sind, einen halben Dollar!« Der Stallmann verdrehte die Augen.

Alle blickten auf den Mann vor der Tür, nur Joe nicht. Er beobachtete Tyman und Lacon, die ihm den Rücken zukehrten. Wenn er aufsprang, konnte er mit einem Schritt Lacon erreichen. Doch ob es auch gelang, den Colt mit gefesselten Händen aus der Halfter zu reißen, hielt Wood für zweifelhaft.

»Also in Ordnung, Mister, für einen halben Dollar.«

Tyman ging weiter und gab eine Münze hinaus.

Lacon wandte sich um.

Joes Schultern sanken nach vorn. Vielleicht wäre es eine Chance gewesen. Aber er hatte zu lange gezögert.

Der Stallmann wandte sich ab. Wood hörte, wie der Mann die Pferde wegführte. Tyman kehrte an den Tresen zurück. Die beiden Männer tranken ihr Gläser auf einen Zug leer. Lacon blickte über die Schulter.

»Keinen Durst, Kleiner? Trink, sonst vertrocknest du. Wäre doch ein Jammer, wenn wir eine Mumie in Colorado Springs abliefern!« Lacon wandte sich dem Keeper zu und grinste ihn an.

»Ich finde diese alten Methoden gar nicht lustig«, sagte der rundliche Mann. »Und ich dachte, wir hätten hier eine Verfassung, die so was verbietet.«

»Ich glaube, der hat was gegen uns, Raoul.«

»Scheint mir auch so«, entgegnete Tyman schleppend.

Joe trank, stellte das Glas ab und zog die zusammengeschnürten Hände zurück. Die Aufmerksamkeit der beiden anderen galt jetzt dem Wirt. Sie kehrten Joe die Rücken zu. Aber in der Regalwand befand sich ein großer halb vergilbter Spiegel, in dem sie ihr Opfer immer noch sehen konnten.

Trotzdem spannte sich seine Haltung.

»Gestern war eine Militärstreife hier«, sagte der Wirt, der die Gläser erneut füllte.

»Gestern?«, fragte Tyman schnell. »Wer war das?«

»Ein gewisser Lieutenant Harris mit einer Eskadron.«

»Ach, der junge Spund«, sagte Tyman abfällig.

»Er ist achtundzwanzig, Mister. So jung finde ich das gar nicht.«

»Dem hätten wir das Kerlchen abliefern können.« Lacon blickte über die Schulter. »Harris hätte ihn mit nach Colorado Springs nehmen müssen.Wohin sind die Soldaten, Mister?«

»Nach Norden. Die waren doch bestellt. Hier berichtete ein Farmer aus der Gegend von herumstreifenden Indianern. Eine ganze Bande soll da unterwegs sein. Nach denen müssen die Soldaten suchen. Das ist schließlich ihr Job in der Wildnis.«

»Eben. Und dafür werden immer wieder Soldaten gebraucht, Mister. Auch für Ihre Sicherheit!«

»Und die kriegt man nur mit gefesselten Händen, was? Das wollten Sie mir doch eben erklären, Mister?«

»Die muss man nehmen, wie man sie kriegen kann«, verbesserte Lacon. »Wenn es nicht anders geht, eben so. Der Kleine hat das Handgeld genommen, wollte dann nicht mehr.«

»Was leider häufig passiert«, setzte Tyman hinzu.

»Die lügen!«, schimpfte Joe. »Sie sagten, sie wollten mir das Geld leihen! Weil ich den Doc holen wollte. Für meine Mutter. Die Indianer ha …«

»Halts Maul!«, herrschte Tyman ihn an.

»Er unterschrieb den Vertrag und basta«, brummte Lacon.

»Konnte er wenigstens lesen, was er unterschrieb?« Der Wirt verzog das Gesicht.

»Verdammt, wollen wir mit dem unsere Arbeit diskutieren?« Tymans Augen funkelten wild. »Machen Sie uns was zu essen, Mister, bereiten Sie das Zimmer vor und antworten Sie, wenn wir Fragen an Sie richten.«

»Mir verbietet ihr nicht die Klappe«, gab der Wirt unbeeindruckt zurück. »Ihr nicht. Und auf euer Geld bin ich nicht angewiesen, damit das klar ist.«

»Dann machen Sie uns jetzt was zu essen.«

»Ich habe nur dicke Bohnen mit Speck.«

»Ja, ist in Ordnung.«

Der Mann ging in die Küche. Tyman wandte sich um, lehnte den Ellenbogen auf den Tresen und griff nach seinem Glas. Er blickte auf Wood.

Die Dunkelheit im Saloon nahm langsam zu. Aber Lacon brannte die Petroleumlampe über dem Tresen an und schraubte den Docht so hoch, dass schwarzer Ruß aus dem Zylinder stieg und die Helligkeit den halben Saloon einigermaßen übersichtlich erschienen ließ.

»Wie lange dauert es mit dem Essen?«

»Eine kleine halbe Stunde, Mister. Ich richte gleich das Zimmer. Nach dem Essen können Sie unmittelbar hinaufgehen.«

Ein Mann tauchte vor der Schwingtür auf.

Der Wirt kam aus der Küche. »Al, du hast auch noch Platz am Tresen.«

»Vielleicht später«, brummte der Mann auf der Veranda und ging weiter.

Finster schaute der Wirt seine ungebetenen Gäste an. »Ihr verderbt mir nur das Geschäft.«

»Der hat eine Art, da kann einem das Messer von allein aus der Tasche springen«, murmelte Lacon. »Warum hören wir uns das eigentlich immer noch an?«

»Weil wir was essen und ein paar Stunden schlafen wollen.«

Der Wirt kehrte in die Küche zurück. Er brauchte keine halbe Stunde, bis er die Bohnensuppe brachte, Teller zu Joe auf den Tisch stellte und Löffel daneben legte.

»Ich bin gespannt, ob du auch so essen sollst, mein Junge.« Kopfschüttelnd schlurfte der Mann in die Küche zurück.

Tyman warf Lacon einen fragenden Blick zu, und der zuckte mit den Schultern. Joe griff mit den gefesselten Händen zum Löffel, weil er mächtigen Hunger hatte.

»Warte!« Tyman zog ein Messer aus der Tasche, drückte auf einen Silberknopf im Heft, woraufhin die Klinge herausfuhr. Er schnitt dem jungen Wood die Fesseln durch, als würden sie nicht mehr gebraucht, schob das Messer zusammen und steckte es ein.

An der Tür erschien wieder ein Mann, als Tyman und Lacon sich gerade setzten. Doch der Stadtbewohner ging abermals weiter.

»Warum kommen die denn nicht herein?«, maulte Lacon.

»Vielleicht, weil sie Angst haben, auch gefesselt zu werden«, sagte der Wirt grinsend.

Heißhungrig löffelte Joe die Suppe in sich hinein und war lange vor den beiden anderen fertig.

Der Wirt stieg die Treppe hinauf, kehrte schon nach drei Minuten zurück und sagte, sie könnten das Zimmer beziehen, und er habe die Tür offengelassen.

Draußen war es inzwischen stockdunkel geworden.

Joe schob den Stuhl etwas zurück. Die zerschnittenen Fesseln waren auf den Boden gefallen und lagen neben seinem linken Fuß.

Lacon schob den Teller zurück und trank sein Glas leer. »Genehmigen wir uns noch einen?«

»Einverstanden. Aber nur noch einen.« Tyman schob sein Glas und das von Joe nach der anderen Seite.

Lacon nahm alle drei Gläser und ging zum Tresen.

Joe saß sprungbereit auf dem Stuhl. Er musste seine Lage verändern, bevor sie ihn wieder fesseln und in das Zimmer schleifen wollten. Sie würden ihm kaum wieder so nahe kommen wie jetzt, und er würde mit gefesselten Händen auch nicht geschickt genug sein, sich wirklich befreien zu können.

Aber Tyman beobachtete ihn wachsam, als könnte er Gedanken lesen.

Lacon bekam die Gläser gefüllt und brachte sie an den Tisch. Er trat dabei zwischen Joe und seinen Kumpan, und das war sie, die Chance, nach der Joe Wood so verzweifelt suchte.

Er sprang auf, riss Lacon den Colt aus dem Halfter und befand sich mit einem flinken Satz hinter den beiden.

Doch Lacon wirbelte herum.

»Stehenbleiben!«, kommandierte Joe, der die schwere Waffe auf den Mann richtete.

Lacon erkannte den Ernst der Drohung nicht, oder er unterschätzte Joes eisernen Willen, die Lage zu verändern, ganz einfach. Er warf sich vorwärts, direkt dem Bellen der Waffe und der Mündungsflamme entgegen. Das Blei bohrte sich in seinen Körper. Lacon taumelte gegen den Pfosten, wollte sich festhalten und besaß nicht mehr die Kraft dazu.

Das Krachen rüttelte an den Wänden. Eine immer größer werdende Pulverdampfwolke zog zur Lampe hinüber.

Lacon rutschte am Pfosten weiter zusammen, ließ los und fiel auf den Rücken. Das Lampenlicht traf sein starres Gesicht. Aus den Augen verschwand der Glanz.

Joes Revolver zielte bereits auf Tyman, der zwar aufgesprungen war, dem der Stuhl umkippte, der aber noch dort verharrte, wo er saß.

»Hände hoch!«

Tyman gehorchte.

Der Keeper räusperte sich.

Joe zog sich weiter zurück und erreichte die Ecke des Schanktischs. »Gehen Sie hinaus! Der Stallmann soll mein Pferd bringen. Und sagen Sie den Leuten, Sie sollten in ihren Häusern bleiben.Gehen Sie!«

»Joe, du hast einen Vertrag unterschrieben!«, erinnerte Tyman.

Der Keeper zögerte.

»Und einen Mord begangen!«, brüllte Tyman.

Joe zitterte, so stark war seine innere Erregung.

Tyman bewegte sich weiter herum, schien auf ihn zukommen zu wollen.

»Bleib stehen, oder ich knalle dich ab!«, stieß Joe hervor. Schweiß rann ihm in Strömen über das Gesicht. »Worauf warten Sie, Mister?«

Der Mann schob sich am Regal entlang.

Joe trat an die Wand zurück, damit der Mann vor ihm und nicht hinter ihm vorbei musste. Der Wirt erreichte die Tür und schob beide Flügel auf. Draußen standen Leute, die von ihren Häusern herbeieilten, aber sie blieben auf der anderen Straßenseite.

»Sie sollen verschwinden!«

»Was ist passiert?«, fragte jemand.

»Geht nach Hause. Los, haut ab, sonst gibt es ein Blutbad. Ein Mann ist schon tot!«

»Der Stallmann soll mein Pferd bringen!« befahl Joe.

»Jewy, du sollst das Pferd des jungen Burschen satteln und herüberbringen!«

»Tyman, schnallen Sie den Patronengurt ab!«, verlangte Joe. »Ganz vorsichtig. Nur mit der linken Hand!«

Tyman war kein Narr. Er sah dem jungen Wood an, dass die geringste Bewegung, die er missdeutete, zu einem neuen Schuss führen würde. Und der wäre keine Warnung, sondern würde ihn töten. Auf die kurze Distanz konnte der junge Bursche noch nicht einmal daneben schießen.

»Wann kommt denn der Stallmann nun?«, fragte der erregte Salooner draußen.

Im Saloon bewegte Tyman langsam die linke Hand zum Patronengurt hinunter, die rechte hielt er noch erhoben. Joe beobachtete die Bewegungen mit Argusaugen.

»Wie viele Pferde soll ich satteln?«, rief der Stallmann über die Straße

»Ach, ist der heute wieder schwer von Begriff!«, jammerte der Wirt. »Ein Pferd, du Trottel! Beeile dich doch endlich ein bisschen!«

»Wir wollen wissen, was los ist!«, schimpfte eine aufgebrachte Frau.

»Es wurde jemand erschossen. Einer der Männer, die den gefesselten Jungen brachten. Hängt da ja nicht die Nase hinein, das würde euch nicht bekommen, Leute!«

Endlich hatte Tyman die Schnalle offen. Sein Patronengurt polterte mit dem Colt im Halfter auf die Dielen.

»Hierher damit!«, bestimmte Joe. »Los, Mister Tyman, gib ihm einen Tritt!«

Der Mann gehorchte wieder. Patronengurt und Colt rutschten an dem Toten vorbei und landeten Joe vor den Füßen. Er beugte sich hinunter, zog den Revolver aus dem Halfter und richtete sich wieder auf. Er hielt den Colt nach oben, löste die Sperre und schüttelte die Waffe, bis die Trommel aus dem Rahmen schwang und die Patronen auf den Boden fielen. Joe räumte die schimmernden Messinghülsen mit dem Fuß beiseite und warf die Waffe in die Küche.

»Na endlich!«, rief der Keeper draußen. »Bring den Gaul herüber und geh zu den anderen!«

Joe hörte die Hufe auf den Boden schlagen. Das Pferd schnaubte leise.

»Weiß jemand, was hier eigentlich gespielt wird?«, fragte der Stallmann.

»Nur, was der Wirt sagte«, antwortete die keifende Frauenstimme. »Aber damit lässt sich ja nichts anfangen.«

Der Salooner trat rückwärts ein. »So, jetzt steht das Pferd draußen. Denken Sie daran, dass die Leute hier nichts mit den beiden zu tun haben, junger Mann. Wir kennen die nicht.«

»Haben Sie ein Gewehr unter dem Tresen?«

»Ein … Ach so. Ja, ich habe da eins.«

»Holen Sie es. Vorsichtig! Kolben nach oben.«

Der Mann zwängte sich vorbei und zog eine Winchester unter der Theke hervor.

»Ist sie geladen?«

»Selbstverständlich.«

»Her damit!« Joe winkte mit der linken Hand und bekam das Gewehr. Sein Blick wanderte zu Tyman zurück, den er keinen Moment völlig aus den Augen ließ. »Umdrehen!«

Tyman zog den Kopf ein. Er sah grau aus und hatte ebenfalls Schweiß auf dem Gesicht stehen, der nicht mehr von der Tageshitze herrühren konnte.

»Umdrehen!«, brüllte Joe.

Da drehte sich der Mann herum.

»Jetzt zur Treppe! Vorwärts, Tyman, die Treppe hinauf!«

Der Mann ging mit hölzernen Bewegungen vorwärts, erreichte die Treppe fast schon im Dunkel und blieb stehen.

»Nach oben, Tyman!«

Er stieg die Treppe hinauf.

Mit dem Revolver in der einen und dem Gewehr in der anderen Hand zog sich Joe zur Tür zurück und schob sich hinaus. Er warf sich förmlich herum, sprang auf die Straße hinunter und in den Sattel, schob das Gewehr in den Scabbard und raffte den Zügel auf. Er trieb das Pferd an, schlug ihm die Faust gegen den Hals und schrie: »Lauf, lauf, lauf!«

Das Tier streckte sich, trug Joe durch helle Lichtbahnen und tiefe Dunkelheit an der Menschenmenge vorbei. Das Trommeln der Rufe ließ andere Geräusche untergehen.

Joe sprengte aus der kleinen Stadt hinaus. Er befand sich nach Westen unterwegs, dahin, woher er als Gefangener kam. Aber das war Zufall. Das Pferd hatte in dieser Richtung gestanden.



10

Tyman lud noch den Revolver, als er aus dem Saloon trat.

Die Menschen standen auf der anderen Seite. Er sah die Gesichter wie helle Flecken.

»Die Leute erwarten eine Erklärung«, sagte der Salooner rau. Er stand auf dieser Seite neben Tyman an der Wand seines Hauses.

»Es gibt nicht viel zu erklären. Der junge Kerl sollte Soldat werden. Genauer gesagt, er wollte vielleicht nur das Handgeld kassieren. Dann gedachte er sich abzusetzen. Vertrag ist Vertrag. Wir haben ihm das klarmachen wollen. Aber er hörte nicht. Da blieb uns keine andere Wahl. Wir mussten Gewalt anwenden.«

»Wie einfach das klingt!« schimpfte der Salooner.

»Ich habe den Vertrag in der Tasche und kann damit jedes Wort beweisen. Holt mein Pferd!« Tyman blickte nach Westen. Dünne Staubschwaden wallten noch in den Lichtbahnen, aber der Hufschlag war nur noch wie ein fernes Raunen zu vernehmen. Er wusste nicht, ob er Joe verfolgen und versuchen sollte, ihn wieder einzufangen. Er konnte auch nach Colorado Springs reiten oder nach der Eskadron des Lieutenant Harris suchen. Durch die Tötung von Heston Lacon war die ganze Sache in eine veränderte Richtung geraten. Joe war für ihn ein Mörder, und, wie er hoffte, für andere auch. Sie würden dann von sich aus nach ihm suchen. Er, Tyman, musste die Prämie bekommen, die er mit seinem Partner gemeinsam verdiente.

Aber es wurmte ihn, unterlegen zu sein. Lacons jähes Ende ging ihm hingegen nicht nahe. Das, was man Freundschaft nennt, hatte zwischen ihnen nicht bestanden. Ihr gemeinsames Interesse war das Geld gewesen, höchstens noch die Einsicht, dass zwei Männer in diesem Job bessere Chancen hatten als einer.

Der Stallmann brachte sein Pferd. »Was ist denn nun mit dem dritten Gaul?«

»Gib ihn dem Postagenten. Er soll zusehen, dass er wieder zu Errol Hull kommt.« Tyman schwang sich in den Sattel und galoppierte nach Westen.



11

Joe hatte die Straße verlassen, als er im fahlen Mondschein das kleine Gehölz erkannte, das sich nördlich des Karrenweges bis zu einer Anhöhe zog. Das Pferd stand gut zwanzig Yard vom Saum entfernt an eine Krüppelkiefer gebunden. Joe stand hinter den letzten Bäumen und hielt die Winchester an der Hüfte angeschlagen.

Der Reiter näherte sich von Osten. Den Hufschlag konnte Wood bereits seit einer Weile hören. Aber nun sah er ihn auch, schemenhaft zwar nur, aber doch deutlich genug, um einen Schuss auf ihn abfeuern zu können.

Er zögerte noch, das Gewehr an die Schulter zu ziehen.

Tyman brachte sein Pferd auf der Piste zum Stehen und stützte die Hände aufs Sattelhorn.

»Komm herüber, und ich schicke dich in die Hölle«, murmelte Joe.

Tyman beobachtete das schwarze, finster und drohend aussehende Gehölz. Er ahnte die Gefahr, die sich dort verbarg. Er verharrte hier im Sattel wie auf einem Teller. Vielleicht wollte der junge Wood ihn wirklich nicht mehr töten. Vielleicht hatte er auch Lacon gar nicht erschießen wollen.

»Sicher sogar nicht«, sagte er leise.

Tyman beugte sich weiter zur Seite. Da, zwischen den Bäumen, die er nicht auseinanderhalten konnte, schien etwas unheimlich zu schimmern. Sicher das geputzte Messingschloss eines Mehrladegewehres; einer Winchester, wie Joe sie vom Salooner mitnahm.

Wenn er hinüberritt, würde der junge Bursche schießen, das war dem Mann klar. Alles durfte man, aber nicht ihn in die Enge treiben. Er fragte sich, warum er nicht gleich die andere Richtung einschlug, als er das Nest vor einer guten halben Stunde verließ.

Tyman lenkte das Pferd auf dem Karrenweg in die Gegenrichtung und trieb es wieder an. Er ritt im Galopp und lag fast auf dem Pferdehals, um ein möglichst schlechtes, kleines Ziel zu bieten.

Aber ihm wurde nicht hinterher geschossen.



12

Die meisten Bewohner von Howard Junction waren noch wach und befanden sich im Saloon. Ein Pfiff schallte durch die Stadt.

Tyman ließ das Pferd langsam gehen. Das Gewehr in der Hand und mit der Kolbenplatte auf den Oberschenkel gestützt, ritt er auf den Saloon zu. Als er das Tier zügelte, trat der Salooner ins Freie.

»Da sind Sie ja wieder.«

»Dachten Sie, ich käme nicht mehr?« Tyman stieg ab und schob das Gewehr in den Scabbard.

»Mir ist es egal. Mister. Den Toten haben wir jedenfalls zum Schreiner gebracht, weil der auch die Gräber aushebt. Und zehn Dollar von dem, was der Tote in der Tasche hatte, gehören nun ihm.«

Tyman stieg die beiden knarrenden Stufen hinauf, ging am Wirt vorbei und betrat den Saloon.

Es handelte sich um acht Männer, die am Tresen standen und das Ereignis sicher noch debattiert hatten. Und die inzwischen auch genau wussten, was und warum es geschah. Er blickte sie finster an, aber sie wandten sich bereits ab, als wollten sie mit ihm nichts zu tun haben.

Auf dem Tisch, an dem sie saßen und Suppe aßen und nicht ahnten, welche wilden Gedanken in Joes Kopf herumgingen, lagen ein paar Habseligkeiten. Tyman blickte sie an und dachte, dass es verdammt wenig war, was von einem anderen übrig blieb. Ein Paket Spielkarten, ein Messer mit feststehender Klinge, der Patronengurt und die schwarze Tasche mit Lacons Utensilien für das Leben in der Wildnis. Darunter, halb versteckt, damit sie nicht fortfliegen sollten, einige Geldscheine.

Tyman nahm sie, zählte sie durch und steckte sie ein. Es handelte sich um achtzig Dollar. Das Kleingeld war verschwunden, als habe Lacon keins mehr besessen. Es erschien Tyman zu nichtig, als dass er deswegen etwas sagen würde.

Er schaute erneut zu den Leuten hinüber. Der Keeper stand am Ende des Tresens und trat von einem Bein aufs andere, als würde er auf glühenden Kohlen stehen.

»Ich habe dem Schreiner das Kleingeld gegeben. Mister. Es waren genau zehn Dollar.«

»So ein Zufall.« Tyman grinste scharf. »Wann wird mein Partner beerdigt?«

»Morgen. Bei der Hitze …«

»Ja, ja, ich weiß«, wehrte Tyman ab. »Wohin, sagten Sie, wären die Soldaten geritten?«

»Nach Norden, Mister.«

»Hat Lieutenant Harris noch mehr erzählt, als Sie schon sagten? Zum Beispiel, wohin er reiten wird, wenn er bei der Farm war?«

»Er sagte, sie kämen hier sicher noch mal vorbei, aber sie wüssten nicht, wann das sein würde. Hängt wohl davon ab, ob sie noch Spuren von den Indianern finden.«

»Dann könnte ich ihm vielleicht begegnen, wenn ich ein bisschen Glück habe«, sinnierte Tyman halblaut.

»Durchaus möglich. Mister.« Der Wirt wurde eifrig, weil er den finsteren Raoul Tyman lieber sofort als später wieder losgeworden wäre, weil er ihm nicht doch noch ein Zimmer vermieten wollte und in Sorge war, der kleine wilde Joe Wood könnte sich alles anders überlegt haben, zurückkehren und noch ein Blutbad in der kleinen Stadt anrichten.

»Wie weit ist es denn zu den Farmern, die die Armee rufen ließen?«

»Die leben ein rundes Dutzend Meilen nördlich.«

»Weiter nicht?«

»Nein, Mister. Wenn der Lieutenant von den Indianern keine Spuren mehr fand, befindet er sich sicher schon auf dem Rückweg. Nur, ob er hier auch wirklich noch mal vorbeikommt, das weiß so genau doch niemand.«

»Packen Sie mir etwas Essbares ein und lassen Sie meine Flaschen und den Wasserschlauch füllen. Und noch einen Whisky mit Sodawasser.« Tyman ging zum Tresen.

Die Leute der Stadt schoben sich weiter nach der Seite, als hätten sie Berührungsangst.

Der Wirt schenkte dem Gast das Verlangte ein und verließ dann sofort den Saloon, um auch die anderen Befehle des finsteren Mannes auszuführen. Als er zurückkehrte, hatte Tyman ausgetrunken.

»Es ist alles erledigt, Sir.«

»Was kriegen Sie noch?«

»Einen Dollar für alles.«

»Die Bohnensuppe war auch noch nicht bezahlt.«

»Es ist alles mit dabei.« Der Wirt gab sich so bescheiden, dass die anderen Männer verstohlen grienten, denn sie wussten, es war die pure Angst, die den Mann so zurückhaltend handeln ließ.

Tyman verließ den Saloon, stieg draußen auf und ritt davon.

Ein Mann bekreuzigte sich. Ein anderer sagte: »Gott sei Dank, den sind wir los!«

»Trinken wir jetzt noch einen?«, fragte ein Dritter.

»Wenn du weißt, wer bezahlt …« »Der Keeper zuckte mit den Schultern.

»Ich hatte an dich gedacht.«

»An mich?«

»Ja, an dich. Genauer gesagt, an die Handvoll Münzen, die du eingesteckt hast. Denn für den Schreiner, das war ja ein Schein.«

»So ist es«, bestätigte der Postagent.

»Das sah ich auch!«

Das Gesicht des Keepers zog sich zusammen, als habe er in eine Zitrone gebissen.»Na schön. Eine Runde Whisky. Und dann mache ich den Laden dicht!«



13

Die kurze Sommernacht ging zu Ende. Von Osten kroch neues Dämmerlicht über das Prärieland und zog die Berge im Westen aus der Dunkelheit.

Chet McCoy zügelte seinen Hengst, als er den Reiter aus dem Buschland kommen sah, durch das sich die Straße zog. Er erkannte Joe sofort und stellte sich am Rand der Schlucht in den Steigbügeln, damit Wood ihn auch sehen sollte. Er winkte sogar.

Da brachte der junge Bursche sein Pferd jäh zum Stehen und griff nach der Winchester im Scabbard. Er zog sie heraus und repetierte sie mit einer schlenkernden Handbewegung. Chet meinte, das Schnappen des Röhrenmagazins zu hören.

Er setzte sich und wartete. Es war etwas geschehen, womit er nicht rechnete. Joe kehrte zurück und war bewaffnet. Und er benahm sich, als hätte er nur Feinde auf der Welt.

Joe brachte das Pferd nicht wieder in Bewegung. Chet schnalzte mit der Zunge und drückte dem Hengst die Knie gegen das Fell. Das Tier bewegte sich langsam das letzte Stück vom Canyon ins Buschland hinunter.

Der junge Mann zielte mit dem Gewehr auf ihn. »Weit genug, Mister!«

Chet zügelte den Hengst. Jetzt trennten sie noch rund zwanzig Yard.

Joe sah gehetzt aus wie ein Hase, den viele Jäger verfolgten und der für sich nach einem letzten Ausweg suchte.

»Was ist passiert?«, fragte Chet leise und gedehnt, weil er hoffte, so beruhigend zu wirken.

»Sie mussten mir die Fesseln abnehmen, damit ich essen konnte. Und Lacon hielt mir die Hüfte mit dem Colt daran hin. Was wird da schon passiert sein?«

»Du wirst den Colt genommen haben«, vermutete Chet.

»So ist es. Aber Lacon wollte nicht begreifen, dass ich nicht mehr zu verkaufen sein sollte. Er wollte es nicht wahrhaben. Und er dachte wohl, ich würde es nicht wagen, auf ihn zu schießen.«

Chet lief es kalt über den Rücken. »Ist er … tot?«

Joe nickte. Langsam sank seine Hand mit der Winchester herab.

»Und der andere?«

»Der verfolgte mich bis kurz vor das Gehölz, in dem ich es entscheiden wollte, wenn er nicht aufgibt. Er muss es geahnt haben und ist zurück. Sie redeten von Soldaten. Von einem Lieutenant Harris, der mit einer Eskadron in dem Nest war. Wegen Indianern, die den Farmern zusetzen. Vielleicht die gleichen, die unseren Wagen überfielen.«

»Lieutenant Harris?Ich glaube, den kenne ich. So einer war mal auf der Bullhead-Ranch. Sag mal, du musst Tyman doch bedroht haben, wenn du entkommen konntest?«

»Der hatte weiche Knie.«

»Hast du ihm den Vertrag abgenommen?«

Joe erschrak so sehr, dass er den Mund aufklappte, ohne es zu bemerken.

»Teufel, Teufel! Du hast es also vergessen«, stellte Chet fest. »Schade. Ohne den Vertrag wäre für ihn alles sehr viel schwerer gewesen, Joe.«

Der junge Wood fasste Zutrauen, schob das Gewehr in den Scabbard und ritt dichter heran. »Ich wollte nur weg. Nichts als weg.Wird man mich wegen Mord anklagen?«

Chet wusste darauf keine Antwort.

»Ja, nicht wahr?«

»Ich weiß es nicht. Aber ich reite den Soldaten entgegen. Und wenn es der Lieutenant Harris ist, der einmal auf der Bullhead-Ranch war, dann versuche ich, mit ihm zu reden. Ihm alles zu erklären. Wie das war, Joe, wie es zustande kam und was das für Typen sind.«

»Sie werden mich wegen Mord anklagen, wenn sie mich kriegen«, murmelte der junge Mann.

»Wo seid ihr eigentlich gewesen?

»In Howard Junction.«

»Was denn, es gibt doch eine Stadt vor Colorado Springs?«

»Ein kleines Nest ohne Doc.«

»Ach, so. Reite zur Poststation und warte dort auf mich. Joe.«



14

Er sah Raoul Tyman und die Eskadron nur ein paar Stunden später.

Gnadenlose Hitze lastete bereits wieder über dem Prärieland. Es flimmerte sehr stark in der Luft, so dass die Reiter in der Spiegelung wie gerastert wurden, mal größer, dann kleiner zu erkennen waren, näher oder weiter entfernt.

Tyman konnte Chet McCoy nur an der schwarzen Kleidung erkennen, die er trotz der hohen Temperaturen nicht ablegte. Und neben ihm ritt ein hagerer, hochgewachsener Offizier in verschossener blauer Bluse, den sandfarbenen Militärhut tief in die Stirn gezogen, gelbe Handschuhe mit hohen Stulpen an den Fingern, blaue Hose und Kavalleriestiefel. Erst als Chet näher kam, erkannte er den Mann wieder. Ja, das war der Norman Harris, den er kannte, dem sie behilflich gewesen waren, die Transportwagen der Armee zu finden, und der sich sicher daran erinnerte, dass er ohne die Hilfe der Bullhead-Reiter erfolglos geblieben wäre.

Bald schien Harris ihn ebenfalls zu erkennen, beugte sich zu Tyman hinüber und deutete nach vorn, während er mit dem Mann sprach.

Tyman nickte. Seine Miene verfinsterte sich.

Chet zügelte den Hengst und wartete, bis die Soldaten und der Menschenfänger ihn erreichten. »Hallo, Lieutenant! Was für ein Zufall. Kamen Sie nicht von Utah, als wir uns das erste Mal begegneten?«

»Ich wurde versetzt, McCoy.« Harris lenkte sein Pferd aus der Reihe und neben Chet, so dass er ihm die Hand geben konnte. »Das ist kein Zufall, sondern bei allen Armeen der Welt durchaus üblich.«

»Und wie gefällt es Ihnen jetzt?« Chet blickte an dem hageren Offizier vorbei auf Tyman.

Harris schaute über die Schulter. »Sie kennen ihn?»

»Ich kenne ihn, ich kannte Lacon, und ich kenne den jungen Joe Wood, den sie einfingen wie unsere Cowboys die halbwilden Longhorns, Lieutenant. Seltsame Methoden, deren sich die Armee bedient.«

Harris Augen zogen sich zusammen und schienen dunkler zu werden.

»Wieso? Der junge Bursche hat sich als Soldat anwerben lassen und die Handprämie kassiert. Sogar der Vertrag scheint ordnungsgemäß unterschrieben zu sein.«

»Aber er kam nicht ordnungsgemäß zustande!«

Das müssen Sie mir erklären. »

Chet McCoy tat es. Währenddessen näherte sich Tyman und parierte das schwere Postpferd neben dem Lieutenant auf der anderen Seite. »Alles gelogen, Sir! Jedes Wort erstunken und erlogen. Der Junge wusste genau, auf was er sich einlässt. Mister Lacon und ich haben es ihm erklärt. Ihm war alles egal. Er wollte Geld. Dabei hatte ich ihn ausdrücklich gewarnt. Weil der Schwarzen doch längst nicht mehr zu helfen war.«

»Sie haben die Frau ja gar nicht gesehen, Tyman«, sagte Chet.

»Aber das Mädchen sagte, es wäre aussichtslos. Niemand könnte ihr helfen.«

»Stimmt das, Mister McCoy?«, wandte der Offizier ein.

»Ja, kann sein. Aber der Junge wollte das nicht glauben. Bei dem fand keiner Gehör. Man musste einfach abwarten, so schwer das für ihn auch war. Aber diese beiden Strolche witterten das ganz große Geschäft. Einfach und schnell abzuwickeln. Er kann ja nicht lesen und wusste nicht, was sie ihm da in der Dunkelheit unter die Nase hielten. Einen Schuldschein würde er unterschreiben, sagten sie ihm.«

»Schon wieder gelogen!«, behauptete Tyman. »Sir, er hat meinen Partner einfach abgeknallt! Lacon besaß keine Waffe mehr, konnte sich nicht wehren.«

»Ich muss diesen Joe Wood festnehmen und dem Colonel bringen«, sagte der Lieutenant. »Was dann geschieht, entscheidet das Militärgericht, Mister McCoy.«

Chet hatte eigentlich nichts anderes erwarten können und war doch sehr enttäuscht. »Da ist noch etwas, Sir: Tyman und dieser Lacon haben den Postagenten dazu gebracht, meinen Partner und mich auf der Station gefangenzuhalten. Es waren irgendwelche Leute dort, die offenbar etwas von Hull wollten. Von Banditen soll die Rede gewesen sein. Fragen Sie Tyman doch mal, wie das zusammenhängt.«

Harris schaute Tyman an. »Nun, Mister?«

»Blödsinn«, knurrte Tyman. »Das sind faule Ausreden. Ausweichmanöver. Außerdem wäre es eine zivile Sache, die die Armee nun wirklich nichts angeht.«

»Sie kennen sich gut in unseren Zuständigkeiten aus«, gab Harris zurück. »Also reiten wir!«

Chet kehrte mit den Soldaten und Tyman um und fragte sich, wie er dem jungen Joe Wood nun noch helfen sollte, nicht doch noch in der Maschinerie zerrieben zu werden, in die ihn diese Halunken brachten.

Als er den Mund öffnete, um Lieutenant Harris davon zu überzeugen, dass Lacon wohl selbst an seinem Pech schuld wäre, schüttelte er den Kopf.

»Geben Sie sich keine Mühe, Chet. Ich bin Soldat und kann nur den ganz geraden Weg gehen. Entscheidungen solcher Art habe ich nicht zu treffen, sondern höhergestellten Offizieren zu überlassen.«

»Vielen Dank für die Belehrung«, sagte Chet bitter.

»Tut mir leid, aber das sind die Fakten.«



15

Als sie das weite Tal in den Bergen erreichten, wurde es dunkel. Die Poststation sahen sie erst in der Nacht. Der Hufschlag der vielen Pferde konnte nicht überhört worden sein. Im Haus war es dunkel.

Sie zügelten die Pferde am Rand des Hofes.

»Hier ist Lieutenant Harris mit einer Eskadron aus Colorado Springs!«, rief der Offizier. »Mister Hull, treten Sie heraus!«

Im Haus schien etwas umzustürzen, dann flog die Haustür auf. Der Postagent stürzte förmlich ins Freie und hastete über den Hof.

Ein Schuss krachte. Die Kugel zerfetzte eine Fensterscheibe und pfiff über den Schuppen.

Die Soldaten sprangen aus den Sätteln. Gewehre wurden repetiert.

»Der ist total übergeschnappt!«, brüllte der Postagent, der keuchend die Männer erreichte.

»Joe Wood?«, fragte der Offizier.

»Wer denn sonst? Der behauptet, ich würde mit Banditen gemeinsame Sache machen. So ein Schwachsinn!«

»Wirklich?« Chet lächelte dünn.

Hull sah ihn erst in diesem Augenblick und ging rückwärts.

»Das klären wir später«, sagte der Lieutenant. »Ob es die Armee was angeht oder nicht, Mister Hull. »

»Aber es ist Quatsch!«

»Ich sagte später!«, herrschte Harris den Postagenten barsch an. »Wer ist noch im Haus?«

»Das Mädchen und der Cowboy. Diese Tanja wollte, dass ich ihr ein Pferd gebe Die wollte mit dem kleinen Mischling abdampfen.«

»Bedroht Wood die beiden anderen?«

»Die halten doch zusammen, dieses Gesindel!« Hull warf Chet einen vernichtenden Blick zu.

»Mäßigen Sie sich mit Ihren Ausdrücken!«, befahl der Lieutenant kühl.

»Ist doch wahr, zum Teufel!«

Harris schob den keifenden Postagenten zur Seite. »Joe Wood, kommen Sie sofort unbewaffnet aus dem Haus!«

Der Ruf verhallte in der Nacht. Niemand antwortete.

»Kommen Sie augenblicklich heraus!«

Als wieder keine Antwort kam, befahl der Lieutenant seinen Männern das Haus zu umstellen. Die Soldaten schwärmten mit angeschlagenen Gewehren aus.

»Rizzos, was ist drin los?«, rief Chet.

Der herkulische Schmied der Bullhead-Ranch erschien an der Tür. »Er ist drin und bedroht auch Tanja und mich, Chet. Er lässt nicht mit sich reden. Ist ja auch kein Wunder. Die lassen ihm doch keine Chance mehr.«

»Tanja soll herauskommen.«

»Sie will nicht. Sie sagt, Lacon habe sich selbst zuzuschreiben, dass er in der Hölle landete. Und das sehe ich auch so.«

»Ich komme …«

»Sie bleiben hier!«, schrie der Offizier. »Soweit schreibt die Kreide nicht, dass mir das Kommando abgenommen wird. Mister, sagen Sie dem Mädchen, dass wir das Haus stürmen, wenn Joe Wood nicht freiwillig heraustritt.«

»Wie Sie wünschen, Sir.« Rizzos wandte sich um und kehrte ins Dunkel zurück. Er sah Tanja, erkannte ihr weißes Gesicht wie einen Fleck in der Schwärze. Sie saß auf einem Stuhl. Aber Joe konnte er nicht sehen.

»Ich habe alles verstanden«, sagte das Mädchen.

»Wo ist er?«

»Nach hinten gegangen. Vielleicht sollen wir nicht sehen, wie sie ihn zusammenknüppeln.«

»Ich kenne den Offizier. Er war auf der Ranch.«

»Und?«

Rizzos zuckte mit den Schultern, obwohl Tanja das bestimmt nicht sah.

»Ich weiß auch nicht, warum ich davon rede.«

»Wir warten noch eine Minute«, sagte draußen die laute Stimme des Lieutenant.

»Wir sollten hinausgehen«, schlug Rizzos vor. »Die sind vielleicht so nervös, dass sie einfach drauflos ballern.«

»Können wir denn gar nichts für Joe tun?«

»Der muss verrückt gewesen sein, als er Lacon niederschoss.«

»Nicht verrückt, »sondern verzweifelt.«

Rizzos ging weiter, ergriff Tanjas Arm und zog sie in die Höhe. »Wir müssen hinaus.« Er führte sie durch den dunklen Raum auf das graue Türrechteck zu und in den Hof.

Tanja wollte nicht weiter, aber Rizzos schleifte sie einfach mit.

Hull verdrückte sich gerade in den Schuppen.

Der Ring der Soldaten um das Stationshaus war nicht sehr dicht, dafür waren die zwölf Männer des Lieutenant zu wenige.

»Wo ist er?«, herrschte Harris das Mädchen an.

Sie beachtete ihn gar nicht, ging bis zur Schuppenwand und sank dort auf den Boden.

»Wo ist er?«, schimpfte Harris, nun an Rizzos gewandt.

»Wenn Sie denken, ich hätte ihn in der Tasche, dann sehen Sie ruhig nach, Sir.«

Harris‘ Blick wanderte zwischen Chet und dem Ranchschmied hin und her. »Jetzt haltet ihr mich für den schlechtesten Menschen der Welt, was?«

»Nein, Sir, noch schlechter als dieser Lacon und Tyman und der seltsame Postagent, können andere wirklich nicht mehr sein«, entgegnete Rizzos. »Aber wer denen noch hilft, die Ernte für Ihre Verbrechen einzufahren – also ich weiß nicht. Was halten Sie denn selbst von solchen Leuten?«

Harris fluchte.

»Sehen Sie«, sagte Rizzos.

»Ich kann mich nicht mit Gefühlsduseleien aufhalten. Ich habe meine Vorschriften.«

»Wie schön, dass Sie sich dahinter verstecken können«, murmelte Chet.

Harris wandte sich brüsk ab und verstärkte die weit gespannte Kette seiner Soldaten. »Letzte Aufforderung, Joe Wood! Wenn du in zehn Sekunden nicht draußen bist, stürmen wir das Haus!«

Joe blieb die Antwort wie nicht anders zu erwarten schuldig, und die Zeit verstrich.

»Also gut. Stürmt das Haus!«

Die Soldaten brachen in Gebrüll wie Apachen beim Angriff auf einen Rancho aus, feuerten und stürmten vorwärts.

Die Pferde wieherten und liefen auseinander. Niemand war abkommandiert, sie zu halten. Harris schien es vergessen zu haben.

Die Soldaten drängten vorn und hinten durch die Türen.

Schemenhaft zu sehen jumpte eine Gestalt aus einem Fenster, hastete zum nächsten Pferd und warf sich in den Sattel.

»Da ist er!«, schrie Tyman. »Lasst ihn nicht entkommen!« Er rannte vorwärts.

Joe feuerte. Die Kugel fuhr vor Tyman in den Boden. Der Mann warf sich nieder.

Joe jagte von der Station.

Die Soldaten kamen zurück und schossen aus den Gewehren, obwohl der Flüchtende schon nach wenigen Sekunden nicht mehr zu sehen war

»Hinterher!« rief der Sergeant.

Lieutenant Harris erreichte seinen Rappen als erster, saß auf und gab Befehl zur Verfolgung, die er selbst aufnahm, bevor er richtig ausgesprochen hatte. Die anderen galoppierten hinterher. Nur ein Soldat blieb zurück, weil er kein Pferd besaß. Bis er das von Tyman sah, dem er nachlief, aufsprang und den anderen folgte.

Sie feuerten blindlings weiter in die Nacht hinaus, wohl hoffend, den Fliehenden zufällig treffen zu können.

Chets Hengst irrte noch schnaubend über den Hof. Tyman lief zum Haupthaus hinüber und schmetterte die Tür zu.

»Wagt euch ja nicht herein!«, rief Hull aus dem Schuppen.

»Weshalb ist der denn eigentlich frei?«, staunte Chet.

»Wir hatten keine Lust, ihm die Arbeit wegzunehmen«, erwiderte Rizzos. »Das hat dem so gepasst, herumzusitzen und sich bedienen zu lassen. Aber nicht mit uns!«

Durch das zerschossene Fenster in der Station zuckte von einem Knall begleitet eine Mündungsflamme. Die Kugel schrammte neben Chet in die Bretterwand.

»Weg hier, Tanja!« Chet zog das Mädchen hoch und lief mit ihm um die Ecke.

Rizzos schoss aus dem Colt zurück, ging aber ebenfalls am Regenfass in Deckung.

Sie lehnten an der Wand. Kugeln fetzten an der Ecke entlang. Rizzos schoss noch zweimal zurück, dann kroch er ebenfalls um die Ecke.

»Tyman, wir müssen sie mundtot machen!«, schrie der Postagent aus Leibeskraft. »Die wissen alles.«

»Ist das mein Problem, Hull?«, höhnte Tyman.

»Ich sage für die Cowboys aus, wenn Sie mir nicht helfen!«

»Du weißt nicht mehr als die!«

»Ist doch egal. Ich sage für sie aus, wenn du mir nicht helfen willst, das schwöre ich dir!«

Chet lief weiter nach hinten, erreichte die Rückfront und sah eine kleine Tür. Er zog den Colt und blickte auf den Riegel.

»Dir glauben sie kein Wort, wenn sie erst wissen, dass es die Bande von Bide Wilder ist, die du mit Waren belieferst und dir dabei sicher eine goldene Nase verdient hast!« brüllte der Menschenjäger.

»Habt ihr es gehört?« Tanja rüttelte Chet an der Schulter.

»Ja, ja.«

»Bide Wilder, hat er gesagt. Das sind bestimmt die Banditen, die über euch herfallen wollten, als ihr hierher unterwegs gewesen seid.«

»Sicher«, gab Rizzos zurück. »Ist doch nun aber egal.«

»Warum?«

»Weil es hier sowieso bis zum bitteren Ende ausgefochten wird. So oder so. Hast du davon noch nichts bemerkt?«

Der Halunke im Schuppen und der in der Station verhielten sich still, schienen zu lauschen oder den eigenen Mordplänen nachzuhängen.

»Ich glaube, die sind alle hinter dem Schuppen!«, rief der Postagent auf einmal.

»Dann komm doch herüber!« Tyman lachte grollend. »Oder hast du Angst, ich würde dir den Garaus machen?«

»Du solltest froh sein, wenn dir jemand hilft, Tyman!«, schimpfte Errol Mull.

Chet zog vorsichtig am Riegel, aber er konnte ihn nicht bewegen. Er schüttelte den Kopf.

»Was ist denn, hat er innen eine Sperre?, flüsterte das Mädchen.

»Es scheint so.«

»Auch das noch.«

Im Schuppen stürzte mit dumpfem Gepolter ein Balken um. Schritte hasteten davon.

»Er hat die Nase voll.« Rizzos lief zur Ecke, konnte von dort aus aber auch nicht mehr sehen.

Chet ging rückwärts und warf sich mit der Schulter gegen die kleine Tür. Das Holz zitterte und ächzte, bog sich in der Mitte nach innen und ließ den Riegel rasselnd gegen die Falle schlagen. Aber die Bretter hielten dem Ansturm stand.

»Der ist gar nicht so baufällig, wie er aussieht, was?«, sagte Tanja verwundert.

Chet ging ein paar Schritte weiter zurück, um mehr Wucht zu entwickeln, dann rannte er erneut gegen das Hindernis vor und warf sich dagegen. Diesmal war die Wucht des Ansturms so groß, dass die Bretter regelrecht zerfetzt und in den dunklen Schuppen geworfen wurden. McCoy flog hinterher, schrammte auf den Boden und rollte einmal um seine Achse, bis er liegenblieb. Er sprang sofort auf und warf sich zur Seite, um einem möglichen Feuerüberfall auszuweichen.

Aber es wurde nicht geschossen.

Tanja wagte sich herein. »Rizzos hat recht. Der geldgierige Vogel ist ausgeflogen.«

»Pack schlägt sich, Pack verträgt sich. Im Augenblick vertragen sie sich.« Rizzos schob das Saloonmädchen weiter herein und folgte ihm.

Chet stand auf und schlug über seine Kleidung. Stroh und Sägespäne bedeckten überall den Boden. Als er weiterging, stieß er gegen den Sägebock.

»Hoffentlich kommen die Banditen nicht ausgerechnet in dieser Nacht wieder her«, murmelte Tanja.

Chet wandte sich nach ihr um. Auch Rizzos starrte sie an.

»Wie kommst du denn plötzlich darauf?«, fragte Chet.

»Könnte doch sein. Hull muss die ziemlich unwirsch abgewimmelt haben. Wenn die noch mehr wollten, als sie bekamen, lassen sie sich wieder sehen. Und wenn ihnen die Art nicht gefällt, wie der Postagent mit ihnen umsprang, dann auch.«

»Richtig«, gab Rizzos zu. »Logisch ist es. Aber wann sie deshalb hier aufkreuzen, weiß vorher keiner. Das muss nicht in dieser Nacht sein.«

»Könnte aber«, beharrte Tanja.

Chet tastete sich weiter, bis er das helle Türrechteck zum Hof hin erreichte und undeutlich das Haupthaus sehen konnte. Mondlicht brach sich matt in den Fenstern und ließ die zerschossene Scheibe erkennen. Die Tür stand offen. Aber von den beiden Schurken war nichts zu sehen und nichts zu hören.

Rizzos und Tanja erschienen am anderen Pfosten und spähten in den Hof hinaus.

»Erzähl doch mal was los war!«, verlangte Rizzos.

»Es gibt zwischen hier und Colorado Springs doch noch eine Stadt. Ein kleines Nest nur. Und ohne Doc. Vielleicht hat Hull es deswegen nicht erwähnt. Dort hat Joe Wood im Saloon Lacons Colt an sich bringen können. Als der Kerl ihn angriff, schoss er ihn nieder.«

»Wenn man einen Wolf in die Enge treibt, dann zeigt er nicht nur die Zähne, nein, er beißt auch«, flüsterte Tanja.

»Genau so ist es. Und das hätte Lacon wissen müssen.« Chet McCoy nickte.

»Der hat nur gekriegt, was ihm zustand«, knurrte Rizzos. Finster schaute er zum Haus hinüber. »Und die beiden kriegen es auch noch, wenn es so was wie eine Gerechtigkeit gibt. Was machen wir nun, greifen wir an?«

»Über den Hof kommen wir nicht«, erwiderte Chet. »Wir müssen wieder hinten hinaus und einen Bogen schlagen.« Er blieb aber noch stehen und beobachtete das gedrungene Stationshaus. Es war ihm, als würde sich hinter dem von der Kugel gesprengten Fenster etwas bewegen.



16

»Siehst du sie, Tyman?«, fragte Hull plötzlich da drüben. »Wir müssen sie mundtot machen, bevor die Soldaten zurückkehren!«

»Dir geht ganz schön die Muffe, was?« Tyman lachte polternd. »Naja, ist ja auch kein Wunder. Sie hängen dich in Colorado Springs auf, wenn sie die Geschichte zu Ohren kriegen!«

»Kein Mensch kann mir was beweisen!«

»Doch, Hull, ich hab die Banditen doch gesehen und Bide Wilder erkannt.«

»Dafür war es viel zu dunkel!«, behauptete der Postagent.

»Lacon und ich haben ihn erkannt und sagten es dir. Und du weißt, dass es so ist. Und dass sie dich dafür aufknüpfen werden!«

»Und ihr, wie habt ihr den kleinen Wood aufs Kreuz gelegt? Einen Schuldschein habt ihr ihn angeblich unterschreiben lassen. In der Dunkelheit. Und wo er sowieso nicht lesen kann.«

»Alles erstunken und erlogen. Das Geschäft war völlig korrekt. Wer etwas unterschreibt, muss es lesen. Und wenn er das nicht kann, muss er jemand mitbringen, der ihm behilflich ist. Alles nicht mein Problem, Hull!«

»Du solltest nicht so stur sein, Tyman!«, schimpfte der Postagent. »Wir sehen beide ziemlich alt aus, wenn wir die Cowboys nicht von der Platte putzen!«

»Und das Mädchen?«

»Ach was, Mädchen haben doch bei den Friedensrichtern hier draußen keine Stimme. Noch dazu so ein Flittchen wie Tanja!«

Das Mädchen stampfte zornig mit dem Fuß auf, sagte aber nichts.

»Zurück«, entschied Chet. »Wir versuchen, um die Remise herum unbemerkt von hinten ins Haupthaus einzudringen.«

»Dann mir nach, ich bin ohne anzuecken durch das finstere Loch gelangt!« Rizzos drehte sich um und übernahm die Führung.

»Da!«, rief Hull.

Dann krachten Gewehre. Kugeln pfiffen durch den Schuppen.

»Deckung!«, befahl Chet, warf sich nach der Seite und fiel auf das von Joe Wood zerkleinerte Holz.

Auch Tanja und der Ranchschmied kamen noch schnell genug aus den möglichen Flugbahnen, die die Geschosse vom Haupthaus herüber nehmen konnten.

Ein paar Minuten lang schossen die beiden Schurken, als wollten sie den Schuppen zersägen, dann flaute das Feuer ab und verstummte.

»Verdammt still da drüben«, meldete sich Hull nach ein paar Sekunden völliger Stille. »He, haben wir euch erwischt?«

Chet kroch vom Holzhaufen, was nicht ohne Geräusche abging und die beiden Männer im Stationshaus zu einem neuen Kugelhagel zwang. Der Sägebock wurde getroffen und gespalten. Von einer Türangel prallte ein Projektil ab und pfiff misstönig als Querschläger durch den Schuppen.

Sie lagen alle drei wieder in Deckung und warteten, bis es die beiden Strolche im Haus abermals genug sein ließen.

Chet hob den Kopf, kniete und schaute zur anderen Seite.

»Alles in Ordnung«, sagte Rizzos leise.

»Die Soldaten sind ganz schön bescheuert!«, schimpfte Tanja.» Jagen hinter dem kleinen Joe her wie der Teufel hinter den Seelen der Armen, anstatt die wirklichen Schurken dingfest zu machen!«

»Das musst du denen mal erklären«, schlug Rizzos vor. »Und wenn du ganz großes Glück hast, kapieren sie es sogar.«

Chet tastete sich bereits durch den Schuppen und erreichte die offenstehende Hintertür, soweit sie noch eine solche war. Er verließ das Brettergebäude und wartete an der Wand, bis Tanja und Rizzos bei ihm erschienen.

»Hast du mal nach unserem Vieh gesehen?«, fragte Chet.

»Aber natürlich.«

Chet schaute Tanja an. »Am besten, du wartest in der Remise, bis es vorbei ist.«

»Ja, schlage ich auch vor«, stimmte Rizzos sofort zu. »Eine Waffe hast du sowieso nicht.«

»Und woher weißt du das so genau? Das Mädchen griff in die Tasche und brachte eine einschüssige Smith & Wesson zum Vorschein. »Und was ist das?«

»Eine Zimmerkanone«, entgegnete Rizzos belustigt. »Die auf zehn Yard Entfernung keine Kugel mehr durch eine Zeitung bringt.«

Tanja steckte die kleine Pistole wieder ein. »Und wenn die Banditen fliehen und ausgerechnet in der Remise Zuflucht suchen, he? Dann bin ich die Geisel, was?«

»Teufel, daran habe ich nicht gedacht«, sagte Chet erschrocken. »Also gut, du bleibst bei uns. Weiter!«

»Ihr seid schon ganz schön durcheinander, Freunde. Und ich habe euch für so clever gehalten!« Spott funkelte in Tanjas Augen.

Chet ging darauf nicht ein. An der Wand schob er sich bis zur Ecke weiter und spähte um die Kante. Das zerschossene Fenster in der Station konnte er von diesem Platz aus nicht sehen. Aber bevor er drüben bei der Remise sein konnte, würde er ins Blickfeld der Halunken geraten. Dazwischen befand sich allerdings der Corral, in dem noch vier Pferde standen. Sie hielten sich mitten in der Umzäunung auf, standen dicht zusammengedrängt und schlugen hin und wieder hart mit den Hufen in den Sand.

»Und nun?«, flüsterte Tanja.

»Entweder geben wir uns gegenseitig Feuerschutz, oder wir rennen alle zusammen los.«

»Alle zusammen«, sagte Rizzos. »Dann sind wir drüben, ehe sie sich einschießen können.«

»Einverstanden.« Chet zog den Colt wieder und drehte die Trommel durch. Er schob Tanja ganz nach rechts, so dass Rizzos noch zwischen sie und ihn konnte und für das Mädchen das geringste Risiko übrigblieb.

»Ob sie ihn schon haben?«, sagte Tanja unvermittelt.

Rizzos starrte sie an. »Wer hat wen?«

»Die Soldaten Joe.«

»Ach so. Woher sollen wir denn das wissen?«

»Sind wir soweit?«, fragte Chet recht schroff.

Rizzos nickte.

»Ich kann doch nichts dafür, wenn ich andauernd daran denken muss«, schimpfte Tanja. »Die bringen es fertig und knallen ihn ab wie einen Hasen.«

»Wir können Joe jetzt nicht helfen!«, sagte Chet leise. »Und wir müssen an das Nächstliegende denken. Also, bei drei rennen wir, so schnell wir können, los. Eins – zwei – drei!«

Sie rannten aus der Deckung.

Die Pferde wieherten und bewegten sich auf den vorderen Zaun zu.

»Die müssen uns ja bemerken!«, rief Rizzos.

Da zuckten bereits Stichflammen aus dem Stationshaus, und das Krachen der Schüsse wummerte durch die Nacht. Die Kugeln pfiffen aber zunächst den Pferden um die Ohren und entfesselten eine regelrechte Panik. Scharf wieherten die Tiere, stiegen empor und wirbelten mit den Hufen. Dann rasten sie am Zaun entlang. Die Hufe warfen Staubfontänen in die abgekühlte Luft.

Dahinter rannten die drei ungesehen von den Halunken zur Remise und erreichten ihren Schutz.

Das Feuer hielt noch an. In der Remise gackerten die Hühner und meckerten die Ziegen. Doch als die Waffen verstummten, kamen die Tiere bald zur Ruhe.

Sie umgingen das Gebäude und spähten von seiner rechten Ecke zum Haus hinüber. Die Vorderfront war von hier aus nicht einzusehen, wohl aber die Seite. Und sicher standen die Halunken jetzt dort.

»Und nun?«, fragte Tanja. »Denkt ihr, von hier aus wäre es leichter, hinter das Haus zu gelangen? Das ist doch wohl ein kleiner Irrtum, was, Freunde?«

»Vielleicht sind sie noch vorn«, sagte Rizzos.

»Natürlich, die sind blöd und ziehen die Hosen mit Feuerzangen an!« Tanja tippte sich an die Stirn.

Chet lächelte den Cowboy an. »Sie hat offenbar Haare auf den Zähnen, Rizzos. Das entging uns bisher.«

»Ich nehme eher an, sie kämpft so die Angst nieder«, entgegnete der Ranchschmied.

Chet beobachtete die kleinen, quadratischen Fenster, die im Mondschein hämisch zu grinsen schienen. Wenn die beiden Kerle dort waren, wovon sie ausgehen mussten, dann warteten sie darauf, dass ihre Gegner die Deckung verließen und über den Hof liefen, bis sie dichter am Haus waren und keine Deckung mehr fanden.

Chet trat zurück. Das Risiko ist zu groß. Alle drei würden wir es niemals schaffen.

»Dann warten wir eben, bis die Soldaten zurück sind«, schlug Rizzos vor.

Vom Stationshaus aus schallte Gelächter herüber. »Habt ihr die Hosen voll?«

»Da! Sie haben uns schon beobachtet und an der Ecke bemerkt«, sagte Chet. »Da fällt mir ein, in der Remise steht doch ein Wagen!«

»Unser Wagen.«

»Nein, da stand schon einer drin, Rizzos.« Chet ging an der Wand entlang.

Auch die Remise hatte hinten eine schmale Tür, aber wie beim Schuppen besaß der Riegel innen eine Sperre, die vorgelegt sein musste.

»Und was ist mit dem Wagen?«, wollte das Mädchen wissen.

»Den benutzen wir als Deckung, bis wir drüben am Haus sind. Willst du es mal versuchen, Rizzos?«

»Warum nicht.« Der Ranchschmied trat zurück und warf sich gegen die Tür. Die Bretter barsten wie Zunder. Rizzos flog in die Remise hinein. Sofort gackerten die Hühner im Verschlag wieder und schlugen heftig mit den Flügeln. Die Ziegen meckerten und versuchten sich loszureißen.

»Nanu, kommt zu euch.« Rizzos stand auf.

Vorn stand das Tor offen. Wahrscheinlich hatte Hull es nie geschlossen, genauso wenig wie den Schuppen. Mondlicht fiel herein.

»Rechts von dir«, sagte Chet, der eintrat.

Rizzos tastete durch das Dunkel und fand den zweiten, von Gerümpel umgebenen Wagen. Er besaß große Räder und flache Bordwände und war gerade zweieinhalb Yard lang. Die Deichsel stand nach oben. Sie räumten den Unrat weg und stemmten sich gegen das Gefährt. Es rollte sogar noch, und als sie die Deichsel herabklappen konnten, ließ er sich auch lenken.

»Na also, wer sagt es denn!«, frohlockte Rizzos. »Jetzt nähern wir uns der Festung gepanzert. Die werden Augen machen.«

»Tanja, hierher!«, befahl Chet. »Sie schieben auf dieser Seite. Passen Sie wegen des Rades auf. Und am besten, Sie greifen in die Speichen. So lässt er sich am leichtesten schieben, und Sie haben die beste Deckung dabei.«

Rizzos übernahm die Deichsel. Chet ging zum hinteren Rad, das aber vorn war, weil sie rückwärts fahren mussten, damit der Ranchschmied auch noch Deckung fand.

»Fertig?«, fragte Rizzos.

»Ich bin soweit!«, meldete Chet zurück. »Tanja, denk daran, Kopf runter!«

»Ja-ja, ich hänge am Leben und vergesse es schon nicht.«

Sie rollten den Wagen auf das Remisentor zu und in den Hof hinaus. Rizzos fuhr so, dass sie schräg auf die hintere Ecke des Stationshauses zuhielten.

Doch kaum war der Wagen außerhalb der Remise, eröffneten die Halunken im Haus wieder das Feuer. Die Scheiben platzten, die Kugeln trafen pochend den Wagen, pfiffen darüber hinweg und unter der Ladefläche hindurch.

»Immer am Rad bleiben!«, rief Chet. Er richtete die Waffe über den Wagen und feuerte. Der Fensterrahmen wurde gesprengt und flog nach drinnen.

Hull fluchte.

»Hat es dich erwischt?«, rief Tyman.

»Um ein Haar!«

Die Bullhead-Männer und Tanja nutzten das Erschrecken der beiden und fuhren schnell über den Hof.

Doch da wurden sie wieder beschossen. Ein Projektil traf eine Speiche und zerfetzte sie. Doch der Eisenreifen saß noch fest und hielt die Felge zusammen. Chet feuerte ein paar Schüsse ab, dann hatten sie die Ecke erreicht.

Rizzos schlug die Deichsel scharf ein. Fast im Winkel drehte das Gefährt herum und stand quer zum Haus.

Sie liefen in den Schutz der Wand und zur Hintertür.

»Komisch, wir kommen überhaupt nicht mehr von vorn«, stellte Rizzos fest.

Chet riss die Tür auf. Sie besaß ein großes Kastenschloss, aber es war nicht versperrt. Vor ihm lag in völliger Schwärze der Flur, von dem rechts und links die tristen Gästekammern abzweigten, die zur Zeit kein Mensch bewohnte.

»Hast du dein Pferd eigentlich noch mal gesehen?«, fragte Rizzos.

»Nein, das irrt aber bestimmt irgendwo herum.« Chet lief durch den Gang, erreichte die vordere Tür, trat dagegen und sprang zurück.

Wie erwartet entfesselte das Geräusch einen Kugelhagel. Die Tür schwang herum und knallte gegen die Wand. Die Schüsse peitschten laut durch das Haus. Fensterscheiben klirrten. Gespenstisch zuckten die orangefarbenen Mündungsflammen durch die Dunkelheit und ließen schemenhaft die Männer erkennen.

Chet winkelte den rechten Arm an und schoss zurück.

Einer der Halunken warf sich zu Boden und riss einen Stuhl dabei um.

Der andere schien die Flucht zu ergreifen. Aber Chet sah ihn nicht.

»Tyman, du Ratte, lass mich nicht allein!«, brüllte Hull in seiner Not.

Doch der andere warf sich zur Tür hinaus und rannte über den Hof, um im Schuppen Zuflucht zu suchen.

Hull fluchte lästerlich und schoss, was sein Revolver hergab.

Chet blieb im Flur und sperrte mit dem linken Arm den Weg für Tanja und Rizzos. »Der entrinnt uns nicht mehr.«

»Aber Tyman findet vielleicht deinen Hengst!«, schimpfte Rizzos.

»Geh hinten hinaus und beobachte von der Seite den Hof!«

»Gut.« Rizzos lief im Flur zurück und hinten aus dem Hauptgebäude.

Chet und dem Mädchen wallte der stinkende Pulverdampf entgegen. Hull feuerte und traf die Tür. Chet schob das Mädchen weiter zurück und folgte ihm.

»Ich kann weit und breit kein Pferd sehen!«, rief Rizzos.

»Dann komm doch wieder herein!«

Hull schoss abermals, sprang auf, hastete zur Tür und rannte hinaus.

Chet hob den Colt, sah aber den Rücken des Mannes und zögerte.

Da wurde schon vom Schuppen geschossen.

Hull stoppte, taumelte und brach zusammen.

Die Hand des Vormanns sank herab. Er verließ den Flur, betrat den Stationsraum und blickte auf den Mann im Hof. Er bewegte sich noch, kniete und rief: »Tyman, ich …« Er fiel wieder aufs Gesicht.

»Ich hab dich nicht erkannt«, meldete sich Tyman mit recht rau klingender Stimme. »Ich dachte, es wäre dieser …«

»Das war ein Irrtum!«, rief Rizzos schneidend. »Ihr macht euch gegenseitig den Garaus. Und das war Mord, Tyman!«

Der Halunke schickte einen Kugelhagel zur Hausecke.

Rizzos zog sich zurück und kletterte durch das Küchenfenster.

»Tanja, pass auf, dass du nicht getroffen werden kannst!«, riet Chet. Er beobachtete die reglose Gestalt im Hof. Hull schien tot zu sein.

Rizzos tauchte an der Küchentür auf. »Jetzt kann er mit Engelszungen reden. Den Mord streitet er nicht mehr ab.«

»Das wollte er wahrscheinlich wirklich nicht«, gab Chet zu bedenken. »Es war also höchstens Totschlag.«

»Dürfte für eine Jury und für den Richter kaum einen Unterschied machen.«

»Und für Joe Wood trotzdem nichts ändern«, warf Tanja bitter ein. »Man müsste ihm den Zettel abnehmen können, den er Joe unterschreiben ließ. Den hat er doch bestimmt immer noch in der Tasche.«

Chet und Rizzos blickten das Mädchen an.

»Ohne dieses Papier kann der Lieutenant Joe doch nicht mitschleppen, oder?«

»Die Süße hat mit einem Mal Ideen, die sind geradezu glorreich«, murmelte Rizzos. »Wie findest du denn das, Chet?«

»Wirklich nicht übel.« Der Vormann blickte wieder hinaus. »Aber wie sollen wir das nur bewerkstelligen?«

»Wir reden mit ihm«, schlug Tanja vor. »Das Papier gegen ein gesatteltes Pferd.«

Chet näherte sich der Tür. »Hör zu, Tyman, wir haben dir einen Vorschlag zu unterbreiten!«

»Ich habe nicht gewusst, dass es Hull ist!« brüllte der Mann im Schuppen. »Aber der hat mit Bide Wilder und dessen Bande schwunghaften Handel getrieben. Damit war er selbst nur noch ein Bandit!«

»Kann schon sein. Trotzdem …»

»Den konnte jeder abknallen!«, unterbrach Tyman den Vormann. »Dafür gibt es sicher noch eine Belohnung. Und wenn ich euch umlege, wird es kaum anders sein. Ihr wollt mich daran hindern, eine hoheitliche Pflicht zu erfüllen.«

»Eben steigst du aber ein bisschen sehr hoch«, rief Rizzos zurück. »Im Übrigen wurde die Schießerei von dir und Hull angezettelt und nicht etwa von uns.«

»Weil ich wusste, was ihr im Schilde führt!« Tyman schoss aus seinem Gewehr. Das Geschoss fetzte am Türrahmen entlang und warf einen Splitter an McCoy vorbei.

»Sinnlos«, knurrte Rizzos. »Mit dem kann keiner normal reden.«

»Tyman, hör mir mal zu!« Tanja näherte sich dem Fenster mit der zerschossenen Scheibe.

»Vorsichtig!«, mahnte Chet.

»Was willst du denn, Goldschatz? Ich weiß doch längst, dass du an dem Bastard einen Narren gefressen hast!«

»Du spinnst doch, Tyman. Joe ist zehn Jahre jünger als ich und in einer völlig anderen Welt aufgewachsen. Aber er tut nur leid, das ist wahr. Und ich schäme mich für dich und Lacon mit, dass ihr ihn so schmählich hintergangen habt.«

»Er hat einen Vertrag unterschrieben. Vollkommen freiwillig!«

»Im Moment ist niemand hier, der sich für deine Lügen interessiert«, sagte Chet. »Also lass den Quatsch mal. Wir wollen dir einen Vorschlag machen. Du gibst uns das Papier mit Joe Woods Unterschrift, und wir geben dir ein gesatteltes Pferd und lassen dich wegreiten.«

»Warum sollte ich wegreiten wollen?« Der Halunke lachte schallend.

»Da, so sieht er das.« Chet ging zum Tresen und schüttelte die Flaschen. In einer war noch etwas Whisky, die Sodawasserflasche war noch fast voll. Er schenkte sich ein und trank das Glas auf einen Zug leer. »Hunger hab ich auch.«

»Denkst du vielleicht, ich nicht?« Rizzos trat hinter den Tresen und suchte nach einem Glas. »Was machen wir denn nun?«

»Abwarten. Was sollen wir sonst tun.«

»Tyman, willst du dir das nicht doch überlegen?« Tanjas Stimme klang schon halbwegs bettelnd.

»Ich würde mir das schenken. Die Idee war nicht so gut, wie wir im ersten Moment dachten.«

Tanja kehrte an den Tresen zurück. »Der wird noch behaupten, dass wir Banditen wären.«

»Davon können wir ausgehen.« McCoy nickte. »Aber das wird ihm der Lieutenant dann wohl doch nicht mehr abnehmen wollen. So gut kennt der uns schon.«

»Dem passt die ganze Geschichte nicht«, brummte Rizzos, der endlich ein Glas finden konnte. »Er ist nur durch und durch Soldat. Dazu gehört es, dass er den armen Joe nach Colorado Springs schleift, weil der was unterschrieben hat, wodurch er Soldat werden soll.«

»Dann müsst ihr ja auch nicht befürchten. dass er abhaut, wenn er ein Pferd schnappen kann?«

»Nein«, erwiderte Chet. »Wir haben uns total geirrt. Er war gewiss im ersten Augenblick entsetzt, dass er Hull erschossen hatte. Aber das muss sich ganz fix wieder gelegt haben. Und wenn sich das irgendwie noch beweisen lässt, dass Hull mit Banditen handelte, dann …« Chet brach ab und schüttelte den Kopf. »Vergessen.«

»Da wird sich schon noch was finden«, murmelte Rizzos, der sein Glas voll schenkte und austrank. »Und Hunger hab ich wie ein Präriewolf im Winter, wenn hoher Schnee liegt.«

»Ich auch«, bekannte Tanja. »Mal sehen, ob ich in der Küche noch was finden kann.«

Sie schauten ihr nach. Chet zog sich einen Stuhl an den Tresen, setzte sich und streckte die Beine aus. Er fühlte sich müde und zerschlagen und wäre am liebsten in ein Bett gegangen. Als er gähnte, sagte der Ranchschmied: »Eigentlich genügt es, wenn einer von uns aufpasst. Durch Hulls Tod hat sich auch für Tyman alles verändert. Der wagt sich allein nicht gegen uns vor. Und er glaubt vielleicht sogar, er könnte dem Lieutenant einreden, wir hätten den Stationer erschossen.«

Chet nickte. »Das würde gut zu ihm passen. Nein, ich bleibe trotzdem hier sitzen. Wenn er einen von uns erschießen kann, würde er bestimmt keine Sekunde zögern, es auch zu tun!«



17

Joe Woods Pferd wurde langsamer. Er hatte es zu sehr angetrieben, und es lag ein längst zu weit gewordener Gesamtweg hinter dem strauchelnden Tier.

Der junge Mann trieb es nicht mehr an. Im dunklen Hohlweg hielt er Ausschau nach einer Spalte oder einer Höhle, die ihm als Versteck dienen konnte.

Das aus der Tiefe der Berge heraufschallende Raunen verriet ihm, wie nahe sich die Verfolger bereits befanden.

Raoul Tyman fiel ihm ein, vor dem er aus dem kleinen Nest Howard Junction floh. Eigentlich war er gar nicht geflohen, sondern vielmehr nur ein Stück weggeritten. Bis zu einem sicheren Versteck. Bis zu einer Falle, in die er den Schurken locken wollte. Aber Tyman war ein gerissener Fuchs, der den Braten gerochen hatte und umkehrte.

Diesmal wollte Joe Wood keine Falle aufbauen. Er wollte nur noch verschwinden. Einfach fliehen. Entrinnen. Irgendwo weit weg ein neues Leben unter einem anderen Namen anfangen. Und vielleicht irgendwann das alles vergessen, was mit dem Treck nach Westen und dem Tod seiner Eltern zusammenhing.

Da tauchte eine Höhle auf. Joe stieg sofort ab. Entweder er hatte Glück oder sie fanden ihn. Er würde sehen, ob das Schicksal so völlig ungnädig mit ihm umspringen wollte.

Tiefe Finsternis beherrschte die Höhle. Joe spürte einen kräftigen Luftzug, der ihm schon nach wenigen Schritten entgegensprang. Da gab es noch einen anderen Ausgang, wie es schien. Aber er sah keinen Mondschein, keinen noch so schwachen Schimmer, der einen Ausgang verraten hätte.

Stattdessen lief er gegen eine bizarr zerrissene Wand und das schwankende Pferd gegen ihn.

Der Luftzug blies von links um die Kante. Und dort sah Wood den hellen Fleck, nach dem er ausschaute. Er zog das Pferd weiter, erreichte den ebenfalls über zwei Yard hohen Ausgang und sah eine an der Steilwand hängende Felsleiste, rund drei Yard breit über dem Abgrund.

Das Pferd scheute vor der schwarzen Tiefe, die nicht erkennen ließ, wie weit unten die Schlucht endlich zu Ende war.

Er zog es ein Stück an der Wand entlang, bis es sich an den gefährlichen Weg gewöhnt hatte, dann stieg er auf. Langsam setzte sich der Braune wieder in Bewegung. Solange Joe ihn langsam gehen ließ, schwankte das Tier nicht und bewegte sich sicher genug auf der Felsleiste abwärts. Er musste es dabei belassen, schaute zurück und hoffte wieder, dass sie vorbeireiten würden und ihn hier nicht sahen.

Denn wenn sie kamen und er trieb das Pferd an, dann würde es vielleicht in den Abgrund stürzen und ihn mit in den Tod nehmen.

In den Tod oder mit den anderen in eine Kaserne. Eins erschien Joe Wood so schrecklich wie das andere. Denn er hatte darüber nachgedacht, hatte versucht, sich vorzustellen, wie es wohl wäre, wenn sie ihn in eine Uniform zwängten und zu den schwarzen Soldaten in Texas sperrten. In einen großen Kreis unterschiedlichster Charaktere, denen Offiziere vorstanden, die sicher keine Freunde in ihren Untergebenen sähen.

Aber es war nicht nur das. Joe hasste Zwang, Drill und Unterordnen generell. Er war auf der Farm in Nebraska relativ frei aufgewachsen und hatte bei Vater und Mutter über sein Treiben nie Rechenschaft ablegen müssen, weil sie mit der Arbeit, die er leistete, vollauf zufrieden gewesen waren.

Er schaute erneut zurück. Sie kamen immer noch nicht. Aber sie waren vielleicht doch weiter hinter ihm gewesen, als er glaubte und hatten die Höhle noch gar nicht erreicht.

Die Felswand beschrieb einen sanften Bogen nach Westen. Als Joe erneut hinter sich schaute, sah er die Höhle schon nicht mehr.

Nun war er wieder darauf angewiesen, von Zeit zu Zeit den abgehetzten Braunen zu zügeln und hinter sich zu lauschen.

Es blieb still hinter ihm. Sein Herz schlug schneller. Schließlich frohlockte er und rief: »Vorbeigeritten, Sie sind vorbeigeritten!

Das Pferd erholte sich langsam, der Weg wurde breiter und die Schlucht in der Tiefe ließ sich erkennen; sie lag nur noch zwanzig Yard unter dem Reiter.

Joe Wood erreichte das Ende des halsbrecherischen Pfads und folgte der Schlucht. Dabei schlug er die Richtung nach Westen ein, die nicht zurück in das große Bergtal führen würde, wie er hoffte.

Die Zeit verstrich. Der Canyon, das konnte Joe am Stand des Mondes erkennen, änderte seine Richtung trotz der kleinen Biegungen nur unwesentlich.

Joe würde das Tal nicht mehr sehen. Und niemand konnte seinen Spuren folgen, weil es im Canyon und auf der Felsleiste, wahrscheinlich nicht einmal in der Höhle durch den Berg welche gab Er war für immer verschwunden.

Er dachte noch an Chet, an Rizzos und an Tanja, die ihm geholfen hatten, die sich für ihn einsetzten und am Ende trotzdem erfolglos geblieben waren. Es waren die ersten Menschen außerhalb seiner kleinen Familie, die wie Freunde handelten und ihm uneigennützig helfen wollten.

Der Gedanke an sie ließ ihn den Braunen zügeln und noch einmal zurückschauen. Da hinten irgendwo hinter den zerrissenen Felsen lag das Tal, in dem sie jetzt sicher weilten.

Aber dann schüttelte er den Kopf. Es war zu gefährlich, sie noch einmal sehen, ihnen für die Hilfe danken zu wollen. Gefährlich war es nicht nur für ihn, sondern vielleicht auch für sie. Dass vielleicht alles anders hätte kommen können, wenn er, Wood, mit Tyman und Lacon nach Colorado Springs geritten und auch Chet McCoy dort angekommen wäre, darüber dachte Joe nicht nach. Dass ihm der Vormann so hätte helfen können, konnte er sich auch nicht vorstellen. Dafür war sein Misstrauen gegenüber den Behörden und allen fremden Menschen entschieden zu groß.

Noch einmal hielt er an, lauschte und schaute über die Schulter. Und als es immer noch still blieb, ritt er weiter und tauchte in der tiefen Schwärze der Nacht unter. Der Hufschlag seines Pferdes weckte ein leises Echo in den Scharten und Rissen der Felswände, wurde leiser und leiser und verklang. Joe Wood ritt der fremden Ferne im Westen entgegen. Dahin, wohin sein Vater bereits wollte, weil sie seine schwarze Frau in Nebraska nicht tolerieren mochten.



18

Lieutenant Norman Harris zügelte sein Pferd und hob die Hand.

»Eskadron, halt!«, befahl der Sergeant, ein mittelgroßer, schmächtiger im Grenzdienst ergrauter Mann.

Die Soldaten hielten hinter dem Offizier. Der Hufschlag und das Echo verklangen langsam.

Sergeant Winters ritt bis zu Harris weiter, nahm den Hut ab, an dem eine Feder steckte, und fuhr sich mit dem Handschuh über das spärlich gewordene Haar. »Sieht schlecht aus, Sir, würde ich sagen.«

»Er hat uns irgendwo abgehängt«, gab Harris zu.

»Dann gibt es vielleicht doch noch so etwas wie eine göttliche Vorsehung, Sir.« Winters spuckte in eine Felsspalte.

»Wie meinen Sie denn das?«

»Wie ich es sagte, Sir. Und so, wie Sie es auch verstanden haben.« Der Sergeant grinste belustigt. »Oder ärgert es Sie, dass der Junge entkam?«

Harris blickte über die Schulter. Seine kleine Truppe befand sich aber doch weit genug entfernt, dass die Soldaten nichts von dem kurzen Gespräch verstanden haben konnten.

»Tyman wird natürlich zum Colonel reiten und sein Geld verlangen«, fuhr der Sergeant fort. »Dafür macht er den miesen Job schließlich. Und der Colonel wird Ihnen einen ziemlich langen Vers erzählen, weil wir den Jungen nicht mitbringen. Aber das tritt sich bestimmt bald wieder fest.«

»Wir reiten weiter.« Harris gab seinem Pferd die Sporen. »Er kann ja doch noch vor uns sein.«

»Natürlich, Sir. Und so verschaffen wir ihm noch mehr Vorsprung, ohne es beim Namen nennen zu müssen. Eskadron, marsch.«

Die Soldaten kamen ihnen nach.

Der Hohlweg stieg andauernd an, die Wände wurden rasch kürzer, dürftiges Gestrüpp tauchte in den Spalten auf. Sie ritten auf ein Plateau hinaus und spürten stärker als vorher den kühlen Nachtwind, der über die Front Range strich.

Lieutenant Harris hielt erneut an.

»Eskadron, Halt!«, befahl Sergeant Winters, dann folgte er dem langsam noch einige Yard reitenden Offizier, bis er seinen Hengst zügelte und über die Gipfel in der Runde schaute. Es waren ein paar skurrile Felsgebilde dabei und ein quadratisch, wie ein gewaltiges Monument emporwachsender Granitblock. Die tief eingeschnittenen Schluchten und Hohlwege dazwischen ließen sich nur ahnen. Das Plateau besaß eine Länge von rund dreihundert Yard.

»Aber es ist natürlich nur ein Vorsprung, den der Junge gewinnt«, knüpfte Winters an den alten Faden erneut an. »Denn suchen werden sie ihn. Sobald seine Bewerbung dem Colonel vorliegt, geht die Suche los.«

Harris gab keine Antwort.

»Dann ist es die Frage, ob ein Tag mehr Zeit wirklich so viel ist, die einer braucht, um zu entkommen, Sir.«

Harris schaute den Mann neben sich an. »Ihnen gefallen die Methoden der Rekrutenwerbung nicht sehr, was, Sergeant?«

»Sie gefallen mir gar nicht, Sir. Weil sie Soldaten in die Forts bringen, von denen gelinde gerechnet fünfzig Prozent den Job hassen. Ihre Dienstauffassung drückt das danach unmissverständlich für jeden aus.«

»Und wenn man anders keine Soldaten findet? Jedenfalls nicht genug, Sergeant?«

»Dann müsste man den Männern für den schweren Dienst an der Indianergrenze mehr bezahlen, Sir. Das brächte schon genug junge Männer in blaue Uniformen. Und das wäre wohl auch gerechter, als es solchem Gesindel wie Tyman und Konsorten in den Rachen zu werfen!« Um seine Worte zu unterstreichen, spuckte der Sergeant wieder im hohen Bogen auf den Boden.

»Wir suchen weiter. Schicken Sie einen Scout voraus, Sergeant!«

»Yes, Sir. He, Scout! Vorwärts, Spuren suchen!«

Der Scout, ein kleiner, drahtiger Halbindianer, ritt vorbei und aus dem Sattel gebeugt erst längs, dann quer über das Plateau. Als er seinen Palomino zügelte, schüttelte er den Kopf.

»Er findet nichts«, sagte der Sergeant überflüssigerweise.

»Dann reiten wir weiter geradeaus nach Norden!«

Der Scout wendete das Pferd nach Norden und ritt noch einmal längs über die Höhe und in einen Hohlweg hinunter.

»Eskadron, marsch!, kommandierte Sergeant Winters.

Lieutenant Harris ritt bereits weiter.

Der Scout tauchte langsam in den finsteren Hohlweg hinunter. Harris folgte ihm. Der Sergeant ritt dicht auf. Dann kamen die übrigen Soldaten.



19

Die fünf Banditen lauerten auf der Bergschulter.

In der Schlucht heulte ein Wolf. Leise klirrte Geröll. Die Bestie floh nach Norden.

»Gleich wirst du sie sehen, Bide!«, flüsterte ein finsterer, schwarzbärtiger Kerl.

Bide Wilder war ein großer, grimmiger Typ mit einem tagealten Stoppelbart und buschigen, dunklen Brauen über schwarzen Augen. Er sah abgerissen wie die anderen aus und stank nach Rauch, Schweiß und Pferden.

»Ich begreife das nicht«, sagte Verry, der neben dem Bandenführer hockte.

»Was begreifst du nicht?«, knurrte Wilder.

»Dass hier Soldaten herumschwirren, zum Satan! Hier gibt es weit und breit keine einzige Rothaut, nach der sie suchen könnten und weit und breit keine Farm und keinen Rancho, den sie meinen könnten, schützen zu müssen.«

»Und trotzdem sind sie hier!«, knurrte Jace, der Schwarzbart.

»Gleich wirst du sie mit eigenen Augen sehen, Verry!«

»Okay, okay, ich glaube es ja. Aber wieso?«

»Ich denke andauernd an Errol Hull«, sagte der Bandenführer. »Wie der uns letztens abgefertigt hat. Und dass da noch andere dagewesen sein sollen. Da hat uns doch jemand verpfiffen.«

»Das ist es!«, rief Ranse, der vierte im Bunde der finsteren Banditen.

»Natürlich, das geht von der Poststation aus! Vielleicht von Hull selbst, Bid.«

»Warum denn von Hull aus?«, brummte Cody, der fünfte. »Der hat doch gut an uns verdient.«

»Vielleicht wurde es ihm mit der Zeit zu heiß.«

»Auch möglich«, sagte der Bandenführer.

Erneut klirrten Steine in der Tiefe.

Bide Wilder schob das Gewehr weiter vor und repetierte es. Seine Kumpane folgten dem Beispiel.

»Gleich könnt ihr sie sehen. Eine ganze Eskadron. Ich hab sie genau erkannt, als sie über das Plateau ritten.«

»Wir geben ihnen, was sie brauchen«, sagte Wilder. »Aber dann müssen wir von hier verschwinden. Das lässt die ruhmreiche US Armee nicht auf sich beruhen.«

Das Geröll in der Tiefe wurde zusammengeschlagen. Wilder meinte die Reiter zu sehen. »Dann los, Zunder für die Blauröcke!«

Die Banditen stießen ihre kehligen Angriffsschreie aus und feuerten in den Canyon hinunter.

Befehle und Pferdewiehern schallten ineinander. Ein Chaos schien sich anzubahnen.

Die Banditen lachten triumphierend, repetierten die Winchestergewehre und jagten die zweite Salve in die Schlucht.



20

»Von den Pferden!«, befahl der Offizier, sprang selbst aus dem Sattel und drängte den Hengst gegen die Wand. Er zog das Gewehr aus dem Scabbard, repetierte es und richtete die Mündung zur Höhe, von der die Mündungsflammen herunterzuckten.

Der Scout stieß einen abgerissenen Schrei aus, prallte gegen die Wand und sank an ihr zusammen.

Harris feuerte.

Auf der Bergschulter richtete sich ein Mann auf, verlor sein Gewehr und kippte vornüber. Er schrie seinen Schmerz und die Todesangst in die vom Dröhnen der Waffen erfüllte Nacht hinaus und schlug zwischen den Männern und Pferden in die Schlucht.

Damit, dass die Soldaten so schnell die Überraschung abschütteln und zum Kampf übergehen würden, hatten die Schurken nicht gerechnet. Das heiße Blei fuhr zwischen sie, traf auch Ranse, der zusammenbrach, über den Rand des Abgrundes rollte und Cody in den unweigerlichen Tod folgte.

Sie waren da oben sehr gut zu sehen, viel besser als die Kavalleristen im Canyon. Und bevor Bide Wilder begriff, dass sie gar nichts gewinnen konnten, traf es auch Verry.

»Nichts wie weg!«, brüllte der Schwarzbart Jace.

»Das muss Bide Wilders Bande sein, Sir!«, rief der Sergeant. »Was für ein Zufall!«

Jace kletterte schon über die Felsen und sprang von Geschossen verfolgt in die Rinne dahinter, in der ihre Pferde standen. Er schwang sich in den Sattel und gab dem Tier die Sporen.

Bandenführer Bide Wilder streifte eine Kugel am Hals entlang, eine zweite zerfetzte ihm das Hosenbein. Dann hatte er den abgewaschenen Wall ebenfalls hinter sich, rannte den fliehenden Pferden nach, erreichte sein Tier und konnte aufspringen. Die Hufe trommelten durch die Rinne. Funken sprühten auf.

Hinter ihnen krachten noch die Gewehre, aber das Feuer ebbte ab.

Harris ließ die Winchester sinken, trat von der Wand weg auf den toten Banditen zu, der zuerst herunterstürzte, beugte sich nieder und wälzte die leblose Gestalt herum.

Die Soldaten bildeten einen Ring um ihren Offizier.

Harris richtete sich auf. »Hat den schon mal jemand gesehen?«

»Ich, Sir!«, meldete sich ein Mann. »Wir begegneten der Bande schon mal. Und der war dabei.«

»Die Indianer haben wir nicht gefunden«, murmelte der Sergeant. »Den jungen Burschen auch nicht. Aber Bide Wilders Bande, nach der wir gar nicht suchten. Das ist wirklich verdammt komisch, Sir.«

Harris schaute zur Höhe. Der Hufschlag war bereits verklungen. Die Banditen in den Bergen noch finden zu können, hielt er für wenig aussichtsreich, da diese sich hier viel besser auskannten als er und seine Leute.

Er ging zu seinem erschossenen Scout weiter, drückte ihm die Augen zu und sagte: »Wir beerdigen ihn. Und die toten Banditen auch. Vorwärts Männer, schaffen wir sie ein Stück weiter hinunter, da scheint noch mehr Geröll zu sein.«

Die Soldaten brachten die Toten weg. Harris blieb bei den Pferden, die sich beruhigten und nicht wegliefen.

Sergeant Winters kehrte bald zurück. Das Klirren von Gestein, mit dem die Toten bedeckt wurden, schallte die Schlucht herauf.

»Und nun, Sir?»

»Wir kehren um.«

»Noch mal zur Poststation?«

»Ja. Ich muss mit Tyman reden und das Dokument haben.«



21

Der Schwarzbart zügelte sein Pferd und wartete, bis Bide Wilder ihn erreichte. Sie schauten beide zurück. Hinter ihnen lag ein karger Felsenkessel, in dem sie kaum befürchten mussten, Spuren hinterlassen zu haben.

»Die hat uns Hull auf den Hals gehetzt!«, behauptete der Schwarzbart.

»Jede Wette, Bid! Der hatte schon lange keine Lust mehr, uns zu beschaffen, was man braucht, um in den Bergen leben zu können. Dem war das zu heiß geworden!«

»Ich weiß nicht«, erwiderte der Bandenführer.

»Für mich ist der Fall klar. Die Blauröcke kamen zu seiner Station und erfuhren, dass wir da waren.«

»Na und?«

»Was weiß ich. Jedenfalls will er uns verheizen und sich selbst retten.«

»Oder er steckt selbst bis zum Hals im Dreck. Denkst du noch an die Kerle mit dem Wagen? Die waren bei ihm, sagte er. Vielleicht haben die es den Soldaten gesteckt!«

»Das sollten wir gleich abklären. Die Station können wir erreichen, bevor es hell wird. Die schlafen wahrscheinlich alle, wenn wir ankommen. Das gibt ein leichtes Aufräumen.«

Wilder blieb unentschlossen.

»Zu unserem Versteck können wir jetzt nicht, Bide! Das liegt der Schlucht zu nahe. Die wussten vielleicht, wo sie uns suchen müssen! Und die warten vielleicht darauf, dass wir dumm genug sind, uns dahin zu wagen, um unseren Kram zu holen. Lass uns den Zaster von Hull holen. Der ist auch kein armer Schlucker.«

»Also gut. Aber dann setzen wir uns ab. Hier ist der Boden zu heiß für uns geworden.«

Die beiden Banditen ritten weiter nach Süden. Der Weg, den sie kannten, würde sie schneller zu Hulls Poststation bringen, als die Eskadron da sein konnte. Das wussten die beiden genau.



22

»Wie spät mag es sein?«, fragte Tanja mit schläfriger Stimme.

Chet McCoy saß in der Dunkelheit im Stationshaus auf einem Stuhl, zog die Beine an und rieb sich über das Gesicht. Er schien geschlafen zu haben, war aber sofort munter geworden, als Tanja sprach.

»Hört mir niemand zu?«

Chet stand auf. »Ich weiß nicht, wie spät es ist.«

»Wird sicher bald hell.« Rizzos tauchte an der Küchentür auf. »Tyman ist entweder zu Fuß abgehauen, oder er schläft da drüben.«

»Oder er wartet«, schränkte Chet ein. »So wie wir.«

Geier krächzten über der Station. Der Tote im Hof musste sie angelockt haben. Aber die Menschen in der Nähe hielten sie davon ab, sich auf die Beute zu stürzen.

Chet näherte sich einem Fenster und spähte zum Schuppen mit dem offenstehenden Tor hinüber. Er war überzeugt, dass Tyman noch da war, dass er da lauerte und auf die Soldaten wartete. Denn je länger er darüber nachdachte, umso sicherer wurde er, dass dem Rekrutenfänger gar nichts passieren würde. Hull in die Hölle geschickt zu haben, konnte nach Lage der Dinge wirklich nicht strafbar sein, und Absicht war es obendrein keine gewesen. Und dann war da schließlich noch die Sache mit Joe Wood, für den Tyman seine Prämie kassieren wollte. Dass er Tanja und die Cowboys unter Beschuss nahm, würde er sicher Hull in die Schuhe schieben, indem er behauptete, der habe geschossen.

Chet lauschte. Irgend etwas hatte sich verändert. Er trat zurück und griff zum Colt.

»Was ist?«, fragte Rizzos. »Siehst du ihn?«

»Nein, aber es ist etwas anders als eben noch.«

»Was denn?«

Chet lauschte wieder. »Ich weiß es nicht. – Doch! Die Geier sind weg!«

Rizzos lauschte. »Ja, du hast recht.«

»Was bedeutet das?«, fragte Tanja.

»Entweder Tyman hat den Schuppen verlassen, oder es muss noch jemand in der Nähe sein, der sie verscheuchte.«

»Die Soldaten, nicht wahr?« Tanja kam zu Chet und griff nach seinem Arm, als müsste sie nach einem Halt suchen. »Die Soldaten mit Joe!«

Chet dachte das gleiche. Aber sie warteten vergebens darauf, Hufschlag zu hören.

»Die wollen sich doch nicht etwa anschleichen?«, stieß Rizzos schließlich hervor.

»Harris?«, fragte Chet ungläubig zurück. »Das würde gar nicht zu ihm passen.«

»Eben, das meine ich doch.« Rizzos drehte nervös die Trommel des Revolvers.

Tanja zuckte zusammen und stieß einen leisen Schrei aus. Chet sah es im gleichen Augenblick auch. Undeutlich zu erkennen und doch vorhanden, hielten zwei Reiter neben der Remise. Sie mussten sich sehr langsam genähert haben.

»Zwei«, flüsterte Tanja. »Rizzos, neben der Remise!«

»Ja, ich sehe sie. Aber das kann weder Joe Wood sein, noch handelt es sich um die Soldaten.«

»Wer dann?«

»Das wissen wir auch nicht.« Chet befreite seinen Arm aus dem Griff des Mädchens. Er ging zur Tür und beobachtete die Reiter und den Schuppen.

Die beiden glitten von den Pferden und waren nicht mehr zu erkennen. Nur die Pferde sah der Vormann noch. Sie schlichen offenbar um die Remise. Dann schnaubten die Pferde im Corral.

»Sie sind hinter dem Zaun!«, flüsterte Tanja aufgeregt. »Was soll denn das nur heißen?«

»Sie wollen sich unbemerkt nähern und wissen nicht, dass wir sie bereits gesehen haben«, entgegnete Chet.

»Vielleicht durch den Schuppen!« Rizzos lachte leise auf. »Dort erschrecken sie Tyman. Was wird der wohl denken, wenn plötzlich jemand von hinten eindringt.«

»Der denkt, ihr seid es«, sagte das Mädchen. »Und ballert wild drauflos! Das ist wirklich urkomisch, Chet, findest du nicht auch?«

»Doch, Tanja.«

Minuten reihten sich aneinander. Tiefe Stille lag über der Station. »Aber sie müssen doch den Toten gesehen haben«, sagte Tanja schließlich.

»Vielleicht schleichen sie gerade deswegen wie die Katzen um den heißen Brei herum«, erwiderte Rizzos.

Die Pferde standen noch bei der Remise.

Plötzlich wurde es laut. Im Schuppen stürzte etwas mit Gepolter um. Ein Fass schien durch das Dunkel zu rollen. Ein entsetzter Schrei, dann Schüsse.

»Na, so kommt es doch auch!«

Die Mündungslichter flammten gespenstisch durch den Schuppen. Tyman war mehrmals undeutlich zu erkennen. Er stolperte rückwärts aus dem Gebäude, feuerte noch, wurde offenbar selbst getroffen und kam bis zu dem toten Postagenten, bevor er zusammensank.

Die Banditen tauchten auf und schauten herüber.

»So sahen die Kerle aus, die uns überfielen«, sagte Rizzos. »Nur waren das ein paar mehr.«

Chet trat an die Tür. »Wer sind Sie, und was wollen Sie?«

Die beiden hielten sich nicht bei Erklärungen auf, sondern schossen aus den Colts.

Chet stand mit einem Schritt in der Deckung der Wand und hörte die Kugeln ratschend in die Bretter schlagen und durch Tür und Fenster pfeifen.

Rizzos schoss zurück.

»Bide, das wird nichts!«, brüllte der Schwarzbart. »Das sind mehr als wir dachten.«

Der Vormann schoss ebenfalls.

Die beiden gaben das Feuer zurück und wollten zur Remise, sicher, um sich auf die Pferde zu schwingen und die Flucht zu ergreifen.

Aber Schwarzbart Jace schaffte es nicht.

Chet rannte hinaus und dem fliehenden Bandenführer nach. »Halt!«

Bide Wilder wandte sich im Laufen um und schoss.

Die Pferde rasten durch den Corral, die Banditentiere flohen. In der Remise gackerten die Hühner, und die Ziegen meldeten sich auch augenblicklich wieder.

Wilder konnte sein Pferd noch einholen. Aber der Sprung in den Sattel misslang ihm. Er schaffte es nur bis auf die Hinterhand des Pferdes und wurde wieder abgeworfen. Dabei kam er mit Schulter und Kopf zuerst auf, rollte noch ein Stück weiter und blieb liegen.

Das Pferd galoppierte in die Nacht hinaus.

Chet lud seinen Revolver und ging weiter. Als er sich über den reglosen Bandenführer beugte, kamen Rizzos und das Saloonmädchen angerannt.

»Aus.« Chet trat zurück.

»Bide Wilder«, murmelte das Mädchen. »Was hat das nur alles zu bedeuten.«

Chet hörte etwas und wandte sich um.

Hufschlag dröhnte über die Station, auf der sich das Schicksal all derer erfüllt hatte, die auf leichte Art viel zu gewinnen erhofft hatten. Sie hatten zu viel riskiert und verspielt.

Die Soldaten tauchten in lang ausgezogener Kette auf, allen voran der schlanke Lieutenant Harris, der sein Pferd im Hof scharf zügelte und aus dem Sattel sprang.

Sie gingen ihm entgegen und erreichten den Offizier, als die letzten der Eskadron die Pferde zügelten. Sie waren doch schneller gewesen, als die Banditen erwarteten, aber das spielte für sie längst keine Rolle mehr.

Harris blickte aus zusammengekniffenen Augen auf die Toten, und Rizzos erzählte der Wahrheit gemäß, was sich während der Nacht zutrug.

»Anstatt Joe Wood trafen wir die Banditen in den Bergen«, erklärte der Sergeant, der gar nicht sehr unzufrieden aussah. »Und drei haben wir erschossen.«

»Dann dachten die beiden letzten vielleicht, das hätten sie irgendwie Hull zu verdanken.«

»Möglich«, gab der Offizier zu. »Ja, diesen Joe Wood haben wir nicht gefunden. Aber das wird ihn wohl kaum davor bewahren, gesucht zu werden. Schließlich hat er den Vertrag unterschrieben.«

Chet bückte sich über den toten Tyman. Die beiden Banditen hatten ihn mit mindestens fünf Kugeln getroffen. Seine Jacke war völlig zerfetzt und blutbesudelt, die Brust darunter sah bestimmt nicht besser aus.

Chet griff dem Toten unter die Jacke und zog etwas Feuchtes aus der Innentasche Als er sich damit aufrichtete, wusste er, dass es der von Joe Wood unterschriebene Vertrag war. Aber den hatten die Kugeln so wenig wie das Blut verschont. Es war ein zerrissener. roter Zettel, auf dem sich außer Blut nichts mehr erkennen ließ

»Meinen Sie das hier, Mister Harris?«, fragte der Vormann.

Der Lieutenant griff nicht nach dem feuchten Papier. Aber sein Sergeant nahm es. Als er den Bogen entfalten wollte, zerriss er, weil das durchgegangene Blut teilweise schon trocknete.

»Das wird schwerlich jemand als Vertrag anerkennen, Sir. Ich kann absolut nichts entziffern.

»Ich wüsste auch niemanden, der der Armee einen Vertrag verkaufen wollte«, wandte Chet ein.

»Und selbst wenn, es gibt keinen mehr.« Rizzos wandte sich ab.



23

Tanja hatte die Postkutsche nach Colorado Springs genommen, die gegen Mittag die Station erreichte. Der Lieutenant ließ zwei seiner Männer zurück und begleitete mit dem Rest der Eskadron die Kutsche nach Osten.

Chets Pferd sahen sie am Morgen im Bergtal.

Die Sonne begann sich langsam nach Westen zu neigen, aber noch immer fuhr Rizzos mit dem Wagen durch die Berge und Chet ritt nebenher, wenn die Schlucht dafür breit genug war.

»Ob Joe irgendwann erfährt, dass sie ihn gar nicht suchen und zu den schwarzen Soldaten stecken wollen?«, fragte Rizzos einmal.

»Wer weiß. Vielleicht. Es ist auch nicht wichtig. Hauptsache, dass sie ihn wirklich in Frieden lassen. Und dafür wird der Lieutenant schon dadurch sorgen, dass er seinen Namen in Colorado Springs nicht erwähnt.«

Am Abend rollte der Wagen aus den Bergen. Das Buschland Colorados erwartete die Reiter. Nun war die Bullhead-Ranch nicht mehr fern.


ENDE

Buffalo greift ein


Western von Glenn Stirling


Der Umfang dieses Buchs entspricht 82 Taschenbuchseiten.


Jonny lebt in den Clubs von New York. Dort ist er angesehen und beliebt. Sein Vater finanziert dieses Leben mit seinen Geschäften und seine Mutter achtet darauf, dass er nicht aus Versehen mit echter Arbeit oder Verantwortung in Berührung kommt. Das einzige, was dieses Leben trübt, sind die Geschäftsreisen seines Vaters, an denen er teilnehmen muss. Als die Postkutsche, mit der seine Eltern und Jonny auf der Heimreise sind überfallen wird, ist Jonny der einzige Überlebende. Dies verdankt er ein paar Cowboys, die eine Pferdeherde treiben und in den Kampf eingreifen. Verächtlich nennen sie Jonny ein Baby. Hilflos und allein in der Wildnis ist er trotzdem gezwungen sich diesen Männern anzuschließen und erwachsen zu werden.



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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1

Wie ein Schiff stampft und rollt die Postkutsche auf dem welligen Sandboden. Während die Pferde schwitzend das Gefährt durch die sonnenüberflutete Prärie ziehen, sitzen im Innern des Wagens vier Personen. Da ist der alte Mr. Whitley, der für die Texas-Oil-Company eben ein wertvolles Feld erworben hat. Neben ihm sitzt Maggy, seine Ehefrau, eine etwas aufgeputzte Dame, die viel Zeit jeden Tag dafür verwendet, jünger auszusehen, als sie in Wirklichkeit ist. Ihr gegenüber hockt Frank, Mr. Whitleys Diener. Neben dem aber sitzt Jonny.

Jonny ist der einzige Sohn der Whitleys. Seine blasse Gesichtsfarbe, die weichen Hände und die Schatten unter den Augen lassen auf ein bequemes Leben am Tage und ein ausschweifendes bei Nacht schließen. Er ist Mitglied mehrerer Klubs in New York. Die vom Gelde ihrer wohlhabenden Eltern lebenden Töchter und Söhne schätzen in jenen Klubs ihren Freund Jonny sehr. Sein dunkles Haar und seine Art zu sprechen gefallen den Mädchen. Sein dicker Geldbeutel erregt den Respekt der Freunde. Dabei ist es nicht einmal von ihm verdientes Geld, sondern seine Mutter steckt es ihm zu.

Jonny hasst diese Fahrten seines Vaters, an denen unbedingt die ganze Familie teilnehmen muss. Aber er traut sich nicht dazu etwas zu äußern. Mr. Whitley hätte ihm womöglich das Taschengeld für den nächsten Monat gesperrt, und das will Jonny auf keinen Fall in Kauf nehmen. Gelangweilt blickt er auf seine Mutter, die gerade wieder ihr Gesicht pudert. Sein Blick wandert zum Vater, dessen Aufmerksamkeit von einer Landkarte in Anspruch genommen wird. Auf der Karte kann Jonny kleine Einzeichnungen entdecken. Als er genauer hinsieht, wird ihm klar, dass es sich um Ölvorkommen handeln muss.

Wie könnte es auch anders sein?, denkt Jonny resigniert und zuckt ergeben die Schultern. Sein Vater kennt nur das Öl und die Belange der Company, und erst in zweiter Linie interessieren ihn Familienangelegenheiten.

Jonny möchte am liebsten weglaufen. Auch diese Reise ist wieder eine der Ideen seines Vaters, hinter deren Sinn er nie kommen wird. Warum mussten er und seine Mutter an dieser offensichtlich nur Geschäftszwecken dienenden Reise teilnehmen? Dabei kümmerte sich der Vater kaum um sie. Immer beschäftigten ihn die Ölgeschichten, oder aber, was Jonny am meisten missfiel, ihm sogar geradezu unverständlich war: der Vater führte stundenlang Gespräche mit einfältigen Ranchern und nach Rinderschweiß stinkenden Cowboys. Manchmal schien es ihm sogar Spaß zu machen, sich auf den Bode zum Fahrer der Kutsche zu setzen und mit ihm über alle möglichen und unmöglichen Tatsachen aus dem Leben eines Kutschers zu reden. Den Zweck, den sein Vater dabei verfolgt, kann Jonny einfach nicht erraten. Ihm ist es unter aller Würde, mit so einem Cowboy oder Kutscher zu reden, was über die notwendigsten Dinge hinausgeht. So hat es ihn seine Mutter gelehrt. Auch seine Freunde aus den Klubs in New York denken da nicht anders.

Jonny ist zweiundzwanzig Jahre alt. Es sind zweiundzwanzig Jahre des Nichtstuns gewesen. Seit einigen Jahren quält er sich und die Lehrer der Universität mit seinem Dasein als Collegeboy. Aber das gehört zu seinem Leben, und er erträgt es männlich. Sein eigentliches Vergnügen nimmt dann ganz die Nacht in Anspruch, wenn er mit seinen Freunden und Freundinnen in den Klubs das sauer verdiente Geld seines Vaters in Minuten wieder verschleudert. Sie führen geistreiche Gespräche über Dichter, berühmte Komponisten und anderes mehr. Um dieses Leben weiter führen zu können, versucht er die Härten zu ertragen, die die Eigenwilligkeit seines ihm unverständlichen Vaters von ihm fordert, zum Beispiel diese Fahrt nach Texas.

Mürrisch blickt Jonny zum Fenster hinaus und versucht der trostlosen Prärielandschaft irgendeinen Reiz abzugewinnen. Aber er sieht nur Sand, Grasbüschel und hin und wieder Kakteen von der Größe eines Baumes.

Die Landschaft wird zusehends hügeliger. Zeitweise tauchen rote Felsen auf, die wie Inseln im Sandmeer liegen. Dann werden die Felsen häufiger, und schließlich quälen sich die vier Zugpferde auf einem schmalen Weg zum Hochplateau hinauf.

Plötzlich bleibt der Wagen stehen. Er rollt nach einer Weile etwas auf den steilen Weg zurück, bis der Fahrer die Bremse angezogen hat.

Frank, der Diener, beugt sieh zum Fenster hinaus. „Was ist, Butcher?“, fragt er.

Eine tiefe Männerstimme gibt Antwort: „Liegt 'n riesiger Brocken im Wege! Wir kommen nicht dran vorbei! Komm raus, und fass mit an!“

Aber es ist nicht Frank, der als erster aussteigt, sondern Mr. Whitley. Wieder einmal erregt er grenzenlose Verständnislosigkeit bei Jonny.

„Was geht das Papa an?“, fragt Jonny seine Mutter in beinahe vorwurfsvollem Ton.

Der Diener klettert ebenfalls hinaus.

„Lass ihn doch, er ist nun mal so!“, sagt die Mutter Jonnys besänftigend.

Vor den Pferden liegt ein gewaltiger Steinbrocken, der sich von den Felsen gelöst haben muss und nun hier mitten im Wege liegt.

Butcher, der vierschrötige Fahrer, dessen Vollbart voller Staub und Schweiß ist, versucht, mit einem Balken den Stein zu bewegen. Mr. Whitley und Frank helfen ihm nach besten Kräften.

Schließlich gelingt es ihnen, den Brocken ein wenig zur Seite zu drücken. Aber es reicht noch lange nicht.

„Wir müssten noch einen Mann haben!“, erklärt Butcher. „Was ist, Mr. Whitley, haben Sie nicht Ihren Sohn im Wagen?“

Whitley ist alt. Aber er hat mindestens doppelt so breite Schultern wie sein Sohn. In seinen Armen ist eine Kraft, die bei Jonny noch nie vorhanden war.

Bedauernd zuckt Whitley die Schultern. „Wird nicht viel ausmachen, Butcher!“

Butcher ist Westler. Es fällt ihm nicht schwer, die richtige Bezeichnung zu finden, die seiner Meinung nach für diesen edlen Spross der Familie Whitley am besten zutrifft. Er nennt ihn „Mamas Liebling“. Damit hat er so ziemlich richtig getippt. Selbst Whitley kann nur bedauernd nicken.

Butcher überlegt nicht lange, sondern spannt eines der Spitzenpferde aus, um mit dessen Hilfe den Stein zur Seite zu zerren. Er befestigt gerade mit Frank die Lassoschlingen, als ein peitschender Knall sie alle zusammenzucken lässt.

Butcher ist kein Greenhorn. Sofort wirft er sich in Deckung, erkennt Gestalten auf der Höhe der Felsen und schießt mit seinem Colt.

Der Diener Frank versucht, hinter den Wagen zu kommen, aber er schafft es nicht mehr. Ein zweiter Gewehrschuss kracht und mischt sich mit seinem hellen Peitschen in das Bellen von Butchers Colt. Frank sinkt, neben dem Rad der Kutsche zu Boden.

Mr. Whitley zeigt in dieser Situation, dass er ein ganzer Kerl Ist. Ohne auf die Schüsse der für ihn unsichtbaren Gegner zu achten, langt er sich die Büchse des Kutschers vom Bode und will gerade bei der Abwehr helfen, als er plötzlich einen Stich im Rücken fühlt und im selben Moment ahnt, dass er hier sein Leben beenden wird. Das Geschoss hat ihm sein Rückgrat zerschmettert.

Von allen Seiten krachen jetzt Schüsse. Manchmal sieht man die spitzen Hüte der Angreifer auftauchen. Sie schießen ziemlich schlecht, diese Banditen, wie Butcher feststellt. Und doch ist es für Ihn ein aussichtsloser Kampf, weil er ihn gegen die zwanzigfache Übermacht führt.

„Dieser verdammte Muttersohn im Wagen ...!“, schimpft Butcher, während er nachlädt.

Mrs. Whitley hat ihren Gatten zusammenbrechen sehen. Jetzt reißt sie die Tür auf und versucht ins Freie zu stürzen. Aber Jonny hält sie zu rüde. Obgleich er vor Angst zittert, sagt er sich, dass seine Mutter verloren ist, wenn sie den Wagen verlässt. Mrs. Whitley hat jede Vernunft verloren. Sie sieht, dass ihr Mann in Not ist und bekommt plötzlich Riesenkräfte. Jonny kann sie nicht mehr halten, sie stürzt aus der Tür.

Vielleicht ist es ein Zufallstreffer, vielleicht schnelle Reaktion seitens der Banditen, jedenfalls erreicht Mrs. Whitley den Erdboden nicht mehr lebend.

Jonny hat alles mit angesehen. Aber er krümmt sich in seine Ecke und wagt nichts zu unternehmen. Diese Angst rettet ihm das Leben.

Butcher schießt nicht mehr. Sein Körper liegt verkrümmt hinter dem Stein. Aus seinem Revolver steigt eine leichte Rauchfahne.

Jonny duckt sich zusammen, als er Männer in hellen Anzügen und hohen, breitrandigen Strohhüten vorbeihuschen sieht. Einer von ihnen, ein Mestizengesicht mit dunkelbrauner Haut, wirft einen Blick ins Innere der Kutsche. Er scheint aber Jonny im Halbdunkel nicht gesehen zu haben, denn er verschwindet wieder.

Hinten rumpeln die Banditen am Postkasten herum. An dem Geschrei und ihrem Palaver, das sie dabei abhalten, erkennt Jonny. dass es Mexikaner sein müssen. Schwach erinnert er sich, gehört zu haben, die Grenze sei nicht sehr weit entfernt.

Plötzlich fliegt die Tür zum Wageninnern auf. Zwei wild ausschauende Männerköpfe starren Jonny wie ein Weltwunder an.

„Caramba, aca uno gringo de mierda, compadres!“, ruft er und dreht seinen Kopf nach hinten.

Jonny kann nicht verstehen, was die Mexikaner sagen. Aber sie scheinen es gar nicht fassen zu können, dass hier ein Mann sitzt, der nicht an dem Kampf teilgenommen hat. So etwas haben sie in ihrer ganzen Banditenlaufbahn nicht bei den Gringos, wie sie die Nordamerikaner bezeichnen, erlebt.

„Du 'raus aus die Wagen, verdammtes Gringo!“, herrscht ihn ein Mexikaner in schlechtem Englisch an. „Komm, von aca! Pronto, pronto!“

Jonny zuckt zurück, als ihm der Bandit mit einem Gewehrlauf unter der Nase herumfuchtelt.

Plötzlich aber achtet niemand mehr auf Jonny. Hinter dem Wagen brüllen einige Männer Befehle. Die Mexikaner schreien wie verrückt herum. Jonny ist für sie irgendwie unwichtig geworden.

Jonny ist bei aller Schlappheit intelligent und braucht nicht sehr lange, um zu wissen, dass ein neuer Feind aufgetaucht ist, den diese Banditen sehr zu fürchten scheinen. Aus ihren Gesichtern und den Debatten glaubt er erraten zu können, dass sie sich noch nicht einig darüber sind, wie sie diesen Feind bekämpfen wollen. Auf alle Fälle aber hockt er sich wieder in seine Ecke und tut keinen Mucks.

Die Banditen haben sich anscheinend zum Widerstand entschlossen, vielleicht, weil sie noch nicht mit dem Ausspannen der Pferde fertig sind, oder aber, weil sie von dem neuen Gegner einen Gewinn erhoffen, falls er ihnen unterliegt.

Plötzlich krachen Gewehrschüsse. Wenn es Jonny wagen würde, aus dem Fenster zu sehen, könnte er über eine merkwürdige Szene blicken.

Die Banditen liegen oben am Felsrand, hinter der Kutsche, neben Sträuchern am Wege und auf dem Dach des Postwagens.

Von oben kommt eine Staubwolke wie eine gelbe Masse den Weg heruntergerollt und lässt nur ahnen, was sich dahinter befindet. Neben dieser Wolke aus Staub tauchen jetzt Reiter auf. Sie schießen im Reiten aus ihren Winchestern, deren peitschender Knall von den langläufigen Gewehren der Mexikaner sehr gut zu unterscheiden ist.

Die Staubwolke kommt der Kutsche und damit den Mexikanern immer näher. Dafür bleiben die Reiter etwas zurück.

Als zwei Banditen gefallen sind, reicht es den anderen. Sie nehmen ihre Toten mit und versuchen, mit ihren Pferden zu verschwinden. Die Schießerei hört auf.

Dafür galoppieren jetzt die Reiter an der Kutsche vorbei. In dem Staubdunst erkennt Jonny, dass es Cowboys sein müssen. Jedenfalls nimmt er es der Kleidung nach an.

Nun wird der Staub so dicht, dass er in den Wagen hineinzieht und Jonny das Atmen erschwert.

Weil nicht mehr geschossen wird, wagt Jonny einen Blick durchs Fenster. Er blickt auf eine Masse wogender Leiber. Erst glaubt er, es seien Rinder; in dem dicken Staub ist das schlecht zu sehen. Aber er hätte riechen und hören müssen, dass es sich um Pferde handelt. Sechshundert Jungpferde aller möglichen Rassen und Farben trotten an dem Wagen vorbei. Zu beiden Seiten zwängen sie sich zwischen Fels und Kutsche hindurch. Vorsichtig steigen sie über die Toten hinweg.

Einmal steckt ein Junghengst etwas vorwitzig seinen Kopf durch das offene Fenster der Kutsche. Entsetzt zuckt Jonny zurück. Doch auch der Hengst erschrickt über diese plötzliche Bewegung im Halbdunkel und zieht ebenso hastig seinen Kopf wieder ins Freie.

Jonny wischt sich über die Stirn. Pferde haben für ihn immer etwas Unheimliches an sich, wenn er sie aus der Nähe betrachten soll.

Der Staub lässt nach. Die Pferdeherde ist vorbei. Zwei Retter kommen in allernächster Nähe am Wagen vorüber, aber sie sind so mit den Nachzüglern der Herde beschäftigt, dass sie nicht anhalten können.

Aber es dauert nicht sehr lange, als ein massiger Männerkopf am Fenster auftaucht und in den Wagen blickt. Jonny sieht erst nur den zerknitterten und schäbigen Riesenhut des Mannes. Dann erst betrachtet er das braungebrannte Gericht, die zerschlagene Nase und das klotzige Kinn. Zwei helle Augen blicken ihn prüfend an.

,„Damned, lebst du noch, Junge?“, fragt ihn der Kopf mit unheimlich tiefer Stimme.

Jonny sieht auf diesen Kopf wie auf ein Gespenst. Er ist nicht in der Lage, etwas zu sagen.

Die Tür fliegt auf und nun erkennt Jonny den Mann in voller Größe, oder besser gesagt in voller Breite. Denn solche Schultern und derartig massige Arme hat Jonny selbst bei den Preisringern in New York auf der fünfzigsten Straße noch nicht gesehen. Dabei ist dieser Kerl gar nicht sehr groß. Jonny kommt es vor, als sei er so breit wie lang.

„Komm, Kleiner! Komm ’raus aus dieser Flohkiste!“, sagt der Breite nicht unfreundlich.

„Ich bin Jonny Whitley!“, erklärt Jonny mit aufkommendem Stolz. Es ist wieder die Überheblichkeit darin, die er sich in den Klubs angewöhnt hat.

„Schön, mein Kleiner, nun komm!“, sagt der massige Mann mit einer Bestimmtheit, die Jonny veranlasst, der Aufforderung sofort Folge zu leisten.

Draußen sind noch mehr Männer angekommen. Sie untersuchen die Toten und legen sie nebeneinander hin.

Ein großer Mann überragt die übrigen Cowboys um Haupteslänge. Er scheint auch der Führer dieser Schar zu sein, denn Jonny hört ihn mit ruhiger und ebenso tiefer Stimme wie der des Breiten Befehle erteilen.

„Eh, Buffalo, was bringst du da an?“, ruft der Große Jonnys massigem Begleiter zu.

„Er ist davongekommen! Sie müssen ihn übersehen haben!“, erwidert Buffalo. „Wir werden's gleich wissen, Big Joe!“

Big Joe schiebt sich seinen Sombrero ins Genick und mustert Jonny sehr nachdenklich. Dabei kneift er die Augen zusammen und verzieht den Mund zu einem Grinsen, so dass man die herrlichen weißen Zähne bewundern kann. Unter dem blauen Hemd scheinen sich strotzende Gesundheit und Männerkraft den Rang ablaufen zu wollen. Dieser Mann strömt Ruhe, Überlegenheit und eine Männlichkeit aus, die Jonny so unsicher macht, dass er sich wie ein Wurm vorkommt.

„Wieso sitzest du noch im Wagen, während die anderen fielen?“, fragt Big Joe mit ruhiger Stimme.

Jonny versucht es mit einem letzten Aufwallen seines getretenen Stolzes. „Fragen Sie mich nicht aus! Sie sehen selbst, was hier passiert ist!“, faucht er. Doch sein Hochmut lässt sofort nach, als er die Leichen seiner Eltern sieht.

Big Joe wendet sich ab. Für ihn ist Jonny eingestuft und als zu leicht befunden worden.

Buffalo tritt neben seinen Freund Joe. „Was sollen wir mit diesem Milchknaben machen?“, fragt er. „Scheint ein verwöhnter Pumpel zu sein!“

Big Joe nickt. „Wir können auf keinen Fall extra Umwege machen! Gerade jetzt, wo Ramon mit seiner Bande hier herumjagt! Im Umkreis von vierzig Meilen ist kein Haus, wir müssen ihn mitnehmen!“

„Männerleben wird diesem Lausebengel wenig schaden!“, meint Buffalo trocken. „Dass diese verdammten Greaser seine Eltern töteten, tut mir leid!“

Big Joe bückt sich prüfend zu Jonny hinüber, der neben den Leichen kniet. „Er tut mir auch leid, aber er beginnt erst jetzt zu leben! Vorher schienen ihn seine Eltern mächtig verwöhnt zu haben. So kommt er mir jedenfalls vor.“

„Ich denke auch so! Wird so ’n vornehmer Laffe aus 'ner hochnobligen Familie sein, 'ne Million auf dem Bankkonto und so!“, meint Buffalo nachdenklich. „Jedenfalls werden wir die nächsten Tage aus dem Lachen nicht mehr heraus kommen!“

„Je härter wir ihn anpacken, desto eher wird er aus seinen Säuglingsallüren herausfinden!“, erklärt Joe mit einer Ruhe, als handele es sich um die Fütterungsweise von jungen Pferden. Dann wendet er sich an die herumstehenden Cowboys: „Buck, Terry, Steve! Begrabt die Toten! Dave, du kannst mal unten bei Gordon und Vasolvo helfen, sie sollen weitertreiben! Sage Gordon, er soll sich auf den Büffelspuren halten, die nach Westen gehen! Wenn wir Glück haben, stoßen wir dann schon in zwei Stunden auf Wasser!“

Sofort setzen sich die Männer in Bewegung. Jonny hat bei dem Befehl Joes aufgesehen und mit gemischten Gefühlen auf diesen großen Mann geblickt. Irgendwie erinnert er ihn an einen Kapitän, der mit festen Zügeln die Mannschaft seines Schiffes leitet. Dann aber kränkt es seinen Stolz, dass sich überhaupt niemand um ihn zu kümmern scheint.

Bisher war Jonny immer der Mittelpunkt derjenigen gewesen, die zu seiner Bekanntschaft und Verwandtschaft gezählt wurden. Aber hier lässt man ihn einfach stehen, ihn, den reichen Spross der alteingesessenen Whitleys, deren Vorfahren mit der Mayflower in die Staaten kamen.

Die Cowboys Buck, Terry und der lange, dürre Steve haben inzwischen an einer Sandstelle Gräber für die Toten ausgeschaufelt. Vorsichtig legen sie die Leichen hinein. Buffalo fertigt aus Ästen ein Holzkreuz an. Als er damit bei dem vor sich hinstarrenden Jonny vorbeikommt, nimmt er den Jungen am Arm und sagt: „Komm, Kleiner, jetzt wollen wir beten, dass sie die Erde nicht zu schwer tragen müssen!“

Jonny folgt mit zwiespältigen Gefühlen.

Die Cowboys, Big Joe. Buffalo und Jonny stehen um das Grab. Terry spricht einige Worte, die er dem Reverend von Tombstone abgehört hat. Dann setzen die Cowboys ihre Hüte wieder auf und schaufeln das Grab zu. Zuletzt legen sie Felssteine über die kleinen Hügel, während Buffalo das Kreuz aufstellt.

Jonny weint leise vor sich hin. Seine aufgeblasene Art, sein Klubstolz, alles ist weg, als er sich zum ersten Male darüber im klaren ist, keine Eltern mehr zu haben.

Big Joe tritt neben Jonny und legt ihm seine große Hand auf die Schulter. „Kopf hoch! Das Leben geht weiter!“, sagt er mit beruhigend tiefer Stimme. Dann wendet er sich um. „Terry, der Kleine reitet auf Gordons Handpferd! Die Stute ist das ruhigste Tier, das wir haben!“

Buffalo kommt näher. „Ruhig Blut, mein Junge!“, sagt er aufmunternd zu Jonny. „Wir haben die Graeser auch ganz schön zusammengeblasen! Aber den Rest konnten wir nicht mehr einholen; unsere Herde würde womöglich zum Teufel gehen, wenn man sie allein ließe!“

Jonny hört das alles wie aus weiter Ferne. Mühsam zieht er sich in den Sattel des Pferdes, das ihm Terry vorführt. Er sieht nicht das Grinsen der Männer, weil er auf der falschen Seite aufsteigt. Dann reiten sie los, zunächst im Schritt. Jonny stellt sich daher das Reiten auch äußerst einfach vor. Als aber Big Joe an der Spitze plötzlich mit seinem herrlichen Schecken galoppiert, beginnt für Jonny die erste Marter auf einem harten Leidensweg, der noch vor ihm liegt.

Die Cowboys lachen, als sie den Städter im Sattel schaukeln sehen. Ohne seine Hilfe hat sich auch die bejahrte Stute in Galopp gesetzt, einfach deshalb, weil auch die anderen Tiere galoppieren.

Endlich sichten sie die ziehende Herde. Obgleich sie noch keine Meile galoppiert sind, fühlt sich Jonny wie gerädert. Dabei ist es ein Wunder, dass er überhaupt noch im Sattel sitzt.

„Halt dich nur am Sattelhorn fest, wenn du unsicher wirst!“, ruft ihm Buffalo zu. Doch das ist unnötig; Jonnys einziger Halt auf dem schwankenden Pferdekörper ist ohnehin das Sattelhorn. Er umklammert es wie einen Pfahl Im Meere.

Mit der Herde reiten sie im Schritt. Trotzdem ist Jonny nach zwei Stunden so erledigt, dass er am Liebsten vom Pferd gerutscht wäre. Da Cowboysättel einen hölzernen Sattelbaum haben, der mit Leder überzogen ist, gleicht Jonnys Sitzfläche bald einem rohen Stücke Fleisch. Zum Überfluss trägt er Hosen, die zwar in New York die große Mode sind, ihrem Stoff nach aber in keiner Weise den Anforderungen genügen, die jetzt an sie gestellt werden.

Jonny hat kein Auge für die Naturschönheiten um ihn herum. Er sieht nicht die unendlich in die Breite gezogenen Büffelherdenwechsel, die wie riesige Straßen durch die wogenden Grasmeere der Prärie führen. Ihn interessieren auch die Pferde nicht, die in der Herde hinter ihm dichtgedrängt einhertrotten. Für ihn gibt es nur einen Gedanken: aus dem Sattel, trinken und dann schlafen, schlafen, und nicht wieder in diesen harten Sattel steigen müssen.

Die Landschaft wird zusehends buschiger und fruchtbarer. Bald ist der Grund dafür auch festzustellen: Wasser. Ein halb ausgetrockneter Creek windet sich durch die von Präriehunden unterwühlte Savanne.

Die Pferde gehen sofort schneller. An einer günstigen Stelle drängen sie die Böschung hinunter und laufen ins Wasser hinein. Aber selbst in der Mitte des Creeks reicht es ihnen nur bis an die Sprunggelenke.

Die Reiter folgen der Herde und schöpfen mit Ihren Hüten Wasser etwas oberhalb der saufenden Pferde aus dem Fluss. Erst waschen sie sich die Gesichter, dann trinken sie aus dem Hut.

Jonny dessen Kopf eine modische Sportmütze nach dem neuesten Schrei von New Yorks Broadwaymode ziert, macht ein dummes Gesicht. Schließlich versucht er mit seiner Mütze Wasser zu schöpfen, doch da verliert er die Balance im Sattel und fällt in den Creek.

Die Cowboys brüllen vor Vergnügen.

Prustend kommt Jonny hoch. Er kann hier stehen, das Wasser reicht ihm nur etwas über die Knie.

„Hast du noch Durst, Kleiner?“, höhnt Terry.

„Willst wohl gleich den Creek leersaufen, was?“, spottet der dürre Steve.

„No, Freunde“, erklärt Buck mit grinsendem Gesicht. „Er will messen, ob der Creek noch so breit ist wie im Vorjahr!“

Wieder lachen sie alle, während Jonny vor Wut und Scham errötet. Vergeblich versucht er, wieder in den Sattel zu kommen. Dabei rutscht sein nasser Schuh vom Steigbügel ab, er bringt auch kaum das Bein hoch, so sehr schmerzen ihn die Muskeln.

Schließlich wird es sogar der geduldigen Stute zu viel. Während sich Jonny gerade halb hinaufgezogen bat, macht sie eine Wendung zur Seite und will wieder zum Ufer trotten. Jonny rutscht abermals ab und fällt mit dem Rücken ins Wasser. Noch im Fallen hört er das wiehernde Gelächter der Cowboys. Fast ohnmächtig vor Schmerz, Scham und Wut schleppt er sich triefend ans Ufer. Dort lässt er sich einfach hinfallen.

Big Joe gibt Gordon einen Wink. Gordon ist ein erfahrener Cowboy, der schon verschiedentlich mit Big Joe geritten ist. Er grinst etwas und reitet dann ans Ufer. Neben Jonny steigt er ab. „He, Muttersöhnchen! Steh auf! Du musst jetzt Holz sammeln, wenn du mit uns essen willst! Dich trifft es heute, weil du der Jüngste bist, klar?“

Jonny stellt sich an wie ein Kind. Er will nicht aufstehen.

„Mach ihm Beine!“, sagt Big Joe nur.

Schon packt Gordon Jonny an den Schultern und reißt ihn hoch. „Verdammt, so einen Waschlappen habe ich noch nicht gesehen! Willst du gehorchen oder nicht?“

Gordons harter Schultergriff wirkt Wunder. Dieser Schmerz setzt Jonny mehr zu als das Brennen an seinem Hinterteil. Er murmelt etwas.

„Steve, nimm den Kleinen mit zum Holzsammeln!“, befiehlt Big Joe.

Terry und Bude beginnen schon die Packpferde abzuladen, während Vasolvo, ein kleiner, dickbäuchiger Mexikaner mit ewig lustigem Gesicht, die erste Runde um die grasende Herde reitet. Dabei singt er ein Lied aus seiner Heimat mit einem einschläfernden, monotonen Gesang. Trotz seiner Beleibtheit gehört Vasolvo zu den besten Zureitern zwischen Dallas und Phoenix. Dabei ist er die Ruhe in Person und ewig zu Spaß und Scherz aufgelegt. Dave, der die Reitpferde in einem Seilkorral unterbringt, ist ein junger Cowboy mit hübschem Gesicht. Seine Affären mit den Mädchen sind sprichwörtlich geworden. Terry ist etwa so alt wie Dave; nur entschieden derber in seinem Aussehen. Buck wird Ende zwanzig sein und damit in Joes Alter. Der Älteste von allen ist Buffalo. Seine Schläfen sind schon etwas silbern, seine Haut zerfurcht, aber sein Körper ist so jung und elastisch wie der der anderen Männer. Bisher war Steve mit dreiundzwanzig Jahren der jüngste Mann der Crew. Nun ist es dieser verwöhnte Stadtjunge. Naturgemäß fallen ihm dann alle die Arbeiten zu, die Steve bisher für die anderen verrichten musste. Dazu gehört das Sammeln von Trockenholz für das Lagerfeuer.

Steve ist nicht der Mann, der Jonny erlaubt, sich vor dieser Arbeit zu drücken. Als er sieht, wie Jonny feuchtes Holz einsammelt, wird er wild. Ehe es sich der überraschte Jonny versieht, bekommt er eine gelangt. „Such anständiges Holz, du Yankeelümmel!“, faucht Steve, empört über soviel Eigensinn. Dabei kommt seine Abneigung gegen die Nordstaatler wieder zum Durchbruch.

Jonny wünscht sich selbst, er wäre auch ein Opfer der Mexikaner geworden. Denn was er jetzt erlebt, erscheint ihm als die Hölle. In Wirklichkeit tut er nur das, was die anderen Männer jeden Tag verrichten, ohne nur ein Wort darüber zu verlieren.

Endlich ist Holz genug gesammelt, und Jonny lernt unter Steves rauer Anleitung, ein zünftiges Feuer zu machen. Es sieht sich leichter an, als es ist, denn nicht alles Holz darf auf einmal brennen.

„Sonst kannst du die ganze Nacht mit Holzsuchen verbringen, wenn alles gleich anbrennt!“, erklärt ihm Steve.

Später essen sie. Jonnys Hunger ist groß, aber die Art, nach Cowboymanier zu essen, ist ihm fremd. Es gibt keine Gabeln, nur einen Löffel. Jeder der Männer hat ihn bei sich. Jonny bekommt einen von Big Joe geliehen. Jeder schneidet sich ein großes Stück Fleisch von dem Braten ab, beißt hinein und schneidet den übrigen Teil vor dem Munde ab. Dazu löffelt man die Suppe. Jonny hat auch kein Messer und muss sich mit einer abgebrochenen Klinge behelfen, die Gordon ihm gibt.

Nach dem Essen rollen sich die meisten Reiter Zigaretten. Sie verwenden einen groben Tabak, den sie in Maisblätter wickeln. Buffalo raucht Pfeife.

Jonny hätte sehr gern geraucht, aber das Drehen der Zigaretten ist ihm eine Kunst, die er nicht beherrscht. Bisher hat er sich fertige Zigaretten kaufen können. Aber jetzt zeigt sich, wer diese Cowboys überhaupt sind. Jonny hat sie für Kannibalen und rüde Typen gehalten, wie sie in Bronx und im New Yorker Hafen herumschleichen. Doch er kennt diese Männer überhaupt noch nicht. Dass hier nur harte Menschen gegen die unbarmherzige Wildnis bestehen können, kann er auch gar nicht wissen.

Steve, ausgerechnet er, den Jonny wie die Pest hasst, gibt ihm eine fertiggerollte Zigarette. „Ich zeig's dir mal, wie’s gemacht wird!“, erklärt er grinsend.

Von dem starken Tabak muss Jonny husten. Sofort lachen die übrigen Männer.

Big Joe macht dem Scherz ein Ende. „Hör mal, Baby!“, sagt er zu Jonny. „Was sollen wir mit dir anfangen?“

Jonny hat seine eigentliche Lage noch nicht richtig erfasst. Durch die dauernden Ablenkungen ist er noch nicht dazu gekommen, einmal über alles nachzudenken. Ja nicht einmal der Tod der Eltern ist ihm in vollem Umfange richtig klargeworden. Doch Joes Frage wirbelt diese ganzen Probleme in ihm auf. Hilflos blickt er auf Joe, der ihm in diesem Moment wie ein Herrscher vorkommt. Obgleich sie eigentlich nur sieben Jahre im Alter auseinander sind, erscheint Joe ein Menschenalter dem noch etwas unreifen und unerfahrenen Jonny voraus. Während des Großstädters Leben bisher in ganz genau vorgezeichneten Bahnen lief, bewegte sich Big Joes Dasein so abwechslungsreich und voller neuartiger Zwischenfälle, wie sie sich ein Mann nur vorstellen kann.

„Ja, warum bringen Sie mich nicht in eine Stadt, wo ich eine Kutsche oder einen Zug bekomme?“, fragt Jonny.

Niemand lacht, obgleich diese Frage ein Grund dazu gewesen wäre.

„No, Junge, das geht nicht!“, erwidert Joe ernst. „Sieh mal, wir stehen hier vierzig Meilen von einer Siedlung entfernt. Ich kann keinen Umweg machen. Du weißt selbst, was geschieht, wenn es zu viele Banditen sind, die einen angreifen. Außerdem muss ich mich an meinen Trail halten, wenn ich jeden Tag Wasser für die Herde haben will. Die nächste Ortschaft erreichen wie frühestens nächste Woche. Du wirst solange bei uns bleiben müssen. Und dich allein loszuschicken, wage ich nicht. Ich könnte es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren. Außerdem schadet dir Männerarbeit nichts. Es scheint mir, als hättest du zum ersten Mal im Leben eine Beschäftigung, die deine Kraft und deinen Verstand erfordert!“

Big Joe erscheint Jonny in unerreichter Höhe zu stehen. Er, der früher verächtlich auf einen Cowboy herabsah, erkennt zum ersten Male, wie vielseitig veranlagt diese Männer sein müssen.

Buffalo sagt etwas zu Big Joe, das Jonny nicht verstehen kann, weil Terry gerade auf seiner Mundharmonika zu spielen beginnt.

Gordon stochert in seinen Zähnen herum, während Buck einen Riss in der Hose flickt. Steve steht auf und macht sich zur Ablösung Vasolvos fertig, der Herdenwache reitet.

„Pass auf, Baby!“, sagt Buffalo in seiner tiefen Stimme zu Jonny. „Wenn du willst, schicken wir dich in einer Woche mit einer Kutsche nach dem Osten. Du kannst auch bei uns bleiben, wenn du etwa vorhaben solltest, ein Mann zu werden. Ich kann dich aber auch gleich zum nächsten Kaff bringen, doch das kostet eine Kleinigkeit! Ich würde vierzig Dollar dafür nehmen, denn so hoch wird der Verlust für mich sein, wenn ich auf der Rex-Barker-Ranch ein Pferd kaufen muss, weil ich meins nicht mehr zum Zurückreiten nehmen kann, es wird den doppelten Weg nicht schaffen.“

„Ich habe kein Geld!“, klagt Jonny, dem dieser Ausweg verlockend erscheint.

„Du kannst es mir später schicken!“, meint Buffalo. „Ich habe keine Angst, dass du es nicht tust. Schließlich müsstest du immer damit rechnen, dass ich in New York auftauche und dich auf offener Straße auseinanderschraube!“

Aber dann sagt Terry etwas in seiner einfachen Art, was Jonny seinen Entschluss ändern lässt: „Wenn ich dieses Honigbaby wäre, würde ich keine Stunde Zeit verlieren und eifrig lernen und üben, bis ich in etwa soviel von einem Westler hätte, um loszureiten und diesen verruchten Banditen aufs Fell zu rücken, die seine Eltern und den alten Butcher ermordeten!“

„Wir hätten es besorgt, wenn uns nicht die Herde wie'n Klotz am Bein hinge!“, meint Big Joe nachdenklich.

Terry ist noch nicht fertig. Für Jonny sind diese Worte wie eine Mahnung ans Gewissen. „Wenn ich schon dabei zugesehen hätte und noch nicht mal einen Finger gerührt hätte, dann wollte ich wenigstens versuchen, wieder gutzumachen, was versäumt wurde!“, sagt Terry noch.

Jonny ist weich, bequem und schlapp. Aber sein Kern ist gut. Es ist der Kern, den ihm sein Vater vererbte. Dieser kleine Rest eines echten Mannes, der stark verkümmert in ihm ruht, lässt ihn jetzt einen Entschluss fassen, der beinahe übermenschlich erscheint, will man ihn an Jonnys bisherigem Dasein messen. Er beschließt, unter sein altes Leben einen Strich zu machen, Cowboy zu sein und seine Schmach während des Überfalls wieder reinzuwaschen. Aus trotzigem Stolz schwört er sich, es diesen Männern hier zu beweisen, dass er durchaus in der Lage ist, dem Ruhm seiner Vorväter nachzustreben, die als Pioniere das Land erschließen halfen.

Big Joe und Buffalo scheinen zu ahnen, was in Jonny vorgeht. Sie stören ihn dabei nicht.

„Ich bleibe!“, gibt Jonny seinen Entschluss bekannt.

„Wirst du es schaffen?“, fragt Buffalo beinahe väterlich.

„Ich will!“, sagt Jonny, und zum ersten Male an diesem Abend plagen ihn die Schmerzen nicht mehr.

„Wir geben keinen Pardon, Baby!“, meint Big Joe. „Du wirst die Gesetze kennenlernen, die hier in einer Mannschaft herrschen. Wenn du dazugehörst, ist alles Verrat, was sich gegen uns richtet. Es gibt dann auch kein Zurück mehr!“

„Ich bleibe!“, ist alles, was Jonny noch dazu zu sagen hat. Er kommt sich mächtig stark vor und steht im Geiste seinen Vater mit einem gewissen Stolz auf den bisher so missratenen Sprössling schauen.

Doch dann kommt die Nacht, das Heulen der Kojoten, der Schrei der Eulen und das Schnauben der Pferde in der Herde. Aber es kommt auch die plötzliche Stille, die der Nacht eigen ist Jonny hat Decken bekommen, und obgleich er sehr müde ist, kann er nicht schlafen. Erst jetzt beginnt das heute Erlebte noch einmal in ihm zu arbeiten. Es geschieht viel gründlicher als während der Ereignisse.

Jonny macht sich Vorwürfe über seine Feigheit seine Tatenlosigkeit. Wie Feuer brennen Terrys Worte in seiner Seele: „... noch nicht mal einen Finger gerührt habe, dann wollte ich gutmachen, was versäumt wurde!“

Ich werde es wieder gutmachen, beschließt Jonny und schwört sich, dieses Leben auszuhalten und sei es noch so hart. Dann aber übermannt ihn die Müdigkeit, und er schläft traumlos ein.

Jonny merkt nicht, wie sich die Cowboys auf den Wachen ablösen, er hört nicht den Gesang des Mannes, der die Herde umreitet, und er vernimmt Big Joes und Bulfalos sägendes Schnarchen nicht, sondern schläft tief und fest.


2

Jonny erwacht von den Stimmen, die aus nächster Nähe an sein Ohr dringen. Es sind Big Joe und Buffalo, die sich unterhalten. „... wäre nicht ausgeschlossen, dass sie uns in den Spalten eine Falle stellen, Buffalo. Weiß aber nicht, wie wir die Herde anders treiben sollen“, erklärt Joe gerade.

Jonny lauscht diesen Worten, deren Sinn ihm unverständlich ist.

„Ramon weiß genau, was er will“, lässt sich jetzt Buffalo vernehmen. Anscheinend wissen die beiden Männer nicht, dass Jonny aufgewacht ist. „Wenn er erst erfährt, für wen diese Pferde bestimmt sind, wird er noch wilder werden!“

„Der Kleine wird jetzt für uns ’n Klotz am Bein sein, Buffalo“, erklärt Big Joe. „Wir brauchen jeden Mann und können es uns nicht erlauben, großartige Erziehungslehrgänge durchzuführen!“

„Keine Sorge, Joe, ich werde mich um unsern Säugling kümmern! Der Junge ist nicht schlecht, er wird diese Schule überstehen!“

Dann gehen die beiden Männer weg.

In der Folgezeit führt Jonny ein sehr saures Leben. Steve tritt als kleiner Herrgott auf und macht sich ein Vergnügen daraus, Jonny das zu entgelten, was er bisher selbst bei den Kameraden einstecken musste. Jonny ist nicht in der Lage, sich gegen Steve zu wehren, denn der lange Cowboy ist entschieden stärker als er.

So erreichen sie das Gebirge, während Jonnys Tageslauf eine nicht endenwollende Kette von kleinen Schikanen seitens Steves, harter Arbeit und für Jonnys schwachen Körper übermenschliche Anstrengungen bildet. Er lernt das Satteln und Reiten. Buffalo verbringt jede freie Minute damit, ihm klarzumachen, was ein Cowboy überhaupt tun muss. Jonnys Muskeln bäumen sich gegen die Misshandlung des verweichlichten Körpers auf, doch auch der Muskelkater geht vorüber. Als sich Jonny wieder einmal an seinem Allerwertesten aufgeritten hat, lässt Buffalo ihn sich in einen Eimer mit Wasser setzen.

Mit der Zeit bräunt Jonnys Haut, seine Kraft wächst, und er beginnt sich an seine Tätigkeit zu gewöhnen. Seine Angst vor Pferden ist inzwischen auch verschwunden, und bald kann er schon am Ende der Herde reiten.

Manchmal sinkt Jonny der Mut, wenn Steve ihn gar zu sehr plagt, oder ihm wieder einmal etwas misslungen ist, was Big Joes Missfallen erregt. Trotzdem ist es ihm lieber, von Big Joe gemaßregelt zu werden als von Steve, der seine plötzliche Machtstellung über einen anderen Menschen in vollen Zügen genießt. Oft faucht dann Buffalo den langen Cowboy an, weil er solche Dinge nicht leiden kann. Diese Anraunzer lässt Steve seinen Zögling aber sofort wieder entgelten, wenn Buffalo außer Sicht ist.

Im übrigen ist Jonny der Dienstbote für die gesamte Mannschaft. Er selbst empfindet es als Entwürdigung und persönliche Beleidigung. Er weiß nicht, dass es immer die Aufgabe des jüngsten Reiters ist, den Benjamin für die andern zu machen.

„Baby, hol Wasser für mein Pferd!“ — „Baby, gib mir noch von dem Negerschweiß, den Dave als Kaffee bezeichnet!“ — „Das Feuer geht aus! Wo ist Baby? Er soll Holz suchen!“ — „Baby, wo bist du wieder? Binde mal die Packpferde richtig an; sie schlagen sich!“ — So und ähnlich lauten dann die ewigen Befehle und Wünsche der Kameraden.

Jonny tut alles mit mehr oder weniger bösem Gesicht, weil er es unter seiner Manneswürde hält, solche Stewarddienste zu leisten. Big Joe kennt darin aber kein Erbarmen. „Haben wir alle machen müssen, mein Knäblein! Es stärkt den Haarwuchs und die Bauchmuskeln, Baby!“

„Baby“ quält sich also weiter durch den Alltag. Aber dann geschieht etwas, das der ganzen Sache eine leichte Wendung gibt.

Es ist an jenem Morgen, als die Berge im Westen im blauen Morgendunst auftauchen und das Ende eines gemütlichen Treibens verkünden. Dass in den Bergen die Treiberarbeit schwieriger wird, glaubt Jonny aus der Gereiztheit der Mannschaft ersehen zu können. Steve überbietet sich selbst mit gehässigen Bemerkungen auf Jonnys Vergangenheit und in dauernden Sticheleien. Für Jonny ist eine schwere Leidenszeit angebrochen, weil niemand Steve an seinen Gemeinheiten hindert — im Gegenteil: die Cowboys grinsen nur hämisch. Nur Buffalo darf davon nichts wissen. Big Joe kümmert sich nicht darum, das hat er Buffalo ja versprochen.

Steve weiß im Gegensatz zu Jonny, dass sie in den Bergen mit neunzig Prozent Sicherheit in einen Kampf gegen Banditen geraten. Das ist der gesamten Mannschaft so klar wie das Wasser eines Bergsees. Außerdem ist selbst in normalen Tagen das Treiben auf den engen Pfaden, über die Triften und durch Geröllfelder eine Schwerstarbeit für Männer und Tiere. Je näher sie daher den Bergen kommen, desto unmäßiger schimpfen die Cowboys, außer Big Joe und Buffalo sind alle ziemlich erregt und gereizt. Aber auch Big Joe spricht in diesen Stunden etwas härter und schärfer als sonst, obgleich man ihm die innere Unruhe und Spannung nicht ansieht. Buffalo ist dagegen nach außen noch gelassener, noch ruhiger und entringt mit seinen Witzen den Männern ab und zu ein hartes Lächeln.

Nun, Jonny kennt die Gründe nicht, die seine Kameraden in Ärger und Wut versetzen. Aber er empfindet die Schikanen Steves desto mehr.

Bei Golden Losa machen sie mit der sechshundertköpfigen Herde Rast. Hier befindet sich ein kleiner, stinkender und schmutziger Teich, der von wild wuchernden Sträuchern umgeben ist. Da der Durst der Pferde sehr groß ist, saufen sie diese Brühe sogar, obgleich das unter normalen Umständen nicht der Fall gewesen wäre.

Dave kocht wieder ab. Er ist ein Meister seines Fachs als Mannschaftskoch und tatsächlich in der Lage, ohne Küchenwagen auszukommen. Mit ihm versteht sich Jonny gut. Daves gutmütige Art zieht den unglücklichen jungen Mann an.

Als Jonny mit einem Berg Holz am Feuer ankommt, ruft Steve: „Baby, reibe mir mein Pferd ab: es schwitzt!“

Niemand sagt etwas. Alle blicken gespannt auf Jonny, ob er diesem Befehl nachkommen wird. Jeder Cowboy weiß, dass Jonny nicht verpflichtet ist, dieser Aufforderung Folge zu leisten. Aber sie sagen es ihm natürlich nicht.

Buffalo will gerade auf Steve losgehen, da hält ihn Big Joe zurück. „Lass mal! Sie sollen sich gegenseitig erziehen!“, erklärt er so leise, dass nur Buffalo es hören kann.

Jonny hat eigentlich Angst vor Steve. Einmal ist der Cowboy größer als er, aber vor allem hat ihn Steve von Anfang an so eingeschüchtert, dass er gar nicht wagt, ihm zu widersprechen.

Dave steht nahe bei Jonny. „Poliere ihm die Visage, Baby!“, raunt er Jonny zu. „Das braucht kein ehrlicher Mann für einen Reiter zu tun: ihm das Pferd zu striegeln!“

Jonny wäre sofort hingegangen und hätte den Befehl ausgeführt. Doch Daves Rede löst etwas in ihm aus, was er sich selbst nicht erklären kann. Irgendwie ahnt er, dass man ihn hier auf eine Probe stellt und sehr gespannt ist, wie er sie lösen wird.

„Na, wird's bald?“, brüllt Steve und stemmt die Arme in die Hüften.

„Putz dein Pferd selber!“, erwidert Jonny und ist überrascht, so etwas zu sagen.

Steve ist so verblüfft, dass er den Fehler begeht, nicht sofort zu reagieren. Auf Jonny wirkt dieses Erstaunen wie ein Sieg. Da er nicht dumm ist, erkennt er sehr richtig, dass er die Zähne zeigen muss, wenn er sich behaupten will.

Steve stelzt gemessenen Schrittes auf Jonny zu. „Dir werde ich jetzt mal zeigen, wo der Hase im Pfeffer liegt!“, faucht er.

Jonny hasst Steve wegen der ewigen Schikanen wie die Pest. Gleichzeitig fürchtet er ihn aber. Als Steve immer näher kommt, weicht er ängstlich zurück.

„Knall ihm das erste Beste auf seine Birne!“, zischt Dave, der dicht neben Jonny steht.

Jonny ist bis an den Rund des Feuers zurückgewichen. Steve rückt mit geballten Händen näher. Die gesamte Mannschaft schaut diesem Vorgang mit höchster Spannung zu.

Dann springt Steve vor, packt Jonny an den Schultern und will ihn in die Glut schleudern. Aber da entlädt sich der Hass, die ohnmächtige Wut und die Anspannung der letzten Zeit bei Jonny. Er reißt sich los, bückt sich und bekommt ein Stück Holz zu fassen, das dicker als Buffalos Arm ist. Ehe Steve richtig erfasst hat, was los ist, fliegt ihm das Holzstück derartig wuchtig ins Gesicht, dass er zurücktaumelt.

„Nachschlagen!“, zischt Dave Jonny zu.

Der Erfolg seines Mutes bestärkt Jonny. Er heult wild auf und rammt beide Fäuste in den Bauch Steves. Die ganze Wut kommt jetzt zum Durchbruch.

Steve hat mit allem gerechnet, nur nicht damit, dass sich Jonny wehren könnte. Das ist ein großer Fehler. Wäre er auf Jonnys Abwehr gefasst gewesen, verliefe dieser Kampf anders, denn Steve ist kein Schwächling. So aber ist er derartig überrascht, dass er nicht dazukommt, irgendwie folgerichtig zu reagieren.

Jonny springt zurück, erwischt das Holzstück wieder, und nun ist es plötzlich Steve, der zurückweicht, einfach deshalb, weil er nichts sehen kann, Jonny hat ihm Sand ins Gesicht geworfen.

Mit dem Holzstück trommelt das „Baby“ auf Steve herum. Schließlich gerät er aber in die Reichweite von Steves Armen und fliegt, ehe er es sich versieht, zu Boden. Doch schon ist er wieder auf den Beinen und greift erneut an.

Die Cowboys brüllen Jonny aufmunternd zu. Der plötzliche Mut dieses Schwächlings gefällt ihnen. Am meisten freut sich Buffalo. Aber auch Big Joe ist der Ansicht, dass aus dem „Baby“ ein ganzer Mann zu werden verspricht, wenn er nur so weiter macht.

Einen Moment lang hat Steve nicht aufgepasst, da bekommt er von Jonny einen Tritt in die Magengegend, der ihn von den Beinen reißt. Damit ist der Kampf beendet.

Steve erhebt sich ächzend. Erst blickt er wild um sich, aber er beruhigt sich schnell, als er Buffalos drohenden Blick sieht.

„Du hast verloren, Langer! Gib Baby die Hand und versöhne dich mit ihm!“, erklärt Buffalo. „Hoffentlich weißt du jetzt, wie weit man bei einem Manne gehen darf!“

Jonny hat nur das Wort „Mann“ gehört. Stolz reckt er seine Brust und schlägt strahlend in Steves Hand ein. Irgendwie ahnt er, dass man ihn jetzt anerkannt hat. Bis heute war er ein Fremder, der durch Zufall in ihre Nähe kam. Jetzt aber ist er einer der Mannschaft.

Später geht er zu Dave. „Danke, Dave!“, sagt er.

„Wieso? Ich habe dir doch nicht geholfen!“, meint Dave verwundert.

„Mehr als du denkst, Dave!“, sagt Jonny.

„Du musst dir etwas merken, Baby“, erklärt Dave gutmütig. „Hier gibt es zwei Männer, deren Befehle du ausführen musst, selbst wenn du es für glatten Wahnsinn hältst: Big Joe und Buffalo. Wenn du ihnen gehorchst, wird es dir nie schlecht gehen, weil das zwei Männer sind, die mehr im kleinen Finger haben als sämtliche Boys in ihren Strohköpfen. Übrigens: mit deiner blöden Mütze holst du dir nur ’nen Sonnenstich. Hier, ich habe noch “nen alten Hut in meinem Gepäck! Er wird dir passen. Und keinen Dank! Kannst mir später mal ’nen neuen Sombrero kaufen!“

„Ich hörte, dass wir mit Banditen zusammengeraten! Ist das wahr?“, erkundigt sich Jonny. Er sieht, dass Dave leicht nervös wird.

„Es ist so, wenn wir Pech haben. Aber ich denke, wir werden nicht darum herumkommen, Baby! Ramon stiehlt, raubt und mordet mit seiner Bande. Wie es heißt, wollen sie in Mexiko wieder einmal eine Revolution machen. Da brauchen sie Geld. Ramon ist so 'n lausiger Floh, der vor lauter Patriotismus alle US-Bürger umbringen möchte. Es ist diesem Stinktier noch eine Ehre, wenn er die Gegend unsicher macht. Dabei heben ihn die Greaser jenseits der Grenze in den Himmel. Er ist der Nationalheld des Tages, mein Lieber. Für sie ist er kein Mörder, sondern ein siegreicher Kämpfer. Sie nennen es auch nicht Raub, wenn er eine Ranch überfällt und Geld, Vieh und was weiß ich mitnimmt, sondern bei denen sagen sie: Beute aus einem siegreichen Gefecht mit den bösen Gringos! Der fühlt sich gar nicht als Verbrecher, verstehst du, der denkt noch wunder, was er seinem Vaterlande Gutes tut.“

„Ich wünschte, wir treffen auf Ihn!“, sagt Jonny ernst, „Aber bis dahin müsste ich einen Revolver haben!“

Dave blickt Jonny entgeistert an. „No, du wirst dich umstellen, wenn du so einen Kampf mitgemacht hast. Dein letzter war nicht geradeso wie deine Worte!“

Diese Bemerkung stutzt Jonny wieder auf die richtige Größe zurecht. Beinahe hätte er sich etwas zu stark gefühlt.

„Baby!“, ruft Terry. „Baby!“

Jonny geht zu Terry hinüber, der bei seinem Pferd steht.

„Baby, wir müssen mit zwei Pudepferden nach Keystone“, erklärt der Cowboy. „Bevor es in die Berge geht, muss genug Vorrat da sein!“

Jonny hat nichts dagegen einzuwenden.

„Du sollst noch zum Boss kommen!“, erklärt Terry weiter. „Er will dir etwas sagen!“

Jonny widerspricht nicht und geht zu Big Joe hin, der gerade mit Buffalo Karten spielt.

„Aha“, brummt Big Joe. „Du bist fertig?“

„Das Pferd ist noch nicht gesattelt, aber soweit bin ich bereit“, erklärt Jonny. Dabei mustert er Big Joes scharfe Gesichtszüge. Dieser Mann ist wirklich aus Eisen. Buffalo wirkt genau so, nur ist er eben etwas breiter und dafür kleiner als Joe.

„Du kannst in Kaystone bleiben, oder auch wiederkommen. Baby!“, erklärt Joe ruhig. „Ich überlasse es dir. Terry findet den Weg auch allein zurück. Ich will dir aber einen Revolver geben, für den Fall, dass ihr mit Banditen zusammenstoßt.“

Es ist Buffalo, der Jonny den Revolver, einen alten Hopkins, gibt.

„Hier, pass auf, so wird er geladen!“, erklärt Buffalo und zeigt es Jonny. „So hält man ihn: immer den Lauf nach unten! Nie auf einen Menschen richten, auch wenn du weißt, dass die Waffe nicht geladen ist! Die Hopkins gehen verdammt schnell los! Es ist kein Spielzeug, denke daran! Lass dir von Terry das andere dazu sagen!“ Er reicht Jonny auch noch einen etwas schäbigen Waffengürtel mit einem Futteral und einigen Patronen als Reserve. „Ein Gewehr haben wir nicht übrig, Baby!“, fügt er noch hinzu.

Etwas später reiten Terry und Jonny, die Packpferde am Zügel, los.



3

Der Auftrag, nach Kaystone zu reiten, hebt Terrys Laune. Die Stadt bedeutet für ihn: gut essen, trinken und ein Abenteuer mit einem Mädchen. Terry hat nichts Kompliziertes an sich, und so steht ihm fast auf dem Gesicht geschrieben, wie und was er denkt. Jetzt erzählt er Jonny von aufregenden Tagen in El Paso und noch viel erregenderen Nächten in den Gassen der Stadt. Später ändert er das Thema und berichtet Jonny von Big Joes Pferderanch in Arizona. Er erzählt auch von dem Indio Francisco, der Joes Freund ist und die Ranch leitet.

„Sind diese Pferde etwa für die Ranch bestimmt?“, fragt Jonny.

„No, die Herde kommt nach Phoenix!“, erklärt ihm Terry. „Sie ist für die Kavallerie bestimmt. Es sind keine Wildlinge, sondern zugerittene Tiere. Deshalb gehen sie ja auch so ruhig!“

Terrys Falbe versucht immer wieder, nach Jonnys brauner Stute zu schnappen. „Halt ihn etwas zurück, deinen Gaul!“, sagt Terry. „Der Wallach kann’s nicht vertragen, wenn eine Stute schneller geht als er.“

Sie kommen jetzt in einen Streifen Buschland. Erst ist es nicht sehr schwierig, um die Büsche herumzureiten. Doch dann wird das Unterholz so dicht, dass sie Mühe haben, die Richtung nicht zu verliefen.

„Sonst stieß ich weiter östlich auf den Busch, aber weiß der Teufel, warum wir heute so weit drüben darauf kommen“, meint Terry.

Als sie endlich durch dieses Buschland hindurch sind, erstreckt sich wie vorher die weite Prärie vor ihren Augen. Jonny besieht sich gerade die Schwielen an seinen Händen, als sein Pferd mit einem Ruck stehenbleibt. Da er den Zügel des Packtieres am Arm hängen hat, rutscht er beinahe aus dem Satte!

„Zurück!“, ruft Terry plötzlich. „Ramon!“

Jonny erfasst die Situation keineswegs. Er sieht noch nicht einmal, dass in der Ferne eine ganze Schar Reiter angaloppiert kommt. Instinktiv tut er aber das Richtige: er reißt seine Pferde herum, wie Terry es tut, und folgt dem Beispiel des Kameraden, dessen Erfahrung entschieden größer ist.

Terry versucht, wieder in die Buschstrecke zu kommen. Was sie vorhin als hindernd verflucht haben, ist ihnen jetzt sehr nützlich, nämlich die Deckung der Büsche.

Kaum sind sie im Buschland drin, springt Terry vom Pferd. Jonny macht es ihm nach.

Hastig binden sie die Tiere an. „Wenn die Burschen kommen, musst du deinen Gäulen die Nüstern zuhalten, damit sie nicht schnauben!“, sagt Terry. „Wir können uns auf keinen Kampf einlassen, weil wir gegen die Bande nicht die Ahnung einer blassen Chance haben!“

Ihr Versteck ist sehr glücklich gewählt. Sie können sogar an einigen Stellen zwischen den Ästen nach außen in die übrigen freien Stellen des Buschlandes blicken. Terry hat sein Gewehr in der Hand.

Die Mexikaner lassen nicht sehr lange auf sich warten. Mit einem mächtigen Gebrüll und Geschrei beginnen sie nach den beiden Reitern zu suchen. Jonny erinnert sich an den Überfall im Postwagen; damals machten diese Burschen ebenfalls solchen Krach.

Terry weiß, dass die Mexikaner gefährlicher sind als irgendein nordamerikanischer Viehdieb. Denn hier ist es noch die Idee, ihrem geliebten Mexiko etwas Gutes zu tun, was diese Banditen antreibt. Sie bezeichnen sich auch nicht als Banditen sondern als Rebellen und haben den Wahn, die einstmals zu Mexiko gehörigen Gebiete dem Vaterland wiederzuerobern. Weil sie also nicht aus Gewinnsucht, sondern aus Fanatismus handeln, sind sie doppelt gefährlich. Ein Bandit wagt nicht zu viel, diese Rebellen aber riskieren jede gemeine Tat. Sie stiften sogar der heiligen Jungfrau in irgendeiner mexikanischen Kirche Kerzen, wenn ihnen ein Raubzug geglückt ist.

Einmal kommen die suchenden Bandoleros in so bedrohliche Nähe, dass Terry, der sie beobachtet, den Blick von ihnen abwendet, um ihre Aufmerksamkeit nicht auf sich zu ziehen.

Die Kerle entfernen sich wieder. Jonny atmet schon erleichtert auf. Aber das ist verfrüht. Bald kommen wieder einige Bandoleros in nächste Nähe. Jetzt wiehert ein Pferd der Banditen. Die Reiter unterbrechen ihren Lärm. Eine Weile ist es ganz still.

Plötzlich ruft einer der Mexikaner mit rauer Stimme: „Attencione, amigos! Los gringos en fronio!“

Jonny hat kein Wort dieses Satzes verstanden. Aber der Sinn wird Ihm sehr schnell klar, als zwischen den Büschen zwei Mexikanerköpfe sichtbar werden. Ihre dunkelhäutigen Gesichter und der wilde Blick ihrer Augen lassen Jonny erschaudern.

Terry handelt viel rascher. Er schießt.

Jonny erinnert sich an seinen Hopkins und zieht ihn etwas nervös heraus.

Die Mexikanerköpfe haben sich schnell wieder verzogen. Dafür jagen sie in einem wütenden Schnellfeuer unzählige Schüsse in die Büsche hinein, die Jonny und Terry verbergen.

Ein Packpferd wird getroffen und keilt wild aus. Die anderen Gäule springen aufgeregt durcheinander.

Terry liegt auf dem Bauch und zielt mit aller Ruhe. Jonny hat an einer anderen Stelle zwischen den Hecken einen Platz gefunden, wo er aus der Buschgruppe hinaussehen kann. Dann zielt er auf einen Mexikaner, der ungedeckt dasteht.

Jonny hat noch nie im Leben geschossen. Aber er ist von Terry angelernt worden, und jetzt versucht er alles so zu machen, wie Terry es ihm sagte. Trotzdem schleudert es ihm den Revolver beinahe ins Gesicht, als der Schuss losgeht. Mit diesem Rückstoß hat er nicht gerechnet.

Der Mexikaner, auf den Jonny gezielt hatte, ist nicht mehr zu sehen. Dafür wird Jonny selbst unter Feuer genommen und muss sich wie ein Reptil platt zu Boden drücken.

Wieder wird eins von den eigenen Pferden getroffen. Diesmal stürzt das Tier zu Boden und wirbelt mit den Hufen in bedrohlicher Nähe von Jonny herum.

Als ein Mexikaner von hinten durch die Büsche kommt, wird er von Terrys Schuss getroffen und stürzt vornüber.

Jonny hat erst zwei Schüsse abgegeben. Weil er nicht so schnell nachladen kann, hat ihm Terry empfohlen, nur dann zu schießen, wenn er ganz sicher treffen kann.

In diese Lage kommt Jonny schneller, als er es sich träumen lässt. Ganz dicht vor ihm erscheint ein Mexikaner, der eine riesige Narbe auf der Backe hat. Beide sehen sich gleichzeitig. Aber der Mexikaner trägt ein Gewehr, und Jonny hat nur den Revolver. Da er aber nicht besonders gut damit umgehen kann, ist er nicht besser dran als der Bandit mit dem langläufigen Militärgewehr.

Es kostet Jonny Überwindung, aus derartiger Nähe auf einen Menschen zu schießen. Doch vor seinen Augen sieht er den Vater und die Mutter tot neben der Kutsche liegen, und das lässt ihn schneller handeln als den Banditen. Er schießt.

Details

Seiten
374
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738954746
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Juli)
Schlagworte
höllenritt dollars wichita western sammelband romane

Autoren

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Titel: Höllenritt und blutige Dollars: Wichita Western Sammelband 6 Romane