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Krimi Trio 3302 - Drei Top Thriller in einem Band

2021 200 Seiten

Zusammenfassung

Dieser Band enthält folgende Krimis:

Konrad Carisi/Sophie Carisi: Der Auftragskiller, der nicht wusste, warum er tötet

Theodor Horschelt: Wer zuletzt mordet

Alfred Bekker: Kubinke und die Leichen im Keller

Können Sie sich Mac Dolan als Bandenführer vorstellen? Mac findet ausgerechnet auf der Toilette einen Mann. Und der hat im Herzen ein Messer sitzen, das Opfer eines Bandenkriegs, wie sich herausstellt. Mac Dolan wählt eine sehr gefährliche Methode, um den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben. Er will die eine Bande mit Hilfe der anderen besiegen. Dolans Rechnung geht nicht auf. Statt die fremde Bande zu besiegen, wird seine eigene Mannschaft aus der Wäsche gestoßen, aber schon kräftig.

Mac Dolan gibt selbst in der extremsten Situation nicht auf. Die Abenteuer, die er als Sam Underwood in Boston erlebt, sind hart und spannend und manchmal mit Humor gewürzt. Wird es ihm gelingen, seinen Auftrag doch noch auszuführen?

Leseprobe

Krimi Trio 3302 - Drei Top Thriller in einem Band

Konrad Carisi, Sophie Carisi, Theodor Horschelt, Alfred Bekker

Dieser Band enthält folgende Krimis:


Konrad Carisi/Sophie Carisi: Der Auftragskiller, der nicht wusste, warum er tötet

Theodor Horschelt: Wer zuletzt mordet

Alfred Bekker: Kubinke und die Leichen im Keller




Können Sie sich Mac Dolan als Bandenführer vorstellen? Mac findet ausgerechnet auf der Toilette einen Mann. Und der hat im Herzen ein Messer sitzen, das Opfer eines Bandenkriegs, wie sich herausstellt. Mac Dolan wählt eine sehr gefährliche Methode, um den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben. Er will die eine Bande mit Hilfe der anderen besiegen. Dolans Rechnung geht nicht auf. Statt die fremde Bande zu besiegen, wird seine eigene Mannschaft aus der Wäsche gestoßen, aber schon kräftig.

Mac Dolan gibt selbst in der extremsten Situation nicht auf. Die Abenteuer, die er als Sam Underwood in Boston erlebt, sind hart und spannend und manchmal mit Humor gewürzt. Wird es ihm gelingen, seinen Auftrag doch noch auszuführen?



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author /COVER STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Der Auftragskiller, der nicht wusste, warum er tötet


von Konrad Carisi & Sophie Carisi


Der Umfang dieses Buchs entspricht 54 Taschenbuchseiten.


Durch Zufall wird Nick Naughty Auftragskiller, und er merkt schnell, dass er dafür eine richtige Begabung hat. Seine Arbeit macht ihm Spaß und bringt auch noch die nötige Kohle, um in New York, der schönsten Stadt der Welt, leben zu können.


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




1

Mein Name tut nichts zur Sache. Außerdem habe ich so viele davon, dass ich schon gar nicht mehr sicher bin, wie mein wirklicher Name ist. Am Besten gefällt mir 'Naughty Nick', der ungehorsame Nick, nicht der Ungezogene. Das will ich mal klarstellen.

Von Beruf bin ich Hitman. Ich habe andere Sachen ausprobiert, aber irgendwie liegt mir ein Bürojob nicht und auch dieses Verkäuferdings ist nicht meins.

Das mit dem Hitman hat sich durch Zufall ergeben. In einer Bar hat mich jemand angesprochen, ob ich jemanden kenne, der einen solchen Job macht. Als ob ich jemanden kenne, der für Geld Leute umbringt. Also bitte.

Naja, und da habe ich mir gedacht, ich mache das selbst. Kann ja nicht so schwer sein. Ich hatte darin ja auch schon einiges an Erfahrung. Schließlich spiele ich seit meinem sechsten Lebensjahr Light-Gun-Shooter und ich bin gut darin. Okay, eigentlich waren das Spiele für Erwachsene, aber meine Mutter sah das nicht so eng. Wenn sie ihre Ruhe hatte, konnten mein großer Bruder und ich spielen, was wir wollten.

Also, selbst ist der Mann. In einem Jobs, in dem man weiter kommen möchte, ist Eigeninitiative gefragt. Und hier war die Bezahlung echt gut, wenn man bedenkt, was das für ein Stundenlohn ist. Mann, da muss eine alte Frau lange für stricken.

Also habe ich den Job klargemacht und den Typen alle. Danach gab's die Kohle und ich war im Geschäft. Es hat sich rumgesprochen, dass ich solche Dinge zu hundertprozentiger Zufriedenheit erledige.

Okay, ich bin manchmal etwas unkonventionell und das mit den Kollateralschäden passiert einfach. Aber meistens trifft es ohnehin Typen, die echt fies sind und ihre Lebensberechtigung schon verwirkt haben.

Da bin ich nicht so kleinlich. Ich nehme das sportlich. Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben.

Natürlich ging es bei meinem ersten Job nicht alles so einfach, wie ich das in Erinnerung habe. Aber ehrlich, warum war der Typ auch nicht wohnhaft an der angegebenen Adresse. Um den Typen, den ich fälschlicherweise erwischt habe, tut es mir schon ein wenig Leid. Aber wie gesagt, es war mein erster Job. Heute leiste ich mir solche Sentimentalitäten nicht mehr.

Ich versuche allerdings auch, mich besser vorzubereiten.

Als ich mitbekommen habe, dass der Typ, den ich zuerst fälschlicherweise umgenietet habe, auch auf der Abschussliste meines Auftraggebers stand, habe ich die Sache so gedreht, als gäbe es zwei Leichen zum Preis von einer.

Das kam natürlich super gut an. Wer macht nicht gerne ein Schnäppchen! Und so hatte ich den Folgeauftrag schon im Sack.

Und da sitze ich nun.

In einer kleinen schmierigen Bar namens Carisis Valentine, irgendwo in der Bronx. Ohne mein Handy hätte ich hier nicht hergefunden. Es war gar nicht so leicht immer schnell die Navi-Funktion zu benutzen, ohne das diese ganzen Armen hier mein Handy sehen. Das ist nämlich nagelneu, dieses Tolle ist es. Ich komm gleich noch auf den Namen, von den Typen, die auch das MacBook machen. Das sind so teure Laptops die nichtmal ein Laufwerk haben.

Ich sitze am Fenster und lasse den Blick unauffällig schweifen. Lauter harte Kerle hier, Schwarze, Latinos und White Trash, wie man heute ja wohl politisch korrekt sagt. Da hab ich es nicht so mit. Also mit politischer Korrektheit, die ganzen Takkofresser aus dem Süden stören mich nicht. Ich mag mexikanische Küche sehr gern.

Ein Schwarzer, oder sagt man jetzt Farbiger? Ne, Bunt ist der ja nicht. Jedenfalls setzt sich so ein Sklavennachfahre mir gegenüber und fragt:”Wie es wohl dem alten Finnigan geht?”

Das ist eine Anspielung an meinen letzten Auftrag, da musste einer von den Iren dran glauben. Das ist immer heikel, die Italiener haben ja die Mafia, aber die Iren die Polizei. Da muss man höllisch aufpassen bei seinen Spuren. Immerhin lebe ich gerne in New York. Es ist die schönste Stadt der Welt.

“Der schläft tief und fest”, erwidere ich, wie vereinbart. Da ich die Codeworte gesagt habe, wird mir ein Umschlag gereicht.

Er ist dick, da ist Geld drin und mein neuer Auftrag.

So gefällt mir das. Inzwischen gibt es oft mal einen Vorschuss. Ich bin eben bekannt, also so bekannt wie man als Auftragskiller sein darf, ohne dass man gleich im Knast landet.

Ich zwinkere dem Schwarzen verschwörerisch zu und nicke wissend.

Mir kann man nix vormachen. Der rollt mit den Augen und geht.

“Erledigen Sie das”, sagt er noch.

“Bis morgen”, erwidere ich großspurig.

Ich drehe mich unauffällig vom Raum weg und sehe in den Umschlag. Will ja nicht das jeder gleich sieht, was da drin ist.

Das ist aber mal ein Batzen Geld! Meine Fresse! Jetzt ist nur noch wichtig, wer dafür dran glauben muss.

Ich ziehe ein Foto raus. Irgend ein Mittvierziger mit Glatze und echt fiesem Blick. Er hat dünne Augenbrauen, aber nicht so Satanischen wie bei Mr. Spock. Im Moment sehe ich mal wieder die Serien meiner Kindheit. Dank Blu-Ray ja alles heute möglich. Ich drehe das Bild um. Mirko Telafat steht drauf. Dazu eine Adresse drüben in Jersey. Ich trinke meinen Kaffee auf und lege der netten brünetten Servierdame das Geld hin. Oder sagt man jetzt eher Servicekraft?

Ich fahre mit der U-Bahn nach New Jersey. Ich habe meine Pistole dabei. Das verdeckte Waffen tragen ist in New York Gottlob noch erlaubt. In einigen Bundesstaaten will ich gar keine Aufträge bekommen. Da ist es echt schwer überhaupt ‘ne Waffe tragen zu dürfen. Oder Virginia. Da ist das andere Extrem. Da muss ich eher Angst haben, dass mein Ziel ein Sturmgewehr oder anderen Militärbedarf hat.

Jersey City liegt drüben, von New York aus gesehen. Direkt neben der Upper New York Bay, nur rüber über den Hudson River.

Ich sehe mir das Bild von Mirko an und präge mir sein Gesicht ein. Dann suche ich seine Adresse mit Hilfe von meinem Handy. Ohne Routenplaner wäre so ein Auftragsmord echt verdammt schwer. Ich weiß noch wie man mir das erste Mal versucht hat so ein Ding aufzuschwatzen. Für die Arbeit ist es echt prima. Aber all dieses Geschreibe mit ‘Freunden’. Da mache ich nicht mit. Ich habe eine Handvoll Freunde und denen sehe ich lieber in die Augen als Unmengen an Text zu produzieren.

Meiner Erfahrung nach, verstecken sich manche Menschen gerne hinter vielen, vielen Worten.

Dann merkt man nicht, dass man eigentlich niemanden zum reden hat. Verschwiegenheit ist aber auch wichtig in meinem Beruf. Ich hab da so von einigen mitbekommen, wie sie mal geprahlt haben. Einer auch bei einem ersten Date. Stellen sie sich das mal vor! Ach übrigens, ich töte Menschen. Nee, du musst den Wahnsinn in einer viel kleineren Dosis zeigen.

Die U-Bahn kommt zum stehen und ich steige aus. Durch den alten, vollplakatierten Bahnhof geht es hinauf auf die George-Lane und ich sehe mich kurz um, um mich zu orientieren.

Mirko Telafat. Das Netz findet nichts zu ihm. Aber das ist auch nicht mein Spezialgebiet, wenigstens gibt es die Adresse, die sie drauf geschrieben haben.

Ich folge der Straße und biege irgendwann in eine Seitengasse ein. Zwischen ein paar alten Brownstonehäusern führt mein Weg mich hindurch. Das hier ist ein Randbereich, die Mehrfamilienhäuser weichen kleinen niedrigen Reihenhäusern. Das muss es sein, wovon die Leute ein paar hundert Meter vorher träumen: eine Handvoll eigener Quadratmeter, nicht mehr einen Nachbarn über und unter dir. Nur noch neben dir.

Naja und es gibt einen eigenen Garten. So ein grünes Viereck ist manchen leuten ja auch sehr viel wert.

Ich kontrolliere meine Position auf dem Handy und stecke es dann weg.

In meinem Schulterholster habe ich eine Pistole, extra für diesen Auftrag. Später werfe ich sie in den Hudson. Da kommt die nie mehr raus und wenn, dann ohne Fingerabdrücke.

Ich gehe zum Haus und sehe mir an, was auf dem Türschild steht.

Mila Novakova, steht dort. Dann ist Mirko wohl bei einem Liebchen untergetaucht. Ich zucke die Schultern. Vielleicht auch seine Schwester oder die liebe Verwandtschaft. Mir solls gleich sein. Es ist Abend und im oberen Stock brennt Licht. Ich sehe mich um. Niemand ist auf der Straße, der mich beachtet. Also gehe ich durch das Gartentörchen, nach hinten zum Haus. Bei der Küche ist das Fenster nur angelehnt, ich habe Glück. Ich streife mir meine dünnen Lederhandschuhe über und öffne das Fenster mit einem behänden Tritt. Das geht ziemlich leise, wenn man weiß wie. Ist natürlich jetzt irreparabel beschädigt, aber das wird Mirko auch sein, wenn ich mit ihm fertig bin.

Für mich ist sowas ja nie persönlich. Ich will gar nicht wissen, warum jemand sterben soll. Irgendjemand anders will es und ist bereit eine echt große Stange Geld dafür hinzulegen. Irgendeinen Grund wird es schon geben, dass jemand so angepisst von Mirko ist. Ich ziehe meine Pistole und schleiche durchs Haus. Oben ist die Dusche an. Ich kontrolliere einen Raum nach dem anderen. Niemand ist im Erdgeschoss. Also geht es weiter nach oben. Unten gab es nur Küche und Wohnzimmer, dazu kein winziges Bad. Oben ist es ebenfalls nur ein Raum, der eine Mischung aus Büro und Gästezimmer darstellt. Bleibt also noch ein Zimmer. Ich wappne mich. Hoffentlich ist Mirko da. Ich möchte ungerne die Frau erschießen, die hier auch mitwohnt. Nicht dass ich sentimental bin, aber ich bin ja kein Psychopath. Eher ein Soldat im Inland, ja so kann man das sagen.

Ich öffne die Tür zum verbleibenden Raum einen Spalt breit.

Das Geräusch aus der Dusche hat aufgehört. Durch den Spalt sehe ich wie eine junge Frau mit einem umgebundenen Handtuch aus einem Badezimmer tritt und zum Bett geht. Dort liegt Kleidung zurechtgelegt. Sie hat einen dieser komischen Handtuchturban Dinger, die Frauen oft haben. Hab ich nie verstanden, aber mit meinem Haar ist es auch nicht so weit her. Ich gehöre eher zu der Fraktion Mann, die sich mit einem Waschlappen kämmen kann und die Frisur sitzt.

Während sie mit beiden Händen diesen Turban auflöst und ihre Haare damit abtrocknet, rutscht ihr Handtuch herunter. Kurz sinkt meine Hand, mit der ich die Pistole festhalte. Meine Güte, ich wusste nicht, dass die Rückseite einer Frau derart gut aussehen kann. Ich meine jetzt ungeschminkt, nicht im Film halt. Also bei einer Frau in echt, ohne Tricks.

Dann fasse ich mich und atme einmal tief durch. Konzentrier dich Nick, das hier ist Arbeit, du bist nicht im Striplokal! Andererseits, für Geld habe ich sowas Schönes auch noch nie…. Ich schüttle den Kopf und öffnete die Zimmertür.

“Keine Bewegung und keinen Mucks, klar!”, sage ich. Sie kreischt kurz und hält sich dann die Hand vor den Mund. Dann versucht sie das Handtuch vom Boden aufzuheben, hält aber inne, weil sie merkt, dass sie sich nicht bewegen soll. Sie wirkt unentschlossen und versucht ihre Scham mit den Händen zu verdecken. Ich seufze leise. Super Nick, du hättest ihr wirklich noch zwei Minuten geben können, um sich anzuziehen.

“Los, ziehen Sie sich was an”, sage ich, auch wenn nur ein Teil von mir das will. “Ich will Ihnen nichts tun. Versprochen.”

Sie sieht skeptisch aus. Da ist ein Feuer in ihren Augen, sie gewinnt ihre Fassung zurück.

Ihre schulterlangen schwarzen Haare sind noch ein wenig nass. Als sie mich ansieht, bemerke ich, dass sie haselnussbraune Augen hat. Richtig kräftig, fast so wie bei einem Toffee. Dann sitzt sie in Jeans und einem T-Shirt vor mir auf dem Bett, die Arme verschränkt.

“Mila Novakova, richtig?”, sage ich. Sie nickt. Ihre hohen Wangenknochen verbergen nicht wie ihre Kiefer mahlen. Sie schiebt das Kinn ein wenig trotzig hervor. Ganz ruhig Nick, du hast die Pistole in der Hand. Genaugenommen ist es ein Revolver. Das hat den Vorteil, dass man keine Patronenhülsen aufsammeln muss. Die bleiben ja in der Trommel. Man will ja als Profi keine Spuren hinterlassen.

“Gut, also das hier muss nicht schlimm enden.” Ich stehe auf und sehe ins Badezimmer. Es hat kein Fenster, nur einen Abzugsschacht.

“Wo ist Ihr Handy?”

Sie sieht mich wütend an, bewegt sich aber nicht. Ich sehe mich ein wenig im Raum um und entdecke, dass es an einer Steckdose hängt. Ich schenke ihr ein freundliches Lächeln.

“Gut, dann bitte wieder ins Bad. Ich werde Ihnen nichts tun, kann Sie aber grad nicht gebrauchen. Also los.”

Sie steht widerwillig auf und geht ins Badezimmer. Ich schließe mit dem Schlüssel von außen zu und klemme zur Sicherheit einen Stuhl vor die Tür. Das ganze wirkt robust. Bald ist es sechs Uhr. Ich denke, Mirko wird bald nach Hause kommen. Also gehe ich hinunter ins Wohnzimmer, wo man einen vortrefflichen Blick hat in den Flur. Wer auch immer reinkommt, ich habe ein freies Schussfeld.

Die Zeit vergeht und ich blicke immer wieder auf meine Armbanduhr. Hin und wiede höre ich, wie Mila oben versucht die Badezimmertür zu öffnen. Erfolglos, wie man hören kann. Sie gibt irgendwann ihre Versuche auf.

Schließlich sehe ich auf meine Uhr und merke, ich warte hier seit geschlagenen drei Stunden. Ich seufze und gehe nach oben.

Dann öffne ich die Badezimmertür.

“Keine Panik, ich öffne die Tür und Sie kommen raus. Ich tue Ihnen nichts.”

Ich lasse die Tür aufschwingen und sehe Mila einige Schritte von mir entfernt. Sie hat sich mit einem Eisenrohr bewaffnet, das glaube ich von der Dusche stammt.

Nicht schlecht, aber ehrlich? Gegen meinen Revolver ist das doch sehr gewagt.

“Wo ist Mirko”, frage ich nun. Ich habe Hunger und will diesen Job zu Ende bringen.

“Wer?”

“Tun Sie nicht so. Ich weiß, dass er in der Stower-Lane 23 wohnt. Das weiß ich aus sicherer Quelle.”

“Das ist ja toll für Sie”, sagt sie langsam und blickt mich herablassend an. “Aber das hier ist die Stower-Lane 21.”

“Was? Unmöglich. Ich habe…”

“Mich von meinem Routenplaner herführen lassen? Glauben Sie einem großen Unternehmen geht nicht mal ein Fehler durch? Einige meiner Freunde sind auch schon beim falschen Haus gelandet, wegen diesem Fehler. Ich habe sogar mal eine Email an den Support geschickt. Bisher keine Rückmeldung”, stellt sie fest.

Meine Schultern sacken herab.

“Wirklich?”, sage ich und merke dass ich wütend werde. Nicht auf Mila, nein auf mich selbst. Gott, das ist echt peinlich Nick!

“Okay, hören Sie. Ich gehe einfach und Sie rufen nicht die Cops, okay?”, sage ich hoffnungsfroh. Ich will sie nicht erschießen müssen. Aber sie ist andererseits auch ein Sicherheitsrisiko.

“Okay”, sagt sie. Man merkt, dass sie eine Chance wittert hier lebend rauszukommen.

Ich geh zu ihrem Handy, klappe es auf und nehme den Akku raus.

“So, den können Sie nachkaufen und ich muss keine Sorge haben, dass Sie einen Anruf machen”

Mit diesen Worten reiße ich ihr Telefon aus der Wand und trete einmal beherzt drauf. Somit ist sie vorerst von der Welt abgeschnitten.

“Tut mir echt leid für die Unannehmlichkeiten”, stelle ich fest und lege ihr ein paar Geldscheine aufs Bett. “Lassen wirs gut sein, okay?”

Mila sieht mich völlig verdattert an. Dann nickt sie. “Okay”, flüstert sie.

Ich stehe einen Moment herum und weiß nicht so recht, was ich tun soll. Kurz setze ich an, um noch etwas zu sagen, dann schüttele ich den Kopf und gehe einfach so schnell wie möglich.

Gott ist mir das peinlich! Puh, hoffentlich schlägt das keine großen Wellen.

Diesmal sehe ich mir die Hausnummer genauer an. Verdammt, sie hat recht! Es ist die falsche. Warum ist die auch so klein hier? Ich gehe rüber zum richtigen Haus.

Licht brennt und ich spähe durchs Fenster rein. Das Wohnzimmer ist funktional eingerichtet. Mirko sitzt auf einem Sofa und schaut fern. Er sieht in die falsche Richtung, von hier kann er mich nicht entdecken.

Ich schleiche ums Haus herum. Es ist baugleich, die ganze Reihe scheint aus einem Grundplan zu bestehen. Das immer gleiche Haus reiht sich hier an das immer gleiche Haus.

Ich zermartere mir das Hirn nach einem guten Plan und entscheide mich dann für die schnellste Lösung. Dreimal betätige ich den Klingelknopf. Dann öffnet Mirko Telafat.

“Ja, was kann ich für Sie tun?”, fragt er und ich ziehe meine Waffe.

Ich schieße zweimal in die Brust. Mirko zuckt und versucht sich an der Tür festzuhalten. Dann liegt er auf dem Rücken. Ich ziele und schieße noch einmal, diesmal in den Kopf.

Jetzt noch ein Foto für den Auftraggeber und das wars.

Ich drehe mich um und renne los.

Ich verlasse mich auf meinen Orientierungssinn, meinem Handy vertraue ich erstmal nicht.

Schließlich bin ich zurück an der U-Bahnstation und nehme die nächste Bahn in Richtung Hafen.

Dort werde ich die Pistole los, indem ich sie in den Hudson werfe. Den Handy-Akku hinterher.

Sicher, das ist nicht gut für die Umwelt, aber besser für meine Karriere.

Von dort aus fahre ich direkt in meine Stammbar. Ich muss bis morgen warten, um den Rest des Geldes zu bekommen.



2

Am nächsten Abend sitze ich am vereinbarten Platz und warte. Ich spiele erst etwas mit meinem neuen Handy herum und zieh dann aus meiner Jackentasche das Buch, das ich im Moment lese.

Ich habe mit dem Lesen auch erst angefangen, kurz nachdem ich als Auftragskiller zu arbeiten begonnen habe. Denkt man so gar nicht, aber als Auftragskiller hat man oft was zu lesen dabei. Nicht, dass mein Job langweilig wäre, nein im Gegenteil. Es ist eher so, das man oft lange warten muss. Das ist wie bei einem Schauspieler, Der sitzt auch lange rum, bis er seinen Auftritt hat. Da sitzen sie dann vor der Wohnung der Zielperson und der will und will einfach nicht ins Bett gehen und das Licht ausmachen. Oder sie sitzen an einem Ort, weil sie die tägliche Route des Opfers kennen. Jemand, der immer Joggen geht. Natürlich muss man rechtzeitig vorher da sein und irgendwie muss man die Zeit ja rumbekommen. Lesen ist da eine gute Möglichkeit. Ich kann ja schlecht häkeln, zu auffällig. Obwohl, dran gedacht habe ich schon. Nein, natürlich nicht. Was denken Sie denn!

“Das ist nicht Ihr Ernst, oder?”

Ich sehe von meinem Buch auf. Der Schwarze von gestern ist wieder da. In Gedanken nenne ich ihn Simson. So hat er sich mir mal vorgestellt. Ob er so heißt? Pah, das kann man in diesem Gewerbe nie genau wissen. Simson hat so ein fieses Lächeln. Er ist mein Kontakt, bringt mir immer wieder mal neue Aufträge und bezahlt mich.

“Was?”, frage ich. “Was ist nicht mein Ernst?”

Ich sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an.

“Das Buch?”

Er musterte mich skeptisch.

“Ja, wieso nicht?”, frage ich ehrlich verblüfft. Ich lege das Taschenbuch beiseite. In roten Buchstaben steht “Murder Inc. - Die ganze Geschichte!” darauf.

“Ist ein Sachbuch, von einem Journalisten”, erkläre ich ruhig. “Die Murder Inc. war mal eine Verbrecherorganisation in New York. Den Namen hat sie von der Presse. Da waren Iren, Mafiosi und auch Kosher Nostra Leute drin”

“Kosher Nostra?” Der Schwarze sieht mich skeptisch an. Er winkt die Bedienung ran und lässt sich einen Kaffee geben.

“Ja, das waren Juden, die eine eigene Mafia aufgemacht haben. Die Italienermafia nennt man ja Cosa Nostra, deswegen nannte man die der Juden Kosher Nostra”, doziere ich und bin froh gleich mal mit dem Wissen aus dem Buch punkten zu können.

Er schaut mich ungläubig an.

“Wissen sie”, fahre ich fort.. “Auch unser Gewerbe hat eine Geschichte”

“Ahha”, sagt Simson und nimmt der Bedienung den Kaffee ab.

“Besser ist es aber wenn man keine hat. Dann kann man sich zur Ruhe setzen und friedlich leben”, sagt er dann.

Da hat er natürlich auch wieder recht. Ich nicke.

Er trinkt einen Schluck von seinem Kaffee, verzieht zufrieden das Gesicht und greift dann in seine Jackentasche. Er gibt mir einen Umschlag. Ich spüre das Gewicht der Geldscheine.

“Ein weiterer Auftrag?”, frage ich. Simson schüttelt den Kopf.

“Nein Mann. Warte ein paar Tage. Das war gute Arbeit, aber jetzt müssen wir erstmal abwarten. Der Boss will, dass wir ein wenig warten.”

“Was immer der Kunde will”, sage ich. Simson nickt. Er trinkt den Kaffee aus und verlässt das Carisis Valentine.

Ich sitze noch eine Weile da und lese in meinem Buch. Dann zahle ich und gehe nach Hause. Die Bar ist in der Bronx, nicht weit von meinem zu Hause.

Es ist ein kleines Brownstone Haus in einer Nebengasse. Es sind nur zwei kleine Zimmer, aber es sind meine Beiden. Außerdem kann es immer mal sein, dass ich schnell untertauchen muss. Für den Fall habe ich eh nicht viel in den Räumen.



3

Zu Hause angekommen stelle ich überrascht fest, dass ich Post habe.

Nicht, dass ich mich nicht über Post freue, das macht jeder denke ich. Es ist nur so, dass ich berufsbedingt eben niemanden habe, der mir schreibt. Hin und wieder kommen Rechnungen, natürlich. Aber das hier ist ein dicker kartonierter Umschlag. Neugierig nehme ich ihn in meine kleine zwei Quadratmeter Küche und schneide ihn auf.

Drinnen sind ein paar Fotos und ein Brief. Er ist mit ausgeschnittenen Buchstaben geschrieben. Erst finde ich das ziemlich lustig, dann beginne ich aber zu lesen und das Lächeln gefriert auf meinem Gesicht.


Sehr geehrter Herr Auftragskiller.

Ihr altes Handy war auf Nick eingestellt. Ich weiß natürlich nicht, ob sie so heißen. Was ich aber weiß, ist dass Sie ein Mörder sind. Ich weiß auch wo sie wohnen. Sie fragen sich, woher?

Sie erinnern sich vielleicht an Ihr altes Handy. Das haben Sie zum Recycling gegeben, Eigentlich ist das ziemlich löblich, Sie haben aber Ihr Handy nicht anständig gelöscht. Wussten Sie, dass die Chips da drauf teuer sind? Die Speicherchips werden oft nochmal für USB-Sticks verwendet. Raten Sie mal, was da alles noch drauf war. Ich habe Fotos von Tatorten und SMS von Verbrechern darauf gefunden. Ich bin nicht dumm, ich konnte mir zusammenreimen, was Sie tun. Weil Sie ganz gerne auch mal Kartendienste nutzen, um nach Hause zu finden, weiß ich auch, wo Sie wohnen. Natürlich können Sie jetzt versuchen, unterzutauchen, aber das will ich gar nicht. Ich werde Ihnen alles aushändigen, wenn Sie etwas für mich tun.

Ich habe Ihnen vier Bilder beigelegt. Hinten steht drauf, wer das ist und was Sie mit ihm tun sollen. Wenn sie mich auf der nachfolgenden Nummer anrufen, sobald alles erledigt ist, werde ich Ihnen anschließend den USB Stick zukommen lassen.

Mit freundlichen Grüßen


Ich lege den Brief weg und versuche meine Gedanken zu ordnen. Er ist leider nicht unterschrieben, wäre ja noch schöner gewesen. Ich fluche laut und kräftig. Danach geht es mir aber immer noch nicht besser.

Das kann ja wohl nicht wahr sein! Ich will schreien, ach was ich will etwas oder jemandem verdreschen! Frustriert pfeffere ich den Brief weg.

Jetzt geht es etwas besser.

Ich atme tief ein und aus. In diesem Beruf kommt es auf Ruhe an. Man muss abwarten können. Erstmal die Gedanken sortieren, bevor man reagiert.

Also gut: Was weiß ich?

Der Erpresser, oder vielleicht auch die Erpresserin, wird mich nicht verpfeifen. Ich soll tun, was mir befohlen wird und dann bin ich frei. Soweit die Theorie.

Ich sehe mir die Personen an. Es sind vier Fotos, vier Personen, um die ich mich kümmern soll.

In mir reift eine Idee: Was verbindet diese Drecksäcke? Sie müssen immerhin alle demselben ans Bein gepinkelt haben.

Ich schnappe mir einen Block und schreibe mir die Fakten der Typen auf. Es muss doch eine Verbindung geben!

Ich male ein wenig herum, aber nach einer halben Stunde intensiven Nachdenkens muss ich mich geschlagen geben. Ich sehe keine richtige Verbindung!

Ich nehme das Bild mit der Eins drauf. Jemand hat mit Kugelschreiber eine Eins draufgemalt und auf die Rückseite ein paar Dinge geschrieben waren. Es ist in Druckschrift geschrieben, keine Ahnung, ob die Schrift zu einem Mann oder einer Frau gehört.

Nummer eins ist ein Punk. Die Haare sind in blau und rot gefärbt, mit Nietenjacke und echt viel Altmetall im Gesicht. Ich zähle nach. Sechzehn Piercings, in der Nase, dem linken Ohr und über dem rechten Auge. Sieht nicht gut aus, der wird wohl als Jungfrau sterben. Wie das wohl ist, wenn er Schnupfen hat, kann er die dann alle aus der Nase nehmen?

Sein Name steht auf der Rückseite. Johnny King. Er wohnt in der Philips Road in New Rochelle. Ich kratze mich am Kopf. New Rochelle, das ist im Norden von New York, glaube ich. Mit meinem Handy überprüfe ich das. Die Stadt liegt nördlich von New York City, im gleichen Bundesstaat.



4

Kurzentschlossen will ich mir das nächste Opfer mal ansehen. Ich brauche eine U-Bahn, eine Bahn und eine Busfahrt bis schlussendlich ein Taxi mich an seiner Adresse rauslässt. Der Loftblock 56 ist ein großer grauer Kasten abseits der Hauptstraße. Irgendjemand hat Feuerleitern drangehängt, aber am Ende sieht es doch so aus, wie ich mir den Sozialismus vorstelle: Ein Bauklotz, in die Landschaft geworfen.

Ich sehe mir noch einmal das Foto an. Auf der Rückseite steht neben Johnny Kings Namen nur: “Verprügeln, nicht töten. Sag ihm das ist für Larissa”.

Ich seufze. Dann hellt sich aber meine Laune auf. Für Larissa? Das ist doch eine Spur! Irgendwer wird das ja wohl sein. Jeder ist schließlich irgendjemand. Ich klappe den Kragen meiner Jacke hoch und greife mir unauffällig unter den Arm um den Sitz meiner Pistole zu kontrollieren.

Der kleine 38. Revolver sitzt an seinem Platz. Ich soll ihn nicht töten, aber vielleicht muss ich ihm ziemlich Angst machen, damit er fröhlich singt.

Ich gehe zur Tür und suche den richtigen Klingelknopf.

Ich drücke eine Weile Sturm bis aus der Gegensprechanlage knirschend eine Männerstimme zu hören ist.

“Wer stört? Willst du das ich taub werde?”

“Entschuldigen Sie bitte”, sage ich so freundlich wie möglich. “Pizza für Loft 56.”

“Ich hab nix bestellt.”

“Scheiße, aber auf meinem Zettel steht Ihre Adresse”, sage ich.

“Pech”, höre ich und der Kerl legt auf. Ich drücke den Klingelknopf erneut.

“Was?”, blafft es mich aus der Gegensprechanlage an.

“Ich bin den ganzen Weg hergefahren, mir ist egal, wer hier ‘ne falsche Adresse angegeben hat. Wollen Sie die Pizza? Ich geb sie Ihnen zum halben Preis.”

“Was ist es denn?”

Das ist jetzt kniffelig. Was wird der wohl mögen? Ich probiere es mit einem Klassiker.

“Salami.”

Kurze Stille. Ist er vielleicht einer dieser Typen, die nur essen, was von selbst umkam? Ich finde es ja zynisch zu sagen, man soll nur essen was glücklich war. Also bitte! Ein unglückliches Tier, das erlöst man doch. Oder diese Glutenunverträglichkeit, die sich die Leute einbilden. Mehr als tausend Jahre menschliche Evolution und plötzlich ist jeder gegen irgendwas allergisch!

“Okay, kommen Sie rauf.”

Ich muss mir das Grinsen verkneifen. Die Tür surrt und ich eile die Treppenstufen hinauf. Ich entdecke den Kerl an seiner Tür stehen, er mustert mich neugierig.

“Ey, wo ist denn die Pizza?”, schafft er noch zu sagen, da ramme ich ihm meinen Pistolengriff auf die Nase. Er taumelt nach hinten in seine Wohnung und bleibt der Länge nach auf dem Flurboden liegen.

Ich schließe die Tür hinter mir wieder und greife mir eine Mütze von der Kommode neben der Tür. Die stopfe ich ihm in den Mund.

“Nimm sie raus und ich töte dich”, sage ich. “Ist noch wer in der Wohnung?”

Es gibt nur einen winzigen Flur und ein Schlaf-Wohn-Esszimmer, mit Klo. Trotzdem frage ich. Er sagt etwas, das ich nicht verstehe.

“Schüttel den Kopf oder nicke”, sage ich. Er schüttelt den Kopf. Zufrieden sehe ich trotzdem im Bad nach und schleife den Kleinen dann ins einzige andere Zimmer. Dort werfe ich ihn aufs Bett. Seine Nase blutet stark und er wimmert.

“Tut ziemlich weh, was?”, sage ich und reiche ihm eine Rolle Küchenpapier. Dankbar nimmt er ein paar Blätter und versucht das Blut aufzufangen.

“Nimm die Mütze raus. Wenn du schreist...”, sage ich und lasse den Satz unvollendet. Stattdessen halte ich nur die Waffe hoch. Ich denke, er sieht jetzt ziemlich mitgenommen aus, mein mysteriöser Auftraggeber sollte zufrieden sein.

“Okay, es gibt jetzt ‘ne harte und ‘ne leichte Tour”, sage ich. Er beginnt zu weinen. Laut schluchzt er.

“Bitte”, wimmert er. “Bringen Sie mich nicht um.”

“Was?”

“Bitte!”

“Nein, die harte Tour ist doch nicht umbringen! Entweder ich werde dich mehr oder weniger verdreschen, aber du musst nicht sterben”, sage ich und will ihn etwas beruhigen. Ich muss sagen, das mag ich sonst an meinem Beruf: Man hat keinen Kontakt mit anderen Menschen.

Das hier ist nichts für mich. Ich warte bis Johnny sich etwas beruhigt hat.

“Okay”, sage ich und lasse die Waffe etwas sinken. Er hat endlich aufgehört zu heulen, ich werde also ein paar Antworten aus ihm herausbekommen. “Nun, Johnny King. Hast du eine Ahnung, wieso ich hier bin?” Ich mustere die Piercings, die er in der Nase und dem linken Ohr hat. Die über dem rechten Auge hat er nicht drin, da waren auf dem Foto mehr. Deswegen sind es jetzt weniger als Sechzehn. Ist mir trotzdem zu viel Altmetall.

“Ich… nein”, stammelt er. Der Rotz läuft ihm über die Oberlippe. Das ist ja nicht zum ansehen!

“Sagt dir Larissa was?”

“Larissa?”, fragt er dümmlich. Ich hebe die 38. er und drücke ihm den Lauf vor die Stirn. “Ich soll dir ausrichten, das ist für Larissa.”

Er beginnt erneut zu jaulen und jammert in einem fort.

“Ich..., es tut mir leid! Ehrlich! Ich war damals auf Drogen, ich fass die aber nicht mehr an, oder wollen Sie welche? Ich kann Sie in Koks bezahlen. Hören Sie, es tut mir leid, bitte Sie müssen das nicht”, ruft er.

“Ich bring dich nicht um!”, brülle ich ihn an und er wird still. Endlich, denke ich. Also, die Anweisung bei dem hier war einschüchtern und sagen, dass es für Larissa war. Nun beginnt mein persönlicher Auftrag.

“Wer ist Larissa und in welcher Beziehung stehen Sie zu ihr?”, frage ich und fühle mich dabei wie ein FBI Agent. Bin ich ja auch, so in der Art jedenfalls.

“Larissa… Larissa Smith. Eine Andere kenne ich nicht”, stammelt er überrascht. Das ist immerhin ein Anfang, auch wenn der Name jetzt wirklich ein Witz ist.

“Okay, woher kennst du Larissa?”

“Wir…. wir haben zusammen gewohnt.”

“Daher kennst du sie?”

“Nein, Unsinn. Also ich gehe gerne in diesen Club, der heißt EDEN. Dort gibt es…. naja guten Stoff gibt es da. Die Musik ist auch in Ordnung. Dort arbeitete sie als Kellnerin und hatte einen kleinen Nebenerwerb”

Er druckst etwas herum.

“Ey Alter, sehe ich aus wie ein Bulle?”, frage ich. “Die ganze Geschichte will ich hören - jetzt!”

“Naja, sie findet da manchmal wen zum anschaffen. Sie ist von zu Hause weggelaufen, vor Jahren schon. Wohnte irgendwo in unten in der Bronx vorher, glaube ich. Weiß ich nicht so genau, jedenfalls lebt sie nun hier und schafft manchmal an. Daher kennen wir uns. Ich war erst ein Kunde, aber sie konnte hier umsonst wohnen, wir haben uns da geeinigt.”

“Aha”, brumme ich. “Weiter. Wieso sollte sie sauer auf dich sein?”

“Na… ich weiß auch nicht!”

“Wo ist sie jetzt?”, frage ich und blicke in die Wohnung.

“Ich hab sie rausgeworfen.”

“Ach?”, sage ich mit vor Sarkasmus triefender Stimme. “Was du nicht sagst, meinst du, das nimmt sie dir übel?”

“Ey, was kann ich dafür! Da war so eine, die sagte, sie sei ihre Schwester. Larissa war nicht da und als ich ihr sagte, dass ihre Schwester da war, ist sie voll ausgetickt. Sie sagte, sie würde mit ihr reden und dann würde sie uns in Ruhe lassen, aber als sie wiederkam...”, erklärte Johnny King, als wäre es die größte Beleidigung, die er sich vorstellen konnte. “Also, kommt die Schlampe wieder und sagt, dass sie ihr Leben umstellen wollte. Kein Anschaffen mehr! Da hab ich gesagt, keine Miete, keine Wohnung. Sie ist ausfallend geworden, da habe ich…. na ich hab mal halt auf den Tisch gehauen. wissen Sie?”

Ich denke eher, er hat Larissa gehauen, aber das behalte ich für mich.

“Na und dann ist sie abgehauen. Vielleicht zu ihrer Schwester? Ich hab keine Ahnung, Mann!”

Ich mustere den Punk, schüttle den Kopf und wende mich zur Haustür.

Kurz halte ich inne.

“Wenn du die Bullen rufst, verteile ich deine Gedärme auf der ganzen Hauptstraße, klar?”

Er nickte, seine Unterlippe zittert schon wieder.



5

Sobald ich aus der Wohnung raus bin, kaufe ich mir am Kiosk einen kleinen Block. In der U-Bahn sitzend beginne ich mir alles aufzuschreiben, damit ich nichts vergesse. Meine beste Verdächtige ist Larissas Schwester. Aber bei dem Namen? Da kann ich ja ewig suchen. Larissa Smith….. das könnte auch ein Prostituierten-Pseudonym sein. Obwohl, dann hieße sie vielleicht ja eher Candy oder Lilly… ach keine Ahnung! Wütend klappe ich den Notizblock zu. Das bringt mich erstmal nicht weiter!

Als ich an der Grand Central umsteigen will, sehe ich in haselnussbraune Augen, die mich wiedererkennen. Ich erkenne sie auch wieder, wie könnte ich die vergessen?

“Scheiße”, fluche ich. Da, nur einen Meter von mir entfernt, steht Mila Novakova. Diesmal hat sie natürlich mehr an, aber ich erkenne die dunklen schwarzen Haare ebenso wie die braunen Augen wieder. Sie hat mich auch gesehen und ist stehengeblieben. Kurz blinzelt sie mich an, dann macht sie auf dem Absatz kehrt. Ich bin unentschlossen. Soll ich ihr hinterherlaufen? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns in einer Millionenstadt wie New York über den Weg laufen? Wird sie die Polizei rufen? Ich denke zu lange nach, da ist sie bereits in der Menschenmenge verschwunden.

Ich seufze. Irgendwie bin ich froh, dass sie weg ist. Andererseits, hätte ich gerne noch mit ihr… ich halte inne. Was hätte ich? Geredet, über meinen Arbeitstag? Ich schüttle den Kopf und mache mich auf den Weg nach Hause. Was für ein Unsinn, ich bin wohl mehr mitgenommen von der Erpressung als ich dachte! Ich fahre nach Hause und mache mir eine Portion Spaghetti mit Bolognese. Während der dampfende Teller vor mir auf dem Küchentisch steht, schaue ich mir die anderen Fotos an. Eines fällt mir besonders auf.

Larissa kam aus der Bronx, das hat Johnny King gesagt. Ich schaue es kurz in meinen Aufzeichnungen nach. Einer der anderen, wohnt in der Bronx. Okay, er ist ein Latino, oder Hispanic? Jedenfalls hat er einen spanischen Namen, also ist die Bronx jetzt durchaus ein Ort, wo ich ihn vermuten würde. Aber es ist ein dünner Faden. Trotzdem, besser als gar nichts.

Ich gehe zeitig ins Bett, um Morgen in aller Frühe loszuziehen. Juan sieht nicht wie einer aus, der einer ehrlichen Arbeit nachgeht. Natürlich kann das ein Vorurteil sein, aber er hat diese Tätowierungen unter den Augen. Sie sehen aus wie Tränen. Es gibt eine Gang in New York , die an der halben Ostküste aktiv ist. Sie nennen sich Marabunta und wer dazugehören will, muss einen Mord begehen. Dafür darf er sich dann die erste Träne tätowieren lassen. Ich habe nie einen von denen getroffen und halte das für eine tolle Geschichte. Vielleicht tätowieren die sich die auch alle nur, damit sie wie harte Jungs aussehen und erzählen die Geschichte, wer weiß? Bis man vor einem Richter sitzt, rundet man die Zahl seiner Opfer ja gerne auf. Danach werden viele sehr bescheiden, habe ich schon oft gesehen bei Kollegen.



6

Am nächsten Morgen mache ich mich auf den Weg in die Bronx. Die Adresse führt mich zu einer kleinen Straße, in der ich umgeben bin von sechs stöckigen braunen Gebäuden. Feuerleitern sind außen angebracht. Hier und dort sitzen Jugendliche in den Hauseingängen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die schon länger nicht in der Schule waren.

Ich sehe noch mal auf das Foto. Juan Esteban Baptiste Gonzales. Er hat eine Glatze und mehrere großflächige Tätowierungen am Hals. Für mich wäre das ja nichts. Nicht nur, dass es einem den Beruf unnötig schwer macht, was bitte soll ich mir in die Haut stechen lassen? Wenn man schon etwas für immer in die Haut sticht, sollte es bedeutend sein, nicht irgendeine Banalität. So ein, Nutze deinen Tag, Kram ist jetzt nicht so ungewöhnlich, dass ich ihn vergesse, wenn er mir nicht auf dem Oberarm steht. Dazu kommt, was machst du wenn du deine Meinung änderst? Da stichst du dir den Elefanten der Republikaner auf die Brust und erlebst eines Tages, dass du dann doch lieber Demokraten wählen willst. Oder deine Lieblingsband bringt nur noch Scheißalben heraus. Dann stehst du da, mit deren Schriftzug auf der Stirn.

Ich gehe zu dem Haus, in dem Esteban wohnen soll. Im Eingang sitzen drei Jugendliche mit dunkler Hautfarbe. Also keine richtigen Schwarzen, eher so Latinos. Sagt man das noch? Oder ist das wie mit dem N-Wort? Sagt man das nur, wenn man selbst so ein afrikanischer Amerikaner ist?

Die Jungs sitzen auf den Treppenstufen des Hauses und versperren jedem den Weg, der durch will. Ich setze mich auf eine Bank ein Stück die Straße herunter und nehme mir mein Handy. Ich scrolle wahllos über eine Nachrichtenseite und warte. Man kann nicht einfach zu so einem Kerl gehen und schauen, ob er da ist. Nicht dass ich ihn nicht wie den Punk einfach abknallen kann, aber was nützt mir das? Ich weiß einfach noch zu wenig. Da ist meine Arbeit vielleicht gar nicht so anders als die eines Polizisten. Es kommt auf gute Recherche an.

Ich warte also, wann Esteban geht und wann er nach Hause kommt.

Die Zeit vergeht und ich beginne zu bereuen, dass ich mir keinen Kaffee mitgenommen habe. Andererseits, dann müsste ich jetzt irgendwann pinkeln. Auch blöd dafür die Observation zu unterbrechen. Ein Straßenkehrer kommt vorbei und fährt durch die Straße. Er hält nicht, obwohl hier offensichtlich mal sauber gemacht werden müsste. Aber das ist wohl so eine dieser Straßen, wo die Einwohner zwar jammern, dass hier nie geputzt wird, aber unschuldig sind sie nicht daran. Wäre keine Arbeit für mich, bei der Straßenreinigung. Wirklich gut bin ich eher darin jemanden zu töten. Es geht schnell und du wirst erstaunlich gut bezahlt. Hat sich einfach so ergeben. So wie andere echt gut darin sind einen Football zu werfen oder einen Golfball zu schlagen. Endlich verlässt Esteban seine Wohnung. Ich erkenne ihn sofort, wie er aus dem Haus heraus kommt und die Kinder davor aufspringen. Meine Güte sind die auf einmal mobil.

Er geht die Straße herunter, steigt in einen Wagen und fährt weg. Ich betätige die Stoppuhrfunktion meines Handys. Ich denke, ich habe mindestens eine halbe Stunde, bevor er zurück kommt, denn hier ist auch eine U-bahn Station. Wenn er das Auto nimmt, will er weiter weg.

Die dunkelhäutigen Jungen sitzen jetzt wieder auf dem Treppenabsatz von Estebans Wohnhaus und damit mir im Weg. Ich bleibe stehen und musterte sie.

“Lasst mich durch”, sagte ich. Ich trage bequeme Halbstiefel, ich kann mir meinen Weg schon dadurch bahnen.

Einer der drei springt auf die Beine und baut sich vor mir auf. Seine sackförmige Hose rutscht etwas herunter, sodass er sie mit einer Hand festhalten muss. Seine Kumpels springen auch auf die Beine, sind aber deutlich langsamer als er. Seine freie linke Hand nutzt der Kurze, um mir seinen Finger ins Gesicht zu halten.

“Ey, so redet man nicht mit mir. Wenn du in mein Haus willst, zahlst du mir was dafür.”

“Ich bezweifle, dass dir das Haus gehört, Junge”, sage ich ruhig. “Jetzt mach, dass du wegkommst. Ich bin eine Nummer zu groß für dich.”

Es blitzt in seinen Augen. Die Hände habe ich in den Jackentaschen. Ich ziehe die Jacke etwas zurecht, sodass sich mein Schulterholster abzeichnet.

Der Junge ist nicht dumm. Seine Augen weiten sich und er nickt. Dann dreht er sich von mir weg und macht ein Zeichen mit der Hand, dass ihm seine Spießgesellen folgen sollen.

Die schauen etwas doof aus der Wäsche, sind aber ganz gut abgerichtet und folgen ihm wortlos.

Der Junge hat die richtige Entscheidung getroffen. Es ist nicht so, dass ich Angst vor einer Konfrontation habe, aber man kann sich sowas ja auch sparen. Die Tür zu dem Haus ist nicht abgeschlossen, die Gegensprechanlage sieht aus als wäre sie aus den Achtzigern und seit damals kaputt. Ich gehe ins Treppenhaus und bewundere auf dem Weg nach oben die verschiedenen Comicfiguren, die jemand an die Wand gesprüht hat. Ich erkenne einen echt guten Batman. Batmans wache Augen ruhen auf mir, als ich vor Juan Estebans Tür stehen bleibe. Das Namensschild ist selbst ausgedruckt und angeklebt an der Holztür. Ich lege mein Ohr auf die Tür und lausche. Hinter mir, aus der Wohnung gegenüber höre ich eine Frau kreischen und wütend fluchen. Jemand versucht immer wieder zaghaft etwas einzuwerfen, wird aber von ihr niedergeschrien. Aus Estebans Wohnung höre ich gar nichts.

Ich besehe mir das Türschloss und zücke ein kurzes Messer, das ich immer bei mir habe. Ich fummele eine Weile zwischen Tür und Rahmen herum bis es knackt und im Rahmen etwas zerbricht. Die Tür lässt sich öffnen und ich kann sie wieder zuschieben, so dass man von außen nichts sieht.

Gott sei Dank hat der kein zweites Schloss davor gehängt! Aber ich denke mal, einen Marabunta Kerl greift man nicht einfach so an. Kurz überlege ich, ob es eine gute Idee ist, aber dann schüttel ich den Kopf. Es wird schon nichts passieren. Ich bin ohne jede Verbindung zum Opfer, deswegen heuert man mich an. Auf mich kommt man nicht, das klassische Ermitteln nützt dir nichts bei einer bestellten Tat.

Nur leider bin ich dieses mal unbezahlt, wie mir wieder einfällt.

Ich sehe mich in der kleinen Wohnung um. Es sind nur zwei Zimmer und ein Bad, alles so leer wie ein Hotelzimmer. Das ist seltsam. Juan Esteban sah nicht nur wie ein Mann fürs Grobe aus, sondern auch wie jemand, der nicht den ganzen Tag aufräumt. Ich sehe mir die Schränke und Schubladen genauer an. Es ist fast nichts drin. Nach und nach wird mir klar, dass das hier eine Zweitwohnung ist.

Es fehlen die persönlichen Dinge. Bis auf einen Schrank. Da finde ich ein Fotoalbum. Ich schlage es nach wenigen Blicken wieder zu und lege es weg. Allerdings habe ich nichts Besseres zu tun, während ich auf ihn warte. Er wird wiederkommen, im Kühlschrank ist nicht nur Obst, es ist noch Kaffee in einer Kanne. Ich hätte auch nicht gedacht, dass dieser Kerl soviel Obst hat. Aber andererseits, muss man ja auch keine Vorurteile haben.

Ich sehe mir das Album genauer an. Es sind Frauenfotos... Erst sind es Sofortbildkamera-Bilder, diese mit dem Rahmen. Diese Bilder, die man so hin und her wedelt damit sie sich entwickeln. Später sind es ausgedruckte, so wie man sie in jedem Drogeriemarkt machen lassen kann, oder im Internet. Die Frauen darauf sehen nicht gut aus. Sie haben Veilchen und liegen auf dem Bett, das ich hier vor mir habe. Ich glaube nicht, dass sie tot sind, denn sie sind da in Posen, als hätte man sie verprügelt.

Ein Foto fällt mir auf. Larissa Howard. Es ist die einzige Larissa. Leider sieht sie auf dem Bild nicht gerade gut aus, aber vielleicht ist es ja die ominöse Larissa Smith?

Ich stecke das Foto ein.

Dann packe ich das Album weg. Ich nehme mir einen Stuhl und setze mich darauf. Auf dem Bett will ich nicht mehr sitzen.

Ich warte also auf die Rückkehr von Juan und fülle mir einen Kaffee ein. Die Zeit vergeht, ich habe es schließlich nicht eilig. Heute ist Juan Estebans letzter Tag, da will ich mal nicht so sein, wenn es später wird. Wenn es nach mir geht, muss niemand sterben, aber ein Auftrag ist ein Auftrag. Trotzdem wurmt mich, dass ich nicht bezahlt werde hierfür. Irgendwann klickt es im Schloss und Juan Esteban tritt in seinen Hausflur. Er schließt die Tür hinter sich. Die kleine Küche, in der ich sitze, ist ums Eck, er kann mich nicht sehen. Ich kann ihn aber deutlich hören. Er flucht auf Spanisch, weil er entdeckt hat, dass das Schloss kaputt ist. Dann stürmt er an mir vorbei zum Schlafzimmer, sucht sein Album. Er nimmt mich im Halbdunkel der Küche gar nicht wahr. Also stehe ich auf, ziehe meine Pistole und traten in den Türrahmen des Schlafzimmers.

“Hände hoch”, sage ich. Der Kerl wirbelt herum und wirft das widerliche Fotoalbum nach mir, doch ich weiche aus und ziele noch immer auf ihn. Er hebt die Hände und flucht auf Spanisch.

“Putos ladrones!”, flucht er und funkelt mich böse an. “Quien eres?”

“No comprende”, sage ich die einzigen spanischen Wörter, die ich kann. Natürlich weiß ich auch was Tacos sind, aber das hilft mir jetzt nicht. “Sprich Englisch. Das hier ist New York, Mann!”

“Was tust du in meinem Haus? Wer schickt dich?”

“Erstmal hab ich eine Frage”, sage ich. “Du bist Juan Esteban Bapstiste Gonzales?”

Ich erkenne ihn unzweifelhaft von dem Foto wieder, aber ich will ein Gespräch beginnen. Vielleicht weiß er etwas.

“Ja”, sagt er und sieht sich um. Ich habe schon kontrolliert, dass hier keine Waffen versteckt sind.

“Was hat es mit den Frauen in dem Album auf sich? Sind sie tot?”, frage ich. Verdammt, das wollte ich eigentlich nicht wissen! Das ist mir jetzt so rausgerutscht. Ich beiße mir auf die Zunge. Sowas will ich im Zweifelsfall doch gar nicht wissen! Es ist nicht dein Auftrag, rufe ich mir in Erinnerung. Es geht dich nichts an!

“Nein Pendejo.”, sagt Esteban und lacht dreckig. “Ich hab sie härter angefasst, ja und? Das ist meine Sammlung, ey? Ich bring hier gerne welche mit hin und ich mags gerne feste, klar?”

“Hmm”, brumme ich. “Bist du auch ihr Zuhälter?”

Ich erinnere mich, dass Larissa Smith einen gehabt hatte.

Esteban wiegt den Kopf etwas hin und her.

“Nein, Prostitution ist illegal hier im schönen Estado New York.”

“Das ist mir sowas von egal. Sehe ich aus wie ein Polizist? Also, bist du?”

“Also ich habe Mädchen, die mich sehr mögen”, sagt Esteban. “Die geben mir gerne mal Geld dafür, dass ich mit ihnen schlafe.”

“Auch die aus dem Album?”

“Auch die, ja”, sagt Juan Esteban und grinst anzüglich. Seine Tätowierung verzieht sich dabei. “Ich bin halt wirklich gut.”

“Ist dir eine weggelaufen?”, frage ich.

Er schüttelt den Kopf.

“Nee, die kommen alle wieder und wieder. Ich bin sehr anziehend, weißt du?”

“Ist dir vor kurzem eine Larissa Howard weggelaufen?”, werde ich deutlich. Ich zeige mit der freien Hand auf das Foto aus dem Album.

“Ach die… geht es um sie?” Er spuckt aus. “Deswegen bist du hier? Ich fass sie einmal härter an als sonst und schon glaubt sie, sie kann abhauen.”

“Konnte sie aber nicht?”

Er blinzelt verdutzt.

“Bisher”, sagt er leise. “Bisher ist sie nicht wieder aufgetaucht.”

“Du weißt nicht, wo sie ist?”, frage ich. “Denk nach, das ist sehr, sehr wichtig für dich.”

Ich ziehe den Hahn meiner 38., um der Bitte Nachdruck zu verleihen. Dabei sehe ich mir auch seine beeindruckenden Tätowierungen an. Am Hals ist es ein chinesischer Drache, über dem Herz ein Kreuz. Ich glaube nicht, dass er sich in seinem Leben sehr christlich verhalten hat.

“Caramba, ich weiß es nicht! Ich hab sie von der Straße aufgelesen, und eine Weile arbeiten geschickt, okay? Dann wurde sie hysterisch und ist mir weggelaufen. Ich habe sie seit mehr als einem Monat nicht gesehen, ich schwöre es!”, ruft er aus.

“Schwöre bei der Marabunta.”

Kurz zögert er und nickt dann. “Ich schwöre bei der Ehre meiner Brüder von der Marabunta. Die werden dich sowas von schlachten, wenn du mir was antust, Pendejo!”

“Seitdem sie dir vor ein paar Wochen weglief, hast du also Larissa Howard nicht wieder gesehen?”, frage ich unbeirrt weiter.

„Nein, Hombre! Hat dir eigentlich schon mal jemand gesagt, dass du eine Nervensäge bist?“

„Das höre ich immer wieder.“

Ich ziehe meine Waffe und richte sie auf ihn.

„Du wirst es allerdings nie wieder hören müssen“, sage ich und drücke ab.

Ich hinterlasse einen hässlichen Fleck an der Wand, während der harte Latino in sich zusammenfällt wie eine Puppe, deren Fäden man durchtrennt hat.

Anschließend sehe ich mich noch einmal kurz um, kann aber nichts Interessantes finden als das Album. Das Foto von Larissa habe ich bereits, also ist es wohl Zeit zu gehen.

Ich ziehe ein Taschentuch heraus und wische beim Hinausgehen die Türklinke sauber. Beim Rausgehen lasse ich die Tür ins Schloss fallen.

Niemand ist auf den Fluren, entweder hat den Schuss keiner gehört oder es interessiert keinen. Das hier ist so eine Gegend, wo die Wahrheit meist irgendwo dazwischen liegt.



7

Ich fahre mit der U-Bahn Downtown und suche mir eine Pizzeria. Während ich auf die Pizza warte, hole ich meinen kleinen Notizblock heraus und schreibe nochmal auf, was ich weiß. Ich will es ordnen.

Ich denke, ich habe jetzt eine bessere Ahnung, worum es hier geht. Larissa Howard wird von Juan aufgesammelt auf der Straße. Sie wird anschaffen geschickt, vielleicht Drogenabhängig gemacht. Sie geht anschaffen und arbeitet im EDEN. Keine besondere Geschichte, auch wenn sie traurig ist. Sowas passiert jeden Tag irgendwo. Dann passiert etwas, sie landet bei dem Punk Johnny King. Erst ist er ihr Kunde, dann wohnt sie bei ihm. Auf die Weise kommt sie weg von Juan. Dann kommt ihre Schwester ins Spiel.

Ich male Larissas Werdegang als kleinen Zeitstrahl auf. Bei ihrer Schwester mache ich ein Fragezeichen. Die redet mir ihr und danach trennt sie sich vom Punk Johnny. Sie will nicht mehr anschaffen.

Meine Pizza kommt. Es ist eine Salamipizza, die hier mit zwei Sorten echten italienischen Käse gemacht wird. Ich muss zwar ein wenig auf meine Figur achten, aber man muss sich ja auch mal was gönnen! In meinem Beruf muss man fit sein. Ich will nicht eines Tages gefasst werden, nur weil ich nicht schnell genug wegrennen kann! Einen dicken Auftragskiller, das hat man auch noch nicht gesehen….

Während ich anfange zu essen, denke ich über meinen Fall nach.

Ich ergänze auf meinem Block das Larissas Nachname wohl Howard ist und sie sich dann Smith nannte. Ihre Schwester wäre interessant kennen zu lernen, aber ich glaube nicht, dass Johnny da helfen kann. Wenn Larissa Familie hat, die sich Sorgen macht oder vor der sie weggelaufen ist, wäre das ein Anknüpfungspunkt. Ich überlege wie Larissa das verbindende Element sein kann, komme aber nicht so richtig darauf wie das zu mir führt.

Also esse ich genüsslich meine Pizza zu Ende und zahle.

Mein Handy vibriert. Ich habe eine sms von Finnigan. Ich hab natürlich keine Ahnung, ob er wirklich so heißt. Aber er ist Ire und irgendwie muss ich die Nummer ja einspeichern.

Der Text ist knapp: Treffen uns im Dublin. Heute Abend, 17 Uhr.

Ich hebe überrascht die Augenbrauen. Finnigan hat mich schon eine Weile nicht mehr kontaktiert. Das passiert immer mal wieder. Manchmal wollen sie neue Hitmen, manchmal wollen sie lieber nicht zu oft Gebrauch von dir machen, damit es keine Regelmäßigkeiten gibt, die man zurückverfolgen kann.

Das Dublin ist eine Kneipe unten in Alphabet City. Das sind die Avenue A, B, C und so weiter.

Ich rufe mir sofort ein Taxi. Wenn ich da bis neunzehn Uhr sein will, mach ich mich besser jetzt auf den Weg.

Ich komme gerade rechtzeitig. Das Dublin ist ein kleiner Club, mit einer grünen Neonreklame. Der Club hat schon auf, aber es ist kaum etwas los. Es ist einfach zu früh. Der Türsteher will mich kontrollieren, doch ich lehne ab. “Ich werde erwartet. Nick”. Der Mann sieht auf seine Liste, ziemlich skeptisch. Doch er muss leider erkennen das “Nick” wirklich auf der Liste steht. Unzufrieden verzieht der breite Kerl den Mund, lässt mich aber durch. Drinnen sind nur eine Handvoll Leute, es geht gerade erst los. Ein paar grell geschminkte Asiatinnen kommen auf mich zu, doch ich schüttle den Kopf.

An der Theke sitzt Finnigan. Er ist ein dürrer beinahe skelettartiger Kerl ohne jede Haare und mit tiefliegenden blauen Augen.

“Ah, Mister Nick”, sagt er als ich mich neben ihn setzte.

“Nick reicht”, erwidere ich. “Was kann ich so kurzfristig für Sie tun?”

Finnigan arbeitet für eine kleine irische Mafia Gruppe, deren Gründer mal Geld mit Schnapsbrennereien während der Prohibition verdient haben. Sie haben Hochs und Tiefs durchgemacht, aber es gibt sie noch heute. Das ist auch eine Leistung, mehr als drei Generationen Mafia. Ist somit ein richtiges Traditions-Familienunternehmen.

“Wir haben einen Auftrag für dich”, sagt Finnigan. Er hat eine Stimme wie brüchiges Papier, die man kaum hören kann bei der Bumsmusik hier.

Ich habe zwar grad einen Auftrag, aber für den werde ich nicht bezahlt.

Irgendwie muss man ja auch die Miete verdienen. Deswegen habe ich diesen Beruf ja ursprünglich angefangen. Man bekommt viel Geld für etwas, das mir jetzt nicht sonderlich viele Probleme bereitet. Andere Leute scheinen da nicht so gestrickt zu sein wie ich.

“Worum geht es?”, fragte ich und winke den Barman heran. “Einen Whiskey”, sage ich. Finnigan wartet ab bis ich ein halbvolles Glas vor mir habe.

“Kennst du Trevor Liffey?”

“Ist der nicht vor einem Monat getötet worden? Jemand hat doch sein Auto in die Luft gejagt. Der Zeitzünder war denke ich miese Arbeit, sonst wäre der Wagen nicht erst hochgegangen als er mitten auf einer Hauptstraße war”, sage ich und kratzte mich nachdenklich am Kopf. Dann nippe ich am Glas und verziehe zufrieden das Gesicht. Oh, man muss das ausnutzen, wenn man bei den Iren zu Gast ist!

“Das war einer unserer Jungs. Es war nicht so, wie es sein sollte.”

“Das kommt vor”, sagte ich.

“Nicht mehrere Male. Es war zu groß, zu auffällig. Das können wir nicht gebrauchen. Wir werden nur in Ruhe gelassen, wenn wir andere in Ruhe lassen. Er geht jeden Tag auf der Brooklyn Bridge joggen, um sechs Uhr.”

Verdammt, geht es mir durch den Kopf. Um sechs Uhr? Das ist echt früh.

“Wie sieht er aus?”, frage ich und trinke mein Glas aus. Mir wird ein Briefumschlag gereicht. Dollarscheine und ein Foto. Ich sehe mir an wie viele Scheine da drin sind und bin wirklich zufrieden! Meine Erfahrung sagt mir allerdings, dass es dabei noch einen Haken geben muss.

“Wann soll es erledigt werden?”

“Morgen früh. Wenn er joggen geht. Auf der Brooklyn Bridge, mit einem Scharfschützengewehr.”

“Das wird aber eine Welle in der Presse schlagen”, sage ich vorsichtig. Finnigan nickt.

“Genau das soll es. Er hat schlampige Arbeit geliefert. Jeder soll wissen, dass wir das nicht tolerieren. Wir wollen ein Zeichen setzen.”

Ich schlucke und auf einmal fühlt sich meine Kehle trocken an. Wie er das “jeder” betont hat. Ich glaube, das war eine Drohung oder zumindest eine Warnung. Ich bleibe äußerlich ganz ruhig und nicke abgeklärt.

“Kein Problem, wird erledigt.”

Wir geben uns die Hände und ich mache mich auf den Weg nach Hause.

Dort seh ich mir nochmal die Notizen an, bezüglich Larissa Howard. Aber mir fehlt irgendwie ein Stück des Puzzles. Es passt so nicht ganz. Eine Weile suche ich zu ihrem Namen,was ich so finden kann. Aber ehrlich gesagt ist das einfach zu viel. Der Name kommt alleine in New York einige Dutzend Male vor und dann beschränke ich mich nur auf die Stadt New York. Wenn man auch den Bundesstaat mit reinnimmt, werden es richtig viele. Also gebe ich erstmal auf, was das angeht. Ich stelle mir den Wecker, damit ich morgen auch früh genug raus komme, um mich passend zur Brooklyn Bridge zu setzen. Normalerweise hätte ich da gerne ein paar Tage Vorbereitung und würde mir einen Ort suchen, an dem ich unbeobachtet jemanden töten kann. Aber hier soll es ja groß in die Medien kommen. Ich hoffe sehr, dass mich das nicht trifft. Aus meinem Waffenschrank hole ich ein altes Springfield Scharfschützengewehr. Ein altes Stück, mehr als zehn Jahre. Ich habs ein paar Mal auf dem Schießstand dabei gehabt und es funktioniert tadellos. Vor allem aber ist es nicht registriert und ziemlich gut auf zwei, dreihundert Meter. Ich sehe mir im Internet eine Karte der Brooklyn Bridge an und markiere mir Positionen, von wo aus man gut auf die Brücke schießen können müsste. Ich muss daran denken, wie mich diese blöde Navigationsfunktion zum falschen Haus geführt hat und ich seufze.

Als ich mit allem durch bin, sehe ich mir mein nächstes Opfer von meinem namenlosen Erpresser an. Dazu nehme ich mir eine Packung Chips. In irgendeiner Dokumentation habe ich mal gehört, dass sie in New York erfunden wurden. Da muss ich sie ja quasi als guter Lokalpatriot essen.

Mit der Chipstüte bewaffnet sehe ich mir mein nächstes Opfer an.

Frank McKinley, ist sein Name. Auf dem Bild sieht er bieder aus. Ich denke es ist ein Profilbild, von irgendeiner Berufswebsite. Weißes Hemd, dunkle Weste und Jackett. Am Halsansatz ist ganz schwach etwas zu sehen, vielleicht ein geschickt verstecktes Tattoo? Ich sehe auf die Rückseite. Außer seinem Namen und der Adresse in Queens steht dort, dass er Polizist ist. Ich sehe mir nochmal das Bild an. Frank hat kurze dunkelbraune Haare, die auf dem Rückzug sind. Es bleibt eine Spitze vorne übrig, die Schläfen werden weniger. Sein imposanter Schnauzer soll vielleicht davon ablenken. Den stell ich mir ehrlich gesagt aber unpraktisch vor. Wenn man mal erkältet ist, zum Beispiel.

Das mit der Tätowierung erinnert mich an etwas, aber ich komm grade irgendwie nicht drauf. Erschrocken stelle ich fest, dass ich bereits die halbe Tüte leer gefuttert habe. Ich seufze. So ist das immer mit diesem Zeug. Ich klebe die Tüte wieder zu und packe sie in dem Schrank und gehe ins Bett.

Eine Weile liege ich noch wach und kann nicht recht einschlafen. Mich hat es nie belastet was ich tue. Deswegen bin ich wohl auch gut darin. Doch als ich jetzt die Frau wieder gesehen habe, komme ich ins Grübeln. Ich war im falschen Haus, hätte vielleicht die falsche Person erschossen. Unwillkürlich frage ich mich, ob Esteban jemanden hat, der auf ihn zuhause wartet. Ich schüttle den Kopf. Wohl kaum. Meine Gedanken kreisen um dieses widerliche Buch. Dann komme ich erneut ins Grübeln. Das war vermutlich eine Zweitwohnung. Also hat er eine Erstwohnung. Vielleicht also doch jemandem vor dem er alles versteckt?

Ich schweife ab in wirre Träume. Bevor die Sonne aufgeht, plärrt mein Wecker und reißt mich aus den Armen des Schlafes. Ich mache mich fertig, packe das Scharfschützengewehr in eine Golftasche und mache mich auf den Weg. In der Golftasche sind auch zwei Steine. Die brauche ich später noch. Der erste Punkt, den ich mir herausgesucht habe, ist nicht so gut geeignet. Ein paar Sträucher sind mir im Weg, ich kann die Brooklyn Bridge nicht gut sehen. Also gehe ich weiter zum nächsten Punkt. Hier ist ein kleiner Park, Menschen sind vereinzelt mit ihren Hunden unterwegs. Es gibt genügend Grün um mich zu verbergen, als ich mich hinlege und auf die Brücke ziele.



8

Morgens um sechs auf der Brooklyn Bridge entdecke ich mein Opfer. Ich atme ruhig ein und aus, warte ab. Dann schieße ich. Er sackt zusammen. Jemand schreit. Ich springe auf, schnappe mir das Gewehr und stecke es in die Golfschlägertasche. Ich mache mich auf den Weg zum Hudson. Die Waffe werfe ich dann, mit den Steinen beschwert in den Hudson. Sie wird sich dort sicher eine Weile in den tiefen Strömungen bewegen und irgendwann an die Oberfläche kommen. Ich benutze selten eine Waffe mehrmals. Meine 38. hole ich auch heraus und werfe sie gleich hinterher. Ich weiß, dass es teuer ist, jedes mal eine Waffe zu wechseln. Zudem mag man ja seine schönen Stücke. Aber man muss da konsequent sein, sonst müsste ich öfter den Wohnort wechseln. Und wer will schon New York für irgendeinen anderen Ort auf der Welt aufgeben?

Ich spaziere zurück in die Stadt, pfeife leise vor mich hin. Bevor ich mich Frank McKinley widme, will ich eine neue Waffe. Das Foto habe ich in der Jacke. Da steht, er soll die Knie zerschossen bekommen. Nicht sehr nett, aber es ist ja nicht meine Entscheidung.

Ich fahre nach Downtown und gehe dort in den Waffenladen “El Commodore”. Eine kubanische Flagge hängt hinter der Theke. Mich begrüßt Juan Martinez, ein Exilkubaner.

“Miralo”, ruft er nach unten in den Laden. “Schau wer da ist”

Von hinten kommt sein Bruder Pedro. Sie beide mussten wegen irgendwas aus Kuba fliehen. Obwohl sie nicht zurückkehren können, halten sie die Revolution hoch, wie sie beide immer wieder beteuern. In der Nachbarschaft gelten sie als nette Eigenbrötler. Ihr Waffenladen läuft gut, sie verkaufen unter der Hand auch unregistrierte Waffen.

“Ah, Senor Nick. Was kann ich für sie tun?”, fragt Pedro und wischt sich Öl von den Händen mit einem Lappen.

“Eine 38. Revolver, kurzer Lauf”, sage ich.

“Eine Handtaschenwaffe?”, fragt Pedro lachend und verschwindet nach hinten im Laden.

“Eine unbefleckte, für die Selbstverteidigung”, sage ich. Pedro weiß schon, was ich meine.

Er kommt mit einer Holzkiste wieder.

Darin ist eine 38.er, blitzblank mit Munition.

“Bitte, das sind dann aber 300 Dollar.” Er hebt entschuldigend die Hände. “Ich weiß, das ist happig. Aber sowas ist einem ja auch was wert. Es ist ja nicht nur die Waffe an sich, nicht wahr?”, sagt er und lächelt. Ich seufze und zähle die Scheine ab. Für die Hälfte würde ich eine Legale bekommen. Aber er hat recht. Eine unregistrierte Waffe, die garantiert noch nicht in einem Verbrechen verwendet wurde, ist nunmal soviel wert.

Ich bezahle also widerwillig, lade die Waffe, sichere sie und stecke sie in meinen Schulterholster unter der Jacke.

“Lass es krachen”, ruft Pedro mir noch nach, als ich den Laden verlasse. Sein Lachen begleitet mich nach draußen. Darauf erwidere ich besser nichts, das ist mir einfach zu doof.



9

Nach Queens brauche ich eine ganze Zeit. Leider kann ich nicht einfach mit dem Taxi fahren. Das wäre mal eine gute Spur, für die Polizei. Am besten würde ich den Taxifahrer bitten ein wenig zu warten, damit er mich hinterher gleich wieder mit nach Hause nehmen kann.

Schlussendlich komme ich in der J.-Shanow-Road Nr 228 an. Es ist ein Wohngebiet.

Ich bin im Viertel Astoria, am Rand von Queens und damit auch am Rand von Long Island.

Eine Reihe brasilianischer Läden gibt es hier. Ich glaube jedenfalls, dass es Brasilianer sind. Die Sprache kann ich schwerlich von Spanisch unterscheiden. Aber so ist New York, hier gibt es jede Sprache der Welt.

Ein Wohngebäude aus dunklem braunen Backstein ragt hier drei Stockwerke über mir auf. Unten ist ein brasilianisches Restaurant. Das erkenne ich einwandfrei an der Fahne im Fenster. Eine kleine Tür daneben führt wohl zu den Wohnungen da oben. Wie es sein muss, jeden Tag diese Gerüche da oben zu haben? Es riecht nach gebratenem Fleisch und mir läuft ein wenig das Wasser im Mund zusammen. Ich bin allerdings zum Arbeiten hier, schärfe ich mir ein.

Ich gehe zur Haustür der Wohnungen und sehe mir die Namen an. Frank McKinley wohnt im dritten Stock. Ich überlege wie ich da rauf kommen soll. Es ist ein wenig zu früh am Tag, um es mit dem Pizzatrick zu versuchen. Mein Blick fällt auf den Wagen eines Paketboten. Ein Grinsen huscht über mein Gesicht.

Ich klingele.

“Ja? Wer stört?”, fragt eine grantige Stimme, vom Whiskey oder Rauchen beeindruckend rau.

“Mister Mckinley? Ich habe ein Päckchen für Sie. Leider müssen Sie unterschreiben. Kommen Sie runter oder soll ich raufkommen? Bitte, ich werd nach erledigten Aufträgen bezahlt, ich habs eilig!”

“Haben wir alle, Junge. Komm rauf!”

Der Türsummer geht und ich gehe hinauf. Jetzt kommt es darauf an schnell zu sein. Ich bin bereits oben im dritten Stock, als die Tür zur Wohnung aufgeht. Ich erkenne sofort Frank McKinley an seinem imposanten Schnauzer.

“Was?”, bringt er noch heraus, dann schubse ich ihn schon zurück in seine Wohnung. Er stolpert, fällt um und landet der Länge nach auf dem Flur. Ich ziehe die Tür zu, hole meine 38.er heraus und sehe in die Zimmer, die vom Flur abgehen. Er ist alleine, die Wohnung ist klein. Hier wohnt sonst niemand. Er kriecht vor mir, will zu einer Kommode. Sicher hat er da eine Waffe drin. Ich habe auch zwei in meiner Wohnung versteckt. Nur für den Fall, dass mal jemand mich lieber mit Blei als Dollar bezahlen will.

Ich ziehe den Hahn meines Revolvers zurück. Das Geräusch lässt Frank McKinley innehalten.

“Keine Bewegung”, sage ich. “Und kein Mucks! Damit das klar ist, ich verspreche, Sie nicht zu töten. Das habe ich nämlich nicht vor und da haben wir dann beide nichts von. Klar soweit?”

“Und das soll ich Ihnen glauben?”, fragt Frank und dreht sich etwas schwerfällig um.

Ich zucke die Schultern.

“Müssen Sie wohl. Ich habe eine Waffe in der Hand. Damit hab ich das bessere Argument.”

Frank lacht trocken und ohne sonderlich viel Humor.

“Klar. Ist das nicht von Al Capone? Mit Höflichkeit und einer Waffe kann man mehr erreichen als nur mit Höflichkeit.”

Frank hustet erneut. “Darf ich mich hinsetzen und eine anzünden?”

“Klar”, sage ich. Er lehnt sich an den Türpfosten und ich sehe dabei zu wie er sich eine Zigarette anmacht.

“Sie auch?”, fragt er. Ich schüttle den Kopf.

“Nein danke, das bringt einen um.”

Er lacht. Ich sehe ihn fragend an.

“Was?”

“Ich denke, dass in Ihrem Gewerbe gefährlichere Dinge auf Sie warten als Krebs im Alter.”

Da hat er wohl recht und ich bin erstmal kurz sprachlos. So habe ich das noch nie gesehen. Bevor ich jetzt weiter aus dem Konzept gebracht werde, frage ich: ”Kennen Sie Larissa Howard? Auch bekannt als Larissa Smith?”

“Was ist mit ihr?”, fragt Frank McKinley und zieht genüsslich an der Zigarette. Er bläst einen beachtlichen Rauchkringel.

“Ich stelle die Fragen”, erinnere ich ihn und sehe erst zu der Waffe, dann zu ihm. “Klar?”

“Schon klar”, sagt er. Also… Larissa Howard?” Er kratzt sich am Kinn. “Ist jetzt nicht so der ungewöhnlichste Name. Schwarz oder Weiß?”

“Weiß”, sage ich. “Auch bekannt als Larissa Smith. Klingelt da irgendwas?”

Er lässt sich Zeit, denkt in Ruhe nach. Ein Leben lang im Polizeidienst hat ihn wohl ein wenig abgebrüht. Vielleicht glaubt er mir aber auch, dass ich ihn nicht töten will. Ich zeige ihm das Foto.

Er kneift die Augen zusammen und nickt dann.

“Da war mal was. Ist ein paar Monate her”, sagt er dann. “Ein Vermisstenfall.”

“Weiter”, knurre ich. Ich muss meine Aufregung verbergen. Nicht das er merkt, dass er nun mich am Haken hat.

“Also, da ist auf dem Revier eine Vermisstenanzeige eingegangen. Eine Larissa Howard ist verschwunden. Sie lebt draußen, in einem kleinen Vorort von Syracuse. Beschauliches Nest. Eigentlich nicht unsere Zuständigkeit. Da ist eine Larissa Howard weggelaufen von zuhause. Hatte irgendeinen üblen Streit? Das weiß ich nicht mehr. Die Schwester, Lisa Howard war wohl ihr Dreh- und Angelpunkt. Die lag im Krankenhaus. Dann kommt sie raus und ihre Schwester ist mir nichts dir nichts weggelaufen. Einfach weg, ohne viele Sachen, ohne ihre Bankkarte ja selbst ohne Handy. Dabei gehen die doch heute alle nichtmal mehr aufs Klo ohne.”

“Und wie landete das auf Ihrem Schreibtisch in New York?”, hake ich nach. Ich will, dass der Mann beim Thema bleibt.

“Naja ich arbeite ja auf dem 43. Revier. Das ist ein ganzes Stück, aber die Schwester hat wohl in den sozialen Medien eine Kampagne veranstaltet. Das Bild von Larissa gezeigt, wer sie gesehen habe, solle sich melden. Sowas. Da haben sich ein paar New Yorker gemeldet und schlussendlich hat der zuständige Deputy es an uns gemeldet. Waren wohl glaubwürdige Zeugenaussagen dabei. Dann sollten wir mal sehen, ob wir sie finden. Die üblichen Orte halt.”

“Die üblichen Orte?”

“Bei den Obdachlosen, den Asylen und Heimen und dann in den Bordellen. Sie ist jung und sah auf dem Foto gut aus.” Er zuckt die Schultern. “Irgendwann braucht so ein Streuner Geld und dann gibt es Geier, die davon leben. Sind Sie so einer?”

“Scheiße nein”, sage ich und stecke das Foto wieder ein. “Das habe ich jemandem abgenommen.”

“Kümmern Sie sich jetzt um sie?”, fragt Frank.

Ich schüttle den Kopf. “Ist echt kompliziert”, erkläre ich.

“Ist es immer”, sagt er und nickt verständnisvoll. Ich erinnere mich daran, dass ich ihm die Kniescheiben durchschießen soll. Er wird sein Leben lang nicht mehr richtig gehen können. Nur noch Innendienst schieben dürfen. Ich fühle mich nicht gut. Das hier gefällt mir nicht. Wenn ich Leute umbringe, sind es meist Drecksäcke, um die es nicht schade ist. Ich muss nicht mit ihnen reden, erfahren ob sie nett sind oder bei der freiwilligen Feuerwehr. Ich muss nichtmal wissen, warum sie sterben sollen. Das hier, ist was anderes. Jemanden so zu quälen, das ist nicht richtig. Wie einer Fliege die Flügel auszureißen und sehen wie sie rumrennt. Hab mal als Kind ein anderes Kind geschlagen, dass das gemacht hat. Manchmal muss man jemandem eine Lektion erteilen, das ist klar. Da kann auch mal ein Finger gebrochen werden. Aber das hier fühlt sich einfach falsch an, da bin ich sicher.

“Und haben Sie sie gefunden?”

“Larissa?”

“Ja, die.”

“Nein. Wir haben alles abgeklappert. Aber es war nichts zu finden. Und wir haben gesucht, das können sie mir glauben”, sagte Frank. “Hab da einige Schichten reingelegt. Sowas geht immer sehr ans Herz. Die Schwester, Lisa ist mir richtig aufs Dach gestiegen. Ich würde mir keine Mühe geben und mir wäre das Schicksal ihrer Schwester egal. Hat mir mal versucht, das Gesicht zu zerkratzen, wie eine Furie!”, erklärt Frank und seufzt dabei. “Sowas tut dann doppelt weh, wenn man sich reinhängt. Aber ich versteh das. Für sie war es wohl eine echt wichtige Angehörige.”

“Sie ist nicht wieder aufgetaucht?”

Er schüttelt den Kopf.

“Doch, im Hudson”

“Tot?”

“Na schwimmen war sie da sicher nicht.”

“War es Mord?”

“Nein. Wir haben das erst geglaubt, bei der Geschichte. Es hat sich rausgestellt, dass sie psychisch labil war. Die Mutter ist wegen Schizophrenie lange eingeliefert worden und hat die Kinder misshandelt. Als Lisa wegen eines Beinbruchs ins Krankenhaus musste, hat sich niemand um die labile Schwester gekümmert. Sie hat wohl ihre Pillen nicht genommen. Irgendwann war es dann alles zuviel und sie ist in den Hudson gesprungen. Es gab keine Anzeichen für Fremdverschulden.”

“Wenn man das so nennen kann. Es hat sie ja niemand aufgehalten.”

“Wenn es einer drauf ansetzt, ist es echt schwer ihn aufzuhalten”, sagt Frank McKinley und nimmt den letzten Zug seiner Zigarette. Er bläst den Rauch nachdenklich aus. “Die Schwester hat dann versucht, mir die Augen auszukratzen. Es sei alles unsere Schuld. Wir hätten sie nicht gefunden. Lisa hat wohl rausbekommen, dass ihre Schwester bei einem Zuhälter untergekommen ist. Ein Marabunta Junge. Angeblich hätten wir zuviel Angst gehabt um gegen ihn vorzugehen.”

Frank zuckt die Schultern. “Aber es waren einfach keine Beweise. Nur weil jemand sie da gesehen hat, können wir nicht ‘ne Hausdurchsuchung machen! Selbst so ein Drecksack hat nunmal Rechte. Davon wollte Lisa nichts hören.”

“Sie war eher für Selbstjustiz”, sage ich.

Frank nickt. “Ist wohl so. Was ist denn Ihre Rolle in diesem Stück, wenn ich fragen darf?”

Er sieht dabei ruhig auf die Waffe, aber man kann erkennen, dass er das nur vorspielt.

“Das ist ‘ne gute Frage”, sage ich und überlege. “Wissen Sie, wo die Schwester arbeitet?”

“Lisa? Keine Ahnung, irgendwo im Norden New Yorks auf ‘nem Recyclinghof. Hab sie mal durchleuchtet, aber war nichts Auffälliges. Keine Gefahr.”

Seine Augen weiten sich, als ihm die letzten beiden Worte rausrutschen.

“Keine Gefahr?”, frage ich. Frank rutscht ein wenig weiter von mir weg. Sein Hemdkragen verrutscht. Einer vagen Eingebung folgend, schiebe sich seinen Hemdkragen mit der Pistole weiter herunter.

Ein Tattoo kommt zum Vorschein. Es ist ein chinesischer Drache.

“Hübsch”, sage ich. “Also? Keine Gefahr?”

“Naja, manche Leute haben Berufe, die machen ihnen echt Ärger, wenn sie glauben, dass sie nicht angestrengt genug arbeiten. Hier war ja nichts zu machen! Wenn jemand abhaut und sein Leben ohne die vorherigen Kontakte leben will”, setzt Frank an, doch da fällt mir ein, woher mir der Drache bekannt vorkommt.

“Hat Ihr Freund Juan auch so ein Tattoo?”, frage ich. Frank blinzelt ein paar mal.

“Wer? Ich kenne keinen Juan”, stammelt er, aber ich sehe, dass er lügt. Das kann er echt nicht gut.

“Kann es sein”, sage ich während sich das Puzzle ein wenig zusammensetzt. “Dass Sie genau wussten, wer da Hilfe suchte? Larissa landete bei Juan. Vielleicht sind Sie in der gleichen Gang gewesen, aber vielleicht nur aus dem gleichen Viertel? Ach verdammt, vielleicht sind sie ein Paar, es ist mir egal. Aber Sie arbeiten nicht richtig, nicht sorgfältig, weil Sie wissen, dass die Kleine für Ihren Freund anschaffen geht. Vielleicht bekommen Sie ja was ab? Lisa Howard wird also sauer.”

“Okay, na und? Ich kenne Juan und er sagte, dass er nichts mit dieser Larissa zu schaffen hatte”, verteidigt sich Frank.

Meine Gedanken schweifen ab. Lisa Howard arbeitet auf einem Recylinghof…. daher kommt sie an meine Daten. Ich soll also den Laufburschen für sie machen und ihre Schwester rächen. Frank McKinley springt auf und unterbricht damit meinen Gedankengang. Er schlägt mir mit links kräftig gegen das Kinn und ich taumle zurück. Dann rennt er zu einer Kommode, reißt die Schublade auf. Ich komme wieder auf die Beine, hebe die Waffe in dem Augenblick, wo Frank eine Pistole zieht.

Sofort feuere ich. Der Schuss geht in die Wand neben ihm, Frank lässt sich fallen und feuert zurück. Irgendwo neben mir schlägt der Schuss ein, Putzsplitter fliegen an meinem Gesicht vorbei.

Ich funktioniere auf Autopilot. Während Frank hinfällt, feuere ich weiter. Drei Schüsse, einer geht daneben. Die anderen beiden landen in seinem linken Bein und in der rechten Kniescheibe. Er schreit, jault auf wie ein verwundetes Tier.

“Waffe loslassen”, rufe ich, doch er feuert weiter.

Ich weiche in den Flur zurück, stecke die Waffe ein und renne aus der Wohnung raus. Es ist mitten am Tag, das hier ist eine Gegend, wo Leute um diese Uhrzeit eher bei der Arbeit sind. Ich treffe niemanden auf dem Weg die Treppe herunter, eile nach draußen und zur nächsten U-Bahn Station.

Ob er mich verfolgen wird?, denke ich. Nicht er selbst natürlich, der Mann ist vermutlich Zeit seines Lebens ein Krüppel. Aber wird er mir seine Polizeifreunde auf den Hals hetzen? Wie sehr muss er fürchten, dass ich unbequem werden kann, wenn man mich offiziell festnimmt?



10

Ich sitze nachdenklich in der U-Bahn. Vielleicht wird er es als Raubüberfall melden. Dann kommt er nicht in Erklärungsnot.

Viel wichtiger ist aber die Frage, wo ist Lisa Howard? Auf meiner Liste steht auch die Telefonnummer, die ich anrufen soll, wenn alles erledigt ist.

Ich gebe sie in mein Handy ein. Ist sicher eine Wegwerfnummer, denke ich.

Es klingelt ein paar mal, dann geht die Mailbox ran. Ich seufze und lege auf. Dann schreibe ich eine SMS an die Nummer.

Ist alles erledigt, Nick.

Ich erwähne erstmal nicht, dass ich weiß, wer sie ist. Immerhin hat sie meine Daten, irgendwas Belastendes von meinem Handy. Ich muss da auf jeden Fall vorsichtiger sein. Habe vorhin erst festgestellt, dass mein Handy bei Fotos die Koordinaten miteinträgt. Das hab ich dann sofort abgestellt. Da kann ich mich ja auch gleich selbst überwachen.

Ich fahre weiter mit der U-Bahn, bis an die Endstation und wieder zurück. Dann endlich, kommt die Antwort.

Wir treffen uns morgen Abend, in der Central Station. Acht Uhr, sei pünktlich!

Ich lese das und will erst antworten, wie sie mich den bei diesem schrägen Blinde Date erkennen will. Dann wird mir aber klar, dass sie durch, was immer auf meinem Handy noch drauf war, sicher erkennen wird.

Verdammt, ich hoffe sehr, dass sie mich nicht in eine Falle lockt!

Ich überlege eine Weile, was ich jetzt mache und steige aus der U-Bahn aus. Nach einem Linienwechsel, mache ich mich auf den Weg nach Hause. Irgendwie muss ich diesen angebrochenen Tag ja rum bekommen. Zur Sicherheit wechsle ich meine Kleidung, falls Frank McKinley doch irgendwas meine Person betreffend angezeigt hat. Ich ziehe mir ein T-Shirt und eine kurze Hose an und mache mich auf den Weg zum nahen Park. Eine Weile jogge ich dort und biege dann ab Richtung Hudson. Dabei versuche ich den Kopf ein wenig frei zu bekommen.

Meine Gedanken schweifen, während ich laufe. Ich denke an Mila Novakova, und verwerfe den Gedanken sie anzurufen. Wie sollte ich mich denn melden? Hallo, der Auftragskiller, erinnern Sie sich? Da Sie ja eh wissen wie ich mein Geld verdiene, was halten Sie davon, mit mir auszugehen?

Ich muss lächeln bei dem Gedanken. Das Lächeln gefriert aber, als ich überlege, was ich eigentlich mache mit meinem Leben. Alt wird man in diesem Gewerbe nicht sonderlich und man hinterlässt nur eine Spur aus Leichen. Mir wird klar, dass mich die Frage schon länger beschäftigt, aber ich laufe vor ihr davon. Wortwörtlich, muss man sagen.

Ich drehe ab und renne in einem Bogen wieder Richtung meiner Wohnung.

Bis acht Uhr ist noch eine Menge Zeit, die ich damit verbringe, eine Weile auf den Schießstand zu gehen. Man muss im Training bleiben, wie bei jedem anderen Beruf auch. Danach gehe ich nach Hause und versuche mich ein wenig an meiner neuen Spielkonsole zu erfreuen, doch irgendwie bin ich abgelenkt. Was soll ich Lisa Howard sagen? Soweit ich das verstehe, hat sie mich eingesetzt, um ein paar echt fiese Dreckskerlen eins auszuwischen. Mich auszunutzen, das ist nicht okay. Aber der Rest? Es ist ja nicht so, dass meiner einer für derartige Tätigkeiten im Telefonbuch zu finden ist. Ja nichtmal im Internet, wobei es da schon Ecken gibt. Schlussendlich mache ich mich, mit einem Apfel in der Hand auf den Weg zur Central Station. Dort angekommen sitze ich und warte. Ich weiß nicht, wie Lisa Howard genau aussieht. Meine Internetsuche war da ja erfolglos, der Name ist einfach zu häufig. Wenn ich genau wüsste, wo sie wohnt vielleicht… Ich verwerfe den Gedanken und werfe den Apfel in den Müll. Als ich mich wieder auf eine der Bänke in der großen eindrucksvollen Halle der Central Station setze, sitzt dort eine Frau. Sie hat ein Kapuzenshirt an, die Kapuze ist tief ins Gesicht gezogen, aber man erkennt am Kinn, dass es eine junge Frau ist. Sie sieht müde aus, fertig und erschöpft. Ihr Makeup ist nachlässig, das erkenne sogar ich und das ist nicht wirklich mein Fachgebiet.

Dennoch ist die Ähnlichkeit mit Larissa zu sehen. Die Wangenknochen, die sind eindeutig von ihren Eltern, die teilen sie sich.

“Sehen Sie nicht her, sehen Sie geradeaus”, sagt sie. “Wir kennen uns nicht.”

Ich nicke, merke dann, dass sie das ja aus den Augenwinkeln nicht richtig sehen kann und sage: “Ja.”

“Ich habe mich erkundigt. Sie haben alles getan, was ich wollte. Ich gebe Ihnen jetzt einen USB-Stick, da sind alle Daten drauf über Sie, die ich habe. Ich verspreche Ihnen, ich habe eine Sicherungskopie für mich gemacht. Wenn ich in nächster Zeit sterbe, geht die an einige Freunde von mir. Aber ich schwöre, Sie können mir vertrauen, wenn das ganze hier erledigt ist, werden Sie nie mehr von mir hören.”

Ich greife nach dem dargebotenen USB-Stick und stecke ihn ein.

“Ich weiß nicht, Lisa. Finden Sie das nett? Mir so zu drohen, wo ich doch alles getan habe, was Sie wollten? Sie sind hier die Erpresserin. Klar, die Leute waren echt nicht nett und hatten aus verschiedenen Gründen sicher einiges verdient, aber… ich trage das ganze Risiko und was ist wenn Sie einen Unfall haben in den nächsten Tagen? Dann gehen die Infos ja wohl auch einfach zur Polizei. Das ist nicht fair. Ich soll jetzt hier mit dieser Angst im Nacken leben? Finden Sie das gut? Ich kann dann nicht ruhig schlafen”, erkläre ich ruhig.

Lisa sieht zu mir hin. Sie ist entsetzt, jede Farbe aus ihrem Gesicht gewichen.

“Sehen Sie nicht her, sonst denken die Leute noch wir kennen uns”, sage ich und kann mir ein Lächeln nicht verkneifen.

Ihre Mundwinkel zucken kurz. Dann wird sie wieder ernst.

“Also, wie soll das dann laufen”, sagt sie. Ich bin etwas verblüfft und überlege. Dabei kratze ich mir nachdenklich am Kinn.

“Naja”, sage ich. “Ich habe alles getan, was Sie wollten. Löschen Sie, was Sie von mir haben. Wir werden uns nie wieder sehen, nie wieder miteinander zu tun haben. Ende der Geschichte, Sie sparen sich sogar meinen üblichen Tarif.”

Wieder zucken ihre Mundwinkel kurz.

“Woher wissen Sie es?”

Ich verkneife mir ein Grinsen. Das ist ja wohl ein Eingeständnis, dass sie Lisa Howard ist. Aber ich muss ja ernst bleiben.

“Naja, ein wenig detektivischen Spürsinn habe ich nunmal auch”, sage ich und versuche nicht all zu großspurig zu klingen. “Immerhin muss man ja auch denken können wie ein Verbrecher, um einen zu fangen. Sagt man zumindest immer so. Also muss man auch umgekehrt wie ein Bulle denken können, um nicht erwischt zu werden, macht doch Sinn, oder?”

Sie lächelt und nickt.

“Aber Sie haben trotzdem alles für mich getan. Warum?”

“Was hätte ich denn wegen Ihrer Erpressung machen sollen?”, frage ich ehrlich. Sie zuckt die Schultern.

“Mich jagen und töten? Ich hatte deswegen jedenfalls ziemlich Angst”, gibt sie zu. Ich gebe zu, sie einfach so zu töten, war mir gar nicht in den Sinn gekommen. Das wäre natürlich auch eine Lösung gewesen.

“Also. Sie garantieren mir, dass ich keinen Ärger bekomme und dafür sorgen Sie durch das Vernichten Ihrer Sicherungskopien. Dafür begegnen wir uns nie wieder. Einverstanden?”

“Oder was sonst?”

“Ich werde Sie doch noch töten!” Die Drohung kommt mir leicht über die Lippen. Dass ich das höchstens im Notfall in Betracht ziehen würde, brauche ich ihr ja nicht auf die Nase binden.

“Okay, einverstanden”, sagt sie und steht auf und geht.

Im ersten Moment sitze ich etwas verdutzt da. Nun kann ich nur hoffen, dass sie sich auch daran hält.



11

Mein Leben verläuft wieder in beschaulichen Bahnen. Aufträge kommen regelmäßig rein, sodass ich mir meine Wohnung in der schönsten Stadt der Welt leisten kann.

Von Lisa habe ich nichts mehr gehört und ich bin mir inzwischen sicher, dass sie die Sicherungskopie vernichtet hat.

Ich denke nur noch selten an Mila Novakova. Ich habe sie auch nie mehr wieder gesehen. New York ist schließlich kein Dorf.

Ab und zu habe ich schon mal ans Aufhören gedacht und mir überlegt, einen Job zu machen, der es mir ermöglicht, eine Beziehung zu führen. Ist halt manchmal etwas einsam so als Hitman. Mir ist leider noch kein Job eingefallen, der mir so viel Kohle in so wenig Zeit einbringt. Wenn jemand einen weiß, ich bin dankbar für jeden Tipp.

Doch dann kam ein Auftrag rein, der hat mich glatt umgehauen. Aber das ist eine andere Geschichte…


ENDE

Wer zuletzt mordet…

Krimi von Theodor Horschelt


Der Umfang dieses Buchs entspricht 207 Taschenbuchseiten.


Können Sie sich Mac Dolan als Bandenführer vorstellen? Mac findet ausgerechnet auf der Toilette einen Mann. Und der hat im Herzen ein Messer sitzen, das Opfer eines Bandenkriegs, wie sich herausstellt. Mac Dolan wählt eine sehr gefährliche Methode, um den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben. Er will die eine Bande mit Hilfe der anderen besiegen. Dolans Rechnung geht nicht auf. Statt die fremde Bande zu besiegen, wird seine eigene Mannschaft aus der Wäsche gestoßen, aber schon kräftig.

Mac Dolan gibt selbst in der extremsten Situation nicht auf. Die Abenteuer, die er als Sam Underwood in Boston erlebt, sind hart und spannend und manchmal mit Humor gewürzt. Wird es ihm gelingen, seinen Auftrag doch noch auszuführen?


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Mac Dolan schlich träge durch die Chiquita-Bar.

Das Bar-Trio intonierte den Chihuahua-Rag; ein einsamer Mann bohrte versonnen in der Nase.

Maßlos trauriger Laden, dachte Mac. Solche Dinger kenn’ ich bis zum Erbrechen. Mal sehen, ob ich Monje treffe. Und wenn, ob er was rausgefummelt hat.

Er trat einer Dame versehentlich auf die Schleppe des Abendkleides. Ihr Verehrer wollte sich aufregen. Mac trat ihm – ebenfalls versehentlich – auf die Hühneraugen, da wurde ein schauerliches Gebrüll draus.

„Wie man sich bettet, so schallt es heraus!“, sagte der hünenhafte FBI-Agent höflich.

An der rechten Ecke der Theke saß ein eleganter Scheich von vielleicht fünfundzwanzig und spießte die Bardame mit seinen Blicken auf. Als Mac vorbeiging, drehte er sich langsam um. Der Mann war vollgetankt wie ein Düsenjäger-Stützpunkt in der Arktis und nahm fortgesetzt übel.

Er maß Mac mit einem Blick. „He, du, Herr Kamerad!“

Mac wandte sich um.

Der Scheich lachte meckernd. „He du, dein Gesicht passt mir nicht, schau, dass du dich moppelst. Sonst muss ich dich mit dem Sessellift aus dem Anzug heben.“

Dolan sagte ihm kurz und kalt, was er ihn könne, und wandte sich zum Weiterschlendern. Als er sich wieder vom Parkett erhob, wackelten seine Zähne. Der Scheich hatte ihn heimtückisch am Boden zerstört.

Mac stand sofort in einem Kreis von Gaffern, denen jede Sensation recht war, die nicht auf eigene Kosten ging.

„Würd’ ich mir nicht gefallen lassen!“, murmelte eine mittelalterliche Dame, deren Kleid im Sinne des Lastenausgleichs oben zu wenig hatte, was unten zu viel war.

Dolan machte ihr eine Verbeugung. „Tu ich auch nicht, gnädige Frau!“

Er wandte sich ruhig wieder um und wischte dem Scheich eine, dass der nach hinten aus sämtlichen Pantinen kippte und mit dem Hinterkopf aus drei grundsoliden Barhockern Kleinholz machte.

Ehe die Rausschmeißer des Nachtklubs eingreifen konnten, war die schönste Holzerei im Gange. Dolan kochte den jungen Mann streng steril ab, der hinwiederum versuchte unablässig, Dolans Zahnarzt zu einem einträglichen Sonderverdienst zu verhelfen. Am Ende versetzte der FBI-Agent dem Burschen einen Kinnhaken, der 102,95 Dollars vernichtete (wie später auf der Rechnung zu lesen stand), weil der Geschlagene sein wackliges Haupt ausgerechnet auf echte englische Schnäpse in Flaschen gebettet hatte. Leider war Macs Schwung aus der Hüfte etwas zu kräftig gewesen. Er gewann das Gleichgewicht nicht zurück, stürzte mit dem Kinn in das Barhocker-Kleinholz (siehe oben) und verschwand für einige Zeit im Land des Lächelns.

Inzwischen tauchte der Geschäftsführer des teuren Lokals auf und rang seelisch und körperlich die Hände. Hinter ihm standen drohend drei Männer, die man unter Anlegung eines großherzigen Maßstabes gerade noch als Menschen bezeichnen konnte, wenn man wollte.

„Was ist hier los?“, fragte der Geschäftsführer schwach.

„Wenn Sie das noch nicht gemerkt haben, dann sind Sie für Ihren Posten völlig ungeeignet!“, konterte der Scheich, der mit Mac Streit gesucht hatte. „Ich habe festgestellt, dass dieser Herr hier ein toller Hecht ist, und ich lasse ihn jetzt auf meine Kosten schwimmen!“

Nun hielt es auch Mac für nötig, ein schwaches Lebenszeichen von sich zu geben. Er erhob sich etwas taumelnd und klopfte dem Geschäftsführer auf die Schulter. „Linksum – marsch! Machen Sie über die zerdepperten Klopse ’ne Rechnung fertig. Onkel Otto bezahlt alles!“

Über die Frage, wer wen zahlen lassen dürfe, wäre es beinahe zu einer revidierten Neuauflage der Holzerei gekommen, aber die Herren einigten sich dahingehend, den Schaden, Fifty-fifty zu tragen.

Sie ließen sich lärmend an der Theke nieder und bestellten Gift in Flaschen. Außer dem Mixer wagte sich niemand in die Nähe. Die beiden hätten ja wieder bissig werden können.

Nach außen hin begann Mac mit dem Unbekannten ein besoffenes Gespräch, in Wirklichkeit sagte er kalt: „Haben Sie gut gemacht, Monje! Aus Ihnen kann noch was werden. Wie weit sind Sie gekommen?“

Der andere FBI-Agent, der schon vorher in der Bar gewesen war und unter keinen Umständen mit Mac Dolan in Verbindung gebracht werden sollte, rapportierte knapp: „Unser Chef hat uns völlig richtig ins Bild gesetzt, Officer. Der Bostoner Hafen ist wirklich ein Ableger des New Yorkers geworden. Hier ist der Teufel los: Schmuggel, Rauschgift, Falschgeld, Mord. Dazwischen manchmal Mädchenhandel. Niemand schreitet dagegen ein. Wenn jemand mit einem Messer im Rücken früh aufwacht, kommt er unauffällig ins Schauhaus und dann Schwamm drüber.“

„Die Polizei …“

„… hat den besten Willen, kommt aber einfach nicht durch. Wenn vor zweitausend Augen einer abgenabelt wird, dann gibt es hinterher keine Zeugen. Sie verstehen!“

„Ich verstehe. Nackter Terror. Was macht die Hafenarbeitergewerkschaft?“

„Mit ihren Schützlingen und damit ihrer Kasse macht keiner was. Und wenn doch jemand gegen den Strom schwimmt, dann verdampft er in alle Ewigkeit. Sie verstehen!“

Dolan verstand erneut. „Mit einem Wort, wir haben jetzt glücklich in Boston Zustände wie im New Yorker Hafen. Sind die Polizeibehörden dicht?“

Monje zuckte die Achseln. „Die eigentliche Stadtpolizei mischt sich nicht ein. Die Hafenpolizei steht unter der Leitung von Major Corble. Der soll sehr tüchtig sein. Aber Berge versetzen kann er auch nicht. Und niemanden überführen, für dessen Tat es keine Zeugen und kein Geständnis gibt. Und setzt er mal jemanden fest, dann findet sich ein guter Opa und stellt Kaution in jeder beliebigen Höhe. Ich glaube, wenn wir hier weitergekommen sind, dann sind wir sanatoriumsreif. – Wollen Sie mit der regulären Polizei zusammenarbeiten.?“

„Um Gottes willen, nein. Das ist streng verboten. In der Hafenpolizei, ist bestimmt wenigstens ein Beamter, der auf sämtlichen Schultern trägt. Würden wir die Polizei mit reinziehen, dann könnten wir gleich ne Anzeige im Boston Dispatch aufziehen und das Eintreffen des FBI-Spezialagenten Mac Dolan melden lassen.“

„Also müssen wir allein weiterkommen?“

„Das walte Hugo!“

„Hoffentlich waltet er wirklich!“

„Sie sind also keinen Schritt weitergekommen, Monje. Nein, fahren Sie nicht auf, das ist kein Vorwurf. Vermutlich werde ich nicht mehr erreichen als Sie. Haben Sie wenigstens von Bert Davies was gehört oder erfahren, der vor vier Wochen hier verschwunden ist?“

Monje klatschte sich kichernd vor die Stirn. Das gehörte zu seiner Rolle. „Großer Gott, das hätte ich bald vergessen. Nein, ich habe von Davies noch nichts gehört. Aber ich soll mich um zweiundzwanzig Uhr zehn mit ner Dame treffen …“

„Jetzt ist es zweiundzwanzig Uhr neun. Eilen Sie! Damen lässt man nicht warten!“

„Heißen Dank für die Belehrung, Dolan!“

Mac fuhr auf. „Sind Sie toll geworden? Ich kenne keinen Dolan, ich heiße SAM UNDERWOOD, und damit basta!“

„Werd mir’s merken, Mr. Underwood!“

„Well, wie heißt die Frau, mit der Sie sich jetzt treffen?“

„Baby Phipps!“

„Schon mal gesehen?“

„Nein!“

„Aber sie weiß was über Davies?“

„Vermutlich.“

„Wie kennengelernt?“

„Das ist eine lange Geschichte. Erzähl ich Ihnen später. Ich muss jetzt eilen!“

Monje, der so vorzüglich getarnte FBI-Agent, zu dessen Unterstützung Dolan nach Boston gekommen war, entfernte sich.

Mac alias Sam Underwood blieb nachdenklich an der Theke sitzen.

Boston hat runde achthunderttausend Einwohner, dachte Mac unbehaglich, und eine alte Tradition. Wie können hier nur New Yorker Verhältnisse eingerissen sein? Himmel, ich muss alles tun, um den New Yorker Zirkus hier nicht in zweiter Auflage zu erleben. Meine Vorgesetzten in Washington haben auch nen Knall. In Boston fängt’s an zu stinken, da schicken sie einen Mann hin, Davies, Der ist plötzlich weg. Dann wird der eifrige, aber unerfahrene Monje zugesetzt, und zum Schluss soll Dolan die Suppe auslöffeln. Verdammt, hier muss ein ganzes Kommando her.

„So versonnen?“, fragte eine verhangene Stimme. Mac sah auf. Er sah eine guterhaltene Frau von vierzig Jahren hinter der Theke. Sie hatte schwarze Haare und war einstmals sicher flott gewesen.

Die Frau trug ein trägerloses Abendkleid. Ansonsten hatte sie intelligente, etwas harte Gesichtszüge.

Eine Bardame, die nicht hart ist, kann sich gleich nen Grabstein auf Raten kaufen, dachte Mac.

„Schenk dir einen auf meine Rechnung ein!“, sagte er. „Und mir auch einen. Und dann erzähl mir ne schöne Geschichte. Von der Millionärstochter, die durch den verruchten Sekretär ihres Vaters in Schande gekommen ist und jetzt als Sherry-Brandy-Maus ihr Dasein fristet, obwohl sie zu Höherem geboren ist!“

„Ich heiße Muriel“, erwiderte die Frau höflich. „Mein Vater war Bankprokurist. Ich bin zur Aushilfe hier, gewissermaßen zum Spaß. Ich lebe von einem kleinen Vermögen. Als Bardame fungiere ich einmal in der Woche. Ich schriftstellere. Ich sammle hier nur Eindrücke für mein neues Buch!“

„So ist das also! Wie viele Bücher aus Ihrer Feder sind denn schon erschienen?“

Auf Muriels Stirn erschien ein Schatten. „Noch keines. Wissen Sie, die Leute kaufen heute lieber Schmutz und Schund.“

Dolan lachte. „Sie sagen es. Bücher, die gekauft werden und Auflagen erreichen, sind Schmutz und Schund; Manuskripte, die kein Verleger bringen will, Marksteine der Kultur und echte Kunst!“

Muriel nickte eifrig. Sie merkte nicht, dass sie am Bein gezogen wurde.

„Ich komme gleich wieder!“, sagte Mac. „Im Übrigen – Sam Underwood, mein Name. Warten Sie hier auf mich, wir müssen unbedingt noch plaudern!“

Im Abgehen beugte sich Muriel vor. Ihr Hals erschien im hellen Licht. Er hatte eine blassrosa Narbe unterm Kehlkopf. Schönheitsoperation.

Man hat sie geliftet, dachte Mac schadenfroh. Man hat sie so geliftet, dass ihr jedes Mal die Knie schlackern, wenn sie die Augenbrauen hebt.

Mac suchte die Toilette auf, was ja auch mal sein muss.

Die Herrentoilette der Chiquita-Bar war eine traurige Sache. Der Toilettenmann schlief den Schlaf des Gerechten. Er war so alt, er hatte vermutlich schon unter dem alten Attila in der Schlacht auf den: Katalaunischen Feldern gedient.

Mac rüttelte den Mann etwas. Der öffnete den Mund und röchelte wie eine schlecht reparierte Turmuhr. Seine Alkoholfahne hatte sicher viel Geld gekostet.

Dolan gab seine Bemühungen auf. Er wandte sich um. Aus einer der Kabinen sickerte eine dunkle Flüssigkeit raus.

Der FBI-Agent riss die Tür auf. Auf der Klobrille saß völlig angekleidet Monje und starrte Mac aus weit aufgerissenen Augen an.

Sein Date mit Baby Phipps hatte ihm nicht zum Segen gereicht. In seiner Brust steckte ein Küchenmesser. Er war tot.

Mac schloss blitzschnell die Türe hinter sich zu. Dann streifte er feine Seidenhandschuhe über und unterzog die Leiche seines jungen Kameraden einer eingehenden Untersuchung. Sein Herz war in diesem Augenblick so hart wie bester Kanonenstahl. Eines Tages würde er den Mörder Monjes überführen. Bis dahin sollte ihm jedes Mittel recht sein.

Monje besaß Brieftasche, Pistole, Geld und FBI-Ausweis. Man hatte den Toten nicht beraubt, also darauf verzichtet, einen Raubmord vorzutäuschen oder die Beamteneigenschaft des Toten zu vertuschen.

Der FBI-Agent wandte sich erschüttert ab. Hier hatte er nichts mehr zu suchen. Er musste sich von seinem toten Kameraden distanzieren, um keinen Ärger mit der Polizei zu haben. Er hatte nur seinen Auftrag auszuführen. Private Gefühle hatten hier keinen Platz.

Der wackere Toiletten-Besorger schlief immer noch.

Mac wischte nach draußen. Im Gang wartete Muriel. Sie winkte ihm neckisch zu.

„Wie komme ich zu Baby Phipps?“, fragte Mac.

Die immer noch schöne Frau lachte ausdruckslos und zündete sich eine süßliche Zigarette an. Marihuana, dachte Mac. Kleiner Fisch. Was kümmert mich der Endverbraucher. Wichtig ist nur der Drahtzieher.

Muriel tat einen tiefen Zug. „Baby Phipps? Nie gehört! Im Übrigen würden Sie gut daran tun, sich an mich zu halten. Wer Muriel Easter kennt, braucht keine Baby Phipps!“

Mac drang in die tiefsten Geheimnisse der legitimierten Lasterhöhle ein. Er sprach mit Zigarettenmädchen, mit Garderobenfrauen, die unter der Last des Kampfes seufzten, mit Kellnern, Mixern und Musikanten. Drei oder vier Leute hatten schon mal von einer Baby Phipps was gehört, konnten sich aber gar nichts darunter vorstellen; die anderen standen Macs Frage völlig verständnislos gegenüber.

Gegen dreiundzwanzig Uhr dreißig entstand im Gang ein aufgeregtes Raunen. Einige hysterische Frauen schrien rein auf Verdacht gellend.

Man hatte offensichtlich die Leiche Monjes gefunden.

Mac hielt es für geraten, Leine zu ziehen.

Er trat auf die Summer Street hinaus und ging zu einem Taxiplatz. Aus der Einmündung Broadway raste plötzlich ein schwerer Wagen in irrsinnigem Tempo heran und nahm die Kurve ohne Rücksicht auf Verluste. Mac erkannte die Gefahr im letzten Augenblick. Er machte einen varietéreifen Luftsprung, denn er lebte trotz allem auch ganz gem.

Der Fahrer des Wagens gab sich Mühe, ihn doch noch zu killen. Mac fühlte einen eisigen Luftzug im Rücken und fürchtete, jeden Augenblick seine eigenen Knochen krachen zu hören.

Aber seine Stunde war noch nicht gekommen. Der Wagen raste weiter.

Unter normalen Umständen hätte Mac seine Pistole gezogen und ein Brillantfeuerwerk veranstaltet. Da er aber im Geheimen arbeiten musste, konnte er sich beherrschen.

Er schritt zu einer Taxe, die gerade frei war, und stieg nonchalant ein.

„Fahren Sie mich zur Chelsea Street“, sagte er dem Fahrer. „Ich wohne im Belmont Plaza!“

Der Fahrer, der den Vorfall mitangesehen hatte, nickte. Er konnte den Gleichmut seines Fahrgastes nicht begreifen. Hätte er indessen Mac Dolans Laufbahn und Beruf gekannt, dann wäre ihm einiges klar geworden.

„Fahren Sie scharf rechts!“, befahl Mac plötzlich bei der Einmündung der Hannover Street in die Atlantic Avenue.

Der Chauffeur gehorchte. Im gleichen Augenblick überholte ein Wagen in hoher Geschwindigkeit, bremste und setzte zum Wenden an.

Dolan hatte für diesen Abend genug Volksbelustigung gehabt.

„Gas!“, rief er. „Links ab!“

Der Taxidriver zitterte, gehorchte aber natürlich.

Schon bei der Einmündung Cambridge Street war der Verfolger wieder dichtauf.

Mac zog seine Pistole und entsicherte knackend. In diesem Augenblick ließ der Verfolgerwagen eine Polizeisirene ertönen.

Gehorsam fuhr der Fahrer rechts ran und hielt. Der Polizeicar raste rasiermesserscharf an der Taxe vorbei und hätte dabei um ein Haar sämtliche Kotflügel der linken Seite amputiert.

Drei. Polypen verließen dem Radioflitzer. Einer davon riss Mac Dolans Tür auf. Er war ein junger Bursche von vielleicht dreiundzwanzig Jahren, und er trug die Uniform eines Polizeileutnants.

„Ich bin Leutnant Beagle“, schnarrte der Junge.

„Ich habe nichts dagegen!“ erwiderte Mac freundlich. „Warum belästigen Sie mich?“

„Sir!“, kreischte Beagle, „Sir! Für Sie bin ich Sir!“

Dolan lächelte. „Wenn Sie wüssten, was Sie für mich wirklich sind, fiele Ihnen das neckische Grübchen im Kinn in den Kohlenkasten. Doch genug der spaßigen Reden. Was wollen Sie von mir?“

Der Leutnant straffte sich. „Sie sind doch Underwood aus Philadelphia?“

„Bin ich!“, nickte Mac.

„Dann kommen Sie mit, Underwood. Major Corble von der Hafenpolizei wünscht Ihren Typ!“

„Was seinen exquisiten Geschmack beweist. Und wenn ich der freundlichen Aufforderung keine Folge leiste?“

„Dann schlag ich Sie pfundweise in die Fresse und lege Ihnen Handschellen an.“

„Soweit will ich’s natürlich nicht kommen lassen!“, sagte Dolan erschrocken. Er lohnte seinen Fahrer ab.

„Tut mir leid, dass Sie bei mir nicht mehr verdienen konnten!“, flüsterte er zum Abschied.

Der Driver war anderer Meinung. „Um Sie loszukriegen, hätt ich noch zehn Dollar zugegeben, Mann!“


2

Wenn sich der falsche Sam Underwood dem Leutnant gegenüber zu erkennen gegeben hätte, hätte sich der unbeleckte Knabe für ihn die Bandscheiben verbogen. Aber gerade das war nicht im Sinne der guten Sache.

Dolan ließ sich seufzend in den Polizeiflitzer einladen und dann ging es wie die Feuerwehr zum Kommando der Hafenpolizei an der Ferry Street. Das Polizeigebäude lag direkt an der Bucht in herrlicher Lage. Dias konnte Mac sogar bei Nacht erkennen.

Beagle führte den FBI-Agenten im Triumph in ein großes Vorzimmer, wo eine ganze Reihe von Polizeibeamten herumlungerte.

Fünf Minuten sprach keiner ein Wort, dann quäkte ein Lautsprecher: „Rein mit dem Bullen Underwood!“

Zehn eifrige Hände schoben Mac in das Büro Major Corbles.

Der Major stand allein vor dem Schreibtisch und hatte das Mikrophon eines Bandgerätes vor sich stehen.

Corble entpuppte sich als ein muskulöser Glatzkopf von massiver Figur. In seinem Gesicht stand so viel Güte wie im Herzen eines bengalischen Tigers, der einundzwanzig Tage schlecht gefrühstückt hat.

Corble versuchte seinen Gefangenen mit wilden Blicken einzuschüchtern. Mac musste sich auf die Lippen beißen, um nicht herauszuplatzen.

Endlich brach Corbles mit grollender Stimme das Schweigen. „Sie heißen?“

Mac lächelte unschuldig. „Bulle Underwood, Major!“

Corble lief krebsrot an. „Sie wollen sich wohl über mich lustig machen, wie?“

„Keineswegs, Sir, aber Sie haben mich doch vor Zeugen selbst so bezeichnet!“

„Lassen wir das. Underwood, ich liebe keine Umschweife. In der Chiquita-Bar ist vorhin ein FBI-Agent namens Monje ermordet auf gefunden worden. Auf der Toilette. Etwa zur Zeit des Mordes waren Sie auf der Toilette. Eine Frau hat Sie gesehen …“

„Vermutlich heißt sie Muriel Easter“, warf Mac ein.

„Sie kombinieren schnell, wie?“

„Ich bin Pokerspieler, Sir!“

„Von mir aus. Warum haben Sie den Mord nicht gemeldet?“

„Woher sollte ich von dem Mord wissen, ich habe eben erst von Ihnen davon gehört.“

„Und das soll ich Ihnen glauben?“

„Das steht ganz bei Ihnen!“

Der Major hätte Mac liebend gern am Boden zerstört, aber er wusste nicht, wie.

„Werden Sie bloß nicht frech!“, brummte er. „Ich beschuldige Sie des Mordes an Monje!“

„Ich nehms mit gebührender Hochachtung zur Kenntnis. Verhaften Sie mich. Die Geschworenen werden Darmkrämpfe kriegen vor Lachen, wenn Sie mir in der Verhandlung den Mord ans Bein binden wollen. Well, überführen Sie mich!“

„Sie haben zehn Minuten vor dem Verschwinden des Agenten mit ihm eine Schlägerei angefangen.“

„Wie – was, das war Monje?“

„Das wollen Sie nicht gewusst haben?“

„Mein Wort! Der arme Kerl! Übrigens hab nicht ich die Schlägerei angerührt, sondern er, von dem Sie behaupten, er sei Monje. Wir haben uns nach rauer Kriegersitte gegenseitig die Schnauze poliert und anschließend konstatiert, dass wir beide famose Jungens sind. Großer Gott, wenn ich gewusst hätte …“

„Sie haben also auf der Toilette Monjes Leiche nicht gefunden?“

„Nein. Ich bin nur ausgetreten. Der Toiletten-Mann ist mein Zeuge!“

„Der war sternhagelvoll und weiß von nichts.“

„Pech für Sie und mich. Ich frage Sie jetzt, ob ich mich verhaftet fühlen soll. Wenn nein, dann wollen Sie mich sofort auf freien Fuß setzen; wenn ja, dann sperren Sie mich bitte ein. Ich sage gerne weiter in Anwesenheit meines Anwaltes aus. Haftprüfungstermin innerhalb vierundzwanzig Stunden. Ich kenne die Regularien!“

„Sie halten sich wohl für sehr schlau, wie?“

„Meine Mutter hat in mir stets den künftigen Präsidenten der Vereinigten Staaten gesehen, Sir. Verzeihen Sie einer alten Frau diese Überheblichkeit!“

Major Corble sah ein, dass er den Kürzeren gezogen hatte.

Er häkelte eine neue Masche. „Geben Sie mir Ihren Pass oder Ausweis, Underwood!“

Mac griff in die Tasche und brachte einen Pass zum Vorschein. Das FBI hatte ihn bestens ausstaffiert.

Der Major schlug den Pass auf. „Sie heißen Sam Underwood, sind am 5. September 192 in Oklahoma City geboren und wohnen Buffalo, 1369 Losson Road?“

„Stimmt wie gezählt!“

„Von Beruf sind Sie Journalist, aber derzeit ohne feste Beschäftigung.“

„Gebe ich zu.“

„Zu weichem Zwecke halten Sie sich in Boston auf?“

„Ich versuche Hafenreportagen zu schreiben und an große Zeitungen des mittleren Westens abzusetzen.“

Ein listiges Lächeln glitt über Corbles brutales Gesicht. „Aber setzen Sie sich doch, Underwood. Drink gefällig?“

„Immer zu, Sir. Mir ist heute ohnehin einer mit dem Schneidebrenner durch die Speiseröhre gejagt und hat mir die Drossel zugelötet!”

Corble holte eine Flasche und zwei Gläser und goss ein. Dolan setzte sich in einen abgewetzten Ledersessel.

Die beiden Herren nahmen zeremoniell einen Doppelten.

„Was steht auf dem Sheridan Square?“, fragte der Major wie aus der Pistole geschossen.

Mac lächelte. „Keine Ahnung, Sir, ich kenne mich hier in Boston nicht sehr gut aus.“

„Wer redet denn von Boston? Ich spreche von Buffalo.“

„Jetzt begreife ich, Sie wollen bei mir Zahnarzt spielen, wie? Auf dem Sheridan Square steht das Denkmal von General Pershing. Außerdem ein Springbrunnen, der aber jetzt außer Betrieb ist.“

„Nennen Sie mir das Hauptgeschäft auf der Irving Road.“

„In Buffalo gibts keine Irving Road.“

„Stimmt. Aber Sie kennen den reichsten Mann der Stadt?“

„Man hält einen gewissen Gordon de Witt dafür. Das Finanzamt wird es vielleicht besser wissen.“

Corble war am Ende mit seinem Latein.

„Wieso kümmern Sie sich um den Mord an diesem Wie-heißt-er-doch-gleich?“, ging nun Dolan zum Angriff über. „Das ist doch nicht Sache der Hafenpolizei!“

„Die Chiquita-Bar liegt auf dem Terrain der Hafenpolizei !“

„Ach so! – Well, ich bin müde“, Dolan gähnte herzhaft. „Ich lasse Sie jetzt wählen, Sir: entweder Zelle oder Freilassung!“

Der Major schleuderte Mac den falschen Pass hin. „Scheren Sie sich zum Teufel, Mann. Aber Sie bleiben die nächsten Tage zu meiner Verfügung, wie?“

„Ich wohne im Hotel Belmont Plaza. Sofern man dort allerdings erfährt, dass sich die Polizei für mich interessiert, fliege ich raus.“

„Von uns erfährt keiner was. Gehen Sie!“

Dolan erhob sich. „Eine letzte Frage, Sir: Wie teuer wirds, wenn ich beim Weggehen Ihren Vorzimmerzwergen die Zunge rausstrecke?“

Auch der Major hatte manchmal eine Anwandlung von Humor.

„Das kommt ganz drauf an“, gab er sehr ernsthaft zur Antwort. „Die Skala reicht von der geringsten Geldstrafe bis zum Schädelbruch!

„Dann lass ichs lieber sein. Auf Wiedersehen, Major. Schade, dass der Termin unseres Kennenlernens nicht mit Ihrem Rasiertag zusammengefallen ist!“

Dolan schob ab und ließ Major Corble in der fatalen Überzeugung zurück, zweiter Sieger geworden zu sein.

Die Vorzimmerreptile starrten Dolan wie einen Geist an.

Mac winkte mit der Hand. „Huhu, ihr Lieben, jetzt gehts ins Bettchen!“

Mac trat auf den Gang. Der war menschenleer bis auf zwei Beamte, die einen schwer gefesselten Mann vorbeiführten.

Der brach plötzlich mit einem gellenden Schrei in die Knie und riss die beiden Bewacher mit zu Boden. Sein Körper verkrümmte sich und zuckte.

Epileptischer Anfall!, wusste der Spezialbeamte sofort. Er kniete nieder und suchte dem Mann mit seinem Taschenmesser die Zähne zu lösen.

Der spuckte blitzschnell eine Papierkugel aus und grinste sekundenlang.

Mac schaltete sofort. Er nahm die Kugel in die Hand.

Da war der Anfall aber auch schon vorüber. Der Mann entspannte sich und sagte leise: „Tut mir leid, dass ich Ihnen solche Mühe machte, Gentlemen, aber ich kann wirklich nichts dafür. Sie sollten vielleicht einen Arzt für mich kommen lassen!“

Mac erhob sich und sah den Mann an. Er war vielleicht dreißig Jahre alt, und sein Gesicht hatte einen Zug geschulter Intelligenz. Mac hätte gern gewusst, was der Mann verbrochen habe.

„Was hat denn der da ausgefressen?“, fragte er die Wächter.

„Das geht dich einen feuchten Gartenkompost an!“, sagte einer der beiden wütend. „Hau ab, ehe wir dich wohin treten!“

Mac lächelte sonnig und machte sich davon.

Im Erdgeschoss entrollte er vorsichtig die Papierkugel, die ihm der geniale Simulant gegeben hatte, und hielt den Zettel ins Licht. „Ich bin Archer! Muriel verständigen!“, stand da in sauberen Buchstaben.

„Entweder heißen hier alle Frauen Muriel, oder es handelt sich um die Easter!“, knurrte Mac vergnügt.


*


In der Nähe der Hafenpolizei gab es eine Kneipe, die offensichtlich von Schiffsoffizieren frequentiert wurde.

Mac trat ein und ließ sich vom Wirt einen Daiquiri mixen.

„Eigentlich dürfte ich jetzt nichts mehr ausschenken!“, brummte der Wirt. „Aber ich will mal nicht so sein.“

Mac bedankte sich mit schmeichelhaften Worten.

Gleich darauf hatte er seinen Daiquiri. Der tat gut.

Als er das Glas absetzte, ließ sich ein Betrunkener bei ihm nieder.

„Verzeihung“, sagte er, „Kamerad, ich habe – hick! – einen sitzen. Aber das ist – hick! – kein Verbrechen!“

Dolan gab das unumwunden zu und verlangte vom Wirt das Telefonbuch.

Der brachte das Buch, und Mac sah nach der Nummer von Muriel Easter. Die schien aber keinen Fernsprechanschluss zu haben. Sie war im Buch nicht aufgeführt.

„Kann ich Ihnen helfen, Kamerad?“, fragte der Betrunkene und stand etwas schwankend auf. „Ich kenne mich hier aus.“

Der FBI-Agent kannte das Sprichwort von der blinden Henne, die auch mal ein Korn findet.

Er hob den Kopf. „Ich suche eine Miss Muriel Easter, vielleicht vierzig Jahre alt, aber ziemlich wuchtig!“

Der Trunkene kicherte. „Ei-ei, die schöne Muriel! Ein heißes Eisen! Kann teuer werden!“

„Wie viel schätzen Sie?“

„Kann unter Umständen den Kopf kosten!“

„Das beruhigt mich ungemein. Wenn Sie zehntausend Dollar gesagt hätten, wärs schlimmer gewesen!“

Der Beleckte holte ein Taschenbuch heraus und malte eine Anschrift auf ein Blatt. Das riss er ab und schob es Mac hin: Muriel Easter 15 Pancrace Street

„Die Frauen sind nun mal mein Schicksal!“, lächelte der FBI-Agent. „Wo ist die Pancrace Street?“

Der Trunkene wurde falsch. „Bin ich Ihr Kindermädchen?“

„Fragen Sie mich mal!“, schlug Dolan fröhlich vor. Dann brach er auf. Im Vorbeigehen warf er dem Wirt einen Dollar hin.

Auf der Straße wehte von See her ein schneidender Wind.

Dolan zog fröstelnd seinen Regenmantel enger um den Leib. Er peilte einen patrouillierenden Polizisten an. „Hallo, Freund, wie komm ich zur Pancrace Street?“

Der Beamte beschrieb es ihm umständlich und meinte am Ende. „Können Sie leicht zu Fuß schaffen. Sie sind fremd hier?“

„Könnte man sagen!“

„Well, dann lassen Sie sich warnen. Die Straße gehört zu einer schon bei Tag verrufenen Gegend. Bei Nacht brächten mich keine zehn Pferde freiwillig dorthin!“

„Was beweist, dass Sie die nationale Bedeutung des Pferdesports nicht unerheblich unterschätzen!“, behielt Dolan das letzte Wort.

Er machte sich pfeifend auf, die Wohnung Muriel Easters zu suchen. Aber es war kein fröhliches Pfeifen.

Mac wusste genau, dass er unter Umständen höchst unerfreulichen Zeiten entgegenging.

Gegen drei Uhr morgens erreichte Mac die Pancrace Street. Es handelt sich um eine Art Sackgasse mit düsteren, schmalbrüstigen Häusern. Mac hatte etwas gegen Sackgassen.

Er leuchtete mit seiner Taschenlampe die Hausnummer an und kam bis Nummer dreizehn.

Im gleichen Augenblick heulte plötzlich ein Automotor auf, und ein Car ohne Lichter fuhr Mac entgegen.

Mac warf sich blitzschnell hinter einer Mülltonne nieder und knipste seine Lampe aus.

Den Bruchteil einer Sekunde später fuhr der Wagen an ihm vorbei. Gleichzeitig flog Mac ein schwerer Brocken auf den Rücken.

Dolan warf sich wie eine Katze herum und ergriff instinktiv den schweren Brocken. Der Schweiß brach auf seiner Stirn aus.

Das Ding war eine Stielhandgranate und konnte jeden Moment losgehen.

Mac wusste sich nicht anders zu helfen. Aus dem Liegen heraus warf er den Sprengkörper über das Dach des davonfahrenden Wagens. Der hatte plötzlich Licht.

Wie es im einzelnen geschah, hätte Mac später nicht anzugeben vermocht. Auf jeden Fall flog die Handgranate dem Wagen unter die Vorderräder und detonierte.

Der Wagen stoppte. Er brannte sofort lichterloh.

Zornige Stimmen brüllten.

Nichts wie weg, dachte Mac. Er schlich gebückt zum nächsten Haus und warf sich mit einer Rolle vorwärts durch die offene Tür in den Flur. Das rettete ihm das Leben. Dicht hinter ihm rollte eine MP-Salve in die Türfüllung. In der Ferne ertönten Polizeisirenen.

„Warum haben Sies denn so eilig?“, fragte eine tiefe Stimme aus dem Dunkel.

Mac schlug das Herz bis zum Hals. Er hatte die Stimme Muriel Easters erkannt.

Details

Seiten
200
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738954661
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Juli)
Schlagworte
krimi trio drei thriller band

Autoren

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Titel: Krimi Trio 3302 - Drei Top Thriller in einem Band