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Spuk Thriller Sammelband 4401 - 4 Romane in einem Band

2021 231 Seiten

Zusammenfassung

Dieser Band enthält folgende Romantic Thriller:

Jan Gardemann: Die Geliebte des Besessenen

Alfred Bekker: Dunkler Reiter

Ann Murdoch: Briefe aus dem Jenseits

Frank Rehfeld: Die unheimliche Gruft

Dunkle Geheimnisse, übernatürliche Bedrohungen, mysteriöse Begebenheiten - und eine Liebe, die sich dem Grauen widersetzt. Zwei spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre.

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden und Janet Farell.

Leseprobe

Spuk Thriller Sammelband 4401 - 4 Romane in einem Band

von Alfred Bekker, Ann Murdoch, Jan Gardemann, Frank Rehfeld

Dieser Band enthält folgende Romantic Thriller:


Jan Gardemann: Die Geliebte des Besessenen

Alfred Bekker: Dunkler Reiter

Ann Murdoch: Briefe aus dem Jenseits

Frank Rehfeld: Die unheimliche Gruft




Dunkle Geheimnisse, übernatürliche Bedrohungen, mysteriöse Begebenheiten - und eine Liebe, die sich dem Grauen widersetzt. Zwei spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre.


Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden und Janet Farell.


Titelbild: Firuz Askin


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Authors / COVER Werner Öckl

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de


Die Geliebte des Besessenen


Roman von Jan Gardemann


Der Umfang dieses Buchs entspricht 95 Taschenbuchseiten.


Als Brenda erwacht, kann sie sich an nichts mehr erinnern. Ist dieser fremde Mann wirklich ihr Ehemann und das mysteriöse Castle ihr Zuhause? Einzig ihr Wissen über Archäologie und Amulette scheint aus ihrem früheren Leben geblieben zu sein. Ist wirklich ein Sturz vom Pferd schuld oder steckt mehr dahinter?


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© Cover by Firuz Askin, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

© Logo by Steve Mayer unter Verwendung von Motiven by Pixabay, 2016

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




Prolog

John sah mich eindringlich an. Ich drehte mich demonstrativ zur Seite und erstarrte. An der Wand vor mir hing ein altes, stark gedunkeltes Gemälde, das mir zuvor nicht aufgefallen war. Nun sah ich es um so deutlicher, zumal gerade ein verirrter Sonnenstrahl durch das Fenster drang und direkt auf das Bild fiel. Auf dem Gemälde war ein blasser Junge dargestellt. Er trug einen altertümlichen Mantel mit einer Doppelreihe schimmernder Messingknöpfe. Sein lockiges, schulterlanges Haar sah sehr gepflegt aus und glänzte vor Pomade. Es bestand kein Zweifel. Der Junge auf dem Gemälde war mit dem gespenstischen Kind identisch, das ich heute morgen auf der Burgzinne gesehen hatte!



1

»Ich liebe dich, Brenda.«

Es war eine weiche, männliche Stimme, die mir diese Worte zuflüsterte. Sie war mir vertraut und angenehm und machte die nachtschwarze Dunkelheit, die mich umgab, erträglicher und auch weniger unheimlich.

Ich versuchte, etwas im Dunkeln zu erkennen. Der Mann musste ganz in meiner Nähe sein. Aber außer Schwärze war nichts zu sehen.

Suchend und wie ein verirrter Blinder wischte ich mit den Armen durch das Dunkel.

Da berührten meine Hände plötzlich einen Körper. Mit den Fingern tastete ich über eine breite Brust und muskulöse Arme. Ich arbeitete mich zu dem Gesicht empor, strich zärtlich die Konturen nach und fuhr dann mit gespreizten Fingern durch dichtes, lockiges Haar.

Der Mann im Dunkeln war mir so vertraut. Trotzdem suchte ich in meinem Gedächtnis vergeblich nach seinem Namen.

»Wer... wer bist du?«, fragte ich flüsternd und mit bebender Stimme. Ich sehnte mich danach, von diesem aufregenden Mann berührt und gestreichelt zu werden. Ich wollte seine Lippen auf den meinen spüren und von ihm zärtlich umarmt werden.

Plötzlich zerriss die Dunkelheit und ich erwachte!

Es war nur ein Traum!

Enttäuscht und schläfrig rekelte ich mich in meinem Bett. Ich gähnte herzhaft und tastete dann wie automatisch über das Bett, bis meine Hände den Mann berührten, der neben mir lag.

Sanft streichelte ich seine Schulter.

»Aufstehen, Faulpelz«, sagte ich schlaftrunken. Ich drehte mich um und schmiegte mich an den Rücken des Mannes, der nun langsam zu erwachen schien.

Es war ein muskulöser, drahtiger Körper und er kam mir auf seltsame Weise fremd und ungewohnt vor.

Verwirrt öffnete ich die Augen nun ganz. Auch der Geruch des Mannes war mir nicht vertraut. Ich rückte von ihm zurück und betrachtete seinen Hinterkopf.

Der Mann neben mir hatte graumeliertes, glattes Haar und musste um etliche Jahre älter sein als ich!

Kalter Schrecken durchfuhr meine Glieder. Ich öffnete den Mund, um etwas zu sagen. Aber mir fiel nicht einmal der Name des Mannes ein.

In diesem Moment drehte sich der Mann zu mir um. Ich schrak zurück, als ich in sein hageres Gesicht blickte. Die schmale, gerade Nase und die grauen Augen verliehen ihm ein aristokratisches Aussehen.

Aber ich kannte diesen Kerl nicht, da war ich mir ganz sicher.

Entsetzt kroch ich von dem Mann weg.

»Wer... wer sind Sie«, fragte ich krächzend. Das Grauen schnürte mir die Kehle zu, sodass ich kaum ein verständliches Wort hervorbringen konnte. Fieberhaft überlegte ich, woher ich den Mann kannte und wie ich in sein Bett gekommen war.

Aber mein Kopf war völlig leer! Wenn ich die Augen schloss, war da nur diese nachtschwarze Finsternis, die auch in meinem Traum geherrscht hatte. Es gab keine Bilder, keine Erinnerungen!

»Schatz, was ist mit dir?«, erkundigte sich der Mann. Er streckte seinen Arm aus und strich mit seinen Fingern liebevoll durch mein weizenblondes Haar.

Ich schrie auf und stieß die Hand fort. Hastig kroch ich aus dem Bett. Dabei bemerkte ich, dass ich nur ein dünnes Nachthemd trug.

Unwillkürlich sah ich mich nach meinen Klamotten um. Doch mein Blick irrte nur unstet in dem großen Schlafgemach umher.

Der Raum war mir völlig fremd. Das große, runde Bett, über dem sich ein schneeweißer Baldachin spannte, sah ich heute zum ersten Mal. Neben dem Bett standen zwei zierliche Nachtschränke, die reich verziert waren und aus der Zeit de s Rokoko stammten. Aus der gleichen Epoche stammte auch der große Spiegelschrank, der dem Bett gegenüber stand und in dem sich die hohen Fenster mit den nebelweißen Gardinen spiegelten, die bis zum Boden hinab reichten, und hinter denen sich trübes Tageslicht abzeichnete.

Dann endlich entdeckte ich meine Sachen. Fein säuberlich zusammengelegt hingen sie über einem antiken Sessel. Es handelte sich um ein elegantes schwarzes Kleid und dunkle Seidenstrumpfhosen. Auf dem Boden standen hochhackige Slipper.

Für die Arbeit sind diese Klamotten viel zu unpraktisch!

Dieser Gedanke schoss mir ganz automatisch durch den Kopf, doch ich verstand nicht, was er zu bedeuten hatte.

»Was ist los?«, erkundigte sich der Mann. Er lag auf der Seite, hatte den Kopf auf die Hand gestützt und sah mich unverwandt an. Er trug, wie ich jetzt bemerkte, einen gestreiften Pyjama, den ich ziemlich geschmacklos fand.

»Wer... wer sind Sie?«, wiederholte ich meine Frage.

Der Mann stieß ein unsicheres Lachen aus. »Was soll der Unsinn?«, fragte er und zog unwillig die Augenbrauen zusammen.

»Ich will wissen, wer Sie sind!«, rief ich und raffte das Nachthemd über der Brust zusammen. Es behagte mir ganz und gar nicht, so spärlich bekleidet vor diesem wildfremden Mann zu stehen.

Der Mann setzte sich in dem Bett auf. Sein Gesicht wirkte nun ernst und auch ein wenig streng. »Ich weiß nicht, was das soll, Brenda«, meinte er rau. »Wenn du vorhast, mich zu kränken, muss ich dir gestehen, dass es dir hiermit gelungen ist.«

Er schleuderte die Bettdecke zurück und verließ das Bett. Und während er sich seinen Morgenmantel überwarf, sagte er: »Nun sind wir schon über drei Jahre verheiratet. Es war nicht immer leicht, das gebe ich zu. Aber dass du so tust, als würdest du mich nicht kennen, habe ich nun wirklich nicht verdient.«

»Wie bitte?«, rief ich und ein eiskalter Schauer rieselte mir den Rücken hinunter. »Sie und ich, wir... wir sind ein Ehepaar?«

Der Mann drehte sich zu mir um und starrte mich mit seinen grauen Augen durchdringend an. »Genug jetzt!«, rief er zornig. »Wenn dich irgendetwas verärgert hat, sage es mir offen und ehrlich! Ich weiß, ich war in letzter Zeit oft fort und du ganz allein auf Danmoor Castle. Wahrscheinlich bist du sauer auf mich, weil du dich verlassen fühlst. Aber deshalb muss ich mir deine unerhörten Verletzungen trotzdem nicht gefallen lassen!«

Wütend schnürte er seinen Morgenmantel zu und stapfte dann auf die Tür zu, die reich verziert war und aus altem, stark gedunkeltem Holz bestand.

Bevor der Mann die Tür erreichen konnte, trat ich ihm in den Weg. »Sie nennen mir jetzt sofort Ihren Namen!«, verlangte ich. »Und dann will ich sofort nach Hause!«

Der Mann kräuselte die Stirn und sah mich prüfend an. »Dir ist es ja wirklich ernst, Brenda«, sagte er verwundert, wobei allerdings nun auch etwas Sorge und Bestürzung in seiner Stimme mitschwang.

»Natürlich ist es mir ernst«, erwiderte ich bebend. »Ich werde zur Polizei gehen, wenn ich nicht sofort eine Antwort bekomme.«

Der Mann ergriff meine Schultern und sah mich prüfend an. »Kannst du dich denn wirklich nicht erinnern?«

Ich schüttelte den Kopf und spürte, wie mir Tränen in die Augen traten. Das ganze war zu viel für mich. Ich fürchtete, jeden Moment durchzudrehen.

Der Mann ließ mich los und straffte sich. »Ich bin Sir John Severen«, erklärte er dann nicht ohne Stolz. »Dein geliebter Ehemann!«

Ich konzentrierte mich und horchte in mich hinein. Aber der Name verursachte keinerlei Echo in meinem Innern. Es blieb völlig stumm und kalt in meinem Herzen.

Resigniert ließ ich die Schultern hängen. »Ich... ich kann mich einfach nicht erinnern«, sagte ich verzagt.

John umfasste mein Kinn und zwang mich, ihm in die Augen zu sehen. »Du machst mir wirklich nichts vor?«, fragte er ernst. »Der Name Sir John Severen ruft keinerlei Erinnerungen in dir wach?«

Ich schob seine Hand fort und schüttelte den Kopf.

»Und an dieses Castle kannst du dich auch nicht erinnern?«, fragte John und vollführte mit dem Arm eine alles umspannende Geste. »Du hast jahrelang darin gewohnt!«

Unbehaglich schaute ich mich um. Das Schlafzimmer war stilvoll und teuer eingerichtet. Aber ich war mir sicher, es das erste Mal zu sehen.

»Wie heißt dieses Castle denn?«, wollte ich wissen.

»Danmoor«, erwiderte John und seufzte. »Danmoor Castle. Seit über dreihundert Jahren im Besitz der Severens.«

Es war Wahnsinn. Nichts von d em, was dieser John sagte, regte irgendeine Erinnerung in mir wach. Vielleicht log er sogar!

Verstohlen schaute ich auf meine linke Hand hinab. Ein protziger Ehering mit eingraviertem

Muster prangte an meinem Finger. Ein scheußliches Ding!

»Du hast dich über diesen Ring damals sehr gefreut«, bemerkte John, dem mein Blick nicht entgangen war. »Ich habe es dir nie an etwas fehlen lassen, Brenda, denn du bist es mir auch wert.«

John streckte seine Arme aus und schickte sich an, mich in seine Arme zu schließen. Aber ich wich schaudernd vor ihm zurück.

»Es... es tut mir leid«, stammelte ich und rieb mir mit den Händen fröstelnd über die Oberarme. »Ich begreife das alles nicht. Warum kann ich mich nicht mehr an dich erinnern?«

John zuckte hilflos mit den Schultern. »Du hattest gestern Abend einen Reitunfall«, sagte er dann gedehnt. »Vielleicht liegt es daran. Wir sind zusammen ausgeritten. Auf dem Heimweg hat dein Pferd dann gescheut und dich abgeworfen.«

John sah mich nachdenklich an. »Du warst einige Minuten bewusstlos. Ich habe dich auf meinen Armen zum Castle getragen. Ich war in großer Sorge um dich und rief umgehend Dr. Hyes an. Als sie eine halbe Stunde später kam, warst du aber bereits wieder bei Bewusstsein. Du schienst keinen Schaden davongetragen zu haben. Das bestätigte auch Dr. Hyes, nachdem sie dich untersucht hatte.«

John rieb sich nachdenklich das Kinn. »Vielleicht ist dein Gedächtnisverlust eine Spätfolge des Sturzes«, überlegte er. »Kannst du dich denn an rein gar nichts mehr erinnern?«

Wieder versuchte ich mich zu konzentrieren und irgendeinen Erinnerungsfetzen zu erhaschen.

Aber es war vergebens. Unauslotbare, tiefe Schwärze hatte sich in meinem Bewusstsein ausgebreitet. Sie hatte alles verschluckt. Mein Leben, meine Erinnerungen und meine Gefühle...

Beklommen sah ich John an. Ich konnte mir nicht helfen, aber bei seinem Anblick empfand ich weder Zuneigung noch Liebe. Es war vielmehr so, dass ich mir bei bestem Willen nicht vorstellen konnte, was ich für diesen Mann empfunden haben könnte.

Johns Blick wurde plötzlich hart. Er schien genau zu spüren, was in meinem Innern vor sich ging. »Dein Blick beleidigt mich«, merkte er rau an. »Er ist kalt und gefühllos. Ich verlange, dass du mich respektierst und ehrst.«

Beschämt drehte ich mich zur Seite. Wenn es wirklich stimmte, was John behauptete, musste mein Verhalten ihn tief verletzen. Aber ich konnte nicht anders. Die Vorstellung, mit diesem Mann verheiratet zu sein, löste ein Gefühl des Widerwillens und des Trotzes in mir aus.

»Ich möchte mich jetzt umziehen«, sagte ich und bemühte mich, John dabei nicht anzusehen.

»Ich hindere dich ganz bestimmt nicht daran«, erwiderte John kalt.

»Ich weiß aber nicht, wo sich das Badezimmer befindet«, gab ich kleinlaut zu.

»Den Flur hinunter, die letzte Tür links«, erklärte John rau. »Wir haben jeder unser eigenes Badezimmer. Du bist dort also ungestört. Ich werde Mechthild zu dir schicken. Wenn es wirklich stimmt und du dich an nichts mehr erinnerst, wirst du jemanden brauchen, der dich wieder in alles einweist.«

»Wer ist Mechthild?«, fragte ich.

John verdrehte die Augen. »Unser Hausmädchen«, erklärte er entnervt. »Mechthild kocht für uns und erledigt die Hausarbeit. Ich war immer der Meinung, dass meine Frau für solche Arbeiten zu schade ist.«

Ich nahm meine Sachen vom Sessel und machte mich auf den Weg zum Badezimmer. John war im Zimmer stehen geblieben und starrte mich durchdringend an. Irgendwie war mir dieser Mann unheimlich, auch ohne die Vorstellung, mit ihm verheiratet zu sein.



2

Der Korridor, auf den ich nun gelangte, war düster und hoch. Kostbare Kronleuchter hingen an langen, goldenen Ketten von den Decken. Die Wände waren holzvertäfelt und hier und da mit dunklen Ölgemälden geschmückt. Die finster dreinblickenden Männer in ihren altmodischen Klamotten, die darauf abgebildet waren, ließen den Korridor noch unheimlicher und düsterer erscheinen.

Lautlos bewegte ich mich auf das Ende des langen Korridors zu. Ein dicker, blutroter Teppich schluckte meine Schritte. Ich kam an Nischen vorbei, in denen kostbare Statuen standen, die sehr alt und wertvoll aussahen.

Sir John Severen musste ein sehr wohlhabender und einflussreicher Mann sein, wenn er sein Castle mit derartigen Kunstschätzen schmücken konnte!

Im Badezimmer angekommen verriegelte ich die Tür hinter mir. Erst jetzt fühlte ich mich wieder ein wenig wohler.

Das Badezimmer war sehr komfortabel eingerichtet. In den vielen kleinen Details war Sir Johns Vorliebe für Antiquitäten und wertvolle Kunstschätze zu erkennen. In den gekachelten Nischen, die es in dem Badezimmer gab, standen antike römische Adon isstatuen. Auf dem Schminkregal befanden sich altertümliche Gefä ße, in denen Salben und edel riechende Parfüms aufbewahrt wurden.

Aber auch an diese Dinge konnte ich mich nicht erinnern, obwohl die Antiquitäten ein unbestimmtes Gefühl der Vertrautheit in mir wach riefen. Ich konnte sogar die kunsthistorischen Epochen und die Stilrichtungen bestimmen, aus denen die antiken Schminkgefäße stammten. Es waren kostbare und wertvolle Stücke darunter und es wunderte mich, dass sie nicht in einem Museum standen, wo sie eigentlich hingehörten, sondern in dem Badezimmer einer Privatperson.

Ich zog das Nachthemd aus und stellte mich dann unter die Dusche. Während ich das prickelnde Wasser über meinen Körper rieseln ließ, schaute ich prüfend an mir hinab.

Nirgendwo war ein blauer Fleck oder eine Prellung zu sehen. Das fand ich ziemlich ungewöhnlich, in Anbetracht der Tatsache, dass ich am Abend zuvor vom Pferd gestürzt war.

Während ich mich abseifte, wurde mir noch einmal ganz deutlich klar, dass ich mit John nichts zu tun haben wollte. Die Vorstellung, die ganze Nacht neben ihm gelegen und geschlafen zu haben, ließ mich innerlich erschaudern. Noch abstoßender jedoch war der Gedanke, mit John Zärtlichkeiten auszutauschen. Er war einfach nicht mein Typ!

Wie hatte ich es all die Jahre nur mit ihm aushalten können? Hatte ich erst vom Pferd stürzen müssen, damit mir die Augen über meinen Mann geöffnet wurden?

Ich war verzweifelt. Wie sollte ich John in Zukunft gegenübertreten? Auf keinen Fall wollte ich eine zweite Nacht mit ihm zusammen in einem Bett schlafen!

Seufzend schob ich die lästigen Gedanken beiseite und versuchte mich zu entspannen. Nach der Dusche fühlte ich mich dann tatsächlich wieder einigermaßen behaglich. Ich schlüpfte in den Bademantel, der neben der Dusche hing und stellte mich dann vor den Spiegel.

Prüfend sah ich in mein Gesicht. Nichts daran kam mir fremd oder unbekannt vor, wie ich erleichtert feststellte. Das schulterlange, weizenblonde Haar, die geschwungenen Lippen, die sehr sinnlich und verführerisch aussahen, meine grünen Augen all dies war mir genauso vertraut, wie das eigene Gesicht einem nur vorkommen konnte.

»Brenda«, murmelte ich meinen Namen. So hatte mich auch der aufregende Mann in meinem Traum genannt.

Ich seufzte sehnsuchtsvoll, als ich nun an den Mann aus meinem Traum dachte.

Wieso hatte ich mich nicht in einen Mann wie ihn verlieben können? Warum musste es ausgerechnet ein so unsympathischer Kerl wie Sir John Severen sein?

»Was ist bloß los mit dir?«, fragte ich mit schwankender Stimme. »Was für eine Frau bist du gewesen? Und was hast du an diesem Sir John Severen gefunden?«

Da klopfte plötzlich jemand an die Tür.

Ich schrak zusammen und raffte den Bademantel vor meiner Brust zusammen.

»Wer da?«, rief ich unbehaglich.

»Mechthild, Madame«, erklang eine weibliche Stimme hinter der Tür. »Sir John hat mir aufgetragen, nach Ihnen zu sehen.«

»Einen Moment bitte, Mechthild!«, rief ich. »Ich bin gleich fertig!«

Aus einem Schrank holte ich mir frische Unterwäsche, die mir wie angegossen passte. Auch mit dem schwarzen Kleid verhielt es sich nicht anders. Es stand mir ausgezeichnet, war für meinen Geschmack allerdings ein wenig zu freizügig. Für einen Mann, den ich liebte und den ich begehrte, wäre es mir ein Vergnügen gewesen, dieses Kleid zu tragen. Doch bei dem Gedanken, in diesem verführerischen Aufzug vor Sir John hinzutreten, wurde mir ganz unbehaglich zumute.

Ich öffnete die Tür und sah mich einer ju ngen, brünetten Frau gegenüber. Sie war etwas kleiner und wohl auch jünger als ich, trug ein schlichtes Haushälterkleid mit einer weißen Schürze und sah demütig zu Boden.

»Guten Morgen, Mrs. Severen«, begrüßte sie mich und deutete einen Knicks an. »Ich hoffe, Sie haben gut geschlafen.«

Ich schüttelte mich innerlich. »Nennen Sie mich Brenda«, sagte ich.

Mechthild warf mir einen verstörten Blick zu, nickte dann aber untertänig. »Wie Sie wünschen, Madame«, sagte sie. »Sir John deutete an, dass Sie krank und etwas orientierungslos sind. Ich hoffe, es ist nichts ernstes.«

»Das hoffe ich auch«, erwiderte ich in einem plötzlichen Anflug von Sarkasmus. »Obwohl ich mir nicht sicher bin, ob ich überhaupt je wieder gesund werden möchte. Ich könnte mich sonst an Dinge erinnern, die ich lieber für immer vergessen möchte.«

»Wie meinen?«, fragte Mechthild verstört.

»Schon gut«, erwiderte ich. »Zeigen Sie mir jetzt bitte das Ankleidezimmer. So etwas wird es in diesem Castle doch wohl geben. Ich möchte ein anderes Kleid anziehen. In diesem hier fühle ich mich nicht wohl.«

»Wie Sie wünschen, Madame«, sagte Mechthild und deutete wieder einen Knicks an. Dann wandte sie sich ab und bedeutete mir, dass ich ihr folgen sollte.

Als wir wenig später das Ankleidezimmer betraten, blieb ich einen Moment überwältigt stehen. Die antiken Schränke standen dicht an dicht. Durch ein schmales hohes Fenster fiel helles Tageslicht herein, das von einem seidigen Vorhang milde gedämpft wurde. Einige der Schranktüren standen offen. Die Schränke waren bis zum Bersten mit den nobelsten Klamotten gefüllt.

John hatte es seiner Frau wirklich an nichts fehlen lassen. War dies vielleicht der Grund gewesen, warum ich mich mit ihm eingelassen hatte?

Ein eiskaltes Frösteln erfasste meinen Körper. Die Vorstellung, dass ich John nur wegen seines Geldes geheiratet hatte, hatte etwas Grauenerregendes und Schreckliches an sich. Niemals würde ich mich dazu herablassen, einen Mann nur wegen seines Reichtums zu lieben!

Entschieden schüttelte ich den Kopf. Es musste einen anderen Grund gegeben haben, warum ich John geheiratet hatte, das stand für mich unumstößlich fest.

»Danke«, sagte ich an Mechthild gewandt. »Ich benötige Ihre Hilfe jetzt nicht mehr.«

Mechthild deutete einen Knicks an. »Wenn Sie mit dem Ankleiden fertig sind, kommen Sie bitte in den Speisesaal, Madame. Sir John wartet dort bereits mit dem Frühstück auf Sie.«

Mechthild wandte sich ab, blieb dann aber zögernd in der Tür stehen.

»Was gibt es denn noch?«, fragte ich.

»Werden Sie den Weg zum Speisesaal denn auch finden?«, erkundigte sich Mechthild.

»Sicherlich«, erwiderte ich leichthin. »Schließlich kenne ich mich mit alten Burgen und Schlössern aus.«

Mechthild sah mich sonderbar an. Dann machte sie einen Knicks und verschwand.



3

Es war tatsächlich nicht so schwer, den Speisesaal zu finden. Er befand sich im Erdgeschoss und war durch eine hohe, reichverzierte Tür zu erreichen, die direkt von der prunkvollen Eingangshalle abzweigte. Die Tür stand einen Spalt breit offen, sodass ich Sir John sehen konnte, der am Ende einer langen Tafel saß und in einer Zeitung las.

Ich verspürte nicht die geringste Lust, mich zu ihm zu gesellen und beschloss daher, mich erst einmal in meine m >Zuhause< umzusehen.

Ich verließ das Gebäude und trat auf den Burghof hinaus.

Aufmerksam sah ich mich um.

Bei Danmoor Castle handelte es sich um einen versch achtelten, ominösen Bau, der sehr düster und abweisend aussah. Das Haupthaus mit seinen unzähligen Erkern und Türmen war von einer soliden Burgmauer umgeben, die hier und da jedoch unverkennbare Verwitterungserscheinungen aufwies. Die Zeit hatte ihre Spuren ebenso hinterlassen, wie längst vergangene Schlachten, die um Danmoor Castle geschlagen worden waren. Einige Zinnen waren abgebrochen und in der Nähe des Aussichtsturmes klaffte gar ein großes Loch in der Mauerkrone.

Der Hof war schattig und groß. Er beinhaltete einen prächtigen Garten und moderne Stallungen für die Pferde. Auf einem Parkplatz neben dem wuchtigen Eingang stand ein chromblitzender Geländewagen und eine Mercedes-Limousine. Die Autos nahmen sich in dem düsteren Burghof neben dem eisenbeschlagenen Tor wie Fremdkörper aus. Sie gehörten in eine andere Welt und in eine andere Zeit.

Versonnen ließ ich meinen Blick schweifen. Aber ich wartete vergebens darauf, dass die unheimliche Burganlage irgendeine Erinnerung in mir wach rief. Es war, als würde ich das düstere, verwinkelte Bauwerk an diesem Morgen das erste Mal sehen. Auch wusste ich gar nicht, in welchem Teil von England ich mich befand.

Unbehaglich schaute ich zu de m wolkenverhangenen dunklen Himmel empor, der sich drohend über den Burghof spannte. Windböen fegten über die Burgzinnen hinweg, pfiffen um die Erker, stießen auf mich nieder und zerzausten mein Haar.

Da bemerkte ich auf der Burgmauer plötzlich eine Gestalt. Es war ein Junge mit schulterlangem, lockigem Haar und altertümlichen Klamotten. Sein langer, dunkler Mantel hatte eine doppelte Knopfleiste mit schimmernden Messingknöpfen daran. Er schien direkt einem der düsteren Gemälde des Castles entsprungen zu sein.

Stumm und starr stand der Junge auf dem Wehrgang und blickte auf mich herab, während der Wind mit seinem blonden Haar spielte und die Zipfel seines Brokatmantels flattern ließ.

Der Junge wirkte unnatürlich blass und seine Körperhaltung drückte eine seltsame Gleichgültigkeit aus. Er stand direkt neben dem klaffenden Loch in der Ringmauer, nur eine Handbreit von dem abgebrochenen Ende des Wehrganges entfernt. Wenn eine heftige Windböe den Jungen erfasste, würde er unweigerlich in die Tiefe stürzen!

»Vorsicht, Kleiner!«, rief ich. »Komm lieber wieder von der Burgzinne herunter. Du könntest abstürzen!«

Meine Worte hatten den Jungen offenbar erschreckt! Er tat einen unbedachten Schritt zurück direkt auf die Bruchkante des Wehrganges zu!

»Achtung!«, schrie ich entsetzt.

Doch es war zu spät. Der Junge ruderte haltlos mit den Armen und kippte dann über das Ende des Wehrganges in die Tiefe.

Entsetzt hielt ich mir mit der Hand den Mund zu. Was hatte ich nur getan! Mein warnender Ruf hatte genau das Gegenteil bewirkt. Der Junge stürzte, ohne dabei aber einen Laut auszustoßen.

Dann geschah etwas Unbegreifliches.

Bevor der Junge auf den gepflasterten Hof aufschlug, löste er sich plötzlich in Nebel auf. Eine Windböe erfasste den Nebelstreifen und blies ihn in alle Richtungen davon, sodass er schließlich ganz verschwand.

Fassungslos und von kaltem Grauen gepackt rannte ich zu der Stelle, wo der seltsame Junge eigentlich hätte aufschlagen müssen. Doch es war nichts Verdächtiges zu bemerken. Das Pflaster sah genau so grau und verwittert aus, wie an den anderen Stellen des Burghofs auch. Nichts deutete darauf hin, dass sich die Tragödie, die sich soeben vor meinen Augen abgespielt hatte, tatsächlich stattgefunden hatte!

»Ich... ich muss mir das alles nur eingebildet haben«, stammelte ich mit rauer Stimme. »Verliere ich jetzt etwa auch noch meinen Verstand?«

Schaudernd wandte ich mich ab und kehrte rasch in das Haupthaus zurück. Ich war total durcheinander und den Tränen nahe. Ich sehnte mich nach einem Menschen, dem ich mich anvertrauen konnte und der mir endlich erklärte, was mit mir los war.

Aber so einen Menschen gab es in meinem Leben nicht. Und wenn doch, so konnte ich mich nicht mehr an ihn erinnern.



4

Bevor ich den Speisesaal betrat, atmete ich einmal tief durch und versuchte, mein aufgewühltes Inneres etwas zu beruhigen. Dann erst öffnete ich die Tür und trat ein.

Bei dem Speisesaal handelte es sich um eine hohe Halle mit holzvertäfelten Wänden. Fenster gab es nur im oberen Drittel der Wände und sie waren nicht größer als Schießscharten. Schmale Lichtbalken fielen durch die Fenster schräg in die Halle und warfen eckige Lichtinseln auf die düstere Wandvertäfelung und auf den langen, wuchtigen Eichentisch, der in der Mitte der Halle stand.

Am Ende der riesigen Tafel waren zwei Gedecke aufgetischt. John, der auf einem thronartigen Stuhl saß, sah unwillig von seiner Morgenzeitung auf.

»Warum kommst du erst jetzt, Schatz?«

Seine Stimme hallte kalt und unheimlich in dem Speisesaal wider. John trug einen eleganten Anzug, der maßgeschneidert und bestimmt sehr teuer gewesen war. Mit seinem gepflegten graumelierten Haar und dem hageren Gesicht sah er sehr weltmännisch und aristokratisch aus. Doch seine Gesichtszüge waren auch hart und in seinen grauen Augen blitzte es kalt. Auf mich machte John den Eindruck eines berechnenden, egoistischen Burschen, vor dem man sich in acht nehmen musste.

»Ich... ich musste mich erst ein wenig orientieren«, entschuldigte ich mich. Ich hatte beschlossen, John nichts über den Jungen auf der Burgmauer zu erzählen.

John musterte mich von oben bis unten, während ich an der Tafel vorbei direkt auf ihn zuging. Sofort wurde mir wieder unbehaglich zumute.

Johns Blick war stechend und sezierend zugleich. Ich war froh, den beigefarbenen Hosenanzug gewählt zu haben, der mir ein schlichtes aber auch bestimmendes Aussehen verlieh. Meine weiblichen Reize waren unter dem Hosenanzug weitgehend verborgen. Trotzdem schien John mich mit seinen Blicken förmlich zu verschlingen.

Ich setzte mich und zwang mich zu einem unverbindlichen Lächeln. Dabei fiel mir auf, dass die Stühle, die um die Tafel gruppiert waren, alle sehr alt und wertvoll waren. Auch die Kristallleuchter, die an langen Ketten von der Decke hingen, mussten ein Vermögen gekostet haben.

»Hast du keinen Hunger?«, fragte John, während er die Zeitung zusammenfaltete und beiseite legte.

»Doch«, erwiderte ich und richtete meine Aufmerksamkeit jetzt auf den Teller vor mir. Ein Toast und ein Spiegelei mit Speck lagen darauf. In der Tasse dampfte heißer Kaffee.

Verwundert schaute ich das Porzellan an. Es war handbemalt und kunstvoll verziert. Ich schätzte, dass das Gedeck über hundert Jahre alt war.

Unwillkürlich nahm ich den Teller auf und hob ih n hoch, bis ich auf die Unterseite sehen konnte, ohne dass das Spiegelei dabei herunterrutschte. Auf der Tellerunterseite war ein Spiegel angebracht.

Tief atmete ich ein und hielt die Luft für einen Moment an. Dem Spiegel nach zu urteilen handelte es sich bei dem Teller um ein höchst seltenes Stück aus einer alten Londoner Porzellanmanufaktur, die damals exklusiv für das Königshaus produziert hatte. Der Teller, den ich in der Hand hielt, stellte einen unschätzbaren Wert dar und hätte eigentlich in ein Museum gehört!

»Stimmt etwas mit deinem Essen nicht?«, erkundigte sich John, der mein Tun verwundert verfolgt hatte.

Vorsichtig stellte ich den Teller wieder hin. »Der Teller«, sagte ich verwirrt. »Er... er muss ein Vermögen gekostet haben!«

John zuckte mit den Schultern. »Ich habe nun einmal eine Vorliebe für Antiquitäten«, meinte er lapidar. Dann sah er mich prüfend an. »Du scheinst deine Erinnerung ja wenigstens teilweise wieder zurückgewonnen zu haben«, stellte er fest. »Sonst hättest du den Wert dieses Tellers nicht erkannt.«

»Ja«, sagte ich gedehnt. »Du hast recht. Mir ist schon aufgefallen, dass sich viele Kunstschätze in diesem Castle befinden. Ich scheine einiges davon zu verstehen.«

John nickte gewichtig. »Das stimmt auch«, sagte er. »Du hast dich schon immer sehr für Archäologie interessiert. In diesem Punkt haben wir beide uns immer hervorragend ergänzt.«

John breitete die Arme aus. »All die Kunstschätze, die ich in Danmoor Castle horte, habe ich auch dir zuliebe angeschafft. Du konntest Stunden damit zubringen, die Herkunft der Artefakte zu bestimmen. Es war erstaunlich, was für ein Wissen du dir auf diesem Gebiet angeeignet hattest.«

»Aber dieses Gedeck sollte nicht im Besitz einer Privatperson sein«, gab ich zu bedenken. »Es ist so wertvoll und selten, dass es eigentlich in ein Museum gehört. Könige haben von diesem Teller gegessen. Sie sind ein Stück englische Geschichte und sollten auch der Bevölkerung zugänglich gemacht werden.«

John machte eine wegwerfende Handbewegung. »Seit wann interessieren dich gewöhnliche Leute? Du hast das Leben auf Danmoor Castl e zwischen all diesen Kunstschätzen immer sehr genossen. Wir beide sind hier sehr glücklich gewesen und das zählt doch viel mehr als die profane Neugierde irgendwelcher gewöhnlicher Leute, die diese Artefakte sowieso nicht richtig zu schätzen wissen.

Wir hingegen leben mit diesen Kunstschätzen. Wir speisen von Tellern, die einst zu dem Haushalt eines Königs gehört haben und fühlen uns dabei fast selbst wie Könige!«

John ergriff plötzlich meine Hand und drückte sie ungestüm. »Du beginnst dich wieder zu erinnern, Brenda«, sagte er glücklich. »Dass du dieses Gedeck erkannt hast, lässt mich hoffen, dass es nicht halb so schlimm um dich steht, wie ich befürchtet hatte.«

Ich zog meine Hand zurück. »Ich fürchte, ich kann deinen Optimismus nicht teilen«, dämpfte ich seine Freude. »Ich habe sämtliche Erinnerung an mein Leben verloren. Was nützt es mir zu wissen, aus welcher Epoche irgendwelche Kunstschätze stammen, wenn ich mich an nichts aus meinem Leben erinnern kann?«

»Es ist doch bloß ein Anfang«, ließ John nicht locker. »Glaube mir, für mich ist es genau so schlimm, dass du dich nicht mehr an unsere gemeinsame Zeit erinnern kannst. Doch ich bin fest davon überzeugt, dass sich deine Erinnerung wieder einstellen wird. Nachher kommt Dr. Hyes. Ich habe sie bereits verständigt und ihr geschildert, was vorgefallen ist. Ich bin sicher, Dr. Hyes wird dich wieder gesund machen und dir deine Erinnerung zurückgeben.«

Ich bedachte John mit einem flüchtigen Seitenblick. Bisher war mir dieser Mann noch nicht sympathischer geworden. Ganz im Gegenteil. Was er über die Artefakte gesagt hatte, bewies nur, wie eigensüchtig und egoistisch er war. Mir war schleierhaft, wie ich es all die Jahre mit solch einem Mann hatte aushalten können. Ich überlegte ernsthaft, ob ich Dr. Hyes nicht bitten sollte, mir mein Gedächtnis lieber nicht zurück zu geben, denn ich war mir nicht sicher, ob ich an mein Zusammenleben mit John überhaupt erinnert werden wollte.

Doch dann fiel mir plötzlich der mysteriöse Junge wieder ein, den ich auf der Burgzinne gesehen hatte. Irgendetwas stimmte mit mir nicht, wenn ich mir nun sogar schon einbildete, Menschen zu sehen, die sich anschließend in Nebel auflösen.

Dr. Hyes musste mich unbedingt heilen, damit ich wieder normal wurde. Lieber wollte ich die Erinnerung an eine furchtbare Ehe zurück, als in Zukunft ständig irgendwelche Geister zu sehen.

Resigniert machte ich mich über das Frühstück her. Erst jetzt bemerkte ich, wie ausgehungert ich war. Heißhungrig schlang ich das Spiegelei hinunter, dabei peinlich darauf bedacht, dem unersetzlichen Teller keinen Schaden zuzufügen.



5

»Dr. Heyes ist soeben eingetroffen«, meldete Mechthild, die den Speisesaal durch einen Seiteneingang betreten hatte. »Sie wartet im Blauen Salon.«

»Hervorragend!«, sagte John und erhob sich abrupt von seinem thronartigen Stuhl. Auffordernd streckte er mir die Hand hin. »Komm, meine Geliebte«, sagte er vergnügt. »Dr. Hyes wird dich schnell wieder heilen. Du wirst sehen, sie ist eine ausgezeichnete Ärztin. Du hast ihr immer sehr vertraut.«

Johns Worte ließen mich aufhorchen. War diese Dr. Hyes eine Vertraute von mir gewesen? Wenn ja, konnte ich ihr auch von dem Vorfall mit dem mysteriösen Jungen erzählen?

Ich ignorierte Johns ausgestreckte Hand und stand auf. Mechthild machte sich unverzüglich daran, die Teller fortzuräumen.

»Vorsicht!«, gemahnte ich die junge Bedienstete, die für meinen Geschmack etwas zu sorglos mit dem antiken Geschirr umging. »Wenn Sie etwas kaputt machen, wird Sie das Ihren Job kosten. Dieses Geschirr ist mehr wert, als Sie in Ihrem Leben je verdienen können!«

Mechthild starrte mich böse an. »Jawohl, Madame«, sagte sie dann bemüht höflich. »Ich hantiere mit diesem Porzellan schließlich nicht das erste Mal.«

»Entschuldigen Sie«, sagte ich, da mir meine harten Worte plötzlich leid taten. »Ich kann mich nur an den Gedanken nicht gewöhnen, von Tellern zu essen, die eigentlich in die Vitrine eines Museums gehören.«

»Du brauchst dich bei Mechthild nicht zu entschuldigen«, sagte John streng. »Sie ist schließlich nur ein Dienstmädchen. Komm jetzt, Brenda. Wir wollen Dr. Hyes nicht unnötig warten lassen.«

John umfasste meinen Arm und zog mich von der Tafel fort. In der Eingangshalle angekom men lenkte er seine Schritte zu einem Korridor am anderen Ende der Halle. Johns Griff war fest und unerbittlich. Wie eine Gefangene zog er mich hinter sich her.

»Du tust mir weh!«, beschwerte ich mich und versuchte mich aus seinem Griff zu befreien.

»Ich will nur dein Bestes«, erwiderte John kalt. »Mit dem Theater muss endlich Schluss sein. Du musst endlich wieder gesund werden. Du benimmst dich nämlich ziemlich kindisch. Ich erkenne dich gar nicht wieder, Brenda!«

»Wie bin ich denn gewesen?«, fragte ich verzagt und bemühte mich, mit John Schritt zu halten. Der Korridor, den wir jetzt durchschritten, war genauso pompös und kostspielig eingerichtet wie alle Flure und Räume des Castles. In den Nischen standen wertvolle Marmorfiguren und an den holzvertäfelten Wänden hingen Ölgemälde von bekannten klassischen Künstlern.

»Du warst eine liebevolle und ehrgeizige Frau«, berichtete John ungehalten. »Du hast mich geehrt und meine Autorität stets geachtet. Die Kunstschätze in unserem Castle haben dir immer sehr viel bedeutet. Du konntest gar nicht genug von diesem Zeug bekommen und warst immer ganz aufgeregt, wenn ich wieder neue Stücke mitbrachte.«

»Du musst Millionär sein«, meinte ich, während mein Blick immer wieder an den Gemälden und Statuen haften blieb, an denen wir vorbeikamen.

»Das bin ich auch«, erwiderte John lapidar. »Ich entstamme einer wohlhabenden Familie. Die Liebe zu Kunstschätzen wurde von Generation zu Generation an die Söhne weitervererbt. Was du hier siehst, sind die Früchte der Sammlerleidenschaft mehrerer Generationen.«

Plötzlich blieb John vor einer Tür stehen. Ohne anzuklopfen stieß er sie auf und zog mich in den dahinterliegenden Raum.

Die Wände des Zimmers waren mit mattblauen Seidentapeten beklebt. Auch die Sessel und die Sofas, dem Stil nach zu urteilen ebenfalls aus de m Rokoko stammend, waren mit blauem Stoff bezogen. Die Intarsien der Schränke und Vitrinen waren blau abgesetzt. Alles war farblich perfekt aufeinander abgestimmt. Nur die Frau, die beim Fenster mit den himmelblauen Vorhängen stand,

wollte sich nicht in das harmonische Bild fügen. Sie hatte langes feuerrotes Haar und trug ein raffiniertes rotes Kleid, das ihre weiblichen Rundungen vorteilhaft betonte.

»Guten Tag, Brenda!«, rief die Frau und eilte mit ausgestreckten Armen auf mich zu. »John hat mir erzählt, dass dein gestriger Sturz vom Pferd anscheinend doch negative Auswirkungen zeigt.«

»So ist es leider«, bestätigte ich und reichte der Frau zögernd die Hand.

Dr. Hyes blieb mit ausgestreckten Armen verdattert vor mir stehen und starrte meine Hand an. Offenbar irritierte sie diese förmliche Geste.

Unschlüssig ließ sie die Arme sinken und warf John einen hilfesuchenden Blick zu.

John zuckte mit den Schultern. »Ich habe dir doch gesagt, dass Brenda sich an nichts mehr erinnert.«

Prüfend sah Dr. Hyes mich an. »Du weißt nicht, wer ich bin?«

Ich betrachtete die Frau eingehend. Sie hatte grüne Augen wie ich. Ihr Make-up war für meinen Geschmack ein wenig zu dick aufgetragen. So waren ihre Lippen zum Beispiel mit lilafarbenem Lippenstift bemalt, was die Ärztin in meinen Augen irgendwie verwegen und lüstern erscheinen ließ.

Dr. Hyes und John schienen eng befreundet zu sein. Auch ich sollte Dr. Hyes gut kennen, wie ihre herzliche Begrüßung vermuten ließ. Trotzdem hatte ich den Eindruck, dieser Frau heute das erste Mal gegenüber zu stehen.

»Tut mir leid«, sagte ich bedauernd. »Ich habe das Gefühl, Sie heute das erste Mal zu sehen.«

»Ich bin’s, Gwendolyn«, sagte die Frau mit Nachdruck. »Dr. Gwendolyn Hyes! Wir beide sind dicke Freunde. Wir haben all unsere Geheimnisse geteilt und hatten immer sehr viel Spaß miteinander. Das kannst du doch unmöglich alles vergessen haben!«

Ich machte eine hilflose Geste. »Es... es tut mir leid«, wiederholte ich mit schwankender Stimme. »In mir herrscht absolute Leere. Es ist richtig unheimlich, wenn ich versuche, mich an irgendetwas zu erinnern. Alles, was ich dann vor meinem geistigen Auge sehe, ist nachtschwarze Dunkelheit!«

»Kopf hoch, Brenda«, meinte Gwendolyn. »Es besteht kein Grund, deswegen in Panik auszubrechen. Ich bin mir sicher, wir kriegen das wieder hin. Du kannst mir vertrauen. Schließlich bin ich Ärztin und noch immer deine allerbeste Freundin.«

»Muss ich in ein Krankenhaus?«, fragte ich. Der Gedanke hatte durchaus etwas Tröstliches an sich. Ich würde endlich aus diesem düsteren, einsamen Castle herauskommen und müsste Johns aufdringliche Gegenwart nicht mehr länger ertragen. Wenn ich in ein Krankenhaus eingeliefert wurde, könnte ich endlich in Ruhe über alles nachdenken, auch darüber, wie ich mich John, meinem Ehemann, in Zukunft gegenüber verhalten sollte...

»Das wird nicht nötig sein«, zerstörte Gwendolyn meine stille Hoffnung. »Im Gegenteil. Für dein Erinnerungsvermögen könnte ein Ortswechsel sogar verheerende Folgen haben. Dein Bewusstsein würde jeden Anhaltspunkt verlieren, der dir helfen könnte, dich zu erinnern. Ein dauerhafter Gedächtnisverlust könnte dir dadurch entstehen.«

Enttäuscht kniff ich die Lippen zusammen. Ich hatte das unbestimmte Gefühl, von Gwendolyn nicht für voll genommen zu werden. Zwar war sie Ärztin und wusste, was gut für mich war. Aber auf der anderen Seite war sie doch auch meine Freundin und hätte mich fragen können, was meine Wünsche waren. Stattdessen bestimmte sie einfach über mich, ohne zu berücksichtigen, wie ich mich fühlte und wie es zwischen mir und John stand.

»Gibt es denn wirklich nichts, an das du dich erinnern kannst?«, drang Gwendolyn erneut mit einer Frage auf mich ein.

Bevor ich etwas erwidern konnte, beantwortete John die Frage: »Ihr Wissen über Antiquitäten scheint Brenda behalten zu haben. Sie wusste genau, woher das Frühstücksgeschirr stammte und wie viel es wert war.«

»Das ist doch zumindest schon ein Anfang«, freute sich Gwendolyn. »An dieser Stelle sollten wir anknüpfen. Ich schlage vor, du zeigst Brenda ein paar von den Artefakten, die sie besonders gerne gemocht hatte. Vielleicht können wir ihrer Erinnerung auf diese Weise auf die Sprünge helfen!«

Besitzergreifend legte John einen Arm um meine Schulter und zog mich an sich. »Das hört sich doch gut an«, sagte er aufmunternd. »Am besten fangen wir sofort an. Ich habe auch schon eine Idee, was ich dir als erstes zeigen werde!«

Ich schüttelte Johns Arm ab. »Wenn du meinst«, sagte ich freudlos. »Ich wäre dir allerdings dankbar, wenn du dich mit deinen Zutraulichkeiten etwas zurückhalten würdest. Ich bin sehr verwirrt und muss mir über meine Gefühle erst im klaren sein.«

John machte ein gekränktes Gesicht. »Ich werde deinen Wunsch respektieren«, sagte er zerknirscht. »Aber dafür verlange ich, dass du Gwendolyns Anweisungen befolgst. Ich möchte, dass du dich so schnell wie möglich wieder an alles erinnerst, auch daran, wie sehr du mich geliebt hast!«

John sah mich eindringlich an. Ich drehte mich demonstrativ zur Seite und erstarrte.

An der Wand vor mir hing ein altes, stark gedunkeltes Gemälde, das mir zuvor nicht aufgefallen war. Nun sah ich es um so deutlicher, zumal gerade ein verirrter Sonnenstrahl durch das Fenster drang und direkt auf das Bild fiel.

Auf dem Gemälde war ein blasser Junge dargestellt. Er trug einen altertümlichen Mantel mit einer Doppelreihe schimmernder Messingknöpfe. Sei n lockiges, schulterlanges Haar sah sehr gepflegt aus und glänzte vor Pomade.

Es bestand kein Zweifel. Der Junge auf dem Gemälde war mit dem gespenstischen Kind identisch, das ich heute morgen auf der Burgzinne gesehen hatte!



6

»Was hast du plötzlich, Brenda?«, erkundigte sich Gwendolyn besorgt. Sie wedelte mit der Hand vor meinen Augen herum, so als befürchtete sie, ich wäre geistig weggetreten.

»Es... es ist nichts«, behauptete ich und riss mich gewaltsam von dem Anblick des Knabenportraits los.

Gwendolyn warf John einen raschen Seitenblick zu, der mir nicht entging. Anscheinend machte sie sich plötzlich große Sorgen um mich.

»Bist du sicher, dass mit dir alles in Ordnung ist?«, fragte Gwendolyn.

»Du hast ausgesehen, als wäre dir gerade ein Gespenst über den Weg gelaufen.«

Unbehaglich zuckte ich mit den Achseln. Die seltsame Begebenheit auf dem Burghof stand mir wieder deutlich vor Augen. Noch immer war es mir unerklärlich, warum der Junge sich plötzlich in Nebel aufgelöst hatte, als er von dem Wehrgang stürzte.

Hatte ich bei dem Unfall mit meinem Pferd am Ende doch einen größeren Schaden davongetragen? Gwendolyns alarmierter Seitenblick, den sie John zugeworfen hatte, ließ mich vermuten, dass ihr ähnliche Gedanken durch den Kopf gingen.

»Es ist dieses Bild«, sagte ich gedehnt und richtete meinen Blick unwillkürlich wieder auf den blassgesichtigen Jungen auf dem Gemälde. »Der Junge, der darauf abgebildet ist, kommt mir bekannt vor.«

Noch war ich mir nicht sicher, ob ich Gwendolyn wirklich vertrauen konnte. Ich hielt es daher vorerst für besser, den mysteriösen Vorfall mit dem Jungen für mich zu behalten.

»Du kannst diesen Jungen unmöglich kennen«, platzte es aus John hervor. »Er ist seit über dreihundert Jahren tot!«

»Wer war dieser Junge?«, fragte ich.

»Sein Name lautet Charles Macer«, erklärte John, sichtlich um Geduld bemüht. »Er war der letzte Spross der Adelsfamilie, die Danmoor Castle bewohnte, bevor es von meiner Familie übernommen wurde.«

John legte mir eine Hand auf die Schulter. »Komm jetzt, Brenda«, sagte er bestimmend. »Ich werde dir jetzt ein paar Artefakte zeigen und du sagst mir, was du darüber weißt. Vielleicht kehrt deine Erinnerung dann ja Stück für Stück wieder zurück, wie Gwendolyn es gesagt hat.«

Ich nickte und wandte mich schaudernd von dem Gemälde ab. Nun, da ich wusste, wer der mysteriöse Junge war, kam es mir nur noch viel seltsamer vor, dass ich ihm im Burghof begegnet war.

Plötzlich hatte ich es eilig, den Blauen Salon zu verlassen. Der Junge auf dem Portrait war mir unheimlich. Noch viel unheimlicher als die Tatsache, dass ich alle Erinnerungen an mein Leben verloren hatte.



7

John hatte uns in die Bibliothek von Danmoor Castle geführt. Gwendolyn wollte mich genau beobachten, wie si e sagte und John unterstützen, damit ich meine Erinnerung so rasch wie möglich wieder zurückerlangte.

Dass ich genau darauf gar nicht so erpicht war, schienen die beiden überhaupt nicht zu bemerken. Gwendolyn und John hingegen versprachen sich von der bevorstehenden > Behandlung< offensichtlich sehr viel. Geschäftig eilten sie in der Bibliothek umher und bereiteten alles vor.

Leider war Gwendolyn für meine zwiespältigen Gefühle überhaupt nicht zugänglich. Sie musste eine sehr oberflächliche Frau sein, wenn es ihr als meine allerbeste Freundin entging, was wirklich in mir vorging.

Vielleicht war ich in meinem Leben aber genau so oberflächlich gewesen wie Gwendolyn. Wenn ich mich in einen Mann wie John Severen hatte verlieben können, war auch nicht auszuschließen, dass ich vor meinem Unfall eine ganz andere Frau, mit einem völlig anderen Gefühlsleben gewesen war, als es offensichtlich jetzt der Fall war.

Der Anblick der unzähligen antiken Bücher, die in reichverzierten Regalen standen, die so hoch waren, dass sie bis an die Decke stießen, versetzten mich in einen wahren Freudentaumel. All meine Probleme waren plötzlich wie weggewischt. Stattdessen schritt ich nun voller Andacht die Regalreihen ab und ließ meinen Blick ehrfürchtig über die alten Buchrücken und Pergamente schweifen.

Die Bibliothek umfasste nicht nur eine Sammlung der wichtigsten Werke der Weltliteratur, es waren auch äußerst seltene und kostbare Bücher darunter, die sich mit Magie, Okkultismus und übersinnlichen Phänomenen beschäftigten.

Nachdem ich einige Regale abgeschritten hatte, stellte ich sogar fest, dass die Werke mit spirituellem Inhalt die der Weltliteratur zahlenmäßig bei weitem übertrafen. Die Bibliothek von Danmoor Castle war ein fast unerschöpflicher Quell übersinnlichen Wissens!

Verwundert drehte ich mich zu John um.

»Das... das ist einfach überwältigend«, stammelte ich. »All diese Bücher über Okkultismus und Magie stellen einen unschätzbaren Wert dar. Jedes Museum würde sich die Finger danach lecken.«

John seufzte entnervt. »Fang bloß nicht wieder mit deinen Museumssprüchen an«, meinte er grimmig. »Niemals würde ich es dulden, dass auch nur ein einziges Werk aus meiner Bibliothek in einem Museum verschwindet. Diese Bücher gehören mir!«

Missbilligend kräuselte ich die Stirn und ich fragte mich unwillkürlich, wie ich all die Jahre zwischen diesen Kostbarkeiten gelebt haben konnte, ohne den Versuch zu unternehmen, meinen Mann dazu zu überreden, seine unschätzbare Bibliothek der Öffentlichkeit zugänglich zu machen oder sie einem Museum zu stiften.

John trat auf mich zu und lächelte gezwungen. »Es freut mich zu sehen, wie sehr dir meine Bibliothek gefällt«, meinte er. »Du hast dich immer sehr gerne hier aufgehalten und konntest stundenlang damit zubringen, in alten Folianten zu blättern.«

Ich schaute die Regale an und nickte. »Das kann ich mir lebhaft vorstellen«, sagte ich schwärmerisch. »Ich liebe alte Bücher.«

»Dann ist dies ja genau der richtige Ort, um mit unserem kleinen Experiment zu beginnen«, erklärte Gwendolyn gut gelaunt. »John, zeige Brenda jetzt eines ihrer Lieblingsartefakte. Bestimmt wird sie sich daran genauso erfreuen, wie an dies en verstaubten, alten Schinken.«

John nickte und ging zu einem zierlichen Schrank, der zwischen zwei hohen Regalen stand. Er öffnete den Schrank und holte aus einer reichverzierten Truhe einen kleinen Gegenstand hervor.

»Diesen kleinen Anhänger habe ich dir vor einem Jahr aus München mitgebracht«, erklärte er. »Du wolltest immer herausfinden, was es mit diesem Kleinod auf sich hat und warst fest davon überzeugt, dass ein Geheimnis darin schlummert.«

John streckte die Hand aus. Darin lag eine grobe Silberkette, an der ein walnussgroßer Anhänger befestigt war, der die Form eines Totenkopfes hatte.

Zögernd nahm ich John die Kette aus der Hand und betrachtete den Totenkopf mit gemischten Gefühlen.

Er bestand aus Silber und war sehr sorgfältig und aufwendig gearbeitet. Die Schädeldecke ließ sich aufklappen, wie ein winziges verschnörkeltes Scharnier, das sich am Hinterkopf befand, vermuten ließ.

Ich erschauderte. Die leeren Augenhöhlen des Totenkopfes schienen mich höhnisch anzustarren.

Was war das für ein Mann, der seiner Geliebten einen abstoßenden Totenkopfanhänger mitbrachte? Etwas Böses und Unheimliches ging von dem Kleinod aus, das konnte ich deutlich spüren.

»Und?«, erkundigte sich John neugierig. »Regen sich in dir irgendwelche Erinnerungen?«

»Hast du mir immer so hässlichen Schmuck geschenkt?«, fragte ich sarkastisch. »Du musst mich ja wirklich abgöttisch geliebt haben, wenn du mir eklige Totenköpfe von deinen Reisen mitbrachtest.«

John machte eine hilflose Geste. Meine Bemerkung hatte ihn sichtlich aus der Fassung gebracht.

»Du hattest eben eine Vorliebe für skurrile Artefakte«, bemerkte Gwendolyn und lächelte versöhnlich. »John hat sich mit seinen Geschenken lediglich deinem Geschmack angepasst.«

Nachdenklich starrte ich den silbernen Totenkopf an. Ich konnte dem hässlichen Ding beim besten Willen nichts abgewinnen. Was für eine Frau war ich gewesen, dass ich an solchen abstoßenden Artefakten Gefallen gefunden hatte?

»Es ist sinnlos«, meinte John ungeduldig. »Brenda erinnert sich nicht an das Schmuckstück.«

»Das ist kein Schmuckstück, sondern ein Amulett«, hörte ich mich sagen. »Es ist ein sogenannter Bisamapfel. Das sind Amulettkapseln, in denen Duftstoffe aufbewahrt wurden.«

John sah mich gebannt an. »Es funktioniert tatsächlich«, freute er sich. »Gwendolyn, du hattest Recht. Brenda beginnt sich zu erinnern!«

»Was weißt du noch über das Amulett?«, ermutigte Gwendolyn mich. »Du hast einen Zipfel deiner Erinnerung zu fassen bekommen, Brenda. Gib jetzt nicht auf!«

Ich war von meinen Worten selbst ziemlich überrascht. Prüfend sah ich den abstoßenden Totenkopf an und lauschte in mich hinein. Die leeren Augenhöhlen waren tiefe Löcher, durch die man ins Innere des Amuletts sehen konnte.

»Es besteht kein Zweifel«, sagte ich gedehnt. »Es ist tatsächlich ein Bisamapfel. Die Kapseln müssen durchbrochen sein, damit die Geruchsstoffe, die darin aufbewahrt werden, auch nach außen dringen können. In diesem Fall sind es die Augenhöhlen.

Bisamäpfel tragen ihren sonderbaren Namen, weil für sie überwiegend tierische Duftstoffe verwandt wurden, wie zum Beispiel Bisam, Ambra und Moschus.«

Ich schnupperte vorsichtig an dem Amulett. Ein kaum wahrnehmbarer stechender Geruch stieg mir in die Nase, der in mir sofort eine eigenartige Benommenheit hervorrief.

Rasch brachte ich das skurrile Amulett aus der Reichweite meines Gesichts.

»Für diesen Bisamapfel muss ein mir unbekannter Duftstoff verwendet worden sein«, sagte ich nachdenklich. »Wahrscheinlich ist das Amulett schon mehrere hundert Jahre alt und der Duftstoff nahezu verbraucht. Auch scheint mir dies kein gewöhnlicher Bisamapfel zu sein. Sie sollten ihren Träger vor Dämonen und Krankheiten schützen. Ich kann mir aber nicht vorstellen, wer solch einen abstoßenden Bisamapfel getragen haben mochte. Sicherlich jemand, der nichts Gutes im Schilde führte.«

»Wie kommst du darauf?«, wollte John wissen, der mir die ganze Zeit wie gebannt zugehört hatte.

»Etwas Böses geht von diesem Amulett aus«, sagte ich vage. »Es muss mit dem Geruchsstoff zusammenhängen.«

Ich schüttelte das Amulett. Deutlich war zu spüren, wie ein kleiner Gegenstand darin hin und her purzelte. Ich spähte durch die Augenhöhlen und hielt das Amulett so, dass etwas Licht ins Innere der Kapsel fiel.

Ein dunkler, nicht zu identifizierender Brocken befand sich in dem Amulett. Woraus er bestand, ließ sich jedoch nicht erraten.

»Willst du die Kapsel nicht öffnen und den geheimnisvollen Geruchsstoff untersuchen?«, fragte John. Er wirkte irgendwie aufgeregt, als könnte er gar nicht erwarten, dass ich das Geheimnis des Amuletts endlich lüftete.

Ich ging zu einem Lesepult und versuchte dort, das Amulett zu öffnen. Aber ich schaffte es nicht. Die Schädeldecke ließ sich nicht hochklappen, obwohl es keinen Riegel oder einen Verschluss gab, der ein Öffnen verhinderte.

John reichte mir ein Messer. »Versuch es damit«, sagte er aufgeregt.

Ich schüttelte den Kopf. »Ich möchte das Artefakt nicht beschädigen«, sagte ich. »Es gibt auch einen anderen Weg, an die Ingredienzen in dem Amulett heranzukommen. Ich benötige dazu eine dünne Pinzette, die durch die Augenhöhlen passt. Auf diese Weise kann ich eine Probe entnehmen.«

John gab Gwendolyn ungeduldig ein Zeichen. »In dem Schrank befindet sich ein Koffer mit Brendas Werkzeug«, sagte er. »Bring ihn her!«

Gwendolyn starrte John einen Moment lang verärgert an. Offenbar passte es ihr nicht, wie er mit ihr sprach. Doch schließlich drehte sie sich doch um und brachte kurz darauf einen eleganten Lederkoffer.

John nahm ihr den Koffer aus der Hand, legte ihn auf den Pult und klappte den Deckel hoch.

Ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen. In dem Koffer befand sich allerlei Präzisionswerkzeug, wie es wohl zu der Ausrüstung eines Archäologen gehören mochte.

»Das gehört wirklich mir?«, fragte ich.

John nickte. »Ich sagte doch bereits, dass du Hobby-Archäologie betrieben hast. Und wie es meine Art ist, habe ich meine geliebte Frau natürlich sogleich mit dem teuersten Werkzeug ausgestattet. Greif zu und fang endlich an, den Bisamapfel zu untersuchen. Ich kann es kaum erwarten, dass du deine Erinnerung zurückerlangst. Ich glaube, du bist auf dem besten Weg der Genesung.«

John hatte recht. Ich schien tatsächlich eine Menge über Archäologie und speziell über Amulette zu wissen. Auch hatte mich eine seltsame Unruhe ergriffen. Ich wollte unbedingt herausfinden, was es mit dem Bisamapfel auf sich hatte!

Doch eine leise Stimme in meinem Innern warnte mich auch gleichzeitig. Es war durchaus nicht ungefährlich, mit dem mysteriösen Amulett herumzuhantieren. Etwas Böses ging von dem silbernen Totenkopf aus. Es war also äußerste Vorsicht geboten.

Bedächtig nahm ich eine spitze Pinzette aus dem Sortiment des Koffers. Dabei stellte ich verwundert fest, dass die Werkzeuge alle unbenutzt und neu aussahen. Hatte ich sie vielleicht doch nicht so oft benutzt, wie John mir weismachen wollte?

Ich schob den Gedanken beiseite und konzentrierte mich wieder auf das Amulett. Vorsichtig führte ich die Pinzette in eine Augenhöhle und zwackte dann einen Krümel aus dem unansehnlichen Brocken, der sich darin befand.

In der Innenseite des Kofferdeckels steckten mehrere Reagenzgläser. Ich nahm eines heraus und tat die Probe aus dem Bisamapfel hinein.

»Was nun?«, erkundigte sich John.

»Die tierischen Duftstoffe wurden früher mit einer pflanzlichen Substanz vermengt, die Tragantschleim genannt wird«, erklärte ich. »Dabei handelt es sich um eine Art Pflanzengummi, das als Träger für die Duftstoffe dient.

Der Tragant trocknet mit der Zeit aus. Doch wenn man ihn befeuchtete, wird er wieder weich und fängt an, die in ihm eingeschlossenen Duftstoffe freizusetzen.«

Neben den Reagenzgläsern befanden sich mehrere Behälter mit Chemikalien. Auch eine Phiole mit destilliertem Wasser gehörte dazu. Ich nahm den Behälter heraus und öffnete den Verschluss.

»Der Tragant aus dem Totenkopf ist gänzlich ausgetrocknet«, sagte ich dabei. »Ich werde ein wenig Wasser zufügen und ihn wieder auflösen. Dadurch werden die in dem Tragant gebundenen Düfte frei, sodass ich anhand des Geruchs bestimmen kann, aus welchen tierischen Duftstoffen die Ingredienzen bestehen.«

Vorsichtig gab ich ein paar Tropfen Wasser in das Reagenzglas.

Doch kaum kam das eingetrocknete Tragant mit dem Wasser in Berührung, fing es plötzlich an aufzuschäumen un d fetten grünlichen Qualm abzusondern.

Entsetzt ließ ich das Reagenzglas fallen. Es zerschellte mit lautem Klirren auf dem Lesepult, und eine schmale grünliche Rauchsäule stieg empor.

»Zurück!«, rief ich warnend. »Irgendetwas stimmt mit diesem Zeug nicht!«

Doch da war es bereits zu spät. Gwendolyn wurde von der wabernden Rauchsäule voll erfasst. Abwehrend riss sie die Arme hoch und gab einen erstickten Schrei von sich.

Dann überschlugen sich die Ereignisse.



8

Mit einem wilden Aufschrei stürzte Gwendolyn aus der grünen Rauchsäule hervor. Ihr schönes Gesicht war zu einer hässlichen Fratze verzerrt. Das rote Haar stand ihr wirr vom Kopf ab.

»Ich hasse dich, Brenda!«, kreischte sie mit überschnappender Stimme.

Ihre Hände formten sich zu Klauen, die sie mir angriffslustig entgegenstreckte.

Dann stürzte sich Gwendolyn auf mich. Ich versuchte noch, zur Seite auszuweichen. Aber Gwendolyn war schneller. Sie packte mich und riss mich zu Boden. Dabei ging sie so geschickt vor, dass ich zu unters lag und sie rittlings auf mir kauerte.

»Ich werde dich töten!«, kreischte Gwendolyn.

Schmerzhaft schlossen sich ihre Hände um meinen Hals. Grausam und erbarmungslos drückte sie zu, sodass mir augenblicklich die Luft wegblieb.

Verzweifelt versuchte ich, Gwendolyns Arme wegzudrücken. Aber die junge Frau entwickelte enorme Kräfte. Wie versteinert fühlten sich ihre Arme an, so sehr hatte sie ihre Muskeln angespannt.

Plötzlich wurde mir ganz schwummerig vor den Augen. Meine Bewegungen wurden kraftloser und schließlich sackten meine Arme schlaff zu Boden.

Das ist das Ende!, schoss es mir durch den Kopf. Die Frau, die behauptete, sie wäre meine allerbeste Freundin, war drauf und dran, mich umzubringen!

Schon schwanden mir die Sinne. Wie eine Maske schwebte Gwendolyns hassverzerrtes Gesicht über mir. Dieses schreckliche Bild würde ich mit in den Tod nehmen.

Da bemerkte ich plötzlich einen Schatten hinter Gwendolyn. Es war John, wie ich an der hochgewachsenen hageren Statur erkannte. Er riss die Arme hoch. In den Händen hielt er einen Gegenstand, den er nun mit voller Wucht auf Gwendolyns Hinterkopf niederschmetterte.

Gwendolyn gab einen dumpfen Laut von sich und kippte dann zur Seite weg. Ihr Griff lockerte sich und ich bekam endlich wieder Luft.

Röchelnd wandte ich mich unter Gwendolyn hervor, die schlaff und bewegungslos halb auf mir lag. Ich hustete und spuckte, so g japsend den kostbaren Sauerstoff in meine Lungen.

Sobald ich meine Sinne wieder einigermaßen zusammen hatte, spähte ich zu dem Lesepult hinüber. Ich machte mir große Sorgen wegen des grünen Qualms und befürchtete, dass er noch mehr Unheil anrichten würde.

Aber die giftige Rauchsäule hatte sich verzogen. Die Gefahr schi en fürs Erste gebannt.

Unbehaglich richtete ich meine Aufmerksamkeit wieder auf Gwendolyn. John hockte neben ihr und tätschelte ihr die Wange.

»Gwen!«, rief er rau. »Gwen, komm wieder zu dir!«

»Was ist mit ihr?«, fragte ich benommen.

»Sie ist bewusstlos«, erklärte John ungehalten. »Ich hoffe, ich habe nicht zu stark zugeschlagen.«

Ächzend richtete ich mich auf. Mein Hals schmerzte höllisch und das Atmen fiel mir noch immer schwer. Auch stand ich unter Schock. Meine Glieder zitterten und meine Beine knickten immer wieder unter meinem Gewicht ein. Aber ich spürte, dass ich mich langsam wieder erholte.

»Wir müssen einen Krankenwagen rufen«, sagte ich.

Gwendolyn blutete aus einer Platzwunde am Hinterkopf. Auch war nicht abzusehen, welche Schäden die mysteriösen grünen Dämpfe hinterlassen würden, die Gwendolyn eingeatmet hatte.

John schüttelte entschieden den Kopf. »Hilf mir, Brenda«, befahl er stattdessen. »Wir werden Gwendolyn in ein Gästezimmer bringen.«

John erhob sich, schob seine Hände unter Gwendolyns Achseln und schickte sich an, sie hochzustemmen.

»Das ist doch Wahnsinn!«, rief ich. »Wir müssen einen Arzt verständigen.«

»Halt den Mund, Brenda!«, fiel John mir ins Wort. »Du tust jetzt, was ich dir sage. Gwendolyn würde es mir nie verzeihen, wenn ich sie in ein Krankenhaus bringe. Und nun fass endlich mit an, verdammt!«

Johns harte Worte hatten mich eingeschüchtert. Verunsichert schob ich die Arme unter Gwendolyns Knie und hob sie dann zusammen mit John hoch.

Beinahe wäre ich unter dem Gewicht der Frau zusammengebrochen. Der Schock steckte mir noch immer in den Gliedern. Ich selbst hätte ärztliche Hilfe durchaus vertragen können. Doch daran schien John keinen Moment zu denken. Seine ganze Fürsorge galt Gwendolyn. Wie es mir ging, war ihm völlig gleichgültig.

Ächzend schleppten wir Gwendolyn vorsichtig auf den Korridor hinaus.

»Mechthild!«, schrie John mit donnernder Stimme. »Wir brauchen deine Hilfe!«

Es dauerte nicht lange, da erschien die Haushälterin auch schon auf der Bildfläche. Sie bedachte Gwendolyn nur mit einem flüchtigen Seitenblick und schob sich dann, ohne auch nur eine Frage zu stellen, an uns vorbei. Zielstrebig ging sie auf eine der Türen zu, die von dem Korridor abzweigten, und öffnete sie.

Dahinter tat sich ein gemütlich eingerichtetes Zimmer auf. Mechthild eilte zu dem Bett und schlug die Decke zurück, damit wir Gwendolyn hineinlegen konnten.

Mit letzter Kraft wuchtete ich die junge Ärztin auf die Matratze und stützte mich dann nach Atem ringend schwer auf das Bettgestell.

John nahm auf der Bettkante Platz und strich Gwendolyn das verschwitzte Haar aus dem Gesicht.

»Bring mir warmes Wasser und Verbandszeug«, befahl John, ohne Mechthild dabei anzusehen.

Die Haushälterin deutete einen Knicks an und entfernte sich rasch.

Wankend umrundete ich das Bett, sodass ich John nun gegenüber stand. Sein Gesicht drückte große Sorge aus und in seinen Augen schwammen sogar Tränen.

»Wie geht es ihr?«, erkundigte ich mich leise.

Ruckartig blickte John zu mir hoch. Mir kam es vor, als hätte er meine Anwesenheit für einen Moment völlig vergessen.

»Sie wird durchkommen«, sagte er abweisend. »Um ihre Kopfverletzung mache ich mir keine Sorgen. Ich habe nicht sehr hart zugeschlagen. Was mir Kopfzerbrechen be reitet, ist der mysteriöse grüne Qualm, den sie eingeatmet hat.«

Zärtlich strich er Gwendolyn über die Wange. »Was glaubst du, Brenda. Wird Gwendolyn nun für immer unter dem Einfluss des geheimnisvollen Duftstoffes stehen?«

Ich zuckte die Achseln. »Das kann ich nicht sagen«, erwiderte ich beklommen. »Es war ein Fehler, das Amulett zu untersuchen. Ich hätte auf mein Gefühl vertrauen sollen. Von Anfang an hatte ich Bedenken dagegen, dem Amulett sein Geheimnis zu entreißen. Es gibt Amulette, die sehr gefährlich sind und in denen magische Kräfte schlummern. Wir werden abwarten müssen, was mit Gwendolyn geschieht. Ich finde es allerdings verantwortungslos, sie nicht in ein Krankenhaus zu bringen.«

John ging nicht auf meine Worte ein. Stattdessen nahm er Mechthild, die in diesem Moment das Zimmer betrat, die Wasserschüssel aus der Hand.

Behutsam tupfte er Gwendolyn die Stirn und reinigte dann ihren blutverschmierten Hinterkopf.

Kaum hatte John seine Arbeit beendet, da schlug Gwendolyn auch schon die Augen auf.

Benommen sah sie sich um. Als sie John erblickte, hob sie schwerfällig den Arm und berührte zitternd sein Gesicht.

»Wie geht es dir?«, fragte John besorgt, nahm ihre Hand und küsste sie.

»Ich... ich fühle mich ganz benommen«, erklärte Gwendolyn mit brüchiger Stimme.

Es war seltsam. Es machte mir überhaupt nichts aus, mit anzusehen, wie liebevoll und zärtlich John und Gwendolyn miteinander umgingen. Eigentlich hätte ich jetzt eifersüchtig sein müssen. Doch es ließ mich völlig kalt, dass die beiden offenbar viel mehr verband, als bloße Freundschaft. Vielleicht unterhielten die beiden sogar eine geheime Liebesbeziehung und betrogen mich hinter meinem Rücken.

Diese Gedanken lösten weder Schmerz noch Trauer in mir aus.

»Du bist auf Brenda losgegangen, Gwen«, erklärte John in diesem Moment. »Wenn ich dich nicht niedergeschlagen hätte, hättest du sie wahrscheinlich getötet!«

Gwendolyn machte ein erschrockenes Gesicht und drehte ihren Kopf langsam zu mir herum. »Ist das wahr, Brenda?«, fragte sie beklommen.

Ich nickte.

»Wie konnte es nur dazu kommen?«, sagte Gwendolyn unbehaglich. »Du bist doch meine allerbeste Freundin.«

Ich schwieg. Der giftgrüne Qualm hatte in Gwendolyn wahrscheinlich unterdrückte Aggressionen geweckt, die sie gegen mich hegte. Wenn sie wirklich mit John eine geheime Liebesaffäre u nterhielt, worauf alles hindeutete, hasste sie mich sicherlich, weil ich zwischen ihr und John stand. Sie empfand mich als Rivalin, musste nach außen hin aber die gute Freundin spielen.

Diese Fassade hatte der mysteriöse Geruchsstoff für einen Moment zum Einsturz gebracht und Gwendolyns wahre Gefüh le zutage treten lassen.

Doch die Wirkung schien wieder nachgelassen zu haben. Gwendolyn machte einen ganz friedlichen Eindruck.

»Der Geruchsstoff des Bisamapfels, den ich unvorsichtigerweise freigesetzt habe, muss Schuld an deinem Verhalten sein«, erklärte ich vage. »Er hat dein aggressives Potential freigesetzt. Es ist dir als Ärztin wahrscheinlich bekannt, dass bestimmte Gerüche Einfluss auf den Menschen ausüben können. Duftstoffe können zum Beispiel aphrodisierende Wirkung haben oder ganz einfach auch Ekel und Übelkeit erzeugen. Der mysteriöse Geruchsstoff aus dem Totenkopfamulett scheint beim Menschen Hass und Mordlust zu wecken.«

»Eine interessante Eigenschaft«, bemerkte John. »Ich frage mich, was für Leute dieses Totenkopfamulett damals getragen hatten.«

»Wahrscheinlich wurde das Amulett von skrupellosen, verbrecherischen Menschen verwendet«, gab ich zu bedenken. »Es kann einen Menschen zum Mörder machen und ist darum ein gefährliches Werkzeug, das zerstört werden muss.«

»Ich werde mich darum kümmern«, erklärte John hastig und bestimmend. »Nun sollten wir uns alle aber ein wenig ausruhen. Wir haben einen harten, ereignisreichen Tag hinter uns.«

»Wie steht es mit deiner Erinnerung, Brenda?«, wollte Gwendolyn wissen.

Ich zuckte lahm mit den Achseln. »Ich habe noch immer keine Erinnerung an mein Leben«, sagte ich. »Lediglich mein Wissen über Archäologie und Amulette scheint zurückgekehrt zu sein.«

»Wir werden es schon schaffen«, meinte Gwendolyn aufmunternd. »Es tut mir unendlich leid, wenn ich dein Vertrauen verspielt habe. Aber es war wirklich nicht meine Absicht, dir etwas anzutun.«

»Ich glaube dir«, erwiderte ich und zwang mich zu einem versöhnlichen Lächeln. »Du kannst nichts dafür. Die mysteriösen Ingredienzen sind schuld.«

Gwendolyn versuchte sich in ihrem Bett aufzurichten. Doch sie verzog schmerzhaft das Gesicht und stöhnte auf.

John drückte Gwendolyn sanft aber bestimmend auf das Bett zurück. »Du musst dich jetzt ausruhen, Gwen. Vorher lasse ich nicht zu, dass du das Bett verlässt.«

»Aber wir müssen Brenda doch helfen«, erwiderte Gwendolyn verzagt. »Je eher sie sich wieder mit Amuletten befasst, desto besser stehen die Chancen, dass sie sich wieder an ihr altes Leben erinnert.«

»Das wird bis morgen warten müssen«, erklärte John. »Mein Bedarf an mysteriösen Vorfällen ist für heute gedeckt.«

»Mir geht es genauso«, bekräftigte ich. »Ruh dich jetzt aus, Gwendolyn. Auch ich brauche etwas Zeit, die Geschehnisse zu verarbeiten. Wer weiß, vielleicht stellt sich die Erinnerung ja ganz von selbst ein, wenn ich zum Nachdenken komme.«

Gwendolyn sah John zweifelnd an. Dieser aber schüttelte nur stumm den Kopf. »Es bleibt dabei«, sagte er und gab dem Dienstmädchen, das neben der Tür stand und demütig den Blick zu Boden gerichtet hatte, ein Zeichen.

»Bring Brenda auf ihr Zimmer«, befahl er. »Und dann kümmere dich um das Abendessen.«

»Jawohl, Sir«, sagte Mechthild. »Ich werde alles zu Ihrer Zufriedenheit regeln. Wie immer.«



9

Mein Privatzimmer befand sich im ersten Stock des Haupthauses und lag im selben Korridor wie das Schlafzimmer.

Erlesen e Rokokomöbel bestimmten das Bild. Es handelte sich um zierliche, kunstvoll gefertigte Einzelstücke, die vor zweihundert Jahren wahrscheinlich das Zimmer einer adligen Dame geschmückt hatten.

In einer Ecke stand sogar e in Kanapee. Ich war fest entschlossen, es von Mechthild als Bett herrichten zu lassen und die folgenden Nächte in meinem Zimmer zu schlafen. Die Ereignisse des Tages hatten meine Abneigung, die ich für John empfand, nur noch vertieft. Ich wollte mit diesem Mann nichts zu tun haben. Wenn ich mich endlich wieder an alles erinnerte, wollte ich sofort die Scheidung beantragen. Doch bis dahin musste ich in diesem düsteren Castle verweilen. Schließlich erinnerte ich mich an nichts und wusste auch nicht, an wen ich mich wenden konnte, wenn ich Hilfe brauchte.

Seufzend trat ich ans Fenster und blickte verdrossen in den trüben Tag hinaus, der sich langsam seinem Ende entgegen neigte.

Danmoor Castle lag auf einem seichten Hügel. Rings herum erstreckte sich Schottisches Hochland. Nur wenige Meter von der Burgmauer entfernt begann ein düsterer dichter Wald, der sich nach Westen bis zum dunstverhangenen Horizont erstreckte. Ein schmaler Fluss zeichnete den Saum des Waldes nach. Auf der gegenüberliegenden Uferseite lag eine karge Ebene, die mit wildem Buschwerk, vereinzelten Bäumen und Grasflächen bewachsen war und sehr urig und unwirtlich erschien.

Nirgendwo gab es eine Straße oder einen Pfad. Gehöfte oder Dörfer schien es in der Nähe von Danmoor Castle auch nicht zu geben.

»Wie einsam und verlassen es hier ist«, murmelte ich und rieb mir fröstelnd mit den Händen über die Oberarme. Es fiel mir schwer, mir vorzustellen, dass ich mich auf Danmoor Castle je wohl gefühlt hatte. Was hatte ich all die Jahre in diesem einsamen Gemäuer getrieben? Wer waren meine Freunde und wer meine Verwandten?

Da klopfte es plötzlich an der Tür. Es war Mechthild, die gekommen war, um mir Bescheid zu sagen, dass das Abendessen bereitet war. Ich trug der jungen Bediensteten auf, das Kanapee für mich herzurichten. Dann machte ich mich auf den Weg in den Speisesaal.

John hatte wieder am Kopf der ominösen Tafel Platz genommen. Zu seiner Linken saß Gwendolyn. Sie trug einen Kopfverband, schien sich aber sonst von den Vorfällen in der Bibliothek erholt zu haben.

Ich nahm der Ärztin gegenüber Platz und mied es dabei, John anzusehen. Gwendolyn fing ein Gespräch an. Doch ich hatte keine Lust, mich an der Konversation zu beteiligen. Was hätte ich auch

sagen sollen? Alle Erinnerungen an mein Leben waren erloschen.

Nach wenigen Minuten breitete sich lastendes Schweigen in dem Speisesaal aus. Jeder starrte auf seinen Teller und hing seinen Gedanken nach.

Die Stille wurde erst wieder durchbrochen, als Mechthild den Speisesaal betrat. Sie neigte sich zu John herab und flüsterte ihm etwas ins Ohr.

John warf mir daraufhin einen erbosten Blick zu.

»Du willst nicht mehr mit mir zusammen in einem Bett schlafen!«, sagte er hart, während Mechthild sich wieder zurückzog. Offenbar hatte sie ihm gerade verraten, dass ich ihr aufgetragen hatte, für mich ein Bett in meinem Privatzimmer herzurichten.

»Ich empfinde nichts für dich, John«, erwiderte ich kalt. Ich war fest entschlossen, John die Wahrheit zu sagen, so schmerzhaft dies für ihn auch sein mochte.

»Du bist meine Frau, Brenda. Vergiss das nicht!«

»Das ließe sich ändern«, entgegnete ich gefasst. »Ich will die Scheidung. Mit einem Mann wie dir, will ich nicht länger Zusammenleben. Es ist mir ein Rätsel, dass ich für dich je so etwas wie Liebe und Zuneigung empfinden konnte.«

John schnappte empört nach Luft. »Soll das etwa heißen, du willst mich verlassen?«

»Ja«, antwortete ich knapp.

»Genau das habe ich vor. Ich liebe dich nicht. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass sich daran etwas ändern wird, selbst wenn sich meine Erinnerung wieder einstellen sollte.«

»Aber du darfst jetzt nicht fort gehen«, mahnte Gwendolyn. »Danmoor Castle ist der einzige Ort, der dir dein Gedächtnis zurückgeben kann. Wenn du gehst, verspielst du auch die Chance, dich je an dein vergangenes Leben zu erinnern.«

»Wie lange wird es deiner Meinung nach dauern, bis ich mich wieder erinnere?«, fragte ich.

Gwendolyn warf John einen raschen Seitenblick zu. »Ein paar Tage wird dieser Prozess bestimmt in Anspruch nehmen«, meinte sie gedehnt. »Vorausgesetzt du arbeitest hartnäckig daran, deiner Erinnerung auf die Sprünge zu helfen.«

»Du meinst, ich soll mich wieder mit Artefakten beschäftigen?«

Gwendolyn nickte. »Einen anderen Weg gibt es nicht, da die Archäologie das einzige ist, an das du dich erinnerst.«

»Ich werde morgen früh gleich mit der Arbeit beginnen. Aber ich bestehe darauf, in meinem Zimmer zu schlafen!«

In Johns Gesicht arbeitete es. Er rang sichtlich um seine Fassung und wäre wohl am liebsten aufgesprungen, um seinem Unmut lauthals Luft zu machen.

Gwendolyn legte John beschwichtigend eine Hand auf den Unterarm. »Es ist wichtig, dass du jetzt Verständnis für deine Frau aufbringst«, sagte sie eindringlich, wobei ich mich des Eindrucks nicht erwehren konnte, dass Gwendolyn wegen meiner Entscheidung, nicht mehr das Bett mit John zu teilen, Erleichterung empfand. Gwendolyn liebte John, das wurde mir nun klar. Und ihr war es nur recht, dass ich die Scheidung wollte, denn dann hatte sie John endlich für sich allein.

John atmete tief durch und starrte mich finster an. »Also gut«, sagte er zerknirscht. »Ich akzeptiere deinen Entschluss. Aber ich verlange, dass du Gwendolyns Rat befolgst und dich weiterhin mit den Artefakten befasst. Ich bin nämlich überzeugt, dass du nicht im Traum daran denken wirst, dich von mit zu trennen, wenn du dich erst wieder an unser gemeinsames Glück erinnerst!«

Mit diesen Worten erhob John sich und verließ wütend den Speisesaal. Krachend schlug er die Tür hinter sich zu.

»Ich werde mich jetzt auch zurückziehen«, verkündete ich und stand auf.

Gwendolyn nickte mir aufmunternd zu. »Gute Nacht, Brenda. Ich fühle mich zu erschöpft, um n ach Inverness zurückzufahren und werde die Nacht im Castle verbringen. Falls irgendetwas vorfällt und du dich beginnst zu erinnern, kannst du mich jederzeit wecken. Ich bin immer für dich da.«

»Danke, Gwendolyn. Ich weiß das zu schätzen.«

Ich zögerte einen Moment. Dies war für Gwendolyn ein guter Zeitpunkt, mich über ihre geheime Liebesbeziehung mit John in Kenntnis zu setzen. Als beste Freundin war sie es mir schuldig, mich nicht weiter im unklaren zu lassen und mir zu beichten, was sie für meinen Mann empfand.

Gwendolyn schwieg. Anscheinend hielt sie es nicht für notwendig, mich in ihr Geheimnis einzuweihen.

Enttäuscht wandte ich mich ab und verließ den Speisesaal.



10

»Brenda, ich liebe dich!«

Da war sie wieder, diese sonore männliche Stimme aus der Dunkelheit. Sie schickte wohlige Schauer durch meinen Körper. Ich fühlte mich zu dieser Stimme hingezogen. Jede Faser meines Körpers sehnte sich danach, von dem Mann, dem die Stimme gehörte, berührt zu werden. Ich liebte diesen Mann und es stürzte mich in tiefe Verzweiflung, dass ich seinen Namen nicht kannte.

Unruhig warf ich mich in meinem Bett hin und her. Dann spürte ich plötzlich zwei starke aber sanfte Hände. Sie schmiegten sich in meine offenen Handflächen, kosten meine Finger, mit denen sie sich schließlich zärtlich verschränkten.

Mit gespreizten Armen lag ich auf dem Rücken und spürte eine süße Last auf meiner Brust, so als würde sich jemand über mich beugen. Tatsächlich strich nun auch ein warmer Atemhauch über mein Gesicht. Jemand küsste meine Stirn, meine Wangen und meine Nasenspitze.

Ich lächelte glücklich und gab mich ganz dem wundervollen Gefühl hin, das mir die Gegenwart des geheimnisvollen Mannes schenkte. Jetzt küsste er sogar meine Lippen, spielte mit ihnen und neckte sie. Dabei flüsterte er immer wieder: »Ich liebe dich. Ich liebe dich, Brenda.«

»Ja, ich liebe dich auch«, hauchte ich.

Tränen liefen mir über die Wangen. Ich hatte das Gefühl, dass ich den Namen des Fremden kennen müsste, dass ich ihn schon unzählige Male geflüstert hatte.

Aber ich konnte mich nicht erinnern!

Blinzelnd öffnete ich die Augen. Über mir schwebte ein blasses Gesichtsoval in der nachtschwarzen Dunkelheit. Es war umgeben von lockigem, dichtem Haar. Schemenhaft zeichnete sich ein lächelnder Mund in dem verschwommenen Gesicht ab und blaue Augen, die mich verliebt ansahen.

»Brenda«, flüsterte der Mann mit vertrauter Stimme. »Ich vermisse dich!«

»Ich vermisse dich auch«, hauchte ich, während Tränen über mein Gesicht kullerten.

Ich wollte mich aufrichten, den Mann fest in meine Arme schließen und nie wieder loslassen.

Doch in dem selben Moment, da ich in meinem Bett hochfuhr, fand der Traum ein plötzliches Ende.

Benommen und mit tränenfeuchten Augen sah ich mich um. Fahles Mondlicht drang durch ein hohes Fenster herein und tauchte die zierlichen Rokokomöbel, die mich umgaben, in silbernen Schimmer.

Ich befand mich in meinem Privatzimmer i n Danmoor Castle. Ich hatte bloß geträumt und war ganz allein!

Aber war ich das wirklich?

Plötzlich hatte ich das unbehagliche Gefühl, als würde mich jemand beobachten.

Das war natürlich Unsinn. Ich hatte die Tür sorgfältig verschlossen und mit einer schweren Kommode verrammelt, bevor ich mich zu Bett begeben hatte. Schließlich wollte ich sichergehen, dass John mir nachts nicht doch einen Besuch abstattete und auf seine Eherechte bestand.

Trotzdem hatte ich den Eindruck, jemand würde mich mit brennenden Augen anstarren!

Vielleicht gab es einen Geheimgang, den John benutzt hatte, um doch noch in mein Zimmer zu gelangen!

Diese Vorstellung ließ mich erschaudern. Da s wohlige, warme Gefühl, das ich aus meinem Traum hinübergerettet hatte, war augenblicklich verflogen. Stattdessen tastete ich nun nach dem Schalter der kleinen Nachttischlampe neben dem Bett.

Doch als ich den Schalter endlich gefunden und betätigt hatte, blieb es trotzdem dunkel.

Anscheinend war der Strom ausgefallen oder die Glühbirne kaputt gegangen.

Oder gab es etwa einen anderen Grund, warum das Licht ausgerechnet jetzt nicht funktionierte?

»Hallo?«, rief ich verhalten in die Dunkelheit. »Ist da jemand?«

Ich erhielt keine Antwort.

Unbehaglich zog ich die Bettdecke bis zum Hals und starrte ängstlich in die Dunkelheit. Das vage Gefühl, nicht mehr allein zu sein, war jetzt fast zur Gewissheit geworden. Jemand hielt sich in meinem Zimmer auf, da war ich mir sicher!

»John, bist du das?«, fragte ich und bemühte mich, meine Stimme dabei fest und selbstsicher klingen zu lassen.

Tatsächlich bemerkte ich in der linken Ecke des Zimmers nun plötzlich eine schemenhafte Bewegung.

»John, ich warne dich!«, rief ich und wich bis zum Kopfende meines Bettes zurück, die Decke krampfhaft vor meiner Brust zusammengerafft. »Komm mir nicht zu nahe!«

Eine Gestalt trat zögernd in das fahle Mondlicht.

Ich glaubte, meinen Augen nicht zu trauen. Es war nicht John, der da vor mein Bett getreten war, sondern ein zierlicher Junge, m it langem, welligem Haar, der einen altertümlichen Mantel mit schimmernden Messingknöpfen trug.

Das Knabengesicht war dasselbe, wie auf dem alten Gemälde im Blauen Salon. Charles Macer war sein Name. Doch er war seit über dreihundert Jahren tot!

Fing ich etwa wieder an zu halluzinieren?

Ich schluckte und kämpfte das nackte Entsetzen herunter, das in mir mit aller Wucht aufzusteigen drohte. Ich wollte nicht verrückt werden! Lieber wollte ich mich an mein gemeinsames Leben mit John erinnern, als dem Wahnsinn anheimzufallen und geisterhafte Gestalten zu sehen, die längst tot waren!

Das Trugbild vor meinem Bett blieb jedoch hartnäckig bestehen. Jetzt hob der Junge sogar zaghaft einen Arm und winkte.

Mein Atem wurde hektischer und ich schüttelte entsetzt den Kopf. »Nein«, röchelte ich und fuchtelte mit der Hand abwehrend in der Luft herum. »Geh weg, Junge! Geh weg!«

Der Knabe legte den Kopf schief und betrachtete mich traurig. Der Ausdruck von Resignation und tiefer Verzweiflung machte sich plötzlich auf seinem blassen Gesicht breit. Er ließ die Schultern hängen und traf Anstalten, sich von mir abzuwenden, um wieder im Dunkeln zu verschwinden.

Plötzlich tat mir der Junge leid. Meine ängstliche, abweisende Reaktion kam mir plötzlich albern und kindisch vor. Dieser Junge brauchte meine Hilfe! Nicht umsonst war er zu mir gekommen!

Auf die Gefahr hin, nun ganz den Verstand zu verlieren, streckte ich bittend die Hand aus.

»Warte«, rief ich verhalten. »Geh nicht!«

Der Junge hielt inne und drehte sich langsam wieder zu mir um. Gefasst schaute er mich mit seinen ti efgründigen, traurigen Augen an.

»Du siehst dem Jungen auf einem Ölgemälde im Castle zum Verwechseln ähnlich«, sagte ich und kroch über das Bett auf die kleine Gestalt zu.

Der Junge nickte eifrig, als wollte er meine Worte bestätigen. Er stand mir nun direkt gegenüber. Aber in dem silbernen Mondlicht wirkte er auf erschreckende Weise unwirklich, fast durchscheinend.

»Bist du Charles Macer?«, fragte ich rau. Mir wohl bewusst, wie unsinnig meine Frage war, da Charles Macer ja seit über dreihundert Jahren tot war.

Der Junge nickte traurig. Sein Gesicht hellte sich plötzlich wieder auf und er gab mir mit einem ungeduldigen Wink zu verstehen, dass ich ihm folgen sollte. Dann wandte er sich ab und trat auf die Tür zu, die ich mit der Rokokokommode verrammelt hatte.

»Warte!«, rief ich und wollte nach der Schulter des Jungen greifen.

Aber meine Hand ging durch die Gestalt hindurch, als würde sie aus Nebel bestehen.

Mit einem leisen Aufschrei wich ich auf dem Bett zurück.

Doch Charles sah nur kurz über seine Schulter zu mir zurück und lächelte dünn. Dann hatte er die Tür erreicht und schritt einfach durch sie hindurch!

Starr vor Schreck und Entsetzen kauerte ich auf dem Bett und glotzte die verrammelte Tür verdattert an, durch die der Junge soeben verschwunden war.

» Entweder bin ich jetzt verrückt oder bei dem Jungen handelt es sich wirklich um den Geist von Charles Macer«, flüsterte ich mit zitternder Stimme.

Eine Gänsehaut kroch mir den Rücken hinunter. Alles in mir schrie danach, einfach die Bettdecke über den Kopf zu ziehen und darauf zu warten, bis es endlich Morgen wurde.

Aber es regte sich auch eine unbestimmte Neugierde in meinem Innern.

Charles Macer brauchte meine Hilfe! Das stand für mich unumstößlich fest. Und diese Hilfe würde ich ihm nicht verwe hren, egal, wie fest mich die Angst mit ihren kalten Klauen gepackt hielt!

Entschlossen verließ ich das Bett und machte mich daran, die Kommode von der Tür wegzurücken.



11

Der Korridor war dunkel. Nur vom weit entfernten Ende drang durch ein vergittertes Fenster fahles Mondlicht herein, das jedoch zu schwach war, um tiefer in den Korridor einzudringen.

Unbehaglich hielt ich nach der gespenstischen Gestalt von Charles Macer Ausschau.

Dann sah ich den Jungen. Sei n langer, dunkler Mantel machte ihn fast unsichtbar. Nur das blasse Gesicht, umrahmt vo n lockigem, langem Haar, schimmerte fahl in der Dunkelheit.

Der Junge winkte, als er bemerkte, dass ich ihn entdeckt hatte. Er stand bei der breiten Treppe, die zur Eingangshalle hinab führte.

Mit einem beklommenen Gefühl im Magen ging ich auf den gespenstischen Jungen zu. Weich und warm fühlte sich der Teppich unter meinen nackten Füßen an. Trotzdem fröstelte ich.

Wie ich nun so in meinem weißen, durchscheinenden Nachthemd und mit lautlosen Schritten den Korridor durchquerte, kam ich mir fast selbst wie ein Gespenst vor. Die ganze Situation erschien mir irgendwie unwirklich und v errückt wie mein ganzes Leben.

Ich war eine Frau, die die Erinnerung verloren hatte, und nun plötzlich vor dem Nichts stand. Das einzige, was mir geblieben war, waren seltsame, prickelnde Träume, in denen ein charmanter geheimnisvoller Mann vorkam, der mir beteuerte, wie sehr er mich liebte und wie sehr ich ihm fehlen würde.

Bei dem Gedanken an den Mann aus meinen Träumen wurde mir unwillkürlich schwermütig ums Herz. Wie hatte ich mich nur in ein so herzloses und egoistisches Monster verlieben können, wie Sir John es war? Warum lebte ich nicht mit einem Mann zusammen, wie er mir im Traum erschienen war?

In diesem Moment erreichte ich die Treppe. Der kleine Charles war schon einige Stufen hinabgestiegen und drehte sich nun um, um sich zu vergewissern, dass ich ihm auch wirklich folgte.

Ein dankbares Lächeln umspielte seine blassen Lippen, als er mich sah. Charles winkte noch einmal und eilte dann huschend die Stufen hinab.

In der pompösen Eingangshalle angekommen, wandte sich der Junge nach rechts. Er verschwand in einen schmalen Korridor, der mir bisher noch gar nicht aufgefallen war.

Hier herrschte absolute Dunkelheit. Aber der fahle Schimmer, der von Charles ausging, wies mir den Weg.

Tief drangen wir in den Korridor ein. Dann blieb Charles plötzlich stehen.

Zögernd schloss ich bis zu dem gespenstischen Jungen auf. Ungeduldig von einem Standbein auf das andere wechselnd stand er da und deutete auf die Wand, vor der er stehengeblieben war.

Meine Augen hatten sich inzwischen an das Dunkel gewöhnt, sodass ich die holzvertäfelte Wand gut erkennen konnte.

Es war jedoch nichts Außergewöhnliches daran zu bemerken.

Verständnislos sah ich den Jungen an. »Was ist mit dieser Wand?«, fragte ich flüsternd.

Der Junge machte ein ernstes Gesicht. Dann trat er auf die Wand zu und tauchte hinein. Doch bevor er meinen Blicken ganz entschwand, drehte er sich noch einmal um und winkte auffordernd, als wollte er, dass ich ihm durch die Wand folgen sollte.

Es war ein grauenerregender Anblick, wie der Junge halb mit der Mauer verschmolzen dastand. Nur sein Kopf und die Arme schauten noch hervor.

»Ich... ich kann nicht durch Wände gehen wie du«, erklärte ich unbehaglich.

»Was geht hier vor sich?«, war hinter mir plötzlich die donnernde Stimme von John zu vernehmen.

Erschrocken wirbelte ich herum.

John knipste eine Taschenlampe an und richtete den Strahl direkt in mein Gesicht.

Geblendet hob ich den Arm.

»Was hast du hier zu suchen, Brenda?«, fragte John lauernd.

Unbehaglich schaute ich über die Schulter zu der Mauer zurück. Ch arles lockiges Haupt schaute noch immer aus der Mauer hervor. Die Enttäuschung über das plötzliche Auftauchen von John war seinem Gesicht deutlich anzusehen.

Prüfend blickte ich John an, der die Taschenlampe nun gesenkt hatte. In Johns Gesicht war weder Verwunderung noch Entsetzen zu erkennen. Anscheinend konnte er Charles Macer nicht sehen!

Eine Gänsehaut kroch mir den Rücken hinunter und wieder fragte ich mich, ob ich verrückt geworden war und der gespenstische Junge bloß eine Ausgeburt meines kranken Gehirns war.

»Beantworte mir endlich meine Frage!«, grollte John. »Was hast du in diesem Teil des Castles verloren?«

Ich zuckte unbehaglich mit den Schultern. »Ich... ich konnte nicht schlafen«, stammelte ich

und suchte verzweifelt nach einer plausibel klingenden Erklärung. Aber es wollte mir keine einfallen.

»Und da spukst du ausgerechnet in dem verbotenen Korridor herum?«, erkundigte sich John herausfordernd, so als befürchtete er irgendeine Verschwörung hinter meinem Tun.

»Ich... war bloß neugierig«, erklärte ich und blickte rasch über die Schulter zu Charles, der sich in diesem Moment resigniert ganz hinter die Mauer zurückzog und verschwand. »Ich kenne diesen Teil des Castles nicht, wenigstens erinnere ich mich nicht daran.«

»Du hast in diesem Korridor nichts zu suchen«, blaffte John. »Er ist tabu für dich, verstanden?«

»Warum?«, fragte ich.

»Weil hier Einsturzgefahr besteht«, erklärte John, wobei ich das Gefühl nicht los wurde, dass er mich belog. »Es ist gefährlich hier. Die Sache mit dem Pferdesturz sollte dir doch genügen!«

John packte mich am Arm und zog mich unsanft von der vertäfelten Wand weg, hinter der Charles Macer verschwunden war. Der Junge hatte mir etwas zeigen wollen. Doch nun war John dazwischen gekommen.

»Was ist das überhaupt für ein Gebäudetrakt?«, wollte ich wissen, während ich hinter John herstolperte, der mit großen Schritten über den Korridor eilte und es ziemlich eilig zu haben schien, ihn hinter sich zu lassen.

»Es ist bloß ein alter Seitenflügel, der den Turm mit dem Haupthaus verbindet«, erklärte John lapidar. »Ich hätte diesen Seitenflügel längst abreißen sollen. Es ist lebensgefährlich, ihn zu betreten!«

»So einen baufälligen Eindruck macht der Korridor aber gar nicht«, bemerkte ich.

John packte nun noch härter zu und starrte mich feindselig an. Inzwischen hatten wir die Eingangshalle erreicht. Johns Stimme hallte donnernd darin wider, als er mich nun anschrie: »Habe ich mich eben nicht verständlich ausgedrückt? In dem Seitenflügel hast du nichts zu suchen. Und damit Schluss!«

»Lass mich los!«, beschwerte ich mich und versuchte vergeblich, mich aus Johns festem Griff zu befreien. »Du tust mir weh!«

»Warum bist du nur so widerspenstig!«, knurrte John. »Wir beide sind Mann und Frau. Es wird Zeit, dass du dich wieder daran erinnerst!«

»Nur weil ich mit dir verheiratet bin, heißt das noch lange nicht, dass du mich nach Belieben herumkommandieren kannst«, erwiderte ich zornig.

Ich holte aus und versetzte John eine schallende Ohrfeige.

Unwillkürlich ließ er mich los, taumelte einen Schritt zurück und starrte mich dann feindselig an, während er seine schmerzende Wange rieb.

»Dafür wirst du bezahlen!«, schrie er außer sich. »Ich werde dich lehren, was es heißt, sich gegen mich aufzulehnen!«

John erhob die Hand zum Schlag. In seinen Augen blitzte es gefährlich. Wie einen Feind starrte er mich an und schien fest entschlossen, sich auf mich zu stürzen.



12

»Halt!«, ertönte da eine weibliche Stimme. Sie gehörte Gwendolyn Hyes. Nur in ein seidiges blaues Nachthemd gekleidet stand sie oben am Geländer der Treppe. Ein Mondstrahl, der durch das runde Fenster über der Tür hereinfiel, beleuchtete ihre schlanke Gestalt. Gwendolyns rotes Haar schimmerte wie Glut und ihre Augen blickten streng auf John herab.

Augenblicklich ließ John die erhobene Hand sinken. »Gwen«, sagte er unbehaglich. »Warum schläfst du nicht?«

»Bei dem Lärm, den ihr beide veranstaltet, ist es unmöglich zu schlafen«, erwiderte Gwendolyn kalt. »Ihr beide solltet jetzt wieder ins Bett gehen, bevor es noch ein Unglück gibt!«

John warf mir einen hasserfüllten Blick zu. »Denk an meine Worte!«, zischte er böse. »Betrete nie wieder den verbotenen Korridor!«

John drehte sich abrupt um und eilte die Stufen empor. Vor Gwendolyn blieb er einen kurzen Moment stehen und starrte sie von oben bis unten an.

Dies schien der jungen Ärztin jedoch keinerlei Unbehagen zu bereiten. Im Gegenteil, aufrecht und stolz stand sie da und schien die verschlingenden Blicke von John sogar zu genießen.

Schließlich wandte John sich ab und verschwand Richtung Schlafzimmer.

Fröstelnd rieb ich mir mit den Händen über die Unterarme. Wenn es überhaupt möglich war, so verabscheute ich John jetzt noch viel mehr. Ich war überzeugt, dass er mir etwas angetan hätte, wenn Gwendolyn nicht auf der Bildfläche erschienen wäre.

Ich ging zu der jungen Ärztin, die oben bei der Treppe auf mich wartete.

»Danke«, murmelte ich.

»Es gibt nichts, wofür du dich bedanken müsstest«, erwiderte Gwendolyn. »John ist ein eigensinniger, störrischer Mann. Man muss wissen, wie man ihn zu nehmen hat. Dann kommt man auch prima mit ihm aus.«

»Habe ich das vor meinem Unfall gekonnt?«, fragte ich.

Gwendolyn nickte, schaute aber zur Seite, so als könnte sie mir dabei nicht in die Augen sehen.

»Ich werde John morgen verlassen«, sagte ich.

Gwendolyn sah mich erschrocken an. »Das darfst du nicht!«, rief sie aufgebracht. »Wenn du Danmoor Castle verlässt, wird deine Erinnerung niemals zurückkehren!«

»Darauf lege ich auch keinen Wert«, entgegnete ich kalt. »Vielleicht ist es besser so, wenn ich mich nicht an John erinnere.«

Gwendolyn ergriff meine Hände und sah mich eindringlich an. »Wo willst du denn hin?«, fragte sie. »Wenn du John verlässt, stehst du völlig mittellos da. Er wird dir weder Geld noch eine andere Unterstützung gewähren. Du bist ganz allein auf dich angewiesen, ohne Freunde, ohne Wohnung. Außerdem wird John dich für unzurechnungsfähig erklären lassen. Du hast deine Erinnerung verloren und bedarfst ärztlicher Hilfe. Du musst hierbleiben und dich erst an alles erinnern. Dann erst hast du eine Chance, dich von John loszusagen.«

Gefasst sah ich Gwendolyn an. »Hältst du mich denn für unzurechnungsfähig?«, fragte ich und musste dabei unwillkürlich an meine seltsamen Träume und den Geisterjungen Charles Macer denken.

Gwendolyn ließ meine Hände los und nickte. »Ich kann es allein schon aus ärztlicher Sicht nicht verantworten, dass du die vertraute Umgebung von Danmoor Castle verlässt. Ich will nur das beste für dich, Brenda. Das kannst du mir glauben. Schließlich bin ich deine beste Freundin.«

»Und wie es den Anschein hat, auch meine einzige«, merkte ich in einem Anflug von Sarkasmus an.

»Du hast immer ein zurückgezogenes Leben geführt und warst dabei glücklich«, erwiderte Gwendolyn.

Ich lachte rau. »Glücklich! Ich kann mir nicht vorstellen, dass John mich wirklich glücklich gemacht hat. Wir sind einfach zu verschieden. Um das zu erkennen, brauche ich keine Erinnerung. Es genügt, auf mein Herz zu hören.«

Gwendolyn kniff die Lippen zusammen und zuckte mit den Achseln. Es war ihr anzusehen, dass sie von John eine ganz andere Meinung hatte als ich.

»Du liebst John, nicht wahr?«, platzte es aus mir hervor.

Gwendolyn machte ein bestürztes Gesicht. »Wie kommst du darauf?«

»Ich habe vielleicht mein Gedächtnis verloren, aber nicht mein Urteilsvermögen«, erwiderte ich. »Es ist dir deutlich anzumerken, was du für meinen Mann empfindest, Gwendolyn. Aber ich bin dir deswegen nicht böse. Ich liebe John nicht. Es ist mir gleichgültig, was er mit dir hinter meinem Rücken treibt.«

Gwendolyn sah mich ernst an und schüttelte dann bedächtig den Kopf.

»Du täuschst dich, Brenda«, sagte sie kühl. »John und ich sind Freunde, mehr nicht. Was sich deiner Meinung nach zwischen uns abspielt ist bloß Einbildung. Du siehst die Dinge anders, als sie wirklich sind. Auch das wird eine Folge deines Unfalls sein. Ich rate dir dringend, dich jetzt hinzulegen und zu schlafen, Brenda. Morgen früh werden wir dann versuchen, deinem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen, indem wir dich mit Artefakten konfrontieren. Ich bin sicher, dass deine Wahnvorstellungen aufhören, wenn sich die Erinnerung erst wieder einstellt.«

Gwendolyn wandte sich ab und ging

Mit gemischten Gefühlen starrte ich Gwendolyn hinterher.

Hatte die junge Ärztin etwa recht? Bildete ich mir die Liebesbeziehung zwischen ihr und John genauso ein, wie den Mann in meinen Träumen und Charles Macer, das Geisterkind?



13

Als es an der Tür klingelte drückte Daniel Connors, Arzt und Neurologe im St. Thomas Hospital, hektisch die Zigarette in dem überfüllten Aschenbecher aus und sprang von dem Sofa auf, auf dem er fast die ganze Nacht gesessen und dumpf vor sich hingebrütet hatte.

Eigentlich war Daniel Nichtraucher. Er verabscheute Tabak und hasste den Gestank kalten Zigarettenrauchs. Trotzdem hatte er in den letzten vierundzwanzig Stunden fast vier Zigarettenschachteln verkonsumiert.

Davon hatte Daniel kaum etwas mitbekommen. Automatisch hatte er sich die Stäbchen angezündet und wie ein Süchtiger daran gesogen. Daniel hoffte, das Rauchen würde seine Nerven beruhigen; würde verhindern, dass er seine Verzweiflung und seine Angst laut herausschrie. Angst, die er sich um Brenda Logan, seine Frau, machte, die seit zwei Tagen spurlos verschwunden war!

Himmel und Hölle hatte Daniel in Bewegung gesetzt, um Brenda wieder zu finden. Er hatte die Polizei alarmiert, hatte selbst Nachforschungen betrieben und war zwei Tage nicht in die Klinik gegangen, weil die Ungewissheit ihn fertig machte und seine Finger zittern ließ, sodass er außerstande war, selbst die einfachste Operation zu bewerkstelligen.

Und doch war alles umsonst gewesen. Nicht eine Spur hatte Daniel gefunden. Wo Brenda sich befand und welches Schicksal sie ereilt hatte, wusste er nicht.

Was Daniel aber genau w usste, war, dass Brenda in großer Gefahr schwebte. Sie zog Schwierigkeiten wie magisch an. Es waren allerdings keine gewöhnlichen Schwierigkeiten, wie jeder Mensch sie in seinem Leben zu meistern hatte. Es waren lebensgefährliche, mysteriöse Situationen, in die Brenda geriet. Und zumeist waren sie übernatürlichen Ursprungs.

Daniel war Brenda während ihrer phantastischen Abenteuer oft zur Seite gestanden und dabei mehrmals nur knapp dem Tod entronnen. Er war sich sicher, dass Brendas Verschwinden wieder mit solch einem gefährlichen, übersinnlichen Abenteuer zu tun hatte. Der Gedanke, sie könnte in diesem Moment in Lebensgefahr schweben, ohne dass er etwas dagegen unternehmen konnte, machte ihn halb wahnsinnig.

Darum stürmte er jetzt auch wie ein Irrer zur Tür und riss sie auf, in de r Hoffnung ein Polizist wäre gekommen, um ihm endlich zu sagen, wo seine geliebte Frau war!

Als er nun aber plötzlich eine r schlanken, jungen Frau gegenüberstand, die ein schlichtes rotes Kostüm trug, kurzes schwarzes Haar und ein niedliches Gesicht mit einer Stupsnase hatte, glotzte er sie nur ungestüm und voller rasender Enttäuschung an und fragte unhöflich: »Was wollen Sie?«

Die Frau zog indigniert eine Augenbraue in die Stirn und musterte Daniel dann von oben bis unten, mit einem Gesichtsausdruck, der verriet, dass sie ihn für einen Penner oder Säufer hielt.

Dafür konnte ein Fremder Daniel auch wirklich halten, denn seine Klamotten waren stark verknittert und das Hemd hing ihm aus der Hose. Außerdem war Daniel unrasiert und das lockige hellbraune Haar stand ihm wirr vom Kopf ab.

Rasch schaute die Frau auf das Namensschild unter dem Klingelknopf, um sich zu vergewissern, dass sie sich nicht in der Adresse geirrt hatte.

»Guten Morgen, Sir«, stammelte sie dann. »Ich... ich wollte Brenda Logan sprechen. Sie wohnt doch hier?«

»Ja«, platzte Daniel hervor. »Momentan ist sie aber nicht da!«

Daniel hatte keine Lust, der Fremden von Brendas Verschwinden zu erzählen. Er wollte nur, dass sie rasch wieder verschwand.

Aber so leicht wollte sich die Fremde nicht abwimmeln lassen. »Wann kann ich Mrs. Logan denn sprechen?«, wollte sie wissen. »Es ist wirklich wichtig!«

»Kann ich Ihnen nicht sagen«, meinte Daniel mürrisch. »Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen wollen.«

Daniel wollte der Frau die Tür vor der Nase zuschlagen. Aber die Fremde war schneller. Sie stellte einen Fuß in die Tür, sodass sie Daniel, der sie mit Wucht hatte zuschlagen wollen, aus der Hand sprang und wieder aufschwang.

»Mich geht Ihr Privatleben ja nichts an«, sagte die Frau unterkühlt. »Und mir würde es auch nicht gefallen, mich mit einem heruntergekommenen Typen wie Ihnen abzugeben. Aber leider handele ich in einem wichtigen Auftrag. Darum ist es für mich unerlässlich, den Aufenthaltsort von Mrs. Logan herauszufinden. Wahrscheinlich haben Sie sich mit Ihrer Frau gest ritten oder sie ist Ihnen davongelaufen, was man ihr vielleicht auch nicht verdenken kann. Ich bestehe aber darauf, dass Sie mir sagen, wo Mrs. Logan sich aufhält!«

Daniel starrte die Frau verdattert an. Ihr Redefluss hatte ihn geplättet und auch vor Augen geführt, wie sehr er sich danebenbenommen hatte.

»Entschuldigen Sie bitte«, sagte er und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. »Ich bin nur mit den Nerven ziemlich am Ende. Ich weiß leider nicht, wo Brenda ist. Genau das ist das Problem.«

»Sie müssen doch wissen, wohin Ihre Frau nach einem Ehekrach für gewöhnlich flüchtet«, erwiderte die Frau in belehrendem Tonfall.

Daniel winkte ungeduldig ab. »Wir haben uns nicht gestritten«, erwiderte er unwillig. »Brenda ist spurlos verschwunden. Sie ist wie vom Erdboden verschluckt. Nicht einmal die Polizei hat eine Spur von ihr gefunden.«

Die Frau spürte nun wohl, dass sie mit ihrer Einschätzung falsch gelegen h atte, und dass der Mann vor ihr nur deswegen so fertig und heruntergekommen aussah, weil er sich wahnsinnige Sorgen um seine Frau machte.

»Das tut mir aufrichtig leid«, sagte sie und kniff die Lippen zusammen. »Wie es aussieht, habe ich mich umsonst hierher bemüht.«

»Worum geht es denn?«, fragte Daniel, der es nun auch bereute, die Frau so unwirsch angefahren zu haben.

»Ich wollte von Ihrer Frau einen Rat. Sie ist Amulettforscherin und arbeitet im British Museum als Archäologin. Sie ist die einzige, die mir weiterhelfen kann.«

»Wollen Sie mir nicht endlich sagen, worum es geht?«, fragte Daniel, der schon wieder ungeduldig wurde.

»Es geht um eine wertvolle Amulettsammlung, die vor einer Woche aus einem Auktionshaus in München gestohlen wurde«, erklärte die Frau. »Von Ihrer Frau erhoffte ich mir einen Hinweis, wer sich für derartige Amulette interessieren könnte.«

Daniel wurde plötzlich hellhörig. »Um was für Amulette handelte es sich denn?«

»Um einzigartige Einzelstücke, denen im bayerischen Volksglauben erstaunliche Kräfte zugesagt werden.«

»Magische Amulette also«, resümierte Daniel.

»Könnte man so sagen. Aber natürlich ist es Unsinn, zu glauben, diese Artefakte würden tatsächlich Zauberkraft besitzen.«

Die Frau sah Daniel an, als würde sie es ihm durchaus zutrauen, dass er an Magie und Zauberei glaubte.

»Wollen Sie nicht reinkommen?«, fragte Daniel und wies einladend in die Atelierwohnung, die allerdings ziemlich unordentlich aussah.

Die Frau warf einen raschen Blick in die Wohnung, sah die Stadtpläne und Zeitungen, die auf dem Boden verstreut lagen und schüttelte kaum merklich den Kopf.

»Ich wüsste nicht, wozu das gut sein soll«, meinte sie gedehnt. »Ich muss Nachforschungen über den Verbleib der gestohlenen Amulette anstellen. Ich glaube kaum, dass Sie mir dabei helfen können.«

»Da täuschen Sie sich«, erwiderte Daniel. »Sie sind bei mir genau an der richtigen Adresse. Ich bin nämlich fest davon überzeugt, dass Brendas Verschwinden etwas mit den gestohlenen Amuletten zu tun hat!«

»Wie kommen Sie denn darauf?« Die Frau sah Daniel an, als zweifelte sie an dem Gesundheitszustand seines Verstandes.

»Sie sind wegen der Amulette zu Brenda gekommen«, erklärte Daniel nachdrücklich. »Der Dieb scheint auf die selbe Idee gekommen zu sein. Nur, dass er schneller war und Brenda nicht höflich gebeten, sondern entführt hat!«

»Das glauben Sie doch selbst nicht.«

»Nun kommen Sie schon«, sagte Daniel ungeduldig. »Machen wir uns an die Arbeit. Jede Minute, die wir vergeuden, könnte Brenda den Tod bringen!«

»Ich weiß nicht«, sagte die Frau und schaute sich verstohlen nach einer Fluchtmöglichkeit um. Offenbar hielt sie Daniel nun für völlig übergeschnappt und wollte so schnell wie möglich das Weite suchen. »Vielleicht komme ich lieber später noch einmal wieder. Sicher ist Ihre Frau bis dahin wieder aufgetaucht.«

»Brenda wird nie wieder auftauchen, wenn ich nichts unternehme, um sie zu finden!«, erwiderte Daniel rau.

Die Frau drehte sich blitzschnell um und rannte auf die Treppe zu.

Aber Daniel war schneller. Er packte die Frau am Handgelenk und zog sie mit einem Ruck in die Wohnung.

Krachend schlug er die Tür hinter ihr zu.

»Ich werde schreien!«, warnte die Frau gepresst und hielt ihre Aktenmappe wie ein Schutzschild vor sich.

»Ich hindere Sie nicht daran«, erwiderte Daniel ungerührt. »Alles was ich von Ihnen will, sind Informationen über die gestohlenen Amulette. Wenn es Ihnen lieber ist, können wir auch in ein Restaurant gehen und die Sache dort besprechen. Aber ich werde es nicht zulassen, dass Sie sich einfach aus dem Staub machen. Sie besitzen Informationen, die meine Frau retten können. Sie werden verstehen, dass ich mir diese Chance nicht entgehen lassen kann.«

»Sie meinen es wirklich ernst«, sagte die Frau.

»Natürlich.« Daniel lächelte dünn und streckte der Frau die Hand hin. »Wir hatten noch keine Gelegenheit uns vorzustellen. Daniel Connors. Dr. Daniel Connors, Facharzt für Neurologie am St. Thomas Hospital. Momentan bin ich etwas aufbrausend und gereizt, weil meine Frau seit zwei Tagen spurlos verschwunden ist. Aber sonst bin ich ein ganz umgänglicher und charmanter Kerl.«

Skeptisch betrachtete die Frau Daniels Hand. Doch dann ergriff sie sie schließlich doch.

»Angela Läufer, Detektivin aus München«, stellte sie sich knapp vor. »Ich arbeite für mehrere Auktionshäuser und Kunsthändler in Deutschland.«

Angela grinste schräg. »Wenn ich wirklich angenommen hätte, dass Sie mir gefährlich werden könnten, hätte ich Sie längst ausgeschaltet, Dr. Connors. Ich beherrsche nämlich mehrere Kampfsportarten und kenne die Stellen, wo Männer besonders empfindlich sind.«

»Das glaube ich Ihnen gerne«, erwiderte Daniel lachend. »Und danke für das Vertrauen, das Sie mir entgegenbringen.«



14

Am nächsten Morgen stand ich früh auf. Der Rest der Nacht war ereignislos verlaufen. Ich hatte tief und traumlos geschlafen und fühlte mich nun einigermaßen ausgeruht und voller Tatendrang.

Auf keinen Fall wollte ich die Zustände auf Danmoor Castle weiterhin so demütig und wortlos hinnehmen wie noch am gestrigen Tag, wo alles neu und ungewohnt für mich gewesen war. Der Schock, in einer mir völlig fremden Umgebung unter fremden Menschen zu erwachen, mit dem Wissen, dass dies alles mir eigentlich vertraut und gewohnt erscheinen müsste, hatte ich inzwischen einigermaßen verarbeitet.

Zurückgeblieben war die dumpfe Angst, verrückt zu werden und den Verstand zu verlieren.

Ansätze dazu schienen tatsächlich vorhanden zu sein. Mir war ein Geisterjunge begegnet, den nur ich sehen konnte.

Doch die Tatsache, dass er mich in einen Korridor führte, den zu betreten John mir streng verbot, hatte mich stutzig und auch neugierig gemacht. Ich musste das Geheimnis dieses Korridors und des Geisterjungen lüften, koste es, was es wolle!

Nach der Morgentoilette ging ich in das Ankleidezimmer und suchte mir einen bequemen, dunklen Hosenanzug heraus. Außerdem steckte ich ein schwarzes Halstuch ein, unter dem ich mein weizenblondes Haar verbergen konnte, wenn es darauf ankam.

Auf leisen Sohlen schlich ich über den Korridor und lauschte an der Tür des Schlafzimmers.

Dumpfes Stimmengemurmel drang daraus hervor. Auch eine helle weibliche Stimme war zu hören. Anscheinend hielt sich Gwendolyn gerade bei John im Schlafzimmer auf!

Kurz lauschte ich in mich hinein. Es war sonderbar, ich empfand weder Groll noch Eifersucht. Was zwischen John und Gwendolyn war, ließ mich völlig kalt, als wäre John ein mir völlig fremder Mann, dessen Privatleben mich nicht im mindesten interessierte.

Ich hoffte, dass Gwendolyn und John in dem Schlafzimmer noch für einige Zeit beschäftigt waren, sodass ich mich in Ruhe in dem verbotenen Korridor umsehen konnte.

Rasch verließ ich den ersten Stock des Gebäudes und ging in die Eingangshalle.

Aufmerksam blickte ich mich um und lauschte angestrengt.

Es war weit und breit niemand zu sehen. Aber aus der Richtung des Speisesaals drangen Geräusche zu mir herüber. Dort bereitete Mechthild wahrscheinlich gerade das Frühstück. Ich musste mich beeilen!

Wie ein Schatten huschte ich in den engen Flur. Ich wickelte mir das Kopftuch um und stopfte mein Haar darunter und wartete dann, bis meine Augen sich an die schlechten Lichtverhältnisse im Korridor gewöhnt hatten.

Ich betrachtete die vertäfelten Wände, die hohe Decke und prüfte die Substanz, indem ich mit dem Fingerknöchel die Mauern abklopfte.

Mein Eindruck von vergangener Nacht bestätigte sich. Der Gebäudeflügel schien völlig intakt zu sein. Es gab also gar keinen Grund, ihn zu sperren. Es sei denn, John hätte etwas zu verbergen.

Ich hatte mich bis zu der Stelle vorgearbeitet, wo der Geisterjunge in der Wand verschwunden war. Dabei war ich an einigen Türen vorbeigekommen, die jedoch alle verschlossen waren.

Tastend fuhr ich mit den Fingern über die Holzvertäfelung, hinter der Charles Macer verschwunden war. Auf den ersten Blick war nichts Ungewöhnliches festzustellen. Die Holzverkleidung unterschied sich in keiner Weise von der übrigen Vertäfelung des Korridors.

Und doch musste es hier etwas Besonderes geben, auf das Charles Macer mich hatte aufmerksam machen wollen.

Unwillkürlich schüttelte ich den Kopf. Es erschien mir plötzlich verrückt, wie ernsthaft ich die mysteriösen Vorfälle zu analysieren versuchte. Dass alles bloß auf einer Sinnestäuschung meines krankhaften Gehirns beruhen könnte, schien ich gar nicht mehr in Erwägung zu ziehen.

Waren dies die Anzeichen eines beginnenden Wahnsinns? Die meisten psychisch Erkrankten in einer Irrenanstalt waren felsenfest davon überzeugt, ihre Wahnvorstellungen würden der Wahrheit ents prechen und jeder, der versuchte, dies zu widerlegen, handelte in ihrem Glauben bloß im Auftrag einer geheimen Macht, die sich gegen sie verschworen hatte.

Ich erschauderte. Gwendolyn hatte angedeutet, John könnte mich als unzurechnungsfähig erklären lassen. Kein Arzt, dem ich von meinen Träumen und von dem Geisterjungen erzählte, würde zögern, John ein entsprechendes Gutachten über meine zw eifelhafte geistige Verfassung auszustellen. Wahrscheinlich würde ich irgendwann in einem Irrenhaus enden und mich mit Geistern unterhalten, die keiner außer mir sehen konnte!

Plötzlich schrak ich zusammen. Ganz in meine düsteren Gedanken versunken, hatte ich die Verzierung der Wandvertäfelung mit den Händen abgetastet. Dabei waren meine Finger bei einer aufwendig gestalteten Rosette verweilt und hatten nervös daran herumgespielt. Dabei musste ich irgendeinen geheimen Mechanismus ausgelöst haben, denn plötzlich gab es hinter der Vertäfelung ein vernehmliches Knacken. Ein Teil der Wand schwang plötzlich nach hinten weg und gab eine nachtschwarze Öffnung frei.

Undeutlich zeichneten sich in Fels gehauene Stufen hinter der Öffnung ab.

Vor mir lag ein Geheimgang!

War ich am Ende doch nicht so verrückt, wie ich befürchtet hatte? War es dieser Geheimgang, auf den der Geisterjunge mich hatte aufmerksam machen wollen?

Moderige, verbrauchte Luft strömte mir aus der gähnenden Öffnung entgegen. Es musste lange her sein, seit diese Tür das letzte Mal geöffnet wurde!

Unschlüssig stand ich da und überlegte, ob ich den Geheimgang untersuchen sollte.

Da drang aus der Richtung der Eingangshalle plötzlich das Geräusch eiliger Schritte an mein Ohr. Erschrocken wirbelte ich herum und sah, wie John und Gwendolyn den verbotenen Korridor betraten.

»Sie ist hier! Da wette ich mit dir!«, hörte ich Johns wütende Stimme. »Ich kenne Brenda. Irgendetwas an diesem Korridor hat ihr Interesse geweckt. Und wenn sie erst einmal die Witterung aufgenommen hat, lässt sie nicht locker, bis sie das Geheimnis gelüftet hat!«

»Du darfst aber nicht zu hart mit ihr umgehen«, sagte Gwendolyn.

»Wenn Brenda sich meinen Wünschen entsprechend verhält, hat sie nichts zu befürchten. Sollte sie jedoch Schwierigkeiten machen, sehe ich mich gezwungen, unangenehm zu werden.«

Noch konnten die beiden mich nicht sehen. Ihre Augen mussten sich erst noch an die Dunkelheit in dem Korridor gewöhnen. Außerdem trug ich dunkle Klamotten und hatte das Kopftuch umgebunden, sodass ich nahezu mit den Schatten verschmolz.

Es würde aber nicht mehr lange dauern, bis die beiden mich bemerkten. Es sei denn, ich verschwand rasch in dem Geheimgang!

Rasch schlüpfte ich durch die Öffnung und drückte die Tür hinter mir zu.

Es klickte leise, als die Verriegelung einrastete. Kurz darauf waren Johns und Gwendolyns Schritte zu hören, die in diesem Moment an der Geheimtür vorbeigingen.

Unbeweglich kauerte ich auf der ersten Stufe der alten Steintreppe und lauschte mit angehaltenem Atem. Ich hoffte, dass John die Geheimtür nicht kannte. Was er mit mir anstellen würde, falls er mich hier entdeckte, wagte ich mir nicht auszumalen.

»Wo kann dieses verdammte Weib bloß stecken!«, vernahm ich in diesem Moment Johns wütende Stimme. Er und Gwendolyn waren anscheinend genau vor der Geheimtür stehengeblieben.

»Vielleicht ist sie bloß s pazieren gegangen«, erwiderte Gwendolyn. »Schließlich hat sie eine Menge zu verarbeiten.«

»Brenda ist nicht der Typ, sich in Selbstmitleid zu ergehen«, widersprach John. »Sie ist eine intelligente Frau und sehr gefährlich. Ich bin ein großes Risiko eingegangen, als ich beschloss, sie hierher zu bringen.«

»Du hast nichts zu befürchten«, sagte Gwendolyn beschwichtigend. »Brenda ahnt nicht, was wir mit ihr Vorhaben. Ihre Erinnerung an ihr Leben ist ausgelöscht. Nur ihr Fachwissen ist ihr geblieben, ganz so, wie wir es geplant haben.«

»Was nützt mir ihr Fachwissen, wenn ich Brenda nicht unter Kontrolle habe«, grollte John. »Sie begegnet mir mit Ablehnung und Verachtung, statt zu mir aufzublicken, wie man es von einer Ehefrau doch wohl erwarten kann.«

»Brenda hört eben auf ihr Herz. Und das sagte ihr, dass sie dich nicht liebt. Liebe kann man nicht erzwingen.«

»Aber du liebst mich doch, Gwendolyn.«

»Ich bin auch eine ganz andere Frau als Brenda. Ich sehe dich mit anderen Augen, weil dein Wissen mir nicht fremd ist. Du nimmst dir, was du haben willst, das imponiert mir.«

»Wenn Brenda sich nicht in ihr Schicksal fügt, werde ich sie eben dazu zwingen«, grollte John. »Eine Zelle im Verlies habe ich für sie schon hergerichtet. Dort wird sie so lange schmoren, bis ich erfahren habe, was ich wissen will.«

»Sie wird sich bestimmt weigern, dir etwas über die magischen Amulette zu erzählen, wenn du so brutal mit ihr umgehst«, gab Gwendolyn zu bedenken.

»Das werden wir ja sehen.«

Die beiden entfernten sich. Als ihre Schritte endlich verklungen waren, wagte ich mich zu regen.

Gwendolyn und John hatten irgendeine Teufelei mit mir vor, das hatte das belauschte Gespräch eindeutig erwiesen. Die beiden steckten unter einer Decke und hatten meinen Gedächtnisverlust anscheinend absichtlich herbeigeführt, in der Annahme, dadurch an mein Wissen über Archäologie und magische Amulette heranzukommen. Außerdem hatte John angedeutet, dass er mich erst vor kurzem nach Danmoor Castle gebracht hatte. Ich hatte also vermutlich irgendwo anders gelebt und nicht auf dem einsamen Castle, wie John und Gwendolyn es mir hatten weismachen wollen.

Vielleicht hatte ich mich schon vor langer Zeit von John getrennt. Vielleicht war ich aber auch nie mit ihm verheiratet gewesen!

Dieser Gedanke machte mich fast rasend vor Wut. Ich war fest entschlossen, dem falschen Spiel der beiden ein Ende zu setzen und endlich die Wahrheit über mein Leben zu erfahren.

Verzweifelt versuchte ich, die Tür von innen aufzudrücken.

Aber sie regte sich keinen Millimeter.

Details

Seiten
231
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738954654
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Juli)
Schlagworte
spuk thriller sammelband romane band

Autoren

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Titel: Spuk Thriller Sammelband 4401 - 4 Romane in einem Band