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Überlebenschance null Prozent: 5 Spannungsromane

von Alfred Bekker (Autor:in) Pete Hackett (Autor:in) Horst Friedrichs (Autor:in) W. K. Giesa (Autor:in) Theodor Horschelt (Autor:in)
2021 700 Seiten

Zusammenfassung

Dieser Band enthält folgende Romane:

Kommandounternehmen Angkor (Alfred Bekker)

In der Höhle des Löwen (Pete Hackett)

Der vergessene Trick (Horst Friedrichs)

Der verrückte Engländer (W.K.Giesa)

Geh zum Teufel, Rotschopf (Theodor Horschelt)

Kambodscha hatte unter der Schreckensherrschaft der Roten Khmer zu leiden, die ein Viertel der Bevölkerung umbrachten. Seitdem hat sich das Land noch nicht von den Nachwirkungen dieser Zeit erholt.

Am Oberlauf des Stoeng Sen, eines Nebenflusses des Mekong, beginnt eine Guerilla-Gruppierung zu operieren, die sich als Neue „Khmer Rouge“ bezeichnen. Weite Gebiete stehen schon unter Kontrolle dieser Guerilla, bei der völlig unklar ist, wer dahinter steckt. Zwar sind unter gefallenen KR-Kämpfern auch ehemalige und bekannte Khmer Rouge-Aktivisten dabei, aber andererseits scheint kein politisches Konzept oder Ziel hinter den Aktionen dieser Gruppe zu stehen. Die Bewaffnung ist ultramodern, was bedeutet, dass jemand sehr Mächtiges diese Terroristen ausstattet.

Die bekannten Tempelanlagen von Angkor Wat und Angkor Thom werden von angeblichen Touristen als Übergabeplätze für Bargeld und Drogen benutzt. Es liegt die Vermutung nahe, dass die neuen Roten Khmer nichts anders als eine Söldnertruppe eines Drogensyndikats sind

Leseprobe

Überlebenschance null Prozent: 5 Spannungsromane

Alfred Bekker, Pete Hackett, Horst Friedrichs, W.K.Giesa, Theodor Horschelt

Dieser Band enthält folgende Romane:


Kommandounternehmen Angkor (Alfred Bekker)

In der Höhle des Löwen (Pete Hackett)

Der vergessene Trick (Horst Friedrichs)

Der verrückte Engländer (W.K.Giesa)

Geh zum Teufel, Rotschopf (Theodor Horschelt)



Kambodscha hatte unter der Schreckensherrschaft der Roten Khmer zu leiden, die ein Viertel der Bevölkerung umbrachten. Seitdem hat sich das Land noch nicht von den Nachwirkungen dieser Zeit erholt.

Am Oberlauf des Stoeng Sen, eines Nebenflusses des Mekong, beginnt eine Guerilla-Gruppierung zu operieren, die sich als Neue „Khmer Rouge“ bezeichnen. Weite Gebiete stehen schon unter Kontrolle dieser Guerilla, bei der völlig unklar ist, wer dahinter steckt. Zwar sind unter gefallenen KR-Kämpfern auch ehemalige und bekannte Khmer Rouge-Aktivisten dabei, aber andererseits scheint kein politisches Konzept oder Ziel hinter den Aktionen dieser Gruppe zu stehen. Die Bewaffnung ist ultramodern, was bedeutet, dass jemand sehr Mächtiges diese Terroristen ausstattet.

Die bekannten Tempelanlagen von Angkor Wat und Angkor Thom werden von angeblichen Touristen als Übergabeplätze für Bargeld und Drogen benutzt. Es liegt die Vermutung nahe, dass die neuen Roten Khmer nichts anders als eine Söldnertruppe eines Drogensyndikats sind

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

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© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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Kommandounternehmen Angkor

von Alfred Bekker




Der Umfang dieses Buchs entspricht 140 Taschenbuchseiten.


Kambodscha hatte unter der Schreckensherrschaft der Roten Khmer zu leiden, die ein Viertel der Bevölkerung umbrachten. Seitdem hat sich das Land noch nicht von den Nachwirkungen dieser Zeit erholt.

Am Oberlauf des Stoeng Sen, eines Nebenflusses des Mekong, beginnt eine Guerilla-Gruppierung zu operieren, die sich als Neue „Khmer Rouge“ bezeichnen. Weite Gebiete stehen schon unter Kontrolle dieser Guerilla, bei der völlig unklar ist, wer dahinter steckt. Zwar sind unter gefallenen KR-Kämpfern auch ehemalige und bekannte Khmer Rouge-Aktivisten dabei, aber andererseits scheint kein politisches Konzept oder Ziel hinter den Aktionen dieser Gruppe zu stehen. Die Bewaffnung ist ultramodern, was bedeutet, dass jemand sehr Mächtiges diese Terroristen ausstattet.

Die bekannten Tempelanlagen von Angkor Wat und Angkor Thom werden von angeblichen Touristen als Übergabeplätze für Bargeld und Drogen benutzt. Es liegt die Vermutung nahe, dass die neuen Roten Khmer nichts anders als eine Söldnertruppe eines Drogensyndikats sind.


Colonel Vanderikke und seine Einheit von Elite-Kämpfern begeben sich mit Zustimmung der kambodschanischen Regierung ins Krisengebiet (denn die Regierung wird der Lage schon längst nicht mehr Herr), um den Hintermännern das Handwerk zu legen.


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Ein CassiopeiaPress Buch

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© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

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postmaster@alfredbekker.de



1

Roy McConnery trat aus dem Schatten des uralten Tempelgemäuers hervor. Schweißperlen glänzten auf seiner Stirn. Seine Hand griff unter das verschwitzte, fleckige Hemd und riss eine automatische Pistole vom Typ Sig Sauer P226 hervor.

Es war Nacht. Der Mond stand als großes, leuchtendes Oval über den Baumwipfeln und tauchte die Ruinen von Angkor Wat in ein fahles Licht.

Ein vielstimmiges Konzert tierischer Laute erfüllte den dichten Regenwald, der die verfallenden Gemäuer an manchen Stellen regelrecht überwucherte. Irgendwo da draußen in dem Labyrinth der verfallenden Mauern lauerten seine Verfolger. McConnery wusste, dass ihn Schlimmeres als der Tod erwartete, wenn er lebend in ihre Hände fiel...



2

Ein Geräusch ließ McConnery herumfahren. Schattenhaft tauchte eine Gestalt hinter einer Mauerecke hervor. Für Sekundenbruchteile fiel das Mondlicht auf einen maskierten Mann in olivgrünem Kampfanzug. Er hielt eine MP7 im Anschlag, richtete den Lauf in McConnerys Richtung und feuerte. Blutrot leckte das Mündungsfeuer aus der kurzen Mündung der Maschinenpistole heraus.

McConnery warf sich zur Seite. Eine MPi-Salve von mindestens dreißig Schuss knatterte größtenteils dicht an ihm vorbei. Nur zwei Projektile erwischten ihn am linken Arm.

McConnery feuerte noch während er fiel. Die P226 wummerte zweimal kurz hintereinander los, bevor McConnery mit einem dumpfen Geräusch auf dem weichen, von Moosen und Schlingpflanzen überwucherten Waldboden aufschlug.

McConnery war ein ausgezeichneter Schütze.

Ein Schuss hatte den Maskierten in der Bauchgegend erwischt, war aber von der Kevlarweste abgefangen worden. Für den getroffenen glich die Wirkung einem sehr kräftigen Tritt. Aber das Projektil konnte durch die dicht gewebten Schichten des kugelsicheren Materials nicht in den Körper eindringen.

Der zweite Schuss war allerdings tödlich. Die Kugel durchschlug den Hals. Röchelnd und blutüberströmt sank der Maskierte zu Boden.

McConnery rappelte sich auf.

Sein Arm schmerzte höllisch. Das Hemd war blutdurchtränkt. Er hörte Äste knacken. Eine Bewegung. Ein weiterer Schatten hinter einem Mauervorsprung. MPi-Feuer blitzte auf. Eine Garbe von zwanzig Schüssen kratzte über das uralte Tempelgemäuer, sprengte Stücke aus den vor tausend Jahren in den Stein gehauenen Reliefs. Die fratzenhaften Göttergesichter wurden reihenweise entstellt. Was der Zahn der Zeitalter in Jahrhunderten nicht vermocht hatte, das schafften diese relativ kleinkalibrigen Projektile innerhalb von Sekunden.

McConnery tauchte hinter einen Mauervorsprung. Die Tempelstädte des alten Khmer-Reichs, dessen Blüte schon über tausend Jahre zurück lag, glichen gewaltigen Labyrinthen aus Steinbauten, die im Lauf der Zeit mehr oder minder vom Dschungel überwuchert worden waren.

Eigentlich ideale Bedingungen also, um Deckung zu finden und sich zu verstecken.

McConnery riss den Lauf der Pistole empor und feuerte in die Dunkelheit hinein. Er orientierte sich am Mündungsfeuer seines Gegners. Ein Schrei gellte.

Das dumpfe Geräusch eines menschlichen Körpers, der auf dem Boden aufschlug folgte.

Nur einen Sekundenbruchteil später zuckte McConnerys Körper wie unter elektrischen Schlägen. Hinter ihm blitzten die Mündungsfeuer mehrerer MPis auf. Dutzende von Treffern zerfetzten seinen Rücken. McConnery drehte sich noch halb herum, kam aber nicht mehr dazu, auch nur einen einzigen Schuss aus seiner Waffe abzufeuern.

Schwer schlug er auf dem Boden auf und blieb regungslos liegen.

Maskierte Bewaffnete in olivgrünen Kampfanzügen traten aus der Dunkelheit hervor.

Einer von ihnen drehte den am Boden liegenden Toten mit der Stiefelspitze herum.

„Ein dreckiger CIA-Agent!“, knurrte er voller Verachtung. „Soll er ein Fraß für Maden und Flussratten werden!“

Einer der anderen Männer lachte.

„Gut, dass er tot ist“, sagte er. „Gut für ihn!“



3

UNO-Hauptquartier, New York, Büro des Generalsekretärs, Mittwoch, 1106 OZ


Der Generalsekretär der Vereinten Nationen musterte kurz die Anwesenden. Es handelte sich um die UNO-Botschafter einiger Mitglieder des Sicherheitsrates.

„Gentlemen, ich möchte vorab betonen, dass dies ein informelles Treffen ist. Es dient einfach dazu, gegenseitig die Standpunkte des anderen in einer bestimmen Frage kennen zu lernen und die Chancen für die Vereinten Nationen und ihren Sicherheitsrat auszuloten, in dieser Sache tätig zu werden.“

Ein Mann mit kantigem Gesicht und grauem, aber noch sehr dichtem Haar schlug die Beine übereinander.

Er griff in die Westentasche seines dreiteiligen, sehr konservativ wirkenden Anzugs und warf einen Blick auf eine Taschenuhr. „Meine Zeit ist knapp, ich schlage daher vor, dass wir rasch zur Sache kommen!“

„Das ist ganz in meinem Sinn“, erwiderte der Generalsekretär mit einem leicht säuerlichen Lächeln. „Es geht um die Lage in Kambodscha. Nach allem, was uns an Erkenntnissen zur Verfügung steht, braut sich da etwas zusammen, das uns mittelfristig um die Ohren fliegen könnte.“

„Ist das nicht etwas übertrieben?“, meldete sich ein Mann mit Halbglatze und sehr markantem Profil zu Wort. „Zur Zeit der roten Khmer wurde fast ein Viertel der Bevölkerung umgebracht und eine Bande von wahnhaften Utopisten haben versucht, ein ganzes Land zurück in die Steinzeit zu zwingen. Und natürlich kann es da niemandem gefallen, wenn eine Organisation von sich reden macht, die sich als die Neuen Roten Khmer bezeichnet! Aber unseres Erachtens nach ist das ein lokal begrenztes Problem.“

„Es existiert ein offizielle Hilfeersuchen der kambodschanischen Regierung an die Vereinten Nationen“, gab der Generalsekretär zu bedenken. „Darin ist davon die Rede, dass bereits ein großer Teil des Landes nicht mehr unter der Kontrolle der Regierung steht.“

„Wäre das etwas Neues?“, fragte ein dritter Botschafter. Das Auffälligste an seinem Gesicht war der markante Oberlippenbart. „Wann hatte den denn die Regierung in Phnom Pen im Verlauf der letzten dreißig Jahre schon einmal das Land vollkommen unter Kontrolle? Jedenfalls sehe ich keinen Grund für ein Eingreifen der UNO. Mein Land wird hier sicherlich keine Initiative im Sicherheitsrat einleiten.“

Der Generalsekretär hob die Augenbrauen.

„Würde Ihr Land denn einen Beschluss des Sicherheitsrates blockieren?“

Der Mann mit dem Oberlippenbart lächelte.

„Nun, möglicherweise wäre meine Regierung zu einer Stimmenthaltung bereit.“

In den Augen des Generalsekretärs blitzte es. Ein verhaltenes Lächeln spielte um seine Lippen. „Na, das ist doch immerhin schon einmal ein Wort.“ Er lehnte sich etwas in seinem Sessel zurück und fuhr fort: „Die so genannten Neuen Roten Khmer verfolgen den Erkenntnissen mehrerer Geheimdienste nach keinerlei politische Ziele und sie haben mit den Nachfolgern der kommunistischen Guerilla, die nach dem Sturz ihres Schreckensregimes wieder in den Untergrund gingen, nur wenig gemeinsam. Außerdem sind sie hervorragend ausgerüstet. So gut, dass sie es an Kampfkraft mit jeder Armee der Welt aufnehmen können. Die regulären kambodschanischen Truppen haben sich an ihnen die Zähne ausgebissen!“

„Und da sollen ausgerechnet Blauhelme dafür sorgen, dass sie in die Schranken gewiesen werden“, fragte der Mann mit den grauen Haaren mit deutlich erkennbarem Spott. „Das hat doch schon Anfang der Neunziger nicht geklappt, als die UN-Truppen die Wahlen überwachen sollten. Die Roten Khmer wussten damals ganz genau, dass sie auf Zeit spielen konnten. Schließlich war das UNO-Mandat auf achtzehn Monate begrenzt und nach Abzug de Blauhelme konnten sie dann wieder aktiv werde und ihren schmutzigen Guerilla-Krieg weiter führen.“ Er schüttelte entschieden den Kopf. „Das ist ein Fass ohne Boden. Meine Regierung hat kein Interesse, sich da zu engagieren.“

„An einen Einsatz von UNO-Truppen denkt derzeit wirklich niemand.“

„Und woran wird derzeit gedacht?“

Der Generalsekretär hob die Augenbrauen. „Ich meine, dass dies ein Fall für die International Security Force One wäre.“



4

Mark Fellmer rollte sich über den Boden ab. Er riss danach augenblicklich den Lauf der MP7 empor und feuerte als wie aus dem Nichts ein Bewaffneter auftauchte.

Die MP7 in Fellmers Händen ratterte los.

Mündungsfeuer leckte aus dem Lauf heraus.

Ein gutes Dutzend Kugeln schalteten den Gegner aus, bevor dieser seinerseits das Feuer eröffnen konnte. So schnell er konnte, rappelte sich Fellmer auf und hechtete sich hinter die nächste Deckung.

Irgendwo vor ihm im Halbdunkel zwischen den Hauseingängen blitzte Mündungsfeuer auf. Eine MP ratterte und gab Dauerfeuer.

Fellmer wartete ab bis der Geschosshagel etwas nachgelassen hatte. Die roten Laserstrahlen von Zielerfassungsgeräten tanzten durch die Luft.

Der Lieutenant tauchte hinter seiner Deckung hervor, die MP7 im Anschlag. Urplötzlich erschien eine Gestalt: Ein breitschultriger Mann im olivgrünen Kampfanzug mit Splitterweste und einer Kalaschnikow im Anschlag. Fellmer feuerte. Der Mann auf der anderen Seite konnte gerade noch den Lauf seiner Waffe empor reißen, aber es war zu spät für ihn. Mindestens drei Kugeln fetzten ihm in den ungeschützten Kopfbereich hinein und schalteten ihn aus.

Ein zweiter Gegner kam hinter einem Mauervorsprung hervor, auch er im olivgrünen Kampfanzug und mit einer Kalaschnikow bewaffnet.

Fellmer zögerte. Das Gesicht, er kannte es nur zu gut. Es gehörte Colonel John Vanderikke, seinem Kommandanten beim Alpha-Team der UNO Spezialeinheit International Security Force One.

Für den Bruchteil einer Sekunde gerieten Fellmers sorgfältig geschulte Reflexe ins Stocken.

Ein Zögern, das den Tod bedeutete.

Vanderikke feuerte.

„Sie sind tot, Fellmer“, hörte er die Stimme seines Kommandanten noch sagen.



5

„Sie wären jetzt tot, Fellmer“, wiederholte Vanderikkes Stimme diese Feststellung aus einer anderen Richtung.

Die Schritte des Colonels hallten durch den Simulatorraum während sein projiziertes Ebenbild erstarrte. Vanderikke hatte die Simulation offenbar abgebrochen.

Fellmer fluchte.

„Sir, das war nicht fair“, protestierte er.

Vanderikke grinste.

„Sagen Sie bloß, in Ihrer Zeit bei den Krisenreaktionskräften der Bundeswehr hat man Ihnen beigebracht, dass es im Krieg fair zugeht, Lieutenant!“

„Zumindest sieht man nicht unbedingt das Gesicht seines eigenen Kommandanten vor sich, wenn man einen Gegner erwartet!“

Vanderikke deutete auf die erstarrte Projektion seines Ebenbildes.

„Dieser Mann dort ist Ihr erwarteter Gegner – auch wenn Sie es vielleicht gewohnt sind, in anderen Situationen Befehle von ihm entgegenzunehmen!“, versetzte Vanderikke.

„Ob Sie es nun glauben wollen oder nicht - in unserem Job geht es darum, mit ungewohnten, völlig unvorhergesehenen Situationen klar zu kommen. Routine reicht bei einer Einheit wie der International Security Force One nicht.“

„Und nachdem ich inzwischen stellvertretender Kommandant dieser Einheit bin, wollen Sie mir damit klar machen, dass ich eigentlich nicht hier hin gehöre - oder wie soll ich das verstehen?“, fragte Fellmer, wobei er sich kaum Mühe gab, den galligen Unterton zu unterdrücken.

Hatte er, der ehrgeizige Vorzeigesoldat der UNO-Sondereinheit nicht wirklich alles getan, um Vanderikkes Respekt zu gewinnen?

Hatte er nicht immer einen mindestens hundertprozentigen Einsatz gezeigt und war oft sogar darüber hinaus gegangen? Bis ans absolute Limit?

Wer sonst hätte das schon von sich guten Gewissens behaupten können, wenn nicht Fellmer! Und das selbst in einer Elitetruppe wie dem Alpha-Team der von den Vereinten Nationen aufgestellten multinationalen International Security Force One.

Ich habe alles eingesetzt, um seine Anerkennung zu gewinnen – aber es war wohl genauso vergeblich, wie bei meinem Vater!, ging es Fellmer bitter durch den Kopf. Ein Gedanke, der ihn wütend machte.

Innerlich kochte er, auch wenn er versuchte, sich äußerlich davon nichts anmerken zu lassen.

Eigentlich hatte er gedacht, - nach anfänglichen Ressentiments von Seiten des Colonels – es geschafft zu haben, den Colonel von seinen Fähigkeiten zu überzeugen. Seine recht schnelle Beförderung zum Lieutenant als äußeres Zeichen dafür angesehen.

Sollte ich mich da so getäuscht haben?, fragte er sich. War offenbar alles ein Irrtum.

Vanderikkes Gesichtsausdruck entspannte sich jetzt erkennbar.

„Nicht sauer sein, Lieutenant“, versuchte der Amerikaner seinen Stellvertreter zu beruhigen. „Sie haben bei den Simulationstests im Nahkampf-Schießtraining regelmäßig die besten Punktwertungen und hängen sich jedes Mal mit vollem Einsatz rein. Ich bin sehr zufrieden mit Ihnen und dachte, dass ich diesen Test für Sie etwas anspruchsvoller gestalte.“

Fellmer atmete tief durch.

Es hatte wohl mit der mangelnden Anerkennung durch seinen Vater zu tun, dass Fellmer in vergleichbaren Situationen immer das Negative erwartete.

Das solltest du dir langsam abgewöhnen!, ging es ihm durch den Kopf.

Sein Verstand wusste das, sein Gefühl weigerte sich jedoch beharrlich gegen diese Erkenntnis und ignorierte sie schlicht.

Fellmer hob die Schultern.

„Ich muss gestehen, dass ich für eine Sekunde wie gelähmt war, als ich Ihr Gesicht sah, Colonel!“

„Eine Sekunde, die im Ernstfall Ihren Tod bedeutet hätte“, gab Vanderikke zu bedenken.

Der Lieutenant nickte.

„Ich weiß“, gestand Mark ein.

Vanderikke grinste. „Wie ich schon sagte, nehmen Sie es mir nicht krumm - und ich missgönne Ihnen auch keineswegs den Spitzendurchschnitt bei den Testergebnissen. Ich wollte Sie einfach nur vor zu großer Selbstgewissheit bewahren - denn die kann im Ernstfall genauso tödlich sein, wie Ihr kurzes Zögern.“

„Ich werde es mir hinter die Ohren schreiben“, versprach Fellmer.

In Vanderikkes Augen blitzte es.

„War übrigens gar nicht so einfach, mein Foto in die Projektion hineinzuschmuggeln!“

„Sagen Sie bloß, DeLarouac steckt dahinter.“

„Ich traue mir viel zu, Lieutenant – aber so etwas überlasse ich lieber jemandem, der etwas davon versteht.“

Vanderikkes Handy schrillte.

Der Colonel sagte zweimal kurz hintereinander ein knappes: „Jawohl, Sir!“

Anschließend steckte Vanderikke das Gerät wieder weg.

Sein Gesicht wirkte noch etwas ernster, als ohnehin schon.

„Schluss mit der Übung, Lieutenant. Das war gerade General Elamini.“

Fellmer seufzte.

„Lassen Sie mich raten: Ein neuer Job wartet auf uns.“

Vanderikke nickte. „So ist es.“

Fellmer machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ist mir fast egal, wohin es geht! Hauptsache, es handelt sich nicht um irgendeine tiefgefrorene Region unseres Planeten.“ Die letzte Antarktis-Mission der International Security Force One, als das Team damit beauftragt worden war, illegale Atomtests in einem verborgenen See unter dem Eis zu unterbinden, saß sowohl Fellmer als auch den anderen Soldaten des Alpha-Teams in den Knochen.



6

Nacheinander betraten die Mitglieder des ISFO-Teams den Briefingraum 2 im Stabsgebäude von Fort Conroy.

Der französische Kommunikationsspezialist Pierre DeLarouac erschien in Begleitung von Miroslav Harabok, dem eher lakonischen, russischen Techniker der Truppe.

Wortreich erklärte DeLarouac dem Russen, wie man es schaffen könnte, ein PC-Spiel auf dem einen Computer zu installieren, dessen Betriebssystem eigentlich nicht den Anforderungen entsprach.

Haraboks Beitrag zu dem Gespräch beschränkte sich auf ein kurzes „Ja“.

Dr. Ina Karels trug zivil.

Die junge Niederländerin war die Psychologin des Teams und hätte normalerweise heute ihren Urlaub angetreten, aber leider nahmen die weltpolitischen Ereignisse auf Urlaubspläne von Soldaten keinerlei Rücksicht und so hatte sie ihren Heimflug in die Niederlande kurzerhand stornieren lassen. Natürlich auf Kosten der Vereinten Nationen.

Karels nahm Platz und verdrehte die Augen, nachdem sie DeLarouacs ungebremstem Redefluss einige Augenblicke lang gelauscht hatte.

Anschließend betraten die Argentinierin Marisa „Mara“ Gomez und der italienische Nahkampfspezialist Roberto Mancuso den Raum.

Sie trugen Kampfanzüge.

Vanderikke und Fellmer komplettierten das Team.

Als General Elamini den Raum betrat, erhoben sich alle von ihren Plätzen und standen stramm. Der südafrikanische Gründer und kommandierende General der International Security Force One ging mit weiten, entschlossen wirkenden Schritten durch den Raum – dorthin wo bereits sein Laptop mit angeschlossenen Beamer platziert waren.

Er drehte sich zu den Mitgliedern des Alpha-Teams der International Security Force One um, grüßte knapp und sagte: „Setzen Sie sich!“

General Elamini ließ den Blick durch den Raum schweifen. Er musterte die Anwesenden kurz. Der General aktivierte den zu seinem Laptop gehörenden Beamer und projizierte einen Kartenausschnitt von Süd-Ost-Asien an die Wand.

„Sie sehen hier das so genannte goldene Dreieck: Kambodscha, Laos, Thailand. Es handelt sich um einen der größten Drogenumschlagsplätze der Welt und das seit vielen Jahrzehnten“, erklärte General Elamini. „Ein beträchtlicher Anteil des weltweit gehandelten Heroins stammt letztlich aus dieser Region. Instabile politische Verhältnisse und korrupte lokale Regierungen haben dies natürlich über Jahrzehnte hinweg begünstigt. Das ist nichts Neues, und es steht leider außerhalb unserer Macht, etwas daran zu ändern. Im Verlauf der letzten ein bis zwei Jahre hat in diesem Gebiet allerdings eine Entwicklung eingesetzt, die völlig unbeachtet von der Welt nicht nur im Hauptquartier der Vereinten Nationen große Sorgen ausgelöst hat, sondern auch die kambodschanische Regierung zu einem offiziellen Hilfeersuchen an die Vereinten Nationen veranlasste.“

Mit dem Strahl eines Laserpointers umkreiste General Elamini jenes Gebiet, in dem der Mekong die Grenze zwischen Kambodscha und Laos überschritt.

„Sie sehen hier das Rantanakiri Plateau und die drei Nebenflüsse des Mekong in dieser Region: den Kông, den San und den Srepog“, erläuterte Elamini. „Das gesamte Gebiet und einige andere Regionen stehen faktisch nicht mehr unter Kontrolle der Regierung in Phnom Pen. Es hat hier immer Mohnanbau und Drogenhandel gegeben, aber jetzt versucht offenbar jemand, diesen Handel unter seine Kontrolle zu bringen und damit Milliardengewinne zu machen. Wer dieses Gebiet und die angrenzenden Gebiete in Laos und Thailand beherrscht, kann die Heroin Preise in der South Bronx oder Harlem diktieren. Nach Erkenntnissen der kambodschanischen Regierung, sowie verschiedener Nachrichtenagenturen operiert hier eine Guerillabewegung, die unter dem Namen „Neue Rote Khmer“ firmiert. Das Überraschendste ist jedoch, dass diese Kämpfer besser ausgebildet sind und auch besser bewaffnet sind als die reguläre Armee. Sie verfügen über hochmoderne Raketenwerfer, über Stinger-Raketen zur Abwehr von Hubschraubern oder Flugzeugen und haben ganze Teile des Landes praktisch vom Rest der Region abgeriegelt. Das Ganze ging einher mit einer brutalen Säuberungswelle unter den lokalen Drogenfürsten. Offenbar ist jeder liquidiert worden, der nicht bereit war mit dieser neuen Macht zu kooperieren.“

„Haben diese Leute tatsächlich etwas mit jenen Roten Khmer zu tun, die in den 70er Jahren eine Schreckensherrschaft über Kambodscha ausübten?“, fragte Colonel John Vanderikke.

„In den Wirren des Vietnam-Krieges war es damals den kommunistischen Roten Khmer gelungen, die amerikafreundliche Regierung des Diktators Lon Nol zu stürzen. Etwa ein Drittel der Bevölkerung fiel in den nachfolgenden Jahren der Schreckensherrschaft unter Pol Pot zum Opfer. Eine Schreckensherrschaft, die erst durch eine Invasion der Vietnamesen beendet worden war. Noch Jahre danach hatten die Roten Khmer in den unzugänglichen Dschungelgebieten Kambodschas operiert. Eine Gruppe unverbesserlicher Steinzeitkommunisten, die jedoch eine zunehmend geringere Bedeutung gespielt hatten. Aber selbst nach ihrer Vertreibung führten sie noch einen jahrelangen Bürgerkrieg.“

General Elamini fuhr fort: „Nach ihrer Entmachtung lieferten sich die ursprünglichen Roten Khmer jahrelang blutige Gefechte mit der Regierung und sie beherrschen bis heute einige Gebiete im Westen und Nordwesten des Landes. Daran hat selbst eine UNO-Friedensmission nichts geändert, die Anfang der 90er Jahre zur Sicherung der allgemeinen Wahlen stattfand. Die Roten Khmer spielten damals einfach auf Zeit. Sie wussten, dass das UNO-Mandat auf 18 Monate begrenzt war.“

Elamini deutete erneut auf das im Nordosten gelegene Rantanakiri Plateau.

„Diejenigen Verbände, die in diesem Gebiet operieren und sich als Neue Rote Khmer bezeichnen, haben unseren Erkenntnissen nach mit den alten Steinzeitkommunisten überhaupt nichts zu tun. Sie benutzen nur ihren Namen und ihre Taktik, um ihre eigenen Ziele zu verschleiern. Einem CIA-Agenten namens Roy McConnery gelang es, zu ihnen vorzudringen. Über einen verschlüsselten Satellitenkanal konnte er noch einige wichtige Informationen übersenden bevor er schließlich bei den Ruinen von Angkor Wat umgebracht wurde. Dankenswerterweise hat uns die US-Regierung diese Informationen zugänglich gemacht. Danach ist es einer unbekannten Macht gelungen große Teile der alten Roten Khmer als Söldner anzuheuern. Die Ziele dieser Macht haben nichts mit politischer Ideologie zu tun. Es geht um die Kontrolle des Drogenhandels. Wir sind uns inzwischen sicher, dass diese Macht Teil eines größeren Netzwerkes ist.“

„Sprechen Sie von einem Syndikat?“, fragte Vanderikke.

„Wir sollten hoffen, dass es sich nur um ein Syndikat handelt“, erklärte Elamini. „Wenn dem so ist, verfügt es über exzellente Verbindungen, denn anders sind die hochmodernen militärischen Möglichkeiten nicht zu erklären über die die Neuen Roten Khmer plötzlich verfügen.“

„Es scheint mir, als würde Ihnen noch eine andere Hypothese im Kopf herumschwirren“, stellte Vanderikke fest.

Der General lächelte mild.

„Sie haben Recht, Colonel. Die Kontrolle des Drogenhandels im goldenen Dreieck stellt eine politische Macht dar. Allein schon wegen der ungeheuren Summen, die dadurch umgesetzt werden. Die Geheimdienste vieler Länder haben uns vorexerziert wie man mit Hilfe von aus dem Drogenhandel stammenden Geldern ganze Regierungen stürzen kann. Ein unrühmliches Kapitel in der Geschichte auch mancher demokratischer Länder.“

Elamini tickte mit dem Finger auf das Rantanakiri Plateau. „Es könnte auch ein interessierter Staat dahinter stecken“, fuhr er anschließend fort. „Die Kontrolle des Heroinhandels ist eine Trumpfkarte, die man bei außenpolitischen Differenzen mit den Vereinigten Staaten oder Europa hervorziehen könnte.“

Vanderikke nickte.

„Nordkorea ist zu arm, um eine solche Truppe auszurüsten. Doch wer steckt dann dahinter? Der Iran?“

Elamini zuckte die Achseln. „Vielleicht auch China. Sie waren immer schon die traditionellen Unterstützer der Roten Khmer.“

„Und was ist mit einer kriminellen Organisation wie SHADOW?“, fragte Fellmer.

„Auch das wäre möglich“, erwiderte Elamini und fuhr fort: „Wie auch immer. Ihre Aufgabe ist es, die Zentrale der Neuen Roten Khmer auszuschalten und nach Möglichkeit Hinweise darüber zu sammeln, wer dahinter steckt. Roy McConnery hat es leider nicht geschafft bis zu der Zentrale vorzudringen, aber er konnte in Erfahrung bringen, dass es eine unterirdische Bunkeranlage gibt, von der aus die Vorgänge in den von den Neuen Roten Khmer kontrollierten Gebieten gesteuert werden. Von hier aus müssen auch sehr gute Kommunikationswege ins Ausland existieren.“ Elamini machte eine kurze Pause. Sein Gesicht wirkte sehr ernst. In gedämpftem Tonfall fuhr er schließlich fort: „Sie werden bei diesem Einsatz völlig auf sich allein gestellt sein, faktisch jedenfalls. Die kambodschanische und auch die laotische Regierung unterstützen uns zwar, aber wir müssen damit rechnen, dass diese Unterstützung mehr moralischer Natur ist. Über das Einsatzgebiet selbst hat die Regierung in Phnom Penh nicht mehr die Kontrolle. Darüber hinaus müssen Sie damit rechnen, dass Vertreter der Behörden, Soldaten, aber auch die Polizei mehr oder weniger leicht korrumpierbar ist. Das erklärt sich schon aus den bescheidenen Lebensverhältnissen. Seit es dieses offizielle Hilfeersuchen Kambodschas gibt, sind unsere Gegner gewarnt. Es ist daher vielleicht viel versprechender, wenn Sie von laotischem Gebiet aus ins Einsatzgebiet vordringen. Ein anderer Ansatzpunkt wäre es, sich zu den Ruinen von Angkor Wat zu begeben. Diese Ruinen sind bei Forschern und Touristen gleichermaßen beliebt. Für die Neuen Roten Khmer dienen sie vor allen Dingen als Drogenumschlagplatz. Die Drogen und das entsprechende Geld werden einfach irgendwo abgelegt und dann von so genannten Touristen weitertransportiert. Im Gegensatz zu den Einheimischen werden die nämlich kaum kontrolliert.“

„Worin besteht das genaue Ziel dieser Mission?“, fragte Vanderikke.

„Ausfindigmachen und gegebenenfalls Zerstören der Kommunikationszentrale und Sicherung von so viel Datenmaterial über die weltweite Vernetzung der Neuen Roten Khmer wie möglich. Sobald Sie Ihren Job erledigt haben, kann zugeschlagen werden – und zwar weltweit zur selben Zeit.“

„Und da machen über unter Umstände über 190 UNO-Mitglieder auf der Welt mit?“, wunderte sich Lieutenant Fellmer.

General Elamini lächelte dünn. „Sagen wir so: Ein Land, das die Hintermänner dieses Drogenkartells deckt, wird einiges zu erklären haben und vielleicht in den Verdacht geraten, selbst die Kontrolle über die Opiate aus dem goldenen Dreieck anzustreben. Auch das ist ja nicht auszuschließen.“

General Elaminis Haltung straffte sich.

„Ich komme jetzt zu den Einzelheiten… Das Codewort der Operation lautet Unternehmen Khmer.“



7

Phnom Penh, Boulevard Confederation de la Russie, zwei Tage später, 1210 OZ


Es war drückend heiß in dem Taxi, obwohl die Seitenscheiben heruntergedreht waren und der Fahrtwind Fellmer und Karels durch das Haar fuhr. Die Luftfeuchtigkeit musste nahe bei hundert Prozent sein. Schon als sie aus dem Flieger gestiegen waren, hatte Fellmer beim ersten Atemzug geglaubt, einen Schlag vor den Kopf zu bekommen.

Ein Taxi brachte die beiden ISFO-Soldaten vom außerhalb der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh gelegenen Pochentong Airport aus zum Hotel Wat Phnom.

Der Weg führte quer durch die Stadt. Der Boulevard Confederacion de la Russie war eine der wichtigsten Verkehrsadern der Hauptstadt – und meistens verstopft. Zur hohen Luftfeuchtigkeit kam noch ein Schadstoffgehalt, den man wahrscheinlich in keiner europäischen oder amerikanischen Großstadt antreffen konnte.

Fellmer fragte sich, wie Fahrer der überladenen Fahrradrikschas das auszuhalten vermochten.

Dagegen war selbst ein Höhentraining für Gebirgsjäger der reinste Erholungsurlaub.

Ina Karels erging es nicht anders.

Sie wirkte matt und abgeschlagen, saß in sich zusammengesunken auf der Rückbank des Taxis und strich sich eine schweißnasse Strähne aus dem Gesicht.

„Jetzt wünsche ich mir den antarktischen Sommer“, murmelte sie nur. „Oder eine frische Brise an der Nordsee. Kannst du dir das jetzt vorstellen, Mark?“

„Kann ich – aber ich tue es nicht.“

„Wieso?“

„Wäre doch Folter.“

Karels atmete tief durch und sagte schließlich nach einer kurzen Pause: „Ich hoffe, wir gewöhnen uns möglichst schnell an die Bedingungen hier.“

Fellmer und Karels trugen zivil. Sie mimten Touristen, die zu den Bauten von Angkor reisen wollten. Die Ruinen der alten Dschungelstädte aus der Blütezeit des Khmerreichs wurden von den Neuen Roten Khmer als Übergabeorte für Geld und Drogen genutzt. Die Durchführung war extrem einfach. Man heuerte Amerikaner oder Europäer an, für ein gutes Honorar ein Paket an einem bestimmten Punkt in dem Steinlabyrinth der vom Dschungel überwucherten Ruinen zu hinterlegen und ein anderes Paket dafür abzuholen und außer Landes zu bringen. Kambodscha war auf jeden Touristen-Dollar dringend angewiesen. Entsprechend wenig gründlich wurden die Kontrollen durchgeführt. Wenn dann noch bestimmte Grenzübergänge nach Thailand oder Laos benutzt wurden, an denen die Grenzer geschmiert waren, dann bestand so gut wie keinerlei Risiko – es sei denn, es bestand die Absicht, jemanden in die Falle gehen zu lassen.

Dann plötzlich bekam dieser Drogenkurier die volle Härte der Gesetze Asiens zu spüren und ihm drohte womöglich die Todesstrafe.

Die kambodschanische Regierung hatte den Einsatz der UNO gegen die Neuen Roten Khmer gefordert und hätte daher auch den Männern und Frauen der Spezial Force One jede nur denkbare Unterstützung gewährt.

General Elamini hatte aber in diesem Stadium des Unternehmens Khmer darauf verzichtet, da er annehmen musste, dass ein großer Teil der Sicherheitskräfte und Beamten leicht zu korrumpieren waren. Schon deshalb, weil sie große Familien zu ernähren hatten und dies von ihren offiziellen Gehältern kaum möglich war. Sie waren zur Annahme von Schmiergeldern quasi gezwungen. Die grassierende Korruption war wohl auch der Grund dafür, weshalb es den nationalen Sicherheitskräften der kambodschanischen Regierung nicht gelungen war, die Neuen Roten Khmer auch nur ansatzweise in Bedrängnis zu bringen.

Aber ein unbestechliches Kommandounternehmen von außerhalb hatte vielleicht eine Chance.

Erst in der Schlussphase der Operation war für die Armee des Landes eine Rolle vorgesehen…

Fellmer und Karels sollten sich nach Angkor aufmachen, sich dort umsehen und den Mittelsmännern der Neuen Roten Khmer folgen. Wenn es sich ergab, sollten sie sich als Drogen- und Geldkuriere anheuern lassen – natürlich in der Hoffnung, mehr über die Hintermänner dieser offenbar hoch effektiv arbeitenden Organisation zu erfahren.

Aber zuvor gab es für Dr. Ina Karels in Phnom Penh noch eine besondere Aufgabe.

Sie sollte eine Obduktion durchführen.

Der Leichnam des CIA-Agenten Roy McConnery, der bei den Ruinen von Angkor aufgefunden worden war, wurde mehr und mehr zu einem politischen Streitobjekt. Der kambodschanischen Regierung war bekannt, dass er für die CIA arbeitete, aber die amerikanische Regierung war nicht bereit dies zuzugeben, geschweige denn, die Erkenntnisse, die McConnery über die Neuen Roten Khmer gesammelt hatte, mit der Regierung in Phnom Penh zu teilen, da man den Sicherheitsapparat des Landes als nicht vertrauenswürdig einstufte. Das Drogenkartell, das man als Financier hinter der Guerilla vermutete, sollte nicht den taktischen Vorteil bekommen, zu wissen, wie viel in Washington über diese Khmer Connection bekannt war.

Aber die Mitglieder des ISFO-Teams unterstanden der UNO und galten daher als neutral.

Wenn man den Vereinten Nationen die Leiche untersuchen ließ, ohne dass die Amerikaner Informationen liefern mussten, konnten alle Beteiligten ihr Gesicht waren.

Vanderikke und der Rest des Teams würde sich von entgegen gesetzter Seite der im Hochland des Rantanakiri Plateaus vermuteten Kommandozentrale nähern. Sie mussten von Laos aus die Grenze überschreiten. Während der gesamten Operation sollten alle Mitglieder des Teams über eine geheime, codierte Satellitenverbindung in Kontakt bleiben und koordiniert vorgehen.

Die Divisionen der kambodschanischen Armee hatten es nicht geschafft, in das von den Neuen Roten Khmer besetzte Gebiet überhaupt nur einzudringen. Ein kleines Team, bei dem im Prinzip jedes Mitglied notfalls in der Lage war, den Auftrag allein auszuführen, hatte da vielleicht mehr Erfolg.

Karels und Fellmer hatten natürlich keinerlei Ausrüstung mitnehmen können, da sie ganz regulär als Touristen ins Land gereist waren.

Nicht einmal eine Pistole hätten sie im Gepäck mitführen können.

Aber für dieses Problem hatte Elaminis Plan eine Lösung parat.

Fellmer und Karels sollten in Phnom Penh einen CIA-Agenten treffen, der dafür sorgen würde, dass sie alles bekamen, was sie brauchten.

Wieder blieb das Taxi im Stau stehen. Es wurde vergeblich gehupt.

Rechts vom Boulevard Conféderation de la Russie befand sich ein Schienenstrang, dahinter das Ufer des mitten in Phnom Penh gelegenen Boeng Kar-Sees, an dessen Ostufer sich das ehemalige Franzosenviertel der Stadt befand. Hunderte kleiner Boote waren auf dem Boeng Kar zu sehen. Die Sicht war klar, sodass selbst die Leuchtreklamen des Boeng Kak Amusement Parks erkennbar waren, die den Blick auf die in einem prächtigen Kolonialbau untergebrachte französische Botschaft verstellten.

„Tut mir leid, aber um diese Zeit ist immer viel Verkehr in der Stadt“, entschuldigte sich der Taxifahrer, ein kleiner, zierlicher Mann mit blauschwarzen Haaren, dessen Gesichtszüge chinesische und malaiische Elemente miteinander vereinten. „Aber seien Sie froh, dass wir noch nicht Regenzeit haben“, fuhr der Kambodschaner in seinem akzentschweren Englisch fort.

„Wieso?“, fragte Fellmer ahnungslos.

„Weil in der Regenzeit viele Straßen unter Wasser stehen. Die Flüsse und Seen treten über ihre Ufer und wenn man kein Boot besitzt, ist man schlecht dran.“

„Verstehe.“

Endlich bewegte sich die Schlange unterschiedlichster Fahrzeuge fort.

Der Boulevard Confederation de la Russie stieß nun auf den Monivong Boulevard, die von Norden nach Süden verlaufende Hauptverkehrsader der Stadt.

Das Taxi fuhr geradeaus, auf den alten Markt zu. Aber das dortige Gewimmel aus fliegenden Händlern, Moped-Karren, Rikschas und halbverrosteten Autos mied er und bog links in eine Seitenstraße ein. Dann ging es nach rechts, wieder nach links und innerhalb von wenigen Augenblicken hatte Fellmer vollkommen die Orientierung verloren. „Diese Stadt ist wie ein Labyrinth“, meinte er und blickte aus dem Fenster. Auf engstem Raum waren hier kleine Werkstädten und Wohnungen zu finden. Die Familien lebten auf wenigen Quadratmetern zusammengedrängt.

Aber der Taxifahrer kannte sich aus. Mit traumwandlerischer Sicherheit fand er seinen Weg durch das Labyrinth der winzigen Straßen und Gassen. Schließlich erreichte er den breiten Sisowath Quai, der am Flussufer entlang führte. Etwa einen Kilometer weiter südlich teilte sich der Tonle Sab vom Mekong.

Die Flüsse und Seen Kambodschas waren traditionell die wichtigsten Verkehradern des Landes. Wichtiger noch als das Straßennetz, von dem in der Regenzeit immer ein beträchtlicher Teil nicht passierbar war. Unzählige Boote und Flussschiffe jeder möglichen Größe und Antriebsart waren auf dem fast fünfhundert Meter breiten Tonle Sab zu sehen, der in seinem weiteren Verlauf in einen gewaltigen See gleichen Namens mündete.

Der Mekong hingegen zweigte nach Norden in Richtung der laotischen Grenze ab.

Dorthin, wo das Land der Neuen Roten Khmer war.

Das Taxi hielt vor dem Hotel Wat Phnom. In unmittelbarer Nähe war unübersehbar das Wahrzeichen der Stadt. Wat Phnom Penh, eine Tempelanlage auf einem dreißig Meter hohen, mit Bäumen bewachsenen Hügel.

Eine Treppe führte hinauf, die von stilisierten Löwen aus Stein bewacht wurde.

„Ist nur ein kleiner Tempel“, sagte der Taxifahrer, als er Ina Karels’ Blick bemerkte. Die junge Niederländerin war offensichtlich beeindruckt. „Eine kleine Kopie von Angkor Wat – mehr nicht. Die Roten Khmer haben die Ruinen als Steinbruch verwendet. Vielleicht hat dieser Frevel an den Göttern ihnen den Untergang gebracht.“

„Soweit ich gehört habe, gibt es sie doch noch“, meinte Fellmer. „Da draußen im Dschungel.“

„Ja. Unverbesserliche und Mörder, an deren Händen so viel Blut klebt, dass niemand ihnen je wieder die Hand geben würde. Jedenfalls werden sie nie wieder die Macht übernehmen.“

„Sie haben es schon einmal geschafft“, gab Fellmer zu bedenken. Und in Gedanken setzte er noch hinzu: Damals war ihre Bewaffnung schlechter, während die Regierung, die sie bekämpften, massive Unterstützung durch die USA genoss.

„Das Volk hat die Machtergreifung der Roten Khmer begrüßt“, sagte der Taxifahrer. „In den Straßen von Phnom Penh herrschte Freude – bis die neuen Herren die gesamte Bevölkerung aus der Stadt trieben, damit die dekadenten Stadtmenschen auf den Reisfeldern dem Volk dienten. Die Roten Khmer haben damals ein Viertel ihres eigenen Volkes umgebracht. Weitere Millionen starben an Unterernährung. Das vergisst man nicht. In jeder Familie gibt es Opfer. Nein, diesmal würde es das Volk ihnen nicht gestatten, die Macht zu übernehmen.“

„Ich hoffe, Sie haben recht“, sagte Fellmer.

Karels bezahlte das Taxi. Wenig später stiegen sie aus. Sie hatten nur leichtes Gepäck bei sich.

Die beiden ISFO-Soldaten betraten die Hotelhalle und genossen die Kühle, die hier herrschte. Das Hotel war klimatisiert.

Nachdem sie eingecheckt hatten, sprach sie ein Mann mit buntem Hawaii-Hemd an.

„Sie sind Fellmer und Karels?“, fragte er.

„Ja“, bestätigte Fellmer.

„Ich bin Clive Berenger.“

Das war der Name der CIA-Manns, den sie in Phnom Penh treffen sollten. Dass er sie bereits im Foyer des Hotels abpasste, damit hatte Fellmer allerdings nicht gerechnet.

Berenger war ein breitschultriger Man mit Bauchansatz, Mitte fünfzig, grauhaarig und mit einem spöttischen Lächeln um die dünnen Lippen. Er hatte von seiner Zentrale den Auftrag, dafür zu sorgen, dass die beiden ISFO-Kämpfer ihre als diplomatisches Gepäck der US-Botschaft eingeschleuste Ausrüstung bekamen.

Das war alles.

Über die Mission an sich wusste er nichts, geschweige denn, dass er über irgendwelche Einzelheiten informiert gewesen wäre.

„Gehen wir in die Hotelbar auf einen Drink?“

Fellmer wechselte einen kurzen Blick mit Ina Karels und meinte dann: „Nichts dagegen. Meine Kehle ist staubtrocken.“

„Ich kann Ihnen nur eine Empfehlung geben, solange sie sich in diesem Land aufhalten: Trinken Sie genug. Sie schwitzen bei diesen klimatischen Verhältnissen literweise, da dehydriert man schnell.“

„Wir werden es uns merken“, meinte Karels und verdrehte die Augen, ohne dass Berenger davon etwas mitbekam.

Dessen besserwisserische Art gefiel ihr nicht.

Ihr wäre es am liebsten gewesen, der CIA-Mann wäre gleich zur Sache gekommen.

In der Bar bekamen sie alle drei Erfrischungs-Drinks. Berenger winkte sie an einen Tisch in der Ecke, wo sie ungestört reden konnten.

„Na, wie gefällt Ihnen diese alte Stadt?“, fragte er und trank das halbe Glas leer. Er wartete eine Antwort seiner Gesprächspartner gar nicht erst ab, sondern fuhr fort: „Wenn Sie mich fragen, dann ist das alte Phnom Penh 1975 gestorben, als man die Bevölkerung auf die Felder trieb. Vier Jahre war das hier eine Geisterstadt – und hätte dieser Zustand noch ein paar Jahre länger angedauert, wäre aus einer Millionenstadt eine Dschungelruine ähnlich der von Angkor geworden. Nur nicht so pittoresk!“ Er lachte, trank den Rest des Glases aus und stellte es geräuschvoll auf den Tisch. „Ist lange her… Ich gehörte zu den letzten amerikanischen Soldaten, die den Job hatten, die Botschaft zu evakuieren. Und weshalb Sind Sie beide hier?“

„Geheim“, sagte Karels.

„Hätte ich mir ja denken können.“ Er musterte zuerst Fellmer, dann Karels und meinte schließlich: „Ich weiß nur, dass Sie beide nicht für unsere Firma arbeiten. Wer hat Sie angeheuert?“ Er grinste Karels an. „Skandinavische Geheimdienste haben in Südostasien soweit ich weiß keinerlei Interessen.“

Ina strich sich das blonde Haar zurück.

„Kommen wir doch einfach zur Sache, Mister Berenger.“

Berenger griff in seine Hemdtasche und holte zwei Schlüssel hervor und schob sie über den Tisch.

„Die passen zu zwei Schließfächern hier im Hotel. Da ist alles drin.“ Er grinste. „Viel Glück - wobei auch immer!“

„Danke“, sagte Fellmer.

„Wir sollten auch einen Wagen bekommen“, mischte sich Ina ein.

„Steht bereit. Fragen Sie an der Rezeption. Es ist zwar nicht gerade ein Hummer – der würde zu sehr auffallen – aber geländegängig ist er. Außerdem führt der Weg nach Angkor über eine recht komfortable Straße, vorausgesetzt Sie nehmen die Nationalstraße 5 Richtung Bangkok und der kleine Umweg über Phumi Robal macht Ihnen nichts aus…“

Woher weiß er, dass wir nach Angkor wollen?, durchzuckte es Fellmer. War das einfach nur ein Schuss aus der Hüfte? Oder wusste dieser Mann mehr, als er zugab?

Berenger erhob sich, verabschiedete sich knapp und verließ den Raum.

„Mir gefällt der Typ nicht“, meinte Ina.

„Wieso?“

„Ich weiß nicht. Es ist einfach nur ein Bauchgefühl, dass mir sagt: Trau ihm besser nicht über den Weg.“

Fellmer zuckte die Achseln.

„Wahrscheinlich sehen wir ihn nie wieder“, war er überzeugt.


8

Kambodschanisch-laotisches Grenzgebiet, Quellgebiet des Kông, 1330 OZ


Der Transporthelikopter der laotischen Armee trug an der Außenseite seiner Schiebetür noch die Aufschrift ‚Eigentum der Nationalen Volksarmee der DDR’. Aber was diese Worte bedeuteten, wussten weder Pilot noch Copilot.

Der Copilot war Unteroffizier in der laotischen Armee, während es sich bei dem Piloten um einen Russen namens Sergej handelte.

In Vientiane, der Hauptstadt von Laos, waren Vanderikke und sein Team an Bord des Helikopters gegangen, der sie ins Grenzgebiet bringen sollte.

Die ganze Zeit über hatte Sergej versucht, mit Miro Harabok, dem russischen Techniker der Gruppe, ein Gespräch anzufangen.

Sergej war offensichtlich sehr froh darüber gewesen, nach langer Zeit mal wieder auf jemanden zu treffen, der Russisch sprach. Und so hatte er wortreich davon berichtet, dass es in der laotischen Armee nicht genügend Piloten gäbe, dieses Land viel ärmer als Russland sei, er aber trotzdem immer sein Gehalt bekommen hätte.

„Die Kameraden in Russland können das leider nicht behaupten“, meinte er. „Da versickert das Geld bei irgendwelchen Bürokraten!“

Harabok hatte kaum etwas dazu gesagt.

Er schien erleichtert zu sein, als der Helikopter endlich das Einsatzgebiet erreichte.

Dichter Dschungel überwucherte das Quellgebiet des Kông, der nach wenigen Kilometern die Grenze nach Kambodscha überschritt und etwa fünfzig Kilometer südlich der Grenze in den Mekong einmündete.

In der Ferne waren die Anhöhen des Rantanakiri Plateaus zu sehen, wo die Rückzugsbasis und die Kommandozentrale der Neuen Roten Khmer vermutet wurden.

Ein Gebiet, das hervorragend für einen Verteidigungskrieg geeignet war, wie Colonel Vanderikke sofort auffiel.

Von den Anhöhen aus konnte man die umliegenden Gebiete hervorragend kontrollieren.

Es wird ein harter Job werden, dort einzudringen!, war es dem Kommandanten der Truppe klar.

Sergej suchte eine Lichtung.

Die Männer und Frauen des ISFO-Teams seilten sich einer nach dem anderen mitsamt ihrer Ausrüstung ab.

Von hier an waren sie auf sich allein gestellt.



9

Knatternd flog der laotische Helikopter davon und verschwand schließlich hinter dem Horizont. Die Geräusche der Maschine wurden immer leiser und verloren sich schließlich im Konzert der Dschungelstimmen.

Pierre DeLarouac, der Spezialist für Computer und Kommunikation im Team der International Security Force One, führte mit Hilfe eines GPS-Navigationssystems eine exakte Positionsbestimmung durch und deutete Richtung Süden. „Etwa zwanzig Kilometer noch, dann müssten wir die kambodschanische Grenze überschreiten“, meinte er.

Vanderikke grinste.

„Danke, Lieutenant. Aber das hätte ich Ihnen auch ohne diesen technischen Firlefanz sagen können.“

„Mit Verlaub, mon colonel, was solche Dinge angeht, bin ich für Genauigkeit. Übrigens werden es diese paar Kilometer ganz schön in sich haben. Il y a quelques difficultés!“

Vanderikke runzelte die Stirn.

„Wovon sprechen Sie, DeLarouac? Vom Gelände?“

DeLarouac nickte.

„Wir haben nicht einfach nur Dschungel vor uns, sondern einen Dschungel kurz nach Ende der Regenzeit.“

„Und wo liegt der Unterschied?“, fragte Vanderikke leicht gereizt.

„Der Wasserstand ist hoch. Kleine Nebenflüsse sind unter Umständen breit wie ein Strom und nicht so einfach zu durchqueren. Der Boden dürfte mit Wasser voll gesogen sein, sodass nur wenig versickern kann. Ausgedehnte Schlamm- und Sumpfgebiete bilden sich, ehe die Trockenzeit schließlich dafür sorgt, dass sie wieder verschwinden.“

„Wir werden uns dem Zeitplan trotzdem einhalten müssen“, meinte Vanderikke.

Der Colonel ging voran. Die MP7 trug er über der Schulter, das geringe Marschgepäck auf dem Rücken.

Die ISFO-Kämpfer trugen nur das Nötigste an Kampfsausrüstung mit sich. Gerade in einer so feuchtheißen Umgebung wie sie in dieser Region vorzufinden war, musste man darauf achten, den Körper vor jeder unnötigen Belastung zu bewahren.

Die Männer und Frauen des Alpha-Teams trugen leichte Kampfanzüge, Splitterwesten, Schutzhelm sowie jeweils eine MP7 sowie eine automatische Pistole vom Typ SIG Sauer P226 zur Selbstverteidigung.

Der Vorrat an Nahrungskonzentraten, die jedes Teammitglied bei sich führte, war sehr begrenzt. Jedes Gramm Marschgepäck, das eingespart werden konnte, bedeutete einen Vorteil an Ausdauer und Kampfkraft.

Außerdem waren alle Teammitglieder im Verlauf ihres Dienstlebens mehrfach einem Survival-Training unterzogen worden, so dass sie im Notfall auch völlig auf sich gestellt und ohne Waffen oder technische Hilfsmittel in der Lage gewesen wären, zu überleben.

Lediglich Pierre DeLarouacs Marschgepäck war etwas umfangreicher als das seiner Kameraden, denn er trug sein Speziallaptop mit sich.

Die erste Zeit über gingen sie schweigend durch den dichter werdenden Urwald. Zahllose Vogelstimmen bildeten einen Klangteppich, der ebenso wie die sehr intensiven Gerüche die Sinne zu betäuben drohte.

Der Abstieg an morastigen Hängen war ausgesprochen anstrengend. Oft sanken die Mitglieder des ISFO-Teams bis zu den Knöcheln in den Schlamm ein. Der Boden war durch die monatelangen, wolkenbruchartigen Regengüsse extrem aufgeweicht.

Das Wasser konnte nur nicht mehr abfließen.

Das Klima der Region wurde durch den Monsun in zwei deutlich voneinander unterscheidbare Jahreszeiten geteilt. Eine Hälfte des Jahres fegten trockene Winde über das Land die zuvor die dürren Gebiete Westchinas und Tibets überquert hatten. Bei der Passage dieser gewaltigen Landmasse hatte sie nur wenig Feuchtigkeit hatten aufnehmen können. Das Gegenteil galt in der anderen Jahreshälfte, in der tropische Luftströme über den Golf von Thailand getrieben wurden, wo sie Unmengen von Feuchtigkeit absorbierten, die dann über den Dschungeln Südostasiens nieder regneten.

Kleinere Bäche flossen durch das dichte Unterholz dem Kông entgegen. Um diese Jahrszeit war so mancher dieser Wasserläufe zu einem reißenden Gewässer geworden, die nicht selten fünfzig oder hundert Meter breit anschwollen.

Es kostete viel Zeit, eine geeignete Stelle zur Überquerung zu finden.

Bis zum Hals sanken die Mitglieder des Teams dann mitunter in das schlammige Wasser und konnten gerade noch ihr Gewehr über die Oberfläche ragen lassen.

Die Nässe war allgegenwärtig. Die Kleidung trocknete schlecht. Auf ein Feuer mussten sie aus Sicherheitsgründen verzichten, denn die Neuen Roten Khmer hatten mit ihren Vorgängen gemeinsam, dass sie sich wenig um Landesgrenzen kümmerten. Die Regierung von Laos beklagte seit Monaten, dass es immer wieder zu Übergriffen auf ihr Hoheitsgebiet kam.

Man musste also zumindest mit Patrouillen der anderen Seite rechnen.

Am Abend erreichten Vanderikke und seine Gruppe endlich den Kông, der sich einige Kilometer südlich bei Stoeng Treng mit dem Mekong vereinigte.

Vor Einbruch der Dunkelheit schlugen sie ihr primitives Lager auf.

Mara Gomez lehnte mit dem Rücken gegen einen knorrigen Baumstamm und schloss für einige Augenblicke die Augen. Ein seltener Anblick bei der durchtrainierten Argentinierin, die normalerweise immer darauf bedacht war, keine schwäche erkennbar werden zu lassen.

Besonders mit Nahkampfspezialist Roberto Mancuso hatte sie sich in der Vergangenheit regelrechte Wettbewerbe geliefert.

Mancuso hatte darauf zumeist spöttisch reagiert oder einen seiner von vorn herein aussichtslosen Versuche gestartet, mit seinem Italocharme bei Marisa zu landen.

Als der Italiener die junge Argentinierin jetzt so dasitzen sah, konnte er einfach nicht widerstehen.

„Soll das etwa heißen, dass du müde bist, Mara? Und dabei hat unsere Mission praktisch gerade erst begonnen.“

Gomez’ Augen öffneten sich.

Sie blitzten ärgerlich.

„Untersteh dich!“, fauchte sie und merkte viel zu spät, dass sie Mancuso auf den Leim gegangen war. Der Italiener hatte nichts anders beabsichtigt, als Mara zu reizen und sie war darauf hereingefallen.

„Du siehst entzückend aus, wenn du dich aufregst. Ich mag Frauen mit Temperament.“

„Dann bin ich anscheinend die Ausnahme, Roberto.“

„Zu schade, Mara…“

„Tut mir leid, aber nach Schlammcatchen mit Schwächlingen ist mir nicht zumute!“

Gomez erhob sich und nahm einen tiefen Schluck aus ihrer Wasserflasche.

Mancuso grinste nur.

„Schade eigentlich. Könnte ich mir als angenehme Abwechslung vorstellen.“

Gomez’ Blick wurde plötzlich starr.

Ein harter, entschlossener Zug trat in das fein geschnittene, hübsche Gesicht der jungen Frau. Sie riss mit der Rechten die MP7 hoch, die ihr an einem Riemen über der Schulter hing und vollführte eine schnelle Vorwärtsbewegung.

„Heh, so war das nicht gemeint!“, rief Mancuso, während die MP7 in Maras Hand bereits Blei spuckte. Eine Garbe von 12 Schüssen feuerte aus dem Lauf heraus, auf den ein Schalldämpfer aufgeschraubt war, sodass die Geräuschentwicklung erheblich gedämpft wurde. Im matten Dämmerlicht war das Mündungsfeuer deutlich zu sehen.

In der Vorwärtsbewegung versetzte Gomez Mancuso einen heftigen Stoß, sodass der Italiener im nächsten Moment im Schlamm lag.

Dort, wo Roberto gerade noch gestanden hatte, zischten Dutzende von Projektilen durch die Luft und schlugen in die Rinde der dahinter liegenden Bäume.

Gomez lag neben dem Italiener und feuerte weiter in Richtung des gegenüberliegenden Flussufers.

Die anderen hatten inzwischen ebenfalls bemerkt, was sich dort abspielte. An verschiedenen Stellen blitzte Mündungsfeuer im dichten Unterholz an dem flachen, morastigen Ufer des Kông auf.

Vanderikke rollte sich am Boden um die eigene Achse und feuerte im nächsten Moment ebenfalls in Richtung der unbekannten Angreifer von der anderen Flussseite.

DeLarouac schob sein Speziallaptop, mit dem er über eine Satellitenverbindung Zugang zu sämtlichen der International Security Force One und den Vereinten Nationen zugänglichen Informationssystemen hatte, zurück in den eigens dafür vorgesehenen stoßsicheren Behälter, der normalerweise in seinem Rucksack platz fand.

Miroslav Harabok kniete in seiner Nähe und gab ihm Feuerschutz, ehe schließlich beide Männer in Deckung sprangen.

Plötzlich war auf der anderen Seite zwischen den Bäumen eine ohrenbetäubende Detonation zu hören.

Anschließend ein heulender Laut.

„Granatwerfer!“, knurrte Vanderikke und riss das leer geschossene Magazin seiner MP7 aus der Waffe heraus und ersetzte es gegen ein Neues.

Eine weitere Granate schoss von der anderen Seite herüber. Sie erreichte Überschallgeschwindigkeit, deswegen war das Geräusch ihres Einschlags vor dem Abschuss zu hören.

Eine Reihe weiterer Granatschüsse pfiff über die ISFO-Kämpfer hinweg, schlug zwischen ihnen ein oder zerfetzte Baumstämme. Fontänen aus Schlamm und Geröll wurden empor geschleudert.

„Nichts wie weg hier!“, rief Vanderikke heiser.

Seine Stimme ging im dröhnen des Gefechtslärms unter. In immer dichterer Folge kamen die Einschläge.

Die ISFO-Kämpfer robbten durch den Schlamm davon, versuchten ein Stück am Flussufer entlang zu kommen, um dann den Hang hinauf zu kriechen und hinter der Böschung Deckung zu finden. Das dichte Grün des Dschungels bot zumindest etwas Sichtschutz. Aber die andere Seite schien einfach nach der Devise vorzugehen, dass schon etwas getroffen wurde, wenn man nur genug Munition in möglichst kurzer Zeit verbrauchte.

Für Vanderikke und seine Leute ging es jetzt um Leben und Tod. So schnell sie konnten robbten sie weiter, während rechts und links die Einschläge immer neue Dreckfontänen verursachten. Krater von ein bis zwei Metern Durchmesser wurden in das Erdreich hineingerissen.

Harabok war der erste, der den Kamm der Böschung erreichte. Die anderen folgten.

Nacheinander erreichten sie die sichere Deckung.

Aber für eine lange Verschnaufpause blieb keine Zeit.

Der Beschuss von der anderen Seite des Kông hielt noch eine Weile. Der Lärm war ohrenbetäubend.

Mancuso drängte es, das Feuer zu erwidern, aber Vanderikke hielt ihn zurück.

Es hatte keinen Sinn, Munition zu verschwenden. Fehlende Vorräte konnte man durch den Verzehr von Regenwürmern und Heuschrecken ausgleichen – Munition war unter den Bedingungen dieses Einsatzes jedoch nicht ersetzbar.

Die Soldaten nutzten die Gelegenheit um die Waffen nachzuladen.

Der Beschuss des Gegners verebbte.

Augenblicke lang herrschte eine fast unheimliche Stille. Auch die Fauna des Dschungels war verstummt und erwachte erst im Laufe von mehreren Minuten wieder zum Leben.

„Scheint fast so, als hätten die uns erwartet“, meinte Gomez ärgerlich.

„Und um ein Haar hätten Sie uns sogar erwischt“, stellte Mancuso fest. Er wandte sich Gomez zu. „Danke für die Runde Schlammcatchen“, sagte er. „Du hast mir das Leben gerettet.“

„Siehst du, so bin ich zu dir!“

„Wir sollten hier schleunigst weg“, riss Vanderikke die Initiative an sich. Er deutete in Richtung der Gegner. „Ich schätze, die werden bald den Fluss überqueren.“

DeLarouac widersprach.

„Zweifellos werden sie den Fluss überqueren – aber auf keinen Fall hier!“

Der Kommunikationsspezialist hatte sein Laptop hervorgeholt. Auf dem LCD-Schirm war ein Kartenausschnitt zu sehen, der den Verlauf des Kông im laotisch-kambodschanischen Grenzgebiet zeigte. Das besondere an der Karte war, dass sie mit einem aktuellen Satellitenbild überblendet worden war. Ein spezielles Programm berechnete die aktuellen Flusstiefen. „Der Wasserstand ist viel zu tief“, stellte DeLarouac fest.

„Wie aktuell sind Ihre Informationen?“, frage Vanderikke.

Schließlich sank der Wasserstand in der beginnenden Trockenzeit ständig.

„Vor sechs Stunden wurde das Satellitenbild geschossen, Sir.“

Vanderikke kratzte sich am Kinn. Dann robbte er zu DeLarouac hinüber und warf selbst einen Blick auf den Schirm. „Zeugen Sie mir die Stellen im Flusslauf, die derzeit für eine Überquerung geeignet sind.“

„Kein Problem.“

Ein Tastendruck und mehrere Markierungen zeigten die Positionen an, an denen eine Überquerung des Kông derzeit möglich war.

„Okay“, murmelte Vanderikke. „Dann werden wir versuchen, ihnen so gut es geht aus dem Weg zu gehen.“

DeLarouac deutete auf den Schirm. „Das alles wird nur unter der Voraussetzung nützen, dass der Gegner weder über Boote verfügt, noch es schafft, mit anderen Hilfsmitteln über das Wasser zu kommen.“

„Um eine Seilbrücke auf diese große Distanz spannen zu können, ist das Gefälle zu gering. Und dass sie hier irgendwo Boote haben, glaube ich nicht. Hier, auf dieser Seite der Grenze, sind sie schließlich nicht zu Hause.“

Der Colonel fasste seine MP7 mit beiden Händen.

Sein Gesichtsausdruck wirkte entschlossen.

„Auf geht’s“, befahl er.



10

Phnom Penh, Heng Tong Hospital, Ecke Preah Paem Tasak/361. Straße, Donnerstag 0801 OZ

„Dr. Ina Karels, Ärztin in den Diensten der Vereinten Nationen“, murmelte der Vertreter des kambodschanischen Innenministeriums, der Karels gebeten hatte, in einem der Verwaltungsbüros Platz zu nehmen. Alle Angestellten waren hinausgeschickt worden.

Der Kambodschaner sah sich den Dienstausweis an, der für Dr. Karels eigens für diesen Zweck ausgestellt worden war. Schließlich war niemandem in Phnom Penh bekannt, dass sie nicht einfach nur eine UNO-Ärztin, sondern gleichzeitig Mitglied in einer Kommandoeinheit war, die in das Gebiet der Neuen Roten Khmer vordringen sollte.

„Es ist mir zugesagt worden, dass ich Roy McConnery obduzieren darf“, erklärte die blonde Niederländerin und legte dabei so viel Überzeugungskraft in ihre Worte, wie nur möglich.

„Ja, das ist richtig. Ich hatte mir nur vorgestellt, dass die Vereinten Nationen jemanden schicken würden, der…“

„Einen Mann?“, fragte Ina.

Der Kambodschaner schüttelte den Kopf. „Nein. Jemanden mit mehr Berufserfahrung.“

Ina lächelte säuerlich.

Die Geringschätzung war aus den Worten ihres Gegenübers deutlich herauszuhören.

„Ich sehe jünger aus, als ich bin“, erwiderte sie spitz. Aber dieser Unterton schien ihrem Gegenüber völlig zu entgehen.

„In meinen Augen ist es obszön, die Arbeitskraft von Ärzten dazu zu verwenden, Tote zu untersuchen“, erklärte er. „Aber das werden Sie nicht verstehen. Ich weiß, dass dies in den Ländern des Westens anders ist. Wir haben schließlich Satellitenfernsehen.“ Der Vertreter des Innenministeriums erhob sich. Sein Gesicht bekam einen Ausdruck, den Ina Karels nur schwer zu deuten vermochte. Eine Wandlung geschah mit ihm.

Etwas scheint ihn sehr stark zu bewegen!, dachte sie. Anders war es nicht zu erklären, dass sich seine Gefühle derart stark in seinem Gesicht widerspiegelten, wo es doch allgemein in Asien üblich war, dies zu vermeiden. „Mein Vater war Arzt“, sagte er tonlos in seinem fast akzentfreien Englisch. „Als die Roten Khmer die Stadt eroberten, trieben sie die Bevölkerung aufs Land…“

„Davon haben ich gehört.“

„Sie sind zu jung, um das zu wissen“, tadelte er sie unnötigerweise. „Die Kommunisten haben Ärzte, Rechtsanwälte, Lehrer aussortiert und getötet, weil sie dekadente Feinde des Volkes wären, die umzuerziehen seien. Mein Vater überlebte nur, weil er sich als Rikschafahrer ausgab. Einer seiner ehemaligen Patienten erkannte ihn später und verriet ihn den Roten Khmer, woraufhin er doch noch getötet wurde. Erschlagen. Nicht erschossen, denn Gewehrkugeln waren wertvolles Volkseigentum, das nur sparsam benutzt werden durfte.“ Er gab Ina ihren UNO-Ausweis zurück. „Kommen Sie und behandeln Sie Ihren Toten.“

„Ich möchte außerdem sämtliche sichergestellten Beweismittel digital fotografieren.“

Der Kambodschaner runzelte die Stirn.

„Wovon sprechen Sie?“

„Projektile zum Beispiel.“

„Sie machen Witze. Die Leiche wurde gefunden und hier her gebracht. Sie steht unter Bewachung, weil der Tote ein amerikanischer Spion war, das ist alles. Wäre er das nicht, hätte man in Angkor ein paar Steine umgedreht und ihn dort verscharrt.“

Karels folgte dem Kambodschaner in die Leichenhalle.

Einer der Ärzte öffnete ein Kühlfach und zog das das Tuch über dem Gesicht des Toten weg. Ina erkannte das Gesicht von dem Bildmaterial wieder, das man ihr in Fort Conroy gezeigt hatte.

„Ich würde gerne sofort anfangen“, sagte die junge Niederländerin.



11

Phnom Penh, 567 Sisowath Quai, Hotel Wat Phnom, Zimmer 456 D, Donnerstag, 1000 OZ


Mark Fellmer hatte die Ausrüstung dem Hotelbett ausgebreitet. Die Mp7 und die P226 waren in einwandfreiem Zustand. Die Munition reichte aus, um sich eine Weile durchschlagen zu können.

Über das ebenfalls mitgelieferte Satellitentelefon versuchte Fellmer nun schon zum dritten Mal Kontakt zu Vanderikke und seiner Gruppe zu bekommen.

Bisher vergeblich.

Es klopfte an der Tür.

Das Hoteltelefon klingelte. Fellmer nahm ab. Die Stimme am anderen Ende der Leitung stellte sich nicht vor, aber Fellmer erkannte sie schon nach den ersten Worten.

Es war Clive Berenger.

„Kommen Sie in das Haus 654 Boulevard Mao Tse-toung/ Ecke 143. Straße. Gegenüber ist der Toul Tom Pong Markt, den können Sie nicht übersehen.“

„Was soll ich dort?“

„Sie können ein paar Neuigkeiten über die Khmer Connection erfahren.“

„Ich kann mich nicht erinnern, mit Ihnen darüber gesprochen zu haben“, sagte Fellmer kühl.

„Dann interessiert es Sie nicht, was ein gewisser Roy McConnery herausgefunden hat? Durch die Obduktion seiner Leiche werden Sie nicht weiterkommen. Ich werde am Telefon nicht mehr sagen. Seien Sie in einer halben Stunde hier!“

Das Gespräch wurde unterbrochen.

Fellmer fragte sich, was er davon halten sollte.

Viel Zeit zum Überlegen blieb nicht. Der Boulevard Mao Tse-Toung lag am anderen Ende der Stadt. Bei den hiesigen Verkehrsverhältnissen war eine halbe Stunde schon knapp bemessen.

Es klopfte an der Tür von Mark Fellmers Hotelzimmer.

„Wer ist da?“, fragte er.

„Ich bin es. Ina.“

Fellmer ging zur Tür und schloss sie auf. Er hatte beim Checken seiner Ausrüstung nicht von einem der Zimmermädchen überrascht werden wollen.

„Du siehst ganz bleich aus“, meinte Fellmer.

„Dann muss an der Luftfeuchtigkeit liegen.“

„Nicht an dem, was du gerade gesehen hast?“

„Das war nicht meine erste Obduktion, Mark. Es ist zwar schon eine Weile her, aber ich habe ein dreimonatiges Praktikum beim Coroner von Chicago gemacht und in dieser Zeit an mindestens fünfzig Obduktionen teilgenommen.“ Sie hob die Schultern. „Leider hat diese nicht viel gebracht. Ich konnte jedoch ein Projektil sicherstellen, das aus einer AK-47 abgefeuert wurde.“

„Eine Kalaschnikow also – was hätte man von den Neuen Roten Khmer auch anders erwartet“, gab Fellmer zurück.

„Wenn die Kambodschaner wüssten, dass McConnery so gut wie nichts an brauchbaren Informationen an die CIA übermittelte, würden sie nicht ein so großes Brimborium um diesen Toten veranstalten“, war Ina überzeugt.

Fellmer zuckte die Achseln.

„Was dieses unwürdige diplomatische Ränkespiel um einen Toten angeht, so habe ich ohnehin wenig Verständnis dafür!“, meinte er.

„Ich habe übrigens in McConnerys Blut Reste einer Substanz festgestellt, die unter dem Kürzel MXC 784 als Verhördroge bekannt ist. Für weitergehende Tests war das Labor im Heng Tong Hospital leider nicht ausgerüstet.“

„Das bedeutet, dass sich McConnery in Gefangenschaft der Neuen Roten Khmer befand und von ihnen ausgequetscht wurde.“

„Vermutlich wurde er dann wohl auf der Flucht erschossen“, meinte Fellmer. „Ich hatte hier übrigens einen ziemlich eigenartigen Anruf von Berenger.“

Ina runzelte die Stirn.

„Was wollte der denn?“, fragte sie.

„Er behauptet, nähere Informationen zu McConnery zu haben, die irgendwie mit unserer Mission zusammenhängen.“

„Dieser windige Kerl ist doch ein Aufschneider!“, erwiderte Ina Karels voller Verachtung.

Fellmer zuckte die Achseln.

„Der Treffpunkt ist in einer halben Stunde bei einer Adresse am Boulevard Mao Tse-Toung...“ Mark fuhr sich mit einer fahrigen Geste durch das Haar.

Ina hingegen verschränkte die Arme vor der Brust.

„Und damit hat er tatsächlich geschafft, dich zu beeindrucken, Mark?“

„Jedenfalls würde ich mich ewig ärgern, wenn wir nicht am Boulevard Mao Tse-Toung gewesen sind und sich am Ende herausstellt, dass wir da entscheidende Informationen hätten bekommen können!“

Sie schüttelte den Kopf. „Es ist nicht zu fassen!“, meinte sie. Aber ihr Blick glitt sofort darauf auf die Uhr an ihrem Handgelenk. Zur Abwechslung handelte es sich nicht um das mit einem Kompass ausgestattete Spezialchronometer für Angehörige der Spezial Force One, sondern um ein sehr viel damenhafteres Modell.

„Eine halbe Stunde? Die Fahrt zum Hospital war schon eine Qual und wenn ich den Stadtplan von Phnom Penh so einigermaßen in Erinnerung habe, muss man sich noch etwas weiter durch diesen Dschungel aus Häusern und kleinen Gassen schlagen, wenn man zum Boulevard Mao gelangen will.“

„Stimmt.“

„Also nichts wie los, Mark. Worauf wartest du noch?“

Mark Fellmer schob ein volles Magazin in den Griff der Automatik. „Ganz ohne Ausrüstung möchte ich da lieber nicht erscheinen“, meinte der Lieutenant.

„Soll das heißen, du traust Berenger ebenfalls nicht über den Weg?“

Fellmer steckte die Pistole unter ein weites Hemd, dass er über der Hose trug.

„Das heißt einfach nur, dass ich mich mit diesem Ding wohler fühle als ohne“, gab er zurück.

„Du willst wahrscheinlich gar nicht wissen, was das unter psychologischen Gesichtspunkten gesehen heißt.“

Fellmer grinste schief. „Nein, im Augenblick ist mein Interesse an derartigen Fragestellungen ziemlich gering“, gab er zu. Er lachte und fuhr fort: „Da ich durch die Psychotests zur Aufnahme in den KSK der Bundeswehr gekommen bin, brauchst du nicht befürchten, einen Irren an deiner Seite zu haben.“

„Das ist unglaublich beruhigend“, kommentierte die blonde Niederländerin.



12

Für den Weg zur angegebenen Adresse am Boulevard Mao Tse-Toung nahmen Ina und Mark ein Taxi und nicht etwa den Wagen, den Berenger ihnen als eine Art Amtshilfe der CIA für die Vereinten Nationen zur Verfügung gestellt hatte.

Nur ein einheimischer Fahrer hatte jetzt noch eine realistische Chance, den Treffpunkt rechtzeitig zu erreichen.

Ein paar Minuten später stiegen Karels und Fellmer in einen uralten Ford Kombi, der allerdings mit so vielen Ersatzteilen unterschiedlichster Herkunft gespickt war, dass man sich durchaus fragen konnte, ob die Typenbezeichnung überhaupt noch zutraf.

Die Adresse, die Berenger angegeben hatte, gehörte zu einem fünfstöckigen, ziemlich heruntergekommenen Gebäude im Kolonialstil. Die eingravierte Jahreszahl 1895 über dem Türbogen war noch erkennbar, während man die dazugehörige Inschrift mit dem Meißel zerstört hatte. Wahrscheinlich war dies im Rahmen der Revolutionsexzesse nach der Machtergreifung durch die Roten Khmer geschehen, als die so genannten Wahrzeichen der dekadenten Bourgeoisie eliminiert wurden.

Karels und Fellmer bezahlten das Taxi und stiegen aus. Auf der anderen Straßenseite begann der Toul Tom Pong Markt. Stimmengewirr mischte sich mit dem Straßenlärm. Chinesische Händler boten ihre Ware feil und verständigten sich mit ihren Kunden auf Französisch, der Sprache der ehemaligen Kolonialherren. Ein Schwall von würzigen Gerüchen wehte aus den Garküchen herüber.

Zwei Männer in bunten, über der Hose getragenen Hemden fielen Fellmer auf. Sie blickten in Richtung der beiden Europäer, wandten aber schlagartig den Kopf, als dieser zu ihnen hinüberschauten. War das nur asiatische Zurückhaltung oder hatten die beiden Fellmer und Karels beobachtet?

„Siehst du die beiden Typen dort?“, fragte Fellmer, ohne sich dabei zu Karels herumzudrehen.

Ina zuckte die Schultern.

„Die haben uns die ganze Zeit über angeglotzt - na und?“

„Der Linke ist bewaffnet.“

„Woher willst du das du das wissen?“, fragte Karels mit leicht spöttischem Unterton. Sie hatte den Eindruck, dass der Mustersoldat Fellmer ihr gegenüber lediglich seine Perfektion herausstellen und etwas angeben wollte.

„Da war eine charakteristische Beule unter seinem Hemd.“

„Ach - und da glaubst du gleich, dass die Typen unseretwegen hier sind.“

„Ich gehe eben immer vom ungünstigsten Fall aus.“

„Mark, in diesem Land gab es fast vierzig Jahre lang Krieg - abgesehen von kleineren Friedensphasen dazwischen, die diesen Namen gar nicht verdienen. Was glaubst du, wie viele Waffen da im Umlauf sind!“

Ein Mann kam jetzt durch das Portal des fünfstöckigen Gebäudes im Kolonialstil herab. Er ging direkt auf Karels und Fellmer zu.

„Sie sind Mister Fellmer und Miss Karels?“, fragte der Kambodschaner in gebrochenem Englisch.

„Ja?“, bestätigte Fellmer.

„Ich soll Sie zu Mister Berenger bringen. Wenn Sie mir bitte folgen würden…“

„Okay.“

Der Kambodschaner führte die beiden Europäer die insgesamt fünf Stufen des Portals hinauf. Fliegende Händler und Bettler hatten diese Stufen besetzt. Es waren vor allem amputierte Minenopfer.

Trotz der großen Anstrengungen, die vor allem die UNO-Truppen in den neunziger Jahren unternommen hatten, waren nach wie vor weite Gebiete des Landes vermint und so kamen täglich neue Opfer hinzu. Dazu gab es auch immer wieder Funde von Blindgängern. Sowohl Artilleriegranaten als auch von den Amerikanern abgeworfene Bomben, die aus irgendwelche Gründen nicht explodiert waren, jahrzehntelang irgendwo unentdeckt im Schlamm vor sich hingerostet hatten und dreißig Jahre später irgendeinen armen Reisbauern in Stücke rissen.

Der Kambodschaner führte Fellmer und Karels ins Innere des Hauses, in dem offenbar Dutzende von Familien untergebracht waren. Es herrschte selbst unten im Foyer des Hauses Enge. In einer Garküche wurde Fisch gedünstet. Rauch hing in der Luft und konnte nirgends richtig abziehen. Kinder spielten dazwischen. Fellmer fiel der hohe Anteil von Männern im erwerbsfähigen Alter auf, von denen offenbar keiner einer Arbeit nachging.

Der Kambodschaner führte die beiden ISFO-Kämpfer durch den Hintereingang des Hauses wieder ins Freie. Sie gelangten in einen Hinterhof, der von allen Seiten durch mindestens dreistöckige Häuser begrenzt war.

Auch hier herrschte Gedränge.

Stimmengwirr erfüllte die Luft. Händler boten Ziegen und Schafe feil, aber auch Hühner und anderes Geflügel.

In diesem Hinterhof schien sich ein kleinerer Ableger des Toul Tom Pong Markts etabliert zu haben.

Landwirtschaft mitten in einer Millionenstadt!, ging es Fellmer durch den Kopf. Es war kam zu glauben.

Der Kambodschaner, der sie hier her geführt hatte, war plötzlich verschwunden.

Irgendwo in der Menschenmenge hatte er sich verdrückt.

„Da ist Berenger!“, rief Karels Fellmer ins Ohr und deutete mit dem ausgestreckten Arm auf einen Mann mit kaukasischen Gesichtszügen, der sich durch die Menge arbeitete. Der Amerikaner fiel schon auf Grund seiner Größe sofort auf unter den Kambodschanern, bei denen selbst die Männer in der Regel nicht größer als 1,65 m waren.

Berenger sah schlecht aus.

Er wirkte bleich wie die Wand.

An der Stirn wies er eine Schürfwunde auf.

Das Hemd war fleckig.

Blut suppte an einer Stelle durch den dünnen Baumwollstoff.

In Fellmer schrillten sämtliche Alarmglocken. Sein Instinkt für Gefahr meldete sich, ohne den ein Elitesoldat im Einsatz keine große Überlebenschance hatte. Irgendetwas stimmte hier nicht.

Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte Fellmer, dass die beiden Kerle in den bunten Hemden ihnen gefolgt waren.

Berenger taumelte auf Fellmer und Karels zu.

Seine Augen waren weit aufgerissen.

Die Pupillen extrem geweitet.

„Schnell!“, murmelte er. Seine Stimme klang schwach und heiser.

„Was ist mit Ihnen passiert?“, fragte Karels.

Fellmer fiel erst jetzt auf, dass Berenger humpelte.

Blut kam aus dem linken Hosenbein heraus und zog eine dünne Spur hinter ihm her. Er streckte die Hand aus.

„Schnell…weg!“, schrie er wie von Sinnen.

Der Laserpunkt eines Zielerfassungsgerätes tanzte umher und verharrte für Sekundenbruchteile mitten auf Berengers Stirn. Fellmer versetzte dem CIA-Agenten kurz entschlossen einen Stoß. Zu spät. Die Kugel traf, riss Berenger nach hinten. Ein zweiter Schuss ließ seinen Körper zucken. Er sank blutüberströmt zu Boden. Ein Aufschrei durchlief die Menge. Menschen stoben plötzlich davon, als sie begriffen, was mit Berenger geschehen war. Fellmer riss die Automatik unter dem Hemd hervor.

An einem der zum Hinterhof ausgerichteten Fenster stand ein Mann mit einem hochmodernen Sturmgewehr.

Es handelte sich um einen Kerl mit kaukasischen, kantig wirkenden Gesichtszügen. Das Haar war kurz und blond. Unterhalb des linken Auges befand sich ein Muttermal von der Größe eines Daumennagels.

Wieder tanzte der Laserstrahl der Zielerfassung.

Fellmer duckte sich, schnellte zur Seite.

Ein Schuss schlug dicht neben ihm in den Boden ein.

Der Lieutenant riss die Pistole hoch und feuerte.

Zwei Schüsse lösten sich kurz hintereinander aus Fellmers Waffe.

Das intensive Nahkampfschießtraining, das der ehemalige KSK-Soldat der Bundeswehr hinter sich hatte, war nicht umsonst gewesen. Seine Kugel traf den Gewehrschützen im Oberkörper.

Der Mann schwankte.

Hob sein Sturmgewehr leicht an.

Taumelte vorwärts und stürzte aus dem Fenster.

Sein Körper überschlug sich einmal bevor er auf dem Boden aufschlug. Schreiend rannten die Menschen zur Seite. Ohrenbetäubendes Stimmengwirr dröhnte Fellmer und Karels in den Ohren.

Fellmer sah, wie sich die beiden Kerle mit den bunten Hemden brutal durch die Menge wühlten. Rücksichtslos stießen sie Männer, Frauen und Kinder zur Seite.

Beide hatten inzwischen automatische Pistolen hervorgezogen und fuchtelten damit herum.

Karels bemerkte es auch.

„Ich hatte mit den beiden Typen doch recht!“, rief Fellmer.

Ohne Rücksicht auf die Passanten feuerte einer der beiden Kambodschaner auf Fellmer und Karels. Der Schuss ging uns Leere.

Die beiden ISFO-Kämpfer rannten vorwärts, drängten sich zwischen den Menschen hindurch. Weitere Schüsse wurden abgegeben. Aber damit taten sich die Verfolger keinen Gefallen. Die Panik unter den Menschen im Hinterhof wurde dadurch nur noch weiter gesteigert. Menschen liefen ihnen in den Weg. Es gab kaum ein Durchkommen.

Die Fluchtbewegungen der Passanten hatten keinerlei einheitliche Richtung.

Menschen wurden zu Boden gestoßen, andere stolperte über sie.

Fellmer und Karels gerieten ebenfalls in diesen Strudel hinein.

Sie kämpften sich so gut es ging durch die Menge und erreichten schließlich eine der Hauswände. Fellmer stieg durch ein offen stehendes Fenster. Die Bewohner starrten ihn nur entgeistert und wie erstarrt an.

Ina Karels folgte ihm.

Die beiden ISFO-Kämpfer gingen durch enge Räume, die mit Dutzenden von Personen bevölkert waren.

Kleine Werkstätten befanden sich hier ebenso wie Wohnräume. Oft wurde der Platz doppelt genutzt. Sie erreichten einen Korridor und gelangten schließlich zum Ausgang.

Fellmer atmete tief durch, als sie endlich ins Freie gelangten.

Eine schmale, kleine Gasse lag vor ihnen, die bereits nach fünfzig Metern eine Biegung machte.

„Dieses Viertel gleicht einem Ameisenhaufen!“, knurrte Fellmer.

Sie liefen zur Biegung.

Ein Motorradkarren kam ihnen entgegen. Er war mit Obst und Gemüse beladen. Fellmer und Karels mussten ihm ausweichen.

„Was war das für ein Typ, der auf uns geschossen hat?“, fragte Karels. „Einen Neuen Roten Khmer stelle ich mir eigentlich anders vor!“

„Der Kerl wirkte auf mich eher wie ein ganz gewöhnlicher Profikiller!“, erklärte Fellmer.

Sie liefen weiter die Gasse entlang, bogen erst nach links, dann wieder nach rechts.

Unter den Kambodschanern fielen die beiden Europäer natürlich sofort auf. In Sicherheit waren sie noch lange nicht.

Schließlich gelangten sie zur 396. Straße.

Ein Taxi setzte einen kambodschanischen Fahrgast am Straßenrand ab.

Fellmer nutzte die Gelegenheit, sprach mit dem Fahrer und wenige Augenblicke später stiegen Karels und der junge Lieutenant ein.

Das Taxi fuhr los.

Wie aus einem Instinkt heraus blickte sich Fellmer um.

Die beiden Kerle in den bunten Hemden kamen aus einer Seitengasse und blickten sich etwas orientierungslos um.

„Wollte der Killer nur Berenger ausschalten – oder auch uns?“, fragte Ina.

„Die Killer“, verbesserte Fellmer und deutete durch die Rückscheibe. „Die beiden Typen da hinten gehören auch dazu.“

Karels blickte sich ebenfalls um und nickte.

„Berenger wurde vermutlich befoltert“, sagte sie. „Er hatte zweifellos erhebliche Verletzungen und ich bin mir fast hundertprozentig sicher, dass man ihm beim Verhör Drogen verabreicht hat.“

„Es wäre interessant zu erfahren, ob es dieselbe Verhördroge war, die auch McConnery bekommen hat“, meinte Fellmer.

„Das wird wahrscheinlich niemand untersuchen“, erwiderte Karels.

„Nichts gegen diese Stadt, Ina – aber wir sollten so schnell wie möglich von hier verschwinden. Die werden uns weiter jagen.“

„Mark, die wissen anscheinend mehr über unsere Mission, als uns lieb sein kann!“

„Aber Berenger kann nicht die Quelle ihres Wissens sein.“

„Bist du dir da sicher?“

Mark Fellmer zuckte die Achseln.

Ina hatte Recht.

Sie erreichten das Hotel. Ein flaues Gefühl machte sich in Marks Magengegend breit, wenn er an den weiteren Verlauf des Einsatzes dachte. Ihr Ziel waren die berühmten Ruinen von Angkor in der Nähe von Siem Reap am Tonle Sab-See.

Es fragte sich nur, ob sie dort auch bereits erwartet wurden.



13

Kambodschanisch-laotisches Grenzgebiet, zur gleichen Zeit


Die Soldaten waren vollkommen mit ihrer Umgebung verschmolzen. Schlamm bedeckte ihre Gesichter und verhinderte, dass sie im dichten Blätterwerk aufblitzten.

Eine anstrengende Nacht lag hinter Vanderikke und seinem Trupp. Keiner von ihnen hatte ein Auge zu machen können.

Lautlosen Schatten gleich hatten sie ihren Weg fortgesetzt und inzwischen eine Dschungelregion erreicht, in der niemand genau hätte sagen können, wo Laos aufhörte und Kambodscha begann.

Irgendwo durch das dichte Blätterwerk des Dschungels zog sich eine Linie, die weder für die Bergstämme der Region noch für Fauna oder Flora irgendeine Bedeutung hatte. Und Guerillas wie die Roten Khmer hatten sie noch nie respektiert.

Lieutenant Pierre DeLarouac führte eine genaue Positionsbestimmung durch und stellte schließlich zweifelsfrei fest, dass sich der Trupp bereits einen halben Kilometer auf kambodschanischem Gebiet befand. Außerdem versuchte der Franzose via Satellit Verbindung zu Fellmer und Karels aufzunehmen, was ihm bisher nicht gelungen war.

Der Grund dafür lag auf der Hand. Der Dschungel nördlich des Rantanakiri Plateaus wuchs auf einem sehr unebenen Untergrund.

Es gab enge Schluchten und steile Anhöhen, sodass es immer wieder zu Funklöchern und ungünstigen Anmesswinkeln für den Satellitenfunkverkehr kam.

„Wenn Sie mich fragen, dann sollten wir uns von der Obduktion dieses CIA-Mannes nicht allzu viel erhoffen“, meinte DeLarouac an Vanderikke gerichtet.

Der Colonel zuckte die Achseln.

„Warten wir es ab“, meinte er.

DeLarouac deutete auf den aktivierten Bildschirm seines Laptops.

„Neue Satellitenbilder?“, fragte der Colonel.

„Sie sind gestern Nachmittag geschossen worden. Ich konnte sie allerdings jetzt erst empfangen“, antwortete DeLarouac.

Im Gegensatz zu früheren Missionen des ISFO-Teams hatten diesmal im Vorfeld der Operation nur wenige brauchbare Satellitenaufnahmen des Zielgebietes zur Verfügung gestanden, was einfach damit zu tun hatte, dass in der Regenzeit diese Region durch einen extrem wolkenverhangenen Himmel verdeckt worden war.

Die letzten verwendbaren Aufnahmen waren also mehr als ein halbes Jahr alt gewesen, aber deren Auflösung war nicht genau genug, um jene Details erkennen zu können, die für den Einsatz des ISFO-Teams relevant gewesen wären. Sie stammten zumeist nicht von den militärischen Satelliten der Vereinigten Staaten von Amerika, sondern von Trabanten, die zur Wettervorhersage im Erdorbit kreisten.

Dem Gebiet im Norden Kambodschas gehörte weder das besondere Interesse des US-Militärs noch irgendwelcher Forscher.

DeLarouac markierte ein bestimmtes Gebiet. Es hatte eine Ausdehnung von mehreren Quadratkilometern und lag in einer unwegsamen, von Wald bedeckten Schlucht. „Hier befindet sich nach Erkenntnissen der Amerikaner eine geheime Kommandozentrale, die von den Roten Khmer nach ihrer Machtübernahme eingerichtet wurde. Sie trägt die Bezeichnung Phumi Svay.“

„Nach ihrer Machtübernahme?“, wunderte sich Vanderikke.

„Ja“, bestätigte DeLarouac. „Sie fürchteten ständig eine Invasion – erst der Amerikaner und später, als sie sich mit ihren sozialistischen Brüdern in Vietnam zerstritten hatten von dort. Die Kommandozentrale Phumi Svay ist unterirdisch und scheint von den Neuen Roten Khmer in Besitz genommen worden zu sein. Leider ist die darüber liegende Gesteinsschicht derart massiv, dass auch Wärmekameras und dergleichen nicht durchdringen. Ich habe unser Informationsmaterial auf dem Flug von Fort Conroy nach Vietnam noch einmal durchgesehen. Wir wissen so gut wie nichts über diese Zentrale.“

„Nur, dass es sie gibt“, murmelte Vanderikke.

Codierte Funksignale gingen von dort aus. Bislang war es noch niemandem gelungen, sie zu entschlüsseln.

In den Geheimdienstzentralen mehrerer Großmächte arbeitete man daran mit fieberhafter Intensität.

DeLarouac deutete auf ein paar weitere markierte Punkte. „Hier befinden sich rund um die Zentrale einige Stützpunkte, an denen unser Gegner seine Verbände konzentriert hat. Sie verfügen über moderne Kampfhubschrauber und Flugabwehrraketen vom Typ Stinger, sofern die Berichte der kambodschanischen Armee glaubhaft sind.“

Vanderikke nickte grimmig.

„Gegen uns können sie ihre schweren Waffen nur bedingt einsetzen“, murmelte er. Ein Grinsen erschien in seinem mit Schlamm beschmierten Gesicht. Zähne und Augen blitzten. „Es ist schon eine Ironie der Geschichte, dass wir die Taktik der alten Roten Khmer gegen ihre selbsternannten Nachfolger einsetzen!“

DeLarouac klappte das Laptop zu und verstaute es wieder in seinem Spezialrucksack.

Dann setzten sie ihren Weg fort.

An einem winzigen Nebenarm des Kông machte das Team kurz Rast. Hier bestand die Möglichkeit, die Wasserflaschen aufzufüllen. Das Wasser musste dabei jedoch zunächst mit Desinfektionstabletten behandelt werden. Andernfalls hätte die akute Gefahr bestanden, dass die Kämpfer der International Security Force One durch einen winzigen, aber heimtückischen Feind mehr oder weniger ausgeschaltet worden wären: Mikroparasiten, die den Magen-Darm-Trakt befallen konnten.

In einem von dichtem Unterholz zugewachsenen Gebiet machte die Gruppe eine weitere Pause.

Es galt Kraft zu tanken für das, was noch vor ihnen lag. Sie hatten eine Nacht ohne Schlaf hinter sich und so hatte jeder von ihnen in dieser Hinsicht einiges aufzuholen. Immer zwei Teammitglieder blieben wach, während die anderen sich ausruhten.

In voller Montur und mit der schussbereiten MP7 auf den Oberschenkeln lagen sie auf dem Boden, die meisten an irgendeine Baumwurzel angelehnt, und schliefen.

Das Knattern von Hubschraubern weckte sie.

„Ruhig verhalten und tot stellen!“, murmelte Vanderikke seinen Befehl in das Mikro des Interlink hinein, über das alle Teammitglieder untereinander verbunden waren.

Die Helikopter kreisten hoch über den Baumwipfeln. Die Piloten wussten genau, dass sie inmitten des Dschungels niemals hätten landen können.

Das Risiko war zu hoch.

Viel zu hoch.

Die ISFO-Soldaten gingen in Deckung. Gomez verharrte zusammen mit Harabok neben einer knorrigen Baumwurzel. DeLarouac und Vanderikke kauerten im Unterholz. Sie waren so gut getarnt, dass sie kaum von ihrer Umgebung zu unterscheiden waren. Mancuso ging etwa zehn Meter von Vanderikke entfernt zwischen ein paar großblätterigen Stauden in Deckung.

Die Soldaten hielten den Atem an.

Das Geräusch der Helikopter schwoll zu ohrenbetäubender Lautstärke an und wurde anschließend wieder schwächer.

Für die Soldaten des ISFO-Teams waren sie nur als dunkle Schatten über dem relativ dichten Blätterdach sichtbar.

Die Helikopter kehrten zurück. Offenbar suchten sie systematisch das Gebiet ab.

„Harabok, was glauben Sie, mit welchen Helis scheinen wir es zu tun zu haben?“, fragte Vanderikke über das Interlink.

„Das sind Apaches“, gab der Russe seine ebenso prompte wie lakonische Antwort.

„Woran haben Sie das erkannt?“, fragte Vanderikke ziemlich perplex.

„Am Klang“, behauptete Harabok allen ernstes.

Die Soldaten bewegten sich nicht einen einzigen Zentimeter. Zwar bot das dichte Blätterdach des Dschungels einen ganz guten Sichtschutz, aber wenn Harabok recht hatte und es sich bei den Helikoptern, die über ihnen herumkreuzten, tatsächlich um Kampfhubschrauber vom Typ Apache handelte, so war damit zu rechnen, dass sie auch über Wärmebildkameras verfügten, die im Infrarotbereich arbeiteten. Und für die war das Blätterdach überhaupt kein Sichthindernis. Schon geringste Temperaturunterschiede wurden durch sie erkannt und auch abgebildet. Wenn sich jetzt einer von ihnen bewegte, war das auf den Infrarotschirmen des Gegners sofort zu sehen.

Die Sekunden verstrichen und sammelten sich zu Minuten, in denen die Motorengeräusche der Helikopter immer wieder näher herankamen oder sich entfernten.

Schließlich verschwanden sie ganz. Eine Weile war in der Ferne nicht das sonore Brummen der Maschinen zu hören.

„Scheint, als hätten wir es überstanden“, meinte der Colonel und erhob sich.

Doch er sollte sich getäuscht haben.

Wieder schwoll das Brummen an.

„Anderer Klang, anderes Fabrikat“, sagte Harabok nüchtern.

Vanderikke tauchte zurück in seine Deckung und verhielt sich ebenso still und regungslos wie beim ersten Herannahen der Helikopter.

Diese Maschine war größer.

Sie warf einen gewaltigen Schatten und verdunkelte den Himmel über dem Blätterdach. Außerdem flog sie sehr tief. Kaum ein Meter war zwischen den Baumkronen und den Landekufen.

Mehrere zylinderförmige Gegenstände wurden abgeworfen.

Der Helikopter flog ein paar Mal hin und her und warf dabei fast zwei Dutzend dieser Metallzylinder ab, die nacheinander explodierten.

Es waren allerdings relativ kleine Detonationen.

Ein gelbliches, stark riechendes Gas breitete sich aus.

„Masken“, befahl Vanderikke.

Die ISFO-Kämpfer trugen bei diesem Einsatz keine herkömmlichen Gasmasken bei sich, wie sie in den meisten Armeen üblich waren, sondern eine modernere und vor allem handlichere Version. Sie bestand aus einem in der Höhe der Augen transparenten Plastiksack, der über den Kopf gezogen wurde. Vor Mund und Nase befand sich das Filterstück, mit dem man etwa zwanzig Minuten lang gegen einen Gasangriff geschützt war. Diese Maske ließ sich auf die Größe einer halben Zigarettenschachtel zusammenfalten und wurde auf Grund ihres handlichen Formats vor allem von Personenschützern verwendet, die gezwungen waren, ihre Ausrüstung verdeckt zu tragen.

Der Gasschutz war natürlich nicht ganz so umfassend und dauerhaft wie bei herkömmlichen Masken. Insbesondere war die Hitzebeständigkeit der Folie für den Einsatz gegen Rauchgase im Brandfall nicht hoch genug.

Aber angesichts der ohnehin schon extremen körperlichen Belastungen durch Klima und Gelände hatte man ihnen auf Grund des weit geringeren Gewichts bei dieser Operation den Vorzug gegeben.

Vanderikke war der erste, der seine Maske übergestülpt hatte. Er blickte sich um. Das Gas breitete sich rasend schnell aus. Immer weitere Gasgranaten wurden vom Heli abgeworfen. Er zog noch ein paar Runden und sorgte dafür, dass sich eine gewaltige gelbliche Wolke ausbreitete.

Weitere Hubschrauber flogen heran und warfen ebenfalls Gasgranaten ab.

Die unverkennbaren Stimmen des Dschungels veränderten sich. Tierische Schreie vermischten sich jetzt mit den Lauten von knackenden Ästen. Die umgebende Fauna folgte ihrem Fluchtinstinkt. Für die meisten Tiere würde es jedoch zu spät sein.

Vanderikke schätzte, dass das Operationsgebiet mindestens einen Quadratkilometer groß war.

Wie konnten wir noch hoffen, dass sie uns übersehen haben?, ging es Vanderikke ärgerlich durch den Kopf.

Innerhalb weniger Sekunden hatten alle Teammitglieder ihre Masken aufgesetzt. Im Gegensatz zu den herkömmlichen Gummimasken gab es bei diesem Typ keinerlei Schwierigkeiten mit Haaren oder anderen Dingen, die unter Umständen verhindern konnten, dass die Gummiabdichtung luftdicht mit der Haut abschloss.

Selbst das Headset der Interlink-Verbindung brauchte nicht abgenommen zu werden.

„Los, vorwärts!“, rief Vanderikke. „Wir haben zwanzig Minuten. Wenn wir bis dahin nicht aus dem verseuchten Gebiet heraus sind, gibt es auf unserer Seite einen Totalverlust!“ Vanderikke deutete mit der MP7 in die Richtung, in die es gehen sollte. „Dorthin!“, rief er.

Das entsprach nicht dem eigentlichen Weg, den das ISFO-Team vor sich hatte.

Aber um am schnellsten aus dem Einflussgebiet des Gasangriffs herauszukommen, mussten die Teammitglieder gegen die Windrichtung laufen, damit das Gas ihnen nicht folgte.

Eine leichte Brise wehte trocken und heiß von den Anhöhen des Hochlandes von Annam herab.

Vanderikke legte ein mittleres Dauerlauftempo vor.

Unter der Maske war das selbst für die gut durchtrainierten ISFO-Kämpfer eine extreme Belastung.

Der kampferprobte Colonel wusste sehr genau, dass sie mit ihren Kräften haushalten mussten. Sie durften nicht riskieren, dass einer von ihnen auf Grund von Sauerstoffmangel bewusstlos zusammenbrach, was leicht geschehen konnte.

Das dröhnende Geräusch der Helikopter-Motoren ließ einfach nicht nach.

Sie schienen die Order zu haben, ein sehr großes Gebiet mit Gas zu verseuchen.

Das bedeutet, dass sie uns sehr ernst nehmen, ging es Vanderikke durch den Kopf.

Schon der massive und sehr gezielte Angriff am Fluss hatte Vanderikke überrascht.

Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Patrouille der Neuen Roten Khmer, die auf laotischem Gebiet operierte, zufällig auf sie aufmerksam geworden war, war ziemlich unwahrscheinlich.

Es wäre schon schwierig gewesen uns zu finden, wenn die andere Seite gewusst hätte, dass wir dort irgendwann auftauchen!, durchzuckte es Vanderikke.

Der Gegner hatte offenbar von Anfang an zumindest gewusst, dass ein entscheidender Schlag gegen seine Zentrale geplant war. Anders war die massive Abwehr nicht nachvollziehbar.

Schließlich bestand Vanderikkes Gruppe aus gerade einmal fünf Personen.

Die Minuten gingen dahin.

Die Helikopter zogen sich zurück. Das gesamte Waldgebiet war jetzt von gelblich-weißem Gas erfüllt. Man konnte kaum noch etwas sehen. Orientierung war nur anhand der Kompassuhr möglich.

Nach dem Abzug der Helikopter herrschte eine gespenstische, tödliche Ruhe im Dschungel.

Hin und wieder lagen tote Vögel auf dem Boden.

Gasschwaden zogen den Soldaten entgegen. Der Wind trieb sie vor sich her. Ein Zeichen dafür, dass sie in die richtige Richtung liefen. Aber noch immer war keine Verringerung der Gaskonzentration feststellbar.

Schweigend liefen sie weiter. Vanderikke führte die Gruppe an, dann folgten Mara Gomez und Mancuso.

Harabok und DeLarouac bildeten die Nachhut.

Dumpf klangen die Atemgeräusche unter den Masken hervor.

Die Minuten rannen dahin und noch immer war kein Ende der vergasten Zone erkennbar.

Die Soldaten hatten einen steilen, rutschigen Hang vor sich. Der Untergrund bestand aus rutschigen, mit Feuchtigkeit durchtränkten Lehm, der in dicken Klumpen an den Stiefeln hängen blieb. Sie brachten die Steigung hinter sich, zogen sich das letzte Stück an über den Boden wuchernden Schlingpflanzen empor und erreichten ein Waldgebiet mit etwas weniger dichter Vegetation. Auch hier herrschte dieselbe tödliche Stille.

Fast fünfzehn Minuten lang hatte keines der Teammitglieder auch nur einiges Wort gesagt.

Jeder Atemzug war kostbar und jede unnötige Anstrengung musste vermieden werden.

Vanderikke war aufgefallen, dass Mara Gomez immer weiter zurückgefallen war.

Sie erklomm als letzte den Hang – was bei ihrem ausgeprägten sportlichen Ehrgeiz eigentlich ungewöhnlich war. Schließlich hatte sie sich schon in ihrer argentinischen Heimat als erste Frau bei der Eliteeinheit ComSubIn durchsetzen müssen und war stets darauf bedacht, ihren Job mindestens so gut zu machen wie die Männer, mit denen sie zusammen diente.

„Alles in Ordnung, Gomez?“, fragte Vanderikke.

„Ja!“, gab Gomez knapp zurück.

Sie atmete schwer.

„Wirklich, Sergeant?“

„Fragen Sie doch lieber mal die Männer, Colonel!“, gab Gomez giftig zurück. Es folgte noch ein Satz auf Spanisch, den glücklicherweise niemand unter den anderen Teammitgliedern verstand.

Vanderikke wandte sich wieder der Zielrichtung zu und marschierte vorwärts.

An einen Dauerlauf war jetzt nicht mehr zu denken.

Der in der Maske integrierte Filter war bereits zu einem erheblichen Teil mit Gaspartikeln gesättigt.

Nicht mehr lange und Vanderikkes Truppe hatte die Wahl, entweder die giftigen gelblich-weißen Schwaden einzuatmen oder zu ersticken.

Der Colonel blickte auf die Uhr.

Siebzehn Minuten waren vorbei.

Der andauernde Sauerstoffmangel machte sich bei allen Teammitgliedern bemerkbar.

Es fiel immer schwerer, seine Gedanken zu konzentrieren und aufmerksam zu bleiben. Vanderikke fühlte, wie sich Müdigkeit ausbreitete und ihn zu lähmen begann. Wie automatisch bewegte er die Beine, in denen sich langsam ein bleiernes, schweres Gefühl ausbreitete. Erste Warnzeichen!, durchzuckte es die Gedanken des Colonels. Ein Schritt folgte dem anderen.

Achtzehn Minuten vorbei.

Neunzehn.

Als er das nächste Mal auf seine Uhr schaute, waren es zweiundzwanzig. Aber das erschreckte ihn nicht.

Agonie begann von ihm Besitz zu ergreifen.

Gleichgültigkeit.

Selbst dem eigenen Tod gegenüber.

Einfach hinlegen und einschlafen.

Alle Empfindungen verblassten.

Nichts schien noch von Bedeutung zu sein.

Alles drehte sich vor Vanderikkes Augen.

Er hielt an, sank auf die Knie.

Luft!, durchfuhr es ihn. Luft!

Ein innerer Schrei.

Er ließ die MP7 fallen und wollte sich die Maske vom Kopf reißen.

Aber nicht mal dazu hatte er noch die Kraft.

Alles begann sich vor seinen Augen zu drehen.

Mit einem dumpfen Geräusch fiel er auf den weichen Waldboden.

Vanderikke drehte sich wie im Krampf herum.

Er sah Mara Gomez, die inzwischen weit zurückgeblieben war. Sie lehnte an einem Baum und rutschte an dessen Stamm zu Boden. Die Waffe entfiel ihren kraftlos gewordenen Händen.

Vanderikke öffnete den Mund, rang nach Luft. Das Sichtfenster seiner Maske beschlug.

Dunkelheit legte sich über sein Bewusstsein.

Als ob jemand einen Leichensack schließt und du liegst drin!, war Vanderikkes letzter Gedanke.



14

Auf der Nationalstraße 6 zwischen Phnom Penh und Batdambang, 1330 bis 1630 OZ

Fellmer und Karels verließen Phnom Penh gegen Mittag.

Ein weiterer Versuch, mit Vanderikke und seiner Gruppe in Kontakt zu treten war gescheitert. Langsam begann sich Fellmer Sorgen zu darüber zu machen, in wie fern bei den Gruppen des Colonels noch alles nach Plan verlief. Der Wagen, den Berenger ihnen zur Verfügung gestellt hatte, war ein schon etwas älterer Jeep. Aber das Fahrzeug war in tadellosem Zustand und fiel nicht so auf, als wenn sie in einem hochmodernen Geländewagen daher gefahren wären.

Karels übernahm die erste Schicht am Steuer.

Von Phnom Penh aus ging es die Nationalstraße 6 Richtung Batdambang entlang. Im weiteren Verlauf führte sie über die thailändische Grenze auf Bangkok zu.

In acht bis neun Stunden hofften die beiden ISFO-Soldaten Siem Reap zu erreichen, das bereits in unmittelbarer Nähe der Ruinen von Angkor lag.

Es gab auch eine kürzere Route, die am Nordufer des Tonle Sab Sees vorbeiführte und vor dem Krieg in sehr gutem Zustand gewesen war. Allerdings war diese Route zurzeit streckenweise nicht befahrbar. Insbesondere in der Regenzeit und während der Monate danach, in denen das Wasser langsam abfloss, gab es immer wieder überschwemmte und damit unpassierbare Stellen. Außerdem war die Sicherheitslage ungeklärt. Insbesondere Ausländer wurden in diesem Gebiet häufig das Opfer von Kidnappern, die dadurch versuchten, Lösegeld zu erpressen.

Nach zwei Stunden wechselte Karels auf den Beifahrersitz und Fellmer übernahm das Steuer des Jeeps.

Sie passierten den Flusshafen Kampong Cham. Die Straße folgte dem Fluss Tonle Sab, der bei Chhnok Tru schließlich in den gewaltigen, gleichnamigen See mündete. Hier teilte sich auch der nach Norden fließende Stoeng Sen ab, dessen Oberlauf schon seit Jahren als eines der Rückzugsgebiete der Roten Khmer galt.

Zwischen Cchnok Tru und Krakor führte die gut ausgebaute Nationalstraße 6 dicht am Ufer des nach der Regenzeit zu einem gewaltigen Binnenmeer angeschwollenen Tonle Sab Sees vorbei. Zahllose Schiffe unterschiedlichster Größe und Bauart drängten sich rund um die Flussmündungen. Die Sonne glitzerte auf dem Wasser. Leichte Wellen schäumten auf dem See und vom Wasser her wehte eine relativ frische Brise.

Ab Pursat führte die Straße parallel zu einer Eisenbahnlinie, die inzwischen auch wieder in Betrieb war und von Phnom Penh aus an die thailändische Grenze bis Poipêt verlief.

Je weiter Fellmer und Karels Richtung Osten voran kamen, desto weniger Verkehr befuhr die Nationalstraße 6. Da es in Kambodscha noch immer verhältnismäßig wenige Kraftfahrzeuge gab, blieben Mekong und Tonle Sab die wichtigsten Verkehrswege des Landes.

Bei Phumi Trâpeang Phông wechselte erneut Dr. Karels ans Steuer.

Mark Fellmer packte ein Speziallaptop aus, das zu der Ausrüstung gehörte, die Berenger ihnen im Hotel Wat Phnom hinterlegt hatte. Fellmer verband es über eine Infrarotverbindung mit dem Satellitentelefon. DeLarouac hatte ihn eingehend im Gebrauch des Gerätes unterwiesen, aber natürlich war es unmöglich, in der kurzen Zeit, die für die Vorbereitung des Kambodscha-Einsatzes zur Verfügung gestanden hatte, die Perfektion des Franzosen im Umgang damit zu erlangen.

Fellmer trat mit der ISFO-Zentrale in Fort Conroy in Kontakt. Er lieferte einen knappen Bericht über die Vorfälle, die zu Berengers Tod geführt hatten. Der Mail war auch eine Personenbeschreibung des Killers beigefügt, der die beiden ISFO-Soldaten aus dem Fenster heraus unter Feuer genommen hatte.

„Glaubst du, das bringt was?“, fragte Ina Karels.

Fellmer zuckte die Achseln.

„Warum nicht? Berenger war CIA-Agent. Eventuell sind die Amerikaner bereit, bei der Aufklärung seiner Ermordung mit General Elamini zusammen zu arbeiten.“

„Das glaubst du nur. Die werden versuchen, unsere Informationen abzuschöpfen und uns da im Regen stehen zu lassen.“

„In diesem Fall liegt es aber in Ihrem Interesse, die Kooperation zu suchen, Ina.“

„Und weshalb?“

„Erst McConnery, dann Berenger. Zwei CIA-Agenten hat es in relativ kurzer Zeit erwischt. Da müsse doch ein paar Leute in Washington nachdenklich werden.“

„Worauf willst du hinaus? Dass es da einen Maulwurf gibt?“

„Mindestens einen.“

„Die undichte Stelle könnte aber auch in den Vereinten Nationen liegen oder…“

„Fort Conroy?“

Ina atmete tief durch. „Wir haben keine Ahnung, wer hinter der Khmer Connection steckt, aber die Arme dieser Leute müssen verdammt lang sein, denke ich. Es gibt kaum etwas Geheimeres als eine Operation der International Security Force One – aber anscheinend waren trotzdem eine Menge Leute ziemlich gut über unser Auftauchen in Phnom Penh informiert. Und wenn ich daran denke, was noch alles vor uns liegt, gefällt mir das überhaupt nicht.“

Fellmer klappte den Laptop zu und verstaute es wieder sorgfältig.

„Hey, was ist das denn da?“, hörte er Karels’ Stimme, die das Tempo etwas drosselte.

Fellmer blickte wieder nach vorn.

In einiger Entfernung waren mehrere Jeeps und Geländewagen im Tarnanstrich zu sehen. Soldaten in grünen Kampfanzügen schwenkten ihre Waffen.

Die Fahrzeuge waren so auf der Straße abgestellt, dass eine Barriere gebildet wurde, die nur auf einer Breite von etwa zweieinhalb Metern durchfahren werde konnte.

„Eine Straßensperre“, stellte Fellmer fest.

„Wenn die bei uns die Waffen finden, sind wir dran“, sagte Karels.

Fellmer nickte.

Karels hatte Recht. Das kambodschanische Militär war über die „Operation Khmer“ der International Security Force One natürlich nicht informiert.

Die Maschinenpistolen vom Typ MP7 waren unter den Sitzen verborgen. Nur die Automatics trugen die beiden ISFO-Kämpfer am Körper.

„Wenn wir jetzt einfach umdrehen, machen wir uns nur verdächtig“, war Fellmer überzeugt. „Also fahr weiter.“

„Die Regierung weiß, dass wir eintreffen“, sagte die Niederländerin. „Sie kennt nur nicht die Details des Einsatzplans. Wir haben offiziell freie Hand und ich denke, dass in soweit auch das Oberkommando der kambodschanischen Armee eingeweiht ist.“

„Ja, aber nicht die unteren Ebenen.“

Sie erreichten die Sperren.

Einer der Soldaten bedeutete ihnen mit Handzeichen zu stoppen. Karels gehorchte, drosselte die Geschwindigkeit und fuhr die letzten Meter im Schritttempo.

Die Soldaten traten mit den Waffen im Anschlag näher.

„Aussteigen!“, rief einer auf Englisch. „Los, aus dem Wagen. Hände über dem Kopf zusammen!“

Fellmer blickte in die Mündungen von einem halben Dutzend Sturmgewehren.

„Ganz ruhig“, sagte Fellmer. „Wir sind Mitarbeiter der Vereinten Nationen.“

„Mund halten“, fauchte ein hagerer Mann, der offenbar der Unteroffizier der Gruppe war.

„Wir haben Papiere!“, mischte sich Karels ein.

Aber das schien hier niemanden zu interessieren.

Der Unteroffizier setzte Karels seine Pistole an die Schläfe.

„Noch ein Wort und du bist tot!“

Fellmer bemerkte einen Mann, der bis jetzt in einem der Militärfahrzeuge gewartet hatte. Er stieg aus. Seiner Uniform nach musste er ein Offizier sein. Die Mütze war tief ins Gesicht gezogen. Dunkles Haar quoll darunter hervor.

Viel zu lang für einen Offizier!, ging es Fellmer durch den Kopf. Zumindest in der kambodschanischen Armee!

Er war einen Kopf größer als seine Leute.

Eine Rolex blinkte an seinem Handgelenk.

Er trug eine dunkle Sonnenbrille, die fast ein Viertel des Gesichts verdeckte.

Er nahm die Brille ab.

Sein Teint war so braun wie die Haut der Khmer, aber seine Augen waren blau.

Er griff in die Brusttasche seiner Uniform und zog zwei Fotos hervor.

„Sind es die Richtigen?“, fragte der Unteroffizier.

Wenn er wirklich ein kambodschanischer Offizier wäre, würde er nicht Englisch mit seinen Leuten sprechen!, erkannte Fellmer. Wir sind in eine Falle getappt!

Der Mann mit den blauen Augen steckte die Fotos wieder weg und nickte.

„Erschießt sie!“, befahl er und setzte die Brille wieder auf.



15

Kambodschanisch-laotisches Grenzgebiet, unbestimmte Zeit...

Jemand schlug ihm ins Gesicht.

Er spürte es kaum.

Da waren Geräusche – wie aus weiter Ferne.

Vogelstimmen. Tierische Schreie. Das Knacken von Ästen. Der ganze Klangteppich, an dem man den Dschungel selbst bei geschlossenen Augen zu erkennen vermochte.

Wieder ein Schlag mit der flachen Hand.

„Wachen Sie auf Colonel!“, herrschte die Stimme ihn an. Colonel John Vanderikke öffnete zögernd die Augen. Grelles Licht blendete ihn. Aber innerhalb weniger Augenblicke gewöhnte er sich daran und stellte fest, dass die Lichtverhältnisse in Wahrheit alles andere als grell waren. Es gab eine Lücke im Blätterdach des Dschungels, durch die ein strahlend blauer Himmel sichtbar wurde.

„Pas dormir! Nicht wieder die Augen schließen, Sir!“, befahl ihm die Stimme – diesmal noch eindringlicher.

Sie gehörte Pierre DeLarouac.

Colonel Vanderikke versuchte sich aufzurichten. Der Kopf schmerzte. „Die Maske…“, murmelte er.

„Habe ich Ihnen abgenommen, Sir. Et excusez-moi pour… Die beiden Ohrfeigen gerade!“

Vanderikke grinste. „Tätlicher Angriff auf einen Vorgesetzten, DeLarouac! Ihre Karriere ist zu Ende.“

Der Franzose grinste ebenfalls. „Freut mich, dass Sie wieder da sind, Sir!“

Vanderikke erhob sich. Sein Blick fiel auf Gomez, die gegen einen Baumstamm gelehnt dasaß und einen ziemlich erschöpften Eindruck machte.

„Auch wenn Sie es niemals zugegeben wird, aber Sergeant Gomez ist nur wenige Minuten vor Ihnen aufgewacht“, stellte Mancuso fest. „Sie hatte einen Zusammenbruch. Genau wie Sie, Sir.“

„Wir haben sie beide hier hinauf getragen“, erklärte DeLarouac.

Vanderikke sah sich um. „Wo ist Harabok?“

„Hält Wache“, antwortete DeLarouac. Er deutete mit ausgestreckter Hand Richtung Süden. „Wir befinden uns hier auf einer Anhöhe, von deren Rand aus man hervorragend die Umgebung beobachten kann.“

Vanderikke atmete tief durch.

„Ich dachte schon, wir schaffen es nicht mehr, aus der vergifteten Zone herauszukommen“, meinte er.

DeLarouac und Mancuso wechselten einen kurzen Blick.

„Das haben wir auch nicht, Sir“, ergriff schließlich Mancuso das Wort.

Der Colonel runzelte die Stirn.

„Wollen Sie mich auf den Arm nehmen, Mancuso?“

„Nein, Sir, das würde ich mir niemals erlauben!“

„Wie schon erwähnt, ist dies eine Anhöhe“, erklärte jetzt DeLarouac. „Das Gas ist schwerer als Luft, damit es in Bodennähe bleibt und sich nicht so schnell in der Atmosphäre verflüchtigt.“

„Das heißt, die Umgebung ist immer noch verseucht.“

DeLarouac nickte. „Wir hätten es niemals schaffen können, Colonel. Nicht in den zwanzig Minuten, die uns die Filter in den Masken ließen.“

„Die zwanzig Minuten waren vorbei, als ich zusammenbrach“, gab Vanderikke zu bedenken.

DeLarouac zuckte die Achseln. „Sie wissen doch, wie das so mit Durchschnittswerten ist. Wir die letzten Kräfte mobilisiert und es hier hinauf geschafft!“

„Und Sie wissen ja, dass wir niemanden zurücklassen“, ergänzte Mancuso.

Vanderikke nickte anerkennend. „Danke! Ohne Ihren Einsatz wäre es aus gewesen.“

„Leider werden wir jetzt noch ein paar Stunden hier oben ausharren müssen, bis die Gaskonzentration in den Niederungen soweit gesunken ist, dass wir unseren Weg fortsetzen können.“

Vanderikke überprüfte die Ladung seiner MP7.

„Wenn ich etwas hasse, dann ist es warten.“



16

Einige Stunden später…

Harabok lag am Rand der Anhöhe zwischen ein paar Büschen. Einen Meter von ihm entfernt befand sich eine Bruchkante. Zwanzig Meter ging es dort fast senkrecht in die Tiefe. Danach erst begann eine flachere Böschung.

Der Russe beobachtete mit einem Feldstecher die Umgebung.

In der Ferne patrouillierten die Helikopter des Gegners. Harabok bemerkte, dass sie plötzlich irgendwo hinter den Baumwipfeln verschwanden und wenig später wieder aufstiegen.

Da es sich um Transporthubschrauber handelte, blieb dafür nur eine Erklärung.

Die andere Seite setzte Truppen ab. Es gab nur wenige Lichtungen in der Umgebung, die für eine Landung von Helikoptern geeignet waren. Daher wurden diese Punkte nacheinander von mehreren Helikoptern angeflogen, die wenig später wieder starteten und gen Südosten davonflogen. Ihre Basis musste irgendwo in Richtung des Rantanakiri Plateaus liegen.

Harabok meldete seine Beobachtung über Interlink an die anderen. „Wir müssen hier schleunigst weg!“, fand er. „Wenn wir noch lange warten, ist es dafür nämlich wahrscheinlich zu spät.“

Die Taktik des Gegners lag auf der Hand. Sie wollten sicher gehen, dass Vanderikke und seine Gruppe tatsächlich dem Giftgas zum Opfer gefallen waren.

Das Gebiet musste durchkämmt und am besten sogar eingekreist werden.

Nur so konnte man wirklich sicher gehen, dass keiner aus dem ISFO-Team den Angriff überlebt hatte oder vielleicht sogar versuchte, die Todeszone zu verlassen.

„Wir bleiben hier“, befahl Vanderikke per Interlink an alle. „Nach allen Erfahrungswerten ist die Giftkonzentration erst in ein paar Stunden weit genug abgesunken, damit wir unseren Weg fortsetzen können. Bis dahin ist es dunkel und wir haben einen weiteren Vorteil auf unserer Seite.“

Mehrere Apache-Kampfhubschrauber kamen jetzt aus Südwesten und patrouillierten in der Gegend herum.

Offenbar wollten sie auf Nummer sicher gehen und zumindest Teile des Gebiets noch einmal nach Überlebenden absuchen.

„Vanderikke an Mancuso und Gomez“, richtete sich der Colonel an den Italiener und die Argentinierin, die die Nordseite der Anhöhe unter ihrer Kontrolle hatten. Deren Kuppe wurde durch eine relativ ebene, bewaldete Fläche gebildet. „Irgendwelche verdächtigen Beobachtungen?“

„Bis jetzt nicht, Colonel“, antwortete Mancuso.

„Ich nehme an, dass wir vor unserem Gegner Ruhe haben, bis die Gaskonzentration in den umliegenden Gebieten weit genug abgesunken ist“, meldete sich Gomez zu Wort. Seit ihrem Zusammenbruch war sie sehr schweigsam geworden. Nach einer kurzen Pause fügte sie noch hinzu: „Jedenfalls kann ich mir nicht vorstellen, dass die sich mit voller ABC-Ausrüstung auf die Suche nach uns machen.“

„Dazu bräuchten sie auf jeden Fall auch länger als zwanzig Minuten“, war einer von Haraboks seltenen Kommentaren über das Interlink zu hören.

Die Stunden krochen dahin, ohne dass noch etwas Besonderes geschah.

Die feindlichen Helikopter flogen eher sporadisch ihre Patrouillen. Sie suchten offenbar bestimmte Areale mit Hilfe ihrer hoch entwickelten Ortungstechnik ab.

„Wenn Sie mich fragen, dann haben die auf jeden Fall Infrarotortung, sonst hätten die uns niemals im Dschungel entdecken können“, war DeLarouac überzeugt.

Vanderikke war derselben Ansicht. Er nickte düster. Sein Gesicht hatte einen grimmigen Zug bekommen. „Es wäre sicher interessant, zu erfahren, wer bei diesen Helis am Steuerknüppel sitzt.“

„Mit Sicherheit wohl kein Roter Khmer, n´est-ce pas?“

Die Ausbildung eines Piloten, der in der Lage war, die komplexe Technik eines Apache-Kampfhubschraubers zu bedienen, stellte allerhöchste Anforderungen.

Es war nicht anzunehmen, dass die Roten Khmer in ihren Dschungelcamps dazu die Möglichkeit hatten. Selbst die kambodschanische Armee schickte ihre wenigen Piloten, die zumeist auf uralten sowjetischen MiGs flogen, zur Ausbildung ins befreundete Ausland.

Der Schluss lag nahe, dass diese Helikopter von ausländischen Söldnern geflogen wurden.

„Ich habe Verbindung zu Fellmer und Karels!“, meldete DeLarouac etwas später. „Allerdings nicht direkt, sondern nur über Fort Conroy. Dahin haben sie wohl einen Zwischenbericht geschickt.“

„Dann fassen Sie mal kurz zusammen, DeLarouac“, wies Vanderikke den Kommunikations- und Computerspezialisten an.

Aber dazu kam DeLarouac nicht mehr, denn in diesem Augenblick flogen zwei Helikopter im Tiefflug auf die Anhöhe zu.

In Deckung gehen und toter Mann spielen konnte jetzt nur die Devise lauten.

Aber das hatte ja schon einmal geklappt.



17

Die Apaches brummten heran, flogen mehrfach über die Anhöhe. Die ISFO-Soldaten legten sich auf den Boden und hofften, dass die Helikopter-Besatzungen ihren Job nur oberflächlich machten.

Tatsache blieb allerdings, dass es zwischen der Körpertemperatur eines Menschen und dem des Bodens selbst bei der vorherrschenden Hitze einen signifikanten Temperaturunterschied gab, den eigentlich kein Infrarotortungssystem übersehen konnte. Für Vanderikke und seine Leute blieb nur die Möglichkeit, durch die Körperhaltung zu vermeiden, dass sofort erkennbar wurde, dass es sich um einen menschlichen Körper handelte. Dazu musste man Arme und Beine möglichst nicht vom Körper wegspreizen.

Je nachdem, wie gut sich die Heli-Besatzungen mit ihren Systemen auskannten, ließen sich diese auf ihren Infrarotbildschirmen alle Objekte mit einer Temperatur zwischen 35 und 38 Grad Celsius sofort hervorheben. Wenn es ihnen dann gelungen war, eine menschliche Körperform zu orten, konnten sie sogar bestimmen, ob der Betreffende vielleicht noch lebte oder mit Sicherheit tot war.

Immer wieder überquerten die Helikopter die Anhöhe, auf der Vanderikke und sein Trupp sich verschanzt hatten.

Kein gutes Zeichen, dass sie mit diesem Areal nicht schneller fertig werden!, ging es Vanderikke durch den Kopf.

Die beiden Maschinen flogen einen weiten Bogen und die ISFO-Soldaten hatten bereits die Hoffnung, sie nun endlich los zu sein.

Aber das war ein Trugschluss.

Sie kehrten noch einmal zurück.

Die Granatwerferbatterien an den Seiten spuckten innerhalb von Augenblicken Dutzende von Geschossen.

Eine einzige Stinger-Rakete hatte das Team dabei.

Harabok hatte sie bis jetzt getragen.

Das Team hatte absichtlich auf eine umfangreichere Ausrüstung und Bewaffnung verzichtet, da es in einer Region wie dem kambodschanisch-laotischen Grenzgebiet mehr auf Beweglichkeit ankam, als auf die Schwere und Durchschlagskraft der Waffen, zumal Klima und Gelände ohnehin schon Extremanforderungen an die körperliche Belastbarkeit der Soldaten stellten.

Eine Stinger-Rakete, mit der ein Helikopter oder Jagdflugzeug mit großer Sicherheit auszuschalten waren.

Mit einer MP7 die Rotoraufhängung oder ein anderes empfindliches Teil so zu treffen, dass der Kampfhubschrauber dadurch gefährlich getroffen wurde, war sehr schwierig und vor allem nur dann machbar, wenn der Heli ziemlich niedrig flog. Auf der anderen Seite hatte die Helikopter-Besatzung hier die Möglichkeit, einfach einen genügend großen Abstand zu ihrem Ziel zu halten und dann die größere Reichweite ihrer Granatwerferbatterien und Miniraketen auszunutzen.

In kurzer Folge schlugen die Geschosse auf der Anhöhe ein. Bäume wurden entwurzelt oder ihre Stämme durch die Wucht der Explosionen zerschmettert. Einige von ihnen fielen wie Streichhölzer zu Boden und erschlugen alles, was sich zufällig darunter befand.

Da sich Vanderikke und seine Teammitglieder am Rand der Kuppe befanden, war für sie die Gefahr etwas geringer.

Der Lärm der Granatwerferbatterien war ohrenbetäubend. Blutrot zuckte das Mündungsfeuer aus den Rohren heraus. Pfeifend und zischend schnellten die Geschosse auf die Anhöhe zu und verwandelten ein Stück Urwald innerhalb von Augenblicken in eine Mondlandschaft.

Einzelne Bäume standen in Flammen. Rauch entwickelte sich und zog sich als dicke, schwarze Fahne mit dem Wind über den strahlend blauen Himmel.

Den ISFO-Soldaten blieb nur die Möglichkeit, an ihren jeweiligen Positionen auszuharren. Der Beschuss war zu dicht, als dass es jemand von ihnen hätte wagen können, aufzuspringen und den hang hinunterzulaufen, zumal dort die Vegetationsdichte erheblich geringer war.

Immer weitere Einschüsse folgten.

Dreck und zersplittertes Holz wurden in die Luft geschleudert.

Der Lärm wurde dermaßen laut, dass jedwede Kommunikation unmöglich wurde.

Dann zischte etwas durch die Luft.

Harabok hatte die Stinger-Rakete abgeschossen.

Sie durchdrang die Außenpanzerung des Apaches, der sich daraufhin in einen Glutball verwandelte.

Er platzte regelrecht auseinander.

Trümmerteile flogen als glühendheiße Geschosse durch die Luft.

Der Russe hatte Nerven bewahrt und einen äußerst günstigen Zeitpunkt für seinen Schuss abgewartet. Einen Augenblick, in dem sich beide Helikopter relativ nahe gekommen waren. So wurden einzelne Trümmerteile gegen die zweite Maschine geschleudert, verfingen sich in den Rotoren und brachten den Apache ins trudeln.

Mit heulendem Laut schmierte der Helikopter ab und senkte seine Flugbahn in den nahen Dschungel hinein.

Flammen loderten an der Absturzstelle auf.

Eine schwarze Rauchfahne markierte die Stelle auf eine Entfernung von vielen Kilometern.

Eine tödliche Stille kehrte ein.

„Jetzt werden sie Respekt vor uns haben“, war Haraboks lakonischer Kommentar.

„An alle. Hier Vanderikke. Bitte melden.“

Nacheinander meldeten sich alle Teammitglieder über Interlink. Es war keiner verletzt.

„Die werden uns hier nicht lange in Frieden lassen“, glaubte DeLarouac.

„Damit rechne ich auch nicht“, meinte Vanderikke. „Wir machen uns jetzt an den Abstieg. Es ist zwar eigentlich noch etwas früh dafür, aber…“ Vanderikke atmete tief durch. „Hoffen wir, dass der Wind einen Grossteil des Giftes aus dem Dschungel herausgepustet hat!“

„Wir sollten uns die Absturzstelle des Helikopters vornehmen“, sagte DeLarouac. „Es könnte sein, dass wir irgendwas finden, das uns weiterhilft. Und wenn es nur der Flugschreiber ist – dann wissen wir zum Beispiel, wo der Heli startete!“

„Einverstanden!“, stimmte Vanderikke zu.

Ein Seil wurde von Harabok an einer Baumwurzel befestigt und den etwa zwanzig Meter tiefen, senkrechten Bruch hinab gelassen. Der Russe war der Erste, der sich in die Tiefe gleiten ließ.

Mancuso und Gomez kämpften sich unterdessen durch die zerstörte Waldflora der Hügelkuppe, überstiegen niedergestürzte Baumstämme und überwanden die von den Granaten in den Boden gerissenen Krater.

„Das ist doch ein Hindernisparkur nach deinem Geschmack, Mara!“, feixte Mancuso, als sie den Rand der Hügelkuppe erreicht hatten.

Gomez verdrehte die Augen.

„Lass es gut sein, Roberto!“

„Wie wär’s mit ein paar anerkennenden Worten dafür, dass ich dich auf meinem Rücken den Hang hinaufgeschleppt habe! Mamma mia!“

Gomez’ Gesicht verfinsterte sich.

Allein die Vorstellung im wahrsten Sinn des Wortes hilflos in Mancusos Armen gehangen zu haben, verursachte ihr Übelkeit.

Sie schwieg, wich Mancusos Blicken aus und seilte sich als Nächste in die Tiefe. DeLarouac und Mancuso folgten. Vanderikke war der Letzte.

Unten angekommen setzte das Team seinen Weg fort.

Die Soldaten kämpften sich durch das dichte Unterholz, dabei die MP7 immer schussbereit im Anschlag.

Es hing noch ein eigenartiger, beißender Geruch in der Luft, der davon Zeugnis ablegte, dass hier ein Giftgas zum Einsatz gekommen war. Viele der großblätterigen Pflanzen waren mit einem weißlich-gelben Belag bedeckt, der wohl auch eine Folge dieses Gifteinsatzes war.

Vanderikke wies seine Leute an, den Kontakt mit diesem Belag soweit es irgend möglich war zu meiden. Schließlich war die Zusammensetzung und genaue Wirkungsweise des eingesetzten Giftes nicht bekannt und es war wahrscheinlich, dass auch das Einatmen von Partikeln aus diesem Belag äußerst ungesund war.

Aber das Team hatte keine andere Wahl.

Vanderikke und seine Leute mussten damit rechnen, dass der Feind schon bald wieder zum Angriff übergehen würde.

Sie erreichten nach kurzer Zeit die Absturzstelle des Helikopters.

Die Maschine brannte aus.

Lichterloh leckten die Flammen empor. Ein benachbarter Baum stand ebenfalls schon in Flammen und es bestand sogar die Gefahr, dass sich das Feuer noch weiter ausbreitete.

Das Team verfügte über keinerlei Gasschutz mehr. Weder für den Fall eines erneuen C-Waffen-Einsatzes, noch im Hinblick auf einen Waldbrand.

Die Soldaten blickten sich um.

DeLarouac suchte vor allem nach dem Flugschreiber. Aber die Hitze war zu groß. Er konnte nicht nahe genug an die Maschine herankommen. Außerdem war auch nicht bekannt, welche Munitionsreserven es noch im Inneren des Helis gab, sodass mit akuter Explosionsgefahr gerechnet werden musste.

Ein Stöhnen drang an Vanderikkes Ohr.

Zusammen mit Harabok und Gomez umrundete er den brennenden Hubschrauber und fand einen regungslos daliegenden Mann, nur wenige Meter von der Maschine entfernt. Seine Kleidung war vollkommen verkohlt. Er lag auch jetzt noch viel zu dicht an dem brennenden Wrack.

Miro Harabok nahm sich ein Herz.

Er warf Gomez seine MP7 zu und schnellte dann in geduckter Haltung auf den Verletzten zu.

Die Hitze war mörderisch.

Harabok biss die Zähne zusammen.

Er hatte ein Gefühl, als ob ihm die ohnehin kurz geschorenen Haarstoppel unter dem Schutzhelm noch weggesengt würden.

Der Russe griff den Mann bei den Füßen und schleifte ihn aus dem Gefahrenbereich.

Eine kleinere Explosion war jetzt aus dem Inneren des Helikopters zu hören. Die Flammen hatten sich offenbar bis zu irgendeinem Treibstoff oder Munitionsdepot vorgearbeitet. Ein Metallstück platzte aus der Außenhülle heraus und eine Feuerfontäne spuckte in die Höhe.

Mehrere Baumkronen fingen Feuer.

Vanderikke fasste bei dem Verletzten mit an, ergriff seine Arme. Der Verletzte schrie. Ein heiserer, entsetzlich kraftloser Laut voller Schmerz, aus dem die blanke Todesangst sprach.

Als sie schließlich in einigermaßen sicherer Entfernung waren, legten sie den Körper des Mannes vorsichtig auf den Boden.

Sein Gesicht war vollkommen verkohlt.

Die Haut an seinen Händen war verbrannt. Teilweise hatte sich der Stoff seiner Kleidung durch die Hitze mit der Haut verbunden. Es war ein grauenhafter Anblick.

Zweifellos hatte er Verbrennungen dritten Grades.

Die Überlebenschancen waren gleich null.

Auf den ersten Blick war zu sehen, dass es nicht um einen Khmer handelte.

Der Mann war mindestens 1,90 m groß und hatte eine kantige, grobschlächtig wirkende GesichtISFOrm.

„Wie heißen Sie?“, fragte Vanderikke.

„Nehmen Sie mich mit!“, rief der Mann.

„Wie ist Ihr Name?“, wiederholte der Colonel unerbittlich seine Frage.

„Ray… Raymond McMillan.“

„Amerikaner?“

„Nein. Brite.“

„Ehemaliger Pilot der Royal Air Force?“

Der Mann rang nach Luft. „Royal… Navy…“

„Wer hat Sie angeheuert?“

„Spencer Armed Services Ltd. In Kapstadt.“

“Die vermitteln Söldner an jeden, der ein paar schießwütige Rambos braucht und seinen Staatschef stürzen will”, mischte sich DeLarouac ein.

„Wer steckt hinter den Neuen Roten Khmer?“, fragte Vanderikke. „Wer hat dafür gesorgt, dass sie besser ausgerüstet sind als die meisten regulären Armeen Südostasiens und wer bezahlt ihnen die Dienste von Söldnern, die über Spencer Armed Services vermittelt werden?“

„Ich habe keine Ahnung!“, murmelte der Mann. „Wasser…“

Vanderikke machte ein Zeichen in Richtung von Gomez.

Di Argentinierin gab dem Verletzten daraufhin aus ihrer Wasserflasche zu dringen.

Gierig schlürfte er das mit Desinfektionstabletten aufbereitete Nass in sich hinein.

Dann sackte sein Kopf plötzlich zur Seite. Die Augen wurden starr.

„Ich glaube, er wird Ihnen keine weiteren Fragen mehr beantworten, Colonel“, stellte Gomez nüchtern fest.



18

Auf der Nationalstraße 6 zwischen Phnom Penh und Batdambang, 1634 OZ


Das sind keine Soldaten!, durchzuckte es Karels.

Der Unteroffizier packte sie grob am Arm, da sie der Aufforderung, aus dem Wagen zu steigen noch immer nicht nachgekommen war.

Aber weder Fellmer noch Karels stand der Sinn danach, sich widerstandslos zu ihrer eigenen Hinrichtung abführen zu lassen.

Karels schlug dem vermeintlichen Unteroffizier mit der Faust ins Gesicht. Blut schoss ihm aus der Nase. Fluchend taumelte er zurück.

Gleichzeitig trat die junge Niederländerin das Gaspedal voll durch. Der Geländewagen schoss nach vorn.

Einer der anderen Bewaffneten sprang in letzter Sekunde zur Seite.

Fellmer griff derweil unter den Sitz, wo sich die MP7 befand. Er riss die Waffe heraus.

Die Männer an der Barriere hatten längst ihre Waffen hochgerissen und feuerten, was das Zeug hielt.

Karels beugte sich nach vorn und fuhr den Jeep auf den ersten hundert Metern mehr oder weniger blind. Schnurgerade schnitt die Nationalstraße 6 eine Schneise durch den Dschungel.

Der Jeep raste die gut ausgebaute Asphaltpiste entlang, während Fellmer hervortauchte und mit der MP7 eine Salve in Richtung der Bewaffneten schoss.

Er streute die Projektile breit. Mehrere der uniformierten Angreifer sanken getroffen zu Boden.

Die anderen schossen aus allen Rohren.

Der Mann mit den blauen Augen brüllte Befehle auf Englisch.

Eine Killertruppe, die sich die Uniformen regulärer Staaten ausgeborgt hatten - genau damit hatten es Fellmer und Karels hier zu tun.

Wahrscheinlich war außerdem noch ein lokaler Kommandeur geschmiert worden, und so hatten die Killer in alle Seelenruhe an der Nationalstraße 6 Posten beziehen und abwarten können, bis sich ihre Opfer endlich zeigten.

Fellmers Maschinenpistole war den Sturmgewehren der uniformierten Killer überlegen.

Der ehemalige KSK-Soldat schoss das gesamte Magazin leer und tauchte anschließend zurück in Deckung.

Ein wahrer Geschosshagel prasselte in Richtung des Jeeps. Manche der Kugeln pfiffen nur knapp über Fellmers und Karels´ Köpfe hinweg.

Ein Reifen platzte.

Karels riss das Steuer herum und versuchte, den Jeep auf der Fahrbahn so gut es ging zu stabilisieren.

Der zweite Reifen platzte.

Der Wagen brach nach links aus, kam von der Straße ab. Ein Treffer in den Ersatzkanister sorgte für eine Explosion. Beinahe gleichzeitig sprangen Fellmer und Karels vom Wagen herunter und landeten in den Büschen, während der Jeep mit voller Wucht gegen einen dicken Baumstamm raste.

Fellmer und Karels rollten sich am Boden ab.

Karels riss die Automatik unter ihrer Kleidung hervor. Fellmer schob ein neues Magazin in die MP7 und feuerte. Geistesgegenwärtig hatte er den Rucksack mit der Ausrüstung beim Sprung vom Wagen mit sich gerissen. Ob das Speziallaptop diesen Sturz überlebt hatte, musste sich zeigen.

Aber immerhin hatten sie beide dadurch genügend Munition, um die Killer auf Distanz zu halten.

Nach dem ersten Abwehrfeuer rappelte sich Fellmer auf. Er schwang sich den Rucksack auf den Rücken.

„Los, in den Wald“, rief er Ina Karels zu.

Sie leerte die letzten Schüsse ihrer Automatik in Richtung der uniformierten Killer und folgte Fellmer.

Die beiden schlugen sich durch das dichte Unterholz.

Mit fieberhafter Eile ging es vorwärts.

Die ISFO-Soldaten wussten sie genau, dass es ihr sicherer Tod war, wenn sie ihren Verfolgern in die Hände fielen.

„Diese Mission steht unter keinem guten Stern, Mark“, meinte Ina keuchend, nachdem sie eine ganze Weile lang einfach mehr oder weniger blindlings in den Wald hineingelaufen waren.

Fellmer hielt an, setzte den Rucksack auf den Boden.

„Ich habe bei der KSK gelernt, dass man nicht so schnell aufgeben sollte“, meinte er. „Das Spiel hat erst begonnen!“

„Ja, aber zu ganz anderen Bedingungen, als wir gedacht hatten!“

„Besser, wir vergessen von jetzt an das Meiste von dem, was man sich in Fort Conroy an Plänen für diesen Einsatz ausgedacht hat.“

Ina nickte.

„Unsere Gegner sind einfach zu gut darüber informiert.“

„Eins sage ich dir, wenn dieser Einsatz hier vorbei ist, werden ein paar Köpfe von Verrätern rollen. Beim CIA oder anderswo.“

„Die Meisten wird man niemals erwischen, Mark. Oder man wird niemals davon erfahren, wenn ich etwa an die korrupten Stellen hier in Kambodscha denke, die ja wohl auch ihren Beitrag dazu geleistet haben, dass zwei CIA-Agenten starben und es uns um ein Haar auch erwischt hätte.“



19

Immer tiefer drangen sie in den Wald vor. Dabei hielten sie sich in nordöstliche Richtung, auf das Ufer des Tonle Sab Sees zu.

Das Gelände wurde immer unwegsamer.

Von ihren Verfolgern sahen sie nichts mehr.

Die Gruppe von Uniformierten, die sie angehalten hatte, war letztlich auch zu klein, um ein größeres Waldgebiet erfolgreich absuchen zu können.

Die Stunden strichen dahin.

Schließlich erreichten sie einen kleinen Nebenfluss, der mit Sicherheit dem Tonle Sab See entgegen floss und dort mündete.

Im Augenblick konnte es für Ina und Mark eigentlich nur eine Strategie geben: sich so weit wie nur irgend möglich von größeren Straßen fern zu halten, denn dort würden die Killer auf sie warten.

Sie folgten dem Flusslauf und erreichten schließlich den Tonle Sab See, der um diese Jahrszeit zu gewaltiger Größe angeschwollen war.

„Das ist kein See, das ist ein Meer“, stieß Mark Fellmer beeindruckt aus.

Die Dämmerung hatte bereits eingesetzt und die Sonne sank als roter Glutball dem verwaschenen Horizont entgegen. Das Rauschen der leichten Wellen erfüllte die Luft.

„Hast du schon irgendeine Idee, wie es weitergehen könnte?“, fragte Karels.

„Auf jeden Fall müssen wir nach Siem Reap und den Ruinen von Angkor. Nur der Weg dorthin wird sich wohl zwangläufig etwas ändern.“

„Hast du etwa Lust, zu Fuß dorthin zu laufen?“

„Nein, natürlich nicht.“

Karels machte eine ärgerliche, wegwerfende Geste und meinte: „Die zeitliche Koordination unseres Einsatzes ist sowieso im Eimer. Was kommt es darauf an, ob wir in sechs Stunden oder sechs Monaten nach Siem Reap kommen?“

Fellmer grinste.

„Mit den Nerven am Ende, Doktor? So kenne ich dich ja gar nicht.“

Sie schüttelte den Kopf.

„Nein. Es wurmt mich nur, dass wir in einen Einsatz geschickt wurden, der offenbar von vorn herein zum Scheitern verurteilt war.“

„Also bleibt uns nichts anderes als zu improvisieren.“

„Dann improvisiere mal schön und denk dir einen möglichst unbeschwerlichen Weg nach Siem Reap aus.“

„Wie wär’s mit dem hier?“ Fellmer deutete auf das nur als verschwommene Linie unter einem Dunststreifen verborgene andere Ufer des Tonle Sab Sees. Er bemerkte Karels’ Verwirrung und grinste amüsiert. „Du weißt doch, dass ich den direkten Weg bevorzuge!“

„Sehr witzig. Übers Wasser laufen, das hat bisher nur einer geschafft und trotz all deines Trainingseifers glaube ich nicht, dass du die Nummer zwei wirst!“

„Kampieren wir und tanken etwas Schlaf.“

„Hier?“

„Naja, vielleicht besser noch ein paar hundert Meter das Ufer entlang, dann können wir die Flussmündung im Auge behalten.“

„Worauf willst du eigentlich hinaus, Mark?“

„Ich dachte, darauf kommt jemand wie du von selbst. Schließlich hast du doch studiert!“

„Darüber kann ich nicht lachen, Mark!“

Fellmer atmete tief durch. Er deutete auf den See hinaus und erläuterte: „Der Tonle Sab ist eines der fischreichsten Gewässer der Erde.“

„Wundert mich, dass überhaupt keine Boote zu sehen sind!“

„Mich nicht. Die Transportboote suchen bei Einbruch der Dämmerung einen Hafen auf. Und die Fischerboote fahren normalerweise erst nachts los. Dann beruhigen sich die Fischschwärme und man fängt mehr. Aber das Ufer des Tonle Sab ist zum Grossteil sumpfig. Außerdem schwankt der Wasserspiegel sehr stark, sodass niemand so dumm sein wird, direkt am Ufer ein Haus zu errichten. Die Dörfer befinden sich an den Flüssen.“

„Verstehe“, murmelte Karels. „Du rechnest damit, dass Fischerboote hier vorbeifahren, die eventuell bereit sind, uns auf die andere Seeseite zu bringen.“

„Richtig.“


20

Einige Kilometer südlich der laotisch-kambodschanischen Grenze…


Lautlos schlichen Vanderikke und seine Gruppe durch das Unterholz.

Überall mussten sie damit rechnen, auf bewaffnete Kommandos des Gegners zu stoßen.

Unter diesen Umständen konnte sie natürlich nicht sehr schnell vorankommen.

Die Dämmerung setzte ein.

Wenn es erst einmal richtig dunkel war und die ISFO-Soldaten ihre Nachtsichtgeräte einsetzen konnten, waren sie guten Jägern gegenüber im Vorteil. Aber bis es wirklich dunkel wurde, konnten noch Stunden vergehen. Stunden, in denen die Augen des Feindes überall lauern konnten.

Die Gruppe machte einen Bogen und versuchte so, um die vermuteten Positionen des Gegners herum zu kommen.

Plötzlich nahm Vanderikke einen Schatten war. Er wirbelte herum.

Hinter einem Baum tauche eine Gestalt auf. Mündungsfeuer blitzte auf. Vanderikke ließ sich zur Seite fallen, feuerte dabei die MP 7 ab. Die Kugeln rasierten an einem Baumstamm vorbei, sprengten die Rinde ab. In der Schattenzone, aus der der Beschuss erfolgt war, gellte ein Schrei.

Zwischen den Sträuchern bewegte sich etwas.

Eine Kalaschnikow bellte auf.

Die Schüsse zischten dicht an Mancuso vorbei, der herumwirbelte und eine Bleigarbe seiner Maschinenpistole auf den Weg schickte. Die MP7 ratterte los. Dann tauchte Mancuso ab und presste sich gegen einen dicken Baumstamm, der ihm Deckung bot.

Mit einer energischen Bewegung riss er das Magazin heraus und tauschte es gegen ein Neues aus.

Augenblicke lang herrschte Stille.

Alle Mitglieder des ISFO-Teams hatten Deckung genommen. Sie lauschten. Schritte waren zu hören. Und Stimmen. Ein Gemisch aus Khmer und Englisch.

Erneut flammte Gewehrfeuer zwischen den Bäumen und Sträuchern auf.

Gomez und Mancuso erwiderten es mit massivem Gegenfeuer.

Plötzlich war es ruhig.

„Weiter!“, befahl Vanderikke den anderen per Interlink.

Der Colonel selbst tauchte als Erster aus der Deckung. DeLarouac folgte ihm. In einigem Abstand folgten Gomez und Harabok. Mancuso bildete die Nachhut.

Wenig später fanden sie ein paar Leichen zwischen dem Grün des Unterholzes.

Männer, die bei dem vorherigen Schusswechsel ums Leben gekommen waren.

Sowohl Khmer als auch Angehörige anderer Nationen waren darunter. Vanderikke fand einen Mann, der wie ein Nordeuropäer aussah und einen Schwarzen. Insgesamt fünf Mann lagen tot am Boden. Ob das der gesamte Trupp gewesen war, darüber konnte man nur spekulieren.

„Weiter“, befahl Vanderikke.

„Augenblick!“, widersprach DeLarouac.

Er durchsuchte die Kleider des blonden Nordeuropäers. Es war nichts dabei, was seine Identität hätte verraten können.

Als zweiten nahm sich DeLarouac den Schwarzen vor. Bei ihm wurde er fündig. In der Seitentasche der Uniformjacke fand er ein GPS-Navigationssystem.

„Bingo“, sagte DeLarouac. „Wenn wir Glück haben, sind ein paar interessante Routen darauf gespeichert!“

„Los jetzt!“, befahl Vanderikke unmissverständlich. „Die Ballerei hat sicher den Rest dieser Söldnerbande auf uns aufmerksam gemacht.“

DeLarouac nickte.

Er deutete mit dem Lauf der MP7 nacheinander auf den Nordeuropäer und den Schwarzen.

„Ich frage mich, ob diese beiden Galenvögel hier auch von Spencer Armed Forces Ltd. in Kapstadt angeheuert wurden!“



21

In den nächsten zwei Stunden stieß Vanderikkes Trupp auf keine Angehörigen der Neuen Roten Khmer oder der mit ihnen verbündeten Söldner.

Sie trafen erneut auf den Lauf des Kông und folgten ihm.

An einer geschützten Stelle legten sie eine Pause ein und warteten den Einbruch der Dunkelheit ab.

Der Mond bildete lediglich eine hauchdünne, gelbe Sichel und warf so gut wie kein Licht. Die funkelnden Sterne waren nur am Flussufer zu sehen. Ansonsten wurden sie durch das in diesem Gebiet recht dichte Blätterdach verdeckt.

Vanderikkes Soldaten trugen ihre Nachtsichtgeräte, mit denen es für sie keine Schwierigkeit war, sich zu Recht zu finden.

Hin und wieder hörten sie in der Ferne noch Aktivitäten ihrer Verfolger. Stimmengwirr trug der laue Nachtwind dann zu ihnen herüber. Manchmal war auch der Start eines Helikopters zu hören.

„Das Dumme ist, dass sie gewarnt sind und mit unserem Auftauchen rechnen“, stellte DeLarouac fest. „Nach der Schießerei können wir noch nicht einmal davon ausgehen, dass sie uns für tot halten oder noch einen weiteren Tag damit verplempern, unsere Leichen zu suchen.“ Er zuckte die Achseln. „C’est domage!“

„Das wird uns nicht davon abhalten, unseren Job zu erledigen“, erwiderte Vanderikke grimmig.

„Zut alors! Das hat auch niemand behaupten wollen!“

Der Franzose nutzte die Gelegenheit und klappte sein Speziallaptop auf.

Via Satellit bekam er sogar direkten Kontakt zu Fellmer und Karels, die mit knapper Not einem weiteren Attentatsversuch entkommen waren.

Der Killer, den Fellmer in Phnom Penh erschossen hatte, war anhand von Fellmers Beschreibung inzwischen identifiziert.

Es handelte sich um Randall Davis, einem ehemaligen CIA-Agenten, der geheime Daten an jeden verkauft hatte, der bereit gewesen war, eine angemessenen Preis dafür zu bezahlen. Vor seiner geplanten Verhaftung hatte sich Davis absetzen können. Seine Spur verlor sich in Südafrika, wo ein gewisser Harmon Atkins, der wahrscheinlich mit Davis identisch war, bei einer Söldnervermittlung namens Spencer Armed Forces Ltd. für einen Job in Südostasien angeheuert worden war.

Das war vor zwei Jahren gewesen.

Seitdem hatte von Davis jede Spur gefehlt.

„Sieh an, der Kreis schließt sich!“, meinte DeLarouac.

„Aber wir wissen noch immer nicht, welches Syndikat oder welche andere, vielleicht staatliche Macht hinter den Neuen Roten Khmer steckt“, gab Vanderikke zu bedenken. „Aber das bekommen wir vielleicht heraus, wenn wir Phumi Svay erreicht haben, die Kommandozentrale der Neuen Roten Khmer...“

DeLarouac untersuchte auch noch das Navigationssystem, das er dem toten Söldner abgenommen hatte.

Da es über eine Bluetooth-Infrarotschnittstelle verfügte, war es für den Franzosen kein Problem, die Daten auf sein Laptop zu überspielen.

„Der Mann, dem dieses Ding hier gehörte, war offenbar nicht in der Zentrale Phumi Svay stationiert, sondern kam aus einem umliegenden Stützpunkt“, stellte DeLarouac schließlich fest. „Aber er war zumindest einmal dort. Die Route ist gespeichert und die Datei enthält sehr genaue Positionsangaben.“

„Wer weiß, ob wir die nicht vielleicht noch mal brauchen“, meinte Vanderikke.



22

Auf dem Tonle Sab See, Nordufer, ca. 10 km südlich von Siem Reap, 0404 OZ


Der Wind blähte die Segel des Fischerbootes. Es handelte sich um ein fünfzehn Meter langes und sehr bauchiges Boot mit einem hölzernen Kajütaufbau. Fünf Männer warfen normalerweise die Fischernetze aus und ließen sich von dem grauhaarigen Skipper mit dem gekrümmten Rücken herumkommandieren.

Aber nicht in dieser Nacht.

Die Männer saßen an Deck und rauchten. Ihre Zigaretten wirkten wie Glühwürmchen. Abwechselnd bediente einer von ihnen das Steuer.

Fellmer hatte dem Skipper 500 Dollar für die Überfahrt gegeben. Das war ein Vielfaches von dem, was ein durchschnittlicher Fang dem Skipper eingebracht hätte und so war er sofort bereit gewesen, Fellmer und Karels an das Ufer südlich von Siem Reap zu bringen.

Während der Überfahrt hatten die beiden ISFO-Soldaten abwechselnd etwas geschlafen.

Jetzt landete das Boot an dem flachen sumpfigen Ufer an.

Fellmer und Karels stiegen an Land. Sie sanken dabei bis über die Knöchel in den Morast ein. Fellmer trug den Rucksack mit der MP7 und dem Laptop auf dem Rücken.

Die Automatics befanden sich verdeckt am Körper.

Sie erreichten schließlich die eigentliche Uferböschung und hatten endlich festes Land unter den Füßen.

Einige Kilometer Fußmarsch lagen jetzt noch vor ihnen.

In Siem Reap sollten sie einen Mann namens Georges Phongh treffen. Er war halb Franzose und halb Kambodschaner und einer der größten Experten, was die Ruinen von Angkor betraf. Unter Lon Nol hatte er als Kommunist im Gefängnis gesessen. Allerdings war er ein moskautreuer Kommunist gewesen, was dazu geführt hatte, dass die unter chinesischem Einfluss stehenden Roten Khmer ihn nach der Machtergreifung erneut einsperrten und wegen angeblicher Spionage zum Tode verurteilten. Ihm gelang die Flucht. Nach Jahren in Paris und New York kehrte er Mitte der Neunziger im Dienst der Vereinten Nationen nach Kambodscha zurück.

„Ich weiß nicht, ob wir diesen Phongh überhaupt noch aufsuchen sollen“, meinte Ina. „Bislang hat sich jedes Date, das man für uns hier in Kambodscha arrangiert hat, als verhängnisvoll erwiesen.

„Soweit ich das sehe, ist Phongh absolut vertrauenswürdig. General Elamini persönlich kennt ihn und ist von seiner Loyalität überzeugt“, gab Fellmer zu bedenken. „Außerdem hat er – wie du aus unseren Briefings ja wohl noch weißt – allen Grund, die Roten Khmer zu hassen. Gleichgültig, ob die alten Kommunisten oder diese degenerierten Nachfolger, die kaum mehr als die Söldnertruppe von Drogenhändlern hergeben.“

Ina zuckte die Achseln. „Ich hoffe wirklich, dass du Recht behältst.“

Fellmer machte eine wegwerfende Geste.

„Bei diesem Einsatz ist schon so vieles schief gegangen, da wird es uns auch nicht aus der Bahn werfen, wenn noch irgendetwas Unvorhergesehenes geschieht.“



23

In der Morgendämmerung erreichten Fellmer und Karels die Stadt Siem Reap, die für die meisten Touristen Ausgangspunkt für die Besichtigung der uralten Ruinen von Angkor Wat und Angkor Thom darstellte – jene Stein gewordenen Relikte aus der Blütezeit des einst mächtigsten und hochentwickeltsten Reiches in Südostasien.

Die Adresse von Georges Phongh lag in der Preah Sihanouk, der Straße des Prinzen Sihanouk.

Es handelte sich um eine Villa im alten französischen Kolonialstil.

Der ehemalige Kommunist und jetzige UNO-Mitarbeiter beschäftigte offenbar eine ganze Reihe von Hausangstellten. Ein Diener empfing Fellmer und Karels an der Tür.

Es handelte sich um einen Khmer, der allerdings hervorragend Englisch sprach.

„Wir möchten Mister Phongh sprechen“, erklärte Ina Karels.

„Oh, eine sehr ungewöhnliche Zeit für einen Gesprächswunsch.“

Der Diener blickte an Fellmer und Karels herab und bemerkte natürlich, dass die beiden offenbar durch sumpfiges Gelände gewatet waren.

„Mein Name ist Dr. Karels, dies ist mein Kollege Mark Fellmer. Wir sind Mitarbeiter der Vereinten Nationen.“

„Dann werden Sie sich wahrscheinlich schriftlich legitimieren können.“

„Sie können unsere Ausweise haben.“

„Bitte!“

Der Diener ließ sich von Fellmer und Karels die Ausweise geben und verschwand wieder. Wenig später kehrte er zurück. „Treten Sie ein. Mister Phongh wird Sie empfangen“, erklärte er und gab ihnen die Ausweise zurück. Anschließend führte er die beiden ISFO-Soldaten in einen großzügig angelegten Empfangsraum. Der Diener deutete auf eine Sitzecke aus Korbmöbeln.

„Nehmen Sie Platz.“

Wenig später tauchte Georges Phongh auf.

Ein Mann Mitte sechzig, aber vital und trotz der frühen Stunde mit hellwach wirkenden Augen.

„Ich zweifle nicht daran, dass Sie beide im Dienst der Vereinten Nationen tätig sind – aber rechtfertigt das, mich zu einer derart frühen Zeit aus dem Bett zu werfen?“

„Ich denke schon“, sagte Fellmer ernst.

„Worum geht es denn?“

„Unter anderem um die Ruinen der alten Khmer – und die liegen Ihnen doch ganz besonders am Herzen, oder etwa nicht?“

„Sicher!“

Fellmer griff in den Rucksack und holte einen Umschlag hervor, den er Phongh überreichte. „Dies ist ein Brief an Sie, der vom Generalsekretär persönlich unterzeichnet wurde. Darin wird Ihnen in groben Zügen erklärt, worum es geht.“

Phongh öffnete den Brief und las ihn eingehend.

In sich versunken saß er auf dem Korbdiwan und flüsterte vor sich hin. Schließlich ließ er das Papier sinken und lächelte.

„Wer hätte gedacht, dass ich das nach all den Jahren im Dienst der Vereinten Nationen noch erleben darf: Ein Brief, den seine Exzellenz persönlich unterzeichnet hat“ Er lachte heiser. „Welche Ehre!“, stieß er dann hervor und wandte sich an Fellmer und Karels. „Dass die Ruinen von Angkor als Umschlagplätze für Drogen missbraucht werden, ist doch seit langem bekannt. Die Regierung tut nichts dagegen. Im Gegenteil! Die örtlichen Kommandeure sind doch in den Handel involviert und bekommen ihren Teil vom Gewinn! Da gibt es angebliche archäologische Grabungen, die nur zu einem Zweck durchgeführt werden: Um ohne Verdacht zu erregen regelmäßig große Cargokisten mit Ausrüstung rund um die Welt schicken zu können. Aber dreimal dürfen Sie raten, was wirklich darin ist.“

„Sie haben jetzt Gelegenheit, etwas dagegen zu tun“, sagte Fellmer.

„Ich verstehe das nicht. Jahrelang hat das niemanden gekümmert. Ich glaube, auch Ihre Tätigkeit hier wird vergeblich sein.“

„Helfen Sie uns nun?“, hakte Fellmer eindringlich nach.

Phongh nickte.

„Sicher. Und ansonsten seien Sie meine Gäste. Wann haben Sie das letzte Mal etwas gegessen?“

„Ist schon etwas her“, bekannte Fellmer freimütig.



24

Phonghs Diener saß am Steuer des Geländewagens. Fellmer hatte vorne auf dem Beifahrersitz Platz genommen, während Phongh auf der Rückbank neben Dr. Karels saß.

„Bis zu den Ruinen sind es nur wenige Kilometer“, erläuterte er. „Ein Großteil des Gebiets ist nur zu Fuß erreichbar.“

„Es soll sich um eine der gewaltigsten Städte handeln, die es vor tausend Jahren auf der Erde gab.“

„London und Paris waren damals Kuhdörfer dagegen“, nickte Phongh. „Und dort, wo sich heute Manhattan befindet standen lediglich ein paar primitive Zelte von Algonkin-Indianern.“ Er lächelte unergründlich und fuhr fort: „Aber in einem Punkt irren Sie sich: Was heute von Angkor geblieben ist, sind die Tempelanlagen, nicht die Stadt selbst. Stein war das Baumaterial der Götter, weshalb lediglich die Sakralbauten die Zeiten überdauert haben. Das übliche Baumaterial sterblicher Menschen, ja - selbst der erhabenen Gottkönige war das Holz – und davon ist nichts geblieben. Weder kleine Hütte noch große Paläste. Die eigentliche Stadt gibt es nicht mehr, nur die Stätten göttlicher Verehrung existieren noch.

In der Ferne tauchten die ersten Tempel auf. Erhabene Bauten, umgeben von künstlich angelegten Seen und mit charakteristischen Steinreliefs.

„Die Ruinen von Angkor erstrecken sich über ein Gebiet von mehreren Quadratkilometern", erläuterte Phongh. „Allerdings ist nur ein kleiner Teil davon durch Rundwege erschlossen. Überall im Dschungel der Umgebung befinden sich weitere Ruinen, die oft genug völlig vom Urwald überwuchert sind. In den Reiseführern steht meistens nur etwas über die Tempel von Angkor Wat und Angkor Thom. Aber es gäbe noch so vieles hier zu entdecken...."

„Was hindert sie daran?", fragte Fellmer. „Die Minen?"

Phongh nickte. „Die Minen sind ein Problem. Die großen Rundwege durch die Tempelanlagen sind geräumt worden, aber der Großteil des Gebietes ist nach wie vor vermimt. Es kommen immer wieder Menschen dadurch um oder werden entsetzlich verstümmelt, die von diesen Wegen abweichen." Phongh seufzte hörbar. „Ich weiß nicht, ob es noch ein zweites, derart bedeutendes Kulturdenkmal der Menschheit gibt, dem man so übel mitgespielt hat wie den Ruinen von Angkor. Die Roten Khmer haben diese heiligen Stätten als Steinbrüche missbraucht und später kamen die Minen. In den etwas abseits der großen Rundwege gelegenen Ruinenfeldern kommt es immer zu Überfällen. Entweder durch Banden oder Roten Khmer.“

„Sie sprachen von Archäologen-Teams, die nichts weiter als getarnte Drogen-Transporteure wären!“, erinnerte ihn Fellmer.

„Das ist etwas weniger risikoreich, als wenn die Opiate über Thailand ausgeführt werden. Ein Teil geht inzwischen auch auf dem Landweg via Laos und Vietnam nach China, wo es immer mehr Konsumenten dieser Drogen gibt.“ Er schüttelte energisch den Kopf. „Ich kann es noch immer nicht fassen. Jahrelang hat das alles niemanden gekümmert…“

„Sie kennen doch alle Forscherteams, die derzeit hier arbeiten, oder?“, hakte Karels nach.

Phongh nickte.

„Sicher. Es gehört zu meinen Aufgaben als UNO-Beauftragter, mich bei denen sehen zu lassen. Die Ruinen von Angkor gehören schließlich zum Weltkulturerbe. Viele Teams sind es nicht. Die Sicherheitslage lässt es nicht zu.“

„Ich möchte, dass Sie uns mit denen in Kontakt bringen, die Sie in Verdacht haben, mit den Neuen Roten Khmer zusammen zu arbeiten.“

Phongh bedachte die Niederländerin mit einem nachdenklichen Blick, der nur schwer zu deuten war.

Er nickte schließlich.

„Ganz, wie Sie wollen, Dr. Karels.“

Er wechselte mit seinem Diener ein paar Worte auf Khmer, woraufhin dieser den Wagen anhielt.

„Was ist los?“, fragte Fellmer.

„Von hier aus“, so kündigte Phongh an, „geht es zu Fuß weiter. Übrigens – außer vor Tretminen, die die Roten Khmer bei ihrem Rückzug 1979 hinterließen, sollten Sie sich auch vor grünen Vipern in Acht nehmen. Hanuman-Schlangen nennt man sie hier – nach dem gleichnamigen Gott. Ihr Biss ist tödlich und sie sollten hier in Kambodscha nicht damit rechnen, in den rechtzeitigen Genuss einer Serumbehandlung zu kommen!“



25

Der Diener blieb beim Wagen zurück. Fellmer und Karels machten sich in Begleitung von Georges Phongh auf den Weg. Sie gingen an einer Tempelanlage vorbei, hinter der ein Weg direkt in den Dschungel führte. „Kommen Sie, wir werden etwas laufen müssen – so wie ich es Ihnen vorhergesagt habe. Ich mache Sie mit Dr. Levoiseur und seinem Team bekannt. Sie sind schon seit zwei Jahren hier tätig und haben tonnenweise Ausrüstung herbringen und nach Gebrauch wieder abtransportieren lassen… Sie verstehen, was ich meine?“

„Ich glaube schon.“

„Übrigens war auch ein Amerikaner namens McConnery in dieser Gegend.“

Fellmer und Karels horchten auf.

„Sie kannten McConnery?“, fragte Fellmer.

„Ja.“

„Es heißt, dass er sich als Drogenkurier anwerben ließ.“

„Es heißt auch, dass er ein Mann der CIA war.“

Dieser letzte Satz aus Georges Phonghs Mund war wie eine kalte Dusche.

Woher weiß er das?, durchzuckte es Fellmer.

Kaum fünfzig Meter hatten sie im Dschungel hinter sich gebracht, da bemerkte Fellmer plötzlich aus den Augenwinkeln heraus eine Bewegung zwischen den Zweigen.

Dunkle Gestalten sprangen aus der dichten Vegetation hervor. Schattenhaft waren sie. Schwarz gekleidet und maskiert. Einige von ihnen trugen Kalaschnikows, andere Maschinenpistolen vom Typ MP5, die eine verbesserte Version der legendären israelischen Uzi darstellte.

„Keine Bewegung!“, dröhnte jemand auf Englisch.

Fellmer wirbelte herum. Seine Hand griff zu der Automatik unter dem Hemd.

Von hinten bekam er einen harten Schlag mit dem Kolben einer Kalaschnikow, der ihn zu Boden taumeln ließ. Waffe und Rucksack wurden ihm blitzschnell abgenommen. Dr. Karels erging es nicht anders.

Sie waren umstellt.

Mindestes fünfzehn Mann waren an dieser Aktion beteiligt.

Teilnahmslos blinzelten ihre Augen durch die Sehschlitze ihrer Masken hindurch.

Fellmer rührte sich vorsichtig. Jeder Widerstrand war angesichts der auf ihn und Karels gerichteten Waffenläufe vollkommen sinnlos. Ein Sekundenbruchteil genügte jetzt, um sie beide buchstäblich zu durchsieben.

„Nichts riskieren!“, flüsterte Ina Karels, die wohl befürchtete, dass sich Mark Fellmers unbändiger Kampfeswille zeigte und er vielleicht nicht gewillt war so einfach aufzugeben.

Fellmers Nacken schmerzte dort, wo er den Kolbenschlag abbekommen hatte. Ihm war ein wenig schwindelig.

Fellmer blickte auf.

Von den Gegnern konnte er nur die Augen sehen. Aber schon das allein genügte, um einen von ihnen zu unterscheiden.

Seine Augen sind blau, durchzuckte es den Lieutenant. Genau wie bei dem angeblichen Kommandanten der Armee-Einheit, die uns auf der Nationalstraße 6 gestoppt hat!

Der Mann mit den blauen Augen nahm seine Maske ab.

Er grinste.

„So sieht man sich wieder!“, feixte er. Ein zynisches Lächeln spielte um seine Lippen.

Er wandte sich zunächst an Georges Phongh.

„Sie haben Ihre Sache gut gemacht, Mister Phongh.“

„Danke.“

„Allerdings benötigen wir Ihre Dienste in Zukunft wohl nicht mehr.“

Der Man mit den blauen Augen hob plötzlich seine Waffe und drückte ab. Die MP5 wummerte los. Dutzende von Kugeln durchdrangen den Brustkorb des Halbkambodschaners. Sein Körper zuckte wie eine hektisch bewegte Marionette, während das Gesicht den Ausdruck puren Entsetzens konservierte.

Phongh stürzte zu Boden.

Mit einem klatschenden Geräusch, das unwillkürlich an einen nassen Sandsack erinnerte, plumpste er zu Boden und blieb regungslos und blutüberströmt liegen.

„Was sollen wir mit den beiden hier jetzt machen?“, fragte einer der anderen Killer auf Englisch.

Der Man mit den blauen Augen musterte Fellmer und Karels nacheinander eingehend.

„Wir werden sie wie geplant umbringen“, erklärte er. „Nur der Zeitpunkt wird sich etwas verschieben.“

„Wieso?“, fragte jemand zurück.

„Weil diese beiden Figuren hier offenbar Teil einer größeren Operation sind, die parallel auch Aktionen im Rantanakiri Hochland beinhaltet. Wir hatten dort Schwierigkeiten mit einer kleinen, gut ausgebildeten Truppe. Spezialkräfte oder so etwas. Vielleicht Navy Seals der US-Streitkräfte. Wer weiß?“ Er grinste breit. „Ist auch egal, ich gehe davon aus, dass Sie mir gerne Auskunft geben können, wenn Sie dadurch Schmerzen oder Verstümmelung vermeiden können!“ Er machte ein Zeichen. „Nehmt sie mit, Männer!“



26

Nördliches Kambodscha, Rantanakiri Plateau


Ohne weitere Zwischenfälle war es Vanderikke und seinem Team gelungen, die nördlichen Dschungelgebiete Kambodschas zu verlassen und die steilen Hänge zu erklimmen, die zum Rantanakiri Plateau führten. Dieses Hochland war seit Jahren nur aus der Luft oder zu Fuß erreichbar. Weder Wasser- noch Landfahrzeuge hatten auch nur den Hauch einer Chance, dieses Gebiet zu erreichen. Die einzige befahrbare Piste führte von Vietnam aus zumindest einige Kilometer in den ansonsten nur von wenigen, sehr zurückgezogen lebenden Bergvölkern bewohnten Landstrich.

Das die Neuen Roten Khmer diese Gegend zu ihrem Zentrum gemacht hatte, war kein Zufall. Das Plateau an sich war schon eine natürliche Festung, die es jedem Angreifer sehr schwer machte. Der eigentliche Kommunikationsknotenpunkt war noch wesentlich besser geschützt. In der schmalen Schlucht von Phumi Svay befand sich der Eingang zu dem Bunkersystem, über dessen Größe und Ausdehnung nur spekuliert werden konnte.

Die Vegetation war im Hochland etwas weniger üppig, als in den sehr fruchtbaren Flussebenen. Es gab keine geschlossene Bewaldung wie im Tiefland, sondern lediglich einzelne Waldgebiete.

Zerklüftete Felsen ragten aus der Vegetation heraus. Hin und wieder stießen Vanderikke und seine Leute auf die Eingänge zu den Höhlensystemen, die bisher noch nie das Auge irgendeines Forschers gesehen hatten. Einmal nutzten die ISFO-Soldaten eine solche Höhle dazu, um sich vor ein paar Helikoptern zu schützen, die entweder die Zentrale oder einen der äußeren Stützpunkte der Neuen Roten Khmer ansteuerten.

Schließlich gelangten sie in unmittelbare Nähe des Tals von Phumi Svay.

Der Baumbewuchs in dem engen, schluchtartigen Tal war sehr dicht. Das Wasser sammelte sich dort.

Auf der Hochebene befand sich ein kleiner Flugplatz. Dutzende von Helikoptern standen dort. Daneben ein Sendemast und eine Baracke.

Vanderikke und sein Trupp gingen in einiger Entfernung in Deckung.

DeLarouac holte sein Speziallaptop hervor. „Möglicherweise gelingt es mir, die Kommunikation des Gegners anzuzapfen“, meinte er. „Allerdings sind wir noch ein bisschen weit entfernt.“




Später flog ein Helikopter heran.

Es handelte sich um einen Transporter. Der Helikopter setzte behutsam auf der relativ ebenen Fläche vor der Baracke auf.

Ein paar Bewaffnete traten aus der Baracke heraus.

Die Außentür wurde geöffnet.

Ein Mann und eine Frau wurden grob ins Freie gestoßen. Die Hände der beiden waren gefesselt. Bewaffnete umringten sie und stießen sie mit den Kolben ihrer Kalaschnikows vorwärts.

„Das sind Mark und Ina!“, meldete Mara Gomez über Interlink. Sie hatte die am weitesten vorgeschobene Position, etwa zweihundert Meter von den anderen entfernt. Mit dem Feldstecher beobachtete sie die Szene. „Jetzt gehen sie auf die Baracke zu!“, berichtete sie.

Vanderikkes Gesicht verzog sich grimmig.

Am liebsten hätte er sofort den Befehl zum Eingreifen gegeben.

DeLarouac meldete sich zu Wort. Er hatte sein Laptop mit einem Breitband-Funkempfänger verbunden.

„Über diesen Funkmast hier scheint tatsächlich ein Grossteil der Kommunikation zu laufen“, stellte er fest. „Der Mast gehört zu einer äußerst starken Sendeanlage, mit der sowohl Satellitenverbindungen in die ganze Welt, als auch konventionelle Funkverbindungen in ganz Südostasien betrieben werden.“

„Ich nehme an, der Großteil der Botschaften ist verschlüsselt“, meinte Vanderikke.

„Eine genauere Analyse ist noch nicht möglich.“

„Mit Verlaub Sir, wir müssen Ina und Mark da herausholen!“, mischte sich jetzt Roberto Mancuso ein. „Die werden versuchen, so viel wie möglich an Informationen aus ihnen herauszuholen – und Sie wissen, was das bedeutet.“

Vanderikke nickte düster.

Trotzdem durfte er sich nicht überstürzt zu Befehlen hinreißen lassen, die nicht nur die gesamte Mission gefährdeten, sondern unter Umständen auch die anderen Teammitglieder in eine aussichtslose Position brachten.

„Würde bei der Ausschaltung dieser Sendeanlage die Kommunikationsfähigkeit vollkommen ausgeschaltet?“

„Zumindest zeitweilig ja. Davon können wir ausgehen“, bestätigte DeLarouac. „Sie denken daran, Code Delta zu aktivieren, Sir?“

Vanderikke antwortete nicht.

Er setzte seinen Feldstecher an die Stirn und beobachtete die Szene vor der Baracke.

Die Gruppe war stehen geblieben. Bewaffnete umringten Fellmer und Karels. Beide wurden zu Boden gestoßen. Ein Mann trat durch die Barackentür ins Freie. Selbst auf diese Entfernung hin war erkennbar, dass es sich nicht um einen Kambodschaner handelte. Er hatte strohblondes Haar, war fast zwei Meter groß und überragte damit die anwesenden Khmer erheblich.

Es schien einen gestenreichen Streit unter den Bewaffneten zu geben.

Vanderikke atmete tief durch.

DeLarouac hatte Code Delta erwähnt.

Das war die Codebezeichnung für die koordinierte Ausschaltung der Kommandozentrale der Roten Khmer und beinhaltete auch ein Einschalten der kambodschanischen Armee, die dann unterstützend eingreifen würde. Voraussetzung war die Möglichkeit zur schnellen Ausschaltung der gegnerischen Kommunikation.

Außerdem sollte möglichst dafür gesorgt werden, dass Daten über die weltweiten Verbindungen der Neuen Roten Khmer gesichert wurden und innerhalb weniger Stunden weltweit Verhaftungen durchgeführt werden konnten, sodass zumindest ein Teil dieses kriminellen Netzwerkes zerschlagen werden konnte.

Es war ein hohes Risiko, Code Delta zum jetzigen Zeitpunkt auszulösen. Vanderikke war sich dessen bewusst und zögerte deshalb.

Das Team wusste bis jetzt noch sehr wenig über die im Tal von Phumi Svay vermutete Befehlszentrale. Nicht einmal der Eingang ins unterirdische Bunkersystem war bekannt – geschweige denn die Stärke der hier konzentrierten Verbände.

Aber andererseits stand das Leben von Fellmer und Karels auf dem Spiel.

Vanderikkes Gesicht bekam einen entschlossenen Zug.

„Lösen Sie Code Delta aus!“, bestimmte er. „Wir gehen das Risiko ein.“



27

„Sie sollten mit uns kooperieren“, wandte sich der Mann mit den blauen Augen an Fellmer und Karels.

„Wer weiß, vielleicht haben wir sogar Verwendung für die beiden, wenn wir sie einer Gehirnwäsche unterzogen haben“, meldete sich einer der anderen Männer zu Wort.

Der Mann mit den blauen Augen grinste schief. „Er hat das Foltern noch im Dienst des Demokratischen Kambodscha gelernt und versteht sein Handwerk.“

Die anderen lachten.

Das „Demokratische Kambodscha“ war nichts anders als die Selbstbezeichnung des Regimes der Roten Khmer.

Sie wurden auf die Baracke zu gestoßen. Fellmer taumelte zu Boden.

Karels ebenfalls.

In diesem Augenblick zuckten einige der Bewaffneten zusammen. Fast lautlos wurden sie von Kugeln nieder gestreckt.

Innerhalb von Sekunden war ein halbes Dutzend von ihnen tot.

Die anderen wirbelten herum, feuerten mit ihren Maschinenpistolen vom Typ MP5 oder den Kalaschnikow-Sturmgewehren wild um sich. Der Überraschungsangriff hatte Panik ausgelöst. Hinter Felsen und Büschen blitzte Mündungsfeuer auf.

Fellmer entriss einem der Toten die Kalaschnikow. Seine Hände waren dabei nach wie vor nach vorne zusammengebunden.

Der Mann mit den blauen Augen, der bereits einen Schultertreffer erhalten hatte, richtete im selben Moment seine Automatik auf Fellmer.

Beide schossen annähernd gleichzeitig.

Fellmer traf.

Die Kugel trat aus dem Rücken seines Gegners wieder aus und bohrte sich noch in den Körper eines weiteren Angehörigen der Neuen Roten Khmer, wohinter sich zum überwiegenden Teil wohl inzwischen ganz gewöhnliche Söldner verbargen.

Der Mann mit den blauen Augen verriss seinen Schuss aus kurzer Distanz. Nur Millimeter zischte das Projektil an Fellmers Schläfen vorbei und zerschmetterte eine der Fensterscheiben der Baracke, die neben dem Sendemast stand.

Innerhalb von Sekunden war der Spuk vorbei.

Der Überraschungsangriff hatte die Söldner vollkommen überrumpelt.

Jetzt lag ein gutes Duzend von ihnen tot am Boden.


Soldaten in Tarnanzügen tauchten hinter Gebüschen und kleinen Erhebungen hervor.

„Das sind Vanderikke und unser Team!“, rief Karels.

Sie hatte Recht.

Vanderikke und Harabok kamen aus ihrer Deckung heraus. Sie hatten sich ebenso wie Gomez sehr dicht an den Sendeturm herangepirscht.

Der Helikopter, mit dem Fellmer und Karels hier hergebracht worden waren, startete. Er hob vom Boden ab.

„Der Helikopter darf nicht entkommen!“, rief Vanderikke heiser.

In der Eile hatte der Pilot die Seitentür noch nicht geschlossen. Gomez schleuderte eine Handgranate ins Innere des Helikopters, der erst wenige Meter über dem Boden schwebte. Sofort darauf warf sie sich zu Boden. Die anderen ebenfalls. Der Helikopter explodierte und verwandelte sich in einen Feuerball. Glühende Metallteile flogen durch die Luft und beschädigten teilweise die anderen Hubschrauber oder krachten gegen die die Wand der Baracke.

Augenblicke später war alles vorbei. Vanderikke, der sich ebenfalls zu Boden geworfen hatte, lief auf Fellmer und Karels zu.

„Alles in Ordnung?“, fragte der Colonel.

„Den Umständen entsprechend.“

„Ist sicher eine interessante Story, wie Sie beide hier her gelangt sind, aber im Augenblick muss ich Sie bitten, sie noch etwas aufzusparen. Wir haben hier einen dringenden Job.“

Harabok und DeLarouac nahmen sich die Baracke vor.

Der Russe trat die Tür ein und drang mit der MP7 im Anschlag ins Innere. Der zur Waffe gehörige Schalldämpfer war wie bei allen anderen Mitgliedern des ISFO-Teams auf den kurzen Lauf geschraubt, um Lärm zu vermeiden.

Harabok schwenkte die Waffe herum.

Ein Mann lag am Boden.

Er war von mehreren Kugeln getroffen worden. In der Wand, die aus dünnem Wellblech bestand, leuchtete das Tageslicht durch ein halbes Dutzend, sauber ausgestanzter Löcher, die wohl durch die Schießerei entstanden waren.

„Hier ist nur ein Toter!“, rief Harabok und ließ die Waffe sinken.

Die Baracke bestand im Inneren nur aus einem einzigen Raum.

„Zerstören Sie die Sendeanlage!“, bestimmte Vanderikke. „Und zwar so schnell und wirkungsvoll wie möglich.“

Die Anlage befand sich in einer Ecke des Raums.

Harabok kümmerte sich augenblicklich darum, riss ein paar Kabel heraus.

Dann setzte er einen Sprengsatz an.

Wenig später verließ er die Baracke.

Fellmer und Karels hatten sich inzwischen bei den Toten mit Waffen und Munition eingedeckt.

Vanderikke gab den Befehl, Abstand zur Baracke zu halten.

Die Männer und Frauen des Alpha-Teams der Spezial Force One begaben sich im Laufschritt in Deckung.

Gut fünfzig Meter lagen schließlich zwischen ihnen und der Baracke. Harabok betätigte den elektronischen Zünder.

Die Baracke flog auseinander. Der dazugehörige Sendemast fiel um wie ein gefällter Baum.

Fellmer war der erste, der sich wieder aufgerappelt hatte.

Er wandte sich an Vanderikke.

„Wir werden jetzt eine Menge Ärger bekommen“, meinte er. „Ina und ich sollten zu ihrem zentralen Leitstand hier oben im Rantanakiri Gebiet gebracht werden…“

„Phumi Svay“, bestätigte Vanderikke und löste Fellmers Fesseln mit seinem Kampfmesser. Bei Ina Karels übernahm Gomez diese Aufgabe.

„Der Eingang liegt irgendwo in der Schlucht, die vor uns liegt.“

„Die Ratten werden schnell aus ihren Löchern kommen und dann Gnade uns Gott.“

„Wir haben Code Delta aktiviert“, erklärte Vanderikke. Fellmer wusste, was das bedeutete. Er hatte sich das fast schon gedacht.

Vanderikke ist um unsretwillen ein hohes Risiko eingegangen!, war dem ehemaligen KSK-Soldat sofort klar.

Es war ungewiss, wann die kambodschanische Armee mit ihren wenigen luftlandefähigen Truppen hier eintreffen und das ISFO-Team unterstützen würde.

Andererseits kannten Vanderikke und seine Leute noch nicht einmal den Eingang zu dem verborgenen Kommandostand.



28

Bevor sich die ISFO-Soldaten an den Abstieg in die ziemlich unwegsame Schlucht machten, sorgte Harabok zunächst dafür, dass sämtliche Helikopter nicht verwendet werden konnten. Der Russe hatte in dieser Hinsicht ein paar Tricks auf Lager. Im Notfall konnte er die Maschinen durch ein paar Handgriffe wieder schnell reaktivieren, aber falls der Gegner sie einzusetzen versuchte, würde er sehr lange brauchen, um den Fehler zu finden. Vorausgesetzt, er kannte sich mit dem Innenleben der Hubschrauber überhaupt gut genug aus, was man wohl weder bei den in der Wolle gefärbten Roten Khmer noch bei den ausländischen Söldnern vermuten konnte.

Schließlich befestigten die Soldaten Seilzüge und ließen sich den Steilhang hinab, der zwanzig Meter in die Tiefe auf einen Vorsprung führte.

Von da kletterten sie weiter abwärts.

Im Gegensatz zu dem Hochplateau selbst war diese Schlucht von dichter, geradezu wild wuchernder Vegetation bedeckt. Es gab ausreichend Wasser. Eine Vielzahl von Quellen sprudelte aus dem steinigen Untergrund heraus. Wildbäche stürzten die Felsen hinunter und sorgten dafür, dass sich unten auf dem Talgrund eine reichhaltige Pflanzenwelt behauptet hatte. Eine dschungelartige Urlandschaft, in die kein menschliches Fahrzeug jemals vorgedrungen war. Es war vollkommen ausgeschlossen, hier mit einem Helikopter oder gar einem Flugzeug zu landen. Selbst wenn man die gesamte Schlucht vollkommen gerodet und von jeglichem Baumbestand befreit hätte, wäre das auf Grund der topographischen Besonderheiten des Gebietes undenkbar gewesen.

Karels war die letzte, die sich abseilte.

Plötzlich tauchte aus einem Busch eine Gestalt auf. Fellmer wirbelte herum und ließ die Kalaschnikow los krachen, die er einem der Toten abgenommen hatte. Der Angreifer taumelte zurück. Ein zweiter war hinter ihm und wurde von Vanderikke unter Feuer genommen.

Auf dem kanzelartigen Vorsprung, auf dem sich die ISFO-Soldaten nun befanden, gab es kaum Deckung. Sie duckten sich daher und beobachteten die Umgebung. Jede Bewegung in den Büschen konnte ein weiterer Angriff sein.

„Es muss einen schnelleren Weg in die Kommandozentrale geben!“, war Fellmer überzeugt. „Wie hätten die beiden Kerle sonst so schnell hier sein können?“

„Wer sagt Ihnen, dass sie nicht schon den halben Tag auf Patrouille sind, Fellmer?“

Als es ein paar Minuten lang ruhig war, seilten sich Harabok und Mancuso ein Stück tiefer. Gomez, Fellmer und Vanderikke folgten. Die anderen warteten noch etwas auf der Felsenkanzel ab, um die anderen zu sichern- sowohl bergsteigerisch, als auch mit ihren Maschinenpistolen.

Nichts geschah.

Die beiden Angreifer schienen doch nichts weiter, als eine Patrouille gewesen zu sein, die zufällig in der Nähe herumgeklettert war, als oben der Sender zerstört wurde.

„Ich habe etwas gefunden!“, meldete Harabok plötzlich per Interlink an die anderen. Zusammen mit Mancuso war er bereits am weitesten vorgedrungen. „Hier sind Eisentritte in den Fels eingelassen. Fast wie eine Leiter.“

Als die anderen die Stelle erreichten, war Harabok bereits weiter in die Tiefe gestiegen. Eine leicht überhängende Felswand von fast fünfzig Meter lag vor ihnen. An deren Fuß befand sich ein schmaler Vorsprung.

Mancuso machte sich ebenfalls an den Abstieg über die in den Fels eingelassenen, sehr stabil wirkenden Metalltritte.

Es war zu vermuten, dass die beiden Männer, die sie angegriffen hatten, über diese Tritte nach oben gelangt waren.

Fellmer war der Dritte, der den Abstieg wagte. Man musste die Hände dabei frei haben. Die Kalaschnikow hängte sich Fellmer auf den Rücken. Auf dem Riemen war das Logo eines amerikanischen Herstellers für Waffenzubehör. Die Kalaschnikow ehemals ein Symbol des Kommunismus – wurde schon seit langem auch in US-amerikanischer Lizenz hergestellt.

Plötzlich brandete Beschuss auf.

Er kam einerseits aus den Zweigen und dem Geäst des dichten Urwaldes unter ihnen, andererseits aber auch von der gegenüberliegenden Seite der engen Schlucht von Phumi Svay. Ein wahrer Geschosshagel wurde abgegeben. Fellmer fühlte, wie die Kugeln rechts und links neben ihm einschlugen und kleine Stücke aus dem Fels heraussprengten.

Vanderikke, Karels und DeLarouac feuerten von dort, was das Zeug hielt, um denen die gerade an den Metallsprossen hingen, Feuerschutz zu geben. Gomez hatte sich etwas abseits postiert, schleuderte mehrere Nebelgranaten und feuerte anschließend mit ihrer MP7 in Richtung der bis dahin unsichtbaren Gegner.

Die Nebelgranaten blieben nicht ohne Wirkung.

Dichte Schwaden zogen wenig später zwischen den dicken, knorrigen Baumstämmen hindurch, die sich im unteren Bereich der Steilhänge gerade noch zu halten vermochten. Eine graue Wand entstand und machte es bald vollkommen unmöglich, weiter als zwanzig Meter zu sehen.

Vanderikke und DeLarouac schleuderten ebenfalls jeweils zwei Nebelgranaten.

Der Geschosshagel verebbte daraufhin. Hier und da wurden noch Schüsse abgegeben, aber die Gegner konnten ihre Ziele nicht mehr sehen.

Harabok, Mancuso und Fellmer stiegen weiter hinab.

Sie erreichten einen kleinen Vorsprung, der von oben nicht einsehbar war.

Dort befand sich der Eingang zu einer Höhle.

„Das ist der ideale Unterschlupf!“, meinte Fellmer.

Er ging ein paar Schritte in das Dunkel hinein. Der Eingang glich einem gebogenen Schlauch. In der Ferne schimmerte etwas.

Lichter, die sich bewegten.

Und Schritte.

Schwere Militärstiefel, die über steinigen Untergrund hetzten.

„In Deckung!“, zischte Fellmer.

Aber es war zu spät.

Er hatte den Schatten nicht rechtzeitig bemerkt, der sich links von ihm in einer Felsnische plötzlich zu bewegen begonnen hatte. Eine Männerstimme schrie etwas auf Khmer. Gleichzeitig dröhnte ein Schuss in unmittelbarer Nähe.

Fellmer ließ sich instinktiv zur Seite fallen. Er sah das Mündungsfeuer des anderen blitzen. Sonst nichts.

Dicht zischten die Kugeln an Fellmer vorbei und sprengten Funken sprühend gegen die Felswände der Höhle.

Noch im Fallen schoss Fellmer zurück und schwenkte die Waffe dabei so, dass sein Kontrahent auf jeden Fall getroffen werden musste. Ein Schrei gellte.

Die Gestalt stürzte zu Boden.

Die drei sich bewegenden Lichter in der Ferne hielten jetzt an.

Gewehrfeuer war zu hören. Mancuso sprang herbei und nahm gemeinsam mit Fellmer die drei unter Feuer. Schreie gellten. Einen hatte es offenbar erwischt, die anderen zogen sich zurück.

Inzwischen hatten auch Vanderikke und die anderen den Ort des Geschehens erreicht.

„Das muss der Eingang in die Kommandozentrale sein“, war jetzt auch Vanderikke überzeugt. „Ein ganzes Bataillon von kambodschanischen Soldaten hätte sich nur einige Meter entfernt abseilen können und nichts davon bemerkt.“

„Uns wäre es um ein Haar kaum anders ergangen“, stellte Gomez klar.

Vanderikke nickte. Karels, Harabok und Mancuso wurden dazu abkommandiert, den anderen den Rücken freizuhalten, wenn diese weiter in die Höhle eindrangen.

Also postierten sie sich im Höhlen-Eingang, um zu verhindern, dass in der Umgebung stationierte Kämpfer der Neuen Roten Khmer versuchten, in ihre Zentrale zurückzukehren.

Mancuso lieh Fellmer sein Nachtsichtgerät.

„Unser Feind wird ja aus der Helligkeit des Tages kommen!“, meinte der Italiener.

Dann brachen Vanderikke, DeLarouac, Gomez und Fellmer ins Innere der Höhle auf.

Die Infrarotbilder, die sich ihnen durch die Nachtsichtgeräte darboten waren gestochen scharf.

Vorsichtig drangen sie weiter vor und erreichten schließlich einen in den Fels eingelassenen Bunker. Die Außentür war verschlossen. Eine Sprengladung sorgte dafür, dass das ISFO-Team auch ohne Kenntnis des Eingangscodes weiterkam. Im Inneren brannte sogar Licht. Der Kommandoleitstand der Neuen Roten Khmer verfügte allem Anschein nach über eine vollkommen autonome Stromversorgung, die möglicherweise durch Wasserkraft gespeist wurde, die sich mit Hilfe der zahllosen Sturzbäche in ausreichender Menge gewinnen ließ.

Hinter einer Korridorbiegung trafen sie noch einmal auf Widerstand.

Ein rothaariger Söldner tauchte plötzlich hervor. Er wirkte, als ob er sein ganzes Marschgepäck geschultert hatte. Vor seiner breit gestreuten MPi-Salve gingen die ISFO-Soldaten noch in Deckung.

„Geben Sie auf“, rief Vanderikke. „Wir nehmen Sie gefangen und krümmen Ihnen kein Haar!“

Der Rothaarige zögerte.

Nach ein paar Sekunden schien er einzusehen, dass Vanderikke Recht hatte.

„Okay!“, rief er.

„Werfen Sie die Waffe in die Mitte des Flures!“ rief Vanderikke.

Der Mann gehorchte.

Wenig später legte er auch sein Marschgepäck ab und trat mit erhobenen Händen vor.

„Wer sind Sie?“, fragte er zitternd.

„Eine Sondereinheit der UNO“, gab Vanderikke bereitwillig Auskunft. „Und Sie?“

Er schluckte. Einen Moment noch schien er zu schwanken, dann begriff er, dass jetzt es seine einzige Chance in der Zusammenarbeit mit den ISFO-Soldaten bestand.

„Ich heiße Miles O’Donnell.“

„Amerikaner“, fragte Vanderikke.

„Ja.“

„Lassen Sie mich raten. Spencer Armed Services in Südafrika hat Sie engagiert!“

„Woher wissen Sie das?“

„Spielt keine Rolle. Wie viel Mann sind noch in dieser Zentrale?“

„Sie liefern mich doch nicht der kambodschanischen Regierung aus, oder?“

„Hängt von Ihnen ab. Vielleicht können wir Sie mitnehmen! Einen Prozess bekommen Sie oder so – dann aber entweder vor einem internationalen oder einem amerikanischen Gericht. Ich nehme an, das ist Ihnen lieber.“

„Ja“, murmelte O’Donnell.

In knappen Worten berichtete er davon, dass es weitere Fluchtwege aus der Kommandozentrale gäbe und sich wahrscheinlich niemand mehr hier befand.

„Dann können wir nur hoffen, dass unsere kambodschanischen Freunde hier noch rechtzeitig auftauchen und sie ihnen in die Arme laufen!“, kommentierte Fellmer.

„Gibt es hier Computer?“, fragte plötzlich DeLarouac.

„Ja schon…“

„Führen Sie uns hin!“, befahl DeLarouac.

O’Donnel zuckte die Achseln und führte die ISFO-Soldaten schließlich dorthin, wo ihr Ziel lag. In der Kommunikationszentrale der Neuen Roten Khmer. Dutzende von Computern waren hier miteinander verschaltet. Die Verbindung in alle Welt waren zurzeit allerdings unterbrochen, die Bildschirme dunkel. Lediglich ein Kurzwellenempfangsgerät knarrte und rauschte vor sich hin.

Alles sah wie nach einem sehr überstürzten Aufbruch aus.

Kameras waren mitgenommen worden.

Vanderikke wandte sich an DeLarouac. „Ich nehme an, Sie wissen, was Sie jetzt zu tun haben.“

„Naturelment!“, nickte der Franzose.

Es ging jetzt darum, so viele Daten zu sichern, wie nur irgend möglich, denn später, wenn die Ermittlungen erst einmal in den Händen der völlig überforderten Sicherheitsbehörden Kambodschas lagen, kam man an das Material wahrscheinlich gar nicht mehr heran.

Mancuso funkte über die Interlink-Verbindung. Sie war auf Grund der Wände schlecht, aber man konnte ihn verstehen. „Code Delta scheint tatsächlich funktioniert zu haben“, berichtete er. „Über uns wird gekämpft. Ich nehme an, die Kambodschaner sind eingetroffen.“



29

Als Vanderikke und seine Männer schließlich wieder aus der Schlucht emporstiegen, war die Umgebung bereits durch kambodschanische Truppen besetzt. Mit einem Dutzend Helikopter unterschiedlichster Bauart waren sie gelandet.

Gefangene waren kaum gemacht worden.

Der Kommandant der Operation, Major Heng, wandte sich an Vanderikke.

„Unser Land ist Ihnen und Ihrer Einheit zu großem Dank verpflichtet. Was können wir für Sie tun?“

„Sie können uns mit unserem Gefangenen möglichst schnell an einen Ort bringen, an dem eine Militärtransportmaschine landen und uns abholen kann“, erwiderte der Colonel.

„Mit ihrem Gefangenen?“, echote der Major. „Meines Wissens nach gehört das nicht zu den Abmachungen.“

Vanderikke zuckte die Achseln. „Sie haben gefragt was Sie für uns tun könnten – ich habe geantwortet.“

Der Major überlegte kurz und nickte schließlich. „In Ordnung“, meinte er.

Beide nahmen Haltung an und grüßten militärisch.



30

Unbekannter Ort, sehr viel später…

„Wir hatten große Hoffnungen in das Projekt Khmer gesetzt. Die Kontrolle eines der wichtigsten Rauschgiftströme lag in erreichbarer Nähe.“

„Die Umstände…“

„Was für Umstände? Das sind doch alles nur Ausreden! Wie konnte es einer winzigen Einheit gelingen, dieses Projekt zu zerstören?“

„Mit Verlaub, es ist nicht irgendeine Spezialeinheit.“

„Die Misserfolge häufen sich.“

„Ich weiß.“

„Aber was die Führungsspitze von SHADOW wirklich nervös macht, ist das Datenmaterial, dass der International Security Force One in die Hände fiel! Kommunikationskanäle, Namen…“

„Niemand wird diese Daten auf Jahrzehnte hinaus wirklich zu deuten wissen.“

„Ach wirklich? Vergeuden Sie Ihren Optimismus lieber für das nächste Projekt…“


ENDE

In der Höhle des Löwen


Military Action Thriller

von Pete Hackett


Ein CassiopeiaPress E-Book

© by Author www.Haberl-Peter.de

© der Digitalausgabe 2013 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de


Maschinenpistolen ratterten. Jemand feuerte mit einer Pistole. Die Detonationen vermischten sich zu einem hämmernden Stakkato. Der Konvoi war zum Stehen gekommen. Raue Stimmen brüllten irgendwelche Befehle. Etwas explodierte, wahrscheinlich eine Handgranate. Max Steiner und Johann Weiser, die beiden deutschen Rot-Kreuz-Helfer, ahnten Schlimmes. Bei ihnen im Wagen saß Jim Svenson, der englische Journalist. Die drei Männer wechselten nervöse Blicke. In ihren Gesichtern zuckten die Muskeln.

Die Tür des Landrovers, in dem sie saßen, wurde aufgerissen und ein Mann hielt die MPi in den Wagen. Er rief einige Worte in arabischer Sprache und winkte mit der Waffe. Weitere Bewaffnete zeigten sich. Etwas weiter entfernt wurde nach wie vor geschossen.

Steiner, Weiser und Svenson hatten nicht verstanden, was der Bewaffnete von ihnen wollte. Vorsichtshalber hoben sie die Hände.

"Ich denke, dass wir aussteigen sollten", sagte Jim Svenson. Das Entsetzen verzerrte seine Stimme. Die Stimmbänder wollten ihm kaum gehorchen. "Himmel, was wollen die von uns?"

"Ja, aussteigen", radebrechte der Bewaffnete in schlechtem Englisch. "Hände oben lassen. Raus!"

Nacheinander kletterten die drei Europäer aus dem Landrover. Nebeneinander stellten sie sich auf.

"Aufständische", murmelte Max Steiner. "Leute von el Sadr. Was die wohl von uns..."

Einer der Kerle rammte Steiner den Lauf der MPi in den Leib. Der deutsche quittierte den Stoß mit einem erschreckten Aufschrei und beugte sich nach vorn. Einer der Bewaffneten griff ihm in die Haare. "Du ruhig. Kein Wort mehr - sonst sterben."

Steiner schluckte würgend. Er war überzeugt davon, dass der Überfall auf das Konto von Moktada el Sadr ging. Der radikale schiitische Geistliche führte seinen eigenen Krieg. Seine Anhänger waren es, die den US-Truppen die Stirn boten, die sie sogar aus einigen Städten vertrieben hatten und die ihren sunnitischen Glaubensbrüdern im umkämpften Falludscha zu Hilfe geeilt waren.

In Steiners Eingeweiden wühlte die Angst. Sie drückte sich in jedem Zug seines Gesichtes aus und ließ seine Hände zittern.

Auch Weiser und Svenson waren voll Furcht. Diese fanatischen Kerle, die sie mit ihren Waffen bedrohten, waren unberechenbar. Jeden Moment konnte einer von ihnen den Finger um den Abzug seiner MPi oder Pistole krümmen.

Ein Stück weiter ertönte Geschrei. Jemand wurde aus einem Jeep gezerrt. Es war in Mann im Tarnanzug der US-Streitkräfte. Eine MPi-Salve ratterte. Jemand lachte und rief etwas auf Arabisch.

"Wir sind Angehörige des Deutschen Roten Kreuzes", entrang es sich Johann Weiser. "Wir sind in Ihrem Land, um zu helfen. Warum..."

Weiser brach entsetzt ab, als er, Steiner und Svenson gepackt und fortgezerrt wurden. Ein Kolbenstoß traf den Journalisten. Er ging stöhnend in die Knie, wurde aber unerbittlich weiter getrieben. Zu beiden Seiten der Straße buckelten Hügel. Am Fuße einer dieser Anhöhen stand ein Lastwagen mit einer Plane über der Ladefläche. Die beiden Deutschen und der Engländer mussten aufsteigen. Ein halbes Dutzend Bewaffnete kletterten zu ihnen auf die Ladefläche. Da gab es hölzerne Sitzbänke. Die drei Gefangenen setzten sich und auch die Aufständischen ließen sich nieder.

Hoffnungslosigkeit und Resignation griff nach den drei Männern, deren Schicksal in absoluter Dunkelheit lag.

Die Fahrt ging nach Osten und nach etwa einer Stunde nahm sie das Felsengebirge auf. Das Fahrzeug bog von der Straße ab und benutzte schlechte Feldwege. Staub quoll unter den Rädern in die Höhe. Immer tiefer ging es in die Felswüste hinein. Dann wurde der LKW in eine Schlucht gelenkt und wenig später angehalten. Stimmen erklangen vorne beim Führerhaus. Schließlich ging es weiter. In einem Hochtal wurde der LKW erneut abgebremst und die Gefangenen mussten absteigen. Ihre Wächter sprangen ebenfalls von der Ladefläche.

Steiner, Weiser und Svenson sahen sich um. In einem Unterstand, über den ein Tarnnetz gespannt war, war ein weiterer LKW abgestellt. Daneben stand ein Jeep. Einige Männer, die sich bei den Fahrzeugen befanden, blickten zu ihnen her. Sie wurden auf ein Tor aus Stahlblech zu getrieben, das mit Tarnfarbe gestrichen war und in den Felsen führte. Einige Bewaffnete nahmen sie in Empfang.


*


Fort Conroy, South Carolina, Hauptquartier des Special Task Team Alpha, Büro des STTA-Oberbefehlshabers

Montag, 0732 ETZ


Das Telefon auf General Mantofanis Schreibtisch dudelte. General Mantofani war Oberbefehlshaber der STTA, der Eingreiftruppe, die vor kurzer Zeit ins Leben gerufen wurde und die in den Diensten der UN stand.

Der General drückte einen Knopf. Auf dem Monitor der Telefonanlage erschien das Gesicht Hermann von Schellhorns, seines Zeichens STTA-Attaché beim Sicherheitsrat und für die Verbindung der Spezialeinheit zur Politik zuständig.

"Guten Tag, General", tönte von Schellhorns Stimme aus dem Lautsprecher. "Ich muss Sie leider schon in aller Frühe mit wenig erfreulichen Nachrichten attackieren."

"Reden Sie nicht um den Brei herum, von Schellhorn", grollte Mantofani. "Worum geht es?"

"Soeben wurde durch das Pentagon bekannt gegeben, dass schiitische Aufständler einen Konvoi überfallen haben, der von Bagdad nach Falludscha unterwegs war. Der Überfall fand etwa zehn Meilen vor Falludscha statt."

"Dass die Gewalt zwischen den Koalitionstruppen und den Aufständischen im Irak eskaliert, ist uns allen klar", sagte Mantofani. "Um mir von dem Überfall zu erzählen haben Sie mich aber doch nicht angerufen, von Schellhorn. Also schießen Sie los. Was ist der Grund für Ihren Anruf?"

"Es wurden zwei Deutsche und ein englischer Journalist als Geiseln genommen. Bei den Deutschen handelt es sich um Angehörige des Roten Kreuzes. Die Entführer drohen, die Geiseln zu ermorden, wenn die Engländer ihre Truppen nicht innerhalb einer Woche aus dem Irak abziehen."

"Wer steckt dahinter?"

"Man vermutet hinter der Aktion Moktada el Sadr als Drahtzieher."

"Natürlich", murmelte Mantofani. "Wen auch sonst? Jeder Mann, der im Kampf gegen die Amerikaner sein Leben verliert, ist ein Märtyrer und festigt die Position dieses Burschen. Mit militärischen Mitteln ist ihm nicht beizukommen. Er gewinnt immer mehr Macht und Ansehen."

"Sehr richtig, General. Jetzt verlegt er sich auf Erpressung. Allerdings hat die US-Zivilverwaltung Verhandlungen mit den Geiselnehmern ausgeschlossen. Auch England ist nicht bereit, wegen der Geiseln zu verhandeln."

"Das heißt?"

"Dass STTA gefordert ist, General."

"Ist das nicht eine nationale Angelegenheit?", fragte Mantofani. "Sache der Engländer? Warum verhandeln sie nicht mit den Kidnappern?

"Keine Regierung lässt sich erpressen, General. Das wissen Sie genauso gut wie ich. Man will aber auch die Geiseln nicht ihrem Schicksal überlassen. Darum wurde im Sicherheitsrat der Einsatz von STTA gefordert."

"Weiß man, wo die Geiseln gefangen gehalten werden?"

"Entweder in Falludscha, oder irgendwo in einem Bunker in den Bergen. Aber das ist nur Vermutung."

"Das ist ein Himmelfahrtskommando", gab Mantofani zu verstehen.

"Ja, die Situation ist ernster als je zuvor. Man vermutet, dass es nicht bei der einen Geiselnahme bleibt. Verschiedene nationale Hilfsorganisationen prüfen angesichts der dramatischen Lage ihren Rückzug aus den umkämpften Gebieten."

"Und der amerikanische Präsident spricht immer noch von einem Sieg über den internationalen Terrorismus", knurrte Mantofani. "Es ist ein Hohn."

"Er ist der mächtigste Mann der Welt", versetzte von Schellhorn. "Mag man persönlich von ihm halten, was man will - man sollte es für sich behalten." Es klang wie eine Zurechtweisung.

Mantofani hatte schon eine scharfe Erwiderung auf der Zunge, schluckte sie aber und sagte lediglich: "Sicher, von Schellhorn. Ich verstehe."

"STTA hat sechs Tage Zeit, die Geiseln zu befreien", sagte der deutsche STTA-Attaché. "Eine verdammt kurze Zeit, wenn man bedenkt, dass niemand außer den Entführern weiß, wo die Geiseln festgehalten werden. Es gibt tausend Möglichkeiten."

"Vielen Dank für den Hinweis", kam es etwas spöttisch von Mantofani. "Meine Leute werden die tausend Möglichkeiten in Betracht ziehen. In 144 Stunden können sie wahrscheinlich die Welt aus den Angeln heben."

"Sparen Sie sich Ihren Zynismus, Mantofani", schnarrte die Stimme von Schellhorns. "Er ist angesichts der absolut ernsten Situation unangebracht."

"Ich halte Sie auf dem Laufenden", versprach Mantofani unbeeindruckt, dann beendet er das Gespräch. Sogleich tippte er eine Nummer und ging auf Verbindung. Eine dunkle Stimme meldete sich: "Colonel John Jarrett, Fort Conroy..."

"Mantofani. Colonel, kommen Sie sofort zu mir. Es gibt Arbeit für Sie und Ihr Team."

"Ich bin in zwei Minuten bei Ihnen, Sir."


*


Fort Conroy, South Carolina, Hauptquartier des Special Task Team Alpha, Büro des STTA-Oberbefehlshabers Mantofani,

Montag, 0742 ETZ


"Sechs Tage", murmelte Colonel John Jarrett. Er war Gruppenkommandant der STTA, die aus insgesamt sieben Männern und Frauen bestand. "Eine ausgesprochen kurze Zeit, Sir."

"Ich weiß, Colonel. Niemand weiß, wo die Geiseln festgehalten werden. Das herauszufinden und sie zu befreien ist Ihre Aufgabe. Es ist sicher nicht einfach. Aber denken Sie daran, dass STTA einen Ruf zu wahren hat. Es gibt auch Gegner dieser Einrichtung, und es wäre Wasser auf deren Mühlen, wenn STTA versagen würde."

"Wann fliegen wir?"

"In vier Stunden, würde ich sagen. Besprechen Sie sich mit Ihren Leuten, Colonel. Überlegen Sie sich, wie Sie vorzugehen gedenken. Sie werden mit einer Militärmaschine nach Bagdad geflogen. Sobald Sie abgesetzt werden, sind Sie und Ihre Mannschaft auf sich alleine gestellt."

Jarrett, der vor dem Schreibtisch des Generals auf einem Stuhl saß, erhob sich und nahm Haltung an. "Wir werden unser Bestes geben, Sir. Ob unserer Mission Erfolg beschieden sein wird, kann ich leider nicht voraussagen. Aber wir werden alles daransetzen."

"Das weiß ich, Colonel. Ich wünsche Ihnen und Ihren Leuten Hals- und Beinbruch. Kommen Sie gesund wieder - und kommen Sie vor allem mit einer Erfolgsmeldung zurück. Ich verlasse mich auf Sie."

Mantofani kam um den Schreibtisch herum und reichte Jarrett die Hand. Der Colonel schüttelte sie, dann salutierte er, machte kehrt und verließ das Büro des Generals.


*


Fort Conroy, South Carolina

Montag, 0750 ETZ


Sämtliche Mitglieder des STTA-Teams fanden sich im Besprechungszimmer ein. Zuletzt kam Martin Schnurrer, der Vertreter Jarretts. Er lächelte entschuldigend in die Runde und setzte sich.

"Einer kommt immer zu spät", schimpfte Dr. Longtree, meinte es aber nicht so ernst, wie es vielleicht den Eindruck hatte.

"Tut mit leid", erwiderte Schnurrer. "Ich stand unter der Dusche."

Sie waren vollzählig. Da waren die beiden Ladys des Teams, Dr. Ina Longtree und Angel Morales. Dr. Longtree begleitete das Team als Ärztin. Neben ihr hatte Sergeant Alfredo Rossero, der Nahkampfspezialist, der einer italienischen Eliteeinheit angehört hatte, Platz genommen. Außerdem waren noch Pierre Dupont, der Computerspezialist, und Wladimir Iwanow, der Motorisierungsexperte, anwesend.

Es war eine internationale Besetzung. Jedes Mitglied der Gruppe war für sich ein Spezialist. Einer war im Einsatz auf den anderen angewiesen. Einer für alle, alle für einen. Das war die Devise. Dieser Kodex war ihnen vom ersten Tag an eingeimpft worden.

"Okay", begann Colonel Jarrett. "Ein neuer Einsatz steht bevor, Leute. Im Irak haben schiitische Aufständische zwei Deutsche und einen Engländer als Geiseln genommen. Sie verlangen, dass England seine Truppen aus dem Irak abzieht. In und um den Irak sind derzeit etwa 11.000 Briten stationiert. Dazu kommen 15.000 Soldaten aus anderen Nationen. Die größten Kontingente haben Italien, Polen, die Ukraine, Spanien und Holland entsandt. Es besteht die Gefahr, dass weitere Geiseln aus den besagten Ländern genommen werden."

"Sollen wir die Geiseln etwa befreien?", kam sogleich die Frage von Alfredo Rossero. "Warum lenkt die englische Regierung nicht ein?"

"Weil die englische Regierung nicht erpressbar ist", versetzte der Colonel. "Ebenso wenig wie die amerikanische, die deutsche, die polnische und so weiter und so fort. Man will dem Terrorismus keinen Hebel bieten. Geht man einmal auf die Forderungen der Geiselnehmer ein, ist kein Ende von Erpressungen ähnlicher Art abzusehen."

Details

Seiten
700
Jahr
2021
ISBN (ePUB)
9783738954548
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Juli)
Schlagworte
überlebenschance prozent spannungsromane

Autoren

  • Alfred Bekker (Autor:in)

  • Pete Hackett (Autor:in)

  • Horst Friedrichs (Autor:in)

  • W. K. Giesa (Autor:in)

  • Theodor Horschelt (Autor:in)

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Titel: Überlebenschance null Prozent: 5 Spannungsromane