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Eine Frau wie Alexandra: Auswahlband 5 Arztromane

von Glenn Stirling (Autor:in) A. F. Morland (Autor:in) Thomas West (Autor:in)
600 Seiten

Leseprobe

Eine Frau wie Alexandra: Auswahlband 5 Arztromane

Glenn Stirling, Thomas West, A.F.Morland

Dieser Band enthält folgende Romane:


Der Arzt mit den heilenden Händen (Glenn Stirling)

Ein Arzt zum Verlieben (Glenn Stirling)

Zeuge der Verteidigung (Glenn Stirling)

Die Ärztin und ihr Rosenkavalier (A.F.Morland)

Wendepunkt des Schicksals (Thomas West)


Der junge, attraktive und äußerst kompetente Assistenzarzt Dr. Hans Wildberg arbeitet in der Klinik – und im Schatten – seines erfolgreichen Vaters Professor Franz Wildberg, einem Gynäkologen von Weltruf. Die Affäre mit der älteren, vermögenden Roswitha Leuscher, die sich seinetwegen scheiden lassen will, würde Hans die Möglichkeit geben, der Kontrolle seines übermächtigen Vaters zu entfliehen und eine eigene Praxis in München zu eröffnen. Aber er will sich nicht binden und in die nächste Abhängigkeit begeben, dafür liebt er seine Freiheit viel zu sehr. Weil Roswitha ihn bedrängt, nimmt er kurzentschlossen eine Assistenzarztstelle bei Dr. Florian Winter in der Paul-Ehrlich-Klinik in Bonn an – auch dort fliegen ihm die Frauenherzen zu und die männlichen Kollegen neiden ihm seinen Erfolg als Arzt und beim weiblichen Geschlecht ...


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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author /

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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Der Arzt mit den heilenden Händen


Arztroman von Glenn Stirling


Der Umfang dieses Buchs entspricht 191 Taschenbuchseiten.


Nach dem Tod ihres Mannes muss Marianne Stich das Geschäft allein führen. Sie ist vollkommen überfordert mit der Arbeit und der großen Verantwortung, zumal sie von ihrer Tochter Monika keine Hilfe erhält. Die Unternehmerin ist ständig ist die in Sorge, dass die Konkurrenzfirma Kühn ihr die Kunden wegnimmt. Da macht ihr Körper den Stress nicht mehr mit – Fieber, Ohnmacht und eine seltsame Bläschenerkrankung bringen sie in die Paul-Ehrlich-Klinik. Dort ist nicht klar, ob Marianne Stich eine schwere Virusinfektion hat oder ob die Symptome psychosomatischer Natur sind. Der Dermatologe Dr. Karl versucht, seine Patientin auf unorthodoxe Weise zu heilen: durch mitfühlende Gespräche und mit seinen heilenden Händen ...


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© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

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1

Als sie aufstehen wollte, spürte sie, wie ihre Knie nachgaben. Sie umkrampfte mit beiden Händen die Kante des Schreibtisches, starrte in das Licht der Lampe und meinte, Tausende von roten Punkten im Lichtkreis tanzen zu sehen. Schweiß brach ihr aus.

Ich bin krank, dachte sie und zwang sich mit aller Macht, auf den Beinen zu bleiben. Wie eine Greisin kämpfte sich die vierzigjährige Frau zum Fenster hin.

Frische Luft, ich brauche frische Luft!, dachte sie verzweifelt.

Als sie dann endlich am Fenster stand, hatte sie nicht mehr die Kraft, den Riegel hochzuschieben. Sie starrte hinaus in die Dunkelheit, presste ihre Stirn an die kühle Scheibe, und das tat ihr gut. Es wirkte wie Eis, aber zugleich wurden ihre Sinne wacher. Sie hing mehr am Fenster, als dass sie stand. Doch allmählich fühlte sie sich wesentlich besser. Ihre Energie kehrte zurück. Sie begann jetzt, bewusst Dinge wahrzunehmen, die sie draußen im Schein der Hoflaterne erkennen konnte, und dann sah sie drüben am Tor die beiden Gestalten.

Sie fühlte sich so viel besser, dass es ihr jetzt gelang, das Fenster zu öffnen. Sie tat es so leise wie möglich, beugte sich hinaus, und die frische Luft fuhr ihr fächelnd über die Haut des Gesichtes, weckte in ihr zusätzliche Energien.

Es ist nichts als Überarbeitung, dachte sie. Ich bin einfach fix und fertig. Jeden Abend bis um elf, das ist zu viel. Aber da drüben, das ist doch bestimmt Moni; Moni und ihr Soldat.

Die beiden standen im Schlagschatten einer Hausecke. Nun aber, als sie sich trennten und jeder von ihnen seiner Wege ging, konnte sie beide erkennen. Einmal die große, hagere Gestalt des jungen Mannes, der sich entfernte, und dann die graziöse, zierliche Figur ihrer Tochter mit dem ausgreifenden Schritt. Den hat sie von ihrem Vater. Mein Gott, wenn Fritz noch am Leben wäre, brauchte ich nicht so zu schuften. Jetzt hab ich das alles hier am Halse. Ich glaube, lange schaff ich das nicht mehr. Es ist einfach zu viel. Aber einer muss es doch machen. Sie schloss das Fenster, ging wieder um den Schreibtisch herum und ließ sich in den Sessel sinken. Sie fühlte sich schon viel besser als vorhin. Aber der kalte Schweiß stand ihr noch immer auf der Stirn. Sie nahm ihr Taschentuch aus der Handtasche, spritzte etwas Eau de Cologne darüber und tupfte sich über Schläfen und Stirn.

In diesem Augenblick kam ihre Tochter herein: jung, rosig wie eine Knospe. Ihren Trenchcoat trug sie lässig über dem Arm, sodass ihre Mutter das dunkelblaue Kleid sehen konnte, das sie trug.

„Hallo!“, rief Monika, „machst du durch bis morgen früh?“ Es klang weniger besorgt als spöttisch.

Sie hat noch niemals gefragt, ob sie mir nicht vielleicht einmal helfen könnte, dachte die Frau. Komisch, jetzt trägt sie wieder ein Kleid. Jahrelang hat sie nichts von Kleidern wissen wollen. Ist immer in Hosen herumgelaufen. Und nun plötzlich gleich das beste Kleid. Es muss daran liegen, dass sie den Jungen hat.

„Warum sagst du nichts?“, fragte Monika und stemmte sich an die hintere Kante des Schreibtisches. Dann griff sie mit der Linken zur Lampe und drehte sie so, dass der Lichtschein ihrer Mutter ins Gesicht fiel.

„Du siehst müde, ja, du siehst krank aus“, stellte Monika fest, „du arbeitest einfach zu viel. Es ist Wahnsinn, was du mit deiner Gesundheit treibst, einfach Raubbau.“

„Hast du noch ein paar gute Ratschläge? Vielleicht kannst du mir auch sagen, wer die Arbeit hier macht!“

Monika musterte ihre Mutter mit dem unschuldigsten Blick der Welt: „Warum stellst du dir niemand ein?“

Marianne Stich wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. „Wenn ich so könnte, wie ich wollte“, entgegnete sie. „Hast du schon mal davon gehört, dass die Leute für das, was sie tun, Geld verlangen? Wie wäre es denn mit dir?“

„Mit mir? Aber ich habe doch gar nicht Kaufmann gelernt, Mama.“

„Ja, du hast dein Abitur. Und was weiter?“

„Das weißt du doch selbst. Ich warte auf einen Studienplatz. Was kann ich dafür, dass es nicht genug gibt. So wie mir geht es vielen.“

Marianne Stich nickte nachdenklich. Sie strich sich über die Stirn, die wieder feucht geworden war. Wieder dieser kalte Schweiß, wieder dieser klopfende Herzschlag, dieser harte Puls, dass ihr war, als müsste das sogar Monika hören.

Monika hatte sich auf die Kante des Tisches gesetzt, der zwischen den beiden Sesseln in der Ecke stand. Sie begann zu kippeln. Marianne Stich wollte schon etwas sagen, aber sie schwieg. Ihr war mit einem Male so heiß. Ich habe Fieber, dachte sie. Ganz bestimmt habe ich Fieber. Wenn ich nach Hause komme, werde ich messen. Was ist nur mit mir los? Unter meinen Achseln brennt es wie Feuer. Ich muss einmal ausspannen. Aber wie soll ich das schaffen? Wer macht hier die Arbeit? Dann können wir das Geschäft schließen. Oder jemanden einstellen, wie Monika sagt ... Völlig unmöglicher Gedanke!

„Sag mal, Mama, ist was mit dir?“, fragte Monika, stand auf und trat nun wieder an den Schreibtisch heran. Wie vorhin schon leuchtete sie mit der Lampe der Mutter ins Gesicht. Sie schlug, geblendet die Hände vor die Augen und keuchte zornig: „Lass das!“

Aber Monika kannte die Mutter viel zu gut, um nicht diesen eigenartigen Unterton herauszuhören. Das war wie damals, vor vier Jahren, als Vater gestorben war.

„Mama, du hast irgendwas. Du bist krank, Mama. Komm, wir gehn nach Hause!“

Marianne Stich schüttelte müde den Kopf. „Ich kann nicht. Das muss fertig sein. Morgen kommt der Steuerberater. Sie hatte kaum noch die Kraft zum Sprechen. Alles begann sich um sie zu drehen. Sie fürchtete, vom Stuhl zu rutschen. Ängstlich klammerte sie sich an der Tischkante fest, als könne das ihren Sturz verhindern. Dieses Schwanken, dieses Drehen um sie herum wurde immer schlimmer. Es flimmerte ihr vor Augen. Ihr wurde vom Rücken herauf eiskalt. Eben hatte sie noch geschwitzt. Jetzt fror sie. Sie hätte am liebsten mit den Zähnen geklappert. Aber sie biss sie zusammen. Aus Angst, aus Verzweiflung oder um ihre letzten Energiereserven zu mobilisieren?

„Mama!“ Monika war jetzt neben ihre Mutter getreten und beugte sich über sie, legte ihr den Arm um die Schultern und sagte noch einmal eindringlich: „Mama, steh auf!

Komm, wir gehen nach Hause! Komm, ich fahre. Ich bringe dich zum Wagen.“

„Du hast keinen Führerschein“, brachte Marianne mühsam heraus. Aufstehen, dachte sie, da wäre unmöglich. Ich würde zusammenbrechen. Meine Knie sind wie Pudding. Alles dreht sich um mich. Ich kann mir doch, um Himmels willen, keine Krankheit leisten. Was soll aus dem Geschäft werden? Monika ist unfähig, den Laden hier zu führen; völlig ausgeschlossen. Ein Mann müsste her oder jemand, der etwas von dem versteht, was hier getan werden muss. Du lieber Gott, warum hast du mir Fritz genommen? Warum hast du es so früh getan? Ich bin doch keine alte Frau. Damals war ich noch nicht einmal sechsunddreißig. Es ist furchtbar. Es ist einfach entsetzlich, so allein zu sein. Natürlich, ich habe Monika. Aber die hat ihre eigene Welt. Was verbindet uns denn in Wirklichkeit noch? Sie sitzt mit mir am Tisch, und auch das ist selten genug geworden. Seit sie ihren Freund hat, diesen Horst, nutzt sie jede freie Minute, um mit ihm zusammen zu sein. Und die übrige Zeit arbeitet sie als Praktikantin im Krankenhaus. Es wäre besser gewesen, sie hätte sich um meinen Betrieb gekümmert. Sie hat Abitur, in Ordnung. Aber sie könnte doch Kaufmann lernen. Sie könnte es bei mir tun. Sie könnte ...

„Mama, was ist mit dir? Mama, um Himmels willen ... jetzt wird sie ohnmächtig!“

Das hörte Marianne Stich noch, und dann war ihr, als sinke sie in einen tiefen, dunklen Schlund.

Monika Stich hatte Mühe, ihre Mutter zu halten, die vom Stuhl zu rutschen drohte.

Im ersten Augenblick wähnte Monika ihre Mutter tot. Voller Entsetzen versuchte sie, den Puls zu fühlen, aber sie hörte nur den eigenen hämmernden Herzschlag.

Was mach ich nur, was mach ich nur?, dachte sie, und hielt noch immer die Mutter, deren Kopf auf die Brust gesunken war.

Ich muss sie auf den Boden legen, auf die Seite. Ich muss irgendetwas tun, um festzustellen, ob sie noch lebt, dachte Monika voller Verzweiflung und versuchte, ihre Mutter vom Stuhl herunterzuziehen. Aber der Körper der Frau war viel schwerer, als Monika erwartet hatte. Es war für sie eine Überraschung, dass ein Mensch, der so schlank war wie Mama, so schwer sein konnte. Aber sie schaffte es. So grazil sie auch gebaut war, Kraft hatte sie. Als ihre Mutter am Boden lag, wälzte Monika sie auf die Seite und erinnerte sich vage an das, was sie einmal in einem Erste-Hilfe-Kursus gelernt hatte.

Ihre Mutter röchelte, und wenig später schlug sie die Augen auf.

Erleichtert kniete Monika vor ihr, sah die Mutter an, die ein wenig ratlos auf die Tochter schaute.

„Ich bin so froh, Mama. Um Gottes willen, du bist ohnmächtig geworden. Du musst sofort ins Bett. Ich werde ein Taxi holen, Mama. Ich werde ...“

Marianne Stich versuchte, sich aufzurichten. Aber es gelang ihr nicht auf Anhieb. Monika half ihr und zog sie, ohne Rücksicht auf das dunkle Kostüm der Mutter, zur Wand hin.

„Mein Rock, du verdirbst mir meinen Rock“, keuchte Marianne Stich, als sei dieser Rock im Augenblick das Wichtigste der Welt.

„Warte hier, Mama. Ich hole etwas zum Trinken.“

Sie lief nach nebenan und kam kurz danach mit einer Tasse, halb gefüllt mit Wasser, zurück.

Marianne Stich trank nur ein paar Schlucke. Da fühlte sie sich schon ein wenig besser. Aber die Kraft zum Aufstehen hatte sie nicht. War ihr eben noch der Rock so wichtig erschienen, hatte auch dies nun keine Bedeutung mehr. Der einzige Gedanke, den sie hatte, war schlafen, einfach ausruhen, nichts mehr sehen, denken, hören müssen.

„Mama, ich rufe ein Taxi, warte.“ Plötzlich hörte Monika draußen auf dem Hof Schritte. Sie blickte zum Fenster, aber darin spiegelte sich die Lampe. Da ging sie ein Stück näher und sah auf den Hof hinaus. Draußen überquerte ein Mann den Hof und ging direkt auf den Lastzug zu, der drüben außerhalb des Lichtscheins der Lampen stand.

„Wer ist das? Da draußen der Lastwagen. Da geht jemand hin. Kennst du den? Soll ich den rufen, Mama?“

„Ach ... das ist Thiessen. Er konnte nicht mehr abladen. Er ist gekommen, als schon Feierabend war. Er wartet ... wartet bis morgen, bis die Leute kommen.“

„Das ist doch jetzt nicht wichtig, Mama. Soll ich ihn rufen? Vielleicht kann er mir helfen. Du bist zu schwer für mich. Ich möchte dich wieder auf den Stuhl setzen oder dich irgendwie hinaustragen und wegschaffen, nach Hause. Am besten aber, ich rufe einen Arzt. Mama, du bist ganz heiß. Du glühst ja. Du musst Fieber haben.“

Ja, dachte Marianne Stich, Fieber habe ich bestimmt, und unter meinen Armen glüht es. Was ist das bloß, was so brennt? Ich hab aber nicht die Kraft, um nachzusehen. Was hat mich nur erwischt? Ob das eine Erkältung ist? Auch mit meinem Unterleib stimmt etwas nicht. Ich muss dringend zum Arzt. Aber zu meinem Arzt, und nicht zu irgendeinem, den ich nicht kenne.“

„Nein, Monika, kein Arzt. Ein Taxi, ruf ein Taxi.“

Aber Monika hatte sich schon entschieden, diesen Herrn Thiessen, den Mama offensichtlich kannte, zu Hilfe zu rufen.

Als sie hinausstürmte, rief ihre Mutter ihr nach, sie solle dableiben, aber Monika stürmte weiter, rannte auf den Hof, sah, dass der Mann drüben stehen blieb und rief: „Sind Sie Herr Thiessen?“

„Ja, der bin ich“, erwiderte eine sonore Stimme, die von den Wänden der Gebäude rings um den Hof widerhallte. „Ist was passiert?“

„Herr Thiessen, meine Mutter ... sie ist zusammengebrochen. Ich weiß nicht, was sie hat. Sie muss krank sein. Können Sie mir helfen?“

Sie hatte diese Frage noch gar nicht ganz ausgesprochen, da kam ihr der Mann schon entgegen. Zuerst in langen Schritten, dann lief er.

Als er in den Lichtkreis der Lampe geriet, die über dem Hof brannte, sah Monika mehr von ihm. Er war ein mittelgroßer, breitschultriger Mann, etwa Mitte vierzig, hatte schon ein wenig spärliches blondes Haar, wirkte aber sehr kräftig und vital. Er hielt seine Lederjacke in der Linken und stürmte jetzt auf Monika zu. „Wo ist sie denn? In ihrem Büro?“

Monika nickte nur, und er sagte, während er an ihr vorbeilief: „Ich hab sie doch vorhin noch gesehen. Wir haben uns noch unterhalten. Da wirkte sie zwar etwas müde, aber sonst ...“

Er war schon drinnen.

Marianne Stich, die sich ein wenig besser fühlte, sah zu ihm auf. Sie lächelte gequält, und er streckte ihr sofort beide Hände entgegen. „Was machen Sie für Sachen, Frau Stich? Sie waren doch vorhin noch ganz fit. Nun kommen Sie mal. Jetzt will ich Ihnen erst mal aufhelfen. Sie sitzen da wie ein armes Hühnchen in der Ecke.“

Er hatte sie schon gefasst, an den Oberarmen gepackt, aber das war für Marianne Stich entsetzlich schmerzhaft. Ihr war, als fasse er in offene Wunden. Sie schrie auf, und er ließ sofort los.

„Was ist denn? Tu ich Ihnen weh? Was haben Sie denn?“

Ihr wurde fast schlecht vor Schmerz. Sie sah zu ihm auf. „Ich weiß nicht.“ Ihr Atem ging keuchend. „Ich weiß wirklich nicht. Es tut weh, wenn Sie mich da anfassen. Hier ... meine Hände. Nehmen Sie meine Hände.“

Er bemühte sich, sie auf diese Weise hochzuheben, und es gelang. Sie stand zittrig und drohte mit den Beinen einzuknicken. Er konnte sie gerade noch auf den Stuhl setzen.

„Was ist denn mit Ihren Armen?“ Er griff nach ihrer Stirn. „Sie haben ja hohes Fieber. Um Gottes willen, Sie müssen sofort ins Bett!“ Er blickte Monika an. „Rufen Sie ein Taxi. Oder ist es nicht weit zu Ihnen? Ich könnte Sie auch tragen.“

„Nein, nein“, sagte Monika, „es ist ein ganzes Stück bis nach Hause. Wir wohnen hier draußen vor der Stadt.“

„In Ordnung, rufen Sie ein Taxi, rasch!“

Monika nahm den Hörer ab und wählte. Thiessen beugte sich indessen über Marianne Stich und sagte tröstend: „Wir bringen das schon in Ordnung. Aber ein Arzt muss her. Das ist nichts, was so von alleine wieder verschwindet. Wozu haben wir die Ärzte? Wozu zahlen Sie in die Krankenkasse, wer weiß wie viel? Na, jetzt lächeln Sie ja. Wir packen das schon. Machen Sie sich mal keine Sorgen.“

„Der Betrieb ... Was soll denn werden... ? Ich muss doch hier sein. Niemand weiß sonst Bescheid.“

„Niemand weiß Bescheid? Gibt es doch gar nicht. Ich werde morgen mit Marconi reden.“

Sie schloss die Augen, schüttelte kaum merklich den Kopf. „Marconi geht weg“, sagte sie leise, dass er Mühe hatte, sie überhaupt zu hören, „Marconi ist abgeworben, geht zu Kühn.“

„Zu Kühn? Dieser Verräter! Ah ja“, meinte Thiessen, „ich fahre mit meinem Zug ja auch für ihn. Ich fahre für jeden, der mir eine Fracht gibt. Es ist nun mal ein Kühlzug, aber ich muss schon sagen, Frau Stich, zu Ihnen bin ich immer lieber gekommen als zu Kühn. Das ist eine richtige große Firma. Da ist man nur Dreck. Da ist man niemand. Mit Ihnen konnte man schon mal ein nettes Wort sprechen und mit Ihren Leuten ebenfalls. Da war man ein Mensch unter Menschen.“ Er blickte auf, sah, dass Monika gerade den Hörer auflegte. Sie nickte ihm zu. „Das Taxi kommt“, sagte sie.

„Na, sehen Sie, gleich kommt der Wagen, und da setzen wir Sie hinein. Ich werde mitfahren, es sei denn, Sie wollen meine Hilfe nicht.“ Er wandte sich fragend an Monika.

„Natürlich wollen wir die, aber Sie brauchen ja auch Ihren Schlaf.“

„Ach was, ich schlafe genug. Bis morgen früh ist noch viel Zeit. Sie sollten einen Arzt anrufen, Fräulein. Er sollte kommen, wenn wir Ihre Mutter draußen haben.“

„Ich rufe Doktor Leibnitz an, Mama“, sagte Monika, und es klang mehr wie eine Bitte um Einverständnis. Fragend sah sie die Mutter an.

„Nun machen Sie schon!“, forderte sie Thiessen auf. „Rufen Sie an!“

Sie tat es, aber schon nach kurzer Zeit legte sie den Hörer wieder auf. „Er hat keinen Dienst, da läuft eine Schallplatte. Es ist jetzt bald halb zwölf.“ Sie sah Thiessen ratlos an.

„Macht nichts, rufen Sie den Notarzt an“, forderte er sie auf.

„Nein ... nein, ich will keinen anderen Arzt, ich will ...“ Weiter kam Marianne Stich nicht. Ihr wurde wieder schlecht. Eine neue Ohnmacht nahte.

„Nun machen Sie schon, den Notarzt, rasch! Am besten den Krankenwagen. Sie muss in die Klinik.“ Draußen fuhr ein Fahrzeug in den Hof. Das Scheinwerferbündel streifte über die Wände der Gebäude, huschte an dem Sattelschlepper Thiessens vorbei, und dann tauchte der Wagen selbst direkt vor dem Fenster auf.

„Das Taxi ist da!“, rief Monika.

„In Ordnung, dann schaffen wir sie mit dem Taxi ins Krankenhaus. In welches am besten? Ich kenne mich hier nicht so genau aus.“

„Am besten in die Paul-Ehrlich-Klinik“, meinte Monika, „dort mache ich ein Praktikum. Vielleicht ...“

Sie sprach nicht weiter, und Thiessen versuchte auch nicht zu erraten, was sie vielleicht sagen wollte. Er deutete auf die Tür und rief: „Monika, holen Sie den Mann herein. Er kann mir helfen, Ihre Mutter hinauszubringen. Gehen Sie, rasch!“ Aber Monika beeilte sich schon von sich aus. Wenig später kam sie mit dem Taxifahrer herein, und die beiden Männer brachten Marianne Stich zum Wagen. Sie war wieder zu sich gekommen, hatte aber nicht die Kraft, auf eigenen Beinen zu gehen. Als sie dann hinten im Fond saß und Thiessen sie festhielt, sagte Monika zu dem Taxifahrer: „Zur Paul-Ehrlich-Klinik. Fahren Sie bitte nicht zu schnell! Ich weiß, dass sie das nicht verträgt.“

„Nicht ins Krankenhaus, nicht in die Klinik“, keuchte Marianne Stich, „ich muss mich doch um den Betrieb kümmern, ich muss mich doch ...“

„Still!“, meinte Thiessen. „Frau Stich, Sie müssen vernünftig sein. Ich werde mich um alles kümmern, wenn Sie das wollen. Morgen habe ich noch ein paar Stunden Zeit dazu. Ich werde mir einfach diese Zeit nehmen. Und Ihre Tochter wird auch tun, was sie kann.“

„Aber die versteht doch nichts vom Geschäft. Die Ware, die Sie haben ... die muss doch weiter, die muss doch ...“

„Nichts muss. Sie haben ein Kühlhaus. Auf eine Stunde mehr oder weniger kommt es nicht an. Ich werde das für Sie regeln. Und was die Ware angeht, auch darum kümmere ich mich.“

Die letzten Worte hatte sie nicht mehr gehört. Sie war abermals ohnmächtig geworden.

„Ich glaube, Sie können ruhig etwas schneller fahren“, sagte Thiessen. „Jetzt ist sie bewusstlos, und ich denke, wir haben keine Zeit zu verschwenden.“



2

Ernst Thiessen und Monika Stich saßen wie arme Sünder auf der Bank draußen auf dem langen Gang.

Monika hatte die Hände ineinander verschlungen und starrte auf das schwarzweiße Mosaik der Fliesen. Ernst Thiessen las zum soundsovielten Male das Plakat an der Wand gegenüber, das zur Vorsorge gegen Krebs aufrief. Aber seine Gedanken waren weit vom Text des Plakates entfernt. Wann endlich, dachte er, kommen sie und sagen uns Bescheid?

Es war still auf dem langen Gang, jetzt um ein Uhr in der Nacht. Gleich nebenan die Tür führte zum Untersuchungsraum der Inneren Abteilung. In ihm lag Marianne Stich und wurde von dem diensttuenden Arzt untersucht. Es war noch ein sehr junger Mann, und Ernst Thiessen hatte instinktiv wenig Zutrauen zu ihm. Anders Monika, die alle Hoffnung auf diese Untersuchung setzte und ein gutes Ergebnis erflehte.

Plötzlich wurde die Tür von diesem Raum geöffnet. Beide, Monika und auch Ernst Thiessen, schraken zusammen, obgleich sie doch die ganze Zeit mit diesem Geräusch gerechnet hatten. Ihre Köpfe ruckten herum, und dann sahen sie diese ältere Schwester, die vorhin schon dagewesen war, als sie Marianne Stich eingeliefert hatten. Sie kam zu ihnen und sagte, an Ernst Thiessen gewandt: „Sie sind sicher der Ehemann, nicht wahr?“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, nein, ich bin nur zufällig dagewesen“, er sah auf Monika, „das ist die Tochter.“

Die Schwester wandte sich sofort Monika zu und sagte: „Wir müssen Ihre Mutter hierbehalten.“

„Was hat sie denn? Was ist das denn?“

„Das steht noch nicht ganz fest, aber wir vermuten, dass es sich um eine Gürtelrose handelt. Auf alle Fälle bleibt sie hier. Wir werden sie gut behandeln. Sie können beruhigt nach Hause fahren.“ Die Schwester lächelte. „Seien Sie nicht so traurig. Vielleicht rufen Sie morgen früh einmal an oder kommen vorbei.“

„Wie geht es ihr denn? Ist sie in Lebensgefahr?“

Die Schwester schüttelte den Kopf. „Nein, nein, das nicht. Wir müssen nur noch einige Untersuchungen anstellen.“

„Können wir das nicht mal mit dem Arzt besprechen?“, fragte Ernst Thiessen zielstrebig.

Die Schwester machte sofort ein beleidigtes Gesicht. „Glauben Sie mir nicht?“

„Natürlich glaube ich Ihnen, aber ich möchte gerne ein paar Fragen stellen.“

„Ja, der Herr Doktor ist aber noch sehr beschäftigt. Wir haben noch einen anderen Fall. Es wäre besser, Sie fragten morgen nach. Sind Sie überhaupt ein Verwandter? Wenn nicht, bekommen Sie sowieso keine Auskunft.“

„Aber ich werde sie doch bekommen“, erklärte Monika, die Ernst Thiessens Frage vernünftig fand.

„Sie natürlich als Tochter, aber im Augenblick ist das nicht mehr möglich. Ich habe Ihnen ja erklärt ...“

Die Schwester war längst nicht mehr so freundlich. Vielleicht fühlte sie sich gekränkt dadurch, dass man ihr nicht traute, eine fachlich einwandfreie Auskunft geben zu können.

„Ist meine Mutter wieder bei Bewusstsein?“, wollte Monika wissen.

„Ja, das ist sie, aber es ist besser, wenn Sie nicht zu ihr gehen. Wir wissen noch nicht genau, ob es sich um Herpes Zoster handelt. Aber Sie wollten ja mit dem Herrn Doktor reden. Das können Sie morgen früh tun. Da ist auch der Stationsarzt da.“

„Ich muss aber noch mal mit meiner Mutter sprechen, ich muss. Es ist ganz wichtig. Es geht um sehr viel Geld.“

„Also gut, dann kommen Sie“, sagte die Schwester zu Monika. Als sich Ernst Thiessen aber ebenfalls erhob, fuhr sie ihn an: „Sie können nicht mit.“

„Sind Sie aber nett!“, knurrte Ernst Thiessen.

Als Monika zu ihrer Mutter kam, die gerade in eines der Zimmer gefahren werden sollte, war der Arzt noch dabei.

Entrüstet wandte er sich an die Schwester. „Was soll das?“

„Es ist sehr wichtig“, sagte sie. Monika sah besorgt auf ihre Mutter. Die hatte den Kopf zur Seite geneigt und blickte ihre Tochter an, schlapp, erschöpft, wie nach einem schweren Kampf. „Monika ... die ganze Ladung Fisch. Was sollen wir nur machen?“

„Kümmere dich nicht darum, Mama. Ernst Thiessen und ich werden schon einen Weg finden. Er hat gesagt, er wüsste eine Lösung.“

„Eine Lösung? Ihr könnt den Fisch nicht verarbeiten, wenn ich nicht da bin. Ihr wisst nicht ...“

„Wir regeln das. Mach dir keine Sorgen, Mama. Es geht nichts kaputt, und es geht dir nichts verloren. Werde du erst mal gesund“, beruhigte sie Monika.

„Das ist genug jetzt. Sie muss weggebracht werden“, meinte der Arzt.

„Alles Gute, Mama!“, rief Monika ihrer Mutter nach, als die, auf der Trage liegend, weggeschoben wurde.

„Sie müssen jetzt gehen, liebes Kind“, erklärte die ältere Schwester.

Monika hatte es schon auf der Zunge, der Schwester zu sagen, dass sie sich nicht als „liebes Kind“ fühlte, aber sie unterließ es, trat hinaus auf den Gang, wo Ernst Thiessen schon wartete.

„Sie macht sich Sorgen um den Fisch, fünfzehn Tonnen Fisch.“

Ernst Thiessen kratzte sich am Hinterkopf. „Dieselben Sorgen mache ich mir auch.“

„Ich habe so getan, als wüssten wir eine Lösung“, meinte Monika.

„Na ja, ich sehe eine Chance. Aber ob es eine Lösung ist? Ich müsste mit Kühn sprechen.“

„Mit Kühn? Unserem großen Konkurrenten? Wissen Sie nicht, Herr Thiessen, dass der uns schon Marconi abgeluchst hat?“

„Ja, ich habe es gehört. Es ist eine Gemeinheit. Was macht ihr denn ohne Koch?“

Monika hatte nicht die geringste Ahnung und zuckte die Schultern.

„Ich kann es recht gut mit Kühn. Vielleicht lässt er sich erweichen und nimmt den Fisch ab. Ich hätte ihm sowieso in drei Tagen eine Ladung bringen müssen. Ich glaube schon, dass er den Fisch übernimmt.“

„Und den in drei Tagen, den müsste er ebenfalls übernehmen.“

„Das wird er auch tun. Wie ich Kühn kenne, wittert er hier eine Chance, nämlich in Ihren Kundenkreis einzudringen.“

„Ich habe gar keine Ahnung, wie viel Kunden wir haben. Ich habe überhaupt von dem Geschäft keine Ahnung“, meinte Monika, und zum ersten Male in ihrem Leben bedauerte sie das. Bisher hatte sie nie in den Betrieb „hineinriechen“ wollen. Aber jetzt begann sie zu begreifen, was die Mutter immer gewollt hatte, wenn sie mit ihrem Wunsch kam, dass Monika doch mit ihr im Betrieb arbeiten sollte, statt Ärztin zu werden, wie sie es vorhatte. Aber ob das je etwas werden würde, war ohnehin ungewiss. Es gab ja viel zu wenig Studienplätze. Ihr Abitur war auch nicht so glorreich, dass sie sich eine große Chance errechnen konnte. Blieb nur die Losauswahl, und das war eben doch mehr oder weniger ein Lotteriespiel. Indem sie als Praktikantin in der Paul-Ehrlich-Klinik arbeitete, erhoffte sie sich ein Vergrößern der Chance, in die nähere Auswahl zu gelangen. Aber ob ihr das wirklich half, wusste sie nicht.

„Ich werde mit Kühn reden“, erklärte Ernst Thiessen wieder, „auf alle Fälle wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Machen Sie sich mal keine Sorgen, Fräulein.“

„Sie haben sich so bemüht. Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll, Herr Thiessen.“

„Ach, lassen Sie mal“, winkte er ab. „Wissen Sie, Fräulein Monika, ich kenne Ihre Mutter ja auch schon eine ganze Zeit. Damals als Ihr Vater starb, da hat sie ihren Mut bewiesen, der mir immer imponiert hat. Sie hat in ihre schmalen Hände den Betrieb genommen und weitergeführt, obgleich das, wie man jetzt sieht, über ihre Kraft gegangen ist. Sie hätte Hilfe gebraucht. Aber mir selbst geht es ja ähnlich. Ich kämpfe auch. Und meine Situation ist gar nicht so viel anders als die Ihrer Mutter. Sehen Sie, ich fahre allein. Mir gehört der Lastzug.“ Er lachte. „Na ja, eigentlich gehört er der Bank, denn er läuft ja mehr auf Wechseln als auf Gummi. Die Konkurrenz ist groß, und das drückt auf die Preise. Ich hätte auch jemand nötig, der mir hilft. Meine Frau, die ist früher auch gefahren, aber jetzt ...“ Er sprach nicht weiter.

„Ist sie krank?“, fragte Monika besorgt.

Er schüttelte den Kopf. „Sie ist vor drei Jahren gestorben. An einer Lebergeschichte, Viruserkrankung haben die Ärzte gesagt, und das hatten wir uns im Urlaub geholt, dem einzigen Urlaub unseres Lebens; dem einzig richtigen. In Spanien sind wir gewesen. Ach was“, winkte er ab, „reden wir nicht mehr davon. Kümmern wir uns jetzt einmal um das, was hier wirklich wichtig ist: die Ladung Fisch zum Beispiel.“ Er blickte auf die Armbanduhr. „Vor neun Uhr bekomme ich Kühn nicht. Sein Sohn könnte früher da sein, aber ob der es entscheiden will? Bis jetzt hat er das nie gewollt.“

„Kühn hat einen Sohn? Das weiß ich gar nicht.“

Thiessen warf einen nachsichtigen Blick auf Monika, sagte aber nichts. Sie weiß so vieles aus dieser Branche nicht, dachte er. Es wird höchste Zeit, dass sie sich einmal darum kümmert. Hätte sie längst tun sollen. Ihre Mutter braucht sie. Aber wie die Kinder so sind. Die sehen so etwas nicht. Oder wenn sie es sehen, dann erst, wenn es zu spät ist. Hoffentlich ist es noch nicht zu spät.“



3

Dr. Winter strich sich das blonde Haar aus der Stirn, fuhr sich nachdenklich mit zwei Fingern über die rechte, schon grau gewordene Schläfe und sah über die Lesebrille hinweg auf seinen Assistenten Doktor Ansorge. Neben ihm stand Renate Anger, Doktor Winters blonde Sprechstundenhilfe.

Der untersetzte, junge und sehr sportlich wirkende Doktor Richard Ansorge hatte einen blauen Zettel in den Händen.

„Was ist denn noch? Ach ja, Sie hatten ja Bereitschaft, Herr Ansorge. Ist da wer hereingekommen?“ Doktor Ansorge schüttelte den Kopf. „Nein, nein, jedenfalls nicht zu uns auf 3 B. Auf die Innere ist heute Nacht eine Frau eingeliefert worden, bei der Verdacht auf Herpes Zoster besteht, die aber auch unerklärliche Gebärmutterblutungen hat.“

„Und?“, fragte Doktor Winter und sah aus seinen blauen Augen auf den jungen Assistenzarzt.

„Na ja, ich war ja dann heute Morgen schon um sieben Uhr da, und die Kollegen haben mich gebeten, den Uterus zu untersuchen. Das habe ich getan. Soweit ich feststellen konnte, liegt nur eine leichte Entzündung vor. Aber es sieht so aus, als würde dies immer wieder rezidivieren.“

„Sehen Sie einen Zusammenhang mit dieser Gürtelrose?“

„Ich weiß nicht recht. Erst hab ich das gedacht“, erklärte Doktor Ansorge, „aber dann ... Also wenn Sie mich fragen, Herr Chefarzt, ich meine, dass Frauen in diesem Alter, wenn solche rezidivierenden Entzündungen auftreten, grundsätzlich eine Hysterektomie vornehmen lassen sollten.“

„Aber Himmel, Sie können doch nicht jeder Frau, die ein paarmal solche Entzündungen hat, gleich die Gebärmutter herausnehmen! Meinen Sie, eine Totaloperation wäre der Weisheit letzter Schluss? Ich weiß, dass es eine Menge Kollegen gibt, die dafür plädieren, dass in einem solchen Falle eine Totaloperation das kleinere Übel wäre als ein Krebs, aber haben Sie einmal überlegt, welche schwerwiegenden psychischen und physischen Folgen das auf das Leben einer Frau hat?“

„Auf eine Frau von vierzig?“, fragte Doktor Ansorge zweifelnd.

„Natürlich, auch eine Frau von vierzig. Was glauben Sie denn? Das ist doch keine alte Frau. Und selbst bei einer alten Frau kann das erhebliche Nebenwirkungen haben. Und solange nur ein paar Entzündungen zu kurieren sind, brauchen wir doch nicht gleich von einer Hysterektomie zu reden.“

„Es war nur ein Gedanke, Herr Chefarzt.“

„Können wir nicht mit der Sprechstunde anfangen?“, erkundigte sich Renate Anger ungeduldig. „Wir haben über vierzig Leute draußen.“

„Da wäre noch eine Kleinigkeit, Herr Chefarzt“, sagte Doktor Ansorge. „Über diese Frau, die heute Nacht auf die Innere gebracht worden ist, wollte auch der Oberarzt der Inneren mit Ihnen sprechen.“

Doktor Winter wandte sich an Renate Anger. „Rufen Sie Herrn Zöller nachher einmal an, und verbinden Sie ihn mit mir. Er kann mir auch am Telefon sagen, wo ihn der Schuh drückt. Und jetzt, meine Herrschaften, beginnen wir mit der Sprechstunde, oder gibt es noch etwas?“ Er sah Doktor Ansorge fragend an.

„Ja, ich hätte noch eine Kleinigkeit; wenn es ginge, unter vier Augen.“ Er warf Renate Anger einen auf fordernden Blick zu, und die verstand. Sie schien nicht begeistert zu sein, dass sie gehen sollte, sah Doktor Winter noch vorwurfsvoll an und verschwand nach draußen.

„Also schießen Sie los!“, begann Doktor Winter. „Wo brennt es?“

„Ich habe eine gute Bekannte, eine sehr gute Bekannte, wenn Sie verstehen, was ich meine“ erklärte Doktor Ansorge. „Da ist etwas schiefgegangen. Es ist natürlich klar, dass ich das nicht so einfach machen kann, will ich auch nicht. Und hier in der Klinik ... ich weiß auch nicht. Ich wollte ihr eine Adresse in Holland geben oder in England … oder in Österreich oder sonst wo. Sie werden ihr diese Adresse nicht geben. Jedenfalls nicht in Ihrer Eigenschaft als Arzt“, meinte Doktor Winter. „Wir haben hier ganz andere Möglichkeiten. Es gibt Pro familia und andere Beratungsstellen. Wir brauchen deshalb die Frau nicht nach Holland, England oder Österreich zu schicken.“

Doktor Ansorge machte ein bedenkliches Gesicht. „Die Frau ist verheiratet, und das Kind ist nicht von ihrem Mann.“

Doktor Winter blickte den jungen Kollegen forschend an. „Sind Sie etwa der Vater?“

Doktor Ansorge schüttelte den Kopf. „Nein, ein Freund. Ich habe mir lange überlegt, ob ich ihm helfen soll. Aber ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es besser wäre, wenn ich es nicht tue.“

Doktor Winter sagte nichts, aber er dachte: Ich hatte von dir eigentlich auch nichts anderes erwartet. Du bist zu ehrgeizig. Du würdest niemals ein Risiko eingehen, das deine Karriere gefährden könnte. Ganz gleich, ob das vom moralischen Standpunkt richtig oder falsch ist. Du willst nicht anecken. Du willst deine Zukunft nicht in der geringsten Weise gefährden. Am liebsten hättest du im Handumdrehen deine fünfhundert Operationen gemacht, die du hinter dich bringen musst, um Facharzt für Gynäkologie zu werden. Nun gut, und jetzt soll ich dir einen Rat geben.

Als habe er die Gedanken seines Chefarztes erraten, meinte der junge Assistent: „Ich hatte gehofft, von Ihnen einen Rat zu bekommen.“

„Sie hatten gehofft, von mir eine Adresse zu bekommen“, korrigierte ihn Doktor Winter.

Doktor Ansorge zuckte wie unter einem Schlag zusammen. Sein Gesicht lief dunkel an, und Doktor Winter erwartete eine heftige Antwort. Aber die verkniff sich Doktor Ansorge. Gepresst stieß er hervor: „Es war nur eine Frage, Herr Chefarzt. Entschuldigen Sie bitte, dass ich Ihre Zeit in Anspruch genommen habe.“ Schon wirbelte er herum und hastete aus dem Zimmer.

Doktor Winter zuckte die Schultern und dachte: Wir haben uns von Anfang an nicht besonders verstanden. Dein Ehrgeiz, mein lieber Freund, hat mir nie gefallen. Du willst Karriere machen um jeden Preis. Und jetzt möchtest du von mir einen Rat. Geht die Sache irgendwie schief oder kommt heraus, traue ich dir zu, dass du am Ende noch sagst, woher du das weißt. Aber ich würde dir diesen Rat sowieso nicht gegeben haben. Leute, die sich nicht an die Spielregeln halten, müssen ihre Suppe auch allein auslöffeln. Ich bin bestimmt nicht derjenige, der solche Geschichten ausbügelt.

Er drückte auf den Knopf, und Renate Anger kam herein, blieb direkt an der Tür stehen und fragte: „Können wir jetzt anfangen, Herr Chefarzt?“

„Können wir.“

Sie machte noch einen Schritt auf den Schreibtisch zu, lächelte und fragte leise: „Was war denn mit dem los? Der hätt mich ja fast umgerannt. Und statt sich zu entschuldigen, hat er mir zugefaucht, ich sollte mal zu meinem lieben Gott gehen, der würde mich jetzt sicher brauchen.“

Doktor Winter lächelte nachsichtig.

„Dem sollten Sie mal die Haare waschen“, schlug Renate Anger vor.

Doktor Winter lachte nur, und dann sagte er: „Sie wollten doch vorhin unbedingt anfangen. Nun schicken Sie mir schon die Erste herein. Wer ist es denn?“

„Die Karte liegt schon auf Ihrem Tisch.“

„Dann herein damit!“



4

Monika Stich war noch nie im Betrieb der Kühns gewesen. Als sie aber jetzt vor dem Tor anlangten, schien sie ungeheuer beeindruckt. Aus großen Augen blickte sie auf die Schranke, auf das Pförtnerhaus und den gewaltigen Hof dahinter, wo an einer langen Verladerampe mindestens fünfzig Lieferwagen standen, die offenbar noch beladen wurden. Es waren alles Kühlfahrzeuge. Genau wie jene drei, die ihre Mutter besaß.

„Es ist schon ein ganz schöner Laden hier“, meinte Ernst Thiessen, als er den Pkw anhielt, der eigentlich Marianne Stich gehörte und den sie sich am Morgen aus der Garage geholt hatten.

Der Pförtner trat an den Wagen. „Ach Sie sind’s, Herr Thiessen“, meinte er. „Kommen Sie heute im Pkw?“

„Ich wollte zum Chef. Ich hab vorhin schon angerufen.“

„Ist schon gut, Herr Thiessen, Sie wissen ja, wo Sie hinmüssen. Warten Sie, ich mach auf.“ Der Pförtner drückte den Schlagbaum hoch, und Ernst Thiessen fuhr weiter. Im Vorbeifahren warf der Pförtner noch einen interessierten Blick auf Monika, die er offensichtlich nicht kannte.

Während Monika sich noch umsah und beeindruckt war von der kapitalträchtigen Fülle dessen, was sie hier sehen konnte, hielt Ernst Thiessen vor dem Verwaltungsgebäude an. Es war ein Bau, dessen Größe ein wenig von dem verriet, was diese Firma darstellte.

Dagegen, meinte Monika insgeheim, ist Mamas Geschäft ein richtiger Kramladen. Ein Winzling, verglichen mit diesem Giganten. Kein Wunder, dass Mama fürchten muss, von dem erdrückt zu werden.

Neben der Tür stand eine schwere Limousine, und das war ebenfalls etwas, wovon Monika beeindruckt war. Ernst Thiessen hingegen schien das gar nicht zu imponieren. Er nahm Monika am Arm, als sie ausgestiegen war, und sagte: „So, und jetzt wollen wir mal zu ihm gehen. Er sieht aus, als ob er beißt, aber so schlimm ist er wiederum auch nicht. Machen Sie sich nichts daraus, wenn er poltert. Ich kenne ihn auch anders. Er kann urgemütlich werden. Jedenfalls ist er nicht so schlimm, wie viele denken. Und nun kommen Sie.“

Aber es führte kein direkter Weg zu Martin Kühn, dem Chef dieses kleinen Imperiums. Erst als sie durch zwei Vorzimmer gekommen waren und ein jedes Mal hatten warten müssen, tauchte endlich der Sohn von Martin Kühn aus erster Ehe auf, der untersetzt wirkende, kräftige Hartmut Kühn. Ein Mann, der eigentlich gar nicht aussah wie der Sohn eines erfolgreichen Unternehmers. Er trug sein mittelblondes Haar halblang, hatte ein weißes Hemd zu beigefarbenen Hosen an; keine Krawatte, keine Jacke. In diesem Haus, wo alles sehr korrekt wirkte, kam das Monika irgendwie ungewöhnlich vor, und doch erschien es ihr zugleich wie ein Trostpflaster. Angesichts dieses sympathisch wirkenden, zutraulich lächelnden jungen Menschen fasste sie Mut. Ihre Angst wich in seiner Gegenwart.

„Nun herein in die gute Stube. Der Zar aller Preußen wartet schon voller Sehnsucht auf Sie, Herr Thiessen.“ Ernst Thiessen hatte die beiden jungen Leute miteinander, bekannt gemacht, und jetzt musterte der junge Hartmut Kühn noch einmal Monika, grinste ein wenig herausfordernd und meinte: „Und Sie wollen mir nicht verraten, weshalb Sie mitgekommen sind? Die Tochter seiner schärfsten Konkurrentin?“

Monika lächelte verlegen, und Ernst Thiessen meinte: „Schärfste Konkurrentin? Die kämpft aus Verzweiflung.“

„Er möchte Ihren Betrieb ja schon lange kaufen“, sagte Hartmut Kühn, „und ich habe immer an Ihnen bewundert, dass Sie’s nicht tun.“

Er sprach mit Monika so, als wäre sie in alles eingeweiht, was mit dem mütterlichen Betrieb zusammenhing. Dabei, musste sie sich eingestehen, hatte sie von nichts eine Ahnung. Sie war so verwirrt über diese Fragen, dass sie wie im Trancezustand hinter Ernst Thiessen und vor Hartmut Kühn in das Zimmer trat, in dem hinter einem dicken Schreibtisch Martin Kühn saß; ein fülliger Mann, etwa Mitte fünfzig, mit spärlichem dunklem Haar, ein wenig schwammigem Gesicht, aber mit einem Blick, der, wie man sagt, einen anderen festnageln konnte. Er strahlte Ernst Thiessen an wie einen alten Freund, streckte ihm die Hand entgegen, und bevor Hartmut Kühn etwas sagen konnte, hatte Ernst Thiessen den Senior der Kühn-Betriebe mit Monika bekannt gemacht.

Martin Kühn war ein viel zu ausgekochter Geschäftsmann, um sich die Verwunderung anmerken zu lassen, die ihn erfüllte, als er hörte, dass dieses sympathische junge Mädchen die Tochter seiner entschiedensten Konkurrentin war. Er bat Platz zu nehmen, fragte, ob seine Gäste etwas trinken wollten und ließ Kaffee machen, obgleich Monika dankend abwehrte. Er bot zu rauchen an und wartete wohl darauf, dass Monika etwas sagte, aber es war Ernst Thiessen, der erklärte, was gestern Nacht passiert war und damit schloss:

„Ich habe fünfzehn Tonnen Frischfisch auf dem Zug. Es ist völlig unmöglich, dass die verarbeitet werden können, wenn Frau Stich nicht da ist. Verarbeitet wahrscheinlich schon, aber niemand weiß genau, was sie brauchen. Und keiner wäre imstande, das nachher auch an Ort und Stelle zu bringen. Ich habe mir überlegt“, erklärte Ernst Thiessen, „dass es vielleicht im Augenblick besser ist, wenn sie so etwas wie Betriebsferien machen. Ich habe auch schon mit den Leuten gesprochen. Die sehen das ein. Natürlich müsste der Betrieb so etwas wie einen Ausgleich zahlen, aber das würde ja wahrscheinlich geschehen und wäre nicht so schlimm wie der Verlust, wenn diese fünfzehn Tonnen Fisch in den blauen Wind produziert würden.“

„Und jetzt glauben Sie, ich nehme die fünfzehn Tonnen Fisch ab?“, erkundigte sich Kühn. „Natürlich könnte ich sie gebrauchen. Ich würde sie sogar zu dem Preis akzeptieren, den Frau Stich herausgeholt hat. Von ihr weiß ich, dass sie knallhart verhandeln kann. Stimmt“, fügte er anerkennend hinzu. Aber dann nahm sein Gesicht plötzlich einen nichtssagenden Ausdruck an.

Jetzt, dachte Ernst Thiessen, wird es gefährlich. Jetzt kommt er mit irgendeinem „dicken Hund“ heraus.

„Die Sache ist ganz einfach. Ich habe Frau Stich schon oft angeboten, ihren Betrieb an mich zu verkaufen. Auf Dauer hat sie keine Chance. Und wenn sie noch so hart kämpft. Im Einkauf liegt der Segen. Das weiß jeder Geschäftsmann. Und sie wird diese Preise, die sie bis jetzt durchsetzen konnte, nicht mehr lange erzielen. Sie wird sie nicht erzielen können beim Einkauf, und sie wird sie nicht beim Verkauf erzielen. Die Anbieter erwarten die Abnahme von großen Mengen und machen nur dann Konzessionen. Was sind fünfzehn Tonnen Fisch? Das ist für mich gar nichts.

Sehen Sie, ich erzähle Ihnen ja nichts Neues, lieber Herr Thiessen, wenn ich sage, dass wir mit unserer Großküche eine ganze Reihe von Großbetrieben hier in der Stadt beliefern. Ja, bis nach Köln und Düsseldorf schicken wir in unseren Spezialfahrzeugen Frischküche. Was nun die Tiefkühlkost angeht und die tiefgefrorenen Fertiggerichte, so reicht der Bezirk, den wir beliefern, noch viel, viel weiter. Entsprechend ist das, was wir umsetzen. Entsprechend des Umsatzes ist der Einkauf, und bei solchen Mengen kann ich einfach ganz andere Rabatte erzielen, als dies für Frau Stich weiterhin möglich ist. Sie geht auf Qualität. Das hab ich immer anerkannt. Und ich gebe zu, das hat bei uns noch gefehlt. Wir haben eine Massenküche gehabt. Die Qualitätsküche konnte höhere Preise erzielen. Und darauf ist Frau Stich gereist. Nun sind wir dazu ebenfalls in der Lage.“

„Ja“, platzte Monika heraus, „weil Sie uns Marconi abgeworben haben. Er ist der beste Koch weit und breit.“

Hartmut Kühn lächelte belustigt, hingegen zog sein Vater in einem Anflug von Zorn die Brauen zusammen, aber er beherrschte sich, wirkte kurz danach schon wieder gelöst und sagte ein wenig spöttisch: „Jeder Mensch ist seines Glückes Schmied. Und welchem Menschen möchte ich es verdenken, wenn er die Arbeitsstelle wechselt, weil er woanders mehr verdient. Und derjenige, der mehr bieten kann, wäre ein Narr, wenn er es nicht täte, um einen guten Mann zu bekommen. Was können Sie, ohne unvernünftig zu werden, dagegensetzen?“

„Als er damals zu uns gekommen ist, konnte er kaum Deutsch. Ohne meine Eltern wäre Marconi ...“

„Das ist Schnee vom letzten Jahr“, unterbrach sie Kühn, „und im Übrigen ...“ Er wandte sich jetzt wieder an Ernst Thiessen: „... möchten Sie ja fünfzehn Tonnen Fisch loswerden, oder irre ich mich?“

Ernst Thiessen nickte. „Natürlich. Wir müssen hier kleine Brötchen backen, Sie haben ja recht, Herr Kühn.“

„Ich würde sagen, Sie müssen sogar mikroskopisch kleine Brötchen backen. Die Firma Stich hätte längst verkauft sein können, und damit wäre Frau Stich alle Probleme los“, meinte Kühn und wurde eine kleine Spur heftiger. Er lächelte jetzt, aber das signalisierte Ernst Thiessen äußerste Gefahr. Wenn Kühn freundlich wurde, dann war es so gefährlich, als stünde man mitten in einer Schlangengrube.

„Aber Sie können ihr doch nicht zum Vorwurf machen“, versuchte Thiessen zu beschwichtigen, „dass sie ihren Betrieb erhalten wollte. Ich glaube, das hat sie auch ihrem Mann versprochen.“

Kühn zuckte die Schultern. „Ich hatte ihr damals ein hervorragendes Angebot gemacht, ein einzigartiges Angebot.“ Jetzt lächelte er noch breiter. „Da war natürlich berücksichtigt, dass sie zu jener Zeit die Einzige war, die Tiefkühlkost von einem Meisterkoch fertigen ließ. Das heißt, dass diese Küche Gerichte produzierte, wie sie nicht besser in einem Feinschmeckerlokal hergestellt wurden. Damals konnte ich das noch nicht. Ich hatte weder die Küche noch das Personal dafür. Jetzt habe ich es.“ Er deutete zum Fenster. „Drüben auf der anderen Seite. Sehen Sie es sich nur an. Da ist die andere Küche. Ganz und gar nach Marconis Wünschen eingerichtet. Ich habe mit nichts gespart. Und der Vertrag mit Marconi läuft über fünf Jahre. Mit Ihnen“, er wandte sich an Monika, „hatte er überhaupt keinen Vertrag.“

Hartmut Kühn räusperte sich. „Nimmst du den Fisch nicht? Dann sag es gleich. Das Zeug wird schlecht. Solange hält auch kein Kühlwagen den Fisch frisch.“

Verwundert schaute Martin Kühn zu seinem Sohne empor, der schräg hinter ihm stand. „Was soll das heißen?“

„Es heißt, dass du offen sagen solltest, was ist. Fräulein Stich hätte einen Anspruch darauf, nicht wahr?“ Er wandte sich Monika Stich zu und lächelte.

Die beiden jungen Leute sahen sich an. In Monikas Blick war Dankbarkeit zu erkennen. Das bemerkte sogar Ernst Thiessen.

Martin Kühn ahnte nichts von den Gedankengängen der beiden jungen Leute, aber er ärgerte sich über Hartmut, der, was noch nie geschehen war, in die Unterhaltung eingegriffen hatte. Er sah nun wieder Ernst Thiessen an, lächelte, um Nachsicht bittend, und meinte: „Er hat ja recht. Aber was habe ich davon, wenn ich den Fisch nehme? Mir entstehen doch nur Nachteile. Meine Lager sind voll. Ich erwarte von Ihnen erst in drei Tagen eine neue Lieferung, Herr Thiessen. Ich wüsste nicht einmal, wo ich den Fisch unterbringen sollte. Und wenn, dann müsste ich ihn rasch verarbeiten. Das erfordert Überstunden. Ich bin gezwungen, Personal woanders abzuziehen, um es einzusetzen, damit die Verarbeitung rasch geschehen kann. Also, wenn Sie mich fragen, Herr Thiessen, bei aller Freundschaft, mir entstehen nur Nachteile.“

Da sagte Hartmut Kühn: „Und wenn schon, einen Nachteil würden wir auch verkraften. Frau Stich ist doch nicht durch eigene Schuld in diese Situation geraten. Ich bin dafür, dass wir den Fisch abnehmen. Lagerraum haben wir frei. In Halle 3 ist Platz genug. Da bringe ich gut und gerne zwanzig Paletten unter.“

Martin Kühn zog verärgert die Augenbrauen zusammen. Natürlich wusste er, dass in Halle 3 Platz war; in Halle 4 war ebenso viel Platz. Aber warum musste der Junge diesen Leuten das auf die Nase binden? Einfach den Fisch zu übernehmen war kein Kunststück. Es musste etwas herauskommen für ihn, ein Vorteil, ein Gewinn, ein Profit.

„Ich bin dafür, Vater, dass wir das ganze Ladegut übernehmen. Wir haben Platz, wir können es gebrauchen. Es ist für uns überhaupt kein Nachteil. Ich sehe ihn jedenfalls nicht.“

Martin Kühn hätte ihm gern eine heftige Antwort zuteil werden lassen, aber er schwieg. In erster Linie war ihm das Prestige wichtig, das er nach außen zu wahren hatte. Auf der anderen Seite kam ihm da doch eine Idee. Warum sollte er nicht gefällig sein? Warum nicht die Gelegenheit nützen, die sich hier anbot? Natürlich war Marianne Stichs Betrieb nicht mehr das wert, wie zu der Zeit, als sie Marconi hatte. Aber trotzdem bildete sie noch immer eine der härtesten Konkurrenzen. Sie besaß eine gute Stammkundschaft. Leute, die der Qualität wegen bei ihr kauften. Kühn hatte die Qualität früher nie so geachtet. Ihm war es am wichtigsten gewesen, günstig anbieten zu können. Stichs Waren hatten immer etwas mehr gekostet, aber viele der Kunden, die auf Qualität eben Wert legten, zahlten gerne diesen Preis, um was Gutes dafür zu bekommen.

Ich muss diese Kundschaft haben. Die Frau liegt im Krankenhaus. Vielleicht kann sie den Betrieb nie mehr führen, und er fällt mir wie eine reife Frucht in den Schoß. Natürlich, ich werde den Betrieb nicht kaputt machen. Jetzt nicht, wenn ich ihn bekommen kann. Also gut, dachte er, steige ich in die fünfzehn Tonnen Fisch ein. Natürlich hat Hartmut recht, aber dieser dumme Bub darf doch so etwas nicht laut aussprechen. Was ist überhaupt in den gefahren?

„Ich bin einverstanden“, erklärte Martin Kühn überraschend, „bringen Sie den Zug her. Sie können mit dem Hallenmeister sprechen und dann auf 3 oder 4 entladen. Er wird es Ihnen sagen. Ja“, er hob die gespreizten Hände, als wolle er jemanden umhauen, „dann wären wir so weit. Ich hoffe, Ihrer Frau Mama geht es bald besser. Entbieten Sie ihr meine herzlichsten Grüße, und wenn ich sonst noch helfen kann ...“ Monika sah ihn gar nicht an. Sie blickte auf Hartmut Kühn, und der sah in ihre Richtung.

Ernst Thiessen, der die beiden ein wenig beobachtet hatte, lächelte, wandte sich dann aber Martin Kühn zu.

„Wir haben Ihnen sehr zu danken, Herr Kühn. Meinen herzlichsten Dank. Ja, das wäre es dann wohl. Ich bringe sofort den Zug her.“

„Wo haben Sie den Zug?“

„Er steht noch bei Stichs, aber das ist kein Problem, Herr Kühn. Ich bin in ein paar Minuten hier.“

„Vielen Dank, Herr Kühn“, sagte nun auch Monika. Aber das hörte sich an, als genüge sie einer Pflicht.

So, als habe ihr jemand wie einem Kind gesagt, dass sie sich bedanken solle.

Kühn lächelte nur, aber er war mit seinen Gedanken schon bei der nächsten Sache. Und er nahm sich vor, nachher, wenn die beiden hinaus waren, seinem Sohn noch ein paar Takte zu diesem Verhalten zu sagen, das der eben an den Tag gelegt hatte.

Aber dazu bot sich ihm so rasch keine Gelegenheit, denn Hartmut Kühn begleitete die beiden Gäste hinaus, und das geschah nicht nur bis zum Vorzimmer, sondern bis hinunter zum Auto. Und dort öffnete er Monika den rechten Schlag, während Ernst Thiessen auf der anderen Seite einstieg.

„Alles Gute Ihrer Mutter und Ihnen auch.“ Dann beugte er sich nach vorn, und als Ernst Thiessen gerade anließ und dadurch abgelenkt war, flüsterte Hartmut Kühn Monika ins Ohr: „Ich rufe Sie an, heute noch.“

Sie blickte ein wenig hilflos drein, als er sich wieder aufrichtete, auf sie herab sah und die Tür dann schloss. Ernst Thiessen grüßte noch einmal herüber. Dann fuhr der Wagen los.

Hartmut Kühn blickte dem Fahrzeug nach, sah, wie sich Monika umdrehte und durchs Rückfenster hinausblickte. Er winkte, und sie winkte ein wenig verstohlen zurück.



5

„Ich habe einen Fehler gemacht“, erklärte Martin Kühn, als sein Sohn ins gemeinschaftliche Büro zurückkehrte, „ich hätte dich zum Kaufmann ausbilden lassen sollen. Aber du wolltest ja unbedingt Koch lernen und Ernährungswirtschaft studieren.“

Hartmut Kühn lächelte. „Ja, das wollte ich. Du machst ja auch, was du willst. Und es ist dir sehr nützlich gewesen, dass ich genau das gelernt habe. Es war auch meine Idee, eine Feinschmeckerküche anzugliedern und nicht nur diesen Massenfraß zu produzieren, den wir bisher hergestellt haben.“

„Massenfraß, wie sich das anhört!“, rief Kühn entrüstet und sah seinen Sohn vorwurfsvoll an.

„Tu nicht so, Vater! Trotzdem war es ein mieser Schachzug, ausgerechnet Marconi abzuwerben.“

„Jetzt fängst du auch noch an! Machst du plötzlich in Mildtätigkeit?“

„Das nicht, aber nötig ist es bestimmt nicht gewesen. Ihr werdet doch beide satt, du und Frau Stich.“

„Du hast keine Ahnung, was du da sagst. Sie ist unheimlich gefährlich. Die Leute wollen heute mehr Qualität. Du hast doch den Brief gelesen, den diese Druckerei geschickt hat. Sie würden für ihre Kantine gerne etwas mehr bezahlen, dafür wünschen sie besseres Essen. Da hast du’s. Sie lassen sich Qualität etwas kosten. Es ist mehr Geld unter den Leuten. Sie können’s. Wir haben es ja. Siehst du, und das ist es, was ich meine. Es wird nicht nur auf einen kleinen Teil unserer Kunden herauskommen, schließlich holen sich früher oder später alle Qualitätsessen. Die Leute sind anspruchsvoll geworden. Viel mehr als früher. Und das ist es, deshalb mussten wir Marconi haben.“

„Als wenn es keine anderen Köche gäbe als ihn. Zugegeben, er ist ein guter Koch, aber wir hätten auch einen anderen gefunden.“

Der Vater machte schmale Augen und sah seinen Sohn herausfordernd an. „Einen anderen gefunden? Hast du überhaupt nichts bei mir gelernt? Zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, das ist eine Maxime, die sich unsereiner vorbehalten muss. Einmal den Betrieb von Frau Stich schwächen und zum anderen unseren aufwerten.“

„Ich höre immer schwächen. So eine Konkurrentin, wie du immer tust, ist sie nie gewesen. Außerdem sind diese Leute sehr fair.“

Sein Vater lehnte sich zurück, musterte seinen Sohn prüfend und meinte nach einiger Überlegung: „Sag mal, du bist doch nicht etwa in dieses Gör verknallt?“

„Augenblick mal, wie nennst du sie? Ein Gör! Erlaube mal, Vater, das ist ...“

„Entschuldige bitte“, wehrte sein Vater ab, „ich habe es nicht so gemeint. Ich sehe schon ... Na ja, ich war auch einmal jung und habe Verständnis dafür.“

„Das solltest du wirklich haben“, meinte Hartmut Kühn und sagte nichts weiter, aber er dachte sich: Du solltest dich vor allem mal um deine Frau kümmern. Um diese junge Frau, die du damals unbedingt haben wolltest. Deine Sekretärin von einst. Jetzt sitzt sie zu Hause. Manchmal den Tag und die Nacht. Wie oft kommst du erst nach Hause, wenn sie längst schläft? Wie oft lässt du sie allein? Weißt du, was sie tut? Mein Gott, es wäre kein Problem gewesen, wirklich kein Problem, wenn ich mich sogar an sie herangemacht hätte, an meine schöne Stiefmutter. Ich bin sicher, sie hätte mich erhört. Und du hast eine so hübsche junge Frau nach dem Tode meiner Mutter geheiratet. Eine wirklich hübsche Frau, ohne dich um sie zu kümmern. Du bist mit deinem Geschäft verheiratet, mit deiner Tiefkühlkost.“ Martin Kühn warf seinem Sohn einen kurzen Blick zu. „Was stehst du herum und gaffst mich an?“

„Darf ich dich nicht mehr ansehen?“

„Ich hab mich über dich geärgert“, fuhr ihn der Vater an. „Quatscht mir dazwischen! Solche Unterhaltungen musst du schon mir überlassen.“

„Ich bin jetzt siebenundzwanzig Jahre und glaube, dass ich da und dort doch ein Wort zur Sache sagen darf. Ich bin nicht mehr der kleine Gymnasiast, den du an den Ohren ziehen kannst, weil er eine Lateinarbeit verpatzt hat.“

Sein Vater wandte sich ab, klappte die Unterschriftenmappe auf und tat so, als sei sein Sohn gar nicht mehr im Raum.

„Wenn ich du wäre, Vater“, fuhr Hartmut fort, „würde ich diese Frau einmal besuchen.“

„Besuchen?“ Martin Kühn lachte belustigt auf. „Warum soll ich das wohl tun? Was hätte ich davon?“

„Du hättest davon, dass ihr nicht wie Feinde zueinander steht; dass man zu einer Kooperation kommen kann und nicht, wie du es möchtest“, erklärte ihm Hartmut, „dass der eine unterdrückt wird und der andere um sein Leben kämpft.“

„Ach Gott, wie edelmütig!“, höhnte Martin Kühn und sah seinen Sohn amüsiert an. „Du wirst in deinem Leben noch lernen, dass es in diesem Dasein nur zweierlei gibt: fressen und gefressen werden. Alle anderen Geschichten sind Märchen.“

„Ich bin kein Tier, das nur seinen Trieben gehorcht“, entgegnete Hartmut entschieden. „Wir Menschen zeichnen uns aus durch Verstand und das Vermögen, Fantasie zu entwickeln, und wir haben eine Sprache. Wenn wir diese Attribute nicht umsonst bekommen haben wollen, dann sollten wir sie vernünftig nützen. Fressen und gefressen werden - wie sich das anhört! Wir sind doch nicht unter wilden Tieren.“

„Vielleicht hast du sogar recht. Ja“, erklärte Martin Kühn zur Überraschung seines Sohnes plötzlich, lehnte sich im Sessel zurück und blickte gedankenverloren zur Decke, „vielleicht ist das gar nicht so dumm, was du da sagst. Ich muss darüber nachdenken. Es könnte ja sein, dass es womöglich einen Weg gibt, um mit ihnen zu einer Einigung zu kommen, ohne dass wir dabei zu viel investieren müssen.“

„Ich wusste es doch!“, rief Hartmut empört, „ich wusste, dass du wieder in Zahlen denkst. Einen Augenblick lang war ich schon versucht, dir Beifall zu klatschen. Aber meine Angst, dass der Pferdefuß nachkommt, war zu groß. Ich hatte wieder einmal recht. Meine Bedenken waren nicht unnötig. Du hast dir schon wieder etwas ausgerechnet.“

„Nicht so, wie du denkst“, widersprach ihm sein Vater. „Du bist viel zu weich, viel zu weich für dieses Geschäft, für den Existenzkampf überhaupt. Und trotzdem ist es nicht so, wie du denkst. Vielleicht werde ich diese Frau wirklich einmal besuchen, sollte es ihr besser gehen. Ich fürchte nur, in ihrem Hass, den schon ihr Mann gegen mich gezeigt hat, wird sie mich gar nicht empfangen wollen. Weißt du, mein Junge, die hassen mich. Ja, die hassen mich.“

„Ich glaube, dass du dir da nur etwas einredest. Ich jedenfalls kann mir nicht vorstellen, dass dieses Mädchen, das vorhin hier gestanden hat, uns hasst. Ich habe nicht einmal das Gefühl, dass sie dazu fähig wäre, zu hassen. Sie ganz bestimmt nicht.“

Sein Vater sah ihn verwundert an. „Nun hör aber auf! Hör bloß auf, sentimental zu werden. Das ist dasLetzte, was wir uns noch leisten können im Geschäft.“

Hartmut lachte wild. „Ich leiste es mir trotzdem. Ich glaube, es ist besser, wenn du gar nicht erst den Versuch machst, diese Frau zu besuchen. Ja, da hast du wirklich recht. Du solltest wirklich nicht hingehen. Du würdest das wenige, was noch möglich ist, vernichten. Überlasse das besser mir.“

„Dir?“

„Ja, mir, Vater“, behauptete Hartmund entschlossen.



6

Doktor Willi Karl war ein Mann wie ein Bär: groß, breitschultrig, mit zwar schütterem, aber immer noch blondem und an den Schläfen ergrautem Haar. Er hatte ein Gesicht wie ein Tiroler Bergbauer. Man sah ihm an, dass er schon Anfang fünfzig war, aber zugleich erkannte man in allem, wie er sich bewegte, wie er sprach und sich sonst gab, diese alles erfassende Vitalität, die von ihm ausging. Er hatte Hände wie jemand, der den ganzen Tag schwer körperlich arbeitet. Aber Doktor Karl war kein Bergbauer und auch kein Mann, der auf dem Baugerüst stand; Doktor Karl war Dermatologe, der beste, den es in dieser Stadt gab.

Bis zum Unfalltod seiner Frau vor sechzehn Jahren hatte Doktor Karl eine hervorragend besuchte Praxis gehabt und sich vom Alltag seiner viel beschäftigten Kollegen überhaupt nicht unterschieden. Wie die meisten Fachärzte ging bei ihm die Arbeit von früh bis spät. Nach dem Tode seiner Frau wurde alles anders. Doktor Karl, der mit dem Chefarzt der Gynäkologischen Abteilung, Doktor Winter, befreundet war, änderte seinen Lebensstil völlig. Er gab seine eigene Praxis auf und arbeitete nur noch als Dermatologe in der Paul-Ehrlich-Klinik. Die eigene Praxis, die ihm viel von der Zeit genommen hatte, fiel weg. Und Doktor Karl hatte Muße für seine Hobbys. Vor allen Dingen für seinen Garten, in dem er die meiste freie Zeit verbrachte, und das sah man seinem frischen Gesicht auch an.

Jetzt war Doktor Karl zu Marianne Stich gerufen worden. Er, als Hautfacharzt, sollte für die Leute eine genaue Diagnose dieses merkwürdigen Bläschenausschlags stellen. Daher fand er sich, begleitet von zwei Schwestern, im Zimmer von Marianne Stich ein. Er untersuchte den Ausschlag, der von der Schulter bis zur Hüfte reichte, mit äußerster Gründlichkeit. Während er mit ein paar launigen Bemerkungen versuchte, Marianne Stich die Angst vor schwerer Krankheit zu nehmen, setzte er seine Untersuchung mit der Lupe fort.

Sie sah ihn furchtsam an. „Was fehlt mir denn? Was habe ich? Sagen Sie es! Sie sind doch Dermatologe, nicht wahr?“

Ohne sie anzublicken und seine Tätigkeit zu unterbrechen, sagte Doktor Karl: „Tja, mit den Dermatologen ist das so eine Sache. Wissen Sie, man sagt ja, der Chirurg kann was und weiß nichts, der Internist weiß was und kann nichts, und der Dermatologe weiß nichts und kann nichts. Ich bin also Dermatologe. Was erwarten Sie von mir?“ Er blickte auf, schaute sie an, und während die Schwester verstohlen kicherte, machte er ein Gesicht wie ein Lausbub, der eben einen Korb grüner Äpfel vom Baum des Nachbarn geholt hatte.

„Und was ist es wirklich?“, wollte Marianne Stich wissen.

Er wurde ernst. „Es gibt zwei Möglichkeiten. Die eine ist nicht gut und wird von Viren hervorgerufen. Wir nennen dieses Virus Pemphigus Virus, und der ruft ein Leiden hervor, das Pemphigus foliaceus genannt wird, auf gut deutsch: eine Schälblasensucht. Wenn diese Bläschen platzen, entsteht eine Kette von Schuppenkrusten, die an Blätterteig erinnern, und die können früher oder später den ganzen Körper bedecken. Das ist eine sehr ernste Angelegenheit. Es ist nämlich nicht so einfach, mit diesem Virus fertigzuwerden. - Dann gibt es noch eine zweite Möglichkeit, und das alles müssen wir noch vom zytologischen Institut untersuchen lassen, und diese zweite Möglichkeit wäre ein Ausschlag infolge allergischer Reaktion auf ein Arzneimittel. Dann gibt es noch die Möglichkeit, die zu Version eins passt, nämlich die Duhring’sche Krankheit, die sogenannte Dermatitis herpetiformis. Aber, wie gesagt, das untersuchen wir, und früher oder später bekommen wir die Geschichte in den Griff. Es existiert da noch eine dritte Variation, aber über die muss ich erst mit meinen Kollegen reden.“

„Es ist also ernst, nicht wahr?“

„Variation eins ist ernst, Variation zwei bekommen wir rasch in den Griff, und die dritte Möglichkeit hängt mit psychologischen Dingen zusammen, aber darüber möchte ich noch nicht reden. Auf alle Fälle ist es kein Herpes Zoster, das ist es mit absoluter Sicherheit nicht, das kann man ausschließen.“

„Also keine Gürtelrose?“

„Keine Gürtelrose.“

Marianne Stich wusste nicht, ob das eine gute oder schlechte Nachricht war. Was ihr Doktor Karl von dieser Version eins erzählt hatte, beunruhigte sie. Auf der anderen Seite war es gerade diese Offenheit, die ihr imponierte und die sie zugleich wieder besänftigte. Ein Arzt, der so offen sprach, musste Hoffnung haben, mit dieser Geschichte fertigzuwerden, sonst hätte er das nicht so offen ausgesprochen.

Sie sah ihn vertrauensvoll an, und er lächelte ihr zu. „Der Mensch ist ein zähes Luder, müssen Sie wissen. So leicht bringen den Gifte nicht um. Ich sage immer zu meinen Patienten: Wenn wir Tiere wären, gäbe es uns schon lange nicht mehr. Was in uns an Gift hineingepumpt wird, Tag für Tag, das geht auf keine Kuhhaut. Es fängt an mit den Hormonen und der Antibiotikum-Prophylaxe, die sie uns in Form von Kalbfleisch vorsetzen, im gespritzten Salat, dessen Poren voller Pflanzenschutzmittel sind, im Obst, in den Kartoffeln, die im Wasser schäumen, so viel Kalkstickstoff haben die Bauern hineingedüngt, und was alles noch. Dieses viele Gift würde ein Tier umbringen. Aber wir Menschen, wir leben noch, und wie Sie an mir sehen, nicht einmal schlecht.“ Er schlug sich lachend auf seinen Bauch. „Machen Sie sich also keine unnützen Sorgen.“

„Ich habe einen Betrieb zu Hause. Niemand weiß Bescheid. Das macht mir doch Sorgen, Herr Doktor“, meinte Marianne Stich bekümmert.

„Ach was, jeder Mensch ist zu ersetzen. Ist überhaupt niemand dort? Haben Sie keinen Sohn? Keine Tochter? Und Ihr Mann ...“

„Ich bin Witwe. Meine Tochter praktiziert hier im Krankenhaus, bis sie einen Studienplatz hat. Sie will Ärztin werden.“

„Ein langer, langer Weg. Nun denn“, er blickte auf die Kladde, um nach dem Namen von ihr zu suchen, „Frau Stich“, fuhr er dann fort, „es wird schon gut werden. Ich kümmere mich um Sie. Auf alle Fälle müssen Sie sich entspannen und dann einmal ausruhen. Ein großes Geschäft, das Sie zu Hause haben?“

„Nicht sehr groß. Tiefkühlkost, Fertiggerichte. Wir liefern an kleinere Restaurants.“

„Und die tauen’s mit dem Mikrowellenherd auf, was?“

„Genauso ist es. Für viele lohnt es sich nicht mehr, das alles selbst zu machen. Die Personalkosten und die Erwartung der Gäste, dass mindestens fünfzehn oder mehr Gerichte auf der Karte stehen müssen.“

„Eine gute Idee. Und jetzt ist niemand da, der es macht? Die Tochter sollte lieber in Ihr Metier gehen. Das ist doch eine echte Marktlücke, oder?“

„Oh nein. Es gibt da viel, viel größere. So große, dass ich davon fast an die Wand gedrückt worden bin. Es ist ein harter Konkurrenzkampf.“

„So hart, dass Sie bis in die Nacht hinein arbeiten, stimmt es?“, meinte Doktor Karl, und er wirkte jetzt gar nicht mehr so fröhlich, so heiter. Er sah sie ernst an, besorgt fast, denn er hatte immer mehr die Ahnung, dass die Frau in Wirklichkeit total fertig war, völlig am Ende mit ihrer körperlichen, aber auch mit ihrer seelischen Kraft.

Er hatte eigentlich gehen wollen, aber jetzt wandte er sich den Schwestern zu und sagte: „Nun geht auf die Spielwiese, Mädchen. Im Augenblick hat der Onkel keine Zeit mehr für euch. Ich will mal mit der Patientin alleine reden.“

Die Schwestern kicherten und gingen hinaus. Als sie draußen waren, setzte sich Doktor Karl auf den Bettrand, nahm die Hand von Marianne Stich, legte seine Linke obenauf und sagte beruhigend: „Sie sind kaputt, nicht wahr? Total fertig, stimmt es?“

„So ziemlich. Es ist zu viel für eine Frau. Wenn mein Fritz noch am Leben wäre ...“

Er nickte verständnisvoll. „Nun, der gute Fritz lebt nicht mehr. Schon lange nicht mehr?“, wollte er wissen.

„Für mich ist es, als wäre er gestern noch dagewesen. Und dann wieder, als wäre es tausend Jahre her. Dabei sind es erst ein paar Jahre. Es sind genau auf den Tag ...“

„Wühlen wir nicht in diesen Dingen herum“, beschwichtigte er sie, als er erkannte, dass es ihr wehtat, daran denken zu müssen. „Kümmern wir uns mal um die Gegenwart. Da sitzt meine liebe Marianne Stich, so heißen Sie doch, nicht wahr?“

Sie nickte und lächelte dabei.

„Da sitzt dieses gute alte Mädchen da und schuftet bis in die Nacht und fragt sich, für wen tue ich das eigentlich? Wann fängt denn der Tag so an bei Ihnen?“

„Halb sechs stehe ich auf, mache das Frühstück und ...“

„Warum macht denn nicht das Mädchen das Frühstück, ich meine die Tochter? Glauben Sie, dass es Ihren Händen schaden tut, wenn sie mal für die Mutter arbeitet?“

„Ach, es macht mir ja nichts aus. Ich mache jedenfalls das Frühstück und kümmere mich dann schon um den Betrieb. Meine Leute fangen um halb acht an.“

„Wenn Sie Tiefkühlkost machen, Fertiggerichte, dann muss doch etwas gekocht werden?“

„Natürlich, das ist das Herz des Betriebes, meine Küche, meine Großküche. Die Gerichte werden hergestellt, portioniert und tiefgefroren und dann gelagert; nachdem sie verpackt sind, natürlich.“

„Wunderbar, und dann geht die Ware hinaus zu den Kunden.“

„Nachdem sie verkauft worden ist. Ich habe Glück, ich habe feste Kundschaft. Aber es wird immer schwieriger, diese Kundschaft angesichts der Sonderangebote, der Dumpingpreise der Konkurrenten, besonders von einem, zu behalten.“

„Ja, und dann kommen die Löhne, nicht wahr? Jeden Freitag müssen sie da sein, oder?“

„Nein, das ist jetzt nicht mehr, Herr Doktor. Wir zahlen nur noch monatlich. Aber die Gelder kommen schwer herein. Ein paar meiner Kunden sind bankrott gegangen. Daran kaue ich noch immer. Und die Bankkredite sind sehr teuer geworden.“

„Stimmt. Ich habe mir ein Grundstück gekauft. Unverschämte Zinsen, die ich da zahlen musste und noch immer muss. Nun gut, und da ist niemand, der Ihnen unter die Arme greifen kann?“

„Ich wüsste nicht, wer. Es ist schon furchtbar, dass ich weg bin. Ich weiß gar nicht, was da passiert. Mach’ mir wahnsinnige Gedanken.“

„Das ist ein Fehler. Sollten Sie nicht machen. Das viele Nachdenken führt nur zu neuem Stress. Soll ich Ihnen etwas sagen? Das Einzige, was Sie brauchen, ist massenhaft Schlaf, Ruhe, Entspannung, und dann kommen die ganzen Geschichten wieder in die Reihe. Dauert aber seine Zeit.“

„Ich kann mir doch das nicht leisten. Ich muss so schnell wie ...“

Er lachte. „Mädchen, machen Sie sich doch nicht verrückt. Hören Sie mal: Sie sind doch in einer Zeit groß geworden, wo es noch rund ging hier, wo wir noch von der Hand in den Mund gelebt haben. In der sogenannten Aufbauphase. Sie wissen doch, wie es damals war. Da hatten wir alle nichts. Und denken Sie doch an Ihren Mann. Der hat bestimmt genauso geackert wie Sie. Und plötzlich musste er die Löffel abgeben, nicht wahr? Und eines Tages muss ich die Löffel abgeben, und Sie müssen sie abgeben. Was nehmen wir denn mit? Nichts nehmen wir mit! Wir haben nichts von alldem, von dieser Schufterei. Die bringt gar nichts.

Wir müssen viel bewusster leben. Den meisten meiner Patienten möchte ich das einhämmern in ihren Schädel. Davon kommen doch diese ganzen Allergien. Die meisten sind so fertig, seelisch so am Boden zerstört, dass ihr Körper gar nicht mehr die Kraft hat, sich gegen irgendetwas zur Wehr zu setzen. Das gehört nämlich dazu, wenn man einem Virus, einem Bazillus oder Bakterien begegnen will, dass der Körper Kräfte entwickelt dagegen. Aber viel schlimmer noch, viel schlimmer, die meisten sind so kaputt, so zerstört, dass der Körper Kräfte gegen sich selber entwickelt. Wissen Sie, wie wir das nennen? Sogenannte Autoaggressionskrankheiten. Auto im Sinne von selbst, Selbstangriffskrankheiten - in anderen Worten: Selbstzerstörung. Unser Körper fängt an, sich selber kaputt zu machen. Und das tut er in einer Art von Verzweiflung. Es ist ganz einfach eine Fehlsteuerung.

Wir sind so fertig, der Körper ist so erschöpft, dass sich die Antikörper, die dazu da sind, Feinde unseres Körpers zu vernichten, dass die plötzlich eigene Körperteile angreifen, Drüsengewebe, Schleimhäute und in meinem Bereich sehr, sehr oft die Haut. Diese ganzen allergischen Reaktionen führen zu solchen Erscheinungen, die dann aussehen, als wäre es eine Virusinfektion oder sonst etwas Derartiges, so wie bei Ihnen. Das wäre nämlich die Möglichkeit Nummer drei, von der ich vorhin gar nicht erzählt habe. Und jetzt, wo ich weiß, dass Sie geschuftet haben wie ein Galeerensklave, halte ich das für gar nicht mehr so ausgeschlossen.“

Sie sah ihn nur an. Sie blickte auf seine Lippen, hörte den Klang seiner Stimme, aber das Eigentliche kam von seinen Händen, wie er ihre Hand hielt. Die Wärme seiner Handflächen wirkte auf sie wie ein Strom, der von seinem Kreislauf sich auf den ihren übertrug. Mit einem Male war sie innerlich ganz ruhig. Die Angst, diese Hektik der Gedanken, die sie vorhin noch beseelt hatten, waren wie weggewischt. Sie war ganz ruhig. Und da saß dieser bullige Mann, dieser Hüne, der aussah, als könnte er einen Zwei-Zenter-Sack wie etwas Federleichtes auf der Schulter tragen, an ihrem Bett, hielt mit beiden Händen ihre Rechte, und sie hatte auf einmal das Gefühl, wie ein kleines Kind im Bett zu liegen, glücklich und nur müde. Ja, das fühlte sie, Müdigkeit. Müdigkeit und anheimelnde Wärme. Und das alles, so kam es ihr vor, schien von diesen Händen auszugehen.

Und dann redete er auf sie ein. Seine Stimme hatte etwas Vertrauenerweckendes, Beruhigendes an sich. Er erzählte ihr Geschichten aus seiner Kindheit, erzählte ihr von seinem Hobby, dem Gärtnern, seinem großen Garten, seinen Obstbäumen und der Laube, die er gerade aus Birkenholzstämmen baute. Und dann wieder kamen Lausbubengeschichten aus seiner Kindheit, die so heiter waren und doch so besinnlich, und darüber schlief sie ein. Tief und fest schlief sie.

Als er sicher war, dass sie auch nicht aufwachen würde, wenn er ihre Hand losließ, stand er auf, ging zum Fenster und zog die Vorhänge zu. Dann schlich der große schwere Mann auf Zehenspitzen hinaus, und er, der sonst so laut und poltrig war, bewegte sich so leise, und ebenso lautlos öffnete und schloss er die Tür. Als er dann draußen auf dem Gang stand, sah er eine Schwester, winkte ihr und rief sie zu sich.

„Hör zu, Kind, pass auf, dass hier keiner hineinkommt. Sie schläft, und wehe, ihr weckt sie vorzeitig auf! Sie braucht nichts so dringend wie Ruhe und Schlaf. Sag das der Stationsschwester, und vergiss es nicht.“

Die Schwestern hatten einen gehörigen Respekt vor Doktor Karl, und eigentlich hätte er sicher sein können, dass die Schwester sonst etwas vergaß, nur das nicht, was er sagte. Indessen marschierte er mit offenem Kittel durch die Innere Abteilung zur Treppe, zog unterwegs seine Taschenuhr aus der Weste, blickte aufs Zifferblatt und stellte fest, dass er schon gut zehn Minuten zu spät dran war, denn er hatte einen Termin bei Doktor Winter oben in der Gynäkologischen Abteilung. Er und der Internist Doktor Mollwitz wollten mit Doktor Winter über eben diese Frau Stich sprechen, weil ihr Fall eigentlich etwas für die Innere und die Gynäkologische war. Aber was Doktor Karl von der Sache hielt, würde er den Kollegen nachher erklären.

„Gemach, gemach, liebe Freunde!“, rief er ihnen zu, „ich hatte noch eine Unterhaltung. Tut mir leid, aber inzwischen ist der Kaffee kalt geworden, was?“

„Kaffee? Ach ja, ich weiß, du bist ja deinen Kaffee um diese Zeit gewohnt, Willi“, meinte Doktor Winter.

„Jedenfalls hat dein Gedächtnis darüber, dass du Chefarzt geworden bist, noch nicht nachgelassen“, stellte Doktor Karl fest und ließ sich auf dem Sessel nieder, der in der Ecke hinten stand.

Doktor Winter läutete der Schwester und fragte dann Schwester Ingrid, als diese eintrat: „Lässt es sich möglich machen, dass wir drei einen Kaffee erhalten?“

„Aber selbstverständlich, Herr Chefarzt“, erwiderte sie und war schon wieder draußen.

„Du hast sie gut erzogen, deine Kinder, mein lieber Florian. Die flitzen ja für dich.“

Doktor Mollwitz blickte ungeduldig auf seine Armbanduhr. „Verehrter Herr Kollege, ich habe sehr wenig Zeit. Können wir jetzt zur Sache kommen?“

„Natürlich können wir das. Aber Sie werden eines Tages an derselben Krankheit leiden wie diese Frau da unten. Es ist kein Herpes Zoster, um das gleich vorweg zu sagen.“

„Das ist noch nicht bewiesen.“

„Das steht für mich felsenfest. Darüber brauchen wir nicht mehr zu diskutieren. Ich werde euch sagen, was meines Erachtens in Frage kommt, obgleich alles auf Pemphigus infolge Viren hindeutet. Pemphigus vielleicht, aber infolge von Autoaggression. Es ist eine Autoaggressionsgeschichte. Die Frau ist total fertig.“

„Ist das jetzt eine Vermutung von dir, Willi?“, fragte Doktor Winter, „oder gibt es schon etwas Greifbares?“

„Es gibt, wenn nicht die Virologen etwas anderes sagen, für mich nur noch diese Theorie, es ist eine Theorie. Es ist kein Beweis. Aber ich möchte sagen, weitgehend. Ich muss natürlich ausschließen, dass es wirklich Pemphigus foliaceus ist. Ich muss ausschließen, dass es die Duhring’sche Krankheit ist. Ich muss auch ausschließen, dass es sich um eine Arzneimittelallergie handelt. Sie nimmt keine Tabletten. Sie hat überhaupt keine Medikamente genommen. Und da ist noch diese gynäkologische Geschichte. Und deshalb muss ich jetzt noch, um da auch etwas auszuschließen, an dich die Frage stellen, was hat deine Untersuchung wirklich gebracht? Hast du sie selbst untersucht, oder hat es ein anderer hier aus dem Hause getan?“

„Ich habe sie am Vormittag noch einmal selbst untersucht. Vorher hatte das Ansorge getan, mein neuer Assistent. Aber ich wollte selbst noch einmal nachsehen. Allerdings bin ich zu keinem anderen Resultat gekommen, was die Diagnose angeht, als er. Es liegt eine Entzündung vor. Ich habe einen Abstrich gemacht und ebenso an die Zytologen gegeben wie du, Willi. Einmal abgesehen davon, was das Ergebnis bringen wird, die Art der Entzündung weist eigentlich auf eine Art Neurose hin. Überhaupt ist diese Frau überempfindlich. Das gilt nicht nur für Schleimhaut und dergleichen, ich meine es auch in Bezug auf Scham und Klitoris. Ihre Erregbarkeit ist schon eine Sache für sich. Das deutet darauf hin, dass sie offensichtlich seit langer Zeit keinerlei Kontakt mehr mit einem Mann hatte. Auf der anderen Seite aber, nun sagen wir es offen, dieses Kontaktes bedurft hätte. Sie ist keine alte Frau, Wenn ich mich nicht irre, ist sie vierzig.“

„Und wie ich gesehen habe“, bestätigte Doktor Karl, „ist sie eine hübsche Person. Und mir, um das einmal ganz nüchtern zu sagen, würde sie als Mann schon etwas bedeuten können. Sie ist eine attraktive Frau, obgleich sie jetzt in ihrem Zustand natürlich einen bemitleidenswerten Anblick bietet. Sie ist total am Ende. Und deswegen glaube ich an Autoaggression. Aber wie gesagt, das Gegenteil können uns die Abstriche durchaus noch beweisen.“

„Nehmen wir einmal an“, meinte Doktor Mollwitz, „Ihre Theorie, wie Sie es nennen, stimmt, Herr Karl. Wenn es sich also tatsächlich um Autoaggression handeln sollte, wie wollen Sie da therapeutisch vorgehen?“

„Zuerst einmal müssen wir natürlich den Fortgang dieser Autoaggression stoppen. Dies ist einmal mit Cortisonmitteln möglich, aber in der Hauptsache damit, dass wir die Psyche dieser Frau ins Lot bringen. Wissen Sie, meine Herren, mit diesen Allergien, die ja mehr und mehr um sich greifen, ist es so eine Sache. Einmal werden wir Menschen überschüttet mit Giften, und dies löst ja diese Allergien aus. Es sind nicht nur die Milben oder Pollen oder was weiß ich, was alles diese Allergien auslösen, die vom Heuschnupfen über Exantheme bis zum Rheuma gehen. Es sind vor allen Dingen die Gifte, die den Milben, Pollen und was es alles gibt, die Möglichkeit geben, den Körper anzugreifen. Der größte Feind der Menschheit, der zivilisierten Menschheit vor allem, ist außer den Giften, die wir uns täglich zufügen, der Stress. Das größte Gift schlechthin. Stress vergiftet uns. Stress bringt uns um. Stress schafft den Nährboden für alle schweren Krankheiten. Und was ist denn Stress alles? Das ist nicht nur die Hektik im Büro, auf der Arbeit oder sonst wo, das ist nicht nur der mangelnde Schlaf, das ist auch die Unterdrückung, die uns durch andere zugefügt wird, das ist die Sehnsucht, die unerfüllt bleibt, die Liebe, die enttäuscht wird.

Stress ist alles das, was uns seelisch schmerzt, was uns wehtut, kurzum, alles das, was uns auf dem Herzen herumtrampelt. Und vor allen Dingen sind es auch Gier, Ehrgeiz, diese ganzen Verrückheiten, die uns Menschen beseelen, und die wir am Ende noch für etwas Erstrebenswertes halten. Stress ist auch, wenn wir meinen, wir müssten den Garten schön anlegen wie ihn der Nachbar hat. Wir müssten jedes Hälmchen zwischen den Steinen herausreißen, wir müssten spritzen, dass an unsere Rosen nichts drankommt. Und schon haben wir wieder Gift in den Boden gebracht, der unser Grundwasser verdirbt, und wir meinen, wir könnten uns die Spinnen nicht leisten, die im Grase herumkrabbeln. Deshalb mähen wir den Rasen zweimal die Woche. Wie ein Teppich muss er aus sehen.

Und dabei vernichten wir so viel nützliche Insekten, weil wir ihren Lebensraum zerstören. Deswegen müssen wir ja spritzen. Und wenn mal ein Ohrenkriecher auf dem Fensterbrett herumkrabbelt, dann wird er totgedrückt, weil wir nämlich nicht wissen, dass er der größte Läusevernichter ist, den es gibt. Und weil wir die Ohrenkriecher nicht wollen und am liebsten wegspritzen wie die schädlichen Insekten, müssen wir immer wieder spritzen und spritzen und spritzen und uns voller Gift pumpen. Wir müssen unser Auto größer haben als der Nachbar, schöner.

Deswegen müssen wir mehr arbeiten, um das Geld für das größere Auto zu verdienen. Und wir müssen uns von unserem Chef gefallen lassen, dass er uns Dinge sagt, die oft gar nicht wahr sind. Aber wir wagen nicht zu widersprechen, um die Arbeit nicht zu verlieren, weil wir das Geld nötig haben, das Geld für unser Haus, für unser Auto, für unseren Fernseher, für die Waschmaschine und was weiß ich. Und weil wir diesen Luxus haben wollen, müssen wir immer wieder arbeiten, müssen Demütigungen hinnehmen und haben wenig Zeit für unsere Frau, und wir haben noch weniger Zeit für unsre Kinder.“

„Du lieber Himmel, lieber Kollege Karl, bei allem Verständnis für Ihre Theorie, aber das hat doch nun mit diesem Fall im Einzelnen gar nichts mehr zu tun!“, rief Doktor Mollwitz aufgebracht. „Ich muss zu meinen Patienten.“ Er schaute nervös auf die Uhr. „Ich muss weg. Das ist ja alles sehr schön und grün, aber wir müssen uns doch an die rein wissenschaftlichen Dinge halten.“

„Das sind doch rein wissenschaftliche Dinge. Das ist alles ganz einfach die nackte Vernunft“, rief Doktor Karl. „Wenn Sie als Akademiker, wenn Sie als Arzt das nicht begreifen, um was es hier geht, wie sollen denn das erst einfache Menschen verstehen?“

„Ich kann mich nur an die nackte Schulmedizin halten. Das, was Sie da entwickeln, sind Hypothesen, noch nicht einmal das. Ich heile meine Patienten nach der klassischen Methode. Eine akribisch genaue Diagnose als Voraussetzung für eine schulmedizinische Therapie, eine Therapie, von der man weiß, wie sie angewendet wird, mit ausprobierten Medikamenten und Methoden. Etwas anderes, tut mir leid, dass ich Ihnen das sagen muss, kann ich nicht anerkennen. Eine Behandlung mit psychologischen Mitteln nach der Methode, dass Placebo keinen Schaden anrichtet, kann ich nicht anerkennen. Es tut mir leid.“ Er stand auf. „Vielleicht sollten wir den Fall in eine andere Abteilung verlegen? Ich jedenfalls kann mich mit dieser Methode, die Sie anwenden wollen, nicht anfreunden. Oder sagen Sie mir, Herr Winter, was ich machen soll? Soll ich mich vielleicht hinsetzen, dieser Frau über die Stirn streicheln und Händchen halten und darauf warten, dass sie von alleine gesund wird?“

Karl schüttelte betrübt den Kopf. „Sie haben nichts begriffen. Natürlich behandeln wir sie mit Cortison. Natürlich behandeln wir sie mit palliativ wirkenden Umschlägen. Aber die wahre Therapie ist das, was ich gesagt habe: Ruhe, Entspannung.“

Doktor Mollwitz zuckte die Schultern. „Cortison begreife ich, aber das andere sind doch Sachen für den Psychiater. Ich arbeite in einer inneren Station und nicht in einer Heilanstalt.“

„Ich weiß nicht, warum Sie sich so erregen“, meinte Doktor Winter. „Mein lieber Herr Mollwitz, er hat ja recht. Seine drastische Art, das vorzutragen, darf Sie doch nicht erschrecken. Sie kennen ihn doch.“

„Wollen Sie damit sagen, Herr Chefarzt, dass Sie Herrn Karl zustimmen?“

„Ich stimme ihm zu. Es ist zwar etwas weit ausgeholt, wie er es vorträgt, aber er hat völlig recht. Und das müssen Sie erkennen. Ich bin sogar der Meinung, dass das, was bei dieser Frau im gynäkologischen Bereich zur Debatte steht, im Zusammenhang mit diesem Bläschenausschlag zu sehen ist. Im Grunde ist das vermutlich von gleicher Ursache. Vermutlich, sage ich, weil das virologische Resultat noch nicht vorliegt. Wenn das der Fall ist, wissen wir es endgültig. Sind die Abstriche von Gebärmutter und Haut negativ, ist der Beweis erbracht.“

„Diesen Beweis werden Sie mir wahrscheinlich schuldig bleiben. Ich bin fast sicher, dass Sie ihn mir schuldig bleiben werden“, erklärte Mollwitz und ging.

Seine beiden Kollegen schauten ihm schmerzlich lächelnd nach. Karl lehnte sich zurück, sah seinen alten Freund und Kollegen Florian Winter an und meinte: „Na, alter Junge, der wird auch noch schlau.“

Florian Winter schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht, dass das bei ihm zutrifft. Da hast du dich bestimmt geirrt. Der ist viel zu verbissen. Der weiß gar nicht, was du meinst.“

Willi Karl schlug Winter freundschaftlich auf die Schulter. „Aber du weißt es. Na, wie geht es Helga?“

„Es geht ihr prächtig.“

„Sie ist wieder schwanger, nicht wahr?“

„Nun ja, ein Geheimnis ist das jetzt nicht mehr.“

„Ich freue mich über euch beide. Ich bin Helga neulich begegnet. Hat sie’s dir erzählt?“

„Ja, im Kaufhaus. Du wärest bepackt gewesen mit Schläuchen und Hackenstielen oder was immer du da mit herumgeschleppt hast. Jedenfalls sagte sie, du hättest ausgesehen wie ein Bergsteiger, weil du die Schläuche so wie ein Seil umgehängt trugst.“

Karl lachte schallend.

Schwester Ingrid kam mit dem Kaffee herein. Sie blickte verwundert auf den leeren Stuhl, auf dem Doktor Mollwitz gesessen hatte, und meinte: „Er ist ja gar nicht mehr da.“

„Nein!“, rief Doktor Karl polternd, „ich habe eine neue Therapie entwickelt, Schwester. Ich brauche einen nur anzusehen, und er verflüchtigt sich in Luft.“

Schwester Ingrid blickte ihn erst erschrocken an, dann lachte sie. „Das gibt es ja gar nicht.“

„Das gibt es nicht? Mach nicht, dass ich dich so ansehe, Kindchen. Ich habe den schlimmen Blick. Hast du das nicht gewusst?“

Sie setzte die Tassen ab, ahnte schon, was kommen würde, wollte rasch wieder weg, aber da hatte er sie schon um die Hüfte gepackt, zog sie mit Schwung auf seinen Schoß, kniff sie in die Backe und rief poltrig: „Du hast gedacht, du entkommst mir, hast aber Pech gehabt, mein Kleines.“

Doktor Winter warf seinem Kollegen einen vorwurfsvollen Blick zu und meinte: „Nun hör aber auf, Willi!“

Schwester Ingrid, die ganz genau wusste, dass es nur ein freundschaftlicher Scherz war, rief fröhlich: „Ach, er meint es ja nicht so, Herr Chefarzt. Das macht er immer mit uns Schwestern. Ich krieg bloß zu viel, wenn er mich in den Po kneifen will. Das kann ich auf den Tod nicht ausstehen.“

„Gut, dann ist heute ein besonderer Tag … Du wirst nicht in den Po gekniffen. Schwirre ab, mein Vögelchen.“

Schwester Ingrid kicherte und rannte davon.

Als sie draußen war, fragte Florian Winter: „Was hast du eigentlich von diesem Quatsch? Macht dir das solchen Spaß?“

„Eigentlich nicht. Aber es gehört zu meinem Image.“

„Zu deinem Image? Meinst du, die erwarten das von dir?“

„Genau das erwarten sie von mir. Die quieken wie die kleinen Schweine, wenn ich komme. Ich bin der Buhmann hier. Wenn ich denen plötzlich völlig gleichgültig gegenübertreten würde, hätten sie doch nichts mehr, worüber sie reden könnten. Jedenfalls nicht, wenn ich komme. Und so ist immer viel Jubel, Trubel, Heiterkeit. Ein bisschen Spaß macht es mir auch.“

„Du bist schon ein schlimmer Bursche. Also, was wollen wir jetzt mit dieser Frau machen? Wir können doch nichts tun, bevor die Ergebnisse vorliegen. Diese ganze Besprechung hier ist doch für die Katz. Wer ist eigentlich auf die Idee gekommen, du?“

„Nein, Mollwitz natürlich. Wenn du mich fragst, so ganz unter uns“, meinte Doktor Karl, „Mollwitz ist eine Pfeife. Der mit seinem tierischen Ernst und seiner übertriebenen Anhängerschaft an die Schulmedizin. Das ist doch wie einer, der mit Scheuklappen herumläuft. Der schaltet die Vernunft aus. Für den gibt es natürlich nichts, was nicht irgendwo fünfzig Mal geschrieben steht. Siehst du, und das zeichnet uns Menschen ja aus, dass wir schöpferischen Geist haben, dass wir Fantasie entwickeln. Mollwitz ist eine Maschine, ein Computer, den du fütterst. Der ist mit Wissen bis zum Rand voll. Er lernt es. Bei einer neuen Situation reagiert er wie ein Pferd, vor dem ein Stück Papier hochfliegt; er scheut, er gerät in Panik. Neuland, unerforscht, ist bei ihm nicht programmiert. Weiß er nicht, was er tun soll. Siehst du, dann kommt er mit altem Kram, Herpes Zoster. Das ist doch eine echte Fehldiagnose. Das ist ein Volltreffer ins kalte Wasser, ein Flop, sagen die Amerikaner.“

„Flop hin, Flop her. Bist du sicher, dass du mit deiner Pemphigus-Theorie richtig liegst?“

„Pemphigus in jedem Falle, es fragt sich nur, infolge von Autoaggressionen oder durch Viren. Da gibt es für mich überhaupt keine Bedenken. Und wenn es durch Viren ist, kann es bitterböse werden. Das brauche ich dir hoffentlich nicht zu erzählen, als altem Hasen.“

„Sag mal, wie kommst du nur darauf, dass es eine Autoaggression sein könnte?“

„Hör mal, alter Freund, ich bin zu spät gekommen, ich bin aber nicht zu spät gekommen, weil ich ein so vergnügungssüchtiger Hund bin und vielleicht irgendwo herumgerannt sein könnte, um Schwestern zu jagen wie Rehe. Ich habe mich mit dieser Frau unterhalten und etwas über ihr Leben erfahren. Und siehst du, das gehört doch dazu. Auf diese Idee ist Mollwitz offensichtlich nicht gekommen. Man muss doch mit den Leuten reden. Ich weiß, dass du das auch tust. Man muss das Gesamtbild sehen, eine Tatsache, die ich dich hab letztens im Hörsaal verkündigen hören. Du bist doch hingegangen, seit du Dozent bist, und hast den Studenten immer wieder gepredigt, man könne nicht nur einen kleinen winzigen Raum sehen, in diesem Falle vielleicht die Gebärmutter, sondern müsste den ganzen Menschen betrachten. Und das ist wichtig. Diese Erkenntnis hast du dir doch nicht nur aus den Fingern gesogen, das ist doch eine Erfahrung, die du gemacht hast, weil du nachdenkst, weil du Fantasie hast, weil du dir etwas vorstellst. Siehst du, warum muss ich dir das eigentlich alles erzählen?“

Doktor Winter lachte. „Du bist schon ein toller Bursche, aber du hast recht. Du hast ja völlig recht. Nur ist es da mit Cortison nicht getan. Und mit Ruhe allein auch nicht. Aber wir können doch nicht hingehen und die häuslichen Verhältnisse bei dieser Frau klären und in Ordnung bringen.“

„Natürlich nicht. Wir können aber mit den Angehörigen reden, und vor allen Dingen können wir diese Frau selbst auf Kurs bringen. Soll ich dir etwas sagen? Mein lieber Florian, du bist hier der große König der Gynäkologen, der Oberchefgynäkologe sozusagen. Dann sieh bitte zu, dass du dieses Mädchen aus der Inneren herausholst und zu dir legst.“

„Zu mir? Das ist doch kein gynäkologischer Fall. Wegen dieser leichten Entzündung ...“

„... das ist mir wurscht, weshalb du sie da wegholst, aber hole sie zu dir. Ich habe hier keine eigene Abteilung. Ich bin hier nur Belegarzt, und dann liegen meine Fälle in der Inneren. Darüber bin ich unglücklich genug. Hole sie zu dir, und dann wird sie so behandelt, wie es sich gehört. Mollwitz wird unsere Methode nie begreifen. Der versucht mir doch noch immer den Nachweis zu erbringen, dass ich vielleicht unrecht und er mit Herpes Zoster recht hat. Wenn ich daran denke, Gürtelrose, welch ein Wahnwitz!“

Doktor Winter dachte nach. „Vielleicht hast du recht. Ja, ich hole sie zu mir. Ich rede mal mit dem Chef der Inneren. Mit dem kann ich es recht gut, und Mollwitz wird kuschen müssen. In Ordnung. Da fällt mir übrigens ein: Die Tochter dieser Frau Stich macht hier im Hause ein Praktikum oder so etwas Ähnliches. Ich hab das gehört. Renate hat mir das erzählt.“

„Deine Sprechstundenhilfe?“

Winter nickte. „Ja, sie erhofft sich wohl dadurch einen Studienplatz. Ist ja schlimm, ist wirklich schlimm. Wenn ich heute studieren wollte, bekäme ich auf Grund des Numerus clausus keinen Studienplatz. Ich hatte jedenfalls eine so miese Durchschnittsnote, dass ich nach dem heutigen Gesichtspunkt nicht studieren dürfte. Und soll ich dir was sagen, Willi, ich hab mich neulich, als Frenzel noch hier Chef war, mit ihm darüber unterhalten, und da sagt mir der Professor, er hatte eine Durchschnittsnote im Abitur von 3,1.“ Winter lachte. „Der hätte praktisch kaum einen Studienplatz gefunden. Vielleicht als Geologe oder sonst etwas, aber noch nicht einmal das.“

„Und meinst du, bei mir hätte es besser ausgesehen?“

„Wenn wir das den Studenten heute sagen, die bekommen zu viel. Ein Primus mit einer tollen Durchschnittsnote und nicht der mindesten Begabung zur Medizin hat die Chance, Zahnarzt zu werden oder Chirurg oder Gynäkologe oder was immer, und einer, der von seinem Talent her begnadet wäre, Arzt zu sein, kommt auf Grund seiner Durchschnittsnote nicht weiter. Ich finde diese Methode, die jetzt zur Auswahl der Studenten angewandt wird, mies, sehr mies, und dieses Unbehagen erfüllt eigentlich alle, auch die Pädagogen.“

„Wir wollen hier nicht polemisieren, mein lieber Florian. Was macht eigentlich dein Sohn?“

„Der ist gestern drei Jahre alt geworden.“

„Drei Jahre alt geworden, gestern!“, rief Karl poltrig, griff sofort unter seinen Kittel in die Hosentasche. „Mensch, da hab ich was für ihn.“ Er brachte einen kleinen Zwerg zum Vorschein. „Sieh mal, ist der nicht reizend? Der müsste Stefan doch gefallen.“

„Woher hast du denn den?“, wollte Doktor Winter wissen.

Doktor Karl grinste wieder wie ein Lausbub. „Den hab ich neulich gekauft, der gefiel mir so. Und ich hatte da einen kleinen Jungen im Sinn, der auf der Kinderstation lag. Ich wollte ihm das Ding geben, der war so brav gewesen, hatte auch so eine Hautgeschichte. Aber als ich dann hinkam, hatten sie ihn schon entlassen. Ich hatte mich im Datum geirrt.“

„Und seitdem schleppst du den Zwerg in der Tasche herum?“

„Genau! Ich bin froh. Schenk ihn Stefan.“

Florian Winter lachte. „Der wird sich freuen, der wird sich bestimmt freuen.“ Die beiden betrachteten interessiert diese kleine Figur, und schließlich versenkte sie Florian Winter in seiner Aktentasche, die neben dem Schreibtisch stand. „Also gut, Willi, ich werde sehen, dass Frau Stich in meine Abteilung kommt. Wirst du sie noch einmal besuchen heute?“

„Ja, am Nachmittag komme ich vorbei und dann jeden Vormittag. Kannst du ihr sagen. Wir haben uns gut verstanden. Grüß sie von mir. Sie ist eine nette Person, wirklich“, meinte Doktor Karl nachdenklich, „eine sehr attraktive Frau.“

„Hallo!“, rief Doktor Winter, „du sagst das, als wenn sie dich über den Fall hinaus interessierte.“

„Tut sie auch“, gab Doktor Karl unumwunden zu, „tut sie wirklich. Ich bin Anfang fünfzig, mein lieber Florian, absolut kein altes Eisen, und Martha ist sehr früh gestorben, viel zu früh.“

„Der Unfall“, meinte Doktor Winter nachdenklich, „das muss doch mindestens schon zehn Jahre her sein, nicht wahr?“

„Zehn Jahre? Sechzehn Jahre ist das her, Florian, sechzehn Jahre, das ist eine lange Zeit, und lange sind wir nicht verheiratet gewesen. Die fünf Jahre, das ist wie ein kurzer Traum, ein Atemzug. Damals war ich auch noch so blöd, habe geschuftet, kaum eine freie Minute gehabt, nie an mich gedacht, nie Zeit zur Besinnung gehabt, aber dann, als sie tot war, dann kam die Besinnung, viel zu spät. Und sie wäre vielleicht auch nicht verunglückt, aber wir beide waren ja wie besessen, diese Raserei mit dem Auto. Das hab ich doch genauso gemacht wie sie. Sie ist eine hervorragende Fahrerin gewesen, aber dann hat sie eben einmal Pech gehabt und nicht Glück, wie man meistens hat. Ja, nun war die Kurve eben enger, als sie geschätzt hatte. Den Rest kennst du.“

Doktor Winter nickte. „Ja, den Rest kenne ich“, bestätigte er bitter.

Willi Karl lachte plötzlich. „Man soll nach vorne sehen, nicht nach hinten. Sie ist eine hübsche, attraktive, mir sehr gefallende Frau. Und verheiratet ist sie, wie ich weiß, auch nicht, denn sie ist Witwe. Viel zu jung, um Witwe zu sein, muss ich feststellend sagen, und vielleicht hat sie auch für mich etwas übrig.“ Bevor er weiterreden konnte und Doktor Winter in der Lage war, zu antworten, kam Schwester Else herein, und die alte, erfahrene Stationsschwester sagte nur: „Herr Chefarzt, auf 317 eine starke Blutung.“

Sofort war Doktor Winter hoch, flog förmlich um den Schreibtisch herum und sagte, während er schon zur Tür lief: „Bis später, Willi!“

„Ja, bis später!“, rief ihm Doktor Karl nach, seufzte und erhob sich dann ebenfalls, um langsam aus dem Zimmer zu gehen. Als er auf den Flur trat, sah er Doktor Winter, gut zehn Schritte der alten Stationsschwester voraus, den Gang entlangeilen.

Nachdenklich ging Doktor Karl zur Treppe, und seine Gedanken kreisten um Marianne Stich. Er beschloss, obgleich er eigentlich etwas anderes vorgehabt hatte, doch noch einmal nachzusehen, ob sie gut schlief.



7

Als Ernst Thiessen mit dem Lastzug davongefahren war, kam es Monika vor, als befände sie sich als einziger Mensch auf einer Insel und sähe das Schiff entschwinden, das Rettung versprochen hatte.

Sie fröstelte, obgleich die Sonne schien. In Verzweiflung krampfte sie die Hände ineinander und fragte sich, was nun werden würde, jetzt, wo Mama nicht da war, um alles in die Hand zu nehmen.

Thiessen hatte vorhin noch mit den Leuten gesprochen und ihnen den Vorschlag gemacht, zunächst einmal zwei Wochen auszusetzen. Natürlich werde das Gehalt weiterlaufen.

Der Packmeister wollte aber mit seiner Mannschaft wenigstens die nächsten drei Tage dableiben und die Ware zum Versand bringen, die vom Termin her weggeschickt werden musste. Die Leute waren rührend darum bemüht, den Betrieb am Leben zu erhalten. Marconi, der eigentlich noch hätte kommen müssen, hatte sich schon gestern nicht blicken lassen und lediglich seine Krankmeldung geschickt. Ohne den Chefkoch wollte Monika die Küche nicht in Betrieb halten, obgleich der zweite Koch behauptete, es ginge auch ohne Marconi. Aber darauf wollte es Monika nicht ankommen lassen.

Es war ziemlich ruhig auf dem Hof, nur drüben aus der Kühlhalle, wo die Mannschaft des Packmeisters arbeitete, drangen Geräusche auf den Hof.

Monika ging zurück ins Büro, blickte erschrocken auf den Stuhl, auf dem ihre Mutter immer gesessen hatte, auf das, was auf dem Schreibtisch lag, so, als sei sie nur für einen Moment hinausgegangen. Aber wer weiß, wann sie wiederkommen würde.

Monika wollte eben die Tür abschließen und zum Krankenhaus fahren, als das Telefon schellte. Sie war schon entschlossen, gar nicht abzuheben, dann tat sie es aber doch, meldete sich, und eine Männerstimme sagte: „Ich habe schon dreimal angerufen, hoffentlich habe ich jetzt Fräulein Stich am Apparat.“

„Ja, das schon, wer ist denn da?“, fragte Monika zaghaft.

„Hier ist Hartmut Kühn. Ich habe Ihnen doch versprochen, dass ich an rufe.“

Monika sagte nichts, und er dachte wohl, die Leitung sei unterbrochen und rief: „Hallo!“ Sie meldete sich noch einmal, und dann sagte er: „Ich möchte Sie einladen. Ich möchte Sie für heute Abend einladen. Jetzt werden Sie wahrscheinlich zu Ihrer Mutter gehen. Ich würde ihr Blumen schicken lassen, aber ich glaube, das versteht sie falsch. So kann ich Sie nur bitten, Ihre Mutter zu grüßen, zu grüßen auch im Namen meines Vaters. Ob es wirklich in seinem Namen ist, weiß ich nicht, aber mit der Zeit wird er es tatsächlich wollen.“

„Aber ich habe heute Abend etwas vor. Es tut mir leid“, sagte Monika, und als das heraus war, hätte sie sich selbst auf den Mund schlagen können. Warum, dachte sie, sage ich das? Er ist doch so nett. Ich würde wirklich gern mit ihm ausgehen. Ich habe es doch die ganze Zeit gewollt, habe an ihn gedacht, und jetzt schütze ich vor, dass ich etwas mit Horst ausgemacht hätte. Aber ich habe nichts mit Horst ausgemacht. Gestern Abend haben wir uns sogar gestritten. Immer öfter, dass wir uns streiten.

„Hallo, Fräulein Stich, sind Sie noch dran?“

„Ja, ja“, sagte sie rasch.

„Können Sie das nicht absagen, was Sie heute Abend vorhaben? Ich würde ja am liebsten jetzt schon zu Ihnen kommen, aber ich kann nicht weg. Ich muss natürlich meine Arbeit machen, und ich nehme an, Sie wollen in die Klinik zu Ihrer Mutter.“

„Ja, das hatte ich vor. Ich wollte gerade gehen. Eigentlich hatte ich gar nicht mehr abnehmen wollen, als es klingelte.“

„Fräulein Stich, wo kann ich Sie heute Abend treffen? Ich kenne jetzt Ihre Privatwohnung. Soll ich Sie dort halb acht abholen?“

Monika wollte schon verneinen, wollte wieder abwehren, aber diesmal hatte sie ihre Zunge besser im Zaum.

„Aber warum denn?“, fragte sie, und es kam ihr selbst dumm vor, diese Frage gestellt zu haben. Sie hörte ihn lachen, und er sagte:

„Warum? Weil ich Sie unheimlich sympathisch finde. Sie gefallen mir. Sie sind ein Mädchen, wie man es nicht alle Tage trifft.“

„Ich bin wie andere auch.“

„Hören Sie, um halb acht warte ich vor Ihrer Tür.“

„Aber ...“

„Also dann, halb acht, vergessen Sie nicht: heute Abend. Ich freue mich riesig darauf, und grüßen Sie Ihre Mutter. Wünschen Sie ihr alles, alles Gute. Bis heute Abend, tschüs.“ Dann legte er auf.

Der ist ja bescheuert!, dachte sie. Ich habe doch Horst. Ich kann da nicht mit diesem Typ herummarschieren. Was der sich einbildet! Ach, wie dem auch sei, jetzt muss ich zu Mama.

„So eine Knalltüte“, murmelte sie. „Ruft hier einfach an und will ein Fass aufmachen. Der hat ja wirklich ’ne Meise. Kommt überhaupt nicht in Frage. Ich hab ja Horst.“

Als sie draußen war und abgeschlossen hatte, sah sie den Wagen ihrer Mutter. Er stand direkt vor dem Büro, wo ihn Thiessen stehen gelassen hatte.

Zu dumm, wenn ich nur den Führerschein hätte! Jetzt muss ich mit dem Bus fahren, so ein Mist, dachte sie, seufzte und machte sich auf den Weg zur Haltestelle. Sie hatte gerade das Grundstück verlassen, da musste sie wieder an Horst denken.

Ich weiß nicht, ob ich bei dem bleiben soll. Der ist so kleinkariert. Immer hat er etwas anderes auszusetzen, und dann dieses Theater, bis er aus der Kaserne kommt. Manchmal kommt er überhaupt nicht. Ruft an, hat Dienst gehabt, konnte nicht weg. Alles dieser Zauber. Und ich steh da wie ein Doofmann und warte.

Vielleicht sollte ich doch mit Hartmut Kühn fahren. Einfach mal ausprobieren. Ist ja ein netter Bursche. Hat mir gut gefallen. Man braucht die Kuh ja nicht gleich zu kaufen, wenn man einen Liter Milch trinken will. Hat Papa immer gesagt.

Sie lachte vor sich hin. - Ich probier’s einfach aus. Horst kommt sowieso nicht, oder vielleicht doch? Ich sollte ihn einfach anrufen, aber dann ist er wieder nicht zu erreichen, turnt irgendwo in seiner Kaserne herum oder wo immer. Das ist auf die Dauer auch nichts. Kühn, das ist schon etwas anderes. Der hat ein Auto, die haben eine große Firma. Aber Mama würde das nie gefallen, wenn die das erführe; die würde verrückt. Der ist es schon zu viel, dass die Kühns den Fisch übernommen haben.

Warum sind sie nur so verfeindet? Sie haben doch im Grunde einander nie etwas getan. Warum hat er Marconi weggeworben? Er hat doch gewusst, wie sehr Mama ihn braucht. Vielleicht ist es gut, wenn ich mich mit ihm treffe. Ich glaube, ich hätte ihm eine Menge Fragen zu stellen. Vielleicht geht es Mama auch viel besser, und sie kommt bald nach Hause. Ich werde es sehen.

Als sie dann eine halbe Stunde später aus dem Bus stieg und die wenigen Schritte von der Haltestelle zum Portal der Paul-Ehrlich-Klinik ging, da hoffte sie inständig, der Mutter werde es besser gehen. Aber sie bekam einen gehörigen Schreck, als man ihr auf der Inneren Station sagte, ihre Mutter sei nicht mehr hier.

Im Bruchteil einer Sekunde dachte Monika unbeschreiblich viele Dinge. Sie haben Mutter in eine Spezialklinik gebracht, war ihr erster Gedanke. Ihr zweiter: Es ist ihr etwas zugestoßen! Sie liegt auf der Intensivstation oder ... noch schlimmer, sie ist tot.

Aber dann kam das erlösende Wort der Schwester, die leichthin sagte: „Sie ist auf der Gynäkologischen. Einen Stock höher, auf 3 B. Fragen Sie dort nach.“

Monika machte sich darüber, dass die Schwester nicht besonders freundlich zu ihr gewesen war, keine Gedanken. Dann kam sie hinauf zur Station 3 B, und sie erschrak, als sie eine resolut wirkende alte Schwester sah, die direkt auf sie zusteuerte, ein Tablett mit Medikamenten in der Hand. Das war der Typ Frau, vor dem Monika immer zurückscheute. So eine Lehrerin hatte sie in der Grundschule gehabt, und an die erinnerte sie sich mit Schrecken. Und es war für sie nicht verwunderlich, als die Schwester sagte: „Wo wollen Sie hin?“ Es klang so barsch wie auf dem Kasernenhof.

„Mein Name ist Stich. Ich wollte ...“

Sofort erhellte sich das Gesicht der Schwester. Die eben noch so mürrisch wirkende alte Frau sagte mit einem Male freundlich: „Sie sind die Tochter?“

Monika nickte.

„Wir haben sie auf 320 liegen. Das ist da ganz hinten auf dem Gang rechts. Sie hat ein Zimmer für sich allein. Aber sie schläft jetzt. Wenn Sie einen Augenblick warten, gehe ich mit Ihnen. Will erst mal sehen, ob sie wach ist. Sie wollen doch sicher, dass Ihre Mutter Ruhe hat.“

„Wie geht es ihr denn?“, fragte Monika sofort besorgt.

„Es geht ihr eigentlich wesentlich besser. Natürlich sind die Bläschen noch da und auch das, was noch an Symptomen vorhanden ist. Aber sie fühlt sich ruhiger. Vorhin war Herr Doktor Karl noch mal bei ihr, das ist der Dermatologe. Er wird sie behandeln.“

„Ein Dermatologe?“

„Ja, sie hat einen Schafbläschenausschlag, so nennt man das. Er ist ein sehr guter Arzt, ein hervorragender Arzt. Sie können sich darauf verlassen, dass er alles tun wird, um Ihrer Mutter zu helfen. Aber warten Sie. Ich komme gleich wieder. Dann gehen wir zusammen hin.“

Wenig später war diese alte Schwester wieder da, und sie stellte sich dann vor und sagte: „Ich bin Schwester Else, die Stationsschwester hier. Nur dass Sie Bescheid wissen.“ Und dann marschierte sie los. Sie hatte einen stampfenden, schweren Schritt wie ein Mann. Dass man sie hier auf der Station den Dragoner nannte, wusste Monika nicht, aber ihr hätte ein ähnlicher Spitzname fast auf der Zunge gelegen. Und dann waren sie am Zimmer 320. Schwester Else klinkte die Tür vorsichtig und leise auf, schaute durch den Spalt hinein und nickte dann Monika zu. „Wir können hineingehen. Sie ist wach. Kommen Sie!“



8

Die Frau war etwa Ende Zwanzig, hellblond, hatte eine schlanke, sehr gut gebaute Figur, und sie brachte sie durch die Art, wie sie im Sessel saß, zur Geltung. Die Beine übereinandergeschlagen, saß sie da und blickte Richard Ansorge an. Sie lächelte, aber der Spott war deutlich aus ihren Zügen herauszulesen. „Du möchtest also passen?“, sagte sie.

Doktor Ansorge trug seinen Straßenanzug, hatte sich auf die Fensterbank gesetzt und sah mit einer gewissen Begehrlichkeit auf die blonde, attraktive Frau, die da drei Schritt von ihm entfernt saß.

„Ich kann es nicht tun. Ich habe inzwischen eine Adresse. Aber wäre es nicht doch besser, du würdest zu einer der Beratungsstellen gehen? Mein Gott, die sind doch dort zum Schweigen ebenso verpflichtet wie jeder andere Arzt. Pro familia zum Beispiel ...“

Sie wurde ernst, winkte heftig ab und sagte mit schriller, auffahrender Stimme: „Hör doch damit auf! Ich will, dass es ganz unter uns bleibt. Wozu bist du Gynäkologe, wenn du’s nicht tun kannst? Du willst mir doch nicht verkaufen, dass du das nicht könntest. Das kann ja jede Hebamme. Ich will das Balg nicht haben!“

„Du hast einmal zu mir gesagt, dass du dich scheiden lassen willst“, entgegnete er.

„Bin ich wahnsinnig? Ich werde doch nicht aus diesem goldenen Nest herauskriechen. So schön ist Wolf nun auch wieder nicht.“

„Das ist doch lächerlich. Was hat dir denn Sigi zu bieten? Er ist alt und fett, und Haare hat er auch keine mehr“, meinte Richard Ansorge.

„Na und? Er ist immer unheimlich lieb zu mir gewesen. Er hat mir alles gegeben, was ich wollte.“

„Du redest wie eine Nutte.“

Sie lachte schrill. „Und wenn schon, welche Frau prostituiert sich denn nicht? Die meisten tun es für ein Kleid, für irgendeinen Vorteil, und wenn es nur ein Dach über dem Kopf ist. Man muss den Mann nicht unbedingt lieben, mit dem man lebt. Für die Liebe habe ich Wolf. Wölfchen weiß, wie man mit einer Frau umgeht.“

„Er weiß es so genau, dass du ein Kind von ihm bekommst. Aber dein Wölfchen kann dir nicht helfen, und ich kann es auch nicht, verstehst du?“

„Du kannst es nicht? Du willst es nicht“, korrigierte sie ihn. „Und du hast einmal behauptet, mich zu lieben.“

„Das ist schon eine Weile her. Damals bist du noch nicht verheiratet gewesen. Wir haben gesagt, dass wir Freunde bleiben wollen.“

„Freunde helfen sich aber“, sagte sie empört. „Und du, was tust du? Du lässt mich sitzen. Da habe ich einen Gynäkologen zum Freund, einen Frauenarzt, und der kann noch nicht mal ein Kind wegmachen.“

„Ich kann es vielleicht von der Technik her, verstehst du? Aber womöglich bin ich nicht in der Lage, es mit meinem Gewissen zu vereinbaren. Was meinst du denn dazu? Ist das überhaupt nichts wert? Braucht man darauf keine Rücksicht zu nehmen?“

„Hör doch auf mit diesem Blödsinn“, erwiderte sie schroff. „Was du willst, weiß ich. Du hast Angst um deine Karriere.“

„Um meine Karriere? Wie kommst du darauf?“

„Du hast Angst, dass irgendetwas auffallen könnte. Aber ich will dieses Kind nicht, verstehst du? Ich bin sicher, Sigi wäre verrückt darauf, wenn ich ihm sagte, ich bekäme ein Kind. Allerdings“, sie lachte verächtlich, „da müsste ich ihm dazu erst mal wieder Gelegenheit geben. Aber meistens ist er ja gar nicht in der Lage zu dem, was dazu gehört, wenn man ein Kind bekommen will. Die meiste Zeit schläft er ja im Stehen ein.“

„Du hast mir einmal vor einem halben Jahr gesagt, du hättest die Villa, die Autos und den Wohlstand schlechthin geheiratet und seiest dankbar dafür, dass er so wenig von dir wollte. Er will sich mit dir zeigen. In Ordnung, das hat dir bis jetzt gefallen. Aber nun gerätst du in Schwierigkeiten. Vielleicht hat er Verständnis für dein Problem. Vielleicht solltest du mit ihm reden.“

Sie schüttelte den Kopf. „Du hast wirklich einen Knall. Als wenn ich mit ihm darüber reden könnte, dass mir ein anderer ein Kind gemacht hat. Da müsste ich ja die Karten aufdecken und sagen, dass es Wolf war. Und weißt du, was er dann tut? Dann feuert er ihn.“

Doktor Ansorge lachte, als wäre es wirklich ein Scherz. „Es ist ein Witz. Er hat alles aufgegeben, was er hatte, und ist Chauffeur bei Sieghart von Breitenberg geworden, um dir näher zu sein. Ein studierter Chauffeur, ein Chauffeur mit akademischer Bildung. Und alles nur deinetwegen. Wenn er gefeuert wird, wäre das ja fast ein Glücksfall für ihn. Auch wenn er das nicht sofort begreifen sollte.“

Sie zog zornig die Stirn in Falten. „Was du da zusammenredest! Ich habe dich um Hilfe gebeten und will keine Predigt hören. Ich will hier keine Bekenntnisse, Hilfe möchte ich. Hast du mich verstanden, Hilfe!“ Sie stand auf und kam auf ihn zu. Sie hatte eine aufregende Art zu gehen. Das stellte er jetzt wieder fest. Sie blieb vor ihm stehen. Auch jetzt, wo sie zornig war, wirkte sie äußerst anziehend. Das Verlangen in ihm, sie in die Arme zu nehmen und zu küssen, wurde immer stärker. Er hatte sie eigentlich immer geliebt. Aber gerade das hinderte ihn am meisten daran, ihr den Gefallen zu tun, um den sie ihn so gebeten hatte.

„Warum tust du nicht ganz einfach das, was am nächsten liegt? Ich habe mit Wolf gesprochen, er wäre glücklich, wenn du dieses Kind bekämst. Nur du allein willst es nicht. Du könntest dich scheiden lassen und Wolf heiraten. Etwas wirst du doch beiseite gelegt haben, damit ihr über das erste Jahr hinwegkommt? Diese Zeit braucht Wolf noch, um seine zweite Staatsprüfung zu machen, und dann hätte er es geschafft, wäre Lehrer.“

„Was mehr als Sigi bietet“, behauptete Dagmar von Breitenberg.

„Daxi, rede doch nicht solchen Quatsch. Es kommt doch nicht nur aufs Geld im Leben an. Wenn Wolf weggeht, wenn du ihn nicht mehr hast, was bleibt dir denn da? Du wirst immer irgendeinen Wolf suchen müssen. Aber ob sie alle so anständig sind, wie das Wolf gewesen ist, das weiß niemand im Voraus. Zu Hause hast du einen dicken alten Mann, der, wie du selbst sagst, kaum noch in der Lage ist, nur annähernd das zu bieten, was du, wie ich dich einschätze, so heftig verlangst.“

Sie lachte. „Was weißt du von mir? Du träumst dir vielleicht etwas zusammen. Hör mal“, sie kam jetzt ganz dicht an ihn heran, legte ihre Hände auf seine Schultern und sah zu ihm empor, „was verlangst du von mir? Ich weiß, dass du mich gern hast. Bei dir ist es keine Freundschaft, du liebst mich doch, nicht wahr? Vielleicht liebe ich dich auch noch. Nicht mehr ganz so, wie es einmal gewesen ist. Aber ich hab dich noch sehr gern. Was verlangst du von mir?“

Er war versucht, sie nun doch in die Arme zu nehmen, sie an sich zu pressen, alles zu tun, wovon er schon oft geträumt hatte. Ihr Verhältnis damals war sehr kurz gewesen, und viel Erfahrung hatten sie auch nicht gehabt. Er hatte gerade mit seinem Studium begonnen, und sie war noch eine Primanerin gewesen.

„Daxi, du weißt ganz genau, was du hier tust, du spielst mit dem Feuer.“

„Du hast Angst, dass ich dich anmache, nicht wahr? Aber dich brauch ich nicht anzumachen, du stehst bereits in Flammen. Du würdest mir so gern helfen, nicht wahr?“

Er schwieg. Er sah sie nur an. Ihre Augen waren den seinen ganz nahe. Sein eigenes Gesicht spiegelte sich oval verzerrt darin.

„Du weißt, dass ich dich liebe“, keuchte er und hatte Mühe, sich zusammenzunehmen. „Du weißt es jetzt, und du spielst damit. Ich kann mir denken, was du verlangen willst, und ich kann mir auch denken, was du bereit bist, dafür zu bieten. Aber ich möchte es nicht annehmen, nicht als Zahlungsmittel.“

„Als Zahlungsmittel? Mein Gott, sei doch nicht so genau. Du musst das nicht so eng sehen. Ich habe ein Anliegen und bin bereit, dafür zu zahlen. Was ist dabei?“

„Du würdest es nur in diesem Falle tun, nicht wahr?“ Seine Stimme hörte sich heiser an. Er spürte, wie die Erregung in ihm ihn immer mehr erfasste. Ihre Brust berührte die seine. Ihre Hände lagen noch immer in seinem Nacken. Ihr Unterleib kam ihm so nah, dass er seine Erregung kaum noch beherrschen konnte, und das Schlimmste war, dass er wusste, wie berechnend sie all das tat und es dennoch nicht vermochte, sich ihr zu entziehen.

„Du Narr, warum schlägst du aus, was ich dir anbiete? Ich habe dir gesagt, dass ich es gerne tue. Ich tue es auch ohne Bedingung. Du sollst sehen, wie ernst ich es meine.“ Sie schlang ihre Arme noch fester um seinen Nacken, zog seinen Kopf herunter, und da konnte er nicht mehr anders; er küsste sie, spürte die Glut ihrer Lippen, fühlte ihre Zunge an der seinen, wie sie sich einen Weg in seinem Mund suchte, und ihr Körper presste sich so fest an ihn, dass er nahe daran war, den Verstand zu verlieren.

Noch einmal begehrte es in ihm auf, sich nicht mitreißen zu lassen, sich dagegenzustemmen, die Übersicht zu behalten. Er, der immer stolz darauf gewesen war, sich von der Leidenschaft der Frauen nicht mitreißen zu lassen, aber jetzt vermochte er nichts dagegen zu tun. Er war in diesem Strudel, der ihn da erfasst hatte, und es wurde noch schlimmer, noch lodernder, als er ihre Hand an seiner Brust spürte, als er merkte, wie diese Hand tiefer glitt. Dagmar war es, die die Initiative ergriffen hatte und dies mit einer Leidenschaftlichkeit tat, der er nichts entgegensetzen konnte. Und dann wollte er es, wollte es mehr als irgendetwas anderes. Er hätte ihr in seiner Begehrlichkeit die Kleider vom Leibe reißen können, aber dann tat sie es von selbst.

Sie raunte ihm ins Ohr: „Mach mich glücklich. Lass mich nicht länger warten. Komm doch ...“

Ich muss die Tür abschließen, dachte er, es ist zwar niemand weiter in der Wohnung, aber trotzdem, ich muss die Tür abschließen!

Er sagte es ihr, löste sich von ihr, und als er die Tür abgeschlossen hatte und sich umdrehte, sah er, wie sie sich völlig entkleidete. Sein Begehren wuchs noch mehr, denn sie war eine rassige, schöne Frau. Die Natur hatte sie beschenkt mit einem herrlichen Körper, und den zeigte sie ihm. Die Sinnlichkeit, die von diesem Körper ausging, blendete ihn wie eine Morgensonne. Alles, was er noch denken konnte, war, dass er sie besitzen musste, und sie war bereit, sich ihm zu geben, aber sie war ebenso entschlossen, einen Preis für diese Hingabe zu verlangen.

Er musste ihr das Kind abtreiben!



9

Marianne Stich lächelte ein wenig matt, als ihre Tochter vor ihr stand. „Du kommst spät“, sagte sie, aber es klang nicht wie ein Vorwurf, eher wie eine Feststellung.

„Mama, ich hatte angerufen. Sie haben gesagt, ich könnte nicht kommen. Und dann hatte ich zu tun. Und jetzt konnte ich kommen. Du hast geschlafen. Sie sagen, das hätte dir gutgetan.“

Marianne Stich nickte. „Ja, ich fühle mich viel besser. Ich glaube, ich kann bald aufstehen. Wenn nur dieser Ausschlag nicht wäre.“

„Was ist es denn? Haben sie es dir gesagt?“

„Ein Hautarzt ist da gewesen, ein wunderbarer Mensch. Du, Monika, das ist ganz eigenartig gewesen. Der hat meine Hand gehalten, und es war, als ginge ein warmer Strom durch meinen Körper. Ich fühlte mich viel besser. Nachher, bevor er gegangen ist, hat er mir die Hand auf die Stirn gelegt, und da erging es mir genauso. Es war mir, als wären die Schmerzen, dieser Druck, die Erschöpfung, das alles wie weggewischt. Kannst du das begreifen? Es ist wirklich keine Einbildung, Monika.“

„Mama, das gibt es doch nicht.“

„Das hätte ich früher auch gesagt. Du weißt, dass ich ein ziemlich nüchtern denkender Mensch bin, aber ...“

„Ja, das bist du wirklich, Mama. Vielleicht hattest du solche Angst, und ich glaube, wenn man große Angst hat, dann ist man wieder, wie man als Kind gewesen ist“, meinte Monika. „Man möchte sich irgendwo in eine Ecke kuscheln, und wenn man das nicht kann, dann braucht man irgendjemand, der einen tröstet. Vielleicht ist es das, Mama.“

„Mag sein. Ich finde ihn sehr nett. Er ist etwa so alt, wie Papa heute sein würde. Ein Mann, den man sich gar nicht als Arzt vorstellen kann. Er ist so kräftig, braun gebrannt wie einer, der immer an der frischen Luft lebt.“

Monika sah ihre Mutter überrascht an. „Wie du das sagst! Du schwärmst ja richtig für ihn.“ Marianne Stich machte ein entrüstetes Gesicht. „So ein Unsinn, wie kommst du denn auf so etwas?“ Dann verklärte sich ihr Blick wieder, ihre Züge entspannten sich, und sie sagte: „Er ist nun einmal nett, man muss das doch sagen können. Dieser andere Arzt in der Inneren Station, dieser Doktor Mollwitz, der hat mir nicht gefallen. Der war so überheblich. Der tat so, als wären Patienten alle ein bisschen blöd. Hier, auf der Gynäkologischen Station, ist es anders. Schon die Stationsärztin, diese Frau Doktor Simon-Stoll, die ist unheimlich nett.“

„Warum bist du eigentlich hier? Ich meine, du musst doch irgendwas mit dem Unterleib haben oder ...“

„Ja, da ist ja auch ein wenig nicht in Ordnung. Vorhin war Herr Doktor Winter da, der Chefarzt von dieser Abteilung.“

„Ich weiß, ich kenne ihn, der ist auch sehr nett.“

„Ja“, bestätigte Marianne Stich, „unheimlich nett ist der. Der meinte, es wäre nicht beängstigend, aber er sieht einen Zusammenhang mit der Hautgeschichte.“

„Was ist das nur?“

„Der Dermatologe sagt“, berichtete Marianne Stich, „dass man natürlich die Ergebnisse vom bakteriologischen Institut abwarten muss. Aber er meint, er glaubt eher daran, dass es sich um eine Autoaggressionssache handelt. Jedenfalls ist es kein Herpes Zoster, also keine Gürtelrose. - Sag mal, ich habe dich nie gefragt, wo du eigentlich im Hause gearbeitet hast. Gehst du heute nicht?“

„Nein, ich habe wegen dir freibekommen. Heute und auch die nächsten Tage. Jemand muss sich ja um alles zu Hause kümmern.“

Marianne Stich blickte ihre Tochter dankbar an. „Das ist nett von dir, dass du das tust, aber du weißt doch gar nicht Bescheid. Was habt ihr denn überhaupt gemacht? Erzähle doch mal. Ich zerbrech mir die ganze Zeit den Kopf, was zu Hause los sein könnte.“

„Na ja, Mama, den Fisch, den hat ja Kühn genommen. Das war sehr nett von Herrn Thiessen, dass der das eingefädelt hat. Und eigentlich hätte Kühn ihn am Ende auch nicht genommen. Er hat jedenfalls ganz schön Theater gemacht, sag ich dir. Aber sein Sohn, der hat ihm dann zugesetzt, und da ist er schließlich einverstanden gewesen.“

„Sein Sohn? Warte mal, wie alt ist der eigentlich? Der kann doch nicht viel älter sein als du. Nein, stimmt nicht. Der muss siebenundzwanzig sein, ja, richtig, siebenundzwanzig.“

„Kennst du ihn? Woher kennst du den?“, wollte Monika wissen.

Marianne Stich lächelte geheimnisvoll. „Es gibt eben ein paar Dinge, die du nicht weißt. Ich habe seine erste Frau gut gekannt, die war wirklich sehr nett, ein fabelhafter Mensch, sehr früh gestorben. Schade, die zweite ist seine frühere Sekretärin. Ich mag sie nicht. Sie hat etwas an sich, so einen ordinären Zug. Jetzt tut sie natürlich, als wäre sie eine große Dame. Es wird viel über diese Frau geredet. Ich möchte darüber nicht sprechen. Was ich nicht selbst gesehen habe und was mich zudem nichts angeht, darüber schweige ich - aber nun erzähle weiter, Moni.“

„Es gibt nicht viel zu erzählen, Herr Thiessen hat den Fisch gleich hingebracht, und vorher hat er noch mit unseren Leuten gesprochen. In der Packerei machen sie noch alles fertig, was bestellt ist und raus muss. Und dann soll eben zunächst einmal eine Woche Urlaub gemacht werden, vielleicht zwei Wochen. Die Leute sehen das ein, und sie wünschen dir natürlich, dass du bald wieder auf die Beine kommst. Es ist natürlich dumm, dass in der Küche nichts läuft, Marconi ist wieder nicht gekommen.“

„Wir wissen ja, dass er abgeworben worden ist.“

„Aber er muss doch noch den Monat voll machen bei uns“, meinte Monika.

Marianne Stich nickte. „Müsste er, aber er hat sich krank gemeldet.“

„Ja, das hat er. Das ist mir auch gesagt worden. Und der Herr Burghard wollte die Küche natürlich alleine machen. Er meinte, er könnte das genauso gut wie Marconi.“

„Und?“, fragte Marianne Stich gespannt. „Was hast du getan?“

„Ich habe den Rat von Herrn Thiessen angenommen und die Küche vorläufig schließen lassen.“

„Das war vernünftig“, meinte Marianne Stich, während sich ihr Gesicht entspannte. „Er kann es nämlich nicht. Lieber nicht liefern, als schlechte Ware liefern. Qualität ist unsere beste Werbung. Wir können uns keine ganzseitigen Anzeigen leisten, wie das Kühn tut. Wir haben keine Vertreter, die herumfahren und die Ware anpreisen. Stattdessen ist unsere Qualität so gut, dass wir feste Kunden haben, die immer wieder bei uns kaufen, die auch mehr bezahlen. Natürlich, wir sind sehr teuer, viel teurer als Kühn. Ich kann mir aber vorstellen, wie es weitergeht, und das macht mir wahnsinnige Sorgen. Kühn hat Marconi. Er bietet jetzt auch Qualitätsessen an, Fertiggerichte, wie man sie normalerweise nur bei uns bekommen hat. Aber er wird billiger sein. Ich wette mit dir, dass er billiger sein wird. Und dann kommt er mit der hohen Qualität für weniger Geld in unsere Kundschaft hinein. Das wäre das Ende, Moni, weißt du das? Dann dauert es nicht mehr lange, und wir können schließen. Ich kann aber mit den Preisen nicht herunter, dafür kaufen wir zu wenig ein.“

„Er hat mir auch einen Vortrag gehalten. Dabei verstehe ich so wenig von alldem. Das tut mir leid, es tut mir wirklich leid, Mama. Ich habe das nie so gesehen, wie ich es jetzt sehe. Ich hätte viel früher einmal in das Geschäft hineinriechen sollen. Ich hätte mich dafür interessieren sollen. Dann könnte ich dir jetzt helfen. Dann brauchten wir jetzt nicht deine Leute in einen Urlaub zu schicken, der uns teuer kommen wird.“

„Und ob er uns teuer kommt. Da braucht man kein Kaufmann zu sein, um das ausrechnen zu können“, bestätigte Marianne Stich.

„Mama, du solltest nicht immer an solche Sachen denken. Jetzt hast du davon geredet und bist mit einem Male wieder ganz blass und siehst auch nicht mehr so ruhig und gelassen aus wie eben. Ich glaube, du bist einfach überarbeitet, total fertig.“

„Genau das sagt Doktor Karl auch. Er meint, ich müsste erst einmal zur Ruhe kommen. Er könnte mich nur behandele wenn ich zur Ruhe käme. Sonst hat alles andere keinen Zweck.

In der Inneren Station, da wollten sie mir gleich alle möglichen Medikamente geben. Er aber meint, er könne mit ein paar Präparaten diese Hautsache nur lindern, heilen müsste sie der Körper selbst, und er müsste bereit dazu sein, dass es heilt, verstehst du das?“

Monika schüttelte den Kopf. „Genau genommen verstehe ich es nicht. Entweder hilft ein Medikament, oder es hilft nicht.“

„Er meint, bei mir würde es nicht helfen“, erklärte ihr Marianne Stich. „Er sagt, es ist eine Autoaggression, also ein Selbstangriff des eigenen Körpers gegen sich. Er hat es mir erklärt. Die Antikörper stürzen sich nicht auf die Antigene, wie es sein soll, sondern auf eigene Körperteile, nicht auf das Fremdartige, sondern auf das eigene, das sie als fremdartig erkennen, weil es sich nicht mehr so verhält wie sonst. Er hat mir ein Beispiel genannt. Er hat gesagt, wenn man einen guten Hund hat, der sehr wachsam ist, der würde nie auf die eigenen Kinder der Familie gehen, aber dann eines Tages tut er es doch, stürzt sich auf die Tochter oder den Sohn und beißt ihn. Weißt du, warum er es tut? Weil dieses Kind sich aus irgendeinem Grund anders verhalten hat als sonst. Obgleich er es kennt. Und so ähnlich, meint Doktor Karl, wäre das bei diesen Autoaggressionskrankheiten. Da wird etwas ausgelöst, was in Wirklichkeit nur auf Erschöpfung, auf Stress und solchen Sachen beruht.“

„Sag ich doch, du bist überarbeitet.“

Marianne Stich schloss die Augen und war ganz ruhig. Im Augenblick sah sie wieder sehr krank aus.

„Ich glaube, Mama, es strengt dich sehr an, dass ich hier bin. Vielleicht ist es besser, wenn du versuchst zu schlafen, und ich gehe wieder. Ich kümmere mich um alles. Du brauchst wirklich keine Sorgen zu haben, wirklich nicht.“

„Hör mal, Moni, sprich mal mit unserem Steuerberater. Ich weiß, dass der drauf und dran ist, in Urlaub zu fahren. Aber vielleicht kann er dir ein paar Ratschläge geben. Und sprich mal mit Frau Dietz, die hat die ganze Buchhaltung gemacht, die Rechnungen und das. Diese Rechnungen müssen hinaus. Hast du sie auch weggeschickt?“

„Sie hat eine Menge mitgenommen und gesagt, sie würde es zu Hause machen. Die Rechnungen, hat sie gesagt, gingen alle pünktlich raus.“

„Ja, ja, auf diese Leute kann man sich verlassen. Sie ist jetzt schon über sechzig, aber sie arbeitet besser als manches junge Mädchen. - Moni, gib gut auf alles acht. Es ist ja deins. Wenn mir hier was passiert ... du musst sehen, wie du durchkommst. Ich kann dir im Moment nicht mehr helfen.“

„Aber Mama, du kommst doch wieder auf die Beine. Vorhin hast du gesagt, du würdest nicht lange bleiben wollen. Es ging dir schon so gut. Und jetzt, mit einem Male ...“

„Ich fühle mich so furchtbar müde. Ich weiß nicht, vielleicht hat sich Doktor Karl auch geirrt. Er sagt, es kommt ganz auf das Ergebnis an, auf das Ergebnis der Abstriche. Wenn die positiv sind und es eine Virusinfektion ist, dann sähe es nicht besonders gut aus. Das hat er mir offen gesagt. Dann stimmt seine Theorie nicht mit dem Stress und der Autoaggression und diesen Sachen.“

„Mama, nun hör aber auf, mach dich doch nicht selbst verrückt! Versuche dich lieber zu entspannen. Alles kommt in die Reihe, Mama.“

„Auf Wiedersehen, Kind“, murmelte Marianne Stich leise, und jetzt kam sie Monika wie eine alte Frau vor, alt und krank. Sie erschrak richtig.

Du lieber Himmel, sie ist doch erst vierzig! Die darf doch jetzt nicht sterben. Sie redet wie jemand, der sterben wird. Um Gottes willen!

Marianne Stich lag mit geschlossenen Augen da und schwieg. Monika bekam Angst. Sie war entschlossen, draußen irgendeinen Arzt zu holen, dass er nach der Mutter sehen sollte.

„Ich gehe jetzt, Mama.“ Monika legte die Hand auf die der Mutter. Sie drückte sie sanft, aber der Druck wurde nicht erwidert, und das erfüllte Monika mit noch mehr Sorge.

„Mama, was ist denn? Ist was? Sag doch etwas.“

„Ich bin so müde ... ich bin schrecklich müde, Kind.“

„Soll ich den Arzt rufen?“ Marianne Stich gab darauf keine Antwort, und das trieb Monika noch mehr an, ihren Entschluss wahr zu machen und einen Arzt zu rufen. Auf Zehenspitzen schlich sie hinaus, schloss leise die Tür, und als sie draußen war, rannte sie zum Stationszimmer.



10

Schwester Else stand mit einer langen Liste im Stationszimmer und neben ihr Schwester Ingrid und vor den beiden Chefarzt Doktor Winter. Er hatte die Hände in seine Kitteltaschen versenkt, wippte auf den Absätzen und meinte gerade lachend: „Wie ich Sie kenne, Schwester Else, machen Sie so etwas mit links.“

„Das ist aber ein ganz schöner Auftrag für eine alte Frau wie mich“, erwiderte sie ein wenig entrüstet, aber es war mehr gespielt, als dass sie es tatsächlich so meinte.

In diesem Augenblick trat hochroten Kopfes Monika Stich durch die Tür. „Meine Mutter ... meiner Mutter geht es nicht gut, Herr Doktor Winter, helfen Sie doch bitte! Bitte, helfen Sie meiner Mutter!“

Doktor Winter blickte Monika ein wenig verwirrt an. Er erinnerte sich, dieses Gesicht schon gesehen zu haben, aber er wusste nicht, wo das gewesen war.

„Das ist die Tochter von Frau Stich“, erläuterte ihm Schwester Else, als ahnte sie, was in seinem Kopf vorging.

„Was ist denn mit Ihrer Mutter?“, fragte Doktor Winter.

„Vorhin, als ich zu ihr kam, da wirkte sie ganz gelöst, und es schien ihr so gut zu gehen. Aber dann, mit einem Male, verfiel sie richtig, und jetzt zuletzt, da wirkte sie ganz schwach, und ich ... ich habe furchtbare Angst, Herr Doktor Winter, bitte, helfen Sie doch!“

„Kommen Sie mit!“, erklärte er kurz und bündig, nahm sie am Arm und führte sie auf den Gang hinaus. „Ich glaube, alles ist ganz normal“, sagte er ihr, während sie in Richtung auf Frau Stichs Zimmer gingen. „Sie wird erschöpft sein. Wir haben sie sediert, das heißt, ruhiggestellt, und logischerweise fühlt sie sich nach einer Weile müde. Jedes Mal, wenn sie aufwacht, ist sie dann etwas frisch, und sie wird Durst empfinden und von dem Tee trinken, und darin haben wir ein Beruhigungsmittel. Das ist ein absolut harmloses pflanzliches Mittel. Sie brauchen sich also keine Sorgen zu machen, dass wir sie voll Medikamente pumpen. Genau das Gegenteil ist nämlich der Fall. So, da sind wir.“ Er öffnete leise die Tür.

Als sie eingetreten waren, sahen sie, dass Frau Stich schlief. Doktor Winter ging leise ans Bett, lauschte auf ihren Atem, der ganz gleichmäßig ging. Vorsichtig ergriff er ihren linken Arm und fühlte am Puls. Er ließ den Arm wieder auf die Bettdecke zurücksinken. Er nickte Monika beruhigend zu, ging dann um das Bett herum und gab Monika zu verstehen, dass sie ihm nach draußen folgen sollte. Er hielt den Finger an den Mund zum Zeichen, leise zu sein.

Als sie wieder draußen waren, ging Doktor Winter noch ein Stück von der Tür weg, und dann sagte er: „Sie brauchen sich wirklich keine Sorgen zu machen. Sie braucht in erster Linie Schlaf. Wir haben uns ganz und gar auf die Therapie eingestellt, die Doktor Karl für richtig hält, das heißt, eine Therapie, bei der wir mit einem Minimum an Arzneimitteln auskommen wollen. Dieser Überzeugung ist mein Kollege Karl, der als Dermatologe ein hervorragender Mann ist.“

„Ich habe schon im Haus von ihm gehört, aber die Schwestern sagen, er praktiziert nur noch, weil es ihm Spaß macht.“

„Sagen Sie mal, ich habe Sie doch hier im Haus schon gesehen?“

„Das ist richtig, Herr Doktor Winter. Ich habe auf der Chirurgischen Station als Praktikantin gearbeitet.“

„Studieren Sie schon?“

„Nein, nein, das ist es ja“, meinte Monika. „Ich habe keinen Studienplatz. Sie wissen ja, wie das jetzt mit Medizin ist. Aber zum Glück entscheidet jetzt nicht mehr der Numerus clausus allein, und da habe ich mir eine Chance ausgerechnet. Wenn ich hier ein Praktikum mache ...“

„Ein Praktikum, wie sieht das denn aus? Ich habe Mädchen hier gesehen, die den Flur geschrubbt haben. Das waren auch Praktikantinnen.“

„Das ist etwas anderes. Diese Mädchen sind auf einer Fachoberschule. Aber ich habe ja mein Abitur. Ich möchte Ärztin werden. Meine Mutter ist dagegen. Sie hätte lieber, dass ich ihr im Geschäft helfe. Und jetzt, wo sie so krank ist und ich sehe, dass im Geschäft nichts weitergeht, da bereue ich tatsächlich, dass ich nicht früher etwas getan habe, um all diese Dinge kennenzulernen, die ich jetzt wissen müsste, um den Laden fortführen zu können. Mama hat auch große Schwierigkeiten mit der Konkurrenz. Da ist so ein ganz großer, der erdrückt uns fast. Er hat uns jetzt unseren Chefkoch weggelockt. Das ist schlimm für uns. Er wird mit niedrigen Preisen unsere Kundschaft ködern, und dann ist es schlimm, dann ist es aus. Und das genau hat Mama vorhin gesagt. Und wie sie das gesagt hat, da sah sie nachher so schlimm aus. Es scheint sie sehr zu beschäftigen. Dabei bräuchte sie sich doch gar keine Sorgen zu machen. Mein Gott, was soll groß passieren? Dann verkaufen wir eben.“

„Es ist nicht nur immer eine Frage des Wertes. Sehen Sie, ich kenne so viele Leute, die einen harten, fast einen verzweifelten Existenzkampf führen, kleine Handwerker, Freischaffende, alle möglichen Einzelkämpfer und Alleinunterhalter, wenn man sie scherzhaft so nennen möchte. Die hätten es ganz einfach. Die könnten in einem großen Betrieb vielleicht mehr verdienen, als das bei ihnen nach Abzug der Investitionen, der Löhne und all dem, was dran hängt, der Fall ist. Aber nein, sie kämpfen lieber. Sie kämpfen, möchten ihre Freiheit behalten und sind mit weniger zufrieden, für das sie auch noch mehr arbeiten müssen. Sie haben keine sozialen Vorteile, wie das heute in modernen Betrieben selbstverständlich ist. Sie haben so vieles nicht. Und dennoch würden sie nicht tauschen. Geld allein ist es nicht. Die Möglichkeit, sich unternehmerisch entfalten zu können, selbst wenn dies äußerst schwierig ist, dies reizt viele gute Leute mehr als die Sicherheit. Sehen Sie, und ich nehme an, diese Dinge spielen auch bei Ihrer Mutter eine Rolle. Die haben wahrscheinlich noch in vermehrtem Maße bei Ihrem Vater eine Rolle gespielt.“

„Ja, das stimmt, er hätte nie in eine Fabrik gehen können oder selbst als leitender Angestellter irgendwo arbeiten wollen. Die Firma Kühn wollte ihn damals aufkaufen und ihm selbst eine Position als Herstellungsdirektor anbieten. Aber er hat leider abgelehnt.“

„Sehen Sie, das ist übrigens selten geworden. Die meisten Menschen heute erwarten Sicherheit, möchten nichts riskieren, wollen die sozialen Errungenschaften auskosten. Das ist sehr schade, denn von diesen kleinen Unternehmern sind viele Impulse für Neues, für Erfindungen und viele andere Dinge ausgegangen. Die Welt wäre nicht halb so weit, gäbe es diese kleinen, unentwegt kämpfenden Stehaufmännchen nicht. Ihre Mutter gehört dazu. Ich glaube, sie können stolz auf sie sein. Aber jetzt hat sie sich übernommen, und sie braucht drei Dinge: viel Liebe und das Gefühl, nicht allein zu sein, diesen Kampf nicht allein kämpfen zu müssen, und sie braucht Ruhe und wie ich schon sagte, sie sollte ein bisschen Glück haben. Das ist leicht gesagt und schwer getan. Glück kann man nicht herbeizaubern. Ich kenne auch die Verhältnisse nicht gut genug. Vielleicht braucht sie ganz einfach einen Menschen, der sich an ihre Seite stellt. Ich glaube, das wäre schon das Wesentlichste und Wichtigste von allem.“

„Vielen Dank, Herr Doktor Winter, dass Sie mir so viel Zeit gewidmet haben, herzlichen Dank.“

Als Monika mit dem Lift nach unten fuhr, hatte sie das Gefühl, dass ihre Mutter in den allerbesten Händen war, und sie hatte große Hoffnung. Aber diese Freude war vorübergehend, denn dann musste sie wieder daran denken, dass heute Abend halb acht Hartmut Kühn mit seinem Wagen vor der Haustür stehen und auf sie warten wollte.

Ich muss Horst anrufen, ich muss ihm sagen, dass ich heute Abend keine Zeit habe.

Als sie aus der Klinik kam, blieb sie vor dem Blumenrondell einen Augenblick stehen und überlegte, ob es richtig war, Horst einfach abzusagen. Sie hatte sich ja entschlossen, sich mit Hartmut zu treffen, sich in dieses, wie sie es nannte, Abenteuer zu stürzen. Aber hatte das Horst verdient?

Es ist ja nur, um ihn einmal kennenzulernen. Das hat ja keine Bedeutung, redete sie sich ein. Ich will ja mit ihm nichts anfangen. Horst hätte keinen Grund zur Eifersucht, nein, er wird wirklich keinen Grund haben. Ich sollte nicht so pingelig sein. Schließlich bin ich ein freier Mensch. Ich bin nicht einmal verlobt mit ihm. Ich brauche mich nicht mit allem, was ich tue und lasse, an ihn gebunden zu fühlen. Wir haben uns doch gesagt, dass wir das nicht tun wollen. Warum meine ich immer, ihm Rechenschaft geben zu müssen über das, was ich tue?

„Ach was“, murmelte sie schließlich, „vielleicht ist es für das Geschäft gut. Vielleicht kann ich mit ihm reden, dass sie nicht das tun, was sie vorhaben.“

Sie entsann sich dessen, was ihr Thiessen noch am Schluss gesagt hatte, den Rat, nichts zu überstürzen, abzuwarten. Aber ihre Gedanken kreisten unentwegt um Hartmut Kühn. Sie wollte sich ein Konzept zurechtlegen für die Unterhaltung heute Abend. Sie nahm sich vor, einmal richtig in Mamas Sinn mit jemandem über die Geschäfte zu sprechen.

Da fiel ihr der Steuerberater ein. Aber während sie noch daran dachte, tauchte in ihren Gedanken wieder Hartmut Kühn auf.

Warum denke ich nur dauernd an ihn?, fragte sie sich. Ich hab ihn einmal gesehen. Er sieht gut aus, natürlich. Er gefällt mir auch, aber wer weiß, wie er sonst ist. Vielleicht möchte er mich nur einwickeln, will über mich an Mamas Geschäft kommen. Ich denke, ich könnte mit ihm über etwas Geschäftliches reden, und er denkt womöglich dasselbe.

„Hey“, sprach sie vor sich hin, „das kann ja ein heiterer Abend werden! Ich bin gespannt, was dabei herauskommt.“

Sie rief dann von einer Zelle aus in der Kaserne an, aber Horst war wieder einmal nicht zu erreichen. Auf der Schreibstube hinterließ sie die Nachricht, dass sie heute Abend keine Zeit hätte. Der Soldat, mit dem sie sprach, machte dazu noch ein paar anzügliche Bemerkungen, ob sie denn nicht vielleicht für ihn Zeit habe, wenn nicht für Horst.

Sie legte einfach auf und verließ die Zelle.

Als sie zu Hause war, versuchte sie, den Steuerberater zu erreichen, aber der war auch nicht da, und sie bekam einen Termin für morgen.

Müde, als hätte sie den ganzen Tag gearbeitet, ließ sie sich im Wohnzimmer in einen der großen Sessel fallen, die Papa so geliebt hatte. Sie selbst mochte die Sessel nicht, und Mama, das wusste sie, noch viel weniger. Aber Mama änderte nichts von dem, was Papa einmal etwas bedeutet hatte.

Sie fühlte sich unbehaglich hier unten und verschwand rasch in ihrem Zimmer oben. Das hatte sie sich so eingerichtet, wie es ihr gefiel, und ihr bedeutete es soviel wie ein Nest.

Sie kuschelte sich auf das Fell, das auf dem Diwan lag und wollte gerade das Radio anstellen, als unten das Telefon klingelte.

Oh Himmel und Hölle, jetzt darf ich wieder runter. Sie ärgerte sich darüber, dass sie vergessen hatte, das Telefon nach oben umzustellen. Sie sprang auf und lief hinunter. Als sie abhob und sich meldete, hörte sie eine Stimme, die sie heute schon einmal gehört hatte: Es war Hartmut Kühn.

„Fräulein Stich, es tut mir leid, aber das mit heute Abend, das klappt nicht so richtig, das heißt, es klappt schon, aber es wird ein wenig später. Ich muss noch einen Kunden besuchen. Sind Sie mir böse, wenn ich erst viertel nach acht komme?“

Der Teufel ritt sie, als sie antwortete: „Sie brauchen gar nicht zu kommen, wenn Sie nicht wollen. Ich werde nicht in Tränen zerfließen und mich auch nicht erschießen.“

Sie hörte ihn lachen. Dann sagte er besänftigend: „Ich möchte ja gerne kommen, aber ich schaffe es nicht, wie ich schon sagte. Sind Sie einverstanden, wenn ich später komme? Oder passt es Ihnen nicht?“

Ihr Stolz drängte sie, dieses Rendezvous zu streichen. Auf der anderen Seite bedauerte sie, dass er nicht früher kommen konnte, und sie entschloss sich, ihm keine schnippische Antwort zu geben, sondern sagte: „Aber es ist egal, ich kann nur nicht lange weg. Ich muss morgen beizeiten aus den Federn.“

„Hören Sie, ich habe einen anderen Vorschlag. Würde es Ihnen denn etwas ausmachen, wenn ich Sie jetzt schon abhole und wir zusammen diesen Kunden besuchen, mit dem ich eigentlich etwas essen wollte? Warum sollten Sie nicht mit dabei sein?“

„Aber hören Sie, was würde Ihr Vater dazu sagen? Sie wollen doch geschäftliche Dinge mit dem Kunden besprechen.“

„Nun und? Es ist ein alter und sehr guter Kunde. Er wird nicht zu Ihnen überwechseln.“

„Und wenn ich versuche, Ihnen diesen Kunden abspenstig zu machen? Unterschätzen Sie mich nicht.“ Sie lachte.

Er ging gar nicht darauf ein, sondern sagte: „Sie brauchen sich nicht großartig anzuziehen. Es ist ein sehr natürlicher Mensch. Wir gehen auch in kein hochgestochenes Restaurant. Ich bin in einer halben Stunde bei Ihnen, einverstanden?“

Sie wollte noch alles Mögliche einwenden, aber dann hörte sie sich selbst sagen: „Ja, warum nicht, ich bin jedenfalls in einer halben Stunde fertig.“

Das war ihr einfach so herausgefahren, und jetzt hätte sie die Worte am liebsten zurückgeholt. Bevor sie etwas ändern konnte, hörte sie ihn sagen: „Also gut, bis gleich.“ Und da legte er schon auf.

Sie starrte konsterniert auf den Hörer und dachte: Mein Gott, was soll das werden? Worauf lasse ich mich ein? Sie empfand auf der einen Seite Angst, fühlte sich auf der anderen aber gedrängt, dieses Rendezvous mit Hartmut Kühn ja nicht zu verpassen. Er gefiel ihr. Und wenn sie an Horst dachte, sah sie sein Gesicht immer blasser, und stattdessen schob sich der Anblick von Hartmut Kühn dazwischen.

„So ein Blödsinn“, murmelte sie, „ich hab mich doch nicht in diesen Kerl verknallt?“

Und schon fragte sie sich: Warum rede ich so von ihm? Der ist doch nett gewesen. Ohne ihn hätte sein Vater womöglich den Fisch gar nicht genommen, nur, um uns seine Macht zu demonstrieren. Aber warum will er mich mitnehmen, wenn er mit einem Kunden spricht? Was hat das nur zu bedeuten?

Ihr schwante, dass das mehr war als nur eine Unterhaltung, der sie beiwohnen sollte. Aber die Neugier war so aufregend, dass sie es kaum erwarten konnte, Hartmut Kühn zu sehen.

Um Himmels willen, dachte sie, ich muss mich ja umziehen. Ich habe ja keine Zeit zu verschenken.

Als sie hinauflief zu ihrem Zimmer, da pfiff sie vergnügt vor sich hin.



11

Sie war eine Frau wie ein Vulkan, und sie ließ Richard Ansorge alles vergessen. Obgleich er immer wieder versuchte, seinen Verstand zu gebrauchen, war die glühende Leidenschaft, die er für diese temperamentvolle Frau empfand, stärker als alles andere. Er war völlig außerstande, jetzt an Vernunftsdinge zu denken oder sich gar von ihr zu lösen, ganz im Gegenteil. Sie bereitete ihm ein Paradies, wie er das noch bei keiner Frau kennengelernt hatte. Sie stellte alles, was ihm in diesem Punkt in seinem Leben geboten worden war, weit in den Schatten. Sie war eine einmalige Frau, und sie kam ihm fast wie ein Vampir vor. Er wusste, dass sie imstande war, ihn Dinge tun zu lassen, die er nachher bereuen würde. Er wusste es und war doch nicht in der Lage, sich von ihr freizumachen.

Sie hatte ihn vorhin gefragt, unmittelbar, bevor er sie ganz besitzen wollte, ob er ihr helfen wollte. Hatte er es vorher immer wieder abgelehnt, jetzt versprach er es ihr.

Sie bedankte sich auf eine Weise, die ihn ahnen ließ, dass er ihr daraufhin hörig werden würde. Er machte gar nicht mehr den Versuch, sich dagegen aufzulehnen. Er wollte nur noch mit ihr zusammen sein, wollte dieses Feuer nicht abkühlen lassen. Er war blind in seiner Leidenschaft, wusste es und konnte doch nichts dagegen tun. Sie hätte die verrücktesten Dinge von ihm verlangen können, und er wäre bereit gewesen, sie zu erfüllen, um den Preis, dass sie jetzt bei ihm blieb.

Und sie blieb bei ihm. Es war mehr geworden, als sie eigentlich gedacht hatte. Es machte ihr Spaß. Anfangs war ihr es nur darum gegangen, ihn damit für etwas zu gewinnen, wozu er ursprünglich nicht bereit gewesen war. Sie wollte, dass er ihr das Kind abtrieb. Er hatte es ihr versprochen. Aber nun hatte sie selbst Feuer gefangen. Jetzt war die Leidenschaft, mit der sie sich ihm hingab, nicht mehr gespielt, jetzt stand sie mit ihren Empfindungen voll dahinter, und sie war eine Frau, so vollblütig, dass sie nichts ausließ, und Richard Ansorge war bereit, ihr alles zu geben, was er konnte.

Aber dann kühlte sich die Glut ein wenig ab. Sie lagen nebeneinander auf Richard Ansorges Bettcouch. Er hatte sich aufgestützt, und sie beobachtete ihn von der Seite. Er gefiel ihr. Er gefiel ihr weit besser als ihr Freund, dessen Kind sie im Leibe trug.

Sie hatte, als sie hergekommen war, damit gar nicht gerechnet. Einesteils empfand sie es als eine Art Betriebsunfall, auf der anderen Seite stellte sie sich jetzt ernsthaft die Frage, ob es nicht viel einfacher wäre, sich von Wolf zu trennen. Wolf, der mit allem noch gar nicht fertig war. Wolf, ihr Chauffeur; Chauffeur bei Sieghart von Breitenberg. Und selbst, wenn sie ihm die Chance böte, dass er sein Studium abschließen würde, dann hätte er viele Jahre vor sich, in denen er sich erst bewähren musste. Jahre, in denen er ihr nicht annähernd das bieten konnte, wozu vielleicht Richard Ansorge schon sehr bald imstande sein würde.

„Wie lange hast du noch, bis du dich als Facharzt niederlassen kannst?“

Er fuhr aus seinen Gedanken, richtig erschrocken ob dieser Frage. Er sah sie verblüfft an und wollte wissen:

„Warum fragst du das?“

„Nur so. Es kam mir gerade in den Kopf.“

„Ich habe noch eine lange Strecke vor mir, fünfhundert Operationen muss ich bringen.“

„Und wie viele hast du schon?“

„Eine ganze Reihe, aber noch nicht einmal annähernd hundert. Ich habe nur insofern Glück, weil ich in dieser Klinik als ein Assistent von Winter sehr oft zum Operieren komme. Er zieht die Assistenten grundsätzlich zu Operationen heran, und es gibt sehr viele große Operationen hier. Das hängt damit zusammen, dass viele Leute dem guten Ruf der Klinik folgen und ...“

„Guten Ruf der Klinik? Du hast mir gesagt, Winter wäre nicht einmal bereit gewesen, dir eine Adresse zu geben.“

„Das ist etwas ganz anderes.“ Er runzelte die Stirn. „Wie kommst du nur mit einem Male darauf?“

„Nun ja, es liegt doch irgendwie auf der Hand, oder?“ Sie zündete sich eine Zigarette an, stützte sich nun ebenfalls auf, rauchte, blickte den Rauchfahnen gedankenverloren nach und fragte noch einmal: „Also, wie lange meinst du?“

„Drei Jahre bestimmt, ganz sicher drei Jahre, vielleicht noch länger. Normalerweise kann es sogar noch länger dauern.“

„Aber du bist bestrebt, es schnell zu schaffen, nicht wahr?“

„Ich werde es schnell schaffen. Man muss nicht unbedingt Stationsarzt oder Oberarzt werden. Natürlich gibt es welche, die lassen sich Zeit. Simon-Stoll zum Beispiel, die Stationsärztin, die hat die Ruhe weg. Die ist gar nicht erpicht darauf, alles hinter sich zu bringen. Manchmal denke ich, die will ewig im Krankenhaus bleiben. Die könnte schon lange weg sein. Vielleicht hat sie die notwendige Zahl von Operationen und auch die entsprechende Zeit.“

„Und warum gefällt es ihr so gut? Ist sie unfähig oder ...“

„Um Gottes willen, sie ist nicht unfähig“, widersprach Ansorge, „die ist gut, sehr gut sogar. Ihr Mann ist hier Anästhesist. Vielleicht liegt es daran, dass die beiden zusammen an der Klinik bleiben wollen. Zu zweit verdienen sie nicht schlecht. Es wird ihnen reichen. Kann auch sein, dass sie keine Kinder will.“

„Kinder möchte ich auch nicht.“ Kinder, dachte sie, das fehlte mir noch. Dann geht die Figur aus dem Leim. Man ist nur noch für die Blagen da. Was hab ich davon? Meine ganze Freiheit ist zum Teufel.

„Ich möchte gerne ein Kind. Eine richtige Familie, dazu gehören Kinder.“

„Eine richtige Familie ist überhaupt nur eine Familie, wenn Kinder da sind, und sonst ist es keine Familie. Ich möchte aber keine Familie“, erklärte sie ihm.

„Ich hätte schon gern ein Kind oder zwei.“

„Warum nicht sechs? So wie im Mittelalter, zwölf Kinder. Die Frauen waren weiter nichts als Gebärmaschinen und Köchinnen.“

„Aber es liegt doch nun einmal in der Natur der Sache. Wenn ich könnte, würde ich ein Kind kriegen. Aber das geht nun mal nicht.“

„Ihr seid fein raus, ihr Männer. Nein“, erklärte sie seufzend, „ein Kind, das wäre das Letzte.“

„Ich weiß nicht, ob du da so richtig liegst“, entgegnete er. Er sah sie an, aber sie erwiderte den Blick nicht, sondern blickte auf ihre Zigarette. „Denk doch mal an, du würdest dieses Kind bekommen. Nehmen wir es einmal an. Und wenn du dann zu Sieghart, deinem Mann, sagst: Das Kind ist von dir ... Ich glaube, der würde verrückt vor Freude. Der würde sonst etwas tun. Und dieses Kind wäre der Erbe. Du weißt nicht, ob du alles erbst von ihm. Er ist wahnsinnig reich, aber ob er dir alles hinterlässt, ist eine andere Frage.“

„Ich habe so schon genug. Natürlich möchte ich mehr. Der ist alt, herzkrank ist er auch. Ich hab mir etwas ausgerechnet, als ich ihn geheiratet habe. Aber ein Kind ist in dieser Rechnung nicht drin.“

„Frag ihn doch mal, was er denkt, wenn du ihm sagst, dass er Vater wird.“

„Ich hab dir doch schon erklärt, das er gar nicht imstande ist, so wie die Dinge liegen, so etwas zu bringen. Wir haben doch mindestens ein halbes Jahr nicht mehr miteinander geschlafen. Und an damals, an das letzte Mal, denke ich mit Grausen zurück.“

„Menschenskind, ein Mann in seinem Alter kann doch auch einmal versagen. Das ist doch kein nationales Unglück. Du bist doch auch nicht immer in Form.“

„Einmal versagen ist gut. Den kenn ich überhaupt nur als Versager.“

„Du kannst dich nicht beklagen. Du hast ja ein klares Ziel vor Augen, nicht wahr?“

Sie lachte. „Und ob ich das habe. Aber wie gesagt, ein Kind ist da nicht drin. Und überhaupt, der Preis ist mir zu hoch. Kommen dir etwa Bedenken? Du hast versprochen, es mir wegzumachen.“

„Das hab ich dir nicht versprochen. Ich habe versprochen, dir zu helfen. Es würde genügen, wenn ich dir eine Adresse gäbe.“

Sie stemmte sich hoch, sah ihn in flammender Entrüstung an und fauchte: „Dann gib sie mir doch, zum Teufel. Es wäre aber noch einfacher, wenn du es machtest.“

„Bei dir? Verdammt noch mal, es war eben herrlich mit dir, so schön wie noch nie in meinem Leben. Ich kann doch nicht einer Frau, die ich derartig begehre ... das kann ich einfach nicht.“

„Ach, hör doch auf! Denkst du über so etwas nach, wenn du mit die nen Patientinnen zu tun hast?“

„Das ist etwas ganz anderes. Diese Frauen kommen in die Sprechstunde oder sind in der Klinik. Mit denen habe ich doch persönlich überhaupt keinen Kontakt. Bei dir, das liegt doch auf einer ganz anderen Ebene.“

„Ich begreif das nicht.“

„Versuch doch einmal, darüber nachzudenken. Stell dir doch vor, du wärst Ärztin, und ich wäre ein Patient, und eben hast du mit mir geschlafen, und morgen sollst du bei mir an meinem Geschlechtsteil irgendeinen Eingriff vornehmen. Kannst du das so einfach?“

Sie versuchte sich das vorzustellen und meinte nachdenklich: „Ich weiß nicht. Vielleicht könnte ich es. Es ist doch eine rein technische Sache, oder nicht?“

„Mensch, du bist kalt wie eine Hundeschnauze. Ich kann das nicht. Ich weiß nicht, ich könnte es nicht. Es gibt einen Grundsatz unter Ärzten: „Was man liebt, schneidet man nicht.“

„Schneiden? Bei mir brauchst du doch nicht zu schneiden. So ein Kind wird doch abgesaugt, oder? Das ist doch noch ein Embryo.“

„Wenn du wüsstest, wie so etwas ist. Hast du das schon einmal erlebt? Hast du schon mal einen Abort gehabt?“

„Nein, zum Teufel, das ist es ja, sonst wüsste ich, wo ich hingehen müsste.“

„Die Sache kann aber einige Haken haben“, meinte er beschwörend. „Du musst dir darüber klar sein, dass das nicht immer glatt ausgeht.“

„Menschenskind, hör auf! Rede nicht so weiter. Ihr Männer steht prima da. Euch kann ja nichts passieren.“

„Und wie konnte es passieren?“

„Ich habe mich einfach vertan. Ich habe es mir gleich gedacht. Ich hatte eine Pille zu viel, verstehst du? Ich hab einmal vergessen, die Pille zu nehmen, und da ist es passiert.“

„Schlimm. Wenn ich nur wüsste, wie du da rauskommst?“

„Das fragst du dich?“

„Ich kann es nicht machen. Ich bringe das nicht fertig bei dir, nicht mehr jetzt.“

„Und vorher auch nicht, oder?“

„Vorher war alles anders, da wollte ich nicht. Aber jetzt, nachdem wir miteinander ...“

„Als wenn das nun so eine Rolle spielte. Um Himmels willen, wenn du Wert darauf legst, dass du mich behältst, dann wirst du etwas tun müssen. Entweder machst du es oder ein anderer, der es kann. Aber er muss es können, verstehst du? Ich lasse nicht an mir rumpfuschen.“

Es arbeitete schwer in ihm. So kaltschnäuzig er sonst war, diesmal hatte er nicht sofort ein Rezept bereit wie meistens. „Es gibt ja auch moralische Bedenken.“

„Was du nicht sagst!“, rief sie spöttisch. „Komm mir bloß nicht damit. Ich sage doch, diese ganzen moralischen Bedenken und diese Dinge sind von Männern ausgekocht, die es an sich nie erleben. Aber ich habe das Kind, ich bekomme es, und mir hängt es wenigstens fünfzehn oder zwanzig Jahre lang an, bis es auf eigenen Füßen steht. Und im Grunde werde ich es nie mehr los. Ich sehe im Geist schon die Bilder, wo mein Kind wieder Kinder hat und damit ankommt, zur Omi. Ich habe so etwas in meiner Nachbarschaft. Da fallen sie von allen Seiten bei der Großmutter ein wie die Raubvögel. Ganze Völkerscharen tauchen da bei Geburtstagen und dergleichen auf. Die arme Frau tut mir leid.“

„Die arme Frau ist sicher sehr glücklich, dass sie alle kommen“, widersprach ihr Ansorge.

„Ach, hör auf! Ich will jetzt von dir nur eins wissen: Machst du es weg oder nicht, beziehungsweise sorgst du dafür, dass es wegkommt?“

Sie saß jetzt mit völlig entblößtem Oberkörper da. Sie war eine hübsche Frau, durch und durch hübsch. Dass sie ihre Brüste hatte straffen lassen und sie auch durch Silikon gestützt waren, hatte er längst bemerkt. Aber es störte ihn nicht, im Gegenteil. An dieser Frau war einfach kein Makel, nicht körperlich. Sein Begehren wuchs wieder. Er spürte, wie sein Blut wieder in Wallung geriet, als er sie da sitzen sah.

„Nun gaff mich nicht so an und spiel hier nicht den Bock. Menschenskind“, schnauzte sie ihn an, „mir ist das alles nicht zum Scherzen. Ich könnte heulen, verdammt noch mal. Ich sitz in der Tinte, und du starrst mich an wie eine Nutte.“

„Nein, nicht wie eine Nutte. Du bist eine schöne Frau, du hast einen herrlichen Körper. Aber warum darf ich den nicht ansehen? Du zeigst ihn mir doch.“

„Hör bloß auf!“, unterbrach sie ihn schroff. „Ich will jetzt endlich, dass du mir sagst, ob du mir hilfst oder nicht. Du hast es mir versprochen.“

„Also gut, ich helfe dir. Aber ich tue es nicht selbst. Ich werde dir eine Adresse geben, aber vorher spreche ich mit dem Kollegen.“

„Sag mir jetzt schon, wer das ist. Ich will hören, ob er etwas taugt. Hast du gehört, er muss etwas taugen. Nicht, dass er mich umbringt.“

„Das ist ein guter Arzt.“ Er verschwieg ihr, dass es ein Arzt von Pro familia war. Dorthin hätte sie jederzeit gehen können, und er fragte sich, ob er es ihr nicht doch besser sagen sollte. Und dann tat er es auch.

„Lass dich doch beraten. Du weißt doch gar nicht, wie das ist bei Pro familia. Die können dir ...“

Sie schlug sich die Hände an die Schläfen. „Fängst du wieder damit an. Ich kriege bald zu viel. Bist du nun Frauenarzt, oder was bist du?“

„Ich kann es nicht machen, das hab ich dir schon mehrmals gesagt.“

Er sprang auf, begann sich anzukleiden.

„Das hat man nun davon!“ Sie schlug mit der flachen Hand auf die Decke, sah wütend zu ihm herüber und meinte: „Du hast etwas versprochen, was du nicht zu halten bereit bist. Du hast nicht eine Sekunde lang dein Versprechen halten wollen. Du hast mich verschaukelt, mein Junge. Aber hoffentlich fällst du damit nicht auf die Nase. Ich kann nämlich sehr rachsüchtig sein. Wenn mir einer auf die Zehen tritt, dann trete ich zurück. Du bist mir jetzt auf die Zehen gestiegen, und ich gebe dir drei Sekunden Zeit, dir zu überlegen, ob du das nicht in Ordnung bringst. Also, wie ist es?“

„Ich habe dir gesagt, ich gebe dir eine Adresse.“

„Die Adresse von Pro familia, wie? Komm mir bloß nicht damit! Wann machst du das Kind weg? Sag mir, wann du es wegmachst, und du wirst dabei sein, auch wenn du es selbst nicht tun solltest, du wirst dabei sein, verstehst du?“

„Du kannst mich nicht erpressen. Bist du wahnsinnig? Ich kann mir nicht leisten, dass ich ...“

Sie nickte, als hätte sie keine andere Antwort erwartet. „In Ordnung, ich werde es wegmachen lassen, aber du hast es weggemacht, verstehst du mich? Sollte eine Komplikation auftreten, das geht auf dein Konto. Und auch sonst werde ich sagen, dass du es gemacht hast. Bist du nun zufriedener?“

Er begriff erst nach ein paar Sekunden, was sie da eben gesagt hatte. Er sah sie wutentbrannt an und schrie: „Du willst mich reinlegen!“

„So, wie du mich reinlegst. Wurst wider Wurst.“

„Verdammt, das kannst du mit mir nicht machen, nicht mit mir! Du kannst mir nicht meine ganze Laufbahn zerstören.“

„Und du mir auch nicht! Du hast mir versprochen, zu helfen. Ein Kind zerstört meine Laufbahn, verstehst du? Ich habe noch etwas vor. Ich weiß, dass Sigi nicht allzu lange leben wird, der nicht. So fett und krank wie er ist.“

„Du bist wirklich eine Närrin“, erklärte er ihr. „Du bist ein dummes Stück. Wenn du dir einmal den Luxus des Nachdenkens leisten würdest, dann hättest du längst begriffen, dass ein Kind deine Chancen, an Sigis Erbe heranzukommen und es ganz und gar zu schlucken, ins Sagenhafte steigt, mit einem Kind, nicht ohne. Weißt du genau, was in seinem Testament steht? Glaubst du, er ist blöd? Hast du aber ein Kind von ihm oder sagst, es wäre von ihm, dann wird er sonst etwas tun für dieses Kind.“

Sie schwieg. Er konnte deutlich erkennen, dass sie nachdachte, und er hatte die inbrünstige Hoffnung, dass sie es sich anders überlegte, ganz einfach deshalb, weil es ihn dann von allem befreien würde, von diesem Druck, etwas unternehmen zu müssen, was er bei nüchterner Besinnung nicht tun wollte, nicht tun konnte. Bei ihr lag keinerlei medizinische oder soziale Indikation vor. Es gab nichts, was sie daran hindern konnte, ein Kind zu kriegen. Sie war gesund, war verheiratet, und dieses Kind würde in größtem Wohlstand aufwachsen. Dass es nicht von Sieghart von Breitenberg war, dürfte, wie er diese Frau einschätzte, kein Hinderungsgrund sein. Und selbst, wenn sie sich scheiden ließ, wenn sie Wolf heiraten sollte, dann hätte sie an der Seite von Wolf Herzog auch eine Zukunft und das Kind noch viel mehr.

Sie kleidete sich wortlos an und blickte dann zu ihm herüber und sagte: „Du hast dich also entschieden.“

„Ich? Wieso ich?“, fragte er verwirrt. „Begreif nicht, was du willst. Du bist doch diejenige, die sich entscheiden muss.“

„Ich habe mich auch entschieden. Aber wie, glaubst du, soll ich ihm die Tatsache verkaufen, dass dieses Kind schon vor zwei Monaten gezeugt ist, denn das kann er sich ja an fünf Fingern ausrechnen?“

„Und du bist nicht mehr bei ihm gewesen, nie mehr?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich hab dir doch erzählt, dass es ein halbes Jahr hergewesen ist.“

„Ich würde es darauf ankommen lassen.“

„Das würde bedeuten, dass ich mich jetzt wieder mit ihm einlassen muss.“

„Das würde es bedeuten.“

„Also gut, vielleicht hast du recht. Vielleicht kommt aus allem doch etwas heraus. Ich habe ihn auch im Verdacht, dass er ein Testament macht, bei dem ich zu kurz komme. Wenn das aber jetzt um das Kind geht, will ich das Testament sehen. Ich will wissen, was für das Kind ist. Ich werde ihm auf den Kopf zusagen, dass dieses Kind wegkommt, wenn er nicht alles, was er hat, uns beiden vererbt. Das werde ich ihm sagen. Aber erst müssen noch wenigstens vier Wochen vergehen oder fünf, was meinst du?“

„Natürlich, und du darfst keine Zeit verstreichen lassen.“

„Du glaubst gar nicht, welche Angst ich habe, dieses Kind zu kriegen. Menschenskind, wie lauf ich dann herum? Wie eine Tonne! Und wenn’s dann da ist, dann geh ich aus dem Leim. Du hast mich doch gesehen. Glaubst du, dass ich dann noch so aussehen könnte? Und die Brust!“

„Du brauchst das Kind doch nicht zu stillen, wenn du nicht willst.“

„Ach, hör doch auf. Es ist ja nicht nur das!“

„Wenn du Gymnastik treibst, Sport und diese Dinge, dann bleibt dein Körper, wie er ist. Du musst nur Bewegung haben. Du musst turnen.“

„Weise Sprüche von dir. Du hast mir heute schon so viel Weisheiten angeboten, aber in einem Punkt hast du wahrscheinlich recht. Wenn ich sein Geld will, dann müsste ich das Kind behalten und sagen, es sei von ihm. Ich werde das versuchen. Ich will mit ihm reden. Aber er muss sein Testament vorzeigen, das schwöre ich dir. Und was dich angeht, so ist es mit dir verdammt schön gewesen, das gebe ich zu, viel schöner, als ich erwartet hatte, und trotzdem möchte ich dich nie wiedersehen. Hast du mich verstanden? Ich komme nie mehr hierher, und ich möchte auch nicht, dass du irgendwann versuchst, mir nahe zu kommen. Wenn ich etwas brauche, dann habe ich Wolf. Er ist nicht so gut wie du, das gestehe ich dir ein, und doch ist es mir mit ihm tausendmal lieber als mit dir. Er hat mir nie etwas versprochen, das er mir nachher wieder ausreden wollte. Du hast einen guten Körper, aber sonst bist du ein verdammt mieser Typ. Und jetzt haue ich hier ab.“ Damit marschierte sie hinaus und schlug die Tür hinter sich zu, und er hörte sie dann, mit ihren hohen Absätzen tackend, die Treppe hinuntergehen.

Der Seufzer, der sich seinem Munde entrann, hörte sich äußerst erleichtert an. Ansorge ging zum Fenster, presste die heiße Stirn an die kühle Scheibe und sah nach unten auf die Straße. Er stand so, bis er Daxi unten auftauchen und in ihren Wagen steigen sah, in diesen schnittigen BMW, mit dem sie dann davonstob wie die Feuerwehr.

„Ein Glück, dass das so ausgegangen ist“, meinte Richard Ansorge erlöst, aber schon während er das dachte, beschlich ihn eine drohende Ahnung. War die Sache wirklich ausgestanden?



12

„Ich habe keine Zeit. Was willst du noch?“, fragte Martin Kühn barsch und blickte von unten herauf seinen Sohn an, der auf der anderen Seite des Schreibtisches stand. „Du sollst doch mit Neuberger essen gehen, das war abgemacht, nicht wahr?“

„Das hatte ich auch vor. Aber ich bin eben in dem neuen Küchenanbau, den du für Marconi hast machen lassen, Marconi begegnet.“

„Na und? Er wird schließlich bei uns anfangen.“

„Richtig, am Ersten. wird er bei uns anfangen, und heute ist der Vierzehnte. Marconi ist auch nicht bloß so da gewesen, um mal zu gucken, was geschieht, sondern er hatte gearbeitet.“

„Gearbeitet?“

„Ja, gearbeitet. Was man bei einem Koch unter arbeiten versteht. Ich erzähle dir ja sicher keine Neuigkeiten. Du weißt genau, was ein Koch tut. Und genau das hat er getan. Er hat gekocht. Er hat gekocht, gebraten, alles das, was bei ihm dazugehört.“

„Na und? Das ist doch seine Sache, doch nicht deine. Können wir doch froh sein, wenn er das tut.“

„Er ist aber noch nicht bei uns angestellt. Sein Vertrag beginnt am Ersten. Das sagte ich bereits. Und bei den Stichs hat er sich krank gemeldet.“

„Ach nee! Woher willst du denn das wissen?“, rief Martin Kühn.

„Ich weiß es. Er hat sich krank gemeldet, bezieht, wie das so üblich ist bei Angestellten, noch eine ganze Zeit volles Gehalt, und bei uns arbeitet er. Und wahrscheinlich bekommt er von dir noch einmal Geld, oder nicht?“

„Natürlich bekommt er etwas. Aber ich will die Katze ja nicht im Sack kaufen.“

„Als wenn du mit Marconi die Katze im Sack kauftest! Der Name bürgt an sich schon für Qualität. Allerdings nur, was das Kochen angeht und nicht den Charakter. Sonst hätte er den Stichs diesen Streich nicht gespielt. Die sitzen jetzt da ohne Chefkoch, die Frau musste schließen, weil sie selbst im Krankenhaus liegt. Da ist nur die Tochter, und sie müssen sogar ihre bestellte Ware an uns weiterverkaufen.“

„Dass sie das konnten, haben sie mehr oder weniger dir zu verdanken. Ich hätte das Zeug nicht genommen. Ich hätte sie drauf sitzen lassen.“

„Du möchtest sie zertreten wie eine Laus, nicht wahr?“, fragte Hartmut seinen Vater.

„Man braucht sie nicht mehr zu zertreten. Die kann man an der ausgestreckten Hand verhungern lassen. - Du wirst mit Neuberger reden. Und noch etwas, da ist mir etwas Tolles zu Ohren gekommen. Tja, ich hatte schon mit dem Gedanken gespielt, diese Frau Stich zu besuchen, um vielleicht im Guten die Sache von ihr zu übernehmen. Aber bei der Gelegenheit ist mir etwas eingefallen. Ich habe mit dem kaufmännischen Leiter der Paul-Ehrlich-Klinik Kontakt aufgenommen. Da hatte ich neulich in der Zeitung etwas gelesen über Beschwerden wegen des Essens. Du wirst dahinfahren. Ich habe keine Zeit. Heute nicht und morgen nicht. Obgleich ich das eigentlich selbst erledigen wollte. Du wirst mit denen reden. Wir übernehmen die ganze Küche, alles. Casino, Tiefkühlkost, wir stellen die Mikroherde, dass sie so ein fertiges Essen von uns in wenigen Minuten heiß auf den Tisch des Gastes stellen können. Dann achthundertsechzig Portionen, jeden Tag Frischkost, nicht Tiefgefrorenes, das müssten wir unterscheiden. Aus medizinischen Gründen darf keine Tiefkühlkost in die Krankenabteilungen geliefert werden. Also werden wir Frischkost machen. Die wollen die ganze Küche abschaffen. Weißt du, mein Sohn, was das heißt? Tag für Tag achthundertsechzig Portionen. Wir werden mit diesen Leuten ein Beispiel liefern. Wir werden erstklassige Küche liefern. Natürlich werden die uns den Preis drücken, wir müssen günstig anbieten. Und wir werden erstklassige Sachen liefern zu diesem Preis. Das lass ich mir was kosten. Wenn sich das trägt, ist das schon gut. Ich wäre notfalls sogar mit einer roten Zahl unter dem Strich einverstanden, das heißt, und wenn wir zusetzen, ist es auch noch ein Geschäft. Es ist Werbung in seiner reinsten Form. Das spricht sich herum. Andere Kliniken werden nachziehen. Die werden ihre Küchen quittieren, und wir bekommen den Auftrag. Kannst du dir vorstellen, was das heißt?“

„Dann sind wir Monopolisten, nicht wahr? Das wünschst du dir.“

„Wir werden nicht nur einen Marconi brauchen, sondern viele.“

„Der eine ist mir schon zu viel“, sagte sein Sohn heftig. „Ein Mann, der sich auf der einen Seite bei denen, die sowieso zu kämpfen und zu krebsen haben, krank meldet und sich noch das hohe Gehalt weiter zahlen lässt, auf der anderen Seite aber dort, wo er anfangen will, jetzt schon arbeitet, das ist ein Schurke. Ich verlange von dir, dass du ihn wegschickst. Wenn ich mich noch im Spiegel ansehen will, dann schicke ihn jetzt weg!“

„Sag mal, bist du übergeschnappt? Du spinnst ja! Du musst ja wirklich total übergeschnappt sein!“ Martin Kühn schüttelte fassungslos den Kopf. „Du hast von mir alles mögliche geerbt, aber nicht den Sinn für das Geschäft. Du bist ein Ernährungstechniker und wirst es immer bleiben.“

„Ach nein! Muss man etwa ein Gemüt haben wie ein Schuft, wenn man Kaufmann ist? Das willst du mir doch nicht einreden.“

„Right or wrong, my country, sagt der Engländer.“

„Aber nicht, wenn ich andere dabei zertrete, die es wirklich nicht verdient haben. Und wir haben es nicht nötig“, widersprach ihm sein Sohn.

„Wir haben es immer nötig. Wer rastet, der rostet, merke dir das!“

„Wenn du Wert darauf legst, dass ich weiter mit dir zusammenarbeite, Vater, dann wirst du Marconi wegschicken. Sein Vertrag beginnt am Ersten, nicht heute. Entweder ist er krank, dann muss er zu Hause bleiben, oder er ist gesund, dann hat er seinen Dienst bei den Stichs anzutreten.“

„Ich denke, die haben geschlossen? Diesner hat mir doch auch so etwas erzählt. Was soll er also dort?“

„Sie hätten nicht schließen müssen, wenn Marconi arbeiten würde. Im Übrigen ist die Chefin krank. Das weißt du ja. Sie hätte sich helfen können, wenn sie da gewesen wäre. Aber nun, wo sie krank ist, kann die Tochter ohne Marconi gar nichts machen.“

„Dann hätte die sehr verehrte Frau Stich eben darauf achten müssen, dass ihr Fräulein Tochter den Beruf lernt, der für dieses Geschäft notwendig ist. Aber so wie ich gehört habe, will die Dame ja Ärztin werden. Dann soll sie besser lernen, einen Betrieb zu kurieren, statt Menschen.“

„Vielleicht hat sie inzwischen ihre Meinung geändert. Ich ändere meine aber nicht, was Marconi angeht. Also, wie ist es, schickst du ihn weg?“

„Du bist wirklich von allen guten Geistern verlassen. Glaubst du im Ernst“, höhnte sein Vater, „dass ich diesem Knall von dir nachgebe? Marconi bleibt da, wo er ist. Er soll die neue Küche ausprobieren, das habe ich ihm extra gesagt. Es ist ein Teil unseres Abkommens, verstehst du? Und wenn er sich bei den Stichs krank gemeldet hat, so ist das nicht mein Bier.“

„In Ordnung. Dann kannst du heute Abend selbst mit Neuberger essen gehen. Mich interessiert dein Geschäft nicht mehr. Ich kündige. Und ich bin auch krank, verstehst du? Ab heute Abend bin ich krank. Vielleicht mach ich es ganz genau so wie Marconi.“

„Moment mal! Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich das zulasse?“

„Wie willst du mich daran hindern?“, fragte Hartmut. „Ich frage dich ein letztes Mal: Schickst du Marconi nach Hause? Und zwar nicht nur jetzt, sondern auch morgen und übermorgen und all die Zeit. Im Übrigen ist es schon ziemlich spät. Ich finde es nicht besonders gut, dass der da ganz alleine mit zwei seiner Helfer in der Küche herumgeistert. Diese Helfer hat er mitgebracht. Die sind auch aus Stichs Küche. Hast du eigentlich einmal darüber nachgedacht, was ist, wenn da ein Betriebsunfall passiert?“

„Gar nichts ist da. Diese ganze Geschichte läuft völlig legal.“

Hartmut blickte seinen Vater nachdenklich an. „Du hast dich unheimlich gewandelt. Früher warst du anders. Du bist hart geworden. Ich möchte dir zum Schluss noch etwas sagen. Vielleicht kommst du doch noch zur Besinnung. Du bist dabei, die Menschen, die zu dir stehen, zu verprellen. Du hast zu Hause eine junge Frau. Ich gebe zu, dass ich anfangs nicht begeistert von ihr war. Von der Tatsache nämlich, dass du deine Sekretärin heiratetest. Aber Mutter lebte ja nicht mehr. Es war dein gutes Recht, dir eine andere Frau zu nehmen. Aber diese Frau sitzt zu Hause herum. Sie ist jung, sie hat überhaupt nichts vom Leben. Wie einen schönen Vogel im goldenen Käfig hältst du sie dir. Vielleicht solltest du dich ein wenig mehr um sie kümmern.“

„Seit wann gibst du mir Ratschläge? Du sprichst mit deinem Vater. Hast du das vergessen? Und ich bin auch noch dein Vater, wenn du siebzig bist und ich um die entsprechende Zahl älter. Du hast mir überhaupt keine Ratschläge zu erteilen, und schon gar nicht in solchen Dingen!“, brüllte Martin Kühn los.

„Die Argumente werden nicht glaubhafter, wenn du sie brüllend vorträgst“, meinte Hartmut kühl. „Tu, was du willst. Ich habe dir gesagt, wie ich mich entscheide. Marconi bleibt also, und ich werde gehen. Neuberger kannst du von der Liste nicht abhaken. Ich kümmere mich heute Abend nicht um ihn. Ich werde ihm noch nicht einmal mitteilen, dass ich zum abgesprochenen Zeitpunkt nicht erscheine. Du weißt es jetzt und kannst es selbst in die Hand nehmen. Noch wird er wohl in seinem Büro sein.“

„Das ist doch die bodenloseste Unverschämtheit, die mir jemals vorgekommen ist!“, schrie Martin Kühn und schlug mit der Faust auf den Tisch, dass die Schreibtischgarnitur zu tanzen begann.

„Schrei, so lange du willst. Im Übrigen lass dir von mir sagen, dass ich die Anteile von Mutter, die in der Firma stecken und die ich geerbt habe, herausziehe. Du weißt, was das bedeutet.“

Martin Kühn lehnte sich im Sitz zurück und starrte seinen Sohn entgeistert an. Ihm wurde mit einem Male ganz kalt. Wenn er das tut, dachte er, dann bin ich erledigt. Diese ganzen Investitionen, mein großes Angebot, mit dem ich alle noch wankelmütigen Kunden der Konkurrenz kassieren will. Das alles bricht zusammen. Das kann er nicht tun.

„Du willst mich ruinieren!“, sagte er mit Grabesstimme. „Du willst die Firma zerstören!“

„Nein. Ich brauche dieses Geld. Und ich brauche diese Mittel, um auf eigene Beine zu kommen. Denn bei dir höre ich auf, das habe ich dir ja gesagt. Es war deine Entscheidung, diesen Marconi jetzt schon zu beschäftigen. Und meine Entscheidung ist es, mit jemandem, der das tut, nicht weiter zusammenzuarbeiten. Es ist ganz einfach.“

„Es ist die nackte Erpressung! Sag es doch gleich!“, schrie Kühn. Dann wurde er mit einmal freundlich. „Hör zu, mein Junge, wir wollen doch vernünftig reden. Es hat doch keinen Zweck, wenn wir uns anschreien.“

„Ich habe dich nicht angeschrien. Und es gibt auch nichts mehr zu ändern. Du hast deine Entscheidung gefällt.“

„Darüber lass ich mit mir reden.“

„Ich nicht mehr. Du weißt Bescheid. Zurzeit bin ich krank. Meine schriftliche Kündigung bekommst du morgen. Da liegt dann gleich die Kündigung der Anteile mit drin. Die Frist ist ja vertraglich vereinbart. So steht es im Testament, und du hast es anerkannt. Mutter wusste, was sie tat. Guten Abend.“

„Hartmut! Hör doch!“, schrie ihm sein Vater nach, aber Hartmut Kühn schloss die Tür hinter sich. Sein Gesicht zeigte einen verbissenen, harten Zug.

Als er wenig später mit seinem Wagen am Schlagbaum anhielt, bis der Pförtner aufgemacht hatte, kam der an die Wagentür und sagte: „Herr Kühn, Ihr Vater möchte unbedingt mit Ihnen sprechen.“

„Machen Sie den Schlagbaum auf. Ich habe keine Zeit“, erwiderte Hartmut.

„Sehr wohl, Herr Kühn, sehr wohl“, dienerte der Pförtner und machte rasch auf. Hartmut fuhr mit laut aufheulendem Motor davon.



13

Sie strahlte ihn erwartungsvoll an, als er geklingelt hatte, und sie die Tür öffnete. Aber er machte kein besonders fröhliches Gesicht. Er lächelte zwar, aber es kam ihr gequält vor. Und darüber sah sie erst beim zweiten Blick die roten Nelken, die er in der Rechten hielt und ihr entgegenstreckte. „Oh, die schönen Blumen! Das wäre wirklich nicht nötig gewesen.“ Noch während sie es sagte, ärgerte sie sich, dass sie solche banalen und oft geäußerten Worte gebrauchte.

„Es ist etwas dazwischen gekommen“, sagte er. „Nicht dass ich es ab sagen will, im Gegenteil. Aber ich müsste einmal telefonieren. Ob ich das bei Ihnen tun kann?“

„Natürlich. Kommen Sie nur rein!“, rief sie und drückte die Tür bis zum Anschlag zurück. Als er dann vor ihr stand und ihr die Hand gab, sah sie ihn ein wenig befangen an. Gleichzeitig machte sie sich Gedanken um ihn und die gedrückte Art, die ihn, wie sie meinte, beherrschte.

„Der Apparat steht im Wohnzimmer. Kommen Sie! Ich gehe voraus.“ Er schloss die Tür. Sie trippelte auf ihren hohen Absätzen vorneweg. Sie ärgerte sich, dass sie die Schuhe nicht so gewohnt war. Sie fühlte sich unsicher darin und hätte viel lieber ihre flachen Schuhe angezogen wie sonst. Und Hosen trug sie auch lieber als einen Rock. Aber sie hatte sich ihm zu Ehren so angezogen.

Im Wohnzimmer deutete sie aufs Telefon hinten in der Ecke und sagte: „Bitte, bedienen Sie sich! Ich sorge inzwischen für eine Vase.“

Er murmelte etwas, das sie nicht verstand, ging zum Telefon, und dann hörte sie ihn wählen. Wenig später meldete er sich.

„Ja, Herr Doktor Meier, ich bin es, Kühn, Hartmut Kühn. Es ist schon spät, ich weiß, aber ich habe eine sehr wichtige Frage.“ Mehr hörte Monika nicht, denn sie schloss das Fenster der Durchreiche zwischen Küche und Esszimmer, das direkt neben dem Wohnzimmer lag, und nur durch eine Schiebetür davon getrennt war. Diese Schiebetür stand jetzt offen. Monika befand sich in der Küche. Sie hatte eine Vase gefunden, füllte sie jetzt mit Wasser und steckte die Nelken einzeln hinein.

Sie war schon längst fertig und fragte sich, ob Hartmut Kühn immer noch telefonierte. Sie ging auf den Korridor hinaus, und da hörte sie ihn durch die geschlossene Wohnzimmertür sprechen.

Sie setzte die Nelken auf die schwere Marmorgarderobe im Flur. Die Garderobe stammte von einem entfernten Verwandten aus Italien. Für Papa war sie immer ein Schmuckstück gewesen, und Monika mochte sie ebenfalls sehr, obgleich sie sich als Kind oft daran gestoßen hatte.

Das Telefonat schien beendet zu sein. Hartmut kam heraus, lächelte Monika entschuldigend zu und meinte: „Es tut mir leid, aber das war sehr, sehr wichtig. Jetzt ist alles klar. Jetzt können wir etwas aus dem Rest des Tages machen. Übrigens, ich brauch mit niemandem essen zu gehen. Das ist ins Wasser gerutscht. Ich bin froh darüber. Kommen Sie, ich freue mich, wenn wir etwas gemeinsam unternehmen können.“

„Aber allzu lange kann ich nicht weg. Ich muss morgen beizeiten raus. Und außerdem, wissen Sie ... Mama geht es nicht gut, und ich gehe aus. Ich weiß nicht, ob das richtig ist.“

„Ach was! Ihre Mutter würde das bestimmt billigen. Und im Übrigen gehen wir ja nur essen und sitzen anschließend noch etwas zusammen. Was ist dabei? Ich habe Ihnen etwas zu erzählen, das heißt, eigentlich wollte ich Sie zunächst verschiedene Dinge fragen.“

„Mich fragen?“, erwiderte sie überrascht.

„Ja, ja, Sie werden schon sehen. Kommen Sie, jetzt fahren wir erst einmal in die Stadt.“

Er wandte sich um, stieß dabei versehentlich mit dem Ellenbogen an die Vase auf der Marmorplatte und riss sie um. Die Vase knallte auf den harten Marmor, zersprang und das Wasser ergoss sich über Hartmuts Hosen.

„Um Himmels willen! Ihr Anzug!“, rief Monika als erstes.

Er machte ein bedeppertes Gesicht; dann lachte er. „Und nach der Vase fragen Sie nicht?“

Monika kauerte schon am Boden und hob die Nelken auf.

„Ach, die Vase! Jetzt ist Ihr ganzer Anzug nass. Ein hellgrauer Anzug mit einem schönen dunklen Fleck. Ich habe auch noch so ein Zeug reingetan, damit die Blumen länger frisch bleiben. Hoffentlich gibt das keine Flecken!“

Er sah an sich herunter. Mit diesem Fleck konnte er wirklich nirgendwo hingehen.

„Am besten fahren wir jetzt zu mir nach Hause, und ich ...“ Da fiel ihm ein: Dieses Zuhause war bei den Eltern. Da wollte er jetzt um keinen Preis hin.

„Wir können ja so lange hierbleiben, bis der Fleck trocken ist. Hoffentlich verschwindet er dann auch, weil ich dieses Zeug hineingetan habe. Das färbt das Wasser ein wenig grün.“

„Vielleicht muss ich es besser auswaschen.“

„Vielleicht wäre das wirklich gut. Warten Sie, das kann ich doch machen.“

Sie fanden es schließlich lustig, als sie ihm mit einem Frotteetuch und warmem Wasser diesen Fleck auswaschen wollte. Davon wurde er zunächst einmal größer. Und dann stellte sich heraus, dass sich beim Abreiben das Frotteehandtuch grün färbte. Es würde also doch womöglich einen Fleck geben. Um die nasse Stelle schneller zu trockenen, holte Monika ihren Föhn. Und damit blies sie Hartmut auf den rechten Oberschenkel. Aber das wollte und wollte einfach nicht trocknen.

„Das ist, weil Sie die Hose anhaben.“

„Soll ich sie etwa ausziehen?“, fragte er belustigt.

Sie lachte. „Ich bin nicht unbedingt prüde, aber ich glaube, notwendig wäre es auch nicht.“

„Ach, das ist wirklich dumm. Vielleicht fahre ich doch nach Hause und ziehe eine andere Hose an. Das dauert doch nur eine Viertelstunde oder ...“

„Jetzt um die Zeit? Sie wohnen doch am anderen Ende der Stadt. Alle Ampeln rot. Stauung; Sie wissen doch, wie das um die Zeit ist. Da sind Sie vor einer Stunde nicht wieder hier.“

Er nickte. „Sie haben recht.“

„Ich habe einen anderen Vorschlag, wenn Sie das nicht falsch verstehen. Bleiben wir doch einfach hier. Ich hole eine Flasche Wein aus dem Keller, wir setzen uns zusammen, und ich mache uns etwas zu essen, ein paar Happen nur. Dann sind wir ebenfalls zusammen, können uns unterhalten, und wir haben von Vornherein die Sitzplätze, die wir wollen.“

Er blickte sie überrascht an. „Und Ihre Mutter wäre damit einverstanden?“, fragte er zögernd.

„Wenn es so ist, wie ich sage, ja. Ich nehme an, Sie denken so wie ich, nicht wahr?“

Er nickte. „Sie haben recht. Wenn Sie einverstanden sind? Ich bin es immer.“

„Mein Papa sagte schon immer: Zu Hause ist es viel schöner als im schönsten Lokal. Man hat die Plätze, die man will, man weiß, was es gibt und kann sich auf die Küche verlassen.“

„Sie wollen doch nicht etwa etwas kochen?“

„Nein, bestimmt nicht. Aber ich mache uns ein paar Happen. Sie können aber auch etwas Warmes bekommen. Möchten Sie Steaks?“

„Nein, nein. Bloß keine Umstände. Dann stehen Sie in der Küche. Aber ich könnte Ihnen ja dabei helfen. Wir könnten ja zusammen kochen.“ Sie warf ihm einen verschwörerischen Blick zu. „Prima. Möchten Sie wirklich?“

„Ja, ich möchte“, meinte er, und es bereitete ihm einen kolossalen Spaß, was sie nun beide vorhatten.

„Was wird es geben?“, fragte sie unternehmungslustig.

„Ich würde sagen, Steak Hawaii, oder nein, Café de Paris. Richtig. Medium gebraten.“

„Gebraten?“, rief sie enttäuscht. „Wir wollen doch grillen. Denken Sie an unsere Linie.“

„Natürlich, gegrillt, was sag ich da! Also, und dann ein paar Beilagen. Eine Vorspeise. Wie ist es mit einer Vorspeise?“

„Prima. Krabbensalat. Oder nein, Melone mit Parmaschinken. Was halten Sie davon?“

„Haben Sie Melonen da?“

„Nein. Ich glaube nicht. Wie schade. Aber Krabben haben wir, in Dosen natürlich. Oder tiefgefrorene, glaub ich.“

„Dann nehmen wir die in Dosen. Die tiefgefrorenen müssen erst auftauen. Das dauert zu lange. Also gut, legen wir los.“

Sie besorgte ihm eine Schürze, von der sie ihm sagte, die stamme noch von Papa. Und dann standen sie beide in der modernen Küche. Es bereitete ihm ein höllisches Vergnügen, gemeinsam das Abendessen zu machen.

Hartmut beobachtete Monika immer wieder. Sie hatte etwas von einem Gefährten, Kameraden, aber dann wieder wirkte sie verträumt, wie ein Mensch, der sich nach Zärtlichkeit sehnt. Ein andermal wieder war sie äußerst selbstbewusst, emanzipiert und ließ sich von Hartmut nicht auf die Plätze verweisen. Ein paar Sekunden später schon machte sie den Eindruck einer großen Dame.

Aber meistens war sie eine Gefährtin, ein Freund, ein Mensch, von dem man sagen kann, das man mit ihm Pferde stehlen könnte. Das war der passende Ausdruck. Man kann mit ihr Pferde stehlen, dachte Hartmut. Als sie die Pommes frites in die Fritteuse tat und es zischte, summte Monika ein Lied. Hartmut stimmte mit eigenem Summen in die Melodie ein. Und dann hörten sie auf zu summen, sondern sangen richtig. Sangen im Duett, und plötzlich hörten sie beide damit auf, sahen sich an und lachten.

„Wir könnten auftreten irgendwo. Wir sind richtig gut“, meinte Monika.

„Gut? Das wäre mäßig. Wir sind absolute Spitze. Wir sind der Schlager der Saison, der Superhit!“, rief Hartmut übermütig.

„Dabei hatte ich in Singen eine Drei. In Musik war ich überhaupt nicht gut.“

„Die Schule ist auch nicht der Weisheit letzter Schluss.“

„Waren Sie gut in der Schule?“, wollte sie wissen.

„Wenn Sie die Grundschule und das Gymnasium meinen, da war ich immer mittelmäßig. Später nachher, als es um den Beruf ging, wurde es dann etwas besser.“

„So ähnlich wie bei mir. Der Stress von der Oberstufe, der hängt mir heute noch im Genick. Aber das Abitur ,abe ich leidlich über die Bühne gekriegt. Aber eben nicht gut genug.“

„Sie haben es doch geschafft. Das ist doch schon viel.“

„Ich habe es sogar gut geschafft. Aber um Ärztin zu werden, hätte ich es traumhaft gut schaffen müssen.“

„Wollen Sie noch immer Ärztin werden? Eigentlich ist doch das, was Ihre Mutter tut, auch sehr interessant.“

Monika hatte die Mayonnaise über die Krabben gezogen und begann jetzt, die beiden Schalen zu garnieren. „Ach, wissen Sie, welche Chance habe ich denn? Welche Chance hat Mama? Ich glaube, es wäre besser, wir würden dieses Thema gar nicht berühren heute Abend. Sehen Sie“, sie sah ihn an, „ich finde Sie sympathisch. Das können Sie ruhig wissen. Aber das, was Ihr Vater tut, das finde ich nicht so gut. Er ist hart, sehr hart. Dabei weiß ich noch nicht einmal, wie hart er wirklich ist. Meine Mutter, die sagt mir manchmal andeutungsweise ein paar Dinge. Das hat sie heute wieder getan. Das hat sie wahrscheinlich mehr aufgeregt als mich. Ich glaube nicht, dass unsere Firma noch lange besteht.“

„Wie das?“

„Sie haben Marconi weggeholt. Ihr Vater wird mit seiner Hilfe die Qualität erzielen, die wir bisher hatten. Aber er wird sie nicht so teuer verkaufen müssen wie wir. Er kann sie billig anbieten. Er wird sie notfalls unter Preis anbieten.“

Hartmut war überrascht. Das war ja genau das, was sein Vater vorhatte. Und die Stichs hatten das schon erkannt. Sie wussten also, was hier lief.

„Will Ihre Mutter etwa an meinen Vater verkaufen?“, fragte er leise.

Monika schüttelte den Kopf. „Das würde sie nie tun. Ich glaube, sie würde eher mit fliegenden Fahnen untergehen, als an Ihren Vater zu verkaufen. Und außerdem bin ich sicher, dass Ihr Vater nicht viel zahlen würde. Jetzt nicht mehr. Damals, als Papa noch gelebt hat, und er Papa sogar einen Posten als Herstellungsdirektor anbot, damals war es noch ein guter Preis. Aber jetzt, wo er Marconi hat, jetzt nicht mehr.“

„Ich bin gar nicht so sicher wie Sie, dass alles so schwarzgemalt werden muss, wie Sie das tun“, widersprach er ihr.

Sie betrachtete ihn ungläubig. „Was sollen Sie damit sagen? Man kann es ja fast nicht schwärzer malen. Es stimmt doch, was ich sage. Es ist doch alles furchtbar verfahren. Es ist schlimm. Natürlich betrifft es Sie nicht.“

„Sie irren sich. Es betrifft mich mehr, als Sie glauben.“

„Sie sagen das so, als hätten Sie eine Medizin dagegen.“

Er nickte. „Hab ich auch. Ich habe genau die Medizin, die Sie brauchen. Sie müssten nur eins haben: Zutrauen. Sie müssten glauben, dass ich es genauso meine, wie ich’s Ihnen sage.“

„Sie wollen uns helfen. Ihr Vater will ...“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, nein“ unterbrach er sie. „Sie sprechen nicht mit meinem Vater, Sie sprechen mit mir. Das ist ein sehr großer Unterschied. Und das hängt auch damit zusammen, dass Sie es sind, mit der ich zu tun habe.“

„Dass ich es bin?“, rief sie verblüfft. „Wieso ich?“

Er ging auf sie zu, legte das Messer weg, das er gerade in der Hand hielt, wischte sich die Hände an der Schürze ab und sah, die sie ein wenig kleiner war als er, auf sie herunter. „Ich weiß nicht einmal, wie Sie mit Vornamen heißen, Fräulein Stich. Aber ich weiß, dass ich Sie von der ersten Sekunde an, da ich Sie gesehen habe, sehr gern habe. Ich will es anders ausdrücken. Worte stören hier.“

Plötzlich hatte er sie an den Schultern gefasst, zog sie heran und küsste sie.

Im ersten Augenblick machte sie sich steif, als müsste sie ihn abwehren. Aber dann, als seine Lippen heiß und verlangend die ihren berührten, sie pressten, da wollte sie nichts mehr anderes, als dass er sie so festhielt, und sie fand das schön. Sie fühlte sich überflutet von einer Welle des Glücks, das auch nicht davon beeinflusst wurde, dass sie ein paar Augenblicke lang daran dachte, wie kurz sie Hartmut erst kannte. Aber sie hatte ihn vom ersten Augenblick an gemocht. Und sie begriff, dass es ihm mit ihr offensichtlich genauso erging.

Er strich ihr zärtlich übers Haar, kraulte sie an ihren Ohrläppchen, und als sich ihre Lippen voneinander lösten, da sagte er ein wenig atemlos: „Ich liebe dich, seit ich dich gesehen habe. Ich konnte an nichts anderes mehr denken. Du hast mich völlig umgekrempelt, schlagartig. Es ist völlig verrückt.“

„Es ist wirklich völlig verrückt“, gab sie zu. „Mir geht es auch so. Wir kennen uns erst seit heute morgen.“

Es klang fast wie ein Vorwurf, und er empfand es wohl auch so. „Aber wir haben doch nichts Unrechtes getan! Mein Gott, wir mögen uns eben.“

Sie lächelte verschmitzt. „Und dem haben wir jetzt auch Ausdruck verliehen, nicht wahr?“

Nun lachten sie beide. Plötzlich rümpfte sie die Nase, fuhr herum und rief: „Die Steaks! Um Himmels willen, die Steaks! Jetzt sind sie aber nicht mehr Medium.“ Sie kauerte vor dem Grill im Backofen, zog den Rost heraus. „Oh Himmel, sehen Sie sich das an!“

„Macht nichts. Dann essen wir sie ausnahmsweise mal durchgebraten. Aber jetzt wird es Zeit, dass sie raus kommen. Sie sind mehr als durchgebraten, glaube ich. So ist es eben, wenn man nicht aufpasst.“

Sie sahen sich an, kauerten beide vor der geöffneten Backofentür, vor sich die dampfenden Steaks. Aber die hatten sie offensichtlich schon wieder vergessen. Wie magnetisch voneinander angezogen näherten sich ihre Gesichter einander, und dann küssten sie sich.

Es war diesmal nur ein kurzer Kuss.

„Ich heiße übrigens Hartmut. Und du?“

Sie lachte und hätte fast das Gleichgewicht verloren. Er hielt sie noch fest.

„Es ist irre. Es ist wirklich irre! Wir küssen uns, wir duzen uns und wissen nicht einmal die Vornamen voneinander.“

„Den meinen kennst du inzwischen.

„Ich heiße Monika. Sag bitte nicht Moni zu mir! Das gesteh ich nur meiner Mutter zu. Ich finde Moni grässlich!“

„Also gut, Monika. Aber jetzt müssen wir uns, glaube ich, um unser Essen kümmern. Die Steaks sind ja nun durchgebraten, hoffentlich nicht zäh wie Schuhsohlen.“

„Und wenn schon! Ich glaube, es sind die besten Steaks meines Lebens“, bekannte sie freimütig.

„Nun ja, wenn du meinst.“

Wenig später aßen sie gemeinsam bei Kerzenlicht, weil Monika das so unheimlich romantisch fand.

Monika hatte leise Tanzmusik eingeschaltet, und nun saßen sie Arm in Arm auf der Eckbank. Sie hatte ihren Kopf an seine Schulter gelehnt, und sie erzählten sich. Sie sprachen von allem, nur nicht vom Geschäft. Es war, als hätten sie eine Absprache getroffen, das Thema Tiefkühlkost und alles, was damit zusammenhängt, überhaupt nicht zu erwähnen.

Ein einziges Mal näherte sich Hartmut zufällig diesem Thema, und er meinte: „Ich habe Ärger mit meinem Vater gehabt. Es hängt ein bisschen mit eurer Firma zusammen. Ich möchte jetzt nicht davon reden. Ich glaube nicht, dass ich noch lange mit ihm arbeiten kann, vielleicht überhaupt nicht mehr. Aber ich könnte, das muss ich dir sagen, Monika, auch niemals gegen ihn arbeiten.“

Vielleicht hätten sie noch länger darüber gesprochen, eingehender, und wären dann doch auf das Thema Geschäft gekommen, hätte Monika nicht niesen müssen. Sie beide lachten darüber, dass sie nieste, und sie tat es gleich noch einmal, ob sie wollte oder nicht und meinte: „Es kitzelt in meiner Nase. Das ist ja schlimm. Was mach ich nur?“

„Reib doch einfach daran. Vielleicht geht es weg.“

Als sie das tat, musste sie abermals niesen. Und so kamen sie von diesem Thema ab. Er erzählte ihr dann, wie er einmal als Kind ein Tablett mit teuren Gläsern tragen musste und auf halbem Weg zur Tafel, wo die Gäste saßen, niesen musste. Und so das Tablett mit den Gläsern aus seinen Händen fiel.

„Ach, du Ärmster“, meinte Monika teilnahmsvoll. Und dann gab sie selbst eine Geschichte zum besten, die ebenfalls aus ihrer Kindheit stammte. Mit der Zeit aber sprachen sie immer seltener, und immer öfter verzehrten sie sich in leidenschaftlichen Küssen.

Zwei Stunden später saßen sie noch immer da, und ihre Leidenschaft wuchs. Von dem Wein hatten sie jeder nur ein halbes Glas getrunken. Aufgegessen hatten sie ebenfalls nicht. Im Radio spielte keine Musik mehr. Irgendwer redete. Aber sie hörten es gar nicht. Sie sahen sich nur an, und immer wieder mussten sie sich ganz einfach küssen.

Als sie einmal voneinander abließen, und sie forschend in seine Augen blickte, da fragte er: „Soll ich über Nacht bleiben, Monika?“

Sie schloss die Augen. „Ich möchte es schon, aber es ist besser, wenn du gehst. Wir kennen uns kaum. Es ist etwas ganz Schönes. Und ich möchte es mir aufheben, bis wir ganz genau wissen, dass wir beieinander bleiben wollen.“

Er hatte schon die Frage auf den Lippen, ob denn noch nie jemand bei ihr geblieben war, ob er vielleicht der Erste wäre, der diese Frage gestellt hatte.

Er fragte es nicht. Er nickte verständnisvoll, fuhr ihr übers Haar und murmelte: „Ich verstehe dich. Ich begreife, wie dir zumute sein muss. Du hast recht. Es ist etwas sehr Schönes, und ich werde damit warnten, bis du es willst. Du wirst es mir sagen, nicht wahr?“

Sie sah ihn an, nickte kaum merklich und erwiderte leise: „Aber jetzt nicht. Bist du traurig?“

Er schüttelte den Kopf. „Nein.“

„Du hast mich auch nicht weniger lieb?“

„Aber woher denn?“

Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn. Aber bevor er seine Arme um sie legen konnte, entzog sie sich ihm und sagte: „Es fällt mir nicht leicht, aber ich glaube, du solltest nach Hause gehen. Ich sehne mich danach, dass du bald wiederkommst. Aber jetzt ...“

„Jetzt?“, fragte er.

Sie blickte zu Boden, genierte sich offenbar ihm zu erklären, was sie meinte, aber er hatte es längst verstanden. Er ging lächelnd auf sie zu, strich ihr übers Haar. „Ich weiß, was du meinst. Ich wollte dich nur ein wenig ärgern.“

Sie sah ihn an. Ganz ernst war sie. Sie blickte konzentriert auf seine Augen, als könnte sie darin etwas erkennen, das, wonach sie suchte. „Was denkst du?“, fragte er.

„Ich denke“, erwiderte sie leise, „dass es schön wäre, wenn du das empfindest für mich, was ich für dich empfinde. Es ist ganz eigenartig. Ich bin richtig sentimental.“ Sie lachte. „Halte mich nicht für blöd oder übergeschnappt. Wenn mir einer das vor einer Woche erzählt hätte, was jetzt mit mir los ist, ich würde ihn ausgelacht haben. Es ist wirklich einmalig.“ Sie lehnte ihre Stirn an seine Brust, umschlang ihn mit den Armen. „Ich möchte, dass du gehst, weil ich Angst habe, dass ich nicht mehr die Kraft aufbringe; die Kraft, du weißt schon. Und andererseits möchte ich, dass du bleibst, möchte dich nicht mehr loslassen.“

„Aber wenn ich bliebe, würde es dir morgen leid tun.“

„Vielleicht. Vielleicht täte es mir leid. Wenn ich das nur wüsste?“

Er machte sich sanft frei von ihr. „Ich geh jetzt. Ich möchte dich in keinen Gewissensstreit bringen. Ich werde gehen und dich morgen anrufen.“

„Früh gehe ich zu meiner Mutter. Diese Woche arbeite ich nicht. Bis alles mit ihr klar ist, muss ich mich erst mal ums Geschäft kümmern. Ich muss in der Packerei nachsehen.“ Sie sah ihn an. „Ich glaube, wir sollten • davon jetzt nicht reden. Es ist so schön gewesen, so wunderschön.“

„Mein Fleck ist jetzt trocken, nichts mehr zu sehen.“

Sie brachte ihn noch hinaus, als er ging. Noch einmal lagen sie sich in den Armen, und dann ging er zu seinem Wagen, und sie winkte ihm nach, als er davonfuhr.



14

Der alte Bollmann, seit fünfzehn Jahren Prokurist bei Kühn, sah seinen Chef betreten an. Er strich sich nervös übers weiße Haar, und er konnte nicht verhindern, dass seine Hand zu zittern begann.

„Das wäre ja furchtbar, wenn Ihr Sohn ausscheiden will. Ganz furchtbar wäre das, Herr Kühn.“

Martin Kühn nickte, sah den über siebzigjährigen Hauptbuchhalter ungeduldig an und fragte: „Mein lieber Herr Bollmann, ich möchte vor allem wissen, wie furchtbar es für den Betrieb wäre; ich meine natürlich wirtschaftlich gesehen. Das psychologische Problem ist eine Vater-Sohn-Angelegenheit, die ich in der Familie lösen muss. Aber wie trifft es die Firma, wenn er seine Sachen herauszieht? Ich habe eben einen Anruf vom Notar bekommen, von seinem Notar. Sie wissen ja, dass meine Frau die Dinge sehr selbstherrlich geregelt hat. Sie muss wohl Angst gehabt haben um ihren geliebten Sohn, dabei lag es mir immer fern, ihn irgendwie zu benachteiligen. Aber jetzt habe ich die Quittung. Ich hätte das damals nicht zulassen dürfen.“ Der alte Bollmann sah Kühn ein wenig vorwurfsvoll an. Er hatte den jungen Herrn immer sehr gern gehabt. Und deshalb wirkte seine Antwort ein wenig kühl und fast abweisend, als er sagte:

„Die Firma trifft es ziemlich. Es wäre beim gegenwärtigen Stand unserer Investitionen und der Mittel, die wir aufgenommen haben, um den Betrieb zu reorganisieren und zu modernisieren, völlig unvorstellbar, welche Folgen das haben könnte. Ich kann mir denken, dass Sie gezwungen wären, noch mehr Mittel aufzunehmen oder, falls die Bank da nicht mitspielt, sich nach einem Teilhaber umzusehen.“

„Einem Teilhaber? Wie kommen Sie auf einen Teilhaber?“

„Die Anteile Ihres Herrn Sohnes in der Firma sind so, dass es dem eines Teilhabers entspricht. Ich bin nicht so vermessen, festzustellen, dass Ihr Sohn die Rechte, die er eigentlich damit hätte, nie ausgenutzt hat, aber umso schlimmer wäre es jetzt für uns, wenn er ausscheiden würde.“

„Was würden Sie machen, wenn Sie auf meinem Stuhl säßen?“

„Ich würde versuchen ...“ Der alte Bollmann beugte sich vor. Aus seinen infolge des Hochdrucks immer ein wenig geröteten Augen blickte er Kühn an wie ein Vater das uneinsichtige Kind. „Herr Kühn“, sagte er eindringlich, „es ist doch Ihr Sohn, Ihr eigen Fleisch und Blut. Er kann Sie doch nicht hassen. Ich weiß ja nicht, wie es zu diesem Streit gekommen ist, aber ...“

„Das ist kein Geheimnis. Das sollen Sie wissen. Es geht natürlich sonst im Betrieb niemanden etwas an, das ist klar“, erwiderte Kühn. „Er hat von mir verlangt, dass ich Marconi nach Hause schicke. Marconi hätte sich bei seiner bisherigen Chefin krank gemeldet, und es wäre nicht rechtens, dass er bei uns hier arbeitet. Ich meine, das wäre Marconis eigene Sache und nicht meine. Und ich kann nicht wissen, dass er sich krank gemeldet hat, und ich will es auch nicht wissen.“

„Nun wissen Sie’s aber. Ich kann Ihren Sohn verstehen. Der junge Herr ist immer etwas ausgeprägt für Gerechtigkeit gewesen, wenn man so sagen darf. Herr Kühn, wir kennen uns jetzt schon sehr lange. Ich habe schon mit Ihrem Vater gearbeitet, als wir damals nur die Großküche hatten und noch keinen Betrieb für Tiefkühlkost und dergleichen Dinge. Sie wissen, dass ich längst in Pension sein könnte. Sie haben immer gesagt, dass Sie glücklich wären, dass ich es nicht tue, und mir selbst gefällt es auch zu arbeiten. Es gefällt mir sehr gut. Ich habe auch Ihren Sohn sehr gerne. Ich hab ihn gekannt, als er noch ein Baby war. Habe alles das miterlebt, damals“, er lachte, „wie er fast sitzen geblieben wäre. Und Sie wissen, ich hab ihm auch Nachhilfeunterricht in Mathematik gegeben.“

„Ja ja, ist ja alles in Ordnung, Herr Bollmann, und ich erkenne das ja auch an, aber worauf wollen Sie hinaus?“

„Ich will darauf hinaus, dass Sie einen Weg zu Ihrem Sohn finden. Es würde die Firma ganz schlimm treffen.“

Kühn schien gar nicht mehr richtig zugehört zu haben. Er kraulte sich am Kinn und platzte plötzlich heraus: „Das Verrückte sind die Aufträge! Diese fantastischen Aufträge, die ich mit dieser Krankenhaussache heranholen werde.“

„Krankenhaussache?“ Bollmann sah ihn verständnislos an.

„Ja ja. Ich habe da so eine Idee gehabt. Menschenskind, ich weiß, was ich tue. Ich habe die Lösung, Herr Bollmann. Ja, ich habe die Lösung.“ Er sah Bollmann aufmerksam an. „Also Sie glauben, ich brauchte, wenn mein Sohn aussteigen sollte, einen Teilhaber? Gut. Ich glaube, ich habe die Lösung. Aber warten Sie mal, ich will ihm eine Chance bieten, eine letzte Chance. Es ist gut, Herr Bollmann. Ich bedanke mich. Es ist alles in Ordnung. Ich glaube, ich habe das Problem gelöst.“

Bollmann blickte ihn ungläubig an. „Haben Sie es wirklich gelöst, Herr Kühn? Es sieht mir nicht nach einer Lösung aus, die befriedigend ist.“

„Ja, glauben Sie denn, ich krieche vor diesem Jungen auf den Knien? Das darf ja wohl nicht wahr sein! Wie der mit mir geredet hat!“ Bollmann erkannte, dass Kühn sich gleich wieder in Wut reden würde. Und so wandte er sich ab und ging still nach draußen. Fast zögernd schloss er die Tür. Ungeduldig hatte Kühn darauf gewartet. Sofort griff er zum Telefon und sagte zur Vermittlung: „Verbinden Sie mich mit zu Hause!“

Es dauerte eine Weile. Er brannte sich nervös eine Zigarette an. Dann schien sich jemand zu melden, er sagte: „Waltraud, bist du das? - Ach gut, dass ich dich habe. Ist eigentlich Hartmut die Nacht über zu Hause gewesen ...? War er in seinem Zimmer ...? Und jetzt ...? Fortgefahren. Aha, aber du weißt nicht, wohin ... Nun gut, das wäre es eigentlich ... Nein, nein, es hat keine Bedeutung. Ist schon gut, Schatz ... Ja, vielen Dank. Bis zum Mittag.“ Er legte auf.

Seine Sekretärin meldete sich über die Gegensprechanlage. „Herr Marconi möchte mit Ihnen reden.“

„Soll hereinkommen!“

Kurz darauf trat ein beleibter, kahlköpfiger Mann im grauen Straßenanzug herein. Er musste so um die Fünfzig sein, vielleicht war er auch älter. Deutlich war an seinen buschigen schwarzen Augenbrauen und seinem dunklen Teint die südliche Herkunft sichtbar.

„Kommen Sie herein, Marconi. Nehmen Sie Platz!“, sagte Kühn. „Wo drückt der Schuh?“ Er bemühte sich sehr, freundlich zu seiner Neuerwerbung zu sein.

Marconi setzte sich nicht. Er blieb am Schreibtisch stehen und sagte: „Ich habe heute Morgen Ihren Sohn getroffen.“ Er sprach mit einem starken Akzent, aber sonst in einwandfreiem Deutsch. Schließlich lebte er schon lang in dieser Stadt.

„Mein Sohn? Und was war?“

„Er hat mir gesagt, ich wäre ein Betrüger. Ich würde Frau Stich betrügen um das Geld, was sie mir bezahlt, weil ich bei Ihnen arbeite.“

„Das war sehr dumm von ihm, Ihnen das zu sagen. Ich billige das nicht“, erklärte Kühn, der sich zurückgelehnt hatte und mit dem Brieföffner spielte.

„Ihr Sohn arbeitet mit der Konkurrenz. Wenn ich von Ihnen wegfahre nach Hause, muss ich am Haus vorbei, wo Frau Stich wohnt. Da wohnt auch die Tochter. Gestern Abend bin ich vorbeigefahren. Wissen Sie, welcher Wagen dort vor der Tür gestanden hat? Es ist der Wagen gewesen von Ihrem Sohn.“

Kühn beugte sich vor und knallte den Brieföffner auf die Schreibtischplatte, dass es sich anhörte wie ein Schuss. Aus weit aufgerissenen Augen starrte er Marconi an. „Was sagen Sie? Der Wagen von meinem Sohn? Das ist ja nicht wahr!“

Marconi nickte. „Es ist wahr. Ich habe noch gedacht: Genauso ein Auto wie das vom jungen Kühn. Und in dem Augenblick, es war Abend, es war dunkel, aber die Laternen haben gebrannt, da kommt er heraus aus dem Haus mit einem Mädchen.“ Marconi lachte heiser. „Ein Mädchen. Mit Monika Stich, ich kenne sie gut. Ich war ja lange genug dort. Es ist kein Irrtum. Das Haus stimmt, das Mädchen stimmt, das Auto stimmt und Ihr Sohn war der Mann, mit dem sie herauskam, das stimmt auch.“

Kühn atmete hörbar ein. Er lehnte sich wieder zurück, begann mit dem Schreibtischstuhl zu wippen und spielte abermals mit dem Brieföffner. „Das haben Sie sich nicht zusammengereimt? Das ist alles wirklich wahr?“, fragte er.

„Es ist wahr. Und dieser Mann sagt, dass ich ein Betrüger bin. Er ist auch einer.“

Kühn schüttelte den Kopf. „Nein, wenn es gestern Abend gewesen ist. Wann ist es denn gewesen?“

„Vielleicht zehn Uhr.“

„Gestern Abend um zehn war es kein Betrug mehr. Mein Sohn hat die Arbeit hier niedergelegt. Betrug also ist es nicht. Es steckt etwas anderes dahinter. Hören Sie, Marconi, Sie werden, wenn Sie sich krank gemeldet haben bei Frau Stich, kein Krankengeld beziehen von ihr. Sie werden ihr kündigen. Im Moment arbeitet der Betrieb nicht. Sie können ja, wenn Sie das unbedingt wollen, auch fristlos kündigen. Aber Sie werden kein Geld von zwei verschiedenen Firmen beziehen. Das ist nicht zulässig.“

„Ich will das Geld von ihr nicht haben, aber ich will auch nicht mehr hingehen“, erklärte Marconi empört.

„Was haben Sie gegen die Frau? Sie sind zu mir gekommen, weil ich Sie besser bezahle. Aber Sie hatten doch keinen Streit mit denen? Das haben Sie mir selbst gesagt.“

Marconi nickte. „Ist wahr. Ich hatte keinen Streit. Aber sie versteht nichts vom Geschäft.“

Kühn schüttelte den Kopf. „Das stimmt nicht. Sie versteht sehr viel vom Geschäft. Sie hat ausgezeichnete Qualität und ist nicht billig. Es gibt Firmen, die von ihr beziehen, obgleich sie es billiger woanders haben könnten, weil sie ganz einfach sicher sein können, dass ihnen da hohe Qualität geboten wird. Und das ist es, was ich auch möchte. Hohe Qualität, aber nicht ganz so teuer wie bei den Stichs. Das will ich mit Ihnen. Aber Sie können mir jetzt die Tour nicht damit vermasseln, dass Sie dort wegen des lächerlichen Krankengeldes Ärger machen. Es sieht so aus, als würde ich dahinterstecken. Nun gut, Marconi. Ich habe meine Information. Ich bedanke mich bei Ihnen. Und den Rest können Sie getrost mir überlassen. Sie können weiterarbeiten. Und was mein Sohn Ihnen gesagt hat, sollten Sie vergessen. Ich habe Ihnen erklärt, dass es nicht meine Billigung findet, und mein Sohn gehört diesem Betrieb hier nicht mehr an.“

Marconi nickte, und da er nichts mehr zu sagen hatte, ging er.

Auch Kühn verließ sein Arbeitszimmer und sagte seiner Sekretärin im Vorzimmer Bescheid, dass er das Haus für etwa zwei Stunden verlassen, werde. Unten stieg er in seinen Mercedes und verließ das Werk. Er steuerte auf dem kürzesten Weg die Paul-Ehrlich-Klinik an.



15

Wolf Herzog hielt den Wagen vor der Garage an, stieg aus und sah in diesem Augenblick Dagmar von Breitenberg die Treppe des Anbaus herunterkommen. Sie blieb stehen und zupfte gedankenverloren eins der Efeublätter ab, die die ganze Front des Anbaus bedeckte. „Du bist schon zurück?“, fragte sie leise, aber laut genug, dass er es hören konnte. „Er ist auf dem Weg nach London.“

„Hast du gesehen, dass die Maschine fliegt?“

„Ich habe gewartet, bis sie in der Luft war. Wenn sie nicht umgekehrt ist“, erwiderte Wolf Herzog, „dann ist er jetzt schon fast in London.“

„Ich habe mit dir zu reden“, sagte sie und musterte ihn, als hätte sie ihn noch nie gesehen. Er war groß, kräftig, hatte dunkles Haar, sah sehr gut aus. Das hatte sie immer an ihm fasziniert. Er war ihr, bis sie Ansorge kennengelernt hatte, auch immer als ein Mann vorgekommen, mit dem sich niemand messen konnte. Aber jetzt wusste sie, warum das Bessere der Feind des Guten ist. Die Tatsache, mit Ansorge zusammen gewesen zu sein, schuf einen Graben zwischen ihr und Wolf Herzog.

Sie war sicher, dass er nichts ahnte. „Augenblick, ich komme gleich. Ich muss nur noch die Sachen hier weglegen.“

Sie ging schon voraus in die kühle Halle, in der es in der Mitte einen Springbrunnen gab, um den eine Marmorbank angelegt war. Überall wimmelte es von großblättrigen Pflanzen. Gewaltige Kübel mit Gummibäumen, die hoch wuchsen. Diese Halle reichte bis zum Dach. Durch die Glasfenster fiel das Licht wie in das Gewächshaus eines Botanischen Gartens.

Als er kam, sah er sich verstohlen um und fragte: „Ist Lisa da?“

„Sie nicht und Thomas auch nicht. Ich habe sie weggeschickt. Wir sind allein, ganz allein. Du hast ihn wirklich davonfliegen sehen?“, fragte sie zweifelnd.

„Mit absoluter Sicherheit.“

„Er hat heute Morgen, bevor er weggefahren ist, so merkwürdige Andeutungen gemacht“, erklärte sie und setzte sich auf die Marmorbank um den Springbrunnen herum. Spielerisch hielt sie eine Hand in das fallende Wasser, das auf ihrer Handfläche perlte. Dann wandte sie sich Wolf Herzog wieder zu und sagte: „Und es ist nicht nur, dass mich die Andeutungen etwas besorgt machen, es ist die ganze Reise. Was will er in London?“

Wolf Herzog zuckte die Schultern. „Das darfst du mich nicht fragen. Bist du eigentlich bei Richard gewesen? Ich habe ihn schon eine Ewigkeit nicht mehr gesehen. Ich dachte, er ruft mich mal an. Aber vielleicht war ich nicht da, als er es getan hat.“

„Ich war bei ihm. Ich habe ihn gefragt, ob er das Kind wegmachen möchte. Er will es nicht tun. Er hat mich an Pro familia verwiesen, kannst du dir das vorstellen?“

„Aber um Himmels willen, warum willst du das Kind wegmachen lassen? Du hast mir gesagt, du lässt dich scheiden und ...“

Sie hatte es nicht vorgehabt, aber sie konnte sich einfach nicht zurückhalten und lachte. Es war ein schrilles, verächtliches Lachen. „Du bist verrückt! Hast du das im Ernst geglaubt? Was denkst du dir eigentlich? Du bist ein Fantast!“

„Ein Fantast, wieso? Du warst einverstanden. Du hast selbst gesagt ...“

Weiter kam er nicht. Sie unterbrach ihn jäh:

„Ich habe gesagt, ich habe gesagt. Was sagt man nicht alles im Rausch der Gefühle. Menschenskind, versuch dich doch mal in meine Lage zu versetzen. Was will ich denn an deiner Seite werden? Wir krebsen, solange wir leben. Für dich ist es eine Belastung, ich bin todunglücklich, und das Kind hat eine miese Jugend. Das seh ich doch voraus.“

„So ein Unsinn! Wir hätten doch alles, was wir brauchten. Ich dürfte natürlich nicht hierbleiben, das ist klar. Auch nicht anderswo als Chauffeur. Aber ich könnte mein Studium beenden, mein Staatsexamen machen, und dann ...“

„Und dann reihst du dich ein in die Kette der arbeitslosen Akademiker oder was! Und wenn du wirklich einen Job findest; von dem Geld kannst du mir doch nicht das bieten, was ich hier habe. Mir stehen im Monat viertausend, fünftausend, wenn ich will zehntausend Mark zur Verfügung. Danach fragt überhaupt niemand. Ich kann Schecks schreiben, so viel ich will.“

„Das ist nicht wahr“, widersprach er ihr. „Sobald du über dreitausend Mark kommst, zieht er die Bremse an.“

Sie lachte. „Dreitausend Mark, das verdienst du nicht brutto. Das hab ich als Taschengeld zur Verfügung.“

Details

Seiten
600
ISBN (eBook)
9783738954524
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Juli)
Schlagworte
eine frau alexandra auswahlband arztromane

Autoren

  • Glenn Stirling (Autor:in)

  • A. F. Morland (Autor:in)

  • Thomas West (Autor:in)

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Titel: Eine Frau wie Alexandra: Auswahlband 5 Arztromane