Lade Inhalt...

Ferien Sommer Bibliothek Juni 2021: Alfred Bekker präsentiert 19 Romane und Kurzgeschichten großer Autoren

von Alfred Bekker (Autor) Rowena Crane (Autor) Konrad Carisi (Autor) Sandy Palmer (Autor) Glenn Stirling (Autor) A. F. Morland (Autor) Eva Joachimsen (Autor) Wolf G. Rahn (Autor) Anna Martach (Autor)
2021 1000 Seiten

Leseprobe

Ferien Sommer Bibliothek Juni 2021: Alfred Bekker präsentiert 19 Romane und Kurzgeschichten großer Autoren

Alfred Bekker, Konrad Carisi, Sandy Palmer, A. F. Morland, Glenn Stirling, Wolf G. Rahn, Eva Joachimsen, Hendrik M. Bekker, Anna Martach

Mal romantisch, mal spannend, mal heiter mal besinnlich - so sind die Geschichten, die in diesem Band zusammengetragen wurden. Aber unterhaltend sind sie immer! Ideale Strand-Lektüre!


Dieses Buch enthält folgende Geschichten:


Rowena Crane: Sie wollte keinen Bodyguard

Konrad Carisi: Isabella oder der Schatz im Klavier

Sandy Palmer: Liebeswirren am Nordseestrand

A.F. Morland: Mit dir dem siebten Himmel nah

A.F. Morland: Die Patientin, die ihr Kind verschenkte

A.F.Morland: Dr. Kayser und das Mädchen Monika

Wolf G. Rahn: Liebe verzeiht jeden Trick

Alfred Bekker: Der verhexte Süßstoff

Eva Joachimsen: Das Unschuldslamm

Alfred Bekker: Guten Appetit!

Alfred Bekker: Verbündete

A. F. Morland: Liebe hautnah

Hendrik M. Bekker: Gefangener

Hendrik M. Bekker: Der Ring, der Wünsche erfüllt

Eva Joachimsen: Ich will aus Liebe heiraten

Alfred Bekker: Die Schwester des Unglücks

Anna Martach: Wir brauchen keinen neuen Papi

Alfred Bekker: Der Fisch

Glenn Stirling: Eine Liebe - ein ganzes Leben lang




Copyright


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Sie wollte keinen Bodyguard Roman von Rowena Crane



Der Umfang dieses Buchs entspricht 132 Taschenbuchseiten.


Susann ist nach dem tragischen Tod ihrer Eltern die Alleinerbin der Firma. Ihr Onkel ist nicht im Testament bedacht worden, was er nicht hinnehmen will. Doch Susann ist nicht gewillt, auf seine unverschämten Forderungen einzugehen. Als er sie dann körperlich bedroht, befolgt Susann den Rat von Jonas Hofman, dem langjährigen Freund ihrer Eltern, für eine Weile die Stadt zu verlassen und begibt sich für ein paar Wochen ins Strandhaus an der französischen Küste.

Auf dem Nachbargrundstück taucht nach ein paar Tagen ein sehr attraktiver Fremder auf. Doch Susann ist misstrauisch, denn ihr Onkel könnte ihn geschickt haben, um seine Drohungen wahr zu machen ...



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover: Rowena Crane

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

w ww.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



1

Jeden Abend ging Susann vom Strandhaus den steilen Weg hinunter zum schmalen Strand. Jeden Abend ging sie nahe ans Wasser und sah hinaus auf das Meer. Aber sie achtete darauf, dass das salzige Nass sie nicht berührte. Sie hasste das Meer, sie hasste den Wind. In ihr hatte sich das dumpfe Gefühl breitgemacht, es könnte sie ansaugen und sie dann verschlingen, damit sie das gleiche Schicksal ereilt wie ihre Eltern, die seit einem Monat nicht mehr unter den Lebenden weilten.

Sie waren bei herrlichem Wetter mit ihrer Yacht aufs Meer hinausgefahren. Beide wollten wieder einmal ein paar Meilen von der Küste entfernt an ihr entlang schippern. Doch plötzlich war Wind aufgekommen, der sich in kurzer Zeit zu einem Sturm entwickelt hat. Man erklärte der Tochter, dass ihre Eltern wohl nicht mehr in der Lage waren, rechtzeitig zurückkehren. Man nahm an, dass die riesige Wellen die Yacht zum Kentern gebracht hatten.

Auf Grund des abgesetzten Notrufes hatte man sich auf die Suche gemacht. Es wurden nur Teile der Yacht einen Tag später geortet. Taucher suchten nach den Eltern. Der Hubschrauber, der viele Stunden lang ein großes Gebiet abflogen hatte, kehrte erfolglos zurück. Die Taucher fanden weitere Teile des Bootes und bargen sie. Da einige Brandstellen aufwiesen, meinte man, dass die Yacht an die Klippen geworfen worden war und der Aufprall zu einer Explosion geführt hatte. Die Suche wurde dann eingestellt. Der Vater und die Mutter blieben verschollen, was mehrere Tage groß in der Presse zu lesen war.

Während dieser ganzen Zeit der Suche hatte die Tochter bangend, aber immer noch hoffend, auf der Terrasse des geräumigen Strandhauses gestanden und gewartet, dass man ihre Eltern gesund zu ihr brachte. Doch diese Hoffnung hatte sich nicht erfüllt.

Nun war sie seit ein paar Tagen wieder hier im Strandhaus. Die Beerdigung ihrer Eltern war der reinste Horror für Sie gewesen, denn es wurden zwei leere Särge zu Grabe getragen. Auch nach einer Woche waren die Körper ihrer Eltern nicht an Land gespült worden. Man machte Susann keine Hoffnung, dass das noch geschehen könnte.

Und dann kam ihr Onkel Thomas, der noch vor der Beerdigung sie bedrängte, die Leitung der Firma ihm zu überlassen. Nach der Trauerfeier ging er wiederholt auf sie zu, so dass sie ihn wütend zurechtwies und ihm die Tür zeigte, aus der er verschwinden sollte.

Onkel Thomas war der jüngere Bruder ihres verschollenen Vaters. Er war ein Mann, der ausschweifend lebte und das Geld nur so zum Fenster rausschmiss. Ihr Vater hätte ihm niemals die Leitung überlassen, denn sein Bruder hätte alles, was er aufgebaut und geschaffen hatte, zerstört. Und das in kürzester Zeit. Wahrscheinlich hätte er die Firma mit allem Drumherum dem Meistbietenden verkauft, nur um sein ausschweifendes Leben weiter finanzieren zu können. Ihr Vater hatte einmal sogar den Verdacht geäußert, dass sein Bruder in Casinos sein Geld verspielte, denn er war einmal zu ihm gekommen, um sich eine größere Summe zu borgen, was ihr Vater ihm verweigert hat.

Susann war nach der Beerdigung jeden Tag in der Firma gewesen und hatte sich mit Jonas, der rechten Hand ihres Vaters, verständigt. Er sollte ihr alles Notwendige zeigen, damit sie in der Zukunft das Werk ihres Vaters weiterführen konnte. Jonas Hofman und ihr Vater waren schon seit ihrer Schulzeit Freunde. Zwischenzeitlich hatten sie sich mal aus den Augen verloren und zufällig wiedergetroffen. So blieb es nicht aus, dass jeder von ihnen berichtete, was er in den letzten Jahren getan hatte. Irgendwie kam es, dass ihr Vater seinem Freund anbot, in seiner Firma mit ihm zusammenzuarbeiten. Ein halbes Jahr später trat er dann die Stelle an. Und er hatte es nie bereut. Für Susann war Jonas der Onkel, den sie sich statt Onkel Thomas gewünscht hätte.

Es kam dann in den nächsten Tagen sogar soweit, dass sie ihrem Onkel Hausverbot erteilte, als er sich erneut erdreistet hat, sie zu bedrängen, ihm die Leitung oder zumindest erst einmal einen Posten im Aufsichtsrat zu übergeben, denn der wäre ja jetzt frei, wo sein Bruder nicht mehr unter den Lebenden weilte – wie er es selbstsicher und ungehobelt gegenüber Susann äußerte.

Jonas stand ihr zur Seite und rief den Sicherheitsdienst, der ihren Onkel dann hinausgeleitete.

„Das wirst du bereuen, du habgieriges Miststück!“, hatte er noch gerufen. „Er war mein Bruder. Da steht mir nach seinem Tod auch ein Erbteil zu!“

„Der spinnt doch“, meinte Jonas. „Dem steht nicht mal der Dreck unter dem Fingernagel zu.“

„Er war auch nicht zur Testamentseröffnung geladen. Wahrscheinlich wartet er immer noch, dass man ihm eine Einladung übergibt. Da wird er warten müssen, bis er alt und grau ist“, stöhnte Susann, denn es zerrte an ihren Nerven, dass ihr Onkel keine Ruhe gab.

„Der wird noch Ärger machen“, vermutete Jonas.

„Ja, kann sein“, seufzte sie. „Doch wie schaffe ich das, dass der sich fern von mir hält?“

„Du brauchst einen Bodyguard“, schlug Jonas vor. Dieser Vorschlag hörte sich jedoch mehr wie eine Order an.

Susann sah den Freund ihres Vaters nun ablehnend an.

„Bestimmt nicht! Ich würde mich ja auf Schritt und Tritt verfolgt fühlen, und meine Privatsphäre wäre dahin.“

Jonas musste schmunzeln, wurde aber gleich wieder ernst, denn er sorgte sich um Susann. Sie war vor allem für ihn wie eine Tochter. Eigene Kinder zu bekommen, war ihm auch in seiner zweiten Ehe nicht vergönnt.

„Wenigstens für ein paar Monate, Susann“, redete er auf sie ein, „bis Thomas sich beruhigt oder eine andere Einnahmequelle gefunden hat.“

Susann schüttelte den Kopf und meinte nachdenklich: „Und wenn wir ihm – sagen wir mal – 100 000 Euro geben ...“

„Bist du von Sinnen?“ Jonas sah sie verärgert an. „Denk nach, Mädchen! Der wird nie Ruhe geben. Wenn du erst einmal damit anfängst, wird er dreister werden und immer mehr verlangen.“

Susann seufzte. „Ja, du hast recht. War ein dummer Gedanke von mir“, gab sie zu. „Wie du schon sagtest: Er ist den Dreck unterm Fingernagel nicht wert.“



2

Zwei Wochen blieb Susann an der Seite von Jonas und leitete mit ihm die Kosmetik-Firma in Belgien. Während dieser Zeit kam es zweimal zu einem Zwischenfall mit ihrem Onkel. Das eine Mal lauerte er sie auf, als sie vom Firmenparkplatz zum Firmengebäude ging. Er sprang zwischen zwei parkende Wagen hervor und riss grob an ihrem Arm, so dass sie gegen ihn flog. Vor Schreck schrie sie laut auf.

„Halt‘s Maul, Susann! Ich will meinen Anteil. Oder setz mich in der Firma ein! Du bist doch viel zu blöd, so ein großes Unternehmen zu leiten“, zischte er.

„Lass mich sofort los!“, verlangte Susann, nun wütend.

Doch er hielt sie weiter grob fest.

„Du solltest dich schnell entscheiden.“

„Warum sollte ich das tun? Es bleibt, wie es ist. Und damit Ende der Diskussion!“, antwortete sie mit fester Stimme.

„Susann, ich warne dich!“, knurrte er drohend.

Doch plötzlich ließ er sie los und lief zu seinem Wagen, startete ihn und fuhr mit quietschenden Reifen weg. Susann sah sich um, um den Grund zu finden, warum er sich so eilig entfernt hatte. Sie entdeckte auch gleich zwei Sicherheitskräfte, die zu ihr gelaufen kamen.

„Frau Sanders, sind Sie von dem Mann belästigt worden?“

„Dieser Mann ist Thomas Sanders, dem ein Hausverbot ausgesprochen wurde. Ich frage mich, wie der durch die Schranke kommen konnte. Ich kann mich nicht erinnern, dass er eine neue Zugangsberechtigung von mir oder Monsieur erhalten hat“, sagte sie ziemlich erregt und rieb sich an ihrem noch schmerzenden Arm.

„Wir werden das sofort überprüfen“, meinte der eine pflichtbewusst.

„Das erwarte ich auch. Und informieren Sie mich sofort!“, verlangte sie.

Es dauerte auch nicht lange, da bekam sie die Information. Ihr Onkel hatte sich eine Zugangskarte „besorgt“. Ein Mitarbeiter meldete den Verlust seiner Karte. Und die hatte der Onkel.

Der Mitarbeiter war nach der Arbeit in einer Kneipe gewesen und hatte dort etwas gegessen und zwei Bier getrunken, wie er den Sicherheitsleuten berichtete. Am nächsten Morgen, als er sie benutzen wollte, war die Karte weg. Er hatte bereits eine neue bekommen, aber es war durch eine Nachlässigkeit eines Verantwortlichen des Personalmanagements versäumt worden, die alte Karte zu sperren. Nach dem Vergleich der Zeiten stellte man daraufhin fest, dass der Onkel bereits auf dem Gelände gewesen war, um Susann aufzulauern.

Das zweite Mal trat dieser hinter dem wuchtigen und dicht belaubten Busch hervor, der neben der Haustür ihres Elternhauses stand, als sie gerade die Tür öffnen wollte, um ins Haus zu gelangen.

„Hallo, Susann! Hast du es dir überlegt?“, sprach er sie an.

Susann spielte die Unwissende und fragte: „Was soll ich mir überlegt haben?“

„Stell dich nicht dumm!“, zischte er sie an, was sie aber nicht zu beeindrucken schien, denn sie konterte sogleich: „Ich erinnere mich, dass du gesagt hattest, ich sei blöd. Also ...“

„Lass uns ins Haus gehen, damit wir darüber reden können!“, schlug er nun seinerseits mit einem freundlicheren Ton ihr gegenüber vor.

Susann musterte ihn für einen Wimpernschlag, der ihr reichte, um festzustellen, dass das mehr als nur ein Fehler sein würde, wenn sie dieser Aufforderung nachkam.

„Vergiss es! Es gibt da nichts zu bereden. Jonas und ich leiten die Firma. Papa hat dich nicht gewollt. Und das aus gutem Grund, wie du es selbst weißt. Wir brauchen und wollen dich jetzt nicht und in der Zukunft auch nicht. Und jetzt lass mich endlich in Ruhe!“, ließ sie ihn mit harter Konsequenz in der Stimme wissen.

Daraufhin wurden seine Augen schmal. Wütend sah er seine Nichte an.

„Dann sag mir wenigstens, wann die Testamentseröffnung ist. Schließlich will ich die nicht verpassen.“

„Oh, hattest du keine Einladung erhalten?“, fragte sie zuckersüß. „Ah, stimmt ja. Und ich weiß auch, warum. Meine Eltern hatten es so verfügt. Wie war noch einmal der Wortlaut? Ach ja – so ähnlich jedenfalls: ,Wir verfügen Folgendes: Mein Bruder, Thomas Sanders, erhält keinen Anspruch auf unser Privatvermögen sowie auf das Vermögen der Firma. Alles geht auf unsere Tochter Susann Sanders über.‘ Du kannst gerne beim Anwalt nachfragen. Der sagt dir dann auch noch den Grund, den meine Eltern angegeben hatten. Das Testament ist unanfechtbar! Nur zur Information. Und jetzt verschwinde endlich und lass mich in Ruhe!“

Als ihr Onkel das hörte, ging er einen Schritt auf sie zu. Dabei ging eine rapide Veränderung in ihm vor. In seinen Augen sah Susann plötzlich einen unbändigen Zorn glimmen, und sein Gesicht glich einer Fratze. Automatisch wich sie einen Schritt zurück, denn er riss seine Arme hoch und zielte mit den Händen auf ihren Hals, als wenn er vorhätte, sie zu würgen - was er dann auch tat. In dem Moment, als ihr Onkel seine Hände um ihren Hals legte und sie zu würgen begann, fragte plötzlich jemand vom Gehsteig: „He, Susann, alles in Ordnung?“

Sofort wich Thomas einen Schritt zurück und ließ von ihr ab.

„Ich komme zu meinem Geld. Verlass dich drauf! Ich bin der letzte Sanders ...“ Mit einem falschen Lächeln sah er sie an. Doch die Wut glimmte immer noch in seinem Gesicht. Dann drehte er sich um und ging, als sei nichts gewesen.

Susann stand immer noch wie versteinert da. Der Rufer, der ihren Onkel an sein Vorhaben gehindert hatte, sah ihm kopfschüttelnd nach und ging dann zu ihr. Es war ihr Nachbar, der das Geschehen beobachtet und zur rechten Zeit eingegriffen hatte.

„Das war doch dein Onkel. Was ist dem denn über die Leber gelaufen? Man, es sah aus, als wollte er dir an die Gurgel gehen.“

„Er ist mordswütend, weil er nichts von meinen Eltern erbt“, krächzte sie und schluckte dann, denn der Schreck steckte ihr tief in den Gliedern.

„Komm mit zu uns und trink mal was!“ Er fasste sanft an ihren Arm und zog sie mit zu sich ins Haus. Susann ließ es zu. Dabei schwirrte ihr immerzu im Kopf herum, was ihr Onkel zu ihr gesagt hatte: „Ich komme zu meinem Geld. Verlass dich drauf! Ich bin der letzte Sanders ...“

War das eine Drohung? Will er ihren Tod?

Ja, dann würde er alles erben. Das musste sie verhindern – unbedingt und so schnell wie möglich. Gleich morgen wollte sie mit Jonas darüber reden.



3

Jonas war entsetzt, als Susann ihm erzählte, was ihr am Vorabend passiert war. Diesmal verlangte er mit Nachdruck, dass Susann sich einen Bodyguard nehmen sollte. Aber auch diesmal lehnte sie das rigoros ab.

„Das war nicht einfach nur eine daher gesagte Drohung, Susann. Er ist versessen darauf, an das Geld deiner Eltern zu kommen. Egal mit welchen Mitteln. Vielleicht steckt er gerade mal wieder in der Klemme, und es macht ihm jemand Feuer unter dem Hintern. Da schreckt so mancher auch nicht vor einem Mord zurück“, warnte er sie trotzdem. Doch Susann wollte davon nichts hören.

Aber auch Jonas Hofman wollte das so nicht auf sich beruhen lassen ...

Noch am gleichen Tag machte Susann einen Termin mit dem Anwalt. Jonas begleitete sie. Der Anwalt setzte ein Testament für Susann auf. Sicher ist sicher, sagte sie sich. Alles, was die Firma betraf, sollten, falls ihr wirklich etwas zustoßen sollte, Jonas und seine Frau bekommen. Das Privatvermögen, das beträchtlich war, sollte dann der Kinderkrebshilfe zukommen.

Am nächsten Vormittag, als Jonas und Susann im Büro saßen, sagte er wieder einmal zu ihr: „Susann, du musst eine Pause machen. Trauere um deine Eltern! Hier kannst du es nicht. Und komm mir nicht damit: Die Arbeit lenkt mich ab. Das tut sie vielleicht am Tag, aber nicht nachts. Du siehst müde und abgespannt aus. Abgenommen hast du auch. Also, als dein Freund verordne ich dir mindestens drei Wochen eine Auszeit. Und ...“

Susann versuchte zum wiederholten Mal, sich dagegen aufzulehnen, doch er legte ihr diesmal seinen Zeigefinger auf den Mund und schüttelte den Kopf. „… keine Widerrede!“ Dann nahm er den Finger von ihr weg und musterte sie ernst.

„Ist das wirklich der Grund? Oder schlägst du mir das vor, weil du Angst hast, Onkel Thomas könnte mir was antun?“, fragte sie missmutig.

„Das ist ebenso ein Grund“, gab er zu.

Susann schwieg eine Weile. Ja, sie schlief sehr schlecht. Appetit hatte sie auch nicht. Irgendwie fühlte sie sich auch schlapp und ohne die notwendige Energie, die sie eigentlich für die Leitung einer so großen Firma benötigte.

„Aber ich kann dich das hier doch nicht allein machen lassen“, wandte sie müde ein.

„Ich kann ja deinen Onkel um Hilfe bitten ...“, warf er mit einem verschmitzten Grinsen ein.

Susann erkannte sofort, dass er sie nur necken wollte. Ihr war schon klar, dass er das für mehrere Wochen auch allein hinbekam. Das hatte er schon mehrmals bewiesen.

„Untersteh dich!“, entgegnete sie. „Ich weiß ja, dass du das hinbekommst.“

„Na also! Dann steht deiner Auszeit nichts im Wege.“

Susann stimmte jetzt zu seiner Überraschung zu. Eigentlich hatte er viel mehr Widerspruch von ihr erwartet.

„Aber wenn es wichtig ist und du mich brauchen solltest, informierst du mich sofort. Das musst du mir versprechen“, verlangte sie.

„Das mache ich“, versprach er. „Und – hast du schon eine Idee, wo du deine Auszeit verbringen willst?“

„Ich werde zum Strandhaus fahren“, entschied sie.

Zuerst hatte Jonas noch einige Bedenken. Doch dann meinte er: „Gut. Wann, meinst du, willst du los?“

„Am Wochenende. Ich will das hier noch abarbeiten. Außerdem haben wir morgen einen Termin mit den Produktentwicklern, und am Nachmittag ist die Aufsichtsratssitzung. Da will ich nicht fehlen.“

„In Ordnung. Dann lass uns mal was tun, damit der Rubel weiter rollt“, meinte Jonas lachend, hatte aber schon einen anderen Gedanken im Kopf, den er gewillt war, umzusetzen.



4

Jonas hatte es sich nicht nehmen lassen, Susann am Wochenende zum Flughafen zu bringen. Natürlich tat er das nicht ohne Grund. Er wollte sichergehen, dass sie dort auch heil ankam. Die Sache mit ihrem Onkel machte ihm mehr Sorgen, als er zugeben würde. So, wie der sich ihr gegenüber aufgeführt und sich geäußert hatte, da traute er dem jede Schandtat zu.

Jonas wartete, bis Susann ins Gate ging, um in ihren Flieger einzusteigen. Eine Viertelstunde später war er auch schon in der Luft. Erst dann verließ er den Flughafen und fuhr zu seiner Frau nach Hause.

Als Susann auf ihrem Zielflughafen ankam, stand Martin, der sie freundlich begrüßte, mit der schwarzen Limousine, die ihr Vater vorher gefahren hatte, bereit. Erst zögerte sie noch, einzusteigen, doch dann überwand sie sich und ließ sich von ihm zum Strandhaus fahren.

Martin und seine Frau Rosalia waren von ihrem Vater angestellt worden, um sich um das Strandhaus zu kümmern. Manchmal hatten ihre Eltern Martin auch gebeten, den Chauffeur zu spielen.

Stille umfing sie, als sie das Haus betrat. Alles war am selben Platz, nichts hatte sich geändert.

Und trotzdem fehlte etwas - das Wichtigste: ihre Eltern!

Nun saß Susann wieder im warmen Sand und starrte auf das ruhige Mittelmeer. Niemand sah ihre Tränen, die ihr heiß über die Wangen liefen. Niemand sah ihren Kummer, den sie in sich trug.

Susann war nun allein. Ihre Eltern tot.

Was soll ich jetzt nur ohne euch tun?, fragte sie sich immer wieder. Ach, Paps! Warum seid ihr nicht im Strandhaus geblieben? Ihr hättet euch doch einen schönen Tag auf der Terrasse machen können, hättet - wie sonst auch - im Pool eure Bahnen schwimmen können.

„Ich hasse dich, du verfluchtes Meer!“, sagte sie verbittert, obwohl ihr klar war, dass das Meer keine Schuld traf.

Susann wischte sich mit dem Handrücken die Tränen von den Wangen und stand auf. Ohne noch einen Blick auf das Meer zu werfen, ging sie zurück zum Haus, das jetzt still und leer auf sie wartete.

Dieses schöne Gebäude war auf der Anhöhe einer dieser wunderschönen Fjorde errichtet worden. Viel Glas war auf der Seite, die zum Meer zeigte, verarbeitet worden. So hatte man immer einen wundervollen Ausblick auf das weite Meer.

Während Susann die eingehauenen Stufen hochstieg, sah sie kurz zu dem anderen Strandhaus, das sich etwas weiter entfernt von ihrem befand. Dazwischen wurde alles noch von der Natur beherrscht. Sie wusste, dass das Haus mit dem Grundstück zum Verkauf stand. Die Besitzer hatten dafür keine Verwendung mehr, da sie schon ziemlich betagt waren. Mit ausschlaggebend war wohl auch der Umstand, dass der Zugang zum Strand ziemlich steil war. Steiler als der, den Susann zu gehen hatte, wenn sie hier herunter wollte. Die Stufen waren uneben geworden, zum Teil auch weggebrochen. Und das Geländer fehlte. Die Nochbesitzer waren nicht mehr gewillt, dort zu investieren. Das wollten sie dem neuen Besitzer überlassen.

Als Susann oben ankam, hörte sie, wie jemand in der Küche hantierte. Sogleich fiel ihr ein, dass das nur Rosalia sein konnte.

„Hallo, Rosalia“, grüßte Susann die kleine Frau, deren Haare bereits ein paar silberne Strähnen zierten. „Ist Martin auch hier?“

„Nein, er will morgen nach dem Rechten sehen“, antwortete Rosalia und musterte die junge Frau. „Ich bin nur hier, um zu sehen, ob ich für dich etwas tun kann. Benötigst du noch etwas?“

Susann schüttelte den Kopf.

„Aber du musst essen, bist ja schon spindeldürr“, tadelte Rosalia.

Susann winkte ab.

„So schlimm ist das nun wirklich nicht. Ich esse doch, wenn ich Hunger bekomme.“

„Ihr jungen Dinger versündigt euch an euren Körper selbst. Man muss doch was auf den Rippen und der Mann was zum Greifen haben“, meinte Rosalia. „Außerdem – zu wenig essen und trinken schadet der Gesundheit.“

Susann seufzte, denn sie gab der kleinen, etwas rundlichen Frau ja recht. Aber wenn sie nun mal keinen Hunger verspürte, sie keinen Appetit auf etwas hatte – reinquälen, nein, dazu konnte sie sich nicht überwinden. Und einen Mann an ihrer Seite – dafür fehlte ihr gerade die richtige Vorstellung.

„Ich habe dir einen Teller Paella mit Hühnchenfleisch in den Kühlschrank gestellt“, zwinkerte sie Susann zu, denn sie wusste, dass die junge Frau vor dem Unglück ihrer Eltern dieses Gericht niemals verschmäht hätte.

„Oh, danke!“ Doch das hörte sich nicht wirklich begeistert an. Rosalia sagte aber nichts dazu. Es wäre auch sinnlos gewesen. Dafür teilte sie ihr eine Neuigkeit mit.

„Hast du es schon gehört? Das Strandhaus, das zum Verkauf stand, hat einen neuen Besitzer.“

„Ach wirklich? Das ging aber schnell“, entgegnete Susann. Es interessierte sie eigentlich nicht, aber sie tat Rosalia den Gefallen und ging auf das Thema ein. „Ist es wieder ein Ehepaar?“

„Hm, man erzählt, dass es ein junger und gut aussehender Mann gekauft hat. Er ist allein dort. Jedenfalls hat noch keiner etwas von einer Frau erwähnt.“

„Vielleicht kommt sie noch“, vermutete Susann.

„Ja, vielleicht. Aber es ist doch merkwürdig, dass der sofort den Vertrag unterschrieben haben soll, ohne vorher das ganze Anwesen in Augenschein zu nehmen. Das macht man doch so. Oder etwa nicht? Könnte doch passieren, dass man die Katze im Sack kauft. Und wenn man den dann öffnet, springt sie einem wütend ins Gesicht, zerkratzt es und verschwindet auf Nimmerwiedersehen“, redete Rosalia munter weiter.

„Das ist wirklich merkwürdig. Aber vielleicht war er schon mal hier und hat es sich angesehen. Nur weiß es keiner“, hielt Susann dagegen, denn das wäre wirklich ungewöhnlich.

„Nein, nein. Wenn dieser Mann hier schon früher mal aufgetaucht wäre, dann wüsste man davon. Glaub mir! Hier geht jede Neuigkeit wie ein Lauffeuer um. Und dieser Mann ist selbst ein Lauffeuer.“ Rosalia nickte eifrig zu ihren Worten, so dass Susann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen konnte.

„Rosalia, was höre ich da? Du schwärmst ja regelrecht für den Neuen.“

„Na, wenn du den mal zu Gesicht bekommst, wirst du schon sehen ...“, meinte die mit einem hintergründigen Lächeln und Augenzwinkern.

„Ach, so besonders wird er schon nicht sein. Ist eben ein Mann – und bestimmt auch verheiratet. Wer weiß …“ Susann war kein bisschen neugierig geworden, und das merkte Rosalia.

„Ach Kindchen, das Leben geht weiter. Auch wenn es schwerfällt“, sagte sie mitfühlend zu ihr. „Ich werd dann mal. Wenn du was brauchst, dann ruf mich an“, verlangte sie noch und verabschiedete sich dann.

Susann stand etwas unentschlossen in der Küche, als Rosalia das Haus verlassen hatte. Doch dann raffte sie sich auf und öffnete den Kühlschrank. Obwohl der Teller, eigentlich eine nicht zu hohe Schüssel, gut abgedeckt war, entströmte von dort ein leichter, aber köstlicher Geruch der Paella, der Susann sofort in die Nase kroch.

Kurz entschlossen nahm sie das Gefäß und stellte es in die Mikrowelle.

„Wäre doch schade, wenn es verdirbt“, murmelte sie.

Schon nach dem ersten Bissen spürte sie ihren Hunger. Das war das erste Mal seit dem Unglück.

Susann schaffte zwar nur die Hälfte, denn Rosalia hatte es mehr als gut gemeint.



5

Als Susann alles weggeräumt hatte, ging sie hinaus auf die Terrasse. Dort stellte sie sich an das Geländer. Die Sonne war im Begriff, sich am Horizont ins Meer zu versenken. Susann wollte sich dieses wundervolle Schauspiel der Natur nicht entgehen lassen. Verträumt schaute sie zu, wie die Sonne ihre Strahlen auf das Wasser warf und sich darin spiegelte. Golden war nun das Meer. Aber dann verfärbte sich der Himmel nach und nach blutrot, und der Ball aus Feuer versank in den Fluten. Es dauerte nicht lange, da blinkten schon die ersten Sterne am Himmel und der Wind frischte auf.

Fröstelnd rieb sich Susann ihre nackten Arme und kehrte dem Meer den Rücken. Eher zufällig blickte sie zu dem anderen Strandhaus.

Dort stand eine – so weit sie es noch erkennen konnte - in schwarz gekleidete Gestalt, die auf das Meer schaute. Das wird wohl der neue Besitzer sein, dachte sie ohne großes Interesse.

Er schien dunkles Haar zu haben und ziemlich groß zu sein. Sein Hemd trug er lose über der Hose, denn Susann konnte sehen, dass es sich durch den auflandigen Wind um seinen Körper bewegte. Aber sonst konnte sie nichts weiter von dem neuen Besitzer erkennen. Dazu war es schon zu dunkel geworden.

Wird sich wohl auch den Sonnenuntergang angesehen haben, dachte sie und wollte schon wegsehen. Da sah sie, dass er sich umwandte und wie es aussah, schaute er nun zu ihr rüber.

Susann meinte in diesem Augenblick, seinen Blick regelrecht auf ihrer Haut zu spüren, was sie plötzlich frösteln ließ. Schnell wandte sie sich ab und ging ins Haus. Dort schüttelte sie über sich selbst den Kopf.

Nicht sein Blick hat dich frösteln lassen, es ist der Wind gewesen. Der kann dich gar nicht richtig gesehen haben, dachte sie bei sich. Außerdem interessiert der mich nicht, denn ich habe andere Sorgen.

Sie zog die große Glastür zu und begab sich unter die Dusche, um sich das Salz von der Haut zu spülen. Als sie sich danach gerade mit einem Glas Rotwein, in einen flauschigen Bademantel gewickelt, auf das lederne Sofa setzte, klingelte ihr Handy. ,Jonas‘ las sie auf dem Display.

„Hallo, gibt es etwas Wichtiges, dass du am Abend anrufst?“, fragte Susann nervös. Ihr schwirrten gleich ein paar Gedanken im Kopf herum, die nur mit Schwierigkeiten und Problemen zu tun hatten. Zum einen die Firma und zum anderen ihr verhasster Onkel.

Susann hörte Jonas lachen.

„Nein, alles im grünen Bereich. Ich wollte nur mal horchen, wie es dir geht.“

„Aha. Ein Kontrollanruf“, spöttelte sie. „Du weißt schon, dass ich volljährig bin.“

„Wirklich? Das muss mir glatt entfallen sein“, ging er auf ihren Spott ein. „Wie alt bist du nochmal? Siebzehn?“

Nun musste auch Susann lachen und berichtigte ihn: „Siebzehn plus sieben, dann stimmt‘s wieder.“

„Ich nehme jetzt mal an, dass es dir entsprechend gutgeht“, fragte er sie nun indirekt.

„Ja, ich denke schon. Rosalia hatte ihre berühmte Paella für mich gekocht. War mein Abendessen“, teilte sie ihm schonungslos mit.

„Oh, wenn ich nur daran denke, läuft mir das Wasser im Mund zusammen“, schwärmte Jonas, was Susann mit einem Lachen quittierte, denn sie wusste nur zu gut, dass er diesem Gericht, wenn Rosalia es zubereitete, ebenfalls nicht widerstehen konnte.

„Ist sonst alles okay in der Firma?“, fragte Susann.

„Sicher. Du bist ja erst ein paar Tage weg. Aber ich kann dir berichten, dass wir einen neuen Interessenten für unsere blaue Kosmetikreihe haben“, berichtete er ihr. „Aus Schweden kommt dieser. Ich habe mit denen ein Treffen heute in zwei Wochen vereinbart.“

„Gut, dann werde ich zu diesem Treffen pünktlich zurück sein“, entschied sie.

„Susann, das musst du nicht ...“, fing Johann an, doch sie ließ ihn nicht ausreden. „Johann, was soll ich die ganze Zeit hier herumhängen. Bis dahin wird es mir schon besser gehen und das Thema Thomas erledigt sein“, widersprach sie ihm.

„Wenn nicht, dann sei auch ehrlich dir selbst gegenüber. Du nützt mir in der Firma nichts, wenn du nicht voll dabei sein kannst“, drang er auf sie ein. „Und das Thema Thomas – ich wünschte, dass das schon der Vergangenheit angehören würde.“

„Sag mal, könnte es sein, dass du mich aus irgendeinem Grund noch nicht in der Firma haben willst?“, äußerte sie den Verdacht, der sie spontan überfallen hatte.

„Unsinn!“, hörte Susann ihn brummen.

„Also doch! Deine Stimme hat dich verraten. Dazu brauche ich nicht einmal dein Gesicht sehen. Soll ich raten, was mich hier länger festnageln soll?“

„Das brauchst du nicht. Dein Onkel!“

„Also hat der sich immer noch nicht beruhigt?“

„Er war bei einem Anwalt, um das Testament anzufechten. Als der hörte, worum es ihm ging und um wen, da hat der den Fall gar nicht erst aufgenommen. Dann ist er bei deinem Anwalt aufgekreuzt. Dieser hat ihm klargemacht, dass es nichts anzufechten gibt und bereits ein neues Testament existiert, in dem ausdrücklich darauf verwiesen worden ist, dass er keinerlei Rechte auf einen Anspruch hinsichtlich der Firma oder deines Privatvermögens hat, falls … naja, du weißt schon. Wutentbrannt hat er dann die Kanzlei verlassen und gebrüllt, dass er sich das nicht gefallen lassen wird. Er würde schon dafür sorgen, um an sein ihm zustehendes Geld zu kommen. Das wurde unmittelbar nach dem Besuch deines Onkels bei deinem Anwalt mir von diesem mitgeteilt. Er gab mir den Rat, dich zu informieren und besondere Aufmerksamkeit walten zu lassen. Wortwörtlich sagte er zu mir: ,Dieser Mensch wird vor nichts zurückschrecken, um an das Geld zu kommen, wo er meint, dass ihm das zusteht.‘“

Susann hatte sich das mit klopfendem Herzen und aufkommenden Ärger angehört und meinte nun: „Was kann er denn tun? Wenn er mich umbringen würde, bekommt er nichts. Das muss ihm doch klar sein.“

„Da stimme ich dir zu. Doch wenn es derartige Verrückte darauf anlegen, finden sie Mittel und Wege, um an ihr Ziel zu gelangen. Ich will dir ja keine Angst machen, aber ...“ Er unterbrach sich selbst, denn er wollte überlegen, wie er es ihr am besten sagen sollte.

„Aber …? Nun red‘ schon!“, forderte Susann ihn auf.

„Erpressung wäre eine Möglichkeit für ihn. Doch da müsste er wirklich etwas Handfestes in den Händen haben, womit er dich oder die Firma schaden kann.“

„Ich wüsste nicht was. Mehr bleibt ihm doch auch nicht, oder?“

„Na ja, ich denke doch. Ich sage nur: Kidnapping!“

„Was? Du denkst, er könnte mich entführen?“, rief sie ungläubig aus.

„Möglich, ja. Du wärst nicht die Erste, der das passiert. 1993 wurde die schwedische Olympia-Reitsportlerin Ulrika Bidegård in Belgien entführt und in eine Holzkiste gesteckt. 500.000 Dollar war die Lösegeldforderung. Und – nur um dir ein weiteres Beispiel zu nennen - Richard Oetker. Auch er wurde in eine Holzkiste gesteckt. Gegen eine Zahlung von 21 Millionen DM Lösegeld ließ man ihn frei, jedoch mit schweren Verletzungen, die er sich in der Kiste, in der er gefangen gehalten wurde, zugezogen hatte.“

„Du machst mir Angst“, stöhnte Susann, nun doch mit aufkeimender Sorge.

„Ich will nur, dass du vorsichtig bist und auf deine Umgebung etwas mehr achtest“, verlangte Jonas.

„Aber er kann doch nicht wissen, dass ich mich im Strandhaus aufhalte“, meinte sie.

„Ich denke, dass es heutzutage ein Leichtes ist, herauszufinden, wo eine Person hingereist ist“, gab er ihr zu bedenken. „Susann, es sollte wirklich jemand in deiner Nähe sein, der auf dich aufpasst.“

„Nein, nein, nein“, begehrte sie auf. „Kommt nicht infrage! Das Thema hatten wir schon.“

Jonas stöhnte am anderen Ende: „Bitte – denk einfach in Ruhe noch einmal darüber nach!“

„Ich verspreche nichts“, entgegnete sie, wobei sie versuchte, sich stimmlich nicht anmerken zu lassen, dass sie durch seine Argumente unsicher geworden war.

„Du bist ein Sturkopf“, tadelte er sie mit einem ärgerlichen Stöhnen.

„Nein, bin ich nicht. Ich will nur nicht immer einen fremden Kerl an meinem Rockzipfel haben. Der wird mir doch laufend im Weg stehen“, widersprach sie ihm trotzig.

„Es gibt auch Frauen, die so einen Job übernehmen“, wusste Jonas.

„Ist ja noch schlimmer. Nein, lass mal! Es ist gut so, wie es gerade ist. Ich werde schon auf mich aufpassen.“ Aber so ganz überzeugt war sie davon im Moment selbst nicht mehr. Und Jonas – der erst recht nicht.

Nun lenkte Susann von dem Thema ab, denn es fing an, sie allmählich mehr zu beschäftigen, als sie es zulassen wollte.

„Rosalia erzählte mir heute, dass jemand das Strandhaus, das zum Verkauf stand, erworben hat.“

„Ach ja? Das ging aber schnell“, meinte Jonas.

„Finde ich auch, zumal da doch bestimmt einiges zu richten ist, besonders der Weg zum Strand.“

„Hm ...“

„Rosalia ist richtig ins Schwärmen gekommen, als sie von dem neuen Besitzer erzählte. Sie meinte, dass er junger und gut aussehender Mann sei und einem Lauffeuer gleich kommt. Jedenfalls soll sich diese Neuigkeit hier blitzartig verbreitet haben“, berichtete sie und lachte leise.

„Dann steht das Anwesen wenigstens nicht leer und verkommt“, meinte Jonas. Es hörte sich jedoch für Susann etwas reserviert an, was sie aber auf die bereits späte Stunde schob.

Jonas verabschiedete sich auch kurz danach, aber nicht ohne sie noch einmal zu bitten, über seinen Vorschlag nachzudenken.



6

Erst am nächsten Morgen bei einer Tasse Kaffee erlaubte es sich Susann, über das Telefonat mit Jonas nachzudenken. Sie überlegte, ob ihr Onkel wirklich so verrückt sein würde, irgendwas Idiotisches anzustellen, weil es glaubte, doch noch etwas erben zu können, obwohl es dazu keine Chance gab. Er musste es doch einsehen, dass das zwecklos war.

Bestimmt kommt er über seine Enttäuschung hinweg und beruhigt sich wieder, dachte sie. Soweit wird er nicht gehen, um mir zu schaden.

Doch dann erinnerte sie sich wieder an sein wütendes Gesicht, als er sie mehr oder weniger überfallen hatte. Unwillkürlich fasste sie sich an ihren Hals, als würde sie den Schmerz wieder spüren. Was wäre wohl passiert, wenn ihr Nachbar nicht rechtzeitig eingegriffen hätte? Sie verbot es sich, weiter darüber nachzudenken.

Nein, der war nicht enttäuscht. Der war außer sich vor Wut, sinnierte sie. Der wird nicht aufgeben. Der will Geld sehen. Da muss ich wohl oder übel Jonas zustimmen. Onkel Thomas ist wahnsinnig geworden. Wer weiß, was dem noch einfällt, dachte sie. Aber einen Bodyguard – nein – den wollte sie trotzdem nicht.

Bei ihren Überlegungen sah sie aus dem Fenster zur Terrasse und beobachtete Martin, der dort mit dem Fegen beschäftigt war. Doch dann bildete sich bei Susann eine Falte zwischen den Augen, denn er machte es viel langsamer als sonst. Auch schaute er oft in die Richtung, in dem sich das andere Strandhaus befand. Dann stellte er den Besen beiseite und verschwand für mehrere Minuten. Als er wieder auftauchte, führte er seine ursprüngliche Arbeit weiter aus.

„Was treibt der denn da bloß?“, murmelte Susann. „Der fegt noch so lange, bis der Besen keine Borsten mehr hat.“

Sie erhob sich, um ihre Tasse in die Spüle zu stellen. Danach ging sie sich ankleiden, denn sie trug noch ihren Morgenrock. Als sie erneut zum Fenster trat, war Martin immer noch da. Jetzt spritzte er mit einem Schlauch die Terrasse ab.

Kopfschüttelnd wandte sich Susann ab und meinte, dass er das gleich hätte machen können. Warum vorher fegen, wo es nichts zu fegen gab?!

Sie schnappte sich ihre Handtasche und den Wagenschlüssel. Susann trug sich mit der Absicht, sich einen schönen Tag in der Stadt zu machen: durch die Straßen der Altstadt schlendern, in paar Boutiquen gehen und vielleicht ein hübsches Kleidungsstück erstehen, sich draußen vor einem Café setzen und bei einem Latte Macchiato die Leute beobachten, die dort vorübergehen.

Bis nach Marseille von ihre Strandhaus aus musste sie eine gute Stunde fahren. Es waren kaum Fahrzeuge unterwegs, so dass sie gut vorankam. Ab und zu sah sie in den Rückspiegel. Dabei bemerkte sie einen schwarzen Wagen, der in einem gebührenden Abstand hinter ihr fuhr. Zuerst dachte sie sich noch nichts dabei. Doch dann fragte sie sich, warum er sie nicht überholte. Gelegenheiten hätte er bereits mehrere gehabt.

Susann entschied sich, langsamer zu werden, um zu sehen, ob derjenige sie dann überholen würde. Mit einer gewissen Erleichterung registrierte sie, als sie in den Rückspiegel schaute, dass der Fahrer hinter ihr zum Überholen ansetzte. Dann war er auch schon vorbei, ohne, dass sie erkennen konnte, wer in dem Wagen saß, denn die Scheiben waren verdunkelt - so wie auch bei ihrem Wagen.

Als er aus ihrem Blickfeld verschwunden war, fuhr auch sie wieder schneller.

„Der muss aber ziemlich aufgedreht haben“, murmelte sie, „denn der ist ja wie vom Erdboden verschluckt. Na ja, mit dem Frachtschiff ist das ja kein Problem.“

Als sie die Stadt erreichte, fuhr sie bis ins Zentrum, um dort den Wagen zu parken. Dann schlenderte sie durch die Altstadt, wo sich ein paar Boutiquen befanden, die exquisite Kleidung und Wäsche führten. Susann war jedoch aufmerksamer als sonst. Sie nahm ihre Umgebung an diesem Tag bewusster wahr. Irgendwie hatte sich doch die Warnung von Jonas in ihr Hirn eingegraben, die sie verdrängen wollte. Aber sie kroch immer wieder hervor und veranlasste sie dazu, sich des Öfteren umzusehen, wenn sie durch die Straßen spazierte. Zu ihrer Beruhigung fiel ihr nichts Besonderes auf, wenn sie es tat. Die Menschen bummelten wie sie durch die Straßen und Gassen, schauten sich die Auslagen in den Schaufenstern an, kehrten dort ein oder saßen in den Restaurants und Bier- und Weingärten.

Susann hatte so ihre speziellen Läden. Dort ging sie hin, wo man sie freundlich empfing, denn sie war hier ein gern gesehener Kunde. Ein cremefarbenes Sommerkleid, das ihre schlanke Figur zur Geltung brachte, und ein sündhafter Bikini, der nur das Notwendigste verdeckte, befanden sich in der Tüte, als sie die erste Boutique verließ. In der nächsten, die sich nicht weit von der ersten befand, erstand sie für sich Unterwäsche – ein Hauch von Spitze.

Dann brachte sie ihre Errungenschaften zum Wagen, um danach in ihr Lieblingsrestaurant zu gehen. Dort hatte sie oft mit ihren Eltern gesessen, aber auch allein, wenn nur sie in die Stadt gefahren war.

Der Gedanke an ihre Eltern gab ihr einen schmerzhaften Stich in der Herzgegend, so dass sie leise aufstöhnte. Susann vermisste die beiden sehr – so sehr. Tränen traten in ihre Augen und wollten ihr den Blick verschleiern. Schnell klimperte sie mit den Lidern, um das zu verhindern. Es gelang ihr, ohne, dass eine Träne aus ihren Augen floss. Dann sah sie sich verstohlen um. Dabei musterte sie auch die Gäste, die an den Tischen saßen. Keiner beachtete sie, jedenfalls nicht mehr als sonst. Das war sie gewohnt, dass man sie wahrnahm, sie musterte. Männer taten es meist bewundernd, Frauen eher abschätzend, ob sie mit Susanns Aussehen mithalten konnten, oder auch neidisch. Sie war eben nicht durchschnittlich.

Ihre Mutter war eine sehr schöne Frau gewesen. Ihr Vater hatte sie bei einem Kongress in Stockholm kennengelernt. Es war wohl Liebe auf den ersten Blick. Ein halbes Jahr später heirateten beide. Nach knapp einem Jahr wurde Susann geboren. Es war eine schwere Geburt gewesen, so dass beide auf weitere Kinder verzichteten.

Susann hatte neben der Schönheit auch die seidenen und blonden Haare ihrer Mutter geerbt. Ihre Augen waren von einem strahlenden Blau mit goldenen Sprenkeln, so dass es manchmal den Anschein hatte, dass ihre Augen grün sind. Aber sie besaß nicht die helle Haut ihrer Mutter, die immer besonders aufpassen musste, sich keinen Sonnenbrand einzufangen. Damit hatte Susann keine Schwierigkeiten. Sie war fast das ganze Jahr leicht sonnengebräunt, ohne jemals ins Sonnenstudio gehen zu müssen, was sie eh verabscheute.

Als der Ober sah, das Susann das Restaurant betrat, kam er sofort zu ihr geeilt.

„Guten Tag, Madame Sanders!“, begrüßte er sie. Dabei zeigte er sich zurückhaltend. Susann war klar, dass man auch hier von dem Unglück ihrer Eltern erfahren hatte. Es war ja überall durch die Medien gegangen. Sie hoffte nur, dass er sie darauf nicht ansprach. „Ich bringe Sie zu dem gewohnten Tisch. Oder wünschen Sie einen anderen Platz?“

„Nein, nein“, antwortete lächelnd. „Der Platz ist okay.“

Der Mann geleitete Susann zu dem Tisch und rückte ihr den Stuhl zurecht. Dann reichte er ihr die Speisekarte. Susann bestellte für sich gleich Weißwein und Mineralwasser, was der Ober ihr sogleich brachte. Im Stillen war sie ihm dankbar, dass er nichts zu dem Tod ihrer Eltern sagte.

Während sie auf ihre Bestellung wartete, schaute sie sich weiter um. Von ihrer Position aus hatte sie die ganze Fußgängerzone im Blick. Ab und zu bemerkte sie die verstohlenen Blicke einiger Leute, die ebenfalls hier saßen. Doch das kümmerte sie nicht. Als sie sonst nichts Ungewöhnliches entdecken konnte, lehnte sie sich zurück und nippte an dem Glas mit Weißwein.

Nach dem Essen ließ sie sich noch einen Espresso bringen. Und wieder suchten ihre Augen die Umgebung nach etwas ab, was ihr störend auffallen würde.

Plötzlich verharrten sie bei einer Person. Zielstrebig bewegte diese sich auf das Restaurant zu, in dem sich auch Susann befand. Es war ein Mann, der schwarze Jeans und ein ebenso schwarzes Hemd trug. Das erinnerte sie an etwas. Und es fiel ihr auch sogleich ein.

War das etwa der Neue, der das Strandhaus erworben hat?

Susann war nun doch neugierig und beobachtete ihn hinter ihrer Sonnenbrille weiter.

Er war groß und schlank, aber durchtrainiert. Das konnte Susann erkennen, denn die Jeans saß ihm eng am Körper, so auch das Hemd. Er hatte dichtes dunkelbraunes Haar, das etwas wirr aussah.

Als er den Bereich der Gaststätte betrat, sah er sich kurz um. Dabei schaute er auch zu dem Tisch, wo Susann saß. Da kam es ihr so vor, als würde sein Blick intensiver, durchdringender werden, so dass sie sich plötzlich unbehaglich fühlte. Doch da wandte er sich von ihr schon wieder ab.

Der Ober begrüßte den Fremden und geleitete ihn zu einem Tisch, der ganz in der Nähe des Tisches stand, an dem Susann saß. Und dann setzte der sich auch noch so hin, dass er genau in ihre Richtung sehen konnte. Das ärgerte sie.

Während der neue Gast seine Bestellung aufgab, beobachtete Susann ihn verstohlen. Ja, sie musste Rosalia zustimmen. Dieser Mann hatte etwas an sich, was Menschen – insbesondere Frauen - dazu bewog, ihn nicht zu übersehen, sondern ihn anzustarren. Sogar Susann musste zugeben, dass er ein gut aussehender Mann war. Gerade Nase, ebenmäßige Züge, breite Wangenknochen, hohe Stirn, kleines Grübchen am Kinn - und sein Mund …

Oh ja – der hat bestimmt so manches Mädchen verführt, dachte Susann spöttisch. Der muss doch `nen ganzen Harem um sich haben. Auch sein Auftreten wirkte auf sie sehr selbstsicher.

„Madame Sanders, haben sie noch einen Wunsch?“ Der Ober war mit der Bestellung von dem anderen Gast fertig und stand nun an ihrem Tisch, so dass sie ihm nun ihre Aufmerksamkeit schenkte. So aber nutzte der Fremde den Moment und schaute zu Susann – und das mit einer Unmutsfalte zwischen den Brauen.

„Bitte bringen Sie mir noch ein Glas Mineralwasser“, verlangte sie, während der Ober ihr Wein nachschenkte.

„Sofort, Madame“, sagte er und beeilte sich, der Bestellung seiner Gäste nachzukommen.

Susann blickte wieder zu dem neuen Besitzer des Strandhauses – und hielt den Atem an. Beide sahen sich nun an.

Oh, mein Gott! Hat der kalte Augen, dachte sie erschrocken. Und warum sieht der mich an, als hätte der was gegen mich. Der kennt mich doch gar nicht.

Als sie merkte, dass sie ihn immer noch anstarrte, deutete sie ein leichtes Nicken in seine Richtung an und sah dann schnell von ihm weg.

Wie kann man nur so stahlblaue Augen haben?, fragte sie sich. Und dann dieser Blick! Arrogant scheint der Kerl auch zu sein. Klar, so wie der aussieht. Der weiß, dass er kein Hässlicher ist. Der bildet sich bestimmt ein, dass der jede haben kann. Na, da beißt der aber bei mir auf Granit.

Er hingegen löste seinen Blick noch nicht von ihr und bedauerte, dass er nicht ihre Augen sehen konnte. Aber an ihrem Gesichtsausdruck hatte er bemerkt, dass ihr etwas an ihm nicht gefiel und sie sich wohl deshalb brüsk von ihm abgewandt hat. Innerlich schmunzelte er darüber, denn er wusste genau, warum. Sein nicht gerade freundlicher Blick war daran Schuld. Ja, sie war eine Schönheit. Das musste er ihr zugestehen. Aber sie war garantiert auch eine verwöhnte Göre - ein Einzelkind von reichen Eltern, der nichts verwehrt wurde. Mit so einer sollte man nie etwas anfangen. Das würde nur Ärger einbringen. Und mit einer Susann Sanders durfte er eh nichts anfangen. Dafür gab es einen ganz bestimmten Grund!

Susann blieb noch circa eine Stunde. Dabei vermied sie es, in seine Richtung zu sehen. Dafür beobachtete sie wieder das Treiben auf der Einkaufsmeile. Später ließ sie sich die Rechnung bringen, bezahlte und gab reichlich Trinkgeld, das dem Ober ein Leuchten in seine Augen zauberte. Dann ging sie zu ihrem Wagen, um zurück zum Strandhaus zu fahren.

Während sie sich in den Wagen setzte, war auch der Fremde zu seinem unterwegs, um zurückzufahren. So blieb es nicht aus, dass er sie bald wieder vor sich sah. Ein paar Kilometer vor dem Ziel überholte er sie und entschwand bei der nächsten Kurve ihren Augen.

„Der schon wieder“, brummte sie. „Ich muss mir mal das Kennzeichen merken und Rosalia fragen, ob sie weiß, wer diesen Wagen fährt. Ist doch merkwürdig, dass der schon zum zweiten Mal hier aufkreuzt.“



7

Als Susann kurz danach von der Hauptstraße herunterfuhr und den Weg zum Strandhaus nahm, kam ihr ein Fahrzeug einer Sicherheitsfirma entgegen. Darüber wunderte sie sich, denn sie konnte sich nicht erinnern, dass man mit ihr einen Termin gemacht hätte. Auch Martin hatte nicht erwähnt, dass eine Wartung anstand. War etwas nicht in Ordnung? War in der Zeit, wo sie sich in der Stadt befand, etwa eingebrochen worden?

Ein ungutes Gefühl beschlich sie und sie dachte: Onkel Thomas! War er hier? Lauert er mir wirklich auf, um mich zu zwingen, ihm Geld zu geben?

Nun befuhr sie diese schmale Straße doch etwas schneller als sonst, obwohl das gerade hier gefährlich werden konnte, denn sie war sehr kurvenreich. Kaum war sie angekommen, sah sie sich aufmerksam um. Doch ihr fiel nichts Ungewöhnliches auf. Erst dann stieg sie aus dem Wagen.

Martin kam ihr entgegen.

„Da bist du ja wieder“, begrüßte er sie mit einem Lächeln. „Hattest du einen schönen Tag?“

„Ja, danke, Martin“, antwortete sie. „Aber sag mal, waren die von der Sicherheitsfirma hier?“

„Ja, das hatte ich ganz vergessen, dir mitzuteilen. Entschuldigung“, antwortete er betreten.

„Schon gut. Aber die letzte Wartung ist doch noch gar nicht so lange her“, erinnerte sie sich.

„Das stimmt“, bestätigte es Martin. „Aber wir hatten mehrere Stromausfälle in letzter Zeit. Das hatte ich Monsieur Hofman mitgeteilt. Monsieur Hofman hat mich dann beauftragt, die Firma anzurufen, damit sie alles überprüfen.“

„Mehrere Stromausfälle?“, hakte Susann nach. „Ich kann mich nur an den erinnern, als ...“ Sie unterbrach sich, aber Martin verstand sie auch so.

„Das ist richtig. Aber als du nicht hier warst, passierte es immer wieder. Das ist nicht gut für die Sicherheitsanlage. Sie könnte im entscheidenden Moment versagen.“

Susann sah ihn argwöhnisch an. „Was meinst du mit ,entscheidenden Moment‘?“

„Na, wenn mal keiner hier ist und jemand einbrechen will“, sagte er schnell.

Zu schnell, wie sie fand.

Mit ,jemand einbrechen‘ meint er wohl meinen Onkel, dachte sie mit einer Spur Zynismus. Andererseits gab sie ihm recht, denn das Anwesen war oft genug ohne Bewohner.

„Man hat einiges ändern und erneuern müssen. Ich werde es dir zeigen“, eröffnete er ihr.

„Was meinst du damit?“, fragte sie, nun argwöhnisch geworden.

„Monsieur Hofman hat gemeint, dass auch gleich alles erneuert werden soll, wenn die Notwendigkeit besteht, denn die Anlage ist ja schon ein paar Jahre alt“, versuchte er den Besuch der Fachleute zu rechtfertigen, sich aber auch aus der Verantwortung herauszuwinden, denn er hätte diese Angelegenheit eigentlich mit ihr besprechen müssen. Es ärgerte ihn, dass das nicht Monsieur Hofman getan hatte, aber der wollte es so und hatte Martin auch den Grund genannt. Martin verstand die Beweggründe des älteren Herrn sehr gut, doch nun musste er zusehen, dass er sich nicht in Teufels Küche brachte. Und von der schien er gerade nicht weit entfernt zu sein, wie er gleich mit Unbehagen feststellen musste.

„Aha, daher weht also der Wind. Hat Monsieur Hofman dich und deine Frau auch beauftragt, öfter als sonst hier zu sein?“ Auffordernd sah sie den älteren Mann an, der sich nun innerlich wie ein Aal wand.

Susann musterte ihn mit einer Unmutsfalte. Als er nichts sagte, war ihr das Antwort genug.

„Okay, ich versteh schon. Also gut. Ich hole noch die Sachen aus dem Wagen. Dann kannst du mir alles zeigen.“

Erleichtert darüber, dass Susann nicht weiter das Thema verfolgte und nachbohrte, atmete er im Stillen auf.

Wie Susann feststellen musste, war in der Zeit, während sie sich in der Stadt aufgehalten hatte, eine Sicherheitsanlage nach dem neuesten Stand eingebaut worden. Nun musste sie sich einen neuen Code merken. Zusätzlich übergab Martin ihr noch eine Schlüsselkarte, denn ohne diese nützte ihr der Code nicht viel.

Susann bedankte sich bei Martin und fragte dann etwas spitz: „Gibt es noch etwas, was ich wissen sollte, das Monsieur Hofman angeordnet oder in Auftrag gegeben hat?“

„Nein, nicht das ich wüsste. Da musst du ihn schon selbst fragen“, antwortete Martin mit einem schiefen Lächeln.

„Das werde ich. Das werde ich, und noch einiges mehr“, entgegnete Susann, immer noch verstimmt.

„Wenn du nichts mehr wünscht, dann würde ich jetzt gern nach Hause zu meiner Frau fahren“, sagte Martin.

„Sicher, ich brauche nichts.“ Aber dann fiel ihr doch noch etwas ein. „Martin, als ich heute in die Stadt fuhr, da hat mich ein auffallend schwarzer Wagen – es war ein BMW - überholt. Und als ich auf dem Rückweg war, wieder – und das kurz vor der Abfahrt zu dem Strandhaus. Es erschien mir doch etwas merkwürdig. Weißt du vielleicht, wer das ist. Er hatte dieses Kennzeichen ...“ Susann nannte es ihm.

Martin tat so, als müsste er überlegen. Doch dann schüttelte er den Kopf und wandte sich von Susann ab, um zu gehen, sagte aber noch: „Ähm, ich weiß nicht, wer das ist. Tut mir leid.“ Danach beeilte er sich, das Haus zu verlassen.

Susann sah ihm nachdenklich nach.

„Wieso tut der so komisch? Was ist hier los? Martin weiß etwas, will aber nichts sagen. Oder jemand hat es ihm untersagt. Na, das werde ich schon herausfinden. Jonas – mach dich auf was gefasst!“, redete sie vor sich hin. Aber dann nahm sie erst einmal ihre Einkaufstüten und ging mit ihnen auf ihr Zimmer, um die erstandenen Sachen in ihren Schrank einzusortieren. Den Bikini zog sie sich gleich an, denn sie beabsichtigte noch ein paar Bahnen im Swimmingpool zu schwimmen.



8

Ja, diese Erfrischung hatte ihr gutgetan. Nach dem Abtrocknen legte sie sich auf eine der Liegen und starrte in den Himmel. Sie beobachtete, wie die Wolken über ihr weiterzogen. Manche dieser Wolken regten ihre Fantasie an. So sah sie in ihnen mal einen riesigen Fisch, ein Segelschiff, ein Krokodil, einen Drachen, … Dieses Spiel hatte sie früher, als sie klein war, oft mit ihrer Mutter gespielt. Und es hatte beiden Spaß gemacht.

Nach einer Weile verspürte sie Hunger. Also erhob sie sich. Dabei sah sie eher beiläufig zu dem benachbarten Strandhaus hinüber.

„Ach nee, da sind wir ja auch schon wieder“, murmelte sie. Der neue Besitzer stand am Geländer und schien aufs Meer zu schauen. Er hatte sich umgezogen, wie sie feststellte, denn er trug jetzt eine weiße Hose und ein weißes T-Shirt.

„Hm, schwarz und weiß! Ob der auch noch andere Klamotten hat?“, fragte sie sich spöttisch. Dann wandte sie sich ab und ging ins Haus.

Nachdem sie etwas gegessen hatte, rief sie Jonas an. Sie hatte sich vorgenommen, ein Hühnchen mit ihm zu rupfen. Noch war es ein Hühnchen. Sie hoffte, dass es sich nicht zu einem ausgewachsenen Huhn wurde.

Susann rief ihn über seine Privatnummer an, denn er sollte längst zu Hause sein. Sie brauchte auch nicht lange zu warten, und Jonas nahm das Gespräch an.

„Hallo, Jonas, ich bin‘s“, sagte Susann und hörte ihn lachen.

„Dachte ich es mir doch, dass du heute noch anrufst. Wie geht es dir?“, wollte er wissen.

„Mir würde es weitaus besser gehen, wenn man mich über bestimmte Maßnahmen in meinem Umfeld informieren und mir auch den Grund nennen würde. Dass nur die Angestellten eingeweiht sind und die betreffende Person – und damit meine ich mich – im Unklaren gelassen werden soll, das ist nicht unbedingt beruhigend für sie. Oder bist du anderer Meinung?“, fragte sie spitz.

„Was meinst du im Speziellen?“

„Wie bitte? Wie viele Maßnahmen hast du denn angeordnet, von denen ich anscheinend wohl noch nichts weiß?!“

Jonas lachte auf, als er ihren unterschwelligen Ärger vernahm. Doch Susann kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass es ein eher gekünsteltes Lachen war. Aber sie wusste auch, dass er mit nichts herausrücken würde, was er nicht preisgeben wollte.

Mit einem ärgerlichen Stöhnen meinte sie: „Okay, da du verbissen schweigst, frage ich dich, was das mit der Alarmanlage soll. So alt war die doch noch gar nicht. Außerdem ist die regelmäßig kontrolliert worden. Und es hat keine Beanstandungen gegeben. Das mit dem Stromausfall war doch nur ein Vorwand.“

„Ja, ich gebe zu, dass ich den Stromausfall als Vorwand benutzt habe. Du weißt doch, wie sehr uns deine Sicherheit am Herzen liegt. Nun hast du das Neuste vom Neusten“, sagte er.

„Hach, erwischt! Martin sagte was von mehreren Stromausfällen. Und du redest von einem“, hielt sie ihm nun seinen Fehler vor, den er aus Unachtsamkeit begangen hat.

„Ist doch egal, ob einer oder mehrere Ausfälle, wenn es um deine Sicherheit geht“, verteidigte Jonas sich, obwohl er sich gerade etwas über sich ärgerte, weil er nicht aufgepasst hatte. Sie war eben ein kluges Kind – er sollte sie nicht unterschätzen.

„Aber dass du Martin in deine Machenschaften mit reinziehst ...“, klagte sie ihn an.

„Machenschaften? So würde ich das aber nicht nennen.“

„Wie denn? Ich hätte da noch einen Vorschlag: Verschwörung!“

„Susann, nicht doch! ...“

„Aber dass du Rosalia und Martin dazu verdonnerst, jetzt öfter als sonst beim Strandhaus zu sein, das geht doch nun wirklich zu weit“, unterbrach sie ihn einfach.

„Ich habe sie nicht verdonnert, Liebes. Ich habe ihnen nur kurz berichtet, dass dein Onkel gerade nicht ganz zurechnungsfähig ist. Das haben sie mit Schrecken aufgenommen und sich selbst angeboten, nun öfter zum Haus zu kommen und zu prüfen, ob alles in Ordnung ist. Du weißt, dass die beiden dich sehr mögen. Sie sind schon traurig genug, dass deine Eltern nicht mehr leben.“

Susann atmete scharf ein, als sie das von ihm hörte.

„Du hast ihnen von Onkel Thomas erzählt? Also wirklich! Das ist eine Familienangelegenheit“, ereiferte sie sich. „Wenn sie damit nun hausieren gehen?!“

„Denkst du das wirklich?“, fragte er sie im ruhigen Ton.

„Ach, was weiß ich“, maulte sie, sagte dann aber: „Nein, das würden sie nicht tun. Außerdem haben sie ja auch die Verschwiegenheitserklärung mit dem Vertrag unterschrieben.“

„Richtig!“

„Trotzdem, verkomplizierst du die ganze Sache nicht etwas? Bis jetzt war doch alles ruhig“, meinte sie.

„Tja, das mag ja sein. Aber seit zwei Tagen ist dein Onkel nicht mehr in der Stadt. Und wir denken, dass er etwas im Schilde führt.“

„Nur, weil der mal wieder unterwegs ist? Der ist doch öfter mal irgendwohin verreist. Aber woher weißt du das? Hast du jemand auf ihn angesetzt?“, sprach sie ihren plötzlichen Verdacht aus.

„Ja, Linda und ich wollen auf Nummer sicher gehen.“

Susann schwieg für einen Moment. Sie fand immer noch, dass die beiden übertrieben. Klar, sie war selbst aufmerksamer nach dem Vorfall mit ihrem Onkel geworden. Aber nach dieser Zeit wollte sie es irgendwie nicht richtig wahrhaben, dass er bis zum Äußersten gehen würde. Natürlich war ihr bei dem Gedanken, ihm zu begegnen, nicht wohl, denn seit der Geschichte fürchtete sie sich davor, dass sich das wiederholen könnte. Aber vielleicht war er auch wieder zur Besinnung gekommen.

„Na ja, ich kann es ja nun schlecht ändern. Aber wenn Rosalia und Martin jetzt mehr Zeit beim Strandhaus verbringen, dann müssen sie auch mehr bezahlt bekommen“, sagte sie.

„Alles schon geregelt, Susann. Die beiden werden gut entlohnt“, versicherte Jonas ihr.

„Gut“, brummte sie nun schon versöhnlicher. „Ihr habt also einen Detektiv auf meinen Onkel angesetzt.“

„Ja, das ist richtig“, bestätigte er es.

„Verrätst du mir auch, was dieser besagte Detektiv herausgefunden hat, wo sich das zu beobachtende Subjekt hinbegeben hat?“

„Tja, das kann ich leider nicht. Er scheint wie vom Erdboden verschluckt“, teilte er ihr schonungslos mit.

„Wie das denn? Hat dein Detektiv ihn etwa verloren, als er seinen Kaffee im Wagen getrunken hat?“, fragte Susann, die das noch nicht als besonders schlimm ansah. „Oder hat er mit offenen Augen geschlafen und ihn trotzdem entwischen lassen?“

Jonas konnte deutlich den Spott heraushören. So ganz unrecht hatte sie nicht, aber ganz so einfach war es nun doch nicht, wie sie es sich vorstellte.

„Dein Onkel ist nicht dumm, Susann. Er muss bemerkt haben, dass er beschattet wird. Oder ihn hat jemand gewarnt, denn er kennt genug Ganoven, wie ich mittlerweile weiß. Und da sind einige bei, die nicht gerade zimperlich mit ihren Mitmenschen umgehen, wenn sie etwas von denen wollen. Und das ist mir Beweis genug, dass er etwas plant, um an dein Geld zu kommen. Wir sind davon überzeugt, dass er oder irgendein Handlanger von ihm bereits in deiner Nähe ist“, teilte er ihr nun unumwunden mit.

„Wenn hier ein Fremder schnüffeln würde, meinst du nicht auch, dass ich das nicht schon bemerkt hätte? Das Gelände ist hier ziemlich übersichtlich.“

„Susann, heute gibt es noch ganz andere Möglichkeiten, um Menschen zu beobachten oder zu kontrollieren“, warnte Jonas.

Susann schluckte, denn sie hatte gerade einen Kloß im Hals. Jetzt bekam sie Angst.

„Jonas, könnte der, der hier das Strandhaus erworben hat, mit dem Onkel unter einer Decke stecken?“, fragte sie besorgt.

„Nein, nein, das kann ich mit Bestimmtheit sagen. Vor dem brauchst du dich nicht fürchten“, antwortete er, aber es behagte ihm nicht, dass sich das Gespräch in diese Richtung bewegte.

„Nein?“, reagierte Susann überrascht.

„Nein, er ist harmlos“, bestätigte er es ihr noch einmal.

„So, so. Und woher kommt diese Gewissheit?“

„Weil … na ja … weil ich ihn überprüfen lassen habe“, gab er zögernd zu. Es war ihm nicht gerade wohl dabei, ihr das mitzuteilen - aber lieber jetzt als später, sagte er sich.

„Du hast ihn überprüfen lassen? Echt jetzt?“ Empörung klang in ihrer Stimme mit.

„Ja.“

„Und - was hat die Überprüfung ergeben?“ Nun wollte sie natürlich erfahren, was man über den Neuen herausgefunden hatte.

„Ach, nichts besonderes. Er leitet ein seriöses Unternehmen in Frankreich, das er von seinem Vater übernommen hat. Vor kurzem feierte er seinen dreißigsten Geburtstag. Er ist ledig und heißt Andros de Mácon. Seine Mutter ist Spanierin, sein verstorbener Vater war Franzose, und seine zwei Jahre jüngere Schwester lebt mit ihrem Mann in der Nähe von Lyon“, wusste er zu berichten.

„Hm, das ist alles?“

„Ja.“

Susann glaubte ihm nicht so recht, aber sie drang nicht weiter auf ihn ein, obwohl ihr weitere Fragen auf den Lippen brannten. Sie spürte, dass Jonas ihr jetzt keine klaren Antworten mehr geben würde. Sie verstand nur gerade den Grund nicht. Aber nun erzählte sie ihm von dem schwarzen BMW: „Als ich heute zur Stadt gefahren bin, war der Ewigkeiten hinter mir. Als ich langsamer wurde, hat der mich dann überholt. Das Merkwürdige aber war, dass ich den auf dem Rückweg wieder hinter mir hatte. Ich bin mir nicht sicher, ob das ein Zufall war.“

„Das ist in der Tat merkwürdig“, stimmte er ihr zu. „Hast du dir das Kennzeichen gemerkt?“

„Natürlich“, und sie nannte es ihm.

„Hm, ich werde herausfinden lassen, wer der Halter des Wagens ist, wenn du es wünscht“, bot Jonas ihr an.

„Ach, ich weiß nicht – vielleicht ist das wirklich nur einer, der hier Urlaub von der Großstadt macht. Die Buchstaben des Kennzeichens sind doch die von Paris – oder?“

„Richtig, aber ich denke, ich werde das Kennzeichen trotzdem prüfen lassen – nur um sicher zu gehen“, entgegnete er, denn er hatte bereits eine Ahnung, wem das Fahrzeug gehören könnte. Er wollte Gewissheit. Susann verlangte daraufhin, dass er ihr das Ergebnis mitteilte, wenn es vorlag, was er ihr versprach.

Dann ließ sie sich noch das Neueste aus der Firma berichten, was nicht viel war. Wenige Minuten später verabschiedeten sie sich.



9

Der nächste Tag versprach wieder ein sehr schöner zu werden. Bereits vor dem Frühstück zog Susann ihre Laufsachen an und machte sich auf den Weg, um zu joggen. Vorher sah sie nach, ob sich vielleicht Martin schon hier irgendwo aufhielt. Als sie ihn nicht entdeckte und sonst auch nichts Ungewöhnliches feststellen konnte, lief sie los. Die Strecke, die sie mehrmals in der Woche joggte, wenn sie sich hier im Strandhaus aufhielt, war immer die Gleiche. Sie ging ein Stück an dem Nachbargrundstück vorbei, oberhalb der Klippen entlang bis zu einem kleinen Plateau. Wenn sie da ankam, kehrte sie dort wieder um. So war sie dann circa dreißig Minuten unterwegs.

Susann war gerade an dem anderen Grundstück vorbeigelaufen und genoss die frühe kühle Morgenluft und die sanfte Brise, die vom Meer herüber wehte, da sah sie jemanden ebenfalls den Weg oberhalb der Klippen entlanglaufen. Es war das erste Mal, dass sie dort um diese Zeit nicht allein war. Verstimmt runzelte sie die Stirn, während sie weiterlief.

Wer ist das denn, dass der sich traut, um diese Uhrzeit zu joggen, wo ich hier laufe?, ging es ihr ärgerlich durch den Kopf, denn sie fühlte sich durch den anderen Läufer gestört.

Während wie weiterlief, beobachtete sie den anderen vor sich. Susann musste zugeben, dass derjenige einen guten Laufstil hat. Das konnte sie trotz der Entfernung erkennen. Sie hoffte aber nun, dass er an dem Plateau vorbeilaufen würde und nicht dort umkehrte, so wie sie es vorhatte. Da der Jogger zu weit entfernt war und sie nicht vorhatte, den Abstand zwischen ihm und sich zu verringern, war sie auch nicht in der Lage, mehr von ihm zu erkennen. Sie war sich jedoch absolut sicher, dass es ein Mann war. Auffallend war, dass er schwarze Kleidung trug, was ihrem Verdacht Nahrung gab, dass es der neue Nachbar von ihr sein könnte.

Beim Laufen konzentrierte Susann jetzt ihren Blick verstärkt auf die vor ihr joggende Person. Dabei holte sie sich aus ihrer Erinnerung ein paar Bilder des neuen Nachbarn und verglich diese mit dem, der da vor ihr war. Allmählich gelangte sie zu dem Punkt, so dass sie sich sogar fast sicher war: Das ist dieser Andros de Mácon! Irgendwie beruhigte sie das etwas – aber nur etwas - denn wenn dieser Mann da vorn ein völlig Unbekannter gewesen wäre, hätte sie sich mehr Gedanken gemacht. Und diese hätten ihr garantiert Sorgen bereitet und mit aller Wahrscheinlichkeit auch Angst eingeflößt, denn das Gespräch mit Jonas am Vorabend hatte seine Wirkung bei ihr nicht verfehlt. Das musste sie sich selbst eingestehen. Und trotzdem war da immer noch dieses Quäntchen Zweifel, dass ihr Onkel etwas plante, um ihr zu schaden. Einen Mord wollte sie erst gar nicht in Erwägung ziehen.

Vielleicht ist das ein Fehler, den ich begehe, dachte sie, innerlich seufzend, und ermahnte sich dann: Denk an was anderes, sonst versaust du dir noch den Tag!

So lief sie grübelnd, aber den Jogger vor sich nicht aus den Augen lassend, im gleichbleibenden Tempo weiter. Es war nun nicht mehr weit bis zu dem Plateau. Der vor ihr musste es gleich erreichen.

Hoffentlich dreht der jetzt nicht um, dachte sie wieder.

Ihr Wunsch erfüllte sich nicht. Susann beobachtete, wie er, als er das Plateau erreichte, kurz auf einer Stelle lief, dabei zum Meer schaute und sich dann umwandte, um den Rückweg anzutreten.

„Mist!“, fluchte sie vor sich hin. Am liebsten hätte sie jetzt auch kehrgemacht. Aber das kam ihr dann doch albern vor - Flucht vor dem Unbekannten!

Warum soll ich vor dem weglaufen? Kindisch!, schalt sie sich.Wenn der in meine Nähe kommt, weiß ich wenigstens, ob das dieser de Mácon ist oder ein anderer, und ob ich mir eventuell Sorgen machen muss.

Also behielt Susann ihr Tempo bei. Allmählich kamen sie sich näher. Dabei vermied sie es, den entgegenkommenden Läufer anzusehen. Verstohlen warf sie ihm ab und zu einen Blick zu, tat aber so, als sei sie bestrebt, auf den Weg vor sich zu achten. Das war auch besser so, denn der war nicht gerade eben. Wenn sie jetzt noch stolperte, war die Blamage perfekt.

Was Susann nicht vermeiden konnte, dass ihr Herz auf einmal schneller zu schlagen anfing, umso näher er ihr kam. Und dazu stellte sich eine Unruhe in ihr ein, die sie nicht unterdrücken konnte, obwohl sie jetzt die Bestätigung bekam, dass der Jogger ihr neuer Nachbar war. Als er fast auf gleicher Höhe mit ihr war, nickte er ihr leicht zu und lächelte.

„Guten Morgen“, hörte sie ihn mit einer Stimme sagen, die sie als sehr angenehm empfand. Dann war er auch schon vorbei, so dass Susann diesen Gruß nicht mehr erwidern konnte, ohne, dass er es auch hörte, denn er lief nun ziemlich schnell. Dann hätte sie es ihm laut hinterherrufen müssen. So murmelte sie nur ein „Guten Morgen“. Dabei drehte sie sich um, lief auf der Stelle und sah ihm einige Sekunden hinterher.

Und der ist solo? Das glaub ich nicht. So, wie der aussieht, müssen dem doch mindestens zehn an jedem Finger kleben, dachte sie zynisch, während sie zum Plateau lief, dort selbst verharrte und auf das fast ruhige Meer schaute. Der wundervolle Anblick lenkte sie vollkommen von dem Mann ab.

Die Sonne ließ ihre Strahlen auf dem Wasser tanzen, so dass es aussah, als hätte jemand Gold- und Silberflitter gestreut. Sie sah ein helles Schiff, das die Größe eines Spielzeuges auf Grund der Entfernung hatte, und fragte sich, wo seine Reise wohl hinging.

Eine leichte Brise, die vom Meer herauf zu ihr wehte, erfrischte sie. So entschied sie sich dann, wieder zurückzulaufen, auch mit der Annahme, dass sie den Weg nun für sich allein hatte.

Zu ihrer Verwunderung musste sie feststellen, als sie fast die Hälfte der Strecke geschafft hatte, dass ihr diesmal jemand entgegenkam.

Es war wieder Andros de Mácon!

„Man, der hat wohl Langeweile!“, stöhnte sie genervt auf. „Warum ist der nicht weiter den Weg entlang gerannt? Ist doch öde, diese Strecke morgens mehrmals abzulaufen.“

Als er ihr näherkam, bemerkte Susann, dass er langsamer wurde.

Was soll denn das werden?, fragte sie sich verwundert. Will der etwa jetzt mit mir reden?

Die Frage beantwortete sich auch gleich, als er bei ihr ankam. Er gesellte sich einfach neben sie und passte sich ihrem Tempo an.

„Pardon! Ich habe vorhin versäumt, mich Ihnen vorzustellen. Andros de Mácon“, begann er.

„Ich weiß, wer Sie sind“, entgegnete Susann brüsk, und sie konnte sehen, wie seine linke Braue hochschnellte. Dabei stellte sie fest, dass er graublaue Augen hatte. Sofort schoss ihr der Gedanke durch den Kopf, dass sie sehr kalt und hart wirken können. Doch jetzt schauten sie eher belustigt drein. Und schon lächelte er, was sie im ersten Moment etwas verunsicherte, weil er nun noch besser aussah, als wenn er ernst dreinschaute.

Und da passierte es! Susann hatte nur einen Moment nicht auf den Weg geachtet, und schon stolperte sie. Geistesgegenwärtig griff er zu und zog sie an ihrem Ellenbogen zurück. Da er dabei selbst seinen Lauf abbremste, blieb es nicht aus, dass sie durch den Ruck an seinen Körper prallte und er sie nun umfasste, um ihr Halt zu geben. Erschrocken versteifte sie sich, was sich aber fast im gleichen Augenblick änderte, denn plötzlich befiel sie ein Gefühl der Geborgenheit. Tief atmete sie ein und nahm so seinen männlichen Geruch wahr, der keineswegs nach Schweiß roch, sondern einen feinen Hauch von Sandelholz an sich hatte, was sie als sehr angenehm empfand.

Als ihr endlich bewusst wurde, dass er sie immer noch hielt, sah sie zu ihm auf und löste sich langsam aus seiner Umklammerung, was er nur widerwillig zuließ, denn er fand, dass sie sich wunderbar in seinen Armen anfühlte. Doch dann ermahnte er sich, denn dieses Gefühl konnte – nein - durfte er nicht zulassen.

„Danke“, sagte sie verlegen und mit gerötetem Gesicht. „Das wäre ja beinahe schiefgegangen.“

Er lächelte wieder und meinte: „Gern geschehen. Ich nehme an, dass wir beide Nachbarn sind.“

Susann nickte nur zur Bestätigung. Seine Stimme hatte etwas an sich, das sie zu vereinnahmen schien. Trotzdem wirkte er auf sie resolut. Garantiert gehörte er zu den Typen, die hart im Verhandeln waren. Derartige Menschen schätzte Susann, denn sie hatte bisher die Erfahrung gemacht, dass man sich auf diese zumeist verlassen kann.

„Dann sind Sie bestimmt Madame Susann Sanders“, gab er sein Wissen preis.

„Ja, die bin ich“, bestätigte sie es ihm.

„Gut. Dann kann ich Ihnen ja auch gleich mitteilen, dass es in den nächsten Tagen vielleicht etwas laut werden kann. Ich lasse den Abstieg zum Strand erneuern, denn der ist ja lebensgefährlich. Auch an und um das Haus muss so einiges getan werden.“

„Sie wollen also renovieren“, schlussfolgerte Susann.

„Und einiges nach meinem Geschmack ändern, wenn ich schon mal dabei bin“, verriet er ihr.

„Das bietet sich dann ja an“, meinte sie dazu. „Ach, und so laut wird es schon nicht werden. Aber nun möchte ich gern den Rest zurücklaufen. Allmählich bekomme ich Hunger.“

„Entschuldigung, ich will Sie auch nicht aufhalten. Laufen wir das Stück zusammen“, schlug er vor.

Eigentlich hatte Susann nun nichts mehr gegen seine Anwesenheit, denn er schien ihr doch ein sympathischer Typ zu sein, aber mit einem Lächeln wandte sie ein: „Das wird wohl nichts, denn mit Ihrem Tempo kann ich leider nicht mithalten.“

„Kein Problem. Ich kann mich anpassen“, antwortete er prompt mit einem verschmitzten Grinsen.

Na, ob das stimmt, dachte sie zweifelnd.

Und - er konnte sich anpassen, was Susann sofort zur Kenntnis nahm. Schweigen liefen sie nebeneinander. Als sie bei seinem neuen Zuhause ankamen, sagte er. „Ich begleite Sie noch bis zu Ihrem Grundstück.“

„Warum sollten Sie das tun?“, wollte sie wissen, denn sie empfand das als nicht notwendig, sondern total überflüssig.

„Ich will sichergehen, dass Sie dort auch heil ankommen“, antwortete er lax.

Sofort regte sich bei Susann das Misstrauen, und sie blieb stehen. Im selben Moment spürte er, dass sie eine Mauer um sich baute, denn sie sah ihn mit einem Blick an, der die unterschiedlichsten Gefühle widerspiegelte – darunter auch Angst. Sofort lenkte er ein.

„Ich meine nur – falls Sie nochmals stolpern sollten“, versuchte er, ihr Misstrauen zu zerstreuen, und lächelte gewinnend.

Susann rang einige Augenblicke mit sich, ob sie es ihm gestatten sollte. Dabei gingen ihr einige absurde Gedanken durch den Kopf, die sie jedoch sofort wieder verwarf. Denn wenn er ihr etwas hätte antun wollen, hätte er unterwegs die beste Gelegenheit dazu gehabt. Ein Stoß von der Klippe – einfacher ging es gar nicht. Und Andros de Mácon hätte beobachtet, dass sie sich selbst in den Tod gestürzt hat. Sie hatte eben den Tod ihrer Eltern einfach nicht verwinden können.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass der von Onkel Thomas angeheuert worden ist. Was hatte Jonas über ihn gesagt?, überlegte sie. Ach ja, er leitet ein seriöses Unternehmen in Frankreich – was auch immer das für eine Firma ist.

„Also gut“, entschied sie dann. „Dann bringen Sie mich sicher zu mir!“

Ihm entging natürlich nicht, dass sie mit sich rang. Er ließ ihr die Zeit und nutzte sie, um sie genauer zu betrachten. Wunderschön, dachte er. Doch mehr erlaubte er sich nicht, auch wenn es ihm schwer fiel.

Ein paar Minuten später waren sie beim Tor ihres Grundstückes angelangt – ohne dass Susann noch einmal gestolpert ist. Dort verabschiedete Mácon sich von ihr.

„Vielleicht treffen wir uns wieder mal – beim Joggen oder am Strand. Ich würde mich freuen“, sagte er.

Susann sah in sein Gesicht und seine Augen. Sie war sich nicht ganz sicher, was sie darauf antworten sollte. Eigentlich wollte sie nur ihre Ruhe haben und keine Männerbekanntschaften schließen. Doch ihr Entschluss schien ins Wanken zu geraten. Das machte sie unsicher. Darum nickte sie nur und meinte: „Ja, vielleicht!“

„Okay! Dann werd ich mal“, sagte er und machte sich auf den Weg zu seinem Nachhause.

Susann sah ihm einen Augenblick nach, dann ging sie selbst hinein, duschte sich kurz ab und ging danach im Pool ein paar Runden schwimmen. Erst danach gönnte sie sich ein reichhaltiges Frühstück.



10

Am nächsten Morgen wurde Susann ziemlich früh durch ein ungewöhnliches Geräusch geweckt. Zuerst dachte sie, dass Martin es verursachte. Aber was tat er, dass es sich so laut und scheppernd anhörte, als würde er Rohre aus Metall vom Dach fallen lassen.

Doch dann fiel ihr ein, dass ihr neuer Nachbar Handwerker geordert hatte. Die waren wohl schon bei der Arbeit, wie es sich anhörte. Da nun sowieso nicht mehr an Schlafen zu denken war, stand Susann auf, zog sich ihren seidenen Morgenmantel über ihren nackten Körper und ging nach dem Besuch im Bad hinaus auf die Terrasse. Von dort aus konnte sie sehen, wie mehrere Männer sich an dem Abstieg zum Strand zu schaffen machten. Ein Kran stand oben bei der Klippe und seilte Rohre nach unten ab, die zwei Arbeiter in Empfang nahmen.

Susann überlegte kurz, wozu die wohl gut sein sollten, kam aber zu keinem Ergebnis. Aber eigentlich war es ihr auch egal.

An diesem Morgen hatte sie keine Lust zu joggen. Sie entschied sich für den Pool. Als sie wieder ins Haus ging, hörte sie Rosalia in der Küche hantieren. Also ging Susann erst zu ihr, um ihr einen guten Morgen zu wünschen.

„Hallo, Rosalia! Du bist ja heute schon so früh hier“, stellte Susann fest. „Hat das einen Grund?“

„Nein, aber wir dachten uns, dass du heute schon früher aufstehen würdest“, schmunzelte sie.

„Ja, ich bin etwas unsanft geweckt worden. Zuerst dachte ich schon, dass Martin diesen Lärm verursachen würde. Aber dann erinnerte ich mich, dass Monsieur de Màcon mir gestern erzählt hat, dass er in den nächsten Tagen Handwerker bei sich hat und dass es etwas laut werden kann“, erzählte Susann. In Rosalias Augen blitzte es kurz auf, als sie das hörte.

„Er hat es dir erzählt? War er denn hier?”, fragte sie erstaunt.

„Nein. Als ich gestern joggen war, haben wir uns getroffen.“

„Aha!“ Rosalia sah Susann mit einem eigentümlichen Blick an, der der jungen Frau nun gar nicht gefiel.

„Was soll denn dein ,Aha!‘ bedeuten?“, wollte sie von ihr wissen, denn sie war der Meinung, dass an der Sache nun wirklich nichts Besonderes war, das ein ,Aha!‘ rechtfertigte.

„Nichts“, beeilte sich Rosalia sogleich zu sagen. So, so, dachte Susann und klärte die Hauswirtschaftlerin auf: „Rosalia, er war auch joggen. Das war ein Zufall, dass wir uns begegnet sind. Da hat er mir das mitgeteilt.“

Die nickte jetzt nur, dachte sich aber ihren Teil.

Weil Rosalia sich wieder ihrer Arbeit zugewandt hatte, drehte sich Susann um und verließ die Küche, um sich ihren Bikini anzuziehen.

Nachdem sie ihre Bahnen geschwommen hatte, ging sie ins Bad. Rosalia hatte das Frühstück für Susann vorbereitet und brachte es ihr auf die Terrasse, wofür sie sich bei ihr bedankte, denn sie brauchte das eigentlich nicht tun. Susann würde sich auch allein etwas zu essen machen - na ja, aber erst, wenn sie Hunger hatte. Und dem wollte Rosalia vorbeugen, indem sie für Susann auch kochte, und sie so dazu bewegte, regelmäßiger zu essen.

Später ging Susann zum Strand hinunter. Der Wind hatte in der Nacht etwas aufgefrischt, so dass das Meer Wellen an den Strand schob. Mit ihnen wurden auch Muscheln und Stücke von Korallen angespült. Sie konnte da einfach nicht widerstehen und sammelte von diesen die schönsten Muscheln und Korallen, die sie dann in eine große Glasvase nach dem Trocknen tat.

Susann fand ein paar schöne Stücke und legte sie in den kleinen Korb, den sie mit sich trug.

Als sie die bis ins Meer vorstehende Klippe, an der der Strand endete, erreichte, setzte sie sich dort in den warmen Sand und schaute – wie so oft – auf die Wellen, sie sich langsam an den Strand rollten.

Ein wehmutiger Seufzer entglitt ihr, während sie so dasaß und sich ihr dabei unwillkürlich Erinnerungen aufdrängten.

Als ihre Eltern noch lebten, war sie oft Schnorcheln gegangen. Dabei hatte ihre Mutter sie oft begleitet. Sie hatten beide viel Spaß gehabt. Wenn eine von ihnen etwas Besonderes entdeckt hatte, hatten sie sich untereinander Zeichen gegeben, oder waren schnell man aufgetaucht.

Manchmal war Susann mit ihrem Vater auch mit der Yacht ein Stück aufs Meer gefahren, um zu tauchen. Ihre Mutter blieb dann an Deck. Ihr reichten die Schnochelausflüge, Tauchgänge waren nichts für sie.

Doch nun - nach dem Unglück - tat Susann beides nicht mehr. Ja, sie vermisste das, und doch wollte sie noch nicht in das verhasste Meer, das ihre Eltern verschlungen hatte. Sie bildete sich ein, wenn sie tauchte, würde sie vielleicht plötzlich auf ihre Eltern stoßen, die bleich und mit angstverzerrten Gesichtern dort auf dem Grund zwischen Wasserpflanzen lagen. Es gab noch entsetzlichere Bilder von ihnen, die in ihrem Kopf umherschwirrten, wenn sie daran dachte. Und das machte ihr Angst und hielt sie davon ab, wieder einmal zu schnorcheln oder zu tauchen.

Susann schüttelte die unheimlichen Gedanken von sich ab und erhob sich. Langsam machte sie sich auf den Rückweg. So konnte sie auch beobachten, dass am anderen Ende des Strands gearbeitet wurde. Der Wind sorgte dafür, dass die Geräusche von dort etwas unterdrückt wurden. Da war ein Schlagen auf Stein und auch ein Bohren zu hören.

Der de Mácon lässt sich bestimmt was Erdbebensicheres hinsetzen. Da kann bestimmt ein Vierzentnermann runter- und hochklettern, dachte sie leicht amüsiert, denn sie stellte sich das gerade bildlich vor. Dann schüttelte sie aber ihren Kopf und lachte leise, denn zuletzt sah sie diesen Mann, der urplötzlich das Gesicht von de Mácon hatte, nur noch vor Anstrengung schnaufen.

Am Nachmittag hatte sie sich auf die Couch mit angezogenen Beinen gesetzt und las in einem Buch. Dabei wurde sie von dem Klingeln des Telefons gestört.

„Wer will denn da was von mir?“, murmelte sie ungehalten, denn sie war gerade an einer spannenden Stelle angelangt.

„Hallo“, meldete sie sich mürrisch, ohne ihren Namen zu nennen.

„Oh, Susann! Du bist also im Strand...“, hörte sie ihren Onkel sagen, den sie sofort unterbrach.

„Was unterstehst du dich, mich anzurufen? Wir haben uns nichts mehr zu sagen“, fauchte sie.

„Das sehe ich aber anders, Schätzchen. Ich habe dir lange genug Bedenkzeit gegeben. Ich hoffe für dich, dass du dich dazu durchgerungen hast, mir meinen zustehenden Erbteil zu geben.“

„Sag mal, bist du neuerdings so schwer von Begriff? Nicht einen Cent kannst du erwarten, und schon gar nicht verlangen. Und falls du planst, mich umzubringen, auch dann wirst du nichts bekommen. Egal, ob du der letzte Verwandte bist. Diese Information hast du erhalten, und daran ist und wird sich nichts ändern.“

Susann hörte, wie er scharf einatmete, was sie nicht nur vermuten ließ, dass er innerlich vor Wut kochte.

„Susilein“, säuselte er jedoch, „was redest du da? Ich – und dich umbringen wollen? Aber nicht doch. Glaub mir, Schätzchen, es gibt andere Mittel und Wege, dich zu überzeugen, mir meinen Anteil zu übergeben.“

Susann lief es kalt den Rücken herunter, und sie fing an zu frieren, obwohl es im Zimmer gut temperiert war.

„Soll das etwa eine Drohung sein?“, zischte sie, und gab sich dabei Mühe, ein Zittern in ihrer Stimme zu verbergen. Wenn er ihre Angst spürte, würde er sich schon als Sieger sehen. Doch den Triumph wollte sie ihm nicht gönnen.

„Nein, keine Drohung. Nur ein gut gemeinter Rat von deinem lieben Onkel Thomas. Ich will nur nicht, dass die jemand wehtut und du dann nicht mehr so hübsch wie jetzt bist“, antwortete er immer noch im gleichen Ton.

Da schlug ihre Angst in Wut um.

„Also doch eine Drohung“, fauchte Susann. „Du verkommenes Subjekt gehörst hinter Schloss und Riegel. Nicht einen Cent, hörst du? Nichts bekommst du - niente, nichego, nada! Kapier das endlich!“ Und dann drückte sie auf die rote Taste. Verbindung unterbrochen! Gespräch beendet!

Susann sprang von der Couch hoch und lief aufgeregt durch das Zimmer. Sie hatte eine ungeheure Wut im Bauch, aber auch Angst.

„Er will nicht, dass mir jemand wehtut. Hat der etwa vor, einen Killer oder so was ähnliches zu schicken, damit der mich zwingt, ihm eine Million zu überreichen? Das kann dieser Idiot vergessen. Nichts bekommt der. Gar nichts“, schimpfte sie laut vor sich hin. „Dann bin ich nicht mehr so hübsch. Tss! Sein Handlanger soll mich wohl foltern. Sind wir denn in Klein Chicago?“

Sie ließ sich in den weichen Sessel fallen und stöhnte. Was sollte sie nun tun? Jonas anrufen und ihn fragen? Oder die Koffer packen und einfach woanders hinfahren?

„Quatsch!“, sagte sie laut. „Ich kann doch nicht einfach abhauen und alles stehen- und liegenlassen wegen diesem Vollidioten. Außerdem muss ich auch mal wieder in der Firma erscheinen.“

Und sie überlegte, was sie nun am besten tun sollte. Mitten in ihren Überlegungen klingelte wieder das Telefon. Erschrocken fuhr sie hoch.

„Wenn das Onkel Thomas ist, dann ...“ Sie drückte den grünen Knopf und fauchte: „Was noch? Ich ändere meine Meinung nicht ...“

„Susann?“, hörte sie Jonas erstaunt und dann besorgt fragen: „Ist alles in Ordnung?“

Erleichtert atmete Susann ein und wieder aus.

„Nein, nichts ist in Ordnung“, antwortete sie, jetzt den Tränen nahe. Dann berichtete sie ihm von dem Telefonat mit ihrem Onkel. Als sie endete, schwieg er einen Moment, so dass sie schon dachte, er sei gar nicht mehr am Telefon. Doch dann sprach er mit Nachdruck auf sie ein.

„Ich habe dich gewarnt. Und ich habe dir gesagt, dass ich vermute, dass er bereits in deiner Nähe sein kann. So, wie es sich anhört, wird er jedoch jemanden beauftragt haben, der dich einschüchtern soll. Susann! Unterschätze die Gefahr nicht, in der du dich befindest! Du brauchst jemanden, der auf dich achtet und die Gefahr von dir fernhält.“

„Du kennst meine Meinung“, wehrte Susann seinen Versuch, ihr einen Bodyguard zu vermitteln, ab. „Außerdem hast du das Strandhaus und alles drumherum zu einer Festung umfunktioniert. Da kommt kein Fremder rauf, ohne dass der Alarm losgeht. Hier sollte ich also sicher vor irgendwelchen Killern sein.“

„Unter diesem Klientel gibt es sehr kluge Leute, die darauf spezialisiert sind, die Alarmanlage zu unterwandern“, gab Jonas ihr zu bedenken.

„Und du meinst, dass sich Onkel Thomas ein derartig kluges Köpfchen leisten kann? Dann wäre seine ergaunerte Million doch sofort wieder flöten.“

Jonas seufzte – wohl aus Verärgerung – auf.

„Du bist so stur, Mädchen.“

„Ich weiß“, gab sie mit einem schiefen Lächeln zu. „Aber ich sehe für mich nicht den Sinn eines Bodyguards.“

„Und wenn du wieder mal in die Stadt fährst? Denk darüber nach! Du hattest dir bei deinem letzten Besuch dort bereits Sorgen gemacht“, erinnerte er sie. „Ach, da fällt mir ein, du wolltest doch wissen, wem der noble Wagen gehört – deinem neuen Nachbar.“

„Dem de Mácon?“ Ist ja merkwürdig, dachte sie. Kommt ziemlich oft vor, dass ich den sehe, wo auch ich mich befinde. Zufall oder kein Zufall?

„Ja“, antwortete Jonas und fragte dann: „Linda und ich würden gern am Wochenende zu dir rüberkommen. Was sagst du?“

„Oh, super! Natürlich! Ihr seid immer gern willkommen“, erwiderte Susann. Sie freute sich ehrlich über diese Mitteilung. „Ich werde Rosalia gleich anrufen und es ihr mitteilen. Die beiden werden sich auch freuen, euch mal wiederzusehen.“

Da es sonst nichts weiter zu bereden gab, und Susann weiter darauf beharrte, keinen Aufpasser an ihrer Seite zu wollen, verabschiedeten sie sich. Sogleich wählte sie die Nummer von Rosalia und Martin, doch Rosalia nahm das Gespräch nicht an. Wenige Minuten später wusste Susann auch warum, denn beide tauchten im Strandhaus auf. Irgendwie kam es Susann vor, dass sie besorgt dreinschauten. Aber vielleicht bildete sie sich das auch nur ein, weil sie selbst noch sehr aufgewühlt war.



11

Rosalia und Martin hielten sich die nächsten Tage ungewöhnlich lange auf, so dass Susann sie mit der Frage konfrontierte: „Was hat Monsieur Hofman schon wieder erzählt, dass ihr euch hier so lange aufhalten?“

Rosalia sah etwas betreten drein.

„Monsieur Hofman macht sich Sorgen, wie du weißt.“

„Ja, aber damit habt ihr beide doch nichts zu schaffen“, erwiderte Susann.

„Nicht böse sein, aber wir passen auf dich auf“, erfuhr die junge Frau.

„Ihr passt auf mich auf? Verlangt er das etwa von euch?“, fing sie sich an, aufzuregen.

„Nein, nein, wir haben es selbst vorgeschlagen“, beeilte sich die ältere Frau zu sagen, und Martin nickte zustimmend.

„Aber das geht doch nicht. Ihr habt doch bestimmt bei euch selbst genug zu tun. Da könnt ihr doch nicht auf mich aufpassen wie auf ein kleines Kind.“ Deutlich vernahm das Ehepaar ihre Missbilligung für ihr Tun.

Andererseits verstand Susann die beiden. Sie hatten hier einen Job, der gut bezahlt wurde. Und Jonas legte nun noch etwas mehr drauf. Noch etwas mehr, denn schon einmal wurde das Gehalt der beiden erhöht. Aber das allein bewog das Ehepaar nicht dazu, auf sie achtgeben zu wollen. Susann war für sie wie eine Tochter, die sie in ihre Herzen geschlossen hatten.

„Das geht schon“, winkte Rosalia ab.

„Hm“, Susann sah beide nachdenklich an. „Was hat Jonas euch erzählt?“

Rosalia und Martin sahen sich fast erschrocken an.

„Nun – irgendetwas muss er ja erzählt haben. Raus damit!“, verlangte sie.

Weil die beiden noch schwiegen, konfrontierte Susann sie mit ihrer Vermutung: „Er hat euch von dem Telefonat mit meinem Onkel berichtet.“

Stumm nickten beide. Susann stöhnte leise auf. „Na toll!“

Rosalia wollte was dazu sagen, doch Susann winkte ab.

„Ist schon gut. Ich verstehe euch ja. Trotzdem kann sich Jonas was anhören, wenn er morgen hier erscheint.“

Das war für das Ehepaar das Stichwort. Als jeder von ihnen in einen andere Richtung gehen wollte, hielt Susann sie noch zurück und sagte: „Danke!“

Beide nickten lächelnd und machten sich an ihre Arbeit.

Im Laufe des Vormittags des nächsten Tages traf Jonas mit seiner Frau Linda ein. Martin hatte sie vom Flughafen abgeholt.

Es wurde ein angenehmes und abwechslungsreiches Wochenende. Rosalia bekochte Susann und ihre Gäste, die für ihre Kochkünste hoch gelobt wurde.

Jonas meinte: „Nach schon zwei Wochen würde ich wohl mindestens zehn Kilo zu viel mit mir herumtragen, so gut schmeckt es mir, Rosalia.“

Die lachte dazu nur, und Linda stöhnte theatralisch: „Mir würden schon nach einer Woche keine Kleider mehr passen.“

Abends saßen sie auf der Terrasse und tranken Wein. Es war wieder Ruhe eingekehrt, denn am Freitagnachmittag waren die Handwerker von dem Nachbargrundstück abgezogen. Am Montag sollte es dann wohl weitergehen, nahm Susann an. Was sie nicht wusste, auch im Haus wurde gearbeitet, sogar den ganzen Samstag.

Natürlich vergaß Susann nicht, Jonas darauf anzusprechen, dass Rosalia und Martin nun fast rund um die Uhr hier waren. Doch Jonas ließ sich da nicht aus der Reserve locken.

„Du lehnst ja den Bodyguard ab“, hielt er überlegen lächelnd dagegen.

Susann schwieg nun lieber, denn das Thema wollte sie an diesem schönen Abend nicht weiter erörtern, zumal es – wie sie wusste – nichts bringen würde. Trotz des Arguments, das ihr auf der Zunge lag, dass das Ehepaar nichts ausrichten könnte, falls sie in die Gewalt eines Killers kommen sollte. Dann würden sie vielleicht auch noch in Gefahr geraten.

Als sich Linda und Jonas am Montagmittag von Susann verabschiedeten, umarmte Linda die junge Frau, was sie zuvor nie getan hatte. Etwas verwundert ließ Susann das zu, denn sie flüsterte ihr ins Ohr: „Ich kann dich gut verstehen. Ich weiß nicht, ob ich in deiner Situation immer jemanden in meiner Nähe haben möchte. Ich denke, dass man sich dann nicht mehr so frei fühlt. Vielleicht kann ein erfahrener Bodyguard dich beschützen, aber eher würde es wohl Jonas beruhigen. Entscheiden musst du – für dich!“

Susann hörte Trotz dieser Worte Sorge in ihrer Stimme und nickte leicht.

„Ich werde noch einmal darüber nachdenken“, murmelte Susann.

„Mach das!“, sagte Linda und drückte ihre Hand, als wollte sie so ihr Mitgefühl ausdrücken.

Jonas hingegen tat so, als hätte er von dem kurzen Zwiegespräch nichts mitbekommen. Auch er umarmte Susann – was sich aber ganz anders für sie anfühlte - und wünschte ihr noch etwas Ruhe und Erholung. Jedoch holte er sich noch die Zusage, dass Susann sich melden soll, falls sie etwas Ungewöhnliches bemerken sollte.

Dann fuhr Martin Linda und Jonas zum Flughafen.

Am Strand wurde wieder gearbeitet, wie Susann schon am Morgen festgestellt hatte. Sie ging auf die Terrasse und schaute hinüber. Sie sah Andros de Mácon, wie er mit einem der Handwerker redete. Dabei zeigte er zum Strand hinunter und machte eine Bewegung in ihre Richtung. Als er Susann entdeckte, wurde daraus ein Winken.

Was sollte das eben werden?, fragte sie sich und winkte nun selbst, jedoch etwas verhaltener. Was erklärt der gerade dem Mann, was in dieser Richtung liegt? Würde mich ja mal interessieren.

Das beschäftigte sie am nächsten Tag immer noch. Auch war sie neugierig geworden, wie weit man schon mit der Treppe zum Strand gekommen war.

Also begab sie sich zum Strand hinunter und ging langsam in die Richtung. Als sie näher kam, stellte sie erstaunt fest, dass dort keine sichere Treppe geschaffen wird, sondern ein Lift. In den wenigen Tagen waren die Handwerker schon gut vorangekommen.

„Na, was sagen Sie? Ein Lift ist doch sicherer und effektiver als eine Treppe“, hörte sie jemanden hinter sich sagen. Erschrocken zuckte sie zusammen.

„Wo kommen Sie denn auf einmal her?“, fragte sie ihn nicht gerade freundlich, als sie sich zu ihm umdrehte.

„Oh, Entschuldigung, ich wollte Sie nicht erschrecken“, sagte er. „Ich lasse mich dort am Seil herunter, denn anders gelange ich nicht hierher. Schließlich will ich sehen, wie es mit den Arbeiten vorangeht.“

„Was? Da hinten, da klettern Sie herunter?“, fragte Susann ungläubig. Sie kannte die Stelle. Die war von hier nicht zu sehen, da sie sich hinter einem Vorsprung befand. Da ging es ziemlich steil ab.

„So schlimm ist das nicht“, meinte er lachend.

„Sie müssen es ja wissen“, entgegnete sie und schaute wieder zu den Arbeitern. „Wozu soll die Kabelei sein, die da seitlich ist?“ Sie zeigte ihm, was sie meinte.

„Da werden zu jeder Seite des Lifts Strahler angebracht.“

„Wie bitte? Wollen Sie etwa nachts den Strand zum Tag machen?“, entrüstete sich Susann, denn sie liebte es, im Dunkeln auf der Terrasse zu sitzen und in den Sternenhimmel zu schauen. Vor dem Tod ihrer Eltern war sie sogar zum Strand hinuntergegangen, hatte sich in den warmen Sand gesetzt und dem Rauschen der Wellen gelauscht.

Andros de Mácon musste schmunzeln, denn er hatte geahnt, dass sie so reagieren würde. Er konnte es sogar nachvollziehen und klärte sie nun dazu auf: „Keine Sorge! Die werden nicht die ganze Nacht brennen, sondern nur, wenn es notwendig ist.“

„Und worin wird diese Notwendigkeit bestehen?“, hinterfragte sie seine Aussage mit einer Spur von Sarkasmus. „Etwa, wenn Sie nachts schlafwandeln? Zu ihrer Information: Schlafwandler benötigen kein Licht.“

„Sie können ja richtig witzig sein“, meinte er lachend. „Aber jetzt im Ernst – die Strahler werden über einen Schalter betätigt. Es sei denn, es wird ein Alarm ausgelöst, dann ist aber nicht nur der Strand erhellt.“

„Verstehe, das Ganze dient also der Sicherheit. Aber ein ziemlich großer Aufwand, auch den Strand mit einzubeziehen“, äußerte sie ihre Überlegung laut.

„Eigentlich nicht. Es wird nur das eine mit dem anderen verbunden, denn der Lift braucht auch Energie“, widersprach er ihr.

Auch in diesem Punkt musste sie ihm zustimmen. Es war eigentlich doch eine gut durchdachte Sache.

Während sie sich unterhielten, versäumte es Susann nicht, ihn genauer zu betrachten. An diesem Tag trug er eine helle Leinenhose und ein passendes Hemd, das er nur halb zugeknöpft hatte. So konnte sie wieder feststellen, dass er – zumindest - einen durchtrainierter Oberkörper hat. Und – dass es nicht nur dieser Fakt war, der sie ansprach und ihren Puls beschleunigen ließ.

Auffallend aber waren für sie seine graublauen Augen, die sie selbst interessiert musterten - was ihr natürlich nicht entging. Es schien ihm wohl zu gefallen, was er da vor sich sah, denn Susann trug nur ein eng anliegendes, kurzes Sommerkleid, das ihre Vorzüge voll zu Geltung brachte.

Wenn er lachte, zeigten sich an den Augen ein paar Lachfältchen und an den Wangen kleine Grübchen. Seine Augenfarbe stand jedoch im Kontrast zu seiner Haarfarbe und zu seiner von der Sonne braungebrannten Haut, so dass sich ihr unwillkürlich wieder der Gedanke aufdrängte, dass er unnachgiebig und wohl auch ziemlich rücksichtslos in bestimmten Situationen sein würde. Als Firmenchef musste er das auch sein, wie sie selber wusste. Verhandlungen waren nicht immer nur ein Zuckerschlecken. Da ging es so manches Mal hart zu.

„Wie lange werden Sie noch die Handwerker hier haben?“, fragte sie ihn nun.

„Ich denke, höchstens noch zwei Tage. Es war manchmal doch etwas laut, nehme ich an.“

Susann zuckte mit der Schulter und meinte: „Manchmal, aber das ist eben so. Kann ja sein, dass es bei mir auch mal lauter wird.“ Dann entschied sie sich, wieder zurückzugehen und sagte es ihm.

Andros de Mácon sah ihr nachdenklich hinterher. So eine wunderschöne junge Frau, einsam und traurig. Gern würde ich … Doch er verbot sich, weiter in diese Richtung zu denken. Und trotzdem erschien vor seinem inneren Auge immer wieder ihr Gesicht.



12

Als Susann wieder das Strandhaus betrat, hörte sie das Telefon klingeln. Vielleicht ist es Rosalia, dachte sie und nahm das Gespräch an. Doch es meldete sich niemand. Dafür hörte sie nur, wie jemand schwer atmete.

„Hallo, wer ist da?“, fragte sie ärgerlich.

Keine Antwort, nur das Atmen war zu hören. Und dann klickte es. Der Anrufer hatte aufgelegt.

Susann starrte verstört auf das Telefon in ihrer Hand. Langsam legte sie es auf den Tisch zurück.

„Telefonterror? Der ist verrückt. Der ist ja total übergeschnappt“, murmelte sie aufgebracht.

Aber dann dachte sie, dass sich da einer verwählt haben könnte oder etwas mit der Verbindung nicht stimmte. Sie verschwendete daran keinen Gedanken mehr, denn nun wollte sie ein paar Bahnen im Pool schwimmen.

Als Susann aus dem Pool kletterte, sah sie, wie Rosalia die Terrasse betrat. Susann nahm das Badetuch und trocknete sich nur flüchtig ab. Dann legte sie sich auf die Sonnenliege.

„Möchtest du etwas trinken?“, fragte Rosalia.

„Rosalia, ich kann mir doch selbst was holen“, antwortete Susann, denn sie fand es nicht richtig, dass sie sie bedienen wollte.

„Ja, ich weiß, dass du das kannst“, entgegnete Rosalia und lachte dazu.

Susann seufzte und sagte dann: „Okay, dann bring mir irgendwas“, verlangte jedoch: „aber nur, wenn du dich zu mir setzt und wir beide zusammen etwas trinken.“

Rosalia lachte vor sich hin, als sie zurück ins Haus ging. Mit einem vollem Tablett kam sie zurück, das sie auf dem Tisch abstellte.

Susann machte große Augen, als sie sah, was die Fee des Hauses ihr und sich selbst servierte: Frisch gebrühten Kaffee, Milch in einem Kännchen und – Gateau Berbelle – ein traumhafter schokoladiger Schokoladenkuchen! Schon beim Anblick lief ihr das Wasser im Mund zusammen.

„Oh, Rosalia! Du hast wieder gebacken – und dann auch noch diesen herrlichen Kuchen. Und du weißt ganz genau, dass ich dem nicht widerstehen kann. Der muss bis zum letzten Krümel vernichtet werden“, schwärmte Susann.

Rosalia lachte in sich hinein, denn sie kannte ganz genau die Schwächen und Vorlieben, was das Essen anbelangte, ihrer jetzigen Arbeitgeberin.

Etwas Wehmut kam bei ihr auf, als sie an die Eltern der jungen Frau dachte. Auch die schwärmten für diesen Kuchen, obwohl die Ehefrau jedes Mal gestöhnt hatte, sie müsse dafür danach eine ganze Woche Diät halten.

Rosalia schnitt den Kuchen an, legte Susann eins der Stücke auf den Teller und reichte ihn ihr mit der Kuchengabel. Sich selbst gönnte sie sich auch ein Stück. Nachdem sie auch den Kaffee in die Tassen gefüllt hatte, setzte sie sich. Beide aßen schweigend. Rosalia beobachtete Susann aus den Augenwinkeln und freute sich zu sehen, wie die mit gutem Appetit aß und dabei schwärmerisch seufzte: „Mmm…, lecker! Himmlisch!“

„Was macht Martin?“, fragte Susann, als sie sich selbst mit einem zweiten Kuchenstück bediente.

„Der repariert die Tür von unserem Schuppen. Ein Scharnier war ausgebrochen. Er kommt heute Abend aber her und sieht nach dem Rechten“, antwortete Rosalia.

Susann nickte leicht. Sie wusste, dass die ältere Frau sich erst dann auf den Heimweg machen würde, wenn ihr Mann hier auftauchte. Sie glaubte für sich zu wissen, dass das Ehepaar nun für ihre eigenen Arbeiten am, im und um ihre eigenes Haus viel weniger Zeit hatte, weil sie sich jetzt laufend hier bei ihr aufhielten, obwohl für sie die meiste Zeit hier nichts zu tun gab. Gut, sie bekamen mehr Geld, aber das konnte nicht dafür sorgen, dass die Arbeiten bei ihnen erledigt wurden. Susann überlegte, Rosalia darauf anzusprechen und ihr zu versichern, dass sie nicht ständig hier sein müssten. Aber ein Blick auf die Frau sagte ihr, dass es zwecklos wäre. Die beiden würden sich nicht überzeugen lassen.

„Eine Falte zwischen den Brauen in einem so hübschen Gesicht - das bedeutet, dass du über etwas nachgrübelst“, meinte Rosalia mit einem verschmitzten Lächeln.

„Du hast ein scharfes Auge. Aber ist nicht so wichtig, Rosalia. Es würde sich sowieso nichts ändern“, erwiderte Susann. „Aber mal was anderes. Wusstest du davon, dass Andros de Mácon sich einen Lift zum Strand bauen lässt? Und dann noch eine Laterne, die den Strand mit ausleuchtet?“

„Nein, woher sollte ich das erfahren haben?“, antwortete sie. „Und woher weißt du davon?“

„Ich habe mir das angesehen. Da kam de Mácon dazu und erklärte mir einiges dazu.“

„Oh, Susann, du warst drüben - bei ihm?“, fragte Rosalia erstaunt.

„Nein, ich bin unten am Strand gewesen.“

„Am Strand? Wie ist der denn darunter gekommen?“

„Du wirst es bestimmt nicht glauben, aber er ist an einem Seil heruntergeklettert. Als ich mir angesehen habe, was die Arbeiter dort gemacht haben, stand er plötzlich hinter mir“, berichtete Susann. „Außerdem hat es mich schon interessiert, wie lange dort noch gearbeitet wird.“

„Also habt ihr euch beide unterhalten“, resultierte Rosalia daraus.

„Ja, aber nicht lange. Ich bin dann auch gleich wieder gegangen.“

„Warum?“

„Warum?“ Susann sah Rosalia verständnislos an. „Ich habe erfahren, was ich wissen wollte. Ich wollte kein Kaffeekränzchen mit ihm halten.“

Rosalia kicherte leise in sich hinein.

„Hättest du denn seine Einladung angenommen, wenn er dich gebeten hätte?“

Susann dachte einen Moment darüber nach und antwortete dann: „Ich denke, eher nicht.“

„Und warum nicht?“

„Er hat die Handwerker auch im Haus. Da sieht‘s bestimmt nicht gerade wohnlich aus. Also – warum sollte er mich einladen?“

„Na, das kommt bestimmt noch“, meinte Rosalia.

„Ach, Unsinn! Dazu wird es nicht kommen“, meinte Susann, winkte ab und griff nach ihrer Tasse, um ihren Kaffee zu trinken.

„Na ja, bei uns ist das so. Nachbarn laden Nachbarn ein. So zollt man ihnen Respekt und ...“, erklärte Rosalia ihr und mit einem Unterton, „… pflegt ein gutes Verhältnis zu ihnen.“

„Tja, er ist Franzose. Gilt das auch für ihn?“, wollte Susann mit einem spöttischen Lächeln wissen, denn sie glaubte nicht, das sich de Mácon für Derartiges interessierte. „Und warum betonst du denn das Pflegen von einem guten Verhältnis so?“

Rosalia lachte auf.

„Na, ein gutes Verhältnis unter Nachbarn kann nur vom Vorteil sein. Gerade hier. Könnte doch sein, dass du mal seine Hilfe brauchen.“

Susann musterte die ältere Frau. Was denkt sie sich bloß?, fragte sie sich, sagte dann aber: „Dazu wird es hoffentlich nicht kommen.“

Rosalia blickte sie nun ziemlich ernst an, sah dann aber weg. Sie fand, dass Susann alles noch zu leicht nahm.



13

Drei Tage später läutete am Nachmittag die Türglocke. Rosalia blickte auf den Bildschirm, um zu sehen, wer das war. Erstaunt stellte sie fest, dass Andros de Mácon am Tor stand.

„Hallo, was wünschen Sie, Monsieur de Mácon?“, fragte sie ihn über die Sprechanlage.

„Guten Tag! Ich möchte zu Madame Susann Sanders. Wäre das möglich?“

Rosalia schmunzelte und dachte: Ich hab‘s doch gesagt. Nun steht er da und will sie einladen. Hat vielleicht auch schon ein Auge auf unsere hübsche Susann geworfen.

„Kommen Sie! Madame Susann befindet sich auf der Terrasse. Ich melde Sie an“, ließ sie ihn wissen und drückte den Knopf, womit sich das Tor öffnen ließ. Dann eilte sie zu Susann.

„Er ist gleich hier“, sagte sie mit einem verschmitzten Lächeln.

Susann blinzelte sie verständnislos an.

„Wer ist gleich hier?“

„Monsieur de Mácon.“

„Woher weißt du das? Hat er dich etwa angerufen?“, fragte Susann und streckte sich. Sie glaubte, dass Rosalia gerade scherzte.

Rosalia verdrehte amüsiert ihre Augen und meinte dann nur: „Willst du ihn so empfangen? Ich habe ihm gesagt, dass du dich auf der Terrasse befindest.“

Plötzlich kam Leben in Susann. Sie sprang auf.

„Was? Er ist schon hier?“ Gehetzt sah sie sich um. „Ich kann ihn doch nicht so empfangen!“ Sie sah an sich herunter, denn sie trug nur ihren knappen Bikini, der mehr zeigte, als verdeckte.

„Dein Anblick wird ihm gewiss gefallen“, neckte Rosalia die junge Frau. Dafür erntete sie einen missbilligen Blick von ihr, was die Ältere mit einem leisen Lachen abtat. „Geh hinein und zieh dir schnell etwas über! Ich werde ihn hier auf dich warten lassen“, sagte sie dann.

Schnell lief Susann ins Haus in ihr Zimmer und suchte sich aus dem Schrank ein Sommerkleid. Das zog sie sich einfach über den Bikini an, denn sie wollte ihren Gast nicht unnötig lange warten lassen. Ein Blick in den Spiegel ließ ihre Stirn runzeln.

„Oh Gott! Meine Haare!“, stöhnte sie und flitzte ins Bad. Eilig brachte sie sie mit einer Haarbürste in Ordnung. Noch ein Blick in den Spiegel – ja, so konnte sie sich sehen lassen.

Was er wohl von ihr wollte, fragte sie sich. Na, sie würde es ja gleich erfahren.

Susann begab sich nun zu ihrem Gast. Sie fand ihn, wie erwartet, auf der Terrasse. Als sie diese betrat, erhob de Mácon sich sofort.

„Guten Tag, Madame Sanders. Danke, dass Sie mich empfangen.“

Sie reichte ihm mit einem Lächeln die Hand, auf die er einen Kuss hauchte.

Wow, das ist ja alte Schule, dachte sie erstaunt und amüsiert zugleich.

„Was verschafft mit die Ehre Ihres Besuches?“, fragte sie ihn und deutete auf den Stuhl, damit er sich wieder setzte. Bevor er jedoch antworten konnte, war Rosalia zur Stelle.

„Kann ich Ihnen und dir eine Erfrischung bringen? Oder lieber Kaffee?“

„Eine Erfrischung für mich wäre nicht schlecht, Rosalia“, antwortete Susann ihr und sah dann den Mácon fragend an.

„Ich schließe mich dem an. Ich möchte auch nicht lange Ihre Zeit stehlen“, meinte er.

Rosalia verschwand in die Küche, um das Gewünschte zu holen. Nun kam de Mácon dazu, Susanns Frage zu beantworten.

„Tja, die Arbeiten an, um und in meinem Haus sind abgeschlossen“, teilte er ihr mit.

„Das habe ich mir schon gedacht, denn es war von Ihrer Seite nichts mehr zu hören“, meinte Susann. „Aber sind Sie nur aus diesem Grund gekommen, um mir das mitzuteilen?“

„Nein, natürlich nicht“, sagte er mit einem Lächeln, das ihn wieder sehr anziehend auf sie wirken ließ. „Ich möchte Sie zu mir zu einem gemeinsamen Essen einladen, und ich würde mich sehr freuen, wenn sie ,Ja‘ sagen.“

Susann sah ihn nun doch etwas überrascht an. Das hatte sie nicht erwartet.

In diesem Moment kam Rosalia mit den Getränken, so dass sie erst einmal der Antwort enthoben wurde.

Als Rosalia den beiden einschenkte, sah sie Susann schmunzelnd an und zwinkerte ihr zu.

Aha, wir haben gelauscht, dachte die junge Frau mit einem Vorwurf im Blick.

„Danke, Rosalia“, sagte sie in einem Ton, der der Haushälterin signalisierte, dass ihre Arbeitgeberin ihr nichts nachtrug. Rosalia hatte es ihr ja vorausgesagt, und nun sah Susann in Augen, die leisen Triumph ausdrückten: Ich hab‘s dir doch gesagt!

Rosalia ging mit einem Schmunzeln wieder hinein. Sie war sich sicher, dass Susann die Einladung annehmen wird.

„Und – werden Sie meine Einladung annehmen?“, fragte de Mácon auch schon und sah sie abwartend an.

Susann griff nach ihrem Glas und trank einen Schluck von dem leicht fruchtigen und kühlen Getränk.

„Zu wann möchten Sie mich einladen?“

„Wie wäre es mit morgen Abend?“

Susann nickte. „In Ordnung.“

„Wunderbar!“, sagte er erfreut. „Dann werde ich Sie um 17 Uhr abholen.“

Susann lachte auf.

„Also ehrlich – ich kenne den Weg. Und so weit ist es nun wirklich nicht.“

„Stimmt. Ich hole Sie trotzdem ab“, bestimmte er, „denn ich möchte, dass sie heil ankommen.“ Als er das sagte, sah er sie mit einem hintergründigen Lächeln an. Susann war klar, dass er darauf anspielte, wie sie beim Joggen gestolpert war. Schon wollte sie ihn zurechtweisen, doch er wehrte mit beiden Händen ab und lachte leise, wurde dann aber ernst.

„Bitte, lassen Sie mich Sie abholen!“ Nun sah er sie so eindringlich an, dass Susann nicht mehr widersprechen konnte und zustimmend nickte.

Was hat dieser Kerl nur an sich, dass ich dem so einfach nachgebe?, fragte sie sich, über sich selbst wundernd. Aber sie musste sich auch eingestehen, dass sie neugierig war und sich über seine Einladung freute.

„Sie haben es auch sehr schön hier“, meinte er dann, auch um zu vermeiden, dass sie es sich vielleicht doch noch anders überlegte.

„Danke. Ja, ich bin gern hier.“ Susanns Blick verlor sich über das Meer, als sie weiterredete. „Nur ... manchmal fühle ich mich einsam ...“

Andros de Mácon folgte ihren Blick. Er verstand gut, was sie meinte, doch er schwieg dazu. Mit seinen Worten hätte er ihr auch keinen Trost schenken können.

„Na ja“, gab sie mit einem Seufzer von sich, „wenn ich in ein paar Wochen nach Hause fahre, werde ich mich über Langeweile nicht mehr beklagen können. Da gibt es immer genug zutun.“

Mit einem verschmitzten Lächeln fragte er: „Nanu, putzen Sie denn den ganzen Tag? Dann müssen Sie aber ein großes Haus haben.“

Seine Bemerkung entlockte ihr leises Lachen.

„Nein, nein, ich meine die Arbeit in der Firma.“

„Firma?“, fragte er interessiert, und Susann nannte nur kurz den Firmennamen.

„Ach ja, ich erinnere mich“, kommentierte er ihre Antwort. Dann trank er sein Glas leer und erhob sich.

„Ich möchte mich nun verabschieden. Wir sehen uns dann morgen.“

Auch Susann erhob sich. Er reichte ihr die Hand zum Abschied, die sie ergriff. Die angenehme Wärme seiner Hand jagte kribbelnd auf ihrer Haut entlang, was sie kurz, aber kaum merklich zusammenzucken ließ.

„Ja, bis morgen“, murmelte sie und dachte: Hoffentlich hat der das nicht mitbekommen!

Andros de Mácon hatte es mitbekommen und schmunzelte in sich hinein. Er fand die junge Frau hinreißend und war bereits mit Meilenschritten dabei, sein Vorhaben, ihr nicht zu nahe zu kommen, nicht in die Tat umzusetzen. In den letzten Tagen und Stunden hatte er oft an sie denken müssen.

Er träumte davon, ihr blondes Haar zu berühren und stellte sich vor, wie seidig sie waren. Ihre sonnengebräunte Haut zu streicheln, und fragte sich, wie sie sich wohl anfühlte. Faszinierend fand er ihre blauen Augen, in denen sich goldene Sprenkeln zeigten, was ihnen manchmal einen grüner Schimmer verlieh. Außerdem wurden sie umrahmt von dichten, langen und sehr seidig wirkenden Wimpern. Sie war der Typ Frau, nach dem sich die Männer umdrehten. De Mácon fand es verwunderlich, dass an Susann Seite noch kein Mann war.

Ob ihre Eltern sie zu sehr behütet hatten?, überlegte er, als er sich auf dem Rückweg zu seinem Anwesen befand. Oder ist sie etwa eins dieser Mädchen, die nur auf den Einen warten?

Er würde es schon noch erfahren. Jedenfalls trug er sich nicht mit der Absicht, sie sofort in sein Schlafzimmer zu bekommen. Das war sowieso nicht seine Art. Er hatte auch seine Prinzipien.



14

Pünktlich um 17 Uhr holte Andros de Mácon Susann mit seinem Wagen ab. Rosalia und Martin beobachteten heimlich, wie er sie zu seinem Auto führte.

„Das wird sie ablenken“, meinte Martin.

„Ja, und er wird gut auf sie aufpassen“, ergänzte Rosalia.

Als Susann vor seinem schwarzen Wagen stand, konnte sie sich die spöttische Bemerkung nicht verkneifen: „Haben Sie es sich anders überlegt? Essen wir in der Stadt?“

„Nein, wir fahren zu mir.“

Susann verkniff sich den weiteren Kommentar. Sie wollte nicht unhöflich sein. Außerdem war sie neugierig, wie es wohl bei ihm aussehen würde.

Andros de Mácon öffnete ihr die Beifahrertür, und sie stieg ein. Ein kurzer Blick genügte ihr, dass sein Fahrzeug eine Sonderausstattung war.

Ziemlich viel Technik, dachte sie. Wozu soll das alles gut sein? Der steht wohl auf diese Dinge.

Er hatte sich ebenfalls in den Wagen gesetzt und fuhr los. Da es ja nur eine geringe Entfernung war, hielt er auch schon vor seinem Sommerhaus.

Susann stellte fest, als sie ausstieg und sich umsah, dass sich zu dieser Seite kaum etwas geändert hatte. Sie erkannte aber, dass die Haustür und die Beleuchtung neu waren.

Ihr Gastgeber öffnete die Tür und ließ sie eintreten. Er führte sie sogleich durch einen Teil des Hauses und erklärte ihr, was er hat ändern und erneuern lassen. Susann staunte nicht schlecht. In nur kurzer Zeit hatte das Innere des Hauses eine Renovierung und Modernisierung erfahren. Die Wände hatten einen hellen und freundlichen Anstrich bekommen. Im Kontrast dazu standen moderne dunkle Möbel.

Nach dieser kleinen Besichtigung gingen sie auf die Terrasse.

„Wir essen später drinnen. Jetzt möchte ich Ihnen den Außenbereich zum Strand zeigen. Für diesen haben Sie sich doch besonders interessiert“, sagte er.

„Das stimmt. Ich bin wirklich neugierig auf das, was Sie hier haben machen lassen“, bestätigte sie seine Vermutung.

„Doch vorher trinken wir noch etwas“, entgegnete er.

Sie stellte sich an das erneuerte Geländer und schaute auf das Meer, während er Getränke für sie beide holte. Er prostete ihr zu und sagte: „Auf einen schönen Abend!“ Susann nickte zustimmend, denn sie hoffte auch darauf, dass es unterhaltsam wird.

Es war ein leichter Aperitif, der sich nicht sofort ins Blut spülte und anfing, die Sinne zu berauschen. Das gefiel ihr.

Als sie die Gläser geleert hatten, nahm er ihr ihres ab und stellte sie auf dem Tisch ab. Dann fasste er Susann leicht unter den Ellenbogen und lenkte sie so zu dem Fahrstuhl, der zum Strand hinunter führte. Susann empfand seine Berührung als angenehm und ließ es geschehen. Ein wohliger Schauer zog sich durch ihren Körper, worüber sie sich wunderte. Warum ist mir das nie bei anderen Männern passiert, fragte sie sich. Während sie den Lift betraten, erklärte er ihr mit wenigen Worten, wie er zu bedienen ist. Es war simpel, wie Susann fand. Andros de Mácon verschwieg ihr dazu jedoch einige Details. Sie musste und sollte nicht wissen, dass man den Fahrstuhl auch über einen Computer steuern konnte und dass dieser und das Gelände mit sensiblen Videokameras ausgestattet worden waren.

Langsam fuhr der gläserne Lift mit ihnen hinunter. Nach einem Knopfdruck öffnete sich die Tür, und sie traten hinaus ins Freie.

„Und – was sagen Sie“, fragte er nach ihrer Meinung.

Susann neigte den Kopf etwas zur Seite und tat, als würde sie überlegen müssen, was sie ihm antworten wollte. Irgendwie fand sie diesen Aufwand schon etwas übertrieben. Andererseits war das etwas für die Zukunft. Irgendwann wäre der Weg nach unten und auch umgekehrt beschwerlich. Da war ein Lift schon vom Vorteil. Und wenn sie bedachte, dass es hier noch etwas steiler zuging als ihr Zugang zum Strand ...

„Hm, ja, die Idee mit dem Lift ist gut gelungen. Ich glaube, Sie haben da auch an spätere Zeiten gedacht. Ich meine, wir werden alle älter ...“

Über ihre Antwort musste Andros de Mácon schmunzeln. Das war nun wirklich nicht sein Hauptgedanke gewesen, als er den Plan für das Haus und den Zugang zum Strand entworfen hatte. Im Vordergrund stand hauptsächlich die Sicherheit.

Aber er gab ihr recht. Es war etwas für spätere Zeiten – wie sie sich ausgedrückt hatte – geschaffen worden.

„Na ja, irgendwie auch praktisch. So kann man auch mehrere oder auch schwere Dinge transportieren“, redete sie weiter, denn sie sah natürlich auch die Vorteile, die so ein Lift mit sich brachte.

„Was meinen Sie mit schweren Dingen?“, fragte er, denn er konnte sich gerade nicht vorstellen, was sie damit meinte.

„Die ganzen Utensilien, die man zum Tauchen benötigt, nur als Beispiel ...“, antwortete sie.

„Taucherausrüstungen? Bedeutet das, dass Sie tauchen gehen?“ Er war über diese Information sichtlich überrascht.

„Ja.“

„Allein?“ Nun bildete sich missbilligend eine steile Falte zwischen seinen Brauen. „Das ist doch viel zu gefährlich.“

Susann schüttelte den Kopf.

„Seit dem Unglück, das meinen Eltern widerfahren ist … seit …“, sie atmete tief ein, denn es fiel ihr immer noch schwer, darüber zu sprechen. „Ich bin seit dem nicht mehr ins Meer gegangen. Nicht zum Baden und auch nicht um zu tauchen.“

„Verstehe!“, murmelte er. „Aber könnten Sie sich vorstellen, es wieder irgendwann einmal zu versuchen?“

„Sicher. Die Unterwasserwelt ist faszinierend. Die vielen bunten Fische, die farbigen Korallen … Es ist eine eigene Welt“, schwärmte sie, woran er merkte, dass ihr das fehlte.

„Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Wenn Sie möchten, dann begleite ich Sie bei dem nächsten Tauchgang.“

„Ich glaube, ich bin noch nicht bereit dazu“, entgegnete Susann zögernd.

„Wenn Sie soweit sind, dann ... Aber ich denke, dass wir wieder nach oben sollten. Ihre Schuhe sind auch etwas unpassend für den Strand“, meinte er lachend.

Susann schaute an sich hinunter und drehte ihren rechten Fuß mit dem hochhackigen Pumps hin und her.

„Ja, nach ein paar Schritten wäre der Absatz wohl hin“, wusste sie, und das musste nicht sein, denn sie war der Ansicht, dass man dann das Geld zum Fenster hinausgeworfen hätte, denn die Pumps waren nicht gerade billig gewesen.

Andros de Mácon ließ sie in den Lift treten, wobei sein Augen über ihren Körper wanderten. Wunderschön, dachte er bewundernd. Diese langen schlanken Beine … Diese Frau hat alles, was ich mir wünsche und begehre. Und doch … Er führte diesen Gedanken nicht zu Ende, denn er focht wieder einen inneren Kampf und maßregelte sich dafür.

Warte ab, wie sich alles entwickelt! Wenn sie nicht an dich interessiert ist und nur aus Höflichkeit deine Einladung angenommen hat, dann hat sich das Thema Susann sowieso für dich erledigt. Das war etwas, was er aber nicht glauben wollte.

Susann überlegte unterdessen, ob er wohl die Absicht hatte, selbst zu kochen. Und wenn, wann wollte er sich dann in die Küche stellen? Irgendwie konnte sie sich ihn vor dem Herd nicht vorstellen, was sie versteckt schmunzeln ließ. Na, sie würde es ja bald erfahren.

Als sie wieder oben auf der Terrasse ankamen, führte er sie in das Wohnzimmer, das zugleich - auf der einen Seite an den Panoramafenstern gelegen - eine Essecke besaß. Susann entdeckte, dass der Tisch nun gedeckt war. Wie sie angenehm feststellte, war dieser festlich und sehr ansprechend ausgestattet mit einer cremefarbene Decke, burgunderfarbenen Servietten, weißem Geschirr und Kristallgläsern - alles für zwei Personen.

„Sind hier die Heinzelmännchen am Werk?“, fragte sie lachend, um ihre Überraschung zu überspielen. Doch er war ein guter Beobachter. Ihr erstaunter Blick war ihm nicht entgangen.

„Haben Sie angenommen, dass ich kochen werde?“, fragte er und schmunzelte dabei.

„Also, gefragt hatte ich mich das schon, aber so richtig vorstellen – nein, das konnte ich mir nicht“, antwortete sie ehrlich.

„In der Tat habe ich Heinzelmännchen – wie Sie es nennen - beauftragt, uns beide zu bewirten. Ich hoffe, dass ich die richtige Wahl getroffen habe und ich Sie nicht enttäuscht und hungrig nach Hause bringen muss. Mein Ruf als Gastgeber wäre dann wohl dahin.“

Susann bemerkte, dass er zum Spaßen aufgelegt war und ging selbst darauf ein.

„Ach, so schlimm wird es schon nicht werden. Oder gibt es Käfer und Heuschrecken als Hauptgericht? Dann muss ich passen.“

„Nicht als Hauptgericht – als Vorspeise!“, meine er mit einem ernsten Gesichtsausdruck.

Etwas verunsichert blickte sie ihn prüfend an und lachte dann leise auf. Seine Augen verrieten ihn, denn die sahen sie belustigt an.

„Die kann ich ja auslassen. Ober besser - Sie bekommen auch meine Portion. Wäre doch schade, es verkommen zu lassen. Und falls ich bei Ihnen doch nicht satt geworden bin, nun ja, in Ihrem Kühlschrank wird ja wohl keine hoffnungslose Gähne herrschen. Oder?“

„Für ein ordentliches Picknick wird es reichen“, grinste er.

„Dann ist der Abend ja gerettet“, sagte sie – und das mit einem erleichtern Aufatmen.

„Super“, rief er lachend aus, „dann brauche ich mir – hoffentlich - keine Vorwürfe machen, wenn die Gerichte nicht nach Ihrem Geschmack sind. Okay, dieses Problem wäre also geklärt. Schreiten wir zur Tat! Darf ich bitten?!“ Er deutete zu dem gedeckten Tisch und zog den Stuhl für sie zurück, damit sie sich setzen konnte.

Kaum hatten beide Platz genommen, erschien ein junger Mann, der wie ein Ober gekleidet war. Er zündete die Kerzen an und goss dann Wein in die kristallenen Gläser. Danach verschwand er wieder, um ein paar Minuten später wieder aufzutauchen. Diesmal servierte er eine Hummersuppe, die beide schweigend zu sich nahmen. Susann fand das Vorgericht ausgesprochen lecker und sagte es auch: „Die Suppe war sehr gut. Ich kann es mir nun nicht mehr vorstellen, dass Käfer und anderes Getier serviert werden“, meinte sie mit einen spitzbübischen Gesichtsausdruck und nippte an dem Weinkelch.

„Wer weiß, wer weiß ...“, gab er mit einem Schmunzeln von sich.

Man räumte das Suppengeschirr ab, während er mit ihr zu plaudern begann. Dabei achtete er sehr darauf, nicht über den Grund ihres Aufenthalts im Strandhaus zu reden. Wenn, dann sollte Susann selbst das Gespräch darauf bringen. So erfuhr er aber doch so einiges über sie. Wenn sie nicht gerade so eingebunden in der Firma war, dann malte sie ab und zu, oder las ein interessantes Buch. Wichtig war ihr auch das morgendliche Joggen. Und natürlich das regelmäßige Schwimmen und ab und zu auch mal das Tauchen.

Susann fiel natürlich auf, dass er ziemlich geschickt Informationen über sie einholte. Doch das störte sie nicht weiter, bis auf den Punkt, dass sie noch nichts über ihn erfahren hatte – außer das, was sie über ihn schon wusste. Sie fragte ihn aber direkt: „Warum haben Sie sich dieses Anwesen gekauft? Sie sind doch allein hier?“

„Allein? Sie sind doch bei mir“, meinte er lächelnd. Aber Susann sah ihn strafend an.

„Tja, es hat sich angeboten, dieses Haus zu erwerben“, antwortete er dann. „Der Preis stimmte. Er lag deutlich unter dem Wert. Da habe ich nicht lange überlegen müssen, denn es ist hier wirklich ein schönes Fleckchen Erde.“ Das damit auch ein lukrativer Auftrag zusammenhing und er dadurch mit Hilfe des Klienten den Zuschlag für den Erwerb bekommen hatte, das verschwieg er ihr, denn er war sich sicher, dass dann der Abend gelaufen war und sie nichts mehr von ihm wissen wollte. Das Ganze war aber auch ein verzwickte Angelegenheit!

„Ja, es ist wirklich sehr schön hier. Meine Eltern waren sofort begeistert, als sie einen Ausflug in diese Gegend gemacht hatten. Da stand dieses Haus, das Sie nun besitzen, schon. Mein Vater hatte dann gleich alles in die Wege geleitet und das Grundstück erworben, um dort das Gebäude errichten zu lassen. Da war ich noch ganz klein, als das geschah“, erinnerte sie sich. „Dass meine Eltern ein Unternehmen leiteten, das ist Ihnen bestimmt bekannt. Nun liegt dieses in Jonas Hofmans und meinen Händen.“

„Aber die Firma gehört doch Ihnen – oder?“ War er etwa falsch informiert?

„Ja, das ist richtig. Aber Jonas besitzt Anteile. Er war nicht nur der beste Freund meines Vaters, er war und ist mir selbst mehr Onkel und Freund, als der Bruder von meinem Vater es je war“, erklärte sie ihm, wobei die letzten Worte Härte in ihrer Stimme mitschwingen ließen.

Mittlerweile hatten sie auch den Nachtisch verspeist, der ihnen serviert worden war. Susann hatte alles sehr gut geschmeckt, worüber sie sich auch lobend äußerte.

Auch hatten sie den Platz gewechselt. Jetzt saßen sie mit ihren gefüllten Gläsern sich in den Sesseln gegenüber.

„Sie scheinen auf Ihren Onkel nicht gut zu sprechen“, bemerkte Andros.

Susann gab einen nicht ganz damenhaften Ton von sich, der tiefe Verachtung ausdrückte und sagte: „Das ist ein ganz schlechter Mensch, der nur auf sein eigenes Wohl bedacht ist. Und dazu ist ihm jedes Mittel recht.“

„Hm, liege ich da richtig: Er möchte etwas von dem haben, was Ihr Unternehmen abwirft?“, vermutete de Mácon.

„Er will Geld, viel Geld. Doch er bekommt nicht einen Cent. Meine Eltern haben es so verfügt. Ihr Wille ist auch meiner“, sagte sie hart.

„Und das passt ihm wohl nicht, dass er leer ausgeht?“, vermutete er.

„So ist es. Aber lassen wir das! Ich möchte darüber nicht weiter reden“, gab Susann ihm zu verstehen und griff nach dem Glas, das mittlerweile von dem jungen Ober nachgefüllt und er und der Koch dann von de Mácon entlassen worden war.

Andros de Mácon war etwas enttäuscht, dass er über sie und ihr Problem nicht mehr von ihr erfuhr. Zu gern hätte er erfahren, wie sie sich zu dem Ganzen verhielt und weiter verhalten wollte.

„Was machen Sie eigentlich beruflich?“, fragte sie plötzlich und lenkte ihn somit von ihrer Person und ihrem Problem ,Onkel Thomas‘ weg.

„Oh, ich …“, er fühlte sich gerade etwas überrumpelt mit ihrer Frage. „Ja, ich besitze auch ein Unternehmen. Aber nicht in der Kosmetikbranche wie Sie. Meine Firma beschäftigt sich mit der Computertechnik und Elektronik.“

„Ein kleines oder größeres Unternehmen?“

„Ich würde sagen, es ist schon ein größeres, denn mittlerweile beschäftige ich über einhundert Leute. Neben Entwicklung und Forschung geht es auch um den Verkauf und um die Realisierung von Aufträgen.“

„Wow!“, entglitt es ihr staunend, denn das hatte sie irgendwie nicht erwartet. „Aber warum sind Sie denn jetzt hier und leiten nicht Ihr Unternehmen?“

„Jeder braucht mal Abstand, Madame Sanders. Und ich habe auch einen sehr guten Freund, der mich im Büro vertritt. Wichtiges besprechen wir, wenn es notwendig ist, auch über Videofunk. Verschlüsselt, versteht sich“, erklärte er ihr.

„Verschlüsselt?“ Interessiert horchte Susann auf. „Könnte ich das auch – ich meine, mich mit Jonas verständigen, wenn es wichtig für die Firma ist?“

„Natürlich“, versicherte er ihr. „Mit den richtigen Geräten ist das kein Problem.“

Susann dachte kurz nach. Gehört hatte sie schon davon. Über Facetime hatte sie ja bereits mit ihren Eltern gesprochen. Aber das war immer privat. Aber mit einer gesonderten Verschlüsselung – das hörte sich für sie interessant an.

„Könnten Sie das … würden Sie so etwas auch für uns einrichten?“ Susann dachte sofort an den Vorteil, dass sie dann mit Jonas auch über Themen diskutieren und beraten könnte, die sie beide sonst nur im Büro besprachen. Sie konnte sich gut vorstellen, dass das auch Jonas gefallen würde, was aber auch bedeuten könnte, dass er sie drängen würde, dass sie noch länger im Strandhaus blieb, denn man hatte ja Thomas noch nicht ausfindig machen können.

„Ich werde mich morgen gleich mit Jonas darüber unterhalten. Er wird das garantiert begrüßen“, sagte sie dann.

„Geben Sie mir Bescheid, wenn Sie sich entschieden haben! Ich mache Ihnen dann gern ein Angebot.“

„Dauert es lange, so etwas einzurichten?“

„Nein, nicht mal einen Tag“, ließ er sie wissen und erklärte ihr kurz das Wichtigste dazu. Susann hörte sich seine Erklärung mit großem Interesse an, denn sie wollte Jonas überzeugen, dass das von Vorteil für sie und die Firma sei.

Danach unterhielten sie sich angeregt über ihre Freizeitaktivitäten. Susann – wie auch er – stellte fest, dass sie sich in einigen Dingen glichen. So planten sie, sich morgens zum gemeinsamen Joggen zu treffen. Zum Tauchen konnte sie sich noch nicht entschließen, aber er konnte sich gedulden.

Es war schon spät – kurz vor Mitternacht - als de Mácon Susann nach Hause brachte. Kurz bevor sie aus seinem Wagen stieg, sagte sie: „Es war ein sehr schöner Abend. Danke!“

„Für mich auch. Es wäre schön, wenn es nicht bei diesem einen bliebe“, entgegnete er ernst.

Susann nickte zustimmend. „Ja, aber das nächste Mal bei mir.“

„Einverstanden! Dann bis morgen. Bleibt es bei sieben Uhr?“

„Morgen?“ Susann sah ihn fragend an, denn sie hatten sich doch für den darauffolgenden Tag verabredet. Andros lachte leise auf.

„Ja, morgen. Der neue Tag ist bereits zehn Minuten alt.“

„Oh, stimmt“, sagte sie, als sie auf ihre Armbanduhr schaute. „Dann bis morgen.“

Er stieg aus und öffnete für Susann die Beifahrertür. Er schaute ihr noch so lange hinterher, bis sie ins Haus gegangen war. Erst dann fuhr er das kurze Stück wieder zu sich zurück, und das mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht.



15

Als Susann, die diesmal später als sonst aufgestanden war, mit einem fröhlichen „Guten Morgen“ in die Küche kam, drehte sich Rosalia gleich zu ihr um.

„Auch dir einen ,Guten Morgen‘, Susann“, begrüßte sie die junge Frau und schmunzelte. „Es scheint, dass es ein schöner Abend für dich war.“

Susann setzte sich an den Tisch und sagte: „Och, ich denke, ihm hat‘s auch gefallen.“

Nun sah Rosalia sie mit einer Falte zwischen den Brauen an.

„Du hast doch nicht etwa …“, fragte sie tadelnd.

Doch Susann unterbrach sie und schüttelte den Kopf: „Aber Rosalia, was denkst du denn?“

„Na ja, heutzutage … die jungen Leute lassen sich keine Zeit mehr“, meinte die Haushälterin entschuldigend.

„Ach, Rosalia, bitte - ich bin nicht so. Das weißt du doch“, versicherte Susann ihr. „Und wenn ich von dir jetzt einen Kaffee bekomme, dann erzähle ich dir von gestern Abend.“

Die Haushälterin grinste und beeilte sich, ihr den Kaffee zu servieren, setzte sich dann zu ihr, und sah Susann nun erwartungsvoll an. Und die konnte nicht anders – sie musste lachen. Doch dann erzählte sie der älteren Frau, wie sie den Abend mit Andros de Mácon verbracht hatte. Als sie fertig war, fragte Rosalia: „Du wirst nun jeden Morgen mit ihm laufen?“

Susann nickte.

„Und du hast ihn zu dir eingeladen?“, fragte sie weiter – beinahe ungläubig.

„Ja. Ist das denn schlimm?“, schmunzelte Susann, denn sie amüsierte sich über Rosalia, die das wohl noch nicht so recht glauben konnte.

Doch da setzte sich die Haushälterin kerzengerade hin und bekam einen triumphierenden Ausdruck im Gesicht.

„Ha, ich hab es dir ja gesagt: Nachbarn laden Nachbarn ein. So zollt man ihnen Respekt und ...“

„… pflegt ein gutes Verhältnis zu ihnen“, ergänzte Susann lachend.

„Genau“, bestätigte es Rosalia.

Etwas später rief Susann Jonas an und schlug ihm die Sache mit dem verschlüsselten Videokontakt vor. Jonas hörte sich das in aller Ruhe an. Als sie fertig war – und das schon nach wenigen Sätzen – fragte er: „Und wer hat dir diesen Floh ins Ohr gesetzt?“

„Mein neuer Nachbar, Andros de Mácon. Er leitet doch eine Firma, die sich mit Computertechnik und Elektronik befasst. Er würde uns ein Angebot machen. Und auf Grund meines unfreiwilligen Aufenthaltes wäre das doch von Vorteil für uns beide, wenn es um wichtige Dinge unseres Unternehmens geht. Was meinst du? Soll er uns ein Angebot machen?“

Jonas Hofman lachte in sich hinein. Unser Mädchen scheint sich mit dem ,Nachbarn‘ angefreundet zu haben. Dann wollen wir ihr mal den Gefallen tun, dachte er. Na ja, ihm natürlich auch!

„Das hört sich nicht schlecht an. Gut – Monsieur de Mácon soll sich mit mir in Verbindung setzen. Gibt es sonst noch etwas Ungewöhnliches?“

„Nein. Vielleicht gibt er endlich Ruhe“, meinte sie, wovon sie aber selbst nicht richtig überzeugt war.

„Das glaube ich nicht“, kam dann auch schon von Jonas. Dann besprachen sie noch ein paar Dinge, die die Firma betrafen und die Jonas wichtig erschienen, um sie mit ihr zu bereden.

Als sie das Gespräch beendet hatten, überlegte Susann, ob sie Andros – wie sie ihn im Stillen nannte – jetzt gleich anrufen sollte oder lieber bis morgen warten sollte. Mit diesen Gedanken kam sie in die Küche, wo Rosalia das Essen für den Mittag vorbereitete.

Da hörte sie Rosalia sagen: „Sag ihm Bescheid! Was du heute kannst besorgen, verschiebe nicht auf morgen.“

„He, hast du etwa gelauscht?!“ Susann drohte ihr lachend mit erhobenen Zeigefinger.

„Ich? Nein, das würde ich nie tun. Du hast die Tür zum Büro offengelassen und dann auch noch sehr enthusiastisch und laut über diese Sache mit dem Video gesprochen“, gab ihr Rosalia grinsend zu verstehen. Susann seufzte.

„Okay, dann werd ich mal unseren Nachbarn anrufen. Ähm ... kann ich ja gar nicht. Ich hab ja keine Nummer von ihm.“

„Doch, hast du!“, sagte Rosalia, griff in die Tasche ihrer Schürze und hielt ihr einen kleinen Zettel hin. Susann nahm ihr den ab und sah sie fragend an.

„Den hat er mir gegeben, als er hier war, um dich einzuladen“, verriet sie ihr.

„So, so“, kommentierte Susann das eben Gehörte mit einem Schmunzeln. „Wie umsichtig von ihm.“

Als Susann nun ins Büro ging, schloss sie vorsorglich die Tür. Rosalia verhält sich so schon komisch genug, seit der de Mácon drüben eingezogen ist. Wer weiß, was da so in ihrem Kopf umherschwirrt. Ich bekomme immer mehr das Gefühl, als würde sie denken, der wäre der richtige Mann für mich. Wie absurd!, dachte Susann, während sie die Nummer eintippte und auf die Wähltaste drückte. Kaum hatte es zweimal geklingelt, das meldete er sich auch schon: „Bonjour, hier De Mácon.“

„Hallo, hier Susann Sanders! Ich wollte Sie informieren, dass mein Geschäftspartner ebenfalls interessiert ist. Er wünscht, dass Sie sich mit ihm in Verbindung setzen, um Details zu klären“, teilte sie ihm mit.

Das ging aber schnell, dachte er schmunzelt, sagte aber: „Das freut mich. Ich werde mich dann heute noch bei ihm melden. Haben Sie eine Telefonnummer für mich?“ Obwohl er diese bereits in seinem elektronischen Telefonbuch gespeichert hatte, ließ er sie sich trotzdem von ihr geben. Er wollte ihr keine Nahrung für weitere Überlegungen hinsichtlich seiner Person und der Verbindung zu Jonas Hofman geben. Susann gab ihm die gewünschte Nummer und sagte dann lachend: „Dann bis morgen um sieben Uhr. Verschlafen Sie nicht, sonst begegnen Sie mich, wenn ich schon auf dem Rückweg bin!“

„Ich werde pünktlich vor Ihrer Einfahrt stehen und auf Sie warten. Bis dann!“

Susann grinste, als sie auf die Aus-Taste drückte.

„Wir werden ja sehen“, murmelte sie.

In der Nachts schlief sie sehr unruhig, denn wieder hatte sie jemand angerufen – und das gleich dreimal. Und wieder war nur das schwere Atmen zu hören gewesen. Beim dritten Anruf war sie so wütend geworden, dass sie den vermeintlichen Anrufer angeschrien hatte: „Onkel Thomas! Du bist so ein blödes Arschloch! Kannst aber ruhig weitermachen. Mich kriegst du nicht klein. Keinen Cent! Hörst du – nicht einen Cent!“ Prompt hatte der andere aufgelegt. Hinterher hatte sie sich geärgert, dass sie sich hatte gehenlassen. Sie hätte einfach auflegen sollen. Nicht, dass der jetzt denkt, dass ich allmählich die Nerven verliere, war es ihr durch den Kopf gegangen.

So war sie mehrmals in der Nacht wachgeworden, weil sie wirres Zeug geträumt hatte, wo immer wieder ihr Onkel aufgetaucht war und Geld von ihr verlangte.

Am nächsten Morgen war sie dann schon wach, bevor der Wecker Alarm schlug. Dadurch begab sie sich früher zum Tor und staunte, dass dort Andros de Mácon bereits auf und ab lief.

„Guten Morgen!“, rief sie ihm zu. „Haben Sie etwa auch schlecht geschlafen?“

Er grüßte mit einem fröhlichen Lachen zurück und antwortete: „Nein, ich habe gut geschlafen. Kann man den Grund erfahren, was Ihren Schlaf gestört hat?“

„Ach, ich hatte da wieder ein paar Anrufe ...“, sagte sie und winkte ab.

„Ärger in der Firma?“

„Nein, es hat mit meinem Onkel zu tun. Aber - wir sollten nun endlich loslaufen“, erinnerte sie ihn an den Grund ihrer morgendlichen Verabredung.

Schweigend liefen sie nun nebeneinander. Als sie bei dem kleinen Plateau ankamen, pausierten sie für einige Minuten. Die nutzte Andros, um ihr mitzuteilen, dass er mit Jonas Hofman gesprochen hatte und dass sein Freund sich in zwei Tagen sich mit ihm treffen wird, um weitere Einzelheiten zu besprechen.

„Sie müssten mir nur den Raum bei sich zeigen, wo ich das einrichten soll“, endete er.

Susann reagierte nun doch überrascht, denn sie hatte nicht erwartet, dass sich das Ganze so schnell entwickeln würde.

„Oh ... ja ... sagen Sie es mir, wann Sie Zeit haben. Ich werde mich gern nach Ihnen richten.“

„Wie wäre es mit heute Nachmittag?“, schlug er vor.

„Ich werde da sein“, sagte sie, lachte und lief wieder los.

Kopfschüttelnd mit einem Schmunzeln sah er ihr nach.

„Was ist? Wollen Sie da Wurzeln schlagen?“, rief sie ihm zu, als sie sich umdrehte und nun auf der Stelle lief.

Da setzte er sich ebenfalls in Bewegung und war auch schon wieder neben ihr.

Am Nachmittag kam Andros, wie abgesprochen, zu ihr rüber. Susann zeigte ihm das kleines Büro. Er machte sich ein paar Notizen. Er stellte fest, dass er hier nicht viel zutun haben würde. Susann besaß bereits das Neuste vom Neusten. Nun musste ihm sein Freund nur noch mitteilen, wie es in der Firma von Susann aussah. Dann konnte er mit der Planung beginnen und ihr das Angebot vorlegen. Das wollte er auf alle Fälle tun, auch wenn er mündlich den Auftrag für die Installation bereits bekommen hatte. Er fand das nur fair.

Susann lud Andros noch zum Kaffee ein. Rosalia hatte am Vormittag sofort einen Kuchen gebacken, als sie davon erfuhr.

Angeregt unterhielten sich die beiden jungen Leute auf der Terrasse. Die Zeit verging wie im Flug, und so kam es, dass Andros auch noch zum Abendessen blieb und mit Susann den Sonnenuntergang bei einem Glas Wein beobachtete.

Eigentlich beobachtete er mehr Susann, natürlich immer dann, wenn sie zum Horizont blickte. Ihr entging das jedoch nicht. Sie spürte seinen Blick brennend auf sich. Aber sie ließ es geschehen, denn es war ein angenehmes und belebendes Gefühl, das sie so zuvor noch nie erlebt hatte. Und dann fragte sie sich, ob es sie stören würde, wenn er sie in seine Arme nahm und sie küsste. Heiß durchflutete es sie, als sie im gleichen Moment zu dem Schluss kam, dass sie es sich wünschte und sich danach sehnte. Leise seufzend schlug sie die Augen nieder, als sie sich von dem schönen Naturschauspiel abwandte. Sie wollte nicht, dass er vielleicht erkannte, welche Gefühle gerade in ihr tobten. Doch als sie ihre Augen wieder öffnete, schaute sie direkt in seine graublauen Augen, die sie intensiv ansahen und selbst einen sehnsüchtigen Ausdruck angenommen hatten, wie es ihr schien.

Andros konnte nicht anders. Er nahm ihr wortlos das Weinglas ab und stellte es mit seinem auf den Rand des Geländers. Dann zog er Susann zu sich heran und küsste sie.

Oh – es schlug ein wie ein Blitz. Es fühlte sich so gut an. Eine angenehme Hitze breitete sich in ihr aus. Ihre Arme hoben sich wie von selbst an und umschlangen ihn. Dabei erwiderte sie seinen Kuss, was ihn ermutigte, sie noch enger an seinen Körper zu drücken.

Susann war schon geküsst worden, doch sie hatte nie das bei Brian empfunden, was sie jetzt empfand. Zu mehr war es damals auch nicht gekommen, denn sie hatte herausgefunden, dass er sich noch mit anderen Mädchen traf. So war sie zu dem festen Entschluss gekommen, dass ihr erst der Richtige über den Weg laufen musste. Erst diesen Mann würde sie küssen.

Und das schien jetzt wohl Andros de Mácon zu sein.

„Ich hoffe, dass ich nicht zu stürmisch war ...“, fragend sah er sie mit einem schiefen Lächeln an.

Susann errötete.

„Nein, ist schon in Ordnung. Es … es war schön“, sagte sie leise.

Er nickte nur und küsste sie erneut. Doch dann verabschiedete er sich von ihr. Es war besser so …

Susann war zuerst etwas enttäuscht, doch schnell sah sie ein, dass er richtig handelte. Wer weiß, was sonst an diesem Abend noch passiert wäre.



16

Zwei Tage später bekam Andros den Anruf von seinem Freund. Er berichtete kurz, was es in der Firma von Susann zu tun gab. Auch dort würde der Arbeitsaufwand nicht sehr hoch sein. In der Mail, die er Andros zugeschickt hatte, war alles Wichtige notiert.

Andros macht sich sofort an die Arbeit und schickte das Angebot an Jonas Hofman und Susann.

Kurz darauf kam die Antwort von Jonas Hofman, dass man mit der Installation beginnen könnte, wenn Susann sich auch damit einverstanden erklärt.

Susann entschied sich, ihm ihr Einverständnis persönlich mitzuteilen und dass er mit dem, was er dafür tun musste, loslegen konnte. So machte sie sich am Nachmittag auf den Weg zu ihm.

Andros sah sie bereits auf seinem Monitor und öffnete ihr, noch bevor sie klingeln konnte.

„Sag mal, stehst du etwa am Fenster und beobachtest Ankömmlinge?“, fragte sie lachend.

„Manchmal …, besonders dann, wenn junge hübsche Damen zu mir wollen“, scherzte er.

„Wow, interessant! Darf man erfahren, wie viele es denn so an einem Tag sind?“, stieg sie mit ein.

„Also, ich muss zugeben, dass es sehr wenige sind. Genau genommen bist du die erste junge und wunderschöne Frau, die vor meiner Haustür steht“, grinste er.

Susann lachte auf.

„Aha! Aber ist doch langweilig, die ganze Zeit darauf zu warten. Und enttäuschend zugleich, wenn niemand vorbeikommt.“

„Wie wahr“, seufzte er, doch seine Augen lachten sie an.

„Lässt du mich nun rein oder wollen wir uns jetzt hier weiter unterhalten?“, fragte sie schmunzelnd.

Andros trat beiseite und ließ ihr den Vortritt. Kaum hatte sie das Haus betreten, zog er Susann zu sich heran und küsste sie. Wieder durchflutete sie ein elektrisierendes Gefühl und weckte den Wunsch in ihr nach mehr, als sie so eng an ihn gedrängt stand und seinen Kuss voller Hingabe erwiderte. Andererseits hielt ihr Verstand sie noch zurück, der sagte: Es ist noch zu früh!

Da es sonnig und angenehm warm war, setzten sie sich auf die Terrasse. Andros holte noch eine Erfrischung und Gläser. Nach circa zwei Stunden verabschiedete sich Susann von ihm – wieder mit einem nun schon fast verzehrenden Kuss.

Wie schon in den letzten Tagen gingen beide gemeinsam am frühen Morgen joggen.

Und - Susann hatte bereits mit Jonas die Technik des Telefonierens mit Video nach Eingabe eines Passwortes ausprobiert und war begeistert. Dazu hatte Andros ihr einen größeren Bildschirm angeschlossen, der jetzt ihre Wand im Büro zierte.

Nachdem Susann sich nach einem ihrer gemeinsamen Läufe geduscht, angezogen und gefrühstückt hatte, fuhr sie in die Stadt. Sie hatte sich von Rosalia alles aufschreiben lassen, was sie an Lebensmitteln und anderen Dingen benötigte. Selbst wollte sie dort wieder in ihrem Lieblingsrestaurant einkehren und erst am späten Nachmittag zurückfahren, nachdem sie die Besorgungen erledigt hat.

Schon, als sie das Grundstück verließ, sah sie sich aufmerksam um. Auch während der Fahrt, schaute sie laufend in den Rückspiegel. Erleichtert kam sie in der Stadt an, denn ihr schien niemand gefolgt zu sein. Mit dieser Gewissheit, die sie beruhigte, wollte sie den Tag genießen, was ihr auch sehr gut gelang.

Als Susann am Nachmittag alles das besorgt hatte, was Rosalia ihr aufgeschrieben hatte, machte sie sich auf den Heimweg. Auch diesmal schaute sie immer wieder in den Rückspiegel und stellte erschrocken fest, dass ein schwarzer Wagen – noch weit entfernt – hinter ihr zu sehen war. Automatisch trat sie auf das Gaspedal, um zu beschleunigen. In der Kurve bremste sie etwas ab, gab aber gleich wieder Gas, als sie auf gerader Strecke war. Doch bei der nächsten Kurve bekam sie das Gefühl, als würde die Bremse nicht mehr richtig funktionieren. Panik kroch langsam in ihr hoch, die sie noch kurz unterdrücken konnte. Und das nur für ein paar Sekunden, denn nach der Kurve neigte sich die Straße, und die nächste Kurve war nicht weit. Der Wagen beschleunigte das Tempo von selbst auf Grund der Neigung. Susann trat immer wieder auf die Bremse, doch die reagierte nicht mehr.

Susann hielt vor Angst den Atem an. Ihr ganzer Körper versteifte sich. Kalter Schweiß brach aus ihren Poren. Ihre Finger krallten sich um das Lenkrad, so dass die Knöchel weiß hervortraten. Susann war klar, dass sie das nicht heil überstehen konnte. Aber trotzdem hatte sie nur noch einen Gedanken: Ich muss das schaffen! Ich will nicht sterben!

Die nächste Kurve bewältigte sie gerade so. Gefährlich nahe war sie dem Straßenrand gekommen, der an der Klippe grenzte. Und da ging es steil hinab ins Meer.

Eine neue Kurve war schon in Sicht, und der Wagen beschleunigte sich weiter. Stur sah sie geradeaus und hoffte, dass sie auch diese schaffte. Ihre Hoffnung bestand darin, dass dahinter die Straße eine Steigung hatte, so dass sie dann wieder langsamer wurde.

Plötzlich sah sie aus dem Augenwinkel, dass ein schwarzer Wagen sich seitlich an sie vorbeischob.

„Oh Gott! Nein!“, flüsterte sie angsterfüllt, denn ihr war sofort der Gedanke durch ihren Kopf gefegt, dass in dem Wagen ihr Mörder saß und nun dafür sorgen würde, dass sein Plan auch aufging und sie die Klippe herunterstürzte.

Der schwarze schwere Wagen schob sich an Susanns vorbei und fuhr nun genau vor ihr. Sie sah, dass er abbremste.

„Was hat der denn vor?“, murmelte sie verstört mit zitternder Stimme.

Da stieß sie auch schon an sein Heck. Es gab einen gewaltigen Ruck, der sie hart im Sicherheitsgurt hielt. Da sie ein erhebliches Tempo drauf hatte, quietschten die Reifen, besonders die von dem Wagen, der vor ihrem war. Susann war so geschockt von der Situation, dass sie überhaupt nicht in der Lage war, darüber nachzudenken, wer ihr Retter sein könnte.

Auf eine Ausbuchtung hinter einer Kurve hielt der vordere Wagen zu, denn mittlerweile hatte er Susann soweit ausgebremst, dass sie dort gefahrlos halten konnten.

Völlig fertig sackte sie mit geschlossenen Augen auf dem Sitz zusammen. Sie war nicht mal mehr in der Lage, den Wagen auszuschalten.

Als jemand die Fahrertür öffnete, zuckte Susann zusammen. Gedanken wirrten wie Blitze durch ihren Kopf: Was will er noch von mir? Will er jetzt sein Werk vollenden? Aber warum hat er denn den Wagen gestoppt? Oder ist es jemand, der mich wirklich retten wollte? …

Ängstlich blickte sie zu dem Mann auf, der sie besorgt anschaute.

„Susann, alles in Ordnung?“

„Andros ...“ Verstört, aber dann überrascht sah sie ihn an. „Du ...?“

Irgendwie begriff sie gerade nicht, wie er hierher gekommen war, schaffte keine Verbindung von dem Retter zu ihm hin. Er bemerkte schnell, dass sie völlig neben sich stand.

„Komm, ich fahr dich nach Hause!“, sagte er sanft zu ihr und half ihr, aus dem Auto zu steigen. Kaum stand sie auf ihren Beinen, sackte sie auch schon zusammen. Geistesgegenwärtig fing er Susann auf und trug sie zu seinem Wagen. Dort legte er sie behutsam auf die Rückbank. Danach holte er ihren Einkauf und verstaute diesen bei sich im Kofferraum.

Andros wollte Susann erst einmal nach Hause bringen. Erst danach würde er sich um ihren Wagen kümmern.



17

Erschrocken schlug Rosalia ihre Hände vor ihr Gesicht, denn sie nahm an, dass ihr Schützling verletzt sei, als Andros Susann aus dem Wagen hob und sie ins Haus trug. Susann zitterte am ganzen Körper und fühlte sich außerstande, selbst zu gehen. Zielsicher steuerte Andros auf das Schlafzimmer zu und legte Susann auf das Bett. Um die ältere Frau, die vor dem Zimmer wartete, zu beruhigen, berichtete er kurz, was geschehen war und dass Susann jetzt Ruhe brauchte. Sein Bericht beruhigte Rosalia keinesfalls, sondern regte sie noch mehr auf.

„Oh, du lieber Himmel! Sie hätte sterben können ...“, rief sie aufgewühlt aus. Tränen liefen ihr über das Gesicht.

„Ja, das hätte sie. Aber es ist ja noch einmal gut gegangen. Ich kam noch rechtzeitig dazu, um das Unglück zu verhindern“, sagte er grimmig.

„Unglück?“, brauste Rosalia auf. „Ich wette, dass da Absicht hinter steckte. Susann sollte heute sterben. Und Sie, Monsieur de Mácon, wissen genau, wer dahinter steckt.“

„Ja, das weiß ich. Aber wo ist er? Wo hält er sich versteckt? Ich bin mir sogar fast sicher, dass es noch mindestens einen Komplizen gibt. Und ich werde mich auch um diese Personen kümmern“, grollte er. „Ich muss jetzt noch einmal los, um gewisse Dinge ins Rollen zu bringen. Danach komme ich wieder her, denn wir haben einiges zu besprechen.“

Rosalia nickte stumm und ging dann zu Susann.

Als Andros das Haus verließ, sah er Martin an seinem Wagen stehen, der sich kopfschüttelnd das ramponierte Heck besah. Das konnte nur eine Werkstatt wieder richten. Schnell luden sie den Einkauf aus.

„Ich komme mit Ihnen“, sagte Martin und sah Andros auffordernd an. Der nickte zustimmend.

Bevor sie zu Susanns Wagen fuhren, brachte Andros seinen zu sich und tauschte ihn gegen seinen zweiten, etwas kleineren aus. Unterwegs erklärte er Martin, was er vorhatte. Der hörte sich alles stumm an und nickte zustimmend.

Nach über zwei Stunden waren sie wieder zurück und saßen gemeinsam mit Rosalia und Susann im Wohnzimmer. Susann ging es besser. Sie hatte sich einigermaßen von dem Schock erholt, sah aber noch sehr blass aus.

Aber bevor Andros dazu kam, etwas zu sagen, fing Susann an, Fragen zu stellen, die ihr schon durch den Kopf gingen, als sie noch im Schlafzimmer gelegen hatte.

„Danke, Andros, dass du mich gerettet hast. Ich glaube, die nächste Kurve hätte ich nicht mehr geschafft. - Aber ich denke, du bist mir auch eine Erklärung schuldig. Wieso warst du so plötzlich hinter mir?“

Er sah sie einen Moment ernst an, überlegte, was er ihr nun sagen sollte. Ausreden oder die Wahrheit? Er entschied sich für die Wahrheit und gab sich einen Ruck, in der Hoffnung, dass sie ihn danach nicht aus dem Haus schmiss und von ihm verlangte, nicht mehr in ihrer Nähe aufzutauchen.

„Ich passe auf dich auf!“, sagte er.

„Wie bitte? Wie … wie soll ich das verstehen?“ Mit einem fragenden Blick sah sie zu Rosalia und Martin. Doch die hielten ihre Köpfe gesenkt. „Hm, ihr beide seit eingeweiht - nehme ich an“, schlussfolgerte sie ziemlich verärgert aus dem Verhalten der beiden. „Also, ich warte. Wie kommst du dazu, auf mich aufzupassen?“, fragte sie in einem gefährlichen Ton.

„Ich wurde dazu beauftragt.“

„Beauftragt?! Du wurdest beauftragt?! Von wem?“ Kaum hatte sie diese Frage gestellt, kannte sie auch schon die Antwort. „Jonas!“, zischte sie. „Wie konnte er nur … gegen meinen ausdrücklichen Willen ...“

„Susann, jeder von uns ist auf deine Sicherheit bedacht. Und du musst doch zugeben - wie du heute es auf eine sehr harte Art erfahren musstest, ist das notwendig. Jemand, den du kennst, will dir schaden“, erinnerte Andros sie an das Geschehen.

„Ja, ich jedoch nicht glauben können, dass er so weit gehen würde“, entgegnete sie,sah ihn jedoch weiter verärgert an. „Ich verstehe nur nicht, warum du mir nicht gesagt hast, dass du hier den Bodyguard spielen sollst“, warf sie ihm vor.

„Hättest du das denn, wenn ich es dir gesagt hätte, akzeptiert?“ Ein leiser Vorwurf klang wegen ihrer Frage in seiner Stimme mit, denn Jonas Hofman hatte ihm erklärt, Susann nichts von seiner eigentlichen Aufgabe zu erzählen, weil er ihn ohne ihr Wissen beauftragte.

„Nein, hätte ich nicht“, gab sie widerwillig zu.

„Und ich verrate dir auch noch, dass nur vier Personen sind eingeweiht: Jonas Hofman, Rosalia, Martin und meine Person.“

„Hm“, murmelte sie, denn sie dachte bei sich, dass das so schon seine Gründe hätte, wollte aber noch etwas von ihm erfahren. „Dann nehme ich mal an, dass du das Grundstück mit dem Strandhaus nicht gekauft hast, sondern Jonas, damit das Theaterstück auch authentisch auf mich wirkt.“

„Theaterstück?“ Andros sah sie mit einem enttäuschten Blick an, denn er hatte ihre Anspielung sofort richtig gedeutet. Susann glaubte nun, dass er, um seinen Auftrag voll und ganz zu erfüllen, nicht nur ihre Nähe, sondern auch ihre Zuneigung gesucht hatte. Dass seine Küsse nur dem Auftrag dienlich waren. „Ich muss dir in allem widersprechen. Das Grundstück habe ich erworben. Wenn du darauf bestehst, zeige ich dir den Kaufvertrag“, erklärte er ihr. „Der Zufall hatte da wohl seine Hand im Spiel. So bin ich in deinem Fall in der Lage, die Arbeit mit dem Schönen zu verbinden.“

Susann sah die Betroffenheit in seinen Augen und spürte, dass sie echt war. Doch sie wollte in Gegenwart von Rosalia und Martin das nicht weiter erörtern. Also stellte sie ihm weiter ihre Fragen.

„Hm, du sagtest, dass du eine Computerfirma leitest - wie kommt es dann, dass Jonas dich als Bodyguard anheuert?“

„Ich hatte es dir schon gesagt, dass meine Firma ELCOM heißt. Nur einen kleinen Rest habe ich dir unterschlagen. Nämlich ,und Detektei‘. Wir beraten, planen und bauen alles ein, was mit Sicherheitstechnik und Sicherheitsanlagen zu tun hat. Außerdem untersteht mir eine Detektei mit fünf gut ausgebildeten Detektiven, die auch ab und zu den Job eines Bodyguards übernehmen.“

„So wie du seit ein paar Wochen.“

„Richtig! Ja, und falls du dich fragst, wie Jonas gerade auf mich gekommen ist: Jonas und mein verstorbener Vater waren befreundet.“

Susann atmete tief ein. Sie nahm sich vor, mit Jonas ein ernstes Wörtchen zu reden. Aber eigentlich müsste sie ihm dankbar sein, denn hätte er Andros de Mácon nicht angeheuert, dann wäre sie jetzt gewiss auf dem Grund des Meeres und tot. Sie fragte sich aber, wenn er mehrere Detektive beschäftigt, warum er nicht einen von denen geschickt hatte. Warum also gerade er?

Andros unterbrach ihren Gedankenzug und sprach nun ganz sachlich mit ihr: „Deinen Wagen haben wir erst einmal zu einer Werkstatt bringen lassen. Jemand hat sich an deinen Bremsen zu schaffen gemacht, die Bremsleitung war angeschnitten. Und ich denke, du wirst bald einen Anruf bekommen. Ich möchte, dass du Folgendes tust ...“ Er erklärte ihr nun, was er von ihr erwartete und was sein Plan war. „Wenn diese Sache Erfolg haben soll, ist eines noch ganz wichtig. Jonas Hofman darf davon nichts erfahren.“

„Warum denn nicht? Ich vertraue ihm voll und ganz“, meinte Susann verständnislos, die sich alles genau angehört hatte. Sie verstand auch den Sinn und Zweck seines Planes, aber er beunruhigte sie.

„Das ist völlig in Ordnung. Aber versteh bitte - umso weniger Leute eingeweiht sind, umso besser. Umso schneller haben wir Erfolg und können deinen Onkel dingfest machen. Bitte, Susann, ich habe meine Gründe.“ Eindringlich sah er sie an.

„Okay, ich verstehe zwar nicht, warum, aber ich werde keinem etwas sagen. Ich hoffe nur, dass dein Plan aufgeht“, meinte sie skeptisch – und sie fühlte sich nicht wohl in ihrer Haut. Oh Gott, worauf lasse ich mich da nur ein, stöhnte sie im Stillen. Wenn das mal gutgeht!



18

Andros hatte mit seiner Vermutung richtig gelegen. Der Onkel rief Susann wirklich an.

Als das Telefon klingelte, zuckte sie heftig zusammen und starrte den Hörer an, als wäre er ein Gegenstand, den man lieber nicht berühren sollte. Andros, der immer noch bei ihr weilte, nickte ihr auffordernd zu.

„Lass dich bitte nicht aus dem Konzept bringen – und wenn es dich noch so kitzelt, ihm deine Meinung zu sagen!“

Susann stöhnte: „Wird nicht einfach. Wenn ich könnte, wie ich wollte ...“ Dann schnappte sie sich den Hörer und drückte die grüne Taste.

„Sanders, Sie wünschen?“, meldete sie sich noch mit fester Stimme.

Zuerst meldete sich niemand, aber es war wieder das schweres Atmen zu hören. Susann verdrehte genervt ihre Augen.

„Lass den Quatsch, Onkel!“, sagte sie mit zitternder Stimme. Ihr Onkel musste annehmen, dass sie nach dem Erlebnis mit ihrem Wagen vor Angst schlotterte. Eigentlich war es aber so, dass Susann wütend war, sehr wütend. Und das war der Grund, dass sie ihre Stimme nicht richtig im Griff bekam.

Susann hörte ihren Onkel leise lachen.

„Ach Susilein, wie geht es dir?“, erkundigte er sich scheinheilig.

Na, was denkst du denn?, wollte sie ihn anfauchen, hielt sich aber im letzten Moment zurück.

„Nicht besonders“, gestand sie ihm nun kleinlaut. „Ich habe deine Warnung verstanden. Oder war es keine Warnung gewesen?“

„Hm, wie man es nimmt. Du weißt, was ich will.“

„Ja.“

„Doch nun pass auf! Ich will jetzt alles! Ich hatte dir lange genug Zeit gelassen. Dass das heute nicht meinen Erwartungen entsprochen hat, nun gut, das nächste Mal, liebe Susann, da wird es meinen Erwartungen entsprechen. Verlass dich drauf!“

Sie hörte seine Worte leise und hart gesprochen, was sie innerlich kalt werden ließ.

„Du würdest mich wegen des verdammten Geldes wirklich umbringen?“, flüsterte sie mit unterdrückter Wut, was er als Entsetzen interpretierte.

„Du vergisst die Firma, Schätzchen. Die will ich jetzt auch.“

„Wie bitte? Was willst du denn damit? Du kannst sie nicht leiten. Außerdem gehören Jonas Anteile, wie du weißt.“

„Och, da zerbrich dir mal nicht dein hübsches Köpfchen! Dafür habe ich auch schon eine Lösung.“

„Willst du ihn etwa auch aus dem Weg räumen?“, fragte sie nun mit echtem Entsetzen.

„Na, na, wer sagt denn etwas von ,aus dem Weg räumen‘? Wie brutal! Nein, Schätzchen, du weißt doch selbst, wie viele Unfälle täglich passieren. Und so mancher endet nun mal tödlich.“

„Du bist ein mieses Schwein“, fauchte sie nun doch. Am liebsten hätte sie ihm noch mehr an den Kopf geknallt, doch Andros legte ihr beschwichtigend seine Hand auf ihren Arm.

„Reg dich nicht auf, Susann! Ich schlage vor, dass wir nun zum eigentlichen Grund meines Anrufs kommen“, hörte sie ihren verhassten Onkel sagen.

„Ich dachte, das hättest du mir schon mitgeteilt“, meinte sie im sarkastischen Ton. Doch er ging darauf nicht ein.

„Du solltest jetzt gut deine Ohren spitzen und genau zuhören. Merke dir, was ich jetzt sage! Wenn ich mitbekomme, dass du die Bullen informierst, hat dein letztes Stündlein geschlagen. Auch das von Jonas … und seiner liebreizenden Frau. Also – beherzige die Forderung! In drei Tagen werden wir uns in Marseille treffen.“ Er nannte ihr die genaue Adresse und die Uhrzeit. „Sei pünktlich!“, forderte er noch und legte dann einfach auf.

Susann sackte in sich zusammen, aber die Anspannung, die Wut und das Entsetzen in ihr wichen nicht.

Andros klappte sein Notebook zu und sah sie an. Ihm war klar, dass dieser Tag für sie ein sehr nervenaufreibender war. Aber er konnte eben einen Erfolg verbuchen. Susann hörte gar nicht hin, wie er mit jemandem telefonierte. Sie fühlte sich auf der einen Seite ausgelaugt, auf der anderen jedoch kurz vorm Explodieren.

Als Andros sein Telefonat beendete, stand er von seinem Platz auf und ging zur Bar, um eine Flasche Kognak und zwei Schwenker zu holen. Nachdem er in jedem Glas die goldbraune Flüssigkeit eingeschenkt hatte, hielt er Susann eins hin. Doch sie schien noch in Gedanken versunken zu sein.

„Susann“, sprach er sie an. Erst da sah sie zu ihm auf.

„Oh, danke! Gute Idee. Den kann ich jetzt wirklich gut gebrauchen“, sagte sie und nahm es ihm ab.

Er setzte sich dicht neben sie. Schweigend tranken sie den Kognak. Aber dann brach er das Schweigen. Er musste unbedingt etwas loswerden, was ihn schon die ganze Zeit beschäftigt hat. Und er wünschte sich nichts sehnlicher, als dass sie ihm auch glaubte.

„Susann, ich schwöre dir - ich spiele dir kein Theater vor. Ich habe mich in dich verliebt.“

Er wartete, dass sie darauf etwas erwiderte, aber sie sah ihn für einen Moment mit einem Blick an, den er nicht deuten konnte. Doch dann schwang sie sich auf seinen Schoß und nahm sein Gesicht in ihre Hände. „Und ich habe mich in dich verliebt“, hauchte sie.

Andros legte überglücklich seine Arme um sie. Dann küsste er sie. Susann schmiegte sich an ihn und erwiderte seinen Kuss, der nicht nur sehr intensiv, sondern auch verzehrend war. Sie wollte jetzt nicht mehr an ihren Onkel denken, der sie am liebsten von dieser Erde fegen würde, weil er ihr ganzes Vermögen für sich beanspruchte.

„Komm!“, flüsterte Andros ihr ins Ohr. Er zog sie von der Couch mit ins Schlafzimmer.

Willenlos ließ sie es geschehen, denn sie wünschte sich, dass Andros sie für diese Nacht alles vergessen ließ. Wenn ihr Onkel vielleicht immer noch vorhaben sollte, sie zu ermorden, dann hatte sie wenigstens die richtige und aufrechte Liebe gespürt, von einem wunderbaren Mann, der ihr seine gestanden hat. Susann konnte es sich nicht vorstellen, dass Thomas, wenn er seinen Willen bekam, sie dann in Ruhe ließ. Sie würde immer eine Gefahr für ihn bleiben – und die muss man aus dem Weg räumen.

Als sie beide in ihrem Schlafzimmer standen, nahm er sie wieder in seine Arme und küsste sie so lange, dass sie glaubte, nicht mehr atmen zu können. Sie fühlte seine Hände, die über ihren Rücken strichen, und sie erzittern ließen. Sie fühlte das heiße Begehren des Mannes, und das Feuer sprang auf sie über. Behutsam und geschickt entkleidete er sie. Nun stand sie nur noch im Höschen vor ihm. Sein Blick glitt verlangend über ihre festen Brüste, den straffen Bauch und das dichte Dreieck ihrer blonden Scham. Susann errötete unter seinen intensiven Blick und verschränkte die Arme vor ihrer Brust. Doch er schüttelte missbilligend den Kopf.

„Susann, nicht! Du bist wunderschön“, sagte er im zärtlichen Ton, hob sie hoch und trug sie zum Bett. Sie ließ es mit sich geschehen.

Andros begann sie zu küssen. Er küsste ihre Augen, ihre Lippen, den Hals, die Brüste, und ein Verlangen stieg in ihr hoch, denn seine Lippen waren überall. Lustvoll stöhnte sie auf. Sie konnte nicht genug davon bekommen. So etwas hatte sie noch nie erlebt. Susann schwebte im siebten Himmel.

Auch sein Puls begann zu rasen. Durch seine Adern und in seine Lenden schoss das Blut. Andros glitt tiefer, küsste sich durch das Tal zwischen den Brüsten hinunter zu ihrem Nabel weiter zum dichten Busch ihrer Scham bis zum Eingang zu der rosigen, warmen, feuchten Spalte. Susann seufzte und stöhnte unter seinen Liebkosungen und öffnete sich ihm bereitwillig. Andros spielte aufreizend mit ihrer empfindlichsten Stelle, bis Susann sich unter ihm aufbäumte und vor Lust aufschrie. Sie wünschte sich nichts sehnlicher, als dass er sie endlich nahm und ihr Verlangen stillte.

Endlich glitt er zwischen ihre Schenkel und drang in sie ein. Mit Überraschung und Erstaunen spürte Andros das dünne Hindernis, doch es gab für ihn kein Halten mehr, und er stieß mit einem Ruck tief in sie hinein. Diesen kurzen, scharfen Schmerz hatte sie kaum gespürt. Susann keuchte, als sie sein festes Organ in sich spürte und es tief in sich aufnahm. Es war ein wunderbares Gefühl! Um ihn noch tiefer in sich aufzunehmen, schlang sie instinktiv ihre Beine um seine Hüften und gab sich diesem neuartigen Lustgefühl voll und ganz hin. Nur noch seine rhythmischen Bewegungen zählten, ein Strudel der Ekstase, der sie in eine unendliche Tiefe zog, um sie bald darauf wieder in die Höhe zu schleudern.

Gemeinsam fanden sie beide in dieser Nacht noch mehrmals diese wundervolle Erfüllung.



19

Als Susann am Morgen erwachte, war das Bett neben ihr leer. Ein Blick auf die Uhr ließ sie hochfahren. Es war bereits nach neun Uhr. Also war Andros allein zum morgendlichen Joggen aufgebrochen und hatte sie schlafen gelassen.

„Wie rücksichtsvoll“, murmelte sie und grinste. „Hätten aber auch Frühsport im Bett machen können.“ Dabei dachte sie nicht an irgendwelche sportlichen Übungen, sondern an den Sex mit ihm.

Susann dachte wieder daran, wie er sie in der Nacht geküsst und zärtlich berührt hatte, wie er es immer wieder geschafft hatte, sie zu einem Höhepunkt zu führen. Total erschöpft war sie dann in seinen Armen eingeschlafen. Er hatte sie vergessen lassen, dass sie bedroht wurde, dass man nach ihrem Vermögen und nach ihrem Leben trachtete.

Ihr wurde plötzlich kalt, als das wieder mit Macht auf sie einstürmte.

Ja, sie hatte Angst. Aber sie war auch wütend. Und sie fragte sich, was ihr Onkel wohl vorhatte, wenn sie sich nun in zwei Tagen mit ihm in Marseille traf.

Susann schüttelte den Kopf, als könnte sie so die schlechten und beunruhigenden Gedanken verscheuchen. Da das nicht viel nützte, schob sie ihre Decke beiseite und stand auf. Nach dem Duschen stand sie unschlüssig vor ihrem Kleiderschrank. Ein Blick aus dem Fenster sagte ihr, dass es wieder ein schöner Tag war. Die Sonne schien ins Fenster, und der Himmel war wieder strahlend blau. Also schnappte sie sich eins der Sommerkleider.

Rosalia wirtschafte in der Küche, als Susann sie betrat.

„Du hast ziemlich lange geschlafen“, merkte Rosalia an und mustert sie von der Seite.

„War ‘ne lange Nacht. Hatte noch einen unangenehmen Anruf“, sagte Susann und holte sich eine Tasse aus dem Schrank, um sich Kaffee einzugießen.

„Er hat also angerufen. Hm, und was sagt dieser Schuft?“

„Er will sich mit mir treffen, in Marseille. Jetzt ist er noch gieriger geworden.“

„Was will er denn noch?“

„Alles – das Geld, die Firma ...“

„Und … wirst du fahren?“

„Ja, um dem ein Ende zu bereiten.“

„Oh, oh! Mir ist nicht wohl dabei.“ Die Sorge stand Rosalia im Gesicht geschrieben.

„Mir auch nicht. Aber es muss sein. Auch wenn ich nicht weiß, was mich erwartet“, seufzte Susann und rieb sich fröstelnd über die Oberarme, obwohl es in der Küche sehr warm war.

„Wirst dich wieder mit ihm treffen?“, fragte nun die ältere Frau und schmunzelte.

Susann wusste natürlich sofort, wen sie meinte und wurde rot.

„Tja, was soll ich sagen ...“, antwortete Susann. Schnell drehte sie sich von Rosalia weg, denn sie sollte ihre Verlegenheit nicht bemerken. Aber das hatte sie schon und lachte in sich hinein.

„Geh auf die Terrasse! Ich mach uns jetzt was zu Essen“, bestimmte Rosalia und fing auch gleich an.

„Gut, dann geh ich noch ein paar Bahnen schwimmen“, entgegnete Susann. Sie hoffte, dass diese körperliche Betätigung sie von ihren Gedanken ablenkten, die in ihrem Kopf kreisten. Immer wieder drängten sie sich ungewollt auf. Und mit ihnen die Angst …

Nach einer halben Stunde kletterte sie aus dem Pool. Angekleidet lehnte sie sich an das Geländer und schaute auf das Meer, das schmale weiße Kämme an den Strand schob.

Wieder einmal im Meer baden, dachte sie, ja – das würde ich gern. Wenn alles glücklich überstanden ist, dann werde ich er wieder wagen. Wenn alles gutgeht … Wenn ich nicht umgebracht werde ...

Plötzlich griffen langsam Hände um ihre Taille. Susann hatte ihn nicht kommen gehört. Andros zog sie zu sich heran und vertiefte sein Gesicht in ihre Haare.

„Sie riechen nach Sonne und Meer“, murmelte er.

„Du bist nicht geblieben“, sagte sie leise mit einen leichten Vorwurf in der Stimme.

„Du hattest noch so fest geschlafen, entschuldige. Aber ich musste arbeiten – Dinge organisieren ...“

„Verstehe“, seufzte sie.

Er hatte Susann am gestrigen Tag auch erklärt, was er zu tun gedenkt. Wenn alles geplant und organisiert war, dann wollte er mit ihr alles Notwendige besprechen.

„Und – fertig?“

„Nein. Ein paar Details fehlen noch. Das hat bis morgen Zeit“, antwortete er und hauchte ihr einen Kuss auf die Schulter. „Warum hast du es mir nicht gesagt?“

„Was?“ Sie wusste wirklich nicht, was er gerade meinte.

„Dass du noch nie mit einem Mann intim warst.“

„Ist das so wichtig?“

„Nein, aber es hat mich überrascht. Du bist eine wunderschöne Frau. Dir kann es an Verehrern eigentlich nicht fehlen.“

„Mag sein, aber ich wollte keinen von denen. Zumal mich einer von diesen sogenannten Verehrern ziemlich enttäuscht hat. Auf so etwas kann ich verzichten.“

„Kommt! Das Essen ist fertig.“ Rosalia stand an der Terrassentür, und das schon eine Weile. Sie hatte die beiden mit einem Lächeln im Gesicht beobachtet. Es gefiel ihr, dass Susann und Andros sich gefunden hatten. Sie glaubte fest daran, dass er auf sie achten und mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln dem Onkel das Handwerk legen würde. Aber sie machte sich auch Sorgen. Was passiert, wenn was schief geht und Susann verletzt wird. Über Schlimmeres weigerte sie sich nachzudenken.

„Ich vermute mal, sie hat dich gefragt, ob du zum Essen wieder da bist.“ Mit einem Schmunzeln windete sich Susann aus seiner Umarmung heraus und schaute ihn nun an.

„Na ja, so spare ich mir das Kochen“, grinste er.

„Du meinst, ein Fertiggericht in die Mikrowelle stellen“, spöttelte sie.

„So in etwa“, gab er zu. Dann griff er nach ihrer Hand und zog sie mit ins Haus.



20

Die Zeit verging, und der Treffpunkt mit dem verhassten Onkel rückte immer näher. Von diesem Gedanken und was sie wohl erwarten würde, konnte Susann sich nicht mehr lösen. Es verfolgte sie sogar in ihren Träumen. Sie hatte Angst, höllische Angst, denn sie konnte es sich einfach nicht vorstellen, dass ihr Onkel sie so einfach gehen ließ, wenn er alles von ihr bekommen hatte.

Er wird mich umbringen oder umbringen lassen. Vielleicht nicht gleich … aber er wird es tun, dachte sie, denn es erschien ihr nur logisch auf Grund der Forderungen, die ihr Onkel an sie hatte.

Susann hatte die ganze Nacht schlecht geschlafen. Andros war diesmal bereits nach dem Abendessen gegangen. Ihr wäre es lieber gewesen, wenn er geblieben wäre. Aber es ging nicht.

Ob sie dann besser geschlafen hätte, wenn er bei ihr gewesen wäre? Die Frage konnte sie sich selbst nicht beantworten.

Etwas von dem Frühstück quälte sie sich hinein. Der Kaffee schmeckte auch nicht. Als würde sich ihre Kehle zuschnüren. Nichts rutschte richtig.

Rosalia beobachtete Susann verstohlen. Doch sie sagte nichts, denn sie sah, wie sich die junge Frau fühlte, und ihre Sorge um sie wuchs.

Susann machte sich auf den Weg nach Marseille. Immer wieder schaute sie in den Rückspiegel, doch niemand schien ihr zu folgen. Ein Lieferwagen kam ihr entgegen. Vor Schreck hielt sie den Atem an, denn der fuhr mitten auf der Fahrbahn.

„Oh Gott, nein“, hauchte sie und sah schon die Schreckensbilder vor sich, wie er sie von der Straße drängte. Wie von selbst bewegte sich ihr Fuß zu der Bremspedale, um diese zu betätigen, und ihre Finger krallten sich fest um das Lenkrad. Aber da bewegte sich das große Fahrzeug schon auf seine Seite, so dass Susann wieder Atem holte. Beruhigt fühlte sie sich jedoch nicht. Als beide Fahrzeuge an sich vorbeifuhren, hätte Susann am liebsten ihre Augen zugekniffen. Aber sie unterließ es. Mit einem erleichterten Seufzen fuhr sie weiter.

Umso näher sie Marseille kam, umso stärker wurde auch der Verkehr. So fühlte sie sich sicherer, denn sie glaubte, dass man sie hier nicht von der Straße schubsen würde – zu viele Zeugen. Wäre auch nicht logisch, denn schließlich wollte ihr Onkel sie sehen – lebendig! Aber danach …

Das Navigationsgerät ihres Wagens führte Susann quer durch Marseille über die Saint-André bis nach La Cabucelle. Zweimal fuhr sie langsam an der von ihrem Onkel angegebenen Adresse vorbei und sah sich genau um. Doch es war eine ruhige Straße mit ihren Häusern, wie es sie so einige in Marseille gibt.

Susann stellte ihren Wagen in der Nähe des Hauses ab, in dem ihr Onkel auf sie wartete. Ein ungutes Gefühl befiel sie, als sie vor der Haustür stand. Ein nicht gerade großes Schild, das schon etwas älter aussah, war dort angebracht, das darauf hinwies, dass hier ein Notar ansässig war. Susann sah es sich genauer an. Sie versuchte herauszufinden, ob es erst vor kurzem angebracht worden war. Den Schrauben nach zu urteilen, war es wohl auch so, denn die wirkten auf sie ziemlich neu.

Bevor Susann ins Haus gehen wollte, sah sie sich noch einmal um. Ein paar parkende Wagen, ein paar Fußgänger, die ihrer Wege gingen – nichts Auffälliges, was ihr ungutes Gefühl noch weiter steigern würde, war zu erkennen. Sie drehte sich zurück zur Tür und wollte gerade zum Drücker greifen, weil sie keine Klingel fand, da wurde die Tür mit einem Ruck aufgerissen. Erschrocken wich Susann zurück und erkannte im gleichen Augenblick ihren Onkel im Türrahmen.

„Da bist du ja endlich!“, fauchte er sie an.

„Kannst es wohl nicht erwarten, was?“, fauchte Susann wütend zurück.

„Ach, nun sei doch nicht so zickig. Das Ganze hättest du dir auch sparen können, wenn du gleich von Anfang an eingelenkt hättest“, warf er ihr mit einem verschlagenen Grinsen vor.

„Oh, du meinst, ich bin jetzt freiwillig hier. Irrtum! Du hast mich gezwungen. Und nur mal so nebenbei: Ich will mich nicht weiter von dir tyrannisieren oder sogar umbringen lassen“, reagierte sie ziemlich zynisch. „Komm jetzt! Ich will das hinter mich bringen“, forderte sie ihn mit unterdrückter Wut auf.

„Ja, gehen wir“, stimmte er ihr zu. Er ging nun vor und sie folgte ihm.

Im Flur war es stickig und still. Hier schien wohl niemand zu wohnen. Keine Geräusche von anwesenden Personen, keine Laute aus Radio oder Fernsehen, keine Stimmen von Kindern. Thomas stieg die Treppe hinauf und öffnete dort eine Tür. Dort wartete er auf Susann, die ihm erst jetzt nach oben folgte. Auch bei ihr knarrten einige Stufen leise, wenn sie sie betrat.

Als sie den Raum betrat, stellte sie mit schnellem Blick fest, dass sich dort nur ein Tisch mit zwei sich gegenüberstehenden Stühlen befand. Auf dem Tisch lag ein noch geschlossener Ordner. Thomas schloss die Tür hinter ihr und sagte: „Setz dich!“

„Warum? Unterschreiben kann ich auch im Stehen“, entgegnete sie störrisch.

„Mach einfach, was ich sage!“, knurrte er sie an.

Im selben Moment öffnete sich die Nebentür und ein schlaksiger Mann trat ein.

„Oh, da ist ja die junge Dame! Ich grüße Sie, Madame Sanders. Ich bin der Notar, den Ihr Onkel für Sie engagiert hat. Peeters mein Name“, begrüßte er sie, ohne ihr jedoch die Hand zu reichen. Susann hätte diesen Gruß sowieso nicht erwidert. Entweder schien er es zu ahnen oder er tat es einfach von sich aus.

„Klar, ein belgischer Allerweltsname! Wohl einer Ihrer Pseudonyme!“, konfrontierte sie ihn mit ihrem Verdacht, während sie ihn aufmerksam musterte. „Was hat er Ihnen versprochen? Wie viele Prozente von dem Vermögen, was er sich von mir erpressen will?“ Dieser Mensch gehört garantiert zur Unterwelt; ist wohl einer von diesen korrupten Anwälten, die die Interessen von Verbrecher wahrnehmen, dachte sie bei sich.

Sein Auftreten war selbstsicher und überheblich, als könnte ihm niemand etwas anhaben. Seine Augen waren hell und stechend, sein Mund hatte einen zynischen Zug an sich. Natürlich hoffte er, mit ihr ein leichtes Spiel zu haben.

„Na, na, junge Frau! So wollen wir nicht an diese Sache herangehen. Ich hatte gehofft, dass wir das hier schnell über die Bühne bringen“, antwortete er im scharfen Ton. Er dachte wohl, er könnte sie so einschüchtern. Nein, das tat er nicht. Susann fürchtete sich vor dem Danach.

„Sie haben hier nicht einen von Ihren Verbrechern vor sich – abgesehen von dem da.“ Susann sah kurz mit einem verächtlichen Blick zum Onkel. „Bei denen können Sie Ihre einstudierte Rolle spielen. Bei mir spielen Sie auf der falschen Bühne.“

„Ich gebe zu, es ist hier eine ganz andere, aber nichtsdestotrotz vertrete ich hier einen Klienten – und das sind Sie. Also machen wir uns ans Werk. Die Zeit drängt“, erwiderte er ungerührt.

„Aha“, murmelte Susann. „Man will es hinter sich bringen.“

„Treffend formuliert, Madame“, war Peeters Kommentar. Dann forderte er barsch:„Setzen Sie sich!“

Diesmal kam Sie der Aufforderung nach, aber langsam und widerstrebend. Peeters setzte sich ebenfalls und schlug den Ordner auf. Ihr Onkel stellte sich neben das Fenster. Susann vermutete, dass er so auch die Straße beobachten wollte, um schnell türmen zu können, sollte sich dort etwas Ungewöhnliches zeigen, dass für ihn und Peeters Gefahr bedeutete.

Peeters legte vor Susann nun mehrere Formulare, die sie unterschreiben sollte. Das erste war eine Vollmacht, dass sie ihn mit der Änderung des Testaments betraut hat und somit das vorhergehende keine Gültigkeit mehr hat. Dann legte er ihr die Formulare vor, die auswiesen, dass Susann ihrem Onkel ihre Firmenanteile, ihr Elternhaus und auch das Strandhaus überschreiben soll.

Wütend schaute sie zu ihrem Onkel.

„Bist du völlig übergeschnappt? Vom Strandhaus und dem Haus meiner Eltern war nie die Rede. Soll ich etwa unter der Brücke schlafen?“

Doch der zuckte nur mit der Schulter und grinste. Es interessierte ihn nicht, was aus ihr wurde.

„Unterschreiben Sie!“, forderte Peeters sie auf und hielt ihr den Stift hin.

„Vergessen Sie‘s!“, zischte sie und wollte aufstehen.

„Das wäre ein fataler Fehler“, meinte der.

„Ach ja“, reagierte Susann spitz und stand mit einem Ruck auf, so dass der Stuhl nach hinten kippte. „Ich denke, es wäre ein fataler Fehler, wenn ich diesen Wisch unterschreibe.“

Fast gelangweilt rief Peeters einen Namen: „Jim!“

Die Nebentür ging auf und ein Muskelprotz mit einem Boxergesicht betrat den Raum. Peeters machte eine Bewegung mit dem Kopf zu Susann und schon war der bei ihr, fasste sie grob bei den Armen und drückte sie auf den Stuhl, den er mit seinem Fuß an der Lehne wieder hochstellte.

„Eh!“, begehrte sie auf und rieb sich über ihre Arme. „Das ist Freiheitsberaubung!“

„Unterschreiben!“, blaffte Peeters.

„Ich würde es tun“, mischte sich Thomas ein. „Oder hättest du gern eine Verzierung in deinem hübschen Gesicht?“

„Das wagt ihr nicht!“, entfuhr es ihr erschrocken.

„Jim ist ein Meister. Eine Kostprobe gefällig?“, lachte Thomas hässlich auf.

Plötzlich verspürte Susann einen scharfen Schmerz am linken Arm. Sie sah noch, wie dieser Klotz, den sie Jim nannten, ein Messer aus ihrem Arm zog. Sofort floss heißes Blut aus der Wunde.

„Seid ihr hier alle irre?“, kreischte sie auf.

„Unterschreib! Oder er macht weiter! Deine Entscheidung, Schätzchen“, säuselte ihr Onkel.

„Schweine!“, zischte Susann. „Und was macht ihr, wenn ich unterschrieben habe? Bringt ihr mich dann um?“

„Lass dich überraschen, Täubchen! Wir haben noch allerhand vor“, verkündete Thomas.

„Was soll das heißen?“

„Unterschreib jetzt endlich! Oder Jim probiert sein Spielzeug noch einmal bei dir aus.“

Susann blieb nichts anderes übrig, denn dieser Verrückte fuchtelte demonstrativ mit seinem Messer vor ihrem Gesicht herum. Sie nahm den Stift und setzte ihre Unterschrift unter die Formulare.

Wütend sah sie ihren Onkel an.

„Ich hasse dich! Hoffentlich wirst du vom nächsten Blitz erschlagen“, fauchte sie. Am liebsten hätte sie ihn geschlagen, das Gesicht zerkratzt und dann aus dem Fenster gestoßen. „Und was nun noch?“

„Jetzt fahren wir gemeinsam zu Bank“, teilte Thomas ihr mit.

„Wie bitte? Was soll ich denn da?“

„Du wirst das Geld, was auf deinem Konto schon eine Weile vor sich hin schimmelt, auf ein Konto in die Schweiz transferieren.“

Susann unterließ es, etwas darauf zu erwidern. Schon aus dem Grund, Jim könnte sein Messer in sie stechen und ihr wieder wehtun.

„Aber erst gehst du deinen Arm säubern.“ Thomas sah zu Jim und sagte grinsend: „Geleite meine Nichte ins Bad!“

Susann warf ihm einen vernichtenden Blick zu. Jim zog sie am unverletzten Arm vom Stuhl hoch und dirigierte sie zum Bad. Unterdessen wühlte Thomas in ihrer Handtasche herum und eignete sich ihren Wagenschlüssel und ihr Handy an. Den Wagenschlüssel legte er in eine Ecke des Fensterbrettes. Diesen würde später jemand holen, um den Wagen an den vereinbarten Ort zu bringen. Das Handy steckte er sich ein. Dann stellte er sich in den Türrahmen und wartete, bis sie fertig war.

Gemeinsam verließen sie die Wohnung. Thomas ging voraus, Peeters folgte ihm mit Susann. Jim bildete das Schlusslicht. Vor der noch geschlossenen Haustür blieben sie stehen. Nur Thomas ging hinaus. Nach einer Weile tauchte er wieder auf. Susann wurde von Jim auf den Rücksitz gedrängt. Sie musste durchrutschen, denn er setzte sich neben sie.

„Mach nachher keine Dummheiten! Jim wird immer in deiner Nähe sein. Du willst bestimmt nicht, dass auch noch fremde Leute verletzt werden“, redete Thomas, während er durch die Stadt fuhr. Um dem Nachdruck zu verleihen, zückte Jim diesmal kein Messer, sondern einen Revolver. „Wenn einer fragt, wer er ist, dann sagt du, dass er dein Bodyguard ist. - Kleb dir noch das Pflaster auf den Arm! Muss ja nicht gleich jeder die Wunde sehen.“

Peeters gab ihr einen kleinen Karton, in der Susann zugeschnittene Stücke fand. Die Wunde schmerzte, denn sie war nicht nur oberflächlich. Die Spitze des Messers war tief eingedrungen. Susann hatte das Gefühl, als wäre sie bis auf den Knochen gekommen.

Während der Fahrt zur Bank schaute Susann ab und zu aus dem Fenster. Jedenfalls tat sie so, eher beobachtete sie die beiden Männer vor sich. Ihr Onkel wirkte nervös und angespannt. Der gekaufte Notar machte einen auf selbstsicher.

Während der Bankgeschäfte blieb Jim mehrere Schritte hinter Susann, während Peeters sich als ihr Anwalt auswies. Der Bankangestellte musterte Susann und ihre Begleiter immer wieder, denn ihm schien die Sache wohl nicht ganz geheuer, so dass er auch den Bankdirektor hinzuzog. Schließlich ging es um eine Menge Geld. Nach Susanns Versicherung - wenn auch zögerlich - das alles seine Richtigkeit hat, nahm sich der Direktor der Sache an und leitete alles Weitere in die Wege. Es dauerte auch nicht lange, und er verkündete, dass die Transaktion abgeschlossen sei.

Als sie die Bank verließen, verabschiedete sich Peeters, und Susann fragte: „Kann ich jetzt endlich gehen? Du hast doch nun alles, was du wolltest.“ Innerlich kochte sie vor Wut und betitelte ihn mit sehr unschönen Wörtern.

„Aber nein! Ich habe noch eine besondere Überraschung für dich“, verkündete Thomas.

„Von deiner Person ist mein Bedarf an Überraschungen für heute und bis ins nächste Jahrhundert gedeckt. Ich muss mir eine Bleibe suchen“, fauchte Susann und wollte sich entfernen. Doch da griff schon dieser Jim grob ihren Arm, zwang sie so, mit ihnen zum Wagen zu gehen. Dort schubste er sie wieder auf die Rückbank.

„Was soll denn das? Was willst du denn noch?“

Ihr Onkel grinste.

„Hab ich dir doch gesagt. Nach der ganzen Sache, die doch fabelhaft gelaufen ist, wartet noch eine Überraschung auf dich. Bist du gar nicht neugierig?“

„Bin ich nicht. Ich will von deiner Überraschung nichts wissen“, gab sie zurück.

„Ich bestehe darauf. Und jetzt halt den Mund! Sonst sorgt Jim dafür“, drohte er.

„Du verdammtes Dreckschwein!“

„Jim ...“

Susann sah nur eine flüchtige Bewegung, dann fühlte sie einen Schmerz und einen Blitz in ihrem Schädel. Danach sackte sie in sich zusammen, denn der Schlag an ihrer Schläfe hatte sie in die Bewusstlosigkeit geschickt.

Irgendwann kam sie wieder zu sich. Ihr Kopf schmerzte. Diese Schweine, dachte sie verbittert. Doch dann schaute sie aus dem Fenster. Wie sie feststellen konnte, befanden sie sich auf der Küstenstraße. Das erschreckte Susann. Sofort machte sie sich Sorgen um Rosalia und Martin, denn sie dachte, dass Thomas nun zum Strandhaus wollte. Er würde keine Skrupel haben, den beiden älteren Leuten etwas anzutun. Als sie hörte, dass Thomas den Blinker setzte und wenig später abbog, um weiter ins Landesinnere zu fahren, war sie etwas erleichtert.

Susann schätzte, dass circa eine halbe Stunde vergangen sein musste, als sie auf ein Grundstück fuhren und vor einem alten Bauernhaus hielten. Der erste Eindruck, den Susann bekam - das Haus schien unbewohnt.

„Los! Aussteigen!“, befahl ihr Onkel.

Widerstrebend kam Susann der Aufforderung nach und sah sich dabei aufmerksam um. Dabei entdeckte sie nur einen kleinen Teil eines roten Wagens. Nachdenklich runzelte sie die Stirn. Dieses Rot kam ihr irgendwie bekannt vor. Doch der Onkel ließ ihr keine Zeit zum Überlegen.

„Rein da!“ Er wies auf die Haustür, die aus massivem Holz war, der jedoch man nicht mehr ansehen konnte, welchen Anstrich sie einmal gehabt hatte. Jim tippte sie im Rücken nicht gerade sanft an, so dass sie nach vorn stolperte.

Im Haus sah alles heruntergekommen aus. Im Flur blätterte die Tapete von den Wänden und der darunter liegende Putz war bröcklig. Das Zimmer, in das Susann geschoben wurde, sah auch nicht besser aus. Nur ein alter Schrank, dem die Türen fehlten, befand sich dort.

„So, und nun zu deiner Überraschung. Du kannst es bestimmt nicht mehr erwarten, sie zu sehen“, sagte Thomas und lachte. „Marina, wir sind da!“, rief er dann.

Die Nebentür öffnete sich, und die von Thomas gerufene Person erschien.

Mit dieser Person, die nun das Zimmer betrat, hätte Susann niemals gerechnet. Es war wirklich eine Überraschung – eine, die sie fast vergessen ließ, dass hinter ihr zwei Verbrecher standen und keiner von ihnen nicht vor einem Mord zurückschrecken würde.



21

„Linda“, stieß Susann mit voller Verachtung und Wut hervor. „Du steckst mit dem da unter einer Decke? Ich fass es nicht. Wenn das Jonas erfährt ...“

„Schätzchen, er weiß es bereits“, winkte sie lässig ab. „Und nicht Linda, sondern Marina bitte!“

Das war eine Information, die Susann Schlimmes ahnen ließ. Trotzdem sagte sie: „So? Na, hoffentlich hat er dich hochkant rausgeschmissen.“

Marina lachte spöttisch auf.

„Nein, viel besser. Ich habe ihn mitgebracht. Er ist hier. Er wollte dich unbedingt sehen und wartet bereits zwei Tage hier auf dich.“

Dieses hässliche Gehabe der Frau nervte Susann und sorgte dafür, dass sie noch wütender wurde.

„Was soll das hier werden? Bestimmt kein liebevolles Treffen unter Freunden.“ Susann ging mit geballten Fäusten einen Schritt auf sie zu. Sofort war wieder Jim zur Stelle und hielt sie mit einem festen und schmerzhaften Griff an ihrem verletzten Arm zurück, so dass ihr einen Schmerzlaut entschlüpfte. Das wiederum schien Marina zu amüsieren.

„Oh, das Kind war unartig“, verspottete sie sie.

„Du verdammtes Miststück!“, fauchte Susann sie an. Wenn Jim sie nicht festgehalten hätte, hätte sie sich garantiert auf Marina gestürzt und ihr wenigsten einen kräftigen Schlag verpasst, der sie erst einmal verstummen lassen würde. „Wo ist Jonas?“, wollte Susann von ihr wissen.

„Du kannst gleich zu ihm. Nur – du musst noch einen Brief verfassen“, meinte sie daraufhin mit einem spöttischen Grinsen.

„Was denn noch? Thomas hat doch schon alles ...“

„Ja, ja, ja …“, unterbrach sie Susann, „aber nicht nur Thomas. Hör zu! Ich bin diejenige, die alles geplant und organisiert hat, Schätzchen. Da steht mir ja wohl das größere Stück vom Kuchen zu.“

„Ich verstehe dich nicht. Du hast doch alles. Jonas hat dir doch alles gegeben, was du wolltest“, warf sie ihr vor. Doch Marina schüttelte nun ärgerlich den Kopf.

„Du irrst dich. Er wurde in den letzten Jahren immer knausrigerer. Und das gefiel mir nicht, wie du sicher verstehen wirst. Also habe ich angefangen, mir Gedanken zu machen, wie ich diesen Umstand ändern kann. Und wie du weißt, ist mir das bis jetzt sehr gut gelungen.“

„Aber Jonas Anteile an der Firma …?“

„Alles meins. Und ich meine – alles, wenn er von uns geht. Unser netter Notar, den du heute kennenlernen durftest, hat alles wunderbar zu meinen Gunsten geregelt“, erfuhr Susann von ihr. „Doch genug geplaudert. Jetzt wird ein Brief verfasst!“

Man führte Susann in den Nebenraum. Dort stand ein Tisch mit einem Stuhl. Jim schob sie zum Stuhl und drückte sie auf den Sitz. Marina deutete auf den Stift, der auf einem Blatt Papier lag.

„Nimm ihn! Ich werde dir jetzt sagen, was du zu schreiben hast.“ Dann fing sie auch schon an.

„Ich vermisse meine Eltern so sehr, so dass ich mich entschieden habe, ihnen zu folgen ...“

„Waaas? Ich schreibe hier doch nicht einen Abschiedsbrief! … Ihr wollt mich umbringen und es nach Selbstmord aussehen lassen!“ Fassungslos und mit Protest legte sie den Stift auf das Blatt zurück, auf dem nun noch kein Wort stand. „Ich weigere mich, das zu schreiben.“

„Gut, mal sehen, ob wir sie doch noch bewegen können. Hol ihn!“, befahl Marina.

Thomas verschwand und kam kurz danach wieder - mit ihm Jonas, seine Hände im Rücken gefesselt, den er vor sich hin stieß.

Als Susann ihn sah, wurde sie ganz blass vor Schreck.

„Ihr Schweine! Warum habt ihr ihn so zugerichtet?“

„Na ja, er hätte sich eben nicht weigern dürfen. Wenn er kooperiert hätte … Aber das spielt doch keine Rolle, denn morgen interessiert euch das nicht mehr“, meinte Marina und verdrehte demonstrativ die Augen in Richtung Zimmerdecke.

Jonas Lippe war aufgeplatzt und sein Gesicht blutverschmiert. Um seinem rechten Auge schimmerte es blau, und es war geschwollen. Susann wollte zu ihm eilen, doch Jim drückte sie unsanft auf den Stuhl zurück.

„Schreibst jetzt, oder der liebe Jonas wird wegen deines Widerwillens leiden müssen!“, sagte Marina mit einem kalten Lächeln, das Susann klarmachte, dass sie es bitterernst meinte. Also nahm sie den Stift und wartete. Marina wiederholte den Satz und Susann schrieb. In ihr tobte es. Sie war wütend, aber sie hatte nun auch Angst. Man hatte geplant, sie und Jonas zu töten. Und alles wegen Geld. Susann fragte sich, wie sie sie beide ermorden wollten.

„Schreib weiter: Ich habe alles geregelt und meinen neuen Notar Simon Peeters beauftragt, alles Weitere zu regeln, ohne ihn jedoch von meinem Vorhaben zu informieren. Ich gehe freiwillig, um endlich wieder bei meinen geliebten Eltern zu sein ...“

Susann schrieb alles auf, was Marina ihr befahl. Zwischendurch kam ihr der verrückte Gedanke, ihr den Stift ins Auge zu stechen, unterließ es aber dann doch.

„Unterschreib das!“

„Soll ich auch noch ein paar Herzchen malen oder schon ein paar Kreuze setzen?“, zischte Susann.

„Nein, Schätzchen! Susann reicht vollkommen“, sagte sie gefährlich leise. „Du solltest mich nicht weiter reizen.“

„Nein, warum nicht? Bringt ihr uns dann gleich hier um?“, konterte Susann.

„Freu dich nicht zu früh! Jedoch – Jim würde sich sehr freuen, wenn er ein paar Muster in deine Haut ritzen darf.“

„Hm, für die anstehende Obduktion ist das aber bestimmt nicht gerade von Vorteil. Dann könnte man schnell auf einen Mord schließen“, gab Susann ihr zum Nachdenken. Doch Marina grinste sie nur an.

„Denkst du wirklich, dass man von euch auch nur ein Krümelchen finden wird?“

„Darf man erfahren, wenn du schon so supertoll alles geplant hast, wie du unser Ableben gestalten willst?! Eine Information im Tausch zu unserem Vermögen, das du dir erpresst hast ...“ Abwartend sah Susann die verhasste Frau an.

„Okay, ein fairer Tausch“, grinste sie. „Du sollst nicht unwissend zu deinen Eltern gehen, denn ihr beide werdet dort euer Ende finden, wo sie das Zeitliche gesegnet haben. Deine Eltern hätten wahrscheinlich den Sturm unbeschadet überstanden. Doch leider war da eine kleine Bombe, die Thomas unsichtbar hinter dem Tank versteckt hatte, die ich dann nur per Knopfdruck aus der Ferne zünden musste. Das war der erste Streich ...“

„Ihr habt was?“, unterbrach Susann sie. „Ihr … du hast meine Eltern umgebracht? Mörderin, du verfluchte Mörderin!“ Susann war aufgesprungen und sofort bei der Frau, ohne, dass sie diesmal aufgehalten wurde. Jim war gerade mal sehr unaufmerksam gewesen. Mit einem heftigen Schlag mit der Faust in das schöne Gesicht der Frau ließ sie ihrer Wut freien Lauf. Marina taumelte an die Wand, denn darauf war sie nicht gefasst gewesen. Susann war sofort wieder bei ihr und versetzte ihr noch einen Schlag – genau auf ihre Nase, die auch sofort anfing zu bluten. Im gleichen Moment wurde sie von Jim, der aus seiner Erstarrung erwacht war, nach hinten gerissen und auf den Stuhl zurück verfrachtet. Thomas schubste Jonas in die Ecke und wies Jim an, beide mit seiner Waffe in Schach zu halten. Dann flitzte er los und kam mit einem nassen Lappen und einem Handtuch zurück. Beides reichte er Marina, die ihm das wütend aus der Hand riss.

„Ihr Vollidioten! Seid ihr nicht mal in der Lage, auf so ein dummes Stück aufzupassen? Die hat mir die Nase gebrochen. Das ziehe ich euch von eurem Anteil ab, denn das sind zusätzliche Scheine, die ich beim Schönheitschirurgen hinblättern muss“, keifte sie. „Und du, du verdammtest Dreckstück, am liebsten würde ich dich jetzt gleich umlegen.“

„Warum tust du es denn nicht? Passt wohl nicht zu deinem Plan?“, spottete Susann, denn es war ihr eine Genugtuung zu sehen, wie das Blut immer noch aus ihrer Nase spritzte und sich ein blauer Fleck unter ihrem Auge bildete.

„Halt‘s Maul!“, schrie Marina sie an.

„Du verliert deine Contenance, auf die doch immer so viel Wert gelegt hast“, tadelte Susann sie. „Du wolltest uns doch noch etwas mitteilen. Entschuldige für die Unterbrechung. Aber das war für meine Eltern. Das musst du doch verstehen.“

Marina murmelte etwas Unverständliches, doch dann redete sie etwas nuschelig weiter: „Der zweite Schritt war einfach. Thomas sollte dich unter Druck setzen, was er hervorragend geschafft hat, denn ich wollte, dass du zum Strandhaus flüchtest. Ich hatte sogar noch einen Helfer. Der liebe Jonas hat es dir nicht ausgeredet. Okay, ich habe meinen keinen Teil dazu beigetragen und ihm zugestimmt, dass dieser Ort sicher für dich ist, denn Thomas wird annehmen, dass du irgendwo anders hin verreist, nur nicht dorthin. Ihr beide seid voll darauf reingefallen. Was uns jedoch etwas Sorge bereitet hatte, war die Tatsache, dass Jonas dir unbedingt einen Bodyguard aufschwatzen wollte. Gut, dass du das nicht wolltest. Da hätte ich umdisponieren müssen. Und jetzt zu eurer Zukunft, die morgen früh endet. Du wirst deinen Wagen an einer Kurve weiter geradeaus lenken, so dass er in die Tiefe auf die Klippen stürzt. Eine kleine Bombe wird noch dafür sorgen, dass der volle Tank und somit der ganze Wagen explodiert und alles bis zur Unkenntlichkeit verbrennt. Und wenn du Glück hast, siehst du deine Eltern auf der anderen Seite wieder – falls es eine andere Seite gibt. Ich glaube nicht an so einen Quatsch.“ Dann blickte sie zu Thomas. „Bringt beide in die Kammer! Lass sie schlafen, damit sie nicht auf dumme Gedanken kommen! Roberto müsste eigentlich schon hier sein. Wo bleibt der denn so lange? Ruf ihn an! Wir brauchen ihren Wagen – vollgetankt!“

„Los, komm!“, fuhr Thomas Susann grob an. Er zog sie mit sich. Jim kam mit Jonas ihnen nach. Sie brachten beide hinunter in den Keller, wo es kalt und feucht war und muffig roch. Susann und Jonas, der bis jetzt noch kein Wort gesprochen hatte, wurden in eine kleine Kammer ohne Fenster gestoßen. Nur eine schwache Glühbirne beleuchtete den Raum etwas.

Thomas zog aus seiner Tasche eine schmale Schatulle und wollte sie gerade öffnen, da hörte er, wie es laut von oben her polterte und Marina wütend aufkreischte.

„Pass auf die beiden auf! Ich will nachsehen, was da los ist“, sagte er zu Jim und lief auch schon los.



22

Was Thomas dort erwartete, hätte er sich nicht träumen lassen. Mehrere Polizisten und Personen in Zivil standen im Zimmer. Mitten unter ihnen war Marina, die immer noch wütend schrie – man hatte ihr Handschellen angelegt. Sofort dachte Thomas an Flucht. Er drehte sich um, um einen Sprint hinzulegen. Doch da prallte er gegen einen Mann in Zivil, der ihm lächelnd die Handschellen vor das Gesicht hielt.

Unterdessen waren Beamte in den Keller gedrungen und hatten Jim, der sich als echter Dummkopf erwies, ebenfalls die Handschellen angelegt. Man hatte ihn mit verstellter Stimme angewiesen, sofort zu kommen. Was er auch prompt tat. Schon schnappten die Handschellen zu, und sie brachten ihn nach oben.

„Die zwei gesuchten Personen befinden sich im Keller“, informierte einer der Beamten.

Der Mann in Zivil lief sofort los.

„Susann“, rief er, als er unten war.

„Andros?“, fragte sie, denn seine Stimme hörte sich hier unten etwas anders an, und trat aus der Kammer heraus. „Andros!“, rief sie erfreut, als sie ihn in dem schlechten Licht erkannte. Er zog sie zu sich heran und hielt sie fest an sich gedrückt.

„Tut mir leid, dass ich nicht früher bei dir sein konnte. Aber wir mussten doch erfahren, was sie noch so vorhatten. Und wir brauchten unbedingt das Geständnis. Wir waren aber immer in der Nähe“, sagte er entschuldigend.

„Ich weiß“, murmelte sie an seiner Brust.

„Du bist so eine tapfere Frau. Ich hoffe, dass es nicht zu schlimm für dich war.“ Er schob sie ein Stück von sich und sah sie fragend an.

„Manchmal habe ich wirklich Angst gehabt. Aber die meiste Zeit war ich nur wütend. Dass sie Jonas auch töten wollten, das hatte mich noch wütender gemacht. Sie hat es zu spüren bekommen“, schmunzelte Susann. „Meine Sorge war zeitlich, dass … dass ihr vielleicht nicht rechtzeitig bei mir sein könntet.“

„Ach daher hat sie ein blaues Auge und eine geschwollene Nase“, grinste er.

„Tja, nun kann sie ihre Schönheitsoperation vergessen. Und auch alle anderen Annehmlichkeiten, die sie genossen und sich für die Zukunft noch vorgestellt hat. Ich hoffe, dass sie und Thomas bis ans Lebensende in der Hölle schmoren werden“, sagte Jonas, der sich zu ihnen gesellt hatte.

„Das werden sie. Die bekommen lebenslänglich.“ Es klang wie ein Versprechen. „Es tut mir leid, Jonas, dass wir nicht eingreifen konnten.“

„Ach, so schlimm ist das nicht. Was mir viel mehr zusetzt, ist die Tatsache, dass meine Frau eine Mörderin ist. So eine falsche Schlange!“

„Oh, Jonas! Es tut mir so leid!“, sagte Susann mit echtem Bedauern und drückte seine Hand.

„Lasst uns von hier verschwinden! Meine Leute und die Beamten regeln hier den Rest“, meinte nun Andros.

„Was ist mit meinem Wagen?“, wollte Susann wissen.

„Ist schon in deiner Garage. Ich habe ihn dort hinbringen lassen. Diesen Roberto haben wir abgefangen, als er einsteigen wollte. Und diesen Notar vor der Bank auch.“

Als sie beim Strandhaus ankamen, lief ihnen Rosalia entgegen. Sie hatte Tränen in den Augen und umarmte Susann stürmisch.

„Oh Gott, wir haben uns so geängstigt. Aber nun ist alles gut … oder?“ Ihr Blick wanderte fragend zu Andros.

„Alles in Ordnung. Dem Onkel, Marina Francos und den Helfern wird der Prozess gemacht. Sie werden wegen mehrfachen Mordes und versuchten Mordes und weiteren schwerwiegenden Delikten angeklagt und verurteilt“, antwortete er.

„Marina Francos? Wer ist denn das?“, wollte sie wissen.

„Meine Frau. Nur nannte sie sich damals, als ich sie kennenlernte, Linda Perez“, sagte Jonas und seufzte dann: „Sie hatte mich damals wirklich geschickt in ihrem Spinnennetz gelockt. Wenn ich nur geahnt hätte … meine Frau eine Mörderin ...“ Er schüttelte den Kopf. Susann wusste, dass er damit lange kämpfen würde.

„Sie bekommen alle ihre Strafe, Jonas“, sagte sie. Es war natürlich kein Trost, das wusste sie.

„Kommt rein!“, forderte Rosalia. „Ich mache euch etwas zu essen. Unterdessen könnt ihr euch frisch machen.“

Jonas ging ins Gästezimmer, um dort ins Bad zu gehen und zu duschen. Martin brachte ihm Sachen von Susanns Vater, die sich noch im Haus befanden. Jonas war fast von der gleichen Statur wie er. Susann duschte ebenfalls und fühlte sich gleich besser. Nun entfernte sie auch den winzigen Sender und das Mikro, die sie versteckt am Körper getragen hatte. Ohne diese Technik wäre sie nicht so mutig gewesen. Sie hatte ihr eine gewisse Sicherheit gegeben, um das Ganze zu überstehen. Den bläulichen Fleck am Auge betupfte sie mit etwas Make up, so dass er kaum auffiel. Am nächsten Tag würde sie wohl noch etwas mehr auftragen müssen, weil er dann wohl noch dunkler sein würde.

Fast gleichzeitig trafen Susann und Jonas im Wohnzimmer ein, wo Rosalia für alle den Tisch gedeckt hatte. Andros reichte beiden ein Glas mit Champagner.

„Auf unseren Erfolg, und dass wir nie wieder so etwas erleben müssen“, sagte er und stieß mit allen Anwesenden an.

„Ja, nie wieder“, sagten auch Rosalia und Susann. Die Männer nickten zustimmend.

Als sie gegessen hatten, fragte Susann: „Andros, hattest du Marina schon vorher in Verdacht?“

„Nein, zuerst nicht. Es war mehr Zufall. Einer meiner Kollegen, der bei Jonas war und die Technik für die Videotelefonie eingerichtet hat, sah sie einmal dort in der Firma und später, als er wieder im Hotel war, mit deinem Onkel, wie sie zusammen in den Fahrstuhl stiegen. Das hatte ihn stutzig gemacht. Also setzte ich ihn darauf an, mehr über sie herauszufinden.“

„Und – was hat er herausgefunden?“, fragte sie.

Gespannt warteten alle auf seine Antwort.

„Sie haben sich beide noch mehrmals getroffen. Die Frau heißt eigentlich Rita Cabrera. Dann heiratete sie einen ziemlich gut betuchten Unternehmer und war somit Rita Lexus, später – wieder eine reiche Heirat – Rosa Lopez. Nach dieser Ehe nannte sie sich Linda Perez und heiratete Jonas. Nun wieder ein neuer Name: Marina Francos“, erfuhren sie von Andros.

„Was ist denn aus ihren Ehemännern geworden?“, fragte Susann, die schon das Schlimmste ahnte.

„Tja, der erste Mann starb bei einem Autounfall. An dem Wagen war nichts Gutes mehr dran, und der Mann war bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Der zweite Mann war schon über sechzig. Auf dem Totenschein steht Herzinfarkt. Das bezweifle ich jedoch, und man wird dem noch einmal gründlich nachgehen. Somit wären es vier Morde, die auf ihr Konto gehen. Dann kommen noch versuchter Mord, Kidnapping, Körperverletzung, Erpressung und noch so einiges dazu. Die Liste ist sehr lang. Auch für ihren Handlanger Thomas Sanders“, berichtete Andros.

„Was passiert nun mit der Geldüberweisung auf ein Schweizer Konto und den Überschreibungen?“

„Die Formulare der Überschreibungen haben keine Gültigkeit, sind aber wichtig für die Beweisführung beim Gericht. Der Peeters ist der Kripo schon eine Weile ein Dorn im Auge. Jetzt können sie ihm endlich verbrecherische Machenschaften nachweisen. Bei dem wird in seinem Büro und Haus gerade alles auf den Kopf gestellt. Ja, und dein Geld ist immer noch auf deinem Konto. Der Bankdirektor wurde in dem Moment informiert, als ihr vor der Bank eintraft. Der Transfer wurde von meinem Mitarbeiter sofort umgeleitet, zurück auf dein Konto. Er ist ein Computergenie.“

Susann atmete erleichtert auf.

„Dann hat dieser Alptraum ja endlich ein Ende“, seufzte sie. „Aber dass meine Eltern noch leben könnten, wenn man dieser Frau schon früher ein Verbrechen hätte nachweisen können … Ich begreife das nicht.“

„Die Frau war clever und wie ein Chamäleon. Neben neuen Haarfarben und Frisuren hat sie auch so einige Schönheitsoperationen über sich ergehen lassen. Tja, und bei der Wahl ihrer Männer war sie stets darauf bedacht, sich jemanden zu angeln, der keinerlei Nachkommen und weitere Verwandte hat. Aber diesmal hat sie sich übernommen“, entgegnete Andros.

Sie unterhielten sich noch eine Weile. Jonas verabschiedete sich bald, denn er wollte am nächsten Tag nach Hause fahren. Ihm ging es gut, nur ein kräftiges Blau zierte das Umfeld seines Auges. Um das zu verdecken, würde er eben die nächsten Tage eine größere Sonnenbrille tragen. Susann versprach, in ein paar Tagen ebenfalls wieder in der Firma zu erscheinen.

Rosalia und Martin verabschiedeten sich auch.

„War ein anstrengender und aufregender Tag. Nichts für Leute in unserem Alter“, meinte Rosalia und umarmte Susann fest. „Das will ich nicht noch einmal durchmachen müssen.“

„Das möchte keiner von uns“, erwiderte Susann und drückte ihre Haushälterin liebevoll.

Als die beiden gegangen waren, zog Andros Susann in seine Arme.

„Ich bin so froh, dass alles gut abgelaufen ist und dir nichts passiert ist“, sagte er.

„Außer einem Veilchen“, erinnerte sie ihn und tippte vorsichtig an die Stelle.

„Du hast dich dafür aber bei ihr kräftig revanchiert“, grinste er.

„Oh ja, davon wird sie noch ‘ne Weile was haben“, meinte Susann lachend. Dann sah sie ihn mit einem verschmitzten Lächeln an. „Und - was machen wir jetzt mit dem restlichen Abend?“

„Hm, lass mich mal nachdenken! Wir könnten uns mit einem Kartenspiel die Zeit vertreiben … oder ...“

„Oder?“

„Ich zeig es dir.“ Und schon küsste er sie so verlangend, dass der Funke wie ein Blitz auf sie übersprang.

„Ja, zeig es mir!“, hauchte Susann versonnen, während Andros sie ins Schlafzimmer trug.


ENDE


Isabella oder der Schatz im Klavier


von Konrad Carisi


Der Umfang dieses Buchs entspricht 95 Taschenbuchseiten.


Der Student Max lernt die Frau seines Lebens kennen, die Austauschstudentin Isabella, doch kann er ihr Herz gewinnen? Eine moderne Liebesgeschichte darüber, was wirklich wichtig im Leben ist.



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter

https://twitter.com/BekkerAlfred


Zum Blog des Verlags geht es hier

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!



1

Mein Name ist Maximilian. Die meisten kennen mich nur als Max.

Als das alles im Sommer 2016 beginnt, wohne ich in einer Wohngemeinschaft zusammen mit Katharina Hevel, die alle nur Kathi nennen. Wir studieren beide in Münster, einer Universitätsstadt in NRW.

Unser Freund Sebastian ist gerade vor wenigen Wochen ausgezogen; mit ihm haben wir die WG gegründet. Wir kennen uns alle drei schon lange, seit der Grundschule. Sebastian hat sein Studium dann doch wider Erwarten vor uns beendet, und wir beide sind nun noch übrig. Er hingegen hat nun einen Job in Thüringen gefunden, was bedeutet, dass er für uns erst mal aus der Welt ist. Da kann man sich zwar mal per Messenger schreiben, aber ein Vorbeikommen muss geplant werden.

Da die Mieten in Münster im Jahr 2016 keinesfalls erschwinglich sind, ist für uns also klar: Es muss ein Ersatz für Sebastian her. Die WG ist genau das Richtige zum Studium, in dieser Phase des Lebens, wo man gerade von zu Hause weg ist und vor den großen Herausforderungen des Lebens steht, wo man aber tragischerweise keine Ahnung hat, wie man ihnen begegnen soll. Wie entlüftet man eine Heizung, um dieses fiepende Geräusch loszuwerden? Wie geht eigentlich eine Waschmaschine an und wer zur Hölle trägt den ganzen Scheiß eigentlich, der in meinem Wäschekorb ist? Solche Fragen eben.

Nicht dass meine beiden Mitbewohner das alles hätten besser beantworten können als ich. Aber in einer WG ist man wenigstens zusammen ahnungslos und das ist doch schon mal etwas.

Es ist ein warmer Sommertag, als sie sich auf unsere Anzeige im Blättchen meldet. Vor ein paar Tagen hatten sich ein paar Leute gemeldet, die entweder ich oder Kathi nicht sympathisch fanden, und wir hatten uns darauf geeinigt, dass wir beide sofort einen Draht zu unserem neuen Mitbewohner haben wollen. Nur jemand, den wir beide sofort mögen, kann es werden.

So sitzen also Kathi und ich am Küchentisch, jeder von uns eine Tasse schwarzen Assam-Tee vor sich, und warten.

Den Tee hat Kathi als Vollblut-Ostfriesin aus Aurich besorgt. Wegen ihr ist immer guter Schwarztee im Haus und ich habe inzwischen sogar gelernt, dass der Bruchzucker Kluntjes heißt. Sie musste in jungen Jahren leider mit ihren Eltern zusammen dort weg und damit zu uns ziehen, doch im Herzen ist sie immer an der Küste geblieben.

Dann klingelt es an der Tür. Kathis Blick sagt mir, dass ich öffnen soll. Ich füge mich in mein Schicksal, gehe zur Tür und öffne.

Ich sehe in die wundervollsten braunen Augen, die ich je gesehen habe. Sie sind wie schillernde Seen und ich bin mir sicher, dass an ihrem Grund ein Schatz verborgen sein muss, wenn sie nicht selbst Edelsteine sind.

„Buenos dias. Mein Name ist Isabella Guadalupe Lopez. Ich bin wegen des Zimmers hier“, sagt die Frau, die vor der Tür steht. Sie hat einen leichten, aber eindeutig hörbaren spanischen Akzent. Zu den Augen gehört eine Frau mit leicht dunkelhäutigem Teint in einem Sommerkleid, das ungefähr die Farben eines Obsttellers abdeckt. Das Batikmuster lässt die Farben sanft ineinander übergehen, der Schnitt des Kleides ist eng und betont ihre Figur. Ihre Haare sind lockig und stehen leicht ab. Es ist eine regelrechte Löwenmähne.

Sie gibt mir die Hand. Ich ergreife die Hand mehr aus Reflex als bewusst und schüttele sie. Isabella hat einen kräftigen Händedruck und ein offenes Lächeln, das regelrecht entwaffnend wirkt. Einen Kurzschluss hat es zwischen meinen Ohren jedenfalls erreicht. Sie ist einen halben Kopf kleiner als ich und trägt zum Kleid unpassende robuste Halbstiefel. Dass sie kleiner als ich ist, fällt mir aber durch die Löwenmähne nicht sofort auf. Kurz versinke ich in ihrem Lächeln, dann fange ich mich endlich und mein Verstand scheint den Neustart durchgeführt zu haben.

„Hi, mein Name ist Max“, sage ich viel zu spät und finde wieder den Faden, „komm bitte rein.“

Ich atme einmal tief durch und versuche nicht zu genau auf die sich unter dem Kleid abzeichnende Hüfte zu achten, als sie an mir vorbeischreitet. Das ist nicht leicht.

Ich führe sie zu Kathi in die kleine Küche, was nicht schwer ist. Die Küchentür ist immer offen und es ist die erste Tür rechts nach dem Betreten der Wohnung.

„Auch einen Tee?“, fragt diese, nachdem sie sich vorgestellt hat. Isabella nickt.

„Gerne.“

Während sie einen neuen Tee mit dem noch heißen Wasser aufgießt, beginnt das Abklopfen unserer möglichen neuen Mitbewohnerin. Kathi fragt: „Was studierst du so?“

„Biologie und Chemie“, erklärt sie. „Ich komme aus Kuba, wie man sicher hört. Ich studiere erstmal ein Semester hier im Ausland, vielleicht mehr. Es ist im Rahmen eines Austausches.“

„Für eine gebürtige Kubanerin sprichst du aber extrem gut Deutsch. Ich glaube, mein Schulspanisch ist nur halb so gut“, bemerke ich und sie lächelt.

„Meine Oma kam aus der DDR und mein Vater war mehrmals dort, vor dem Zusammenbruch.“

„Ich wusste gar nicht, dass wir mit Kuba überhaupt einen Austausch machen“, sagt Kathi. Isabella lächelt.

„Eigentlich auch nicht als großes Programm, aber es können Genehmigungen gemacht werden. Die Uni besitzt ja eine Selbstverwaltung. Was studiert ihr so?“

„Archäologie im Master, aber ur- und frühgeschichtliche, und Max studiert Kulturanthropologie“, erklärt Kathi und ich nicke zur Bestätigung ihrer Worte.

„Archäologie ... was macht Ur- und Frühgeschichte aus?“, fragt Isabella neugierig.

„Dass sie als Disziplin nach der Archäologie, die sich mit den Römern und Griechen beschäftigt, gegründet wurde. Das heißt, man macht den Rest, Neolithikum, also Steinzeit, ebenso wie Kelten und Mittelalter.“ Sie zuckt die Schultern. „Im Grunde alles außer antike Griechen und Römer.“

Isabella lacht. „Anthropologie kenne ich, das ist so ähnlich wie Ethnologie, oder?“

Ich nicke. „Ja, so ähnlich“, sage ich und höre, wie tausende Generationen von Fachvertretern, die vor mir lebten, in weiter Ferne aufschreien. Aber für eine Außenstehende, finde ich, passt es.

Wir unterhalten uns noch etwas weiter, bis wir ihr das Zimmer zeigen, das durch Sebastian frei geworden ist.

Unsere Wohnung ist nicht groß. Kommt man durch die Wohnungstür in den Flur, der eher ein breiter Raum ist, gehen nach rechts die Türen für Küche und Bad ab, während vor Kopf zwei Zimmertüren liegen und links eine dritte, in diesem Fall das freie Zimmer.

Nachdem Isabella sich alles angesehen hat, stellt sie noch einige Fragen. Anschließend verabschieden wir sie. Schon als Kathi die Tür geschlossen hat, frage ich: „Und, wie findest du sie?“

Kathi grinst mich an. „Dir gefällt sie?“, erwidert sie meine Frage mit einer Gegenfrage. Ihr Blick ist forschend.

Ich zucke die Schultern und gehe in die Küche, vornehmlich, um mir einen Kaffee aufzusetzen, den ich mir mit zum Arbeiten an der Masterarbeit nehmen kann, eigentlich aber, damit sie meine rot werdenden Ohren nicht sieht.

„Du hast nicht geantwortet, Maximilian“, sagt Kathi und folgt mir. So leicht lässt sie mich allgemein nicht vom Haken.

„Sie ist sympathisch, man kann das sicher gut mit ihr aushalten“, sage ich diplomatisch.

Kathi mustert mich und ich setze meine beste Unschuldsmiene auf.

„Wehe, du willst sie nur, weil du scharf auf sie bist“, sagt sie und bohrt ihren Zeigefinger in meine Brust.

Ich zucke kein bisschen, als ich erwidere: „In knapp einem Jahr bin ich mit allem durch und gehe dahin, wo ich Arbeit finde. Also ist dein Votum eh mehr wert als meines.“

Sie wird vermutlich etwas länger als ich brauchen, allein schon, weil ihr Masterarbeitsthema aufwendiger ist und zudem, weil sie noch ein Praktikum im Sommer einschieben muss, das sie bisher nicht geschafft hat. Da Archäologen als Praktika nun mal auch graben müssen, schränkt das die Zeit ein, in der ein Praktikum absolviert werden kann.

Sie merkt nicht, dass ich ihre Frage nicht beantwortet habe. „Hast recht. Ich mag sie, also von mir aus können wir es mit ihr versuchen. Sie sagte, sie bleibt für ein Jahr in Deutschland, mit Option auf zwei Jahre. Das würde ja gut zu unserer Situation passen.“

„Stimmt“, sage ich und setze Kaffee auf.

Ich frage Kathi gar nicht erst, ob sie welchen will. Sie kann ganze Kannen schwarzen Tee trinken, aber Kaffee mag sie nicht.

Während die Maschine anfängt, ihre gurgelnden Geräusche zu machen, sagt Kathi: „Dann ruf ich sie morgen an und sag ihr, sie darf einziehen? Heute will ich sie nicht anrufen, sie soll nicht denken, dass wir keine anderen angesehen haben. Sie soll schon denken, dass wir wählerisch sind.“ Sie muss lauter werden, um die alte Maschine zu übertönen.

„Tu das“, sage ich. „Ich muss heute noch zusehen, dass ich Philippe Ariès‘ ‚Geschichte des Todes‘ durchbekomme, also entschuldige mich. Ich muss lesen.“

So war es entschieden. Isabella trat in mein Leben. Ich wusste nicht, was noch kommen sollte.



2

„War der Urlaub denn teuer?“, fragt meine Oma und ich schüttle den Kopf. Heute ist ein guter Tag, sie ist ziemlich klar.

„Maximilian, ist denn noch was vom Gold übrig?“, fragt sie.

Ich werfe eine Blick zu meinem Bruder Sven, der auf der anderen Seite des Tisches sitzt.

„Welches Gold, Oma?“, frage ich.

„Der Goldbarren, den Opa mit nach hier brachte, als ihr ‘45 fliehen musstet?“, hilft Sven. Wir sitzen an dem kleinen Tisch im Apartmentzimmer meiner Oma im Pflegeheim. „Der ist doch ausgegeben worden, für eure neue Existenz.“

„Ach ja, ja“, sagt Oma nun. Seit sie dement ist, springt sie oft von Thema zu Thema und auch das, was eben noch präsent war an Fakten, ist schon wieder weg. Sie ist manchmal auch in ihrer Erinnerung, fragt, wo Opa sei.

„Aber das im Klavier, das ist doch noch da?“, sagt sie auf einmal.

„Was?“

„Na, mein Schwiegervater hat damals schon zur Machtergreifung angefangen, Geld in Gold zu tauschen. Mit Kriegsbeginn hat er das dann intensiviert. Er hat nicht geglaubt, dass die Nazis es lange machen, und er wollte bereit sein.“

„Ja, ihr habt zwei Goldbarren in einem Fach im Koffer mitgenommen, als ihr das Rittergut in Pommern aufgeben musstet“, stimmt Sven zu. „Das war aber in einem Koffer, nicht in einem Klavier.“

„Nein, ich bin sicher, dass es in einem Klavier war. Es hatte einen doppelten Boden. Es war von Schimmel, kein Piano ... sollte es nicht bald Essen geben?“

„Das gab es vorhin schon, Oma“, sagt Sven und lächelt freundlich. „Rouladen gab’s. Darum haben wir auch gerade noch ein Stück Kuchen zusammen gegessen.“

Er deutet auf die leeren Teller vor uns. Ich habe den Kuchen mitgebracht. Sven und ich besuchen unsere Oma so oft es geht, meist einmal im Monat zusammen.

„Ah, ja, ja ...“

Sie sieht mich an. „Sag mal, Karl, was machst du mit deinen Haaren? Das sieht nicht gut aus.“

„Hast recht“, sage ich und werfe meinem Bruder einen Blick zu.

Sie hält mich für unseren Vater. Manchmal hat sie das, dann ist es oft vorbei. Dann ist sie ganz in der Vergangenheit und man kann sich kaum mit ihr unterhalten.

„Wollte Viktoria nicht noch vorbeikommen?“, fragt meine Oma nun.

„Nein, heute nicht“, erwidert Sven. „Aber du hast nachher noch einen Termin zur Massage, wegen deines Rückens. Das steht heute noch an.“

„Ach ja ... Das ist diese Polin, die das macht. Die hat sehr schön warme Hände und die ist kräftig. Traut man dem dürren Ding gar nicht zu.“ Sie sieht Sven an. „Die wäre doch was für dich. Ist im richtigen Alter, um eine Familie zu gründen, und sie hat nie einen Ring um.“

Sven wirft mir einen Blick zu, der nach Hilfe ruft. Ich hebe nur die Augenbrauen und sehe ihn fragend an. Na, wäre die nicht was?, sage ich mit meinen Augen.

Sven schnaubt leise, bevor er antwortet.

„Nein, danke, Oma. Ich denke, meine Freundin hätte da was gegen, wenn ich einfach eine andere Frau heirate.“

„Du hast eine Freundin?“, fragt sie.

„Ja, Aslihan, die mit den kurzen roten Haaren. Du hast sie an deinem letzten Geburtstag kennengelernt“, erwidert er. Er unterschlägt, dass Oma Aslihan auch schon vorher getroffen hat. Aber es nützt nichts, mit ihr darüber zu diskutieren, dass sie etwas vergessen hat. Es sorgt ja nicht dafür, dass sie es wieder weiß. Man streitet ja auch nicht darüber, ob einem etwas runtergefallen ist. Nun liegt es da, man muss es wegräumen.

„Ach ja“, sagt Oma und ich bin mir nicht sicher, ob sie weiß, wer gemeint ist, oder nur so tut.

„Na ja, dann erzählt mal, was macht ihr beiden aktuell so?“

Sven wirft mir einen Blick zu. Das haben wir heute schon erzählt. Da ich ihm gerade nicht geholfen habe, bin ich jetzt dran und erzähle ihr nochmal, was ich aktuell für meine Masterarbeit mache.



3

Einige Tage vergehen, werden zur ersten Woche.

Wir sitzen in der Küche, die bedeutend tiefer ist als breit. Dennoch, so gerade geht es um unseren kleinen Tisch herum auch zu dritt.

Isabella reicht mir das Brötchenmesser.

„Danke, dass du mir geholfen hast mit dem Prüfungsamt“, sagt sie in diesem Moment zu Kathi.

„Kein Problem, das ist wie eine deutsche Behörde. Glaub mir, da braucht man jahrelanges Training, um alles sofort so hinzubekommen, wie man will.“

Ich schmunzle und bastle mir mit Remouladensauce, Kochschinken und Salat ein aufwendigeres Frühstücksbrötchen.

Ich bemerke Isabellas Blick.

„Soll ich dir was abschneiden?“

„Gern“, sagt sie und ich halbiere das Brötchen.

An Brötchen musste sie sich erst gewöhnen, entsprechend probiert sie aktuell alle Kreationen durch, die Kathi und ich sonst so gern essen. Von Kathi hat sie inzwischen gelernt, dass man Camembert auch mit Preiselbeermarmelade essen kann. Erst dachte unsere neue Mitbewohnerin allerdings, Kathi will sie verarschen.

„Liest du eigentlich auch privat?“, frage ich Isabella nun. „Ich meine, bisher hab ich dich nur Fachtexte lesen gesehen.“

„Ich muss einiges ... nicht aufholen, aber ... einarbeiten? Reacondicionamiento ... nein, aufarbeiten“, sagt sie. „Bei vielen Wörtern kenne ich nur das spanische und manchmal das englische. Es ist eine Sache, in Deutsch etwas einzukaufen und eine andere, Fachtexte zu lesen.“

„Stimmt natürlich“, sage ich. „Aber ich wollte eigentlich wissen, was du zur Unterhaltung liest.“

„Achso“, sagt Isabella. „Hemingway, Jack London ... Mein Vater arbeitet im diplomatischen Dienst und ist ein Jack London-Fan. Ich habe deswegen viele amerikanische Autoren gelesen, auch wenn das von manchen nicht gern gesehen wird.“

„Hat Hemingway nicht auf Kuba gewohnt?“, fragt Kathi.

„Ja, wir haben ein wunderschönes Museum aus seinem Haus gemacht“, sagt Isabella und beißt in das Brötchen.

Sie wirkt nachdenklich, während sie kaut. Beim zweiten Bissen, sieht sie aus, als würde es ihr schmecken.

„Was liest du so?“, fragt sie mich. „Dass Kathi gerne Animes liest, weiß ich ja inzwischen.“

„Mangas“, korrigiert sie Kathi pikiert. „Mangas sind die Bücher, Animes die Filme.“

„Also“, ignoriere ich Kathis Einwurf, „aktuell viel für die Masterarbeit zu Totenritualen. Aber privat gern Science-Fiction.“

„Ich hab ein paar Bücher dabei, sollen wir tauschen?“, fragt mich Isabella. „Ich bin sehr daran interessiert, was ihr so lest. Du leihst mir eins aus, ich dir eins?“

„Gern“, sage ich.

Nach dem Frühstück bekomme ich von Jack London ‚Wolfsblut‘, während sie von mir Stan Nicholls’ ‚Der Magische Bund‘-Trilogie bekommt.

Kathi entscheidet sich für Hemingways ‚Der Alte Mann und das Meer‘ und schafft es, Isabella dazu zu überreden, ihre geliebten Animes zu schauen. Als ich an Kathis Zimmer vorbeigehe, ruft sie mich. Kathi sitzt vor dem Fernseher, gemeinsam mit Isa.

„Willst du mitschauen?“, fragt Isabella von Kathis Schlafcouch aus. Der gegenüber steht ein beachtlicher Flachbildschirm. Es ist der alte von Kathis Vater. Dieser hat den Auszug seiner Tochter genutzt, ihn ihr zu schenken, was den angenehmen Nebeneffekt hatte, dass er sich einen neuen kaufen konnte. Kathi lacht über Isabellas Frage.

„Nein, Animes schaut er nicht. Ist ihm zu sehr Kinderkram. Dabei wäre die Serie was für dich“, sagt sie.

Mein Reflex ist, nein zu sagen, doch ich überlege kurz und setzte mich dann zu den beiden aufs Sofa. Links von mir sitzt nun Kathi und rechts Isabella. Unsere Beine berühren sich, während Kathi im Schneidersitz sitzt und etwas weiter von mir wegrutscht.

„Por qué ... hmm. Wieso schaust du keine Animes?“, fragt Isabella neugierig. „Ich habe letzte Woche zufällig Kathi dabei gestört und sie hat mich eingeladen mitzusehen. Manches ist seltsam, aber ich finde, es gibt schöne Geschichten. Die sind nicht nur für Kinder.“

„Was schaut ihr denn?“, frage ich und weiche Isabellas Frage aus. Zugegeben habe ich mich nie sonderlich mit Kathis Liebe für japanischen Zeichentrick beschäftigt, weniger weil ich Vorurteile habe, sondern weil das, was sie mir früher gezeigt hat, einfach nicht meins war oder vollkommen bescheuert.

„Black Lagoon“, sagt Kathi und startet die Folge.

Wir sehen die nächsten Stunden ohne große Pause die gesamte Serie. Keiner von uns muss heute zur Uni. Kathi und ich haben eh nur noch wenige Veranstaltungen, ich bin ja nur noch mit meiner Masterarbeit beschäftigt und muss deswegen nur regelmäßig zum Institutskolloquium, während Kathi nur eine Veranstaltung hat und natürlich ihr Grabungspraktikum.

Es wird bereits dunkel draußen, als wir fertig sind und ich mit gemischten Gefühlen zurückbleibe. Es hat mir gefallen. Nebenbei ist Isabella nicht weggerückt, wir sitzen noch immer ziemlich nahe. Sie riecht angenehm fruchtig, allerdings kann ich nicht genau sagen wonach. Wirklich danach schnüffeln geht schlecht, ohne echt seltsam zu wirken.

„Mehr Folgen gibt es nicht?“, frage ich Kathi. Isabella steht auf und streckt sich, bevor sie auf die Toilette eilt.

„Nein, aber ein paar Bände des Mangas sind nicht verfilmt. Die kann ich dir ausleihen.“

„Hmm“, brumme ich und weiß, dass ich dafür vermutlich eh keine Zeit habe in den nächsten Monaten.



4

„Ach, was ist das denn für eine Unordnung?“, sagt Oma, als sie vom Tisch aufsteht und an ihrer Kommode vorbeikommt. Darauf verteilt liegen lauter Schachteln und Dosen, Fotos, Postkarten und einige Notizbücher verstreut. „Wart ihr das?“

„Nein, das war schon so, als wir gekommen sind“, erkläre ich.

„Hmm“, brummt unsere Oma und schaut mich und Sven streng an. „Na, dann war es vielleicht eine vom Personal. Wenn sie klauen wollten, da ist nix. Das hab ich gut versteckt. Muss man aufpassen, die haben hier einige Polen arbeiten.“

Sven will etwas sagen, doch er schweigt, als sich unsere Blicke treffen. Die Diskussion müssen wir jetzt nicht führen, denke ich.

Für sie sind „die Polen“ immer eine Gruppe, die man kritisch beäugen muss, so wie früher auf dem Rittergut. Ein Teil von ihr hat, glaube ich, auch nie verwunden, dass sie nach dem Zweiten Weltkrieg von ihrem Grund und Boden vertrieben wurden, mit nicht mehr Besitz als dem, was sie tragen konnten.

Ich glaube, für eine junge Frau ist das auch etwas, das sich einbrennt. Das Leid des Zweiten Weltkriegs ist dann für sie nur abstrakt gewesen, aber die Enteignung wird persönlich genommen.

„Na ja“, brummt sie, während sie die Fotos wieder wegräumt. „Ah, schaut mal.“

Sie bringt eine Dose Fotos mit und setzt sich wieder zu uns. „Da haben wir früher gelebt“, erklärt sie. „Ich war ja noch eine junge Frau, fast ein Mädchen. Damals war man ja erst viel später volljährig“, erklärt sie und reicht uns Fotos. „Das hier“, sagt sie dann und reicht andere Fotos, „das ist bei meiner Mutter. Ihre Eltern hatten ein großes Stadthaus in Reval. Da kam sie her, sie war eine Deutschbaltin. Wir haben damals einige Wertsachen dort versteckt. Auf dem Gut in Pommern waren die nicht sicher. Reval hatte aber einen wichtigen Hafen und mein Vater wurde dann ja doch noch zum Kriegsdienst eingezogen. Er war Offizier im Zweiten Weltkrieg, aber weil er gegen die Nazis war, hat man ihn erst spät einberufen.“ Sie seufzt und holt weitere Fotos aus der Dose.

„Er mochte Hitler nicht. Keine ehrbare Familie ... dem Kaiser war er in den Ersten Weltkrieg gefolgt, aber einem österreichischen Taugenichts, dem konnte er nichts abgewinnen.“

Die Geschichte kenne ich ein wenig, auch von meinem Vater, der ja noch sehr viel mehr mit meiner Oma und meinem Opa erlebt hat. Meine Urgroßeltern, die Eltern meiner Oma, waren Monarchisten, die mehr ein Problem mit der Herkunft der Nazi-Elite hatten als mit der faschistischen Ideologie. Aber bei Staufenberg wird ja auch oft vergessen, dass er mitnichten eine parlamentarische Demokratie errichten wollte durch den Sturz Hitlers. Meistens gibt es wenig Schwarz und Weiß, aber viel Grau.

„Hier, das ist das alte Klavier“, sagt sie. „Da ist auch das Wappen der Sabiles drauf, unser Schiff. Wir waren immerhin immer im Handel tätig.“ Sabile ist ihr Mädchenname, das Rittergut hieß ebenfalls so.

„Ist das das Klavier mit dem Gold?“, frage ich. Sie schaut mich erst irritiert an, dann nickt sie.

„Ja, ja. Aber wir haben es dagelassen“, erinnert sie sich diesmal. „Wir konnten nur ein wenig mitnehmen, das wir im Koffer eingenäht hatten. Goldbesitz war unter den Nazis nicht gewollt, aber mein vater hat mühevoll alles in einem doppelten Boden versteckt, im Klavier. Er hat immer gewusst, dass der Krieg nicht gut enden würde. Er war so traurig, als sie ihn eingezogen hatten.“ Sie sieht nachdenklich auf die Fotos. „Er hatte dieses Zittern, bei Gewitter. Kriegszittern nannten wir das immer. Wenn es donnerte, dann ging er manchmal in den Keller, wo man es nicht so hörte. Mama sagte immer, dass er dann zu sehr an den Ersten Weltkrieg denken musste. Sie ist dann oft zu ihm in den Keller gegangen. Ich hab mich mal runtergeschlichen“, sagt sie in verschwörerischem Tonfall, „und gesehen, wie sie ihn im Arm gehalten hat. Er hat geweint. Als er gesehen hat, dass ich da war, hat er mich ganz fürchterlich geschlagen.“ Sie schüttelt den Kopf. „Er hatte es nicht leicht mit uns.“

Dann sieht sie auf einmal zur Uhr. „Sollte es nicht gleich Essen geben? Ich muss etwas essen, damit ich eine Stunde später meine Pillen nehmen kann. Die eine für das Herz und die andere ... für die Knochen, oder?“

„Die hast du genommen, als wir gekommen sind“, beruhigt sie Sven.

Sie mustert ihn skeptisch. „Sicher?“

„Ganz sicher, Oma. Die Pflegerin war auch dabei. Sollen wir sie holen, dann kannst du sie fragen.“

„Ach was, die denkt, ich bin bescheuert. Nein. Nur dass ich die Pillen nicht vergesse“, sagt sie entschieden. „Doktor Korthuus hat gesagt, die sind wichtig.“ Das war ihr alter Hausarzt. Der ist aber schon seit fast sieben Jahren nicht mehr ihr Arzt. Das müssen wir ihr aber jetzt nicht nochmal erklären.

Sie sieht nachdenklich aus dem Fenster.

„Was wohl aus dem Haus geworden ist?“, fragt sie nachdenklich.

„Meinst du dein und Opas Haus?“, erkundige ich mich. Sie schüttelt den Kopf.

„Nein, das hab ich verkauft. Das weiß ich. Für mich war das allein zu groß. Aber das Haus in Reval.“

„Das heißt heute Tallinn“, erinnert sie Sven, „nicht mehr Reval.“

„Hab mich nie dran gewöhnen können“, erwidert sie. „Mein Vater hat das Haus geliebt. Wir haben da seit neun Generationen gelebt. Aber am Ende des Krieges mussten wir ganz schnell weg, bevor die Russen kamen. Ich war ja noch klein, aber das war furchtbar“, sagt sie und ihr Blick scheint in die Vergangenheit zu reichen, als sie an mir vorbeisieht.

Mein Opa hat immer gesagt, dass sie es wegen dieser Fluchterfahrung in früher Kindheit immer gehasst hat, weite Reisen zu unternehmen. Er musste mit ihr den Urlaub immer im Voraus planen.

„Sollen wir mal schauen, ob wir herausfinden, wer da nun wohnt?“, erkundigt sich Sven.

„Ach nein. Das ist schon so lange her. Da lebt jetzt sicher eine andere Familie. So ist das im Leben. Man ist eigentlich immer nur zu Besuch.“

Wir unterhalten uns noch eine Weile weiter, bis sie erschöpft wirkt.

Wir helfen ihr, die Fotos wieder wegzuräumen und lassen sie allein. Sie möchte sich etwas hinlegen. Von allein würde sie uns vermutlich nie rauswerfen, auch wenn sie erschöpft ist, also behaupten wir, dass wir noch Termine haben.

Auf dem Weg die Treppen des Pflegeheims herunter unterhalten Sven und ich uns noch. Das Heim ist in Osnabrück, ich bin mit dem Zug von Münster aus hier, er mit dem Auto direkt von seiner Arbeit aus.

„Man hatte ja auch Geduld mit uns“, sagt Sven.

„Hö?“, brumme ich, weil er den Satz ganz unvermittelt sagt. „Was meinst du? Du springst auch schon in deinen Gedanken.“

„’tschuldige. Also, na, uns musste man auch mal beibringen, mit welchem Ende man den Löffel in welches Loch im Gesicht führt.“

„Dir vielleicht, ich war ein Naturtalent“, erwidere ich. Sven lacht.

„Ich werd Mama danach mal fragen.“

„Eeehm, besser nicht“, erwidere ich und klopfe ihm auf die Schulter. „Ich nehm den Bus zum Bahnhof. Bis die Tage, ja?“

„Wir schreiben“, nickt er.



5

Einige Tage später sind wir im Roten Jäger, einer kleinen Studentenkneipe im Kreuzviertel. Kathi und ich haben Isabella hierher mitgenommen. Wir sitzen an einem alten Tisch im verwinkelten alten Haus, das in jeder Etage voll ist, und sind umgeben von Freunden und Kommilitonen.

Kathi stellt Isabella gerade eine Freundin aus der Archäologie vor. Währenddessen sitze ich an einem anderen Tisch mit meinen Studienkollegen Joshua und Micha. Joshua ist ein guter Freund von mir, Micha eher ein Unifreund. Nicht, dass ich ihn nicht mag, aber er ist eher der, mit dem man einen netten Abend hat, aber bei dem der Kontakt vermutlich schnell abbrechen würde, wenn man sich nicht jeden Tag in der Uni sieht. In der Schule hatte man auch schon solche Freunde, man hat es, glaube ich, nur erst später begriffen. Vor vielen Jahren habe ich mich mal mit meinem Vater über sowas unterhalten, er nannte sowas Kollegen-Freunde: Menschen, mit denen er gern Zeit verbrachte, als sie Kollegen waren, bei denen der Kontakt aber schnell einschlief.

„Was schaust du so deprimiert?“, fragt mich Micha und durchbricht meinen Gedankengang.

„Nix, hab nur gerade an meinen Vater gedacht.“

„Wieso, dreht er den Geldhahn zu?“, lacht Micha und trinkt von seiner Bierbowle, dann sieht er Joshuas Blick. „Was?“

Jetzt bemerke ich den Blick auch erst richtig. „Weil mein Vater tot ist“, erkläre ich und winke ab.

„Ey, sorry“, setzt Micha an, doch ich zucke die Schultern.

„Kannst du ja nix für. Sag mal, habt ihr eigentlich schon das Essay für Frau Pandra geschrieben?“

„Leidlich“, geht Joshua auf meinen Themenwechsel ein.

Mein Blick trifft den von Isabella am Nebentisch. Sie lächelt, bevor sie wieder ihre Gesprächspartnerin ansieht.

„Wollt ihr noch was?“, verhindert die Bedienung, dass Micha etwas sagen kann. Sie ist mir schon beim Bestellen aufgefallen, sie muss neu hier sein. Die roten Locken fallen ins Gesicht und sie pustet sie aus dem Weg.

„Noch ’n Alster“, sagt Joshua.

„Hab noch“, sagt Micha und hebt wie zum Beweis seine Bierbowle, in der noch diverse Früchte in einem Rest Bier schwimmen.

„Diese Runde setze ich aus“, sage ich. Sie deutet auf Joshua und wiederholt: „Dann ein Alster.“

Er nickt und sie verschwindet zwischen den eng gestellten Tischen und Stühlen durch das verwinkelte Gebäude zur Treppe. Die Theke ist im Erdgeschoss, aber die oberen beiden Stockwerke dieses alten Fachwerkhauses sind vollgestopft. Es ist kaum möglich, sich zwischen all den Stühlen zu bewegen.

„Also mein Essay ist eher ein Skelett“, erklärt Micha. „Ich knabbere noch an Bruno Latour. Die Akteur-Netzwerk-Theorie ist schwurbelig und er schreibt französisch.“

„Du sollst ja auch die Übersetzung lesen“, kann ich mir nicht verkneifen.

Er rollt mit den Augen. „Ich meine, er schreibt, wie alte französische Arbeiten aus den Achtzigern und Neunzigern eben sind, wenn sie aus den Geisteswissenschaften kommen. Viva la Nebensatz. Wieso einen neuen aufmachen, wenn ich den Gedanken noch in den alten Satz bekomme, so Endlos-Bauten, das meine ich. Meinem Gefühl nach ist das eher ein Franzosen-Ding. Siehe Foucault.“

Ich lache ehrlich amüsiert, weil mir so ein Gedanke auch schon gekommen ist. „Stimmt.“

„Ihr Alster“, sagt die Rothaarige und beugt sich an mir vorbei, um es vor Joshua abzustellen.

„Thx“, erwidert er gewohnheitsmäßig und schiebt ein „Danke“ hinterher.

Als sie weggeht, knufft ihn Micha in die Seite. „Weniger Chat-Akronym, mehr echte Interaktion.“

„Pff, als wärst du der Pick-up-artist“, erwidert Joshua.

„Mehr als dieses Trauerspiel“, sagt er und deutet auf mich. „Sich seit, was, über einem Jahr nicht mehr mit ‘ner Frau getroffen?“

„Keine Zeit“, sage ich und zucke die Schultern. „Masterarbeit vorbereitet, letzte Hausarbeiten abgegeben, Masterarbeit angemeldet und etwas Zeit für Hobbys und Knalltüten wie euch ... Da bleibt kaum Platz.“

„So sehr ich schätze, dass du mich mehr zu mögen scheinst als das schöne Geschlecht: Ich denke, es sind Ausreden. Du bist feige.“

„Du irrst dich“, sage ich und merke, wie mir die Röte ins Gesicht steigt. Enthusiastisch vom bisherigen Alkohol füge ich hinzu: „Ich kann jede haben. Ich sehe völlig okay aus und bin charmant.“

„Okay, Großmaul“, sagt Micha grinsend. „Dann besorg die Nummer der Bedienung.“

„Hä?“

„Genau, was ich sage. Die Bedienung hat dich auf eine Weise angesehen und vor allem du sie. Du findest sie schön, oder?“

„Joah“, sage ich.

„Gut, geh zu ihr, beweise deinen Charme. Bring uns ihre Handynummer.“

„Ich kenne sie gar nicht.“

„Ist doch egal. Wir suchen uns aufgrund der Optik aus, ob wir mit jemandem Kontakt aufnehmen. Trägt jemand ein Bandshirt? Sieht er aus, als wäre er oder sie ordentlich, oder hat sein Leben nicht unter Kontrolle? Wir urteilen fortwährend. Manchmal irren wir uns, manchmal liegen wir richtig. Also, wenn sie dir optisch zusagt, teste, wie sie als Person ist. Und wenn dein Charme die Nummer bringt, ist der Beweis erbracht. Du musst sie ja nicht anrufen, ich will nicht, dass du sie gleich heiratest“, erklärt Micha und Joshua lacht.

Ich sehe zu ihm und er zuckt die Schultern.

„Probier’s doch. Was soll schon passieren?“

„Sollen wir ihn unterstützen“, fragt Micha an Joshua.

„Wie?“

„Jeder von uns spendiert einen Zehner, wenn er sie beschafft?“

„Okay. Ein Versuch. Er geht zu ihr, redet mit ihr, bringt sie. Ende. Wenn es nicht klappt, zahlst du alles, was wir heute Abend bestellt haben. Und ich denke, ich bestelle mir dann noch was Schönes.“

„Ihr seid bescheuert“, sage ich.

„Und du feige“, bohrt Micha nochmal, sodass ich aufstehe.

„Okay. Bitte. Dann hol ich sie mir“, sage ich.

„Schnapp sie dir, Tiger“, sagt Micha lachend. Ich klopfe ihm im Vorbeigehen auf die Schulter und frage mich den ganzen Weg über, wieso ich das tue. Irgendwie war das nicht das, wohin ich wollte in dieser Unterhaltung. Doch nun stehe ich hier. Die rothaarige Bedienung ist gerade auf dem Weg von der Treppe hinunter aus dem oberen Stockwerk. Ich schneide ihren Weg.

„Hey, ich weiß, du arbeitest hier und es ist unprofessionell, aber ...“, setze ich an und sie hebt einen Finger.

„Kein Interesse“, sagt sie und mustert mich, während sie sich auf die Unterlippe beißt. „Nein“, sagt sie und schüttelt den Kopf.

„Bekomme ich einen Grund?“, frage ich ehrlich neugierig.

„Okay, eigentlich habe ich Interesse“, stimmt sie zu, hebt aber sofort wieder ihren Zeigefinger. „Aber: Ich habe keine Zeit und brauche diesen Job. Wenn ich aber was mit ‘nem Kunden anfange und es nicht klappt, bekommt das vielleicht mein Chef mit und dann bin ich hier raus. Also nein. Will dich nicht kennenlernen, egal wie es aussieht. Denn mehr wäre eh nicht drin.“

„Klingt fair“, sage ich und nicke. „Kannst du mir dennoch einen Gefallen tun?“

„Wenn’s nur damit zu tun hat, deine Bedienung zu sein“, sagt sie und zwinkert.

„Kannst du mir deine Telefonnummer bringen?“

Sie hebt die Augenbrauen. „Spreche ich undeutlich?“

„Nein, aber ich brauche irgendeine Nummer, für die Flachzangen an meinem Tisch. Es geht um eine Wette.“

„Das ist Pubertierenden-Niveau“, sagt sie abfällig und doch zucken ihre Mundwinkel kurz. Dann aber sagt sie: „Nein.“

Ich öffne den Mund, schließe ihn wieder. „Okay“, sage ich und gehe zu Joshua und Micha zurück. Das war eine Niederlage, ich muss ihr nicht noch mehr auf den Keks gehen. Ihr Job ist sicher schon stressig genug hier ohne Kerle wie mich.

„Tja, dann nehm ich mal, denke ich, den teuren Whisky von der Karte“, sagt Micha. „Du auch was, Joshi?“

„Vielleicht noch ein Alster“, sagt er und klopft mir auf die Schulter. „Mach dir nichts draus. Ist auch kein gutes Umfeld für einen Erstkontakt.“

„Hmm“, brumme ich. Natürlich hat er recht, das Ganze war dämlich. Aber ich bin schon eine Weile allein, da haben die beiden recht. Dennoch bin ich zufrieden, wie es ist. Ich sehe hinüber zum anderen Tisch, an dem Isabella sich gerade mit Johanna, einer Freundin von Kathi, unterhält. Sie studiert mit Kathi Archäologie.

Es ist nicht so, dass ich nicht vielleicht dabei bin, mich zu verlieben. Aber ist das wirklich klug?

„Das Alster, das du bestellt hast“, sagt die rothaarige Bedienung und beugt sich zu mir, um es abzustellen.

Ich sehe sie verwirrt an, sie zwinkert.

„Mir einen Whisky“, sagt Micha, „und für den Mann noch ein Alster.“

„Sofort.“

Schon ist sie weg. Ich sehe mir das Radler an und muss grinsen.

„Hoffe, du kannst dir dein Getränk selber leisten“, sage ich zu Micha. Ich reiche ihm den Bierdeckel, der unter meinem Radler stand. Eine Handynummer steht darauf.

„Alter, du verarschst mich. Die hast du draufgeschrieben“, sagt Micha.

„Sieht das wie meine Handschrift aus?“

„Wenn du eine sehr feminine Schrift faken kannst, ja.“

„Ich würde sagen, das zählt“, ergreift Joshua Partei für mich.

„Von mir aus“, sagt Micha und hebt die Hände.

Mein Blick trifft den von Isabella. Sie sieht sofort weg.



6

Als ich den Anruf um fünf Uhr morgens bekomme, bin ich groggy und nicht recht beisammen. Doch die Stimme meines Bruders reißt mich sofort aus der Müdigkeit. Wie nach einer kalten Dusche bin ich sofort wach.

„Mit Oma geht es zu Ende“, sagt die Stimme meines Bruders. „Mama hat versucht, dich zu erreichen, aber es nicht geschafft. Sie ist schon auf dem Weg zum Krankenhaus. Oma ist schwer gefallen und im Marienkrankenhaus. Ich hole dich mit dem Auto, okay? Bin in zehn Minuten da.“

Im Hintergrund höre ich das Auto. Seine Stimme klingt, als hätte er das Handy neben sich auf dem Beifahrersitz liegen und auf Freisprechen gestellt.

„So schlimm?“, frage ich.

„Ja. Zehn Minuten, ne?“

„Okay, bis gleich. Ich komme runter, dann musst du keinen Parkplatz suchen“, sage ich. „Ich lege auf, oder ist noch was?“

„Nein, mach, bis gleich.“

Ich ziehe mich schnell an. Ich werfe mir eine warme Jacke über und gehe hinunter zur Straße.

Da Sven noch nicht da ist, schreibe ich kurz Kathi und Isabella in die WG-Chat-Gruppe eine Nachricht, dass ich weg bin. Die haben ihre Handys über Nacht eh auf lautlos, aber dann werden sie morgens sehen, wo ich bin.

Dann hält Svens cremeweißer VW-Polo – na ja, inzwischen mit Grauschimmer, weil er lange nicht gereinigt wurde. Ich springe auf den Beifahrersitz und wir fahren los.

„Danke, dass du mich holst“, sage ich.

„Kein Ding“, erwidert er. „Mama ist bei ihr. Mit dem Zug wärst du eine Ewigkeit unterwegs, wenn der so früh schon fährt.“

„Was ist ihr passiert?“

„Sie ist nachts losgezogen und die Pflegerin, die Dienst hatte, war wohl auf’m Klo. Sie hat nicht mitbekommen, dass Oma weg ist, bis diese schon im Treppenhaus war und dann die Treppe runtergefallen ist. Da lag sie dann, ‘ne halbe Stunde. Konnte wohl nicht laut rufen. Ihr tat alles weh und sie hatte nur ein Nachthemd an. Im Treppenhaus ist es da ja immer arschkalt.“

Ich nicke.

„Jetzt ist sie im Krankenhaus?“

„Ja, in der Klinik. Sie hat Fieber und ihre Organe sehen nicht gut aus. Vielleicht ist sie deswegen nachts raus. Sie sagen, sie ist verwirrt. Vielleicht wird sie ja wieder“, fügt er hinzu und klingt hoffnungsvoll. Ich sage nichts dazu und nicke nur stumm.

Wir fahren auf der Autobahn nach Norden und kommen schließlich an der Klinik an.

Als wir das Zimmer betreten, zu dem man uns schickt, sitzt unsere Mutter auf einem Stuhl und weint. Das Fenster ist offen, ein kühler Wind weht herein. Oma liegt reglos da. Jemand hat ihr ein Handtuch unters Kinn gemacht, damit der Kiefer nicht herunterklappt.

Wir umarmen unsere Mutter. Eine ganze Weile weint sie stumm, bis sie erzählt, was passiert ist.

Wir sind nur etwa eine Viertelstunde zu spät gekommen, es ging sehr schnell. Oma ist kurz aufgewacht und habe ihr gesagt, dass alles gut werde. Dann sei sie einfach bewusstlos geworden.

Weder mein Bruder noch ich schaffen es groß, etwas zu sagen.

Das hier ist nicht der erste Tote, den wir sehen, aber es wird nicht leichter, im Gegenteil. Mit jedem wird es schwerer.

Wir sitzen zusammen mit unserer Oma, bis die Sonne vollkommen aufgegangen ist, und erzählen uns von früher: Erinnerungen, Momente, die uns im Gedächtnis geblieben sind.

Den Tod kann man nur besiegen, indem man das Leben feiert, denke ich.

Irgendwann kommt eine Krankenschwester und will Oma abholen. Erst gegen neun Uhr stimmen wir zu. Wir sind erschöpft.

Ich glaube, das härteste am Tod ist es, derjenige zu sein, der zurückbleibt. Stirbt man, ist es vorbei. Jenseits hin oder her, man ist fertig mit dieser Welt. Aber die, die man zurücklässt, die müssen damit zurechtkommen, mit all den losen Fäden, die unvollendet bleiben, an die nie wieder angeknüpft werden kann.

Wir begleiten unsere Mutter, als sie die Unterlagen unterschreibt, und fahren mit ihr noch ins Altersheim. Dort sammeln wir Omas Sachen ein, kündigen die Verträge und klären alles, während unsere Mutter beim Bestatter anruft und alles Weitere bespricht.

Ein paar Kisten, die wir erst einmal in Svens Auto laden, das ist alles, was von einem Leben übrig bleibt.

Das letzte Hemd hat wahrlich keine Taschen.


*


Sven und ich bleiben noch ein paar Tage bei unserer Mutter zu Besuch. Nach der Beerdigung hat man irgendwie ein besonderes Bedürfnis, die Nähe anderer Menschen zu spüren. Wenn jemand die Gemeinschaft für immer verlassen hat, bringt einen das oft näher zusammen.

Als ich dann einige Tage später am Abend in unsere WG in Münster zurückkomme, begrüßt mich Isabella.

„Mein aufrichtiges Beileid“, sagt sie und nimmt mich in den Arm. „Kathi ist auf einer Feier und kommt erst sehr spät wieder. Ich soll dich auch von ihr drücken und fragen, ob du was brauchst. Sie könnte auch herkommen.“

„Hat sie mir auch schon geschrieben. Ist nett, aber ... mir geht‘s gut. Wirklich“, wehre ich ab. Ich bringe meine Sachen in mein Zimmer und spüre Isabellas Blick auf mir. Es war alles ein bisschen viel die letzten Tage. Ich fühle mich, als müsste ich erst mal meine Gedanken ordnen. Mein Verstand neigt ein wenig dazu, wie ein rohes Ei zu reagieren: Immer wieder stoße ich auf Dinge, die mich an meine Oma und den Verlust erinnern und mit ihr ist auch das letzte bisschen meines Vaters weg. Darum hab ich es auch nicht länger bei meiner Mutter ausgehalten. Sven ging es genauso.

Während ich meine Tasche ausräume, klopft Isabella.

„Ja.“

Sie tritt ein und setzt sich auf den Sessel in meinem Zimmer. Ich erinnere mich noch, wie ich als Kind darin gesessen habe, und verdränge den Gedankengang. Er führt zu nichts. Es sind nur Erinnerungen.

„Willst du lieber allein sein, oder möchtest du was unternehmen?“

Ich zögere.

„Wollen wir einen Film sehen? Ich habe Kathis Erlaubnis, ihren Streaming-Account zu nutzen.“

Ich nicke schließlich.

„Okay“, stimme ich zu. Ich weiß nicht, ob ich in meinem Zimmer sein will. In Kathis Zimmer steht ein bequemes Sofa und ein großer Fernseher. Ein Film wird mich vielleicht ablenken.

Wir machen es uns also auf Kathis Sofa gemütlich.

„Ihr habt Star Wars gesehen?“, erkundige ich mich, als bei den kürzlich gesehenen Filmen „Die Rückkehr der Jediritter“ auftaucht.

„Ja, ich weiß, dass jeder sie kennt. Ich aber nicht. Sie sind schön, wie ein modernes Märchen. Kathi hat sie mit mir gesehen.“

„Ja, der Vergleich ist gut.“

„Wollen wir den schauen?“, erkundigt sie sich. Als nächstes wird uns „Fanboys“ empfohlen, auf Grundlage der bisherigen Filme, die sie und Kathi gesehen haben.

Ich überfliege mit ihr die Inhaltsangabe. „Roadmovie klingt gut“, stimme ich zu. Die Verschlagwortung als Comedy ist, glaube ich, auch genau das Richtige im Augenblick.

Es geht um einige Freunde, von denen einer sterben wird, was Anlass zu einer Odyssee quer durch die USA wird und für jede Menge Humor sorgt.

Als zwei der Protagonisten am Feuer sitzen und über den baldigen Tod des einen sinnieren, trifft mich ein Satz hart. Es geht um verpasste Chancen und darum, dass die Fehler dazugehören und wichtig für das Ganze sind.

Ich spüre, wie mir unwillkürlich die Tränen kommen. Ich sehe einen Moment hoch und unterdrücke das Weinen, doch dann heule ich hemmungslos. Ich habe seit Tagen nicht geheult, weder am Totenbett, noch bei der Beerdigung. Es war einfach keine Zeit und irgendwie habe ich geschafft, es zu verdrängen: Sie ist tot. Sie ist tot und kommt nie wieder. Ich kann gar nichts dagegen tun, ich bin völlig machtlos. Ich weine. Isabella macht den Film aus und nimmt mich in den Arm. Sie drückt mich an ihre Brust und streichelt mir über den Rücken.

„Está bien“, murmelt sie mit sonorer Stimme. Irgendwann beruhige ich mich und mir wird das Weinen unangenehm. Ich sehe sie an. Da ist nur Mitgefühl.

„Ich habe nur gerade begriffen, dass sie weg ist. Ich meine, sie ist wirklich ... sie ist fort. Ich meine, mein Vater ist schon vor Jahren gestorben. Ich kenne den Tod, ich beschäftige mich mit ihm aus wissenschaftlicher Sicht. Das nimmt ihm den Schrecken, dachte ich ... aber nun ist auch seine Mutter fort. Die Mutter meines Vaters ist weg. Damit ist irgendwie ...“, murmle ich, weil ich das Gefühl habe, mich rechtfertigen zu müssen. „Damit ist der letzte Rest von ihm fort.“

Sie nimmt meine Hand und lächelt mich aufmunternd an. „Nein, es ist noch immer etwas von ihm da, verdad?“

Ich muss unwillkürlich lächeln. „So habe ich das noch nicht gesehen.“

„Es ist ein toller Teil von ihm noch da. Erzähl mir von ihm.“

Während sie das sagt, nimmt sie mich wieder in den Arm.

Ich erzähle ihr von meinem Vater und meiner Oma. Wir reden stundenlang, bis draußen die Sonne aufgeht und wir uns erschöpft in unsere eigenen Zimmer begeben.

Den Film sehen wir erst am nächsten Tag zu Ende.



7

Einen Monat nach der Beerdigung hat Kathi endlich ihr letztes Grabungspraktikum in Osnabrück. Wir begleiten sie, denn auf einer Baustelle, die eigentlich nicht stillstehen soll, wurden überraschend die Reste von Pfahlbauten gefunden. Das ist eine kleine Sensation, denn die Besiedlung dort sollte nicht in dieser frühen Epoche schon existieren. Allerdings gibt es immensen Druck, die Baustelle weiterlaufen zu lassen. Da ich schon mal mit auf einer anderen Grabung, auf der sie war, etwas dazuverdient habe, begleite ich sie. Am dritten Tag der Grabung kommt Isabella ebenfalls dazu. Jede Hand ist nötig, als wir in dem gewaltigen Loch arbeiten, das einmal eine Tiefgarage werden soll.

Inmitten des Lochs erhebt sich ein Plateau, in dem die Grabung stattfindet. Nur ein schmaler Bereich führt dorthin. Alles andere wurde inzwischen weiter abgetieft, um Vorbereitungen für die Fundamentlegung zu treffen. Isabella und ich helfen Johanna, einer Kommilitonin von Kathi dabei, das Planum an einer Stelle zu putzen. Das heißt nichts anderes, als vorsichtig die Erde in einem Bereich so abzutragen, dass man die Verfärbungen im Boden gut erkennen kann, um sie anschließend zu fotografieren und Skizzen anzufertigen. Die Verfärbungen hier zum Beispiel zeigen auch nach Jahrhunderten noch deutlich, wo die Pfähle des einstigen Hauses in den Boden gerammt wurden und wo einst ein Keller war, der später verfüllt wurde.

All das ist an der Verfärbung der Erde zu erkennen.

Dennoch ist es eine langwierige Aufgabe und die Sonne steht mittags heiß über uns.

„Ich hab über diese Anime-Serie nachgedacht“, sagt Isabella unvermittelt.

„Und?“

„Wieso gesteht die personaje principal, der ... main character ... nicht einfach, dass er was für sie empfindet?“

Ich zucke die Schultern. „Weil sie nicht der Typ Frau ist. Er bewundert sie, aber glaubst du, er sieht sie als eine Frau, die zu ihm passt? Er traut sich vielleicht nicht.“

„Vielleicht nicht, nein“, stimmt sie nachdenklich zu.

Ich bin mir gerade nicht mehr sicher, worüber wir eigentlich reden.

Neben uns beginnt ein Bagger, Teile der Rampe abzutragen, über die wir auf den Erdrest kommen, der noch nicht die Tiefe des übrigen Lochs hat.

Ich springe auf und winke dem Baggerfahrer. „Hey, Finger weg! Die Rampe brauchen wir noch!“

Die Baggerschaufel hält mitten in der Rampe inne und der Mann öffnet die Tür des Führerhäuschens.

„Was?“, ruft er über den Motor hinweg.

„Wir brauchen die Rampe noch!“, erwidere ich.

„Nein, die soll weg.“

„Nein, wir brauchen die noch!“

Er zuckt die Schultern und will weitermachen. Ich warte nicht darauf, dass einer der Archäologie-Studenten reagiert, sondern setze mich einfach auf die Rampe mitten in den Weg.

Der Mann gestikuliert, ruft etwas und stellt wütend den Motor des Baggers ab. In die Stille, die auf den abgeschalteten Motor folgt, tönt sein Ruf: „Ey, spinnst du? Geh da weg! Ich soll die Rampe entfernen, weil ihr bald fertig seid.“

„Sind wir nicht, sollten Sie nicht“, erwidere ich. „Klären Sie das mit Doktor Fritz.“

Das ist der zuständige Archäologe für die Grabung und sowohl für die Externen wie mich als auch für die anderen der letzte Entscheidungsträger.

„Boah ey, ich geh jetzt zum Bauleiter“, ruft der Baggerfahrer und stiefelt davon.

Es klingt eher wie „Ich geh jetzt zum Lehrer“, aber ich kann ihn auch verstehen. Es ist warmes Wetter und für ihn sind wir nur ein Störfaktor, der die Fundamentlegung behindert.

Allerdings ist das Geld für die Tätigkeit als Grabungshelfer gut bezahlt und ich kann Zeit mit Isabella verbringen. Also mache ich mich wieder daran, das Planum zu putzen ...


*


Etwas später ist es endlich so weit. Meine Mittagspause beginnt. Genau genommen war die eigentlich früher, aber Isabella und ich haben freiwillig weitergemacht, als die anderen ihre Pause genommen haben. Denn wir wollten nicht alle von der Baustelle verschwinden, solange die Gefahr besteht, dass die Bauarbeiter das hier alles abreißen.

Nun sind wir dran und wir nutzen die Pause für einen kleinen Spaziergang um den Block. Nach all dem Sitzen und Hocken tut es gut, die Beine zu bewegen.

„Und, wie steht’s um deinen Test?“, frage ich.

„Ach, no es ni fu ni fa. Musste ich nicht viel für Lernen. Gibt’s bei dir was Neues?“

Diese Redewendung kenne ich inzwischen gut von ihr. „Nichts Halbes, nichts Ganzes“ bedeutet sie und ich finde sie fast lautmalerisch.

„Nein“, sage ich. „Wieso?“

„Ach ... na ja. Sag mal, neulich im Jäger?“, fragt Isabella. „Da hast du dir die Nummer von der Bedienung geben lassen.“

„Ja, wieso?“

„Na, hast du sie angerufen?“

„Nein“, sage ich und schüttle den Kopf.

„Wieso nicht? Nicht dein Typ, oder bist du anderweitig ...?“, fragt Isabella.

„Nein“, gebe ich zu. „Ich hatte kein Interesse. Es ging um eine Wette“, erkläre ich und erzähle die ganze Geschichte.

Sie lächelt, als ich fertig bin.

„Machst du sowas öfter?“

„Wildfremde Frauen angraben? Ne“, sage ich ehrlich.

„Ihr seid da generell eher zurückhaltend“, stellt Isabella fest. „Auch mit Komplimenten.“

„Wer, ihr?“

„Ihr deutschen Männer. Keiner pfeift, keiner sagt was, wenn du vorbeigehst. Aber du wirst auch nicht angeflirtet. Ihr seid eher kühl, wie euer Wetter.“

„Ist vielleicht auch so ein Ding bei den Westfalen“, sage ich grinsend. „Nicht kritisiert ist bei uns oft Kompliment genug. Aber ehrlich, kann schon sein. Vielleicht hast du aber auch zu viel mit Menschen aus der Uni zu tun.“

Dann nach einer kurzen Pause frage ich: „Fehlen dir denn die Komplimente?“

„Ein wenig“, sagt sie und zieht einen Schmollmund.

„Na dann, lass dir sagen: Du siehst selbst in dieser Latzhose und den Arbeitsstiefeln umwerfend aus“, erwidere ich. Sie schenkt mir ein strahlendes Lächeln. Der Kirchturm in unserer Nähe beginnt zu schlagen. Wir müssen zurück, unsere Pause ist rum.



8

Ich sitze mit Sven vor meinem Fernseher. Mein WG-Zimmer ist nicht sonderlich groß, sodass mein Bett für mich als Sitzgelegenheit dient. Während ich im Schneidersitz sitze, hat mein Bruder den alten Sessel von unserem Opa in Beschlag genommen. Der Sessel steht in der Ecke meines Zimmers. Es ist ein Chesterfield-Sessel aus Echtleder, der zwar ziemlich gebraucht aussieht, aber unfassbar bequem ist. Allerdings dient er mir im Alltag meistens als Ablage für meine Kleidung. Irgendwie haben die meisten Menschen dafür ja einen alten Stuhl herumstehen.

Sven ist vorbeigekommen, um mir noch ein paar von Omas Sachen vorbeizubringen. Wir haben uns seit der Beerdigung von Oma nicht mehr gesehen. Nun liegt sie neben Opa. Sie musste auch lange ohne ihn auskommen.

Nach der Beerdigung ist es irgendwie greifbarer, dass sie weg ist.

Ich glaube, das stört mich an der Betrachtung des Todes am meisten: Du bist weg und das Leben geht ohne dich weiter. Du hinterlässt so viele lose Enden und dennoch, es geht ohne dich weiter. In einer Geschichte gibt es einen Helden, um den dreht sie sich und mit dem endet sie. Die Welt hat keinen Protagonisten.

„Von rechts, ein Elite“, sagt Sven, unterbricht meinen Gedankengang und ich reagiere sofort.

Wir spielen Halo 3 auf seiner alten Xbox 360. Für die nächsten Wochen behalte ich sie. Genau genommen ist es seine Konsole, die Spiele gehören aber größtenteils mir. Das war immer ein fairer Kompromiss zwischen uns beiden. Jeder schaffte sich eine Konsole an, der andere die Spiele, und so hatten wir immer eine Menge Auswahl an Konsolen und Spielen.

„Hast du schon mit deiner Spanierin geredet?“, fragt Sven.

„Hä?“

„Na komm, du stehst doch auf sie.“

„Sie ist Kubanerin“, erwidere ich.

Eine Weile spielen wir schweigend und konzentriert weiter.

„Gut, aber in dem wichtigen Punkt, in dem stimmst du mir zu, oder?“

„Ich wohne mit ihr.“

„Entweder sie mag dich auch oder du vergeudest deine Zeit. Verschwende keine Zeit und Ressourcen auf ein ‚Vielleicht‘ oder ein ‚Hoffentlich‘“, erwidert Sven. „Von links kommt neue Verstärkung.“

„Seh’s, kümmer mich drum“, nicke ich.

„Um die Verstärkung?“

„Beides.“

Wir spielen weiter. Ich weiß nicht, wie andere Leute das machen, aber mein Bruder und ich haben Privates immer gerne beim gemeinsamen Spielen besprochen. Er ist einer der wenigen Menschen auf der ganzen Welt, dem ich bedingungslos vertrauen würde und ich glaube, umgekehrt ist es ebenso.

„Hast du eigentlich nochmal an Omas Geschichte gedacht?“, frage ich irgendwann.

„Wieso?“

„Glaubst du, es ist wahr?“

„Das Gold?“

„Jap.“

„Ich ... ach fuck, ich bin tot. Da ist einer mit ‘nem Hammer.“

„Seh ihn, danke.“

„Ich glaube, es ist wahr. Vielleicht nicht so viel, wie sie sagte, aber ... na ja, unsere Familie hatte damals ja Landgüter und war wohlhabend. Etwas haben sie ja auch so mitgenommen und davon sich hier etwas Neues aufgebaut. Aber der Rest ... stimmt vermutlich. Irgendwer ist sicher sehr glücklich mit dem Klavier geworden.“

„Aber was, wenn nicht?“

„Was?“

„Na, wenn es nie einer gemerkt hat. Du weißt, wie schwer ein Klavier sein kann. Gold ist nicht so unfassbar schwer und wer baut ein Klavier auseinander, wenn er es kauft? Er stimmt es, ja ... aber dann bemerkt er das Gold im doppelten Boden vermutlich nicht.“

Sven lacht plötzlich. „Denkst du daran, es einzusacken, es zu suchen und zu finden?“ Seine Stimme wird verschwörerisch. „Oder, Mr. Ocean ... stellen wir eine Crew zusammen, um es zu stehlen?“

Ich rolle mit den Augen. „Nein, aber ich habe überlegt, ob man versuchen soll herauszubekommen, was daraus wurde. Komm, die Geschichte ist echt gut. Vielleicht ist sie wahr und vielleicht ist dort draußen ein Klavier voller Gold, das uns gehört.“

„Na ja, oder dem, der es gekauft hat.“

„Wäre immer noch Hehlerware, damit ist das Eigentumsrecht von Oma nie erloschen.“

„Stimmt auch wieder.“

Ich pausiere das Spiel. „Ich hol mir was zu trinken, willst du auch was?“

„Wenn du ‘ne Cola hast, liebend gern.“

„Bestellen wir nachher noch was?“

„Klar, Pizza oder Vietnam?“

„Pizza.“



9

Heute ist ein voller Tag für mich und zudem ist es diesen Sommer echt warm. Ich glaube, es ist vielleicht zu warm gewesen in den letzten Tagen. Die Leute werden noch bekloppt.

„Wie oft reden Sie mit Ihrem verstorbenen Mann noch?“, frage ich und klappe mein Notizbuch auf. Zwar läuft das Aufnahmegerät mit, doch ich mache mir zusätzlich gern Bemerkungen.

„Nicht so oft“, setzt sie an und trinkt aus ihrer Kaffeetasse mit dem ACDC-Aufdruck. Dann hält sie inne und legt den Kopf etwas schief, fixiert etwas in der linken Ecke über mir und wird nachdenklich.

„Nein, inzwischen eigentlich jeden Tag“, sagt sie dann langsam. Es ist ihr unangenehm, das sehe ich.

Ich versuche, eine offene Atmosphäre zu wahren. Ich bin Kulturanthropologe, kein Richter. Mich interessiert ihr Verhalten. Das „warum“ beschäftigt mich, nicht ob es richtig ist.

„Also, ich fasse das nochmal für mich zusammen“, sage ich und sie nickt dankbar, dass ich die Stille unterbreche. „Ihr Mann starb vor drei Jahren. Seit nun sieben Monaten sind Sie Kundin von REMEMBER, richtig?“

„Nein, seit elf Monaten bin ich das. Meine Mutter hatte damals bei REMEMBER für meine Oma bereits einen Account angelegt und ich kannte das Prinzip also. Wir schreiben uns immer mal wieder“, sagt sie fröhlich.

Ich nicke, mehr zu mir selbst als zu ihr, und mache mir eine Notiz.

„Fehlt Ihnen nicht die Intimität mit Josh?“, frage ich direkt heraus. Ihre Ohren werden rot, was ich bei einer erwachsenen Frau bei dieser Frage irgendwie unangemessen finde. Aber das muss man hinnehmen, darum stelle ich die Frage auch direkt. Mein Leitfadeninterview wurde sowieso schon durcheinandergebracht, weil sie in den Themen gesprungen ist. Aber der Themenkomplex blieb bisher unbeantwortet.

„Darüber möchte ich nachdenken“, sagt sie kurz.

Ich nicke. „Natürlich. Wenn Ihnen das Thema zu unangenehm ist, können wir es auch aussparen.“

„Wie sehen das denn Ihre anderen Interviewpartner?“, fragt sie. Ich halte inne. Das ist jetzt dünnes Eis, das ist mir klar. Ich könnte ihr sagen, was andere Interviewpartner gesagt haben, und damit womöglich ihre Antwort vorformen. Im Gegensatz zu Soziologen, die meistens viele Fragen stellen, um möglichst quantitative Daten zu bekommen, arbeite ich qualitativ. Das heißt, ich interviewe wenige Leute sehr umfassend, gebe ihnen Raum, über Dinge zu reden und stelle manchmal eine Frage nicht direkt, um zu sehen, ob und vor allem wie gewisse Themen angesprochen werden.

„Nun, das Thema habe ich bisher in jedem Interview besprochen“, sage ich in der Hoffnung, dass sie nicht nachbohrt, sondern als Botschaft mitnimmt: Auch andere haben darüber geredet.

Es scheint zu funktionieren.

„Er fehlt mir. Ich meine, nicht nur Josh ... auch der Sex. Das Kuscheln, das ... Umarmt werden, wenn man nach Hause kommt. Selbst wenn er mir einen Klaps auf den Hintern gab ...“, sagt sie nun.

Wieder mache ich mir eine Notiz. „Sie haben seit seinem Autounfall vor drei Jahren keine neue Beziehung begonnen?“, frage ich auf Verdacht.

Sie nickt. „Ja, nein ... da waren zwei Kerle, ich ... einer war ein One-Night-Stand, der andere ... das waren nur wenige Wochen. Ich weiß, dass Josh tot ist. Aber ... ich fühlte mich nicht gut. Sie waren nicht er, wissen Sie? Sie sind nicht so, wie er ist ...“, sagt sie.

Wieder eine Notiz von mir: Sie spricht in der Gegenwart von ihm.

Das Gespräch geht noch etwas weiter, bevor sie zu einem Termin muss und ich mich von ihr verabschiede.

Danach sitze ich im Café M vor meinem Laptop und höre über Kopfhörer das Interview. Ein Kaffee steht neben mir und wird kalt.

Linda Hövelmeyer, sie war meine vierte Interviewpartnerin. Ich habe noch einige vor mir, aber es zeichnet sich ein deutliches Muster ab. Es geht gewissermaßen um eine Beobachtung des Alltags der Menschen und mein Abschlussarbeitsthema ist, wie Menschen heute mit dem Tod umgehen. Seitdem vor zwei Jahren Firmen wie REMEMBER auf den Markt kamen, glaube ich, hat sich da was verändert.

Ich bekomme eine Kurznachricht, die mich in meinen Gedanken unterbricht: ein Foto von unserem Waschbecken. Ich weiß sofort, was Kathi will.

Zum Foto hat sie nur zwei Sätze geschrieben: „Ich bin gegen ein plüschiges Waschbecken, Max! Letztes Mal war freundlich, noch einmal, dann lasse ich demnächst Tampons rumliegen.“

Ich grinse, weil ich mir ihr wütendes Gesicht vorstelle, während ich den Text lese. Ich habe mir heute Morgen in der Eile zwar den Bart rasiert, den Rasierer aber nur schnell ins Waschbecken geleert. Leider habe ich vergessen, die Haarreste wegzumachen. Kathi ist da immer etwas empfindlich, was Sauberkeit angeht. Ich antworte mit: „Drohung verstanden, kommt nicht wieder vor. ‘Tschuldige!“

Ich weiß, dass sie mir nicht lange böse ist. Sonst kann man es kaum aushalten, in einer WG zu leben. Dann widme ich mich wieder meiner Arbeit. Ich ordne meine Notizen und beginne zu schreiben:

Die Firma REMEMBER bietet einen besonderen Dienst an. Ihr ist es keineswegs als erstes gelungen, maschinelles Lernen zu nutzen, um einen brauchbaren Chatbot zu erschaffen. Derartige Technologie existiert seit vielen Jahren, wenn auch so manche Servicefunktion eher leidlich durch einen Chatbot erledigt werden konnte. Hingegen begann die Firma REMEMBER mithilfe eines Mustererkennungs-Algorithmus aus den schriftlichen Hinterlassenschaften Verstorbener, den Chatbot zu füttern, sodass er den Duktus, Satzbau und Ausdruck des Verstorbenen annahm und somit die Illusion eines Gespräches mit dem Verstorben entstand. Firmengründer P. Jorgenson schuf die erste Version dieser Software nach dem Tod seiner Frau beim Amoklauf von Utoya und machte später ein erfolgreiches Unternehmen daraus.

Ich halte inne, trinke einen Schluck Kaffee und denke nach. Dann ergänze ich:

Eine wesentliche Voraussetzung für diese Art der Dienstleistung ist natürlich, dass durch ein Leben der Textproduktion über Social-Media-Seiten, Chatverläufe und das Erschaffen von eigenen Inhalten genügend Grundlage für den Chatbot geschaffen werden kann. Erst dadurch gibt es die Möglichkeit der Verwertung für REMEMBER.

Mein Handy klingelt und reißt mich aus meinen Gedanken.

Ich weiß nicht, ob ich es gut finde, dass Leute bei diesem Dienst all die Daten ihrer Verstorbenen abgeben, nur um dann mit einem Chatbot zu schreiben so wie mit dem Verstorbenen. Mein Handy klingelt erneut. Ich drücke die Erinnerung weg und klappe den Laptop zu. Ich muss weiter.

Es ist später Nachmittag und ich habe noch eine Verabredung. Darum schwinge ich mich auf mein Fahrrad und eile nach Hause.

Dort angekommen sehe ich, wie Isabella ins Bad huschen will. In der Tür stehend hält sie inne.

„Bin in fünf Minuten fertig“, sagt sie.

„Ich auch“, erwidere ich und eile in mein Zimmer.

Da lasse ich meinen Rucksack samt Laptop stehen und wechsle mein Hemd gegen ein Dropkick Murphys-T-Shirt.

Die Bostoner Band ist eine meiner Lieblingsbands und ich habe sie leider noch nie live gesehen, weil ihre wenigen Deutschlandkonzerte entweder zu weit weg stattfanden oder zu schnell ausverkauft waren.

Dieses Mal allerdings nicht. Dieses Jahr gibt es auf dem Münsteraner Schlossplatz mal nicht David Garrett, sondern Dropkick Murphys, und ich bin dabei. Isabella hat von mir vor einigen Wochen Musik bekommen, als sie sich dafür interessierte, was Kathi und ich so hören und gleich zugesagt, mich zu begleiten.

Als ich in den Flur komme, steht Isabella schon da und bindet sich gerade die Turnschuhe. Sie hat einen kurzen Rock an und ein T-Shirt der kubanischen Band Orishas. Die habe ich wiederum durch sie kennengelernt, auch wenn mein Schulspanisch sich schwer damit tut, spanischen Rap zu hören und dann noch zu verstehen.

Ihre langen glatten Beine nehmen mich kurz in ihren Bann. Isabella reißt mich aber aus meinen Gedanken, indem sie mich an die Uhrzeit erinnert.

Wir beeilen uns, zum Konzert zu kommen.

Ein Großteil des Schlossplatzes ist abgesperrt. Wir haben diesmal die Fahrräder gleich zu Hause gelassen und fahren mit dem Bus zum Landgericht. Von da aus sind es nur noch wenige Dutzend Meter, bis wir an den Absperrungen sind.

Ein bulliger Kerl, dessen Kopf nahtlos in die Schultern überzugehen scheint, kontrolliert unsere Karten, bindet uns kleine Papierbändchen um das Handgelenk und schon sind wir drinnen.

„Willst du was trinken?“, frage ich Isabella. „Noch ist es nicht so voll.“

Ich deute auf die drei Bierwagen, die am Rand des Platzes verteilt sind und bisher kaum frequentiert werden. Da es warm ist, wird sich das sicher bald ändern.

„Gern“, sagt sie. Wir besorgen uns jeder eine große Cola und entscheiden uns für einen Stehplatz, der zwar mittig liegt, aber etwas weiter hinten.

„Das ist mir sonst zu laut“, erklärt Isabella.

Wir sind früh dran und ich lasse mir von ihr erzählen, wie ihr Seminar so läuft. Sie berichtet mir von ihrer schwierigen Professorin, als ihr etwas in den Sinn kommt. „Brauchst du noch Allgemeine Studien?“

„Wieso?“

„Weil ich im Wintersemester eine Vorlesung zur Bioethik mache, die ist freigegeben für Allgemeine Studien. Wenn du mit mir dahin willst“, sagt sie und schiebt schnell hinterher: „Es sind vielleicht Themen, die dich auch interessieren: Experten, die zu Abtreibung, Genmanipulation und so aus verschiedenen Blickwinkeln sprechen. Soll gut sein.“

„Wegen der Themen geh ich vielleicht hin“, sage ich und zwinkere ihr zu, als ich hinzufüge: „Vielleicht aber auch, damit wir uns noch öfter sehen.“

„Stimmt, man sieht sich gar nicht so oft, obwohl man zusammen wohnt“, sagt sie und zwinkert zurück.

Die Vorband betritt die Bühne und beendet damit erst mal jede weitere Kommunikation.



10

Im Bett neben mir liegt niemand. Das macht mich misstrauisch. Wo ist meine Frau? Ich richte mich auf und muss tief einatmen. Irgendwie fühle ich mich voll, schwerer als erwartet. Ich stehe wankend auf. Dabei fallen mir meine runzeligen Hände auf.

Ich muss gestern bei der WG-Feier mehr abbekommen haben, als ich dachte, Gott sehen die alt aus. Ich sollte mich morgen mal eincremen, Kathi hat sicher irgendwas Nützliches für die Hände. Isabella macht das ja auch. Aber ich hab da nicht immer die Nerven zu, zum Eincremen und diesem ganzen Gedöns. Jeden Morgen auch noch mit dieser Creme einschmieren, sodass man keinen Sonnenbrand bekommt? Jetzt erst fällt mir auf, dass dies nicht mein Bett ist. Es ist ein Doppelbett mit klinisch weißen Bezügen – so welche habe ich doch gar nicht.

Ich sehe mich um.

Irgendwas ist falsch, das wird mir langsam klar. Es sind nicht die Einzelheiten des Raumes. Die Kommode ist von Uropa, der Schrank von mir aus der WG, der Raum aber nicht. Die Komponenten des Raumes sind mir alle bekannt, doch das Gesamtbild ist falsch. Dieser Raum, seine Anordnung und seine Form ist mir komplett fremd. Wo zur Hölle bin ich?

„Isabella? Kathi?“, rufe ich zaghaft. Ich trete ans Fenster. Es ist warm, das Fenster steht auf Kipp. Draußen ist ein Strand, Palmen. Wieso zur Hölle Palmen?

Ich bin mir jetzt zumindest sicher, dass das hier nicht mehr das Münsterland ist. Wenigstens etwas, bei dem Gewissheit herrscht, denke ich.

Eine alte Frau betritt den Raum.

„Hallo, mein Sonnenschein“, sagt eine vertraute, warme Stimme.

Dieses Timbre würde ich überall auf der Welt wiederfinden. Mit so einer Stimme kann man mir auch das Telefonbuch vorlesen und ich würde trotzdem unweigerlich über sie herfallen wollen: meine geliebte Isabella. Allerdings ist sie alt, viel zu alt – mindestens dreimal so alt, wie sie sein dürfte.

„Querido. Ich weiß, du denkst, ich bin alt“, sagt sie und lächelt etwas traurig. Das kann man immer an ihren Augen sehen.

„Die Überraschung sieht man dir nicht an“, sagt sie freundlich und deutet auf einen kleinen Tisch und zwei Stühle mit Blick zum Meer. Dort gehen die Fenster bis zum Boden herab. „Bitte, setze dich.“

„Ich stehe lieber“, sage ich wahrheitsgemäß. Mein Rücken zwickt ganz schön. Habe ich mir was ausgerenkt?

„Dann zieh dir doch etwas an und wir machen einen Spaziergang. Es ist herrliches Wetter.“

Ich gehe zum Schrank, wähle T-Shirt und Hose. Das Shirt ist vom Dropkick Murphys-Konzert im Schlosspark. Es schlackert ganz schön. Ich sehe an meinem Körper hinab. Ich bin alt.

Immer noch misstrauisch machen wir uns auf den Weg. Der Strand ist herrlich. Einige Asiaten sind mit ihren Kindern dort.

„Wieso bin ich alt?“, frage ich Isabella. Sie lacht freundlich und ohne Häme.

„Weil du alt bist.“

„Aber ich weiß, wie ich gestern ins Bett ging. Da war ich noch nicht mal dreißig!“

Sie nickt, fordert mich damit auf, mehr zu sagen. „Wir beide haben ...“ ich zögere. Dann weiß ich es wieder. „Wir beide haben uns geliebt, es war ein langes Wochenende. Die Kinder waren bei deiner Schwester, damit wir mal etwas Ruhe hatten.“

Sie lächelt, scheint in Erinnerungen abzusinken.

„Kinder? Was?“

„Welches Jahr haben wir?“, fragt sie dann unvermittelt.

„2016 natürlich“, erwidere ich wie aus der Pistole geschossen. Dann habe ich ein ganz übles Gefühl. „Haben wir nicht, oder?“

„Nein, haben wir nicht“, stimmt mir Isabella zu und nimmt meine Hand. Ihre Hand ist runzelig, genau wie meine. Vorsichtig erfühle ich die Falten. Sie lächelt. „Du bist dreiundachtzig Jahre alt. Wir leben seit vier Jahren in Thailand, jedenfalls die meiste Zeit. Das Klima bekommt uns beiden besser, vor allem mir wegen meines Asthmas. Außerdem ist es nicht so teuer hier.“

„Wie alt bin ich?“, frage ich und sehe in ihren Augenwinkeln etwas aufblitzen: Eine einzelne Träne, die sie wegblinzelt. Diese wunderschönen braunen Augen.

„Du hast eine Form von Alzheimer. Das heißt, du vergisst Dinge. Mal mehr, mal weniger. Gestern wusstest du morgens noch alles.“

Ich will widersprechen doch ein Teil von mir weiß, dass sie recht hat. Irgendwo, weitab des rationalen Denkens, fühle ich die Wahrheit. Ich merke, wie ich weinen möchte, ob der verlorenen Jahre. Doch ich bin einfach nur stumm, unbeweglich. Sie nimmt mich in den Arm, meine geliebte Isabella.

„Erzähl mir, was ich vergessen habe“, flüstere ich.

Sie lächelt. Obwohl ich es nicht sehen kann, kann ich es hören, als sie spricht: „Aber gerne doch.“


*


Mein Wecker plärrt und ich wache auf. Desorientiert liege ich in meinem Bett – meinem richtigen Bett, und das elektrische Kreischen meines Weckers schraubt sich in meinen Verstand. Ich habe geträumt, meine Güte, so realistisch habe ich schon seit Jahren nicht mehr geträumt!

Ich schalte den Wecker aus und überlege, welcher Tag ist.

Gestern, das Konzert ... es ist spät geworden. Wir haben noch lange geredet über Gott und die Welt ... Mein Verstand arbeitet langsam. Warum muss ich denn so früh raus, denke ich, und es fällt mir sofort wieder ein. Heute habe ich noch ein Interview für meine Masterarbeit. Während ich aufstehe und unter die Dusche gehe, grüble ich über den Traum. Das war bizarr, selbst für einen Traum. Habe ich Angst, was zu verpassen?

Ich mag Isabella. Das weiß ich schon lange. Ich glaube, sie mag mich auch ... ich muss nur noch den richtigen Moment abpassen, mit ihr darüber zu reden. Oder soll ich sie einfach küssen? Ich glaube, heutzutage bekommt man da eher eine Anzeige, allerdings, glaube ich, wäre Isabella da eher etwas handgreiflicher und würde mir schlicht eine ballern. Ich muss mal Zeit finden, mit ihr allein über uns zu reden.

Es ist erstaunlich, wie schwer sowas ist, obwohl man zusammen wohnt! Zudem muss auch die Stimmung irgendwie passen ... Ich seufze. Irgendwie war das in der Schule noch leichter: Willst du mit mir gehen? Ja, nein, vielleicht?

Ich spiele diverse Szenarien in meinem Kopf durch, während ich mich vor dem Badezimmerspiegel rasiere und fertigmache, bis ich dann endlich so weit bin und mit meinem Rucksack auf dem Rücken losziehe zu einem weiteren Interview für meine Arbeit. Beim Fahrradfahren denke ich über das Vergessen nach. Ich glaube, in meinem Traum ging es darum, alles zu vergessen, was man hatte. Oder ging es darum, dass es alles vorbei ist und man es nicht erlebt hat?

Ich muss eine Gelegenheit finden, mit Isabella zu reden.

Der Herbstwind fährt mir durch meine Jacke und lässt mich frösteln.

Was, wenn sie wieder nach Hause geht? Würde das funktionieren?

Nach einer kurzen Fahrradfahrt bin ich in Coerde. Die hässlichen Türme der Nachkriegszeit ragen hinauf in den Himmel. Ich klingel bei Tim Greveus und treffe ihn oben an der Treppe im dritten Stock.

„Kommen Sie rein“, sagt er. „Kaffee?“

„Nein, danke, gerade nicht“, erwidere ich und wir setzen uns an seinen Küchentisch. Die Wohnung ist klein, aber ordentlich und gepflegt.

„Also, ich hab deinen ... ich duze mal, wir sind ja gleich alt, ne?“, fragt er und ich nicke. „Also, du suchst Leute, die REMEMBER nutzen.“

Ich nicke und hole mein Handy raus, mit dem ich das Gespräch aufnehmen will. Ich erkläre Tim Greveus, wie das Interview abläuft. Natürlich führe ich nicht genau aus, wie ein Leitfadeninterview funktioniert, und dann beginnt er auch bereits zu erzählen.

Er war von Anfang an Kunde von REMEMBER und hat regelmäßig mit seinem Vater geschrieben, einem hiesigen Lokalradiomoderator. Er berichtet mir eine Weile davon, wie es in der Anfangszeit war, als er Kunde wurde.

„Es war gruselig und doch so schön“, sagt Tim nun. „Ich meine ... Ich hab ihm immer so geschrieben, wie es im Leben weitergeht bei mir. Dass ich jetzt einen eigenen Job habe, dass ich mich von meiner Partnerin getrennt habe ... sowas, ne?“

„Aber heute nutzt du den Service nicht mehr?“, frage ich. Das interessiert mich besonders, weil sich nur wenige gemeldet haben, die aufgehört haben, Kunden von REMEMBER zu sein.

„Das stimmt“, sagt Tim gedehnt. „Ich fand es nicht mehr gut. Ich meine, also, das war nicht der Grund. Wir haben uns gestritten.“

„Gestritten?“

„Na ja, weißt du, der Algorithmus will natürlich, dass wir uns wohlfühlen, ja? Er ist so programmiert, dass man seichte Unterhaltungen führt und dass Allgemeinplätze kommen, wenn man so richtig schwere Lebensfragen stellt. Das ... das ist mir eskaliert. Als ich mich vor vier Monaten von meiner Freundin getrennt habe, hab ich einfach vergessen, dass ... also ich meine, natürlich weiß man immer, dass man mit einer Maschine schreibt, die sich ausdrückt wie der eigene Vater. Aber da hab ich es vergessen.“

„Was geschah dann?“, frage ich. Er ist nicht der erste, der immer wieder betont, dass man ja immer wisse, dass man mit einer Maschine rede. Ich bezweifle das, so häufig, wie mir das versichert wurde, inzwischen erheblich. Diese Versicherungen wirken auf mich meist eher wie an den Sprecher gerichtet, nicht an mich adressiert.

„Na ja, ich weiß nicht mehr, was er gesagt hat, aber das war ... so banal. Das war nicht er. Er hat sich nie gedrückt, wenn ich mit ‘ner schweren Frage zu ihm gegangen bin. So ein ‚Papa, ich hab ein Problem‘, wo man nicht will, dass er es löst, sondern einfach die Meinung will von jemandem, der älter und erfahrener ist, zu dem man aufsieht. Dann kamen so ... banale Antworten. Ich wurde wütend, habe aufgelegt und bin ziemlich ins Nachdenken gekommen.“

Er sieht eine Weile nachdenklich aus dem kleinen Küchenfenster hinaus in den strahlend blauen Himmel, der so gar nicht zu dem für ihn dramatischen Thema passen will.

„Und so habe ich viel nachgedacht und dann eine Weile REMEMBER nicht mehr genutzt. Es war schwer ... ich meine ... ich hab erst dann gemerkt, dass ich mich lange nicht so recht mit dem Gedanken auseinandergesetzt habe, dass er ... dass er weg ist – wirklich weg. Ich glaube, darum war ich so sauer, weil mir diese banalen Antworten die Illusion geraubt haben, dass er noch da ist.“

Ich mache mir Notizen. Das Gespräch geht weiter und schließlich sind wir fertig. Ich verabschiede mich und fahre nach Hause.

Dort setze ich mich wieder ans Schreiben.

Eines der Opfer des Amoklaufs von Anders Breivik in Norwegen 2011 schreibt noch Jahre später SMS an die Nummer ihrer Freundin, die dort getötet wurde. Wie ihrer eigenen Großmutter es vielleicht half, am Grab im Stillen mit dem Verstorbenen zu sprechen, bedient diese Handlung ebenfalls dasselbe Bedürfnis aber auf eine andere Weise. Beide, der stumm Betende und die SMS-Schreibende, wissen, dass ihnen nicht geantwortet wird. Doch die Ambivalenz der eigenen Handlung kann einem klar sein, ohne dass sie einen von der Handlung abhält.

Andererseits wird die Jenseitsvorstellung einer Person vielleicht auch nicht systematisch in einer Studie miterfasst, weil es so schwer fassbar für das positivistische Wissenschaftsverständnis ist. Grabmäler, Handlungen am Sarg und am Unfallkreuz können erfasst und interpretiert werden. Die Vorstellung, was nach dem Tod ist, ist einerseits etwas, auf dem ein gewisses Tabu liegt. Andererseits ist es möglicherweise auch unüblich, sich heutzutage als Anhänger einer metaphysischen Jenseitsvorstellung zu offenbaren. So wie man in Deutschland nicht „bedingungslos“ von seinem Glauben (an irgendeine Religion) spricht, spricht man möglicherweise auch in den Interviews nicht frei von solchen Hoffnungen.

Eine Weile arbeite ich so weiter, aber schlussendlich merke ich, wie meine Gedanken sich im Kreis drehen, und ich setze mich auf mein Bett. Ich komme nicht weiter. Ich brauche eine Pause. Manchmal muss man sich Zeit geben, Dinge zu verarbeiten, sie einsinken lassen in den Verstand und sie dann in Ruhe neu ordnen. Ich schließe meine Playstation an den Fernseher auf meiner Kommode an, was ich einige Monate nicht getan habe, und starte ein Spiel. Es ist ein Rennspiel, das ich vor vielen Jahren gern gespielt habe. Ich mache, was ich immer mache, wenn ich nachdenken muss. Ich spiele ein Geisterrennen. Wenn jemand eine sehr gute Streckenzeit hinlegt, kann er diese hinterlegen und so kann jemand anderes gegen eine „durchscheinende“, also geisterhafte Version dieses Fahrers antreten, in einer neuen Runde. Natürlich kann man auch gegen seinen eigenen Geist fahren, um besser zu werden.

Ich fahre Rennen um Rennen gegen den Geist, wie ich es immer mache, um nachzudenken.

Ich frage mich, ob es gut ist, dass die Toten uns nun so umgeben. Eigentlich gibt es in jeder Gesellschaft Rituale, die ein Neugeborenes in die Gemeinschaft aufnehmen, wie die Taufe oder Feierlichkeiten zur Geburt. Genauso gibt es auch Feierlichkeiten wie Beerdigungen, um den Verstorbenen aus der Gemeinschaft der Lebenden in die Gemeinschaft der Toten zu bringen, um ein Ende zu markieren. Er ist nun nicht mehr bei uns, heißt es oft, und das wird durchaus wörtlich gemeint: Der Tote ist nun aus dem sozialen Netz herausgeschnitten, weil niemand im sozialen Netz sein kann, der nicht mehr reagiert.

Doch unsere Toten sind im sozialen Netz, haben uns Dinge hinterlassen und handeln geradezu ... ist das gut für uns, denke ich und schaffe es, den Geist des Spielerprofils zu besiegen, gegen den ich immer spiele, wenn ich traurig werde.

Ich habe dieses Rennspiel als Kind immer gerne gegen meinen Vater gespielt und konnte ihn nie besiegen, als er noch lebte.

Nun habe ich gewonnen, gegen den Geist vom Spielerprofil DarthVater71 ...

Manchmal vermisse ich ihn ziemlich und würde gerne mit ihm reden.



11

„Seid ihr noch immer nicht fertig?“, frage ich und klopfe an die Tür des Badezimmers.

„Gleich“, kommt es doppelt daraus hervor. Ich seufze, mehr kann ich nicht tun. Mein Zombie-Kostüm habe ich schon an, die alte zerschnittene Kleidung sieht klasse aus. Was aber noch fehlt ist das Make-up. Auf meinen Arm habe ich bereits eine hervorragende Schnittwunde gemalt, an meinem Bein habe ich eine Art Fertigwunde kleben. Die ist mehrheitlich aus Kunststoff und durch die darum aufgerissene Hose sieht sie ziemlich echt und widerlich aus. Was noch fehlt ist ein bisschen Schmink-Magie von Kathi in meinem Gesicht, um mich untot aussehen zu lassen. Blass habe ich mich schon selbst geschminkt. Dazu noch eine schöne Schnittwunde im Gesicht oder am Hals, die Kathi hinzufügt. Sie kann wahre Wunder vollbringen.

Ich bin ziemlich zufrieden mit mir, denn ich habe meine Masterarbeit gestern binden lassen und abgegeben. Die muss natürlich noch bewertet werden und das Prüfungsamt muss ein Zeugnis ausstellen, aber in einigen Wochen bis Monaten bin ich dann komplett fertig und bis dahin frei.

Endlich wird die Badezimmertür aufgeschlossen und Isabella und Kathi kommen heraus. Kathi trägt ein Piratenkostüm, das allerdings ziemlich viel Bauch zeigt. Offensichtlich soll sich der Unisport auszahlen und wir sollen das auch alle sehen. Isabella ist perfekt geschminkt, als wäre sie zum mexikanischen Día de los Muertos unterwegs. Ihre Haare sind straff zurückgekämmt und sie trägt einen Haarreif, der rote Kunstrosen enthält, die ihr zum Schädel geschminktes Gesicht noch fremdartiger aussehen lassen.

Kathi sieht auf die Uhr und winkt mich ran.

„Los, ich mach dir noch schnell einen Schnitt ins Gesicht. Die ersten kommen sicher gleich.“

„Ach was, wenn du zwanzig Uhr sagst, kommen die ersten eh nicht vor halb neun. Niemand will der erste bei einer WG-Party sein und helfen aufzubauen, und niemand will letzter sein und aufräumen“, sage ich und setze mich auf den geschlossenen Klodeckel. Kathi fängt sofort an mit ihrer Zauberei und nach vielleicht zehn Minuten darf ich das Ergebnis im Spiegel bestaunen: Ich sehe aus, als hätte ich eine üble Platzwunde an der Schläfe und bin ungesund bleich.

„Gefällt’s dir?“, fragt sie und ich nicke.

„Sieht übel aus“, sage ich und zwinkere ihr zu.

„Dann stell schon mal das Bier auf den Balkon“, weist mich Kathi nun an.

Währenddessen füllt Isabella Chips und Salzstangen in diverse Schüsseln und verteilt sie in der Wohnung.

Dann klingelt es, die ersten Gäste sind da. Während Isabella sie begrüßt, mache ich die Musikanlage an und starte die Playliste des Abends. Über den Laptop läuft eine Spotify-Liste von Kathi, die sie extra hierfür zusammengestellt hat. Mir gefällt es, da unter all dem Pop-Kram auch basslastige House-Musik bis hin zu einigen Nu Metal-Liedern dabei sind.

Als ich in den Flur komme, sind schon die nächsten Gäste da. Tim Kellows hat seine geliebte Bierbong mitgebracht. Ich kann den Kerl und das Ding nicht leiden, aber irgendwen wird er sicher schon finden, den er heute Abend damit druckbetanken kann.

Ich gehe durch die Räume. In fast allen Zimmern stehen Bluetooth-Lautsprecher, sodass die Musik überall bis auf dem Klo zu hören ist.

Kurz überlege ich noch, dort auch eine Box hinzustellen, doch dann beginnt das Lied „Shoot to Thrill“, was so gar nicht in ihre Playliste passt, und während Kathi an die Tür eilt, an der es schon wieder klingelt, greift Isabella meine Hand. Sie zieht mich ins Wohnzimmer und wir beginnen zu tanzen, bevor kein Platz mehr dafür sein wird. Ich muss gestehen, ich bin nicht der Typ dafür. Sich einfach so entspannt der Musik hinzugeben, das ist eigentlich nichts für mich. Doch die Kombination meiner Lieblingsband und dazu Isabella, dem kann ich kaum widerstehen.

Wir geben uns der Musik hin und für einige Minuten existieren nur wir. Unsere Blicke treffen sich.

Jetzt, denke ich, jetzt ist vielleicht gut.

„Sag mal, Isabella“, sage ich und trete näher.

„Ey, du musst Isabella sein. Ich sach mal Isa, ne?“, fragt Tim, der ins Wohnzimmer kommt.

Sie nickt, wir hören auf zu tanzen. Das Lied endet. Tim ist verkleidet als Avocado. Er hat ein Stück grüne Pappe ausgeschnitten, das ihn von vorne aussehen lässt wie eine Avocado auf Beinen. Dort, wo der dicke Kern der Avocado wäre, ist ein Loch in der Pappe, sodass sein Bauch rausschaut.

„Kennt ihr Bierbong in Kuba?“, fragt er und hält den Schlauch mit Trichter stolz hoch. „Willste mal probieren?“

„Wie soll das funktionieren?“, fragt sie skeptisch.

„Du bekommt das eine Ende des Schlauches in den Mund und in den Trichter wird Diverses gleichzeitig reingeschüttet. Du musst es schaffen, das schneller zu trinken, als sie kippen“, erkläre ich ihr. Sie sieht mich an, als wäre ich bescheuert.

„Jo, habt ihr sowas nicht bei den Kommunisten?“, fragt Tim und wirkt ehrlich etwas überrascht. „Ich dachte, bei dem Wetter dort ist man partyfreundlich. Oder seid ihr eher Kiffer. Rastafaris, ne?“

Sie schüttelt den Kopf. „Rastafaris sind auf Jamaica. Das ist zwar in der Karibik, aber so sehr kubanisch wie du Österreicher“, sagt sie spitz, doch Tim merkt offensichtlich nicht, dass er was Falsches gesagt hat.

„Ach, okay. Ne, ihr dürft ja auch nix miteinander zu tun haben, oder? Ihr seid doch noch ‘ne Diktatur.“

Ich weiß nicht, ob ich lachen soll oder eingreifen.

Das Lied „Molotov“ von Seeed strebt im Hintergrund seinem Höhepunkt zu.

„Genau“, sagt Isa nur und verlässt das Wohnzimmer.

„Was hat’enn die?“, fragt Tim an mich gewandt. Das Lied endet und es beginnt irgendwas Basslastiges, das ich nicht kenne.

Ich zucke die Schultern. Ich glaube nicht, dass es sich lohnt, ihm das zu erklären. Außerdem ist er ein Freund von Kathi. Nicht sehr sozial von mir, muss ich zugeben, aber Kathi und ich machen das so wie manche Eltern: Es gibt unsere Freunde und es gibt deine beziehungsweise meine. Man ist nicht für die des anderen zuständig.

Es klingelt wieder an der Tür.

„Machst du?“, ruft Kathi zu mir und ich nutze die Gelegenheit, von Tim wegzukommen.

Als ich den Türöffner für die Haustür unten betätige, kommen gleich neun weitere Leute ins Treppenhaus.

Nachdem ich fast alle begrüßt habe, ist auch Kathi im Flur und ich frage leise: „Sag mal, wie viele haben eigentlich zugesagt?“

„Keine Ahnung.“

„Wie viele hast du eingeladen?“

„Hmm, die üblichen.“

„Sag ‘ne Zahl, Kathi.“

„Ist doch egal.“

„Komm schon.“

„Okay, so sechzig Leute? Vielleicht den ein oder anderen mit Partner?“, sagt sie. „Aber die kommen doch eh nicht alle. Es ist Halloween. Da gibt es so viel Auswahl, wo man hin kann.“

Ich verkneife mir jedwede Bemerkung. Es ist eh zu spät, die Leute sind eingeladen. Ich glaube nicht, dass die alle gut in die Wohnung passen. Jetzt sind schon zwanzig Gäste da und es wird langsam voll. Ich suche Isa und finde sie zusammen mit Alina und Lara, zwei Freundinnen von Kathi.

Mein Kommilitone Joshua findet mich. Er ist als Rotkäppchen verkleidet. Er trägt ein weißes T-Shirt, eine Weste, die eindeutig seiner Freundin gehört und eng sitzt, und dazu einen roten Rock, der bis zu seinen Knien reicht, sowie ein rotes Kopftuch, das mich irgendwie an meine Oma erinnert. So eines hat sie bei der Gartenarbeit früher getragen.

„Geschlecht ist ja nur ‘n Spektrum, was?“, begrüße ich ihn mit Handschlag und er lacht.

„Es ist Halloween“, sagt er. Ich grinse.

„Das heißt der Kerl, der sich als kleines Mädchen verkleidet, damit willst du den Leuten Angst machen?“

„Hey, du musstest ja auch nichts an dir ändern. Kaputte Klamotten und blasse Haut, du siehst aus wie immer.“

„Ich bin ein Zombie“, sage ich mit allem Ernst, den ich aufbringen kann, und versuche pikiert auszusehen.

„Ach, scheiße, ja jetzt, wo du es sagst“, erwidert Joshua und bindet sich sein Kopftuch neu. „Boah, ich hätte nix auf den Kopf nehmen sollen. Ehrlich, hier drin ist Affenhitze und ich dachte, ich bin clever, indem ich was anziehe, das die Beine und den Arsch freilässt.“

Ich sehe nach unten zum Rock und wieder zu ihm. Er grinst und zwinkert. Ich schüttle den Kopf.

„Ich frage nicht. Ich will’s nicht wissen. Wehe aber dir, du setzt dich mit dem nackten Arsch auf irgendwas in dieser Wohnung“, sage ich in gespieltem Ernst.

„Jetzt weißt du, wieso das Kostüm zu Halloween passt. Dein persönlicher Horror.“

Er lacht und ich hole ihm ein Radler. Ich weiß, dass er sonst kaum was mag von dem, was wir da haben.

„Haste gehört, dass die Republikaner ehrlich Trump nominiert haben?“, fragt er mich. Ich nicke.

„Ist ja schon einige Monate ein Presse-Feuerwerk. Ich glaube, die deutschen Journalisten gehören selbst zu sehr zum Bildungsbürgertum, um zu verstehen, was die Republikaner und deren Wähler in Trump sehen“, sage ich.

„Ich denke, sie hätten jeden nehmen können. Ich meine, bei der letzten Wahl hat Obama nur knapp gewonnen, der Rust-Belt ist bald republikanisch hoch zehn und gegen Clinton? Ich glaube, da könnte ‘ne Strohpuppe gewinnen.“

„Bin froh, dass ich zwischen den beiden nicht wählen muss“, stimme ich zu und wir stoßen an.

„Und ich erst. Ich meine, ich bin sonst Demokrat, aber die Clinton ... Ich weiß nicht, was schlimmer im weißen Haus wäre, sie oder der Clown.“

Alina hat nun auch Joshua bei mir entdeckt und da sie sich zuletzt nur noch mit Isabella unterhalten hat, kommen die beiden nun zu uns rüber.

„Habt ihr eigentlich wieder Eintopf gemacht?“, fragt sie und ich nicke. „Kathi und Isa haben zwei verschiedene gemacht, stehen in der Küche.“

„Dann hol ich mir mal was“, sagt Alina und Joshua fügt hinzu: „Da komm ich mit.“

Die beiden verschwinden und Isabella und ich sind für einige Minuten allein, wenn auch diverse andere Leute um uns herum sind.

„Magst du Alina?“, frage ich. „Du hast sie vorher noch nicht gekannt, oder?“

„Doch, ich hab sie einmal in der Uni getroffen. Sie studiert ja Psychologie“, erwidert Isabella. Sie seufzt. „Sie hat uns gerade alles davon erzählt, wie toll ihre Ernährungsumstellung ist und dass ihre weißen Flecken auf den Nägeln nur von einem Zinkmangel kamen, weil sie da nicht drauf aufgepasst hat. Ich wusste nicht mal, dass man das haben kann!“

„Du hast es nicht mit Vegetarismus?“, frage ich. Sie zuckt die Schultern. Es ist irgendwie seltsam, mit einem Totenschädel dieses Gespräch zu führen, Blumen auf dem Kopf hin oder her.

„Hier ist das ja wohl ein großes Thema: wofür man verantwortlich ist, was man darf und was nicht“, sagt sie. Ich nicke.

„Vielen ist es wichtig, was sie mit ihrem Leben anfangen, was sie in der Welt tun. Aber was denkst du?“, hake ich nach.

„Ich finde das schwierig. Immerhin weiß ich, wie es ist, wenn es nichts zu Essen gibt, weil mal wieder die Wirtschaft nicht richtig funktioniert und es einige Tage nichts gibt. Ich meine wirklich gar nichts, weil nichts da ist. Es gibt dann auch mal keinen Strom oder eben kein Essen. Für mich nur einige Tage, weil meine Eltern privilegiert sind, für andere gibt es länger nichts. Manchmal gibt es aber auch länger nur sehr wenig von allem. Man kann einige Tage ohne Essen leben, aber der Hunger beginnt, dich fertigzumachen, wenn er deine Gedanken kontrolliert. Deswegen finde ich es schwer, mir vorzustellen, dass man gute Lebensmittel verschmäht, nur weil das Schwein nicht glücklich genug war“, sagt Isabella nachdenklich. Ein Ruck geht durch sie, als würde ihr klar, dass sie sehr viel von sich preisgegeben hat. „Aber das muss man sich vielleicht erlauben können“, fügt Isabella hinzu. Kathi kommt in diesem Moment hinzu.

„Was muss man sich erlauben können?“

„Ach, was man essen will“, sagt Isabella. „Und was nicht.“

„Boah, fang du jetzt nicht auch an. Alina reicht mir.“

„Dafür schwärmt die sehr von deinem vegetarischen Eintopf“, sage ich. „Betont sie jedes Mal.“

„Ja, weil sie nicht kochen kann und will, aber auch piemelig hoch zehn ist und dazu vegetarisch sein will. Da bleibt echt nicht viel übrig! Das Rezept hab ich aus dem Netz, aber selber will sie das nicht kochen“, empört sich Kathi. „Ohne die Mensa wäre die doch längst verhungert.“

„Schnell, hol einer neues Bier“, ruft Tim aus dem Flur und jemand eilt an uns vorbei auf den Balkon, wo die Bierkästen stehen.

Tim hat offensichtlich im Flur jemanden zum Druckbetanken mit seiner Bierbong gefunden.

Isabella ist inzwischen in eine Unterhaltung mit einer Freundin verwickelt, die offensichtlich auch Kathi kennt. Währenddessen kommt Johanna Matiri zu mir herüber. Sie ist eine untote Elfe. Ich glaube, sie hat ihr Kostüm, das sie sonst zum LARP trägt, einfach zweckentfremdet.

„Hey, Max“, begrüßt sie mich und anschließend die anderen. Langsam wird es immer voller, inzwischen platzt die Wohnung aus allen Nähten. Es müssen bereits fünfzig Leute in der Wohnung sein. „Kann ich dir was zu trinken holen?“, frage ich sie und sie nickt.

„Ein Bier, egal was für eins.“

Ich mache eine Geste in Richtung Isabella, ob sie auch etwas zu trinken will. Sie schüttelt den Kopf.

„Okay, sind auf dem Balkon. Moment“, sage ich zu Johanna.

Sie folgt mir und als wir in die kalte klare Luft der Nacht heraus auf den Balkon kommen, kann man sich deutlich besser verstehen. Jemand hat die Musik lauter gedreht, aber durch die ganzen Stimmen ist es unfassbar laut in der Wohnung.

„Ah, Luft“, sagt sie und atmet demonstrativ ein.

Auch ich atme tief ein und genieße die kalte Luft.

Drinnen ist sie schon ziemlich verbraucht. Ich lasse die Balkontür eine Weile auf, während ich ihr ein Bier reiche und mir selbst auch noch eines nehme. Ist das schon mein viertes?, überlege ich. Hab ich vergessen, aber langsam sollte ich mal was essen.

Ich verdrücke mich in die Küche und besorge mir etwas vom Eintopf, den Kathi gemacht hat. Er schmeckt großartig, auch wenn ich zu den Leuten gehöre, die es makaber finden, dass sie Würstchen mit Mandelblättchen so arrangiert hat, dass es aussieht, als hätten wir bei den Snacks einen Teller abgeschnittene Finger. Vom anderen Fingerfood nehm ich allerdings schon. Soll ja nichts wegkommen.

Ich meine, einerseits ist das toll, Halloween und so ... aber andererseits kann ich mich erst nicht überwinden, davon zu essen. Dann nehm ich doch einen der abgeschnittenen Finger.

Da die drei Plätze an unserem kleinen Küchentisch gerade frei sind, setze ich mich mit Johanna hin und esse.

„Kennst du das?“, fragt Johanna, während wir essen. „Wenn du einen absurden Gedanken hast, ihn aber konsequent zu Ende denkst?“

„Klar“, erwidere ich. In diesem Moment setzt sich Isabella zu uns, auch mit etwas vom Eintopf.

„Hey“, sagt sie und zwinkert mir zu. „Na, was ist das Thema?“

„Absurde Gedanken“, sage ich.

„Was für welche?“, fragt Isabella und sieht neugierig von mir zu Johanna. Ich schaue ebenfalls zu Johanna, weil sie das Thema aufgebracht hat.

„Ach ... okay. Also: Genau genommen ist man nie in der Gegenwart. Wenn man über etwas nachdenkt, dann darüber, was man gleich tun wird oder was gewesen ist. Aber ich kann nie denken ‚jetzt mache ich das‘. Der Augenblick, das Jetzt ist immer der Moment des Handelns, des Agierens und nie des Denkens. Darum leben wir zwar in der Gegenwart, aber wir können nicht in ihr denken. Wenn wir denken, handeln wir in dem Moment nicht. Also gibt es kein Denken im Jetzt ...“, sagt sie und hält inne, als sie Isabellas Blick sieht.

„Das klingt hoffentlich nicht so verrückt, wie ich denke“, fügt Johanna hinzu und ich schüttle den Kopf.

„Nee, aber das klingt wie etwas, über das ich nachdenken muss, um zu entscheiden, ob es klug oder banal ist“, sage ich und Johanna lacht.

„Ich bin mir nicht sicher, ob ich es verstanden habe“, sagt Isabella. „Nochmal langsam, bitte.“

Johanna wiederholt ihren Gedanken, diesmal etwas umständlicher formuliert, aber dafür deutlicher.

Isabella nickt langsam.

„Ich würde es bei klug einsortieren“, sagt sie mit einem Blick zu mir. „Nicht banal.“

„Das freut mich“, sagt Johanna, doch bevor sie mehr sagen kann, kommt ein Kerl zu uns, der, glaube ich, Thomas heißt. Die beiden begrüßen sich unter viel Hallo.

„Sollen wir mal kurz frische Luft schnappen?“, frage ich Isabella.

„Wie meinst du?“

„Kurz vor die Tür“, sage ich. „Frische Luft.“

„Gern.“

Sie geht voraus, ich folge ihr auf den kleinen Balkon.

„Wie findest du es?“, frage ich Isabella.

„Die Party? Schön. Etwas voll“, sagt sie. „Als wir getanzt haben ...“

„Ja?“

„Wolltest du da ...“, sagt sie und kommt näher an mich heran.

Ich hebe die Augenbrauen. Will sie, dass ich sie küsse?

„Noch weiter tanzen?“, sagt sie schließlich.

Verdammt, denke ich. Das gerade, das war so ein Moment, und ich hab ihn verpasst!

„Vielleicht“, erwidere ich und lege meine Arme um sie.

„Du bist nicht wie Männer, da wo ich herkomme.“

„Ist das gut oder schlecht?“, frage ich. Unsere Gesichter kommen sich immer näher.

„Dort, wo ich herkomme, sind Männer weniger ... rücksichtsvoll. Ich meine das gut“, sagt sie und unsere Gesichter berühren sich beinahe.

Bevor ich etwas sagen kann, küsst sie mich.

Ich würde lügen, wenn ich behaupte, dass sie nicht schneller war als ich.

Der Kuss ist lange. Sie schmeckt nach einer Mischung aus Schminke und Bier und doch ist es eine Ewigkeit, die wir einfach so verbringen, nur im Kuss versunken.

Als der Kuss endet, sehen wir uns noch weiter in die Augen.

Ein Teil von mir will nicht weg, will nie aufhören, sie so im Arm zu halten. Wenn es einen perfekten Moment gibt, dann ist er das hier und dann will dieser Augenblick in Ewigkeit gedehnt werden.

„Ich denke, ich liebe dich“, sage ich. „Ich war in dich verliebt, als du vor meiner Tür standest.“

„Te quiero también“, sagt sie und hat dabei diesen schnurrenden Akzent, den sie immer bekommt, wenn sie Spanisch spricht. „Du bist mir gleich aufgefallen.“

„Wieso hast du nichts gesagt?“, frage ich.

„Du doch auch nicht“, erwidert sie und zwinkert. „Außerdem ... ich wusste nicht, ob das klug ist. Ich bin im Austausch hier. Mich zu verlieben, macht alles komplizierter.“

Ich halte inne. „Und jetzt? Siehst du das immer noch so?“

„Jetzt denke ich, dass es keine Rolle spielt, was ich will. Mein Herz hat entschieden.“

Ich küsse sie erneut, diesmal noch länger.

So verbringen wir eine ganze Weile.

„Wir sollten wieder auf die Party gehen“, sagt Isabella schließlich. „Kathi kann ja nicht allein die ganze Zeit Gastgeberin sein.“

„Nein, stimmt schon“, sage ich. „Dann lass uns gehen.“

„Wir machen später weiter“, sagt sie und mustert mich. „Ich nehme an, mein Make-up ist ähnlich ruiniert wie deines“, sagt sie.

„Es geht“, beruhige ich sie und als wir reingehen, reiche ich ihr mein Handy und sie benutzt die Selfie-Funktion als Spiegel.

Schnell sind wir beide wieder in Gespräche verwickelt und bis auf einen kurzen Tanz schaffen wir es bei der Feier nicht mehr, Zeit miteinander zu verbringen. Doch mein Herz schlägt heftig und ich fühle mich beschwipst.

Die Feier geht noch einige Zeit weiter. Es ist kurz nach sechs, als der letzte gegangen ist und notdürftig aufgeräumt wurde.

Isabellas Zimmer ist als erstes von Bierflaschen und Essensresten befreit worden, sie verabschiedet sich und verschwindet ins Bad, während ich mit Kathi noch mein Zimmer und dann ihres aufräume.

„Nacht“, ruft Isabella und wechselt vom Bad in ihr Zimmer, während Kathi gerade mit einem Lappen noch eine Stelle wischt, auf der Bier ausgelaufen ist. Isabella hatte angeboten zu helfen, doch ihre Pupillen reagieren nur noch langsam und sie ist leicht geblendet. Ich glaube nicht, dass sie sich noch lange auf den Beinen halten kann.

„Nacht“, rufen wir beide.

Isabella kommt noch an meiner Zimmertür vorbei und haucht mir mit der Hand einen Kuss herüber. Ich zwinkere ihr zu. Wir sind beide ziemlich fertig und ich dürfte ziemlich nach Bier stinken. Mehr als den Luftkuss gibt es, denke ich, heute nicht mehr.

„Lass es doch“, füge ich an Kathi hinzu, als Isa weg ist und ihre Tür schließt. „Das Bier ist morgen immer noch da und klebrig.“

„Ja, aber ich will nicht, dass es über Nacht schlimmer wird.“

Kathi klingt dabei wie eine Katze, leicht fauchend. Das wird sie immer, wenn sie angetrunken ist.

„Kathi, das ist Linoleum. Wenn einer drauf stirbt, bekommst du die Flecken noch immer weg“, sage ich, doch sie wischt energisch weiter.

Währenddessen ziehe ich meine Tagesdecke vom Bett. Eigentlich ist das eine alte Decke, die ich vor WG-Partys immer über mein Bett werfe. Langfristig verteilen sich eh alle in allen Räumen, sodass auch Leute auf meinem Bett sitzen, und ich will dann irgendeine Decke darüber haben.

Darunter ist mein Bett sauber und sieht unangetastet aus.

„Was sollte der Luftkuss eigentlich?“, fragt Kathi nun ganz unschuldig.

„Wieso?“

„Weil ich ihn gesehen habe und der sah nicht nach guten Freunden aus.“

„Ach? Eher nach Mitbewohnern?“, frage ich.

„Ne, eher nach Liebe. Wie lange geht das schon so?“

„Wieso?“, frage ich. „Geht es dich denn etwas an?“

Ich lasse sie zappeln und kann in ihren Augen sehen, dass ihr das nicht gefällt.

„Boah, jetzt sag schon. Ihr himmelt euch seit Monaten an. Läuft da was? Sie behauptet nein.“

„Habt ihr darüber geredet?“, frage nun ich überrascht.

„Ja, sie wollte wissen, wie das bei uns im Land mit dem Frauenarzt ist, ob die Pille bezahlt wird und da konnte ich nicht mehr an mich halten und habe halt gefragt. Ihr seht euch sowieso auf eine Weise an, dass man doch denken muss, da läuft was!“, sagt Kathi nun lachend. „Also, wie lange? Ich wohne mit euch, ich habe ein Recht, es zu erfahren.“

„Du meinst eher, wir haben kein Recht auf Geheimnisse vor dir“, sage ich grinsend und Kathi zieht einen Schmollmund.

„Vielleicht auch das, ja.“

„Seit heute Abend“, gebe ich ihr endlich die Information, die sie wollte.

„Waaas?“

„Seit heute Abend, da haben wir uns das erste Mal geküsst. Ich denke also, ja, wir haben da jetzt was miteinander.“

„Na endlich“, kann sich Kathi nicht verkneifen zu sagen. „Dass es so lange gedauert hat. Darum sah euer Make-up am Mund so verschmiert aus. Ich dachte schon, beide meiner Mitbewohner können nicht essen, ohne sich einzusauen.“

„Na danke.“

Ich beherrsche meine Gesichtsmuskeln und gehe einfach. Inzwischen fühle ich mich ziemlich groggy, egal ob vom Alkohol oder der späten Stunde: Das ist keine Unterhaltung, die ich mit meiner Mitbewohnerin noch lange so früh morgens führen will.

Ich gehe ins Bad und wasche mir das Make-up ab und mache mich fertig fürs Bett. Als ich fertig bin, klopfe ich kurz an Kathis halb offene Tür.

„Ist frei. Nacht.“

„Nacht, danke“, sagt sie und ich schließe endlich meine Zimmertür und falle erschöpft in mein Bett.



12

Als ich am nächsten Morgen aufwache, scheint mir die Sonne ins Gesicht. Ich hatte vergessen, die Rollläden richtig herunterzulassen und der Lichtstrahl scheint genau auf meine Augen. Müde erhebe ich mich aus dem Bett und sehe auf die Uhr.

Es ist Nachmittag. In der Wohnung höre ich Schritte, eindeutig Kathi und Isabella. Inzwischen wohne ich mit beiden lange genug zusammen und kann sie nur durchs Hören unterscheiden.

Ich treffe die beiden beim Frühstück.

„Guten Morgen“, begrüße ich sie und gehe zu Isabella. Ich will ihr einen Kuss auf die Wange drücken, doch sie dreht den Kopf und macht einen richtigen Kuss daraus.

„Querido“, sagt sie.

Kathi scheint schon ihren Frieden damit gemacht zu haben, dass ich nun mit Isabella zusammen bin.


*


Die nächsten drei Wochen vergehen wie im Flug und nach diesen will Kathi über das Wochenende des 26. November zu ihren Eltern fahren. Ein Heimatbesuch steht schon länger an und da sie montags keine Veranstaltung hat, kann sie gleich ein langes Wochenende draus machen.

Isabella und ich verbringen einen normalen Freitag, sie hat ihr Seminar, ich recherchiere noch ein paar Bücher für meine Abschlussarbeit. Mittags treffen wir uns in der Mensa am Aasee zum Essen.

Sie hat in den letzten Tagen Studienprüfungen gehabt, sodass sie nun deutlich gelöster ist. Nun wollen wir auch mehr Zeit für uns haben. Ich verspreche ihr eine Überraschung und während sie zu ihrem letzten Seminar vor dem Wochenende fährt, fahre ich in die WG.

Ich habe einen ganzen Beutel voller Knicklichter besorgt. Die arrangiere ich von der Tür zu meinem Zimmer. Dort hänge ich die restlichen auf.

Noch allerdings sind sie nicht aktiviert. Das hat Zeit bis nach sechs Uhr. Dann bereite ich alles vor, mache die Lichter an, dunkle die Wohnung ab und warte auf Isabella.

Sie kommt von ihrem Kurs nach Hause und ich empfange sie an der Wohnungstür.

„Hola, chica“, begrüße ich sie und küsse sie leidenschaftlich. „Du hast jetzt deine Arbeiten erledigt, lass uns heute etwas Zeit miteinander verbringen.“

Sie erwidert den Kuss und schaut der Spur aus Lichtern hinterher.

„Wohin die wohl führen?“, sagt sie. Sie schließt die Tür, lässt ihre Tasche liegen und nimmt mich an die Hand. Den Lichtern folgend landen wir in meinem Zimmer. Hier bilden die Knicklichter ein Herz auf dem Boden.

Es ist vielleicht kitschig, aber ist andererseits Romantik das nicht immer etwas?

Sie küsst mich erneut.

„Das ist lieb von dir“, sagt sie. „Max“, sagt sie. „Ich fände es schön, wenn wir es tun.“

Sie küsst mich lange und ihre Zunge berührt die meine.

Mein Herz schlägt schneller. Als sich ihr Mund von meinem löst, sage ich zwinkernd: „Was sollen wir tun?“

„Hagamos el amor“, schnurrt sie und streift mir mein T-Shirt über den Kopf. Sie küsst mich erneut.

Wir entledigen uns unserer Kleidung.

„Rápido“, knurrt sie, als ich ihren BH nicht sofort geöffnet bekomme.

„Ich stehe darauf, wenn du Spanisch sprichst“, flüstere ich ihr ins Ohr und küsse ihren Hals entlang.

Sie packt mir in den Schritt und haucht: „Duro.“

Sie küsst mich auf die Brust, umspielt mit ihrer Zunge meine Brustwarze und wandert tiefer hinab.

Währenddessen streicheln meine Finger ihr glattes Bein hinauf.

Ich spüre wie sie feucht wird.

Isabella streckt mir ihren wohl geformten Po entgegen, den meine Hand streichelt und liebkost, als sie näher rückt.

Sie greift energisch nach mir und nimmt mich in sich auf. Erst ist sie langsam, meine Hüftbewegung forschend. Ich höre auf, klare Gedanken zu haben, ich bin nur noch eins mit ihr. Dann werden wir bestimmender, fordernder und finden einen gemeinsamen Rhythmus, in dem wir uns bewegen. Ich gehe auf in dem Moment, dem Gefühl, mit ihr eins zu sein und sie zu spüren, nichts zwischen uns. Plötzlich erhebt sie sich von allen vieren, kommt hoch und presst sich an mich, sodass ich ihren samtweichen Rücken spüren kann. Sie legt ihre Hände dabei an meine Hüfte, schmiegt sich von vorne an mich und verlangsamt das Tempo. Ich steigere die Intensität meiner Bewegungen, gehe auf ihren Tempowechsel ein und greife ihre wohlgeformten Brüste. Leicht kitzle ich ihre Brustwarzen und sie stöhnt leise. Dann, ohne Vorwarnung zieht sie ihr Becken plötzlich heftig zusammen.

„Max“, stöhnt sie und wird unfassbar eng und ich kann es auch nicht länger aushalten.

Sie geht stöhnend nach vorne auf ihre Unterarme, stützt sich, während ich ihr Zucken noch spüren kann, und werde langsamer.

„Nicht aufhören“, haucht Isabella und wir machen weiter, wechseln die Stellung, sodass ich ihr in die wunderschönen braunen Augen sehen kann.

Für eine Weile ist alles vergessen. Es gibt nicht mich oder sie, es gibt nur uns.

Nach einiger Zeit liegen wir uns beide erschöpft in den Armen und lächeln uns an.

Eine kleine Ewigkeit liegen wir still, nichts ist zu hören als Vogelgezwitscher von draußen.

„Ich bin froh, dich gefunden zu haben“, sagt sie. Sie fährt mit dem Daumen mein Kinn entlang, hinauf zur Nasenwurzel, als müsse sie erst meine Echtheit erspüren.

„También“, erwidere ich mit dem bisschen Schulspanisch, was mir geblieben ist. Sie lächelt.

Sie steht auf, küsst mich noch einmal.

„Ich bin kurz im Bad.“

Sie ist die wunderschönste Frau, die ich je gesehen habe, geht mir durch den Kopf, als ich ihr hinterhersehe. Ihr Handy vibriert irgendwo auf dem Linoleumboden, schon zum vierten oder fünften Mal, geht es mir durch den Kopf. Was auch immer ist, irgendwer textet sie gerade zu.

Während sie rausgeht, döse ich ein.

Im Verlauf der Nacht bekommt sie einen Anruf. Ich werde wach und spüre ihren nackten Körper an mich geschmiegt.

„Wer?“, murmle ich und will wissen, wer mitten in der Nacht anruft. Sie greift ihr Telefon.

„Ich geh kurz rüber. Das sind meine Eltern. Dort ist es sech Stunden früher als jetzt“, sagt sie und küsst mich auf die Stirn. „Bin gleich zurück.“



13

Etwas später erwache ich und drehe mich auf die Seite.

Das Bett neben mir ist leer.

Ich blinzle, greife nach meinem Handy und schaue, welche Uhrzeit es ist. Es ist der 26. November und schon fast Morgen.

„Isabella?“, rufe ich und stehe auf. Sie ist vor zwei Stunden zum Telefonieren aufgestanden. Ich gehe in den Flur, schaue ins Bad und in die Küche, doch sie ist nirgendwo.

Dann gehe ich in ihr Zimmer.

Dort ist alles in Unordnung. Sie sitzt auf ihrem Bett. Ihr Handy liegt neben ihr, eine Tasche auf dem Boden. Ihr Laptop liegt auf ihren Knien.

„Hola“, begrüßt sie mich und ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. Dann aber ist es vorbei. Ihr Gesichtsausdruck ist ernst.

„Guten Morgen“, sage ich und küsse sie. Sie erwidert den Kuss. Was auch immer los ist, es hat, denke ich, nichts mit mir oder der letzten Nacht zu tun.

„Gab’s schlechte Nachrichten von deinen Eltern?“, frage ich.

Sie nickt. „Fidel Castro ist tot.“

Ihr Blick ist schwer zu deuten.

„Mein Beileid“, sage ich etwas hilflos. Ich weiß nicht, ob das etwas Gutes oder Schlechtes ist. Ihr ganzes Leben war er da und für die Kubaner hat er eine ganz andere Bedeutung als für uns. Ich lege den Arm um sie.

„Mein Vater sitzt jetzt in Haft.“

„Was?“, frage ich irritiert. „Wieso?“

„Solange Castro am Leben war, gab es einige Männer, die geschützt wurden. Jetzt hat sich das Machtgefüge geändert. Leute haben sehr lange darauf gewartet und mein Vater sitzt nun im Gefängnis. Meine Mutter ist noch frei, sie hat mich angerufen. Sie wird vielleicht auch angeklagt. Ich soll auf gar keinen Fall nach Hause kommen.“ Sie hält sich regelrecht an mir fest. „Mama sagt, sie werden ihn vermutlich für immer ins Gefängnis sperren.“

„Was soll er denn getan haben?“, frage ich. „Was werfen sie ihm vor?“

„Spionage für das Ausland.“

„Ist es denn wahr?“, frage ich. Sie sieht mich erbost an, doch dann beruhigt sie sich wieder.

„No“, sagt sie entschieden. „Aber er hat für die Botschaft in Deutschland gearbeitet. Er war Ansprechpartner mehrerer NGOs und die will man loswerden. Man kann aber nicht einfach große NGOs rauswerfen, die gut vernetzt sind und weltweit in die Schlagzeilen kommen. Also fängt man an, ihre Strukturen anzugreifen, jeden, der mit ihnen zusammenarbeitet.“

„Ich verstehe“, sage ich und nicke nachdenklich. „Aber kann man ihm nicht irgendwie helfen? Du könntest ... Asyl hier beantragen? Dann könnte man versuchen, deine Eltern über Familiennachzug herzuholen?“

Sie schnaubt und schüttelt den Kopf.

„Nein. Meine Mutter sagt, dass der Richter Sinpies wird, und glaub mir, der ist uns bekannt. Er ist kein Feind meiner Familie, aber er ist käuflich. Wenn jemand bezahlt hat dafür, dass mein Vater ins Gefängnis kommt, kommt er es.“

Sie beginnt zu weinen und ich nehme sie wieder in den Arm.



14

Nach einer Weile entscheiden wir, dass ich Brötchen hole und sie Tee aufsetzt. Wir können das Problem jetzt nicht lösen, also verlagern wir uns an den Frühstückstisch.

„Gut, du hast also ein Visum, du musst also vielleicht wirklich Asyl beantragen, wenn es gefährlich ist, nach Hause zu gehen“, sage ich.

Sie nickt. „Ich müsste aber vorher nach Berlin“, meint sie.

„Wieso? Du sagtest, die Botschaft von Kuba ist in Bonn.“

„Das ist auch die nächste. Aber ich kenne in der Botschaft in Berlin jemanden: ein Freund meines Vaters, der vielleicht helfen kann, dass ich länger in Deutschland bleiben kann.“

„Denkst du nicht, dass es gefährlich ist? Das Territorium einer Botschaft ist doch dem Land zugehörig, das die Botschaft betreibt. Also könnten sie dich einsperren.“

„So mächtig sind die Feinde meines Vaters auch nicht. Das ist eher ... er ist colateral ... hmm ... Kollateralschaden. Eine einfache posibilidad, die NGOs loszuwerden und denen zu drohen, die sie reinlassen. No se trata de él. Um ihn geht es nicht, also vermutlich auch nicht um mich persönlich.“

„Glaubst du, man könnte diesen Richter Sinpies kaufen?“, frage ich unvermittelt.

Sie hebt die Augenbrauen. „Was?“

„Du sagtest, er ist bestechlich.“

„Ja, aber wir reden hier von einigen tausend Euro. Wo soll ich das Geld hernehmen? Ich kann schlecht einen Kredit in Deutschland aufnehmen und in Kuba noch weniger“, erwidert sie und sieht deprimiert aus.

Ich sehe sie eine Weile nachdenklich an. Dann erzähle ich ihr die Geschichte meiner Familie und von dem Klavier, das damals zurückblieb.

„Es ist nur eine Idee“, beginne ich, doch sie sieht mich skeptisch an und unterbricht mich.

„Das ist ungeheuer liebenswert von dir“, sagt sie. „Aber es ist Gold, das du nicht hast, oder?“

„Nein, aber man kann es vielleicht wiederfinden. Vielleicht finden wir das Klavier und können es zurückbekommen. Wer auch immer es hat, weiß vielleicht gar nicht, wie viel es wert ist.“

„Aber wenn es nun jemand anderem gehört?“, fragt sie skeptisch.

„Wer gestohlene Ware erwirbt, macht sie damit nicht legal. So sieht es das deutsche Gesetz und ich sehe es auch so. Es ist ja nicht so, als hätte damals niemand gewusst, dass es uns gehörte. Es ist das Familienwappen darauf!“, erwidere ich. „Es ist nur eine Idee. Ich meine ... was haben wir zu verlieren? Ich kann als Student kaum einen Kredit aufnehmen, um den Richter zu kaufen, und meine alleinstehende Mutter noch weniger, nachdem sie für Oma schon ziemliche Kosten hatte. Aber das Klavier ... das ist eine Idee.“

Isabella nimmt meine Hand.

„Du bist ein wunderbarer Mensch“, sagt sie. „Aber ich muss nach Berlin, sehen, was ich in der Botschaft erreichen kann. Ich kann nicht mit dir nach Estland.“

„Kein Problem“, sage ich. „Ich frage meinen Bruder. Wir fahren hin, schauen, was wir rausbekommen und vielleicht finden wir ja eine Spur. Wenn nicht, was haben wir verloren? Ein paar Flugtickets, okay ... Aber man muss Risiken eingehen, wenn man was gewinnen will“, beharre ich.

Isabella nickt nachdenklich.

„Okay. Versuch es“, sagt sie schließlich. „Es ist eine Chance.“



15

Sven ist nicht begeistert, als ich ihm von meinem Plan am Telefon erzähle. Während des Telefonats betrachte ich die geöffneten Internetseiten. Ich habe bereits einige Stunden mit Recherche verbracht, was unsere Familiengeschichte und die Umstände angeht.

„Sie fährt also jetzt nach Berlin und wir sollen nach Tallinn und vor dem Haus der Familie von der Polizei eingesackt werden? Alter, das ist siebzig Jahre her! Da leben vielleicht schon die Nach-Nach-Nachmieter. Glaubst du, dass ein Klavier nicht wegbewegt wurde? Da war der Sozialismus zwischen und ... meine Fresse, Max, dein Plan ist scheiße!“ Er seufzt. „Okay, bei aller geschwisterlichen Liebe ... dein Plan ist zumindest sehr, sehr dünn.“

„Warte, warte“, sage ich und halte meine Hand in einer beruhigenden Geste vor mir in die Luft, auch wenn er die Geste gar nicht sehen kann. „Ich weiß. Aber hast du eine bessere Idee? Es ist mehr als gar nichts und ich weiß, wo es von Tallinn aus hin ist.“

„Was?“ Sven klingt ungläubig.

„Ich habe recherchiert und etwas rumtelefoniert. Ich habe herausgefunden, dass ein bekannter Lokalpolitiker das Haus bekommen hat. Nachdem die Sowjets da aber angefangen hatten aufzuräumen und ein System nach ihren Gedanken einzurichten, floh der Mann mit der ganzen Familie nach Helsinki und war dort noch viele Jahre politisch aktiv. Es gibt sogar noch Familienangehörige. Einer ist auch in der Lokalpolitik.“

„Du verarscht mich auch nicht?“

„Nein, ich schwöre, Sven. Die Familie von Tuomas Jaak lebt noch in Helsinki und ich hab auch ein Interview gefunden, wo er über seinen Großvater spricht und all die Dinge, die sie mitbrachten aus Tallinn.“

„Das ist noch immer sch... dünn“, sagt Sven, doch ich weiß, dass ich gewonnen habe. Ich kenne ihn einfach zu gut.

„Sven ... Svenny ... wir fliegen nach Helsinki und entweder ist da noch eine Spur oder nicht. Wenn nicht, okay. Dann muss Isabella sehen, ob sie über die Botschaft was bewegt oder eben in Deutschland Asyl beantragen.“

„Scheiße“, sagt Sven und schweigt eine Weile. Ich weiß, dass er am Nachdenken ist, ich kann die Zahnräder beinahe knacken hören, während sie ineinandergreifen.

„Ihr startet mit ‘ner ganz schönen Hypothek auf eure Beziehung“, sagt er schließlich. „Unter anderem, dass ich meinen Urlaub nehme. Besorg uns Flüge für Ende der Woche. Ich bekomme vor Freitag nicht frei und ich lasse mich nicht feuern für dich. Blut ist dicker als Wasser, aber nicht als ein Arbeitsvertrag.“

„Du bist der Beste“, sage ich.

„Hmm“, brummt Sven und legt auf.

Ich gehe hinüber in Isabellas Zimmer. Sie packt gerade einige Sachen zusammen.

„Wird er dir helfen?“, fragt sie und hält inne.

Ich nicke. „Er findet die Idee auch nicht gut, aber er ist mit dem, was ich schon rausgefunden habe, zufrieden und wird mich begleiten“, erkläre ich.

Sie tritt zu mir, legt ihre Arme um mich und sieht mir tief in die Augen. „Du bist ein guter Mann“, sagt sie nach einigen Sekunden. „Egal, ob das klappt oder nicht. Ich ... Danke.“

Sie lächelt und in ihren Augenwinkeln kann ich eine Träne sehen.

„Ist okay. Egal, wie es weitergeht, wir bekommen das hin. Zusammen. Verstanden?“, spreche ich ihr Mut zu. Sie nickt, blinzelt die Träne weg und küsst mich.



16

Am Wochenende fliegen Sven und ich von Düsseldorf aus nach Helsinki. Der Flug ist ereignislos. Der Flughafen von Helsinki, Vantaa, ist ein Flughafen wie jeder andere. Wer sich in Düsseldorf zurechtfindet, schafft es auch dort. Als wir ankommen, geht Sven erst mal auf die öffentliche Toilette, während ich versuche, aus dem Automaten schlau zu werden, der mir ein Busticket für die Fahrt in die Stadt verkaufen soll.

Nach einigem Hin und Her habe ich ihn auf Englisch eingestellt und das günstigste Ticket für uns gefunden.

„Sag mal, wie heißt das nochmal, dieses Franzosen-Klo?“

„Hä?“, erwidere ich eloquent.

„Na das, wo du ‘ne Dusche hast.“

„Bidet?“

„Ja, genau! Die haben hier bei öffentlichen Klos sowas auch! Und einen Brausekopf, wie bei der Dusche an ‘nem Schlauch.“

„Du verarschst mich.“

„Nein, ich schwöre. Willst du es dir ansehen?“

Ich halte kurz inne. „Dir ist die dünne Luft im Flugzeug nicht bekommen, was?“

Er rollt mit den Augen und ich reiche ihm das Ticket.

„Damit kommen wir in die Stadt. Jetzt lass uns die 615 suchen. Das Ticket ist vom Kauf an vierundzwanzig Stunden gültig.“

Der Flughafen liegt abseits der Stadt. Nach ein wenig Herumsuchen finden wir den Bus.

Der Busfahrer kann ganz gut Englisch und so erfahren wir, dass die Endstation am Hauptbahnhof ist. Das passt uns gut.

Im Gegensatz zu den meisten deutschen Bussen hat dieser extra ein großes Fach für das Abstellen von Taschen und Reisekoffern, um nicht unnötig Sitzplätze zu belegen.

Die Fahrt nach Helsinki erfolgt über eine schmucklose Autobahnstrecke, die durch städtisches Gebiet geht.

Ich schalte mein Handy nach dem Flug wieder an und bekomme eine SMS von Isabella. Sie ist gut in Berlin angekommen.

„Glaubst du, das wird was?“, fragt mein Bruder, der auf meinen Bildschirm sieht.

„Alter, Privatsphäre“, erwidere ich. Er zuckt die Schultern. „Du hast schon recht. Ist ‘ne Hypothek für die Beziehung. Aber ich liebe sie und du hast genauso wenig eine Sicherheit, was die Zukunft bringt, wie ich.“

„Das ist natürlich wahr“, sagt Sven. „Wie heißt die Insel?“

„Wo Tuomas Jaak lebt?“, gehe ich auf seinen Themenwechsel ein. Er nickt.

„Suomenlinna, die Finnenburg heißt das, glaube ich. Ist vor Helsinki, im Hafen. Wir sehen jetzt zu, dass wir erst mal zur Jugendherberge kommen, Gepäck loswerden und dann mit der nächsten Fähre nach Suomenlinna fahren. Da wohnt er.“

„Hast du ihn denn erreicht?“

Ich sehe demonstrativ aus dem Fenster. Langsam wird die Bebauung dichter, wir erreichen das Stadtgebiet.

„Ich habe seiner Pressestelle gemailt. Er ist im Stadtrat und hat ein Amt, also stehen seine Kontaktdaten nicht einfach im Netz. Ich habe ihm auch in verschiedenen sozialen Medien geschrieben, aber das sind natürlich seine offiziellen Konten, also kümmert sich vielleicht auch wer anderes darum.“

„Also tauchen wir da einfach so auf?“

„Nein, er hat mir vor dem Abflug tatsächlich selbst geantwortet. Ich habe seine Privatadresse.“

„Hat er was zu dem Klavier gesagt?“

„Nein, nur dass er uns weiterhelfen will.“

„Hast du ihm gesagt, dass da Gold drin ist?“

„Ich bin nicht bescheuert. Ich hab gesagt, dass wir ein Familienerbstück suchen.“

„Reicht als Motivation“, nickt Sven.

Wir fahren zur Jugendherberge, was in diesem Fall eher ein Hotel beschreibt. Das Gebäude ist für irgendwelche Olympischen Spiele errichtet worden und hat wenig zu tun mit den Jugendherbergen, in denen wir in meiner Schulzeit übernachtet haben.

An der Rezeption glaube ich erst, dass die Finnin einen Witz macht, als sie sagt, dass die Sauna im Preis inklusive wäre, das Frühstück allerdings nicht.

Als sie es aber mit ernstem Gesicht wiederholt, wird mir klar, dass es kein Witz ist.

Sven und ich amüsieren uns noch immer darüber, als wir mit dem Bus hinunter zur Fährenanlegestelle fahren.

„Na ja, man muss halt Prioritäten setzen“, meint er. Die Fähre liegt schon am Hafen. Rundherum ist ein Markt aufgebaut. Der freie Platz wird für alles von Trödel bis zu Obst genutzt.

Es ist frisch, ein kalter Wind weht von der Ostsee herüber.

„Trotzdem“, sage ich, als wir uns Tickets kaufen und die Fähre betreten. „Ich habe doch lieber Frühstück als Sauna.“

„Jedem seins“, sagt Sven, während rumpelnd der Motor der Fähre anspringt und alles leicht zu vibrieren beginnt. „Ich habe dafür bezahlt, ich probiere das morgen früh mal aus.“

„Sehr deutsch“, sage ich ironisch und er lacht.

Die Fahrt hinüber zur Suomenlinna dauert nicht lange, dann sind wir auch schon da. Eigentlich sind es mehrere kleine Felsinseln, die vor der Küste Finnlands aus dem Meer ragen und auf denen historische Verteidigungsanlagen gebaut worden sind. Einige der Festungsanlagen sind neu, andere schon einige hundert Jahre alt. Es gibt ein kleines Trockendock und Wohnanlagen, denn früher schon lebten hier nicht nur die Soldaten, sondern auch ihre Familien. Inzwischen leben hier verschiedene Leute, die Festung lässt sich im Rahmen eines Museums besichtigen und die strategische Bedeutung hat alles in allem abgenommen.

Wir fragen uns am Hafen durch und finden schlussendlich ein endlos langes cremefarbenes Gebäude mit zwei Stockwerken, das den Charme einer früheren Kaserne besitzt. Hier sind eine ganze Menge Wohnungen. Ein Kind auf einem Fahrrad fährt lachend an uns vorbei, verfolgt von einem anderen Kind, das etwas auf Finnisch ruft, das wir nicht verstehen.

An der Tür finden wir das Klingelschild von Tuomas Jaak.

Ein älterer Mann macht uns die Tür auf und bittet uns in seine Wohnung. Unauffällig schaue ich mich um, kann aber kein Klavier entdecken.

„Also, was kann ich für Sie tun?“, fragt er in perfektem Schulenglisch. „Sie sprachen von einem Erbstück?“

„Ja“, beginne ich. „Unsere Großmutter ist vor Kurzem verstorben und vor ihrem Tod berichtete sie uns aus ihrer Kindheit in Tallinn.“

Sven holt das Foto heraus, auf dem das Klavier mit dem Wappen zu sehen ist.

„Wir wollten versuchen, ob man es noch auffinden kann. So sind wir bei Ihnen gelandet.“

Der Mann nimmt das Foto und lächelt.

„Das kenne ich“, sagt er dann. „Meine Tante hat es.“

„Wirklich? Wo ist sie?“

„Oh, das ist lange her“, sagt Tuomas. „Sie ist in den frühen Siebzigern, Einundsiebzig oder Zweiundsiebzig, nach Spanien gegangen. Noch vor dem Tod Francos jedenfalls. Sie hatte eine Bar in Barcelona. Irgendwas ... ich glaube ‚Pelícano en el mar‘ oder so.“

Er steht auf, geht zu einem Regal und holt ein Fotoalbum heraus.

Eine Weile blättert er stumm, während Sven und ich Blicke wechseln. Sollte es wirklich so sein, dass wir am Ende das Klavier noch finden?

Ich bin aufgeregt.

„Nein“, brummt Tuomas und stellt das Album zurück, zieht ein anderes heraus.

Eine Weile blättert er herum, dann sagt er: „Ja, ja hier ...“

Er reicht uns das Fotoalbum.

„Da, das ist ‚Pelícano en el mar‘, da stand das Klavier auf einer Bühne. Es gab abends Livemusik. Das ist die sogenannte Las Ramblas, da kam jeder abends in Barcelona vorbei.“

„Wissen Sie, ob es die Bar noch gibt?“

„Tut mir leid, keine Ahnung. Ich muss gestehen, ich weiß nicht mal, ob meine Tante noch lebt. Den Kontakt hat meine Mutter immer gepflegt. Irgendwann kam ein Brief zurück, den ich geschickt hatte, weil der Empfänger verzogen war und das war’s dann. Das war lange vor E-Mails. Wenn Leute sich da nicht gekümmert haben, ist der Kontakt schnell abgebrochen“, erklärt er und zuckt entschuldigend die Schultern.

„Darf ich mir das Foto abfotografieren?“, fragt Sven und Tuomas nickt. Sven holt sein Handy heraus.

Auf dem Foto ist neben der Bar eine marmorne Statue zu sehen. Ein Springbrunnen vielleicht? Ich sehe genauer hin. Nein, das ist ein Kerl, der auf einem Stuhl oder einem Thron sitzt, nicht königlich, eher modern, vielleicht im Anzug.

„Ach ja, sie war eine nette Frau“, sagte Tuomas. „Ich mochte sie sehr als Kind. Sie ging nach Spanien zu meinem Onkel. Leider haben sie keine Kinder gehabt, soweit ich weiß. Ich wüsste gerne, ob sie noch lebt.“

„Wie hieß ihre Tante?“, frage ich. „Vielleicht finden wir ja etwas über sie heraus, etwas, das Sie interessiert. Vielleicht lebt sie ja noch irgendwo.“

„Xandra Horowitz“, sagt Tuomas. „Das war ihr Mädchenname. Nach der Hochzeit hieß sie natürlich auch Jaak. Mein Onkel war überzeugter Francist ... Das ist alles noch gar nicht so lange her.“

Er erzählt uns noch eine Weile von seiner Familiengeschichte. Dann klingelt sein Telefon und nach einem kurzen Gespräch sagt er zu uns: „Tut mir leid, aber nun müssen Sie gehen. Ich habe noch eine Verabredung.“

Wir bedanken uns für seine Zeit und spazieren noch etwas über die Insel. Dabei kommen wir an einem Grab mit griechischem Helm vorbei. Hier liegt ein ehemaliger Kommandant der Insel.

Es muss seltsam gewesen sein, hier zu leben, geht mir durch den Kopf. Die Stadt ist so nahe und doch ist man hier ganz für sich.

Wir haben noch etwas Zeit, bevor die nächste Fähre geht, und setzen uns in ein Restaurant am Hafen.

Als wir auf die Karte sehen, bestellen wir das Gleiche.

„Weißt du noch, Max?“, fragt Sven, während er die Ravioli auf seinem Teller herumschiebt. „Ravioli und Snoopy?“

Ich nicke. Da musste ich auch dran denken. „Mama war einige Tage weg und Papa musste uns versorgen. Ich wusste nicht, dass es so viele Sorten Dosenravioli gibt.“

„Und alle lecker“, sagt Sven und ich nicke.

„Keine Beschwerde von mir. Aber das gemeinsame Snoopy-schauen damals ist mir auch in Erinnerung geblieben. Gab’s damals so als Sammelschuber, mit mehreren VHS, oder?“

„Hmm“, brummt Sven. „Beim Schlecker.“

Noch etwas, das es nicht mehr gibt, denke ich, sage es aber nicht. Ich vermisse meinen Vater in diesem Moment mal wieder.

„Ist das erste Mal, dass ich eine Jack London-Geschichte gesehen habe“, erkläre ich ihm.

„Hö?“, macht Sven und schaut von seinem Essen auf.

„Erinnerst du dich an die Geschichte, wo Snoopy träumt, er muss als Schlittenhund leben, im harten kalten Norden?“

„Ja“, sagt Sven gedehnt.

„Das ist, glaube ich, eine Anspielung an die Geschichte ‚Ruf der Wildnis‘. Da geht’s auch um einen Haushund, der in der Wildnis überleben muss und zum Rudelführer wird.“

Ich habe angefangen, Isabellas Jack London-Bücher zu lesen und verstehe auch inzwischen, was sie an ihm findet.

Mein Handy klingelt.

„Das ist Isa“, sage ich zu Sven und nehme den Anruf an, bevor er etwas antworten kann. „Hey, wie lief es?“

„Ni fu ni fa“, erwidert sie und ich muss lachen. Ich kann ihr Lächeln bei den Worten hören. Ich liebe diese Phrase, sie klingt so lautmalerisch.

„Und wirklich?“

„Ich habe Duldungsstatus in Deutschland. Eure Botschaft sieht, was möglich ist, und ich denke nach langem Überlegen, mir bleibt wirklich nur die Möglichkeit, hier zu bleiben. Wenn ich nach Kuba gehe, werde ich verhaftet, sie haben mich ausgeschrieben. In der Botschaft in Deutschland ist man aber auf der Seite meines Vaters und hat mich nie gesehen, offiziell natürlich. Also werde ich hier bleiben und ... die einzige Möglichkeit, meinen Vater frei zu bekommen, ist ein Klavier voller Gold.“

„Du glaubst nicht daran“, stelle ich fest.

„Ich glaube an dich“, erwidert sie entschieden. „Aber es ist so viel Zeit vergangen. Diese Idee von dir ... Ich glaube daran, dass du das Richtige tun wirst.“

Ich fasse ihr in wenigen Worten zusammen, was wir herausbekommen haben.

„Dann geht ihr jetzt nach Barcelona.“

„Ja.“

„Ich würde dich gerne sehen. Aber ich kann mich nur innerhalb Deutschlands frei bewegen. Sobald ich ein anderes EU-Land betrete, weiß ich nicht, was passieren wird. Sie könnten mich ausliefern.“

„Dann sei froh, dass du nicht zum Studieren nach Luxemburg gegangen bist. Deutschland hat doch schon etwas mehr Abwechslung“, versuche ich einen halbherzigen Versuch, sie aufzuheitern. Ich kann ihr müdes Lächeln beinahe hören, als sie erwidert: „Oder Belgien.“

Ich lächle auch. „Eben. Ich melde mich wieder bei dir und sag, wie’s weitergeht, okay?“

„Mach das. Ich schau mal, ob ich im Internet was über die Bar finde. Te quiero.“

„Danke. También.“

Ich lege auf.

„Und, hat sie was in der Botschaft erreicht?“

„Es geht“, beginne ich und fasse ihm alles zusammen. „Sie kann nicht mit nach Barcelona. Es wäre nützlich, jemanden dabei zu haben, der wirklich Spanisch sprechen kann“, sage ich.

„Ey“, sagt Sven und fasst sich in gespieltem Ernst an die Brust, als hätte ich auf ihn geschossen. „Mein Spanisch kannst du nicht meinen.“

„Nein, natürlich. Im Vergleich zu mir bist du Muttersprachler.“

„Na dann“, sagt er. „Unabhängig davon, ob wir das Klavier finden oder nicht, du hast einen Schatz gefunden, denke ich. Nicht alle Schätze sind aus Silber und Gold, weißt du?“

Er zwinkert verschwörerisch und ich begreife die Filmreferenz. Er hat sein Glas erhoben, also greife ich meins.

„Aye, Jack. Nimm was du kriegen kannst und gib nichts wieder zurück.“

Wir stoßen an.



17

Wir verbringen den Großteil des nächsten Tages damit, Helsinki etwas zu erkunden. Erst abends soll unser Flieger gehen. Es war der günstigste, den wir auf die Schnelle bekommen konnten. Der Hauptbahnhof Helsinkis wird mir lange in Erinnerung bleiben mit seinen fackeltragenden Figuren und der wundervollen Halle. Dann geht es auch schon wieder zum Flughafen. Wir fliegen in den Abendstunden los und irgendwann döse ich ein.

Als wir endlich in Barcelona ankommen und aus dem Bus vom Flughafen steigen, ist es früher Morgen.

Ich bin erschöpft, müde und ausgelaugt. Auf dem Hinweg habe ich schon einige Dinge in meinem Gepäck entdeckt, die ich besser zu Hause gelassen hätte, und andere nicht, die ich besser mitgenommen hätte, Sachen, die nun fehlen.

Wir erreichen Barcelona in der frühen Dämmerung. Die Stadt ist quicklebendig, wenn es dunkel wird. Menschen sind unterwegs und feiern. Auch jetzt noch, wo das Schwarz des Himmels zu Blau wird, ist noch Leben auf den Straßen.

Unterwegs im Flugzeug haben wir uns über das Bord-WLAN etwas zum Übernachten gesucht, das nicht weit von der vermuteten Bar liegt.

Inzwischen weiß ich auch, wie die Statue heißt: Monumento to Frederic Soler i Hubert, habe ich herausgefunden. Auf den Fotos der Umgebung, die ich finden konnte, ist die Bar zu erkennen. Allerdings ist das Foto von 2007. Das ist genug Zeit dafür, dass alles weg sein könnte.

Wir wandern mit unseren Rucksäcken durch die abenteuerlichen kleinen Gassen des gotischen Viertels von Barcelona auf der Suche nach der Adresse. Einige dieser Häuser sehen richtig herrschaftlich aus, andere wurden so oft umgebaut, dass ich nicht mehr sagen könnte, als dass sie alt sind. Der Mensch schuf dieses Viertel und lebte so lange darin, er passte es immer wieder neu seinen Bedürfnissen an.

Die Klubs, Bars und Restaurants, an denen wir vorbeikommen, sind verwinkelt und wie in die Gebäude hineingewachsen. Nichts scheint einfach nur einem symmetrischen Grundraster zu folgen.

Neben einem Supermarkt finden wir eine vergitterte Tür. Am Klingelschild finden wir den Namen unserer Pension. Wir klingeln. Das Treppenhaus war einmal ein Innenhof, den man irgendwann überdacht hat, sodass nun lauter Wohnungsfenster zu ihm hinausgehen.

Im dritten Stock ist an der Tür das Schild unserer Pension. Wir klingeln und eine ältere Dame öffnet uns. Sie begrüßt uns auf Spanisch und bittet uns herein. Anstelle eines Hausflures gibt es nur einen kleinen Raum, der mehr wie ein Wohnzimmer aussieht. Ein dicklicher Mann mit Glatze im Alter der Frau sitzt auf einem Sofa und schaut auf einem Fernseher, der ungefähr eineinhalb Meter groß ist und damit einen Großteil der Wand einnimmt, Fußball. Er ignoriert uns vollkommen, während uns die alte Dame unser Zimmer zeigt. Es ist klein. Außer den zwei schmalen Betten ist nur noch ein Hocker mit im Raum, aber es ist sauber und vollkommen ausreichend für die paar Tage, die wir hier verbringen wollen. Sie redet noch immer auf Spanisch mit mir. Sie spricht kein Englisch, ich dafür kein Katalanisch, also ist das nur fair. Leider spricht sie schnell und mit einem katalanischen Dialekt, der viele mir fremde Worte enthält. Als sie merkt, dass ich nicht mitkomme, redet sie langsamer, was es nur minimal besser macht. Dennoch verstehe ich nicht viel, einige Grundsachen sind aber weltweit gleich: Hier ist das Bad, sí, hier die Küche, sí, und hier unser Hausschlüssel.

Als wir unsere Sachen im Zimmer ein wenig auspacken, wirft sich Sven auf das Bett und seufzt.

„Ich hoffe, das ist es wert“, sagt er mit ins Kissen gedrücktem Gesicht.

„Sven, wenn uns Videospiele eins gelehrt haben, dann doch das: Wenn du nicht weißt, wohin, geh den Gegnern entgegen. Da geht’s weiter, da bist du richtig.“

Er lacht dumpf in sein Kissen hinein.

„Der Philosoph der Familie“, brummt er, aber er grinst dabei, als er sich wieder hinsetzt und zu mir sieht.

Ich stelle meine Tasche ab und hole mein Handy heraus. Am Flughafen am offenen WLAN habe ich mir bereits einige Offline-Karten herausgesucht.

„Okay“, sage ich langsam. „Ich habe unsere Position und denke, ich weiß, wo der Pelikan am Meer sein müsste.“

„Dann los.“



18

Wir stehen am Monumento to Frederic Soler i Hubert. Es stellt einen Mann dar. Mit übereinandergeschlagenen Beinen sitzt er da, den Blick hinauf gerichtet auf eine vielleicht bessere Zukunft, geht es mir durch den Kopf. Ihm gegenüber ist eine Drogerie-Filiale.

„Scheiße“, murmelt Sven und schlägt mir auf die Schulter. „Es ist auch unwahrscheinlich gewesen.“

„Lass uns wenigstens etwas rumfragen“, sage ich. Sven nickt. Wir gehen zum nächsten Restaurant.

Nach etwas Hin und Her schaffen wir es, deutlich zu machen, dass wir wissen wollen, was vor dem Drogeriemarkt dort war. Der Kellner verweist uns an seine Kollegin. Die Frau ist in ihren späten Dreißigern und wir wechseln zu Englisch. Das macht es erheblich leichter.

„Das Pelícano hat 2009, glaube ich, geschlossen“, erklärt sie. „Damals habe ich mich gut mit der Inhaberin verstanden. Sie war manchmal auch hier. Drüben gab’s nur Kleinigkeiten, keine Hauptgerichte.“

„Meinen Sie Frau Jaak?“, frage ich.

Sie nickt. „Ja, sie ist damals gestorben und wer auch immer dann alles bekommen hat, wollte es nicht. Es wurde aufgelöst.“

„Da war ein Klavier. Es ist ein Familienerbstück und wir wissen, dass es in der Bar stand“, versuche ich es. „Wissen Sie etwas darüber?“

„Ich weiß, dass da ein Klavier war“, nickt sie. „An lauen Sommerabenden hörte man es auf der Las Ramblas. Sie hat immer Studenten daran spielen gelassen. Sie durften improvisieren und bekamen auch noch etwas Geld dafür.“

„Wissen Sie, was aus dem Klavier wurde?“

„Nein, tut mir leid“, sagt sie. Dann hält sie inne. Ein Ruck geht durch ihren Körper. „Ich glaube, Johnny hat’s bekommen. Ja. Er hat es den ganzen Weg in den Park Güell gefahren, aufgeschnallt auf ein Brett, eines mit Rollen daran. Keine Ahnung, was daraus wurde. Ich war seit ... ja, seit drei Jahren nicht mehr im Park bei ihm.“

„Johnny?“, hakt Sven nach.

Sie nickt. „Ja ... Johnny Brooks? Ich weiß nicht genau, der Alte Johnny. Er sitzt oft auf der Las Ramblas und spielt Gitarre. Oft sitzt er auch nahe dem Park Güell und spielt. Man kann ihn auch buchen, er spielt gut. Ich glaube, er lebt illegal hier. Kommt, glaube ich, aus den USA.“

Sie beschreibt uns den Weg zum Park und wo er normalerweise sitzt. Bald darauf sitzen wir im Bus und fahren zum Park.

Der Park Güell ist eine größere Parkanlage. Nur ein kleiner Teil ist abgetrennt und berühmt für seine Bauten, die Gaudí entwarf. Eigentlich hätte ein Wohngebiet daraus werden sollen, doch mehr als das, was heute steht und Park wurde, ist nie realisiert worden.

Kleine Gruppen von Menschen flanieren im Park, während die Sonne brennt und es langsam immer wärmer wird.

Wir hören eine Gitarre und eine Männerstimme. Sie singt laut und fröhlich. Die Stimme klingt, als hätte ihr Besitzer sein Leben lang mehr Whisky als Wasser getrunken, sie ist rauchig und doch sanft.

Er singt davon, dass es ihm gut geht, weil er auf dem Dach der Welt sitze und nichts ihm etwas anhaben könne.

Als wir ihm näher kommen und von dem Hügel hinab auf die Stadt sehen können, verstehe ich genau, was er meint.

Die Sonne bescheint Barcelona, das sich zu unseren Füßen ergießt, das Meer funkelt blau bis zum Horizont und eine sanfte Brise weht uns entgegen.

Ich stimme jeder Textzeile zu. Hier sitzt man auf dem Dach der Welt und alles scheint gut.

Der Mann, den wir suchen, sitzt unter einem Baum. Er ist dick mit einem langen Bart, in dem die ersten deutlichen grauen Spuren zu erkennen sind. Er hat keine Haare mehr, dafür ein Piratentuch umgebunden.

Seine Sonnenbrille verbirgt die freundlichen Augen nicht und sein Shirt ist ausgeblichen, die Jeans löchrig. Doch wie er singt, mit dem Blick nicht zu den Menschen, die vorbeigehen und Geld in seinen Gitarrenkoffer werfen, sondern hinab auf die Stadt, wirkt er so selbstvergessen, wie es Menschen nur selten sind.

„Zu leben wissen nur wenige“, sagt Sven neben mir, als könnte er meine Gedanken zu dem Mann hören. „Die meisten Menschen existieren nur.“

„Importance of Being Earnest?“, frage ich ihn. Er zuckt die Schultern.

„Kann sein, irgendwas von Oscar Wilde, glaube ich. Englischunterricht auf jeden Fall“, sagt er und zwinkert. „Das scheint unser Mann zu sein.“

„Ich denke, ja.“

„Johnny Brooks?“, frage ich, als wir ihm näher kommen.

Er hört auf zu singen, spielt aber weiter. Seine Finger flitzen über die Gitarre, improvisieren ein wenig und finden dann wieder zurück zur Melodie.

„Jeah“, sagt er und wippt mit dem Kopf zur Melodie. „Was kann ich für euch tun?“

Er spricht mit einem breiten englischen Akzent Spanisch. Vielleicht ist er wirklich Amerikaner. Ich kann es nur mit dem Akzent nicht sagen.

Ich erkläre ihm in der Kurzfassung, dass wir das Klavier aus dem Pelícano suchen und wie wir hier bei ihm gelandet sind. Er hört sich das alles an und legt schließlich seine Gitarre zur Seite.

„Aber wofür braucht ihr es?“

„Es ist ein Familienerbstück“, erklärt Sven. Er nickt.

„Darum war da dieses Wappen drauf, oder?“

„Ja, genau. Was ist daraus geworden?“

„Na ja, Xandra Jaak mochte mich und sie mochte, wie ich Klavier spiele. Ich hab’s bekommen, als der Pelikan aufgelöst wurde. Aber seht mich an, was soll ich mit einem Klavier? Ich hab’s hierher gebracht. Hier wohne ich im Sommer“, erklärt er und macht eine umfassende Geste. „Im Winter lebe ich in einem anderen Ort, sobald es wirklich kalt wird. Vielleicht noch ein paar Tage bleib ich hier ... Aber im Sommer ist es schön warm hier, man kann gut im Park leben. Na ja, da war es ganz nützlich. Aber eine Gitarre ist am Ende doch eher meins. Da ist man mehr und einfacher mobil, wisst ihr?“

Ich sehe ihn erwartungsvoll an. Wie schon als wir nach Barcelona gefahren sind, habe ich das Gefühl, das Klavier ist zum Greifen nahe und doch könnte es mir sofort wieder aus den Händen gleiten.

„Das habe ich verkauft“, sagt er und ich habe das Gefühl, dass mein Magen sich zusammenkrallt, als würde eine eisige Hand ihn greifen. Das darf doch nicht wahr sein!

„An wen?“, fragt Sven.

Johnny wirft einen Blick in den Gitarrenkoffer, in dem einige Euromünzen liegen, vielleicht insgesamt zwanzig Euro.

„Ich würd’s euch zeigen“, sagt er. „Aber ich habe heute noch nicht genug zusammenbekommen.“

Ich lache wegen dieses deutlichen Hinweises und werfe zwei Zwanziger in den Koffer. „Haben wir eine Abmachung?“



19

Wir stehen vor dem Trödelladen. Mein Herz schlägt bis zum Hals.

„Hier hab ich’s verkauft“, sagt Johnny. Er trägt seinen Gitarrenkoffer lässig und nickt zum Laden. Die Fensterfront ist nicht groß und so vollgestellt mit Sachen, dass man kaum in den Laden schauen kann.

Er geht mit uns hinein. Während ich zum Verkäufer gehe, schlendert Johnny irgendwo nach hinten in den Laden.

„Entschuldigen Sie“, sage ich auf Spanisch zu einem Mann in meinem Alter. Er hat lockige Haare, die leicht abstehen, und trägt einen für das warme Wetter viel zu dicken Schal.

„Ja? Was kann ich für Sie tun?“, erwidert er auf Englisch. „Wir können gern auf Englisch reden.“

Offensichtlich schaffe ich es eindeutig, wie kein Muttersprachler auszusehen, geht mir durch den Kopf.

„Ich suche ein Klavier“, sage ich, dass es Johnny hierhin verkauft hat und beschreibe es ihm, und dann zeige ich ihm noch das abfotografierte Foto.

Er hört sich meine Geschichte an, schüttelt aber schließlich den Kopf. „Ich weiß es nicht. Das war nicht, als ich hier gearbeitet habe. Ich ruf mal den Chef an.“

Er holt sein Handy heraus und verschwindet zwischen die Regale zum Telefonieren.

Nach einer Weile kommt er wieder. „Das ist vor mehr als einem Jahr verkauft worden.“

„Weiß er noch, wem er es verkauft hat?“, frage ich. Svens Schultern gehen merklich herunter, als er akzeptiert, was ich nicht sehen will.

Wir sind noch nicht am Ende! Es kann nicht sein!

„Bitte, irgendwas? Damit wir es wiederfinden.“

Details

Seiten
1000
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738954388
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v1036783
Schlagworte
ferien sommer bibliothek juni alfred bekker romane kurzgeschichten autoren

Autoren

  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.

    Alfred Bekker (Autor)

  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.

    Rowena Crane (Autor)

  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.

    Konrad Carisi (Autor)

  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.

    Sandy Palmer (Autor)

  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.

    Glenn Stirling (Autor)

  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.

    A. F. Morland (Autor)

  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.

    Eva Joachimsen (Autor)

  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.

    Wolf G. Rahn (Autor)

  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.

    Anna Martach (Autor)

Zurück

Titel: Ferien Sommer Bibliothek Juni 2021: Alfred Bekker präsentiert 19 Romane und Kurzgeschichten großer Autoren