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Adele und die Gildenfrau: Verbotene Liebe Anno 1602

2021 130 Seiten

Zusammenfassung

Adele und die Gildenfrau

Verbotene Liebe Anno 1602

Historischer Roman von W. A. Hary



Der Umfang dieses Buchs entspricht 131 Taschenbuchseiten.



Im Jahre des Herrn 1602, im Kreise der Obrigkeit der Hansestadt Hamburg, spinnt Gildenfrau Margarethe Brinkmann ihr Netz aus Intrigen und Verschwörungen, um ihre in der Gilde vereinigten Hansekaufleute ganz oben zu halten, in Konkurrenz zur noch einflussreicheren Wetkengilde. Doch als Frau darf sie stets nur aus dem Hintergrund heraus handeln, weil offiziell nur Männer das Sagen haben innerhalb der damaligen Obrigkeit.

Was lange währt, wird endlich gut. Das möchte man sagen. Aber nur, wenn man meint, dass die jetzt unmittelbar bevorstehende Hochzeit ihrer Enkelin Adele ausgerechnet mit dem Sohn ihres Erzfeindes Johann Wetken der Gildenfrau gefallen könnte. Es darf hingegen das Schlimmste für die junge Liebe befürchtet werden. Und was wird tatsächlich geschehen?

Leseprobe

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Adele und die Gildenfrau

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Verbotene Liebe Anno 1602

Historischer Roman von W. A. Hary

Der Umfang dieses Buchs entspricht 131 Taschenbuchseiten.

Im Jahre des Herrn 1602, im Kreise der Obrigkeit der Hansestadt Hamburg, spinnt Gildenfrau Margarethe Brinkmann ihr Netz aus Intrigen und Verschwörungen, um ihre in der Gilde vereinigten Hansekaufleute ganz oben zu halten, in Konkurrenz zur noch einflussreicheren Wetkengilde. Doch als Frau darf sie stets nur aus dem Hintergrund heraus handeln, weil offiziell nur Männer das Sagen haben innerhalb der damaligen Obrigkeit.

Was lange währt, wird endlich gut. Das möchte man sagen. Aber nur, wenn man meint, dass die jetzt unmittelbar bevorstehende Hochzeit ihrer Enkelin Adele ausgerechnet mit dem Sohn ihres Erzfeindes Johann Wetken der Gildenfrau gefallen könnte. Es darf hingegen das Schlimmste für die junge Liebe befürchtet werden. Und was wird tatsächlich geschehen?

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Bisher erschienen:

Wilfried A. Hary: Die Gildenfrau

Wilfried A. Hary: Die Tochter der Gildenfrau

Wilfried A. Hary: Die Zofe der Gildenfrau

Wilfried A. Hary: Das Geheimnis der Gildenfrau

Wilfried A. Hary: Der Spion der Gildenfrau

Wilfried A. Hary: Der Bote der Gildenfrau

Wilfries A. Hary: Adele und die Gildenfrau

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / COVER WERNER ÖCKL

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Obrigkeit von Hamburg, vereint in der Hanse, hatte inzwischen das Thema Adele Brinkmann aus dem Hansehaus Brinkmann beinahe völlig abgetan. Es gab Neueres zum Tratschen. Zumindest vorerst...

Ein Umstand, den jedenfalls nicht nur die inzwischen neunzehnjährige Adele durchaus die letzten Monate begrüßt hatte, sondern vor allem wohl auch ihre Großmutter, die mächtigste Frau Hamburgs in jener Zeit um 1602 und vielleicht sogar die mächtigste Hamburgerin aller Zeiten. Wohlgemerkt aller, die es davor gegeben hatte und die es danach noch geben würde.

Nicht wenige Hansekaufleute vertraten tatsächlich genau diese Meinung. Deshalb war es ja auch nicht zu vermeiden gewesen, dass es sich herumgesprochen hatte, als vor Monaten ausgerechnet die Enkelin dieser mächtigsten aller Gildenfrauen sozusagen abtrünnig geworden war.

Allerdings war das durchaus auch von Johann Wetken, dem zukünftigen Erben der Wetkengilde, so gewollt gewesen. Dass es bekannt geworden war. Seinem Vater, Georg Wetken, zuliebe. Denn dieser hätte ansonsten niemals zugelassen, dass sich ein echter Wetken ausgerechnet mit einer geborenen Brinkmann abgab. Waren doch diese beiden Gilden sich spinnefeind. Immerhin war Georg Wetken, Johanns Vater, der schlimmste Konkurrent zur Gildenfrau Margarethe Brinkmann.

Adele konnte sich noch gut erinnern an jene entscheidenden Worte ihres Liebsten, mit dem sie nun schon seit Monaten heimlich verlobt war, und es war ihr, als würde diese entscheidende Szene sich wieder direkt vor ihren Augen abspielen. Als Johann gesagt hatte:

„Wie wäre es denn, wenn ich meinem Vater weismachen würde, dass es mir gelungen ist, den größten denkbaren Schlag gegen Margarethe Brinkmann und ihr Netzwerk aus Intrigen und Verrat zu verüben, den er sich überhaupt vorstellen kann? Denn welcher Schlag gegen den Erzfeind wäre denn eindrucksvoller für jeden, der das erfahren würde, als dass ausgerechnet eine Enkelin von Margarethe Brinkmann sich voll und ganz gegen ihre eigene Oma wenden würde, um zum Erzfeind Wetken überzulaufen?“

Konsterniert hatten nicht nur Adele selbst, sondern auch Gordula Schopenbrink und ihr Bruder Christian, bei denen sie damals untergekommen war, Johann angestarrt. Vor allem die Schopenbrink-Geschwister hatten gar nicht begreifen wollen, was er da gerade gesagt hatte.

Und Johann war noch gar nicht fertig damit gewesen, denn die eigentliche Sensation, die er sich überlegt hatte, sparte er sich noch bis zum Schluss auf. Er formulierte den genauen Wortlaut, wie er es unter die Leute bringen wollte:

„Der als Nachfolger in der Führungsspitze der Wetken-Gilde vorgesehene Johann Wetken gibt bekannt, dass er die Enkeltochter aus dem verfeindeten Hause Brinkmann zu seiner Frau nehmen wird, um sie vom Makel des Namens Brinkmann ein für alle mal rein zu waschen!“

Er verkündete es genau so und fuhr sogleich gespielt theatralisch fort, als würde er sich auf einer Bühne befinden:

„Sie wird künftighin eine echte Wetken sein und somit das unübersehbare Symbol einer absoluten Niederlage des Hauses Brinkmann!“

Was er da so gespielt theatralisch vorgetragen hatte, sorgte immerhin dafür, dass aller Kinnladen seiner ungläubigen Zuhörer nach unten klappten.

Und dann begannen sie nacheinander zu begreifen.

Adele als erste – und sie war damit auch die erste, die echte Bedenken anmeldete:

„Wird da dein Vater wirklich jemals mitmachen wollen?“

„Bei einem dermaßen großen Sieg über den Erzfeind wird er sich dem nicht entgegen stellen!“, antwortete Johann überzeugt. „Wir müssen eben nur auch bei der ursprünglichen Geschichte bleiben, dass ich mich natürlich mit Gordula getroffen habe und nicht mit dir, Adele.

Tut mir leid, aber das muss wohl sein. Sonst kann es uns nicht gelingen. Und er wird erfahren, dass du geflohen bist mit Hilfe deines Opas, der ja irgendwie mit ihm in Kontakt zu stehen scheint, wenn ich das richtig vermute.

Dass du hier im Hause Schopenbrink aufgenommen wurdest, ist schließlich der Schlüssel zu meiner Lösung: Er weiß ja, dass ich hier bin, dass Gordula mich ganz dringend sehen wollte – und du bist das, was so dringend war, liebste Adele! Verstehst du?

Ich werde ihm also nur zu sagen brauchen, was hier Sache ist, zunächst, und dann werde ich alles tun, um ihm meine Idee schmackhaft zu machen.“

„Du meinst, du wirst ihm gegenüber keineswegs unsere Liebe gestehen, sondern nach wie vor nur damit taktieren?“, vergewisserte sich Adele, wobei ihr doch ein wenig bang ums Herz wurde.

Johann kam gar nicht mehr zu Wort, denn da trat Christian vor und schlug Johann kräftig auf die Schulter.

„Das ist die genialste Idee, die ich jemals in meinem ganzen Leben gehört habe, und wenn ich es recht bedenke, kann es sogar klappen. Obwohl es wohl einmalig sein wird in der gesamten Geschichte der Hanse. Selbst wenn es einen ähnlichen Fall jemals gegeben haben sollte, weiß ich zumindest nichts davon.“

Gordula wandte sich jetzt an Adele.

„Er wird zu eurer Liebe stehen, wenn zunächst auch nur in Taten und nicht in Worten. Ist das nicht das Wichtigste? Und diese Worte werden dennoch folgen. Spätestens dann, wenn ihr mit dem Segen seines Vaters verheiratet seid und du den Namen Wetken trägst. Obwohl sein Vater annehmen wird, dass die Liebe zwischen euch erst nach der Eheschließung erblühte, müsst ihr sie dann endgültig niemals mehr vor ihm und aller Welt verstecken oder gar verleugnen!“

Adele und Johann sahen sich glücklich an. Jetzt war auch Adele überzeugt davon, dass es gelingen könnte. Vor allem, weil sie sah, dass Johann wirklich alles dafür tun würde. Genauso wie sie.

Immerhin hatte sie ihr ganzes bisheriges Leben für ihn aufgegeben, und sie war jetzt sicher, dies niemals in ihrem künftigen Leben auch nur eine einzige Sekunde zu bereuen.

Und dass es letztlich wie ein Sieg des Hansehauses Wetken im ewigen Krieg gegen ihre Oma Margarethe aussah, störte sie überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil: War Margarethe Brinkmann denn jemals die gütige Oma für sie gewesen, die sie sich gewünscht hätte?

Das genaue Gegenteil war stets der Fall gewesen!

Und abermals schlossen sich die beiden Liebenden in die Arme. Sie wussten jetzt, dass alles für sie gut ausgehen würde, obwohl es viel zu lange ganz und gar nicht danach ausgesehen hatte...

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Jeden Tag, der seitdem vergangen war, hatte Adele trotz alledem voll Bangen und Hoffen verbracht. Immerhin in der ständigen Furcht, ihre mächtige Großmutter würde etwas besonders Schlimmes unternehmen, um ihre Liebe zu Johann doch noch und diesmal endgültig zu zerstören.

In dieser ganzen Zeit hatte Adele kaum jemals auch nur gewagt, das Haus zu verlassen. Sie war zwar im Hause Schopenbrink herzlich aufgenommen worden, musste sich jedoch hier so fühlen wie in Gefangenschaft.

Zumindest, bis sich die Wogen wieder geglättet hatten. Das Leben in Hamburg ging ja weiter. Ganz andere Probleme beschäftigten die Hanseleute und ihre Familien inzwischen. Und die Armen, die täglich um ihr Überleben kämpfen mussten, interessierte die liebe einer Brinkmann zu ausgerechnet einem Wetkensohn herzlich wenig. Sowieso.

Aber nicht mehr lange sollte das Bangen und Hoffen dauern müssen, denn die vergangenen Monate waren natürlich nicht umsonst verstrichen. Johann war so oft zu seiner geliebten Adele geeilt, wie es ihm möglich gewesen war. Nicht oft genug, wie beide sich eingestehen mussten, aber dennoch so oft, dass sie alles hatten für ihre gemeinsame Zukunft besprechen können. Vor allem für die Hochzeit, die nun endlich stattfinden sollte.

Johann, der ja gegenüber seinem Vater so getan hatte – und im Grunde genommen immer noch so tat -, als wäre Gordula Schopenbrink die eigentliche Auserwählte, die allerdings großzügig auf ihn verzichtete zu Gunsten des politischen Schachzugs gegen die Brinkmann-Gilde, indem Johann letztlich eben nicht „seine geliebte Gordula“ ehelichen würde, sondern ausgerechnet Adele Brinkmann, war sich sogar längst in jedem Punkt einig geworden mit seiner Adele, was ihre bevorstehende Hochzeit betraf.

Am liebsten hätte er ja wohl die halbe Hanse dazu eingeladen, aber Adele hatte im rechtzeitig klar gemacht, dass eine so große Hochzeitsfeier ungeahnte Risiken bergen mochte. Je mehr Gäste erscheinen würden, desto eher bestand die Möglichkeit, dass die Gildenfrau Margarethe Brinkmann vielleicht doch noch über ihr Netzwerk aus Intrigen und Verrat eine Katastrophe während der Hochzeitsfeierlichkeiten einfädelte.

Es erschien im Übrigen wie ein Wunder, dass die vergangenen Monate nicht bereits dergleichen geschehen war. Das sah ja gerade so aus, als würde sich die Gildenfrau ganz einfach damit abfinden, mit dieser persönlichen Niederlage, dieser persönlichen Schande, wie sie es eigentlich hätte empfinden müssen.

Oder war das doch nur die berüchtigte Ruhe vor dem großen, alles heimsuchenden Sturm?

Einerseits freute sich Adele natürlich unbändig auf die bevorstehende Hochzeit mit ihrem über alles geliebten Johann, die in einem wesentlich kleineren Rahmen als vorgesehen stattfinden würde. Es waren nun nur noch wenige Tage bis dahin. Besonders bange Tage andererseits, weil Adele jetzt erst recht und wohl nicht ohne Grund zumindest mit irgendwelchen Interventionen von Seiten ihrer Großmutter rechnete.

Ohne auch nur ahnen zu können, wie solche Interventionen sich überhaupt ausgestalten und auswirken würden.

Johann versuchte seinerseits zwar ständig, sie dahingehend zu beruhigen, und wies immer wieder auch darauf hin, dass die Wetkengilde ja nicht gerade schwach und angreifbar war, auch nicht hinsichtlich der mächtigen Gildenfrau, doch hier ging es immerhin um die Enkelin der Gildenfrau und deren bevorstehenden Vermählung mit dem absoluten Erzfeind.

Dabei war Adeles schlimmste Vorstellung auch noch: Vielleicht hatte die Gildenfrau sich ja überhaupt nicht zurückgehalten in den vergangenen Monaten, sondern die ganze Zeit reichlich genutzt, um genau auf diesen entscheidenden Tag systematisch und voller Akribie und hämischer Freude hin zu arbeiten, wie auch immer?

Sogar die Anprobe mit dem schönsten Brautkleid, das Adele jemals in ihrem jungen Leben zu Gesicht bekommen hatte, konnte ihre Laune nicht entscheidend zum Positiven wenden. Die gemischten Gefühle und bösen Vorahnungen, die sie innerlich so sehr aufwühlten, blieben. Sie kannte schließlich ihre eigene Großmutter besser als jeder hier im Hause Schopenbrink und natürlich besser als es Johann je hätte können. Adele konnte sich noch nicht einmal im Entferntesten vorstellen, dass die Gildenfrau die Hochzeit tatsächlich einfach so geschehen lassen würde, ohne eben etwas besonders Schlimmes zu versuchen.

Einmal hatte Johann entgegen aller Bedenken seiner Liebsten sogar die Meinung vertreten, Margarethe Brinkmann würde allein schon deshalb nichts dagegen unternehmen, weil sie aus der Niederlage vielleicht irgendwo doch noch so etwas wie einen Sieg machen wollte.

Adele hatte es sich angehört, doch sie hatte es nicht glauben können. Wie hätte denn ihre Heirat mit Johann Wetken, was sie selbst zu einer Wetken würde werden lassen, ausgerechnet von der Gildenfrau so ausgelegt werden können, dass aus einer schmählichen Niederlage so etwas wie ein Sieg werden könnte?

Nein, das konnte sie sich beim besten Willen nicht vorstellen. Hierin irrte sich ihr geliebter Johann sicherlich. Dafür glaubte sie nämlich, ihre Großmutter viel zu gut zu kennen. Nein, sie hatte sicherlich etwas ganz besonders Böses vor. So geschickt wieder vorbereitet, dass niemand sie dafür je persönlich verantwortlich machen konnte. Obwohl jeder wissen würde, dass nur sie dahinter stecken würde natürlich. Wie es eben ihre berüchtigte Art war.

Immerhin eine Art, durch die sie so mächtig geworden war. Als Frau wohlgemerkt. Was im Jahre des Herrn 1602 ungewöhnlicher gar nicht mehr hätte sein können.

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Es war schon etwas Besonderes, wenn es eine Dienstmagd im Hause Wetken schaffte, zur Vertrauten ausgerechnet des Sohnes dieses Hauses zu werden, also tatsächlich zur Vertrauten Johanns. Aber immerhin hatte Dienstmagd Luise ihrem Herrn bewiesen, dass sie eine wichtige Hilfe sein konnte, wenn es um die Politik ging innerhalb der Hanse. Denn Luise hatte ja entscheidend dabei geholfen, eine ausgewachsene Krise abzuwenden, die kürzlich noch der gesamten Hanse gedroht hatte und somit der gesamten Stadt Hamburg.

Was Johann allerdings noch nicht einmal ahnen konnte: Diese so zuverlässige und überaus vertrauenswürdige Dienstmagd, die sich Luise nannte, hieß in Wahrheit Eufriede und war eine der erfolgreichsten Spione der Gildenfrau Margarethe Brinkmann. Und die Krise hatte nur deshalb überhaupt abgewendet werden können, weil selbstverständlich die Gildenfrau mit dazu beigetragen hatte. Inoffiziell, also höchst heimlich natürlich. Sie hatte dies nicht deshalb getan, gar um das Hansehaus Wetken zu stützen, sondern weil es ihr selber geschadet hätte, wäre diese Krise eben nicht abgewendet worden.

Dabei hatte die Gildenfrau gewissermaßen mal wieder zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen:

Erstens, ihre Macht war dadurch unangefochten geblieben, und zweitens, ihre Spionin vor Ort, ganz unmittelbar in der Nähe des Sohnes ihres Erzfeindes Georg Wetken, geradezu wie ein zweiter Schatten, hatte erst recht diese allzu wichtige Position einnehmen können.

Dass dies alles nur deshalb so gut funktionierte, weil einer der liebsten Boten der Gildenfrau, nämlich Hildebrand Veckinghusen, eine heimliche Liebschaft hatte ausgerechnet mit Luise, alias Eufriede, nahm sie dabei billigend in Kauf. Ganz im Gegenteil: Sie würde diese Liebschaft sogar noch nach Kräften fördern, solange sie ihr dermaßen von Vorteil blieb.

Immerhin war Margarethe in den letzten Monaten lückenlos im Bilde geblieben, was die Verbindung zwischen Johann Wetken und ihre Enkelin Adele betraf. Zumal sie selbstverständlich auch Spione unmittelbar im Hause Schoppenbrink hatte. Die ausgerechnet ebenfalls über Hildebrand Veckinghusen als Bote der Gildenfrau stets und ständig mit ihrer obersten Auftraggeberin korrespondierten.

Ein unaufgeklärter Beobachter wäre zu dem Schluss gelangt: Aus dem anfänglichen Zorn, der leicht hätte in Hass übergehen können, war inzwischen nüchterne Betrachtungsweise geworden. Schließlich hatte Margarethe über ihren Boten und die Spione vor Ort ganz unmittelbaren Zugang zu allen möglichen Geheimnissen. So wusste sie natürlich genauestens Bescheid, an welchem Tag, zu welcher Stunde und unter welchen Begebenheiten die Hochzeit endlich stattfinden würde.

Mit anderen Worten, jener unaufgeklärte Beobachter, der rein dem Anschein nach urteilte, hätte sich gedacht: Die Gildenfrau war längst gewappnet. Mehr noch als Adele es sich in ihren schlimmsten Alpträumen überhaupt hätte vorstellen können. Es war gerade so, als sei ihre Großmutter bei allem unsichtbar mit dabei, wie ein böser Geist oder auch vergleichbar mit dem sprichwörtlichen Damoklesschwert, das über den Häuptern aller Beteiligten längst schwebte. Bereit, jederzeit zuschlagen zu können.

Falls die Gildenfrau es so wollte. Und genau auf die Art, in der sie es beabsichtigte.

Obwohl niemand wirklich wusste, was hinter ihrer vom Alter gefurchte Stirn vorging, während sie die alte, bescheidene, gutmütige Großmutter spielte, die ihrem für eine Gildenfrau eher seltsamen Hobby frönte, das Spinnen.

So richtig an einem echten Spinnrad wohlgemerkt. Wobei ihre Fingerfertigkeit beachtlich war, und niemand auch nur ahnen konnte, dass sie gleichzeitig nicht nur Fäden spann mit dem Spinnrad, sondern in ihrem Kopf gleichzeitig gewissermaßen virtuelle Fäden, mit denen sie das gesamte Hamburg überzog, zu einem dichten Netzwerk verwoben, das wirklich alles überspannte, bis in den kleinsten Winkel hinein.

Um die Macht der Gildenfrau zu erhalten. Eine Macht, die unverbrüchlicher denn je war, obwohl die bevorstehende Hochzeit gern etwas Gegenteiliges zu suggerieren versuchte.

Man würde sehen.

Die Gildenfrau würde sehen!

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War Luise, alias Eufriede, schon eine der wichtigsten Spione der Gildenfrau, war sie natürlich beileibe nicht die einzige, die erfolgreich in ihrem Auftrag arbeitete. Da war auch noch Meisterspion Georg Miles, der in neuer Liebe entflammt war zu seiner Ex-Geliebten Elisabet Selzer.

Jene hatte ihn einst einem anderen zuliebe sitzen gelassen, doch seit er wusste, dass sie eine gemeinsame Tochter aus jener Zeit hatten, waren sie zwangsläufig wieder in Kontakt. Und dadurch war etwas in ihm wieder erwacht, was nie ganz vergessen gewesen war: Eben diese Liebe zu ihr!

Und nur seine ausgeprägte Schüchternheit verhinderte es nachhaltig, dass er ihr erneut seine Liebe gestehen konnte.

Und das, obwohl auch Elisabeth ihn nach wie vor aus ganzem Herzen liebte. Sie hatte damals nur deshalb sich anders entschieden, um dem Kind, das damals in ihrem Leib heran gewachsen war, eine bessere Umgebung bieten zu können. Ein Kalkül, das ja jahrelang tatsächlich aufgegangen war. Denn ihr Ehemann hatte niemals auch nur geahnt, dass Sophie nicht seine leibliche Tochter war. Bis zu seinem Tode, als das gemeinsame Haus über ihren Köpfen abgebrannt war.

Dass Elisabeth mit ihrer Tochter dennoch auch weiterhin nicht dem Elend anheimfiel, sondern recht gut über die Runden kam, verdankte sie einem heimlichen Geschäft. Immerhin so heimlich, dass noch nicht einmal ihre Tochter so richtig darüber Bescheid wusste. Höchstens, dass sie etwas davon ahnte. Obwohl sie wahrscheinlich nie darauf kommen würde, dass ihre eigene Mutter ausgerechnet für die Gildenfrau spionierte.

Seit dem Brand, dem ihr Ehemann zum Opfer gefallen war, hatte Elisabeth hässliche Narben, unter anderem auch in ihrem Gesicht. Deshalb verließ sie ungern tagsüber das Haus. Dafür allerdings umso lieber des Nachts. Was ihr als geübter Spionin natürlich sehr zugute kam.

Umso größer war natürlich die Überraschung, als sie herausfand, dass ausgerechnet ihr Ex-Geliebter und leiblicher Vater von Sophie ebenfalls als Spion der Gildenfrau unterwegs war.

Gemeinsam hatten sie verhindern wollen, dass ihre Tochter Sophie den Fehler beging, sich auf Dauer ausgerechnet auf Thomas Wittemborg einzulassen. Weil dieser nämlich nicht nur ein in Hamburg zu jener Zeit verbotener Alchimist war, sondern vor allem ein verstoßener Adliger mit wahrem Namen Junker von der Wiet.

Zu jener Zeit waren Adelige nämlich in Hamburg strikt verboten. Wenn sich einer von ihnen hier einschlich, war er ein Gejagter. Falls es heraus kam natürlich und seine Tarnung nicht geschickt genug war.

Thomas war zwangsläufig geschickt, weil er eben auch noch der illegalen Tätigkeit eines Alchimisten nach ging.

Die Intervention Elisabeths, unterstützt von Georg Miles, hatte nichts genutzt. Ganz im Gegenteil: Sie hatten Thomas sogar noch helfen müssen, als Alchimist nicht aufzufallen und weiterhin seiner verbotenen Tätigkeit nachgehen zu können. Gemeinsam ausgerechnet eben mit Sophie, der Tochter der beiden Spione.

Dies alles war inzwischen Vergangenheit. Es war nur noch die gegenseitige Sehnsucht beider geblieben, wobei keiner von ihnen sich wagte, dem anderen seine Liebe zu gestehen. Georg halt deshalb nicht, weil er dafür einfach zu schüchtern war, und Elisabeth, die insgeheim fürchtete, sie könnte Georg mit diesen Narben im Gesicht unmöglich noch gefallen. Was ganz einfach eine fatale Fehleinschätzung von ihr war.

Aber das Schicksal geht bekanntlich seiner eigenen Wege und schert sich wenig um Befindlichkeiten, Schüchternheit der beteiligten Personen und überhaupt irgendwelcher Umstände. Wenn es beschloss, gerade diese Umstände in seinem eigenen Sinne zu gestalten, dann tat es das ganz einfach. Und sei es, dass es dafür als Werkzeug ausgerechnet die mächtigste Frau Hamburgs benutzte, nämlich die Gildenfrau Margarethe Brinkmann höchst selbst.

Immerhin war Margarethe ja beider heimlicher Befehlshaber. Und weil Margarethe keineswegs entgangen war, was da zwischen den beiden gewissermaßen unter der Oberfläche brodelte, war es am Ende doch kein reiner Zufall, als sie entschied, dass sie gemeinsam in den Einsatz gehen sollten. In Sachen Hochzeit zwischen Adele und Johann nämlich. Denn längst hatte die Gildenfrau einen Plan, den sie allerdings mit niemandem teilte. Außer in winzigen Einzelbestandteilen. Und einer dieser winzigen, wenngleich nicht unwesentlichen Bestandteilen war ausgerechnet der Alchimist Thomas Wittemborg nebst seinen fleißigen Helfern.

Was lag denn da näher, als die leiblichen Eltern von dessen Geliebten Sophie gemeinsam auf diese Aufgabe anzusetzen, wie sie Margarethe vorschwebte?

Zwar arbeitete Thomas als Alchimist gewissermaßen exklusiv für das Hansehaus Nagel, das sich einerseits auf das Transportwesen mehr oder weniger spezialisiert hatte, aber dessen drohende Pleite lediglich durch den Vertrieb verbotener alchimistischer Mittel hatte verhindert werden können.

So griff das eine in das andere. Wie bei einem perfekten Räderwerk. Oder um im Bilde zu bleiben, was das perfide und allumfassende Netzwerk der Gildenfrau betraf: Die Fäden waren so geschickt miteinander verwoben, dass anscheinend wundersamer Weise alles zusammenkam, was nach dem Willen der Gildenfrau zusammen gehörte.

Auch hier nahm sie billigend in Kauf, dass sie mit dazu beitrug, Elisabeth und Georg endlich zu ihrer Liebe zu verhelfen beziehungsweise dass sie es endlich schafften, sie sich gegenseitig einzugestehen.

Nicht deshalb, weil sie das Glück dieser beiden Menschen im Sinn hatte, sondern lediglich halt, weil es ihr unmittelbar dienlich war.

Das dämmerte Georg erst dann, als er, von der Gildenfrau persönlich beauftragt, das Haus seiner Ex-Geliebten und Mutter seiner Tochter aufsuchte. Er kannte das Haus ja bereits von ihrer gemeinsamen Aktion, bei der sie Sophie von ihrem Thomas hatten trennen wollen, obwohl am Ende das genaue Gegenteil dabei herausgekommen war.

Elisabeth wunderte sich nicht schlecht, als Georg nach Wochen wieder unerwartet bei ihr auftauchte. Bis er ihr eröffnete, wieso er überhaupt gekommen war:

„Unser beider Herrin, die Gildenfrau, schickt mich. Wir sollen gemeinsam Sophie benutzen, um Thomas zu einem Geschäft mit ihr zu verleiten.“

„Das hast du schön ausgedrückt, Georg: Sophie benutzen!“, reagierte Elisabeth reichlich verstimmt. „Ist das wirklich der Auftrag?“

„Es ist der Auftrag der Gildenfrau, und du weißt, was das für unsereins bedeutet: Sie duldet keinerlei Widerworte. Zwar glaube ich, dass ihr keiner so nah kommt wie ich – so nah kommen darf! -, aber das heißt nicht, dass ich mir Freiheiten herausnehmen darf, die ich niemals haben kann. Und das Gleiche gilt auch für dich.“

„Aber was soll das Ganze denn?“

„Fragst du das im Ernst, Elisabeth? Wann jemals dürfen wir hinterfragen, was unser Auftrag ist?“

„Also gut, Georg: Wir sollen Sophie beeinflussen, damit diese wiederum Thomas Wittemborg beeinflusst. Ich nehme an, dass er dabei nicht einmal ahnen darf, dass es sich um ein Geschäft ausgerechnet mit der Gildenfrau handelt?“

„Nun, er wird sicherlich wissen, was es mit der Gildenfrau auf sich hat, obwohl er wohl kaum ermessen kann, welche Macht sie tatsächlich in sich vereint. Immerhin ist er nicht hier, in Hamburg, aufgewachsen und weiß lediglich vom Hörensagen davon. Er wird wohl kaum glauben können, dass eine Frau in Hamburg dermaßen mächtig werden könnte.“

„Aha, also werden wir unsere eigentliche Auftraggeberin vor ihm geheim halten müssen und somit auch vor Sophie?“

„Genauso ist es, Elisabeth. Eigentlich wie gewohnt, nicht wahr? Sophie wird nur von uns wissen, ihren leiblichen Eltern. Und wir werden ihr klar machen, dass es auch für sie besser ist, wenn sie niemals erfährt, für wen Thomas Wittemborg tätig werden soll. Natürlich reich belohnt. Das versteht sich von selbst.“

„Wir beide also als Vermittler eines verbotenen Geschäftes, gewissermaßen als Strohmänner?“

Elisabeth schürzte nachdenklich die Lippen. Das sah so aus, als wollte sie küssen, und Georg hatte bei diesem Anblick alle Mühe, sie nicht einfach in die Arme zu nehmen und tatsächlich zu küssen.

Sie sah zu ihm auf – und merkte, was in ihm vorging. Das war ja auch allzu unübersehbar. Er starrte sie an, als hätte er tatsächlich alle Mühe, sich zurück zu halten.

Und Elisabeth begriff, wovor er zurückschreckte: Vor ihrer möglichen Reaktion! Vor der Möglichkeit, dass sie ihn abweisen würde.

Aber sie ihn abweisen?

Dieser elende Dummkopf. Wie konnte er denn übersehen, was in ihr vorging? Sah er denn nicht den verzehrenden Schmerz der Sehnsucht, allein schon, wenn er bei ihr so unerwartet auftauchte?

Nein, er sah ihn nicht. Er spürte es noch nicht einmal. Und wenn sie nicht jetzt und hier die Initiative ergriff, dann würde das immer so weiter gehen. Wobei sie wieder gezwungen waren, gemeinsam vorzugehen. Diesmal im direkten Auftrag der Gildenfrau, ihrer obersten Herrin. Wie, bei Gott, würde sie das ertragen können, so nah an diesem Mann, nach dem sie sich mit jeder Faser ihres Leibes und vor allem ihres Herzens so sehr sehnte?

Wenn sie ihn wochenlang nicht zu Gesicht bekam, ja, dann gelang es ihr durchaus, ihn halbwegs zu vergessen. Aber nun, wenn es mal wieder um ihre gemeinsame Tochter ging, wenn sie so nah zusammen arbeiten mussten?

„Du blöder Holzklotz von einem Mann!“, schimpfte sie auf einmal, und ehe sich Georg versah, hatte sie ihn gepackt und schlang ihre Arme um ihn.

Ihr Mund blieb geschürzt. Nicht weil sie jetzt noch über irgendetwas nachdenken wollte, sondern tatsächlich zum Kuss. Und als Georg so unvermittelt diese begehrlichen Lippen auf seinem Mund spürte, war es ihm, als würden ihm die Sinne schwinden. Weil er es gar nicht begreifen konnte und das Glück in seiner Brust dermaßen anschwoll, dass er meinte, es müsste seine Brust glatt sprengen.

Nicht zögernd, sondern ungestüm, ja, besitzergreifend, schlang er nun seinerseits die Arme um die Frau, die er niemals aufgehört hatte zu lieben. Sie hatten schon damals gewusst, dass sie füreinander geschaffen waren. Obwohl sich Elisabeth anders entschieden hatte. Gegen den Armen für einen Betuchteren. Dem Kind zuliebe, das sie gebären würde.

Alles dies war jetzt wie weggewischt. Und damit auch alle Ängste und Vorbehalte. Es war gerade so, als sei damals diese Entscheidung nie getroffen worden, als wären sie niemals auch nur eine Sekunde voneinander getrennt gewesen. Ihrer beider Liebe hatte die Jahre nicht nur überdauert, sie hatte eine Reife bekommen, die nicht mehr länger geleugnet werden konnte.

Sie hielten sich gegenseitig fest und wussten, dass sie sich niemals wieder los lassen würden.

Elisabeth und Georg – Georg und Elisabeth. Ein Paar, endgültig und für immer. Und Eltern einer wunderbaren Tochter namens Sophie.

Und wenn die Pflicht als Spione der Gildenfrau dazu beitrug, dass es ihnen und ihrer Tochter nutzen würde, konnte es ihnen gerade recht sein.

Schließlich war die Tatsache unumstößlich, dass sie ohne den Auftrag der Gildenfrau vielleicht niemals wieder zueinander gefunden hätten. Nicht so richtig jedenfalls. Etwas, was sie niemals wieder vergessen würden. Obwohl Sophie davon selbstverständlich nie etwas erfahren durfte.

Zu ihrem eigenen Schutz und zum Schutz ihres geliebten Thomas Wittemborg, alias Junker von der Wiet.

Ein von den Seinen ausgestoßener Adliger. Eben weil er so ein überzeugter Alchimist war. Etwas, was einem Adligen niemals zugestanden wurde von Seinesgleichen.

Ein Mann mithin zwischen allen Stühlen: Als Adeliger verstoßen und dennoch niemals als Bürger von Hamburg anerkennenswert.

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Es gelang Adele tatsächlich und mit aller Mühe, die allzu düsteren Gedanken von sich zu schieben, betreffend ihre Großmutter. Angesichts des Hochzeitskleides, das sie während der Anprobe im zu jener Zeit üblicherweise eher halb blinden Spiegel bewundern durfte, sicherlich kein wirkliches Wunder.

Sie sah den geschickten Händen der beiden Schneiderinnen zu, die letzte Korrekturen vornahmen. Am liebsten hätte sie sich jetzt gedreht und gewendet vor dem Spiegel, um dieses herrliche Kleid von allen Seiten zu sehen, doch das hätte die Arbeit der Schneiderinnen unnötig erschwert.

Gott, was ein solches Kleid überhaupt kosten würde... Adele wusste es nicht. Ihr Johann hatte dafür gesorgt. Obwohl er letztlich gar nicht wusste, wie das Kleid aussehen würde. Er wollte dennoch weder Kosten noch Mühen scheuen, um für seine Adele trotz aller Einschränkungen die schönste Hochzeit überhaupt zu ermöglichen. Die Feier im wesentlich kleineren Kreis würde sowieso weit weniger Kosten verursachen als ursprünglich veranschlagt. Warum sollte davon nicht das Kleid zusätzlich profitieren?

Und so war es nicht nur ein wahres Kunstwerk der Schneiderkunst, sondern war mit Goldfäden verziert und mannigfaltigen Applikationen der teuersten Art bestückt, so geschickt angeordnet, dass sie nicht nur den Eindruck wiedergaben, wie sündhaft teuer es sein musste, sondern es tatsächlich zu einem Kleid werden ließen, einer Königin würdig, nicht nur der Schwiegertochter des führenden Hansekaufmannes innerhalb der gesamten Hamburger Hanse.

Obwohl Georg Wetken immer noch nicht ganz von seinen Vorbehalten befreit war, würde er endgültig von Adele als seiner zukünftigen Schwiegertochter überzeugt sein, allein nur bei ihrem Anblick in diesem Kleid. Davon war inzwischen Adele voll und ganz überzeugt. Sie sah es ja selber hier im Spiegel und wenn sie an sich hinunter schaute.

Und dann wurde ein zweiter Spiegel gebracht und hinter sie gestellt, damit sie sich auch wirklich rund herum bewundern konnte. Die Schneiderinnen traten zwei Schritte zurück und sahen stolz zu, als sich Adele nun zwischen beiden Spiegeln endlich hin und her drehen durfte und sich schier gar nicht mehr an diesem Anblick satt sehen konnte.

Jetzt glaubte sie erst recht fest daran, dass es der schönste Tag ihres ganzen Lebens werden würde. Obwohl sie natürlich immer noch die Angst vor etwaigen Repressalien ihrer Großmutter tief in ihrem Innern spürte. Doch selbst wenn alles in einer wahren Katastrophe enden sollte: Dieses Kleid würde ihren schönsten Tag so großartig beginnen lassen wie er großartiger gar nicht mehr werden könnte.

Sie stellte sich jetzt schon vor, was ihr geliebter Johann für Augen machen würde, wenn er sie zum ersten Mal in diesem Kleid sehen durfte. Momentan waren nur die Schopenbrink-Geschwister Gordula und Christian Zeugen davon. Sie hielten sich wohlweislich zurück, weil sie den Schneiderinnen nicht ins Gehege kommen wollten.

Adele strahlte sie glücklich an, und sie erwiderten dieses Strahlen mit einem zuversichtlichen Lächeln:

Alles würde gut werden! Das Kleid allein schon würde alles retten. Egal womit die Gildenfrau letztlich einschreiten würde. Adele würde für einen Auftritt sorgen, der in ewiger Erinnerung bleiben würde. Dagegen musste einfach alles Negative verblassen, das trotz aller Sicherheitsmaßnahmen von Seiten der Wetkens und Schopenbrinks zu befürchten waren.

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Sophie Selzer staunte nicht schlecht, als ihre leiblichen Eltern so unvermittelt und dann auch noch so offensichtlich vertraut miteinander bei ihr auftauchten. Doch ihre Mutter ließ ihr nur wenig Zeit, sich darüber zu wundern, sondern kam gleich zur Sache, ohne die sonst übliche herzliche Begrüßung. Allerdings erst nachdem sie sich davon überzeugt hatte, dass es keine unliebsamen Lauscher gab. Die Alchimisten unter der Leitung von Thomas waren derzeit zu beschäftigt, um überhaupt mitbekommen zu haben, dass Gäste in das abgelegene Lagerhaus gekommen waren, das lange Zeit verlassen geblieben war, bevor die Alchimisten ihre verbotene Arbeit darin aufgenommen hatten.

„Wir sind nicht umsonst gemeinsam bei dir erschienen, mein Kind!“, eröffnete Elisabeth unheilschwanger das Gespräch.

Sophie wurde sogleich misstrauisch und sah von einem zum anderen. Was war vorgefallen?

„Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, Liebes. Darum geht es auch gar nicht, sondern es geht darum, dass wir gegen unseren Willen eine Vermittlerrolle für die Alchimisten übernehmen mussten. Um es kurz zu machen: Es gibt weitere Interessenten für ihre Arbeit, natürlich gut bezahlt. Ich habe die Rezeptur bei mir, einschließlich Mengenangabe der benötigten Mittel. Könntest du das bitte mit Thomas für uns klären?“

Sophie war so leicht nicht aus der Fassung zu bringen, aber bei einem solchen Anliegen... Sie legte leicht den Kopf schief und musterte ihre leiblichen Eltern, als hätte sie diese noch nie zuvor gesehen.

„Was soll das jetzt? Irgendein unbekannter Auftraggeber? Dann handelt es sich wohl um etwas, was nicht unbedingt öffentlich gemacht werden darf? Aber nur zur Erinnerung: Thomas und seine Helfer brauen keine Gifte, also keine Substanzen, die schädlich sind. Sie wollen den Menschen mit ihrer Arbeit helfen. Und deshalb sind ja auch fast alle Heilkundigen Hamburgs gegen sie, weil sie unliebsame Konkurrenz in ihnen wittern. Was natürlich Unsinn ist, denn die Alchimisten wollen doch nur die Heilkundigen unterstützen und ihnen nicht die Arbeit wegnehmen.“

Elisabeth musterte nun ihrerseits ihre Tochter, mit einer steilen Sorgenfalte auf der Stirn. Es war, als müsste sie zunächst nach Worten suchen, ehe sie auf die Einwände Sophies eingehen konnte.

Georg Miles hielt sich derweil zurück. Seine Bekanntschaft mit einer leiblichen Tochter, von der er viel zu lange noch nicht einmal etwas geahnt hatte, war noch viel zu frisch. Er wollte sich ihre Sympathien nicht unnötig verscherzen. Dabei vertraute er voll und ganz auf Elisabeth, die sicherlich besser als er wusste, wie sie ihre Tochter überzeugen konnte.

Und das musste sie: Sophie überzeugen.

Niemand durfte die Befehle der Gildenfrau ignorieren, ja, noch nicht einmal hinterfragen. Was sie da überhaupt von den Alchimisten haben wollte, wusste er im Einzelnen allerdings genauso wenig wie Elisabeth, weil er sich in diesen Dingen nicht auskannte.

„Bitte!“ Es klang flehentlich. „Glaube mir, Sophie, ich würde dich niemals um so etwas bitten, wenn ich eine andere Wahl hätte. Und deinem Vater geht es genauso. Es gibt mächtige Persönlichkeiten hier in Hamburg, mit denen sich niemand verscherzen sollte. Doch wenn man tut, was sie von einem verlangen, genießt man auch ihren weitreichenden Schutz. Und ist es nicht das, was Thomas und seine Getreuen dringend brauchen? Zwar hat das Hansehaus Nagel mit ein paar hier rund um das Lagergebäude aufgestellten Wachen für einen gewissen Schutz gesorgt, damit es für euch keine böse Überraschung gibt, doch der Schutz unserer Auftraggeber reicht wesentlich weiter. Glaube mir. Dafür muss Thomas einfach nur liefern. Und wird auch noch fürstlich dafür entlohnt.“

„Gut, ich habe begriffen. Es sieht ja ziemlich dringend aus.“

„Ist es auch. Der Auftrag sollte schnellstmöglich erledigt werden.“

„Dann zeige mir mal die Rezeptur.“

Elisabeth tat, wie Sophie es wünschte. Doch die Reaktion ihrer Tochter war unerwartet heftig.

„Ist das wirklich euer Ernst?“, schimpfte sie. „Das ist Gift. Geschmacklos, praktisch unmerklich, wenn man es einnimmt, innerhalb einer beliebigen Mixtur und somit ganz besonders heimtückisch. Zwar nicht tödlich, aber wer dieses Zeug ungewollt zu sich nimmt, wird große Probleme haben. Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, um genauer zu sein.

Nein, bei aller Liebe, ihr beiden: Das könnt ihr nicht von Thomas verlangen. Nie und nimmer wird er einen solchen Auftrag erfüllen.“

„Es würde unser aller Todesurteil gleich kommen!“, beschwor Elisabeth ihre Tochter.

Es war dieser besondere Ausdruck in ihren Augen bei diesen Worten, die Sophie wankend machte. Aber nur vorübergehend.

„Du übertreibst!“, warf sie ihrer Mutter vor.

„Nein, sie übertreibt keineswegs!“, mischte sich Georg jetzt doch noch ein. „Es sind mächtige Leute, und sie versprechen Schutz, wenn man ihre Aufträge erfüllt. Doch wehe wenn nicht. Es ist mit dem Schlimmsten zu rechnen. Nicht nur für uns beide, sondern natürlich auch für dich und deinen Thomas. Glaube uns, das Hansehaus Nagel reicht bei weitem nicht aus, um euch vor solchen Mächten zu beschützen.“

„Aber hier, die Zutaten, mit genauer Mengenangabe sogar. Wer das alles sowieso schon weiß, könnte doch auch selbst dieses Gift herstellen!“, gab Sophie auch noch zu bedenken.

„Dazu muss man nicht nur erst die entsprechende Laboreinrichtung, sondern auch noch die besondere Erfahrung eines geübten Alchimisten haben. Wer weiß das denn besser als du, Liebes?“, wusste Elisabeth auch diesen Einwand zu entkräften. „Und es gibt hier in Hamburg eben nur ein einziges alchimistisches Labor mit erfahrenem Personal, wenngleich höchst inoffiziell: Eben das von Thomas.“

Und Georg Miles fügte noch hinzu:

„Nicht nur deshalb gilt natürlich: Niemand darf es außerdem je erfahren. Eben nicht nur zum Schutz von Thomas und seinen Alchimisten, sondern natürlich auch zum Schutz unserer Auftraggeber selbst. Sie würden es nicht tolerieren, wenn es anders komme sollte.“

Sophie zögerte. Dies alles klang in ihren Ohren ziemlich eindringlich, und immerhin handelte es sich ja hier um ihre leiblichen Eltern.

Ohne ein weiteres Wort wandte sie sich ab, mit der Rezeptur in der Hand, und ging davon.

Bevor sie jedoch den Hauptlagerraum betrat, in dem Thomas und seine Leute das Labor eingerichtet hatten, rief sie noch kurz über die Schulter zurück:

„Ihr bleibt erst mal wo ihr seid!“

Es folgten für Elisabeth und Georg bange Minuten. Sie lauschten zwar, konnten aber nichts hören. Die Unterhaltung zwischen Sophie und den Alchimisten schien im Flüsterton stattzufinden. Sicherlich wegen der Wächter, die nicht nur rund um das Lagerhaus postiert waren, sondern zuweilen auch das Lagerhaus durchstreiften, um hier nach dem Rechten zu sehen. Zum Schutz nicht nur gegen die Stadtwache, sondern auch gegen etwaige unliebsame Neugierige, die hier vielleicht Beute witterten.

Als Alchimisten standen sie im wahrsten Sinne des Wortes zwischen den Fronten: Das Gesindel von Hamburg war genauso gegen sie wie die gesamte Hanse, sofern sie nicht von den Alchimisten heimlich profitierte, wie eben das Hansehaus Nagel und letztlich auch die Gildenfrau, falls Thomas sich dazu überreden ließ, in ihrem Sinne zu handeln.

Wenn nicht...

Die beiden wagten sich gar nicht auszumalen, welche Folgen dies für alle Beteiligten haben konnte.

Da tauchte Sophie wieder auf, mit Thomas im Schlepptau. Er wirkte ungewohnt ernst, was ja kein Wunder war angesichts dieser Situation.

Bang sahen Elisabeth und Georg den beiden entgegen.

Thomas kam ohne vorherige Begrüßung gleich zur Sache:

„Das klingt ja wie Erpressung mit Todesdrohung. Geht es tatsächlich darum: Will mich jemand erpressen, dass ich für ihn ein solches Zeug herstelle? Wobei er euch beide als Übermittler dessen missbraucht?

Kaum zu glauben, aber offensichtlich wahr. Und dennoch bleibt es dabei, so leid es mir für euch beide tut: Wir Alchimisten wollen die Menschen gesund machen und nicht krank.“

„Das ist auch sehr ehrenwert“, pflichtete ihm Elisabeth vorsichtig bei, „aber in diesem Fall ist die Lage wirklich sehr ernst. Viel ernster, als du dir überhaupt ausmalen kannst. Glaube mir, das sage ich völlig ohne Übertreibung. Wir alle haben keine andere Wahl, sonst ist es nicht nur aus mit eurer Arbeit.“

„Diese Auftraggeber bedrohen also tatsächlich sogar unser Leben?“, vergewisserte sich Thomas.

Elisabeth und Georg nickten bekräftigend.

Details

Seiten
130
Jahr
2021
ISBN (ePUB)
9783738954258
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Mai)
Schlagworte
adele gildenfrau verbotene liebe anno

Autor

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Titel: Adele und die Gildenfrau: Verbotene Liebe Anno 1602