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Wo die Macht des Wortes endet: Berlin 1968 Kriminalroman Band 9

2021 130 Seiten

Leseprobe

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Wo die Macht des Wortes endet

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Berlin 1968 Kriminalroman Band 9

von Tomos Forrest

Der Umfang dieses Buchs entspricht 118 Taschenbuchseiten.

Bernd Schuster kann es nicht glauben! Da wird ein Mann aus der Rocker-Szene für einen Mord angeheuert und erhält eine erste Anzahlung. Doch der angebliche Auftragsmörder will keinen Menschen töten. Er nutzt seine Chance, um für seine brisanten Informationen direkt von der Ehefrau zu kassieren – doch dann stellt sich heraus, dass es nicht ihr Mann war, der den Mord bestellt hat. Der Präsident einer Rocker-Gang gerät in große Probleme...

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

Cover: Nach Motiven und Grischa Georgiew 123rf – Steve Mayer, 2021

Titel/Charaktere/Treatment © by Marten Munsonius & Thomas Ostwald, 2021

Roman – Nach Motiven – by Tomos Forrest, 2021

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

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Der Mann im seidig schimmernden Mohairanzug hatte einen korrekt gezogenen Scheitel und eine rosige Gesichtshaut. Die Art, wie er an dem Baum lehnte und eine Zigarette rauchte, wirkte lässig-nonchalant, aber sie täuschte nicht darüber hinweg, dass er hochgradig nervös war.

Peter Behringer saß im Sattel seiner Kawasaki 650. Die 50-PS-Maschine war in Deutschland auffällig, noch mehr in einer Stadt wie West-Berlin. Als die Japaner damit herauskamen, war es die Ähnlichkeit zur britischen BSA-A 7-Maschine, die viele vom Kauf abhielt. Der Japaner war einfach zu teuer, das Fahrwerk zu straff, der Motor vibrierte stark – alles Dinge, die man bei einer Harley Davidson akzeptierte, nicht jedoch bei einer japanischen Maschine.

Behringer hatte seinen Helm, eine alte Halbschale, an den Lenker gehängt. Seine langen, welligen Haare waren mit einem roten Tuch um die Stirn zusammengehalten. Als er den Helm absetzte, zog er aus seiner Jeansweste, die er über der Lederjacke trug, eine gebogene Sonnenbrille und setzte sie auf. Er hielt die Arme vor der Brust verschränkt und musterte den Mann, der ihn an diesen Ort etwas außerhalb der Stadt gebeten hatte, aus schmalen, verkniffenen Augen.

„Hier bin ich“, sagte er. „Also – was wollen Sie von mir?“

„Ich habe einen Auftrag zu vergeben“, erwiderte der Mann im Mohairanzug. „Das sagte ich Ihnen bereits am Telefon.“

„Stimmt. Sie behaupteten, dass ich durch Sie eine Stange Geld verdienen könnte“, erinnerte sich Peter Behringer. „Viel mehr haben Sie nicht gesagt.“

Der Mann lächelte dünn. „Immerhin hat es ausgereicht, Sie zu motivieren. Sie sind gekommen. Darüber bin ich sehr froh.“

„Lassen Sie endlich die Hosen runter“, forderte Behringer. Er war in schwarzes Leder gekleidet, seine Hose seitlich geschnürt, Cowboystiefel bildeten den Abschluss. Auf der Rückseite seiner ärmellosen Jeansjacke, die er über der Lederjacke trug, befand sich das Patch der Gruppe, ein schwarzer Teufel mit rotglühenden Augen, der feixend auf einem brennenden Globus ritt.

„Kommen Sie zur Sache“, sagte Behringer. „Worum geht es?“

„Ich habe Ihnen bereits am Telefon klargemacht, dass Sie für das Geld etwas tun müssen ... etwas, das mit Moral und Gesetz nicht in Einklang zu bringen ist“, meinte der Mann. „Sie erwiderten, dass Sie an diesen Begriffen nicht interessiert seien.“

„So geschwollen habe ich mich bestimmt nicht ausgedrückt, aber ich stehe zu meinen Worten. Ich bin kein Heiliger. Jeder weiß das, aber wie haben Sie es erfahren?“

„Sie sind der Präsi der Devils Rider“, erwiderte der Mann im Mohairanzug und deutete dabei auf das kleine, gestickte Schild auf Behringers Brust. Auf der anderen Seite befand sich die Raute mit der Bezeichnung „1 %“ – die Ironie der Biker nach einer schweren Auseinandersetzung in den USA, nach der ein Verband meinte, dass nur ein Prozent der Motorradfahrer gewaltbereit wären. Künftig trug jeder Rocker, der etwas auf sich hielt, dieses Zeichen auf der Kutte.  „Vor einer Woche stand etwas über Sie und Ihre Gruppe in der Zeitung. Ich wette, Sie kennen den Artikel. Darin heißt es, dass Sie und Ihre Jungen vor nichts zurückschrecken, buchstäblich vor gar nichts.“

Peter Behringer grinste. Ihm hatte der Artikel gefallen. Seit seinem Erscheinen hatten die Leute noch mehr Respekt vor ihm und seinen Jungs. Wenn sie über den Kuh’damm donnerten und den Gashahn aufrissen, sahen sich alle nach ihnen um. Und wenn sie in eine der beliebten Discotheken der Stadt kamen, verließen viele Motorradfahrer freiwillig das Lokal. Es machte wenig Sinn, sich mit den Devils anzulegen. Selten traf man einmal auf ein einzelnes Mitglied.

„Ich verstehe“, sagte er langsam. Seine Kinnladen bewegten sich mahlend. Er hatte herausgefunden, dass es den Leuten Angst machte, wenn er sie anstarrte und mit ausdruckslosem Gesicht auf einem Gummi herumkaute. „Sie haben also den Artikel gelesen, ins Telefonbuch gesehen und sich meine Nummer ‘rausgepickt. Sie haben gedacht: Das ist mein Mann, den hole ich mir. Ich muss da aber eine Kleinigkeit richtigstellen. Ich bin kein mieser, kleiner Ganove. Ich bin nur für Sachen zu haben, die sich lohnen, bei denen es um etwas geht.“

„Es freut mich zu hören, dass Sie diesen Standpunkt verfechten, er passt in mein Konzept“, meinte der Mann und ließ die Zigarette fallen. Er trat sie sorgfältig mit dem Absatz aus.

Peter Behringer sah ihm dabei zu. Er bemerkte, dass der Mann sehr elegante, rotbraune Mokassins trug. Sie waren offenbar handgefertigt.

„Wissen Sie, ich möchte mich von meiner Frau trennen“, sagte der Mann und vermied es, Behringer anzusehen.

„Was habe ich denn damit zu tun?“, fragte Peter Behringer.

Der Mann lächelte. Er hatte hellblaue Augen und blondes Haar, das den Eindruck erweckte, als sei es leicht pomadisiert.

„Scheidung kommt nicht in Frage“, erklärte er.

Peter Behringer war verblüfft. Er vertraute seinen Muskeln und seinen Fäusten. Er hatte keine Skrupel, sie bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit ins Spiel zu bringen, er drehte auch mal ein Ding, das nicht in die Landschaft der Rechtsordnung passte, aber er war kein Killer.

Er wollte dem Mann das sagen, aber irgendetwas hielt ihn davon ab, massiv zu werden. Er wollte erst einmal wissen, was der Unbekannte von ihm erwartete. Vor allem wünschte er herauszufinden, welche Summe genannt werden würde.

„Soll ich sie umlegen?“, fragte er.

Der Mann lächelte schon wieder. Es war ein Lächeln, das Peter Behringer Übelkeit verursachte. „Ich will sie loswerden, das ist alles. Ich überlasse es Ihnen, wie Sie das anstellen. Wichtig ist nur, dass mein Alibi steht.“

„Warum nehmen Sie sich keinen Profi?“, fragte Peter Behringer. „Ein Mörder wird sich doch im wunderschönen Berlin finden lassen!“

„Ich kenne keinen. Ich habe keinerlei Kontakte zur Unterwelt“, sagte der Mann. „Der Artikel in der Zeitung brachte mich auf die Idee.“

„Schon gut“, unterbrach Peter Behringer. „Was springt dabei für mich heraus?“

Er hatte nicht vor, zu töten. Um keinen Preis.

Natürlich sagte er das dem Mann nicht. Warum auch. Es genügte, zu kassieren und dann unter einem Vorwand zu kneifen. Der Blonde mit dem pomadisierten Scheitel würde danach nicht den Hauch einer Chance haben, sein Geld wieder einzutreiben.

„Zehntausend D-Mark“, sagte der Mann.

Peter Behringers Kinnladen blieben stehen. Er spitzte die Lippen.

„Wie steht es mit einem Vorschuss?“, fragte Behringer.

„Den können Sie haben“, meinte der Mann. „Sagen wir Tausend?“

„Das ist zu wenig“, preschte Behringer vor. „Die Hälfte ist doch wohl üblich.“

„Ich weiß nicht, was üblich ist. Aber welche Sicherheit habe ich, dass Sie den Auftrag auch ausführen?“

„Keine“, sagte Peter Behringer grinsend und setzte seine Kinnladen erneut in Bewegung. „Sie müssen mir schon blind vertrauen. Entweder Sie zahlen, oder Sie lassen es bleiben.“

Der Mann schwieg ein paar Sekunden. Er versuchte, in Peter Behringers Gesicht zu lesen, aber es war unmöglich, dem harten, glattrasierten Gesicht einen klar definierbaren Ausdruck abzutrotzen.

„Sie schaffen sie mir vom Leibe?“, fragte der Mann schließlich.

„Aber klar“, Peter Behringer nickte. „Das ist kein Problem. Ich brauche nur das Geld und ihre Adresse.“

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2

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Peter Behringer, der eingeschworene Biker, hasste es, Auto zu fahren – ein paar Sportwagen vielleicht ausgenommen. Als er beschloss, Sarah Ringleben aufzusuchen, hielt er es aber für angezeigt, seinen schwarzen Lederdress gegen Hemd und Jeans einzutauschen und mit dem blauen Ford seines Vaters loszubrummen.

Das Haus der Ringlebens befand sich im Bezirk Charlottenburg mit Fernblick auf die Havel. Hier residierten Leute, die ihr Vermögen in Millionen zu messen pflegten und beträchtliche Prozentzahlen davon für ihre Sicherheit ausgaben. Von den üblichen Leibwächtern war freilich nichts zu sehen, als Peter Behringer durch die offene Toreinfahrt fuhr und den Ford vor dem einstöckigen Klinkerhaus mit den weißen Fensterläden zum Halten brachte. Er stieg aus, ging auf die Tür zu und klingelte.

Ein Diener öffnete.

„Ich möchte zu Frau Ringleben“, sagte Behringer.

„Sind Sie angemeldet?“, näselte es zurück.

„Nein.“

„Darf ich Ihren Namen und den Grund Ihres Besuches erfahren?“

„Nein, das dürfen Sie nicht“, sagte Behringer. Er grinste dabei. Was gab es auf dieser Welt doch für lächerliche Kreaturen!

Behringer trat über die Schwelle. „Wo ist sie?“, fragte er und schob den Mann beiseite wie ein lästiges Hindernis.

Er erhielt keine Antwort, doch die Reaktion, mit der er fertig werden musste, war um so schockierender.

Der Diener praktizierte einen Judogriff. Die Attacke war nicht einmal im Ansatz erkennbar und schickte Peter Behringer ebenso rasch wie schmerzhaft zu Boden.

Behringer schluckte. Er brauchte Sekunden, um zu begreifen, was geschehen war.

Dieser lächerlich anmutende Typ mit der ledern wirkenden Haut und dem traurigen Gesichtsausdruck, ein Mann von mindestens vierzig, hatte es tatsächlich geschafft, ihn von den Beinen zu holen!

Peter Behringer erhob sich. Er war konsterniert.

Zum Glück war keiner von den Devils Zeuge des Geschehens geworden, denn dass er, der Präsident der Devils, von einem ganz in feierliches Schwarz gewandeten Mann auf den Rücken gelegt worden war, ließ sich einfach nicht rechtfertigen.

Peter Behringer grinste. Er war gewarnt. Ein zweites Mal würde ihm das nicht passieren!

Er schoss die Linke ab. Er legte eine Menge Kraft hinein, aber seine Faust schoss ins Leere. Noch ehe er sie zurückziehen und erneut angreifen konnte, widerfuhr dem Arm etwas Ärgerliches. Er wurde abgefangen und mit einem Drehgriff bedacht. Peter Behringer schrie. Der Schrei fiel zusammen mit dem dumpfen Krachen, den sein auf den Steinplatten der Vorhalle auftreffender Körper erzeugte.

„Was geht hier vor?“, fragte eine kühle Frauenstimme.

Behringer hob den Kopf. Die junge Frau, die aus der Halle getreten war, trug einen eleganten Hosenanzug aus feinem, silbergrauen Chiffon. Von fast gleicher Tönung war das kurzgeschnittene Haar. Es bildete einen seltsamen Kontrast zu dem glatten, jugendlichen Gesicht mit den riesigen, dunklen Augen und den schwellenden, roten Lippen.

„Der junge Mann hat versucht, auf eine sehr rüde Weise hier einzudringen“, rechtfertigte der Diener mit näselnder Stimme sein Verhalten.

Peter Behringer erhob sich benommen. Er kam sich gedemütigt vor. „Frau Ringleben?“, murmelte er.

„Die bin ich. Was wünschen Sie von mir?“

„Ich ... ich muss Sie sprechen.“

„Wer sind Sie? Worum geht es?“

„Ich habe gute Gründe dafür, Ihnen meinen Namen nicht zu nennen“, sagte Peter Behringer zögernd. „Sie werden sie billigen, wenn Sie erfahren, was mich zu Ihnen führt.“

Sarah Ringleben zögerte. Sie musterte den Besucher prüfend und sehr kühl, fast so, als sei er ein Gegenstand, eine Ware minderer Qualität. „Also gut“, seufzte sie schließlich. „Begleiten Sie mich auf die Terrasse.“

Peter Behringer grinste dem Diener ins Gesicht. „Alle Achtung, alter Junge“, sagte er. „Von dir kann unsereiner noch eine ganze Menge lernen.“

Die Frau schritt voran. Sie bewegte sich im Schleier eines herb-süßen Parfüms. Behringer folgte ihr und blickte sich beeindruckt um. Halle und Wohnzimmer waren ungewöhnlich groß. In jedem Detail der eleganten Einrichtung zeigte sich, dass die Ringlebens Geschmack und Geld besaßen und zu repräsentieren wussten.

Die Terrasse lag im Schatten einer aufgespannten Markise. Sarah Ringleben setzte sich und lud den Besucher ein, ihr gegenüber Platz zu nehmen.

„Worum geht es?“, fragte sie.

„Um Ihr Leben“, erwiderte Peter Behringer und kam damit geradewegs zur Sache.

„Sie wollen mir eine Versicherung verkaufen? Danke, damit bin ich versorgt.“

„Man will Sie ermorden.“

Sarah Ringleben lächelte.

„Es ist schon seltsam“, meinte sie. „Die Leute lassen sich immer wieder etwas Neues einfallen. Glauben Sie, eine besondere Marktlücke entdeckt zu haben? Sie behaupten mir gegenüber, ich sei bedroht und werden sich mir, davon bin ich überzeugt, im gleichen Atemzug als Retter anbieten. Sehr originell ist das nicht.“

„Wie hätten Sie‘s denn gern?“, fragte Behringer wütend. Er hatte eine andere Reaktion der Frau erwartet.

„Aus dem Alter, wo Märchen mir gefallen konnten, bin ich längst heraus.“

„Ihr Mann kam gestern zu mir“, sagte Behringer und holte die Brieftasche aus seiner Jackentasche. Er öffnete sie. In ihrem Inneren lagen drei Tausender. „Er hat mir Fünf davon gegeben“, fuhr er fort. „Zwei habe ich bereits ausgegeben. Ich habe Schulden damit beglichen.“

„Worauf wollen Sie hinaus?“

„Ich möchte Ihnen die Wahrheit verkaufen.“

„Welche Wahrheit?“

„Ihr Mann legt Wert darauf, dass Sie aus seinem Leben verschwinden. Für immer. Er hat mich gebeten, Sie umzubringen. Ich hatte niemals vor, darauf einzugehen, aber Sie werden verstehen, dass ich gewillt war, das Geld einzustreichen. Ich kann‘s gebrauchen. Jetzt möchte ich von Ihnen eine Belohnung kassieren.“

Im Gesicht der Frau zuckte kein Muskel, nur die ohnehin schon sehr großen Augen schienen sich zu erweitern. „Max liebt mich“, sagte sie. „Ich weiß es.“

„Ich weiß es besser.“

„Ich glaube Ihnen nicht. Können Sie beweisen, was Sie behaupten?“

Peter Behringer lehnte sich zurück. Er bewunderte die Frau, er war zutiefst beeindruckt von ihrer Schönheit, und er fragte sich, was sie bewogen hatte, Max Ringleben zu heiraten ... einen Mann, dessen Haut an ein Marzipanschweinchen erinnerte und der sein Haar pomadisierte.

„Ihr Mann ist kein Dummkopf“, sagte er. „Natürlich gibt es für das Gespräch, das er mit mir führte, keine Zeugen. Er hat mich telefonisch gebeten, ihn auf einem Parkplatz außerhalb der Stadt zu treffen. Ich war pünktlich. Er war vor mir da. Er lehnte an einem Baum und rauchte.“ Plötzlich lachte die Frau.

„Was ist daran so lustig?“, knurrte Peter Behringer irritiert.

„Sie haben sich verraten. Ihre Geschichte kann gar nicht stimmen“, sagte Sarah Ringleben. „Max ist Nichtraucher.“

„Das ist nicht wahr“, murmelte Peter Behringer.

„Soll ich Franz rufen? Der Diener wird es Ihnen bestätigen“, sagte die Frau.

Peter Behringer stülpte die Unterlippe nach vorn. „Kann ich mal ein Foto von Ihrem Mann sehen?“, fragte er nach kurzer Pause.

Die Frau zögerte, dann erhob sie sich und ging ins Haus. Als sie zurückkehrte, hielt sie ein silbergerahmtes Foto in der Hand. „Das ist er“, sagte sie und überließ Peter Behringer das Bild.

„Ich will verdammt sein“, entfuhr es Behringer.

Die Frau setzte sich. „Das ist nicht der Mann, mit dem Sie gesprochen haben wollen – richtig?“

„Das ist Ihr Mann?“

„Ja, das ist Max. Max Ringleben.“ Das Foto zeigte das schmale, markante Gesicht eines schätzungsweise achtunddreißigjährigen Mannes. Er hatte dunkles, lose zurückgekämmtes Haar mit Koteletten. Der schmale Mund lächelte spröde. Die hellen Augen fixierten den Betrachter, trotz des Lächelns wirkten sie seltsam kalt und hart.

„Das ist nicht der Mann, mit dem ich gesprochen habe“, sagte Peter Behringer.

Sarah Ringleben verzog die Lippen. „Ich wollte Sie nur auf die Probe stellen“, sagte sie. „Das ist mein Bruder.“

Sie nahm Behringer das Bild ab, begab sich ins Wohnzimmer und tauchte eine Minute später mit einem anderen Foto auf. Es war gleichfalls in Silber gerahmt. Das Bild zeigte einen sehr ernst aussehenden Enddreißiger, der einen versonnenen, geradezu grüblerischen Eindruck machte. Auch er hatte dunkles Haar und helle Augen.

„Wer ist das?“, fragte Peter Behringer.

„Das ist Max.“

„Ich kenne ihn nicht“, sagte Peter Behringer stirnrunzelnd.

„Na, bitte!“, meinte die junge Frau und setzte sich. „Ich wusste ja ...“ Sie unterbrach sich. In ihren Augen formierte sich Angst. „Aber wenn jemand seine Namen missbrauchte und Ihnen Geld dafür gab, dass Sie mich umbringen, erhebt sich die Frage, was dahintersteckt.“

„Eben.“ Peter Behringer nickte, schon wieder obenauf. „Jemand wünscht Sie aus dem Verkehr zu ziehen, das steht nun mal fest. Dieser Job ist ihm zehn Riesen wert. Meinetwegen auch nur die fünf, die ich bekommen habe. Der Mann erwartet, dass ich handle ... nach der Tat würde ich den Rest der Summe schwerlich einklagen können.“

„Wann haben Sie mit dem Mann gesprochen?“

„Das letzte Mal vor drei Tagen.“

„Sie haben ihn mehrere Male getroffen?“

„Insgesamt zweimal. Einmal auf dem Parkplatz vor der Stadt, und ein zweites Mal in der Nähe vom Bahnhof Zoo. Auch da war niemand in Sichtweite“, schloss Peter Behringer.

„Wie sah der Mann aus?“

„Blond. Hochgewachsen. Prima in Schale. Sein Haar machte den Eindruck, als enthielte es irgendeine Schmiercreme. Der Scheitel war auffallend korrekt gezogen, wie mit dem Lineal, und die Gesichtshaut war richtig rosig, sie ähnelte der eines Kindes.“

„Alter?“

„Vierzig, würde ich sagen.“

„Ich wüsste auf Anhieb niemand zu nennen, auf den diese Beschreibung passt“, sagte die Frau langsam, aber Peter Behringer hatte das Gefühl, dass sie log und sehr wohl ahnte oder wusste, von wem er sprach.

„Sie werden verstehen, dass ich Ihnen meinen Namen nicht zu nennen wünsche“, sagte Peter Behringer. „Immerhin habe ich mich bereit erklärt, einen Mord zu begehen – auch wenn diese Absichtserklärung purer Bluff war und bloß dem Zweck diente, dem Kerl das Geld aus der Tasche zu holen. Ich habe fünftausend kassiert und möchte das Geld nicht nur behalten, sondern noch vermehren. Deshalb bin ich hier. Sie sind jetzt gewarnt. Meine Warnung kann und soll Ihnen helfen, weiteren Bedrohungen zu trotzen. Ich denke, das sollte honoriert werden.“

„Wir können den Mann austricksen“, sagte Sarah Ringleben.

„Wie denn?“

„Ich nehme doch an, dass Sie den Rest der Summe bekommen sollen, wenn ich tot bin?“

„So haben wir es abgesprochen.“

„Wie sollte das ... das Verbrechen im Einzelnen vor sich gehen?“, fragte die junge Frau.

„Er hat mir keine Ratschläge erteilt. Er sagte nur, dass es passieren müsse, während er sich im Westen aufhält“, erklärte Peter Behringer.

„Wann sollten Sie den Rest der Summe erhalten?“

„Nach Ihrem Tod.“

„Wie?“

„Er hat versprochen, mir das Geld zuzuschicken.“ Peter Behringer grinste. „Da ich nicht vorhabe, und niemals vorhatte, den Job auszuführen, muss ich wohl oder übel auf den Rest der Summe verzichten. Ich hoffe, Sie gewähren mir dafür die verdiente Kompensation.“

„Sie können das Doppelte bekommen, wenn Sie herausfinden, wer der Mann ist.“

„Wie soll ich das anstellen?“

„Oh, Sie wissen, wie er aussieht. Haben Sie nicht versucht, ihm zu folgen? Haben Sie nicht gesehen, welches Auto er benutzte und welche Nummer es hatte?“

„Nein. Er nannte mir seinen Namen. Das genügte mir. Warum hätte ich unter diesen Umständen versuchen sollen, mich an seine Fersen zu heften?“

„Sie sind naiv“, sagte die junge Frau.

Peter Behringer biss sich auf die Unterlippe. Natürlich hatte Sarah Ringleben recht. Vor lauter Gier, das Geld zu behalten, hatte er wie ein Anfänger gehandelt. Dabei hätte ihm klar sein müssen, dass ein Mann, der einen Mordauftrag vergibt, nicht mit seiner Identität hausiert. Gerade der Umstand, dass der Mann im Mohairanzug sich als Max Ringleben vorgestellt hatte, bewies, dass er ein anderer war.

„Ich muss wohl oder übel zur Polizei gehen und sie von dem Vorfall in Kenntnis setzen“, sagte Sarah Ringleben langsam. „Aber erst spreche ich mit Max darüber. Ich telefoniere mit ihm ... oder ich nehme die nächste Maschine und besuche ihn in München, wo er sich gerade in geschäftlichen Verhandlungen befindet.“

„Davon rate ich Ihnen ab.“

„Warum?“

„Ich bin weder Hellseher noch Detektiv, aber wenn ich mir vor Augen halte, was geschehen ist, komme ich zu dem Schluss, dass Max, Ihr Mann, trotz allem der eigentliche Drahtzieher ist.“

„Absurd!“

„Okay. Sie können selbst am besten beantworten, wer von Ihrem Tod profitiert.“

„Ich muss das Ganze erst einmal verarbeiten. Lassen Sie mir Ihre Adresse hier, bitte. Ich verständige Sie, sobald ich einen Entschluss gefasst habe.“

„Ich sagte bereits, dass ich Ihnen meinen Namen nicht nennen kann. Sie müssen mir schon glauben, dass wahr ist, was ich Ihnen berichte.“

„Eines begreife ich nicht. Warum hat der Mann, von dem Sie sprechen, gerade mit Ihnen Kontakt aufgenommen?“

„Mein Name stand kürzlich in der Zeitung. Ich wurde als ein Mann ohne Skrupel beschrieben, als einer, der vor nichts zurückschreckt. Das brachte den Blonden offenbar auf die Idee, mir den Auftrag anzubieten. Ich hätte ihm am liebsten die Fresse poliert, aber dann erschien es mir klüger und vernünftiger, ihm die Mäuse abzunehmen.“

„Kommen Sie morgen hier vorbei ... um die gleiche Zeit. Passt Ihnen das?“

„Geht in Ordnung“, erwiderte Peter Behringer und erhob sich. „Aber versuchen Sie bitte nicht, mich aufs Kreuz zu legen. Ich müsste Ihnen sonst beweisen, wie recht der Artikelschreiber mit seinen Worten über mich hatte.“

Eine Minute später stieg er in den Ford und fuhr los. Als er die Straße erreicht hatte, kam ihm eine Idee. Er lenkte das Fahrzeug an den Bürgersteigrand, stoppte und kletterte ins Freie.

Zu Fuß begab er sich zurück auf das Ringleben‘sche Grundstück. Er hatte keine Ahnung, ob man ihn bemerkte. Peter Behringer schritt an der Tür vorbei und ging um das Haus herum.

Die Terrasse war leer. Das überraschte ihn nicht. Vieles sprach dafür, dass Sarah Ringleben mit ihrem Mann telefonierte oder doch versuchte, ihn fernmündlich zu erreichen. Peter Behringer hatte den Wunsch, mitzuhören, was sie ihm zu sagen hatte.

Er pirschte sich an die offene Terrassentür heran, ohne einen Laut zu vernehmen. Noch während er erwog, ob es zu vertreten sei, sich in das Haus einzuschleichen, fiel sein Blick auf einen von Bäumen und Büschen halb verdeckten Geräteschuppen am Ende des Gartens.

Peter Behringer runzelte die Stirn. Irgendetwas an dem Schuppen faszinierte ihn, er wusste selbst nicht zu sagen, wieso. Die Tür des Schuppens stand halb offen. Dahinter gähnte tiefe Dunkelheit.

Peter Behringer überquerte den Rasen, er schritt geradewegs auf den Schuppen zu, ohne sich über sein Handeln recht klar zu sein. Es schien, als würde er von fremden Kräften bewegt, er konnte einfach nichts dagegen tun.

Er stoppte, als er den Schuppen erreicht hatte und blickte über seine Schulter. Weit und breit war niemand zu sehen. Offenbar hatte noch niemand bemerkt, dass er zurückgekommen war.

Peter Behringer gab sich einen Ruck und trat über die Schwelle des Gerätehauses.

Sein Fuß stockte. Sein Herz vollführte einen jähen, schmerzhaften Sprung.

Vor ihm lag ein Mann.

Der Mann ruhte auf dem Rücken, mit leicht gespreizten Beinen.

Die Augen des Mannes standen weit offen. In ihnen war die kalte, glasige Starre des Todes.

Peter Behringer schluckte.

Es gab keinen Zweifel, dass es sich bei dem Toten um den Blonden mit dem pomadisierten Haar handelte, um den Burschen, der ihm einen Mordauftrag erteilt und fünftausend-D-Mark in die Hand gedrückt hatte.

Peter Behringer griff sich an den Hals. Er hatte geglaubt, Meister der Situation zu sein, aber angesichts des Toten dämmerte ihm, worauf er sich eingelassen hatte und welche Gefahren ihm drohten.

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3

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Ein kräftiger Tritt auf den Kickstarter genügte.

Blubbernd erwachte der V-Twin zum Leben. Der Mann mit der schwarzen Ledermontur rückte sich die gebogene Sonnenbrille zurecht, dann nickte er der jungen Frau zu, sich hinter ihm auf das schmale Lederkissen zu schwingen. Es war wenig genug an Sitzfläche, und als sie dem Fahrer beide Arme um die Hüften legte, rief er laut genug, um den Motorenlärm zu übertönen:

„Halt dich gut fest, es geht rund!“

Dann rollte die schwere Harley Davidson, deren Typ vom Hersteller mit  OHVs benannt wurde, die schmale Parkstraße entlang, stoppte kurz an der Einfahrt zur Kurfürstenstraße, dann gab der Fahrer Gas und fädelte sich in den laufenden Verkehr ein.

Lucy presste sich fest an ihn und spürte die mächtigen Vibrationen des alten Knuckleheadmotors, die tief unter ihr entstanden. Der Oldtimer hatte gut und gern seine dreißig Jahre auf dem Buckel, aber das hatte weder Bernd Schuster gestört noch etwa seine Tochter Lucy.

Für eine Ausfahrt in den Grunewald war die Maschine einfach ein Erlebnis, das beide genossen. Nach kurzer Zeit hatte sich Lucy daran gewöhnt, sich mit ihrem Vater zugleich in die Kurven zu legen. Und Bernd genoss es, die bullige Kraft, die dröhnend aus dem V-Twin die Passanten beeindruckte und zudem bei jedem Ampelstart erneut grollend die Leistung freigab, ein wenig auszufahren. Viel zu kurz erschien die beiden Fahrt bis zum Strandbad Wannsee, wo sie die Harley auf dem Seitenständer abstellten und die nächsten Stunden bei strahlend blauem Himmel genossen.

Die Ernüchterung kam, als Bernd ihre Handtücher wieder klein zusammengerollt und in der Ledertasche untergebracht hatte. Die Harley sprang nicht an. Bernd Schuster mühte sich mit dem Kickstarter ab, trat immer wieder kräftig darauf und hatte doch keinerlei Erfolge mit seinen Versuchen.

„Lass mich mal!“, vernahm er ausgerechnet in dem Augenblick, als er mit dem Stiefel abrutschte und ihm der Hebel schmerzhaft gegen das Schienenbein schlug. Mit vor Wut und Anstrengung verzerrtem Gesicht sah Bernd in das Gesicht einer jungen Frau, die kaum älter als Lucy sein mochte.

Auch sie trug Lederkleidung und lächelte die beiden ratlosen Biker freundlich an.

Dann bückte sie sich, zog den Benzinschlauch ab, nahm den kleinen Benzinfilter aus dem Gewebeschlauch und pustete ihn kräftig durch.

Als wäre das alles völlig normal, schob sie ihn anschließend wieder auf den Schlauch und befestigte alles wieder am Tank.

„Jetzt mal!“, sagte sie und nickte Bernd zu.

Der trat kräftig ein weiteres Mal auf den Kickstarter, und die Harley erwachte zum Leben.

„Wie hast du...“

„Solltest dir den größeren besorgen. Wenn du nicht zu Harley gehen willst, fahr mal bei Hein Gericke vorbei. Kostet knapp neun Mark, und bei der Gelegenheit holst du dir gleich zwei neue Champion-Zündkerzen und schmeißt diesen Japan-Schrott raus, hat in einer Harley nichts zu suchen. Macht’s gut, ihr beiden Hübschen, und nicht so doll!“

Damit drehte sich die junge Frau ab, ging hinüber zu ihrer BMW und fuhr davon, als Lucy gerade hinter ihrem Vater Platz genommen hatte.

Bernd hätte sich gern noch ein wenig mehr mit der Bikerin unterhalten, aber diese Situation war ihm einfach nur peinlich. Vor allem vor Lucy, die er mit der geliehenen Harley überrascht hatte.

‚Ich glaube, ich bleibe wohl doch beim meinem Mercedes und bin auf vier Rädern unterwegs. Ist vielleicht nicht so toll wie eine alte Harley, aber auf alle Fälle beherrsche ich die Technik. Naja, jedenfalls weiß ich, wie ich den 450 SEL starte. Mal gespannt, was mir Lucy erzählt, wenn wir zurück sind.‘

Aber seine Tochter war von dem Erlebnis total beeindruckt.

„Kannste mal seh’n, Dad, was die Mädels in Berlin so drauf haben, was? Da kommt ne BMW-Tussi und erzählt dem alten Mann auf der Harley, dass er einen neuen Benzinfilter und andere Zündkerzen braucht. Ich finde es stark!“

„Ja, glaube ich. Blamiert habe ich mich ja auch nur. Aber Knut werde ich was erzählen, von wegen zuverlässiges Bike und selbst für alte Männer tauglich!“

Lachend gingen die beiden in das Büro der Detektei, in dem Franziska bereits auf ihren Chef wartete.

„Woher die plötzliche Liebe zum Bike?“

Bernd Schuster machte eine abwehrende Handbwegung.

„Sieh dir mal Jacke und Helm an, haben beide schon ein paar Ausfahrten erlebt. Ich habe damals in Frankfurt bei der Bundeswehr auch meinen Krad-Führerschein gemacht. Aber unsere Zweitakter-Maschinen waren DKW und Maico, schon damals nicht das Neueste auf dem Markt. Ich wollte einfach mal wieder in den Sattel, auch wenn man sich in Berlin ja kaum als freier Biker fühlen kann!“

„Gut, du bist also ein Alt-Rocker. Wäre schön, wenn du dich auch mal wieder um deine Klienten kümmerst“, bemerkte Franziska etwas spitz und schob ihm einen Zettel zu. „Die Frau hat schon zum zweiten Mal angerufen, Bernd. Du solltest dich jetzt mal wieder aus dem Rockerdress befreien und deine normale Jeans anziehen. Die Klientin wartet!“

„War super, Franzi, solltest du mit dem alten Mann auch einmal machen!“, rief Lucy fröhlich und ging zum Kühlschrank, um sich eine Cola zu holen.

„Hör nicht auf sie, Franziska! Das Kind weiß nichts über gute, alte Motorräder und will mir jetzt nur eins auswischen, weil ich sie nicht sofort starten konnte.“

„Was? Ich denke, amerikanische Wundermaschinen sind zuverlässig?“, antwortete Franzi lächelnd.

„Ja, vor allem, wenn man genügend Ersatzteile dabei hat!“, brummte Bernd und ging in sein Büro, um die Kleidung zu wechseln. Er hörte, wie die beiden im Vorzimmer laut lachten und schwor sich, beim nächsten Motorradausflug sich das neueste Modell auszusuchen. Eine Electra-Gilde oder eine Touring oder wie diese gewaltigen Schlachtschiffe auch heißen mochten, mit denen man über die endlosen Highways fahren konnten.

Tja, hatte sich was mit Highways!

Berlins Motorradfreunde drehten ihre Runde auf der Avus, zwei Kilometer Richtung Grenze und wieder zurück.

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Bernd Schuster chauffierte seinen Mercedes 450 SEL übertrieben langsam. Das tat er immer, wenn er keine Lust hatte zu arbeiten. An einem sonnigen Tag wie diesem, wo man am liebsten mit Conny Froboess singen würde Pack die Badehose ein,

machte es wenig Spaß, unterwegs zu einer Klientin zu sein, deren Stimme am Telefon zwar recht aufregend und sogar erotisch gewirkt hatte, deren Besitzerin jedoch, wie seine Intuition ihm sagte, nicht viel mehr zu bieten versprach als ein neuerliches Puzzle. Eines, in dem vermutlich das Verbrechen und einige höchst unangenehme menschliche Leidenschaften dominieren würden ...

Als er vor dem Haus der Ringlebens stoppte, vertiefte sich seine Unlust, ohne dass er zu sagen vermochte, weshalb. Vielleicht ging ihm schon das ganze, vornehme Viertel gegen den Strich. Dabei lud das imponierende Anwesen eher dazu ein, der Arbeit mit Spannung und Erwartung entgegenzublicken. Alles deutete darauf hin, dass hier Leute wohnten, die es sich leisten konnten, rasch und gut zu zahlen. Doch auch diese Erkenntnis brachte es nicht fertig, Bernds Stimmung aufzubessern.

Schließlich ging es ihm nie um das Honorar, auf das er nicht angewiesen war. Der Fall musste ihm liegen, ihn herausfordern. Dann war Bernd Schuster in seinem Element. Franziska und Knut gegenüber, seinen beiden tüchtigen Assistenten, tat er nach wie vor jedoch so, als hänge seine berufliche Existenz von den guten Honoraren ab, die er inzwischen forderte und – bezahlt bekam.

Zum Glück war Sarah Ringleben, die ihm kurz darauf in einem apfelgrünen Kleid gegenübertrat und ihn begrüßte, durchaus sein Typ – eine hochattraktive junge Frau mit beträchtlicher Ausstrahlung, eine Mischung von Damenhaftigkeit und Sexappeal.

Sie führte Bernd Schuster ins Wohnzimmer. Nachdem beide sich gesetzt hatten, begann Sarah Ringleben: „Mich hat vor wenigen Stunden ein junger Mann besucht, der sich weigerte, seinen Namen zu nennen. Er behauptete, von meinem Mann fünftausend D-Mark Anzahlung und den Auftrag bekommen zu haben, mich zu töten. Inzwischen weiß ich, dass er nicht mit meinem Mann gesprochen hat. Ein Foto genügte, um das klarzustellen – aber ich bin trotzdem zutiefst beunruhigt. Ich weiß nicht, was ich von der Geschichte halten soll. Natürlich hätte ich die Polizei einschalten können, aber das würde Öffentlichkeit bedeuten, und die möchte ich meiden. Max, mein Mann, sieht seinen Namen nur ungern in den Zeitungen. Deshalb hielt ich es für eine gute Idee, mich an einen Privatdetektiv zu wenden. Ich zog ein paar Erkundigungen ein und ließ mir sagen, dass Sie die Nummer eins in dieser Stadt sind.“

„Danke“, sagte Bernd. „Was erwarten Sie von mir?“

„Finden Sie heraus, wer der blonde Mann war, von dem der junge Mann sprach – und beschäftigen Sie sich auch mit meinem Besucher. Möglicherweise hat er das Ganze nur erfunden, um eine Belohnung einstreichen zu können.“

„Haben Sie ihm Geld gegeben?“

„Nein, ich habe ihn ersucht, morgen noch einmal herzukommen – gegen elf Uhr morgens. Wenn Sie wollen, können Sie hier die Unterhaltung belauschen. Selbstverständlich steht es Ihnen auch frei, sich schon vorher mit dem jungen Mann zu beschäftigen. Franz, unser Hausdiener, war klug genug, sich die Nummer des Wagens zu notieren, mit dem der junge Mann hier aufkreuzte“, sagte Sarah Ringleben und schob Bernd einen Zettel zu, der auf dem Tisch lag. „Hier ist sie.“

Bernd warf einen Blick auf das Papier und steckte es ein. Sarah Ringleben berichtete zusammenhängend vom Besuch des jungen Mannes und schloss: „Er bestreitet zwar, ein Ganove zu sein, aber alles spricht dafür, dass er einer ist. Hätte er sonst Geld eingestrichen, für das er keine Gegenleistung erbringen möchte? Und dann: Der Blonde kann sich nur deshalb an ihn gewandt haben, weil er meinte, für den makabren Auftrag den richtigen Mann gefunden zu haben. Alles in allem glaube ich dem Besucher. Ja, er machte den Eindruck, als stimmte, was er zu sagen hatte ...“

„Wie lange sind Sie schon verheiratet?“

„Sieben Jahre. Ich bin jetzt sechsundzwanzig. Max ist achtunddreißig.“

„Kinder?“

„Nein. Es gab eine Zeit, wo ich darunter litt, aber inzwischen habe ich mich damit abgefunden, dass ein kleiner Defekt in meinem Körper es mir unmöglich macht, Mutter zu werden.“

„Wer würde von Ihrem Tod profitieren?“

„Max natürlich. Er würde erben, was ich hinterlasse – und das ist nicht wenig“, schloss sie.

„Wie viel?“

„Ein paar Millionen“, sagte Sarah Ringleben in einem Tonfall, als spräche sie über den Inhalt eines billigen Bonbonbeutels.

„Sie haben das Geld in die Ehe gebracht?“

„Ja. Streng genommen bestand meine Mitgift aus dem Haus mitsamt Grundstück und den Witting-Werken, einer Firma, die Zahnräder und Kugellager herstellt. Ich hatte sie gerade von meinem bei einem Unfall ums Leben gekommenen Vater geerbt, als ich Max kennenlernte. Max war Ingenieur. Ich heiratete ihn vor allem deshalb, weil ich begriff, dass er für den Betrieb der richtige Mann war. Einer, der etwas von Technik verstand und gleichzeitig das notwendige kaufmännische Knowhow besaß. Inzwischen hat sich gezeigt, wie richtig meine Entscheidung war. Max hat die Firma einem neuen Boom zugeführt. Unsere Produkte sind in aller Welt gesucht und gelten in ihrer Art als einmalige Spitzenleistungen.“

Bernd lächelte. „Eine reine Vernunftheirat also?“

„Das war sie, ohne Zweifel, aber schon wenige Monate nach der Eheschließung fingen wir an, uns wirklich zu lieben. Ein Glücksfall! Daran hat sich bis zum heutigen Tage nichts geändert“, sagte Sarah Ringleben.

„Weiß Ihr Mann vom Besuch des Unbekannten?“

„Ich habe mit Max in München telefoniert. Er wollte sofort zurückkommen, aber auf mein Drängen erklärte er sich schließlich bereit, bis zum Abschluss der Verhandlungen vor Ort zu bleiben“, erwiderte Sarah Ringleben. „Ich musste ihm versprechen, einen Privatdetektiv zu engagieren. Das habe ich getan“, fügte sie lächelnd hinzu. „Ich hoffe, dass Sie uns helfen können und herausfinden, was sich

hinter den Ereignissen verbirgt.“

„Ich muss jetzt sehr simple und möglicherweise sogar töricht klingende Fragen stellen“, meinte Bernd. „Obwohl anzunehmen ist, dass Sie sie sich schon selbst stellten, muss ich sie aussprechen. Haben Sie Feinde?“

„Ja, das habe ich mich auch gefragt, nachdem der junge Mann gegangen war. Ich suchte nach einem Motiv, nach einer Erklärung für das Geschehen, aber es ist mir nicht gelungen, eine zu finden. Natürlich habe ich Feinde. Wer hat die nicht? Aber die Leute, von denen ich spreche, würden die Abneigungen, die sie mir gegenüber empfinden, schwerlich in ein Verbrechen ausufern lassen – von Mord ganz zu schweigen. Ich habe mir im Einzelnen die Gesichter vorgenommen, um die es dabei geht, aber ich bin sicher, dass nicht eines davon als Initiator des Geschehens in Betracht kommt.“

„Was sind das für Leute, die Sie nicht mögen?“, wollte Bernd wissen.

Sarah Ringleben hob die runden Schultern und ließ sie wieder fallen. „Nehmen Sie den Club Haveler Golffreunde. Max und ich sind Mitglieder. Der Klub gilt als sehr exklusiv. Man muss schon etwas sein, um ihm angehören zu dürfen. Oberflächlich betrachtet geht es dort sehr nobel und gesittet zu, sogar heiter, aber wer hinter die Kulissen zu blicken vermag, begreift rasch, wie lebhaft Neid, Missgunst und sogar Hass regieren. Das ist nun mal so unter Menschen, die prominent sind oder sich dafür halten – sie wollen in jedem Kreis die erste Geige spielen und hassen diejenigen, die ihnen überlegen sind.“

„Kein Grund zum Töten – oder?“

„Stimmt genau.“

„Hat Ihr Mann eine Freundin?“

Sarah Ringleben schlug die Augen nieder, sie zögerte mit der Antwort, dann sagte sie: „Sie sind selbst ein Mann. Sie wissen, wozu Männer imstande sind. Ja, er hat eine Freundin ... ein hübsches, kleines Ding, das er gelegentlich besucht, wenn ihm danach zumute ist. Es ist – wie soll ich sagen? – ein rein erotisches Verhältnis. Es dient wohl auch dem Zweck, sich selbst bestätigt zu fühlen. Max ist geschäftlich stark engagiert, er ist ein Mann, der bis zu zwölf Stunden am Tage arbeitet, das Wochenende eingeschlossen. Solche Männer brauchen Abwechslung. Was er tut, hat mit Liebe nichts zu tun. Diese Liebe gehört mir, das weiß und fühle ich. Die Kleine ist eine Gespielin, nicht mehr.“

„Weiß Ihr Mann, dass Sie über das Verhältnis informiert sind?“, fragte Bernd.

„Nein.“

„Sie haben ihn niemals daraufhin angesprochen?“ Bernd wunderte sich.

Sarah Ringleben lächelte matt. „Hätte das etwas geholfen? Er hätte sie in die Wüste geschickt und sich irgendwann eine andere genommen. Es gibt Männer, die so etwas brauchen. Eine Frau wie ich ist gut beraten, wenn sie sich darauf einstellt und diese Dinge hinnimmt. Solange sie unsere Liebe nicht ernsthaft gefährden, sehe ich keinen Anlass, mich über diese Flirts aufzuregen.“

„Wer ist das Mädchen, mit dem er befreundet ist?“

„Sie heißt Maria Mertens und wohnt in einer Eigentumswohnung am Ku‘-Damm. Max hat sie ihr geschenkt.

„Das Ganze muss ihn ein Vermögen gekostet haben.“

„Die Firma gehört mir, aber Max ist am Gewinn beteiligt und inzwischen selbst millionenschwer. Er kann sich Hobbies dieser Art leisten.“

„Im Falle Ihres Todes würde ihm die ganze Firma gehören, nicht wahr?“

„Ja, aber Sie müssen sich vor Augen halten, wie wenig ihm mein Ableben helfen würde, seinen Lebensstandard zu verbessern. Die Arbeit bliebe so hart, wie sie jetzt ist, und ob ein Mann im Jahr für sich drei, fünf oder acht Millionen ausgeben kann, ist wirklich nicht von Bedeutung. Noch eins kommt hinzu. Ich verstehe zu repräsentieren. Max weiß das zu schätzen. Die kleinen Mädchen, die er braucht, haben einfach nicht das Zeug, sich auf dem gesellschaftlichen Parkett zu bewähren. Max weiß das. Oh nein, er ist mit seinem Leben durchaus zufrieden. Er hat eine Arbeit, die ihm Erfolg bringt, Gewinnanteile an einer Firma, die in die Millionen gehen, eine Freundin, bei der er sich mal austoben kann, wenn ihm danach zumute ist, und eine Frau, die er liebt. Sie können es drehen und wenden wie Sie wollen – da gibt es kein Motiv.“

„Ich nehme an, Sie haben sich das Aussehen des Burschen beschreiben lassen, der sich dem jungen Mann gegenüber als Ihr Gatte ausgab ...“

„Ja. Den Worten des jungen Mannes zufolge ist er hochgewachsen und blond. Pomadisiertes Haar. Helle, blaue Augen und sehr zarte Gesichtshaut ... wie bei einem Kind. Das Alter liegt angeblich bei vierzig.“

„Konnten Sie mit der Beschreibung etwas anfangen?“

„Nein“, erwiderte Sarah Ringleben, deren Blick plötzlich seltsam starr wurde. Bernd entging das nicht, aber er sah keine Veranlassung, nachzuhaken.

„Haben Sie jemals versucht, sich für die Seitensprünge Ihres Mannes schadlos zu halten?“, fragte er.

Details

Seiten
130
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738954203
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v1033285
Schlagworte
macht wortes berlin kriminalroman band

Autor

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Titel: Wo die Macht des Wortes endet: Berlin 1968 Kriminalroman Band 9