Lade Inhalt...

Schöne Frauen sterben zweimal! Berlin 1968 Kriminalroman Band 5

2021 140 Seiten

Zusammenfassung

Schöne Frauen sterben zweimal!

Berlin 1968 – Band 5

Kriminalroman von Tomos Forrest
(nach Motiven von Guy Brant)



Der Umfang dieses Buchs entspricht 119 Taschenbuchseiten.



Sie war schön, und sie wusste es. Sie lebte gern gefährlich und spielte dabei mit ihrem Leben. Aber dann ging sie den entscheidenden Schritt zu weit, und der Privatdetektiv Bernd Schneider saß ihr im Nacken. Es waren unglaubliche Dinge, die bei näherem Hinsehen ans Tageslicht kamen. Ganz schnell wurde es Bernd Schuster klar: Die Schöne hatte sich mit den falschen Leuten eingelassen.

Leseprobe

Schöne Frauen sterben zweimal!

Berlin 1968 – Band 5

Kriminalroman von Tomos Forrest

Der Umfang dieses Buchs entspricht 119 Taschenbuchseiten.

Sie war schön, und sie wusste es. Sie lebte gern gefährlich und spielte dabei mit ihrem Leben. Aber dann ging sie den entscheidenden Schritt zu weit, und der Privatdetektiv Bernd Schneider saß ihr im Nacken. Es waren unglaubliche Dinge, die bei näherem Hinsehen ans Tageslicht kamen. Ganz schnell wurde es Bernd Schuster klar: Die Schöne hatte sich mit den falschen Leuten eingelassen.

––––––––

image

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

Cover: Nach Motiven und Grischa Georgiew 123rf – Steve Mayer, 2021

Titel/Charaktere/Treatment © by Marten Munsonius & Thomas Ostwald, 2021

Roman – Nach Motiven – by Tomos Forrest, 2021

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter

https://twitter.com/BekkerAlfred

Zum Blog des Verlags geht es hier

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!

image
image
image

1

image

Ein eisiger Windhauch begleitete den Besucher, der rasch die Glastür hinter sich wieder zudrückte. Franziska sah erstaunt auf und registrierte rasch, dass dieser Mann im leichten Sommeranzug und einem kleinen Oberlippenbärtchen aussah wie ein Filmschauspieler. Allerdings eher wie einer aus den alten Ufa-Filmen, die sie liebte. Dazu passte auch der altmodische, leichte Sommerhut, den er bei seinem Eintreten abnahm.

Emil Jannings oder auch Werner Krauß.

‚Ein wenig aus der Zeit gefallen, und tatsächlich trägt der Kerl einen altmodischen Zweireiher und Hosenbeine mit Aufschlägen!‘, war der nächste Gedanke.

„Was können wir für Sie tun?“, erkundigte sie sich mit einem Lächeln.

„Informationen!“, antwortete der Mann mit einer seltsam klingenden Stimme.

„Sie möchten also, dass Herr Schuster für Sie Informationen sammelt? Bitte, nehmen Sie doch Platz. Mein Chef ist im Moment nicht anwesend, aber ich bin seine Assistentin und kann Ihnen vielleicht schon einmal bei den ersten Schritten behilflich sein.“

„Sind Sie seine Sekretärin oder bei den Ermittlungen tatsächlich so etwas wie eine Assistentin?“, erkundigte sich der Mann und nahm auf dem Besucherstuhl Platz. Franziska registrierte, dass er dabei sorgfältig an beiden Hosenbeinen zupfte, um seine messerscharfen Bügelfalten nicht zu gefährden.

„Ich bin durchaus die Assistentin von Herr Schuster!“, antwortete Franziska mit einem Lächeln. „Nicht nur, dass ich mich in seinen Fällen gut auskenne – ich habe oft gemeinsam mit ihm direkt vor Ort gearbeitet, wenn Sie verstehen, was ich meine“, ergänzte sie und hatte das Gefühl, dass mit dem Besucher nicht nur ein kurzer Windstoß hereingeweht war, sondern dass auch die Raumtemperatur sich um einige Grad gesenkt hatte.

Das konnte eigentlich kaum der Fall sein. Wenn Bernd Schuster auch sein Büro in der Kurfürstenstraße in einem ehemaligen Laden eingerichtet hatte und der Fußboden aus großen Fliesen bestand, so funktionierte doch die Heizung gut und Franziska hatte sich nie über Kälte beklagen können.

Ein wenig unruhig sah sie ihrem Gegenüber ins Gesicht, denn der Mann hatte sie seit ihrer Antwort schweigend gemustert.

„Wenn Sie mir bitte Ihr Anliegen vortragen würden, Herr...?“, erkundigte sich Franziska höflich.

„Todd, Frank Todd!“, erwiderte der Besucher und deutete eine leichte Verbeugung im Sitzen an.

‚Wie überaus passend!‘, dachte Franziska. ‚Wenn jemand einen so ausgefallenen Namen hat, muss er ja auch für eine entsprechende Atmosphäre sogen!“ Doch im nächsten Augenblick schalt sie sich selbst eine Närrin. Schließlich war heute der 22. Mai 1968, der Tag, an dem nach jahrelanger Bauzeit endlich das Tropenhaus des Botanischen Institutes wiedereröffnet wurde. Sie wollte mit Bernd und dessen Tochter Lucy am Eröffnungsabend teilnehmen und hatte sich rechtzeitig um die Einladung gekümmert.

„Schön, Herr Todd, dann fülle ich jetzt ein Formular an der Maschine aus. Wenn Sie so freundlich wären, mir Ihre persönlichen Daten vollständig anzugeben?“

Damit griff sie zu einer der großen Karteikarten und spannte sie in ihre IBM-Kugelkopfschreibmaschine ein. Diese vollkommen neuartigen Schreibmaschinen waren erst vor ein paar Jahren auf den Markt gekommen, und Franziska hatte extra noch einmal einen Kursus belegt, bei dem die besonderen Techniken einer elektrischen Schreibmaschine praktisch erprobt werden konnten. Es war nicht sonderlich schwer für sie, ihren Chef von der Notwendigkeit einer solchen Anschaffung zu überzeugen. Die Schreibgeschwindigkeit, aber auch das hervorragende Schriftbild und die Möglichkeit, mit nur einem Handgriff den Kugelkopf gegen eine andere Schrift auszutauschen, überzeugte den Privatdetektiv.

Von dem Tag an boten schon die täglichen Geschäftsbriefe seiner Detektei ein besonderes, auffallendes Bild. Und Franziska war stolz darauf, die IBM perfekt zu beherrschen.

„Das können wir uns schenken, Fräulein!“, antwortete der Besucher, und verwirrt sah sie von ihrer Tätigkeit auf. Frank Todd griff in die Innentasche seines Anzugs und Franziska ertappte sich dabei, wie sie für einen kurzen Moment den Atem anhielt.

Aber Todd hatte nur einen länglichen Briefumschlag herausgezogen und vor sich auf den Schreibtisch gelegt.

„Ich benötige nur einige Information, Fräulein. Aber nicht von Ihrem Chef. Ich möchte diese Informationen direkt von Ihnen erhalten.“

Verwirrt schüttelte sie den Kopf.

„Aber nein, Herr Todd – bitte, missverstehen Sie mich nicht, aber Herr Schuster legt allergrößten Wert darauf...“

„Hören Sie mir zu, Fräulein Markworth!“

Bei dieser Anrede saß Franziska kerzengrade und war unfähig, etwas zu erwidern. Sie wollte fragen, woher er ihren Mädchennamen kannte, und dagegen protestieren, wie er sich hier gerade aufführte. Aber sie verstummte unter dem Blick des Besuchers, der sie aus eiskalten, hellblauen Augen traf. In diesem Augenblick war der kalte Hauch wieder da, der den Besucher zu umgeben schien.

„In diesem Umschlag befinden sich eintausend D-Mark. Das ist für Sie, ein kleiner Nebenverdienst, von dem Sie Ihrem Chef nichts erzählen müssen.“

„Das... das kann ich...“, stammelte sie und verstummte, weil er sie mit einer herrischen Handbewegung unterbrach.

„Informationen will ich von Ihnen erfahren, Fräulein Markworth. Damit wir uns richtig verstehen: Das ist ein Auftrag, den Sie nicht ablehnen können. Ich melde mich in Kürze wieder bei Ihnen. Ich bin mir ganz sicher, dass wir beide uns prächtig verstehen. Auf Wiedersehen, Fräulein, bis in Kürze!“

Damit hatte er sich schon wieder erhoben, strich mit einer eigenartigen Geste über seinen schmalgeschnittenen Schnurrbart und griff nach seinem Hut.

„Herr Todd, bitte, so geht das nicht!“, brachte Franziska plötzlich heraus.

Der Besucher drehte sich mit erstaunlicher Geschwindigkeit zu ich herum, stützte sich auf dem Schreibtisch ab und kam mit seinem Gesicht ihrem unangenehm nah.

„Das geht, Fräulein, ganz sicher. Und ich möchte mich mich nicht wiederholen! Sie haben einen Auftrag, und Sie werden mir die gewünschten Informationen liefern. Rechnen Sie damit, dass ich ein sehr hartnäckiger ... Mandant bin!“

Er hatte vor der Bezeichnung einen winzigen Augenblick gezögert.

Dann nickte er ihr noch einmal zu, drehte sich auf dem Absatz um und war draußen, bevor Franziska noch richtig zur Besinnung kam und ihre alte Schlagfertigkeit wiedergewonnen hatte.

‚Was bildete sich dieser Kerl eigentlich ein? Legt mir Tausend Mark auf den Tisch und glaubt, dass ich für ihn arbeite? Informationen? Was für Informationen? Verflucht, Bernd, warum bist du nie da, wenn man dich wirklich dringend braucht?‘

Mit zitternden Fingern drehte sich die Wählscheibe ihres altmodischen Telefons. Es war noch eines der alten, schwarzen Geräte, und sollte erst in den nächsten Wochen durch die neuen, flotten Tastenmodelle ausgetauscht werden. Franziska presste den Hörer an ihr Ohr und lauschte dem Amtszeichen.

Leider schaltete sich nur der Anrufbeantworter im Auto ihres Chefs ein.

Mit einem Fluch warf sie den Hörer auf die Gabel und überlegte.

Ein Blick auf die zierliche Armbanduhr, die ihr Bernd zum Geburtstag vor zwei Monaten geschenkt hatte.

Es wurde Zeit, sich vor Lucys Schule aufzubauen. Sie hatten sich auf einen Milchshake verabredet, und Bernd Schuster hatte ihr das Versprechen abgenommen, in jedem Falle auf dieser Einladung zu bestehen.

Vor genau sechs Tagen, am 15. Mai, hatte die Studentenvertretung der Freien Universität zum Vorlesungsstreik aufgerufen. Man wollte sich zur Demonstration gegen die Notstandgesetze versammeln. An diesem Tag erfolgte die Zweite Lesung im Bundestag, und die Empörung rief die Studenten wieder in Scharen auf die Straßen. Leider war Lucy mit ihren Freundinnen nur zu gern mit dabei. Ob es gegen den Krieg in Vietnam ging, gegen die Bauprojekte einiger Unternehmer oder aber gegen die Springer-Presse. Bei zahlreichen Demonstrationen war Lucy Schneider zusammen mit ihrer Clique in der ersten Reihe dabei.

Und Bernd Schuster, der Privatdetektiv mit den guten Beziehungen zur Berliner Polizei, erhielt immer häufiger gut gemeinte Hinweise, wo man mit aller Härte gegen die Demonstranten vorgehen würde.

Dann wurde Franziska geordert, die dafür sorgte, dass eine passende Einladung Lucy von der Demonstration fernhielt. Jetzt, wo die Maitage langsam angenehm warm wurden, lockte jederzeit ein Eis beim Italiener im Europa-Center oder ein Besuch der neu eröffneten Milchbar.

Franziska schloss sorgfältig die Tür ab und ging hinüber zu ihrem knallrot lackierten Käfer.

*

image

Bernd Schneider war gut gelaunt. Ihm hatte die Frauenstimme gefallen, die ihn am Telefon gebeten hatte, zu einer Adresse nach Spandau zu kommen.

„Ja, in die Siemensstadt?“, erkundigte er sich freundlich, denn dort wohnten ja durch die Siemens-Werke zahlreiche Berliner, auch wenn durch die Teilung Berlins der Ortsteil Staaken an Ostberlin fiel. Die Frau am Telefon, die sich mit Eleonora Roschmann vorgestellt hatte, lachte fröhlich auf.

„Siemensstadt? Na ja, beinahe, Herr Schuster! Nein, im Ernst, wir wohnen in der Immenweide, direkt am Teich. Ich rechne dann fest mit Ihnen.“

Bernd Schuster lachte ebenso fröhlich und versprach, pünktlich zu sein.

Ihm gefiel der sonnige Maitag, ihm gefiel der Umstand, dass er nach sieben Tagen Arbeitseinerlei wieder mal einen Auftrag zu erwarten hatte, und ihm gefiel das einstöckige Haus, vor dem er schließlich hielt. Es hatte Klasse. Es lag in einer noblen Wohnstraße, dem Ilmenauer Weg, wirkte vornehm-gediegen und deutete an, dass seine Besitzerin ein Honorar zahlen konnte, mit dem sich etwas beginnen ließ.

Bernd kletterte aus seinem 450 SEL, ging auf die schwarz lackierte, mit poliertem Messing abgesetzte Haustür zu, hob den im Hufeisenstil geformten Klopfer und hörte, wie im Hausinneren ein melodischer Dreiklanggong ertönte.

Ein Hausdiener öffnete die Tür. Er passte nahtlos in die Umgebung. Er sah gepflegt und zurückhaltend aus, er war ein Bilderbuch-Domestik.

„Sie werden erwartet, Herr Schneider“, meinte er und führte Bernd durch eine kleine, sehr geschmackvoll möblierte Halle in einen Salon, dessen hohe schmale Fenster auf einen Atriumgarten wiesen. Bernd Schneider setzte sich.

Der Diener verließ den Raum.

Bernd sah sich von kostbaren alten Möbeln der Louis-Seize-Epoche umgeben, die man auch als „Zopfstil“ bezeichnete. An den Wänden hingen europäische Impressionisten der ersten Garnitur, und die Knotenzahl des großen Orientteppichs musste in die Millionen gehen. Im Garten plätscherte ein Springbrunnen. Bernd fühlte sich eingesponnen in eine Atmosphäre kultivierten Wohlstandes, aber es lag auf der Hand, dass sie irgendwo ein paar Risse haben musste. Einen Mann seines Berufes holte man nur dann ins Haus, wenn man selbst keinen Ausweg sah.

Die Tür öffnete sich. Bernd erhob sich. Er war an den Umgang mit Schönheit gewöhnt, dafür sorgte schon seine hochattraktive Mitarbeiterin Franziska, aber die junge Frau, die ihm zur Begrüßung eine schmale Hand entgegenstreckte, stellte alles in den Schatten, was bisher seine Bewunderung weiblicher Reize herausgefordert hatte.

„Ich bin Eleonore Roschmann“, stellte sie sich vor.

„Bernd Schneider.“

Er erkannte die Stimme sofort wieder. Sie hatte ihn schon am Telefon verzaubert. Bernd fand, dass Eleonore Roschmann Gesichtsoval der Stimme um mindestens zwei Klassen überlegen war. Es hatte die Perfektion eines Meisterwerks. Große, lang bewimperte Augen, die wie schillernde Schächte wirkten, eine hohe, von blondem, schimmernden Haar umrahmte Stirn, eine kleine, elegante Nase und ein Mund, der von weichen, lockenden Kurven bestimmt wurde.

Bernd schätzte die junge Frau auf Mitte Zwanzig.  Sie trug einen schlichten Tweedrock, ein dazu passendes Twinset aus blassgrünem Cashmere und hochhackige Pumps, die die Vorzüge ihrer schlanken Beine betonten.

Eleonore Roschmann und Bernd setzten sich.

Die junge Frau schlug ein Bein über das andere, legte die beringten Hände um ein Knie und lächelte. Es war ein sehr hübsches Lächeln, natürlich, unverkrampft und warmherzig.

„Genau so habe ich Sie mir vorgestellt und erhofft“, sagte sie. „Souverän und dynamisch.“

„Danke“, sagte Bernd, der spürte, dass ihn etwas Ungewöhnliches erwartete. „Was kann ich für Sie tun, Frau Roschmann?“

„Oh, das ist rasch erklärt“, meinte Eleonore Roschmann. „Finden Sie meine Leiche.“

Bernd blinzelte. Er war eigentlich nicht so leicht zu überraschen. Ihm wurden immer wieder verrückte Aufträge angeboten, aber es geschah zum ersten Male, dass eine Lebende um das Auffinden ihres Leichnams bat. Das war grotesk und schlechthin unmöglich.

„Tragen Sie sich mit der Absicht, aus dem Leben zu scheiden?“, fragte Bernd.

„Nein. Dazu besteht kein Anlass.“

„Befürchten Sie, dass man einen Anschlag auf Sie verüben könnte?“

„Das schon eher, aber darüber möchte ich mit Ihnen nicht sprechen“, meinte die junge Frau. „Darf ich Ihnen etwas anbieten? Einen Drink? Eine Zigarette?“

„Wenn ich rauchen darf, würde ich gern meine eigene Sorte bevorzugen“, erklärte er.

Die Roschmann lächelte.

„Oh, harter Stoff!“, ergänzte sie, als Schuster die Packung Roth Händle herausholte und sich eine der filterlosen Zigaretten herausklopfte. Dann reichte er seinem Gegenüber Feuer mit seinem Dupont-Feuerzeug und beobachtete fasziniert, wie Frau Roschmann eine Zigarette mit Goldmundstück anzündete. Er fand, dass Eleonore Roschmann sich durch eine unübertreffliche Eleganz der Bewegungen auszeichnete. Sie wirkte nicht im mindesten nervös und machte einen beherrschten, selbstsicheren Eindruck. Der Wunsch, den sie geäußert hatte, ließ eher auf einen soliden geistigen Defekt schließen. Finden Sie meine Leiche! Das war absurd. Dennoch spürte Bernd, dass die junge Frau sehr überlegt handelte und genau wusste, was sie wollte.

„Ich habe vor, von der Bildfläche zu verschwinden“, sagte sie und lächelte dabei, als spräche sie vom Wetter oder von der Qualität eines Boulevardstücks. „Ich will, dass man mich für tot erklärt. Sie sind Privatdetektiv. Sie kennen alle Tricks der Branche, nehme ich an. Es kann Ihnen nicht schwerfallen, der Polizei eine Tote zu präsentieren, die man als Eleonore Roschmann identifizieren und begraben wird.“

„Aber das können nicht Sie sein.“

„Das ist richtig.“

Bernd seufzte. Versicherungsbetrug war nichts Neues, aber er hatte nicht erwartet, dass die junge Frau die Stirn haben würde, einen zu planen und ihn zu ihrem Komplizen machen zu wollen.

Sie sah einfach nicht so aus. Sie hatte Format. Und dennoch hatte sie keine Skrupel, ihm eine kriminelle Handlung vorzuschlagen. Offenbar waren ihre Auffassungen von Privatdetektiven stark korrekturbedürftig.

„Ich stelle mir das so vor“, sagte sie. „Offiziell bitte ich Sie zu mir, weil ich mich bedroht fühle. In Ihrer Gegenwart erfolgt ein Anschlag auf mich. Natürlich muss er mein Gesicht verunstalten. Die Tote, die Sie auftreiben müssen, wird meine Kleider tragen. Aber Sie werden der Mann sein, der der Polizei gegenüber erklärt, die Tote sei ich.“

„Nein“, sagte Bernd. „Dieser Mann werde ich nicht sein.“

Eleonore Roschmann ließ sich von der Ablehnung nicht im Mindesten irritieren. Sie lächelte immer noch. „Ich hatte vergessen, meinen Honorarvorschlag ins Gespräch zu bringen“, sagte sie. „Hunderttausend D-Mark. Wie finden Sie das? Die Hälfte davon bekommen Sie sofort in die Hand. In bar, versteht sich.“

Bernd liebte es, sich auszumalen, was er mit sehr viel Geld beginnen würde, aber er versagte es sich, auch nur einen Gedanken an den Betrag zu verschwenden, den die schöne Eleonore Roschmann ihm in Aussicht stellte. Natürlich mochte er Geld und diese Summe lockte selbst ihn, denn - was kaum jemand wusste – Bernd Schuster war sehr vermögend. Er hatte durch seine Erbschaft ein Vermögen erhalten, das gut angelegt wurde und ihm sehr gute Zinsen eintrug. Aber der Gedanke, lebenslang untätig zu sein und nur das Dolce vita zu genießen, ließ ihn sein Büro eröffnen und die sehr erfolgreiche Detektei zu betreiben. Nach außen hin tat er stets so, als wäre er tatsächlich die Honorare angewiesen, um seine Angestellte und die laufenden Kosten überhaupt betreiben zu können. Dabei bereitete es ihm immer ein diebisches Vergnügen, wenn Franziska jammerte, dass er viel zu großzügig bei machen Klienten war, wenn die seine Tagessätze nicht in voller Höhe übernehmen konnten.

Auch wenn das Honorar von 100.000 DM kein Pappenstiel war – er konnte bei einer solchen Sache nicht seinen guten Namen aufs Spiel setzen.

„Das läuft nicht“, sagte er und stand auf.

„Schade“, meinte Eleonore Roschmann. „Ist das Ihr letztes Wort?“

„Ja, Frau Roschmann. Ich bin an jedem Betrug interessiert, das hängt mit meinem Job zusammen – aber ich stehe nicht auf der Seite derer, die ihn begehen.“

„Es ist kein Betrug, wissen Sie. Niemand wird dabei geschädigt.“

„Sie sind verheiratet, nehme ich an?“

„So ist es. Ich lebe von meinem Mann getrennt.“

„Wenn Sie sterben, muss es einen Nutznießer Ihres Vermögens geben.“

„Das ist mein Mann. Es handelt sich um das Haus mitsamt Inventar. An Barem ist nicht viel vorhanden. Eine Versicherung wird nicht zahlen müssen.“

„Was Sie sagen, kann eine Schutzbehauptung sein und ändert nichts an dem kriminellen Charakter Ihres Vorschlages“, sagte Bernd.

Er war enttäuscht. Er war sogar ein wenig wütend. Seine gute Laune war schlagartig verflogen. Um sich zu beruhigen, zündete er sich eine weitere Roth Händle an.

Eleonore Roschmann lächelte nicht mehr, aber sie wirkte auch nicht enttäuscht oder gar zerknirscht. „Setzen Sie sich“, sagte sie. Es klang wie ein sanfter Befehl. Bernd zögerte, dann befolgte er die Aufforderung.

Er fragte sich, warum er es tat. Er hatte hier nichts mehr zu suchen. Die junge Frau hatte die Katze aus dem Sack gelassen. Es gab kein Argument, das ihn dazu bringen konnte, seine Meinung zu ändern.

„Mein Mann ist brutal“, sagte sie. „Er will mich zurückhaben, um jeden Preis. Lieber wird er mich töten, als mich meinem Liebhaber zu überlassen. Dem möchte ich entgehen. Wenn mein Mann erfährt, dass ich tot bin, wird er endlich einen Schlussstrich unter diese Ehe setzen, die nie eine war.“

„Wo lebt Ihr Mann?“

„Er ist zu seiner Mutter gezogen.“

„Ist das Ihr Haus, in dem wir uns befinden?“

„Ja, es ist mein Elternhaus. Mama hat es mir vermacht und ist ausgezogen, als Roland und ich heirateten.“

„Roland Roschmann also. Wovon bestreitet er seinen Lebensunterhalt?“

„Oh, das ist leicht erklärt“, sagte Eleonore Roschmann. „Er ist ein Killer.“

image
image
image

2

image

Jetzt“, sagte Bernd, „hätte ich gern einen Cognac.“

„Ich trinke einen mit“, meinte Eleonore, betätigte einen Klingelzug und gab dem prompt auftauchenden Diener die Weisung, zwei Martells zu holen. Der Diener zog sich zurück.

„Ich bin das, was viele Leute ein Mädchen aus gutem Hause nennen würden“, sagte Eleonore Roschmann und blickte zwei Rauchringen hinterher, die sie soeben produziert hatte. „Ich habe viele Jahre in europäischen Internaten verbracht und bin in einem soliden, aber ziemlich weltfremden Stil erzogen worden. Als ich nach Berlin zurückkehrte, lernte ich Roland durch einen Zufall kennen. Er war das völlige Gegenteil des Gentleman-Vorbildes, das meine Erzieher mir als Traumvorstellung eingeimpft hatten. Gerade das gefiel mir an ihm. Er hatte einen raubeinigen Charme, er konnte grob sein, gewöhnlich. Natürlich wusste ich zu diesem Zeitpunkt nicht, dass er töten kann.“

„Wann haben Sie es erfahren?“

„Da war ich bereits mit ihm verheiratet. Ich wurde vor Roland gewarnt, das ist richtig. Man sagte mir, dass er Kontakte zur Berliner Unterwelt pflegte, aber das machte ihn in meinen Augen erst interessant. Für mich war ein Gangster ein in die Wirklichkeit umgesetzter Humphrey Bogart, ein Typ, den man bewundert, obwohl man dabei eine Gänsehaut bekommt.“

„Was geschah, als Sie erfuhren, womit er sein Geld verdient?“

„Nichts. Ich glaubte immer noch an ihn. Ich hielt ihn für einen fehlgeleiteten Jungen. Ich redete mir ein, ihn auf den rechten Weg zurückführen zu können, aber ich begriff schon bald, dass ich keine Chance hatte, dieses Ziel zu erreichen. Im Gegenteil. Roland drehte den Spieß um. Er versuchte mich auf sein Niveau zu ziehen, er schreckte nicht einmal davor zurück, mich mit seinem Boss verkuppeln zu wollen. Bei allem behauptet er nach wie vor, mich zu lieben. In Wahrheit ist er ein unverbesserlicher Egozentriker, ein Mann, der nicht hergibt, was er für sein Eigentum hält.“

„Lässt Roland Sie beobachten?“

„Das halte ich für sehr wahrscheinlich.“

„Weiß er, dass Sie einen Freund haben?“

„Ich hoffe nicht. Achim und ich wissen, was auf dem Spiel steht. Wir arrangieren unsere Treffen unter Wahrung aller notwendigen Vorsichtsmaßnahmen.“

Bernd stülpte die Unterlippe nach außen und überlegte. Dann blickte er der jungen Frau ins Gesicht und fragte: „Warum gehen Sie nicht einfach zur Polizei und erstatten Anzeige gegen Roland? Wenn er ist, wofür Sie ihn halten, und wenn bewiesen werden kann, dass er vom Töten lebt, wird er für den Rest seiner Tage im Zuchthaus verschwinden.“

„Hinter ihm steht eine mächtige Organisation. Und ich meine, eine wirklich mächtige. Sie arbeitet international. Soll ich mich von Rolands Freunden abservieren lassen?“, fragte die junge Frau.

„Es gibt einen Ausweg“, meinte Bernd. „Sie beliefern mich mit Material, und ich sorge dafür, dass es in die richtigen Kanäle weitergeleitet wird. Ihr Name wird dabei nicht einmal andeutungsweise auftauchen. Nach Rolands Verhaftung wird kein Mensch wissen, dass Sie dahinterstehen.“

„Das wäre eine Möglichkeit“, murmelte Eleonore Roschmann, zwischen deren Augen eine tiefe Falte stand. „Ich muss mir das überschlafen. Ich rufe Sie morgen an.“

Bernd erhob sich. In diesem Moment brachte der Diener auf einem Tablett die beiden Cognacschwenker. „Setzen Sie sich“, bat die junge Frau. „Die trinken wir noch zusammen.“

Bernd befolgte die Aufforderung. Nachdem der Butler den Raum verlassen hatte, prostete er der jungen Frau zu. Irgendetwas gefiel ihm nicht an dem Ganzen. Eleonore Roschmann erschien ihm nach Lage der Dinge einfach zu gelöst, zu gelassen.

So wie sie reagierte keine Frau, die um ihr Leben bangt, oder um das des Geliebten. Möglicherweise hing ihre Selbstsicherheit mit der Disziplin zusammen, die ihr auf teuren Schulen beigebracht worden war, oder sie gehörte einfach zu denen, die sich beherrschen konnten.

„Seit wann sind Sie verheiratet?“, fragte er.

„Seit drei Jahren.“

„Wann ist Ihnen klargeworden, wer Roland ist, und seit wann leben Sie getrennt von ihm?“

„Ich habe fast anderthalb Jahre gebraucht, um ihn zu durchschauen. Gleich darauf kam es zum Bruch, aber es vergingen weitere drei Monate, ehe Roland sich bereit erklärte, das Feld zu räumen. Er hat von Anbeginn unmissverständlich klargemacht, dass er wiederkommen wird.“

„Sie schildern ihn als brutal und skrupellos. Warum ist er überhaupt gegangen?“

„Das weiß ich selbst nicht so genau. Eines Tages hatte er es vermutlich satt, von mir wie Luft behandelt zu werden. Er packte seine Sachen und zog zu seiner Mutter.“ 

„Haben Sie Beweise für seine kriminellen Tätigkeiten?“

„Ja. Dazu muss gesagt werden, dass er niemals in Berlin getötet hat. Wenn hier jemand über die Klinge springen muss, wird ein Mörder von außerhalb angefordert. Umgekehrt tritt Roland in Aktien, wenn in Hamburg, Frankfurt oder Gott weiß wo, ein Mann seines Kalibers gebraucht wird.“

Bernd nickte, weil er mit diesen Praktiken durchaus vertraut war.

„Weiß seine Mutter, was sie da großgezogen hat und unter ihrem Dach beherbergt?“

„Er wird ihr nicht gerade auf die Nase binden, was ihm den Respekt seiner zweifelhaften Freunde verschafft, aber ich möchte fast wetten, dass ihr bekannt ist, was Roland treibt. Sie würde ihn niemals verraten, sie würde ihm nicht einmal Vorwürfe machen. Für sie ist er der Größte. In gewisser Hinsicht ist sie meine Verbündete.“

Bernd hob verblüfft die Augenbrauen. „Wie ist das zu verstehen?“, fragte er.

„Die Alte mag mich nicht. Ich verkörpere für sie eine Welt, in die sie nicht passt und der sie instinktiv misstraut. Wenn es nach ihr ginge, dürfte Roland nicht zu mir zurückkehren. Ich wette, sie hämmert ihm täglich ein, wie unsinnig es ist, sich an eine wie mich zu klammern. Wo er doch der große Roland ist, der Mann, um den sich die Mädchen reißen und der jede haben kann, nach der ihm der Sinn steht.“

Bernd nahm einen weiteren Schluck aus dem Glas, stand auf und verabschiedete sich.

Als er die Tür erreicht hatte, sagte Eleonore Roschmann: „Warten Sie, bitte. Ich möchte, dass Sie etwas für mich aufbewahren.“

Sie verließ den Raum durch eine Seitentür und kam gleich darauf zurück. In der Rechten hielt sie ein flaches, in gelbes Wachspapier gewickeltes Päckchen. Das Päckchen war versiegelt und unbeschriftet. „Für alle Fälle“, sagte Eleonore Roschmann. „Sie dürfen es nur öffnen, wenn mir etwas zustoßen sollte.“

image
image
image

3

image

Bernd hatte nichts Dringendes zu erledigen. Franziska war ebenfalls nicht gerade arbeitsbegeistert. Knut, Bernds Freund und Mitarbeiter und Fachmann für die Autos, hatte eine Woche Urlaub, um als Mitglied einer Band Plattenaufnahmen zu machen. Bernd saß auf Franziskas Schreibtisch, baumelte mit den Beinen und wartete auf Eleonore Roschmanns Anruf. Das Päckchen, das sie ihm anvertraut hatte, lag im Safe seines Büros.

Bernd schilderte Franziska, was die Roschmann ihm angetragen hatte und war am Ende seines Berichtes nicht überrascht, als Franziska sagte: „Sie muss dir mächtig gefallen haben.“

„Sie ist schön“, erwiderte Bernd. „Sie ist naiv und intelligent zugleich. Eine merkwürdige Mischung. Das stimmt auch für ihre Optik. Mädchen und Dame in einem. Eine faszinierende Verbindung.“

„Schade, dass ich bei dem Gespräch nicht zugegen war“, meinte Franziska, die sich stets skeptisch gab, wenn Bernd weiblichen Reizen erlag. „Ich bilde mir ein, Frauen besser als du beurteilen zu können.“

Die Tür öffnete sich. Knut spazierte in das Büro, schlaksig und gut gelaunt wie immer. Er warf eine Zeitung auf den Schreibtisch. „Die BZ“, sagte er. „Ich schaue nur mal rein, um zu hören, was es neues bei dir gibt.“

„Das neueste ist, dass es nichts Neues gibt“, beschied ihm Bernd.

„Eine Privatdetektei im Zeichen der Vollbeschäftigung“, spottete Knut. „Da kann ich ja wieder gehen und Musik machen. Das ist eine Arbeit, die ihren Mann nährt.“

„Wenn das in unserem Laden so weitergeht, wechsle ich den Beruf“, sagte Bernd. „Ab morgen übe ich probeweise Mundorgel.“

„Ein Instrument mit Zukunft“, meinte Knut grinsend, hob grüßend die Hand und ging.

Franziska griff nach der Zeitung. Bernd blickte auf seine Armbanduhr. „Eleonore Roschmann lässt sich Zeit mit dem Nachdenken“, sagte er.

Franziska starrte auf die Frontseite. „Sie hat ausgedacht“, sagte sie. „Eleonore Roschmann ist tot.“ ‚Eigentlich habe ich nur darauf gewartet, dass Knut endlich wieder geht und ich mit Bernd allein bin, um ihm von dem seltsamen Besucher zu erzählen. Die Tausend Mark rühre ich jedenfalls nicht an. Wenn der Kerl wieder auftaucht, gebe ich ihm den Umschlag zurück!‘, dachte sie, als Bernd Schuster den Artikel las. Danach hatte keiner von beiden mehr die Zeit für ein kleines, aber wichtiges Privatgespräch.

image
image
image

4

image

Bernd hatte Franziska die Zeitung buchstäblich aus der Hand gerissen und überflog den Artikel. Er nahm das untere Drittel der Seite ein.

Die Schlagzeile war weder neu noch originell, aber sie machte klar, was sich ereignet hatte.

‚Der Tod kam mit der Post!‘

Eleonore Roschmann hatte am Vorabend um neunzehn Uhr ein Päckchen in Empfang genommen und in ihrem Salon geöffnet. Die Sendung hatte eine Sprengladung enthalten und von der Empfängerin nicht viel übriggelassen. Selbst der Hausdiener, der das Päckchen in Empfang genommen hatte, bei seinem Öffnen aber nicht im Raum gewesen war, hatte ein paar Verletzungen davongetragen.

Die Polizei war sofort an die Arbeit gegangen, aber es gab so gut wie keine verwertbaren Spuren. Nicht einmal Reste des Zünders waren bislang gefunden worden, der verwendete Sprengstoff hatte gründliche Arbeit geleistet.

Bernd erfuhr ein paar Einzelheiten, die er nicht kannte. Eleonore Roschmann entstammte einer bekannten Reederfamilie und kam ursprünglich aus Hamburg. Eleonores Vater, inzwischen verstorben, hatte die Reederei kurz vor seinem Tod einem Griechen verkauft und den Millionenertrag in Wertpapieren angelegt. Eleonore hatte natürlich ihren Pflichtanteil bekommen, außerdem hatte die Mutter ihr das Haus in Berlin als Hochzeitsgeschenk vermacht. Seit einigen Jahren lebten Mutter und Tochter in Berlin und hatten alle alten Beziehungen zu Hamburg gekappt.

Der Artikel erwähnte nicht, dass Eleonore von ihrem Mann getrennt gelebt hatte. Er machte auch keinerlei Andeutungen auf den geschäftlichen Hintergrund des Witwers.

Übrigens stimmte nicht ganz, dass der Tod mit der Post gekommen war. Das Päckchen war von einem privaten Paketdienst angeliefert worden, aber es handelte sich dabei um ein bekanntes, renommiertes Unternehmen, das mit der Tat nicht in Verbindung gebracht wurde.

Bernd gab die Zeitung an Franziska weiter, ging in sein Büro, warf sich in den Drehstuhl und legte seine Beine auf den Schreibtisch. Er war weit davon entfernt, sich entspannen zu wollen. Er starrte aus dem Fenster, sah im Geiste Eleonore Roschmann makellos schönes Gesicht vor sich und spürte ein seltsames Würgen in der Kehle. Es verband sich mit einem jähen, tiefen Ingrimm, der sich gegen denjenigen richtete, dem das Verbrechen angelastet werden musste.

Hatte Eleonore sterben müssen, weil sie versucht hatte, sich von Roland zu trennen? War der endgültige Auslöser des Verbrechens sein, Bernd Schneiders, Besuch im Haus der jungen Frau gewesen?

Bernd schwang die Füße auf den Boden und stand auf. Er trat an den Safe, öffnete ihn und holte das versiegelte Päckchen heraus.

Franziska betrat den Raum. Sie sah zu, wie Bernd das Päckchen in der Rechten wog. Er blickte Franziska an und sagte: „Vielleicht enthält es die Lösung.“

„Worauf wartest du dann noch?“, drängte Franziska ungeduldig.

Bernd öffnete das Päckchen.

Franziskas Augen weiteten sich, als sie den Inhalt sah.

Er bestand aus einer Handvoll gefalteten, unbeschrifteten Papiers.

Bernd hielt das Papier gegen das Licht, Bogen um Bogen. Sie waren ausnahmslos von jungfräulichem Weiß.

„Verstehst du das?“, murmelte Franziska.

Bernd setzte sich. Er starrte das Papier an. „Nein“, sagte er. „Bring mir einen Kaffee, bitte.“

Als Franziska mit dem Kaffee erschien, sagte Bernd: „Ich glaube, ich hab‘s.“

„Nämlich?“

„Jemand hat von der Existenz des versiegelten Päckchens gewusst. Er hat es mit einer Attrappe vertauscht. Das Original befindet sich vermutlich in der Hand des Mörders. Was vor uns liegt, ist die exakt nachgeahmte Kopie. Eleonore ist auf den Trick hereingefallen.“

„Roland Roschmann?“, fragte Franziska.

„Keine Ahnung“, murmelte Bernd. „Ich muss diesen Achim finden, Eleonores Freund.“

Er griff nach dem Telefon. Sekunden später hatte er seinen Freund Inspektor Horst Südermann, den Chef der Mordkommission, an der Strippe.

„Bist du für den Fall Roschmann zuständig?“, erkundigte sich Bernd.

„Bin ich. Kannst du etwas zu seiner Erhellung beitragen?“, fragte der Inspektor. Sie kannten sich seit Jahren, und sie waren Freunde. Aber es gab Augenblicke, wo sie in Interessenkonflikte gerieten und zu Konkurrenten wurden.

„Ja und nein“, erwiderte Bernd. „Sie bat mich zu sich. Ich war gestern Morgen dort, so gegen elf. Ich möchte allerdings vermeiden, dass das publik wird.“

„Was wollte sie von dir?“

„Dies und das“, wich Bernd aus. „Sie war daran interessiert, sich endgültig von ihrem Mann zu trennen und suchte nach einem Weg, das zu bewerkstelligen. Eleonores Angaben zufolge ist der Mann brutal, gehört zu irgendeiner mächtigen Unterweltorganisation, angeblich international tätig. Was wisst Ihr von dem Burschen?“

„Ich habe ihn gestern Abend verhört. Er ist nicht der Mann, der das Päckchen bei dem Paketdienst aufgegeben hat, das steht fest.“

„Was beweist das schon?“

„Roland Roschmann war sehr verliebt in seine Frau. Er machte auf mich einen verzweifelten Eindruck. Gut, das kann er spielen, aber ich habe mich ein bisschen umgehört und erfahren, dass er tatsächlich mit wahrer Leidenschaft an Eleonore hing. Wenn man ihre Fotos gesehen hat, kann man das verstehen. Roschmann steht finanziell gut, jedenfalls hat er nach unserem augenblicklichen Informationsstand keine Schulden. Warum hätte er Eleonore umbringen sollen?“

„Dafür gibt es verschiedene Motive. Eifersucht ist das eine, Angst das andere.“

„Angst?“

„Eleonore war der Ansicht, dass Roland ein Berufsmörder ist“, sagte Bernd. „Ich habe ihr empfohlen, ihn anzuzeigen. Es ist durchaus denkbar, dass er etwas Ähnliches befürchtet hat.“

„Roland Roschmann unterhält Verbindungen zu Luigi Espasito, der in unserer Stadt eine Pizzakette besitzt. Man konnte ihm nie etwas nachweisen, trotzdem steht er auf unserer Beobachtungsliste ziemlich weit oben. Aber nicht jeder, der mit Espasito Geschäfte macht, ist ein Gangster. Roschmann hat glaubwürdig versichert und auch zum Teil nachgewiesen, dass er sein Einkommen aus Finanzberatung zieht. Er makelt etwas im Westen, berät Versicherungswillige und beschafft günstige Darlehen.“

„Das ist vermutlich Tarnung. Damit verschleiert er seine wirklichen Aufgaben.“

„Wenn das so ist, kommen wir dahinter.“

„Wurde die Tote zweifelsfrei als Eleonore Roschmann identifiziert?“, fragte Bernd.

„Der Hausdiener hat ihr das Päckchen übergeben. Zwei Minuten später erfolgte die Explosion. Niemand außer ihm und Eleonore waren zu diesem Zeitpunkt im Haus. Bei der Toten gibt es nicht viel zu identifizieren, aber es genügt, um klarzustellen, dass es die Hausbesitzerin getroffen hat. Ihre Kleidung. Ein Finger mit ihrem Ring. Und so weiter und so weiter.“

„Danke“, sagte Bernd und legte auf.

„Du hast deine Zweifel“, erkannte Franziska.

Bernd lächelte leer. „Von denen leben wir, oder?“

Er griff nach dem Telefonbuch. Franziska nahm es ihm ab und suchte die Adresse von Roland Roschmann heraus.

„Das muss er sein“, sagte sie und stieß ihre hübschen, schlanken Zeigefinger auf einen Namen. „Finanzberater, in der Gartenstadt. Eine gute Adresse.“

Bernd erhob sich. Zwanzig Minuten später stand er am Ziel. Das Haus, in dem Roschmann wohnte, war eines der schmalen, nach der Jahrhundertwende erbauten Reihenhäuser mit Villencharakter, die einen Souterrain-Eingang für Dienstboten und vergitterte Fenster im Erdgeschoss hatten. Vor allem hatte es den Krieg nahezu unversehrt überstanden.

Es hatte drei Etagen. Im Tiefgeschoss wohnte der Hausmeister, im Erdgeschoss befand sich die Praxis eines Notars, der in der darüber liegenden Etage wohnte, und die beiden oberen Stockwerke wurden von Roschmann besetzt.

Bernd wurde von Roland Roschmann empfangen.

Der Witwer war hochgewachsen, dunkelhaarig und schlank. Er wirkte nicht unattraktiv, wenngleich seine fast schwarzen, tiefliegenden Augen ihm einen leicht diabolisch wirkenden Anstrich gaben. Ein kleines Schnurrbärtchen über schmalen, farblosen Lippen und ein pomadisierter Scheitel ließen Roschmann aussehen wie einen Gigolo aus den zwanziger Jahren. Dass er dennoch alles andere als ein Groschenjunge war, zeigte die Umgebung, in der er lebte. Die Wohnung war mit alten, wuchtigen Möbeln bestückt. Sie waren nicht gerade ein Ausbund guten Geschmacks, aber sie signalisierten einen soliden Wohlstand.

Als die Männer in dem großen Wohnzimmer Platz genommen hatten, wurde Bernd von einem riesigen Ölbild beeindruckt, das über dem Kaminsims hing. Es zeigte Eleonore und war wohl vor sieben oder acht Jahren gemacht worden. Das frische Mädchengesicht mit den großen, sprechenden Augen war von dem Künstler in frappierender, sehr ansprechender Weise eingefangen worden.

Hertha Roschmann, Rolands Mutter, ließ sich nicht sehen.

Roschmann drehte das Kärtchen zwischen den Fingern, das Bernd ihm überlassen hatte.

„Sind Sie Bernd Schneider, der Privatdetektiv?“, fragte Roschmann.

Bernd lächelte spröde. „Es freut mich, dass Sie mich kennen.“

„Ich bin auf dem Laufenden“, sagte Roschmann und steckte das Kärtchen ein. „Ich habe ein Faible für berühmte Leute, vor allem für diejenigen, die zu kämpfen verstehen. Ich liebe Fighter, wissen Sie.“

„Kämpfen müssen wir doch alle“, schwächte Bernd ab. „Jeder an seinem Platz. Oder irre ich mich?“

Roschmann grinste. „Ich kämpfe um die Mark. Das ist von allen Kämpfen der härteste. Ich bin erfolgreich dabei. Wenn Sie wollen, sage ich Ihnen, worauf es dabei ankommt. Ich bin Finanzberater.“

„Ich weiß. Haben Sie auch Ihre Frau beraten?“

„Anfangs, ja. Später wollte sie nichts mehr von mir wissen. Ein tragisches Missverständnis. Wäre sie bei mir geblieben, hätte sie nicht auf so schreckliche Weise enden müssen“, sagte Roschmann. „Ich werde respektiert, wissen Sie. Mir fährt niemand an den Wagen.“

„Wer hat es getan?“

„Ich habe keine Ahnung, aber ich werde es herausfinden“, sagte Roschmann. „Ich mache Ihnen Konkurrenz. Wie finden Sie das?“

„Eleonore war Ihre Frau, immer noch“, wich Bernd aus. „Ich kann verstehen, wie Ihnen zumute gewesen sein muss, als Sie von dem Anschlag hörten.“

Roschmann sah müde aus. Er hatte Schatten unter den Augen und erklärte mit seinen nächsten Worten, wie sie zustande gekommen waren. „Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen. Mein Gott, Eleonore.“ Er machte eine Pause, senkte den Kopf, starrte den Teppich an und fuhr dann langsam, kaum hörbar fort: „Sie war die Größte. Für sie gibt‘s keinen Ersatz. Wer immer sie mir auch genommen hat, wird dafür seine Strafe bekommen.“

„Überlassen Sie das lieber der Polizei“, sagte Bernd.

Roschmann hob das Kinn und blickte Bernd an, ziemlich verwundert. „Das raten Sie mir?“, fragte er. „Sie sind doch hier, um sich den Auftrag an Land zu ziehen, oder?“

„Welchen Auftrag?“

„Dumme Frage? Sie sind Privatdetektiv, dazu noch ein sehr berühmter. Sie haben in der Zeitung von Eleonores Tod gelesen. Der Fall interessiert Sie. Sie wenden sich an mich, um mir Ihre Dienste anzubieten.“

„So mag es aussehen, aber was Sie sich da zusammenreimen, trifft nicht ganz zu“, meinte Bernd. „Ich war gestern Vormittag bei Ihrer Frau. Sie hatte mich zu sich gebeten. Sie bat mich um Hilfe.“

„Tatsächlich?“, murmelte Roschmann und bekam schmale Augen. „Fühlte sie sich bedroht?“

„Ja und nein. Sie suchte die endgültige Trennung von Ihnen“, sagte Bernd.

„Machen Sie Witze?“

„Das Thema ist zu ernst für derlei Dinge“, meinte Bernd. „Ich habe kein Geld von Ihrer Frau genommen, wir sind uns nicht einmal über die Art des Auftrags einig geworden, aber ich fühle mich irgendwie verantwortlich für das, was geschehen ist. Ich möchte herausfinden, wie es dazu kommen konnte. Deshalb bin ich hier.“

Roschmann sah erstaunt aus. Er schüttelte den Kopf. „Na ja, ich kann das verstehen“, sagte er. „Sie hoffen, dass ich Ihre Haltung honoriere und Sie engagiere. Ich könnte mir das finanziell durchaus leisten, ganz im Ernst, aber Privatschnüffler sind nicht gerade das, was ich schätze. Nichts für ungut, Herr Schneider – aber Leute Ihres Kalibers kotzen mich an.“

Bernd lächelte, als hätte er ein Kompliment bekommen. „Es ist meine Tragödie, dass ich immer wieder Sympathiewerbung betreiben muss. Wie Sie denken sehr viele Leute über meinen Job. Ich muss damit leben.“

„Damit haben Sie gewiss keine Schwierigkeiten“, meinte Roschmann und musterte Bernds Aufmachung. „Wie ich sehe, können Sie sich sogar Maßkleidung leisten.“ Er blickte auf seine Uhr. „Ich muss jetzt Schluss machen, leider. Ich muss eine wichtige Verabredung einhalten.“

„Sehen wir uns wieder?“

„Ich wüsste nicht, warum.“

„Das setzt mich in Erstaunen“, sagte Bernd. „Ich bin einer der letzten, die mit Ihrer Frau gesprochen haben. Wollen Sie nicht wissen, worum es dabei ging?“

„Das haben Sie mir gesagt. Eleonore dachte darüber nach, wie sie sich von mir trennen könnte. Gedanken dieser Art pflegte sie seit Langem. Ich bin nicht darauf eingegangen.“

„Finden Sie es nicht überraschend, dass sie sich ausgerechnet an einen Privatdetektiv wandte?“

„Nein, das erstaunt mich nicht. Eleonore war kapriziös. Sie hatte stets ihre eigenen Methoden, an ein Problem heranzugehen.“

„Sie hat mir ein Päckchen überlassen. So eine Art von Testament. Für alle Fälle, sagte sie.“

„Tatsächlich? Haben Sie das Päckchen der Polizei ausgehändigt?“, fragte Roschmann.

Details

Seiten
140
Jahr
2021
ISBN (ePUB)
9783738954197
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Mai)
Schlagworte
schöne frauen berlin kriminalroman band

Autor

Zurück

Titel: Schöne Frauen sterben zweimal! Berlin 1968 Kriminalroman Band 5