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Der graue Hengst

2021 190 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der graue Hengst

Copyright

1.

2.

3.

4.

S.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

Der graue Hengst

Western von Larry Lash

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 190 Taschenbuchseiten.

 

Als der graue Hengst zum ersten Mal von Ben Keely und Fresne Tompson im Hochland gesichtet wird, da wissen beide, dass es nun mit der Ruhe im Hochland für sie vorbei ist. Sie würden nicht mehr in der Lage sein, ihr einsames Leben, fern den Menschen – und fern dem Gesetz – fortzuführen.

Und sie täuschen sich nicht. Dem ausgebrochenen Hengst folgen Männer, von denen jeder ihn besitzen will; raue Männer, die die große Prämie lockt, Pferdenarren, die ihre gewohnte Sicherheit aufgeben, und solche, die die Gelegenheit wahrnehmen, eine lang aufgeschobene Rache zu verwirklichen. Alle sind sie versessen auf das stolze Tier, und sie belauern und bekämpfen sich mit allen Mitteln. Hart stoßen die Fronten aufeinander. Auf Leben und Tod gehen sie gegeneinander an, nur mit dem einen Ziel, den grauen Hengst zu fangen.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

Cover: Nach Motiven mit Steve Mayer, 2021

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1.

„Reiten wir weiter?“

Der Mann, der seinem Weggenossen diese Frage stellte, schob seinen grauen Stetson tiefer in den Nacken. Er hielt scharf Ausschau. Sein dunkel getöntes Gesicht verriet Ärger und Spannung zugleich. Die Hochlandluft der Wildnis hatte das Aussehen dieses Mannes geprägt. Sein Gesicht war faltig, so dass er älter wirkte, als er in Wirklichkeit war. Seine Gestalt konnte man mit den Bäumen des Hochlandes vergleichen, die in dem Kampf ums Dasein besonders knorrig, hart und kernig geworden waren. „Nun, hast du einen Entschluss gefasst?“, fragte er ein wenig mürrisch. Im Ton seiner Stimme lag eine unverkennbare Ungeduld.

Der Reiter, dem diese Worte galten, fühlte sich scheinbar nicht angesprochen. Sein Aussehen sowie seine Kleidung unterschieden ihn sehr von seinem Begleiter. Im Gegensatz zu ihm war er schwarzhaarig. Seine glatten, eng am Kopf liegenden Haare schimmerten glänzend wie die eines Indianers. Die dunklen Augen in dem klar geschnittenen, sympathischen Gesicht standen ein wenig weit auseinander. Die Haut spannte sich an den vorstehenden Wangenknochen. Die blasse Farbe seines Gesichtes hob sich krass vom tiefen Schwarz seiner Kleidung ab. Besonders auffallend waren an ihm die beiden 45er Colts, die weder Abzugsbügel noch Kimme und Korn besaßen. Diese Waffen wurden auf eine besondere Art bedient. Nur wer tatsächlich mit solchen zurechtgemachten Waffen umgehen konnte, durfte das offen herausstellen.

„Nun?“, wiederholte der blonde Begleiter nochmals fragend, als hätte ihm das Schweigen schon viel zu lange gedauert. Er ließ dabei keinen Blick von der Fährte, die ein beschlagenes Pferd zurückgelassen hatte. Sie lief über Steinfurchen und Wasserrinnen hinweg, die der Wind mit braunem erstem Herbstlaub angefüllt hatte.

Der Blonde hob den Blick und betrachtete die Landschaft, die sich im steinernen Trotz reckte, als wollte sie die Elemente herausfordern. Man spürte deutlich den Odem der Wildnis und den

Hauch von Gefahr. In diesem Lande galten sie Tieren und Menschen zugleich. Wer hier lebte, wurde hart im Kampf ums Dasein.

„Es ist mir nicht ganz klar, Ben, was eine beschlagene Hufspur in dieser Gegend zu bedeuten hat.“

Ben Keely wandte sich zu ihm um und entgegnete: „Es kann einiges bedeuten, Fresne.“

„Das Tier war wahrscheinlich reiterlos, denn die Fährte lässt meiner Ansicht nach erkennen, dass sich das Tier seinen Weg selbst suchte. Es muss ein Pferd sein, welches die Nähe der Menschen nicht länger ertragen konnte. Es ist immer schlimm, wenn zahme Pferde von ihren Weiden ausbrechen, um den Weg ins Hinterland einzuschlagen, und noch schlimmer, wenn sie Reiter abwerfen und hierher trailen. Man kann immer mit Besuch rechnen. Nur selten lässt man einen Ausbrecher so lange in Ruhe, bis ihm die Eisen abgefallen sind und er sich mit einer wilden Herde vereint hat. Aber auch dann bleibt immer noch ein eindeutiges Unterscheidungsmerkmal, nämlich das Brandzeichen und die Tatsache, dass ausgebrochene Pferde im Rudel der Wildpferde noch misstrauischer und gerissener, dazu noch schwerer einzufangen sind als ihre wilden Vettern. Das

zeigt wieder einmal deutlich, wie sehr solche Pferde den Menschen hassen.“

„Das haben sie mit uns gemeinsam“, erwiderte Fresne Tompson seinem Begleiter. „Sie haben wahrscheinlich keine guten Erfahrungen mit den Menschen gemacht. Sie haben sich die Freiheit erkämpft und wollen sie um jeden Preis erhalten. Wir beide sollten das gut verstehen!“

Es schwang keine Bitterkeit, keine Anklage in seinen Worten. Beide Männer schienen sich ihre eigene Welt hier im Hochland geschaffen zu haben. Jahre lebten sie bereits hier, ohne Sehnsucht nach den Städten und den Menschen zu bekommen. Was sie hierher getrieben hatte, lag tief in ihnen verborgen. Vielleicht hatten auch sie ihre Fesseln gesprengt wie jene zahmen Pferde, die ein Naturinstinkt in dieses wilde, gewaltige Hochland führte. Vielleicht war es auch anders, aber das trug jeder allein und hielt es verborgen. Vor Jahren hatten sie sich plötzlich gegenübergestanden, und jeder hatte die Hand am Eisen gehabt. Beide waren bereit zu ziehen, doch buchstäblich in letzter Sekunde erkannten sie es richtig. Sie wurden dann Partner und bauten Hütten und Schlupfwinkel, die überall verstreut im Hochland lagen. Das machte sie beweglich. Kein Wunder, dass sie im Land der wilden Pferde genau Bescheid wussten und jeden Weg und Steg kannten, dass auch sie wie die Wildpferde richtige Wechsel hatten.

Das harte Leben erforderte harte Arbeit. Sie scheuten sich nicht davor. Im Sommer war es das Wildbret, das ihnen nicht nur Nahrung gab, sondern sich auch gut im Tiefland verkaufen ließ. Im Winter waren es die Felle von Pumas, Wölfen und Coyoten. Sie wechselten sich bei den notwendigen Ritten zu den Städten ins Tiefland ab. Stets wählten sie andere Städte und Kunden und lehnten fast jede feste Geschäftsverbindung ab. Dennoch kannte man beide recht gut im Tiefland und ging ihnen aus dem Wege, gleich, ob es Ranchers oder Cowboys waren.

Schweigend setzten sie ihren Ritt weiter fort. Beide waren in ihre Gedanken vertieft. Sie empfanden die Hufspur als eine persönliche Belästigung. Obwohl es ein freies Land war und jedem offenstand, der es durchstreifen wollte, sahen sie es nicht gern, dass Fremde kamen und nach Jagdgründen Ausschau hielten oder gar nach Wildpferden ausblickten. In dieser Ansicht stimmten beide vollkommen überein. Sie fühlten sich als die Besitzer des Hochlandes, denn gerade sie waren es, die genau die Wechsel und Dungstellen, die Sommer und Winterplätze der Wildpferderudel kannten. Ihnen waren der Kampfplatz der Hengste und das Becken, in dem die Stuten ihre Fohlen zur Welt brachten, nicht fremd. Jedes Leittier war ihnen bekannt und unter ihnen ein besonders breitbrüstiger Rappe, der die größte Herde führte, dessen unbeugsamer Trotz vom Winde über viele Meilen hinweg durch dröhnendes Wiehern kundgetan wurde. Wie kein anderes Pferd seiner Herde war dieser Rappe mit seinem mächtigen Körperbau wie geschaffen zum windschnellen Lauf. Kein anderes Leittier hatte ihn bisher besiegen können. In vielen Kämpfen hatte sich der Rappe die schönsten Stuten aus fremden Wildherden geholt, und man sagte, dass er auch Stuten aus den Corrals des Tieflandes dazu ermutigte, über die Einfriedungen hinwegzusetzen.

Ben Keely und auch Fresne Tompson befürchteten, dass ein pferdekundiger Fremder diesen prächtigen Rappen einmal durch Zufall zu sehen bekommen würde. Das konnte dann vieles ändern und den Frieden des Hochlandes empfindlich stören.

„Hoffen wir, dass alles gutgeht“, sagte Ben während des Ritts, wobei er sein Reittier von der Fährte des unbekannten Pferdes nahm und nach rechts herumzog. „Vielleicht sind unsere Sorgen unbegründet.“

„Je länger ich die Hufspuren anschaue, um so weniger begreife ich eines, nämlich die zierliche Form der Hufe“, sagte Fresne nachdenklich. „Das Pferd möchte ich mir gerne ansehen!“

„Ich habe die Spur auf einem Stück Papier nachgezeichnet, wir würden sie schon wieder aus anderen herausfinden. Diese Fährte ist kalt, ihr zu folgen wäre nur Zeitverschwendung. Es wird bald Nacht, und es wäre besser, wir ritten zum Camp, Freund!“

„Gut, ich sehe ein, dass es heute keinen Zweck mehr hat.“

In diesem Moment erklang ein dröhnendes Geräusch. Es brachte Fresne Tompson zum Schweigen. Es kam mit dem Wind und wurde von den Felsklippen herübergeweht. Ein Urlaut war es, der ins Blut ging und die Nerven vibrieren ließ. Beide Männer stiegen in den Steigbügeln auf, als höbe eine unsichtbare Macht sie aus den Sätteln.

Einem Geräusch, das einem Schreien ähnlich war, folgten scharfe klatschende Laute. Der Hufschlag eines eisenbeschlagenen Pferdes donnerte über nacktes Felsgestein davon. Es war so unerhört schnell, so rhythmisch bewegt, dass Ben sich erst beim Verlöschen des Hufschlages wieder in den Sattel zurückfallen ließ.

Einen Augenblick sahen sich beide an. Dann hatten sie sich verständigt. Sie handelten, setzten wie auf ein geheimes Kommando die Sporen ein und ritten Bügel an Bügel los.

Der Reitwind plusterte Mähnen und Schweifhaare auf. Er zerrte an den Stetsonkrempen, und nur das Kinnband verhinderte, dass ihnen die Kopfbedeckungen von den Haaren gerissen wurden.

Die Felsklippen rasten auf sie zu, teilten sich und gaben eine Gasse frei. Eine Lichtung, links und rechts von sturmzerzausten Kiefern bestanden, tauchte vor ihnen auf, und mitten auf dieser Lichtung lag ein bewegungsloser Körper auf dem Boden, der ringsum von Hufen aufgewühlt war.

Ihre Pferde schnaubten und scheuten, sie ließen sich ungern zügeln und versuchten auszubrechen. Nur die festen Griffe der Hände ihrer Reiter ließen es nicht zu.

„Der größte Puma, den ich jemals in diesem Lande sah“, sagte Ben plötzlich staunend. Er erwartete keine Antwort, sondern betrachtete den Körper der Raubkatze mit wachem Interesse. Der Silberlöwe war übel zugerichtet, denn obwohl sein dunkelrotes Fell viele Kampfspuren verbarg, sah man doch, dass scharfe Hufe die Decke aufgerissen hatten.

„Das Fell ist nicht mehr zu verwenden“, sagte Fresne nach eingehender Betrachtung. Seine Stimme klang heiser. Er beruhigte sein Reittier und glitt aus dem Sattel. Ganz langsam schritt Fresne um das Raubtier herum, dabei schüttelte er immer wieder den Kopf, blieb plötzlich stehen und sah Ben an, der immer noch im Sattel saß und beide Hände um das Sattelhorn geschlungen hielt.

„Kannst du das begreifen?“

„Fresne, es war das Pferd mit den beschlagenen Hufen, das den Puma tötete. Ich weiß jetzt, dass wir es sehen müssen, es wird uns keine Ruhe mehr lassen.“

Nachdenklich blickte Fresne Ben an. „Buddy, wenn meine Befürchtung zutrifft, so wird der Besitzer dieses Pferdes ganz genau wissen, was er verlor, und hierher kommen. Für ein solches Pferd würden wir beide bis nach Feuerland reiten.“

Er bückte sich bei diesen Worten und hob etwas vom Boden auf. Fresne sah lange darauf nieder, dann lachte er eigenartig gepresst.

„Ben, schau dir das an, graue Pferdehaare. Einige davon sind in den Krallen des Silberlöwen hängengeblieben. Hast du jemals ein Pferd mit einer grausilbernen Decke gesehen?“

„By Gosh, ich habe unzählige Pferde gesehen, schwarze, braune, rehfarbene und weiße, ich sah die bunten Ponys der Indianer und Pferde mit Blessen und weißen Strümpfen. Zum Teufel mit diesem grauen Pferd! Ich habe so eine Ahnung, dass mit seinem Kampf hier der Friede für uns dahin ist.“

„Nur wenige Minuten brauchte der Graue, um sich seines Feindes zu entledigen. Wem immer er davon lief, man wird Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um ihn wieder einzufangen. Dabei könnte man auf die Idee kommen, nicht nur den Silbergrauen aus dem Hochland zu fangen. Jeder, der auch nur ein wenig Pferdeverstand hat, sieht beim ersten Blick, was für ein Material hier herumläuft. Mancher Rancher würde sich eine solche Remuda wünschen, denn noch weiß man nicht, dass die Tiere des Hochlandes stärker, schneller und zäher sind als die Rinderpferde auf vielen Ranches. Wenn jemand aus dem Tiefland richtige Beobachtungen macht, wird er nicht mehr verächtlich von Mustangs und Wildpferden reden und nicht mehr die Ansicht vieler Leute teilen, dass die Wildlinge nicht einmal ihre Decke wert sind und jede Kugel zu schade ist, um solche Decken zu holen.“

„Was immer auch geschieht, wir können nichts aufhalten, Fresne.“

„Doch, wir können Mustangs fangen und sie zureiten, wir könnten eine Pferderanch aufmachen.

Wir könnten sesshaft werden, du und ich. Wir sind weit genug geritten. Jetzt liegt es an uns, ob wir die Chance ergreifen, bevor andere davon profitieren. Yeah, lange genug haben wir uns nur aus der Ferne die Rudel angesehen und unseren Spaß daran gehabt. Wenn jemand die Voraussetzungen hat, hier etwas in Gang zu bringen, dann sind wir es!“

 

 

2.

Es gab keinen Zweifel, dass Fresne aus seiner Erregung heraus das ausgesprochen hatte, was längst schon unausgesprochen in ihren Gedanken Form und Gestalt angenommen hatte. War ihnen beiden nicht das große weite und freie Land immer mehr zur Heimat geworden? Hier waren sie am Ende ihrer Fährte. Was konnte sie jetzt noch daran hindern, sesshaft zu werden? Sie sahen sich an, jeder schien des anderen Gedanken erraten zu wollen.

„Aber was wird, wenn uns die Vergangenheit einholt?“

Ben warf die Frage leicht hin. Der fremde Klang in seiner Stimme verriet jedoch mehr. Er verriet Sorge und auch Befürchtungen, dass alles, was sie aufbauen würden, eines Tages umsonst gewesen sein könnte.

Fresne tat es mit einer Handbewegung ab. „Ein Mann muss sich zum Kampf stellen, gleich, was kommt! Er muss sich einmal richtig entscheiden.“ Der grollende Unterton in seiner Stimme wurde schärfer, als er fortfuhr: „Wir haben uns nie Fragen gestellt und kamen trotzdem gut miteinander aus. Das wird sich nicht ändern. Wenn wir zusammenhalten und gemeinsam an die Aufgabe gehen, werden wir bestehen können.“

Er schwang sich in den Sattel zurück, zerrte dann an seinem Halstuch, als wäre es ihm zu eng geworden. Schließlich nahm er die Zügel hoch und ritt an. Ben folgte ihm. Beide ritten der Hufspur des fremden Pferdes nach und verloren sie bei den Granitfelsen, wo der Boden so hart wurde, dass nicht einmal eisenbeschlagene Hufe eine Fährte ritzen konnten. Als die Dämmerung kam, gaben sie die Suche nach der Fährte auf.

Sie sprachen nicht mehr von der Pferderanch, als hätten sie beschlossen, vorerst über diesen Plan nicht mehr zu sprechen, bis jeder für sich eine klare Entscheidung getroffen hatte. Vielleicht beschäftigten sich ihre Gedanken auch zu sehr mit dem silbergrauen unbekannten Pferd, dem fremden Eindringling, der die Freiheit gewählt hatte.

Die Tatsache, dass dieses Pferd einen Puma im Kampf getötet hatte, sprach Bände. Sie wussten, dass sie eines Tages dieses fremde Pferd sehen würden, dass es ihnen nicht verborgen bleiben konnte. Sie würden Gelegenheit haben zu erfahren, in welcher Art der Eindringling sich seinen wilden Vettern nähern und welcher Herde er sich anschließen würde. Das konnte so lange dauern, bis Sattel und Zaumzeug abgefallen, der artfremde Geruch des Menschen verweht war und die Wildlinge nicht mehr erschrecken würden. Der Graue würde wahrscheinlich monatelang das Leben eines Einsiedlers führen müssen, denn schon seine Annäherung an ein wildes Pferderudel musste die Wildlinge in Angst und Schrecken versetzen und sie davonstieben lassen.

Man konnte sich Zeit lassen. Beide Männer hatten lernen müssen, dass in dieser Wildnis des Hochlandes nichts übers Knie gebrochen werden konnte.

Als die Nacht einfiel, ritten sie einen Saumpfad entlang. Zur linken Hand lag der Hang. Man konnte einen Blick in die dahinterliegende, fast baumlose Ebene tun, in der hüfthohes Gras wie ein grünes, vom Wind bewegtes Meer heraufleuchtete. Der Purpurschimmer der abschiednehmenden Sonne lag auf den Halmspitzen und den weit im Hintergrund liegenden Schroffen und schuf zauberhafte Lichteffekte.

Antilopen strichen durch das Präriegras. Von den zierlichen Körpern sah man nur wenig. Ohne Scheu zogen sie an der Flanke eines grasenden kleinen Wildpferderudels vorbei, das aus wenigen Stuten, einem Saugfohlen, zwei Füllen und einem Hengst bestand, der abseits der Herde gegen den Wind stand und keinen Augenblick seine Wachsamkeit verlor.

Auch diese Herde war den beiden Reitern bekannt. Vom Sattel her beobachteten sie die Wildpferde und sahen, wie der Leithengst plötzlich den Kopf aufwarf, einen Warnlaut von sich gab und im nächsten Augenblick an der Spitze seiner Herde davonbrauste.

Seltsamerweise flüchteten die Antilopen nicht weit. Durch die Flucht des Pferderudels wurden sie wohl aufgeschreckt, flohen aber nicht weit. Der Grund zeigte sich wenig später. Hinter einem Kieferngebüsch in der Ebene trat ein silbergraues Pferd hervor, das vom Abendlicht purpurn überhaucht war. Obwohl Ben und Fresne es aus der Ferne sahen, verschlug es ihnen den Atem. Niemals vorher hatten sie ein so ebenmäßig gebautes Pferd gesehen. Es vereinigte Anmut und Kraft in sich. Vielleicht war es der Abendsonnenglanz auf dem Fell des Tieres, der ihm eine unbeschreibliche Schönheit verlieh. Die Männer im Sattel waren so verzaubert, dass sie aus ihrem Bann erst erwachten, als das Tier wendete und zurück in das dunkle Kieferngeäst glitt, aus dem es gekommen war.

„Ein Hengst“, murmelte Fresne, als erwache er aus einer tiefen Verzauberung. Seine Augen leuchteten hell. „Wie muss er erst aus der Nähe aussehen!“

„Er hatte noch die Hackemoore“, erwiderte Ben nüchtern. „Den Sattel muss er bereits irgendwo abgestreift haben. Wir müssen versuchen, ihn zu finden!“

„Heute noch?“

„Ja, noch heute!“, erwiderte Ben düster. „Jetzt bin ich sicher, dass es Kummer geben wird. Solch ein Pferd holt man zurück.“ Er sah seinen Partner bei diesen Worten nicht an, sondern blickte immer noch auf die Stelle, wo der graue Hengst verschwunden war. In seinen Augen lagen Schatten. Als er Fresne jetzt anblickte, sah er ernst und entschlossen aus.

„Vor einem Jahr hätte mich diese Tatsache weiterreiten lassen, Freund“, sagte er ruhig. „Es besteht kein Zweifel, dass Reiter nach hier kommen werden, um den Grauen wieder einzufangen. Aus welchem Gestüt er immer auch ausbrach, ein Züchter kann einen solchen Verlust nicht verschmerzen! Das wird dazu führen, dass er Mustangjäger aussenden wird, dass er eine Fangprämie aussetzt. Die Prämie kann auch öffentlich ausgeschrieben werden, und das, Freund …“ Er sprach nicht weiter, überließ es dem Partner, den begonnenen Satz gedanklich zu vollenden.

Fresne ahnte, was Ben nicht aussprach. Er rutschte unruhig im Sattel hin und her und sagte schließlich: „Vielleicht können wir uns die Prämie verdienen, noch bevor es im Hochland von Reitern wimmelt.“

Ben gab darauf keine Antwort. Er zuckte mit den Schultern und trieb sein Pferd weiter.

Fresne folgte ihm. Schweigend setzten sie den Ritt fort. Die schnell einsetzende Nacht beendete die Suche nach dem abgestreiften Sattel des grauen Hengstes. Sie kehrten zu ihrer in der Nähe liegen den Camphütte zurück, brachten die Pferde in den Corral und bereiteten sich das Abendessen. Später löschten sie die Petroleumlampe und setzten sich auf die Bank vor der Hütte. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach.

So hatten sie es immer gehalten. In dieser Stunde der Entspannung störte man sich nicht. Im Wald erwachte das nächtliche Leben. Von der Prärie her tönte der Lockruf der streifenden Coyoten. Die Luft wurde kälter, man spürte die Nähe des kommenden Winters. Der Wind trieb vereinzelte Blätter wie im Spiel mit sich.

Ben erhob sich. „Morgen sollte jemand von uns ins Tiefland reiten und Augen und Ohren offenhalten!“

„Wenn es dir nichts ausmacht, übernehme ich es.“

„Suche du nach dem Sattel. Vielleicht gibt er uns Hinweise.“

„Vielleicht erfährst du im Tiefland etwas, Fresne?“

„Ich werde gewiss nicht an einem Aushang am Sheriff-Office vorbeireiten, ohne genau hinzusehen. Die Höhe der Prämie würde mich interessieren. Wenn sie hoch genug ist, würde uns das Geld beim Errichten einer Pferderanch gut helfen.“

„Glaube mir eins, Fresne: der graue Hengst hat Übles durchgemacht. Er wird schwerer zu fangen sein als ein Wildpferd. Ich habe gewisse Befürchtungen.“

„Ich gebe zu, dass ausgebrochene Pferde, die die Freiheit wiedererlangen, besonders misstrauisch und wachsam sind. Aber schließlich kennen wir das Land und kennen uns auf diesem Gebiet aus.“ Er lachte dunkel in sich hinein und verstummte erst durch das Geräusch, das durch das leise Zuschlagen einer Tür entsteht.

„Buddy“, sagte er leise in der Richtung der Tür, „du siehst zu schwarz. Wir werden den Grauen einfangen, die Prämie kassieren und lachen, wenn die Reiter vor dem Hochland umkehren. Wir werden weiter hier in Frieden leben können. Ich frage mich nur, wer die Menschen mehr fürchtet, du oder ich.“

Er bekam keine Antwort auf seine Frage, denn der, der sie geben konnte, legte sich in der Hütte auf die Lagerstatt aus Reisig nieder zum Schlaf.

Vor wem war Ben damals davongelaufen?, fragte sich Fresne, ohne zu ahnen, dass sich sein Partner die gleiche Frage stellte. Sie hatten sich nie darüber ausgesprochen. In beider Leben gab es dunkle Punkte. Keiner von ihnen hatte sich über das, was in der Vergangenheit vor sich gegangen war, ausgelassen. Das hatte ihre Freundschaft nur noch verstärkt. Weder der eine noch der andere stellte je eine neugierige Frage. Sie begnügten sich mit der Gegenwart, mit ihrem ungebundenen Leben in der Einsamkeit.

„Chimarrones sind wir“, murmelte Fresne vor sich hin. „Außenseiter, die sich nicht in einen Corral sperren lassen wollten.“ Er brach ab und atmete tief. Die kühle Nachtluft trug die Harzgerüche der Wälder und den Odem der Weite mit sich.

Als auch er sich auf das Reisiglager legte, hörte er Bens Stimme: „Nimm morgen deinen Waffengurt mit den zwei Eisen. Ab morgen sollten wir nicht mehr unbewaffnet gehen!“

„Ben, ich habe nie etwas dagegen gehabt, dass du deine Eisen niemals abgelegt hast. Ich selbst habe eine Abneigung gegen die glatten Walnusskolben. Du siehst zu schwarz!“

„Du musst es selbst entscheiden.“

Mehr wurde nicht gesprochen. Fresne wälzte sich unruhig. Er lag mit offenen Augen auf seinem Lager. Schwaches Mondlicht fiel durch die Wandritzen, durch die auch der Wind ungehindert eindringen konnte. Die leisen Atemzüge seines Partners waren kaum hörbar. Es war, als ob Ben niemals richtig schlief, als ob er auch im Schlaf immer sprungbereit sei, bereit, mit schnellen Händen zu den Waffen zu langen, die er auch nachts griffbereit neben sich legte.

Die gleiche Unruhe war auch in ihm selbst. Sie hatte ihre Wurzeln in der Vergangenheit. Er hatte sich auch hier nicht von ihr lösen können, obwohl er es durchaus zu erreichen hoffte, dass er ohne seine berüchtigten Eisen, nur mit einem Derringer im Hosenbund, ritt. Nur zur Jagd nahm er die Winchester mit.

Nun war die Unruhe stärker als jemals zuvor in ihm. Ausgelöst worden war sie durch Bens Worte: „Nimm morgen deinen Waffengurt.“ Der Schlaf überraschte ihn und löschte seine Gedanken aus.

Als er erwachte, drang das weiche Morgenlicht durch die Ritzen der Hütte. Er reckte sich auf. Mit einem Schlag war er munter, denn die Lagerstätte an der gegenüberliegenden Wand war leer und verlassen. Bens Ausrüstung fehlte ebenfalls. Kein Zweifel, Ben war fortgeritten, ohne dass die Hufschläge seines Pferdes Fresne aus dem Schlaf gerissen hatten.

Fresne erhob sich sogleich, verließ die Hütte und blieb vor dem Corral stehen. Bens Reittier war fort. Fresnes Pferd stand bereits eingefangen, gesattelt und gezäumt am Corralzaun. Aber nicht das war es, was Fresne durch und durch ging. Nein, es war der Anblick seines Waffengurtes mit den dunkelbraunen Walnusskolben, die drohend aus den Halftern ragten. Er hing über dem Sattel seines Reittieres.

Noch nie hatte Ben derartig gezeigt, was er von einer Situation hielt. Ben hatte alles getan, um es deutlich vor Augen zu führen. Nicht nur, dass er das Pferd seines Partners fertig zum Ritt gemacht hatte, nein, er hatte aus dem Versteck auch Fresnes alten Waffengurt geholt und dem Reittier über den Sattel gehängt.

Es war der Waffengurt, den Fresne Tompson vor Jahren in wilden Städten getragen hatte, in Abilene und Dodge City, auf dem Chisholm-Trail und auf dem alten Weg. Er schluckte, als er den Gurt zögernd vom Sattel herunterzog und ihn wägend in der rechten Hand hielt. Seine Augen verdüsterten sich. War es nicht, als ob durch die Berührung des Gurtes der Friede des Hochlandes zerstört wurde?

Er wollte Bens Hinweis außer Acht lassen, wollte schon den Gurt mitsamt den Eisen zum Versteck zurückschaffen, als er sich aus einem inneren Impuls heraus den Gurt um die Hüfte schwang und zuschnallte. Schwer hingen ihm die Eisen in den Halftern. Er rückte sie sich zurecht, hob sie heraus und sah, dass Ben sie geladen hatte.

Jetzt schaute er die Satteltaschen nach. Es erstaunte ihn nicht mehr, dass in ihnen außer einigem

Marschproviant auch zwei Munitionspäckchen verstaut lagen. Ben hatte an alles gedacht, bevor er sich auf die Suche nach dem abgestreiften Sattel davonmachte.

Fresne hob sich in den Sattel und lenkte den Braunen aus dem kleinen Corral, den er mit Ben zusammen aus Birkenstämmen errichtet hatte. Vergeblich schaute er beim Reiten nach dem Falbwallach seines Partners aus.

„Go on, Brauner“, sagte er laut zu seinem hoch gebauten Wallach. „Es riecht nach Kummer und Verdruss.“

Er ritt im zügigen Trab, eine Gangart, deren schwingender Rhythmus von seinem Braunen über viele Meilen hinweg eingehalten werden konnte, ohne ihn sonderlich zu ermüden.

Das graue Morgenlicht erhellte alles gut, zeigte ihm in scharfer Klarheit das gebirgige Land, das von Canyons zerrissen war. Kein Wunder, dass er und Ben dieses Land tief in ihre Herzen eingeschlossen hatten, dass es ihnen Heimat geworden war, und dass durch das Erscheinen des grauen Pferdes mit einem Schlag der Friede dahin, ihre letzte Zuflucht zerschlagen werden konnte.

Gegen Mittag hielt er an einem Creek, der mit schaumigem Wasser über die abfallenden Terrassen des Hochlandes ins Tiefland der weilen grünen Weiden floss und tief unten in der dunstigen Ebene wie ein schmaler Silberstreifen aufleuchtete, der sich weiter zum Horizont hin im Dunst auflöste.

Der über viele Meilen hinweg gehende langgestreckte Abstieg führte an landschaftlich reizvollen Stellen, an Kiefern und Birkenbeständen und an verfilztem Buschwerk vorbei. Abgelöst wurde dieses Bild von Schotterhalden und Almenmatten.

Es dämmerte, als Fresne über die Vorhügel des Hochlandes ritt und unter sich den grauen Holzrauch der Stadt Denapel aus einer Mulde steigen sah.

 

 

3.

Fresne fühlte Beklemmung in sich aufsteigen und schalt sich einen Narren, dessen Nerven nicht recht in Ordnung waren; denn was sollte schon in Denapel geschehen? Die Poststraße, auf die er jetzt einbog, lag leer und verlassen. Tiefe Räderfurchen hatten den Boden aufgewühlt. Rechts und links des Weges zeigten sich die Hufsiegel vieler Pferde. Prärieschoner und Maultiertreiber benutzten den Weg ebenso wie die Stagecoach, die regelmäßig einmal am Tage die Stadt anlief, um Post und Passagiere zu befördern.

Seltsam leer schien Fresne die Straße. Das änderte sich auch nicht, als die aus Holz errichteten Häuser vor ihm auftauchten und die Lichtkleckse herübergrüßten.

Die Poststraße lief mitten durch die Stadt und verlor sich irgendwo in der Weite der Prärie. Sie war überall gleich staubig, und überall verwandelte sie sich nach Regengüssen in eine sumpfige Moraststrecke. Zum besseren Vorwärtskommen der Fußgänger hatte man rechts und links der Fahrbahn Bohlenplanken errichtet. Sie waren zernarbt von vielen Stiefeln und verwittert von Wind und Sonne, Regen und Sturm.

Nur wenige Pferde standen an den Holmen. Cowboypferde waren es, mit Brandzeichen jener Ranches versehen, die in der Nähe der Stadt lagen. Fresne kannte die Brandzeichen. Er hatte sie sich von früher her gut eingeprägt. Darum stutzte er, als er vier Pferde mit fremden Brandzeichen abseits der Cowboypferde an den Halteringen von Ray Teals Crystal Saloon angebunden sah.

Er hielt seinen Braunen an. In diesem Augenblick öffnete sich die Schwingtür des Saloons. Ray Teal trat auf ihn zu und sagte: „Komm herein, Fresne, ich habe dich anreiten sehen. Komm zu einem Drink!“

„Ray, es ist außergewöhnlich ruhig in der Stadt!“

Der kleine, blassgesichtige Keeper mit dem Vierkantschädel und den schnellen Wieselaugen nickte.

„Du kannst es nicht wissen, Fresne. Gestern gab Guy Wilkerson in dieser Stadt eine Sondervorstellung. Das hat die Leute so erschreckt, dass sie in ihren Häusern bleiben. Die Cowboys verzichten auf ihren Whisky und bleiben bei der Herde oder auf ihrer Ranch. Sagt dir der Name Wilkerson etwas?“

„Nein, nichts!“

Erstaunen zeigte sich in den Augen des Keepers. Er trat einen Schritt weiter vor und blieb abermals stehen, schüttelte den Kopf, als könnte er eine solche Antwort nicht begreifen.

„Jedes Kind hier kennt den Namen, Fresne, und jeder Erwachsene wagt es nicht, laut seinen Namen auszusprechen, aus Angst, der Hartgesottene könnte im nächsten Augenblick mit gezogenem Revolver hinter ihm stehen und ihn mit hämisch klingender Stimme freundlich auffordern, sich herumzudrehen. Du und Ben, ihr wisst nicht, wie brutal diese Welt ist. Ihr lebt wie auf dem Mond. Gestern tauchte Wilkerson mit einer verteufelten Bande auf. Dabei kam es zu einem Tanz. Einige Männer mussten zum Doc geschafft werden, andere rissen aus. Frauen und Kinder verkrochen sich. Wilkerson und seine Leute plünderten und raubten. Es war schlimmer als zur Siouxzeit.“

Der kleine Mann war erregt. Seine Augen schweiften hin und her, als erwarte er einen weiteren Überfall der Schwarzhammerbande. Er trat noch näher und sah zu, wie Fresne sich aus dem Sattel schwang und sein Pferd neben den Pferden mit den fremden Brandzeichen anband.

„Gab es niemanden, der Wilkerson entgegentrat, Ray?“, fragte er rau.

Ray lachte gezwungen auf. „Wilkersons Bande ist sehr groß, Fresne“, erwiderte er, wobei seine Augen in auffälliger Weise Fresnes Waffengurt streiften. „Nur die Hölle weiß, was diesen Räuber mit seinem Anhang in unsere kleine Stadt getrieben hat. Hier gibt es für einen so üblen Burschen nichts zu holen. Die Menschen sind arm, die umliegenden Ranches klein. Wir haben weder einen Sheriff noch eine Bank. Für Wilkerson wäre ein Überfall in Seatlevil lohnender gewesen. Dort gibt es Großranches, eine Bank in der Stadt und reiche Leute. Bei uns hier in den Vorbergen des Hochlandes lebt die Armut. Was hat es also zu bedeuten, dass Wilkerson trotzdem hierher kam? – Es liegt klar auf der Hand, Wilkerson kam nicht ohne Grund. Es ist auch gänzlich unbekannt, wohin er geritten ist.“

„Hat niemand die Verfolgung aufgenommen?“

„Wo denkst du hin, Fresne! Die Bande hat die Stadt so durcheinandergebracht, dass es keiner wagte, sie zu verfolgen. Sie stellten die Stadt auf den Kopf und suchten nach Männern, die im Hochland Weg und Steg kennen. Sie suchten vergeblich.“

Überrascht schaute Fresne den Keeper an. Er fühlte einen Stich im Herzen. Seine Rechte tastete wie von selbst zu den Coltkolben, berührte das glatte Holz mit den Fingerspitzen.

„Ray, sage das noch mal: Sie suchten einen Mann, der das Hochland kennt?“

„Ja! Jemand sagte den Kerlen eure Namen. Er hat es sicherlich nur getan, um nicht weiter gepeinigt zu werden. Als sie hörten, dass es zwei Männer gibt, die das Hochland wie ihre Hosentasche kennen, verließen sie sehr eilig die Stadt. Uns allen kam das wie eine Erlösung vor, gleichzeitig aber auch wie ein Verrat an euch, an Ben und an dir, Fresne. Du kannst immer noch nichts mit Wilkersons Namen anfangen?“

„Namen kann man ablegen oder ändern.“

„Du müsstest ihn kennen. Wilkerson führt die Schwarzhammerbande. Das ganze Land zittert, wenn der Name nur genannt wird. Welchen Trail sie auch immer reiten, ihre Fährte ist rauchig. Zum Teufel, was wollen Wilkerson und seine hartgesottene Bande im Hochland?“

Bevor Fresne antworten konnte, tönte von der Schwingtür her die glockenhelle Stimme eines Mädchens: „Das, Gents, kann euch mein Vater sagen!“

Von beiden unbemerkt war sie aus dem Saloon getreten. Es war anzunehmen, dass sie die Unterhaltung mit angehört hatte und dass ihr kein Wort entgangen war.

Ein schlank gewachsenes Mädchen stand auf der Veranda gegen die Schwingtür gelehnt. Ihre auffallend elegante Kleidung stach ins Auge. Ihr Aussehen konnte eines Mannes Herz schneller schlagen lassen.

Mit der Reitgerte klatschte sie gegen die Stiefelschäfte. Ganz ruhig erwiderte sie den Blick der beiden Männer. Um ihren vollen roten Mund lag ein spöttisches Lächeln, das jetzt verlosch. Ein wenig zu hastig strich sie eine Locke des rot-goldenen Haares aus der hohen Stirn. Man sah es auf den ersten Blick, dass sie zu jenen Frauen gehörte, von denen die Männer ihr Leben lang träumen.

Sie machte auf Fresne einen tiefen Eindruck. Das spöttische Lächeln verschwand und machte einem tiefen Ernst in ihren Augen Platz. Unwillkürlich griff er zum Stetson und lüftete ihn an.

Leise hörte er Ray sagen: „Madam gehört zu den Reitern, die heute morgen hier eintrafen!“

„Ihr Vater, Madam, glaubt zu wissen, was Wilkerson im Hochland will?“, wandte Fresne sich an sie.

Sie nickte, nahm keinen Blick von ihm, und plötzlich sagte sie: „Sie wissen es ebenfalls, Sir!“

Betroffen zuckte er zusammen. Der Keeper stieß einen leisen Pfiff aus und sah ihn mit großen Augen an, blickte dann von einem zum anderen, als suche er nach etwas, was ihm das seltsame Einvernehmen der beiden wildfremden Menschen erklären konnte.

Er folgte Fresne, als dieser auf die Schwingtür zutrat, die von dem Mädchen aufgehalten wurde.

Die Einrichtung des Saloons war teilweise zerschlagen, mutwillig zerstört. Ray Teal hatte noch nicht alle Schäden beseitigen können, die von der Schwarzhammerbande verursacht worden waren. Wie alle anderen Leute in der Stadt befürchtete er einen weiteren Überfall und wollte noch nicht so

recht glauben, dass Wilkerson mit seinen Hartgesottenen tatsächlich abgezogen war.

Der traurige Anblick des Raumes stand im krassen Gegensatz zu den Menschen, die an einem Tisch inmitten der Trümmer Platz genommen hatten. Die Unordnung um sie herum schien sie nicht im mindesten zu stören. Gleichmütig und zufrieden wirkten die drei Männer, die rauchend an einem heil gebliebenen Tisch saßen und Fresne musterten.

„Dad, hier ist einer der Männer, die Wilkerson aufstöbern will“, hörte Fresne das Mädel zu dem Ältesten der drei Männer sagen.

Der Mann, an den sie sich wandte, saß starkknochig und schwer im Sessel. Er mochte über sechzig Jahre alt sein. Seine Haare waren weiß, altershell die Augen. Falten und Runzeln zeigten deutlich an, dass dieser Mann sich nichts im Leben hatte schenken lassen, dass er schwer gearbeitet hatte. Er sah aus wie ein Rancher, der durch Mühen zu Erfolg und Reichtum gekommen war. Er trug einen schwarzen Tuchanzug, ein blütenweißes Hemd, dazu eine schwarze Samtschleife.

Er betrachtete Fresne kühl, ja, fast streng, als wäre ein Mann gekommen, der den Wunsch hatte, in seine Crew einzusteigen.

Als die nun einsetzende Musterung Fresne zu lange dauerte, wandte er sich mit den Worten an den Weißhaarigen: „Gefällt Ihnen etwas nicht, Sir?“

Sofort schaltete sich einer der beiden neben ihm sitzenden Männer ein. „Warten Sie doch, der Boss wird es Ihnen sagen, ob Sie es hören wollen oder nicht!“

„Stimmt!“, sagte der Alte, wobei sich seine Augenschlitze verengten. „Ich sage immer, was ich denke.“

„Nun, und zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?“, wollte Fresne wissen. Das Spiel interessierte ihn. Das Mädchen hatte sich hinter ihren Vater gestellt, und Ray Teal stand hinter der Theke.

Die beiden Kerle am Tisch des Alten waren zu ruhig, zu gelassen. Fresne brauchte keine weitere Erklärung, er wusste genau, was er von diesen beiden aalglatten Burschen zu halten hatte, die so beherrscht taten. Er wusste, dass es Revolvermänner waren, die ihre Eisen an den Mann mit der schwarzen Samtschleife verkauft hatten. Die beiden glichen sich. Es waren blasshäutige Kerle mit sandfarbenem Haar und blassblauen Augen. Sie beobachteten ihn, studierten ihn unter halb gesenkten Lidern.

„Nun?“, fragte Fresne nochmals.

„Ich mag Revolvermänner nicht sonderlich“, sagte der Alte. „Aber ich kann Sie brauchen. Wie viel kostet ihr Revolver, Junge?“

„Ich habe ihn nie angeboten und nie verkauft!“

Weit öffneten sich die Augen des Alten. Er schien überrascht zu sein.

„Hören Sie“, sagte er dann, „ich zahle jeden Preis! Überlegen Sie es sich!“

„Gegen wen soll es denn gehen, Mister?“

„Gegen Wilkerson und seine verruchte Meute. Ich will die Karten offen auf den Tisch legen. Wilkerson stahl mir meinen Zuchthengst Silberblitz. Er konnte ihn aber nicht allzu lange behalten. Silberblitz entfloh und suchte sich einen Weg in die Freiheit, wie wir herausfanden. Silberblitz konnte die Freiheit des Hochlandes gewinnen. Ich kam hierher, um den grauen Hengst einzufangen, aber auch Wilkerson hat die gleiche Absicht. Er hat fünfzehn Kerle bei sich. Er wird alles tun, um mir den grauen Hengst ein zweites Mal abzujagen. Ohne diesen Hengst ist mein Gestüt einfach nicht mehr das, was es war. Verstehen Sie mich recht, Mister? Der graue Hengst ist mir mehr als nur Gestüthengst meiner Ranch. Ich kann auf ihn nicht verzichten!“

„Warum sagen Sie mir das, Mister?“

„Malbott ist mein Name. Meine Begleiter sind Dick Fenc und Joe Gaross. Meine Tochter Gloria ist ebenfalls mit von der Partie. Warum ich Ihnen das alles sage? Jeder weiß hier, dass Sie, Tompson, und Ben Keely wie niemand sonst das Hochland kennen, dass man weit in der Runde keine Männer finden kann, die man als Führer anwerben könnte. Ich wäre ein Narr, wenn ich mir diese günstige Gelegenheit entgehen lassen würde. Ich zahle jeden Preis!“

„Malbott, weder ich noch mein Begleiter sind daran interessiert, für jemanden zu reiten.“

„Danach wird Wilkerson wenig fragen! Er spannt euch ein, ob ihr es wollt oder nicht. Er wird euch nicht einmal einen Cent dafür zahlen.“

„Das wird sich herausstellen, Mister Malbott.“

„Tompson, was hält Sie davon ab, mir die Bitte zu erfüllen?“

„Wenn Sie es genau wissen wollen, Mister Malbott: Es ist Ihre Art, über Menschen zu bestimmen. Man kann nicht alles mit Geld machen wollen.“

„Doch, das kann man! Zum Beispiel durch eine hohe Prämie!“

„Was soll das heißen?“

Malbott lachte in sich hinein. Seine Augen funkelten. „Ich könnte eine Prämie öffentlich ausschreiben und eine Summe nennen, die so groß ist, dass sich rings um das Hochland Hunderte von Reitern in die Sättel schwingen würden, um den grauen Hengst einzufangen. Mir stehen die Mittel zur Verfügung. Der graue Hengst ist jede Summe wert.“

„Warum tun Sie es nicht, Sir?“, unterbrach ihn Fresne kühl.

Der Alte warf ihm einen eigentümlichen Blick zu, wobei er heiser erklärte: „Wilkerson könnte auf die Idee kommen, den grauen Hengst zu erschießen. Ihm geht es nicht so sehr um das Pferd, sondern darum, mich zu demütigen. Er würde den grauen Hengst abschießen, nur um mich mitten ins Herz zu treffen. Aus diesem Grunde kann ich keine öffentliche Prämie ausschreiben.“

„Sie suchen sich also lieber in aller Heimlichkeit Mitarbeiter, von denen Sie annehmen, dass sie für Ihren Plan wertvoll sind?“

„Ich halte meine Prämie, Tompson! Zwanzigtausend Dollar! Das ist die Summe, die der Mann bekommt, der mir den grauen Hengst gesund übergibt, ganz gleich, ob er von mir angeworben wurde oder nicht.“

Fresne glaubte, nicht recht zu hören: „Sagen Sie die Summe nochmals, Mister Malbott!“

„Zwanzigtausend, Tompson! Glauben Sie immer noch, dass ich sie öffentlich ausschreiben sollte?“

„Es gibt kein Pferd, Mister Malbott, das eine solche Summe wert wäre!“

„Sie irren! Dieser graue Hengst ist mehr wert; jedenfalls für mich. Er ist unbezahlbar, Tompson! Was ist, wo wollen Sie jetzt so schnell hin?“

„Ins Hochland, Mister Malbott“, erklärte Fresne trocken, bestürmt von seinen Gedanken, die ihn in Sorge und Angst um Ben versetzten. Er wollte gehen.

In diesem Augenblick hörte er Dick Fencs eisige Stimme: „Nicht so eilig, Tompson! Drehen Sie sich herum und nehmen Sie die Hände hoch. Gegen eine gewisse Sorte von unverbesserlichen Narren muss man auf die besondere Art vorgehen. Sie haben wohl noch nicht richtig begriffen, dass wir Sie nicht ohne Weiteres laufen lassen können.“

Fresne fuhr herum. Es war zu spät für ihn, nach den Kolben zu greifen. Zwei Revolver waren auf ihn gerichtet. Die beiden Kerle grinsten ihn an.

„Tut uns wirklich leid, Tompson“, erklärte nun Joe Gaross rau, „aber dass euch Wilkerson ebenfalls eine Prämie anbieten könnte, ist ein Gedanke, der mir gerade kam und zu den Eisen greifen ließ. Die Tatsache, dass Wilkerson bereits in diesem Nest die Hölle losließ, zeigt deutlich, wie verrückt er auf den grauen Hengst ist. Sie müssen wissen, Tompson, dass er geschworen hat, lieber zur Hölle zu fahren, als jemandem den Grauen zu überlassen.“

„Dass er geschworen hat, außer dem Grauen auch Gloria zu holen“, bebte es von den Lippen des alten Mannes. „Aus diesem Grunde, Tompson, sind wir gezwungen, Ihnen deutlich zu machen, dass Sie nicht ohne uns ins Hochland zurückreiten können!“

 

 

4.

Vier Augenpaare waren auf Fresne Tompson gerichtet. Die Blicke der Revolverleute verrieten harte Entschlossenheit. Der Alte und auch das Mädchen schienen ein wenig verzweifelt dreinzuschauen. Fresne ließ seine Hände, die er nur leicht gehoben hatte, vorsichtig sinken. Er trat langsam an den Tisch heran und zog sich mit der Stiefelspitze einen Hocker heran, auf den er sich niederließ.

„Ich glaube nicht, dass es die richtige Art ist, mich zu überzeugen“, sagte er leichthin. „Wer ist denn schon dieser Wilkerson? Ich habe nie etwas von ihm gehört.“

„Er kam erst in den letzten Jahren auf den Plan. Man sagt, dass er eine Zeitlang in Dodge und dann in Tombstone gearbeitet hat und von Marshal Earp mit seiner Bande verjagt wurde. Er hat nicht nur für Rinder auf fremden Weiden und für Goldbarrentransporte eine besondere Vorliebe, sondern auch für Pferde. Hören Sie, Tompson, wenn Wilkerson in Ihr abgelegenes Paradies kommt, könnte er auf einen Gedanken kommen, nämlich den gleichen, den er in Utah hatte. Er trieb dort mit seiner Bande innerhalb weniger Monate Hunderte von Wildpferden in große Fallen, und zwar zu dem Zweck, um die Häute der Tiere auf den Markt zu bringen. Wilkerson ist ein Teufel in Menschengestalt. Er wird es nicht nur auf den grauen Hengst abgesehen haben, sondern führt bestimmt noch Ärgeres im Schilde. Darum, Tompson, müssen Sie sich entscheiden, Sie und Keely. Jedermann weiß, dass es keinen Reiter weit und breit mehr gibt, der das Hochland mit seinen Winkeln und Verstecken besser kennt als ihr. Aber das sagte ich alles bereits. Vertrauen Sie lieber nicht auf Ihr Glück, Tompson. Die nächste Stadt ist weit, und auf siebzig Meilen in der Runde gibt es keinen Sheriff. Weder für Ihren Partner noch für Sie selbst gibt es kaum die Möglichkeit, neutral zu bleiben. Ich würde Himmel und Hölle in Bewegung setzen wegen des Grauen!“

„Malbott, was wollen Sie damit sagen?“

„Viel mehr, als Sie glauben, Tompson! Unser Boss hat sich die Mühe gemacht, über dich und Keely Erkundigungen einzuziehen“, mischte sich Fenc ins Gespräch. Er hielt wie Gaross seine Waffe im Anschlag. Fresne saß bewegungslos da, als müsste er sich nach dem unsichtbaren Schlag entspannen. Er zog die Augen schmal. Gespannt beobachteten ihn Malbotts angeworbene Revolvermänner.

„Versuchen Sie es nicht, Tompson; denn nicht einmal die Anwesenheit einer Lady würde uns daran hindern, den berüchtigten Nevada gefangenzunehmen“, sagte Dick Fenc entschlossen, der Unterhaltung damit eine entscheidende Wendung gebend. „Nevada, Sie wissen, dass Sie ein Verfemter, ein Wildbunch-Reiter sind und zu der Legion der Geächteten zählen. Sie und Keely haben sich im Hochland sicher geglaubt. Wenn es so bleiben soll, werden Sie beide für uns arbeiten.“

„Nevada, versuchen Sie es doch“, sagte das Mädel jetzt bittend. „Versuchen Sie auch, meinen Vater zu verstehen! Er setzte alles ein, um den Grauen zurückzubekommen. Das ist um so schwieriger, weil der Graue nicht gebrandet wurde und somit von jedem, der ihn fängt, als Eigentum behalten werden kann. Es gibt kein Gesetz, welches das verbieten könnte.“

„Malbott, Sie haben alles getan, um sicher zu gehen“, wandte sich Fresne an den Rancher. „Sie haben sich Revolvermänner angeworben und in Keelys und meiner Vergangenheit herumgestochert. Sie haben mit dem Gedanken gespielt, eine öffentliche Prämie auszusetzen, doch vor dem allzu großen Risiko zurückgeschreckt. Zum Teufel mit dem Grauen, Malbott! Als ich seine Fährte kreuzte, hatte ich gleich ein ungutes Gefühl.“

„Haben Sie ihn gesehen, Tompson?“, erkundigte sich Malbott, wobei es in seinen Augen hoffnungsvoll aufleuchtete. „Wenn das der Fall ist, wird Ihr Herz schneller geschlagen haben und Sie können mich in etwa verstehen. Vielleicht bin ich mehr als ein Pferdenarr.“ Er brach ab und stand schwerfällig auf. „Hören Sie, Tompson, vergessen wir die wenig freundliche Aufforderung, Sie zum Bleiben zu bewegen. Schlagen Sie in meine Hand ein, Tompson, reiten Sie für uns! Sollte der Graue durch Ihre und Ihres Partners Hilfe wieder in meinen Besitz kommen, spreche ich an der richtigen Stelle vor und werde meinen Einfluss geltend machen. Es wird dann zwei Wildbunch-Reiter weniger unter der Sonne geben, und die Namen Nevada und Black Dodly werden verklingen.“

Zum ersten Mal hörte Fresne den Kampfnamen seines Partners, und dieser Name war ihm nicht fremd. Es war sonderbar, dass die Männer vom heißen Trail, die sogenannten Mondlichtreiter, ohne Fährte aus geheimnisvollen Informationsquellen über Hunderte von Meilen hinweg ihre Botschaften erhielten. Als Black Dodly war Ben Keely fast zur legendären Gestalt geworden, gleichzusetzen mit Wild Bill und Earp, mit Doc Holliday und vielen anderen Männern, deren Namen nie vergessen sein werden im Land der Rinder und Weiden.

Black Dodly war ein Mann aus dem Süden. Er hatte bei der Südarmee als Captain gedient und bei der Schlacht von Alamo eine besondere Rolle gespielt. Er war der Gefangenschaft entgangen und hatte sich erfolgreich vor den Unionstruppen, die ihn nach dem Zusammenbruch des Südens überall aufzuspüren hofften, zu verbergen gewusst. Er kämpfte allein gegen den Norden auf seine Art weiter, und das hatte ihn zum Geächteten gemacht, zu einem Mann, der keine Heimat und keine Ruhe mehr kannte und sich immer auf der Flucht befand.

„Tompson, schlagen Sie in die Hand meines Vaters ein“, riet das Mädchen und sah ihn bittend dabei an.

„Madam, solange ich vor den Eisen der Männer stehe, erübrigt es sich wohl.“

„Fenc, Gaross, steckt die Waffen wieder ein!“, befahl daraufhin Malbott.

Die beiden taten es. In diesem Augenblick langte Fresne über den Tisch und fasste Fenc fest am Halstuch. Er zog den Revolvermann ein wenig vorüber und hatte im nächsten Moment seinen rechten Colt aus dem Halfter gezogen und auf Gaross gerichtet. „Lass ihn stecken, Gaross“, riet er dem Revolvermann, dessen Rechte heruntersausen wollte. Er gab Fenc einen Stoß und trat sogleich zurück. Ein spöttisches Grinsen zeigte sich um seine Mundwinkel.

„Ihr zwei seid mir nicht unbekannt, und eure Art, einen Mann anzufallen, wenn er den Rücken dreht, ist übel. Malbott, Sie haben sich zwei Revolvermänner angeworben, die keine Fairness kennen. Schicken Sie sie fort!“

Fencs Halstuch war aufgerissen. Bleich und drohend stand er am Tisch. Sein Partner wirkte kaum freundlicher.

„Wir steigen nicht ans dem Geschäft, Nevada!“, erwiderte Gaross. „Zwanzigtausend Dollar Prämie ist eine Summe, die sich jeder gern verdient.“

„Verzichten Sie auf die beiden, Malbott!“

„Fresne Tompson, Sie übersehen, wie stark der Gegner ist. Je mehr schnelle Männer hinter mir stehen, um so mehr Erfolg werde ich haben“, sagte Malbott. „Versuchen wir doch, miteinander auszukommen. Ich gebe zu, dass es nicht fair war, Ihnen in den Rücken zu fallen, aber es geschah auf meine Veranlassung. Vergessen wir es, Tompson. Ich werde zu meinem Versprechen stehen.“

Er hielt Fresne die Rechte hin.

Vom Tresen her sagte der Keeper Ray Teal heiser: „Fresne, Mister Malbott ist ein guter Freund des Gouverneurs. Es spricht für Mister Malbott, dass er keine unzähligen Reiter in die Horse Mountains schickte und keine öffentliche Prämie anbot, dass er es vorzieht, mit nur wenigen Leuten die Sache selbst zu erledigen. Bedenken Sie, Fresne, was sein Angebot für Sie und Ihren Partner bedeuten kann!“

„Danke, Ray“, unterbrach ihn Fresne. „Eins hat Mister Malbott jedoch übersehen, dass nicht nur er allein Informationen bekommen hat, sondern dass auch wir ganz genau Bescheid wissen. Fenc und Gaross, ihr habt eure Revolver zu oft für undurchsichtige Dinge rauchen lassen Man hat euch beide zwar nie durch das Gesetz fassen können, doch steht ihr beide tief im Schatten.“

Gaross lächelte und erwiderte höhnisch: „Wir stehen alle im Schatten, Nevada. Machen wir doch einen Burgfrieden. Vielleicht verständigen wir uns irgendwie? Mister Malbott hat uns angeworben. Wir denken nicht daran, auszusteigen. Der Sattel, in dem wir jetzt sitzen, gefällt uns.“

„Ihr habt ihm verschwiegen, dass ihr einst zu jenen Häschern zähltet, die Black Dodly suchten, und dass es noch heute einen Kopfpreis für Black Dodly, meinen Partner, gibt.“

Malbott schien sichtlich überrascht zu sein und schaute Gaross an.

„Es war eine interessante Jagd ohne Erfolg, quer durch die Staaten. Wir waren immer dicht auf Keelys Fährte, und so war Mister Malbotts Angebot, für ihn zu reiten, etwas, was durchaus in unser Aufgabengebiet genau hineinpasste. Auch für Keely gilt der Burgfrieden. Genügt das?“

Die Männer sahen sich durchdringend an. Malbott schüttelte den Kopf. Man sah, wie er sich Mühe gab, das soeben Gehörte zu verarbeiten.

Fresne ließ seinen Colt ins Halfter zurückgleiten. „Wie lange soll der Burgfrieden währen, Gaross?“

„Bis der graue Hengst gefangen ist und weitere vierundzwanzig Stunden. Sicherlich braucht Mister Malbott mehrere Tage, um Ihren Partner durch den Gouverneur zu rehabilitieren. Gelingt es, nun gut, habt ihr beide Glück gehabt. Gelingt es nicht, ist es euer Pech, und ihr werdet reiten müssen!“

„Nicht, solange wir es mit euch beiden zu tun haben.“

„Sei nicht so großspurig, Freund“, mischte sich Fenc ein. „Es liegt an uns, nicht nur für den grauen Hengst, sondern auch für dich und deinen Partner Aufgebote in die Horse Mountains zu schicken. Bedenkt, dass ihr beide genauso gejagt werdet wie der graue Hengst, jetzt sollst du es offen wissen: wir reiten im Auftrage des FBI!“

„Und für eure eigene Tasche“, unterbrach ihn Fresne kühl und gelassen.

Gaross und auch Fenc schienen nicht im mindesten beleidigt oder betroffen zu sein. „Jeder verdient sein Geld auf seine Art, Nevada. Der Staat hat ein Interesse an gewissen Männern, und wir wollen uns den Kopfpreis verdienen. Dazu braucht man keinen Vertrag und keine Anstellung. Jeder Sheriff wird uns unterstützen. Jeder Staatenreiter seine Hilfe anbieten. Ich erkläre offen, dass die zwanzigtausend Dollar Prämie von Mister Malbott uns unsere Pläne ändern ließ. Was nun, Nevada, nehmen Sie an?“

„Niemand kann meine Meinung über euch ändern, Fenc und Gaross. Ich werde auf euch und eure Tricks achten. Mister Malbott, Sie können mich in Ihre Lohnliste eintragen.“ Er schlug jetzt erst in die dargebotene Hand Malbotts ein.

„Sprechen Sie auch im Namen Ihres Partners, Nevada?“, erkundigte sich Malbott.

„Ich denke, ja!“

„In Ordnung! Keeper, für jeden einen Drink“, wandte sich Malbott an Ray Teal, der geschwind diesem Wunsche nachkam und sehr erleichtert zu sein schien.

Die Männer tranken die amberfarbene, scharfe Flüssigkeit. Gaross lehnte sich zufrieden in seinem Polstersessel zurück und sagte zu Fenc: „Es gibt eigenartige Situationen im Leben. Wenn mir jemand vor einem Monat gesagt hätte, dass Nevada mit uns an einem Tisch sitzen und in der gleichen Crew reiten würde, hätte ich ihn für verrückt erklärt. Aber wenn jemand gesagt hätte, dass Black Dodly für eine gewisse Zeit ebenfalls unser Partner sein soll, hätte ich darauf gewettet, meinen eigenen Stetson zum Nachtisch zu verzehren.“

„Dazu ist jetzt Gelegenheit“, erwiderte ihm Fresne spöttisch. „Ich stelle dir sogar meinen Stetson zur Verfügung!“

„Vorsichtig, Tompson! Auf diese Weise kannst du meinem Partner nicht beikommen“, ließ sich Fenc vernehmen. „Er hat sogar eine ganze Menge anderer Dinge verdauen können, ohne sichtlichen Schaden zu nehmen. Uns interessierten von jeher großmäulige Kerle, und eines Tages stellten wir sie doch! Einmal wirst auch du dich davon überzeugen können.“

Die Stimmung drohte umzuschlagen und jene gefährliche Atmosphäre zu schaffen, die nach einer harten Auseinandersetzung roch.

„Haltet Frieden!“, forderte Malbott. „Kummer werden wir genug mit Wilkerson und seinen Leuten bekommen. Keeper, haben Sie noch ein Zimmer für meinen neuen Reiter?“

„Ich glaube schon, Mister Malbott, aber ich denke, Fresne Tompson zieht es vor, draußen im Freien zu übernachten“, entgegnete der Keeper.

„Es stimmt genau“, sagte Fresne.

„Nun gut, ich kann Ihre Angewohnheiten nicht ändern, Tompson. Gehen wir schlafen, morgen brechen wir zu den Horse Mountains auf. Jede Woche bringt Ihnen rund vierzig Dollar ein.“

„Mister Malbott, das ist wohl die Summe für meine Revolver?“

„Sie können es ansehen, wie Sie es wollen, Tompson.“ Er stand bei diesen Worten auf und gab seinen beiden Revolverschwingern, die sich sofort schweigend durch eine Nebentür entfernten, einen Wink. Er wartete so lange, bis seine Leibgardisten außer Hörweite waren, dann sagte er leise: „Tompson, ich kann nicht sehr wählerisch sein bei der Wahl meiner Leute. Wilkerson und seine Bande sind es auch nicht. Ich muss jeden Mann nehmen, der auf die besondere Art einen Colt ziehen kann. Morgen erwarte ich Sie in aller Frühe hier im Crystal Saloon.“

„Nun gut!“

Details

Seiten
190
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738954128
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v1032503
Schlagworte
hengst

Autor

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Titel: Der graue Hengst