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Shannon #19: Shannon und die Schienenteufel

©2021 136 Seiten

Zusammenfassung


Jim Shannon erhält einen Brief von seinem Freund Dan Torrence, Marshal der Union Pacific Railroad. Dan bittet den Satteltramp, ihm zu helfen, denn er befindet sich auf der Spur des Eisenbahnräubers Captain Black und dessen Bande. Als Jim am genannten Treffpunkt, die White Oak Station, eintrifft, findet er seinen Freund am Boden liegend - tot. Der Mörder ist noch in der Station, denn er hat auf Shannon gewartet ...

Leseprobe

Table of Contents

Shannon und die Schienenteufel

Copyright

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Shannon und die Schienenteufel

Shannon 19

Western von John F. Beck

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 136 Taschenbuchseiten.

 

Jim Shannon erhält einen Brief von seinem Freund Dan Torrence, Marshal der Union Pacific Railroad. Dan bittet den Satteltramp, ihm zu helfen, denn er befindet sich auf der Spur des Eisenbahnräubers Captain Black und dessen Bande. Als Jim am genannten Treffpunkt, die White Oak Station, eintrifft, findet er seinen Freund am Boden liegend - tot. Der Mörder ist noch in der Station, denn er hat auf Shannon gewartet ...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

Cover: Edward Martin

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Shannon saß reglos im Sattel und blickte auf den Mann hinab, der mit dem Gesicht nach unten zwischen der niedrigen Stationshütte und den in der Sonne blitzenden Geleisen im Staub lag. Eine Kugel hatte ihn in den Rücken getroffen. Ringsum war alles still. Nur der warme Wind, der von Süden kam und Blütenstaub vor sich hertrieb, raschelte in der Krone der alten Weißeiche hinter dem Blockhaus. Das Windrad quietschte. Der Himmel, von Wolken leergefegt, strahlte in leuchtendem Frühlingsblau. Einsam und verloren duckte sich die kleine Station mit dem hölzernen Wassertank auf einem turmähnlichen Gerüst in der Weite der Laramie Prärie. Ein wogendes, von Farbtupfern übersätes Grasmeer, das sich bis zu den blauen Kuppen der Medicine Bow Mountains im Westen erstreckte. Von Norden her, wo Shannon überwintert hatte, schimmerten die noch schneebedeckten Gipfel der Laramie Mountains. Es war ein klarer, sonniger Frühlingstag - ein Tag des Todes.

„Dan!“, murmelte Shannon leise. Er schwang sich vom Pferd, wälzte den Mann vorsichtig herum. Er musste schlucken, als er das starre Gesicht mit den blicklosen Augen sah. Es gab nicht viele Männer zwischen dem Old Man River und dem Pazifik, von denen Shannon behaupten konnte, dass sie seine Freunde waren. Dan Torrence war einer gewesen. Es war viele Jahre her, dass sie zusammen geritten waren - damals nach dem Bürgerkrieg, als Shannon als Mann ohne Heimat, ohne Existenz in den Westen gekommen war und seitdem ruhelos als Satteltramp kreuz und quer durch das wilde, noch kaum erschlossene Land streifte. Torrence war der Mann gewesen, der Shannon alle Tricks am Pokertisch und auch im Umgang mit dem Sixshooter beigebracht hatte. Und nun dieses Wiedersehen!

Shannon wusste nicht, wie lange er kniete. Die Sonne spiegelte sich auf dem Abzeichen an Torrences Jacke. »Union Pacific Railroad Marshai« war darauf eingraviert. Plötzlich schnaubte in der Nähe ein Pferd. Sporen klirrten. Shannons Sinne waren hellwach, jede Faser seines schlanken Körpers angespannt.

Sie waren noch da!

Shannons schmales, sonnengebräuntes Gesicht war ausdruckslos. Die breite Stetsonkrempe verdeckte das gefährliche Funkeln in seinen dunklen Augen. Langsam erhob er sich, näherte sich seine nervige Rechte dem Kolben des tiefhängenden 44er Army Colts. Da ertönte ein hartes Lachen hinter ihm.

»Wetten, dass du nicht schnell genug bist, Shannon?«

Sie kannten ihn! Sie wussten, warum er hier war! Shannon dachte an den Brief, den er vor ein paar Tagen droben in Casper ausgehändigt bekommen hatte. Ein Brief von Dan. Nur ein paar rasch hingekritzelte Zeilen auf einem Fetzen Papier. Er erinnerte sich an jedes Wort ...

»Hallo, Jim, alter Junge! Hab durch Zufall erfahren, dass du dich hier oben in Wyoming rumtreibst. Wenn du einem Freund aus der Patsche helfen willst, dann sattle deinen Gaul und reite zur Bahnlinie. Vergiss dein schnelles Eisen nicht! Hier ist die Hölle los - und ich mittendrin. Schon mal was von Captain Black gehört? Das ist der Anführer einer Bande ausgekochter Eisenbahnräuber. Mein Job, ihn zu fassen! Ich habe auch schon einen Verdacht. Aber das ist eine Nuss, die ich nur mit einem Mann wie dir knacken kann. Wenn du kommst, dann warte auf der White Oak Station zwischen Laramie und Cheyenne, bis du was von mir hörst. Ich hoffe, dass mein Bote mit dem Brief dich aufstöbert, ehe es zu spät ist. Dan.«

Shannon drehte vorsichtig den Kopf, blickte über die Schulter. Neben einem hohen Schwellenstapel stand ein hagerer Kerl in einem vom offenen, im Wind flatternden leichten Staubmantel. Eine schwarze Tuchmaske mit Augenschlitzen verhüllte sein Gesicht. Sein Colt steckte noch in der Halfter, aber die Art, wie er dastand, breitbeinig, die Schultern zurückgebogen, die Hand lässig auf der Waffe, verriet, wie haushoch überlegen er sich mit seinem Schießeisen jedem Gegner fühlte.

Im nächsten Moment flog die Tür der niedrigen Stationshütte auf. Ein breitschultriger, ebenfalls maskierter Bandit trat unter das Vordach. Auch er hielt die Hand am Colt. Ein höhnisches Lachen kam unter dem schwarzen Tuch hervor. Ein Medaillon hing an einer dünnen Silberkette auf seiner Brust. Ein Andenken, das Dan Torrence damals mit über den Mississippi gebracht hatte. Shannon wusste, dass es das Bild einer Frau zeigte, die Dan einmal geliebt hatte.

Kalte Entschlossenheit erfüllte ihn plötzlich. Zwei Killer, die darauf aus waren, ihm keine Chance zu lassen, ebensowenig, wie sie Dan eine gelassen hatten! Er spuckte aus.

»Von mir aus, fangt an!«

Der mit dem Staubmantel lachte blechern.

»Alles hübsch der Reihe nach, Shannon! Nicht du bestimmst hier die Regeln, sondern wir. Weißt du, wie man uns nennt?« Wieder ein Lachen. »Die Schienenteufel! Klingt gut, was? Pass auf, Shannon, vielleicht lassen wir dich leben, wenn du uns erzählst, was Torrence rausgefunden und dir geschrieben hat.«

»Genug, um euch alle an den Galgen zu bringen, ihr Hundesöhne!«, bluffte der dunkelhaarige Satteltramp.

»Da müsste erst einer kommen, der das schafft. Du wirst es bestimmt nicht sein.«

»Wovor habt ihr dann Angst?«

»Zum Teufel, warum legen wir ihn nicht einfach um?«, rief der Halunke vor der Blockhütte wütend.

»Immer mit der Ruhe, Jack! Vielleicht ist er schlauer als Torrence. Vielleicht hat er Lust, bei uns mitzumachen. Schließlich ist er kein Mann der Union Pacific, sondern einer, der nicht mehr besitzt als ein Pferd, einen Colt und eine Winchester. Du könntest reich werden, Shannon, wenn du dich für die richtige Seite entscheidest. Bei der Bahn ist für Burschen unseres Schlages jede Menge Geld zu machen. Was hältst du davon?«

»Gib dir keine Mühe, Bandit! Du schaffst es auch auf diese Weise nicht, rauszubekommen, was ich weiß.«

»Dann werden wir dich töten, du Narr!«

Shannon lächelte.

»Ihr werdet es versuchen.«

Das Windrad quietschte. Hauchdünne Staubwirbel tanzten über dem Schienenstrang. Aus der Weite der blumenübersäten Prärie kam der einsame Pfiff einer Dampflokomotive. Shannon zwang sich, tief und gleichmäßig zu atmen. Sie hatten ihn in der Zange. Gleich musste er schnell wie nie sein, wenn es überhaupt noch eine Chance für ihn geben sollte.

Die Lok pfiff wieder. Ein schwaches Grollen lief die Schienen entlang. Ein Zug näherte sich von Westen.

Shannon riskierte es nicht, den Kopf zu wenden. Der laue Wind trocknete den Schweiß auf seinem Gesicht. Der Bandit mit dem Staubmantel lachte blechern.

»Larrabees Zug! Er wird hier halten, um Wasser zu übernehmen. Die werden Augen machen, wenn sie zwei Tote finden. He, Shannon, wenn die Lok noch mal pfeift, dann zeig, wie schnell du bist!«

Shannon antwortete nicht. Die Sicherheit dieser Schurken war nicht gespielt. Warum hatten sie Torrence dann eine Kugel in den Rücken gejagt? Plötzlich wusste Shannon, dass irgendwo noch ein dritter Bandit auf der Lauer lag. Ein Hundesohn, dessen Gewehr oder Revolver auf ihn zielte, der beim dritten Pfiff des heranrollenden Zuges nur mehr den Finger zu krümmen brauchte.

Das Grollen schwoll an wie ein heraufziehendes Gewitter. Stahl dröhnte auf Stahl. Das Windrad quietschte in zermürbender Gleichmäßigkeit. Dann kam der langgezogene heulende Pfiff der Lok!

Shannon versuchte erst gar nicht, schneller als seine Gegner den Sixshooter aus der Halfter zu bringen. Mit einem kraftvollen Hechtsprung schleuderte er sich seitwärts zu Boden.

Das war die Rettung! Ein Schuss fauchte haarscharf an ihm vorbei und warf eine Sandfontäne auf. Alles ging rasend schnell. Trotzdem konnte Shannon noch feststellen, woher die Kugel kam.

Gleichzeitig mit dem Aufprall im Sand brachte er seinen 44er aus dem Leder, rollte sich weiter und feuerte auf den Turm mit dem riesigen hölzernen Wassertank. Kugeln klatschten dort in den Boden, wo er eben noch gelegen war. Aus der Stangenverstrebung unter dem Tank löste sich eine dunkle Gestalt, die mit einem gellenden Aufschrei in die Tiefe stürzte.

Das sah Shannon schon nicht mehr. Eine Drehung auf den Bauch, wieder ein Schuss!

Ein Mündungsblitz zuckte aus einer Pulverdampfwolke unter dem Hüttendach. Ein heißer Luftzug streifte Shannons rechtes Ohr. Shannons Treffer warf den breitschultrigen Banditen gegen die Balkenwand. Shannon wirbelte weiter, sprang auf, drehte sich und schoss auf den Anführer im Staubmantel. Aber da war nur mehr ein zwischen den Schwellenstapeln davonhuschender Schatten. Ein Pferd wieherte schrill. Ein heiserer Fluch. Dann versanken die Geräusche im Dröhnen des heranbrausenden Zuges. Die Dampflok heulte abermals. Der Wind fetzte die dicken schwarzen Rauchwolken davon. Funken sprühten unter den klobigen Rädern.

Shannon rannte zu seinem Pferd. Mündungsfeuer blitzten aus dem Schatten zwischen den Schwellen. Schussfontänen spritzten über den staubigen Stationshof. Doch Shannon war schneller. Ein Mann wie ein Panther, furchtlos, wild, verwegen. Nur von dem brennenden Wunsch erfüllt, auch den dritten Mörder seines Freundes nicht entkommen zu lassen. Mit einem Satz war er im Sattel.

Hinter den Schwellenstapeln trommelten Hufe los. Der Maskierte floh.

Vor Shannon?

Vor dem wie ein schwarzes Ungestüm herandonnernden Zug?

Die Fenster des mittleren, knallrot gestrichenen Waggons wurden herabgekurbelt. Gewehrläufe tauchten auf; darüber hartlinige Gesichter.

Die Bremsen kreischten. Dampf zischte aus den Ventilen, hüllte die massige Baldwin-Lok ein. Milchige Schwaden jagten an den Wagen vorbei. Shannon warf seinen Braunen herum. Der Bandit versuchte, vor dem Zug über die Schienen zu kommen, die kreischend ausrollenden Waggons zwischen sich und seinen Gegner zu bringen. Die Schöße seines langen Mantels flatterten wie riesige Vogelschwingen.

Shannon jagte im spitzen Winkel auf die Lok zu. Die hämmernden Hufe schleuderten Staubwolken hoch, hinter denen die Mündungsflammen aus den offenen Waggonfenstern fahl glühten. Zu spät erkannte Shannon, dass die Männer nicht auf den Maskierten, sondern auf ihn schossen. Sein Pferd knickte plötzlich auf der Vorderhand ein.

Shannon brachte gerade noch die Füße aus den Bügeln. Er sauste wie ein lebendiges Geschoss über den wegsinkenden Pferdekopf. Der Aufprall drohte ihm die Besinnung zu rauben. Aber Shannon konnte nicht nur kämpfen wie ein Panther, er war auch zäh. Mit zusammengebissenen Zähnen kam er hoch.

Sein Colt lag irgendwo am Boden. Noch immer stieß die Lok weiße Dampfwolken aus. Der Zug bestand nur aus drei Wagen. Ein Gepäck und ein Viehwaggon, in der Mitte der auffällige rote Wagen mit der Aufschrift »Union Pacific Railroad Company«.

Männer mit schussbereiten Revolvern und Gewehren rannten auf Shannon zu. Silberne Abzeichen glänzten an ihren Hemden.

»Diese verfluchten Schurken haben Torrence ermordet!«, schrie einer. »Der Kerl da gehört dazu! Packt ihn!

 

 

2

Kräftige Arme umspannten Shannons Arme, seine Handgelenke. Ein Kreis wütender Gesichter schloss ihn ein. Shannon machte keinen Versuch, sich loszureißen. Sein Herz pochte heftig. Vor seinen Augen stand das Bild eines über die blühende Prärie davonsprengenden Reiters, den niemand mehr einholen konnte.

»Ihr irrt euch!«, stieß er hervor. »Lasst mich los! Ich gehöre nicht zu den Banditen. Habt ihr denn vom Zug aus nicht gesehen, wie ich mit ihnen kämpfte?«

Ein stiernackiger Mann mit einem weißblonden Schnurrbart hielt ihm eine Coltmündung vors Gesicht

»Für wie dämlich hältst du uns, he? Du lügst! Du bist einer von den Schienenteufeln! Wir haben gesehen, dass ihr türmen wolltet, ihr Halunken, nachdem Dan noch zwei von euch erwischt hat. Schade, dass wir zu spät für ihn kamen. Aber warte nur, es wird dir noch leidtun, Bandit! Wir alle haben Dan sehr gemocht. Wir wissen, was wir ihm schuldig sind. Nicht wahr, Jungs?«

Das beifällige, aber auch drohende Gemurmel ringsum erfüllte Shannon mit Verzweiflung. Es waren fünf harte Burschen, in deren Gesichtern eine rauchige Vergangenheit ihre Spuren eingebrannt hatte. Das Bahnmarshal-Abzeichen, das jeder von ihnen trug, bedeutete für sie wahrscheinlich nicht mehr als einen gut bezahlten Revolverjob. Aber es waren Kerle, die zu ihrer Sache standen. Der Kampf für die Union Pacific hatte sie zusammengeschweißt. Dan war einer von ihnen gewesen, und sein Tod bewies ihnen mit grausamer Deutlichkeit, dass sie von ihren Gegnern keine Fairness erhoffen durften.

Shannon schüttelte den Kopf.

»Nicht Dan hat auf diese Verbrecher geschossen, ich war es!«

»Treib es nicht zu weit, du Lump!« Die eckige Miene des Schnurrbärtigen spannte sich drohend.

»Seht doch seinen Colt nach!«, keuchte Shannon. »Seht doch, ob ihr eine von diesen verfluchten schwarzen Masken bei mir findet!«

Der Gedrungene trat einen Schritt zurück und kniff die Augen zusammen.

»Joe!«, bellte er, ohne den Kopf zu wenden. »Suche in seinen Satteltaschen! Mike, nimm dir Dans Colt vor!«

Tritte malmten. Nach wenigen Sekunden meldete Mike: »Leergeschossen!«

Der Schnurrbärtige drehte den Kopf zur Seite und spuckte aus. Hass glitzerte in seinen hellen Augen.

»Na also! Glaubst du immer noch, du Hundesohn, dass du nicht hängen wirst?«

»Dazu habt ihr keine Recht! Ich …« Ein Faustschlag verschloss Shannon den Mund.

»Wartet!«, rief eine kühle, befehlsgewohnte Stimme. »Wir sind keine Mörder. Er soll seine Chance haben, wenn er uns sagt, wer sich hinter der Maske von Captain Black verbirgt.«

Ein schlanker, städtisch gekleideter Mann, etwa fünfzig Jahre alt, stieg aus dem rotlackierten Waggon. Die Sonne warf einen silbernen Schimmer auf sein graues, in der Mitte gescheiteltes Haar. Er hielt sich sehr aufrecht. Scharfe blaue Augen funkelten hinter einer Brille mit vergoldetem Rahmen. Sein Nadelstreifenanzug war maßgeschneidert. Ein Diamantring blitzte an seiner gepflegten Rechten. Er sah aus wie ein Mann, der die meiste Zeit hinter dem Schreibtisch und in exklusiven Clubs und Salons verbrachte. Aber es war nichts Weichliches, nichts Geckenhaftes an ihm. Sein schmales, ein wenig farbloses Gesicht war kantig. Er blieb ein paar Schritte vor Shannon stehen.

»Wie heißt du?«

»Jim Shannon. Wenn Sie der Boss dieser verrückt gewordenen Burschen sind, dann sorgen Sie dafür, dass ich endlich freikomme. Ich bin kein Verbrecher, sondern ...«

Der Colt des Schnurrbärtigen war wieder vor seinem Gesicht. Der Metallhammer knackte.

»Kein Wort mehr, wenn du nicht gefragt bist! Und damit du Bescheid weißt, mit wem du’s zu tun hast: Du stehst vor Mr. Larrabee, dem mächtigsten Mann der Union Pacific Railroad Company in Wyoming und Nebraska.

»Na und?«

Die blauen Augen hinter der Brille funkelten stärker.

»Du weißt genau, dass ich mächtig genug bin, darüber zu entscheiden, ob du gehenkt wirst oder am Leben bleibst. Du weißt auch, dass die Städte an der Bahnlinie vom Geld der Union Pacific leben, von meinem Geld, weil ich einer der Hauptaktionäre der Gesellschaft bin. - Stelle dich nicht dumm, Shannon! Ihr habt es nicht darauf abgesehen, die Bahn, sondern auch meine Banken von Oga Uala bis hinüber nach Rawlins zu ruinieren. Ich habe also keinen Grund, einen von euch Halunken mit Samthandschuhen anzufassen, nach allem, was ihr bereits angerichtet habt. Je früher du kapierst, dass du nur am Leben bleibst, wenn du redest, umso besser für dich. Also?«

»Sie haben den falschen Mann erwischt, Larrabee! Dan Torrence war mein Freund. Ich war hier mit ihm verabredet.«

»Unverschämter Lügner!«, knirschte der Schnurrbärtige. »Joe, zum Teufel, hast du seine Maske endlich gefunden?«

»Nichts!«, meldete der Mann bei Shannons totem Pferd mürrisch. Der Schnurrbärtige fluchte. Aber Larrabee verzog keine Miene. Er drehte sich nach einem großen, sehnigen Mann um, der mit dem Stetson in den Händen reglos bei Torrence stand und auf ihn hinabblickte, als hätte er alles andere um sich vergessen. Der Wind zauste sein dunkelblondes strähniges Haar. Der Kolben seines tiefgeschnallten 45er Colts war mit Kerben bedeckt. Auch an seiner Jacke blinkte der von einem Wappenkranz umschlossene Stern eines Railroad Marshals.

»Whitlow!«, rief Larrabee. »Dieser Kerl behauptet, ein Freund von Torrence zu sein. Er nennt sich Jim Shannon.«

Der Sehnige wandte langsam den Kopf. Sein kantiges Gesicht wirkte wie aus Stein gehauen. Kalte graue Augen starrten den Satteltramp durchdringend an. Vier, fünf Sekunden verstrichen, ehe der Mann sich ohne Eile in Bewegung setzte. Er kam dicht an Shannon heran. Der Schnurrbärtige trat schweigend zur Seite. Shannon spürte die Gefahr, die von Whitlow ausging. Er brauchte keine langen Erklärungen, um zu begreifen, dass Whitlow hier gleich nach Larrabee der große Mann war, der Anführer der um Larrabee versammelten Bahnmarshals. Seine Bewegungen besaßen die Kraft und lässige Geschmeidigkeit einer Raubkatze. Er setzte langsam den Hut auf, zog den Kinnriemen fest, den Blick unverwandt auf Shannon gerichtet. Plötzlich, ohne dass der Ansatz einer Bewegung zu erkennen war, zuckte seine geballte Rechte hoch. Ein Schlag wie ein Huftritt, der Shannons Kopf nach hinten riss. Er wäre gestürzt, hätten ihn die anderen nicht festgehalten. Funken tanzten vor seinen Augen. Der Sehnige stand schon wieder mit locker herabhängenden Armen und steinerner Miene vor ihm.

»Ich bin Floyd Whitlow. Behaupte nie mehr, dass Dan Torrence dein Freund war, Desperado, wenn du nicht auf der Stelle aufgeknüpft werden willst! Mag sein, dass es einen Verräter unter Mr. Larrabees Leuten gibt, weil ihr Hundesöhne immer genau wisst, wann und in welchem Zug der Union Pacific was zu holen ist. Aber ich leg meine Hand dafür ins Feuer, dass Dan mit euch Schuften nichts zu schaffen hatte. Zufälligerweise war er nämlich auch mein Freund! Der beste Mann in meiner Crew! Der Mann, der es schaffen konnte, endlich eine heiße Spur von Captain Black, diesem Oberschurken, aufzuspüren. Ich schätze, er war dicht daran, sonst hättet ihr ihn nicht umgelegt.«

»Verdammt noch mal!«, rief Shannon halb wütend, halb verzweifelt. »Will es denn niemand von euch in den Kopf, dass ich keiner von den Eisenbahnräubern bin? Dan hat mich hergerufen, ihm zu helfen, Captain Black zur Strecke zu bringen!«

»Verrückt, wenn du glaubst, mit dieser Geschichte durchzukommen! Dan hatte hier genug Freunde, auf die er zählen konnte. Warum sollte er sich gerade an einen wenden, der nicht zu unserer Crew gehört?«

»Hast du nicht selbst die Möglichkeit eingeräumt, dass es einen Verräter unter Mr. Larrabees Leuten gibt?«

»Aber keinen Verräter unter meinen Männern!«, erklärte Whitlow schneidend. »Außerdem, er hat nie von dir gesprochen. Jim Shannon? Nie gehört! Etwa einer von euch?« Sie schüttelten die Köpfe. Ein gefährlicher Glanz erschien in Floyd Whitlows grauen Augen. »Besser, du rückst endlich mit der Wahrheit raus, Shannon.«

»Dan hat einen Boten mit einem Brief für mich nach Casper geschickt. Einen Mann namens Travitt.«

»Ebenfalls nie gehört. Was stand in dem Brief?«

»Sagte ich doch schon. Ich sollte herkommen.«

»Okay, dann zeig mir mal den Brief, Shannon.«

Shannon verbiss die Verwünschung, die ihm auf der Zunge lag.

»Ich habe ihn verbrannt.«

»Genauso habe ich's mir vorgestellt« ,nickte Whitlow höhnisch. Er wandte sich wieder an die anderen. »Kennt einer von euch die beiden Burschen, die Dan noch erledigen konnte?« Erneutes Kopfschütteln. Eine scharfe Falte erschien zwischen Whitlows Brauen. »Sie haben also Fremde angeheuert. Sie wollen uns auf eine falsche Spur locken. Aber das wird deinen Auftraggebern nicht gelingen, Shannon. Wir wissen, dass die verdammten Kühezüchter aus den Medicine Bow Mountains ihre Hand im Spiel haben. Diese dickschädeligen Kerle, die es nicht verdauen konnten, dass die Bahn durch ein Gebiet gebaut wurde, das sie für sich beanspruchten, obwohl es rechtmäßig der Regierung gehörte. Burschen, die die Union Pacific und Mr. Larrabee wie die Pest hassen. Einer von ihnen ist mit Sicherheit Captain Black. Sag mir den Namen. Shannon! Es ist deine einzige Chance, am Leben zu bleiben!«

»Ich kenne ihn nicht! Ich ...«

»Rankin!«, wandte sich Whitlow im Befehlston an den schnurrbärtigen Gedrungenen. »Bring ein Seil!« Er wies auf die alte knorrige Weißeiche hinter dem Stationsblockhaus.

Shannon bäumte sich auf.

»Das ist gegen jedes Gesetz!«

»Nicht gegen das Gesetz der Bahn, das wir vertreten! Ihr verdammten Schurken habt mit dem Rauben und Morden angefangen. Kein Zug, kein Geldtransport ist mehr vor euch sicher. Ihr habt uns einen Krieg aufgezwungen, den wir nicht wollten. Dan ist nun schon der vierte Mann aus unserer Mitte, den ihr erwischt habt, ihr verfluchten Mörder! Ihr lasst uns keine andere Wahl, als mit allen erdenklichen Mitteln zurückzuschlagen. - Du brauchst nur zu reden, Shannon!«

Schweiß glänzte auf Shannons Stirn. Er brauchte nur in Whitlows kalte Augen zu sehen, um zu wissen, dass dieser harte Mann nicht bluffte.

»Ich habe alles gesagt! Was ihr vorhabt, ist Mord!«

»Und was habt ihr mit Dan gemacht, ihr Bastarde? Rankin, zum Teufel, wo bleibt das Lasso?« Whitlow wandte den Kopf.

Mit einem wilden, verzweifelten Ruck riss Shannon sich von seinen Bewachern los. Mit einem Satz war er bei Whitlow, knallte ihm die Faust seitlich unter das Kinn und versuchte an ihm vorbeizukommen. Der Schwinger hätte einen Grizzly fällen können, doch Whitlow schien ein Kinn aus Granit zu besitzen. Der Hieb riss ihn zwar halb herum, aber er fiel nicht.

Shannon kam an ihm vorbei, aber da war der Druck einer Coltmündung zwischen seinen Schulterblättern. Er erstarrte. Er spürte die Anspannung, den Hass des Mannes hinter sich, hörte seine gepressten Atemzüge. Eine Sekunde lang hing sein Leben an einem hauchdünnen Faden. Dann befahl Whitlow scharf: »Steht nicht da und glotzt! Packt ihn! Fesselt ihn!«

Sie stürzten sich auf ihn, rissen ihn zu Boden. Schläge trafen ihn. Sie schnürten ihm die Hände zusammen. Rankin kam mit dem Seil und streifte Shannon die Schlinge über den Kopf.

»Halt!« Larrabees Ruf und seine erhobene Hand genügten, dass die rauen Kerle sofort von Shannon abließen. Das schmale, energische Gesicht mit den glitzernden Brillengläsern neigte sich über den staubbedeckten Mann am Boden. »Du stirbst für einen Mann, auf dessen Ergreifung die Bahn fünftausend Dollar Belohnung ausgesetzt hat. Ich könnte dafür sorgen, dass du sie bekommst, wenn du ...«

»Ich kenne ihn nicht!«

Der Railroad Boss richtete sich auf.

»Schafft ihn in den Wagen! Wir nehmen ihn mit nach Cheyenne. Vielleicht überlegt er’s sich anders, wenn er von seiner Zelle aus zusieht, wie der Galgen für ihn gezimmert wird.«

 

 

3

Der Zug bremste so heftig und unvermittelt, dass es die Männer in Larrabees Waggon fast von den ledergepolsterten Sitzbänken riss. Puffer knallten zusammen, Kupplungen klirrten. Whitlow und seine Railroad Marshals sprangen blitzschnell auf und verteilten sich mit schussbereiten Gewehren und Revolvern an den Fenstern, noch ehe die Wagen mit kreischenden Rädern zum Stehen kamen. Kein Wort war nötig. Jeder kannte seinen Platz, seine Aufgabe.

Nur Gordon D. Larrabee, Bankier und Hauptaktionär der Union Pacific, blieb gelassen sitzen. Auf einer schreibtischähnlichen Platte, die anstelle einer ausgebauten Sitzbank eingebaut war, stapelten sich vor ihm Papiere, Akten, Urkunden. Larrabees einzige Geste der Unruhe war, dass er die Schriftstücke ein wenig beiseite schob und seine dünne schwarze Zigarre im vergoldeten Aschenbecher ausdrückte.

Der stiernackige Rankin, der Shannon mit dem Colt in der Faust bewachte, zerrte den Gefangenen hoch und schob ihn mit der Waffe neben eines der Waggonfenster.

»Wenn irgendwo da draußen ein Schuss fällt, dann bist du garantiert der erste, den es erwischt!«, drohte er grimmig.

Eine Weile war nur das laute Tuckern und Stampfen der Lok zu hören, die dicke schwarze Rauchwolken in den Frühlingshimmel puffte. Zu beiden Seiten des niedrigen Bahndamms dehnte sich die sonnenbeschienene Prärie, da und dort ein paar blühende Sträucher, aber nirgends ein Platz für einen Hinterhalt. Nirgends ausreichend Deckung für irgendwelche Schützen, um den haltenden Zug unter Feuer zu nehmen. In der glasklaren Luft wirkten die bewaldeten Hänge der Medicine Bow Mountains am westlichen Horizont zum Greifen nah. Der Wind jagte ein paar Rauchfetzen an den Waggonfenstern vorbei.

Auf Whitlows Wink kurbelte einer der Marshals ein Fenster herab und streckte seinen Kopf hinaus.

»He, zum Teufel, was ist los da vorne? Warum ...« Er zuckte zurück und starrte Whitlow an. »Ein Wagen, Floyd! Er liegt mit einem gebrochenen Rad quer über den Schienen!«

Ein heiserer Ruf wehte von der Lok. Whitlows scharfgeschnittenes Gesicht straffte sich noch mehr. Ein kaltes Funkeln erschien in seinen grauen Augen.

»Wenn das keine Falle ist! Brad, verdammt noch mal, sag Thornton, er soll zufahren! Mit Volldampf! Meinetwegen kann er den Wagen rammen ...«

»Da ist eine Frau, Floyd!«, rief Brad, der nach vom spähte, aufgeregt.

»Was sagst du da?« Whitlow öffnete ebenfalls ein Fenster, beugte sich halb hinaus. Der Schienenstrang beschrieb hier eine sanfte Biegung, so dass Shannon von seinem Platz neben dem letzten Fenster das Fahrzeug ebenfalls sehen konnte. Es war ein hochrädriger Planwagen, der mit gebrochener Hinterachse zwischen den Geleisen hing und sich offenbar so festgeklemmt hatte, dass die beiden Maultiere ihn nicht wegziehen konnten. Ein zersplittertes Rad lag auf den Schwellen. Shannon vergaß Rankins Colt, der gegen seine Rippen drückte, als er die Frau sah.

Sie stand neben dem Fuhrwerk und winkte verzweifelt. Auf die Entfernung war ihr schmales Gesicht nicht genau zu erkennen, aber ihre schlanke, makellose Figur genügte, um das Herz eines Mannes höher schlagen zu lassen. Ihr knöchellanges, bis zu den weich gerundeten Hüften eng anliegendes helles Kleid flatterte im Wind. Das hochgesteckte kupferfarbene Haar leuchtete wie eine Flamme.

Whitlow runzelte die Stirn. Ein Mann, dessen Misstrauen nicht so leicht einzuschläfern war. Sein Blick schweifte nochmals über das Gelände neben dem Schienenstrang. Auch Shannon konnte beim besten Willen nichts Verdächtiges entdecken.

Whitlow trat vom Fenster weg und ließ den Colt sinken. Shannon wartete vergeblich darauf, dass auch Rankin den Sechsschüsser wegsteckte. Der Schnurrbärtige machte noch immer ein Gesicht wie eine bissige Bulldogge. Shannon zweifelte nicht daran, dass er abdrücken würde, wenn eine Kugel durchs Fenster hereinflog.

»Brad, Will, lauft nach vorn!«, befahl Whitlow. »Helft ihr, den verdammten Kasten von den Geleisen wegzubringen! Aber Vorsicht, Jungs! Es könnte immerhin sein, dass sich ein paar Halunken unter der Wagenplane verstecken.«

»Wir schießen sofort und stellten erst hinterher die Fragen!«, grinste einer der beiden Aufgerufenen. Sie verließen den Waggon über die hintere Plattform, jeder mit einem durchgeladenen Remingtonkarabiner in den Fäusten.

Whitlow war ein Mann mit Erfahrung, doch auf das, was nun folgte, war auch er nicht vorbereitet. Shannon, der wieder einen Blick nach vorn riskierte, bekam eine trockene Kehle, als die junge, hellgekleidete Frau plötzlich verschwunden war. Er hörte noch das Knirschen des Schotters unter den Stiefeln der Marshals am hinteren Waggonende, da ging es auch schon los.

Die Kerle mit den schwarzen Gesichtsmasken tauchten im wahrsten Sinne des Wortes wie aus dem Boden gewachsen neben dem Bahndamm auf. Es war die am besten vorbereitete Falle, die Shannon je erlebt hatte - und er steckte mittendrin, mit Rankins schwerkalibrigem Sixshooter an den Rippen.

Der Boden neben den Geleisen schien plötzlich aufzubrechen. Grasbewachsene Erdschollen, Sand und Steine, die auf mit Zweigwerk abgestützten Decken gebreitet gewesen waren, flogen auseinander. Eine Reihe von Löchern und Gruben klaffte plötzlich neben den Schienen. Schwer bewaffnete maskierte Männer schnellten aus ihnen. Ein Pfiff schrillte.

Alles ging so schnell, dass Brad und Will keine Kugel mehr aus ihren Karabinern brachten. Sie sackten unter Gewehr- und Revolverkolben nieder. Im nächsten Moment tauchten schon die ersten Banditen in der offenen Waggontür auf der hinteren Plattform auf. Unheimliche, gesichtslose Gestalten. Drohend funkelnder Waffenstahl.

Rankin war einen Moment starr vor Schreck und Überraschung. Shannon wollte lieber nicht darauf warten, bis er sich davon erholte und wieder mal falsche Schlüsse zog. Es war eine Sekunde, in der es für ihn um Leben und Tod ging. Shannon reagierte entsprechend. Hinterher hatte Rankin das Gefühl, dass er einen schlafenden Tiger bewacht hatte. Der Fluch blieb ihm in der Kehle stecken.

Shannons große, schlanke Gestalt glich einer losschnellenden Stahlfeder. Eine Drehung, ein verzweifelter Schmetterhieb mit den vorn zusammengebundenen Fäusten, und der gedrungene Bahnmarshal sauste zwischen die Sitzbänke auf der anderen Waggonseite. Geistesgegenwärtig ließ sich der Satteltramp fallen. Keine Sekunde zu früh.

Das Dröhnen von Revolverschüssen füllte den Waggon wie eine Dynamitexplosion. Schreie gellten. Beizende Pulverdampfwolken zogen durch die offenen Fenster ab. Einer von Whitlows Männern lehnte stöhnend mit blutender Schulter an der Wand. Sein Gefährte, der gleich neben der Tür gestanden war, hing bewusstlos über der Rückenlehne einer Sitzbank. Vier, fünf Revolvermündungen starrten Whitlow und Larrabee an.

»Fallen lassen!« Eine Stimme wie klirrendes Metall. Der Anführer der Eisenbahnräuber trug eine schwarze Tuchmaske wie die anderen, die von seinem Gesicht nur die drohend glitzernden Augen sehen ließ. Ein großer, geschmeidiger Mann, ganz in schwarzes Leder gekleidet.

»Captain Black!«, murmelte Whitlow gepresst. Seine Wangenmuskeln verkrampften sich. Nach einer Sekunde, die fast eine halbe Ewigkeit war, schlug sein 45er Colt auf den Waggonboden. Zwei der Banditen hielten ihn in Schach. Der Revolver des Bandenführers richtete sich auf Gordon D. Larrabee, der wie versteinert hinter der Schreibtischplatte saß.

»Mitkommen!“ Die Stimme war verstellt, aber die wilde, hasserfüllte Entschlossenheit in ihr war echt.

Larrabee erhob sich langsam. Sein schmales, kantiges Gesicht wirkte noch eine Spur fahler als sonst. Die blauen Augen hinter den dicken Brillengläsern zeigten jedoch keine Furcht.

»Was wollt ihr von mir? Wie habt ihr rausbekommen, dass ich heute mit einem Sonderzug von Rawlins auf der Rückfahrt nach Cheyenne bin?«

Keine Antwort, nur ein schneidendes: »Bringt ihn hinaus!«

Zwei Maskierte packten den Railroad-Boss links und rechts. Larrabee war klug genug, sich nicht zu wehren, als sie ihn zur Tür schleiften.

»Das werdet ihr noch büßen! Die Bahn wird nicht ruhen, bis sie euch alle zur Strecke gebracht hat!«

»Die Bahn wird hunderttausend Dollar bezahlen, um dein Leben zu retten, du Narr!« Ein hartes Auflachen kam unter der schwarzen Tuchmaske hervor. »Hunderttausend Dollar von deinem eigenen Geld. Du hast ja genug davon!«

Draußen wieherten Pferde, stampften Hufe. Vielleicht waren die Tiere in einer vom Zug aus nicht einzusehenden Senke verborgen gewesen. Gedämpfte Stimmen schwirrten durcheinander. Vom Lokführer und Heizer war nichts zu hören. Sicher hatten die Banditen sie genauso schnell überwältigt wie Larrabees Schutzmannschaft.

Shannon kniete mit vorn zusammengebundenen Händen zwischen den Sitzbänken. Die Schurken konnten nicht sehen, dass Rankins Colt nur wenige Handbreit neben ihm lag. Shannon dachte an Dan Torrence, an das einsame Grab auf der verlassenen White Oak Station. Er brauchte seine ganze Willenskraft, um die Waffe nicht hochzureißen und zu feuern. Er presste die Lippen zusammen. Die Schussnarbe an seiner rechten Schläfe schimmerte wie ein Kreidestrick. Seine Stunde würde noch kommen! Dazu musste er am Leben bleiben!

Captain Blacks glitzernde Augen hefteten sich auf ihn. Die Augen des Mannes, der das Todesurteil über Shannons ehemaligen Sattelpartner verhängt hatte!

»Warum haben sie dich geschnappt? Wer bist du?«

Shannon ballte die Fäuste. Alles in ihm fieberte danach, diesem großen, schwarz gekleideten Schurken an die Kehle zu springen. Er zwang sich zu einem scharfen Grinsen.

»Du wirst mich noch kennenlernen, Bandit. Ich bin der Mann, der dich hinter Schloss und Riegel bringt!«

Einer von den Halunken, die Whitlow bedrohten, schwenkte sofort die Waffe herum. Das Glitzern in Captain Blacks Augen schien sich einen Moment noch zu verstärken, dann winkte er ab. Die anderen hatten Larrabee hinausgeschleppt. Ein schriller Pfiff verkündete, dass die Bande zum Aufbruch bereit war.

»Wünsche dir lieber nicht, dass wir uns wiedersehen, du Witzbold!«, rief der Bandenboss Shannon zu, ehe er ebenfalls den Waggon verließ. Die beiden zurückbleibenden Maskierten hatten offenbar genaue Anweisung, zu verhindern, dass ihnen ’ne Kugel nachgesandt wurde. Einer blieb an der Tür, der andere bewegte sich auf dem Gang zwischen den Sitzbänken auf Floyd Whitlow zu.

Die sehnige Gestalt des Bahnmarshals duckte sich. Seine Augen suchten den am Boden liegenden Colt, schätzten die Entfernung. Whitlow war sonst bestimmt ein Mann, der jederzeit genau wusste, was er tat. Aber er war kein Mann, der jederzeit eine Niederlage vertrug. Und dies war die Stunde seiner schlimmsten Demütigung. Larrabees Entführung vor seinen Augen! Das war eine Schlappe, mit der er sich nicht abfinden konnte. Shannon wollte ihm eine Warnung zurufen. Da warf Whitlow sich schon auf die Knie, packte die Waffe.

Der Revolver des Banditen blitzte, während Whitlow versuchte zwischen die Sitzbänke in Deckung zu gelangen. Gleichzeitig ergriff Shannon Rankins Colt und schoss auf die vom Pulverdampf umbrodelte Gestalt des Verbrechers. Der Kerl taumelte mit einem heiseren Schrei zurück. Shannon warf sich zur Seite. Wo er eben noch gekniet hatte, schlitzte die Kugel des Maskierten das Lederpolster auf. Die Fensterscheiben klirrten.

Draußen hämmerten Kufe los. Jemand schrie:

»Verschwindet! Lasst euch auf keinen Kampf ein! Wir haben Larrabee, das genügt!«

Whitlows Colt krachte abermals, aber die Kugel schmetterte in die hinter den fliehenden Banditen zufallende Waggontür. Der große, sehnige Railroad Marshai tauchte schwankend zwischen den Sitzbänken auf. Blut tropfte von seinem rechten Arm. Er umklammerte den Sechsschüsser mit der Linken. Sein hartes Gesicht war grau. Ein wildes Feuer loderte in seinen sonst so kalten, beherrschten Augen. Er wollte zum Fenster. Schüsse rasten draußen auf und warfen einen Scherbenwirbel durch den Wagen. Shannon riss Whitlow mit den gefesselten Händen zurück.

»Willst du Larrabee treffen, Mann?«

Whitlow fuhr so heftig herum, dass Shannon einen Schlag erwartete. Dann hatte sich der Boss der Bahnmarshals schon wieder in der Gewalt. Er halfterte die Waffe. Ein mühsames Grinsen verzog seine Mundwinkel.

»Verdammt! Und dich hätten wir um ein Haar aufgeknüpft! Komm her, Rankin! Glotz nicht so dämlich! Binde ihn los!«

Benommen rappelte sich der Schnurrbärtige zwischen den Sitzen auf. Whitlow lauschte auf das Trommeln der über die Prärie davonstiebenden Hufe. Er streifte seinen rechten Ärmel hoch. Die Kugel hatte einen tiefen Riss über seinen Unterarm gezogen. Whitlow verband ihn mit seinem Halstuch. Er verzog keine Miene dabei. Seine Gedanken waren woanders.

»Rankin, du übernimmst hier das Kommando!«, entschied er im Ton eines Mannes, der nichts außer seiner Aufgabe im Kopf hat. »Bring den Zug und die Verwundeten nach Cheyenne! Trommle dort alle Marshals der Bahn zusammen! Aber unternehmt nichts, bevor ihr nicht Nachricht von mir bekommt.«

»Was hast du vor, Floyd?«

»Ich werde mein Pferd aus dem Viehwaggon holen und diesen verdammten Schienenteufeln folgen. Ein Mann hat mehr Chancen, von ihnen nicht entdeckt zu werden, als wenn wir alle zusammen wie die Wilden losjagen.«

»Richtig!«, mischte sich Shannon ein. »Aber noch mehr Chancen hat ein Mann mit einer gesunden Schusshand. Einer, der sich nicht mit einer Streifwunde ‘rumärgern muss, die eigentlich vom Doc behandelt werden müsste.»

Whitlow hob ruckartig den Kopf. Sein Blick war durchdringend. »Du?«

Shannon starrte genauso kalt zurück.

»Traust du mir noch immer nicht?

Whitlow schüttelte den Kopf.

»Du hättest allen Grund, Larrabee und die Bahn zum Teufel zu wünschen und nicht auch noch deinen Skalp für sie zu riskieren.«

»Nicht für die Bahn, für einen toten Freund.«

Eine Sekunde verging, dann blickte Whitlow Rankin an.

»Gib ihm den Braunen mit der Stirnblesse! Es ist unser bestes Pferd.»

 

 

4

Fünf Stunden später endete die deutliche Fährte der Eisenbahnbanditen an einem kristallklaren seichten Fluss in den hügeligen Ausläufern der Medicine Bow Mountains. Es war der Little Bear River, der sich ostwärts durch die Prärie zum North Platte schlängelte. Bienengesumm erfüllte das frischbelaubte Zweigwerk.

Shannons Miene verriet weder Zorn noch Enttäuschung. Er hatte nichts anderes erwartet, als dass die Bande irgendwann versuchen wurde, ihre Spur auszulöschen,

Details

Seiten
136
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738954067
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Mai)
Schlagworte
shannon schienenteufel
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Titel: Shannon #19: Shannon und die Schienenteufel