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11 Thriller Riesen Krimi Sommer Paket 2021

von Alfred Bekker (Autor:in) Theodor Horschelt (Autor:in) Glenn Stirling (Autor:in) Cedric Balmore (Autor:in) G. S. Friebel (Autor:in)
2021 1100 Seiten

Leseprobe

11 Thriller Riesen Krimi Sommer Paket 2021

Alfred Bekker, Cedric Balmore, Glenn Stirling, G.S. Friebel, Theodor Horschelt

Dieser Band enthält folgende Krimis:


Theodor Horschelt: Kennwort: Pluto

Cedric Balmore: Genie in Ketten

Glenn Stirling: Archibald Duggan und der Engel mit den Teufelskrallen

Cedric Balmore: Das geheimnisvolle Blockhaus

Cedric Balmore: Wer einmal einen Mord begeht

G.S.Friebel: Die kesse Nola liebt gefährlich

Theodor Horschelt: Dreimal falsch verbunden

Alfred Bekker: Stadt der Schweinehunde

Alfred Bekker: Tod eines Schnüfflers

Alfred Bekker: Münster-Wölfe

Alfred Bekker: Auftrag für einen Schnüffler



Kidnapping ist schlimmer als Mord. Da ist es für den Ermittler Jack Braden keine Frage, sofort den Fall zu übernehmen, als ausgerechnet der Chef des Rauschgiftdezernats aus Chicago zu ihm kommt, weil man seinen neugeborenen Sohn entführt hat. Doch die Entführer sind schlau, und Braden muss mehr als nur kombinieren können, um den Kidnappern auf die Spur zu kommen.



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author /COVER STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Alles rund um Belletristik!

Kennwort Pluto


Kriminalroman von Theodor Horschelt


Der Umfang dieses Buchs entspricht 213 Taschenbuchseiten.


FBI-Agent Mac Dolan verbringt mit June ein paar Urlaubstage in Miami. Ohne sein Zutun wird er in die zwielichtige Sphäre internationaler Spionage verwickelt. Ein Major Randers hat für die Landesverteidigung unschätzbare Pläne in Feindeshand fallen lassen. Dolan fühlt, hier muss er ohne Auftrag eingreifen, sonst ist die ganze westliche Welt in Gefahr.

Fast ohne Anhaltspunkt nimmt Mac den Kampf auf. Er hat keine Hoffnung, den mysteriösen Feind aus dem Dunkel zu stellen. Eine unübersehbare Katastrophe bahnt sich an.

Ein Krimi aus der Zeit des „Kalten Krieges“.



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Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Nach Motiven von Pexels mit Steve Mayer, 2020

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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I

Miami verdient von allen Städten Floridas am meisten wohl die Bezeichnung erstaunlich. In knapp fünfzig Jahren ist aus einer Ansiedlung auf Sümpfen, Korallenriffen und Sanddünen eine Stadt von zweihundertfünfzig-tausend ständigen Bewohnern geworden, und jeder Besucher, der hier zum ersten Mal eintrifft, ist von dieser Stadt aus blendend weißen und gelben Wolkenkratzern beeindruckt, die sich von der satten Bläue des Meeres wie eine Sammlung Edelsteine abheben.

Die angestammte Bevölkerung nimmt es als ihr gutes Recht, dem erholungsuchenden Fremden auf möglichst nonchalante Weise das Geld aus der Tasche zu ziehen, und sie wird durch die innere Bereitschaft des Fremden dazu auch noch ermuntert.

Bei Weitem der bedeutendste aller Badeorte in Florida, wacht Miami eifersüchtig darüber, dass ihm nicht der Rang abgelaufen wird. Selbst die Vorzüge im fernen Kalifornien, das allein durch seine natürlichen Gegebenheiten eine Konkurrenz für Florida bildet, werden von den einheimischen Zeitungen sorgfältig verfolgt. Man gießt die Schale des Hohns über die Konkurrenz aus und wacht in echter Besorgnis darüber, dass niemand auf die Idee kommt, San Diego, Long Beach oder Santa Barbara Miami etwa vorzuziehen.

Auch als Verkehrszentrum hat Miami dank seiner ausgezeichneten Hafenanlagen und der großen Flugplätze einige Bedeutung. Die großen amerikanischen Luftverkehrsgesellschaften benützen den Badeort als Stützpunkt für den Verkehr mit Mittel und Südamerika. Aber diese Seite der erstaunlichen Stadt tritt gegenüber dem Fremdenverkehr etwas zurück. Große Hotelpaläste sorgen für die Bequemlichkeit des Reisenden, sofern er genügend Dollars in der Brieftasche stecken hat. Wett- und Glücksspiele werden außerordentlich groß geschrieben, und Pferde- und Windhunderennen sind an der Tagesordnung, ganz abgesehen von all den lasterhaften und verbotenen Genüssen, die dem Suchenden trotz ihrer Ungesetzlichkeit in reichem Maße zur Verfügung stehen.

Alles in allem genommen ist dieser große Badeort in Florida nur aus der besonderen amerikanischen Mentalität heraus zu verstehen, so dass gerade der europäische Besucher nicht so entzückt ist wie der Amerikaner, der diese Art von Business im Bereich seines eigenen Lebens mit mehr oder weniger Erfolg ständig durchführt.


*

Nach Abwicklung seiner letzten anstrengenden Aufträge hatte sich auch Mac Dolan zusammen mit June, seiner Frau, gleich nach Jahresbeginn nach Miami zurückgezogen, um dort in aller Ruhe eine karge Woche wohlverdienten Urlaubs zu genießen.

Das Hotel „Villa Biscaya“ war gerade die richtige Mischung zwischen Pension und Luxus-Fremdenherberge, und Mac fühlte sich außerordentlich wohl. Er hatte in der zweiten Etage ein schönes Doppelzimmer und gab sich an diesem Sonntag, an dem jene sonderbaren Ereignisse, von denen hier die Rede sein soll, begannen, die größte Mühe, die Zeit auf möglichst elegante Weise totzuschlagen.

Gegen zehn Uhr lag er hemdsärmelig auf seinem Bett und hatte seine buntfarbene Krawatte auf halb zwölf gedreht.

June, seine bildschöne, rothaarige Frau, stand am Toilettentisch und bürstete ihr Haar. Sie trug knappe Shorts und das Oberteil eines Badeanzugs.

June spürte die Blicke ihres Mannes und hielt in ihrer Beschäftigung inne. Langsam drehte sie sich um und gönnte Mac einen liebevollen Augenaufschlag.

„Du hast heute wieder Augen wie eine fleischfressende Pflanze“, sagte sie. „Pfui, Mac, wer wird denn seine eigene Frau so betrachten.“

Mac stieß ein wohlwollendes Grunzen aus und richtete sich auf seinem rechten Ellenbogen auf. „Zum einen“, erwiderte er mit gespieltem Ernst, „haben fleischfressende Pflanzen keine Augen und zum andern könnte ich dir aus dem Handgelenk fünf Millionen sechshundertfünfunddreißigtausend-vierhundertzwei Ehefrauen aufzählen, die froh wären, wenn sie noch das Objekt der Blicke ihres ihnen amtlich angetrauten Ehemannes wären.“

June nahm ihre vorherige Tätigkeit wieder auf.

In diesem Augenblick wurde diskret an die Zimmertür geklopft.

Mac ließ immer noch keinen Blick von seiner Frau. „Geh mal hin, Sonny“, knurrte er, „und sieh nach, wer es wagt, einen bedeutenden Mann in seiner Ruhe zu stören!“

June bürstete sorgfältig ihr herrliches Haar weiter. „Abraham Lincoln war ein bedeutender Mann“, erwiderte sie freundlich. „General Grant ebenso. Bei Dwight D. Eisenhower wird die Geschichte darüber zu entscheiden haben, ob er in die Kategorie der bedeutenden Männer einzureihen sei. Unter all den minimalen FBI-Agenten habe ich noch keinen zu Gesicht bekommen, den ich als bedeutend ansprechen würde.“

Es wurde erneut an die Zimmertür geklopft.

„Außerdem“, fuhr June fort, ohne sich in ihrer Beschäftigung stören zu lassen, „hättest du mir den Befehl, nachzusehen, geben können, als ich noch deine Sekretärin war. Jetzt bin ich deine Ehefrau. Da wirst du dich schon selbst bemühen müssen. Jetzt meutere nicht, sondern erhebe dich. Niemand hat dich gezwungen, mich zu heiraten!“

Mac Dolan erhob sich murrend. Im Vorbeigehen warf er seiner Frau einen sprechenden Blick zu. „Ich verstehe dich vollkommen, Juwel. Du meinst, ein Mann darf das nicht bereuen, was er völlig freiwillig getan hat. Es gäbe eine ganze Reihe von Philosophen, die eine solche Folgerung als Trugschluss bezeichnen würden, aber ich bin heute so sonderbar friedlich gestimmt. Ich habe nicht die Absicht, mit dir zu streiten.“

„Sag nur noch, der Klügere gibt nach“, grinste June. „Dann bin ich für heute bis zum Mittagessen bedient!“

Mac Dolan schmunzelte vor sich hin, ging zur Tür und streckte seinen Kopf nach draußen.

Am Gang stand der Etagenkellner und lächelte mit berufsmäßiger Freundlichkeit.

„Ich bitte um Entschuldigung wegen der Störung, Mr. Dolan. Aber der Gast aus Zimmer 49 verlangt nach Ihnen. Sie möchten so freundlich sein und zu ihm kommen.“

„Wenn mich wer sehen will, dann soll er mich schon selbst besuchen“, erwiderte Mac Dolan wenig erbaut.

Der Kellner zuckte bedauernd die Schulter. „Das würde der Gast sicher tun. Aber er ist krank. Er kann nicht kommen.“

Mac Dolan grinste freundlich. „Dann sagen Sie dem Gast in Zimmer 49 einen schönen Gruß von mir, und er täusche sich in meiner Person. Ich bin nicht Arzt, ich bin im Urlaub!“


*

Etwa zehn Minuten vergingen. June, die auf Körperpflege außerordentlich viel gab, ergänzte vorsichtig ihr Make-up und wandte sich dann mit strahlendem Lächeln ihrem Ehemann zu.

Gerade auf das Ehepaar Dolan konnte das alte Sprichwort Anwendung finden: was sich liebt, das neckt sich, und die vorhergegangenen Worte wurden selbstverständlich von beiden nicht ernst genommen.

June setzte sich zu Mac auf den Bettrand und schickte sich an, ihm einen Kuss zu geben.

Es klopfte wieder an die Tür. Aber diesmal nicht schüchtern, sondern fordernd.

Mac entzog sich der Umarmung seiner Frau und richtete sich abermals auf. „Wenn das wieder der Gast von Zimmer 49 ist“, knurrte er böse, „dann muss ich mal hingehen und ihm mit dem Papiertaschentuch die Mundwinkel reinigen!“

„Pfui, was bist du wieder ordinär“, sagte June. „Ich weiß ganz genau, was diese vornehme Umschreibung bedeuten soll.“

Sie wandte sich ab und räusperte sich vernehmlich. „Herein!“

Die Tür öffnete sich, und eine junge Frau von etwa fünfundzwanzig Jahren trat ein.

Sie trug eine Bluse, die jeder Staatsanwalt als bewusste Provokation bezeichnet hätte, und dazu enganliegende Hosen aus schwarzem Satin. Von der Figur der jungen Frau pflegte Mac später noch oft zu behaupten, sie habe einer Atombombe mit Zuckerglanz geglichen.

Trotzdem war die Frau für ihr Alter um eine Idee zu fett. Sie hatte blonde Haare, die vermutlich nicht der Güte der Natur zu verdanken waren, und ihr kluges, etwas asymmetrisches Gesicht wies Züge und Linien auf, die darauf schließen ließen, dass das Schicksal die junge Dame nicht immer pausenlos mit Schokolade gefüttert hatte.

„Guten Tag, meine Herrschaften“, sagte die Frau mit tiefer, etwas brüchiger Stimme. „Ich bitte sehr um Entschuldigung, dass ich störe, aber mich führt ein Anlass von einiger Wichtigkeit zu Ihnen.

Ich hatte vorhin den Kellner zu Ihnen geschickt, um Sie holen zu lassen, Mr. Dolan, aber Sie haben ihn offensichtlich nicht verstanden. Major Randers benötigt nicht einen Arzt, obwohl er verwundet ist, sondern einen Kriminalisten, und er lässt Sie sehr herzlich bitten, doch kurz zu ihm zu kommen. Er fiebert und kann sich selbst nicht helfen.

Mac Dolan hatte sich bei den letzten Worten der jungen Dame erhoben. „Hallo“, sagte er. „Ich bin Dolan. Wie, zum Donnerwetter, haben Sie mich hier ausfindig gemacht? Das hier übrigens ist meine Frau. Sie heißt June. Darf ich fragen, mit wem ich das Vergnügen habe?“

Die junge Frau nickte anmutig. „Ich bin Susi Astor. Aber meine Person spielt keine Rolle. Würden Sie die große Güte haben, Mr. Dolan, und mich zu Major Randers begleiten?“

„Schon als halbwüchsiger Bengel“, grinste der riesige, breitschultrige Mann breit, „habe ich nie Nein gesagt, wenn mich ein attraktives Mädchen um meine Begleitung bat. Gehen wir also!“

Susi Astor lächelte June um Entschuldigung bittend an. „Entschuldigen Sie, Mrs. Dolan, aber für die Bezeichnung kann ich wirklich nichts.“

June war weit davon entfernt, irgend etwas übelzunehmen. Sie hob neckisch die Hand und sagte lächelnd: „An derartige Ausdrücke müssen Sie sich bei meinem Mann gewöhnen. Er meint es nicht böse. – Und du, Mac, geh ruhig mit Miss Astor. Solltest du bis Mitternacht nicht zurück sein, lasse ich dich durch die Polizei suchen!“


*


Mac Dolan folgte der jungen Dame bis zum Lift. Die beiden stiegen ein und fuhren zur dritten Etage hinauf. Susi Astor führte den FBI-Agenten bis zu einer Zimmertür und öffnete sie leise.

Mac trat ein.

Er stand in einem ziemlich luxuriös eingerichteten Einzelzimmer. Auf dem Bett wälzte sich ein vielleicht vierzig Jahre alter Mann. Mac konnte nicht viel von ihm erkennen, aber er sah, dass das breite Gesicht des Mannes in einem gewissen Gegensatz zu seinem schlanken Wuchs stand.

Der im Bett Liegende trug einen Schlafanzug. Der rechte Ärmel der Jacke war leer. Mac konnte einen durchbluteten Verband am Oberarm des Kranken erkennen.

Der Mann wälzte sich unruhig und murmelte etwas vor sich hin. Auf seiner Stirn stand Schweiß.

Susi Astor kam mit einem Waschlappen und wischte sorgfältig den Schweiß von der Stirn des Mannes weg.

„Lionel“, sagte sie. „Lionel, Mr. Dolan ist gekommen! Bitte, wach auf. Du kannst jetzt mit ihm sprechen.“

Dolan kam die Sache etwas komisch vor. Er trat neugierig einen Schritt näher. In dem Augenblick richtete sich der Verwundete auf, um gleich darauf mit einem leisen Aufstöhnen wieder zurückzusinken.

„Ich bin Dolan“, sagte Mac mit einer knappen Verbeugung kurz. „Ich vermute, dass ich das Vergnügen mit Major Randers habe? Darf ich erfahren, was anliegt?“

Der Major gönnte Mac Dolan einen vollen Blick und begann dann leise zu sprechen. Er hatte in seinem kultivierten Amerikanisch einen leisen Akzent, aber Mac konnte im Augenblick nicht entscheiden, worauf dieser hindeutete.

„Mr. Dolan“, sagte der Mann. „Es tut mir leid, dass ich Sie stören muss. Ich bin Angehöriger der Raketenversuchsstation Rock Harbor, und ich muss darauf hinweisen, dass alles, was ich Ihnen erzähle, absolut geheimzuhalten ist. Wenn dieses Gespräch auch ein rein privates ist, dann muss ich Sie trotzdem bitten, an Ihren Diensteid zu denken und keiner dritten Person darüber eine Mitteilung zu machen.“

Mac nickte. „Bitte, schießen Sie los, Major!“

„Um Ihnen meine Geschichte zu erzählen, muss ich etwas weiter ausholen“, sagte der Major und richtete sich nun endgültig auf. „Bitte, vergessen Sie das wieder, was ich Ihnen jetzt sage. Ich bin fast nicht berechtigt, einem Fremden etwas mitzuteilen, auch wenn er FBI-Agent ist, aber die Besonderheit meiner unangenehmen Lage zwingt mich zu völliger Offenheit.“


*


Mac Dolan steckte dem Fiebernden eine Zigarette in den Mund und zündete sie an. Ein besseres Mittel, die Lebensgeister des Mannes zu erwecken, wusste er nicht.

Susi Astor hatte sich inzwischen lautlos entfernt.

„Vermutlich sind Sie gebildet und interessiert genug“, begann der Major seinen Bericht, „um zu wissen, dass in zehn bis fünfzehn Jahren eine Artillerie gegenwärtiger Prägung überholt sein dürfte. Alle drei Wehrmachtsteile der Vereinigten Staaten sind dabei, neuartige Raketenwaffen zu entwickeln, die entweder dazu dienen, aus der Luft oder von der Erde aus Luftziele zu beschießen, oder aber von der Erde abgeschossen werden, um Erdziele zu zerstören.

Die amerikanische Armee hat zum Beispiel das Raketengeschoss Nike, die Luftwaffe arbeitet an der Bomarc, die noch nicht fertig ist, und die Marine hat die Talos entwickelt, die auf diesem Gebiet alles bis dahin Dagewesene schlagen soll.“

„Das ist mir alles bekannt“, erwiderte Mac. „Aber nur sehr am Rande. Ich kümmere mich nicht um ungelegte Eier.“

Der Major griff diese Äußerung begierig auf. „Sie Glücklicher. Wenn ich das auch von mir sagen könnte! Aber es ist gerade meine Aufgabe, mich um ungelegte Eier zu kümmern.

Rock Harbor ist eine Versuchsstation der US Air Force, und man gibt sich hier im Wesentlichen mit der Entwicklung von Fernlenkwaffen ab, die vom Boden aus abgeschossen werden und Atom- und H-Bomben über Meere und Kontinente hinwegtragen sollen.

In letzter Zeit war sehr viel von den Entwicklungen Titan und Atlas die Rede. Über die Atlas, die bisher nicht zur Serienreife gediehen ist, ist in der Öffentlichkeit verhältnismäßig viel durchgesickert. Es handelt sich um eine Flüssigkeitsrakete, die eine Geschwindigkeit von Mach 15 haben soll …“

„Wie, was?“ staunte Mac. „Fünfzehnfache Schallgeschwindigkeit? Ist so was überhaupt möglich?“

Der Major nickte. Er hatte große Schmerzen. „Doch, selbstverständlich, es kommt noch besser. Die Rakete sollte eine Dienstgipfelhöhe von dreizehnhundert Kilometern und eine Reichweite von achttausend Kilometern haben. Bei den Versuchen mit Atlas ist man auf sehr interessante Ergebnisse gestoßen, und diese Ergebnisse haben zur Konstruktion einer völlig neuen Rakete geführt, die bei uns den Namen Pluto erhalten hat.

Sie sind jetzt einer von vielleicht zehn Leuten, die diesen Namen kennen.

Die Pluto ist momentan nur ein Projekt, in Plänen vorhanden, aber sie ist durchkonstruiert, und ihr Bau kann jederzeit beginnen. Könnte beginnen, muss ich besser sagen. Sie soll etwa eine Geschwindigkeit von Mach 18 oder Mach 19 erreichen. Die Dienstgipfelhöhe liegt bei zweitausend Kilometern und die Reichweite soll durch Dreistufenantrieb bis auf zehn- bis zwölftausend Kilometer gesteigert werden.“

„Hochinteressant“, sagte Mac Dolan. „Etwas verstehe ich auch von solchen Dingen. Wenn es sich um eine dreistufige Rakete handelt, dann wird die Lenkung außerordentlich schwierig sein?“

„Wenn ich mit Ihnen überhaupt ins Detail gehe“, erwiderte der Major, „dann nur deshalb, um Sie von der Wichtigkeit der Aufgabe zu überzeugen, die ich Ihnen, rein privat, übertragen möchte.“

Mac Dolan sprang mit allen vier Gliedmaßen gleichzeitig in die Luft. „Reden Sie nicht von einer Aufgabe, Major! Ich bin hier im Urlaub. Bin in letzter Zeit wohl zwanzigmal halb umgebracht worden, im Dienst meine ich, und ich möchte von einer neuen Aufgabe für eine Weile nichts hören.“


*

Der Major lächelte schmerzlich. „Selbstverständlich kann ich Sie nicht zwingen. Aber vielleicht bin ich in der Lage, Sie davon zu überzeugen, dass Sie von Ihren Prinzipien abgehen müssen.

Wir sprachen von der Lenkung. Es gibt da momentan drei Systeme. Man kann ein derartiges Projektil über einen Funk-Leitstrahl lenken, man kann die Lenkung auch durch eingebaute Navigationsgeräte, durch Kreiselgeräte, oder durch astronomische Geräte erreichen. Man kann auch die Lenkung durch zielsuchende Köpfe durchführen. Alle drei Systeme samt ihren Variationen haben selbstverständlich schwache Punkte.

Bei der Konstruktion der Pluto ist es nun gelungen, die drei Generalsysteme zu einem einzigen zu verbinden. Wer die Pluto baut, hat eine Waffe, die nach der momentanen wissenschaftlichen Erkenntnis durch nichts gebremst, abgelenkt oder vorzeitig zum Absturz gebracht werden kann.“

Mac Dolan pfiff leise durch die Zähne. „Donnerwetter“, knurrte er. „Ist wirklich außerordentlich interessant. Ein derartiges Lenkgerät muss viele Tonnen wiegen?“

Der Major schüttelte den Kopf. „Das hatten wir Experten auch gedacht. Aber dann kam ein Wissenschaftler, ein ausgetrocknetes Männlein, und wies uns anhand seiner exakten Zeichnungen das Gegenteil nach.

Wie gesagt, ich kam gestern Abend in Miami an. Ich sollte die Pluto-Pläne nach Jacksonville überführen. Ich habe mich eines schweren Dienstvergehens schuldig gemacht, als ich hier die Reise unterbrach, um mich mit Miss Astor zu treffen. Hätte ich das nur nicht getan!“

„Wie sind Sie gereist?“, fragte Mac interessiert und zündete sich selbst endlich auch eine Zigarette an.

„Wir sind von einem ganzen Heer von Spitzeln umgeben. Das ist ganz klar“, fuhr der Major fort. „In Rock Harbor selbst kann kein Unbefugter eindringen. Das ist ebenso klar, aber sobald wir die Bannmeile der Versuchsstation verlassen, kann uns das Schlimmste passieren.

Deshalb hielt ich es für das Vernünftigste, mit meinem Privatwagen zu reisen. Allerdings hatte ich dabei die augenzwinkernde Nebenabsicht, Miss Astor zu treffen. Miss Astor ist meine Braut. Sie werden verstehen, dass ein Mann, dessen persönliche Freiheit ohnehin unerträglich eingeengt ist, einmal zu einem Ausbruch neigt, um seinen menschlichen Bedürfnissen nachzugehen.“

Mac nickte. „Dafür habe ich selbstverständlich größtes Verständnis. Aber berichten Sie weiter. Ich sehe, das Reden strengt Sie an, beschränken Sie sich auf Details.“

„Well. Also, ich kam gestern Abend an und wurde von Miss Astor hier im Hotel bereits erwartet.

Ich hatte die Pläne in einer gepanzerten Aktentasche bei mir, die durch eine Kette mit meinem Handgelenk verbunden war.

Leider ließ ich mich dazu verleiten, die Aktentasche unter das Kopfkissen meines Bettes zu legen und die Verbindung zu meinem Arm zu lösen. Dann bin ich zu Miss Astor hinübergegangen und habe sie begrüßt. Ich schwöre Ihnen, diese Begrüßung hat nur fünf Minuten gedauert.“

Mac Dolan grinste breit. „Ich verstehe. Wenn man seine Braut begrüßt, hat man selbstverständlich beide Hände voll zu tun und kann keine Aktentasche mitführen. Ich will Ihnen weitererzählen, was dann passiert ist: Als Sie auf Ihr Zimmer zurückkamen, war die Aktentasche gestohlen.“



II

Der Major begann vor Grimm zu zittern. „Ja“, nickte er widerwillig. „Es war so ähnlich. Nach fünf Minuten kam ich auf die phantastische Idee, dass ich ja meine Aktentasche mit zu Miss Astor aufs Zimmer nehmen könnte. Ich verließ Miss Astors Appartement. Auf dem Gang begegnete mir ein Mann, vielleicht in meinem Alter, der kam gerade aus meinem Zimmer raus. Stellen Sie sich vor, der hatte meine Aktentasche in der Hand.

Auf solche Fälle sind wir gedrillt. Ich riss meine Pistole aus der Tasche und feuerte. Das heißt, ich wollte feuern. Aber ich hatte übersehen, dass meine Pistole nicht geladen war.

Der Mann schmiss mir die Aktentasche ins Gesicht. Ich erzählte Ihnen ja schon, dass sie gepanzert ist. – Ich bekam ganz anständig eine gegen die Stirn geplättet und ging erst mal zu Boden. Als ich wieder auf war, raste der Mann mit der Aktentasche bereits über die Treppe.“

„Einen Moment. Um wie viel Uhr war das?“, fragte Mac Dolan.

„Es war etwa dreiundzwanzig Uhr. Aber hören Sie weiter. Ich raste natürlich hinter dem Burschen her. Vor dem Hotel stand mein Wagen. Bedauerlicherweise stieg ich nicht ein, sondern nahm die Verfolgung zu Fuß auf. Der Mann lief zum Bay Shore Drive hinauf, und ich hätte ihn beinahe eingeholt.

Auf dem Bay Shore Drive wartete ein Pontiac-Chieftain. Ich konnte alles genau im Lichte einer Kinoreklame beobachten. Am Steuer des Pontiac saß eine Frau. Ich glaube, sie hatte silbernes Haar, aber sie schien mir nicht sonderlich alt zu sein. Ich erreichte zusammen mit dem Dieb den Wagen und wollte ihm die Tasche entreißen. Er warf die Tasche in den Car, federte herum und schoss auf mich.“

„Der Schuss muss doch aufgefallen sein, zum Donnerwetter!“, warf Mac Dolan zweifelnd ein.

Der Major lächelte traurig. „Es war eine Pistole mit Schalldämpfer. Ich spürte einen brennenden Schmerz im Oberarmmuskel, und dann wurde mir schwarz vor den Augen. Ich ging erneut zu Boden, ich muss das zu meiner Schande bekennen, und als ich wieder aufstand, war der Wagen weg. Um diese Zeit war gerade das Kino aus, und eine unübersehbare Menschenmenge überschwemmte den Bürgersteig. Ich fiel da nicht groß auf. Ehe ich irgendeine Erklärung hätte geben müssen, verschwand ich. Ich ging ins Hotel zurück und wurde auf meinem Zimmer ohnmächtig.

Miss Astor verband mich. Seit gestern Abend liege ich hier im Fieber.“


*


„Nun, es gibt eine ganze Menge Vorwürfe, die Sie sich selbst machen müssen, Major Randers“, sagte Mac Dolan. „Aber einen Vorwurf muss ich Ihnen machen. Warum haben Sie nicht sofort Gegenmaßnahmen ergriffen? Die Verfolgung des Mannes hätte doch gestern Abend schon einsetzen können!“

Der Major zuckte die Achseln. „Ich war wie von Sinnen, Mr. Dolan. Ich konnte mich nicht ans Telefon hängen und meiner Dienststelle den Verlust der Tasche und die Nebenumstände melden. Wäre sofort vors Gericht gekommen!“

„Aber was kommt es denn darauf an!“, murrte Mac Dolan. „Aus Ihren Schilderungen erkenne ich, dass es sich bei den Plänen um ein Staatsgeheimnis erster Ordnung handelt. Ihre eigene Person spielte doch gar keine Rolle mehr!“

Der Offizier zuckte wie unter einem Peitschenhieb zusammen. „Sie haben selbstverständlich recht, Dolan. Aber jeder Mensch hängt nun einmal am erbärmlichsten, dreckigsten Fetzen Leben. Mir geht es nicht anders. Ich hätte selbstverständlich auf meine eigene Person keine Rücksicht genommen, wenn nicht doch noch ein kleiner Glückszufall bei der ganzen Geschichte wäre.

In den Plänen ist keinerlei Angabe über die Legierung enthalten, aus der die höchst beanspruchten Materialien der Rakete Pluto bestehen. Der Dieb kann also im Augenblick mit den Plänen überhaupt nichts anfangen. Das ist meine einzige Chance. Der Dieb kann die Pläne nur an Russland verkaufen. Reden wir da ganz offen. Aber er kann sie erst dann verkaufen, wenn er weiß, welche Zusammensetzung die Materialien haben. Er muss also versuchen, sich dieses Geheimnis der Zusammensetzung irgendwie noch zu beschaffen. Und das wird natürlich auf große Schwierigkeiten stoßen. Also haben wir etwas Zeit. Solange er die Legierung nicht kennt, wird er die Pläne nicht verkaufen.

Wenn ich Sie als Mann zu Mann recht herzlich bitte, mir bei der Wiederbeschaffung der Pläne behilflich zu sein, darf ich dann auf Sie rechnen?“

„Das Kind ist zwar nun in den Brunnen gefallen“, sagte Mac Dolan, „aber an mir soll es nicht liegen. Wenn ich mich tatsächlich unter Opferung meines Urlaubes bemühe, dann nicht wegen Ihrer schönen Augen, Randers, sondern wegen der Bedeutung, die diese Sache für unsere Landesverteidigung hat. Wenn ich Ihnen einen Rat geben soll: Versuchen Sie mit Ihrer Dienststelle Verbindung aufzunehmen. Höchstwahrscheinlich müssten Sie heute im Laufe des Tages in Jacksonville eintreffen. Wenn Sie nicht eintreffen, wird man in Rock Harbor Rückfrage halten, und dann kommt das Ganze sowieso heraus.“

„Das ist ein Risiko, das ich auf mich nehmen muss, Mr. Dolan. Ich werde im Augenblick nichts melden. Bemühen Sie sich um Gottes willen, die Pläne zurückzubeschaffen, und Sie werden in mir einen Freund fürs Leben gefunden haben.“

„Das ist ein feiner Sonntag!“, fluchte Mac Dolan.

Eine ganze Weile lag unbehagliches Schweigen über dem Raum. Mac Dolan dachte angestrengt nach. Dann hob er den Blick.

„Sie bringen mich in eine feine Lage, Randers. Angenommen, wir bringen in der kurzen uns zur Verfügung stehenden Zeit die Pläne nicht in unseren Besitz, dann hängen Sie. Dann hänge ich aber mit drin. Denn sobald bekannt wird, dass ich die Tatsachen erfahren habe, würden mir meine Vorgesetzten den Vorwurf machen, ich hätte ohne Rücksicht auf Sie die Dinge sofort melden müssen.“

Der Major zuckte die Achseln. „Ich habe mich ganz in Ihre Hand begeben, Mr. Dolan. Wenn Sie glauben, Ihre Pflicht gebiete es Ihnen, mich anzuzeigen, dann gehen Sie bitte zum Telefon und tun Sie das.“

„So kann man ja auch wieder nicht handeln“, nickte Mac Dolan wütend. „Ich sehe aber gar keinen Ansatzpunkt. Unter Umständen wird der Dieb bereits über alle Berge sein! Er wird sich nicht hier in Miami davon überzeugt haben, ob die Pläne vollständig sind, sondern wird das in einem sicheren Versteck tun.“

„Vielleicht auch nicht“, widersprach der Major. „Der Wagen, der Pontiac-Chieftain, hatte nämlich eine hiesige Nummer.“

„Sie kommen mir vor wie ein Kriminalroman!“, bemerkte Mac Dolan böse. „Die Hauptsache und das Wichtigste erzählen Sie erst am Ende! Haben Sie sich die Nummer gemerkt?“

„Ja, das habe ich“, nickte der Major. „3Z 9763-56.“

„Sie sind ein Wunderknabe“, äußerte der FBI-Agent bissig. „Sie haben den Wagen nur von der Breitseite gesehen und sind niedergeschossen worden; trotzdem konnten Sie sich die Nummer merken. Aber das geht mich im Augenblick nichts an. Well, Major, ich sage Ihnen jetzt Folgendes: Ich werde versuchen, die Nummer ausfindig zu machen und mich an den Besitzer des Wagens hängen. Bleiben Sie ruhig hier in Ihrem Zimmer und unternehmen Sie zunächst in Dreiteufelsnamen nichts! Sie hören wieder von mir, wenn ich irgendein Ergebnis habe.

Trotzdem muss ich meinen Vorwurf wiederholen. Wären Sie doch, zum Donnerwetter, gleich gestern Abend zu mir gekommen! Der Dieb hat jetzt einen Vorsprung von zwölf Stunden. Das kann sich unter Umständen katastrophal auswirken!“

„Ich bin heute erst durch Zufall darauf aufmerksam geworden, dass Sie hier sind. Nun schimpfen Sie nicht mit mir, ich bin gestraft genug. Wenn die Pläne nicht mehr herkommen, dann bleibt mir nichts anderes übrig, als mich zu erschießen. Das ist eine außerordentlich unangenehme Alternative!“

Mac Dolan verließ den Raum und stieß in der Türfüllung mit Miss Astor zusammen. Das etwas fette Mädchen hatte inzwischen ein Nylonkleid angelegt und stöhnte unter der Hitze.

Susi Astor sah Mac Dolan hoffnungsvoll an. „Sie kennen jetzt die ganze böse Geschichte“, flüsterte sie. „Versuchen Sie um Gottes willen, alles geradezubiegen. Sie können sich, wenn alles gut geht, von mir hinterher als Belohnung wünschen, was Sie wollen!“

Mac Dolan schluckte trocken. „Erzählen Sie das gefälligst meiner Frau“, erwiderte er unliebenswürdig. „Und berichten Sie mir hinterher, was sie zu Ihrem Vorschlag zu sagen hat.“

June sah ihrem Mann entgegen. „Was macht der Patient, Mac? Hoffentlich handelt‘s sich nicht um größere Beträge?“

Mac nickte grimmig. „Gerade um die handelt‘s sich. Mit unserem Urlaub ist es im Augenblick Essig. Ich muss mich gleich zum Ausgehen fertigmachen.“

„Großer Gott, was ist denn los? Hätte ich doch nie einen FBI-Agenten geheiratet! Willst du nicht Näheres berichten?“

Mac Dolan schüttelte den Kopf. „Nur das eine. Dass dieser Major Randers ein blöder Clown ist. Mehr kann ich dir von der Sache leider nichts sagen. Sie stinkt! Sie stinkt von Norden nach Süden! Sie ist ein heißes Eisen. Wenn ich gewusst hätte, was meiner hier wartet, dann wäre ich mit dir nach Alaska gefahren, aber niemals nach Florida!“

June kannte ihren Mann zu genau, um weiter in ihn zu dringen.

Mac machte sich in aller Eile zum Ausgehen fertig und ging in den Garagenhof. Dort stand sein neuer schwarzer Mercury.

Im Freien sprang ihn die subtropische Hitze wie ein wildes Tier an. Mac sperrte seinen Wagen auf und stellte seine Krawatte wieder auf half zwölf. Im Inneren des Mercury herrschte eine Luft, die hätte Blei zum Sieden bringen können.

Mac riss sämtliche Fenster auf und schaltete die Klimaanlage ein. Dann warf er sich in die Polster, legte einen Schnellstart hin und wühlte sich durch den Verkehr zur Polizeistation auf der Flagler Street durch.

Gegen dreiviertel zwölf stellte er den Wagen unter einem Schild ab „Nur für Polizeibeamte“ und stieg aus.

„He, Sie, Sie können wohl nicht lesen?“, sagte ein uniformierter Polyp. „Hier dürfen Privatleute ihren Wagen nicht hinstellen!“

Mac Dolan klopfte dem Mann begeistert auf die Schulter. „Vergessen Sie‘s, dass Sie mich als Privatmann bezeichnet haben. Wenn ich Ihnen sagen würde, wer ich bin, dann flögen Sie in drei Zeiten auf‘n Hintern und stünden erst nach Dienstschluss wieder auf!“

Ehe der sprachlose Mann etwas erwidern konnte, peilte Mac die Polizeistation durch einen Hintereingang an und informierte sich.

Auf einer großen Tafel konnte er lesen, dass es hier einen Inspektor z. b. V. Whistler gab.

Das ist gerade der richtige Mann für mich, dachte Mac Dolan. Gehen wir mal zu ihm.


*


Whistler residierte im ersten Stock, und in seinem Vorzimmer saß eine Sekretärin, die war so alt, dass sie gut und gern Alexander den Großen auf seinen Kriegszügen hätte begleitet haben können.

„Dass ich hier bin, ist ein Geheimnis“, sagte Mac. „Hier meine Marke – ich bin vom FBI. Ich will Inspektor Whistler sprechen!“

Zwei Minuten später stand Mac einem ausgemergelten, leberkrank wirkenden Mann in einem schlecht sitzenden Anzug gegenüber. Im Gesicht des Inspektors stritten sich Hässlichkeit und menschliche Güte mit Klugheit.

Mac Dolan erkannte sofort, dass er in dem Inspektor einen anständigen Menschen vor sich hatte.

Er zeigte ihm seine Marke.

„Ich heiße Dolan und bin vom FBI“, sagte er. „Ich muss eine Auskunft haben, aber ich kann Ihnen nicht sagen, warum.“

„In Ordnung, Officer“, erwiderte Whistler. „Nehmen Sie Platz und gewöhnen Sie sich vor allen Dingen dieses hektische Getue ab. Wenn Sie sich nicht angewöhnen, ganz piano zu arbeiten, dann trifft Sie der Herzschlag. Und das wäre ein Verlust für die Menschheit. Was wollen Sie wissen?“

Mac zog sein Taschentuch. „Lassen Sie bitte auf dem schnellsten Wege feststellen, wem der Wagen 3Z 9763-56 gehört. Es handelt sich um ein Pontiac-Chieftain.“

Whistler lächelte. „Da sind Sie aber arg schief gewickelt, Officer. Die Nummer 9763-56 gibt es in ganz Miami nicht. Die ist gefälscht.“

Mac Dolan griff verzweifelt in seinen Kragen, der bereits die Form eines nassen Handtuchs angenommen hatte. „Meine Ahnung“, keuchte er. „Meine Ahnung!“

Mac dachte eine ganze Weile scharf nach. Dann hob er den Blick und bohrte eine Pupille in die Augen seines Visavis.

„Passen Sie auf“, brummte er. „Die Polizei ist an Orten wie Miami meist sehr großzügig. Und sie weiß oft manches, was sie nicht dienstlich auswertet. Kennen Sie hier irgend jemanden, der gefälschte Nummernschilder anfertigt?“

Der Inspektor zuckte die Achseln. „Es ist mir irgendwie peinlich, das zuzugeben, aber ich kenne tatsächlich jemanden. Einen Chinesen. Niemand kennt seinen wahren Namen. Wir nennen ihn Konfuzius.“

„Hoffentlich ist er nicht so weise wie Konfuzius. Sonst habe ich mit meinem Durchschnittsverstand keine Chance gegen ihn. Wo finde ich den Burschen?“

„An der Südspitze von Fisher Island befindet sich eine Kneipe. Sie heißt Jims Kneipe. Gehen Sie zu Jim, sagen Sie ihm einen schönen Gruß von mir, und er möge Sie mit einem gewissen Narrett zusammenbringen. Narrett wird Ihnen vermutlich sagen können, wo Sie Konfuzius treffen können. Sagen Sie dem, wir würden die Auskunft miteinander verrechnen.“

„Na schön“, brummte Mac. „Ich sehe meinen Urlaub wie eine Gewitterwolke am Horizont entschwinden. Vielen Dank für die Auskunft. Hoffentlich nützt sie etwas.“

Mac Dolan fuhr auf dem schnellsten Wege nach Fisher Island. Er fand tatsächlich die Kneipe. Die verdiente allerdings diese Bezeichnung nicht. Sie präsentierte sich als ein verhältnismäßig anständiges Lokal.

Als Mac eintrat, interessierte sich niemand für ihn. Eine ganze Reihe einfacher Leute saßen an holzgescheuerten Tischen und verschlangen Bohnen mit Speck als Mittagessen. In Jims Kneipe schien es vermutlich nur ein einziges Gericht zu geben.

Ein vierschrötiger Mann spülte an der Theke lustlos Biergläser. Mac steuerte auf ihn los und klopfte mit der Handfläche zur Begrüßung auf die Tombakplatte.

Jim sah auf. Er schielte. Er versuchte Mac Dolan anzusehen, bohrte aber sein Triefauge unwillkürlich Macs Hintermann in die Nieren. Das schien den aber gar nicht zu kitzeln.

„Lassen Sie mich in Ruhe“, brummte Jim.

„Das ist es gerade, was ich nicht tun möchte!“, erwiderte Mac freundlich. „Führen Sie mich mit Narrett zusammen. Aber auf dem schnellsten Wege.“

„Da hat Ihnen jemand einen Bären aufgebunden“, war die prompte Erwiderung. „Hab in meinem ganzen Leben noch keinen Mann gesehen, der Narrett heißt!“

„Soll ich diese Auskunft mit einem schönen Gruß Inspektor Whistler überbringen?“

Jim erschrak. „Dann ist das selbstverständlich etwas anderes. Nehme an, dass es Ihnen auf ein kleines Trinkgeld nicht ankommt, Sir?“

Unbehagen umschlich Mac. Hoffentlich hat Major Randers seine große Geldtasche bei sich, dachte er. Ich habe doch, zum Donnerwetter, keine Veranlassung, auch noch die anfallenden Spesen aus eigener Tasche zu bestreiten.



III

Jim übergab seinen Platz einem adretten Schankmädchen und wischte sich die Hände an der Schürze. Die zog er gleich darauf aus. „Haben Sie ‘nen Wagen hier, Sir?“, erkundigte er sich.

Mac nickte. „Draußen vor der Tür!“

Die beiden traten in die brüllende Mittagshitze hinaus. Mac startete seinen Mercury, und Jim ließ sich aufseufzend neben ihn fallen.

„Fahren Sie bis zur West Third Street rauf“, knurrte er. „Wenn wir Glück haben, treffen wir Narrett zu Hause an. Wenn wir kein Glück haben, lungert er irgendwo besoffen ‘rum, und wir können bis morgen früh suchen.“

Die beiden kamen etwa gegen 13 Uhr auf einem Punkt nördlich des La Gorse Golf Course an.

„Halten Sie dort unter den Palmen, sonst wird der Wagen so warm, dass Sie hinterher der Hitzschlag trifft.“

Mac Dolan fuhr gehorsam rechts ran und stoppte seinen Wagen.

Die beiden stiegen aus, und Mac wurde von Jim in eine schmale Gasse geführt, die nördlich orientiert war.

Fünf Minuten später hielt der Wirt vor einem kleinen Haus an. Er klopfte ein besonderes Signal an die Holztür.

Diese öffnete sich, und eine Frau unbestimmten Alters sah raus. Sie hatte ein typisches Rattengesicht und war nicht sehr sauber.

Mac Dolan rümpfte die Nase.

Der Wirt ging auf die Frau zu und packte sie. „Hallo, Maisie, wo ist Narrett?“

Die Frau sah ihn angstvoll an. „Ist nicht zu Hause. Wird wieder in irgend so ‘ner billigen Kneipe ‘rumsaufen. Wenn man dem verfluchten Mannsbild das doch abgewöhnen könnte!“

Jim lachte polternd. „Ich weiß ein gutes Rezept. Du brauchst ihn nur endgültig zu verlassen, damit er deine verkommene Visage nicht mehr zu sehen braucht. Sollst mal sehen, wie er dann gleich das Saufen aufgibt. Im Übrigen lügst du. Du kannst jetzt wählen. Entweder du sagst mir die Wahrheit, oder ich schlag dich links und rechts in die Schnauze!“

„Wer schlägt da meine Haushälterin in die Schnauze?“, fragte eine dritte Stimme. Aus dem Dunkel des Flurs trat ein unsagbar verkommener Mann raus und naschte mit flinken Augen an Mac Dolans massiger Figur. „Ach so, Jim, du bist es. Komm schon rein. Und was will der Gringo hier?“

„Den schickt Inspektor Whistler.“

Der verkommene Mann, in dem Mac Dolan Narrett vermutete, legte erschrocken seine Hand auf die Lippen. „Um Gottes willen, sprich leiser! Hier haben die Wand Ohren. Oder meinst du, ich will eines Tages mit ‘nem Messerstich im Balg aufwachen?“

Ehe sich Mac Dolan bei dem sonderbaren Wirt bedanken konnte, machte der kehrt und ging stampfend wie ein Seemann davon.

Narrett und seine sogenannte Haushälterin betrachteten den FBI-Agenten misstrauisch. Dann packte ihn Narrett am Arm und zog ihn in den Flur. „Sagen Sie, was Sie von mir wollen!“, forderte der Mann.

„Sie sind Narrett?“, vergewisserte sich Dolan.

„Selbstverständlich. Hatten Sie gedacht, der Kaiser von China?“

Mac Dolan juckte es in allen Fingern, dem arroganten Burschen eine handgreifliche Lektion zu erteilen, aber er musste hübsch artig bleiben, wenn er etwas erfahren wollte.

„Mich schickt Inspektor Whistler“, sagte er. „Die Auskunft, die Sie mir geben sollen, können Sie mit dem Inspektor verrechnen. Ich möchte einen Chinesen sprechen, der unter dem Namen Konfuzius bekannt ist.“

Narrett zuckte zusammen und begann zu zittern. „Sie haben‘s ja gut vor, Sir“, meinte er. „Bescheiden sind die Leute heutzutage, bescheiden …!“


*


„Passen Sie auf, ich habe nicht viel Zeit“, sagte Mac Dolan und bemühte sich ruhig zu bleiben. „Sagen Sie mir die Adresse dieses Chinesen, oder muss ich wieder gehen?“

Narrett kicherte wie ein Sumpfbiber. „Adresse ist gut“, kicherte er. „Konfuzius hat keine Adresse. Ist einmal hier und einmal dort. Ich kann Ihnen aber sagen, wo Sie ihn treffen.“

Narrett sah auf die Armbanduhr. „Es ist jetzt gleich eins. Ich weiß, wo sich Konfuzius um sechzehn Uhr aufhält. Aber schwören Sie mir beim Leben Ihrer Mutter, dass Sie keinem Menschen verraten, von wem Sie diesen Treffpunkt wissen.“

Mac Dolan wurde durch die Sorge in der Stimme des verkommenen Mannes tatsächlich etwas stutzig. Unter Umständen ließ er sich, völlig auf sich gestellt, in ein übles Abenteuer ein. Aber wer A sagt, der muss auch B sagen. Das hatte er in seinem bisherigen Leben gelernt.

„Nun gut“, meinte er, griff in die Tasche und brachte einen Zehndollarschein zum Vorschein. „Hier haben Sie ein Extratrinkgeld. Davon brauchen Sie Whistler nichts zu sagen. Sagen Sie mir aber jetzt, wo ich diesen Konfuzius treffe.“

„Eine Gegenfrage! Haben Sie einen Wagen hier?“

Mac Dolan nickte.

„Well. Konfuzius wird um sechzehn Uhr in Ojus droben sein. Sie fahren von hier aus auf der 1 etwa sieben Meilen. Dann sind Sie in Ojus. Dort fahren Sie dann rechts ab zur Küste. Sie kommen an eine Bananenplantage. Dort stellen Sie besser Ihren Car ab. Von der Plantage aus führt ein Fußweg bis zur Küste. Den können Sie gar nicht verfehlen. Dort sind Zitronen- und Melonenbäume. Wenn Sie denen nachgehen, kommen Sie am Ende zu einer etwas erhöht liegenden Strandhütte, die vor den Dünen geschützt ist.

Konfuzius hat um sechzehn Uhr dort eine Unterredung. Das weiß ich zufällig. Ich mache Sie aber darauf aufmerksam, der Mann ist außerordentlich gefährlich. Sie dürfen sich um Gottes willen nicht auf mich berufen! Sonst sind wir beide hin. Konfuzius ist mehr als schlecht auf mich zu sprechen. Er weiß allerdings nicht, was ich alles von ihm weiß. Sonst würde ich längst nicht mehr leben. Ich erweise Ihnen ein großes Vertrauen, Sir. Hoffentlich missbrauchen Sie es nicht!“

Mac Dolan wollte noch etwas fragen, aber es war alles vergebens. Er brachte aus Narrett kein Wort mehr heraus.


*

Der FBI-Agent verließ das Haus und tapste zu seinem Wagen zurück. Dort nahm er den Autoatlas aus dem Handschuhkasten und studierte die geographischen Gegebenheiten. Er kannte sich in diesem Teil Floridas nicht allzu gut aus, wollte sich aber nun nicht in die Irre leiten lassen.

Er fand den Strand auf der Karte, er fand auch Ojus, mehr war aber nicht eingezeichnet.

„Mal sehen, ob alles gut geht“, murmelte der FBI-Agent. „Bin ja gespannt!“

Mac Dolan startete den Wagen und fuhr zu einer Kneipe, die machte einen ganz ordentlichen Eindruck. Er hatte noch kein Mittagessen gehabt und holte es jetzt nach. Er ließ sich vom Wirt ein paar heiße Hamburger mit Kartoffelsalat geben, und damit begnügte er sich. Anschließend ersetzte er das Zähneputzen mit einem guten Schluck Dominion Ten, und daraufhin wurde ihm etwas besser.

Mac sah auf die Uhr. Er hatte noch verdammt viel Zeit zur Verfügung. Er ging zum Telefon, warf seinen Dime in den Schlitz und rief June an.

„Lebst du auch noch?“, fragte June.

„Wie du hörst“, erwiderte Mac kurz. „Jetzt ist aber keine Zeit für Witze. Ich habe einen Treff außerhalb. Erwarte mich nicht so bald zurück. Gibt es bei dir irgend etwas Besonderes?“

Mac Dolan spürte direkt durch den Draht, wie June ihren Mund mokant verzog. „Etwas direkt Neues nicht, Lieber. Wenn man von der Tatsache absieht, dass du dir eine glühende Verehrerin aufgegabelt hast. Ich meine diese Susi. Sie kommt mit regelmäßiger Pünktlichkeit alle fünf Minuten zu mir und fragt, ob ich schon von dir gehört hätte.“

„Aber das ist doch nicht auf meine saftstrotzende Männlichkeit zurückzuführen!“, versetzte Mac grinsend. „Das gute Mädchen hat es nicht auf mich, sondern auf ganz etwas anderes abgesehen. Ich wette jeden Betrag, dass diese Susi im Augenblick ganz bestimmt keine Absichten hat. Darauf kannst du dich verlassen!“

„Du brauchst dich gar nicht zu verteidigen, Mac. Ich schätze mich selbst nicht so gering ein, dass ich glaube, eine Susi könnte mir gefährlich werden. Ich wollte dir nur alles berichten.“

„Hoffentlich geht alles gut. Ich melde mich wieder, wenn ich mit meiner momentanen Arbeit fertig bin. Auf Wiedersehen, June.“

Mac Dolan hatte immer noch Zeit.

Er zog eine Tasse Kaffee an Land und blieb noch etwa eine Stunde in der Kneipe sitzen. Es war dabei unvermeidlich, dass er sich hin und wieder die Zunge mit echtem Whisky befeuchtete, und er wurde im Verlauf der nächsten vierzig Minuten richtig fröhlich.

Jetzt muss ich aufhören zu saufen, überlegte er. Ich sehe schon sämtliche Schwierigkeiten auf ein Mindestmaß zusammenschrumpfen. Das ist nie gut, wenn man vor einer unangenehmen Aufgabe steht.

Mac warf der Whisky »Flasche einen bedauernden Blick zu und erhob sich. Er war so gedankenversunken, dass er zu zahlen vergaß. Der Barmann erinnerte ihn freundlich daran.

Mac Dolan wuchtete ihm einen Fünfer hin und murmelte, er werde ihm die Hühneraugen amputieren, wenn er sich nicht eines besseren Tones befleißige.

Der Barkeeper betrachtete Macs lange Figur mit dem Ausdruck vorzüglicher Hochachtung und entschuldigte sich dann wortreich.

Der FBI-Agent hörte gar nicht mehr hin.

Er ging zu seinem Wagen zurück und fuhr auf dem Zubringer zur Highway n weiter.


*


In mäßigem Tempo passierte Mac die Küste bei North Miami. Er hätte jetzt die Möglichkeit gehabt, die schöne Szenerie der sonnendurchfluteten Strandgegend in sich aufzunehmen, aber der Fall Randers machte ihm doch sehr zu schaffen, und er kam nicht dazu, sich an dem unbeschwerten Leben und Treiben zu freuen.

„Wie ist das doch im Leben ungerecht eingerichtet“, dachte er laut und bitter. „Die einen amüsieren sich, und andere gehen zur gleichen Zeit einer Ungewissheit entgegen, die sie leicht einen neuen Kopf kosten kann.“

Etwa um fünfzehn Uhr kam Mac Dolan in Ojus an. Er hielt sich streng an die Weisung dieses sonderbaren Narrett. Er fand die Bananenplantage, fuhr bis an ihr ostwärtiges Ende durch und stellte dann seinen Wagen ab. Von hier aus musste er zu Fuß weiterlaufen.

Ein Fußweg senkte sich zum Strand. Er war rechts und links von Sträuchern und Gewächsen aller Art flankiert.

Eine halbe Stunde, nachdem er sein Auto verlassen hatte, fand er die Hütte. Sie stand für seine Zwecke außerordentlich ungünstig, nämlich von vier Seiten frei. Mac sah keine Möglichkeit, sich ungesehen heranarbeiten zu können, um den Chinesen eventuell zu belauschen.

Er überlegte zehn Minuten, was er tun solle.

Wenn ich mich jetzt heranschleiche und an einer der Hauswände verberge, ist die Gefahr einer Entdeckung groß, überlegte er. Bleibe ich aber hier, dann kann es sein, dass mir der Chinese entwischt.

Er konnte zu keinem Entschluss kommen und blieb zunächst einmal unter einer Gruppe von Brotfruchtbäumen liegen.

Mit wehmütigen Blicken streifte er seinen eleganten Anzug. Der würde bei dem bevorstehenden Abenteuer eine ganze Menge mitbekommen.

Lauernd blieb Mac Dolan eine ganze Weile unbeweglich liegen.

Plötzlich hörte er das Aufheulen eines Automotors. Mac sah auf die Uhr. Es war fünfzehn Uhr dreißig.

Mac hob den Kopf und lauschte angestrengt.

Fünf Minuten später konnte er den tieferen Klang eines zweiten Motors unterscheiden. Irgendwo mahlten Pkw-Räder im Sand und schoben den dazugehörigen Kraftwagen langsam genug vorwärts.

Nach weiteren fünf Minuten erkannte Mac, dass es offenbar von den Dünen her eine einigermaßen feste Fahrbahn bis zu der Strandhütte gab. Ein mächtiger Kombiwagen mahlte sich schlingernd und stampfend durch den Sand und blieb dann stehen.

Ein Mann stieg aus. Er trug ein Buschhemd mit aufgedruckten Negerinnen und Shorts, die seine dürren Beine auf höchst lächerliche Weise umflatterten.

Mac Dolan lag zwar viele Schritte entfernt, aber er erkannte sofort, dass er in dem Ankömmling einen Chinesen vor sich hatte. Das musste dieser „Konfuzius“ sein.

Jetzt schob sich ein Jeep über die Dünen und blieb hinter dem Kombi des Chinesen stehen.

Aus dem Jeep stieg ein typischer Yankee und trat auf den Chinesen zu, der in abwartender Haltung in der Türfüllung der Hütte stand.

Mac Dolan spitzte die Ohren, angespannt, um etwas vom Gespräch der beiden auffangen zu können.

Leider unterhielten sie sich in einer ihm fremden Sprache.

Der Chinese zauderte ein wenig, dann holte er aus seiner Gesäßtasche einen Schlüssel und sperrte die Strandhütte auf.

Gleich darauf waren die beiden im Inneren des kleinen Baus verschwunden.


*


Mac musste etwa fünfzehn Minuten warten. Aus der Hütte drang kein Laut nach draußen.

Nach Ablauf dieser fünfzehn Minuten kam der Yankee heraus und stieg in seinen Jeep. Er startete den Motor und versuchte rückwärts anzufahren. Aber der Geländewagen bewegte sich nicht von der Stelle.

Der Yankee fluchte wild. Selbst ein Hafenarbeiter wäre über seine Ausdrücke errötet.

Der Mann stieg schwitzend aus und schlug donnernd an die Tür der Hütte.

Gleich darauf kam auch der Chinese ins Freie und lächelte ironisch.

Mit Hilfe des Chinesen kam der Jeep endlich flott, und der Wagen entfernte sich.

Konfuzius sperrte nun die Hütte ab und wollte offensichtlich in seinen Wagen steigen.

Mac Dolan wusste, dass er sich jetzt unter Umständen aufs Glatteis begab.

Eigentlich ein lächerlicher Gedanke, dachte er belustigt, hier in dieser subtropischen Hölle von Glatteis zu sprechen.

Es gab kein Zurück mehr. Mac umklammerte die entsicherte Pistole in seiner Hosentasche. Er sprang auf und ging wie gleichmütig zu dem Kombiwagen hin.

Der Chinese war erstarrt. Plötzlich hatte er mit artistischer Geschicklichkeit eine Pistole in seiner Hand.

„Halt!“, sagte er in völlig slangfreiem Amerikanisch. „Wer sind Sie und was wollen Sie? Kommen Sie nicht näher, sonst pflanz‘ ich Ihnen eine blaue Bohne in den Nabel!“

„Na, na, wer wird denn gleich so herb zu einem Freund sein?“, lächelte Mac.

„Leute, die auf mich zukommen und die Hände in der Tasche haben, sind nie meine Freunde!“

„Sie haben ja auch eine Pistole in der Hand, Konfuzius!“

Der Chinese zuckte zusammen. „Darf ich erfahren, woher Sie meinen Namen kennen?“

Mac blieb stehen. Weiterzugehen wäre Selbstmord gewesen.

„Peanut-Joe in Philadelphia hat mir Ihren Namen verraten“, sagte Mac lächelnd.

Er fand seinen Anknüpfungsversuch selbst sehr dünn. Wie hätte ihm ein Mann aus Philadelphia das Eintreffen des Chinesen bei der Strandhütte voraussagen können?


IV

Der Chinese ging zunächst nicht auf diese Diskrepanz ein. Ob das ein gutes Zeichen war, musste sich noch erweisen.

„Peanut-Joe?“, fragte er kurz. „Ich kann mich an keinen Peanut-Joe erinnern. Aber ich habe viele Leute in meinem Leben kennengelernt. Vielleicht war er tatsächlich einmal mein Freund. Und zu welchem Zweck hat er Sie an mich empfohlen?“

„Sie sollen ein außerordentlich geschickter Handwerker sein, Konfuzius. Es handelt sich um Nummernschilder.“

Mac Dolan gab dem Wort Nummernschilder eine besondere Betonung.

Eine Wirkung auf den Chinesen war nicht zu erkennen. Der zuckte nur die Achseln und sagte leichthin: „Ich fürchte, Sie sind bei mir an der verkehrten Adresse. Ich würde Ihnen raten, sich an die Kraftfahrzeugzulassungsstelle zu wenden, wenn Sie Nummernschilder brauchen.“

Mac Dolan lachte auf. „Sie halten mich wohl für ‘nen Blödmann, Konfuzius? Wenn ich solche Schilder brauchte, dann würde ich mich selbstverständlich nicht an Sie wenden. Muss ich noch deutlicher werden?“

„Selbstverständlich nicht“, grinste der Chinese. „Sie wollen also ein Auto bewegen und die Behörden sollen davon nichts wissen? Hm – unter Umständen ein kluger, aber auch ein gefährlicher Gedanke. Wenn man Sie schnappt und die Schilder sind von mir, was wird dann aus mir?“

„Aber mich schnappt man nicht. Außerdem denke ich gar nicht daran, Sie zu verpfeifen. Und der Name Peanut-Joe müsste eigentlich für Sie Empfehlung genug sein.“

Der Chinese überlegte. „Also gut“, sagte er dann. „Haben Sie einen Wagen hier?“

Der FBI-Agent schüttelte verneinend den Kopf. „Nein, ich habe keinen Wagen hier. Bin in ‘ner Taxe gekommen.“

Der Chinese nickte. „Na schön, dann steigen Sie bei mir ein. Wir fahren nach Miami zurück. Mal sehen, vielleicht kann ich Ihnen behilflich sein. Ein bindendes Versprechen gebe ich allerdings nicht.“


*


Mac stieg mit innerem Widerstreben in den Kombi. Der war nicht mehr jung, aber tadellos. Der Chinese klemmte sich hinters Steuer und startete den Motor. Mit geradezu künstlerischer Vollendung steuerte Konfuzius den Car über den lockeren Sand und erreichte sehr bald eine Straße, die nördlich von Ojus auf den Highway 1 führte.

Dann fuhr er in aller Ruhe nach Süden zurück.

Unterwegs sprach er mit Mac Dolan kein Wort. Mac selbst spürte keine Veranlassung, etwas zu sagen. Es wäre ja doch alles falsch gewesen, was er gesagt hätte.

Der Chinese bog nach Westen ab, fuhr bis zum großen Park durch und erreichte dann auf der Südroute die Vorstadt Hialeah. Auf der Okeechobee Road bog er wieder nach links und fuhr kreuz und quer durch Straßen und Sträßchen, so dass Mac Dolan ganz schummerig wurde. Er wusste längst nicht mehr, wo er sich befand.

Am Ende bog der Chinese in eine Sackgasse ein, die bei einem Gartengelände endete.

Mac erhaschte gerade noch einen Blick auf ein. Straßenschild: Harbor Road.

Der Chinese fuhr bis zu einem Bungalow. Der lag in einem Garten. Die Garagentür stand offen. Der Chinese fuhr den Wagen in die finstere Garage und ließ den Motor sterben.

In der Düsternis benützte Mac Dolan die Gelegenheit, seine Pistole aus der Tasche zu nehmen und zu entsichern.

Als Konfuzius bedächtig den Zündschlüssel abzog, stieß ihm Mac den Lauf seiner Waffe in die Rippen und sagte drohend: „Los, Hände hoch! Ich bin vom FBI. Mach bloß keine Fisimatenten, sonst stirbst du, du Gelbvogel!“


*


Der Chinese schickte sich mit Gelassenheit in die veränderte Situation. Er hob beide Arme.

„Von jetzt an geben Sie an“, sagte er ruhig. „Was soll ich tun?“

„Los, aussteigen! Aber zentimeterweise und vorsichtig!“, befahl Mac Dolan. „Und wenn du die geringsten Sperenzien machst, dann hast du gelebt!“

Der Mann gehorchte. Er stieg vorsichtig nach links aus und wandte Mac seinen Rücken zu.

Mac schob sich am Steuerrad vorbei und stieg ebenfalls aus. Er atmete tief auf. Der schwierigste Part des Unternehmens war gelungen.

Der Chinese öffnete eine Tür, durch die die Garage mit dem Bungalow in Verbindung stand.

Dahinter war es völlig finster.

„Los, Licht machen, du Kanarienvogel!“, befahl der Detektiv.“

„Der Schalter ist an der gegenüberliegenden Seite.“

„Das glaubt dir der Teufel!“

„Wenn Sie mir nicht glauben, bitte, dann überzeugen Sie sich selbst!“

„Das könnte dir so passen! Los, du gehst jetzt ganz langsam weiter. Ich folge dir dichtauf.“

Mac bohrte dem Mann seinen Pistolenlauf fester an die Nieren, und der Gelbe machte einen tastenden Schritt vorwärts.

Mac folgte ihm.

Plötzlich spürte er keinen Boden mehr unter den Füßen. Irgend jemand schlug ihm auf die Hand. Der Schuss krachte. Mac konnte nicht mehr erkennen, ob er getroffen hatte. Schwer schlug der FBI-Agent auf Zement auf und blieb betäubt liegen.


*


Als Mac Dolan erwachte, war es um ihn her finster. Er tastete seinen Körper ab. Er fühlte sich an Leib und Seele völlig zerschlagen, aber verletzt schien er nicht zu sein.

Er hatte seine Brieftasche mit den Ausweisen noch, aber die Pistole war selbstverständlich weg.

Mac versuchte sich zu erheben. Er stöhnte. Er war ganz ordentlich auf den Pinsel gefallen.

Dann schritt er tastend sein Gefängnis ab. Es war vielleicht vier Meter lang und drei Meter breit und hatte glatte Wände. Hier war kein Entkommen.

Der Detektiv sah auf seine Armbanduhr. Sie ging noch. Achtzehn Uhr. Also hatte er etwa eine Stunde bewusstlos gelegen.

Eine volle Stunde ging er in seinem Gefängnis auf und ab und suchte nach einem Ausgang.

Dann wurde es plötzlich Licht um ihn. Irgendwo flammte eine trübe Glühbirne auf.

Jetzt konnte Mac sein Gefängnis genauer betrachten. Alle Wände waren aus glattem Zement. Oben war die Grube offen. Eine Laufplanke führte an dem dem Haus zu gelegenen Ende über die offene Stelle.

Mac Dolan lachte bitter auf. Der Chinese hatte ihn ja phantastisch aufs Kreuz gelegt. Er selbst hatte sich auf der Planke, deren Verlauf er genau kannte, entlanggetastet und Mac war wie ein Mehlsack in die Falle geplumpst.

Welchen Zweck das Licht haben sollte, blieb Mac Dolan lange verborgen.

Er wartete noch eine weitere Stunde. Nichts geschah. Jetzt war es bereits neunzehn Uhr. Mac machte sich die schlimmsten Sorgen. Er war wehr- und waffenlos, und er konnte sich ungefähr vorstellen, was ihn erwartete.

Etwas nach zwanzig Uhr wurde es auch droben hell. Ein langer Stab streckte sich langsam nach unten.

Mac Dolan erkannte genau, worum es sich handelte. Es war der Lauf einer Maschinenpistole.

Gleich darauf sah der FBI-Agent das grinsende Gesicht des Chinesen. Es verzerrte sich zu einer wahren Teufelsfratze.

„Nun, sind Sie schon wach, mein lieber Mr. Dolan?“, fragte der Gelbe mit bemerkenswert sanfter Stimme.

Mac Dolan wankten die Knie. Er wusste genau, dass er in die Hände eines erbarmungslosen Gegners gefallen war.

„Woher kennen Sie denn meinen Namen?“

„Sie haben sich ja mir bei meiner Verhaftung selbst vorgestellt“, antwortete der Chinese liebenswürdig. „Sie haben mich außerdem einen Kanarienvogel genannt. Erinnern Sie sich daran?

Jetzt können Sie schweigen. Jetzt können Sie auch durch Ihr Schweigen höflich sein. Vorhin sah‘s anders aus. Einen kleinen Augenblick, Mr. Dolan. Ich schiebe Ihnen eine Leiter nach drunten und dann haben Sie die Freundlichkeit, heraufzukommen.“


*


So geschah es. Wenig später stand Mac Dolan oben.

Neben dem Chinesen stand der Yankee aus dem Jeep.

Der hielt eine Luger auf Mac gerichtet.

Mit hocherhobenen Händen ging der Detektiv den beiden Männern voraus in ein mit kalter Ungemütlichkeit eingerichtetes Wohnzimmer.

Während ihm der Yankee die Luger in die Seite bohrte, schleppte der Chinese zwei mächtige Bleiklötze herbei, an denen Fußschellen befestigt waren.

Vorher hatte er seine Maschinenpistole sorgfältig an die Wand gelehnt.

Wenn ich die Mokkamühle bekommen könnte, wäre manches o.k., dachte Mac Dolan verzweifelt.

Scheinbar willenlos ergab er sich in sein Schicksal. Der Chinese nestelte an seinem linken Fuß.

Plötzlich tauchte Mac. Er gab seinem Körper eine blitzschnelle Wendung nach rechts und trat dem Chinesen mit voller Wucht ins Gesicht.

Fast gleichzeitig erhaschte er die Beine des Yankees und wuchtete diesen über sich hinweg. Dann wollte er nach der Maschinenpistole fassen.

Aber er bekam irgendeinen hässlichen Gegenstand gegen die Schläfe und verlor erneut das Bewusstsein.


*


Als Mac Dolan erwachte, war er mit beiden Füßen an die Bleiklötze gefesselt, aber sonst seiner Bewegungsfreiheit nicht beraubt. Er lag auf der Ladefläche des Kombiwagens und die Erschütterungen, denen er ausgesetzt war, bewiesen ihm, wie schnell der Chinese über die Landstraße fuhr.

Es war völlig dunkel um ihn her. Er ahnte mehr die Lichter des Wagens, als er sie sehen konnte.

Der Chinese verlangsamte nach einigen Minuten sein Tempo und fuhr jetzt im Schritt weiter.

An der Verlagerung der Zentrifugalkraft erkannte Mac, dass der Wagen eine enge Rechtskurve zog.

Mac zog sich am Türgriff langsam nach hinten und richtete sich in eine kauernde Stellung auf.

Gleich darauf beschleunigte der Chinese wieder das Tempo, und der Wagen machte wahre Sprünge über die Schlaglöcher des Karrenwegs.

Mac ahnte, was man mit ihm vorhatte. Man wollte das Unterseebootspiel mit ihm spielen, und er sollte bis zum jüngsten Tag am Meeresgrund eine fragwürdige Existenz führen. Das war ganz und gar nicht nach seinem Geschmack.

Der FBI-Agent versuchte die Hintertür des Kombiwagens zu öffnen.

Beinahe hätte er aufgejubelt. Die Tür war nicht verschlossen. Sie gab nach, sie ließ sich öffnen.

Aber angesichts der rasenden Geschwindigkeit des Wagens und der Bleiklötze an Macs Füßen wäre ein Fluchtversuch einem Selbstmord gleichgekommen.

Mac schloss die Tür wieder vorsichtig, lehnte sich mit dem Rücken dagegen und flehte inbrünstig zum Himmel, sie möge nicht von alleine aufgehen.

Dann zog er unter allergrößter Anstrengung zuerst das linke Bleigewicht und dann das rechte hart an seinen Körper heran.

Das ging nicht ohne Geräusche ab, wurde aber von dem Poltern und Rattern des alten Car vollkommen verschluckt.

Wieder stieg der Chinese mächtig auf die Bremse.

Jetzt öffnete Mac langsam und leise die Tür.

Der Wagen fuhr im Schritttempo weiter.

Als die Tür weit genug offen war, wuchtete Mac das eine Bleigewicht mit aller Kraft nach draußen.

Es fiel zu Boden, und es hätte ihm beinahe ein Bein ausgerissen.

Die Kette des rechten Gewichtes spannte sich, Mac Dolan flog unsanft auf die Nase und schlurfte ein Stück nach vorne.

Ein kräftiger, verzweifelter Ruck mit dem rechten Bein, auch das zweite Gewicht fiel nach draußen.

Mac lag mit halb ausgerenktem Kreuz mitten auf der Straße und stöhnte leise.

In der Ferne verschwanden die Schlussleuchten des Kombiwagens.


*


Der Detektiv zog instinktiv mit beiden Händen zuerst am linken und dann am rechten Gewicht und gab sich Mühe, nach rechts in die Büsche zu gelangen.

Mac verschnaufte. Trotz der relativen Kühle der Nacht war er schweißüberströmt. Die beiden Bleiklötze wogen über einen Zentner.

Mac sah sich um. Er lag dicht neben einem Weg, der von Hydrangea-Büschen umsäumt war. Dahinter erkannte der Detektiv das charakteristische Geäst von Natal-Pflaumenbäumen.

Mit vieler Mühe zog sich Mac Dolan unter diese Baumreihe zurück. Er konnte nicht weiter.

Wenn der Chinese seinen Verlust bemerkte, dann würde er sich unter Umständen sofort auf den Rückweg machen und die ganze Gegend absuchen. Er wusste doch schließlich, wo er überall langsam gefahren war.

Mac fühlte, wie es ihm zwischen den Schulterblättern feucht wurde.

Aus der Richtung, in die der Kombiwagen verschwunden war, näherten sich langsam ein paar Scheinwerfer. Die Scheinwerfer stoppten eine Weile, fuhren dann weiter und stoppten wieder.

Kein Zweifel, der Chinese war schon dabei, Mac zu suchen.


*


Konfuzius schien sich Zeit zu nehmen. Eine halbe Stunde verging. Der Wagen kam kaum näher.

Der gelbhäutige Verbrecher wusste natürlich ganz genau, dass sich Mac Dolan bestenfalls seitwärts in die Büsche verzogen haben, zum Fliehen aber nicht in der Lage gewesen sein konnte.

Plötzlich ertönte aus der Ferne Hundegebell. Es kam langsam näher. Ein schwarzer Schatten schoss auf Mac Dolan los. Irgend etwas legte sich bedrückend auf seine Brust, und eine heiße, hechelnde Zunge leckte über sein Gesicht.

Da bin ich also wieder einmal vom Regen unter Umgehung der Traufe ins Kölnisch-Wasser-Bad geraten, dachte der Detektiv bitter. Er hütete sich, sich zu bewegen. Sonst hätte er den Bluthund auf jeden Fall dazu verlockt, ihm den Hals abzubeißen.

„Arco! Arco! Wo steckt denn das verdammte Mistvieh!“, fluchte eine grobe Stimme.

Dann näherte sich eine gebückt gehende Gestalt.

„Na so was, da liegt ja einer?“, sagte der Mann in verkommenem Slang. „Was ist denn hier passiert?“

Er pfiff den Hund zurück.

Der nahm mit einem Aufjaulen von seinem Fund Abschied und ließ sich von seinem Herrn an die Leine nehmen.

„Helfen Sie mir, um Gottes willen“, sagte Mac Dolan. „Ich bin FBI-Agent. Ich bin mit beiden Füßen an Bleiklötze gefesselt und kann sie nicht abmachen. Nur wenige Meilen von hier sucht mein Mörder nach mir.“

„Sollte Sie eigentlich Ihrem Schicksal überlassen“, murrte die grobe Stimme. „Ihr Mörder könnte doch auch sehr leicht zu meinem Mörder werden!“



V

Mac Dolan war beinahe lächerlich zu Mute. Aber nur beinahe.

„Wohnen Sie hier in der Nähe, Mann?“, fragte er. „Haben Sie einen Schraubenschlüssel zu Hause? Vielleicht können Sie hundert Dollar gut gebrauchen?“

„Her mit dem Papier“, war die Antwort.

„Kommt nicht in Frage. Das Geld bekommen Sie, sobald Sie mich von diesen verdammten Klötzen befreit haben.“

Der Mann überlegte eine Weile, dann wandte er sich um. „Verhalten Sie sich still. In etwa fünf Minuten bin ich wieder da!“

Wieder begann das nervtötende Spiel, die Scheinwerfer in der Ferne krochen immer einige Meter näher, dann stoppten sie.

Na, jetzt zieht‘s mir aber bald doch das Hemd hinten rein, dachte Mac Dolan ärgerlich. Wenn der Hundebesitzer sich nicht sehr beeilt, werden wir zweiter Sieger.

Quälend verstrichen die Minuten. Dann endlich näherte sich wieder das heisere Hecheln des Hundes.

Der Mann kam. Er kniete sich zu Mac Dolans Füßen nieder und ließ eine Taschenlampe aufblitzen.

Mac machte einen Satz vorwärts und schlug sie ihm aus der Hand. „Sind Sie wahnsinnig, Sie blutiger Idiot! Sie wollen wohl meine Feinde herbeisignalisieren?“

Der Mann knipste die Lampe erschrocken aus.

Gleich darauf fühlte Mac, wie der Mann an den Verschraubungen der Fußschellen zu arbeiten begann. Noch fünf qualvolle Minuten verstrichen, dann war Mac frei.

Er sprang auf. Beinahe wäre ihm der Hund wieder an die Kehle gefahren. Sein Herr pfiff ihn zurück.

„Sei still, Arco“, sagte der Mann. „Das ist ein Freund! Der gibt uns hundert Dollar. Da kaufen wir uns ein anständiges Fressen.“

Mac und der Fremde hoben unter Aufbietung aller Kräfte die beiden Bleiklötze an und warfen sie in den sumpfigen Graben. Dann stapften sie nach rückwärts zu einem Sandgrundstück, wo eine Bude stand, die ganz so aussah, als würde sie aus Wellblech und ehemaligen Konservendosen bestehen.

Der Fremde führte den FBI-Agenten in den einzigen Raum dieser Bude. Hier war es entsetzlich verwahrlost und stinkend.

Aufatmend fischte Mac seine Brieftasche aus dem Jackett und zählte hundert Dollar ab. Die streckte er dem Mann hin.

Der Bursche war vermutlich als Säugling das letzte Mal gewaschen worden und hatte einen verwilderten Bart, der war schon mehr ein ausgefranster Bettvorleger. Er stieß glucksende Laute des Entzückens aus, als er das viele Geld sah.

Mac Dolan hatte plötzlich eine Idee. „Eine Frage“, sagte er. „Sagen Sie, verfügen Sie über so etwas wie ein Auto?“

Der Mann nickte. „Meine alte Lizzie ist zwar schon ziemlich betagt, aber sie tut‘s noch.“

„Würden Sie mich in die Harbor Street fahren?“

„Für zehn Dollar tu ich eine ganze Menge“, war die Antwort.

Mac zog die zehn Dollar aus der Brieftasche und überreichte sie dem Mann.

Der sperrte schweigend den Hund ein und verließ mit Mac die Wellblechbude.

Hinter der Hütte erkannte jetzt Dolan die Schattenrisse eines uralten Ford.

Der Mann machte sich unter der Kühlerhaube zu schaffen und sagte rau: „Steigen Sie inzwischen nur ein, Mister. Wir werden das Ding schon hinkriegen.“

Gleich darauf erzitterte der alte Ford in allen rostigen Nieten. Der Besitzer hatte eine Drehkurbel in die Verbindungskupplung gesteckt und wuchtete nun mit aller Kraft den Motor durch.

Nach zwei, drei Minuten sprang der Car fauchend und ratternd an.

Der Mann legte die Kurbel achtlos unter die Spritzwand, klemmte sich hinters Steuer und fuhr an.

Der Wagen stieß jammernde Laute aus, aber er setzte sich pfeifend und ratternd in Bewegung und fuhr auf dem elenden Karrenweg nach Westen.

„Wo sind wir überhaupt?“, fragte Mac Dolan neugierig.

„Kommen jetzt gleich nach Hallandale“, erwiderte der Mann.

Der Wagen fuhr in eine kleine Stadt ein und wechselte auf den Highway l über.

Von da ging es in forciertem Tempo über Ojus nach Miami zurück.

Gegen dreiundzwanzig Uhr konnte der Fremde, dessen Namen Mac Dolan noch immer nicht wusste, seinen Gast absetzen.

Er gab Gas und verschwand, ohne den FBI-Agenten noch irgendeines Wortes zu würdigen, in einer Wolke von Staub und Benzin.


*


Mac hatte vor, in das Haus des Chinesen einzudringen und dessen Rückkehr abzuwarten.

Zu diesem Zweck musste der FBI-Agent zunächst einmal das Küchenfenster eindrücken, was er ausgesprochen unfein fand.

Mac stieg vorsichtig in die Küche ein, jedes Geräusch vermeidend, und tastete sich dann in das Arbeitszimmer des Chinesen vor, das er ja schon kannte.

Beinahe hätte er laut aufgejubelt. Das Haus war vollkommen menschenleer, und an einem wurmstichigen Uhrenkasten lehnte die Maschinenpistole.

Dolan nahm vorsichtig die Waffe auf und erkannte mit einem Blick, dass sie geladen war.

„Mac Dolan – Reißverschlüsse en gros“, sagte er träumerisch und rollte die Augen.

Dann fiel sein Blick auf einen Gegenstand am Schreibtisch.

Dort lag seine Pistole, die er so schmerzlich vermisst hatte. Mit einem raschen Griff versenkte er sie in seiner Hose. Er fühlte sich stark.

Das Telefon am Schreibtisch verlockte ihn dazu, ein Gespräch zu führen. Er rief seine Frau an.

„Hallo, Mac, bist du es wirklich?“, hörte er ihre atemlose Stimme. „Was ist denn um Gottes willen passiert? Ich bin so in Angst. Miss Astor sitzt neben mir und raucht meine besten Zigaretten!“

„Angst ist jetzt überflüssig“, erwiderte Mac hastig. „Beinahe hätte mir jemand die Weste aufgeknöpft, aber dann konnte ich‘s schließlich und endlich doch besser. Ich befinde mich jetzt im Hause eines Freundes und freue mich auf sein Gesicht, wenn er mich hier sieht. Ich muss jetzt die Unterhaltung abbrechen. Ich glaube, jemand kommt!“

Mac legte auf.


*

Für einen Augenblick streifte der Schein zweier Autolampen die Fenster, dann wurde es wieder still.

Mac Dolan konnte hören, wie der Kombiwagen des Chinesen in die Garage fuhr. Er leckte sich die Lippen und nahm die Maschinenpistole auf.

Dann wartete er angespannt. Er hatte eine gesunde Wut im Bauch und war dem Gelben für eine gehörige Tracht Prügel gut.

Einige Minuten dauerte es, dann kamen katzensanfte Schritte durch den Gang auf die Tür zu. Jemand drückte die Klinke nieder, dann hörte Mac Dolan ein leises Geräusch und Licht flammte auf.

Konfuzius blickte direkt in die auf ihn gerichtete Mündung der Maschinenpistole.

Der Chinese stand starr und ließ die Hände hängen.

Dann hob er gehorsam die Arme und kitzelte die Zimmerdecke.

„Je später der Abend, desto schöner die Gäste“, sagte Mac Dolan grinsend. „Los, mein Freund, komm schon herein und mach keinen Mucks! Du hast dir an mir heute den elektrischen Stuhl verdient. Setz dich dort drüben in den Sessel und hör gut zu, was ich dir zu sagen habe.“


*

„Konfuzius“ ergab sich erneut mit der stoischen Gelassenheit seiner Rasse in die veränderte Situation. Er nahm tatsächlich auf dem Sessel Platz und ließ seine beiden Pranken rechts und links zur Erde hängen. Nach Macs Ermessen bildete der Mann keine Gefahr.

„Pass mal auf, du stinkender, gelbhäutiger Kanarienvogel“, begann der Agent. „Du hast vor ganz kurzer Zeit Nummernschilder angefertigt. Die Nummer ist 3Z 9763–56.“

Der Chinese hob den stechenden Blick. „Ich habe manchmal ein schwaches Gedächtnis, Sir“, erwiderte er lächelnd. „Ich kann mich absolut nicht an einen derartigen Vorgang erinnern.“

Mac Dolan hielt die Maschinenpistole in der linken Hand und nahm seinen eigenen Knaller in die Rechte. Dann zielte er direkt auf den Bauch des Chinesen, trat ein paar Schritte näher zu ihm und versetzte ihm mit dem Kolben der Pistole ein paar so heftige Hiebe ins Gesicht, dass dem Gelben das Blut aus Nase und Mund herausschoss. Kein Richter der Vereinigten Staaten hätte den FBI-Agenten deswegen verurteilt.

Konfuzius schien endlich einzusehen, dass es sich doch um größere Beträge handelte.

„Ich glaube, die Erinnerung kommt mir langsam. Fragt sich nur, was Sie mit mir beabsichtigen …“

„Das kannst du dir doch selber denken!“, herrschte Mac den aalglatten Burschen an. „Ich werde dich selbstverständlich der Polizei übergeben. Du hast einen Mordversuch auf einen Beamten gemacht, und das nehmen unsere Freude von der Polizei besonders übel. Einige Jahre Sing-Sing sind dir sicher. Vielleicht geht‘s auch mit irgend ‘ner anderen Kleinkinderverwahranstalt ab. Jedenfalls bist du dort gut aufgehoben und brauchst dir keine Sorgen mehr um den täglichen Verdienst zu machen.“

Der Chinese grinste immer noch unverschämt. „Unter diesen Umständen ziehe ich es vor, ab sofort nichts mehr ohne Anwesenheit meines Rechtsbeistandes zu sagen. Sie können mich ruhig schlagen oder foltern, preisgeben werde ich nichts. Wollen Sie aber tatsächlich erfahren, für wenn ich die Nummernschilder angefertigt habe, dann müssen Sie mich schon frei ausgehen und laufen lassen.“

Mac Dolan sah den Chinesen ungläubig an. Ein komischer Vogel war das.

Er überlegte.

Vielleicht war es wirklich besser, die Polizei nicht mit hineinzuziehen, der Fall Randers wäre ja sonst aufgerollt worden. Das wäre aber auch für Mac nicht gut gewesen.

Mac Dolan hatte sich entschlossen. Er hob den Blick und sah dem Chinesen starr in die Pupillen.

„In Ordnung“, sagte er gepresst. „Lassen wir dich also frei ausgehen. Obwohl so was ein Jammer und eine Schande ist. Aber jetzt raus mit der Wahrheit. Aber die reine Wahrheit, Bursche!“

Der Chinese nickte bedächtig. „Wenn ein Chinamann etwas verspricht, Sir, dann lügt er nicht, dann löst er sein Wort auch ein. Ich habe das Nummernschild für Ray Wilson angefertigt.“


*


„Ray Wilson? Wer ist das?“

„Der Mann ist Besitzer vom Lower Ten. Das ist ein Nachtlokal. Sie brauchen mich weiter nichts zu fragen. Ich bin bestimmt nicht im Bilde, zu welchem Zweck Wilson die Nummernschilder gebraucht hat.“

Mac nickte. „Und wer garantiert mir dafür, dass du mir keinen Bären aufgebunden hast?“

„Mein Wort, Sir“, versetzte der Chinese stolz.

Mac spuckte im weiten Bogen aus. Dann wischte er sich verächtlich den Mund. „Dein Wort ist mir einen großen Haufen Dreck wert. Pass mal auf, mein Freund, das machen wir anders. Ich werde dich jetzt hier so lange zurückhalten, bis ich mich von der Richtigkeit deiner Aussage überzeugt habe. Dann lass ich dich laufen.“

Ehe der Chinese protestieren konnte, verpasste ihm Mac zwei wütende Schläge auf die Kinnspitze.

Konfuzius fiel nach hinten um und war wenig später mit einem Telefonkabel, das Mac Dolan am Schreibtisch gefunden hatte, wie ein Postpaket verschnürt. Es fehlte nur mehr die Briefmarke zum Versand.


*


Der Detektiv hatte dringend ein Auto nötig, und er wusste auch, wo er dieses Auto finden würde.

Er tastete die Taschen des Chinesen ab und fand den Zündschlüssel für den Kombiwagen. Dann vernichtete er mit einigen wohl gezielten Tritten die Maschinenpistole und nahm die Patronen mit.

Wenig später setzte Mac Dolan den Car des Chinesen in Bewegung und fuhr rückwärts aus der Garage heraus.

Auf der sechsunddreißigsten Straße traf Mac eine Polizeipatrouille und erkundigte sich bei ihr nach dem Lower Ten.

Der Sergeant, den er fragte, musterte belustigt das altertümliche Fahrzeug und sagte knapp:

„Das Lower Ten ist ‘n stinkfeiner Laden, Sir. Sie sehen mir aber nicht so aus, als hätten Sie genügend Dollar in der Tasche, sich dort sehen zu lassen. Aber bitte, wie Sie wollen. Der Saftladen befindet sich ganz in der Nähe der Bibliothek. An der Biscayne.“

Der FBI-Agent ging auf den unverhohlenen Spott des Beamten nicht ein, sondern startete erneut seinen Wagen und fuhr nach Osten durch.

Wie es der Teufel wollte, verfuhr er sich einige Male, es war immerhin finstere Nacht, und Mac hatte nur sehr oberflächliche Ortskenntnisse, und er brauchte eine ganze Weile, bis er endlich die öffentliche Bibliothek fand.


*


Gegen Mitternacht sah Mac Dolan das Lower Ten vor sich. Es handelte sich um einen achteckigen Bau im Stil einer morgenländischen Kirche.

Mac stellte den Wagen ab und betrachtete das Etablissement aufmerksam von außen.

Er gab viel auf Äußerlichkeiten, aus denen er Rückschlüsse auf verborgene Dinge ziehen konnte. Ihm fiel auf, dass die auf dem Parkplatz abgestellten Wagen alle der besseren Preisklasse angehörten. Also gehörten auch die Gäste alle der besseren Preisklasse an. Zumindest, was ihre äußeren Verhältnisse betraf.

Der FBI-Agent wollte durch den Haupteingang in die Vorhalle eintreten, aber er kam nicht so ohne weiteres an dem silberbetressten Portier vorbei.

Die Ereignisse der vergangenen Stunden hatten Macs Äußeres verändert. Daran hatte er im Augenblick nicht gedacht. Dem scharfen Auge des Portiers ging nichts. Er hielt den FBI-Agenten wohl eines Besuchs des teuren Etablissements nicht für würdig und wollte ihm energisch den Zutritt verwehren.

Mac Dolan richtete sich auf, dass seine Gelenke knackten. Dann wuchtete er mit einem Tritt dem Portier auf die empfindlichen Hühneraugen, und der Mann quiekte. Um ein Haar wäre er vor Schmerz auf die Matte gegangen. Ehe er sich von seinem Entsetzen erholt hatte, war Mac im Gewühl der Gäste verschwunden.

Dolan ahnte ungefähr, mit wem er es zu tun hatte. Er sah in die eigentlichen Räumlichkeiten des Nachtlokals gar nicht hinein, aus denen heraus Jazzfetzen und verhaltenes Lachen in die Halle drangen, sondern er umrundete zielstrebig das Zentrum des Baues. Er glaubte, er müsse auf diese Weise irgendwo auf die Büros stoßen.

In einer Nische stand ein Zigarettenboy, der weiblichen Geschlechts und nur mit einem Bikini bekleidet war. Mac hätte jede Wette gehalten, dass dieser knappe Bikini genau den strengen Vorschriften entsprach, die es für derlei Dinge in Amerika gibt, und regte sich über die spärliche Bekleidung des Mädchens gar nicht erst auf.

Mac winkte das Mädchen heran. Es war ein verteufelt hübsches Ding, aber es war von Macs Anzapfung nicht begeistert. In seinem derangierten Zustand bot Mac keinen sehr zahlungskräftigen Anblick.

„Wo ist Ray?“, fragte Mac kurz.

Das Mädchen hielt es für nötig, beleidigt mit den Augendeckeln zu klappern.

„Ray gibt‘s viele“, sagte es patzig. „Sie müssen sich schon etwas präziser ausdrücken, Mister.“

„Ich meine den Besitzer dieses Saftladens hier, Ray Wilson. Los, Honey, nun knöpf‘ schon raus, wo ich den treffe, sonst setzt es was.“

„Dazu gehören ja zwei!“, sagte das Mädchen mokant und wollte sich abwenden.

„Bekomm ich jetzt meine Antwort, oder bekomm ich sie nicht?“, fragte Mac streng.

Das Mädchen hatte nicht übel Lust, erneut eine patzige Antwort zu geben, aber etwas Bezwingendes in Mac Dolans Erscheinung ließ sie dieses Vorhaben aufgeben.

„Mr. Wilson dürfte vermutlich in seinem Privatbüro sein. Im ersten Stock!“, gab das Mädchen widerwillig zu. „Und jetzt lassen Sie mich gefälligst wieder an meine Arbeit gehen. An Ihnen ist ja nicht ein Dime zu verdienen.“

Mac eilte weiter. Über eine teppichbelegte Treppe stieg er nach oben und kam in einen langen Gang.

Hier herrschte vollkommene Stille. In der Hauptbetriebszeit schien sich alles in den unteren Räumlichkeiten abzuspielen.

Mac überprüfte die verschiedenen Türen. Alle waren verschlossen. Bis auf eine, an der eine kleine Messingplatte mit der Aufschrift „Chef“ prangte.

Mac wartete eine ganze Weile und horchte.

Aus dem Zimmer drang kein Laut nach draußen.

Mac nahm spielerisch die Pistole aus der Gesäßtasche und hielt sie in der rechten Hand.

Mit der Linken klopfte er an.

Alles blieb still.

Mr. Wilson scheint es tatsächlich nicht nötig zu haben, Herein zu sagen, oder er ist wirklich nicht da, überlegte Mac.

Der FBI-Mann war für abgekürztes Verfahren. Energisch drückte er die Klinke nieder und trat ein.

Der Raum lag völlig dunkel da.

Der FBI-Agent tastete nach dem Lichtschalter und knipste das Licht an.

Und nun sah er die Bescherung.

Ein vielleicht fünfunddreißigjähriger Mann von stark italienischem Aussehen, schlank und schwarzhaarig, lag auf dem kostbaren Perserteppich in einer Lache von Blut.

Dicht neben seinem Kopf erkannte Mac eine arg zersplitterte Flasche Bourbon, die offensichtlich ein Alkoholgegner zweckentfremdet dazu verwendet hatte, dem auf dem Teppich Liegenden den Schädel einzuschlagen.

Mac Dolan zweifelte keine Sekunde, dass er Ray Wilson vor sich hatte.

Leider hatte er ihn etwas zu spät gefunden.


VI

Der FBI-Agent bemühte sich, keine Spur zu zerstören und kniete vorsichtig neben dem Ermordeten nieder.

Er betastete die Leiche. Der Mann war noch ganz warm. Allzu lange konnte der Mord noch nicht zurückliegen.

Mac überlegte angestrengt. Er musste an die Erzählungen Major Randers denken. Ob Ray Wilson mit dem Mann identisch war, der die Pluto-Pläne gestohlen hatte?

Fehlte nur mehr die silberhaarige Frau, die der Major in dem Pontiac-Chieftain erkannt haben wollte. Aber die würde man wohl auch noch finden. Im Augenblick gab es Naheliegenderes zu tun.

Der FBI-Agent zog feine Seidenhandschuhe über, die er immer bei sich trug, und riegelte das Zimmer von innen ab. Dann ging er zum Telefon und rief die Polizei an.

„Hier Bundeskriminalpolizei!“, sagte er zu dem Mädchen an der Vermittlung. „Verbinden Sie mich schleunigst mit dem Offizier vom Dienst.

„Ich rufe Leutnant Avery“, sagte eine helle Stimme. „Bleiben Sie einen Augenblick am Apparat.“

Gleich darauf meldete sich der Polizeioffizier.

„Hallo, hier FBI-Agent Mac Dolan“, sagte Mac scharf. „Eigener Standpunkt Nachtlokal Lower Ten. Habe um genau Mitternacht den Besitzer Ray Wilson ermordet vorgefunden. Der Mord liegt bestenfalls eine Viertelstunde zurück. Blockieren Sie sofort das Nachtlokal unauffällig. Der Mord selbst spielt keine Rolle. In dem Nachtlokal ist vermutlich irgendwo eine Aktentasche verborgen. Auf die allein kommt es mir an. Näheres kann ich nicht sagen. Ich bleibe am Tatort. Haben Sie alles mitbekommen?“

„Jawohl, Sir“, dienerte der Polizeioffizier. „Ich werde sofort das Homicide alarmieren.“

„In Ordnung. Bevor die Mordkommission die Gäste verrückt macht, muss das ganze Gebäude und das Grundstück abgeschottet sein. Falls der Mörder noch im Haus ist, darf er nicht entkommen.“

„Ich werde mich ganz nach Ihren Wünschen richten.“


*


Mac Dolan hatte dem Tod in so vielfältiger Gestalt ins Auge gesehen, dass ihn der ermordete Nachtclubbesitzer nicht weiter aufregen konnte.

Er warf sich in einen Sessel und dachte laut nach. „Warum wurde bloß dieser Wilson ermordet? Etwa, weil ich ihm auf die Schliche gekommen war? Das würde bedeuten, dass er die Pläne nicht auf eigene Rechnung, sondern in fremdem Auftrag gestohlen hat. Das bedeutet weiter, dass der Auftraggeber der Mörder ist, und dass dieser jetzt die Pläne im Besitz hat. Na, höchstwahrscheinlich werden wir vergeblich nach ihnen suchen.

Aber woher weiß der Mörder, wenn er es weiß, dass ich hinter Wilson her bin? Von Konfuzius höchstwahrscheinlich. Aber den habe ich ja so phantastisch verschnürt … hoppla, da hätte ich beinahe etwas übersehen.“

Mac griff nach dem Telefonhörer und suchte im Telefonbuch die Nummer des Chinesen. Die schien aber eine Geheimnummer zu sein, sie stand nicht im Verzeichnis.

„Mal sehen“, murmelte Mac Dolan verbissen.

Er rief die Auskunft an, gab sich zu erkennen und bat, ihn mit dem Hause des Chinesen zu verbinden.

Nach einigem Hin und Her war man endlich dazu bereit.

Die Verbindung kam zustande.

Eine ferne Stimme meldete sich. „Wer spricht?“

Mac Dolan erkannte sofort das Organ des Gelben.

Also war Konfuzius nicht mehr gefesselt und hatte somit theoretisch die Möglichkeit gehabt, den Mord zu veranlassen, selbst auszuführen, oder vielleicht auch nur auszulösen.

„Hier spricht der Chef“, sagte Mac Dolan auf gut Glück.

„Welcher Chef?“, kam es zurück.

„Ihr Chef, selbstverständlich!“

Konfuzius wurde ausgesprochen sauer. „Sie wollen mich wohl am Bein zupfen oder auf ‘n Arm nehmen? Legen Sie sich wieder ins Bett und halten Sie Ihr Maul!“

Dann legte er auf.

Mac hätte jetzt Konfuzius verhaften lassen können, aber ein letzter Rest von Fairness in ihm verbot ihm dies. Er hatte dem Mann versprochen, ihn für den Fall, dass er die Wahrheit gesagt habe, laufen zu lassen.

Als Mac Dolan in seinen Gedanken so weit gekommen war, wollte jemand ins Zimmer herein.

Lautlos schlich Mac bis zur Türe, entriegelte sie vorsichtig und riss sie auf.

Ein Kellner wollte hereinprellen, zuckte aber zurück, als er den ihm vollkommen unbekannten FBI-Agenten erkannte.

„Was wollen Sie?“, fragte Mac Dolan barsch.

Der Kellner straffte sich. „Das gleiche frage ich Sie!“

Mac holte seine Dienstmünze aus der Tasche. „Bundeskriminalpolizei!“

Der Kellner wurde blass. „Um Gottes willen!“, sagte er mit zittriger Stimme. „Ich habe drei Kinder, und ich habe nie mehr Steuer hinterzogen, als das in unserem Beruf üblich ist! Sie werden mich doch nicht verhaften wollen?“

Mac schüttelte grimmig den Kopf. „Machen Sie doch keine Witze! Ihr Chef ist ermordet worden!“

Der Kellner begann zu zittern. Er wurde ganz blass und musste sich an die Wand lehnen.

„Eine Frage“, sagte Mac Dolan plötzlich wie aus der Pistole geschossen. „Was für einen Wagen besaß Mr. Wilson zuletzt?“

Die Antwort kam prompt. „Einen 56er Pontiac-Chieftain.“

Das war gewissermaßen der letzte Baustein.


*


Es lohnt nicht, das Theater zu schildern, das die Gäste des Nachtlokals veranstalteten, als die Polizei kam.

Mac Dolan kümmerte sich nicht um das bunte Leben und Treiben. Das ganze Grundstück wurde abgeriegelt, und Spezialbeamte der Polizei verteilten sich unauffällig in die verschiedenen Säle, um nach guten Bekannten Ausschau zu halten.

Mac Dolan wusste genau, dass dabei nichts herauskommen konnte. Es sei denn, irgendein gesuchter Verbrecher wäre zufällig hier anwesend gewesen. In Orten wie Miami muss die Polizei auf die Belange des Fremdenverkehrs Rücksicht nehmen.

Vernünftig wäre es gewesen, bis zum Abschluss der ersten Voruntersuchung sämtliche Gäste im Hause zu behalten. Aber dazu konnte sich Leutnant Avery nicht entschließen.

Mac Dolan verdachte ihm das nicht.

Die Mordkommission hatte sich etwa eine halbe Stunde mit der Leiche des Nachtclubbesitzers beschäftigt, als der Leutnant endlich Zeit fand, sich bei Dolan zu melden.

Er war vielleicht fünf Jahre jünger als der FBI-Agent, groß und schlank, und machte einen recht guten Eindruck.

Der Polizeioffizier warf einen zerstreuten Blick auf die Leiche und fragte dann kurz: „Nun, was ist mit diesem Mr. Wilson?“

Mac Dolan verzog sein Gesicht zu einem müden Grinsen. „Höchstwahrscheinlich hat er sich selbst die Flasche Bourbon auf die Rübe geschlagen. Typischer Fall von Selbstmord!“

Die anwesenden Beamten lachten.


*


Der FBI-Agent nahm Leutnant Avery beiseite. „Hören Sie“, sagte er. „Ich befinde mich in einer Zwickmühle. An sich bin ich im Urlaub. In diese verdammte Sache mit Wilson bin ich ohne mein Zutun und ohne amtlichen Auftrag reingeschlittert. Trotzdem muss ich ihn durchführen. Lassen Sie das Haus sorgfältig durchsuchen. Vielleicht finden Sie eine gepanzerte Aktentasche. Die wäre wichtig für mich. Sollten Ihre Leute die finden, würde ich darum bitten, dass sie mir sofort ausgeliefert wird.“

Der Leutnant betrachtete ihn zweifelnd. „Eine komische Geschichte“, meinte er. „Wenn Sie nicht in amtlichem Auftrag arbeiten, dann arbeiten Sie vermutlich in privatem Auftrag. Aber das ist Ihnen doch verboten.“

Dolan machte eine abwehrende Handbewegung. „Ich bin außerstande, Ihnen mehr zu sagen. Immerhin habe ich Ihnen reinen Wein eingeschenkt. Und dazu wäre ich gar nicht verpflichtet.“

„Die Mordkommission“, bemerkte Leutnant Avery weise, „ist eben dabei, das Personal zu verhören und die Umstände zum vermutlichen Zeitpunkt des Mordes zu rekonstruieren. Ich glaube nicht, dass dabei viel herauskommt. Aber wir können diese Leute nun sich selbst überlassen. Haben Sie eine Ahnung, wer als Mörder in Betracht kommt?“

Mac Dolan zuckte die Achseln.

„Das ist sehr schwer zu sagen“, erwiderte er und zündete sich mit zitternden Händen eine Zigarette an. Die Anstrengung der letzten Stunden kam bei ihm nun doch zum Durchbruch. „Wenn die Aktentasche, die ich so dringend suche, nicht hier bei Wilson ist, dann ist sie bei einer anderen Person, die ich zunächst einmal als Mr. X bezeichnen will. Und diese Person ist bestimmt dann auch der Mörder. Das ist der ganze Hinweis, den ich Ihnen liefern kann.“

„Nun gut, wenn Sie meinen, Dolan.“

„Genau das meine ich. Aber entschuldigen Sie mich jetzt, Avery, ich muss mich etwas im Haus umsehen. Sie können mich jederzeit im Hotel Villa Biscaya erreichen. Ich wohne in der zweiten Etage, in Zimmer 46. Ich bin gerne bereit, Sie zu unterstützen, wenn Ihnen daran gelegen ist, aber im Augenblick muss ich wirklich weiter.“

Mac Dolan verabschiedete sich kurz von dem Polizeioffizier und schnüffelte auf eigene Faust im Haus herum.

In der Unterflurgarage fand er einen Pontiac-Chieftain. Über dessen amtliches Kennzeichen hatte eine ziemlich stümperhafte Hand zweite Nummernschilder angebracht. Diese hatten die Nummer 3Z 9763–56.

Allmählich bewunderte Mac Dolan Konfuzius. Die Nummernschilder einschließlich des amtlichen Stempels waren tatsächlich meisterhaft gefälscht.


*


Mac Dolan ging ins Vestibül hinaus, wo soeben die allerletzten Gäste sanft verabschiedet wurden. In einem Schaukasten hingen Bilder einer bildschönen Frau mit silber-getöntem Haar. Dieses Haar war im Wesentlichen die einzige Bekleidung der Frau, aber eine milde Hand hatte Papierstreifen und ähnliche Staffagen über die Ganzfotos geklebt, so dass sie zumindest auf den flüchtigen Beschauer nicht anstößig wirken konnten.

Mac Dolan war von der Frau sofort frappiert. Nicht wegen ihrer indezenten Aufmachung, sondern weil er sich an die Worte Major Randers erinnerte, wonach Wilsons Pontiac-Chieftain von einer Frau mit silberfarbenem Haar gefahren worden war.

Mac Dolan bekam einen der Kellner zu fassen. Er deutete auf das Foto. „Sagen Sie mal, Guter, wer ist die Dame hier?“

Der Kellner verzog etwas geringschätzig den Mund. „Das ist keine Dame, Sir, das ist eine Schönheitstänzerin. Für ihre dreißig Jahre ist sie übrigens noch phantastisch beisammen. Sie heißt Barbara Bernstein. Ich glaube, sie stammt aus Wien.“

„So genau hatt‘ ich‘s ja wieder nicht wissen wollen!“, meinte der FBI-Agent amüsiert. „Sie wird vermutlich auch nicht aus Stein und Wachs sein. Hat sie mit irgendeinem Mann ein festes Verhältnis?“

Der Kellner zuckte die Achseln. „Man soll im Allgemeinen den Toten nichts nachsagen, Sir, aber es war offenkundig, dass sie mit Ray Wilson liiert war.“

Mac Dolan verwunderte diese Tatsache keinesfalls. Er bohrte dem Kellner seinen steif gemachten Zeigefinger in den Bauch und fragte weiter: „Sagen Sie, wo kann ich die Adresse dieser Barbara erfahren?“

„Sehen Sie zu, dass Sie jemanden vom Personalbüro finden. Dort wird man ihre Anschrift sicher wissen. Ich persönlich habe keine Ahnung.“


*


Der FBI-Agent hatte insofern Glück, als er ohne langes Herumfragen den Chef des Personalbüros traf. Der konnte ihm Barbara Bernsteins Adresse sagen. Er zog eine Karteikarte, sah kurz drauf und warf dann flüchtig ein paar Zeilen mit dem Kugelschreiber auf ein Stück Papier.

Dann las er laut vor: „107 La Roche Boulevard, Buena Vista. – Meine Handschrift ist ein bisschen unleserlich“, setzte er entschuldigend hinzu.

Mac Dolan erkannte sofort, dass er nur ein paar Meilen zu fahren hatte. Er ging zum Parkplatz, um in den Kombiwagen des Chinesen zu steigen, aber der Wagen war nicht mehr da, wo er ihn abgestellt hatte.

Mac stutzte und staunte. Ein Diebstahl wäre ein zu großer Zufall gewesen. Viel wahrscheinlicher war, dass der Chinese auf irgendeine Weise das Fahrzeug wieder an sich gebracht hatte.

Mac Dolan hatte im Augenblick keinen Wagen da. Sein eigener Mercury stand immer noch in Ojus wie bestellt und nicht abgeholt.

Mac überlegte, dann ging er noch einmal ins Lower Ten zurück und versuchte, Leutnant Avery zu erreichen.

„Können Sie mir für etwa eine Stunde einen Wagen mit Fahrer zur Verfügung stellen?“, fragte er.

Avery nickte unlustig. „Selbstverständlich, Kollege Dolan. Das lässt sich schon machen.“

„Dann hätte ich gleich noch eine Bitte. Mein eigener Wagen steht am ostwärtigen Ende der Bananenplantage in Ojus. Es ist ein Mercury. Wären Sie in der Lage, durch einen Ihrer Hilfskräfte den Car an Land ziehen und zum Hotel Villa Biscaya bringen zu lassen?“

Der vielbeschäftigte Polizeioffizier nickte. „Auch diesen Gefallen kann ich Ihnen tun. Ich werde dafür sorgen, dass man Ihnen nach Tagesanbruch den Wagen zustellt. Aber jetzt entschuldigen Sie mich. Ich muss meine Erhebungen abschließen.“

„Haben Sie das Haus durchsuchen lassen? Ist die gepanzerte Aktentasche gefunden worden?“

Leutnant Avery schüttelte missmutig den Kopf. „Wir haben tatsächlich alles auf den Kopf gestellt. Wir haben nichts gefunden.“

Der FBI-Agent nickte. „Vergessen Sie‘s, Avery. Höchstwahrscheinlich ist die Tasche nicht mehr im Lower Ten.“

Vor dem Nachtlokal wartete bereits ein Radiostreifenwagen auf Dolan. Mac ließ sich todmüde vorn neben dem Fahrer ins Polster fallen und bat ihn, nach Buena Vista zu fahren.

Der La Roche Boulevard war verhältnismäßig leicht zu finden. Er bestand allerdings aus bestenfalls zwanzig oder dreißig Villen. Eine Nummer 107 gab es nicht.

Mac Dolan fluchte. „Fahren Sie langsam die Straße entlang. Wenn Sie irgendwo einen Spätheimkehrer finden, dann halten Sie. Vielleicht kann ich den nach Barbara Bernstein ausfragen.“

Nachdem Wilson tot war, musste wenigstens Barbara Bernstein, wenn sie tatsächlich während des Raubs der Pläne den Pontiac-Chieftain gefahren hatte, etwas über den Verbleib der gestohlenen Aktentasche wissen. Angesichts der eminenten Wichtigkeit dieser Angelegenheit war Mac Dolan fest entschlossen, selbst vor rigorosesten Mitteln nicht zurückzuschrecken, um die Tasche zu bekommen. Aber dazu musste er die Schönheitstänzerin erst einmal haben.

Der Polizeifahrer wendete seinen Wagen und fuhr langsam den La Roche Boulevard zurück.

Irgendwo in der Nähe hielt gerade ein Wagen, und zwei kichernde junge Herren stiegen aus.

Der Polizeiflitzer machte einen Satz zu den beiden hin und blieb stehen.

Die beiden Männer drehten sich neugierig um. Sie machten betretene Gesichter. Vielleicht fürchteten sie, einem Alkoholtest unterzogen zu werden.

Mac Dolan stieg eilig aus und ging auf die beiden zu.

„Ich habe nur einen einzigen Black & White getrunken!“, protestierte der eine sofort, ehe Mac Dolan ihn überhaupt angeredet hatte.

Der FBI-Agent wehrte ab. „Es ist mir vollkommen egal, wo und womit Sie sich vollgetankt haben. Ich will nur eine Auskunft von Ihnen. Wohnen Sie hier in dieser Straße?“

„Ich wohne seit zehn Jahren hier“, antwortete der andere, der bisher wohlweislich den Mund gehalten hatte. Aus seinem Rachen kam eine Alkoholfahne, dass Mac Dolan unwillkürlich zurücktrat.

„Ausgezeichnet“, sagte der Agent. „Hier in dieser Straße soll eine gewisse Barbara Bernstein wohnen. Eine sehr schöne Frau. Dreißig Jahre alt. Sie hat silbernes Haar. Sie ist als Schönheitstänzerin im Nachtlokal Lower Ten beschäftigt. Können Sie mir sagen, wo sie wohnt?“

Der andere Mann schüttelte unmutig den Kopf. „Da hat man Sie verdammt reingelegt. Ich bin Grundstücksmakler. Ich habe die meisten Parzellen hier vermittelt. Sie können sich fest drauf verlassen, dass hier herum keine Barbara Bernstein wohnt.“

Mac Dolan fragte noch einiges, musste sich aber davon überzeugen, dass die Adresse, die man ihm im Lower Ten gegeben hatte, nicht stimmte. In diesem Fall ging schon alles schief!


VII

Der FBI-Agent überlegte, ob er noch einmal in das Nachtlokal zurückfahren und den Mann, der ihm die Anschrift gegeben hatte, zur Rede stellen sollte. Er war aber irgendwie fest überzeugt, dass die Auskunft im guten Glauben erteilt worden war. Höchstwahrscheinlich hatte lediglich Ray Wilson gewusst, wo Barbara Bernstein tatsächlich wohnte, und das Mädchen hatte dem Personalbüro nur eine fingierte Anschrift angegeben, um nicht unnütz aufzufallen.

Mac brütete einige Minuten vor sich hin. Jawohl, so musste es gewesen sein. Es hatte also gar keinen Sinn, wenn er auf eigene Faust die Bernstein suchte.

„Wohin darf ich Sie jetzt bringen?“, fragte der Polizeifahrer und gähnte unverhohlen.

Mac fuhr auf. „Was haben Sie gesagt? Ach so! Schützen Sie keine Müdigkeit vor. Ich muss ja auch aushalten. Und dabei bin ich im Urlaub. Verstehen Sie das?“

Der Mann schüttelte den Kopf. „Da kann ich Sie wirklich nicht verstehen, Sir!“

Mac lachte missmutig. „Sollen Sie auch gar nicht. Also, fahren wir zu Leutnant Avery zurück. Er wird ja inzwischen wieder im Polizeihauptquartier sein.“


*

Leutnant Avery war wenig begeistert, als er um vier Uhr morgens Mac Dolan schon wieder gegenüberstand.

„Ich bin Ihnen ja stets gerne zu Diensten“, sagte er säuerlich, „aber allmählich fehlen mir neunundneunzig Cent zu einem Dollar, wenn ich Sie nur sehe. Was haben Sie jetzt wieder auf dem Herzen?“

„Ich fürchte, ich muss Ihnen schon wieder nächtliche Ungelegenheiten bereiten“, erwiderte Mac Dolan. „Im Lower Ten arbeitet eine Schönheitstänzerin. Sie heißt Barbara Bernstein. Heute ist sie wohl nicht aufgetreten. Die Frau muss ich tot oder lebendig haben. Lebendig wäre mir lieber. Ich habe mir im Personalbüro ihre Adresse geben lassen, aber die war grundfalsch. Höchstwahrscheinlich kannte nur Ray Wilson ihre richtige Wohnung.“

Der Polizeioffizier stöhnte auf. „Den können wir allerdings nicht fragen. Und was wünschen Sie, dass ich tun soll?“

„Biegen Sie die Sache irgendwie hin. Leiten Sie eine Großfahndung nach ihr ein. Wenn man ihrer habhaft wird, soll sie als wichtige Zeugin festgehalten werden. Es hängt viel davon ab. Ich darf Ihnen leider nicht mehr sagen, Leutnant Avery. Sobald Sie die Frau haben, verständigen Sie mich in meinem Hotel. Ich muss die Frau unbedingt verhören.“

„So seid ihr Leute vom FBI“, murrte der Polizeileutnant ungeniert. „Ihr hüllt euch immer in den Schleier des Geheimnisses, und wir können‘s ausbaden. Sagen Sie mir nur, auf welcher Rechtsgrundlage ich eine Fahndung nach dieser Schönheitstänzerin einleiten soll!“

Mac zuckte die Achseln. „Ich kenne die Gesetze so gut wie Sie. Es wird Ihnen schon irgendwas einfallen. Ich kann Sie selbstverständlich nicht zwingen, aber ich flehe Sie an, helfen Sie mir in der Sache. Es hängt unheimlich viel davon ab!“

„Wenn ich nur ein Bild von dem Girl hätte. Aber da wird‘s ja im Lower Ten eines geben.“

Mac Dolan nickte. „Und was für schöne Bilder von dem Kind im Vestibül hängen! Im Schaukasten. Die Frau hat silbernes Haar. Das ist wohl ihr bestes Erkennungszeichen.“

„Sofern sie dieses silberne Haar jetzt noch hat. Also schön, Dolan, ich werde tun, was ich kann. Sie bekommen von mir sofort Nachricht, wenn wir das Girl haben. Wenn sich die Frau allerdings aus Miami abgesetzt hat, dann kann die Fahndung unter Umständen lange Zeit in Anspruch nehmen. Aber das wissen Sie ja alles selbst.“


*


Mac Dolan erreichte gegen fünf Uhr todmüde das Hotel Villa Biscaya.

Der Nachtportier ließ ihn ein.

Mac hatte die Absicht, sofort zu seiner Frau aufs Zimmer zu gehen, um sich niederzulegen. Er hatte in den vergangenen Stunden getan, was er in der dunklen Sache überhaupt hatte tun können.

Im Gang vor seinem Zimmer wurde er von Susi Astor abgefangen. Die etwas fette, junge Frau hatte tiefe Runen im Gesicht. Vermutlich bebte und zitterte sie um das Leben ihres Freundes.

Mac Dolan empfand unwillkürlich Mitleid mit ihr. Wenn die Pläne nicht wieder herbeikamen, war Major Randers verloren. Das war amtlich.

„Gott sei Dank, mir fällt ein Stein vom Herzen“, sagte die Frau mit ihrer brüchigen Stimme. „Wäre es sehr unbescheiden, Sie zu bitten, jetzt gleich mal mit zu Lionel zu kommen?“

Mac Dolan warf seiner Zimmertür einen bedauernden Blick zu und folgte der jungen Frau in den Lift.

Lionel Randers hatte immer noch etwas Fieber, und der Verband um seinen rechten Oberarm gefiel Mac Dolan gar nicht.

Der Major richtete sich erwartungsvoll auf, als Mac Dolan eintrat.

„Nun, Mr. Dolan, ist es Ihnen gelungen, irgend etwas herauszufinden?“

Mac Dolan nickte düster, setzte sich auf den Bettrand und zündete sich geistesabwesend eine Zigarette an.

„Ich habe allerlei herausgebracht. Aber von den Plänen fehlt nach wie vor jede Spur“, sagte er dumpf.

Er berichtete den beiden, was es seit ihrer Trennung gegeben hatte.

Der Major zeigte sich von der Schilderung des FBI-Agenten stark beeindruckt. Er sah Mac eindringlich an. „Was Sie da heute für mich getan haben, das kann ich Ihnen im ganzen Leben nicht wieder vergelten! Wissen Sie, Dolan, das allerschlimmste ist, dass ich selbst so gar nichts tun kann. Dass ich durch meine Verwundung ans Bett gefesselt bin. Ich möchte diese quälende Ungewissheit meinem schlimmsten Feind nicht wünschen.“

„Das kann ich verstehen“, erwiderte Mac Dolan mitleidig. „Ich gebe mir die größte Mühe, Ihnen behilflich zu sein. Sie können zu mir Vertrauen haben. Zaubern kann ich natürlich auch nicht. Sobald ich die Schönheitstänzerin habe, werden wir aus ihr schon irgendwas über die Pläne herausbekommen. Hoffentlich hat sich das muntere Mädchen nicht aus Miami entfernt.“

„Nun gut, damit muss ich mich eben bescheiden. Ich bin Ihnen ja so dankbar, Mr. Dolan. Ich glaube, kein anderer würde für einen Wildfremden das tun, was Sie machen.

Was haben Sie jetzt vor?“

„Das können Sie sich selber vorstellen. Ich geh jetzt in mein Zimmer und versuche zu schlafen. Meine Frau wird noch warten. Sie bangt selbstverständlich auch um mein Leben. Noch dazu sie gar nicht weiß, um was es hier geht.“

Nun mischte sich Susi Astor lebhaft ein.

„Ihre Frau werden Sie allerdings nicht antreffen“, sagte sie. „Sie hat gegen halb vier Uhr morgens das Hotel verlassen. Sie war in Begleitung zweier Männer. Eines großen Hageren und eines kleinen Dicken.“

Mac Dolan war wie vom Schlag gerührt.

„Was hat June getan?“, fragte er ganz entgeistert.

Susi Astor nickte. „Ich sagte es Ihnen doch, Mr. Dolan. Sie hat das Hotel verlassen.“

„Und Sie sind ihr dabei auf dem Gang begegnet?“

„Ja! Mrs. June konnte nicht schlafen. Ich konnte das selbstverständlich auch nicht. Und so besuchte ich sie alle halbe Stunde auf ihrem Zimmer. Wir haben ungezählte Zigaretten zusammen geraucht und ganz schön einen gepichelt. Als ich gegen halb vier wieder zu ihr gehen wollte, kam sie zum Ausgehen angezogen aus ihrem Zimmer heraus. In Begleitung zweier Männer.“

„Moment mal, Moment mal! Haben Sie mit meiner Frau noch gesprochen?“

„O ja! Aber Sie war ziemlich reserviert und zurückhaltend. Sie sagte nicht viel. Und die beiden Herren, die bei ihr waren, die schwiegen wie die Holzklötze. Da wollte ich mich auch nicht aufdrängen. Ich dachte, Ihre Frau wolle mit Bekannten ausgehen.“

Mac Dolan ahnte die ganze furchtbare Wahrheit. Er schüttelte den Kopf. „Meine Frau kennt hier in Miami keinen Menschen. Sie ist bestimmt nicht ausgegangen. Sie ist entführt worden. Himmeldonnerwetter, jetzt stehe ich da mit meinem Talent! Entschuldigen Sie mich bitte. Zum Schlafen komme ich nun nicht mehr. Ich muss sofort versuchen, die Spur meiner Frau aufzunehmen.“

Jetzt war auch der Major erschüttert. „Großer Gott“, sagte er. „In welche Ungelegenheiten bringe ich Sie da. Ich kann mir nur vorstellen, dass die Entführung mit meiner Sache im Zusammenhang steht?“

Mac Dolan nickte schwer. „Selbstverständlich! – Hören Sie, Miss Astor, können Sie mir die beiden Begleiter meiner Frau näher beschreiben?“

Die Frau zuckte bedauernd die Achseln. „Nein, das kann ich nicht. Wissen Sie, die Beleuchtung war nicht besonders.“

Mac nahm Susi Astor in ein kurzes Verhör, aber er brachte aus ihr nichts weiter heraus, als dass der eine der Männer groß und hager, der andere aber klein und dick und ungeheuer vergnügt gewesen sei.

Mac Dolan dachte bereits an etwas anderes. Er verabschiedete sich zerstreut und ging auf sein Zimmer.

Das breite Bett war unberührt. June hatte vermutlich noch nicht geschlafen. Alle ihre Sachen hingen ordentlich im Schrank. June war weggegangen, ohne irgend etwas mitgenommen zu haben.

Dolan zog schnell einen anderen Anzug an und eilte dann ins Erdgeschoss, um sich mit dem Nachtportier zu unterhalten.

„Hören Sie“, sagte er. „Haben Sie meine Frau fortgehen sehen?“

Der Portier sah Mac Dolan mit diskreter Neugier an. Er witterte eine Ehetragödie.

„Ja“, sagte er dann. „Ihre Gattin ist in Begleitung zweier Herren weggegangen. Stimmt etwas nicht?“

Mack nickte grimmig. „Hier stimmt ‘ne ganze Menge nicht. Höchstwahrscheinlich ist meine Frau entführt worden. Ist Ihnen irgend etwas an den beiden Begleitern aufgefallen?“

„Nein, nicht dass ich wüsste“, sagte der Portier. „Als die Herrschaften durch die Halle gingen, wurde ich gerade angerufen und war dadurch abgelenkt. Ich bin ihnen allerdings dann durch die Drehtür gefolgt. Ich habe gesehen, wie sie alle drei in einen blauen Cadillac El Dorado einstiegen. Es war ein viersitziges Cabriolet.“

„Und die Nummer? Konnten Sie sich die merken?“

Der Portier schüttelte den Kopf. „Dazu lag doch keine Veranlassung vor. Großer Gott, jetzt geht mir erst auf, was passiert ist! Das gibt einen schönen Skandal für unser Hotel, wenn erst bekannt wird, dass man Ihre Frau entführt hat!“

„Ach was, was interessiert mich denn Ihr Hotel!“, murrte Mac Dolan erbittert. „Was glauben Sie denn, was meiner Frau passieren kann, wenn es mir nicht gelingt, sie herauszuhauen!“


*

Ohne sich weiter um den entgeisterten Portier zu kümmern, stürmte der FBI-Agent ins Freie.

In langsamer Fahrt fuhr ein Taxi an ihm vorbei.

Es gelang ihm gerade noch, den Wagen aufzuhalten. Dann warf er sich aufgelöst in die Polster. „Fahren Sie mich zum Polizeihauptquartier!“, befahl er.

Leutnant Avery konnte nur noch hilflos blinzeln, als er Mac Dolan gegen sechs Uhr schon wieder in sein Büro empfangen musste.

„Sie schlafen wohl im Stehen, wie?“, versuchte er zu scherzen. „Was ist denn jetzt schon wieder kaputt?“

„Eine ganze Menge“, knurrte Mac Dolan und griff ins Jackett. Er blätterte eine ganze Serie Fotos seiner Frau auf den Tisch.

„Das ist meine Frau“, sagte er. „Sie ist gegen halb vier Uhr aus dem Hotel entführt worden.“

Aufstöhnend warf er sich in einen der Sessel. Dann berichtete er in knappen Sätzen, was er von Susi Astor erfahren hatte.

„Well“, sagte Avery. „Ich gehe jetzt gleich zum Telefon und veranlasse eine zweite Großfahndung. Ob wir allerdings etwas erreichen, bevor Mrs. June etwas zugestoßen ist, das kann ich nicht sagen.

Übrigens, blaue Cadillac El Dorado-Cabriolets wird es auch hier in Miami nicht zu viele geben. Diese Dinger sind wahnsinnig teuer. Ich kenne die Vertretung. Es ist die Firma Archer & Cie. in der Third Street. Ich werde um acht Uhr sofort hinfahren und mich erkundigen, wer hier als Besitzer eines derartigen Wagens in Frage kommen könnte.“

Mac Dolan schüttelte den Kopf. „Bleiben Sie hier im Hauptquartier, Leutnant. Ich werde mich selbst bei der Firma erkundigen. Und jetzt wäre ich froh, wenn ich irgendwo einen starken Kaffee oder so was an Land ziehen könnte.“

Der Leutnant nickte. „Ich habe noch einen ordentlichen Schluck in meiner Thermosflasche. Der wird Ihnen gut tun. Warten Sie, eine Tasse ist auch da. Hoffentlich ist sie sauber.“



VIII

Die nächsten anderthalb Stunden waren für Mac eine einzige entsetzliche Nervenanspannung. Er bangte um seine geliebte Frau und durfte doch dem Polizeioffizier gegenüber nicht das Gesicht verlieren.

Mac rauchte unendlich viele Zigaretten. Schweigend saßen sich die beiden Kriminalisten gegenüber.

„Eines müssen Sie mir versprechen“, brach Mac Dolan endlich das Schweigen. „Ich habe so den leisen Eindruck, dass im Vorzimmer bereits jede Menge Pressehyänen sitzen. Den Leuten werden Sie über den Mord an Wilson selbstverständlich einen Hinweis geben müssen. Aber vielleicht wäre es möglich, meine Mitwirkung in der Sache zu verschweigen. Publicity ist für einen FBI-Mann ebenso gut wie Schwefelsäure für die hübsche Larve einer Schauspielerin.“

Kurz vor acht hielt es Mac Dolan nicht mehr im Polizeihauptquartier.

Leutnant Avery übergab die weitere Bearbeitung seines Falles an Inspektor Whistler, der jetzt seinen Dienst aufnahm.

„Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, Mister Dolan, dann versehen Sie Ihre Frau mit einem anständigen Packen Geld, wenn Sie sie gefunden haben, und schicken Sie sie nach Hause. Die Luft hier in Miami ist ihr, glaube ich, nicht sehr zuträglich!“, sagte der Inspektor mitleidig.

„Worauf Sie sich verlassen können“, brummte Mac.

Ein Polizeifahrzeug brachte den FBI-Agenten zu der Firma Archer & Cie. Mac sah mit Schrecken, dass die Geschäftszeit dieser Firma erst um neun Uhr begann. Aber er drang trotzdem, auf sein Glück bauend, in den mächtigen in Chrom und Glas blitzenden Bau der Ausstellungshalle ein.

Eine Tür öffnete sich, und ein schlankes Mädchen in einem atemberaubenden Kleid trat heraus.

Hinter ihr wurde ein älterer Herr sichtbar, der wie ein russischer Großfürst wirkte.

Mac nickte dem Schmuckstück freundlich im Vorübergehen zu und wandte sich an den Mann.

„Ich bin Dolan vom FBI“, sagte er und zeigte seine Marke. „In der vergangenen Naht, genauer gesagt, um drei Uhr dreißig, wurde aus einem Hotel hier meine Frau entführt. Die Entführer bedienten sich eines Cadillac El Dorado-Cabriolets von blauer Farbe. Ich könnte mir vorstellen, dass derartige Wagen in Miami nicht allzu häufig sind. Ich fordere Sie auf, mir zu sagen, wer hier einen solchen 56er Cadillac in Besitz hat.“

Der russische Großfürst strich sich den gepflegten Bart. Dolans Forderung kam ihm recht ungelegen.

„Wer sagt denn überhaupt, dass es sich um einen hiesigen Cadillac handelte?“, fragte er vorsichtig. „Die Entführer könnten doch schließlich von weither gekommen sein?“

„Mit könnte und hätte ist mir nicht gedient“, erwiderte Mac Dolan heftig. „Sie sind der Polizei gegenüber zu Auskünften verpflichtet. Sie können die Sache selbstverständlich hinauszögern. Der Erfolg wird sein, dass meine Frau nicht mehr zu retten ist. Aber dann möchte ich nicht in Ihrer Haut stecken. Das sage ich in aller Ruhe!“

„Ihre Drohungen kommen auf das Konto Ihrer begreiflichen Erregung“, versetzte der Autoverkäufer mit Würde. „Kommen Sie bitte mit ins Büro. Ich glaube, hier in Miami laufen nur drei derartige Cabriolets. Ich werde Ihnen die Namen der Besitzer selbstverständlich geben. Ich würde Sie aber bitten, bei Ihren Nachforschungen nicht gerade zu betonen, dass Sie die Adressen von Archer & Cie. haben. Sie verstehen, wir müssen gewisse Rücksichten nehmen.“

Mac nickte. „Das kann ich selbstverständlich akzeptieren. Seien Sie vollkommen unbesorgt.“

Der Autoverkäufer blätterte in einer Akte und schrieb dann drei Adressen auf ein Stück Papier. Er riss den Zettel vom Notizblock und überreichte ihn dem FBI-Agenten. „Hier, Mr. Dolan. Versuchen Sie Ihr Glück. In Miami laufen nur diese drei Cadillac-Cabriolets in blauer Farbe. Das eine ist im Besitz von John Williams, 3 Russel Square, der zweite Wagen wird von D. D. Caldwell, 307 Beach Drive, gefahren und der dritte Wagen gehört einer Dame. Die kommt ja wohl für eine Entführung nicht in Frage. Sie heißt Gigi Sloane und wohnt 109 Bay Shore Drive. So, und nun wünsche ich Ihnen alles Gute.“

„Offensichtlich können Sie sogar menschlich sein“, erwiderte Mac. „Vielen Dank für die Auskunft. Ich werde mich sofort an die Arbeit machen.“


*


Der Russel Square war in der Nähe des großen Golfplatzes zu finden. Mac Dolan dankte dem Himmel, dass er das Polizeifahrzeug zur Verfügung hatte. So wurde er ohne Verzug zu seinem Ziel gefahren.

Mac sah sich das Haus Nummer 3 eingehend von außen an. Es war eine etwas altertümliche, aber sehr gut instand gehaltene Villa.

Neben der Villa gab es eine Doppelgarage, und dort stand eine Gruppe von Menschen, die eifrig diskutierten.

Mac Dolan schlenderte unauffällig zu der Gruppe. Die vier Personen, die wild durcheinander gestikulierten und aufgeregt brabbelten, waren viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass sie einem Außenseiter eine Beachtung geschenkt hätten.

„Und ich sage euch, sie war eben doch besoffen!“, ließ sich ein Mann in Chauffeuruniform vernehmen.

Ein Stubenmädchen schrie hysterisch auf und schien nicht übel Lust zu haben, dem Chauffeur ihre blutroten Krallen durchs Gesicht zu ziehen. Ein Butler hörte das Streitgespräch stirnrunzelnd an und versuchte zu vermitteln.

„Es ist doch wirklich ein Jammer“, fuhr der Chauffeur fort. „Tochter kaputt, Auto kaputt – der arme Mr. Williams. Könnt ihr euch vorstellen, wie dem zumute ist? Er sitzt jetzt im Flugzeug und fliegt nach Miami zurück. Vor einer Woche hat er seine Tochter bei strahlender Gesundheit verlassen, jetzt liegt sie im Leichenhaus.“

„Darf ich fragen, wovon hier die Rede ist?“, mischte sich Mac Dolan vorsichtig ein.

Die vier Bediensteten federten herum. Der Chauffeur nahm sofort Boxerstellung ein. „Wie kommen Sie denn hier rein? Und was wollen Sie überhaupt?“

Mac Dolan nickte leicht nach allen Seiten. „Ich bin ein ganz bescheidener Staatsbürger und interessiere mich für Ihr Gespräch. Sie reden offensichtlich von einem Autounfall?“

„Presseinformationen gibt die Polizei“, mischte sich das Stubenmädchen patzig ein. „Wenn wir den Mund aufmachen, dann fliegen wir. Ich habe nicht die geringste Lust, meine schöne Stellung bei Mr. Williams zu verlieren.“

„Sie täuschen sich“, erwiderte Mac Dolan geschmeichelt. „Ich habe mit der Presse nicht das mindeste zu tun.“

„Warum mischen Sie sich dann in fremde Angelegenheiten? Die Tochter unseres Chefs ist gestern Abend mit dem Cabriolet ihres Vaters gegen eine Mauer gefahren. Der Car hat Schrottwert, das Mädchen ist zwei Stunden später im Hospital gestorben. Jetzt wissen Sie alles, Sie neugieriger Knabe.“

„Vermutlich handelt‘s sich um einen jener schnellen Sportwagen, die die jungen Leute heutzutage so sehr bevorzugen?“

Der Butler schüttelte unwirsch den Kopf. „Sie gehen uns auf die Nerven, junger Mann. Haben Sie das noch nicht gemerkt? Was geht Sie das Ganze überhaupt an? Im Übrigen handelt es sich nicht um einen Sportwagen, sondern um ein wunderbares Cadillac El Dorado-Cabriolet.“

„Na, so ein Unglück“, brummte Mac Dolan und legte Bedauern in seine Stimme. „Ein blaues Cabriolet? Habe ich davon nicht in der Zeitung gelesen?“

Der Butler schüttelte den Kopf. „Nein, nein. Die Sache ist erst gestern Abend zehn Uhr passiert. Die Morgenzeitungen wissen noch nichts. Aber Mr. Williams gehört zu den Spitzen der Gesellschaft, da wird die Presse ein fürchterliches Trara machen. Mir wird schon ganz übel, wenn ich nur daran denke!“


*


Mac Dolan entschloss sich dazu, die spontanen Mitteilungen der Dienerschaft als wahr zu nehmen und ging mit freundlichem Gruß unauffällig davon.

„Einer wäre von der Liste gestrichen“, murmelte Mac verbissen. „Fahren wir also zum nächsten.“

Er stieg wieder in den Polizeiflitzer und beriet flüsternd mit dem Fahrer, ob es vernünftiger sei, zuerst zu Bay Shore Drive zurückzufahren, der ja ganz in der Nähe seines Hotels vorbeilief, oder den Beach Drive anzupeilen.

Der Fahrer war für Beach Drive und Mac Dolan ließ ihn gewähren.

Das Haus Mr. D. D. Caldwells lag in einer stillen Villengegend und hatte vermutlich sein Moos gekostet. Das wunderte Mac nicht. Denn jemand, der sich einen derart teuren Wagen leisten kann, muss ja schließlich über ein solides Bankkonto und einige sonstige Einkünfte verfügen.

Mac sah sich das supermoderne Landhaus eine Weile stirnrunzelnd von außen an, dann betrat er entschlossen den Vorgarten. Er stieß mit einem Gärtner zusammen.

„Wo wollen Sie hin?“ fragte der alte Mann und richtete sich auf. An seiner Seite baumelte eine Baumschere.

„Ich will Mr. Caldwell meine Aufwartung machen“, erwiderte Mac.

„Das wird nicht gut gehen“, meinte der Gärtner mit listigem Schmunzeln. „Mr. Caldwell befindet sich auf einer Europareise. Er ist vor acht Wochen weggefahren und wird vor Ende März nicht zurückerwartet.“

„Ach. Und was ist aus seinem Auto geworden?“

Der Gärtner zuckte die Achseln. „Im Vertrauen gesagt, ich hab‘s ja auch für eine Schnapsidee gehalten. Wer wird denn heute ein Auto mit aufs Schiff nehmen? Was das kostet! Aber unser Herr bildet sich ein, er müsse überall in Europa mit seinem eigenen Wagen spazieren fahren, und drum hat er ihn eben mitgenommen. Der eine muss mit jedem Cent geizen, der andere wirft Tausende von Dollars mit vollen Händen zum Fenster hinaus!“

„Und welchen seiner drei Wagen hat Mr. Caldwell denn mitgenommen?“, fragte Mac interessiert und hielt dem Gärtner auffordernd sein Zigarettenpäckchen hin.

Der Mann bediente sich hastig und brachte ein Feuerzeug zum Vorschein, das entfernte Ähnlichkeit mit der Spitze eines Leuchtturms hatte.

Mac Dolan zündete sich daran vorsichtig sein eigenes Stäbchen an und gab sich Mühe, dabei sein Kopfhaar nicht in Brand zu setzen.

Der Gärtner paffte in tiefen Zügen. „Was heißt denn überhaupt drei Autos?“, murrte er misstrauisch. „Sie scheinen ja Mr. Caldwell nicht gerade gut zu kennen? Mr. Caldwell kauft sich jedes Jahr einen neuen Wagen, und der genügt ihm.“

„Richtig“, erwiderte Dolan eifrig. „Jetzt erinnere ich mich. Ist es nicht ein Chrysler-Windsor?“

„Mit so etwas Popeligem gibt sich Mr. Caldwell nicht ab“, meinte der Gärtner verächtlich. „Caldwell schwört auf die Marke Cadillac. Im Augenblick hat er ein wirklich phantastisches blaues Cabriolet. Werfen Sie einen Blick in die Garage, sie ist leer.“

Tatsächlich. Die Garagentür stand zur Durchlüftung offen. Bis auf einige saubere Werkzeugsätze und ein schmales Regal war sie völlig leer.

Wieder konnte Mac Dolan einen Namen von seiner Liste streichen. Er bedankte sich freundlich und ging davon.


*


Selbstverständlich hatte der FBI-Agent die Absicht, die Angaben, die ihm gemacht worden waren, später von der Polizei überprüfen zu lassen. Jetzt im Augenblick war es viel wichtiger, sich einen Überblick zu verschaffen. Wenn Gigi Sloane eine Fehlspur war, dann konnte man immer noch einmal von vorne anfangen und tiefer schürfen.

Während sich der Polizeiflitzer in Bewegung setzte, um zum Bay Shore Drive hinunterzufahren, setzte Mac Dolan die Funkanlage in Tätigkeit. Er streifte Hörer und Kehlkopfmikrophon um und rief das Polizeihauptquartier.

„Ich möchte Inspektor Whistler sprechen“, sagte er. „Hier spricht Dolan vom FBI.“

Es knackte eine ganze Weile im Kopfhörer, dann tönte ihm das ruhige Organ des Polizeioffiziers entgegen.

„Hier Whistler. Mr. Dolan, was gibt es?“

„Ich will nur fragen, ob Sie schon eine Spur von Barbara Bernstein aufgenommen haben?“

„Tut mir leid. Alle unsere Kräfte sind heftig dabei, nach der Frau zu suchen, aber es hat sich noch gar nichts ergeben. Und wie steht‘s mit Ihrer Sache? Haben Sie eine Spur von Ihrer Frau gefunden?“

„Es scheint hier in Miami nur drei Wagen zu geben, die in Frage kommen. Der eine Wagen ist gestern Abend gegen zehn Uhr zuschanden gefahren worden, und der zweite Wagen befindet sich mit seinem Herrn auf einer Europareise. Ich habe jetzt noch eine Adresse, aber wenig Hoffnung. Der dritte Besitzer eines blauen Cadillacs ist eine Frau. Eine gewisse Gigi Sloane.“

„Den Namen habe ich noch nie gehört. Es ist aber doch nicht anzunehmen, dass eine Frau Ihre Gattin entführt hat. Sie kann immerhin ihre Finger mit drin haben. Wir wollen nur hoffen, dass Ihrer Gattin bisher noch nichts passiert ist!“

„Ich bleibe auf Empfang“, erwiderte Mac Dolan. „Wenn Sie irgendwas herausfinden, dann verständigen Sie mich bitte.“


*


Haus Nr. 109 Bay Shore Drive lag in der Nähe der Einmündung der 22nd Avenue.

Mac bat den Fahrer, den Polizeiflitzer zu stoppen und stieg aus.

Das Haus Gigi Sloanes war ein nicht allzu großer, aber mit erlesenem Geschmack ausgestatteter Bungalow.

Mac Dolan sah vor dem Haus ein wundervolles blaues Cabriolet stehen.

Mac hatte sich überhaupt noch kein Vorgehen zurechtgelegt, sondern ging aufs Geratewohl durch den Vorgarten und läutete an der Abschlusstür.

Er musste einige Minuten warten, dann näherte sich im Flur ein leichter Schritt, und eine schlanke, schwarzhaarige Frau mittleren Alters machte auf.

Sie trug Dreiviertelhosen und einen derben Pullover, machte aber einen frischen und ausgeschlafenen Eindruck.

Mac Dolan konnte sich dem Zauber der vielleicht Dreißigjährigen nur schwer entziehen.

Die Frau hatte eine Zigarette schief im Mundwinkel hängen, das war aber auch der einzige Verstoß gegen den guten Geschmack, den sie sich leistete.

Mac verbeugte sich geradezu europäisch. „Guten Tag“, sagte er. „Habe ich das Vergnügen mit Miss Sloane?“

„Mrs. Sloane“, verbesserte die Frau sofort und nahm jetzt endlich die Zigarette aus dem Mund. „Ich bin Witwe. Was wollen Sie, und wer sind Sie? Falls Sie mir Waschmaschinen, Staubsauger, Fernsehapparate oder ähnliche Scherze verkaufen wollen, dann möchte ich Ihnen gleich sagen, dass ich damit hundertprozentig eingedeckt bin.“

„Ich heiße Miller“, log Mac Dolan dreist. „Ich bin stellvertretender Chefreporter der Zeitschrift Modern Woman. Wir starten augenblicklich eine private Umfrage nach bestangezogenen Frauen. Dabei sind wir auf Sie verfallen, Mrs. Sloane. Darf ich nähertreten?“

Die schwarzhaarige Frau lachte hell auf und blickte augenzwinkernd an ihrem Aufzug hinunter. „Ich fürchte, Sie sind an der falschen Adresse gelandet, Mr. Miller. Ich glaube nicht, dass Sie mich Ihren Lesern als Muster von Wohlangezogenheit präsentieren können.“

„Es kommt ganz darauf an, zu welchem Zweck und zu welcher Tageszeit eine Frau einen bestimmten Dress trägt“, erwiderte Mac Dolan geschmeidig. „Wir beabsichtigen nicht nur die Eleganz einer Frau zu testen, sondern auch ihre Gesamterscheinung, ihre Klugheit, ihre Bildung.

Sie werden mir selbst zugeben, Mrs. Sloane, dass unter solchen Gesichtspunkten der Personenkreis äußerst beschränkt bleibt, mit dem wir in Kontakt treten können.“


*


Die schwarzhaarige Schöne schien außerordentlich geschmeichelt zu sein. Sie gab den Eingang frei und bat Dolan mit ein paar gewinnenden Worten ins Haus.

Mac wurde in die mäßig große Halle des Bungalows geführt und konnte den guten Geschmack dessen bewundern, der diesen Bungalow eingerichtet hatte. Lediglich ein Haufen verbogenen Drahtes störte sein Schönheitsempfinden. Dieser Draht lag auf einem Kacheltischchen und hatte keine klar erkennbare Funktion.

Mrs. Sloane folgte Mac Dolans fragenden Blicken. Sie hob etwas theatralisch die Rechte und deutete auf den Drahthaufen.

„Das ist der letzte Schrei, Mr. Miller“, sagte sie. „Eine Drahtplastik. Derartige Arbeiten werden von einem Nachfahren des russischen Fürsten Yussupoff angefertigt. Der junge Mann ist eine tolle Marke, wenn ich mich dieses Slang-Ausdrucks hier einmal ausnahmsweise bedienen darf. Ich schwärme nun mal für seine Kunst. Für kubistische und surreale Gemälde eignet sich meine Halle gar nicht, aber ich will mit allem Ernst anfangen Drahtplastiken zu sammeln und hier aufzustellen.“

Mac Dolan wandte sich um und betrachtete den Drahtklumpen mit gut gespielter Ergriffenheit.

„Ein unerhörtes Kunstwerk“, sagte er ehrfürchtig. „Jetzt tut mir‘s leid, dass ich zu diesem ersten informativen Besuch nicht gleich meine Fotoausrüstung mitgebracht habe. Diese Drahtplastik hätte ich unbedingt festhalten sollen. Darf ich fragen, was das kleine Kunstwerk darstellt?“

Mrs. Sloane leckte sich blitzschnell die Lippen. „Aber das müssten Sie als künstlerisch empfindender Mensch doch ohne Weiteres erkennen! Ich bin etwas enttäuscht von Ihnen. Hätte mehr Kenntnisse auf diesem Spezialgebiet bei Ihnen vorausgesetzt. Es handelt sich selbstverständlich um eine betende Magd.“

Dolan nickte. „Etwas Ähnliches habe ich mir fast schon gedacht“, meinte er leise. „Diese kleine Statuette hat so etwas Stolz-Demütiges an sich. Meint man nicht, die kniende Magd zu sehen, wie sie am Feld kauert und Ähren sammelt, während sie doch gleichzeitig eine Verbindung zum Metaphysischen, Überirdischen, zu Gott sucht?“

Unter anderen Umständen hätte sich Mac Dolan auf die Zunge beißen müssen, um nicht über sein eigenes Geschwafel schallend zu lachen. Aber in seiner momentanen Lage verging ihm das Lachen von allein.

Mrs. Sloane war von dem offenen Kunstsinn ihres Besuchers entzückt. Sie nötigte ihn in ihren bequemsten Besuchssessel und setzte sich ihm mit gekreuzten Beinen graziös gegenüber. Das konnte sie sich ruhig erlauben, da sie ja Hosen trug.

„Wollen wir uns nicht ein klein wenig die Drossel ölen?“, fragte die Frau.

Mac Dolan dankte erfreut. Innerlich wunderte er sich. Derartige Ausdrücke hätte er bei Mrs. Sloane nicht vermutet.

Die reizvolle Schwarzhaarige beugte sich zur Hausbar nieder und öffnete sie. Knackend sprang die Tür aus eingelegtem Edelholz zurück.

Mac Dolan konnte sich gerade noch den Mund zuhalten, sonst wäre ihm ein Aufschrei der Verwunderung entfahren. Zwischen Flaschen und Gläsern erkannte er eine kleine fesche Kappe, der eine Phantasieagraffe gewissermaßen den letzten Pfiff verlieh.

Kein Zweifel, das war Junes Hütchen.



IX

Mac Dolan stellte sein Vorgehen blitzschnell um. Er richtete sich straff auf und zog das Kinn etwas ein.

„Bevor wir in Einzelheiten gehen, möchte ich Ihnen eine köstliche Geschichte erzählen. Heute morgen gegen drei Uhr dreißig ist aus dem Hotel Villa Biscaya eine junge Frau entführt worden. Von zwei Männern. Einem dicken und einem schlanken. Diese Männer zogen in einem blauen Cadillac El Dorado Leine.“

Mrs. Sloane hob abwehrend die Hand. „Halt! Kein Wort weiter! Sie heißen nie im Leben Miller, und Sie sind nie im Leben ein Vertreter der Zeitschrift Modern Woman. Bitte, verlassen Sie sofort mein Haus. Aus der Tatsache, dass ich selbst ein El Dorado-Cabriolet besitze, folgt noch nicht, dass ich Ihre Frau entführt habe. Außerdem bin ich weder dick noch ein Mann. Oder sollte das Ihrer Aufmerksamkeit entgangen sein?“

„Was meine Aufmerksamkeit betrifft“, konterte der FBI-Agent, „so bin ich mit ihr im Allgemeinen ganz zufrieden. Aber Ihrer Aufmerksamkeit scheint es indessen entgangen zu sein, dass in Ihrer Hausbar der Hut der Entführten liegt.“

Eine unheilschwangere Pause entstand. Mrs. Sloane ließ die Maske der Dame von Welt fallen. Sie zog wie ein sprungbereiter Tiger die Beine an und schien im Augenblick nicht recht zu wissen, wie sie vorgehen sollte.

„Sie sind wirklich lächerlich, werter Herr!“, sagte sie fauchend. „Möglicherweise ist diese neue Kreation dem Hut der bedauernswerten Frau ähnlich. Das gibt Ihnen aber noch kein Recht, sich hier wie der Elefant im Porzellanladen zu benehmen. Kommen Sie mit zum Schreibtisch. Ich habe da noch die Rechnung. Ich zeige sie Ihnen. Dieses Hütchen ist mir gestern erst geliefert worden. Es steht mir bildschön. Sind Sie übrigens Polizist?“

Mac nickte. „Dolan ist mein Name. Dolan vom FBI. Und bei der entführten Frau handelt‘s sich zufällig um meine eigene Frau. Sie können sich vorstellen, dass ich ausgesprochen sauer aufgelegt bin.“

Mrs. Sloane brachte es tatsächlich fertig, Macs Hand zu tätscheln.

Mac zuckte wie unter der Berührung einer Schlange zurück.

„Wenn Sie nicht wollen, dann nicht“, sagte die Frau kalt. „Ich wollte Ihnen nur mein Mitgefühl zum Ausdruck bringen. Es muss ja für Sie entsetzlich sein, Sie Ärmster! Die eigene Frau in Gefahr – oder leben Sie vielleicht in schlechter Ehe?“

„Meine Ehe steht hier nicht zur Debatte. Ich suche meine Frau, und Sie werden mich zu ihr führen oder ich werde ungemütlich!“

„Sie ermüden sich, Mr. Dolan. So war doch Ihr Name? Ich habe Ihnen erklärt, ich habe mit der Sache nichts zu tun. Jetzt heben Sie gefälligst Ihre langen Glieder und kommen Sie mit zum Schreibtisch.“

Mac Dolan erhob sich und folgte der Frau.

Mit katzenhaften Bewegungen schritt Gigi Sloane an den Schreibtisch und schlug eine kostbare Ledermappe auf.

Mac Dolan erkannte ihre Absicht leider zu spät.

Gigi Sloane nahm eine kleine Tüte aus der Mappe und wandte sich zu Mac tun. Blitzschnell blies sie kräftig in die Tüte.

Beißender Pfeffer stieg Mac in die Augen. Er musste sie sofort schließen, hatte aber noch so viel Geistesgegenwart zu tauchen. Haarscharf sauste der schwere Schlag eines Gummiknüppels neben seinem Kopf nieder.

Unter Aufbietung aller Energie riss Mac Dolan die misshandelten Augen auf, um den nächsten Angriff der gefährlichen Frau zuvorzukommen.

Aber Miss Sloane schien es auf eine körperliche Auseinandersetzung mit ihm nicht ankommen lassen zu wollen.

Sie sprang geschmeidig mit einem Satz durch das offene Fenster.

Mac Dolan sah wie durch einen Schleier hindurch wie sie durch den Vorgarten eilte, die Tür aufriss und in den El Dorado sprang.

Gleich darauf brummte der Motor zornig auf, und der Wagen setzte sich in Bewegung.


*


Mac beugte sich zum Fenster hinaus und brüllte nach seinem Fahrer.

Der Mann hatte so viel Geistesgegenwart, im Laufschritt herzukommen, und drang ins Haus ein.

„Um Gottes willen, Sir, wie sehen Sie denn aus?“, fragte der Fahrer. „Haben Sie Schmerzen?“

„Nur, wenn ich lache“, erwiderte Mac. „Los, sorgen Sie dafür, dass kein Schwanz dieses Haus betritt oder rauskommt. Wenn Sie die Richtung der Küche oder des Bads anpeilen könnten, wäre ich Ihnen dankbar.“

Zwei Minuten später ließ Mac Dolan aus blitzenden Chromhähnen Wasser in die Wanne fließen. Irgendwo kam ihm ein Waschlappen zwischen die Finger. Er machte ihn schön nass und kühlte sich stöhnend die Augen.

Nach einigen Minuten war er wieder soweit, dass er wenigstens für Augenblicke die Augen öffnen und etwas sehen konnte.

„Sie bleiben hier, ich durchsuche das ganze Haus“, befahl der Detektiv.


*


Inzwischen hatte sich der Polizeifahrer die letzten Vorgänge auch zusammengereimt.

„Ja, wollen Sie denn die geflohene Frau nicht verfolgen?“, fragte er fassungslos.

Mac Dolan schüttelte den Kopf. „Im Augenblick interessiert sie mich nicht. Was ich später mit ihr mache, wird sich noch klären.“

Mit diesen rätselvollen Worten musste sich der Beamte zufriedengeben.

Mac machte sich an die Durchsuchung des Bungalows.

Bevor er die Halle verließ, fiel ihm etwas ein.

Er wandte sich um und sagte dem Fahrer: „Dort steht das Telefon. Rufen Sie sofort Inspektor Whistler an und bitten Sie ihn, zwei oder drei ganz ausgekochte Spürhunde hierherzuschicken.“

In aller Eile durchwühlte Mac den Bungalow. Dieser bestand aus der Halle, die er bereits kannte, dem Bad, einer kleinen Küche und vier Zimmern, die unterschiedlichen Zwecken dienen mochten.

Zehn Minuten genügten Mac, um herauszufinden, dass seine Frau hier nicht verborgen war.

Eine erste Etage oder einen Bodenstock gab es nicht.

Mac Dolan hatte bestimmt geglaubt, June befreien zu können, und nun sank ihm das Herz vor Enttäuschung in die Hosentasche.

In der Küche stolperte er über einen Gummipfropfen im Boden.

Er betrachtete aufmerksam den Boden und entdeckte eine versteckt angelegte Bodenklappe.

Weitere zehn Minuten vergingen, bis Mac Dolan den Auslösemechanismus der Klappe fand.

Langsam öffnete sich die versteckte Falltür und ein schwarzes Loch gähnte dem FBI-Agenten entgegen.

Mac suchte seine Taschenlampe und leuchtete die Öffnung aus.

Es war eine Grube, etwa anderthalb Meter unter der Erdoberfläche. Sollte er hinunterklettern?

Er fand hinter dem Eisschrank eine schmale Trittleiter, die ihm bisher entgangen war. Es zeigte sich, dass diese sich ausziehen ließ und als Niedergang benutzt werden konnte.

Mac schob sie eilig durch das Loch und kletterte dann vorsichtig nach unten.

Sein Fuß stieß an ein eisernes Kästchen.

Sofort erstarrte der Detektiv.

Er richtete den Strahl seiner Taschenlampe auf das Kästchen und erkannte erbleichend, dass es sich um eine ziemlich primitive, aber bestimmt nicht wirkungslose selbstgefertigte Tretmine handelte.

„Großer Gott“, sagte Mac laut, obwohl er keine Zuhörer hatte. „Jetzt hätte ich beinahe meine Himmelfahrt angetreten.“


*


Der FBI-Agent leuchtete den Raum sorgfältig aus und suchte nach weiteren ähnlichen Scherzartikeln. Er konnte aber nichts finden.

Trotzdem bewegte er sich mit größter Vorsicht auf dem zementierten Fußboden weiter.

Mac schritt einmal um den ganzen Raum, aber er konnte nichts entdecken. Der Raum war, wie gesagt, zementiert und schien keinen klar erkennbaren Zwecken zu dienen. Irgendeinen Einrichtungsgegenstand, irgendeine Öffnung, eine Tür oder einen Durchstieg gab es merkwürdigerweise nicht.

„Zum Donnerwetter, was soll das hier sein?“, fragte sich Mac Dolan.

Er schritt noch einmal alle vier Wände ab und richtete den Strahl seiner Taschenlampe auf den Fußboden.

Aber er fand nichts, was sein Interesse verdient hätte.

Mac war außerordentlich zäh. Er begann seinen vierten Rundgang und richtete diesmal sein Flashlight fächerförmig auf die Oberseite der Wände.

Sekunden später stieß er einen erstaunten Ruf aus. In etwas mehr als Kopfhöhe erkannte er an der einen Schmalseite einen Knopf.

Mac Dolan zog an diesem Knopf, aber nichts erfolgte. Dann versuchte er ihn in die Wand zu drücken, auch dies blieb ohne Erfolg. Endlich hämmerte er zornig mit seiner mächtigen Faust auf die kleine Erhöhung, und gleich darauf drehte sich knackend ein Teil der Wand um eine Vertikalachse und gab einen runden Durchschlupf frei.


*

In der linken Hand die Taschenlampe und in der rechten die Pistole näherte sich Mac dem Durchstieg.

Auf halbem Wege kehrte er wieder um. Er nahm sorgfältig die Leiter von der Luke ab und klemmte sie so in den Durchstieg, dass dieser sich nicht von selbst schließen konnte.

Die Öffnung, die die Geheimtür freigegeben hatte, gehörte zu einem zweiten, etwas kleineren unterirdischen Raum, und in diesem stand als einziger Einrichtungsgegenstand ein riesiger, wurmstichiger Holzschrank.

Mac Dolan versuchte den Schrank zu öffnen, aber das ging nicht so ohne weiteres. Er war abgesperrt und mit einem soliden Schloss versehen.

Dolan hätte selbstverständlich das Schloss aufschießen können, aber wer garantierte ihm schließlich, dass nicht June in dem Schrank gefangen saß und durch seine Schüsse in Gefahr gekommen wäre?

Mac stieg wieder in die Küche hinauf und sah sich nach einem Gegenstand um, den er als Brecheisen verwenden konnte.

Endlich fand er eine Universalzange. Er betrachtete sie misstrauisch. Sie mochte vielleicht zur Not gehen.

Mac Dolan kehrte in die Unterwelt zurück. Er sicherte die Geheimtür erneut durch die Leiter, dann versuchte er mit Hilfe der Zange die Schranktür aufzustemmen.

Er brauchte fast zehn Minuten und geriet dabei in Schweiß. Er hatte keine große Hoffnung mehr, hier drinnen seine Frau zu finden. Sonst hätte sie sich doch längst irgendwie gemeldet.

Knackend sprang die Tür auf.

Mac Dolan nahm seine Taschenlampe auf und leuchtete in den Schrank hinein.

Und dann stieß er doch einen Schrei aus. Er blickte in die flehend auf ihn gerichteten Augen seiner Frau.

Nun das Unwahrscheinliche wahr geworden war und er schon nach wenigen Stunden seine Frau gefunden hatte, wankten ihm doch die Knie. Mac musste sich vorübergehend stützen, weil ihm das Blut zu Kopf schoss.

June stand aufrecht im Schrank. Sie war mit Gardinenschnüren gefesselt und trug ein Taschentuch über dem Mund. Offenbar hatte man ihr einen Knebel in den Mund gebunden, um sie am Schreien zu hindern.

Mit einem Griff riss der FBI-Agent seiner Frau den Knebel aus dem Mund. Dann fasste er sie fest und doch zärtlich um die Taille und hob sie heraus.

June stieß einen leisen Seufzer aus und fiel dem erregten Mann haltlos in die Arme. Die Nervenanspannung der vergangenen Stunden mochte für sie zu groß gewesen sein. Sie war nun endgültig in Ohnmacht gefallen.

Mac holte ein Messer aus der Tasche und schnitt Junes Fesseln durch. Dann lud er sie sich auf den Rücken und verließ vorsichtig den Geheimraum.

Er musste June auf den zementierten Fußboden ablegen, um die Treppe wieder an die Luke anlegen zu können, und dann zerrte er die ohnmächtige Frau mit vieler Mühe in die Küche hinauf.

Oben bettete er sie auf eine Couch.

Gleich darauf wurde an die Tür geläutet.

Der FBI-Agent wandte sich um und befahl dem Polizeifahrer zu öffnen. „Aber behalten Sie die Pistole in der Hand! Wer weiß, welches Gelichter hier Einlass verlangt.“

Der Fahrer öffnete und kam gleich darauf mit drei sehr kompakt und schweigsam aussehenden Männern wieder.

„Es hat keine Gefahr“, sagte er. „Das sind drei Kameraden vom Polizeihauptquartier. Inspektor Whistler hat Ihnen die Spürhunde geschickt.“

Mac machte sich mit den drei Herren bekannt. „Was Sie hier sehen, behandeln Sie bitte als Geheimnis. Sie dürfen zu niemandem darüber sprechen. Ihre Aufgabe ist folgende: Es besteht die Möglichkeit, dass hier im Haus eine braune Aktentasche verborgen ist. Diese Aktenmappe ist innen gepanzert und mit einem festen, sicheren Schloss versehen. Ihre Aufgabe ist es, das ganze Haus zu durchsuchen und nach Möglichkeit die Mappe zu finden. Es hängt viel davon ab, dass ich sie in meinen Besitz bekomme. Wenn Sie nachher in die Küche kommen, werden Sie sehen, dass es dort einen geheimen Zugang zu einem unterirdischen Keller und in diesem wieder eine Geheimtür zu einem zweiten Keller gibt. Es ist also durchaus möglich, dass dieses Haus noch eine ganze Reihe weiterer Überraschungen birgt.“

Einer der bulligen Männer nickte.

„Los, Kameraden, worauf warten wir noch?“, fragte er. „Wollen mal zusehen, ob wir mit den Geheimnissen hier nicht auch fertig werden.“

In diesem Augenblick stieß June einen leisen Ruf aus.

Mac federte herum und trat an die Couch.

June hob ihm ihre Arme entgegen und schlang sie um seinen Hals. Und dann schluchzte sich die schöne Frau fünf Minuten lang an seiner breiten Brust aus.


X

Mac versuchte seine eigene Rührung hinter einer gewissen Bärbeißigkeit zu verbergen.

„Ich werde dich in Zukunft nur noch anbeten“, sagte June, nun schon wieder mühsam gefasst. „Gott sei Dank, dass du mich gerettet hast, Mac! Ich danke dir so herzlich. Ich habe mich halb zu Tode gefürchtet.“

„Wie ist denn bloß alles gekommen?“, fragte Mac. „Ich muss in diesem vertrackten Fall endlich klar sehen.“

June seufzte tief. „Eine Zigarette könntest du mir vorher schon geben.“

Mac steckte zwei Sargnägel in seinen Mund und entzündete sie. Einen davon gab er June.

June rauchte in tiefen, hastigen Zügen. Dann sah sie ihren Mann voll an.

„Folgendes ist mir zugestoßen“, begann sie. „Ich war vergangene Nacht natürlich sehr in Sorge um dich. Ich konnte mich einfach nicht schlafen legen. Außerdem war da noch diese grässliche Susi Astor. Alle Augenblicke kam sie zu mir und fiel mir mit ihrem Geplapper auf die Nerven. Irgendwie konnte ich sie verstehen. Sie scheint sich über irgend etwas fürchterliche Sorgen zu machen.

Gegen halb vier ging plötzlich die Tür auf. Ich war gerade dabei mich auszuziehen und doch ins Bett zu gehen. Ich dachte, es sei wieder Susi Astor und sagte: Kommen Sie nur näher, Susi.

Als ich keine Antwort bekam, wollte ich mich umsehen. Ich sah in die Mündungen zweier Pistolen mit Schalldämpfer. Zwei Männer hatten sie in der Hand. Der eine war klein und dick, der andere groß und schlank.

Die waren vielleicht gemein zu mir. Sie sagten: Halt deinen Brotladen, Honey, sonst fliegt dir der Nabel durch die Wampe! Außerdem nannten sie mich noch Dicke. So eine Unverschämtheit. Bin ich denn etwa dick?“

„An gewissen Körperstellen bestimmt, Süße. Und das werden die beiden gemeint haben.“

„Na, so eine Unverschämtheit. Und du hältst jetzt auch noch zu ihnen. Bist eben doch ein typischer Mann. Aber lassen wir jetzt den Unsinn. Hier geht‘s um ernstere Dinge.

Die beiden zwangen mich, mich wieder anzuziehen, und ich bekam leider sehr wenig von ihnen zu sehen. Ich hatte dummerweise das Licht im Zimmer ausgeschaltet. Nur noch die Spiegelbeleuchtung brannte. Und aus den Strahlen dieser kleinen Lampe hielten sich die beiden sorgfältig heraus. Die Männer nahmen mich in die Mitte und bohrten mir aus ihren Manteltaschen ihre Pistolen in die Seiten. Was sollte ich da machen, Mac?“

„Ich bin selbst schon in ähnlichen Situationen gewesen. Da kannst du nichts anderes tun als fügsam sein. Es macht dir auch niemand einen Vorwurf.“

„Na ja, die beiden schleppten mich durch die Halle. Vorher war ich noch Susi Astor begegnet, aber ich war völlig außerstande, ihr irgendein Zeichen zu machen. Susi war übrigens außerordentlich verwundert. Wenn sie einen Funken Hirn im Kopf hätte, dann hätte sie den Braten sofort gerochen.

Ich wurde in ein wirklich prächtiges Cadillac-Cabriolet verfrachtet, und dann ging es kreuz und quer durch Miami. Bis zu diesem Bungalow hier. Der Bungalow war übrigens menschenleer. Die beiden beförderten mich auf dem Weg, den du ja jetzt kennst, nach drunten in den Schrank, und ich wurde gefesselt und geknebelt. Das ist in dürren Worten alles.“


*


Mac überlegte eine ganze Weile. Darm stellte er präzise Fragen.

„Hör mal, June, haben die beiden irgendwas gesprochen, was einen Aufschluss geben könnte?“

June schüttelte verneinend den Kopf. „Nein, das war nicht der Fall. Die beiden sprachen kaum ein Wort – doch – jetzt fällt mir etwas ein. Ich glaube, sie hießen mit Vornamen Thomas und Barry.“

„Das ist schon ein Hinweis. Wenn auch kein sehr ergiebiger. Was war noch?“

„Ich kann dir wirklich nichts mehr berichten, Mac. Die Sekunden wurden mir zu Stunden und die Minuten zu Ewigkeiten. Das kannst du mir glauben. Was soll jetzt geschehen?“

„Furchtbar einfach. Wir fahren ins Hotel zurück, und du fliegst mit dem nächsten Flugzeug nach Hause. Ich will es nicht noch einmal riskieren, dass man dich entführt. Warum man dich entführt hat, ist mir völlig klar. Ich brüte im Augenblick über einem heißen Fall, und die Gegenseite glaubte offensichtlich, dadurch, dass sie dich in der Hand hatte, einen Druck auf mich ausüben zu können. Und diesen Druck hätten sie, zum Donnerwetter, tatsächlich ausüben können. – So, leg dich noch etwas hin und ruh dich aus. Ich habe hier noch etwas zu tun.“

Wenig später hielt ein weiteres Polizeiauto vor dem Haus, und Inspektor Whistler betrat den Bungalow. Whistler übersah die Situation mit einem Blick. Er begrüßte kurz June und wandte sich dann an Dolan.

„Gratuliere“, sagte er trocken. „Ich habe selten eine Entführung erlebt, die sich innerhalb von wenigen Stunden aufgelöst hätte.“

Mac nickte. „Ich habe wirklich Glück gehabt, Whistler.“

„Wollen Sie mir nicht ein bisschen mehr erzählen?“

Mac Dolan schüttelte verneinend den Kopf. „Hat gar keinen Sinn, Inspektor. Sie können aber etwas für mich tun. Sie könnten mir einiges über Gigi Sloane erzählen. Sofern Sie die Dame inzwischen kennen?“

„Ich habe leider ihren Namen noch nie gehört. Aber ich werde mich umtun. Ich berichte Ihnen, sobald ich etwas weiß. Wünschen Sie eine Anzeige gegen Mrs. Sloane zu erstatten?“

„Nein, die Angelegenheit fällt einfach unter‘n Tisch.“

Whistler zuckte die Schultern. „Wie Sie wollen. Ich muss mich selbstverständlich fügen, Dolan. Wenngleich auch die Wege des FBI manchmal dunkel und wunderbar sind.“

„Das sind sie“, bekräftigte Mac Dolan entschlossen. „Aber wir haben für alles, was wir tun, unsere Gründe.“

„Soll ich dann wenigstens den Bungalow hier unter Bewachung stellen? Vielleicht besitzt die Frau die Frechheit zurückzukommen?“

„Soweit eine Bewachung nötig ist, werde ich sie selbst vornehmen.“

Whistler zuckte die Achseln. „Ganz wie Sie wollen. Ob Sie klug handeln, Dolan, müssen Sie selbst entscheiden.“


*

Gegen 15 Uhr verabschiedete sich Mac Dolan von seiner Frau am Flugplatz. Er hatte sie schnell ins Hotel zurückgefahren, damit sie ihre Koffer packen konnte, und dann telefonisch eine Flugkarte bestellt.

June kannte ihren Mann. Wenn Mac einen endgültigen Entschluss gefasst hatte, war es sinnlos, ihn umstimmen zu wollen. Also schickte sie sich in das Unvermeidliche und nahm Abschied.

„Es tut mir leid, dass unser Urlaub wieder einmal in den Kohlenkeller gefallen ist“, sagte Mac bedauernd. „Aber ich ziehe es vor, dich lieber einige tausend Meilen von mir entfernt als im Leichenschauhaus zu wissen.“

June nickte tapfer. Aber dann kamen ihr doch die Tränen. „Ich hatte mich so auf unseren Urlaub gefreut, Mac. Schade! Könntest du nicht Präsident einer Elektrizitätsgesellschaft oder sonst etwas sein, was etwas ungefährlicher ist?“

Mac zuckte die Achseln. „Darüber lässt sich nicht diskutieren. Als du mich heiratest, wusstest du genau, wer ich bin und was ich bin. Also, mach‘s gut und warte auf mich! Sobald ich hier fertig bin, komme ich zu dir nach Hause!“

June wollte noch etwas sagen, wandte sich aber ab und ging über die Treppe. Auf der obersten Stufe drehte sie sich noch einmal um und winkte ihrem Mann zu. „Pass auf auf dich, Mac. Auch ich möchte noch einige Jahre mit dir leben. Ich will nicht Witwe werden.“

„Dazu will ich dich auch gar nicht machen!“, brüllte Mac zurück.

Die Hostess zog verwundert die Augenbrauen hoch. Das waren ja sonderbare Gespräche, die die beiden führten.

Mac wartete noch, bis die Maschine zur Startbahn rollte. Einige Minuten später donnerten die Motoren auf, das Flugzeug wurde schneller und schneller und hob vom Boden ab.

Mac Dolan starrte der immer kleiner werdenden Maschine nach, bis sie am blauen Horizont verschwunden war.


*


Eine halbe Stunde später betrat Mac wieder das Foyer des Hotels Villa Biscaya. Er wollte endlich einen Bissen essen.

In der Hotelhalle wurde er sofort von Susi Astor in Empfang genommen. Die etwas zu fette Frau konnte ihre Nervosität nur schlecht verbergen.

„Passen Sie auf, Schätzchen“, sagte der FBI-Agent. „Es ist völlig sinnlos, wenn Sie mir mit Ihrem Tacheles auf‘n Wecker fallen. Ich habe getan, was ich konnte, und der Fall geht weiter. Ich möchte mich jetzt für ein paar Minuten im Zimmer hinlegen.“

Mac schüttelte Miss Astor wie eine lästige Wanze ab und fuhr in die zweite Etage hinauf. Er schloss sein Zimmer auf und warf sich angezogen aufs Bett.

Im gleichen Augenblick klingelte das Telefon.

Mac hob fluchend ab und meldete sich mit seinem Namen.

„Spreche ich mit Mr. Dolan?“, fragte eine Stimme.

Diese Stimme hatte einen ganz leisen Akzent.

„Ich habe mich doch mit meinem Namen gemeldet!“, schimpfte Mac. „Hier Dolan. Wer spricht, und was wollen Sie?“

Der unsichtbare Gesprächspartner lachte. „Wer ich bin, spielt keine große Rolle. Und was ich will, sollen Sie gleich erfahren. Hören Sie, Mr. Dolan, vermissen Sie nicht etwa Ihre Ehefrau?“

„Und ob ich sie vermisse!“, echote der FBI-Agent verwundert.

„Ich habe Ihre Ehefrau in meiner Gewalt. Bisher ist ihr aber nichts geschehen. Sie ruht wohl verschnürt im Zimmer eines Hauses. Ich will Ihnen ein Geschäft vorschlagen. Kümmern Sie sich nicht mehr um gewisse Pläne, kümmern Sie sich nicht mehr um gewisse Dinge, mit denen Sie dienstlich nichts zu tun haben, und Sie bekommen Ihre Frau wieder. Tun Sie das nicht, dann lasse ich Ihnen ihren Kopf morgen früh in einem Frühstückskorb mit Petersilie garniert servieren!“

Mac Dolans Gedanken arbeiteten fieberhaft. Er hatte einen riesigen Schreck bekommen, aber er erkannte jetzt, dass sein Gesprächspartner auf die Ereignisse der letzten Stunden anspielte. Es war völlig unmöglich, dass die Verbrecher June im Flugzeug überwältigt und bereits wieder in den Keller irgendeines Hauses geschafft hatten.

Mac musste die Worte des Anrufers so verstehen, dass dieser immer noch glaubte, June werde im Haus 109 Bay Shore Drive gefangen gehalten. Das hieß also, er wusste von den letzten Ereignissen nichts. Gigi Sloane hatte sich vermutlich gescheut, ihrem Kumpan die blamable Niederlage zu gestehen.

„Eine Zwischenfrage“, bemerkte Mac Dolan höflich.

Der unbekannte Anrufer lachte. „Aber selbstverständlich, Mr. Dolan. Fragen Sie, so viel Sie wollen.“

„Sind Sie etwa der Überzeugung, dass meine Frau im Keller des Hauses Nr. 109 Bay Shore Drive gefangen sei?“, fragte Mac Dolan grinsend. „Bei Mrs. Gigi Sloane? Dann muss ich Ihnen leider einen Zahn ziehen, Teuerster! Ich habe dort meine Frau herausgeholt. Sie ist seit Stunden in völliger Sicherheit. Ich fürchte, aus unserem kleinen Geschäft kann nichts werden. Und falls Sie tatsächlich die Freundlichkeit besitzen sollten, mir einen Frühstückskorb zu schicken, dann können Sie bestenfalls einen Kürbis hineinlegen, aber nicht den Kopf meiner Frau!“

Der andere legte mit einem Fluch auf. Die Leitung war tot.

Gleich darauf klingelte das Telefon erneut. Diesmal war‘s aber nur der Portier. Der meldete, ein Polizeibeamter habe Mac Dolans Mercury in den Hof gefahren.


*


Mac dachte ein paar Minuten angestrengt nach, dann eilte er in den Garagenhof und überzeugte sich, dass sein Mercury fahrbereit war.

Mac startete den Wagen und fuhr zum Bay Shore Drive hinauf. Er konnte sich vorstellen, dass es bei Gigi Sloanes Haus jetzt einen Tanz gab, sofern die schöne Frau in ihren Bungalow zurückgekehrt war.

Mac stellte seinen Wagen weit genug entfernt ab, dass er nicht auffallen konnte, und pirschte sich vorsichtig von hinten an den Bungalow heran.

Zunächst erfolgte gar nichts. Der schöne Bau lag in eiserner Ruhe vor ihm.

Mac wurde kühner. Er drang von hinten in den kleinen Garten ein, der zu dem Bungalow gehörte, und arbeitete sich, jede Deckung ausnutzend, zum Hintereingang vor. Durch das geschmiedete Gitter der Gartenbegrenzung sah er, wie eine altertümliche, schwerfällige Limousine vorfuhr.

Mac Dolan erstarrte und machte es sich hinter einer Catalina Cherry-Hecke bequem.

Er ahnte, woran er war.

Die Limousine war eines jener sagenhaften, gepanzerten Fahrzeuge, wie sie sich nur große Gangster leisten können. Jetzt wurde die Sache interessant.

Mac sah, wie zwei Personen den Wagen verließen. Der eine Mann war klein und dick und hatte ein ungeheuer vergnügtes, grinsendes Gesicht, der andere war groß und schlank und hielt sich vornübergeneigt.

Mac Dolan hatte die beiden Entführer seiner Frau vor sich.

Seine Hand tastete nach der Pistole im Achselhalfter.

Die Ereignisse überstürzten sich. Die beiden Männer klingelten vorne an der Abschlusstür – das konnte Mac Dolan genau hören – und gleichzeitig ging hinten die Küchentür auf, die zu einem kleinen Vorbau mit Freitreppe führte.

Gigi Sloane trat auf Zehenspitzen in den Garten. Sie trug ein kleines Köfferchen und gab sich die größte Mühe, leise und unauffällig zu verschwinden.


*


Mac Dolan wartete, bis die schöne Frau bei ihm vorbei kam. Darm erhob er sich unauffällig und folgte ihr durch den Garten.

Gigi Sloane drehte sich nicht einmal um. Sie kletterte hinten über den niedrigen Zaun, und Mac konnte gerade noch hinter einem mächtigen Brotfruchtbaum Deckung nehmen, sonst wäre er doch noch von der Fliehenden entdeckt worden.

Mac musste sich in Sekundenbruchteilen entscheiden. Entweder widmete er sich den beiden Gangstern, die eben dabei waren, in den Bungalow einzudringen, oder er verfolgte Miss Sloane.

Er kam indessen zu der Meinung, dass Gigi Sloane im Augenblick ergiebiger sei. Also verzichtete er bedauernd darauf, die beiden Kaschemmentypen zu befummeln, und lief hinter der entschwindenden Miss Sloane her.

Die schöne Frau floh in Richtung Dixie Highway. Nach etwa fünf Minuten blieb sie im Schatten einer Baumgruppe stehen und setzte ihr Köfferchen ab.

Mac Dolan schnellte sich mit ein paar Sätzen hinter sie und klopfte ihr auf die Schulter.

Gigi federte mit einem Schrei herum und sah Mac aus großen, erschrockenen Augen an.

„Pass auf, mein Schätzchen“, sagte Mac mit süßlicher Stimme. „Entweder du erzählst mir jetzt etwas über die gestohlenen Pläne, oder ich poliere dir die Schnauze, dass du mit ‘nem gewissen Körperteil auf die Uhr sehen kannst.“

Gigi wurde totenblass. Ihr Gesicht glich einem Leintuch, auf dem ein kräftiger Mann drei Wochen ungewaschen geschlafen hatte.

Sie setzte mehrmals zum Sprechen an, konnte aber vor lauter Erregung nur ein heiseres Krächzen herausbringen.

„Raus mit der Sprache!“ zischte Mac. „Mit Gelichter deines Schlages macht man hierzulande nicht viel Federlesens. Außerdem habe ich noch eine kleine Rechnung klarzustellen mit dir! Wegen meiner Frau.“

Gigi zitterte. Sie sah zum Erbarmen aus. Sie wirkte auf Mac Dolan wie ein Hase, der von Jägern dicht eingekreist ist.

„Lassen Sie mich den Koffer öffnen, Mr. Dolan“, sagte die Frau zitternd. „Ich habe die Pläne hier drin.“

Mac Dolan frohlockte. Er sah den Erfolg greifbar vor sich. Das machte ihn unvorsichtig.

Gigi nahm den Koffer auf und drückte ihn Mac in die Hand.

„Hier, halten Sie!“

Die Hände der schönen Frau flogen. Sie musste dreimal ansetzen, bis es ihr gelang, den Koffer zu öffnen.

Mac konnte sehen, dass der Inhalt, der im Wesentlichen aus Wäsche bestand, wie Kraut und Rüben durcheinander lag. Gigi musste in äußerster Eile gepackt haben.

Die Frau griff bebend in den Wust, brachte irgend etwas zum Vorschein und steckte es in den Mund.

In diesem Augenblick wusste Mac Dolan Bescheid. Er ließ den Koffer fallen und fuhr Gigi mit beiden Händen an den Hals, um sie am Schlucken zu hindern.

Aber es war bereits zu spät. Gigi stieß eine ganze Serie gellender Schreie aus und bekam offenbar keine Luft mehr. Sie stürzte zu Boden. Sie rang in schrecklicher Atemnot um ihr Leben. Es sah aus, als habe sie Krämpfe. Dreißig Sekunden später streckte sich der Körper, und ihr Gesicht nahm einen unerhört erstaunten Ausdruck an. Der Geruch bitterer Mandeln verbreitete sich. Gigi Sloane war tot.



XI

Ehe der FBI-Agent einen Entschluss fassen konnte, näherte sich im Laufschritt ein Polizist und pflanzte sich drohend vor Mac auf.

„Ich bin FBI-Agent Dolan“, sagte Mac und holte seine Münze aus der Tasche. „Informieren Sie Inspektor Whistler. Ich selbst kann mich hier nicht aufhalten. Ich setze mich später mit Inspektor Whistler persönlich ins Benehmen.“

Dolan wandte sich ab und eilte im Laufschritt zum Haus am Bay Shore Drive zurück, um, wenn möglich, die beiden Verbrecher noch zu stellen.

Ein kurzer Blick hatte ihn davon überzeugt, dass die gepanzerte Aktentasche selbstverständlich nicht in dem Koffer gewesen war. Gigi hatte ihn in ihren letzten Lebensminuten geblufft.

Am Bay Shore Drive wartete seiner eine große Enttäuschung. Die gepanzerte Limousine stand nicht mehr vor dem Haus.

Trotzdem holte Mac seine Pistole aus dem Achselhalfter und stürmte den Bungalow von hinten.

Das Haus war vollkommen menschenleer. Die beiden Verbrecher hatten sich bereits entfernt.

Fein hast du dich aufs Kreuz legen lassen, Mac, dachte der FBI-Agent verstört. Klar: Vorhin haben die Spezialisten des Polizeihauptquartiers die Aktentasche nicht gefunden, wie sollte sie jetzt plötzlich in Gigis Besitz gekommen sein?

Aber die Sache ließ sich nun schon nicht mehr gutmachen. Mac hatte nach zwei Seiten gearbeitet und auf zwei Seiten Misserfolg gehabt.

Es blieb ihm nichts anderes übrig, als Inspektor Whistler anzurufen.

„Na, Dolan“, sagte der. „Ich bin eben informiert worden. Ich bin im Aufbruch. Sie haben Gigi Sloane gefunden. Aber sie ist tot.“

„Sehr richtig. Jetzt kann ich wieder von vorn anfangen. Ich komme später zu Ihnen und sage aus. Bitte, bringen Sie von der Angelegenheit so wenig in die Zeitung wie möglich.“

„Ganz wie Sie wünschen, Dolan. Rufen Sie mich später an. Eine Aussprache ist fällig.“

Der FBI-Agent ging zu seinem Mercury und fuhr ins Hotel Villa Biscaya zurück. Im Augenblick lag er im toten Rennen. Er wusste nicht, wo er jetzt noch ansetzen sollte.

Mac ließ sich seinen Zimmerschlüssel geben und fuhr zur zweiten Etage hinauf.

Er öffnete die Tür und blieb unter der Schwelle stehen.

Auf seinem Bett saß eine bildschöne, schlanke Frau mit silbernem Haar und rauchte aus einer langen Jadespitze eine Zigarette.

Mac Dolan wusste sofort Bescheid.

Er trat ein und drückte die Tür hinter sich ins Schloss.

„Miss Barbara Bernstein, wie ich vermute? Sie suchen wir schon lange, Zuckerstück.“

Barbara erhob sich langsam. Alles an dieser Frau war ebenmäßig und schön. Und trotzdem war sie eine Verbrecherin.

„Mr. Dolan, ich gebe mich ganz in Ihre Hand“, sagte sie. „Es hat mich schwere innere Kämpfe gekostet, mich an Sie zu wenden. Wenn Sie gemein sind, dann lassen Sie mich verhaften.“

„Und warum soll ich Sie verhaften lassen, Miss Bernstein?“, fragte Mac lauernd.

Wie aus der Pistole geschossen kam die Antwort. „Weil ich den Wagen gefahren habe, den Ray Wilson benützte, als er vorgestern Abend im Hotel hier eine Aktentasche abholte.“

„Ausgezeichnet! Das habe ich auch schon gewusst, Miss Bernstein. Die Polizei sucht Sie fieberhaft in ganz Miami. Wie ist es gekommen, dass man Sie bisher nicht gefunden hat?“

Barbara Bernstein tat diesen Einwand mit einer nonchalanten Handbewegung ab. „Das spielt doch jetzt keine Rolle. Ich habe mich bei Freunden verborgen.

Mr. Dolan, ich bin zu Ihnen gekommen, um Ihnen zu helfen. Ich habe in meinem Leben einen einzigen Mann geliebt, das war Ray Wilson. Und der ist gestern ermordet worden. Sie können sich vorstellen, in welcher Verfassung ich bin. Sie können mich nach unserer Unterredung ruhig ins Gefängnis bringen lassen. Das spielt für mich keine Rolle. Mein Leben hat ohnehin keinen Sinn mehr. In mir glüht nur mehr der Rachedurst. Ich will die Leute aufs Kreuz fliegen lassen, die an Rays Tod schuld sind!“

„Nehmen Sie Platz, nehmen Sie eine Zigarette, und nehmen Sie einen Cocktail“, sagte Mac Dolan. Er konnte einen hinreißenden Charme entwickeln, wenn es ihm nötig erschien. Und in diesem Augenblick erschien es ihm nötig.

Die Schönheitstänzerin ließ sich verwirrt Feuer geben und setzte sich wieder auf Dolans Bett.

Wenn June uns so sehen könnte, würde sie schön eifersüchtig werden, dachte Mac Dolan amüsiert. Aber dann wurde er wieder ernst.

Er holte eine Flasche Whisky und schenkte seinem Gast einen Dreistöckigen ein.

Barbara prostete ihm zu und kippte das scharfe Getränk ohne mit der Wimper zu zucken auf einen Zug. Dann leckte sie sich genießerisch die Lippen und setzte das Glas ab.

„Was wollen Sie wissen? Fragen Sie!“, meinte sie dann.

„Wie ist Wilson auf Major Randers aufmerksam geworden?“, fragte Mac.

Die Frau zuckte die Achseln. „Ich kenne keinen Major Randers.“

„Randers ist der Mann, dem Wilson die Aktentasche gestohlen hat.“

„Ach so“, sagte Barbara. „Leider weiß ich nicht allzu viel. Ich will Ihnen die Sache schildern:

Vorgestern Abend rief mich Wilson in sein Büro und fragte mich, ob ich ihm bei einer heißen Sache als Fahrer dienen könne. Irgendwie war mir nicht wohl dabei, aber ich war Wilson verpflichtet. Ich sagte selbstverständlich zu. Er führte mich in den Hof unseres Nachtlokals, und dort stand ein entzückender Cadillac El Dorado.

Was hast du vor, Ray?, fragte ich.

Er hat mir noch so reizend auf die Schulter geklopft und gesagt: Häschen – er sagte immer Häschen zu mir – Häschen, viel Wissen macht nur Kopfweh. Ich bin dafür, dass du dich um gar nichts kümmerst!

Ich kannte ja Ray und ich wollte nicht in ihn dringen. Wir fuhren bis zum Bay Shore Drive, und dort musste ich auf ihn warten. Ich wartete fast eine Stunde. Dann kam er im Laufschritt, stieg zu mir in den Wagen, und ich startete den Motor.

Hinter ihm kam ein Mann her. Ray hatte eine Tasche in der Hand. Er warf sie achtlos auf den Sitz.

Im Anfahren zog Ray plötzlich eine Pistole und schoss den Verfolger nieder. Kann Ihnen sagen, mir wäre vor lauter Schreck der Motor beinahe stehengeblieben. Solche Sachen kannte ich an Ray nicht. Aber ich wusste, mitgehangen, mitgefangen.

Ich fuhr nur ein paar Häuserblocks weiter und musste dann in den Hof eines Hauses an dieser Straße hineinfahren.“

„Handelte es sich vielleicht um einen Bungalow mit der Nummer 109?“, fragte Mac Dolan ahnungsvoll.

Barbara zuckte abermals die Achseln. „Ob es die Nummer 109 war, kann ich nicht sagen. Aber es war auf jeden Fall ein wunderschöner Bungalow.“

Mac Dolan nickte und nahm sich eine neue Zigarette. „Wie ging alles weiter, Miss Barbara?“

„Ray wartete, bis ich den Wagen abgestellt hatte. Und dann bat er mich, mir irgendwo eine Taxe zu suchen und nach Hause zu fahren. Er nahm die dicke Aktentasche und verschwand in dem Bungalow.

Ich vergewisserte mich, dass niemand auf mich aufmerksam geworden war. Dann fand ich auf der Höhe der 21 Avenue ein Taxi und ließ mich nach Hause fahren. Etwa zwei Stunden später kam Ray zu mir. Er war außerordentlich zufrieden und rieb sich die Hände. Der Ärmste! Wenn er gewusst hätte, dass er bestenfalls noch einen Tag zu leben hatte!

Ich wollte selbstverständlich noch Näheres wissen, aber Ray hüllte sich in geheimnisvolles Dunkel. Er meinte nur, wenn alles klappe, dann könnten wir beide einen schönen Schnitt bei der ganzen Sache machen.“

„Und das ist alles, was Sie mir mitzuteilen haben, Miss Barbara?“

Die Frau nickte. „Das ist tatsächlich alles.“

„Damit kann ich überhaupt nichts anfangen. Selbstverständlich hat Ray Wilson die Aktentasche nicht für sich selbst gestohlen, sondern für eine dritte Person. Und diese dritte Person ist auch sein Mörder. Ich weiß das ganz genau. Wenn wir nur eine Verbindung zu diesem Mann hätten!“

„Deswegen bin ich ja hier“, sagte Barbara. „Der Mann muss gefunden und bestraft werden!“


*

„Sie halten mich wohl für ‘nen Zauberer, Goldstück?“, fragte Mac Dolan bissig. „Mit diesen vagen Angaben, die Sie mir da gemacht haben, ist kein Gänseblümchen aus der Treibhauserde hochzukitzeln. Hoffentlich sehen Sie das ein. Haben Sie nicht irgend etwas übersehen?“

Barbara dachte eifrig nach, dann nickte sie. „Vielleicht gibt‘s doch noch etwas: In dem Bungalow am Bay Shore Drive tauchten, als Ray verschwunden war und ich mich anschickte, den Hof zu verlassen, zwei Männer auf. Die habe ich schon manchmal als Gäste im Lower Ten gesehen. Die standen unter der Haustür und nahmen Ray in Empfang.“

„Interessant“, sagte Mac Dolan. „Beschreiben Sie die beiden.“

Die Frau dachte nach. „Ich kenne eigentlich nur die Namen. Der eine heißt Thomas und der andere Barry.“

Mac Dolan blickte fasziniert auf und legte seine Pranke auf Barbaras Handrücken. „Denken Sie genau nach, Zuckerstück. Ist der eine vielleicht ein kleiner Dicker und der andere ein großer Schlanker?“

Barbara nickte. „Oh ja. Ich erinnere mich genau. Sie scheinen von dem Fall längst mehr zu wissen, als Sie zugeben?“

Mac Dolan schüttelte den Kopf. „Leider ist mein Wissen sehr gering. Aber ich nehme an, dass diese beiden mit dem Mörder in Verbindung stehen, wenn sie nicht selbst die Mörder sind. Wo kann man sie treffen?“

Barbara überlegte. Dann sagte sie hastig:

„Ich könnte Sie zu einem Mann führen, der die beiden kennt. Aber ich wage es nicht mehr das Hotel zu verlassen. Ich fürchte, die Polizei wird mir Schwierigkeiten machen.“

Mac Dolan schüttelte den Kopf.

„Nein“, sagte er. „Wenn Sie sich in meiner Begleitung befinden, wird Ihnen überhaupt nichts passieren. Kommen Sie, wir brechen auf. Wir müssen den Mann sofort sprechen.“


*


Ehe er sein Zimmer verließ, ging Mac Dolan zum Telefon und rief Inspektor Whistler an.

Als er die Verbindung hatte, sagte er eindringlich: „Hier ist Mac Dolan, Inspektor. Sie können die Fahndung nach Barbara Bernstein sofort abblasen.“

„Ist mir durchaus sympathisch“, erwiderte der Inspektor. „Eigentlich liegt gegen die Frau nichts vor, und ich wäre in des Teufels Küche gekommen, wenn ich sie auf eigene Veranlassung hätte verhaften lassen. Weshalb blasen Sie die Fahndung jetzt ab, Dolan?“

„Die Frau hat sich selbst bei mir gemeldet. Ich habe nicht die Absicht, eine Anklage gegen sie zu erheben. Und damit entfällt die ganze Fahndung.“

Der Inspektor brachte seine Zufriedenheit zum Ausdruck.

„Übrigens, kommen Sie heute noch zu mir, Mr. Dolan?“

„Ich fürchte, wir müssen unser Gespräch bis morgen vertagen. Ich habe im Augenblick etwas Wichtigeres zu tun.“

„Ihr FBI-Agenten mit eurer Geheimnistuerei. Ich will froh sein, Dolan, wenn ich Sie wieder los habe!“

„Die Freude dürfte dann ganz auf meiner Seite liegen. Trotzdem danke ich Ihnen herzlich für Ihre Unterstützung. Aber jetzt muss ich weg. So long, Whistler.“

Mac verließ mit Barbara Bernstein durch den rückwärtigen Ausgang das Haus und zog seinen Mercury an Land.

Barbara stieg ein und dirigierte Mac Dolan zu einem Haus nach Coral Gables. Auf einem kleinen Platz musste der FBI-Agent seinen Car abstellen. Barbara stieg aus. „Kommen Sie. Wir gehen den Rest zu Fuß.“

Die Frau führte Mac über einen kleinen Fußweg in eine Waldparzelle. Dort stand ein Bungalow. Das heißt, es war mehr ein vergrößertes Gartenhaus als ein Bungalow.

Barbara öffnete die Gartentür und klopfte an die Holzmauer.

Eine Tür wurde geöffnet, und ein Mann streckte einen fuchsigen Kopf heraus. Er war nur mit einer Badehose bekleidet und machte einen verschlafenen Eindruck.

„Hallo, Guy“, sagte Barbara. „Der Herr hier ist Mr. Dolan.“

Guy nickte. „Mein Name ist Madison. Ich habe Mr. Dolan schon gesehen. Nach dem bedauerlichen Tod unseres Bosses.“

Barbara Bernstein kamen schon wieder die Tränen, aber sie unterdrückte sie tapfer. „Dürfen wir einen Augenblick eintreten, Guy?“

„Selbstverständlich, Barbara. Was gibt es denn?“

Mac Dolan trat in den einzigen Raum des Gartenhauses ein. Er war verhältnismäßig gefällig, wenn auch mit billigen Möbeln eingerichtet.

Guy holte nervös eine Schachtel Zigaretten und legte sie auf den Tisch.

Mac Dolan setzte sich auf eine Couch.

„Folgendes“, sagte Barbara. „Du kennst doch Thomas und Barry? Den Dicken und den Großen, die im Lower Ten verkehren?“

Guy nickte. „Selbstverständlich. Was ist mit ihnen?“

Jetzt mischte sich Mac Dolan ein. „Sehen Sie, Madison, Thomas und Barry sind entweder die Mörder Ihres Bosses oder sie stehen mit dem Mörder in Verbindung. Über sie möchte ich an den Mörder geraten. Können Sie mir verraten, wo ich die beiden auftreiben kann?“

Madison überlegte eine ganze Weile. Er wollte nicht recht mit der Sprache heraus.

„Passen Sie auf, Madison“, fuhr Mac Dolan beschwörend fort. „Ich bin FBI-Beamter. Der Polizei gegenüber müssen Sie die Wahrheit sagen. Wenn Sie mir Ihr Wissen nicht mitteilen, dann bleibt mir nichts anderes übrig, als Sie zu verhaften. Reden müssen Sie ohnehin. Aber wenn Sie Sperenzien machen, dann besteht die Möglichkeit, dass die beiden Verbrecher entkommen. Ich weiß nicht, ob Sie das wollen?“

Madison zuckte die Achseln. „Ich will selbstverständlich keine Verbrecher decken. Aber wenn die beiden erfahren, dass ich sie verpfiffen habe, und es gelingt Ihnen nicht, sie festzusetzen, dann ist gewissermaßen mein letztes Brötchen gebacken.“

„Da brauchen Sie sich gar keine Sorgen zu machen“, sagte Mac Dolan entgegen seiner festen Überzeugung. „Wenn ich erst mal mit der Nase auf der Fährte bin, dann kann Ihnen nichts mehr passieren.“

Madison überlegte noch einmal. Dann meinte er zögernd: „Sie kennen doch Templers Warenhaus? Templers haben einen Nachtwächter, der wohnt im Kellergeschoss des Geschäfts. Ich glaube, Thomas und Barry haben bei dem Nachtwächter ein Zimmer. Wenn Sie dort mal hingehen, können Sie die beiden vielleicht greifen.“

„Wie heißt der Nachtwächter?“, fragte Dolan eindringlich weiter.

„Ich glaube, Sander. Gehen Sie mal hin und versuchen Sie Ihr Glück. Aber lassen Sie um Gottes willen nicht verlauten, dass ich Sie auf die beiden angesetzt habe.“

„Sie können ganz beruhigt sein. Niemand wird das erfahren. Ich bedanke mich bei Ihnen, Mr. Madison.“



XII

Barbara Bernstein sagte Mac, dass Templers Warenhaus auf der 2nd Avenue, in Höhe der siebten Straße, zu finden sei.

Mac fuhr schweigend in die Innenstadt zurück.

Unterwegs schoss ihm ein Gedanke durch den Kopf. „Sagen Sie, Barbara, heißt Ray Wilson wirklich so? Ich hätte, als ich ihn sah, gewettet, dass er ‘n Italiener sei!“

Die Schönheitstänzerin nickte. „Ray war tatsächlich Italiener. Warum er einen anderen Namen angenommen hat, kann ich Ihnen auch nicht sagen. Ich habe ihn mal gefragt, und da hätte er mich beinahe geschlagen!“

„Hat Ray irgendwo Verwandte in den Staaten?“

Barbara zuckte die Achseln. „Ray war leider ein großer Schweiger, so geschwätzig er im Dienst sein konnte. Ich wurde nie schlau aus ihm. Aber das war mir egal. Ich liebte ihn. War das nicht die Hauptsache?“

Der FBI-Agent schwieg unbehaglich. Was sollte er schon sagen?

Um zwanzig Uhr legte die rasante Frau leicht ihre Hand auf Macs Unterarm. „Dort vorne, das Gebäude, das ist es. Fahren Sie irgendwo rechts ran. Sie werden Sanders Wohnung schon finden. Soll ich mitkommen?“

Mac grinste dünn. „Lieber nicht, Kind. Könnte sein, dass der Eisengehalt der Luft in Kürze rapid zunimmt. Dem will ich Sie nicht aussetzen!“

Innerlich wurmte es ihn, dass er mit der Frau, die immerhin ihre Hand zu einem Verbrechen geliehen hatte, so freundlich umgehen musste. Hätte er gekonnt, wie er wollte, dann hätte er etwas ganz anderes mit ihr gemacht. Was, empfiehlt sich nicht anzudeuten.

Mac hielt und stieg aus. In vorsichtiger Entfernung umschritt er den viereckigen Bau des Warenhauses und suchte nach einem Hintereingang. Im Gehen lockerte der Agent seinen Derringer im Achselhalfter. Ihm war unbehaglich zumute. Sollte er nicht doch lieber warten und Polizeiunterstützung anfordern? Einer gegen drei war ein schlechtes Verhältnis, zumal Mac kein Überraschungsmanöver ausführen konnte.

Trotz aller Einsicht entschloss sich Mac den Coup alleine zu wagen. Die Polizei sollte lieber nicht zu viel wissen. Sonst flog Major Randers doch noch aufs Kreuz. Immer die Rücksicht auf diesen nassen Sack Randers! Mac hatte eine gesunde Wut auf den fahrlässigen Offizier, der sich so köstlich die Würmer aus der Nase hatte ziehen lassen, nun krank spielte und ihn, Mac, die Kastanien aus dem Feuer holen ließ.

An der Rückseite des Warenhauses führten ein paar Stufen nach unten zu einer Tür. Mac sah sich scheu tun. Niemand war in der Nähe.

Der Agent versenkte seine Pistole in der Hosentasche und war zum Feuern bereit. Er fand einen Klingelknopf und drückte drauf. Im Haus hörte er ein dünnes Schrillen.

Mac musste die Prozedur dreimal wiederholen, dann näherten sich schlürfende Schritte, und die Tür wurde geöffnet. Jemand streckte vorsichtig einen Geierkopf heraus.

„Was ist los?“, fragte der alte Mann.

Mac stellte auf Verdacht seinen Fuß zwischen Tür und Angel und trat ein. „Ist Thomas oder Barry zu Hause?“, fragte er.

Der Mann zögerte. „Ich weiß nicht …“

„Aber dafür weiß ich‘s um so besser! Aus dem Wege!“

Der Mann – es war vermutlich der Wächter Sander – warf sich auf Mac und musste einen kurzen Haken einkassieren. Er legte sich sofort lang und sagte keinen Ton mehr.

Mac warf sich instinktiv nach links. Dort vermutete er den Niedergang zu Sanders Kellerwohnung.

In diesem Augenblick fragte von unten eine trockene Stimme: „Zum Teufel, was ist denn los, Joe?“


*


Mac musste sich entscheiden. Entweder gab er durch sein Schweigen zu erkennen, dass irgend etwas nicht in Ordnung war, oder er ging ohne Rücksicht auf Verluste vor. Ohne sich Rechenschaft abzulegen, zog er seine Pistole und hastete in zwei gewaltigen Sätzen die Treppe hinunter. Unten wurde es gleich darauf Licht. Ein kleiner dicker Mann stand in einem langen Gang und hob eine Pistole. Der Schuss krachte. Im gleichen Augenblick stolperte der FBI-Agent. Er kugelte den Rest der Stufen hinunter und fing einen furchtbaren Fußtritt mit der Nase ab. Mac spürte einen entsetzlichen Schmerz und riss dem Dicken die Füße unterm Leib weg. Der schoss im Fallen. Das Geschoss ging neben Macs Stiefel in den Stein und prallte als heulender Querschläger ab. Mac wälzte sich blitzschnell auf den Rücken und sah genau in die Mündung der Waffe seines Gegners.

Er hatte keine Wahl mehr. Er nahm blitzschnell Richtung und ließ fliegen.

Der Dicke zuckte wellenförmig zusammen und blieb liegen.

Mac schnellte auf und wäre beinahe in das hämmernde Stakkato einer Maschinenpistole hineingesprungen. Er ging wieder zu Boden, und die Lage knallte über ihn hinweg. Den Tod im Ohr, krümmte sich der Agent zusammen und versuchte die Lage zu peilen. In diesem Augenblick hatte sich sein Gegner verschossen. Mac sah, wie ein Langer, Dürrer fluchend das Magazin aus der Waffe riss. Für Mac fuhr jetzt der letzte Zug. Er hob die Pistole und spielte dem Gangster die Melodie des Verderbens. Auch der Dürre zuckte zusammen. Er griff sich mit einem jammernden Aufschrei ans Herz und rollte mit komischer Grandezza kopfüber auf die Steinfliesen.

Mac war grau im Gesicht, als er endlich feststellte, dass beide Gangster tot waren.


*


Sekunden später schrillten Pfeifen, und das Getrappel vieler Schritte näherte sich.

„Halt und keine Bewegung!“, donnerte eine Stimme.

Gleich darauf kamen einige Polizisten vorsichtig nach unten.

„Ich bin Dolan vom FBI!“, rief Mac eilig. „Ich habe eben zwei Schwerverbrecher erschossen. Benachrichtigen Sie Inspektor Whistler oder Leutnant Avery. Ihnen kann ich keine Erklärung geben!“

Der Sergeant ließ sich Macs Marke zeigen und war sofort beruhigt.

Er kratzte sich am Hinterkopf. „Zum Donnerwetter, Sir, das hätte leicht ins Auge gehen können. Was soll ich tun?“

Mac hatte das Heft wieder in der Hand. „Sperren Sie das Gelände ab. Ich will niemanden hier sehen. Der Wächter Sander ist zu verhaften. Ich will ihn nachher verhören. Außerdem sorgen Sie dafür, dass mir kein Pressezwerg hier runtertürmt. Klar? Sie haften mir mit Ihrem Kopf dafür!“

Dolan wandte sich sofort ab und betrat die Wohnung des Nachtwächters. In der Küche fand er ein völlig verstörtes Mädchen von etwa fünfzehn Jahren.

Der Agent zauberte ein väterliches Lächeln auf sein Gesicht. „Hallo, Honey, bist du die Tochter von Sanders?“

Das Mädchen nickte verstört. „Ja. Ist meinem Vater …“

„Deinem Vater ist nichts passiert, wenn du das meinst. Nur den Untermietern. Aber das waren Verbrecher. Zeig mir doch mal das Zimmer der beiden!“

Das Mädchen erhob sich gehorsam und führte Mac in ein großes Hinterzimmer, das nur durch künstliches Licht beleuchtet werden konnte.

„Wie hießen denn die beiden mit dem richtigen Namen?“, fragte Mac.

„Der Dicke war Thomas Walker und der Dünne hieß Barry Ballard. Sind sie beide …“

Das Mädchen brach in Tränen aus. Mac scheuchte es sanft aber energisch aus dem Raum.


*


Der Detektiv machte sich an die Durchsuchung des Zimmers und ging dabei sehr systematisch vor. Nach einer Viertelstunde bekam er Gesellschaft: Inspektor Whistler und Leutnant Avery erschienen.

Whistler sah Mac eine ganze Weile schweigend zu. Dann erst machte er den Mund auf und sagte knapp: „Ihr Menschenverbrauch ist sagenhaft, Dolan. Da Sie mir doch keinen reinen Wein einschenken, will ich gar nicht fragen, was das Ganze zu bedeuten hat.“

„Ich kann Ihnen bei bestem Willen nicht viel sagen!“, konterte der Agent. „Ich weiß nur, dass die beiden Männer, die ich eben in Notwehr erschossen habe, Thomas Walker und Barry Ballard hießen. Ich habe allen Grund anzunehmen, dass sie Freunde oder Gehilfen des Mannes waren, der Ray Wilson abgehalftert hat. Funken Sie sofort mal Washington an und fragen Sie nach, ob man die beiden Ganoven amtlich kennt. Habe so eine Ahnung, dass sie keine unbeschriebenen Blätter mehr sind!“

Leutnant Avery entfernte sich, und der Inspektor half Dolan bei der Durchsuchung des Zimmers.

Um es kurz zu machen: die beiden fanden nicht das Mindeste.

„Suchen Sie immer noch die bewusste Aktentasche?“, fragte Inspektor Whistler. „Mann, Mann, nach Ihrem Eifer zu schließen, muss die Tasche zumindest einige Kilo hochwertige Edelsteine enthalten!“

Mac richtete sich auf und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

„Hochkarätige Brillanten sind ein müder Dreck gegen das, was ich suche“, sagte er.

Nach einer ganzen Weile machte sich der Detektiv an ein informatives Verhör des komischen Nachtwächters.

Dolan erkannte bald, dass Sander einer der Armen im Geiste war und nichts wusste. Er ließ den völlig verstörten Mann aus den Fängen.

Er war verzweifelt. Wo sollte er noch suchen?

Whistler klopfte ihm auf die Schulter. „Kopf hoch, Dolan! Die beiden bildschönen Leichen sehen nicht so aus, als wenn sie zu Lebzeiten große Bosse gewesen wären. Vermutlich waren sie nur kümmerliche Handlanger eines großen Herrn, der sich mit Kleinkram nicht die Hände schmutzig machen wollte.“

„Eben!“ Mac sah Whistler voll an. „Aber wer ist der große Boss?“

Der Inspektor lächelte. „Ein Mann, der sowohl mit Gigi Sloane als auch mit den beiden Verbrechern hier dicke Tinte war!“

„Richtig!“ Mac erinnerte sich. „Haben Sie über die Sloane schon was rausgefunzelt?“

Whistler schüttelte den Kopf. „Bis jetzt nichts. Vielleicht gibt es ein Ergebnis, sobald ich wieder im Amt bin. Ich glaube, wir können die weiteren Ermittlungen den Spezialisten überlassen. Schwierigkeiten haben Sie nicht zu gewärtigen. Sander hat ja ausgesagt, dass die beiden zuerst auf Sie geschossen haben!“

Mac wandte sich zum Gehen. In diesem Augenblick betrat die Tochter des Nachtwächters das Zimmer.

Der FBI-Agent lächelte die Fünfzehnjährige an. „Nun, Häschen, was gibt es?“

Das Mädchen sah verschüchtert zu Boden. „Stimmt es, dass unsere Untermieter Verbrecher waren?“

„Natürlich!“

„Dann kommen Sie mit! Die beiden haben mir einen versiegelten Umschlag zum Aufheben gegeben. Heute morgen haben sie ihn allerdings leergemacht. Aber vielleicht nützt Ihnen der Umschlag etwas!“

„Aber sicher!“, grinste Mac. „Vielleicht haut der wenigstens hin. Kann ich ihn sehen?“

„Gern!“

Die beiden Kriminalisten folgten dem Mädchen in die sogenannte gute Stube. Das Kind sperrte einen wurmstichigen Schreibtisch auf und nahm einen großen Umschlag heraus. Mac war enttäuscht. Die Siegel des Umschlages waren erbrochen. Beschriftet war er nicht.

Mac nahm dem Mädchen den Umschlag aus der Hand und öffnete ihn.

Whistler sah interessiert zu.

„Da ist ein Zettel zurückgeblieben!“, sagte der Agent. Er nahm ihn mit spitzen Fingern heraus. Es war ein Kartonstreifen in Visitenkartengröße. Auf ihm stand mit Tinte: 103 b III


*


„Jetzt steh ich da mit meinem Talent!“, zürnte Mac. „103 b III. Was soll das heißen?“

„Fragen Sie mich mal!“, grinste der Inspektor. „Ich weiß es nämlich auch nicht! – Kommen Sie jetzt mit zu mir?“

„Nee!“, grinste Mac. „Ich hab‘ mir die ganze Nacht um die Ohren gepulvert. Ich geh jetzt ins Biscaya und mach Rock‘n Roll!“

Mac verließ das Warenhaus. Vor dem Bau hatte sich eine ziemliche Menschenmenge eingefunden, obwohl es stark auf Mitternacht zuging.

Polizisten schufen dem FBI-Mann mit Mühe eine Gasse.

Einige hornbebrillte Damen und Herren standen wirkungsvoll in der Gegend ‘rum. Einige von ihnen hatten Fotoapparate und Blitzlichtgeräte bei sich.

Viele Objektive richteten sich auf Mac. Der zog blitzschnell seinen Hut ins Gesicht. So kam nur ein Stetson auf die Filme.

Mac blieb stehen. „FBI“, sagte er. „Wer nochmal versucht mich zu fotografieren, kriegt ‘nen Schlag. Der zweite Schlag ist Leichenschändung!“

Eine hübsche Blondine mit wogenden Stromlinien schoss auf Mac zu und legte ihm die Hand auf die Achsel. „Eine Frage. Eine einzige bescheidene Frage, Officer. Was hat es hier gegeben?“

„Das kann ich Ihnen sagen, Pressebaby: Da hat einer Karbid genascht und anschließend Wasser drauf getrunken. Wenig später hat‘s ihn zerrissen!“

Ein langer Intelligenzler schob sich in den Vordergrund und drückte die Kollegin mit zärtlichen Griffen beiseite. „So können Sie uns nicht abspeisen, Mann. Hier ist doch geschossen worden. Waren Sie das?“

Mac lächelte schelmisch. „I wo! Ich will Ihnen die Wahrheit verkleistern. Nehmen Sie Ihren Block vor!“

Die Reporter spitzten die Ohren.

„In dem Haus wohnt ein kleines Mädchen“, sagte Mac vergnügt. „Das glaubt nicht mehr an den Osterhasen. Der Osterhase wollte das Schnucki vom Gegenteil überzeugen. Das gelang ihm nicht. Und da hat er sich kurz nach zwanzig Uhr erschossen. Aus Gram!“


*


Als Mac todmüde ins Hotel zurückkam, tigerte Susi Astor wie ein verhungertes Kaninchen auf dem Gang auf und ab.

Mac blieb stehen und stöhnte.

Susis besorgtes Gesicht war eine einzige Frage.

Mac schüttelte den Kopf. „Immer noch nichts, Schokoladenmädchen. Inzwischen hat es drei Tote gegeben. Aber an den Mann, der Ihrem Behelfsgatten die Aktentasche gemaust hat, sind wir noch nicht ran. Kann Major Randers nur den Rat geben, jetzt endlich seine Dienststelle anzurufen und Farbe zu bekennen.“

Susi bewies, dass sie klug war. „Würde in diesem Fall das FBI mit mehr Beamten eingeschaltet werden?“, fragte sie.

Mac bejahte.

„Und würde das die Ermittlungen schneller vorantreiben?“

„Nach menschlichem Ermessen wohl kaum!“

„Dann hat es auch keinen Sinn, wenn Lionel sich selber ruiniert!“

„Aber in Rock Harbor muss man doch inzwischen gemerkt haben, dass der Major nicht eingetroffen ist.“

Susi nickte unter Tränen. „Das schon, Dolan. Das ist Lionels Risiko. Aber er hofft immer noch, dass alles gut geht. Hören Sie, Mac, kann ich irgend etwas tun. Für Sie, meine ich? Vielleicht könnte ich die Dinge beschleunigen!“

Mac grinste die zweifellos sehr attraktive Frau aus den Augenwinkeln an. „Nochmals, Kind: Auch ohne Ihren Einsatz tu ich für Ihren Lionel, was ich kann. Ich bin jetzt fast zwanzig Stunden nahezu pausenlos auf sämtlichen Nahkampfbeinen. Und wenn es ‘nen Sinn hätte, würde ich mir auch die Nacht um die Ohren wichsen. Aber es hat keinen. Wir stehen mit den Zehenspitzen auf dem berühmten toten Punkt. Grüßen Sie den Major schön von mir. Und geben Sie ihm ‘n Schlafmittel. Wenn er sich selbst fertigmacht, dann hat das auch keinen Zweck. So long, Mädchen!“

Susi stellte sich auf die Zehenspitzen und hauchte Mac blitzschnell einen Kuss aufs Ohr.

Mac grunzte wohlig. „Danke schön, Liebling. Ihre Freundlichkeit ersetzt mir ‘nen Schlummertrunk!“


*

Als Mac endlich ermattet in die Federn sank, erinnerte er sich daran, dass er Barbara Bernstein verloren hatte. Das war ihm ganz entfallen.

Schade, dachte er, hätte das Mädchen doch noch ‘n bisschen ausquetschen müssen. Hat aber auch keinen großen Sinn. Vermutlich hätte ich mit Rücksicht auf den Major doch keinen Tamtam mit Barbara machen können. Und hätt‘ ich sie vor Gericht gebracht, wär‘ sie durch ‘nen geschickten Anwalt und ‘nen entsprechenden Richter doch mit ‘nem veilchenblauen Auge davongekommen!

Mac erwachte erst wieder, als das Telefon seine Nerven zersägte. Mac griff neben sich und hob den Hörer ab. Er meldete sich.

Inspektor Whistler war am Apparat. Mac sah auf die Uhr. Es war neun.

„Welchen Tag haben wir heute?“, fragte er zerstreut.

„Dienstag!“, antwortete Whistler prompt. „Sie liegen sicher noch in der Falle, Dolan. Well, kommen Sie zu mir. Wir haben was über die Sloane rausgebracht.“

„Ich bin in spätestens einer Stunde bei Ihnen!“, murmelte Mac. Er legte auf und begann sich fit zu machen. Beim Frühstück las er dann die neuesten Zeitungen. Die Vorfälle des vergangenen Tages wurden mit wenigen Zeilen gestreift, ein Beweis, dass die örtliche Polizei offenbar gute Beziehungen zur Presse hatte. Vielleicht wollten die Redakteure auch nur die Fremden nicht vergraulen. In Miami ordnet sich den Belangen des Fremdenverkehrs eben alles unter.

Mac kam gegen zehn Uhr zum Hauptquartier und wurde gleich bei Whistler vorgelassen.

Nach einigen Begrüßungsworten kam der Inspektor gleich auf den Grund seines Anrufes zu sprechen.

„Wir haben über Gigi Sloane etwas herausgebracht, Dolan. Wir wussten, dass sie vor einem halben Jahr aus Chicago zugezogen war. Wir fragten also mal bei den dortigen Kollegen an. Ich bekam heute morgen ein langes Fernschreiben. Will Ihnen das Wichtigste gleich so sagen: Gigi Sloane ist die Tochter eines verstorbenen Generals. Sie war mit einem Luftwaffenmajor Sloane verheiratet. Der ist 1950 bei einem Versuchsflug abgestürzt. Nach seinem Tod stellte sich heraus, dass Sloane gewisse Verbindungen gehabt hatte, die seine Vorgesetzten mit Entsetzen erfüllte. Vermutlich hat er als Versuchsflieger ein bisschen geplaudert und dafür Geld genommen. Auf jeden Fall stammt das Geld für Gigis kostspieligen Lebensstil nicht aus der Erbmasse Sloane, das ist amtlich. Seit 1952 unterhielt die Sloane mit einem gewissen Enrico Vivaldi intime Beziehungen …“

Mac pfiff durch die Zähne. „Von dem hab‘ ich auch schon gehört. Ist er nicht ein großer Gangster? Außerdem scheint er Italiano zu sein. Wilson war trotz seines amerikanischen Namens auch so ‘n kümmerlicher Spaghettifresser!“


XIII

Mac pfiff erneut durch die Zähne. „Donnerwetter, jetzt wird mir einiges klar. Wilson stahl die Aktentasche. Er übergab sie in Gigis Haus an einen Mr. X. Wer hindert uns anzunehmen, dass dieser X. mit Vivaldi identisch ist?“

Whistler nickte. „Vivaldi ist ein ganz großer Boss. Er hat eine Strafliste wie ein Bettlaken. Wenn seine Leute in New York krumme Touren drehen, dann sitzt er bestimmt in Los Angeles. Nicht zu fassen, der Mann. Er soll übrigens seine Bande aufgelöst haben und untergetaucht sein …“

„Egal“, entschied Mac. „Funken Sie Washington an, und lassen Sie in meinem Namen ‘ne Großfahndung nach Vivaldi starten.“

„Will ich tun. Und was soll ich sagen, wenn man fragt, warum?“

„Dann sagen Sie, ich hätte Sie drum ersucht. Ich hätte mich nicht weiter ausgesprochen und sei außerdem im Augenblick nicht zu erreichen. Ich hab‘ bei den Kollegen vom grünen Tisch Einfluss genug, dass das genügt.“

„Wie Sie meinen, Mann. Vermutlich haben Sie einen direkten Draht bis zur Spitze, wie? Aber das ist nicht meine Sache!“

Mac wandte sich ab. Er sah gedankenlos an die Wand. Dort hing ein großer Stadtplan von Miami. Der Plan war in Planquadrate unterteilt, jedes der Planquadrate war wiederum in Unterquadrate a, b, c, d unterteilt, und jedes Unterquadrat wurde wiederum in die Nummern I, II, III und IV geviertelt.

Wo hast du so was schon gesehen, fragte sich Mac erregt. Und dann durchzuckte ihn ein Blitz.

Er wandte sich so jäh um, dass er dem braven Whistler das Whiskyglas aus der Hand schlug.

„Immer langsam, junger Mann!“, sagte der Inspektor tadelnd.

„Was heißt hier langsam, guter Freund. Soll der Golden Hill ruhig Ihren Perserteppich besudeln. Ich hab‘ ‘ne phantastische Idee …“

Mac nestelte nervös den Zettel aus der Brieftasche, den er bei Sanders sauberen Untermietern gefunden hatte.

„Wissen Sie, was 103 b III bedeutet, Whistler?“, fragte der Agent erregt. „Nein? Dann will ich‘s Ihnen sagen: es heißt Stadtplan von Miami, Planquadrat 103, Unterabteilung b, Letztquadrat III.“

Der Inspektor bekam einen roten Kopf. Er trat zur Wand. „Donnerwetter, das könnte die Lösung sein!“

Die beiden Männer stierten den Plan an und suchten Quadrat 103, b, III.

Whistler deutete auf ein eingezeichnetes großes Haus. „Da, wir haben es. Es handelt sich um ein einzeln stehendes Haus in der Nähe von El Portal, genauer gesagt, am Südrand des Ortes!“

Mac glotzte meditierend vor sich hin. Er hob dann ruckartig den Kopf. „Dürfen wir kombinieren? Vielleicht sitzt in dem Haus Vivaldi?“

„Möglich“, gab Whistler zu. „Das sollten Sie besser flöten. Der ist sicher über alle Berge, sofern Ihre Annahme stimmt.“

„Vielleicht auch nicht. Vielleicht will der Mann an der Beerdigung seiner Zuckerpuppe teilnehmen. Gangster bersten oft vor Pietät. Wir müssen gleich hin, Whistler!“

Whistler hob die Hand. „Etwas hatte ich jetzt ganz vergessen. Sie werden aus der Hose springen, wenn ich Ihnen Vivaldis Bild zeige, das mir die Kollegen aus Chicago gefunkt haben!“

Whistler griff erregt in die Lade und brachte ein Funkbild zum Vorschein.

Mac betrachtete es verdutzt.

„Großer Gott“, sagte er ganz erschlagen. „Wissen Sie, wen das Bild auch darstellen könnte? Keinen anderen als Ray Wilson. Ob Wilson vielleicht mit Vivaldi identisch war?“

Whistler schüttelte den Kopf. „Das wohl kaum, Kamerad. Vivaldi hat eine Warze auf der Nase und den Haaransatz anders …“

„Aber das lässt sich doch durch eine kosmetische Operation alles regeln, Mann. Das hieße aber, dass sich die bewusste Aktentasche doch im Lower Ten finden müsste.“

„Unmöglich. Wilson hatte das Nachtlokal seit zwei Jahren und war fast immer in Miami anwesend. Er kann also nicht mit Vivaldi identisch sein. Aber es wäre möglich, dass er ein naher Verwandter ist. Wir müssen auf jeden Fall sofort nach El Portal fahren.“

Es klopfte, und ein Polizist brachte ein Fernschreiben herein. „Für Sie, Sir“, sagte er zu dem Inspektor. „Sehr dringend!“

Mac und Whistler beugten sich über das Fernschreiben, und Dolan las laut vor:

SSD! SSD!

AN STADTPOLIZEI MIAMI ZHD INSP WHISTLER

ANGEFRAGTE THOMAS WALKER UND BARRY BALLARD BEKANNTE VERBRECHER. LETZTE STRAFEN 1950 BEZW 1952 VERBUESST. BEIDE ARBEITETEN BIS VOR SECHS MONATEN ALS LEIBWAECHTER ENRICO VIVALDIS. SEIT JUNI 56 AUS DEN AUGEN DER POLIZEI VERSCHWUNDEN.

BUNDESKRIMINALPOLIZEI ABTEILUNG IVC

Die beiden Kriminalisten sahen einander ernst in die Augen.


*

Gegen dreizehn Uhr trafen die beiden in El Portal ein und stellten ihren Radiowagen in der Nähe des Hauses ab, in dem sie eine wichtige Entdeckung zu machen hofften.

„Das Haus gehört einer Erbengemeinschaft“, sagte der erregte Inspektor zum soundsovielten Male. „Ein Makler Brummy hat es an einen Mann namens Minter vermietet. Minter trat nur durch einen Mittelsmann in Erscheinung. Er bezahlte eine große Summe im Voraus. Das ist alles.“

„Das haben Sie mir schon dreimal erzählt, lieber Inspektor. Wollen uns rasch anschleichen und …“

„Das ist sehr gefährlich, Dolan. Warum befolgen Sie nicht meinen Rat, zwanzig Mann anzusetzen und die Burg zu belagern?“

„Weil ich das lieber unauffällig unter Gentlemen regeln will. Wenn Sie aber kalte Füße haben …“

Whistler zischte vor Empörung wie eine gereizte Schlange. „Das mir! Los, ich werde Ihnen beweisen, dass meine Füße mollig warm sind!“

Die beiden bewegten sich von hinten auf ein üppiges Gartengrundstück zu, in dem einige Fächerpalmen standen. Von dem eigentlichen Haus konnte man erst etwas erkennen, als Mac dicht davor lag. Er handelte sich um ein weißes Gebäude in neu-spanischem Stil mit flachem Dach.

„Entschluss?“, fragte Whistler.

Mac zog seine Pistole. „Sollte ich mich unkorrekt benehmen, dann geht alles auf mein Konto. Kommen Sie mit. Vielleicht haben wir Glück!“

Dolan stand auf und schnellte sich zur Hintertür. Er öffnete sie leise. Aus dem Haus dröhnten abgehackte Jazzfetzen in den Garten. Das Radio war auf volle Lautstärke gedreht. Das erleichterte das Vorhaben des tollkühnen FBI-Agenten sehr.

Die beiden Beamten betraten eine unglaublich verwahrloste Küche, in der alles nur so vor Schmutz starrte. Ungewaschenes Geschirr türmte sich zu wahren Bergen.

„Sieht so aus, als habe der Bewohner keine Hands!“, murmelte Whistler entsetzt. „Wenn das meine liebe Frau sähe …“

Mac schob sich in eine mit antiken Möbeln ausstaffierte Diele. Er musste sich nicht einmal bemühen leise zu sein.

Die beiden Kriminalisten zogen ihre Pistolen. Die Musikvorstellung kam aus einem Raum zur Rechten.

Mac lauschte eine ganze Weile. Darm riss er die Tür auf und trat ein.

Aus einem Sessel beim Radio fuhr ein drahtiger Mann von einigen vierzig Jahren auf. Er glich heruntergerissen dem Funkbild aus Washington.

Der Italiano, der Ray Wilson tatsächlich mehr als ähnlich sah, stieß einen Schrei aus und hob die Hände. Dann fasste er sich wieder und blickte den Eindringlingen kalt entgegen.

Vivaldi trug ein Buschhemd und Shorts. Sein Gesicht glich einer gemeißelten Maske.

„Was wollen Sie?“, herrschte er Mac an. „Verbrechen lohnt nicht. Vielleicht machen Sie mich kaputt. Aber am Ende zahlen Sie drauf!“

„Vielleicht nicht!“, schob sich Mac in den Vordergrund. „Ich bin Dolan vom FBI. Mister Vivaldi, wie ich vermute?“

Vivaldi warf ihm einen stechenden Blick zu. „Ich heiße Minter, wenn Sie gütigst erlauben. Im Übrigen darf ich Sie darauf aufmerksam machen, dass auch FBI-Leute den Gesetzen unterworfen sind!“

„In so ‘nem Fall nicht!“, konterte Mac. „Hören Sie auf zu leugnen, Vivaldi. Ich habe heute morgen ein Funkbild Ihrer Visage aus Washington gesehen. Irrtum ausgeschlossen.“

„Well, lassen wir die Frage meiner Identität unberücksichtigt. Darf ich meine Hände herunternehmen? Sie sehen, ich bin unbewaffnet. Oder sollten Sie die Hosen so gestrichen …“

„Schluss damit. Nehmen Sie die Hände runter, Vivaldi. Sie haben am Sonntag morgen – vielleicht auch schon in der Nacht zuvor – eine Tasche durch Ihre Leibgorillas bekommen. Die hat Ihr Verwandter Wilson gestohlen. Geben Sie die Tasche raus, ich rate Ihnen gut!“

Vivaldis entgleiste Gesichtszüge wurden direkt träumerisch.

Er ließ sich in einen Sessel fallen und lachte.

„Meine Herren, Sie amüsieren mich. Ich weiß nichts von Wilson, und ich weiß nichts von einer Tasche. Aber suchen Sie ruhig das Haus durch. Ich bin in Ihrer Gewalt!“


*


Mac sah deutlich, wie unbehaglich Whistler zumute war. Er konnte ihn verstehen. Vivaldi besaß unter Umständen hohe Verbindungen. Dann konnte es den beiden Beamten schlecht gehen, sofern sie die Stichhaltigkeit ihres Verdachtes nicht zu beweisen vermochten.

Mac überging Whistlers Besorgnis. Er spielte sein Spiel.

Er ließ Vivaldi nicht aus den Augen.

„Passen Sie auf!“, sagte er. „Sie kommen mit zu meinem Wagen. Wollen uns in Miami weiter unterhalten. Vielleicht auch vorher. Haben Sie schon mal etwas von chinesischen Foltermethoden gehört? Ich wette mit Ihnen meine sanft entschlummerte Erbtante gegen drei Pakete Chewinggum, dass Sie innerhalb einer halben Stunde quasseln, wenn wir uns intim unterhalten!“

Vivaldi verlor zum ersten Mal seine Selbstsicherheit.

Er wandte sich an Whistler. „Ich vermute, dass auch Sie Polizeibeamter sind. Ich fordere Sie auf, mich von diesem Verrückten zu befreien. Sonst geht‘s euch beiden dreckig.“

Whistler schluckte dreimal trocken.

„Mir sind die Hände gebunden“, sagte er leise. „Was das FBI hat, geht mich nichts an.“

„Sie scheinen mir ein feiner Zitteraal zu sein!“, knurrte Vivaldi. Das Flackern seiner Augen strafte seine burschikosen Worte Lügen. Mac war sicher, dass er nicht auf der falschen Fährte war.

„Sie bleiben hier, Whistler“, sagte er bestimmt, „und fordern telefonisch Ihre Durchsuchungsspezialisten an. Und Sie, Vivaldi, kommen mit. Ich hab‘ im Wagen ein Paar Handschellen. Freuen Sie sich auf unsere Unterhaltung!“

Vivaldi stand ergeben auf. Er beherrschte seine fürchterliche Erregung meisterhaft.

„Darf ich mir was anderes anziehen?“, fragte er.

Mac schüttelte den Kopf. „Es ist warm draußen. Außerdem sehen Sie in Ihrem Buschhemd geradezu süß aus!“

Vivaldi wagte keinen Widerstand mehr. Er ging an Mac vorbei. Dolan zielte mit seiner Pistole auf ihn.

Die beiden traten in die Diele.

Vivaldi fluchte plötzlich unbeherrscht los. „Das Jazzgedudel geht mir plötzlich auf die Nerven. Darf ich den Kasten abschalten?“

„Ich habe nichts dagegen.“

Vivaldi ging zögernd zur Wand. Dort war ein Hauptschalter angebracht.

Der Italiener drehte an dem Schalter. Das Radio lief weiter.

Mac war hellwach. Vivaldi nahm blitzschnell hinter einem Schrank Deckung. Mac ließ fliegen, und eine Ecke der kostbaren Intarsien splitterte ab. Eine innere Stimme zwang ihn, für einen Moment zu verharren. Plötzlich hatte er eine entsetzliche Eingebung. Er warf einen Polsterstuhl um und ging hinter der Sitzfläche in Deckung. Im gleichen Augenblick ertönte eine schmetternde Detonation. Grelle Blitze zuckten. Mac bekam den Sessel gegen das Gesicht, und verlor für ein paar Sekunden das Bewusstsein.


*


„Um Gottes willen, was hat es gegeben?“

Mac richtete sich auf und sah in Whistlers blasses Gesicht. Im Hof des Gebäudes brummte ein Automotor wütend.

Mac wischte sich das Blut aus dem Gesicht und wankte zur Hintertür. Ein grauer Packard raste eben auf dem Zufahrtsweg davon.

„Nach!“, brüllte Mac.

Er taumelte in den Hof und sah, dass der Packard in Richtung Miami davonraste.

Die beiden Kriminalisten nahmen buchstäblich die Beine in die Hand. Mac startete den Radiocar und fuhr an. Whistler sprang zu. Er sank in die Polster und setzte sofort das Funkgerät in Tätigkeit.

„Ich hab‘s Ihnen ja gesagt“, murmelte der Inspektor, während die Röhren warm wurden. „Wenn wir zwanzig Mann …“

„Wenn meine Großmutter Räder hätte“, unterbrach Mac grob und nahm mit heulenden Reifen die Kurve, „dann wäre sie ein Panzerwagen!“

Whistler begann sein Hauptquartier anzufunken. „Hier Inspektor Whistler, ich rufe Hauptquartier Miami!“

„Hier Funkraum“, meldete sich eine Stimme im Lautsprecher.

„Eigener Standpunkt Südrand El Portal. Gefährlicher Verbrecher Enrico Vivaldi flieht in grauem Packard Richtung Miami. Alle Streifenwagen einsetzen und aufhalten. Gebe laufend Lageberichte durch. Befinde mich in Wagen 113 auf Verfolgung. Kommando liegt bei mir!“

Whistler wischte sich den Schweiß von der Stirn.

„Herr des Himmels“, sagte er. „Wenn da was schief geht, dann bin ich meine Pension los. Hätte ich Sie nur nie im Leben gesehen, Dolan!“


XIV

Mac gab gar keine Antwort. Er fuhr um Kopf und Kragen, aber der Packard war so stark, dass er praktisch nicht zu holen war.

Einige Minuten vergingen. Die Streifenwagen der städtischen Polizei meldeten sich der Reihe nach. Aus einem unerfindlichen Grund pendelten sie alle in dem Dreieck Miami – Miami Beach – Fisher Island.

„Alles sinnlos!“, murmelte Mac verbissen. „Wenn der Lump bloß die Richtung nicht ändert. Da – hat ihn schon!“

Vivaldi hatte inzwischen die Kreuzung 36. Straße erreicht. Er mäßigte das Tempo kaum, und bog nach rechts ab. Um ein Haar wäre er in einen Sportwagen hineingefahren.

Mac bremste. Das Rotlicht flammte auf. Mit heulender Sirene zog der Agent den Wagen trotzdem in die Kurve, mitten in das Knäuel anfahrender Wagen hinein. Mac nahm eine Lücke wahr, stieß durch – ein schmetternder Krach, und ein großer Buick hatte seinen rechten vorderen Kotflügel verloren.

Die ganze linke Seite des Radiowagens war eingebeult, aber Mac sah gar nicht hin. Er raste dem wild gewordenen Packard weiter nach.

Der bog wieder nach links ab.

Nirgends war ein Streifenwagen zu sehen.

„Ich weiß, was los ist!“, sprach der schwer angeschlagene Inspektor. „Vivaldi fährt zum Flugplatz!“

Mac raste hinterher. Der Packard holte gewaltig auf und verschwand zeitweilig aus dem Gesichtskreis der beiden Beamten.

Die Anlagen des internationalen Flughafens kamen in Sicht.

Der Packard raste auf der Zufahrtsstraße weiter und rammte einen Lieferwagen. Der flog um. Die Funken stoben. Wie ein Irrwisch schoss wenig später Mac vorbei. Er musste bremsen, weil von allen Seiten Leute auf den Unfallort zuliefen.

Gas, Gas, Gas!

Der Packard fuhr über einen Randstein und ein geschlossenes Tor donnernd über den Haufen. Er hatte wieder einen großen Vorsprung.

Vivaldi fuhr rücksichtslos in einen Haufen Passagiere hinein, die eben zur Piste gehen wollten. Schreie gellten auf. Männlein und Weiblein brachten sich unter Zurücklassung ihres Handgepäcks in Sicherheit. Der Packard fuhr hopsend über Koffer und Taschen hinweg. Dolan folgte verbissen.

Parallel zu den Hangars schoss der Packard weiter. Ganz am Ende des Platzes stand eine zweimotorige Boeing mit laufenden Maschinen.

Der Packard bremste. Vivaldi sprang heraus und überschlug sich. Mac konnte genau sehen, wie der Verbrecher eine Aktentasche in der verkrampften Hand hielt.

Ein Monteur sprang hinzu. Vivaldi versetzte ihm einen fürchterlichen Kinnhaken. Der Mann fiel um. Der Italiener kletterte in die Boeing und gab Gas. Die Motoren donnerten auf.

Mac riss den Polizei wagen nach rechts auf die Rollbahn.

Whistler schlug die Hände vors Gesicht.

„Was tun Sie?“, brüllte er.

Mac fuhr der anrollenden Boeing direkt in die Startbahn.

Er riss den Radiowagen wieder nach rechts, um nicht breitseits gerammt zu werden. Das wäre sein Tod gewesen.

Die anrollende Maschine wurde plötzlich rücksichtslos abgehoben und übersprang den Verfolgerwagen. Sie krachte wieder schwer auf die Betonbahn nieder, rollte noch einige Sekunden weiter und startete dann endgültig mit dem Wind.

Vivaldi musste ein hervorragender Pilot sein.


*

Ohne das Tempo zu mäßigen fuhr Mac zum Hangar zurück.

„Was ich Ihnen jetzt sage, ist Staatsgeheimnis“, redete er Whistler abgehackt zu. „Vivaldi hat die Pläne einer neuen Fernwaffe bei sich, die unter keinen Umständen in verkehrte Hände fallen dürfen. Ich sehe zu, dass ich ein Flugzeug bekomme. Ich nehme die Verfolgung auf. Sagen Sie mir rasch die Welle Ihrer Dienststelle!“

Der entgeisterte Whistler sagte sie ihm.

„Sie nehmen unter Berufung auf mich sofort direkte Verbindung mit dem Fliegerhorst Pompano auf. Ich trage jede Verantwortung. Man soll Düsenjäger aufsteigen lassen und Vivaldi zur Landung zwingen. Es hängt maßlos viel davon ab, dass Sie jetzt spuren!“

Mac hatte kaum ausgeredet, als er die Bremse trat. Der Motor blieb mit einem wehen Schrei stehen. Eben schoben Monteure eine kleine De Havilland heraus. Der Motor lief.

Mac ließ den Wagen stehen und stürzte sich auf die Monteure. „Weg da! Bundeskriminalpolizei! Die Maschine ist beschlagnahmt!“

Mac sprang auf den Führersitz und gab Gas. Schreiend wichen die Monteure zur Seite. Die De Havilland rollte an. In der Ferne entschwand der Flüchtling. Nach Norden. Jeden Augenblick musste er aus dem Gesichtskreis verschwinden.

Mac streifte die Kopfhörer über. Die De Havilland fegte wenige Meter über die Piste und wurde immer schneller. Mac hob die Maschine ab.

„Sind Sie verrückt geworden?“, hörte er eine zornige Stimme im Kopfhörer. „Sie können doch nicht …“

„Bundeskriminalpolizei!“, wisperte Mac ins Kehlkopfmikrophon. „Stoppen Sie Lande- und Startverkehr!“

Die De Havilland bohrte sich in den Himmel und wurde immer schneller. Aber mehr als hundertdreißig Meilen machte sie nicht. Mac hatte Sorgen.

Er stellte das Funkgerät auf die Polizeiwelle ran, und fragte an, was geschehen sei.

„Die Verhandlungen mit Pompano werden durch Inspektor Whistler vom Flugplatz aus geführt“, sagte eine ruhige Stimme. „Wir sind im Moment ausgeschaltet!“

Mac gewann rasch an Höhe. Unter ihm lagen die Everglades, das große Sumpfgebiet von Florida.

Eine halbe Stunde verging. Endlich meldete sich im Kopfhörer eine ferne Stimme.

„Ich rufe Mac Dolan, ich rufe Mac Dolan. Hier Oberst Bonner, Fliegerhorst Pompano. Was ist denn, zum Donnerwetter, los? – Ja, ich weiß. Tragen Sie jede Verantwortung?“

„Jede!“, gab Mac zurück.

„Wo befinden Sie sich?“

„Etwa fünfzig Meilen nördlich Miami. Unter mir ein Wasserlauf, vermutlich der Hillsboro Canal. Verfolgter Verbrecher ein paar Meilen vor mir. Ich kann die Küste im Osten noch sehen.“

„Ich mache fünf Düsenjäger startbereit. Wie sollen wir Sie finden?“

„Lassen Sie mich von zwei Seiten her in einen Ortungsstrahl nehmen, Oberst.“

„Das kann noch fünf Minuten dauern.“

„Egal!“


*


Weitere sieben Minuten vergingen. Mac musste die Geschwindigkeit mäßigen, um den Motor nicht zu überfordern.

Er kam der Boeing langsam, unendlich langsam näher.

„Ich habe Sie jetzt angepeilt“, hörte Mac endlich die Stimme des Luftwaffenoffiziers. „Sie befinden sich auf der Höhe von Grenacres City. In fünf Minuten sind meine Düsenjäger bei Ihnen!“

Die Verfolgung ging weiter. Vivaldi verlor rapid an Höhe und flog direkt über dem weiten Sumpfgebiet nach Norden.

Mac blieb auf fünfhundert Fuß.

Wenig später hörte er ein Knacken im Kopfhörer. „Hier Leutnant Jenkinsson“, sagte eine ferne Stimme. „Spreche ich mit Dolan?“

„Ich höre Sie. Hier Dolan!“

„Ich bin gleich bei Ihnen. Können Sie den Verfolgten noch sehen?“

„Jawohl. Die Boeing fliegt wenige Meter über dem Boden!“

Mac hatte kaum ausgesprochen, als er plötzlich von drei gespenstischen Silhouetten überholt wurde. Die drei Düsenjäger wackelten zur Begrüßung mit den Flügeln. Dann verschwanden sie in der Ferne, zogen Hunderte von Metern in den Himmel und flogen einen gemeinsamen Looping. Einen Atemzug später jagten sie mit gedrosselten Turbinen erneut an. Sie hatten jetzt Vivaldi entdeckt und stießen wie die Habichte nieder.

Jetzt ging alles schneller als gedacht.

Wie es geschah, blieb ungeklärt.

Vermutlich ging Vivaldi noch tiefer. Mac sah, wie die Boeing in knapper Höhe von den Düsenjägern überflogen wurde. Gleich darauf hatte Vivaldis Maschine Erdberührung. Mac sah eine Wasser- und Dreckfontäne und dann, wie sich die Boeing spielerisch in ihre Bestandteile auflöste.

Das vollkommen zertrümmerte Flugzeug lag in der Nähe eines Weges. Mac kreiste um die Aufschlagstelle. Nirgends war ein Funke Leben zu spüren.

„Unser Treibstoff geht zu Ende“, hörte er Leutnant Jenkinsson sagen. „Wir fliegen zurück. Eine halbe Meile im Norden ist eine Wiese. Dort sollten Sie landen können, wenn Sie ein guter Pilot sind!“

„O.k.!“, brüllte Mac. „Heißen Dank. Auf Wiedersehen!“

Da war er aber auch schon über der Wiese. Hm, sie war verdammt knapp.

Mac flog ein paar Spiralen und sah sich den Boden an. Er schien glatt zu sein.

Der FBI-Agent ging wieder hoch, wendete und flog die Wiese an. Sanft setzte die De Havilland auf und rollte aus. Etwa zwanzig Meter vor einem tiefen Graben kam sie zum Stehen.

Mac stieg aus. Die Erregung zitterte in ihm nach.

Mechanisch orientierte er sich, und ging nach Süden davon. Er fand einen Stichweg, und kam wenig später bei den Resten der Boeing an.

Flügel und Schwanz waren abgebrochen. Ein Wunder, dass keine Explosion erfolgt war.

Der Motor hatte sich in die weiche Erde gebohrt.

Vivaldi war bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Die linke Seite des Rumpfes war aufgerissen.

Zwanzig Meter weiter fand Mac eine schlichte Aktentasche. Er hob sie auf. Sie war verhältnismäßig schwer.

Das Schloss hatte sich geöffnet.

Mac konnte genau die leichte Panzerung der Innenseite erkennen. Sie diente vermutlich dazu, den Inhalt im Falle eines Brandes zu schützen.

Mac griff mit zitternden Fingern in die Tasche.

Ein geheftetes Buch kam zum Vorschein.

„Versuchsstation Rock Harbor“, las Mac laut. „Rakete Pluto. Projekt 1039/56. Streng geheim! Streng geheim! Nur durch besonders vereidigten Offizier zu bearbeiten!“


*


Mac tat das Vernünftigste, was er tun konnte. Er wartete nicht ab, bis irgendwelche Neugierige eintrafen, sondern entfernte sich nach Norden und ging zu seinem Flugzeug zurück. Er stieg ein und ließ den Motor an. Mit Mühe konnte er die Maschine wenden und anrollen lassen. Der Start war knapp, sehr knapp. Aber der Erfolg blieb Mac doch nicht versagt.

Er flog direkt nach Miami zurück und landete gegen siebzehn Uhr.

Am Flugplatz wurde er von Whistler empfangen.

Schweigend sah der Polizeioffizier Mac in die Augen. Dann schüttelte er ihm die Hand.

„Es hätte alles auch schief gehen können!“, sagte er. „Nun, der Erfolg hat Ihnen recht gegeben. Trotzdem möchte ich jetzt nicht in Ihrer Haut stecken!“

„Ich muss sofort zum Hotel!“, knurrte Mac. „Dort wartet jemand sehnsüchtig auf mich!“

Whistler fuhr Mac persönlich zum Hotel „Villa Biscaya“.

„Wir treffen uns später!“, sagte Mac. „Ich glaube, dieser Erfolg muss begossen werden. Sie waren großartig, Whistler!“

Mac drehte sich um und ging ins Hotelfoyer hinein.

Auf einem Sessel saß Susi Astor. Sie war sehr bleich und fuhr mit einem Schrei auf.

Mac fuhr sofort mit dem Lift auf Randers‘ Zimmer.

Der Major hatte sich etwas erholt. Er saß bleich auf einem Stuhl. Als er Mac erkannte, verfärbte er sich.

Mac hielt ihm die Tasche hin.

„Da, Sie leichtsinniger Vogel!“, sagte er. „Machen Sie so was nie wieder. Dass ich noch am Leben bin, ist eine Schicksalsfügung. So, nun eilen Sie nach Jacksonville. Hoffentlich können Sie das Ding so hinbiegen, dass Sie mit ‘nem blauen Hühnerauge davonkommen!“

Randers schloss Mac emphatisch in seine Arme. Und dann schüttelte er ihm mit der gesunden Linken den Arm bald aus der Achselhöhle.

Er sah Mac in die Augen. „Es ist sinnlos, Worte zu machen, Dolan. Vielleicht kann ich Ihnen im Leben vergelten, was Sie für mich getan haben. Rechnen Sie auf mich. – Wo ist denn Susi? – Ach so, sie wird die Rechnung bezahlen!“

Mac fühlte sich überflüssig. Er verabschiedete sich von dem Major, dem er selbstlos geholfen hatte.

Randers drückte ihm noch einmal bewegt die Hand. Dann ging Mac davon. Danksagungen und Ovationen schätzte er nicht sonderlich. Susi Astor bekam er gar nicht mehr zu sehen.


*


Nun die Erregung der letzten Tage etwas abgeklungen war, fühlte sich der FBI-Agent an Leib und Seele wie zerschlagen. Aber er musste sich noch einmal zusammenreißen. Er hatte unter allen Umständen seine Vorgesetzten in der Washingtoner Zentrale von seiner Extratour zu verständigen. Was sie dazu sagen würden, blieb abzuwarten.

Mac meldete ein dringendes Ferngespräch in die Bundeshauptstadt an und sagte dem Mädchen an der Vermittlung eine Nummer, die nur wenigen Personen bekannt war. Dann setzte er sich mit gelockerter Krawatte aufs Bett und wartete nervös, bis die Verbindung kam.

Nach etwa zwanzig Minuten klingelte der Wecker des Apparates.

Mac hob ab und meldete sich.

„Wen wünschen Sie zu sprechen?“, fragte eine ferne Stimme.

„Ich muss unter allen Umständen Nummer einhundertneun sprechen“, sagte Mac. „Tun Sie Ihr Möglichstes. Die Sache ist wichtig!“

Er musste fünf Minuten warten. Dann endlich meldete sich jemand mit: „Nummer hundertneun.“

Mac meldete sich ebenfalls unter einer Chiffre und sagte respektvoll: „Ich habe Ihnen eine dienstliche Meldung zu machen, Sir.“

„Wieso?“, kam eine erstaunte Gegenfrage. „Ich denke, Sie sind im Urlaub?“

„Das schon, Sir, aber ich bin da wie das Mädchen zum Kind zu ‘ner Sache gekommen. Das Ding ist zwar nicht geplatzt, aber Ihre nachträgliche Billigung würde mich sehr beruhigen!“

„Da bin ich aber gespannt!“

Mac berichtete in Stichworten den ganzen Fall Randers, ohne Namen zu nennen und ohne das Kennwort Pluto zu erwähnen.

Sein hoher Vorgesetzter unterbrach den Bericht mit keiner Silbe.

Am Ende hörte Mac ihn erregt atmen.

Dann sagte der Mann kurz: „Gratuliere, Mac. In unserm Beruf gibt einem einfach der Erfolg recht. Wenn die Sache in die Hände des – hm – ich meine, in unbefugte Hände gefallen wäre, wäre der Schaden unübersehbar gewesen. Schade, dass man Ihnen für Ihre prächtige Haltung keinen hohen Orden verleihen kann. Sie hätten ihn verdient. Um die verschiedenen Toten, die es gegeben hat, brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen, hören Sie? Das bügle ich schon grade. Gut, dass sie im Verborgenen geblüht haben wie ein Veilchen.“

„Ich bedanke mich für Ihre Anerkennung, Sir. Jetzt fällt mir doch ein Stein vom Herzen. Ich hätte ja den Fall sofort melden müssen. Aber ich brachte es einfach nicht übers Herz, den unglücklichen Offizier bloßzustellen …“

„Ihre kameradschaftliche Haltung imponiert mir ja gerade! Hätten Sie Meldung gemacht, dann hätten wir alle beteiligten Stellen benachrichtigen müssen. Der leichtsinnige Major hätte sich dann nach einem passenden Sarg umsehen können. Verflucht, verflucht, wenn die Sache allerdings nicht hingehauen hätte, dann wären Sie schuld gewesen, dass der Fall mit so großer Verzögerung verfolgt worden wäre. Und dann hätte ich nicht in Ihrer Haut stecken mögen.

Aber mit hätte und könnte ist uns nicht gedient. Sie haben Erfolg gehabt. Hier geht es wie bei einem Feldherrn, der eine glückliche Schlacht geschlagen hat. Hat er gesiegt, dann darf man nicht versuchen, ihm strategische Fehler nachzuweisen.“

In dieser Nacht schlief der FBI-Agent bemerkenswert ruhig.


*

Als das Telefon schrillte, wusste Mac Dolan zunächst gar nicht, wo er sich befand. Um ihm war es hell.

Er griff mechanisch zum Hörer und hob ab.

„Mr. Dolan am Apparat?“, fragte die Vermittlung überflüssigerweise. „Bleiben Sie in der Leitung, Sie werden aus Washington verlangt.“

Sofort sank Macs Laune auf den Gefrierpunkt. Vielleicht hatte man beim FBI doch ein Haar in der Suppe gefunden und wollte ihn nun nach Strich und Faden fertigmachen?

Mac musste etwa fünf Minuten warten. Dann hörte er ein Knacken in der Leitung, und die Stimme des Vorgesetzten, mit dem Mac am Abend zuvor noch gesprochen hatte, meldete sich.

„Hallo, Mac, ich muss Sie leider aus Ihrer beschaulichen Ruhe aufstöbern. Obwohl ich gerade Ihnen ein ungestörtes Urlaubsende gegönnt hätte. Ganz in Ihrer Nähe liegt die Versuchsstation Rock Harbor. Wissen Sie ja. Dort ist eine Schweinerei passiert. Genaueres weiß ich nicht. Fahren oder fliegen Sie sofort hin und sehen Sie nach dem Rechten. Wenn Sie Hilfe brauchen, dann rufen Sie mich an. Alles klar?“

„Selbstverständlich, Sir. Ich mache mich sofort auf den Weg. Sie erhalten Bericht!“

Der FBI-Agent legte auf. Er war außerordentlich nachdenklich.


XV

Dolan bestellte telefonisch seine Rechnung und nahm die Karte zur Hand. Er fand, dass Rock Harbor nur etwa sechzig bis siebzig Meilen von Miami entfernt war, und beschloss mit dem Wagen hinzufahren.

Er wickelte seine Angelegenheiten im Renntempo ab und machte sich schon eine Stunde später auf den Weg. Am frühen Nachmittag fuhr er über den Verbindungsdamm auf die Keys hinaus und erreichte wenig später den kleinen Ort Rock Harbor.

Die Keys sind eine der Südküste Floridas vorgelagerte strichförmige Inselgruppe und mit dem Festland durch über Brücken geführte Autostraße verbunden.

Mac Dolan fuhr durch einen Hain von Loquats und China-Dattelbäumen aus dem eigentlichen Ort hinaus und erreichte eine nach Norden führende Dammstraße, die die Hauptinsel mit einem vorgelagerten Eiland verband. Die Zufahrtsstraße war durch einen Schlagbaum und bewaffnete Wächter gesperrt.

Mac ließ seinen Mercury ausrollen und verließ den Wagen.

„Hallo, Jungs“, sagte er und holte seinen Ausweis aus dem Jackett. „Ich bin Dolan vom FBI. Ich soll mich bei eurem Obermimer melden!“

Einer der Soldaten ging ins Wachlokal und kam mit einem Luftwaffenleutnant wieder.

„Hallo, Dolan“, sagte der Mann. „Fein, dass Sie kommen. Ich heiße Lockhart. Ich habe Sie zu Oberst Delatre zu begleiten!“


*


Dolan ließ den Leutnant einsteigen und fuhr zu dem vielleicht vier Meilen entfernten Eiland hinüber.

„Wo stinkt‘s denn bei euch?“, fragte er während der Fahrt mäßig begeistert.

Der Leutnant schüttelte unmutig den Kopf. „Ich weiß es selbst nicht. Unsere Halbgötter hüllen sich in Dunst und Schweigen. Aber es sieht ganz so aus, als sei irgend etwas Schlimmes passiert!“

Mac fragte nicht weiter. Er erreichte gegen fünfzehn Uhr das Eiland. Die Insel war völlig flach und sandig. In ihrem Inneren erhoben sich eine ganze Reihe von Gebäuden, die durch eine hohe Mauer gesichert waren. Der Mercury passierte einen dreifachen Ring von Sperren. Die Insassen wurden jedes Mal scharf kontrolliert. Dann endlich fuhr der Wagen in eine Barackenstraße ein, an deren hinterer Stirnseite sich ein schlichtes dreistöckiges Gebäude erhob. Auch vor dem Gebäude wurde Mac erneut kontrolliert. Dann durfte er zusammen mit Lockhart eintreten. Geisterhafte Stille umfing ihn. Lockhart führte den Agenten in ein mäßig großes Arbeitszimmer, das spartanisch einfach eingerichtet, aber mit Telefonen, Mikrophonen, Tonbandgeräten und Lautsprechern überladen war.

Bei Macs Eintritt erhob sich ein vielleicht fünfzigjähriger, schlanker Mann in der Uniform eines Luftwaffenobersten.

Der Oberst hatte ein hässliches, aber kluges und energisches Gesicht.

„Mr. Dolan vom FBI ist gekommen!“, meldete Lockhart.

„An seiner Identität ist kein Zweifel?“, fragte ihn der Oberst.

„Auf keinen Fall, Sir!“

„Sie können gehen!“

Der Leutnant verschwand lautlos.

Jetzt erst beschäftigte sich der Oberst mit Mac. Er reichte ihm die Hand. „Ich heiße Delatre. Nehmen Sie Platz. Bei uns ist ein furchtbare Sache passiert!“


*

Mac setzte sich und sah Delatre erwartungsvoll an.

„Wir beschäftigen uns hier mit Raketenversuchen“, sagte der Offizier erläuternd. „Es handelt sich im Wesentlichen um Fernkampfwaffen, die der interkontinentalen Kriegführung dienen. Details gehen Sie nichts an.

Vorgestern merkten wir, dass die nur in einem Satz vorhandenen Pläne einer alles bisher dagewesenen schlagenden Waffe verschwunden sind. Seit einigen Tagen sind auch zwei meiner Mitarbeiter verschwunden. Einen habe ich inzwischen selbst gefunden. Aber ich habe niemandem ein Wort davon gesagt. Kommen Sie mit. Hoffentlich haben Sie starke Nerven!“

Mac erhob sich. Der Oberst führte ihn aus dem Bau heraus und sprang in einen bereitstehenden Jeep. Mac nahm neben ihm Platz. Gleich darauf startete der Offizier.

Der Jeep passierte wohl zehn Minuten lang allerlei Anlagen, deren Bedeutung Mac bestenfalls ahnen konnte. Der Oberst empfahl ihm kalt, alles Gesehene schnellstens wieder zu vergessen. Kaum ein Mensch war unterwegs. Die Hitze sprang Mac wie ein brüllender Tiger an. Sein Hemd klebte wie eine Ölhaut am Körper.

Delatre steuerte den Wagen in ein Gewirr von Sanddünen, die die Sicht benahmen. Nach einer halben Meile erkannte Mac riesige, aus dem Sandboden herausragende Blechröhren, die wie die vergrößerten Mündungen von Trompeten aussahen.

Der Oberst bemerkte Macs fragenden Blick.

„Es handelt sich um Ventilationsschächte für gewisse unterirdische Anlagen“, erklärte er. „Wir sind gleich da.“

Er stoppte neben einem der Trichter und stieg aus.

Mac folgte ihm. „Wie riecht es denn da?“, fragte er. „Seit dem zweiten Weltkrieg hab‘ ich das Parfüm selten in so ‘ner Vollendung ins Riechorgan bekommen!“

Delatre lachte trocken. „Vermutlich sind Sie der richtige Mann für uns!“

Delatre trat zu der Röhre. Mac sah, dass sie an der Vorderseite eine verschraubte Bullaugen artige Öffnung hatte.

Der Oberst schraubte den Deckel ab und nahm eine Taschenlampe.

„Einsteigen!“, kommandierte er.

Mac kletterte über eine Stufenleiter etwa drei Meter nach unten. Der pestilenzartige Gestank benahm ihm fast den Atem. Er erreichte das Ende der Röhre, die dort in Tausende von kleinen Öffnungen überging.

Auf dem Blechboden lag ein großer, kräftiger Mann in der Uniform eines Majors. Er lag auf dem Rücken, und seine gebrochenen Augen starrten anklagend ins Wesenlose. In seinem Herzen steckte ein dünnes Stilett.

„Das ist alles, was von dem Major übriggeblieben ist!“, sagte der Oberst.


*

Die beiden stiegen wieder ans Tageslicht.

„Bericht?“, fragte Mac kurz.

„Furchtbar einfach!“, knurrte der Oberst. „Der Major sollte mit gewissen Plänen am 4. Januar von Rock Harbor aus nach Nevada fliegen. Er wurde am vierten Januar mittags noch gesehen. Er meldete sich bei meinem Stellvertreter ab. Am Abend stellte sich heraus, dass er die Wachen nicht passiert hatte. Außerdem war ein Bote verschwunden, ein gewisser Pavan. Wir haben hier unseren eigenen Fahndungsdienst, konnten aber nichts klären. Ich kam zu der Überzeugung, dass den beiden hier auf dem Gelände etwas zugestoßen sei. Wir fanden nichts. Gestern Abend wurde mir gemeldet, dass eine der Ventilationsanlagen der unterirdischen Werkstatt C nicht richtig arbeite. Ich verbot jede weitere Nachforschung und sah mir die Sache selbst mal an. Und da fand ich den Major. Die Aktentasche mit den Plänen fehlte.

Schlussfolgerung: Pavan hat den Major ermordet und sich mit den Plänen davongemacht. Ich habe sofort meine Vorgesetzten in Washington verständigt und über sie das FBI eingeschaltet. Wenn es nicht gelingt, die Pläne wieder beizubringen, dann kann ich mir einstweilen einen neuen Kopf besorgen!“

Mac Dolan stockte der Herzschlag.

„Eine Frage“, sagte er. „Handelt es sich vielleicht um die Pläne der Rakete Pluto?“

Delatre war wie vom Donner gerührt. „Herr des Himmels – woher wissen Sie …“

Mac verzog sein Gesicht zu einer verzerrten Grimasse. „Jetzt brauchen Sie nur noch zu sagen, dass der Major Lionel Randers heißt!“

Delatre schlug sich klatschend vor die Stirn. „Sind Sie Kriminalist oder Hellseher, Dolan?“


*


Mac ließ die Frage offen. „Wir können heute Abend dafür sorgen, dass die Leiche unauffällig abgeschleppt wird. Wir brauchen hier gar keine Untersuchungen zu führen. Wie Pavan ungesehen das Gelände verlassen hat, kann ich Ihnen zunächst auch nicht sagen. Bevor ich mich äußere, will ich ein Bild Pavans sehen!“

Der Oberst war so verblüfft, dass er keine weiteren Fragen stellte, sondern mit Mac zurückfuhr.

Er ging mit dem Agenten wieder in sein Büro und telefonierte nach Pavans Bild. Wenig später brachte ein Sergeant eine ganze Reihe von Fotos.

Delatre breitete die Bilder auf dem Schreibtisch aus.

Mac brauchte nur einen einzigen Blick auf die Fotos zu werfen, um zu erkennen, dass sie den Mann darstellten, den er in Miami als Major Lionel Randers kennengelernt hatte.

Er hatte eine Wut im Leib, dass er nur so zitterte. Er sah sofort, dass sich der Fall für ihn selbst außerordentlich unangenehm auswirken konnte.

Er setzte sich in seinen Sessel zurück und zündete sich geistesabwesend eine Zigarette an.

„Um die Dinge klarzustellen, muss ich Ihnen eine Geschichte erzählen“, sagte er.

Delatre machte eine stumme Handbewegung.

Mac berichtete ihm über die letzten Ereignisse in Miami.

Der Oberst hörte mit aufgerissenen Augen zu. Sein Gesicht nahm die Farbe alten Burgunders an.

„Ich glaube, ich sehe jetzt klar“, röchelte er, als Mac seinen Bericht beendet hatte.

„Natürlich“, nickte Mac. „Pavan hat die Pluto-Pläne an sich gebracht, nachdem er Major Randers ermordet hatte. Nach dem Mord gelang es ihm, auf einem noch nicht bekannten Wege die Versuchsstation zu verlassen. In Miami traf er sich im Hotel Villa Biscaya mit seiner Komplicin Susi Astor. Eine zweite Gruppe hatte von der Sache Wind bekommen und stahl Pavan die gepanzerte Aktentasche. Wer die zweite Gruppe ist, wissen wir. Vivaldi und seine Komplicen sind ja alle tot.

Pavan sah sich um den Erfolg seiner Bemühungen gebracht. Und nun kam er auf einen genialen Einfall. Er entdeckte mich in dem Hotel. Er gab sich mir gegenüber als Major Lionel Randers aus und drückte bei mir so lange auf die Tränendrüsen, bis ich bereit war, die Sache auf dem kalten Wege geradezubiegen. Und ich Idiot setzte pausenlos mein Leben und das meiner Frau aufs Spiel, um der Vivaldi-Gruppe die Pläne zu entreißen. Und dann übergab ich sie brav und bieder an Pavan und sonnte mich noch in dem Bewusstsein, eine vaterländische Tat vollbracht zu haben. Lieber Himmel, was hab‘ ich bloß getan!“

Delatre war fix und fertig. Trotzdem brachte er soviel Größe auf, Mac nicht mit Vorwürfen zu überhäufen.

„Sie sind eben doch kein Hellseher“, sagte er. „Ihre kameradschaftliche Haltung ist aller Ehren wert, Dolan. Mit einem solchen Coup konnten Sie nicht rechnen. Ich wäre nicht weniger hereingefallen als Sie, wenn ich an Ihrer Stelle gewesen wäre. Fragt sich nur, was wir jetzt unternehmen.“

„Ich hätte es merken müssen!“, murmelte Mac geistesabwesend. „Schließlich hielt sich der falsche Randers drei Tage in Miami auf. Unter normalen Umständen wäre das gar nicht möglich gewesen. Spätestens am 6. Januar hätte Jacksonville an Sie gemeldet, dass Rock Randers überfällig sei.“

„Selbstvorwürfe haben keinen Zweck. Was schlagen Sie vor?“

Mac ermannte sich. „Well, wir funken sofort Pavans Bilder nach Washington. Das ganze Land wird in Alarmzustand versetzt. Pavan und seine Begleiterin müssen gefunden werden. Ich selbst häng‘ mich sofort ans Telefon und berichte meinen Vorgesetzten alles. Sie brauchen mich um die nächsten zwei Stunden nicht zu beneiden!“

„Ich glaube, wir sind beide nicht zu beneiden, Dolan! Es steht Ihnen hier alles zur Verfügung. Los, unternehmen Sie etwas!“

Mac telefonierte sofort nach Washington und kündigte das Eintreffen der Bilder auf dem Funkwege an.

Sein Vorgesetzter nahm seine sensationellen Mitteilungen mit steinerner Ruhe auf.

„Ich sehe jetzt klar“, bemerkte er am Ende. „Vorwürfe haben keinen Sinn. Sie sind an der menschlichen Unzulänglichkeit gescheitert, der wir schließlich alle unterworfen sind. Die Fahndung nach Pavan geht in dieser Stunde an. Und Sie werden alles tun, um von sich aus die Scharte auszuwetzen.“


*


Gegen achtzehn Uhr fand im Zimmer des Obersten eine Konferenz statt, an der nur der Oberst selbst, Delatre und Leutnant Lockhart teilnahmen.

„Folgende Lage“, sagte Mac und zerdrückte nervös seine Zigarette im Aschenbecher. „Pavan hat hier noch einen Helfer sitzen. Den, der ihn aus dem Lager geschmuggelt hat. Aber wie sollen wir den Mann finden?“

Lockhart bat bescheiden ums Wort. „Sir, ich habe Sie neulich schon darauf aufmerksam gemacht, dass sich einer unserer Offiziere in seiner Freizeit sehr verdächtig benimmt …“

Der Oberst fuhr auf. „Ich weiß, Lockhart, seit Ihrem Streit mit Captain Holl möchten Sie den Mann am liebsten bei lebendigem Leib skalpieren. – Holl ist der stellvertretende Kommandeur unserer Wachmannschaft“, fuhr er erläuternd zu Mac gewandt fort.

Wie aus der Pistole geschossen kam die Gegenfrage des Agenten: „Und der eigentliche Kommandeur?“

„Ist ein Major. Aber der liegt seit drei Wochen im Hospital.“

„Dann war also in dieser Zeit Holl der eigentliche Kommandeur.“

„Stimmt. Aber der Gedanke ist doch absurd …“

Mac ließ den Oberst gar nicht ausreden. „Wodurch hat sich denn Holl verdächtig gemacht?“

Lockhart nahm den Faden auf. „In seiner Freizeit streut Holl das Geld mit vollen Händen aus. Er treibt sich mit zweifelhaften Weibern herum …“

„Aber er verdient doch eine ungeheure Menge Geld!“, fuhr der Oberst auf. „Der eine spart es eben, wie Sie und ich, der andere denkt an seine Pensionsberechtigung und hält von einem Bankkonto gar nichts!“

„Vielleicht ist es möglich, Holl kennenzulernen?“, meinte Mac bescheiden.

Ehe er Delatre hindern konnte, drückte der Oberst eine Taste an einem der Mikrophone und befahl kurz: „Captain Holl soll sofort zu mir kommen!“

Dolan war nicht gerade entzückt. „Vielleicht war das ein Fehler, Sir!“


*


Fünf Minuten vergingen.

„Holl könnte längst da sein!“, murmelte Lockhart.

„Für Sie immer noch Captain Holl!“, fuhr der Oberst auf.

Weitere fünf Minuten vergingen.

Mac stand auf. „Wenn der Berg nicht zu Mohammed kommt, muss eben Mohammed zum Berg kommen. Los, Gentlemen, wir suchen Holl auf!“

Delatre fügte sich widerwillig.

Die drei Männer verließen das Kommandanturgebäude und stiegen in Delatres Jeep.

Der Oberst fuhr bis zum inneren Wachring und hielt bei einer großen Baracke. Er stieg aus. „Kommen Sie!“

Mac betrat hinter den beiden Offizieren die Baracke.

„Nanu, warum ist hier alles finster?“, fragte der Oberst scharf. „Der Bau hat doch Tag und Nacht beleuchtet zu sein?“

Er tastete nach dem Lichtschalter. Gleich darauf war es in dem Gang taghell.

Delatre ging auf eine Zimmertür an der Stirnseite des Ganges zu. Er klopfte an. Niemand antwortete.

Mac schob sich an ihm vorbei und versuchte die Tür zu öffnen. Sie war von innen verschlossen.

„Gehen Sie zur Seite!“, sagte Mac scharf.

Er nahm einen Anlauf und sprang die Tür an.

Beim dritten Versuch erst splitterte das Holz.

Mac stürzte in einen dunklen Raum hinein.

Im gleichen Augenblick flogen die Fetzen. Die Düsternis des Raumes hatte flammende Löcher, und die Salve einer Maschinenpistole spielte den Eindringlingen die Melodie des Todes vor.

Mac konnte auf seine beiden Begleiter nicht achten. Er warf sich instinktiv zur Seite, und das rettete ihm das Leben.

Ehe er einen Entschluss fassen konnte, ratterte eine neue Salve los. Mac hörte Leutnant Lockhart kurz aufschreien.

Er zog seine Pistole und feuerte auf das Mündungsfeuer der MP.

Gleich darauf warf er sich zur Seite. Seine bisherige Deckung wurde ratternd mit Bleihummeln gespickt. Mac machte sich ganz klein und hob erneut die Pistole. Dann schoss er sechsmal.

Der Lauf der MP senkte sich – das war am Mündungsfeuer zu erkennen. Gleich darauf kehrte Grabesstille ein.

Mac sprang auf und ertastete den Lichtschalter.

Es wurde hell. Ein großer, schwerer Mann lag auf dem Teppich. Er war durch Macs Geschosse wie zersiebt.

Dolan wandte sich zu Delatre um. „Ist er das?“ Der Oberst nickte.



XVI

Jetzt erst konnte sich Mac um Lockhart kümmern. Der Leutnant lag am Boden. Er hatte einen Schulterdurchschuss und war bewusstlos.

„Wir müssen sofort den Arzt holen!“, sagte Mac zum Oberst. „Es wird ganz in Ihrem Sinne sein, wenn wir aus dem Fall Holl kein großes Theater machen. Vorschlag: wir sagen, Holl sei plötzlich verrückt geworden.“

Delatre nickte wortlos.

Der Kugelwechsel war natürlich gehört worden. Von allen Seiten drangen bewaffnete Mannschaften in die Baracke ein.

Der Oberst stoppte sie. „Keinen Grund zum Alarm, Boys. Captain Holl hat sich in einem Anfall geistiger Umnachtung erschossen. Wir versuchten ihn zu hindern, es ist uns leider nicht gelungen. Ich befehle hiermit, dass über den Vorfall strengstes Stillschweigen bewahrt wird. Was zu sagen ist, wird die amtliche Untersuchung ergeben, klar?“

Ein betretenes „Jawoll!“ war das Echo.

„Und jetzt brauche ich einen Krankenwagen und einen Arzt!“

Mac kümmerte sich nicht mehr um die Vorgänge auf dem Gang.

Er inspizierte Captain Holls Zimmer. Auf dem Rundfunkempfänger stand das Bild einer blonden Frau.

Der Agent trat auf den Gang zurück und holte Oberst Delatre herein. „Sehen Sie, Oberst, das Bild! Wenn es überhaupt noch eines Beweises für Holls Schuld bedurft hätte, dann hätten wir ihn jetzt. Dieses Bild stellt Susi Astor dar, die Freundin Pavans.“

Delatre vergrub das Gesicht in den Händen.

„Es ist doch nicht zu fassen!“, stöhnte er.


*


„Wie geht alles weiter?“, fragte der Oberst müde, als Lockhart abtransportiert war.

Mac zuckte die Achseln. „Was es hier zu tun gibt, kann ich Ihnen überlassen. Die Fahndung läuft in den ganzen USA. Weit wird das saubere Paar Pavan-Astor nicht kommen. Ich tue aber ein Übriges. Schließlich häng‘ ich in dem Apparat persönlich mit drin, is‘nt it? Ich fahre nachher nach Miami zurück und versuche die Spur der beiden aufzunehmen, ‘ne direkte Spur ist immer besser als die schönste Fahndung.“

„Glauben Sie, dass Sie etwas herausbekommen?“

„Das weiß Hugo allein, Sir!“

Well, Mac ließ sich ein freies Zimmer anweisen und legte sich für ein paar Stunden schlafen. An der Bergung von Randers‘ Leiche brauchte er nicht teilzunehmen. Es hatte für ihn auch keinen Sinn, mit dabei zu sein, wenn Oberst Delatre den nächsten Freundeskreis Captain Holls auf etwaige Mitschuldige siebte. Der Oberst musste seine Pappenheimer schließlich besser kennen. Die Durchsuchung von Holls Zimmer hatte keinerlei Hinweis ergeben. Was sollte Mac also noch tun?

Er hätte selbstverständlich seine Nachtruhe geopfert und wäre sofort nach Miami zurückgefahren, wenn das einen Sinn gehabt hätte. Aber es hatte keinen. Er konnte das Hotel Villa Biscaya schließlich nicht bei Nacht umstülpen und durchwühlen, sondern musste seine weiteren Nachforschungen bei Tag anstellen.


*

Am Donnerstag morgen traf Dolan gegen zehn Uhr in Miami ein. Er lenkte seinen Mercury sofort zum Hotel Villa Biscaya und betrat den Frühstücksraum.

„Sind Sie wieder hier, Mr. Dolan?“, fragte die Hostess erstaunt.

Mac zwinkerte der attraktiven Frau zu. „Nein, ich liege am Nordpol auf ‘nem Heizkissen und roll‘ mir einen ab. – Nein, seien Sie jetzt nicht böse, Zuckerstück. Folgendes: Am Dienstagabend ist Major Randers und Miss Susi Astor abgereist. Glauben Sie, dass jemand im Haus weiß, wohin die beiden gefahren sind?“

Die Hostess wusste natürlich, dass Dolan FBI-Agent war und hütete sich, irgend etwas zu fragen.

„Ich will mal nachsehen“, sagte sie. „Wenn ich etwas erfahre, sag ich‘s Ihnen.“

„Well, fragen Sie lieber nicht selbst, sondern machen Sie mich nur auf Leute aufmerksam, die bei der Abreise der beiden zugegen waren. Ich selbst werde mir nachher den Garagenmeister vorknöpfen!“

„Wieso den Garagenmeister?“, war die erstaunte Rückfrage.

„Ich dachte, Randers habe einen eigenen Wagen gehabt?“

„Davon ist mir nichts bekannt, ich glaube, Sie irren, Mr. Dolan.“

Also auch in diesem Punkt hatte Pavan gelogen!


*

Nach einer ganzen Weile kam die Hostess zurück und sagte, Mac möge nach dem Frühstück mit dem Portier sprechen.

Mac schob die Kaffeetasse zurück und zahlte. Dann ging er sich mit dem Portier unterhalten.

„Stimmt etwas nicht, Mr. Dolan?“, fragte der erfahrene Mann unbehaglich. „Sie wissen, der Ruf unseres Hotels …“

Der FBI-Agent klopfte ihm auf die Schulter. „Unter Umständen ist der Mann ein millionenfacher Mörder. Er heißt gar nicht Randers, und er ist nie im Leben Major. Über den guten Ruf des Hotels können Sie übrigens unbesorgt sein, der wird keinen Schaden nehmen. Die Episode hier spielt keine Rolle und wird vor allen Dingen auch nicht in die Zeitung kommen. Das ist das letzte, was wir wünschen könnten.“

„Dann treffen sich ja unsere Wünsche, Sir! – Well, der Mann, der mir unter dem Namen Randers bekannt war, reiste bekanntlich am Dienstagabend ab. Ich musste ihm eine Taxe besorgen. Ich hab‘ da ein schweigendes Abkommen mit Joe Finlay. Das ist ein Taxi-Driver. Wenn er frei ist, kriegt nur er seine Fuhre. Er wiederum beschafft uns Gäste. Verdienen wir beide bei. Sie wissen ja, eine Hand wäscht die andere!“

Der Portier rieb zwei Finger in seiner Handfläche und Mac lächelte vergnügt.

Er gab dem Portier ein großes Trinkgeld. „Ich warte in der Halle und lese Zeitungen. Sobald Finlay frei ist, bestellen Sie ihn mir. Aber als Fahrer, nicht zum Auseinandernehmen. Dass Sie mir den Mann ja nicht vergraulen!“


*


Mac musste immerhin eine Stunde warten. Dann trat ein Mann in einer Lederjacke ins Foyer. Er wurde vom Portier blinzelnd auf den FBI-Agenten eingewiesen.

Mac erhob sich und folgte Joe in seine Taxe.

Der Fahrer hielt seinem Gast die Tür auf. „Wohin soll‘s gehen, Mister?“

„Fahren Sie irgendwohin, wo‘s schön ist. Sagen wir, an den Strand.“

„Ich weiß eine versteckte Stelle, Sir!“

„Ist mir durchaus recht!“

Joe startete den Wagen. Nach einer ganzen Weile beugte er sich zurück und fragte vertraulich: „Sind Sie nicht der Polyp, der neulich beim Warenhaus die Schießerei hatte?“

Mac biss sich auf die Lippen, um nicht hinauszuplatzen. „Doch, der bin ich. Wenn wir es auch nicht gerade gern sehen, als Polypen bezeichnet zu werden.“

Der Fahrer dachte eifrig nach. Sah man an seinem gekrümmten Rücken.

„Vielleicht haben Sie mich nicht per Zufall bestellt?“, fragte er dann hoffnungsvoll.

Mac wusste die Menschen zu nehmen. In diesem Fall war es das Beste, mit offenen Karten zu spielen.

„Nein!“, erwiderte er prompt. „Es war kein Zufall. Und jetzt fahren Sie irgendwo rechts ran, und wir wollen uns mal unterhalten!“

„Mir soll‘s recht sein!“, bemerkte der Fahrer geschmeichelt.

Er fuhr rechts raus und stoppte auf der Höhe der Alton Road.


*


„Passen Sie gut auf“, sagte Mac. „Sie haben am Dienstagabend einen Gast des Biscaya weggebracht, besser gesagt, zwei Gäste, ‘nen Herrn und ‘ne Dame.“

Joe grinste. „Vermutlich meinen Sie den Major, mir kommt jetzt der Name nicht. In seiner Begleitung befand sich Miss Astor.“

„Woher kennen Sie Susis Namen?“

„Das ist so! Die Frau wäre genau meine Blutgruppe gewesen, genau meine Hutnummer, wenn Sie wissen, was ich damit sagen will. Aber mit unsereins gibt sich so ein Luxuspüppchen ja grundsätzlich nicht ab, well. Trotzdem hat mir diese Susi in die Augen gestochen. Ich habe sie nämlich zwei- oder dreimal vor ihrer Abreise gefahren. Und da hab‘ ich den Portier, meinen Freund, nach ihr ausgequetscht. Ich war richtig verliebt in das Honey. Auf eine harmlose Art natürlich. Dass ich da nicht landen kann, ist klar. Bin doch nicht größenwahnsinnig!“

„Well, da hat Ihnen diese Susi in die Augen gestochen. Und jetzt sage ich Ihnen was, Joe: Susi und ihr Begleiter sind die schlimmsten Verbrecher, die man sich denken kann. Al Capone war ‘n sanftes Schäfchen dagegen. Mehr darf ich Ihnen nicht verraten.

Sind Sie bereit, mir die Wahrheit zu sagen, oder wollen Sie Susi decken? Ich frage Sie lieber gleich. Wenn Sie nämlich Susi und ihren Begleiter decken und durch Ihre Schuld geht die Fahndung in den Kohlenkasten, dann muss ich Ihnen hinterher die Därme einzeln ausrupfen wie Primeln vom Mistbeet. Sie müssen sich also schon entscheiden. Es ist eine tödlich ernste Sache.“

Joe zog den kantigen Schädel ein. „Wirklich so schlimm, Mister?“

„Noch viel schlimmer!“

„Na ja“, meinte der Fahrer. „Schade um das süße Kaninchen. Diese Miss Astor war wirklich eine Wucht in Tüten. Aber wenn Sie meinen! Well, die beiden sind zum Flugplatz gefahren und haben das Flugzeug nach Boston genommen!“

Von Miami nach Boston sind es etwa eintausendfünfhundert Meilen.

Der FBI-Agent telefonierte kurz mit seiner Dienststelle und bestellte sich sofort ein Flugzeug nach New York, weil es eine sehr günstige direkte Verbindung Miami-New York gab, von New York aus würde das Weiterkommen nicht schwierig sein, das wusste Mac.

Seinen Wagen empfahl er Joes Fürsorge an. Der Taxi-Driver sollte ihn irgendwo in einer Garage unterstellen, damit Mac den Car später abholen lassen konnte. Der Mercury machte ihm im Augenblick die geringsten Sorgen.

Als der Agent endlich im Flugzeug saß und auf der Meer-Route nach Norden brauste, fragte er sich allen Ernstes, ob seine Boston-Reise keine Fehlentscheidung gewesen sei.

Zugegeben, er hatte keine große Aussicht, in Boston irgendwie fündig zu werden. Aber er musste auch die geringste Chance wahrnehmen, weil die Angelegenheit zu wichtig war.

Nach einem kurzen Aufenthalt in New York stieg der Agent in eine andere Maschine tun und erreichte lange nach Mitternacht Boston.

Mit gemischten Gefühlen peilte der Agent Massachusetts an, das amerikanische Bildungszentrum, das der Welt Dichter wie Longfellow und Philosophen wie Emerson geschenkt hat. Aber das spielte für Mac alles keine Balalaika. Wenn es ihm nicht gelang, die Pluto-Pläne zurückzubringen, dann konnte es leicht sein, dass in wenigen Jahren mehr kein alter Hahn nach Longfellow und Emerson krähte.


*


Mac hatte keine große Chance, jetzt die Polizei der über achthunderttausend Seelen zählenden Hafenstadt, die bis zum Jahre 1850 bedeutender als New York gewesen war, auf Vordermann zu bringen. Des wegen fuhr er vom Logan Airport aus direkt zu einem Hotel in Chelsea, das er zufällig kannte.

Dort empfing ihn ein Nachtportier, der einen typischen New-England-Stiefel zusammenredete und in seine Worte hin und wieder ein lateinisches Zitat einfließen ließ, um dem Besucher aus dem pöbelhaften Teil des Landes sinnfällig vor Augen zu führen, dass Massachusetts der Hort der amerikanischen Bildung sei.

Mac hörte sich das Geschwafel eine ganze Weile an, dann sagte er kurz: „Zeigen Sie mir mein Zimmer, Mann, und reden Sie nicht in Metaphern zu mir. Um sieben Uhr werde ich geweckt. Präsentieren Sie mir gleichzeitig die Rechnung. Kann sein, dass ich Ruck-zuck wieder Leine ziehen muss. Alles klar?“

Gegen acht Uhr zehn kreuzte Mac tatsächlich bei der Polizei auf. Er wurde an einen Captain Powell gewiesen, einen hünenhaften Blondkopf, der wie die Volksausgabe eines früheren englischen Königs aussah.

Mac war sichtlich beeindruckt. An der Wand hing ein Bild, das mochte von Sargent oder sonst einem unproblematischen Maler stammen. Powell bemerkte Macs Blick und sagte in seinem manierierten, geschwollenen Amerikanisch: „Sehen Sie, lieber Kollege, das ist einer meiner Vorfahren, der sehr ehrenwerte Hugo Powell, neunter Sohn des Herzogs von Kilchester; er kam im Jahre 1792 hier an und war später einer der führenden Köpfe von Massachusetts!“

Das will ich doch alles gar nicht wissen, du frisch lackierter Dorftrottel, dachte Mac. Laut sagte er: „Ich habe Ihnen gleich angemerkt, bester Powell, dass Sie einer traditionsreichen Familie entstammen. Verzeihen Sie, wenn ich trotzdem mit beiden Beinen sofort in medias res latsche. Aber die Dinge eilen. Ich komme im Fall Pavon-Astor …“

„Ich habe davon gehört. Ich habe auch über Washington Pavans Foto erhalten. Ich nehme an, es handelt sich um einen Slawen.“

„Möglich. Jedenfalls spricht er einen ganz leisen Akzent.“

„Ach, Sie kennen ihn persönlich?“

„Sicher!“

„Warum haben Sie ihn dann nicht gleich verhaftet?“

„Weil ich ein typischer Witzbold bin!“


*


Powell mochte einsehen, dass seine Frage dumm war.

„Der Name Pavan sagt mir nichts“, murmelte er. „Auch die Bilder des Mannes sind ohne Befund. Auf die Bilder Miss Astors warte ich noch.“

„Sind die denn noch nicht durch?“

Powell zuckte die Achseln. „Sie wissen, täglich werden Dutzende von Fahndungen durchgegeben. Da lässt sich die Zentrale auch manchmal Zeit.“

Mac schlug das Herz bis zum Hals. „Es ist eine erstaunliche Nachlässigkeit! Die Sache ist im Interesse der Landesverteidigung brandeilig. Kinder, Kinder, ist das ‘ne Zucht! Well, ich hab‘ ‘n Bild von der fetten Susi da. Ha‘m Sie das Juwel schon mal gesehen?“

Mac hatte Susis Bild aus Captain Holls Zimmer in Rock Harbor mitgenommen. Er hielt es dem Polizeioffizier vor die Nase.

Powell schüttelte bedauernd den Kopf. „Tut mir leid. Ich habe die hübsche Larve nie gesehen. Auch der Name Susi Astor ist mir unbekannt. Warten Sie, wir haben einen alten Sergeant hier, der ist ein Gedächtnisphänomen. Vielleicht kann der was mit Susis Konterfei anfangen.“

Wenig später meldete sich Sergeant Beary zur Stelle. Er sah wie ein als Polizist verkleideter Cowboy aus und stank diskret nach Feuerwasser.

Beary warf einen Blick auf das Foto und schnüffelte dann durch die Nase.

„Well“, sagte er. „Dieses Weib hab ich schon mal gesehen. Aber mir wird garantiert nicht einfallen, wo. Könnt ihr spucken drauf, Kameraden.“


*


„Da haben Sie Pech gehabt!“, knurrte Powell. „Wenn sich Beary nicht erinnert, ist alle Mühe vergebens. Gehen wir die Sache von einer anderen Seite aus an. Wenn dieser Pavan am Dienstagabend abgereist und direkt nach Boston geflogen ist, dann …“

„… schwimmt er längst auf dem Meer, um die Pläne in Übersee zu verkaufen!“

„Möglich. Aber nicht wahrscheinlich. Schließlich haben die Leute von der Bundeskripo doch sein Signalement an alle Reedereien und Luftverkehrslinien gegeben. Man hätte Ihnen von Washington aus doch längst gemeldet, hierher gemeldet, meine ich, wenn eine der Firmen mit dem Mann zu tun gehabt hätte. Nein, ich meine etwas anderes. Ich wollte sagen, vermutlich ist Pavan mit seiner Begleiterin am Mittwoch mit dem Zehn-Uhr-Flugzeug aus New York angekommen. Ich gebe Ihnen Beary mit. Fahren Sie mal zum Flugplatz und sehen Sie zu, ob Sie irgend jemanden von den Bediensteten rausfummeln können. Vielleicht kann sich jemand an das Paar erinnern!“

Mac blieb gar nichts anderes übrig, als den Vorschlag anzunehmen.



XVII

Die Flugplatzdirektion war von Macs Wünschen nur mittelprächtig begeistert, musste ihnen aber nachkommen.

Der FBI-Agent hatte, nur durch eine kurze Essenspause unterbrochen, das Vergnügen, hunderten von Leuten immer und immer wieder die gleiche Frage vorzulegen: Haben Sie vielleicht die junge Dame da am Mittwoch gesehen?, und ihnen Susis Bild unter den Gewürzprüfer zu halten.

Gegen sechzehn Uhr wischte sich Dolan den Schweiß von der Stirn. Er wandte sich zu dem Sergeant um. Der trippelte nervös auf seinen Säbelbeinen herum und nickte. „Wird wohl keinen Sinn mehr haben, Officer. Die andern können besser. Geben wir‘s auf.“

Mac hielt ein gerade vorbeigehendes Mädchen an. Ein Mädchen in Uniform und Schiffchen. Es verband das Lächeln der Mona Lisa mit den Kurven Marilyn Monroes. Mac hielt sie nur an, um sie in Ruhe bewundern zu können.

Das Girl sah das Foto an und glubschte Mac unschuldig in die Pupillen. „Mit welchem Recht fragen Sie mich?“

„FBI!“

„Sie können sich ausweisen?“

Mac konnte.

„Well“, sagte das Mädchen. „Ich erinnere mich genau. Ich bin neu hier und tat am Mittwoch zum ersten Mal am Auskunftsschalter Dienst. Und da kam diese junge Dame auf dem Bild zu mir. Es war kurz nach zehn. Die junge Frau muss mit dem Zehn-Uhr-Flugzeug aus New York gekommen sein. Sie fragte mich nach dem Telefon.“

„Und wie ging alles weiter?“

Das hübsche Mädchen lachte etwas boshaft. „Da ging nicht viel weiter. Die junge Dame telefonierte, und dann wartete sie hier in der Halle. Dann gesellte sich ein Mann zu ihr, der war vielleicht vierzig Jahre alt und wirkte auch mich wie ein einigermaßen von der Kultur beleckter Russe …“

Natürlich, dachte Mac bitter. Pavan könnte gut russischer Abstammung sein. Das fällt sogar diesem Mädchen auf. Nur dir, dem großen Kriminalisten, ist es nicht sauer aufgestoßen!

„Die beiden hatten nur sehr wenig Gepäck“, plapperte das Girl weiter, „und sie hüteten es wie ihren Augapfel. Etwa nach zwanzig Minuten kam eine Frau und nahm die beiden mit. Das ist alles.“

Mac sank das Herz wieder in den Kohlenkeller.

Er suchte die junge Dame zu hypnotisieren.

In dem Augenblick kam eine zweite Frau. Eine mit gut überstandenen Wechseljahren. Man sah ihr von außen an, dass sie handgestrickte Unterwäsche trug.

„Sie haben wohl nichts anderes zu tun, als während der Geschäftszeit zu flirten, Gilda?“, fragte die Frau (siehe oben).

„Machen Sie sich bloß davon, Sie Witzfigur!“, lächelte Mac. „Das hier ist ‘ne amtliche Vernehmung der Bundeskriminalpolizei. Wenn Sie nicht verduften, mach ich Sie zur Schnecke!“

„Also, wie ging das weiter?“, lächelte er Gilda an, als der Drachen verjagt war. „Wie sah die Frau aus, die die beiden abholte?“

Gilda strengte ihr reizendes Köpfchen an.

„Was soll ich da schon sagen?“, meinte sie. „Die Frau war ziemlich auffällig gekleidet. Eine Spur zu auffällig, um noch als Dame gelten zu können. In der linken Hand trug sie eine Miniatur-Reitpeitsche. Jetzt fällt mir‘s ein. Eine Reitpeitsche mit silbernem Griff.“

Sergeant Beary richtete sich auf. „Sagen Sie, Goldie, hielt die Frau ihren Kopf vielleicht so ‘n bisschen schief nach links?“

Gilda sah ihn überrascht an. „Jetzt, wo Sie mich drauf aufmerksam machen, scheint es mir so!“

Der Sergeant lächelte sie liebenswürdig an. „Heißen Dank! Unter Umständen haben Sie uns einen sehr großen Dienst erwiesen, liebes Mädchen!“


*


Beary zog Mac eilig davon.

„Vera mit der Reitpeitsche!“, murmelte er grimmig. „Well, hoffentlich finden wir sie, Officer. Kommen Sie bloß schnell zum Wagen mit.“

„Wer ist Vera?“, fragte Mac.

„Wer wird sie schon sein? Sie sät nicht, sie erntet nicht, und unser himmlischer Vater nähret sie doch. Im Übrigen ist sie verdammt geschickt. Keine Vorstrafe. Dafür eigenes Auto. Und ‘ne Macke unter der Lederjacke. Sie hat einen Tick. Den Reitpeitschen-Tick. Immer führt sie eine Reitpeitsche mit. Vielleicht ist das bei ihr ein verdrängter Komplex.“

Mac nickte. „Vermutlich. Ich weiß auch, welcher. Aber das stört mich alles verdammt wenig. Hauptsache, wir finden das Vögelchen. Dann nehmen wir‘s hopps. Samt Reitpeitsche und verdrängtem Komplex. Wo wohnt die junge Dame denn?“

„Fahren Sie nach Chestnut Hill!“, befahl Beary dem Fahrer. „Ja, wo wohnt die junge Dame? Hier bin ich auf Vermutungen angewiesen. Aber wir werden sie schon finden. Hoffentlich ist Pavan noch nicht entwischt.“

„Hoffentlich!“

Der Polizeiwagen fuhr durch den brandenden Verkehr in Richtung Boylston nach Südwesten und erreichte gegen sechzehn Uhr dreißig Chestnut Hill.

„Beim Golfclub biegen Sie links ab!“, wies Beary den Fahrer ein.

Zehn Minuten später musste der Mann bei einer aufgelassenen Ziegelei stoppen.


*


„Richten Sie sich jetzt, bitte, ganz nach mir!“, sagte der Sergeant. „Und wundern Sie sich über nichts. In der Ziegelei geht allerlei vor sich. Aber das hat uns im Augenblick nicht zu kümmern. Wir warten das Eintreten eines ganz besonderen Falles ab, sollten Sie wissen. Es wird Captain Powell gar nicht recht sein, dass wir hier seine Kreise stören. Hoffentlich hab‘ ich keinen Schaden davon!“

Von dieser Seite hatte Mac die Sache noch gar nicht betrachtet.

„Passen Sie auf“, sagte er. „Wenn jemand versucht, Sie von der Wasserfläche aus anzubohren, dann wenden Sie sich ruhig an mich. Ich sorge schon dafür, dass Ihnen nichts passiert.“

„Danke schön!“, quittierte der Sergeant diese Worte. „Ich weiß, Sie meinen es gut. Noch lieber wäre es mir, ich würde Ihre Hilfe nicht in Anspruch nehmen müssen! – So, Hoppla!“

Der letzte Zuruf galt einem Durchbruch durch eine Ziegelquermauer. Mac musste den Fuß heben und sich bücken. Vorsichtig trat er in die nächste Ruine, von der nur mehr die Umfassungsmauern standen.

Der Boden war weich. In Vertiefungen standen Lachen und schillerten giftig im Schein des letzten Tageslichtes.

„Das scheint mir eine der Gegenden zu sein, in denen die Katzen nachts Stopplichter an den Schwänzen tragen!“, hauchte Mac.

„Stimmt!“, versetzte Beary gleichmütig. „Moment mal, hier ist was nicht in Ordnung. Gehen Sie in Deckung!“

Die beiden huschten hinter einen Mauervorsprung. Im gleichen Augenblick sah Mac einen Lkw auf sich zukommen. Motorengebrumm wurde lauter und lauter.

Ein Wagen hielt draußen vor der Mauer. Dann flog ein Bündel vor die Füße der Kriminalisten.

Der Wagen fuhr wieder an.

Gleich darauf näherte sich Mac dem Bündel. Es handelte sich um einen gefesselten und geknebelten Mann.


*

Beary glotzte den Gefesselten neugierig an.

„Mensch, Mann“, sagte er ganz entgeistert und zog sein Messer. „Das ist doch Leuchtpistolen-Jim!“

Er schnitt die Fesseln durch, und Mac befreite den Mann von seinem Knebel.

Im Gesicht Jims stand ein ganzer Regenbogen aus Furcht, Schrecken und Wut. Er richtete sich auf und erhob sich.

„Dass mir die Polente mal helfen würde, hätt‘ ich nie geglaubt. – Aber jetzt beeilt euch, Jungs. Gleich geht das Theater los. Die Grass-Rangers wollen uns überfallen. Ich war der Wächter. Deswegen hat man mich entfernt. Warum sie mich nicht abgenabelt haben, weiß der liebe Himmel. Los, ich muss gleich mal telefonieren!“

„Komm mit zum Wagen!“, schnaufte der Sergeant.

Mac verstand kein Wort.

Die drei so verschiedenen Männer gingen zu dem Radiowagen des Sergeanten zurück.

Beary legte Jim die Hand auf die Schulter. „Jim Marry, Sie sind verhaftet!“

Jim wollte Beary eine verpassen, taumelte aber genau in einen Leberhaken des FBI-Agenten. Er kippte nach vorne um und bekam noch einen Kinnhaken zu schlucken. Das reichte ihm.


*

Während Mac den Bewusstlosen in den Wagen zog, fuhr der Fahrer an. An der nächsten Ecke stoppte er auf Bearys Befehl. Der Sergeant machte in fieberhafter Eile das Funkgerät sendebereit. Er rief Captain Powell an.

„Hier Beary“, keuchte er. „Hören Sie, Captain, wir haben eben bei der Ziegelei Leuchtpistolen-Jim aufgegabelt. Einzelheiten spielen keine Rolle. Die Grass-Rangers wollen Jims Bande überfallen. Wenn Sie auf Draht sind, können Sie beide Banden käschen. Halte mich am Nordeingang von Hammon Pond Woods auf. Schicken Sie einen Wagen zur Übernahme des Gefangenen. Muss bei Dolan weitermachen. Ende!“

„Erkläret mir, Graf Dextropur, diesen Zwiespalt der Natur!“, knurrte Mac grimmig.

„Sie werden gleich im Bild sitzen, Officer“, grinste der Sergeant. „Vera Race gehört zu den Grass-Rangers. Wenn die jetzt die Nuddle-Squeekers – das ist Jims Bande – überfallen wollen, dann ist der Bau leer. Vera werden sie ja zurücklassen. Wir können dann Vera ohne Gefahr für unser kostbares Leben zerlegen.“

Mac nickte. „Jetzt versteh‘ ich. Sie sind ja ein ziemlich drolliger Scheich. Das hätten Sie mir alles früher sagen können!“

„Nicht mehr nötig. Warten wir eine halbe Stunde, dann ist die Bucht hier sauber und wir können ernten, wo wir nicht gesät haben!“

Eine halbe Stunde später kam ein Streifenwagen und holte den Gefangenen ab, der bereits Armbänder trug. Armbänder, die man nicht nicht beim Juwelier kauft.

Beary stieg mit aus. „Kommen Sie, wir wollen unser süßes Täubchen besuchen. Das liebe Kind wird ganz hin und her gerissen sein, wenn es Sie sieht. Bei der Figur!“

Die beiden Kriminalisten gingen zu Fuß zu der vormaligen Ziegelei zurück.

Im Hof des Komplexes standen einige Pkw und ein Lkw.

„Gleich geht‘s los!“, flüsterte Beary genießerisch. „Die werden sich wundern. Von denen macht heute keiner ein Nachtlokal unsicher!“


*


Zehn Minuten später stiegen wenigstens zwanzig Mann in die Wagen. Sie hatten Maschinenpistolen und sonstige Faschingsscherze bei sich. Gleich darauf fuhren sie ab.

„Nicht unsere Sache!“, freute sich der Sergeant. „Kommen Sie, Sir, wir werden jetzt unsere Trümpfe auf den Tisch knallen!“

Die beiden huschten unter Ausnutzung jeder Deckung durch den Hof und standen am Ende vor einem großen Portal, das nur angelehnt war.

Beary verharrte einen Augenblick und drückte dann das Tor nach innen. Gleich darauf standen die beiden in einer finsteren Halle, die nach Autos roch.

„Alle weg“, flüsterte der Sergeant. „Folgen Sie mir!“

Die beiden liefen auf Zehenspitzen bis zu einer hölzernen Freitreppe und stiegen auf. Die ausgetretenen Stufen knarrten entsetzlich.

„Verflucht!“, murmelte Mac. „Hoffentlich ist keine Wache zurückgeblieben!“

Im gleichen Augenblick wurde oben rasselnd eine Tür geöffnet. Zwei Mann mit Pistolen standen im Lichtschein.

Sind die blöd, dachte Mac. Wir können Sie sehen, sie können uns nicht sehen.

„Halt, stehenbleiben!“, wetterte eine verkommene Stimme.

Beary zog seine Taschenkanone. „Polizei! Hände hoch!“

Zwei Schüsse krachten. Die Verbrecher hatten aufs Geratewohl geschossen, und die blauen Bohnen flogen den beiden Beamten gefährlich nahe um die Ohren.


*

Mac ließ sich auf die Stufen fallen und schoss.

Beary setzte nach. Die beiden zurückgebliebenen Wachen entschlossen sich, ab sofort tot zu sein und fielen wie die müden Fliegen um.

Der FBI-Agent stürmte los. Er erreichte einen bescheidenen Flur und stürmte durch die offene Tür in eine Diele, die im Gegensatz zu Flur und Halle mit verschwenderischer Pracht ausstaffiert war.

Irgendwo erklangen eilige Schritte.

Mac stürmte ein Zimmer. An der der Tür gegenüberliegenden Seite befand sich eine zweite Tür. Mac raste hinaus. Auch auf der anderen Seite gab es eine Treppe. Mac hörte leise Schritte, die sich rasch entfernten. Intuitiv begriff er den Zusammenhang. Vermutlich floh Vera Race.

Der Agent raste über die Treppe und rutschte auf etwas Weichem aus. Er verlor die Balance und segelte auf seinem Bauch sämtliche Stufen nach unten, dass sich alle Rippen bogen.

Vor Schmerz stöhnend richtete sich Dolan auf und sprang durch eine Flurtür ins Freie. Dort stand eine Limousine. Eben begann der Motor zu rattern. Der Wagen fuhr an. Plötzlich hatte er aufgeblendete Scheinwerfer.

Mac legte blitzschnell seine Luger auf den linken Unterarm und zielte. Er schoss. In den Krach des Abschusses mischte sich der Knall eines platzenden Reifens.

Der geschlossene Wagen geriet ins Schleudern, drehte sich nach links halb um die eigene Achse und fuhr mit unverminderter Geschwindigkeit in einen Haufen alter Fässer hinein. Erst dort kam er zum Stehen.

Mac raste hinterher und erreichte den Wagen in dem Augenblick, in dem eine schlanke Gestalt aussteigen wollte.

Dolan ergriff die Frau am Oberarm und hielt sie eisern fest.

„Darf ich Ihnen behilflich sein, junge Miss?“, fragte er höflich.

Die Frau riss sich los und fuhr Mac mit allen zehn Nägeln ins Gesicht. Mac gab seinem Ellenbogen einen sanften Schwung und verpasste dem Juwel eine Ohrfeige, dass es sich auf die Rückseite setzte.

„Vera Race“, sagte Beary, der auch nachgekommen war. „Im Namen des Gesetzes, Sie sind verhaftet!“


*


Die beiden Männer brachten die wild um sich schlagende Frau in ihre Wohnung zurück und wuchteten sie in einen Polsterstuhl.

Vera war eine gut gewachsene, hochblonde Frau Ende der Dreißig. Sie war gertenschlank. Alles an ihr war schwarz: die lange Hose, der Pullover und das Halstuch. An der Wand hingen etliche Reitpeitschen.

„Pass mal auf, Mädchen“, sagte Mac. „Am Mittwoch hast du am Flugplatz zwei Figuren abgeholt, ‘nen gewissen Pavan und Susi Astor. Du wirst mir erzählen, was aus denen geworden ist, klar?“

Vera war nicht ohne Reiz. Sie war jetzt ganz ruhig. Sie strich sich eine widerspenstige Locke aus der Stirn und blitzte Mac wütend an.

„Machen Sie sich nicht lächerlich, Mann, ich kenne keine Susi Astor!“

Mac nahm kalt eine der Peitschen von der Wand.

„Wollen wir wetten?“, sagte er sanft. „In drei Minuten bittest du mich auf den Knien, die Wahrheit sagen zu dürfen!“

Vera war nicht zu schlagen. „Sie haben wohl Lust, Job und Pension zu verlieren, Sie komischer Heini?“

Mac machte es sich auf Veras Sessellehne bequem. „Pass mal auf, du süßes Tierchen. Pavan und Susi haben einen Mord begangen und außerdem Pläne gestohlen, die für die Landesverteidigung außerordentlich wichtig sind. Ich habe vom FBI den Auftrag, die Pläne wiederzubeschaffen. Wie, spielt keine Rolle, haben meine Vorgesetzten gesagt. Die Sache stinkt so gewaltig, dass ich mich an kein Gesetz zu halten brauche. Also, entweder du spuckst aus, was du weißt, oder ich leg‘ dich übers Knie und hau‘ dir das Fleisch von den Knochen. Ich scherze nicht. Redest du nun, oder redest du nicht?“

Vera sah scheu auf. In Macs Augen stand ein erbarmungsloses Glitzern. Es war ein stummes Duell.

Vera hatte genug. Sie senkte den Blick. „O.k., ich rede“, sagte sie ergeben.


*


„Einen Moment noch“, warf Dolan ein. „Sicher redest du. Vermutlich irgendeinen Käse. Ich muss mich nach deinen Worten richten, Kaninchen. Und wenn ich merke, das was nicht stimmt, dann mach ich aus dir ‘nen Fleischklumpen. Dann können deine Angehörigen ‘ne Zigarrenkiste mit schwarzem Samt ausschlagen und die als Sarg verwenden. Für sich. Hinter mir steht ganz Amerika. Niemand wird meine Methoden kritisieren!“

Vera wurde plötzlich der Atem knapp.

„In Ordnung“, sagte sie. „Tut mir leid, dass ich Susi verraten muss. Aber ich möchte nicht in Ungelegenheiten kommen. Was wollen Sie wissen?“

Dolans Stimme war eine einzige Drohung. „Alles!“

„O.k. Also, am Mittwochvormittag rief mich Susi an …“

„Woher kennst du Susi?“

„Susi ist die Tochter einer guten Freundin. Ich hatte sie Jahre nicht gesehen. Sie rief mich am Mittwoch an und bat mich, ich möge sie am Flugplatz abholen. Ich fuhr hin. Susi hatte einen Begleiter. Den stellte sie mir als Kenneth Pavan vor. Sie bat mich, ich möge sie für ein paar Tage verbergen. Well, was tut man nicht alles für die Tochter einer verstorbenen Freundin, Ich brachte die beiden mit hierher …“

„Und was sagten die Rangers dazu?“, fragte Beary kurz.

Vera zuckte die Achseln. „Was Sie immer mit Ihren Rangers haben, Beary. Die sind eine fixe Idee von Ihnen!“

„Möglich“, nickte der Sergeant. „Dann wird es dir vermutlich shitegal sein, wenn ich dir sage, dass die Rangers im Augenblick die Squeekers überfallen, und dass starke Polizeikräfte bereitstehen, beide Gangs in Empfang zu nehmen?“

Vera vergrub ihr Gesicht in die Hände und begann bitterlich zu weinen.


XVIII

Dolan sah sich das Geflenne eine ganze Weile mit an. Dann rüttelte er Vera derb an den Schultern. Vera sah auf. In ihrem verweinten Gesicht stand furchtbare Angst.

„Bleiben wir bei Pavan!“, sagte Mac scharf. „Was ist aus ihm und Susi geworden?“

Vera Race war völlig erledigt.

„Die beiden blieben bis gestern Abend bei mir“, sprach Vera langsam weiter.

Mac biss sich auf die Lippen. Das hätte er eher wissen sollen.

„Weiter – weiter!“, drängte der Sergeant. „Oder ist eine Tracht Prügel aus erster Hand gefällig?“

Vera verzog den Mund. „Das ist das einzige, was ihr könnt, ihr Polypen. Eine wehrlose Frau schlagen. Weil da auch schon was dabei ist! – Well, ich rede ja schon. Susi vertraute mir an, dass Pavan einen großen Coup gestartet habe und außer Landes gehen müsse. Was die beiden an Land gezogen hatten, verrieten sie nicht. Susi sagte nur, Pavan müsse einen Kapitän Orlando aufsuchen.

Pavan ging mehrere Male bei Nacht in die Stadt. Gestern Abend war er auch wieder fort. Er war etwas nervös. Er drängte zum Aufbruch. Dann ging er mit Susi weg. Das ist alles.“

Mac sah, dass die Frau die Wahrheit sprach.

„Wer ist Kapitän Orlando?“, fragte Mac.

Vera zuckte die Achseln. „Nie gehört, den Namen.“

Dolan wandte sich an den Sergeant. „Sagt Ihnen der Name Orlando was?“

Beary spuckte in hohem Bogen aus. „Nein, der Name ist mir unbekannt. Außerdem schlage ich einen Tapetenwechsel vor. Falls von der Bande doch jemand davonkommt und hierher findet, werden uns die Hosen ausgezogen. Ich denke, wir fahren ins Hauptquartier zurück!“


*


Die beiden Beamten schleppten die völlig gebrochene Vera ab und fuhren mit ihr zum Polizeihauptquartier zurück.

„Hatten Pavan und Susi viel Gepäck?“, fragte Mac unterwegs.

Vera Race schüttelte müde den Kopf. „Nein, Sie hatten nur einen großen und einen kleinen Koffer. Den kleinen haben die beiden Tag und Nacht bewacht. Aber sie waren bei mir sicher. Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus!“

„Ganovenehre!“, lächelte Beary. „Well, so was soll‘s geben!“

Vera fühlte sich ausgesprochen unbehaglich.

„Eine Frage“, meinte sie nach einer langen Pause. „Was wird aus mir?“

„Das muss der Untersuchungsrichter entscheiden!“, erwiderte der Agent. „Ich bin aber gern bereit, auszusagen, dass du mir gegenüber nicht störrisch warst, Mädchen. Vielleicht hilft dir das.“

Vera schielte ihn von der Seite her an. „Sie hätten überhaupt allein zu mir kommen sollen, Dolan. Hätten uns fantastisch verstanden. Wir wären zu einem Übereinkommen gekommen, serious!“

„Lass das meine Frau nicht hören, Juwel. Die kratzt dir die Augen aus!“

Das Polizeihauptquartier glich einem Heerlager. Captain Powell war auf eine sehr diskrete Weise erregt.

„Heute ist ein Glückstag“, murmelte er, als sich Beary zurückmeldete. „Sie sind ein Satansbraten, Sergeant. Wie haben Sie denn die Sache mit den beiden Banden ‘rausgebracht?“

„Glück und Intelligenz!“, erwiderte Mac verbindlich an Bearys Stelle. „Und wenn‘s mal ‘ne Beförderungsmöglichkeit gibt, dann sollten Sie an den Sergeant denken, Powell! – Ist alles gut gegangen?“

Powell nickte. „Wir haben die beiden Banden im gleichen Augenblick in die Zange genommen, in dem sie miteinander handgemein wurden. Leider gab es auf unserer Seite einen Toten und fünf Verwundete. Aber das ist nun mal unser Beruf.“

„Und die beiden Banden?“

„Die Nuddle-Squeekers sind vollkommen in unserer Hand, soweit die Gangster nicht ins Gras gebissen haben während des Kampfes. Von den Grass-Rangers fehlen uns noch zwei Figuren, sofern man den Aussagen ihrer Kollegen vertrauen darf.“

„Dürfen Sie, Powell. Die beiden letzten können Sie als Kadaver bei der Ziegelei einkassieren. Haben sie uns redlich geteilt. Beary hat den einen in der Luft zerrissen, und ich habe den andern zur Schnecke gemacht. ‘ne andere Frage: Ist Ihnen der Name Kapitän Orlando ein Begriff?“

Powell schüttelte den Kopf. „Tut mir leid, nie gehört!“


*

Mac war wieder einmal – wie so oft in diesem Fall – an einem toten Punkt angelangt.

Es ist wie ein Geländespiel, dachte er. Sämtliche Kampfaufgaben sind in versiegelten Umschlägen. Haste den einen Auftrag gelöst, dann musst du den nächsten Umschlag erst suchen.

Captain Powell wandte sich noch mal bedauernd zu Mac um. „Beinahe hätte ich was Wichtiges vergessen, Dolan. Sie sollen sich mit der hiesigen Außenstelle des FBI in Verbindung setzen. Ich gebe Ihnen einen Wagen!“

Mac erhob sich und gähnte. „Uff, bin ich müde. Werde unterwegs was essen. Und dann will ich die lieben Kollegen heimsuchen!“

Dolan verabschiedete sich von seinen Kollegen und bekam durch den Fahrbereitschaftsleiter der Polizei einen Ford mit Funkeinrichtung. Er fuhr sofort in ein Hotel und aß hastig eine einfache Mahlzeit. Dann suchte er die Außenstelle des FBI auf. Gegen 21 Uhr traf er bei einem schlichten Gebäude in der Nähe des Flugplatzes ein.

Trotz der späten Abendstunde war der Leiter anwesend, ein gewisser Berger.

Interessanter Bursche, dachte Mac, als er seinen Kollegen kennenlernte. Berger war wenig älter als Mac und so hässlich, dass er schon wieder fast schön wirkte.

Der FBI-Leiter bot Mac einen Doppelten an. Der wurde natürlich nicht ausgeschlagen.

„Hören Sie, Dolan“, sagte der Mann. „Was ist eigentlich los? Die ganzen USA sind wegen eines Kenneth Pavan und einer Susi Astor verrückt. Offensichtlich handelt es sich um einen ganz dicken Hund. Gemeindepolizisten, Staatspolizei und FBI sind in pausenloser Verbindung. Alle Flugplätze, Häfen und Grenzübergangsstellen sind mit allen verfügbaren Leuten besetzt. In den Abendblättern erscheinen die Bilder der beiden. Aber niemand weiß so recht, was sie ausgefressen haben!“

Mac konnte den Wissensdurst seines Kollegen stillen. Er entwickelte in Stichworten seinen Fall und erntete am Ende ein bedauerndes Achselzucken.

„Man lernt doch nie aus!“, seufzte Berger. „Ich glaube, keiner unserer Kameraden hätte anders gehandelt als Sie. Natürlich wäre es Ihre Pflicht gewesen, von Miami aus sofort Washington zu verständigen. Das wäre gewissermaßen Randers‘ Todesurteil gewesen. Wenn eben der Mann, der sich Ihnen als Randers vorgestellt hat, tatsächlich mit dem Major identisch gewesen wäre. Dieser Pavan scheint wirklich eine Wucht in Tüten zu sein. Ermordet der Mann einen Offizier und stiehlt Pläne. Die lässt er sich von einer anderen Gruppe abnehmen. Und nun resigniert er nicht, sondern engagiert einen ausgewachsenen FBI-Mann, um wieder zu seinem Raub zu kommen. Ich kann diesem Pavan meine widerwillige Bewunderung nicht versagen …“

Mac zuckte die Achseln. „Ich auch nicht. Pavan steht auf der falschen Seite. Was könnte der Mann in unsern Reihen leisten, verdammt und dicke Tinte! Und jetzt ‘ne Frage: sagt Ihnen der Name Kapitän Orlando etwas?“

Berger schüttelte den Kopf. „Tut mir leid. Diesen Namen habe ich nie im Leben gehört. Es wird selbstverständlich nur ein Spitzname sein!“

Zwischen den beiden herrschte für eine ganze Weile verbissenes Schweigen. Dann raffte sich Mac wieder auf. „Hören Sie, Berger, Ihre Ansicht ist mir sehr wertvoll. Ich stelle folgende Überlegung an: Pavans einzige Chance ist es, die Pläne außer Landes zu bringen. Meinen Sie, er hat das Land bereits verlassen?“

Berger verneinte mit allem Nachdruck. „Wenn wir den Aussagen dieser kleinen Zicke – wie heißt sie doch gleich …“

„Sie meinen Vera Race!“

„Ja! Wenn wir Vera glauben schenken dürfen, dann hat Pavan im Laufe des gestrigen Tages mit Orlando Fühlung aufgenommen. Vermutlich ist er jetzt bei ihm. Zwischen gestern und heute kann er das Land nicht verlassen haben. Wie ich Ihnen sagte, sind alle Grenzen, Häfen und Flugplätze hermetisch abgeriegelt. Die größte Fahndung in der Geschichte unseres Landes läuft. Pavan muss noch in Boston sein!“

„Vera dürfte kaum gelogen haben. Vielleicht hat aber Pavan Kapitän Orlando nur erfunden. Leute seines Schlages sind mit der Wahrheit auch Komplicen gegenüber sehr zurückhaltend.“

„Überall das große Fragezeichen!“, schimpfte Berger laut. „Wir können vor Müdigkeit schon nicht mehr aus unseren Pupillen schielen, und Ihnen wird‘s nicht anders gehen. Ich kann Ihnen keinen Rat geben!“

Der FBI-Agent war müde, innerlich müde. Er hatte den Fall verbockt, wenn auch ohne direkte Schuld, und er musste alles ausbaden, wenn etwas schief ging.

Das Telefon schrillte. Berger hob ab und meldete sich.

Er führte ein langes Gespräch. Dann legte er auf und wandte sich wieder an Mac. „Heute kommt schon alles zusammen. Eben hat die Hafenpolizei angerufen. Der polnische Hochseeschlepper Hades hat eben gefunkt, er liege in der Massachusetts Bay, etwa zwanzig Seemeilen ostwärts von Boston und habe Maschinenhavarie.“

„Und was geht Sie das an?“

„Ach so, Sie sind ja Spezialbeamter und kennen unseren Dienst nicht in allen Einzelheiten. Wenn sich ein außerplanmäßiges Schiff aus den Ostblockstaaten unsern Häfen nähert, dann müssen wir sofort verständigt werden. Ich frage mich, was sucht ein polnischer Hochseeschlepper ausgerechnet vor der Ostküste Amerikas? Ein Schlepper soll schleppen, wie sein Name sagt. Aber hier gibt es nichts zu schleppen, das hat die Hafenbehörde aus dem Handgelenk heraus sagen können. Und noch etwas. Man wollte der Hades Hilfe entgegenschicken, aber der Kapitän lehnt ab. Er meint, er könne aus eigener Kraft den Hafen anlaufen. Well, die Leute von jenseits des eisernen Vorhangs sind oft komisch, ohne dass das zu besonderen Verdacht Veranlassung böte. Hören Sie weiter. Ein Funker der Hafenstation hat per Zufall auf einer anderen Welle Morsezeichen aufgenommen, die von der Hades stammen könnten. Die Hades funkt ununterbrochen verschlüsselte Texte. Vermutlich in Polnisch oder Russisch …“

„Woher will man das wissen, wenn der Text doch verschlüsselt ist?“

Berger lächelte. „Das hab‘ ich mich auch gefragt. Und ich habe die Antwort bekommen: Die Hades benutzt offenbar keinen sehr komplizierten Code. Der Entschlüsselungsfachmann bei der Hafenstation ist der Meinung, dass die verschlüsselten Signale jeweils gruppenweise immer wieder dasselbe bedeuten. Aus der Häufigkeit der Zeichen lässt sich nun eruieren, welche Sprache verwendet wird. Ich kenne mich da nicht so aus, aber ich weiß zum Beispiel, dass im Deutschen das E der häufigste Buchstabe ist. Weiß ich also, dass in Deutsch verschlüsselt gefunkt wird, und der Buchstabe R kommt am häufigsten vor, dann bleibt nur der Schluss übrig, dass R in Wirklichkeit E bedeutet. Und da ist der Mann nun …“

Mac unterbrach den Sermon. „Danke, das genügt. Welche Schlussfolgerung ist aus dem Funkverkehr zu ziehen?“

Berger nickte. Er hatte begriffen. „Natürlich nur eine: Dass es an Land eine geheime Sende- und Empfangsstation gibt, mit der die Hades in Verbindung steht!“


*


Mac überlegte. Dann sagte er erregt: „Der Gedanke ist geradezu bombastisch, Berger, und Sie werden mich vielleicht auslachen. Könnte es nicht vielleicht sein, dass die Hades nach Boston kommt, um Pavan abzuholen?“

Berger sprang auf. Er kümmerte sich nicht mehr um Mac. FBI-Leute schalten schnell. Berger rief eine Nummer an, und Mac konnte aus dem Gespräch entnehmen, dass er mit der Hafenpolizei sprach.

„Hier ist noch mal Berger“, sagte er. „Beobachten Sie den Funkverkehr der Hades. Könnte sein, dass von Land auf der gleichen Welle Antwort kommt. Wenn ja, dann setzt zwei bewegliche Peilstationen ein und versucht den Standort des Landsenders herauszubekommen. Ja doch, die Sache eilt! – Wie schnell fährt die Hades? Hat sie das angegeben? – Ja? Vier Knoten? Dann braucht sie noch fünf Stunden bis zum Einlaufen. Well, ich bleibe hier. Teilen Sie uns sofort mit, wenn Sie etwas herausgebracht haben!“

Berger legte auf und wischte sich mit dem Taschentuch die Stirn.

„Ich werde meine Leute alarmieren!“, sagte er. „Vielleicht hängt ein ganz dicker Aal an der Angel!“

Der FBI-Offizier alarmierte seine sämtlichen Hilfskräfte und bat sie ins Amt.

Eine halbe Stunde verging. Dann schrillte wieder das Telefon. Diesmal nahm Mac den zweiten Hörer in die Hand und presste ihn ans Ohr. Er konnte mithören.

„Hier spricht Leutnant Tennyson“, sagte eine ferne Stimme, nachdem sich Berger gemeldet hatte. „Die Hades bekommt de facto von Land Antwort. Ich habe bereits die Stadtpolizei alarmiert und darauf verwiesen, dass Sie sie einsetzen werden. Wir haben bereits drei Peilstationen losgeschickt. Die eine arbeitet in Maiden, die zweite hier bei uns, die dritte in East Milton. Sobald es etwas Neues gibt, erhalten Sie Meldung. Ende!“

„Was hab‘ ich Ihnen gesagt?“, fragte Mac triumphierend. „Hier ist etwas faul im Staate Dänemark, besser gesagt, im Staate Polen. Auf uns lastet eine ungeheure Verantwortung. Die Abwehr ist weit vom Schuss. Wir müssen den Fall befunzeln, wir…“

Berger trat zu einer großen Karte des Küstengebietes und maß mit einem Zirkel die Entfernung zwischen Maiden und East Milton.

„Die Basis ist runde fünfzehn Meilen lang“, sagte er. „Das reicht, um die Winkel zwischen Basis und Funkstation mit genügender Genauigkeit zu messen …“

„… es sei denn“, ergänzte Mac grüblerisch, „die Landstation wäre so weit entfernt, dass die Winkelmessung Fehlleistungen von vielen Meilen ergäbe. Dann wären wir gewissermaßen von Neuem in die Armbeuge des Propheten gerutscht. Na, dann prost!“


*


Die beiden FBI-Beamten verbrachten die nächsten dreißig Minuten in mühsam zurückgedrängter Erregung. Als das Telefon wieder schrillte, war es für sie wie eine Erlösung. Beide sprangen zum Apparat.

„Hier ist wieder Leutnant Tennyson“, sagte die nun schon bekannte Stimme. „Der Funkverkehr wurde eingestellt. Wir konnten aber die Dreiortpeilung noch durchführen. Die Landstation steht in Ortsmitte Waltham. Alle weiteren Maßnahmen überlasse ich Ihnen. Die Stadtpolizei wird gleichzeitig verständigt!“

Mac rief sofort die Stadtpolizei an. Er bekam Captain Powell an die Strippe.

„Hier tut sich allerhand“, sagte der Polizeioffizier reserviert. „Drei Streifenwagen sind nach Waltham unterwegs. Die Besatzungen haben Auftrag, das Gelände zu umzingeln, sich aber nur nach Ihren Weisungen zu richten und nicht selbständig vorzugehen. Ich fahre selbst mal hin. Wir treffen uns in Ortsmitte Waltham. Ende!“

Berger übergab seinen Dienst an einen jüngeren Beamten und verließ mit Mac das Gebäude. Im Hof standen drei weitere Wagen zur Abfahrt bereit. Berger schlüpfte zu Mac in den Ford. Mac startete den Wagen und fuhr an. Berger wies ihn ein.

„Wie weit bis Waltham?“, fragte Mac kurz.

„Von hier aus etwa fünf Meilen. Drücken Sie auf die Tube, Mann, ich habe den Eindruck, dass wir endlich weiterkommen!“

Mac fuhr einmal mehr wie ein junger Gott. Er raste durch die Nacht, dass selbst dem abgebrühten Berger Hören und Sehen verging. Im Rückspiegel konnte er verfolgen, dass die anderen FBI-Fahrzeuge gut nachkamen.

Gegen Mitternacht erreichte die kleine Kolonne Waltham und fuhr am Marktplatz auf. Drei Polizeiwagen hielten bereits dort.

Mac sprang hinaus und gab sich dem Kommandoführer zu erkennen.

„Wir sollen uns ganz nach Ihnen richten, Dolan“, sagte der junge Leutnant respektvoll. „Wir sollen hier eine geheime Funkstelle suchen. Möchte wissen, wo. Hier, sehen Sie das Rathaus, die Polizeistation und eine Kirche.“



XIX

Ehe Mac etwas erwidern konnte, hielt ein weiterer Wagen mit kreischenden Reifen. Captain Powell stieg steif aus.

„Nun, Dolan“, fragte er, „was sollen wir tun? Wir unterstellen uns gern Ihrem Kommando.“

„Jetzt müssen wir wissen, wie groß der Fehlerquotient der Funkmessung ist!“, murmelte Mac. „Oder wie man das nennt!“

Powell verstand. „Sie meinen, wir sollten wissen, welche Wegstrecke rund um den Marktplatz das verdächtige Terrain ausmacht. Auf den Inch kann‘s ja keiner ausmessen. Hm, das ist sicher nicht so einfach!“

Auf der Polizeistation öffnete sich eine Tür, und ein Lichtstrahl fiel auf den Platz. Eine Gestalt näherte sich mit energischen Schritten dem Wagenpark.

Der Mann kam näher und trat auf Powell zu. „Der Herr segne meine Augen, Powell! Was tun denn Sie hier in meinem Amtsbezirk?“

Powell stellte den Ankömmling seinen Begleitern vor. „Gentlemen, das ist Sheriff Grant. Er hat ein Recht zu fragen!“

Mac schob sich in den Vordergrund und klärte den Sheriff in Stichworten auf.

Der strich sich das unrasierte Kinn. „Hm, da kann ich Ihnen nichts in den Weg legen. Also um die Pavan-Fahndung handelt es sich! – Großer Gott!“, schrie er plötzlich. „Da hat mir einer meiner Leute vorhin eine Meldung gemacht. Die hab‘ ich nicht begriffen. Aber jetzt begreif‘ ich sie. Kommen Sie mit. Alle!“

Die anwesenden FBI- und Polizeioffiziere begleiteten den Sheriff in die Polizeistation.

Einige uniformierte Polizisten erhoben sich.

Der dicke Grant deutete auf einen der Leute. „Modder, kommen Sie mal hier und erzählen Sie den Herren, was Sie mir gemeldet haben!“

Der Polizist war befangen, fasste sich aber dann doch.

„Also, das war so“, sagte er. „Gegen einundzwanzig Uhr trat ich meine Streife an. Drüben beim Brunnen stand ein großer, geschlossener Wagen ohne Licht. Ich kümmerte mich nicht viel um ihn. Aber die sonderbare Antenne erregte gleich meine Verwunderung.

Als ich von meiner Streife zurückkehrte, stand der Car immer noch da. Ich ging von hinten an ihn ran und hörte ein leises Ticken. Ehe ich einen Entschluss fassen konnte, wurde die Antenne plötzlich eingezogen, der Motor startete, und der Wagen fuhr weg. Das ist alles!“

„Haben Sie sich die Nummer des Wagens gemerkt?“, fragte Dolan.

Der Polizist senkte den Kopf. „Tut mir leid, Sir.“

„Schade. Aber niemand macht Ihnen ‘nen Vorwurf deswegen, ‘ne andere Frage. Stammt der Wagen aus Waltham? Haben Sie ihn hier schon mal gesehen?“

Modder schüttelte energisch den Kopf. „Das kann ich mit absoluter Sicherheit verneinen, Sir!“

Mac klopfte dem Mann auf die Schulter. „Well, mehr brauche ich nicht zu wissen!“


*


Die Kriminalisten sahen einander betreten an.

„Was soll jetzt geschehen?“, fragte Powell.

Berger sah auf. „Wir blasen die Aktion ab. Keine Möglichkeit, noch was ‘rauszubringen. Sind Sie meiner Meinung, Dolan?“

Mac nickte. „Aber sicher. Es hat keinen Sinn, wenn wir die Nachtruhe unserer Leute zerstören. Die Gegenseite arbeitet genial. Wer weiß, wo der Besitzer des Wagens wohnt. Vielleicht hundert Meilen im Umkreis. Wir fahren zurück und konzentrieren uns auf die Hades. Kann natürlich ein Windei sein, das. Aber ich habe nicht den Eindruck. Und vor allen Dingen müssen im Laufe des Morgens sämtliche Vertrauensmänner unter allen Umständen nach Kapitän Orlando gefragt werden. Kann doch sein, dass jemand den Mann kennt, der sich hinter diesem Spitznamen verbirgt!“

Die Autokolonne fuhr nach Boston zurück und löste sich dort auf. Berger, Dolan und Captain Powell fuhren zur Hafenbehörde und setzten sich mit dem inzwischen alarmierten Hafenkapitän in Verbindung.

Der Hafenkapitän war durch das FBI soweit informiert worden, als dies erforderlich war.

„Die Hades dürfte etwa um zwei Uhr dreißig anlegen“, sagte er. „Wir haben ihr bereits einen Anlegeplatz gefunkt. Ich werde mich an Bord begeben. Einer der Herren kann mich begleiten. Sollen wir dem Kapitän seinen sonderbaren Funkverkehr vorwerfen?“

Mac schüttelte den Kopf. „Kommt nicht in Frage. Wir tun, als sei uns die Funkerei gar nicht aufgefallen. Ich habe immer noch Hoffnung, dass sich Pavan an Bord schleicht. Das kann er nur, wenn die Hades scheinbar unverdächtig ist. Im anderen Falle disponiert er um, und wir können von vorne anfangen!“


*


Ein Hafen von der Bedeutung Bostons ist auch des Nachts von geheimnisvollem Leben erfüllt.

Gegen zwei Uhr fünfundvierzig hielt der Wagen, der den Hafenkapitän, Dolan und einen Beamten der Hafenmeisterei zum Pier brachte, westlich der Atlantic Road.

Die Insassen stiegen aus. Die Lagerstraße war durch starke Scheinwerfer taghell erleuchtet. Von den Docks her erreichte das Stampfen schwerer Presslufthämmer das Ohr der Beamten. Der Lichtbogen eines Schweißapparates blinkte grünlich auf, um gleich darauf zu erlöschen.

„Kommen Sie, Gentleman“, sagte der Hafenkapitän. „Wir statten dem Kapitän des Schiffes einen Besuch ab!“

Drei Minuten später erreichten die drei Männer den Liegeplatz des polnischen Fahrzeugs. Es präsentierte sich in gedrungener Bauart dem Beschauer.

„Hm“, sagte der Kapitän. „Etwa dreitausend Tonnen groß. Für einen Schlepper ein ganz schönes Deplacement. Gehen wir an Bord!“

Über eine Laufplanke kletterte der Beamte an Bord und wurde sofort von einem Schiffsoffizier in Empfang genommen.

Die Herren machten sich mit ihm bekannt.

„Willkommen an Bord der Hades“, sagte der Offizier steif. „Kapitän Miclewiecz wird sich freuen, Sie zu empfangen!“

Er geleitete seine Gäste zur Kapitänskajüte.

Gar nicht so unflott, dachte Mac. Auch ein polnischer Kapitän versteht zu leben.

Ein vierschrötiger Mann mit kurzgeschorenem Haar auf dem Eierkopf erhob sich und ging seinen Besuchern höflich entgegen.

„Miclewiecz“, stellte er sich in fast akzentfreiem Amerikanisch vor. „Willkommen an Bord. Was wünschen die Herren?“

„Wir haben gehört“, erwiderte der Hafenkapitän, „dass Sie eine Havarie haben. Ich wollte Ihnen meine Hilfe anbieten!“

Das Gesicht des Schiffsführers war eine höfliche Maske. „Ich weiß Ihr Entgegenkommen zu würdigen, Sir, aber ich hoffe mit Bordmitteln die kleine Panne beseitigen zu können. – Wollen wir uns nicht setzen? Ich habe einen herrlichen Wodka mit. Den müssen Sie probieren!“

Der Wodka war wirklich gut, fand Mac. Er leckte sich genießerisch die Lippen.

„Sie sind hier ziemlich weit von der Heimat entfernt, Kapitän“, sagte er laut. „Ich hätte nie gedacht, dass ein Schlepper uns über den großen Ozean besuchen kommt.“

Miclewiecz spürte die versteckte Frage und parierte gewandt: „Unsere Fahrt ist ein Experiment. Wenn wir einmal in die Lage kommen, auf hoher See, fern der Heimat, operieren zu müssen, dann muss die Mannschaft geschult sein. Also haben uns die hohen Herren nach Amerika beordert. Sie wissen, unsereins hat nur zu gehorchen. Ich habe eine verstärkte Besatzung an Bord, damit möglichst viele Seeleute diese Übung mitmachen können. Wie wichtig unsere Fahrt ist, beweist der Schaden, den wir haben.“

„Und worin besteht er?“, fragte der Hafenkapitän.

Miclewiecz‘ Gesicht wurde noch verschlossener. „Es handelt sich um eine Havarie an der Maschine. Im Ernstfall würde ich die Reparatur auf hoher See gewagt haben. Aber warum soll ich meine Leute unnötig strapazieren?“

„Da bin ich ganz Ihrer Meinung“, versetzte der Hafenkapitän höflich und erhob sich. „Well, Kapitän, besten Dank für Ihre Gastfreundschaft. Wenn Sie Hilfe brauchen, stehe ich Ihnen jederzeit zur Verfügung. Und jetzt wollen wir Sie nicht länger aufhalten. Vermutlich sind Sie lange nicht aus den Kleidern gekommen!“

Als die drei Herren das Schiff verlassen hatten, flüsterte der Hafenkapitän leise: „Der Kerl lügt natürlich wie gedruckt. Werden ein wachsames Auge auf ihn haben.“


*


Mac Dolan besprach mitten in der Nacht mit Captain Powell die Bewachung des Schleppers. Der Liegeplatz der Hades war von vornherein so günstig gewählt, dass die Bewachung nicht auf unüberwindliche Schwierigkeiten stieß.

„Eines ist besonders wichtig“, sagte Mac am Ende. „Die Polen dürfen nichts von der Bewachung merken. Wenn jemand an Land geht, ist er nicht zu hindern. Es muss aber sichergestellt sein, dass er fachmännisch beschattet wird. Und wenn die ganze Mannschaft auf einmal ausbüchsen will. Ich weiß, ich stelle fast unerfüllbare Ansprüche an Ihre Leute, aber es geht hier um Dinge, deren Tragweite nicht einmal von uns abgesehen werden können!“

Mac fuhr zum FBI-Hauptquartier zurück. Er bekam im Mannschaftsraum eine Pritsche. Berger hatte inzwischen Macs Gepäck holen lassen. Unter Umständen kam es auf jede Sekunde an.

Der FBI-Agent warf sich in vollen Kleidern auf sein hartes Lager, und war dann auch sofort eingeschlummert.

Als ihn jemand derb an der Schulter rüttelte, fuhr er verwirrt auf und musste erst seine Gedanken ordnen.

Berger beugte sich über ihn. „Sie müssen aufstehen, Dolan. Powell hat eben angerufen. Er hat einen V-Mann zu uns in Marsch gesetzt, einen gewissen Shatterson. Der Mann weiß etwas über Orlando!“

Mac fuhr auf und stieß sich an der „ersten Etage“ des Doppelbetts beinahe die Hirnschale ein.

„Au!“, röchelte er kläglich. „Jetzt war‘ ich beinahe den Heldentod im Bett gestorben. Aber das ist ja fantastisch. Haben wir Orlando, dann haben wir vielleicht auch Pavan und seinen Goldschatz!“


*


Eine halbe Stunde später war Mac gestiefelt und gespornt. Er hatte eine Pervitin-Tablette genommen, und man merkte ihm die Strapazen der vergangenen Tage nicht an.

„Jetzt müsste Shatterson bald kommen!“, sagte Berger. „Allerdings haben wir heute wieder einen höllischen Verkehr. Wenn der Mann im Wagen kommt, braucht er unter Umständen länger als zu Fuß!“

Die beiden FBI-Leute hielt es nicht mehr im Büro. Sie zündeten sich Zigaretten an und traten auf die Straße hinaus.

Die Wände erzitterten unter dem Gedröhn vieler Lkw, die gerade vorbeifuhren.

Mac sah nervös auf die Uhr.

„Wäre besser gewesen, Powell hätte den V-Mann gleich dort behalten und uns kommen lassen!“, sagte er.

„Well, müssen eben warten. Und dabei kann jede Sekunde entscheidend sein.“

Aber es half alles nichts, Mac musste sich in Geduld fassen.

Zehn Minuten später brauste ein offener Wagen um die Kurve und fuhr in die Straße ein.

Irgendwo dröhnten die Motoren eines aufsteigenden Flugzeugs. Der offene Wagen verlangsamte sein Tempo.

„Das ist sicher unser Mann!“, freute sich Mac.

Der offene Wagen wurde durch ein paar schneller fahrende Lkw überholt. Mac achtete nicht auf sie.

Das Gedröhn des niedrig fliegenden Flugzeugs wurde unerträglich.

„Sie müssen gute Nerven haben, um das Tag für Tag auszuhalten!“, sagte er zu Berger.

Der sog an seiner Zigarette. „Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, mein Lieber. – Aber was macht er denn?“

Dieser letzte Ausruf galt dem offenen Wagen. Der scherte plötzlich nach rechts aus, fuhr über den Bürgersteig und hätte um ein Haar eine Horde spielender Kinder in Engel verwandelt.

Gleich darauf krachte es. Der Wagen hatte eine Hauswand gerammt und dabei viel von seiner Schönheit verloren.

Mac und Berger rannten los.

Über dem Steuer des Unglückswagens lag eine Gestalt zusammengekrümmt. Der Mann blutete aus der linken Seite und die Karosserie wies Einschussspuren auf.

Dolan rüttelte den Verunglückten an der Schulter.

Der richtete sich halb auf, und stöhnte grässlich.

„FBI?“, fragte er mit verzerrter Stimme.

„Ja!“

„Orlando!“ hauchte der Sterbende. „North …“

Der geschundene Körper zuckte und fiel dann in sich zusammen. Shatterson war tot.


*

Im Nu fand sich eine unübersehbare Menschenmenge ein.

„Springen Sie zum Telefon und fordern Sie Polizei an!“, befahl Dolan kalt.

Berger eilte davon.

Dolan kümmerte sich um nichts und niemanden.

Hier geht schon alles schief, dachte er bitter.

Fünf Minuten später kamen im Laufschritt einige Polizisten an. Mac zeigte ihnen seinen Ausweis und befahl, die Unfallstelle bis zum Eintreffen der Mordkommission abzusperren. Dann ging er schleppenden Schritts zum FBI zurück.

„Alles klar?“, fragte Berger. „Im Gedröhn des Flugmotors gingen die Schüsse unter. Irgend jemand hat aus einem der vorbeifahrenden Lkw heraus Shatterson mit der MP getötet. Ich glaube, wir können uns die Mühe sparen, in dieser Hinsicht zu fahnden.“

„Das glaube ich auch“, war Dolans Erwiderung. „Wir wissen ja nicht mal, welcher von verschiedenen Lkw das war. Die Bande hat verdammt Glück, dass gerade das Flugzeug gestartet war.“

„Oder sie hat den Start bestellt.“

Dolan schüttelte den Kopf. „Auf keinen Fall. Es war ‘ne Viermotorige. Die kann man nicht so ohne Weiteres mieten!“

Der Agent ging zum Telefon und rief Powell an.

„Nun, sind Sie weitergekommen?“, fragte der Captain begierig.

Mac lachte ärgerlich auf. „Nee, aber Sie müssen sich ‘nen neuen Vertrauensmann besorgen, Captain. Man hat Shatterson wie einen Hasen abgeknallt, ehe er was husten konnte!“

„Großer Gott. Well, ich komme gleich zu Ihnen!“

Zwanzig Minuten später traf Powell ein und wurde von Mac empfangen.

Mac schilderte den Tod des Vertrauensmannes in kurzen Worten.

„Hat Shatterson bei Ihnen irgend etwas gesagt, was uns helfen könnte?“, fragte Mac.

Powell schüttelte den Kopf. „Nein. Er ist zu mir gekommen und hat gesagt, er könne was über Orlando sagen. Er wollte aber vierhundert Dollar für den Hinweis. Den zu gewähren überschritt meine Kompetenzen. Unter diesen Umständen blieb mir gar nichts anderes übrig, als den Mann zu Ihnen in Marsch zu setzen. Verdammte Zucht, an rein fiskalischen Erwägungen ist jetzt ein dicker Hund geplatzt. Ich könnte mich ohrfeigen!“

„Nicht mehr zu ändern.“

„Konnte Shatterson gar nichts mehr sagen?“

„Orlando, hat er geflüstert. Danach North … Dann war es zu Ende mit ihm.“

„Warten Sie, warten Sie“, murmelte Powell eifrig. „Shatterson hat in North Woburn gewohnt. North hieß also wohl North Woburn. Vielleicht wohnt dieser geheimnisvolle Orlando auch dort.“

„Also auf nach Woburn!“, murmelte Berger schwach.


*

Gleich darauf klingelte das Telefon.

Dolan hob ab.

„Hier Sergeant Beary“, sagte eine bekannte Stimme. „Officer, uns ist eine Panne passiert. Gegen zehn Uhr verließ der Erste Offizier der Hades das Schiff. Er wurde befehlsgemäß durchgelassen und von zweien unserer Leute beschattet. Die melden soeben, sie seien von dem Mann düpiert worden und hätten ihn bei Winchester aus den Augen verloren. Die Taxe war plötzlich leer. Der Fahrer hat auch nicht gemerkt, wann und wo der Mann heimlich den Wagen verlassen hat!“

Dolan fluchte entsetzlich und legte auf. Die anderen sahen ihn erwartungsvoll an.

Mac informierte sie. „Fahren Sie allein nach North Woburn!“, bat er Berger. „Ich gehe in den Hafen, Irgendwann muss der Mann ja wiederkommen. Zu welchem Zweck er sich heimlich abgesetzt hat, dürfte uns allen klar sein!“

„Vor Abend kommt er nicht zurück“, gab Berger zu bedenken. „Nur bei Nacht hat der Offizier eine Chance, wieder an Bord zu kommen.“

„Vielleicht!“, widersprach Mac. „Vermutlich soll er Pavan, Susi und die Pläne abholen. Vielleicht sind die drei so verzweifelt, den Durchbruch am offenen Tag zu wagen.“

„Auf keinen Fall!“, mischte sich Powell ein. „Auch an Bord des Schleppers wären die beiden nicht sicher. Wir könnten sie verhaften, so lange die Hades nicht aus der Dreimeilenzone heraus ist.“

„Ich gehe trotzdem auf Wache. Zu viel hängt jetzt davon ab, ob wir Pavan schnappen oder nicht!“

„Well, dann komme ich mit Ihnen!“, fiel Powell ein. „Wir teilen uns die Wache. Berger soll nach North Woburn fahren!“



XX

Die beiden Kriminalisten fuhren sofort auf ihren Beobachtungsposten. Dicht bei der Hades lag ein Rüstschuppen. Den hatte die Polizei heimlich für ihre Zwecke requiriert.

Mac und Powell zogen dort ein. Immer einer der Männer wachte, der andere ruhte in einem alten Klubsessel. Durch eine Luke hatten die beiden das polnische Fahrzeug zum Greifen nahe. Die Straße war durch ein Fenster zu übersehen.

Der Tag verging mit Warten und Hoffen.

Gegen siebzehn Uhr kam Berger durch den Hintereingang in den Schuppen. An seinen hoffnungslosen Augen erkannte Mac, dass er in North Woburn nichts herausgefunden hatte.

Berger zuckte die Achseln. „Ich habe alles versucht, Leute, aber da war nichts zu wollen. Shatterson hat in North Woburn ein sehr zurückgezogenes Leben geführt. Er war auf niemandem angewiesen. Von einem Kriegsleiden her bezog er eine Rente. Durch die Arbeit für uns hatte er hin und wieder eine Zubuße. Er verkehrte mit niemandem …“

„Haben Sie aus der schwer geprüften Ehefrau nichts herausbringen können?“, fragte Mac müde.

Berger schlug auf den Tisch. „Ehefrau ist nicht, Kinder sind nicht. Ich war bei der Polizei. Auch dort ist kein Orlando bekannt. So wenig wie ein guter Bekannter Shattertons. Natürlich kennt dort jeder jeden. Der Ort hat ja nur etwa dreihundert Einwohner.“

„O.k.“, murmelte Mac. „Dann wird eben jeder der dreihundert Einwohner unter die Lupe genommen. Soweit es sich nicht um Kinder und Halbwüchsige handelt. Orlando muss ein erwachsener Mann sein. Der Personenkreis ist eingeengt. Los, Powell, brechen Sie hier sämtliche Zelte ab. Starten Sie das Unternehmen Woburn. Von der hiesigen FBI-Außenstelle soll ein Mann mitfahren. Hat North Woburn einen eigenen Sheriff?“

„Natürlich nicht. North Woburn gehört zu Woburn. Woburn ist eine Stadt von vielleicht dreißigtausend Seelen. Es liegt etwa zwei Meilen südlich. Ich kenne den Sheriff flüchtig. Well, es ist vielleicht wirklich das Beste, wenn wir hinfahren. Einen Erfolg kann ich natürlich nicht garantieren!“


*

Gegen einundzwanzig Uhr litt es Mac Dolan nicht mehr in dem Schuppen. Er ging in die Nacht hinaus und marschierte wie ein wütender Hühnerhund in respektvoller Entfernung vor dem polnischen Hochseeschlepper auf und ab.

Er traf einen Mann, der wie eine Bulldogge aussah und einen steifen Hut trug.

Der tippte Mac leicht an. „Verzeihung, Sir, ich höre etwas. Eine Barkasse nähert sich der Hades!“

Mac sah auf. „Zum Donnerwetter, wenn ein Schiff an Land vertäut ist, dann fährt man doch nicht vom Wasser her an das Dings ran!“

Er klatschte sich wütend vor die Stirn. „Um Himmels willen, hier ist die schwache Stelle!“

Mac lief zur Kaimauer vor. In der Ferne brummte der Motor eines starken Bootes. Lichter waren nicht zu sehen.

In diesem Augenblick schob sich mit schüchternem Tuckern ein Polizeiboot in den Vordergrund.

Dolan riss seine Taschenlampe heraus und gab gegen das Boot Morsezeichen ab.

Es dauerte eine Ewigkeit, bis der Bootsführer begriff. Jetzt endlich wendete das Boot und fuhr mit rauschender Bugwelle an den Kai.

Der FBI-Agent sprang an Deck und stürmte den Führerstand.

„Ich bin Dolan“, sagte er. „Bitte, Sergeant, richten Sie sich nach meinen Weisungen. Jemand versucht mit einem Motorboot an die Hades ranzufahren!“

Dolan stellte sich neben dem Steuermann auf.

„Motoren stoppen!“, befahl er.

Schlagartig war Ruhe.

In der Ferne hörte man das Heulen des starken Motors.

„Scheinwerfer an!“, befahl Dolan weiter. „Los, das Boot suchen. Und dann fahren wir hin und fragen, weshalb es ohne Licht fährt.“

Der drehbare Scheinwerfer, der am Kajütendach montiert war, begann zu spielen.

Sekunden später fasste der Lichtkegel eine dunkle Masse, die sich westlich der Hades auf Parallelkurs bewegte.

„Große Fahrt voraus!“, brüllte der Sergeant.

Im Nu sprangen die beiden Motoren des Polizeibootes an.

Das andere Boot drehte ohne Licht zu machen ab und lief mit großer Fahrt davon.


*

Dolan ließ durch den Funker eine Rundverbindung zu allen Polizeibooten, zur Wasserpolizei und zur Stadtpolizei herstellen. Dann ging er selbst ans Mikrophon.

„Hier spricht Dolan. An alle, an alle! Soeben versuchte unbeleuchtet fahrendes Motorboot an die Hades ranzukommen. Nehme Verfolgung auf Polizeiboot 14 auf. Boot dreht ohne Licht in hoher Fahrt ab. Allgemeine Richtung Wintrop. Uhrenvergleich: einundzwanzig Uhr zwölf. Bitte um Unterstützung. Ende.“

Mac ging wieder an Deck. Der Himmel hatte sich bezogen, tiefhängende Wolken zogen über dem Hafen auf, die See ging rau, und das winzige Polizeiboot musste arbeiten und stampfen.

„Den holen wir im Leben nicht ein!“, murrte der Sergeant missmutig. „Der hat ein Tempo am Leibe wie ein Düsenjäger. Verflucht und dicke Tinte!“

In diesem Augenblick kam ein zweites Polizeiboot von Steuerbord auf den Flüchtling zu. Der musste nach links ausweichen, um eine Kollision zu vermeiden, und gab Macs Boot auf diese Weise die Möglichkeit, auf diagonalem Kurs eine Sehne zu fahren und den Abstand zu mäßigen.

„Und wenn die Kolben zum Auspuff rauskommen – ich muss ihn haben!“, sagte Mac dumpf.

Der Sergeant vergrößerte die Geschwindigkeit.

„Auf Ihre Verantwortung!“, sagte er. „Länger als fünf Minuten hält der Motor das nicht aus!“

Im gleichen Augenblick zuckte es an Bord des Flüchtenden auf. Gleich darauf schepperte der Tod in Macs Ohren. Er warf sich zu Boden.

„Maschinengewehr klar!“, brüllte der Sergeant.

Mac sprang nach vorne. Die Gegenseite hatte nur MP. Sie war also durch ein MG leicht niederzukämpfen.

Am Bug wurde gerade das Bord-MG in Stellung gebracht.

Mac riss dem bedienenden Beamten den Kolben aus der Hand und visierte den Flüchtling an. Drüben rauschte eine neue MP-Salve auf. Die war verdammt gut gezielt. Die Beamten rund um Mac warfen sich zu Boden, und die Knallerbsen selbst rauschten gegen die eiserne Brüstung. Mac hätte beinahe einen neuen Kopf gebraucht. Er zog das Kinn ein und krümmte den Zeigefinger durch. Die Kugelspritze spuckte Tod und Verderben aus. Die Leuchtspurgarbe rauschte wie ein feuriger Finger zu dem verfolgten Boot hinüber. Irgend jemand schrie gellend auf.

Aus. Die erste Trommel war verschossen. Mit bebenden Händen führte ein Polizist eine zweite ein.

Mac zielte erneut. Der Widerstand des Feindes war gebrochen.

Ratatat, ratat, ratatatatatatat.

Die Salve saß haargenau auf und im Boot. Es verlor an Geschwindigkeit und trieb hilflos dem Ufer zu.

„Gas!“, brüllte Mac. „Gas!“

Das Polizeiboot machte einen Satz nach vorne und suchte aufzuholen.

Inzwischen war das verfolgte Boot an Land angetrieben worden. Im Kegel des Scheinwerfers konnte Mac sehen, wie drei Gestalten heraussprangen und wie die Wiesel landeinwärts verschwanden.

Das Polizeiboot schien die Kaimauer rammen zu wollen. Im letzten Augenblick wurde der Rückwärtsgang eingeschaltet. Das Boot bremste und stieß leicht gegen die Quadern.

Mac sprang an Land und war mit einem gewaltigen Satz in der Dunkelheit verschwunden.


*


Der FBI-Agent blieb für einen Augenblick stehen, um sich zu orientieren. Links und rechts standen Fischerhäuser. Dazwischen gab es eine kleine Gasse. Mac hörte das Getrappel eiliger Schritte. Er setzte sich in Trab. Seine Augen hatten sich nun an die Dunkelheit gewöhnt. Er erkannte weit vor sich drei flüchtende Figuren.

Er wusste auch, wer die waren. Vermutlich Pavan, Susi Astor und der verschwundene Erste Offizier der Hades.

Mac raste los. Er hielt sich im Schlagschatten der Häuser. Er pirschte sich wie ein Jäger an sein scheues Wild heran.

Plötzlich hatte er die drei aus den Augen verloren.

Mac erstarrte. Zur Rechten sah er einen Parkplatz. Gleich darauf brummte der kalt gestartete Motor eines der Wagen zornig. Eine Limousine schoss aus der Einfahrt heraus und raste in nordwestlicher Richtung davon.

Der FBI-Agent wusste Bescheid. Er machte einen Sprung nach rechts und hätte beinahe laut gejubelt. Dicht vor sich erkannte er einen deutschen Porsche-Sportwagen. Der war nicht einmal abgeschlossen.

Mac riss die Tür auf und klemmte sich hinters Steuer. Das Zündschloss zum Funktionieren zu bringen war keine Schwierigkeit. Gleich darauf jubelte der Motor auf, Mac schaltete in den ersten Gang und nahm die Verfolgung auf.

Damit hatten die Verbrecher offensichtlich nicht gerechnet. Sie fuhren ganz pomadig auf der Straße und hatten voll aufgeblendet. Mac schlich sich von hinten wie ein Fuchs an. Aber die Gegenseite war plötzlich auch auf der Hut und drückte auf die Tube. Das Tempo der Verfolgung vergrößerte sich. Die beiden Wagen jagten schlingernd und stampfend über die Piste.

Nach Everett, las Mac auf einem Wegweiser.

Er vergrößerte das Tempo noch mehr. Die Straße zog sich in komischen Serpentinen hin. Mac musste die Kurven an den Innenseiten anschneiden und dann mit quietschenden Reifen durchziehen.

Auch der Fahrer des anderen Wagens war kein heuriger Hase. Obwohl sein Wagen viel ungünstiger lag als der Porsche, konnte Mac nur wenig aufholen.

Everett kam in Sicht. Der Wagen raste ohne Verminderung der Geschwindigkeit durch. Mac raste im gleichen Tempo hinterher. Hunde, Katzen und würdige Bürger brachten sich vor der wilden Jagd in Sicherheit.

Wieder freie Landstraße. Der Highway 28 kam in Sicht.

Drei Minuten später riss Mac seinen Porsche nach rechts in die Mündungsstraße hinein.

Jetzt gehörst du mir, du Hund, dachte er gehässig. Auf der Autostraße kommst du gegen meinen Porsche nicht mehr auf!

Schon in der Kurve sammelte er Pluspunkte. Der Vordermann musste jetzt auch noch auf der Einmündung bremsen. Nie war die Gelegenheit günstiger gewesen.

Mac steuerte den Car mit der Rechten und nahm die Pistole in die Linke.

Im gleichen Moment öffnete sich eine der linken Türen des verfolgten Wagens und ein Bündel flog heraus, genau Macs Porsche vor den Bug.

Dass Mac den Porsche zur Seite riss und sich bemühte, das Bündel nicht zusammenzufahren, war eine reine Spontanreaktion.

Leider hatte er in der Dunkelheit übersehen, dass sich neben dem Zubringer ein relativ tiefer Graben hinzog. Der Porsche geriet mit dem linken Vorderrad in den Graben. Mac spürte, wie sich eine eisige Faust um sein Herz krampfte. Der Car neigte sich nach links, stürzte um und schlitterte auf der Seite noch, ein paar Meter weiter.

Mac stellte die Zündung ab und öffnete die rechte Tür. Er kletterte ins Freie. Er sprang zu dem auf dem Weg liegenden Bündel.

Das Bündel entpuppte sich als die Leiche Susi Astors.

Mac drehte sich wütend zu seinem Porsche um. Die Verfolgung hatte keinen Sinn mehr.


*


Am Sonntag morgen saß Dolan bleich und übernächtigt bei Captain Powell. Berger saß neben ihm und rauchte eine Zigarette. An die letzte Nacht dachte Mac nur mit Schaudern zurück. Zusammen mit seinen Polizeifreunden und deren Mannschaften hatte er alles unternommen, um doch noch auf die Spur der Flüchtigen zu kommen, aber es war alles vergeblich gewesen.

Der Besitzer des von Mac leck geschossenen Bootes war durch die Wasserpolizei eruiert worden. Das Boot gehörte einem reichen Geschäftsmann, der über jeden Verdacht erhaben war. Vermutlich hatten Pavan und seine Komplicen das Fahrzeug gestohlen.

Am frühen Morgen hatte Mac zu allem Unglück auch noch eine Zigarre seiner Hauptstelle in Washington einstecken dürfen. Er war fix und fertig und fühlte sich am Boden zerstört. Dazu kam, dass der Besitzer des leicht ramponierten Porsche ebenfalls seine Ansprüche angemeldet hatte und nicht einsehen wollte, dass Mac in seiner besonderen Situation nicht anders hatte handeln können.

Wieder einmal schrillte das Telefon. Powell nahm lustlos den Hörer ab und meldete sich. Er hörte aufmerksam zu.

Am Ende sagte er fasziniert: „O.k.! Dass ihr mir den Mann ja nicht aus den Augen verliert. Wenn euch mit ihm die gleiche Panne passiert wie mit dem Ersten Offizier, dann reiß ich euch serienweise den … auf!“

„Solche Worte ist man vom Nachfahren eines leibhaftigen Herzogs nicht gewöhnt!“, erlaubte sich Mac zu bemerken.

Powell warf seine Zigarette an die Wand. „Weil‘s wahr ist! Stellen Sie sich vor: Der Kapitän der Hades hat das Schiff verlassen und ist an Land gegangen.“

„Zweiter Akt!“, kommentierte Powell. „Jetzt versucht der Kapitän persönlich, die Pläne an Land zu ziehen. Und er ist ein sehr geschickter Mann. Oder glauben Sie vielleicht, dass wir in Miclewiecz einen normalen Schlepperkapitän vor uns haben?“

„Natürlich nicht!“, erwiderte Dolan überzeugt. „Der Bursche ist ‘n ganz toller Geheimdienst-Scheich. Einer von der Weltsuperspitzensonderklasse. Ich würde was dafür geben, wenn ich wüsste, wo der Bursche im Moment ist. Der ist imstande und hängt Ihre Polypen nach Strich und Faden ab, Powell. Was wollen wir wetten?“

Jemand klopfte an die Tür und öffnete sie.

Kapitän Miclewiecz trat ein.

In diesem Moment hätte man eine Stecknadel fallen hören können.

Der polnische Kapitän musterte die Anwesenden kalt und verbeugte sich dann vor Powell. „Captain Powell, wie ich vermute? – Well, ich könnte Ihnen jetzt eine große Erklärung über mich abgeben, aber ich sehe, dass Sie einen Beamten der Hafenmeisterei hier sitzen haben …“ Der Kapitän deutete auf Mac und ein höhnisches Zucken ging über sein Gesicht. „… und da erübrigt sich jede Zeremonie. Ich heiße Miclewiecz und bin Kapitän des hier vor Anker liegenden Hochseeschleppers Hades.“

„Sehr erfreut, Kapitän, Sie kennenzulernen!“, leierte Powell ausdruckslos. „Womit kann ich Ihnen dienen?“

„Meine Pflicht“, sagte der aalglatte Slawe, „meine Pflicht gebietet mir, Sie in einer Angelegenheit um Hilfe zu bitten, in der Sie mir vermutlich nicht werden helfen können.“

Powell rückte einen Sessel zurecht. „Worum handelt es sich, bitte? Darf ich Ihnen einen Bourbon anbieten?“

Während der Hausherr Gläser und Flaschen herrichtete, berichtete Miclewiecz fast genießerisch weiter: „Gestern hat mein Erster Offizier gegen elf Uhr die Hades verlassen. Er ist bis jetzt nicht zurückgekommen. Ich fürchte, dem Mann ist was zugestoßen. Würden Sie mir dabei helfen, ihn zu suchen?“

Powell nickte. „Selbstverständlich, Kapitän. Sollte dem Herrn tatsächlich etwas zugestoßen sein, dann können Sie auf uns rechnen. Sollte er dagegen …“

Der Captain stockte taktvollerweise, aber der Kapitän vollendete selbst den Satz: „Sollte er dagegen die Freiheit gewählt haben, wie man das hier nennt, dann bedauern Sie, nichts für mich tun zu können, nachdem Ihr Land politisches Asyl gewährt. War es nicht so?“

„Selbstverständlich!“, nickte Powell. „Haben Sie Grund zu der Annahme, dass Ihr Erster im Westen bleiben möchte?“

„An sich nicht!“, erwiderte der Kapitän geschmeidig. „Aber wer könnte schon in des Menschen Herz sehen? Darf ich Ihnen das Signalement des Mannes geben? Er heißt Jan Szogulca und ist am 5. November 1923 in Pruszköw geboren …“

Als der Kapitän endlich wieder das Haus verlassen hatte, sprang Dolan auf.

„Sie haben eben ‘ne Beerdigung Erster Klasse miterlebt, Powell! Nach der Remispartie vergangener Nacht musste der Kapitän offiziell von seinem Ersten abrücken. Das Märchen, das er uns ans Bruchband geklebt hat, besagt, dass weder der polnische Staat noch Kapitän Miclewiecz für die Zicken dieses Genossen Szogulca verantwortlich gemacht werden kann. Denken Sie an meine Worte!“

Zwanzig Minuten später rief ein Sergeant der Wache an und berichtete, der Kapitän des polnischen Hochseeschleppers sei wieder an Bord gegangen und habe offenbar Befehl erteilt, das Schiff zum Auslaufen bereitzuhalten.



XXI

Mac Dolan überlegte eine ganze Weile. Endlich hatte er einen Entschluss gefasst. „Hören Sie, Berger, trauen Sie sich Folgendes zu? Ich rufe jetzt mal den Hafen an und versuche zu erreichen, dass die Hades am Auslaufen gehindert wird. Dann müssen wir über Washington versuchen, eine Überwachung des Schiffes durch Flugzeuge und Torpedoboote zu erreichen. Sie sollen diese Aktion leiten. Von Bord eines Torpedobootes aus.“

Berger sprang auf. „Das ist endlich eine Aufgabe nach meinem Herzen. Aber Sie hätten den Gedanken, zum Donnerwetter, eher fassen können. Jetzt geht alles holterdiepolter …“

„Das macht doch nix!“

Zehn Minuten später teilte der untröstliche Hafenkapitän dem wutschäumenden Kapitän Miclewiecz mit, dass sich sein Auslaufen auf unbestimmte Zeit verzögere, nachdem man leider, leider seine Papiere verlegt habe. Er, der Hafenkapitän, sei über diese fluchwürdige Schlamperei geradezu entsetzt und habe den schuldigen Angestellten bereits fristlos gefeuert.

Kapitän Miclewiecz wusste natürlich genau, was es geschlagen hatte, und beruhigte sich wieder. Er bat die Hafenbehörden, die Papiere freundlichst zu suchen. Im Übrigen befinde er sich ja auf einer reinen Übungsfahrt, so dass es auf vierundzwanzig Stunden hin und her gar nicht ankomme.

„Wie beurteilen Sie die Lage?“, fragte Powell den FBI-Agenten, nachdem sich der erste Rummel wieder gelegt hatte.

Mac Dolan inhalierte einen Dominion Ten und leckte sich, die Lippen.

„Es gibt, wie so oft im Leben, zwei Möglichkeiten“, sagte er grüblerisch. „Die eine ist, dass Miclewiecz eingesehen hat, dass er keine Chance mehr hat, Pavan mit seiner kostbaren Fracht an Bord zu nehmen. Das würde bedeuten, dass er nach Europa hinüberfährt und es seiner Regierung überlässt, eine neue Masche zu häkeln. Verzichten wird man auf die kostbaren Raketenpläne nicht.

Die andere Möglichkeit wäre die: Der Kapitän versucht jede Verfolgung abzuschütteln und macht auf dem Funkwege einen neuen Treff aus. Vielleicht gelingt es Pavan, sich weiter zu verbergen und später außer Landes zu gehen. Das kann dann ein Haschmich-Spiel von vielen Monaten geben. Tritt dieser Fall ein, dann können wir uns über unsere Nerven Moos wachsen lassen. Kann Ihnen sagen, Powell, mir geht die Katze den Buckel rauf und runter. Streng genommen habe ich die Sache verbockt. Wenn die Pläne in unrechte Hände kommen, dann bin ich dran. Dann kann ich mir ‘nen neuen Job suchen. Als Erdarbeiter oder Steinklopfer. Auch die Demokratie kann rachsüchtig sein. Und meine Vorgesetzten werden mich nicht decken.“

Powell trat zu Mac und schüttelte ihm die Hand.

„Sie sehen die Situation vollkommen richtig“, bemerkte er in seiner verhaltenen Art. „Eines können Sie aber sicher sein: Sie besitzen meine uneingeschränkte Hochachtung, Mac. Sie haben als Mensch von Anstand und Kameradschaft gehandelt, als Sie den vermeintlichen Randers in seiner schlimmsten Not nicht verließen. Und Sie wären nicht der erste Amerikaner, der an seinem eigenen Anstand erstickte. Mir tut Ihre Frau leid. Sie sollten sie übrigens mal anläuten. Kann mir vorstellen, dass sie zu Hause verzappelt. Aus dem Presserummel wegen Pavan muss sie ja längst gemerkt haben, dass Sie bis zum Hals in der Bredouille sitzen!“


*


„Ihre menschliche Art tut mir wohl, Powell!“, sagte Mac kurz.

Dem manierierten Snob hätt‘ ich gar nicht so viel Herz zugetraut, dachte er insgeheim. Doch ein feiner Pinkel!

Laut fuhr er fort. „Ich werde jetzt gleich June mal anrufen. Darf ich das Gespräch hier anmelden?“

Kurz vor Mittag hatte Mac seine Frau an der Strippe.

„Gott sei Dank!“, brach es aus June heraus. „Ich habe deine Dienststelle schon x-mal angerufen. Aber man gibt mir keine Auskunft. Deine Kollegen sind alle so reserviert. Und was ist eigentlich mit Randers? Alle Zeitungen sind voll von seinen Bildern. Aber er heißt jetzt plötzlich Pavan. Und Susi …“

„Stopp“, warf Mac ein. „Du weißt, ich habe Randers geholfen. Aber es war gar nicht Randers, sondern nur Randers‘ Mörder. Ich bin in einer verteufelten Lage. Wenn ich den Apparat nicht wieder hinbiege, werde ich vermutlich fristlos entlassen. Ich weiß gar nicht …“

„Das sollte deine geringste Sorge sein!“, versicherte June eilig. „Mit deiner überragenden Intelligenz und Tüchtigkeit bekommst du jederzeit wieder eine Stellung. Und ich, ich bin auch in der Lage, eine Zweimann-Familie zu ernähren. Wenn das Schlimmste eintritt, dann machst du erst mal zwei Monate Urlaub, und dein Frauchen verdient die Pinke!“

Mac sagte noch allerlei, was nicht zur Sache gehört und deswegen taktvollerweise unterschlagen werden kann.

Als er auflegte, trat Powell wieder ins Zimmer.

„Eben hat das FBI angerufen“, sagte er. „Am andern Apparat. Ich soll Ihnen ausrichten, dass drei Torpedoboote in der Massachusetts Bay bereitliegen. Außerdem ist ein Flugzeugträger unterwegs. Der soll sich ebenfalls an der Beschattung der Hades beteiligen. Eines kann ich Ihnen sagen, mein lieber Dolan: wenn Ihnen die Kosten dieser Aktion vom Gehalt abgezogen werden, dann müssen Sie noch in zweihundert Jahren für das halbe Salär arbeiten!“


*

„Ihr Humor wäre eines englischen Witzblatts würdig!“, versetzte Dolan bitter. „Verflucht, wer stört uns denn jetzt schon wieder?“

Jemand stürmte das Büro. Es war ein Mann wie ein Gipsabdruck von einem Mann. Dieser Gedanke jedenfalls schoss Mac durch den Kopf, als er ihn sah. Der Bursche war bestenfalls dreißig Jahre und hatte ein typisches Clownsgesicht. Er trug einen konservativen Anzug und dazu eine Krawatte, die wie eine Landkarte Alaskas bei Schneeschmelze wirkte.

„Hallo, Powell“, murmelte der Mann vergnügt. „Gott zum Gruße, mein lieber rostiger Raubritter. Wie geht‘s, wie steht‘s, was machen die Kinder? Schmeißen Sie Ihren Besucher ruhig mal raus. Papa hat mit Ihnen ein Tönchen zu flüstern!“

Dolan musste unwillkürlich lachen. Powell war gekränkt.

„Sie sollen sich nicht immer als Hanswurst geben, Schwartz!“, versetzte er böse. „Im Übrigen kann Dolan bleiben. Er ist FBI …“

Schwartz machte eine feierliche Verbeugung. „Meine Hochachtung, Mister Officer. Ich bin Mister Schwartz. Ich spiele bei der Polizei hin und wieder ein Achtelchen mit. Ich bin das, was unfeine Menschen einen verdammten Spitzel nennen. Die Verbrecher hassen mich, und die Polizei verachtet mich. Trotzdem kann sie nicht ohne mich sein. Sagen Sie, sind Sie das Karnickel, das gestern Abend bei Everett einen Porsche zu Schutt und Asche fuhr?“

„Ganz so war‘s nicht“, erwiderte Mac. „Immerhin bin ich zweiter Sieger geworden.“

„Aber immerhin doch noch Sieger!“, lächelte Schwartz. „Den Schwanz vom Pferd machte die junge Dame, die man so unsanft aufs Betonband wichste. War sie hin?“

„Und wie!“, fluchte Mac. „Man hatte ihr übrigens vorher das hübsche Hälschen ein wenig umgedreht. Verbrechen lohnt eben nicht. Aber warum sprechen Sie mich auf die Sache an?“

„Ich war ganz in der Nähe!“, lächelte Schwartz. „Wetten, dass Sie den Wagen, den Sie verfolgten, nicht identifizieren konnten?“

„Wette gewonnen!“, murmelte Mac. „Sie vielleicht?“

„Aber sicher. Wissen Sie, ich wäre gleich in Erscheinung getreten. Aber ich hatte meine Freundin mit im Auto. Musste also wie das Veilchen im Moose blühen. Alldieweil die junge Dame auch noch einen Ehemann hat. Sie verstehen …“

„Pfui!“, wetterte Powell pikiert. „Behalten Sie Ihre schmutzigen Weibergeschichten besser für sich!“

Schwartz war nicht zu beleidigen. „Auch schmutzige Geschichten haben im Rat der Vorsehung ihr Gutes!“, dozierte er. „Wär‘ ich nicht im Wäldchen mit dem Wagen gestanden und hätte geschäkert, dann hätte ich nicht die Nummer des Wagens gelesen, in dem man die reizende junge Dame für die Ewigkeit präparierte.“

„Wie – was?“, flüsterte Mac erschüttert. „Sie haben die Nummer mitbekommen?“

„Und wie!“, lächelte der Vertrauensmann. „40 3149-56. Das ist alles. Womit ich die Ehre habe, mit vorzüglicher Hochachtung zu sein, Ihr stets ergebener Simon Schwartz!“

Das Männchen verabschiedete sich mit einer übertriebenen Verbeugung.


*


„Mit komischen Zweibeinern muss man sich in unserm Beruf abgeben!“, murmelte der Captain.

Er ging zum Telefon und stellte verschiedene Fragen.

Dann wetterte er den Hörer in die Gabel und sperrte Mund und Nase auf.

„Wissen Sie, wem der Wagen gehört?“, fragte er Mac.

„Natürlich nicht!“, erwiderte Dolan grämlich. „Sonst hätt‘ ich dem Mann längst in der Folterkammer die Zähne mit der Drahtbürste geputzt!“

„Das erraten Sie nicht!“, flüsterte Powell. „Der Wagen gehört dem Sheriff von Woburn!“

„Das haut den stärksten Eskimo vom Schlitten!“, rief Mac und sprang entgeistert auf. „Los, Powell, in die Kiste! Rauschen sofort nach Woburn rauf und kaufen uns den Mann. Bin gespannt, was er uns für‘n Märchen hustet!“

Fünf Minuten später waren die beiden Beamten in einem Radio-Wagen nach Woburn unterwegs.

Neben dem Fahrer fuhr noch ein Funker mit.

„Achtung, Achtung, ich rufe Wagen 15“, sang eine Stimme überdeutlich im Lautsprecher. „Wagen 15 bitte melden.“

„Hier Wagen fünfzehn. Ich höre!“, quittierte der Funker.

„Hier FBI-AußenstelIe. Die Hades ist eben dabei, abzulegen und den Hafen zu verlassen. Beobachtungsfahrzeuge sind verständigt!“

Mac nahm das Kehlkopfmikrophon um den Hals.

„Hier spricht Dolan persönlich! Funkverkehr mit den Fahrzeugen der US Navy auf das Notwendige beschränken. Ohne Not nicht unverschlüsselt funken. Mitgeteilte Beobachtungen sofort an Wagen 15 melden. Wenn verstanden, kommen!“

Um 16 Uhr 40 hielt der Car vor der Polizeistation Woburn.

Die beiden Beamten stiegen aus und gingen in das Haus.

Captain Powell kannte sich aus. Er führte Mac in den ersten Stock und klopfte bei einer Tür an, die durch ein Schild als Vorzimmer von Sheriff Molander gekennzeichnet war.


*


Als die beiden eintraten, fuhr eine entzückende junge Dame vom Schoss eines massiven Fünfzigers auf.

„Guten Tag!“, murmelte Mac. „Ich vermute, die junge Dame ist schwerhörig, und Sie müssen ihr das Diktat ins Ohr flüstern?“

Der Massive erhob sich. „Hallo, Captain Powell – Sie? Wie kommt dieser Glanz in meine Hütte?“

„Kann ich Sie mal unter vier Augen sprechen?“, fragte der Captain.

„Aber sicher. Kommen Sie mit. Wer ist der Herr hier?“

„Mister Dolan vom FBI!“

„Ehrt mich, ehrt mich. Kommen Sie mit. Ein Schluck wird noch in der Flasche sein. Zur Anfeuchtung!“

Die beiden folgten Sheriff Molander in sein Privatbüro.

Powell hielt sich gar nicht lange mit Vorreden auf.

„Gestern Abend“, sagte er, „haben Verbrecher eine weibliche Leiche in der Nähe von Everett aus einem Wagen auf den Highway geschmissen.“

„Ich habe davon gehört!“, nickte der Sheriff. „Wie bedauerlich für die Ärmste!“

Sheriff Molander war ein schöner Mann, nahm man alles in allem. Er war vielleicht zehn Kilo zu schwer, aber das machte in seinem Alter nicht viel aus.

„Die Nummer des Wagens wurde erkannt“, sprach Powell weiter. „40 3149-56.“

Molander lief rot an. „Jetzt schlägt‘s aber dreizehn! Auf diese Weise ist also mein gestohlener Privatwagen wieder aufgetaucht!“


*


„Wir haben natürlich nicht angenommen, dass Sie der Mörder sind!“, schaltete sich Mac ein. „Immerhin hätte es ja sein können, dass ein Unbefugter den Wagen benutzt hat.“

„Das kann man wohl sagen. Und da hofften Sie, durch mich auf eine Spur zu kommen. Leider kann ich Ihnen nicht helfen. Alle meine Leute suchen den Wagen. Es ist eine Buick-Limousine. Schwarz. Ich habe heute vor einer Woche im Hotel Trocadero einen drauf gemacht. In allen Ehren natürlich. Als ich am frühen Morgen auf die Straße trat, da war mein Wagen weg. Hab‘ ich vielleicht geguckt, Freunde. Ich dachte an einen schlechten Scherz. Wie schlecht der Scherz war, merke ich erst jetzt. Tut mir leid, Gentlemen, aber ich kann Ihnen wirklich weiter nichts sagen. Und jetzt trinken wir einen, auf das ihr Besuch nicht ganz erfolglos ist!“

Molander holte eine Flasche Old Scotch aus der Hausbar und drei Gläser.

Die drei Beamten tankten sich ganz hübsch voll.

Dolan erhob sich. „Wieder ein Windei. Seien Sie uns nicht böse, Molander, wenn wir die unheimlich kleine Mücke machen. Unser Typ wird in Boston verlangt.“

Der Sheriff erhob sich ebenfalls. „Reisende Leute soll man nicht aufhalten!“

Dolan wandte sich ab. Zufällig wurde er auf ein Diplom aufmerksam, das an der Wand hing:

EHRENURKUNDE

Anlässlich der Regatta am 5. Juni 1954 hat Kapitän Molander den 1. Preis in der Jollen-Klasse gewonnen.

YACHTCLUB BOSTON

„Sie sind aktiver Segler, Sheriff?“, fragte Mac.

Molander nickte. „Ja! Ich war im ersten und zweiten Weltkrieg Marineoffizier und hab‘ es bis zum Kapitän der Reserve gebracht!“


*

Die beiden Kriminalisten verabschiedeten sich und gingen zum Wagen zurück.

„Fahren Sie außer Sichtweite der Polizeistation!“, bat Mac den Fahrer. „Halten Sie dann wieder an.“

„Was ist dieser Molander für ein Mann?“, fragte er den Captain.

Powell sah auf. „Ein ganz ordentlicher, denke ich. Er hat im zweiten Weltkrieg seit 1943 bei der Abwehr gedient und war nach Kriegsende bis 1949 in Berlin eingesetzt. Dann wurde er demobilisiert und trat seinen alten Posten in Woburn wieder an.“

„Hm! Bei der Abwehr. Da hat er natürlich auch Kontakt mit den östlichen Besatzungsstellen gehabt?“

„Aber natürlich. Zumindest so lange, bis der kalte Krieg die sachliche Zusammenarbeit und den gesellschaftlichen Konnex unterband.“

„So ist das also. Ist Molander verheiratet?“

„Nein. Er ist eingefleischter Junggeselle. Sagen Sie, Dolan, warum interessiert Sie das alles? Der Sheriff kann doch wirklich nichts dafür, dass sein Wagen missbraucht wurde.“

„Vermutlich nicht. Wissen Sie, wo er wohnt?“

„Nein. Aber der Fahrer kann ja mal irgendwo im Telefonbuch nachsehen.“

„Kann er. Aber bitte ganz unauffällig!“

Der Fahrer stieg aus und betrat einen Drugstore. Nach ein paar Minuten kam er zurück und meldete: „Sheriff Molander wohnt 23 Park Drive.“

„O.k.“, sagte Mac. Dann nahm er das Kehlkopfmikrophon um und rief die FBI-Außenstelle Boston.

„Hier Dolan“, sagte er deutlich. „Ich ziehe mich mit Polizei wagen 15 nach North Woburn zurück. Treff am nördlichen Rand des Ortes. Alle verfügbaren Leute einsetzen. Schnellste Ausführung.“

Powell war erstaunt. „Ich habe mich zwar nicht in Ihre Dispositionen zu mischen, Dolan. Trotzdem möchte ich wissen, was hier gespielt wird.“

„Das sollen Sie auch!“, nickte Mac grimmig. „Ich berichtete Ihnen doch, was Vera Race ausgesagt hat, nicht? Kenneth Pavan wollte sich an einen Kapitän Orlando ‘ranmachen …“

„Stimmt.“

„Nun, vielleicht hat Vera den Namen rein phonetisch ausgesprochen, das heißt, falsch verstanden. Kapitän Orlando klingt praktisch genau so wie Kapitän Molander. Is‘nt it?“



XXII

Der Polizeioffizier war wie vom Donner gerührt. „Großer Gott, das gäbe eine Lösung! Natürlich, Molander ist lange in Berlin gewesen. Wer weiß, welche Verbindungen er da angeknüpft hat. Und Sie meinen …“

„Ich meine gar nichts! Ich werde mir Gewissheit verschaffen!“

Eine halbe Stunde später trafen die FBI-Leute am ausgemachten Treff ein.

Mac machte sich mit ihrer Aufgabe bekannt.

„Ich sondiere selbst das Gelände. Ihr fahrt eure Wagen an der Nahrungsmittelfabrik in Deckung. Herbeiholung über Funk. Alles klar?“

Mac fuhr mit Powell zur Park Drive. Er ließ den Polizeiwagen gut getarnt stehen.

Powell begleitete den FBI-Mann. Fahrer und Funker blieben zurück.

Haus Nummer 23 war eine mächtige Parkvilla.

Mac deutete nach vorn. „Sehen Sie mal, Teuerster, was Molander für tolle Antennen hat!“

Die beiden Männer sahen einander ernst in die Augen.

Powell zog Mac hastig in eine Toreinfahrt. Eben brauste ein Wagen in wahnsinniger Geschwindigkeit heran und fuhr in den Park ein. Minuten später klappten Türen.

Mac trat auf die Straße.

„Von hinten!“, sagte er. „Wir dringen in den Park ein.“

Powell und Dolan umgingen den Park und sprangen rückwärts über die Mauer.

„Vorsicht!“, flüsterte Mac. „Alarmanlagen!“

Richtig, auf der Mauerkrone erkannte Powell einen verwitterten Kupferdraht. Die beiden Kriminalisten überwanden die Sicherung und drangen in den Park ein.

Mac schlich unter einer Baumgruppe bis zur Garage. Davor stand ein Polizeiwagen mit Fahrer.

„Ich muss einen Blick in die Garage werfen!“, sagte Mac.

Er trat aus der Deckung heraus und spähte durch die Ritzen des Tores.

Er konnte eine große Limousine erkennen. Sie trug die Kennzeichen 40 3149-56.

Im gleichen Augenblick brüllte Powell mit überkippender Stimme: „Nieder!“

Mac ließ sich fallen und rollte sich ab. Gleich darauf ratterten zwei Maschinenpistolen los und zersiebten das Tor. Pulverdampf vernebelte die Sicht und die Querschläger heulten.

Sekunden später kam Molander schießend in den Hof. Hinter ihm eilte eine bekannte Gestalt auf den Polizeiwagen zu.

Es war Kenneth Pavan. Er trug die ominöse Aktentasche in der Hand.


*

Mac und Powell zogen ihre Pistolen, wurden aber durch einen Feuerstoß Molanders niedergehalten. Sie mussten hinter der Garage Deckung nehmen.

Der Motor des Polizeiwagens heulte auf.

Mac sprang vor. Er sah gerade noch den Car rückwärts verschwinden. Der Fahrer lag auf den Boden. In einer Blutlache.

„Sehen Sie nach ihm!“, befahl Mac kalt. „Ich hole den anderen Wagen aus der Garage!“

Mac fand eine Brechstange. Die Verzweiflung verlieh ihm übermenschliche Kräfte. Holz splitterte. Mac schob die Torflügel auf, sprang in den Wagen und startete ihn. Im Herausfahren stieg Captain Powell zu.

„Nichts mehr zu machen!“, sagte er. „Der Polizist ist tot. Erschossen von diesem Schwein!“

Der FBI-Agent fuhr rückwärts bis zur Straße durch und wäre beinahe in eine erregte Menschenmenge hineingefahren.

Der Buick barg ein kompliziertes Funkgerät.

„Setzen Sie das Gerät auf Polizeiwelle in Betrieb!“, bat Mac.

Powell nahm das Mikrophon um und schaltete den Sender ein.

Mac beugte sich durchs Fenster. Ein Polizist sprang hinzu.

Mac zeigte ihm seine Marke. „Dolan vom FBI. Sheriff Molander ist ein Mörder. Wohin ist er gefahren?“

Der Polizist stierte Mac an. „Allgemeine Richtung Lexington!“, sagte er stockend.

Mac fuhr an. Powell wies ihn ein.

Der Sender war warm.

„Hier Captain Powell im Auftrag von Dolan“, sprach der Polizeioffizier. „Sheriff Molander flieht auf Straße Woburn-Lexington. Sofort Staatspolizei anfunken. Molander hat Polizisten ermordet und für die Landesverteidigung wichtige Pläne im Wagen. Rücksichtslos von der Waffe Gebrauch machen. Nehmen Verfolgung auf. Wenn verstanden, kommen!“

Die FBI-Fahrzeuge quittierten den Befehl. Powell hörte den Funk ab.

„Geben Sie Gas, Dolan!“, murmelte er verzweifelt. „Von Ihren Kameraden können Sie jetzt keine Hilfe erwarten. Die sind viel zu weit zurück. Bis Lexington sind es sechs Meilen.“

„Dann holen wir Molander und Pavan nie im Leben bis dahin ein!“

Die Hände ums Steuer verkrampft fuhr Mac Dolan um Kopf und Kragen. Er holte aus dem Buick alles heraus, was in ihm steckte. Der Wagen stampfte wie ein Torpedoboot über die Betonpiste.

„Den Flugzeugträger und die Torpedoboote hätten wir uns sparen können!“, meinte Powell mokant.

„Wenn wir Hellseher gewesen wären, Powell!“, behielt Mac das letzte Wort.


*

Am Ortsrand Lexington musste Mac stoppen. Eine Menschenmenge versperrte die Straße.

Mac hielt kurz an und zeigte einem Polizisten seine Marke. „Was ist los?“

Der Beamte zuckte die Achseln. „Ein Fahrzeug der Stadtpolizei Woburn hat einen Mann totgefahren und ist geflohen.“

„Richtung?“

„Autostraße 2!“

Ein paar Minuten später erreichte Mac die Einfahrt zum Highway 2.

„Links oder rechts?“, fragte er.

Am Straßenrand hielt ein Staatspolizist. Neben ihm stand ein schweres Motorrad.

Powell pfiff den Mann heran und gab sich zu erkennen. Der Polizist meldete, das Fahrzeug der Stadtpolizei gesehen zu haben. Es sei in Richtung West verschwunden.

Mac gab Gas. Der Buick gab das letzte her. Der Verkehr war günstigerweise sehr flau. Mac konnte immer mehr aufdrehen.

„Wir sind schneller als der Dienstwagen“, stellte Powell fest und lockerte seine Pistole. „Schade, dass wir keine MP mithaben!“

Mac wurde immer schneller. Hinter Concord kam der Polizeicar in Sicht. Er schlingerte von einer Straßenseite zur anderen. Powell kurbelte kaltblütig das rechte Seitenfenster herunter und legte die Waffe auf.

Der Buick schob sich langsam näher. Auch der Polizeiwagen wurde schneller. Also hatte Molander die Verfolgung bemerkt.

Ab Concord war die Autostraße ganz gerade.

Noch vierzig Meter. Noch dreißig Meter. Noch zwanzig Meter Abstand.

„Nicht vor zehn Meter schießen!“, befahl Dolan kalt.

Er saß in unnatürlicher Ruhe am Steuer.

Langsam schob sich der Wagen näher heran.

Jemand durchstieß die Rückscheibe des Polizeiwagens. Ein MP-Lauf schob sich nach außen.

Powell schoss auf die Reifen. Daneben.

Mac fuhr direkt in die MP-Salve hinein. Die Frontscheibe splitterte. Haarscharf fuhren die Geschosse an den Köpfen der beiden Beamten vorbei. Mac biss sich die Lippen blutig. Der innere Schweinehund, der in jedem Menschen lebendig ist, wollte ihn zwingen, auf die Bremse zu treten und sein Leben zu retten.

Powell beugte sich aus dem Fahrzeug und ließ fliegen.

Plötzlich bog der Polizeiwagen nach links. Offenbar war ein Reifen getroffen. Der Fahrer bemühte sich verzweifelt, den Wagen wieder in seine Gewalt zu bekommen und ging im Zickzack über die Piste. Für einen Augenblick sah es so aus, als würde er sein Schicksal noch einmal zwingen, dann drehte sich der Car um seine eigene Achse und schob diagonal über die Straße auf eine mächtige Pappel zu.

Mac trat auf die Bremse, dass die Reifen aufschrien.

Der Polizeiwagen rammte mit siebzig Meilen breitseits den Baum. In Sekundenbruchteilen wickelte er sich buchstäblich um den Stumpf. Der Stamm selbst war wie ein Zündholz abgeknickt.



XXIII

Dolan schaltete zurück und fuhr eine enge Kurve. Sekunden später stoppte der Buick bei der Autoleiche.

Powell und Dolan sprangen heraus.

Der Polizeiwagen war nur mehr verbogenes Blech. Sattes, rotes Blut tropfte durch die geschlossene linke Tür auf den Straßenrand.

Mac schlug ein erstaunlicherweise heil gebliebenes Fenster ein und beugte sich über den zertrümmerten Vordersitz.

Molander war mit dem Kopf durch die Windschutzscheibe geflogen. Sein Schädel war eine einzige blutige Masse. Pavan saß daneben. Er schien keinen heilen Knochen mehr am Leib zu haben.

Powell beugte sich schaudernd in den Wagen und nahm eine schlichte Aktentasche heraus, die zwischen den Beinen Pavans gestanden hatte.

Mac riss ihm die Tasche aus der Hand und öffnete sie.

Er zog mit bebenden Händen den Inhalt heraus.

Powell sah ihm ernst in die Augen. „Alles klar?“

Der FBI-Agent war totenbleich.

Er erwachte aus seiner Betäubung.

„Gott sei Dank!“, flüsterte er mit ersterbender Stimme. „Alles vorhanden. Wir haben mehr Glück als Verstand gehabt!“

Als wenig später ein Streifenwagen der Staatspolizei an der Stelle des grausigen Endes der beiden Verbrecher hielt, bot sich den Insassen ein erschütternder Anblick:

Ein Mann in Zivil und ein Captain der Polizei standen eingehakt vor dem Schrotthaufen und lachten hysterisch. Die Tränen rannen ihnen dabei aus den Augen.


ENDE

Genie in Ketten


Ein Jack Braden Thriller

von Cedric Balmore


Der Umfang dieses Buchs entspricht 117 Taschenbuchseiten.


Ted Hunter glaubt, einen bösen Alptraum zu erleben: Er sieht Dinge, die nicht möglich sein können, seine Frau wurde durch eine andere ersetzt, er zweifelt an sich selbst. Er hält sich für verrückt und stimmt zunächst zu, sich in eine Klinik zu begeben. Doch irgendetwas stimmt da nicht, es gelingt ihm über Umwege, den Privatdetektiv Jack Braden zu engagieren. Der kommt einer heißen Sache auf die Spur.



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Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Das Grauen kam um null Uhr zwanzig.

Später war Ted überzeugt davon, dass es viel früher begonnen hatte, aber in jener Nacht drang es zum ersten Mal um null Uhr zwanzig in sein Bewusstsein.

Das Grauen begann mit dem sanften Druck einer weichen Hand.

Er erwachte davon.

Er fühlte die Hand und starrte ins Leere.

Es war hell im Zimmer.

Er brauchte einige Sekunden, um zu erfassen, dass er im Bett eines obskuren Landhotels lag, und dass die Hand, die sich in die seine gestohlen hatte, seiner Frau gehörte.

Er brauchte noch länger, um sich darüber klar zu werden, dass das Licht im Zimmer nicht von der Morgendämmerung herrührte, sondern dass der Mond schien. Ein fremder Mond – Ted erinnerte sich nicht, zu Hause in England jemals ein solches Mondlicht gesehen zu haben.

Es war kalt. Bläulich. Als käme es aus einer mit halber Kraft arbeitenden Neonröhre.

Ted spürte das Klopfen seines Herzens.

War er krank? Hatte er Fieber? Er konnte sich nicht besinnen, dass sein Herz jemals so hart, so ängstlich und so trommelnd geschlagen hatte.

Es war ihm unangenehm, die Hand umschlossen zu halten. Das passierte sonst nie. Sheila fürchtete sich leicht. Normalerweise konnte sie sicher sein, mit einer winzigen, schutzsuchenden Geste dieser Art seine Anteilnahme zu wecken.

War sie wach?

Er drehte den Kopf zur Seite, aber er sah nur das blonde, metallisch im Mondschein leuchtende Haar. Fasziniert betrachtete er einen Augenblick das Haar, dann schlug er die Bettdecke zurück und ließ die Hand los.

Die Leuchtzeiger des Reiseweckers wiesen auf null Uhr zwanzig. Ted erhob sich leise. Er blieb einen Moment stehen, um auf die Atemzüge seiner Frau zu achten, aber er hörte nichts. Barfuß durchquerte er das Zimmer. Der Linoleumboden war kühl und klebrig. Ted bereute, nicht in die Socken geschlüpft zu sein. Die Hausschuhe waren im Wagen, beim großen Gepäck. Sheila und er hatten für diese eine Übernachtung nur das Notwendigste mit nach oben genommen.

Am Fenster waren die Vorhänge offen. Es hatte keinen Sinn gehabt, sie zu schließen. Das Hotel hatte kein Gegenüber. Aus dem Fenster konnte man weit über die hügelige, etwas düster anmutende Landschaft blicken.

Ted holte tief Luft.

Hatte er schlecht geträumt? Hartnäckig suchte er nach einer Erklärung für das Hämmern seines Herzens, aber er fand keine.

Das Fenster war geschlossen. Ted lächelte plötzlich. Sheila und er waren gewohnt, bei offenem Fenster zu schlafen. Die Luft im Zimmer war warm und stickig. Verbraucht. Natürlich, das war der Grund!

Er hob den Arm, um das Fenster zu öffnen.

Mitten in der Bewegung hielt er inne. Sein Arm fiel wie kraftlos nach unten.

Er starrte nach draußen.

Dem Hotel schräg gegenüber erhob sich auf einem Hügel die alte, baufällig wirkende Kirche, ein Stück Geschichte, umweht vom Hauch einer puritanisch-kargen Vergangenheit, grau, schmucklos, streng. Die Kirche bildete den Mittelpunkt des Friedhofes. Trauerweiden, Birken und Büsche ragten schwarz in den Nachthimmel. Aus dem Dunkel, das sie bildeten, löste sich jetzt ein seltsamer Zug; ein Zug, der Ted ein Frösteln über die Haut jagte.

Vier vermummte Gestalten bewegten sich vom Friedhof auf die Straße zu.

Die Männer gingen gebückt und sehr langsam.

Sie trugen einen Sarg.

Ted schluckte.

Im Mondenschein sah er alles ganz deutlich.

Welche Erklärung gab es dafür, dass zwanzig Minuten nach Mitternacht ein schwerer, offenbar nicht leerer Sarg vom Friedhof geschleppt wurde?

Die Männer blickten nicht nach links und nicht nach rechts. Sie hielten die Köpfe gesenkt, so dass ihre Gesichter im bläulichen Licht des Mondes nicht sichtbar wurden.

Am merkwürdigsten war, dass sie beim Schreiten keinen Laut verursachten. Es war, als handle es sich um einen Geisterzug. Die Gruppe zog am Hotel vorbei. Die Männer warfen lange Schatten.

Ted verzog die Lippen. Geister werfen keine Schatten!

Aber was hatte das zu bedeuten? Wurde er hier Zeuge eines Verbrechens?

Es schien festzustehen, dass die Aktion der Männer das Tageslicht zu scheuen hatte.

Ted sah, dass der Sarg, den die Männer trugen, ungewöhnlich groß war – eine schlichte, hölzerne Ausführung ohne irgendwelche Verzierungen. Die Leiche, die darin lag, musste imponierende Proportionen aufweisen.

Ted fühlte, dass seine Hände feucht wurden.

Das Gefühl des Grauens verstärkte sich.

Am liebsten hätte er das Fenster aufgerissen und ein paar Worte hinausgerufen – irgend etwas, um den skurrilen Zauber, das seltsame Frösteln und die spröde Furcht zu brechen, aber er unternahm nichts, um den Gedanken in die Tat umzusetzen.

Die Männer waren von unterschiedlicher Größe. Sie trugen dunkle Regenmäntel und gleichfalls dunkle Hüte. Keiner von ihnen sprach ein Wort.

Was hätten sie auch sagen sollen?

Es lag auf der Hand, dass die Aktion sorgfältig vorbereitet worden war.

Ted fragte sich, ob er Sheila ans Fenster rufen sollte, aber er gab den Gedanken sofort wieder auf. Sheila würde sich fürchten, sie würde nicht wieder einschlafen können.

In diesem Moment klickte es hinter ihm. Im Zimmer wurde es hell.

Ich habe sie geweckt, schoss es ihm durch den Sinn. Hoffentlich tritt sie jetzt nicht ans Fenster.

„Was ist los?“, fragte eine weibliche Stimme vom Bett her. „Was tust du dort? Warum bist du nicht im Bett?“

Seine Muskeln strafften sich. Das Hämmern seines Herzens setzte einen Moment aus, um dann mit doppelter Wucht wiederzukommen.

Das war nicht Sheilas Stimme!



2

Einen Augenblick fürchtete er sich davor, den Kopf zu wenden. Er war beinahe sicher, dass ihn eine neue Überraschung erwartete – eine Fortsetzung jenes Grauens, in das er auf rätselhafte Weise ganz plötzlich verstrickt worden war.

Mit einem Ruck drehte er sich um.

Die Frau hatte sich im Bett aufgesetzt. Mit dem Rücken lehnte sie an dem hölzernen Kopfteil. Die Knie hatte sie angezogen und mit den Armen umfasst.

Ted sah, dass die Frau schön war – erregend schön!

Er kannte das grüne Nachtgewand, das sie trug – es gehörte Sheila, seiner Frau.

Aber das hier war nicht Sheila!

Es war eine Fremde. Er konnte den Blick nicht von ihr wenden. Hatte er tatsächlich neben ihr geschlafen?

„Ted!“, sagte sie zu ihm, lächelnd und ein wenig verwirrt, wie ihm schien. „Warum schaust du mich so an?“

Er brachte kein Wort über die Lippen.

Sie hatte „Ted“ zu ihm gesagt!

Was hatte das zu bedeuten?

Es war doch klar, dass er sich im falschen Zimmer befand!

Unwillkürlich blickte er auf den Reisewecker neben dem Bett. Ja, das war sein Wecker. Sheila und er hatten ihn vor der Abreise in Liverpool gekauft. Teds Blick wanderte weiter. Neben dem Bett der Frau stand Sheilas karierte Reisetasche. Über dem Stuhl hing Sheilas Morgenrock. Er hatte sich also nicht im Zimmer geirrt.

Der Fremden war dieses Malheur passiert!

Aber wo war Sheila?

Und wie kam es, dass die Fremde ein Nachtgewand trug, das seiner Frau gehörte?

Er schluckte. „Wer sind Sie?“, fragte er.

Die Blicke der Frau drückten Erstaunen aus. „Ted!“, sagte sie leise. „Was ist los mit dir?“

Er merkte plötzlich, dass es im Zimmer kalt war. Ihm fiel gleichzeitig ein, dass er nur ein Nachthemd trug.

Ganz plötzlich war es ihm peinlich, im Nachthemd vor der Frau zu stehen.

Sheila hatte sich immer über seine Vorliebe für simple Nachthemden mokiert. Er hasste Pyjamas. Aber jetzt hätte er viel darum gegeben, einen Pyjama anzuhaben. Er wischte den Gedanken beiseite. Hier ging es um mehr als um einen Anflug männlichen Schamgefühls und persönlicher Eitelkeit!

„Wer sind Sie?“, wiederholte er. Diesmal klang seine Stimme härter, schärfer, entschiedener.

„Lass die Witze!“, sagte die Frau. „Komm endlich ins Bett! Willst du mir Angst machen?“

Die letzten Worte erschreckten ihn.

Sheila benutzte sie immer wieder, wenn er sich einen kleinen Scherz erlaubte und dabei vergaß, wie leicht es war, ihre Furcht zu wecken.

Die Fremde war ungefähr in Sheilas Alter.

In gewisser Hinsicht war sie Sheila ähnlich – sie war blond, und sie hatte graugrüne Augen.

Aber da, fand Ted, hörte die Ähnlichkeit auch schon auf. Der Mund der Fremden war größer, sinnlicher, fordernder. Die Backenknochen waren höher angesetzt – sie gaben dem Gesicht der Fremden einen leicht exotischen Reiz.

Ja, die Fremde war schön. Was aber bewog sie dazu, ihn an der Nase herumführen zu wollen? War es eine Freundin von Sheila? Hatte Sheila den Spieß umgekehrt und mit dieser Freundin einen Scherz inszeniert, um dieses eine Mal ihn zu erschrecken?

Er unterdrückte ein Grinsen.

Eine andere Erklärung gab es nicht!

Er ging zurück ins Bett.

„Wie heißen Sie?“, fragte er und blickte dem Mädchen aus unmittelbarer Nähe in die großen Augen.

„Du bist ein unverbesserlicher Kindskopf“, erwiderte die Fremde zärtlich.

Er tastete nach der Zigarettenschachteil, die auf dem Nachttischschränkchen lag, ohne dabei hinzusehen. Sein Blick saugte sich an dem Mädchengesicht fest. Wie alt mochte sie sein? Zweiundzwanzig, dreiundzwanzig? Er fingerte eine Zigarette aus dem Päckchen. Die Fremde griff hinter sich und knipste dann das Feuerzeug an, das sie in den Fingern hielt.

Sheilas Feuerzeug!

Er beugte sich nach vorn, der kleinen Flamme entgegen. Zum ersten Mal nahm er das Parfüm der Fremden wahr – eine süßlich-herbe Sorte, ein Duft, den er nicht kannte, der ihn aber erregte. Ted inhalierte tief. Er rückte ein wenig von der Fremden ab.

Welch eine Situation!, dachte er.

Er überlegte, wer die Fremde sein könnte.

Er wusste, dass Sheila eine Freundin in Amerika hatte. Das Mädchen wohnte in Boston. Dort arbeitete sie als Lehrerin. Sheila und er hatten die Absicht, das Mädchen zu besuchen. Das ließ sich mit der festgelegten Rundreise gut vereinbaren. Er würde auch in Boston einen Vortrag halten.

Ted legte die Stirn in Falten. Ihm fiel ein, dass die Freundin in Boston gut zehn Jahre älter war als seine Frau. Bei der Fremden, die jetzt neben ihm saß, konnte es sich also nicht um die bewusste Freundin handeln.

Überhaupt entsprach es absolut nicht Sheilas Art, sich geschmacklose Scherze dieses Kalibers einfallen zu lassen. Ihr fehlte es dafür einfach an Phantasie – und im Übrigen hatte sie ein ausgeprägtes Taktgefühl.

Aber es musste doch eine Erklärung für diesen verrückten Vorfall geben!

Er erinnerte sich an die Sargträger.

War die makabre Szene, die er zufällig beobachtet hatte, ebenfalls Teil der Komödie, die nur darauf zielte, ihn zum Narren zu halten?

Ausgeschlossen!

Sheila hätte so etwas nicht mitgemacht.

„Wo ist meine Frau?“, fragte er.

Die roten, feucht schillernden Lippen des Mädchens trennten sich und gaben die weißen, untadelig gewachsenen Zähne frei – kleine, scharfe Raubtierzähne, die ihn faszinierten.

Ted blickte den Mädchenmund an und fragte sich, wie es wohl sein mochte, diese weichen, sinnlichen Lippen zu küssen. Verärgert schob er den Gedanken zur Seite. Jetzt war nicht der Augenblick, einen Flirt in Erwägung zu ziehen!

„Wenn du nicht sofort damit aufhörst, mich zu veralbern, werde ich ernstlich böse!“

Ted lehnte sich zurück. Er legte den Kopf auf die harte hölzerne Bettkante.

Wie war das doch gewesen? Sheila und er hatten unten in der kleinen Gaststube zu Abend gegessen und eine halbe Flasche Wein getrunken – ein kalifornisches Gewächs, das nicht allzu viel taugte. Ted hätte gern einen Beaujolais gehabt, aber den gab es hier nicht. Nach dem Essen waren Sheila und er nach oben gegangen, schläfrig vom Wein und müde von der Reise.

Sheila hatte sich sofort ausgezogen und war zu Bett gegangen. Sie hatte noch ein paar Seiten einer Detektivgeschichte von Dashiel Hammer gelesen (obwohl Sheila sich leicht fürchtete, liebte sie es, vor dem Einschlafen Krimis zu lesen), und er hatte das Bad aufgesucht. Das Hotel hatte nur ein einziges Badezimmer – es lag am Ende des Korridors.

Er hatte sich Zeit genommen und war nach einer halben Stunde in das gemeinsame Zimmer zurückgekehrt. Sheila hatte zu dieser Zeit das Licht bereits gelöscht. Im Dunkeln war er ins Bett gekrochen und, soweit er sich erinnerte, sofort eingeschlafen.

Sheila und die Fremde mussten also das Bett zu dem Zeitpunkt getauscht haben, da er im Bad gewesen war.

Erneut fiel ihm der Sarg ein.

Und ganz plötzlich kam das Grauen zurück.

Das hier war kein Scherz!

Es war ein Verbrechen!

Die Erkenntnis dieser Tatsache überfiel ihn mit der Wucht eines Dampfhammers. Sie lähmte ihn für einige Sekunden. Er hatte Mühe, seine Beherrschung zurückzugewinnen.

Das Mädchen beobachtete ihn.

Klar, sie hatte eine bestimmte Aufgabe. Eine Aufgabe, die sich gegen Sheila und gegen ihn richtete.

Er drehte sich halb zur Seite und drückte die kaum angerauchte Zigarette in einem Ascher aus. Dann verschränkte er, noch immer im Bett sitzend, die Arme vor der Brust. Er blickte das Mädchen an. „Ich will endlich die Wahrheit wissen!“

„Die Wahrheit?“ fragte sie.

„Wenn das eine Komödie sein sollte, ist sie weit genug getrieben worden“, sagte er ruhig. „Wenn es etwas anderes und Schlimmeres ist, werden Sie damit nicht durchkommen!“

Das Mädchen schob die Unterlippe nach vorn. Er fand, dass ihre Züge dadurch einen spöttischen Ausdruck bekamen. Aber schon im nächsten Moment machte der Spott einem seltsamen Ernst Platz. „Ich habe gefürchtet, dass das eines Tages eintreten würde – Mama hat mich gewarnt!“

Er runzelte die Augenbrauen. „Was soll dieser Unsinn?“

„Du warst als Kind in der Anstalt, nicht wahr?“

Er befeuchtete seine Lippen mit der Zungenspitze. Woher wusste das Mädchen, dass er als Vierzehnjähriger fünf Monate in einer Nervenheilanstalt zugebracht hatte?

Er hatte Sheila nie etwas davon gesagt, ohne recht zu wissen, weshalb er diese Episode verschwiegen hatte.

Er war schon damals der Klügste seiner Klasse gewesen, ein mathematisches Genie, wie seine Lehrer immer wieder versicherten. Voll brennendem Ehrgeiz hatte er sich Aufgaben gestellt, die seinen jungen Körper überforderten. Das Ergebnis war der Aufenthalt in der Nervenklinik gewesen.

Man hatte ihm versichert, dass keine Folgen zurückbleiben würden, und der bisherige, erfolgreiche Verlauf seiner Karriere als Wissenschaftler hatte diese These bestätigt. Er merkte, dass er schwitzte.

Hatte er sich getäuscht? Hatten die Professoren sich geirrt?

War doch etwas zurückgeblieben?

War Sheila tatsächlich an seiner Seite, und lag es an ihm, dass er sie falsch und verzerrt sah?

„Würdest du mir ein paar Fragen beantworten?“, fragte er mit rauer Stimme. Er vermied es, dem Mädchen in die Augen zu sehen und starrte an die Zimmerdecke.

„Wenn du darauf bestehst.“

„Wann bist du geboren?“

„Am 14. Mai 1942.“

Das war Sheilas Geburtstag. Aber was hatte das schon zu sagen? Den konnte man leicht erfahren.

„Wie lautet der Vorname deiner Mutter?“

„Ernestine.“

Ted schluckte. Noch eine letzte Frage, dachte er. „Wann ist dein Vater gestorben?“

„Vor zwei Jahren– kannst du dich nicht daran erinnern? Es war eine furchtbare Zeit.“

Ja, es war furchtbar gewesen. Aber noch weit furchtbarer war das, womit er im Augenblick fertig werden musste.

Die Frage, die sich ihm stellte, war ebenso einfach wie konsequenzenreich.

War er verrückt, oder gab es Leute, die ihn in diese Verrücktheit zu treiben versuchten?

Er stand auf.

„Was ist los?“, fragte das Mädchen. „Wo willst du hin?“

Er ging um das Bett herum und öffnete Sheilas Reisetasche. Sheilas Pass lag obenauf.

Das Foto, das sich darin befand, war schon ein paar Jahre alt. Trotzdem zeigte es ganz unverkennbar die Züge jener Sheila, die er kannte. Er legte den Pass zurück. Dann trat er ans Telefon. Er musste einige Zeit warten, ehe sich der Nachtportier meldete. Der alte Mann hatte vermutlich geschlafen.

„Ja, bitte?“

„Hunter, Zimmer elf“, meldete sich Ted. „Sind Sie der Portier, der meine Frau und mich empfangen hat?“

„Ja, Sir, der bin ich.“

„Würden Sie bitte mal ‘raufkommen?“

„Jetzt, Sir?“ In der Stimme des Mannes lag ein unausgesprochener Protest.

„Ja – sofort.“

Ted legte den Hörer auf die Gabel zurück und blickte das Mädchen an. „Überrascht?“

„Du bist ein Narr! Willst du dich blamieren? Morgen gehen wir zu einem Nervenspezialisten.“

„Ich brauche keinen Arzt!“, sagte er scharf. Er legte sich wieder ins Bett.

„Ich werde mich erkundigen, wer dich behandeln kann“, sagte das Mädchen. „Zum Glück ist für morgen kein Vortrag angesetzt.“

Er schloss die Augen.

Die verdammten Vorträge!

Im Grunde genommen langweilten sie ihn; er hatte die Aufgabe nur widerstrebend akzeptiert.

Er war Wissenschaftler und kein Dozent. Andererseits war ihm damit die Möglichkeit geboten worden, sich in Amerika ein wenig umzusehen. Die Universität, als deren Gast er durch die Vereinigten Staaten reiste, trug sämtliche Unkosten. Sheila und er hatten sich vorgenommen, die Reise als einen kostenlosen Urlaub zu betrachten.

Schöner Urlaub!, dachte er bitter.

Es klopfte. „Herein!“, rief Ted. Er erkannte den alten Mann, der das Zimmer betrat, sofort wieder. Der Portier war ein grauhaariger Mann mit lederner Gesichtshaut und sehr hellen, blauen Augen, ein Typ, wie man ihn vornehmlich in den Südstaaten häufig begegnet.

„Sie erinnern sich an mich?“, fragte Ted.

„Aber natürlich!“, brummte der Alte. Er schien noch immer ungehalten darüber zu sein, dass er mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen worden war.

„Sie erkennen auch meine Frau?“, fragte Ted und beobachtete, wie der Alte das Mädchen musterte.

„Sicher“, sagte der Alte trocken.

Das Wort versetzte Ted einen Stoß. „Sie wollen sagen, dass das die Frau ist, mit der ich gekommen bin?“ fragte er heiser.

Der Portier schien verblüfft. „Aber ja!“

„Sie können gehen.“

Der Portier wollte noch etwas sagen, dann zuckte er die Schultern und ging.hinaus.

„Nun?“, fragte die Fremde neben Ted.

„Das alles ist ein abgekartetes Spiel!“, presste er zwischen den Zähnen hervor.

„Welchen Sinn sollte es wohl haben?“

Das war eine verdammt gute Frage. Er war bemüht, darauf eine Antwort zu finden, aber es gelang ihm nicht.

Er stand auf.

„Was soll denn das schon wieder bedeuten?“, fragte das Mädchen.

Er griff nach der Hose und stieg hinein. „Ich habe vor, einen kleinen Bummel zu machen“, sagte er.

„Mitten in der Nacht?“

Ted zwang sich zu einem Grinsen. Im Grunde war ihm gar nicht danach zumute.

„Soviel mir bekannt ist, ist die Polizei auch nachts zu sprechen“, meinte er. Er schaute das Mädchen an. „Die Polizei kann man nicht kaufen und bestechen wie einen Hotelportier.“

„Diesmal ist es viel schlimmer als sonst!“, sagte das Mädchen angstvoll.

Er zog das Nachthemd aus und warf es auf das Bett. „Was ist schlimmer als sonst?“

„Der Anfall.“

„Den hast du erfunden und inszeniert!“

„Die Zahl der geistigen Störungen haben in letzter Zeit bei dir erschreckend zugenommen“, sagte das Mädchen. „Ich beobachte diese Entwicklung seit Langem mit größter Sorge. Aber so schlimm wie jetzt war es noch nie.“

„Du kannst mich nicht ins Bockshorn jagen“, raunzte er wütend und griff nach dem Hemd.

Er schlüpfte hinein und knöpfte es zu. Warum duzte er das Mädchen noch immer? Das war doch Wahnsinn! Sie war eine Fremde – folglich musste er sie entsprechend behandeln! Während er das Hemd in die Hose stopfte, sagte er: „Ich werde rasch dahinterkommen, was hier gespielt wird, darauf dürfen Sie sich verlassen! Ein Ted Hunter ist nicht gewillt, diese albernen Scherze mitzumachen! Vor allem bin ich nicht bereit, die Ungewissheit um Sheilas Schicksal länger zu ertragen.“

„Aber ich bin doch Sheila, deine Frau!“, rief die Fremde.

Er griff nach dem Schlips. „Mal sehen, ob der Sheriff des Ortes die gleiche Ansicht vertritt.“

Während er die Krawatte knotete, fiel ihm ein, wie schwierig es sein würde, seinen Standpunkt zu beweisen.

Okay, er konnte den Pass mit Sheilas Foto vorweisen. Aber das Bild war mindestens sechs Jahre alt – und die entfernte Ähnlichkeit der beiden Frauen konnte einen Beamten gewiss zu Zweifeln veranlassen.

Er merkte, dass er unsicher wurde.

Das Mädchen im Bett war ihrer Sache verdammt sicher. Das bedeutete, dass sie und die Leute, die in diesen Fall verstrickt waren, an alles gedacht hatten.

Er kam sich vor wie jemand, der sich in einem Netz verfangen hat und bei dem Bemühen, sich daraus zu befreien, immer tiefer hinein gerät.

Plötzlich dachte er an die kleine Notiz, die in Sheilas Pass unter der Rubrik Besondere Kennzeichen stand: Narbe am linken Oberschenkel.

Er konnte die Fremde nicht darum bitten, das linke Bein zu entblößen.

Warum eigentlich nicht?

„Zeigen Sie mir den linken Oberschenkel“, sagte er.

Das Mädchen streckte gehorsam ein langes, schlankes und sehr wohlgeformtes Bein aus dem Bett.

Am Oberschenkel befand sich eine Narbe.

Die Narbe war anders als die, die Sheila hatte – aber es war eine Narbe, und jeder, der das Original nicht kannte, würde sie als echt akzeptieren. Zumindest deckte sich die Narbe mit der Eintragung im Pass.

„Zieh dich aus“, sagte das Mädchen. Sie sprach zu ihm wie zu einem Kranken, mit sanfter, begütigender Stimme. „Morgen suchen wir einen Arzt auf!“

„Ich brauche keinen Arzt, verdammt noch mal!“, schrie er wütend.

Der Laut der eigenen Stimme erschreckte ihm tief. War darin nicht eine Note beginnender Hysterie enthalten? Wo war seine sprichwörtliche Ruhe und Beherrschtheit geblieben? Was war aus seiner robusten Nervenkraft geworden?

Fing er tatsächlich an, verrückt zu spielen?

Ich darf die Übersicht nicht verlieren, dachte er. Ich muss mich im Zaum halten!

„Komm jetzt ins Bett“, bat das Mädchen, ohne den Tonfall der Stimme zu ändern. Die Worte klangen beinahe demütig. „Du brauchst Schlaf. Morgen früh wird die Welt ganz anders aussehen – es wird die Welt sein, die du kennst und liebst.“

Die Welt, die er kannte und liebte!

Ted hob mit einem Ruck das Kinn. Seine Backenknochen zeichneten sich deutlich ab, als er die Zähne so hart aufeinander biss, dass es wehtat. Es war im Grunde eine kleine Welt, die er sich aufgebaut hatte. Sie bestand aus Sheila, seiner Frau, und der wissenschaftlichen Arbeit. Beides genügte ihm. Es reichte zum Glück. Er hatte sich nie mehr gewünscht.

Ted dachte an Sheila. Merkwürdigerweise musste er sich fast gleichzeitig an die dunklen Gestalten mit dem großen Sarg erinnern.

Gab es zwischen den Sargträgern und dem Verschwinden seiner Frau einen Zusammenhang?

Kalter Schweiß trat auf seine Stirn.

Nein, jetzt verlor er sich in Phantastereien! Es konnte niemand geben, dem es auch nur im Traum einfiel, Sheila etwas anzutun. Sheila, die so zart und so jung und so schön war, Sheila, die er liebte und die diese Liebe erwiderte.

Ted ging um das Bett herum.

Das Mädchen saß noch immer aufrecht. Angstvoll blickte sie zu ihm in die Höhe.

Ted trat dicht an das Bett heran. Er sah die Furcht in ihrem Blick. Recht so! Auch sie sollte merken, wie es ist, wenn man mit dem Terror spielt.

Terror ist ein Bumerang – man bricht ihn am besten mit den Mitteln des Gegenterrors.

Aber durfte er sich dieser Mittel bedienen?

Noch während er darüber nachdachte, presste das Mädchen den Rücken gegen das hölzerne Kopfteil des Bettes. Unter dem dünnen, grünen Nachthemd zeichnete sich die schlanke und sehr weibliche Figur deutlich ab. „Ted!“, hauchte sie. „Du machst mir Angst!“

Da waren sie wieder, die für Sheila so typischen Worte, die ihn unsicher machten.

Seine Muskeln strafften sich. „Ich gebe Ihnen jetzt eine letzte Chance“, sagte er und holte tief Luft. Er knackte mit den Fingergelenken. Es war ein drohendes, enervierendes Geräusch. „Sagen Sie mir die Wahrheit.“

Das Mädchen schluckte. Furchtsam starrte sie ihm in die Augen. Sie schwieg.

„Ich zähle bis drei.“

„Wenn du mich anrührst, schreie ich!“, stieß das Mädchen mit zitternder, wie gehetzt klingender Stimme hervor. „Alle, die hier wohnen, werden mich hören. Hotels haben dünne Wände. Der Portier wird kommen. Vielleicht auch die Polizei. Ich werde den Leuten sagen müssen, was geschehen ist. Man wird dich abführen. Man wird dich in eine Verrücktenanstalt bringen – wegen erwiesener Unzurechnungsfähigkeit! Willst du das herausfordern? Willst du deine Reise mit einem solchen Paukenschlag beenden? Dann fass mich an, los, schlag mich doch!“

Eine Frau schlagen?

Ausgeschlossen! So etwas tat man nicht. Ebenso gut hätte man betteln oder stehlen können.

Aber jetzt merkte er, dass sich an seiner Einstellung etwas änderte. Grundlegend. Hass überwältigte ihn. Er hob die Hände – kräftige, zu allem entschlossene Hände.

„Nein!“, sagte das Mädchen atemlos.

Er kümmerte sich nicht darum.

Er legte seine Hände um den glatten, schlanken Hals der Fremden, ganz fest, und drückte zu.

Das Mädchen öffnete den Mund.

Sie wollte schreien, sie wollte wahrmachen, was sie angekündigt hatte, aber über die roten, zitternden Lippen kam nur ein heiseres Krächzen.

Ted drückte noch fester zu.

Die Fremde quälte ihn. Jetzt sollte sie dafür die Quittung bekommen!

Ihm ging es nicht um eine kleine, billige Rache. Er wollte nur die Wahrheit aus ihr herausquetschen, er musste erfahren, wo Sheila sich befand!

Er sah den nackten Terror in den Augen der Fremden und notierte beinahe beschämt, dass diese Beobachtung ihn befriedigte. Sollte sie sich doch fürchten!

Plötzlich wurde der Körper unter seinem Griff seltsam schlaff und leblos.

Er ließ den Hals los, erschreckt, verwirrt, zutiefst entsetzt. War er zu weit gegangen?

Das Mädchen war in sich zusammengesunken.

Er schüttelte sie. Der Kopf flog hin und her.

„Lieber Himmel“, keuchte er. „Wachen Sie auf! Was soll diese Komödie?“

Das Mädchen hob blinzelnd die Lider mit den dichten, seidig glänzenden Wimpern.

Die Wimpern waren betörend lang.

Aufatmend setzte er sich zu ihr auf den Bettrand. Er merkte, dass er zitterte.

Nie wieder wollte er sich zum Sklaven eines Hassimpulses machen lassen! Das schwor er sich.

„Wie geht es Ihnen?“, fragte er angstvoll. Er schämte sich. Wer dieses Mädchen auch war, was immer ihre Motive sein mochten – er war zu weit gegangen!

Das Mädchen schluckte.

Sie fasste sich mit der rechten Hand an den Hals und rieb die schmerzende Stelle.

Ted erschrak.

Er sah erst jetzt, dass sie Sheilas Ring trug – den blauen Saphir, der von einer Brillantenrosette eingefasst war.

Ted spürte, wie sein Mitleid dahinschmolz.

Es hatte keinen Sinn, das Mädchen mit Samthandschuhen anzufassen! Nichtsdestotrotz meinte er: „Ich habe einen Reiseflakon mit Whisky in der Tasche.“ Er stand auf und ging um das Bett herum. „Das Zeug wird Ihnen guttun.“

Das Mädchen nickte und beobachtete, wie er den Flakon aus seiner Reisetasche zog. Er nahm wieder neben ihr auf dem Bettrand Platz. Er entkorkte den Flakon. Das Mädchen nahm die flache, silberne Flasche in die Hand und trank. Ted sah, wie der Adamsapfel des Mädchens auf und nieder glitt. Er fand, dass sie eine ganze Menge zu sich nahm. Sie setzte die Flasche ab.

„Das hättest du nicht tun dürfen“, flüsterte sie.

„Was haben Sie denn erwartet?“, fragte er.

Das Mädchen nahm einen weiteren Schluck. Dann warf sie den Flakon weit von sich. Er landete auf einem kleinen Teppich, der einen Teil des Linoleumbodens bedeckte. Der Whisky sickerte in den abgetretenen Wollflor. Ted unternahm keinen Versuch, die Flasche vor dem Auslaufen zu bewahren. Er blieb sitzen.

„Wie soll es jetzt weitergehen?“, fragte er.

„Das liegt ganz an dir!“

„Wie meinen Sie das?“

„Ich überlege gerade, ob es nicht ratsam ist, einen Arzt zu rufen.“

„Was hält Sie davon ab?“

„Die Furcht vor einem Skandal. Ich will nicht, dass man dich einsperrt.“

„Zu gütig!“, höhnte er.

„Geh endlich ins Bett. Diese Nacht ist ein Alpdruck! Versuche zu schlafen.“

„Schlafen!“, stieß er hervor. „Wie denken Sie sich das? Ich muss Sheila finden.“

„Aber ich bin Sheila!“

„Sie sind eine miese Schauspielerin – wenn nicht etwas noch Schlimmeres“, sagte er.

Das Mädchen verdrehte die Augen. „Geht das schon wieder los? Wir können doch nicht die ganze Nacht damit verbringen, nutzlose Debatten zu führen!“

Er beugte sich nach vorn, bis er ihr so nahe war, dass er den süßlich-herben Duft ihres Parfüms wahrnehmen konnte. „In wessen Auftrag arbeiten Sie?“

„Ted, komm endlich zu dir!“

„Sie sind das Werkzeug einer verbrecherischen Idee“, sagte er. „Ich kenne die Gründe nicht, die Sie dazu bewogen haben, die entwürdigende Rolle anzunehmen. Vermutlich zahlt man Ihnen dafür ein stattliches Sümmchen. Sie spielen die Rolle meiner Frau. Natürlich wissen Sie, dass das im Grunde sinnlos ist. Sie spekulieren auf die leichte Ähnlichkeit, die zwischen Sheila und Ihnen

besteht, und auf den Umstand, dass es mir nicht ganz leichtfallen dürfte, meinen Standpunkt einer Behörde gegenüber zu vertreten. Wie gesagt: Den Portier konnten Sie kaufen, und einen Beamten können Sie möglicherweise mit Ihrem unschuldsvollen Augenaufschlag becircen und täuschen. Aber die eigene Mutter können Sie nicht irreführen!“

„Ich verstehe kein Wort!“

„Dann will ich Ihnen ein kleines Geheimnis verraten“, sagte er. „Sheilas Mutter ist von London nach Amerika geflogen. Sie erwartete Sheila und mich in New York. Es sollte für Sheila eine Überraschung werden.“

„Warten wir ab, wer überrascht sein wird“, sagte das Mädchen.

„Einverstanden?“



3

Er ging nicht ins Bett.

Er ging nach unten, um mit dem Portier zu sprechen.

Der Portier schlief in dem kleinen Zimmer, das sich hinter der Rezeption befand. Das Hotel war klein, im Grunde konnte es bestenfalls Anspruch darauf erheben, als Landgasthaus zu gelten. Außer Sheila und ihm, Ted Hunter, waren noch zwei Gäste im Hotel abgestiegen; zwei Männer, die anscheinend häufiger hier übernachteten. Jedenfalls hatten sie sich mit dem Wirt wie mit einem alten Freund unterhalten.

Der Wirt! Er muss mir helfen, dachte Ted.

Im nächsten Moment gab er den Gedanken wieder auf. Ted erinnerte sich an die starken Augengläser, die der Wirt trug. Der Wirt war ohne Zweifel ein Mann, der Schwierigkeiten hatte, Details und Gesichter auszumachen. Er würde keine Hilfe sein.

Wem waren Sheila und er noch begegnet?

Wer hatte sie vor dem Schlafengehen gesehen?

Die beiden Männer, die den Wirt kannten! Er musste mit ihnen sprechen. Sollte er sie gleich wecken? Sie würden ihn möglicherweise für übergeschnappt halten, aber er musste etwas unternehmen, um Sheila aufzuspüren!

Nein, es hatte keinen Zweck, die Männer anzusprechen. Nach allem, was ihm in diesem Hotel bisher zugestoßen war, musste er damit rechnen, dass die Fremde in seinem Zimmer mit den Männern zusammenarbeitete.

Morgen würden sie in New York sein – die Fremde und er.

Er würde Mrs. Fletcher treffen, Sheilas Mutter.

Mit ihrer Hilfe würde es ihm rasch gelingen, dem Spuk ein Ende zu setzen!

Aber was sollte er ihr antworten, wenn sie zu erfahren begehrte, was aus Sheila geworden war?

Sheila!

Es überfiel ihn wie ein Fieber. Er ballte die Fäuste. Am liebsten hätte er sofort alle Räume des Hotels durchsucht. Er fühlte jedoch, dass das keinen Erfolg bringen würde.

Sheilas Mutter würde gewiss fragen, aus welchen Gründen er es unterlassen hatte, die Polizei zu benachrichtigen.

Nun, Mrs. Fletcher war eine kluge und resolute Frau mit einem ausgeprägten Sinn für das Praktische. Sie würde begreifen, dass es seine augenblickliche Lage geradezu verbot, die Behörde einzuschalten. Er benötigte erst einen Zeugen, dem es gelingen würde, die Fremde als Betrügerin zu demaskieren. Diese Zeugin würde Mrs. Fletcher sein!

Ted klopfte gegen das kleine Fenster, das hinter dem Rezeptionsschalter lag. In dem Zimmer wurde Licht gemacht. „Moment!“, rief die verschlafen klingende Stimme des Alten. Geräusche wurden laut, Füßescharren ertönte. Dann kam der Portier herausgeschlurft. Er trug einen schäbigen Bademantel. An den Füßen hatte er dicke Wollsocken. Während er den Gürtel des Mantels verknotete, fragte er ärgerlich: „Was, zum Teufel, gibt‘s denn diesmal? Wollen Sie mich auf den Arm nehmen? Ich bin ein alter Mann, der seinen Schlaf braucht.“

„Ich muss Sie sprechen“, sagte Ted kurz, „und Sie wissen, warum!“

„Ausgerechnet jetzt? Nun machen Sie mal ‘n Punkt! Wenn Sie einen Wunsch haben, hätten Sie ihn vorhin äußern können.“

„Wer hat Sie bestochen?“

„Bestochen?“, fragte der Alte und glotzte Ted aus seinen hellblauen Augen ins Gesicht. „Bei Ihnen piept‘s wohl?“

„Wer hat Ihnen den Auftrag erteilt, mich zu belügen?“, erkundigte sich Ted ruhig. „Sie scheinen nicht zu wissen, worauf Sie sich eingelassen haben. Wie viel hat man Ihnen für die Teilnahme an dem Verbrechen gezahlt? Hundert Dollar? Fünfhundert oder tausend? Wie viel es auch sein mag, mein Lieber – es ist ein verdammt schlechter Tausch dafür, dass man Sie zum Handlanger eines Verbrechens machte.“

„Jetzt wird mir‘s aber zu bunt!“, polterte der Alte. „Ich habe mein Leben lang versucht, ehrlich zu sein. Noch nie hat mich jemand so tief beleidigt! Ich sollte an einem Verbrechen teilgenommen haben? Ich sollte bestochen worden sein? Das ist doch absurd! Mir scheint, mein Herr, Ihr Geist hat sich verwirrt.“

Da war es wieder. Darauf wollten sie alle hinaus. Man versuchte, ihm zu unterstellen, dass er verrückt war.

Aber er war normal! Er wusste, dass er die Wahrheit sagte, und dass die anderen logen.

Wie sollte er das beweisen?

„Ich zahle Ihnen das Doppelte dessen, was Sie bekommen haben“, erklärte Ted.

„Wofür?“

„Für die Wahrheit.“

„Von welcher Wahrheit sprechen Sie?“

„Es gibt nur eine Wahrheit“, sagte Ted.

„Kann ich jetzt wieder schlafen gehen?“, fragte der Alte und verdrehte die Augen.

„Was hat Sie dazu veranlasst, die Behauptung aufzustellen, das Mädchen in meinem Zimmer sei die Frau, mit der ich im Hotel angekommen bin?“

„Sie reden in Rätseln!“

Ted zog die Unterlippe zwischen die Zähne. Am liebsten hätte er den Alten wie ein Paket Lumpen geschüttelt. Aber er beherrschte sich. „Gibt es im Ort einen Geheimbund?“

„Nicht, dass ich wüsste!“

Ted lag schon die Frage auf der Zunge, was für eine Bewandtnis es mit den Männern und dem Sarg haben könnte, aber er unterdrückte die Frage. Er hatte keine Lust, sich erneut dem Vorwurf auszusetzen, im Kopf nicht ganz richtig zu sein. Er ließ den Alten stehen und ging hinaus auf die Straße.

Vor den Mond hatte sich eine Wolke geschoben. Es war jetzt ziemlich dunkel.

Die frische Luft tat ihm gut. Aber sie hatte nicht die Kraft, das Fieber und die Erregung zu mildern, die ihn erfüllten.

Er marschierte die Straße hinab – den gleichen Weg, den die vier Männer mit dem Sarg genommen hatten. An der Straßenbiegung blieb er stehen. Hier waren die Männer nach rechts abgebogen. Das hatte er genau beobachtet. Der Weg, den sie gegangen waren, führte zu einer Baumgruppe. Ted schritt auf die Bäume zu. Der Mond schob sich hinter der Wolke hervor und tauchte die Umgebung in ein unwirklich-geisterhaftes Licht.

Ted sah sich um.

Vor den Bäumen lag ein kleiner Platz – eine Art Parkplatz, wie es schien. Auf dem Boden erkannte er ein paar leere Zigarettenschachteln. Ted bückte sich nach den Kippen, die dazwischen herumlagen. Es schien ihm so, als wären die Zigaretten erst vor kurzer Zeit geraucht worden.

Es war nicht schwer, sich vorzustellen, dass hier ein Wagen gestanden hatte. Vermutlich hatten die vier Männer hier gewartet. Später waren sie mit dem Sarg davongefahren. Was hatten sie mit ihrer Aktion bezweckt? Wer war in dem Sarg gewesen?

Ted fröstelte es. Er musste erneut an Sheila denken. Konnte es sein, dass …

Er schüttelte den Gedanken ab.

Hinter den Bäumen lag ein umzäuntes Grundstück; ein einstöckiges Haus am hinteren Ende des Gartens hinterließ einen düsteren, unbewohnten Eindruck. Die Läden waren geschlossen.

Ted spürte, dass er hier nutzlos seine Zeit vertrödelte. Er ging zurück ins Hotel.

Als er sich dem Hotel näherte, sah er, dass in seinem Zimmer noch immer Licht brannte.

Wartete die Fremde auf seine Rückkehr?

Wer war sie? Was konnte sie dazu bewogen haben, diese Rolle anzunehmen?

Das Mädchen war schön, noch schöner als Sheila, das unterlag keinem Zweifel. Aber das hatte nichts zu bedeuten. Es bewies nur, dass die Vollkommenheit eines Gesichtes kein Spiegel der Seele sein musste.

Ihm fiel plötzlich ein, dass das Mädchen den weichen Akzent eines Mädchens sprach, das in den Südstaaten Amerikas groß geworden war. Hier hatten seine Gegner einen Fehler gemacht! Sheila war Engländerin. Man hörte es ihr an.

Ted atmete auf. Ihm war, als habe er sich selber von bohrenden Zweifeln befreit, von den Zweifeln nämlich, ob nicht doch die anderen im Recht sein mochten.

Als er das Hotelzimmer betrat, lag die Fremde lang ausgestreckt im Bett. Sie hatte die Augen weit geöffnet und starrte an die Zimmerdecke. Die Arme hatte sie unter dem Kopf verschränkt. Sie blickte ihn nicht an, als er leise die Tür hinter sich schloss.

„Geht es dir besser?“, fragte sie.

„Ausgezeichnet“, erwiderte er.

Jetzt blickte ihm das Mädchen in die Augen. Es bereitete ihm ein leises Vergnügen, festzustellen, dass sie plötzlich verwirrt war. Er erkannte, dass er den richtigen Dreh gefunden hatte. Er würde mitspielen – zumindest bis morgen, wenn Mrs. Fletcher alles zum Platzen bringen würde!

„Wie spät ist es?“, fragte das Mädchen.

Er schaute auf die Uhr. „Zehn nach eins.“

„Komm jetzt ins Bett.“

Er zog sich aus. Das Mädchen drehte sich zur Seite. Er musste grinsen. Nachdem er das Nachthemd übergestreift hatte, schlüpfte er ins Bett.

„Stört es dich, wenn ich noch eine Zigarette rauche?“

„Gib mir auch eine.“

Ein neuer Triumph. Sheila hatte niemals im Bett geraucht. Er gab dem Mädchen eine Zigarette.

„Wo bist du gewesen?“, fragte das Mädchen. Sie drückte ihm Sheilas Feuerzeug in die Hand. Er knipste es an. Das Mädchen setzte sich im Bett auf und beugte sich ihm entgegen. Ihr Haar kitzelte seine Nase. Er gab ihr Feuer und steckte sich dann die eigene Zigarette in Brand.

„Ich bin ein paar Schritte die Straße hinabgegangen“, sagte er.

„Ein schreckliches Kaff, nicht wahr? Wie heißt es eigentlich?“, fragte sie.

„Westfork.“

„Du lieber Himmel“, sagte sie seufzend. „Ich habe mir mal sagen lassen, in Amerika gäbe es drei Dutzend Westforks. Warum eigentlich? Hatten die Stadtväter dieser Orte so wenig Phantasie?“

„Keine Ahnung“, meinte er.

„Ich frage mich, weshalb wir ausgerechnet hier abgestiegen sind“, meinte sie. „Das Hotel ist klein und offensichtlich ganz unbedeutend. Es liegt in einem armseligen Ort – fast in einer Geisterstadt.“

Er wandte mit einem Ruck den Kopf und blickte sie an. „In einer Geisterstadt?“

„Ja! Hast du nicht die vielen leeren Häuser gesehen, an denen wir vorbeifuhren?“

Er zuckte die Schultern. „Das findet man häufig in Amerika. Irgendwann hat man hier mal Gold oder Öl gefunden – das zog die Leute an. Dann versiegten die Quellen, und die Bewohner verließen die Stadt.“

„Das ist noch immer keine Erklärung dafür, weshalb wir hier abgestiegen sind!

„Ich habe mich genau an den Übernachtungsplan gehalten, den das Komitee für mich ausgearbeitet hat“, meinte er. „Das Hotel liegt auf halbem Weg zwischen Rochester und New York. Es ist bekannt für eine gute Küche.“

„Gut essen kann man überall!“

„Ich nehme an, du hast recht. So toll war das Essen wirklich nicht. Und es gab nicht mal einen vernünftigen Beaujolais“, meinte er.

„Wann fahren wir weiter?“

„Ich habe den Portier gebeten, uns um sieben Uhr zu wecken.“

„Ist das nicht ein bisschen früh?“, maulte das Mädchen.

Er grinste. „Vergiss nicht, dass deine liebe Mutter uns in New York erwartet!“

„Scheusal!“, sagte sie.



4

Die Fahrt nach New York war merkwürdig.

Er stellte nämlich fest, dass er den Trip auf eine untergründige Weise genoss.

Zu seinem Erstaunen entdeckte er, dass das Mädchen nicht nur schön, sondern auch witzig war. Sie hatte Humor, und im Laufe der angeregten Unterhaltung hatte sie Gelegenheit, eine gewisse Bildung zu zeigen. Er vermied es, von Sheila zu sprechen. Überhaupt schnitt er das Geschehen der vergangenen Nacht mit keinem Wort an.

New York musste die Aufklärung bringen!

Nur zwei Dinge beunruhigten ihn.

Punkt eins war die Sorge um Sheila.

Punkt zwei die merkwürdige Selbstsicherheit des Mädchens, das sich als seine Frau ausgab.

Je näher der Wagen New York kam, um so klarer musste ihr doch sein, dass sich die Komödie ihrem Ende näherte!

Aber das Mädchen ließ nicht die geringste Unruhe erkennen.

Sie trug das hübsche, türkisfarbene Jackenkleid, das Sheila am Vortag angehabt hatte. Es passte tadellos.

Die Tatsache, dass sie dieses Kleid trug, ließ die Frage entstehen, was Sheila wohl auf dem Leibe haben mochte. Ted fand auf diese Frage keine Antwort.

Zum ersten Mal achtete Ted darauf, ob sie verfolgt wurden.

Ab und zu blieb ein Wagen längere Zeit hinter ihnen; aber früher oder später bog dieses Fahrzeug dann ab, oder der betreffende Wagen überholte sie.

„Wo ist Mama abgestiegen“, fragte das Mädchen.

„Im Statler.“

„Sie hätte sich etwas Besseres leisten können.“

„Das Statler ist ein gutes Hotel.“

„Sehr bürgerlich“, sagte das Mädchen. „Du weißt, dass deine Mutter jede unnütze Ausgabe hasst.“

„Sie ist geizig wie alle reichen Leute.“

Die Bemerkung brachte Ted darauf, dass seine Schwiegermutter eine reiche Frau war.

Es gab Leute, die ihr ein Millionenvermögen nachsagten. Er selber interessierte sich für das Geld nur wenig. Solange er genug hatte, um zu leben, machte er sich keine Sorgen. Er wusste natürlich, dass Sheila eines Tages die Millionen der Mutter erben würde, aber darauf hatte er nie spekuliert.

Jetzt allerdings, im Mittelpunkt eines mysteriösen Geschehens, fragte er sich zum ersten Mal, ob die Millionen seiner Schwiegermutter der Anlass des Verbrechens sein mochten.

Nun, das würde sich bald herausstellen. Er fuhr vorsichtig. Obwohl er sich schmeichelte, ein guter Fahrer zu sein, machte ihn der Verkehr auf den amerikanischen Straßen nervös.

Man hatte ihm empfohlen, sich in New York einen Autolotsen zu besorgen. Er machte von dieser Empfehlung Gebrauch. Die letzten Meilen innerhalb der City legten sie mit dem Lotsen am Steuer zurück. Dann betraten sie das Statler Hotel.

Ted beobachtete das Mädchen, das sich dicht an seiner Seite hielt. Sie war offensichtlich guter Laune. Er war überzeugt davon, dass diese Laune nur gespielt war, musste jedoch zugeben, dass das Mädchen die Rolle glänzend beherrschte.

„Ted Hunter. Für meine Frau und mich ist ein Zimmer reserviert worden“, sagte Ted an der Rezeption.

Der Portier überflog die Zahlenkolonnen des vor ihm liegenden Buches. „Sehr wohl, Sir“, sagte er. „Zimmer einhundertzwölf in der dritten Etage. Ich lasse das Gepäck sofort nach oben bringen. Ich hoffe, Sie hatten eine gute Reise?“

„Ja, danke“, sagte Ted; „Meine Schwiegermutter erwartet uns hier – Mrs. Fletcher.“

„Mrs. Fletcher wohnt in derselben Etage, Sir. Zimmer einhundertneunzehn.“

Sie fuhren mit dem Lift nach oben.

Die Stunde der Entscheidung war gekommen.

„Jetzt ein Bad!“, sagte das Mädchen.

„Das hat Zeit“, meinte Ted. „Du wirst doch gewiss erst Mama begrüßen wollen!“

„Wie du willst.“

Ted klopfte, als sie vor der Tür des Zimmers 119 standen. Von innen ertönte eine kräftige, resolute Frauenstimme: „Herein!“ Beim Klang der Stimme fiel Ted ein Stein vom Herzen. Einen Augenblick lang hatte er befürchtet, die Gangstergruppe, die sich hinter dem Ganzen verbarg, hätte auch seine Schwiegermutter entführt und an ihre Stelle eine fremde Frau gesetzt.

Er öffnete die Tür.

Er lächelte. Ja, das war Mrs. Fletcher, wie sie leibte und lebte – eine knochige, etwas männlich aussehende Frau, deren strenge Gesichtszüge durch das im Nacken zu einem Knoten verschlungene Haar noch betont wurden.

„Mama!“, rief das Mädchen.

Sie stürmte auf die Frau zu.

Jetzt musste die Katastrophe kommen!

Mrs. Fletcher breitete die Arme aus. „Mein Kind!“, rief sie. Sie schlang die Arme um das Mädchen. Dann hielt sie das Mädchen auf Armeslänge vor sich. „Gut siehst du aus! War die Reise sehr anstrengend? Oh, Sheila, ich freue mich ja so, mit dir New York erleben zu dürfen!“

Ted war es so, als bräche eine Welt zusammen.

Sein Kinn klappte nach unten, als sei es an einem schadhaften Scharnier befestigt.

Mrs. Fletcher blickte ihn an. „Na, mein Junge? Willst du deiner Schwiegermutter keinen Kuss geben?“

Er rührte sich nicht vom Fleck.

Es war schrecklich, plötzlich begreifen zu müssen, dass nicht die anderen verrückt waren, sondern dass er, Ted Hunter, einen geistigen Defekt hatte!

Der Portier konnte bestochen gewesen sein.

Dieses Mädchen konnte man gekauft haben.

Aber Mrs. Fletcher?

Ausgeschlossen!

Welche Mutter verleugnet die eigene Tochter?

Welche Tochter verbündet sich mit Gangstern zum Schaden des eigenen Kindes?

Nein, er kannte Mr. Fletcher. Sie hätte gekämpft, wenn jemand den Versuch unternommen hätte, gegen ihn oder Sheila vorzugehen!

Er ließ die Schultern hängen. Um ihn herum drehte sich alles.

„Du siehst blass aus, mein Junge!“, sagte Mrs. Fletcher besorgt.

Die Stimme des Mädchens drang wie durch einen Nebel an sein Ohr. „Der arme Ted! Er fühlt sich in letzter Zeit nicht ganz wohl. Die Reise hat ihn mehr angestrengt, als er zuzugeben wagt. Ich fürchte, wir werden mit ihm zum Arzt gehen müssen. Stimmt‘s, Ted?“

Ted schluckte. „Ja, das stimmt“, erwiderte er mit kaum hörbarer Stimme.



5

Dawn Barris hielt das Besucherkärtchen mit zwei Fingerspitzen fest, als müsste sie fürchten, es wäre mit einer ätzenden Säure getränkt. Sie legte das Kärtchen vor ihrem Chef, Jack Braden, auf die Schreibtischplatte.

Jack ließ die Morgenzeitung sinken. Lächelnd blickte er zu dem Mädchen in die Höhe. „Sunny“, sagte er, „Ihr Anblick ist der beste Ausgleich, den sich Ihr mit Arbeit überlasteter Chef vorstellen kann.“

„Wollen Sie etwa behaupten, vor Anstrengung gleich umzufallen?“, fragte Dawn spöttisch. „Ich wusste nicht, dass das Lesen von Zeitungen und Magazinen eine solche Tortur für Sie bedeutet! Es wäre wirklich gut, wenn sich mal wieder ein fetter Bissen einfinden würde. Man kann nicht sagen, dass die Detektivagentur Braden in letzter Zeit auf Hochtouren lief.“

„Das ist doch prächtig!“, behauptete Jack und legte die Zeitung beiseite. „Es beweist schlagend, in wie hohem Grad es unserer Arbeit gelungen ist, mit dem Gangsterunwesen in dieser Stadt aufzuräumen.“

Dawn lächelte spöttisch. „Das Dumme ist nur, dass Sie mit diesem Stolz – falls er wirklich zutreffend sein sollte – Ihre Rechnungen nicht bezahlen können.“

„Das stimmt“, räumte Jack stirnrunzelnd ein. „Und hier zeichnet sich die Tragödie meines Berufs ab! Indem meine Kollegen und ich das Verbrechen bekämpfen und ausrotten, vernichten wir gleichzeitig die Grundlage unserer Existenz.“

„Mir kommen gleich die Tränen“, sagte Dawn.

„Das möchte ich unter allen Umständen vermeiden!“, erklärte Jack entschlossen. „Wenn sich über Ihre Augensterne der glitzernde Vorhang perlender Tränen legt, werde ich weich. Und wenn ich weich werde, gebe ich Ihnen eine Gehaltszulage! Das kann ich mir bei dieser Arbeitsflaute nicht leisten.“

Dawn lachte leise. „Sie und weich werden! Darauf warte ich, seitdem mir das Vergnügen zuteil geworden ist, Ihre Firma im Vorzimmer zu repräsentieren.“

Jack starrte auf die Karte, die Dawn vor ihn hingelegt hatte. „Sieht nicht gerade appetitlich aus.“

„Etwas fettig“, meinte Dawn.

„Wenn man sie auskocht, würde sicherlich ein gutes Süppchen entstehen.“

„Brr!“ Dawn schüttelte sich.

„Immerhin ist der Name, der auf der Karte steht, von imponierendem Umfang. Er hat Klang. Und Inhalt. Eric Baron von Sirlewski. Was für ein Knabe ist das?“

„Er sieht ungefähr so aus wie die Karte, die er mir in die Hand gedrückt hat. Ziemlich unappetitlich.“

„Er will mich sprechen?“

„Deshalb ist er hier.“

Jack rieb sich die Hände. „Großartig! Unsere Aktien steigen, Sunny. Wir kriegen Arbeit.“

„Was nützt Ihnen die Arbeit, wenn‘s mit der Bezahlung hapert?“, fragte Dawn.

„Sie glauben, er hat nichts in der Tasche?“

„Höchstens ein paar Essensmarken der Heilsarmee“, vermutete Dawn.

„Aber er ist ein Baron!“

„Ich habe mal einen Grafen gekannt, der in der Bowery die Straßen fegte.“

„Wie ich sehe, verkehren Sie in den besten Kreisen“, spöttelte Jack.

„Das hat mich veranlasst, den Job bei Ihnen anzunehmen.“

„Vielen Dank. Schicken Sie den Baron trotzdem herein. Ich will hören, was er auf dem Herzen hat.“

„Ich wette, er ist entweder ein Verrückter oder ein Hochstapler“, meinte Dawn. Mit diesen Worten machte sie kehrt und ging hinaus. Sekunden später trat ein Mann ein, der in der Tat einen bemerkenswerten Anblick bot.

Er sah aus, als sei er einem Musical entsprungen, bei dem er die Aufgabe hatte, den komischen Alten zu spielen.

Die Hosen waren viel zu lang. Sie stauchten auf den Schuhen und bildeten dort einen ziehharmonikaähnlichen Abschluss. Die Jacke passte nicht zu den Hosen, und der steife Kragen schien einer Periode zu entstammen, da das Auto noch als seltener Luxus galt. Am verrücktesten aber war der Vollbart, den der Mann trug – ein struppiges Gebilde, das offenbar seit Langem den ordnenden Schnitten einer Schere entronnen war.

Der Baron war groß. Er bewegte sich mit einer gewissen Würde. Den Hut, einen schwarzen Borsalino, hielt er in der Hand. Jack kam um den Schreibtisch herum und gab dem seltsamen Besucher die Hand.

Aus der Nähe betrachtet, verlor der Baron nichts von seiner Auffälligkeit. Die Augen waren sehr dunkel und von buschigen, mit weißen, borstigen Haaren durchsetzten Brauen beschattet. Auf der Nase hatte er eine rote, knollige Warze. Das graumelierte Haar war sehr dicht und glatt zurückgekämmt. Jack, der dem Besucher den Armlehnstuhl an seinem Schreibtisch zurecht schob, fand es schwer, das Alter des Barons zu bestimmen. Sirlewski konnte ebenso gut fünfzig wie sechzig Jahre alt sein.

Der Baron setzte sich.

Jack nahm wieder in seinem Drehsessel Platz.

„Haben Sie den Mut, sich mit einem Verrückten zu unterhalten?“, fragte der Baron. Er hatte eine dunkle, überraschend angenehme Stimme.

„Sind Sie denn verrückt?“

„Zeitweilig“, sagte der Baron. „Ich bin dann eine ziemliche Plage für meine Umgebung.“

„Im Moment sind Sie, hoffe ich, normal?“

„Kann man je mit Sicherheit wissen, ob man normal ist?“, fragte der Baron. Es sah so aus, als würde er, eingehüllt in den Dschungel seines Vollbartes, lächeln.

„Ich darf vorausschicken, dass ich kein Psychiater bin“, meinte Jack Braden. „Für medizinische Fragen bin ich nicht zuständig.“

„Das weiß ich.“

„Was führt Sie zu mir?“

„Der Wunsch, einem Unglücklichen zu helfen.“

„Das hört sich sehr pathetisch an.“

„Weshalb sollte die Wahrheit immer nüchtern sein? Tatsache ist, dass der Fall, um dessentwillen ich zu Ihnen gekommen bin, sehr tragische Aspekte aufweist.“

„Kommen Sie zur Sache!“, bat Jack.

„Ich bin etwas unsicher“, gestand der Baron.

„Wieso?“

„Mir ist klar, dass Sie mich mit Misstrauen betrachten. Mein Aufzug, mein Aussehen – kurzum das Gesamtbild meiner Erscheinung lassen Sie möglicherweise vermuten, dass ich nicht ganz ernst zu nehmen bin. Betrüblicherweise mag das in mancherlei Punkten zutreffen. Was aber Ted Hunter betrifft, bin ich völlig sicher, dass er das Opfer eines Verbrechens geworden ist. Und für Verbrechen sind Sie doch wohl zuständig?“

„Nicht nur ich“, sagte Jack Braden. „In erster Linie die Polizei.“

„Zur Polizei kann ich nicht gehen“, meinte eher Baron. „Sie kann in diesem Fall nichts machen.“

„Wieso?“

„Weil der Mann, um den es geht, keinen Zeugen für die Existenz seines klaren Verstandes aufbringen kann. Er ist von Feinden umgeben. Alles spricht gegen ihn. Er hat im Moment keine Chance, aus seinem Gefängnis auszubrechen.“

„Aus seinem Gefängnis?“

„Seine Gegner haben es fertiggebracht, ihn in einer Nervenheilanstalt unterzubringen. In einer richtigen Klapsmühle! Ich brauche Ihnen gewiss nicht erst klarzumachen, was das bedeutet. Wenn es seinen Gegnern gefällt, kann er darin schmoren bis ans Ende seiner Tage. Das Dumme ist, dass man in dieser Umgebung Gefahr läuft tatsächlich verrückt zu werden.“

„Wo befindet sich diese Nervenheilanstalt?“

„In Chadbourn. Das ist ein kleiner Ort in North Carolina“, sagt der Baron. „Übrigens handelt es sich um eine sehr exklusive Anstalt. Es sind nur reiche Patienten dort. Der Aufenthalt kostet eine Menge Geld.“

„Natürlich weiß ich, dass es Menschen gibt, die unbequeme Gegner nicht selten des Irrsinns verdächtigen und in eine Nervenheilanstalt abzuschieben versuchen“, sagt Jack. „Aber diese grausame Methode ist auch der Polizei bekannt. Die Nervenheilanstalten werden streng überwacht. Man lässt nur Ärzte zu, die als seriös und erfahren gelten. Kurpfuschern werden keine Lizenzen erteilt.“

„Professor Tyler, der Chef der Anstalt, ist gewiss kein Kurpfuscher“, sagt der Baron. „Er ist ein Psychiater von denkbar guter Reputation. Die Fachzeitschriften drucken seine Artikel in regelmäßiger Folge.“

„Okay – und was werfen Sie ihm vor?“

„Mein teurer Freund – wer sagt, dass ein guter Arzt nicht gleichzeitig ein Verbrecher sein kann?“

Jack Braden schwieg einige Sekunden. „Natürlich kann das niemand bestreiten“, meinte er dann. „Wenn ich Sie recht verstehe, bilden Ihre Worte einen sehr massiven Angriff, der sich gegen den Professor richtet?“

„Ich muss darin sehr vorsichtig sein“, sagte der Baron. „Persönlich glaube ich, dass Tyler ein Verbrecher ist. Aber ich darf die Möglichkeit nicht ausschließen, dass er das Opfer falscher Informationen wurde. Für mich steht es fest, dass in seiner Anstalt neben echten Patienten auch solche leben, die völlig normal sind, Ted Hunter ist ein solcher Fall.“

„Ted Hunter?“, fragte Jack. „Ist das nicht der Name eines bekannten englischen Wissenschaftlers?“

„Er war bereits einmal Anwärter auf den Nobelpreis“, sagte der Baron.

„Warum ist nichts daraus geworden?“

„Ted hat ihn abgelehnt.“

„Wieso?“

„Er hält nichts davon“, meinte der Baron. „Er hasst jeden Rummel. Aber hier geht es nicht um Teds Ruf als Wissenschaftler. Es geht um das Verbrechen, dessen Opfer er geworden ist.“

„Erzählen Sie, aber fassen Sie sieh möglichst kurz, bitte“, sagte Jack.

„Ted Hunter gehört zu den Koryphäen auf dem Gebiet der friedlichen Weltraumforschung“, erklärte der Baron. „Er hat einen neuen Raketentreibstoff entwickelt, der eine gewisse Ähnlichkeit mit jenem hat, den von Braun für die Saturn verwendet. Es handelt sich um einen Flüssigkeitswasserstoff, eine Mischung von Wasser und Sauerstoff also. Hunter hat nun eine neue Zusammensetzung entwickelt, die die Schubkraft der Raketen um das Doppelte erhöhen wird. Aus Sicherheitsgründen darf er darüber nicht sprechen – schließlich gibt es im Endeffekt zwischen friedlicher und militärischer Nutzung dieser Arbeit keinen Unterschied – aber man erlaubte ihm, in den Staaten eine Vortragsreihe über seine allgemeinen Erfahrungen abzuhalten. Auf der Rundreise durch die Staaten, die er in Begleitung seiner jungen Frau Sheila machte, passierte das Ungeheuerliche. Man entführte seine Frau!“

„Davon habe ich nie etwas gelesen.“

„Es stand nicht in den Zeitungen.“

„Wieso?“

„Die Gangster legten ihm eine andere Frau ins Bett.“

„Wie bitte?“

„Ich weiß, dass das verrückt klingt. Aber so war es. Ted erwachte eines Nachts und fand neben sich ein Mädchen, das behauptete, Sheila, seine Frau, zu sein.“

„Aber er hätte doch mühelos nachweisen können, dass das eine Lüge war!“

„Leider nicht. Die beiden Frauen sehen sich ziemlich ähnlich. Und Sheilas Mutter, die den Irrtum aufklären sollte, schlug sich merkwürdigerweise auf die Seite der Gangster.“

„Langsam, langsam“, meinte Jack Braden. „Die Geschichte fängt an, kompliziert zu werden.“

„Kompliziert? Vor allem unverständlich. Was waren die Motive der Mrs. Fletcher, die ihrem Schwiegersohn in den Rücken fiel? Was ist aus Sheila geworden? Wer ist das Mädchen, das sich als Sheila Hunter ausgibt? Fragen, auf die Ted Hunter nur sehr unvollständige, oder gar keine Antworten fand! Fest steht, dass er einen nervlichen Zusammenbruch erlebte, als seine Schwiegermutter gegen ihn aussagte. Er willigte ein, sich ärztlich untersuchen zu lassen, und landete bei Professor Tyler.“

Der Baron griff in die Innentasche seines Jacketts. Er brachte einen dicken Brief hervor. „Ted Hunter hat alles genau aufgezeichnet“, sagte er. „Hier ist das Manuskript. Es ist am besten, Sie lesen sich alles in Ruhe durch.“

„Was erwarten Sie von mir?“

„Klären Sie das Verbrechen auf! Finden Sie die Schuldigen, und sorgen Sie dafür, dass diese Leute ihrer gerechten Strafe zugeführt werden!“

„Soll das heißen, dass ich in Ihrem Auftrag arbeiten soll?“, fragte Jack.

„Nein. Ich bin ein armer Mann, der auf die Almosen seiner Familie angewiesen ist. Bezahlung können Sie nur von Ted Hunter erwarten.“

„Wie und wo sind Sie mit ihm bekannt geworden?“

„Ich war in Chadbourn.“

„Als Patient?“

„Ganz recht. Meine Familie schickt mich einmal im Jahr für acht Wochen hin. Zur Beobachtung.“

„Sie haben sich in Chadbourn mit Ted Hunter angefreundet? “

„Ja. Dort lernt man natürlich viele Leute kennen. Fast jeder hat eine Geschichte parat, mir deren Hilfe er zu beweisen versucht, dass er zu Unrecht in der Anstalt festgehalten wird. Jeder hält sich für normal. Das gilt besonders für die Napoleons, die dort leben, und für die Würger.“

„Wie bitte?“

„Zwei Männer halten sich für den Würger. Einer behauptet, der Nachfolger von Jack, the Ripper zu sein.“

„Reizende Gesellschaft!“

„Und nicht ganz ungefährlich“, sagte der Baron. „Zwar werden diese Burschen von bärenstarken Pflegern bewacht, aber in den Augen dieser Irren ist immer ein gefährliches Glitzern. Man spürt förmlich, dass sie auf eine Gelegenheit warten, um ihrer Grausamkeit freien Lauf lassen zu können.“

„Sie glauben also Ted Hunter?“

„Wäre ich sonst zu Ihnen gekommen?“

Jack öffnete den Brief und überflog die ersten paar Seiten. Der Bericht machte, abgesehen von dem skurril anmutendem Inhalt, einen sachlich-nüchternen Eindruck. Ted Hunters Handschrift war klar, sauber, ausgereift, die Schrift eines Mannes von Geist und Charakter.

Jack legte den Brief beiseite. „Ich kann mich nicht sofort entscheiden.“

„Das erwarte ich nicht von Ihnen. Aber entscheiden Sie sich bald. Jeder Tag, den Ted Hunter in der Anstalt verbringen muss, ist für ihn eine Tortur.“

„Wie lange ist er schon dort?“

„Ein halbes Jahr.“

„Ein halbes Jahr?“, echote Jack ungläubig.

„Ja, vor sechs Monaten passierte ihm das Unglück.“

„Wo lebt seine Frau?“

„Seine angebliche Frau“, stellte der Baron richtig. „Sie hat ein Appartement in der Fulton Street. Nummer einhundertvierundsechzig.“

„Und wo wohnt Mrs. Fletcher?“

„Mrs. Fletcher ist zurück nach England gereist.“

Jack rieb sich das Kinn. „Um die Sache wirklich gründlich betreiben zu können, wäre es am klügsten, ich würde mich als Patient in die Anstalt schmuggeln lassen.“

Der Baron blickte Jack in die Augen. „Das wäre sehr gefährlich“, sagte er.

„Wieso?“

„Sie wissen nicht, ob Sie jemals dort wieder herauskommen! Was ist, wenn Tyler Lunte riecht? Falls er der Verbrecher sein sollte, für den ich ihn halte, würde das Ihr Ende bedeuten.“

„Sie glauben, er würde versuchen, mich aus dem Wege zu räumen?“, fragte Jack.

„Jeder, der in der Anstalt leben muss, ist praktisch aus dem Wege geräumt“, meinte der Baron. „Es liegt ganz an Tyler, ob er bereit ist, ihn freizugeben.“

„Erzählen Sie mir etwas über diese Anstalt.“

„Mir fehlen die Worte, um Ihnen ein anschauliches Bild der Fakten zu vermitteln. Die Anstalt ist die Ausgeburt eines Irren, ein Schloss, das in den wesentlichsten Teilen Stein für Stein aus England importiert und hier wieder aufgebaut wurde – in einem verlassenen, einsamen Moor. Ein spleeniger Millionär hat sich diesen makabren Scherz geleistet. Ich wette, er wollte damit seine Gäste erschrecken. Für mich gibt es keinen Zweifel, dass ihm das hervorragend gelungen sein muss.“

„Hat das Schloss einen Namen?“

„Es nennt sich Chadbourn Castle.“

„Lebt der Eigentümer noch?“

„Nein, nachdem er gestorben war, verkaufte seine Familie den gruseligen Kasten. Tyler, der damals ein Sanatorium suchte, fand das Schloss für seine Zwecke geradezu ideal geeignet. Der tiefe Wassergraben rings um das Schloss, die dicken Mauern, die vergitterten Fenster – kurzum, die ganze Anlage war genau das, was er brauchte!“

Jack bemerkte, dass der Besucher bei der Schilderung der Anstalt die Schultern hochgezogen hatte. Er sah aus wie ein Mann, dem plötzlich sehr kalt geworden war.

„Chadbourn Castle ist ein Alpdruck“, erklärte der Baron. „Es liegt in einer tristen, düsteren Landschaft, und es bildet gewissermaßen den deprimierenden Mittelpunkt seiner Umgebung. Es ist schlimm genug, dort wohnen zu müssen – aber noch schlimmer ist es, wenn man dabei von Verrückten umgeben ist! Da kann selbst ein Mann mit starken Nerven die Beherrschung und den Verstand verlieren.“

„Sie raten mir also ab, dorthin zu gehen?“

„Ich versuche Ihnen lediglich klar zu machen, was Sie dort erwartet.“

„Vielen Dank, Baron.“

„Sie sind also bereit, den Auftrag zu akzeptieren?“, fragte der Baron.

„Das kann ich Ihnen frühestens nach der Lektüre von Ted Hunters Bericht sagen.“

„Dann bin ich beruhigt. Sie werden rasch erkennen, dass die Zeilen von einem Mann geschrieben wurden, der über einen messerscharfen Verstand verfügt. Betrüblicherweise reicht er nicht aus, um hinter die Kulissen eines mysteriösen und unerklärlichen Verbrechens zu blicken.“

„Eine Frage“, meinte Jack. „Was hat Sie veranlasst, sich ausgerechnet an mich zu wenden?“

„Sie sind ein berühmter Mann, Mr. Braden. Ihre Berühmtheit ist das Produkt echter Leistungen. Wenn es jemanden gibt, der Ted Hunter heraushauen kann, dann sind Sie es. Ich hoffe jedenfalls, dass ich mich nicht irre.“



6

Dawn Barris legte die letzte Seite des Berichts aus der Hand.

Jack Braden saß auf dem Rand ihres Schreibtisches. Er spielte mit einer Büroklammer.

„Lieber Himmel!“, sagte Dawn mit leiser Stimme. Sie starrte ins Leere.

„Nun?“, fragte er.

„Wenn es stimmt, was er schreibt …“ Sie unterbrach sich und schwieg.

„Sprechen Sie weiter!“

„Das wäre ein ungeheuerliches Verbrechen, nicht wahr? Aber …“

„Aber?“

„Ich werde einige Zweifel nicht los.“

„Beziehen sich diese Zweifel auf Ted Hunters Bericht?“, fragte Jack.

„Nein, nur auf den Überbringer.“

„Ich werde Erkundigungen über den Baron einziehen. Er ist ein seltsamer Kauz, aber er schien mir ganz normal zu sein. Jedenfalls kontrastiert die Art, wie er sich auszudrücken verstand, sehr vorteilhaft mit seinem Äußeren.“

„Er ist eine Witzfigur!“

„Zuweilen muss man auch Witzfiguren ernst nehmen.“

Dawn blickte Jack in die Augen. „Sie werden den Fall also übernehmen?“

„Sehr wahrscheinlich“, sagte Jack. „Stellen Sie bitte eine Verbindung mit Anthony Gilford her. Er wird entzückt sein, Ihre Stimme zu hören.“

Dawn nahm den Hörer von der Gabel und wählte eine Nummer. „Oh, Tony – sind Sie‘s selber?“, flötete sie und blickte Jack an. „Ihre Stimme ist ganz unverkennbar! Männlich-herb und dabei gebildet. Es ist schwer, die Wirkung zu beschreiben, die sie ausübt. Man spürt sofort, dass sich dahinter eine echte Persönlichkeit verbirgt.“ Sie seufzte. „Es muss himmlisch sein, für eine Persönlichkeit arbeiten zu können!“

Jack grinste. Er liebte es, wenn Dawn ihm eine Retourkutsche gab. „Geben Sie her“, sagte er und nahm ihr den Hörer ab.

„Sie wissen doch, Sunny, was ich für Sie empfinde“, erklärte Gilford am anderen Ende der Leitung. Ihm war anzumerken, dass er sein ganzes Gefühl in die Worte legte. „Jack ist mein Freund, und Sie wissen, wie sehr ich ihn und seine Tüchtigkeit schätze. Es wäre nicht fair, gegen ihn einen Prozess der Abwerbung in Szene zu setzen, aber falls Sie jemals mit dem Gedanken spielen sollten, sich zu verändern, wissen Sie ja, wo man mit offenen Armen auf Sie wartet.“

„Alter Süßholzraspler“, sagte Jack.

„Oh, das hätte ich mir denken können!“, meinte Anthony Gilford indigniert. „Ihnen ist jeder Trick recht, um gegen Dawn und mich zu konspirieren.“

„Das haben Sie schön gesagt, Tony“, erklärte Jack grinsend. „Wie geht es Ihnen, Verbrecherschreck?“

„Hoffentlich verletze ich nicht Ihr Zartgefühl, wenn ich Ihnen klarmache, dass es mir eben, als ich Dawn sprechen konnte, bedeutend besser ging.“

„Ich freue mich, dass Sie noch immer unentwegt und unverdrossen dabei sind, die Wirkung Ihres Charmes an der holden Weiblichkeit auszuprobieren. Ich bin nämlich entschlossen, diese Fähigkeit für meine Zwecke einzuspannen. Sie sind doch hoffentlich nicht abgeneigt, mir einen Gefallen zu tun?“



7

„Wenn Sie mich um einen Gefallen bitten, werde ich misstrauisch. Ich sehe mich dann immer gleich als Mittelpunkt einer aufregenden Mörderjagd! Ich darf Sie daran erinnern, dass ich als FBI-Agent einem Beruf nachgehe, der meine Freizeit sehr knapp hält.“

„Das Wenige, was Ihnen zur Verfügung steht, werden Sie gern mir opfern“, sagte Jack lächelnd.

„Ich habe nie gewusst, was ich an Ihnen mehr bewundern sollte: Ihre Tüchtigkeit, oder Ihre Unverfrorenheit. Worum geht es diesmal?“

„Das habe ich schon angedeutet. Es geht um Ihre unbestrittene Anziehungskraft als Mann. Sie sollen mit einer gewissen Sheila Hunter Kontakt aufnehmen. Es wird behauptet, dass sie sehr schön ist. Interessiert Sie die Aufgabe?“

„Es gibt nur eine schöne Frau, die mich interessiert“, erklärte Anthony Gilford. „Sie kennen sie.“

„Die feine Art, mit der Sie Ihre Bewunderung für Dawn zum Ausdruck bringen, würde einen Shelley und Lord Byron gewiss zu überschwänglichen Gedichten veranlasst haben. Betrüblicherweise bin ich kein Poet.“

„Diese Feststellung hätten Sie sich ersparen können“, warf Anthony Gilford spöttisch ein. „Ich weiß, wer Sie sind, mein Bester. Ein junger Mann aus gutem Hause, der betrüblicherweise viel zu häufig ignoriert, welchen Wurzeln er sich verpflichtet fühlen sollte.“

„Dafür gibt es eine Erklärung“, meinte Jack grinsend. „Meine Eltern haben versäumt, mich nach Oxford zu schicken.“

„Ein Jammer“, witzelte Anthony Gilford. „Sie hätten dort soviel für sich tun können! Allerdings bin ich keineswegs sicher, ob Sie akzeptiert worden wären. Die Leute in Oxford sind wählerisch. Die nehmen nicht jeden, wissen Sie.“

„In Oxford ist man demokratischer, als gemeinhin behauptet wird. Das wurde bewiesen, als man sich entschloss, einen gewissen Anthony Gilford aufzunehmen.“

„Scheusal“, sagte Anthony Gilford. „Aber nun mal im Ernst, Jack: Sie brauchen mich tatsächlich?“

„Dringend.“

„Soll ich in Ihr Office kommen?“

„Das wäre das Beste.“

„Wenn Sie mir versprechen, dass ich dort auch Dawn antreffe, komme ich sofort!“

„Sie wird da sein. Und vergessen Sie das Wichtigste nicht!“

„Was denn?“

„Die Blumen für Sunny“, sagte Jack und hing auf.



8

Jack Braden musste etwa fünfzehn Meilen hinter Nicols die Bundesstraße 76 verlassen und in einen schmalen, von Schlaglöchern bedeckten Weg einbiegen, der nordwärts zur Anstalt des Professors führte. Ein Schild mit der Aufschrift Chadbourn Castle, 7 Meilen wies ihm den Weg.

Er fuhr langsam.

Es war glühend heiß. Das Autoradio spielte. Die Landschaft links und rechts des Weges machte einen verwilderten Eindruck. Nirgendwo war eine menschliche Behausung zu sehen. Jack fragte sich, was den Millionär seinerzeit veranlasst haben mochte, in dieser trostlosen Einöde ein Schloss zu errichten.

Der Porsche schaukelte über die Schlaglöcher.

Jack musste seine ganze Fahrkunst aufbieten, um das tiefliegende Heck des Wagens nicht aufzusetzen. Jack hatte im Innern des Carrera einige Änderungen vorgenommen. Unter anderem hatte er das Telefon entfernt. Er konnte es sich nicht leisten, seinen Beruf durch die Innenausstattung des Wagens zu verraten.

Plötzlich sah er weit vor sich einen hellen Fleck, der beim Näherkommen rasch größer wurde. Ein Mann mit einer Reisetasche pilgerte nordwärts. Der Mann blieb stehen, als er die Geräusche des Wagens hörte.

Als Jack bis auf wenige Meter an den Mann herangekommen war, konnte er sehen, wie hünenhaft der einsame Spaziergänger gewachsen war. Jack hielt.

Der Mann trat an den Wagenschlag und bückte sich. Er hatte ein rundes, rot-geschwitztes Gesicht mit Bürstenhaarschnitt und kleinen, dunklen Augen. „Können Sie mich ein Stück mitnehmen?“, fragte er.

„Wohin?“

„Ich will zum Professor, nach Chadbourn Castle.“

„Steigen Sie ein“, sagte Jack.

Der Mann hatte einige Mühe, seine zwei Meter Lebensgröße in dem Wagen unterzubringen. Er roch stark noch Schweiß. Unter den Achselhöhlen seines leichten, zerknitterten Sommeranzuges hatten sich riesige Schweißflecken gebildet.

„Triste Gegend, was?“, fragte der Fremde.

„Nicht sehr anheimelnd“, gab Jack zu.

„Hier geht‘s noch“, meinte der Mann. „Zwei Meilen von hier fängt der Sumpf an.“

„Der Sumpf?“

„Ja, er dehnt sich bis nach Chadbourn Castle aus. Man könnte glauben, in den Sümpfen von Florida zu sein. Es wimmelt darin von Alligatoren und Wasserschlangen. Diese Straße führt mitten hindurch.“

„Sie wollten die ganze Strecke zu Fuß zurücklegen?“

„Wollte? Nee“, sagte der Mann. „Früher kam um diese Zeit der Versorgungswagen von Nicols durch – aber anscheinend hat sich der Fahrer eine andere Zeit ausgesucht. Ich rechnete jedenfalls fest damit, dass er mich mitnehmen könnte. Na, dieses Problem ist ja gelöst. Stört es Sie, wenn ich rauche?“

„Keineswegs.“

Der Mann hielt Jack eine zerknitterte Packung Camel unter die Nase. „Sie auch?“

„Nein, danke.“

Der Mann steckte sich eine Zigarette an und inhalierte tief. „Sie wollen zu Tyler?“

„Hm.“

„Wollen Sie ihn wegen eines Patienten sprechen?“

„Ich bin selber ein Patient.“

„Oh“, sagte der Fremde. Er warf Jack einen raschen Seitenblick zu.

Jack schaute geradeaus durch die Windschutzscheibe. Der Weg wurde etwas besser. „Und Sie?“, fragte er.

„Ich?“

„Ja, was wollen Sie in Chadbourn Castle?“

„Ich hoffe, der Professor hat einen Job für mich“, sagte der Mann.

„Sie kennen Tyler?“

„Ich habe schon für ihn gearbeitet. Als Pfleger.“

„In Chadbourn?“

„Ja.“

„Weshalb sind Sie nicht geblieben?“

„Weil ich Angst hatte, bei ihm so verrückt zu werden wie einige seiner Patienten“, sagte der Pfleger.

„Der Umgang mit Kranken liegt nicht jedem.“

„Das war es nicht.“

„Sondern?“

„Schwer zu sagen“, meinte der Mann. Er blickte geradeaus durch die Windschutzscheibe. Es war offensichtlich, dass er keine Lust hatte, sich über das Thema weiter zu verbreiten. Aber dann meinte er plötzlich: „In Chadbourn Castle kriegt man Depressionen. Der Kerl, der den Kasten gebaut hat, muss einen Spleen gehabt haben. Alles im Inneren des Gebäudes ist darauf abgestimmt, den Betrachter einzuschüchtern. Die langen, dunklen Korridore, die Leuchter, die schweren, geschnitzten Möbel, die Nischen, die Gemälde, überhaupt die ganze Einrichtung.“

„Hat Tyler nichts unternommen, um das Schloss ein bisschen aufzumöbeln?“

„Er hat den Kasten nur gepachtet und darf nichts daran verändern. Natürlich sind die Räume der Pfleger und der Kranken zum Teil hell tapeziert, und die Wohnung des Professors könnte es mit jeder Hollywood-Ausstattung aufnehmen, aber …“

„Aber?“

„Wenn ich länger als zwei Monate in dem Schloss lebe, fange ich an, Gespenster zu sehen.“

„Gespenster?“

„Ich hoffe, Sie lachen mich nicht aus – aber ich bin sicher, dass es in dem Kasten spukt.“

Jack blieb ernst. „Gibt es Beweise dafür?“

„Mehr als genug.“

„Zum Beispiel?“

„Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, nachts bei verschlossener Tür zu schlafen. Eines Morgens erwachte ich und musste feststellen, dass jemand meine Papiere durchwühlt hatte. Die Tür war von innen verschlossen. Das Fenster vergittert. Es gab keinen zweiten Ausgang. Ich lag allein im Zimmer.“

„Das ist noch kein Beweis für einen Spuk.“

„Ich könnte Ihnen noch mehr erzählen. Aber wozu das alles? Wahrscheinlich glauben Sie, die Patienten hätten mich damals angesteckt.“

„Wie heißen Sie?“

„Jerry Moulton.“

„Mein Name ist Braden. Sie raten mir also ab, mich in Chadbourn einzuquartieren?“

„Das ist nicht meine Aufgabe. Ein Kurort ist es jedenfalls nicht. Sie müssen starke Nerven haben, um es dort nett zu finden. Oder Sie müssen so verdreht sein wie eine alte Schraube. Was fehlt Ihnen denn?“

„Ich leide manchmal unter Gedächtnisschwund. Das macht mir Sorge. Professor Tyler wurde mir empfohlen.“

„Er ist ein guter Arzt“, sagte Moulton. Jack fand, dass die Stimme des Mannes plötzlich recht seltsam klang. Moulton sah ernst aus. Er schnippte die Zigarettenkippe aus dem Fenster. „Gleich wird der Sumpf beginnen.“ Er wandte den Kopf. „Können Sie ihn nicht riechen?“

Schnuppernd bewegte Jack die Nase. Tatsächlich; Ein merkwürdiger Geruch drängte sich in das Wageninnere, ein süßlicher, an Verwesung und Fäule erinnernder Duft, der rasch an Intensität zunahm. Die Straße bildete jetzt einen Damm, der die mit hohen Schilfgräsern durchsetzte Landschaft in zwei Teile trennte. Das Schilf wurde bald von großen, dunklen Wasserlachen abgelöst, auf denen hohe, giftig schillernde Wasserblasen standen, farbige Kuppeln, die zuweilen geräuschlos platzten, um sich an anderer Stelle neu zu bilden. Die Bäume, die aus dem Wasser wuchsen, waren kahl und knorpelig; ihre Äste erinnerten an sich windende Nattern.

„Hübsche Gegend, was?“, spöttelte Moulton. „Aber sie hat einen Vorteil.“

„Nämlich?“

„Wenn es wirklich mal einem Patienten gelingen sollte, aus der Anstalt zu fliehen, kommt er nicht weit. Er muss sich fünf Meilen lang auf dieser Straße halten, denn ringsum ist nur Sumpf, ringsum sind Schlangen, Alligatoren, Spinnen und Moskitos.“ Er lachte. „Fünf Meilen durch diese Hölle von Glut und Einsamkeit machen einen Menschen fertig. Und wir haben ihn mit dem Wagen eingeholt, noch ehe er die Bundesstraße erreichen und sich von irgendeinem Autofahrer mitnehmen lassen kann.“

„Ganz praktisch“, sagte Jack ruhig.

„Gewiss. Tyler ist ein Mann, der an alles denkt.“

„Auch an die Gesundheit seiner Schutzbefohlenen, hoffe ich“, meinte Jack.

„Die Leute, die zu ihm kommen, sind nicht mehr zu kurieren“, sagte Moulton. Wieder klang die Stimme sehr seltsam, eine Mischung aus Spott, Zynismus und bitterer Resignation.

„Das hört sich beinahe so an, als würden Sie mir raten, auf der Stelle kehrt zu machen.“

„Lassen Sie sich durch mich nicht ins Bockshorn jagen. Wenn ich diesen Sumpf sehe und an all das denke, was auf mich zukommt, kriege ich das große Zittern. Aber Sie dürfen das nicht auf sich münzen. Sie kommen schließlich freiwillig – oder?“

„Gewiss.“

„Niemand kann Sie zwingen, gegen Ihren Willen in Chadbourn zu bleiben.“ Er unterbrach sich wie jemand, dem plötzlich klargeworden ist, dass er etwas Falsches gesagt hat. Er lachte unsicher. „Natürlich ist das Unsinn“, fuhr er nach kurzer Pause fort. „Keiner von den Patienten des Professors ist freiwillig in der Anstalt. Aber wenn sich hinter den Ärmsten die großen, eichenen Tore geschlossen haben, ist es meistens zu spät.“

„Ich kenne jemand, der bleibt jedes Jahr nur vier Wochen in Chadbourn“, sagte Jack.

„Sein Glück. Er muss vernünftige Angehörige haben. Aber es gibt auch andere.“

„Andere?“

Moulton zuckte die massiven Schultern. „Manche Leute haben es nicht gern, wenn …“ Er unterbrach sich erneut. „Ach was, es ist nicht meine Sache, darüber zu reden. Vergessen Sie, was ich gesagt habe.“

„Bis jetzt haben Sie noch nichts gesagt!“

„Um so besser“, meinte Moulton.

„Wie viele Patienten betreut der Professor?“

„Etwa fünfzehn.“

„Nicht mehr?“

„Er behauptet, das sei genug. Ich muss ihm beipflichten.“

„Wie groß ist der Stab, mit dem er sich umgibt?“

„Etwa ein Dutzend Leute.“

„Donnerwetter“, sagte Jack. „Der Unkostenapparat ist ungewöhnlich groß.“

„Tyler akzeptiert nur reiche Patienten“, meinte Moulton. „Er verdient genug.“

„Sie halten ihn für vermögend?“

Moulton seufzte. „Wenn ich dessen Geld hätte …“

Jack trat auf die Bremse.

„Was ist los?“, fragte Moulton.

Jack deutete mit dem Kopf nach vorn. Über den Weg kroch eine Schlange. Sie war mindestens zwei Meter lang, aber nicht sehr dick. Die Schlange nahm sich Zeit.

„Warum überfahren Sie das Biest nicht?“, fragte Moulton. Er stülpte angeekelt die wulstigen Lippen nach vorn. „Ich hasse Schlangen!“

„Es ist nur eine Äskulap-Natter“, meinte Jack.

Die Schlange glitt die Böschung hinab. Jack wollte gerade den Gang einlegen, als er zusammenzuckte.

Moulton erstarrte.

Sie hörten einen Schrei.

Obwohl der Schrei nichts Menschliches an sich hatte, gab es keinen Zweifel, dass er von einem Menschen stammte.

Es war ein greller, irrer Schrei höchster Verzweiflung. Er kletterte in die Höhe, wie eine Sirene, hielt sich einen Moment in der höchsten Stimmlage, und kippte dann plötzlich um.

Die Männer blickten sich an.

Man hörte das Summen der Insekten und das leise Schnurren des Heckmotors.

Sonst war Stille.

Moulton schluckte. In seinen kleinen Augen hockte die Angst. „Irgendein Vogel, was?“

„Das war ein Mensch.“

„Es muss gleich da vorn sein – da, wo die Straße einen Knick nach rechts macht.“

Jack legte den Gang ein. Der Wagen machte einen Satz nach vorn. Sie erreichten die Kurve sehr rasch. Vor ihnen dehnte sich der lehmbraune, von zwei Fahrrillen durchzogene Weg. Nirgendwo war ein Mensch zu sehen.

„Es muss ein Vogel gewesen sein“, sagte Moulton.

Jack bemühte sich, mit den Blicken den Dschungel zu durchdringen, der links und rechts der Straße wucherte.

Man konnte nicht viel weiter als drei Meter sehen.

Ein exotisch aussehender Vogel flatterte auf. Er gab ein schrilles Geräusch von sich.

Vielleicht hatte Moulton recht. Vielleicht war es ein Vogel gewesen.

Jack fuhr langsam weiter. Moulton schaute aufmerksam nach draußen. Er war schweigsam geworden.

Eine halbe Stunde später machte die Straße eine jähe Biegung nach links. Die Bäume lichteten sich. Vor ihren Augen dehnte sich eine große, sumpfige Wasserfläche aus. Sie war übersät von kleinen, mit Schilf und allerlei Pflanzen bewachsenen Inseln.

Chadbourn Castle lag vor ihnen.

Es wirkte wie ein altertümliches, schottisches Wasserschloss, wuchtig, düster und seltsam klobig, mit Wehrtürmen, Zinnen und einer richtigen Zugbrücke.

Das Schloss war aus grauen Steinen erbaut; die Fenster sahen aus wie winzige, tückische Augen.

Der letzte Teil der Strecke war ein befestigter Damm. Er führte etwa vierhundert Meter durch das morastige, dunkelbraune Moorwasser.

„Eine hübsche Brutstätte für Moskitos“, stellte Jack fest. „Abends muss es davon nur so wimmeln.“

„Es ist ziemlich schlimm“, gab Moulton zu.

Jack musterte das Schloss, dem sie sich jetzt rasch näherten.

Er war kein Mann, der Furcht kannte. Andererseits war er kein gefühlloser Roboter. Er war empfänglich für Stimmungen und Gefühlsströmungen. Er merkte, dass es ihn trotz der brütenden Hitze auf einmal fröstelte.

Hier also lebte Ted Hunter!

Chadbourn Castle war in der Tat ein Alptraum.

„Natürlich gibt‘s drinnen moderne Klimaanlagen“, sagte Moulton. „Sonst wäre es hier ja schlimmer als auf der Teufelsinsel.“

Die Zugbrücke hob sich elektrisch.

Der Porsche rumpelte über die Holzbohlen.

Als sie in den Innenhof fuhren, ging hinter ihnen die Zugbrücke wieder hoch.

Auf dem Innenhof standen unter einem mit Stroh überdachten Parkplatz vier Wagen. Jack parkte den Carrera neben einem eleganten, weißen Ford Continental.

Die Männer stiegen aus.

Nirgendwo war ein Mensch zu sehen.

„Kommen Sie mit“, sagte Moulton. „Ich bringe Sie zur Anmeldung.“

Sie überquerten den kleinen, mit Kopfsteinpflaster ausgelegten Hof. Jack stellte fest, dass nicht alle Fenster vergittert waren. Er hatte das Gefühl, dass sie beobachtet wurden, sah aber noch immer keinen Menschen.

Sie stiegen eine schmale, steinerne Treppe hinauf und gelangten in einen langen, kühlen Korridor. „Gehen Sie hier hinein“, sagte Moulton und hielt Jack eine weiß lackierte Tür offen. „Das ist die Rezeption.“

Wenig später saß Jack dem Leiter der Anstalt gegenüber.

Professor Tyler war ein hochgewachsener, breitschultriger Mann mit aristokratisch geschnittenen Zügen, hellen, grauen Augen, einem schmallippigen Mund und einer hohen, etwas vorspringenden Stirn, die deutlich verriet, wie viel Intelligenz sich dahinter verbarg. Er hatte dunkelblondes, glatt zurückgekämmtes Haar. Das Haar war dicht und sehr lang. Es gab seinem Gesicht ein leicht künstlerisches Gepräge.

Ohne Zweifel war Professor Tyler ein Mann, der auf Frauen zu wirken verstand. Tyler war nicht verheiratet. Im Übrigen lehnte er es ab, weibliche Patienten aufzunehmen.

Innerhalb des Verwaltungs- und Pflegepersonals gab es allerdings einige Mädchen. Tylers Sekretärin, Miss Preston, war eine zarthäutige, dunkelhaarige Schönheit mit glutvollen Augen. Sie verursachte unter dem männlichen Pflegepersonal viel Unruhe, ohne dass sie jemals zu erkennen gegeben hätte, dass sie diese Entwicklung wollte oder gar förderte.

Jack Braden saß dem Professor in dem elegant eingerichteten Sprechzimmer am Schreibtisch gegenüber.

Tyler zeigte sich von jener unverbindlichen Freundlichkeit, die man sehr oft bei Ärzten findet und die im Allgemeinen nur dem Zweck dient, das eigentliche medizinische Interesse zu kaschieren.

„Es passiert nicht sehr häufig, dass mich ein Patient aus eigenem Antrieb aufsucht“, bemerkte Tyler, der eine sonore, recht angenehme Stimme hatte. Es war eine Stimme, wie man sie bei Schauspielern findet. Sie war ganz auf Wirkung abgestimmt.

„Hätte ich warten sollen, bis meine Angehörigen gezwungen werden, sich um mich zu kümmern?“

„Welche Beschwerden haben Sie?“

„Ich fühle, dass mit mir zuweilen nicht alles in Ordnung ist“, erklärte Jack. „In meiner Erinnerung gibt es immer häufiger absolute Lücken.“

„Sie können sich dann an nichts mehr erinnern?“, fragte der Professor interessiert.

„An nichts mehr“, bestätigte Jack nickend. „Andere erzählen mir dann, was ich getan und gesagt haben soll. Mir ist in solchen Fällen zumute, als sei die Rede von einem Fremden.“

„Leiden Sie häufig unter Kopfschmerzen?“, wollte der Professor wissen.

„Ja, ziemlich oft.“

„Wo liegt das Zentrum des Schmerzes? Hinter der Stirn? An den Schläfen? Im Hinterkopf?“

„Da hinten“, meinte Jack und beschrieb mit der Hand den angeblichen Schmerzenskreis.

„Hm“, machte der Professor, der Jack keine Sekunde aus den Augen ließ. „Und wer hat Sie an mich verwiesen?“

„Baron Sirlewski.“

„Sie kennen ihn?“

„Nur flüchtig. Seine Familie versicherte mir jedoch, dass ich bei Ihnen in besten Händen sein würde.“

„Sie erwarten hoffentlich nicht, dass ich sofort zu einer schlüssigen Diagnose komme?“

„Ich bin bereit, mich ein paar Wochen von Ihnen beobachten zu lassen.“

Der Professor nickte. „Sie müssen sich allerdings darüber im Klaren sein, dass das nicht gerade billig sein wird. Der Aufenthaltstag beläuft sich auf sechzig Dollar; das Behandlungshonorar wird getrennt berechnet.“

„Geld spielt bei mir keine Rolle.“

Tyler lächelte. „Wie angenehm, wenn jemand in der Lage ist, das von sich behaupten zu können! Darf man erfahren, welchem Beruf Sie nachgehen?“

„Mir gehören ein paar Blechwarenfabriken.“

„Sie verwalten sie selber?“

„Nein, dafür habe ich meine Leute.“

„Wie sagten Sie, war Ihr Name?“

„Jack Braden.“

Der Professor tippte nachdenklich mit einem Finger gegen seine Lippen. „Komisch“, sagte er. „Mir ist so, als hätte ich den Namen schon mal gehört.“

„Wahrscheinlich denken Sie an die Bradon Motels“, meinte Jack. „Ich schreibe mich mit e.“

„Eben!“

„Es gibt einen bekannten Privatdetektiv dieses Namens.“

„Richtig. Sind Sie mit ihm verwandt?“

„Leider nein.“

„Wieso leider?“

Jack zuckte die Schultern. „Ich stelle es mir ganz praktisch vor, einen berühmten Detektiv in der Familie zu haben.“

Tyler lächelte. „Ich fürchte, Sie neigen dazu, die Fähigkeiten eines Privatdetektivs zu überschätzen. Man weiß ja, wer diesem Beruf nachgeht; es sind im Allgemeinen verkrachte Existenzen, ehemalige Polizeibeamte, sogar Erpresser und dunkle Gestalten aller Schattierungen.“

„Da bleibe ich lieber bei meinen Blechwaren“, sagte Jack.

„Hatten Sie denn vor, den Beruf zu wechseln?“, fragte Tyler lächelnd.

„Es ist nicht gerade umwerfend interessant, mit Blech zu handeln.“

„Aber einträglich, nicht wahr? Ganz im Gegensatz zum Detektivspiel.“

„Wie lange werde ich bleiben müssen?“

„Das kann ich nicht voraussagen. Zwischen zwei und drei Wochen, hoffe ich.“

„Einverstanden. Ich muss allerdings eine Bedingung stellen“, meinte Jack.

„Nämlich?“

„Ich erwarte, dass ich gewisse Sonderrechte genießen werde. Ich wünsche, nicht eingeschlossen zu werden. Ich muss es auch ablehnen, mich der Obhut Ihrer Pfleger anzuvertrauen. Natürlich werde ich die Weisungen des Personals befolgen, die sich auf die Hausordnung beziehen.“

Tyler lachte. „Sie können ganz beruhigt sein. Ich kann Ihnen versichern, dass Sie sich bei uns wohlfühlen werden. Ich schlage vor, dass Sie mit mir essen; auf diese Weise fällt es mir am leichtesten, Sie zu beobachten.“

„Einverstanden“, sagte Jack.

„Sie haben sich auf den Besuch eingerichtet und Ihr Gepäck bereits mitgebracht?“

„Ja.“

„Gut. Ich schicke Sie jetzt zu Miss Preston. Meine Sekretärin wird Sie eintragen und Ihnen ein Zimmer zuweisen.“

„Okay“, nickte Jack. „Angst vor den anderen Patienten brauche ich doch wohl nicht zu haben?“

„Aber nein“, sagte Tyler. „Wir haben zwar einige gemeingefährliche Kranke im Hause, aber die werden entsprechend kurz gehalten.“

„Gemeingefährlich?“, fragte Jack stirnrunzelnd.

„Ja – einen Würger zum Beispiel. Wenn wir den auf die Menschheit loslassen würden …“ Tyler führte den Satz nicht zu Ende. „Es ist besser, wir reden nicht darüber. Chadbourn Castle ist nicht gerade der freundlichste Platz. Ich vermeide es nach Möglichkeit, mich in Details über die Eigenarten meiner Schützlinge zu verbreiten. Sie haben, hoffe ich, dafür Verständnis.“

„Gewiss“, sagte Jack und stand auf. „Wo finde ich Miss Preston?“

„Gehen Sie durch diese Tür hinaus“, meinte der Professor. „Und halten Sie Ihr Herz fest! Miss Preston ist eine wirkliche Schönheit.“

Jack musste zugeben, dass der Professor nicht übertrieben hatte.

Miss Preston saß sehr aufrecht an dem modernen Stahlschreibtisch. Sie blickte ihm entgegen. Jack bemühte sich vergebens, in den großen, dunklen Augen einen definierbaren Ausdruck zu entdecken. Die Augen wirkten wie polierter Onyx; sie offenbarten nichts von dem, was sich dahinter verbarg.

„Ich soll mich bei Ihnen melden“, sagte er. „Mein Name ist Jack Braden. Ich bleibe einige Wochen zur Beobachtung hier.“ Nach kurzer Pause fügte er hinzu: „Freiwillig.“

„Das sehe ich“, sagte Miss Preston.

„Woran?“

Miss Preston wies auf einen Stuhl, der dem Schreibtisch genau gegenüberstand. „Wollen Sie nicht Platz nehmen?“

„Danke.“ Jack setzte sich. „Woran erkennen Sie, dass ich freiwillig zu Ihnen komme?“

Miss Preston blickte ihn an. In ihrem ebenmäßigen, ovalen Gesicht zuckte kein Muskel. „Die anderen dürfen nur in Begleitung des Pflegepersonals zu mir kommen“, sagte sie.

„Verstehe.“

„Ihre Papiere, bitte.“

„Ich habe sie nicht bei mir.“

Miss Preston hob die sorgfältig nachgezogenen Augenbrauen. „Sie müssen sich doch ausweisen können!“

„Mein Pass ist draußen im Wagen. Ich bringe ihn später herein.“

„Wie Sie wünschen. Wie ist Ihr Name?“

Jack beantwortete die Fragen der Sekretärin geduldig und beobachtete sie dabei genau.

Ob sie die Geliebte des Professors war? Und wenn nicht – was mochte sie dazu gebracht haben, in diesem weltabgeschiedenen, gruseligen Kasten zu arbeiten?

Miss Preston gehörte zu jenen Mädchen, bei denen man spürt, dass sich hinter einem kühlen, beherrschten Auftreten wilde, triebhafte Leidenschaften verbergen. Es war schwer zu sagen, woran das deutlich wurde. Vielleicht verrieten die vollen, sinnlichen Lippen am meisten von dem, was Miss Prestons Wesen prägte.

Miss Preston trug einen sehr knapp sitzenden Pulli. Das Kleidungsstück modellierte aufreizend und geschickt die figürlichen Vorzüge der Sekretärin.

„Das ist alles“, sagte Miss Preston, nachdem sie die Eintragungen gemacht hatte. Sie erhob sich. „Würden Sie mir bitte folgen?“

Jack stand auf. Hinter dem Mädchen schritt er zur Tür. Er hatte Gelegenheit festzustellen, dass alles, was sich an den Oberkörper der jungen Dame anschloss, gleichfalls Anspruch darauf erheben konnte, vollkommen geformt zu sein. Die Beine waren sehr lang und schlank; Miss Preston verstand es, sie zu bewegen.

Sie gelangten durch einen Korridor in die Halle. Ritterrüstungen standen in dunklen Nischen; an den Wänden hingen alte Waffen und riesige Gemälde. Es war so dunkel, dass man kaum die Motive auf den Bildern auszumachen vermochte.

Plötzlich ertönte ein Schrei, ein lauter, offensichtlich von Schmerzen ausgelöster Ruf, der eine gewisse Ähnlichkeit mit jenem hatte, den Moulton und er im Sumpf gehört hatten. Jack blieb stehen. Das Mädchen ging weiter. Entweder hatte sie den Schrei nicht gehört, oder sie ignorierte ihn.

„Was war das?“, fragte Jack.

Das Mädchen blieb am Fuße einer Treppe stehen, die ins obere Stockwerk führte. Sie wandte sich um. „Was?“

„Der Schrei!“

„Ein Patient“, sagte das Mädchen. „Daran müssen Sie sich hier gewöhnen.“

Jack setzte sich in Bewegung. Sie stiegen ins erste Stockwerk hinauf. Am Ende eines schmalen, düsteren Korridors öffnete das Mädchen eine Tür. Sie betraten ein mäßig großes, mit Stilmöbeln eingerichtetes Zimmer. Das kleine, vergitterte Fenster wies nach draußen, auf die Sumpflandschaft.

„Gefällt es Ihnen?“, fragte Miss Preston kühl.

„Ganz hübsch. Wo soll ich schlafen?“

Miss Preston wies auf einen Damastvorhang. „Das Bett steht dahinter.“

„Und das Bad?“

„Diese Tür hier.“

Unterhalb des kleinen Fensters war eine Klimaanlage angebracht. Im Raum war es angenehm kühl. Draußen flimmerte die Hitze.

„Wird man mein Gepäck ‘raufbringen?“

„Ich sage Joe Bescheid.“

„Joe?“

„Das ist einer der Pfleger. Er wird Sie betreuen.“

Jack verschränkte die Arme vor der Brust. „Würden Sie mir eine Frage gestatten?“

„Bitte!“

„Weshalb arbeiten Sie hier?“

Miss Preston blickte ihn an. Sie hatte sehr lange, seidige Wimpern, in deren Schatten diese merkwürdig dunklen, ausdruckslosen Augen dämmerten. Die Gesichtshaut des Mädchens war auffallend blass und zart, wie die einer Spanierin, die sich niemals den Strahlen der Sonne aussetzt.

„Warum fragen Sie?“

Er zuckte die Schultern. „Sie sind jung und schön“, stellte er fest. „Chadbourn Castle sieht nicht so aus, als sei es ein Magnet für lebenshungrige, junge Menschen.“

Das Mädchen wandte sich zur Tür. „Hier ist eine Klingel“, sagte sie. „Drücken Sie auf den Kopf, wenn Sie etwas wünschen.“

„Sie haben meine Frage nicht beantwortet“, sagte er.

„Wir sehen uns beim Essen“, meinte das Mädchen. Sie verließ das Zimmer und zog die Tür lautlos hinter sich zu.



9

Joe sah aus wie ein Zwillingsbruder von Moulton.

Er war knapp zwei Meter groß und hatte Schultern wie ein Rammbock. Er brachte das Gepäck.

„Wie heißen Sie?“, fragte Jack.

„Nennen Sie mich einfach Joe.“

„Mich interessiert Ihr voller Name.“

„Joe Gilmore.“

„Sind Sie schon lange hier?“

„Ein Vierteljahr. Entschuldigen Sie mich jetzt, bitte. Ich muss noch viel erledigen.“

Joe ging hinaus.

Jack trat an das vergitterte Fenster. Er sah zwischen den kleinen Inseln ein Boot näherkommen. Das Boot hatte einen kleinen Außenbordmotor. Im Boot saß ein Mann. Der Mann trug die gleiche weiße Uniform wie Joe. Offensichtlich war es ein Pfleger.

Als das Boot näherkam, sah Jack, dass jemand im Boot lag.

Jack beugte sich nach vorne.

Der Mann auf dem Bootsboden war ohne Bewusstsein. Sein Kopf war blutverschmiert, und seine Kleidung klebte am Körper. War er durch dm Sumpf geschwommen und gewatet? War er der Mann, der den furchtbaren Schrei ausgestoßen hatte?

War der Mann tot?

Der Pfleger saß ganz aufrecht im Boot, eine Hand hatte er am Bootsruder. Der Pfleger hatte ein stumpfes, brutales Gesicht, das keinerlei Ausdruck zeigte. Seine Kleidung war trocken bis auf ein paar riesige Schweißflecken unterhalb der Achseln.

Das Boot verschwand hinter einem Mauervorsprung. Jack hörte, wie der Motor abgestellt wurde.

Jack verließ das Zimmer.

Er schaute sich um.

Niemand war im Korridor zu sehen.

Jack ging auf die Treppe zu, die nach unten in die Halle führte. Auf halbem Weg blieb er stehen. Er fasste eine Türklinke an, um festzustellen, ob das Zimmer verschlossen war.

„Suchen Sie jemand?“, fragte eine männliche Stimme dicht hinter ihm.

Jack fuhr herum.

Joe stand nur wenige Schritte von ihm entfernt im Rahmen einer Tür. Er musste die Tür vollkommen lautlos geöffnet haben. Joes Stimme war ruhig, beinahe gleichgültig, aber seine hünenhafte Figur wirkte wie eine unausgesprochene Drohung.

„Ich wollte mich nur ein bisschen mit der Umgebung vertraut machen“, meinte Jack lächelnd. „Ist das etwa verboten?“

„Die Hausordnung sieht es nicht vor“, erwiderte der Pfleger ruhig.

„Ich habe eben ein Boot bemerkt, das sich dem Schloss näherte.“

„So?“

„Ja, ein Mann lag darin. Mit blutverschmiertem Kopf. Was hat das zu bedeuten?“

„Das war Mister Hunter, nehme ich an.“

„Der Mann, der am Ruder saß?“

„Nein, der mit dem blutverschmierten Kopf.“

„Wer ist Mr. Hunter? Und was ist dem Ärmsten zugestoßen?“, erkundigte sich Jack.

„Sie kennen ihn nicht. Ted Hunter ist ein Patient. Er ist schon ziemlich lange bei uns.“

„Ein schwerer Fall?“

„Leichte Fälle haben wir nicht.“

„Erzählen Sie weiter!“

„Hunter ist es gelungen, uns ein Schnippchen zu schlagen. Heute Vormittag ist er uns ausgekniffen. Aber Derek hat ihn offensichtlich geschnappt. Derek entgeht so leicht keiner. Der weiß im Sumpf Bescheid.“

Jack nickte. Er wandte sich zum Gehen. Joe blieb hinter ihm. „Wo wollen Sie hin?“

„Zu meinem Wagen. Er steht unten im Hof.“

„Ich habe ihn gesehen. Ein flotter Schlitten. War nicht billig, was?“

„Es geht“, meinte Jack.

„Wie ich gehört habe, sind Sie nicht allein gekommen“, sagte Joe.

„Ich traf einen gewissen Mr. Moulton, einen ehemaligen Kollegen von Ihnen. Ich habe ihn mitgenommen.“

„Ich fürchte, das war ein Fehler“, sagte Joe.

„Weshalb?“

Joe zuckte die Schultern. „Er ist, glaube ich, vorbestraft“, meinte er ausweichend.

Sie hatten die Treppe erreicht. „Sie sind doch hoffentlich nicht der Ansicht, dass Sie ständig in meiner Nahe bleiben müssen?“, fragte Jack und blieb stehen.

„Ich will Ihnen nur behilflich sein, sich im Hause zu orientieren.“

„Danke, das ist nicht nötig.“

Jack zuckte die Schultern. Er ging die Treppe hinab. Joe blieb stur an seiner Seite.

Als die beiden Männer die Halle erreicht hatten, wurde ein Flügel des schweren, eichenen Tores geöffnet, das von der Halle zum Hof führte.

Der Pfleger kam herein, den Jack vor wenigen Minuten am Ruder des Bootes gesehen hatte.

Der Pfleger trug die reglose Gestalt Ted Hunters auf den Armen. Er blieb abrupt stehen, als er Jack sah.

„Hallo Derek“, meinte Joe grinsend. „Mal wieder Erfolg gehabt? Diesmal wird er die Lektion nicht vergessen.“

Derek starrte Jack feindselig an. „Wer ist das?“, begehrte er zu wissen.

„Ein Neuer“, sagte Joe.

„Für Flügel C?“

„Nein, nur zur Beobachtung.“

„Mir war‘s doch so, als hätte ich einen Wagen gehört“, meinte Derek.

„Molto ist mitgekommen.“

„Ich verstehe“, sagte Derek. Seine Augenschlitze verengten sich. Jack spürte, dass zwischen Joe und Derek ein geheimes Einverständnis herrschte.

„Was ist mit ihm?“, fragte Jack.

„Nichts Besonderes“, meinte Derek obenhin. „Er hat gekriegt, was ihm zusteht.“

„Er ist am Kopf verletzt!“, sagte Jack.

„Kleinigkeit“, erklärte Derek verächtlich. „Das biegen wir schon wieder hin.“ Er ging mit dem Bewusstlosen davon.

„Zartgefühl scheint nicht die stärkste Seite Ihres Kollegen zu sein“, meinte Jack.

„Mit Zartgefühl kommt man nicht weit“, sagte Joe. „Nicht in Chadbourn Castle.“

Jack ging durch das offenstehende Tor hinaus ins Freie. Die Hitze stand wie ein massiver, glühender Block im Hofraum. Jack trat an den Wagen. Er holte ein paar Kleinigkeiten und den Pass aus dem Handschuhfach.

„Wie ist die Spitze von der kleinen Rakete?“, wollte Joe wissen.

„Hundertzwanzig Meilen.“

Joe pfiff durch die Zähne. „Gar nicht übel. Damit kann man sich geradewegs in die Hölle katapultieren, was? James Dean hat‘s seinerzeit geschafft! Er hat sich doch am Steuer eines Porsche das Genick gebrochen, nicht wahr?“

„Das war nicht die Schuld dies Wagens. Dean hatte das Pech gehabt, in einen frontalen Zusammenstoß verwickelt zu werden“, sagte Jack.

Der Pfleger lachte heiser. „Wissen Sie was? Nach meiner Ansicht ist das ganze Leben nichts anderes als ein immerwährender frontaler Zusammenstoß! Hier lernt man das rasch.“

Er machte plötzlich auf dem Absatz kehrt und ging zurück in die kühle Halle.



10

Das Abendessen wurde in einem kleinen Saal eingenommen.

Bis auf die Klimaanlage und die elektrische Beleuchtung, von der allerdings nicht Gebrauch gemacht wurde, schien hier alles stilecht zu sein: die schweren, eichenen Möbel, das alte Geschirr und die kunstvoll ziselierten Silberbestecke.

Die Tafel war von einem einzelnen, fünfarmigen Kerzenleuchter erhellt. Sie war gut drei Meter lang und ziemlich schmal. Professor Tyler und Miss Preston saßen an den Schmalseiten, Jack hatte an der dem Kamin zugewandten Breitseite Platz genommen. Der Professor trug einen Smoking, und Miss Preston ein schulterfreies Abendkleid. Offensichtlich legte Tyler Wert auf Etikette. Jack war froh, dass er den mitternachtsblauen Abendanzug mitgenommen hatte.

Zuerst wurde Hummersalat aufgetischt.

Dann kam eine Suppe.

Dann gab es Steak mit Champignons auf Toast.

Und schließlich wurde Fruchtsalat gereicht.

Die Speisen wurden von einem etwa fünfunddreißigjährigem Hünen serviert; seine Größe ließ die Vermutung zu, dass er tagsüber als Krankenpfleger beschäftigt war.

Während des Essens wurde kein Wort gesprochen.

Jack hatte Gelegenheit, seinen Gastgeber und Miss Preston zu beobachten. Ihm fiel auf, dass sich die beiden, obwohl sie einander gegenübersaßen, nicht ein einziges Mal anblickten.

Nach dem Dessert wurde der Mokka gereicht.

Tyler sprach zum ersten Mal. Er erkundigte sich bei Miss Preston höflich, ob es ihr recht sei, wenn er sich eine Zigarre anzünde, und Miss Preston erwiderte, dass er ja wisse, wie sehr sie den Duft einer guten Zigarre zu schätzen vermöge.

„Wünschen Sie auch zu rauchen?“, fragte der Professor und blickte Jack an. Der schüttelte verneinend den Kopf.

Der Professor steckte sich eine Zigarre an. Der Diener verließ den Raum. Miss Preston rührte selbstvergessen in dem Mokkatässchen herum.

Tyler wandte sich an Jack. „Ich habe mir sagen lassen, dass Sie heute Zeuge eines recht unangenehmen Vorfalles geworden sind.“

„Wenn Sie auf die Geschichte mit Ted Hunter anspielen sollten, muss ich freilich zugeben, dass ich sie als recht schockierend empfunden habe.“

„Ein Fehler des Pflegepersonals“, meinte der Professor. „Das kommt einmal vor. Die Jungen können ihre Augen nicht überall haben.“

„Ist es nicht sehr gefährlich, durch den Sumpf entkommen zu wollen?“

„Ich würde es nicht riskieren. Aber ich bin normal, und Ted Hunter ist verrückt.“

„War es notwendig, ihn blutig zu schlagen?“, fragte Jack ruhig.

Der Professor betrachtete das glimmende Ende der Zigarre. »Ich muss annehmen, dass Mr. Hunter sich beim Einfangen heftig zur Wehr setzte. Das war dumm von ihm, denn er zwang den Pfleger zu entsprechenden Gegenmaßnahmen.“

„Man sagt Verrückten ungewöhnliche Kräfte nach“, meinte Jack. „Trifft das zu?“

„Unbedingt. Unser Pflegepersonal verlässt sich aber nicht allein auf die Stärke der Muskeln. Das wäre zu riskant und könnte zu unangenehmen Überraschungen führen. Jeder Pfleger hat eine gründliche Ausbildung in allen bekannten und wirksamen Polizeigriffen erhalten.“

„Man hat wirklich an alles gedacht, wie?“

Der Professor drehte die Zigarre zwischen den schlanken, gepflegten Fingern. Ein gut vierkarätiger Brillant, der als Solitär gefasst war, verschoss winzige Bündel bunter Lichtfunken.

„Ihre Stimme klingt etwas spöttisch, Mr. Braden. Ich darf in diesem Zusammenhang erwähnen, dass einige der Patienten absolut gemeingefährlich sind. Wir müssen unter allen Umständen vermeiden, dass sie entkommen. Einige von ihnen würden sich nämlich in einen wahren Blutrausch hineinsteigern und ohne Zweifel zu grausamen Mördern werden.“

„Das klingt nicht sehr ermutigend.“

„Keine Krankheit ist ermutigend, Mr. Braden. Aber Sie können beruhigt sein. Wir haben alle Vorsichtsmaßnahmen getroffen, um eine solche Katastrophe zu verhindern.“

„Immerhin ist es Mr. Hunter gelungen, seinen Wärtern zu entfliehen!“

„Er wurde nicht so streng bewacht wie die anderen“, meinte Tyler. „Hunter ist nicht gemeingefährlich. Er verkörpert einen einfachen Fall von Schizophrenie.“

„Worin äußert sich das bei ihm?“

„Er kennt seine Frau nicht mehr. Er behauptet, man habe ihm eine Fremde an die Seit gegeben.“

In diesem Moment klingelte das Telefon. Der Professor legte die Zigarre auf den Rand eines schweren Kristallaschers und erhob sich. Er trat an die Wand und öffnete ein schmales Türchen in der geschnitzten Täfelung. Ein Telefon wurde sichtbar. Tyler hob den Hörer ab und meldete sich.

„Hm“, machte er dann. „Sehr interessant.“ Er lauschte noch einige Sekunden und meinte abschließend: „Wir werden daraus unsere notwendigen Konsequenzen ziehen.“

Jack riskierte einen Seitenblick auf Miss Preston und war verblüfft, als er auf den blassen, ätherisch anmutenden Zügen zum ersten Mal einen klar definierbaren Ausdruck entdeckte.

Es war Hass – wilder, ungezügelter Hass, der ohne Zweifel keinem anderen als Professor Tyler galt.

Im nächsten Moment war der Ausdruck verschwunden. Offenbar hatte das Mädchen gemerkt, dass Jack sie anblickte. Das Gesicht wirkte wieder so kühl und unbeteiligt wie vorher.

Tyler legte auf. Er kam an den Tisch zurück und setzte sich. „Wo waren wir stehengeblieben?“, fragte er.

„Bei Hunter“, sagte Jack.

„Ach ja, richtig – der Fall ist sehr tragisch. Hunter war ein Wissenschaftler, dessen Leistungen durchaus geniale Züge aufwiesen. Wie bei allen Menschen seiner geistigen Spannweite bestand freilich von Anbeginn die Gefahr, dass seine geistige Kapazität eines Tages zu krankhaften Auswucherungen und Fehlleistungen führen würde, gewissermaßen zu einem Antiklimax seiner geistigen Potenz. Sie verstehen doch, was ich meine?“

Miss Preston erhob sich. „Darf ich mich zurückziehen?“

„Aber ja, Sybil“, sagte der Professor. „Wir sehen uns dann morgen früh.“

Jack fand, dass der Professor die Worte ganz unnötig betonte, und Jack fragte sich, ob sie an seine Adresse gerichtet sein mochten. Wollte der Professor damit den Eindruck erwecken, dass er Sybil Preston an diesem Abend nicht mehr sehen würde?

Das Mädchen murmelte einen Gruß und ging hinaus.

Tyler lehnte sich entspannt zurück. „Jetzt sind wir Männer unter uns“, meinte er jovial. „Miss Preston ist zwar nur meine Sekretärin, aber merkwürdigerweise fühle ich mich in ihrer Gegenwart stets ein wenig befangen.“

„Tatsächlich?“, fragte Jack erstaunt.

Tyler zuckte die Schultern. „Sie ist, finde ich, der Prototyp der Dame; Damen irritieren mich. Richtige Damen, will ich damit sagen.“

Jack fand, dass der Professor Miss Preston zu einer sehr schmeichelhaften Einstufung verholfen hatte. Obwohl sie in Gesicht und Haltung durchaus der Vorstellung entsprach, die man von einer Dame haben mochte, gab es Dinge, die sich mit diesem Bild nicht vereinbarten. Der allzu enge Pulli zum Beispiel und die Art, wie sie sich bewegte.

Jack leerte seine Tasse. „Ich gehe noch ein wenig an die frische Luft“, sagte er.

„Das würde ich Ihnen nicht raten“, meinte der Professor ruhig.

Jack blickte Tyler in die Augen. „Wieso?“

„Im Freien toben sich jetzt die Moskitos aus“, meinte der Professor. „Im Übrigen ist es hier kühler als draußen. Spielen Sie Schach?“

„Leidlich.“

„Dann lassen Sie uns eine Partie versuchen.“

„Einverstanden. Bauen Sie inzwischen die Figuren auf. Ich bin sofort zurück.“

Jack erhob sich und verließ den Raum. Er fand, dass seine Schritte seltsam hohl klangen und einen merkwürdigen Nachhall erzeugten. Er durchquerte die durch eine einzelne Lampe nur notdürftig erhellte Halle und betrat den Hof.

Das Hofgeviert lag im Schein einiger kräftiger Lampen.

Tyler hatte recht gehabt; der Abend hatte keine Abkühlung gebracht. Es herrschte eine dumpfe Schwüle. Jack wollte sich schon umdrehen und zurück ins Haus gehen, als er plötzlich ganz in der Nähe ein Stöhnen hörte.

Verblüfft schaute er sich um.

Er konnte nirgendwo einen Menschen entdecken.

Woher kam das Stöhnen?

Jack wusste inzwischen, dass Hunter und die von den Pflegern betreuten Kranken im sogenannten C-Flügel untergebracht waren; dieser Flügel lag ihm genau gegenüber. Dort waren alle zum Hof weisenden Fenster vergittert und verschlossen. Das Stöhnen konnte also nicht von dort gekommen sein.

Jack blickte auf die parkenden Wagen. Als er zwischen den Autos eine dunkle Gestalt liegen sah, zuckte er kaum merklich zusammen.

Jack ging auf die reglose Gestalt zu.

Es war Moulton.

Jack bückte sich. „Hallo, Moulton.“ sagte er mit gedämpfter Stimme.

Moulton gab keine Antwort. Er lag auf dem Rücken, mit geschlossenen Augen. Sein Kopf befand sich in einer seltsamen Position – als wäre er falsch aufgesetzt worden.

Jack streckte eine Hand aus.

Der Ex-Pfleger war sehr kalt und steif.

Er war so kalt und steif, wie Tote nun mal sind.

„Hallo“, sagte eine spöttisch-drohende Stimme hinter Jack. „Noch immer unterwegs?“



11

Jack richtete sich auf. Er holte tief Luft und wandte sich um.

Seine Bewegungen verrieten keine Eile. Hinter ihm stand Joe.

Der Pfleger hatte die weiße Arbeitstracht abgelegt. Er trug dünne Sommerhosen mit messerscharf gebügelten Falten und ein kurzärmliges Sporthemd, das oben offenstand. Die Halsmuskeln und die nackten, sehnigen Arme des Hünen machten klar, welche Kraft in diesem Körper steckte.

Jack blickte auf Joes Füße. Sie steckten in bequemen Segeltuchschuhen. Kein Wunder, dass der Bursche sich trotz seiner Größe beinahe unhörbar zu bewegen vermochte.

Joe grinste.

Jack stellte zum ersten Mal fest, dass Joe eine brutale Visage hatte, ein Gesicht, in dem Hohn und die Lust an Gewalttätigkeiten lebten.

Joes Lippen zuckten.

„Sehen Sie sich das mal an“, sagte Jack.

„Ein Jammer, nicht wahr?“, fragte Joe. Er sprach nicht sehr laut. Seine Stimme klang spöttisch. Die Arme hatte er auf die Hüften gestemmt. „Wie konnte das geschehen?“

„Er hat nicht aufgepasst.“

„Nicht aufgepasst?“

Joe nickte. „Moulton hat sich das Genick gebrochen. Ich dachte, das sieht man.“

„Wann ist es passiert?“

„Vor zwei Stunden.“

„Wo?“

„Im Flügel C. Er wollte die Treppe nach unten gehen. Plötzlich rutschte er aus und fiel, sich mehrmals überschlagend, bis ans Ende der Stufen.“

„Was wollte er im Flügel C?“

„Die alten Kumpel besuchen.“

„Sie waren dabei, als es geschah?“

„Nein“, sagte Joe. „Aber Derek war Zeuge. Er hat‘s miterlebt.“

Jack starrte dem Pfleger in die Augen. Schweigend. Joe erwiderte den Blick. Die Unterlippe hatte er leicht gekrümmt. Das gab seinem Gesicht einen spöttischen Ausdruck.

„Es ist eine steile Treppe“, sagte er. „Jeder von uns ist auf dem Mistding schon mal ausgeglitten, aber bei keinem hat‘s so tragisch geendet.“

„Wie kommt es, dass Professor Tyler mich von dem Unfall nicht in Kenntnis gesetzt hat?“

„Was erwarten Sie denn von ihm? Soll er zu jedem Patienten laufen und ihm brühwarm erzählen, was Moulton zugestoßen ist?“, fragte Joe.

„Ich habe soeben mit ihm gegessen.“

„Na, da fragen Sie ihn doch, warum er es vorgezogen hat, den Mund zu halten! Sicherlich hatte er seine Gründe. Der Chef weiß, was er will.“

„Ich hoffe es“, sagte Jack trocken. „Ist Miss Preston über Moultons Tod informiert?“

„Klar“, erwiderte der Pfleger. „Sie hat doch den Sheriff benachrichtigt.“

Jack war überrascht. „Die Polizei ist verständigt worden?“

„Was dachten denn Sie?“

„Das behalte ich lieber für mich“, meinte Jack. „Wann kommt der Sheriff?“

„Morgen früh.“

„Morgen erst?“

„Was sollte er jetzt hier? Moulton ist tot. Niemand kann ihn wieder lebendig machen.“

„Der Sheriff hat die Pflicht, sofort an Ort und Stelle zu untersuchen, ob sich hinter dem Unglücksfall möglicherweise ein Verbrechen verbirgt.“

„Sie machen mir Spaß!“, sagte Joe und kniff die Augen zu schmalen Schlitzen. „Wie kommt es, dass man den Toten auf dem Parkplatz abgelegt hat?“

„Irgendwo muss er schließlich liegen.“

„Es ist würde- und geschmacklos, mit einem Toten in dieser Weise zu verfahren. Er ist doch kein Bündel Lumpen!“

„Warum sagen Sie das mir? Beschweren Sie sich meinetwegen beim Chef!“

„Hat der Professor angeordnet, den Toten ins Freie zu legen?“, wollte Jack wissen.

„Sie fragen, als wären Sie der Sheriff!“, raunzte Joe wütend. „Gehen Sie schnell ins Haus, los!“

„Haben Sie das zu bestimmen?“

„Allerdings! Das steht in der Hausordnung.“

„Steht auch in der Hausordnung, dass man die Opfer eines Unglücksfalls einfach auf die Straße wirft?“

„Sie fangen an, kess zu werden!“, presste Joe zwischen den Zähnen hervor. „Das sollten Sie nicht tun. Aufsässigkeit gegen das Pflegepersonal wird streng geahndet. Hauen Sie endlich ab, oder ich vergesse mich!“

„Höflichkeit ist offenbar nicht Ihre starke Seite“, meinte Jack.

„Was soll ich mit Höflichkeit?“, höhnte Joe. „Damit würde man mich hier glatt unterbuddeln.“

Er ließ plötzlich die rechte Hand vorschießen und versuchte, Jacks Arm zu erfassen. Jack schnellte zur Seite, so dass Joe ins Leere griff. Joe machte ein verdutztes Gesicht. Aber die Verblüffung währte nur eine Sekunde. Er war wütend. Er versuchte ein zweites Mal, den widerspenstigen Patienten mit einem Polizeigriff in seine Gewalt zu bekommen, aber das Unternehmen schlug auch diesmal fehl. Joe sah plötzlich rot. Er schlug zu.

Jack duckte sich ab. „Ich warne Sie …“, begann er.

Weiter kam er nicht. Joe war kein Mann, der bereit war, solche Worte hinzunehmen. Er kannte seine Kräfte, und er liebte es, sie rücksichtslos einzusetzen. Jacks Widerspenstigkeit kam ihm gerade recht. Er war entschlossen, sie mit probaten und erprobten Mitteln zu brechen.

Seine Linke schoss erneut nach vorn.

Sie streifte Jacks Schulter.

Joes Zorn nahm zu. Er schlug sehr hart. Es erbitterte ihn, dass seine Faust nicht voll ins Ziel kam.

Für einen Mann seiner Größe und seines Gewichtes war er erstaunlich schnell auf den Beinen.

Jack nahm die Deckung hoch. Es hatte keinen Zweck, in diesem Kampf Hasard zu spielen. Wen der Pfleger voll traf, für den war Feierabend, das unterlag keinem Zweifel. Es kam also darauf an, jedem Kerntreffer aus dem Wege zu gehen. Jack besorgte das mit jener schnellen Eleganz, die ihn bei Faustkämpfen stets auszeichnete.

Die Gewandtheit, diese beinahe spielerische Gelöstheit der Bewegungen, hatten außerdem einen Nebeneffekt. Der Gegner wurde wütend. Er schlug immer rascher und häufiger, um endlich einmal zum Zuge zu kommen.

Das war im Grunde genau das, was Jack wollte. Übertriebene Hast geht meistens auf Kosten der Treffgenauigkeit. Das zeigte sich auch bei Joe.

Der Pfleger fightete, als käme es darauf an, für die Schlagzahl pro Minute einen internationalen Rekord aufzustellen. Selbstverständlich gelang es ihm dabei, hier und dort einen Treffer zu landen – aber niemals kam er an den Stellen durch, die einen Kampf im Allgemeinen entscheiden.

Jack beschränkte sich zunächst darauf, dem Pfleger die Möglichkeit zu geben, seinen Dampf abzulassen. Joe hatte davon eine ganze Menge. Sein wachsender Zorn produzierte laufend neuen. Allerdings hielt die Wucht der Schläge mit seiner steigenden Erregung nicht Schritt. Seine Luft wurde allmählich knapp. Jack merkte, dass die Zeit für den Gegenangriff reif war.

Es ist keine Kleinigkeit, einen kampfstarken Zweimetermann von den Beinen zu holen. Andererseits war Jack mit seinen ein Meter und fünfundachtzig keineswegs unterproportioniert, und wenn er die Linke oder die Rechte auf Reisen schickte, konnte man sicher sein, dass es im Zielgebiet Aufregung gab.

Genau das hatte er vor.

Er kam zweimal mit der Rechten durch.

Er platzierte sie einmal am Kinn und einmal am Kopf des Gegners. Joe blinzelte verstört. Er hatte nicht damit gerechnet, so kräftige Kost serviert zu bekommen.

Jack wurde langsam warm.

Er war überzeugt davon, dass dem Pfleger eine kleine Lektion gut tun würde. Jack war also bemüht, diese Lektion möglichst überzeugend zu gestalten.

Er setzte seine Linke ein.

Jack hatte Grund, mit dieser Linken zufrieden zu sein. Er hielt sie in aller Bescheidenheit für die reaktionsschnellere Faust, und er wusste, dass er mit ihrer giftigen, explosiven Dynamik fast jeden Kampf entscheiden konnte.

Joe stolperte zurück.

In seinen Augen flackerte es unruhig. Es war ein Ausdruck beginnender Furcht, der sich darin festsetzte. Er merkte, dass er einen Gegner herausgefordert hatte, der keine Mühe hatte, das Kampfgeschehen nach eigenem Ermessen zu diktieren. Für einen Mann wie Joe, der bisher jeden Feind verächtlich in die Knie gezwungen hatte, war das ein heftiger Schock.

Jack hatte keine Lust, sich lange herumzuprügeln. Er nahm sich vor, ein rasches Ende des Kampfes herbeizuführen. Nach bewährter Methode schoss er ein paar knallharte Körperdubletten ab. Joe wurde blass. Auf seiner Stirn klebte der Schweiß. Er spürte, wie die Wirkung der Körpertreffer seine Luftreserven aufzehrte. Er konnte nichts dagegen tun. Er konnte nur darauf hoffen, den Kampf mit einem Sonntagstreffer in letzter Minute zu seinen Gunsten zu entscheiden.

Jack gab ihm dazu keine Gelegenheit.

Er kam mit der Linken voll durch.

Der Schlag landete genau auf dem Punkt.

Joes Augen wurden glasig. Seine Arme fielen schlaff nach unten. Er stolperte nach vorn; die Knie knickten ein wie gut arbeitende Scharniere. Mit der gleichen Wucht, die er zu Beginn des Kampfes in seine Schläge gelegt hatte, ging er jetzt zu Boden.

Jack entspannte sich.

Er beobachtete, wie der Pfleger den Versuch unternahm, auf die Beine zu kommen, es dann aber aufgab, und reglos liegenblieb.

Jack brachte seine derangierte Kleidung in Ordnung. Dabei schaute er sich um, weil es ihn interessierte, ob der Kampf irgendwelche Zeugen gefunden hätte, aber an keinem der Fenster konnte er ein Gesicht entdecken.

Jack stopfte das Hemd in die Hose zurück und richtete die verrutschte Krawatte. Er fragte sich erneut, woher das Stöhnen gekommen sein mochte, das er vor der Entdeckung der Leiche gehört hatte. Moulton konnte es nicht gewesen sein. Der war schon gut zwei bis drei Stunden tot, das bewies die fortgeschrittene Leichenstarre.

War es doch einer der Patienten aus dem Flügel C gewesen? Vielleicht war eines der Fenster hinter den Gittern nur angelehnt.

Jack bückte sich.

Er klopfte die Kleidung des Toten ab.

Moulton hatte nichts bei sich. Keine Brieftasche, keine Papiere, nicht einmal Zigaretten oder ein Feuerzeug.

Irgend jemand musste ihm die Sachen abgenommen haben.

Aber wer? Und warum?

Jack hatte eine sehr konkrete Theorie. Diese Theorie deckte sich nicht im geringsten mit den von Joe gemachten Angaben. Nachdem Jack einen letzten Blick auf den reglos am Boden liegenden Pfleger geworfen hatte, ging er zurück ins Gebäude.

Der Professor saß an einem kleinen Tisch vor dem Schachbrett. Neben dem Schachtisch stand ein Barwagen; er war ziemlich modern und wirkte in dieser Umgebung wie ein Anachronismus.

Tyler blickte in die Höhe, als Jack den Raum betrat.

Anstelle des Kerzenlichtes war der Schein einer elektrischen Stehlampe getreten. Tyler saß unmittelbar darunter. Er lächelte. „Sie waren lange weg.“

Jack kam näher. Neben dem Professor blieb er stehen. „Was ist mit Moulton?“

Tyler lächelte noch immer. „Sie haben ihn gesehen?“

„Hm.“

Tyler streckte die Hand und rückte einige Schachfiguren zurecht, obwohl sie, wie Jack fand, bereits mustergültig ausgerichtet waren.

„Ein tragischer Unglücksfall. Moulton ist die Treppe hinabgestürzt.“

„Das hat mir Joe erzählt.“

„Dann wissen Sie ja Bescheid.“

„Ich gestatte mir allerdings, die Unglückstheorie in Zweifel zu ziehen.“

Tylers Züge wurden leer und ausdruckslos. „So?“

„Ja.“

„Darf man erfahren, wie Sie diese Stellungnahme motivieren?“

Jack setzte sich dem Professor gegenüber. Von Tyler ging ein leichter Duft nach Juchtenparfüm aus. Der Professor war in der Tat eine imponierende Erscheinung. Im Grunde passte sein Äußeres eher in einen Spielsalon vom Schlage eines Casinos in Monte Carlo als in die Räume eines zur Nervenheilanstalt verwandelten Schlosses.

Jack erwiderte: „Spielen wir erst eine Partie Schach.“

Tyler erhob verblüfft die Augenbrauen. Jack lächelte. „Einverstanden?“

Er machte den Vorschlag ganz bewusst. Tyler musste jetzt unruhig werden. Jack fragte sich, inwieweit Tyler fähig war, die Unruhe zu unterdrücken und Nerven zu behalten. Das musste sich während des Spiels zeigen.

„Einverstanden“, sagte Tyler.

Es wurde ein kurzes Spiel.

Tyler zeigte sich dabei als versierter Kenner des Spiels.

Er war gut, aber er war nicht gut genug. Jack setzte ihn in dreißig Zügen matt. „Eine prächtige Leistung“, sagte Tyler beeindruckt. „Ich hoffe, Sie bieten mir Revanche?“

„Gern. Aber nicht mehr heute. Ich möchte jetzt schlafen gehen.“

„Sie sind müde?“

„Die lange Autoreise hat mich angestrengt.“

„Pardon, das hatte ich ganz vergessen.“

„Übrigens hatte ich vorhin eine kleine Auseinandersetzung mit Ihrem Pfleger Joe. Eine Prügelei, um genau zu sein.“

„Das höre ich nicht gern“, sagte der Professor. „Er hat Sie geschlagen?“

„Er hat es versucht.“

„Sie konnten ihn beruhigen?“

„Ja, ich konnte ihn beruhigen“, sagte Jack.

„Wie, wenn ich fragen darf?“

„Indem ich ihn knockout schlug.“

Tylers Augenbrauen gingen erneut in die Höhe. „Sie wollen sagen, dass es Ihnen gelungen ist, Joe niederzuschlagen?“

„Genau das ist der Fall.“

„Erstaunlich!“, murmelte Tyler beeindruckt. „Joe ist ein bärenstarker Mann. Er wird mit den renitentesten Kranken fertig.“

„Im Umgang mit Fäusten bin ich zufällig kein Anfänger“, stellte Jack bescheiden fest.

„Als Blechwarenfabrikant?“, fragte der Professor. Er wartete die Antwort nicht ab, sondern meinte: „Vergessen wir die kleine Rempelei. Ich muss mich für Joe entschuldigen. Natürlich ist mir bekannt, dass er zuweilen herrschsüchtig und jähzornig ist – das bringt sein Beruf so mit sich. Er sieht in jedem Patienten einen persönlichen Feind. Bittere Erfahrungen tragen laufend dazu bei, diesen Standpunkt zu festigen. Es nimmt nicht wunder, dass er zuweilen die Grenzen, die ihm gezogen sind, überschreitet. Soll ich ihn deshalb entlassen? Das kann ich mir nicht leisten. Es gibt nicht viele Leute, die bereit sind, in dieser Einsamkeit mit einem Haufen Irrer umzugehen. Moulton zum Beispiel hatte nicht die Kraft dazu. Und damit sind wir wieder bei dem Thema, das vorhin so abrupt abgebrochen wurde. Was meinten Sie, als Sie sagten, dass Sie den Unglücksfall in Zweifel ziehen?“

„Wollen Sie das wirklich genau wissen?“

„Und ob! Es interessiert mich brennend.“

Jack zögerte. Es drängte ihn, den Professor herauszufordern und ihm ins Gesicht zu sagen, was sich vermutlich ereignet hatte, und worauf Moultons Tod zurückzuführen war. Andererseits schien es Jack noch zu früh, die Karten auf den Tisch zu legen. Erst musste der Sheriff kommen. Aus dem, was er sagte und entdeckte, würde sich dann alles weitere ergeben.

„Jetzt möchte ich nicht darüber sprechen.“

„Das ist unfair!“, erklärte der Professor. „Sie wollten sich nach dem Spiel genauer erklären.“

„Ich habe meine Meinung geändert.“

„Wie Sie wollen. Ich kann Sie nicht zwingen, Ihren Standpunkt jetzt zu erläutern. Aber ich möchte doch nicht versäumen, festzustellen, dass ich persönlich die Berichte der Augenzeugen für absolut glaubwürdig halte. Natürlich bin ich ein wenig in Sorge wegen der Untersuchung, die der Vorfall nach sich ziehen wird. Ich fürchte, man könnte mir Vorhaltungen machen, dass die Treppe gefährlich ist, und dass ich niemals etwas unternommen habe, diesen Umstand zu ändern. Dem kann ich freilich entgegenhalten, dass ich nur der Pächter und demzufolge nicht verantwortlich bin für alles, was mit dem baulichen Zustand des Gebäudes zusammenhängt. Nehmen Sie einen Whisky?“

„Nein, danke.“

„Was machen Ihre Kopfschmerzen?“

„Seitdem ich hier bin, sind sie nicht aufgetreten.“

„Ich hoffe, es wird mir gelingen, Ihr gesundheitliches Problem zu lösen.“

„Das hoffe ich auch. Gute Nacht, Professor!“



12

Die Frau öffnete die Tür. Sie trug einen Hausanzug – eng anliegende Hosen aus Goldlamé und eine lose darüber hängende Jacke, die auf grünen Untergrund gestickte türkische Motive zeigte.

Anthony Gilford lüftete seinen Hut. „Mrs. Hunter?“, fragte er höflich.

Die Frau musterte ihn erstaunt. „Wie sind Sie um diese Zeit ins Haus gekommen?“, fragte sie.

„Ich hatte Glück“, erwiderte Anthony Gilford lächelnd. „Zufällig öffnete ein Hausbewohner die Tür.“

„Wer sind Sie, und was wollen Sie?“

„Mein Name ist Anthony Gilford, Madame. Ich hätte Sie gern einmal gesprochen – es handelt sich um Ihren Gatten.“

„Um Ted? Was ist mit ihm? Und warum kommen Sie ausgerechnet jetzt? Es ist gleich elf Uhr.“

„Ich weiß, Madame. Entschuldigen Sie bitte die etwas ungewöhnliche Besuchszeit. Natürlich wäre es klüger gewesen, wenn ich mich telefonisch angemeldet hätte, aber …“

„Aber?“

„Ich befürchtete, dass Sie mich abwimmeln würden.“

„Diese Befürchtung besteht auch jetzt durchaus zu Recht“, meinte die Frau, die sich Sheila Hunter nannte. „Weshalb sollte ich Sie empfangen? Wer schickt Sie? Ted kann es nicht sein – der ist in North Carolina.“

„Ich weiß. Schließlich bin ich in seinem Auftrag hier. Er hat mich gebeten, seine Interessen wahrzunehmen.“

„Kommen Sie herein.“

Anthony Gilford folgte der Frau in das modern und luxuriös ausgestattete Wohnzimmer. Hier dominierten Einrichtungsgegenstände der skandinavischen Richtung.

Das Ganze wirkte in seiner vollkommenen Linienführung leicht unterkühlt – fast so wie die junge Frau, die hier lebte.

„Sie sind Sheila Hunter?“, fragte Anthony Gilford, der an der Tür stehengeblieben war.

Die Frau setzte sich auf die Couch und schlug die Beine übereinander. Der Goldlaméstoff spannte sich straff über den wohlgeformten Beinrundungen.

„Wollen Sie nicht Platz nehmen? Ja, ich bin Sheila Hunter.“

Anthony legte Hut und Handschuhe auf ein Sideboard und setzte sich dann der Frau gegenüber.

„Ich habe einen Brief von Ihrem Mann bekommen“, schwindelte er. „Darin steht eine Version des Geschehens.“

„Du lieber Himmel“, meinte die Frau und verdrehte die Augen. „Es ist die Version eines Verrückten!“

„Ted Hunter behauptet das Gegenteil.“

„Das tun Verrückte immer.“

„Ich habe seine Schrift von einem Graphologen prüfen lassen“, meinte Gilford. „Der Fachmann erklärte, dass es die Schrift eines hochintelligenten Menschen sei, und dass nicht der geringste Anlass bestehe, diesen Menschen für anormal zu halten.“

„Der Arzt ist anderer Ansicht. Ich wünschte, der Graphologe hätte recht“, seufzte die Frau. Sie straffte sich etwas. „Verstehe ich Sie richtig, wenn ich annehme, dass Sie vorhaben, Teds Interessenvertretung zu übernehmen? Ich muss Sie warnen, Mr. Gilford. Es läuft ein Antrag gegen Ted, der, wie man mir versicherte, gute Aussichten auf Erfolg hat. Wenn dieser Antrag durchkommt, wird Ted entmündigt. Ich brauche Ihnen nicht zu erklären, was das bedeutet. Sein Vermögen wird auf mich übergehen, und ich werde in seinem Namen alle Verpflichtungen einlösen, die sich ergeben. Sie können nicht erwarten, dass ich dabei für Dinge geradestehe, die mein armer Mann in

seiner geistigen Verwirrung arrangiert hat. Mit anderen Worten: Sie können von mir keine Bezahlung erwarten.“

„Ist sein Vermögen denn so groß?“

„Im Gegenteil. Es ist lächerlich gering. Sein Bankkontoguthaben beläuft sich auf knapp sechshundert Pfund. Hier in den Staaten besitzt er gar nichts.“

„Wie kommt es, dass Sie ihn nicht in England behandeln lassen?“, fragte Gilford.

„Ich habe mir sagen lassen, dass in Amerika die tüchtigeren Ärzte sind. Schließlich hoffe ich noch immer, dass Ted geheilt wird. Er ist mein Mann, und ich liebe ihn.“

„Sie setzen großes Vertrauen in Dr. Tyler?“

„Professor Tyler“, stellte die junge Frau richtig. „Ja, ich bin überzeugt davon, dass er ein hervorragender Psychiater ist. Natürlich fehlen mir die fachlichen Qualifikationen, um das objektiv beurteilen zu können, aber viele Leute haben mir versichert, dass er der richtige Mann sei.“

„Welche Leute waren das?“, fragte Gilford freundlich.

Die junge Frau machte eine ärgerliche Handbewegung. „Soll das ein Verhör sein? Wenn Sie Zweifel in meine Offenheit setzen, muss ich Sie bitten, mein Haus zu verlassen!“

„Sie vergessen den Brief“, meinte Anthony. „Es ist der Brief eines Mannes, der glaubwürdig versichert, das Opfer einer verbrecherischen Intrige geworden zu sein. Wenn es stimmt, was er sagt, sind Sie nicht seine Frau.“

„Das ist absurd. Gerade deswegen musste er ja in die Anstalt! Hat er Ihnen auch mitgeteilt, dass er in einem lichten Moment die ganze Schwere und den Umfang seines geistigen Defektes erkannt hat? Das war an jenem Morgen, als er hier in New York seiner Schwiegermutter gegenüber trat.“

Anthony nickte. „Das ist ein Punkt, für den er noch immer keine Erklärung gefunden hat.“

„Na, sehen Sie!“

„Natürlich könnte es für Mrs. Fletcher Gründe gegeben haben, die Rolle zu spielen, die man ihr aufdiktierte“, meinte Anthony ruhig.

„Das glauben Sie doch selber nicht!“, meinte die junge Frau ärgerlich. „Worauf wollen Sie hinaus? Sie machen den Eindruck eines intelligenten, gebildeten Mannes. Wie können Sie nur in dieser unverantwortlichen Weise auf einen Brief reagieren, der von einem Irren stammt? Wie ist der Brief überhaupt in Ihre Hände gelangt?“

„Er wurde aus der Anstalt nach New York geschmuggelt“, behauptete Anthony.

„Ted kennt Sie also?“

„Ich nehme an, er hat von irgend jemandem meinen Namen erfahren“, sagte Anthony.

„Sie wissen genau, dass Ted krank ist! Sie wissen vor allem, dass namhafte Ärzte zu dieser Auffassung gelangt sind!“

„Ich weiß nur von einem Arzt – von Professor Tyler. Im Übrigen vergessen Sie den Graphologen. Und noch etwas. Ich habe mir erlaubt, ein paar Erkundigungen über Mrs. Fletcher einzuziehen. Seit ihrer Rückkehr aus Amerika nach England ist sie offenbar das Opfer eines geheimen Grams geworden; irgend etwas scheint an ihr zu nagen und zu fressen. Nachbarn erklären übereinstimmend, dass sie sichtlich verfällt.“

„Mama ist nicht mehr ganz jung“, meinte die junge Frau. „Sie ist einfach in dem Alter, in dem gewisse Wehwehchen auftreten. Das ist völlig normal.“

„Sie war immer sehr rüstig.“

„Gerade die Rüstigen bauen oft über Nacht sehr schnell ab.“

„Wie kommt es, dass Sie nicht in England bei Ihrer Mutter sind?“, fragte Anthony. „Weshalb pflegen Sie sie nicht? Man sollte meinen, dass das als Tochter Ihre selbstverständliche Pflicht wäre. Stattdessen leben Sie hier in New York, in einem luxuriösen Appartement – in einem fremden Land, wenn man so will.“

„Sie übersehen, dass mein Mann noch in diesem Land ist“, sagte die junge Frau.

„Das vergesse ich keineswegs. Aber mir fällt auf, dass Sie durch Hunderte von Meilen von ihm getrennt sind. Wie oft haben Sie ihn besucht?“

Die junge Frau hob das Kinn. „Noch gar nicht“, erwiderte sie beinahe trotzig.

„Das ist etwas ungewöhnlich, finden Sie nicht auch?“

„Sie haben gut reden!“, fauchte sie ihn an. „Er erkennt mich doch nicht! Solange sich daran nichts ändert, ist es völlig sinnlos, ihm gegenüberzutreten. “

„Ich habe mit seinem Hausarzt gesprochen“, log Anthony.

„So?“

„Ja – er hält es für völlig ausgeschlossen, dass Ted Hunter den geistigen Defekt hat, den man ihm vorwirft. Sie kennen doch Dr. Jenkins?“

Anthony hatte den Namen frei erfunden.

„Sein Hausarzt!“, sagte die junge Frau heftig. „Das ist ein alter Narr.“

„Dr. Jenkins wäre nicht sehr erfreut, wenn er Sie hören könnte.“

„Ach, zum Teufel mit Dr. Jenkins!“

„Sie erinnern sich doch an ihn?“

Das war offensichtlich zu viel. Die junge Frau wurde wach und misstrauisch. „Ich kann mich an sein Gesicht erinnern – aber nicht mehr an den Namen.“

„Fest steht, dass es in diesem Fall eine Menge Punkte gibt, die mir verdächtig erscheinen“, murmelte Anthony Gilford. „Ich glaube, ich werde mich des Falles annehmen.“

„Was versprechen Sie sich davon? Geld? Da sitzen Sie auf dem falschen Pferd.“

„Ach, etwas wird dabei schon herausspringen.“

„Ich sagte Ihnen doch bereits, dass Teds Bankguthaben sechshundert Pfund nicht übersteigt.“

„Das sind rund fünfzehnhundert Dollar. Da ich im Moment knapp bei Kasse bin, käme mir das Geld gerade recht.“

Die junge Frau musterte ihn scharf. „Was ist, wenn ich Ihnen das Geld gebe?“

Anthony Gilfords Grinsen verstärkte sich. „Das wäre ein schöner Zug“, sagte er.

„Okay. Sie bekommen fünfzehnhundert Dollar. Dafür versprechen Sie mir mit Ihrer Unterschrift, den Brief zu vernichten und in dieser Sache nichts mehr zu unternehmen.“

„Sehr interessant!“, sagte Anthony.

Die junge Frau atmete rasch. „Glauben Sie ja nicht, dass ich mit meiner Bereitschaft, Ihnen das Geld zu geben, ein Schuldbekenntnis ablege! Ich will lediglich vermeiden, dass der Fall nochmals hochgespielt wird.“

„Natürlich“, sagte Anthony.

„Sie glauben mir nicht?“

„Kein Wort“, meinte Anthony und erhob sich. „Mir ist jetzt klar, dass Sie nicht Sheila Hunter sind.“

„Warum geben Sie nicht zu, dass es Sie einen feuchten Schmutz kümmert, wer ich bin? Sogar Teds Schicksal ist Ihnen gleichgültig! Sie wollen nur im Trüben fischen, nicht wahr? Also gut – fünfzehnhundert Dollar sind Ihnen zu wenig. Was verlangen Sie?“

„Hm“, meinte Anthony und verschränkte die Arme vor der Brust. „Was bieten Sie denn?“

Die junge Frau stand auf.

Sie ging auf ihn zu, ganz dicht; als sie stehenblieb, berührte sie mit dem Oberkörper die vor der Brust verschränkten Arme des Mannes.

Sie lächelte zu ihm in die Höhe, lockend, mit halbgeöffneten, schillernden Lippen.

„Nun?“, fragte sie.

Anthony rührte sich nicht vom Fleck. „Ich warte“, sagte er.

„Fünftausend – und mich“, sagte die junge Frau leise. In ihren Augen funkelte es. „Ich liebe Männer Ihres Schlages, Männer, die genau wissen, was sie wollen.“

„Ich muss Sie enttäuschen“, sagte Anthony Gilford kühl. „Ich würde Sie nicht mal mit einer Zange anfassen.“

Dann machte er auf dem Absatz kehrt und ging hinaus.



13

Jack erwachte mitten in der Nacht.

Im Zimmer war es stockdunkel.

Man hörte nur das leise, monotone Rauschen der Klimaanlage.

Jack atmete mit offenem Mund, um besser hören zu können. Er war hellwach.

Was hatte ihn geweckt?

Er überlegte, ob es ratsam war, die Hand auszustrecken und die kleine Nachttischlampe anzuknipsen.

Das Fenster war vergittert.

Er hatte sich gleich nach seiner Ankunft davon überzeugt, dass die Gitter fest im Mauerwerk verankert waren.

Die Zimmertür hatte er vor dem Zubettgehen von innen verschlossen. Den Schlüssel hatte er sicherheitshalber gleich zweimal herumgedreht.

Niemand hatte sich im Raum befunden, als er sich ins Bett gelegt hatte.

Folglich konnte jetzt außer ihm keine Menschenseele im Zimmer sein – oder?

Er dachte an das, was Moulton ihm auf der Fahrt erzählt hatte – die mysteriöse Geschichte mit den durchwühlten Sachen. Jack bedauerte, die Wände nicht nach geheimen Tapetentüre abgeklopft zu haben.

Plötzlich wusste er, dass jemand am Bett stand.

Ein fremder, heißer Atem traf sein Gesicht.

Ein übelriechender Atem!

Jack spannte sich.

Langsam zog er die Beine an, um sie gegebenenfalls mit voller Wucht auf den unsichtbaren Gegner zuschnellen zu lassen. Aber noch ehe er dazu kam, die Absicht in die Tat umzusetzen, packten ihn zwei knochige, würgende Hände am Hals.

Jack versuchte, sich von den Händen zu befreien.

Er trat dorthin, wo der Gegner stehen musste. Seine Füße prallten gegen einen Körper. Er trat ein zweites und drittes Mal zu, mit aller Wucht, aber die Hände, die er gleichzeitig von seinem Hals zu lösen versuchte, ließen nicht locker.

Er fühlte, wie ihn eine Panik erfasste.

Es war nicht seine Art, die Nerven zu verlieren – aber hier, in der Dunkelheit, überrascht von der Plötzlichkeit des Geschehens, hatte er Mühe, den Terror zu bannen, der von ihm Besitz ergreifen wollte.

Seine Füße hatten inzwischen Fühlung mit dem Standort des fremden Körpers aufgenommen.

Die Bettdecke war längst auf den Boden geglitten.

Jack zog die Beine an, soweit das möglich war. Dann ließ er sie nach vorn schnellen – genau dorthin, wo er vermuten durfte, dass die Aktion Wirkung zeigen würde.

Ein dumpfes, schmerzvolles Aufstöhnen zeigte ihm, dass er die richtige Stelle getroffen hatte. Für eine Sekunde lockerte sich der Würgegriff an seinem Hals. Die Sekunde genügte ihm, um sich freizumachen.

Die würgenden Hände griffen erneut nach ihm, aber sie verfehlten seinen Hals.

Er biss in einen Finger, der sich in die Nähe seiner Lippen verirrte.

Ein wilder Schrei ertönte.

Jack rollte sich zur Seite und gelangte aus dem Bett. Im nächsten Moment stand er auf den Beinen. Blindlings schlug er dorthin, wo er den Gegner vermutete.

Seine Faust traf eine harte, breite Männerbrust, die Brust eines Mannes von stabilem Körperbau und beträchtlichen Kräften. Er schlug höher, traf aber ins Leere.

Im nächsten Augenblick erwischte es ihn im Magen.

Der Gegner war mit eingezogenem Kopf auf ihn zugesaust. Sein Orientierungsvermögen hatte ihn die richtige Stelle treffen lassen.

Jack merkte, wie der Schmerz ihn in die Zange nahm.

Die Männer gingen zu Boden.

Mit allen Mitteln versuchte jeder einzelne, die Oberhand zu bekommen. Das war nicht leicht. Aber jetzt, am Boden ringend, brauchten sie nicht mehr dem Zufall zu vertrauen, jetzt hatten sie den Gegner im Griff, jetzt konnten sie ihre Kraft und ihre Geschicklichkeit voll ausspielen.

Jack riss ein Knie hoch.

Es traf den Leib des Unsichtbaren mit voller Wucht.

Stöhnend rollte der Mann zur Seite.

Jack sprang auf. Er stolperte zum Lichtschalter und drückte ihn nach unten.

Es klickte. Sonst geschah nichts. Im Zimmer blieb es völlig dunkel.

Jack unterdrückte ein paar heftige Worte, die sich unschwer als Fluch hätten deklarieren lassen. Irgend jemand hatte die Sicherung herausgeschraubt!

Der Mann am Boden stöhnte noch immer.

Es hatte keinen Sinn, dem Gegner eine Verschnaufpause zu gönnen.

Jack tastete nach dem schweren Zinnleuchter, der, wie er wusste, auf dem Tisch stand.

Als er ihn in der Hand hielt, änderte er sein Vorhaben. Er wollte den Leuchter seinem Zweck nicht entfremden und als Schlagwaffe benutzen, sondern die Kerze anzünden.

Als die kleine Flamme seines Feuerzeuges aufleuchtete, zuckte Jack zusammen.

Der Mann, der am Boden lag, trug eine Maske.

Es war eine Phantasiemaske – die scheußliche Ausgeburt einer krankhaften Phantasie, eine Mischung aus vorzeitlichem Ungeheuer und Frankenstein, mit zwei hauerähnlichen, bis zum Kinn reichenden Zähnen.

Der Mann war kräftig gebaut und mittelgroß.

Er trug schwarze Trikothosen und ein weißes Unterhemd. An den Füßen waren Schuhe aus blauem Segeltuch.

Der Mann hielt sich den Unterleib, er stöhnte nicht mehr, aber seine zusammengekrümmte Haltung verriet, dass er noch immer heftige Schmerzen verspürte, und dass er nicht den Mut fand, sich auszustrecken.

Jack sah, wie der Mann ins Zimmer gelangt war: Unmittelbar neben dem Kleiderschrank stand eine schmale Tapetentür offen. Jack ging mit dem Leuchter darauf zu. Er sah, dass eine schmale, gewundene Steintreppe von hier nach unten führte. Während Jack überlegte, ob es ratsam war, diese Treppe mit dem Leuchter nach unten zu steigen und den Mann mit dar Maske im Zimmer zurückzulassen, hämmerte es plötzlich gegen die Tür.

„Was ist los?“, fragte Jack.

„Machen Sie auf!“

Jack erkannte die Stimme des Pflegers Derek. Jack trat an die Tür und öffnete sie.

Derek hielt eine Taschenlampe in der Hand.

„Da ist er ja!“, sagte er.

„Wer?“

„Barber! Der Mann, den wir den Würger nennen“, sagte Derek grimmig. „Wie ist er hereingekommen?“

„Da – die Tür steht noch offen.“

„Diese verdammten Geheimgänge im Schloss!“, fluchte Derek. „Ich möchte wissen, wie er den Gang gefunden hat.“ Er blickte Jack an. „Hat er versucht, Sie anzufallen?“

„Das kann man wohl sagen!“

„Ab sofort lege ich ihn an die Kette“, versprach Derek.

Jack blickte auf die Uhr. Es war noch nicht sehr spät. Die Zeiger wiesen auf fünf Minuten nach zwei.

„Wie konnte er aus seiner Zelle loskommen?“, fragte Jack.

„Das mag der Teufel wissen! Ich werde es gleich untersuchen. Wo, zum Teufel, hat er bloß die schreckliche Maske her?“

„Eine interessante Frage“, meinte Jack.

Derek betrat den Raum.

Er bückte sich und riss dem immer noch gekrümmt am Boden liegenden Mann die Maske vom Kopf.

Barbers Gesicht war verzerrt. Er hatte die Augen weit aufgerissen. In ihnen stand die Furcht und eine gewisse Tücke, die vermuten ließ, dass er im nächsten Moment erneut einen Ausfall versuchen würde.

Barber hatte ein gewöhnliches Gesiebt mit weit auseinander stehenden Augen und einer zurückfliehenden Stirn.

„Ich frage mich, wozu der ‘ne Maske braucht“, meinte Derek verächtlich. „Bei der Visage!“

Barber nahm die Hände vom Magen und streckte sich aus. Ächzend kam er auf die Beine.

Derek trat dicht vor ihn hin. Er schlug zu. Ganz plötzlich und sehr hart.

Blut trat aus Barbers Nase.

Es rann ihm in den Mund, ohne dass er den Versuch unternommen hätte, es abzuwischen.

„Nur aus Gründen der Erziehung“, meinte Derek höhnisch. „Genügt das?“

Barber duckte sich ängstlich und nahm einen Arm vor das Gesicht. Er äußerte kein Wort.

Derek blickte Jack an. „Tut mir leid, dass Sie in so roher Weise geweckt wurden, Sir. Es wird nicht wieder vorkommen.“ Er wandte sich an Barber. „Marsch, hinaus!“

Barber verließ mit hängendem Kopf den Raum. Derek folgte ihm.

„Was ist mit dem Licht?“, fragte Jack.

„Ich sehe gleich mal nach“, murmelte Derek.

Im nächsten Moment schloss sich hinter den beiden die Tür.

Jack wartete, bis sich die Schritte der Männer entfernt hatten. Dann verschloss er erneut die Zimmertür von innen. Er holte einen der Koffer vom Schrank und nahm die Taschenlampe heraus, die er vorsichtshalber mitgebracht hatte.

Eine Minute später flammte die Deckenbeleuchtung auf. Jack streifte den Pyjama ab und schlüpfte in seine Sachen. Als er die Schnürbänder der Schuhe verknotete, klopfte es an der Tür.

„Was gibt‘s?“, fragte Jack und richtete sich auf.

„Ich bin‘s“, erwiderte eine männliche Stimme. „Joe. Kann ich etwas für Sie tun?“

„Sicher“, sagte Jack. „Passen Sie in Zukunft ein wenig besser auf Ihre Verrückten auf.“

„Der Professor bedauert den Vorfall sehr“, versicherte der Pfleger. „Er lässt fragen, ob …“

„Schon gut“, unterbrach Jack. „Darüber können wir uns beim Frühstück unterhalten. Es wird ein dankbares Thema sein. Ich möchte jetzt schlafen.“

„Werden Sie das denn schaffen?“

„Ich habe gute Nerven. Gute Nacht“, sagte Jack.

„Gute Nacht, Sir.“

Die Schritte des Pflegers entfernten sich.



14

Jack betrat, die brennende Taschenlampe in der Hand, den schmalen, kühlen und feuchten Gang, der sich an die Tapetentür anschloss und in eine gewundene, steil nach unten führende Treppe mündete.

Es war eine Steintreppe. Jack musste leicht gebückt gehen, um sich nicht den Kopf an der niedrigen Decke zu stoßen. Etwa in Höhe des Erdgeschosses endete die Treppe. Hier begann ein schmaler, schätzungsweise zehn Meter langer Gang, der darin plötzlich eine scharfe Rechtswendung machte.

Wenige Meter hinter der Biegung befand sich linker Hand eine dreißig Zentimeter breite Tür. Es gab keinen Zweifel, dass sie von der gleichen Beschaffenheit war wie jene, durch die Barber ins Zimmer gekommen war.

Lauschend presste Jack das Ohr gegen die Tür.

Er konnte nichts hören.

Er knipste die Taschenlampe aus und schob sie in den Gürtel seiner Hose.

Dann drückte er die offenbar gut geölte, völlig lautlos arbeitende Klinke nach unten.

Die Tür ließ sich ohne das leiseste Geräusch öffnen.

Jack hörte die Atemzüge eines schlafenden Menschen.

In dem Raum war es stockdunkel.

Er konnte nicht einmal die Hand vor den Augen erkennen.

Jack knipste die Lampe an.

Der Lichtstrahl traf ein modernes Bett; auf dem Kopfkissen breitete sich das schwarze Haar eines Mädchens aus. Der Lichtkegel huschte weiter. Er traf ein duftiges Bündel Wäsche, das auf einem Stuhl in Bettnähe lag, einen dicken, flauschigen Wollteppich, helle, moderne Möbel, ein volles Buchregal, einen Teewagen, der als Hausbar diente und mit vielerlei Flaschen vollgestellt war, und eine Tür!

Jack hielt den Atem an.

Der Lichtkegel hatte die Türklinke in den Mittelpunkt gerückt.

Diese Türklinke bewegte sich.

Unendlich langsam ging sie nach unten.

Jack knipste die Lampe aus.

Er huschte in den Gang und schloss die Tapetentür.

Dann lauschte er.

Minuten schienen zu verstreichen, eine Ewigkeit, in der sich nichts ereignete.

Jack überlegte. War er einer Täuschung zum Opfer gefallen; hatten seine Nerven ihn zum Narren gehalten? Das Spiel von Licht und Schatten war eine seltsame Sache, sie konnte einem Dinge vorgaukeln, die gar nicht existierten.

In diesem Moment ertönte ein Schrei.

Ein Schrei, der jähes Entsetzen ausdrückte. Der Schrei kletterte in hysterische Höhen und endete dann abrupt.

Es gab nur eine Erklärung für den Schrei.

Miss Preston war wach geworden, als sich die Zimmertür geöffnet hatte!

Oder war der Würger zurückgekommen, diesmal von vorn, durch die Halle?

„Nur keine Aufregung mein Schätzchen“, sagte in diesem Moment die sonore Stimme des Professors. „Ich bin‘s ja nur!“

Einige Sekunden verstrichen. Jack meinte beinahe körperlich die Spannung nachempfinden zu können, die jenseits der Tapetentür herrschte.

„Ich möchte allein sein“, sagte Miss Preston. In ihrer Stimme war ein resignierender Klang.

„Das geht nicht. Nicht jetzt“, meinte der Professor. „Zieh dich an, mein Schätzchen.“

„Ich bin nicht Ihr Schätzchen!“

„Sie sind zuweilen eine kleine giftige Kröte“, sagte Tyler spöttisch. „Warum eigentlich? Sie haben, scheint mir, nicht den geringsten Grund, sich über mich zu beschweren. Bis jetzt habe ich mich strikt an die getroffenen Abmachungen gehalten. Oder etwa nicht?“

„Ich habe nicht wissen können, worauf ich mich einlasse“, meinte das Mädchen kaum hörbar.

„Du hast es nötig, die Heilige zu spielen!“, spottete Tyler, der das Mädchen je nach Laune duzte oder siezte.

„Was erwarten Sie von mir? Warum soll ich mich anziehen? Es ist gleich halb zwei.“

„Du sollst in den Ort fahren und deinen Bruder holen. Ich brauche ihn dringend. Es ist nicht nötig, dass du ihn mitbringst. Es genügt, wenn der Bursche nach dem Frühstück hier aufkreuzt. So gegen zehn Uhr.“

„Was wollen Sie von ihm?“

„Eine kleine Gefälligkeit.“

„Ihre Gefälligkeiten kenne ich!“, sagte das Mädchen bitter.

Tyler lachte. „Ich zahle dir im Monat fünfhundert Dollar. Kost und Logis frei. Wenn man bedenkt, dass ich dich in der Hand habe und dazu zwingen könnte, umsonst für mich zu arbeiten, muss deine störrische Haltung wundernehmen.“

„Was wünschen Sie von Jim?“

„Er soll den Sheriff spielen.“

„Welchen Sheriff?“

„Irgendeinen. Es wird sich nicht umgehen lassen, dass wir Braden eine Komödie vormachen. Ich hatte zwar auf eine andere Lösung gehofft …“

„Auf eine andere Lösung?“

„Ja“, meinte Tyler. „Ich habe Barber auf ihn losgelassen. Niemand hätte uns nachweisen können, dass das absichtlich geschehen ist! Natürlich, mit einer Untersuchung wegen grober Fahrlässigkeit hätten wir rechnen müssen. Aber Braden wäre tot gewesen, und Barber, dem armen Würstchen, wäre nichts passiert.“

„Ich weiß, dass Sie Barbers Krankheit gelegentlich für Ihre verbrecherischen Zwecke einsetzen! Aber eines Tages …“ Das Mädchen unterbrach sich und schwieg.

„Wir wollen uns jetzt nicht streiten“, meinte Tyler. „Die Chose hat nicht geklappt. Braden ist ein routinierter Kämpfer. Barber hat leider den Kürzeren gezogen. Wir müssen nochmals versuchen, uns mit Braden zu arrangieren. Dazu brauche ich einen falschen Sheriff. Jim wird ihn spielen!“

„Ja, ich weiß“, sagte das Mädchen müde. „Joe hat Mr. Braden vorgelogen, dass morgen der Sheriff kommt.“

„Joe blieb gar nichts anderes übrig. Es ist schlimm genug, dass Braden den Toten zwischen den parkenden Autos entdeckt hat. Fünf Minuten später wäre Moulton im Kofferraum des Ford verstaut gewesen!“

„Ich bezweifle, dass es Ihnen gelingen wird, Mr. Braden zu bluffen.“

„Es wird nicht leicht sein“, gab Tyler zu.

Er machte eine kurze Pause und fügte dann spöttisch hinzu: „Es wäre freilich zu seinem Vorteil, wenn es uns gelänge, ihn an der Nase herumzuführen. Nur so kann er sich der Gefahr entziehen, Chadbourn Castle nicht als Leiche zu verlassen. Wissen Sie übrigens, dass Braden ein Privatdetektiv ist?“

„Nein!“

„Ein ziemlich berühmter sogar. Er ist wegen Ted Hunter hier.“

„Aber …“

„Keine Angst. Im Falle Hunter kann er nichts machen. Ich habe mich nach allen Seiten hin abgesichert. Und die übrigen Kranken sind ja tatsächlich zu Recht hier.“ Er seufzte. „Ein Jammer! Das Geschäft hat nachgelassen. Wie gern denke ich an die Zeiten zurück, als die Quote etwa drei zu eins war! Ein Normaler und zwei Kranke! Ich glaube, ich muss mal wieder nach New York und Chicago reisen und die Syndikatsbosse auf die großen Möglichkeiten hinweisen, die mein Institut ihnen bietet.“

„Ich hasse Sie!“, sagte das Mädchen.

„Tun Sie Ihren Gefühlen keinen Zwang an“, meinte Tyler spöttisch. Dann wurde seine Stimme grob. „Steh endlich auf, verdammt noch mal! Du musst vor Tagesanbruch zurück sein! Braden darf nicht merken, dass du in Nicols gewesen bist.“

„Würden Sie bitte das Zimmer verlassen? Vorher kann ich nicht aufstehen!“

„Zier dich doch nicht so.“

„Ich habe Zeit“, sagte das Mädchen.

„Moment mal“, murmelte Tyler.

Schritte näherten sich der Tür, hinter der Jack stand.

Im nächsten Moment wurde die Tür aufgerissen.

Jack blinzelte, als er in das helle Licht blicken musste, das ihm entgegen strömte. „Das dachte ich mir doch!“, höhnte Professor Tyler. „Kommen Sie herein.“

Jack betrat das Zimmer.

Miss Preston hatte die Bettdecke bis zum Kinn gezogen. Sie musterte ihn eher erstaunt als erschreckt.

„Joe ist ein Narr“, sagte Tyler. „Ich habe ihm aufgetragen, sich davon zu überzeugen, dass von Ihnen keine weitere Störungen zu erwarten sind, aber offenbar hat er seine Aufgabe zu leicht genommen.“

„Ich habe mir erlaubt, einen Inspektionsgang vorzunehmen“, meinte Jack. „Die offenstehende Tapetentür lud dazu ein.“

„Sie haben mein Gespräch belauscht, nicht wahr?“, fragte Tyler. Er war erstaunlich gefasst.

„Stimmt“, sagte Jack.

Professor Tyler verschränkte die Arme vor der Brust. „Miss Preston wird Ihnen dafür dankbar sein“, sagte er. „Nach Lage der Dinge braucht sie nicht mehr nach Nicols zu fahren.“

„Das hätte wirklich keinen Sinn“, nickte Jack.

Details

Seiten
1100
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738953954
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Mai)
Schlagworte
thriller riesen krimi sommer paket

Autoren

  • Alfred Bekker (Autor:in)

  • Theodor Horschelt (Autor:in)

  • Glenn Stirling (Autor:in)

  • Cedric Balmore (Autor:in)

  • G. S. Friebel (Autor:in)

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Titel: 11 Thriller Riesen Krimi Sommer Paket 2021