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Härter als die Harten: Wichita Western Sammelband 9 Romane

von Alfred Bekker (Autor:in) Pete Hackett (Autor:in) Thomas West (Autor:in) Uwe Erichsen (Autor:in) Bill Garrett (Autor:in)
0 Seiten

Zusammenfassung

Dieses Buch enthält folgende Western:

Uwe Erichsen: Da schnappte Shengs Falle zu

Uwe Erichsen: Clantons blutiger Terror

Pete Hackett: Härter als alle anderen

Pete Hackett: Sterbelied für Desperados

Thomas West: Der Tod sitzt mit am Pokertisch

Pete Hackett: Gunsmoke Kirby

Bill Garett: Duell am Apache-Pass

Uwe Erichsen: Triff den Tod in Corralitos

Alfred Bekker: Der lange Schatten des Jake McCann

Der Storekeeper Fred Guggenheimer aus Tucson hat ein großes Geschäft angekurbelt. Mit einigen Männern will er Frachtwagen mit dringend benötigten Waren in eine Siedlung nach New Mexiko bringen und dort verkaufen. Aber dazu kommt es nicht, denn nur wenige Meilen außerhalb von Tucson wird der Transport überfallen. Der gewissenlose Bill Sticker und seine Kumpane schießen Guggenheimer nieder und vertreiben die anderen Männer. Der verletzte Storekeeper kann noch mit letzter Kraft Tucson erreichen.

Als sich die Nachricht vom Überfall in der Stadt verbreitet, herrscht Entsetzen. Und Wut

Leseprobe

Härter als die Harten: Wichita Western Sammelband 9 Romane

Alfred Bekker, Pete Hackett, Thomas West, Bill Garrett, Uwe Erichsen

Dieses Buch enthält folgende Western:


Uwe Erichsen: Da schnappte Shengs Falle zu

Uwe Erichsen: Clantons blutiger Terror

Pete Hackett: Härter als alle anderen

Pete Hackett: Sterbelied für Desperados

Thomas West: Der Tod sitzt mit am Pokertisch

Pete Hackett: Gunsmoke Kirby

Bill Garett: Duell am Apache-Pass

Uwe Erichsen: Triff den Tod in Corralitos

Alfred Bekker: Der lange Schatten des Jake McCann




Der Storekeeper Fred Guggenheimer aus Tucson hat ein großes Geschäft angekurbelt. Mit einigen Männern will er Frachtwagen mit dringend benötigten Waren in eine Siedlung nach New Mexiko bringen und dort verkaufen. Aber dazu kommt es nicht, denn nur wenige Meilen außerhalb von Tucson wird der Transport überfallen. Der gewissenlose Bill Sticker und seine Kumpane schießen Guggenheimer nieder und vertreiben die anderen Männer. Der verletzte Storekeeper kann noch mit letzter Kraft Tucson erreichen.

Als sich die Nachricht vom Überfall in der Stadt verbreitet, herrscht Entsetzen. Und Wut! Denn Matt Jackson, der Vormann der Circle C-Ranch, hat seine Ersparnisse in diese Fracht investiert. Als er seinen verletzten Geschäftspartner beim Doc besucht, verspricht er ihm, die Halunken zu verfolgen. Sein Boss Buster Tom Copper und dessen jüngster Sohn Jimmy schließen sich ihm an. Die Jagd nach den Dieben führt schließlich zum Apache Pass. Und als die Coppers erkennen, wer in diesem schmutzigen Spiel noch mitmischt, gibt es für sie nur noch eins: Vergeltung!


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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / COVER FIRUZ

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Da schnappte Shengs Falle zu


Western von Uwe Erichsen


Der Umfang dieses Buchs entspricht 128 Taschenbuchseiten.


Am Ende seiner Tage hat Monty Halley endlich eine reiche Goldader entdeckt. Doch sein Partner, der Chinese Wang Fu, beabsichtigt nicht, mit Monty zu teilen.

Sheng findet den schwerverletzten alten Mann, der ihm noch kurz vor seinem Tod berichten kann, wer ihn so schändlich betrogen hat.

Am Ende des Weges durch die Wüste trifft Sheng auf Joan Donovan, deren Mann bereitwillig mit Wang Fu geritten ist, um das Gold zu bergen. Sheng ist sich sicher, dass Joan ihren Mann nie lebend wiedersehen wird, wenn er sich nicht auf die Suche nach ihm macht …



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Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: nach Motiven Dixon - Steve Mayer, 2020

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Monty Halley sah dem breitschultrigen Chinesen zu, der das Lager abbrach und die wenigen Gepäckstücke auf die beiden Pferde verteilte. Bisher hatte Monty es nicht bereut, Wang Fu zu seinem Partner gemacht zu haben. Der Chinese hatte für drei geschuftet. Und gelohnt hatte es sich auch. Verdammt, ja, das hatte es sich! Sie waren auf eine Mine gestoßen, von der man reden würde im Westen. Und doch fühlte Halley sich alt und müde. Die Entdeckung der Mine bedeutete nicht nur, dass er reich war. Über Nacht hatte er auch das Ende, das Ziel seines Lebens erreicht. Der Rausch war verflogen. Er brauchte nicht mehr zu suchen. Nur noch zu warten ...

Ächzend warf er die Decke zurück, mit der er sich vor der beißenden Kälte der Wüstennacht geschützt hatte. Er konnte dem Gelben nicht die ganze Arbeit überlassen. Er wollte nach seiner Wasserflasche und nach dem Sack mit den Notvorräten greifen, doch seine Finger stießen ins Leere. Er starrte auf die feuchte Stelle, die verriet, dass die Lederflasche dort gelegen hatte. Die Flasche war verschwunden.

Halley warf die Decke zur Seite. Sie wirbelte feinen Sand auf und die Asche des erloschenen Lagerfeuers, an dem sie sich in der Nacht gewärmt hatten. Die Wasserflasche blieb verschwunden. Ebenso der Proviantsack, der Montys Notvorrat enthielt.

Eine kalte Hand griff nach seinem Herzen. Seit zwanzig Jahren lebte er in diesem trockenen Land. Stets wusste er, wo er die Wasserflasche hingelegt hatte.

Er sah sich um. Sein Revolvergurt lag auf der anderen Seite der Feuerstelle, zusammen mit seiner Winchester. Er starrte den Chinesen an — der ruhig die Packtaschen festzurrte, in denen sich mehr als zwanzig Unzen Goldstaub befanden. Mit dem Goldstaub wollten sie in Tucson Mulis und Vorräte kaufen. Sie brauchten Mulis und Hacken und Sprengstoff, wenn sie der Mine ihren Schatz endgültig entreißen wollten.

„He!“, krächzte Monty. Er stemmte sich in die Höhe. Er blinzelte, als die ersten Sonnenstrahlen über den Horizont fingerten und die roten Felsen aufleuchten ließen. Mit der Sonne lebte auch der Wind wieder auf. Die wenigen Menschen, die am Rande der Wüste lebten, fürchteten den Wind. Es war der Böse Wind, wie die Papagos ihn nannten.

„He!“, wiederholte Monty seinen Ruf.

Der Chinese kroch unter dem Bauch des hellen Bronco hervor, nachdem er den Sattelgurt noch einmal überprüft hatte. Er sah den alten Mann an, der mit grauem Gesicht auf seiner Decke stand und ihn anstarrte.

„Du brauchst kein Gold mehr, alter Mann“, sagte Wang Fu. In seinem runden Gesicht bewegte sich nichts außer den Lippen des kleinen Mundes. Seine geschlitzten Augen hatten sich verengt, sie glitzerten schwarz und kalt wie der Tod, dessen Atem Monty Halley schon spüren konnte.

Er wollte nicht mehr kämpfen. Er hatte zu lange gekämpft.

„Warum?“, fragte er nur. „Warum? Du bist mein Partner! Es ist genug für uns beide da.“

Der Chinese schüttelte den Kopf. Er trug ein weites Gewand aus grobem Stoff mit breiten Ärmeln. Er hob die Arme und schüttelte die Ärmel in die Höhe. In seinen Augen begann eine Flamme zu leuchten, ein fanatisches Feuer, das auf Montys Haut brannte.

Wang Fu hatte Arme wie Baumstämme. Auf den Innenseiten der Unterarme bemerkte Monty hellrote Linien wie Brandnarben, die ein seltsames Eigenleben zu führen schienen, wenn sich die Muskeln unter der Haut bewegten. Auf dem linken Arm erkannte Monty den mächtigen, hoch aufgerichteten Körper eines Bären mit breitem Kopf und zum Schlag erhobenen Pranken. Auf dem anderen Arm zuckte der Schuppenleib eines Drachen mit weit aufgerissenem Maul, aus dem Feuer brach wie aus dem glühenden Schlund eines Vulkans. Halley schauderte, und er schielte zu den Waffen, die drei Schritte entfernt am Boden lagen. Drei Schritte nur — und doch unerreichbar fern.

„Der Schwarze Drache teilt nicht, was ihm gehört“, sagte Wang Fu mit lauter, hochmütiger Stimme. Er ließ die Arme herabfallen. Wie Vorhänge fielen die weiten Ärmel über die Tätowierungen, über jene fremdartigen Zeichen, wie Monty sie noch nie bei einem Menschen gesehen hatte.

Mit einer gemessen erscheinenden Bewegung griff der Chinese jetzt in eine der Packtaschen, und er holte einen länglichen Gegenstand heraus, den Monty während ihrer gemeinsamen Zeit zwar schon einige Male gesehen hatte, aber noch nie hatte Wang Fu das schmutzige Stück Stoff abgewickelt, das den Gegenstand umhüllte. Wang Fu wickelte langsam den Stoff ab. Zum Vorschein kam eine Scheide aus hartem rissigem Leder. Aus der Scheide ragte der Griff eines Dolches. Der Griff war mit farbigen Steinen besetzt, die in der Sonne funkelten. Die breite Faust des Chinesen packte den Griff, und mit einem leichten, geschmeidigen Ruck riss er den Dolch heraus. Die Sonne stand jetzt eine Handbreit über dem Horizont. Ihre Strahlen ließen die leicht gekrümmte Klinge aufblitzen.

Monty öffnete den Mund. Er wollte etwas sagen. Nur ... was sollte er sagen? Er war es nicht gewohnt, viel zu reden. Und noch nie hatte er um sein Leben gefleht. Dumpf spürte er, dass es bei dem Gelben sowieso keinen Zweck haben würde. Es war eine Frage, die in seinem Inneren brannte.

Er schrie die Frage hinaus.

„Warum?“

Der Chinese beantwortete die Frage nicht. Sein Arm machte eine schnelle, ruckartige Bewegung, und die Waffe wirbelte durch die Luft, auf Monty zu.

Monty machte eine Bewegung zur Seite. Sie war zu langsam, und er wusste es. Er war alt, und er war müde. Er sah das Blitzen der kostbaren Steine, mit denen der Griff bedeckt war wie ein Götzenschrein. Und er sah die breite Klinge, ehe er den Schlag spürte, mit dem sie in seine Brust drang.



2

Sheng hörte das dünne Rollen eines Gewehrschusses, und er hob den Kopf. Er sah den roten Sand und die roten Felsen, und er spürte den Wind auf seinem Gesicht. Es war ein Wind, der seinen Weg seit vielen Tagen begleitete, seit dem Tag, als er begonnen hatte, von Mexiko aus die große Wüste zu durchqueren. Er blickte zum Himmel hinauf, der eine weiß glühende Farbe angenommen hatte. Die Sonne brannte auf der Haut, doch Sheng spürte ihr Brennen nicht. Er lauschte dem verhallenden Donner des einzelnen Schusses nach. Er blickte in die Richtung, aus der der Wind wehte. Der Wind war böse, behaupteten die Indianer. Er heulte leise um die geborstenen Felsen herum, und er sang in den Rillen, die er in den Sand gegraben hatte in vielen, vielen tausend Jahren.

Der böige Wind trug den rollenden Donner eines zweiten Schusses an das Ohr des hochgewachsenen Mannes mit der dunklen Haut, dem markanten Gesicht und den schmalen, leicht geschlitzten Augen.

Über dem Land war nichts zu erkennen. Ein staubbedecktes Kakteenfeld, verkümmertes Gestrüpp in einer Senke, und graue Sagebüsche, die der Wind aus dem Süden mitgebracht haben musste, und die er jetzt wie Spielzeug durch die Wüste rollte.

Wieder richtete Sheng den Blick zum Himmel hinauf. Jetzt sah er sie. Drei Geier. Winzige schwarze Punkte vor dem wie flüssiges Metall schimmernden Himmel. Sie kreisten. Ruhig und beständig wie die Wüste, von denen sie ein Teil waren. Ein neuer Schuss ließ Sheng die Lider zusammenkneifen. Seine Augen wanderten nach Nordwesten, dorthin, wo die Geier über der Wüste standen. Langsam zählte er bis zwölf. Bei der Zwölf drang erneut der dünne Knall eines Gewehrschusses an Shengs Ohr. Der große, hagere Mann packte seine Deckenrolle fester, und ohne den Geiern einen weiteren Blick zu gönnen, begann er zu laufen.

In regelmäßigen Abständen ertönte ein Schuss. Alle zwölf Sekunden. Wie ein Signal. Jemand brauchte Hilfe.

Sheng lief schneller. Er spürte nicht die Hitze und nicht den feinen, beißenden Staub, der in seine Lungen drang. Die Wasserflasche an seinem Gürtel klatschte gegen seine Hüfte. Sie war leicht, zu leicht. Doch der einsame Mann dachte nicht ans Trinken. Seine Gedanken eilten ihm voraus, dem Menschen entgegen, der Hilfe brauchte.

Mit weit ausgestellten Schwingen standen die Geier in der bleiernen Luft. Langsam sanken sie tiefer. Shengs Füße glitten über den harten Boden. Er wich einem staubbedeckten Gestrüpp verkümmerter Salzpflanzen aus und rannte dann einen Hang hinauf. Der Sand ließ seine Füße tief einsinken, und die in Bewegung geratenen Massen drohten ihn mit sich zu ziehen.

Sheng stampfte wie eine Maschine.

Die Geier sanken tiefer.

Als Sheng die Kuppe des Hügels erreicht hatte, wehte der Wind ihm scharf den feinen Sand ins Gesicht. Er blieb stehen. Zählte bis zwölf. Kein Schuss verriet ihm mehr die Richtung, die er einzuschlagen hatte. Entweder waren dem Mann, der Hilfe brauchte, die Patronen ausgegangen, oder die Kräfte hatten ihn verlassen. Nur die Geier wiesen Sheng, dem die Hitze und die Trockenheit nichts anhaben konnten, den Weg.

Der erste von ihnen landete soeben in einer flachen Mulde, deren Rand von schroffen Gesteinstrümmern bedeckt war. Der große hässliche Vogel schlug mit den Flügeln. Der kleine Kopf auf dem langen nackten Hals stieß vor, ein Auge, rund und rot, äugte umher, dann machte das Tier einen schwerfälligen, unbeholfen wirkenden Schritt. Ein Felsbrocken entzog es Shengs Blicken.

Der zweite Geier landete. Er stieß ärgerliche heisere Laute aus, als er hinter dem anderen herschwankte.

Sheng rannte den Hang hinab. Der dritte Geier stieg wieder höher. Sheng hob im Laufen einen Felsbrocken auf. Den schleuderte er nach dem Aasvogel, als das Tier wieder in seinem Blickfeld erschien. Zornig schreiend erhoben sich die beiden Vögel.

Sheng sah die Reste eines ausgebrannten Lagerfeuers und die Spuren mehrerer Pferde. Er erinnerte sich, am frühen Morgen, kurz nach Sonnenaufgang, eine dünne Staubfahne gesehen zu haben, die sich nach Nordosten hin entfernt hatte. Er fand den alten Mann hinter einem Stein, in dessen schmalen Schattenstreifen er sich geschleppt hatte. Der Mann lag auf dem Gewehr, mit dem er die Signalschüsse abgegeben hatte.

Der Sand unter dem mageren Körper hatte sich mit dem Blut des Mannes vollgesogen. Immer noch quoll es aus einer schrecklichen Wunde, die unterhalb des Brustkorbes klaffte. Der Mann hatte seine linke Hand auf die Wunde gepresst. Behutsam drehte Sheng den Oldtimer auf den Rücken. Er schob ihm die Deckenrolle unter den Kopf und legte ihm seinen Hut über das Gesicht. Dann bog er die Hand zur Seite.

Sheng stieß die Luft aus. Die Wunde war groß, so groß, als ob ein Schwert sie gerissen hätte. Er sah die weißen Rippenknochen, von denen zwei gesplittert waren. Er senkte den Kopf. Vorsichtig entfernte er Stoffreste und Schmutz aus der Wunde, und dann riss er mehrere Streifen aus seinem Hemd, die er zu kleinen Kissen formte und fest auf die Wunde presste. Mehr konnte er für den Mann nicht tun.

Er nahm ihm den Hut vom Gesicht, als er das leise Stöhnen hörte. Mitleidig betrachtete er die eingefallenen Züge. Die Knochen schienen sich durch die dünne Haut bohren zu wollen, die den Schädel wie straff gespanntes Pergamentpapier überzog. Die Zunge erschien zwischen den spröden Lippen. Sie war grau und trocken wie die Gesichtshaut. Suchend tastete sie umher, bis sie in den Mund zurückfiel.

„Wasser ...“

Das Wasser wird dich umbringen, dachte Sheng. Er löste die Flasche von seinem Gürtel, schraubte den Verschluss ab und hielt die Öffnung an die Lippen des Todkranken. Bei der Berührung wurden sie zuerst steif, dann öffneten sie sich weit, und die Zunge stieß gierig suchend vor.

„Wasser ... Wasser ...“

Sheng ließ ein paar Tropfen über die Lippen rinnen. Die Lider begannen zu zucken, als die Zunge das Wasser schmeckte. Sheng ließ etwas in den Mund des Mannes laufen.

Da schlug er die Augen auf. Es waren trübe, wie erloschen wirkende Augen, die ins Leere starrten, und nur langsam kehrten sie aus weiter Ferne zurück. Es waren Augen, die bereits den Tod erblickt hatten. Sie richteten sich auf Sheng, saugten sich an seinem Gesicht fest. Bestürzt registrierte der Halbchinese die Veränderung, die mit dem alten Mann vor sich ging.

Das Gesicht verzerrte sich, die Augen zuckten, und abwehrend hob er eine Hand. Die Hand stieß gegen Shengs Brust. Sie war nass vom Blut, das aus der Wunde gequollen war.

„Weg ... Geh weg ...“, krächzte Monty Halley. „Geh weg ... Was willst du noch von mir, du verdammter Gelber ...“

Als die Sonne ihren höchsten Punkt erreicht hatte und die Luft schwer wie Blei über dem ausgedörrten Land stand, erlangte Monty Halley noch einmal das Bewusstsein zurück. Die Augen blickten überraschend klar, und fragend ruhten sie auf Sheng, der mit angezogenen Knien auf dem Boden saß und den Rücken gegen den Felsen gelehnt hatte. Der Stein war heiß, und er spendete jetzt keinen Schatten mehr. Es gab keinen Schatten in der Wüste zwischen der mexikanischen Grenze im Süden und dem Gila River im Norden.

Sheng hatte die Augen geschlossen, und Monty hatte Gelegenheit, das Gesicht zu betrachten, das ihn so erschreckt hatte, weil es ihn an das Gesicht seines Mörders erinnert hatte. Dabei war das Gesicht dieses Mannes ganz anders als Wang Fus flaches rundes Gesicht mit der kleinen Nase und den schmalen geschlitzten Augen. Das Gesicht des Fremden, den seine Schüsse angelockt haben musste, wirkte wie das eines Freundes.

Monty leckte sich die spröden Lippen. Wasser! Er wollte Wasser haben. Er musste etwas trinken. Aber er wollte auch den Schlaf des fremden Mannes nicht stören, der aus der Wüste gekommen war. Monty konnte sein Pferd nicht sehen, und er fragte sich, wo es wohl stehen möchte.

Sheng hatte die Blicke des alten Mannes gespürt. Er hob den Kopf und öffnete die Augen.

„Wasser“, krächzte Monty. „Bitte ...“

Sheng öffnete die Flasche. Sie war jetzt fast leer. Für ihn würde nichts mehr übrig bleiben, und der Weg zum nächsten Wasserloch oder zur nächsten menschlichen Ansiedlung war weit, sehr weit. Zwei Tage, schätzte Sheng. Er benetzte die Lippen und den Mund des Sterbenden mit wenigen Tropfen.

Sheng trug ein rotes Baumwollhemd, dessen Ärmel er in die Höhe gerollt hatte.

Urplötzlich packten die Finger des Alten zu. Sie gruben sich schmerzhaft in seinen linken Unterarm. Monty Halley hatte noch viel Kraft. Er drehte Shengs Arm nach außen, bis er die Tätowierung erkennen konnte. Die Schlange. Sie erschreckte den alten Mann.

„Wer bist du?“, fragte er heiser. „Er ... hatte den Drachen ... und einen Bären ...“

Sheng zeigte dem Mann auch den Tiger auf der Innenseite seines anderen Unterarmes, das Zeichen der doppelten Meisterschaft im Kung Fu, dieser Lehre, die den Menschen verpflichtet, dem Menschen zu dienen.

„Ich heiße Sheng. Und du?“

„Monty Halley ... Was haben die Zeichen zu bedeuten?“

Sheng erzählte dem alten Mann von dem Kloster vom Weißen Lotus, das in einem fernen Land lag.

„Dort bin ich aufgewachsen und erzogen worden. Ich habe es verlassen müssen, als andere Männer kamen und es zerstörten ...“

Montys Augen hingen an Shengs Lippen.

„Dann bist du ein ... Priester?“

Sheng neigte den Kopf.

„Für meine Landsleute bin ich ein Mönch und ein Priester“, antwortete er ruhig. Geduldig wartete er darauf, dass der alte Mann ihm erzählte, was geschehen war. Auch hier, in der endlosen, brennenden Wüste, stieß er auf die Spur des Schwarzen Drachen. Sie waren überall, und wo der Schwarze Drache seinen Fuß auf die Erde setzte, hinterließ er Blut und Tod.

„Wasser ...“ Monty Halley trank. Dann starrte er Sheng an. „Ist Wang Fu auch ein Priester?“, fragte er dann.

„Wang Fu hat sich einem Geheimbund verschrieben“, antwortete Sheng. „Ihre Mitglieder nennen sich ebenfalls Menschen. Sie dienen einem Bund, dessen Ziel die Weltherrschaft ist. Deshalb kämpft der Schwarze Drache gegen uns, weil wir die einzigen sind, die ihn von der Erlangung dieser Herrschaft über alle Menschen abhalten können.“ Sheng dachte an sein Siebtel der Schriftrolle mit den Lehren des weisen Tao Chi. Nur diese Lehren trennten den Schwarzen Drachen noch von der Beherrschung der Welt. Und er, Sheng, war einer von sieben Männern, die ruhelos durch die Welt zogen, um das letzte Wissen vor dem Zugriff einer verbrecherischen Organisation zu bewahren. Wang Fu. Das war ein Name, der ihm nichts sagte. Aber der Schwarze Drache verfügte über viele Mitglieder. Sie waren allgegenwärtig.

Sheng blickte zum lodernden Himmel hinauf. Die Geier hatten sich in schwindelnde Höhen hinaufgeschraubt, aber immer noch schwebten sie über dem Lager des sterbenden Mannes, genau wissend, dass er den Abend nicht erleben würde.

„Was ist geschehen?“, fragte Sheng leise, denn er spürte, wie das Leben den Körper des Alten verließ. Die Lappen, die Sheng in die schreckliche Wunde gestopft hatte, waren feucht vom Blut, das aus der Wunde quoll, solange das Herz in dem geschundenen Körper noch schlug.

Monty Halley erzählte Sheng von der Mine, die er gefunden hatte. Er und der Chinese. Es war eine Goldader so dick wie ein Dachbalken. Zwölf Yards zog die Ader sich in eine flache Höhle hinein. Der Blick das Alten verklärte sich.

„Er will sie allein haben. Er hätte sie haben können. Warum musste er mich töten? Mir liegt nichts an dem Gold ... Jetzt nicht mehr. Es ist seltsam, Sheng. Mein Leben lang habe ich es gesucht. Jetzt bedeutet es mir nichts mehr. Woran liegt es? Weil ich alt bin?“ Neugierig blickten die Augen in das dunkle, scharfgeschnittene Gesicht des hageren Halbchinesen, der den Kopf des Sterbenden hielt und die Lippen hin und wieder mit dem kostbaren Wasser benetzte.

Sheng lächelte. Er dachte an die vielen langen Gespräche mit seinem alten Lehrer Li Kwan. Wie oft hatten sie den Sinn des Lebens zu ergründen versucht!

Wer den Sinn des Lebens ergründet, und sei es nur für sich allein, wer also den Zweck seines irdischen Daseins gefunden hat, wird nicht mehr leben wollen, hatte Li Kwan gemeint, und er hatte gelächelt dabei, weil auch er nicht im Besitz der letzten Wahrheit war. Wenn man den Sinn des Lebens erfährt, hat das Leben keinen Sinn mehr.

Konnte er das dem sterbenden alten Mann sagen? Stimmte es überhaupt? Sheng wusste es nicht.

„Das Gold hat dir nie etwas bedeutet“, sagte Sheng langsam. „Es hatte keinen materiellen Wert für dich. Du hast es gesucht, weil du irgendetwas tun musstest. Schafe züchten, Kinder großziehen ...“

Die Lippen des alten Mannes verzogen sich zu einem Lächeln. Die Gesichtshaut hatte sich blau verfärbt. Sie war trocken und spröde wie altes Papier. Plötzlich, mit letzter Kraft, fassten die Hände noch einmal zu. Harte Finger schlossen sich um Shengs Arme. Monty Halley zog sich noch einmal in die Höhe. Aus fiebrig glänzenden Augen starrte er Sheng an.

„Dir liegt auch nichts am Gold. Ich weiß es. Du bist wie ich. Aber ich schenke dir die Mine! Sie gehört dir! Geh hin! Hol das Gold heraus! Wenn du es nicht selbst haben willst, gib es anderen. Tu etwas damit! Das Gold ist nicht böse. Hol es!“ Sheng lächelte, und traurig schüttelte er den Kopf. Der Druck der Finger verstärkte sich. „Du musst es holen! Wang Fu wird noch mehr Menschen töten. Er kann es nicht allein holen. Er braucht Helfer. Und wenn er sie nicht mehr braucht, wird er sie töten. So wie er mich getötet hat, einen alten Mann, der nicht einmal mehr ein Muli in das Tal führen kann.“

Und das Gold, dachte Sheng, wird Wang Fu dem Schwarzen Drachen zur Verfügung stellen. Dann wäre es doch böse ...

„Du weißt, wo die Mine liegt ...“ Der Atem des Alten ging mühsam. Er fiel zurück, die Klammer der Finger löste sich, doch eine Hand griff nach Shengs Hand, und Sheng hielt sie fest.

„Wasser!“

Sheng gab dem alten Mann sein letztes Wasser.

Er blieb bei ihm, bis er starb. Während der kurzen Dämmerung hob er mit seinen Händen eine Grube aus, in die er den Leichnam bettete und dann mit Sand und Steinen bedeckte.

Sheng sammelte die wenigen Dinge ein, die der Chinese bei dem Sterbenden zurückgelassen hatte. Es waren die Winchester und ein 44er Remington. Der Revolver war leer, in der Kammer des Gewehrs befand sich noch eine einzige Patrone.

Sheng beschloss, die Waffen mitzunehmen. Vielleicht konnte er sie verkaufen, denn er hatte kein Geld mehr. Im Revolvergurt steckte eine rote Dynamitpatrone. Das war alles. Der Mann vom Schwarzen Drachen verachtete Schusswaffen. Wie Sheng. Doch anders als Sheng bevorzugte der Drachenmann den gebogenen Dolch mit der breiten Klinge. Eine Waffe, die die Vorzüge des Schwertes mit der Wendigkeit des Dolches verband. Deshalb hatte er die Waffen des alten Goldsuchers zurückgelassen. Weil er sie verachtete.

Sheng schlang den Revolvergurt über seine Schulter, nachdem er die einzelne Dynamitpatrone in seine Deckenrolle geschoben hatte. Dann warf er den Riemen der Rolle um seinen Hals.

Er blickte nach Norden, wo die Schatten der Dämmerung sich über das Land legten. Der Böse Wind, der während der bleiernen Hitze geruht hatte, lebte wieder auf und trieb Sandwolken vor sich her. Sheng wusste, dass er einen langen Weg vor sich hatte. Zwei endlos lange Nächte und einen glühend heißen Tag, der ihm das Mark aus den Knochen brennen würde.

Er hatte während des vergangenen Tages keinen Tropfen Wasser getrunken. Und für mindestens sechsunddreißig weitere Stunden würde er ohne Wasser auskommen müssen.

Sheng fühlte sich dem Tod seltsam nahe. Doch der Tod konnte ihn nicht schrecken. Er war eher ein vertrauter Begleiter für ihn, ein Wesen, mit dem er Zwiesprache halten konnte in den langen einsamen Stunden, die vor ihm lagen.



3

Er lag im Sand. Er wollte sich ausruhen. Er war müde. Der Tod war bei ihm. Immer noch. Wie ein treuer Gefährte. Die Sonne verbrannte seinen Nacken. Er spürte ein schmerzhaftes Ziehen in seinem Leib, und als ihm bewusst wurde, was dieser Schmerz zu bedeuten hatte, bog er sich zusammen. Er stand kurz vor dem Verdursten.

Er hörte den weichen Flügelschlag, als der erste Geier neben seinem Kopf aufsetzte.

Sheng riss die Augen auf. Der hässliche Vogel schwang seinen langen Hals herab. Der gekrümmte Schnabel schoss auf Shengs rechtes Auge zu. Sheng zuckte zurück, und der Geier krächzte zornig. Schwankend machte er einen Schritt auf Sheng zu, um einen zweiten Hieb gegen Shengs Augen zu versuchen. Sheng hob die Hände schützend vor sein Gesicht. Mühsam zog er die Beine unter seinen Körper, und er richtete sich auf, obwohl der ziehende Schmerz ihn niederzwingen wollte.

Er ließ die Hände sinken. Er rief seine innere Kraft, sein Chi, und er spürte, wie der Schmerz zurückwich, auch wenn er spürbar blieb, wachsam wie ein geduldiger Gegner.

Der Geier breitete die schwarzen schimmernden Schwingen aus. Sheng trat nach ihm. Der Geier schrie wütend auf. Sheng setzte nach und traf ihn mit einem harten Tritt vor die Brust. Der Vogel kreischte überrascht, er breitete die Schwingen aus und hob ab. Noch lange konnte Sheng das zornige Kreischen hören. Dabei musste Sheng dem Geier dankbar sein. Vielleicht wäre er liegengeblieben. Nach einer langen Nacht, nach einem Tag unter der glühenden Sonne und einer weiteren Nacht war selbst ein Mann wie Sheng am Ende, wenn er kein Wasser bekam.

Und die Sonne wanderte bereits den Himmel hinauf.

Oben kreisten die Geier. Es waren drei. Waren es dieselben drei, die über dem Lager des sterbenden Goldsuchers ihre Runden gedreht hatten? Waren es die Geier, denen er die sichere Beute entrissen hatte? Und witterten sie in ihm, dem einsamen Wanderer, Ersatz?

Sheng wanderte weiter. Schritt für Schritt stapfte er durch heißen Sand. In der Hand hielt er die Winchester. Die Sonne brachte das Metall zum Glühen und verbrannte Shengs Haut.

Sheng konnte die Hartnäckigkeit eines Maultiers entwickeln. Seit mehr als eineinhalb Tagen schleppte er das Gewehr und den Revolvergurt durch die Wüste. Jetzt würde er es nicht mehr wegwerfen. Denn entweder stieß er während der nächsten zwei, drei Stunden auf eine Wasserstelle, oder er würde sterben. So stapfte er dahin. Das grelle Licht der Sonne machte ihn fast blind. Der Wassermangel betäubte die Nerven seines Körpers und schwächte die Widerstandskraft.

Nur selten blickte er zu den Geiern hinauf, die seinen Weg aus luftiger Höhe verfolgten. Irgendwann stiegen sie höher. Als er es bemerkte, blieb er stehen. Die hässlichen Vögel waren jetzt nur noch dunkle Punkte vor dem grellweißen Himmel.

Er richtete den Blick nach vorn. Die flirrende Luft ließ alle Konturen verschwimmen, und doch schien es dem einsamen Mann, als sehe er den Rand der Wüste vor sich liegen. Die Farben veränderten sich unmerklich. Das Rot des Sandes und der Felsen wurde blasser. Die Kakteen reckten sich höher dem Himmel entgegen, und die Büsche aus struppigen Dornenzweigen wurden dichter.

Sheng taumelte weiter. Wasser! Er brauchte Wasser. Er taumelte auf die Hütte zu.

Eine Hütte! Erst jetzt drang es in sein Bewusstsein. Er hatte eine Hütte gesehen!

Sie stand am Rande der Wüste. Aus massiven Balken fest gefügt, schwarz vom Altern. Etwas Grün schimmerte dort, wo das Gelände sanft anstieg. Dort, wo ruhig zwei Pferde grasten.

Pferde!

Sheng keuchte. Das war keine verlassene Hütte mit einem versiegten Brunnen. Eine Hütte und Wasser. Und vielleicht etwas zu essen.

Sheng beschleunigte seine Schritte, bis der Schuss fiel.

Gedämpft, wie durch Watte, erreichte der Knall Shengs Ohr, und das friedliche Bild vor seinen Augen zerplatzte wie eine Fata Morgana. Drei Schritte vor ihm stieg eine dünne Sandfontäne auf.

Sheng fiel auf die Knie. Die Enttäuschung ließ seine Schultern zucken. Er starrte auf den Schatten seines eigenen Kopfes im Sand, er atmete langsam die glühende Luft, und er wartete auf den nächsten Schuss.

Doch nichts geschah.

Langsam hob er den Kopf. Durch die flimmernde Luft sah er die offene Tür der Hütte als schwarzes, feindliches Loch. Mit steifen Fingern suchte er seine Taschen und dann die Schlaufen im Revolvergurt nach der letzten Patrone ab. Er fand sie. Er hob sie vor seine Augen, betrachtete das matt schimmernde Bleigeschoss über der hellen Messinghülse, dann führte er sie an seine spröden, entzündeten Lippen.

Er war eine Viertelmeile von der Hütte entfernt, und er befand sich am Ende seiner Kräfte. Er hatte das Recht, sein Leben zu verteidigen.

Nein — er hatte sogar die Pflicht, es zu tun.

Er verabscheute Schusswaffen. Er wollte sie nicht benutzen. Seine Hand, die die Patrone hielt, zitterte. Mit der anderen Hand tastete Sheng seine Umgebung ab.

Das Gewehr — wo war es? Hatte er es doch weggeschmissen? Hatte er es verloren?

Nein, er hatte es nicht verloren. Es lag neben ihm im Sand. Er legte es über seinen Oberschenkel, öffnete das Schloss und drückte die Patrone ins Patronenlager.

Schwerfällig stand er auf, und mit steifen Schritten bewegte er sich auf die Hütte zu.

Die Stimme erreichte sein Ohr, und sie drang auch in sein Gehirn, doch Shengs Reaktionen und Bewegungen liefen jetzt so langsam ab, dass eine Koordinierung zwischen den Eindrücken, die das Gehirn empfing, und den Bewegungen der Glieder nicht mehr möglich schien.

Erst ein Schuss und eine aufspritzende Sandfontäne, dicht vor seinen Füßen, vermochten ihn zu stoppen. Ein paar Sandkörner spritzten in sein Gesicht. Er schloss die Augen. Es gab keine Tränen mehr in seinem ausgedörrten Körper, die den Sand aus den Augen hätten herausspülen können.

Jetzt hörte er auch die Stimme deutlicher, und er konnte verstehen, was sie ihm zurief. „Bleiben Sie vom Haus weg!“

Es war eine Frauenstimme. Shengs Herz begann heftig zu trommeln.

„Sie können Ihre Wasserflasche am Brunnen füllen. Dann müssen Sie weiter!“

„Ich habe keine Wasserflasche“, rief Sheng zurück.

Seine Stimme war nur ein heiseres Krächzen, nicht weiter als zehn Yards zu hören in der hitzeschweren Luft. Er räusperte sich. Lauter schrie er: „Ich habe keine Wasserflasche!“ Am frühen Morgen hatte er sie verloren, und er hatte nicht die Kraft verschwenden wollen, die er gebraucht hätte, um sie aufzuheben.

„Bleiben Sie stehen!“, rief die Frau. Ihre Stimme klang flehend. Sie wollte nicht schießen, doch sie würde es tun, weil sie Angst hatte.

Shengs Augen hingen an der dunklen, feindselig starrenden Türöffnung. Eine Gestalt sprang heraus in das Sonnenlicht. Shengs Hand, die den Gewehrschaft umklammert hielt, bewegte sich nicht. Die Mündung der Waffe wies auf den Boden vor seinen Füßen. Seine Augen verfolgten die kleine Gestalt, die wie ein Wiesel auf ein Holzgestell zurannte, das Sheng als Brunnenwinde erkannte. Die Gestalt verharrte kaum eine Sekunde lang am Brunnenrand, dann rannte sie zurück. Sheng erkannte einen Jungen von etwa zehn oder zwölf Jahren. Er war hager, hatte struppiges rotbraunes Haar und magere Beine. Wie ein Spuk verschwand er in der Hütte.

„Am Brunnen steht eine Flasche. Die können Sie mitnehmen. Das Brot auch.“

Wasser und Brot. Diese beiden Wörter stießen Sheng förmlich an, trieben ihn vorwärts, auf die Brunnenwinde zu. Der Boden unter seinen wunden Füßen wurde fester, drahtiges Gras, grau und rot vom Staub der Wüste, raschelte unter seinen Schritten. Da stand die Flasche aus braunem steifem Fell. Sie war leer. Sheng stellte das Gewehr gegen den hölzernen Brunnenrand, dann stieß er den Ledereimer vom Rand in den Schacht hinab.

Das Seil auf der Winde spulte ab, endlos lange. Dann klatschte der Eimer ins Wasser. Sheng drehte die Handkurbel. Lage um Lage legte sich das Seil über die Rolle. Sheng keuchte erschöpft.

Endlich erschien der Eimer. Er pendelte am Seil. Wasser tropfte von ihm ab. Er war voll bis zum Rand. Die Oberfläche bewegte sich wie ein See unter einer leichten Brise. Sheng ließ die Kurbel los und griff nach dem Bügel des Eimers. Der schwere Behälter sauste ein Stück in die Tiefe, ehe er das Seil packen konnte. Es riss seine Haut auf, doch er hielt es fest, und mit einem Ruck riss er den Eimer zu sich herauf.

Sheng warf seinen Hut auf den Boden. Er steckte den Kopf tief in den Eimer. Wasser, frisches, kühles Wasser netzte seine Haut und seine Haare, drang in seinen Mund und lief dann, als er den Kopf wieder hob, an seinem Hals hinab und über seinen Rücken. Wieder versenkte er den Kopf. Er öffnete die Lippen, bewegte die Zunge im kalten Wasser, trank vorsichtig einen kleinen Schluck. Sein Magen verkrampfte sich, doch er rebellierte nicht.

Sheng nahm den Kopf hoch und blickte sich um. Die Umgebung wirkte bereits freundlicher. Das frische Grün bedeutete einen Ruhepunkt für die gepeinigten Augen. Er entdeckte das Brot. Es war ein ganzer Laib. Er nahm es und brach ein Stück ab. Es war knusprig und noch warm, und es duftete frisch. Sheng schob das abgebrochene Stück in seinen Mund und kaute es bedächtig. Er aß das Brot halb und trank dazwischen immer wieder einen kleinen Schluck. Der Hütte drehte er dabei den Rücken zu.

Schließlich war er satt, und der Durst war gestillt. Sheng fühlte sich müde und erschöpft, aber nicht mehr so verloren und dem Tode nahe wie noch vor einer halben Stunde. Er warf den Kopf in den Nacken und suchte den Himmel mit den Augen ab. Die Geier waren verschwunden. Ein gutes Zeichen.



4

Sheng blickte zu der Koppel hinüber. Sie lag etwa hundert Schritte entfernt an einem sanft ansteigenden Hang. Ein Corral aus rohen Balken hielt die beiden Pferde auf der Weide. Es waren knochige, genügsam aussehende Tiere. Broncos. Die einzige Rasse, die in diesem Teil des Landes existieren konnte. Wang Fu hatte die beiden Broncos mitgenommen, die dem alten Goldsucher gehört hatten.

Sheng schüttelte den Kopf. Das waren nicht die Broncos des Goldsuchers. Aber der Chinese musste ebenfalls hier vorbeigekommen sein. Sheng hatte seine Spuren immer wieder bemerkt.

Langsam drehte Sheng sich um. Er sah auf die Südostecke der Hütte. Ein Fenster war mit einem massiven Schlagladen verschlossen. Die Bewohner hatten die Hütte in eine Festung verwandelt. Warum?

Die Tür stand offen, aber kein Mensch war zu sehen. Doch Sheng wusste, dass ein Gewehrlauf auf ihn gerichtet war.

Warum hatte man ihn so unfreundlich empfangen? Warum ließ man ihn nicht an das Haus heran?

„Ich möchte bis morgen früh hierbleiben, um mich auszuruhen“, rief Sheng laut zu der dunkel gähnenden Öffnung hinüber.

Er brauchte eine Ruhepause. Sein Körper befand sich seit vielen Tagen in Bewegung. Ohne Ruhe, ohne Nahrung, ohne Wasser. Er bückte sich und hob seinen Hut auf, und einen Augenblick hielt er ihn in der Hand wie ein Bittsteller. Doch dann stülpte er ihn schnell über seinen Kopf.

„Nein!“, antwortete die Frauenstimme. „Gehen Sie weiter! Nach Nordosten! Dort liegt eine Stadt. San Miguel ... Dort finden Sie alles, was Sie brauchen.“

San Miguel, Arizona. Dreißig Meilen über Berge, durch unwegsames Gelände, über steile Hänge voller Geröll. Sheng dachte weniger an die körperlichen Strapazen, die dieser Weg bedeutete. Er dachte an die Worte des sterbenden Goldsuchers. Der Alte hatte nach Tucson gehen wollen, um dort seine Ausrüstung zu kaufen. In Tucson hätte er den Goldstaub verkaufen können, ohne die Geier auf seine Fährte zu setzen. Deshalb hatte er den langen und gefahrvollen Ritt durch die Wüste riskiert.

Monty Halley hatte auch von San Miguel gesprochen. San Miguel war eine Minenstadt. Sie lebte von dem, was die Schürfer den Felsen abrangen. Die Stadt gehörte zur Gila Range, zu den Bergen, die immer wieder die Goldsucher anlockten. Dort, so glaubten sie, lag das sagenumwobene Eldorado, das Goldland, Ziel und Traum aller Glücksritter.

Monty Halley hatte es gefunden. Er hatte eine Ader entdeckt, die so dick wie ein Baumstamm war. Er hatte die Mine nicht registrieren lassen, weil er nicht die Banditen auf seine Fährte locken wollte. Dabei hatte der schlimmste aller Banditen bereits das Lager mit ihm geteilt. Monty hatte Wang Fu vertraut, weil er die Chinesen als bescheidene, genügsame Menschen kannte. Er hatte sich getäuscht.

San Miguel. Der Weg zu Monty Halleys Bonanza führte über San Miguel.

„Gehen Sie!“, rief die Stimme. Verzweifelt. Flehend. Voller Furcht.

Die Sonne stand jetzt fast genau über Shengs Kopf. Der Boden glühte. Sheng tauchte eine Hand in den Eimer und spritzte Wasser über sein Gesicht. Dabei ließ er seinen Blick umherwandern.

Im Westen gab es einen schmalen grünen Streifen, doch nach Norden und Osten hin erstreckte sich nur braunes und rotes Geröll, das sich einige Meilen weiter steil in den Himmel wuchtete. Schroffe Felsen türmten sich zu einer Barriere auf, über der eine erbarmungslose Sonne brannte. Das war die Peloncillo Range. Dort musste er hin. Dahinter lag San Miguel.

In San Miguel würde Wang Fu seine Vorräte kaufen, ehe er nach Westen aufbrach, um Monty Halleys Mine auszuplündern. Im Süden lag nur die Wüste. Mörderisch und groß, die dem alten Goldsucher zum Grab geworden war, nachdem er sein Eldorado gefunden hatte.

Sheng füllte die Wasserflasche, die die Frau für ihn bereitgestellt hatte. Das Brot stopfte er in seine Decke, und dann schulterte er den Riemen der Deckenrolle, er nahm das Gewehr, und er stapfte davon, ohne noch einen Blick zurück auf die Hütte zu werfen.

Warum verbargen sich die Frau und der kleine Junge vor ihm, dem Fremden, der aus der Wüste gekommen war? Warum hatte die Frau es für nötig gehalten, ihn mit Schüssen von der Hütte fernzuhalten? Und warum schickte sie ihn fort?

Sie hatte Angst vor Männern, die aus der Wüste kamen. Hatte sie Angst, weil sie Wang Fu begegnet war?

Sheng wollte es herausfinden, ehe er sich auf den Weg über die Peloncillos machte. Er hatte versucht, den Chinesen zu vergessen und das Gold, das er für den Schwarzen Drachen holen würde. Doch Sheng vermochte den Gedanken an die blutige Spur nicht zu verdrängen, die dieser Mann hinter sich herziehen würde.

Sheng stapfte über das Geröllfeld, bis ihn die großen Felstrümmer den Blicken der Menschen in der Hütte entzogen. Er hatte ihre Blicke gespürt, die ihm angstvoll gefolgt waren. Diese Menschen, dachte er mitleidig, hatten Angst.

Er warf sein Bündel ab. Die Wasserflasche vergrub er tief im Sand, wo ihr Inhalt kühl und frisch bleiben würde. Er streckte sich im heißen Sand aus und schloss die Augen. Sein Körper brauchte Ruhe. Bis zum Einbruch der Dunkelheit wollte er ihm die dringend benötigte Erholungspause gönnen. Er schlief sofort ein.



5

Sheng lag auf dem Boden, und er spürte, wie es langsam kühler wurde. Eine sanfte Brise strich über die Hänge hinab. Die Wärme des Bodens empfand er jetzt als angenehm.

Die Konturen verblassten schnell. Sheng kroch um den Felsen herum. Die Hütte war eine dunkle Masse, gerade noch zu erkennen. Aber kein Lichtschimmer glomm hinter der Tür und sickerte durch die Ritzen, und keine Bewegung und kein Laut verriet, was die beiden Menschen dort unten taten. Der Wind seufzte leise, wenn er um die schroffen Kanten der Felsen strich oder Sandkörner gegen die Wände der Hütte schleuderte.

Sheng glaubte immer noch die Blicke der Frau und des Kindes zu spüren. Starrten sie immer noch angstvoll herüber? Vermuteten sie etwa, dass er hier lag und die Nacht erwartete?

Sheng grub die Flasche aus. Er nahm einen Schluck und aß ein Stück Brot. Ruhig nahm er seine wenigen Habseligkeiten auf, dann ging er zu der Hütte zurück.

Die Koppel lag in tiefer Finsternis, und Sheng war sicher, dass man ihn jetzt nicht mehr erkennen würde, wenn er ein Pferdedieb wäre und die Tiere stehlen wollte. Ein Mann, der wie er aus der Wüste kam, würde nicht zögern, sich ein Tier anzueignen.

Wie würde er sich verhalten, wenn sein Leben davon abhing, ein Pferd zu bekommen?

Wie ein Schemen strich der hochgewachsene Mann den Hang hinab, und wie ein unsichtbarer Schatten näherte er sich dem Gebäude. Die Pferde schnaubten leise, weil sie die Anwesenheit eines Fremden spürten. Sheng ging an dem Gatter entlang. Dunkel und schwarz wuchs die Masse des Hauses vor ihm auf. Er würde die Frau erschrecken, dachte er.

Ein Pferd stampfte, und Sheng schnalzte beruhigend mit der Zunge. Er ging weiter, mit den geschmeidigen Bewegungen des Tigers. Doch auch der Tiger vermag nicht, in der Finsternis zu sehen.

Shengs Fuß stieß gegen einen Widerstand. Tonkrüge und leere Flaschen, die die Frau mitten im Weg aufgestellt hatte, fielen klirrend und scheppernd in sich zusammen.

Sheng erstarrte.

Doch im gleichen Augenblick bohrte sich etwas Hartes in seinen Rücken, und Sheng gab sich nicht dem geringsten Zweifel darüber hin, dass es sich bei dem Gegenstand, den er in seinem Rücken spürte, um den Lauf eines Gewehres handelte. Langsam atmete er aus.

„Bleiben Sie so stehen!“, sagte die Frauenstimme. Sie verriet jetzt keine Unsicherheit mehr und keine Furcht. Sie hatte einen Fremden ertappt, der sich verstohlen und bei Nacht ihrem Haus näherte.

„Hören Sie, Madam ...“, begann Sheng mit weicher, dunkler Stimme, die beruhigend wirken sollte, es jedoch nicht tat.

Der Gewehrlauf stieß hart in seinen Rücken.

„Seien Sie still!“, warnte die Frau. „Sagen Sie nichts! Gar nichts! Ich will nicht mit Ihnen reden.“

„Ja“, bestätigte Sheng. Er drehte den Kopf, um die Frau sehen zu können. Das Gesicht war nur ein blasses Oval in der Dunkelheit, eine helle Fläche ohne Konturen. Das schwache Licht der Sterne am samtschwarzen Himmel vermochte die Züge der Frau nicht zu erhellen. Sie stieß einen schrillen Pfiff aus, der Sheng leicht zusammenzucken ließ. Der Druck der Gewehrmündung in seinem Rücken hielt an.

Vor der Hütte flackerte ein Licht auf. Die gelbrote Flamme tanzte auf und nieder und kam rasch näher. Sheng hörte den Jungen vor Aufregung laut keuchen. Das Licht einer Fackel zuckte über sein blasses Gesicht, in dem die dunklen Augen zu glühen schienen. Er stellte sich neben die Frau. Zum ersten Mal sah Sheng jetzt ihr Gesicht und ihre Gestalt. Sie trug einen langen grünen Baumwollrock, der bis zum Boden reichte. Eine schlichte weiße Bluse, bis zum Hals geschlossen, verlieh der Frau ein unnahbares Aussehen. Zum Schutz vor der Kälte der Nacht hatte sie einen breiten bunten Schal um die Schultern geschlungen, dessen Enden leicht im Wind flatterten. Hellrotes Haar umrahmte einen schmalen Kopf. Es war im Nacken lose zusammengebunden. Sommersprossen bedeckten das Gesicht, und auch die Stirn war voll von ihnen. Der schmale Mund mit den blassen Lippen war fest geschlossen, und ein paar steile Falten stiegen aus den Mundwinkeln. Sie war eine herbe Erscheinung, auf eine unerklärbare Weise schön, aber auch unnahbar und fremd.

Die blaugrünen Augen streiften kurz über Shengs Gesicht, dann glitt der Blick weiter, zu dem Jungen hinab, zu den Pferden, die ruhig im Corral standen. Der Junge war tatsächlich mager. Sheng sah, dass er älter sein musste als zwölf, wofür er ihn aus der Entfernung geschätzt hatte. Er war mindestens dreizehn. Er starrte Sheng feindselig an.

„Lass die Fackel hier und führe die Pferde zum Haus!“, sagte sie.

„Er wollte unsere Pferde stehlen, Ma“, sagte der Junge mit brüchiger Stimme, die verriet, dass er sich im Stimmbruch befand.

„Geh zum Haus, Steve!“, sagte die Frau.

„Ma! Er wollte ein Pferd stehlen! Oder beide! Er ist ein Pferdedieb! Du musst ihn erschießen!“

Sheng sah die Frau an. Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich nicht. Sie sah an Sheng vorbei.

„Geh jetzt und hol die Sättel raus! Bring mir einen Strick!“

Zornig rammte der Junge den Griff der Fackel in den Boden. Er stieß den Balken in die Höhe, der den Corral verschloss. Die Pferde waren sehr zutraulich. Sie ließen sich willig von dem Jungen aus dem Corral führen. Er brachte sie zum Haus. Sheng hörte den leisen Hufschlag auf dem weichen nachgiebigen Boden.

Die Frau bewegte sich nicht. Sie wartete auf ihren Sohn, der katzenhaft aus der Dunkelheit zurückkehrte. Er hielt einige Lederriemen in der Hand. Die Frau bedeutete Sheng, dass er sich gegen die Corralstange lehnen sollte. Er befolgte ihre Anweisung, um sie nicht weiter zu verwirren. Sie sollte Vertrauen zu ihm gewinnen und keine Angst vor ihm haben. Wenn sie ihn fesselte, verlor sie die Furcht vor dem Fremden.

Er stellte das Gewehr ab und ließ die Deckenrolle und den Revolver von seinem Rücken gleiten. Er hielt die Hände auf dem Rücken zusammen und lehnte sich mit der Brust gegen das Holz des Gatters, das die kleine Weide umgab. Er spürte die Hände, die mit raschen Bewegungen die Riemen um seine Gelenke schlangen und sie fest verknoteten. Er hörte das Aufatmen, als sie ihr Werk vollendet hatte. Er drehte sich wieder um.

Der Junge war zum Haus zurückgelaufen, wo er eine zweite Fackel entzündet hatte. Er hatte sie in einen eisernen Ring gesteckt, und im zuckenden Schein der Flamme machte er sich daran, die beiden Pferde zu satteln. Sheng schritt vor der Frau her. Sie trug ihr Gewehr und sein Gepäck. Ihre Schritte hörten sich unsicher an.

„Wohin wollen Sie?“, fragte Sheng über seine Schulter zurück. Keine Antwort. „Wollen Sie die Ranch etwa wegen mir verlassen?“

„Nein. Am Morgen wären wir ohnehin geritten. Jetzt brechen wir eben schon in der Nacht auf. Da reitet es sich auch angenehmer.“ Ihre Stimme hörte sich jetzt sanft und angenehm an, nachdem sie von dem Fremden keine Gefahr mehr erwartete.

„Und was haben Sie mit mir vor?“

„Ich schließe Sie in der Hütte ein. Dort finden Sie ein Messer. Sie können sich befreien. Weil wir die Pferde mitnehmen, können Sie uns nicht mehr einholen.“

Sheng lächelte. Er konnte Wege benutzen, die einem Pferd verwehrt bleiben mussten. Er hatte die schroffen Hänge der Peloncillo Range gesehen. Es gab eine Fahrstraße, die sich an ihrer Südwestflanke entlangzog. Diesen Weg würden die Frau und ihr Sohn mit den Pferden nehmen müssen. Er, Sheng, konnte über die mit Geröll bedeckten Hänge laufen und sie jederzeit einholen, wenn er es wollte.

„Du musst ihn erschießen, Ma!“, drängte der Junge.

„Sei still, Steve!“, rief die Frau.

„Warum?“, fragte Sheng. „Warum wollen Sie hier weg? Sie brauchen mich nicht zu fürchten. Ich will Ihnen kein Pferd nehmen. Ich laufe lieber. Ich bin durch die Wüste gelaufen. Viele Tage lang. Mit einem Pferd hätte ich es nicht geschafft.“

„Er lügt!“, rief Steve leidenschaftlich.

„Still! Ich muss hier weg, weil ich meinen Mann suchen muss.“ Ihre Stimme klang ruhig. Sie sah Sheng jetzt voll an. Prüfend glitten die Augen über seine fremdartigen Züge, und in ihren hellen Augen erschien ein fragender Ausdruck. Ihre blassen Lippen bewegten sich. Sheng hatte Mühe, die geflüsterten Worte zu verstehen. „Wer aus der Wüste kommt, ist nicht gut ...“

Mexikanische Banditen durchquerten die Wüste, wenn ihnen die Rurales zu nah auf den Fersen waren. Meinte sie die?

„Wie meinen Sie das?“, fragte Sheng.

Sie sah ihn an. Schließlich beantwortete sie die Frage.

„Vor ... zwei Tagen — oder war es gestern — kam dieser Fremde aus der Wüste. Der Chinese. Er war stark und wild, obwohl er erschöpft war. Er hatte zwei Pferde bei sich. Und er hatte noch genug Wasser. Er blieb eine Stunde hier. Nur eine Stunde.“ Die Stimme versickerte wie Wasser im Wüstensand, doch dann lebte sie wieder auf, wurde bitter, als die Frau fortfuhr, dem Fremden zu erzählen, was in dieser einen Stunde geschehen war, die Wang Fu unter dem Dach der Hütte am Rand der Wüste zugebracht hatte. „Nur eine Stunde genügte, um meinen Mann verrückt zu machen. Gold!“ Sie lachte bitter auf. „Er hatte Gold bei sich. Einen ganzen schweren Beutel voll. Zwanzig Unzen! Er brauche einen Mann, sagte er, einen zuverlässigen Mann, um die Goldader auszubeuten. Er bot Owen einen Anteil. Danach war der nicht mehr zu halten.“ Sie lachte noch einmal. Es hörte sich spröde an. „Gold in den Gila Bergen! Mein Gott, wer träumt nicht davon!“

„Es stimmt“, sagte Sheng. Er atmete schwer. Wang Fu hatte seinen Mann bereits gefunden. Einen Mann, den er in den Tod schicken würde, wenn er ihn nicht mehr brauchte. Wie Monty Halley.

„Kennen Sie den Mann?“, fragte die Frau.

„Ja, ich kenne ihn, auch wenn ich ihn noch nie gesehen habe“, antwortete Sheng.

„Er ist ein Fremder wie Sie ...“

Sheng lächelte flüchtig. Die Frau wollte das Wort Chinese nicht aussprechen. Vielleicht, weil sie es für ein Schimpfwort hielt. Aber sie musste mit jemandem sprechen, egal wer es war. Sie musste von ihrem Mann reden, der sie verlassen hatte, weil er dem Lockruf des Goldes erlegen war. Sheng spürte die Fesseln, die tief in seine Haut schnitten.

„Er ist nicht wie ich“, sagte er schließlich, „auch wenn ich ein Halbchinese bin und wie ein Chinese denke und fühle ...“

Sie sah ihn an. „Wie sind Sie?“

„Fragen Sie lieber, wie er ist. Oder was er ist. Er ist ein Verbrecher. Und er wird Ihren Mann töten.“



6

Es gab noch einen Mann im Süden dieses großen wilden Landes, der seit vielen Tagen kaum einmal eine Rast eingelegt hatte. Der nur dann die Pferde zügelte oder sie anhalten ließ, wenn er ihnen Wasser und Futter geben musste. Er selbst aß im Sattel. Ein Stück kaltes Fleisch oder trockenes Brot, ohne Wasser hinuntergewürgt.

Wang Fu war ebenso zäh wie Sheng.

Doch seit ihm der andere Mann auf dem zähen kleinen Bronco folgte, kam er nicht mehr so schnell voran. Owen Donovan war zwar auch ein harter und genügsamer Mann, den die Gier nach Gold vorwärts trieb, doch jetzt schwankte Donovan im Sattel vor Müdigkeit. Seit zwei Tagen hatte er nicht mehr geschlafen. Der stämmige Chinese trieb ihn erbarmungslos an, und es ging etwas Zwingendes aus von diesem Mann. Außerdem zerrte Owen Donovan zwei Mulis hinter sich her.

Wang Fu hielt die Begegnung mit Owen Donovan für eine glückliche Fügung. Donovan fristete ein mehr als kümmerliches Dasein am Rande der Wüste. Denn seit es weiter im Norden die Bahnlinie gab, war die Postkutschenlinie von Carlisle nach Lordsburgs eingestellt worden, und Owen Donovan hatte von heute auf morgen seine Lebensgrundlage verloren. Die Wasserstelle westlich der Peloncillos wurde nicht mehr gebraucht.

Bereitwillig war Owen dem Chinesen gefolgt. Der Lederbeutel, prall mit Goldstaub gefüllt, redete eine überzeugende Sprache. Owen hatte seine beiden Mulis und einen der Broncos, seinen wertvollsten Besitz, in das gemeinsame Geschäft eingebracht, nicht ahnend, dass ein Gewinnanteil für seine Einlage nicht vorgesehen war. Denn wer würde nach einem Mann wie Owen Donovan fragen, wenn er nicht in seine armselige Hütte zurückkehrte? Seine hübsche junge Frau würde denken, er habe sie verlassen, weil er mit dem Gold aus der Mine ein neues Leben anfangen wollte. Irgendwo im Osten, wo das Dasein nicht so schwer war und wo es schöne Frauen im Überfluss gab. Wang Fu trieb seinen Bronco an. Der andere - es war der, auf dem Monty Halley geritten war - trabte neben ihm her. Der Chinese witterte die Nähe der Stadt. Er konnte sie spüren.

San Miguel! Sie wurde von den Weißen beherrscht. Von Männern, denen die Minen gehörten.

Wieder pries der Chinese sich glücklich, einen Mann wie Owen Donovan gefunden zu haben. Donovan kannte sich aus in der Stadt. Er hatte schließlich lange Jahre die Wasserstelle am Rande der Wüste für die Overland Coach verwaltet. Ja, man kannte Owen Donovan. Und Owen Donovan kannte die Stadt. Er wusste, dass er dort nicht ohne weiteres Dynamit und Tragekörbe für das goldhaltige Gestein kaufen konnte. Oder Werkzeuge und Waffen und Proviant. Die Spitzel der Minengesellschaften waren überall. Kein Geschäftsmann wagte es, an einen unabhängigen Schürfer etwas zu verkaufen, das sich auch nur im Entferntesten dazu eignete, Gold zu suchen — oder gar zu fördern.

Und er, Wang Fu, hätte in dieser Stadt nicht einmal einen Becher Wasser kaufen können. So war es. Das Gold gehörte den Weißen, auch wenn es noch tief im Boden lag und niemand von seiner Existenz wusste. Ihre Gier war niemals zu stillen. Alles sollte ihnen gehören. Alles, alles. Das hatte Monty gewusst, und deshalb war er aufgebrochen, um die Wüste zu durchqueren. Der Alte hatte versucht, sie zu überlisten. Er, Wang Fu, würde einen anderen Weg einschlagen. Auch dabei sollte Owen Donovan ihm helfen, wenn auch unfreiwillig.

Die Lichter der Stadt waren jetzt zu erkennen. Sie hatte sich herausgeputzt wie eine Hure mit ihren grellen bunten Lichtern. Die Stadt lebte im Überfluss. Sie lebte von der Arbeit der chinesischen Kulis und der mexikanischen Arbeiter, die den Felsen ihre Schätze entrissen. In der Ferne ertönte das schrille Pfeifen einer Lok.

Wang Fu lachte, als er die Wasserflasche von seinem Sattel löste und den Rest ihres Inhalts über sein Gesicht laufen ließ. Wieder trieb er den Bronco an. Er lenkte ihn von der kaum erkennbaren Straße nach Westen. Noch in der Nacht würde er sich die Ausrüstung besorgen. Je eher er, Wang Fu, das Gold aus dem Berg holte, desto früher konnte er innerhalb des Geheimbundes einen höheren Rang bekleiden. Er wollte nicht mehr den Spitzel und den Vollstrecker spielen, den Mann, den die Priester für jede Arbeit heranziehen konnten. Er wollte ein Eingeweihter sein, ein Mann, der über Macht verfügte. Niemand würde ihn jetzt noch aufhalten können.

Monty hatten die Geier gefressen. Owen Donovans Knochen würden in der Wildnis verdorren.

„Ho!“ Er trieb die Pferde an. Die Lichter der Stadt blieben im Osten zurück.

Donovan trieb seinen Bronco neben das Pferd des Chinesen. Er versuchte, das Gesicht des Gelben zu erkennen. Tausend Fragen brannten auf seiner Zunge, doch das Gesicht des stämmigen Chinesen wirkte kalt und abweisend. Schließlich zügelte Wang Fu den Bronco, und er glitt aus dem Sattel. Er löste den Wassersack vom Rücken eines Mulis, und er gab den Pferden zu saufen.

„Wo ist es?“, fragte er dann.

„Was?“, erkundigte sich Owen Donovan verwirrt.

„Das Camp ... Du kennst es, du hast davon erzählt.“

Donovan stieß die Luft aus.

„Es liegt in dem Tal.“ Er hatte dem Chinesen von dem Claim erzählt, den Henry Purvis in einem Seitental des Rio Nazas betrieb. Purvis war einer der wenigen unabhängigen Schürfer, die bisher dem Druck der großen Gesellschaften widerstanden hatten. Purvis war lange vor den Gesellschaften in diesem Gebiet gewesen, und zäh verteidigte er ,sein‘ Tal. Er holte pro Jahr etwa zweihundert Unzen Silber aus den Felsen und vierzig bis fünfzig Unzen Gold. Davon konnte er gerade seine beiden Helfer und die Unkosten bezahlen. Mehr nicht. Aber Purvis verfügte über Dynamit und alles andere, was Wang Fu brauchte, um Monty Halleys Bonanza auszubeuten.

Wang Fu blickte über den Rücken seines Bronco hinweg nach Westen. Er konnte den Einschnitt des Tales erkennen, das Donovan meinte.

„Reiten wir“, sagte er.

„Aber bei Nacht ... Er wird uns für Diebe halten und uns abschießen!“

„Ich denke, er kennt dich?“

„Das schon ...“

„Na also!“ Der Tonfall in der Stimme des Chinesen verriet, dass er keine Diskussion über den Zeitpunkt wünschte, zu dem er einem Mann namens Henry Purvis einen Besuch abzustatten gedachte. Er bedeutete Donovan, vorauszureiten.

Owen Donovan fühlte sich erschöpft nach dem mörderischen Ritt, der zwei Tage gedauert hatte. Von dem Chinesen ging etwas Zwingendes aus, etwas, das ihn daran hinderte, ihm zu widersprechen. Außerdem war er müde und erschöpft.

Henry Purvis konnte nicht ahnen, dass der Tod unterwegs war - zu ihm. Und Owen Donovan ahnte nicht, dass er es war, der dem Tod den Weg wies.



7

Sheng bemerkte das Erschrecken im Gesicht der Frau. Der Mond war über den scharfgezackten Kamm der Range gestiegen und übergoss jetzt das Land mit seinem harten silbernen Licht.

„Woher wollen Sie wissen, dass er meinen Mann töten will?“

„Ich weiß es, Ma’am“, antwortete Sheng Er konnte ihr die Wahrheit nicht vorenthalten. „Er hat seinen Partner getötet. Einen Mann, der die Goldmine gefunden hat und der ihm die Hälfte an dieser Mine geschenkt hat. Der Mann war alt. Der Chinese konnte ihn nicht mehr brauchen. Deshalb hat er ihn in der Wüste getötet und ihn dort zurückgelassen. Ich habe ihn gefunden. Jetzt hat Wang Fu Ihren Mann getroffen. Ihr Mann stellt das ideale Opfer für ihn dar.“

„Schweigen Sie! Es stimmt nicht!“ Sie wollte es nicht wahrhaben. Sheng konnte ihre Reaktion verstehen. „Wer sagt mir, dass nicht Sie der Verbrecher sind, dass Sie das Gold haben wollen?“

Sheng überging die Frage. Er stellte selbst eine: „Warum wollen Sie Ihrem Mann jetzt nachreiten? Warum haben Sie ihn nicht zurückgehalten? Sie ahnen doch etwas. Seien Sie ehrlich zu sich selbst!“

Sie warf den Kopf in den Nacken. Es war eine stolze Geste.

„Wir wollten die Hütte sowieso aufgeben. Früher haben wir hier die Pferde der Postkutschenlinie versorgt. Die Passagiere — viele waren es ja nie — haben immer etwas gekauft. Wir handelten damals mit Decken und Fellen und kleinen Tonfiguren, die die Papagos uns brachten. Aber jetzt ist alles vorbei. Es kommen nur noch Männer aus der Wüste. Und die sind böse.“ Sie verstummte, doch sie nahm den Faden gleich wieder auf. Sie musste einfach reden. „Deshalb ist Owen ... mein Mann ... mit dem Fremden geritten. Die Nuggets waren echt. Wer hier lebt, versteht etwas davon.“ Immer noch spürte Sheng die Berührung der Gewehrmündung in seinem Rücken, doch der Druck war schwächer geworden.

Der Junge hatte die Pferde gesattelt. Er stand jetzt neben der Hütte, reglos wie ein Standbild, und starrte Sheng feindselig an.

„Warum braucht er einen Partner?“, sann die Frau. „Er hatte doch schon Gold herausgeholt. Warum kann er auf die Weise nicht noch mehr herausholen? Ohne Hilfe, meine ich, wenn er alles für sich haben will?“

„Die beiden Männer hatten nur so viel Gold aus der Mine geholt, wie sie mit ihren Messern und Händen herauskratzen konnten. Der Chinese braucht jemanden, weil der Zugang zu der Mine schwierig ist und weil der Abtransport größerer Mengen Erz nicht von einem Mann allein bewältigt werden kann. Sie müssen die Mulis heranführen ... Hat Ihr Mann eine Ausrüstung, die für zwei Männer und etwa zwei Wochen in den Bergen reichen würde?“

Die Frau schüttelte den Kopf.

„Er hat nur seinen Bronco, die beiden Mulis und seine Waffen mitgenommen. Der Chinese wollte wissen, wo man Dynamit, Hacken, Proviant und alles andere kaufen kann.“

„Und? Wo kann man diese Dinge kaufen?“

„In San Miguel. Aber nur, wenn man zu ihnen gehört oder wenn sie es einem erlauben. Sie kontrollieren jeden, der eine Schürfausrüstung kauft. Mancher Goldsucher ist spurlos verschwunden.“

„Das weiß Ihr Mann? Und er hat es dem Chinesen gesagt?“

„Ja ...“

Der Mond war höher gestiegen, und die Einzelheiten traten deutlich hervor. Der Junge hatte sich immer noch nicht gerührt.

Sheng wandte sich an die Frau.

„Ihr Entschluss steht fest? Sie wollen bei Nacht reiten?“

„Ja.“ Erstmals blickte sie Sheng voll an. Das Gewehr hielt sie in der Hand, doch der Lauf war jetzt auf den Boden gerichtet. Ihre Augen verrieten ihre innere Unsicherheit, ihre Zweifel. Und ihre Furcht. Sheng erwiderte den Blick. Der Schein der brennenden Fackel zuckte über sein scharfgeschnittenes Gesicht.

„Erschrecken Sie jetzt nicht“, sagte er sanft. Er spannte alle Muskeln, dann öffnete er den Mund und stieß einen kurzen, fauchenden Schrei aus. Dann schwangen seine Arme in die Höhe. Die Lederriemen flatterten zu Boden. Steve und seine Mutter starrten ihn an. In ihren Augen stand das Erschrecken über das, was sie gerade gesehen, doch nicht für möglich gehalten hatten.

„Haben Sie keine Angst“, sagte Sheng ruhig mit dunkler, sanfter Stimme. „Steve und ich beladen die Pferde. Haben Sie etwas Tee im Haus?“

„Ja.“

„Kochen Sie in der Zwischenzeit Tee! In einer Stunde brechen wir auf. Ich komme mit.“

„Aber wir haben nur die beiden Pferde!“, rief der Junge aufgebracht.

Sheng lächelte.

„Mach dir keine Sorgen. Ich laufe. Du sollst sehen, welche Mühe die Pferde haben werden, mich nicht zu verlieren.“

Die Frau atmete unhörbar auf. Sie lief ins Haus.



8

Lange bevor sie den schmalen Einschnitt des Canyons erreichten, glitt der Chinese lautlos aus dem Sattel. Das Klappern der Pferdehufe hätte seine Annäherung jedem verraten, der sich im Canyon aufhielt. Er warf Donovan den Zügel zu.

„Ich rede mit Purvis“, sagte er. Er machte sich an der Packtasche seines Broncos zu schaffen und zog schließlich einen länglichen Gegenstand heraus, der in einen schmutzigen Stoffstreifen gewickelt war. Er riss den Lappen ab. Im kalten Mondlicht funkelte der mit Edelsteinen besetzte Griff der Waffe. Schweigend schob der Chinese die Scheide in den Bund seiner weiten Hose. Owen Donovan spürte ein Frösteln.

„Ich gehe allein zu deinem Freund Purvis“, sagte der Chinese. Er erläuterte nicht, warum, und Donovan fragte nicht. Er kannte Purvis nur flüchtig. Der Goldsucher war ein verschlossener, misstrauischer Mann. Donovan war froh über die Entscheidung des Chinesen. „Wenn ich dreimal wie ein Kauz schreie, kommst du mit den Tieren nach. Es wird nicht lange dauern.“

Owen Donovan nickte stumm. Er fühlte eine seltsame Beklemmung, der er jedoch keinen Ausdruck zu verleihen vermochte. Die breitschultrige Gestalt des Chinesen glitt davon. Sie erinnerte den Zurückbleibenden unwillkürlich an ein großes, wildes Tier, an einen Bären. Bald jedoch war der Chinese zwischen den verkümmerten Sträuchern und den Felstrümmern nicht mehr auszumachen. Owen band die Pferde und die Mulis aneinander, und erschöpft ließ er sich in das harte Gras fallen, das den Weg entlang des ausgetrockneten Rio Nazas säumte. Er versuchte, nicht an den Mann zu denken, der Henry Purvis hieß.

Der Chinese lief für seine schwere Gestalt erstaunlich leichtfüßig. Keiner seiner Schritte war auf dem harten Boden zu hören, auch dann nicht, als er in den engen Canyon eindrang, dessen sich einander zuneigende Wände jedes Geräusch vielfältig zurückgeworfen hätten. Wang Fu roch den Rauch des Kochfeuers, auch wenn das Feuer längst erloschen war. Mitternacht war vorüber, schätzte der Chinese. Zwei der drei Männer, die in dem Camp lebten, würden schlafen. Wang Fu ging davon aus, dass der Goldsucher Wachen einteilte, denn jeder, der es wissen wollte, konnte erfahren, wo Purvis’ Claim lag.

Wang Fu verlangsamte seine Schritte, als der Geruch des Feuers sich veränderte und er die kalte Asche des erloschenen Feuers roch. Das Lager musste jetzt zum Greifen nah vor ihm liegen. Von Donovan wusste Wang Fu, dass es keine Pferde oder Mulis im Camp des Schürfers gab.

Es war sehr still. Wang Fu verharrte reglos. Er hob den Kopf, witterte wie ein Tier, denn seine empfindliche Nase hatte noch einen anderen Geruch wahrgenommen, einen würzigen Duft, der seine Sinne reizte. Tabak! Nicht weit von seinem Standort entfernt rauchte jemand eine Zigarre.

Lautlos glitt der chinesische Mörder durch das enge Tal. Tiefe Finsternis herrschte auf dem Grund des Canyons, und doch wich der Fuß des schweren Mannes jedem Stein und jeder Unebenheit des Bodens aus. Er reckte die Nase in den Wind, der durch das Tal strich wie durch einen Kamin, und wie ein Hund folgte er dem Geruch des Menschen, bis er dessen Rücken vor sich ahnte.

Der Mann sog an der Zigarre. Die Glut brachte die Luft zum Leuchten und rahmte den Kopf des Rauchers ein wie ein Heiligenschein. Der Kopf war länglich, lange Haare fielen bis auf den Rücken des Mannes. Er hockte auf einem Stein. Das alles nahm der Chinese in sich auf. Er wartete. Flach atmend verharrte er etwa eine Minute lang. Der Wächter rauchte genussvoll die Zigarre.

Wang Fu zog den Dolch. Lautlos glitt die breite Klinge aus der gefetteten Scheide. Matt blinkte der Stahl. Der Chinese bewegte sein Handgelenk, die Klinge schnitt durch die Luft wie zur Probe.

Wang Fu schob sich hinter den Mann. Das rote Ende der Zigarre leuchtete hellrot auf.

Urplötzlich schlang der Chinese seinen linken Unterarm um den Hals des Wächters. Er drückte zu, der Dolch schwang hoch in die Luft. Die Gestalt zuckte, die Zigarre entfiel den Fingern und rollte zwischen Felsbrocken.

Wang Fu brauchte den Dolch nicht, den er auch wie ein Schwert benutzen konnte, wenn er es wollte. Sein kräftiger Unterarm schnürte dem Wächter die Luft ab. Wang Fu ließ den toten Wächter zu Boden gleiten.

Wang Fu bewegte sich durch das Camp. Er wusste jetzt, wo sich die Feuerstelle befand, und er bemerkte auch den Platz vor dem Eingang einer Höhle, wo die Männer Holz gestapelt hatten — Stempel, um einen Schacht abzustützen, Bohlen und Bretter, auf denen sie das Gestein, das sie in der Höhle absprengten, nach draußen zum Zerkleinern und Auswaschen transportieren konnten.

Der Chinese hockte sich auf die Fersen.

Wo steckten die beiden anderen? Ruhig ließ er seine Augen über die dunklen Felswände gleiten; er klopfte die kaum erkennbaren Spalten und Risse mit den Augen ab. Es waren die Augen des Drachen, der auch in der Dunkelheit sehen konnte.

Doch wo steckten die anderen?

Er richtete sich auf und drang tiefer in den Canyon ein, der nach Westen hin leicht anstieg. Die Steine am Boden waren feucht. Weiter oben gab es Wasser. Wahrscheinlich beförderten die Goldsucher es durch eine hölzerne Rinne ins Camp hinab. Er konnte das feuchte Holz einer solchen Rinne riechen, doch er konnte sie nicht sehen.

Das Hauptlager befand sich auf einer breiten Felsplattform etwa achtzig Fuß über den Höhlen, in denen die Männer das goldhaltige Erz brachen. Der Chinese witterte ihre Ausdünstungen, und er kletterte an der Felswand hinauf, bis er schwach die Umrisse der in Decken gerollten Männer erkennen konnte. Ein jähes Grinsen zog das runde Gesicht noch weiter in die Breite.

Er schwang sich behände auf die Plattform hinauf. Seine Finger glitten wie die Flügel eines Schmetterlings über die Decke des Schläfers, der der Kante der Plattform am nächsten lag. Die Berührung war sehr zart und sollte dem Mörder mitteilen, wo sich der Kopf seines Opfers befand.

So zart die Bewegung auch war, Henry Purvis — er war der Schläfer unter der Decke — spürte die Berührung. Seine Sinne waren stets auf eine mögliche Gefahr eingestellt. Seit er sich erinnern konnte, suchte er im Westen nach Gold. Nur wer nicht schlief, wer stets wachsam war, konnte nach Gold suchen — und leben. Doch Henry Purvis war nie einem Mann wie Wang Fu begegnet. Einem Kämpfer wie ihm war er nicht gewachsen.

Wang Fu spürte die hastige Bewegung unter der Decke, die ihm verriet, dass der Schläfer erwachte und instinktiv die Gefahr erkannte, die ihm drohte. Henry Purvis versuchte, sich aufzurichten. Wang Fu zerrte die Decke über Purvis’ Kopf, dann warf er sich auf den Goldsucher. Mit seinem ganzen Gewicht zwang er den Mann auf das Lager nieder. Purvis stieß einen Schrei aus, der dumpf unter der erstickenden Decke hervorbrach.

„Digger ...“

Wang Fu schwang die Hand mit dem Dolch. Purvis bewegte sich verzweifelt unter der Decke. Die Schneide prallte gegen Purvis’ Hüfte. Der Goldsucher schrie angsterfüllt auf. Der Chinese holte zu einem neuen, diesmal tödlichen Stoß aus. Der erstickte Schrei weckte den anderen Schläfer, der Digger genannt wurde. Digger fuhr mit einem Ruck in die Höhe und warf die Decke von seinem Körper. Er hörte die Bewegungen der Kämpfer neben sich, und er hörte den dumpfen Laut, der das Blut in seinen Adern gefrieren ließ. Es war ein Geräusch, wie er es schon einmal gehört hatte, damals, als er noch bei der Kavallerie war, und als sie am Sand Creek die Cheyennes niedergemacht hatten. Seit dieser Zeit hatte er das Geräusch nicht vergessen können, dieses Geräusch, das entstand, wenn ein Messer in einen menschlichen Körper drang.

Sein Herz zog sich schmerzhaft zusammen, und mit zitternden Fingern tastete er nach den Streichhölzern, die stets griffbereit neben seinem Schlafplatz lagen. Als er das Bündel fand, kroch er von Purvis’ Lager weg auf die Kante der Plattform zu. Er riss das ganze Bündel am rauen Felsen an.

Digger starrte in ein fremdartiges, erschreckend wirkendes Gesicht. Es war flach und gelb, die dunklen Augen glitzerten hinter schmalen, geschlitzten Lidern. Massig und schwer presste der Chinese Purvis’ Körper auf den Boden. Der Goldsucher rührte sich nicht mehr.

Die rechte Hand des Chinesen bewegte sich. Die breite Klinge fuhr aus dem Bündel heraus. Rot und feucht glänzte das Blut am Stahl. Ein Tropfen fiel auf einen Stein. Es war so still, dass Digger das leise Klatschen hören konnte.

Digger schrie gellend auf. Er warf sich herum, und er sprang, von blankem Entsetzen getrieben, von der Plattform in die Tiefe. Das brennende Bündel Streichhölzer fiel zu Boden und erlosch.

Wang Fu schleuderte den Dolch hinter ihm her. Die Waffe mit der gebogenen Klinge wirbelte durch die Luft. Die Klinge prallte mit der scharfen Schneide gegen Diggers rechten Oberschenkel. Er schrie noch einmal auf, ehe er auf den Grund des Canyons prallte. Seine Beine knickten unter ihm weg. Das Messer schepperte über Steine und schlitterte dann in eine Spalte. Die Schneide hatte eine breite, klaffende Wunde in seinen Schenkel gerissen, und sein linkes Fußgelenk schmerzte unerträglich. Und trotzdem begann er zu kriechen mit den plumpen Bewegungen eines verletzten Käfers. Es war die Todesangst, die ihn tiefer in den Canyon hineintrieb, immer tiefer. Ein Instinkt riet ihm dann, sich still zu verhalten. Er schob sich hinter einen Felsvorsprung und presste sich tief in eine Spalte, die schräg aufwärts führte. Er atmete kaum noch.

Wang Fu suchte zuerst seinen Dolch. Die Waffe war sein kostbarster Besitz. Sie stellte eine Auszeichnung dar, die ihm vor Jahren für seine Verdienste verliehen worden war, als er einem Oberpriester vom Schwarzen Drachen das Leben gerettet hatte. Als er den Dolch gefunden hatte, machte er sich daran, den dritten Mann zu suchen. Seine Hände glitten über den Boden. Er fühlte das Blut, das der Mann verloren hatte. Es war viel Blut. Die Spur führte aufwärts, tiefer in den Canyon hinein. Wang Fu suchte nach dem Mann, doch als er ihn nach einer halben Stunde noch nicht gefunden hätte, brach er die Suche ab.

Er lief durch den Canyon zurück zum ausgetrockneten Fluss. Owen Donovan hörte den heiseren Schrei des Kauzes, und er fuhr auf. Er löste die ineinander verschlungenen Zügel der Tiere, dann zog er sie hinter sich her zum Eingang des Canyons. Seine Glieder waren schwer wie Blei, und selbst der Gedanke an das viele Gold, das er mit dem Chinesen holen würde, vermochte ihn nicht anzutreiben.

Wie aus dem Boden gewachsen erschien der Chinese vor ihm.

„Beeil dich!“, knurrte Wang Fu. Er nahm die Zügel der Mulis. „Die Broncos können hierbleiben.“

Owen Donovan lief neben dem Chinesen her.

„Hat er etwas herausgerückt?“, fragte er.

„Alles, was wir brauchen, können wir uns nehmen“, antwortete Wang Fu.

„Und? Was hast du ihm bezahlt?“

„Ich habe ihm gegeben, was er brauchte“, antwortete der Drachenmann vieldeutig, und ein unbestimmtes Gefühl der Furcht hielt Donovan davon ab, dem Mann an seiner Seite weitere Fragen zu stellen. Er fürchtete sich vor den Antworten.



9

Sie hieß Joan, Joan Donovan. Ihr Sohn Steve, und sie kannten den Weg nach San Miguel gut genug, um ihn auch bei Nacht finden zu können. Der Mond schien hell, in seinem Licht war der Pfad der alten Kutschenstraße entlang der Südwestflanke der Range gut zu erkennen.

Sheng hatte die 44er Winchester hinter dem Sattel des Jungen festgeschnallt. Im Gewehrschuh neben dem Sattel der Frau steckte das kurzläufige Gewehr, mit dem sie so gut umzugehen verstand. Es war eine 73er Winchester vom Kaliber 45. Die Munition, die Joan Donovans Mann zurückgelassen hatte, passte nicht in Shengs Waffen, weder in das Gewehr noch in den Remington, der ebenfalls das Kaliber 44 aufwies.

Sheng führte die kleine Gruppe an. Er lief an der Spitze in einem leichten Trab, der die Pferde am wenigsten ermüdete. Die Tiere trugen schwere Packtaschen, die den wenigen persönlichen Besitz der Donovans enthielten.

Joan wollte in San Miguel auf Owen warten. Owen sollte später alles andere von der Hütte abholen, was sie vielleicht noch gebrauchen konnten — wenn es für Owen Donovan ein Später gab.

Steve ritt in der Mitte. Er hatte zusammen mit Sheng die Pferde beladen, doch er hatte es vermieden, mit ihm zu sprechen. Steve, das spürte Sheng, brachte es noch nicht fertig, seine feindselige Einstellung dem Fremden gegenüber abzulegen.

Joan ritt am Schluss. Hin und wieder rief sie Sheng einen Hinweis zu, wenn der Weg steiler wurde oder sie einen Hang zu überwinden hatten oder eine Abkürzung benutzen konnten. Sie kannte den Weg nach San Miguel wirklich gut.

Sheng dachte an den Mann, der Monty Halley getötet hatte. Der Vorsprung des Chinesen betrug einen Tag, volle vierundzwanzig Stunden, wenn Sheng die Zeiten richtig berechnet hatte.

Sheng konzentrierte seine Gedanken auf Wang Fu. Fast unmerklich hatte er sich entschlossen, den Drachenmann aufzuhalten. Oder war ihm eine Entscheidung abgenommen worden? Hatte er sich entschieden, als er hörte, dass Joan Donovans Mann mit dem Chinesen geritten war, seinem sicheren Tod entgegen? Hatte er sich erst entschieden, als er den Namen des nächsten Opfers kannte? Hätte er den Chinesen seinen todbringenden Weg gehen lassen, wenn die Gestalt des nächsten Opfers nicht ein konkretes Gesicht angenommen hätte?

Sheng wusste es nicht. Damals, als sein weiser und gütiger Lehrer Li Kwan noch lebte, damals, bevor das Kloster, seine sichere Welt, in einer Schreckensnacht voller Flammen zerbarst, hatte es keine Zweifel gegeben. Was hätte Li Kwan ihm geraten, nachdem er den sterbenden Goldsucher gefunden hatte? Hätte Li Kwan ihm geraten, den Drachenmann zu verfolgen? Hätte eine Verfolgung dieses Verbrechers nicht leicht den Eindruck erwecken können, er wolle Monty Halley rächen?

Nein, das wusste Sheng jetzt, jeder Gedanke an Rache oder Vergeltung lag ihm fern. Es war ganz einfach seine Pflicht, den zerstörerischen Weg dieser Bestie zu stoppen. Deshalb lief er jetzt nach San Miguel. Wang Fu würde ebenfalls dorthin gehen. Er würde versuchen, dort mit Owen Donovans Hilfe an eine Ausrüstung zu kommen.

Einen Tag Vorsprung hatte der Drachenmann. Wang Fu war ebenfalls zäh. Das Zeichen des Drachens und des Bären bewies es. Er war ein Mann, der ohne Schlaf und ohne Pausen auskommen konnte. Seinen Gefährten würde er antreiben und hetzen und ihm keine Pausen gönnen. Der Vorsprung des Chinesen würde sich noch vergrößern, das wusste Sheng. Er musste die Frau und ihren Sohn nach San Miguel bringen. Sie sollten dort bleiben. Joan und Steve würden Ruhe brauchen nach dem nächtlichen Ritt. Er, Sheng, würde sich allein auf die Fersen des Drachenmannes heften.

Einen Tag Vorsprung, vielleicht eineinhalb, mehr nicht, wenn Joan und Steve den Ritt durchhielten. Steve hielt tapfer mit. Sheng drehte sich hin und wieder nach dem Jungen um, und er nickte ihm anerkennend zu. Steve hielt den schmalen Kopf mit dem struppigen Haar hoch erhoben. Die Lippen hatte er fest aufeinandergepresst. Seine feindselige Haltung Sheng gegenüber hatte sich kaum verändert.

Sheng lief Stunde um Stunde, und seine Gedanken spielten alle Möglichkeiten durch. Wie weit mochte es von San Miguel bis zur Mine sein? Sheng konnte die Entfernung nur schätzen. Zwei Tage vielleicht. Sheng hoffte, dass in der Stadt kein Goldrausch ausgebrochen war, nachdem Donovan und Wang Fu ihre Ausrüstung dort gekauft hatten. Er selbst brauchte jedoch kaum etwas. Nur etwas Proviant und einige Wassersäcke. Auf jeden Fall würde es ein mörderisches Wettrennen zur Mine geben, das war gewiss. Es kam darauf an, ob er, Sheng, nach der Beschreibung des sterbenden Goldsuchers die Mine sofort fand, oder ob er Zeit verlieren würde. Wang Fu und Owen Donovan konnten es jedenfalls schaffen, das Gold an einem Tag aus dem Felsen zu sprengen und auf die Mulis zu verladen. Noch zwei bis drei Tage Gnadenfrist für Owen Donovan.

Sheng warf einen schnellen Blick zurück. Das Mondlicht ließ die Konturen der Landschaft und die Gesichter seiner beiden Begleiter scharf hervortreten.

Das Gesicht des Jungen war angespannt, und die beginnende Erschöpfung machte sich bemerkbar.

„Mister!“, rief Steve mit kleiner Stimme. „Mister, wollen Sie jetzt reiten? Wir können uns ja ablösen.“

Sheng lächelte und schüttelte den Kopf. Das Laufen machte ihm nichts aus, auch wenn seine Stiefel nur noch Fetzen waren, die an seinen Beinen hingen.

„Danke“, sagte er. „Ich danke dir. Aber mich ermüdet es weniger, wenn ich laufe, verstehst du?“

Joan saß sehr aufrecht im Sattel. Der Schal flatterte um ihre Schultern wie eine Flagge. Und das rote Haar bewegte sich im Wind.

Sheng wandte den Blick ab. Die Frau war schön. Er wusste, dass er lange Zeit brauchen würde, wenn er ihr Gesicht wieder vergessen wollte.



10

San Miguel war eine lebhafte Stadt im Tal des Rio Gila zwischen den Peloncillos und der Gila Range. Seit vierzig Jahren lebte San Miguel von den beiden großen Silberminen oben in den Bergen. Es gab eine Eisenbahnverbindung nach Lordsburg in New Mexiko. Zwei Generalstores, ein Dutzend Saloons, mehrere Hotels, Gästehäuser, Badehäuser, ein großer Friedhof und ein kleines Freudenhaus versorgten die verschiedenen Bedürfnisse der Bürger. San Miguel war eine wohlhabende Stadt, die den privilegierten Bürgern, den Weißen, vorbehalten war. Denn die Chinesen und die Mexikaner, die in den Minen arbeiteten, lebten in abgezäunten Camps in der Nähe ihrer Arbeitsstelle wie Gefangene. So herrschte stets Ruhe und Ordnung in der Stadt und der Sheriff und sein Gehilfe hatten keine Schwierigkeiten, die Ordnung aufrecht zu erhalten. Die Viehhändler kamen regelmäßig aus dem Norden. Ihre Cowboys brachten die einzige Unruhe in die Stadt, wenn sie nachts betrunken durch die Straßen zogen. Doch sie ritten bald wieder fort, und so drückten die Gesetzeshüter ein Auge zu. Bei Farbigen und anderen Fremden rissen sie die Augen jedoch umso weiter auf.

Sheng spürte die Blicke, die ihn abtasteten, als er am späten Vormittag eines heißen Tages in die Stadt kam. Die Hitze hatte die Bewohner in die Häuser getrieben. Die Läden vor den meisten Fenstern waren geschlossen. Das Haus des Sheriffs stellte eine Mischung aus spanischen und indianischen Elementen dar. Die dicken Mauern bestanden aus stuckverzierten Lehmziegeln. Das flache Dach ragte weit vor und bildete eine schattige Veranda, die jedoch verlassen dalag. Die Tür war fest verschlossen. Die vergitterten Fenster waren schmal und flach wie Schießscharten.

Sheng blickte nicht zu dem Gebäude hinüber, als er die Pferde der beiden Donovans anhielt und Joan und Steve aus dem Sattel half. Er hatte eine Speisegaststätte entdeckt, deren Tür weit geöffnet war.

„Ich bringe die Pferde in den Mietcorral und das Gepäck ins Hotel“, sagte er zu Joan. „Gehen Sie hinein! Ich komme gleich nach.“

Joan und Steve brauchten dringend ein Bett, doch ebenso dringend bedurften sie einer Erfrischung und einer kräftigen Mahlzeit. Er hatte den beiden keine Pause gegönnt, und ihre Verfassung war dementsprechend. Steve konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Seine Mutter wollte ihn stützen, doch solange Sheng bei ihnen war, wies er ihre helfende Hand brüsk zurück.

Sheng schleppte die Satteltaschen und die gebündelten Decken in die Halle des Hotels, das einen einigermaßen freundlichen Eindruck machte und ihm als Unterkunft für Mrs. Donovan angemessen erschien, auch wenn sie kaum noch einen Dollar besaß. Das Hotel hieß Casa del Sol. Nachdem Sheng erklärt hatte, dass er selbst nicht die Absicht habe, im Hotel abzusteigen, versprach man ihm ein geräumiges Zimmer für Joan Donovan und Steve, und man bedeutete ihm, dass er die Pferde der Herrschaften im hoteleigenen Stall abstellen könne.

Kurz darauf betrat er den Gastraum von Ollies Speisehaus. Joan und Steve waren die einzigen Gäste. Sheng setzte sich an ihren Tisch. Er konnte von seinem Platz aus die Straße überblicken, doch das Gebäude des Sheriffs befand sich nicht in seinem Blickfeld. Trotzdem legte Sheng Wert darauf, die Straße überblicken zu können. Er rechnete zwar nicht damit, Wang Fu oder Owen Donovan noch in San Miguel anzutreffen, doch er war ein vorsichtiger Mann, der stets auf Überraschungen gefasst war. Erst später, wenn Joan und Steve in ihrem Hotelzimmer waren, konnte er sich umhören, um Gewissheit zu erlangen.

Eine dicke Frau erschien im Gastraum und lächelte freundlich.

„Ich bin Ollie“, erklärte sie fröhlich. „Was darf’s sein? Fürs Frühstück ist es ein wenig zu spät, und das Mittagessen ist noch nicht so weit.“ Sie sah Joan an, und sie bemerkte die tiefen Ringe unter den Augen und die graue Haut, und mitleidig sagte sie: „Sie haben einen langen Ritt hinter sich, meine Liebe. Ich mache Ihnen schnell was Kräftiges. In der Zwischenzeit bringe ich Kaffee für Mam und Dad, und Milch für den Sohn.“ Sie lächelte mütterlich und zog sich zurück.

Steve wurde rot, und seine Augen verengten sich. Er wollte etwas sagen, doch Joan legte ihm eine Hand auf den Arm und drückte ihn freundschaftlich.

Ollie zauberte innerhalb weniger Minuten ein herrliches Mahl auf den Tisch, ein Mittelding zwischen Frühstück und Lunch. Dazu gab es eine Kanne Kaffee und einen großen Krug mit Milch, der von außen beschlagen war. Sheng bediente sich zuerst am Milchkrug. Steve sah ihm verwundert zu, und Sheng lächelte.

Während des Essens sprach niemand ein Wort. Shengs Augen hingen auf der staubigen Straße. Hin und wieder rumpelte ein Wagen vorbei, hochbeladen mit Balken und Brettern für die Minen, mit Fässern und Vorräten für die Camps. Sheng konnte den kleinen Bahnhof erkennen und das Schienenpaar, das aus der öden Ebene kam und am Rande der Stadt endete. Auf der anderen Seite der Gleise standen lange Schuppen. Ihre Türen trugen in riesigen weißen Lettern die Aufschrift: Zutritt streng verboten! Pino Altos & San Miguel Mining Co.

Während schwere Wagen bei den Schuppen beladen und entladen wurden, lungerten ein paar bewaffnete Männer bei den Schuppen herum. Sie trugen langläufige Rifles und schwere Revolver, doch sie wussten, dass es kaum jemanden geben würde, der hier Barren gegossenen Silbers stehlen konnte. Für den Abtransport benötigte man die Eisenbahn. Alle anderen Transportmittel wären zu langsam. Und die Bahn und die Minen gehörten zusammen.

Shengs Blick wanderte über die andere Straße hinweg, tastete sich an den Wänden der Holzhäuser entlang. Er bemerkte einen großen Generalstore, ein zweistöckiges Gebäude mit großen Schaufenstern, einer frisch gestrichenen Fassade und einem sauberen überdachten Gehweg. Ein schlaksiger Junge kehrte die Bohlen und fegte den Staub auf die Straße.

Sheng bezahlte die Mahlzeiten von seinem wenigen Geld, dann führte er Joan und Steve zum Hotel. Er versicherte Joan, dass er noch einmal zu ihr kommen werde, bevor er die Stadt verließ, um den Chinesen und Donovan zu suchen. In ihren blaugrünen Augen stand ein kleines verwegenes Licht, das Sheng irritierte. Schnell wandte er sich um.

Er schlenderte an der Reihe der Häuser entlang. Der junge Bursche, der den Stepwalk vor dem großen Generalstore kehrte, hatte seine Tätigkeit eingestellt und blinzelte in die Sonne. Er hatte sich auf den Besenstiel gestützt. Sheng blieb neben ihm stehen. Der Junge wandte den Kopf und tastete Shengs Gestalt ab.

„Hallo“, sagte Sheng freundlich. „Ist der Chef im Laden?“

Der Junge bemerkte, dass Sheng keine Waffe trug. Den Revolver hatte Sheng in seiner Deckenrolle versteckt, der Revolvergurt befand sich bei den Sätteln im Hotelstall. Der Junge zog die Brauen in die Höhe. Ein Mann, der keine Waffe trug, war kein Mann. Er spuckte in den Staub.

„Der Chef ist nicht zu sprechen. Wenn Sie was kaufen wollen, Mister, müssen Sie mich fragen.“ Der Junge begann erneut, seinen Besen zu schwingen. Damit drückte er die Verachtung aus, die er Sheng gegenüber empfand.

Es kann nicht schaden, einen anderen Menschen nachdrücklich darauf hinzuweisen, dass Menschenverachtung eine Gedankenlosigkeit ist, die weitgehend auf Irrtümern beruht. Das waren Li Kwans Worte. Seltsam, dass sie ihm gerade jetzt in den Sinn kamen.

Der junge Bursche mochte siebzehn oder achtzehn sein. Sheng widerstrebte es, anderen Menschen Lehren zu erteilen, doch in dieser Stadt gehörte Menschenverachtung zu den Tugenden. Wer hätte dem Jungen ein Vorbild sein sollen?

Sheng hob einen Fuß, den er fest auf das Querbett des Besens setzte. Er rollte den Fuß einmal kurz über das gerundete Brett. Der Stiel wurde dem Jungen aus den Händen geprellt. Mit einen lauten, peitschenden Knall schlug der Stiel auf den Bretterboden. Der Junge zuckte zusammen.

„Ich möchte Sie etwas fragen. Vielleicht hören Sie jetzt zu“, erklärte Sheng freundlich.

Der Bursche war herumgefahren. Er wollte den Fremden anschreien, doch als er in das ausdruckslose Gesicht mit den schmalen dunklen Augen blickte, schluckte er.

„Kann ich in diesem Geschäft ein Paar Stiefel bekommen?“

Der Junge hob den Besen auf.

„Wir verkaufen nicht an Mexikaner oder Chinesen“, erklärte er. „Im Camp der Pinos Altos gibt es ein Magazin. Gehen Sie dorthin!“

„Danke für die Auskunft. Kennen Sie Owen Donovan?“, fragte er dann.

Der Junge machte ein wichtigtuerisches Gesicht.

„Und wenn?“

„Haben Sie ihn heute oder gestern gesehen? Vielleicht zusammen mit einem Chinesen?“

„Nein“, sagte er dann und wandte sich ab.

Der andere Generalstore lag am Nordwest-Ausgang der Stadt. Das Haus war wesentlich älter, die Reklameschilder links und rechts neben dem Eingang zeigten die Namen von Produkten, die es zum Teil schon seit Jahren nicht mehr gab, und die beiden winzigen Schaufenster waren verstaubt und erlaubten keinen Blick ins Innere des Ladens.

Sheng stieß die Tür auf. Eine Glocke rasselte schrill. Laut fiel die Tür ins Schloss. Im Laden war es still und staubig und warm. Auf dem Tresen lagen ein paar Ballen Stoff. Der Staub auf der Tischplatte verriet, dass von diesen Ballen seit vielen Wochen kein Stück mehr abgeschnitten worden war. Ein Mann trat aus dem dunklen Hintergrund. Seine Glatze glänzte, die Augen waren trübe. Er war klein, wie verschrumpft. Die trüben gelben Augen hinter den dicken Brillengläsern schienen den Besucher gar nicht wahrzunehmen.

„Ich brauche ein Paar Stiefel und etwas Proviant“, erklärte Sheng. Er klimperte mit den wenigen Münzen in seiner Hand. „Aber ich habe kein Geld. Ich kann Ihnen einen 44er Remington verkaufen. Oder eine Winchester vom gleichen Kaliber ... Den Revolver habe ich hier.“ Er zog die Waffe aus seiner Deckenrolle.

Der Revolver war alt, aber sorgfältig gepflegt worden. Sheng legte ihn neben die Stoffballen auf den Tresen. Der Alte kramte in einem Regal. Er holte mehrere Paare Stiefel heraus. Er wischte den Staub von den Schäften. Es waren einige sehr schöne Texasstiefel mit hohen Absätzen dabei, die sich nur zum Reiten eigneten.

Sheng probierte mehrere kräftige hohe Stiefel mit Schnürriemen an, wie sie von den Mineningenieuren bevorzugt wurden. Er fand ein Paar, das ihm passte. Während der ganzen Zeit führte er ein langsames, träge dahinplätscherndes Gespräch mit dem Storekeeper.

Doch auch der alte Mann hatte Owen Donovan seit vielen Wochen nicht mehr gesehen, und einen Chinesen schon gar nicht. Die gelben Augen richteten sich auf Sheng.

„Dieses ist keine Stadt für Chinesen, Mister“, erklärte er ohne Schärfe. Er nahm den Revolver und schob ihn achtlos in eine Schublade. „Den Proviant mache ich Ihnen fertig. Sie können ihn in einer Stunde abholen. Ich habe aber nur Vorräte für vier Tage da.“

„Das reicht. Aber kommen Sie denn zurecht?“ Sheng deutete auf die Schublade, in die der Storekeeper den Revolver geschoben hatte.

Der Alte winkte mit einer wie verdorrt aussehenden Hand.

„Ich verkaufe sowieso nichts mehr. Die Minengesellschaften boykottieren mich, und die feinen Bürger dieser Stadt folgen ihrem Beispiel.“ Er lachte. „Alles, was ich in diesem Leben noch brauchen werde, habe ich hier.“ Er drehte sich um und schlurfte davon, ohne seinen Kunden noch einmal anzusehen.

Sheng zog die Stiefel an. Die zerfetzten Überreste seiner alten Schuhe warf er in einen Abfallkorb. Dann verließ er den Laden. Der alte Mann hatte ihn an Li Kwan erinnert. Er spürte einen ungewissen Schmerz. Überall, wo er nach Owen Donovan und einem Chinesen fragte, bekam er die gleiche Antwort. Wang Fu und Owen Donovan waren nicht in San Miguel gewesen.

Als Sheng den Sack mit dem Proviant abholte und zum Hotel ging, in dem Joan und Steve ein Zimmer bezogen hatten, bemerkte er einen flachen Wagen, der vom Westen her in die Stadt kam. Auf dem Wagen lagen zwei mit Decken verhüllte längliche Gestalten. Neben dem Kutscher hockte ein hohläugiger Mann, dessen Kopf kraftlos hin und her pendelte. Die Kleidung dieses Mannes war voller Blut, und ein dicker Verband zierte seinen rechten Oberschenkel.

„Schon wieder ein Unfall bei den Minen“, flüsterte jemand. Die Menschen wandten sich ab.

Der Wagen hielt vor dem Ziegelhaus des Sheriffs. Sheng achtete nicht weiter auf ihn und seine traurige Fracht.



11

Als er an ihre Tür klopfte, öffnete sie ihm sofort, als ob sie ihn erwartet hätte. Ungeduldig wie eine liebende Frau ihren Mann erwartet. Oder wie man jemanden erwartet, der eine wichtige Nachricht bringt. Sie ließ ihn ins Zimmer.

In dem großen Messingbett lag Steve. Er schlief, sein Gesicht, das Sheng nur hart und gespannt gesehen hatte, sah jetzt weich aus.

„Er war nicht in San Miguel“, sagte Sheng, nachdem er den Proviantsack abgestellt und den Hut vom Kopf genommen hatte. Bestürzt blickte Joan ihn an.

„Wo kann er denn sein? Der Chinese hatte auch keine Vorräte mehr. Sie müssen sich etwas besorgen.“ Ihre Stimme war lauter geworden. Steve reckte sich; er murmelte im Schlaf. Mit leiserer Stimme fuhr die Frau fort: „Mein Gott, Sheng! Wo kann er sein?“

Sie war stark. Mit ihr konnte er alle Möglichkeiten erörtern.

„Sie werden es unterwegs stehlen“, sagte er. „Sie werden es einem anderen Schürfer abnehmen.“ Vielleicht werden sie ihn töten. Doch das sagte Sheng nicht laut.

„Owen nicht!“, rief Joan laut. Ihre Augen blitzten.

Gold hat schon viele Menschen zu Verbrechern werden lassen, dachte Sheng. Gerade in diesem Land ...

Steve fuhr auf. Die laute erschreckte Stimme seiner Mutter hatte ihn geweckt. Er blickte zuerst seine Mutter an, dann Sheng.

„Ich reite mit Ihnen“, sagte Joan fest.

„Ich auch!“, warf Steve ein. Die Augen hatten wieder den feindseligen Ausdruck angenommen. Er war eifersüchtig, stellte Sheng bestürzt fest.

Sheng antwortete ernst: „Du bleibst schön bei deiner Mutter, denn sie wird nicht mitkommen. Ich werde deinem Vater sagen, dass du auf sie aufpasst. Einverstanden?“

Steves verschlossenes Gesicht verriet nichts von den Gefühlen, die in ihm tobten.

Sheng wandte sich Joan zu.

„Das ist ein Job für einen Mann. Die Betonung liegt dabei weniger auf dem Wort Mann als auf der Zahl. Einer hat eine Chance. Einer allein. Oder eine Armee.“

„Sie brauchen Vorräte, Waffen und Munition. Und Mulis, wenn sie das Gold holen wollen.“

Sheng deutete auf den Sack, den er von dem alten Storekeeper bekommen hatte.

„Ich habe alles, was ich brauche. Vorräte für vier Tage. In vier Tagen bin ich zurück.“ Er sah in Joans Gesicht. Er betrachtete die klaren Züge und das hellrote Haar, das im Licht glänzte, und er sah die vollen weiblichen Rundungen, die sich unter der weißen Leinenbluse deutlich abzeichneten. Sie hatte sich bereits frisch gemacht, und sie wirkte so, als ob sie die Strapazen des nächtlichen Rittes bereits überstanden hätte.

„Ich werde von meinem letzten Geld noch mehr Vorräte kaufen“, erklärte sie fest. „Wir kommen mit. Ich will in seiner Nähe sein, wenn ...“ Ihre Stimme erstarb.

Stumm sahen die drei Menschen einander an. Es ging nicht, dachte Sheng. Er musste sie zurücklassen. Er allein hatte eine Chance, den Mann zu retten. Das musste sie doch einsehen!

„Ich bitte Sie“, sagte er fest. „Ich bitte Sie, Vertrauen zu haben und hierzubleiben!“

Sie hielt seinem Blick stand. In ihrem Gesicht arbeitete es. Sie zuckte zusammen, als ein schwerer Hieb die Tür erschütterte.

Sheng stieß die Frau zurück. Er selbst wirbelte herum. Die Deckenrolle fiel von seiner Schulter. Mit dem Fuß beförderte er sie in eine Ecke des Raumes. Sie traten die Füllung aus dem Rahmen, und dann schoben sie zwei Gewehrläufe durch die Öffnung. Ein breites Gesicht erschien zwischen den Gewehrläufen. Es hatte fleischige Wangen, und die wasserhellen Augen über der klobigen Nase blinzelten tückisch.

„Nimm die Pfoten hoch, du gelbe Bestie!“, sagte der Mann mit grollender Stimme. „Ich bin Corey Geddis, der Sheriff dieser famosen Stadt! Und wenn du meinen Namen schon mal gehört hast, du gelber Killer, dann weißt du, dass ich erst schieße und dann frage. Nimm also die Pfoten hoch, wenn du Wert darauf legst, noch einmal die Sonne zu sehen!“

Sheng hob die Arme. Joan Donovan trat neben ihn. Mit zitternder Stimme fragte sie: „Was hat das zu bedeuten?“

Der Sheriff schob sich wie ein Elefant durch die Trümmer der Tür.

„Mrs. Donovan, über Ihre Rolle bei der Affäre werden wir zu gegebener Zeit sprechen. Sie bleiben hier in der Stadt, oder ich sperre Sie in eine Zelle. Wenn es sein muss, mit diesem gelben Bastard zusammen!“

„Aber welche Affäre meinen Sie denn, um Gottes willen, Mr. Geddis? So reden Sie doch!“

Der Sheriff kniff die Lider zusammen. Hinter ihm schob sich der zweite Mann in den Raum. Wie der Sheriff trug er einen Stern aus purem Silber an seinem Hemd. Er hatte vorquellende Augen unter schweren faltigen Lidern, und ein hässliches spitzes Raubtiergesicht. Unter dem Arm trug er eine Schrotflinte mit abgesägtem Lauf, deren Mündung auf Shengs Brust gerichtet war. Er hieß Mac Buchanan und war der Deputy des Sheriffs von San Miguel.

„Er da“, Corey Geddis deutete mit dem Lauf seiner Winchester auf Sheng, „hat in der ganzen Stadt nach Ihrem Mann und einem Chinesen herumgefragt.“

„Ja, das hat er! Aber das ist doch kein Verbrechen!“

„Nein, Ma’am, das ist es nicht. Aber Ihr Mann, Mrs. Donovan, hat Henry Purvis und einen seiner Leute getötet. Digger Finch hätte es beinahe auch erwischt.“

Blitzartig kam Sheng der flache Wagen mit den beiden zugedeckten Gestalten in den Sinn, der vor einer halben Stunde in die Stadt gefahren war. Wang Fu verlor keine Zeit.

„Nein!“, schrie Joan. Sie presste eine Hand vor den Mund. „Owen kann das nicht getan haben! Hat dieser ... Finch ihn gesehen?“

„Hat er, Ma’am, yeah. Er hat ihn gesehen, wie er mit dem Chinesen zusammen Henrys Lager ausgeplündert hat. Tut mir leid, Ma’am. Und der da, der gelbe Hund, gehört garantiert dazu!“ Er stieß Sheng den Gewehrlauf in den Rücken. „Komm jetzt, du Bastard! Du wirst uns alles erzählen, und dann werden wir dich hängen!“



12

Der Frachtwagen, mit dem der Fahrer des Generalstores die beiden Leichen in die Stadt gebracht hatte, stand jetzt vor dem Schuppen des Schreiners. Es war einem reinen Zufall zu verdanken gewesen, dass ausgerechnet heute jemand zu Purvis’ Claim gefahren war, um dem Schürfer die wöchentliche Lieferung an Lebensmitteln und Dynamit zu bringen. Eigentlich war die Fahrt erst am nächsten Tag fällig gewesen. Für Digger Finch wäre es dann zu spät gewesen. Er wäre verblutet.

Digger Finch hockte im Office des Sheriffs. Er sah sehr blass aus. An seinem rechten Bein schimmerte weiß ein frischer Verband, den jemand wenig fachkundig um den verletzten Schenkel gewickelt hatte. An der Seite glänzte bereits ein hellroter Fleck. Die Blutung war demnach noch nicht zum Stillstand gekommen. Er blickte auf, als Sheng ins Office gestoßen wurde. Sein Gesicht verzerrte sich. Auf Anhieb erkannte er den chinesischen Anteil in diesem Mann, und wieder sah er das breite gelbe Gesicht des Mörders vor sich, als er aus dem Schlaf geschreckt war und die Zündhölzer angerissen hatte. Wieder sah er die Klinge vor sich, den blutbefleckten Stahl, den der Chinese aus Henry Purvis’ Körper gezogen hatte.

Sheriff Geddis versetzte seinem Gefangenen einen Stoß, der ihn auf eine schmale Bank beförderte. Mac Buchanan stellte sich drei Schritte von Sheng entfernt auf. Seine Augen waren wachsam, die Flinte hing in der Armbeuge.

„Du erzählst uns jetzt, wo wir deinen Komplizen finden können“, sagte der Sheriff. Er wälzte sein breites Gesäß auf die Kante des Schreibtisches und ließ die stämmigen Beine herabbaumeln.

„Ich suche ihn selbst“, gab Sheng ruhig zurück. Er würde diesen Männern nicht verraten, wo Monty Halleys Bonanza lag. Die Schießer der Company würden hinausreiten und versuchen, den Chinesen und Owen Donovan niederzumachen und die Mine für sich zu deklamieren. Doch sie würden in ihren Tod rennen, denn wer aus dieser Stadt war einem Drachenmann gewachsen? Owen Donovan half es nicht, wenn Sheng sprach.

„Du spielst Katz und Maus mit uns“, grollte der Sheriff. „Ich warne dich jetzt zum letzten Mal. Wir haben Möglichkeiten, die Wahrheit aus dir herauszuholen. Wir kennen uns hier mit Kulis aus. Oben im Camp gibt es Aufseher, die reißen dir die Haut in Streifen vom Leib. Aber ich bin auch nicht von Zucker.“ Sein Blick wanderte zu einer Bullpeitsche mit kurzem Stiel, die an einem Haken an der Wand hing. Die geflochtenen und mit kleinen Knoten versehenen Riemen hingen locker herab.

„Man hat Ihnen doch berichtet“, sagte Sheng, „dass ich nach dem Chinesen und nach Owen Donovan gefragt habe. Beweist das denn nicht, dass ich ihren Aufenthaltsort nicht kenne?“

Der Sheriff schnaufte, womit er seine Unsicherheit verriet. Er war kein schneller Denker. Sonst hätte er gefragt, warum Sheng den Chinesen und Donovan suchte. Deshalb sagte Sheng rasch: „Lassen Sie Mr. Finch berichten, was geschehen ist! Vielleicht kann ich Ihnen dann sagen, wohin der Chinese gegangen sein könnte.“

Sheng entging nicht der schnelle Blick, den Buchanan ihm zuwarf. Seine faltigen Lider fielen halb über die vorquellenden Augen, und er packte den Schaft der Flinte fester. Sheng würde sich vor diesem Mann in Acht nehmen müssen.

Digger Finch starrte Sheng voller Abscheu an. Sein Gesicht war grau und feucht. Er gehörte in die Hände eines Arztes.

„Er hat genug durchgemacht“, grollte Geddis. „Er kann nicht viel erzählen. Der Chinese und Donovan haben das Lager überfallen und Purvis und Robin Dixon getötet. Digger konnte von der Plattform springen, auf der sie schliefen. Der Chinese hat ein Messer oder ein Schwert nach ihm geschleudert, das ihm beinahe das Bein abgerissen hätte. Aber Digger konnte sich im Canyon verstecken. Das ist alles. Was gibt’s da viel zu erzählen?“

„Hat er Donovan gesehen?“

„Natürlich hat er Donovan gesehen. Die Kerle besaßen die Dreistigkeit, Fackeln anzuzünden. Sie haben Purvis’ Lagerschuppen ausgeräumt und alles, was sie abschleppen konnten, auf zwei Mulis verladen! Dynamit, Körbe, Packtaschen, was weiß ich!“

„Und die Vorräte“, ergänzte Digger Finch.

„Wann hat er Donovan gesehen?“, erkundigte sich Sheng.

„Spielt das eine Rolle?“

„Ja.“ Aus den Augenwinkeln bemerkte Sheng den schnellen, fragenden Blick, den der Deputy Digger Finch zuwarf.

„Ich habe ihn erkannt, verdammt! Die Fackeln waren hell genug.“

Sheng nickte. Er war zufrieden.

„Sie haben ihn also erst gesehen, als der Chinese den Schuppen ausräumte“, stellte Sheng fest. Donovan hatte von den Morden nichts gewusst. Wenigstens nicht vorher, und er hatte sich nicht an dem Gemetzel beteiligt. Der Chinese hatte ihn wahrscheinlich bei den Pferden und den Mulis zurückgelassen. Wenn der Sheriff sich bemühte, würde er vielleicht sogar noch Spuren finden, die diese Vermutung bestätigten. Er erklärte es dem Sheriff.

„Welche Rolle spielt das, Mann? Du gehörst zu ihnen. Erzähl uns alles, was du weißt! Wenn du etwas auslässt, ziehe ich dir das Fell über die Ohren.“ Er deutete mit dem Kopf auf die Bullpeitsche, und sein fleischiges Gesicht verzog sich zu einem erwartungsvollen Grinsen.

„Der Chinese hat Donovan überredet, mit ihm zu kommen. Er hat ihm Gold versprochen. Donovan hat mit den Morden nichts zu tun.“

Der Sheriff lachte selbstgefällig.

„Das wird dem guten Owen niemand glauben. Er ist sauer auf die Overland, weil die ihn rausgeschmissen hat. Und er ist sauer auf die Minengesellschaften, weil die ihm keinen Job geben wollten. Er verlangte ein Haus, ein ganzes Haus für sich und seine verdammte kleine Familie! Was bildet der Kerl sich eigentlich ein? Und jetzt zieht er durchs Land wie ein gemeiner mexikanischer Bandit. Und du gehörst zu der Bande. Sag, was du in der Stadt wolltest! Was du wirklich hier wolltest! Solltest du eine Gelegenheit auskundschaften? Sprich!“ Das Gesicht des Gesetzeshüters war rot angelaufen. „Ihr seid eine verdammte gelbe Killerbande! Ihr werdet hängen, alle!“

„Ich werde nicht hierbleiben“, erklärte Sheng ruhig. Er blickte den Sheriff an, der eine dicke Zigarre zwischen seine vollen Lippen geschoben hatte und jetzt nach einem Streichholz suchte.

Geddis hielt inne, und er vergaß die Zigarre, die in seinem Mund hing und zu zittern begann. Er riss die Augen auf. Dann verklärte ein gemeines Grinsen das breite Gesicht.

„Du willst nicht bei uns bleiben?“, flüsterte er. „Nein? Dir gefällt es nicht bei uns?“ Er brüllte plötzlich los. „Dir soll es hier auch nicht gefallen! Und verlass dich auf eins! Lange wirst du ganz bestimmt nicht hierbleiben! Nein, verdammt, das wirst du nicht, denn wir werden dich aufknüpfen! — Mac!“, schrie er dann. „He, Mac! Leg ihm die Armbänder an!“ Geddis lachte fett. „Wir haben die feinsten Armbänder und das sicherste Gefängnis westlich des Rio Grande.“

Mac Buchanan stellte die Flinte außerhalb der Reichweite von Shengs Armen ab, dann hakte er ein Paar Handfesseln von der Wand. Er öffnete die Manschetten. Sheng streckte die Arme vor. Bereitwillig legte er die Handgelenke in die metallenen Ringe. Mit einem harten Geräusch schnappten die Schlösser ein.

Der Sheriff kaute auf seiner kalten Zigarre. Er lachte hämisch.

„Wohin wolltest du jetzt gehen, Schlitzauge? Du gehst nur noch einen Weg — den zum Galgen!“

„Ich werde den Chinesen holen“, erklärte Sheng.

Das Lachen fiel aus dem Gesicht des Sheriffs. Böse starrte er den Gefangenen an. Seine linke Hand wischte über die Schreibtischplatte auf der Suche nach einem Zündholz für die Zigarre. Die Rechte lag auf dem abgewetzten Kolben des schweren Colts.

„Verdammt, Mac! Wo sind die Streichhölzer schon wieder geblieben?“

Sheng stand auf.

„Ich kann Ihnen aushelfen.“ Er verdrehte seinen Oberkörper, um mit den aneinandergefesselten Händen an die Zündhölzer zu gelangen, die in seiner rechten Hosentasche steckten. In der anderen Tasche befand sich noch die einzelne Dynamitpatrone, die Wang Fu im Lager in der Wüste übersehen hatte und die Sheng eingesteckt hatte, weil er sie nicht zurücklassen wollte.

Zuerst holte er die Streichhölzer hervor. Er verbarg sie in der hohlen Hand. Dann griff er in die andere Tasche. Seine Finger schlossen sich um die glatte gewachste Papphülse der Dynamitstange.

Mac Buchanan hob das Gewehr. Er witterte etwas. Doch er würde nicht auf Sheng schießen können, weil der jetzt unmittelbar vor dem Sheriff stand und die Schrotladung nicht nur Sheng, sondern auch den Gesetzeshüter zerfetzen würde.

Sheng zog die Patrone heraus. Mit dem Fingernagel schnippte er ein Zündholz an. Die Flamme zischte auf. Noch hatte niemand begriffen, was vor sich ging. Der Sheriff schob den Kopf vor, und erwartungsvoll nuckelte er an der Zigarre. Sheng hielt die kleine Flamme an das Ende der Zündschnur, die aus der Dynamitpatrone hing. Die Zündschnur begann zu zischen. Sheng hielt die rote Patrone hoch über seinen Kopf. Es war eine Zwanzig-Sekunden-Zündschnur. Zwanzig Sekunden hatte Sheng Zeit für den größten Bluff seines Lebens.



13

„Legen Sie das Gewehr weg, Deputy!“, befahl Sheng mit scharfer Stimme. Wenn sein Bluff ziehen sollte, musste jetzt alles sehr schnell gehen, und niemand durfte in Panik geraten.

Sheriff Geddis’ schlaffe Wangen begannen zu beben, und die klobige Nase wurde erst grau, dann grün. Die Zigarre fiel aus seinem Mund und rollte über den Boden.

„Nein, nicht!“, stammelte er.

„Das Gewehr, Buchanan!“, zischte Sheng.

Der Deputy versuchte zu pokern. Er hob den Lauf der Flinte.

„Mac“, schrie der Sheriff. „Um Gottes willen! Leg die Flinte weg!“

Buchanan grinste freudlos. Seine Augen hingen an Shengs Gesicht. Nachdenklich, fragend. Wie weit wirst du gehen?, schien die Frage zu lauten.

Shengs Arm mit der Dynamitpatrone bewegte sich nicht. Funken sprühten aus der Zündschnur und ließen seine Haare knistern. Er zählte nicht die ablaufende Zeit.

„Mac! Waffe weg!“, brüllte Geddis in Todesangst.

Digger Finchs Augen hingen wie gebannt an der winzigen Flamme, die sich gefräßig zischend dem Wachstropfen näherte, der die letzte Schwelle zwischen Leben und Tod darstellte.

„Das ist ein Befehl!“, keuchte der Sheriff.

Buchanan stieß pfeifend die Luft aus, dann legte er die Flinte auf die Bank, auf der Sheng eben noch gesessen hatte. Sheng trat einen Schritt vor. Mit einer schnellen Bewegung riss er dem Sheriff den Colt aus dem Holster. Blitzschnell glitt er zum Deputy. Die Patrone bewegte sich mit der Bewegung der aneinander gefesselten Hände. Sheng entwaffnete auch den Deputy. Digger Finch trug keine Waffe.

Dann trat er zurück. Die Zündflamme fraß sich emsig durch die Schnur. Sie war nur noch knapp einen Zoll vom Ende der Stange entfernt.

„Um Gottes willen! So mach doch, du gelbes Vieh!“

Sheng packte das brennende Ende der Zündschnur mit den Zähnen. Funken sprühten über seine Lippen. Mit einem kräftigen Ruck riss er die Schnur aus dem Wachspropfen und spuckte sie auf den Boden. Dort brannte sie zwei Sekunden später aus.

Sheng hatte ein taubes Gefühl auf den Ohren, er fühlte sich benommen. Die anderen drei betrachteten ihn immer noch gebannt. Niemand bewegte sich. Sheng steckte ein Streichholz in das kleine Loch am Ende der Patrone. Der violette Kopf ragte etwa einen halben Zoll hinaus. Ein Schnipp mit dem Fingernagel konnte die Patrone in eine hochbrisante Handgranate verwandeln.

Sheng hielt die Sprengkapsel in der linken Hand, als er die Arme ausstreckte. Er sah den Deputy dabei an.

„Jetzt soll ich dich befreien?“, erkundigte sich Buchanan mit neutraler Stimme.

„Wenn Sie Wert darauf legen, dieses Ding unversehrt zurückzubekommen ...“

Der Deputy schüttelte den Kopf. Der Sheriff blickte seinen Stellvertreter hoffnungsvoll an.

Sheng lächelte.

„Ich habe Ihnen gesagt, dass ich nicht lange hierbleiben werde. Ich werde den Chinesen holen. Und Owen Donovan. Ich werde sie herbringen!“

„Wir werden dich jagen wie einen tollen Hund“, grollte der Sheriff. Er deutete nach draußen. „Es sind Kopfgeldjäger in der Stadt. Männer, die für die Company jagen. Sie werden den Chinesen und Donovan jagen. Und sie werden dich jagen. Und sie werden dich bekommen.“

Sheng wich bis an die Wand zurück. Er steckte die Patrone in seine Hemdtasche. Gebannt verfolgten drei Augen paare die Veränderung, die im scharfgeschnittenen Gesicht des hageren Mannes vor sich ging. Es wurde kantig wie ein Stück Felsen, das eben aus einer Wand gebrochen worden war. Der Blick der schmalen Augen richtete sich nach innen. Dann stieß Sheng den schrillen Schrei des Kung Fu-Kämpfers aus, den Schrei, der die höchste Kraftkonzentration begleitete. Seine Arme schwangen herum, sie schnitten durch die Luft, und dann prallten sie mit unvorstellbarer Wucht gegen die Wand. Putz spritzte, und die Steine darunter wurden sichtbar. Laut sang der Stahl der Fesseln, als er gegen die Steine schlug.

Sheriff Geddis keuchte laut, als er die Handfessel zu Boden fallen sah. Die Schlösser beider Manschetten waren aufgesprungen. Sheng rieb sich die geprellten Handgelenke. Er deutete auf den Zellengang, der zu den fensterlosen Käfigen führte. Es waren vier schmale Zellen. Keine von ihnen war belegt. Die Schlüssel hingen an einem Ring an der Wand.

„Bitte, gehen Sie in eine Zelle“, sagte er.

Digger Finch war der Erste, der aufstand. Er zitterte. Der rote Fleck auf seinem Verband hatte sich ausgebreitet.

„Sie nicht“, sagte Sheng.

Der Schürfer erstarrte, sein Gesicht wurde grau. „Aber ...“

„Sie brauchen keine Angst zu haben, Mr. Finch. Aber Sie müssen zu einem Arzt.“

Der Sheriff betrat den Zellengang. Dann schob Mac Buchanan sich an Sheng vorbei. Im Vorbeigehen flüsterte er Sheng etwas zu.

„Du bist zu sentimental, mein Junge“, sagte er und grinste ein schnelles Grinsen, das die vorquellenden Augen erreichte. „Das wird dich eines Tages umbringen.“ Er war stehengeblieben. „Du kannst es mir ja jetzt sagen. Du hättest das Ding doch nicht knallen lassen?“

„Gehen Sie, bitte!“

Buchanan nickte, und er tat so, als wollte er weitergehen. Doch er schwang urplötzlich aus der Hüfte herum. Seine magere, eisenharte Faust zuckte gegen Shengs Gesicht. Sheng hatte das kurze verräterische Aufflackern in den Augen des anderen bemerkt. Buchanans schlaksige Gestalt vermochte einen normalen Beobachter zu täuschen, weil sie den Eindruck von Trägheit erweckte. Doch einen Mann wie Sheng konnte der Deputy nicht überlisten.

Sheng hob die linke Hand. Es war eine fast unsichtbare Bewegung. Mac Buchanans Faust klatschte in Shengs offene Handfläche. In den vorquellenden Augen des Deputys malte sich Bestürzung. Seine Faust schien an Shengs Hand zu kleben, denn Sheng hatte die Finger gebogen, und wie Stahlklammern hielt er die Faust fest.

Buchanan gab jedoch nicht auf. Er riss sein Knie hoch und drehte seinen ganzen Körper dabei. Sheng gab der Bewegung des anderen nach. Er stieß die linke Hand gegen den Arm des anderen vor, womit er den Deputy zurückwarf. Der hagere Mann verlor den Halt, weil er ein Bein gehoben hatte. Sein Knie stieß ins Leere. Er stolperte. Nur Shengs zur Adlerklaue gekrümmte Finger hielten den Mann aufrecht. Sheng drehte Buchanans Arm auf den Rücken, und er zog ihn kurz an, dann ließ er ihn los. Er wollte den Mann nicht demütigen.

Deine schlimmsten Feinde sind Menschen, die du einmal gedemütigt hast. Worte des Meisters.

Buchanan drehte sich um. In seinen Augen standen weder Furcht noch Zorn zu lesen. Nur Fragen. Und Zweifel. Er betrat die Zelle gleich vorn am Anfang des kurzen Ganges. Er blieb am Gitter stehen, bis Sheng die Tür schloss.

Dann wandte Sheng sich der Nachbarzelle zu. Sheriff Corey Geddis war bis zur niedrigen Pritsche zurückgewichen. Seine hellen Augen glitzerten tückisch.

„Nimm dich in Acht, Schlitzauge!“

Sheng warf die Gittertür in den Rahmen. Er drehte den Schlüssel herum, dann ging er ins Office zurück, wo er auch die Tür des Ganges abschloss. Den Schlüsselring warf er unter die Bank.

Digger Finch hatte sich wieder hingesetzt. Er hielt sein verletztes Bein mit beiden Händen umklammert. Seine Augen hingen an Sheng.

„Es gibt keinen Arzt in der Stadt. Aber sie haben einen oben im Camp ...“

„Ich schicke jemanden mit einem Wagen.“

„Sagen Sie Joe Bescheid! Er ist drüben im Generalstore.“

Sheng trat an eins der Schießschartenfenster. Über der Stadt glühte die Mittagssonne. Die Stadt erschien ausgestorben. Er verengte die Augen zu messerdünnen Schlitzen. Er konnte das Hotel Casa del Sol erkennen und die beiden Fenster des Zimmers über dem hölzernen Balkon, wo Joan und Steve sich befinden müssten. Er versuchte, einen Blick auf die Frau zu erhaschen. Doch die Scheiben spiegelten das Sonnenlicht, und nichts verriet, ob dort vielleicht jemand stand und auf ihn wartete.

„Ich laufe zum Generalstore und sage Joe, er soll Sie abholen.“

„Ja ... ja ...“ Flehend hingen die Augen an Shengs Gesicht. Sheng lächelte. Digger Finch hatte keine Angst mehr vor ihm, dem Halbchinesen.

Sheng lief auf die Straße hinaus. Er rannte ein Stück nach Westen, wo er auf den Plankenweg vor dem großen Kaufhaus sprang. Der junge Bursche, den Sheng am Morgen zurechtgewiesen hatte, lungerte im Laden herum.

„Ich habe Ihnen doch gesagt ...“

Sheng starrte den Burschen an. Seine Augen glitzerten wie polierte Steine. Der Junge verschluckte sich.

„Ist Joe da?“

„Der macht Pause. Im Stall.“

„Sag ihm, er soll mit dem Wagen zum Haus des Sheriffs kommen. Digger Finch muss zum Minenarzt.“

Ohne die Antwort abzuwarten, warf er sich herum und lief über die Straße zurück auf das Gebäude des Sheriffs zu. Er hoffte, dass Digger Finch seine kurze Abwesenheit nicht dazu benutzen würde, den Sheriff und seinen Deputy zu befreien.

Unter dem Vordach blieb Sheng stehen. Er drehte sich um und blickte zum Hotel zurück. Die Fensterscheiben glänzten wie tote Augen — so leer, so kalt. Joan, dachte er. Joan ... Sicher schlief sie jetzt.

Er stieß die Tür zum Office auf. Wenn Digger Finch den Sheriff und Buchanan befreit hatte, erwartete ihn jetzt ein Feuersturm. Die Sternträger würden ihn voll Blei pumpen.

Er schlüpfte in den Raum.

Nichts geschah. Er hatte den Schürfer richtig eingeschätzt. Digger Finch hockte mit hängendem Kopf auf seinem Stuhl. Der Sheriff stand mit wutverzerrtem Gesicht am Gitter seiner Zelle, die breiten Fäuste hatte er um die eisernen Stäbe gekrallt. Seine Stirn hatte sich gerötet. Als Shengs Augen den seinen begegneten, wandte er sich knurrend ab.

„Digger, dafür wirst du dich verantworten müssen“, grollte er.

Mac Buchanan hatte gar nicht erst versucht, Digger Finch zum Öffnen der Zellentüren zu überreden. Er lag auf der Pritsche, die Hände hatte er unter seinen Hinterkopf gelegt. Die Augen hielt er geschlossen.

„Joe kommt gleich“, sagte Sheng. Er stellte sich an eins der beiden Fenster und blickte auf die Straße hinaus.

Es dauerte mehr als zehn Minuten, als der flache Pritschenwagen aus der schmalen Gasse neben dem Generalstore rasselte. Der Kutscher schwang die Peitsche, und der Wagen beschrieb einen engen Kreis. Geschickt steuerte der Fahrer den Straßenrand vor dem Office des Sheriffs an.

Sheng reichte Digger eine Hand. Er half ihm aufzustehen, und vorsichtig führte er ihn zur Tür. Er hörte die Schritte des Kutschers draußen auf dem Plankenweg. Schnell öffnete er die Tür, und rasch schob er Digger hinaus, bevor Joe seinen Kopf ins Office stecken und merken konnte, dass etwas nicht stimmte. Joe fasste mit an.

„Wie geht’s denn so, Digger?“, erkundigte er sich gutmütig.

„Ich werde nicht sterben“, antwortete der Mann, der nur knapp dem Tode entronnen war. Er schielte zu dem breiten schwarzen Schuppen des Sargmachers hinüber, wo Henry Purvis und Robin Dixon jetzt lagen und eine Kiste angemessen bekamen. „Lass uns endlich fahren, sonst verrecke ich doch noch!“

Digger nickte Sheng kurz zu, aber er sagte nichts. Joe hatte für Sheng nicht einmal einen Blick übrig. Sheng war es zufrieden.

Shengs Verhaftung war wegen der Mittagszeit ohne Aufsehen erfolgt. Er konnte sich also noch Zeit lassen. Er kehrte noch einmal ins Office zurück. Er trat an das Gitter, das den Gang vor den Zellen vom Hauptraum trennte. Buchanan schien sich nicht bewegt zu haben, seine faltigen Lider ruhten über den Augen, und sie zuckten auch nicht, als Sheng den Sheriff ansprach.

„Ich komme zurück, Sheriff“, sagte er. „Ich bringe Ihnen den Chinesen, der Henry Purvis und Robin Dixon ermordet hat.“

„Fahr zur Hölle, du gelbe Ratte! Wir werden dich draußen erwischen ...“

Sheng hob die Schultern. Der Hass dieses Mannes war unversöhnlich. Er musste also nicht nur gegen Wang Fu kämpfen, sondern auch gegen die Männer, die der Sheriff gegen ihn mobilisieren würde.

Sheng wandte sich ab, und dieses Mal verließ er das Office endgültig. Als die Tür hinter ihm ins Schloss schlug, begann der Sheriff zu rufen. Die Zellen verfügten nur über schmale Lüftungsschlitze oben unter dem Dach. Die Rufe des Gesetzeshüters drangen kaum nach draußen.

Sheng lief über die Straße. Er betrat das Hotel. Der Clerk schlief hinter seinem Pult. Leise huschte Sheng die Stufen zum ersten Stock hinauf, und zaghaft klopfte er gegen die Tür, hinter der er Joan und Steve vermutete. Er bekam keine Antwort. Ganz plötzlich spürte er, dass sich niemand in dem Raum befand. Er drehte den Knauf. Die Tür ließ sich öffnen. Er versetzte ihr einen Stoß, und sie schwang zurück, prallte gegen die Wand.

Der Raum war leer. Das Bett, auf dem Steve kurze Zeit geschlafen hatte, war sorgfältig geglättet worden. Sheng betrat den Raum, und er sah sich um. Joans Packtaschen mit ihrem und ihres Mannes persönlichem Besitz standen hinter dem breiten Bett. Der Proviantsack, die Decken und einige andere Ausrüstungsgegenstände, die man für einen langen Trail brauchte, fehlten.

Shengs Herz zog sich in jähem Erschrecken zusammen, als er das Fehlen seiner Deckenrolle bemerkte. Einen Moment stand er da, unfähig sich zu bewegen. Sein kostbares Drachengewand und der unersetzbare siebte Teil der Schriftrolle mit den Lehren des Tao Chi waren verschwunden.

Joan, dachte er. Es war ein flehender Gedanke, den er der Frau nachsandte. Doch dann entdeckte er die große lederbezogene Wasserflasche. Sie stand auf dem Waschtisch. Es war die Flasche, die Steve für ihn auf den Brunnenrand gestellt hatte, als er aus der Wüste gekommen war. Er nahm die Flasche in die Hand. Sie war voll.

Eine plötzliche Unruhe draußen ließ ihn ans Fenster gleiten. Er spähte hinaus.

Vor dem flachen Ziegelhaus des Sheriffs stand jemand. Die Tür war geöffnet worden. Ein Mann in der schwarzen Lederkleidung eines Revolvermannes schrie etwas über die Straße, dann sprang er ins Office. Von jetzt an befand er sich auf der Flucht.

Er glitt aus dem Raum und huschte die Treppe hinunter. Das Hotel verließ er durch den Hinterausgang. Unbemerkt erreichte er den Westausgang der Stadt. Dort begann er zu laufen, einer unsichtbaren Spur nach.



14

Wie eine Maschine bewegte sich Sheng durch das glühende Land. Die Hitze machte ihm nichts aus, doch er fragte sich, wie es Joan und Steve ergehen mochte.

Beide waren zäh, doch der nächtliche Ritt hatte von beiden das Letzte gefordert. Sheng vermochte die Leistungsfähigkeit anderer Menschen zu beurteilen. Steve war noch ein Kind. Die flammende Glut des Mittags und die dumpfe Hitze des späten Nachmittags würden ihm stark zusetzen.

Sheng blickte zum Himmel hinauf. Die Sonne stand schon tief im Westen. Irgendwann in der Nacht würde er auf den südlichsten Bogen des Rio Gila stoßen. Schwer wie flüssiges Blei lag die Luft über dem Land. Eine wabernde Lohe, unter der die Konturen verschwammen. Der Rücken der Gila Range erschien unendlich weit.

Sheng blickte nicht zurück. Er wusste auch so, dass die Verfolger keine Zeit verlieren würden. Er musste Joan und Steve vor ihnen finden. Ihre Abreise aus der Stadt, das heimliche Verschwinden, musste dem Sheriff wie eine Flucht vorkommen.

Sheng lief bergan. Die Hügel hatten keine Namen. Ihre Hänge waren kahl, der Boden in diesem Teil des Landes enthielt nichts, was einen Mann hätte verlocken können, ihn aufzuhalten. Silber gab es weiter im Norden und in größeren Höhen. Und Wasser, das man unbedingt brauchte, wenn man Erze fördern wollte, gab es erst am Fluss.

Sheng lief, bis die tiefer sinkende Sonne blitzende Reflexe in seinen Augen auslöste und er einmal über einen Stein stolperte. Da blieb er stehen und ließ sich auf den harten Boden niedersinken. Er rieb die Füße in den neuen Schuhen. Das Leder war weich, und die Stiefel trugen sich gut. Er konnte zufrieden sein.

Er wandte der untergehenden Sonne den Rücken zu. Aus engen Augen blickte er nach Osten. Dorthin, woher er gekommen war. Er glaubte sich allein in diesem öden Land. Noch, denn er war schnell gelaufen. Deshalb war er überrascht, als er die dünne Staubfahne im Osten entdeckte. Ruhig blickte er ihr entgegen.

Mescalero Apachen, Moquis und Papagos streiften immer wieder durch die Berge auf der Suche nach ihrer verlorenen Heimat. Doch bald schon erkannte Sheng, dass es sich bei den Verfolgern nicht um Indianer handelte. Dort ritten Männer genau in Joans und Steves Spur.

Sheng harrte reglos aus, bis er die winzigen Punkte erkennen konnte. Es gab Felstrümmer in dieser Öde, doch keiner von ihnen war groß genug, um Joan und Steve und ihren Pferden Deckung gewähren zu können. Sheng wurde schmerzhaft bewusst, wie verwundbar er war, weil Joan und Steve die Stadt verlassen hatten, um Owen Donovan auf eigene Faust zu suchen. Joan wollte bei ihrem Mann sein, der verdächtigt wurde, ein Mörder zu sein. Sie war keine Frau, die es untätig in der Stadt aushielt.

Sheng lief weiter den Hang hinauf. Auf dem felsigen Boden zeichneten sich schwach die Spuren ab, die Joan und Steve mit ihren Broncos hinterlassen hatten. Sheng hatte Joan die Lage der Mine beschrieben. Auf der flachen Hügelkuppe hielt Sheng wieder an. Wieder blickte er zurück.

Jetzt konnte er vier Pferde unterscheiden. Sie ritten hintereinander wie Indianer, in einer langgezogenen Reihe. Sie hielten einen gleichmäßigen Trab, der verriet, dass es sich um erfahrene Männer handelte, die ihre Pferde nicht zu Tode hetzten. Sie konnten sich Zeit lassen. Eine Gruppe, die aus einer Frau und einem Kind und einem Halbchinesen ohne Pferd bestand, konnte ihnen ihrer Ansicht nach nicht entkommen.

Die Sonne berührte den westlichen Kamm der Peloncillos. Die Berge erstrahlten für Minuten in einem unwirklichen gleißenden Licht, das sehr bald in ein blutiges Rot überging. Am Himmel kreisten zwei große schwarze Geier.

In einer halben Stunde würde es dunkel sein. Dann mussten die Verfolger ihr Lager aufschlagen, denn Sheng glaubte nicht, dass sie die Knochen ihrer Pferde aufs Spiel setzen würden. Sie hatten keine Ersatzpferde mitgenommen. Sie würden eine Rast einlegen müssen, mindestens bis der Mond aufging.

Sheng legte sich der Länge nach auf den brennend heißen Boden. Aus engen Augen starrte er den Reitern entgegen. Die flirrende Luft schien zusammenzusinken und zu fallen wie Wasser in einem Trog, aus dem man den Stöpsel herausgezogen hatte. Die Umrisse der Reiter wurden schnell deutlicher in der kurzen Zeit der grauen Dämmerung.

Schatten krochen über das öde Land. Die Reiter verlangsamten das Tempo, als sie jetzt schräg den Häng des Hügels hinaufritten, auf dessen Kuppe Sheng lag. Lange würden die Männer die Spur nicht mehr erkennen können, und Sheng schien es, als hätten sie die Fährte jetzt schon verloren.

Sheng konnte die Männer jetzt unterscheiden. Sie trugen Cowboykleidung mit schweren ledernen Chaps und breitrandigen Hüten. Ihre Kleidung und das Fell der Pferde hatte sich mit einer dicken Schicht Staub überzogen. In einem der Männer glaubte Sheng den schwarz gekleideten Mann zu erkennen, den er am Mittag vor dem Haus des Sheriffs gesehen hatte. Die schwarze Lederkluft, die jetzt unter dem Staub kaum zu erkennen war, musste ein Vermögen gekosten haben. Diesen Mann hielt Sheng für einen der Chefschießer der Company.

Alle Reiter waren schwer bewaffnet. Jeder von ihnen trug zwei Revolver, und die Gewehre lagen griffbereit vor ihnen über den Sätteln.

Sheng hörte jetzt den Hufschlag der Reiter. Die Pferde trabten mit letzter Kraft den Hang hinauf. Sheng duckte sich tiefer. Er presste sich auf den Boden, wurde eins mit den Felsen und dem Land und den buckligen Hügeln südlich des Flusses. Dreihundert Yards von ihm entfernt erreichten sie den Kamm, und sie verhielten ihre Pferde. Ihre Umrisse traten gegen den hellen Himmel scharf hervor. Drei Reiter glitten aus den Sätteln. Die Pferde ließen die Köpfe hängen. Nur der schwarz gekleidete Mann blieb im Sattel. Er war sehr hager und sehr groß. Er saß wie ein ehernes Standbild auf seinem hochbeinigen Wallach. Er starrte in die Ebene hinaus, als ob er dort etwas entdecken könnte.

Sheng ließ den Mann nicht aus den Augen. Die anderen Männer aus der Gruppe lösten ihre Wasserflaschen und tranken, und sie gaben den Pferden ebenfalls Wasser. Schnell fiel jetzt die Dunkelheit herein, die eine weitere Verfolgung der beiden Donovans unmöglich machte.

Doch plötzlich richtete der Hagere sich im Sattel auf. Seine Haltung spannte sich und plötzlich hob er einen Arm, und er stieß einen Ruf aus, der die anderen Männer alarmierte. Sheng erschrak. Was mochte der Reiter entdeckt haben?

Er drehte sich um. Er starrte in die Ebene hinaus, die er zuvor schon, als es noch hell gewesen war, mit den Augen abgetastet hatte. Er hatte nichts entdecken können. Nur leblose braune Steine und hier und da staubüberzogene Kakteen. Doch jetzt sah er etwas, das ihn in die Höhe schnellen ließ.

Weit entfernt, zwei Meilen, vielleicht auch drei, in einer flachen Mulde, flackerte ein kleines Feuer. Als jemand in die Flamme hineinblies, loderte sie hell auf. Wie ein Leuchtfeuer an einem weit entfernten Ufer, dachte Sheng, nur wies dieses Feuer nicht einem Suchenden, einem Heimkehrenden den Weg. Das Feuer wies den Verfolgern den Weg.

Der Schwarzgekleidete hatte Joans und Steves Lager entdeckt. Ohne das Feuer hätten die Männer aus San Miguel das Lager niemals gefunden.

Der Hagere stieß einen schrillen, triumphierenden Schrei aus, und schon hieb er seinem Wallach die Sporen in die Flanken. Wie von der Sehne geschnellt schoss das Pferd davon. Auch die anderen warfen sich in die Sättel. Mit heiseren Schreien trieben sie ihre Tiere an. Der Hagere war schnell, sehr schnell sogar. Vielleicht würde er das Lager vor Sheng erreichen.

Geschmeidig wie ein Tiger, dessen Abbild er als Brandmal auf dem rechten Unterarm trug, flog er den Hang hinab. Er spürte das Trommeln der Pferdehufe, das der felsige Boden übertrug.

Rechts von ihm, im spitzen Winkel, jagte der Hagere dahin. Noch hatten der Hagere und seine Begleiter den schlanken, drahtigen Mann nicht gesehen, dessen Ziel ebenfalls die flache Mulde war. Für Sheng galt, was man den Kung Fu-Kämpfern nachsagte, in besonderem Maße: Man sieht sie nicht, man hört sie nicht, und man kann sie nicht töten.

Sheng erreichte zur gleichen Zeit wie der erste Reiter die Ebene. Die zuckende Flamme des kleinen Lagerfeuers war jetzt nicht mehr zu sehen. Doch Sheng und der Mann in der schwarzen, staubüberkrusteten Kleidung wussten, wo das Feuer brannte und wo die Frau und ihr Kind angstvoll die Nacht erwarteten.

Shengs Füße berührten kaum noch den Boden. Er lief immer schneller. Der jagende Reiter forderte seine letzten Reserven heraus. Fast unmerklich blieb der dunkle gestreckte Schatten zurück.

Da war das Feuer wieder. Sheng hetzte in die flache Mulde hinein. Der Reiter war ein Stück zurückgeblieben. Doch das Trommeln der Hufe ließ den Boden erzittern und erzeugte ein Geräusch, das an Donnergrollen erinnerte. Auch die anderen Reiter kamen jetzt heran.

Sheng sah die Frau. Sie stand hoch aufgerichtet hinter dem Feuer. Sie erwartete die Ankunft der jagenden Reiter. Ihren Sohn hielt sie mit beiden Armen umschlungen. Die Flammen tanzten über ihre Gestalt und riefen in ihrem Gesicht ein geheimnisvolles Schattenspiel hervor. Sie starrte in die Richtung, aus der jeden Moment der Reiter über dem Rand der Mulde auftauchen musste.

Shengs lautlosen Tigerschritt konnte sie nicht hören.

Sheng glaubte ihren leisen Schrei zu hören, als der Reiter wie ein Schemen aus der Dunkelheit hervorbrach. Er zügelte seinen Wallach. Jetzt hatte er Zeit. Er konnte das Spiel genießen. Er wartete, bis die anderen drei ihn erreichten. Sheng glitt in den Kreis, den das Licht des kleinen Feuers aus dem Boden der Mulde schnitt.

Joan wirbelte herum. Ihre Augen waren weit geöffnet, die Pupille riesengroß und dunkel. In ihr spiegelten sich nur winzig klein die Flamme und Shengs Gesicht.

„Sheng!“, stieß sie mit zitternder Stimme hervor. „Ich habe das Feuer angezündet, um Ihnen den Weg zu weisen. Ich wusste, dass Sie kommen würden. Aber ich hätte wissen müssen, dass Sie mich auch so finden.“

„Es ist gut“, sagte er beruhigend. Er stellte sich neben sie, und hoch aufgerichtet erwartete er die Reiter.

Durch die Flammen des zusammensinkenden Feuers bemerkte er den Hageren, der seinen Leuten winkte. Dann trieb der Lederbekleidete sein Pferd an und kam in die Mulde. Inmitten einer Staubwolke zügelte er den Wallach. Sheng sah ein Paar stechende Augen von unbestimmter Farbe. Die Pferde der Männer schwitzten heftig, ihr Atem ging keuchend, und unruhig warfen sie die Köpfe hoch.

Steve löste sich von seiner Mutter. Er wich in den dunklen Schatten außerhalb des Feuers, wo die Broncos standen. Niemand achtete auf ihn.

Der Hagere schob seinen flachen Hut in den Nacken. Sein Gesicht war staubbedeckt, die Lippen grau. Er zog ein großes Tuch aus einer seiner Taschen und wischte sich damit über das Gesicht. Der Schweiß hinterließ helle Spuren auf der Haut. Er war schlank und hager, wie Sheng schon aus der Ferne erkannt hatte. Er hatte einen länglichen Schädel mit dunklem Haar, das lockig unter dem Hut hervorquoll und als breite Koteletten die Wangen bedeckte.

Langsam zog er jetzt die schwarzen Lederhandschuhe aus, die er vor sich auf den Sattel legte. Seine Hände waren schlank und weiß und gepflegt. Und sehnig.

„Hallo“, sagte er mit leiser Stimme. „Da haben wir ja die ganze Bande beisammen!“

Sheng nickte nur. Die anderen Reiter verharrten reglos. Einer von ihnen war massig. Er hatte breite Schenkel und mächtige Muskelpakete auf den Armen und Schultern. Die Ärmel seines roten Mackinaw-Hemdes hatte er in die Höhe gerollt. Dichtes dunkles Haar bedeckte die kräftigen Unterarme.

Neben ihm hockte ein kleiner Mann im Sattel eines kräftigen Pinto. Dieser Mann hatte gemeine Augen und nervöse Bewegungen. Seine rechte Hand spielte am Revolvergurt.

Der vierte Kerl war eher schmächtig zu nennen. Er war sehr jung, weshalb der ungemein kalte Ausdruck seiner dunkelbraunen Augen umso stärker auffiel.

Ihre Revolver ragten aus den offenen Holstern. Die Riemen, die die Waffen während des Rittes in den Holstern gehalten hatten, waren jetzt gelöst worden.

Sheng blickte den Hageren an.

„Was wollen Sie?“

„Ein paar Fragen, Mister. Nur ein paar Fragen.“

Sheng wurde wachsam.

„Sie und Ihr ... Freund ...“

„Wen meinen Sie?“

„Den Chinesen.“

„Er ist nicht mein Freund. Ich kenne ihn nicht einmal.“

Der Hagere lächelte wissend. Er hatte einen grausamen Mund. Eine rote Zunge leckte über die Lippen. Er schlug den Aufschlag seiner Jacke zurück. An seinem Hemd prangte ein silberner Stern, der eine entfernte Ähnlichkeit mit einem Sheriffstern hatte.

„Wir arbeiten für die Sicherheit der Pinos Altos & San Miguel Mining“, erklärte er beiläufig. „Doch unsere Anwesenheit hier ist nicht offiziell.“ Er lächelte ein Lächeln, das vertrauenerweckend wirken sollte. Es erzeugte in Sheng etwa so viel Zutrauen, wie er einer Klapperschlange entgegenbringen würde.

„Ja und?“

„Eigentlich müsste ich Sie nach San Miguel zurückbringen. Der Sheriff zahlt eine Prämie ...“

„Warum wollen Sie mich nicht zurückbringen?“

„Well, ich denke mir, wir können uns einigen. Ihr ... äh, ich meine der Chinese hat verschiedene Gegenstände aus Henry Purvis’ Camp gestohlen. Sagen Sie mir, wofür er sie braucht, und ich lasse Sie ziehen.“ So lief der Hase. Die Minengesellschaft interessierte sich für jeden, der den Eindruck erweckte, einen Bodenschatz gefunden zu haben.

„Ich nehme an, er will eine Goldmine ausbeuten. Das jedenfalls hat er Owen Donovan gegenüber behauptet.“

„Wo?“

„Das weiß ich nicht“, sagte Sheng.

Der Hagere starrte Sheng an. Seine Züge schienen zu gefrieren. Die schlanken weißen Finger bewegten sich. Das Feuer fiel in sich zusammen. Die Nacht hüllte das Lager ein. Auch die Hände der anderen Reiter schwebten jetzt in der Nähe ihrer Waffen.

Sheng hörte die schnellen, krampfartigen Atemzüge der Frau neben sich. Sie spürte, dass die Auseinandersetzung sich einem Höhepunkt näherte. Sheng suchte nach einem Weg, wie er ihnen entkommen konnte, ohne sie zu verletzen oder sie den Gefahren der Wildnis auszusetzen.

Sheng glitt von der Frau weg. Er bewegte sich um das knisternde Feuer herum. An der Seite lagen einige dürre Zweige. Mit dem Fuß scharrte er sie ins Feuer.

Der Hagere schnippte mit den Fingern. Die Augen des Schmächtigen loderten auf, als er sein Pferd neben das des Anführers lenkte.

„Frag du ihn, Sid!“, sagte der Hagere lässig.

Der Schmächtige riss seinen Revolver aus dem Holster. Bewegungslos lag die große Waffe in seiner sehnigen Faust, ihre Mündung wies auf Shengs Kopf. Dieser kleine Kerl würde seinen Spaß haben, wenn er ein Stück Blei in Shengs Schädel jagte. Er schwang sein rechtes Bein über den Hals seines Pferdes, und langsam glitt er aus dem Sattel, landete federnd. Er bewegte sich auf Sheng zu.

„Den Sheriff konntest du vielleicht übertölpeln“, sagte er leise, und er fletschte die Zähne bei den Worten. „Mit mir kannst du so etwas nicht machen.“ Sein Daumen glitt über den Hahn, und klickend rastete der Hammer ein.

„Ich kann Ihnen auch nicht mehr sagen. Lassen Sie uns jetzt bitte allein!“

Der Massige lachte kurz auf. Sid grinste unentwegt.

„Ich sehe, du hast schöne neue Schuhe“, sagte er. Er senkte den Lauf.

Und er schoss. Dann stierte er auf den Boden. Man konnte den Abdruck der Sohle sehen, den Shengs Fuß im Staub hinterlassen hatte. Die Kugel hatte einen bleigrauen Streifen genau in der Mitte des Abdrucks hinterlassen.

Der Junge blickte auf. Genau in Shengs geschlitzte Augen.

Sheng hatte seine Stellung kaum verändert. Er hatte nur den rechten Fuß um ein paar Zoll versetzt. Immer noch rollte das Echo des einzelnen Schusses durch die Nacht. Es war alles so schnell gegangen, dass der Junge noch nicht einmal die Zeit gehabt hatte, sein überhebliches Grinsen abzulegen.

„Mal sehen, wie schnell du wirklich bist, Schlitzauge“, schrie er plötzlich. Seine Hand fuhr hoch, der Daumen zog den Hammer zurück. Die dunkle Mündung wies auf Shengs Brust.

Niemand sah die schnelle Bewegung des Tigermannes. Er duckte sich, sein rechtes Bein schwang herum, der harte Spann wies nach außen. So prallte er von unten gegen das Handgelenk des jungen Kerls, der dieses Mal auf Shengs Brust gezielt hatte.

Die Explosion klang sehr laut. Die Kugel zischte durch die Nacht, der Revolver segelte hoch in die Luft und prallte außerhalb des Lichtscheins gegen einen Stein. Der Bursche hielt sein schmerzendes Handgelenk. Böse starrte er Sheng an. Der Massige grinste höhnisch. Der kleine Mann mit den gemeinen Augen und den nervösen Bewegungen riss seinen Revolver heraus. Sheng beobachtete ihn sehr genau. Der Mann warf den Revolver Sid zu.

„Schnapp!“, zischte er.

Die beiden schienen gut aufeinander eingespielt zu sein. Sid fing die Waffe aus der Luft. Er wollte es noch einmal versuchen. Doch der kleine Mann hatte auch etwas vor. Er hatte sich ausgerechnet, dass Sheng seine Aufmerksamkeit erneut auf Sid konzentrierte. Er riss die Winchester hoch. Blitzschnell hebelte er eine Patrone in die Kammer.

Sheng verwandelte sich in einen Wirbelsturm. Er sprang Sid mit beiden Füßen vor die Brust. Sid wurde zurückgeworfen. Doch noch im Fallen schoss er. Auch der kleine Reiter feuerte einen Schuss aus seiner Winchester. Und noch ein dritter Schuss zerfetzte den Schauplatz.

Der kleine Mann, der auf Sheng angelegt hatte, warf die Arme in die Luft. Die Waffe schepperte zu Boden. Das Pferd wieherte schrill und stieg auf die Hinterhand. Der Reiter stürzte aus dem Sattel.

Sheng wirbelte herum. Bei den Broncos erkannte er eine Bewegung.

Steve. Er hatte Steve vergessen.

Der Junge trat in den Lichtkreis. Sein Gesicht war unnatürlich blass. Seine kleinen Hände hielten die 73er Winchester umklammert.

„Er wollte Sheng erschießen, Ma!“ Sein Gesicht verzerrte sich, und er begann zu zittern. Plötzlich ließ er das Gewehr fallen.

„Ma!“, schrie er. „Ma! Ist er tot?“ Er klammerte sich an seine Mutter.

Diesen Augenblick des Durcheinanders versuchte der Hagere zu nutzen. Er riss seinen Revolver heraus, legte auf Sheng an und schoss.



15

Sheng hatte den Jungen angesehen, und dann hatte er seinen Blick zu dem Mann wandern lassen, der aus dem Sattel gestürzt war und nun regungslos neben den stampfenden Hufen seines Pferdes lag. Die Bewegung des Hageren sah er nur als Schatten. Sie war ein schnelles Zucken, das seine Sinne alarmierte. Diese Strolche hatten die Absicht, ihn umzubringen. Gleichgültig, was er ihnen sagte oder verschwieg. Und die Frau und Steve mussten sie dann ebenfalls töten.

Sheng bewegte sich wie ein fließender Schatten vor einer Lichtquelle, die sich selbst in Bewegung befand. Der Hagere drehte sich im Sattel. Mit ausgestrecktem Arm zielte er auf Sheng, der keinen festen Umriss annehmen wollte. Sein Gesicht war hinter der verschmierten Staubschicht verborgen wie unter einer Maske. Nur die Augen dieses Killers blitzten selbstsicher, denn er war ein Mann, der keine Niederlagen kannte.

Sheng hechtete sich zur Seite und rollte durch den Staub. Eine Kugel furchte den Boden unmittelbar neben seinem Gesicht. Steinsplitter spritzten in seine Augen. Und wieder befand er sich auf den Beinen, bewegte sich wie eine Schlange, bereit zum Sprung wie der Tiger, der den Mann aus dem Sattel reißen würde.

Joan und Steve klammerten sich aneinander. Sheng glitt um das Feuer herum, um die Häscher von den beiden abzulenken. Sid, der junge Bursche, der zweimal versucht hatte, Sheng mit dem Revolver zu treffen, raffte sich wieder auf. Er hielt immer noch den Revolver in der Hand, den der kleine Mann ihm zugeworfen hatte. Aus glasigen Augen suchte er sein Ziel, und er bemerkte Sheng, der aus der Dunkelheit erneut auf ihn zukam. Sid sprang vor und riss den Revolver hoch. Der Sprung brachte ihn genau vor den Colt des Hageren, der in diesem Moment seinen letzten Schuss abfeuerte.

„Nicht!“, schrie Sheng, der die Gefahr erkannte.

Er sprang den jungen Kerl an, stieß ihn vor die Brust, doch durch seine Fußsohlen hindurch, die gegen die Brust des jungen Mannes prallten, spürte er die Erschütterung des Körpers, als die Kugel aus dem Revolver des Hageren in Sids Körper schlug. Sid stürzte, und er wälzte sich herum, dann lag er still auf dem Gesicht.

Der Hagere brachte mit harter Hand sein aufgeregt tänzelndes Pferd wieder unter Kontrolle. Die Augen blickten jetzt hart wie Stein, und Sheng bemerkte, wie sie die Frau abtasteten. Es war ein Blick, der alle Gemeinheit enthielt, deren ein Mensch nur fähig sein konnte. Joan erschauerte, und sie senkte den Kopf.

Der hagere Anführer der Verfolgertruppe ergriff sein Gewehr, und mit einer geschmeidigen Bewegung glitt er aus dem Sattel. Im Sprung hebelte er eine Patrone in die Kammer. Er landete auf den Füßen, und ohne auch nur einen Sekundenbruchteil zu verlieren, federte er über das Feuer auf Joan zu.

Sheng befand sich vier oder fünf Schritte von dem Mann entfernt. Der Massige, der während des kurzen Kampfes keine Gelegenheit bekommen hatte, einzugreifen, trieb sein Pferd mit einem heftigen Schenkeldruck auf das Feuer zu und brachte es so zwischen Sheng und den Hageren.

Die Absicht der Männer war durchschaubar. Der Anführer wollte sich an Joan halten und Sheng verletzen, indem er sie und ihr Kind verletzte, denn Sheng konnte er nicht treffen. Der Massige unterstützte ihn dabei auf seine Weise.

Doch Sheng flog bereits durch die Luft. Seine ausgestellten Arme waren wie Pranken, die den Reiter aus dem Sattel schlugen. Mit einem Schrei stürzte er ins Feuer. Funken sprühten durch die Nacht, Pferde stampften. Sheng wirbelte über das Feuer. Der Schwarzgekleidete war seiner Sache sehr sicher gewesen. Wie ein Panther glitt er auf Joan und den Jungen zu.

Joan hob beide Arme bei dem verzweifelten Versuch, den fremden Mann abzuwehren. Ein sehniger Arm umschlang ihre Taille, ein brutaler Ruck brachte ihren Körper vor seinen.

„Halt still, du Ziege!“, keuchte er in ihr Ohr. „Halt still, oder ich breche dir das Rückgrat!“

Da sprang Sheng ihn an. Von der Seite her. Der Hagere riss die Frau herum. Das Gewehr erwies sich in dieser Lage als wenig geeignet zum Schießen. Doch er packte es mit der rechten Hand am Lauf. Sheng sah dem heranfliegenden Kolben ruhig entgegen. Er hob eine Hand. Das polierte Holz klatschte in seine Hand, und Sheng packte fest zu. Der Schießer keuchte überrascht, als Sheng die Waffe mit einem schnellen Ruck zu sich heranzog. Der Hagere hatte starke Finger, und er ließ den Lauf nicht los. So wurde er förmlich von den Füßen gerissen, und zusammen mit Joan flog er auf Sheng zu. Sheng ließ den Gewehrkolben unvermittelt los. Er tänzelte blitzschnell zur Seite. Der andere rechnete nicht damit. Die Seite seines Widersachers lag frei. Ein schneller trockener Handkantenhieb gegen die kurzen Rippen presste dem Mann die Luft aus den Lungen und ließ ihn krampfartig keuchen. Kraftlos sank er auf die Knie und riss Joan mit sich.

Jetzt endlich musste er sein Opfer loslassen. Joan stützte sich mit den Händen auf und versuchte, die Benommenheit abzuschütteln. Dann kroch sie auf Steve zu.

Sheng wirbelte um seine Achse. Mit der gleichen Bewegung beförderte er das Gewehr des Hageren aus dessen Reichweite. Er hatte jedoch den Massigen nicht vergessen. Der hatte sich aus dem Feuer gewälzt, das Gewehr wieder an sich genommen und seinen schweren Körper in den Sattel seines Pferdes gezogen. Jetzt grinste er breit. Die Flammen des Feuers tanzten über das breite schweißfeuchte Gesicht und ließen die Augen aufleuchten. Die schweren Pranken hoben das Gewehr. Die große schwarze Mündung wies auf Shengs Brust, ein dicker Finger hatte sich unter den Abzugsbügel geschoben. Das Pferd stand ruhig.

„So, Freundchen, jetzt bist du erledigt“, stellte er genüsslich fest. Sein glitzerndes Auge, das Sheng über den Gewehrlauf hinweg anstarrte, flackerte, den Todesschuss ankündigend. Der Massige konnte einfach nicht wissen, dass er einem Tigermann gegenüberstand, den er auf diese Weise nicht besiegen konnte.

Sheng saugte die Lungen voll Luft, und mit aller Kraft presste er sie heraus. Es war ein Schrei, der viele Meilen weit durch die Wüste hallte. Explosionsartig brach der Schrei aus der Brust des Kung Fu-Kämpfers. Die Schallwellen trafen den Massigen und sein Pferd wie ein körperlich spürbarer Schlag. Erschreckt blähte das Pferd die Nüstern, dann stieg es schrill wiehernd hoch auf die Hinterhand. Der Massige hatte noch den Abzug durchgerissen. Der Knall des Schusses und das Pfeifen der Kugel gingen im Echo des lauten Schreis unter. Auch die anderen Pferde warfen sich entsetzt herum und stoben davon, hinaus in die Nacht, weg von diesem schrecklichen Wesen, das so ruhig und unbeweglich vor ihnen stand.

Der Massige schlug schwer zu Boden. Er fiel auf sein Gewehr. Sheng sprang vor, er packte die Waffe, riss sie unter dem Gestürzten weg und schleuderte sie weit in die Nacht hinaus. Dann endlich kümmerte er sich um Joan und Steve und um die verletzten Gegner.

Joan sah ihn an, als der kleine Mann mit den nervösen Bewegungen und gemeinen Augen zu schreien anfing. Steve blickte auf. Sein Gesicht war sehr blass.

„Du hast ihn nicht getötet“, sagte Sheng. „Aber du hast mein Leben gerettet und das deiner Mutter. Daran musst du denken.“ Er sah die Qual in den Augen des Jungen. Er musste ihm helfen, den Schock zu vergessen, den es für einen so jungen Menschen bedeutete, auf einen anderen Menschen geschossen zu haben. „Du musst Holz oder Zweige suchen“, sagte er deshalb zu Steve. „Wir brauchen Licht, wenn wir seine Wunde versorgen wollen.“

Steve nickte. Er rappelte sich auf. Er versuchte ein Lächeln, dann wandte er sich um und lief auf den Rand der Mulde zu, wo der Wind trockene Sagebüsche angetrieben hatte.

Der kleine Mann schrie immer noch.

„Sind Sie in Ordnung?“, fragte Sheng die Frau.

Sie nickte mit zusammengebissenen Zähnen.

Sheng sammelte die herumliegenden Waffen ein, ehe er sich dem schreienden Mann widmete. Der Schwarzgekleidete kroch ans Feuer. Seine leer umherwandernden Blicke deuteten darauf hin, dass er die Folgen der gezielten Handkantenhiebe noch nicht überwunden hatte. Sheng kniete neben dem jungen Burschen nieder, der Sid genannt worden war und den der Hagere niedergeschossen hatte, weil er in die Schussrichtung geraten war. Sheng war es nicht gelungen, den Jungen rechtzeitig zur Seite zu stoßen. Sid war tot. Die Revolverkugel hatte ihm die Wirbelsäule zerschmettert.

Der Massige wälzte sich benommen herum. Sheng kümmerte sich nicht um ihn. Er kniete neben dem Schmächtigen nieder und zog ihn behutsam näher an das Feuer heran. Steve warf gerade dürre Zweige nach, und die Flammen loderten hell auf.

„Versuche, die Pferde der Männer zu finden!“, bat Sheng Steve. Die Broncos der Donovans waren festgebunden und hatten nicht fliehen können. Steve musste die Pferde der anderen finden und einfangen, denn sie konnten die Männer nicht einfach ohne Pferde weitab vom nächsten Wasserloch zurücklassen.

Sheng untersuchte die Wunde, die die Kugel aus Steves Gewehr hinterlassen hatte. Joan kroch neben Sheng. Sie hatte eine Tasche bei sich, die sie öffnete.

„Hier ist Verbandszeug“, sagte sie leise. „Ich habe auch Salben und einige Kräuter bei mir.“ Sie ging Sheng zur Hand, während er rasch und geschickt die Schulterwunde versorgte. Der Verletzte stöhnte nur noch leise. Die Kugel steckte noch, und zwar tief unter der Achsel in der Nähe des Schlüsselbeines.

Sheng winkte dem Hageren.

„Kommen Sie her!“, sagte er barsch. Der Mann starrte Sheng aus großen Augen an, die wieder klar und feindselig blickten. Der Mann kroch auf Händen und Füßen um das Feuer herum. „Er muss schnellstens zu einem Arzt, der die Kugel herausholt. Schnellstens, verstehen Sie? Er hat nur dann eine Chance, wenn er nicht später als morgen Mittag auf dem Operationstisch liegt. Haben Sie mich verstanden?“

„Ja, ja! Aber warum morgen Mittag?“

„Er hat schon jetzt viel Blut verloren, und er wird noch mehr verlieren, bevor Sie ihn beim Arzt abliefern. Der Blutverlust, und die Hitze des Tages werden ihn umbringen. Sie müssen sofort aufbrechen.“

Der Hagere starrte Sheng an.

„Zum Teufel mit George!“, stieß er dann hervor. „Ich soll dich und das Weib in die Stadt bringen, und nicht George. Wenn er so dämlich ist ...“

„Sie müssen ihn zurückbringen. Mrs. Donovan und ich gehen nicht nach San Miguel. Jedenfalls jetzt noch nicht, Mister

„Roebuck heiße ich. Fred Roebuck.“ Er bleckte die Zähne. „Und was ist mit Sid?“

„Er ist tot. Sie haben ihn erschossen.“

Roebuck lachte leise. „Ich? Mann, das wirst du nicht beweisen können! Weißt du was? Die in der Stadt werden sich freuen, wenn ich ihnen erzähle, dass ein verdammter Gelber den kleinen Sid Malloy abgeknallt hat. Ich nehme an, er hat die Kugel im Rücken?“

„Ich kann Ihnen nicht vorschreiben, was Sie in der Stadt erzählen“, gab Sheng kühl zurück. Sein Blick glitt über die Waffen des Hageren, die er getrennt von denen der anderen Männer bei den Sätteln der Broncos. abgelegt hatte. Bei Fred Roebucks Revolvern handelte es sich um schwere Navy Colts, von einem Kaliber, das im Westen selten gebraucht wurde.

Sheng zog den Verband um Georges Schulter fest, dann stand er auf.

„Kümmern Sie sich um Ihre Männer, Mr. Roebuck! In knapp zwei Stunden geht der Mond auf. Die Luft ist jetzt kühl. Reiten Sie nach San Miguel zurück!“ Er gab Joan und Steve einen Wink. „Wir reiten weiter.“

Joan nickte angespannt. Sie und Steve befanden sich am Ende ihrer Kräfte, doch sie wusste, dass sie hier nicht bleiben konnten. Sie half Sheng, die Broncos zu satteln. Steve hatte die Pferde der Männer aus San Miguel eingefangen und sie mit Hilfe eines kurzen Holzpflocks in der Mulde angebunden. Sie konnten weiter. Jetzt sofort.

Joan holte die Deckenrolle und legte sie neben Sheng nieder.

„Ich habe sie mitgenommen“, erklärte sie, „weil ich wusste, dass Sie nicht im Gefängnis bleiben würden. Ich habe es einfach gewusst“, fügte sie zufrieden über ihre Voraussicht hin zu. „Ich glaube, es liegt Ihnen viel an der Rolle“, meinte sie dann leise.

Sheng nickte. „Sie enthält alles, was ich besitze, und alles, wofür ich lebe.“

Joan warf dem Mann an ihrer Seite einen Blick zu, doch sie fragte nicht, was er mit seinen rätselhaft klingenden Worten meinte.

„Ich konnte einfach nicht in der Stadt bleiben und auf das warten, was man mit Steve und mir machen würde. Ich bin geflohen. Ich konnte auch den Gedanken an Owen nicht mehr aushalten. Er befindet sich zusammen mit diesem schrecklichen Chinesen ...“ Sie legte eine Hand vor ihren Mund. „Verzeihen Sie“, sagte sie verlegen.

Sheng lächelte.

„Auch bei uns gibt es schlechte Menschen. Warum sollte ich mich getroffen fühlen, wenn Sie ihn als schrecklich bezeichnen? Der Mann in der schwarzen Lederkleidung ist auch schlecht. Darf ich das sagen?“

„Natürlich!“

„Sehen Sie!“

Sheng bückte sich nach den Packtaschen, hob sie auf und wuchtete sie hinter die Sättel der beiden Broncos.

Roebuck und der Massige waren dabei, den toten Sid in eine Decke zu wickeln. George hockte stöhnend am Boden. Er wiegte den Oberkörper vor und zurück, als ob er auf diese Weise den Schmerz in seiner verletzten Schulter mildern könnte.

Steve wirkte immer noch verstört, und immer wieder warf er dem Mann, den er angeschossen hatte, verstohlene Blicke zu. Sheng legte ihm schließlich eine Hand auf die Schulter, und Steve blickte zu ihm auf.

„Ich bin ein Priester“, begann Sheng. „Ich gehöre einer buddhistischen Sekte an, die ihre Mitglieder verpflichtet, das Leben über alles zu stellen. Nur wenn das eigene Leben oder das Leben eines anderen bedroht ist, darf man das äußerste Mittel einsetzen, es zu verteidigen. Nur das hast du getan. Trotzdem spürst du, dass diese Handlung dir in deinem Inneren widerstrebt, denn du hast eine Waffe auf einen anderen Menschen gerichtet. Es ist dein Gewissen, das in dir erwachte. Er wird dein Verhalten in der Zukunft bestimmen, wenn du ihm vertraust. Du wirst das Leben achten, du hast es heute gelernt.“

Tränen standen in den Augen des Jungen, als er nickte. Sheng hob ihn einfach in den Sattel des Bronco, dann half er Joan auf den Rücken des anderen Pferdes.

„Reiten Sie schon voraus!“, sagte er.

Joan nickte. Sie trieb ihren Braunen an, und Steve ritt ihr nach.

Sheng half den Männern der Pinos Altos & San Miguel Mining, ihren toten Gefährten auf ein Pferd zu heben und ihn dort festzubinden. Roebuck schien demnach die Absicht zu haben, nach San Miguel zurückzukehren.

Über den Rücken des Pferdes hinweg, auf den sie den toten Sid gebunden hatten, begegneten sich die Blicke der beiden Männer. Roebuck hielt in seiner Tätigkeit inne.

„Du wirst es nicht schaffen, Schlitzauge“, sagte er. Er zog die Lippen zu einem wölfischen Grinsen in die Höhe. „Du schaffst es nicht.“ Er schüttelte den Kopf. „Das Land ist groß und weit. Eine Gewehrkugel ist schneller als du.“

„Wenn Sie mich töten, werden Sie nie erfahren, wo die Mine liegt“, antwortete Sheng ruhig.

Die Augen des anderen hellten sich auf.

„Du weißt also etwas?“ Sheng nickte. „Sag es mir jetzt! Vielleicht kann ich dafür sorgen, dass du einen Anteil bekommst.“

„Nein, nicht jetzt. Donovan und der Chinese sind jetzt dort. Es gibt nur eine starke Ader. Sie holen das Gold heraus ...“

„Gehört es ihnen? Ist der Claim auf sie eingetragen?“

„Das kann man nachholen, wenn man will. Die Mine gehört dem Chinesen nicht mehr. Er hat seinen Partner ermordet. Sein Partner hat mir die Mine geschenkt.“

„Dir? Dann tun wir uns doch zusammen. Jagen wir die anderen davon! Mann, warum zögerst du? Wir helfen dir!“

„Ich will das Gold nicht. Ich werde es verschenken.“

Fred Roebuck hielt den Atem an. Seine Nasenflügel bebten.

„Wem?“, fragte er, und er keuchte dabei.

Sheng blickte in die Nacht hinaus, dorthin, wo schwach der verhallende Hufschlag der Broncos zu hören war.

„Ich glaube nicht, dass die Antwort Sie sehr interessiert“, sagte Sheng abweisend. Er drehte sich einfach um und lief auf den Rand der Mulde zu. Am oberen Rand der Mulde, dort, wo der Lichtschein des Feuers in der Dunkelheit versickerte, legte er sich noch einmal nieder und spähte zu den Männern hinunter. Roebuck und der Massige hoben den verletzten George in den Sattel und banden ihm die Füße unter dem Bauch des Pinto zusammen. Dabei sprachen Roebuck und der Massige leise miteinander. Der Massige stieg schließlich in den Sattel seines Pferdes und zerrte die anderen beiden Pferde mit dem Toten und dem Verletzten hinter sich her.

Der Hagere blieb zurück. Er holte einen brennenden Ast aus dem Feuer und begann mit Hilfe dieser improvisierten Fackel die Umgebung abzusuchen. Sheng hatte Roebucks Navy Colts in Joans Packtaschen verstaut, das Gewehr des Mannes hatte er wie die anderen Waffen weit in die Dunkelheit geschleudert. Nicht weit genug für einen Mann wie Roebuck. Als er zum Feuer zurückkehrte, hielt er einen Revolver und eine Winchester in den Händen. Er versenkte den Revolver in seinem Holster, das Gewehr schob er in den Sattelschuh. Roebuck tränkte sein Pferd, ehe er sich in den Sattel schwang und ihm die Sporen gab. Er ritt nach Osten, dorthin, wo San Miguel lag.

Doch Sheng glaubte nicht daran, dass Roebuck seinen Gefährten folgte. Roebuck wollte nicht ohne Sheng oder das Gold nach San Miguel zurückkehren.

Sheng sprang auf und begann zu laufen.



16

Irgendwann im Laufe des nächsten Tages erreichten sie den Bogen des Rio Gila. Sie folgten dem Flusslauf, bis die Dunkelheit hereinbrach. Die Zeit schien etwas zu sein, das sich aufgelöst hatte. Die Stunden flossen einfach ineinander, sie vergingen und hinterließen keine nachhaltigeren Eindrücke als eine vage Erinnerung an Hitze und Staub, an Qualen und Erschöpfung.

Steve war bereits im Sattel eingeschlafen. Sheng hob ihn vom Pferd und legte ihn auf eine Decke. Auch Joan taumelte vor Erschöpfung, nachdem sie abgestiegen war. Er musste sie zwingen, sich hinzusetzen.

Sie waren durch ein ödes und trockenes Land geritten, in dem es keine Schatten gab. Am Fluss hatte Sheng jedoch einen geschützten Platz ausgemacht, wo es Sträucher und eine flache Furt gab. Ein schmaler Bach führte kaltes, klares Wasser, das sich erst im Fluss mit den gelben Fluten des Rio Gila vermischte.

Die Sonne versank jetzt hinter den Bergen. Sheng tastete noch einmal die Einöde im Osten mit den Augen ab. Einige Male hatte er im Laufe des Tages einige kleine Staubfahnen gesehen, von denen die meisten von umherziehenden Indianern aufgewirbelt wurden — nur eine nicht.

Fred Roebuck gab nicht auf.

Sie konnten kein Feuer anzünden.

Sheng versteckte die Pferde am Fluss unter einer weit überhängenden Weide. Das Lager tarnte er, so gut es ging.

Die Sonne versank hinter den Bergen im Westen, und Schatten krochen die steilen Hänge hinab. Dunkel und schroff zeichneten sich die Gebirgsketten der Peloncillo Range und der Gila Range gegen einen Himmel ab, der in hellrot lodernden Flammen zu stehen schien, bis die Sonne endgültig hinter den Horizont tauchte. Auch der breite Einschnitt des Flussbettes, der die beiden Gebirgszüge trennte, war deutlich zu erkennen.

Irgendwo jenseits dieses Einschnittes, im Nordwesten, lag die Mine in ihrer dunklen Höhle. Die Höhle mündete in einen Talkessel, und es gab nur einen schmalen Pfad zu ihrem Eingang. Sheng konnte sich die Umgebung nach der Beschreibung des alten Goldsuchers lebhaft vorstellen, und er dachte an die beiden Männer, die jetzt schon dabei sein mussten, die Ader aus dem Fels zu sprengen. Einen weiteren Tag würden sie noch brauchen, um das goldhaltige Gestein zusammenzusuchen und das pure Metall von den Gesteinsresten zu befreien,

Wie lange würden der Chinese und Owen Donovan noch brauchen?

Als er bemerkte, dass die Frau sein Gesicht betrachtete, sah er sie an. Ihre Augen blickten ernst. Steve lag neben ihr; er schlief fest. Während des vergangenen Tages und der Nacht davor hatten sie kaum ein Wort gewechselt, dabei gab es soviel zu besprechen, so viel zu fragen.

Joan deutete auf Steve.

„Ich habe Angst um ihn“, sagte sie, als er sich unruhig herumwälzte und mit den Zähnen knirschte.

„Er vertraut Ihnen, und Sie werden ihm helfen können, das Erlebte zu vergessen“, sagte Sheng.

„Ich glaube, es ist nicht der Schuss auf diesen ... diesen Menschen allein, der ihm zu schaffen macht. Ich glaube, er zweifelt an seinem Vater.“

Er zweifelt an seinem Vater. Sheng senkte den Kopf. Er kannte seinen Vater nicht. Er suchte ihn, weil er glaubte, sich selbst zu erkennen.

Du bist Sheng, du bist nur du selbst. Deine Wurzeln tauchen in vielfältige Schichten der Erde. Wie oft hatte er mit seinem Lehrer über seine Eltern gesprochen. Die Fragen, deren Antworten ihm so viel bedeuteten, mussten unbeantwortet bleiben bis auf den heutigen Tag. Du willst dich selbst erkennen, indem du die Erdschicht erforscht, auf der du stehst. Was wird sie dir sagen? Sie kann dir nicht berichten, was unter ihr fließt und strömt, welche Kräfte sie geformt haben. Wärst du ein anderer, wenn du erführest, dass dein Vater ein Verbrecher ist? Oder ein Heiliger?

„Ich glaube, jeder, der so alt ist wie er, zweifelt an seinem Vater“, sagte Sheng. „Ich glaube, er muss an ihm zweifeln, weil er sonst einen ausgetretenen Weg einschlagen wird, einen Weg, der vorgezeichnet ist, der nicht der richtige sein muss.“

Joan lächelte.

„Sie verstehen, einen anderen Menschen zu trösten und ihm Zuversicht zu geben“, meinte sie dann.

„Die Zuversicht wohnt in Ihnen selbst, Joan. Sie hören nur zu selten auf Ihre eigene Stimme. Wecken Sie die Zuversicht in Steve! Sie können es.“

„Was ist, wenn Owen ... tatsächlich ...“ Sie senkte den Kopf, um nicht zu zeigen, dass sie weinte. „Was ist“, sagte sie dann fest, „wenn Owen doch einen anderen Menschen beraubt habt? Wenn er geholfen hat, zwei Menschen zu töten? Was soll ich dann tun?“

„Wenn er so etwas getan hat“, antwortete Sheng, „wird er Sie brauchen.“ Er legte einen Arm um ihre Schultern. „Erzählen Sie mir von ihm!“ Er gab ihr einen Becher Wasser, sah ihr zu, wie sie trank, und dann leerte er den Becher ganz. „Was ist er für ein Mensch?“ Er blickte zu dem jetzt samtschwarzen Himmel hinauf und wartete darauf, dass sie zu sprechen begann. Wenn sie von ihrem Mann erzählte, würde vielleicht ihr Vertrauen in ihn zurückkehren.

Doch Sheng wollte wirklich wissen, wie Owen Donovan war. Denn er würde ihm vielleicht bald gegenüberstehen, und dann war es wichtig zu wissen, was er zu erwarten hatte.

„Er hat nie in seinem Leben etwas wirklich Böses gemacht“, drang die leise Stimme an sein Ohr. „Wenn er wüsste, dass der Chinese ein Verbrecher ist und einem anderen die Mine gestohlen hat, würde er nicht mit ihm gehen. Bestimmt nicht. Auch nicht für Gold. Ich kann es mir nicht vorstellen.“

„Was hat er gemacht, bevor er die Wasserstelle für die Kutschenlinie betrieb?“

„Er war Cowboy, bis wir heirateten. Dann suchte er einen besser bezahlten Job. Er wurde zuerst Transportbegleiter bei der Overland, später sogar Fahrer, und es ging uns ganz gut, bis er vor vier Jahren bei einem Überfall schwer verletzt wurde. Das war eine schwere Zeit für uns. Keine Arbeit und kein Geld ...“ Sheng sah die Frau an. Ihr Gesicht war eine helle Fläche in der Dunkelheit. Er sagte nichts. „Dann, als er wieder gehen konnte, bot man ihm an, die Relaisstation zu betreiben. Es war ein Hundeleben. Für ein paar Dollar im Monat mussten wir für die Kutschen da sein. Pferde wechseln, ihnen Wasser geben, sie versorgen. Wenn wir die Ranch nicht gehabt und wenn wir nicht ein bisschen nebenbei verkauft hätten, wären wir schon vor zwei Jahren verhungert. Und dann, über Nacht, war auch das vorbei. Ein Kutscher warf einen Brief vom Bock. Darin stand, dass von nun an niemand mehr kommen würde, die Linie werde eingestellt. Immerhin ließ man uns das Wasserloch. Aber wir konnten uns nicht mehr ernähren, außer wir hätten uns mit den mexikanischen Banditen verbündet, die manchmal durch die Wüste kamen. Owen wollte weg. Deshalb ist er auch mit diesem ... diesem Wang Fu gegangen. Es war eine Chance.“

„Was war das für eine Verletzung damals?“

Joan zog fröstelnd ihren Schal enger um die Schultern.

„Hüftsteckschuss, linker Arm gebrochen, Gehirnerschütterung, Durchschuss im rechten Oberschenkel ... Er hat es überlebt, und er ist ein ganzer Mann. Bitte, passen Sie auf ihn auf! Steve braucht ihn!“

„Ja, Ma’am.“ Die Worte sollten munter wirken, doch Sheng spürte, dass sie nicht ankamen. Er stand auf und deutete auf Steve. „Schlafen Sie neben ihm! Ich werde wachen.“

„Sie müssen müde sein. Ich verstehe nicht, wie ein Mensch solche Strapazen aushalten kann.“

„Es geht, aber man muss seinen Körper vorbereiten. Ich kann ihn anders belasten als Sie Ihren. Deshalb werde ich vor Sonnenaufgang aufbrechen. Sie bleiben hier zurück. Warten Sie hier auf mich!“

Er fühlte ihr jähes Erschrecken.

„Was ist, wenn dieser Mensch, ich kenne seinen Namen nicht, hierher kommt?“

„Er heißt Fred Roebuck. Roebuck wird Ihnen nichts tun, wenn Sie und Steve allein hier sind. Er interessiert sich für das Gold. Solange weder Ihr Mann noch Wang Fu oder ich hier erscheinen, wird er nichts unternehmen. Verstecken Sie sich hier unten am Fluss! Wenn Sie ihn kommen sehen, ziehen Sie sich unter den Felsen zurück, wo schon die Pferde stehen. Warten Sie hier auf mich! Auf uns ...“

„Ja ...“

„Gute Nacht“, sagte er. „Wenn Sie erwachen, bin ich nicht mehr hier.“

Der Mond erschien nach einsamen Stunden, die Sheng wachend im Lager verbrachte, am Himmel. Sheng kletterte auf einen der Felsen, die das Ufer des Rio Gila säumten. Er spähte weit ins Land hinaus. Weit, sehr weit im Osten glaubte er ein Feuer erkennen zu können, doch es konnte sich ebensogut um eine Spiegelung des Mondlichts auf einem glatten Felsstück handeln. Auf jeden Fall brannte das Feuer, wenn es eins war, weit im Osten, mindestens zehn Meilen vom Fluss entfernt.

Als er nichts wahrnehmen konnte, was seinen Argwohn erregt hätte, brach er auf. Er durchquerte den Fluss und lief den Bergen der Gila Range entgegen.



17

Gegen Mittag stieß er auf die Reitpferde. Wang Fu und Owen Donovan hatten die Tiere in einer Felsspalte versteckt. Die Tiere wirkten ausgepumpt, und Sheng vermutete, dass die Männer nicht genug Wasser und Futter mitgenommen hatten. Er verfolgte die Spuren der Pferde auf dem harten Boden, und obwohl er wusste, jeden Moment auf den Talkessel zu stoßen, traf ihn sein Anblick dann doch wie ein Schock, als sich der Abgrund urplötzlich vor ihm auftat.

Sheng legte sich flach auf den Boden. Aus der unergründlichen Tiefe stieß kalte Luft herauf und strich kühlend über sein Gesicht. Er sah den schroffen, grellroten Fels, der auf der Sonnenseite in helles Sonnenlicht getaucht war. Die Schattenseite lag in unergründlicher Schwärze, und der Gegensatz von Hell und Dunkel, von Warm und Kalt, erzeugte einen heftig kreisenden Luftstrom. Der Wind heulte laut in Spalten und Schrunden. Der steile Felsen mit seinen wuchtigen Ausmaßen hatte seit urdenklichen Zeiten den neugierigen Menschen abgeschreckt. Im Osten befand sich der schmale Sims, der an der Innenwand des Kessels entlang führte und den einzigen Zugang zu der Höhle mit der Goldader darstellte. Der Grat lag noch im Schatten. Wenn die Sonne weiter wanderte, würde der Weg im Licht liegen. Der Sims war an seinem Anfang vielleicht acht Fuß breit, in der Nähe der Höhle kaum mehr als vier. Deshalb war das Ausbeuten der Mine ein Zwei-Mann-Job. Einer allein würde es niemals schaffen, die wegen der Tiefe nervösen Mulis zur Höhle und zurück zu bringen. Und mehr als zwei Männer würden sich gegenseitig auf den Füßen herumstehen, denn die Höhle war eng und niedrig.

Sheng glitt hinüber zu der Stelle, wo der Sims begann. Er lauschte angestrengt, ehe er die sonnenüberflutete Felsplatte verließ und in die kühlen, windumtosten Schatten tauchte, die sich wie eine fremde Welt um ihn schlossen und ihn verschluckten.

Der Wind heulte laut und vernehmlich. Sheng hütete sich trotzdem, einen losen Stein ins Rollen zu bringen, denn in dem Rund des Kessels musste sich jeder Ton tausendfach brechen und ein lang anhaltendes Echo auslösen.

Die beiden Männer befanden sich in der Höhle. Als Sheng sich langsam vorwärts bewegte, konnte er sie hören. Schaufeln scharrten, jemand stieß einen Fluch aus — Donovan, vermutete Sheng. Leder knarrte. Jeder Laut, der aus der Höhle drang, prallte gegen die andere Seite des Kessels und wurde von dort aus mehrfach hin und her geworfen.

Sheng tastete sich bis zu einem Vorsprung in der Felswand, wo er sich am rauen Gestein festklammerte. Er blickte in die Tiefe, die ihn jetzt nicht mehr zu erschrecken vermochte, auch wenn er wegen der tiefen Schatten den Grund nicht erkennen konnte.

Die Öffnung der Höhle befand sich im nächsten Abschnitt, und Sheng konnte wegen der Krümmung der Felswand ein paar Fuß in sie hineinsehen. Der Eingang war niedrig, gerade hoch genug, um die Mulis hindurchzulassen. Jemand begann, Schutt aus der Höhle zu schaufeln. Steine flogen durch die Luft, Staub wirbelte, das Geröll verschwand in unergründlicher Tiefe. Erst viele Sekunden später erklang leise der prasselnde Aufschlag, dessen Nachhall der Wind herauftrug.

Sheng verharrte reglos wie eine Spinne an der Wand. Er versuchte, einen Plan zu entwerfen.

Sheng zog sich zurück. So, dass er den Höhleneingang beobachten konnte.

Ein Tier erschien in der Öffnung. Ein ziemlich großer knochiger Mann mit langen Armen machte sich an den Gurten des Mulis zu schaffen. Er zurrte die schweren, prall gefüllten Packtaschen fest, dann ergriff er den Führungszügel und zerrte das Muli auf den Sims hinaus.

Einen Moment lang konnte Sheng das Gesicht des Mannes erkennen. Es war hager und kantig und wirkte angespannt. Das wuchtige Kinn hatte der Mann grimmig vorgeschoben. Die Augen lagen tief und glanzlos in den Höhlen. Es waren nicht die Augen eines erfolgreichen Goldsuchers, stellte Sheng fest. Der Mann, es konnte sich nur um Owen Donovan handeln, trug einen verbeulten Hut auf eisgrauem Haar. Er trug keinen Revolvergurt. Joan hatte berichtet, dass Owen seine Waffen mitgenommen hatte — einen Colt und eine Winchester. Diese Waffen lagen jetzt vermutlich in der Höhle, und der Chinese hatte Zeit genug, sie unschädlich zu machen.

Sheng presste sein Ohr auf den heißen Boden. Er hörte das Klappern der Hufe und die heiseren Schreie der Männer. Er lauschte angestrengt, bis er seiner Sache sicher war.

Sie kamen zu zweit!

Auch Wang Fu hatte jetzt die Höhle verlassen, und er zerrte das andere Muli hinter Donovan her. Sheng hätte es sich denken können. Der Drachenmann traute niemandem, den er nicht sehen konnte.

Sheng schloss die Augen. Er konzentrierte sich auf die bevorstehende Auseinandersetzung.

Geröll brach unter den Hufen der schwer beladenen Packtiere und polterte in die Tiefe. Die Männer trieben sie mit lauten Schreien an.

Sheng flickte zu dem Spalt hinüber, der die Stelle kennzeichnete, wo der Sims die Fläche des Felsplateaus erreichte. Er sah einen Hut auftauchen, dann einen Kopf, dann die Schultern eines Mannes. Der Kopf und der Hals des Mulis folgten.

Owen Donovan blickte an dem Muli vorbei, dorthin, wo der Chinese sich näherte, den Sheng jedoch noch nicht sehen konnte.

Plötzlich warf Donovan sich herum. Er ließ das Muli, wo es war, und mit langen, unbeholfenen Sprüngen hetzte er auf die Felsspalte zu, in der die Reitpferde standen. Donovan zog das rechte Bein ein wenig nach, doch er konnte sehr schnell laufen.

Sheng verließ seine Deckung, als er die Absicht Donovans erkannte.

Owen Donovan wollte fliehen. Er hatte Angst vor dem Chinesen, weil er ihn nach der Nacht im Canyon, als Henry Purvis und Robin Dixon sterben mussten, durchschaut hatte. Er sah jetzt eine Chance, eine hauchdünne Chance, weil der Chinese einige Sekunden zurücklag und nicht schneller aus dem Kessel herauskommen konnte, als es das störrische Muli zuließ.

Owen Donovan ließ das Gold im Stich.

Sheng richtete sich hinter seinem Felsen auf.

„Warten Sie Donovan!“, rief er.

Donovan blieb stehen, als sei er gegen eine Wand gelaufen. Er ballte die Fäuste in ohnmächtigem Zorn, dann drehte er sich langsam um.

Sheng sah sein Gesicht von nahem. Der Unterkiefer mahlte, die Wangenknochen traten scharf hervor, die Augen zuckten. Schweiß nässte die Haut.

„Gehen Sie zu den Pferden!“, sagte Sheng. „Aber reiten Sie nicht davon. Noch nicht.“

Donovans Blicke wanderten zu dem Einschnitt des Simses. Er und Sheng hörten die anfeuernden Schreie des Chinesen.

„Wer sind Sie?“

„Ich heiße Sheng ...“

„Was wollen Sie von mir? Warum soll ich nicht reiten?“

„Ihre Frau wartet auf Sie am Fluss. Ich führe Sie zu ihr.“

„Meine ... Frau? Was haben Sie mit meiner Frau zu schaffen?“ Donovan hob die Stimme. „Gehören Sie zu ... ihm?“ Er deutete mit dem Kopf in die Richtung des Talkessels.

„Nein“, sagte Sheng schlicht. „Wir gehören nicht zusammen.“ Er ließ den knochigen Mann einfach stehen und glitt mit langen Sätzen auf den schmalen Einschnitt zu. Er hörte das Keuchen des Mulis. Das Tier war schon sehr nah. Der Chinese trieb es mit klatschenden Peitschenhieben an. Offenbar befand er sich hinter dem Muli. Sheng verharrte reglos am Ende des Simses.

Das Muli stakte unsicher heran. Sheng konnte bereits seinen Kopf mit den verbundenen Augen sehen. Das Tier witterte die fremde Gestalt. Es stieß einen schrillen Schrei aus und keilte nach hinten. Mit einem Bein geriet es über die Kante des Abgrundes. Panikartig versuchte es, wieder Fuß zu fassen, doch die schweren Packtaschen drohten es in die Tiefe zu reißen.

Sheng sprang vor. Das Tier kämpfte um sein Leben. Es war ein Kampf, den es verlieren musste.

Da sah Sheng zum ersten Mal das Gesicht des Chinesen, der hinter dem Muli stand. Er sah das runde Gesicht über den breiten Schultern und die Augen, die so schwarz waren wie die Nacht und so kalt wie Gletschereis. Es waren Augen, die sich kurz verengten, während das Gehirn zu erfassen versuchte, was das überraschende Auftauchen dieses schlanken, drahtigen Mannes zu bedeuten hatte.

Sheng schnappte mit der rechten Hand nach dem Zügel des Mulis. Seine Linke schob er unter den Packgurt. Es war ein kurzer, gewaltiger Ruck, mit dem er das Tier samt seiner zentnerschweren Ladung auf den Weg zurückriss.

Der Chinese hatte sich nicht gerührt. In seinen dunklen Augen blitzte es auf. Ein Erkennen, mehr als eine Ahnung, ein Wissen! Nicht viele Menschen sind in der Lage, Kräfte zu mobilisieren, wie Sheng es eben gezeigt hatte.

Kung Fu-Männer erkennen einander, wenn sie sich begegnen. Es ist ihre Haltung, die sie einem kundigen Auge verrät.

Das Muli drängte mit heftig bebender Flanke gegen die Felswand. Die bauchige Packtasche rieb sich am rauen Gestein. Rechts neben dem Muli fiel die Wand steil ab. Der Platz, der zwischen dem Tier und der Tiefe verblieb, betrug zwei Fuß. Wieder schlug das Muli aus. Es fühlte sich unsicher.

Der Chinese wich zurück. Ein kleines Lächeln erhellte das flache Gesicht, und als er die Arme hob und die Ärmel seines grauen Kittels aufschüttelte, wurden seine stämmigen Unterarme mit den beiden Tätowierungen sichtbar.

Rechts der Drache, links der Bär.

Sheng neigte den Kopf. Eine scharfe Bö fauchte aus der Tiefe herauf und zerrte in seinen Haaren. Auch er schob jetzt die Ärmel zurück und zeigte den Tiger und die Schlange.

Der Chinese lächelte unverwandt.

„Wer bist du? Und was willst du?“ Der Wind riss ihm die Worte von den Lippen, doch Sheng hatte sie verstanden.

„Ich bin Sheng und gehöre der Sekte des Tao Chi an. Ich bin in der Wüste einem Mann begegnet, der Monty Halley heißt.“

„Er ist tot!“

„Er starb in meinem Arm. Ich weiß, dass du Henry Purvis und Robin Dixon ermordet hast, um ihre Ausrüstung zu stehlen.“

Wang Fu lachte.

„Und wenn schon! Was willst du von mir? Dir habe ich nichts getan ...“

„Aber Owen Donovan.“

„Eben hat er noch gelebt.“

„Ich werde dich nach San Miguel zurückbringen, Wang Fu!“, rief Sheng laut.

Das Lächeln erstarrte. Die Hände des Chinesen bewegten sich, sie tasteten unter den überhängenden Saum des Kittels, wo die Scheide mit dem großen Dolch steckte.

„Du sollst dem Sheriff und dem Richter erzählen, dass Owen Donovan mit den Morden nichts zu tun hat!“

„Warum sollte ich so töricht sein, und so etwas tun?“, höhnte der Drachenmann. Seine rechte Hand hatte jetzt den Griff der Waffe gepackt.

„Du kennst die Regeln unserer Lehre. Du darfst niemanden in Schwierigkeiten bringen, und du bist verpflichtet, einem anderen Menschen zu helfen, wenn er sich in Schwierigkeiten befindet und du in der Lage bist, seine Probleme zu lösen.“

Wang Fu lachte laut. Seine Augen blitzten. Er hob die linke Hand und ließ sie auf die Kruppe des Mulis niedersausen. Das Tier trampelte erschreckt. Gleichzeitig riss Wang Fu den Dolch aus der Scheide.

Das Muli drängte gegen Sheng. Sheng hielt es am Zügel fest. Mit der freien Hand fetzte er die Klappe von einer der Packtaschen.

Gold lag vor seinen Augen. Reines Gold, teilweise noch verbunden mit dem Gestein, aus dem es herausgebrochen worden war, mit Bleiglanz und Silbererz. An den Bruchstellen schimmerte es hellgelb und stumpf.

Sheng packte zu. Seine Finger schlossen sich um einen solchen Brocken.

Wang Fus Arm mit dem langen Dolch beschrieb kreisende Bewegungen, er schob sein Bein vor wie ein Degenkämpfer, doch er kam nicht an dem Muli vorbei, das immer noch heftig auskeilte. Das runde Gesicht des Chinesen hatte sich gespannt. Die schwarzen Augen fixierten den Gegner, den er töten wollte.

Sheng schleuderte den Goldbrocken. Er musste seinen Gegner aus der Nähe des Mulis treiben, um freies Kampffeld zu bekommen.

Es war ein wuchtiger Wurf. Das edle Metall schwirrte durch die Luft wie ein Komet. Dumpf prallte es gegen die breite Brust des Drachenmannes.

Wang Fu stolperte rückwärts. Seine Arme ruderten durch die Luft. Sheng nahm einen zweiten Brocken aus der geöffneten Packtasche. Wang Fu stieß einen schrillen, lauten Schrei aus, dessen schauriges Echo das blinde Muli auf die Hinterbeine steigen ließ. Es schlug mit den Vorderhufen wild durch die Luft. Die Hufe scharrten gegen die Felsen, das Tier warf sich herum. Die Hufe tanzten vor Shengs Augen.

Noch einmal schrie der Drachenmann.

Die Panik überschwemmte das Tier. Es wieherte angstvoll, und es sprang.

Der Körper wirbelte in die Tiefe. Aus der einen Packtasche, die Sheng geöffnet hatte, flogen Goldbrocken. Sie begleiteten den Todessturz des Maultiers wie blinkende Regentropfen.

Sheng schleuderte den einen Klumpen, den er zurückbehalten hatte, nach dem Drachenmann.

Doch dieses Mal sah der Chinese das Geschoss kommen. Er duckte sich. Weitere acht Unzen nahezu reines Gold verschwanden in der schwarzen Tiefe, aus der jetzt der unheimliche, gedämpfte Aufschlag des zerschmetternden Tierkörpers heraufdrang.

Der Drachenmann grinste. Schritt für Schritt zog er sich über den schmalen Sims zurück. Sheng durchschaute seine Absicht. In der Höhle lagerten Owen Donovans Schusswaffen, und wahrscheinlich besaß Wang Fu auch noch einige Dynamitstangen. Der Drachenmann würde sich ohne Not nicht auf einen Kampf mit seinem Verfolger einlassen, der wie er ein zweifacher Meister im Kung Fu-Kampf war. Die Tätowierungen auf Shengs Unterarm bewiesen es ihm.

„Komm mit!“, höhnte er. „In der Höhle haben wir Platz!“ Er winkte mit dem breiten Dolch. Sein rundes Gesicht strahlte Siegesgewissheit aus.

Sheng zog die Dynamitpatrone aus seiner Tasche, mit der er den Sheriff und den Deputy von San Miguel geblufft hatte. Dieses Mal würde er nicht bluffen können. Dieses Mal musste er zielen, und er musste treffen. Denn er wollte den Drachenmann nicht töten.

Wang Fu starrte auf die rote Papphülse in Shengs Hand, und die flachen geschlitzten Augen weiteten sich. Sheng schnippte mit dem Daumennagel über den Schwefelkopf des Zündholzes. Die Flamme zischte auf.

Der Chinese wollte sich herumwerfen, zur Höhle rennen.

„Tu’s nicht!“, rief Sheng.

Er warf die Dynamitpatrone.

Die Granate segelte knapp über den breiten Schädel des Chinesen hinweg, und kurz vor dem Eingang der Höhle prallte sie auf den Sims und rollte dann auf die Kante des Abgrundes zu.

Wang Fu blieb keuchend stehen.

Sheng wartete ruhig ab.

Im nächsten Augenblick zerbarst die Welt in einem unvorstellbaren Getöse.

Die Druckwelle der Explosion konnte sich in dem Kessel nicht zur Seite ausbreiten. Der Druck packte den Chinesen wie mit einer Riesenfaust und presste ihn gegen die Felswand, wo er mit weit geöffneten Mund verharrte, während im Kessel das Inferno tobte.

Herausgesprengte Steine spritzten durch die Luft und prasselten auf die Männer nieder. Eine gewaltige Staubwolke entzog den Platz vor dem Höhleneingang den Blicken der beiden Todfeinde. Es war feinster Gesteinsstaub, der aus scharfen Splittern bestand. Nur langsam senkte sich die Wolke.

Die Felsen knackten bedrohlich. Risse taten sich auf, aus denen lose Felsstücke brachen. Sie stürzten in die Tiefe. Unter Shengs Füßen knirschte der Sims.

Der Chinese drehte sich um. In seinen Augen loderte unversöhnlicher Hass. Jetzt, während die Staubwolke sich senkte, konnte er es sehen. Sheng hatte seine Absicht vollendet — das Dynamit hatte den Sims vor der Höhle weggesprengt. Es gab keinen Zugang mehr zu Monty Halleys Bonanza.

„Du verdammter Hund!“, heulte Wang Fu. „Weißt du, was du getan hast?“

„Ja“, antwortete Sheng. Das Echo der Explosion war verhallt. „Ich weiß, was ich getan habe. Du musst jetzt zu mir kommen, wenn du nicht verhungern willst.“

„In der Höhle liegen noch mindestens drei Ladungen Gold. Ich hätte es nur abholen müssen. In der Höhle liegen meine Vorräte und mein Wasser!“

„Komm zu mir! Ich kann dir Wasser geben.“

„Und das Gold in den Packtaschen des anderen Mulis!“

„Es gehört dir nicht.“

Jetzt musste Sheng lachen, weil ihm das Groteske der Drohung aufging. Er wich zurück, Schritt für Schritt, bis er den Rand des Talkessels erreichte. Die Sonne blendete ihn. Er warf einen schnellen Blick über das Plateau.

Owen Donovan hockte im Schatten eines Felsens. Reglos sah er herüber. Das Muli mit den Packtaschen voller Gold hatte er irgendwo angebunden.

Wang Fu schob sich am Sims entlang. Der Wind heulte und hielt jetzt den Staub in der Schwebe, den die Explosion aufgewirbelt hatte. Hin und wieder stürzten Steine in den Abgrund.

Die Augen des Drachenmannes glühten in einem eisigen Feuer. Mit der rechten Hand hielt er fest den Griff des Dolches umklammert.

Sheng stand ruhig und breitbeinig dort, wo der Sims das Plateau erreichte. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt, und aufmerksam betrachtete er die Bemühungen des Drachenmannes, sicheren Boden unter die Füße zu bekommen.

Vier Schritte vor Sheng hielt Wang Fu inne. Mit einer Hand klammerte er sich an einer Felsspalte fest. Der Arm mit dem Dolch hing locker herab. Verwirrung und leichte Ratlosigkeit malten sich in den breiten flachen Zügen, denn Sheng befand sich in der besseren Position, weil er festen Boden unter den Füßen hatte und über genügend Platz verfügte, um dem anderen seinen Kampfstil aufzuzwingen.

„Leg den Dolch ab, komm herauf und verschränke die Hände hinter dem Kopf!“, forderte Sheng den Mörder auf.

Wang Fu stieß einen Schrei aus, der Sheng erschrecken sollte. Die rechte Hand zuckte unglaublich schnell vor, dann blitzte die Klinge, die Edelsteine im Griff fingen das Sonnenlicht ein und ließen es vielfarbig aufleuchten.

Sheng bewegte die Arme vor seiner Brust und vor seinem Gesicht, ohne die Stellung seiner Füße zu verändern. Er riss den rechten Unterarm hoch. Die breite Klinge prallte gegen den Arm, und sirrend stieg sie über seinen Kopf hinweg in die Höhe. Sheng hörte, wie sie scheppernd zwischen den Felstrümmern landete, die das Plateau bedeckten.

Sheng hatte nur den Bruchteil einer Sekunde benötigt, um die Waffe von ihrem Ziel — seiner Brust — abzulenken, doch dieser winzige Augenblick hatte dem Drachenmann genügt, um sich vorzuwerfen und sich von der drohenden Tiefe zu entfernen, die hinter ihm lauerte und seine Bewegungsfreiheit einschränkte.

Mit der Schulter prallte er gegen Shengs Beine. Sheng konnte in die Höhe springen und so einen Sturz vermeiden. Denn am Boden, das ahnte Sheng, war er diesem tierhaften Kämpfer unterlegen.

Wang Fu erhob sich zu seiner ganzen stämmigen Größe. Er war kleiner als Sheng, aber breiter und kräftiger gebaut. Und er war gemein, er war ein Mann, für den der moralische Gehalt der Lehre des Kung Fu nicht die geringste Bedeutung besaß.

Der Chinese beugte den Oberkörper vor. Er hob die Pranken wie der zum Angriff bereite Bär. Dann wich er zur Seite aus, beschrieb einen Halbkreis um Sheng, womit er versuchte, Sheng gegen den Abgrund zu drängen. Doch sowenig es der Bär vermag, die Schlange in die Enge zu treiben, so wenig gelang es dem Drachenmann, der die Meisterschaft im Kampfstil des Bären errungen hatte. Der Bär schlägt mit der Pranke zu, er umklammert sein Opfer und presst ihm die Luft aus dem Körper. Die Schlange wartet den richtigen Augenblick ab, und dann stößt sie zu.

Die Pranke kam. Es war ein fürchterlicher Hieb mit der gekrümmten Hand, der nah an Shengs Gesicht vorbeizischte und seine Schulter streifte. Der Hieb schleuderte ihn zu Boden. Sheng ließ sich auf den Rücken rollen und stellte die Beine auf. Der Drachenmann wollte sich auf Sheng werfen. Shengs Füße drangen in den Leib des Angreifers, Und der eigene Schwung beförderte den schwereren Mann weit über Shengs Kopf hinweg. Sheng sprang auf, denn der Flug des Drachen führte in die Nähe des Abgrundes.

Der Drachenmann wälzte sich herum. Er zog die Beine an und schob sich hastig von der Kante weg. Sheng setzte sofort nach. Er warf sich herum. Sein rechtes Bein wirbelte nach außen. Der Spann federte gegen die Schulter des Chinesen und warf ihn auf den Rücken. Wang Fu rollte zur Seite. Seine Augen hefteten sich auf Shengs anderen Fuß, die Pranken hielt er geöffnet, bereit, zuzupacken und Sheng über seinen Kopf hinweg in den Abgrund zu schleudern.

Doch Sheng wich zurück. Wang Fu ergriff die Gelegenheit und sprang wieder auf die Füße. Mit den Bewegungen des Bären, die so unbeholfen wirken, in Wahrheit aber wilde, ungebändigte Kraft verraten, tänzelte er auf seinen Gegner zu.

Und wieder kamen die Pranken mit einer solchen Geschwindigkeit, dass selbst das schnelle Auge eines Mannes wie Sheng die Hiebe nicht kommen sah. Zwei schwere Prankenschläge warfen ihn erneut zu Boden. Sheng rollte sich sofort ab und schwang sich auf die Füße zurück, bevor der Drachenmann nachsetzen konnte.

Wang Fu tänzelte. Sheng beobachtete die Augen des anderen, die ihm eher einen neuen Prankenhieb ankündigen würden als die Pranken selbst.

Plötzlich fauchte der Chinese. Sheng erwiderte den Laut auf seine Weise — er zischelte wie die Schlange, und dann schlug er zu. Es war ein zuckender Stoß mit der halb geschlossenen rechten Hand, der durch die Deckung des anderen stieß und seinen Hals erreichte.

Wang Fu taumelte, seine Arme fielen für einen Moment herab. Sheng fiel nicht auf die scheinbare Wehrlosigkeit des Chinesen herein. Er stieß zu einem Scheinangriff vor, und prompt zuckten die großen Hände des anderen durch die Luft.

Doch Shengs Hände befanden sich nicht mehr dort, wo die Pranken des Bärenkämpfers zusammenklatschten. Er teilte die Hände mit einem ganz kurz angesetzten Hieb der Handkante; er schlug sofort nach, und mit einem wahren Wirbel von Handkantenschlägen lähmte er die Arme des Drachenmannes. Der stieß einen lauten, klagenden Schrei aus, als er sich seiner Füße besann. Doch die kamen zu spät. Sheng konnte ihnen ausweichen, und mit zwei letzten kraftvollen Schlägen gegen den stämmigen Hals schickte er den Mann zu Boden.



18

Sie zogen nach Süden, zurück zum Fluss. Owen Donovan warf dem hageren Halbchinesen mit dem markanten Gesicht verstohlene Seitenblicke zu. Donovan ritt auf seinem Bronco. Die beiden Pferde, die der Chinese aus der Wüste mitgebracht hatte, waren am Horn seines Sattels angebunden.

Am Sattelhorn des dritten Pferdes war ein langes Lasso befestigt. Am Ende dieses Lassos ging der Chinese.

Sheng hatte dem Drachenmann die Hände auf den Rücken gefesselt und die Fessel als Schlinge um den stämmigen Hals geführt. Jeder Fluchtversuch und sogar jeder Versuch, sich der Fessel gewaltsam zu entledigen, musste die Schlinge um seinen Hals zuziehen.

Und trotzdem hielt Sheng einen Befreiungsversuch jederzeit für möglich. Deshalb ließ er den Chinesen nicht aus den Augen.

Das mit dem Gold beladene Muli trottete an einer kurzen Leine hinter der kleinen Gruppe her. Es trug mehr Gold, als ein Mensch allein sein Leben lang ausgeben konnte.

Sie wanderten in den Sonnenuntergang hinein. Als es dunkel wurde, legte Sheng eine Rast ein.

„Wenn der Mond aufgeht, müssen wir weiter“, sagte Sheng. „Wir haben kein Wasser mehr. Am Fluss warten Ihre Frau und Steve.“

Sheng spürte, wie sich die Haltung des Mannes versteifte, und wie er schwerer atmete.

„Die Männer der Company versuchen, sie zu finden, weil sie über Ihre Frau und Steve hoffen, an die Mine und an das Gold zu kommen.“

„Sie können es haben ... Aber ... es gehört mir ja nicht ...“ Donovan schnaufte. Eine Frage brannte auf seiner Zunge, die er nicht stellte, weil er die Antwort fürchtete. Sheng wartete geduldig.

„Purvis ... Henry Purvis ... haben Sie etwas von ihm gehört?“

„Ja.“ Sheng versuchte, das Gesicht des Mannes zu erkennen, doch es war zu dunkel.

Der Chinese bewegte sich, dann lachte er höhnisch.

„Henry Purvis und ein Mann namens Robin Dixon sind tot“, sagte Sheng. „Digger Finch kam mit dem Leben davon. Er hat Sie gesehen, als Sie mit Wang Fu die Vorräte geplündert haben.“

Owen Donovan senkte den Kopf. Er stöhnte unterdrückt. Dann sagte er: „Er hat mich betrogen, aber ich hätte es wissen müssen. Ich bin schuld an Purvis’ und Dixons Tod.“

„Es ist eine Schuld, von der nur Sie selbst sich befreien können. Kein Richter wird Sie verurteilen ...“

Der Chinese lachte laut und höhnisch.

„Sie werden ihn hängen. Ich bin nur ein gelber Untermensch, ein Tier. Man wird sagen, dass er verantwortlich war.“ Wang Fu hörte nicht auf zu lachen, und Sheng und Donovan verbrachten schweigend die Zeit bis zum Aufgang des Mondes.

Es war ein langer, ermüdender Marsch, der stetig bergab führte durch ausgetrocknete Arroyos, über geröllübersäte Hänge und durch dichtes Kakteengestrüpp. Einen sichtbaren Weg gab es nicht. Sheng ging am Schluss, weil er den Chinesen nicht aus den Augen lassen durfte, denn wenn es Wang Fu gelang, die Fesseln abzustreifen, begann der Kampf um das Gold aufs Neue.

So dirigierte Sheng Owen Donovan mit hin und wieder zugerufenen Hinweisen durch die nächtlichen Gilas. Die Pferde hielten sich gut; auch Donovan zeigte keine Ermüdungserscheinungen. Dem Drachenmann war ohnehin nichts anzumerken. Er schien sein Schicksal mit stoischem Gleichmut zu tragen.

Unmerklich wurde das Land im Osten heller — der neue Tag kündigte sich an. Sheng überprüfte Wang Fus Fessel, dann lief er nach vorn.

Er blickte weit über das Land. Er konnte den breiten, flachen Einschnitt erkennen, durch den der Rio Gila seine trüben Fluten wälzte. In der Nähe des Passes, bei den schwach erkennbaren Felsentrümmern, die aussahen, als seien sie von einer Riesenhand dort hingewälzt worden, befand sich das Versteck von Joan und Steve und ihren Pferden.

Sheng gönnte den Pferden und den Männern eine kurze Rast. Die Tiere bewegten sich unruhig. Sie witterten bereits das Wasser. Diese Witterung würde ihnen helfen, den Rest des Weges zurückzulegen.

Glitzernde Sonnenstrahlen stießen vom östlichen Horizont gegen den Himmel und ließen die Kuppel blaurot aufflammen. Von einer Minute zur anderen lag das Land in gleißende Helligkeit getaucht da.

Sheng tastete das Gelände mit den Augen ab. Keine Rauchsäule verriet das Lager eines Menschen, keine Staubwolke begleitete einen frühen Reiter. Das Land sah unendlich öde und verlassen aus.

Eine halbe Meile oberhalb der Stelle, an der er Joan und Steve zurückgelassen hatte, überquerten sie den Fluss. Sie ließen die Pferde saufen und folgten dann dem schlammigen Ufer, während die Sonne am Himmel hinaufstieg und das Land in die Gluthölle verwandelte, die es seit urdenklichen Zeiten war.

Shengs Augen hingen auf der Felsengruppe. Er wartete auf eine Bewegung, auf ein Zeichen von Joan oder Steve.

Eine seltsame Unruhe erfasste den drahtigen Halbchinesen. Es war eine Unruhe, die sich auch auf Donovan übertrug.

„Wo sind sie?“, fragte der Mann heiser. „Wo? Ich will es wissen!“ Er blickte zu Sheng zurück. Seine Augen waren blutunterlaufen, die Lippen spröde und gerissen.

Der Chinese setzte erneut sein Grinsen auf. Er rechnete sich schon wieder Chancen aus.

Dann war es Sheng, der die Lider zusammenkniff. Hoch oben auf den Felssäulen, hoch oberhalb der Stelle, an der er Joan und Steve zurückgelassen hatte, erschien eine Gestalt gegen den gleißenden Himmel. Die Gestalt schwenkte die Arme.

Sheng erkannte sie sofort.

Steve.

Doch bevor er ein zweites Mal hin sehen konnte, war die kleine Gestalt wieder verschwunden.

Zwei Schüsse hallten durch das Flusstal.

Donovans Kopf ruckte in die Höhe. Er hatte seinen Sohn nicht gesehen.

„Passen Sie auf Wang Fu auf!“, rief Sheng Donovan zu. „Ihre Frau und Ihr Sohn sind drüben. Aber Sie müssen bei dem Gefangenen bleiben.“

Donovan schlug mit der Hand gegen die lederne Scheide mit dem schweren Dolch, die er an seinem Sattel befestigt hatte.

„Ich passe schon auf“, versicherte er grimmig.

Sheng hörte die Worte schon nicht mehr. Er lief auf die Felsengruppe zu. Joan und Steve brauchten seine Hilfe.



19

Sheng stieg in einen engen Kamin ein, der steil in die Höhe, zur Gipfelplattform der Felsengruppe, hinaufführte. Die Schüsse waren von der anderen Seite der Felsen her gekommen, und er wollte sich nicht zu früh sehen lassen.

Wahrscheinlich war es Roebuck doch gelungen, Joan und Steve Donovan aufzuspüren, und die beiden waren höher in die Felsen hinaufgeflohen, wo sie sich besser verbergen und verteidigen konnten.

Leichtfüßig kletterte Sheng immer höher, bis er die winzige Plattform unter dem Gipfelplateau erreichte. Hierher hatten Joan und Steve sich zurückgezogen — wie die Adler.

„Sheng!“ Eine Stimme wie ein zitternder Seufzer. „Sheng! Kopf runter!“

Ein Schuss und eine pfeifende Kugel bewiesen anschaulich die Richtigkeit der Warnung. Sheng kroch auf Joan zu. Sie klammerte sich an ihn. Ihre Schultern zuckten, und ihre Hände zitterten. Sheng sah sich um.

„Wo ist Steve?“

„Er hat seinen Vater erkannt. Ich konnte ihn nicht halten. Er ist hinuntergeklettert.“

Sheng schob die Frau zur Seite. Er kroch bis an den Rand der Plattform, von wo aus er nach Nordosten hin freies Blickfeld hatte.

„Wer hat geschossen?“, fragte er.

„Ich weiß es nicht. Dort unten sind zwei Männer. Sie kamen gestern Abend an. Steve hat ihre Pferde gehört, da sind wir hier heraufgeflüchtet.“ Sie deutete auf ihre Winchester. „Während der Nacht wollten sie heraufkommen. Ich habe in die Luft geschossen, da haben sie es wohl aufgegeben.“

„Sie haben gemerkt, dass weder Ihr Mann noch ich hier waren“, stellte Sheng fest. Er spähte hinunter.

Und dann sah er sie. Zwei Männer auf Pferden. Sie galoppierten auf den Felsen zu, als gelte es, eine Attacke auf ein befestigtes Fort zu reiten.

Den ersten Mann erkannte Sheng sofort an der schwarzen Kleidung: Fred Roebuck. Roebuck ließ sich in vollem Galopp aus dem Sattel gleiten. Im Sprung riss er seinen Beuterevolver heraus. Er hatte Sheng gesehen, und ohne zu zögern eröffnete er das Feuer.

Sheng zog den Kopf ein. Das Blei schrammte über Felsen und klatschte gegen Steine. Der andere Reiter preschte heran. Er trug keine Waffen in den Händen. Hart zügelte er sein Pferd, und er rief dem Schützen etwas zu, und schließlich stellte Roebuck das Feuer ein.

„Hören Sie mich, Sheng?“, gellte ein Ruf herauf.

Sheng schob seinen Kopf über die Kante.

„Ja!“ rief er zurück.

„Ich bin Deputy Buchanan! Kommen Sie herunter!“

„Sagen Sie Roebuck, er soll die Waffen ablegen! Dann komme ich!“

Der schwarz gekleidete Revolvermann riss den Arm mit der Waffe in die Höhe. Er antwortete auf seine Weise.

„Roebuck!“, schrie der Deputy.

Doch der hagere Schießer hörte nicht. Er jagte drei Schüsse aus dem Lauf.

Shengs Kopf zuckte schlangengleich zurück. Roebuck stieß einen Triumphschrei aus.

„Ich habe ihn erwischt!“

Buchanan fluchte, als Roebuck auf die Felsen zurannte und daran machte, sie zu erklettern.

Sheng hatte sich hinter einen hohen, säulenartigen Stein zurückgezogen, der auf einer kleinen Fläche nah am Abgrund stand wie ein einsamer Wächter.

Sheng verkeilte seinen Körper in dem engen Raum zwischen dem Stein und der Felswand. Er spannte seine Muskeln. Noch einmal forderte er das Letzte von seinem Körper. Knirschend begann der Stein sich zu bewegen. Er neigte sich nach vorn.

„Vorsichtig, Buchanan!“, schrie Sheng.

Der Deputy fluchte laut und schrie den Namen des Schießers. Mit Donnergetöse polterte der mächtige Stein in die Tiefe. Buchanan hatte sein Pferd herumgerissen und trieb es in die Ebene hinaus.

Fred Roebuck rannte wie ein Hase. Der Stein donnerte über die Felsen, dann schlug er dumpf auf den Boden, sprang ein Stück in die Höhe und überschlug sich noch einmal.

Dann herrschte Stille.

Sheng drückte kurz die Schulter der Frau, dann stieg er wieder in den Kamin, um hinunterzuklettern. Er hörte die donnernden Hufe der Reiter.

Roebuck hatte sich auf den Rücken seines braunen Wallachs geworfen und versuchte nun, den Felsen von der anderen Seite her anzugreifen.

Dort waren Donovan und Wang Fu. Und Steve.

Roebuck schoss sofort, als er die kleine Gruppe am Fluss entdeckte.

Donovan warf sich auf seinen Sohn und schützte ihn mit seinem Körper.

Wang Fu krümmte sich zusammen, dann explodierte er förmlich. Er warf die Stricke ab, als wären es dünne Seidenfäden. Dann rannte er davon.

Roebuck schoss ihn in den Rücken.

Sheng sprang aus dem Kamin. Er jagte quer zu der Richtung des Revolvermannes über den steinharten Boden. Roebuck sah den dahinfliegenden Schatten viel zu spät.

Er zügelte sein Pferd, zwang es hart herum, doch da war Sheng bei ihm. Wie ein Tiger sprang er ihn an, und wie ein Tiger riss er ihn zu Boden. Mit einem einzigen Hieb der geöffneten Faust schlug er ihn bewusstlos. Als er sich aufrichtete, zügelte der Deputy sein Pferd neben Sheng.

Lange sah der Gesetzeshüter den schlanken Halbchinesen an.

„Ich habe mich in Ihnen getäuscht“, sagte er schließlich. „Ich habe an Ihre Worte gedacht und bin zum Canyon geritten. Gegen den Willen des Sheriffs.“ Buchanan grinste flüchtig, und er schloss für einen Moment die faltigen Lider über den hervorquellenden Augen. „Er weiß nicht, dass ich hier bin.“ Langsam ließ er sich aus dem Sattel gleiten. „Die Spuren sind eindeutig. Donovan hat mit den Morden nichts zu tun. Während der Chinese Purvis und Dixon abschlachtete, wartete er draußen bei den Pferden und den Mulis.“ Der Deputy bückte sich und nahm dem bewusstlosen Roebuck den Revolver ab. „Ich sah, wie seine geschlagenen Männer in die Stadt zurückkehrten. Da hielt mich nichts mehr in San Miguel. Gestern Abend stieß ich auf ihn, als er den Felsen belagerte. Er wollte ihn in der Nacht schon stürmen. Ich konnte ihn nicht zurückhalten, aber weil er beschossen wurde, hatte er den Sturm auf heute verschoben. Am liebsten hätte er den Felsen in die Luft gejagt.“

Joan Donovan hatte ihren sicheren Hort verlassen. Sie rannte auf ihren Mann und auf Steve zu. Die drei Menschen sanken sich in die Arme.

„Er kann nach San Miguel zurückkehren“, sagte der Deputy, der die Szene beobachtete. „Ihm wird nichts geschehen, nicht einmal bei einem korrupten Sheriff wie Geddis. — Das gilt natürlich auch für Sie, Mr. Sheng, auch wenn Roebuck behaupten wird, Sie hätten Sid Malloy in den Rücken geschossen.“

„Ich habe Roebucks Waffen sichergestellt. Ich nehme an, dass Sie einen Arzt haben, der die Kugel aus Sid Malloys Körper herausholen kann. Das Kaliber dürfte einmalig in dieser Gegend sein.“

Buchanan nickte, und er grinste, als sie auf die reglose Gestalt des Chinesen zugingen. Sheng wälzte sie auf den Rücken.

Der Drachenmann war tot.

Buchanan wandte sich ab. Er deutete auf das Muli.

„Ich nehme an, es hängt deshalb so schwer in den Knien, weil die Taschen voller Gold stecken?“

„Ja“, bestätigte Sheng. „Der Chinese hatte Donovan an der Mine beteiligt. Jetzt gehört es Donovan allein.“

Sheng sah Steves kleines, dreckverschmiertes Gesicht. Er lächelte, und Steve lächelte zurück.

Der Junge zweifelte nicht an seinem Vater.


ENDE

Clantons blutiger Terror

Ein Western von Uwe Erichsen










IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Edward Martin

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

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Wer sich dem mächtigen Rancher Clanton in den Weg stellt, der bekommt sehr bald Probleme. In der Form, dass Clantons Revolvermänner und Schläger denjenigen so lange einschüchtern und drangsalieren, bis dieser schließlich aufgibt. Nur die Geschwister Betty und Matt Howard lassen sich von Clanton nicht bedrohen. Sie haben es sich in den Kopf gesetzt, eine Mustangherde einzufangen. Das passt Clanton überhaupt nicht, denn auch er hat es auf die Pferde abgesehen. Und wenn Clanton etwas besitzen will, dann darf ihn nichts und niemand daran hindern.

Er hat allerdings nicht damit gerechnet, dass Betty und Matt plötzlich Hilfe von erwarteter Seite bekommen. Der Halbchinese Sheng steht den Geschwistern bei, als diese von Clantons Revolvermännern bedroht werden. Ein Mann wie Sheng lässt sich nicht in die Enge treiben, auch wenn er selbst in Gefahr gerät – und seine Art, zu kämpfen, ist für Clanton und dessen Handlanger völlig neu. Denn Sheng ist der Tiger-Mann, einer der besten Kung Fu-Kämpfer überhaupt ...









Der große einsame Mann verharrte an der Felswand. Ein Lächeln glitt über sein Gesicht mit den dunklen, leicht geschlitzten Augen.

Das Dröhnen kam rasch näher. Es waren Pferde. Wildpferde. Drüben auf der anderen Seite des Canyons jagten sie dahin, fast völlig in den langen, dunklen Staubschleier gehüllt, den die trommelnden Hufe emportrieben.

Ein großer, schwarzer Hengst aber hatte sich von der Herde getrenntl Er kam genau auf den Mann zu, der reglos im Schatten stand. Shengs Blick hing voller Bewunderung an dem kraftvollen Tier.

Es war der Leithengst!

Er wurde von zwei Reitern verfolgt. Geschickt lockte der schwarze Mustang sie immer weiter von der Herde weg. Die beiden Männer ritten Bügel an Bügel. Sie waren dem schwarzen Hengst bereits bedrohlich nahe gekommen. Beide schwangen die Lassos ...

Der schwarze Hengst missachtete die Gefahr.

Er schoss heran, stoppte mehrere Schritte vor Sheng, ging steil hoch, trompetete und wirbelte die Vorderhufe durch die Luft.

Der Hengst schaute zu Sheng herüber. Ein tollkühner Bursche. Er nahm die tödliche Gefahr auf sich, in der Hoffnung, das Interesse seiner Verfolger auf den Mann an der Felswand zu lenken.

Aber diese Rechnung ging nicht auf. Die Reiter sahen Sheng nicht.

Einer stieß einen schrillen Schrei aus, und die Lassos flogen.

Förmlich im letzten Augenblick ging der Hengst wieder auf alle vier Hufe nieder und sprengte mit einem wilden Satz davon. Die Schlingen verfehlten ihr Ziel, klatschten auf seinen Rücken und fielen zu Boden. Er aber raste weiter, schlug einen Bogen, fegte zur anderen Seite hinüber und jagte davon.

Fluchend galoppierten die Reiter an Sheng vorbei. Es waren gute Reiter. Sie holten die Lassos voller Karriere ein und gewannen dabei eine volle Pferdelänge gegen diesen schwarzen Teufel. Drüben drängten sie ihn gegen die Felswand.

Die Herde war inzwischen verschwunden. Das war dem schwarzen Satan geglückt! Aber die Reiter hatten es wohl nur auf ihn abgesehen. Sheng kam es jedenfalls so vor.

Der Hengst stieg vor der Felswand hoch. Täuschte einen Ausbruch nach rechts vor. Die Reiter reagierten blitzschnell. Sie warfen die abgehetzten Pferde herum, um den Ausbruch zu verhindern. Wiehernd jagte der Schwarze in der alten Richtung weiter. Seine Finte war gelungen.

Dennoch: Einer der Reiter musste damit gerechnet haben. Blitzschnell parierte er seinen Braunen durch, trieb ihn ein zweites mal um die Hand, setzte hinterher und warf das Lasso.

Diesmal erwischt es den Schwarzen, dachte Sheng.

Die Schlinge umspannte den Hals des Mustangs. Er bäumte sich auf - und machte einen mächtigen Satz vorwärts. Der Braune stürzte! Es krachte, und Staub stieg auf.

Aus dieser Staubglocke schoss der schwarze Hengst allein hervor und jagte davon. Im fliegenden Galopp. Das Lasso war an seinem Hals nicht mehr zu sehen.

Der zweite Reiter hatte schon vorher aufgegeben. Er hatte angehalten und schaute dem Hengst nach.

Sheng lächelte. „Viel Glück in der Freiheit!“, murmelte er.

Der Reiter hatte sich verletzt. Das Pferd stand schon wieder. Doch der Mann blieb liegen. Sein Gefährte trabte zu ihm und glitt aus dem Sattel.

Die Sache schien schlimm ausgegangen zu sein.

„Mein Gott Matt! Wach doch auf!“, rief der zweite Reiter verzweifelt.

Sheng machte schmale Augen und ging hinüber. Der zweite Reiter war eine Frau. Jung und schön! Doch ihr Gesicht war angstverzerrt, als Shengs Schatten auf sie fiel und sie aufblickte. Sie zuckte zurück, als wollte sie fliehen.

„Sie müssen keine Furcht vor mir haben, Ma’am!“, sagte Sheng.

Die junge Frau starrte den großen Fremden an. „Er ist tot!“ stammelte sie.

Sheng warf das Deckenbündel von der linken Schulter, kniete nieder und schob sie zur Seite. Ein kurzer Blick genügte ihm.

„Vielleicht ist er verletzt“, sagte er. „Aber er ist nicht tot. Nur bewusstlos, Ma’am!“

„Er lebt?“, fragte sie ungläubig.

Sheng nickte und stand auf. „Ich helfe Ihnen! Aber wir müssen vorsichtig sein.“

Er sah sich nach dem Braunen um. Das Tier stand ohne Sattel da. Der Sattel lag drei Pferdelängen weiter. Zwischen zwei Felsklippen gekeilt. Der Mann hatte das Lassoende um das Horn geschlungen. Zuerst war der Bauchriemen gerissen, dann die Lassoschlinge.

„Es ist nicht weit“, sagte die Frau. „Unser Camp befindet sich am Ende des Canyons.“

„Gehen Sie mit den Pferden voran!“, befahl Sheng.

Sie blickte ihn überrascht an.

„Ihr Mann kann sich den Rücken verletzt haben“, erklärte Sheng.

„Er ist mein Bruder!“, sagte sie.

Sheng bückte sich und hob den Bewusstlosen auf. Er war ein breitschultriger Mann. Die Adern traten an Shengs Hals und den Schläfen hervor, als er ihn aufhob.

„Aber es sind nicht nur ein paar Schritte!“, warnte die Frau. „Der Canyon ist eine Meile lang.“

Sheng lächelte. „Ich weiß! Kümmern Sie sich um die Pferde, Ma’am!“

Er setzte sich in Bewegung. Viele Dinge konnten ihn erledigen. Doch nicht Hitze und eine schwere Last.

Die Frau kam ihm mit seinem Bündel und den Pferden nach und holte ihn ein. Sie musterte ihn von der Seite.

„Ist er nicht zu schwer? Soll ich mit anfassen? Wollen wir ihn nicht lieber auf ein Pferd legen?“

„Reiten Sie voraus!“, erwiderte Sheng. „Er benötigt ein weiches Lager!“

„Aber ...“

Shengs Blick brachte sie zum Schweigen. Sie schwang sich aufs Pferd und ritt los. Er schaute ihr nach. Sie war nicht nur sehr schön, sie war auch groß und schlank. Sie trug Männerkleidung. Von hinten konnte man eigentlich kaum erkennen, dass sie eine Frau war. Daran erinnerte nur ihre Haltung.

Sie war eine Frau, die Sheng ausnehmend gut gefiel.

Dass ihr Bruder bewaffnet war, konnte Sheng verstehen. Ebenfalls dass im Scabbard ihres Pferdes ein Gewehr steckte. Doch weshalb baumelten die zwei Revolver an ihren Hüften? Eine rätselhafte Lady, dachte der Kung Fu-Mann. Noch rätselhafter, wenn sein Eindruck stimmte, dass sie mit den beiden Eisen auch umgehen konnte.

Ihr Buder war ein Pferdejäger, und sie ersetzte ihm wohl den Partner. Vielleicht lag es daran.


*


Die Frau hatte inzwischen das Camp erreicht. Sie glitt mit einer geschmeidigen Bewegung aus dem Sattel, um plötzlich wie zur Salzsäule erstarrt zu sein.

Das Camp war eine Höhle in der Felswand. Sheng hatte das alles schon am frühen Morgen von einem Felsplatz aus gesehen. Die Feuerstelle, die Korrals und die großen, mit Segeltuch bespannten Fangzäune waren zu dieser Zeit noch völlig intakt gewesen. Jetzt bot die Anlage ein Bild der Verwüstung.

Fassungslos sah die Frau sich um. Die Zügel des Pferdes entglitten ihrer Hand. Drei Männer traten aus der Höhle.

Es handelte sich um große Männer mit harten Gesichtszügen. Sie waren wie Weidereiter gekleidet. Aber das war nicht ihr Beruf. Ihre tiefgeschnallten, mit dünnen Riemen an die Schenkel gebundene Halfter verrieten Sheng nur zu deutlich, zu welcher Gilde die Kerle gehörten.

Diese Sorte kannte er!

Die drei Revolvermänner wandten den Kopf und blickten neugierig zu Sheng herüber. Seelenruhig warteten sie ab, bis er mit seiner Last den Vorplatz der Höhle erreicht hatte.

Zwei waren blond. Der Mahn in der Mitte besaß schwarzes Haar, und ein schmales Bärtchen zierte seine Oberlippe. Er sah Sheng an und lächelte angewidert.

„Ein Chink!" sagte er verächtlich. „Na los! Lege deine Last ab! Ist er tot?“

„Nein, nur bewusstlos!“, antwortete Sheng.

Der Kerl betrachtete die Frau in einer geradezu beleidigenden Art und Weise'von oben bis unten.

„Betty, ihr müsst jetzt packen!“, sagte er langsam. „Clanton will das so! Schön, dass ihr euch einen Knecht zugelegt habt. Da geht das Ganze viel leichter und schneller über die Bühne.“

„Haben Sie diese Zerstörung angerichtet?“, fragte Sheng.

Dfe drei starrten ihn an, belustigt und wütend zugleich.

„Natürlich!“, sagte der Mann mit dem Oberlippenbärtchen. „Wir haben mit dem Aufräumen und Einpacken schon mal angefangen, Chink! Und du machst jetzt weiter. Lass ihn fallen!“

Plötzlich hielt der Kerl seinen Revolver in der Faust.

Sheng ließ den bewusstlosen Mann langsam zu Boden gleiten und richtete sich wieder auf.

„Er ist verletzt!“, erklärte er. „Wir müssen uns zuerst um ihn kümmern.“

„Komm mal her!“, befahl der Mann scharf.

Sheng ging zu ihm und blieb dicht vor ihm stehen. Sie starrten sich in die Augen.

„Was ich hier in der Kanone habe, das sind keine Pfannkuchen“, sagte der Revolvermann mit Nachdruck in der Stimme.

„Er ist nicht bewaffnet!“, rief die Frau, die sich von ihrem ersten Schrecken erholt hatte.

Der Kerl mit dem Oberlippenbärtchen sah sie an. „Ich bin ja nicht blind! Und deshalb frage ich mich auch, woher er den Mut nimmt, sein ungewaschenes Maul derart weit aufzureißen.“

Er starrte Sheng wieder an. „Los fang an zu packen! Wir haben nicht die Zeit darauf zu warten, bis du hier Wurzeln schlägst.“

Sheng schwieg.

„Oder soll ich dir den Colt auf die gelbe Nuss schlagen?“, schrie der Revolvermann und holte zum Schlag aus.

Shengs Linke zuckte hoch. Er traf nur den rechten Unterarm. Aber der Mann fand sich Sekundenbruchteile später im Sand wieder, und sein Colt flog im hohen Bogen durch die Luft.

Seine Gefährten griffen hastig zu den Waffen. Aber als sie die Colts in der Faust hatten, war Shengs blitzschnelle Aktion bereits beendet. Hatte er sich überhaupt bewegt?

Gesehen hatte es niemand. Nicht einmal der Kerl mit dem Oberlippenbärtchen, der sich mit schmerzverzerrtem Gesicht im Sand wälzte, und Sheng hasserfüllt anstarrte.

Seine beiden Gefährten blickten Sheng an, als wäre er ein Wundertier. Wut und Überraschung kennzeichnete ihre Gesichter. Fassungslos wanderten ihre Augen zu dem Kerl mit dem kurzgestutzten schwarzen Bärtchen hinüber. Der Mann schien ihr Anführer zu sein, und sie verstanden die Welt nicht mehr, als sie ihn plötzlich hilflos vor sich am Boden sahen. Hingestreckt von einem unbewaffneten Gegner.

„Du verdammter Hund!“, keuchte der Mann am Boden mit rasselnder Stimme.

Verstohlen sah er sich nach seinem Colt um. Die Waffe lag rechts hinter ihm. Fünf Schritte entfernt. Hinter seiner Stirn arbeitete es.

Sheng lächelte grimmig.. „Lassen Sie die Waffe lieber liegen! Ich bin vor Ihnen dort, Mister!“

Die beiden arideren schienen die Erniedrigung ihres Anführers nicht länger ertragen zu können.

„Du verdammter chinesischer Bastard!“, brüllte einer von ihnen und stürzte vorwärts, um Sheng zusammenzuschlagen. Sein Kumpel sprang hinterher. Die Colts wie Schlageisen in den Fäusten, rückten sie auf den großen Mann zu.

„Er ist nicht bewaffnet!“, rief die Frau wieder.

Sheng sah aus den Augenwinkeln, dass sie einen Schritt zurücktrat, und dass ihre Hände zu den Colts zuckten. Einen Lidschlag später befand er sich in voller Aktion. Steif wie ein Brett, die gespreizten Füße voran, flog er den Männern entgegen. Wie vom Blitz gefällt krachten die beiden zu Boden. Sheng landete auf dem Rücken. In einer geschickten Rolle fing er den Fall auf und war sofort wieder auf den Beinen.

Seine Gegner hatten Mühe, wieder hochzukommen. Halb betäubt rappelten sie sich auf.

Der Kerl mit dem Oberlippenbärtchen wollte sich in Richtung seines Colts werfen. Doch er erstarrte, als er Sheng wie eine aus der Halterung fliegende Stahlfeder auf die Beine kommen sah.

„Verschwindet!“, sagte die Frau mit fester Stimme. Ihre Colts waren unmissverständlich auf die Männer gerichtet.

Sheng ging zu ihr, nahm ihr beide Waffen ab, schob ihr eine ins Halfter und bedrohte mit der anderen die drei Männer.

„Ja! Verschwindet und kommt nie wieder! Lasst euch hier nicht wieder sehen!“, sagte er beherrscht.

Die beiden wagten nicht, die Colts aufzuheben. Der Mann mit dem Oberlippenbärtchen richtete sich auf.

„Ihr werdet eine Menge Schwierigkeiten bekommen“, knurrte er - und trollte sich.

„Nehmt die Revolver mit!“, sagte Sheng.

Nein! Er wollte die Männer nicht demütigen. Gefahr sollte man nicht herausfordern. Schon gar nicht auf solche Weise. Sie hatten gespürt, an wen sie geraten waren. Im vollen Umfange würde es ihnen schon noch dämmern.

Vorsichtig hoben die drei ihre Colts auf und steckten sie in die Halfter. Dann machten sie sich davon. Sie strebten zum Canyonausgang. Dort entdeckte Sheng ihre Pferde, als er ihnen nachschaute.

Sein alter chinesischer Lehrmeister fiel ihm ein, Li Kwan, der oberste Mönch des Klosters vom Weißen Lotus.

„Sei nie ein grausamer Feind“, hatte der alte Mönch oft genug gelehrt. „Nennen die Guten dich gut, sei zufrieden. Aber strebe auch danach, dass die Schlechten dich gut nennen können. Das ist die Güte der Tugend und ihre Weisheit.“

„Wir hätten die Kerle erschießen müssen“, sagte die Frau, als die Reiter verschwunden waren.

Sheng drehte sich nach ihr um und lächelte. „So gefährlich sind sie nicht! Was hätten wir von ihrem Tod?“

„Sie werden wiederkommen!“, behauptete die Frau.

„Die drei?“, lächelte Sheng. „Ich glaube nicht, Ma’am! Jedenfals kommen sie uns nie wieder so nah.“

„Das war Joker mit seinen Freunden!“

„Ich bin Sheng!“

Sie lächelte verwirrt. „Entschuldigen Sie, dass ich uns noch nicht vorgestellt habe. Ich bin Betty Howard. Mein Bruder heißt Matt!“

„Es wird Zeit, dass wir uns um ihn kümmern!“

Sie ging zu Matt und kniete neben ihm nieder. Er kam gerade zu sich. Doch das sah Sheng nicht. Er betrachtete die Frau, und bei diesem Anblick fielen ihm wieder Worte von Li Kwan ein:

Offenbare dein einfaches Selbst!

Umfasse deine Urnatur!

Beherrsche deine Selbstsucht!

Bezähme deine Begierden!


*


Er blickte kurz in die Ferne, um sein Chi zu sammeln und sich von ihm helfen zu lassen. Dann ging er zu den beiden.

Matt Howard sah ihn mürrisch an. „Ein Chink? Was hat er hier zu suchen?“, fragte er seine Schwester.

„Sheng!“, entgegnete sie. „Sheng ist sein Name. Er hat mir geholfen, dich ins Camp zu bringen.“

Matt Howard musterte den großen Mann mit den leicht geschlitzten Augen. „Erwarte nicht, dass ich vor Dankbarkeit zerfließe. Betty wird dir zu essen geben. Damit ist es abgegolten.“

„Joker ist hier gewesen“, sagte Betty. „Mit Hank Sullivan und Joe Pastor!“

„Was?“, fragte Matt Howard überrascht und stemmte sich auf die Ellenbogen. Er ließ sich aber sofort wieder zurücksinken und stöhnte. „Wo sind sie?“ .

„Sheng hat sie verjagt“, erklärte ihm Betty.

„Was?“, fragte Matt Howard wieder. Abermals glitt sein Blick über Shengs Gestalt. Es war Sheng klar: Er suchte die Waffe. Aber den Colt hatte er Betty schon zurück gegeben.

Sheng lächelte.

Matt Howard sah seiner Schwester in die Augen. Sie nickte.

Matts Blick glitt von einem zum anderen. Dann wechselte er das Thema. „Ich muss mir das Kreuz gebrochen haben“, sagte er stöhnend und mit schmerzverzerrtem Gesicht. „Sieh nach Betty! Dreh mich auf den Bauch.“

Sheng ging ihr sofort zur Hand. Matt war schließlich ein massiger Mann.

„Ich glaube nicht, dass Sie sich etwas gebrochen haben, Mister Howard.“

Er zog ihm Jacke und Hemd hoch und befühlte das Rückgrat.

„Starke Prellungen!“, stellte er fest. „Nichts Schlimmes! Aber bis Sie wieder auf einem Pferd sitzen können, werden Tage vergehen, wenn nicht Wochen.“

Matt Howard fluchte. „Wir brauchen den schwarzen Mustang und seine Herde! Und ausgerechnet jetzt, wo er mal wieder hier ist...“

„Der Hengst wird mit seiner Herde auch später noch kommen“, sagte Sheng.

„Verstehst du etwas von Pferden?“, fragte Matt Howard gespannt.

Sheng lächelte. „Ein bisschen!“

„Willst du bleiben und meiner Schwester zur Hand gehen?“, fragte Matt Howard. „Sie ist eine verdammt gute Reiterin.“

„Aber Matt! Sieh die Korrals! Joker und seine Kumpane haben uns alles zerschlagen. Sobald es dir besser geht, sollten wir zur Ranch zurückkehren.“

Matt Howard musterte Sheng wieder. „Du bist doch Arbeit gewöhnt?“

„Natürlich!“, erwiderte Sheng.

„Aber Joker!“, erinnerte Betty verzweifelt. „Er wird wiederkommen. Clanton hat ihn uns auf den Hals gehetzt. Das hat er selbst gesagt.“

„Dieser Clanton!“, zischte Matt Howard erregt. „Sobald ich nur auf meinen Beinen stehen kann, wird er mir das büßen.“

Er wälzte sich auf die Seite, stemmte sich auf den Ellenbogen und wollte noch mehr sagen. Aber die Schmerzen verschlossen ihm den Mund. Er ließ das Gesicht auf Bettys Knie sinken und stöhnte.

„Sie müssen auf dem Rücken liegen bleiben“, sagte Sheng. „Und zwar fest. Sonst werden Sie ewig Last damit haben.“

Matt Howard fluchte wieder, ohne dass er aufsah.

Betty schaute Sheng an. „Wir sollten ihn in die Höhle tragen. Da ist es nicht so heiß.“

Sheng nickte. Er bückte sich und nahm den großen Mann wieder auf die Arme. Betty wollte ihm behilflich sein. Doch Sheng drängte sie sanft zurück und trug Matt in die Höhle.

Es handelte sich um ein sehr geräumiges Felsenloch, das sich die Geschwister wohnlich hergerichtet hatten. Im rückwärtigen Teil standen zwei Pritschen. Auch ein Tisch und Stühle waren vorhanden. Kisten, in denen sich Geschirr und Proviant befanden, stellten einen Schrank dar.

„Du bist ein verdammt starker Kerl“, sagte Matt Howard stöhnend, als Sheng ihn auf eine Pritsche legte. „Und ich habe immer geglaubt, ihr Chinks, ihr seid nur kleine Mickermänner.“

„Beleidige ihn doch nicht!“', sagte Betty.

„Er hat mich nicht beleidigt“ behauptete Sheng.

„Da hörst du es!“, lachte Matt Howard. „Wieso bist du so groß geraten? Ich habe schließlich schon viele Gelbe gesehen.“

„Mein Vater ist Amerikaner!“

„Na also!“, sagte Matt Howard zu seiner Schwester. „Ich wusste doch, dass ich mich nicht täusche. Aber wie hast du Joker geschafft? Ich sehe an dir keine Waffe. Und Hank Sulivan war dabei, dieses verdammte Schlitzohr?“

Betty nickte. „Ja! Sullivan und Pastor.“

„Ich habe den Revolver Ihrer Schwester benützt“, antwortete Sheng. „Einen davon.“

„Aber da war schon längst alles vorbei!“, erklärte Betty. „Er hat zuerst Joker zu Boden gestoßen. Dann Sullivan und Pastor.“ Sie sah Sheng an. „Noch nie habe ich einen Mann auf diese Weise kämpfen sehen.“

Matt Howard machte schmale Augen. „Kümmere dich ums Essen, Betty! Unser Chink wird bestimmt Hunger haben. Ah, verflucht! Ich kann ja nicht mal richtig den Kopf bewegen.“

„Sheng hat es dir doch gesagt! Du musst ganz ruhig liegen bleiben.“

Sheng nickte, und Betty ging hinaus. Die Männer sahen sich an.

„Du gefällst mir, Chink!“, sagte Matt Howard und lächelte. „Willst du bei uns bleiben? Ich könnte einen Helfer gebrauchen. Allerdings, Bezahlung ist nicht drin. Es geht nur fürs Essen. Vorläufig jedenfalls. Doch später, wenn meine Pferdezucht mal Gewinn abwirft, würde ich dafür um so besser bezahlen.“

„Ich bleibe, bis Sie wieder gesund sind, Mister Howard!“

Betty hantierte draußen mit einem Topf. Matt blickte zum Eingang und sah dann Sheng wieder an.

„Ach so! Ich verstehe“, sagte er langsam und schüttelte trotz der Schmerzen energisch den Kopf. „Das schlage dir mal aus dem Schädel, Junge!“, sagte er. „Ein Gelber! Nie würde ich das zulassen.“

Sheng lächelte. „Wenn Sie mich brauchen, rufen Sie mich, Mister Howard. Es gibt draußen viel zu tun.“

„Ja geh!“

Sheng machte kehrt und ging hinaus. Betty hatte die Kochstelle bereits wieder hergerichtet.

„Wir benötigen eine ziemliche Menge Holz, Ma’am!“, sagte er. „Die Zäune und Stangen sind nur noch als Brennholz zu verwenden. Die Kerle haben ganze Arbeit gemacht.“

Sie sah auf und lächelte. „Warum so förmlich, Sheng? Sagen Sie doch nicht Ma’am zu mir. Ich heiße Betty. Ich dachte immer, es wäre ein hübscher Name.“

„Das ist er auch! O ja!“

„Na also!“

Sheng nickte. „Betty!“


*


Sugar Clanton lehnte sich in dem weichen Ziegenledersessel zurück. Der Tränensack unter seinem rechten Auge zuckte verräterisch. Er war wütend. Sein Blick wanderte.

Vor ihm standen Joker, Sullivan und Pastor. Zu seiner Linken saß Nathan Montellier, der in allen Fragen sein engster Vertrauter war. Auf der Kante eines Schreibtisches hockte Wes Gruber, der Advokat, der jedoch noch nie sein volles Vertrauen besessen hatte.

„Ihr seid ausgewachsene Männer – Revolvermänner!“, rief er polternd. „Aber euer Geld seid ihr nicht wert.“

Joker breitete kurz zu einer unschuldsbeteuernden Geste die Arme aus.

„Wir hatten heute einfach keine Chance!“, behauptete er. „Nachdem wir alles kurz und klein geschlagen hatten, kamen sie auf einmal an. Zu dritt! Die Howards mit einem verdammten Chink. Und du weißt doch, wie dieses Weib schießt. Es blieb uns nichts anderes übrig, wir mussten erst einmal in Deckung gehen.“

„Ein Chink! Das ist doch lachhaft!“, zischte Clanton.

Sulivan rieb sich die Magengrube. „Ja - ein Chink! Aber dieser gelbe Hurensohn ist groß und breit wie ein Schrank. Auf seinen Armen hat er Matt Howard durch den ganzen Canyon getragen.“

Wes Gruber, der Advokat lächelte belustigt. „Was? Hat sich Matt Howard jetzt einen Träger zugelegt, um nicht mehr laufen zu müssen?“

Jokers Blick kam zu spät.

„Nein!“, sagte Pastor. „Matt Hover war bewusstlos.“

Clanton schlug die Hände auf die Sessellehnen. „Zum Henker! Was ist das für ein Bericht? Eben habt ihr noch behauptet, dass ihr nichts tun konntet, weil euch die Hunde dort zu dritt unter Feuer genommen haben. Nun höre ich, dass ihr es mit einem einzelnen Mann zu tun hattet. Auch noch mit einem Chink!“

Wieder kam Jokers warnender Blick zu spät.

„Ja!“, sagte Pastor. „Aber dieser Kerl hat einen Tritt wie ein Pferd. Mir ist jetzt noch nicht ganz klar, wie ich auf den Boden und hinterher wieder auf die Beine gekommen bin. Das ging blitzschnell! Ich habe seinen Schlag gar nicht kommen sehen. Ich dachte, er fasst sich an den Hut. Aber da lag auf einmal Joker da. Ich wollte mir den Schweinehund greifen. Aber da explodierte irgendetwas. So kam es mir jedenfalls vor. Im selben Moment lag ich schon am Boden. Neben mir Sullivan! Den muss er zur gleichen Zeit erwischt haben. Stimmst’s Hank?“

Hank Sullivan schoss das Blut ins Gesicht. Von diesem Bericht wurde er genauso entlarvt wie Joker. Beiden war Pastors Gerede äußerst peinlich.

„Was denn, was denn!“, knurrte Clanton wild. „Ihr habt mit diesem Drecksack gekämpft? Das höre ich ja zum ersten Mal! Das kann doch nicht wahr sein! Drei meiner bestbezahlten Männer lassen sich von einem Chink verprügeln? Soll ich mich totlachen? Erzählt ihr mir das vielleicht deshalb? Oder soll ich in Tränen ausbrechen, weil ich seit Jahren mein Geld zum Fenster hinauswerfe? Wofür habe ich euch? Vielleicht um die ganze Dreckarbeit selbst zu machen, he?“

„Der Solarplexus, Sir das ist ein Punkt, wenn Sie da eine draufkriegen, fliegen Ihnen die Ohren weg“, sagte Pastor. „Und genau dorthin habe ich einen Hieb oder Tritt erhalten. Aber noch ist ja nicht aller Tage Abend. Ich denke, dass wir gleich morgen früh nochmals hinausreiten. In aller Herrgottsfrühe, verstehen Sie! Und wir sollten noch zwei Mann zur Verstärkung mitnehmen.“

„Was ist mit Matt Howard geschehen?“, wandte sich Clanton wütend an Joker. „Wieso hat ihn dieser Chink getragen?“

Joker zuckte die Schultern. „Ich glaube, er ist vom Pferd gestürzt. Der schwarze Hengst ist wieder im Canyon gewesen. Da ist doch Matt Howard nicht zu halten und nicht zu bremsen. Ich denke mir, dass dabei etwas passierte.“

Clanton senkte die Lider. „Und das mit den Zäunen? Stimmt das wenigstens so?“

„Das kann ich beschwören!“, beeilte sich Joker zu versichern. „Da ist nichts mehr zu nageln oder zu leimen. Es wird Tage dauern, bis die Howards mit ihrem Chink neues Holz herangefahren haben. Dann kommt das Zuschneiden und Neusetzen. Sie müssen noch einmal ganz von vorn anfangen. Wochen werden vergehen..

„Nichts wird vergehen!“, unterbrach ihn Clanton wütend. „Habe ich euch etwa nur hinausgeschickt, dass ihr Matt Howard nur mal so ein bisschen bei der Arbeit stört. Dieser Bastard soll verschwinden. Das ist das Ziel gewesen.“

„Den Schwarzen und seine Herde Matt Howard vor der Nase wegzuschnappen, wäre doch auch ein Spaß, Sir!“, warf da Nathan Montellier ein. „Soll er doch Holz reinschleppen in den Canyon, Pfosten einstampfen und alles noch mal neu aufbauen. Wenn Sie ihm den Schwarzen und seine Herde abgejagt haben, kann er dort nur noch auf Füchse warten, die ihm in den Fangkorral gehen.“

Clanton blickte ihm in die Augen. „Gute Idee, Nath!“, sagte er spöttisch. „Darauf wäre ich selbst gar nicht gekommen. Sagst du mir vieleicht auch, wer von unseren Extramännern dieses Kunststück vollbringen könnte? Oder hast du gar an dich selbst gedacht?“

„Das wäre doch nicht schwierig“, erwiderte Nathan Montellier gelassen. „Wichtig ist nur, dass Matt Howard den Hengst nicht bekommt. Sie sind doch auf dieses Tier nicht angewiesen.“

„Abknallen?“, fragte Clanton betroffen.

Nathan Montellier zuckte die Schultern. „Dieser schwarze Teufel ist nicht leicht zu fangen. Er würde ein Dutzend unserer Leute tagelang binden. Aber es könnte auch Wochen dauern. Eine Kugel wäre eine glatte und schnelle Sache.“

„Bist du verrückt!“, polterte Clanton. „Der Schwarze besitzt eine Herde von fünfzig Tieren. Glaubst du wirklich, ich nehme das auf mich, sie alle abzuschlachten? Kennst du die Leute auf einmal nicht mehr? Nicht einmal die Straßenköter würden mich danach noch angucken. Zum Teufel, etwas Besseres fällt dir wohl nicht ein! Um mir hier einen guten Namen zu machen, habe ich Unsummen spendiert. Die Schule, die neue Kirche und die Brücke über den Fluss - das alles ist von meinem Geld gebaut worden. Die Leute achten und verehren mich. Du weißt doch selbst, was ich alles schon getan habe. Soll das zum Fenster hinausgeschmissen sein, was ich an Geld aufgewendet habe, nur um Ansehen in der Stadt zu erwerben?“

„Ihr Name brauchte doch damit gar nicht in Verbindung gebracht zu werden“, meinte Nathan. „Wir könnten ein paar Leute anwerben ...“

„Nein!“, bellte Clanton. „Davon will ich nichts wissen, verdammt noch einmal. Wildpferde abschlachten! Ich bin froh, dass es sie noch gibt. Jedes Mal, wenn ich sie dort draußen sehe, erinnert mich ihr Anblick an die alten Zeiten. Daran, wie’s damals war, als ich hier angefangen habe. Nein und noch einmal nein! Zum Teufel mit den Hundesöhnen, die den Schwarzen und seine Herde fangen wollen, um eine Pferdezucht aufzubauen.“

Er stand auf und zog sich die Jacke glatt.

„Ich lege es in deine Hände, Nath!“, sagte er ungehalten. „Finde heraus, was mit Matt Howard geschehen ist. Vielleicht hat er sich das Kreuz gebrochen und ist bereits tot. Ich will es morgen wissen! Vor allem aber schicke mir den Chinesen zur Hölle. Dass das geschehen ist, will ich morgen ebenfalls hören. Sollte Matt Howard tot sein, wird seine Schwester bestimmt aufgeben. Lass sie wissen, dass ich bereit bin, für die heruntergekommene Ranch einen fürstlichen Preis zu bezahlen.“

Er stapfte zur Tür und ging hinaus. Nathan Montellier und der Advokat erhoben sich. Die Tür fiel ins Schloss, dass es wie ein Gewehrschuss krachte.

Nathan Montellier sah die Revolvermänner gereizt an. „Ihr Pfeifen! Auf meinen Knochen bleibt es nun wieder sitzen.“

Joker reckte sich. „Den Chink übernehmen wir! Wir reiten gleich noch mal hinaus.“

„Well, den Bastard biegen wir über den Leisten und stampfen ihn in den Boden“, sagte Hank Sullivan entschlossen. „Und zwar drei Fuß tief.“

„Von mir kriegt dieser Skunk eine ganz besondere Abreibung“, sagte Joe Pastor grimmig.

„Bevor ich euch drei nochmal allein hinausschicke, soll mich der lebendige Teufel holen!“, knurrte Nathan Montellier. „Sagt den anderen Bescheid. Wir reiten drei Uhr nachts los, damit wir im Morgengrauen an Ort und Stelle sind.“

„Mit allen Leuten?“, fragte Joker ungläubig. Hank Sullivan und Joe Pastor grinsten geradezu mitleidig.

„Eine Pleite genügt Clanton, und mir auch!“, zischte Nathan Montellier grimmig. „Ich werde nicht vergessen, dass wir es euch zu verdanken haben.“

Die drei gingen sofort zur Tür und verließen hintereinander den Raum, ohne sich noch einmal umzusehen.

„Mister Clanton sollte seine Taktik ändern“, sagte der Advokat, nachdem die Tür zu war. „Matt Howard ist doch ein Mann mit einer ziemlichen Vergangenheit. Warum setzt er nicht da den Hebel an?“

„Weil ihm nichts nachzuweisen ist“, sagte Nathan Montellier. „Dass man damit nicht operieren kann, sollten Sie als Advokat doch wissen.“

„Da wüsste ich aber ein Mittel!“ Nathan Montellier verzog das Gesicht. „Wollen Sie vielleicht einen von Matt Howard durchgeführen Bankraub inszenieren?“

„Muss ja nicht gerade ein Bankraub sein“, sagte der Advokat. „Ein Viehdiebstahl würde die öffentliche Meinung auch schon beeinflussen.“

Nathan Montellier winkte ab. „Ich werde das Problem lösen. Auf meine Weise und bis morgen.“

„Das alles geht doch auf Mord hinaus!“, gab der Advokat zu bedenken.

Nathan Montellier starrte ihn an. „Wenn mich so ein Schweinehund angreift, reden Sie von Mord? Ich dachte immer, das heißt Notwehr!“

Der Advokat schüttelte den Kopf. „Kein Mensch wird Ihnen abnehmen, dass Sie von Betty Howard angegriffen worden sind.“

„Ich werde die Sache schon so hinstellen, dass man mir das glaubt. Aber sie wird dabei nicht sterben. Jedenfalls nicht gleich. Es muss ja jemand übrigbleiben, von dem Clanton die Ranch erwerben kann.“

Er trat an Clantons Schreibtisch, nahm sich eine seiner Zigarren und steckte sie an.

„Die harte Tour ist immer die beste“, sagte er paffend, „weil sie endgültige Resultate schafft. Aber dazu müssen Sie Ihren Segen nicht geben.“

„Den würden Sie auch nicht bekommen“, versicherte Wes Gruber kühl. „Mir liegen mehr die eleganten Lösungen.“

Nathan Montellier lachte. „Das hört sich ja so an, als hielten Sie sich damit schon bereit. Aber Sie verschwenden nur Ihre Zeit. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Ihre Dienste in dieser Angelegenheit gefragt sind. Mir ist zu Ohren gekommen, dass Betty Howard Ihnen gefällt. Aber ich muss Sie da enttäuschen. Clanton hat keinen Auftrag für Sie, der Sie in Betty Howards Nähe bringt. Es sei denn, Sie reiten heute Nacht mit mir. Aber ich sage Ihnen jetzt schon, da fallen nur Schüsse und keine zärtlichen Worte.“

Dem Advokaten schoss das Blut ins Gesicht. „Wie sprechen Sie mit mir? Ich bin nicht Joker!“

„Stimmt!“, erwiderte Nathan Montellier. „Sonst hätte ich Sie längst hinausgeschmissen.“

Wes Gruber reckte sich. Er öffnete den Mund, schloss ihn aber wieder. Nathan Montellier hatte den Raum bereits verlassen.

Wes Gruber setzte den Hut auf und nahm die Aktentasche vom Tisch. Langsam ging er zur Tür. Als er aus dem Zimmer trat, kehrte Clanton zurück.

„Sie sind noch hier, Gruber?“, lächelte der Rancher. „Gibt es denn noch Fragen?“

„Ja!“, sagte Wes Gruber. „Wieviel würden Sie für die Howard Ranch bezahlen? Ich meine, wie hoch würden Sie notfalls gehen?“

„Ich bin doch an der Ranch gar nicht interessiert!“, lachte Clanton. „Ich will nur keinen Konkurrenten haben. Pferdezüchter in dieser Gegend bin ich und sonst niemand. Das muss und wird so bleiben.“ Ein kaltes Licht erschien in den Augen des Ranchers als er fortfuhr: „Man nennt mich nicht umsonst den Mustang-König. Ich besitze hier die Macht. Und keiner wird sie mir streitig machen.“

Wes Gruber nickte. „Das meinte ich damit! Wie hoch würden Sie gehen? Sie könnten den Howards für die Ranch ja auch ein faires Angebot unterbreiten.“

Clanton lächelte bleich.

„Ein faires Angebot? Gruber, Sie sind wohl nicht bei Trost! Ich habe doch Sie und meine Revolvermänner nicht engagiert, um irgendwelchen Leuten faire Angebote zu unterbreiten. Wer, zum Henker, ist denn jemals mir gegenüber fair gewesen?“ Er lachte. „Nicht einmal mein Vater! Als ich vierzehn wurde, verlangte er von mir, dass ich ihn mal für eine Weile ernähre. Mein eigener Vater hat das von mir verlangt. Das müssen Sie sich vorstellen!“

„Was haben Sie geantwortet?“

Clanton war verblüfft über die Frage.

„Nichts!“, sagte er. „Ich habe gewartet, bis er sich umgedreht hat. Dann habe ich ihm in den Hintern getreten und bin abgehauen. Das Pferd hatte ich schon vorher gesattelt. Das einzige, das wir besaßen. Er war so betrunken, dass er wohl nie erfahren hat, wer ihn getreten und ihm das einzige Pferd gestohlen hat. Mit diesem Pferd habe ich hier angefangen. Sie wissen ja selbst, was ich damit auf die Beine gestellt habe. Bei ihm wäre dieser Braune eines Tages doch nur verhungert. Aber nun halten Sie mich nicht für einen undankbaren Menschen. Als ich hier fest auf den Füßen stand, habe ich eine Kutsche mit einer Eskorde von fünf erstklassigen Reitern losgeschickt, um meinen Vater herzuholen. Aber da war er schon tot.“

„Ja, es gibt Leute, die brauchen aber auch für nichts Zinsen zu zahlen!“

Clanton lachte amüsiert. „Gut formuliert, Gruber! Man merkt, dass Sie ein studierter Mann sind. Aber nun mal los! Sie haben eine weiche Stelle von mir erwischt. Setzen Sie einen Vertrag für Betty Howard auf. Ich kaufe die Ranch für ... fünfhundert Dollar!“

„Sir! Die Ranch wäre das Zehnfache wert“, sagte Gruber. „Das Land, die Weidegründe und das Wasser!“

Clanton nickte. „Ich weiß! Aber denken Sie an all die Unkosten, die ich habe! Sie kosten mich Geld! Meine Revolvermänner müssen bezahlt werden. Diesen ganzen verdammten Apparat muss ich in Schwung bringen, um die Ranch überhaupt kaufen zu können. Oder glauben Sie vielleicht, Matt Howard, der ehemalige Bandit würde seine Ranch für fünftausend Dollar hergeben?“

„Haben Sie es versucht?“

„Dann hätte ich Sie und meine Revolvermänner ja erst einmal zum Teufel schicken müssen!“

„Ich danke Ihnen! Sie haben meine Frage erschöpfend beantwortet“, sagte Wes Gruber und ging zur Treppe.

Clanton sah ihm argwöhnisch nach. „Gruber, Sie leben von mir, seitdem Sie sich hier als Advokat niedergelassen haben. Ihre Anzüge und Ihr Körpergewicht können sich seitdem sehen lassen.“

Der Advokat blieb an der Treppe stehen. „Ja, das hatte ich ganz vergessen. Ich werde den Kaufvertrag für Betty Howard vorbereiten.“

„Tun Sie das!“, knurrte Clanton und ging weiter.


*


Blutrot war die Sonne jenseits des Canyons versunken. Der Himmel färbte sich tiefblau, und die weißen Wolkenschleier wurden allmählich unsichtbar. Weit im Osten blinkten die ersten Sterne. Einsam verhallte der Schrei eines Pumas in der Ferne.

Matt Howard hatte geschlafen. Er hob ein wenig den Kopf.

Betty sah auf. „Ein Puma, Matt! Drüben in den Bergern“

„Ich höre einen Reiter!“, sagte Matt Howard.

Erst in diesem Augenblick vernahm auch Sheng den Hufschlag. Er stand auf und wollte hinausgehen.

„Halt!“, sagte Matt Howard wild und griff nach dem Gewehr, das auf seiner Pritsche lag. Mit einer wütenden Bewegung schleuderte er die Waffe Sheng vor die Füße. „Knall ihn ab! Frag nicht erst. Gesprochen wird hier nur noch unter uns dreien.“

Sheng bückte sich und fing das Gewehr mit einer blitzschnellen Bewegung auf, noch ehe es den Boden berührte.

„Sheng!“, raunte Betty entsetzt und sprang auf.

Sheng lächelte und ging mit dem Gewehr hinaus. Es war ein einzelner Reiter. Er kam den steilen Hang beim Canyoneingang heruntergetrabt, obwohl es besser gewesen wäre, dort langsam zu reiten. Der Rappe geriet auch einige Male ins Stolpern. Doch der Mann fing ihn wieder und trieb sein Tier in einen hastigen Galopp. Der Reiter kam aus der Stadt. Das verriet nicht nur die Richtung, sondern auch sein Anzug. Als er sein Pferd aufnahm und die letzten hundert Yard im Schritt ritt, weil er Sheng gesehen hatte, trat Betty aus der Höhle.

„Er ist allein!“, sagte Sheng.

Betty ging dem Mann ein paar Schritte entgegen. „Mister Gruber!“, rief sie erstaunt.

Der Reiter hielt und saß ab. Er lüftete den Hut. „Miss Howard, ich muss mit Ihnen reden.“

„Sheng!“, brüllte Matt Howard in der Höhle.

Sheng ging hinein. Matt Howards Gesicht war dunkel. Er kochte regelrecht vor Wut. Mühsam richtete der Verletzte sich von seinem Lager auf.

„Das ist Clantons Advokat!“, zischte er. „Nimm das Gewehr und knall ihn ab!“

„Er ist allein und möchte mit Ihrer Schwester sprechen“ sagte Sheng.

„Kannst du nicht hören, verdammt!“, keuchte Matt Howard wild. „Knall ihn ab! Das ist ein Befehl.“

Er zitterte vor ohnmächtiger Wut darüber, dass er dazu selbst nicht imstande war.

„Mister Howard, Sie können mir nicht befehlen, einen Menschen zu töten.“

„Du bist mein Helfer! Also tu, was ich dir sage!“, schrie Matt Howard.

Sheng schüttelte den Kopf. „Ich bin nicht Ihr Helfer! Ich helfe Ihrer Schwester.“

Matt Howard starrte ihn an. „Du verfluchte gelbe ...“

Betty trat mit dem Advokaten in die Höhle. Sheng trat zur Seite. Der Mann musterte ihn kurz, aber trotzdem sehr genau.

„Mister Gruber ist hergekommen, um uns zu warnen“, sagte Betty und trat zu ihrem Bruder. „Er rät uns dringend, den Ganyon zu verlassen. Sofort!“

Matt Howard betrachtete den Advokaten mit einem flammenden Blick.

„Sie verfluchter Hundesohn!“, bellte er. „Scheren Sie sich zum Teufel! Hauen Sie ab! Und lassen Sie sich hier nie wieder blicken. Nicht hier und nicht auf unserer Ranch. Sie können von Glück sagen, dass ich an diese verdammte Pritsche gefesselt bin und mich nicht rühren kann. Erwürgen würde ich Sie sonst. Sie und Clanton!“

„Matt, ich bitte dich!“, rief Betty verzweifelt. „Sei still! Sag nichts! Mister Gruber will uns doch helfen.“

Howard starrte seine Schwester wütend an. „Bist du verrückt? Wie kannst du ihm das glauben? Weil er mal hinter dir her gewesen ist? Diese Ratte ist Clantons Mann! Ratten können nur nagen und nicht helfen."

„Ich kann Ihren Zorn verstehen“, begann Gruber heiser. „Er ist für mich völlig verständlich. Aber versuchen Sie um Himmels willen Ihren Groll zu vergessen, und denken Sie an Ihre Schwester.“

„An meine Schwester soll ich denken!“ Matt Howard lachte hasserfüllt. „An die denken Sie doch schon!“

„Matt!“, unterbrach ihn Betty, setzte sich zu ihm und legte ihm die Hände beschwörend auf die Brust. „Höre Mister Gruber doch wenigstens einmal an. Im Morgengrauen kommen Clantons Revolvermänner in den Canyon, um dich und Sheng zu töten und mich zu zwingen, die Ranch an Clanton zu verkaufen. Sobald ich unterschrieben habe, werden sie auch mich töten.“

Matt Howard starrte den Advokaten wild in die Augen. „Diesen Vertrag haben Sie wohl schon mitgebracht?“

„Lassen Sie uns das nicht zerreden, Matt!“, drängte Gruber mit bebender Stimme. „Wir verlieren nur Zeit.“

„Mister Gruber riskiert für uns sein Leben!“, rief Betty eindringlich.

„Mein Leben vielleicht nicht“ berichtigte Gruber. „Aber bestimmt meinen Job und meine Existenz in der Stadt.“

„Mister Gruber schlägt vor, dass wir uns auf die Ranch zurückziehen“, sagte Betty. „Clantons Revolvermänner werden auch dorthin kommen. Doch bis dahin wird der Sheriff da sein. Mister Gruber wird ihn informieren.“

„Ich denke nicht daran, mich vor Ratten feige zurückzuziehen!“ zischte Matt Howard. „Ich kann mich ohnehin nicht rühren. Also bleibe ich. Ich werde hier auf die Hurensöhne warten und sie gebührend empfangen, sobald auch nur einer seine Visage in die Höhle steckt.“ „Sheng und ich bringen dich weg!“ sagte Betty.

„Das wirst du nicht tun!“ bellte Matt Howard. „Sheng, mein Gewehr!“

„Sind Sie doch vernünftig, Mister!“ wandte sich Gruber an Sheng. „Helfen Sie Miss Betty. Ich habe gehört, dass Sie drei von diesen Männern überwältigt haben. Doch im Morgengrauen werden mehr als ein Dutzend Leute hier auftauchen. Sie haben gar keine Chance. “

„Sheng, bitte! Helfen Sie mir!“, sagte Betty.

„Das wirst du nicht tun!“, knurrte Matt Howard wütend. „Sheng, ich bin hier der Boss. Nicht meine Schwester!“

„Nehmen wir den Wagen?“, wandte sich Sheng an Betty.

Sie nickte sofort.

„Gelber Hund!“, schimpfte Matt Howard.

„Mit Ihren Freunden gehen Sie nicht gerade zimperlich um“, sagte der Advokat. „Wer Sie so reden hört, könnte Sie glatt für Clanton persönlich halten. Sie haben viel mit ihm gemein, genau betrachtet unterscheidet sie beide nur sein Reichtum.“

„Verschwinden Sie!“

Sheng legte das Gewehr auf eine Kiste und ging hinaus, um den kleinen Farmerwagen fertigzumachen. Der Advokat folgte ihm.

„Es freut mich für Betty, dass Sie da sind, Mister“, sagte er leise. „Sie sollen Chinese sein? Sie sehen gar nicht so aus!“

„Wäre das schlimm?“

„Entschuldigen Sie, Sheng! So habe ich das nicht gemeint.“

„Mein Vater ist Amerikaner.“

Sie bleiben neben dem Wagen stehen. „Sie sagen das, als suchten Sie ihn. War er drüben?“

Sheng lächelte. „Ja, es ist so, wie Sie vermuten Mister Gruber“, sagte er. „Mein Vater lernte meine Mutter in China kennen. Aber er musste das Land Hals über Kopf verlassen, um nicht getötet zu werden.“

Gruber ergriff Shengs linke Hand und schob den Jackenärmel zurück. Shengs Unterarme waren tätowiert. Auf dem linken trug er das Zeichen der Schlange, auf dem rechten das des Tigers. Gruber besah sich beide Tätowierungen.

„Sie sind ein Priester!“, sagte er und lächelte überrascht.

„Ich gehöre dem Weißen Lotus an“, erwiderte Sheng freimütig. „Meine Mutter durfte mich nicht behalten. Es wäre ihr Tod gewesen. Die Mönche vom Kloster des Weißen Lotus haben mich aufgezogen und ausgebildet.“

„Kung Fu!“, sagte Gruber lächelnd „Davon habe ich vor Monaten gehört. Als die Männer, die Sie hier überwältigt haben, Clanton berichteten, fiel es mir gleich wieder auf. Kümmern Sie sich um Betty! Helfen Sie ihr. Ihr Bruder ist ein ehemaliger Bandit. Überreden Sie Betty, die Sache hier aufzugeben. Niemand ist Clanton gewachsen. Und Sie, junger Mann, haben mit Ihrer Kampfweise gegen zwölf Revolvermänner auch keine Chance. Der Tiger ist mutig, die Schlange ist listig, ich weiß! Aber Blei ist schneller. Es tötet den Tiger und auch die Schlange. Beide denken. Blei aber ist hirnlos. Ist das in einer für Sie verständlichen Sprache gesagt?“

„Durchaus!“

Gruber klopfte ihm auf die Schulter. „Ich verlasse mich auf Sie, Sheng! Wenn Sie hier in einem Abhängigkeitsverhältnis stehen, befolgen Sie Bettys Anweisungen. Ihr Bruder ist auch hirnlos!“

Er wollte zu seinem Pferd gehen, aber Betty kam heraus.

„Ich danke Ihnen, Mister Gruber“, sagte sie und ergriff seine Hand.

„Aber nicht doch!“, sagte Gruber. „Nicht der Rede wert. Sehen Sie zu, dass Sie mit Ihrem Bruder wegkommen. Sheng wird Ihnen helfen. Aber noch etwas, Betty! Geben Sie hier auf! Ihr Bruder ist Clanton nicht gewachsen. Wir haben einen Sheriff, doch es gelten nur Clantons Gesetze. Vergessen Sie das nicht. Eines Tages wird er die Vergangenheit Ihres Bruders ins Spiel bringen. Vielleicht morgen schon. Dann haben Sie die öffentliche Meinung auch noch gegen sich. Verkaufen Sie die Ranch! Ich helfe Ihnen und Ihrem Bruder, irgendwo einen neuen Besitz zu finden. Bieten Sie Clanton die Ranch an. Für fünftausend Dollar. Ich werde dafür sorgen, dass Ihr Angebot in dei Stadt bekannt wird. Da bleibt Clanton keine Wahl. Und Fünftausend sind doch ein annehmbarer Preis.“

Betty sah ihn schweigend an.

„Denken Sie wenigstens darüber nach!“, sagte Gruber und ging zu seinem Pferd. „Mit fünftausend Dollar in der Hand kommt Ihr Bruder überall vorwärts. Es muss doch nicht unbedingt hier sein. Fünftausend Dollar oder den Tod, da fällt die Wahl nicht schwer.“

Er saß auf und ritt weg. Die Dämmerung war hereingebrochen. Nach ein paar Pferdelängen war er im Schatten der Felswand verschwunden. Nur zu hören war er noch.

„Was sagen Sie dazu, Sheng?“, fragte Betty leise. „Fünftausend Dollar!“

„Der Vorschlag hörte sich vernünftig an!“, erwiderte Sheng.

„Aber mein Bruder ist nicht vernünftig!“

„Er ist im Augenblick nicht in der Lage, seinen Willen durchzusetzen. Und ich habe den Eindruck, dass Sie Mister Gruber trauen können.“

„Oh ja!“, sagte sie seufzend. „lhm können wir bestimmt trauen.“

Sheng lächelte. „Dann lohnt es sich doch, seine Vorschläge zu befolgen. Denken Sie darüber nach.“

„Wenn Sie meinen ...“

„Tun Sie das, Betty!“

„Würden Sie mir helfen, Sheng?“

„Aber ja.“

„Ich kann Sie im Moment nicht bezahlen, aber ich tue es, sobald ich die Ranch verkauft habe.“

„Geld bedeutet mir nichts!“

„Aber ... Sie sind doch arm!“

„Woher wissen Sie das, Betty?“

Sie musterte ihn im letzten Schein des Tageslichtes und lächelte.

„Es gibt verschiedene Arten arm zu sein. Wenn sie an Geld denken, haben Sie recht. Aber es ist jetzt nicht die Zeit, darüber zu reden. Kommen Sie! Ich trage Matt nach draußen. Dann schirren wir die Pferde ein.“

Er kehrte in die Höhle zurück.

„Rühr’ mich nicht an!“,, warnte ihn Matt Howard.

Sheng griff schweigend zu, hob ihn behutsam auf und trug ihn vorsichtig vor die Höhle. Betty folgte mit einigen Decken, die sie auf der Ladefläche ausbreitete.

„Wir werden miteinander abrechnen!“, krächzte Matt Howard.

„Gewiss!“, sagte Sheng.


*


Clanton stapfte wütend auf und ab. Diesmal stand Nathan Montellier vor ihm. Gruber, der Advokat, saß in einem Sessel und grinste verstohlen.

„Gut!“, sagte Clanton, warf wütend die Rechte hoch und blieb vor Nathan Montellier stehen. „Die Howards haben den Canyon geräumt. Aber weshalb, zum Teufel, habt ihr die Ranchgebäude nicht in Rauch und Flammen aufgehen lassen? Dort hattet ihr die Howards und den verdammten Chinesen doch alle beieinander, wie die Ratten in ihrem Nest.“

„Und der Sheriff?“, fragte Nathan Montellier. „Sollten wir ihn mit umlegen?“

Clanton winkte wütend ab und nahm die Wanderung wieder auf.

„Ich dachte, mich trifft der Schlag, als ich den Sheriff aus dem Ranchhaus kommen sah“, erklärte Nathan Montellier.

Clanton fluchte. „Wie ist dieser Hundesohn überhaupt dort hin gekommen?“

Nathan Montellier zuckte die Schultern. „Angeblich will er gehört haben, dass sich auf der Howard-Ranch ein angeschossener Mann befindet. Da wollte er nur mal nach dem Rechten sehen.“ Clanton fluchte wieder. „Das sieht mir aber verdammt komisch aus!“

„Eine ziemliche Pleite“, warf Gruber ein. „Ich wäre um ein Haar in der Nacht mit den Männern losgeritten.“

„Sie?“, unterbrach ihn Clanton. „Weshalb denn?“

„Ich wollte von Betty Howard den Kaufvertrag unterschreiben lassen. Fünfhundert Dollar. Ich habe die Verträge fertig. Aber nun kann ich die Papiere wohl zerreißen.“

„Das lassen Sie mal bleiben!“, sagte Nathan Montellier. „Noch sind wir damit nicht am Ende.“

„Aber Betty Howard befindet sich in der Stadt“, sagte Gruber. „Sie ist mit dem Sheriff gekomen. Und jedem, der es hören oder nicht hören will, erzählt Sie, dass Sie Ihnen die Ranch verkaufen will. Zum Vorzugspreis von fünftausend Dollar.“

„Was?“, griente Nathan Montellier. Clanton schwieg. Ihm hatte es die Sprache verschlagen. Er öffnete den Mund und blickte den Advokaten an, als wäre er ein Geist.

Gruber zuckte die Schultern. „Sie ist in Begleitung des Sheriffs bei mir gewesen. Ihr Angebot liegt also damit ganz offen auf dem Tisch.“

Clanton war mit zwei Schritten vor ihm. „Und das haben Sie sich angehört?“

„Ich habe es schriftlich!“, erwiderte Gruber und zog ein Schriftstück aus seiner Aktentasche.

Clanton riss es ihm förmlich aus der Hand, überflog es und ließ das Blatt sinken. Dabei wich alle Farbe aus seinem Gesicht.

„Ein verdammt gerissener Zug von Betty Howard“, sagte Gruber.

Clanton starrte ihn an. „Gerissen? Wieso denn das?“

„Sie müssen zugreifen oder ablehnen“, erklärte Gruber. „Und zwar ebenfalls in aller Öffentlichkeit.“

„Ich muss?“, brülte Clanton.

Gruber zuckte die Schultern.

„Dieser Chinese!“, sagte Nathan Montellier langsam. „Dieser verdammte gelbe Hund!“

Clanton starrte ihn an. „Wie kommst du denn auf den?“

„Ich habe mir den Kerl angesehen“, erklärte Nathan Montellier. „Ein ganz geriebener Bursche ist das. Gescheit ,und gerissen wie sieben chinesische Weise zusammen. Er hat Betty das alles eingeblasen. Als ich ihn gesehen habe, ist mir auch klar geworden, wieso er Joker und dessen Freunde aufs Kreuz legen konnte. Das ist ein ganz gefährlicher Bursche. Das sage ich Ihnen!“

Clanton verschränkte die Hände auf dem Rücken und schob den Kopf bullig vor.

„Ich bin auch gefährlich!“, bellte er. „Ihr alle kennt mich bloß noch nicht. Los Gruber! Ich kaufe die Ranch! Lassen Sie das überall bekannt machen. Ich werde die fünftausend Dollar zahlen. Gleich gehe ich zur Bank, damit auch bekannt wird, dass ich mir das Geld geholt habe.“

Er baute sich vor Nathan Montellier auf.

„Mit dem Geld werde ich morgen auch zu den Howards hinausfahren. Bloß bei meiner Ankunft wird dort draußen niemand mehr am Leben sein. Matt und Betty Howard werden tot sein. Ermordet! Erschlagen! Und zwar von dem Chinesen. Dieser Hund aber darf nie mehr gefunden werden. Brauchst du noch irgendwelche Befehle?“

Gruber stand auf. „Betty Howard befindet sich noch in der Stadt!“

Clanton starrte ihn an. „Hier bleibt sie doch nicht ewig!“

„Der Sheriff wird mit Ihr zurückreiten!“, sagte Gruber.

„Der Sheriff?“, knurrte Clanton. „Wieso denn das?“

Er sah Nathan Montellier an, doch der zuckte die Schultern.

„Vielleicht, weil Betty Howard um seine Begleitung gebeten hat“, warf Gruber ein.

In Clantons Augen blitzte es.“ „Dem Sheriff werden wir eine andere Beschäftigung besorgen. Schicke einen Mann zum Westvorwerk, Nath! Dort sollen sich ein paar Cowboys gegenseitig zur Hölle jagen. Bringt das irgendwie in Gang, damit der Sheriff zu tun hat. Da war doch mal eine alte Geschichte zwischen zwei Männern, deren Land ich erworben habe und die jetzt für mich arbeiten. Heize diese Sache an, damit die Kerle sich in die Haare kriegen, und es kracht und raucht!“

Gruber ging schnell zur Tür und ließ dabei vor Aufregung seinen Hut liegen.

„Ich habe die Besitztitel in meinem Tresor“, bot er sich eilfertig an. „Ich suche sie heraus. Da gibt es tausend Gründe, dass sich die Weelforks und der alte Messhower nochmal in die Haare kriegen.“

Er wartete Clanton’ Antwort gar nicht ab. Wie der Wind war er draußen.

Clanton und Nathan Montellier sahen ihm überrascht nach.

„Was hat er denn?“, fragte Nathan Montellier verwundert. „Wo rennt er hin?“

Clanton wandte sich ab und trat an den Sessel, in dem der Advokat gesessen hatte. Er hob dessen schwarzen Hut auf und betrachtete ihn von allen Seiten.

„Er hat seinen Hut vergessen!“, bemerkte Nathan Montellier.

Clanton sah ihn ernst an. „So ein gescheiter Mann ist der Chinese gar nicht“, sagte er trocken. „Ich glaube vielmehr, dass wir einen Verräter in unseren Reihen haben.“

Nathan Montellier schluckte. „Ein Verräter...“

Clanton nickte und ließ den Hut auf den Sessel fallen. „Los! Schicke ihm Perl nach. Er soll Gruber nicht aus den Augen lassen und jeden seiner Schritte genau überwachen.“

„Ich verstehe Sie nicht, Sir!“, stammelte Nathan Montellier. „Ich glaube da eher ...“

„Mach schon!“, brüllte Clanton wütend. „Lauf! Bewege dich! Nicht eine Minute lang soll mir Perl diesen Hundesohn aus den Augen lassen, oder ihr alle könnt zum Teufel gehen!“

Nathan Montellier machte auf dem rechten Absatz kehrt und stürzte aus dem Raum.

„Hund, verfluchter!“, murmelte Clanton grollend, und er wusste selbst nicht ob er damit Nathan Montellier meinte, Perl, den Advokaten oder alle drei zusammen.


*


Betty Howard saß in Grubers Büro. Sie stand auf, als er hereingestürzt kam, und blickte ihm gespannt entgegen.

„Hat Clanton angebissen?“, fragte sie.

Er schlug die Tür hinter sich zu und wischte sich das Haar aus der Stirn. Sein Gesicht glänzte feucht. Er war rasch gelaufen.

„Dieser Bastard!“, stöhnte er verzweifelt. „Er geht über Leichen. Fünftausend Dollar! Eine Kleinigkeit für ihn. Erst recht, wenn man dabei in Betracht zieht, dass er damit nicht nur Ihre Ranch erwirbt, sondern auch einen Konkurrenten los wird. Aber er klebt an seinem Geld, als könnte er ohne auch nur einen lausigen Dollar weniger nicht leben.“

Bettys Augen weiteten sich. „Hat er abgelehnt?“

Gruber ging zum Schreibtisch und legte die Aktentasche ab. „Abgelehnt?“, lachte er wütend auf. „Viel schlimmer! Er stimmt zu. Es war keine gute Idee von mir, Betty, Sie darauf zu bringen.“

„Aber wenn er zustimmt - ist doch alles gut!“*

Er ging zu ihr, legte ihr die Hände auf die Schultern und blickte ihr in die Augen.

„Er hat Nathan Montellier den Auftrag gegeben, euch alle drei umzubringen. Sie, ihren Bruder und Sheng. Es soll wie ein Raubmord aussehen, den Sheng ausgeführt hat. Die Männer werden Shengs Leiche irgendwo verscharren, damit sie nie gefunden werden kann. Und dann will er auf die Ranch kommen. Die fünftausend in der Hand.“

„Bevor mich diese Banditen umbringen, soll ich wohl einen Kaufvertrag unterschreiben?“, fragte sie zornig.

Gruber wandte sich ab. „So wird er es sich wohl gedacht haben.“

„Ich gehe zum Sheriff!“, sagte Betty entschlossen.

Gruber lächelte wehmütig. „Was wollen Sie ihm erzählen?“

„Das, was Sie eben gesagt haben!“ Sie ging zu ihm und blickte ihm in die Augen. „Sie werden doch mitkommen und alles bezeugen?“

„Sie wissen nicht, was Sie von mir verlangen, Betty! Aber ich bin natürlich bereit. Doch einen Sinn sehe ich darin nicht. Da wäre es schon besser, ich gehe zu Clanton und schieße ihn nieder.“

„Wes!“, sagte sie verzweifelt. „Der Sheriff glaubt Ihnen doch!“

„Davon bin ich nicht überzeugt. Selbst wenn er mir glaubt! Wozu führt das? Da wird Clanton eben mich und den Sheriff auch noch umbringen lassen. Dieser rücksichtslose Teufel ist nicht zu bremsen. Nun habe ich Narr Ihnen vorgeschlagen, seine verbrecherischen Absichten zu unterlaufen, indem Sie hier die Ranch aufgeben. Nicht einmal damit ist dieser Bluthund zufrieden.“

„Was soll ich tun? Mich und auch meinen Bruder, der sich nicht wehren kann, töten lassen?“

Gruber nagte auf der Lippe.

„Oder wollen Sie mir jetzt vorschlägen, dass wir sang und klanglos das Feld räumen sollen? Erwarten Sie von mir, dass ich meine Ranch verschenke? Obendrein noch an so einen gemeinen Schurken?“

„Kommen Sie, Betty!“, sagte Gruber leise. „Wir gehen zum Sheriff!“

Er wollte sie am Arm nehmen. Doch sie wich zurück. „Sie haben doch eben gesagt, es hat keinen Zweck.“

„Dann nehme ich es eben zurück! Der Sheriff ist die einzige Chance.“

Betty blickte zu Boden. „Wenn ich nur ein Mann wäre!“

Gruber lächelte gequält. „Da sollten Sie sich besser wünschen, zehn Männer zu sein.“

„Ich werbe eine Kampfmannschaft an!“, sagte sie und schaute ihm entschlossen ins Gesicht.

„Eine Kampfmannschaft kostet Geld!“, gab Gruber zu bedenken. „Ich verfüge über dreitausend in bar. Sie gehören Ihnen! Aber woher nehmen wir den Rest? Für einen guten Mann benötigen wir mindestens tausend Dollar Handgeld, sonst hört er gar nicht hin. Und zehn erstklassige Leute brauchen wir bestimmt.“

„Vielleicht genügen erst einmal drei!“

Gruber lachte. „Drei Mann? Die steigen sofort wieder aus dem Geschäft, wenn Sie ihnen sagen, dass Clanton Ihr Gegner ist. Auch Helden fühlen sich nur wohl, wenn sie zu mehreren sind. Das ist nun mal so.“

Sie lächelte. „Wes! So bedenkenlos wollte ich eben über Ihr Geld verfügen.“

Er lächelte. „Hatte ich Ihnen doch angeboten!“

„Nein! Das kann ich nicht annehmen.“

„Wissen Sie was! Ich kaufe Ihre Ranch“, sagte Gruber. „Dreitausend sofort. Den Rest später!“

Sie ergriff seinen Arm. „Das kann ich erst recht nicht annehmen!“

„Doch! Das ist die Lösung.“ Er lachte. „Klar! Warum bin ich bloß nicht schon eher darauf gekommen? Los, Betty! Wir machen sofort einen Vertrag.“

Er ging um den Tisch und setzte sich.

„Und wissen Sie was, Betty? Das machen wir alles nur so zum Schein. Sie bekommen das Geld. Aber die Ranch gehört nach wie vor Ihnen. Sie verschwinden bloß erst einmal mit Ihrem Bruder. Alles klärt sich, Betty! Irgendwann! Hundesöhne wie Clanton leben nicht ewig. Solche Kanaillen werden eines Tages umgelegt, verlieren ihre Macht. Dann kommt Ihr zurück.“

„Das wird Ihnen Clanton nie verzeihen!“

Gruber lachte bloß. Er nahm einen Bogen Papier und begann zu schreiben.

„Erst einmal den Kaufvertrag! Ich setzte die Summe auf siebentausend fest, damit Sie nicht glauben, ich nutze jetzt Ihre Lage aus. Die Ranch bleibt in Ihrem Besitz, und die siebentausend, damit Sie an meinem Wort nicht zweifeln.“

„Aber Wes!“, sagte Betty vorwurfsvoll.

„Ich denke dabei vor allem an Ihren Bruder!“, sagte Gruber. „Kommen Sie! Unterschreiben Sie!“

Er schob ihr das Blatt zu und drückte ihr den Federhalter in die Hand, stand auf und trat an den Tresor. Sie beobachtete ihn. Er holte das Geld heraus. Es waren dreitausend Dollar in kleinen Scheinen. Er wollte ihr das Geld auf den Tisch zählen.

„Nein!“, wehrte sie ab und richtete sich auf. „Kein Geld, Wes! Wenn die Ranch trotz dieses Vertrages in meinem Besitz bleibt, sollten Sie Geld gar nicht zahlen.“

„Aber Sie benötigen es, Betty!“, sagte er. „Sie müssen mit Ihrem Bruder die Ranch erst einmal verlassen. Das ist wichtig!“

„Wir kommen schon durch!“, sagte sie.

„Dann nehmen Sie doch wenigstens etwas!“ Er begann zu zählen.

„Dann unterschreibe ich nicht!“, erklärte sie steif.

Er sah sie an und zählte weiter. „... dreitausend!“, sagte er schließlich.

„Nein Wes!“, begehrte sie auf. „Das kann ich nicht annehmen.“

„Merken Sie gar nicht, dass ich Sie liebe, Betty?“

„Sie beschämen mich“, sagte sie und legte den Federhalter aus der Hand.

Er kam um den Tisch und nahm sie in die Arme. „Ich liebe Sie, und ich möchte, dass Sie meine Frau werden, Betty. Nicht sofort. Wir haben ja erst etwas hinter uns zu bringen. Aber danach! Sobald Sie zurückkehren können. Nicht einen Tag später.“

Sie schloss die Augen, und er küsste sie.

„Jetzt erpressen Sie mich, Wes!“, sagte sie leise.

„Ich helfe Ihnen auch, wenn Sie nein sagen!“

Sie lächelte. „Ich sage nicht nein, aber auch nicht ja, Wes! Ich bitte Sie, mir etwas Zeit zu lassen.“

„Aber selbstverständlich, Betty!“, sagte er und ließ sie los. „Jetzt unterschreiben Sie aber und nehmen das Geld!“

Sie war unschlüssig.

Er gab ihr den Federhalter in die Hand. „Ihre Unterschrift rettet Ihr Leben und das Ihres Bruders. Ich gehe mit dem Vertrag sofort zu Clanton.“

Sie unterschrieb, und er schob ihr das Geld hin.

„Nein!“, sagte sie wieder.

Er nahm kurzerhand ihre Tasche und schob das Geld hinein.

„Sie bekommen es wieder!“, sagte sie.

Er grinste. „Ich will es nicht wiederhaben. Laden Sie mich dafür lieber heute Nachmittag zu einer Tasse Kaffee auf ihrer Ranch draußen ein.“

„Lieber nicht“, lächelte sie. „Es wäre eine zu teure Tasse Kaffee.“

„Ein Mann muss auch mal teuren Kaffee trinken!“

„Kommen Sie! Sie erhalten aber das Geld trotzdem zurück“, sagte sie.

„Angenommen!“ griente er und begleitete sie zur Tür. Er brachte sie an den Kutschwagen, half ihr hinein und sah ihr nach, bis sie verschwunden war.


*


Restlos mit sich und der Welt im Reinen kehrte er in das Büro zurück. Er faltete den Vertrag zusammen und steckte ihn in die Jackentasche. Dann suchte er seinen Hut. Schließlich erinnerte er sich, dass er ihn bei Clanton liegen gelassen hatte, und verließ barhäuptig das Haus.

Zuerst begab er sich zum Sheriff Office.

Sheriff Wheelock war ein energischer Mann von dreißig Jahren. Er hatte schon ein ziemlich kampfreiches Leben hinter sich. Im Krieg hatte er auf der Seite der Union gekämpft, und er war hochdekoriert und als Lieutenant aus der Armee ausgeschieden. Danach hatte er sich an der Grenze herumgetrieben, sich mit den Comanchen vertragen und gegen die Apachen gekämpft. Bis er in den Armen von Wells Fargo gelandet war.

Er hatte als Begleitreiter begonnen und zuletzt den gesamten Distrikt Westarizona geleitet. Aber das hatte Schreibtischarbeit bedeutet. Nicht einmal zwei Monate hielt er das aus. Nun saß er seit einem Jahr im Office des Gesetzesbeamten von Castle Hills. Rinderdiebe waren seine große Spezialität gewesen. Aber lange hatte es die nicht mehr in diesem Country gegeben. Deshalb betrachtete er sich seit einiger Zeit als arbeitslos.

Als der Advokat das Office betrat, saß er hinter dem Schreibtisch und las Zeitung.

„Was ist los, Mister Gruber?“, brummte er schlecht gelaunt und ohne aufzusehen. „Gibt es nun wirklich einen angeschossenen Mann auf der Howard-Ranch?“

Gruber blieb vor dem Schreibtisch stehen und stützte sich auf.

„Auf Clantons Westvorwerk wird es morgen einen geben“, sagte er.

Der Sheriff legte die Zeitung zusammen und sah ihn an. „Haben Sie vor, mich in Zukunft öfter mit solchen Geschichten zu belästigen?“

„Es gibt Leute, die wollen Sie morgen aus der Stadt haben. Aus diesem Grund werden sich einer von den Weelforks und der alte Messhower in die Haare kriegen. Wenn Sie heute noch hinausreiten und den alten Messhower ins Gebet nehmen, könnten Sie das verhindern.“

„Na klar! Ich werde wie der Teufel reiten, um rechtzeitig dort zu sein“, sagte der Sheriff bissig. „Der beste Informant den ich je hatte, der sind Sie!“

Gruber richtete sich auf. „Der beste nicht, aber einer der Zuverlässigsten.“

Der Sheriff machte schmale Augen. „Was ist los?“

„Wenn Sie heute Morgen nicht auf der Howard-Ranch gewesen wären, hätte es dort bestimmt Tote gegeben.“

„Das ist mir nicht deutlich genug!“

„Sie haben die Reiter doch kommen sehen“, sagte Gruber.

„Sie meinen Clantons Leute?“

„Na klar!“

„Werden Sie deutlich, Mann! Ihre verdammte Advokatensprache verstehe ich nicht.“

„Die Howards wollten Pferde züchten. Clanton ist natürlich dagegen. Ich habe die Howards jetzt so weit, dass sie verschwinden. Aber Clanton weiß das noch nicht.“

„Dann sagen Sie es ihm doch!“

„Bin schon auf dem Weg zu ihm. Aber die Sache auf dem Westvorwerk läuft. Die können nur noch Sie bremsen.“

Der Sheriff stand auf. „Sind Sie gegen Clanton?“

„Ja!“

„Kapiere ich nicht!“, erwiderte der Sheriff. „Sie haben doch Messhower für Clanton aufs Kreuz gelegt.“

„Das tut mir heute auch leid!“, sagte Gruber und ging zur Tür.

„Einen Augenblick!“, rief der Sheriff gereizt.

Gruber blieb an der Tür stehen und schaute sich um.

„Sie kommen hier herein wie der Nikolaus, verstreuen Bonbons und hauen wieder ab. Das gefällt mir nicht. Denn Ihre Bonbons sind ziemliche Pflastersteine, Mister!“

„Clanton will die Howard-Ranch! Aber nicht für Geld, sondern für Blei. Um zu verhindern, dass die Howards umgebracht werden, habe ich die Ranch eben gekauft. Vor fünf Minuten.“

„Nun wollen Sie dort Pferde züchten?“

„Nein! Ich will dort warten, bis Clanton von seinem Thron gestürzt ist.“

„Da hängen Sie jetzt aber zwischen den Fronten!“

„Sie wissen mehr, als ich vermutete“, sagte Gruber und verließ das Office.

Er lief rasch die Straße entlang, überquerte die Fahrbahn und betrat Clantons Haus. Dabei war er ziemlich gespannt auf das Gesicht, das der Mustang-König ziehen würde, wenn er den Kaufvertrag sah.

Doch Clantons Gesicht blieb reglos. Er las den Vertrag und reichte ihn Gruber zurück. Sie waren beide allein im Zimmer.

„Was soll das, Gruber? Kapiere ich nicht!“, sagte er kühl.

„Die Ranch gehört jetzt mir“, lachte Gruber. „Die Howards werden verschwinden. Heute noch!“

Clanton lächelte bleich und verschränkte die Hände auf dem Rücken. „Wer hat sich denn das ausgedacht?“

Er trat hinter den Schreibtisch und setzte sich.

„Für siebentausend Dollar! Weshalb sind Sie so hoch gegangen? Das müssen Sie mir erklären!“

Gruber zuckte die Schultern. „Als Betty Howard bemerkte, dass auch ich mich für die Ranch interessiere, hat sie eben mehr verlangt.“

Clanton starrte ihn an. „Und was hat der Sheriff damit zu tun?“

„Wieso?“, fragte Gruber verwirrt.

„Ich habe einen Pelz, und Sie sind eine Laus darin, Gruber!“, sagte Clanton scharf.

Gruber lächelte. „Mister Clanton, ich habe die Ranch nicht gekauft, um Sie zu erpressen und vielleicht zehntausend dafür zu verlangen. Ich will die Ranch behalten.“

„Woher haben Sie das Geld?“

„Ich zahle in Raten!“

Clanton nickte. „Aber in Raten werden Sie nicht sterben!“

„Bitte?“

„Perl! Nath!“, rief Clanton wütend. Die beiden hatten draußen gewartet. Die Tür flog sofort auf und die Revolvermänner traten ein, Colts in den vorgereckten Fäusten.

Gruber starrte von einem zum anderen.

Sein Hut lag auf Clantons Schreibtisch. Clanton nahm ihn in die Hand und warf ihn ihm zu.

Das war das Zeichen!

Die Revolver von Nathan Montellier und Perl krachten.

Die schweren Geschosse warfen den Advokaten gegen die Wand. Er suchte Halt, fand aber keinen. Kopfüber stürzte er zu Boden. Das letzte, das er vernahm, war Clantons gemeines Lachen.


*


Matt Howard lachte. „Ja, Sheng! Früher, da war ich ein ziemlich wilder Hund. Glaubst du, da hättest du mich halten können? Oder bildest du dir ein, Männer wie Clanton hätten mich geschreckt? Mit dem Colt in der Faust bin ich auf jeden losgegangen, der sich mir in den Weg gestellt hat. Und das sind nicht wenige gewesen. Aber du siehst ja, ich lebe noch. Ich muss nur wieder gesund werden, du gelbe Nuss!“

„Möchten Sie etwas essen?“, fragte Sheng.

Matt Howard winkte ab. „Ich habe keinen Hunger. Allenfalls auf Clanton. Aber diese Mahlzeit kommt noch. Lass mich erst einmal wieder gesund sein. Gleich der erste Weg führt mich zu ihm. Wo Betty nur bleibt?“

Sheng reckte den Hals. Das mahlende Geräusch eines heran nahenden Wagens war zu hören.

„Sie kommt!“, sagte er. „Ich höre den Wagen.“

Er stand auf und trat vor das Haus. Betty war schon durch das Tor gefahren. Sie trieb die Pferde noch einmal an, fuhr einen Bogen und hielt vor der Tür. Sheng half vom Kutschbock. Er wollte die Pferde anspannen, doch Betty forderte ihn auf, mit ins Haus zu kommen.

„Clanton hat beschlossen, uns alle drei umzubringen“, eröffnete sie drinnen ihrem Bruder und Sheng. „Er will diese Ranch; aber nicht für Geld. Jedoch mit Mister Grubers Hilfe werden wir diesem Verbrecher den Wind aus den Segeln nehmen. Mister Gruber hat die Ranch gekauft. Sie gehört jetzt ihm. Natürlich nur dem Namen nach.“

„Du hast diesem Windhund die Ranch verhökert?“, fragte Matt Howard. Er war völlig fassungslos.

„Doch nur zum Schein!“, erkläre Betty. „Nur, damit wir vor Clanton sicher sind. Wir müssen die Ranch zwar auch verlassen, aber eines Tages können wir zurückkehren. Die Ranch bleibt streng genommen mein Eigentum. Einen Kaufvertrag haben wir nur für Clanton gemacht.“

„Bist du wahnsinnig?“, zischte Matt Howard. „Sheng, hast du das gehört? Dieses verrückte Weib hat die Ranch an den Advokaten verscheuert!“

„Mister Gruber wird heute Nachmittag zu uns kommen“, sagte Betty. „Er wird dir das alles erklären, und uns auch berichten, was Clanton dazu gesagt hat.“

„Wir müssen weg von hier?“, schrie Matt Howard.

„Beruhige dich doch!“, sagte Betty. Es geschieht doch nur zu unserer Sicherheit. Wir müssen nicht fliehen, um Clantons Mördern zu entkommen. Wir können in aller Ruhe die Ranch verlassen.“

„In aller Ruhe die Ranch verlassen!“, zischte Matt Howard.

„Ich bin davon überzeugt, dass es Mister Gruber mit Ihnen ehrlich meint“, sagte Sheng. „Und nach Lage der Dinge ist es wohl auch sehr gescheit, so vorzugehen.“

„Mister Gruber meint es ehrlich!“, sagte Betty. „Er hat mir einen Heiratsantrag gemacht.“

„Was?“ Matt Howard wurde rot, blass und wieder rot. „Hast du angenommen, oder hat er dich nicht weiter bestürmt deswegen, weil es ihm im Grunde ja doch nur auf die Ranch ankam?“

„Ich habe um Bedenkzeit gebeten - um ihn nicht zu verletzen!“

„Bedenkzeit!“ Matt Howard hielt sich die Hände vors Gesicht. „Du lieber Himmel, ich verliere den Verstand!“

Er starrte seine Schwester wütend an. „Das alles konnte nur passieren, weil ich wie ein Krüppel hier im Bett liege. Sheng komm her! Ich muss hoch!“

Er wollte sich auf die Ellenbogen stemmen, sank aber aufschreiend zurück.

Sheng ging zu ihm. „Sie müssen fest liegen, Mister Howard. Und Sie sollten nicht die Nerven verlieren. Die Ranch zum Schein an Mister Gruber zu verkaufen, um Clanton loszuwerden, war doch ein äußerst kluger Schachzug. Sie haben mir vorhin erzählt, wer Sie einmal waren. Für den Augenblick gehört das der Vergangenheit an. Sie sind wehrlos. Völlig wehrlos. Soll Betty allein gegen Clanton und dessen Revolvermänner kämpfen? Wie stellen Sie sich das vor? Können Sie mir das sagen.“

„Ich werde kämpfen!“, bellte Matt Howard. „Hier von diesem Bett aus.“

Sheng wies zum Fenster. „Nachdem die Halunken Ihre Schwester getötet haben, werfen sie Ihnen eine Fackel durchs Fenster. Bei lebendigem Leibe würden Sie verbrennen. Sie würden gar keine Gelegenheit erhalten, auch nur einen Schuss abzufeuern. So einfach sind Sie zu schlagen.“

Matt Howard blickte ihm wütend in die Augen. „Was kann man von einem Gelben auch erwarten!“, knurrte er. „Ich habe dich als Ranchhelfer eingestellt. Weiter nichts. Ich bin hier der Boss! Warum bist du gegen mich? Machst du dir Hoffnungen auf meine Schwester?“

„Matt!“, rief Betty verärgert und verfärbte sich.

„Gruber, ein zivilisierter und gebildeter Mann ist dein Rivale, Chink!“, zischte Matt Howard hämich. „Halte dich also lieber an mich! Oder geh! Hau ab! Auf der Stelle.“

„Matt, wir sind auf seine Hilfe angewiesen!“, rief Betty bestürzt. „Sheng, ich bitte Sie!“

„Beruhigen Sie sich, Betty“, sagte Sheng. „Ich bin hier nicht angestellt. Ich helfe Ihnen. Wenn Sie sagen, dass ich gehen soll, gehe ich.“

„Verlassen Sie mich nicht! Ich habe Geld. Ich bin jetzt in der Lage, Sie zu bezahlen, Sheng.“

Sheng hob abwehrend die Hände. „Reden Sie nicht!“, sagte Betty. „Was wir von Ihnen verlangen, sind keine Gefälligkeiten. Also müssen wir Sie auch bezahlen.“

Sheng machte kehrt und schritt zur Tür.

„Sheng!“, rief Betty. „Ich habe Sie nicht beleidigt! Wo wollen Sie hin?“

Sheng lächelte. „Die Pferde ausschirren, Betty!“

„Du besitzt Geld?“, schnarrte Matt Howard. „Woher, zum Teufel? Von wem? Ich denke, du hast die Ranch nur zum Schein gekauft?“

„Gruber hat mir Geld geliehen“, sagte Betty. „Er will es nicht einmal...“

Sheng ging hinaus, stieg auf den Wagen und fuhr zur Remise hinüber. Dort spannte er die beiden Braunen aus und führte sie danach auf die Weide.

Als er das Geschirrzeug wegräumte, kam Betty zu ihm.

„Sprechen Sie nicht wieder von Geld, Betty!“, sagte Sheng. „Ich werde bei Ihnen bleiben, bis Sie Ihren Bruder an einen anderen Ort gebracht in Sicherheit haben. Dann ziehe ich weiter. Und nun wollen wir nie mehr davon sprechen.“

Betty lächelte. „Sie sind ein feiner Kerl, Sheng. Ich mag Sie!“

„Ich mag Sie auch, Betty!“

Sie hielt seinem Blick stand. „Es klingt sehr nett, wenn Sie das sagen, Sheng.“

„Haben Sie also jetzt keine Angst mehr, dass ich verschwinde! Wissen Sie schon, wohin Sie mit Ihrem Bruder gehen wollen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich hatte noch gar keine Zeit, darüber nachzudenken. Was meinen Sie?“

Sheng zuckte die Schultern. „Auf keinen Fall würde ich sehr weit fahren. Vielleicht bis Sitting Hill? Das sind gerade hundert Meilen. Es würde bestimmt auf Matt sehr beruhigend wirken, der Ranch so nahe zu sein.“

„Es ist nett von Ihnen, dass Sie dabei an Matt denken.“

„Würde ich an mich denken, wäre der Nordpol das passende Ziel!“

Sie sah ihm ernst in die Augen. „Sind Sie so gern in meiner Nähe?“

„Ja!“

„Wenn Gruber kommt, setz dich mit zu uns an den Tisch. Und sage auch du zu mir.“

„Ja, Betty!“

Sie lächelte wieder und kehrte ins Haus zurück. Er sah ihr nach. Sie spürte seinen Blick auf sich ruhen, drehte sich an der Tür kurz um und lächelte noch einmal, ehe sie verschwand.

Sheng warf das Geschirrzeug in den Wagen und lächelte vor sich hin, weil sein Herz ein paar Takte schneller schlug.

Doch als er kurz darauf zum Haus lief, erfasste ihn Wehmut. Wer war er denn? Durfte er ein Mädchen wie Betty überhaupt begehren? Hatte es Sinn, sich zu verlieben?

Er war der einsame Wanderer. Einsam, heimatlos und auf der Flucht. Auf der Flucht vor den Häschern des Schwarzen Drachen, der ihn gnadenlos jagte, um durch ihn in den Besitz der geheiligten Schriftenrolle des Tao Chi zu gelangen. Wer diese Schriftenrolle besaß und damit imstande war, die Lehre des Tao Chi zu studieren, erlangte die Energie und die Weisheit, die Welt zu beherrschen. Jahrhunderte lang hatten die Mönche vom Kloster des Weißen Lotus, in dem Sheng aufgewachsen und erzogen worden .war, dieses Geheimnis gehütet und dafür gesorgt, dass die Tao Ch-iLehre nicht den Schurken in die Hände fiel.

Als das Kloster vom weißen Lotus dann eines Tages vom Geheimbund des Schwarzen Drachen erstürmt und zerstört worden war, hatte Shengs Lehrer und oberster Priester des Weißen Lotus, Li Kwan, kurz vor seinem Tod die Schriftenrolle in sieben Teile zerschnitten und sie den erfahrensten und mutigsten Mönchen anvertraut, die nun über die ganze Welt verstreut lebten, um das Geheimnis weiter zu hüten und es nicht in die Hände des Schwarzen Drachen fallen zu lassen. Einer der Mönche hatte ein Siebtel der Weisheitsrolle Sheng sterbend anvertraut.

Nur ein Mann wusste, wo sich die sechs übrigen Mönche aufhielten. Sheng! Er war ihr Hüter und Beschützer. Aus diesem Grunde wurde er vom Schwarzen Drachen gejagt und verfolgt. Nirgends war er vor diesen Männern sicher. Auch in der Abgeschiedenheit der Howard Ranch nicht.

Was sollte eine Frau an seiner Seite? Dazu noch ein so schönes und anständiges Mädchen wie Betty! Konnte er von ihr verlangen, dass sie Not und Qualen, Gefahren und Ängste mit ihm teilte?

Die Antwort kannte er schon. Nein! Und gerade weil er eine starke Zuneigung zu Betty empfand, konnte er nie eine andere Antwort geben.


*


Gruber, der Advokat, kam am späten Nachmittag.

Hufschlag drang von draußen ins Haus. Betty sprang auf. Ihre Augen leuchteten.

„Gruber!“, sagte sie. „Das ist Wes Gruber, Matt! Jetzt wird er dir alles erklären und auch dir sein Wort geben.“

Sheng ging hinaus. Er erstarrte auf der Schwelle.

Das Pferd trabte in den Hof.

Grubers Leiche war auf den Rücken des Tieres festgebunden. Es war durstig und stapfte zum Brunnen.

Shengs Blick zuckte in die Runde.

Niemand war zu sehen. Trotzdem zweifelte er nicht daran, dass sie da waren. Clantons Killer!“

Sheng glitt zurück und schloss die Tür.

Die Howards blickten ihm gebannt entgegen. Betty ahnte, dass etwas Furchtbares geschehen sein musste. Ihr hübsches Gesicht war vor Angst ganz dunkel.

„Ist es nicht Gruber?“

„Doch!“, sagte Sheng. „Aber er ist tot! Sie haben ihn auf ein Pferd gebunden und hierher transportiert.“

„Matt!“, rief Betty entsetzt und presste die Faust auf den Mund.

Sheng handelte! Er ging zu Gruber hinaus, band ihn los, wickelte ihn in die Decke und hob ihn auf die Arme. Langsam trug er den Toten ins Haus.

„Was hast du vor?“, krächzte Matt Howard. Inzwischen hatte auch ihn Furcht gepackt. Er wusste, wie recht Sheng hatte. Er war ein Mann, der sich nicht wehren konnte, und der praktisch dieser Killerhorde hilflos ausgeliefert war.

„Wir müssen aus dem Haus!“, sagte Sheng. „Betty, die Hintertür! Vielleicht kommen wir bis zu den Felsen.“

„Wir können doch nicht ohne Wagen fort!“, rief Betty und schaute dabei durchs Fenster.

„Zum Einschirren oder Satteln der Pferde ist keine Zeit mehr“, entschied Sheng und lief los.

„Betty!“, rief Matt Howard. „Die Gewehre! Meinen Revolver!“

Betty trat ans Fenster. Zu sehen war nichts. Sie hatte inzwischen wieder Männerkleidung angezogen. In aller Hast schwang sie sich den Kreuzgurt um die Hüften, nahm zwei Winchester in die Fäuste und lief hinter Sheng her. Sie war noch vor ihm an der Hintertür.

„Gib mir ein Gewehr und lass mich hier liegen, Chink!“, krächzte Matt Howard. „Sieh zu, dass du meine Schwester raus bringst. Ihr gehört die Ranch. Mich können diese Halunken nur töten, aber Betty können sie auch berauben.“

Sheng hörte nicht hin. Er schaute Betty an. Sie hatte die Tür geöffnet und hinaus gesehen. Ihr Blick signalisierte ihm, dass nichts zu sehen war.

Er nickte ihr zu.

Die große, schlanke Frau trat ins Freie, die Winchestergewehre schussbereit in den Fäusten.

Sheng folgte ihr, den schweren Mann auf den Armen. Sein Blick glatt über den Felswirrwarr, der sich nur dreihundert Yard hinter dem Ranchhaus auftürmte. Die Ranch umfasste eine riesige weite Senke, die im Norden von felsigem Terrain begrenzt wurde. Aus einem reinen und primitiven Schutzbedürfnis heraus, hatte der Erbauer dieser Ranch das Hauptgebäude dicht an diesem Felslabyrinth errichtet.

Betty sah sich noch einmal nach Sheng um. Er nickte ihr abermals zu, und da lief sie los. Sie rannte. Sheng stapfte hinter ihr her.

„Lass mich liegen!“, keuchte Matt Howard. „Meinen Revolver! Ich werde die Schurken packen.“

Shengs Augen zuckten hin und her. Sein Blick hetzte über die Felsen, denen er und Betty entgegenliefen. Wenn die Killer dort schon saßen, waren sie verloren.

Da drang Hufschlag an ihr Ohr.

Sheng drehte sich. Auch Betty schaute zurück.

Eine Reiterschar jagte in den Ranchhof und hielt vor dem Haus.

„Weiter!“, zischte Sheng.

Die ersten Felsen waren keine fünfzig Schritt mehr entfernt. Da klang der Hufschlag wieder auf. Links und rechts fegten die Reiter um das Haus.

Betty war schon hinter den ersten Felsblöcken verschwunden, als die Schüsse krachten. Die Bleistücke flogen Sheng und Matt um die Ohren, klatschten vor ihnen gegen die Steintrümmer als Querschläger mit bösem Gepfeife davon.

Betty war in Stellung gegangen und schoss zurück. Sheng lief ein Stück weiter, ließ Matt Howard zu Boden gleiten und war mit einem Satz neben ihr.

„Geh zu deinem Bruder!“, sagte er und nahm ihr das Gewehr aus der Hand.

.Acht Reiter befanden sich in seinem Blickfeld. Sheng feuerte aus der Hüfte. Viermal dicht hintereinander, und jede Kugel erreichte das Ziel. Die vier reiterlosen Pferde machten vor ihm kehrt und jagten in westlicher Richtung davon, während sich die Überlebenden hinter das Haus zurückzogen.

Zwei von den Männern, die der Kung Fu-Mann getroffen hatte, blieben reglos liegen. Einer kroch auf allen vieren aus der Reichweie von Shengs Waffe. Der andere sprang auf, als Sheng nicht mehr schoss und rannte hinkend dem Wohngebäude zu.

„Wir sind verloren!“, sagte Betty hinter ihm.

Sheng drehte sich um und schob sie hinter sich, damit sie Deckung hatte. „Bleib doch bei Matt!“, sagte er.

Da bewegte sich die Hintertür. Ein Mann trat dort auf die Schwelle. Sheng nahm das Gewehr an die Schulter und sah das Gesicht klar über Kimme und Korn. Beide Jackenärmel rutschten dabei zurück und gaben die Tätowierungen frei. Die Schlange und den Tiger!

Im Kloster des weißen Lotus hatte er die Meistergrade des Tigers und der Schlange im Kung Fu-Kampf erreicht. Er hätte auch noch die anderen Grade erworben, wäre das Kloster nicht vom Schwarzen Drachen zerstört worden.

Nun stand er da mit einem Gewehr in den Fäusten!

Das alte Gesicht seines Lehrmeisters tauchte vor ihm auf.

„Großer und ehrwürdiger Priester!“, hörte er sich sagen. „Du hast mich gelehrt, meinen Geist, meinen Körper und meine Seele zu beherrschen. Du hast mich trainiert, dass ich mit den Fäusten oder Füßen einen Baum fällen und Steine damit in Stücke schlagen kann. Ich weiß, dass ich vier oder auch fünf Gegner, die sich mir in der gleichen Weise zum Kampf stellen, schlagen kann. Doch wie rette ich mein Leben, wenn ich auf Feinde stoße, die mit Revolvern oder Gewehren kämpfen?“

Der alte Li Kwan hatte gelächelt. „Ist dein Leben so wichtig, mein Söhnchen?“

Sheng erinnerte sich, wie erstaunt er gewesen war. „Aber großer Meister!“, hatte er erwidert. „Du hast mich gelehrt, dass ich für das Recht und das Gute gegen das Böse kämpfen soll. Was tue ich, wenn ich Kinder, Alte oder Kranke gegen böse Feinde zu beschützen habe, die mit Feuerwaffen ausgerüstet sind?“

Wieder hatte Li Kwan gelächelt, „Dann musst du siegen, Söhnchen!“

„Aber wie?“

„Nimm die gleichen Waffen oder noch bessere!“, hatte Li Kwan geantwortet. „Aber vergiss deinen Verstand nicht, den ich dir geschärft habe. Er ist immer das bessere Schwert.“

Das Gesicht des alten Priesters zerfloss, und klar und scharf sah Sheng den Mann wieder, der dort drüben in der Tür stand.

„Ist das Clanton?“, fragte er leise.

„Nein!“, erwiderte Betty. Es ist Nathan Montellier, sein Priester!“

Sheng lächelte, ließ das Gewehr sinken und sah sie an. „Priester! Wie kommst du auf dieses Wort?“

„Ich weiß nicht!“, lächelte sie. „Aber hast du nicht eben gesagt: ehrwürdiger Priester?“

Sheng schaute wieder zum Haus. Nathan Montellier winkte mit der Bandana. „He, ihr da!“, rief er. „Kommt raus! Ergebt euch! Oder wir holen euch.“

Der Lauf von Bettys Gewehr streift Shengs Schulter. „Ich erschieße ihn!“, sagte sie. '

Sheng griff zu und drückte ihr die Waffe nach unten. „Wir müssen uns beraten!“, rief er zum Haus.

„Fünf Minuten!“, rief Nathan Montellier und zog die Tür zu.


*


„Wir sind verloren“, sagte Betty. „Warum hast du ihn nicht getötet?“

Sheng spähte nach links und rechts. „Gefährlich wird es erst, wenn sie seitwärts von uns in die Felsen eindringen, um uns von hinten in die Zange zu nehmen.“

„Sie sind alle im Haus!“

„Komm, lass uns Matt noch ein Stück weiter zurücktragen!“, schlug Sheng vor und machte kehrt.

„Ich liege hier ohne Waffe!“, schimpfte Matt Howard. „Konntet ihr Nathan Montellier nicht abknallen?“

Sheng gab Betty das Gewehr, hob Matt auf und trug ihn tiefer in die Felsen hinein. Betty folgte ihm rückwärts gehend. Sheng fand eine wuchtige Klippe und legte Matt dahinter in den Sand.

„Was soll das werden?“, brummte Matt. „Wir haben keine Pferde, ich kann mich nicht rühren und die Hundesöhne werden gleich wieder neu angreifen.“

Auch Betty sah Sheng fragend an.

Sheng nahm ihr das Gewehr ab. „Bleib bei ihm!“, befahl er und schlich wieder nach vorn. Er befand sich gerade in Deckung, als drüben am Haus die Tür knarrte und Nathan Montellier sich abermals zeigte.

„Habt ihr euch beraten?“, rief er, und in seiner Stimme schwang ungeheurer Triumph. „Dann kommt jetzt raus!“

Sheng schleuderte das Gewehr über den Fels. Im hohen Bogen. Die Waffe schlug auf, drehte sich und rutschte noch ein Stück weiter. Die Sonne reflektierte auf dem Lauf.

„Weiter!“, rief Nathan Montellier nach einer Weile.

Sheng hob die Arme und trat vor den Felsen.

Nathan Montellier starrte ihn an. Kurz nur. Dann glitt sein Blick suchend über die Zinnen und Schroffen.

„Wo sind die Howards?“, wollte er wissen, als er Sheng aufs neue skeptisch musterte.

„Ich bin allein!“, erwiderte Sheng.

Nathan Montellier spähte aus schmalen Augen in die Hunde. Hinter ihm standen mehrere Männer. Auch sie suchten die Felsen und Klippen ab. Links und rechts von der Tür konnte Sheng weitere Gestalten hinter den Fenstern erkennen.

Nathan Montellier trat langsam über die Schwelle, den Colt in der Faust. Die dunkle Mündung war direkt auf Sheng gerichtet. Hinter Montellier drängten die anderen ins Freie. Acht Mann waren es, die sich abwartend neben ihm postierten. Darunter befanden sich auch Joker und dessen Freunde. Die meisten Männer hielten Gewehre in den Fäusten.

Sheng wollte die Hände sinken lassen.

„Lass die Flügel oben!“, sagte Nathan Montellier scharf. Er kam nahe heran und drückte ihm den Colt in den Bauch. „Wo sind die Howards?“

„Sie sind nach Norden gefahren!“, antwortete Sheng.

„Wann?“

„Vor einer Stunde!“

Nathan Montellier machte schmale Augen. Joker gesellte sich zu ihm. Er hielt ebenfalls einen Revolver in der Faust und drückte Sheng die Waffe in die Seite.

„Na los! Versuche dich noch mal!“, sagte er drohend.

„Warte gefälligst ab!“, knurrte Nathan Montellier. „Wohin wollen die Howards? Das wirst du doch wissen!“

„Sitting Hill!“

„Mit einem Wagen?“

Sheng nickte. „Well! Matt Howard hat sich den Rücken verletzt. Er kann sich nicht bewegen.“

„Dann wollen wir keine Zeit verlieren!“, sagte Nathan Montellier und wandte sich ab. „Du haftest mir für den Kerl!“, wandte er sich zu Joker. „Perl und Bob! Ihr bleibt mit Joker auf der Ranch. Alle anderen auf die Pferde. Wir reiten zur Straße. Schnell!“

In die Männer kam Bewegung. Sie liefen durch das Haus zu ihren Pferden.

„Weshalb machst du mit dem Chink noch langes Federlesen?“, wollte Bob wissen, der mit Perl zu Joker ging. „Er gehört doch unter den Boden.“

„Nicht so hastig!“, versetzte Nathan Montellier. „Der Schweinehund könnte ja gelogen haben.“

„Das hat er auch! Das sehe ich ihm an“, sagte Bob.

„Wir werden es bald wissen!“, meinte Nathan Montellier und lief den anderen nach.

Perl und Bob hielten ihre Gewehre schussbereit und legten auf Sheng an. Sie blieben neben Joker stehen, grienten und sahen Joker ins Gesicht.

„Wie ein Teufel, der den Balg voller Pefferstangen hat, sieht der Chink mir aber nicht aus“, meinte Perl.

Joker starrte Sheng in die Augen. Sein Blick bestand aus einer Mischung von Hass und Spott.

„Bilde dir bloß nicht ein, dass dich Nathan Montelliers Wort schützt“, sagte er bissig. „Du hast zwei von unseren Leuten erschossen. Schlag zu, und du wirst erleben, dass es blitzt und kracht, und dann ist es aus, du verdammter Bastard.“

„Setz dich!“, sagte Perl.

Sheng gehorchte. Er ließ sich auf den Erdboden nieder und stützte die Hände ins Gras. Beide Gewehre und Jokers Colt waren auf sein Gesicht gerichtet, und alle drei warteten sie nur darauf, dass er sich rührte, damit sie schießen konnten.

Hinter dem Haus hämmerte Hufschlag los. Nathan Montellier galoppierte mit dem Rest seiner Meute davon. Sie ritten vom Hof, und das Geräusch der Hufe entfernte sich in Richtung Poststraße.

„Haltet ihr den Kerl wirklich für so gefährlich, dass wir hier in der Sonne stehenbleiben sollen?“, meinte Bob.

„Well, gehen wir ins Haus“, entschied Perl. „Der Bastard soll vor uns her kriechen.“

Joker trat zur Seite. „Los auf den Bauch!“, sagte er hämisch. „Wie macht es die Schlange, Chink?“

Sheng neigte sich nach vorn, ließ sich nieder und kroch sofort los. Bob und Joker gingen neben ihm. Perl lief hinter her.

Sheng spürte, dass er von Betty beobachtet wurde. Er glaubte sogar zu wissen, dass sie das Gewehr an der Schulter hielt und auf die Männer zielte. Er sah sich nicht um. Aber er kroch schneller, damit sie ins Haus kamen.

Bob und Joker warteten an der Schwelle und ließen ihn vorauskriechen. Dann kamen sie alle drei nach, und Bob und Joker nahmen ihn wieder in die Mitte.

„Bleib da liegen!“, sagte Joker, als sie das Wohnzimmer erreicht hatten.

Sheng gehorchte. Er blieb flach und lang ausgestreckt auf den Dielenbrettern liegen. Bob setzte sich auf einen Stuhl ihm gegenüber an die Wand. Perl ging zum Fenster weiter und warf einen Blick in den Hof. Nur Joker blieb neben Sheng stehen. Sheng drehte sich nach ihm um.

„Fresse in den Dreck!“, knurrte Joker scharf.

„Fesseln wir ihn doch!“, rief Perl. „Oder wollt ihr die ganze Zeit wie die Schießhunde auf ihn achtgeben?“

Weder Bob noch Joker sagten etwas. Joker schien das Wachehalten nichts auszumachen. Bob saß ja ohnehin dabei.

Perl ging hinaus, um sein Lasso zu holen. Sheng hörte die Tür ins Schloss fallen.

„Ich habe Hunger!“, erklärte Bob. „Vielleicht gibt es etwas zu essen in der Bude. Mir wäre auch nach einem Whisky zumute.“

Joker sah kurz zu ihm hinüber und wies mit einer knappen Kopfbewegung zur Küche. „Sieh dich da drüben mal um!“, sagte er.

Hatte er das gesagt?

Wollte er das nur sagen?

Später wusste er es selbst nicht mehr. Sheng hatte den Augenblick abgewartet, in dem sie ihm beide für den Bruchteil einer Sekunde gleichzeitig aus den Augen ließen. Er lag am Boden - auf dem Bauch! Dort schien er aber nie zuvor gelegen zu haben, so unwahrscheinlich schnell befand er sich plötzlich auf den Beinen.

Joker stieß einen Schrei aus. Er brüllte vor Schreck, erst einen Atemzug später bestimmte Zorn den Ton seines Schreis.

Vom Boden hochfedernd, wirbelte Sheng herum. Blitzschnell wie die Schlange! Sein Angriff aus dieser Lage kam für die beiden Männer völlig überraschend. Joker wollte feuern. Doch wieder einmal befand sich sein Colt plötzlich nicht mehr in seiner Faust.

Shengs erster Schmetterschlag hatte Jokers Colthand getroffen. Der zweite Hiebj, der Stoß des Adlers, fegte den Mann von den Beinen.

Sheng schwang sich Bob entgegen, der das Gewehr hochriss und auf ihn anlegte. Die Gestalt im Winkel gebogen, die Arme konzentriert vor dem aufrecht gehaltenen Oberkörper, flog er dem Killer entgegen. Sein rechter Stiefelabsatz zielte genau auf das Gewehr, und er traf es zwischen den Fäusten, dass es zerbrach und dem völlig Verdutzten aus den Händen flog.

Sheng stieß dabei vor Anspannung einen kurzen, explosionsartigen Schrei aus, der sich wie das helle Fauchen eines Tigers anhörte.

lSheng stand sofort wieder. Bob landete in dem Stuhl, kippte rückwärts und prallte gegen die Wand. Wütend und verwirrt zugleich starrte er auf seine Fäuste, die auf einmal leer waren. Dann zuckte sein Blick hoch, stach in Shengs Augen. Im gleichen Moment griff er zum Revolver, den er in der Halfter stecken hatte.

Sheng schlug mit beiden Händen zu. Es krachte, als der schwere Mann auf dem rohgezimmerten Farmerstuhl zusammenbrach.

Sheng drehte sich um. Perl war zurück gekommen! Die Tür schwang herum und er stand auf der Schwelle, das Lasso in den Fäusten - zur Hälfte ausgeschlauft.

Der Schießer blieb stehen, grinste und warf die Schlinge, nachdem er sich vergewissert hatte, dass Sheng nach wie vor unbewaffnet war.

Mit dem Lasso war Perl ein Meister! Sheng duckte sich. Doch er konnte dem Wurf nicht entgehen. Perl war ihm an Schnelligkeit gleichwertig. In dem keinesfalls hohen Raum war das ein geschickter Wurf. Sheng wollte zur Seite ausweichen. Doch instinktiv hatte Perl gespürt, für welche Seite sich der Gegner entschied. Wie ein Reif schnitt die Schlinge durch die Luft und glitt über Shengs Kopf und Körper.

Perl lachte wie ein Teufel, als er das Lasso anzog.

Das gestraffte Lasso zwischen ihnen, standen sie geduckt da und starrten sich in die Augen. Nur ihre hastigen, angestrengten Atemzüge waren zu vernehmen. Auf der einen Seite Sheng, das Haar in der Stirn und die Arme von der Schlinge gegen den Körper gepresst. Ihnen gegenüber, noch an der Tür: Perl, klein und Untersetzt, ein wildes Leuchten im Blick, das Lasso in den Fäusten und das rechte Bein vorgestemmt, um den Druck besser auszugleichen.

„Du Hund!“, sagte er nur. Dann begann er das Lasso einzuziehen, um Sheng heranzubekommen. Langsam zog er, bis er sich plötzlich wild zurücklehnte und mit aller Gewalt am Lasso riss, um Sheng zu Fall zu bringen.

Aber das hätte Perl besser nicht getan. Sheng war stärker. Er gab nach, machte einen Schritt auf Perl zu, hielt dessem wilden Reißen stand und sprang dann mit einem Satz an die Wand zurück, als Perls Kraft nachließ und er Atem schöpfte, um neue Energie zu sammeln.

Wie eine Gliederpuppe wurde Perl durch den Raum geschleudert. Er schlug hart auf, ließ das Lasso aus den Händen gleiten und wollte zum Revolver greifen. Aber da war Sheng schon da. Blitzschnell und wuchtig.

Perl streckte sich und blieb liegen. Der Colt fiel aus seiner kraftlosen Hand.

Sheng streifte das Lasso ab und sah sich um.

Die drei hatten für eine Weile genug. Er ging zur Hintertür. Betty zeigte sich sofort, als er ins Freie trat. Da er ruhig stehen blieb, kam sie herübergerannt, den Blick ängstlich auf ihn gerichtet.

Er gab nicht ein einziges Wort der Erklärung ab, nahm sie am Arm und führte sie ins Haus. „Ich schirre die Pferde vor den Wagen“, sagte er. „Pack du ein, was notwendig ist. Vielleicht haben wir zehn Minuten.“

Sie nickte, blickte erschrocken auf die Männer, die sie im ersten Augenblick für tot hielt, und lief zu dem großen Schrank an der Wand.

Sheng eilte in den Hof hinaus, holte die Pferde von der Weide und schirrte sie unter der Remise vor den Wagen. Er fuhr damit um das Haus bis an die Felsen, ließ das Gespann dort stehen und rannte zu Matt, der ihm schweigend entgegenblickte. Sheng hob den Verletzten auf und trug ihn aus dem Felslabyrinth. Drüben kam Betty aus dem Haus, mehrere Decken in den Armen. Sheng wartete mit Matt, bis Betty die Decken zu einem Lager hergerichtet hatte, dann bettete er Matt behutsam darauf. Danach half er Betty auf den Kutschbock.

Zehn Minuten später kutschierte Sheng das Gespann vom Hof. Als sie durch das Tor rollten und Sheng statt zur Straße, direkt nach Norden fuhr, sah sie ihn verwirrt an.

„Sitting Hill - das geht jetzt nicht mehr“, sagte Sheng. „Ihr seid aber auch in keiner anderen Stadt sicher. Jedenfalls nicht im Umkreis von fünfhundert Meilen. Wir müssen ein Versteck in den Bergen suchen.“

„Wes Gruber ist tot“, erwiderte sie. „Ich habe sein Geld, er aber besitzt die Kaufurkunde. Wahrscheinlich wird die nun Clanton haben.“

Sheng lächelte. „Clanton wird die Urkunde vernichten. Wenn er es noch nicht getan hat, wird er es sehr bald und sehr schnell tun. Von einem Toten kann er die Ranch nicht erwerben. Das macht zuviele Umstände.“


*


Clanton brannte sich eine Zigarette an.

„Well, Monk! Die tausend Pferde für die Armee treibt morgen früh ab. Ich lege das alles in deine Hände. Bleibt immer an der Straße, die wird von den Blaujacken gesichert. Da bekommt ihr mit den Roten bestimmt keine Schwierigkeiten.“

„Ich habe nicht genug Leute!“, sagte Monk.

Clanton sah ihn überrascht an. „Sind denn Leute von dir an der Suche nach den Howards beteiligt? Wer hat das angeordnet?“

„Ich musste zehn Cowboys abstellen, Sir! Vor einer Woche schon. Nathan Montellier hat das befohlen.“

Clanton streifte Monk mit einem gereizten Blick. „Nath scheint mir auch nicht mehr der Klügste zu sein. Wieviel Männer stehen dir denn zur Verfügung?“

„Sieben - für tausend Pferde!“

„Aber das sind doch keine wilden Biester, Monk!“, lächelte Clanton. „Es handelt sich um Dreijährige! Um Dreijährige, die erstklassig zugeritten sind. Die ersten fünfhundert Pferde, die ich an die Armee geliefert habe, habe ich mit dem alten Jackson ganz allein getrieben. Hast du diesen alten Knochen noch gekannt?“

Monk schüttelte den Kopf.

„Das kann ich mir denken!“, brummte Clanton. „Sonst wüsstet ihr nämlich ganz genau, was Arbeit wirklich ist. Ich und der alte Jackson! Ja, das war noch ein Kerl aus echtem Schrot und Korn. Du hast keine Ahnung, was wir damals alles zu zweit gemacht haben, der alte Jackson und ich. Wir haben Pferde gefangen und zugeritten. Jede Woche ein neues Rudel. Dabei haben wir uns noch um die Zucht gekümmert, die damals im Entstehen war. Alle Gebäude haben wir dazu noch errichtet. Wir waren damals Pferdejäger, Zureiter, Züchter und Zimmerleute in einem. Und das jeden Tag. Und mit der linken Hand haben wir dabei auch noch die Indianer aufgehalten und zurückgeworfen. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang waren wir auf den Beinen. In der Nacht haben wir bei Fackelschein Zäune, Wagen und Geschirrzeug repariert. Soweit ich mich erinnere, sind wir beide damals fast ohne Schlaf ausgekommen. Aber das alles kann man ja heute nicht mehr von den Leuten verlangen.“

Er wies auf Monks protzige Uhrkette.

„Mit so etwas seid ihr heutzutage alle ausgerüstet, aber nicht mit Saft und Kraft wie der alte Jackson. Der hat die Uhr gar nicht gekannt. Von euch aber kann sie jeder lesen, und für euch alle ist heute um sechs Feierabend. Wie hoch die Sonne noch am Himmel steht, danach fragt keiner. Zehn Stunden Arbeit, und wenn diese Zeit um ist, lasst ihr das Werkzeug fallen, das ihr gerade in den Händen haltet. Was das bloß für Zeiten sind!“

„Nathan Montellier ist heute Nacht mit seinem Trupp aus den Bergen zurückgekehrt“, sagte Monk gelassen und völlig unberührt von Clantons Gerede. „Er könnte doch drei oder vier Männer abstellen. Bis morgen früh werden sie ja wohl ausgeschlafen haben.“

Clanton ließ den Mund einen Augenblick offenstehen.

„Ja, heute Nacht!“, sagte.Monk. „Wussten Sie das nicht?“

Clanton fluchte, machte kehrt .und stürzte zur Tür. Im selben Augenblick wurde von außen die Klinke hinuntergedrückt, und Nathan Montellier trat in das Zimmser. Clanton blieb stehen, als habe ihn der Blitz getroffen.

Nathan Montellier nahm den Hut ab, was er sich eigentlich längst abgewöhnt hatte.

Obwohl Clanton ihm die Niederlage ansah, stellte er die Frage:

„Habt ihr die Howards und diesen verdammten Chinesen gefunden?“

„Weit und breit keine Spur von ihnen, Sir!“, antwortete Nathan Montellier niedergeschlagen. „Der Erdboden muss sie verschluckt haben - oder aber sie haben diese Gegend für immer verlassen.“

„Bist du mit allen Männern zurückgekommen?“

„Nur Joker, Perl und Bob sind noch unterwegs“, berichtete Nathan Montellier.

Clanton fluchte. „Diese drei Weihnachtsmänner will ich nie wiedersehen. Die sind gefeuert! Aber das wissen sie bestimmt schon, und nur deshalb trauen sie sich nicht mehr zurück.“

„Wir haben nicht einen Quadratfuß Boden ausgelassen, Sir!“, behauptete Nathan Montellier. „Die Männer sind vierzehn Tage lang nicht aus den Sachen gekommen. Alle haben getan was sie konnten. Jeder hat sein Letztes gegeben.“

„Das Letzte ist mir nicht genug!“, bellte Clanton. „Und deshalb habt ihr sie auch nicht gefunden. Ich verlange das Allerletzte!“

„Sobald sich die Männer erholt haben, reiten wir nochmal los!“, sagte Nathan Montellier.

Es klopfte.

„Herein!“, rief Clanton ungehalten.

Die Tür ging. Der Gehilfe des Buchhalters trat mit einem Schriftstück in der Hand ein. Er war ein kleiner dürrer Oldtimer. Er trug einen Kneifer auf der Nase.

„Eine Unterschrift von Ihnen, Sir!“, sagte er und verneigte sich. „Es handelt sich um die Lieferpapiere für die Armeepferde.“

Clanton riss ihm die Papiere förmlich aus der Hand, stapfte zum Schreibtisch und unterschrieb hastig und ohne bei der Sache zu sein.

„Wenn ihr die Howards nicht findet“, sagte er gereizt, „kann ich hier einpacken. Mir will einfach nicht in den Kopf, dass über zwanzig erfahrene Männer nicht imstande sind, einen kranken Mann, eine Frau und einen Gelben aufzustöbern.“

Er nahm die Papiere und trug sie dem Oldtimer zurück.

„Sie verzeihen Sir, ich ...“

„Was denn noch?“, brüllte Clanton den Oldtimer an, der daraufhin noch ein ganzes Stück kleiner und dürrer zu werden schien, als er ohnehin schon war.

„Sie suchen die Howards?“, erkundigte sich der Oldtimer eingeschüchtert.

„Ja!“, dröhnte Clanton. „Aber Sie brauchen sich an der Suche nicht zu beteiligen.“

„Die Howards, Sir, befinden sich doch draußen im Black Canyon“, sagte der Oldtimer mit krächzender Stimme. „Sie fangen Wildpferde!“

Clanton starrte den Alten an wie einen Kranken. Dann stemmte er drohend die Fäuste in die Hüften.

„Sie verzeihen!“, krächzte der Alte und bewegte sich rückwärtsgehend über die Schwelle.

„Das war vor zwei Wochen!“, bellte Clanton.

Der Oldtimer blieb stehen und hob den rechten Zeigefinger.

„Gestern, Sir!“ Er hustete. „Ich habe ihnen selbst eine Weile von der Höhe aus zugesehen. Ich bin bei meinem Schwager gewesen. Sie kennen ihn doch. Billy Ramsey! Er handelt mit Holz. Bei ihm haben die Howards auch das Holz für den großen Fangkorral gekauft. Ich weiß es. Mein Schwager hat es mir erzählt, weil die Howards in bar bezahlt haben.“

Clanton, Nathan Montellier und auch Monk starrte den alten Mann an, als habe er sie eben davon in Kenntnis gesetzt, dass sie eine reiche Erbschaft gemacht hatten.

Monk fand die Sprache zuerst wieder. „Du hast dich auch nicht getäuscht, Alter?“

„Aber ich kenne doch Betty Howard!“, beteuerte der Oldtimer.

Clanton sah Nathan Montellier an.

Nathan Montellier zuckte die Schultern. „Vor unserer Haustür haben wir natürlich nicht jeden Tag aufs Neue nachgesehen.“

Clantons Blick wanderte. Monk lächelte. „Irgendwo mussten sie ja schließlich stecken.“

„Und auch Matt Howard ist dabei gewesen?“, wandte sich Nathan Montellier an den Oldtimer. Doch der Buchhaltergehilfe war schon gegangen.

Nathan Montellier und Monk sahen Clanton an. Er sagte nur ein Wort:

„Satteln!“


*


Betty klammerte sich förmlich an Shengs Arm. Ihr Atem flog, die hübschen Augen leuchteten.

Das Trommeln der vielen Pferdehufe war abgeflaut, und oben auf dem Kamm stand der schwarze Mustang in seiner ganzen majestätischen Schönheit. Ganz Kraft und Energie.

Seine Herde war nicht zu sehen. Aber Staub verflüchtigte sich hinter ihm in der heißen klaren Luft.

„Sie haben angehalten!“, flüsterte Betty. „Sie warten auf sein Zeichen.“

Sheng nickte.

Der Schwarze hatte sie noch nicht gesehen. Sie waren ihm einfach zu nah. Er sicherte über sie hinweg. Das konnten sie deutlich sehen.

„Dass ihn Matt so nicht sehen kann!“, sagte sie leise, und ihr schöner Busen hob und senkte sich dabei unter den heftigen Atemzügen. „Er hat es sich immer so gewünscht, ihm eines Tages einen Sattel auf den Rücken zu werfen.“

Sheng schüttele den Kopf. Auch er war von der Schönheit dieses Pferdes gepackt. „Da oben ist er nicht zu kriegen.“

„Aber von der Herde kann man ihn nicht trennen“, sagte sie schnell.

„Ich weiß“, sagte Sheng und schaute sich spähend um. Gewiss waren die Voraussetzungen noch nie so günstig, den schwarzen Hengst samt seiner Herde in den Korral zu kriegen. Doch dazu musste etwas getan werden.

Betty erriet Shengs Gedanken. Sie ließ ihn los und rannte zu ihrem Pferd.

Schon diese Bewegung genügte! Der schwarze Teufel zuckte zusammen, schaute herab, reckte sich und stieß einen wilden, herausfordernden Schrei aus. Jedenfalls klang dieses trompetenartige Wiehern so in Shengs Ohren.

Er schaute Betty nach. Sie hatte Anlauf genommen und sprang wie ein trainierter Weidereiter über die Kruppe hinweg in den Sattel.

Der Schwarze und Bettys Brauner jagten gleichzeitig los. Der Mustang oben über dem Hügelkamm, Bettys Brauner unterhalb der Felsschulter. Geradezu mühelos konnte der schwarze Hengst zum Canyonausgang hin Raum gewinnen.

Doch seine Herde kam zu spät in Gang! So zögerte er, und Betty langte zuerst dort an. Im gestreckten Galopp! Die Hufe ihres Braunen hämmerten. Der Schwarze schwenkte ein, und seine Herde machte diese Bewegung sofort mit.

Sheng ging langsam zu seinem Pferd und saß auf, ohne den Blick von Betty zu wenden. Was war das für eine Frau! Sie hing wie ein Rennreiter im Sattel und jagte wagemutig über Stock und Stein hinweg hinter dem schwarzen Satan her, der zurückgerast kam und hundert Yard vor Sheng einen Haken schlug.

Mit dem ganzen Schwung ihres schlanken Körpers warf Betty den Braunen um die Hand und fegte hinter ihm her. Doch was hatte sie gegen den Schwarzen verloren! Aber sie ließ nicht locker und holte sogar auf.

Die Herde wollte wieder aufschließen. Doch abermals galoppierte Betty dazwischen. Die Tiere rasten zur anderen Felswand hinüber und jagten direkt auf die aufgestellten und mit Segeltuch bespannten Torstangen des trichterförmigen Eingangs ihres Fangkorrals zu. Die Segeltuchwände, die Felsen vorspiegeln sollten, wären der Herde auch um ein Haar zum Verhängnis geworden. Doch da stellte sich der schwarze Teufel hoch und trompetete ein warnendes Wiehern hinaus, dass die Herde kurz vor den Segeltuchwänden abschwenkte und zurückgerast kam.

Der Hengst floh aus dem Canyon. Betty konnte ihn nicht einholen. Aber sie dachte an die Herde. Sheng sah, wie sie sich umschaute und ihr Pferd dann herumtrieb.

Die Herde scheute sofort. Sie raste weiter und kam auf Sheng zu.

Hoch oben auf dem Pass machte der Schwarze Halt. Ohne seine Herde wollte er nicht weiter.

Sheng galoppierte an und ritt Betty entgegen. Hinter ihm kreiste die Herde und raste zur anderen Seite des Canyons zurück.

Bettys Brauner war restlos erledigt. Sie aber auch. Ihr hübsches Gesicht war schweißnass. Sie hielten voreinander.

„Er ist nicht zu bezwingen, Sheng!“, sagte sie resignierend.

„Achte auf die Herde!“, rief Sheng und galoppierte weiter. Im gestreckten Galopp flog er die Anhöhe hinauf. Dabei hielt er sich dicht im Schatten der Felswand. Der Satan da oben hatte nur Augen für seine Herde und für das Hindernis, das sich den Tieren in den Weg stellte und sie am Ausbruch hinderte. Das war Betty!“

Wie ein Wiesel glitt Sheng aus dem Sattel, das Lasso in den Fäusten. Geduckt lief er zur anderen Seite hinüber. Dort ließ er sich gegen eine der Felsbarrieren fallen, den Blick auf den schwarzen Hengst gerichtet, der langsam heruntertrabte.

Sheng ließ ihn nicht aus den Augen. Er hielt das Lasso wurfbereit.

Er tänzelte auf den Vorderfüßen und schnaubte. Es klirrte und krachte unter seinen Hufen. Steine flogen.

Sheng pfiff! Drüben löste sich sein Brauner von der Felswand.

Der Schwarze hielt sofort ein. Gebannt schaute er hinüber.

Sheng stürzte vorwärts und schwang das Lasso. Genau in dem Augenblick, in dem der Schwarze hersah, schleuderte er mit einem gezielten Wurf die Schlinge. Aber dabei sah er ihm auch in die Augen.

Der schwarze Hengst schien das Lasso gar nicht zu spüren. Im ersten Augenblick sah es jedenfalls so aus. Er blieb steif stehen und blickte zu Sheng herüber. Die Schlinge schloss sich um den Hals des Mustangs und spannte sich.

Sheng wusste, dass er der Kraft dieses Hengstes nicht gewachsen war. Aber er hatte sich schon umgesehen. Viel Zeit blieb ihm nicht. Einen Moment später riss sich der Schwarze von seinem Blick los und galoppierte vorwärts.

Sheng ließ das Lasso durch die Hände laufen und sprang zur Seite. Eine Klippe ragte aus dem Sand. Im Sprung flocht er einen Knoten, und warf ihn über die Leiste. Es fauchte und sang in der Luft, als sich das Lasso straffte.

Sheng starrte auf die Schnur.

Sie hielt! Der Schwarze ging hoch, warf sich zur Seite und sprengte dann um ihn herum.

Sheng richtete sich auf die Knie, tauchte unter dem Lasso weg und erhob sich. Der Schwarze äugte herüber und ließ sich von Shengs Blick gefangen nehmen. Nach vier Runden blieb er leise schnaubend stehen.

Sheng ging langsam auf ihn zu, trat ihm aber nicht zu nahe.

„Niemand will dir etwas tun“, sagte Sheng leise. „Du sollst nur bei uns bleiben. Bei uns gibt es Wasser und Weide und andere Pferde.“

Der Schwarze stieg auf der Rückhand hoch und griff an.

Sheng blieb stehen, schloss langsam die Augen und öffnete sie wieder.

Der Angriff des Schwarzen ging in die Luft. Er kam wieder mit den Vorderhufen auf die Erde und bewegte sich rückwärts, bis sich das Lasso straffte.

Auch Sheng wich zurück. Dabei warf er einen Blick in den Canyon. Die Herde des schwarzen Hengstes stand drüben an der Felswand. Die Tiere wirkten nervös und aufgeregt. Betty hatte in der Canyonmitte angehalten und blickte zu Sheng herauf. Gebannt verfolgte sie das erregende Schauspiel! Auch als der Tiger-Mann heruntergeritten kam, den Schwarzen am Lasso, rührte sie sich nicht vom Fleck.

Hinter dem Schwarzen trabte die gesamte Herde zwischen den Segeltuchwänden in den Korral hinein.

Da erst schien Betty sich zu besinnen. Sie kam herangetrabt, um ihm behilflich zu sein, die Torstangen vorzulegen. Doch er war damit schon fertig. Wortlos stieg sie aus dem Sattel und fiel ihm um den Hals.

Sie weinte vor Glück!


*


Clanton stützte die Fäuste auf das Sattelhorn. Keiner sagte ein Wort. Alle blickten hinunter auf den Schwarzen und seine Herde. Wie ein Lamm stand der gewaltige Hengst unter dem dürren Baum, der sich mitten in dem Korral befand. Aufgeregt waren nur die jungen Hengste, die Stuten und Fohlen. Sie trabten dort aufgeregt und ziellos durcheinander.

„Die bewacht ja niemand“, sagte Monk nach einer Weile.

„Ein Zaun ist eben ein Zaun!“, meinte einer, der Männer.

Clanton richtete sich auf. Nathan Montellier sah ihn erwartungsvoll an. Doch Clanton schwieg beharrlich. Er brannte sich eine Zigarre an.

„Ja!“, meinte Nathan Montellier. „Warten wir, bis sich die Howards dort unten zeigen.“

Clanton paffte. Wütend war er nicht. Nur äußerst gespannt. Das verrieten die blauen Ringe, die er in die Luft schickte.

„Ich hätte nie gedacht, dass es einer schafft, diesen schwarzen Teufel einzufangen!“, sagte einer der Männer anerkennend. „Ich wette, den hat jemand verhext. Wahrscheinlich ist Betty Howard gar keine Frau, sondern eine Hexe!“

Clanton nahm die Zigarre in die Hand. Alle sahen ihn gespannt an. Er wollte den Mund aufmachen, unterließ es aber. Im Canyon tauchte auf einmal ein Reiter auf. Er ritt direkt auf den Korral zu.

Clanton paffte kräftig weiter.

Aller Blicke hingen an dem Reiter. Unendlich langsam ritt er näher, lenkte sein Pferd immer tiefer in das weite V hinein, das die Segeltuchwände bildeten und hielt vor dem schmalen Gatter. Dort saß er ab und kletterte über die Umzäunung hinweg in den Korral.

Die jungen Mustangs, Stuten und halbwüchsigen Fohlen wichen vor ihm zurück. Nur der Schwarze unter dem dürren Baum blieb bewegungslos stehen. Der Mann ging bis zu ihm und legte ihm die Hand auf die Mähne.

Clanton warf seine Zigarre fort. Diese Bewegung veranlasste die Männer, ihm ins Geseicht zu sehen. Es glich plötzlich einer Maske aus grauem Sandstein. Wortlos nahm er die Zügel in die Fäuste und drehte das Pferd um die Hand.

Die Männer folgten ihm und nahmen die Gewehre schussbereit in die Fäuste.

„Der Chinese!“, riefen sie sich halblaut zu, die Blicke noch in den Canyon gerichtet.

Nathan Montellier holte auf und ritt neben Clanton her. Er betrachtete ihn verstohlen. Doch Clanton äußerte sich nicht. Keine Regung seines Gesichts verriet, was in ihm vorging.

„Der Chinese!“, sagte nach einer Weile auch Nathan Montellier. „Das hätte Matt Howard nie geschafft. Ohne seine Hilfe hätte er hier noch hundert Jahre den Schwarzen und seine Herde gejagt. Irgendwie scheint dieser Chink doch ein besonderer Kerl zu sein.“

„Ein Mann sollte viel denken, aber nicht viel reden!“, wies ihn Clanton zurecht.

In Doppelreihe verließen sie das Plateau und schwenkten zum Eingang des Black Canyons ein. Die Sonne stand hoch am Himmel. In der brütenden Mittagshitze schien die Luft über dem Canyon zu kochen. Die Hufe der Pferde weckten ein dumpfes trommelndes Geräusch aus dem ausgedörrten Boden.

Staub stieg empor. Die Männer ritten dicht geschart hinter Clanton und Nathan Montellier her. Als drohender Block näherten sie sich dem Einschnitt. Von der Höhe aus sahen sie den Black Canyon in seiner ganzen Breite und Länge vor sich liegen. Die heiße Luft flirrte und tanzte zwischen den Steinwänden. Die Wildpferde standen wieder völlig ruhig.

Clanton sah Nathan Montellier an. Das Pferd war weg, das vor dem Korral an der linken Segeltuchwand gestanden hatte.

Nathan Montellier fluchte. „Wir haben ihn mit unserem Staub vertrieben.“

Clanton wollte schneller reiten. Doch das felsige Terrain verbot ein schnelleres Tempo. Während sie abwärts ritten, ließen sie fortgesetzt die Blicke schweifen. Doch in welche Richtung der Reiter verschwunden war, mochten sie nicht festzustellen.

Dann ritten sie in den Canyon und galoppierten in den Trichter der Segeltuchwände hinein. Vor dem Gatter machten sie halt.

Clanton schwang sich aus dem Sattel, band die Bandana ab und trat an einen der Pfosten. Die Pferde bewegten sich langsam zur anderen Seite hinüber. Nur der Schwarze blieb an seinem Fleck, und er war es auch, der die Ankömmlinge argwöhnisch beäugte.

Während die Männer bei den Reittieren warteten, ging Nathan Montellier zu Clanton.

„Ein herrliches Tier!“, sagte Clanton und wies mit einer Kopfbewegung auf den schwarzen Hengst.

„Ich denke, wir nehmen ihn mit!“, meinte Nathan Montellier. „Die Herde lassen wir frei. Den Korral verarbeiten wir zu Kleinholz. Restlos!“

Clanton nahm den Hut ab und wischte das Schweißband mit der Bandana trocken. „Der Schwarze ist ja nicht alles, was wir wollen.“

Nathan Montellier machte schmale Augen und spähte angestrengt die Felsschultern im Norden entlang. Stumpf und matt glühte das braune Gestein dort in der Sonne. Nicht ein Luftzug rührte sich.

„Ich werde mich mal mit ein paar Männern dort oben umsehen“, sagte er. „Ich bin sicher, dass wir da Spuren finden.“

Clanton setzte den Hut wieder auf und band sich die Bandana um den Hals. „Wir reiten alle!“, sagte er. „Das hier erledigen wir hinterher. Aber vielleicht ist das dann alles gar nicht mehr nötig.“

„Sir, ein Reiter!“, rief da Joe Pastor hinter ihnen.

Sie drehten sich um. Hinter ihnen sprengte ein Reiter in den Canyon herunter.

Clanton lächelte kalt. „Ist das Matt Howard?“

„Kann ich gar nicht glauben!“, erwiderte Nathan Montellier.

Seite an Seite gingen sie zu den Männern und den Pferden. Während Clanton durch die Gruppe schritt, trat Nathan Montellier an sein Pferd, zog die Winchester aus dem. Scabbard und stapfte damit hinter Clanton her. Die anderen folgten sofort seinem Beispiel. Mehr als ein Dutzend Gewehrschlösser knackten.

Sie erkannten den Reiter erst, als er den Grund des Canyons erreicht hatte.

„Verflucht, das ist ja Wheelock!“, zischte Nathan Montellier und zog sich den Hut in die Stirn. „Der Sheriff!“

Clanton grinste, dass es ihm die Lippen von den Zähnen zog. „Der Advokat ist doch tot! Wer könnte ihn diesmal gerufen haben?“


*


Schweigend warteten sie die Ankunft des Gesetzesbeamten ab. Clanton ging ihm ein paar Schrite entgegen.

Wheelock hielt und stieg ab. „Hallo, Mister Clanton!“

„Ich bin überrascht!“, sagte Clanton. „Was haben Sie denn um diese Tageszeit hier im Black Canyon zu suchen?“

Der Sheriff griente und zeigte auf die Wildpferde. „Ich will mir den schwarzen Hengst ansehen, den sich die Howards gefangen haben.“

Er setzte sich in Bewegung und lief an Clanton vorbei auf die Männer zu, die ihm Platz machten. Clanton schaute ihm nach, warf Nathan Montellier einen nichtssagenden Blick zu und folgte ihm dann. Der Sheriff blieb am Gatter stehen, legte die Arme auf eine Torstange und betrachtete die Wildpferde. Clanton blieb neben ihm stehen.

„Es sind ausgesprochen schöne Pferde“, sagte der Sheriff, ohne den Blick von den Tieren zu wenden. „Astreines Blut! Sehen Sie sich die Brust von dem schwarzen Teufel an. Und seine Stuten. Alles schlanke und edle Tiere. Da hat Matt Howard einen guten Blick gehabt. Ich schätze, er wird mit seiner Zucht Glück haben.“

„Das kann ich mir nicht vorstellen“, sagte Clanton eisig.

„Er versteht etwas von Pferden“, erwiderte der Sheriff. Durch nichts gab er zu erkennen, ob er den drohenden Unterton in Clantons Stimme vernommen hatte oder nicht. „Mit diesen Tieren muss er einfach Glück haben! Der schwarze Hengst und Ihre berühmte blaue Stute! Das gibt eine Mischung.“

Er drehte sich, um und sah Clanton an.

„Sie glauben, dass ich das zulasse?“, fragte Clanton düster.

„Howard die blaue Stute zu überlassen, dazu kann Sie natürlich niemand zwingen“, sagte der Sheriff beiläufig.

„Das habe ich auch nicht gemeint!“, brauste Clanton auf.

Der Sheriff machte schmale Augen. „Wenn Sie glauben, ich lasse zu, dass sich Matt Howard direkt vor meiner Nase eine Pferdezucht aufbaut, unterschätzen Sie mich!“, sagte Clanton.

„Wie wollen Sie das verhindern?“

„Das können Sie sich nicht vorstellen?“

„Aber nein!“, sagte der Sheriff verblüfft.

„Sie werden mir dabei helfen!“, zischte Clanton. Der Augenmuskel im rechten Tränensack zuckte wild.

„Ich wüsste nicht, wie?“

„Matt Howard ist ein Verbrecher! Ein Bandit! Er wird in allen Staaten der Union gesucht.“

Der Sheriff schütelte den Kopf. „Das stimmt nicht! Er wird in Mexiko gesucht und in Kanada. Aber das habe ich auch nur gehört.“

Clanton starrte ihn an.

Der Sheriff winkte ab. „Mexiko und Kanada soll uns nicht kümmern! Ich habe ohnehin vor meiner Haustür genug zu tun. Im Moment bin ich dabei herauszufinden, wer Ihren Advokaten erschossen hat.“

„Meinen Advokaten? Wes Gruber ist doch nicht mein Advokat gewesen.“

„Das dachte ich immer!“

„Falsch gedacht!“, zischte Clanton.

Der Sheriff nickte. „Ich hatte Howard in Verdacht! Auf seiner Ranch habe ich die Leiche ja gefunden. Aber er kann es nicht gewesen sein.“

„Wieso nicht?“

„Er ist gelähmt! Das wird er vielleicht auch bleiben!“

„Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?“

Der Sheriff zuckte die Schultern und lächelte. „Ich komme von ihm!“

Clanton schaute wild zum Canyoneingang empor und starrte dem Sheriff wieder in die Augen. „Wo befinden sich die Howards?“

„Wo soll sich ein kranker Mann schon aufhalten? In seinem Haus natürlich!“

„Die Howards sitzen auf ihrer Ranch?“

„Wo sollten Sie sonst sein?“

Clanton griff zum Revolver. Er war nicht schnell. Der Sheriff hätte ihn ohne weiteres schlagen können. Doch Clanton war ja nicht allein, und seine Männer hatten auf nichts anderes gewartet. Mehr als ein Dutzend Revolver und Gewehre flogen hoch.

„Sie scheinen mich für einen heurigen Hasen zu halten!“, sagte Clanton wütend, trat nach vorn und rammte dem Sheriff die Mündung in den Leib. „Das ist hier ein Spiel um Leben und Sterben, wenn Sie das noch nicht begriffen haben.“

„Machen Sie keinen Ärger!“, sagte der Sheriff. „Ich bin der Mann des Gesetzes.“

Clanton griff blitzschnell zu, riss ihm den Stern ab und warf ihn hinter sich. Monk und Hank Sullivan malmten die Blechmarke mit den Stiefelabsätzen in den Sand, bis nichts mehr davon zu sehen war. Clanton wartete gelassen ab.

„Der Mann des Gesetzes sind Sie jetzt nicht mehr!“, sagte er dann.

„Ich warne Sie!“, sagte der Sheriff.

„Wo sind die Howards?“, fragte Clanton.

Der Sheriff starrte ihn an. Clanton lächelte. Nun war er sicher, dass er die Antwort bekommen würde. Vor allem die richtige Antwort! Er trat zur Seite und winkte scharf mit der linken Hand.

Der Sheriff besaß keine Chance. Er kam gerade noch dazu, zum Revolver zu greifen. Aus dem Leder bekam er die Waffe aber nicht mehr. Wie Wölfe stürzten sich die Männer auf ihn und schlugen ihn zusammen.


*


Betty riss das Glas von den Augen und starrte Sheng entsetzt an. Er nahm ihr das Glas aus der Hand und schaute damit in den Canyon hinab. Was er zu sehen bekam, reichte ihm.

„Sie bringen ihn um!“, sagte Betty verzweifelt.

„Du weißt, dass ich ihn gewarnt habe!“, sagte Sheng und ließ den Feldstecher sinken. „Wenn er nicht das Richtige tut, werden Sie ihn umbringen.“

„Kannst du ihm nicht helfen?“

Sheng schaute wieder durch das Glas. Die Männer waren zurückgetreten. Wie tot lag der Sheriff vor dem Gatter.

„Reite zu Matt!“, sagte er. „Er wird warten.“

„Wenn der Sheriff nicht tot ist, wird er die Halunken zu uns heraufführen!“, rief sie entsetzt. „Er hat doch gar keine andere Wahl.“

„Hoffentlich wird er es bald tun!“, erwiderte Sheng..

„Willst du ein Gewehr haben?“

Sheng sah sie an und lächelte. „Ein Gewehr gegen zwanzig andere!“

„Hast du die Absicht, sie mit deinen Fäusten aufzuhalten?“, fragte sie verzweifelt.

„Allenfalls hat der Verstand eine Chance“, sagte er. „Geh jetzt! Es ist nicht gut für Matt, wenn er solange allein ist.“

Sie neigte sich über ihn und küsste ihn flüchtig. „Ich brauche dich lebend“, sagte sie. „Nicht tot.“

Dann ging sie und Sheng sah ihr nach, bis sie hinter den Felsen verschwunden war. Sein Herz klopfte. Ihm stand durchaus der Sinn danach, ihr hinterherzulaufen und sie fest in die Arme zu nehmen. Doch dazu war jetzt nicht die Zeit. Entschlossen wandte er sich wieder dem Canyon zu.

Der Sheriff wurde von zwei Männern gepackt und hochgerissen. Vor ihm stand Clanton. Er sprach mit ihm. Dann kam schon Bewegung in die Gruppe. Die Reiter stürzten zu den Pferden und saßen auf.

Sheng ließ das Glas sinken. Alles andere war mit bloßem Auge zu verfolgen. Später zeigte ihm die Staubfahne den Weg der Reiter an. Er kletterte über Felsschroffen abwärts und wartete dann in der Schlucht, die sie heraufgeritten kamen.

Dicht gedrängt ritten sie den steinigen Grund empor. Vorn, in einer Reihe, ritten Clanton, Nathan Montellier, der Sheriff und noch ein Mann, der ein Lasso hielt, dessen Schlinge der Sheriff um den Hals trug.

Sheng wartete, bis der Trupp auf sechs Pferdelängen heran war, dann trat er auf den Pfad. Sie hielten sofort an.

Clanton saß allein ab, ließ das Pferd stehen und kam zu ihm.

„Du bist der Chink, nicht wahr?“, lächelte er.

Sheng schwieg.

Clanton hob abwehrend beide Arme. „Ich wollte dich nicht beleidigen.“

„Sie haben mich nicht beleidigt!“, sagte Sheng.

„Hast du nicht auch das Gefühl, dass du auf der falschen Seite stehst?“, fragte Clanton mit gewinnendem Lächeln. „Du bist ein Mann mit besonderen Fähigkeiten. Daraus solltest du etwas machen. Geld, meine ich! Ich würde dich verdammt gut bezahlen! Hast du den schwarzen Hengst eingefangen?“

„Ja! Er gehört mir."

„Anerkannt!“, sagte Clanton gnädig. „Ich kaufe ihn dir ab. Was verlangst du? Nütze es aus! Ich bin in guter Stimmung. Ich zahle jeden Preis für diesen Burschen.“

„Der Schwarze ist nicht verkäuflich!“, erwiderte Sheng.

„Du willst ihn behalten? Behalte ihn! Was zahlen dir die Howards? Arbeite für mich und ich zahle dir das Zehnfache!“

„Was ist das Zehnfache von Nichts?“

Clanton machte schmale Augen. „Schlitzauge, ich warne dich! Du scheinst nicht zu kapieren. Bei mir kannst du viel Geld verdienen. Du könntest eines Tages als reicher Mann nach China zurücksegeln.“

„Sie sind Clanton?“

„Ja!“, erwiderte Clanton verwundert. „Ich dachte, das wüsstest du!"

„Ich war im Zweifel, weil Ihre Leute den Sheriff gefangen halten“, sagte Sheng.

Clanton furchte die Brauen. „He! Das passt dir wohl nicht? Du sagst das so komisch, Chink!“ Er lächelte. „In China ist das anders, ich weiß. Da schützt die Beamten der Kaiser. Aber wir haben hier keinen Kaiser. Hier ist jeder sein eigener Kaiser.“

„Ich weiß!“, lächelte Sheng. „Vor allem sind Sie einer! Man nennt Sie den Mustang-König. Aber ist dieser Canyon Ihr Reich?“

„Reize mich nicht, Chinese!“, sagte Clanton mit Schärfe in der Stimme. „Meine Geduld kennt Grenzen! Aber wenn du es wissen willst, mein Reich ist hier überall. Überall dort, wo die Bleistücke meiner Männer fliegen, habe ich das Sagen, verstehst du? Und nun erkläre dich, oder es kracht.“

Sheng erklärte sich. Freilich auf seine besondere Weise. Er schoss vor, packte blitzschnell zu und riss Clanton an sich. Ehe die Männer reagierten, vor allem, bevor Clanton begriff, was ihm da widerfahren war, hing er als lebender Schild vor Sheng, und Sheng hielt den Revolver des Ranchers in der Faust und drückte ihm die Mündung in die Seite.

„Zurück!“, rief Sheng den Reitern zu. „Zurück!“

Wie vom Donnerschlag getroffen verharrten die Männer in den Sätteln. Clanton starrte Sheng ins Gesicht und wehrte sich. Obwohl ihn Sheng nur mit einem Arm hielt, besaß der andere keine Chance. Geradezu mühelos hielt ihn Sheng vor sich und drückte ihm den Brustkorb zusammen, dass Clanton in Atemnot geriet und den Widerstand einstellte.

Sheng lockerte den Griff. Es war nicht seine Absicht, Clanton vor seinen Leuten die Luft abzudrücken und umzubringen.

„Befehlen Sie Ihren Männern wegzureiten!“, verlangte Sheng. „Aber sofort! Nur der Sheriff bleibt hier.“

„Verschwindet, Nath!“, stieß Clanton krächzend hervor.

Die Männer waren noch zu überrascht, dass sich zunächst keiner von der Stelle rührte. Nathan Montellier kochte vor Zorn, weil er keine Möglichkeit sah, einzugreifen.

Nur der Sheriff bewegte sich! Er zog die Schlinge an seinem Hals auf, streifte sie über den Kopf und stieg vom Pferd. Geradezu gelassen ging er zu Nathan Montellier und nahm ihm das Gewehr aus der Hand. Dann trat er neben Sheng an die Felswand.

„Montellier!“, sagte er kalt. „Ihr seid am Zug.“

„Ja, macht, dass ihr wegkommt!“, rief Clanton mit heiserer Stimme. „Das ist mein ausdrücklicher Befehl, Nath!“

Nathan Montellier streifte Sheng mit einem hasserfüllten Blick und hob die Hand. Dabei drehte er sein Pferd. Wortlos schlossen sich die Männer an. Im engen Kordon ritt Clanton’ Mannschaft durch den Canyon zurück. Der Hufschlag hallte zwischen den Felswänden. Einige Minuten lang. Dann hing in dem schmalen Eingang zum Black Canyon nur noch Staub in der Luft. Das war alles, was an die stolze Reiterschar des Mustangkönigs erinnerte.

Sheng ließ Clanton los und warf dem Sheriff den Colt zu.

Der Sheriff fing die Waffe auf.

Sheng setzte den Hut gerade. „Kommen Sie hier nie wieder her“, warnte er Clanton, machte kehrt und schritt die Schlucht hinauf.

Clanton und der Sheriff sahen Sheng nach. Beiden lief der Schweiß wie Bachwasser über die verstaubten Gesichter. Clanton wandte langsam den Kopf und zeigte grinsend die Zähne.

„Wollen Sie mich jetzt verhaften, Sheriff“

„Sie sind verhaftet!“, sagte der Sheriff wütend. „Los, gehen Sie ihm nach.“'

Clanton blickte auf sein Gewehr und sah ihm wieder in die Augen. „Was soll das werden, Wheelock? Sie sind auf der falschen Seite. Aber das begreifen Sie schon noch.“

„Los, schlafen Sie nicht ein!“, bellte der Sheriff.

Clanton setzte sich langsam in Bewegung. Der Sheriff nahm sein Pferd am Zügel und folgte ihm.

„Ich mache Ihnen ein Angebot, Wheelock“, sagte Clanton schon nach dem ersten Schritt. „Sie reiten in die Stadt zurück, und wir vergessen das alles.“

Der Sheriff griente. „Und was wird aus Ihnen?“

„Ich gehe jetzt zu meinen Leuten!“

„Ich soll Sie laufenlassen? Ich lache mich gleich tot. Sie halten mich wohl für einen Lebensmüden, was?“

„Ich wiederhole dieses Angebot nicht! Ich halte es genau noch fünf Sekunden aufrecht“, sagte Clanton und blickte wieder über die Schulter. „Wieso haben Sie sich in diese Sache überhaupt hineinziehen lassen? Das möchte ich mal wissen!“

„Ich suchte Grubers Mörder, und ich bin sicher, dass ich ihn gefunden habe“, erwiderte der Sheriff.

„Vermutungen!“, lachte Clanton wütend. „Was wollen Sie damit anfangen?“

Der Sheriff stieß ihm das Gewehr gegen die Schulter. „Ich habe Sie! Nachdem ich Sie in der Hauptstadt abgeliefert habe, hole ich mir Ihre Leute. Einen nach dem anderen. Dann sehen wir schon, was aus der Sache wird.“

Clanton blieb stehen. Er wollte etwas sagen. Da krachte oben in den Felsen ein Schuss.

Betty hatte geschossen. Sie winkte Sheng, der das Plateau schon fast erreicht hatte. Sie warnte ihn. Sheng trat rasch an die Felswand. Eine wilde Knallerei begann. Die Schüsse kamen aus der Richtung des Plateaus. Dort stand der Wagen, bei dem sich Matt Howard befand.“

„Schneller!“, zischte der Sheriff und stieß Clanton weiter.

Sheng wartete auf sie. Betty kam die Felswand herabgeklettert.

„Was ist mit Matt?“, fragte der Sheriff krächzend.

„Drei Männer sind bei ihm“, erklärte Sheng. „Sie haben ihn überwältigt.“

Betty sprang von der letzten Klippe. „Joker und noch zwei andere. Sie bedrohen meinen Bruder mit ihren Waffen“, sagte sie atemlos. Ihr hübsches Gesicht war schmutzig und feucht vom Schweiß.

Der Sheriff fluchte. Clanton lachte gehässig.

„Die Männer sind auch nicht weggeritten“, erklärte Betty. „Sie haben den Canyon verlassen und umreiten das Massiv.“

„Ich schlage vor, dass wir uns schleunigst einigen“, sagte Clanton.

„Bleiben Sie bei ihm, Sheriff!“, sagte Sheng und lief mit Betty an der Felswand entlang weiter, bis sie den Wagen ins Blickfeld bekamen.

Der Wagen befand sich auf dem Plateau vor einem Felsen. Matt Howard stand an der Deichsel auf seinen Stock gestüzt. Hinter ihm waren drei Männer zu sehen, die ihre Gewehre auf ihn gerichtet hielten. Ihre Pferde standen neben dem Wagen. Dort befanden sich auch die beiden Zugtiere.

„Sie scheinen nicht zu wissen, dass wir Clanton haben“, sagte Betty. „Ich soll zu ihnen kommen, oder sie wollen Matt töten. Ich wäre ihnen fast in die Arme gelaufen. Was machen wir jetzt, Sheng?“

Sie war verzweifelt.

„Geh zu ihnen!“, sagte Sheng. „Aber warte, bis ich dort hinter ihnen auf dem Felsen bin.“

Sie sah ihn entsetzt an.

„Wir haben nicht viel Zeit! In einer halben Stunde sind die anderen hier.“

„Ich weiß!“ sagte Sheng. „Halte die Burschen hin. Sprich mit ihnen. Ich bin drüben, ehe Nathan Montellier mit den Männern hier oben zu sehen ist.“

Er schaute sich um und bewegte sich rückwärts. Hinter ihm kam der Sheriff mit Clanton näher.

„Bleiben Sie dort!“, rief Sheng raunend, während er mit dem Aufstieg begann. „Lassen Sie sich von den Kerlen nicht blicken. Sie wissen nicht, dass wir Clanton haben.“

Der Sheriff hielt Clanton sofort fest und reckte Sheng die Hand entgegen, zum Zeichen dass er ihn verstanden hatte.


*


Sheng kletterte rasch aufwärts. Flink und geschickt wie eine Katze glitt er über die Felskanten und Geröllfelder zum Gipfel empor. Er benötigte nur Minuten. Als er sich über den Grat schwang und zum Plateau hinabstieg, konnte er den Wagen und die Männer dort überblicken. Er sah aber auch die Reiter, die den Canyon verlassen hatten und sich einen Weg durch den Felswirrwarr im Westen suchten, um auf das Plateau zu kommen. Sie rückten rasch vorwärts. Sie hatten die Pferde an die Zügel genommen und bewegten sich in einer breiten Kette durch die felsigen Formationen.

Aber auch Sheng war schnell. Bevor er den Wagen aus dem Blickfeld verlor, sah er am Rande des Plateaus Betty auftauchen. Die Männer riefen ihr zu, dass sie zum Wagen kommen sollte.

Die Sonne brannte. Aber Sheng verlor auf dem ganzen Weg nicht einen Tropfen Schweiß. Er war auch nicht außer Atem, als er über dem Wagen zwischen den Felsen liegenblieb und Matt Howard und die drei Männer beobachtete.

Betty hatte ihn gesehen.

„Ich komme!“, rief sie den Männern zu und setzte sich in Bewegung.

„Bleib doch!“, rief Matt Howard mit krächzender Stimme. „Bleib, wo du bist, Betty!“

„Halte den Rand!“, griente Joker, der hinter ihm stand und schlug ihm die Hand hart auf die Schulter.

Matt Howard saß auf der Deichsel. Er konnte nicht lange stehen. Sheng sah ihm an, dass er Schmerzen hatte.

Der Fels, auf dem er lag, war gute dreißig Fuß hoch, und die Wand fiel steil ab. Die drei Männer hinter der Deichsel standen dicht beisammen.

Nicht einer sah sich um oder schaute herauf. Alle drei blickten sie Betty entgegen.

Matt stemmte sich plötzlich auf seinem Stock hoch. Er war so wütend, dass er die Männer ohne jede Rücksicht auf seinen Zustand angreifen wollte. Ohne Waffe, nur mit dem Stock. Perl und Bob sprangen sofort hinzu. Joker schlug den schwerverletzten Mann kurzerhand zu Boden.

Betty blieb stehen. „Matt!“, rief sie schrill.

„Komm weiter!“, rief Joker wild.

Sheng lag längst sprungbereit. Doch sie hatten alle drei die Gewehre auf Betty gerichtet.

Da schoss Joker in die Luft. „Komm weiter!“, brüllte er.

Zögernd setzte sich Betty wieder in Bewegung. Sheng sah, dass sie zu ihm heraufblickte und ließ sich fallen. Er ließ sich einfach über den Fels rollen, überschlug sich in der Luft und streckte sich, so dass er Arme und Beine weit gespreizt auf die drei Männer zustürzte.

Sein Schrei riss sie herum!

Er war der Adler, der aus der Luft auf die Beute stürzte und sie im Augenblick der Landung ergriff und zuschlug.

Geistesgegenwärtig warf sich Joker zurück und stürzte über die Deichsel. Perl und Bob aber dachten nicht an Schnelligkeit, sondern nur an ihre Revolver, auf die sie sich bislang immer verlassen hatten. Aber keiner der beiden kam dazu, die Waffe auch nur zu ziehen. Sheng landete zwischen ihnen auf den Füßen, ging in die Hocke und schnellte schon wieder vorwärts über die Deichsel hinweg. Während er sich auf Joker warf, flogen Perl und Bob zur Seite und überschlugen sich im Sand. Perl landete unter die Vorderachse und blieb dort reglos liegen.

Bob versuchte noch, sich an der Deichsel wieder auf die Beine zu ziehen. Aber das schaffte er nicht. Er krachte stöhnend zurück und rührte sich nicht mehr. Wild schwang die Deichsel aus.

Davon sah Sheng jedoch nichts. Er kämpfte mit Joker. Im Fallen hatte auch Joker zum Colt greifen wollen, es sich aber überlegt, als er sah, wie Sheng über die Deichsel hechtete. Blitzschnell hatte er die Beine angezogen und gestreckt.

Sheng flog zurück und prallte gegen die Deichsel. Joker wälzte sich zur Seite weg, um auf Distanz zu kommen und ziehen zu können. Das schaffte er auch. Als sich Sheng wieder auf ihn werfen wollte, schwang die Rechte des Gegners mit dem Colt hoch.

„Halt!“, bellte er.

Sheng stieß die linke Stiefelspitze in den Sand und sprang trotzdem. Vor ihm schoss eine Sandfontäne hoch, und von ihr wurde Joker voll getroffen, den Bruchteil einer Sekunde früher, als er feuerte.

Sein Schuss krachte, und die Kugel peitschte unter Shengs linken Arm hindurch. Klatschend drang sie hinter dem Wagen in den Fels.

Sheng beendete den Kampf, indem er Joker mit einem blitzschnellen Griff auf den Bauch warf und ihm gleichzeitig die Arme nach oben bog, dass Joker aufgeben musste. Die Hebelwirkung presste ihm das Gesicht in den Sand. Er trampelte mit den Beinen und stieß einen gurgelnden Schrei aus.

Sheng ließ ihn los, stand auf, bückte sich nach Jokers Colt und trat zur Seite. Betty lief an ihm vorbei zu Matt hinüber, der vor dem Wagen noch am Boden lag. Drüben auf der anderen Seite betrat der Sheriff mit Clanton das Plateau. Beide hatten sie Sheng kämpfen sehen. Der Sheriff grinste, als er heran war. Clanton sagte kein Wort. Er starrte Sheng fassungslos an.

Sheng lief zu den Geschwistern. Matt war nicht bewusstlos gewesen. Er hatte sich nur nicht allein erheben können. Sie halfen ihm auf und setzten ihn auf die Deichsel. Als er Clanton erblickte, riss er sich an Shengs Schultern in die Höhe.

„Betty, deinen Revolver!“, rief er außer sich vor Wut.

„Matt, jetzt bleib doch vernünftig“, bat Sheng und hielt ihn fest.

Matt starrte ihm wild in die Augen. „Lass mich los!“

Betty ergriff ihren Bruder am Arm. Er stieß sie wütend zurück.

„Matt!“, ermahnte ihn Sheng wieder. „Es geht doch vorwärts jetzt! Mit eurer Ranch, meine ich. Wenn wir ihn töten, haben wir in zehn Minuten seine Mannschaft auf dem Hals. So aber bietet sich uns die Chance, all das zu tun, was wir wollen. Die Pferde im Canyon! Sie müssen versorgt werden.“

Matt beruhigte sich. Er ließ sich wieder zurücksinken. Sheng ging zum Sheriff, der die überwältigten Männer fesseln wollte. Betty blieb bei ihrem Bruder.

„Wir fahren zur Ranch!“, sagte sie.

Matt schluckte. „Den Schwarzen ... möchte ich sehen“, sagte er leise. „Wenigstens sehen, verstehst du?“

„Sprich doch mit Sheng! Wir könnten durch den Canyon fahren.“

Matts Blick verdüsterte sich, als wäre der Schatten einer dunklen Wolke auf sein Gesicht gefallen. „Er hat ihn eingefangen. Es ist sein Pferd. Ich möchte nicht, dass er auf den Gedanken kommt, ich würde irgendwelche Ansprüche erheben.“

„Er wird uns den Hengst bestimmt verkaufen!“, sagte Betty. „Ich werde es mit ihm besprechen.“

Matts Augen leuchteten wieder. „Betty, willst du das für mich tun?“

Sie nickte. „Ja. Aber vielleicht wäre es besser du besprichst die Sache mit ihm.“

„Hm! Aber nicht jetzt“, brummte Matt.


*


Nathan Montellier ließ halten. Die Männer schlossen auf, und alle schwangen sich aus den Sätteln. Nathan Montellier trat langsam an die Felswand und blickte in die Schlucht hinab. Der Wagen der Howards hatte den Canyon schon erreicht. Hinter dem Wagen ritten die drei überwältigten Männer. Ihnen folgte der Sheriff. Clanton war nicht zu sehen.

Monk, Pastor und Sullivan gesellten sich zu ihm. Auch sie schauten hinab. Schweigend und verbittert.

„Wenn es uns nicht gelingt, den Alten herauszuhauen, können wir in der Stadt noch mal Kaffee trinken und anschließend verschwinden“, meinte Hank Sullivan nach einer Weile.

Nathan Montellier lächelte wütend. „Joker! Auf den ich immer so große Stücke gesetzt habe. Das ist doch nicht zu fassen. So eine Riesenpleite.“

„Wohin fahren sie?“, fragte Monk. „Wenn man das wenigstens wüsste!“

„In die Stadt!“, warf Pastor ein. „Der Sheriff wird Clanton in den Käfig sperren. Feierabend! Dann ist der Kuchen gegessen.“

Nathan Montellier senkte die Lider. „Unschlagbar sind die nur alle zusammen.“

„Willst du den Boss aus dem Gefängnis holen?“, fragte Sullioan überrascht.

Nathan Montellier verzog das Gesicht. „Vielleicht! Aber für dieses Unternehmen kommen nur Leute in Frage, die sich dazu drängen. Wem der Job die ganze Zeit schon zum Hals heraushing, braucht sich darum nicht zu reißen.“

„Wie sprichst du denn mit mir?“, knurrte Hank Sullivan. „Klar, bin ich dabei. Ich hole den Alten aus der Hölle, wenn’s sein muss.“

„Muss sein!“, sagte Monk trocken.

Pastor spuckte in die Hände und rieb sie gegeneinander. „Dann lasst uns hier nicht sinnlos in der Sonne stehen. Besorgen wir schon mal tüchtig Wasser.“

„Überschlag dich nicht!“, murmelte Nathan Montellier. Die gesamte Verantwortung lag nun bei ihm. Und das spürte er. Es war ein ziemliches Gewicht, das ihm auf die Schultern drückte.

Unten krachte und donnerte der Farmerwagen über die Felsplatten. Der Wind trug das Geräusch herauf. Sie zogen im Schatten entlang. Mitten im Durchbruch gerieten sie jedoch in den prallen Sonnenschein. Die Wagenräder mahlten im Sand. Das Geräusch war sofort weg. Einen Augenblick später war auch der Wagen verschwunden.

Pastor sah Nathan Montellier an. „Der Boss sitzt auf dem verdammten Wagen unter der Plane und schwitzt und wartet auf uns.“

„Du wirst schon noch Pulver riechen“, sagte Nathan Montellier. „Pitt und Wego!“, rief er zwei junge Männer, die prompt angerannt kamen.

„Reitet hinterher und bleibt ihnen auf den Fersen!“, ordnete Nathan Montellier an. „Aber zeigt euch nicht. Ich möchte alles wissen. Ist das klar?“

Die beiden machten kehrt, schwangen sich in die Sättel und verließen das Plateau.

„Ein entschlossener Angriff, Nath!“, drängte Monk. „Meinst du nicht, dass das etwas wäre! Die legen den Alten nicht um! Der Mann des Gesetzes, bedenke das.“

„Du vergisst den Chink und die Howards!“ Nathan Montellier schüttelte den Kopf. „Bevor wir heran sind, haben sie den Sheriff gleich mit abgeknallt. Nein! Das ist alles nichts. Ich glaube wir müssen uns jetzt nur von taktischen Erwägungen leiten lassen“, erklärte er großsprecherisch. „Und ich habe da auch schon etliche gute Gedanken, um mich auf eine Taktik festzulegen.“

Er ging schnell zu seinem Pferd. „In die Sättel! Wir reiten zurück.“


*


Sheng und Betty traten aus dem Ranchhaus. Im gestreckten Galopp kamen die Reiter zu den Gebäuden geritten. Im Haus hatte die ganzen letzten Stunden keiner eine ruhige Minute gehabt. Der Sheriff war allein in die Stadt geritten.

Nun kam er wieder! Mit einem Aufgebot von zwanzig Mann.

Betty ging gleich wieder hinein, um Matt zu informieren. Sheng wartete die Ankunft der Reiter ab. Dem Aufgebot folgte der Gefängniswagen. Vor den Reitern ging Sheng dann zum Schuppen hinüber, in dem die vier Gefangenen hockten. Er öffnete, und der Sheriff schickte sofort seine Männer hinein.

Clanton führten sie zuerst heraus. Der Pferderancher wurde aschfahl, als er die vielen Männer aus der Stadt erblickte.

Der Sheriff hielt den Schlag des Gefängniswagen auf. Clanton blieb vor ihm stehen.

„Ich verlange einen Anwalt!“

„Gruber haben Sie doch umgebracht, und einen anderen haben wir in der Stadt nicht“, erwiderte der Sheriff kalt. „Aber ich besorge Ihnen einen neuen. Nur Geduld.“

Die Männer stießen Clanton in den Wagen. Der nächste war Joker. Er grinste gelassen in die Runde.

„Lass das Grinsen, Joker!“, rief einer der Possereiter. „Clanton hat einen Anwalt verlangt. Aber nur für sich.“

Jokers Grinsen war sofort weg. Schnell lief er weiter.

Der nächste war Bob. Hinter Perl verschloss der Sheriff dann den Wagen. Das Gespann setzte sich sofort in Bewegung. Der Sheriff ließ die Männer aufsetzen.

Sheng warf die Schuppentür zu, und ging hinüber zum Haus. Betty war mit Matt vor die Tür getreten. Der Sheriff ritt zu ihnen hinüber.

„Es ist alles besprochen, Matt!“, sagte er. „Ihr wisst, wie ihr euch zu verhalten habt. Ich werde in der Stadt sofort zu Nathan Montellier gehen und ihm klarmachen, dass alles Clanton angelastet wird, wenn sich seine Leute hier noch einmal blicken lassen oder sich an den Pferden im Canyon vergreifen. Als wir die Stadt verließen, kamen die Männer gerade zurück. Ich schätze, sie werden voller Ungeduld auf uns warten.“

„Wir danken Ihnen!“, sagte Betty.

„Ich habe zu danken!“, sagte der Sheriff, warf das Pferd herum und jagte hinter der Posse her.

Die drei schauten ihm nach, bis auch der Staub nicht mehr zu sehen war, den Wheelock und seine Männer aufgewirbelt hatten.

Matt saugte die Luft tief in die Lungen, lehnte sich gegen den Türpfosten und schwang den Stock in der Faust.

„Anfangen!“, sagte er mit fester Stimme. „Ja, jetzt fangen wir an.“

„Du nicht!“, sagte Betty zärtlich. „Du wirst dich hinlegen. Sheng wird dir helfen, den Korral in Ordnung zu bringen.

„Ach was!“, lachte Matt und hinkte auf den Stock gestützt los. „Ich bin schon fast in Ordnung.“

„Matt!“, rief Betty erschrocken.

„Lass ihn!“, sagte Sheng.

„Er möchte dir den Schwarzen abkaufen“, sagte Betty.

Sheng lachte. „Abkaufen! Der Schwarze hat mir doch nie gehört. Nur Clanton gegenüber habe ich ihn als mein Eigentum bezeichnet. Ich bin als dein Gehilfe mit dir in den Black Canyon geritten. Und ein tüchtiger Gehilfe tut, was er kann.“

„Nein, du bist nicht Matts Gehilfe und auch nicht meiner, Sheng!“

Er lächelte sie an, dann drehte er sich um und lief Matt nach, der sich dem Holzstapel zuwandte und sich anschickte, ein paar der Balken herunterzuholen.

„Warte, Matt!“, rief er.

Matt hielt ein. „Das sind die Torstangen!“, begann er. „Wir müssten sie zum Korral hinüberschaffen. Aber da ist noch etwas anderes, das ich mit dir besprechen wollte, Sheng! Was soll der Schwarze kosten? Ich möchte ihn unbedingt haben, weißt du?“

Sheng griente. „Sobald er hier ist, hast du ihn doch! Was willst du mehr?“

„Du hast mich nicht richtig verstanden!“

Sheng nahm einen der Balken auf die Schulter. „Die Wildpferde gehören euch. Auch der Schwarze. Ich habe Betty doch nur geholfen. Nun geh voraus und zeige mir, an welcher Stelle das Tor errichtet werden soll.“

Er lief los und Matt humpelte aufgeregt neben ihm her.

„Du bist verrückt!“, japste er angestrengt. „Das kann ich nicht annehmen. Du kannst mir doch das Pferd nicht schenken! Das würde auch Betty nicht wollen. So ein Geschenk nimmt man nicht einmal von einem Freund an.“

„Von Schenken ist ja auch nicht die Rede“, erklärte Sheng belustigt. „Ich bin an diesem Tag euer Helfer gewesen. Dafür schuldest du mir drei Dollar.“

„Bist du besoffen? Und das schon am Nachmittag!“, keuchte Matt. „Du kommst hierher, schaffst uns Clanton vom Hals, fängst den Hengst ein, hinter dem ich schon seit Wochen her bin, und verlangst drei Dollar?“

„Keinen mehr, aber auch keinen weniger“, sagte Sheng und blieb, sich umsehend, stehen. „Hierher?“

„Ja, hier soll das neue Tor hin“, sagte Matt. „Also, du bist verrückt, Junge. Jeder andere an deiner Stelle ...“

„Niemand anderer ist an meiner Stelle“, sagte Sheng und ließ den Balken fallen. Er machte sofort kehrt und Matt lief wieder hinkend hinter ihm her. Aber Sheng beschleunigte seine Schritte und Matt blieb keuchend stehen. Auf den Stock gestützt stand er schwitzend und japsend da und wartete, bis Sheng wieder an ihm vorbeikam.

„Du kannst mir doch das Pferd nicht schenken, Junge. Du hast es gefangen ...“

Sheng achtete nicht auf ihn. Missmutig hinkte Matt ins Haus. Einige Minuten später trat Betty zu ihm nach draußen.

„Das war ein Tag für Matt“, sagte sie glücklich. „Er liegt drinnen auf dem Bett und weint“, sagte Betty.

Sheng hielt ein und schaute besorgt zum Haus hinüber. „Verdammt! Geht es ihm so schlecht?“

Sie hängte sich bei Sheng ein. „Es ist wegen dem Schwarzen. Matt ist ein Pferdenarr, weißt du? Er kann es nicht fassen, dass der Schwarze ihm gehören soll.“

Sheng löste sich von ihr und hantierte weiter. „Gib ihm einen Schnaps!“

„Er ist so wirr, dass er die ganze Zeitdavon redet, er müsste dir drei Dollar für den Schwarzen geben.“

„Für den Schwarzen nicht, für den Tag!“

„Für welchen Tag denn?“, fragte Betty verwundert.

Sheng richtete sich auf. „Du stehst mir im Weg! Also pack mit an oder troll dich.“

Sie ging zu ihm. „Ich liebe dich, Sheng.“

Er schlang den Arm um sie und blickte über ihre Schulter hinweg in die Ferne. „Ich muss weiter, Betty!“, sagte er langsam.

„Ich weiß!“, seufzte sie. „Wann?“

Er wandte sich ab, hob einen Pfosten auf, griff nach dem schweren Hammer und schlug den Pfosten in den Boden. Als er sich umdrehte, stand sie noch am gleichen Fleck.

„Wann, Sheng? Bald schon?“

Er nickte. „Wenn die Pferde hier sind und ich den Schwarzen für Matt ein bisschen zur Räson gebracht habe ...“

„Ich hoffe, der Schwarze ist ein solcher Teufel, dass ...“

Sie machte kehrt und rannte zum Haus zurück.


*


Sheng arbeitete weiter. Bis die Sonne sank. Dann trug er das Werkzeug in den Schuppen und ging zum Haus. Als er die Tür öffnete, hörte er die Reiter. Sie näherten sich über den Hügel vom Westen her. Es waren zwei Mann. Ein dritter erschien kurz darauf auf der anderen Seite.

Betty und Matt kamen heraus, die Gesichter gespannt. Matt trug ein Gewehr in der Faust.

Die Reiter trafen im Tal zusammen und jagten auf die Ranch zu.

„Hundesöhne von Clanton!“, sagte Matt hart und lud die Winchester durch. Bettys Augen weiteten sich.

Sheng spähte in die Runde und legte die Hand aufs Gewehr.

„Glaube ich nicht, Matt! Clantons Leute kommen nicht nur zu dritt.“

„Es sind Männer aus der Stadt!“, sagte da Betty. „Leute von Sheriff Wheelock.“

Da erkannte auch Sheng die Männer. Sie gehörten zur Posse des Sheriffs. Seite an Seite sprengten sie durch das Tor und hielten kurz darauf vor dem Haus.

Alle drei trugen Deputysterne.

„Was ist geschehen?“, fragte Matt.

„Die Clanton-Mannschaft!“, sagte einer der Männer. „Mein Name ist Geyer. Der Sheriff hat uns auf den Höhen als Posten zurückgelassen.“

„Diese Hundesöhne!“, zischte Matt Howard und schüttelte wütend das Gewehr. „Die können es bekommen, wie sie es haben wollen.“

„Sie tun gar nichts!“, sagte Geyer. „Gehen Sie mit Ihrer Schwester und Ihrem Gehilfen ins Haus und verhalten Sie sich ruhig. Was zu tun ist, erledigen wir.“

„Ihr seid nur drei!“, sagte Matt.

Details

Seiten
0
ISBN (ePUB)
9783738953923
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Mai)
Schlagworte
härter harten wichita western sammelband romane

Autoren

  • Alfred Bekker (Autor:in)

  • Pete Hackett (Autor:in)

  • Thomas West (Autor:in)

  • Uwe Erichsen (Autor:in)

  • Bill Garrett (Autor:in)

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Titel: Härter als die Harten: Wichita Western Sammelband 9 Romane