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Gestern wurde ihre Leiche gefunden: N.Y.D. – New York Detectives

2021 118 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Gestern wurde ihre Leiche gefunden: N.Y.D. – New York Detectives

Copyright

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Gestern wurde ihre Leiche gefunden: N.Y.D. – New York Detectives

Krimi von Cedric Balmore

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 118 Taschenbuchseiten.

 

Was mit einem makabren Diebstahl mitten im nächtlichen Slum anfängt, den der Privatdetektiv Bount Reiniger zufällig verhindern kann, entwickelt sich zu einem wahren Wespennest, in dem der unerschrockene Detektiv stoisch herumstochert, obwohl die mafiös anmutende Geschichte um Doppelgängerinnen und Mordanschläge immer verwickelter wird. Lange tappt Bount im Dunkeln und versucht zu ergründen, welcher Strippenzieher ständig die Dienste von erbärmlichen Gaunern in Anspruch nimmt und diese eine Blutspur durch halb New York ziehen lässt. Reiniger lässt nicht locker und gerät wieder einmal in tödliche Gefahr. Bleibt er sich selbst treu?

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Das Krachen und Splittern zerrissen die nächtliche Stille. Es erreichte Bount genau in dem Augenblick, als er mit herabgekurbeltem Seitenfenster an der Ampelkreuzung stoppte. Einbruch, schoss es ihm durch den Kopf. Er zog den Zündschlüssel ab und sprang aus dem Wagen, ohne sich darum zu kümmern, dass er verkehrswidrig parkte.

Die Straßen waren menschenleer. Der Vier-Uhr-Morgenwind trieb ein paar Zeitungsblätter über schmutzigen Asphalt. Bount rannte in das schmale Gässchen, aus dem die Geräusche gekommen waren. Er verlangsamte seine Schritte und trat in den Schatten eines Hintereingangs, als ihm klar wurde, dass er sich geirrt hatte. Die Gegend gehörte zu den übelsten Slums der City. Ein Sanierungsprojekt. Tagsüber führte man hier Touristen in Gruppen herum, um ihnen zu zeigen, wie die Eiterbeulen der großen Stadt beschaffen waren. Für Einbrecher war in dieser Umgebung nichts zu holen, es sei denn, sie interessierten sich für schmutzige Wäsche oder sperrmüllreife Möbelstücke.

Ein Betrunkener vielleicht. Möglicherweise war er in eine Scheibe gefallen. Schritte kamen näher. Ein rennender Mann, der vor Anstrengung keuchte.

Bounts Rechte schnellte aus dem Dunkel und umkrallte die Revers des Flüchtenden. Der Mann zuckte zusammen und stieß einen halblauten, erschreckten Schrei aus. Er zitterte und unternahm keinen Versuch, sich zu wehren.

Bount schob ihn einige Schritte zur Seite, bis in den tristen, spärlichen Lichtkreis einer Straßenlampe.

„Was ist?“, rief der Mann.

Er war nicht älter als 30, schmal, hochgewachsen, ein knochiger Bursche mit tiefliegenden, dunklen Augen, spitzer Nase und schmalem Mund. Bount ließ ihn los. Von diesem Typ war nichts zu befürchten. Das Leben hatte ihn ausgelaugt, noch ehe er eine Chance bekommen hatte, seine Sonnenseiten kennenzulernen. Er halte vermutlich immer nur Hiebe bekommen. In der Schule, auf der Straße und bei jedem Versuch, sich gegen die anderen zu behaupten.

„Was ist passiert, Freund?“, fragte Bount.

Seine Haltung war drohend, obwohl ihm der Typ leidtat. Aber wenn man diesen Kerl nicht einschüchterte, würde er sofort frech werden. Das gehörte zu seinem Selbsterhaltungsprogramm.

„Dahinten haben sie jemand für die Kühlbox im Leichenschauhaus präpariert“, sagte der Typ. „Die Mieze ist tot.“

„Wer hat es getan?“, fragte Bount.

„Keine Ahnung. Ich bin in die entgegengesetzte Richtung davongerannt.“

Bount bemerkte erst jetzt die ausgebeulte Jackentasche des Mannes. Er griff kurzerhand hinein und zog ein perlenbesticktes Abendtäschchen heraus. Der Typ wollte weglaufen. Bount stoppte ihn. Diesmal reagierte der Mann sauer. Er zog blitzschnell die Linke hoch. Das Ganze kam für Bount so überraschend, dass er den Treffer voll kassierte. Er konterte hart. Der Typ ging zu Boden. Als er wieder auf die Beine kam, wirkte er demütig, geknickt, zerknirscht.

„Sie müssen das verstehen“, entschuldigte er sich. „Ich kann es mir nicht leisten, in einen Mordfall verwickelt zu werden.“

Bount öffnete das Abendhandtäschchen. Es enthielt einen Lippenstift, einen Schlüsselbund, ein Bündel Banknoten und einen Ausweis. Bount öffnete ihn. Der Ausweis lautete auf den Namen Crystal Parkinson. Das Foto zeigte ein strahlendes Mädchengesicht, einen Star mit hohen Backenknochen, weichem Mund und selbstsicherem Lächeln.

„Ist sie das?“, fragte Bount.

„Ja.“

„Die Tote?“

„Ja.“

„Kommen Sie“, sagte Bount.

Der Mann trottete voran, mit gesenktem Kopf. Die Tote lag in einer Einfahrt, zwischen ein paar umgestürzten Kisten mit leeren Flaschen. Kein Zweifel, es war Crystal Parkinson. Sie trug einen schwarzsamtenen Abendrock und ein tief ausgeschnittenes, mit Pailletten besticktes Oberteil. Sie lag auf der Seite, aber ihr Gesicht war den beiden Betrachtern zugekehrt. Ein schönes Gesicht, schlechthin makellos.

Bount sah keine äußere Verletzung, aber es stand außer Zweifel, dass Crystal Parkinson eines gewaltsamen Todes gestorben war.

„Wie ist es passiert?“, fragte er und spürte dieses dumpfe Gefühl der Verzweiflung, das ihn immer wieder übermannte, wenn ihm klar wurde, dass er in einer Gesellschaft lebte, die es einfach nicht schaffte, diese Art von Gewalt in den Griff zu bekommen.

„Ich bin ihr gefolgt“, sagte der Mann zögernd. „Es war so komisch, wissen Sie. Eine Puppe ihres Kalibers in dieser miesen Gegend …“

Ich muss Toby rufen, dachte Bount. Die Täter können noch nicht weit gekommen sein. Er zog den Burschen mit sich. An der Kreuzung war eine Telefonzelle. Bount meldete das Verbrechen der Mordkommission. Toby hatte, wie man ihm mitteilte, keinen Nachtdient.

Auf dem Rückweg zum Tatort ließ Bount sich erklären, dass der Typ Andrew Lee hieß. Die Leute nannten ihn Andy. Die Leute, nicht die Freunde, denn ein Mann wie er hatte einfach keine.

Dann sagte er nichts mehr und gab es auch auf, in Lee zu dringen. Sie hatten die Einfahrt erreicht, den Scherbenhaufen der umgekippten Flaschenkisten. Die Szenerie hatte sich beträchtlich verändert. Es gab noch immer eine Leiche zwischen den dunklen, scharfen Glassplittern, aber sie trug weder einen Samtrock, noch konnte sie es sich leisten, mit einem attraktiven Oberteil aufzuwarten. Der Tote war ein Mann.

 

 

2

„Kennen Sie ihn?“, fragte Bount.

Andrew Lee schüttelte den Kopf. Er war nicht fähig, ein Wort hervorzubringen.

Der Tote war mit einer Sportkombination bekleidet. Sporthemd ohne Krawatte, ausgetretene Mokassins. Armbanduhr mit Stoppeinrichtung. Bount schätzte den Toten auf 27. Er hatte blondes, struppiges Haar, dem man ansah, dass es schon eine Ewigkeit lang nicht mehr gewaschen worden war.

„Messerstich“, sagte Bount. „Direkt von vorn.“

Die Waffe war verschwunden. Das blutgetränkte Sporthemd schillerte wie gelackt.

„Sie waren mit Ihrem Bericht noch nicht fertig“, sagte Bount, ohne seinen Blick von dem Toten zu wenden. „Ich will wissen, was Sie gesehen haben.“

Andrew Lee fand seine Sprache wieder.

„Ich bin froh darüber“, sagte er.

„Froh über einen Doppelmord?“, fragte Bount.

„Sie verstehen das nicht“, sagte Andrew Lee bitter. „Wenn man bloß die Puppe gefunden hätte, wäre ich dran gewesen. Geliefert! Schließlich haben Sie mich mit ihrer Tasche geschnappt. Das hätte gereicht. Die Bullen hätten mich zum Täter gestempelt. Jetzt geht das nicht mehr. Sie sind mein Zeuge, dass ich mit diesem Toten nichts zu schaffen habe. Ich war bei Ihnen, als man den kleinen Leichentausch praktizierte. Verdammt, wie hätte ich mich denn aus der Affäre ziehen sollen? Ich wollte bloß die Tasche haben, ein paar Bucks, mit denen die tote Puppe ja doch nichts mehr anfangen konnte ...“

„Hören Sie endlich auf, sich selbst zu bemitleiden“, rief Bount wütend. „Schildern Sie mir, was Sie gesehen haben!“

„Da gibt’s nicht viel zu erzählen“, sagte Andrew Lee. „Plötzlich kreuzten die beiden Kerle auf. Sie gingen dicht nebeneinander und marschierten zielstrebig auf die Puppe zu. Ich tauchte in den Schatten einer Einfahrt. Ich spürte gleich, dass es Ärger geben würde. Die Puppe drehte sich herum – etwa an der Stelle, wo Sie stehen. Die Kerle gaben ihr keine Chance, auch nur ein Wort zu sagen. Der Größere von beiden schlug ihr den Schädel ein. Sie stolperte zur Seite, versuchte sich in einem Reflex an den Kisten festzuhalten und ging dann mitsamt dem ganzen Stapel zu Boden. Die Männer rannten weg. Ich war wie paralysiert, aber dann sah ich das Abendtäschchen der Frau auf dem Boden liegen, und ich schnappte es mir, ehe ich in entgegengesetzter Richtung davonrannte.“

„Vielleicht war sie gar nicht tot“, sagte Bount.

Er hatte nicht einmal den Puls des Mädchens gefühlt. Aber er hatte ihre offenen, starren Augen gesehen. Kein Zweifel, es waren die Augen einer Toten gewesen.

Nur würde die Mordkommission gewisse Bedenken äußern. Mit Recht, wie er zugeben musste. Immerhin konnte sie anhand des Toten feststellen, dass sich hier ein Verbrechen von äußerst mysteriösem Zuschnitt ereignet hatte.

„Geben Sie mir Ihren Ausweis“, sagte er.

Andrew Lee gehorchte.

Bount überzeugte sich davon, dass Lee ihm seinen richtigen Namen genannt hatte, und steckte den Ausweis ein.

„Beschreiben Sie mir die beiden Männer!“

„Kann ich nicht. Es war zu dunkel. Einer war so groß wie Sie, der andere kleiner. Der Große hat zugeschlagen. Mehr kann ich nicht sagen.“

„Wo haben Sie das Mädchen zuerst gesehen und wann tauchten die Männer auf?“

„Ich traf sie an der Gainbourgh Kreuzung“, sagte Andrew Lee. „Sie bewegte sich wie eine Pennerin, wie in Trance, verstehen Sie. Sie überquerte die Fahrbahn, ganz allein. Ich war baff. So eine Klassepuppe! Nackte Schultern, wehendes Blondhaar. Ich wollte sie anquasseln. Ich folgte ihr, bis zum Eingang des Gässchens. Nein, sie kam nicht von dieser, sondern von der anderen Seite. Plötzlich tauchten die Männer auf, wie aus dem Nichts. Ich merkte, dass sie was von der Mieze wollten und hielt mich hübsch im Schatten, um keinen Ärger zu bekommen.“

„Die Männer haben Sie nicht bemerkt?“

„Weiß ich nicht, aber ich bin beinahe sicher, dass sie mich nicht gesehen haben.“

Bount durchblätterte nochmals den Ausweis der verschwundenen Crystal Parkinson. Er stellte fest, dass sie verheiratet war. Ihr Mädchenname war Swayers.

„Warten Sie hier, bis die Polizei eintrifft“, sagte er und ging zurück zur Telefonzelle. Er suchte die Nummer der Parkinsons heraus. Der Mann hieß Rudward. Bount schüttelte den Kopf. So einen Namen hatte er noch nicht gehört. Er zögerte ein wenig, ehe er die Nummer wählte. Es war leicht, sich vorzustellen, wie einem Mann zumute sein musste, den man im Morgengrauen davon unterrichtete, dass seine Frau getötet worden war. Getötet und verschleppt.

Das Freizeichen tutete ziemlich lange. Endlich meldete sich Rudward Parkinson. Seine sonore Stimme klang so verschlafen, wie Bount es erwartet hatte.

„Reiniger“, meldete er sich. „Privatdetektiv. Ich bedaure, Sie mit einer tragischen Nachricht konfrontieren zu müssen ...“

Was für ein Wortwulst! Aber wie brachte man einem Menschen bei, dass sein Partner ermordet worden war. Was man auch äußerte und wie man sich auch drehte oder wand: Für das Drama gab es nur auf der Bühne passende Formulierungen.

„He, was ist los? Privatdetektiv, sagten Sie? Soll das ein Witz sein?“

„Ich wünschte, es wäre so“, sagte Bount und holte tief Luft. „Ich halte den Ausweis Ihrer Frau in der Hand. Sie wurde vor zehn Minuten ermordet.“

„Spinnen Sie, Mann?“, tönte es in Bounts Ohr. „Crystal liegt putzmunter neben mir!!“

 

 

3

Bount lagen ein Dutzend Fragen auf der Zunge. Er sprach keine davon aus. „Wann kann ich Sie besuchen?“, fragte er stattdessen.

„Moment mal, junger Mann. Was soll dieser Unsinn? Wie heißen Sie wirklich, und was bezwecken Sie mit dieser nächtlichen Herausforderung?“

Bount zögerte, dann hängte er auf. Es war sinnlos, nach diesem Gesprächsauftakt auf eine normale, informative Unterhaltung zu warten. Er musste die Parkinsons aufsuchen, um herauszufinden, was sich hinter den Ereignissen verbarg. Außerdem war nicht völlig auszuschließen, dass Parkinson in das Verbrechen verstrickt war. Vielleicht hatte er seine Frau aus dem Wege räumen lassen, um die Ehe mit einer ähnlich aussehenden Doppelgängerin fortsetzen zu können.

Nein, das war wohl doch zu phantastisch und abenteuerlich gedacht. Wenn seine Überlegung zutraf, hätten die gedungenen Mörder schwerlich versäumt, den Ausweis der Toten an sich zu nehmen.

Bount kehrte an den Tatort zurück. Andrew Lee lehnte an der Hauswand, mit dem Rücken zum Toten, und rauchte eine Zigarette. „Sie haben Nerven“, sagte er. „Nach diesem Erlebnis brauche ich keine Horror-Filme mehr anzusehen. Mein Bedarf an Schockgefühlen ist gedeckt.“

„Leben Sie in dieser Gegend?“

„Zehn Minuten von hier entfernt, in der Ashville Road“, sagte Andre Lee.

„Sehen Sie sich noch mal den Ausweis an. Das Gesicht. Ganz genau. Hat ein Mädchen in der Umgebung gewohnt, das der Frau ähnelte?“

Andrew Lee lachte kurz. Er gab den Ausweis zurück, ohne das Foto betrachtet zu haben. „Sie sind ein Spaßvogel“, sagte er. „Miezen wie diese führen wir hier nicht. Wenn eine Puppe gute Ansätze verspricht, macht sie die Mücke und haut ab, noch ehe sie den Slummief annimmt. Die Tote stammte nicht aus der Gegend, bestimmt nicht. Die lag ein paar Klassen über dem hiesigen Standard, das steht fest.“

„Was wollte sie hier – um diese Zeit?“

„Warum fragen Sie mich? Vielleicht wurde sie in eine Falle gelockt“, meinte Andrew Lee. „Aber wenn ich’s recht bedenke, machte sie nicht den Eindruck, als ob sie jemand zu treffen hoffte. Sie ging wie eine Schlafwandlerin durch die Landschaft, wie eine Frau ohne Ziel.“

„Es handelt sich nicht um Raubmord“, sagte Bount.

„Wieviel Geld war denn in der Tasche?“, fragte Andrew Lee. Seine Stimme klang verdrossen. Bount öffnete die Tasche und zählte die Banknoten durch. „Vierhundertsechzig“, stellte er fest.

„Mist“, sagte Andrew Lee. Er gab sich keine Mühe, zu verbergen, wie sehr ihn der Verlust des Geldes schmerzte.

Dann traf die Polizei ein, kurz darauf die Mordkommission. Bount gab zu Protokoll, was er wusste und überließ den Beamten Crystal Parkinsons Ausweis. Am nächsten Morgen fuhr er um neun Uhr hinaus nach Long Island. Das Haus der Parkinsons lag in West Sayville. Es krönte die Spitze eines Hügels, der einen weiten Blick über die Bucht und die schmale, langgestreckte Landzunge von Fire Island bot. Auf der blauen, glitzernden Wasserfläche waren ein paar weiße Segel zu sehen. Ein Motorboot, das einen Wellenreiter im Schlepp hatte, schnitt ein langes, schlankes ,V‘ in die spiegelnde Wasserfläche.

In Bount konnte keine Freude aufkommen. Ihm fielen die starren Augen der schönen Toten ein, und er beeilte sich, mit den Parkinsons ins Gespräch zu kommen. Das Haus stammte aus den zwanziger Jahren, war aber kürzlich renoviert und mit modernen, großen Fenstern versehen worden.

Ein etwas abseits des Hauses stehender Garagenkomplex bewies mit seinen vier Boxen und einem davor parkenden Lamborghini, dass die Hausbewohner mit dem Luxus auf Du und Du standen. Auf Bounts Läuten öffnete ein hünenhafter Mann mit rundem, kahlgeschorenem Schädel. Er hatte das Zeug, jedem Catcherturnier Glanz zu verleihen.

„Hallo, Goldfinger“, sagte Bount. „Ich bin Bount Reiniger der Große. Ist Mrs. Parkinson zu sprechen?“

„Nicht für Staubsauger und Klobürstenvertreter, und nicht für Leute, die ihre Makkaroni mit den Fingern essen“, gab der Kleiderschranktyp giftig zurück und versuchte die Tür zu schließen, entdeckte jedoch, dass das nicht ging. Bount hatte einfach den Fuß dazwischen gestellt.

Der Kahlgeschorene grinste. Er fing an, diesen Morgen zu lieben. Offenbar sah er eine Chance, seine Kräfte explodieren zu lassen.

„Fußmus“, sagte er, „behindert das Gehvermögen. Sie sollten diese goldene Lebensregel nicht außer Acht lassen.“

„Wer ist da, George?“, rief es aus dem Inneren des Hauses. Es war eine Frauenstimme. Sie klang jung und melodisch.

„Ein Mr. Reiniger, Madam“, sagte George, dem anzumerken war, wie sehr er die Unterbrechung bedauerte. Er sah sich um die Morgengymnastik einer handfesten Prügelei betrogen, jedenfalls schien es Bount so.

„Führe ihn herein“, befahl die Dame.

Hinter der riesigen Halle, die groß genug war, um eine Maschinenbaumesse darin abzuhalten, lag ein Salon, in dem sich eine Gästegruppe, die weniger als zwanzig Leute umfasste, einsam und verloren vorkommen musste. Ausmaße und Einrichtung des Raumes vermittelten einen Eindruck von Gigantomanie. Umso erstaunlicher war es, dass die junge Frau, die sich auf Bount zubewegte, mit einem Schlag die Wirkung ihrer Umgebung zunichtemachen und geradezu auslöschen konnte. Nur noch sie zählte, ihre Figur, die Art, wie sie sich bewegte, der Schnitt ihres klassischen Gesichtsovals, der Glanz und die Ausstrahlung ihrer langbewimperten, graugrünen Augen, die ganze Wucht ihres Sex Appeals, der Bount unter die Haut ging.

„Sie sind's“, sagte er.

Sie hielt dicht vor ihm an. Ihr Parfüm war von herber, scharfer Würzigkeit. Bount war hingerissen.

„Warum sollte ich's nicht sein?“, fragte sie lächelnd. Sie trug zu modisch geschnittenen Hosen aus hellem Gazellenleder einen grünen, ihre Oberweite modellierenden Pullover, der es auf raffinierte Weise schaffte, mehr zu enthüllen als zu verbergen.

„Ich hab Sie tot gesehen“, sagte er. „Eingerahmt von zersprungenen Flaschen.“

„Sie sind der Verrückte von heute Nacht“, sagte sie. Ihre Stimme klang amüsiert. „Bount Reiniger. Mein Mann hat im Telefonbuch nachgesehen. Sie sind tatsächlich Privatdetektiv, nicht wahr?“

Sie setzten sich. Die junge Frau schlug ihre schlanken, rassigen Beine übereinander. Die Schönheit ihrer nylonumschmeichelten Linie wirkte auf Bount wie ein Magnet. Er zwang sich, an das Erlebnis in der Gasse zu denken und kühlte sichtlich ab.

„Klar bin ich das“, sagte er, „aber ich war nicht beruflich unterwegs, als es passierte.“ Er schilderte, was er erlebt hatte und bemühte sich, aus den Reaktionen der Frau brauchbare Informationen zu ziehen, aber ihr halb erstauntes, halb ungläubiges Gesicht machte es nahezu unmöglich.

„Sie haben eine Doppelgängerin“, schloss er.

„Oder“, sagte die junge Frau spöttisch, „ich war gar nicht tot und bin nach dem kleinen Zwischenfall nach Hause gefahren.“

Er sah sie ernst an. „So lustig ist das nun wirklich nicht“, sagte er. „Immerhin ist dort, wo Sie lagen, ein Toter zurückgeblieben.“

„Wer ist es?“

„Ich habe heute Morgen mit der Mordkommission telefoniert, aber bis zur Stunde ist es noch nicht gelungen, den Toten zu identifizieren. Er hatte keine Papiere bei sich.“

„Apropos Papiere“, sagte sie und stand auf. „Sie behaupten, dass die Tote meinen Ausweis bei sich hatte. Ich werde nachsehen, wo meiner ist,“

Sie verließ das Zimmer, kehrte eine Minute später zurück und sagte: „Komisch! Er ist verschwunden. Nur der Führerschein befindet sich noch in meiner Brieftasche.“

„Ist Ihr Mann zu Hause?“

„Nein, er ist ins Büro gefahren.“ „Darf man erfahren, womit er sein Geld verdient?“

„Er verdient es nicht, er macht es“, erklärte Crystal Parkinson mit müdem Spott. „Was er auch anfasst, wird zu Gold. Eine beneidenswerte Fähigkeit, nicht wahr? Ich habe mal ein Jahr lang versucht, ihn zu rupfen, ihn fertig zu machen. Nur so, aus Spaß. Ich wollte sehen, ob ich ihn finanziell in die Knie zwingen kann. Es ging nicht. Er erfüllte mir jeden Wunsch, den Kauf einer Jacht und eines Neunkaräters eingeschlossen. Er kam niemals in Schwierigkeiten. Das ist es“, sagte sie beinahe nachdenklich. „Das ist typisch für ihn. Er kommt niemals in Schwierigkeiten.“ „Er ist mitten drin“, widersprach Bount.

„Was soll das heißen?“

„Jemand ist ermordet worden, der wie Sie aussieht“, sagte Bount. „Dafür gibt es nur zwei Erklärungen. Entweder hat man die Unbekannte getötet. weil man sie fälschlicherweise für Sie, Crystal Parkinson, hielt, oder man tötete aus Gründen, die noch herauszufinden sind, eine Frau, die als Ihre Doppelgängerin aufgebaut werden sollte.“

„Ich kann das einfach nicht glauben“, sagte Crystal Parkinson nach kurzer Pause. „Ich weiß, dass ich gut aussehe. Die Männer sagen es mir, so oft sie dazu Gelegenheit finden. Der Spiegel bestätigt es. Ich bin kein Allerweltstyp. Gesichter wie meines finden Sie nicht an jeder Straßenecke. Ich kann nicht glauben, dass es mein Gesicht in einer zweiten, wohlfeilen Ausgabe gibt.“

„Ich habe die Tote gesehen. Sie glich Ihnen aufs Haar“, sagte Bount.

„Es war dunkel.“

„Stimmt“, gab er zu. „Sicherlich würden sich bei genauem Vergleich Nuancen ergeben haben, die eine totale Ähnlichkeit ausschließen, aber der Gesamteindruck war frappierend. Und dann: warum ging sie mit Ihrem Ausweis spazieren?“

„Ich bin verwirrt, ich weiß es nicht.“ Sie lächelte plötzlich. „Oder doch. Ich fange an. es zu ahnen.“

Er beugte sich nach vorn. „Sprechen Sie.“

„Sie wollten sich einen dicken Auftrag angeln“, sagte sie. „Deshalb haben Sie eine haarsträubende Geschichte erfunden. Finden Sie nicht, dass Sie dabei zu dick aufgetragen haben? Ein Privatdetektiv stolpert in ein mysteriöses Verbrechen! Ich will Ihnen sagen, was daran mysteriös ist. Nur Ihre Auslegung! Ich wette, es hat diese Tote nicht gegeben. Sie haben sich meinen Ausweis geklaut, um der Sache Kolorit und scheinbaren Wahrheitsgehalt zu geben.“

„Und der Tote in der Gasse?“, fragte Bount.

„In der Gegend, von der Sie sprechen, gehören Leichen und Morde zum laufenden Programm. Sie haben die Leiche gefunden, das stelle ich nicht in Abrede. Die Männerleiche. Alles andere ließen Sie sich einfallen, um meinen Mann als dicken Fisch an Ihre Honorar-Angel zu bekommen.“ „Sie vergessen Andrew Lee.“

„Ein Cityschnorrer! Ein heruntergekommener Eckensteher. So haben Sie ihn jedenfalls beschrieben. Ich wette, Sie haben ihn mit drei Hundertern gekauft oder auf andere Weise geködert. Vielleicht wollen Sie ihn an Ihrem Geschäft beteiligen.“ „Sie sind ein seltsames Geschöpf“, sagte er. „Sie lassen sich tausend krumme Erklärungen für mein Handeln einfallen, ohne zu fragen, ob ich nicht doch die Wahrheit gesagt haben könnte. Ich sprach vorhin davon, dass Ihr Mann in Schwierigkeiten sei, aber es ist nach Lage der Dinge viel zutreffender, von Ihren Schwierigkeiten zu sprechen. Wer baute die Doppelgängerin auf? Welchem Zweck diente das Manöver – und warum musste sie plötzlich sterben? Schließlich und endlich: Wer beseitigte die Leiche und ersetzte sie durch die eines Mannes?“

„Sie sind Detektiv, nicht ich“, meinte sie spöttisch. „Finden Sie eine Antwort auf Ihre Fragen, falls Sie wirklich so brennend daran interessiert sind. Ich für meinen Teil erlaube mir, das Ganze als großen Bluff zu betrachten.“

„Hier ist meine Karte“, sagte er und legte sie auf den Tisch. „Vielleicht kommen Ihnen doch noch Zweifel an der Vertretbarkeit Ihrer phantastischen Versionen – spätestens dann, wenn Sie von der sicherlich bald anrückenden Polizei erfahren, dass ich nicht der krumme Hund bin, den Sie in mir zu sehen belieben.“

Er eilte hinaus und bemühte sich, nicht zu zeigen, wie sauer er war. Zugegeben, er hatte gehofft, dass die Parkinsons ihn beauftragen würden, den Fall zu übernehmen, aber Crystal Parkinsons provozierende Auslegung seines Besuches war ziemlich beleidigend und schloss eigentlich aus, dass er sich zu einem späteren Zeitpunkt doch noch für sie verwendete. Wenn schon! Trotzdem wurmte ihn das Ganze. Crystal war genau der Typ, auf den er flog. Aber welcher Mann stand nicht auf eine solche Superpuppe? Bount hätte ihr gern bewiesen, dass er nicht nur Sprüche klopfen konnte, aber im Augenblick sah es ganz so aus, als ob er bei der jungen Frau mit der falschen Frequenz gearbeitet hätte und keine Gelegenheit bekommen würde, diesen Fehler zu korrigieren.

Er hörte Schritte hinter sich, blieb stehen und drehte sich um. Sieh mal einer an, dachte er belustigt. Mein Freund Goldfinger! Der Hüne trug unter seinem schwarzen Anzug eine gestreifte Weste und lächelte heiter. „Wir sind vorhin unterbrochen worden“, sagte George. „Wenn es Ihnen nichts ausmacht, setzen wir die Unterhaltung fort. Jetzt bin ich am Zuge, nicht wahr?“

Seine Linke zuckte hoch. Nur ein wenig. Sie traf mit der Wucht einer mittelschweren Dampframme Bounts Unterleib. Bount ging in die Knie und hatte das Gefühl, dass sein Magen sich wie ein Fahrstuhl durch die Speiseröhre bewegte. Er bemühte sich, die rasenden roten und grünen Kreise zu stoppen, die sich vor seinen Augen drehten. Noch ehe er einen Erfolg verbuchen konnte, traf etwas seinen Nacken. Rrrumms! Es blieb keine Zeit, darüber nachzudenken, was das war. Er kippte nach vorn und verlor das Bewusstsein.

Als er wieder zu sich kam, saß er auf einem hochlehnigen Stuhl in einem fensterlosen, niedrigen Raum. Von der Decke herab baumelte eine Schirmlampe mit einer starken Glühbirne. Der Hüne lehnte vor ihm an der Wand, mit vor der Brust verschränkten Armen. Er hatte sein schwarzes Jackett ausgezogen und grinste zufrieden.

„Da sind wir ja wieder“, sagte er.

Bount schüttelte den Kopf. Er war verblüfft. Der Hüne hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, ihn zu fesseln. George war von schleimiger Herzlichkeit. Es war zu spüren, wie sehr er die Situation genoss. Bount stand auf. Er hatte ein flaues Gefühl im Magen. Die Stabilität in seinen Knien war schon besser gewesen, aber er fing an, Georges gute Stimmung zu teilen. Ein zweites Mal würde der Gorilla ihn nicht übertölpeln.

„Es geht doch schon wieder, hoffe ich?“, fragte George.

„Es geht großartig“, bestätigte Bount und setzte sich wieder. Er brauchte noch ein paar Minuten Pause, dann würde er sich erlauben, die zweite Runde einzuläuten. Es schien, als wartete George nur darauf. Er war der geborene Raufbold.

Es lag auf der Hand, dass Parkinson ihn hauptsächlich wegen dieser Eigenschaften engagiert haben musste. Wenn Parkinson sich eines Gorillas bediente, stellte sich die Frage, gegen wen er sich verteidigen musste.

Bount war davon überzeugt, dass sich diese Frage schon nach wenigen Recherchen beantworten ließ, aber dummerweise war im Augenblick noch niemand in Sicht, der bereit war, ihn für diese Arbeit zu entlohnen.

„Für wen arbeiten Sie?“, fragte George. „Los, raus mit der Sprache!“

Bount war verdutzt. „Ich bin Privatdetektiv. Haben Sie das nicht mitbekommen?“

„Aber sicher“, sagte George. „Leute Ihres Kalibers gehen nicht auf eigene Gefahr und Rechnung los, die putzen Klinken nur dann, wenn sie dafür kassieren können. Wer ist Ihr Brötchengeber und was will er von uns?“

„Von den Parkinsons, meinen Sie?“, fragte Bount, dem dämmerte, dass George meinte, als Abwehrorganisation seines Arbeitgebers funktionieren zu müssen.

„So ist es, Schnüffler“, sagte George.

Bount stand auf. Er fühlte sich ganz gut. Die Schwäche in seinen Knien hatte sich verflüchtigt. „Weiß Mrs. Parkinson, welchen eigenmächtigen Geschäftchen Sie hier im Keller nachgehen?“, erkundigte er sich.

„Sie weiß, dass ich an ihr Wohl denke“, entgegnete George. „Das genügt ihr.“

Bount trat dicht vor George hin, mit gespannten Muskeln und konzentriert, denn er hatte erfahren, mit welcher Plötzlichkeit Georges Fäuste Treffer anzubringen verstanden.

„Du wirst jetzt singen, Schnüffler“, sagte George mit gefährlichem Lächeln, „oder ich zerlege dich wie ein Puzzlespiel.“

„Nein“, sagte Bount und grinste, „das schaffst du nicht, Goldfinger. Ich ...“

Georges Faust kam hoch, blitzschnell, aber nicht schnell genug, um Bount zu überraschen. Er wich mit einem Sidestep aus und konterte hart. Seine Faust landete krachend auf Georges massivem Kinn. Dessen Kopf flog zur Seite, aber sein Körper rührte sich nicht. Bount sah keinen Grund, den nächsten Schlag seines Gegners abzuwarten. Er schickte eine Dublette hinterher, die George sichtlich durcheinanderbrachte.

George stieß sich von der Wand ab. Er reagierte schnell und schlagkräftig. aber seine Beinarbeit war miserabel. Offenbar hatte er es bislang ohne sie geschafft, aber jetzt wurde offenbar, wie gravierend sich dieser Umstand bei einem Gegner auswirkte, der wie ein Leichtgewicht tanzen und wie ein Schwergewicht schlagen konnte.

George wurde wütend. Er begann zu schnaufen. Er konnte, nicht verstehen, dass seine Schläge ins Leere gingen, während er unentwegt Treffer einstecken musste. Bount wurde langsam warm. Ihm schien es so, als versuchte er einen gemauerten Turm mit den Fäusten einzureißen. Dieser George war einfach durch nichts zu erschüttern. Wenn es überhaupt eine mess- und sichtbare Reaktion seinerseits gab, dann war es sein wachsender Zorn. Er rollte mit den Augen. Er stampfte durch den Raum, ruderte mit den Fäusten und wartete zähneknirschend auf den großen, entscheidenden Durchbruch. Bount sammelte fleißig Punkte. George atmete schwerer. Er schlug noch ungenauer als vorher. Bount kam zum Punkt durch. Der schwere Mann gab einen ächzenden Laut von sich, dann brach er überraschend in die Knie.

Bount beugte sich über ihn. Das war falsch. George hatte geblufft. Er war weit davon entfernt, k.o. zu sein. Sein hochfliegender Fuß erwischte Bount genau dort, wo es weh tat. Bount krümmte sich vor Schmerz. George war sofort wieder auf den Beinen und praktizierte erneut seinen Nackenschlag. Bount fiel um.

Als er wieder zu sich kam, war er an den Stuhl gefesselt. An Armen und Beinen. George grinste nicht mehr. Er sah immer noch wütend aus. In seinen kleinen Augen brannte ein kaltes Feuer. Bount erkannte, dass George zur Grausamkeit neigte und entschlossen war, seinem Trieb zu folgen.

Er holte sein Feuerzeug aus der Tasche, knipste es an, hielt die Flamme unter Bounts Kinn und sagte: „Ich kann noch dichter ran gehen. Ich kann sogar ein Feuer unter deinem Hintern machen und dich brennen lassen wie eine Hexe – aber ich baue darauf, dass du vorher zur Vernunft kommst.“

Bount biss die Zähne zusammen. Er tat es so fest, dass seine geschlossenen Augen feucht wurden. Wilder Schmerz durchfuhr ihn. Ein Geräusch ließ ihn die Lider heben. Die Tür ging auf.

George nahm das Feuerzeug zurück. Er grinste verlegen. „Hallo“, sagte er.

„Was geht hier vor?“, fragte Crystal Parkinson. Sie war auf der Schwelle stehengeblieben und wirkte ziemlich fassungslos.

„Der Kerl hat mich überfallen“, behauptete George. „Ich will und werde herauskriegen, was er von uns will, Madam. Gehen Sie nur nach oben. Das hier ist nichts für Sie.“

Crystal reagierte auf erstaunliche Weise. Sie trat vor den Hünen hin und schlug ihm die flache Hand klatschend ins Gesicht. Es war eine volle Breitseite. George blinzelte fassungslos, überrascht, gedemütigt. Bount war erstaunt, dass in dieser Gefühlsskala Hass fehlte, aber möglicherweise hatte sich George seiner Herrin gegenüber so gut in der Gewalt, dass er nicht alle Karten auf den Tisch zu legen brauchte.

„Binden Sie ihn los!“, befahl Crystal.

George kam der Aufforderung schweigend nach, Crystal und Bount gingen nach oben in den Salon. „Ich bin empört“, sagte sie. „Ich muss mich bei Ihnen entschuldigen. George ist ein Rüpel. Ich weiß, dass er glaubt, uns beschützen zu müssen, aber manchmal scheint er an Verfolgungswahn zu leiden, dann zeigt er, wie ich meine, sogar schizophrene Eigenschaften.“

„Sie hätten ihn nicht schlagen dürfen“, sagte Bount. „Das wird er Ihnen nicht vergessen.“

„Ach was! Ich werde Rudy ersuchen, ihn zu entlassen. Ich kann dieses Monster nicht länger im Hause dulden.“

„Wird Ihr Mann darauf eingehen?“

„Aber sicher! Er tut alles, worum ich ihn bitte“, erklärte Crystal selbstbewusst. Sie steckte sich eine Zigarette an und rauchte mit kurzen, nervösen Zügen. „Fahren Sie zu ihm ins Büro“, sagte sie dann. „Westend Drive 137. Sprechen Sie mit ihm. Er wird Sie beauftragen, diesen Fall zu lösen.“

Bount hob die Augenbrauen. „Haben Sie plötzlich Ihre Meinung geändert?“

„Ich fühle nur, dass Ihnen hier Unrecht getan wurde, und dass wir in Ihrer Schuld stehen. Vielleicht können wir das mit einem Auftrag wieder gut machen.“

Er verabschiedete sich und fuhr los. Unterwegs machte er im Polizeipräsidium Halt. Captain Toby Rowland war in seinem Büro gerade damit beschäftigt, behutsam aus einem Pappbecher kochend heißen Kaffee zu trinken.

„Nimmst du auch einen?“, fragte er den Besucher.

Bount setzte sich. „Wenn ich dein Gesicht betrachte, kann ich die Frage nicht als Freundschaftsdienst verstehen“, sagte er. „Du siehst aus, als hätte man dich gezwungen, den Schierlingsbecher zu leeren.“

„Manchmal habe ich die Sekretärin in Verdacht, dass sie mich verbrühen will“, meinte Toby Rogers.

„Sie will dich entflammen“, sagte Bount scherzend. „Da sie es mit ihren nachlassenden Reizen nicht zu schaffen scheint, strebt sie das Ziel mit anderen Hitzetechniken an. Zur Sache: Hat man den Toten schon identifiziert?“

Der Captain nickte und griff nach einem Zettel, der vor dem ihm auf dem Schreibtisch lag. „Derek Knight. 28, vorbestraft wegen ... ach, das liest du am besten selber nach. Ein Ganove mittleren Kalibers. Einzelgänger, Spezialisiert auf das Stehlen und Umfrisieren teurer, ausländischer Sportwagen.“

„Gangmitglied?“

„Hast du mich nicht verstanden? Er war Einzelgänger.“

„Frisierte Luxusschlitten werden im Allgemeinen durch Organisationen vertrieben.“

„Vielleicht betätigte er sich gelegentlich als Zulieferer, kann schon sein, aber unseren Informationen zufolge war er ein typischer Außenseiter, ein Mann, der es hasste, mit anderen zu arbeiten.“

„Gibt es schon ein Tatmotiv?“

Der Captain nippte erneut mit misstrauisch wirkendem Gesicht an dem heißen Becher. „Tatmotiv, Tatmotiv!“, sagte er. „Sicher gibt's eines. Sein Tod soll uns offenbar von der Ermordung dieser Puppe ablenken. Du hast sie wirklich gesehen?“

„Ich habe sie gesehen. Sie war tot, das steht für mich fest. Und sie sah, auch daran gibt es nichts zu rütteln, dieser Crystal Parkinson täuschend ähnlich.“

„Kann es nicht Crystal Parkinson gewesen sein?“, fragte der Captain. „Wir werden das überprüfen müssen. Anhand von Fingerabdrücken und so weiter. Übrigens habe ich einige Erkundigungen über die Parkinsons eingeholt. Der Bursche ist Finanzmakler. So nennt er sich jedenfalls. Großkotziges Büro in der besten Gegend. Zu seinen Klienten gehören so prominente Leute wie Hugh Hefner, Guy Lazotti und Luigi Delrnonte.“

„Die großen Drei!“, rief Bount.

„So ist es“, bestätigte der Captain. „Die Gangsterprominenz der Stadt. Es gibt im Lande nichts Vergleichbares, nicht mal im vielgepriesenen Chicago. Was sagst du nun?“

„Jemand hatte guten Grund, eine Doppelgängerin für Crystal Parkinson aufzubauen“, sagte Bount. „War es Parkinson selber? Oder waren es seine Gegner?“

Details

Seiten
118
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738953909
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Mai)
Schlagworte
gestern leiche york detectives

Autor

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Titel: Gestern wurde ihre Leiche gefunden: N.Y.D. – New York Detectives