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Der Baron #30: Die falsche Dame

©2021 131 Seiten

Zusammenfassung


Elf amerikanische Marineangehörige befinden sich in nordkoreanischer Gefangenschaft auf einer abgelegenen Insel. Die Marine selbst kann nicht eingreifen, das würde als kriegerische Handlung gewertet. Baron Alexander von Strehlitz erklärt sich bereit, einen Befreiungsversuch zu unternehmen. Ein Himmelfahrtskommando!

Leseprobe

Table of Contents

Der Baron #30: Die falsche Dame

Copyright

Das sind die Leute, die Sie kennenlernen sollten:

Prolog

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Der Baron #30: Die falsche Dame

von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 131 Taschenbuchseiten.

 

Elf amerikanische Marineangehörige befinden sich in nordkoreanischer Gefangenschaft auf einer abgelegenen Insel. Die Marine selbst kann nicht eingreifen, das würde als kriegerische Handlung gewertet. Baron Alexander von Strehlitz erklärt sich bereit, einen Befreiungsversuch zu unternehmen. Ein Himmelfahrtskommando!

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Das sind die Leute, die Sie kennenlernen sollten:

Alexander von Strehlitz, genannt der „Baron“, 38 Jahre, 1,88 m groß, dunkelhaarig, gut aussehend, schlank und muskulös, sehr sportlich, abgeschlossenes Zoologiestudium, Hobbysegler und Hochseeschiffer mit Kapitänspatent für große Fahrt, bekannter Schriftsteller von Reiseberichten und Expeditionserlebnissen, Leiter von verschiedenen Expeditionen in Afrika und Südamerika, in Übersee durch seine Goodwillreisen zugunsten unterentwickelter Gebiete in Südamerika bekannt geworden, Sieger vom Indianapolis-Rennen für schwere Tourenwagen 1969, ebenso bekannt in Monte Carlo und der Jet-Society als brillanter Pokerspieler und Gesellschafter. Frauen vergöttern ihn, Männer schätzen ihn als prächtigen Partner und umsichtigen Leiter oft abenteuerlicher Unternehmungen.

Robert Burton, der Sekretär des Barons, 35 Jahre alt, 1,70 m groß, spärliches dunkelblondes Haar, korpulent, Brillenträger, gelernter Bankkaufmann, ein Mathematiker aus Passion, spricht sieben Fremdsprachen und hat ein fabelhaftes Gedächtnis, viel Sinn für Statistiken und Daten. Robert arbeitet seit Jahren für den Baron und weiß über dessen Finanzen besser Bescheid als der Baron selbst. Hat die Eigenart, immer dann französisch mit dem Baron zu sprechen, wenn es um Geldfragen geht.

Michel Dupont, genannt „Le Beau“, 28 Jahre alt, 1,75 m groß, drahtiger durchtrainierter Mann mit dunklem Haar, kantigem, nicht sehr schönem Gesicht mit zerschlagener Nase. Seit vielen Jahren dem Baron ein treuer Freund und Begleiter auf vielen abenteuerlichen Reisen. Le Beau ist gebürtiger Franzose, sehr leidenschaftlich, liebt Frauen und gutes Essen und Trinken, ist leicht zu erregen, ein ausgezeichneter Karatekämpfer, Motorbootfahrer aus Leidenschaft und begeisterter Reiter. Außer Frauen und Pferden liebt er auch rasante Wagen. Er ist gelernter Motorenschlosser und Flugzeugmechaniker.

James Morris, der Chauffeur des Barons, 31 Jahre alt, 1,94 m groß, sehr stark und breit, wiegt über zwei Zentner, Stirnglatze, sonst struppiges, dunkelblondes Haar, breites Gesicht mit Stupsnase. James war früher Artist, nämlich Untermann einer menschlichen Pyramide. Nach einer Knöchelverletzung verlor er sein Engagement und geriet in schlechte Kreise. Der Baron holte ihn gegen Kaution aus einem Lissabonner Untersuchungsgefängnis und fand in James den treuesten Anhänger, den ein Mensch sich denken kann. Wo James hinschlägt, blüht keine Blume mehr, aber gleichzeitig hat der Hüne ein friedliches gutartiges Gemüt, tut für den Baron alles, aber dass der Baron einen so mäßigen Autofahrer wie ihn zum Chauffeur gemacht hat, begreift James selbst nicht.

Das also sind der BARON und seine Freunde ROBERT, LE BEAU und JAMES. Ein echter und draufgängerischer Mann und seine Freunde. Ihr Feld ist die Welt, heute sind sie reich, morgen haben sie keinen roten Heller, und immer sind sie bereit, dem Teufel auf den Schwanz zu treten, wenn es gilt, anderen zu helfen, die in Bedrängnis sind. Keiner von ihnen ist ein Tugendbold, aber wenn die Lage es erfordert, halten sie eiserne Disziplin. Sie sind vier knallharte Männer, und für manch einen sind sie die letzte Hoffnung. Sie lieben das Abenteuer, sie lieben das Leben. Ob im Orkan auf See, im dampfend heißen Urwald oder auf schillerndem Parkett des Casinos von Monte Carlo, sie sind überall zu Hause. Es gibt Zeiten, da trinken sie Sekt und essen Kaviar, und es gibt Situationen, da teilen sie sich den letzten Tropfen lauwarmen und brackigen Wassers und kauen auf harter Brotrinde. Und immer bleiben sie Kameraden und halten zusammen … der Baron und seine Crew.

 

 

 

Prolog

VERRATENE BEFREIUNGSAKTION

Seoul (eig. Meld.) – Ein privates Einsatzkommando unter der Führung von Baron Strehlitz versuchte heute, die insgesamt elf von den nordkoreanischen Behörden inhaftierten Marineangehörigen auf der Insel Majang zu befreien. Wie es heißt, ist Baron Strehlitz mit seinen Begleitern auf dem einstigen Schnellboot Tiger in eine Falle geraten. Aus sehr gut informierten Kreisen konnten wir erfahren, dass dieses gesamte Unternehmen wie schon ein früheres, das Marineabwehragenten durchgeführt hatten, verraten worden ist. Weiter erfuhren wir, um welchen Preis Baron Strehlitz, der ansonsten nicht für staatliche Behörden arbeitet, diese Aktion ausführen wollte. Es heißt, die Behörden in Los Angeles seien bereit, die drei Bürgerrechtskämpfer Strawling, Ross und Mary Blackburn aus der Haft zu entlassen und nach Frankreich abzuschieben. Bekanntlich wurden alle drei vor kurzem zu zehn Jahren Haft verurteilt. Damals hatte sich Baron Strehlitz sehr für die drei eingesetzt, die zum Freundeskreis des ermordeten Dr. Martin Luther King gehört hatten …

 

 

 

1

Der Mann stand am Telefonrelais-Kasten und hantierte zwischen unzähligen Leitungen, Schaltern und Relais. Er trug einen blauen Monteuranzug, hatte einen Ohrhörer mit Kehlkopfmikrophon auf dem Kopf, und sein Anzug war auf dem Rücken beschriftet. WESTERN TELEGRAPH stand darauf.

Auf der Ausfallstraße nach Norden herrschte reger Verkehr. Aber nur wenige Fußgänger kamen hier vorbei. Und wenn, so schenkten sie dem Telefonmonteur wenig Beachtung.

Vor dem Relaiskasten, der unweit von einer Litfaßsäule stand, parkte ein kleiner Kombiwagen, und auch der war mit WESTERN TELEGRAPH beschriftet.

Der Mann blickte aus dunklen Augen die Straße hinauf, dann herab, und als die Sonne in sein Gesicht fiel, sah man, dass er ein Mexikaner sein musste. Aber hier in Kalifornien wimmelte es von braven US-Bürgern mexikanischer Abstammung.

„Crook! Ja, nun melde dich doch! Ich habe die Leitung angezapft. – Ja, alles notiert.“ Er sprach hastig, aber nicht laut. Im Lärm der vorbeifahrenden Autos ging das fast unter. In dem Haus, das am Straßenrand keine drei Meter vom Relaiskasten entfernt stand, wohnte niemand. Das war ein Kühlhaus. Mit schönen dicken Mauern ohne Fenster. Besser konnte es nicht kommen.

Eine Stimme drang aus dem Hörer in das Ohr des Monteurs. „Was ist nun? Hörst du noch mehr, oder kommst du her, um zu berichten?“

„Es ist nur eine halbe Stunde Zeit, dann verlässt das Mädchen sein Haus. Kommt doch schon her. Ich erzähle euch alles im Auto!“

„Es ist gut“, drang es aus dem Hörer. „Wir kommen. Am besten treffen wir dich auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt.“

„Gut, geht in Ordnung.“

Der Mann zog sich den Hörer vom Kopf, entfernte zwei Kabel, die im Schaltkasten angeklemmt waren, fingerte noch kurz an verschiedenen Anschlüssen herum, dann steckte er ein paar Klemmen und Drähte in seine schwarze Tragtasche, schloss den Schaltkasten sorgfältig ab und ging zu seinem Kombi. Bevor er losfuhr, zündete er sich noch ein Zigarillo an, dann fuhr er ab.

Sein Weg war kurz. Schon nach zwei Minuten rollte der Monteurwagen auf einen riesigen Parkplatz, der dennoch bereits um diese Morgenstunde stark mit Autos gefüllt war. Lautsprechermusik hallte über die Autodächer. Hin und wieder wurde die Musik unterbrochen, und eine Mädchenstimme pries Sonderangebote an, die es im Supermarkt zu geben schien.

Der Telefonmonteur scherte sich nicht um Preise und nicht um die riesige Markthalle, zu der alles hinstrebte, was hier seinen Wagen geparkt hatte. Frauen kamen mit kleinen Kindern, dann auch ältere Ehepaare. Andere hatten schon eingekauft und schleiften vollgeladene Karren hinter sich her, um die Kofferräume ihrer Autos zu füllen.

Der Monteur hatte einen Parkplatz gefunden, neben dem noch ein zweiter frei war. Auf der freien Fläche setzte der Mann eine Leiter auf, stellte seine Tasche ab und wartete.

Es dauerte nicht lange, da wurde sein Warten belohnt. Ein hellgrauer Buick schob sich um die Ecke, kam die Gasse der ersten Parkreihe entlang und surrte dann auf die Parklücke zu. Der Monteur grinste, nahm Leiter und Tasche weg, und der Buick fuhr in die Lücke hinein. Drei Männer saßen in dem Wagen. Der Monteur kannte nur den einen, der im Fond saß und ihm zunickte.

Von innen wurde die Tür geöffnet, und der Mann im Fond rief: „Setz dich zu mir, Juan!“ Der Monteur stieg ein. Er kannte die beiden bulligen Figuren vorn nicht, nickte ihnen aber zu, als sie sich nach ihm umdrehten. Sie musterten ihn kurz, und das geschah so, als taxiere ein Metzger das Kalb ab, das er gleich kaufen wollte.

Der Mann im Fond war mittleren Alters, glattes Gesicht, etwas bleich, helle Augen, graumeliertes Haar. Ein Mann, der Bankangestellter, Finanzbeamter, Schullehrer oder sonst etwas hätte sein können. Aber er war nichts von dem.

„Was war nun?“, fragte er barsch.

Juan zuckte erst zusammen, dann sagte er: „Ich habe das Mikrophon im Telefon eingebaut, aber über Funk hätte das nie geklappt. Es sind zu viele Störquellen in der Nähe. Da habe ich eine tote Leitung, die vom Apparat bei White bis zum nächsten Schaltkasten führte, als Träger benutzt. Der Schaltkasten steht zwei Straßen weiter vor einem Kühlhaus. Gleich in der Nähe. – Ich habe alles notiert.“

Er zog einen Zettel aus der Tasche und las vor: „White hat …“

Der Mann neben Juan unterbrach schroff: „Juan, zum Teufel, hast du kein Tonband davon?“

Juan zuckte die Schultern. „Doch nicht sofort, Mr. Miller. Jetzt läuft es, aber ich musste es doch erst anschließen. Und gerade da war dieser Strehlitz bei ihm.“

„Also doch der Baron!“, sagte Miller und nickte bedeutungsvoll. „Rede weiter, Juan! Rede!“

„White sagte, dass die Marine nichts mehr riskieren will, dass sie einen Konflikt meiden möchten. Und er hat dem Baron Geld dafür geboten, ihm den Sohn aus dem Lager zu holen.“

Miller lachte böse. „Wunderbar. Und wie will dieser Mensch das machen?“

Juan zuckte die Schultern. „White bekam die Zusage darauf. Vorausgesetzt, hatte Strehlitz verlangt, dass die Marine die Sache unterstützt.“

„Aha.“

„White will die Kosten der Befreiung tragen. Eine Frau sichert die Sache mit einer Million ab.“

„Eine Frau?“

„Es war davon die Rede. Hedy Fitzgerald heißt sie. Sie will sich heute noch mit White treffen. In einer Viertelstunde. Der Baron kennt sie offenbar auch nicht. Sie haben vereinbart, dass White mit ihr anschließend zum Hotel Clarence kommt, in dem der Baron Strehlitz wohnt.“

„Moment mal, Juan! White kennt die Frau gar nicht?“

„Nein. Nicht persönlich. Sie hat sich angeboten, über Telefon, die finanzielle Seite abzusichern. White ist kein Millionär.“

„Also der Staat. Sehr schlau. Man meidet einen offiziellen Einsatz. Das gibt Konflikte. Also wird White mit Geld aufgepumpt, beschafft sich Leute wie Baron Strehlitz, die das machen, und wenn was schiefgeht, hat die Regierung hier keine blasse Ahnung. – Wir müssen diese Frau abfangen! Wo treffen sie sich, Juan?“

„Ich fahre voraus. Es ist ein Haus in der Barkley Street, und ich weiß auch, wem es gehört. Zufällig war ich neulich dort und habe eine Leitung geprüft.“

„Aha, und wem gehört es?“

„Der CIA. Aber das wissen nur wenige. Ich weiß es, weil das Telefon von der CIA bezahlt wird.“

 

 

2

„Hör mir genau zu, Juan!“, sagte Miller. „Du wirst Whites Wagen abpassen und ihn mit deinem Karren rammen. Von hinten, da ist es für dich am sichersten. Und bestehe darauf, dass die Polizei kommt. Los, hau jetzt ab!“

Juan stieg sofort aus, schob sich in seinen Kombi und ließ ihn an. Miller sah ihm kurz nach, wie er abfuhr und sagte dann zu dem Mann auf dem Beifahrersitz: „Tony, du holst Su, lädst sie in ein Taxi und schaffst sie zum Hotel Clarence, wo dieser Strehlitz wohnt. Ich kenne den Baron gut genug, um zu wissen, dass er auf Su anspringt. Aber ihr bleibt im Taxi sitzen. Notfalls steigt ihr aus, setzt euch aber ins Foyer und sagt, ihr würdet auf wen warten. Inzwischen erfahren wir alles über diese Frau; die CIA oder die Marineabwehr vorschieben. Und dann drehen wir mal den Spieß um. Wir werden auch diesmal die Falle aufbauen. Die sollen sich wundern!“

Tony wandte sich um und sah Miller an. „Wäre es nicht klüger, den Baron umzudrehen? Was wir von ihm gehört haben, klang ziemlich knallhart.“

„Der Versuch soll ja laufen. Dafür brauchen wir Su. Die andere Tante quetschen wir aus, bis wir alles wissen.“

Tony nickte. „Ich weiß jetzt Bescheid“, brummte er und stieg aus. In der Tür wandte er sich dem Fahrer zu. „Ruf mir über Funksprech ein Taxi vor den Supermarkt, Flynn.“

Der Fahrer nickte. Während er tat, um was ihn Tony gebeten hatte, sagte Miller: „Los, zu diesem CIA-Haus! Und vergiss nicht, den Polizeifunk einzuschalten, damit wir hören, wenn ein Funkwagen zu Juans Blechschaden muss.“

Sie fuhren langsam. Und nach knapp fünf Minuten kam über Polizeifunk die Anweisung an einen Polizeiwagen, genau zu jener Stelle zu fahren, wo Juan den Wagen von White rammen sollte. Es war von einem Auffahrunfall ohne Verletzte die Rede.

Miller lehnte sich zufrieden lächelnd zurück und befahl dem Fahrer: „Und nun gib Gas. Jetzt brauchen wir nicht mehr zu bummeln. Fahr vor, als wolltest du die Frau des Präsidenten abholen!“

Das Haus lag in strahlender Sonne. Weiß, umrankt von Efeu, leuchtend grün der Vorgarten. Blumen prunkten in knalligen Farben. Es sah aus wie eine Millionärsvilla. Keine Spur davon, dass es dem amerikanischen Geheimdienst gehörte. Außen stand nur ein Name. Irgendeiner.

Der Buick fuhr vor, stoppte leise; Flynn stieg aus, ging auf die Stufen zu, die zum etwas erhöhten Vorgarten führten. Aber da kam schon die Frau. Sie war mittelgroß, schlank, und ihr blondes Haar reichte bis unter die Schultern. Sie trug alles in Weiß. Florentinerhut, Kleid, Schuhe, Handschuhe. Mit den Schritten eines Mannequins kam sie auf Flynn zu. Jeder Zoll an ihr war Dame. Und sie war hübsch, verteufelt hübsch, wie Flynn feststellte. Bei jeder ihrer graziösen Bewegungen straffte sich das Kleid über sanften Rundungen.

Flynn war versucht, durch die Zähne zu pfeifen, aber er ließ es, zog sich die Mütze vom Kopf und sagte schnarrend: „Mr. White wartet auf Sie, Madam.“ Und der Mann, den sie für White halten sollte, stieg aus. Er lüftete den Hut und hielt sein Gesicht dadurch halb vom Arm verborgen, so dass man ihn vom Haus aus nicht sehen konnte. Die Frau gab ihm die Hand, und er murmelte etwas, half ihr in den Wagen und sagte zu Flynn: „Zum Hotel von Baron Strehlitz. Rasch, bitte!“ Dann stieg er ebenfalls ein.

Flynn flitzte hinters Steuer, gab Gas und fuhr los, als habe er eine Hochzeitskutsche zu fahren. Doch kaum waren sie um die Ecke, da sagte Miller: „Uns folgt einer! Flynn, fahr zum Astor Place, da ist jetzt der richtige Betrieb. Dort hängen wir ihn ab.“

Die Frau sah Miller verwundert an.

„Zum Astor Place? Aber wir wollten doch zu Baron Strehlitz!“

„Stimmt.“ Er beugte sich vor. „Flynn, gib Tony über Sprechfunk Bescheid!“

Flynn nahm das Mikrophon und nahm Verbindung zu Tony auf. „Hörst du?“

„Prima. Habt ihr die Kleine?“

„Bist du schon im Hotel?“, fragte Miller von hinten.

„Ja, und Su ist schon auf dem Weg. Was geschieht weiter?“

„Su soll den Baron etwas beschäftigen! Du bleibst in der Nahe, am besten in deinem Wagen. Hast du den jetzt?“

„Sicher, sonst könnte ich euch nicht so einfach empfangen. Und bei euch?“

„Alles klar. Wir pressen sie erst einmal aus.“

„Viel Spaß, Mr. Miller!“

Die Frau sah Miller erschrocken an. Jetzt schien sie alles zu begreifen und überlegte fieberhaft, wie sie aus dieser Falle entkommen konnte.

Miller schien ihre Gedanken zu ahnen und fragte lächelnd und voller kaltem Triumph: „Wie heißen Sie eigentlich, schöne Frau? Mein Name ist übrigens Miller. Ganz einfach Miller. Wenn wir beide uns sehr gut verstehen sollten, dürften Sie vielleicht auch Wesley zu mir sagen – so nennen mich meine Freundinnen.“

 

 

3

Sie hatte nicht gesagt, wie sie hieß, aber sie erfuhren es doch, als sie ihre Tasche durchsuchten. Und sie hatte sich wehren wollen, aber Miller war Profi. Keiner von der dritten Garnitur. Miller hatte die Praxis vieler Geheimdienstjahre, verstand sich auf Karate, und einen Gegner unterschätzte er auch nicht, auch keine Frau.

Während es Flynn gelungen war, das Verfolgerauto loszuwerden, schaffte es Miller fast spielend, die Frau so hart in den Griff zu nehmen, dass ihr schönes Gesicht vor Schmerz blass wurde.

„Name?“, fuhr er sie an. „Dein Ausweis könnte falsch sein, kleine Fee.“ Für Folterungen war Hedy Fitzgerald nicht gedrillt. Das gehörte auch nicht zu ihrer Aufgabe.

Sie schrie schrill auf, und nach zwei Minuten antwortete sie auf alles, was Miller fragte. Der Name auf dem Ausweis stimmte. Und sie gab zu, vom CIA angeworben worden zu sein, um Baron Strehlitz und dessen Freunde dafür zu gewinnen, für White dieses Himmelfahrtskommando auszuführen.

Miller hörte sich alles an, dann sagte er: „Also es ist klar. Strehlitz soll für euch die Kastanien aus dem Feuer holen. Erst gerät das U-Boot in die Hand der Gegner, dann sollen vier Marineabwehr-Agenten die sieben Überlebenden befreien, aber das geht schief, weil alles verraten wurde. Und nun soll Strehlitz noch einmal sein Glück versuchen. Es geht wieder schief. – Aber du, kleine Fee, hörst mir mal sehr genau zu! Der Baron soll das tun. Er soll ruhig den Helden spielen. Was soll er dafür bekommen?“

Hedy Fitzgerald hielt den Kopf gesenkt, als sie antwortete: „Wir haben ihm zugesagt, drei Gefangene zu entlassen.“

„Gefangene? Politische?“

„Sie wurden bei den Rassenunruhen gefasst. Es sind zwei Neger und ein Weißer. Freunde von Martin Luther King.“

„Und Geld?“

„Ja, aber das braucht er für die Ausrüstung.“

„Sonst nichts?“

„Nein.“

Miller schüttelte den Kopf. „Und uns hat er vor einem Jahr die Mithilfe ausgeschlagen. Nicht einmal für siebzigtausend Dollar.“

Sie schwieg, und Miller rief Flynn zu: „Nun zum Hotel!“ Er wandte sich wieder Hedy zu. „Hör zu, mein blonder Käfer! Dein Gesicht ist doch ziemlich hübsch, nicht wahr? Es wird von Säure zerstört sein, und deine Augen werden aussehen wie Zuckerkugeln, wenn du nicht haargenau das tust, was wir verlangen! Du wirst in der Hotelhalle auf White warten, wirst ihm sagen, dass dich ein Bekannter abgeholt hat. Und du wirst dann alles das tun, was man dir beim CIA aufgetragen hat. Wenn der Baron mit seinen Leuten nicht fährt oder wenn sonst etwas darauf hinweist, dass du gesungen hast, mein liebes Vögelchen, dann werden wir dich schön machen. So schön, mein Goldkäfer, dass eine Hexe gegen dich noch wie Miss Universum aussieht. Die Kinder werden kreischen, wenn sie dich sehen. Und wir tun, was wir sagen. Wir sind sehr viele. Einer von uns findet dich ganz bestimmt.“

 

 

4

Hedy Fitzgerald schwieg, und sie tat alles, was von ihr verlangt worden war. Und als feststand, dass Baron Strehlitz mit zweien seiner Freunde diesen tollkühnen Auftrag ausführen würde, da wurde sie abgepasst, und man fragte sie aus. Nicht Miller, sondern wieder ein anderer war gekommen. Und sie sagte, was gefragt war. Sie hatte Angst, konnte nicht schlafen, und immerzu fürchtete sie, jemand sei hinter ihr her. Eine Woche nach dem Gespräch mit Miller saß sie in einem Kino, als eine kurvenreiche Rothaarige neben ihr Platz nahm, einen Riesenbeutel Puffreis in den Händen hielt und sofort begann, ganze Hände voll in sich hineinzustopfen.

Plötzlich, der Hauptfilm lief schon, sagte die Puffreisdame raunend zu Hedy: „Hören Sie, ich will mit Ihnen reden. Nichts Schlimmes! – Mein Gott, warum zucken Sie so zusammen? Gehen Sie in zwei Minuten auf die Toilette. Ich folge Ihnen ein wenig später. Nehmen Sie die erste Kabine, und warten Sie nur, falls die jetzt besetzt sein sollte …“

Hedy zitterte am ganzen Körper vor Angst, aber sie gehorchte. Und dabei meinte sie, ihre letzte Stunde sei gekommen, man werde sie nun hier auf der Damentoilette ermorden. Sie ging folgsam in die erste Zelle und wartete. Kurz darauf klopfte es an der Zwischenwand zur nächsten Kabine, dann hörte sie über sich eine Stimme flüstern: „Hier! Stellen Sie sich aufs Klo und hören Sie mir zu!“

Hedy sah, dass die Zwischenwand nur bis etwa in sieben Fuß Höhe reichte – und darüber beugte sich die Rothaarige.

„Sie müssen keine Angst haben“, sagte der Rotschopf, „ich bin Su. Ich will Ihnen nur einen Tipp geben. Sie scheinen dichtgehalten zu haben. Strehlitz ist mit einem Schnellboot von seinem Freund losgefahren. Mr. Miller gibt Ihnen den Rat, nach Europa zu fliegen und dort zu bleiben. In Frankreich, Italien oder Jugoslawen. Hier in den Staaten wird man Sie vielleicht bald suchen. – Übrigens …“, Su lächelte verschmitzt, „wenn ich Sie so ansehe, Hedy, dann begreife ich, wieso Baron Strehlitz von mir nichts wissen wollte und immerzu nur von Ihnen geschwärmt hat.“

„Hat er das denn?“

Su lachte. „Das war der Denkfehler bei Mr. Miller. Ich habe mir zwar verdammt viel Mühe gegeben, den Baron einzuwickeln, aber der ist kein bisschen darauf angesprungen. Auf Sie war er scharf, und ich nehme es Ihnen bestimmt nicht übel. Also tun Sie, was Mr. Miller geraten hat. Wenn Sie uns vorher noch einen kleinen Gefallen tun, sorgen wir sogar dafür, dass Sie gut nach Europa kommen und dort auch gleich einen guten Job finden … Zum Beispiel als Sekretärin bei der Europäischen Kommission oder sonst einer interessanten Behörde.“

Hedy begriff nichts, aber als sie dann begriff, war die rothaarige Su wieder verschwunden. Ein Stück Papier segelte zu Hedys Füßen. Sie hob es auf, las die drei Zeilen, die folgendes besagten: Bringen Sie die Akte ER 456882 ins Schließfach 103 für Gepäckstücke auf dem Pasadena-Bahnhof. Verbrennen Sie den Zettel.

Sie notierte sich die Aktennummer, die Schließfachnummer ebenso, dann verbrannte sie das Papier und warf die Asche in die Toilette. Dann ging sie hastig aus dem Raum.

Am nächsten Tag wurde Hedy Fitzgerald von einem Lieferwagen überfahren, als sie auf dem Weg zum Flughafen eine Straße überquerte. Sie starb noch an der Unfallstelle.

Die Akte ER 456882 hatte sie nie angerührt. Aber die Polizei fand in ihrer Handtasche ein Flugbillett nach London. Zwei Stunden nach dem Unfall startete die Maschine, in der ein Platz frei blieb. Der Platz von Hedy Fitzgerald, die nur noch hatte fliehen wollen. Der Fahrer des Lieferwagens war entkommen. Dass dieser Mann nicht nur ein Mörder, sondern auch ein feindlicher Agent war, ahnte niemand, auch nicht die Polizei.

 

 

5

Vor der Küste hingen die Nebelschleier wie der Organzaschal einer schönen Frau. Sie schwangen vor der grauen Küstenlandschaft und verklärten die Umrisse der sturmzerfetzten Bäume, des geduckt liegenden Hauses und des über dem Ufer hängenden Buschstreifens.

Ruhig war das Meer. Aber grau in grau und brackig wie ein Waschtümpel. Sanft wiegte sich das graugrüne Schnellboot in den milden Wogen. Die flachen Aufbauten glitzerten von perlendem Tau des Nebels. Und die drei Männer hinter der offenen Brücke starrten wie gebannt durch Ferngläser auf die Küste.

Es war still, erschreckend still. Nur das glucksende Plätschern der Wogen gegen die Bordwand des Bootes war zu hören. Sonst kein Laut. Und der Nebel verschlang die Geräusche der anrollenden Wellen von der Küste.

„Tiger“, stand an der Bordwand des einstigen Schnellbootes. Es gehörte Le Beau, hatte jetzt aber ein anderes Gesicht bekommen. Es hatte jahrelang dem Luxus gedient und erlebte nun aber ein Comeback als Kampfboot.

Die „Tiger“ hatte kein geschlossenes Ruderhaus. Nur eine Windschutzscheibe und eine Spritzwand schützte die Männer. Jetzt war die Scheibe heruntergeklappt. Und noch immer sagte keiner der drei ein Wort. Nicht der Baron, der langsam durch das Glas die Küste absuchte, nicht Le Beau, der zwar die Lippen bewegte und sich ab und zu durch den vom Nebel feuchten Seemannsbart strich, den er sich hatte wachsen lassen. Und auch nicht der stiernackige James Morris, sonst der Chauffeur des Barons. James hatte für diese Sache ein seltenes Fachwissen. Er war vor Jahren einmal lange in dieser Gegend auf einem Zweimastschoner gefahren, der in der ganzen Südsee und in Frisco bekannt war wie ein gescheckter Hund. Doch nicht nur die Südsee kannte James. Auch die Inseln kannte er wie seine Tasche, die Inseln vor Korea. Und die dort, die sie vor sich sahen, hieß Majang, der Hongwang Bucht vorgelagert.

Sie wussten alle drei, dass der Frieden dieser Insel scheinbar war, dass dieser Schein trog. Dort, ein Stück hinter dem flachen Bauernhaus, stand ein Küstengeschütz. So war es in ihrer Karte eingetragen. Und die Information stammte von Verbindungsleuten und Agenten.

Der Nebel wurde dichter. Jetzt war die Küste kaum noch zu erkennen. Wie eine milchige Wand senkte er sich herab.

Die Strömung trieb das Boot allmählich auf die Küste zu. Und genau das wollten die Männer. Seit Stunden trieben sie näher und näher an die Küste heran. Und sie hatten gehofft, dass der Nebel dichter werden möge. Jetzt wurde er es.

Le Beau duckte sich hinter die Spritzwand und zündete sich eine Pfeife an. James stopfte sich ein neues Stück Priem in den Mund, nur der Baron setzte keine Sekunde das Glas ab, obgleich es immer schwerer wurde, nur das geringste zu erkennen.

Sie wussten, dass auch der Nebel keine Lebensversicherung war. Wenn man sie an der Küste gesehen hatte, würden sie todsicher in eine Falle geraten. Oder man ließ sie nur noch ein wenig näher herankommen, um dann mit Maschinenkanonen und -gewehren loszurattern. Vielleicht. Keiner der drei wusste, ob es so kommen würde. Und sie waren vorsichtig. Nicht aus Angst. Sie waren es, weil sie nicht wie die Narren in den Kugelregen rennen wollten.

Plötzlich regte sich an der Küste etwas. Eine Leuchtkugel zischte durch den Nebel. Eine rote Kugel, die steil aufstieg, im Dunst verschwand, um nachher weiter nördlich wieder für Bruchteile von Sekunden aufzutauchen, bevor sie ins Meer schlug.

„Anlassen?“, fragte Le Beau.

Der Baron hatte das Fernglas abgesetzt. Seine Augen waren auf die Nebelwand vor der Küste gerichtet. Diese Nebelwand hatte Lücken, und durch eine solche Lücke sahen sie schemenhaft den einen zerfetzten Baum.

„Nichts“, sagte James im tiefsten Bass. „Das konnte ein Routinesignal gewesen sein. Warten wir.“

Und wieder war Stille. Doch da hörten sie jetzt das dumpfe Brummen eines Motors. Nicht von der Küste her. Hinter ihnen war es, auf dem Meer. Sie fuhren herum, sahen nichts.

„Küstenwache“, meinte James Morris. „Ein schneller Motor, nichts für einen Fischer. Aufgepasst jetzt!“

Sie hatten eine Waffe, eine einzige für ein regelrechtes Gefecht. Die Bordkanone, ein einzölliger Veteran mit einer Leistung von hundertzwanzig Schuss pro Minute. James nannte die Kanone liebevoll „Fliegenpatsche“. Und das traf den Sachverhalt. Meinte jedenfalls Le Beau.

Er hatte sich hinter die achtern befindliche Kanone gestellt. Der Entsicherungshebel war zurückgezogen, der erste Schuss saß im Lauf.

Aber das Tuckern des Motors entfernte sich. Schon wollten die Männer aufatmen, da drang erneut Motorengeräusch in ihr Ohr. Diesmal dumpf und langsamtourig.

„Fischerboot“, meinte James sachkundig. „Die blubbern so. Bleib ruhig hinten, Le Beau!“

Das Blubbern näherte sich. Dann sahen sie einen Schatten aus dem Nebel auftauchen. Vielleicht einen Steinwurf weit entfernt. Eine trübe Toplampe flackerte am Mast, dann war der Spuk schon verschwunden. Das Blubbern zog vorüber, es klang merkwürdig unwirklich im Nebel.

„Ob die uns nicht gesehen haben?“, fragte der Baron.

James zuckte die Schultern. „Vielleicht können sie sich nicht vorstellen, dass wir von der anderen Fakultät sind. Für so frech, ihnen bis vor die Nasenspitze zu rutschen, werden sie uns vielleicht nicht halten. Ich entsinne mich, als wir vor drei Jahren …“

Er kam nicht dazu, sein Seemannsgarn auszuspinnen. Baron Alexander von Strehlitz war plötzlich hochgezuckt und hatte beide Hände hinter die Ohrmuscheln gelegt. Angestrengt lauschte er. Und da hörte er es. Dumpfes Stampfen von Schiffsmaschinen. Ein großes Schiff! Weiter konnte es nicht an die Küste heran. Aber es könnte ein Kriegsschiff sein. Und da blitzten schon Scheinwerfer auf. Das war aber ein sinnloses Beginnen. James grinste abfällig, als er das sah.

„Okay, der Nebel ist auf unserer Seite. Aber jetzt nichts wie weg. Anlassen, James!“

Der schwergewichtige James ging ans Ruder und startete die Maschine. Das war neu an diesem Boot. Man konnte den Motor von der Brücke aus starten und regeln. Die Schraube peitschte das Wasser, der Bug hob sich, und schon machte die Tiger Fahrt.

Im Dröhnen der Maschine ging der Schuss fast unter. Aber sie sahen die riesige Wasserfontäne weitaus vom Backbord im Dunst.

„Die sollten sich mehr Mühe geben. So hat mein Großvater schon mit vier Jahren gezielt. Anfänger!“, rief James in den Lärm des heulenden Motors hinein.

Baron Strehlitz war nicht so gleichgültig. Er wusste jetzt, dass auf sie gewartet wurde. Die zweite Falle. Vor acht Tagen gerieten vier Agenten der Marineabwehr in eine solche Falle hinein, als sie versuchten, die Überlebenden zu befreien, die von den Nordkoreanern festgehalten wurden. Vor acht Tagen waren die Gefangenen – so hatte die Marineabwehr durch Verbindungsleute erfahren – auf einem Kanonenboot namens „Bantan“ untergebracht worden. Die vier Leute der Marineabwehr, alle vier von der allerersten Garde, hatten in einem Handstreich das Schiff zu entern versucht. Sie waren geradewegs in eine Falle geraten. Küstenschutz und Schiffsbesatzung hatten sie erwartet.

Der Verdacht, den der Baron nach jenem Vorfall schon hatte, schien jetzt seine Bestätigung zu finden. Es gab einen Verräter bei der Marineabwehr. Einen, der den Gegnern immer rechtzeitig sagte, was die Abwehr plante. Und so war es auch jetzt wieder.

Weil der Baron vorsichtig war, hatten sie die ganze Nacht das Boot auf die Küste zutreiben lassen. Hatten gelauert wie Wölfe und nichts unternommen. Und auch die anderen schienen gewartet zu haben. Nun glaubten sie wohl zuschlagen zu können.

Die wackere „Tiger“ war noch immer ein schnelles Boot, schneller als das Kriegsschiff, das aus seiner 7,5-cm-Kanone blindlings nach dem Geräusch des Schnellbootmotors feuerte und weit vorbeischoss.

„Tiger“ war auch schneller als das andere Boot, das sie vorhin schon gehört hatten. Mit einer mächtigen Bugwelle, das Heck fast ganz im Wasser, schnurrte „Tiger“ seinen Häschern davon. Doch der Nebel wurde lichter.

Le Beau stand an der „Fliegenpatsche“. Instinktiv rechnete er mit Flugzeugen, zumal sich oben der Nebel ganz aufgelöst hatte und nur noch ein paar Meter hoch über dem Meer schwebte.

Aber es kam kein Flugzeug. Noch nicht. Dafür tauchte weitab auf Backbord wieder das Kriegsschiff auf. Es war tatsächlich die „Bantan“, jenes Kanonenboot, das zur Falle für die vier Marineabwehr-Agenten geworden war.

Die „Bantan“ schob sich aus einer Nebelwand heraus und lag voll sichtbar in einer zirkusrunden Fläche, in die die Sonne schien. Hier war kein Nebel, hier herrschte beste Sicht. Und in diese nebelfreie Scheibe geriet nun auch die „Tiger“.

„Beidrehen, James!“, brüllte der Baron.

Drüben blitzte es auf. Schon spritzten die Wasserfontänen und Fontänchen neben dem Boot auf. Noch zu kurz.

„Ein Glück für uns, dass sie noch in der Lehre sind“, meinte James und wirbelte das Ruder herum. Er duckte sich dabei, denn drüben tackerte ein MG. Le Beau lag ebenfalls flach hinter der

Spritzwand, die leicht gepanzert war. Immerhin hielt diese Panzerung die MG-Schüsse ab. Es prasselte und pfiff, doch die Wand hielt.

James hatte Vollgas gegeben und ließ das Boot wieder in die Nebelwand rasen. Kaum waren sie in der Waschküche drinnen, drehte er hart nach Backbord bei – und das in letzter Sekunde. Genau dort, wo sie vor einem Augenblick noch gewesen waren, schlug eine 7,5-cm-Granate ins Wasser, explodierte beim Aufschlag und überschüttete das Boot mit Splittern.

Die Männer sahen sich an, jeder hatte Sorge, dem anderen konnte etwas passiert sein, aber sie waren alle drei heil.

Der Nebel löste sich immer mehr auf. Die freien Flächen wurden größer. Aber das Boot war schnell, viel zu schnell für die „Bantan“ und deren altertümliche 7,5-Kanone.

Und als sie schon weit draußen auf dem Meer waren und sich die Gesichter der drei Männer entspannten, kam das Flugzeug.

Es war kein superschneller Düsenjäger, sondern ein museumsreifer Hochdecker, der schnurrend wie eine Nähmaschine in etwa hundert Meter Höhe dahergerattert kam.

Baron Strehlitz und Le Beau waren achtern an der Bordkanone. Noch war das Flugzeug zu weit. Aber es näherte sich rasch.

James blickte vom Ruderstand her zurück zu der tieffliegenden Maschine. „Lasst die Kanone und schmeißt ihn mit ‘nem Stein vom Himmel. Passt auf, jetzt spielt der noch Krieg! Vorsicht!“

Der Ruf von James kam nicht zu früh. Vom Hochdecker aus wurde mit einem MG geschossen. Leuchtspur. Deutlich waren die Schussbahnen zu sehen – aber sie lagen ungenau und viel zu weit steuerbords.

„Nervös, der Kleine da oben, wie?“, meinte James, doch er selbst wusste, wie gefährlich ihnen der Flieger werden konnte.

Jetzt ratterte die erste Fünferreihe aus der Zollkanone achtern. Sofort zog das Flugzeug hoch, drehte ab und verschwand nach wenigen Minuten über dem Dunst der Küste.

James drosselte den Motor ein wenig und rief den beiden zu: „Entweder schicken sie jetzt eine MIG 15 oder gar nichts mehr. Ich tippe auf letzteres. Wie ist das, Le Beau, irgendwer hat mir mal gesagt, du könntest in fünf Minuten ein tolles Steak zaubern. Genau darauf hätte ich jetzt Appetit.“

Der Baron lächelte über diesen unverwüstlichen Bären. Le Beau hingegen knurrte wütend: „Ich hätte ihn getroffen, diesen Wolkenstepper. Warum hast du absichtlich daneben gezielt, Alexander?“

Der Baron sah den Freund an und meinte: „Verstehst du das nicht? Du siehst doch, dass er auch so zurückgeflogen ist, und es ist nichts passiert. Warum sollte ich mit aller Gewalt Schwierigkeiten verursachen. Überlege dir das mal. Wir befinden uns immerhin auf nordkoreanischem Hoheitsgebiet …“

„Befanden, Sir!“, rief James. „Wir sind aus der Küstenzone heraus. Und wenn Le Beau nicht bald mit den Steaks anfängt, laufen wir noch Tongjang an, und das verdammte Steak weiß immer noch nicht, wo mein Magen ist.“

„Glaubst du überhaupt, dass du mit einem Steak auskommst?“, fragte Le Beau und öffnete das Luk zum Niedergang. „Wenn ich dich so sehe, würde ich am liebsten einen ausgewachsenen Büffel in die Pfanne legen.“

James griff nach dem Tampen und drohte Le Beau. „Wenn du nicht gleich in der Kombüse bist, werfe ich dich in die Pfanne, du verfluchter Casanova!“

Le Beau lächle und verschwand im Niedergang.

Dem Baron war nicht nach Lachen zumute. Ihr Plan war fehlgeschlagen. Und es gab einen Verräter in den eigenen Reihen. Wer war das? Diese Frage beschäftigte ihn noch, als sie auf Deck saßen und direkt aus der Pfanne Le Beaus „Spezialsteak“ verzehrten.

Der Baron machte ein nachdenkliches Gesicht. Dann fragte er: „Ich möchte wissen, wer es ist. Es kommen nur sechs Personen außer uns in Frage.“

James kaute. Mit vollem Munde fragte er: „Sie glauben an Verrat, Sir?“

Le Beau lachte trocken. „Glauben? Es ist Verrat!“

James kratzte die Zwiebel aus der Pfanne und spießte sie mit dem Taschenmesser auf. „Und wer kommt in Frage?“

Der Baron zählte sie auf, die von dem Unternehmen wussten. Erstens drei Einsatzleiter von der Marineabwehr. Männer, die seit vielen Jahren das Vertrauen des Barons hatten und er das ihre. Dann zwei Männer von der Marine, von denen das Schnellboot ausgerüstet worden war; unter anderem mit der Bordkanone.

„Marine, hm, und hatten die auch die Hände im Spiel, als die vier Jungs vor einer Woche angesetzt worden sind?“, erkundigte sich James.

Der Baron nickte. „Beide kenne ich. Wolters ist ein Freund von Le Beau und mir. Shaw ist beim Stab der Admiralität, und mir hat er bereits vor Jahren manchen Gefallen getan.“

„Und Nummer sechs?“

Details

Seiten
131
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738953893
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Mai)
Schlagworte
baron dame

Autor

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Titel: Der Baron #30: Die falsche Dame