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Im November 1828 – Ein Lesebuch

von Richard Hey (Autor:in) Heinrich Böll (Autor:in)
©2021 200 Seiten

Zusammenfassung

Im November 1828 – Ein Lesebuch



von Heinrich Böll und Richard Hey







In diesem Buch sind folgende Beiträge enthalten:



Ein kriminelles Verwirrspiel - Richard Hey

Mitten im Konzert - Richard Hey

19. November 1828 - Heinrich Böll und Richard Hey

Der Fall Martinsson - Richard Hey

Jonny Hilversums Frauen - Richard Hey

Gott - Richard Hey





***





Klappentext:

Richard Hey gehörte zu den bedeutendsten Dreh- und Hörbuchautoren seiner Zeit. Aus seiner Feder stammen unter anderem auch Vorlagen für Tatort-Krimis. Bekannt wurde Hey aber auch durch seine Kriminalromane und -erzählungen sowie zahlreiche Hörspielefassungen nach Romanvorlagen wie ›Der Name der Rose‹. Er erhielt einige Auszeichnungen unter anderem den Kurd-Laßwitz-Preis für seinen Roman IM JAHR 95 NACH HIROSHIMA sowie den Friedrich-Glauser-Preis der Criminale in der Kategorie ›Ehrenpreis‹.

Das hier vorliegende Richard Hey-Lesebuch gibt einen kleinen Einblick in Heys Schaffenswerk und soll dem Leser die Möglichkeit eröffnen, neue und vielleicht unbekannte Seiten Heys kennenzulernen. Es enthält neben den Beiträgen EIN KRIMINELLES VERWIRRSPIEL, MITTEN IM KONZERT, DER FALL MARTINSSON, JONNY HILVERSUMS FRAUEN und der Erzählung GOTT auch sein Debüt-Hörstück 19. NOVEMBER 1828, welches er zusammen mit dem späteren Nobelpreisträger Heinrich Böll für den RIAS Berlin verfasst hat, denn auch bei Böll gilt es immer wieder etwas zu entdecken.

Leseprobe

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Im November 1828 – Ein Lesebuch

von Heinrich Böll und Richard Hey

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In diesem Buch sind folgende Beiträge enthalten:

Ein kriminelles Verwirrspiel - Richard Hey

Mitten im Konzert - Richard Hey

19. November 1828 - Heinrich Böll und Richard Hey

Der Fall Martinsson - Richard Hey

Jonny Hilversums Frauen - Richard Hey

Gott - Richard Hey

***

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Klappentext:

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Richard Hey gehörte zu den bedeutendsten Dreh- und Hörbuchautoren seiner Zeit. Aus seiner Feder stammen unter anderem auch Vorlagen für Tatort-Krimis. Bekannt wurde Hey aber auch durch seine Kriminalromane und -erzählungen sowie zahlreiche Hörspielefassungen nach Romanvorlagen wie ›Der Name der Rose‹. Er erhielt einige Auszeichnungen unter anderem den Kurd-Laßwitz-Preis für seinen Roman IM JAHR 95 NACH HIROSHIMA sowie den Friedrich-Glauser-Preis der Criminale in der Kategorie ›Ehrenpreis‹.

Das hier vorliegende Richard Hey-Lesebuch gibt einen kleinen Einblick in Heys Schaffenswerk und soll dem Leser die Möglichkeit eröffnen, neue und vielleicht unbekannte Seiten Heys kennenzulernen. Es enthält neben den Beiträgen EIN KRIMINELLES VERWIRRSPIEL, MITTEN IM KONZERT, DER FALL MARTINSSON, JONNY HILVERSUMS FRAUEN und der Erzählung GOTT auch sein Debüt-Hörstück 19. NOVEMBER 1828, welches er zusammen mit dem späteren Nobelpreisträger Heinrich Böll für den RIAS Berlin verfasst hat, denn auch bei Böll gilt es immer wieder etwas zu entdecken.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Richard Hey

19. November 1828 © Heinrich Böll & Richard Hey (aus: "Heinrich Böll. Werke. Band 7. 1953-1954." Herausgegeben von Heinz Schnell in Zusammenarbeit mit Klaus-Peter Bernhard. © 2006, Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co. KG, Köln).

© Cover: Christian Dörge, 2021

Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Ein kriminelles Verwirrspiel

Kriminalerzählung von Richard Hey

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1.

Alfons Maria Breuer saß am Schreibtisch, im üblichen teuren Flanellanzug mit Weste, Telefonhörer am Ohr, hustete, machte Notizen. Ihm gegenüber saß Renate Reschke in Rock und braver Bluse, hielt ebenfalls einen Telefonhörer ans Ohr, schrieb und kritzelte auf einen Zettel. Es war früher Morgen, Mitte März. An den grauen Fensterscheiben lief Regenwasser hinab.

Fünf Tage Smog waren zu Ende. Aber seit Berlin zur Stadt mit der höchsten Luftverschmutzung in Europa geworden war, erfrischte auch der Regen die Bronchien nur noch mit zusätzlichen Säureanteilen.

Auf Fensterbrett, Schränken und Regalen kämpften Blumentöpfe mit Usambaraveilchen, Azaleen, Pfennigbaum gegen Schadstoffe und Dreck von draußen. Aus den anderen Büros kam durch die angelehnten Türen Schreibmaschinengeklapper. Links nebenan riss jemand Schubladen auf und knallte sie wieder zu. Rechts nebenan zischte eine Kaffeemaschine. Viele Arbeitstage begannen so.

»Mal genauer«, sagte Breuer mit melancholischer Stimme und blickte mit melancholischen dunklen Augen über die Azaleen vor dem Fenster in den Regen. »Wo habt ihr sie gefunden?«

»Was denn«, sagte Renate Reschke, »lebt er oder lebt er nicht?« Sie schüttelte unwillig den Kopf. Aber die spraygefestigten dichten aschblonden Haare bewegten sich kaum.

»Und wieso seid ihr sicher, dass es eine Türkin ist?«, fragte Breuer. »Ach. – Ja, dann könnte es sich ...«

»Gut«, sagte Renate Reschke und stopfte sich die Bluse in den Rock. »Welches Krankenhaus? – Und wer hat die Fotos gemacht? – Na, die werden danach sein.«

»Nein«, sagte Breuer, »sie heißt anders. Ja, um die könnte es sich handeln. Renate weiß, wie sie heißt. Sie hat mit der Mutter ...«

»Ich will sofort mit dem Jungen reden. Bleibt mit ihm in der Wohnung«, sagte Renate. Und Breuer fast gleichzeitig: »Die Mutter rennt doch seit zwei Monaten von Abschnitt zu Abschnitt und fragt nach der vermissten Tochter, ihr kennt die Frau bestimmt. – Ja, die ...«

»Nein«, wiederholte Reschke, »in der Wohnung. Ich will mir die Wohnung anseh’n.«

Breuer drehte den Kopf vom Telefonhörer weg, fragte Renate: »Wie heißt das vermisste türkische Mädchen?«

»Yildiz. – Nein, Breuer hat mich was gefragt.«

Breuer reichte ihr den Telefonhörer. »Bitte buchstabier’ ihm das mal.«

»Gib her. Und hier«, sie gab ihm ihren Telefonhörer. »lass dir inzwischen erklären, wo diese Wohnung – Reschke. Das vermisste Mädchen heißt Yildiz. Ypsilon, i ohne Punkt – die Türken haben nun mal ein i ohne Punkt. Laura, Dora, Isidor, nein, nicht Siegfried. Zacharias. Yildiz.«

»Heidelberger Straße?«, fragt Breuer, »war ich noch nie. Ist die am Heidelberger Platz?«

»Ich hab’ Fotos von der Vermissten«, sagte Renate, »keine sehr guten, aber ihr könnt, wenn ihr vergleicht ... Wie? Aber wer die Leiche abtransportiert hat, muss doch Fotos ... ach so. Naja. – Moment, Nachnamen hab’ ich auch, warte.« Sie suchte unter den Papieren auf ihrem Schreibtisch. »Verdammt, ich hab’ mein Notizbuch bei PTU liegenlassen. Nein, ich hab’s hier.« Sie blätterte. »Afgan heißt sie. Yildiz Afgan. – Keine Ahnung, warum eine Türkin Afgan heißt. Bei uns gibt’s ja auch Leute, die Franzos oder Däne ... eben. Hör mal, ihr bringt sie in die Leichenschau ...«

Breuer schrieb wieder mit. »Von der Sonnenallee her, ja. Direkt an der Mauer, ja. Kann’s mir vorstellen.«

»Ich benachrichtige die Mutter«, sagte Renate. »Die Eltern, in Ordnung. Die kommen dahin. Bis gleich.« Sie beugte sich vor und legte den Telefonhörer auf Breuers Apparat, während Breuer erklärte: »Nein, ich hör gerade, sie fährt erst noch in die Invalidenstraße. Sie kommt also später.«

»Das schaff ich nicht. Du musst zu diesem Jungen, wenn ich zu dem toten Mädchen soll.«

»Ich hab’ den Schreibtisch voll, mit Pleesemann. – Nein, ich rede mit Renate.«

»Über Pleesemanns Gift brütest du seit Wochen.«

»Wenn Renate es nicht mehr schafft, komm ich. Ja. Bis später.« Er warf den Hörer auf Renates Apparat. »Wirklich, Pleesemanns Gift ...«

»Muss warten«, sagte Renate.

Breuer sah sie an. Von seinen Augen hieß es im Referat, sie könnten Frauen schwach machen. Aber es schien, er nutzte diese Fähigkeit, wenn es eine war, kaum aus. Er war Ende Zwanzig und lebte allein, gesetzt wie ein Fünfzigjähriger, hatte selten eine Freundin: und wenn, zog er sich regelmäßig nach wenigen Wochen zurück. Er verwendete seine Augen allenfalls dienstlich. Aber Renate kannte den Blick schon. Er seufzte. »Reschke. Es gibt Kriminalbeamte, die sind besser im Regen. Zu denen gehörst du. Ich sag das voller Bewunderung. Du stehst im Leben. Du langst zu. Und es gibt Kriminalbeamte, die sind besser am Schreibtisch. Die Popler. Die Kreuzworträtsellöser. Zu denen gehör ich.«

»Du sollst ja dein feines Flanell nicht in den Regen halten«, meinte sie kühl. »Du sollst in die Wohnung eines vierzigjährigen Oboisten, der von einem zwanzigjährigen Kellner niedergestochen wurde. Kein Überfall, kein Raubversuch. Vielleicht Streit.«

»Sind die schwul?«

»Könnte sein.«

»Auch das noch.«

Sie stand auf, schob ihm ihren Notizzettel hin. »Der Junge heißt Otmar Renz, hat sich vor fünfundzwanzig Minuten bei der Inspektion Sonnenallee gemeldet und erklärt, er hätte einen Mann in dessen Wohnung totgestochen. Die sind sofort los und haben den Oboisten auf dem Sofa gefunden, vier Messerstiche, lebt aber noch.«

Sie holte ihren Regenmantel aus dem Schrank. Er überflog den Zettel. »Krankenhaus hast du nicht aufgeschrieben.«

Sie zog den Mantel über. »Urban. Was ist mit dem türkischen Mädchen?« Er hielt ihr einen Zettel hin. »Sag’s mir lieber. Ich komm mit deiner Kreuzworträtsellöserschrift nicht klar.«

»So geht’s vielen«, sagte Breuer. »Zwischen der S-Bahn Unterführung Großgörschenstraße und dem Friedhofseingang hat ein Steinmetz seine Werkstatt. Da lag sie im Vorgarten, zwischen zwei Mustergrabsteinen. Kein Anzeichen für einen gewaltsamen Tod. Entweder ist sie über den Zaun geklettert und anschließend gestorben, oder man hat die Leiche über den Zaun gekippt.«

»Wenn sie Fotos gemacht hätten, wüssten sie’s.«

»Der Arzt dachte, sie lebt noch. Man hat sie sofort ins Klinikum gefahren. Keine Papiere, aber typisch türkisch gekleidet. Kopftuch und so weiter. Auch der Schnitt des Gesichts und die dunklen Haare sollen typisch türkisch sein.«

»Was ist typisch türkisch?«

Breuer schob die Pleesemann-Akten beiseite. »Frag den Kollegen.«

»Ich brauch einen Dolmetscher«, murmelte Renate, schon in der Tür zum Nebenzimmer.

Er hörte noch, wie sie nebenan Anweisung gab, einen Streifenwagen zu Frau Afgan zu schicken. Er seufzte und rief PTU-Chemie an, redete zehn Minuten über die Notwendigkeit, den Schwimmer aus dem Wasserkasten der Toilette in der Wohnung Pleesemann auf Ablagerungen zu untersuchen, innen, denn der Hohlkörper, aus dem der Schwimmer bestand, musste seiner Meinung nach, darauf war er letzte Nacht gekommen, angebohrt worden sein. Er hörte sich ungeduldig einen Witz des Chemikers an, in dem es um den Zusammenhang von Schwimmer, Brustschwimmerin, und angebohrt ging – »Hab’ ich schon gekannt, bevor ich durchs Abitur gefallen bin«, bemerkte er liebenswürdig und zerrte schließlich, in unergiebiges Nachdenken über das Sexualleben der Chemiker der Polizeitechnischen Untersuchungsstelle versunken, Hut und Mantel aus seinem Schrank, um nach Neukölln zu fahren.

Der Regen ließ nach. Als Breuer den Neuköllner Kanal überquert hatte, sah er links und rechts schöne, seit Jahren herunterspekulierte verwahrloste Bürgerhäuser, sehr alte Bäume, die im August ihre jetzt als Knospen noch kaum erkennbaren Blätter schon wieder verlieren würden, weil der Regen ihnen gerade das Streusalz zwischen die Wurzeln spülte, und ihm fiel die Stille auf. Ein paar Kinder stapften durch Pfützen, Frauen mit Einkaufstaschen huschten um die Ecke, gelegentlich kam ihm ein verbeultes Auto entgegen. Er näherte sich einer kranken Idylle.

Die mit Zeichnungen und Inschriften vollgesprühte Mauer verlief genau in der Mitte der Straße. Gegenüber waren die Häuser unbewohnt, die Fenster zugemauert. Der Oboist wohnte Parterre, in einem lieblosen Neubau, umgeben von Sträuchern und dürren Bäumchen, wenige Meter von der Mauer entfernt. Im langen Flur mit den vielen Türen warteten zwei neugierige Frauen. Ein Streifenbeamter lehnte neben der Tür vor dem Bronzeschild, mit dem Namen: Walter Andreas Lombard und stieß die Tür für ihn auf.

Drinnen war es heiß. Der Fotograf kroch auf dem fadenscheinigen Läufer vor der Couch herum, der Kollege von der Spurensicherung war über die Couch gebeugt und hantierte mit Pulver, Pinsel und Klarsichtfolien. Ein schwitzender Streifenbeamter, dem der Uniformrock sichtlich zu eng wurde, begrüßte ihn, die beiden anderen begnügten sich mit einem Nicken.

»Kombiniertes Wohn-Schlafzimmer, Küche, Bad, mehr ist nicht, Herr Kommissar«, erklärte der Beamte. »Außer dem Blick auf den Friedenswall.«

Breuer sah sich um. Die Einrichtung war karg. Schrank, Schreibtisch, Regal, Couch, Sessel, niedriger Beistelltisch, Fernseher – alles gebrauchter Plunder. Ein paar hübsche Federzeichnungen über der Couch. Griechische Jünglinge, die sich in verschiedenen Positionen umschlangen.

»Geübt hat er im Keller«, fuhr der Beamte fort. »Bei diesen Neubauten geht Oboe noch schärfer durch die Wände als Geige.«

»Sie kennen sich aus«, sagte Breuer und hob den Brief hoch, der auseinandergefaltet auf dem Fernsehapparat lag.

»Ich war fünf Jahre lang im Polizeiorchester, Herr Kommissar, bis zu meinem Motorradunfall. Seitdem habe ich keine Luft mehr für das Horn. Oboe braucht ja noch mehr. Die Luft muss doch durch das enge Mundstück gepresst werden. Wenn Sie einem Oboisten zusehen, denken Sie, der platzt gleich, ist doch so. Deshalb haben sie ja auch alle eine Meise. Diesen Druck im Kopf, wie kann man den zig Jahre aushalten, ohne dass im Gehirn was kaputtgeht, sag ich immer. Seh’n Sie bloß die Bilder.«

»Naja«, sagte Breuer.

»Kerle mit Kerlen. So was hängt sich doch kein normaler Mensch hin.«

»Normale Menschen hängen sich noch ganz andere Sachen hin.«

»So?«

»Röhrende Hirsche im Herbstnebel, Blumen, die im Frühling ihre Knospen öffnen. Nichts als Pornographie.«

Der Beamte sah ihn verständnislos an. »Wie?«

»Ist er vernehmungsfähig?«, fragte Breuer.

»Renz?«

»Der Oboist.«

»Lombard war noch bei Bewusstsein, als wir mit Renz vor der Couch standen.«

»Das hab’ ich mir gedacht.«

»Das hab’ ich mir gedacht?«

»Ja.«

»Wo ist er?«

»Lombard? Im Urban.«

»Renz.«

Der Beamte zeigte auf eine Tür. »In der Küche«, sagte er und versuchte, sich das schwitzende Gesicht mit dem Ärmel abzuwischen. In der Hand hielt er zwei Kassetten.

»Allein?«, fragte Breuer.

»An die Heizung geschlossen.«

»Und die Kassetten?«

»Hatte er in der Hosentasche. Aber da ist nur Musik drauf. Oboe mit Klavier. Habe ich gleich gecheckt«, setzte er hinzu.

Breuer öffnete die Küchentür.

Auf dem Fensterbrett, vor der grauen Spanngardine, saß ein Junge in Jeans und Pullover. Er trug ausgelatschte Tennisschuhe an den ziemlich großen Füßen. Dichte blonde Locken umgaben das blasse, verschlossene Gesicht. Mit einer Handschelle war seine rechte Hand an das Heizungsrohr geschlossen.

»Nehmen Sie ihm das ab!«, sagte Breuer.

»Wenn Sie meinen.« Der Beamte war gekränkt. Aber beflissen schloss er die Handschelle auf.

In der Küchentür zeigten sich der kamerabehängte Fotograf und der Kollege von der Spurensicherung mit seinem Koffer.

»Wir wären so weit.«

Breuer nickte. »Wann haben wir die Abzüge?«

»Wie üblich, Herr Kommissar. Vorgestern.«

Breuer nickte wieder. Die beiden entfernten sich polternd und türenschlagend. Breuer betrachtete den Jungen.

»Sie sind Otmar Renz?«

Der Junge zuckte die Schulter.

»Sie haben zu Protokoll gegeben ...«

»Ich hab’ ihn getötet«, sagte der Junge. Er sprach hochdeutsch. Aber jeder Vokal und jeder Konsonant waren berlinisch.

»Herr Lombard lebt noch.«

»Ich wollte ihn töten.«

»Warum?«

Der Junge schwieg. Er blickte Breuer aus großen braunen Augen an, verstört, voller Ablehnung. Breuer hatte noch nie so lange, dichte Wimpern gesehen.

»Ich muss Sie bitten, mitzukommen«, sagte er.

»Ja, sicher«, murmelte der Junge. »Ja.« Er schien erleichtert.

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2.

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Der Bahnhof lag verlassen. Die S-Bahn fuhr diese Strecke nicht mehr. Als Renate Reschke die Fußgängerunterführung durchquerte, entlang an schmutzigen Backsteinen und zerrissenen Werbeplakaten mit glücklichen, violetten Kühen, wurde sie von einem alten Herrn überholt, der auf einem Fahrrad saß, ganz in Schwarz, mit schwarzer Baskenmütze über den weißen Haaren. Langsam und würdevoll bewegte er das Pedal. Auf dem Gepäckträger war ein Kranz befestigt. »Meiner lieben Frau«, stand auf der Schleife, und: »Zehnter Todestag«.

Rechts von der Unterführung hatte der Steinmetz seine Werkstatt. Geradeaus war der Friedhofseingang.

Sie hörte das helle Hämmern auf Stein aus der Werkstatt, während sie dem alten Herrn zusah. Der stieg vor dem Friedhofsportal vom Rad, schob das Rad ins Eisengitter eines Mietshauses neben dem Eingang, schloss es an, nahm vom Gepäckträger den Kranz und aus einer Aktentasche, die unter dem Kranz gelegen hatte, einen Chapeau Claque.

Mit geübter, ruckartiger Handbewegung klappte er ihn auf. Er verstaute die Baskenmütze in der Aktentasche und stülpte sich den Zylinder über. Dann fielen ihm die Fahrradspangen an den Hosen ein. Er bückte sich nicht ohne Mühe und löste sie und stopfte sie in die Manteltasche. Dann ging er, in einer Hand die Aktentasche, mit der andern den Kranz in halber Höhe vor der Brust haltend, gemessenen Schrittes durchs Friedhofsportal.

Renate näherte sich der offenen Werkstatt. Der hagere, bärtige Mann, der Buchstaben in einen weißgrauen Stein schlug, bemerkte sie, ließ sich aber nicht stören. »Renate Reschke«, sagte sie und hielt ihm ihren Ausweis entgegen. »Kriminalpolizei. Ich hätte ein paar Fragen.« Er hämmerte weiter. Die scharfen Falten in seinem Gesicht schienen sich zu vertiefen. Feiner Steinstaub bedeckte Mütze und Bart, Holztisch, Werkzeuge und Fußboden.

»Wenn’s schnell geht«, sagte er heiser. »Der Stein muss um zwölf klar sein.«

»Also Sie haben das Mädchen hier im Vorgarten gefunden.«

»Ja.«

»Wann?«

»Heute Morgen.«

»Genau?«

»Um fünf. War noch dunkel. Und ekelhaft kalt.«

»Fangen Sie immer so früh an?«

»Wenn der Chef in Termindruck ist. Zwei, dreimal im Jahr. Die Anwohner hier würden mir was husten, kam das öfter vor.«

»Sie sind Angestellter?«

Der Mann legte Hammer und Meißel auf den Tisch, prüfte mit der Hand den Stein.

»Seh’ ich aus wie ’n Chef? Die Steinmetzmafia, die lässt nirgendwo einen von außen groß werden. Da kannst du ein Genie sein. Heirate die Tochter von deinem Innungshäuptling, dann geht’s. Aber wenn du nicht auf die stehst.«

»Sie sagen, es war dunkel. Wie haben Sie gemerkt, dass da jemand zwischen den Grabsteinen lag?«

»Von der Straßenlampe drüben kommt Licht. Da hab’ ich einen Schatten geseh’n. Ich dachte, wieder ein Penner. Das haben wir öfter, dass die bei uns übernachten. Aber für Penner war’s eigentlich zu kalt. Ich bin hin und seh’ die Türkin und ruf die Polizei an. So war’s.«

»Wieso Türkin?«

»Pluderhosen, Kopftuch. Als wäre sie eben aus Istanbul gekommen.«

»Wie lag sie da?«

»Wie soll die dagelegen haben?«

»Ausgestreckt, gekrümmt, auf der Seite, auf dem Rücken?«, schlug Renate geduldig vor.

»Drapiert.«

»Drapiert?«

Der Mann fing wieder an zu hämmern. »Auf dem Rücken und Blumen in den Händen. Wie man Leute im Sarg zurechtlegt.«

»Blumen in den Händen?«, fragt Renate.

»Weiße Rosen.«

»Eine Türkin!«

»Warum nicht?«

»Wieso waren Sie sicher, dass die Frau nicht mehr lebte?«

»Ich hab’ immer eine Taschenlampe bei mir. Pupillenreflexe null, Puls null. Ich war mal Krankenpfleger.«

Er hieb schneller und heftiger auf den Stein. Renate sah ihm zu. Dann sagte sie: »Der Arzt hielt es für möglich, dass sie noch gelebt hat, als die Polizei kam.«

»Ärzte sind immer klüger. Aber dann hat er sie sterben lassen, oder?«

»Ach was.«

»Früher, da galt der deutsche Arzt was in der Welt«, knurrte der Mann und redete weiter aufgebracht in den Stein hinein, während sie schon wegging.

Das Fahrrad des alten Herrn lehnte noch angeschlossen am Gitter.

*

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Der bis zur Decke gekachelte niedrige Raum der Leichenschauhalle erinnerte sie jedes Mal an den Kühlraum der Hähnchenfabrik, in der sie vor Jahren drei Monate gearbeitet hatte, um unter hundertzwanzig Hähnchenschlachtern, aus sieben Nationen, einen Mörder zu finden. Die Schreie der Tiere, bevor sie, mit dem Kopf nach unten an eine Art Fließband gehängt, mechanisch getötet wurden, den Geruch von Blut und Eingeweiden konnte sie nicht mehr vergessen. Ihr schmeckte keine Hühnersuppe mehr.

Zu ihrer Erleichterung sah sie Nadja. Die blonde zierliche Frau, Tochter eines Russen und einer Türkin, arbeitete bei Siemens und half manchmal, vor oder nach der Schicht, als Dolmetscherin aus. Renate mochte sie. Schon lange hatte sie Nadja zu sich nach Hause zum Essen einladen wollen. Es war aus irgendwelchen Gründen nie dazu gekommen.

In einer Ecke standen nebeneinander, ohne sich zu berühren, eine leise schluchzende Frau mit Kopftuch und ein großer, dunkler, leicht gebeugter, fast kahlköpfiger Mann mit breitem schwarzem Schnurrbart. Der Mann flüsterte auf die Frau ein. Renate kannte die Frau. Es war die Türkin, die monatelang bei allen Polizeidienststellen nach ihrer Tochter gefragt hatte. »Was sagt er?«, fragte Renate.

»Es ist Allahs Wille«, sagte Nadja. »Man muss es hinnehmen.«

Durch die Schwingtür wurde ein fahrbares Gestell mit der zugedeckten Leiche geschoben. Der kleine Beamte im weißen Kittel, der es schob, bremste es mit leichtem Quietschen und einem vertraulichen Lächeln vor Renate, schlug das Tuch, mit dem der Kopf der Leiche bedeckt war, zurück. Sie sah ein ovales empfindliches Gesicht, das noch jetzt von Schmerz oder Anspannung gezeichnet schien, lange dunkle Haare unter dem Kopftuch.

Der Mann und die Frau waren näher herangetreten. Die Frau blickte kaum hin, weinte auf. »Ist das Ihre Tochter Yildiz?«, fragte Renate.

Nadja wiederholte die Frage auf Türkisch. Die Frau schluchzte.

»Frau Afgan«, sagte Renate. »Bitte sagen Sie uns, ob Sie Ihre Tochter wiedererkennen.«

Sie hörte Nadjas Übersetzung zu. Die Frau antwortete nicht. Renate wendete sich an den Mann.

»Herr Afgan, ist dieses Mädchen Ihre Tochter?«

Der Mann wehrte mit einer Handbewegung Nadjas Hilfe ab. »Nicht nötig türkisch«, erklärte er. »Verstehe gut. Meine Tochter Yildiz, ja. Hat uns verlassen. Heißen nicht Afgan.«

»Nicht Afgan?«

»Heißen Algan.«

»Algan?«

»Ja.«

Die Frau hörte nicht auf zu schluchzen. Sie vermied es, das Mädchen, das vor ihr lag, mit einem Blick auch nur zu streifen. Der Mann sah es ernst an. Renate schien, er hielt sich weniger gebeugt als zuvor.

»Wie alt war Ihre Tochter, Frau Algan?«, fragte Renate.

Der Mann antwortete türkisch.

»Sie war achtzehn«, sagte Nadja. »Ein paar Tage nach ihrem achtzehnten Geburtstag hat sie uns verlassen. Das ist zwei Monate her.«

Renate schlug das Tuch, das die Leiche bedeckte, weiter zurück.

»Bitte, betrachten Sie die Kleidungsstücke, Herr Algan. Sind das die Sachen Ihrer Tochter? Die sie anhatte, als Sie Ihre Tochter das letzte Mal sahen?«

Nadja übersetzte. Plötzlich redete die Frau. Aber der Mann schien ihr zu widersprechen. »Die Frau sagt ja«, flüsterte Nadja Renate zu. »Der Mann sagt, sieh doch hin. Das sind nicht Kopftuch, Bluse und Hosen von Yildiz. Die Frau sagt nein.«

»Nein, sind nicht Kleider von Yildiz«, bekräftigte der Mann.

»Ich danke Ihnen«, murmelte Renate. Sie gab dem kleinen Beamten im weißen Kittel ein Zeichen. Der bedeckte die Leiche wieder.

»Obduktion heute gegen achtzehn Uhr«, sagte er noch und schob das Gestell durch die Schwingtür hinaus.

Renate sah vom Mann zur Frau. »Möchten Sie, dass ich Sie nach Hause bringen lasse?«

»Frau nach Haus, ja«, erwiderte der Mann schnell. »Ich müssen zurück zu Arbeit. Zu Neubau in Schlossstraße Steglitz. Sofort.«

*

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Gegen achtzehn Uhr durfte Breuer das Zimmer der Intensivstation im Urban-Krankenhaus endlich betreten. Lombard, bis zum Hals zugedeckt, halb auf der Seite liegend, lächelte ihm aus rosa grauem Gesicht entgegen. Es wirkte eigentümlich disharmonisch auf Breuer, rund und zerklüftet zugleich. Drähte liefen von Lombards Bett zu einem Gerät, das mit leisem Summen seine Herztätigkeit anzeigte. Er hatte schüttere, in die Stirn gekämmte Haare. Helle unruhige Augen maßen den Kommissar.

»Weiß schon«, sagte er. »Kann’s mir denken.«

Breuer schob einen Stuhl ans Bett und setzte sich. »Fünf Minuten, hat der Arzt gesagt. Nur ein paar Fragen.«

»Mir geht’s nicht schlecht. Eigentlich gehöre ich gar nicht auf die Intensivstation. Nicht mal operiert haben sie mich. Nur die Wunden zugenäht.«

»Sie haben Schmerzen.«

»Hauptsache, ich kann alle Finger bewegen.« In der Mitte des Bettes kam eine Hand unter der Decke hervor, die Finger trommelten aufs Laken. »Die beiden Stiche in den rechten Oberarm waren tief, haben aber keinen wichtigen Nerv durchtrennt. Und die Stiche in den Rücken sind abgeprallt, an den Schulterblättern. Der Junge war zu aufgeregt. Glück gehabt. Zwar, wenn man dauernd auf der linken Seite liegen muss, wird das Herz belastet. Aber nun, was hilft’s.«

»Warum hat er auf Sie eingestochen?«

Lombard antwortete nicht gleich. Die Hand verschwand wieder unter der Decke. Erst nach einer Weile sagte er leise: »Ich war wie ein Vater zu ihm.«

»Ah ja?«, sagte Breuer und hustete.

»Und nun dies. Ein Jammer um den Jungen.«

»Die Bilder sind ja schön«, sagte Breuer.

»Welche Bilder?«

»Bei Ihnen über der Couch.«

»Ach die.«

»Ja, die.«

Lombard drehte sich mehr auf die linke Seite, stützte den Kopf mit der linken Hand. »Also gut. Ich war nicht nur wie ein Vater zu ihm. Das auch. Aber eben nicht nur. Der Junge hatte schon ein Motiv. Wie soll ich es erklären. Unser Verhältnis war ...«

»Ja?«

Lombard atmete tief ein und aus. »Es könnte Eifersucht gewesen sein. Was rede ich drum herum. Sie wissen ja Bescheid. Es war Eifersucht.«

Breuer nickte, meinte dann leichthin: »Normalerweise läuft das in einem Verhältnis wie dem von Ihnen zu Renz wohl eher so, dass der ältere Partner Angst hat, der jüngere könnte zu einem noch jüngeren davonlaufen. Oder zu einem, der ...« Er brach ab.

»Der besser zahlt«, ergänzte Lombard ruhig. »Sagen Sie’s nur. Ich bin zwar vierzig, aber noch kein Zuckerdaddy. Und Otmar ist keiner von denen, die in Klappen rumsteh’n und auf eine Tucke mit Knete warten. Er war sehr lernbegierig. Er kommt ja aus kleinen Verhältnissen. Wie ich auch, übrigens. Aber ich habe die Musik. Auch wenn man nur am zweiten Pult sitzt und die tägliche Probenschinderei manchmal schon bedrückend wird, ein Orchestermusiker ist ja nichts als ein ausgebeuteter Sklave, bei der Bezahlung, und wenn dann noch eine geschiedene Frau mit zwei Kindern zu versorgen ist, ja, es hat bei mir einige Zeit gedauert, bis ich dahinterkam, dass Frauen für mich nicht so sehr ..., was wollte ich sagen? Durch die Musik hat man eine andere Dimension in seinem Leben. Ich musiziere viel in privaten Kreisen, habe Schüler ... Ich unterrichte auch Klavier. Aber nicht in meiner Wohnung. Die ist zu hellhörig. Den Nachbarn langt meine Oboe.«

»Ist Renz Ihr Schüler?«

»Leider nicht ... Musik machen wär’ nichts für ihn, sagt er. Er hat richtig Deutsch reden von mir gelernt, das ja, und ich weiß, er liebt und verehrt mich. Er hört mir zu, stundenlang, wenn ich übe. Oder wir hören gemeinsam Rock, Pop, all das, geh’n in Konzerte, wenn ich mal frei habe, oder ins Theater. Aber selber ... nein.«

»Arbeitet er?«

»Im Restaurant Tegeler Forsthaus. Das ist eine gute Stelle. Die nehmen sonst nur welche von der Fachschule. Er hat vorher in solchen Kneipen bedient, stumpfsinniges Leben. Da habe ich ihn kennengelernt, in einem stumpfsinnigen Moment meines eigenen Lebens. Auch am zweiten Pult gibt es ja Höhen und Tiefen für einen Künstler.«

»Ich glaube Ihnen. Glücklicherweise befinden Sie sich ja wohl gerade wieder auf einer Höhe.«

»Ich? Jetzt? Wieso?«

»Sonst hätte Otmar Renz doch keinen Grund zur Eifersucht, oder?«

Lombard rückte ein wenig höher im Bett, gab Acht, dass sich die Drähte nicht verhedderten.

»Sie seh’n das schon richtig. Vor ein paar Wochen habe ich einen jungen Pianisten kennengelernt, einen ungewöhnlich begabten Jungen. Er weiß überhaupt noch nicht, wie begabt er ist. Wir musizieren zusammen, in jeder freien Minute fahre ich rüber.«

»Rüber?«

»Er ist drüben. Ich bin seitdem mehr in Ost-Berlin als in meiner Wohnung.«

»Ganz schön teuer, bei den neuen Umtauschquoten.«

Lombard blickte zur Zimmerdecke. »Ja, es geht ins Geld, das ist wahr.«

»Besonders, wenn man keine Anstellung mehr hat«, sagte Breuer.

Lombard nahm den Blick von der Zimmerdecke. »Wie bitte?«

»Sie haben doch gekündigt. Die Antwort des Orchestervorstands lag auf Ihrem Fernseher. Tut mir leid, aber es ist ziemlich schwer, einen auseinandergefalteten Brief, an auffälliger Stelle, nicht zu bemerken.«

Lombard nickte. »Ich möchte mehr Zeit für ihn haben. Ich möchte, dass er legal ausreisen kann. Dann wird hart gearbeitet. Und dann geh’n wir auf Tournee, Bundesrepublik, ein paar Sender, dann sehn wir weiter. London, Paris ... Ich garantiere Ihnen, in fünf Jahren steht sein Name auf jeder Litfaßsäule.«

»Und Ihrer?«

»Meiner? Muss ich mir noch überlegen.«

»An der Oboe, oder wie das heißt, Walter Andreas Lombard.«

»Wer redet von der Oboe. Die gehört zum zweiten Pult. Ich bilde den Jungen zum Konzertpianisten aus. Und mach den Manager für ihn. Wenn sie nur drüben nicht merken, wie fantastisch begabt er ist. Dann lassen sie ihn nicht raus.«

»Haben Sie Otmar Renz gesagt, was Sie planen?«

Nach langer Pause erwiderte Walter Andreas Lombard leise: »Nicht so direkt natürlich.«

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3.

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Drei Tage bekam Breuer Renate Reschke nicht zu sehn. Sie war ständig unterwegs. Während Breuer am Schreibtisch saß. Vorgänge sortierte, über Pleesemanns tatsächlich angebohrten Schwimmer nachdachte und den Fall Lombard mehr oder weniger für erledigt hielt.

Zwischendurch teilte er am Telefon zweimal Renates besorgtem Mann mit, er wisse auch nicht, mit welcher türkischen Familie Renate gerade beschäftigt sei.

Klaus Reschke war Angestellter der Stadtbücherei Steglitz, und er sah seine Frau in diesen Tagen nur von Mitternacht bis sechs Uhr früh. Am dritten Tag gegen Abend saßen sich Renate und Breuer endlich wieder an ihren Schreibtischen gegenüber und rührten in Kaffeetassen.

»Ich komm nicht weiter mit Yildiz«, sagte Renate. Sie schien außer Atem zu sein. »Irgendwas stimmt da nicht.«

»Den Obduktionsbefund hab’ ich geseh’n«, sagte Breuer.

»Dann weißt du Bescheid.«

Breuer balancierte den Kaffeelöffel auf dem linken Zeigefinger. »Ich würde ja sagen, jemand, der an einer doppelseitigen Lungenentzündung gestorben ist, muss vorher irgendwem aufgefallen sein.«

»Würdest du sagen, ja. Ich auch. Aber kein Krankenhaus weiß was von ihr. Kein Arzt. Keine Reaktion auf das Foto in den Zeitungen.«

Breuer schob ihr ein Formular über den Schreibtisch. »Du sollst das hier abzeichnen.«

»Wozu?«

Breuer zeigte: »Hier.«

»Da hat wohl jemand in der Chefetage einen Einfall gehabt.«

»Weil du die Dienstälteste bist. Die Aktenumlaufgeschwindigkeit nimmt zu, der Informationswert ab, also muss mehr unterschrieben werden.«

Renate lehnte sich zurück. »Die Dienstälteste. Mit zweiunddreißig. Aber ist ja wahr, wenn ich an Yildiz denke, bin ich schon über sechzig. Und nichts in der Hand. Seit zwei Tagen renn ich überall herum, zu Nachbarn und Freunden und Freundesfreunden der Familie Algan, von einer Kneipe in die andere, nichts.

Überall Misstrauen, Angst, Schweigen.

Wenn ich mir das vorstelle. Irgendwo in dieser Stadt liegt eine junge Frau tage-, vielleicht wochenlang mit über vierzig Fieber bei Leuten, die ihr zu trinken und zu essen geben, Ernährungsschäden hatte sie jedenfalls kaum, die aber keinen Arzt holen, die sie einfach sterben lassen, ausglühen, ersticken lassen, an den verklebten Lungen, und sie dann bei einem Steinmetz zwischen zwei Grabsteinen deponieren.«

»Vielleicht waren die von so einer Sekte«, meinte Breuer.

»Sekte?«

»Es gibt Sekten, die verbieten ärztliche Behandlung. Man soll nicht in Gottes Pläne eingreifen.«

»Ein türkisches Mädchen. Bei solchen Leuten?«

»Vielleicht die Einzigen, die sie aufgenommen haben.«

Renate beugte sich vor, klopfte mit dem Löffel auf den Schreibtisch.

»Aber das Kind. Wenn richtig ist, was hier steht, und Yildiz hat vor drei, vier Monaten entbunden, wo ist das Kind?«

Breuer wühlte ein weiteres Formular aus seinen Papieren. »Hier, noch was zum Unterschreiben. Was heißt eigentlich Dammriss?«

»Die Naht von der Scheide zum Anus. Kann bei der Geburt reißen. Im Krankenhaus schneidet man sie ein, damit sie nicht reißt. Reißt sie, franst die Wunde. Das sieht hinterher, wenn die Naht wieder zusammengenäht wird, unschön aus.«

»Bei Yildiz hat’s also unschön ausgeseh’n«, sagte Breuer.

»Ja. Und ich möchte wissen, in welchem Verschlag sie ihr Kind gekriegt hat und welcher Arzt das hinterher genäht hat. Ob und wo das Kind lebt, oder ob es tot ist. Und ob die Eltern das wussten. Ob Yildiz weggelaufen ist, weil die Eltern ihr Vorwürfe gemacht haben, oder ob sie weggelaufen ist, damit die Eltern nichts erfahren.

Aber der Vater wiederholt immer bloß: Sie hat uns verlassen, es ist Allahs Wille. Und die Mutter weint. Und die Geschwister reißen die Augen auf und sind stumm wie Fische.«

»Fische?«, sagte Breuer, »Fische sind nicht stumm. Neuere Forschungen haben ergeben ...«

Renate unterbrach ihn: »Was macht eigentlich der Junge, der den Oboisten niedergestochen hat?«

»Heute früh war Haftprüfungstermin.«

»Bei wem?«

»Kernmüller. Der hat den Jungen nach Hause geschickt, wie zu erwarten.

Die Verhältnisse von Otmar Renz sind geregelt. Er wohnt bei der Mutter in Charlottenburg, die ist Verkäuferin bei Hertie, Vertrauensstellung, und sein Arbeitgeber hat ihn nicht rausgeschmissen, er darf weiter servieren. Aber seine Reaktion hättest du hören sollen.«

Vom Nebenzimmer näherte sich ein Kollege. »Alfonso, du wirst drüben am Telefon verlangt.«

»Stellt doch um«, sagte Breuer.

»Jemand, der eine Zeugenaussage machen will. Du sollst ihn am Haupteingang abholen.«

Breuer sprang auf. »Pleesemann senior? Na endlich.«

Er machte ein paar Schritte in Richtung der Tür, hinter der gerade der Kollege wieder verschwunden war, drehte sich zu Renate um: »Sie dürfen mich nicht freilassen, hat Renz gesagt, ich wollte Lombard töten, ich hasse Lombard, ich werde sofort wieder versuchen, ihn zu töten. Und Kernmüller, trocken wie immer: Besprechen Sie das mit Ihrem Anwalt.«

Er war schon im Nebenzimmer. Renate hörte, wie er »einen Moment bitte«, sagte, und dann stand er wieder in der Tür. »Für dich, Renate.«

Sie schüttelte den Kopf. »Muss wieder auf Tour. Keine Zeit.«

»Herr Hoppe aus Wuppertal«, sagte Breuer. »Er kennt dein türkisches Mädchen.«

*

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Im zweiten Stock war erstaunlicherweise ein freundlicher mittelgroßer Raum noch nicht von der Neuordnung der Kriminalpolizei erfasst worden. Ein Sofa, ein niedriger Rauchertisch und drei Sessel deuteten darauf hin, dass hier für einen leitenden Beamten geplant worden war. Aber einen Schreibtisch gab’s nicht. Auch kein Regal.

Die Planung war offensichtlich ins Stocken geraten. Die Beamten hatten bald heraus, dass man in der Sitzecke ruhige Gespräche führen konnte. Telefone, Türschlagen, Straßenlärm – das kam nur aus weiter Entfernung hier an.

Bernie Hoppe saß etwas gehemmt in einem Sessel und rang, buchstäblich, nach Worten. Die Hände bemühten sich, seine Versuche zu unterstützen, nicht Elberfeldisch sondern Hochdeutsch zu reden. Er sprach langsam, mit vielen Pausen, zupfte dabei auch an brauner Cordhose, Cordhemd und Weste, am Parka, der neben ihm lag.

Er war untersetzt, hatte ein hübsches rundes Gesicht, dunkle Locken standen ihm vom Kopf ab, die er gelegentlich nervös glättete. Renate ließ ihn reden.

»Bis vorn paar Tagen, ja«, sagte Bernie Hoppe, »da haben wir da gelebt, die Yildiz und ich.«

»In Wuppertal?«

»In Eberfeld, ja. Auf’m Ölberg. Da wollt’ ich ja immer weg. Deshalb bin ich ja nach Berlin, un’ da haben wir uns getroffen, voriges Jahr, die Yildiz und ich. Dat war schwer, so am Anfang. Die durfte ja nicht allein raus. Die durfte nich tanzen und nich int Kino. Aber et war gleich klar zwischen uns. Un’ da war’n wir so am Sagen und Überlegen, wenn sie achtzehn ist, zieh’n wir zusammen, irgendwie, un’ heiraten. Ich wollt ja nich’ wieder zurück. Aber et ging nich’ anders.

Der Vater von Yildiz, der hättet nie erlaubt. Also mussten wir weg, weit weg. Un’ auf’m Ölberg, da leben ja noch meine Eltern, in der alten Dreizimmerwohnung.

Mein Vater, der’s Maler, Anstreicher, der is’ jetz’ in Rente. Un’ mein Zimmer, also wo mein Bruder un’ ich, also das hatten sie renoviert und vermietet, weil mein Bruder, der is’ ja verheiratet und lebt in Schwelm, und ich wollte ja in Berlin bleiben. Aber da is’ der Untermieter plötzlich wieder ausgezogen, klar, wer will schon auf’m Ölberg wohnen, wenn er wat Besseres findet, un’ so war dit Zimmer wieder frei. Ich red’ zu viel. Ich hab’ nich’ mehr gepennt, seit sie abgehau’n is’.«

»Es hilft doch, wenn Sie reden. Ihnen und mir. Dieser Ölberg, wo liegt der? Vor der Stadt?«

»Inne Stadt. Da is’ ein Viertel, dit heißt so. Weil, elektrisch gibt’s da erst seit vierzig Jahren, und die Bandweber früher, die saßen bis nach Mitternacht an den Webstühlen und hatten Petroleumlampen. Da isses eng, da sichste nix vom Himmel. Un’ noch heute, wenn die Leute einmal wissen, der kommt vom Ölberg, dann fressen die dat, die vergessen dat nie. Die sagen immer: Dat isn Ölberger, meinen dat aber vielleicht manchmal gar nicht so abwertend. Der Ölberger is’ halt’n Mensch, der muss arbeiten. Dat isn Arbeiter. Heute wohnen da vor allem Türken. Wie in Kreuzberg isses da, bloß enger, viel enger eben. Von den Deutschen nur noch die Alten. Vielleicht is’ der Untermieter ja deshalb weg von meine Eltern. Vielleicht wollt er nich’ mit Türken. Meine Mutter ja erst auch nicht. Aber dann musste sie, weil immer mehr da waren. Für Yildiz war’s ja gut, die fiel so nicht weiterauf.«

Renate zog einen Notizblock aus der Handtasche. »Bitte noch mal der Reihe nach. Herr Hoppe. Also Sie sind zweiundzwanzig und gelernter Elektriker.«

»Ja.«

»Und Sie sind vor einem Jahr nach Berlin gezogen.«

»Mein Vetter, der is’ bei Borsig, der hat mir da Arbeit beschafft.«

»Wie haben Sie Yildiz kennengelernt?«

»Inner U-Bahn. Ich steh ja auch nich’ auf Türken. Aber da ist sie von zwei Damen angepöbelt worden. Weil sie ihren kleinen Bruder, der müde von der Schule war, nich’ aufsteh’n ließ, für eine von den Damen. Dat sah man, dat der Kleine müde war. Bloß die Damen haben et nich’ geseh’n. Un’ Yildiz konnte et nich’ erklären. Dat kannte ich, dat ging mir genauso.

Dat erste halbe Jahr in Berlin, die Schwierigkeiten mit den für mich vollkommen fremden Menschen, die ich dann kennengelernt hab, die haben mich so in die Verlegenheit gebracht manchmal, mit Reden oder irgendwelchen Bemerkungen, dat ich da manchmal nich’ raus konnte.

Ich konnte denn keine Antwort geben. Keine konkrete Antwort auf dat, wat der mir da vorgeworfen hatte. Ich könnt dat nicht so formulieren. Zum Beispiel bei ’nem Lied, was in englische Sprache geschrieben is’ un’ eben auch die passende Musik dazu, wenn man versucht, dat int Deutsche zu übersetzen, wortwörtlich, is’n Ding der Unmöglichkeit. Man kann dat zwar übersetzen un’ hinterher lesen, aber man kann dat nich’ mehr zu der Melodie singen.

Un’ so is’ dat mit dem Ölberger Platt.

Wenn man einem ganz schlagfertig schnell ne Antwort geben will, dann sagt man dat in Platt, bums, dann fallen einem die Worte ein, un der Sinn is’ vollkommen klar. Un’ wenn der dann sagt: Was haste denn jetz’ gesagt, Jung? Dann versucht man, dat int Hochdeutsche zu übersetzen, un’ dann muss man aufpassen, dat man den nich’ beleidigt.

Dat hab’ ich die Yildiz angeseh’n, die wusste genau, wat sie jetz’ in ihren türkischen Dialekt sagen wollte, aber sie konntet nich’ übersetzen, da hab ich et übersetzt. Du dolles Kaning, hab’ ich für die Dame gesagt, du Klappermühl’, belästigen Sie gefälligst das Fräulein nicht. Ja, so war dat. So finget an.«

»Und als Sie heiraten wollten ...«

Bernie Hoppe hob die Hände. »Erst mal zurück mit ihr aufm Ölberg, ja. Das war die Idee. Ich dachte: Arbeit finste leicht, die kannten mich doch, die wussten, ich bin gut inne Arbeit. Aber dann war erst nix mit Arbeit, un’ wie ich endlich Arbeit habe, ist Yildiz weg.«

»Wann war das genau?«

»Vor genau vier Tagen.«

»Und warum ist sie weg?«

»Die hängen ja sehr an ihre Familie, die Türken. Un’ dann hat sie wohl auch mit andere Türken geredet, aufm Ölberg. Oder mit meiner Mutter, die hat immer gesagt, Hochzeit ohne die Eltern der Braut, dat is’ doch nix. Und Yildiz selbst hat gesagt, sie findet besser, sie redet noch mal mit ihrem Vater. Ich war dagegen. Bringt nix, hab’ ich gesagt.

Der Alte is’ so was von hart. Schlägt sofort zu, sagt sie. Mann, was die erzählt hat. Ich hab’ gesagt, sie soll et auf Kassette sprechen. Damit sie wat in der Hand hat gegen ihn, wenn er ihr krumm kommt. Hier isse, die Kassette. Die hat sie dagelassen, als sie nach Berlin gefahren ist, per Anhalter oder wat weiß ich. Geld hatte sie ja nich’ viel.«

Hoppe kramte aus dem Parka eine Kassette und hielt sie unentschlossen in der Hand. Renate nahm sie und legte sie auf den Tisch.

»Sie wussten, dass Yildiz nach Berlin gefahren ist?«

»Sie hat ’nen Zettel dagelassen. Lieber Bernie, bin zu Berlin, ruf dir an. Hier, der Zettel.« Er kramte wieder, zerrte den zerknüllten Zettel heraus, reichte ihn Renate. Die strich ihn auf der Tischplatte glatt.

»Hat sie angerufen?«

»Nein«, sagte Hoppe.

»Hatte sie hohes Fieber in den Tagen, bevor sie nach Berlin fuhr?«

»Hohes Fieber?« Bernie Hoppe war überrascht. »Nich’ dat ich wüsste. Mit Fieber wär sie auch nich’ gefahren, bestimmt nich’, in ihrem Zustand.«

»Zustand?«

Hoppe schien leicht verlegen. »Na ja, sie war schwanger, zweiter Monat. Deshalb solltet ja schnell gehen mit dem Heiraten.«

Renate sah ihn an. »Sie sind sicher, dass Yildiz schwanger war?«

»Absolut. Wir haben alles gemacht.« Er lächelte. »Ich mein, Krötentest, Untersuchung, allet.«

»Wissen Sie noch, wie der Arzt hieß?«

»War ’ne Ärztin, Dr. Martha Oberstelehn, Elberfeld, Siegfriedstraße 5.«

Renate schrieb die Adresse mit. »Martha Oberstelehn. Und Sie sind dann auch nach Berlin gefahren, als Sie das Foto in der Westdeutschen Allgemeinen sahen?«

»Im General-Anzeiger, ja. Erst dachte ich, sie isset nich’. Dann dachte ich, sie isset doch

»Seit wann sind Sie hier?«

»Seit gestern Nacht. Ich konnte erst weg, nach Schichtende.«

»Warum sind Sie nicht gleich zu uns gekommen?«

»In der Nacht?«

»Hier ist immer jemand.«

»Dat könnt ich nich’, gleich zur Polizei. Wer geht denn zur Polizei. Ich bin erst dahin, wo die Familie von Yildiz wohnt.«

»Muskauer Straße?«

»Ja.«

»Kennen Sie jemand von der Familie?«

»Keinen. Nur den kleinen Jungen, der damals in der U-Bahn saß. Ich bin da rumgeschlichen zwischen all die Türken und hab gehofft, ich hör wat, ich seh’ wat. Nix war. Und denn bin ich bei mein Vetter auf’e Couch und hab gegrübelt. Bis heute früh.«

Renate stand auf. »Möchten Sie was essen? Trinken?«

Hoppe griff zögernd nach dem Parka. »Nichts, Danke. Aber sehn möcht ich die Yildiz noch mal.«

»Darum wollte ich Sie gerade bitten«, sagte Renate.

Während der Fahrt in die Invalidenstraße schwieg Bernie Hoppe. Er schwieg noch, als sie in dem gekachelten Raum warteten. Er schwieg noch, als der kleine Beamte im weißen Kittel das Gestell mit der Leiche vor ihn schob. Aber als der Beamte das Tuch vom Gesicht zurückschlug, sagte Hoppe: »Dat isse nich.«

Renate kratzte in ihren sorgfältig stillgelegten Haaren. »Bitte, sehn Sie genau hin.«

»Dat is nich Yildiz«, wiederholte Hoppe sehr bestimmt. Er deckte die Tote weiter auf. Sie war nackt unter den Tüchern. Renate ließ Hoppe gewähren. Der betrachtete intensiv Gesicht, Schultern und Brüste der jungen Frau, zog dann selbst das Tuch wieder höher. »Nein«, sagte er.

»Nicht?«

»Dat is’ Tecer.«

»Tecer?«

»Dat kam mir gleich so komisch vor, als ich dat Foto inne Zeitung sah. Datei Tecer is’, hab’ ich nich’ erkannt. Die hab’ ich ja auch nur einmal geseh’n.«

»Wer is’ Tecer?«

»Freundin von Yildiz. Vor zwei Wochen hat sie uns besucht, mit ihrem Baby. Sie hattet gestillt bei uns inne Küche. Aber wo is’ jetzt Yildiz?«

Renate blickte auf die Kachelwand ihr gegenüber, als könne dort eine hilfreiche Inschrift erscheinen. »Weiß ich nicht, Herr Hoppe. Ich weiß es wirklich nicht«, setzte sie erbittert hinzu.

Auf der Rückfahrt sprach Bernie Hoppe wieder kein Wort. Er schwieg, als Renate einen Kassettenrecorder und die Dolmetscherin ins Besuchszimmer bestellte.

Es schien, als produziere er in diesen langen Pausen die Wörter, die er gleich, wie unter Überdruck, ausstoßen würde. Sie mussten noch warten, bis Nadja den Text auf der Kassette durchgehört hatte. Renate telefonierte inzwischen vom Büro aus hinter den Eltern von Yildiz her, erreichte sie nirgends.

Hoppe saß vornübergebeugt, den Kopf in die Hände vergraben, auf dem unbequemen Sessel und horchte auf die helle Stimme von Yildiz, die Nadja vor und zurücklaufen ließ, um den Einstieg zu finden. Der Stimme war anzuhören, dass Yildiz in Berlin Deutsch gelernt hatte. Hoppe half Nadja nicht, saß wortlos, bis Renate zurückkam.

Nadja drückte die Taste des Recorders.

»... viel frei zu Hause in Türkei«, sagte Yildiz, »mehr frei als Berlin. Wir nicht muss Kopftuch tragen, kann spielen mit Jungen, geh’n Kino mit Freundin in Türkei.«

»Jetzt kommt gleich, wie sie den Vater anredet«, erklärte Nadja.

Details

Seiten
200
Jahr
2021
ISBN (ePUB)
9783738953886
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Mai)
Schlagworte
november lesebuch

Autoren

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Titel: Im November 1828 – Ein Lesebuch