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Ravic und Gondar: Zwei Fantasy Sagas

von Alfred Bekker (Autor) Roland Heller (Autor)
2021 1700 Seiten

Leseprobe

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Ravic und Gondar: Zwei Fantasy Sagas

von Alfred Bekker, Roland Heller

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Über diesen Band:

Dieser Band enthält folgende Fantasy-Sagas:

Elfen gegen Orks - Die Saga um Ravic (Alfred Bekker)

Die Götter von Gondar 1-10 in einem Buch (Roland Heller)

––––––––

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Über “Elfen gegen Orks (Alfred Bekker)”:

Ravic ist der Sohn eines Orks und einer Elfin. Im Orkland verspottet man ihn deshalb als Elfensohn, bei den Elfen hingegen verachtet man ihn als Orkling. Ein tiefer Zorn erfüllt Ravic deshalb - ein Zorn, der ihn als Krieger zu einem Berserker macht. Ein blutiger Raubzug führt ihn ausgerechnet ins Herz des Elfenreichs...

Alfred Bekker ist Autor zahlreicher Romane und Erzählungen mit einer Gesamtauflage von über 4,5 Millionen Exemplaren. Seine Fantasy-Zyklen um Elben, Orks, Zwerge, Drachen und den Magier Gorian machten ihn einem großen Publikum bekannt.

Alfred Bekker schrieb auch unter den Pseudonymen Jonas Herlin, Henry Rohmer, John Devlin, Neal Chadwick.

––––––––

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Über “Die Götter von Gondar (Roland Heller)”:

Eine Prophezeiung verheißt Mykos, Herrscher von Mo, dass in Borea ein Mächtiger geboren wird, der sein Land zerstören wird. Dieser Mächtige ist Gondar, das bedeutet: der ohne Zeichen.

Soas, der gefangene Mächtige von Mykos, erkennt dies sofort und sieht in Gondar fortan ein Werkzeug, mit dem er seine Schmach gegen Mykos befriedigen kann.

Zur gleichen Zeit wird in Borea der Bettler Salmon Zeuge, wie eine hochschwangere Frau in der Straße der Bettle zusammenbricht. Neben der Frau findet sich ein toter Wolfswelpen. Er bringt die Frau in seine Behausung. Sie stirbt, doch das Kind lebt, das er als Gott erkennt und „ohne Zeichen“ nennt – Gondar!

Der König der Bettler, der Gondar in seinen Besitz bringen will, verbündet sich zu diesem Zweck mit der Gilde der Diebe, die Salmon unbarmherzig jagen und das Kind abnehmen wollen. Durfola kann mit dem Knaben vorerst entkommen, stürzt dabei aber in eine Gletscherspalte. Am Grund dieser Spalte findet sich der Zugang zu einer der Welten Grettirs...

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker (https://www.lovelybooks.de/autor/Alfred-Bekker/)

© Roman by Author / COVER STEVE MAYER nach Motiven von A.van der Werff

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter:

https://twitter.com/BekkerAlfred

Erfahre Neuigkeiten hier:

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Elfen gegen Orks: Die Saga um Ravic

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Elfen gegen Orks: Die Saga um Ravic

Alfred Bekker

Published by Alfred Bekker, 2019.

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Table of Contents

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Elfen gegen Orks: Die Saga um Ravic

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von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 500 Taschenbuchseiten.

Ravic ist der Sohn eines Orks und einer Elfin. Im Orkland verspottet man ihn deshalb als Elfensohn, bei den Elfen hingegen verachtet man ihn als Orkling. Ein tiefer Zorn erfüllt Ravic deshalb - ein Zorn, der ihn als Krieger zu einem Berserker macht. Ein blutiger Raubzug führt ihn ausgerechnet ins Herz des Elfenreichs...

Alfred Bekker ist Autor zahlreicher Romane und Erzählungen mit einer Gesamtauflage von über 4,5 Millionen Exemplaren. Seine Fantasy-Zyklen um Elben, Orks, Zwerge, Drachen und den Magier Gorian machten ihn einem großen Publikum bekannt.

Alfred Bekker schrieb auch unter den Pseudonymen Jonas Herlin, Henry Rohmer, John Devlin, Neal Chadwick.

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Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker (https://www.lovelybooks.de/autor/Alfred-Bekker/)

© Roman by Author /COVER WERNER ÖCKL

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

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Prolog

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Es war der Tag, an dem die Flugdrachenschwärme gen Süden zogen. Der Himmel wurde von Abertausenden feuerspeienden Ungeheuern mit lederhäutigen Schwingen verdunkelt. Ihr zischendes Fauchen war ohrenbetäubend. Diese Drachen lebten wild und frei in den Bergen, aber jeden Winter zogen sie in großen Schwärmen gen Süden. Bis ins ferne Land Neilati und noch weiter.

Die Flugdrachen waren vor ihrem Aufbruch auf Fischjagd an der nahen, zerklüfteten Küste des Orklandes gegangen. Unter den Orks erzählte man sich, dass die Drachen ihre Notdurft verrichteten, sobald sie das Land der Elfen überflogen und lachte bei dem Gedanken daran, welche Qualen der scharfe Geruch der Drachen-Exkremente für die feinen Sinne der Elfen bedeuteten. 

Ravic hatte diese Geschichten auch gehört und ebenfalls gelacht.

"Du bist der Sohn einer Elfin und eines Orks", sagte seine Mutter an diesem Tag zu ihm.

"Dann bin ich also beides: Ein Ork und ein Elf", gab Ravic zurück.

"Nein", sagte seine Mutter. "Du bist gar nichts von beiden. Deshalb nennt man dich hier bei den Orks verächtlich Elfling, weil du Sohn einer Elfin bist."

"Und wenn ich ins Land der Elfen ginge?"

"Dort wärst du ein Orkling, weil dein Vater ein Ork ist und man würde dich deshalb verachten."

Ravic fühlte unbändigen Zorn in sich aufsteigen.

Ein Zorn, den er noch oft fühlen würde.

Seine elfenhaft blasse Gesichtsfarbe verfärbte sich vor Ärger grünlich-schlammfarben. Die spitzen Ohren wurden angelegt. Er bleckte die Reißzähne.

"Das bedeutet, man wird mich überall verachten", stellte er finster fest.

"Du wirst stärker und mutiger sein müssen als andere", sagte seine Mutter. "Ganz gleich, wo du bist, Ravic."

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Kapitel 1

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Viele Jahre später...

Orkschreie gellten durch die flirrende Luft.

"Valo! Ravic! Meine Söhne!"

Remirg Elfenstirnspalter Schreckenssohns mächtige Pranken legten sich auf die Schultern der beiden jungen Orks am Bug der schlanken Seebarke. Ravic und Valo waren annähernd gleich groß. Und ihre Gesichtszüge waren ihrem Vater so ähnlich, dass man nicht einen Augenblick lang daran zweifeln konnte, von wem sie abstammten. Und doch gab es einen großen, auf den ersten Blick sichtbaren Unterschied zwischen ihnen: Valos Haut war grünlich-schlammfarben, wie man es von Orks gewohnt war. Ravic hingegen war bleich. Bleich wie seine Mutter, die eine Elfin gewesen war.

Ravic war ein Wechselbalg.

Elfling, so nannten ihn manche Orks verächtlich.

Oder Elfensohn.

Aber jedem, der das zu sagen wagte, hatte Ravic bisher noch den Schädel eingeschlagen.

Ravic war so stark wie jeder andere Ork. Aber er hatte zusätzlich die Schnelligkeit und die besondere Sinnesempfindlichkeit der Elfen.

Ob er auch die Langlebigkeit des Elfenvolkes von seiner Mutter geerbt hatte, würde er abwarten müssen.

Dagegen sprach in erster Linie sein ausgeprägter Zorn, der vermutlich dazu führte, dass er irgendwann in einem unnötigen Kampf den Tod fand.

"Heute könnt ihr Ruhm erwerben, meine Söhne! Es wartet reiche Beute auf uns im Land der Elfen! So viel Beute, wie selbst ich noch nie auf einem Haufen gesehen habe..."

"Wir werden sie uns holen", sagte Valo. "Bei Roht, dem Donnergott, wir werden sie uns holen!" Er grinste. "Solange es die Königssöhne des Elfenlandes vorziehen, sich gegenseitig zu zerfleischen, laden sie uns ja geradezu dazu ein, sich das Gold ihrer Schamanenklöster und Städte zu nehmen!"

Valo bleckte die Reißzähne.

"Ja, aber lasst euch das eine Warnung sein", meinte Remirg jetzt in einem sehr viel ernsteren Ton, der an das tiefe Grollen des Donners erinnerte. Ein leichter Wind blies ihm entgegen. Er kräuselte das Wasser des breiten Stroms, auf dem ihre Seebarke zusammen mit Dutzenden anderer Schiffe flussaufwärts gerudert wurde. Die Segel waren eingeholt. Die Ruderblätter tauchten gleichmäßig ins Wasser.

Mit fast hundert Schiffen und einigen tausend Orks an Bord waren sie den Großen Strom flussaufwärts gefahren. Das öde Küstenland lohnte nicht einmal zur Plünderung.

Die schmalen, wendigen Seebarken bildeten die Vorhut. Später folgten bauchige Großbarken, auf denen sogar Laufdrachentiere zum Reiten transportiert wurden. Der breite Strom war voll von Schiffen. Mit einer so großen Flotte war selbst Remirg noch nicht auf Fahrt gegangen. Allerdings standen die meisten dieser Schiffe auch nicht unter seinem Befehl, sondern unter dem von von Kirie ‘Axtschlächter’ Störenfried. Sein mit mehr als hundert Ork-Kriegern bemannter Langkahn war das größte Schiff der Flotte. Gemeinsam waren sie vom Orkland aus auf Fahrt gegangen, die Küste der Anfurten entlanggefahren und dann in Ynsulanien gelandet.

Aber dort waren sie nicht lange geblieben, sondern hatten dann den Weg zur Strommündung gesucht.

Die sumpfige, trollverseuchte Küstenwildnis hatten sie ungehindert durchquert, um ins Herz des Elfenreichs am Großen Strom vorzustoßen. Ein Reich, in dem die Enkel von Lerak dem Großen zurzeit um ihr Erbe einen verbissenen Krieg führten. Von zwergischen Händlern hatten sie davon gehört, die mit ihren plumpen, an einen Schuh aus Holz erinnernden Schiffen regelmäßig über das Meer fuhren, um im Land der Insel-Elfen Handel zu treiben. Und einige gefangene Trolle, die Kontakt zu ihren Verwandten im Elfenreich am Großen Strom hatten, bestätigten diese Geschichten von den widerstreitenden Thronerben. Als die Orks dann auch noch erfuhren, dass unter den Trollen die schwarzen Blattern wüteten, hatte Kirie Axtschlächter beschlossen, fast fluchtartig die Küste der Insel-Elfen zu verlassen. Remirg war gar nichts anderes übrig geblieben, als seinem mächtigen Bundesgenossen zu folgen, denn allein auf sich gestellt wären seine Orks niemals zahlreich genug gewesen, um sich gegen die Trolle zu behaupten. Natürlich hatte die Aussicht auf leichte Beute im Elfenland am Strom die Entscheidung erleichtert, die Küste der Insel-Elfen von Ynsulanien links liegen zu lassen.

"Macht dem Namen unserer Sippe Ehre, meine Söhne!", sagte Remirg dröhnend mit breitem Lächeln, das die imposanten Reißzähne offenbarte. 

"Das werden wir", sagte Valo.

"Auch du, Ravic, obwohl du ein Elfling bist!"

"Gewiss", sagte Ravic.

Remirg rülpste.

"Man soll nicht sagen, dass wir den Namen Elfenstirnspalter zu Unrecht tragen. Roht und Nido mögen uns Glück bringen."

"So sei es!", sagte Valo, während sich seine Hand um den Schwertgriff legte. In seinen Augen blitzte es, als er zu seinem Bruder sah. "Obwohl ich mir nicht sicher bin, ob mein Bruder nicht insgeheim zum Elfengott seiner elfischen Mutter betet!"

Ravics Körperhaltung spannte sich unwillkürlich an.

Die spitzen Ohren legten sich nach hinten.

Für einen Moment waren seine Reißzähne zu sehen - aber das Elfenerbe seiner Mutter wollte es, dass sie trotz aller Ähnlichkeit viel weniger stark ausgeprägt waren als bei seinem Vater und seinem Halbbruder. Ravics Hand umfasste jetzt den Griff des Schwertes an seiner Seite - allerdings mit so starkem Griff, dass die Knöchel weiß wurden.

Und das elfenhaft weiße Gesicht bekam im Zorn einen hellgrünen bis schlammfarbenen Farbton.

Ravics spitze Ohren bewegten sich nun leicht noch vorn.

"Was willst du damit sagen, Valo?"

"Nichts, was ich nicht ausgesprochen hätte, Ravic!"

"Ach, ja?"

"Stimmt es nicht, dass du heimlich zum Elfengott der Elfen-Sklavin betest, die dich gebar?"

"Du bist auf Streit aus?"

"Ich stelle nur eine Frage."

Ravic kochte innerlich. Man sah ihm an, dass er Mühe hatte, seine Wut im Zaum zu halten. Aber das will er nur!, dachte Ravic. Dass du aus der Haut fährst und Dinge sagst, die dich wie einen wütenden Tölpel erscheinen lassen.

Doch ehe Ravic etwas hätte erwidern können, ergriff Remirg das Wort. "Unsere Götter sind nicht eifersüchtig", sagte er. "Zu vielen Göttern beten hilft ja vielleicht auch viel. Und weder Roht, noch Nido oder Dröjn wären so dumm, zusätzliche Hilfe abzulehnen."

Valo grinste und entblößte dabei die beeindruckenden orkischen Fangzähne.

"Ja, so dumm und schwach ist nur der Elfengott", sagte Valo. "Was soll man von so einem Schwächling auch anderes erwarten, als dass er alle verflucht, die nicht allein zu ihm beten! Vielleicht hat er ja auch dich verflucht, Ravic!"

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"HEH, REMIRG!", RIEF jetzt Enraib der Steuermann, ein baumlanger Ork - und ein Zwergenbastard, dessen weißblonder Bart zu Zöpfen geflochten war, während sich das Haar auf seinem Haupt mit den Jahren schon merklich zurückgezogen und einer Glatze Platz gemacht hatte. Dass seine Ork-Mutter sich offensichtlich mit einem Zwerg eingelassen hatte, hatte ihm in der Vergangenheit viel Spott eingebracht. In dieser Hinsicht war es ihm so ähnlich wie Ravic ergangen.

Wahrscheinlich sogar noch mehr als in Ravics Fall.

Orks und Elfen waren schließlich Verwandte.

Zwerge hingegen waren schmutzige Ausgeburten der Erde.

Voller Gier und ohne Ehre.

Zumindest war das die Ansicht der meisten Orks.

Enraib streckte den Arm aus. "Da sind Reiter am Ufer!"

Laufdrachentier-Reiter, um genau zu sein.

Tatsächlich hoben sich am Flussufer jetzt einige Laufdrachentier-Reiter als dunkle Schattenrisse gegen die tiefstehende Morgensonne ab. Sie waren wie Geister aus den dichten Nebelbänken hervorgekommen, die die Flussufer umsäumten. Stolze, gut bewaffnete Elfenritter auf Laufdrachentieren.

"Sieh, deine Verwandten!", stichelte Valo gegenüber Ravic. Willst du sie nicht begrüßen?"

"Halt dein Trollmaul!", knurrte Ravic zähnebleckend.

"Die sind weit weg", meinte Remirg. Er lachte rau. "Und vor allem befinden sie sich auf der falschen Seite des Flusses. Die werden uns nicht gefährlich werden."

Der Strom war zurzeit die Grenze, so hatten ihnen die Trolle an der Küste der Insel-Elfen erzählt. Die Grenze zwischen dem mittleren Teil des Elfenlandes, den Kaiser Rahtol beherrschte und dem Ost-Teil des Reiches. Östlich des Stroms regierte Giwdul, während Lerak den fernen Westen des riesigen Reiches kontrollierte, dem sein Großvater und Namensvetter einst Gestalt und Größe gegeben hatte.

Das mächtige, geeinte Reich des Elfenkaisers existierte nur noch in der Überlieferung.

Dass die Elfenkönige Giwdul und Lerak sich formal Elfenkaiser Rahtol untertan erklärt hatten, war wohl nichts weiter als ein Witz.

Tatsächlich regierten alle drei Elfen-Herrscher faktisch unabhängig voneinander ihre Reichsteile und führten in wechselnden Koalitionen Krieg gegeneinander.

Aber genau das machte das Elfenreich zurzeit zur potenziellen Beute.

Zur Beute räuberischer Orks, die es sonst nie gewagt hätten, sich ins Innere des Elfenreichs am Großen Strom vorzuwagen, weil das unter normalen Umständen viel zu gefährlich gewesen wäre.

"Das werden Giwduls Männer sein", rief Remirg. "Sie haben keinen Grund, auch nur einen Finger zu rühren, wenn wir Xalanor plündern!"

"Würdest du darauf wetten?", fragte der alte Dhalmi Orkfresse. Niemand wusste genau, wie alt Dhalmi war. Seine lederne, faltige Haut ließ ihn aussehen, als wäre sein Gesicht aus Stein gemeißelt. Einer seiner Reißzahnhauer war abgebrochen. Angeblich hatte er damit einem Drachen den Hals aufgerissen. Niemand hatte mehr erlebt als Dhalmi. Niemand mehr Kämpfe ausgefochten, mehr Zwerge, Trolle und Elfen erschlagen, mehr fremde Länder gesehen und öfter Schiffbruch erlitten als dieser hagere Ork, der immer noch den federnden, sicheren Gang eines viel Jüngeren hatte. Nur sein zerfurchtes Gesicht ließ die Zahl der Jahre ahnen, die hinter ihm lagen. Und das ausgefranste Spitzohr auf der linken Seite, in das ihn angeblich eine sehr leidenschaftliche Trollfrau hineingebissen hatte.

Und da er andererseits zu alt war, um Remirg die Führung über seine Orks streitig machen zu können, vertraute dieser niemand anderem so weitgehend wie Dhalmi. Nicht einmal seinen Söhnen.

Denn Dhalmi war loyal.

Und er war auf Grund seines Alters einfach zu klug, um sich in irgendwelche kurzfristigen Händel und Intrigen verwickeln zu lassen.

Remirg deutete zu den Elfenrittern der anderen Stromseite hinüber, die er für Gefolgsleute von König Giwdul hielt. "Sie werden für ihre Elfenbrüder auf der anderen Flussseite keinen Finger rühren, weil sie sich im Krieg befinden!"

"Falls die Erzählungen darüber stimmen", sagte Dhalmi.

"Und selbst, wenn es nicht so wäre: Die Elfen müssten zuerst einmal den Strom überqueren. Ohne Schiffe ist das nahezu unmöglich, und Brücken gibt es hier weit und breit nicht!"

"Vielleicht können die ja über das Wasser gehen - durch Magie!", meinte Valo sarkastisch. "Man hört ja so einiges darüber, was in diesem Reich möglich sein soll."

"Davon habe ich noch nie etwas gehört", sagte Dhalmi. "Und da die Insel-Elfen nicht über das Wasser gehen konnten, nehme ich nicht an, dass dies den Elfen im REich am Großen Strom möglich ist."

"Wie gesagt, man hört so einiges", sagte Valo. "Ich wäre vorsichtig, mit dem, was ich glaube."

"Um über den Fluss gehen zu können, müssten die Elfen zum Gott des Flusses beten, damit dessen Elementargeister ihm dienen", sagte Dhalmi. "So habe ich gehört."

"Und warum tun sie das dann nicht?", fragte Valo.

"Weil ihr Glaube das verbietet. Der Elfengott ist eifersüchtig, wie du weißt. Er gestattet seinen Anhängern nicht, zusätzlich von anderen Göttern Hilfe anzunehmen."

"Ein dummer Gott", sagte Valo.

Dhalmi verzog das faltige Orkgesicht zur Grimasse.

"Wem sagst du das?"

Valo wandte sich an seinen Bruder. "Du hast mir noch nicht auf meine Frage geantwortet, Ravic: Betest du heimlich zum Gott deiner elfischen Mutter - so wie sie es dir beigebracht hat, als du klein warst?"

In Valos Augen blitzte es angriffslustig.

Ravics Augen hingegen wurden schmal.

Die elfenhaften Ohren legten sich nach hinten.

"Ich bin mir sicher, dass unser Vater mit meiner Mutter sehr viel mehr Freude hatte als mit deiner, Valo - vor deren Anblick er nicht einmal mehr zu fernen Küsten fliehen kann, seit du auf seinen Schiffen mitsegelst. Denn du siehst dieser hinterhältigen, faltig gewordenen Schlange aus Igarbs Sippe viel zu ähnlich, Valo."

Valo stutzte einen Augenblick. Sein Lächeln wurde aasig.

Raubtierhaft.

"Gut gebrüllt, Elfling! Das hätte ich dir gar nicht zugetraut."

"Ach, nein?"

"Ich hatte gedacht, deine Berserkerwut ginge mit dir durch und du würdest dich auf mich stürzen, sodass ich dich mit vollem Recht in mein Messer laufen lassen könnte. Aber dazu gibt es sicher noch eine Gelegenheit..."

"Willst du nicht erst noch in paar Elfen erschlagen? Oder fehlt dir dazu der Mut, Valo?" Ravic machte eine ausholende Geste. "Das Land hier ist flach, da wirst du richtig kämpfen müssen, denn einen Hinterhalt zu legen, ist hier fast nicht möglich."

"Schluss jetzt!", schritt Remirg ein. "Wenn ihr beide gegenseitig eure Mütter beleidigt, habe ich nichts dagegen, denn die sind ja nicht dabei!"

"Es geht nichts über einen toleranten Vater, Jünglinge!", kommentierte Dhalmi und lachte.

Remirg fuhr an Ravic und Valo gewandt fort: "Aber ihr seid beide meine Söhne. Und ich will, dass Frieden unter euch herrscht!"

Valo verzog das Orkmaul und grollte dumpf.

Ravics Gesichtsfarbe hatte sich nun vor Wut so stark der seines Bruders angepasst, dass man kaum noch einen Unterschied sehen konnte.

Die elfenhaft schräg gestellten Augen wurden sehr schmal.

"Erschlagt Elfen - aber nicht eines Tages euch gegenseitig", sagte Remirg.

Valo verzog höhnisch das Orkmaul.

"Elfen erschlagen oder meinen Bruder erschlagen - dass ist doch dasselbe in diesem Fall", knurrte Valo.

Remirg versetzte Valo daraufhin einen Fauststoß mitten ins Gesicht. Valo schwankte benommen, fiel aber nicht.

Remirg knurrte.

"Reiß dich zusammen, Sohn!"

*

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EIN WILDES KRIEGSGESCHREI erhob sich jetzt, als in den Nebeln des Ostufers die Umrisse von Mauern und Gebäuden auftauchten. Das musste Xalanor sein. Hölzerne Palisaden umgaben den Ort. Es schien aber auch Gebäude aus Stein zu geben. Zumindest ein Tempelturm ragte über die Befestigungen hinaus. Am Fluss lagen Dutzenden von Schiffen und Booten. Einige Fischer waren gerade damit beschäftigt, den Fang der letzten Nacht auszuladen. Aber als sie jetzt die Flotte der Orks bemerkten, die sich dem Ort näherte, ließen sie die Netze und den Fang zurück und flohen augenblicklich. Ihre Schreie gelten bis zu den Seebarken der Orks hinüber.

"Rudert schneller!", rief Remirg und schwenkte seine Streitaxt. "Ich kann es kaum erwarten, Elfen zu töten!"

"Wenigstens gibt es einen Tempelturm", meinte Valo. "Dann können wir ja hoffen, dass es auch ein Schamanenkloster und ein paar Schätze zu erbeuten gibt!"

Die ersten Seebarken erreichten die Anfurten am Flussufer. Remirg und Ravic gehörten zu den ersten, die an Land stiegen. Sie stürmten die Uferböschung hinauf.

Valo hingegen hielt sich zurück. 

Das Kriegsglück war nicht mit dem tollkühnen Berserker, sondern mit dem, der nur kämpfte, wenn er wusste, dass er auch siegen wurde. Ein schneller Angriff aus dem Hinterhalt oder mit überlegenen Kräften - das war es, was die Götter in dieser Welt belohnten, auch wenn sie für das Jenseits vielleicht etwas anderes versprachen. Und so ging Valo erst an Land, als die meisten anderen Orks schon längst auf die Palisaden von Xalanor zugestürmt und die ersten von ihnen bereits durch Pfeile getötet worden waren.

"Na los, Valo, dein Vater soll nicht sagen, dass du von  einem alten Ork überholt worden bist", rief Dhalmi Orkfresse ihm zu.

"Ich nehme mir dich zum Vorbild, Dhalmi!", rief Valo.

"So?"

"Um selber ein alter Ork zu werden!"

"Beim Donnergott Roht!"

"Du kannst mich so oft überholen, wie du willst, alter Ork!"

"Anscheinend muss man sich vor dir mehr in Acht nehmen, als ich dachte, Valo!"

"Ja, das sollte man! Bei unseren Göttern, das sollte man!" Und nachdem er dies gesagt hatte, riss Valo sein Orkmaul auf und stieß einen tierhaften Schrei aus, der selbst den mit allen Wassern gewaschenen alten Dhalmi für einen Moment schaudern ließ.

Von mir werden noch alle hören!, nahm sich Valo vor. Alle, die mich im Augenblick noch unterschätzen!

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WIE STERNSCHNUPPEN pfiffen in Pech getränkte Brandpfeile durch die Luft und gingen zu Hunderten im Inneren des Umgrenzungswalls nieder. Vor allem die Orks aus Igarbs Sippe galten als gute Bogenschützen. Diese Orks folgten Remirg seit vielen Jahren. Und die Tatsache, dass Remirg eine Frau aus dieser Sippe genommen hatte, war ein Zeichen dafür, wie eng die Verbindung mit der Sippe von Remirg Elfenstirnspalter war.

Aus Igarbs Sippe kamen die besten Bogenschützen, von denen Remirg je gehört hatte und insofern war er bis zu einem gewissen Grad auf die Hilfe dieser Ork-Sippe angewiesen. Ork-Krieger, die dem Gegner mit einer langstieligen Zwergenaxt den Schädel einschlagen konnten, gab es viele. Aber gute Bogenschützen waren selten.

Sehr selten.

Und für den Nachwuchs war nunmal nicht jeder talentiert.

Nur ein Teil der Bogenschützen verschoss Brandpfeile. Die anderen hatten es auf die Wächter hinter den auf einem aufgeschütteten Wall errichteten Palisaden abgesehen. Diese waren nicht sehr zahlreich. Auch unter ihnen gab es Bogenschützen, die Pfeil um Pfeil verschossen. Aber die Orks aus Igarbs Sippe dezimierten sie schnell.

Das dem Fluss zugewandte Tor war längst verschlossen. Aber in den dazugehörigen Wachtürmen steckten bereits mehrere Brandpfeile und da diese Türme aus Holz waren, bestand eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass sie früher oder später in Brand gerieten.

Der Großteil der Orks stürmte einfach auf den Schutzwall zu. Pfeile steckten bereits in den Schilden der meisten von ihnen. Und einige von ihnen waren bereits tödlich getroffen worden. Aber die Verluste hielten sich in Grenzen. Auch dafür sorgten in erster Linie die Schützen aus Igarbs Sippe. Gleich mehrere Bogenschützen unter den Verteidigern wurden getroffen. Einer fiel schreiend über die Brüstung. Er lebte noch, als die ersten Orks die aufgeschüttete, grasbewachsene Böschung hinaufstürmten.

Es war Remirg persönlich, der ihm mit seinem Schwert den Kopf abschlug, ehe der Elf sich womöglich noch durch einen Heilzauber zu retten vermochte. Der abgeschlagene Kopf des Elfen rollte ins feuchte, rutschige Gras, während das Blut aus dem Halsstumpf herausspritzte.

Ravic hatte inzwischen zusammen mit einigen anderen Kriegern die Palisaden erreicht. Anderthalb Mannhöhen ragten sie empor und waren oben angespitzt. Aber solche Wälle waren für die Orks keine Hindernisse. Einer der Orks formte mit den Händen einen Tritt. Ravic steckte das Schwert ein und warf seinen Schild zur Seite, in dem ein halbes Dutzend Pfeile steckten. Ein elfischer Bogenschütze legte von oben auf ihn an. Aber noch bevor dieser die Bogensehne loslassen konnte, hatte ein Krieger aus Igarbs Sippe ihn mit einem sicheren Schuss getötet.

Der Name dieses Ork-Kriegers war Neruq Scharfauge. Er war ein Bruder von Remirgs Frau. Neruqs Helm fiel durch eine deutlich erkennbare Beule auf, die ihm der Kampf mit einem Insel-Elfen auf einer früheren Fahrt eingebracht hatte. "Na los, über den Wall mit euch!", rief Neruq, während er noch beim Laufen einen weiteren Pfeil auf den Weg schickte, der einen anderen Wächter hinter der Brustwehr tötete.

Ravics Fuß wurde durch die Hände eines Kampfgefährten  gehalten. Er schwang sich auf dessen Schultern, setzte einen Fuß zwischen die angespitzten Rundhölzer, aus denen die Umgrenzung gefertigt worden war, und schwang sich dann tollkühn über die Brüstung.

Er hatte so viel Schwung, dass er sich nicht auf dem Wehrgang hätte halten können. Er taumelte zu Boden, hielt einen Verteidiger mit einem wüsten Fußtritt auf Distanz und riss einen zweiten mit sich in die Tiefe. Ravic landete auf ihm und rutschte dann mit ihm zusammen die Innenseite der Aufschüttung für den Befestigungswall und die Palisaden hinunter. Ravic war als erster wieder auf den Beinen. Er riss eine kurzstielige, leichte Wurfaxt aus dem Gürtel und schleuderte sie mit einer fast wie beiläufig wirkenden Bewegung einem Verteidiger entgegen, der mit einem langen Elfenschwert in den Händen auf ihn zustürmte. Der Elf wich dem Beil aus. Ravic riss sein eigenes Schwert heraus und schwang die Klinge blitzschnell durch die Luft. Gerade noch rechtzeitig, um damit den Angriff eines weiteren, schnell herbeigeeilten Angreifers abzuwehren. Stahl klirrte gegen Stahl. Ravic wehrte den Hieb zur Seite ab, ließ seine lange, schlanke Klinge dann mit einem wuchtigen Hieb zurückfahren und traf das Bein eines Angreifers.

Ein Schrei gellte, als der Knochen brach.

Ravics Schwert durchtrennte das Bein seines Gegners knapp unterhalb der Kniescheibe. Der elfische Krieger stürzte und ruderte dabei mit dem Schwertarm durch die Luft. Ravic rollte zur Seite, um dem Fallenden auszuweichen und stieß ihm dann das Schwert in den Leib. Mit einem Sprung kam Ravic wieder auf die Beine. Seine linke Schulter war blutig. Aber das war nicht sein eigenes Blut, sondern das des Elfen, den er gerade erschlagen hatte.

Er stieß einen fauchenden Laut aus.

Seine Wangen blähten sich zu einem Orkmaul.

Die Reißzähne wurden sichtbar.

Rufe drangen an sein Ohr.

"Feuer! Es brennt!", rief eine heisere Frauenstimme, die wie von Sinnen klang. Dass es brannte war unübersehbar, denn es stiegen dunkle, fast pechschwarze Rauchsäulen zum dunstigen Himmel empor, durch den kaum die Morgensonne zu dringen vermochte. Der Klang dieser Worte erinnerte Ravic an seine Kindheit. An seine Mutter, eine geraubte Elfen-Sklavin auf dem Hof von Remirg Elfenstirnspalter. Sie hatte Ravic die ersten Worte beigebracht und die waren aus der Sprache der Elfen gewesen. Die Elfin war an einem Dämonenfieber gestorben, bevor Ravic zehn Jahre geworden war. Aber den Klang ihrer Sprache hatte er bis heute im Ohr - gut genug, um sich darin zu verständigen. Die Unterschiede zur Sprache der Orks war ohnehin nicht besonders groß, denn beide Völker waren verwandt, auch wenn die gemeinsamen Ursprünge lange, lange zurücklagen.

In einer fernen Vergangenheit und einer anderen Welt...

Es war ein eigenartiges Gefühl für Ravic, jetzt in das Land, aus dem seine Mutter stammte, als Räuber und Plünderer einzudringen. Ein Land, das ihm durch die Erzählungen seiner Mutter auf eigenartige Weise vertraut zu sein schien, obwohl er es bisher noch niemals betreten hatte.

Ravic fasste den Schwertgriff mit beiden Händen und wirbelte herum, als er aus den Augenwinkeln heraus eine Bewegung wahrnahm. Heisere Schreie waren zu hören. Todesschreie und barsche Befehle mischten sich. Innerhalb weniger Augenblicke war Ravic von mindestens einem Dutzend Elfen umringt. Elfen, die unablässig magische Sprüche vor sich hinmurmelten, um damit ihre Kampfkraft und ihre Schnelligkeit zu erhöhen. Oder um in der Seele des Gegners einen tödlichen Dämon zu wecken. So einer wie der, dessen Fieber seine Mutter getötet hatte zum Beispiel.

Aber Ravic war in dieser Hinsicht furchtlos.

Ein Speer wurde in seine Richtung gestoßen. Ravic wich zur Seite. Durch einen wuchtigen Hieb sorgte er dafür, dass seine Gegner deutlich mehr Distanz wahrten.

Mit einem irren Schrei stürmte schließlich einer der Elfen auf Ravic zu. Ravic parierte den ersten, wuchtigen Schwerthieb und musste vor dem zweiten einen Schritt zurückweichen. Da er eingekreist war, blieb ihm nichts anderes übrig, als ein blindwütiger Gegenangriff. Mit aller Kraft schlug er um sich. Die doppelschneidige Klinge wirbelte durch die Luft und kam klirrend gegen des Stahl des Gegners. Der Hieb war so heftig, dass dessen Klinge brach. Schon im nächsten Augenblick hatte Ravics schneller Stich den Elfen getötet. Er wirbelte herum, trennte einem anderen Angreifer die Schwerthand samt Waffe vom Körper, wich einem Speer aus, der haarscharf an ihm vorbeiflog und griff dann von Neuem an.

Da gellte ein Schrei. Ein zweiter Ork hatte es geschafft, die Palisaden zu überklettern und sprang nun tollkühn unter die Elfen. Das war Denumorh der Raue - einer der wenigen Orks aus Igarbs Sippe, die schlecht im Bogenschießen waren. Dafür hatte Denumorh andere Qualitäten. Er war selbst für die Verhältnisse der Orks ein Riese. Ravic - obwohl hochgewachsen und breitschultrig - wenn auch elfenhaft feingliedrig wie seine Mutter - wirkte gegenüber diesem Koloss fast schmächtig. Die Muskeln von Denumorhs Armen, die sich unter seinem Wams abzeichneten, waren so dick, dass manch anderer sie gerne als Oberschenkel gehabt hätte. Im Kampf trug er stets ein Bärenfell um die Schultern, weil er glaubte, dass die Kräfte des Bären auf ihn übergingen. Und er nahm zuvor eine Essenz bestimmter magischer Pilze zu sich, die ihn in Rage brachte und dafür sorgten, dass er keine Furcht und keinen Schmerz fühlte. Wild schreiend stürzte er sich sogleich auf seine Gegner. Einen von ihnen hatte er bereits mit einem Faustschlag außer Gefecht gesetzt. Einhändig führte er eine besonders lange Zwergenaxt, deren Klinge größer war, als bei seinen Kampfgefährten. Ein Hieb fuhr dem nächstbesten Elfen durch den Helm und spaltete ihm den Schädel bis zum Halsansatz. Blut und Hirnmasse spritzten empor. Der Elf ruderte noch mit einem Schwertarm, während Denumorh ihm einen Tritt gab, um die Axtklinge besser aus dem Toten lösen zu können. Er schwang die furchtbare Waffe herum und senste mit einem Schlag gleich zwei Gegner nieder.

"Na endlich!", rief Ravic. "Ich dachte schon, ihr lasst mich allein!"

Denumorh antwortete nur mit einem Knurren. Seine Augen waren blutunterlaufen und geweitet. In diesem Zustand sprach man ihn eigentlich besser nicht an. Und selbst seine Kampfgefährten vermieden das, denn wenn er in Berserker-Rage war, konnte es gut sein, dass sein wilder Zorn versehentlich auch einen Bundesgenossen traf.

Denumorh war da nicht zimperlich.

Der Pilzwahn beherrschte ihn dann.

Begriffe wie Freund oder Feind konnten dann schonmal verwechselt werden.

Dann gab es nur noch unbändige Wut in ihm.

Die Wut eines Berserker-Orks!

Eine Wut, die kein Zurückweichen kannte, keine Vorsicht, keinen Selbstschutz, keine Verbündeten und kein Zögern.

Im Großen und Ganzen konnte man aber froh sein, diesen Berserker auf seiner Seite zu haben und nicht gegen ihn kämpfen zu müssen.

Denn das konnte wirklich unangenehm sein.

Ein Ork wie ein Sturmwind.

Und Denumorh hatte ein paar Kampfgefährten, die ihm in puncto Wahnsinn kaum nachstanden.

Zum Beispiel ein Ork namens Mroo, den man nicht umsonst den ‘irren’ Mroo nannte...

*

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WEITERE ORK-KRIEGER kamen jetzt über die Palisaden. Der irre Mroo packte einen Gegner mit bloßen Händen und rammte ihn auf die angespitzten Rundhölzer, aus denen die Palisaden bestanden. Der Schrei des Elfen vermischte sich mit dem Schlachtenlärm.

Der irre Mroo war ein jüngerer Bruder von Remirg Elfenstirnspalter. Zwanzig Jahre trennten die beiden. Er gehörte eher in Ravics und Valos Generation als in die seines Bruders Remirg.

Ravics Großvater - Remirg Elfenstirnspalter der Ältere - hatte diesen Sohn mit seiner zweiten, sehr viel jüngeren Ork-Frau gezeugt. Den Beinamen ‘der Irre’ hatte Mroo bekommen, seitdem er angefangen hatte, sich von Denumorh die Zubereitung der magischen Pilz-Extrakte zeigen zu lassen, die den Betreffende vergessen ließen, dass man nicht zu den Göttern, sondern zu den Sterblichen gehörte. Mroo stürzte sich mit einem wilden Schrei auf einen weiteren Wächter, stieß ihm zwei Dolche in den Leib und versetzte ihm gleichzeitig noch einen Kopfstoß mit der Stirn.

Der Elfenkrieger fiel vom Wehrgang hinter den Palisaden hinunter.

Im Nahkampf benutzte der irre Mroo häufig ein Dolchpaar, da man damit dem Gegner gegenüber beweglicher war als mit dem Schwert, das immer eine gewisse Bewegungsfreiheit brauchte, um es effektiv einzusetzen. Der irre Mroo trug sein Schwert über den Rücken gegürtet und war stolz darauf es kaum zu benutzen. Denn niemand kam dem Feind näher als Mroo.

Der Extrakt der Pilze, so sagte man, machte immun gegen jede Beeinflussung oder Schwächung durch Elfenmagie.

Ravic hätte es als unter seiner Würde empfunden, auf diese Weise zu kämpfen. Die Waffe eines richtigen Kriegers war das Schwert oder die Axt. Allenfalls noch der Bogen, wenn man ihn mit der Kunstfertigkeit zu führen wusste, wie viele der Orks aus Igarbs Sippe.

Aber der irre Mroo hatte da seine eigene Meinung.

Angeblich hatte er während einer früheren Fahrt an die Küste von Dalirland einem Troll mit den Reißzähnen den Hals aufgerissen, so nahe war Mroo an den Gegner herangekommen.

Mit einem Sprung warf sich der irre Mroo unterdessen vom Wehrgang aus auf einen der Elfenkrieger, der gerade einen Speer in Ravics Richtung werfen wollte.

Mroo erwischte den Elfen von hinten, rammte ihm mit der vollen Wucht seines Sprungs einen seinen Dolche in die Seite und schlitzte ihm mit dem anderen den Hals auf, dass das Blut hoch emporspritzte, noch während der Elf zu Boden taumelte.

Denumorhs Axtklinge hakte sich unterdessen in die Kniekehle eines Elfen, der daraufhin das Gleichgewicht verlor. Ein Hieb mit der Zwergenaxt zertrümmerte ihm den Schädel.

Mehrere Dutzend Orks waren unterdessen über die Palisaden gelangt. Gleichzeitig flog eine weitere Salve von  Brandpfeilen in die Stadt. Häuser standen bereits in Flammen. Es war aussichtslos, die Brände jetzt löschen zu wollen. Immer dichtere Rauchsäulen stiegen zum Himmel auf.

"Zum Tor!", rief Ravic. Denn das genau war jetzt das Wichtigste: Wenn es den Eindringlingen gelang, das Tor zu öffnen, konnten gleich mehrere hundert Orks ins Innere der Stadt gelangen. Damit wäre dann der Kampf entschieden gewesen und es gab für die Verteidiger kein Halten mehr.

Aber selbst wenn das nicht geschah, war es nur eine Frage der Zeit, wann der Ort von den Orks eingenommen werden konnte.

Ravic ließ immer wieder sein Schwert durch die Luft wirbeln. Er hatte diese Bewegungen so oft ausgeführt, dass sie ihm in Fleisch und Blut übergegangen waren. Er brauchte nicht darüber nachzudenken, was er tat. Eine Schwertspitze traf ihn am Oberkörper und durchdrang den Lederbezug seines Wamses, blieb aber in den Lagen dicht gewebter Stoffe darunter stecken. Der Stoß warf nicht kraftvoll genug geführt worden. Ravic wehrte die Klinge ab, ehe sie ihn tatsächlich verletzen konnte und stieß im nächsten Moment selber mit seiner Klinge zu. Der Elf sank ächzend zu Boden, während Blut seine Kleidung färbte. Er murmelte noch einen Heilzauber. Die Wunden schlossen sich bereits. Aber Ravic schlug erneut zu. Für den Elf war das das Ende. Blut schoss ihm auch aus Mund und Nase. Er röchelte und zuckte noch wie ein geschlachtetes Huhn, als er schon am Boden Lag.

Ravic stieß ein Knurren nach Art der Ork-Kampfschreie aus.

Der irre Mroo war jetzt neben ihm und stürzte sich schreiend auf einen Elfen, der mit schreckgeweiteten Augen vor diesem Berserker zurückwich.

Denumorh befand sich ebenfalls inzwischen in Ravics unmittelbarer Nähe. Und mit diesen beiden Berserkern an seiner Seite stürmte der junge Orks nun in Richtung des Haupttores auf der Flussseite der Stadt. Allein die Schreie von Denumorh dem Rauen und dem irren Mroo sorgten für Entsetzen unter den elfischen Bewachern.

Besonders stark besetzt war das Tor ohnehin nicht gewesen - so wie die ganze Befestigungsanlage für Ravic schon auf den ersten Blick den Eindruck gemacht hatte, nicht sehr zahlreich bemannt zu sein. Vielleicht hatte das mit dem Krieg der Könige zu tun, der zurzeit im Elfenreich tobte. Ein Umstand, der jedem in die Hände spielte, der jetzt den Mut hatte, sich zu nehmen, was nicht ausreichend beschützt wurde.

Das Tor war rasch freigekämpft. Ein Elf humpelte blutend davon. Ein Heilzauber half ihm kurzfristig und verhinderte, dass er zusammenbrach. Zwei andere Elfen lagen Augenblicke später erschlagen am Boden. Und die anderen flüchteten.

Sie versuchten nur noch ihr Leben zu retten. 

Ravic steckte das Schwert ein. Zusammen mit Denumorh schob er die großen Balken zur Seite, die als Riegel dienten. Und dann war es geschafft. Das Tor konnte geöffnet werden. Die wilde Horde der Orks stürmte herein. Selbst der große Denumorh wurde fast umgerissen, als ihn einer der Krieger mit seinem Schild anrempelte.

Remirg Elfenstirnspalter Schreckenssohn und Kirie Störenfried waren unter den ersten Angreifern. Etwas später folgten auch Valo und der alte Dhalmi.

Die Bogenschützen schossen unterdessen eine weitere Brandsalve ab. Vermutlich war es die letzte. Denn auch für die Schützen gab es jetzt kein Halten mehr. Niemand wollte bei der Plünderung der letzte ein, der zum Zug kam. Und auch wenn die Beute später gerecht und nach den Regeln der Ork-Sippe verteilt wurde, so gab es doch auch das eine oder andere, was man sich so unter den Nagel reißen konnte. Ein gutes Schwert, ein goldenes, magisches Elfengott-Runenkreuz oder einen Sack Silbermünzen, den ein Händler vielleicht unter seinem Bett versteckt hatte.

"Gut gemacht, Ravic!", rief Remirg Elfenstirnspalter und der Stolz auf seinen Sohn war deutlich herauszuhören.

Zu deutlich, denn Valo, der nur ein paar Schritte entfernt stand, hatte das gehört und sein Blick verfinsterte sich. Der Helm mit dem tiefen Nasenschutz ließ das nicht gleich für jeden erkennen. Aber Ravic hatte das sehr wohl bemerkt. Er kannte seinen Bruder schließlich von Kleinauf. Gleich alt waren Sie. Ihre Mütter - Remirgs Ork-Frau und die Sklavin, die einfach nur ‘die Elfin’ genannt worden war - hatten am selben Tag entbunden. Bis heute wusste niemand sicher zu sagen, wessen Schrei man zuerst gehört hatte. Und die Einzige, die dies hätte wissen können, war die heilkundige Audhild. Aber die war damals schon sehr alt gewesen. Älter als irgendjemand sonst, dem Ravic bisher begegnet war. Man sagte, dass auch sie Elfenblut in ihren Adern gehabt hatte. Ravic erinnerte sich noch gut daran, wie er als Fünfjähriger zu ihr gegangen war, als sie allein und in sich zusammengesunken an ihrem Feuer saß - ganz ruhig hatte sie gewirkt. Er hatte erst später begriffen, dass sie nicht mehr lebte. Ihr Geheimnis hatte sie mit in das Totenreich genommen und dort würde es wohl auch bewahrt bleiben, es sei denn, einer der beiden Halbbrüder machte sich irgendwann auf den Weg dorthin, um es der alten Audhild doch noch zu entreißen.

"Du wirst mal ein guter Anführer!", meinte Remirg, während er seinem Sohn auf die Schulter klopfte. Dann ging er weiter und schrie dabei: "Fangt alle Elfenschamanen und Novizen! Denn die wissen, wo weitere Schamanen sind! Und ihre Schamanenklöster mit den Goldschätzen! Habt ihr gehört? Aber nehmt euch vor ihrer Magie in Acht! Tötet sie, wenn sie anfangen, Zaubersprüche über die Lippen zu bringen!"

"Du wirst mal ein guter Anführer", äffte Valo seinen Vater nach. Remirg war inzwischen bereits zu weit ab, um diese Worte hören zu können. Aber für Ravic galt das nicht.

Sein feines Elfengehör half ihm.

"Na los, worauf wartest du?", fragte Ravic. "Stürmen wir die Stadt!"

"Natürlich", knurrte Valo. Ein toller Anführer wirst du! Immer nach vorne, ohne nachzudenken! Genau wie unser Vater!

Aber die charakterliche Ähnlichkeit zwischen den beiden war wohl auch der Grund dafür, dass Remirg Elfenstirnspalter Ravic bevorzugte. Ausgerechnet ihn!, ging es Valo nicht zum ersten Mal bitter durch den Kopf. Den Sohn der Elfen-Sklavin, die schon vom ersten Ausbruch eines Dämonenfiebers dahingerafft wurde und ihrem Sohn nur ihre Gebete an den Elfengottes hinterlassen hat! Eines Tages, dachte Valo, wird alles mir zufallen. Alles, was mein Vater zusammengerafft und diesem Tölpel, der mein Halbbruder ist, vermacht haben mag!

Mit einem Gesicht, das zu einem grimmigen Lächeln verzogen war, und seine Reißzähne freilegte, folgte Valo seinem Bruder und den anderen.

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Kapitel 2

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Überall waren Schreie und Lärm in der Stadt zu hören. Und die Rauchsäulen raubten Freund und Feind schier den Atem. Die Orks gingen von Haus zu Haus, um zu plündern oder eine Frau zu nehmen, wenn sie eine fanden. Kampfeslärm war kaum noch zu hören. Die Elfen waren geflohen oder tot. Manche der Bewohner waren ebenfalls schon aus der Stadt geflohen, wie zu erwarten gewesen war. So würde sich die Nachricht von dem Fall Xalanors schnell verbreiten.

Regen setzte ein. Eiskalter Regen und rauer Wind aus Norden.

In der Mitte des Ortes gab es eine Tempelstätte - größer, als Valo und Ravic sie je irgendwo anders gesehen hatten. Und auch Remirg und der schon weitgereiste Kirie waren einen Moment lang beeindruckt.

"Bei Nido - die Tempelstätten der Insel-Elfen von Ynsulanien sind dagegen doch nur Hütten!", meinte Kirie und spuckte aus, während er sich auf seine Axt stützte. Der heftiger werdende Regen tropfte ihm vom Nasenschutz seines Helms, in den eine Goldmünze als schmückendes Beiwerk eingearbeitet war. Sie trug eine Aufschrift in Elfenrunen und stammte angeblich aus der sagenhaften Stadt Aldaria, über die man sich erzählte, dass es dort Tempelstätten mit Dächern aus purem Gold gäbe. Geschichten, die Valo nie so ganz hatte glauben wollen, wenn die Krieger darüber am Feuer erzählten. Auf welch verschlungenen Pfaden diese Münze ihren Weg aus der sagenhafte Stadt der goldenen Dächer bis zum Helm von Kirie Axtschlächter Störenfried dem Schiffsbauer gefunden hatte, war nicht bekannt.

"Auf jeden Fall ist die Tempelstätte ein guter Ort, um Gefangene zusammenzutreiben", meinte Remirg.

"Ich denke, wir sollten dort auch übernachten", meinte Kirie und deutete in den grauen Himmel, aus dem es jetzt immer heftiger regnete. "Nidos feuchte Grüße sind das!"

"Dann sparen wir uns das Waschen", sagte Remirg.

"Wozu waschen?", fragte Kirie. "Sind wir Weiber? Oder Elfen?"

"Du hast Recht, Kirie: Man sollte es mit der Eitelkeit nicht übertreiben!"

Remirg und Kirie lachten dröhnend.

Kirie sagte: "Das gefällt an dir mir: Immer optimistisch! Immer die Gelegenheit und den Vorteil sehen!" Kirie machte eine ausholende Geste. "Ein guter Ort!", murmelte er, während ihm das Wasser vom Helmschutz tropfte.

"Du denkst daran, länger hier zu bleiben?", fragte Remirg etwas verwundert.

"Wieso nicht?", meinte Kirie.

"Es ist besser, als wenn wir in der Nähe im Freien kampieren", mischte sich Valo ein.

Kirie klopfte dem jungen Ork auf die Schulter. "Dein Sohn versteht mich, Remirg! Wenn elfische Krieger in der Nähe sein sollten, könne wir uns besser hier als irgendwo sonst gegen sie verteidigen."

Remirg knurrte etwas Unverständliches vor sich hin. Der Gedanke, auch nur eine Stunde länger als unbedingt notwendig an diesem Ort zu bleiben, gefiel ihm nicht. Das war ihm überdeutlich anzusehen. Aber andererseits hatte Kirie einfach mehr Schiffe unter seinem Befehl als er. Und hier, schon zu tief im Reich der Elfen, um einfach schnell wieder verschwinden zu können, war er auf Kiries Schutz mehr angewiesen, als ihm lieb war.

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DER REGEN WANDELTE sich in Hagel und schließlich in einen ausgewachsenen Schneesturm. Feuchtkalt blies ein eisiger Wind über das flache Land. Der sumpfige, tiefe Boden begann sich an manchen Stellen mit Eis zu bedecken.

Es gab keinen unter den Orks, dessen Kleidung nicht durchnässt gewesen wäre. Selbst die aus verschiedenen Schichten bestehenden Wamse oder Pelze boten gegen solches Wetter keinen ausreichenden Schutz. Eigentlich machte Orks so etwas wenig aus.

Aber in diesem Fall war das Wetter so schlecht, dass es selbst den Ork-Kriegern aufs Gemüt schlug.

"Das Wetter muss uns der Elfengott geschickt haben", meinte Remirg finster, weil es mehr Einwohnern Xalanors die Flucht ermöglichte, als ihm lieb sein konnte. Auf der anderen Seite hatte das Wetter auch dafür gesorgt, dass die Flüchtlinge so gut wie nichts hatten mitnehmen können. Und das wenige, das sie aus der Stadt zu schleppen versuchten, mussten sie auch noch größtenteils unterwegs zurücklassen. Laufdrachentierwagen und magiegetriebene Karren blieben in dem völlig aufgeweichten Boden stecken. Die Flüchtlinge überließen alles den Plünderern. Einige Dutzend der Orks folgten ihnen und machten sich über die Beute her.

Kirie gab den Befehl, alles, was an Beute zusammengerafft werden konnte, zunächst mal in das in unmittelbarer Nachbarschaft der Tempelstätte gelegene Schamanenkloster zu bringen. Dessen Hauptgebäude schien ihm am geeignetsten zu ein.

Es jetzt zu den Schiffen zu schleppen, wäre nicht sinnvoll gewesen. Das musste später geschehen, sobald man sich zum Aufbruch entschloss.

Die Gefangenen wurden in die Tempelstätte getrieben. Unter ihnen waren besonders viele Schamanen und Novizen. Aufgrund von Remirgs Befehl hatte man besonders darauf geachtet, sie nicht entkommen zu lassen.

Zusammengekauert saßen sie da in in ihren schmutzbraunen Kutten. "Wer von euch wegläuft, bevor ich es erlaube, wird erschlagen", rief Remirg mit dröhnender Stimme. Er sprach in der Sprache der Orks, durchsetzt mit ein paar Worten, wie sie die Insel-Elfen benutzten. "Habt ihr mich verstanden, ihr Elfenbastarde?", fragte er dann, da er sich offenbar nicht ganz sicher war. Dann wandte er sich an Ravic. "Sprich du mit ihnen und sage ihnen noch einmal in ihrer Sprache, was ich gesagt habe!", forderte er. "Du kannst doch noch reden wie deine Elfen-Mutter, oder?"

"Es gibt Dinge, die man nicht vergisst", erwiderte Ravic.

Er ließ den Blick über die Gefangenen schweifen. Eine junge Elfin fiel ihm auf. Eine Schamanen-Novizin, auch wenn ihr die Haube bei der Gefangennahme vom Kopf gerissen worden war. Ihr Haar war kurz geschnitten, die spitzen Ohren steil aufgerichtet, die Augen angstgeweitet. Sie zitterte vor Kälte, was nicht verwunderlich war. Ravic war bekannt, dass die meisten Ordensgemeinschaften der Elfenschamanen ihren Mitgliedern eine ärmliche, unzureichende Kleidung vorschrieben. Die Wärme sollte von innen, durch die Ausbildung geistiger Kräfte erzeugt werden. Das zu lernen, war die Pflicht der Novizen. Diese Novizin war offenbar noch nicht besonders weit fortgeschritten, was diesen Teil der Ausbildung anbetraf. Ravic konnte den Blick nicht von ihr wenden. Die Novizin erwiderte ihn kurz und ihr Entsetzen schien sich daraufhin noch zu steigern. Ihr elfenblasses Gesicht veränderte sich. Sie errötete. Ravic begriff, dass sie seinen Blick missverstanden hatte. Sein Interesse hatte einzig und allein damit zu tun, dass die Novizin ihn an seine Mutter erinnerte - die Elfin.

"Ich habe keine Lust dazu, euch lange zu foltern, bis ihr mir verratet, was ich wissen will", sagte Remirg. "Ich werde es aber tun, wenn mir eure Antworten nicht gefallen oder ich merke, dass ihr mich anlügt! Sag diesen elfischen Schweinehunden das noch einmal in ihrer Sprache, Ravic!"

Ravic reagierte erst, nachdem Remirg ihm einen Stoß mit dem Ellenbogen gegeben hatte. Zu sehr war er in diesem Moment mit seinen Gedanken in der Vergangenheit gewesen. Auch die Frau, die man nur die Elfin genannt hatte, war immer wieder erniedrigt worden. Vor allem von den anderen Frauen. Ork-Frauen. Als eine Ork-Magd, die schon lange auf Remirgs Hof gewesen war, die Elfin geschlagen hatte, weil diese angeblich ihre Arbeit nicht gut genug erledigt hatte, war Ravic in einem Anfall von Jähzorn auf die Magd losgegangen, um seine Mutter zu schützen. Er hatte die Magd niedergeworfen und in ein Schlammloch getaucht, wonach sie aussah, als wäre sie ein leibhaftiger Bergtroll, der gerade aus der Erde herausstieg. Ravic erinnerte sich noch so gut daran, als wäre es erst gestern gewesen. An diesem Tag war Remirg zum ersten Mal auf Ravic aufmerksam geworden. Er hatte den Jungen in Schutz genommen und  vor allen verkündet: "Sie hatte es verdient, was der Junge getan hat!"

Viele, die dabei standen, hatten darüber gelacht. Nur nicht die mit Schlamm beschmierte Magd - und Valo. Den finsteren Blick seines Halbbruders hatte Ravic ebenfalls nie vergessen.

Ravic übersetzte die Worte seines Vaters schließlich.

"Wir verstehen euch auch so, wenn ihr langsam sprecht", sagte einer der Schamanen. Ein Elf mit weißem, wirren Haar.

In diesem Augenblick ging die Tempelstättentür auf. Sie knarrte dabei und ein Schwall kalter Luft wehte herein.

Es waren Igarb und ein paar Orks aus seiner Sippe.

Sie trieben weitere Gefangene vor sich her. Ein paar Schamanen waren auch darunter, erkennbar an den kuttenartigen Gewändern und den Amuletten. Bei den anderen handelte es sich um auffallend bemalte Frauen.

Keine Elfinnen, sondern Menschenfrauen.

Im Reich der Elfen stellten Menschen wahrscheinlich mehr als zwei Drittel der Bevölkerung. Die Elfen herrschten, waren Krieger, Magier und Schamanen. Die Menschen waren Bauern, Handwerker, seltener Händler oder Huren.

Die Lippen der Menschenfrauen waren so übertrieben rot, dass man auf den ersten Blick glauben konnte, sie wären blutig geschlagen worden. Aber das war nicht der Fall.

"Es gibt hier ein Webhaus!", dröhnte Igarb. "Und genau da, habe ich diese Bande hier aufgegabelt", berichtete er.

"Die Frauen oder die Schamanen?", fragte Kirie grinsend.

"Beide", knurrte Igarb. Mit einem Bogen trieb er die Gefangenen vorwärts.

"Meinst du eines dieser Häuser, in denen die Frauen für Geld mit Männern schlafen?", fragte Valo.

"Und weben oder spinnen, wenn niemand ihre Dienste haben will", nickte Igarb.

"Die Schamanen zu den anderen Schamanen!", befahl Remirg. "Und die Frauen..." Er musterte sie kurz.

"Du siehst nicht gerade begeistert darüber aus, dass wir uns hier vermutlich noch gut amüsieren werden", meinte Kirie Störenfried.

Remirg machte eine wegwerfende Handbewegung. "Du hättest besser ein paar Gefangene aufgetrieben, für die man ein Lösegeld erwarten kann."

"Schließlich können wir nur wenige Gefangene mitnehmen, wenn wir noch weiter flussaufwärts fahren wollen, um reiche Schamanenklöster zu plündern", mischte sich Valo ein. Keiner dieser Narren denkt über den nächsten Tag hinaus, ging es ihm dabei durch den Kopf.

"Dann kann man nur hoffen, dass das dann auch wirklich reiche Schamanenklöster sind", maulte Igarb und stützte sich dabei auf seinen Bogen. "Das, was wir hier gefunden haben, ist jedenfalls eher eine Enttäuschung. Entweder die Brüder waren wirklich so bettelarm, wie sie sich kleideten oder die wertvollsten Stücke wurden aus der Stadt geschleppt."

Vermutlich würde so ein Tölpel wie du die wertvollsten Stücke nicht einmal erkennen, wenn sie vor ihm lägen, dachte Valo. Aber auch wenn ihm eine bissige Bemerkung auf der Zunge lag, behielt er die für sich. Er hatte sich schließlich vorgenommen, eines Tages die Nachfolge seines Vaters anzutreten. Je eher dieser Tag kam, desto besser, denn er war überzeugt davon, ein besserer Anführer zu sein, als Remirg Elfenstirnspalter Schreckenssohn es jemals gewesen war. Allerdings war sich Valo der Tatsache bewusst, dass er auf die Unterstützung von Igarbs Sippe angewiesen sein würde. Gute Bogenschützen waren eben selten, aber gewisse Unternehmungen ließen sich nunmal nur mit deren Unterstützung durchführen.

Das war eine Tatsache.

Eine, die man nicht ignorieren durfte.

"Ihr habt gehört, was ich gesagt habe", wandte sich nun Remirg erneut an die Gefangenen. Er holte dazu ein Pergament unter seinem Wams hervor.

Eine Karte, die er einem zwergischen Händler an der Küste der Insel-Elfen weggenommen hatte.

Sie zeigte den Verlauf des Stroms von der Mündung bis tief hinein in das Reich der Elfen.

Einige Städte und Handelsplätze waren darauf verzeichnet. Und hin und wieder gab es Runen, die für Tempelstätten und Schamanenklöster standen.

Aber es gab viele Zeichen, die Remirg nicht verstand und bei denen er nicht wusste, was sie bedeuten sollten. Und abgesehen davon war die Karte wohl auch weit davon entfernt, vollständig zu sein.

"Ich will von euch alles über die Tempelstätten und Schamanenklöster wissen, die es flussaufwärts gibt. Über die Schätze, die dort zu finden sind... Übersetze ihnen das, Ravic, damit sie wirklich verstehen, was ich meine!"

Ravic gehorchte. Einer der Schamanen begann zu beten. Er murmelte elfische Wörter vor sich hin, von denen niemand auch nur ein einziges Wort verstand - vielleicht mit Ausnahme von Dhalmi Orkfresse. Der hatte sich einst von einem gefangenen Elfengott-Priester, der in die Sklaverei verkauft worden war, einiges aus dieser Sprache beibringen lassen. Schließlich konnte es ja nie schaden, eine Sprache zu lernen. Man wusste ja nicht, ob einen der Wind nicht irgendwann einmal in ein Land blies, wo man sich in ihr verständigen musste.

"Er ruft magischen Beistand der Elementargeister, die dem Elfengott unterstehen", meinte Dhalmi. "Mit Ausnahme der Elementargeister des Flusses, die unterstehen dem Flussgott dürfen deshalb nicht angerufen werden dürfen, wenn man den Elfengott nicht eifersüchtig machen will - obwohl ich überzeugt davon bin, dass viele Elfen das in der Not trotzdem tun."

"Gnade dem, der so komplizierte Götter hat!", meinte Remirg. "Wenn man dann in der Not ihre Hilfe braucht, steht man dann unter Umständen ohne göttliche Hilfe da, weil man irgendeine dieser verfluchten Regeln nicht beachtet hat!" Remirg spuckte aus. "Für mich wär sowas nichts!", fügte er noch kopfschüttelnd hinzu.

Der raue Denumorh übertönte das Gebet mit einem durchdringenden Schrei. Sein Kopf war sehr dunkel angelaufen, die Augen so sehr geweitet, dass man glauben mochte, dass sie im nächsten Moment herausfallen würden. Er riss einem der anderen Orks die Axt aus der Hand, fasste den Stiel mit beiden Händen und stürzte sich auf den Elf. Niemand hätte es gewagt, sich ihm in den Weg zu stellen, wenn er in diesem Zustand war. Eigentlich hatte er diese besondere Stimmung für Feinde im Kampfgetümmel reserviert. Aber hin und wieder geriet er auch sonst in Rage - und dann ging man ihm am besten aus dem Weg. Ehe irgendeiner der anderen Orks hätte eingreifen können, war die Axtklinge dem Elf durch die Schädeldecke gefahren. Sie spaltete ihm den Schädel bis zum Unterkiefer.

Denumorh gab ihm einen Tritt vor die Brust, um die Klinge herausziehen zu können und hieb noch einmal zu. Der dröhnende Schrei, der dabei aus seinem Mund kam, hörte sich eher an wie der Laut eines Tieres, als dass man an ein vernunftbegabtes Wesen erinnert gewesen wäre. 

"Der sollte besser nicht mehr so viel von seinem magischen Fliegenpilz-Sud nehmen", knurrte Valo an Igarb gerichtet. Mit den Orks aus der Sippe seiner Mutter verstand er sich überwiegend sehr gut.

Das galt auch für Denumorh.

Allerdings war der anscheinend etwas aus der Art geschlagen. Aber als Bogenschützen mit ruhiger Hand wie Igarb und die meisten anderen Orks dieser Sippe, hätte man sich Denumorh den Rauen wohl kaum vorstellen können.

Denumorh atmete tief durch und schlug sich das Bärenfell zurück auf den Rücken.

Die anderen sahen ihn schweigend an. In diesem Moment war nicht ein einziger Laut im Inneren der Tempelstätte zu hören. Die Mischung aus Regen und Hagel prasselte auf das Dach und der Sturm hatte draußen wieder von Neuem zu toben begonnen.

"Niemand tötet meine Gefangenen", sagte Remirg ruhig, aber bestimmt. "Hast du gehört?"

Denumorh deutete auf den erschlagenen Elf. "Sei froh, dass ich ihn erschlug, bevor er seinen Elfenzauber ausführen konnte. Dann wäre uns das schlecht bekommen!"

"So wie dir deine Fliegenpilz-Kost", meinte Ravic.

"Lass ihn", meinte Remirg an seinen Sohn gerichtet. "Nicht jeder ist von Natur aus ein Berserker, so wie du!"

Denumorh machte nur eine wegwerfende Handbewegung. "Ich bringe auch die Leiche hinaus", sagte er. "Ihr habt keinen Grund, euch zu beklagen! Und Elfenschamanen gibt’s hier genug, Remirg!" Er winkte den irren Mroo herbei. Der fasste den toten Schamanen bei den Füßen, während Denumorh ihn bei den Schultern nahm. Gemeinsam brachten sie ihn aus der Tempelstätte hinaus.

Ein Schwall eisiger Kaltluft drängte herein, als sie die Tempelstättentür kurz öffneten.

"Wir sollten froh sei, dass Denumorh in unseren Reihen kämpft - und nicht gegen uns", meinte Kirie Störenfried. "Und ich glaube, es gibt keinen von uns, der von sich sagen könnte, mehr Elfen und Menschen erschlagen zu haben als er."

"Ich bestreite seine Verdienste nicht", sagte Remirg. "Aber vielleicht wäre es besser, Denumorh würde für eine Weile nichts von seinen Pilzen zu sich nehmen und stattdessen nur seinen eigenen Urin trinken, so wie es der irre Mroo tut!"

Gelächter brach aus.

Nur der irre Mroo lachte nicht mit.

Der Genuss der Pilzextrakte war gefährlich, das Risiko hoch, dabei zu sterben. Der geringste Fehler in der Zubereitung konnte tödlich sein. Wenn also ein Ork etwas davon zu sich nahm, um im Kampf zum Berserker zu werden, dann war es durchaus üblich, dass bis zu einem Dutzend weiterer Orks den Urin dieses Kriegers tranken. Die Wirkung war dabei nicht ganz so stark - aber dafür gab es auch nicht das Risiko, sich an dem Pilz zu vergiften.

Valo wandte sich an Ravic. "Wir werden auf Denumorh aufpassen müssen. Mit seiner unbeherrschten Art wird er für eine Menge Schwierigkeiten sorgen."

"Nicht für mehr als sonst auch", gab Ravic zurück und zuckte mit den Schultern. "Was erwartest du? Er ist ein Berserker!"

Valo nickte. "Ja und es gibt etwas, was einen Berserker noch wilder macht als der Kampf oder der Geist eines Bären, der in seinem Fell wohnt und diese von den Göttern verfluchten Pilze mit ihren besonderen Eigenschaften."

Ravic hob die Augenbrauen. "Ach, ja?"

Valo grinste breit. "Die Langeweile. Das Wetter ist so schlecht, dass wir wahrscheinlich nichtmal daran denken können, sofort flussaufwärts zu ziehen."

"Ich bezweifle, ob Kirie überhaupt weiterziehen will", meinte Ravic.

"Er wird alt", sagte Valo. "Genau wie unser Vater."

"Den Eindruck habe ich bei beiden nicht."

Valo zeigte mit dem Finger an seine Schläfe. "Die Schwäche beginnt hier, Ravic", murmelte er leise. "Nicht in den Armen. Es ist immer dasselbe. Aber was Denumorh angeht - man wird ihm etwas zu tun geben müssen, sonst schlägt er früher oder später nicht nur Elfen den Schädel ein."

Ravic sah seinen Halbbruder nachdenklich an. Er war etwas verwirrt über die fast verschwörerische Art und Weise, in der Valo ihn jetzt angesprochen hatte. So lange sich Ravic zurückerinnern konnte, waren sie Rivalen gewesen. Gleichaltrig und gleich stark, aber sehr unterschiedlich im Charakter. Dass sich Valos Stimmung seinem Bruder gegenüber manchmal im Handumdrehen ändern konnte, daran hatte sich Ravic nie wirklich gewöhnen können. Er hatte auch nie verstanden, was diese plötzlichen Umschwünge eigentlich zu bedeuten hatten. Aber eins wusste Ravic sehr genau: Sein Bruder tat selten etwas, ohne damit eine ganz bestimmte Absicht zu verfolgen.

"Ravic!", rief ihn unterdessen Remirg, der inzwischen damit fortgefahren war, die Schamanen weiter zu befragen. "Ich brauche nochmal die Hilfe eines Sprachkundigen!"

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"DU SOLLTEST DICH NICHT mit den Schamanen aufhalten, Vater", sagte Valo, nachdem Remirg nicht viel mehr als stammelnde Gebete von den Elfenschamanen gehört hatte - und zwar auch dann, als er einen von ihnen mit dem Schwert etwas traktiert hatte, so dass er blutete.

Viel mehr darüber, wo die Schamanenklöster flussaufwärts lagen und welche davon eine Plünderung lohnten, erfuhr er jedenfalls nicht.

Remirg wandte sich stirnrunzelnd an Valo.  "Ach, und was schlägst du vor?", fragte er unwirsch.

Valo deutete auf die Gefangenen. "Es sind fast nur Männer, kaum Frauen", stellte er fest.

"Die Elfengottgläubigen unterhalten ihre Schamanenklöster nach Männern und Frauen getrennt, weil sie das Zusammensein von beiden als Ablenkung vom Pfad des Geistes ansehen", meinte Remirg. "Das mag einem absurd erscheinen, aber es ist eigentlich auch keine Neuigkeit mehr."

"Das ist richtig. Aber überleg doch mal! Das Schamanenkloster in diesem Ort wird offenbar von Männern bewohnt. Männer, die vermutlich schon seit Jahren nicht mehr die grauen Mauern verlassen haben, in die sie sich selbst einsperrten. Aber die Frauen - Schamaninnen und Novizinnen! - sie gehören nicht hierher. Vermutlich sind sie nur auf der Durchreise gewesen oder wurden mit irgendeiner Aufgabe hierher geschickt, die ihr Orden ihnen gestellt hat. Wenn du etwas über andere Schamanenklöster erfahren willst, dann frag sie!" Valo deutete auf jene junge Elfin, die Ravic so sehr an seine elfische Mutter erinnert hatte.

Remirg kratzte sich an seinem Kinn.

Valo wandte sich an sie. Die beiden anderen waren sehr viel älter und im Moment anscheinend auch ziemlich von Sinnen. Sie murmelten andauernd Gebete vor sich hin.

"Woher kommst du?", fragte Valo die junge Elfin. "Du hast mich schon verstanden, also antworte!"

Sie kauerte am Boden und blickte auf. Die Gebete und Beschwörungen der anderen verstummten nicht, sondern wurden noch eindringlicher.

Sie zitterte und murmelte etwas vor sich hin. Nur ein Wort verstand er deutlich: Nivandrum.

"Das steht auf der Karte, die ich dem zwergischen Händler abgenommen habe", stellte Remirg fest. "Zwar in den Runen des Kaiserreichs Alderia geschrieben, aber es könnte das heißen."

Die Novizin sprach weiter, aber sehr undeutlich. Und obwohl den Orks viele ihrer Worte bekannt vorkamen, ergab das, was sie sagte, für sie zunächst einfach keinen Sinn.

"Was hat sie gesagt, Ravic?", wandte sich Valo an seinen Bruder. "Oder war allein unser Anblick für sie schon eine so schlimme Folter, dass sie darüber den Verstand verloren hat und nicht mehr richtig reden kann?"

"Vielleicht war dein Gestank, Bruder!"

"Ach, komm schon! Ein freier Furz für einen freien Ork!"

"Sie sagt, dass sie aus dem Konvent Nivandrum kommt und es dort nichts zu plündern gäbe, da die Schamaninnen dort sich der Armut verpflichtet hätten und dass es ihnen nicht gestattet sei, Besitz anzuhäufen, weil das vom Pfad des Geistes ablenke."

"Bei den armen Schamaninnen gibt es vielleicht nichts zu holen - in Nivandrum aber ganz sicher", meinte Remirg. Er deutete auf die Karte. "Der Händler hat auf der Rückseite der Karte eine Liste von Namen gekritzelt. Ich kann die Runen der Aldarianer nicht gut lesen, aber Nivandrum ist dabei. Und dahinter eine Anzahl von Strichen..."

Remirg faltete das Pergament umständlich auseinander. Seine großen, prankenhaften Hände, waren besser darin geübt, ein Schwert oder eine Axt zu halten, als etwas so feines, dünnes, wie ein Pergament. Das war deutlich zu sehen. Er blinzelte. Es war nicht besonders hell in der Tempelstätte und dieser Umstand erleichterte das Lesen auch nicht gerade.

Valo warf ebenfalls einen Blick darauf. "Das werden die Namen der Orte sein, die der zwergische Händler immer wieder angesteuert hat", vermutete Valo. "Und die Striche stehen vielleicht für seine Einnahmen..."

"Dann gibt es in Nivandrum also einen Marktplatz", schloss Remirg. Er grinste breit. "Und wo es einen Marktplatz gibt, gibt es auch noch mehr, als nur ein Schamanenkloster mit uralten Elfinnen." Er beugte sich zu der jungen Elfin aus Nivandrum nieder. "Lies vor!", sagte er. "Welche Namen stehen da?"

Sie schluckte. Es war jetzt vollkommen still in der Tempelstätte. Selbst die Schamanen hatten mit ihren Gebeten aufgehört.

Die Elfin zögerte zunächst.

Dann las sie stockend vor. "Nivandrum, Ekalonia, Dalabor..." Sie konnte nicht gut lesen, obwohl sie es im Schamanenkloster zweifellos gelernt hatte. Aber vielleicht war sie auch einfach noch nicht genug in dieser Kunst geübt.

Nicht alle Elfen waren weise und gebildet.

*

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IM LAUFE DER ZEIT BEDIENTEN sich die Orks in den Vorratskammern des benachbarten Schamanenklosters, das über einen reichhaltigen Weinkeller verfügte. Viele der Orks hätten das gewohnte Met natürlich vorgezogen. Aber Wein war immerhin besser als nichts. In der Tempelstätte wurden Feuerstellen eingerichtet. Manche der Orks vergnügten sich mit den Frauen aus dem Webhaus. Gelächter mischte sich mit schrillem Geschrei und zänkischem Stimmengewirr.

Draußen toste der Sturm. Hin und wieder kamen Orks herein, die zur Bewachung der Schiffe abkommandiert waren. Außerdem mussten die Laufdrachentiere versorgt werden, die auf den großen Großbarken mitgeführt wurden. Aber Stallungen gab es genug, die dafür benutzt werden konnten. Sie waren so gut wie alle leerstehend, denn die geflohenen Bewohner Xalanors hatten alles fortgetrieben, was sich bewegen konnte, nur damit es den Orks nicht in die Hände fiel.

Kirie Störenfried hatte angeordnet, dass die Palisaden besetzt wurden. Besonders begeistert davon, bei diesem Wetter auf einem Wehrgang Wache zu halten, war natürlich keiner der Orks. Aber auch wenn es ziemlich unwahrscheinlich war, dass die Vertriebenen eine Rückkehr wagten, war es besser die Augen offen zu halten.

"Unser nächstes Ziel heißt Nivandrum!", sagte Remirg. "Wir müssen dorthin und ich bin sicher, dass wir reiche Beute finden werden."

"Erstmal bin ich froh darüber, dass wir einen Ort gefunden haben, in dem es wenigstens zwei Häuser aus Stein gibt", meldete sich Kirie Störenfried zu Wort. Damit meinte er die Tempelstätte und das Hauptgebäude des Schamanenklosters. Alle anderen Gebäude des Ortes waren aus Holz, zumeist in Fachwerkbauweise. Und etliche davon waren jetzt nicht viel mehr als Ruinen, nachdem sie von den Brandpfeilen der Nordmannen getroffen worden waren. Kirie hatte sich schon zum dritten Mal sein Trinkhorn mit dem Wein gefüllt, der aus dem Schamanenkloster herausgeschleppt worden war. Er nahm einen tiefen Schluck und rülpste anschließend ungeniert. "Das schlechte Wetter hat die Holzhäuser gerettet, aber vielleicht wird der Sturm sie jetzt davonwehen!"

"Solange du nicht in einem von ihnen sitzt, während das passiert, kann dir das doch gleichgültig sein, Kirie", meinte Remirg und die anderen Orks brachen in dröhnendes Gelächter aus. Das Gelächter von Kirie Störenfried übertönte dabei selbst den irren Mroo und Denumorh den Rauen. Kiries Augen wirkten schon etwas glasig. Offenbar hatte er schon mehr von dem Wein gekostet, als er vertragen konnte.

Ein Schwein wurde in der Tempelstätte über dem Altar gebraten. Dunkler Rauch stieg auf und zog unter die hohe Decke, wo er durch einen Luftzug verweht wurde. Nicht alle Fenster dieser Tempelstätte waren nämlich mit bemaltem Glas gefüllt. Das konnte man sich hier offenbar nicht leisten. Aber dieser Umstand sorgte dafür, dass es einen gut funktionierenden Rauchabzug gab.

Es wurde damit begonnen, die Beute zu verteilen. Auch wenn das hiesige Schamanenkloster nicht gerade ein Beispiel für den Reichtum der Tempelstätte abgab, war den Kriegern von Kirie Störenfried und Remirg Elfenstirnspalter doch einiges an Silber in die Hand gefallen, das zuvor den Bewohnern der Stadt gehört hatte. Der Wert einer Magischen Handschrift aus dem Schamanenkloster war ziemlich umstritten. Gegen wie viel Silber sollte man dieses noch nicht einmal vollendete Buch aufwiegen?

"Ich habe gehört, dass schon mehrere Bauernhöfe gegen ein einziges Buch dieser Art getauscht worden sind", sagte Dhalmi Orkfresse. "Habe ich zumindest gehört. Und ihr wisst ja, ich bin weiter herumgekommen, als jeder andere von euch."

"Ganze Bauernhöfe - für ein Bündel zusammengenähter und bekritzelter Pergamente?", rief Enraib der Steuermann dröhnend. "Das wäre ein schlechtes Geschäft, würde ich sagen."

"Was weißt du schon von Geschäften", meinte Dhalmi verächtlich.

Enraib zuckte mit den Schultern, nahm sein Trinkhorn und trank daraus. Auch er hatte inzwischen Geschmack an dem Wein gefunden.

"Ich verstehe mehr davon, als du denkst", meinte Enraib. "Zum Beispiel weiß ich, dass ein Bauernhof mehr wert sein muss, als so ein Buch, weil man nämlich mit den Häuten aller Kühe diese Hofes mehr Pergament herstellen kann, als in so einem Buch zusammengenäht wurden."

"Es kommt auf das an, was drinsteht, du Horn-Troll!", erwiderte Dhalmi. "All die Buchstaben und Zeichnungen und die Verzierungen. Und davon abgesehen ist es das heilige Buch der Elfengottgläubigen. Es enthält viel Magie! Dafür zahlen die jeden Preis."

"Wir können ja mal deinen Sohn danach fragen", schlug Kirie Störenfried vor und wandte sich dabei mit einem breiten Grinsen an Remirg. "Der kennt sich doch mit diesen Dingen bestens aus!"

Die anderen Orks lachten.

Ravic wurde schlammgrün und fühlte, wie in ihm blanker Zorn aufstieg. Durch seine helle Haut und die blonden Haare fiel das besonders auf. Er mochte es nicht, wenn man darauf anspielte und so tat, als würde er nicht ganz und gar einer der ihren ein. Früher hatte er jeden verprügelt, der darüber eine Bemerkung machte und auch jetzt ballten sich instinktiv seine Fäuste. Natürlich konnte er einem so wichtigen Ork wie Kirie Störenfried gegenüber seinem Jähzorn nicht einfach freien Lauf lassen. Das war ihm wohl bewusst.

Aber es fiel ihm schwer. Glück für dich, dass wir die Unterstützung deiner Krieger und Schiffe in diesem fremden Land brauchen, ging es ihm grimmig durch den Kopf. Glück für dich, dass ich den sanftmütigen Glauben meiner Mutter kennenlernte, denn sonst würde ich dir den Kopf abschlagen!

Kirie Störenfried bemerkte den finsteren Blick, mit dem Ravic ihn bedachte. Auf einmal wirkte Kirie wie erstarrt. Der Mund blieb einen Moment offen, so als hätte er noch etwas sagen wollen. Der Wein lief ihm aus dem Trinkhorn, weil er es schief hielt. "Du hast zwei sehr unterschiedliche Söhne, Remirg", murmelte er dann. "Und so wild wie die sind, wirst du damit rechnen müssen, dass dir eines Tages einer von ihnen die Kehle im Schlaf durchschneidet."

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Kapitel 3

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Auf dem Ostufer des Stroms preschten elfische Ritter über die tiefgelegenen, nebelverhangenen Uferauen. Der eiskalte Regen, der sich manchmal in Schnee oder Hagel verwandelte, klatschte ihnen ins Gesicht. Darnuc von Dalabor, ein hochgewachsener Elfenkrieger, der seine Gefährten bei weitem überragte, führte den Trupp. Nicht nur Darnuc selbst war ungewöhnlich groß, sondern auch das Laufdrachentier, das ihn zu tragen hatte.

Und Darnuc war in mehrfacher Hinsicht ein gewichtiger Elf. Er war sehr kräftig gebaut, besaß einen massigen, ganz unelfisch wirkenden Körper, der durch ein Kettenhemd geschützt wurde, dessen ineinander verhakte Eisenringe dem Doppelten der üblichen, normalerweise für den Schutz eines Kriegers ausreichenden Anzahl entsprachen und natürlich auch das entsprechende Gewicht hatten.

Aber Darnuc hatte auch im übertragenen Sinn Gewicht, denn er verwaltete die königliche Festung Dalabor und kommandierte außerdem ein beträchtliches Kontingent an Truppen, das Giwdul, dem König des östlichen Elfenreichs unterstanden. Jenem Giwdul, dessen gleichnamigen Vater man Giwdul den Frommen genannt hatte und dessen Großvater der Große Lerak gewesen war, dem ersten Elfenherrscher, der die Krone eines Elfenkaisers getragen hatte.

Jetzt führten die Enkel Krieg gegeneinander. So unerbittlich, wie man eigentlich nur gegenüber Menschen, Orks oder Zwergen hätte tun dürfen. Aber die Zeiten waren hart und es ging einfach um zu viel. Das elfische Erbrecht, das die Aufteilung des Erbes unter die Söhne des Herrschers verlangte, erwies sich nicht zum ersten Mal als ein Verhängnis. Vermutlich wird meinem Herrn am Ende nur ein Weg bleiben, dachte Darnuc von Dalabor. Er muss seine Brüder töten. Schon die elfische Langlebigkeit macht das unumgänglich! So, wie es schon der Große Lerak und der selige Giwdul der Fromme getan haben. Einen anderen Weg schien es Darnucs Meinung nach nicht zu geben. Zumindest nicht auf die Dauer, denn wie immer man das Reich auch aufteilte, so wurde doch keinem der Herrscher auf die Dauer sein Teil genügen. Und trotz aller öffentlichen Bekundungen des Friedenswillens, würde jeder der drei insgeheim vermuten, dass die beiden anderen in Wahrheit doch die Alleinherrschaft anstrebten und nur auf eine günstige Gelegenheit warteten, um ihre Konkurrenten doch noch aus dem Feld zu schlagen.

Und war das nicht letztlich auch das Ziel, das jeder von ihnen schon im Interesse des eigenen Überlebens verfolgen musste?

Seit Monaten trafen sich die Unterhändler der drei Elfenkönige in der Nähe der Stadt Nudrev. Aber Darnuc glaubte nicht daran, dass die Konflikte tatsächlich durch Beratungen lösbar sein sollten. Das einzige, was einen längeren Krieg jetzt verhindern konnte, war ein übermächtiger Feind, gegen dessen Streitmacht sich alle vereinigen mussten.

Darnuc zügelte sein gewaltiges Laufdrachentier. Die anderen, allesamt schwer bewaffneten Reiter folgten seinem Beispiel.

Der Boden war sehr tief und feucht. Die eisige, nasse Kühle drang bis ins Mark. Und die Kettenhemden und andere Metallteile, die zum Rüstzeug gehörten, leiteten die Kälte ungehindert weiter. Da half auch ein mehrlagiges Wams auf die Dauer nicht. Aber ein geeigneter Zauberspruch konnte die Kälte lindern. Darnuc spürte, wie der Hagelschauer vorüber ging und sich der Niederschlag wieder in ganz gewöhnlichen Regen verwandelte. Das Klopfen auf seinem Helm wurde weniger heftig.

Vor ihnen lag der breite, angeschwollene Strom. Zu breit, um ihn ohne gute Fähre überqueren zu können. Brücken gab es auf hunderte von Meilen nicht. Und die Anlegestellen der Fährleute wurden von seinen Kriegern regelmäßig kontrolliert. Schließlich sollte es keinem von ihnen womöglich einfallen, eventuell den Kriegern von Kaiser Rahtol über den Großen Strom zu helfen. Es hatte solche Fälle schon mehrfach seit Ausbruch der Feindseligkeiten zwischen Rahtol und Giwdul gegeben. Allerdings waren es bisher nur Spähtrupps und Spione gewesen, die auf diese Weise die natürliche Grenze zwischen dem östlichen Reich und dem Mittelreich überquert hatten.

Darnuc stieg nun von seinem Laufdrachentier. Fast Knöcheltief sanken die Stiefel in den sumpfig gewordenen Untergrund ein. Er strich seinem Laufdrachentier dabei über den schuppigen Nacken, denn das Tier war unruhig. Das musste mit dem Wetter zusammenhängen. Niemand war unter den zurzeit herrschenden Bedingungen gerne im Freien. Nicht einmal die Geschöpfe, die dafür eigentlich geschaffen waren.

Darnuc blickte zur anderen Flussseite. Dorthin, wo der Tempelstättenturm von Xalanor aus dem bodennahen Dunst hervorragte. Die Anfurten am Flussufer lagen vor der Nebelwand, die zurzeit den befestigten Wall nur wie einen dunklen Schatten erscheinen ließ.

Schier zahllos drängten sich die Schiffe nebeneinander. Die wenigen Flussschiffe, Boote und ein paar große Fährflöße, die schon vorher dort gelegen hatten, verloren sich in der zahlenmäßigen Übermacht jener Invasionsflotte, die wie aus dem Nichts aufgetaucht zu sein schien. Sie waren mit ihren wendigen Schiffen schneller flussaufwärts vorangekommen, als die Nachricht von ihrer Ankunft an der Strommündung.

"Drei Tage sind die Orks jetzt schon in Xalanor", meinte Darnuc. "Sie werden sich einnisten."

"Das glaube ich nicht", meldete sich einer der anderen Elfen zu Wort. Das Laufdrachentier, auf dem er ritt, war klein und stämmig, er selbst hager und schlank. Er trug als einer von wenigen in dem Trupp keinen Helm und schien auch nicht bewaffnet zu sein. Unter dem Mantel war ein graues Gewand zu sehen. Er hatte nicht einmal seine Kapuze über den Kopf gezogen, um sich vor Wind und Wetter zu schützen. Darnuc drehte sich kurz zu dem blassgesichtigen Elf um, dessen Alter nur sehr schwer zu schätzen war. "Ihr kennt die Absichten der Orks besser, Bruder Branagorn?"

"Ich habe sie erlebt", sagte der Branagorn. "Ich habe erlebt, wie sie die Dörfer im Osten geplündert haben."

"Ihr wart in den östlichen Menschenkönigreichen, Branagorn?"

"Gewiss. Ich hatte dort wichtige Verhandlungen für unseren seligen König zu führen, den man nicht umsonst Giwdul den Frommen nannte."

"Seine Frömmigkeit hat ihn aber nicht daran gehindert, sich mit den Ungläubigen zu verbünden", spottete Darnuc.

"Es ging auch um die Erlaubnis zur Errichtung von Schamanenklöstern", stellte der Branagorn klar. "Und davon abgesehen haben auch viele der Menschen dort inzwischen den rechten Glauben an den Pfad des Geistes angenommen und sich dem Schutz unseres Elfen-Königs unterstellt."

Darnuc seufzte. Branagorn von Yevroc war ein durch und durch ernster Elf, dem jegliche Art von Humor vollkommen fremd zu sein schien. Immer wieder hatte der Weg des sprachbegabten Schamanen, dessen diplomatischen Dienste von Giwdul dem Frommen ebenso in Anspruch genommen war wie von seinem gleichnamigen Nachfolger, ihn auch nach Dalabor geführt. Und nicht selten hatte Darnuc dann erlebt, wie Branagorn seinem König von den Ergebnissen seiner Reisen berichtet hatte. Reisen, die sicherlich von unschätzbarem diplomatischen Nutzen gewesen waren. Dass er diesen barbarischen Invasoren, die sich seit kurzem auf der anderen Stromseite festgesetzt hatten, schon früher begegnet war und sie vielleicht auch besser einzuschätzen vermochte als ein Elf wie Darnuc, der als Verwalter der Königsburg in Dalabor kaum je über die nähere Umgebung hinausgekommen war, lag auf der Hand.

Branagorn war ein Elb - kein Elf.

Das mochte auf den ersten Blick nicht auffallen.

Die Elben waren schließlich entfernte Verwandte der Elfen.

Beide Völker hatten sich vor langer Zeit und in einer anderen Welt voneinander getrennt.

Aber Branagorn von den Elben war der Unterschied aus verschiedenen Gründen wichtig. Und auch, wenn er jetzt schon sehr lange unter den Elfen lebte - so war er doch nie einer von ihnen geworden.

"Die Orks sind wie Heuschrecken", sagte Branagorn von Yevroc. "Sie fallen über einen Ort her, rauben alles, was sie auf die Schnelle zusammenraffen können und ziehen dann weiter. Treffen sie auf den geringsten Widerstand, dann lassen sie von dem Ort ab, den diese Geißel des Elfengottes zum Opfer erkoren hat, und ziehen ein paar Meilen die Küste entlang, wo sie einen anderen, möglichst wehrlosen Ort zu finden versuchen, der ihnen reiche Beute und geringes Risiko verspricht."

"Also vor allem Schamanenklöster und ihre unbewaffneten Bewohner", schloss Darnuc.

"Ihr sagt es", nickte Branagorn. "Nicht auszudenken, wenn es ihnen gelänge, unsere Abtei in Yevroc zu plündern... Die Schriften, die dort aufbewahrt werden, sind einzigartig in der ganzen Elfenheit."

Darnuc lachte dröhnend auf. Laut genug, dass der Wind dieses Lachen vielleicht sogar auf die andere Stromseite hätte tragen können, wenn er nicht gerade aus der falschen Richtung geblasen hätte.

"Was gibt es dabei zu lachen?", fragte Branagorn.

"Eure Worte sind einfach so typisch für Euch, Branagorn."

"Ach, ja?"

"Ein paar bekritzelte Pergamente sind Euch wichtiger, als die Leben all der Unschuldigen, die bei so einem Überfall zu Tode kämen."

"Ihr missversteht meine Worte absichtlich, um mich zu verspotten", stellte Branagorn von den Elben fest und seine Stimme bekam dabei einen eisigen Klang.

"Das würde ich mir doch nie erlauben", behauptete Darnuc. "Aber Ihr könnt ganz beruhigt sein. Bis nach Yevroc in Westnebelland fließt kein schiffbares Gewässer, soweit mir bekannt wäre. Daher werden diese Boten aus der Hölle niemals bis dorthin vordringen!"

"Sie sollen sogar schon bis ins ferne Aldaria gekommen sein, wie man sich im Norden erzählt."

"Das sind doch Legenden!"

"Man hat mir Münzen gezeigt, die zweifellos von dort stammten", erklärte Branagorn. "Nein, es gibt keinen Ort, an dem man vor ihnen sicher ist."

Einige Orks tauchten bei den Schiffen am anderen Flussufer auf. Schemenhafte Gestalten. Hier und da sah man einen Speer oder den Umriss einer Streitaxt. Darnuc blickte zu ihnen hinüber. Es war offensichtlich, dass sie die Laufdrachentier-Reiter auf der anderen Seite des Flusses bemerkt hatten. "Ich habe es im Gefühl", sagte Darnuc. "Sie werden uns länger beschäftigen, als uns lieb sein kann."

"König Giwdul hat strikten Befehl gegeben, nicht gegen sie vorzugehen", erinnerte Branagorn von Elben aus Yevroc den Herrn von Dalabor daraufhin.

"Ja, ich weiß", murmelte Darnuc. Ein törichter Befehl, der sich vielleicht noch rächen wird, ging es ihm durch den Kopf. Und das nur, um Rahtol zu schaden. Ich frage mich, ob König Giwduls Einstellung dazu sich verändert, wenn es den Orks als nächstes einfällt, ein Dorf auf unserer Seite des Großen Stroms zu überfallen.

Branagorn von Yevroc schien die Gedanken des Herrn der Königsfestung in Dalabor bereits erraten zu haben. "Ich weiß, dass Ihr diesen Befehl unseres Königs am liebsten missachten würdet und ich kann Euch sehr gut verstehen."

"Wo sind die elfischen Tugenden unseres Königs geblieben, Bruder Branagorn. Sind die Elfen auf der anderen Seite des Flusses es etwa nicht wert, dass man sie vor den Ausgeburten der schlimmsten Orkhölle schützt? Ist es wirklich wichtiger, dass wir unsere Kräfte für einen Angriff von Rahtols Heer bereithalten?"

Von den menschlichen Bewohnern dieser Gebiete sprach er nicht.

Die schienen ihm nicht so wichtig zu sein.

Für Darnuc waren sie nur untergeordnete, kurzlebige Kreaturen.

Ihre Leben vor den Orks zu retten lohnte kaum.

Menschen waren von Natur aus einem baldigen Tod geweiht, so dachte Darnuc. 

Die Worte sprudelten nur so aus Darnuc heraus. Er war außer  sich und es schien ihm in diesem Augenblick offenbar auch vollkommen gleichgültig zu sein, ob sein Lehensherr und König vielleicht von seiner Meinung erfuhr. Aber Darnuc hatte sich noch nie gut darauf verstanden, mit seinen Ansichten hinter dem Berg zu halten.

"Euer Zorn ist gerecht, Darnuc", fand Branagorn. "Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder ich habe recht und die Orks ziehen so schnell wie sie gekommen sind mit reicher Beute ab. Dann können wir alle dem Herrn dankbar sein. Falls sie aber länger bleiben, wird es schwer werden, sie wieder zu vertreiben, sobald sie sich mal eingenistet haben. Aber das könnte auch sein Gutes haben."

"Ihr sprecht in Rätseln, Bruder Branagorn", gab Darnuc seiner Verwirrung Ausdruck.

"Was ich meinte ist, dass es nichts gibt, was eine Einigung unter den Königen so sehr befördern konnte, wie ein gemeinsamer Feind."

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Kapitel 4

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Die ersten Tage waren dahingegangen, ohne dass die Schiffe der Orks weiter flussaufwärts gezogen waren. Ravic ärgerte das. Sein Vater hatte alles versucht, um Kirie Störenfried davon zu überzeugen, nach Nivandrum weiterzuziehen und dort reiche Beute zu machen. Aber Kirie war da anderer Ansicht gewesen. Zunächst sollte abgewartet werden, ob man nicht für die Geiseln, die man genommen hatte, ein angemessenes Lösegeld bekommen konnte. Alle Gefangenen waren eingehend verhört worden. Mindestens einer der Elfenschamanen war der Spross adeliger Eltern, dessen Leben und Unversehrtheit sich wohl versilbern ließ. Außerdem gab es noch ein paar Angehörige von menschlichen Händlerfamilien, die einfach nicht schnell genug das Weite gesucht hatten, weil sie noch geglaubt hatten, etwas von ihren angehäuften Reichtümern retten zu können. Was mit den anderen Gefangenen geschehen sollte, war noch unklar. Sie mitzunehmen und auf den Sklavenmärkten der Orks zu verkaufen, machte nur dann Sinn, wenn man daran dachte, so schnell wie möglich wieder in die Heimat zurückzukehren.

Sollte man aber tatsächlich tiefer ins Reich der Elfen vordringen, um mit wirklich großer Beute nach Hause zu kommen, dann waren Gefangene nur eine Belastung.

Im Augenblick sorgte das schlechte Wetter dafür, dass man nicht daran denken konnte, den Weg ins Landesinnere fortzusetzen. Und so war man bislang noch von der Notwendigkeit entbunden, eine endgültige Entscheidung zu treffen.

Ravic stand zusammen mit ein paar anderen Orks am Flussufer, während der Sturm an seiner Kleidung riss und ihm das Wasser vom Helm perlte. Mochte Ravic auch der Lieblingssohn und wahrscheinliche Nachfolge des großen Remirg Elfenstirnspalter sein, so hieß das nicht, dass er irgendeine bevorzugte Behandlung genossen hätte. Es war selbstverständlich, dass auch der Sohn des eines Anführers und Hordenfürsts sich an der Bewachung der Schiffe an den Anfurten beteiligte. Mochte die vereinigte Flotte von Kirie und Remirg auch größer sein, als die meisten anderen Schiffsverbände, die alljährlich von den Küsten des Orklandes aus gen Süden zogen, um von dort reiche Beute mit in die karge Ödnis ihrer Heimat zu bringen, so war ihnen allen doch bewusst, dass die Verteidiger ihnen zumindest an Zahl haushoch überlegen waren. Nicht an Entschlossenheit, Schnelligkeit, Mut oder Skrupellosigkeit - vom Geschick im Umgang mit Waffen und Schiffen einmal ganz abgesehen. Aber das alles änderte nichts an der Tatsache, dass sie letztlich nur eine Handvoll Krieger in einem Meer von Feinden waren. Und das galt auch für die Angehörigen von Igarbs Sippe, aus der es sich niemand leisten konnte, auf irgendwelche Privilegien zu pochen.

Und was das Privileg edler Geburt anging, musste Ravic schließlich ohnehin darauf achten, dies niemals in irgendeiner Weise ungebührlich herauszustellen - als verachteter Elfling unter Orks! Wenn er tatsächlich eines Tages das Erbe seines Vaters antreten wollte, musste er sich der Gefolgschaft all jener sicher sein können, die bisher Remirg Elfenstirnspalter die Treue geschworen hatten. Und bei den Angehörigen von Igarbs Sippe war das keineswegs selbstverständlich. Ravic war es sehr wohl bewusst, dass man unter ihnen sehr viel lieber gesehen hätte, wenn sein Halbbruder Valo die Nachfolge anträte. Schließlich war er der Sohn von Remirgs Ork-Frau - und damit einer von ihnen.

Neben Ravic stand Enraib der Steuermann. Er stützte sich auf einen Speer. Enraib war gut fünf Jahre älter als Ravic und ebenfalls der Sohn einer Sklavin. Das hatte sie beide verbunden und ihre Freundschaft begründet. Wann immer Ravic in Schwierigkeiten gewesen war, auf den Beistand von Enraib hatte er sich verlassen können. Für Ravic war Enraib wie ein älterer Bruder gewesen. Und wenn man es genau nahm, dann fühlte Ravic sich sehr viel mehr mit Enraib dem Steuermann verbunden, als er dies von Valo hatte behaupten können. Es schien eben doch nichts so entscheidend zu sein, ob tatsächlich dasselbe Blut in den Adern floss. Wichtiger war, ob man dasselbe Schicksal teilte.

"Sieh dir diese elfischen Schweinehunde da drüben am anderen Ufer an", stieß Enraib voller Verachtung hervor. Er spuckte aus. "Feiglinge sind das. Die werden sich nicht herüber trauen."

"Das werden König Giwduls Krieger sein", glaubte Ravic. "Die haben uns doch beobachtet, seit wir diesen verfluchten Fluss hinaufgefahren sind und nichts gegen uns unternommen."

"Die haben seelenruhig zugesehen, wie wir die Stadt geplündert und Elfen geschlachtet haben, Ravic."

"Wahrscheinlich denken sie, dass wir ihre unfreiwilligen Verbündeten sind."

"Diesen ehrlosen Hunden ist es gleichgültig, wer ihre Feinde für sie erschlägt, Ravic!"

"Hast du schonmal einen Elf mit einem so großen Laufdrachentier gesehen, wie es der Kerl da drüben besitzt?", fragte Ravic etwas unvermittelt und deutete zur anderen Seite des Flusses.

"Du hast Recht, das ist wirklich ein ziemlich großes Drachentier", gestand Enraib zu. "Wenn er jetzt acht Beine anstatt vier hätte, könnte man denken, Nidos Laufdrachentier Achtling vor sich zu haben."

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ALS RAVIC UND ENRAIB auf ihrem Posten abgelöst wurden, hatte sich das Wetter etwas beruhigt. Dafür wurde es klirrend kalt. Ravic war nicht empfindlich, aber da seine Kleidung ohnehin inzwischen durchnässt war, fröstelte es ihn. Elfenabkömmlinge waren zwar in der Regel kälteunempfindlich. Aber erstens schien dieser Teil seines Elfenerbes bei ihm nicht sehr ausgeprägt zu sein und zweitens hatte ihn auch nie jemand ausreichend in Elfenmagie unterrichtet, als dass er dafür genug wirksame Zaubersprüche und Formeln hätte parat gehabt. Seine Mutter hatte ihm ein paar beigebracht. Aber eine Schule der Elfenschamanen hatte Ravic ja nie besucht.

Die Reiter um den Elf mit dem großen Laufdrachentier waren unterdessen wieder abgezogen.

"Glaub mir, von denen haben wir nichts zu befürchten", kam Enraib noch einmal auf das Thema zurück, als sie auf das dem Fluss zugewandte Tor von Xalanor zugingen. Es war mit einer Reihe von Posten besetzt. Schließlich musste verhindert werden, dass ihre geflohenen Bewohner womöglich unbemerkt zurückkehrten, um dann eine Rückeroberung vorzubereiten. Die Wächter grüßten Enraib und Ravic kurz.

Als sie in die Tempelstätte zurückkehrten, war dort gerade ein handfester Streit im Gang. Denumorh der Raue hatte Neruq Scharfauge auf den Boden geworfen. Und das wollte Neruq sich natürlich nicht bieten lassen. "Du glotzt mich nie wieder auf diese unverschämte Weise an!", knurrte Denumorh. "Oder ich reiße dir deine Augen einzeln aus dem Schädel heraus!"

Neruq war sofort auf den Beinen. "Mein Bogen!", rief er. Und einer seiner Freunde aus Igarbs Sippe warf ihm daraufhin Köcher und Bogen zu. Neruq fing beides behände und sicher auf.

Denumorh wollte sich mit seinem massigen Körper auf Neruq stürzen. Der Berserker-Ork griff nach einem kleinen Wurfbeil, das er im Gürtel stecken hatte und schleuderte es durch die Luft. Neruq konnte ihm nur knapp ausweichen. Das Beil flog dicht an seinem Kopf vorbei und kam klirrend gegen die Tempelstättenwand. Es traf ein Relief. Krachend fiel das Beil zu Boden.

Denumorh stieß einen wütenden Schrei aus.

Neruq legte unterdessen einen Pfeil ein. "In deinem Bärenfell siehst du aus wie ein Tier, Denumorh! Und wie ein Tier werde ich dich jetzt abschießen!"

"Schluss jetzt!", schritt nun Kirie ein. Er wandte sich an Remirg. "Das sind deine Leute! Bring sie zur Vernunft, oder ich schlage ihnen eigenhändig mit meiner Axt die Köpfe ein!"

Remirg knurrte. Den ganzen Tag schon hatte er sich mit Kirie darum gestritten, wie es jetzt weitergehen sollte. Die Vorstellungen darüber gingen einfach zu weit auseinander und eine schnelle Einigung war nicht in Sicht. Und jetzt wagte es Kirie auch noch, Remirg vor den anderen Orks dermaßen zurechtzuweisen. Der Zorn war Remirg deutlich anzusehen. Es war ein Zorn, der sich eigentlich gegen Kirie richtete. Aber zu spüren bekommen würde ihn jetzt ein anderer.

"Den Bogen herunter oder Rohts Blitze sollen dich treffen und zu Asche verbrennen!", dröhnte Remirg und hatte dabei die Hand am Schwertgriff.

Aber Neruq schien nicht gewillt zu sein, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Die Sehne des Bogens war gespannt und auf die Distanz von wenigen Schritten, die zwischen Neruq und Denumorh lag, war es fast unmöglich, danebenzuschießen. "Ich werde dir genau ins Auge schießen."

"Ach wirklich?", gab Denumorh der Raue scheinbar unbeeindruckt zurück. "Ich werde dich trotzdem noch mit bloßen Händen umbringen. Notfalls kämpfe ich sogar ohne Kopf weiter, denn ich kenne keine Furcht und keinen Schmerz. Hast du das vergessen, Neruq?"

"Unser Gott Nido erlangte Weisheit, nachdem er sein Auge verlor. Mal sehen, ob das bei dir auch so ist, Denumorh, den man als Denumorh der Raue kennt, der aber auch als Denumorh der Schwachsinnige bekannt sein dürfte..."

Remirg riss nun sein Schwert heraus. Die Klinge sauste durch die Luft, hakte sich in den Bogen und riss ihn Neruq aus den Händen. Der Pfeil flog zusammen mit dem Bogen in die Luft und prallte gegen die Tempelstättendecke. In diesem Augenblick wollte sich Denumorh brüllend und erfüllt von einer Wut, wie sie nur einem Berserker eigen war, auf Neruq stürzen. Aber dazu kam er nicht mehr. Remirg schlug ihm mit der flachen Seite seiner Klinge vor den Kopf. Denumorh stand einen Moment lang benommen da. Dann sackte der große Ork mit dem Bärenfell in sich zusammen.

"Er wird eine Weile schlafen", sagte Remirg. Er steckte sein Schwert weg. "Bettet ihn auf sein Bärenfell und sorgt dafür, dass keine Waffe in der Nähe liegt, wenn er erwacht. Wir wissen ja nicht, ob sein verfluchter Berserker-Zorn dann schon verraucht ist."

"Worum ging es bei diesem Streit?", fragte Ravic.

Remirg deutete auf Neruq. "Vielleicht kann dir dieser Narr davon etwas sagen." Remirg machte eine verächtliche, wegwerfende Geste. Zornesröte stand ihm im Gesicht. "Reicht es nicht, dass die Elfen versuchen werden, uns zu erschlagen? Müssen wir solche Narren sein, und ihnen auch noch die Arbeit abnehmen?"

Remirgs Stimme hallte in der Tempelstätte wider und es war einige Augenblicke vollkommen still.

"Er hat mich beleidigt!", sagte Neruq. "Einen Urintrinker hat er mich genannt, der zu schwach ist, den Trunk der Berserker zu sich zu nehmen."

"Na und? Hatte er damit denn nicht recht?", fragte Dhalmi der Graue, woraufhin ein allgemeines Gelächter losbrach. "Sieh es als Kompliment!", setzte Dhalmi schließlich noch hinzu, nachdem sich das Gelächter etwas gelegt hatte. "Eines Tages wird Denumorh durch seinen Fliegenpilztrank umkommen, aber jeder, der klug genug war, nur das Wasser dieses Wahnsinnigen zu trinken, wird dann über ihn lachen und sich einen klugen Ork nennen können."

Der irre Mroo lachte als erster, nachdem Dhalmi geendet hatte.

Die Stimmung schien sich etwas zu entspannen. Vier Orks aus Igarbs Sippe waren nötig, um Denumorh den Rauen fortzutragen. Sie betteten ihn auf sein Bärenfell, so wie Remirg es verlangt hatte.

"Nicht jeder hätte es gewagt, einen Ork wie Denumorh so zurechtzuweisen", sagte Kirie an Remirg gewandt.

"Ich kenne keine Furcht", sagte Remirg. "Allerdings brauche ich dazu nicht erst irgendwelche Pilze zu essen! Es ist eine  Eigenschaft, die mir die Götter gegeben haben." Er wurde jetzt auf Ravic aufmerksam und schlug ihm auf die Schulter. "Hast du gesehen? So regelt man das!"

Ravic nickte. "Allerdings hätte ich ihn nicht so leicht davonkommen lassen..."

"...und ihm den Schädel gespalten?"

Ravic lächelte. Die Reißzähne, die er dabei entblößte, waren kleiner, als sonst bei Orks üblich. Das war Teil seines Elfen-Erbes. "Wahrscheinlich wäre das nicht sehr klug gewesen."

"Es wäre vielleicht klüger gewesen, Denumorh zu töten, als ihn so zu demütigen", mischte sich Valo ein. Er hatte die ganze Zeit in der Nähe gestanden und kein Wort gesagt. Seinen Zügen war nichts anzumerken gewesen. Fast nichts. Denn wer ihn gut kannte, der konnte sehen, was er wirklich dachte. Auf Ravic traf das ebenso zu wie auf Remirg, aber letzterer hatte zuviel getrunken, um das in diesem Augenblick klar erkennen zu können.

Remirg Elfenstirnspalter machte eine wegwerfende Handbewegung. "Was wollt ihr denn? Denumorh wird wieder aufwachen und wir haben keinen Krieger verloren."

"Einen Krieger zudem, der fünfzehn andere aufwiegt, wenn er sich in Rage gekämpft hat", gab Kirie zu bedenken. "Ich hätte ihn gerne bei meinen Leuten. Zumindest dann, wenn ich in den Kampf ziehe. Wenn das gerade nicht der Fall ist, ist seine Gesellschaft vielleicht manchmal etwas... anstrengend!"

Einige der anderen Orks in der Nähe lachten dröhnend. Ein Lachen, das bei einigen Orks aus Igarbs Sippe nicht gut ankam. Sie hatten im tumultartigen Stimmengewirr nicht richtig mitbekommen, was gesprochen worden war - und so deuteten sie das Gelächter nun offenbar als Verhöhnung des großen Kriegers im Bärenfell. Die Blicke waren jedenfalls eindeutig.

"Du musst damit rechnen, dass er sich rächen wird", glaubte Kirie.

"Ach was. Er hat mir Gefolgschaft geschworen. So wie seine ganze Sippe. Und ich habe ein Weib aus ihren Reihen zur Ehefrau genommen." Remirg schüttelte energisch den Kopf. Er hatte sich inzwischen ein Trinkhorn reichen lassen und einen tiefen Schluck genommen.

"Kirie hat Recht", mischte sich jetzt Valo ein. "Und vielleicht hast du dir nicht nur Denumorh zum Feind gemacht, sondern auch noch noch andere aus Igarbs Sippe."

"Was hätte ich tun sollen?", fragte Remirg jetzt ziemlich ernüchtert. Er sprach nun sehr viel leiser als sonst. Igarb Igarbson stand mit einigen Orks aus seiner Sippe um Denumorhs Lager herum. "Zusehen, wie Neruq und Denumorh sich gegenseitig erschlagen?"

"Sie kommen aus derselben Sippe", meinte Kirie.

"Um so schlimmer! Ein Frevel gegen die Götter!"

"Es wäre Igarbs Aufgabe gewesen einzugreifen, nicht deine."

"Ja, aber dieser Feigling hält sich lieber zurück."

Kirie zuckte mit den breiten Schultern. "Wenn ihr wirklich in nächster Zeit flussaufwärts fahrt, wird das sicher eine lustige Angelegenheit! An deiner Stelle würde ich dafür sorgen, dass Neruq und Denumorh ihre Füße nicht zur selben Zeit auf die Planken desselben Schiffs setzen."

"Ich werde deinen Rat bedenken, Kirie", versprach Remirg.

Remirg wandte sich ab und wollte sich wieder zu seinem Platz begeben. Man hatte inzwischen Decken, Felle und Einrichtungsgegenstände aus den geplünderten Häusern in die Tempelstätte geschafft, die jetzt mehr Ähnlichkeit mit einer besonders herrschaftlichen Halle eines Langhauses hatte, wie man es in den Ländern des Nordens baute.

Die Aufmerksamkeit im Raum wandte sich inzwischen anderen Dingen zu. Hinter dem Altar ließ sich ein  Ork-Krieger namens Tarasmus dabei anfeuern, wie er eine der Menschenfrauen aus dem Webhaus bestieg. Es war die dritte der Frauen, die er nahm und er hatte angekündigt, sie alle der Reihe nach an einem Tag zu schaffen, was schon aufgrund seines reichlichen Genusses von Wein stark zu bezweifeln war. So standen die Wetten auch eher gegen ihn, was Tarasmus eher noch mehr anspornte. Einiges an dem erbeuteten Silber würde an diesem Tag sicher den Besitzer wechseln.

Remirg war den Göttern für diese Abwechslung dankbar. Es brachte die Orks auf andere Gedanken.

"Vater", hörte er die Stimme seines Sohnes Valo, der ihm zu seinem Lager gefolgt war. Die Lagerplätze, an denen Ravic und Enraib der Steuermann ihre Sachen hatten, befanden sich ganz in der Nähe und so folgten auch sie dorthin.

"Vater", sagte Valo noch einmal, denn Remirg Elfenstirnspalter hatte seinen Sohn bisher nicht weiter beachtet. 

"Was ist?", fragte Remirg etwas unwirsch.

"Du musst etwas unternehmen."

"Gut, dass ich deine Ratschläge habe. Ich wüsste sonst gar nicht, was ich tun sollte", lachte Remirg.

Valo unterdrückte den Zorn, der in ihm wegen dieser offenkundigen Geringschätzung aufzusteigen drohte. Eines Tages würde er beweisen, was für ein Anführer in ihm steckte. Ein besserer, als Remirg Elfenstirnspalter es selbst in seinen besten Zeiten je gewesen war. Allerdings war es bedauerlich, dass Remirg das wohl nie erleben würde...

"Du musst etwas wegen Denumorh tun, Vater."

"Der schläft gut. Und danach hat er seinen Pilzsud hoffentlich ausgeschwitzt."

"Damit ist es nicht getan. Die Langeweile hier ist der Grund des Übels."

Remirg lachte auf. Er deutete zu der johlenden Menge, die sich um Tarasmus und die Menschenfrau aus dem Webhaus gebildet hatte. "Gibt es hier nicht genug Unterhaltung? Mag ja sein, dass sein Kopf durch den übermäßigen Genuss des Fliegenpilz-Trunks etwas gelitten hat, aber dass dieses Zeug auch seine Männlichkeit schrumpfen lässt, wäre mir neu."

"Dann gib seiner Männlichkeit etwas zu tun", schlug Valo vor.

Remirg zog die Stirn in Falten. "Du sprichst in Rätseln, Sohn!"

"Gib ihm ein Spielzeug, das ihn etwas beschäftigt." Valo streckte die Hand aus und deutete auf die junge Elfin aus Nivandrum. "Soll er die da als Sklavin bekommen. Ich nehme an, dass du sie flussaufwärts mitnehmen willst, weil sie sich auskennt."

Remirg wirkte überrascht. Sein Gesicht entspannte sich. Ein breites Grinsen machte sich schließlich breit. Er strich sich über den Bart und murmelte schließlich: "Ist vielleicht gar kein so schlechter Gedanke, was du da gerade gesagt hast."

"Wir brauchen Denumorh", sagte Valo. "Aber bei den Raben der Weisheit, die auf Nidos Schultern sitzen - es sollen sich unsere Feinde vor diesem Ungeheuer fürchten und nicht wir."

"Wahr gesprochen, Sohn. Wir machen es so, wie du gesagt hast." Er winkte zwei Orks herbei. "Denumorh soll die Elfin bekommen. Zusätzlich zu seinem Anteil. Es wird niemand bezweifeln wollen, dass er das verdient hat, denn es kämpft kein Zweiter so wie er!"

"Neruq wirst du auch etwa geben müssen", gab Valo zu bedenken. "Sonst wird er sich beleidigt fühlen."

Remirg nickte. "Gib ihm ein paar Silberstücke von meinem Anteil und sag ihm, dass er für jeden Elfen in Nivandrum, in dem ein Pfeil aus seinem Köcher steckt, einen Extra-Anteil von der Beute bekommt, die wir dort erwarten."

"Das wird ihn freuen", meinte Valo. Wie hat er nur so lange als Anführer überleben können, wenn er nicht selbst an solche Dinge denkt?, ging es dem jungen Ork dabei durch den Kopf. Was wäre ich für ein Anführer - aber mein Vater ist zu dumm, das zu erkennen und will stattdessen einen jähzornigen Narren zu seinem Nachfolger machen... Dieser Gedanke durchzuckte ihn und ließ jene kalte Wut in ihm aufsteigen, die ihn mitunter beherrschte. Eine Wut, die er jedoch zu verbergen gelernt hatte. Auch das unterscheidet mich von Ravic, dachte er. Ich renne jedenfalls niemandem ins offene Messer, so wie du es früher oder später eines Tages tun wirst, mein Bruder.

Valo bemerkte, dass Ravics Blick auf ihn gerichtet war. "Was ist los? Gibt es irgendetwas dagegen einzuwenden, die Elfin Denumorh zu geben?"

"Nein", sagte er.

"Ich dachte schon..."

"Was dachtest du?"

"Ich dachte, dass du mich am liebsten erwürgen würdest..."

"Als wir klein waren, habe ich dich schonmal verprügelt", zischte Ravic zwischen den Zähnen hindurch.

"Wenn damals Dhalmi Orkfresse nicht dazwischen gegangen wäre, hättest du mich umgebracht."

Ravics Mund blieb ein gerader Strich, während er sprach. "Dein Glück, Valo."

"Nein, dein Glück, denn das hätte dir nicht einmal unser Vater verziehen, der ja sonst immer äußerst nachsichtig ist, was deine Schwächen angeht."

Ravic hörte seinem Bruder gar nicht mehr zu. Sein Blick war auf die junge Elfin aus Nivandrum gerichtet. Sie sah mit großen, angstgeweiteten Augen zu ihm hinüber. Ihre Hände waren gefesselt und mit der vorderen Tempelstättenbank vertäut wie bei den anderen Gefangenen. Sie hat keine Ahnung, was ihr bevorsteht, dachte Ravic. Ihre Erscheinung erinnerte ihn immer mehr an seine Mutter. Aber das Schicksal, das dieser Schamanen-Novizin bevorstand, war um ein Vielfaches schlimmer. Schließlich war die Elfin jetzt die Sklavin eines Orks geworden, der stolz darauf war, dass alle ihn als wildes Tier ansahen und der sich ein Bärenfell umhängte, damit auch wirklich jeder diesen Charakterzug erkannte.

*

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AM ABEND GAB ES EINEN lauten Streit zwischen Remirg Elfenstirnspalter und Kirie Störenfried. Die beiden Krieger schrien sich an und belegten sich gegenseitig mit den schlimmsten Schimpfwörtern und Flüchen. Für andere wäre das vielleicht ein Grund gewesen, um sich gegenseitig mit der Axt den Schädel einzuschlagen. Aber Kirie und Remirg kannten sich schon so lange und waren schon so oft gemeinsam auf Fahrt gegangen, dass ihre Verbindung auch einen handfesten Streit aushielt. Und davon abgesehen war jedem von ihnen bewusst, dass er auf den anderen angewiesen war.

Am Schluss einigten sich die beiden und tranken darauf. Dafür wurden die letzten Met-Vorräte angebrochen, die die Orks noch auf ihren Schiffen mitführten. Viel war davon nach der langen Fahrt, die sie hinter sich hatten, nicht übrig geblieben. Aber beiden schmeckte das Gebräu aus der Heimat bei weitem besser, als der süßliche Wein, der ihnen in den Schamanenklostermauern  in die Hände gefallen war.

"So werden wir es also machen", sagte Remirg. "Wir brechen mit unseren Schiffen so bald es das Wetter zulässt flussaufwärts auf und du bleibst mit deinen Schiffen hier."

"Ich wünsche dir viel Glück, Remirg. Du weißt, dass ich deine Tollkühnheit immer respektiert habe."

"Unsere Großbarken lassen wir zunächst hier und ich kann mich darauf verlassen, dass sie bei dir in guten Händen sind!"

"Ehrensache!", versprach Kirie.

"Bei den Göttern!"

"Bei Nido und Roht!"

"Und bei der Totengöttin mit dem unaussprechlichen Namen, in deren finsteres Totenreich du eingehen sollst, wenn du dein Wort nicht hältst!"

"Hast du das in all den Jahren jemals erlebt, Remirg?"

"Nein."

Sie stießen ihre Trinkhörner gegeneinander. "Lass uns bei Dröjn schwören! Er soll deine und meine Unternehmungen in diesem Flussland segnen!"

"So soll es sein!", stimmte Kirie zu, "obwohl es schon etwas eigenartig ist, dass ausgerechnet der Gott des Meeres uns in der Tiefe des Binnenlandes beistehen soll."

"Ich würde sogar die Hilfe des Elfengottes annehmen, wenn ich etwas mehr über ihn wüsste und mir sicher wäre, dass er auch auf unserer Seite steht."

"Ah ja..."

"Oder der unterirdische Zwergengott!"

"Da wäre ich vorsichtig."

"Ach, ja? Wieso?"

"Weil der Gott der Zwerge unsichtbar ist - genau wie ein paar fiese Zwerge, über die man sich an den Feuern erzählt. Und Unsichtbaren traue ich nun mal nicht."

"Wie auch immer", sagte Remirg. "Ich habe vor, Nivandrum zu plündern..."

"...und falls dir das gelingt und nicht etwa ein paar furchteinflößende Novizinnen dafür sorgen, dass deine Krieger Reißaus nehmen, schicke ich dir die Großbarken hinterher, damit ihr eure Beute auch verschiffen könnt!", fasste Kirie einen wichtigen Punkt ihrer Einigung nochmal zusammen. "Schließlich wirst du ja sicher Transportschiffe brauchen..."

"Ich werde dich wissen lassen, wenn es soweit ist und dir einen Boten schicken", versprach Remirg. "Und wer weiß, vielleicht bereust du später, dass du nicht auch mitgezogen bist!"

"Das glaube ich nicht", meinte Kirie. Er machte eine weit ausholende Handbewegung, bei der er die Hälfte dessen, was ihm Trinkhorn war, verschüttete. "Du siehst, was für ein angenehmer Ort diese Stadt geworden ist, seit wir sie in unserer Hand haben. Die Frauen aus dem Webhaus sind ansehnlich und ausdauernd - und nach und nach werden wir für einige der Gefangenen ein hohes Lösegeld in Silber erwarten können. Es ist das Klügste, die nächsten Monate hier zu bleiben." Er lachte laut auf. "Wie sollten wir sonst denn ernten, was schon gesät ist?"

Remirg machte eine wegwerfende Handbewegung. "Über diesen Punkt haben wir uns lange genug unterhalten. Und ich fürchte du wirst mir dazu auch nichts Neues sagen, wenn wir eine ganze Woche darüber geredet hätten!"

"Wohl wahr", gab Kirie zu. "Ich hoffe, die junge Elfin wird noch in der Lage sein, dir zu helfen."

Remirgs Gesicht umwölkte sich etwas, bevor er antwortete. "Wie kommst du jetzt darauf, dass das nicht der Fall sein könnte?",  fragte Remirg Elfenstirnspalter und die buschigen Augenbrauen hoben sich etwas.

"Nun, du weißt doch, wie Denumorh ist. Weder seine Feinde, noch seine Freunde oder Frauen haben bei dem etwas zu lachen. Und diese hier ist keine robuste Ork-Frau, sondern nur eine zarte Elfin! Und wie wir heute ja schon sehen konnten, hält er es nicht so genau damit, wem er den Schädel einschlägt."

"Wichtig ist, dass unsere Feinde ihn fürchten", sagte Remirg. "Ich tue es jedenfalls nicht, wie du heute ja wohl auch beobachten konntest."

"Ein Hordenfürst sollt nicht gegen seine eigenen Krieger kämpfen müssen", fand Kirie.

"Manchmal ist das unumgänglich", gab Remirg zurück.

*

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DER ORK TARASMUS WAR vor Erschöpfung zusammengebrochen, nachdem er gerade die fünfte der Webhaus-Frauen genommen hatte. "Bei Nido, das liegt nur an diesem verfluchten Wein!", grölte er noch, bevor er bewusstlos wurde und jetzt seinen Rausch ausschlief. Einige Orks hatten jetzt eine Menge Silber gewonnen, andere dieselbe Menge verloren.

Igarb gehörte zu den Gewinnern. Er zählte auf einer Tempelbank im vorderen Teil des Gebäudes penibel seine Silberstücke. Hier war er für sich. Niemand hatte hier ein Lager aufgeschlagen, weil es unangenehm zog, wenn die Tür aufging. Und das war schon allein immer dann der Fall, wenn die Wachen abgelöst werden mussten.

Valo Elfenstirnspalter suchte ihn auf. Die Orks aus Igarbs Sippe waren wichtig für ihn. Vor allem dann, wenn er seine Absicht in die Tat umsetzen und die Anführerschaft beanspruchen wollte. Notfalls sogar noch zu Lebzeiten seines Vaters - und gegen dessen Widerstand. Auf jeden Fall durfte es einfach nicht sein, dass ein von Jähzorn getriebener Ork wie Ravic auf den Schild gehoben wurde. Zumindest das musste Valo mit allen Mitteln verhindern.

"Was glotzt du mein Silber an?", fragte Igarb, der die Stücke auf der Tempelbank aufgereiht und in Gruppen zu zehnt auf das Holz gelegt hatte.

Als junger Ork war Igarb auf dem Schiff seines Onkels mitgefahren. Eine Reise hatte ihn über die Flüsse der östliche Länder und ein Meer, das man als das Dunkle Meer bezeichnete, bis in die Länder der Zwerge gebracht, wo er gelernt hatte, nach ihrer Art zu rechnen. Denn in der Kunst des Rechnens, so hieß es, übertraf niemand die gierigen Zwerge.

"Keine Sorge, ich werde dir nichts wegnehmen", lachte Valo.

"Da bin ich ja beruhigt", meinte Igarb. "Ich würde dich nämlich ungern erschlagen."

"Das würde dir kaum gelingen."

"Da solltest du dir nicht zu sicher sein!"

"Wie gesagt, dein Silber bedeutet mir nichts. Ich stehle gerne, aber niemals bei jemandem aus der eigenen Sippe!"

Igarb lachte. "Das freut mich zu hören."

"Außerdem könnte ich meiner Mutter nicht mehr unter die Augen treten, wenn ich jemanden aus ihrer Sippe bestehle!"

"In dem Fall möchte ich tatsächlich nicht in deiner Haut stecken", grinste Igarb. "Remirgs Weib hat ein zänkisches Temperament. Wir waren alle froh, als sie deinen Vater heiratete und nicht mehr bei uns wohnte."

Jetzt lachten beide Orks.

"Wenn sich das Wetter ändert, fahren wir flussaufwärts", sagte Valo schließlich. "Es wird viele Kämpfe geben. Dieses Nivandrum wird kaum so leicht zu nehmen sein, wie das Nest, in dem wir zurzeit lagern."

"Diese Einschätzung teile ich."

"Was hier in Xalanor geschehen ist, wird sich herumgesprochen haben. Unsere Gegner werden sich besser vorbereitet haben."

"Sofern sie dazu in der Lage sind", schränkte Igarb ein. "Schließlich führen die Elfen Krieg gegeneinander und konzentrieren ihre Kräfte anscheinend vor allem darauf, sich gegenseitig umzubringen."

"Eine Neigung, die wir Orks anscheinend mit ihnen teilen", meinte Valo. "Zumindest wenn man darüber nachdenkt, was heute geschehen ist."

Igarb zuckte mit den breiten Schultern. "Ich habe nie etwas davon gehalten, sich mit einem Fliegenpilz-Trunk den Verstand zu vernebeln. Wenn die natürliche Wut eines Orks nicht ausreicht, sollte er sich nicht in den Kampf begeben. Der Grund dafür, das Schwert zu ziehen, ist dann nämlich einfach nicht ausreichend." 

"Wem sagst du das", lachte Valo. "Aber ich glaube kaum, dass deine Worte besonderen Eindruck auf jemanden machen, der bereit war, das Wasser eines anderen Kriegers zu trinken, nur um etwas mehr Wut in sich zu fühlen."

"So etwas würde ich niemals über mich bringen", meinte Igarb. "Aber manche Orks tun eigenartige Dinge... So wie dein Vater."

"Er hatte keine andere Wahl, als Denumorh entgegen zu treten", sagte Valo.

"Das meine ich nicht."

"Was dann?"

Igarb schaute von seinen Silberstücken auf und sah sich erst um, so als wollte er sichergehen, dass ihnen niemand zuhörte. "Wir haben viele erfolgreiche Fahrten hinter uns, bei denen Dröjn viel Glück geschenkt und uns mit reicher Beute nach Hause geleitet hat. Manchmal haben wir das Glück und den Beistand der Götter geradezu herausgefordert."

"Ja, ich weiß", sagte Valo. "Leider war ich bei vielen dieser Fahrten noch nicht einmal geboren und habe nur die Erzählungen am Feuer gehört."

"Ich sage es ungern, aber er wird alt, Valo. Und er ist nicht mehr derselbe wie früher."

"Das ist der Lauf der Dinge. Auch an den Besten von uns nagt irgendwann der Zahn der Zeit."

"Von einem guten Anführer sollte man erwarten, dass er über die Zeit hinaussieht, Valo. Und das können nur wenige."

"Das mag sein."

"Dein Bruder hat diese Gabe nicht."

"So?"

"Erstens ist er ein verfluchter Elfling."

"Was meinen Vater in seiner Meinung über ihn leider nicht im geringsten zu beeinflussen scheint!"

"Und zweitens: Er vertraut auf das Glück, das die Götter schenken und dabei bin ich mir noch nicht einmal sicher, ob er überhaupt an sie glaubt und zu ihnen betet oder der Glaube seiner Elfen-Mutter ihn nicht insgeheim für immer verdorben hat." Igarb druckste etwas herum. Aber Valo ahnte, worauf der andere hinaus wollte. Valo hatte immer wieder darauf geachtet, sich die Freundschaft der Orks aus Igarbs Sippe zu bewahren. Seine Mutter hatte ihn dabei nach Kräften unterstützt. Es war einst Igarb gewesen, der ihn im Schwertkampf unterrichtet und gelehrt hatte, wie man einen Langkahn segelte. Er hatte ihm gezeigt, wie man die ungestüme, tödliche Kraft des Windes ausnutzen und sogar überlisten und entgegen seiner Blasrichtung kreuzen konnte, ohne dabei auf das Wohlwollen von Göttern oder Elementargeistern angewiesen zu sein. Und er hatte von Igarbs jüngerem Bruder Bronyest dem Schiffsbauer ein Jahr lang die Kunst erlernt, Schiffe zu bauen, die dem wildesten Ozean widerstanden und mit denen man in wenigen Wochen bis an die Küste des fernen Landes Alkabalus zu segeln, von dem man sagte, dass es eine abgefallene Provinz des fernen Kaisers von Aldaria war.

Dass man seine Söhne im Haus eines Freundes oder Verwandten ausbilden ließ, war im Orkland nichts Ungewöhnliches. Was Valo allerdings bis heute nicht verwinden konnte, war die Tatsache, dass sein Vater all das, was er gelernt hatte, anscheinend als wertlos ansah und stattdessen Ravic bevorzugte. Ravic, der den Hof seines Vaters nie verlassen hatte, es sei denn, er war mit ihm zusammen hinaus auf die See gefahren, was ihm schon als Jungen erlaubt worden war. Ravic, der nichts gelernt hatte, außer seinem Jähzorn im Kampf freien Lauf zu lassen und mit dem Schwert um sich zu schlagen und jede Vorsicht zu vergessen, was gewisse Orks als besonderen Mut ansahen.

Ravic...

Allein der Gedanke an seinen Elfling-Halbbruder ließ Groll in Valo aufkommen.

Eines Tages würde es zur Entscheidung zwischen ihnen kommen müssen.

Vielleicht zu einem offenen Kampf, aber das wollte Valo eher vermeiden. Valo war jedenfalls entschlossen, sich auf diesen Tag vorzubereiten und Verbündete zu sammeln, wenn es um die Frage ging, wer die Nachfolge von Remirg Elfenstirnspalter antreten sollte.

"Wenn dein Vater mal nicht mehr unter den Lebenden weilt, wird hier bei uns alles auseinanderfallen. Alles, was dein Vater und dein Großvater aufgebaut haben", sagte Igarb jetzt sehr ernst. "Die Krieger werden ihre eigenen Wege gehen. Ich glaube nicht, dass dein Bruder es schaffen wird, die Flotte zusammenzuhalten. Sippen werden davonziehen und ihr Glück woanders suchen. Vielleicht werden sich einige von ihnen Kirie anschließen. Aber auch der hat seine besten Tage hinter sich. Die Größe seiner Flotte täuscht. Er ist ein Riese auf tönernen Füßen."

"Das gilt für jeden Anführer", sagte Valo. "Sobald sich Dröjn von ihn abgewandt hat und es keine Beute und kein Glück im Kampf mehr gibt, ist die Gefolgschaft auf und davon. Daran werden keine Schwüre irgendetwas ändern, fürchte ich."

"Wahr gesprochen - und weise für einen Ork deines Alters."

Valo lächelte verhalten. Ein Lächeln, in dem auch ein leicht bitterer Zug lag. "Es freut mich zu hören, dass du so denkst, Igarb."

"Valo, ich werde dies nur einmal sagen und dafür zu den Göttern beten, dass es niemand hört und niemand vor der Zeit erfährt. Aber sollte die Stunde kommen, da du eines Tages die Anführerschaft an dich reißen willst, dann kannst du dich auf meine Unterstützung verlassen."

Valo war für einen Augenblick sprachlos - was selten bei ihm vorkam. Aber das, was Igarb ihm da gerade unterbreitet hatte, war mehr, als er bislang in seinen kühnsten Träumen erwartet hatte.

"Ich danke dir", sagte Valo, noch immer sichtlich unter dem Eindruck des Beistandsangebots, das Igarb ihm gemacht hatte.

"Du wirst mir dankbar sein müssen, wenn du erreicht hast, was dir vorschwebt", gab Igarb grinsend zurück. "Zum Beispiel könnte man sich darüber unterhalten, ob die Bogenschützen aus meiner Sippe nicht ein etwas höherer Anteil an der Beute zusteht, als es bisher üblich war."

"Wir werden zu gegebener Zeit über alles reden", versprach Valo.

"Dein Vater war in diesem Punkt leider nie besonders gesprächsbereit, obwohl auch er zugeben musste, dass eine handvoll geübter Bogenschützen manchmal wichtiger sein kann als eine Hundertschaft von Axtkriegern."

"Wie gesagt: Zu gegebener Zeit, Igarb!"

"Eine Bedingung gibt es für meine Unterstützung."

Valo sah auf. Ich dachte schon, er kommt damit gar nicht mehr heraus, ging es Valo durch den Kopf. Mal sehen, wie mutig du in Wahrheit bist, Igarb!

"Was für eine Bedingung?", fragte Valo.

"Wann immer du den Tag für günstig hältst, die Anführerschaft zu übernehmen, bin ich auf deiner Seite und wie du weißt, habe ich großen Einfluss auf die Orks meiner Sippe und auf andere."

"Das ist mir bewusst."

"Aber es gibt eine Einschränkung. So lange dein Vater lebt, werde ich niemand anderem die Treue halten als ihm."

Dachte ich es mir doch, ging es Valo durch den Kopf. Einen Aufstand gegen meinen Vater würdest du nicht wagen...

"Sei gewiss, dass ich den Zeitpunkt richtig wählen werde", sagte Valo.

Igarb nickte nachdenklich. "Dessen bin ich mir sicher", murmelte er, ehe er sich wieder voll und ganz darauf konzentrierte, seine Silberstücke zu zählen.

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Kapitel 5

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In der nächsten Nacht hatte Ravic sehr spät Wachdienst. Mitternacht war schon lange vorüber und über dem eroberten und geplünderten Ort hing eine unheilvolle Stille. Eine durchdringende Kälte herrschte jetzt, aber dafür hatte sich das Wetter insgesamt beruhigt. Der Himmel war sternenklar. Ein fahler Vollmond stand am Himmel und sorgte dafür, dass es relativ hell war.

Zusammen mit Enraib dem Steuermann war Ravic wieder bei den Anfurten, um die Schiffe zu bewachen. Von den Elfen war diesmal auf dem anderen Flussufer nichts zu sehen. Es schien ihnen ziemlich gleichgültig zu sein, was in Xalanor geschah. Ravic erfuhr von denen, die vor ihnen dort Wache gehalten hatten, dass offenbar schon die ganze Nacht kein Elf sich hatte blicken lassen.

"Ich weiß nicht, ob das wirklich ein gutes Zeichen ist", meinte Enraib. "Es könnte auch sein, dass sie jetzt irgendwo ein großes Heer zusammenziehen, auf das wir dann irgendwann stoßen werden, sobald wir weiter flussaufwärts vorstoßen."

"Dazu müsste dieses Heer erstmal über den Fluss", meinte Ravic. "Und das ist nicht so ganz einfach. Er scheint mir zurzeit eine ziemlich starke Strömung zu haben."

Als sie nach ihrer Wache in die Tempelstätte zurückkehrten, war es dort fast totenstill. Man hörte das Schnarchen einiger Orks. Das Feuer war heruntergebrannt. Es war kaum noch jemand wach. Selbst die Wächter an der Tempelstättentür, wofür zwei Krieger aus Kiries Flotte eingeteilt waren, schienen ihrer Müdigkeit zwischenzeitlich erlegen zu sein. Und selbst die gefangenen Elfenschamanen hatten ihre andauernden Gebete eingestellt.

Um so mehr fiel Ravic ein leises Wimmern auf.

"Was ist das?", wisperte er.

"Irgendeine der Gefangenen. Wahrscheinlich hat sie keine Aussicht, dass ein Lösegeld für sie aufgebracht wird."

"Nein, du irrst dich, Enraib..."

"Du Elfling! Deine Sinne sind so fein, dass sie Dinge hören, die es nicht gibt!"

"Ich weiß, was ich höre!"

Ravic hatte die Ursache der Laute ausgemacht. Mit schnellen Schritten ging er dabei durch die Tempelstätte. Dass sie deutlich zu hören waren und in dem Gewölbe widerhallten, kümmerte ihn dabei nicht.

"Ravic!", hörte er Enraib hinter sich. Aber Ravic beachtete ihn nicht weiter. Dort, wo Denumorh der Raue seinen Lagerplatz hatte, fand er die junge Elfin aus Nivandrum. Hände und Füße waren zusammengefesselt worden. Ihr Gewand und ihr Körper wirkten zerschunden. Sie hatte Wunden und Schwellungen im Gesicht, die sie so entstellten, dass sie kaum wiederzuerkennen war.

Ihr Wimmern erstarb, als sie Ravic bemerkte. Sie sah zu ihm auf. Das linke Auge war so geschwollen, dass man kaum etwas davon erkennen konnte.

Ravic fühlte kalten Grimm in sich aufsteigen. In seinem Inneren hörte er eine Stimme. Die Stimme seiner Mutter. Sie sprach elfisch und erzählte ihm, wie es ihr ergangen war. Wie sie aus ihrem Dorf an der Mündung des Oststroms geraubt worden war - zusammen mit den wenigen anderen Überlebenden des Überfalls. Sie hatte ihm davon erzählt, wie sie auf einem Markt weiterverkauft worden war, wie man sie geschlagen und gedemütigt hatte und wie sie schließlich auf dem Hof von Remirg Elfenstirnspalter gelandet war, der sie zusammen mit ein paar Kühen und einem zur Schlachtung vorgesehenen, alten Laufdrachentier erworben hatte. "Du sollst das nie vergessen", hatte sie ihm gesagt. "Niemand sollte vergessen, woher man kommt. Und du solltest nicht vergessen, dass die eine Hälfte deiner Vorfahren Elfen waren, die an den Weg des Geistes geglaubt haben."

"Ich glaube nicht an den Weg des Geistes", hatte Ravic daraufhin geantwortet. "Und auch nicht an den Elfengott. Der Elfengott und die Kräfte des Geistes und der Magie waren zu schwach, um euch damals zu helfen. Wieso sollte das alles dann mir helfen, wenn ich bete?"

All diese Worte und Bilder aus der Vergangenheit stiegen in ihm jetzt auf. Sie wirkten wie Zunder auf das Feuer des frisch entfachten Jähzorns, das in ihm aufzulodern begonnen hatte.

Ravic ging zum Lager des irren Mroo, das sich ganz in der Nähe befand. Mroo schnarchte besonders laut und durchdringend. Es erinnerte an den Klang der Säge, mit denen man das Holz für die Schiffe bearbeitete. Mit dem Fuß stieß Ravic den Schlafenden an. Der irre Mroo schreckte hoch. Er griff sofort zu dem kurzstieligen Einhand-Beil, das neben ihm auf dem Boden lag. Und sein Gesicht war im ersten Augenblick zu einer Grimasse verzerrt, die sich erst etwas entspannte, als er Ravic erkannte.

"Was willst du?", fragte er.

"Wo ist Denumorh?"

"Er hat Wache - so wie wir alle von Zeit zu Zeit."

"Wo ist er genau?"

Der irre Mroo blinzelte. Er sprach verwaschen und undeutlich. Er schien eine Weile zu brauchen, bis er richtig wach war. Er ließ jedenfalls nun das Beil sinken. Seine Stirn legte sich in Falten. "Er ist beim großen Turm auf der Westseite der Stadt, gleich am Haupttor, durch das ein Großteil der Leute entkommen konnte, sodass wir wohl nicht allzuviele Lösegelder bekommen werden!"

Die Lösegelder würden ohnehin zum größten Teil Kirie und seine Orks einstreichen. Das war Bestandteil der Übereinkunft zwischen Remirg Elfenstirnspalter und Kirie Störenfried über das weitere Vorgehen - nur schien der irre Mroo davon nicht allzu viel mitbekommen zu haben.

Wortlos drehte Ravic sich um.

"Warum willst du das so genau wissen?", rief Mroo ihm hinterher. Er war so laut dabei, dass er damit rechnen musste, ein paar Orks dadurch zu wecken. Aber das schien ihm gleichgültig zu sein. "Hast du nicht gehört, ich rede mit dir!", schickte Mroo dem zornigen jungen Elfling hinterher, dessen bleiches Gesicht jetzt schlammfarben angelaufen war und dessen spitze Ohren sich nach hinten gelegt hatten wie bei manchen Raubtieren.

Aber Ravic gab ihm keine Antwort. Stieren Blickes und mit eiligen, weiten Schritten ging er zur Tempelstättentür zurück.

Vergeblich versuchte Enraib ihn aufzuhalten.

Ravic stieß die Tempelstättentür zur Seite und trat ins Freie. Er tat das so wüst und ungestüm, dass die Wächter aus ihrem Schlummer schreckten. Geräuschvoll klappte die Tür wieder zu.

Enraib folgte ihm unterdessen ins Freie und holte ihn nach wenigen Schritten bereits wieder ein.

Und der Steuermann kannte Ravic gut genug, um genau zu wissen, was den jungen Ork so hatte reagieren lassen.

"Ravic, sie ist eine Sklavin! Und bei Nido und allen Göttern, sie gehört nunmal Denumorh dem Rauen. Er kann mit ihr machen, was er will."

"Das weiß ich sehr wohl."

"Dann halte dich aus der Sache heraus, Ravic!"

"Das kann ich nicht!"

"Diese Elfin sieht deiner Mutter zufällig ähnlich, aber das ist auch schon alles!"

"Lass mich!" Ravic riss sich ungestüm los, als Enraib ihn festzuhalten versuchte.

"Ravic! Musst du erst ein Auge verlieren wie Nido, um weise zu werden?"

Ravic lief unbeirrt zum großen Turm am Westtor. Der Turm war wie die meisten anderen Gebäude des Ortes aus Holz, allerdings bei dem Überfall der Orks kaum in Mitleidenschaft gezogen worden. Die Brandpfeile waren nicht bis hierher gelangt und das Tor selbst war vollkommen intakt geblieben. Der Turm hatte nur eine Höhe von drei oder vier Mannlängen. Er war zwar bei weitem nicht so hoch wie der Tempelstättenturm, aber immerhin höher als die anderen Wachttürme entlang des Befestigungswalls.

Auf jeden Fall war dieser Turm ein wichtiger Aussichtsposten, um das umliegende flache Land zu überwachen. Und höher brauchte er dazu auch gar nicht zu sein, denn da es kaum Hügel, Sträucher oder gar Bäume gab, konnte man jeden potenzielle Angreifer bei Tag schon auf viele Meilen Entfernung sehen und selbst in einer normalen, mondhellen Nacht wäre es fast unmöglich gewesen, sich dem Befestigungswall von der Landseite her unbemerkt zu nähern, ohne den Bogenschützen auf den Wergängen dabei ein leichtes Ziel zu bieten.

Ravic stürmte die Holztreppe hinauf. Enraib folgte ihm. Aber der Steuermann ahnte, dass er Ravic kaum davon würde abhalten können, was er sich vorgenommen hatte.

Denumorhs hoch aufgerichtete Gestalt im Bärenfell hob sich wie der Schatten eines Tierwesens gegen das fahle Mondlicht ab. Mit einer schnellen Bewegung zog Ravic einen Dolch aus dem fellbesetzten Lederstiefel. Ehe der Berserker begriffen hatte, was mit ihm geschah, hatte Ravic ihm den Dolch an die Kehle gesetzt.

Mit der Schnelligkeit und Präzision, die den Elfling verriet.

"Rühr dich nicht, du pilzbesessenes Tier!", zischte er.

Denumorh knurrte etwas Unverständliches vor sich hin. Jeder Muskel, jede Sehne seines gewaltigen Körpers waren in diesem Moment angespannt. Er holte tief Luft, was einen rasselnden Laut ergab. Aber er blieb wie zur Salzsäule erstarrt stehen.

"Was willst du von mir, Sohn einer Elfensklavin? Einen aus deiner eigenen Sippe umbringen? Behandelt man so einen Kampfgefährten, dem du es zu verdanken hast, dass du reich werden wirst?"

Ravics überwiegend elfenhaft feingeschnittenes Gesicht verzog sich zu einer sehr orkhaft wirkenden Grimasse.

"Greif mich an, wenn du willst, dann töte ich dich jetzt und hier. Und wenn du mich tötest, wirst du nie wieder auf einem Schiff mitfahren. Weder bei meinem Vater noch bei Kirie oder irgendwo, wo sie bekannt sind."

"Dasselbe würde aber mit dir auch passieren, wenn du jetzt zustichst", stellte Denumorh fest. "Nichtmal dein Vater oder dein Bruder könnten dich dann vor der Verbannung bewahren."

"Das ist mir vollkommen gleichgültig, Denumorh, der so mutig war, es mit einer unbewaffneten, gefesselten, schwachen Elfin aufzunehmen!"

"Ich habe keine Ahnung, was du willst. Sie gehört mir. Dein Vater hat sie mir gegeben."

"Ich habe gesehen, was du mit ihr getan hast."

"Ich tue es wieder, wenn es mit gefällt. Denn ich kann mit ihr tun, was ich will."

"Ravic, lass es gut sein!", griff jetzt Enraib ein. "Die Elfin lohnt den ganzen Ärger nicht. Und es ist besser den Kopf ins kalte Flusswasser zu tauchen, als in das pilzverseuchte Blut von diesem Orkbär, wenn du deinen Zorn loswerden willst!"

"Ich will meinen Zorn gar nicht loswerden", sagte Ravic und in seinen Augen glitzerte ein kaltes Feuer. "Hör gut zu, Denumorh, der stolz darauf ist, ein Tier zu sein - obwohl ich nicht weiß, ob das viel Sinn hat, denn Tiere verstehen ja bekanntlich unsere Sprache nicht!"

"Ich dachte, Elflinge verstehen die Sprache der Tiere. Vielleicht liegt der Fehler also bei dir, Ravic Sklavensohn!"

"Du widerst mich an!"

"Wenn du zornig wirst, bekommst du eine gesunde Gesichtsfarbe, Ravic!"

"Ich warne dich, Pilzpissetrinker!"

"Was willst du? Mir vorschreiben, was ich mit meiner Sklavin tun darf?"

"Du kannst mit ihr tun, was du willst. Sie ist dein Eigentum..."

"Schön, dass dein Verstand langsam zurückkehrt, Sohn von Remirg Elfenstirnspalter!"

"...aber eins sollst wissen: Wenn du die Elfin tötest, töte ich dich."

*

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RAVIC ZOG DEN DOLCH zurück. Denumorhs Gesicht verzerrte sich zu einer Grimasse. Inzwischen standen die anderen Orks, die auf dem Turm zur Wache eingeteilt waren, um die beiden herum. Und ein paar waren sogar von einem benachbarten Wehrgang hinter den Palisaden heraufgeeilt, um zu sehen, was sich hier abspielte. Der Wortwechsel zwischen Ravic und Denumorh war schließlich laut genug gewesen, um weithin hörbar zu sein.

Ravic trat einen Schritt zurück.

Alle Augen waren jetzt auf Denumorh gerichtet.

Niemand hatte es je gewagt, Denumorh so zurechtzuweisen und ihn auf diese Weise zu demütigen. Schon als Junge war er außergewöhnlich groß und kräftig gewesen und spätestens seit seinem siebzehnten Jahr hätte es keiner der Orks aus Remirgs oder Kiries Flotte mit ihm an Kraft und Wildheit aufnehmen können.

Denumorhs Blick fixierte Ravic auf eine Weise, die andere erschreckt hätte. Aber Ravic hielt diesem Blick stand. Quälend lange Augenblicke vergingen so. Augenblicke, in denen niemand es wagte, auch nur ein einziges Wort zu sagen - schon, um nicht den Jähzorn einer der beiden Kontrahenten auf sich zu lenken.

Dann drehte sich Denumorh schließlich um. Er blickte in die Weite der grasbewachsenen, von einer leichten Schicht aus Schnee überdeckten Auenlandschaft hinaus. Irgendetwas murmelte er vor sich hin, was niemand verstand. Vielleicht ein Fluch, vielleicht ein Gebet zu den Göttern. Niemand hätte Denumorh danach fragen wollen.

"Komm jetzt", sagte Enraib und legte Ravic die Hand auf die Schulter.

Er tat dies so energisch, wie es sich nur ein sehr guter Freund erlauben konnte.

Ravic fühlte den aufgestauten Jähzorn in sich. Da war der unbändige Wunsch, Denumorh sofort zu töten, ihm den Dolch doch noch bis zum Heft in den Leib zu rammen und in seinem Fleisch herumzudrehen. In seinem Inneren vermischte sich das alles mit den Erinnerungen an seine Mutter und dem erbarmungswürdigen Bild der jungen Elfin aus Nivandrum.

"Zähme deinen Zorn, Ravic", hörte er Enraib wie aus sehr weiter Ferne sagen und die Worte des Steuermanns hallten in seinem Kopf Dutzendfach wider.

Ravic spürte den Druck, der von Enraibs Hand auf seiner Schulter ausging und gab diesem Druck schließlich nach. Er drehte sich um und verließ den Turm.

Die Blicke der anderen folgten ihm. Blicke von Orks, die Ravic in diesem Moment für seinen Mut bewunderten, denn niemand von ihnen hatte bisher etwas Ähnliches gewagt.

Ohne Eile verließ Ravic den Turm, ging die Treppe hinab und zurück in Richtung der Tempelstätte.

"Das war nicht klug", sagte Enraib.

"Es war richtig", gab Ravic zurück und atmete tief durch. "Und jetzt fühle ich mich jedenfalls besser."

"Denumorh wird sich irgendwann dafür rächen."

"Soll er es versuchen. Soll er mir einen Vorwand geben, ihn zu töten. Ich nehme die Gelegenheit dazu gerne wahr!"

"Vielleicht wird Denumorh vorher an seinem Giftpilz ersticken - aber dich wird vielleicht eines Tages dein eigener Zorn umbringen, Ravic."

Ravic sah ihn an und sein Gesicht entspannte sich etwas. "Sagt man nicht, dass solche Orks in die Halle der wütenden Götterhelden kommen und ihnen das düstere Totenreich erspart bleibt?"

"Vielleicht solltest du darauf hoffen, dass die Elfengottgläubigen recht haben."

"Ach, ja?"

"...und du nach deinem Tod geistige Erleuchtung und Vergebung deiner Sünden erlangst."

Ravic lachte. Aber das Lachen erstarb, denn ihm fiel ein, dass seine Mutter ihm einmal von den Dingen erzählt hatte, die bei den Elfengottgläubigen als sogenannte Todsünden galten. Und der Jähzorn zählte darunter zu den schlimmsten.

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Kapitel 6

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Es war ein kalter, klarer Morgen, als die Flotte des Remirg Elfenstirnspalter aufbrach. Zumindest der größte Teil der Orks begleitete ihn. Nur eine kleine Abordnung blieb zurück, um die bauchigen Großbarken zu bemannen und sie gegebenenfalls flussaufwärts folgen zu lassen.

Zwei Dutzend Schiffe mit insgesamt etwa 700 Orks machte sich auf die Reise flussaufwärts.

Remirg und seine Söhne befanden sich auf der DRÖJNS SEGEN, einem Schiff mit einem abnehmbaren Drachenkopf am Bug, an dem allerdings inzwischen etwas die Farbe abblätterte. Der viel zu lange Aufenthalt an der Küste der Insel-Elfen mit ihrem schlechten Wetter hatte dazu beigetragen, dass die Farbe früher ihren Glanz verlor als üblich. Manche sahen darin ein böses Omen und beteten vorsorglich zu Nido. Dhalmi Orkfresse hingegen hatte schon, als sie noch an der Küste der Insel-Elfen gewesen waren, die Vermutung geäußert, dass sie Savurug der Zwerg aus Nebelheim, von dem Remirg die Schiffsfarbe erworben hatte, betrogen und diesmal mit minderwertiger Ware versorgt hatte.

Denumorh der Raue befand sich auf einem anderen Schiff. Remirg hatte von dem Vorfall auf dem Turm erfahren, da die Geschichte sehr schnell unter den Orks verbreitet worden war.

Die Elfin aus Nivandrum allerdings war für diese Fahrt auf die DRÖJNS SEGEN gekommen. Schließlich war sie die einzige Gefangene, die die Reise flussaufwärts mitmachte - und das auch nur aus einem einzigen Grund! Man erhoffte sich von ihr wertvolle Informationen, sobald man sich Nivandrum näherte.

Remirg wollte sie zumindest während der Fahrt deswegen in seiner Nähe wissen. Denn er fand, dass ihm dieses Recht zustand. Schließlich hatte er Denumorh die Sklavin geschenkt.

Denumorh wiederum hatte dies zähneknirschend zur Kenntnis genommen. Dass die Elfin sein Besitz blieb, das zog ja niemand in Zweifel. Und dass es ihm als einzigem gestattet war, eine Gefangene mitzuführen, konnte er durchaus als ein Privileg auffassen, das ihm von Remirg zugestanden wurde, weil es keinen Ork unter seinen Kriegern gab, der mehr Feinde erschlagen hatte. 

Remirg hatte zunächst kein einziges Wort über den Vorfall in der Nacht verloren. Weder gegenüber Denumorh, noch gegenüber Ravic. Aber nun, da sie schon seit ein paar Stunden unterwegs waren, nahm er Ravic zur Seite. Die beiden standen dicht beieinander.

"Zweimal innerhalb von zwei Tagen hat ein Elfenstirnspalter Denumorh dem Berserker gezeigt, wo seine Grenzen sind", sagte er leise und lächelte dabei. "Wer hätte das je für möglich gehalten?"

"Er ist ein widerlicher Schweinehund!", sagte Ravic.

"Ja, ist er", bestätigte Remirg. "Aber vergiss nicht, mein Sohn: Er ist unser Schweinehund und wir sollten Nido dafür dankbar sein, dass er normalerweise auf unserer Seite kämpft."

Ravic deutete auf auf Neruq Scharfauge, der vorne am Drachenkopf der DRÖJNS SEGEN stand und das Ufer beobachtete. "Er wird mir zustimmen!"

"Natürlich. Und ich tue es auch."

"Es wäre Igarbs Aufgabe gewesen, ihn zurechtzuweisen."

"Selbst Igarb hat bis jetzt vor Denumorh gezittert. Und wenn man ehrlich ist, muss man sagen: Besonders mutig war Igarb auch früher schon nicht. Ich kann das beurteilen, so oft, wie ich mit ihm auf Fahrt gegangen bin." Remirg Elfenstirnspalter legte eine Hand auf die Schulter seines Sohnes. "Ich werde das nicht wiederholen, wenn Igarb, Denumorh oder irgendein anderer Ork aus der Sippe meiner Frau es hören kann, aber du sollst es wissen: Was du getan hast war nicht besonders weise, aber mutig. Und es hat mich stolz gemacht!"

Er sprach so leise, dass Neruq Scharfauge, der ja auch auch zu Igarbs Sippe gehörte, davon nichts mitbekam.

"Ich habe das nicht getan, um Ruhm zu erwerben oder meinen Vater stolz zu machen."

"Das weiß ich. Aber wer schon an den Ruhm denkt, noch bevor er überhaupt etwas getan hat, dem verweigern die Götter am Ende den Ruhm häufig."

"Darüber habe ich nie weiter nachgedacht."

"Ich jedenfalls bin stolz auf dich. Wer es schafft, jemanden wie Denumorh den Rauen zurechtzuweisen, muss ein geborener Anführer sein."

Ravic lächelte. Aber dieses Lächeln erstarb, als er den Blick sah, mit dem sein Bruder Valo ihn bedachte. Ein Blick, in dem sich Enttäuschung und Wut mit einer kalten Entschlusskraft und blankem Hass die Waage hielten.

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VON DEN UFERN HIELTEN sich die Schiffe der Orks zunächst überwiegend fern. Schließlich wollten sie den Elfen nicht ohne Not eine Zielscheibe bieten. Neruq Scharfauge wies wiederholt darauf hin, dass es zumindest am östlichen Ufer des Großen Stroms Kundschafter gab, die sie beobachteten. "Wenn du willst, töte ich ein paar von ihnen", sagte Neruq an Remirg gewandt. "Allerdings müsste Enraib dann dafür sorgen, dass wir etwas näher heranfahren."

"Sollen sie uns ruhig beobachten", gab Remirg zurück. "Ich  gehe jede Wette ein, dass sie einfach nur zusehen werden, wenn wir Nivandrum plündern. Genau, wie sie es schon in Xalanor getan haben. Ich wünschte nur, es wären auch am Westufer ab und zu ein paar Elfen zu sehen."

"Wieso das?", fragte Ravic.

"Der Schrecken ist unser Verbündeter, Ravic. Glaub mir, wir werden in Nivandrum leichtes Spiel haben, wenn man von unserer Ankunft weiß."

"Oder die Elfen schleppen bereits alle Schätze davon, die wir für uns haben wollen."

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RAVIC LIESS SICH AUCH zum Rudern einteilen. Als Sohn des Hordenfürsts, dem die Schiffe gehörten und der diese Flotte unterhielt und ausgerüstet hatte, wäre das nicht unbedingt nötig gewesen. Niemand hätte dies unbedingt von ihm erwartet. Aber die Orks sahen es als ein gutes Zeichen an, wenn ein Anführer oder der Sohn eines Anführers sich mit ihnen gemein machte.

Ravic tat es gut, seine Muskeln zu betätigen und sich ganz auf die koordinierten Rudermanöver zu konzentrieren. Er kannte das seit frühster Jugend. Ein großes Schiff zu rudern war nicht so leicht, wie es auf den Betrachter wirkte. Je nach ihrer Ruderposition im Schiff und den Befehlen des Steuermanns mussten sie reagieren, denn andernfalls war selbst das größte Schiff schneller ein Opfer der Strömung geworden und gekentert, als man sich versah. Gerade das Manövrieren an Flüssen, Mündungen und am Zusammenfluss ihrer Gewässer konnte sehr tückisch sein.

Ravic brachte das zunächst auf andere Gedanken. Genauer gesagt hinderte es ihn daran, irgendetwas anderes zu denken als an das Schiff und das Ruder. Nur der Anblick der Elfin aus Nivandrum erinnerte ihn manchmal an den Augenblick, in dem er dem rauen Denumorh seinen Dolch an den Hals gehalten hatte und all die Dinge, die für ihn damit gedanklich verbunden waren. Solange wir auf dem Fluss sind, ist sie sicher vor ihm, dachte er. Sie starrte ihn die ganze Zeit über an. Sie war nicht dumm und die Sprache der Elfen war der Sprache der Orks ganz sicher ähnlich genug, um das meiste verstehen zu können. Also musste sie aus den Gesprächen der Orks mitbekommen haben, was auf dem Turm geschehen war, denn alle hatten darüber geredet. Vor allem dann, wenn Denumorh nicht in der Nähe war und zuhörte, sodass man vielleicht den Groll des Berserkers auf sich zog, wenn man über den Augenblick seiner größten Schande sprach.

Und das war an Bord der DRÖJNS SEGEN ja seit ihrem Aufbruch von den Anfurten bei Xalanor der Fall gewesen. Und die Orks an Bord hatten mehr als einmal miteinander darüber gesprochen.

Nur Ravic hatte es vermieden, sich irgendwie noch einmal dazu zu äußern. Schließlich wollte er nicht noch Öl ins Feuer gießen. Denn eins war auch ihm klar: Im Moment ging es in allererster Linie darum, die fette Beute zu erjagen, von der sie alle geträumt hatten, seit man ihnen von reichen Schamanenklöstern und Handelsplätzen erzählt hatte, die es in diesem Land angeblich gab - Orte, die nur darauf warteten, dass jemand kam, um sich zu nehmen, was ihm gefiel.

Nur für einen kurzen Moment erwiderte Ravic den Blick der jungen Elfin und er bemerkte, dass sie braune Augen hatte. In  seiner Heimat gab es kaum jemanden, der solche Augen hatte. Aber Ravic erinnerte sich, dass dies auch die Augenfarbe seiner Mutter gewesen war. Ich werde nichts für dich tun können, ging es ihm dabei durch den Kopf. Du solltest dir keine Hoffnungen machen. Auf gar nichts - außer vielleicht auf die Glückseligkeit im Jenseits, die dir dein Glaube verspricht.

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IN DER NACHT LAGERTEN sie in einem verzweigten Seitenarm des Großen Stroms. Er zweigte am Westufer ab und schrieb eine schleifenförmige Spur, ehe er sich schließlich wieder mit dem Hauptstrom vereinigte. Das Gebiet zwischen dem Seitenarm und dem Hauptstrom bildete eine Insel ohne direkten Zugang zum Festland. Ein idealer Lagerplatz. Wer immer auch auf sie aufmerksam werden mochte, konnte sie nicht ohne Weiteres angreifen, sondern brauchte dazu erst einmal genug Boote oder Flöße, um auf die Flussinsel zu gelangen. Es gab dort flache Ufer, die wie geschaffen waren, um mit den Schiffen dort zu landen. Trotz der Kälte verzichtete man auf jedes Feuer.

"Wir wollen die Elfen ja nicht fahrlässig herbeirufen!", meinte Remirg Elfenstirnspalter dazu. "Dann könnten wir ihnen ja auch gleich eine förmliche Einladung übergeben, damit sie uns das letzte Met wegtrinken!"

"Wir sollten trotzdem ein paar Kundschafter in die Umgebung schicken", meinte Valo.

Aber Remirg war anderer Ansicht "Das wird nicht nötig sein. Wir lagern nur ein paar Stunde hier. Noch vor Sonnenaufgang werden wir weiter Flussaufwärts fahren."

In den wenigen Stunden, die die Orks auf der Flussinsel blieben, wurde kaum ein Wort gesprochen. Sie aßen Trockenfisch, den sie aus ihrer Heimat mitgebracht hatten und schliefen dann etwas. Die meisten von ihnen hatten schließlich den ganzen Tag gegen die Strömung des Flusses gerudert. Und die Hoffnung, dass der Wind so günstig stehen könnte, dass man mit Hilfe der Segel voran kommen konnte, war nicht besonders groß.

In der Nacht wachte Ravic kurz auf. Das Wimmern der Elfin hatte ihn geweckt. Ein Laut, der sich mit dem rasselnden Atem von Denumorh dem Rauen mischte. Das Wimmern erstarb bald. Der rasselnde Atem war noch etwas länger zu hören. Glaub ja nicht, ich würde meinen Schwur nicht wahr werden lassen, Denumorh!, dachte er und dabei fühlte er den unbändigen Zorn wieder in sich aufsteigen, der ihn in dem Augenblick beherrscht hatte, als er dem bärenfelltragenden Berserker den Dolch an die Kehle gesetzt hatte.

Schon bald war die Nacht wieder still und kalt. Das Schnarchen der Orks mischte sich mit den Geräusche einiger Wasserkreaturen und dem Plätschern der kleinen Wellen, die die Strömung des Flusses gegen das Ufer spülte.

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NOCH VOR SONNENAUFGANG setzen sie ihre Fahrt fort. Es war so feucht und kalt, dass Ravic im ersten Augenblick dachte, er sei bereits ins finstere Totenreich eingegangen, ohne es gemerkt zu haben. So stellte er sich das Reich der Totengöttin seit jeher vor und schon als er die Geschichten darüber als kleiner Ork-Junge am Lagerfeuer mitangehört hatte, war er zu der Erkenntnis gelangt, dass es um einiges erstrebenswerter war, stattdessen in der Schlacht zu sterben und von den  Geistergreifen zur Halle der Götterkrieger gebracht zu werden.

Schon bald waren sie wieder auf dem Wasser und ruderten gegen die Strömung an. Eiskalter Regen setzte ein. Die Schiffsbesatzungen war schließlich vollkommen durchnässt. Das Wasser in den Schiffen stand so hoch, dass geschöpft werden musste, um ein Kentern zu verhindern. Zeitweilig war der Regen so stark, dass man kaum das Ufer sehen konnte.

Als der Regen abebbte, schwebten Dunstwolken über dem Wasser und quollen hinauf zu den Auren im Uferbereich.

"Sehen wir das Gute in allem", sagte Remirg. "Es wird uns kaum jemand sehen können, sofern sich irgendwelche Kundschafter an den Ufern befinden sollten."

"Wir werden heute Nacht ein Feuer machen müssen", sagte Valo. "Sonst wird sich die Hälfte unserer Krieger den Tod holen!"

"Wenn wir eine geeignete Stelle suchen, die nicht so leicht einsehbar ist, können wir das wagen", glaubte der alte Dhalmi  Orkfresse.

"Und wenn sich ein Elf oder Mensch zeigt, wird er schon sehen, was er davon hat", mischte sich Neruq Scharfauge ein, der gerade die Sehne seines Langbogens nachgespannt hatte.

Im Verlauf des Tages kamen sie an ein paar erbarmungswürdig wirkende kleine Menschen-Siedlungen vorbei, die sich allesamt am Westufer befanden. Aber der Karte des  Händlers nach war keine davon mit einem Marktplatz vergleichbar, wie Nivandrum ihn haben musste - geschweige denn, dass es irgendein Anzeichen dafür gab, hier ein reiches Elfen-Schamanenkloster, eine Tempelstätte oder etwas anderes zu finden, was einer Plünderung wert gewesen wäre.

Man hörte erschreckte Schreie und Rufe.

Ravic konnte Bruchstücke davon verstehen. Sie fürchten sich vor den Drachenköpfen am Bug unserer Schiffe!, wurde ihm klar. Genau dazu waren diese hölzernen Drachenköpfe auch geschaffen. Sie sollten Furcht verbreiten. Aber so wie die Schiffe aus dem Nebel hervorkamen, hielt so mancher Dörfler sie für leibhaftige Fabelwesen. Ausgeburten der Hölle, die vielleicht mit bösen, krankmachenden Dämpfen vom Grund des Flusses aufgestiegen waren, um Tod und Verderben zu bringen.

Keine der Siedlungen, an denen sie vorbeikamen, lohnte den Aufwand einer Plünderung. Mehr als den Fischfang einer Nacht oder etwa Saatgut und ein paar Kühe und Schweine hätte man dort kaum erbeuten können. Selbst Xalanor hatte dagegen wie die Verkörperung puren Reichtums gewirkt, obwohl sowohl Kirie als auch Remirg eher enttäuscht von der Ausbeute gewesen waren. Aber das lag vielleicht auch an den übertriebenen Erzählungen, die sie allzu sehr für bare Münze genommen hatten und wodurch ihre Gier noch gesteigert worden war.

Denumorh der Raue fuhr auf einem Schiff mit, das Remirg Elfenstirnspalter unter den Befehl seines Gefolgsmannes Rumrost Sturmsohn gestellt hatte. Sturmsohn genau das war der breitschultrige Ork, denn Rumrost war ein Findelkind gewesen, das während eines Sturms aufgefunden worden war. Niemand wusste, wer das Kind war. Die Eltern blieben unbekannt. Der Ork-Junge war von Remirg Elfenstirnspalters Brudersohn Arne und dessen Frau aufgezogen worden und nach Arnes Tod in einer Schlacht gegen die Krieger der Menschen-Königreiche im Osten, war Rumrost zu einem von Remirgs wichtigsten Gefolgsmännern geworden.

Und da Rumrost Denumorh - der nicht schwimmen konnte - mal nach dem Kentern einer Seebarke das Leben gerettet hatte, war der Sohn des Sturmes derjenige, auf den der Berserker am ehesten hörte. Denumorh mochte im Kampf keinen Feind und keine Gefahr fürchten, aber er scheute das Wasser wie ein ängstliches Kind. Und daran änderte auch der reichliche Genuss seines Pilztranks oder Met nichts. Rumrost genoss bei ihm auf jeden Fall mehr Autorität als sein Sippenoberhaupt Igarb. Dass Rumrost während des Streits mit Neruq Scharfauge nicht eingegriffen hatte, war einfach dadurch begründet, dass Neruq sein Schwiegervater war und er es sich auf gar keinen Fall hätte erlauben können, sich in diesem Streit gegen ihn zu stellen.

Dafür hatte Remirg im übrigen Verständnis, auch wenn es ihn  dazu gezwungen hatte einzugreifen und selbst ein erfahrener Hordenfürst wie er nicht abzuschätzen vermochte, wie sich das in Zukunft auswirken würde.

Denumorh war Remirg jedenfalls aus dem Weg gegangen. Und davon abgesehen gab es Schlimmeres und Ehrverletzenderes, als von seinem Hordenfürst bewusstlos geschlagen worden zu sein.

Zum Beispiel das, was Ravic getan hatte.

Das war unverzeihlich.

Jetzt stand Denumorh hoch aufgerichtet da. Er lehnte gegen den Drachenkopf von Rumrost Sturmsohns Schiff. Die Füße befanden sich rechts und links auf der Reling. Die Pranken waren zum Himmel erhoben und spreizten das Bärenfell, das er um die Schultern trug. Dabei stieß er laute, dröhnende Schreie aus. Den Bewohnern der Ufersiedlung, an der sie vorbeikamen, musste Denumorh wie ein leibhaftiges Höllenwesen erscheinen. Ein tierhafter Dämon - halb Ork, halb haariger Bär, der als Geißel des Elfengottes geschickt worden war. Ein Wesen, vor dem man nur vor blankem Entsetzen erstarren oder sich in heilloser Flucht davonmachen konnte.

Ein Chor heller Schreie war vom Ufer zu hören, überwiegend von Frauen und Kindern.

"Du solltest ihm das nicht durchgehen lassen, Vater", fand Ravic.

"Was soll ich tun, Sohn?", gab Remirg Elfenstirnspalter schulterzuckend zurück. "Dagegen anschreien? Glaub mir, das könnte ich - so laut, dass selbst der raue Denumorh sich erschreckt! Und ich glaube nicht, dass du jetzt ernsthaft darüber nachdenkst, zu Rumrosts Schiff hinüberzuschwimmen, diesem Orkbären nochmal eine Dolchspitze an den Hals zu halten!"

"Die Kunde von seinem Geschrei wird sich verbreiten! Wir werden uns Nivandrum kaum noch unbemerkt nähern können! Und das könnte bedeuten, dass man uns erwartet! Und wir nicht in der Überzahl sein werden, so wie in Xalanor!"

"Hätte ich einen Fladen Kuhscheiße, würde ich ihn von hier aus geradewegs in Denumorh offenes Maul werfen, damit es gestopft wird!", meinte Remirg. "Und glaub mir, ich würde auch treffen!"

Die anderen lachten.

"Vielleicht nützt es uns sogar!", glaubte Valo. "Dass wir dieses Nivandrum in einem Überraschungsangriff nehmen könnten, kann ja ohnehin wohl niemand mehr glauben. Dazu hätten wir früher flussaufwärts aufbrechen müssen. Aber wenn die Kunde von einem schrecklichen Tiermenschen uns vorauseilt, trägt das vielleicht dazu bei, dass wir auf weniger Widerstand stoßen."

"Also soll er ruhig schreien, der Berserker", meinte Remirg. "Ich hoffe nur, dass er genug Luft übrig behält, um ein paar Elfen zu erschlagen, wenn es soweit ist."

"Vielleicht sollten wir diesem Schrecken sogar noch ein bisschen mehr Zeit geben, um sich verbreiten zu können", schlug Valo vor. "Dann haben wir es später leichter..."

Remirg runzelte die Stirn. "Was meinst du genau damit, Sohn?"

"Wir sollten die Flotte an einer günstigen Stelle anlanden. Dann sollten wir zunächst ein Boot vorausschicken, um die Lage auszukundschaften. Wenn es zurückkehrt, bekommen wir vielleicht wertvolle Hinweise, die uns gestatten, den Angriff besser zu planen."

"Warum sollen wir nicht einfach über die Mauern klettern und und den Ort erobern, so wie wir es auch in Xalanor getan haben?", fragte unterdessen Ravic. "Schnelligkeit und Kühnheit werden uns diesmal auch den Beistand der Götter bescheren. Du wirst sehen."

Valos Lächeln wirkte etwas säuerlich. "Den Verstand zu gebrauchen, sollte niemand als überflüssig ansehen, nur weil man glaubt, dass man sich des Beistandes der Götter sicher sein kann."

Remirg wirkte nachdenklich. "Vielleicht ist dein Vorschlag gar nicht so schlecht", meinte er und strich sich über den Bart. "Ein Schiff schicken wir voraus, um die Lage zu erkunden. Und zwar in der Nacht. Zwischen Mitternacht und den frühen Morgenstunden sollte es Nivandrum erreichen."

"Dann, wenn alles schläft", schloss Valo - sichtlich zufrieden darüber, dass sein Vater seinen Vorschlag offenbar angenommen hatte. Allzu oft kam so etwas nämlich nicht vor. Remirg hatte seinen eigenen Kopf und vor allem war es ihm wichtig, jederzeit gegenüber jedermann deutlich zu machen, dass er seine eigenen Entscheidungen traf - unbeeinflusst von den Einflüsterungen anderer. Und das galt auch in Hinblick auf seine Söhne.

"Und wenn wir Glück haben, schickt Nido uns einen Nebel, der das Schiff verbirgt", gab Valo zurück. Er streckte die Hand aus und fügte noch hinzu. "Wir sollten die NIDOS ZIEGENWAGEN nehmen. Das ist die kleinste Seebarke unserer Flotte - und außerdem besonders schnell und wendig."

"Ein guter Vorschlag", lobte Remirg.

"Und die Elfin sollten wir auch mitnehmen. Sie kann uns sicherlich gute Hinweise geben."

"Oder eine Menge Schwierigkeiten machen."

"Keine, die man nicht in den Griff bekommen könnte. Wenn wir ihr versprechen, ihre Schamanenklosterschwestern zu verschonen, wird sie sicherlich sehr hilfsbereit sein."

"Wenn du mich fragst, sorgt ein Messer an der Kehle bei dieser Elfin für mehr Vernunft, als so ein Angebot, das sie uns ohnehin nicht glauben würde. Aber wie sagen die Elfen: Es führen viele Wege auf den Pfad des Geistes. Und hoffentlich auch einer zu den Schätzen von Nivandrum."

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IN DIESER NACHT LEGTEN sie nirgends an, denn der Wind stand günstig. Endlich konnten die Segel wieder eingesetzt und dabei auch getrocknet werden. Es regnete nicht. Der Wind war zwar schneidend kalt, aber stark genug, um gegen die Strömung ankommen zu können. Nur manchmal, wenn der Fluss eine ungünstig verlaufende Biegung machte, mussten jetzt die Ruder zu Hilfe genommen werden. Sie kamen auf diese Weise schneller voran, als am Tag zuvor. Dhalmi Orkfresse nahm ab und zu einen Schluck Flusswasser, spülte ihn gurgelnd durch das Orkmaul und spuckte ihn anschließend wieder aus. Manchmal blies er ihn auch durch die Nase, was ihm schon den Beinamen alter Pottwal eingebracht hatte.

Auf hoher See orientierte man sich an den Sternen und dem Stand der Sonne. Aber wenn beides nicht zu sehen war, musste man auf andere Orientierungsmöglichkeiten zurückgreifen. Strömungen und Fischschwärme konnten dabei helfen. Aber auch der Geschmack des Wassers. Er konnte sowohl im offenen Ozean als auch im Verlauf eines Stroms sehr unterschiedlich sein. Zumindest für jemanden, dessen Sinne fein genug waren, um das zu erkennen. Und niemand weit und breit war darin geübter als Dhalmi Orkfresse. "Ein Runenzauber möge mich in irgendein Meer oder irgendeinen Fluss versetzen, dessen Wasser ich schon geschmeckt habe, ich würde das Gewässer wiedererkennen", sagte Dhalmi immer. Wenn sich Remirgs Flotte irgendwann auf dem Rückweg befand, konnten die Erkenntnisse, die Dhalmi jetzt sammelte, noch sehr wertvoll werden.

Erst am Abend des nächsten Tages suchte man erneut eine Anlegestelle an einer geschützten Stelle. An eine von Sträuchern und Bäumen umsäumten Seitenarm des Stroms gab es Uferstellen, an denen sich günstig anlegen ließ. Diesmal allerdings ging man bereits mit Einbruch der frühen Dämmerung an Land. Die Orks waren erschöpft und durchnässt.

Die Uferböschung war flach. Ravic war einer der ersten, die an Land gingen.

"Wir werden uns etwas in der Umgebung umsehen müssen", meinte er. "Sonst erleben wir vielleicht eine üble Überraschung heute Nacht."

"Nimm dir soviel Krieger wie du brauchst", meinte Remirg.

"Zwei, drei genügen", gab Ravic zurück. "Wir wollen ja schließlich nicht auffallen."

Während die anderen das Lager aufschlugen, brach Ravic zusammen mit zwei weiteren Orks auf. Der eine war Tarasmus. Der andere war Neruq Scharfauge.

Die drei Orks kämpften sich zunächst durch das dichte Gestrüpp am Ufer, durchquerten dann einen schmalen Streifen Wald, ehe sie in ein mit Sträuchern und hohem Gras bewachsenes Gebiet kamen. Siedlungen waren in der unmittelbaren Umgebung nirgends auszumachen. Und es waren keine Spuren von Rindern oder Schafen zu sehen.

"Es scheint in dieser Gegend nichtmal Menschen-Bauern zu geben", meinte Neruq, der den Köcher seines Bogens gut mit Pfeilen gefüllt hatte. Neruq fertigte die Pfeile selbst an. Er verstand genug von der Schmiedekunst, um die Spitzen genau so zu formen, wie er glaubte, dass es den Zweck am besten erfüllte. Aber das Wichtigste war, dass er sie höchstpersönlich mit einem Runenzauber belegte. Jeder einzelne Pfeil wurde diesem Zauber unterworfen. Schwarze Streifen waren am Holz zu sehen und auf jeder Pfeilspitze hatte Neruq eine Rune aufgetragen. Wenn die Farbe verblasste, malte er sie nach. Und er sorgte nach jedem Kampf dafür, dass möglichst keiner dieser Pfeile auf dem Schlachtfeld blieb.

"Nido opferte sein Auge, um Weisheit zu erlangen, aber bei mir wird es wohl nie dazu kommen und so soll auch niemand Weisheit von mir erwarten", sagte Neruq oft. Die Runen an den Pfeilspitzen waren im Übrigen auch nicht Nido gewidmet, obwohl der als Herr der Runen und der Magie galt, sondern Roht. Denn mit Genauigkeit sein Blitzes sollten diese Pfeile ihr Ziel finden - und taten es zumeist auch.

In der Ferne heulte ein Wolf und dessen Gefährten antwortete ihm. "Habt ihr das gehört?", fragte Tarasmus.

"Ein gutes Zeichen", sagte Ravic.

"Wieso ist das Heulen eines Wolfes ein gute Zeichen?", wunderte sich Tarasmus. "Also wenn wir Schafe und Ziegen besitzen würden, würde ich mir Sorgen machen!"

"Und ein Jäger braucht sich jetzt nicht zu wundern, wenn er kein Kleinwild findet, weil diese geifernden Bestien alles weggefressen haben", ergänzt Neruq. Der Bogenschütze ließ den Blick schweifen. "Schade", fügte er dann hinzu. "Ich dachte, wir finden noch etwas Schmackhaftes. Ich hatte mich auch schon gewundert, wieso hier weder Hasen noch irgendwelche Wildhühner oder anderes Getier zu sehen ist. Jetzt weiß ich es."

"Also ein leerer Magen erwartet diejenige von uns, die Trockenfisch nicht mehr riechen mögen", meinte Tarasmus. Er schlug Ravic auf die Schulter. "Aber einer wie du nennt das eine gute Nachricht!"

"Es ist in der Tat eine gute Nachricht", beharrte Ravic. "Ihr wisst, wer meine Mutter war."

"Die Elfin", sagte Tarasmus.

"Sie erzählte mir, dass es im Reich der Elfen seit den Zeiten des großen Lerak ein Gesetz gäbe, wonach jedes noch so kleine Menschen-Dorf einen Wolfsjäger zu bestimmen hat, weil ihre Zahl wohl Überhand nahm. Manchmal seien Wölfe sogar in die Dörfer der Menschen gekommen, hätten nach Essensresten oder kleinen Kindern gesucht. Versteht ihr jetzt? Wenn es hier ein Dorf gäbe, gäbe es auch einen Wolfsjäger und vermutlich keine Wölfe in der Nähe."

"Du meinst also, es gibt kein Dorf in der Nähe", schloss Tarasmus.

"Es gibt nichtmal einen Hof, denn wir haben nirgends Spuren von Rindern oder Ziegen gefunden. Und ein Feld habe ich auch nirgends gesehen."

"Wir sollten uns trotzdem noch etwas weiter umsehen", meinte Neruq. "Ich glaube nämlich, dass ich da etwas höre?"

"Und was?", fragte Tarasmus.

Aber inzwischen hatte Ravic es auch vernommen.

"Laufdrachentiere", murmelte er. "Reiter..."

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Kapitel 7

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Etwa ein Dutzend Krieger preschten mit ihren Laufdrachentieren durch das hohe Gras. Es waren bewaffnete Reiter. Sie trugen Helme und Kettenhemden nach Art der Elfen. Ihre Bewaffnung bestand aus elfischen Langschwertern und Lanzen, die sowohl als Wurfwaffe als auch als Stichwaffe benutzt werden konnten. Von manchen dieser Lanzen wehten kleine Banner in bunten Farben. Welche Bedeutung sie genau hatten, wusste keiner der drei Orks. Aber es lag auf der Hand, dass diese Fähnchen die Zugehörigkeit zu irgendeiner Herrschaft anzeigten.

"Wir sind hier in König Rahtols Land", meinte Ravic. "Diese Elfen brauchen vielleicht keinen halben Tag, um bis Nivandrum zu kommen und die Stadt zu warnen."

"Jedenfalls reiten sie in die richtige Richtung", gestand Tarasmus zu.

"Wir sollten sie sicherheitshalber töten", sagte Neruq. "Aber das ist deine Entscheidung, Ravic."

"Wohl kaum", murmelte dieser und zog sein Schwert. Die Reiter hatten nämlich jetzt ihre Richtung etwas geändert und kamen geradewegs auf die drei Orks zu. "Die haben uns bemerkt!"

"Oder sie haben geahnt, dass wir vielleicht in der Gegend auftauchen und anlegen würden, weil sie gehört haben, was in Xalanor geschehen ist", meinte Tarasmus, der seine Zwergenaxt mit beiden Händen fasste.

"Dann hältst du sie für Hellseher?", fragte Neruq, der bereits einen Pfeil eingelegt hatte. "Naja, sie sind Elfen und vielleicht magisch bewandert..."

"Bei Nido! Keineswegs!", sagte Tarasmus. "Aber gute Anfurten sind schließlich nicht allzu häufig und diese Elfen dürften sich hier besser auskennen. Also ist es auch nicht schwer, sich zu denken, wo wir an Land gehen. Dazu braucht man keine besondere Magie. Nur etwas Verstand."

"Ich lasse sie noch etwas herankommen, dann werde ich so viele wie möglich von ihnen aus dem Sattel holen", kündigte Neruq an. "Mit dem Rest werdet ihr fertig werden müssen."

"Eine Kleinigkeit", knurrte Ravic grimmig.

*

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NERUQ SCHARFAUGE WARTETE sehr lange, bis er den ersten Schuss abgab. Aber das geschah nicht ohne Grund. Seine Pfeile sollten schließlich die Kettenhemden der Elfen durchschlagen. Und je geringer die Schussdistanz war, desto größer war die Durchschlagskraft.

So schoss Neruq erst in dem Moment, als der erste der Reiter bereits eine Lanze schleuderte, der Ravic gerade noch auswich. Dann ging es blitzschnell. Neruq schoss innerhalb weniger Augenblicke einen Pfeil nach dem anderen ab. Und sie trafen sämtlich sehr gut. Schreie gellten. Innerhalb sehr kurzer Zeit waren fünf Elfen getroffen. Einer rutschte aus dem Sattel. Die Leiche blieb im Steigbügel hängen und wurde vom durchgehenden Laufdrachentier hinterhergeschleift.

Einen anderen traf der Pfeil ins Auge - und zwar mit so großer Wucht, dass er förmlich aus dem Sattel gerissen wurde. Ein weiterer Elf lebte noch, nachdem ihn der Pfeil im Oberkörper getroffen hatte. Wie tief die Spitze durch das Kettenhemd und das darunter befindliche, mehrlagige Wams gedrungen war, war schwer abschätzbar. Der Elf ächzte, murmelte einen Heilzauber und schleuderte noch seinen Speer. Aber der Wurf ging ins Leere und Tarasmus hatte längst einen zweiten und dritten Pfeil auf ihn abgeschossen. Der eine war schlecht gezielt und traf den Elfen nur in die Schulter. Aber der zweite durchbohrte seinen Hals. Der Elf stieß ein Röcheln aus, während sich sein Laufdrachentier fauchend auf die Hinterbeine stellte. Im hohen Bogen flog der Elf ins Gras und blieb dort in eigenartig verrenkter Stellung liegen.

Da half auch die Heilmagie der Elfen nicht mehr.

Alle Reiter konnte auch ein so guter Bogenschütze wie Neruq Scharfauge nicht töten. Der erste Angreifer, der durchkam, hielt auf Ravic zu. Dieser fasste das Schwert mit beiden Händen und begegnete dem Hieb mit der elfischen Klinge. Letztere war ein ganzes Stück länger als Ravics Schwert. Die Klinge des Elfen war eine Waffe, die für einen Laufdrachentier-Reiter geschmiedet worden war, hervorragend dazu geeignet, sie herniedersensen zu lassen, während man im Sattel saß.

Stahl klirrte auf Stahl, dass die Funken sprühten. Im Schlag des Elfen lag eine ungeheure Wucht, wahrscheinlich magisch durch einen Kraftzauber verstärkt. Ravic konnte die Waffe seines Gegners gerade so weit seitwärts ablenken, dass er nicht verletzt wurde. Der Elf war kaum an ihm vorbeigeprescht und zügelte nun sein Laufdrachentier, um es zum Wenden zu veranlassen, da kam schon der nächste heran. Die Lanzenspitze, die jetzt auf ihn zukam, konnte Ravic gerade noch mit Mühe und Not parieren. Er sprang zur Seite, holte zu einem Aufwärtshieb aus und traf den Elfen im Rücken. Ein weiterer Hieb trennte dem Elfen den Waffenarm vom Körper. Blut schoss in einer hohen Fontäne hervor, während sein Laufdrachentier voranpreschte.

Tarasmus der Rote hatte inzwischen einen der Angreifer mit seiner Zwergenaxt den Schädel gespalten. Die Wucht des Hiebs mit dieser langstieligen, beidhändig geführten Waffe war immens. Bis auf die Höhe des Kinns drang die Axtklinge, der Elf fiel ins nasse, hohe Gras. Sein Körper wurde darin regelrecht verschluckt. Das Laufdrachentier stob zischend, brüllend und herrenlos davon.

Ravic musste unterdessen einem weiteren Angriff des Elfenreiters ausweichen, der ihn zuerst angegriffen hatte.

Letzterer hatte sein inzwischen sein Laufdrachentier gewendet und preschte erneut auf Ravic zu. Ravic ließ den Hieb seines Gegners ins Leere gehen, der daraufhin Mühe hatte, sich im Sattel zu halten. Ein schneller Schlag mit Ravics Klinge beförderte den Elfen aus dem Sattel seines Laufdrachentiers. Ehe er sich aufrappeln konnte, hatte Ravic seine Klinge in seinem Rumpf versenkt. Ein kräftiger Stoß, ausgeführt von oben nach unten und mit beiden Händen am Schwertgriff. Dem hatten auch Kettenhemd und Gambeson nichts entgegenzusetzen.

Mit dem Fuß stieß Ravic den Körper des Elfen von sich, als er die Klinge wieder herauszog. Dessen Laufdrachentier beruhigte sich langsam.

Während Neruq noch einen weiteren Elfen mit Pfeil und Bogen aus dem Sattel schoss, schlug Tarasmus dem Laufdrachentier seines Gegners mit der Zwergenaxt die Vorderbeine weg. Laut brüllend gingen Laufdrachentier und Reiter zu Boden. Ein weiterer Axthieb trennte letzterem den Kopf von den Schultern, der daraufhin mitsamt Helm ins feuchte Gras rollte.

Tarasmus war über und über mit Elfenblut besudelt.

Ravic hatte inzwischen die Zügel des Laufdrachentieres zu fassen bekommen, auf dem sein letzter Gegner gesessen hatte. Er schwang sich in den Sattel. Auch wenn er insgesamt in seinem  Leben sehr viel mehr Zeit auf den Planken von Schiffen, als im Sattel verbracht hatte, hatte Ravic sehr wohl gelernt, zu reiten und ein Laufdrachentier so zu lenken, dass es fast wie ein Teil des eigenen Körpers reagierte.

Im ersten Moment war das Reittier etwas störrisch, aber Ravic wusste es zu nehmen. Er ließ es dann voranpreschen.

Inzwischen lebte nämlich nur noch einer aus dem Trupp von Elfenkriegern, denen sie begegnet waren. Und der durfte auf gar keinen Fall entkommen, denn das würde unweigerlich bedeuten, dass sie es bald mit sehr viel mehr Elfen zu tun hatten.

"Du kriegst ihn, Ravic!", rief Neruq Scharfauge ihm hinterher.

Der Bogenschütze senkte Pfeil und Bogen. Dem flüchtenden Elfen jetzt noch einen Pfeil hinterherzuschicken, wäre reine Verschwendung gewesen. Er war längst außer Schussweite.

Ravic trieb das Beute-Laufdrachentier inzwischen unbarmherzig vorwärts. Es dauerte nicht lange, bis er sichtlich aufholte. Der Elf bemerkte, dass Ravic ihm folgte und der Abstand kleiner und kleiner wurde.

Schließlich hatte Ravic den Elfen eingeholt. Dieser zügelte sein Laufdrachentier. Offenbar waren die Kräfte des Tieres nahezu völlig erschöpft. Es dampfte. Seine Augen glühten. Ravic zügelte ebenfalls sein Laufdrachentier. Der Elf zog sein Schwert. Mit einem wilden Kampfschrei ließ er sein Laufdrachentier dann voranpreschen. Ravic kam ihm entgegen. Die Schwerter schlugen gegeneinander. In rascher Folge wurden die Hiebe ausgetauscht. Jeder parierte die Schläge des anderen. Dann ließ Ravic einen der Schwertstreich seines Gegners ins Leere gehen. Unmittelbar danach stieß Ravic zu. Ein sauberer, sehr präziser Stoß durch die ungeschützte Achselhöhle geradewegs ins Herz.

Ravics Schwert war blutverschmiert, als er es wieder aus dem Körper seines Gegners gezogen hatte. Der Elf saß wankend im Sattel und wollte mit letzter Kraft noch einmal zum Schlag ausholen. Mit verwaschener Stimme begann er eine Zauberformel zu murmeln. Er kam nicht mehr dazu, sie zu beenden. Er rutschte aus dem Sattel und blieb im hohen Gras liegen. Seine Augen waren weit aufgerissen, der Blick zum Himmel empor gerichtet.

*

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RAVIC KEHRTE WENIG später zu den beiden Orks zurück, mit denen er gekommen war. Er führte das Laufdrachentier des erschlagenen Elfen am Zügel.

"Wir müssen die anderen auch noch einfangen", meinte er.

"Wir haben alle erschlagen!", stellte Tarasmus fest, während er seine Zwergenaxt im Gras abwischte.

"Er meint die Laufdrachentiere", erklärte Neruq, der jetzt damit begann, seine Pfeile einzusammeln.

*

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DIE DUNKELHEIT WAR bereits hereingebrochen, als Ravic, Tarasmus und Neruq zur Landestelle der Orks zurückkehrten.

Remirg wunderte sich darüber, dass die Kundschafter Laufdrachentiere mitgebracht hatten. Außerdem hatten sie die Waffen der erschlagenen Elfen eingesammelt, dazu einige Helme und andere Rüstungsteile, die man vielleicht noch verwenden konnte.

Ein Elfenschwert war schließlich allein schon ein Vermögen wert und so effektiv die Orks auch mit der Zwergenaxt zu kämpfen wussten, so war es doch der heimliche Traum jeden Ork-Kriegers, ein Schwert zu besitzen. Am besten eine bruchsichere Elfen-Klinge, wie sie im Orkland und in den Königreichen der Menschen hohes Ansehen genoss.

"Sehr schön, mein Sohn", sagte Remirg, während er eine der Elfenklingen aus der Scheide zog. "Die sind etwas länger, als unsere Waffen."

"Geschmiedet für Krieger im Sattel eines Laufdrachentiers", stellte Ravic fest.

"Waffen lassen sich leicht transportieren - aber was sollen wir mit so vielen Laufdrachentieren? Unsere Großbarken sind noch bei Kirie in Xalanor. Und selbst wenn wir sie dabei hätten, würden uns die Tiere auf unserem weiteren Weg mehr Probleme bereiten, als dass wir von ihnen profitieren könnten."

"Wir konnten sie nicht entkommen lassen", erklärte Ravic. "Manche Laufdrachentiere finden allein den Weg nach Hause. Und was wird man wohl denken, wenn so ein Drache ohne Reiter zurückkehrt. Ganz zu schweigen davon, welche Schlüsse andere Elfen ziehen, die mit Sicherheit in der Gegend sind!"

"Das ist natürlich wahr", gestand Remirg zu.

"Und dass sie uns nicht von Nutzen sein können, stimmt nicht. Wir können sie essen. Denn bevor wir gegen die Mauern von Nivandrum ziehen, sollten wir alle noch etwas zwischen die Zähne bekommen!"

"Ich will zwar nicht behaupten, dass Laufdrachentierfleisch zu meinen Lieblingsmahlzeiten gehört, aber wenn man es richtig würzt, durfte es gar nicht so schlecht schmecken", mischte sich Neruq Scharfauge ein.

"Du musst zugeben, dass wir etwas Abwechslung auf dem Speiseplan gebrauchen könnten", sagte Ravic.

"Du denkst weit voraus", sagte Remirg. "Genau, wie man es von einem zukünftigen Anführer erwartet." Mit einer anerkennenden Geste schlug Remirg Ravic auf die Schulter. "Ich möchte mit dir etwas besprechen", kündigte er an.

"Du weißt, dass du immer mein Ohr hast, Vater", sagte Ravic.

"Es geht um die Karte des Zwergenhändlers. Ich habe zusammen mit Dhalmi lange am Feuer gesessen und jede Einzelheit noch mal genau angesehen."

"Bei Nido, sollte es tatsächlich noch Geheimnisse geben, die der Zwerg zu verbergen wusste?", wunderte sich Ravic.

„Ich war zunächst überzeugt davon, dass die Zahlen entlang des Flusses eine Notiz darüber sind, wie viel der Zwerg in den verschiedenen Marktplätzen eingenommen hat. Aber Dhalmi brachte mich darauf, dass es sich womöglich um die Markierung von Halbtagesreisen handelt. Komm, sieh es dir an!"

Gemeinsam gingen sie zu einem der Feuer, die inzwischen entzündet worden waren.

Zwischendurch bemerkte Ravic seinen Halbbruder Valo. Der Schein der Flammen erhellte sein Gesicht, dessen Ausdruck allerdings finsterer nicht hätte sein können.

Ravic blieb kurz stehen.

„Ich habe gehört, ihr habt einige Elfen erschlagen", sagte Valo mit einem säuerlichen Lächeln, „dann sollten wir mehr Wachen einteilen, damit man uns nicht im Schlaf überrascht."

Ravic nickte. „Wohl gesprochen", sagte er.

Valo folgte ihnen dann zum Feuer. Sie setzten sich und Remirg holte die Karte des Zwergs hervor. Er faltete sie auseinander und winkte dann Dhalmi herbei. „Sag du, was die Zeichen zu bedeuten haben", meinte er. „Du kannst das besser als ich."

„Wenn es Angaben über die Tage sind, die man für den Weg von einem zum andren Markt braucht, dann sind wir bereits näher an Nivandrum, als wir gedacht haben", sagte Dhalmi. „Wir sollten noch heute Nacht ein Boot flussaufwärts schicken. Der Wind steht günstig und schon am Morgen könnten die Kundschafter zurück sein."

"Und da ist noch etwas", sagte Remirg. Er hielt Ravic das Pergament des Zwergs hin und deutete an jene Stelle, wo das Wort Nivandrum stand. "Da ist etwas im Fluss, was ich erst für einen Fleck hielt. Aber es könnte auch eine Insel im Fluss sein, deren Umrisse stark verblasst sind. Dhalmi glaubt das auch. Und übrigens auch die Elfin. Jedenfalls haben wir sie so verstanden. Und es scheint da irgendeinen Schrecken zu geben."

"Etwas, von dem wir Genaueres wissen sollten, bevor sich ein Boot dorthin aufmacht, um die Lage zu erkunden", ergänzte Dhalmi. "Deswegen ist Valo auch noch nicht aufgebrochen."

"Wir wollen, dass du die Elfin nochmal fragst, damit wir ihre Worte nicht missverstehen", erklärte Remirg.

"Ich werde mit ihr sprechen", sagte Ravic.

"Tu es gleich, Ravic. Sonst bleibt dir für die Fahrt nach Nivandrum zu wenig Zeit."

Einen Moment lang herrschte Schweigen rund um das Feuer. Alle waren davon ausgegangen, dass Valo den Befehl über das Kundschafter-Boot haben würde.

"Soll Ravic mich auf der Kundschafter-Fahrt nach Nivandrum begleiten?", fragte Valo. "Er wird müde sein und den Rest der Nacht schlafen wollen."

"Er wird die Fahrt nach Nivandrum an deiner Stelle anführen", sagte Remirg.

Valos Gesicht wirkte wie versteinert.

"Gibt es dafür einen Grund?"

"Der Grund ist, dass ich es so will", sagte Remirg. "Ravic hat mit nur zwei Begleitern ein ganzes Dutzend Elfenritter erschlagen. Die Götter sind zurzeit mit ihm und er hat die Tollkühnheit, geradewegs auf den Feind zuzugehen und ihm auf der Nase herumzutanzen, ohne bemerkt zu werden." Remirg sah Valo geradewegs in die Augen. "Die Götter wollen es so, Valo. Die Zeichen sind eindeutig. Und ich werde nicht meine beiden Söhne auf diese Fahrt schicken."

Valo konnte seine Enttäuschung kaum verbergen, obwohl er sich normalerweise immer gut beherrschen konnte.

„Gegen den Willen der Götter ist nichts zu sagen", knirschte er zwischen den Zähnen hindurch. „Es fragt sich immer nur, ob man diesen Willen auch richtig erkannt hat."

„Es wird Beute und Ruhm genug in Nivandrum zu holen sein", sagte Dhalmi. „Und in den Tempelstätten sind sicher Steine genug, in denen jeder einen Runenspruch seiner Taten einritzen kann, wenn ihm danach ist und er meint, dass die Nachwelt davon erfahren soll! Deine große Stunde wird noch kommen, Valo!"

„Mögen die Götter mit dir sein und dich nicht einschlafen lassen, wenn du heute Nacht noch flussaufwärts fährst", sagte Valo an Ravic gerichtet.

Remirg gab Ravic unterdessen die Karte des Zwergs. „Nimm sie mit. Ihr nehmt die kleinste Seebarke. Enraib soll euer Steuermann sein!"

Valo erhob sich und verließ das Feuer. Er verschwand in der Dunkelheit. Igarb, der alles mitangehört hatte, folgte ihm. „Nimms nicht so schwer, Valo", sagte er. „Dein Vater kann launenhaft sein wie das Wetter, das Roht uns schickt."

„Ja, das habe ich gemerkt", knurrte Valo.

„Auf jeden Fall wirst du mehr vom Laufdrachentierbraten bekommen als dein Bruder!"

„Bei Nido, der Appetit ist mir gründlich vergangen." Sie gingen weiter und waren nun außer Hörweite. Im Hintergrund wieherte eines der Laufdrachentiere.

„Bei den Göttern! Ein Todesschrei wie ein Kind!", stieß Igarb hervor. „Kein Wunder, dass man diese Arbeit dem irren Mroo und Denumorh dem Rauen überlassen hat. Einer wie Denumorh tötet ein Laufdrachentier mit bloßen Händen, indem er ihm den Hals umdreht."

*

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RAVIC GING ZU DER ELFIN aus Nivandrum. Sie kauerte etwas abseits in der Dunkelheit und zitterte. Ihr Gewand war viel zu dünn, um die Kälte dieser rauen Tage abhalten zu können.

„Komm ans Feuer", sagte Ravic.

Sie machte jedoch keinerlei Anstalten, seiner Aufforderung zu folgen. Stattdessen sah sie angstvoll in die Richtung, aus der das markerschütternde Laufdrachentier-Schreien aus der Dunkelheit kam.

„Du fürchtest dich vor Denumorh?", fragte Ravic. „Ich stehe über ihm. Und auch wenn du sein Besitz bist. Und ich werde ihn mit Vergnügen töten, wenn er mir dazu einen Anlass bietet." Sie schwieg und wich seinem Blick aus. "Ich will dir etwas zeigen", kündigte er an. „Komm zum Feuer. Sonst siehst du nichts!"

Diesmal folgte sie seiner Anweisung, wenn auch zögernd. Sie ließ sich in der Nähe des Feuers nieder und rieb sich die Hände. Es war offensichtlich, dass sie ziemlich durchgefroren war. Ravic setzte sich neben sie und faltete das Pergament des Zwergs auseinander.

„Nivandrum", deutete er dann auf die Stelle, von denen alle inzwischen überzeugt waren, dass sie die Siedlung und das Elfenschamanenkloster mit diesem Namen bezeichnete.

„Das weißt du doch", gab sie zurück. Sie berührte das Amulett um ihren Hals. Ein Holzamulett. Wenn es aus Silber gewesen wäre, hätte Denumorh es ihr vermutlich längst abgenommen.

„Es soll eine Insel im Fluss geben", sagte Ravic. „Genau bei Nivandrum."

Er sprach langsam und deutlich. Die Worte in der Sprache seiner Mutter kamen ihm etwas schleppend über die Lippen. Es war einfach schon sehr lange her, dass er sich in der Sprache der Elfen unterhalten hatte. Seit dem frühen Tod seiner Mutter war das kaum noch vorgekommen.

Nur manchmal, wenn es einen elfischen Händler an die Küsten der Orks verschlagen hatte und man mit ihm handelseinig werden wollte. Und ab und zu gab es auf dem Hof von Remirg Elfenstirnspalter auch Sklaven, die so sprachen.

Aber elfische Sklaven waren selten. Viel häufiger fand man dort Zwerge, Trolle oder Menschen.

„Wo hast du meine Sprache gelernt?", fragte die Elfin.

„Meine Mutter war von deinem Volk", gab Ravic ihr Auskunft.

„Sie war eine Sklavin?"

„Ja. So wie du."

„Nein", sagte sie. „Ich glaube an den Pfad des Geistes und den Elfengott. Und jemand, der an den Pfad des Geistes glaubt, ist niemals unfrei, ganz gleich was auch geschieht."

„Meine Mutter hat auch an deinen Gott geglaubt", sagte Ravic. „Aber auf sie traf das nicht zu, was du gesagt hat. Ketten sind Ketten, Fesseln sind Fesseln." Ravic sah auf ihre Hände. „Denumorh scheint es nicht für nötig zu halten, dich zu fesseln.

„Wenn ich versuchen würde, zu fliehen, bringt er mich um."

„Wenn er dich umbringt, bringe ich ihn um. Das weiß er."

„Es heißt, wer das Schwert zieht, wird durch das Schwert umkommen."

Ravic deutete auf das Pergament. „Was ist das für eine Insel?", fragte er. „Ist das der Ort, an dem euer Schamanenkloster ist?"

„Wie kommst du darauf?"

„Weil es der ideale Ort dafür wäre. Eine Insel mitten im Fluss, aber doch nahe genug am Ufer, dass man leicht an Land gelangen kann. Jeder Angreifer muss zunächst einmal das Wasser überwinden. Wenn ich Schätze aufbewahren sollte, würde ich mir so einen Ort suchen."

Ravic bemerkte die Überraschung in ihren Zügen. Ich habe also Recht, dachte er.

"Es gab ein Schamanenkloster dort", gestand die junge Elfin schließlich ein. "Aber das ist lange her."

"Wie lange?"

"Es wurde gegründet, als die Menschen noch Ungläubige und die Herren im Land waren. Und es lebten Schamanen dort, keine Schamaninnen. Die haben versucht, die Menschen zu Elfengottgläubigen zu machen. Aber heute ist dort nichts mehr."

"Du willst uns von den Schätzen ablenken, die es dort gibt!", schloss Ravic sofort.

"Es gibt keine Schätze. Die Flussinsel ist ein verfluchter Ort. Und das Schamanenkloster eine verlassene Ruine. Die Tempelstätte steht noch. Aber niemand würde es noch wagen, sie zu betreten."

"Wie kommt das?"

"Man sagt, die Schamanen hätten sich vom Pfad des Geistes abgewandt. Eines Tages wurden sie gestraft."

"Was geschah?"

"Ein Blitz fuhr vom Himmel und dann in den Turm ihrer Tempelstätte. Und anschließend kam eine Flut, die die ganze Insel für Tage überschwemmte."

"Was wurde aus den Schamanen?"

"Sie sollen alle ertrunken sein."

"Und ihre Schätze?"

Sie sah Ravic an und schüttelte den Kopf. "Wenn es dort noch Schätze gäbe, wären sie längst geholt worden, glaubst du nicht auch?"

"Nicht, wenn sich niemand traut, die Insel zu betreten."

"Ich glaube nicht, dass diese Elfen-Schamanen jemals große Schätze besessen haben. Genau wie unser Schamaneninnenkloster. Wir leben in Einfachheit, um dem Pfad des Geistes zu folgen, von dem äußerlicher Tand nur ablenkt."

Ravic nickte. "Ja, das behaupten sie immer, diese Elfen-Schamanen. Und dann findet man in ihren Klöstern und Tempelstätten goldene Zauberrunen und Bücher, von denen ein Exemplar gegen ein halbes Dutzend Bauernhöfe aufgewogen wird."

Ravic faltete das Pergament des Zwergs wieder zusammen.

Einen Augenblick lang überlegte er, sie auf die Erkundungsfahrt mitzunehmen. Nicht weil er wirklich glaubte, dass sie ihm noch irgendetwas Wichtiges über die Verhältnisse bei Nivandrum hätte sagen können, was er nicht selbst sehen konnte. Aber er hätte sie unterwegs entkommen lassen können.

Seinem Vater gegenüber zu begründen, weshalb er die Elfin unbedingt dabei haben wollte, wäre nicht schwer gewesen. Und vor dem zu erwartenden Konflikt mit Denumorh fürchtete er sich nicht. Im Gegenteil! Es hätte eine Entscheidung gebracht. Ein reinigendes Gewitter, an dessen Ende es Denumorhs Blut gewesen wäre, das floss. Zumindest war Ravic davon vollkommen überzeugt. Wenn es sein musste, war sein Zorn stark genug, um es mit dem wildesten Berserker aufzunehmen. Ja, er war davon überzeugt, stärker und wilder sein zu können, denn schließlich war ihm sein Zorn angeboren. Es war ein Zorn, der aus dem tiefsten Inneren seiner Seele kam und keinen Fliegenpilztrunk oder das Wasser von Wahnsinnigen oder irgendein anderes Hilfsmittel brauchte, um erst entfacht zu werden.

Dieser Zorn war immer da. Er war immer in ihm gewesen, solange er zurückdenken konnte. Er war wie ein beißwütiger Hund, der nur von der Kette seines Herrn gelassen zu werden brauchte, um zu wüten. Und manchmal vermochten ihn selbst die stärksten Ketten nicht zu halten...

Nein, vor Denumorh fürchtete er sich nicht.

Der Grund dafür, dass er den Gedanken daran, die Elfin mitzunehmen und entkommen zu lassen, sofort wieder aus seinem Kopf verbannte, war ein anderer. Mein Vater wird mir das nie verzeihen, dachte er. Und die anderen Krieger auch nicht. Nicht einmal Enraib.

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Kapitel 8

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Es war eine mondhelle, sternenklare Nacht. Die kleinste Seebarke hatte Ravic für diese Fahrt ausgesucht – und die besten Krieger. Tarasmus und Neruq waren auch dabei. Enraib der Steuermann sorgte dafür, dass die Seebarke bei gutem Wind vorankam. Der blies so stark und stetig, dass es überhaupt keine Schwierigkeit war, die Strömung zu überwinden.

Zwei Orks, die beide Ranie hießen, waren noch an Bord. Der eine wurde Ranie der Breite genannt, weil er ungewöhnlich breite Schultern hatte. Man erzählte, dass er stark genug sei, um eine Seebarke ganz allein an Land zu ziehen. Ravic hatte das allerdings nie miterlebt und so ging er davon aus, dass einiges von den Erzählungen von Ranie dem Breiten leicht übertrieben war.

Der andere Ranie wurde zur Unterscheidung von seinem Namensvetter Ranie der Weise genannt. Der Name bezog sich auf die Tatsache, dass dieser Ranie ein Auge verloren hatte – genau wie der Gott Nido.

Die Meisten, die ihn sahen und nicht näher kannten dachten, dass er sein Auge im Kampf verloren hatte. In Wahrheit hatte Ranie der Weise allerdings bereits als kleiner Junge eine eiternde Entzündung gehabt, die ihn schließlich auf diesem Auge hatte erblinden lassen. Und auf die Weisheit, die ein ähnlicher Verlust beim Gott Nido hervorgerufen hatte, wartete man bei Ranie vergeblich. Ranie musste sich dazu bis heute immer wieder Witze der anderen Orks anhören, die darauf anspielten.

Die Stunden gingen dahin und ihnen begegnete niemand auf dem Fluss. Während Ravic zum Ostufer blickte, erinnerte er sich an den Elfen mit dem großen Laufdrachentier und seine Begleiter, die er an den Anfurten bei Xalanor gesehen hatte. Seit sie von dort aufgebrochen waren, hatte sich kam noch Elfen am Ostufer gezeigt. Und doch war Ravic überzeugt davon, dass man sie die ganze Zeit über beobachtet hatte. Er konnte es sich jedenfalls nicht anders vorstellen.

„Die Elfen vom Ostufer werden uns erst angreifen, wenn wir genug von jenen erschlagen haben, die am Westufer herumstreunen", meinte Tarasmus der Rote und spuckte aus. „Eine feige Bande ist das. Fast so schlimm wie die Menschen."

„Wir sollten zusehen, dass wir unsere Beute machen, bevor die Könige dieses Landes sich wieder einigen", meinte Enraib der Steuermann dazu. „Und irgendwann wird das geschehen, darauf kannst du einen großen Schluck von Denumorhs Wasser trinken, wenn du willst!"

Die anderen lachten.

Vielleicht lachten sie sogar etwas zu laut, wenn man bedachte, dass sie sich mitten im Land ihrer Feinde befanden.

Ravic berichtete von dem, was die Elfin aus Nivandrum über die Insel im Fluss gesagt hatte.

„Wer weiß, wer die Schamanen damals gestraft hat", meinte Neruq dazu. „Kann sein, dass es der Elfengott war. Aber ein Blitz deutet eigentlich mehr auf etwas anderes hin", meinte er. Er deutete zum Himmel. „Die Menschen haben früher auch an Roht geglaubt, bevor man sie zwang, ihm abzuschwören und Pfad des Geistes zu folgen, den der Elfengott vorschreibt. Und manche glauben im Verborgenen immer noch an den Donnergott Roht. Auch wenn sie ihn Ronad nennen, anstatt Roht – es ist derselbe Gott."

„Und der hat sich für die Missionierung der einfältigen Menschen durch die Elfen-Schamanen gerächt", schloss Tarasmus. „Das leuchtet mir ein." Er wandte sich an Ravic. „Ein Hordenfürst wie dein Vater würde auch nicht dulden, wenn jemand ihm alle seine Gefolgsleute abwirbt, oder?"

„Nein, natürlich nicht", stimmte Ravic zu.

„Na also! Götter und Sterbliche sind sich in manchen Dingen ähnlicher, als man es für möglich hält."

„Wenn dort Rohts Kräfte wirken, dann haben wir vielleicht einen Verbündeten dort", meinte Ravic. „Ich finde, das sollte uns ermutigen."

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SIE ERREICHTEN SCHLIESSLICH das Gebiet, in dem nach den Angaben aus der Karte des zwergischen Händlers Nivandrum zu finden sein musste. Nur einige wenige Lichter schimmerten in der Dunkelheit. Masten von bauchigen Flussschiffen, die am Ufer vertäut waren, ragten empor.

Ravic gab den Befehl, das Segel der Seebarke einzuholen. Hier, in unmittelbarer Nähe ihres Ziels, war es besser, zu rudern. Fast lautlos glitt das Schiff dahin. Ein dunkler Schatten, der vom Ufer aus kaum sichtbar war, zumal sich inzwischen aufkommende Wolken vor den Mond geschoben hatten und ihn zeitweilig verdeckten. Manchmal war sein Licht nur noch als verwaschener, fahler Fleck zu sehen.

Auch die vorgelagerte Insel im Strom war deutlich zu sehen. Wild wucherten Sträucher und Bäume empor. Aber das höchst Gebilde war dem Baustil nach zweifellos von Elfen errichtet worden. Ein leicht schief stehender Tempelstättenturm, wie ihn die Elfen errichteten, um ihren Gott zu ehren. Das musste jene Schamanenklosterkapelle sein, von der die junge Elfin aus Nivandrum gesprochen hatte. Die Folgen des Blitzeinschlags, der dort vor langer Zeit einmal stattgefunden haben sollte, waren im Schattenriss natürlich nicht zu erkennen.

„Wir sollten auf der dem Ufer abgewandten Seite der Flussinsel landen", meinte Enraib. „Dann wird uns niemand bemerken. Aber vom Ufer aus dürften wir trotzdem das meiste erkennen können."

„Oder vom Turm aus", meinte Ravic.

„Du brauchst dich weder vor dem rasenden Denumorh noch vor Rohts Blitzen zu fürchten", lachte Enraib.

„Ich fürchte mich vor niemandem", behauptete Ravic.

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DIE SEEBARKE LANDETE an einer flachen Stelle auf der Ostseite der Flussinsel. Die beiden Orks mit dem Namen Ranie blieben beim Schiff zurück. Die anderen folgten Ravic durch dichtes Gestrüpp und Unterholz, das zwischen eigenartig verwachsenen Bäumen wucherte. Ein paar dunkle Rabenvögel stoben von den kahlen, zu dieser Jahreszeit blattlosen Ästen. Hier war tatsächlich lange kein Mensch und kein Elf mehr gewesen. Und manche der Bäume sahen aus, als hätte der Gott Roht nicht nur an dem Tempelstättenturm seinen Zorn ausgelassen. Viele der Stämme waren gespalten und trugen eindeutige Zeichen von Einschlägen.

„Roht sei gepriesen – und er möge uns die Elfen vom Leibe halten!", betete Tarasmus halblaut vor sich hin.

Mit dem Schwert und der Axt mussten sich die Orks zum Teil den Weg durch das wuchernde Gestrüpp bahnen, so zugewachsen war das Innere der Insel.

Dann erreichten sie eine Lichtung.

Dort stand eine graue Umgrenzungsmauer, dahinter zwei Gebäude und die Kapelle, deren Turm schon vom Fluss aus gesehen deutlich hervorgetreten war. Die Umgrenzungsmauer war nicht mehr vollständig erhalten. Anscheinend hatten doch ein paar furchtlose Seelen die Insel betreten und die Mauer als Steinbruch benutzt.

Der Schrei einer Eule war jetzt zu hören. Der Mond trat für einige Augenblicke wie das allessehende Auge eines aufmerksamen Gottes hinter den Wolken hervor und ließ mit seinem fahlen Licht den Raureif auf den kahlen Ästen der Bäume auf eigentümliche Weise leuchten.

„Kein Ort für ein gemütlicher Lager", knurrte Neruq Scharfauge.

„Was ist in dich gefahren? Die Ehrfurcht vor dem Elfengott oder vor Roht?", fragte Ravic spöttisch. „Es gibt keinen besseren Ort für ein Lager! Es gibt Mauern, es gibt ein Dach über dem Kopf und einen geschützten Ort, an dem man Schätze verbergen und verteidigen kann, bis unsere Großbarken aus Xalanor nachgekommen sind!"

Ravic betrat die Kapelle. Die Tür stand offen. Das Gebäude war noch nahezu unversehrt, auch wenn der Boden mit Staub und getrocknetem Laub bedeckt war. Mondlicht fiel durch die hohen, offenen Fenster, aus denen jemand offenbar das kostbare bemalte Glas irgendwann entfernt hatte.

Ratten liefen über den Fußboden und verbargen sich im aufhäufenden Laub am Altar.

„Dagegen war es in Xalanor ja richtig herrschaftlich!", meinte Tarasmus.

„Schätze gibt es hier jedenfalls nicht", stellte Neruq fest.

„Hier nicht", sagte Ravic. „Aber damit hat auch niemand gerechnet."

„Dafür hoffentlich in Nivandrum!", meinte Enraib der Steuermann. "Aber wer seine Stadt so schlecht beleuchtet, wie das hier der Fall ist, scheint nicht gerade reich zu sein!"

„Oder will seinen Reichtum verbergen und keine Diebe und Feinde anlocken", sagte Tarasmus.

„Vom Turm aus werden wir vielleicht mehr erkennen", stellte Ravic fest.

*

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RAVIC STIEG DIE SCHMALE, gewundene und sehr rutschige Steintreppe zum Glockenstuhl empor. Enraib war hinter ihm.

Die Glocke selbst hatte man entfernt. Selbst wenn sie nur aus Kupfer gewesen wäre, wäre sie wohl zu wertvoll gewesen, um sie einfach hier zu lassen. Die Furcht vor den Kräften des Bösen, die hier am Werk gewesen waren, hatte die Elfengottgläubigen daran ebenso wenig gehindert wie an der Verwendung von Steinen aus der Umgrenzungsmauer.

Das Dach des Turms war teilweise zerstört. Man hatte einen freien Blick in den klaren Himmel und Mondlicht fiel herein. Es beleuchtete das zum Teil stark verkohlte Gebälk des Glockenstuhls. Das sah tatsächlich nach einem Zornesausbruch Rohts aus. Auf einem Absatz saß ein Skelett in einer Kutte, die ebenfalls deutliche Brandspuren trug. Nur die Knochen und die Reste des Gewandes hatten von ihm überdauert - und das halb vermoderte Seil, das seine Hände noch umklammert hielten und mit dem er vermutlich gerade an der Glocke gezogen hatte, als der Blitz hereingefahren war.

Der helle, klare Klang von Glocken konnte einem auf den Pfad des Geistes helfen, so hieß es bei den Elfen.

In diesem Fall hatten die Glocken offenbar der zerstörerischen Kraft Rohts den Weg gewiesen.

"Bei Nido, an was für einen Ort führst du uns, Ravic!", stieß Enraib hervor.

"An einen, von dem aus man eine hervorragende Sicht auf Nivandrum hat", gab Ravic zurück, der nun an einem offenen, runden Fenster stand. Enraib kam zu ihm und sah ebenfalls hinaus.

"Die Stadt ist schlecht beleuchtet", meinte Enraib. "Sogar manche Bauernhöfe in den Menschenkönigreichen haben anscheinend mehr Lampenöl, als man hier zur Verfügung zu haben scheint!"

"Das Mondlicht reicht vollkommen aus", sagte Ravic. "Siehst du die Mauern?"

"Mauern?" Enraib lachte. "Da sind keine Mauern. Der Schutzwall von Xalanor ist dagegen ja schon ein wahres Bollwerk!"

"Hölzerne Palisaden, Wehrgänge, ein paar Türme, die nicht besonders hoch sind..."

"...weil dies ein flaches Land ist, Ravic!"

"Aber sieh dir an, wie es im Westen aussieht!"

Es waren deutliche Schäden an den Befestigungsanlagen zu sehen. "Einer der Türme sieht aus, als wäre er halb verbrannt."

"Allerdings glaube ich nicht, dass dafür einer von Rohts Blitzschlägen verantwortlich ist!"

"Und was glaubst du, was da passiert ist, Ravic?"

"Die Stadt ist angegriffen worden, würde ich sagen. Und das kann noch nicht lange her sein. Der Angriff wurde von der Landseite aus geführt, nicht vom Fluss aus und man ist offenbar noch nicht mit den Reparaturen an den Befestigungsanlagen fertig."

"Es könnte etwas mit dem Krieg der Könige zu tun haben. der in diesem Land tobt."

"Ja, das denke ich auch."

"Wir könnten das ausnutzen", meinte Enraib. "Der Großteil unserer Krieger könnte ein paar Meilen flussaufwärts an Land gehen, einen Bogen schlagen und die Stadt dort angreifen, wo sie im Moment am verwundbarsten ist!"

"Das ist ein guter Plan. Du solltest ihn meinem Vater vorschlagen, wenn wir zurück sind."

"Du solltest das tun, Ravic."

"Der Ruhm gebührt dir, Enraib."

"Aber hören wird er auf dich und niemanden sonst! Wenn er überhaupt auf jemanden hört."

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DIE ORKS SAHEN SICH noch ein bisschen auf der Insel um, bevor sie schließlich zu den beiden Ranies zurückkehrten und sich mit ihrer Seebarke wieder auf den Rückweg machten. Der Wind stand zwar gegen sie, aber das war nicht weiter schlimm, denn die Strömung sorgte nun dafür, dass sie sogar schneller vorankamen als auf dem Weg flussaufwärts. Sie brauchten die Seebarke einfach nur flussabwärts treiben zu lassen.

Die Sonne schimmerte bereits durch die Morgennebel, als sie zum Lagerplatz von Remirg Elfenstirnspalters Orks zurückfanden. Die Flotte hatte an einer so geschützten Stelle angelandet, dass es vom Fluss aus nicht möglich war, sie zu bemerken.

Das letzte Stück der Fahrt war Ravic etwas eingenickt - und Tarasmus war es ebenso gegangen. Neruq hingegen schien so etwas wie Müdigkeit nicht zu kennen, obwohl auch er bereits den Erkundungsgang und die Begegnung mit dem elfischen Rittertrupp hinter sich hatte.

Der weise Ranie weckte Ravic und Tarasmus jedoch rechtzeitig, bevor sie beim Lager eintrafen.

Dort waren die Feuer inzwischen ziemlich heruntergebrannt. Der Geruch von gebratenem Laufdrachentierfleisch war jetzt in Ravics Nase.

Die meisten Orks waren im Augenblick noch nicht auf den Beinen. Außer den Wachen war nur kaum zwei Dutzend von ihnen bereits wach und entweder damit beschäftigt, sich am Fluss zu waschen oder die eigene Waffengarnitur in Ordnung zu bringen. Schließlich stand der Kampf um Nivandrum unmittelbar bevor. Und da war es wichtig, dass alles an seinem Ort und jede Waffe gut geschliffen war.

"Schön, dass du wohlbehalten zurückgekehrt bist", begrüßte Remirg seinen Sohn. Zusammen mit Valo und dem alten Dhalmi Orkfresse kam der Hordenfürst ihm entgegen. "Was hast du zu berichten?"

"Es gibt gute Nachrichten", sagte Ravic. Und dann schilderte er in knappen Worten, was sie bei ihrer Erkundungsfahrt über die Befestigungsanlagen von Nivandrum und die Besonderheiten der vorgelagerten Flussinsel herausgefunden hatten. "Wir sollten von Land aus angreifen", eröffnete er dann auch den Plan, den Enraib der Steuermann vorgeschlagen hatte. "Die Befestigungen sind zum Teil niedergerissen oder abgebrannt, weil die Stadt offenbar vor kurzem Ziel eines Angriffs gewesen ist."

"König Giwduls Leute müssen das gewesen sein", war für Valo sofort klar. "Offenbar haben sie vor kurzem eben doch schon mit einem nennenswerten Heer den Fluss überquert. Ich nehme an, dass das sehr viel weiter südlich der Fall war, weil hier der Fluss viel zu breit ist, wenn man eine große Anzahl von Kriegern auf die andere Seite bringen will."

"Die Tatsache, dass sie die Elfenritter offenbar zurückschlugen, spricht dafür, dass es in Nivandrum kampfstarke Verteidiger geben muss", ergänzte Dhalmi. "Wir sollten also vorsichtig sein."

"Warum so ängstlich, Dhalmi?", gab Remirg zurück. "Das muss eine Erscheinung des Alters sein, von der ich hoffe, dass sie sich niemals bei mir bemerkbar machen wird."

Dhalmi verzog das Gesicht. Dem alten Ork war deutlich anzusehen, was er von dem großspurigen Gehabe seines Hordenfürsts hielt. Allerdings verkniff sich Dhalmi jeglichen Kommentar dazu. Er wusste, dass sich Remirg Elfenstirnspalter ohnehin kaum je an seine Pläne gehalten hatte. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass er im letzten Moment einen schon fest gefassten Plan wieder umgeworfen und völlig verändert hätte.

Manchmal geschah das nur aus einer Laune heraus - oder um deutlich zu machen, wer es letztlich zu sagen hatte.

"Sag bloß, die Idee zu diesem Plan stammt von dir", meldete sich Valo schließlich mit beißendem Spott zu Wort, nachdem man Ravic bereits ein Stück des gebratenen Laufdrachentierbratens gereicht hatte.

"Glaubst du nicht, dass ich in der Lage wäre, einen guten Plan zu fassen?", gab Ravic in der Hoffnung zurück, damit der Frage seines Halbbruders ausweichen zu können.

"Oh gewiss, wärst du dazu in der Lage. Nur bin ich noch nie Zeuge eines so einzigartigen Geistesblitzes bei dir geworden und da stellt man sich eben die eine oder andere Frage - wenn du verstehst, was ich meine."

"Nein, wenn ich ehrlich sein soll, weiß ich nicht, was du damit sagen willst", gab Ravic zurück. "Falls du mich deswegen für einfältig hältst, will ich dir dieses Vergnügen nicht nehmen."

"Spielt es irgendeine Rolle, von wem der Plan kommt?", rief Remirg jetzt dröhnend dazwischen. "Er ist gut - und das ist alles, worauf es ankommt, wie ich finde."

Eine Weile herrschte danach Schweigen unter den beiden Halbbrüdern.

Dhalmi ergriff schließlich als erster wieder das Wort und meinte: "Wir sollten bis zum Einbruch der nächsten Nacht warten, ehe wir aufbrechen. Ich denke nämlich, dass wir den Schutz der Dunkelheit brauchen werden."

"Dem kann ich nur zustimmen", sagte Remirg.

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DEN KALTEN TAG MEHR oder minder untätig zu verbringen, war für manchen unter den Orks eine größere Herausforderung, als sie die Überwindung der schadhaften Schutzwälle von Nivandrum darstellten.

Mit Einbruch der Dunkelheit brachen sie auf. Der Wind stand noch immer günstig und so kamen die Schiffe schnell voran.

An einer günstig erscheinenden Stelle am westlichen Flussufer, landeten sie dann wieder an. Enraib der Steuermann hatte diese Stelle ausgesucht. Schon auf der Rückfahrt von der Flussinsel hatte er sie sich gemerkt, um sie für die Landung jener Krieger vorzuschlagen, die in einem Bogen zur Westseite von Nivandrum vordringen und von dort aus angreifen sollten.

500 Orks - sollten hier abgesetzt werden. Die restlichen 200 Orks wurden gebraucht, um die Schiffe manövrieren zu können. Das bedeutete, dass auf jedem Schiff acht bis neun Orks blieben. So lange der Wind weiterhin den Einsatz der Segel möglich machte, war das für die Manövrierfähigkeit der Flotte kein Hindernis. Schwierig konnte es werden, falls sich der Wind drehte und gerudert werden musste.

Remirg selbst übernahm den Befehl über die 500 Krieger. Und Ravic war natürlich dabei. "Ich will, dass einer an meiner  Seite kämpft, den die Götter im Moment lieben", sagte er. "Bei Dröjn, und von wem könnte man das sonst noch so sicher behaupten wie von dir, Ravic?", sagte der Hordenfürst dazu.

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Kapitel 9

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Valo hatte den Befehl über die Flotte und die verbleibenden 200 Orks bekommen.

Aber er schien darüber nicht sonderlich glücklich zu sein. Natürlich war ihm klar, dass dies kein besonderer Vertrauensbeweis war, sondern nichts weiter als eine Maßnahme, die dafür sorgen sollte, dass wenigstens ein Spross des Remirg Elfenstirnspalter am Leben bleiben und diesen Namen auch in der Zukunft noch behalten und mit Ruhm in Verbindung bringen würde.

Mit versteinertem Gesicht stand er am Bug der DRÖJNS SEGEN, während sich das Schiff bereits wieder vom Ufer entfernte. Enraib der Steuermann hatte Segel setzen lassen und nun durchschnitt das Schiff das von der Strömung gekräuselte Wasser des Großen Stroms. Auch die anderen Schiffe legten eins nach dem anderen ab. Die fünf Hundertschaften von Orks, deren Aufgabe es jetzt sein würde, im Schutz der Nacht einen Bogen westwärts zu schlagen, um Nivandrum dann vom Land aus anzugreifen, blieben zurück. Es ist ein guter Plan, das muss der Neid seinem Urheber lassen, dachte Valo, während er sich drehte und gegen den kalten Wind zu blinzeln begann, sodass seine blauen Augen zu schmalen Schlitzen wurden. Aber dieser Plan muss auch sehr gut durchgeführt werden, sonst endet er für viele von uns bei Nido in der Halle der Götterkrieger im Jenseits.

Es gab eine Menge von Unbekannten in diesem Spiel. Zum Beispiel wusste man nichts Genaues über die exakte Stärke der elfischen Besatzung von Nivandrum. Hatte man es nur mit einer örtlichen Wache zu tun und ein paar bewaffneten menschlichen Einwohnern, die ansonsten als Schmied oder Schlachter ihrem Handwerk nachgingen und nicht viel von der Verteidigung einer Stadt verstanden oder gab es inzwischen möglicherweise Entsatztruppen von König Rahtol?

Valo begab sich nun in die hinteren Teil des Schiffes. Dabei fiel sein Blick auf die Elfin. Du kannst dich glücklich schätzen, dass Denumorh der Raue im Moment nicht in deiner Nähe ist - so viel Fliegenpilztrunk, wie der zu sich genommen hat, ging es Valo dabei durch den Kopf. Er ging weiter und erreichte schließlich Enraib den Steuermann.

"Ich hoffe, du findest die Flussinsel auch wieder", meinte Valo.

"Keine Sorge, die ist unübersehbar. Und besonders zu verbergen brauchen wir uns auch nicht. Wenn die Bewohner von Nivandrum ihre Aufmerksamkeit voll und ganz auf das richten, was auf der Insel geschieht, so haben es unsere Krieger leichter!"

"Der Plan stammt nicht von Ravic, oder?"

"Er ist gut und wird nun in die Tat umgesetzt", wich Enraib aus. "Und er wird uns alle reich machen - die einen etwas mehr, die anderen etwas weniger, je nachdem, wie der Anteil des Einzelnen jeweils ist."

"Ja, gut möglich", knurrte Valo zwischen den Zähnen hindurch. "Du stehst fest auf Ravics Seite, was immer auch geschieht", fuhr Valo fort. Er sagte das im Tonfall einer Feststellung, nicht einer Frage.

Enraib sah Valo etwas überrascht an. "Ja, das stimmt. Wenn ich jemandem die Treue geschworen habe, dann werde ich mich auch daran halten. Und Ravic stand immer unter meinem Schutz. Und auch wenn er ihn inzwischen wohl nicht mehr braucht, werde ich immer an seiner Seite stehen."

"Eine Tages wird er meinem Vater nachfolgen. Das dürfte dann für dich sehr günstig sein."

"Ich denke nicht an meinen Vorteil."

"Ach komm schon! Die Elfengottgläubigen verbreiten die Lehre vom Pfad des Geistes mit dem Schwert unter den Menschen, und niemand ist raffgieriger als die Schamanen, zu deren heiligen Pflichten doch angeblich das einfache Leben gehört, damit sie nicht vom Geisterpfad abgelenkt werden. Wenn mir also jemand über den Weg läuft, der behauptet, dass er nicht seinen Vorteil sucht, dann ist der für mich so glaubwürdig wie ein Geschichtenerzähler, dem man ein Silberstück gibt, damit er sich noch ein bisschen mehr einfallen lässt!"

Enraib lachte. "Du siehst überall hinterlistige Absichten und von langer Hand geschmiedete Pläne! Aber ich bin da etwas einfacher gestrickt. So wie dein Vater."

"Oder Ravic."

"Richtig."

"Was wäre, wenn irgendein Elf es schafft, Ravic und meinen Vater zu erschlagen."

"Dieser Elf müsste noch geboren werden, glaube ich."

"Was, wenn es geschähe?"

Enraibs Gesichtsausdruck wurde nachdenklich. Mit einem Ruck bewegte er die am Steuerbord angebrachte Ruderstange, um die DRÖJNS SEGEN auf einen etwas schnelleren Kurs zu bringen. Das Segel, das zuvor schon bedenklich Falten geworfen hatte, blähte sich wieder.

"Dann wirst du uns führen, Valo Elfenstirnspalter", stellte Enraib dann fest. "Und ich werde dir folgen, wohin auch immer."

"Das wollte ich wissen."

Die Blicke beider Orks begegneten sich. Und in Enraibs Antlitz trat jetzt ein Ausdruck von tiefer Entschlossenheit. "Weißt du, seit Ravic ein großer, starker und manchmal etwas jähzorniger Ork ist, hatte ich immer das Gefühl, dass ich ihn vor allem vor sich selbst schützen müsste."

"Dann tu das weiter", sagte Valo. "Denn er hat diesen Schutz bitter nötig."

"Mag sein. Aber vielleicht sollte ich in Zukunft auch daran denken, ihn vor seinem Bruder zu schützen - obwohl ich eigentlich gedacht hätte, dass dies ein Lied ist, dass in der Vergangenheit gesungen wurde und keine Gültigkeit mehr hat."

"Das hat es auch nicht. Da kannst du ganz beruhigt sein. Wir sind keine kleinen Jungen mehr, die miteinander raufen!"

"Aber er ist immer noch ein Elfling."

"Für wen spielt das eine Rolle?"

"Für deinen Vater nicht."

"Richtig."

"Für dich schon."

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SIE ERREICHTEN SCHLIESSLICH die Flussinsel. Aber diesmal war es nicht ein einzelnes Schiff, das sich lautlos an die der Stadt abgewandte Küste der Flussinsel heranpirschte, sondern eine ganze Flotte von zwei Dutzend Schiffen, die mit geblähten Segeln fuhren. Und die hoben sich deutlich sichtbar als dunkle Schatten gegen das Mondlicht ab, das sich im Fluss spiegelte.

Die Orks taten im übrigen auch nichts, um ihr Auftauchen in irgendeiner Weise zu verbergen. Ganz im Gegenteil.

Sie schlugen mit den flachen Seiten ihrer Schwerter und Stielen ihrer Zwergenaxte gegen die Schilde, die der Reihe nach an der Reling ihrer Schiffe befestigt waren.

Wer immer sie vom Land aus bemerkte, musste denken, dass eine hochgerüstete, mit zahllosen Kriegern bemannte Flotte von Drachenschiffen flussaufwärts gesegelt kam. Dass diese Flotte zahlenmäßig außerordentlich schwach bemannt war, konnte man auf die Entfernung und in Anbetracht der nächtlichen Sichtverhältnisse nicht unterscheiden. Davon abgesehen hatten manche der Orks - etwa Rumrost Sturmsohn oder die beiden Ranies  - die Fähigkeit, so laute Kampfschreie auszustoßen, dass man glaubte, es mit viel mehr Kriegern zu tun zu haben.

Ein Höllenlärm drang nun vom Fluss her nach Nivandrum. Hier und da wurden Lichter entzündet. Der flackernde Schein von Fackeln breitete sich auf den Wehrgängen, die zur Flussseite hin ausgerichtet waren, aus.

Enraib der Steuermann lächelte zufrieden.

"So sollte es sein", meinte er.

Und auch Valo Elfenstirnspalter wirkte jetzt etwas entspannter. Es bestand eine gute Aussicht, dass der Plan des Steuermanns aufging.

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DAS SCHIFF VON RUMROST Sturmsohn erreichte zuerst das Ufer der Insel. Die Orks sprangen an Land und vertäuten das Schiff an den reifbedeckten Bäumen in Ufernähe.

Die DRÖJNS SEGEN legte als zweite an.

"Bei Rohts Kräften, ich wünschte, ich wäre bei den 500 und nicht auf dieser Insel", knurrte Rumrost Sturmsohn.

Und Ranie der Weise konnte ihm da nur beipflichten. "Die anderen werden alles geplündert haben, eh wir zum Zuge kommen!"

Enraib wandte sich unterdessen an Valo. "Wie du hörst, bist du nicht der Einzige, der mit seinem Schicksal hadert. Aber ich glaube so leicht, wie Ranie glaubt, werden es die 500 nicht haben!"

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DAS HEER DER 500 FAND nahezu unbemerkt seinen Weg durch die Nacht. Ob man auf hoher See nach den Sternen navigierte oder sich in dunkler Nacht in einem flachen, grasbewachsenen Land auf diese Weise zu orientieren versuchte, war kein großer Unterschied. Einzelnen, zumeist nur von Menschen bewohnten Gehöften und Siedlungen wich man so großräumig wie möglich aus.

Jetzt lag der Befestigungswall von Nivandrum vor ihnen und im Mondlicht war jetzt deutlich zu sehen, dass er sogar noch weit schlimmer in Mitleidenschaft gezogen worden war, als es vom Tempelstättenturm der Flussinsel aus zu sehen gewesen war.

Remirg Elfenstirnspalter hob seine Axt. Ravic zog sein Schwert. Denumorh der Raue wirkte schon eine geraume Weile sehr unruhig und schien sich kaum zurückhalten zu können. Am liebsten wäre er wohl mit seinem Bärenfell um die Schulter und der Zwergenaxt in der Hand einfach losgestürmt. Und dem irren Mroo schien es ähnlich zu gehen.

Viele unter den 500 waren von einer ähnlichen Unruhe erfüllt, aber noch mussten sie warten. Warten auf den richtigen Augenblick zum Angriff. Aber das Zeichen dazu musste nicht nur von Remirg Elfenstirnspalter kommen, sondern von jenen 200, die inzwischen auf die Flussinsel gelangt sein mussten. Etliche Bogenschützen aus Igarbs Sippe waren unter ihnen und der Plan sah vor, sie an der dem Festlandufer zugewandten Seite der Flussinsel zu postieren.

Der Schutzwall von Nivandrum war nahe genug, um ihn mit Brandpfeilen treffen zu können. Und ganz sicher konnte man von der Insel weit genug schießen, um die Schiffe in Brand zu stecken, die die bei den Anfurten festgemacht worden waren.

Wie ein Schwarm von Sternschnuppen sah es dann aus, als die Brandpfeile von der Flussinsel aus abgeschossen wurden und sich auf die östlich gelegenen Befestigungen von Nivandrum niedersenkten. In rascher Schussfolge zischten gleich mehrere Salven hintereinander durch die Luft. Die Pfeile waren in Pech getränkt und brannten weiter. Selbst die kühle Feuchtigkeit, die alles durchdrang, löschte sie nicht gleich.

Stimmengewirr war zu hören. Es dauerte nicht lange, bis die ersten Flussschiffe der Elfen wie Scheiterhaufen aufloderten.

"Lass uns Elfen erschlagen, Ravic!", sagte Remirg an seinen Sohn gewandt, hob die Axt und brüllte einen Kriegsschrei. Das war das Zeichen, auf das alle gewartet hatten. 500 Orks brachen mit ohrenbetäubenden Geschrei aus der Dunkelheit hervor.

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RAVIC UND REMIRG GEHÖRTEN zu den ersten, die die schadhaften Befestigungen erreichten. Man konnte sehen, dass die Arbeiten zur Wiederherstellung einer ununterbrochenen Palisadenkette bereits im Gang, aber eben noch nicht abgeschlossen waren. Zum Teil waren noch nicht einmal die Trümmer beseitigt worden, die der vorausgegangene Angriff auf die Stadt hinterlassen hatte.

An der Westseite standen offenbar kaum Wächter. Die meisten Verteidiger waren inzwischen auf der dem Fluss zugewandten Seite, da es zunächst den Anschein gehabt hatte, als würde die Gefahr vom Wasser her kommen. Aber das sollte sich als ein verhängnisvoller Irrtum auf Seiten der Verteidiger erweisen.

Nur vereinzelt wurden Pfeile auf die anstürmenden Orks abgeschossen. Es waren kaum Bogenschützen unter den Verteidigern der westliche Befestigung. Und die wenigen Geschosse, die den Angreifern entgegenflogen, wurden durch die Schilde abgehalten.

Noch bevor die ersten Orks überhaupt den Festungswall erreichten, waren die ersten Verteidiger bereits auf der Flucht. Die Übermacht war zu eindeutig.

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ZWEI ELFENKRIEGER, die sich Ravic in den Weg stellten, trieb dieser mit einer Folge schnell ausgeführter Schwerthiebe zurück, dann traf er den ersten von ihnen tödlich am Hals. Das Blut spritzte aus der aufgeschlitzten Ader, während der Elf zurücktaumelte und mit der Hand versuchte, den Blutfluss aufzuhalten - mit der Hand und mit einer Zauberformel. Aber beides blieb wirkungslos. Er sank zu Boden und blieb reglos und mit starren Augen liegen, während der zweite zu fliehen versuchte. Allerdings kam er nicht weit. Ein Speer durchbohrte ihn von hinten. Denumorh der Raue hatte ihn zuvor einem sterbenden Gegner entrissen und ihn dann mit einer Wucht geschleudert, die ihresgleichen suchte.

Jetzt stieß Denumorh einen dröhnenden Schrei aus und schwang seine Axt über dem Kopf. Seine Augen wirkten glasig, die Züge verzerrt. Der irre Mroo war in seiner Nähe und trieb gerade eine ganze Gruppe von Elfen zurück.

Der Widerstand - soweit er überhaupt vorhanden und organisiert war - brach schnell zusammen.

Die ersten Häuser - fast ausschließlich Fachwerkbauten von Menschen - standen schon bald in Brand. Es loderte überall und dunkle Rauchschwaden zogen über die Stadt. Die ersten Bewohner waren bereits auf der Flucht, während die Orks ihre Häuser plünderten. Und den Flüchtenden ihr Silber abnahmen.

Remirg hatte angeordnet, nur wenige Gefangene zu nehmen und zwar nur solche, bei denen durch Kleidung, Bewaffnung, Gehabe oder mitgeführtes Silber gleich erkennbar war, dass sie vielleicht hohen Standes waren und man ein Lösegeld erzielen konnte. Also vorzugsweise Elfen, keine Menschen. Durch seinen Aufbruch aus Xalanor hatte Remirg ja auf nahezu alle Einnahmen, die sich dort auf diese Weise ergeben hätten, verzichtet. Und das musste jetzt ausgeglichen werden.

Aber andererseits war es auch jetzt nicht klug, sich mit zu vielen Gefangenen zu belasten. Schließlich hätte man die auch versorgen und bewachen müssen. Auch wenn Remirgs Schar hier und jetzt in der Übermacht war, so würde sich das Verhältnis früher oder später umdrehen, wenn erst die Heere der widerstreitenden Könige auf sie aufmerksam geworden waren.

Und das war nur eine Frage der Zeit.

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UNGEHINDERT ERREICHTE Ravic, Remirg und die anderen das Schamanenkloster und die Tempelstätte im Zentrum des Ortes. Wie schon in Xalanor waren dies nahezu die einzigen Gebäude aus Stein. Es gab allerdings keine Umgrenzungsmauer. Trotzdem dienten die Tempelstätte und das Schamanenkloster als letzte Rückzugsorte für viele der Verteidiger. Inzwischen war nahezu die ganze Stadt bereits in den Händen der Orks. Säcke mit Silber, Schmuck, Werkzeuge und Waffen aus Metall - all das wurde bereits aus den Häusern geschafft. Inzwischen landete Valo mit einem Teil der Flotte am Ufer, sodass mindestens noch einmal hundert Orks in die Kämpfe eingriffen. Aber ihnen stellte sich kaum Widerstand entgegen. Überall gab es nur Chaos und heillose Flucht.

Nur beim Schamanenkloster gab es noch geordnete Gegenwehr. elfische Kämpfer bildeten einen Schutzwall. Bogenschützen steckten einige der Orks nieder, bis ihnen die Pfeile auszugehen schienen.

Ein harter Nahkampf mit Schwert, Axt und Speer entbrannte. Lanzen bohrten sich in Leiber, Schilde spalteten sich unter den Schlägen von Zwergenäxten.

Ravic kämpfte in vorderster Reihe. Immer wieder kreiste seine Klinge durch die Luft. Funken sprühten, wenn Eisen auf Eisen traf.

Inzwischen trafen Valo, Enraib und ein Teil derer, die am Ufer gelandet waren ein und unterstützten die Kämpfenden.

Der Reihe nach wurden die Elfen niedergekämpft. Ihre Körper bedeckten bald den Boden. Die Verteidiger zogen sich zum Eingangsportal der Tempelstätte zurück.

"Zünden wir ihnen das Dach über dem Kopf an und räuchern sie aus", meinte Remirg.

"Dann vernichten wir auch alles, was es darin vielleicht noch an Wertvollem gibt", gab Valo zu bedenken, dessen Klinge dunkelrot vom Blut der Elfen war. Er beugte sich nieder und nahm einem Toten den Schild ab. Dann wandte er sich an Ravic: "Wer hätte gedacht, dass dieser Tag noch einmal kommt, an dem wir Seite an Seite kämpfen", meinte er.

"Eigenartigerweise hat sich das nie ergeben", meinte Ravic.

"Eigenartigerweise hat sich früher immer das Gegenteil ergeben!" Er lachte. "Na, willst du nicht wie ein Berserker hineinstürmen und in der Tempelstätte ein Blutbad unter den letzten Elfen anrichten? Oder überlässt du so etwas lieber Denumorh?"

Denumorh brüllte unterdessen einen Schwall von wüsten Beleidigungen in Richtung der Männer, die das Tempelstättenportal verteidigten. Der Genuss des Pilzgiftes und reichlich Met und Wein hatten seine Aussprache verwaschen werden lassen. Obwohl sich die Sprache der Orks doch in einigem von der der Elfen unterschied, verstanden die wahrscheinlich kaum mehr als einzelne Wörter. Aber es war auch keineswegs nötig, jedes Wort dieses üblen Wortschwalls zu verstehen. Die Botschaft war mehr als eindeutig.

Die Elfen nahmen sie mit stoischer Gelassenheit zur Kenntnis und reagierten darauf nicht weiter. Anscheinend waren sie entschlossen, ihre Kräfte für andere Dinge aufzusparen.

"Die können die Tempelstätte tagelang selbst mit wenigen Männern halten", stellte Valo fest. "Es reichen drei oder vier Krieger, um das Portal zu halten - und wenn die niedergekämpft sind, warten hinter ihnen wieder drei oder vier Krieger, die für sie einspringen."

"Irgendwann werden ihre Arme erlahmen", meinte Remirg. "Oder sie bekommen Hunger und Durst."

"Eher glaube ich, dass das Gebrüll dieses Beserkers sie in den Wahnsinn treibt", glaubte hingegen Enraib der Steuermann.

"Vater, wir sollten den Elfen ein Angebot machen. Lassen wir sie abziehen. Die meisten von ihnen jedenfalls. Wir nehmen ihre Waffen und was sonst noch gefällt und behalten diejenigen von ihnen in Gewahrsam, die wie Edelleute aussehen, damit wir sie gegen Lösegeld eintauschen können!"

"Damit dieselben Elfen dann in ein paar Tagen wieder gegen uns kämpfen?", fuhr Remirg auf, dem dieser Vorschlag offensichtlich überhaupt nicht gefiel - wohl auch deshalb, weil der Kampf eigentlich entschieden war.

"Vater, wir sollten so schnell wie möglich zusehen, dass wir alles, was hier in diesem Ort auch nur einigermaßen wertvoll ist, rüber auf die Insel schaffen."

"Was du nicht sagst, Sohn..."

"Nivandrum, können wir nicht halten, wenn elfische Verstärkung kommt!"

Remirg knurrte etwas Unverständliches vor sich hin. Die Worte seines Sohnes schienen ihn immerhin zum Nachdenken veranlasst zu haben. In Xalanor war es möglich gewesen, sich festzusetzen, aber was Nivandrum betraf, gab es da einen wesentlichen Unterschied: Die schadhaften Befestigungsanlagen auf der Westseite.

"Dein Sohn hat recht", stimmte jetzt Dhalmi Orkfresse in diesen Chor mit ein. "Das, was wir heute getan haben, könnten die Elfen wiederholen, wenn sie genug Krieger zusammengezogen haben."

"Niemand hatte geplant, hier zu bleiben", gab Remirg zurück. Schnell alles zusammenraffen und auf die Insel bringen - so war der Plan gewesen. Aber mit jedem Augenblick, den sich der Kampf um die Tempelstättenpforte in die Länge ziehen würde, geriet dessen Verwirklichung in Gefahr. Schließlich wusste niemand, wie nahe vielleicht schon elfische Heere waren. Und dabei spielte es dann am Ende wohl auch kaum eine Rolle, ob diese Heerhaufen nun König Rahtol oder König Giwdul unterstanden.

"Mach ihnen ein Angebot", wiederholte Valo. "Und sei großzügig. Wir haben mehr Gefangene als wir bewachen können und sollten die Zeit nicht damit verschwenden, das Blut von Narren zu vergießen, die glauben, dass sie Helden sind. Stattdessen brauchen wir jede Hand, die etwas aufs Schiff tragen kann!"

Inzwischen waren auch der irre Mroo und die beiden Ranies in das Geschrei von Denumorh eingefallen und unterstützten ihn.

Die besten Bogenschützen stellten sich auf. Neruq und Igarb hatten bereits einen Pfeil eingelegt.

"Durchlöchert sie, wenn ich das Zeichen dafür gebe", befahl Remirg.

"Die werden einfach ihre Schilde heben oder die Pforte schließen  - und was machen wir dann?", meinte Valo. "Lass sie ziehen, Vater! Wenn uns die Götter weiterhin gewogen sind, dann haben wir sogar unsere Großbarken geholt, sie vollgeladen und sind schon wieder auf dem Weg zur Flussmündung, ehe die verfluchten Elfen sich neu gesammelt haben."

"Also gut", gab Remirg nach. "Sprich du mit ihnen. Sag ihnen was immer du für richtig hältst und wenn du Erfolg haben solltest, dann soll man aus dem Tempelstättenaltar einen Runenstein zu deinen Ehren machen!"

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VALO TRAT EINEN SCHRITT vor die eigenen Reihen und wandte sich an seinen Bruder. "Es wäre nicht schlecht, wenn du meine Wort übersetzen würdest", meinte er.

Ravic trat neben ihn. "Dass du mir so weit traust..."

"Die Sprachen sind nicht so verschieden, dass ich nicht merken würde, wenn du etwas Falsches sagst", erklärte Valo.

Die Elfen an der Tempelstättenpforte waren noch immer durch das Geschrei von Denumorh abgelenkt. Sie reagierten inzwischen mit Gelächter auf die Drohgebärden des Berserkers und all jener, die sich ihm inzwischen angeschlossen hatten.

Da bemerkte Ravic eine Bewegung an dem offenen Turmfenster des Glockenstuhls. Es war nur ein Schatten. Und wenn nicht der Flammenschein eines brennenden Hauses in der Nähe gewesen wäre, hätte man vielleicht gar nichts gesehen.

"Vorsicht!", brüllte Ravic.

Er rammte den Schild seines Bruders und stieß ihn dadurch um. Dort, wo er gerade noch gestanden hatte, zischte der Pfeil her. Ravic konnte den Luftzug spüren, so dicht schnellte er an seinem Gesicht vorbei und bohrte sich dann in die Stirn von Enraib dem Steuermann.

Enraib trug nie einen Helm, schon weil er es hasste, wenn irgendetwas seinen Blick einschränkte.

Jetzt stand er mit offenen, starr gewordenen Augen da. Das Schwert fiel ihm aus der Hand. Blut lief in einem schmalen, sich verzweigenden Rinnsal aus der Wunde. Dann sackte er in sich zusammen.

Ravic starrte ihn fassungslos an.

Er hatte viele sterben sehen. Orks, Elfen, Menschen, Zwerge, Männer, Frauen, Kinder, Junge und Alte. Und er hatte inzwischen in genug Schlachten gefochten, um sich an diesen Anblick gewöhnt zu haben. Schließlich hatte er selbst schon wie ein Berserker gewütet und die Zahl der Krieger, die er erschlagen hatte, musste in die Hunderte gehen. Und genauso hatte Ravic natürlich mehr als einmal erlebt, dass jemand, mit dem er Seite an Seite gestanden hatte, zu Tode kam.

Aber der Tod von Enraib, der in so viele Jahren sein Freund und Beschützer gewesen war, traf ihn ins Mark. Kalte Wut erfasste ihn. All der Zorn, der in ihm schlummerte, brach sich jetzt Bahn.

Er nahm den Schild seines Vaters vom Boden auf und stürmte mit einem Schrei, der selbst Denumorh den Rauen verstummen ließ, auf die Elfen an der Tempelstättenpforte zu.

Ein Speer blieb im Schild stecken, ein weiterer kam hinzu, aber Ravic ließ sich nicht aufhalten. Ohne Rücksicht auf sein eigenes Leben stürzte er sich in den Kampf. Wie aus weiter Ferne drang der Ruf seines Vaters an sein Ohr. Aber bis in seine Seele vermochte dieser Ruf nicht zu dringen.

Den ersten Elfen tötete er mit einem Schwertstreich. Er focht mit einer dermaßen großen Entschlossenheit, dass schon wenig später mehrere Elfen tödlich verwundet zu Boden sanken. Blut spritzte, einen Schwertarm trennte Ravic mit einem einzigen Hieb vom Rumpf, um mit einem weiteren Schlag dann den Schädel des Gegners zu spalten.

Ravics Sturmlauf war für andere das Zeichen, ihm zu folgen. Denumorh der Raue und der irre Mroo waren die ersten. Aber auch die beiden Ranies folgten sofort.

Ravic hatte die Elfen an der Pforte wenig später einige Schritte weit in das Innere der Tempelstätte zurückgedrängt.

Die anderen Orks folgten ihm. Die Elfen wichen zurück. Ihre Schilde bildeten wieder einen Schildwall und ein Elf, bei dem es sich offenbar um den Befehlshaber handelte, rief ihnen mit rauer Stimme zu, was sie zu tun hatten.

Ungestüm stürzte sich Ravic auf den Anführer der Elfen. Mit mehreren wuchtigen Hieben drängte er ihn zurück. Den Schild warf Ravic von sich, um mehr Bewegungsfreiheit zu haben und das Schwert mit beiden Händen fassen zu können. Ein heftiger Schlag ließ dann den Schild seines Gegners zerbrechen. Die Klinge fuhr dem Elfen sogar noch in die Hand. Dann vollführte Ravic eine schnelle Bewegung nach vorn und traf seinen Gegner tödlich.

Denumorh und Mroo waren dicht hinter ihm. Die beiden Ranies  ebenfalls.

Der Kampf dauerte nur kurz. Dann lebte keiner der Elfen mehr im Vorraum der Tempelstätte, nachdem der irre Mroo auch den letzten Verwundeten unter ihnen noch abgestochen hatte, bevor ihn eventuell ein elfischer Heilzauber wieder aufstehen ließ. Verrenkte, zerfetzte Körper und Blutlachen bedeckten jetzt den Boden. Ravic ging weiter und stieß die Tür auf, die den Vorraum von der eigentlichen Tempelstättenhalle trennte.

Der Raum, der sich dann vor ihm eröffnete, wirkte auf ihn riesig. Ravic hatte ein so großes Gebäude noch nie zuvor in seinem Leben von innen gesehen. Die Tempelstätten, die er bei den Insel-Elfen gesehen hatte, wirkten dagegen wie Hütten und auch jener heilige Bau, in dem sie zusammen mit Kiries Kriegern in Xalanor kampiert hatten, schien sehr viel kleiner. Mondlicht fiel durch hohe, mit magischen Zeichen bemalte Glasfenster. Rund um den Altar standen brennende Kerzen, die alles in ein weiches, flackerndes Licht tauchten.

Die Tempelstättenhalle war von Menschen überfüllt. Zahlreiche Bewohner von Nivandrum hatten sich hierher gerettet und beteten nun dafür, dass diese Geißel Gottes, die für sie wie aus dem Nichts über ihre Stadt hereingebrochen war, an ihnen vorüber ginge.

Etlichen Schamanen waren unter den Betenden und vor dem Altar kniete ein Elfengott-Priester und sprach das Gebet der Gemeinde vor.

Doch jetzt verstummte dieser Chor.

Ravic war noch immer erfüllt von Wut und Schmerz. Den Tod von Enraib dem Steuermann konnte er nicht einfach so verwinden. Der Wunsch nach Rache brannte in ihm. Ein unheilvoller, unstillbarer Durst nach Blut und Gewalt.

Seitlich von ihm war ein Aufgang, der vermutlich zum Glockenturm führte. Dort bemerkte Ravic eine Gestalt.

Es war ein Elf. In der Hand hielt er einen Bogen, an der Seite hingen ein langes, etwa eine Elle langes Schwertmesser nach Art der Insel-Elfen und ein Köcher mit Pfeilen.

Nur ein einziger davon war dem Bogenschützen geblieben. Alle anderen steckten jetzt in den Schilden oder den Körpern von Orks.

Und einer dieser Pfeile musste wohl auch Enraib getötet haben.

Der Elf zog den Pfeil, versuchte ihn in den Bogen zu spannen, aber da war Ravic schon bei ihm.

Mit einer raschen Folge wuchtiger Hiebe schlug er auf den Bogenschützen ein - auch dann noch, als dieser schon längst nicht mehr lebte und zu nichts weiter als einem zerstückelten, blutigen Etwas geworden war.

*

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DIE GEBETE WAREN UNTERDESSEN vollkommen verstummt. Es herrschte eine Stille, die für einen Ort, in dem eine Schlacht stattgefunden hatte, ungewöhnlich war.

Ravic wirbelte herum. Hinter ihm stand nicht einer jener Orks, die er dort erwartet hatte. Weder Denumorh noch Mroo oder einer der beiden Ranies.

Stattdessen begegnete ihm der Blick seines Bruders.

Ravic atmete tief durch. Es war das erste Mal seit Enraibs Tod, dass er wieder in der Lage war, einen klaren Gedanken zu fassen.

Auf jene, die sich in die Tempelstätte geflüchtet hatten, musste er wie ein wildes Tier wirken.

"Na, was ist?", fragte Valo spöttisch. "Willst du jetzt nicht auch noch alle anderen töten, die hier in der Tempelstätte sind, sodass wir am Ende gar keine Gefangenen mehr haben, für die man uns Lösegeld zahlt?"

Ravic wollte etwas erwidern. Aber er konnte nicht. Ein Kloß saß ihm im Hals. Er war unfähig, auch nur ein einziges Wort herauszubringen.

Valo trat nahe an ihn heran, sodass seine folgenden Worte trotz der Stille niemand anderes hören konnte. "Du hättest den Elfen vorhin seine Arbeit machen lassen sollen, dann hätte der Pfeil mich getroffen und nicht Enraib. Möglich, dass du das eines Tages bereuen wirst."

"Das tue ich jetzt schon, Valo", murmelte Ravic. "Bei Nido, das tue ich jetzt schon!"

"Eines Tages wird dir dein Jähzorn alles nehmen, Ravic. Erst den Verstand, dann dein Erbe und deinen Besitz und am Ende vielleicht sogar dein Leben. Man könnte fast meinen, du hättest heimlich von Denumorhs Wasser getrunken!"

Ravic lag eine wütende Erwiderung auf der Zunge. Aber inzwischen dröhnte ein Ruf durch das Tempelstättengewölbe. "Schätze! Silber! Zauberrunen aus Gold!" Es war Ranie der Breite, der das ausrief. Und von da an war es so laut, dass man sein eigenes Wort nicht mehr verstehen konnte.

*

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BIS ZUM MORGENGRAUEN wurde alles aus der Stadt fortgeschafft, was sich auf ein Schiff verladen ließ und wertvoll erschien. Außerdem trieb man Vieh zusammen und plünderte Nahrungsvorräte, wo immer man sie vorfand. Geräucherte Flussfische ebenso wie Brot und Mehl. Schließlich wussten die Orks nicht, wie lange sie auf der Flussinsel bleiben würden.

Manche der schlanken Seebarken und Langkähne waren vollkommen überladen. Vor allem, wenn man Tiere an Bord hatte, die sich unkontrolliert bewegten, bestand bei verhältnismäßig schmalen Schiffen immer die Gefahr, dass man kenterte. Aber manchmal reichten dazu auch schon unzureichend befestigte Güter, die unbeabsichtigterweise ein Stück über die Planken rutschten und die Gewichtsverhältnisse vollkommen veränderten.

Zum Schluss zündete man alle noch intakten Gebäude an. Außerdem legte man Feuer an den Palisaden und den Wehrtürmen. Schließlich wollte man nicht, dass ein elfisches Heer, das früher oder später auftauchen würde, voll funktionsfähige Befestigungsanlagen vorfand.

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Kapitel 10

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Bei der Ruine des alten Elfen-Schamanenklosters wurde ein Lager errichtet. In der Kapelle konnte man kampieren. Es wurde Holz geschlagen und Feuer entzündet. Die Gefangenen wurden in der Sakristei eingesperrt. Ihre Auswahl war recht willkürlich. Remirg hoffte, dass zumindest ein paar Personen edler und vermögender Herkunft dabei waren. Und er drängte darauf, ihre Anzahl klein zu halten. "Sonst essen die uns nur unsere Vorräte weg und am Ende ist niemand bereit, für sie etwas zu bezahlen", meinte er.

Säcke voll Silber wurden in der Tempelstätte zusammengetragen. Rinder, Schafe und Hühner ließ man zunächst frei herumlaufen. In den nächsten Tagen würde man einige von ihnen schlachten. Außerdem gab es einen Haufen von Pelzen, mehr oder minder edlen Gewändern und Stoffen, Kleider- und Gürtelspangen in Eisen, Bronze, Silber und hin und wieder auch Gold. Dazu unzählige Schwerter und andere Waffen der besiegten Elfen. Allein die Schwerter waren ein Vermögen wert. Davon abgesehen brauchte sich Remirg um die Ausrüstung seiner Orks in der nächsten Zeit wohl keine Gedanken machen.

Helme gab es ebenfalls in rauen Mengen. Manche waren so verbeult, dass sie nicht mehr zu gebrauchen waren. Aber sie behielten natürlich ihren Metallwert und der war auch nicht zu verachten.

Fässer mit Wein und Bier gehörten zur Beute. Und einige der Orks machten sich auch gleich daran zu überprüfen, ob das Bier, das im Reich der Elfen gebraut wurde mit dem Met vergleichbar, wie es in den Ländern des Nordens getrunken wurde.

Aber da die mitgeführten Met-Vorräte ja ohnehin so gut wie aufgebraucht waren, waren die Orks nicht besonders kritisch gegenüber dem Inhalt der Fässer aus Nivandrum.

Nicht einmal Rumrost Sturmsohn konnte die gute Stimmung verderben. Nachdem Rumrost sich die Gefangenen in der Sakristei angesehen hatte, kritisierte er nämlich lautstark und durch reichlichen Genuss von Bier ermutigt, die Auswahl. "Ihr Hornochsen!", rief er. "Roht muss euch seiner Hammerfaust auf den Kopf geschlagen haben. Ein Drittel der Gefangenen sind Menschen-Frauen aus dem örtlichen Webhaus! Wer soll denn für die Lösegeld zahlen? Nur an euer Vergnügen habt ihr gedacht! Aber die fette Elfen-Äbtissin des Schamaninnenklosters habt ihr laufen lassen - obwohl die ganz bestimmt aus vermögender Familie stammt!"

"Beruhig dich, Rumrost! Es ist für alle genug Beute da!", meinte Remirg daraufhin.

"Ich soll mich beruhigen? Einer der Gefangenen ist vermutlich nur ein Dieb, den ihr Narren mit einem gestohlenen Pelz erwischt habt, den sich der Kerl während der Schlacht genommen hat! Ich dachte wir sind hier, um reiche Beute zu machen, und nicht um unsere Zeit und das Leben unserer Krieger zu verschwenden! Dröjn schützt den Skrupellosen, aber nicht die Narren!"

"Der Betreiber des Webhauses wird mit Sicherheit für seine Frauen Lösegeld zahlen, sofern er noch lebt", meinte Remirg. "Zumindest für die Hübschen!"

Nachdem Remirg dies gesagt hatte, brach allgemeines Gelächter aus. Rumrost machte eine wegwerfende Handbewegung. Er sah sich um und knurrte dann: "Ihr werdet alle noch sehen, was ihr davon habt, dass ihr euch wie Narren aufgeführt hat", knurrte er. "Bei Dröjn!"

Aber Rumrost sah wohl ein, dass im Moment die allgemeine Stimmung viel zu ausgelassen war, als dass seine Worte wirklich hätten verfangen können. Das  Elfen-Met, wie man das erbeutete Bier sehr schnell genannt hatte, besaß offenbar einen etwas höheren Anteil berauschender Inhaltsstoffe, als die Orks dies von dem Met ihrer Heimat gewohnt waren - ganz zu schweigen von dem Wein, der inzwischen auch schon in Strömen geflossen war.

So wandte sich Rumrost ab und drängte sich durch die Reihen der Orks, von denen die meisten ihr Glück und ihren frisch erworbenen Reichtum noch immer nicht richtig fassen konnten. Was machte es da schon, dass nicht alles optimal gelaufen war und man vielleicht die eine oder andere Möglichkeit, noch mehr herauszuschlagen, verpasst hatte? Die meisten machten sich darüber im Augenblick zu allerletzt Gedanken.

Bis auf eine Ausnahme.

Valo Elfenstirnspalter stellte sich Rumrost in den Weg. Und er legte ihm eine Hand auf die Schulter. "Deine Worte waren wahr", sagte Valo. "Und dabei hast du das Schlimmste noch gar nicht erwähnt!"

Rumrost sah den Sohn des Hordenfürst erstaunt an und zog dabei die Stirn in Falten.

"Du stellst dich gegen deinen Vater?", fragte er.

Niemand beachtete das Gespräch der beiden im Allgemeinen, mitunter tumultartigen Stimmengewirr.

"Ich stelle mich gegen niemanden", gab Valo zurück. "Ich erkenne nur die Wahrheit an und spreche sie aus. So wie du!"

"So wie ich?"

"Das Schlimmste, was uns da drüben in Nivandrum geschehen ist, ist der Verlust von einem Dutzend Ork-Kriegern, die uns noch in der Zukunft fehlen werden", sagte Valo. "Ein Dutzend Orks, von denen fast alle beim Kampf um die Tempelstätte gestorben sind. Das wäre nicht nötig gewesen, wenn die Elfen eine Gelegenheit zum Abzug bekommen hätten. Dass sie keine Chance hatten, unsere Übermacht im Kampf zu besiegen, muss ihnen klar gewesen sein und ich gehe jede Wette ein, dass sie vernünftig genug gewesen wären, auf ein Angebot einzugehen."

Rumrosts Gesicht wirkte nachdenklich und schließlich nickte er. "Kann sein, dass du recht hast, Valo."

"Wir werden alle daran denken, wenn die Elfen mit einem Heer zurückkehren und sich zurückzuholen versuchen, was wir ihnen genommen haben."

"Bis dahin sind wir hoffentlich nicht mehr hier."

"Manche unserer Schiffe sind dreimal zwischen dem Festland und der Insel hin und her gefahren, damit wir alles herüberbringen konnten, was wir uns in ehrlicher Schlacht erworben hatten. Wir müssten die Hälfte zurücklassen, wenn wir dazu gezwungen wären, schnell aufzubrechen."

"Oder jemand holt die Großbarken aus Xalanor."

"Was nicht so leicht sein wird - nachdem man auf uns aufmerksam geworden sein dürfte!" Dann zögerte Rumrost. Er kam nahe an Valo heran und sprach leise, dafür aber geradewegs in sein Ohr. "Glaubst du, dass der Segen Dröjns nicht mehr mit deinem Vater ist?"

"Wer kann schon die Götter durchschauen, Rumrost? Sie sind launisch. Und sie entziehen selbst den Ruhmreichsten von einem Tag zum anderen die Gunst, um sie elendig zu Grunde gehen oder in ihrer eigenen Verblendung geradewegs in ihr Unglück rennen zu lassen."

Rumrost atmete tief durch. "Warten wir es ab. Noch feiern wir ein Fest. Noch sind wir alle zu betrunken, um die Wirklichkeit tatsächlich in aller Schärfe sehen zu können. Aber wenn wir aus unserem Rausch aufwachen und uns der Kopf dröhnt, dann will ich hoffen, dass wir nicht schon die Klinge eines Elfenschwertes zwischen den Rippen spüren."

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DER MORGEN DÄMMERTE herauf, aber niemand auf der Flussinsel dachte daran zu ruhen. Es gab in Augenblicken wie diesen einfach keine Müdigkeit.

Außer ihrer Beute hatten die Orks auch ihre Toten auf die Flussinsel gebracht. Sie lagen aufgereiht im Freien.

Am Nachmittag, nachdem sich die erste Freude über die reiche Beute etwas gelegt hatte, wurden sie verbrannt. Normalerweise hätte man sie in ein Schiff gelegt und dies brennend Flussabwärts treiben lassen - dem Meer entgegen, woher sie alle gekommen waren. Aber unter den gegebenen Umständen konnten sie dafür kein Schiff opfern. Sie waren schließlich schon so viel zu knapp, was den Stauraum anbetraf. Selbst dann, wenn die bauchigen Großbarken aus Xalanor endlich nachkamen.

So verbrannte man die Toten an Land, nur ein paar Dutzend Schritt von der Schamanenklosterkapelle entfernt.

Es war dabei die Aufgabe von Remirg Elfenstirnspalter in seiner Eigenschaft als Hordenfürst, die kurze Zeremonie zu leiten und ein Gebet zu den Göttern zu sprechen. "Mögt ihr in Nidos Halle der Götterkrieger im Jenseits auf die letzte Schlacht warten - und darauf, dass wir euch irgendwann folgen", sagte Remirg, ehe das Feuer entzündet wurde.

Zur Beute gehörten auch mehrere Behälter mit teurem Pech. Und etwas davon hatte man für die Zeremonie geopfert. Die schwarze Rauchsäule stieg zum strahlend blauen Himmel empor, wo sie sich durch hohe Winde etwas verteilte und eigenartige Formen ausbildete. Wer wollte, mochte in diesen Rauchbildern das Antlitz des einen oder anderen Toten wiedererkennen.

Ravic wirkte während der Totenzeremonie wie versteinert.

Und nachdem die Toten bereits brannten, konnte er sich nicht zurückhalten und ergriff gegen jede Sitte das Wort. "Wie ein großer Bruder war Enraib für mich", rief er. "Der einzige Bruder, den ich je hatte."

Alle hörten diese Worte. Ihre Blicke gingen zwischen Ravic und Valo hin und her. Und schließlich schaute jeder auf Remirg.

"Enraib den Steuermann, Sohn und Enkel von Enraib dem Steuermann, wird in der Halle der Götterkrieger sicher ein besonderer Platz gegeben werden, sodass ihm die Zeit bis zum Tag der Letzten Schlacht auf angenehme Weise vertrieben wird", sagte Remirg schließlich.

Kein Wort zum Jähzorn meines Bruders, dachte Valo. Einem Anfall, der einigen unserer besten Krieger das Leben kostete!

Aber das war typisch für Remirg. Valo versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Selbst wenn Ravic sämtliches Silber, das wir erbeutet haben, in den Fluss wirft, wird unser Vater ihm da noch verzeihen und weiter glauben, dass er in ihm den besten Nachfolger gefunden hat, den er sich nur wünschen kann, ging es Valo durch den Kopf. Und er dachte an die Worte von Rumrost. Vielleicht war es tatsächlich so, dass der große Remirg Elfenstirnspalter die Gunst der Götter verloren hatte.

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SPÄTER BEGAB SICH VALO zur dem Festland zugewandten Westseite der Flussinsel. Niemand hatte ihm den Befehl dazu gegeben, niemand ihn darum gebeten, aber er kontrollierte trotzdem, ob die Wachen, die dort eingeteilt waren, sich auf ihrem Posten befanden.

Die Schlacht, das viele Met, die entführten Frauen aus dem Webhaus, die Totenfeier... das alles hatte bei so manchem Ork doch an den Kräften gezehrt. Niemand glaubte im Moment daran, dass die Elfen so bald wieder auftauchen würden.

Aber letztlich konnte das niemand vorhersehen. Es hing von so vielen Dingen ab, die sie nicht wussten. Zum Beispiel vom Stand der Auseinandersetzung zwischen den Königen.

Auf jeden Fall müssen wir wachsam sein, wusste Valo, sonst wird man uns alles, was wir erworben haben, wieder abnehmen.

Erworben oder geraubt. Für die Krieger der Orks war das ein und dasselbe.

Er erreichte das Ufer.

Igarb und sein Bruder Bronyest der Schiffsbauer fand er dort zusammen mit einem halben Dutzend weiterer Ork-Krieger. Sie wirkten ziemlich müde. Wahrscheinlich hielt sie nur der eiskalte Wind wach, der jetzt aus Nordwesten zu blasen begonnen hatte.

"Da drüben tut sich nichts", sagte Igarb, als er Valo bemerkt hatte. Er deutete zum anderen Flussufer. "Eine Ruinenstadt. In den abgebrannten Häusern schwelt es wahrscheinlich noch tagelang vor sich hin, sodass die Rauchwolken noch lange zu sehen sein werden."

"So wird es sein."

"Hast du schon das Neueste gehört?", fragte Igarb.

"Im Allgemeinen habe ich gute Ohren. Was sollte mir denn entgangen sein?"

"Angeblich soll sich in der Tempelstätte noch etwas befinden, das mehr wert ist als das ganze Gold und Silber, das wir eingesackt haben."

"Und was sollte das sein?"

"Ein Knochen. Soll angeblich ein Finger von einem dieser Elfen-Heiligen sein. Und wir Narren haben ihn nicht mitgenommen! Der irre Mroo hat einen Elfengott-Priester etwas gefoltert und dann hat er es ihm gesagt. Eine Reliquie nennen die Elfen das und angeblich kommen Pilger von weither wegen diesem Knochen, weil er ihnen hilft, den Pfad des Geistes zu beschreiten."

"Damit müsste sich ein gutes Lösegeld erzielen lassen", meinte Valo.

"Worauf du dich verlassen kannst! Vermutlich mehr als für alle Gefangenen zusammen! Selbst die fette Elfen-Äbtissin, die wir unglücklicherweise laufen gelassen haben, obwohl sie adeligen Standes gewesen sein soll, hätte uns mit Sicherheit nicht so viel eingebracht!"

"Gut möglich."

"Ich nehme an, dein Vater wird bald jemanden losschicken, um diesen Reliquienknochen noch aus der Tempelstätte zu holen", mischte sich nun Igarbs Bruder Bronyest der Schiffsbauer ein.

"Ich hoffe nur, das tut er bald", meinte Valo. "Bevor die Elfen zurückkehren und uns Schwierigkeiten machen."

"Machen die Elfen nicht zurzeit vor allem sich gegenseitig Schwierigkeiten?", meinte Bronyest. "Ich weiß nicht, aber ich habe das Gefühl, dass wir uns hier umsonst die Beine in den Bauch stehen."

"Bei den Göttern, beten wir dafür, dass es so ist, wie du sagst, Bronyest", gab Valo zurück. "Aber das kann ich mir ehrlich gesagt kaum vorstellen.

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AM FRÜHEN ABEND SETZTE eine Seebarke über zum Festland. Nicht nur Valo hatte darauf gedrängt, die Reliquie aus der Tempelstätte zu holen.

Valo war daraufhin mit dieser Aufgabe betraut worden. Der irre Mroo war auch dabei. Außerdem die beiden Ranies und Igarb.

Es war nicht so leicht gewesen, Freiwillige für diese Fahrt zu bekommen. Das lag nicht etwa daran, dass sich irgendjemand vor den eventuell zurückkehrenden Elfen gefürchtet hätte, sondern hatte vielmehr damit zu tun, dass zur gleichen Zeit bereits in der Kapelle  Elfen-Met und mehrere geschlachtete Rinder auf die Orks warteten.

Die Stimmung war wieder ausgelassen, nachdem die Totenfeier vorbei war und sich auch der Kopfschmerz durch übermäßigen Genuss berauschender Getränke unmittelbar nach der Schlacht etwas gelegt hatte.

Den Elfengott-Priester, den der irre Mroo gequält hatte, war ebenfalls mitgenommen wurden. Seine Kutte war blutig. Er kauerte während der kurzen Überfahrt im Bug der Seebarke und zitterte, bis Mroo ihn mit einem Fußtritt aufforderte, an Land zu gehen.

Fünf Krieger ließ Valo bei der Seebarke zurück, während er zusammen mit dem irren Mroo, den beiden Ranies und Neruq Scharfauge sowie dem geschundenen Elfengott-Priester zur Tempelstätte ging.

Die war nahezu das einzige Gebäude, das noch einigermaßen unbeschädigt war. Zumindest äußerlich. Ein Teil der Bänke war herausgerissen worden. Die Orks hatten gemeint, dass es sich hervorragend als Brennholz eigneten - und da es kalt war, brauchte man davon sicherlich einiges, so lange man auf der Flussinsel zu kampieren gedachte. Darüber hinaus eigneten sich die Bretter auch sehr gut, um kleinere Reparaturarbeiten an den Schiffen durchzuführen.

Im Innern der Tempelstätte war alles verwüstet.

Nur die mit Zauberrunen bemalten alten Tempelstättenfenster waren noch an ihrem Ort und ließen das Licht herein. Sie waren einfach zu hoch angebracht, als dass sich die Zerstörungswut der Plünderer hier hätte austoben können.

"Wo ist der Knochen?", fragte Valo nun an den Elfengott-Priester gerichtet.

Mroo gab diesem einen groben Stoß, der den Elfengott-Priester beinahe zu Boden gehen ließ. Nur mit Mühe konnte der sich noch auf den Beinen halten.

Der Elfengott-Priester murmelte ein Gebet vor sich hin und machte ein magisches Zeichen in die Luft. Er sprach dann ein paar Worte nach Art der Elfen, allerdings sehr undeutlich, sodass die Orks den Sinn nicht verstanden.

Dann deutete er zum Altar.

Die Orks hatten jeden Kerzenleuchter mitgenommen. Das Heilige Buch des Elfengottes - das einzige Exemplar in ganz Nivandrum und wahrscheinlich noch eine halbe Tagesreise darüber hinaus - war ebenfalls entwendet worden. Der alte Dhalmi hatte peinlich genau darauf geachtet, dass dem Exemplar nicht ein einziges Pergament gekrümmt wurde, denn schließlich sollte keinesfalls der Wert des Buches gemindert werden. Nach Igarbs Schätzung war es soviel wert wie drei bis vier Bauernhöfe. Aber der alte Dhalmi schätzte es etwas niedriger ein: Der Gegenwert von einem Bauernhof war seiner Ansicht nach das Maximale, was man als Lösegeld herausholen konnte, da dieses Exemplar keine Goldfäden im Einband und die enthaltenen Bilder weder besonders zahlreich noch besonders eindrucksvoll waren.

Selbst das Geweihte Heilwasser hatten die Orks mitgenommen. Auch wenn wohl kaum einer von ihnen so wirklich an dessen Wirksamkeit glaubte, so konnte es doch auch nicht schaden, wenn man sich damit gegen unbekannte Dämonen wappnete, die vielleicht noch in diesem Land auf sie lauerten.

"Diese Tempelstätte sieht nicht so aus, als wäre hier noch irgendetwas zu holen", meinte Igarb. "Bei Nido, können wir wirklich so blind gewesen sein und hier etwas übersehen haben, dessentwegen Tausende von Pilgern jedes Jahr von weit her nach Nivandrum reisen?"

"Offensichtlich ist es genau so", stellte Valo fest.

Der Elfengott-Priester führte sie nun hinter den Altar. Außer einigen getrockneten Blutflecken war dort nichts zu sehen. Schon gar nichts, was noch irgendeinen Wert gehabt hätte oder ein Versteck, wo sich etwas hätte verbergen lassen. Aber in diesem Punkt hatten sich die Orks geirrt.

Im Bereich hinter dem Altar gab es ein Relief, das irgendwelche Szenen aus alten Elfen-Legenden darstellte. Der irre Mroo knurrte die in den Stein gehauenen Gesichter an und schlug dann mit der stumpfen Seite seiner Axt nach einem von ihnen.

"Hast du Angst vor wundertätigen Heiligen?", lachte Valo.

"Ich werde eben nicht gerne angeglotzt!", gab der irre Mroo zurück. "Von niemanden. Auch nicht durch Trolle im Stein."

"Spar deine Kräfte für die Elfen auf", meinte Valo.

"Bei Rohts Hammerfaust, da soll sich mal niemand Sorgen machen", gab Mroo zurück und machte dabei eine wegwerfende Handbewegung.  Er gab dem Elfengott-Priester einen weiteren, ärgerlichen Stoß, der den fast zu Boden gehen ließ. "Na los, zeig uns den heiligen Knochen! Wo finden wir ihn? Oder hast du das alles nur erzählt, um dich wichtig zu machen oder..." Er zögerte, ehe er weitersprach. "Vielleicht hast du uns nur hier her gelockt, um irgendeine Elfenmagie anzuwenden, die uns schaden soll!"

Der Elfengott-Priester schüttelte einfach den Kopf. Er schien zumindest den letzten Satz des irren Mroo verstanden zu haben. "Nein, keine Magie", sagte er. "Nur der Pfad des Geistes tut Wunder. Alle Magie, die nicht von ihm kommt, ist Aberglaube oder ein Werk des Bösen..."

Der irre Mroo holte aus, um den Elfengott-Priester zu schlagen. Aber da griff Valo ein.

"Lass ihn, Mroo."

"Ich dachte, dein Bruder ist der Elfenfreund von euch beiden", knurrte Mroo.

"Mein Bruder würde wahrscheinlich denselben Fehler machen wie du und den Kerl schon erschlagen bevor er uns den heiligen Knochen gezeigt hat", gab Valo kühl zurück. "Wir sind hier, um Beute zu machen, nicht um unsere Schwerter in Blut zu baden. Und schon gar nicht, um uns die Pranken durch unbedachte Fausthiebe selbst zu brechen."

Mroo machte eine wegwerfende Handbewegung. "Du bist ein Weichling, Valo. Wie kann ein Ork wie Remirg Elfenstirnspalter nur so ein Elfen-Mädchen wie dich gezeugt haben!"

Valo begegnete dem irren Mroo mit einem kühlen Blick. Schon früher hatte Mroo immer wieder versucht, ihn zu provozieren. Jemand wie Mroo konnte nicht verstehen, dass jemand mit kühler Berechnung an die Dinge heranging, anstatt schlicht mit dem Zorn des Berserkers. "Eines Tages wirst du zuviel von Denumorhs Wasser getrunken haben und einem Feind geradewegs in die Speerspitze hineinlaufen und es nicht einmal merken, dass du schon durchbohrt bist", sagte Valo. Er wandte sich an den Elfengott-Priester. "Na los, worauf wartest du?"

Der Elfengott-Priester betete vor sich hin. Aber als Valo ihn ansprach, hörte er damit auf. Er zitterte leicht. Dann wandte er sich der Wand zu. Er trat an den Bereich neben dem Relief heran. Dann löste er einen bestimmten Stein aus dem Gemäuer, was ohne Schwierigkeiten möglich war.

Ein dunkles, tiefes Fach eröffnete sich dahinter. Der Elfengott-Priester griff mit dem rechten Arm hinein und holte schließlich ein Kästchen aus Holz daraus hervor.

"Nehmt die heiligen Überreste", sagte er dabei und malte ein magisches Zeichen in die Luft.

Das Kästchen hatte allerdings sichtlich dadurch gelitten, dass es in der geheimen Kammer in der Mauer aufbewahrt worden war. Staub und Spinnweben bedeckten es. Anscheinend wurde es nur selten hervorgeholt. Wahrscheinlich zu hohen Feiertagen.

Valo nahm dem Elfengott-Priester das Kästchen aus der Hand.

Er öffnete es. Ein von grünlichem Schimmer überzogener Knochen befand sich im Inneren des Behältnisses, das mit Samt ausgekleidet war. Allerdings hatte sich der grünliche Belag auch durch den Stoff hindurchgefressen.

Der Elfengott-Priester machte ein magisches Zeichen in die Luft sich und begann eine Formel zu sprechen. Dann unterbrach er seine Formel plötzlich und sein Blick erstarrte. Ein gurgelnder Laut kam noch über seine dünnen Lippen, ehe er in sich zusammensackte und in verrenkter Stellung auf dem Boden liegen blieb.

Der irre Mroo stand hinter ihm, in der rechten einen blutigen Dolch, den er dem Elfengott-Priester offenbar in den Rücken gestoßen hatte.

"Sei mir dankbar, Valo Elfenstirnspalter", sagte Mroo, ehe Valo etwas zu sagen vermochte.

"Dankbar? Wofür?", fragte dieser.

"Dafür, dass ich dich gerettet habe. Der Kerl wollte dich doch mit einem Elfenzauber belegen."

"Er konnte die Alte Elfensprache", sagte Valo.

"Na, und?"

"Es hätte sein können, dass wir ihn noch brauchen."

Igarb deutete unterdessen auf das geöffnete Kästchen, von dem ein Geruch ausging, der Igarb das Gesicht verziehen ließ. "Ich verstehe die Elfengottgläubigen nicht", bekannte er. "Sie predigen so widersprüchliche Dinge. Ihre Elfengott-Priester und Schamanen geben vor, arm zu sein und horten in ihren Schamanenklöstern und Tempelstätten Schätze und nehmen Pilgern viel Silber ab, damit sie alte Knochen ihres Erlösers bestaunen dürfen."

"Ich kann nur hoffen, dass dieses Ding hier wirklich so viel wert ist, wie der Elfengott-Priester gesagt hat", meinte Valo.

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VALO UND SEINE BEGLEITER kehrten an Bord der Seebarke zurück auf die Flussinsel und brachten die Reliquie mit. Remirg bestaunte sie mit gerunzelter Stirn und gab sie an Ravic weiter, der sich das Kästchen mit seinem unappetitlichen Inhalt ebenfalls eingehend ansah.

"Du müsstest dich mehr mit den Gebräuchen von Elfen auskennen", meinte Valo an Ravic gerichtet. Der feindselige Unterton, mit dem Valo dies sagte, entging Ravic dabei keinesfalls. Aber von Valo hatte er nichts anderes erwartet.

"Kannst du den Wert einschätzen?", fügte Remirg hinzu.

"Dazu müsste man wissen, wie viele Pilger wegen der Reliquie in die Stadt kommen und was die Elfen-Herren der Heiligen Tempelstätte bereit ist, dafür zu bezahlen, dass dieser Knochen wieder an seinen Ort zurückkehrt", sagte Ravic. "Ich hoffe nur, dass es dann auch jemanden geben wird, der bezeugen kann, dass dieses ekelhafte Stück kein abgenagter Hühnerknochen, sondern die Hinterlassenschaft eines Heiligen  ist."

"Unglücklicherweise hat der irre Mroo den Elfengott-Priester erschlagen", erklärte Valo. "Ich hoffe nicht, dass uns sein Jähzorn mal teuer zu stehen kommt."

"Wir werden sehen, was die Verhandlungen mit den Elfen ergeben", meinte Remirg. Der reichliche Genuss von Elfen-Met schien ihn milder als sonst gestimmt zu haben. "Ich bin sicher, dass wir uns mit ihnen einigen werden - sowohl, was diesen Knochen angeht, als auch, was die Gefangenen betrifft, die hoffentlich nicht alle wertlos sind!"

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Kapitel 11

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Am Abend herrschte in der Tempelstätte eine so ausgelassene Stimmung wie schon lange nicht mehr. Die Toten waren vergessen und sicher längst in der Halle der Götterkrieger im Jenseits angekommen oder fristeten ihr immerwährendes Schattendasein im tiefen, dunklen Reich der Göttin des Todes, einem Reich des allmählichen Vergessens - je nachdem, welches Schicksal sie sich durch ihre Taten verdient hatten.

Jetzt, da sich noch immer kein einziger Elf in den Ruinen von Nivandrum hatte blicken lassen, war es nicht ganz einfach, die Orks zum Wachdienst zu bewegen. Der Turm der Schamanenkloster-Kapelle musste ebenso besetzt werden wie das Westufer der Flussinsel sowie die Anfurt am Ostufer, wo die Schiffe lagen.

Schließlich konnte man nicht wissen, wann sich am Ufer etwas tun würde. Und selbst ein Angriff vom Ostufer her war nicht völlig ausgeschlossen, wenn auch ziemlich unwahrscheinlich.

Ravic musste mit gutem Beispiel vorangehen und ließ sich sogar für doppelt so viele Wachperioden einteilen, wie normalerweise von ihm erwartet worden wären. Nach Feiern war ihm nämlich nicht zumute. Den Tod von Enraib konnte er nicht so einfach verwinden. Seine Stimmung war aus diesem Grund nach wie vor gereizt. Er wirkte finster und mürrisch. Am Liebsten hätte er lauthals die Götter verflucht, die es zugelassen hatten, dass Enraib umgekommen war. Aber das, was seine Stimmung am meisten drückte, war die Tatsache, dass er sich selbst dafür die Schuld gab, dass es so gekommen war.

Die Götter hatten den Pfeil für seinen Bruder bestimmt und nur sein Eingreifen hatte schließlich dafür gesorgt, dass er sein Ziel verfehlt und in den Körper des Falschen gedrungen war.

Es war wie sie oft: Ravic hatte in jenem Augenblick einfach gehandelt, ohne nachzudenken. Und nun musste er mit den Konsequenzen leben.

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DAS ELFEN-MET FLOSS in Strömen und der Geruch von gebratenem Fleisch verbreitete sich in der Kapelle.

Trinkhörner wurden gegeneinander gestoßen und einige der Orks vergnügten sich mit den Frauen des Webhauses. Da ihre Anzahl zu gering war, um alle Orks aus Remirg Elfenstirnspalters Gefolge schnell zum Zuge kommen zu lassen, wurden Lose gezogen und diejenigen, die zunächst warten mussten, vertrieben sich die Zeit mit einem Spiel, dass Kubb genannt wurde. Dazu zerlegten sie eine der Tempelstättenbänke zu Kubbar - Holzklötzen. Werkzeug zur Holzbearbeitung hatten die Orks schließlich ausreichend bei sich. Äxte und Sägen brauchten sie auch, um ihre Schiffe zu reparieren, was auf einer längeren Seereise regelmäßig notwendig wurde. Die Kubbar wurden nach Art einer Schlachtordnung aufgestellt wie ein Hordenfürst und sein Gefolge. Das Ziel des Spiels war das Umwerfen des Hordenfürsts der anderen Seite mit einem eigenen Klotz. Bis zu sechs Spieler traten gegeneinander an und so mancher Sack Silber wechselte bereits, im Vorgriff auf die eigentliche Verteilung der Beute durch die Wetten der Zuschauer den Besitzer. Immer wieder brandete tumultartiges Stimmengewirr auf. Aber nur selten bekam dieser Chor einen gereizten oder gar zänkischen Ton. Dafür war einfach schon zuviel Met und Wein getrunken worden und die Beute zu groß, als dass sich sich ein Streit gelohnt hätte.

Stattdessen gab man sich lieber den met-seligen Fantasien darüber hin, welche fantastischen Lösegelder man erzielen und welche Schamanenklosterschätze man noch rauben könnte.

Ravic hörte den prahlerischen Geschichten kaum zu, die jetzt erzählt wurden. Remirg meinte, auf der Karte des Zwerges Zeichen dafür erkannt zu haben, die nur einen Schluss zuließen: Dass es nämlich im Umland von Nivandrum noch weitere reiche Orte gab. "Wir könnten von hier aus Vorstöße ins Innere des Landes vornehmen und mehr Schätze hier her tragen", meinte er.

"Und wie sollen wir sie fortschaffen?", fragte der alte Dhalmi daraufhin.

"Du bist ein ewiger Zweifler, Dhalmi!", gab Remirg zurück. "Unsere Großbarken sind in zwei oder drei Tagen hier, wenn wir jemanden flussabwärts schicken, um sie zu rufen."

"Dann sollten wir dafür sorgen, dass sie so schnell wie möglich hier auftauchen", sagte Dhalmi. "Allerdings bin ich mir nicht sicher, dass sie her so schnell auftauchen."

"Wieso nicht?", fragte Remirg.

"Ich habe Kirie Störenfried nie getraut, Remirg, das weißt du!"

"Du denkst, dass er die Großbarken nicht ziehen lässt?"

"Wir haben fast alle Krieger flussaufwärts mitgenommen, Remirg. Die Großbarken werden nur von wenigen deiner Gefolgsleute bemannt. Kirie könnte ihnen die Schiffe einfach wegnehmen, wenn er es darauf anlegt."

"Das würde er nicht wagen!"

"Er hat auch reiche Beute gemacht", erinnerte Dhalmi seinen Hordenfürst. "Vergiss das nicht! Falls er die Schiffe für sich selbst braucht, wird er sie sich nehmen, da bin ich sicher!"

Remirg machte eine wegwerfende Handbewegung. "Das wird er nicht wagen!"

"Du solltest morgen noch jemanden flussabwärts schicken. Denn je länger du damit wartest, desto eher wird Kirie glauben, dass er auf deine Schiffe nicht verzichten kann. Denn wie ich ihn kenne, werden seine Orks auch Vorstöße in die Umgebung unternehmen und der Beuteberg wird so sehr anwachsen, dass man sich irgendwann entscheiden muss, was man zurücklässt."

*

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IN DIESEM AUGENBLICK durchdrang ein dröhnender Schrei die Kapelle. Der Hall verfremdete sie so, dass man zuerst nicht zweifelsfrei hätte unterscheiden können, ob dieser Schrei von einem Elfen, Ork, Menschen oder einem Tier stammte.

Augenblicklich verstummten selbst die lärmenden Kubb-Spieler.

Es war niemand anderes als Denumorh der Raue, der diesen Schrei ausgestoßen hatte. Er stand hoch aufgerichtet da. Sein mächtiger, von Narben übersäter Oberkörper war frei und so sehr mit Blut besudelt, dass man im ersten Augenblick glauben mochte, dass jemand ihm sämtliche Adern geöffnet hatte.

Aber es war nicht sein Blut, sondern dass der jungen Elfin aus Nivandrum, deren Kopf hielt er an dem kurzen Haarschopf fest, so als wäre es der Kopf einer Ziege, die geschlachtet wurde. In der rechten hielt ein blutiges Messer, während aus dem Hals der Elfin das Blut herausschoss. Ihr Körper zuckte und baumelte, während er sie am Schopf hielt.

Nido allein mochte wissen, womit sie seinen Zorn erregt hatte. Vielleicht war sie ihm nicht gefügig genug gewesen, vielleicht hatte auch eines ihrer magischen Stoßgebete Denumorhs Unwillen oder sogar seine Furcht erregt. Schließlich konnte niemand mit Sicherheit ausschließen, dass so ein Gebet nicht in Wahrheit eine zauberische Beeinflussung war. Elfen-Hexenwerk, das nur dazu diente, den Willen zu brechen und gegen das man sich mit allen zu Gebote stehenden Mitteln verteidigen musste, wollte man nicht zum willenlosen Sklaven eines fremden Gottes werden. Es war allerdings auch möglich, dass es überhaupt keinen fassbaren Grund für Denumorhs Handlungsweise gab und diese Bluttat nur aus einer Laune heraus geschehen war.

Ravic starrte den Berserker einen Augenblick lang einfach nur fassungslos an. Dann war sein Blick für einen Moment durch den blutüberströmten Körper der Elfin gefangen. Sie zuckte noch ein paarmal, ehe der letzte Rest an Lebenskraft mit ihrem Blut aus ihr geflossen war. Schlaff und leblos hing sie in dem eisernen Griff mit dem Denumorh ihren Kopf hielt.

Dann schnellte Ravic von seinem Lagerplatz am Boden empor. Finstere Entschlossenheit hatte ihn erfasst. Er spürte, wie der Jähzorn in einer roten Welle in ihm aufstieg, einer Welle, die mächtiger war, als alles andere. Er riss das Schwert hervor.

"Bei Nido, ich habe dir ein Versprechen gegeben!", dröhnte jetzt Ravics Ruf durch das Gemäuer.

Die Antwort bestand nur aus einem Rülpsen.

Er ließ die junge Elfin einfach fallen, sodass sie in eigenartig verrenkter Haltung reglos am Boden liegen blieb.

Ein Leichnam wie viele andere auch, die Ravic inzwischen schon gesehen hatte.

Und doch unterschied sich diese Leiche in seinen Augen von all den anderen Toten.

Ehe irgendeiner der anderen hätte eingreifen können, stürmte Ravic auf Denumorh den Rauen zu. Das Schwert umfasste er mit beiden Händen. Denumorh wich zurück. Gegen die Folge aus schnell ausgeführten Hieben und Stichen hatte der Berserker keine Chance. Mit dem Messer hatte er keinerlei Möglichkeit, einen der Schwertstreiche abzuwehren. Und sein eigenes Schwert lag kaum zwei Schritte entfernt auf dem Boden. Und doch war es in diesem Augenblick unerreichbar.

Wie ein gefällter Baum schlug Denumorh der Raue zu Boden. Er ächzte, versuchte vergebens noch einmal hochzukommen und stieß dann einen röchelnden Laut aus.

"Ich habe mein Versprechen gehalten", sagte Ravic, in dem noch immer der blanke Zorn tobte. "Wenn du die Elfin tötest, töte ich dich - so hast du es jetzt gewollt. Und die Götter offensichtlich auch."

"Du verfluchter Hund!", kam es zwischen Denumorh Lippen hervor, aber mit diesen Worten quoll auch Blut aus seinem Mund. Ein letztes Mal fuhr Ravics Klinge herab und machte dem Leben des rauen Denumorh ein Ende.

"Du hättest dein Bärenfell tragen sollen", murmelte er in die Stille hinein, die auf einmal in der Kapelle entstanden war.

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"MÖRDER!", RIEF JETZT Igarb. "Auch wenn man dich ehrfurchtsvoll Elfenstirnspalter nennt wie deinen Vater: Du bist ein Mörder!"

Weitere Orks - vor allem aus der Sippe von Remirgs Ork-Frau fielen jetzt in die Rufe von Igarb ein.

Schon wurden die ersten Waffen blank gezogen. Insbesondere der irre Mroo schien fest entschlossen zu sein, Ravic die Stirn zu bieten. In einer Hand hielt er die lange Zwergen-Axt. In der anderen ein elfisches Langschwert, bei dem ziemlich offensichtlich war, dass es sich um ein Beutestück aus der Schlacht um Nivandrum handelte.

"Die Schwerter weg!", verlangte jetzt Remirg Elfenstirnspalter.

Seine Stimme war noch lauter, als die aller anderen.

"Dein Sohn ist ein Mörder, Remirg!", knurrte der irre Mroo.

"Der Ermordete gehörte zu meiner Sippe!", rief Igarb dazwischen. "Und es wäre daher mein Recht, ihn zu rächen! Also steck dein Schwert weg!"

Einige Augenblicke sagte niemand ein Wort. Der irre Mroo, der sich Denumorh immer auf besondere Weise verbunden gefühlt hatte, blickte so finster drein, dass man hätte glauben können, allein dieser Blick wäre schon in der Lage, jemanden zu töten. Er fasste das Elfenschwert mit beiden Händen und umklammerte es so heftig, dass das Weiße an seinen Knöcheln hervorkam. Sein Gesicht war zu einer Fratze des puren Hasses verzerrt. Wie viel von dem mit dem Pilzextrakt angereicherten Wasser seines Freundes er in letzter Zeit getrunken hatte, konnte niemand abschätzen. Aber angesichts dessen, was Ravic getan hatte, wäre dieser Berserkertrunk vielleicht auch gar nicht nötig gewesen, um seine Kampfeswut zu wecken.

Dann warf Mroo schließlich das Schwert auf den Boden. Die Klinge klirrte, als sie den Stein berührte. Wütend wandte sich Mroo dem Toten zu und beugte sich über ihn. Denumorhs Züge waren im Todeskampf zu einer hasserfüllten Grimasse verzerrt. Mit dem Fuß schob der irre Mroo den leblosen, blutigen Körper der Elfin ein Stück zur Seite. "Er hat nichts Unrechtes getan", sagte er dann leiser. Als er dann aufblickte, rief er: "Das Bärenfell! Gebt es mir!"

Es war Ranie der Weise, der das Bärenfell von Denumorhs Lagerplatz aufnahm und es Mroo gab. Dieser deckte damit den toten Berserker zu. "Möge das Met in der Halle der Götterkrieger besser schmecken als das Gesöff der Elfen. Und mögen die anderen Götterkrieger ihm angenehmere Gesellschaft sein als eine spröde elfische Kloster-Novizin", sagte Mroo.

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RAVIC STAND UNTERDESSEN wie versteinert da. Langsam erst legte sich der unbändige Zorn, der ihn dazu getrieben hatte, Denumorh zu töten.

"Ist dir überhaupt klar, was du getan hast?", hörte er die Stimme von Neruq Scharfauge neben sich. "Du hast unseren besten Kämpfer umgebracht!"

Remirg und Dhalmi sprachen miteinander. Dhalmi redete auf den Hordenfürst ein. Und auch Igarb gesellte sich dazu und gestikulierte aufgeregt. Ravic hört das alles wie aus weiter Ferne. Es schien wie ein schlechter Traum zu sein, aus dem er gerade erwachte. Zwei Orks hielten unterdessen den irren Mroo fest, der sich wohl im Moment nichts sehnlicher wünschte, als Ravic mit bloßen Händen umzubringen. Es war kaum möglich, ihn zu beruhigen.

Neruq legte Ravic die Hand auf die Schulter. "Denumorh gehörte zwar zu meiner Sippe, aber ich konnte ihn nicht leiden. Und da hin ich nicht der Einzige. Trotzdem wird dir jetzt niemand mehr helfen können. Auch dein Vater nicht, es sei denn er riskiert, dass unser ganzer Haufen auseinanderstiebt wie ein Schwarm Raben, in den man einen Stein wirft."

"Ich habe Denumorh gesagt, was ich mit ihm tun werde", murmelte Ravic. "Bei Nido, ich habe es ihm angekündigt und er hätte es wissen können, was er zu lassen hat!"

"Ach! - Nun ist dieser Berserker daran Schuld, dass du ihm das Schwert zwischen die Rippen gestoßen hast?", fragte Neruq. "Das hat niemandem etwas Gutes gebracht. Nichtmal der Elfin. Nur einer wird sich darüber freuen..."

In diesem Moment fiel Ravics Blick auf Valo.

Er war nahezu der Einzige in der Kapelle, der in diesem Augenblick vollkommen ruhig und gefasst war. Der Einzige, den der ganze Tumult, der inzwischen ausgebrochen war, nicht weiter zu interessieren schien. Valo erwiderte Ravics Blick - und lächelte überlegen. Er hat es gewusst, ging es Ravic in diesem Augenblick durch den Kopf. Er hat es gewusst und gewollt - und darauf angelegt! War er es nicht, der dafür gesorgt hat, dass Denumorh die Elfin bekam? Erneut fühlte Ravic unbändige Wut in sich aufsteigen. Es war ein Zorn, der kein Maß und keine Grenzen kannte. Der Tod von Enraib, die Tatsache, dass sein bester Freund vielleicht nur deshalb gestorben war, weil Ravic seinen Bruder gerettet hatte - all das vermischte sich jetzt mit Erinnerungen an die Auseinandersetzungen, die sie früher gehabt hatten. Jetzt ist er wirklich am Ziel!, ging es Ravic zornig durch den Kopf.

"Du kennst die Strafe für das, was du getan hast, Ravic", hörte er die Stimme von Neruq Scharfauge.

"Ja", murmelte Ravic tonlos, während sein Blick noch immer auf Valo gerichtet war.

"Dein Vater wird dich am Ende verbannen müssen", sagte Neruq. "Es bleibt ihm gar nichts anderes übrig bleiben!"

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"HÖRT MICH AN!", RIEF Remirg Elfenstirnspalter jetzt. Seine Stimme dröhnte so laut, dass man ihm augenblicklich zuhörte. Das tumultartige Stimmengewirr verstummte. Alle Blicke waren nun auf den Hordenfürst gerichtet. "Wir werden tun, was den Göttern gefällt und wir immer getan haben: Wir folgen unseren Gesetzen und dem, was immer schon galt!", sagte er, wohl wissend, dass im Moment sich so mancher unter den Orks fragte, ob die Gesetze wohl auch jetzt galten, da Remirgs Sohn davon betroffen war. "Zwölf Geschworene werden wir benennen! Und wie es üblich ist, müssen acht davon sich darin einig ein, einen Schuldspruch zu fällen!" Er wandte sich an Ravic und es war ihm anzusehen, dass es ihm schwerfiel, jetzt weiterzusprechen. Aber was gesagt werden musste, musste gesagt werden. "Vor den Göttern und allen, die hier anwesend sind, wirst du eines schweren Verbrechens angeklagt, Ravic! Du hast einen Ork umgebracht. Unseren besten Kämpfer, der schon mit dir gefochten hat. Das Gericht der Zwölf soll beschließen, was mit dir geschieht!"

"Und wann wird dieses Gericht einberufen?", fragte Mroo. "Wirst du das so lange verschieben, bis du glaubst, dass der Zorn über die Tat deines Sohnes verraucht ist, Remirg Elfenstirnspalter?"

"Es wird hier und jetzt geschehen. Zwölf von euch werden durch das Los zu Geschworenen. Die Götter bestimmen das Losglück - jeder weiß das. Und die Götter werden es schließlich auch sein, die das Schicksal von Ravic bestimmen werden."

Es dauerte nicht lange und die zwölf Geschworenen waren durch Losentscheid bestimmt worden. Dazu wurden dieselben gefärbten Steine benutzt, die schon für das Kubb-Spiel die Reihenfolge der bis zu sechs Kontrahenten für den Wurf auf die Figuren der Gegner bestimmten.

Jeder von diesen Zwölf musste nun einen Schwur auf die Götter leisten und einen tiefen Schluck aus seinem Trinkhorn nehmen. Neben Nido und Roht wurde vor allem auf Redlab geschworen, den Gott der Wahrheit und des Lichts. Redlab, den Sohn Nidos mit der Göttin Girff, der von seinem blinden Bruder irrtümlich umgebracht wurde und seitdem im Reich der Totengöttin auf seine Rückkehr wartete. Das war der Grund dafür, dass Schönheit und Wahrheit immer mehr aus der Welt verschwanden und durch die Lüge verdrängt wurden. Aber so weit entfernt das Reich der Totengöttin auch sein und so schwach der Einfluss Redlabs auch sein mochte, so brauchte man doch seine Hilfe, wenn zwölf geschworene Orks zusammenkamen, um ein gerechtes Urteil zu fällen, dass auf der Wahrheit der Ereignisse und der Wahrhaftigkeit des überlieferten Rechts beruhte.

Eigentlich hätte man dazu das mit Honig gesüßte Met des Orklandes verwendet, denn es hatte überdies den Vorteil, nicht so stark gegoren zu sein und weniger berauschende Stoffe zu enthalten als das Met der Elfen.

Aber es war einfach nicht mehr genug von dem mitgebrachten Honigmet vorhanden und so einigte man sich darauf, dass alle, die in dieser Nacht noch über Ravic zu Gericht sitzen sollten, vom Elfenmet trinken sollten.

Die ausgelosten Orks wurden durch Remirg eingeschworen. Dann hatten sie ihre Entscheidung zu treffen. Das ganze dauerte nicht lange. Die Schuld von Ravic Elfenstirnspalter war einfach zu eindeutig erwiesen. Sie alle hatten gesehen, was geschehen war. Ravic hatte einen der ihren vor aller Augen umgebracht - und das aus nichtigem Grund, wie niemand unter ihnen ernsthaft bestreiten konnte.

So wandte sich Remirg schließlich an seinen Sohn, um ihm das Urteil zu verkünden. "Du wirst von sofort an verbannt, Ravic. Du kannst mitnehmen, was du tragen kannst. Der Rest deines Anteil an unserer Beute verfällt und kommt der Familie von Denumorh dem Rauen als Wergeld zu."

"Vater, ich..."

"Es ist eine Schande und ein Fluch, was dein Jähzorn über uns gebracht hat, Ravic. Ich hätte mir gewünscht, dass du mein Nachfolger wirst, dass du mit meinen Schiffen und meinen Gefolgsleuten über die Meere ziehst und reiche Beute nach Hause bringst. Die Kühnheit dazu hast du bewiesen. Und bei Nido, in meinen Augen sollte man jemanden, dessen Pisse noch giftig genug ist, um andere wahnsinnig zu machen, nicht so hoch bewerten, wie manche das tun. Aber ich kann unsere Gesetze nicht einfach ignorieren, Ravic."

"Ich weiß, Vater."

"Und du hättest das auch nicht tun sollen!"

"Ich habe es ihm angekündigt", sagte Ravic unbeirrt und im Gefühl eines gerechten Zorns. "Ich habe ihm gesagt, dass er mit der Elfin alles tun kann, was er will, aber dass ich ihn töten würde, wenn er sie tötet."

Remirg legte seinem Sohn die Hand auf die Schulter. Gerade noch war sein Blick voller Zorn gewesen. Jetzt veränderten sich seine Züge und wurden merklich milder. Denn jene Kräfte, die seinen Sohn zu seiner Tat getrieben hatten, waren auch Remirg keineswegs fremd.

"Ich weiß, Ravic. Und ich verstehe dich sogar besser, als du glaubst. Aber manchmal ist es es besser, sein Wort zu brechen."

"Dann wäre ich ohne Ehre gewesen."

"Dann hättest du gehandelt, wie ein Hordenfürst es ab und zu tun  muss, Ravic! Und davon abgesehen..." Remirg kam jetzt näher und die Worte, die er nun sprach, konnte außer Ravic niemand hören. "Erzähl mir nicht, du hättest es der Ehre wegen getan. Erzähl mir so etwas nicht, denn wir wissen beide, dass das mit Ehre nichts zu tun hat, was du getan hast!"

"Vater!"

"Manche werden jetzt sagen, dass es damit zu tun hat, dass zum Teil Elfenblut in deinen Adern fließt."

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Kapitel 12

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Noch in derselben Nacht brachte eine Seebarke ihn ans Ufer. Aber nicht an das Ufer von Nivandrum, sondern jenes im Osten. Ravic hatte darum gebeten und Remirg hatte seinem Sohn diese Bitte gerne erfüllt. Es war schließlich der letzte Gefallen, den er ihm zugestehen konnte. Das Ostufer war vermutlich ungefährlicher für einen wandernden Ork als das Westufer, an dem Remirgs Krieger gerade eine Stadt geplündert hatten und sich die Kunde darüber garantiert Meilenweit herumgesprochen hatte. Dort hätte Ravic damit rechnen müssen, jederzeit auf novaesische Flüchtlinge zu treffen, die nichts lieber getan hätte, als einen dieser Plünderer in die Hände zu bekomme und ihm ein grausames Ende zu bereiten. Von den elfischen Kriegern, die sich in dieser Gegend zweifellos ohnehin zusammenzogen, um gegen die Eindringlinge aus dem Königreich des Ostens vorzugehen, mal ganz abgesehen.

Vierzig Orks befanden sich an Bord der Seebarke - und die waren auch nötig, um das Schiff einigermaßen gerade auf einem von der Strömung möglichst wenig beeinflussten Kurs ans andere Ufer des Stroms zu rudern. Ranie der Breite hielt das Steuer mit eisernem Griff.

Valo Elfenstirnspalter stand am Bug und hatte einen Fuß auf den großen Hauptsteven gestellt. Unter seinem Befehl stand diese Überfahrt, was Remirg angeordnet hatte und von allen als ein Zugeständnis an den hohen Stand des Verbannten angesehen wurde. Abgesehen davon hatte Remirg auch dafür gesorgt, dass unter den Orks, die das Schiff ruderten, niemand aus der Sippe war, der auch Denumorh der Raue angehört hatte. Und auch von den Orks, die Denumorh bekanntermaßen freundschaftlich verbunden waren, war niemand an Bord. Schließlich sollte der Streit nicht von Neuem losbrechen und vielleicht noch weitere Opfer kosten.

Dichter Nebel hing über dem Fluss und das Licht des Mondes wirkte wie eine ferne Geistererscheinung. Es wehte so gut wie kein Wind, aber dafür war die Strömung um so deutlicher zu spüren und trieb das Schiff ein Stück weiter flussabwärts, als es eigentlich beabsichtigt gewesen war. Es dauerte dann noch einmal einige Zeit, bis eine geeignete Stelle gefunden war, an der sich anlegen ließ.

Ravic hatte die ganze Zeit über wie versteinert geschwiegen. Sein Schwert hatte er über dem Rücken gegürtet. Außerdem trug er ein Messer, ein kurzstieliges Handbeil und einen Beutel mit Silberstücken und eine Trinkflasche aus Holz am Gürtel. Sein Helm war nicht nach Art der Elfen, darum hatte er überlegt, ihn zurückzulassen, damit er weniger auffiel. Andererseits ließ sich so ein Helm immer noch gut gegen irgendetwas anderes eintauschen, was er vielleicht dringend brauchte und da sich die Nachricht vom Angriff der Orks auf Xalanor und Nivandrum gewiss weit verbreitet hatte, konnte er ja behaupten, diesen Helm einem Toten abgenommen zu haben. Dagegen hatte gewiss kein Elf und kein elfengottgläubiger Mensch irgendetwas einzuwenden. Die Frage war nur, ob man ihm das glauben würde. Aber in diesem Punkt war Ravic zuversichtlich. Schließlich hatte er durch die Erziehung seiner Mutter genug Sprachkenntnisse, um nicht gleich als Fremder aufzufallen. Dass er die Sprache der Elfen vielleicht etwas anders aussprach, als dies bei den Leuten der Gegend der Fall war, ließ sich erklären. Schließlich hatte sich der Dialekt der Elfen durch Händler und Krieger auch in Gebieten verbreitet, in denen man eigentlich eine andere Sprache gesprochen hatte und in denen die Menschen vielleicht sogar noch weniger Geschick im richtigen Ausdruck hatten als er, der Sohn einer Elfin.

Und seine äußerliche, einige elfische Merkmale aufweisende Erscheinung kam ihm jetzt vielleicht zu Gute. Seine Ork-Reißzähne sah man nur, wenn er den Mund aufriss und schlammfarben wurde seine Haut nur im Zorn. 

Ravic hatte er sich entschlossen, den Helm erstmal zu behalten.

"Hier trennen sich also unsere Wege", sagte Valo schließlich, als das Schiff angelegt hatte und Ranie der Breite an Land gesprungen war, um es an einer von der Uferströmung unterspülten Baumwurzel provisorisch vertäute.

"Die Götter scheinen mit dir zu sein - und gegen mich", sagte Ravic.

"Nein, du selbst bist dein schlimmster Feind. Dazu braucht es die Götter nicht! Es ist das geschehen, was ich dir prophezeit habe: dein eigener Jähzorn hat dir alles genommen. Sieh zu, dass er dir nicht auch noch dein Leben nimmt!"

"Darauf werde ich schon zu achten wissen", gab Ravic zurück. "Schon deshalb, damit du nicht vollkommen gesiegt hast. Denn dann wärst du doch am Ziel deiner Wünsche!"

"Leb wohl, Ravic. Wir werden uns nicht wiedersehen."

"Da sei dir nicht zu sicher!"

Ravic wandte sich zum Gehen und schickte sich gerade an, über die Reling zu steigen. Doch dann hielt er inne: "Du hast es genau so gewollt, nicht wahr? Du hast dafür gesorgt, dass Denumorh die Elfin bekam! Und du konntest in aller Ruhe abwarten, bis das geschah, was geschehen ist."

"Ich werde ein besserer Anführer sein, als du es je sein könntest", sagte Valo daraufhin.

Ravic verzog grimmig das Gesicht. "Auch ein besserer als unserer Vater?"

"Auch das", nickte Valo. "Einer, der seinen Leuten Glück und Beute und Dröjns Beistand bringt und nicht einer, der von Natur aus so viel blinden Zorn in sich hat, dass er sich benimmt, als hätte er die Pisse eines Berserkers eimerweise getrunken! Dies ist ein schlechter Tag für dich - aber ein guter für alle anderen!"

"Warten wir es ab!"

Ravic stieg an Land. Er kletterte die recht steile, rutschige Böschung empor. Als er sich umdrehte, hatte die Seebarke bereits abgelegt. Das Schiff war gerade im Begriff, sich zu drehen. Valo Elfenstirnspalter stand immer noch unmittelbar hinter dem Drachenkopf, so dass man fast meinen konnte, der Drachenkopf und er würden zu einem einzigen Wesen gehören.

Ravic fühlte erneut den Zorn in sich aufsteigen. Jenen kalten, mörderischen Zorn, der ihn Denumorh hatte erschlagen lassen. "Wir sehen uns wieder, falscher Bruder!", rief er heiser. "Wir sehen uns wieder - und dann mache ich mit dir dasselbe wie mit diesem Berserker! Ich schlitze dir den Bauch auf und werde mein Schwert in deinen Gedärmen herumdrehen!"

Ravic ballte die Hände zu Fäusten. Die einzige Antwort, die er bekam, war das Krächzen eines Raben, der in einem der laublosen Bäume in Ufernähe saß und sich als dunkler Schatten gegen den grauweißen Nebel abhob.

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RAVIC LIEF DIE GANZE Nacht hindurch. Der Nebel machte es fast unmöglich, sich zu orientieren. Der einzige Anhaltspunkt, der ihm blieb, war das Flussufer. Eine eisige Kälte ließ ihn frösteln - so sehr, dass er die Kiefer aufeinanderpressen musste, um zu verhindern, das ihm die Zähne klapperten. Daran änderte auch nichts, dass er alles als Kleidung trug, was er besaß und sein mehrlagiges Wams schon den Stürmen auf hoher See mit ihren schneidenden Winden standgehalten hatte, die regelmäßig über jenes Meer fegten, das die Menschen in Ynsulanien den Großen Ozean nannten, während es bei den Elfen, Trollen und Insel-Elfen die Elfen-See hieß. Aber gegen die nebelverhangene Kälte, die jetzt in den Flussauen herrschte, schien kein Gewand zu helfen.

Meine Mutter hätte mir bessere Elfenzaubersprüche gegen Kälte beibringen sollen!, dachte er.

Allerdings kühlte nicht nur Ravics Körper ab, sondern auch sein Gemüt. Der unbändige Zorn begleitete ihn zwar noch eine Weile, aber er wurde zunehmend schwächer und machte schließlich wieder einigermaßen klaren Gedanken Platz. Er musste entscheiden, wohin er sich wenden sollte. Es gab einen Landweg in das Orkland, das wusste er. Er konnte mit dem Schwert umgehen und wusste ein Schiff zu segeln. Und darüber hinaus beherrschte er die Sprache der Elfen! Es hätte schon mit dem Teufel zugehen müssen, wenn es unter den Hordenfürsten des Orklandes nicht einen gegeben hätte, der ihn nicht gern in sein Gefolge aufgenommen hätte!

Irgendeine üble Macht schien im Moment sein Schicksal zu bestimmen und dafür zu sorgen, dass ihm nichts gelang und alles, was er tat im Verhängnis endete.

Und wenn du selbst der Grund dafür bist - und nicht irgendeine finstere Macht, die dir Übles will, ging es ihm durch den Kopf. Er hätte diesen Gedanken gerne davongescheucht wie eine lästige Fliege im Sommer. Aber jetzt, in dieser kalten Nacht, stand dieser Gedanke so klar vor ihm, dass er ihn einfach nicht ignorieren konnte. So lange der Jähzorn in ihm getobt hatte, hatte er diesen Gedanken nicht weiter beachten müssen, denn sein Jähzorn überdeckte stets alles andere, was da noch an Gedanken in ihm gewesen sein mochte.

Aber im Augenblick war das anders.

Hatte Valo mit seinen Worten Recht? Hatte wirklich der eigene Jähzorn Ravic alles genommen? Und konnte das für jemanden wie Valo so offensichtlich sein, dass es für ihn keine Schwierigkeit bedeutete, vorherzusagen, was mit seinem Bruder geschehen würde?

Es schien so zu sein. Ich werde diesen Zorn in mir bändigen müssen, überlegte er. Aber das schien sehr schwer in die Tat umzusetzen.

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RAVIC FOLGTE EINEM Nebenfluss des Großen Stroms, der sich irgendwo in der Landschaft verlor und schließlich so schmal wurde, dass er kaum breiter als ein Graben war, den man leicht überspringen konnte. Mit Anlauf kam Ravic schließlich auf die andere Seite und setzte dort seinen Weg fort. Einem Gehöft wich er aus. Von Menschen-Bauern erschlagen zu werden, die ihn vielleicht einfach aus purer Angst angriffen, wollte er nicht riskieren. Gegen Morgen ruhte er sich etwas im Schatten eines knorrigen, laublosen Baums aus.

Kurz nach Sonnenaufgang lief er weiter. Er fand ein Vogelnest und verzehrte die Eier. Inzwischen war er sich nicht mehr sicher, ob sein Plan, in das Orkland zurückzukehren, wirklich so gut war, wie er ursprünglich gedacht hatte. Warum nicht den entgegengesetzten Weg einschlagen? Schließlich vermochte er sich in der Sprache der Elfen zu unterhalten, was ihm sicher weiterhelfen würde, bis er dessen südliche Grenzen erreicht hatte - wo auch immer die liegen mochten. Und danach? Er dachte an die Geschichten, die er früher am Feuer im Langhaus gehört hatte und denen er mit glühenden Ohren gelauscht hatte. Geschichten von wundersamen Städten und Herrschern, deren Name einen Klang hatte, der fantastischen Reichtum und die Verheißung eines guten Lebens zu versprechen schienen. Aldaria, auch die große Stadt genannt: Goldgartenstadt. Die Tempelstätten mit den goldenen Dächern, die es dort angeblich gab, waren nie aus seinen Gedanken verschwunden.

Aber im Süden gab es so viele sagenhafte Städte und Länder: Mhor, Abodroc, Dadgab, Neisrep und das Land Nasaroch, aus dem die schwarzen Metallbarren kamen, aus denen die besten Schwerter der Welt geschmiedet wurden. Warum sollte er nicht versuchen, dorthin zu gelangen und sich die Wunder dieser fernen Länder mit eigenen Augen ansehen? Einen, der ein Schwert zu führen wusste und ein Schiff zu lenken vermochte, der sollte doch überall sein Auskommen finden, so dachte Ravic.

Er dachte allerdings auch an den kalten Racheschwur, den er seinem Halbbruder zugerufen hatte. Der Wunsch, das zurückzugewinnen, was er verloren hatte, war mindestens ebenso stark in ihm wie der Traum, sagenhafte Orte zu besuchen, bei denen nicht bei allen wirklich sicher war, ob sie tatsächlich existierten oder nur der erzählerischen Fantasie von Orks entstammten, die sich - angestachelt von der Bewunderung ihrer Zuhörer - den Großteil ihrer angeblichen Heldentaten nur am Lagerfeuer ausgedacht hatten.

So blieb Ravic nach wie vor unentschlossen darüber, welchen Weg er letztlich einschlagen sollte.

Die Kälte und ein knurrender Magen lenkten ihn zunächst auch davon ab, allzu tiefschürfend darüber nachzudenken. Und im Augenblick wurde sein Weg ohnehin eher durch den Verlauf von Gewässern und sein Meiden von Ansiedlungen bestimmt.

Im Verlauf des Tages beobachtete er in der Ferne eine Laufdrachentier-Reitergruppe. Es war ein langer Zug von bewaffneten Elfenrittern, dazu mindestens die doppelte Anzahl von Fußvolk.

Ravic kauerte zwischen einigen Sträuchern und verhielt sich ruhig. Die Tatsache, dass der Großteil der Vegetation um diese Jahreszeit kein Grün trug, machte es sehr viel leichter, entdeckt zu werden.

Elfen!, ging es Ravic durch den Kopf. Aber lange nicht genug, um unseren Kriegern auf der Flussinsel gefährlich werden zu können - zumal sie dazu auch noch den Strom überqueren müssten!

Und davon abgesehen war es ohnehin fraglich, ob sie das tun würden. Denn bisher hatten die Elfen aus dem Osten ja auch nicht eingegriffen, als Xalanor und Nivandrum geplündert worden waren.

An der Spitze des Zuges fiel Ravic ein ungewöhnlich großer Elf auf einem ungewöhnlich großen Laufdrachentier auf. Die Erkenntnis traf ihn wie ein Blitz, den Roht manchmal aus heiterem Himmel schleuderte, wenn ihn irgendetwas verdrossen hatte - denn die Götter waren keineswegs frei vom Jähzorn. Ein Umstand, der Ravic in der Vergangenheit durchaus mitunter ein Trost gewesen war.

Der Elf mit dem großen Laufdrachentier - es muss sich um den Elfen handeln, den ich von der Anfurt bei Xalanor aus am gegenüberliegenden Ufer gesehen habe!, erkannte Ravic. Bei Nidos achtbeinigem Drachen - was für ein Riese! Und was für ein Laufdrachentier!

Die Tatsache, dass in der Nähe dieses Elfs, der ganz offensichtlich der Anführer dieses Zuges war, ein dürrer Schamane auf einem kleinen dürren Laufdrachentier daherritt, sprach dafür, dass es sich tatsächlich um denselben Elfen und sein Gefolge handelte, den Ravic schon in Xalanor gesehen hatte. Sie ziehen nach Süden,  stellte Ravic fest. Es wird die Unseren freuen, dass sich die Elfen des Ostens offenbar nicht vorhaben, in nächster Zeit anzugreifen.

Ganz sicher konnte man da natürlich keineswegs sein, denn es war ja immerhin auch möglich, dass dieser Zug einfach nur eine weiter südlich gelegene Stelle suchte, an der eine Gelegenheit bestand, den Großen Strom zu überqueren.

Ravic blieb in kauernder Haltung, bis der Zug verschwunden war. Dann setzte er seinen Weg fort.

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ZWEI TAGE ZOG RAVIC in der Gegend herum, folgte zumeist den sich verzweigenden Wasserläufen, ernährte sich von Wurzeln und geräuchertem Fisch, den er in einer Räucherhütte fand, die zu einem nahen Gehöft gehörte. Zum Glück war niemand in der Nähe. Ein wenig wunderte er sich darüber, wie wenig das Land am Ostufer des Stroms besiedelt war. Waren die Berichte über blühende Städte und reiche Schamanenklöster vielleicht etwas übertrieben gewesen? Es war so naheliegend gewesen, von der Küste der Insel-Elfen aus zur Strommündung zu segeln und den großen Fluss als Einfahrtsstraße ins Innere des Elfenreiches zu nutzen. Aber vielleicht wäre es besser gewesen, von Anfang an weiter zu segeln, ging es Ravic durch den Kopf. Bis zum sagenhaften Land Suladna-La - oder wenigstens bis nach Dalirland, der grünen Insel im Westen, auf der die Schamanenklöster angeblich besonders zahlreich und wohlhabend waren.

Aber Ravic erkannte auch, dass es sinnlos war, jetzt frühere Entscheidungen zu bedauern. Was geschehen war, war geschehen und ließ sich nicht rückgängig machen. Und ganz besonders galt das für ihn selbst - denn während seine ehemaligen Gefährten jederzeit mit ihren Schiffen wieder flussabwärts in Richtung der Mündung fahren konnten, gehörte er, Ravic, jetzt einfach schlicht und ergreifend nicht mehr zu ihnen.

Das Band, das sie verbunden hatte, war zerschnitten worden - und zwar von ihm selbst, wie Ravic beim Nachdenken über die Geschehnisse jener verhängnisvollen Nacht, als er Denumorh den Rauen getötet hatte, inzwischen unumwunden zugeben musste.

An einem der folgende Tage gelang es Ravic, ein Rebhuhn durch einen Wurf mit dem Handbeil zu erwischen. Er machte an einer Stelle, die er für geschützt und aus der Ferne nicht gleich einsehbar hielt, ein Feuer und briet das Rebhuhn über den Flammen. Nach dem Essen ruhte er etwas. Er schlief zum ersten Mal seit mehreren Tagen tief und fest. Das lag unter anderem daran, dass es etwas wärmer geworden war. Die Erschöpfung durch die Strapazen der letzten Tage hatte natürlich ebenfalls ihre Spuren hinterlassen.

Ravic schlief wie ein Stein.

Als er aufwachte, sah er gerade noch ein bärtiges Gesicht und eine Mähne aus zotteligen, verfilzten, aschefarbenen Haaren.

Und eine Faust.

Danach umgab ihn nur noch Dunkelheit.

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Kapitel 13

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Das nächste Erwachen war schmerzhaft, denn der Kopf dröhnte Ravic. Außerdem spürte er einen unangenehmen Druck im Magen. Es dauerte ein paar Augenblicke, bis er begriff, dass er gefesselt und bäuchlings über ein Laufdrachentier gehängt worden war. Seinen Helm hatte er nicht mehr auf dem Kopf und seine Waffen hatte man ihm wohl auch abgenommen.

Er hob etwas den Kopf. Der Elf, der das Laufdrachentier führte, auf das man Ravic gefesselt hatte, trug jetzt den Helm.

Er war Teil eines langen Zuges von Fußgängern und Reitern. Sie waren nach Art der Elfen bewaffnet, trugen elfische Speere und Schwerter. Der Heerzug des Anführers mit dem großen Laufdrachentier!, dachte Ravic. Offenbar war er Kundschaftern dieses Heerzuges in die Hände gefallen und die hatten ihn einfach bewusstlos geschlagen und mitgenommen.

Immerhin hatten sie ihn nicht gleich erschlagen.

Natürlich begann Ravic sich zu fragen, was sie stattdessen mit ihm vorhatten.

Bei Nidos Auge, was habe ich den Göttern angetan, dass sie mich anscheinend vergessen und geradewegs in die Arme der Feinde haben laufen lassen!, ging es ihm durch den Kopf. Er versuchte, sich etwas zu bewegen. Allerdings stellte er fest, dass das nicht möglich war. Die Fesseln waren von einem sachkundigen Kenner angelegt worden. Sich zu befreien, war schlicht und ergreifend nicht möglich.

Der Elf, der jetzt Ravics Helm trug, bemerkte dass der Gefangene erwacht war. "Der Orkling ist aufgewacht!", rief er. "Ich hätte nicht gedacht, dass er nach dem Schlag so schnell wieder die Augen öffnet!"

Orkling!

Bei den Orks war Ravic ein Elfling gewesen, die Elfen hingegen bezeichneten ihn als Orkling.

Er war Elf und Ork zugleich - und doch keines von beiden.

Und wahrscheinlich musste er damit leben, dass er von beiden Gruppen nie völlig als einer der ihren angesehen werden würde.

Selbst wenn ich Hordenfürst im Orkland geworden und die Nachfolge meines Vaters angetreten hätte, wäre ich für viele der Elfling geblieben, dachte Ravic.

Ein anderer Elf trat an das Laufdrachentier heran. Er packte Ravic und zog ihn etwas nach oben. "Schön friedlich bleiben, Orkling! Hast du gehört?"

"Ich bin ja nicht taub", sagte Ravic und benutzte dabei die Sprache seiner Mutter.

"Heh, du kannst ja sogar reden!"

"Wie wär’s wenn ihr mich losmacht und auf das Laufdrachentier setzt?"

"Besser nicht", sagte ein breitschultriger Elf, dessen wirres, leicht gelocktes Haar unter einer Lederkappe hervorquoll. Die Spitzen Ohren stachen hindurch und bewegten sich. Einen Helm besaß er nicht. Dafür allerdings ein sehr gutes Schwert aus dem bruchsicheren Stahl aus Nasaroch.

Mein Schwert!, erkannte Ravic und er spürte wieder den Zorn in sich aufsteigen. Wie ein gefangenes wildes Tier fühlte er sich in diesem Augenblick. Ein Fremder, der sein Schwert trug - jene Klinge, die ihm sein Vater einst gegeben hatte und deren Wert höher anzusetzen war als der einer seetüchtigen Seebarke! Welch schlimmere Demütigung hätte sich Ravic überhaupt vorstellen können? Aber es schien, als würde Ikol, der Gott des Unglücks ihn mit einem Fluch des Missgeschicks verfolgen, denn nichts schien ihm zurzeit zu gelingen. Alles, was er begann, schien seine Lage nur verschlimmert zu haben.

"Wir lassen dich besser, wie du bist", sagte der Elf. "Gut verschnürt wie ein Bündel." Er lachte. "Davon abgesehen kannst du froh sein, dass du nicht zu laufen brauchst - denn dass müsstest du, wenn wir deine Beine befreien würden. Oder glaubst du wirklich, wir verschwenden ein Laufdrachentier für einen Gefangenen?"

Ravic fühlte sich speiübel. Das lag auch an seiner unbequemen Lage auf dem Laufdrachentiererücken, der die ganze Zeit in seinen Magen gedrückt hatte. Er musste sich übergeben. Allerdings gab er sich auch keinerlei Mühe, die Mischung aus bitterer Galle und halbverdautem Räucherfisch zurückzuhalten.

Der Elf sprang zur Seite und schrie wütend auf. Er konnte allerdings nicht verhindern, doch etwas davon abzubekommen. "So ein Schwein", brüllte er, sodass auch andere in dem Zug auf ihn aufmerksam wurden. "Das wirst du noch bereuen!"

"Nein, du wirst es bereuen!", knurrte Ravic.

Der Elf ballte die Faust und wollte zuschlagen, aber der Kerl, der das Laufdrachentier führte und Ravics Helm trug, griff ein.

"Hör auf damit, Eldamil!"

"Was mischst du dich ein?"

"Dieser Kerl soll noch reden können, damit wir von ihm mehr über die Orks auf der Flussinsel erfahren! Also lass ihm seine Zähne im Maul, sonst verstehen wir ihn noch schlechter als es ohnehin schon der Fall ist!"

Der Angesprochene zischte etwas vor vor sich hin, was Ravic nicht verstand. Freundlich war es allerdings gewiss nicht gemeint.

*

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DIE STUNDEN KROCHEN dahin und Ravic glaubte schon, dass diese unbequeme Reise überhaupt nie enden würde. Aber dann legte der Heerzug an einer Wasserstelle eine Rast ein. Ein Hornbläser gab das Signal dazu und durch lautes Rufen wurde die Nachricht weiterverbreitet. Sofern die elfischen Krieger beritten waren, stiegen sie nun aus den Sätteln und führten ihre Laufdrachentiere zum Wasser.

Ravics Fesseln wurden zum Teil gelöst und der Elf, der Eldamil genannt worden war, ließ ihn vom Laufdrachentierrücken herabfallen wie einen Sack Mehl. Ravics Hände und Füße waren jeweils noch immer an den Gelenken zusammengebunden. "Du wolltest doch unbedingt laufen", sagte Eldamil. "Das wirst du von nun an auch müssen. Und zwar auf deinen eigenen Beinen." Er löste die Fußfesseln. Ravic spürte seine Beine kaum und ihm war immer noch speiübel.

Eldamil kam auf ihn zu und wollte durch die Handfesseln ein Seil schlingen, um ihn irgendwo festzubinden und vermutlich später hinter sich her führen zu können wie einen Esel.

Aber Ravic dachte gar nicht daran, sich das gefallen zu lassen. Er schnellte genau im richtigen Moment mit den zusammengebundenen Händen vor. Der Schlag ließ Eldamil ächzen und sich krümmen, während Ravic ihm das Schwert entriss. Er rollte sich am Boden um die eigene Achse und war im nächsten Moment auf den Beinen. Das Schwert hielt er mit beiden, noch immer nach vorn zusammengebundenen Händen.

Gleich stand ein halbes Dutzend Elfen um ihn herum.

Mit einem heftigen Hieb schlug er eine Lanze entzwei und trieb dann mit einer schnellen Folge von Schlägen gleich mehrere Krieger ein ganzes Stück zurück.

Der  Zorn, der von neuem in ihm entfacht worden war, gab ihm jetzt die nötige Kraft dazu. Es war ihm gleichgültig, wie viele Gegner sich um ihn scharten. Je mehr, desto besser, dachte er. Denn dann kann ich mehr Elfen erschlagen!

"Wer von euch zuerst spüren will, wie es ist, wenn der eigene Schädel wie ein Holzscheit für das Herdfeuer gespalten wird, der soll vortreten!", rief er. "Und wer seinen Kopf auf den Schultern behalten möchte, hält sich besser von mir fern!"

*

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NIEMAND WAGTE ES JETZT noch, Ravic anzugreifen. Die elfischen Krieger sahen die Entschlossenheit in den Augen dieses Wesens, das für sie ein Orkling war. Entschlossenheit, gepaart mit einer so unbändigen Wut, dass es offenbar niemand so ohne weiteres riskieren mochte, die Warnung zu ignorieren, die Ravic ausgesprochen hatte. Er hatte dabei das Beste elfisch über die Lippen gebracht, zu dem er fähig war.

"Sieh dir seine Augen an, Eldamil! Der ist besessen", meinte einer der anderen.

"Ja, wenn sich dieses zottelige wilde Tier in einen Werwolf verwandelt, würde mich das nicht weiter wundern", meinte Eldamil, der jetzt sein eigenes Schwert zog, das er bis dahin auf dem Rücken getragen hatte. Es war eine angerostete Klinge von geringer Qualität, wie Ravic gleich sah. Vielleicht reichte schon ein heftiger Schlag, um sie brechen zu lassen. Niemals hätte Ravic einer solchen Waffe sein Leben anvertrauen wollen.

"Was ist hier los?", ertönte jetzt eine dröhnende, befehlsgewohnte Stimme. Zwischen den Elfen bildete sich eine Gasse. Aber selbst wenn das nicht der Fall gewesen wäre, hätte man schon von weitem sehen können, wer sich da näherte. Der Elf überragte nämlich fast alle anderen.

Ravic erkannte ihn gleich als den Anführer wieder, der auf einem so ungewöhnlich großen Laufdrachentier ritt. Ein Elfenfürst vielleicht. Oder zumindest einer, der hier viel zu sagen hatte. Er schlug den Umhang nach hinten, der bis dahin seine Schultern bedeckt hatte. An der Seite trug er ein Schwert, das lang und gerade war. Es war die Waffe eines Reiters und schon das Augenmaß sagte Ravic, dass diese Klinge länger war, als die meisten Schwerter, die Ravic bisher bereits zu Gesicht bekommen hatte. Die Waffe eines hochgewachsenen Reiters mit hohem Laufdrachentier, erkannte Ravic. Der Griff war edel verarbeitet und wies zahlreiche Verzierungen auf. Das Wams war mit Stickereien versehen und ebenfalls von einer Qualität, die dem zweifellos hohen Stand entsprach, dem dieser Elf entstammen musste.

Der Elf neben ihm war hager, sein Haar hellgrau bis weiß. Er trug die übliche Kutte eines Elfenschamanen.

Der wissende, durchdringende Blick des Schamanen beunruhigte Ravic aus irgendeinem Grund, den er nicht näher benennen konnte. Ein Blick, der alles zu sehen schien, alles durchdrang, alles erkannte und vor dem man nichts verbergen konnte...

"Ich bin Darnuc von Dalabor", sagte der große Elf jetzt. "Und ich respektiere Mut und Verwegenheit, Orkling. Aber ich verachte Dummheit. Und gegen so viele Krieger anzutreten, ist Dummheit. Du wirst den Tod finden."

"Ich bin der Sohn einer Elfenmutter", sagte Ravic.

"Und dein Helm?", rief jetzt Eldamil. "Von deinem Schwert mal ganz abgesehen. Das ist ein Ork-Schwert! Und dein Aussehen? Auch wenn du dein Maul geschlossen hältst - ich habe deine Reißzähne gesehen. Und deine Haut wird schlammfarben, wenn du wütend wirst!"

"So ein Schwert kann jeder kaufen!"

"Nicht ein Landstreicher wie du! Und was den Helm betrifft..."

"Den habe ich gefunden. In Nivandrum waren die Orks - und es blieben Tote auf beiden Seiten zurück. Ich habe ihn einem der Toten abgenommen, denn er brauchte ihn nicht mehr, weil er den Kopf nicht mehr den Schulter trug."

"Und deine Sprache", rief Eldamil. "Du redest komisch..."

"Du redest auch komisch - für meine Ohren!", gab Ravic zurück und einige der Elfen lachten.

"Vom Aussehen her könnte er tatsächlich eine Elfenmutter haben", sagte jetzt der Elf in der Schamanenkutte. "Vermutlich wurde sie bei einer der zahllosen Ork-Überfälle in der Vergangenheit mit Gewalt genommen. Er ist nicht der Einzige seiner Art, wie ihr alle wisst."

Ravic senkte seine Schwertspitze etwas, aber nur leicht. Seine Körperhaltung war nach wie vor angespannt. "Mutige Krieger hast du, Darnuc von Dalabor!", meinte Ravic dann verächtlich. "Überfallen mich im Schlaf, der ich nichts anderes mache, als vor den Orks zu fliehen und von einem Ort zum anderen zu wandern - und jetzt trauen diese Feiglinge sich nicht einmal an mich heran, wenn ich mit gefesselten Händen vor ihnen stehe." Ravic schüttelte energisch den Kopf und sorgte dadurch auch dafür, dass ihm das Haar nicht so in die Stirn fiel. "Mit diesen Schwächlingen wirst du keine Schlacht gewinnen, Darnuc! Gegen niemanden! Selbst die Rebhühner, die ihr vielleicht essen wollt, werden über euch lachen, denn mit diesem außergewöhnlichen Mut wird es euch nichtmal gelingen, sie zu jagen. Wahrscheinlich hättet ihr sogar zuviel Angst, wenn sie euren Kriegern tot vor die Füße fallen würden und ihr sie nur noch braten müsstet - denn bekanntlich kann ja auch Feuer gefährlich sein!"

*

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MIT EINEM DURCHDRINGENDEN Kampfschrei stürzte sich jetzt einer der Elfen auf Ravic. Dem ersten furchtbaren, wuchtigen Schlag des Elfenschwerts wich Ravic aus und hieb ihm im nächsten Augenblick den Kopf von den Schultern. Das Haupt des Elfen rollte bereits über den Boden, während sein Körper noch aufrecht stand und das Blut aus dem Halsstumpf schoss. Die Klinge, mit der er Ravic verfehlt hatte, stützte ihn noch einen schaurigen Augenblick lang, ehe er schließlich der Länge nach zu Boden fiel.

Ravic wirbelte herum. Seine Klinge schnellte durch die Luft und beschrieb dabei eine aufwärtsgerichtete, wellenartige Bewegung. Ein Raunen ging durch die Reihen der Elfenkrieger. Mochte dieser gefesselte Fremde sie auch noch so sehr beleidigt haben - im Moment traute sich einfach niemand mehr an Ravic heran.

Darnuc von Dalabor hatte bereits das Schwert aus der Scheide gezogen, aber auch wenn er Ravic bei weitem überragte, blieb auch er vorsichtig.

Stattdessen trat der unbewaffnete Schamane vor.

Furchtlos, scheinbar vollkommen unerschrocken und mit jenem durchdringendem Blick, der Ravic schon ganz zu Anfang ihrer Begegnung aufgefallen war.

Nur eine Moment lang sah er auf den geköpften Elfen und sagte dann: "Seinen Jähzorn nachzugeben ist gefährlich. Das musste dieser Krieger erfahren, der sich von dir provozieren ließ. Aber du kannst dich gewiss glücklich schätzen, selbst nicht davon betroffen zu ein - oder irre ich mich da?" Er hatte kein Elfisch gesprochen, sondern die Sprache der Orks benutzt. Ravic war so überrascht darüber, dass er nichts tat, als der Schamane sich noch weiter näherte und schließlich kaum zwei Schritt vor ihm stand. "Du bist hast mich gut verstanden, nicht wahr?"

"Ich..."

"Gib dir keine Mühe, indem du eine weitere Geschichte erfindest, die so wenig glaubwürdig ist, wie das, was du uns bis jetzt erzählt hast. Unsere Krieger haben dich aufgegriffen, weil sie dich für einen der Ork-Krieger von der Flussinsel hielten - und sie haben recht." Er blickte etwas tiefer. Auf die Spitze von Ravics Schwertes. "Was ist? Hast du schon genug Elfen-Schamanen erschlagen? Ich dachte, dass ihr Orks das am liebsten tut! Wehrlose erschlagen und berauben. Ich muss euch allerdings sagen, dass ich ohne jeden Besitz bin und der Besitz des Schamanenklosters Yevroc, in dem eine bescheidene Zelle für mich bereitsteht, in erster Linie aus Dingen besteht, die für jemanden wie dich keinen Wert haben dürften. Aus Büchern zum Beispiel, von denen die meisten keineswegs mit golddurchwirkten Einbänden versehen sind und nur dem einen Zweck dienen: Das Wissen zu bewahren und über die Zeiten und das Vergessen hinweg zu retten."

Die Blicke der beiden begegneten sich.

Augenblicke vergingen, in denen keiner von ihnen ein Wort sagte.

Ravic hatte wieder das Gefühl, dass der Blick seines Gegenübers ihn bis in das tiefste Innere seiner Seele hin zu prüfen vermochte.

"Der Weg des Geistes ist der Weg, die Wahrheit und das Leben, so spricht der Elfengott", sagte der Schamane nun. "Dein Weg endet hier, dein Leben auch - es sei denn, du stellst dich der Wahrheit. Verstehst du, was ich meine?"

"Nein", bekannte Ravic.

"Was hast du getan, dass man dich von der Flussinsel verbannt hat?", fragte er und Ravic hatte augenblicklich das Gefühl, als ob er einen Stich zwischen die Rippen bekommen hätte. Wie kann er das wissen?, ging es ihm durch den Kopf.

"Wenn du es mir sagst, kann ich dir vielleicht vertrauen. Und dann gibt es vielleicht auch eine Verwendung für dich - und du bleibst am leben. Die Alternative ist die: Diese Krieger hier überwältigen dich und bringen dich um. Vielleicht prügeln sie vorher noch ein paar wissenswerte Dinge über die Orks auf der Flussinsel und ihre Absichten aus dir heraus, aber da du einen von ihnen umgebracht hast, sind sie ziemlich wütend auf dich, sodass es dazu wahrscheinlich nicht mehr kommt."

"Ich kann Dutzende erschlagen", sagte Ravic.

"Auch hunderte? Oder noch mehr? Ich habe dich vielleicht falsch eingeschätzt - und du bist doch einfach nur ein Narr. Und jetzt - die Wahrheit!"

Ravic atmete tief durch.

"Ich habe einen Ork-Krieger im Zorn erschlagen."

"Nur einen?", fragte der Schamane spöttisch.

"Nur einen."

"Was war der Grund für deinen Zorn?"

"Er hat eine Elfin getötet, die ihm zur Sklavin gegeben wurde."

"War das nicht sein gutes Recht? Nach euren Grundsätzen natürlich!"

"Ja, war es."

"Hast du sie selbst begehrt?"

"Nein."

"Was war dann der Grund für deinen Zorn?"

"Der geht dich nichts an."

Der Schamane kam jetzt noch näher. So nahe, dass Ravic seinen Atem riechen konnte. "Doch, das geht mich etwas an. Denn ich will, dass du in Zukunft an meiner Seite bist und jeden erschlägst, der mich zu töten versucht. Dass du mit dem Schwert umgehen kannst, habe ich gesehen. Aber ich muss wissen, was dich zornig macht, bevor ich dir trauen kann."

"Die Elfin hat mich an meine Mutter erinnert. Sie war auch eine Sklavin."

Der Schamane nickte. Dann wandte er sich an Darnuc von Dalabor und sprach von nun an wieder elfisch. "Ich wusste gleich, dass dies ein Ork ist. Oder ein Orkling. Oder ein Elfling, wie man ihn vermutlich im Orkland nennen würde. Dazu war ich selbst zu lange im Orkland und bin gut genug mit ihrer Sprache und ihre Art vertraut..."

"Das haben auch die Krieger schon erkannt, die den Kerl aufgegriffen haben", sagte Darnuc etwas irritiert.

"Er ist kein Kundschafter und auch kein Spion. Die Orks genießen einen einzigartigen Ruf als Kämpfer und Krieger - aber der kommt nur daher, weil sie gar nicht erst angreifen, wenn sie nicht sicher sind, dass sie gewinnen werden. Aus dem Hinterhalt und in Übermacht und möglichst auf Wehrlose! Unbewaffnete Schamanen zum Beispiel. Niemals würden die einen einzelnen Krieger zur Erkundung ausschicken! Darum kann dieser Orkling nur ein Verbannter sein. Einer, der ausgestoßen wurde und nicht zurückkehren kann."

"Also Gesindel, das selbst die Orks nicht bei sich dulden", knurrte Darnuc.

"Man soll ihm seine Sachen zurückgeben", sagte der Schamane. "Ich will ihn als meinen Leibwächter haben."

"Ihr müsst wahnsinnig geworden sein, Branagorn von Yevroc!", stieß Darnuc hervor. "Ihr könnt jeden meiner Elfenkrieger zu Eurem Schutz haben. Das habe ich Euch mehrfach angeboten. Aber Ihr habt es immer abgelehnt."

"Weil ich niemandem von ihnen trauen kann und es dann vorziehe, allein und auf Schleichwegen zwischen den Heerlagern der widerstreitenden Könige hin und her zu reisen, auf dass meine diplomatischen Botschaften gehört werden und das Morden unter den Elfen endlich aufhört", erwiderte Branagorn.

Darnuc deutete auf den toten Elfenkrieger. "Er hat einen meiner Krieger umgebracht."

"Der Sack Silber, den er bei sich hatte, wird als Wergeld für dessen Familie sicher ausreichen", sagte Branagorn.

"Mir gefällt das nicht", knurrte Darnuc. "Aber Ihr seid ja für Eure außergewöhnlichen Wünsche berüchtigt, Branagorn von Yevroc!"

"Er ist ein Fremder - mit Niemandem verwandt, den wir kennen. Und niemand, der eine Einigung der Könige verhindern will, wird ihn anwerben, um mich zu töten."

"Vielleicht wird er Euch töten, Branagorn. Einfach so." Darnuc zuckte mit den Schultern. "Wilde Tiere tun das manchmal. Daran solltet Ihr denken, bevor Ihr Euch ein Exemplar dieser Art zu Eurem Begleiter erwählt!"

"Ich habe die Heimat dieser wilden Tiere besucht. Und ich fürchte mich nicht vor ihnen."

Darnuc musterte Ravic eingehend und mit unverhohlener Geringschätzung von oben bis unten. "Gib das Schwert ab, falscher Elf", verlangte er dann. "Du kannst es zurückerhalten, wenn dein neuer Herr immer noch diesen Wunsch haben sollte, wenn er mit dir auf seine nächste Reise geht. Aber bis dahin will ich ruhig schlafen können."

Ravic überlegte kurz. Der Zorn, der ihn noch erfüllt hatte, als er den elfischen Schwertkrieger erschlug, war verraucht. Er war innerlich ruhig. Vielleicht ist es wirklich das Beste, diesen Weg zu gehen, den die Götter dir gezeigt haben, ging es ihm durch den Kopf. Nach Aldaria oder Dadgab oder ins ferne Nasaroch, wo es den unbrechbaren Zauberstahl gibt, kann ich immer noch. Später.

Ravic steckte das Schwert in den Boden. Zitternd blieb es darin stecken.

"Hier ist es", sagte er und seine Stimme klang tatsächlich so ruhig und gefasst, wie es schon lange nicht mehr der Fall gewesen war. Fast hätte man denken können, dass der Jähzorn gar nicht eine bevorzugte Eigenschaft seines Charakters war.

Darnuc zog es aus dem Boden hervor.

"Dies ist eine Maßnahme, die Euer beider Sicherheit dient", sagte der Anführer der Elfen jetzt an Branagorn gerichtet. Wieder an Ravic gewandt, fuhr er dann fort: "Du wirst natürlich laufen und nicht auf einem Laufdrachentier reisen, als wärst du eine Persönlichkeit von Stand und Ehre."

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Kapitel 14

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Den Orks auf der Flussinsel war das Feiern bald leid geworden. An einem der nächsten Tage schickte Remirg Elfenstirnspalter eine Seebarke flussabwärts, die er unter den Befehl seines Sohnes Valo stellte.

Bevor sie losfuhren, legte Remirg seinem Sohn die Hand auf die Schulter und sagte. "Wenn mein Sohn kommt, um den Nachzug der Großbarken zu befehlen, wird es Kirie Störenfried nicht wagen, das zu verweigern", glaubte Remirg.

"Warum sollte er die Abfahrt der Großbarken verweigern?", fragte Valo. "Er hat kein Recht dazu."

"Das heißt nicht, dass er es nicht tun oder zumindest versuchen würde", meinte Remirg. "Ich kenne ihn lange genug und fahre auch schon lange genug immer wieder mal mit ihm zusammen in einer gemeinsamen Flotte. Daher weiß ich, wie skrupellos er sein kann." Remirg zuckte mit den Schultern. "Bete zu Nido dafür, dass Dröjn ihm nicht allzu gnädig war. Denn wenn er irgendwo in der Nähe von Xalanor im Hinterland noch ein reiches Schamanenkloster oder gar einen Herrschaftssitz mit irgendwelchen Schätzen gefunden hat, dann könnte es passieren, dass er selbst in der Verlegenheit ist, mehr Schiffe zu brauchen, als er hat."

"Dann soll er welche bauen!"

"Genau das sagst du ihm, mein Sohn. Er wird es nicht wagen, sich gegen einen Sohn von Remirg Elfenstirnspalter und Enkel eines gleichnamigen Großvaters zu stellen. Denn wenn ihm nicht gerade die blanke Gier die Gedanken vernebelt, dann weiß er sehr wohl, dass er für seine nächste Fahrt vielleicht wieder einen Bundesgenossen wie mich braucht."

"Ich werde tun, was du gesagt hast, Vater."

"Und noch etwas."

"Vater?"

Remirgs Augen wurden so schmal, dass man kaum noch das Weiße erkennen konnte. Er atmete tief durch, ehe er weitersprach und sowohl seine Züge als auch der Tonfalls seiner Stimme verrieten viel von der Schwermut, die jetzt in ihm war. Meistens konnte er sie gut verbergen. In Momenten wie diesem aber nicht. "Ich möchte, dass kein Wort über das gesprochen wird, was sich hier auf der Insel ereignet hat!"

"Natürlich nicht, Vater."

"Nichts über Ravic, nichts über seine Verbannung, nichts darüber, dass unser wildester Berserker nicht mehr unter den Lebenden weilt und alles, was damit zusammenhängt."

"Ich werde schweigen."

"Sag das auch den Kriegern. Wer sich daran nicht hält, dem werde ich eigenhändig den Schädel spalten, sobald mir das zu Ohren kommt. Und es wird mir zu Ohren kommen! Da soll sich nur niemand täuschen!"

Der Schmerz über Ravics Verbannung ist sehr tief, ging es Valo durch den Kopf und es versetzte auch ihm einen Stich - wenn auch aus einem ganz anderen Grund. In mir sieht er keinen gleichwertigen Ersatz für Ravic, erkannte Valo bitter. Und daran wird sich vermutlich auch nie etwas ändern. Ganz gleich, wie sehr ich mich bewähre und um wie vieles klüger und umsichtiger ich mich verhalte... Ravic wird immer der erste Sohn seines Herzens bleiben. Und wenn es eine Möglichkeit gäbe, die Verbannung rückgängig zu machen, würde er sofort davon Gebrauch machen und mich wieder an die zweite Stelle verweisen...

Eine Wahrheit, die er immer immer geahnt hatte. Aber nie hatte sie ihm so klar vor Augen gestanden wie jetzt. Was immer er auch versuchte, er würde seinem Vater niemals genügen können. Ganz gleich, was er auch erreicht haben mochte.

"Sieh zu, dass du die Großbarken sicher hierher bringst, Valo!", forderte Remirg zum Abschied. "Wir werden uns in der Zwischenzeit noch etwas im Umland sehen. Wenn man nach dem geht, was wir durch unsere Gefangenen wissen, soll sich da noch das eine oder andere lohnende Schamanenkloster befinden. Und ein wenig Lösegeld für die Gefangenen wollen wir ja auch noch irgendwie eintreiben. Ich hoffe nur, dass das nicht alles arme Schlucker waren oder Leute, du von ihrer reichen Verwandtschaft vergessen wurden." 

"Wenn dasselbe Blut in den Adern fließt, kann das ebensogut ein Grund für wie gegen eine starke Verbundenheit sein", meinte Valo finster. Und dabei dachte er nicht nur an seinen Bruder, sondern in gleicher Weise auch an seinen Vater.

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DIE SEEBARKE TRIEB flussabwärts. Steuermann war Igobnif Großhand, der als überaus geschickter Schiffslenker galt.

Die beiden Ranies waren auch an Bord. Zusammen mit Riegsar Ohnezahn, einem älteren Bruder von Denumorh dem Rauen, zogen sie sogar das Segel hoch. Der Wind kam günstig und so konnte man sowohl die Kraft der Strömung, als auch den Wind nutzen. Das Schiff schien nur so über das leicht gekräuselte Wasser des Großen Stroms zu fliegen.

"Wenn es so weitergeht, werden wir morgen schon in Xalanor sein", glaubte Igobnif Großhand. Der hatte Mühe, das Steuer allein zu halten, so groß waren die Kräfte, die im Moment darauf einwirkten. Igobnif hielt den faustdicken Holm, der als Ruderpinne diente, zwischen Achsel und Oberkörper eingeklemmt. Er musste sein ganzes Gewicht einsetzen - und das war bei dem kräftigen Ork durchaus beträchtlich. Ein schmächtiger Ork  konnte auf einem Schiff nicht das Steuer halten. Nicht, wenn man auf hoher See war und der Wind mit einer Gewalt durch die Wellentäler peitschte, die jemanden, der das nie erlebt hatte, schier unvorstellbar blieb.

"Was ist? Brauchst du Hilfe?", rief Ranie der Weise daraufhin. Aber der Einäugige bekam nichts als ein verächtliches Knurren zur Antwort. Igobnif hasste es, wenn jemand anzweifelte, dass er auch in schwierigen Situationen das Steuer allein halten konnte. Nicht einmal bei den Überfahrten in weit nördlich gelegenen Gewässern hatte er das jemals zugelassen, während auf anderen Schiffe, manchmal zwei oder sogar drei Orks den Holm zu halten pflegten, wenn es die Umstände erforderten.

Zwanzig Orks waren an Bord der Seebarke. Mit sechzig Kriegern hätte man sie maximal, bemannen können, wenn man auf eine längere Fahrt ging und berücksichtigte, dass auch mitgeführte Vorräte und die spätere Beute noch Platz brauchten.

Die Seebarke war damit weit davon entfernt, voll bemannt zu sein. Aber Remirg Elfenstirnspalter fand es im Moment wohl wichtiger, ausreichend Krieger für die Verteidigung der Flussinsel zur Verfügung zu haben, zumal er ja auch noch Vorstöße ins Umland plante.

Vorstöße, die Remirg mit Sicherheit selbst anführen würde, so nahm Valo an. Er kannte seinen Vater einfach zu gut, um in dieser Hinsicht irgend etwas anderes anzunehmen. Auf die Dauer war es für jemanden wie Remirg Elfenstirnspalter nichts, auf einer Insel zu sitzen und sich am warmen Feuer zu vergnügen. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass es sich um eine Insel voll angehäufter Beuteschätze aus einem sehr erfolgreichen Raubzug handelte.

Wenn wir mit den Großbarken zurückkehren, wird mein Vater nicht die Schiffe beladen und sich auf den Weg zurück in unsere Heimat machen, ging es Valo durch den Kopf. Ganz gleich, was er vorher auch gesagt haben mag. Ein einziges Gerücht über ein reiches Schamanenkloster wird in dazu antreiben, noch zu bleiben, Vorstöße zu unternehmen und vielleicht sogar noch weiter flussaufwärts zu rudern.

Es war diese Mischung aus Tollkühnheit und unstillbarer Gier, die Remirg Elfenstirnspalter und die Seinen hier her gebracht hatte. Valo hatte allerdings große Zweifel daran, dass sein Vater auch den richtigen Moment zur Umkehr erkennen würde. Dröjn stehe uns bei, dachte er. Oder er schicke meinem Vater den Schlag, sodass uns alle geholfen wäre!

Es war nicht das erste Mal, dass er so grimmig über seinen Vater dachte. Und das nicht nur, weil es ihn dazu drängte, seine Stelle einzunehmen. Dröjn hilft nur dem, der weise entscheidet, wusste Valo.

Und davon konnte seiner Meinung nach von Remirg Elfenstirnspalter schon lange keine Rede mehr sein.

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EIN RUCK GING URPLÖTZLICH durch die Seebarke. Das Heck richtete sich dabei auf. Holz knarrte und barst. Es gab einen Knall und Orks gingen im hohen Bogen über Bord.

Auch Valo wurde aus dem Schiff geschleudert und fand sich wenig später im Wasser wieder. Als er aus den Fluten auftauchte, sah er gerade noch, wie der Mast brach und die Seebarke sich auf die Seite legte und voll Wasser lief.

Seile!, durchfuhr es Valo. Sie haben auf uns gewartet und Seile über den Fluss gespannt.

Eine einfache, aber sehr wirksame Methode, um schnell fahrende, von Wind und Strömung beschleunigte Schiffe zum kentern zu bringen. Das Tückische daran war, dass man die Gefahr kaum im Voraus erkennen konnte, wenn die Seile locker genug gelassen wurden, dass sie nicht über den Wasserspiegel kamen. Das Schiff wurde in voller Fahrt gestoppt, Ladung und Besatzung verrutschten und gingen über Bord. Ein Kentern war bei so schmalen Schiffen praktisch unausweichlich.

Valo wurde von der Strömung mitgerissen. Immerhin hatte er schwimmen gelernt, was nicht für jeden Ork galt. Manche von ihnen lehnten es bewusst ab, schwimmen zu lernen, weil sie glaubten, dass dies bei einer Havarie das Leid nur verlängerte. Auf hoher See mochte das auch zutreffen. Auf einem Fluss war es eine Chance zu überleben.

Auch andere Besatzungsmitglieder wurden fortgerissen. Einige klammerten sich an die Seile oder an das gekenterte Schiff.

Valo verlor sie schon nach kurzer Zeit aus den Augen. Er strampelte und versuchte, sich einigermaßen über Wasser zu halten. Seine Kleidung sog sich sich voll Wasser. Die einzelnen Lagen seines Wamses, seine Waffen - all das zog ihn immer stärker hinab. Einen Helm hatte er bereits verloren. In diesem Augenblick konnte er froh sein, kein elfisches Kettenhemd am Leib zu tragen, denn dann wäre er verloren gewesen.

Es dauerte eine Weile, bis es Valo endlich gelang, in Ufernähe zu kommen. Er fühlte schließlich festen Boden unter den Füßen. Offenbar gab es hier eine Untiefe. Die Strömung zerrte trotzdem an ihm und er konnte sich kaum halten. Gleichzeitig versuchte er, zu erkennen, was sich am Ufer tat. Es war stark bewachsen und unübersichtlich.

Ich werde damit rechnen müssen, dass da ein paar Elfen auf der Lauer liegen und nur darauf warten, mich zu erschlagen, ging es ihm durch den Kopf. Aber andererseits war ihm in diesem Augenblick ein Feind aus Fleisch und Blut sehr viel lieber, als das strömende Wasser dieses Flusses, dessen Kräften er bis dahin so hilflos ausgeliefert gewesen war.

Er näherte sich dem Ufer. Das Wasser reichte ihm bald schon nur noch bis zu den Knien. Valo glaubte in diesem Augenblick, eine Zentnerlast tragen zu müssen.

Er rang nach Atem und fühlte dann nach seinen Waffen. Schwert und Messer waren noch da. Nachdem er die Böschung emporgestiegen war, fiel er auf die Knie. Dieser Kampf gegen das Wasser hatte ihm das Letzte abverlangt. Seine Lunge schmerzte. Er blickte sich um, in der Hoffnung vielleicht noch irgendeinen seiner Gefährten auf dem Wasser zu entdecken. Aber da war niemand. Die Gewalt des Stroms hatte sie alle voneinander getrennt.

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ES DAUERTE ETWAS, BIS Valo wieder in der Lage war, sich aufzurichten. Das Wasser tropfte an ihm herab. Der kühle Wind ließ ihn frösteln.

Er war an das Westufer gespült worden, was immerhin den Vorteil hatte, dass er auf dem Landweg nach Nivandrum zurückkehren konnte, ohne den Strom überqueren zu müssen.

Aber auf welcher der beiden Stromseiten die Wahrscheinlichkeit größer war, auf elfische Krieger zu treffen, konnte man schwer abschätzen. Ebensowenig war klar, von welcher Seite aus die Seile über den Fluss gespannt worden waren. Waren dafür vielleicht die elfischen Truppen verantwortlich, die man schon in Xalanor hin und wieder am Ufer hatte sehen können? Valo überlegte, ob diese Seile vielleicht sogar gar nicht in der Erwartung gespannt worden waren, eine flussabwärts rasende Seebarke aufzuhalten, sondern vielmehr deshalb, weil man mit an Seilen geführten Fährflößen den Fluss überqueren wollte. Ob nun von West nach Ost oder umgekehrt, konnte man nicht so ohne weiteres sagen.

Valo beschloss jedenfalls, zunächstmal am Flussufer entlang südwärts zu wandern. Vielleicht traf er auf den ein oder anderen Gefährten, der die Havarie der Seebarke ebenfalls überlebt hatte und an Land gespült worden war.

Mein Vater wird den Untergang der Seebarke mir anlasten, dachte Valo. Selbst wenn Roht sie mit einem Blitz aus heiterem Himmel zerstört hätte, wäre es in seinen Augen meine Schuld gewesen.

Er dachte darüber nach, wie er Remirg die schlimme Botschaft am besten beibrachte. Aber wie er die Sache auch drehte und wendete, es sah nicht gut für ihn aus. Gerade noch hatte er sich an seinem vorläufigen Ziel gewähnt. Schließlich hatte sein Vater ihn zu seinem Nachfolger gemacht - wenn auch nur notgedrungen. Ich kann nur froh sein, dass es niemanden sonst gibt, den er nehmen könnte, dachte Valo. Drei weitere Söhne hatte Remirg Elfenstirnspalter noch gehabt. Aber die waren allesamt längst tot. Der Älteste - Liefsi - war von der ersten Fahrt, an der er teilgenommen hatte, nicht zurückgekehrt. Erschlagen von Insel-Elfen. Weder Valo noch Ravic hatten Liefsi je kennengelernt. Er war gestorben, bevor sie geboren worden waren.

Ein weiterer Sohn, genannt Remirg der Enkel, starb an einem üblen Fieber, bevor er zehn wurde und ein weiterer sogar schon bevor er einen Namen bekommen hatte. Ansonsten gab es nur noch ein paar Töchter. Aber für die hatte sich Remirg nie sonderlich interessiert.

Nach Ravics Verbannung war Valo nun der letzte Nachkomme von Remirg Elfenstirnspalter, der für Remirgs Nachfolge in Frage kam. Der Einzige, von dem man hoffen konnte, dass die Orks ihm folgten und der Heerhaufen dadurch zusammengehalten wurde.

Valo ging eine Weile auf ufernahen Pfaden. Dann fand er einen Toten. Die Krähen machten ihn schon aus weiter Entfernung auf den Leichnam aufmerksam. Als Valo ihn dann fand, war der Tote so entstellt, dass man ihn kaum noch wiederzuerkennen vermochte.

Die Krähen stoben davon. Sie hatten das Gesicht des Toten vollkommen zerhackt. Nur die Augenklappe hatten sie verschmäht. Ranie der Weise, erkannte Valo. Er trug keine seiner Waffen bei sich. Entweder er hatte sie schon verloren, als er aus dem Schiff geschleudert und fortgespült worden war - oder seine Mörder hatten sie an sich genommen.

Ein Rascheln in den Büschen ließ Valo aufhorchen. Ein Dutzend Bewaffneter stürzten sich nun von mehreren Seiten auf ihn. Männer, die mit Speeren, Äxten und langen Messern bewaffnet waren. Einer von ihnen schwang ein Schwert, wie Ranie der Weise es getragen hatte.

Valo zog seine eigene Klinge. Mit ein paar wuchtigen Hieben tötete er gleich zwei Angreifer. Die anderen wichen zunächst zurück. Sie hatten ihn umzingelt. Einem Speer konnte Valo gerade noch knapp ausweichen. Dann griff er seinerseits an. Einem der Männer schlug er den Waffenarm ab. Ein anderer bekam einen tödlichen Stoß, nachdem Valo dem ungeschickten Axthieb seines Gegenübers ausgewichen war.

Das sind Menschen-Bauern aus der Gegend, dachte er. Keine schlachterprobten Elfenkrieger aus dem Gefolge eines Königs. Selbst die Wachen auf dem Wall von Nivandrum haben besser gekämpft!

Der Einarmige schrie wie von Sinnen, während das Blut aus ihm herausschoss.

"Heh, wenn ihr kämpfen wollt, wieso dann nur mit ihm dort!", rief jetzt eine andere Stimme. Igobnif Großhand war urplötzlich im Rücken der Angreifer erschienen. Er wirkte etwas außer Atem, so als wäre er gelaufen. Vielleicht hatte er den Kampflärm gehört. In der Linken hielt er zwei Speere, wie sie die Elfen benutzten, in der Rechten einen dritten. Das Schwert trug er über den Rücken gegürtet. Seinen Helm hingegen hatte er offenbar ebenso verloren wie Valo. Schlamm bedeckte den Großteil seiner Kleidung. Die Stelle, an der er ans Land gelangt war, schien dazu etwas weniger gut geeignet gewesen zu sein als jenes Uferstück, an das es Valo verschlagen hatte.

Igobnif hatte zwar in der Sprache der Orks zu den Elfen gesprochen - aber sie hatten ihn trotzdem zweifellos verstanden.

Zwei der Angreifer drehten sich um. Ein dritter stieß einen wütenden Kampfschrei aus. Aber noch ehe sie angreifen konnten, hatte Igobnif bereits einen Speer geschleudert. Im Gegensatz zu den Menschen-Bauern war er jedoch geübt darin. Sein Speer traf mit tödlicher Wucht. Einen zweiten Speer schleuderte Igobnif sofort hinterher - und auch der tötete einen der Menschen. Der dritte Speer traf ebenfalls. Dann zog Igobnif sein Schwert und stürmte drauflos. Valo ging jetzt ebenfalls zum Angriff über. Es dauerte nur Augenblicke, da lagen weitere Angreifer mit tödlichen Verletzungen am Boden. Die letzten drei von ihnen versuchten nun zu fliehen. Sie hatten wohl erkannt, dass sie trotz ihrer Übermacht gegen Kämpfer dieser Klasse einfach keine Chance hatten. Valo nahm einem der Toten  den Speer aus der Hand und schleuderte ihn den Flüchtenden hinterher.

Aber der Wurf war zu kurz.

"Lass sie laufen, Valo", meinte Igobnif.

"Wenn sie entkommen, heißt das nur, dass wir später gegen sie kämpfen müssen", glaubte Valo.

"Und wenn schon!"

"Dann werden sie nicht allein sein!"

"Nicht mehr lange und es wird dunkel, Valo. Und die Dunkelheit wird uns auf unserem Weg schützen."

Valo atmete tief durch. "Ich hoffe, dieser Schutz reicht aus."

Igobnif blickte sich um. Dann nahm er einem der Toten das Schwer ab. Es war ursprünglich das Schwert von Ranie dem Weisen gewesen.

"Das hier sollten wir nicht zurücklassen", sagte der Steuermann.

"Das stimmt", meinte Valo.

"Und wir sollten auch unseren Toten hier nicht so einfach liegen lassen."

"Wir können ihn aber auch nicht meilenweit bis Nivandrum tragen", gab Valo zu bedenken.

"Ich schlage vor, wir werfen ihn in den Fluss. Dort mögen dann die Götter entscheiden, was mit seinem Körper geschieht."

Valo überlegte kurz, dann nickte er. Igobnifs Vorschlag war vernünftig. Niemand sollte Ranie den Weisen so sehen, wie man ihn unwürdig als Aas für die Krähen zurückgelassen hatte.

Also fassten sie Ranie bei den Schultern und den Füßen und brachten ihn zum Ufer. Dort warfen sie ihn in die reißende Strömung. Die nahm ihn mit und schon nach kurzem war nichts mehr von ihm zu sehen.

"Mögest du in der Halle der Götterkrieger im Jenseits willkommen geheißen werden und das Met dir dort nie ausgehen", sagte Valo, während er dem dahintreibenden Körper nachsah. "Und mögest du in der anderen Welt ein ruhmreicheres Leben haben, als es dir in dieser vergönnt gewesen ist."

*

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VALO UND IGOBNIF MACHTEN sich auf den Weg. Die einsetzende Dunkelheit wirkte sich zu ihrem Vorteil aus. Um sich zu orientieren, mussten sie nur den Verlauf des Flusses im Auge behalten und ansonsten Siedlungen und elfische Krieger möglichst ausweichen. Manchmal sahen sie Fackeln in der Ferne und hörten Stimmen. Offensichtlich waren größere Trupps von bewaffneten Bauern unterwegs, um nach ihnen zu suchen.

Sie kauerten dann zwischen Sträuchern oder an schwer einsehbaren Stellen und warteten ab.

Der Wind trug die Stimmen der Elfen zu ihnen herüber. Bruchstücke ihrer Unterhaltungen waren für die beiden Orks auch zu verstehen. Danach waren einige gestrandete Besatzungsmitglieder der Seebarke von ihnen bereits erschlagen worden.

"Die meisten werden schon im Fluss ertrunken sein", glaubte Igobnif.

Diese Einschätzung teilte Valo. "Die Götter waren mit uns."

"Ich hoffe, dass ihr Beistand anhält, bis wir Nivandrum erreicht haben."

"Könnte sein, dass diejenigen mehr Glück hatten, die ans Ostufer geschwemmt wurden", glaubte Valo.

Aber Igobnif widersprach ihm in diesem Punkt. "Ich habe die ganze Zeit über das Ruder gehalten. Die Strömung konnte ich gut spüren. Sie zieht einen in diesem Gebiet eher ans Westufer. Also glaube ich nicht, dass viele von uns auf der anderen Seite gelandet sein können."

"Unsere Zahl wird kleiner - die unserer Feinde aber wird wachsen", knurrte Valo. "Sie werden sich sammeln..."

"Ich glaube übrigens auch nicht, dass es unseren Leuten besser erginge, wenn sie es ans Ostufer geschafft hätten."

"Warum?"

"Ganz einfach: Wer immer die Seile gespannt hat, muss Leute auf beiden Seiten des Flusses gehabt haben - und vermutlich noch haben."

"Das leuchtet mir ein."

"Ich will nicht hoffen, dass der Krieg der Könige zu Ende ist!"

"Nein, das glaube ich kaum."

"Du hoffst es nicht, Valo. Aber können wir das ausschließen? Elfen schlagen sich, Elfen vertragen sich wieder - und wir kennen noch nicht einmal die Gründe für das eine wie das andere!"

"Es könnte auch sein, dass eine Seite einen Vorstoß in das Gebiet des anderen unternimmt", glaubte Valo.

"Sicher."

"Glaub mir, der Krieg der Elfenkönige wird nicht durch Verhandlungen enden. Nicht auf Dauer jedenfalls. Vielleicht wird er durch Verhandlungen unterbrochen, aber niemals beendet."

"Du meinst, weil es nur einen König geben kann?"

"Ja. Und sobald ein Elfenkönig mehrere Söhne bekommt, geht es von vorne los, da sie die unselige Sitte haben, das Erbe zu teilen."

Igobnif lächelte. "Da hast du es ja besser getroffen, nicht wahr? Zumindest jetzt, da dein Bruder nicht mehr zurückkehren wird..."

Darauf antwortete Valo nicht. Ein Gedanke kam in ihm auf. So wie es nur einen König unter den Elfen gibt, kann es nur einen Hordenfürst geben, den man Elfenstirnspalter nennt!, dachte er. Es fragt sich nur, wie lange mein Vater dieser Hordenfürst sein sollte...

*

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FÜR DEN REST DER NACHT trafen sie nicht mehr mit Feinden zusammen. Weder mit Elfen noch mit Menschen. Manchmal kamen sie ihnen sehr nahe. In der ganzen Gegend schienen die Bauern mobilisiert worden zu sein. Auch war das ein Zeichen dafür, dass man sich in Zukunft wohl auf einen organisierten Widerstand gefasst machen musste.

Natürlich ließ sich eine Seilsperre überwinden. Aber man verlor viel Zeit dadurch. Einfach flussabwärts fahren und die Kräfte des Windes und der Strömung ausnutzen, das war jetzt nicht mehr so einfach möglich. Man konnte ein Kundschafterboot vorausschicken und die Seile durchschneiden, sofern man sie bemerkte. Aber wenn so ein Teil stärker durchhing, wurde es von einem kleinen Boot aus vielleicht gar nicht bemerkt. Beim Auftauchen der großen Schiffe wurde es dann eventuell von den Ufern aus fester gespannt, sodass die Schiffe dann kenterten oder die Masten fortgerissen bekamen.

Auf diese Gefahr musste man sich einstellen.

Den Zeitpunkt für eine schnelle Rückkehr zum Meer hatten die Orks vielleicht sogar schon verpasst, wie Valo mehr und mehr klar wurde.

Igobnif und Valo ruhten die Nacht über nicht. Die Kleider waren klamm und kalt und wenn man sich jetzt irgendwo niederließ und sich nicht andauernd bewegte, wurde das nur schlimmer. An ein Feuer war nicht zu denken. Das hätte nur die Elfen angelockt und die beiden Orks in weitere Kämpfe verwickelt.

Noch am folgenden Tag sahen sie hin und wieder in der Ferne Gruppen von Bewaffneten umherziehen, die offenbar die Aufgabe hatten, nach gestrandeten Orks zu suchen.

"Es beruhigt mich, dass es keine Elfenritter sind", sagte Valo. "Ich habe nicht ein einziges Schwert gesehen, keinen Helm, kein Kettenhemd und kein Laufdrachentier."

"Die edlen Elfenkrieger sind anscheinend doch noch vorwiegend damit beschäftigt, sich im Dienst ihrer Könige gegenseitig umzubringen", lachte Igobnif. "Sie sollen gerne damit fortfahren!"

Fünf Tage brauchten Valo und Igobnif, ehe sie die Ruinen von Nivandrum erreichten. Die geflohenen Bewohner hatten es bislang nicht gewagt zurückzukehren. Aber dafür fanden sich an den Anfurten neben den zumeist ausgebrannten Flussschiffen der Elfen einige Schiffe der Orks und einige der Türme waren von ihnen besetzt worden. Feuer brannten in Ufernähe und ein kleines, provisorisches Lager war entstanden.

Dhalmi Orkfresse und Rumrost Sturmsohn waren dort mit einigen anderen Orks, die ziemlich erstaunt waren, als sie Valo und Igobnif am Ufer entlanggehen sahen.

"Ich nehme an, ihr bringt keine guten Nachrichten", stellte Dhalmi fest.

In knappen Worten fasste Valo zusammen, was geschehen war. "Wir haben ein Schiff verloren - und fast alle Orks, die an Bord gewesen sind", sagte er finster. "Außer Igobnif und mir dürfte niemand überlebt haben."

"Dein Vater hatte eigentlich gehofft, dass du in spätestens ein oder zwei Tagen mit den Großbarken zurückkehrst", sagte Dhalmi. "Und ehrlich gesagt erschien uns allen die größte Gefahr zu sein, dass Kirie Störenfried die Großbarken vielleicht bereits mit seiner eigenen Beute gefüllt hat und die Schiffe für sich selbst beansprucht!"

"Ob diese Gefahr besteht, hatten wir nicht einmal die Gelegenheit festzustellen", sagte Valo. "Die Elfen sammeln alle Streitkräfte und mobilisieren die Bauern. Es wird nicht mehr so leicht werden, wie wir es hatten, als wir Xalanor und Nivandrum erobert haben."

Igobnif erzählte von den bewaffneten Bauern, die Jagd auf sie gemacht hatten.

"Setzt euch ans Feuer", sagte Dhalmi. "Ihr werdet euch sonst den Tod holen."

"Ich will zur Insel übersetzen", verlangte Valo.

"Den Vater ist nicht dort", eröffnete ihm Dhalmi.

Valo horchte auf. "Lass mich raten: Er hat einen Vorstoß ins Inland unternommen!"

Dhalmi nickte. "Ich konnte ihm das leider nicht ausreden. Er meinte, wenn die Großbarken kommen, dann sollten sie auch bis zum Rand beladen werden können! Und du weißt ja, was eine Großbarke laden kann!"

"So schnell wird es keine Großbarke bis hierher schaffen", gab Valo zurück. "Weißt du Genaueres darüber, wo er hingezogen ist?"

"Mit zweihundert Orks und fünf Schiffen ist er einen kleinen Nebenfluss hinaufgefahren. Angeblich soll es an dessen Oberlauf noch ein lohnendes Schamanenkloster geben, in dem viele wertvolle Dinge aufbewahrt werden."

"Hat ihm das einer der Gefangenen gesagt?"

"Ja - und die Angaben stimmen mit den Angaben auf der Karte des Trolle überein."

Zweihundert Orks!, ging es Valo durch den Kopf. Welch ein Risiko, so viele Krieger von der Flussinsel abzuziehen!

All die aufgehäufte Beute musste doch auf die Dauer dieselbe Wirkung wie ein Misthaufen auf Schmeißfliegen entfalten. Es war nur eine Frage der Zeit, wann die Elfen versuchen würden, sich zurückzuholen, was ihnen gestohlen worden war.

"Was ist mit den Lösegeldern?", fragte Valo.

"Wir haben bisher niemanden gefunden, der bereit gewesen wäre, mit uns zu verhandeln. Das ist auch ein Grund, weshalb dein Vater ins Inland vorstoßen wollte. Er hofft, dort jemanden zu finden, mit dem er verhandeln kann."

"Wir hätten hier schon längst verschwinden sollen", meinte Valo. "Schnell zuschlagen, schnell wieder fort - und dabei alles zusammenraffen, was sich tragen und mit einem Schiff transportieren lässt."

"So ist es früher auf den Fahrten nach Ynsulanien gelaufen", nickte Dhalmi.

"So sollte es immer laufen, Dhalmi."

Aber jetzt hatte sich die Lage bereits so geändert, dass mit einem günstigen Verlauf dieser Fahrt schon gar nicht mehr zu rechnen war. Zumindest war das Valos Ansicht. Ich wäre der bessere Hordenfürst gewesen, Vater!, ging es ihm durch den Kopf.

"Remirg ist unser Anführer", sagte Dhalmi - fast so, als hätte der altet Ork Valos geheime Gedanken instinktiv erraten. "Er hat uns in der Vergangenheit allen viel Glück und viel Beute gebracht."

"Ja, ich weiß", murmelte Valo.

"Bleibt hier am Feuer, damit eure Kleider endlich trocken werden. Und wenn ihr wollt, dann setzt euch auch jemand zur Insel über."

Valo rieb sich die Hände. Eine Gelegenheit wie diese ergibt sich so schnell nicht wieder, überlegte er. In Gedanken ging er die verschiedenen Möglichkeiten durch. Wenn er seinem Vater die Anführerschaft zu entreißen versuchte, hatte er dafür nur einen Versuch - und es war die Frage, ob dies der richtige Zeitpunkt dafür war. Sie werden mir nur folgen, wenn es dafür einen triftigen Grund gibt, wurde ihm klar. Und wenn mein Vater mit reicher Beute von diesem anderen Schamanenkloster zurückkehren sollte, dann gibt es so einen Grund auf absehbare Zeit nicht. Dann werden sie wieder daran glauben, dass Dröjn mit niemand anderem als Remirg Elfenstirnspalter ist - während ich nur der unfähige Trottel sein werde, der es nicht schaffte, die Großbarken hierher zu bringen und außerdem noch ein Schiff bei dem untauglichen Versuch, flussabwärts zu gelangen, eingebüßt hat! Von den Kriegern ganz zu schweigen...

Valo war hin und her gerissen zwischen dem Gedanken, dass dies vielleicht seine letzte Chance war, seinem Vater die Anführerschaft zu entreißen und dass er das tun musste, bevor er zurückkehrte, und der Erkenntnis, dass dieser Schritt einfach noch zu gewagt war. Vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass selbst jemand wie Igarb ihm klar zu verstehen gegeben hatte, dass er keinerlei Untreue gegenüber Remirg Elfenstirnspalter unterstützen würde und Valo nur für den Fall mit seiner Gefolgschaft rechnen durfte, dass Remirg nicht mehr in der Lage war, sein Hordenfürstenamt auch auszuüben.

"Ich hoffe, dein Vater kommt bald zurück", hörte er Rumrost Sturmsohn sagen.

Valo hielt die Hände näher ans Feuer. "Wie kommst du jetzt darauf?", fragte Valo.

Rumrost zuckte mit den Schultern. "In der Tempelstätte auf der Insel kampiert man sehr viel komfortabler. Aber jetzt müssen wir hier diese Ruinen besetzt halten, weil dein Vater meint, dass die Anfurt bewacht sein muss, so lange er mit seinem Trupp im Inland ist." Rumrost streckte die Hand aus. "Hast du noch dein Trinkhorn?"

"Muss ich verloren haben", gestand Valo.

"Dann werde ich dir ein anderes geben und mit Elfen-Met füllen! Und dir auch, Igobnif!"

Aber zumindest Igobnif machte eine wegwerfende Handbewegung. "Gib mir lieber etwas Wasser! Dieses Gesöff aus Nivandrum kann ich langsam nicht mehr ausstehen! Es fehlt mir der Honiggeschmack unseres heimatlichen Mets!"

"Nicht mehr lange, dann sind wir auf der Rückfahrt ins Orkland", versicherte Valo. Aber im Moment war das eher Wunsch als Versprechen.

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Kapitel 15

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"Da ist das Schamanenkloster, von dem die Rede war", sagte Neruq Scharfauge und deutete mit der rechten Hand auf die kleine Gruppe von Gebäuden: Eine Kapelle und Tempelstätte, ein Haupthaus, zwei Nebengebäude und eine Umgrenzungsmauer, die kaum hoch genug war, um wirklich Schutz zu bieten. Aber dazu war sie wohl auch gar nicht errichtet worden.

Remirg stellte seinen Schild auf den Boden und strich sich über das grobschlächtige Ork-Gesicht. Er sah wie alle anderen auch auf den ersten Blick, was mit dem Schamanenkloster nicht stimmte.

"Es ist niemand mehr dort", stellte Remirg finster fest.

"Vielleicht haben sich die Schamanen nur im Weinkeller verkrochen", meinte der irre Mroo und kicherte dabei. "Und möglicherweise liegen sie dort jetzt betrunken herum und schlafen ihren Rausch aus!"

Nur wenige der Orks lachten. Den anderen schien klar zu sein, was die Tatsache bedeutete, dass sie das Schamanenkloster verlassen vorfanden: Sie waren zu spät gekommen. Die Elfen-Schamanen hatten sich davongemacht, nachdem sie von den Geschehnissen in Nivandrum gehört hatten. Und es stand außerdem zu vermuten, dass sie alles mitgenommen hatten, was sich auf Ochsenkarren und Laufdrachentier-Fuhrwerken oder magiegetriebenen Karren transportieren ließ.

Zehn Krieger hatte Remirg nur bei den Schiffen zurückgelassen, mit denen er den schmalen, flachen Nebenfluss so weit hinaufgefahren war, bis die Hauptsteven der Schiffe schon manchmal über den Flussgrund kratzten. Die anderen Krieger standen bei ihm, bildeten eine lockere Formation und hätten im Fall eines Zusammentreffens mit feindlichen Elfen sogleich einen perfekten Schildwall bilden können.

Aber jetzt standen die meisten ziemlich konsterniert da.

Dies war kein Tag, an dem ihnen die Götter ihre Gunst gezeugt hatten! Dröjn schien sich abgewandt zu haben.

"Sehen wir uns an, was noch da ist", meldete sich Tarasmus zu Wort.

"Einverstanden", knurrte Remirg. Aber sein Tonfall verriet schon, dass er nicht wirklich daran glaubte, dass noch irgendetwas von Wert in dem Schamanenkloster zu finden wäre.

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DIE ORKS FIELEN ÜBER das Schamanenkloster her. Aber es fehlte das Kampf- und Triumphgeschrei, das einen derartigen Überfall sonst untermalt hätte. Remirg rief ein paar Anweisungen. Er schickte Tarasmus mit einer Abteilung von Kriegern zum Hauptgebäude. Neruq und einige weitere Orks nahmen sich die Nebengebäude und Stallungen vor. Und Remirg selbst betrat zusammen mit dem irren Mroo und Igarb sowie Dutzenden seiner Krieger die Kapelle.

Zuvor hatte er allerdings ein paar Wachen eingeteilt, die das Umland im Auge behalten sollten. In all den Jahren, die Remirg Elfenstirnspalter schon auf Raubfahrt gegangen war, hatte er einen untrügliche Instinkt entwickelt. Und der sagte ihm jetzt, dass hier irgendetwas nicht so war, wie es sein sollte. Und dieses ungute Gefühl bezog sich nicht nur darauf, dass hier wahrscheinlich nichts mehr zu finden war, was gleichzeitig wertvoll und transportabel gewesen wäre!

Damit hatte sich der Hordenfürst insgeheim schon abgefunden und Dröjn dafür verflucht, dass er ihm an diesem Tag einfach nicht behilflich sein wollte.

Die Tür der Kapelle war offen. Man hatte sie offenbar mit Absicht nicht verriegelt und tatsächlich gab es dazu auch keinen Grund, denn im Inneren befand sich nichts, was irgendeine Wert gehabt hätte. Kein Kerzenleuchter, keine Abschriften heiliger Bücher, selbst die mit magischen Zeichen bemalten Glasfenster, die es sicherlich auch hier gegeben hatte, waren entfernt und gegen einfache Vorhänge aus Alabaster ausgetauscht worden.

Der irre Mroo lief die Turmtreppe hinauf und schrie wenige Augenblicke später: "Selbst die Glocke ist weg!"

Fast alle elfischen Tempelstätten hatten Glocken, mit denen die Gläubigen gerufen wurden. Das ging auf ein Gesetz des großen Lerak zurück. Das Metall hätte man wenigstens einschmelzen und anderweitig verwenden können. Oder man verkaufte die Glocke als Ganze auf einem der Märkte im Norden. In Dalirland zum Beispiel herrschte ein ständiger Bedarf an guten Glocken. Nirgendwo gab es mehr Tempelstätten und Schamanenklöster als dort, wie Remirg auf seinen Fahrten schon selbst gesehen hatte.

Aber in diesem verlassenen Schamanenkloster hatte man selbst die Glocke mitgenommen, was bedeutete, dass diese Flucht gut geplant und vorbereitet worden war und man außerdem genug Zugtiere zur Verfügung gehabt hatte, um selbst eine Glocke zu transportieren.

"Kehren wir um", sagte Remirg finster.

In diesem Augenblick ertönten von draußen laute Schreie.

"Was ist da los?", fragte Igarb.

Der irre Mroo meldete sich jetzt aus dem Turm zu Wort. Seine Stimme hatte einen dröhnenden, widerhallenden Klang. "Die Elfen kommen! Eine riesige Zahl von Reitern!"

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REMIRG, IGARB UND DIE anderen stürzten ins Freie. Der irre Mroo polterte die Turmtreppe herab und war wenig später ebenfalls im Hof des Schamanenklosters. Überall kamen jetzt die Orks aus den Gebäuden, die sie vergeblich durchsucht hatten. Einige gestikulierten, andere riefen ihre Gefährten herbei und deuteten zum Horizont.

Schwere Laufdrachentierschritte klangen dumpf wie ferner Donnerhall zu ihnen herüber und am Horizont zog sich ein dunkles Band entlang und trat immer deutlicher aus den grauen Nebelbänken hervor, die über den Wiesen hingen.

"Bei Nido! Wir werden ihnen nicht ausweichen können", stieß Igarb Igarbson hervor. "Wir müssen uns ihnen hier stellen!"

"Nein", sagte Remirg. "Nicht hier. Die Umgrenzungsmauer des Schamanenklosters ist so niedrig, dass ein Ackergaul hinüberspringen könnte. Und willst du dich wirklich in einer Tempelstätte einsperren, wie die feigen Elfen in Nivandrum es getan haben?"

"Was bleibt uns für eine Wahl?"

"Du weißt, wie es den Elfen ergangen ist, oder nicht, Igarb?" Remirg verzog das Gesicht zu einer orkischen Grimasse und entblößte die imposanten Reißzähne. "Schließlich warst du doch dabei."

Der irre Mroo fing derweil an, seine Axt zu schwenken. Er war einer der wenigen Orks, die keinen Schild trugen. Jemand wie er stürmte geradewegs auf den Gegner zu und legte alle Kraft in den Schlag seiner Streitaxt. Für ihn war es wichtiger, den Stil seiner Zwergenaxt mit zwei Händen fassen zu könne, als sich selbst zu schützen.

Allerdings hatte er seit Denumorhs Tod kein Berserker-Wasser mehr trinken können. Und manche der Orks spotteten schon über Mroo, indem sie ihm vorhielten, dass seine Berserker-Wildheit schon ziemlich nachgelassen hätte.

In diesem Augenblick schien Mroo seinen Gefährten beweisen zu wollen, dass davon keine Rede sein konnte.

Remirg stand einen Moment wie erstarrt da.

"Was sollen wir tun?", fragte Tarasmus.

"Wir kehren zurück zu den Schiffen", sagte Remirg.

"Das schaffen wir nicht!", wandte Igarb ein. "Sie werden uns auf offenem Feld abfangen."

"Ja, aber das ist besser, als wenn sie uns den Weg zu den Schiffen abschneiden und die Krieger abschlachten, die wir dort zurückgelassen haben! Dann sitzen wir nämlich wirklich in der Falle!" Remirg hob seine Axt und schlug mit der stumpfen Seite gegen seinen Schild. "Zurück zu den Schiffen! So schnell ihr könnt!"

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DIE ORKS HETZTEN ZURÜCK in Richtung jener Uferstelle, wo die Schiffe lagen, mit denen sie den Nebenfluss hinaufgefahren waren. Die Laufdrachentier-Reiter preschten unterdessen heran. Ihre Kampfschreie waren schon zu hören und man konnte jetzt sogar Einzelheiten ihrer Banner sehen, die an den Lanzen flatterten.

Hinter ihnen, noch halb von den Nebelbänken verborgen, tauchte nun auch Fußvolk auf. In lockeren Formationen  marschierten die elfischen Krieger vorwärts. Allerdings war das Fußvolk, das zum Teil aus Elfenkriegern und zum anderen Teil aus bewaffneten Bauern bestand, ums vieles langsamer als die Reiter, dass von ihm aus Sicht der Orks keine Gefahr ausgehen würde.

Die Ritter hingegen waren schnell, ihre Laufdrachentiere gut dressiert und für den Kampf gezüchtet und ausgebildet. Selbst im Galopp hielten sie eine Formation ein.

Schließlich waren die Elfen so nahe herangekommen, dass es für die Orks keine andere Möglichkeit mehr gab, als stehen zu bleiben und sich zu formieren, wenn sie sich nicht einzeln abschlachten lassen wollten.

Remirg brüllte mit seiner mächtigen Stimme Befehle. Befehle, die all den Orks nur zu gut bekannt waren.

Sie bildeten einen Schildwall, um die Feinde zu erwarten. Neruq, Igarb und einige andere Bogenschützen positionierten sich. Längst waren die elfischen Reiter in Schussweite geraten.

Aber die Schützen der Orks warteten trotzdem noch. Das erhöhte die Trefferzahl. Schließlich waren sie ihren Gegnern zahlenmäßig weit unterlegen und konnten sich daher einfach nicht viele Fehlschüsse leisten.

Eine Salve von zwei Dutzend Pfeilen schoss durch die Luft und senkte sich auf die herannahenden Reiter. Laufdrachentiere und Kämpfer wurden getroffen. Mancher Pfeil blieb in einem Schild stecken. Andere trafen Laufdrachentiere, die fauchend und blutend zu Boden gingen. Aber es wurden auch etliche Elfen aus den Sätteln geholt. In schneller Schussfolge schnellten dann weitere Pfeile durch die Luft. Aber die Zahl der Bogenschützen unter den Orks viel zu klein, um eine nachhaltige Wirkung zu erzielen.

Die ersten Reiter ritten nun gegen den Schildwall. Mit ihren langen Lanzen und Schwertern schlugen sie von oben auf die Krieger aus dem Orkland ein. Die wiederum parierten mit Axt und Schwert. Schreie gelten über das Schlachtfeld und mischten sich mit dem Geklirr der Waffen. Die Orks versuchten so lange wie möglich die feste Formation ihres Schildwalls zu halten. Sobald die auseinandergesprengt war - das wusste jeder von ihnen - waren sie angesichts der berittenen Übermacht verloren.

Eine Lanzenspitze traf Remirg Elfenstirnspalter schwer am Oberkörper. Der Hordenfürst taumelte zurück. Igarb und der irre Mroo traten vor, um Remirg zu schützen - und Tarasmus stützte den Hordenfürst.

"Es geht schon", behauptete dieser, während das Blut seinen Weg durch die verschiedenen Lagen seines Wamses drang und schließlich auch das Obergewand durchtränkte. Neruq Scharfauge legte einen Pfeil ein - seinen letzten! - und schoss damit den Elfen, der Remirg angegriffen hatte, aus dem Sattel. Genau ins Auge traf dieser Pfeil. Das Laufdrachentier richtete sich fauchend auf die Hinterbeine und ein Fuß des Elfen verfing sich im Steigbügel. So schleifte es seinen toten Herrn hinter sich her, als es davonstob.

Die elfischen Reiter zogen sich schließlich wieder zurück. Ihre Verluste waren groß. Der Schildwall der Orks hatte weitgehend gehalten, auch wenn es in ihren Reihen zahlreiche Tote gab.

Immerhin war es den Elfen bisher nicht gelungen, ihnen den Weg zur Anlegestelle der Schiffe abzuschneiden.

"Zu den Schiffen!", rief Remirg unterdessen. Ihm stand der Schweiß auf der Stirn und die Stelle, an der ihn die Lanzenspitze getroffen hatte, bereitete ihm sichtlich Schmerzen.

Igarb und der irre Mroo trugen seine Anweisungen mit ihren lauten, dröhnenden Stimmen weiter.

Die Formation, die die Orks bisher gehalten hatten, wurde nun aufgelöst und man lief wieder in Richtung der Anlegestelle. Sie wissen nicht, dass wir mit Schiffen hier sind, erkannte Remirg. Anders ist es nicht erklärlich, dass sie uns den Weg noch nicht abgeschnitten oder dies zumindest versucht haben. Vermutlich nehmen sie an, dass wir auf dem Landweg hierher vorgestoßen sind... Sollen sie ihren Irrtum nur zu spät bemerken, diese elfischen Narren!

Remirg ließ seinen Schild zurück, da er ihm zu schwer wurde. Tarasmus wollte ihn zunächst erneut stützen, aber Remirg stieß ihn zurück. "Ich bin selbst Herr meiner Füße!", behauptete er. Aber es war unübersehbar, dass er schwankte. Ihm war schwindelig - und das kam keineswegs vom übermäßigen Met- oder Wein-Genuss der letzten Tage.

Als Remirg Elfenstirnspalter deutlich hinter seinen Orks zurückfiel, ließ er sich schließlich doch helfen. Tarasmus und Igarb nahmen ihn in die Mitte. Erst stützten sie ihn, dann schleiften sie ihn zeitweilig mehr oder weniger mit sich.

Neruq hatte ein paar seiner Pfeile aus den Körpern der toten Elfen herausgerissen und sie in seinen Köcher zurückgetan, sodass er zumindest wieder ein paar Geschosse zur Verfügung hatte. Auch deswegen gehörte der Bogenschütze zur Nachhut.

"Die Elfen formieren sich neu", stellte Neruq fest. "Und diesmal werden sie auch ihre Fußtruppen einsetzen!"

"Ja, weil wir zu viele ihrer Reiter getötet haben!", rief der irre Mroo und stieß daraufhin einen Kriegsschrei aus, der an Stimmgewalt Denumorh dem Rauen in nichts nachstand. Und da er selbst kein Schild trug, schlug er mit der stumpfen Seite seiner Axt gegen den Schild eines anderen Kriegers.

Die Elfen rückten nun langsamer vor. Sie schienen begriffen zu haben, dass sie trotz ihrer Übermacht mit diesem Haufen von Orks keineswegs ein leichtes Spiel haben würden.

Die Lage der Schiffe war für die Elfen nicht einsehbar. Der Flusslauf bildete einen tiefen Graben mit steil ansteigender Böschung. Selbst die höchsten Masten ragten darüber kaum hinaus und waren erst sichtbar, wenn man sich bereits in unmittelbarer Nähe befand.

Die Orks stolperten mehr die Böschung herab, als dass sie gingen. So schnell es möglich war, stiegen sie an Bord der Schiffe und legten ab.

Igarb und Tarasmus mussten Remirg Elfenstirnspalter inzwischen tragen, da der Hordenfürst das Bewusstsein verloren hatte. Sie hatten es gerade zu zwei Dritteln geschafft, die Böschung hinabzusteigen, da tauchten bereits die ersten Elfen auf. Allerdings konnten sie mit ihren Laufdrachentierern auf gar keinen Fall die steile Böschung hinabreiten und so waren sie erstmal gezwungen auf das Fußvolk zu warten.

Igarb und Tarasmus legten Remirg in die erstbeste Seebarke, die am Ufer lag.

Neruq Scharfauge war noch an Land. Er verschoss die blutigen Peile, die er aus den Leichen der gefallenen Elfen gerissen und wieder in seinen Köcher zurückgetan hatte. Eines der Laufdrachentiere richtete sich auf, wurde getroffen und rutschte dann strampelnd und blutend die Böschung hinunter. Dabei überwalzte es seinen Reiter, der regungslos liegen blieb.

"An Bord, Neruq!", rief Igarb.

Der Bogenschütze hatte soeben den allerletzten seiner Pfeile auf die Reise geschickt. Er steckte nun im Körper eines Elfen. Neruq sprang rasch über die Reling. Das Schiff wurde mit einem Ruderriemen vom Land abgestoßen und trieb daraufhin flussabwärts. Der Wind stand günstig. Das Segel blähte sich.

"Was ist mit dem Hordenfürst?", fragte der irre Mroo.

"Er lebt noch", erwiderte Igarb. "Mehr lässt sich im Moment nicht sagen."

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Kapitel 16

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"Wir haben etwas gemeinsam, Ravic."

"So?"

"Wir sind beide den Elfen - ähnlich, ohne zu ihnen zu gehören."

"Du bist kein Elf?"

"Ich bin Branagorn von den Elben. Die Elben sind Verwandte der Elfen, aber das eine oder andere unterscheidet uns. Und du bist der Sohn einer Elfin und eines Orks, was dich wahlweise zu einem Orkling oder Elfling macht."

"So kann man das sehen."

"Ein Grund mehr für uns, zusammenzuhalten."

"Warum?"

"Weil wir beide niemals wirklich dazugehören werden. Weder bei den Elfen noch bei den Orks."

Ravic schwieg.

Branagorn fuhr fort: "Einst gab es in einer anderen Welt zwei unsterbliche, magiebegabte Völker: Die Nachfahren von Elbendyr, die man Elbendran oder einfach Elben nennt und die Nachfahren von Elfendolas, die man als Elfen bezeichnet. Sie gerieten in Streit. Dieser Streit war so heftig und auf Grund der Langlebigkeit beider Völker so langanhaltend und damit auf eine furchtbare Weise verheerend, dass die Ersten Götter, die damals auf dem Berg Tablanor residierten, sich zum Eingreifen gezwungen sahen. Sie bestraften beide - Elben und Elfen - auf unterschiedliche Weise. Die Elben straften sie damit, dass ihre Magie immer schwächer wurde. Die Elfen straften sie mit dem Gegenteil. Ihre Magie wurde immer stärker. Während es für die Elben immer schwieriger wurden, zwischen verschiedenen Welten zu wechseln, wurde es für die Elfen kaum noch möglich, sich auf Dauer in einer Welt zu halten."

"Ich könnte mir denken, dass die Kriegsparteien dadurch voneinander auf Dauer mehr oder weniger getrennt wurden", sagte Ravic.

"Genauso ist es", bestätigte Branagorn. "Allerdings muss ich feststellen, dass die Elfen in dieser Welt offenbar schließlich ein ähnliches Schicksal erlitten wie die Elben in jener Welt, aus der ich komme. Ihre Magie muss über die Zeitalter hinweg sehr viel schwächer geworden sein."

"Eine schöne Geschichte", sagte Ravic.

"Es ist mehr, als eine Geschichte", entgegnete Branagorn. 

"Du kommst aus einer anderen Welt?", fragte Ravic. "Ich habe schon viel über andere Welten gehört, bin aber noch nie jemandem begegnet, der von dort kommt oder dort gewesen ist."

"Die Zahl der möglichen Welten des Multiversums ist unendlich hoch."

"Wie bist du aus deiner Welt in diese gelangt?"

Branagorn von den Elben lächelte. "Durch Magie. Wie denn sonst?"

"Wie konnte ich nur so einfältig sein, zu fragen?"

Branagorn streckte die Hand aus und deutete zum Horizont.

"Das ist Dalabor", sagte er. "Die Königsburg, die unser Herr Darnuc verwaltet."

Ravics Augen verengten sich. Er blinzelte. "Ich sehe einen günstig gelegenen Ort: Zwei Flüsse treffen sich hier. Und die Landzunge lässt sich sicher gut verteidigen."

"Du hast anscheinend einen guten Blick für solche Dinge, Ravic."

"Aber eine Königsburg? Wo soll die sein? Ich sehe ein Dorf mit Erdwall und Palisadenzaun. Selbst der Tempelstättenturm ist nicht besonders hoch und ich bin mir auf die Entfernung auch nicht sicher, ob das überhaupt ein Steinhaus oder nur Fachwerk ist."

"Bis auf den Königshof ist alles ist nur Fachwerk. Aber soweit ich die Herrschaftssitze in den Ländern des Nordens in Erinnerung habe, ist keiner davon auch nur annähernd so groß gut geschützt, wie dieser!"

Ravic lächelte. "Das mag sein", gestand er zu. "Aber was glaubst du wohl, weshalb es uns anderswo hinzieht? Jedes Schamanenkloster in Dalirland ist herrschaftlicher und aus echtem Stein - von den goldenen Tempelstätten in Aldaria will ich gar nicht erst reden."

"Ich sehe, ich habe es mit einem weitgereisten Ork zu tun", sagte Branagorn, aber sein Tonfall war spöttisch. Ravic lief schon seit Stunden neben dem Laufdrachentier des Schamanen aus Yevroc her. Dass er seine Waffen nicht trug, kam ihm befremdlich vor. Es entbehrte nicht einer gewissen Ironie, dass er dadurch einen leichteren Gang hatte als jeder der Elfen, die mit dem Zug von Darnuc auf Dalabor zumarschierten.

"Nun, um ehrlich zu sein...", sagte Ravic.

"...hast du die Schamanenklöster Dalirlands vielleicht gesehen, aber von Aldaria nur gehört", vollendete Branagorn seine Rede. "Sonst wüsstest du nämlich, dass es dort zwar Tempelstättendächer aus Gold gibt, aber dass trotzdem nur ein kleiner Teil der Häuser aus Stein erbaut wurde. Der Großteil besteht aus Fachwerk und würde bei einem Brand nur Asche hinterlassen."

"Warst du schon einmal dort? In Goldgartenstadt? Oder ist das auch nur Hörensagen?"

"Ich war dort", sagte Branagorn. "Als Gesandter des verstorbenen Kaisers, dessen Söhne nun um das alleinige Erbe kämpfen."

"Wirst du eines Tages dorthin zurückkehren?"

"Das ist gut möglich. Jedenfalls dann, wenn es mir gelungen sein sollte, eine Einigung unter den Elfenkönigen herbeizuführen."

"Dann werde ich dich gern begleiten, denn es war immer mein Traum, die Stadt zu betreten."

"Sie ist nicht ganz so traumhaft, wie du glaubst, Orkling. Aber wenn du dich als mein Beschützer bewährst, dann steht dem nichts im Wege. Und früher oder später wird mein Herr und König des östlichen Elfenreichs ganz sicher wieder jemanden wie mich nach Aldaria schicken - schon weil das Reich der Elfen und der Kaiser von Aldaria ein paar gemeinsame Feinde haben, die früher oder später sicherlich wieder erhöhte Aufmerksamkeit erfordern."

Man hatte eine weiten Bogen ins Inland gemacht, um an einer günstigen Stelle einen kleinen Nebenfluss zu überqueren. Anschließend war Darnucs Zug dem Verlauf eines befestigten Weges gefolgt. 

Und genau dort befand sich Dalabor - eine befestigte Siedlung mit einem Handelsplatz. Dafür, dass sich ein Königshof innerhalb des Palisadenwalls befand, erschien Ravic die Siedlung recht klein zu sein. So mancher Hordenfürst im Orkland hatte einen größer ausgebauten Hof.

Der Große Strom und ein Nebenfluss flossen hier zusammen. Ravic erkannte die Stelle wieder. Auf ihrem Weg von Xalanor nach Nivandrum war die Flotte von Remirg Elfenstirnspalter den Hauptstrom aufwärts hier vorbeifahren. Allerdings war durch die teilweise verschlungene und sich verzweigende Führung des Flussbetts die befestigte Stadt von den Schiffen aus nicht zu sehen gewesen. Und auch die Einfahrt zum Nebenfluss nicht, die sich wie ein Delta spreizte und somit vom Hauptstrom aus eher wie eine Reihe kleinerer Zuflüsse gewirkt hatte, deren Schiffbarkeit aus der Ferne auch noch zweifelhaft erschienen war.

Jetzt war Ravic erstaunt darüber, wie breit offenbar der Nebenfluss war, an dem Dalabor lag. Ein geschützter, natürlicher Hafen. Allerdings gab es verhältnismäßig wenig Boote und Schiffe. Vielleicht hatte der aufflammende Krieg dafür gesorgt, dass Händler, die ihre Ware per Schiff transportierten, die Gegend mieden. Aber Ravic hatte noch eine andere Vermutung. Möglicherweise werden die Boote, die sonst ganz sicher hier anlegen, anderswo gebraucht - um Truppen über den Strom zu bringen, ging es ihm durch den Kopf.

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DER ZUG ERREICHTE JETZT das Haupttor von Dalabor. Dieses war bereits geöffnet worden, als die Wachen erkannt hatten, dass ihr Herr mit einem Heerzug im Anmarsch war.

Ravic fiel allerdings auf, dass auch vor dem Schutzwall, der Dalabor umgab, Zelte aufgestellt worden waren. Laufdrachentiere und bewaffnete Elfen- und Menschenkrieger  waren überall zu sehen. Sie unterschieden sich in ihrer Kleidung und Bewaffnung etwas von den Kriegern, die in Darnucs Gefolge ritten. Viele von ihnen trugen jene lange Messer am Gürtel, die Ravic schon in Ynsulanien häufig bei den Insel-Elfen gesehen hatte.

"Was sind das für Leute da draußen in den Zelten?", fragte Ravic an Branagorn gerichtet, der inzwischen etwas umständlich von seinem Laufdrachentier herabgestiegen war, nachdem sie in den vom Schutzwall umfassten Innenbereich von Dalabor gelangt waren.

"Große Heere sammeln sich an verschiedenen Orten, Ravic. Meine Aufgabe wird es sein, zu verhindern, dass sie gegeneinander kämpfen."

"Sondern gegen meinesgleichen auf der Flussinsel?"

"Man kann deinen Leuten nur raten, das Weite zu suchen, so lange dazu noch Zeit ist." Branagorn seufzte. "Allerdings fürchte ich, dass selbst mein eigener Herr zunächst einmal die Entscheidung auf dem Schlachtfeld darüber suchen wird, wer nun die oberste Herrschaft im Elfenreich ausübt."

Während sich die Formation des Zuges im Inneren des Ortes aufzulösen begann, preschte jetzt Darnuc mit einem Laufdrachentier auf Ravic und Branagorn zu. Er streckte die Hand aus und deutete mit dem Finger auf Ravic.

"Hör zu, Orkling! Solange du dich hier in Dalabor aufhältst, bist du ein Gefangener und Bruder Branagorn wird für dich bürgen. Solltest du auf den Gedanken kommen, dich zu entfernen, ohne dass dir dies gestattet wurde, wird man dich im Fluss ertränken. Hast du mich verstanden?"

"Vollkommen", sagte Ravic.

"Du wirst außerdem innerhalb der Mauern des Königshofes bleiben. Der Bereich bis zum Palisadenwall ist für dich ebenso verbotenes Land wie alles, was jenseits davon liegt - es sei denn, du bist in Bruder Branagorns Begleitung."

"Auch das habe ich verstanden."

"Glaub mir, wir würden dich schneller kriegen, als du es für möglich hältst, solltest du so dumm sein, dich nicht daran zu halten."

"Das ist mir bewusst."

"Ich möchte später noch mit dir sprechen."

"Gerne, Herr."

"Ich werde dich dann rufen lassen, wenn es soweit ist."

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BRANAGORN VON DEN ELBEN hatte im Hauptgebäude des Inneren und mit einer brusthohen Steinmauer umgrenzten Königshofs seine Unterkunft. Diese Unterkunft bestand nur aus einem kleinen Raum, der nicht größer als eine Zelle und so spartanisch eingerichtet war, dass mancher Kerker dagegen sicher wohnlich gewirkt hätte. Ravic fiel als erstes die magische Elfenrune an der Wand auf.

"Für dich wird man einen Sack Stroh bringen, sodass du im Flur schlafen kannst", sagte Branagorn an Ravic gerichtet. "So kannst dich schonmal darin üben, mich zu bewachen."

"Mit bloßen Händen", gab Ravic zurück. "Du scheinst meinen Kampfkünsten viel zuzutrauen, Elfengott-Priester!"

"Ich bin kein Elfengott-Priester, sondern nur ein gelehrter Schamane", erwiderte Branagorn.

"Was ist der Unterschied?", fragte Ravic.

"Ich habe keine Weihe erfahren. Aber woher sollte jemand wie du das auch wissen."

"Meine Mutter war eine gläubige Elfin - und sie hat mir einiges über euren Glauben beigebracht. Diese feinen Unterschiede, die die heiligen Männer eurer Tempelstätte untereinander offenbar aufteilen, hat sie mich allerdings nicht gelehrt."

"Das ist auch nichts, was irgendeinen für unseren Glauben wesentlichen Charakter hätte. Und was deine Kampfkünste angeht, so wirst du die sicher noch früh genug beweisen müssen. Ob nun mit oder ohne Waffe. Allerdings werde ich hier in Dalabor kaum etwas zu befürchten haben."

"Warum nicht?"

Branagorn lächelte hintergründig. "Darnuc kenne ich seit langem. Der Ort ist klein, nahezu jedes Gesicht ist mir hier bekannt."

"Gilt das auch für die Menschenkrieger, die ich draußen habe kampieren sehen?"

"Nein, für die gilt das natürlich nicht. Aber sie kampieren ja auch draußen, jenseits des Walls, wie du richtig bemerkt hast." Er bedachte Ravic mit einem nachdenklichen Blick. "Gut beobachtet, dass es sich um Menschenkrieger handelt."

"Dein König scheint Truppen zu sammeln."

"Das braucht dich nicht weiter zu interessieren. Aber ich sprach über etwas anderes. Über die Gefahr, der ich ausgesetzt bin, die beginnt, sobald wir den Großen Strom überquert haben. In der Stadt Nudrev verhandeln seit Monaten die Unterhändler der drei Könige des Elfenreichs, ohne dass es irgendein greifbares Ergebnis gibt. Und es gibt starke Kräfte, die wollen, dass meine Mission scheitert und verhindert wird, dass Giwdul und Rahtol einen Ausgleich finden."

"Ich habe davon gehört, dass es insgesamt drei Könige im Elfenreich geben soll. Nach meinem Verständnis zwei zuviel"

"Die Gefahr für mich hat einen Namen: König Lerak der Kahle, der den Westen regiert und hinter den Mauern von Burg Sined dafür betet, dass der Krieg zwischen seinen beiden Brüdern ewig anhalten möge."

"Und warum glaubst du, dass die Gefahr erst am anderen Stromufer auf dich wartet?"

"Lerak hat nicht zum ersten Mal jemanden geschickt, der mich töten sollte. Und für einen gedungenen Mörder ist auch ein Großer Strom kein Hindernis. Aber Lerak hofft letztlich darauf, sich mit Giwdul verbünden zu können, um das Mittelreich Rahtols mit ihm zu teilen. Wenn herauskäme, dass er einen Mörder über die Grenze in Giwduls Reich schickt, würde das schwierig werden. Das Risiko wird ihm zu groß sein, so wie ich diesen Feigling kenne..."

Ravic machte eine verächtliche Geste. "Intrigen unter Elfen und Elfengottgläubigen!", stieß er hervor. "Meine Mutter hat immer behauptet, dass der Pfad des Geistes in diesem Glauben das Wichtigste wären." Er zuckte mit den Schultern. "Vielleicht wusste sie es nicht so genau."

"Dich als ungläubigen Orkling braucht das ja nicht weiter zu kümmern", gab Branagorn von Yevroc kühl zurück. "Und sind bei euch im Orkland nicht sogar die Götter fehlbar?"

"Das ist wahr!"

"Bist du für den Pfad des Geistes geweiht worden, als du ein Kind warst?"

Ravic zögerte mit der Antwort. Er wirkte überrascht. "Warum ist das wichtig?"

"Es ist eine einfache Frage gewesen, die eine einfache Antwort verlangt. Aber falls du dir nicht sicher bist, was eine Geistweihe ist und welche Bedeutung sie hat..."

"Ich wurde geweiht", erklärte Ravic. "Mein Vater brachte einen Elfengott-Priester aus Dalirland von einer seiner Fahrten mit. Er meinte, dass es nicht schaden könne, wenn so ein heiliger Mann alles segnet, was sich segnen lässt. Und etliche Frauen, auch Ork-Frauen, ließen ihre Kinder weihen und segnen, damit sie von Krankheiten verschont würden."

"Bevor wir aufbrechen, werden wir das trotzdem wiederholen", erklärte Branagorn. "Und zwar so, dass es gesehen wird. Es soll niemand später behaupten, ich sei mit einem Ungläubigen durch die Lande gezogen."

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IN DER NACHT SCHLIEF Ravic auf einem Strohsack vor der Tür von Branagorns Zelle, die ihm offenbar jederzeit zur Verfügung stand, wenn der weißhaarige Schamane auf seinen Reisen Dalabor besuchte - was mehr oder weniger regelmäßig der Fall zu sein schien.

Ravic war inzwischen klar geworden, dass Branagorn kein gewöhnlicher Schamane war. Keiner, dem es nur um ein abgesondertes Leben nach den Grundsätzen eines besonders streng ausgelegten Glaubens ging - oder nur um die Pflege von Schrift und Gelehrsamkeit. Er verkehrte zwischen Königen und schien großen Einfluss zu haben. Ob dies nur seinem diplomatischen Geschick und seinem immensen Wissen zu verdanken war oder hier eine adelige Herkunft eine Rolle spielte, war Ravic zunächst noch nicht klar. Über Schamanenklöster und Tempelstätten wusste Ravic immerhin genug, um mit Sicherheit sagen zu können, dass auch dort die höheren Ränge Bewerbern von hoher Geburt vorbehalten waren, sodass die Welt des Glaubens nur nur ein Spiegelbild der weltlichen Ordnung zu ein schien.

Ravic begleitete Branagorn auf seinen Wegen innerhalb der Königsburg. Der Elb schien darauf Wert zu legen, dass der verbannte Orkling ihm nicht von der Seite wich.

Die Mahlzeiten nahmen sie zusammen mit den menschlichen Burgwächtern und den Elfenrittern ein, die in großer Zahl in Dalabor weilten. Aus den Gesprächen entnahm Ravic, dass irgendein großer Zug bevorstand. Ein Feldzug, der sich allerdings wohl eher gegen die Truppen von König Rahtol richtete, dessen Ziel es war, die Grenze zwischen den Teilreichen zu verschieben.

Aber bis es soweit war, konnte es wohl noch etwas dauern. König Giwdul war zurzeit noch im Osten seines Reichsteils und musste sich offenbar zunächsteinmal des Beistandes seiner Vasallen versichern.

Viele von ihnen schienen sich erstmal abwartend zu verhalten, um sich am Schluss auf die Seite des vermutlichen Siegers zu schlagen. Oder sie ließen sich ihren Beistand teuer bezahlen. Einige der Ritter, die hier im Speisesaal saßen, waren wohl selbst auch diese Weise um Beistand bewegt worden. Es ist immer dasselbe, dachte Ravic, während er den Anwesenden schweigend zuhörte. Den Großteil dessen, was sie redeten, verstand er. Genug jedenfalls, um zu begreifen, dass ein König im Elfenreich offenbar genauso vorging, um ein großes Heer aufzustellen, wie Ork-Hordenfürsten wie Kirie Störenfried oder Remirg Elfenstirnspalter agierten, wenn es darum ging, eine große Flotte zusammenzurufen, und die Sippen hinter sich zu vereinigen.

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AM DRITTEN TAG SEINES Aufenthalts in Dalabor nahm Branagorn Ravic in die Tempelstätte der Königsburg mit.

Ein Mann in der Gewandung eines Elfengott-Priesters wartete dort auf sie. Außerdem ein paar Schamanen und Schamaninen eines Klosterstifts, der seinen Sitz zwar nicht innerhalb der eigentlichen Königsburg, wohl aber innerhalb des um Dalabor gezogenen Schutzwalls hatte. Ravic hatte die Gesänge allmorgendlich von dort herüberschallen hören.

Jetzt ist also der Moment der zweiten Geistweihe gekommen, erkannte Ravic gleich, denn er erinnerte sich auch an die erste, die der Elfengott-Priester aus Dalirland an ihm durchgeführt und ihn dazu in das brackige Wasser eines orkländischen Wasserlauf getaucht hatte. An den üblen Geschmack des Brackwassers erinnerte er sich noch immer am lebhaftesten.

Die Zeremonie war kurz. Der Elfengott-Priester sagte ein paar Worte auf Alt-Elfisch und tauchte Ravics Kopf in das Weihebecken.

"Es war unter Zeugen", sagte Branagorn von Yevroc schließlich. "Ganz gleich, ob es diesen dalirländischen Elfengott-Priester je gegeben hat, von dem du sprachst: Niemand wird jetzt sagen können, dass ich mich von einem Ungeweihten begleiten lasse."

"Das scheint dir wichtig zu ein."

"Du solltest auf deine Aussprache achten."

"Weshalb?"

"Es kann ruhig jeder bemerken, dass du von weit her kommst. Aber es sollte nicht gleich jeder bemerken, dass du eigentlich ein Orkling bist. Sonst komme ich in die Verlegenheit, dich schützen zu müssen, da man nicht überall gut auf dein räuberisches Volk zu sprechen ist."

"Ich werde versuchen, das nachzuahmen, was ich höre."

"Versuch einfach zu schweigen. Das wird dir am meisten helfen."

"Gut."

"Und - lass deinen Mund auch deshalb zu, damit man die Reißzähne nicht sieht."

"Ja."

"Und vermeide Wut."

"Wegen des schlammfarbenen Gesichts!"

"Ja."

"Es ist viel, was ich zu beachten habe."

"Das schaffst du schon."

Ravic hatte bemerkt, dass ein elfischer Ritter in Kettenhemd und Überwurf die Tempelstätte betreten hatte.

Ravic erkannte ihn an der Musterung seines Überwurfs wieder, auf dem eine Art Wappen aufgestickt war. Er hatte diesen Elf im Gefolge von Darnuc gesehen.

"Das ist Ritter Nondramil. Er ist hier, um deine Geistweihe zu bezeugen und dich abzuholen."

"Abzuholen? Wohin?"

"Darnuc möchte mit dir sprechen."

"Ich erinnere mich. Das hat er mir bereits angekündigt."

"Beantworte ihm bereitwillig alle seine Fragen. Ihm gegenüber habe ich vollstes Vertrauen und was deine Angelegenheiten angeht, habe ich alles mit ihm besprochen."

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NONDRAMIL FÜHRTE RAVIC schweigend in den Hauptsaal der Königsburg. Eigentlich war er dem König vorbehalten. Aber in seiner Abwesenheit führte auch sein Verwalter Darnuc von Dalabor hier Audienzen im Namen des Herrschers durch. Er sprach Recht und hielt regelmäßig Festmahle für die Armen ab, wie es gute Sitte war.

Nondramil wich Ravic nicht von der Seite, nachdem sie den Saal betreten hatten. Darnuc saß allein auf dem erhöhten und mit feinen Schnitzarbeiten versehenen Stuhl, in dessen Armlehnen verschlungene Muster eingebrannt waren.

"Lass mich allein mit ihm", wandte sich Darnuc an Nondramil.

"Herr..."

"Er ist nur ein geistgeweihter Orkling - und kein wildes Tier, werter Nondramil."

"Da gibt es wohl kaum einen Unterschied", sagte Nondramil  und verließ dann mit sichtlichem Widerstreben den Saal.

Darnuc von Dalabor wartete, bis er den Saal verlassen und die Tür wieder ins Schloss gefallen war. "Weit im Norden gibt es eine befestigte Stadt namens Grubammah am Fluss im Westen."

"Ich habe von diesem Ort gehört", sagte Ravic. "Es gibt seit den Tagen des großen Lerak einen Hohen Elfengott-Priester dort."

"Anscheinend habe ich dich unterschätzt..."

"Es sollte mich niemand für dumm halten. Und wer es doch tut, bekommt meinen Zorn zu spüren."

"Jedenfalls wurde Grubammah mehrfach von Leuten wie dir überfallen. Ritter Nondramil war lange dort - und ich glaube, er mag deinesgleichen nicht besonders, weil bei diesen Überfällen jene umgebracht wurden, die ihm teuer waren."

"Ich selbst war nie dort", sagte Ravic. "Unsere Fahrten haben uns niemals in jene Gegend geführt - aber meine Mutter stammt von dort. Sie war eine Elfin, die verschleppt wurde."

"Zumindest wäre es von daher erklärlich, dass du unsere Sprache sprichst."

"Für meine Mutter war es gewiss schrecklich, verschleppt zu werden. Aber ich wäre nie gezeugt worden, wenn das nicht geschehen wäre. Insofern fällt es mir schwer, zu bedauern, was einst gewesen ist."

Darnuc stutzte zuerst und lächelte dann amüsiert. "Ich fürchte, Nondramil wird dafür trotzdem kein Verständnis haben."

"Mag sein."

"Branagorn hält anscheinend große Stücke auf dich. Er vertraut dir mehr als sonst jemanden, obwohl es dafür meiner Ansicht nach keinen Grund gibt."

"Mir ist es gleichgültig, welcher der Könige den Kampf in eurem Reich gewinnt."

"Das sollte es nicht. Denn wenn du dich bei der Aufgabe bewährst, wird man sicherlich Verwendung für dich haben. Für einen Krieger, der ein Schwert zu führen weiß, gibt es immer einen Platz - und viele davon werden bald auf den Schlachtfeldern zurückbleiben. Jemand wie du könnte hoch steigen. Als Leibwächter eines hohen Herrn, meine ich..."

"Ich werde mein Bestes geben..."

"...nicht unbedingt als Begleiter eines Schamanen, der sich auf den Pfad des Geistes träumt."

Darnuc erhob sich und trat auf Ravic zu. "Manche Wächter hoher Herren werden selbst Herren. Das wäre gar nicht so selten."

Ravic sah auf.

"Ich verstehe die Sprache meiner Mutter vielleicht doch nicht so gut, wie ich dachte."

"Doch, du verstehst sehr genau, was ich dir gesagt habe. Denn wie du mir ja eindrucksvoll klargemacht hast: Du bist kein Dummkopf!"

"Wie gesagt..."

"Ich war einst der Wächter meines Königs, der mich zum Herrn über Dalabor machte. Und es soll andere geben, die sogar noch höher stiegen. Ich will damit nur sagen, es ist alles möglich."

"Das werde ich bedenken."

"Wenn du das nächste Mal nach Dalabor gelangst, wirst du über alles berichten, was du erlebt hast. Alles, was Branagorn sagt oder tut, möchte ich erfahren. Und mit wem er sich trifft und wem er sich noch treffen wird. Und welchen Weg ihr gezogen seid, um von einem Hof zum anderen zu kommen. Dann kann ich viel für dich tun."

Vielleicht ist Branagorns Klugheit doch nicht so groß, wie ich zunächst dachte, ging es Ravic durch den Kopf. Ravic fühlte sich in diesem Augenblick nicht so recht wohl, in seiner Haut. Er hatte das Gefühl, dass dieser Elf ihn für seine eigenen Ränke missbrauchen wollte. Offenbar traute er Branagorn nicht über den Weg.

"Und jetzt möchte ich erfahren, was die Orkleute auf der Flussinsel bei Nivandrum für Absichten haben", verlangte Darnuc.

"Schnelle Beute, schnelle Rückkehr in die Heimat und dabei so wenig Verluste wie möglich", fasste Ravic es zusammen.

"Wer ist der Anführer?"

"Remirg Elfenstirnspalter, mein Vater."

"Könntest du als Unterhändler fungieren?"

"Jeder andere - nur ich nicht. Ich habe einen Ork umgebracht und sobald ich dort auftauchen würde, wäre der alte Streit da." Ravic schüttelte den Kopf. "Ich kann nicht zurück - es sei denn, ich würde mich dem Rachedurst der Sippe des Erschlagenen aussetzen wollen."

Darnuc nickte nachdenklich. Er strich sich über das Kinn und ging dann ein paar Schritte hin und her. Ihm schien etwas durch den Kopf zu gehen. "Wie viele Krieger sind auf der Insel?"

"Etwa 700."

"... und alle gut bewaffnet, wie ich annehme..."

"Von den gefallenen Elfen sind mehr Schwerter zurückgeblieben, als es Hände gibt, um sie zu führen. Und dann gibt es da noch die Krieger um Kirie Störenfried, die in Xalanor lagern. Seine Streitmacht ist noch größer."

"Du willst mir gerade klarmachen, dass es keinen Zweck hat, sie angreifen zu wollen."

"Nicht, wenn du für jeden unserer Leute nicht fünf Elfenkrieger hast!"

"Ein bisschen Angeberei ist aber jetzt schon dabei, oder?"

"Es ist die Wahrheit. Biete ihnen ein Lösegeld an. Dann sind sie wieder auf dem Meer, sobald der Wind günstig ist."

"Ich werde mir deinen Rat merken, sobald das Gebiet auf der anderen Stromseite unter meiner Kontrolle steht", sagte Darnuc. "Du kannst jetzt gehen. Und denk an das, was ich dir gesagt habe..."

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ALS RAVIC DEN SAAL verließ, fand er Nondramil vor der Tür. Der Elfenritter fixierte ihn mit dem stechenden Blick seiner dunklen Augen. Die Hand umfasste den Griff des Schwertes. Konnte er hören, was ich mit Darnuc gesprochen habe?, überlegte Ravic. Er war sich nahezu sicher. Sein Instinkt für die Situation sagte ihm, dass es so war. Und der Blick seines Gegenübers war von so unbändigem Hass gezeichnet, dass selbst Ravic davor zurückschreckte, obwohl ihm selbst solche Gefühle ja alles andere als fremd waren.

Für einige Augenblicke standen die beiden sich gegenüber. Ravic bedauerte, kein Schwert an der Seite zu tragen. Dann hätte er sich wesentlich sicherer gefühlt. Denn der Elf in dem Kettenhemd hätte ihn zweifellos am liebsten sofort erschlagen. Dass er es nicht getan hatte, war wohl nur durch die Treue zu seinem Herrn bedingt.

Es muss etwas mit dem zu tun haben, was Darnuc mir über Grubammah erzählt hat, erkannte Ravic. Dieser Elf hasst Orks wie sonst nichts auf der Welt. Und es ist für ihn unerträglich, dass ich nicht nur ohne Fesseln herumlaufe, sondern auch noch von seinem Herrn empfangen wurde. Das erträgt er kaum...

Ravic konnte ihn sogar bis zu einem gewissen Grad verstehen. Es war dieselbe Art von Wut, von der er selbst erfasst worden war, als er Denumorh umgebracht hatte.

"Geh", zischte es zwischen Nondramils dünnen Lippen hindurch. "Geh mir aus den Augen, du Orkteufel!"

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RAVIC BALLTE DIE HÄNDE zu Fäusten und spürte, wie der Jähzorn sich in ihm regte. Aber es wäre selbstmörderisch gewesen, sich in diesem Augenblick - ohne Waffe - mit Nondramil anzulegen. Ich würde ihm vermutlich den größten Gefallen damit tun, wenn ich ihm jetzt einen Grund gebe, mich zu töten.

Ravic dachte in diesem Augenblick an seinen Bruder Valo, in dessen Gegenwart sich sein Jähzorn immer besonders leicht geregt hatte. Willst du ein zweites Mal alles verlieren, nur weil du unbedingt in eine Klinge hineinlaufen musst, die ein anderer längst gezogen hat?, dachte er. Nein, Fehler sollte man nicht wiederholen, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt...

Ravic ging wortlos hinaus. Er konnte selbst kaum glauben, was er tat. Die Wut brannte immer noch in ihm, der Jähzorn schien ihn von innen heraus schier aufzufressen. Aber er gab ihm nicht nach. So wichtig ist dieser Nondramil nicht!, ging es ihm durch den Kopf. Jedenfalls nicht so wichtig, dass du dir seinetwegen die Gelegenheit entgehen lässt, irgendwann mit diesem weißhaarigen Schamanen bis nach Goldgartenstadt, der Stadt mit den goldenen Tempelstättendächern, zu gelangen!

Nachdem er ins Freie getreten war, atmete er tief durch. Der Wächter vor der Eingangstür wirkten etwas irritiert. Aber sie sprachen ihn nicht an. Eine kühle Brise blies aus Nordwesten, sorgte dafür, dass sich das Wasser des Flusses kräuselte und dafür, dass Ravic wieder einen klaren Gedanken fassen konnte.

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IN DER FOLGENDEN NACHT schlief er wieder auf dem Strohsack im Flur vor der Zelle des Schamanen, dem er nun folgte. Ihn wie einen Herrn zu betrachteten, gefiel Ravic zwar nicht sonderlich, aber wenn er näher darüber nachdachte, dann lief es eigentlich darauf hinaus.

Er diente diesem Diplomaten in Schamanenkutte, dessen Rolle in diesem Spiel der Könige Ravic noch nicht einmal ansatzweise begriffen hatte. Aber das würde sich vielleicht noch mit der Zeit ändern. Auf jeden Fall stellte der Dienst für Branagorn von Yevroc eine Möglichkeit dar, ein neues Leben anzufangen. Und das sehr viel schneller, als es eigentlich zu erwarten gewesen war.

Die Vergangenheit spielte nun keine Rolle mehr, so versuchte er sich einzureden. Er war ein Verbannter, für den es keinen Weg zurück gab. Seine Herkunft, eine Verwandtschaft, seine Sippe, seine Heimat im Orkland - all das lag nun unwiederbringlich hinter ihm. Und je eher er sich mit diesem Gedanken abfand, desto besser, glaubte er.

Die Götter schienen es so gewollt zu haben.

Die Götter der Orks oder der Gott der Elfen.

Ein leises Lächeln spielte jetzt um seine Mundwinkel. Nicht einmal darüber, welche übernatürlichen Mächte seine Geschicke letztlich nun lenkten, gab es für ihn jetzt noch Gewissheit.

Ravic schlief in dieser Nacht schwer ein. Es waren nicht nur die Gedanken, die ihn wachhielten, sondern auch das Lärmen einiger neu angekommener elfischer Ritter, die in einem umfunktionierten Speisesaal untergebracht waren und laut feierten.

Mehrfach erwachte Ravic, weil ihn eine unerklärliche Unruhe plagte. Der Lärm der Ritter konnte es eigentlich nicht sein, denn Lärm war Ravic gewöhnt. Schließlich war er in einem Langhaus aufgewachsen, in dem mehr als eine halbe Hundertschaft Orks gelebt hatte. Wirkliche Ruhe hatte dort eigentlich nie geherrscht. Und selbst wenn die met-seeligen Orks irgendwann ihren Rausch ausschliefen und für kurze Zeit nur noch ihr sägendes Schnarchen zu hören war, konnte man sich darauf verlassen, dass dies nicht lange so blieb, sondern nach kurzer Zeit irgendein Ork-Säugling hungrig seine Stimme erhob.

"Unruhiger Schlaf und schlechte Träume sind Botschaften der Götter", hatte der alte Dhalmi ihm einst gesagt. "Man sollte auf sie achten."

Es war in frühen Morgenstunden, kurz vor Sonnenaufgang, als Ravic erneut erwachte. Der Lärm der zechenden Elfen war längst verstummt. Stattdessen waren Schritte auf dem Flur zu hören.

Ravic öffnete die Augen. Eine schattenhafte Gestalt war über ihm. Mit dem Instinkt des Kriegers schnellte Ravic zur Seite und wich damit dem Schwertschlag aus. Wie eine Sense senkte sich die Klinge herab und fuhr in den Strohsack - gerade dorthin, wo Ravic noch vor einem Augenaufschlag gelegen hatte.

Ravic ließ den Fuß hochschnellen. Ächzend krümmte sich die Gestalt, taumelte zurück und geriet nun in den Schein des Mondlichts, das durch ein offenes Fenster hereindrang.

Es war niemand anderes Nondramil.

Ravic sprang auf und musste sofort dem nächsten Hieb ausweichen. Haarscharf senste das Schwert an ihm vorbei. Ravic schnellte vor, riss Nondramil den Dolch aus dem Gürtel und stürzte sich auf ihn. Sie fielen zu Boden. Den Schwertarm hatte Ravic zur Seite gebogen und legte sein Gewicht darauf. Den Dolch setzte er an den Hals, indem er ihn durch die Lücke zwischen Kettenhemd und Kettenhaube schob.

"Verfluchter Orkhund!", knurrte Nondramil. "Tod und ewige Verdammnis euch allen!"

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IN DIESEM AUGENBLICK bemerkte Ravic aus den Augenwinkeln heraus eine Bewegung. Branagorns Stimme ertönte - und wirkte so durchdringend wie sonst sein Blick.

"Stich zu und man wird dich im Fluss ertränken, Ravic - und ich stehe ohne Wächter da. Oder lass ihn am Leben, dann wird Nondramil bei Darnuc in Ungnade fallen, weil er die Gastfreundschaft seines Herrn gebrochen hat. Und du wirst im Recht sein."

Ravic fühlte ein Zittern in seiner Hand. Ein Zittern, das kein Ausdruck der Schwäche war, sondern für widerstreitende Kräfte, die in ihm tobten.

"Dieses elfische Schwein wollte mich im Schlaf erschlagen."

"Ja, es gibt immer einen guten Grund, seinem Jähzorn nachzugeben", sagte Branagorn mit einem leicht spöttischen Unterton, der Ravic überraschte. "Ich bin gespannt, wer von euch stärker ist: Du oder der Dämon in dir."

Ravics Hand krampfte sich so heftig um den Griff des Dolchs, dass es schmerzte.

Er hat recht, durchfuhr es ihn dann. Ein Gedanke, der wie Feuer in ihm brannte und ihm Übelkeit verursachte.

So zog Ravic den Dolch zurück und erhob sich. Aber er blieb nach wie vor wachsam, denn er traute dem Elfen nicht.

Dieser erhob sich schließlich ebenfalls.

"Den Dolch wird mein Wächter behalten", erklärte Branagorn von den Elben, ehe Nondramil in der Lage war, auch nur einen einzigen Ton hervorzubringen. "Und wenn Ihr gegen irgendwen die Unwahrheit sprechen solltet, was die Geschehnisse dieser Nacht betrifft, dann seid darauf gefasst, dass dann das Wort eines Schamanen aus Yevroc und Diplomaten von Königen und Kaisern gegen das Eure steht. Habt Ihr mich verstanden?"

"Ich habe Euch verstanden, Branagorn", sagte Nondramil. Der Blick, den er daraufhin auf Ravic richtete, war noch immer von blankem Hass geprägt. Hass, der durch die Schmach der Niederlage, die er soeben erlitten hatte, noch gesteigert worden war.

"Und jetzt geht, Nondramil. Redet mit Eurem Herrn oder tut es nicht. Ganz, wie es Euch beliebt. Aber wenn Ihr Euch dazu entschließen solltet, wird die Wahrheit auf Euch zurückschlagen. Dessen müsst Ihr Euch bewusst sein."

Nondramils Blick war noch immer auf Ravic gerichtet. "Wir sehen uns sicher nicht zum letzten Mal", murmelte. "Nichts ist vergessen. Nichts..."

Damit drehte er sich um und ging davon.

Ravic schob den Dolch hinter seinen Gürtel.

"Alle Achtung!", sagte Branagorn. "Waffenlos einen Elfenkrieger wie Nondramil zu überwinden, das schaffen gewiss nicht viele."

"Er hasst jeden aus meinem Volk..."

"Ich weiß. Es ist bekannt, dass er seine Familie bei den Überfällen bei Grubammah verloren hat."

"Dann hat er einen guten Grund, Orks und Orklinge wie mich zu hassen."

"Jedenfalls bin ich froh, einen Krieger an meiner Seite zu wissen, der mit bloßen Händen besser kämpft, als andere in voller Rüstung."

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Kapitel 17

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An einem der folgenden Tage bestimmte Branagorn, dass es nun Zeit zum Aufbruch sei. Eines der Flussschiffe, die bei Dalabor festgemacht waren, setzte sie über. Ravic bekam zuvor seine Waffen wieder ausgehändigt. Außerdem wurden zusammen mit den beiden Reisenden auch drei Laufdrachentiere mit hinübergenommen: Zwei gesattelte Reittiere und eines, das mit Gepäck beladen war.

Die Überfahrt war nicht ungefährlich. Die Laufdrachentiere waren nur mit Mühe ruhig zu halten und brachten das Flussschiff immer wieder zum Schwanken. Die Besatzung hatte alle Hände voll zu tun. Schließlich fand sich eine flache Stelle am Westufer, an der angelegt werden konnte. Dafür zu sorgen, dass die Laufdrachentiere anschließend die rutschige Uferböschung hinaufkamen, war eine weitere Schwierigkeit. Aber Ravic wusste, wie man mit Laufdrachentieren umgehen musste. Er beruhigte sie und brachte eines nach dem anderen vom Ufer fort.

Er fasste die Tiere am Kopf, redete leise mit ihnen und sorgte dafür, dass sie umgänglich wurden.

"Wie ich sehe, hat es sich schon gelohnt, dich mitzunehmen", stellte Branagorn von Yevroc fest, der sich dieses Schauspiel zunächst einmal wie ein mehr oder minder Unbeteiligter angesehen hatte.

"Es sind gute Laufdrachentiere, die du ausgesucht hast", stellte Ravic fest.

"Vielleicht hätte ich besser dich die Auswahl treffen lassen. Schließlich scheinst du einiges davon zu verstehen."

"Auch im Orkland kommt man nicht überall mit einem Schiff hin", stellte Ravic fest.

"Ich weiß", erwiderte Branagorn.

Das Flussschiff hatte bereits wieder abgelegt und machte sich auf den Rückweg über den Fluss. Ravic übergab Branagorn die Zügel seines Reittiers, woraufhin sich dieser überraschend behände in den Sattel schwang.

"Halt die Augen offen, Orkling!"

"Ist dieses Yevroc, woher die kommst, ein reiches Schamanenkloster?", fragte Ravic.

"Warum fragst du das?"

"Weil ich wissen möchte, ob mein Einsatz sich lohnt! Und ich nehme an, dass dein Schamanenkloster für dich bezahlen wird."

Branagorn lächelte nachsichtig. "Du scheinst durch und durch die Seele eines Plünderers angenommen zu haben. Aber das wundert mich nicht."

"Es ist nur eine Frage gewesen", erklärte Ravic. "Viele Schamanenklöster sind unermesslich reich, auch wenn ihre Bewohner in Gewändern herumlaufen, die wie zerschnittene Mehlsäcke aussehen."

"Sei unbesorgt. Du wirst schon bekommen, was dir zusteht, Ravic. Da kannst du wirklich ganz beruhigt sein."

"Gut."

Ravic überlegte, ob er Branagorn eröffnen sollte, was Darnuc von Dalabor ihm für ein zwielichtiges Angebot gemacht hatte. Ravic dachte eine ganze Weile darüber nach. Aber er schwieg letztlich. Sie ritten während dieser Zeit schweigend ins Landesinnere. Das Pack-Laufdrachentier wurde dabei von Branagorn selbst am Zügel geführt. Ein Schamane, der es sonst gewohnt ist, allein zu reisen, ging es Ravic durch den Kopf.

*

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IN DER NACHT KAMPIERTEN sie an einem Bach. Es war kalt, aber ein Feuer sorgte dafür, dass es erträglich war. Sie aßen Stockfisch, den Branagorn aus Dalabor mitgenommen hatte und sich lange hielt. "In der Geistpfadzeit bringen die Händler ihn bis nach Neilati an der Südküste", sagte der Schamane.

"In dieser Zeit ist der Verzehr von Fleisch verboten, nicht wahr?", fragte Ravic, während er einen weiteren Brocken zu sich nahm. "Nur Fisch ist erlaubt."

"So ist es", bestätigte der Schamane. "Aber die Zahl der Fische in den Gewässern vermehrt sich natürlich nicht, wenn für ein paar Wochen im Jahr plötzlich die Nachfrage sprunghaft steigt. Überall in den elfengottgläubigen Ländern wird dann plötzlich eine mehrfache Menge an Fisch verzehrt. Und es soll schon vorgekommen sein, dass der Heilige Schamanenkonvent in Mhor einige Tiere zu Wassertieren erklärt hat, damit man sie in dieser Zeit verzehren darf. Biber zum Beispiel."

"Meine Mutter nahm es mit ihrem Glauben sehr genau. Aber das scheint nicht auf alle Elfengottgläubigen zuzutreffen."

"Meiner Erfahrung nach gilt das aber für die Anhänger von Nido und Roht noch sehr viel mehr", sagte Branagorn.

"Nido und Roht verlangen von uns auch nicht, dass wir ausschließlich an sie glauben. Das steht nirgendwo geschrieben und es ist nicht bekannt, dass jemals einer unserer Götter einen Gläubigen bestraft hätte, weil dieser noch zusätzliche göttliche Hilfe gerufen hätte!"

"Du bist jetzt geweiht und solltest dich dementsprechend verhalten."

"Ich bin sogar zum zweitenmal geweiht - und das das hat mich bisher auch nicht davon abgehalten, jeden göttlichen Beistand anzunehmen, den ich bekommen konnte!"

"Du wirst die Wahrheit noch erkennen", sagte Branagorn. "Ich werde dafür beten."

"Du solltest noch etwas wissen", sagte Ravic.

Branagorn kaute auf einem Stück Stockfisch herum und schien zunächst gar nicht richtig zuzuhören. Er wirkte abwesend. "Und was?", fragte er schließlich.

"Zuerst beantworte mir eine Frage."

Branagorn wirkte überrascht. "Ich weiß nicht, um welche Sache du herumreden willst, aber ich schlage vor, dass du am besten einfach sagst, was du auf dem Herzen hast."

"Wie lange kennst du Darnuc von Dalabor?"

"Ich sagte dir schon einmal, dass ich ihm vertraue wie kaum einem anderen. Ich kannte ihn schon, bevor er der Verwalter des Königshofes von Dalabor wurde. Er gehörte zum Gefolge König Giwduls und es ist noch nicht so lange her, dass er von König Giwdul in sein jetziges Amt eingesetzt wurde. Das Gebiet am östlichen Stromufer ist nämlich zwischen Rahtol und Giwdul umstritten. Giwdul übt erst seit kurzem die Herrschaft dort aus - und Darnuc hat dafür zu sorgen, dass es so bleibt."

"Jetzt verstehe ich...", murmelte Ravic.

"Was verstehst du?", lächelte Branagorn mit nachsichtigem Spott, so als könnte er sich kaum vorstellen, dass der Nordmann tatsächlich begann, die Lage des Elfenreichs in seiner ganze Kompliziertheit zu verstehen. Das erschien Branagorn offensichtlich undenkbar - und Ravic, der dies sehr wohl bemerkte, fühlte sich dadurch gekränkt. Obwohl er in meinem Heimatland gewesen ist, scheint er immer noch zu glauben, dass wir Nordleute ein Volk von gewalttätigen Tölpeln sind, ging es ihm durch den Kopf.

"Was würde geschehen, wenn die Könige sich einigen?", fragte Ravic. "Könnte es sein, dass das Gebiet, in dem Darnuc jetzt zum Herrn eingesetzt wurde, zurück an König Rahtol fällt?"

"Herrscher tauschen Gebiete, wenn sie ihre Interessen ausgleichen wollen. Das wäre nichts Ungewöhnliches."

"In diesem Fall könnte Darnuc seine Herrschaft wieder verlieren, oder?"

"Gefolgsleute werden dort eingesetzt, wo ihr Herr es will, dem sie die Treue geschworen haben."

"Das ist bei uns nicht anders."

"Siehst du! Ich verstehe den Sinn deiner Frage immer noch nicht."

"Ich bin eben neugierig."

"Mir reicht es, wenn du mir jeden Attentäter vom Leibe hältst - ob du das nun mit bloßen Hände tust oder mit dem Schwert, ist mir gleichgültig."

"Vielleicht tue ich das gerade."

"Was?"

"Dir einen Feind vom Leib halten."

"Du sprichst jetzt aber nicht über Darnuc?"

Ravic schwieg einen Augenblick. Und zwar lange genug, um Branagorn von Yevroc nachdenklich zu machen. "Was hat Darnuc mit dir besprochen?", fragte er dann.

Ravic lächelte. "Ich habe schon geglaubt, dass du das nie wissen willst!"

"Sprich! Na los! Ah... ich verstehe! Du hast dafür einen Preis! Sei dir sicher, dass du für deinen Schutz gut entlohnt wirst..."

"Von Schamanen, die sich einem einfachen Leben auf dem Pfad des Geistes verschworen haben."

"Unser Schamanenkloster in Yevroc ist reicher als mancher Elfenfürst im Reich! Und immer wieder fließen uns durch mildtätige Schenkungen neue Güter zu. Wir haben schon Könige bezahlt, damit sie das eine tun und das andere lassen - da werden wir auch einen Halunken wie dich bezahlen können, den das Meer in die Strommündung gespült hat!"

Jetzt war es Branagorn gewesen, mit dem offensichtlich der Zorn durchgegangen war.

"Es ist schön, die Wahrheit darüber zu erfahren, nachdem du zunächst immer die Bescheidenheit der Schamanen betont hast", sagte er. "Aber da hast du wahrscheinlich auch noch befürchtet, ich könnte zu meinen Leuten zurückkehren und ihnen von den Reichtümern der Abtei Yevroc vorschwärmen, sodass sie hinterher nichts anderes mehr im Sinn haben, als sich diese Schätze unter den Nagel zu reißen."

Branagorn hob die dünnen Augenbrauen. "Vielleicht habe ich dich wirklich unterschätzt", meinte er. "Und nun will ich wissen, welches Angebot dir Darnuc gemacht hat, als ihr allein in dem Saal wart, in dem eigentlich der König seine Audienz hält, wenn er sich in Dalabor aufhält."

Ravic lächelte. "Du hast recht, es war ein Angebot. Ich soll Darnuc über alles berichten, was während unserer Reise geschieht. Er will wissen, mit wem du sprichst und welche Orte wir bereist haben."

"Und er versprach dir, dich dafür reich zu entlohnen, richtig?"

"Richtig."

"Und was hast du ihm geantwortet?"

"Ich denke, er glaubt, dass ich ihm in Zukunft dienlich bin."

"Du musst einen anderen Eindruck auf ihn gemacht haben", sagte Branagorn. "Denn was für einen Sinn würde es ansonsten machen, dass er dir später Nondramil auf den Hals gehetzt hat."

"Nondramil handelte wohl aus einem persönlichen Grund."

"Ja", murmelte Branagorn plötzlich sehr nachdenklich. "Das war bisher auch meine Annahme gewesen..."

"Aber jetzt zweifelst du daran?", hakte Ravic nach. "Du hast gesehen, was geschehen ist und wie derselbe jähzornige Trollgeist, der ab und zu in mich fährt, in ihn gefahren war, als er mich umzubringen versuchte."

Branagorn schwieg. Er saß in sich zusammengesunken da und schien auf einmal nicht mehr den geringsten Appetit auf den Stockfisch zu haben, auf dem er die ganze Zeit schon herumgekaut hatte. Irgendetwas ging in ihm vor. Ravic rätselte, was es sein mochte, dass den Schamanen auf einmal so verändert hatte und die Gedanken dieses eigentümlichen Elfs offenbar vollkommen in Beschlag nahm.

In Ravics Innerem rasten jetzt ebenfalls die Gedanken. Und dann fiel es ihm plötzlich wie Schuppen von den Augen. "Könnte es sein, dass Nondramil gar nicht mich umbringen wollte?", fragte er dann in die Stille hinein.

Branagorn starrte in das flackernde Feuer und antwortete nicht.

"Vielleicht hat Ritter Nondramil es als glückliche Fügung empfunden, mich bei dieser Gelegenheit ebenfalls in die Tiefen der Totengöttin verbannen zu können - aber ich denke, eigentlich war er in jener Nacht dort, um dich zu töten, Branagorn."

Der Schamane blickte auf, nachdem ein Ruck seinen gesamten Körper erfasste.

"Jetzt, wo du es sagst...", murmelte er.

"Es erscheint dir also nun nicht mehr abwegig? Du selbst hast doch schon gesagt, dass Darnuc unter Umständen einiges zu verlieren hätte, wenn es zu einer Einigung unter den Königen kommt. Warum sollte er diese Gefahr nicht auf diese Art abwenden wollen?"

"Das glaube ich nicht."

"Und warum nicht?"

"Ich bilde mir ein, ein guter Seelenkenner zu sein."

Ravic zuckte mit den Schultern. "Ich bilde mir das nicht ein. Aber ich weiß, was die meisten Menschen am meisten antreibt: Das ist die Gier. Die Gier nach immer mehr und anschließend die Furcht davor, den Besitz wieder zu verlieren."

"Vielleicht hast du recht", sagte Branagorn. "Vielleicht hat Darnuc von Dalabor tatsächlich einiges zu verlieren, wenn sich die Könige einigen sollten."

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AM FRÜHEN MORGEN ZOGEN sie weiter. Sie mieden Ortschaften. Offenbar befürchtete Branagorn, dass sich herumsprach, dass er in der Gegend war. Ein Schamane war sicherlich kein auffälliger Reisender. Wanderschamanen vor allem aus Dalirland und Ynsulanien waren überall unterwegs gewesen. Selbst in die Fjorde des Nordens hatten es manche von ihnen geschafft und versuchten dort mit mehr oder weniger großem Erfolg, ihren Glauben zu verbreiten. Aber Branagorn war schon von seiner äußeren Erscheinung her eine auffällige Gestalt. Und offenbar hatte der Schamane Grund genug dazu, sich zu fürchten. Wenn sich herumsprach, dass er in der Gegend war, erreichte er vielleicht sein Ziel nicht.

Wo immer das genau auch liegen mochte.

Ravic zumindest hielt er darüber im Unklaren, obwohl dieser schon mehrfach dahingehend nachgefragt hatte. Aber Branagorns Auskünfte dazu blieben stets im Vagen. "Ich sehe auf den Weg - und du hoffentlich auf die Gefahr", sagte er einmal dazu.

"Du vertraust mir dein Leben an, aber nicht dein Reiseziel?", fragte Ravic daraufhin leicht amüsiert.

"Je weniger du weißt, desto besser", sagte Branagorn. "Dann kannst du auch nichts verraten, solltest du mal in die Hände von Leuten geraten, für die dieses Wissen sehr wichtig ist."

An einem der nächsten Tage übernachteten sie in einer winzigen Schamanen-Abtei, die ziemlich einsam an einem kleinen Wasserlauf lag. Nur eine Handvoll Schamanen lebten hier. Aber die schien Branagorn von Yevroc bestens zu kennen. Insbesondere den Abt begrüßte er sehr herzlich, wie einen guten Bekannten.

Dabei benutzten sie untereinander eine Sprache, die Ravic nicht verstand. Elfisch war es jedenfalls nicht und auch kein Dialekt, der in irgendeiner Weise damit verwandt war. Ravic glaubte, einige Brocken Alt-Elfisch herauszuhören, aber da war er nicht sicher, denn er kannte diese Sprache viel zu schlecht, um das letztlich beurteilen zu können. Vielleicht war das die legendäre Sprache des Geistes, die angeblich jenen vorbehalten war, die auf dem Pfad des Geistes schon weiter fortgeschritten waren - so dachte Branagorn.

Aber alles, was seine elfische Mutter ihm dazu erzählt hatte war nur sehr dürftig gewesen.

Der Abt war ein massiger, beleibter Elf, gegen den Branagorn eher schmächtig wirkte. Als er den Kopf senkte und Ravic von oben bis unten betrachtete, trat sein Doppelkinn eindrucksvoll hervor.

"Das ist Abt Niudlab. Er wird unser Gastgeber heute Nacht sein. Ich jedenfalls freue mich darüber, zur Abwechslung mal wieder unter einem richtigen Dach schlafen zu können."

Ravic nickte Niudlab zu. Der dicke Schamane erwiderte dies nicht. Branagorn und Niudlab sprachen noch ein paar Worte miteinander. Ravic nahm an, dass Branagorn seinem Schamanenbruder zu erklären versuchte, wer sein Begleiter sei.

"Ein verbannter Orkling bist du also", sagte Niudlab dann auf Elfisch. "Du bist hier willkommen wie jeder, der sich in Begleitung meines Mitbruders im Geiste befindet", sagte er. Seine Aussprache wich deutlich von jener ab, die Ravic einst durch seine Mutter beigebracht worden war und unterschied sich auch deutlich der aller anderen Elfen, die Ravic bisher jemals sprechen gehört hatte.

"Abt Niudlab stammt aus Anzanien", sagte Branagorn. "Da spricht man etwas anders als hier. Die Leute dort glauben immer noch, dass es Alt-Elfisch ist, aber mit dem Alt-Elfisch der Bücher hat es nichts gemein."

"Ihr beide scheint euch gut zu kennen", stellte Ravic fest.

"Wir haben einst im Schamanenkloster Parathwena einige Zeit gemeinsame Studien betrieben", sagte Branagorn. "Er hat mir die Sprache beigebracht, die man im Westen des Reiches spricht, was mir bei meinen diplomatischen Missionen sehr zu Pass gekommen ist. Und Niudlab ist von mir in der Sprache des Geistes und in den Elfen-Dialekten des Ostens vervollkommnet worden."

"Leider ohne viel Erfolg", meinte der beleibte Elf in seinem für Ravic äußerst eigenartig klingenden Akzent. "Und nun kommt herein und lasst euch bewirten. Wir führen zwar ein einfaches Leben auf dem Pfad des Geistes, aber wir essen gut! Um eure Laufdrachentiere wird man sich kümmern. Für die Nacht wartet ein Lager in unserem Schlafsaal auf euch!"

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SPÄTER SASSEN SIE MIT den Elfen-Schamanen am Tisch. Die Mahlzeit bestand aus Brot und stark gewürztem Fleisch. Ravic langte kräftig zu. Schließlich wusste er ja nicht, wie lange es dauerte, bis er wieder etwas anderes als Stockfisch oder andere wenig schmackhafte Dinge bekam, die sich dafür aber lange hielten und nicht so schnell verderblich waren.

Die Schamanen tranken ein sehr schmackhaftes Bier, wie Ravic fand. Der Honiggeschmack des heimatlichen Mets vermisste er bei diesem speziellen Trunk überhaupt nicht. Und auch das Elfen-Met schmeckte nicht einmal halb so gut. Daher sah Ravic es durchaus gerne, dass man ihm immer wieder nachschenkte. 

Branagorn blieb das nicht verborgen.

"Es war genug, Ravic, sonst schlägt man dir den schweren Kopf noch schneller von den Schultern, als du dein Schwert zu ziehen vermagst!"

"Keine Sorge, ich werde dich schon zu beschützen wissen", erwiderte Ravic. "Vor deiner eigenen Narrheit und vor anderen! Und dabei spielt es keine Rolle, wie viel Met oder Bier ich getrunken habe."

"Dann will ich hoffen, dass du nicht zuviel versprichst!"

Ravic machte eine ausholende, großspurig wirkende Geste.

"Selbst vor der Letzten Schlacht am Ende der Zeiten trinken die Helden reichlich Met in der Halle der Götterkrieger im Jenseits. Und mir wäre nicht bekannt, dass sie deswegen nicht mehr kämpfen konnten."

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"DU HAST ANSCHEINEND die Grenzen deines Körpers noch nicht kennengelernt, Orkling", mischte sich Abt Niudlab ein. Er lächelte, während er einen tiefen Schluck aus seinem Bierkrug nahm. "Aber das kommt noch. Da kannst du sicher sein."

Ravic gähnte.

"Vielleicht kommt dieser Moment schon früher, als ich es ursprünglich für möglich hielt", meinte Branagorn von Yevroc.

"Ich bewache dein Leben, Schamane. Aber du solltest dich nicht über mich lustig machen."

"Wir haben in diesem Jammertal, dass wir die Welt nennen, ohnehin viel zu wenig zu lachen", gab Branagorn zurück. "Welchen Grund könnte es eben, eine Gelegenheit dazu verstreichen zu lassen."

"Zum Beispiel mein Zorn!"

"Aber den weißt du doch inzwischen vortrefflich zu beherrschen, Ravic", meinte Branagorn.

Ravic machte eine wegwerfende Handbewegung, während Abt Niudlab in Gelächter verfiel.

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DIE NACHT VERBRACHTEN Ravic und Branagorn in einem Schlafsaal des Schamanenklosters, der für Gäste gedacht war. Da es im Moment keine anderen Gäste gab, waren sie allein in dem Raum, in dem zwei Dutzend Betten standen. In der Vergangenheit, so hatte Abt Niudlab erwähnt, hatte dieser Schlafsaal nicht nur Pilgern zur Verfügung gestanden, sondern war auch als Hospital genutzt worden, in dem Kranke ohne Ansehen ihres Standes gepflegt worden waren. Elfen und Menschen gleichermaßen.

Ravic erwachte mitten in der Nacht und stellte fest, dass das Bett von Branagorn leer war. Die grobe Decke, mit der sich der weißhaarige Schamane zugedeckt hatte, war zur Seite geschlagen und bildete jetzt ein unförmiges Bündel.

Ravics Sinne waren sofort alarmiert, er war innerhalb eines Augenblicks hellwach. Von Ferne hörte er Stimmen.

Ravic erhob sich. Er verzichtete darauf, die Fellstiefel überzuziehen. Lautlos lief er über den kalten Steinboden und folgte den Stimmen. Im Innenhof des Schamanenklosters sah er zwei Gestalten im fahlen Mondlicht. Es waren Branagorn und Abt Niudlab. Sie unterhielten sich diesmal auf Elfisch (und nicht etwa in der ominösen Sprache des Geistes) und so vermochte Ravic das Meiste zu verstehen.

"Ich weiß, dass deine Pläne andere sind, aber du solltest zuerst nach Parathwena reisen", sagte Niudlab. "König Lerak weilt zurzeit dort."

"Ich muss so schnell es geht nach Nudrev", entgegnete Branagorn.

"Vergiss die Verhandlungen, die hier geführt werden", sagte Abt Niudlab. "Die sind seit langem festgefahren. Die Könige der Elfen misstrauen sich gegenseitig. Und die Unterhändler, die sie nach Nudrev geschickt haben, verfügen über eine sehr eingeschränkte Verhandlungsvollmacht. Die dürfen kaum selbst entscheiden, was sie anziehen - und währenddessen versuchen die Könige Tatsachen zu schaffen! Jeder für sich, auch wenn es öffentlich nicht zugegeben wird und sie sich wechselseitig Beistand gegen den jeweils anderen versprechen!"

"Drei ist eine verfluchte Zahl, werter Niudlab", sagte Branagorn.

"Ihr sagt es! Aber laut solltest du das nicht wiederholen, denn schließlich gibt es ja auch die Heilige Dreiheit des Geistes. Aber natürlich hast du recht."

"Wenn eine Dreiheit von Königen sich die Herrschaft zu teilen versucht, läuft das immer darauf hinaus, dass sich zwei gegen den dritten verbünden", sagte Branagorn.

"Wie gesagt, du solltest jetzt dringend nach Parathwena reisen. Der kahle Lerak erwartet dich dort. Und du solltest diesem Ruf folgen!"

Branagorn wirkte nachdenklich. Er ging ein paar Schritte und entfernte sich dabei von Abt Niudlab. Einen Augenblick lang sah Branagorn geradewegs in Ravics Richtung. Aber Ravic war sich sicher, dass man ihn nicht sehen konnte. Er stand im Schatten, eingehüllt von Dunkelheit.

Branagorn wandte sich wieder um und fuhr dann fort: "Lerak wagt sich in das Reich von Rahtol - und der weiß nichts davon. Das ist schon ein starkes Stück, finde ich."

"Der kahle Lerak hat seine Kindheit in Parathwena verbracht", sagte Abt Niudlab. "Er wurde an der Schamanenklosterschule ausgebildet und zum Teil oblag seine Ausbildung dir, wie du ja gewiss nicht vergessen hast!"

"Und dir, Niudlab!", gab Branagorn zurück.

Aber der Abt machte daraufhin nur eine wegwerfende Handbewegung. "Mein Einfluss ist nicht allzu groß auf den Jungen gewesen. Sonst wäre die Situation des Elfenreichs vielleicht heute eine andere..."

Niudlab ergriff jetzt Branagorns schmale Schultern. "Geh zu ihm und rede mit ihm. Ich fürchte, er sieht in deinen diplomatischen Bemühungen um einen Ausgleich zwischen Rahtol und Giwdul nichts als Verrat. Einen Verrat, der sich gegen ihn richtet. Und wenn du die Vergangenheit betrachtest, dann ist diese Sorge nicht ganz unbegründet, würde ich sagen."

"Gut", sagte Branagorn schließlich. "So werde ich nach Parathwena gehen und mich mit Lerak treffen - falls er noch dort ist, wenn ich dort ankomme."

"Ich wusste, dass du dich richtig entscheiden würdest!"

"Wir werden sehen, ob es die richtige Entscheidung war, Abt Niudlab! Wir werden sehen..."

"Die Macht im Elfenreich ist nach dem Tod von Giwdul dem Frommen dreifach gespalten - aber die Schamanenheit ist immer noch eins. Es wird an uns sein, die Einheit wiederherzustellen und den Untergang zu verhindern."

"Große Worte, Branagorn von Yevroc."

"Eine große Hoffnung, Abt Niudlab!" Branagorn seufzte. "Ich kann nur hoffen, dass Kaiser Rahtol und König Giwdul es mir nicht am Ende beide als Verrat vergelten, dass ich mich mit Lerak treffe!"

"Es wäre das erste Mal, seit ich dich kenne, dass ich den Eindruck hätte, dir würde das wirklich Angst machen!"

"Ich vertraue dem Pfad des Geistes", sagte Branagorn. "Wovor sollte ich mich fürchten!"

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Kapitel 18

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Am nächsten Morgen wurde Ravic in aller Frühe geweckt. Von einem so frühen Aufbruch hatte Branagorn ihm zuvor nichts angekündigt. Offenbar hatte der Schamane seine Pläne geändert und das musste mit den Dingen zu tun haben, die er während seines nächtliches Gesprächs mit Abt Niudlab besprochen hatte.

Die Sonne hatte es kaum geschafft, ihre ersten Strahlen über den Horizont zu schicken, da saßen sie bereits auf ihren Laufdrachentieren und machten sich auf den Weg. Das Pack-Laufdrachentier verließ das Schamanenkloster beladener als es hereingeführt worden war. Abt Niudlab hatte dafür gesorgt, dass Ravic und Branagorn für die Strecke, die vor ihnen lag, mit reichlich Proviant ausgestattet worden waren.

Branagorn von den Elben gab Ravic die Zügel des Packtiers. Er selbst übernahm die Führung. Ravic versuchte, sich den Weg so gut es ging zu merken, aber das war nicht so ganz leicht. Dass es nach Süden ging, war offensichtlich. Und ebenso offensichtlich war, dass Branagorn offenbar großen Wert darauf legte, abseits von viel frequentierten Wegen zu reisen. Sie kamen durch dicht bewaldete Gebiete, überwanden ein paar kleinere Höhenzüge und gerieten schließlich in Schnee- und Hagelschauer.

Eine größere, mit einem Wall befestigte Stadt, die sie vom Kamm eines Hügels aus sahen, ließ Branagorn links liegen. Stattdessen zogen sie querfeldein.

Einmal begegneten ihnen ein paar Elfen-Pilger in aschgrauen Gewändern, die ebenfalls auf dem Weg nach Parathwena waren. Sie sprachen einen anzanischen Dialekt, wie er im Westen des Elfenreiches üblich war und den Ravic nicht verstehen konnte. Branagorn unterhielt sich mit ihnen. Es waren drei Männer und vier Frauen. Branagorn richtete es allerdings so ein, dass sich ihre Wege sehr bald wieder trennten.

"Was waren das für Leute?", wollte Ravic wissen.

"Pilger, die aus Elaquinien in diese Gegend gekommen sind, um die Sandalen des Namenlosen Geistbringers zu sehen."

"Die Sandalen des Namenlosen Geistbringers?"

"Eine Reliquie."

Ravic schüttelte den Kopf. "Ich verstehe, dass man weiter  Wege hinter sich bringt - ganz gleich, ob über die See oder zu Lande -, um Gold und Silber zu erlangen oder Länder zu entdecken, die sich zur Besiedlung eignen. Aber wegen eines uralten Paares von Sandalen auf eine weite Reise zu gehen, dass tun wohl nur Elfengottgläubigen!"

"Es befreit sie von ihren Sünden und geistigen Irrtümern. Diese Buße haben sie sich selbst auferlegt."

"Ich habe durch meine elfische Mutter genug über diesen Glauben gelernt, um zu wissen, was du meinst."

"Du bist sogar geistgeweiht", gab der Schamane zu bedenken. "Zweimal, wenn man nach deiner Zählung geht."

"Sind diese Sandalen..." Ravic zögerte zunächst, bevor er weitersprach.

"Was willst du darüber wissen, Orkling?"

"Werden sie zufällig in Parathwena aufbewahrt?"

"Wie kommst du auf diesen Namen?"

"Die Pilger haben ihn mehrfach erwähnt."

"Und wo hast du ihn vorher gehört? Du musst ihn vorher gehört haben, sonst hättest du ihn nicht aus dem Gerede dieser Leute heraushören können, das für dich ansonsten nicht mehr als sinnloses anzanisches Gebrabbel gewesen sein dürfte."

"In deinem Gespräch mit Abt Niudlab wurde dieser Name erwähnt. Ihr habt offenbar beide dort Zeit verbracht."

"Ah, ja..." Branagorn schien sich zu erinnern.

"Ist Parathwena unser nächstes Ziel?"

"Das sollte dich nicht weiter interessieren. Du wirst es sehen, wenn wir angekommen sind."

"In diesem Fall hätten die Pilger und wir denselben Weg gehabt."

"Kein Grund, ihre Gesellschaft zu suchen."

Ravic lächelte. "Du willst den König, den man Lerak den Kahlen nennt, dort sprechen - oder besser gesagt: Er will dich sprechen, wovon aber die anderen beide Könige möglichst nichts erfahren sollen. Vor allem Rahtol nicht, dessen Heerlager ja wohl eigentlich dein Ziel war und der jetzt etwas warten muss..."

Branagorns Gesicht veränderte sich schlagartig.

"Woher weißt du das?"

"Ich weiß es eben. Und dass ich es weiß, ist gut so, denn dann kann ich dein Leben besser schützen. Du solltest mir vertrauen."

"Du hast mein Gespräch mit Niudlab..." Er sprach nicht weiter und stockte.

"...belauscht?", vollendete Ravic den Satz des Schamanen. "Das ist wohl nicht das richtige Wort."

"Ach nein? Und wie nennt man so etwa bei euch im Orkland?"

"Das weißt du doch, du bist doch dort gewesen."

"Verfluchter Orkling!"

"Bruder Branagorn...!"

"Nenn mich nicht Bruder!", knurrte Branagorn jetzt. "Einer, der nur geistgeweiht wurde, um nicht als Ungläubiger aufzufallen, sollte mich nicht so nennen, denn er ist es nicht!"

Ravic zuckte mit den Schultern. "Wie du wünschst. Interessant zu sehen, dass es doch etwas gibt, was dich aus der Haut fahren lässt, Branagorn. Ich dachte, nur ich selbst wäre vom Fluch der Unbeherrschtheit von Geburt an geschlagen."

Branagorn beruhigte sich wieder etwas. "Anscheinend bedarf es immer nur des richtigen Auslösers, um bei jedem beinahe jede Verhaltensweise hervorzubringen."

"Ich bin ein Orkling, der sich an deine Sprache noch nicht richtig gewöhnt hat, auch wenn ich sie von meiner Mutter lernte", sagte Ravic jetzt. "Und wenn ich schon verstehen kann, was du mit dem Abt im Schamanenklosterhof zu besprechen hast, dann war es gewissermaßen öffentlich gesagt. Das hätte jeder mitbekommen können. Zumal jemand mit einem Elfengehör wie ich!"

"Vielleicht war ich unvorsichtig."

"Ist Parathwena ein reiches Schamanenkloster? Ich meine, wenn ein König dort hinkommt."

"Sehr reich. Es besitzt Güter und Kontore überall im Reich - bis in die Ferne Mark an der Grenze zu den Neruam-Barbaren. Warum fragst du?"

Ravic zuckte mit den Achseln. "Wer weiß, vielleicht kehre ich ja doch eines Tages ins Orkland zurück, wenn alle gestorben sind, denen ich Unrecht getan habe - und wenn ich dann eine Plünderfahrt ausrüste, weiß ich, wo ein lohnendes Ziel sein könnte."

Einen Augenblick herrschte Schweigen, dann brachen beide in Gelächter aus. Es war das erste Mal, dass Ravic den weißhaarigen Elben Branagorn lachen hörte. Bis dahin war es Ravic so erschienen, als sei das vollkommen gegen die Natur dieses so ernst wirkenden Schamanen, der stets nur in wichtiger Mission unterwegs zu sein schien.  

"Lerak kommt nach Parathwena, um seinen alten Lehrer zu treffen", sagte Branagorn. "Und vielleicht auch deswegen, weil er glaubt, dass er durch mich Einfluss auf seine Brüder erlangen könnte..."

"Du scheinst König Lerak in seiner Jugend sehr beeindruckt zu haben."

"Das liegt noch nicht lange zurück, gerade einmal zehn Jahre. Der Junge war nicht freiwillig in Parathwena, was unser Verhältnis zunächst einmal schwierig gestaltet hat."

"Nicht freiwillig?", echote Ravic. "Was meinst du damit?"

"Er war ein Gefangener. So wie die ganze königliche Familie. Rahtol und Giwdul haben gegen ihren Vater Krieg geführt. Sie sind die Söhne aus erster Ehe und waren nicht begeistert davon, dass ihr Vater mit einer jungen Frau noch einen weiteren Sohn zeugte: Lerak!"

"Ja, jetzt kann ich mir vorstellen, was daran schwierig war", murmelte Ravic. "Bei Rohts Hammerfaust, dass kann ich mir sehr gut vorstellen, denn in meiner Familie geschah Ähnliches. Aber erzähl weiter, Branagorn!"

"Was soll ich noch sagen? Giwdul und Rahtol haben bestimmt, dass ihr Vater im Schamanenkloster büßen sollte, um auf den Pfad des Geistes zu finden. Aber dann hat sich das Blatt gewendet. Es ist eben doch nicht so leicht, die Reichsfürsten hinter sich zu scharen."

"Da Rahtol und Giwdul ja anscheinend immer noch auf ihren Thronen sitzen - wie haben sie es geschafft, dem anschließenden Strafgericht ihres Vaters zu entgehen?"

"Ganz einfach: Es gab keins."

"Er hat diesen Schurken verziehen, die nicht einmal Respekt vor ihrem Vater hatten?"

Ravic konnte das kaum fassen.

"Man nannte den alten König nicht umsonst ‘den Frommen’", erklärte Branagorn. "Viele haben gesagt: Er hätte sie töten sollen. Dann wäre uns der Krieg der Könige erspart geblieben und mit dem kleinen Lerak wäre nur noch ein einziger Erbe da gewesen. Stattdessen, kam es anders: Rahtol und Giwdul haben sich das ganze Reich unter den Nagel gerissen und es musste erst eine Versammlung der Elfenfürsten entscheiden, dass Lerak der Kahle auch seinen Teil bekommt."

"Brüder, die nicht dieselbe Mutter haben, sind anscheinend immer von Übel", stellte Ravic fest. "Davon kann ich ein Lied singen."

*

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IN DER NACHT KAMPIERTEN sie auf einer Lichtung zwischen zwei bewaldeten Anhöhen. Der Weg, dem sie folgten, war wohl eine alte Römerstraße, die aber häufig kaum noch als solche zu erkennen war. Bei der Auswahl des Lagerplatzes hatte Branagorn von Yevroc darauf bestanden, dass er ein ganzes Stück abseits dieses Weges gewählt wurde.

Da es empfindlich kalt wurde, machten sie ein Feuer.

Es war eine mondhelle, sternenklare Nacht und sie hatten sich gerade mit dem Proviant, den sie in Abt Niudlabs Schamanenkloster mitgenommen hatten, den Bauch vollgeschlagen, als Ravic aufhorchte.

"Die Laufdrachentiere sind unruhig", stellte er fest. Seine Hand umfasste schon den Griff des Schwertes, das er neben sich auf den Boden gelegt hatte.

Branagorn blickte auf. Eine tiefe Falte bildete sich auf seiner Stirn. Er schien es auch bemerkt zu haben und wirkte jetzt so, als würde er angestrengt lauschen.

Dann knackten Äste. Dumpfe Laudrachentier-Tritte waren zu hören. Aus dem nahen Unterholz des Waldes kamen schattenhafte Gestalten hervor.

Ein halbes Dutzend Laufdrachentier-Reiter preschten auf ihre Lagerstätte zu. Sie bildeten wenig später einen Halbkreis. Eine Flucht war unmöglich.

Ravic und Branagorn erhoben sich.

Die Ankömmlinge waren bewaffnet. Lanzen und Schwerter waren deutlich zu sehen. Das Mondlicht spiegelte sich im Metall der Helme.

Unter den Reitern war auch ein Bogenschütze. Er legte einen Pfeil ein. Aber ehe er dazu kam, ihn abzuschießen, hatte Ravic nach dem Handbeil gegriffen, das er an der Seite trug und es mit geübter Hand geschleudert. Es traf den Bogenschützen im Gesicht. Das Laufdrachentier ging auf die Hinterhand. Schreiend stürzte der Bogenschütze vom Laufdrachentier und blieb in eigenartig verrenkter Haltung liegen, während das Laufdrachentier davonstob. Er rührte sich nicht mehr.

Das Mondlicht fiel jetzt auf das Gesicht des Anführers der Gruppe.

"Ritter Nondramil!", entfuhr es Branagorn von Yevroc.

Ravic trat vor.

"Ihr tötet den Schamanen", sagte Nondramil. "Aber diesen Orkling rührt nicht an. Den überlasst mir..."

Nondramil stieg von seinem Laufdrachentier herab und zog sein Schwert. Mit einem wilden Kampfschrei stürzte er sich auf Ravic. Mit mehreren wuchtigen Hieben trieb er den Orkling vor sich her. Seine Begleiter näherten sich derweil. Sie hatten Branagorn und Ravic vollkommen eingekreist, aber trotzdem traute sich im Moment noch keiner von ihnen, eine Lanze auf Branagorn zu werfen oder ihn sonstwie anzugreifen. Die Gefahr, dabei versehentlich Nondramil zu treffen, war einfach zu groß.

Wieder folgten ein paar wuchtige Schwerthiebe des Elfen, die Ravic nur mit Mühe parieren konnte. Nondramil führte eine mächtige Klinge mit erstaunlich leichter Hand.

"Hör auf, Nondramil! Ganz gleich, was dir Darnuc von Dalabor für einen Verräterlohn gegeben haben mag, dass du mich verfolgst und umbringst - er sollte es nicht wert sein, dafür der ewigen Verdammnis anheim zu fallen!"

"Ewige Verdammnis?", keuchte Nondramil. "Dass ich nicht lache..."

Da wich Ravic einem Hieb seines Gegners aus. Für einen kurzen Moment war Nondramil gezwungen, seinen Schwerpunkt zu verlagern. Ravic nutzte diesen Moment für einen Hieb. Die Klinge des Orklings ging durch den Hals seines Gegners. Der Kopf fiel zu Boden, der Körper sackte erst einen Augenblick später in sich zusammen.

Einer der Reiter griff jetzt an. Ravic konnte gerade noch der Lanzenspitze ausweichen, setzte dann aber einen Stoß mit dem Schwert, der den Elfen am Oberschenkel traf. Das Blut spritzte in Strömen. Innerhalb von Augenblicken war sein Hosenbein rot. Der grob gewebte Stoff konnte den Blutfluss nicht aufsaugen. Offenbar war eine wichtige Ader getroffen. Mit der Hand versuchte der Elf, die Blutung aufzuhalten. Aber das war vergeblich.

So vergeblich, wie der Heilzauber, den er über die Lippen zu  bringen versuchte.

Ravic griff zu dem Dolch, den er im Stiefel trug, riss ihn heraus und schleuderte ihn auf einen weiteren Elfen und traf.

Drei Reiter blieben noch übrig. Aber sie hielten jetzt Abstand und schienen sich nicht ganz einig zu sein, was sie nun tun sollten.

"Halt dich hinter meinem Rücken, Branagorn", sagt Ravic. "Dann geschieht dir vielleicht nichts."

Branagorn von Yevroc murmelte Worte in einer Sprache vor sich hin, die Ravic unbekannt war. Vermutlich handelte es sich um ein Gebet. Aber Gebete zum Elfengott hatten Ravics Erfahrung nach keine allzugroße Wirkung. Letztlich waren es die Klinge in der Hand und die eigene Stärke, die einen zu schützen vermochten - und nicht die Macht irgendeines Gottes. So zumindest lautete Ravics Ansicht.

"Was ist mit euch?", rief er den verbliebenen Elfen entgegen. "Traut ihr euch nicht, mich anzugreifen? Na los doch! Werdet ihr nicht mit einem einzigen Krieger fertig, oder muss ich erst noch mein Schwert wegwerfen, damit ihr euch traut?"

Es geschah nichts. Sie wirkten noch immer unschlüssig, was wohl vor allem daran lag, dass ihnen der Anführer fehlte. Nondramils Kopf lag im hohen Gras, das Gesicht noch im Tod zu einer grimmigen Grimasse verzogen.

Ravic machte zwei Schritte nach vorn. Dann griff er an. Er stürmte auf den ihm am nächsten stehenden Elfen zu. Mit einem Hieb traf er das Laufdrachentier. Die Wunde, die Ravic dem Reittier schlug, war fast armlang. Das Blut schoss nur so hervor. Der Orkling hatte genau gewusst, wohin er zu zielen hatte. Fauchend und einen gurgelnden Laut ausstoßend, ging das Tier zu Boden. Sein Reiter hatte offenbar mit allem gerechnet - nur nicht mit einem Angriff auf sein Laufdrachentier. Der Elf verfehlte Ravic mit dem Speer. Das sterbende Laufdrachentier strauchelte zu Boden und sein Reiter landete im Gras. Ravic war bereits bei ihm, als der Elf sich noch aufzurappeln versuchte. Der Elf riss sein Schwert empor. Er konnte gerade noch Ravics ersten Hieb parieren. Dem zweiten hielt er schon nicht mehr stand. Dieser zweite Hieb war so heftig, dass dem Elfen die Klinge fortgerissen wurde und Funken sprühten. Ein schneller Stoß durchbohrte das Wams des Elfen.

Sogleich riss Ravic die Klinge wieder heraus. Mit einem Fußtritt sorgte er dafür, dass sich das Eisen aus dem Körper seines Gegners löste. Ein wahrhaft barbarischer Schrei folgte. Ein Schrei, in dem schlimme, übermächtige Wut und gemeiner Jähzorn mitschwangen. Mehr an unbeherrschtem Zorn konnte man sich kaum vorstellen.

"Beim Pfad des Geistes!", stieß einer der noch lebenden Reiter hervor. "Das muss ein Dämon sein! Es hat uns niemand gesagt, dass sich dieser Schamane von einem Dämon beschützen lässt!"

Damit riss er sein Laufdrachentier am Zügel und ließ es davonpreschen. Der andere Reiter zögerte noch, folgte ihm dann aber. Es dauerte nur wenige Augenblicke und Ravic war wieder allein mit Branagorn. Man hörte im nahen Unterholz noch das Knacken der Äste und das Stampfen der Hufe auf dem tiefen, feuchten Boden.

Aber zu sehen war von den fliehenden Elfen nichts mehr. Ihre Schatten waren eins geworden mit den Schatten der Wälder, die sie umgaben.

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"BEI DEN SANDALEN DES Geistbringers, vielleicht hatte der Kerl sogar recht", murmelte Branagorn.

"Was meinst du damit, Schamane?"

"Ich spreche davon, dass einer der Elfen meinte, dass ein Dämon in dir wohnen würde."

"Schon möglich", sagte Ravic. Sein Gesicht wirkte noch immer finster und grimmig. Das fahle Mondlicht milderte die Härte seiner Züge etwas ab. Und die Schatten, die immer wieder sein Gesicht einhüllten, verbargen das von unbändigem Zorn gezeichnete Gesicht.

Wortlos ging Ravic los, um den Dolch und das Handbeil wieder einzusammeln. Der Elf, dem er das Bein aufgeschlitzt hatte, lebte anscheinend noch. Ravic tötete ihn mit einem schnellen Stich, ehe sein Heilzauber wirken konnte.

"Wir sollten die Nacht nicht hier verbringen, Branagorn", sagte er schließlich an Branagorn von Yevroc gerichtet.

"Da hast du zweifellos Recht, Orkling." Er seufzte. "Ich wusste, dass ich Feinde habe. Aber ich habe nicht gedacht, dass Darnuc von Dalabor zu ihnen gehört."

"Leider sind zwei der Mörder entkommen", sagte Ravic. "Sie werden deine Feinde über das unterrichten, was geschehen ist."

"Ja, das ist mir bewusst, und sie werden die Gegend gut genug kennen, um zu ahnen, dass ich nach Parathwena gelangen will."

"Wenn es sich nicht gerade um Schwachköpfe handelt, werden sie auch erahnen, aus welchem Grund du nach Parathwena gehst", stellte Ravic fest.

"Es sind Schwachköpfe, wie ich dir versichern kann", sagte Branagorn.

"Sag mal, wie hast du eigentlich überleben können, bevor ich für deinen Schutz gesorgt habe?"

Branagorn musterte Ravic.

"Ich war... ein Krieger und bin im Umgang mit allen Waffen aus Stahl und Magie geübt. Ich kämpfte in vielen Schlachten."

"Bevor du dem Pfad des Geistes folgtest."

"Der Geist ist die mächtigste Waffe, Ravic."

"Und darum glaubst du, du brauchst keine andere zu tragen?"

"Das schärfste Schwert trage ich in meinen Gedanken, Ravic. In manchen Welten, in die ich gelangte, habe ich Schwerter aus Stahl benutzt. In dieser Welt bin ich zu dem Schluss gelangt, dass es mir hinderlich wäre."

"Du glaubst allen Ernstes, du könntest dich selbst schützen?"

"Genau das habe ich bisher getan."

"Du würdest keinen Tag überleben."

Branagorn lächelte. "Ich könnte dich jederzeit töten, Ravic."

"Durch Magie?"

"Ein übellauniger Gedanke von mir würde ausreichen."

"Du scherzt!"

"Keineswegs!"

"Das ist doch Unsinn! Warum solltest du dich dann von mir beschützen lassen?"

"Nicht um meinetwillen. Und nicht um meiner Pläne willen."

"Ach!"

"Verzeih, dass ich in dieser Hinsicht nicht ganz aufrichtig zu dir war."

"Das wird ja immer schöner. Und was ist dann der Grund?"

"Ich tat es um deiner Seele Willen, Ravic!"

"Damit ich den Pfad des Geistes finde?"

"Das würde ich dir wünschen, Ravic. Und nun komm. Wir dürfen uns nicht aufhalten lassen."

Ravic verdrehte die Augen. "Vielen Dank auch, dass ich dich beschützt habe! Um meines Seelenheils willen - und damit ich den Pfad des Geistes finde."

Branagorn lächelte verhalten.

"Gern geschehen", sagte er.

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Kapitel 19

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"Dein Vater kehrt zurück!", rief eine raue, heisere Orkstimme. Valo sah zu den Anlegestellen von Nivandrum. Neben den Schiffen, mit denen Valo und seine Krieger von der Flussinsel übergesetzt hatten, zerhackte ein Teil der Orks das, was von den Booten der Leute aus Nivandrum noch übrig geblieben war. Immer wieder waren die Axthiebe zu hören. Und dasselbe war auch von anderen Stellen in der Stadt zu hören. Valo hatte den Befehl gegeben, jedes Stück Holz in Nivandrum entweder zu verbrennen oder auf die Flussinsel zu schaffen. Kehrten dann die Elfen irgendwann hier her zurück, fanden sie nichts vor, woraus sich so ohne weiteres ein Boot oder wenigstens ein Floß hätte machen lassen.

Es war die Stimme von Igobnif Großhand gewesen, die Valo zugerufen hatte. Igobnif ließ die Axt sinken, mit der er gerade mitgeholfen hatte, ein Fischerboot zu zerlegen.

Und dann sah auch Valo die Segel. Mit leichtem Wind waren die Drachenschiffe, mit denen Remirg den Nebenfluss hinaufgefahren war, jetzt auf dem Rückweg. Eines der Schiffe legte an der Anfurt von Nivandrum an. Die anderen nahmen eine anderen Kurs und verschwanden auf der anderen Seite der Flussinsel, um dort anzulegen.

"Bei Roht,s Blitzen, was hat das zu bedeuten?", murmelte Rumrost Sturmsohn, der sich in Valos Nähe befand.

"Was meinst du damit?", fragte Valo.

"Na sieh doch! Es ist nicht das Schiff deines Vaters, das hier anlandet!"

Der Ork, der jetzt als Erster aus dem Schiff sprang und an Land stapfte, hieß Fhyel der Überbordgegangene. Auf hoher See war er ins Wasser gefallen, als er auf der Reling saß, um seine Notdurft zu verrichten. Aber man hatte ihn retten können und seitdem galt Fhyel als einer, dem die Götter besonders gnädig zu sein schienen. Andere hatten allerdings gemeint, dass seine Orkscheiße so übelriechend gewesen sei, dass selbst die Totengöttin ihn nicht in ihr Totenreich hätte aufnehmen wollen.

Fhyel war ungefähr in Valos Alter. Aber ungeachtet seines früheren Missgeschicks, war aus ihm inzwischen ein zuverlässiger Schiffsführer und Steuermann geworden, der den Wind und zunehmend das Wetter zu deuten wusste, wie es sonst eigentlich nur Seefahrer vermochten, die doppelt so alt waren wie er.

Valo und Rumrost kamen Fhyel entgegen.

Dieser war ziemlich außer Atem. Und das lag sicherlich nicht daran, dass er sich beim Verlassen seines Schiffs in irgendeiner Weise besonders hätte anstrengen müssen. Irgendetwas Außergewöhnliches musste geschehen sein.

"Dein Vater wurde schwer verletzt", keuchte Fhyel. "Die Elfen sind mit großer Übermacht über uns hergefallen und es hat einige Verluste gegeben!"

"Wie schwer ist mein Vater verletzt?", wollte Valo sofort wissen.

Fhyels Atem verlangsamte sich etwas. "Schwer genug, als das du so schnell wie möglich zur Flussinsel zurückkehren solltest", meinte er dann. "Er selbst scheint zu glauben, dass es nicht weiter schlimm gewesen ist, aber das entspricht nicht der Wahrheit!"

Valo fühlte, wie ihm in diesem Augenblick das Herz bis zum Hals schlug.

"Jetzt ist deine Stunde gekommen, Valo", hörte er die Stimme von Rumrost Sturmsohn, nachdem ein Moment betretenen Schweigens vergangen war.

Valo schluckte. Hast du nicht immer darauf gewartet, dass eine Tages genau dies eintritt?, ging es ihm durch den Kopf. Es gab so vieles, was man hätte besser machen können, so vieles, was bei diesem ganzen Unternehmen, den fremden Strom flussaufwärts zu fahren, von Anfang an nicht optimal gelaufen war.

Und doch hätte Valo sich in diesem Augenblick nichts so sehr gewünscht, als dass dieser Moment noch etwas auf sich hätte warten lassen.

"Dein Vater verlangt dich zu sehen", sagte Fhyel nun in gedämpftem Tonfall. "Du solltest ihn nicht warten lassen."

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"LASST MICH! GEHT MIR weg mit diesem furchtbaren Trank!", dröhnte Remirgs Stimme, die aber deutlich schwächer und heiserer als sonst klang. Er hatte sich auf seinem Lager in der Kapelle aufgesetzt. Auf seiner Stirn perlte der Schweiß. Die Augen waren glasig. Fieber hatte ihn erfasst. Mit einer ausholenden Bewegung schlug er das Trinkhorn zur Seite, dass der irre Mroo ihm gereicht hatte. "Wenn du glaubst, dass ich dein Wasser trinke, dann kennst du mich nicht, Mroo!"

"Aber, hör doch!"

"So groß, dass du mich dazu überreden könntest, ist meine Furcht vor dem Tod auch nicht!"

"Es ist Berserkerwasser!"

"Es ist das Wasser von jemandem, der das Wasser eines Berserkers getrunken hat", korrigierte ihn Remirg barsch. "Und das ist nichtmal mehr frisch, denn Denumorhs Tod liegt schon etwas zurück!"

"Ich habe selbst vom Pilztrunk genommen", sagte Mroo. "Deine Wunde bringt dich um. Der Fieberdämon wird dich in einen Wahn treiben, wie ihn kein Berserker kennt! Nur dass deine Raserei nicht in Furcht und Schrecken für deine Feinde, sondern nur für dich selbst enden wird!"

Mit hochrotem Gesicht hob der irre Mroo das Trinkhorn wieder auf.

"Lass dir helfen", sagte unterdesen Dhalmi der Graue. "Wenn der Fieberdämon bekämpft wird, kannst du es schaffen. Du bist immer noch stark..."

"Er hört dich nicht", mischte sich Igarb ein. "Bei den Göttern, das Met der Götterkrieger ist ihm anscheinend schon in den Kopf gestiegen."

Remirg Elfenstirnspalters Blick war jetzt auf die Tür der Kapelle gerichtet, die soeben geöffnet worden war. Zusammen mit einem Schwall kühler Luft traten Valo und Rumrost ein. Der junge Fhyel folgte ihnen wenig später und sorgte damit dafür, dass ein weiteres Mal ein kalter Luftzug hereinkam.

"Vater!", stieß Valo hervor und wirkte unsicher.

"Es hat lange gedauert, bis du hierher kamst", stellte Remirg fest.

"Ich musste den Kriegern noch Anweisungen geben..."

"Du hast dich anscheinend schon daran gewöhnt, wie es in Zukunft sein wird."

"Nein, das ist nicht wahr!"

"Komm näher. Es strengt mich an, so laut zu sprechen!"

Valo ließ sich zu seinem Vater nieder. Der fasste ihn am Nacken und zog ihn zu sich herunter. "Ich weiß, dass ich Unglück über uns alle gebracht habe. Die Götter haben sich von mir abgewandt, Valo. Tausend Mal hatte ich Glück und habe denen, die mit mir auf Fahrt gegangen sind, auch Glück gebracht. Darum wären sie mir auch bis ins Reich der Totengöttin gefolgt."

"Bei Dröjn, die Fahrt kann noch gut enden, Vater!"

"Ja - aber nicht mehr für mich. Nicht mehr für mich, mein Sohn... Das spüre ich! Glaub mir, man weiß es vorher, wenn es soweit ist."

"Vater, ich..."

"Hör mir jetzt gut zu! Ich wünschte, dein Bruder Ravic wäre hier und würde unsere Krieger anführen. Und bei Nidos Auge der Weisheit, ich wünschte, ich hätte ihn nie verbannt. Aber was geschehen ist, ist geschehen... Bei den Göttern, ich verstehe, warum er Denumorh umgebracht hat und ich hätte es liebend gerne selbst irgendwann getan, aber manche Dinge sollte man sich eben nur vorstellen und nicht in die Tat umsetzen!" Sein Atem ging schwer und es dauerte einige Augenblicke, bis er weiter zu sprechen vermochte. Ein schwaches Lächeln umspielte einen kurzen Moment  seinen blass und zittrig gewordenen Lippen. "Man kann nicht jeden umbringen, den man gerne töten möchte...", fuhr er dann fort. "Ravic... Er...er ...hätte das rechtzeitig lernen sollen."

"Sei versichert, dass ich das sehr genau weiß, Vater", sagte Valo. Er hielt die Wut im Zaum, die in diesem Augenblick in ihm kochte. Ravic!, durchfuhr es ihn. In seinen letzten Augenblick denkt mein Vater an ihn, den Elfling, anstatt, mir Glück zu wünschen, dieser undankbare Narr...

"Dir fehlt der Mut und die Entschlossenheit deines Bruders. Das heiße Blut der Elfin fließt in seinen Adern - nicht die gewürzlose Wassersuppe deiner Mutter!"

"Was willst du mir sagen, Vater?"

"Die Elfen... sie kommen... und zwar viele von ihnen! Sie werden uns vermutlich keine Lösegelder zahlen, sondern versuchen, uns das wieder wegzunehmen, was wir uns in ehrlichem Kampf erworben haben! Das darfst du nicht zulassen... Hörst du?"

"Ich werde mir Mühe geben, Vater."

"Das reicht nicht, Valo. Das reicht nicht... Ravic!"

Und dann erschlaffte der Körper des Hordenfürst plötzlich. Er sank auf sein Lager zurück. Die Augen waren starr und glasig. Der Mund stand noch offen, so als hätte er noch etwas sagen wollen.

Der große Remirg Elfenstirnspalter lebte nicht mehr. Du hattest Recht, Vater, dachte Valo. Man kann nicht jeden töten, der einem im Weg ist. Manche braucht man einfach nur sterben zu lassen!

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INNERHALB VON AUGENBLICKEN war es vollkommen still in der Kapelle. Die Gespräche verstummten, das Stimmengewirr verebbte. Jeder der anwesenden Orks schien gespürt zu haben, was soeben geschehen war. Der Tod von Remirg Elfenstirnspalter war angesichts des erbarmungswürdigen Zustands, in dem dieser zur Flussinsel vor Nivandrum zurückgekehrt war, auch kein vollkommen überraschendes Ereignis gewesen. Und doch wirkten jetzt manche der anwesenden Orks wie vor den Kopf gestoßen. Remirg hatte sie angeführt. Ihm waren sie gefolgt und hatten darauf vertraut, dass die Götter mit ihm waren und dass er ihnen Glück und Beute bringen würde. Dröjn hatte Remirg reichlich gesegnet und zu einem reichen Hordenfürst gemacht.

Seine letzten Gedanken galten Ravic - nicht mir, durchfuhr es Valo bitter. Und diese Erkenntnis wirkte wie ein lähmendes Gift in ihm. Keine meiner Anstrengungen hat er mir gedankt - aber Ravic verzeiht er selbst einen Mord!, ging es Valo durch den Kopf. Er fühlte kalten Hass in sich aufsteigen. Wenn er in diesem Augenblick vor mir stünde, würde sein Kopf nicht lange auf seinen Schultern bleiben! Valos Hände ballten sich zu Fäusten. Sein Gesicht blieb maskenhaft und starr. Nichts von dem, was da in ihm brodelte, sollte nach außen dringen. Aber darin, sein Inneres zu verbergen, war er so geübt, dass es seine zweite Natur geworden war.

Dhalmi der Graue ergriff jetzt das Wort - noch ehe Valo seine Fassung wiedererlangt hatte.

"Unser Hordenfürst ist in der Halle der Götterkrieger im Jenseits und wartet mit den Helden auf den Tag der Letzten Schlacht. Möge ihm das Met bis dahinschmecken." Dhalmi ergriff nun Valos Hand und riss sie empor. "Es lebe unser neuer Hordenfürst!"

Zustimmende Rufe waren zu hören. Erst nur zögernd, denn so ganz hatte es bis dahin wohl keiner der Orks glauben mögen, dass der unverwüstliche Remirg Elfenstirnspalter wirklich nicht mehr unter den Lebenden weilte. Ein Ork, den über so lange Jahre keine Klinge eines Feindes und kein verirrter Pfeil hatte niederstrecken können, obwohl seine tollkühne Art zu kämpfen einen darüber nachdenken lassen konnte, ob er es nicht eigentlich darauf angelegt hatte. Ein Berserker, der den Trank aus dem Extrakt der giftigen Pilze nicht brauchte, um seine ganze Wildheit zu entfalten, weil sie seiner wahren Natur entsprach.

"Sag ein paar Worte, wie es sich gehört, Valo", raunte Dhalmi nun dem Nachfolger zu. Keiner der anderen Orks bekam davon etwas mit, denn Dhalmis Worte gingen in dem nach und nach einsetzenden tumultartigen Rufen der Orks unter.

Valo begegnete dem Blick von Dhalmis eisgrauen Augen. Es war kein Hinweis, den er mir gegeben hat, sondern ein Befehl, erkannte Valo. Und eigentlich sollte sich ein Hordenfürst von niemandem Befehle erteilen lassen...

Der einzige, von dem er das in dieser besonderen Situation hinzunehmen bereit war, war Dhalmi. Er weiß, was zu tun ist, dachte Valo. Und er ist zu alt, um selbst einen Anspruch auf die Anführerschaft stellen zu können. Zu alt und zu klug, denn die Krieger würden ihm auf die Dauer nicht folgen.

"Hört mich an!", rief Valo. 

Die Orks verstummten. Valo wartete, bis es vollkommen still in der Kapelle war. "Wir werden den toten Hordenfürst bestatten, wie es sich gehört und den Göttern unsere Gebete zurufen, damit sie meinen Vater auf seinem Weg in die Halle der Götterkrieger im Jenseits begleiten mögen. Möge Dröjn ebenso mit mir sein und meine Fahrten segnen, wie er das bei meinem Vater getan hat!"

"So möge es sein!", stimmte Igarb zu und andere stimmten in diese Worte ein. Dumpfes, fast einem Singsang gleichendes Gemurmel erfüllte den Raum und hallte zwischen den grauen Steinwänden der Kapelle wider.

"Die Elfen werden kommen, um uns wegzunehmen, was wir zusammengehäuft haben", fuhr Valo dann fort. "Aber so wahr ich Valo Elfenstirnspalter, der Sohn von Remirg bin: Ich lasse mir von niemandem etwas wegnehmen!"

Die letzten Worte gingen in einem tumultartigen Aufschrei unter. Manche der Krieger zogen ihre Waffen und klopften damit gegen ihre Schilde.

"Rache!", dröhnte der irre Mroo jetzt dazwischen. "Rache für unsere Toten! Rache für den Hordenfürst!"

Aus dem Stimmengewirr wurde jetzt ein einziges Kriegsgeheul. Für einen Moment kam es Valo so vor, als hätten plötzlich alle Anwesenden von dem Pilz-Sud gekostet, der Denumorh den Rauen zu Lebzeiten zu so einem Ungeheuer in Menschengestalt hatte werden lassen.

"Lasst uns die Gefangenen töten!", schlug der irre Mroo vor. "Und zwar alle! Lösegeld bekommen wir für die sowieso nicht mehr!"

Aber dieser Vorschlag fand kaum Zustimmung.

Bei aller Wut auf die Elfen - wer wäre so dumm gewesen, deswegen wertvollen Besitz zu vernichten! Falls man tatsächlich kein Lösegeld erzielen konnte, bestand ja immer noch die Möglichkeit, zumindest einige von ihnen doch noch auf die Heimfahrt mitzunehmen und irgendwo im Norden an den Meistbietenden zu verkaufen.

Die Augen des irren Mroo funkelten und traten auf eine Weise aus ihren Höhlen hervor, wie man das von gewöhnlichen Orks nicht gewohnt war. Die fratzenhafte Grimasse, die der irre Mroo dazu schnitt, ließ ihn wie ein dämonisches Zerrbild erscheinen. Selbst für Orks wirkte das erschreckend.

Igarb klopfte ihm im Spaß mit der Faust vor die Stirn.

"Wenn du öfter so ein Gesicht ziehst, erinnert sich auf jeden Fall jeder wieder daran, wie du zu deinem Namen gekommen bist, irrer Mroo!", meinte er, woraufhin ein dröhnendes Gelächter ausbrach.

Selbst Mroo begann zu lachen. Und dann deutete er auf den toten Remirg und meinte: "Seht euch das Gesicht des alten Elfenstirnspalters an! Man könnte meinen, dass er uns noch zuhört und mitlacht!"

Der Mund des alten Hordenfürsten stand tatsächlich offen. Seine Augen waren weit aufgerissen, so als würde er in ein fremdes Land blicken, dass außer ihm selbst allerdings niemand zu sehen vermochte.

Kein schlechter Beginn für meine Hordenfürstschaft, dachte Valo.

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AM NÄCHSTEN TAG WURDE der Leichnam des Hordenfürsten verbrannt. Es wurden Gebete gesprochen und Igarb erinnerte an die alten Zeiten und beutereiche Fahrten ins Land der Insel-Elfen. Ein Schiff, das man als brennendes Totenschiff hätte flussabwärts treiben lassen können, opferte man für den toten Remirg allerdings nicht, auch wenn viele der Orks das durchaus als angemessen empfunden hätten.

Aber in Anbetracht der gegenwärtigen Lage selbst ein kleines Boot für eine Totenzeremonie zu opfern, erschien Valo undenkbar.

Und so hatte er entschieden, dass nur eine einfache Verbrennung stattfand. Die Lebenden hatten Vorrang vor den Toten. Die Beute musste irgendwann von hier fortgeschafft werden und dazu brauchte man jedes Schiff. Ob es noch gelang, die Großbarken aus Xalanor zur Flussinsel bei Nivandrum zu beordern, war höchst unsicher. Schließlich musste man weiterhin damit rechnen, dass die Elfen das zu verhindern versuchten.

Nachdem dem toten Hordenfürsten die letzte Ehre erwiesen worden war, sprach Valo zu den Orks.

"Hört mir zu! Es gibt noch jede Menge Holz in Nivandrum, dass wir verbrennen oder zur Insel schaffen müssen. Diejenigen, die mit meinem Vater ins Landesinnere vorgestoßen sind, wissen, dass die Elfen auf dem Weg hierher sind. Vielleicht sammeln sie erst noch zusätzliche Kräfte und warten ab, bis sie mehr Elfen zusammengezogen haben. Oder sie folgen irgendeinem Befehl ihres Königs, den wir nicht kennen. Aber sie werden uns hier, vor Nivandrum eher angreifen, als wir es schaffen können, unsere Beute davonzuschaffen. Wir werden uns also wappnen müssen."

In diesem Punkt gab es von Niemandem Widerspruch. Ganz im Gegenteil. Es gab etliche, die es anscheinend kaum erwarten konnten, den Elfen noch einmal zu zeigen wie man eine  Zwergenaxt führte und wie schnell man damit das Genick eines Kriegers zu durchtrennen vermochte.

"Wir müssen unser Lager auf der Insel befestigen. Und ihnen gleichzeitig alles wegnehmen, was sich im näheren Umkreis befindet. Sie sollen nichts vorfinden, woraus sie ein Floß machen können und wenn sie es dann doch irgendwann geschafft haben sollten, das Wasser zu überwinden und zu uns auf die Insel zu kommen, dann sollen sie hier ihr grausames Wunder erleben!", fuhr Valo fort. Kampfgeschrei drang daraufhin aus Dutzenden von Kehlen.

"Was wir jetzt vor allem brauchen, sind große Schiffe", meldetet sich nun Rumrost Sturmsohn zu Wort. "Die Großbarken aus Xalanor!" Es gab unter den Orks einige hörbare Äußerungen der Zustimmung. "Wir haben hier so viel Beute aufgehäuft, dass wir wahrscheinlich nicht einmal die Hälfte davon mitnehmen könnten. Sollen wir das alles zurücklassen, wofür wir mit dem Blut unserer Brüder bezahlt haben?"

"Niemals!", stieß Igarb finster hervor. "Jedes einzelne Stück Silber, jeden Topf aus Eisen, jedes Schwert, jede Hacke, jede Axt und jedes Schwein werden wir mitnehmen. Und jeden Gefangenen, für den wir kein Lösegeld bekommen."

Die anderen Orks stimmten lauthals zu.

"Nichts für die Elfen!", mischte sich der irre Mroo ein und kicherte dabei. Dann spuckte er aus. "Keinen Krümel werden wir ihnen zurücklassen!", setzte er noch hinzu und dabei traten seine Augen auf eine Weise aus ihren Augenhöhlen hervor, dass jeder, der ihn nicht kannte, ihn gut und gerne für einen leibhaftigen Troll hätte halten können.

"Wollten wir nicht eigentlich noch flussaufwärts fahren?", rief Tarasmus. "Ich habe Remirgs Versprechungen noch im Ohr! Und warum sollten wir all die Beute aus den reichen Schamanenklöstern und Städten im Elfenland liegenlassen?"

Auch dafür gab es viel Zustimmung, auch wenn sie längst nicht so ungeteilt war, wie Tarasmus vielleicht erhofft hatte. Viele der Orks schienen die Ansicht zu vertreten, dass es genug war.

"Was soll dieses Gerede?", rief Dhalmi. "Wie gerade schon bemerkt wurde: Wir haben mehr zusammengerafft, als wir fortschaffen können. Lasst uns sichern, was wir haben. Das ist schon mehr, als wir erhoffen können!"

Alle schauten nun auf Dhalmi.

Mir steht die letzte Entscheidung darüber zu!, durchfuhr es Valo ärgerlich. Aber in diesem Punkt schien Dhalmi wohl einfach sichergehen zu wollen, dass kein weiterer Gedanke an die Möglichkeit weiterer Vorstöße flussaufwärts verschwendet wurde. "Bei Nido, wir sind schon viel zu weit gefahren!", stieß Dhalmi dann mit einer Eindringlichkeit hervor, zu der wohl nur dieser alte Ork fähig war. "Ich weiß, dass unser verstorbener Hordenfürst kühne Träume hatte. Das ist der Grund, warum wir hier sind! Aber kühne Träume sind manchmal tödlich. Ein bisschen Gier treibt uns voran und beflügelt uns - zuviel davon führt uns in den Untergang."

"Willst du etwa sagen, dass Remirg Elfenstirnspalter zu gierig war?", erwiderte Tarasmus daraufhin.

"Ich will damit sagen, dass wir weise genug sein sollten, um zu wissen, wann es genug ist." Dhalmi richtete seinen Blick in Valos Richtung. "Dröjns Weisheit mag mit Valo sein! Mit Remirg war sie in letzter Zeit nicht immer!"

Das Schweigen, das nun für einige Momente entstand, gab Valo die Gelegenheit, das Wort wieder an sich zu reißen. "Mit seinen letzten Worten hat mein Vater mich vor den heranrückenden Elfen gewarnt", sagte er . "Noch sammeln sie ihre Kräfte - und dasselbe werde wir auch tun müssen! Aber wenn diese Flussinsel rechtzeitig zu einer Festung wird, dann brauchen wir uns keine Sorgen zu machen."

"Hast du einen Plan, um die Großbarken hierher zu bekommen?", mischte sich jetzt Igarb ein.

"Den habe ich. Ein weiteres Schiff flussabwärts zu schicken, halte ich nicht für klug. Die Elfen werden vom Ufer aus bemerken, was wir vorhaben und vielleicht wieder Seile spannen. Außerdem ist es besser, sie denken immer noch, dass wir vielleicht doch vorhaben, weitere Vorstöße ins Landesinnere vorzunehmen. Sie dürfen nichts von unserer Absicht ahnen, uns zurückzuziehen. Wer weiß? Wenn wir ihnen den Eindruck vermitteln, dass wir ewig hier auf der Flussinsel bleiben wollen, werden sie uns vielleicht eines Tages dafür bezahlen, dass wir flussabwärts fahren!"

Ein Raunen entstand unter den Orks. Die Älteren unter ihnen hatten so etwas schon auf Fahrten an die Küsten der Insel-Elfen erlebt.

"Ein Land auszurauben, ohne kämpfen zu müssen! Das gefällt Dröjn!", glaubte Dhalmi.

"Mindestens ebenso viele unter den Göttern spucken auf so viel Feigheit!", gab Tarasmus verächtlich zurück.

Valo wandte sich unterdessen an Igarb. "Es muss jemand auf dem Landweg zu Kirie Störenfried aufbrechen und dafür sorgen, dass die Großbarken flussaufwärts gefahren werden."

"Und an wen dachtest du da?"

"An dich, Igarb.

"Wie komme ich zu dieser Ehre?"

"Es muss jemand sein, der Kirie dazu bringen kann, die Versprechen zu halten, die er meinem Vater gegeben hat. Jemand, dessen Sippe außerdem mit der seinen verbunden ist!"

"Kiries Frau ist doch deine Schwester, Igarb!", meinte der irre Mroo und verzog dabei das Gesicht. "Wahrscheinlich war man bei euch froh, das zänkische Weib losgeworden zu sein - und Kirie hat seitdem immer weitere Fahrten unternommen, um nicht zu Hause diesen keifenden Fleischberg bezwingen zu müssen!"

Niemand außer dem irren Mroo wäre eine solche Beleidigung verziehen worden. Igarb war anzusehen, dass es ihm überhaupt nicht gefallen hatte, was Mroo über seine Schwester gesagt hatte. Aber Igarb schien es im Moment für klüger zu halten, das einfach auf sich beruhen zu lassen. Der irre Mroo hatte seinen Beinamen ja schließlich nicht ohne Grund. Aber das bedeutete auch, dass man nicht unbedingt alles für voll nehmen musste, was er sagte.

"Mein Vater hat mich geschickt, damit Kirie sein Versprechen hält", fuhr Valo fort. "Einem aus der Familie der Elfenstirnspalter hätte er kaum mit fadenscheinigen Begründungen kommen können, um die Großbarken für sich zu behalten."

"Und du denkst, dass das auch für mich gilt?", zweifelte Igarb.

"Ich hoffe es."

Igarbs Augen wurden schmal. Seine Stirn legte sich in Falten. Er schien einige Augenblicke über Valos Worte nachdenken zu müssen. "Es sind unsere Krieger, die auf den Großbarken fahren! Sie stehen in Remirgs Gefolge und sind auch seinem Sohn verpflichtet! Wenn es einer von ihnen wagen sollte, mir nicht zu folgen, werde ich ihm persönlich den Kopf abschlagen!"

"Wir wissen nicht, ob es in Xalanor noch vieles an Beute zu verteilen gab", meinte Valo. "Falls ja, dann könnte es sein, dass Kirie unsere Großbarken-Fahrer daran beteiligt und auf seine Seite gezogen hat!"

"Ich werde das schon zu klären wissen!", versprach Igarb.

"Wir werden Kiries Hilfe trotzdem brauchen", fuhr Valo fort. "Wenn wir die Großbarken nur mit unseren eigenen Leuten bemannen, werden sie nicht durchkommen. Die Elfen werden versuchen, uns aufzuhalten und auch wenn ihr darauf vorbereitet seid..."

"Gespannte Seile sind kein unüberwindliches Hindernis, wenn man weiß, wo sie sind!", unterbrach ihn Igarb. "Damit werden wir fertig!"

"Aber nicht allein! Kirie wird einen Teil seiner Leute zur Verstärkung abstellen müssen."

"Das ist er Remirg schuldig", stimmte Igarb zu. "Und dir auch! Dein Vater ist ihm bis an Ende der Welt gefolgt, da kann er dir den Beistand nicht verweigern."

"Du wirst ihn vielleicht trotzdem mit etwas überzeugen müssen, was ihm trotz allem wichtiger ist als Ehre, Freundschaft oder Verwandte!", gab Valo zu bedenken.

Igarbs Gesicht wurde finster. "Es läuft darauf hinaus, dass wir etwas abgeben sollen, nicht wahr?"

Das gefiel ihm nicht - und in dieser Abneigung war er keineswegs allein. Auch einige andere Gesichter verfinsterten sich zusehends. Nur der irre Mroo schien sich zu amüsieren. Er lachte still in sich hinein und niemand hätte sagen können, aus welchem Grund das eigentlich geschah.

"Wir versuchen so viel von unserer Beute zu retten wie möglich", sagte Valo. "Und ist es nicht besser, wir geben einen Teil Kirie ab, als einen größeren Teil gar nicht erst verschiffen zu können?"

"Ja, da hast du recht", knurrte Igarb. "Obwohl mir jedes Stück Silber in der Seele wehtut, das ich diesem gierigen Hund in den Rachen werfen muss." Igarb machte eine wegwerfende Handbewegung. "Sei’s drum!"

"Dröjn will es", meinte Neruq Scharfauge.

"Ja, Dröjn ist mit den Gierigen!", knurrte Igarb.

"Nimm dir ein paar gute Krieger für deinen Weg zu Kirie", sagte Valo. "Such dir aus, wen du brauchst - und geht den Elfen aus dem Weg, soweit das möglich ist!"

*

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SCHON WENIGE STUNDEN später brach Igarb zusammen mit zehn Orks auf. Unter den Tieren, die man erbeutet hatte, waren genug Laufdrachentiere, um die Gruppe mit Reittieren auszurüsten. Zaumzeug gab es auch genug. Und mit Steigbügeln ausgestattete Sättel, wie sie die elfischen Reiter benutzten, brauchten die Orks ohnehin nicht. Auch wenn Steigbügel ihnen nicht unbekannt waren, so waren die doch im Orkland selten. Die meisten der Orks waren daran gewöhnt, ohne sie auszukommen. Und der Kampf zu Laufdrachentier mit angelegter Lanze, bei dem sie unverzichtbar waren, war unter den Orks ebenso unüblich wie der Gebrauch des Bogens im vollen Galopp, wie er von den Menschenkönigreichen des Ostens bekannt war.

Igarb und seine Krieger wurden nach Nivandrum übergesetzt und brachen von dort aus auf.

Valo begab sich auch dorthin. Die letzten Reste der Befestigungen wurden zerstört. Scheiterhaufen gleich brannten Häuser und Wachttürme. Palisaden wurde niedergerissen und fortgeschleift, während von der Insel ein ständiges Hämmern und Sägen zu hören war.

Die Insel sollte befestigt werden, soweit das in der Kürze der Zeit möglich war. Aber die Orks waren geübt im Umgang mit Holz. Aus Holz bauten sie ihre Schiffe und die Handbeile, die viele von ihnen bei sich trugen, waren ebenso gut als Waffe wie als Werkzeug verwendbar. Und selbst die lange Zwergenaxt eignete sich keineswegs nur dazu, Schädel zu spalten.

Überall waren die Schläge von Äxten und Hämmern zu hören. Und aus den abgebrannten Ruinen sammelten die Orks später noch die Nägel ein. Kein einziger von ihnen sollte verschwendet werden, und um neue zu schmieden hatte man jetzt keine Zeit.

Immer wieder pendelten Seebarken zwischen der Anfurt bei Nivandrum und der Flussinsel hin und her. Bis zum Rand waren sie beladen. Manche so sehr, dass es kaum noch möglich war, die Riemen einzusetzen, weil kein Platz mehr für die Ruderer war. So ging man dazu über, die eingesetzten Schiffe mit Seilen zur Insel zu ziehen, wenn sie beladen waren. Nur der Rückweg zur Anfurt wurde dann mit Hilfe der Riemen zurückgelegt.

Valo gab Bronyest dem Schiffsbauer den Auftrag, dafür zu sorgen, dass an der Anlegestelle auf der Ostseite der Insel, Palisaden errichtet wurden, hinter denen sich Bogenschützen verbergen konnten. Es gab unter den Orks, die mit Remirg Elfenstirnspalter auf Fahrt gegangen waren, keinen geschickteren Handwerker als Bronyest. Er hatte ein Auge dafür, was man aus einem Stück Holz machen konnte. Ob es als Steven eines Drachenschiffes taugte und sich entsprechend biegen ließ, oder nur als Brennstoff für den Ofen geeignet war, konnte Rumrost auf den ersten Blick beurteilen. Unter seiner Leitung wurden innerhalb von sehr kurzer Zeit Befestigungen angelegt.

Auf die Schiffe kam es an. Sie durften nicht in die Hände der Feinde fallen oder von den Elfen zerstört werden. Wenn das geschah, darüber gab sich Valo keinen Illusionen hin, dann waren sie verloren.

Tage vergingen. Tage, in denen ein zunehmend warmer Wind blies und sich das Wetter umzustellen begann. Die ersten warmen Tage des Jahres brachten die Orks zum Schwitzen. Ein blauer Himmel spannte sich am Tag über ihnen. Hier und da konnte man die ersten Zugvögel zurückkehren sehen.

"Was glaubst du, wie lange wird Igarb brauchen, um mit den Schiffen zurückzukehren", fragte Bronyest Valo abends am Feuer.

"In spätestens einer Woche erwarte ich deinen Bruder zurück, Bronyest", sagte Valo.

"Vorausgesetzt, Kirie stellt sich nicht gegen uns!"

"Das wird es nicht!"

"Möge Dröjn deine Worte hören und sich zu Herzen nehmen."

Valos Lächeln wirkte ziemlich gezwungen. Innerlich war er keineswegs so entspannt, wie er nach außen zu erscheinen versuchte. "Was mir mehr Sorgen macht, sind die Elfen", stellte er klar.

Bronyest runzelte die Stirn und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht.

"Wieso die Elfen?"

"Weil sie noch nicht hier sind. Nach dem, was mein Vater und die Krieger berichtet haben, die den Nebenfluss hinaufgefahren sind, müssten sie längst hier sein!"

"Vielleicht ist ihnen Nivandrum nicht so wichtig."

"Ja, das kann natürlich auch sein. Ich befürchte eher, dass sie vorher noch zusätzliche Kräfte zusammenziehen. Dies ist ein großes Land, in dem nicht viele Bewohner leben. Es wird eine Weile dauern, bis man jeden Menschen-Bauern, der eine Axt schwingen kann, zusammengerufen hat!"

"Und die meisten werden schon im Krieg der Könige gerufen worden sein", glaubte Bronyest. "Wir hätten also noch etwas Zeit."

Valo nickte. "Das Wetter wird besser. Das Kämpfen wird leichter. Für uns, die wir in der Minderzahl sind, aber schwieriger, weil die Witterung nicht mehr unser Verbündeter ist."

"Mein Bruder Igarb wird bald mit den Schiffen hier sein - und dann fahren wir alle reich nach Hause, legen uns auf unsere Weiber und zeugen ein paar Söhne, die sich dann später anstrengen müssen, um Ähnliches zu vollbringen!"

"Möge Dröjn dafür sorgen, dass deine Worte wahr werden, Bronyest", murmelte Valo. Er sah Fhyel und Tarasmus zu, die gerade damit beschäftigt waren, Silber zu zerbrechen. Münzen, die man im Schamanenkloster gefunden hatte vor allem und die sehr unterschiedlicher Herkunft waren. Um sie besser aufteilen und auch kleinteiligere Summen auszahlen zu können, machte man Bruchgeld daraus. Man legte die Stücke auf einen Stein und schlug mit der stumpfen Seite eines Handbeils darauf. Tarasmus hatte viel Übung darin. Niemand bekam die Stücke so gleichmäßig hin wie er.

*

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ZWEI TAGE SPÄTER WAR es bereits so warm, dass Valo in seinem Wams schwitzte. Die Nächte waren noch kühl, aber sobald die Sonne aufgegangen war, änderte sich das innerhalb weniger Stunden. Die Sonne löste den Morgennebel auf und der Himmel war dann oft bis in den Nachmittag hinein vollkommen wolkenlos.

Die ersten Schwärme von wilden Flugdrachen kehrten aus dem Süden zurück. Ihre lederhäutigen Schwingen verdunkelten manchmal den Himmel. Und wenn ihre scharfriechene Scheiße herabregnete, brachte man sich besser in Sicherheit. Selbst für die eigentlich als unempfindlich geltenden Orks war der Geruch kaum erträglich.

Die Elfen pflegten sie durch Zauber in weniger besiedelte Gebiete zu vertreiben. Denn abgesehen davon, dass für die empfindlichen Elfensinne Geruch und Geräusche der Flugdrachen schier unerträglich waren, sorgten die fliegenden Geschöpfe auch für eine Beunruhigung ihrer entfernten Verwandten, der Laufdrachentiere.

Der Nordwärts-Zug der Flugdrachen war ein sicheres Zeichen für das Kommen des Frühlings.

Überall wurde es jetzt grün. Die Blätter sprossen an den Bäumen, die Büsche wurden blickdicht. Für eine eventuelle Verteidigung der Insel war das von Vorteil. Schließlich hatten die Krieger der Orks dann mehr Möglichkeiten, Deckung zu suchen. Umgekehrt sah Valo keinerlei negative Auswirkungen für sich und die Seinen. Nivandrum war vollkommen zerstört. Abgesehen von der Tempelstätte und dem Schamanenkloster stand dort keine Gebäude und keine Befestigungen mehr. Und die wenigen Bäume, Sträucher und Büsche waren ohnehin den Bränden zum Opfer gefallen. So sah die Welt vielleicht nach ihrem Ende aus, dachte Valo, wenn die Götter zusammen mit den toten Helden gegen die Riesen kämpften und in diesem Kampf schließlich untergingen. Dann herrschten wieder die Riesen wie zum Anbeginn der Zeiten schon. Blindwütige machtvolle Wesen, die alles zerstörten und verhinderten, dass irgendetwas entstehen konnte. Kein Wunder, dass die Elfen uns als Geißel ihres Gottes betrachten, ging es Valo durch den Kopf. Bei Roht, sie haben auch allen Grund dazu!

Kein einziges Boot oder Schiff lag mehr bei den Anfurten. Sie waren alle zur Insel geschafft und viele von ihnen zerlegt worden.

Und die meisten Schiffe der Orks lagen jetzt an Land. Mit Hilfe von Rundhölzern hatten die Orks sie aus dem Wasser gezogen. Kein Angreifer sollte hier eine leichte Beute haben. Wenn es etwa einem Trupp von Elfen gelungen wäre, die Vertäuungen zu lösen und die Seebarken einfach flussabwärts treiben zu lassen, dann wäre das ihrer aller Ende gewesen. Unser Schicksal ist mit den Schiffen verbunden, wusste Valo. Es war nie anders gewesen. Wer als Seefahrer in einen fremden Fluss fuhr und an einem fremden Ufer landete, für den waren die Planken des eigenen Schiffs die einzige Rettung, falls die Übermacht der Einheimischen einfach zu groß war und man sie nicht besiegen konnte.

Also musste alles getan werden, um die Schiffe zu schützen. Sie waren die Schwachstelle, der Punkt, an dem die Orks am angreifbarsten waren.

Nur der kleinere Teil der Schiffe lag noch vertäut im Wasser. Sie wurden nach wie vor für den Pendelverkehr zwischen der Flussinsel und dem Gebiet gebraucht, das einst die Stadt Nivandrum gewesen war - aber auch dann, wenn aus irgendeinem anderen Grund schnell ein Wasserfahrzeug gebraucht wurde.

In der Nähe der Schiffe waren Palisaden errichtet worden, um den Verteidigern Schutz vor dem Beschuss mit Pfeilen oder Schleudern zu bieten.

Valo sprach es nicht öffentlich aus, aber er war überzeugt davon, dass es auch bereits von einigen anderen Orks bemerkt worden war: Er hatte genau so viele Schiffe im Wasser gelassen, dass damit im Fall der höchsten Not eine Flucht aller Orks möglich gewesen wäre.

Zumindest bis ans andere Flussufer wäre man auf diese Weise wohl gekommen. Und notfalls hätte man sogar eine Fahrt flussabwärts wagen können. Allerdings hätten die Orks dann nichts weiter als ihre Waffen mitnehmen können. Und nicht mehr als eine Handvoll Silber pro Krieger. Gerade soviel, wie man sich an den Gürtel hängen konnte, ohne dass der Beutel riss. Aber selbst das wäre in der Summe vielleicht schon zu schwer gewesen...

Valo hoffte, dass es dazu nicht kam.

Eine heillose Flucht war wirklich das Allerletzte, was man sich wünschen konnte. Am Ende zu Kirie flüchten und sich unter seinen Schutz stellen zu müssen, ohne irgendetwas von der Fahrt nach Nivandrum mitgenommen zu haben - das wäre die größte Schande gewesen, die sich Valo vorstellen konnte.

Wie hätte er dann jemals wieder glaubhaft machen können, dass Dröjn bei ihm war und seine Unternehmungen unter dem Segen der Götter standen? Nie wieder, das war sicher, hätte er jemals wieder genug Gefolge zusammenrufen können, um eine Fahrt auszurüsten!

Aber noch war nichts verloren. Noch konnte diese Fahrt ein gutes Ende nehmen...

Valo hatte angeordnet, dass sämtliche Uferstellen der Flussinsel, an denen man anlegen konnte, mit Abwehrbollwerken versehen wurden. Angespitzte Pflöcke, Palisaden und andere Hindernisse sollten verhindern, dass Boote oder Flöße anlegen und die Besatzung anlanden konnte.

Glücklicherweise war der Großteil des Inselufers ohnehin nicht zum Anlanden geeignet. Die Böschung war teilweise sehr steil. Es gab auch sumpfige Stellen und Uferabbschnitte an der Nordseite der Flussinsel, die dermaßen von der Strömung unterspült waren, dass ständig die Gefahr eines Abbruchs bestand.

Valo hatte zusammen mit Rumrost Sturmsohn und einigen anderen Orks die Flussinsel mit einer schlanken Seebarke umfahren und alles überprüft. An einigen Stellen wurden jetzt zusätzliche Befestigungen angebracht, weil Valo fand, dass die bisher errichteten Bollwerke noch nicht ausreichten.

"Einige der Orks murren schon", verriet Rumrost ihm, während einer der Orks die Seebarke vertäute, als sie wieder zur Anlegestelle auf der Ostseite der Flussinsel zurückkehrten. "Du solltest es nicht übertreiben!"

"Dann sollen diese Murrenden sich überlegen, ob sie nicht viel mehr Grund zum Murren hätten, wenn es die Elfen schaffen, ihnen ihren Besitz zu rauben und wir am Ende vielleicht nichts weiter als unsere Haut retten können!", entfuhr es Valo gereizt.

"Aber manche von ihnen vertreten die Ansicht, dass wir uns hier auch nicht so einrichten sollten, als würden wir ewig hierbleiben wollen!"

"Vielleicht müssen wir länger hier bleiben, als es uns allen lieb ist, Rumrost", befürchtete Valo.

*

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EIN ANDERES SCHIFF rauschte jetzt heran. Zehn Orks hatten kräftig in den Riemen gelegen und jetzt kam es ans Ufer.

Fhyel der Überbordgegangene sprang als Erster an Land.

"Valo, die Elfen!", keuchte er.

"Was ist mit ihnen?"

"Sie sind aufgetaucht! Eine große Zahl von ihnen! Es sind Reiter und viele Krieger zu Fuß. Ein Heer..."

Jede Ansammlung von Kriegern ab etwa 35 Mann galt als ein Heer. Zumindest war das im Land der Insel-Elfen so, wo kleine Reiche von unbedeutenden Königen mit kleinen Heeren regiert werden konnten. Dass das im Reich der Elfen am Großen Strom so nicht stimmte, hatte Valo schon lange begriffen.

"Sie sind aber nicht so viele wie wir", fuhr Fhyel fort. "Und sie wollen anscheinend auch nicht kämpfen."

"Sondern was?"

"Ein Lösegeld für die Geiseln anbieten. Keiner von uns kann richtig gut die Sprache dieser Leute, aber das haben wir verstanden."

"Wer will das verstanden haben?"

"Ksarf der Grobe und Thunkh Vierfinger waren dabei. Und später wurde Dhalmi hinzugerufen! Er hat das bestätigt und ich soll dir von ihm ausrichten, dass er glaubt, dass die Absicht der Elfen tatsächlich dem entspricht, was sie gesagt haben."

"Haben Sie auch gesagt, für wen sie ein Lösegeld bieten?"

"Sie wollen zuerst wissen, wen wir gefangen genommen haben. Dann wollen sie sich auf einen Preis mit uns einigen. Aber sie haben eine Bedingung."

"Und die wäre?"

"Sie sprechen nur mit dem Anführer. Nicht mit einem Boten."

Valo überlegte kurz.

"Den Göttern sei Dank! Dieser Tag scheint noch gut werden zu können!", stieß unterdessen Rumrost hervor.

Unterdessen ergriff Valo das Wort. "Hör mir genau zu, Fhyel! Richte aus, dass ich gleich nach Nivandrum kommen werde. Dann bekommen sie gesagt, wen wir in unserer Gewalt haben."

"Sie werden die Gefangenen sehen wollen, nehme ich an", meinte Fhyel.

"Natürlich werden sie das! Aber das werde ich ihnen erst ganz am Schluss gestatten. Vorerst verhandeln wir nur über die Höhe des Lösegeldes", stellte Valo unmissverständlich klar.

Fhyel nickte. "Ich werde ausrichten, was du sagst!"

Valo wandte sich an Rumrost. "Lass die Gefangenen zusammentreiben! Alle sollen vor der Kapelle aufgestellt werden!"

Rumrost nickte.

"Vielleicht hat es sich ja doch gelohnt, diese Brut durchzufüttern", sagte er.

Währenddessen kicherte der irre Mroo, der zu der Mannschaft gehört hatte, mit der Valo die Flussinsel umrundet und die Bollwerke überprüft hatte. Valo wandte dem Berserker nur einen kurzen Blick zu. Es war besser, jemanden wie Mroo in seiner Nähe zu wissen.

*

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DIE STIMMUNG UNTER den Gefangenen war deutlich aufgehellt. Die Nachricht, dass möglicherweise Lösegeld für sie gezahlt werden sollte, hatte sich auch unter ihnen bereits herumgesprochen. Es sprach zwar niemand von ihnen nach Art der Orks, aber da diese sich untereinander laut genug über die Aussicht, mit den Gefangenen doch noch einen Gewinn zu erzielen, ausgetauscht hatten, war diese Nachricht auch bei ihnen angekommen. Manches hatten sie allerdings vielleicht auch falsch oder ungenau verstanden. Ihre Sprache war der der Orks zwar ähnlich, aber eben doch nicht gleich und manchmal hatten die gleichen Wörter eine unterschiedliche Bedeutung.

Auf diese Weise hatten sich schnell Gerüchte verbreitet.

Zum Beispiel jenes, dass nur die gefangenen Schamanen gegen die Zahlung eines Lösegelds freikommen würden, während man die Frauen aus dem Webhaus angeblich ins Orkland mitnehmen wollte, was zu tumultartiger Aufregung führte.

Aber das war schnell zu Ende, als Valo mit durchdringender Stimme zu sprechen begann. "Wer von euch kann die Runen der Elfen schreiben?", fragte er.

Einige Augenblicke lang herrschte Schweigen.

Valo ließ den Blick schweifen und deutete dann auf einen Schamanen in mittlerem Alter.

"Was ist mit dir? Wird an euren Schamanenklöstern nicht die Schrift gelehrt?"

"Doch, das wird sie."

"Ich will, dass du die Namen aller auf ein Pergament schreibst. Und zwar in genau den Zeichen, wie sie hier üblich sind und von einem Elfen gelesen werden können."

"Das kann ich tun, Herr", sagte der Schamane.

"Ich werde diese Liste denjenigen zeigen, die gekommen sind, um ein Lösegeld zu bieten. Für wen unter euch etwas geboten wird, kann ich nicht sagen. Aber ihr werdet davon erfahren..."

"Ich brauche ein Pergament und etwas, womit ich schreiben kann", sagte der Schamane.

Valo sah ihn an. "Wie heißt du?"

"Man nennt mich Suisorbmar."

"Kommst du aus einer reichen Familie?"

"Nein, Herr. Ich wurde arm geboren und als Waise im Schamanenkloster erzogen, um dem Pfad des Geistes und der Bedürfnislosigkeit zu folgen."

"So war dir die Armut in die Wiege gelegt - und du hast sie nicht freiwillig gewählt?"

"Das könnte man so sagen, Herr."

"Das tut mir leid für dich. Vermutlich wird niemand etwas für dich zahlen, nicht einmal deine Tempelstätte."

"Unser Schicksal steht geschrieben, Herr. Auch deins."

Valo sah ihn einen Augenblick an. Wie fremd waren ihm die Worte des Elfen! "Ich brauche ein Pergament!", rief er dann laut. "Rumrost! Ist bei der Beute nicht so etwas?"

"Eine Buch-Handschrift", sagte Rumrost.

Der Elf sagte: "Die solltet ihr nicht auf diese Weise entweihen! Nicht, in dem ihr das Pergament mit Namen bekritzelt. Davon abgesehen ist das Buch so viel wert, wie mehrere Bauernhöfe..."

"Ich weiß", sagte Valo und brachte den Elf damit zum Schweigen. Valo wandte sich an seine Krieger. "Haben wir nicht irgendein anderes Pergament! Ein paar Dutzend Namen! Dieser Elfen-Schamane hat zierliche Finger. Er wird kleine alt-elfische Runen malen können! Bei Roht, ein Stück Pergament nur! Oder muss ich erst noch eigenhändig einer geraubten Kuh das Fell über die Ohren ziehen und ein Pergament daraus machen, damit wir was zu schreiben haben?"

Die gereizte Ungeduld, die in Valos Tonfall überdeutlich zum Ausdruck kam, überraschte die anderen Orks. Das war man bisher von Valo nicht gewohnt gewesen. Der Sohn des großen Remirg Elfenstirnspalter stand offenbar unter einem enorm großen Druck.

"Alles, was es vielleicht noch an Pergamenten in Nivandrum gegeben hat, muss den Flammen zum Opfer gefallen sein", sagte Rumrost. "Wir haben nur mitgenommen, was wie ein heiliges Buch und wertvoll aussah."

"Und die sollt man auch verbrennen!", meinte der irre Mroo. "Alles nur Elfengottgläubigenzauber!"

Dann fiel Valo ein, dass es noch ein Stück Pergament gab, das er benutzen konnte. Er griff unter sein Wams, wo er die Karte des Zwergs trug, die Valo von seinem Vater geerbt hatte. Die Rückseite war frei. Und ihren Wert hatte die Karte wohl ohnehin weitgehend eingebüßt, da an Fahrten weiter flussaufwärts wohl nicht mehr zu denken war.

Valo nahm die Karte hervor, faltete sie auseinander und gab sie Suisorbmar. "Schreib hier!", sagte er und deutete auf die freie Rückseite.

"Dazu brauche ich Tinte. Oder einen Stift aus Blei."

"Tut es auch ein Stück angekohltes Holz?", fragte Valo.

"Ja."

"Das sollte sich schnell besorgen lassen. Wenn du fertig bist, kommst du mit mir nach Nivandrum. Schließlich brauche ich jemanden, der die Namen richtig vorzulesen vermag!"

"Vielleicht kaufen uns die Elfen ja auch diesen Heiligen Knochen ab, der angeblich so viel wert sein soll", meinte Rumrost.

"Wenn sie ihn sich leisten können... Warum nicht?", meinte Valo.

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MIT EINER VOLL BESETZTEN Seebarke setzt Rumrost schließlich nach Nivandrum über. Die regelmäßigen Ruderschläge waren deutlich zu hören und trieben das Schiff voran. Der Schamane sprach ein Gebet nach dem anderen, was den irren Mroo ganz unruhig machte, da er glaubte, dass dahinter nur irgendein Elfenzauber stecken konnte, gegen den es nur einen einzigen wirksamen Schutz geben konnte: Dem Urheber des Zaubers so schnell wie möglich die Kehle durchzuschneiden.

Aber Valo konnte Mroo davon abhalten, dies auch tatsächlich in die Tat umzusetzen, obwohl der Berserker genau dies zweifellos liebend gern getan hätte.

"Lass die Beterei sein", wies Valo den Schamanen daraufhin an.

"Der letzte Gefangene, der ans Festland geführt wurde, ist nicht zurückgekehrt", stellte der Elfen-Schamane Suisorbmar daraufhin ungerührt fest. "Da dachte ich, es ist besser, wenn ich mit dem Elfengott im Reinen bin, wenn ich mich auf so eine Fahrt begebe."

Zweifellos meinte Suisorbmar den Elfengott-Priester, den der irre Mroo in der Schamanenkloster-Tempelstätte umgebracht hatte, nachdem der ihnen das Versteck gezeigt hatte, in dem die Reliquie des Heiligenknochens aufbewahrt worden war. Aber Valo stand nicht der Sinn danach, darüber noch unnütze Worte zu verlieren.

"Dir wird das nicht geschehen, Suisorbmar", sagte er.

"So? Kannst du mir das versprechen?", fragte Suisorbmar zweifelnd.

"Das kann ich."

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DIE SEEBARKE LANDETE bei der Anfurt vor Nivandrum - oder dem, was einmal Nivandrum gewesen war. Dhalmi Orkfresse wartete dort bereits auf sie. Bei ihm standen Igobnif Großhand und Ksarf der Grobe.

Valo erinnerte sich daran, dass er sich als Kind insgeheim immer ein bisschen vor Ksarf dem Groben gefürchtet hatte. Aber sich vor Ksarf dem Groben fürchten, brauchte man sich eigentlich nur, wenn man ihm in der Schlacht gegenüberstand. Ansonsten war er ein gutmütiger Ork.

"Wo wart ihr so lange?", fragte Dhalmi ungehalten. "Die Elfen werden ungeduldig! Und was soll der Schamane hier?"

"Einer muss die Namensliste lesen können, die wir den Elfen übergeben", sagte Valo. "Wie ist dein Eindruck von ihnen, Dhalmi?"

"Ihr Anführer nennt sich Endres von den Niederauen. Angeblich hatte er Verwandte in Nivandrum..."

"Für welchen der Könige führt er seine Klinge?", fragte Valo.

"Für Rahtol - den Kaiser. Zumindest sagt er das. Aber vielleicht verfolgt er auch eigene Ziele. Er wartet draußen vor der Stadt auf dich."

"Dann sollten wir keine Zeit verlieren."

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SIE DURCHQUERTEN DIE Ruinen von Nivandrum. Der Brandgeruch hing immer noch in der Luft und selbst nach ein paar schweren, langanhaltenden Regenfällen würde er wahrscheinlich auch nicht so schnell verschwinden.

Der äußere Wall war vollkommen niedergerissen worden, sodass Valo und seine Begleiter sehr bald freie Sicht auf das hatten, was sich vor den nicht mehr existierenden Toren der Stadt abspielte.

Zwei Gruppen standen sich gegenüber. Ungefähr vierhundert Krieger - und damit der größte Teil - der Orks aus Valo Elfenstirnspalters Gefolge hatten sich auf der einen Seite formiert. Und ihnen standen etwa gleich viele Elfen gegenüber: Sowohl Reiter, als auch Krieger zu Fuß.

Die Reiter waren recht gut gerüstet. Sie trugen Lanzen und Schwerter. Manche auch Kettenhemden, die bis zu den Knien reichten. Die Fußkrieger waren deutlich einfacher ausgestattet. Valo bemerkte, dass es auch eine Gruppe von Bogenschützen unter ihnen gab.

Der irre Mroo schnaufte plötzlich auf eine Weise, die an ein wütendes Wildschwein erinnerte.

"Das sind sie! Valo, das sind die Kerl, die deinen Vater umgebracht haben!"

"Stimmt das?", fragte Valo an Neruq Scharfauge gerichtet, der ein paar Schritte entfernt von ihm stand. Er hatte bereits einen Pfeil in seinen Bogen eingelegt und wäre jederzeit bereit gewesen, einen gezielten Schuss abzugeben.

"Ich bin mir nicht sicher", meinte Neruq. "Könnte sein. Aber diese glatten elfischen Gesichter sehen für mich alle gleich aus."

"Möge Rohts Hammerfaust sie zermalmen!", knurrte Tarasmus.

"Mit diesen Schweinehunden sollte man kein Geschäft machen! So gut es auch sein mag", meinte der irre Mroo. "Valo, wenn du ein Wort sagst, laufe ich auf den Anführer zu und töte ihn mit bloßen Händen!" Er hob seine linke Hand und ahmte mit den Fingern die Krallen eines wilden Raubtiers nach. "Ich greife ihm in die Gedärme und reiße sie ihm mit den Fingern heraus!"

"Der hat ein Kettenhemd, Mroo", gab Rumrost zu bedenken und grinste. "Wird ein bisschen schwierig, da durchzufassen!"

Aber Mroo blieb völlig ungerührt. Seine Augen verengten sich. Er bleckte die Zähne und holte tief Luft, bevor er schließlich sagte: "Vielleicht gilt das für einen Weichling wie dich, Rumrost Sturmsohn! Einen, der empfindliche Hände hat wie die Weiber!"

"Lieber Hände wie die Weiber als ihre unberechenbare Laune und ihren schwachen Verstand!"

"Hast du etwa von mir gesprochen, Rumrost?"

"Ich habe von den Weibern gesprochen!"

"Aber du hast mich gemeint!"

"Schluss jetzt", fuhr Valo dazwischen. "Beleidigt von mir aus die Elfen, wenn ihr es nicht lassen könnt! Mit etwas Glück verstehen die euch nicht! Oder ihr verschiebt euren Händel auf später!"

"Ganz bestimmt", knurrte der irre Mroo und spuckte so geräuschvoll aus, dass sogar einige der Elfen das bemerkten.

Deren Anführer lenkte sein Laufdrachentier etwa voran und hielt dann an. Endres von Niederauen trug den Helm sehr tief im Gesicht. Der Nasenschutz saß nicht genau an der richtigen Stelle und ragte ein ganzes Stück über die Nasenspitze hinaus. Der Helm war ihm wohl eigentlich etwas zu groß. Vermutlich hatte er ihn geerbt, ebenso wie das Kettenhemd, das recht locker saß.

Das ansonsten glatte Gesicht des Elfen wies einen Makel auf. Dort war eine Narbe. Die Haut war heller und wurde offensichtlich auch nicht von der Sonne gebräunt.

"Gehen wir hinüber zu ihm", sagte Dhalmi. "Er wartet darauf. Vier von jeder Seite. Und die Bogenschützen stecken die Pfeile in den Köcher."

"Darauf hast du dich eingelassen?", fragte Valo.

"Das waren seine Bedingungen. Ich sehe nichts, was dagegen spricht."

"Ich traue dem Kerl auf dem Laufdrachentier nicht", meinte jetzt Ksarf der Grobe.

"Und warum nicht?", fragte Valo.

Ksarf zuckte mit den Schultern. "Kann ich nicht sagen. Ist nur ein Gefühl."

"Red nicht so düsteres Zeug daher, Ksarf!", mischte sich Thunkh Vierfinger ein, ein großer, breitschultriger Kerl, dessen Haar sehr dunkel war. Ihm fehlte an der linken Hand ein Finger - was aber nicht die Folge eines Kampfes, sondern auf einen Unfall beim Schiffsbau zurückzuführen war. Allerdings nahmen Fremde häufig die erste Möglichkeit an und Thunkh Vierfinger tat in der Regel nichts, um diesen Eindruck zu korrigieren. Er grinste dann nur und einmal, als Valo noch ein Junge gewesen war, hatte er ihm gesagt: "Andere erfinden Geschichten von Heldentaten, die es nie gegeben hat - aber mir traut man sie offenbar zu!"

Valo gab nun den mit heiserer Stimme den Befehl an seine Bogenschützen, ihre Pfeile einzustecken. Nicht alle folgten dieser Anweisung gerne. Aber sie taten es. Die Reaktion auf der anderen Seite folgte prompt. Endres von den Niederauen gab seinen Leuten ein Zeichen, woraufhin die Pfeile in den Köchern verschwanden.

Viel mehr, als ein Zeichen beiderseitigen guten Willens war das natürlich nicht.

"Igobnif, Rumrost und Thunkh kommen mit mir", bestimmte Valo.

"Heh, was ist mit mir?", beschwerte sich Mroo. "Lässt sich der Hordenfürst mit dem ruhmreichen Namen Elfenstirnspalter jetzt lieber von einem Ork mit empfindlichen Weiberhänden verteidigen? In meiner Nähe wärst du jedenfalls sicher."

"Du kannst mich ja rächen, falls etwas schiefgehen sollte", stellte Valo klar.

Immerhin war Rumrost klug genug, den Streit mit Mroo nicht noch einmal aufzunehmen.

Valo wandte sich an Dhalmi.

"Du wirst hier die Befehle geben müssen, falls der Handel platzt und sich die Lage ungünstig entwickelt, Dhalmi."

"Du kannst dich auf mich verlassen, Valo."

"Bei Nidos Auge, das weiß ich, Dhalmi!"

Unterdessen waren auch drei Elfenkrieger vorgetreten, um ihren Anführer zu schützen. Endres von den Niederauen stieg von seinem Laufdrachentier. Die Lanze gab er einem seiner Elfen, der herbeigeeilt war, um das Laufdrachentier fortzuführen.

Die Hand des elfischen Anführers umfasste den Schwertgriff.

"Was ist?", rief er herüber. "Habt ihr in Wahrheit gar keine Gefangenen gemacht oder traut sich euer Anführer nicht in meine Nähe?"

Endres hatte seine Worte betont langsam und deutlich gesprochen, um sicher zu gehen, dass die Orks ihn auch verstanden.

Seine Krieger lachten kurz.

Zusammen mit dem Schamanen Suisorbmar, Igobnif Großhand, Thunkh Vierfinger und Rumrost Sturmsohn trat Valo nun dem Anführer der Elfen entgegen.

Bis auf wenige Schritte näherten sie sich den vier Elfen aus dem gegnerischen Heer. Valo musterte sie kurz. Es waren alles gut ausgerüstete  Elfenkrieger. Die Hände umklammerten die Schwertgriffe und auch wenn sie die Waffen nicht blankgezogen hatten, sahen sie doch so aus, als wären sie jeden Moment bereit dazu. Sie schätzen unsere Stärke ab, dachte Valo. Genau wie wir das bei ihnen tun...

"Ich bin Endres von den Niederauen", sagte der Anführer der Elfen. "Und ich bin hier, um euch die Gefangenen abzulösen, die ihr gemacht habt."

"Für welchen Herrn sprichst du?", wollte Valo wissen.

"Für Rahtol, den Kaiser, König und Herren der anderen Könige", sagte Endres. Aber er hatte dabei etwas zu lange gezögert. Zu lang, um seine Antwort selbstverständlich und wahrhaftig klingen zu lassen.

"Dann weiß Kaiser Rahtol, dass du heute hier bist?"

"Das weiß er", behauptete Endres. "Und für wen sprichst du?"

"Ich bin Valo Elfenstirnspalter, Sohn von Remirg Elfenstirnspalter - und ich spreche für mich selbst."

Endres verzog spöttisch den Mund. "So gibt es niemanden, der dich beschützt", stellte er fest.

"Nein, das heißt nur, dass es keinen Herrn über mir gibt, abgesehen von den Göttern!"

"Große Worte, Ork!"

Dieser Elf mag in den Diensten des Kaisers stehen, aber hier und jetzt handelt er nicht in seinem Auftrag, erkannte Valo. Er handelt in eigener Sache - aus welchem Grund auch immer.

Vielleicht ging es tatsächlich darum, dass Endres Verwandte unter den Gefangenen hatte, wie schon vermutet worden war.

"Ich hoffe, du hast mehr zu bieten, als große Worte", erwiderte Valo. "Wie viel Silber kannst du aufbringen?"

Genau dies war für Valo der kritische Punkt. Wenn Endres in eigenem Namen und nicht mit dem Kaiser, der Schamanenheit oder sehr viel mächtigeren Fürsten im Rücken handelte, dann war möglicherweise unsicher, ob er überhaupt irgendwelche größeren Summen aufbringen konnte. Schließlich ging es ja ausschließlich um transportable Werte. Rittergüter, Bauernhöfe und Gebäude ließen sich schließlich nicht ins Orkland mitnehmen.

"Zuerst muss ich wissen, wer in eurer Hand ist", sagte Endres.

Valo holte die auf die Rückseite der Karte geschriebene Liste hervor, die er bis dahin unter seinem Wams verborgen hatte. Er faltete sie auseinander. Die Alt-Elfischen Buchstaben waren an manchen Stellen etwas verschmiert, da Suisorbmar mit einem Stück Holzkohle geschrieben hatte. Aber sie waren zweifellos deutlich genug und für einen des Lesens Kundigen entzifferbar.

"Dies sind die Namen. Suisorbmar wird dir bestätigen, dass die hier verzeichneten Personen tatsächlich in unserer Gewalt sind."

"Der wird alles bestätigen, damit ihr ihn nicht gleich umbringt!"

"Er hat keinen Grund, sich zu fürchten, weil ich ihn aus Gründen des guten Willens hier und jetzt freilassen werde, nachdem er seine Aufgabe erfüllt und dir die Liste vorgelesen hat!"

Endres lächelte.

"Du kannst nicht lesen?"

"Nicht eure Zeichen - nur die Zeichen, die bei uns üblich sind."

"Einer wie du hat doch sicher in irgendeinem Keller noch einen gefangenen Elfen, der solche Arbeiten für ihn erledigen kann, nicht wahr?"

Valo erwiderte das breite Grinsen des Elfen nicht. Er wollte gerade die Liste an Suisorbmar weiterreichen, als der Elf den Kopf schüttelte. "Nicht nötig, Ork. Ich werde sie selbst lesen."

"Dann bist du ein gebildeter Krieger!"

"Ich wurde in einem Schamanenkloster ausgebildet. Lass uns ein Stück gehen, Valo Elfenstirnspalter." Er verzog das Gesicht und zeigte dabei seine Zähne. "Oder fürchtest du dich etwa vor mir?"

"Ich fürchte niemanden."

"Das habe ich mir gedacht. Lass uns die Sache von Krieger zu Krieger besprechen und wir werden uns über den Preis sicher einig werden."

Valo zögerte. Irgendetwas rumorte in seinem Magen. Sein Instinkt sagte ihm, dass hier etwas nicht so lief, wie es hätte sein sollen, aber er konnte nicht sagen, was es eigentlich war.

"Also gut", sagte er schließlich.

Während sich ihre Begleiter noch immer unmittelbar gegenüberstanden, ließ Valo Elfenstirnspalter sich von Endres von den Niederauen ein Stück fortführen. "Wir werden uns sicher einig werden", glaubte Endres. "Zumindest sind wir guten Willens dazu."

"Das freut mich zu hören", sagte Valo.

"Wie lange habt ihr vor, auf der Flussinsel zu bleiben?"

"Das wissen die Götter."

"Eine zweites Heer von euresgleichen soll sich weiter flussabwärts in Xalanor niedergelassen haben?"

"Ich bin nicht hier, um deine Fragen zu beantworten, Elf."

"Ganz recht", nickte Endres. Er hielt die Liste mit den Namen in der Hand. Aber er sah nicht drauf. Und auch wenn Valo die Buchstaben der Elfen nicht besonders gut lesen konnte und sich nicht in jedem Einzelfall sicher war, wie sie ausgesprochen wurden, so waren sie den Runen, die man in seiner Heimat benutzte doch ähnlich genug, um zumindest erkennen zu können, ob jemand das Schriftstück, in dem er las, richtig herum hielt.

Davon abgesehen hatte er Suisorbmar dabei zugesehen, wie er die Liste aufgeschrieben hatte und so war sich Valo vollkommen sicher: Endres konnte nicht lesen. Weder diese noch eine andere Art von Buchstaben. Er hielt das Pergament falsch herum und es schien ihm überhaupt nicht weiter aufzufallen.

Er will gar keinen Handel, durchfuhr es Valo. Und er ist auch nicht der Gefangenen wegen hier!

Gerade noch rechtzeitig hatte Valo sein untrüglicher Instinkt für die Gefahr gewarnt. Endres hatte inzwischen den Dolch gezogen - unbemerkt und durch seinen kräftigen Körper verdeckt, sodass Valo den tödlichen Stoß kaum rechtzeitig hätte bemerken können.

Jetzt wich Valo dem Stoß aus, bog den Arm des Angreifers zur Seite und rammte ihm das Knie in den Leib. Ächzend taumelte Endres zurück. Aber da hatte Valo schon sein Schwert gezogen. Endres schleuderte den Dolch nach ihm, verfehlte Valo aber knapp und riss dann sein Schwert heraus.

Meinetwegen bist du hier!, erkannte Valo. Dem Gegner den Anführer nehmen und damit der Schlange den Kopf abschlagen! Das war dein Plan - und alles andere nur ein Vorwand!

Valo drosch auf den Anführer der Elfen ein, aber der parierte gut und wich unter dem Eindruck der furchtbaren Schläge etwas zurück.

Unterdessen brach ein ohrenbetäubender Schlachtenlärm los. Während Rumrost Sturmsohn, Igobnif Großhand, Ksarf der Grobe und Thunkh Vierfinger ihren Gegnern bereits direkt gegenüberstanden, rannten von beiden Seiten die Heere aufeinander. Kein Befehl, kein Ruf, kein Hornsignal hätte sie jetzt noch anzuhalten vermocht. Pfeile folgten von beiden Seiten herüber, aber mit einem geordnetem Beschuss hatte das nichts zu tun. Alles würde durch das Gemetzel in der Mitte entschieden werden. Schreie gelten, die Laufdrachentiere elfischer Reiter stellten sich auf die Hinterhand und scheuten. Valo sah noch aus den Augenwinkeln, wie einer der Elfen, dessen Klinge eigentlich Thunkh Vierfingers Kopf abschlagen sollte, stattdessen den in der Nähe stehenden und am Kampfgeschehen völlig unbeteiligten Schamanen Suisorbmar traf. Die Schwertspitze riss ihm die Halsader auf und das Blut schoss in so großen Strömen hervor, dass der Schamane die Blutung auch mit beiden Händen unmöglich stoppen konnte. Er sank zu Boden, zuckte noch ein paarmal und rührte sich dann nicht mehr. Währenddessen hatte Thunkh den Schlag seines Gegners pariert und ihn mit einem gezielten Stich niedergestreckt.

Der unüberhörbare Schrei des irren Mroo ertönte. Völlig ungeschützt rannte er auf seine Gegner zu, in der einen Hand sein Schwert, mit der anderen eine Axt Schwingend. Er wühlte sich regelrecht in die Reihen seiner Gegner hinein. Das Blut spritzte ihm ins Gesicht und gab ihm ein noch martialisches Aussehen. Die Elfen wichen bereits vor ihm zurück. Das konnte kein gewöhnlicher Krieger ein! Eher schon ein Dämon, der geradewegs aus der Hölle emporgestiegen war und den ein dunkle Zauber zu schützen schien.

Endres von den Niederauen hatte sich indessen regelrecht an Valo festgebissen. Ihn wollte er zur Strecke bringen, auch wenn sein ursprünglicher Plan, den Anführer der Orks schnell zu töten, sich nicht hatte in die Tat umsetzen lassen. Ebensowenig hatte sich die Hoffnung erfüllt, dass der Heerhaufen der Orks dann völlig führungslos auseinanderfallen würde.

Aber das hatte vielleicht auch mit dem Umstand zu tun, dass die Kampfweise der Orks ohnehin nicht besonders viel an äußerer Ordnung aufwies, sondern eher durch das tollkühne Vorgehen Einzelner gekennzeichnet war.

Mit wuchtigen Schlägen trieb Valo den Anführer der Elfen zurück. Immer wieder kamen ihre Klingen klirrend gegeneinander, sodass die Funken sprühten.

Dann brach Valos Schwert. Mit einem Stumpf stand er da.

"Tod den Orks!", dröhnte Endres von den Niederauen und holte zu einem Schlag aus, vor dem Valo kaum schnell genug hätte zurückweichen können.

Doch in diesem Moment traf Endres ein Pfeil genau ins linke Auge.

Es war ein Pfeil, den Neruq Scharfauge verschossen hatte. Valo erkannte das daran, wie er gearbeitet war. Neruq hatte da insbesondere beim Anbringen der Steuerfedern am hinteren Pfeilende eine sehr individuelle Note.

Ein zweiter Pfeil traf Endres durch den Hals - genau dort wo weder Kettenhemd noch Helm ihn schützte. Röchelnd und nicht einmal mehr zu einem Schrei fähig, sank Endres auf die Knie. Er rammte das Schwert in den Boden, um sich zu stützen, konnte aber schon einen Moment später dessen Griff nicht mehr halten und sank zu Boden.

"Nimm das Schwert!", rief ihm Dhalmi zu, den die Wogen der Schlacht in Valos Nähe verschlagen hatten. "Na los doch!"

Aber Valo war zunächst unfähig sich zu rühren. Als hätte ihn der Schlag getroffen, stand er da, während um ihn herum ein harter, blutiger Kampf tobte.

Nur jemand, dem die Götter die Gunst versagen, bricht das Schwert, ging es ihm durch den Kopf. Und sie haben es alle gesehen! Es ist ein Zeichen. Und es lässt sich nicht ungeschehen machen.

Dann griff er nach der Klinge des toten elfischen Anführers und riss sie aus dem Boden - gerade noch rechtzeitig, um den Angriff eines Laufdrachentier-Reiters abzuwehren, der mit gestreckter Lanze auf ihn zugeprescht war und sie ihm jetzt mit einer Hasszauberformel auf den Lippen in den Leib zu stoßen versuchte. Valo wich dem Stoß aus und traf den Reiter mit seinem Schwerthieb schwer. Benommen hing der Elf im Sattel. Valo nutzte die Gelegenheit. Er packte ihn, riss ihn herab und erschlug ihn, als der Elf gerade den Boden berührt hatte. Das Laufdrachentier scheute fauchend etwas zurück, blieb aber sonst ruhig. Es war gut ausgebildet. Valo nahm es bei den Zügeln und schwang sich in den Sattel.

"Vorwärts!", rief er. "Tötet sie alle! Lasst keinen entkommen! Gegen jeden, den ihr davonkommen lasst, müssen wir bald noch einmal kämpfen!"

Dann ritt er geradewegs in die Menge der Elfen hinein. Die Klinge des Endres von den Niederauen war lang - fast zwei Handbreit länger als das Schwert, das ihm zerbrochen war. Diese Waffe war gemacht, um vom Laufdrachentier aus zu kämpfen und einen weiten Wirkungskreis zu haben. Und genau so nutzte sie Valo nun auch.

Ungestüm ließ er das Eisen durch die Luft wirbeln.

Willst du das Urteil der Götter vergessen machen?, meldete sich dabei eine innere Stimme aus der Tiefe seiner Gedanken. Und diese Stimme hatte auch gleich eine Antwort parat. Eine, die Valo Elfenstirnspalter nicht gefallen konnte. Es ist unmöglich. Egal, was du versuchst. Du bist nicht Remirg Elfenstirnspalter, dem die Götter gewogen waren, sondern nur sein Sohn.

Du bist noch nicht einmal Ravic.

*

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STUNDENLANG ZOG SICH das Gemetzel hin. Aber trotz der Tatsache, dass beide Heere etwa gleich stark gewesen waren, hatten die Elfen auf die Dauer keine Chance gegen die Krieger aus dem Orkland, die keine Furcht zu haben schienen. Und keine lahmen Arme. Jeder Einzelne von ihnen war gut genug, um mehrere Gegner an Kampfkraft aufzuwiegen. Und es zeigte sich nun, dass bei den Elfen die Unterschiede zwischen den gut ausgerüsteten und kampferprobten Rittern und dem Fußvolk sehr groß waren.

Als am Abend der Himmel bewölkte, waren es mehrheitlich die Leichen der Elfen, die das Schlachtfeld bedeckten. Raben kreisten über dem Ort des Schreckens. Ein Teil der Elfen hatte entkommen können. Ihr Kampfeswille war schließlich verschwunden und hatte purer Angst Platz gemacht. Die Reiter waren als erste geflohen und hatten sich nicht weiter darum gekümmert, dass viele der Fußkrieger noch auf der Flucht erschlagen oder durch Pfeile getroffen wurden. Mindestens zwei Drittel der Angreifer würden nicht ein zweites Mal nach Nivandrum ziehen. Ein großer Sieg, dachte Valo. Aber nur auf den ersten Blick... Und nicht für mich.

Einige der Orks waren noch immer damit beschäftigt, die Verwundeten zu töten und die Ausrüstung der Gefallenen einzusammeln.

"Wir haben so viele Waffen, dass wir die doppelte Anzahl von Kämpfern damit ausrüsten könnten, die uns zur Verfügung steht", sagte Dhalmi der Graue an Valo gerichtet.

"Wie viele Krieger habe wir verloren?", fragte Valo.

"Dreißig. Aber daraus werden vielleicht noch vierzig, weil es ein paar Verletzte gibt, die vielleicht nicht überleben werden."

"Von den Elfen hat es mehr als zehnmal so viele erwischt!"

"Ja, das dürfte hinkommen."

Valo sah Dhalmi an, diesen erfahrenen Berater seines Vaters, auf den der ungestüme Remirg letztlich so selten gehört hatte. Valo hatte lange nicht verstanden, wie der alte Ork so viel Geduld mit Remirg aufbringen konnte. Aber irgendwann war ihm klar geworden, dass die Krieger niemals jemanden wie Dhalmi folgen würden. Mochte er auch noch so klug und vorausschauend seien. Von Remirg hatten sie immer glaubt, dass Dröjn mit ihm war und dafür sorgte, dass dieser Hordenfürst sie zu Reichtum und Ruhm führen würde, während Dhalmi immer nur derjenige gewesen war, der irgendwelche Einwände vorzubringen hatte. Einwände, die Remirg einfach weggewischt hatte. Statt auf die Erfahrung seines klugen, weitgereisten Gefährten, hatte Valos Vater lieber auf den tollkühnen Mut eines Berserkers gesetzt, der er in seinem Herzen wohl selbst immer gewesen war. Ein Berserker von Natur aus, der keinen Pilz-Trunk brauchte, um so wild zu werden, wie er gewesen war.

Dhalmi ist wie ich, erkannte Valo nun. Aber wenn ich will, dass die Orks mir in Zukunft weiter folgen, muss ich werden wie mein Vater. Oder wie Ravic.

Den letzten Teil dieses Gedankengangs hätte Valo liebend gerne unterdrückt. Aber das war nicht möglich gewesen. Es war einer dieser Gedanken, die sich einfach ihren Weg bahnten und einen zwangen, ihm bis zum Ende zu folgen. Einem bitteren Ende in diesem Fall. Eine Welle des Hasses auf seinen verbannten Bruder fühlte Valo jetzt in sich aufsteigen. Was willst du denn? Du hast doch alles bekommen, was du wolltest und er steht ohne irgendetwas da, ging es ihm dabei durch den Kopf. Aber diese Stimme der Vernunft war in diesem Augenblick vollkommen in den Hintergrund verdrängt worden. Obwohl Valo wusste wie sinnlos sein Hass auf seinen Bruder war, konnte er doch nichts dagegen unternehmen. Es ist ein Fluch. Selbst jetzt, da du alles hast, neidest du es dem, der nichts mehr hat, dachte er.

"Dreißig oder vierzig Tote sind für uns schlimmer, als für die andere Seite fünfhundert Tote", drang jetzt Dhalmis ruhige Stimme in seine Gedanken.

Der alte Ork sprach sehr klar und auf eine Weise, dass man kaum bezweifeln konnte, dass es nichts als die reine Wahrheit war, was er aussprach. Er hatte recht. Die Toten waren für die Orks nicht zu ersetzen. Die Elfen hingegen konnten immer wieder hunderte oder gar tausende von Kämpfern zusammenrufen. Und selbst wenn auf jeden gefallenen Ork fünf getötete Elfen kamen, würden sie den Kampf letztendlich doch gewinnen, weil sie einfach in der Überzahl waren. Sie brauchten sich nur zu einigen. Und das war nur eine Frage der Zeit.

Ein verwundeter Elf schrie, weil der irre Mroo wohl noch Freude daran hatte, ihn etwas zu quälen, bevor er ihn endgültig tötete.

"Es wird jetzt nicht leicht werden", prophezeite Dhalmi.

"Nein, aber wir haben etwas Zeit gewonnen", gab Valo zurück. "Zeit, die mit viel Blut erkauft wurde, ich weiß. Aber ich denke, es wird eine Weile dauern, bis sich die Elfen noch einmal trauen werden, hierher zu kommen - geschweige denn, dass sie uns so bald auf der Flussinsel angreifen!"

"Das meinte ich mit meiner Bemerkung nicht", sagte Dhalmi.

Valo hob die Augenbrauen. "Ach, nein?"

"Meine Aussage betraf nicht die Elfen. Sondern dich, Valo."

"Es war noch nie leicht, der Sohn von Remirg Elfenstirnspalter zu sein", wusste Valo.

"Es haben alle gesehen", stellte Dhalmi fest und kam damit zum entscheidenden Punkt. "Und diejenigen, die vielleicht gerade woanders hingesehen haben, werden es erzählt bekommen haben, da kannst du drauf wetten!"

Valo wollte etwas erwidern, aber plötzlich saß ihm ein Kloß im Hals. Es war einen Moment lang so, als wäre sein Kehlkopf von einer rätselhaften Lähmung befallen und so kam Dhalmi seiner Erwiderung zuvor.

"Wenn das Schwert eines Hordenfürsts zerbricht, ist das ein sehr schlechtes Zeichen, Valo. Und zwar nicht nur für dich, sondern für uns alle. Das wird ihnen von nun an immer wieder durch den Kopf gehen. Vielleicht werden sie zwischendurch nicht daran denken, wenn sie eine der gefangenen Webhaus-Frauen besteigen oder ein paar Elfen die Köpfe von den Schultern schlagen. Aber in der Zwischenzeit denken sie immer wieder daran und selbst, wenn sie es nicht tun, wird diese Sache wie ein langsames Gift in ihnen wirken."

"Was soll ich deiner Ansicht nach tun, Dhalmi?"

"Du kannst nichts tun, Valo. Du kannst nur hoffen, dass es nicht zu schlimm kommt. Und wenn dir Dröjn sehr gnädig ist, dann schaffen wir es, unsere Leben und etwas von der Beute zu retten, bis wir die Flussmündung erreicht haben. Und dann - aber nur dann - ist es möglich, dass sie es langsam vergessen  werden."

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Kapitel 20

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Ravic Elfenstirnspalter erreichte zusammen mit Branagorn von Yevroc das Schamanenkloster Parathwena. Die  Schamanenklosteranlagen selbst waren sehr viel größer, als Ravic es je bei einem anderen Schamanenkloster gesehen hatte. Und es war auch keinesfalls wehrlos. Ravic bemerkte gut ausgerüstete bewaffnete Wächter auf den Befestigungen, die das Schamanenkloster umgaben.

Auch wenn die Elfen-Schamanen ihre einfachen Kutten trugen, so schienen sie es doch zumindest teilweise mit den Grundsätzen ihrer Lebensweise nicht ganz so genau zu nehmen wie andernorts. Dies war nicht ausschließlich ein Ort der Buße und der Besinnung auf den Pfad des Geistes, sondern auch ein Ort der Macht. Ein Herrschaftssitz, der in dieser Hinsicht so manchen Hof eines Hordenfürsten im Orkland durchaus wie eine schäbige Hütte erscheinen ließ.

"Es wäre gut, wenn du überwiegend schweigst, Ravic", sagte Branagorn von Yevroc, nachdem sie das Tor passiert hatten. 

"Was immer du verlangst", meinte Ravic.

"Und noch etwas: Du wirst diesmal nicht von meiner Seite weichen. Bei keinem Gespräch, keinem Treffen und selbst in der Nacht wirst du im selben Raum schlafen und deine Waffen immer griffbereit halten."

"Anscheinend hast du aus den Vorfällen während unserer bisherigen Reise etwas gelernt", sagte Ravic.

"Ja, das habe ich. Dass die Welt nicht so brüderlich ist, wie sie unserem Glauben nach sein sollte, ist mir natürlich  nie verborgen gewesen. Und dass meine Mission nicht nur Freunde hat, war mir auch längst bekannt. Nur habe ich nicht im Traum vermutet, wie weit die Arme meiner Feinde reichen. Nicht einmal im schlimmsten Albtraum hätte ich das vermutet..."

"Du hast Darnuc von Dalabor wirklich vertraut", stellte Ravic fest.

"Nur der Elfengott enttäuscht uns nicht in seiner Güte - alle anderen Geschöpfe leider immer wieder", seufzte Branagorn. "Und dies muss man anscheinend immer wieder auf bittere Weise von Neuem lernen."

Ein Novize nahm ihnen die Laufdrachentiere ab und der Abt persönlich begrüßte Branagorn am Eingang des Hauptgebäudes. Sein Name war Sutrebogir, ein Orks von ungewöhnlicher Größe. Er war sogar einen ganzen Kopf größer als Ravic, dabei aber sehr dünn und feingliedrig. Im Gegensatz zu manch beleibtem Glaubensbruder glaubte man es ihm auch, dass er es mit dem Gelübde der Bescheidenheit auf dem Pfad des Geistes auch tatsächlich ernst nahm. Sutrebogir musterte Ravic stirnrunzelnd und Branagorn erklärte dazu einfach nur: "Mein Begleiter und Schutzschild."

"Sollten wir uns nicht auf den Schutz des Geistes und unseres Elfengottes zu verlassen?", fragte Sutrebogir.

"Ich befand, dass es opportun war, dem Elfengottt das Werk etwas zu erleichtern", gab Branagorn von Yevroc zurück.

"Schön gesagt, Branagorn. Den Humor, den man in Yevroc pflegt, habe ich immer geschätzt."

"Unser Gott hat uns das Lachen gegeben, um das Grauen leichter ertragen zu können."

"Ein Novize wird euch die Schlafstellen zeigen."

"Ehrlich gesagt bin ich in Eile und würde es vorziehen, so schnell wie möglich mit König Lerak zu sprechen."

"Er ist in der Kapelle und betet. Ich würde niemandem empfehlen, ihn dabei zu unterbrechen, aber du als sein ehemaliger Lehrer hast gewiss diesbezüglich Rechte, die anderen nicht zustehen."

*

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RAVIC FOLGTE WENIG später Branagorn von Yevroc zur Schamanenklosterkapelle von Parathwena. An der Tür standen Wachen, was ungewöhnlich war und schon darauf hindeutete, dass hier etwas nicht so war, wie gewöhnlich. Die Wachen waren Fremde. Elfen zwar - aber von anderer Art, als Ravic sie bisher kennengelernt hatte. Sie unterhielten sich in anzanischer Sprache und schienen sich gut zu amüsieren. Jedenfalls lachten sie immer wieder. Aber als Branagorn und Ravic Einlass begehrten und die Tempelstätte betreten wollten, richteten sie ihre Lanzen auf Ravic. Was sie sagten, verstand Ravic nicht. Aber das brauchte auch kaum übersetzt zu werden. Es lief darauf hinaus, dass sie Ravic den Zutritt zur Kapelle verweigern wollten.

Branagorns Erwiderung war ebenfalls auf Anzanisch - und sie klang sehr bestimmt und barsch. Eine Art zu sprechen, die Ravic bei einem Schamanen in dieser Form nicht erwartet hätte.

Vielleicht war das ja doch kein Witz, als er behauptete, mit einem übellaunigen Gedanken töten zu können!, dachte Ravic in diesem Moment.

Jedenfalls traten die Wächter schließlich zur Seite. Sie verlangten noch nicht einmal, dass Ravic seine Waffen ablegte.

"Schwierigkeiten?", fragte Ravic an Branagorn gerichtet, während sie den Vorraum der Tempelstättenhalle bereits betreten hatten. Seine Stimme hallte so sehr wider, dass er fast erschrak. In dieser Tempelstätte schien schon ein Flüstern zu einem lauten Getöse werden zu können.

"Keine, die sich nicht lösen ließen", gab Branagorn zurück und flüsterte dabei nur.

Dann traten sie in die Tempelstättenhalle. Auch hier gab es Wächter, die zweifellos etwas irritiert darüber waren, dass ein Schamane in Begleitung eines bewaffneten Beschützers eingetreten war.

Vor dem Altar kniete jemand. Er - den breiten Schultern nach war es zweifellos ein Elf - trug einen Umhang aus edel gewebtem, purpur durchwirkten Stoff, dessen Kapuze sein Haupt bedeckte, sodass man davon nichts sehen konnte.

Das musste König Lerak sein, den man den Kahlen nannte. Er sprach Worte vor sich hin, die Ravic nicht verstand. Eine Mischung aus Alt-Elfisch, Anzanisch und hin und wieder kleineren Passagen in normaler elfischer Sprache. Aber auch wenn Ravic die genaue Bedeutung nicht zu erfassen vermochte, so war doch eindeutig, dass es sich um Gebete handeln musste.

Branagorn und Ravic warteten in einem respektvollen Abstand geduldig, bis der König seine Zwiesprache mit dem Elfengott auf dem Pfad des Geistes beendet hatte und sich wieder erhob. Dann drehte er sich um und schlug die Kapuze seines Umhangs zurück.

Ravic glaubte seinen Augen nicht zu trauen. Erstens war der Elf, der da im Gewand eines Königs vor ihm stand, sehr viel jünger als er es erwartet hatte. Und zum zweiten wunderte ihn die Mähne aus dichtem, elfenhaft feinem Haar, die Lerak bis weit über die Schultern fiel. Bei Roht, wieso nennt man diesen Elf nur Lerak den Kahlen?, ging es ihm durch den Kopf.

"Lerak! Mein König", sagte Branagorn und kniete nieder. Ravic hielt es unter den gegebenen Umständen für das Beste, diesem Beispiel zu folgen. Auch wenn er solche Gesten der Unterwerfung aus tiefster Seele hasste und sie als unwürdig empfand, so wollte er im Moment doch lieber nichts tun, was die Lage unnötig verkomplizierte.

Lerak trat näher, blieb dann stehen und machte ein Zeichen, das ihnen bedeutete, sich zu erheben.

"Es ist schön, dass du gekommen bist, Branagorn von Yevroc, mein Lehrer."

"Die Freude liegt ganz auf meiner Seite."

"Und seit wann kniest du vor mir? Du wirst ewig mein Lehrer bleiben. Ganz egal, welchen Rang ich inzwischen eingenommen habe."

"Es freut mich, dass Ihr das so seht."

Lerak blickte kurz zu Ravic hinüber, wobei die Hand des Königs den prachtvoll verzierten Schwertgriff umfasste. "Anscheinend traust du deinem Schüler nicht mehr über den Weg. Oder wie ist es sonst zu erklären, dass du dich nur in Begleitung eines bewaffneten Wächters in meine Gegenwart traust?"

Lerak sprach Elfisch, aber mit einem sehr starken anzanischen Akzent, was wohl der Tatsache geschuldet war, dass er die letzten Jahre vorwiegend im westlichen Teil des Reiches verbracht hatte, vornehmlich in Anzanien. Ravic hatte daher erhebliche Mühe, gleich zu verstehen, was der König meinte. Zudem waren seine Sätze mit anzanischen Wörtern durchsetzt, was das Verständnis zusätzlich erschwerte.

"Ich bin nur vorsichtig, mein König", sagte Branagorn von Yevroc.

"Und du hast Grund zu dieser Vorsicht?"

"Den habe ich. Nicht allen gefällt, was ich versuche!"

"Nicht allen gefällt der Verrat. Das mag wohl sein."

"Welcher Verrat?", fragte Branagorn. Ravic bemerkte, dass sich die Stimmung des Königs jetzt sichtbar veränderte. Hatte er zunächst weitgehend zu verbergen gewusst, was in ihm vorging, so brach es nun ungehemmt aus ihm hervor. Er ballte die Hand zur Faust. "Du reitest für meinen Halbbruder Giwdul durch die Lande und versuchst ein Bündnis mit Kaiser Rahtol zur schmieden!"

"Um der Gefahr durch die Eindringlinge Herr zu werden, die von der See aus in unser Land eingefallen sind!", verteidigte sich Branagorn.

"Und was ist mit dem Schwur von Grubsarst? Was ist mit dem großen Pergament, dessen Text mit den Namen von Giwdul und mir unterzeichnet ist, verfasst in zwei Sprachen, elfisch und anzanisch, damit nicht irgendjemand unter den Zeugen des Schwurs irgendwann behaupten kann, er habe nicht gewusst, worum es geht!"

"Ich habe den Schwur nicht vergessen."

"Aber dein König Giwdul hat ihn anscheinend vergessen!" Lerak trat jetzt sehr nahe an Branagorn heran. Seine Worte waren leise gesprochen, aber trotzdem sehr klar zu verstehen. "Giwdul und ich haben uns geschworen, gemeinsam gegen Rahtol zu ziehen, ihm die Kaiserwürde zu nehmen und sein Reich unter uns aufzuteilen, denn zwei Könige sind schon mehr als genug für das Reich der Elfen! Es war ein geheimer Schwur, der mit Blut besiegelt wurde und was erfahre ich jetzt? Giwdul schickt seinen Unterhändler Branagorn von Yevroc zu unserem gemeinsamen Feind Rahtol, um mit ihm ein Bündnis zu schmieden! Wie konnte man mich nur so hintergehen?"

"Niemand will Euch hintergehen, Lerak!"

"Weißt du was, mein verehrter Lehrer? Einem anderen würde ich gar nicht die Gelegenheit geben, eine so schändliche Absicht noch irgendwie zu entschuldigen oder zu erklären!" Er warf einen kurzen Blick in Ravics Richtung. "Kein Wunder, dass du dich nicht mehr allein auf deinen unheiligen Weg traust. Aber glaub ja nicht, dass dich ein stummes Ungeheuer  wie dieser Orkling dort davor bewahren kann, deiner gerechten Strafe zu gehen."

"Lerak!"

"Ich gebe dir nur einen Augenblick, um zu entkräften, was ich bisher weiß. Und im Übrigen bin ich hier im Reich meines Halbbruders Giwdul und werde ganz sicher hier nichts gegen dich unternehmen oder dir etwa eigenhändig die Kehle durchschneiden, wie du es verdient hättest!"

"Lerak, nun hört mich doch an! Es ist notwendig, dass Giwdul und Rahtol ihren Krieg beenden. Und wenn es nur für kurze Zeit ist!"

"Das musst du mir erklären!"

"Schiffe sind den Großen Strom hinaufgefahren. Schiffe mit Kriegern aus dem Orkland, die plündernd und mordend in unser Land eingefallen sind. Sie haben Xalanor besetzt und Nivandrum angeblich dem Erdboden gleichgemacht. Sie rauben die Schamanenklöster aus und auf einer Insel im Strom haben sie sich offenbar auch niedergelassen - und niemand weiß, wie lange sie bleiben werden."

"Ein paar Räuber, die das Meer hin und wieder anspült. Die werden auch wieder verschwinden. So etwas gibt es auch an anderen Küsten."

"Die Gefahr aus dem Orkland wurde lange unterschätzt. Im Land der Insel-Elfen und in Dalirland haben die Orks schon eigene Reiche gegründet und an der Nordgrenze unseres Reiches fallen sie immer wieder ein und fahren den Westfluss hinauf bis Grubammah. Nur interessiert das in anderen Teilen unseres Reichs leider kaum jemanden. Zumindest bisher."

"Wie gesagt, das rechtfertigt alles keineswegs den Bruch eines gültigen Geheimschwurs!" Leraks Gesicht war sehr finster geworden. "Es ist immer dasselbe", meinte er. "Das Halbbrüderpack schlägt sich und verträgt sich wieder. Ich hätte mich nie darauf einlassen sollen, auch nur einem der beiden zu trauen. Die haben mich immer verachtet, mich nie als ihren königlichen Bruder akzeptiert, so wie sie meine Mutter nie als Gemahlin meines Vaters anerkannt haben!"

"Ich verstehe Euch durchaus, Lerak..."

"Ach ja? Ihr dient ihnen doch!"

"Nein, ich diene dem Pfad des Geistes. Und wenn dazu nötig ist, Königen zu helfen, dann tue ich auch das. Aber nie zum Selbstzweck."

"Ja, so hast du schon geredet, als du noch mein Lehrer warst..." Leraks Nasenflügel bebten. Diese Angelegenheit ging ihm offensichtlich sehr nahe. "Viel zu weich ist mein Vater gegenüber Giwdul und Rahtol gewesen! Sie haben Krieg gegen ihn geführt! Sie haben ihn gezwungen, in dieses Schamanenkloster zu gehen! Unsere Familie war hier gefangen! Und als er dann das Blatt wendet und seine Söhne besiegen konnte, was hat er da getan? Sie vielleicht bestraft, wie es sich gehört hätte? Nein! Er hat ihnen verziehen, diesen Schweinehunden und Schwurbrechern!"

"Man nannte Euren Vater nicht umsonst ‘den Frommen’", gab Branagorn zu bedenken.

"Pah, so fromm darf nicht einmal ein Elfengott-Priester sein!", entfuhr es Lerak. "Wenn mein Vater meine Brüder bestraft und ins Schamanenkloster geschickt hätte, damit sie ihre Sünden büßen, wie es sich gehört hätte, dann wäre ich jetzt Kaiser und Alleinherrscher. Ich, der ich für meine Brüder immer nur der kleine Nachzügler aus der zweiten Ehe meines Vaters war. Ein Halbbruder, den man verachten und um sein Erbe bringen kann, wie es einem gefällt!"

"Am Ende habt Ihr den besten Teil des Reiches bekommen", gab Branagorn zu bedenken.

"Ja, nachdem eine Versammlung der Fürsten das durchgesetzt hat!" Er atmete tief durch. "Mein Vater starb an einer Elfenkrankheit, die man Lebensüberdruss nennt. Viele sagen, dass es die natürliche Folge elfischer Langlebigkeit ist. Aber in diesem Fall war der Streit mit seinen Söhnen der Auslöser!"

"Ich kann Euren Schmerz nachempfinden", sagte Branagorn. "Denn ich verlor einst meine große Liebe durch dieselbe Krankheit."

Einige Augenblicke herrschte jetzt Schweigen. Lerak drehte sich um und ging ein paar Schritte. Dann blieb er stehen und kehrte zurück. "Wenn du Giwdul siehst, dann erinnere ihn an seinen Schwur zu Grubsarst."

"Das kann ich gerne tun", sagte Branagorn.

"Und falls ihm die Erinnerung daran schwerfällt oder er nicht mehr wahrhaben will, was er damals schriftlich niedergelegt hat, dann sollte er bedenken, dass ich mich durchaus gegen ihn wenden und mit Rahtol zusammentun könnte. Es muss nicht unbedingt Rahtols Reich sein, das aufgeteilt wird!"

"Lerak! Alles, was jetzt notwendig ist, ist eine kurzfristige Einigung zwischen Euren beiden Brüdern - und eine Beendigung ihrer Auseinandersetzungen um die Gebiete am Großen Strom. Denn diese Uneinigkeit ist der einzige Grund dafür, dass sich die Invasoren breitmachen konnten. Nicht nur das! Sie werden die Kunde davon in ihre Länder tragen und man muss damit rechnen, dass in Kürze sich weitere Flotten auf den Weg machen werden. Diese Einigung will ich! Mehr nicht! Alles was dann geschieht, muss in Nudrev verhandelt werden."

"Nudrev!" Lerak machte eine verächtliche Handbewegung. "Dort streiten sich unsere Unterhändler doch schon ein Jahre oder mehr und es wird sich nichts bewegen!"

"Weil die Herren dieser Unterhändler sich nicht bewegen wollen! Deshalb geht dort nichts voran. Und weil keiner dem anderen traut. Nicht einmal den beiden Königssöhnen aus erster Ehe!"

"Ja, sie sind sich nur darin einig, dass jeder von ihnen die Vorherrschaft über die anderen will. Und zwar für sich allein."

"Ein Spiel zu dritt ist ein gefährliches Spiel, Lerak."

"Wie wahr, mein Lehrer! Wie wahr."

"Dann solltet Ihr es aufgeben!"

"Ach, ja?"

"Ihr alle drei, Lerak! Denn keiner der Könige ist in der Lage, es zu gewinnen und endgültig für sich zu entscheiden. Wenn ihr zu keiner Einigung findet, werdet ihr alles verlieren. Und das ist dann nicht die Schuld von ein paar Ork-Barbaren, die mit ihren Schiffen unsere Flüsse hinauffahren und sich nehmen, was ihr nicht mehr in der Lage seid zu schützen."

Wieder entstand eine Pause.

Der König des Westreichs schien nachdenklich geworden zu sein. Branagorn trat an ihn heran - näher als Ravic es in Anbetracht der Spannungen, die in der Luft lagen, für gut hielt. Dieser Jüngling auf dem Thron wirkte sehr impulsiv. Er hatte mit Ravic nicht nur die Jugend, sondern auch den unbändigen Zorn gemeinsam und so konnte sich der Orkling durchaus vorstellen, dass der Herrscher plötzlich zum Dolch griff...

Und in diesem Fall ist meine Lage äußerst heikel, wusste Ravic. Er sah sich um und beobachtete die Wachen, schätzte ihre Kampfkraft ungefähr ein und überlegte, wie er vorgehen konnte, wenn die Situation eskalierte.

"Seid Ihr jemals schlecht gefahren, wenn Ihr meinem Rat gefolgt seid, Lerak?", fragte Branagorn nun, der die Nähe zu seinem ehemaligen Schüler nicht zu fürchten schien. Vielleicht glaubte er, dass der noch immer spürbare Respekt vor einem ehemaligen Lehrer Lerak davon abhalten würde, seinem Zorn nachzugeben. In diesem Punkt irrst du dich, Schamane, dachte Ravic. Du irrst dich, weil du diese Art von Zorn nie selbst gefühlt hast.

Aber entgegen Ravics Erwartung hatten Branagorns Worte eine durchaus beruhigende Wirkung auf den jungen König.

"Was soll ich deiner Meinung nach tun, Branagorn von Yevroc?"

"Gebt mir etwas Zeit. Lasst es zu einer kurzfristigen Übereinkunft zwischen Giwdul und Rahtol kommen. Sie ist unumgänglich, wenn wir nicht auf Jahre hinaus fremde Räuber in unserem Land haben wollen."

"Und wenn diese Räuber fortgejagt sind - was vielleicht gar nicht so einfach sein dürfte? Dann geht es weiter, wie zuvor geschworen?"

"Es ist vielleicht gar nicht nötig, die Orks davonzujagen und dafür unnötig Blut zu vergießen."

"Und wie sieht dein Plan in dieser Sache aus?"

"Ich werde Euren Brüdern vorschlagen, ein Lösegeld zu zahlen, damit die Orks wieder aufs Meer hinausfahren und das Land verlassen."

"Das wird nur dafür sorgen, dass sie nächstes Jahr wiederkommen!"

"Aber es wird uns Aufschub geben. Wer weiß, was nächstes Jahr ist, Lerak! Niemand kann das vorhersagen. Wenn es bis dahin eine vernünftige Übereinkunft bei den Verhandlungen in Nudrev gibt, dann stehen die Chancen gut, dass ein erneuter Vorstoß der Orks abgewehrt werden kann. Nochmals werden sie uns nicht so unvorbereitet und unorganisiert zu treffen vermögen. Nochmals nicht!"

Lerak hob die Augenbrauen. "Du sprichst von einem Lösegeld. Wer wird das aufbringen?"

"Giwdul ist bereit dazu. Und es bestehen gute Chancen, auch Rahtol dazu zu bewegen, sich daran zu beteiligen, denn es liegt auch in seinem Interesse."

"Und die Schamanenheit?"

"Die wird auch ihren Teil dazutun", versicherte Branagorn. "Aber Euch, mein Herr, wird man vermutlich nicht darum bitten. Dieser Kelch wird an Euch vorübergehen. Doch Ihr müsst die Annäherung zwischen Rahtol und Giwdul dulden, sonst wird aus diesem Plan nichts."

Erneut entstand eine Pause.

"Gut, ich verlasse mich auf dich, Branagorn", sagte König Lerak schließlich.

"Dann werdet Ihr stillhalten? Ihr werdet kein Heer in Richtung nach Rahtolingien in Marsch setzen oder irgendetwas tun, was unseren Plan gefährden könnte?"

"Deinen Plan, Branagorn", erinnerte ihn Lerak. "Es ist dein Plan, nicht meiner. Aber ich bete für uns alle, dass er sich erfüllt. Bei Gott, ich bete dafür. Denn wenn nicht, wirst du es bereuen, mein Lehrer!"

"Zweifellos", gab Branagorn dünnlippig zurück.

"Tue mir trotzdem einen Gefallen."

"Welchen?"

"Vergiss nicht Giwdul an den Schwur zu erinnern, den er geleistet hat und der schriftlich niedergelegt wurde. Und vielleicht könntest du dabei einfließen lassen, dass dieses zweisprachige Pergament eventuell auch Rahtol zu Gesicht gelangen könnte, was die Situation vielleicht auf eine Weise ändern würde, die für Giwdul äußerst prekär wäre..."

"Du willst deinem Bruder drohen?"

Lerak lächelte kühl. "Meinem Halbbruder. Er selbst hat auf diesen Unterschied immer den größten Wert gelegt. Ich wüsste also nicht, weshalb ich auf diese Unterscheidung verzichten sollte. Nein, ich bedrohe ihn nicht. Ich erinnere ihn nur an einen Schwur. Einen Schwur, an den er sich nur zu halten hat, wenn er ein Elf von Ehre ist!"

Branagorn verneigte sich. "Ich werde ihm ausrichten, was Ihr mir gesagt habt, mein König", versicherte er.

*

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NOCH VOR EINBRUCH DER Nacht verließ König Lerak mitsamt seinem Gefolge das Schamanenkloster Parathwena. Eine mehr oder minder unauffällige Gruppe von Reitern, die ohne großes Aufsehen zu verursachen gen Westen ritt.

Ravic und Branagorn übernachteten in einem der Schlafräume, die das Schamanenkloster Parathwena für Reisende bereithielt. Außer den beiden waren derzeit keine Fremden in Parathwena und so hatten sie den großen Schlafsaal für sich allein.

"Eins musst du mir sagen, Schamane", wandte sich Ravic an Branagorn. "Wieso wird dieser König Lerak der Kahle genannt?"

"Wieso nicht?", gab Branagorn zurück und lächelte hintergründig.

"Ich hatte einen alten Elf erwartet, der nur noch einen schmalen Haarkranz um das Haupt trägt. Stattdessen begegnete mir ein Jüngling mit einer so dichten Haarpracht! Richtiges Laufdrachentierehaar hatte der und er schien auch wenig davon zu halten, das Wachstum dieser Mähne auf irgendeine Weise einzuschränken! Einen Elf, dem man den Beinamen ‘der Kahle’ gegeben hat, stelle ich mir ehrlich gesagt anders vor."

Branagorn nickte. "Du bist kein Elf, auch wenn du von einer Elfin abstammst. Das merkt man an deiner Frage."

"Wie meinst du das?"

"Lerak der Kahle wird nicht deswegen so genannt, weil er kahl wäre, was ja nicht der Fall ist, wie du gesehen hast."

"Sondern?"

"Volles, langes Haar ist unter Elfen ein Zeichen königlicher Würde. Kein Elf, der ein lichtes Haupt hat, könnte den Thron besteigen und es sind schon im Zuge vom Thronstreitigkeiten Bewerber rasiert worden, nur um sie als für die Herrschaft unwürdig zu brandmarken und sie auf diese Weise auszuschließen."

"Eigenartige Sitten sind das!"

"Lerak der Kahle hat diesen Namen bekommen, weil er bei der ersten Teilung des Reiches leer ausging. Er war ohne Herrschaft - also kahl, wie man hier sagt. Seine beiden Halbbrüder hatten das Reich schon unter sich aufgeteilt und erst eine Fürstenversammlung hat dafür gesorgt, dass Lerak schließlich doch noch seinen Teil abbekam. Aber den Namen ‘der Kahle’ wird er jetzt wohl bis zu seinem Ende nicht mehr los werden."

"Hm", brummte Ravic. "Anscheinend geht doch nichts über eine nette Familie und die Zuneigung unter Brüdern!"

"Rahtol und Giwdul waren nicht begeistert, als ihr Vater nach dem Tod ihrer Mutter ein zweites Mal heiratete und einen weiteren, wesentlich jüngeren Thronfolger in die Welt setzte. Nach elfischem Recht wird das Erbe unter den Söhnen aufgeteilt. Und wenn dieser Nachzügler nicht gekommen wäre..."

"...hätte man nur durch zwei teilen müssen!"

"So ist es."

Ravic schüttelte den Kopf. "Eine dumme Sitte", sagte er. "Es wäre vernünftig, sie abzuschaffen."

"Ja - zumal hierzulande nach dem Tod eines Herrschers die überzähligen Erben entweder ermordet oder ins Schamanenkloster gesteckt werden müssen, wenn das Reich seine Einheit behalten soll."

"Oder man rasiert sie, wie ich jetzt gelernt habe", ergänzte Ravic.

"Wir brechen morgen in aller Frühe auf."

"Wohin wird es gehen?"

"Das wirst du schon noch sehen."

"Du traust mir noch immer nicht?"

Branagorn zögerte, ehe er schließlich doch antwortete. "Wir reiten morgen nach Elfgartenburg."

"Was ist dort?"

"Dort befindet sich ein Königshof. Rahtol pflegt dort sein Heer zu versammeln und es ist sehr wahrscheinlich, dass er jetzt dort ist. Abt Sutrebogir hat das bestätigt."

"Dann also auf zu diesem Königshof!", sagte Ravic, während er sich auf dem einfachen Bett ausstreckte, das er hier in Parathwena gefunden hatte.

*

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AM NÄCHSTEN MORGEN ging es in aller Frühe weiter. Branagorn hatte am Abend zuvor noch eine längere Unterredung mit dem Abt gehabt, von der Ravic allerdings kein einziges Wort verstanden hatte, da das Gespräch auf Anzanisch geführt worden war. Am Morgen unterhielten sich Branagorn und Abt Sutrebogir noch einmal auf diese Weise und der Abt brachte sie sogar persönlich zum Haupttor des Schamanenklosters.

"Es scheint wichtige Dinge gegeben zu haben, die du mit Sutrebogir zu besprechen hattest", meinte Ravic, nachdem sie schon fast eine Stunde geritten waren und durch ein bewaldetes Gebiet kamen.

"Ein wenig geistlicher Trost", behauptete Branagorn.

"Und dazu bedarf es einer Geheimsprache?"

"Geheim ist die Sprache nur für diejenigen, die sie nicht gelernt haben."

"Du musst mich für einfältig halten!"

"Bist du das nicht auch?" Branagorn machte eine wegwerfende Handbewegung, wie sie für ihn so typisch war. "Es reicht, wenn du dein Schwert führen kannst und weiterhin auf der Hut bist."

"Der kahle Lerak wird ja jetzt wohl kaum noch einen Mörder schicken..."

"Da wäre ich mir nicht so sicher."

"Er schien mir mit deinen Plänen einverstanden zu sein."

"Ja, das war er, als ich mit ihm in der Kapelle sprach. Aber sein Gemüt ist schwankend. Und es kann sein, dass ihn dann doch plötzlich der Zorn packt und er etwas tut, wovon er selbst vielleicht nie geglaubt hätte, dass er dazu fähig wäre."

"Ja, das kann ich nachempfinden..."

"Es sind nicht nur die Könige, die vielleicht einen Grund dazu haben, mir den Hals aufzuschlitzen. Die vielleicht sogar am wenigsten, denn letztlich will ich nur ihr Bestes, auch wenn sie das selbst vielleicht nicht immer so sehen. Es sind die Elfen aus der zweiten Reihe, die mir genauso gefährlich werden können."

"Elfen wie Darnuc von Dalabor."

"Richtig. Diese Elfen haben vielleicht sogar mehr zu verlieren, wenn sich im Spiel der drei Elfenkönige eine Wende ergibt. Das hat mir das Beispiel von Darnuc vor Augen geführt."

"Wirst du etwas gegen ihn unternehmen, wenn du das nächste mal Darnucs Herrn triffst?"

"König Giwdul?" Branagorn zuckte mit den Schultern. "Manchmal ist es klüger, nichts zu tun."

"Aber es liegt auf der Hand, dass dieser Elfenritter namens Nondramil und seine Begleiter von ihm geschickt wurden!"

"Habe ich einen Beweis dafür? Kann ich sicher sein, dass König Giwdul mich mehr braucht, als er Darnuc braucht?"

"Ich verstehe nichts von derlei Ränken", sagte Ravic. "Ich töte meine Feinde und helfe meinen Freunden - oder denen, die mich dafür bezahlen oder denen ich aus einem anderen Grund das Gefolge geschworen habe."

"Beneidenswert wenn die Welt so einfach ist", murmelte Branagorn. "Das ist sie für mich leider nicht."

"Du willst mich einfältig nennen?"

"Du bist einfältig, Ravic."

"Das sagt mir ein Elf, der mir angedroht hat, mich mit einem übellaunigen Gedanken töten zu können?"

"Das war nur Ausdruck von Realismus", sagte Branagorn. "Deine Einfalt kommt durch deinen Zorn. Aber daran arbeiten wir ja."

*

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SIE BRAUCHTEN LÄNGER als geplant für den Weg nach Elfgartenburg. Das lag daran, dass ein Weg, den Branagorn eigentlich nehmen wollte, unpassierbar geworden war. Es hatte einen Erdrutsch gegeben. Bäume und Geröllmassen versperrten den Weg nach Westen und so waren sie gezwungen, einen anderen Weg zu nehmen. Sie trafen auf Bauern aus der Gegend, die ihnen schilderten, was geschehen war.

So kampierten sie in der Nacht an einem Wasserlauf, dem sie auch am darauffolgenden Tag einige Stunden folgten.

Ravic fiel ein großes Flussschiff auf. Seine Länge lag irgendwo zwischen einer Seebarke, die maximal 60 Krieger Besatzung hatte, und einem Langkahn, auf dem hundert Krieger Platz hatten. Aber es gab kein Segel und keine Riemen. Vom Ufer aus zog ein Laufdrachentier-Gespann das Boot voran. Im Bug und im Heck standen jeweils Elfen mit langen Staken, deren Hauptaufgabe darin zu bestehen schien, das Boot vom sumpfigen Ufer abzuhalten.

Menschen waren das.

Keine Elfen.

Ravic zügelte sein Laufdrachentier. Er konnte kaum fassen, was er sah.

"Was gibt es da zu starren, Ork?", fragte Branagorn. "Noch nie ein Boot gesehen?"

"Nennt ihr so etwas Schifffahrt?", fragte Ravic kopfschüttelnd.

"Das nennt man hier Treideln."

"Wie auch immer. Es würde mir zu Hause niemand glauben, wenn ich erzähle, dass ich ein Schiff gesehen habe, das von Tieren gezogen wurde!"

"Lasst ihr eure Schiffe nie von Ochsen oder Laufdrachentieren ziehen?"

"Aber doch höchstens über Land! Dieses hier liegt im Wasser und schwimmt! Bei Nidos Auge, es gibt doch Segel und Riemen! Wozu ein Schiff, das schwimmen kann, von Ochsen ziehen lassen? Das ist so widersinnig, als würde ich versuchen, einem Laufdrachentier das Sprechen beizubringen!"

"Dann weiß ich nicht, was du erst sagen wirst, wenn du mal einen magiegetriebenen Kahn siehst."

"Magiegetrieben?"

"Wie bei den magiegetriebenen Karren. Du wirst Elfen am Ufer oder im Schiff stehen sehen, die mit weit ausgebreiteten Armen magische Beschwörungen rufen und damit ein Schiff antreiben. Allerdings ist das selten."

"Warum?"

"Weil es ein hohes Risiko beinhaltet."

"Welches Risiko?"

"Die Elementargeister von Wasser und Wind reagieren oft eifersüchtig, wenn man sie zu umgehen versucht. Und vor allem - sie sind meistens stärker."

"Ich verstehe."

"Schon so manche Ladung ist dabei gekentert."

"Bei einem magiegetriebenen Karren kann das natürlich nicht passieren."

Branagorn nickte.

"Komm weiter, Ork. Wir haben es eilig. Und davon abgesehen, wirst du Wunder dieser Art noch öfter zu Gesicht bekommt!"

"Das Land meiner Mutter ist mir doch fremder, als ich es je für möglich gehalten hätte", gestand Ravic. "Aber sie hat es mir prophezeit."

"Was hat sie dir prophezeit?"

"Das ich überall fremd sein werde. Ganz egal, wohin ich komme."

*

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ES WURDE WARM UND RAVIC begann unter seinem dicken Wams zu schwitzen. Der Frühling schien früh zu kommen. Viel früher jedenfalls, als Ravic das von seiner Heimat her gewohnt war.

Am frühen Nachmittag erreichten sie den Königshof von Elfgartenburg. Die Anlage hatte etwa die Ausmaße des Königshofs von Dalabor, auch wenn die Befestigungen im Gegensatz zu den dortigen Verhältnissen zu einem Großteil aus Stein waren. Ein großes Heer hatte sich hier versammelt. Flaggen wehten im Wind, Zelte waren in dem Bereich jenseits der Mauern des befestigten Königshofs aufgebaut worden. Es waren Tausende, die hier kampierten.

"Das muss Rahtols Heer ein", glaubte Branagorn. "Man hat mich also richtig informiert. Den Kaiser werden wir dann gewiss hier finden."

"Gegen wen zieht dieses Heer?"

"Wahrscheinlich hat Rahtol sein Heer zusammengezogen, um seine Vasallen weiter nördlich gegen die Einfälle Giwduls zu unterstützen. Aber nun wird es vielleicht gegen deine Verwandtschaft auf der Flussinsel und in Xalanor kämpfen."

Während sie durch das ausgedehnte Heerlager zogen, ließ Ravic den Blick schweifen. Die Übermacht war überwältigend. Ein paar hundert Orks auf der Flussinsel hatten dagegen nicht den Hauch einer Chance. Vielleicht konnten sie sich eine Weile halten. Eine Insel bot schließlich für die Verteidiger gewisse Vorteile. Aber auf die Dauer musste dieser Kampf vergebens ein. Man kann nur hoffen, dass sie klug genug sind, und ihre Beute auf das Meer hinaus retten, bevor es zu spät ist, ging es Ravic durch den Kopf. Das Elfenreich erschien ihm wie ein gewaltiger, schlafender Drache. Diesen Drachen hatten die Orks gereizt, ihm sogar ein paar empfindliche Wunden geschlagen. Aber bevor er richtig erwachte, tat man gut daran, nicht mehr in der Nähe zu sein.

Sie werden klug genug sein, entsprechend zu handeln, redete Ravic sich ein. Er gehörte nicht mehr zu ihnen und doch machte er sich Sorgen um sie. Das musste wohl die Macht der Gewohnheit sein. Das Band zwischen ihm und den Seinen war doch stärker, als es ihm in den letzten Tage vorgekommen war.

Am Tor standen schwer bewaffnete Wächter, die sie anhielten.

"Wer will zum Königshof?", fragte einer von ihnen.

"Branagorn von Yevroc in Diensten der heiligen Tempelstätten und der Schamanenheit. Man erwartet mich."

Der Kommandant der Wächter trug einen Überhang mit dem kaiserlichen Wappen. Ein Elfenkrieger. Er trat vor und deutete auf Ravic. "Und wer bist du?"

"Ich begleite diesen reisenden Schamanen", sagte er.

"Deine Sprache klingt eigenartig. Woher kommst du?"

"Jedenfalls von weit her."

Der Wächter machte ein Zeichen, mit denen er ihnen bedeutete, weiterzureiten. Das ließen sich Ravic und Branagorn nicht zweimal sagen. Ravic führt das Pack-Laufdrachentier hinter sich her, während Branagorn voranritt. Im Innenbereich des Königshofes hatten Händler ihre Stände aufgestellt. Es roch nach halb verdorbenem Fleisch und vielen anderen Dingen, von denen Ravic noch nicht einmal zu sagen vermochte, was es war. Ein blinder Lautenspieler versuchte sein Publikum für sich einzunehmen, während ein kleiner Junge herumging und Münzen aus Silber und Kupfer bettelte. Krieger übten sich im Kampf und schwangen ihre langen Elfenschwerter.

"Pass auf alles auf, was du am Leib trägst, Ravic", riet Branagorn seinem Begleiter.

"Du machst dir Sorgen darüber, dass ein Räuber einen Räuber bestehlen könnte?"

"An Orten wie diesem sind die Diebe so geschickt, dass du es nicht einmal merkst, wenn sie dir die Taschen ausleeren. Und ich sage dir: Selbst vor Schamanen haben sie keinen Respekt!"

Sie erreichten schließlich das Hauptgebäude des Königshofes. Es war - wie die äußere Ummauerung und die unübersehbare Kapelle - aus Stein, während so gut wie alle anderen Gebäude in Fachwerkbauweise errichtet worden waren. Branagorn stieg von seinem Laufdrachentier und Ravic folgte seinem Beispiel.

Ein Elf in edlem Wams trat aus dem Portal des Hauptgebäudes heraus. Er trug nur ein kurzes Schwert, das kaum die Länge eines Langmessers hatte, aber einen mit Gold verzierten Griff besaß.

Keine Waffe, die dem Kampf dient, sondern ein Schmuckstück, dachte Ravic.

"Branagorn von Yevroc!", rief der so edel geschmückte, dessen dunkler Knebelbart auf eine so sorgfältige Weise geschnitten war, wie es wohl nur am Hof eines Königs und Kaisers hin und wieder vorkam. "Man hat schon behauptet, Euch sei etwas zugestoßen und Ihr wäret daher nicht mehr in der Lage, uns jemals wieder mit Eurer Gegenwart zu beehren!"

"Seid gegrüßt, werter Zeteyd von Elfenheim!", gab Branagorn zurück. "Es soll jemand kommen und sich um unsere Laufdrachentiere kümmern und unser Quartier vorbereiten."

Zeteyd von Elfenheim winkte ein paar Bedienstete herbei, die sich augenblicklich um die Laufdrachentiere kümmerten.

Ravic zögerte zunächst, einem der Stallburschen die Zügel zu überlassen. Er dachte an Branagorns Worte in Bezug auf die Geschicktheit der Diebe in Elfgartenburg. Aber Branagorn nickte ihm ermutigend zu. "Denen können wir trauen!", behauptete er.

"Wenn du das sagst!"

"Unserem Eigentum wird nichts geschehen", versicherte Branagorn.

"Ihr habt einen Begleiter, der voller Misstrauen ist", stellte Zeteyd fest. "Darf ich erfahren, mit wem ich die Ehre habe?"

"Mein Name ist Ravic."

"Ich habe dich hier noch nie gesehen, aber das soll nicht heißen, dass du nicht willkommen wärst. Was kann ich über dich noch erfahren, abgesehen von deinem Namen?"

"Ich bin der Sohn einer elfischen Mutter."

Zeteyd grinste. "Wie die Meisten von uns."

"Wenn du das sagst!"

"Dein Vater muss was anderes gewesen sein! Vielleicht ein Menschen-Bauer. Irgendwas Grobes."

Anscheinend sind Orks auf ihren Raubzügen nie so weit in den Süden gelangt, dass Zeteyd schon einem von ihnen begegnet ist, dachte Ravic.

Gut so.

"Jedenfalls scheinst du verschwiegen zu sein und gibst nur das preis, was unbedingt notwendig ist. In Anbetracht all des Geschwätzes, das diesen Hof erfüllt, ist das eine Eigenschaft, die ich durchaus schätze, Ravic Unbekannt!"

Noch während Zeteyd von Elfenheim Ravic einer eingehenden, prüfenden Musterung unterwarf, ergriff Branagorn wieder das Wort. "Haltet mich nicht für unhöflich, Zeteyd, aber ich habe es eilig... "

"Eure Mission ist wie gewöhnlich dringend", sagte Zeteyd mit einem spöttischen Lächeln um die Lippen.

"Genau so ist es."

"Was das Quartier anbetrifft, dass Ihr verlangt habt, Branagorn, muss ich Euch wahrscheinlich enttäuschen. Ihr werdet bei Euren Laufdrachentieren im Stall nächtigen müssen - und selbst dort werdet ihr nicht allein sein, wie Ihr noch sehen werdet. Aber in Anbetracht dessen, was hier in Elfgartenburg zurzeit los ist, ist das nicht weiter verwunderlich. Der Kaiser hat seine Krieger aus allen Teilen seines Reiches gerufen und da platzt dieser Königshof eben aus allen Nähten wie ein Wams, das einen zu fett gewordenen Wanst umspannen und dabei heil bleiben soll."

"Ich habe ein einfaches Leben auf dem Pfad des Geistes gelobt und finde nichts dabei, in einem Stall zu übernachten", versicherte Branagorn.

"Aber an Speise und Trank soll es dafür umso reichlicher für Euch und Euren Begleiter geben. Daran herrscht hier nämlich kein Mangel."

"Zeteyd, ich muss zum Kaiser. Jetzt und sofort. Es gibt wichtige Dinge, die ich ihm vorzutragen habe. Die Zeit drängt."

"Mag die Zeit drängen oder nicht. Der Kaiser ist nicht hier."

"Was?" Branagorn wirkte in diesem Moment wie vor den Kopf gestoßen.

"Anscheinend ist die Nachricht darüber zu Euch noch nicht vorgedrungen. Er ist heute Morgen in aller Frühe Richtung Nudrev aufgebrochen. Seine Anwesenheit bei den dortigen Verhandlungen schien kurzfristig notwendig. Er wird aber sicherlich in einigen Tagen zurückkehren und ich würde euch empfehlen, so lange hier zu warten."

"Einige Tage? Nein, das ist zu lang."

Zeteyd von Elfenheim zuckte die Schultern. "Es tut mir leid, aber ich kann nicht mehr für Euch tun. Ich selbst habe den Auftrag, mit dem Heer gen Norden aufzubrechen, sobald wir einigermaßen vollzählig und alle zur Heerfolge verpflichteten Vasallen eingetroffen sind. Das könnte schon sehr bald der Fall sein."

Branagorn schluckte. "Ich danke Euch für Eure Auskünfte. Wir werden dem Kaiser nachreiten. Wenn Ihr uns mit frischen Laufdrachentieren..."

"Die Nacht solltet ihr hier in Elfgartenburg verbringen", unterbrach Zeteyd den Schamanen. "Die Wege nach Nudrev sind unsicher für einzelne Reiter. Es treibt sich viel Gesindel dort herum und wer weiß? Vielleicht kann Euch dann auch ein Ravic nicht schützen!"

Er will Branagorn auf gar keinen Fall frische Laufdrachentiere geben, war es Ravic sofort klar. Auch wenn er seine Absage hinter höflich klingendem höfischen Gerede zu verbergen weiß. Ravic fragte sich, was wohl der Grund dafür sein mochte. Vielleicht lag er ganz einfach darin, dass alle Laufdrachentiere hier im Heerlager des Kaisers gebraucht wurden. Schließlich stand man ganz offensichtlich kurz vor dem Aufbruch.

Die andere Möglichkeit war natürlich, dass es Zeteyd aus irgendeinem Grund nicht recht war, dass Branagorn dem Kaiser nach Nudrev folgte. Soll sich der Schamane den Kopf über diese Frage zerbrechen, dachte Ravic.

*

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AM ABEND GAB ES EIN großes Mahl im Hauptgebäude des Königshofes, zu dem Zeteyd von Elfenheim auch Ravic und Branagorn rufen ließ. Allerlei armes Volk aus der Umgebung hatte sich ebenfalls eingefunden und wurde bei dieser Gelegenheit verköstigt. Almosen im Namen des Kaisers und des Herrn im Himmel.

Für einen Kaiser, dessen Herrschaft gelinde gesagt nicht unumstritten ist, dürfte es ganz günstig sein, sich als mildtätiger Almosengeber in Erinnerung zu bringen, dachte Ravic.

Dass der hohe Herr selbst gar nicht anwesend war, spielte dabei keine Rolle. Jeder wusste schließlich, wem das Mahl zu verdanken war. Man würde sich lange daran erinnern und Rahtol um so freundlicher begrüßen, wenn es ihn nach ein paar Jahren mal wieder in die Gegend um Elfgartenburg verschlug. Die Nachteile eines durchziehenden Heertrosses waren auf diese Weise leichter erträglich.

Ravic langte ordentlich zu. Das Fleisch war sehr würzig. Ob es wirklich gut war, konnte man am Geschmack nicht mehr erkennen, so stark war es mit allerlei Zusätzen angereichert. Aber Ravic sagte sich, dass jemand, der im Stall übernachten musste, wenigstens gut essen sollte. Und davon abgesehen, hatte die opulente Fülle dessen, was hier aufgetischt wurde, ihm wirklich den Atem verschlagen.

Ein solches Mahl hatte er noch nicht erlebt. Selbst zu den größten Feiern, zu denen sein Vater auf seinen Hof geladen hatte, war das Angebot nicht einmal annähernd vergleichbar gewesen. Die Tische bogen sich förmlich unter den Speisen. Es waren Früchte dabei, die Ravic noch nie zuvor gesehen hatte und es stiegen ihm Gerüche in die Nase, die ihm so intensiv erschienen, dass er zeitweise den Eindruck hatte, seine Nase sei regelrecht betäubt worden und er könnte kaum noch Luft bekommen.

Bier und Wein flossen in Strömen und auch gegen deren Geschmack war nichts einzuwenden, auch wenn Ravic doch nach wie vor den Honiggeschmack des heimischen Mets vermisste.

"Ich gebe dir den guten Rat, nur mäßig zu trinken", sagte Branagorn an Ravic gewandt, nachdem dieser innerhalb kürzester Zeit bereits den dritten Krug gelehrt hatte.

"Warum?", fragte Ravic mit vollem Mund und spuckte dann einen kleinen Knochen aus, der ihm zwischen die Zähne geraten war.

"Damit du einen klaren Kopf behältst!"

"Du erwartest selbst hier, dass dir jemand ans Leder will, Branagorn?"

"Dieser Ort ist ebenso gut oder schlecht dazu geeignet, mich umzubringen wie jeder andere. Und abgesehen davon brechen wir morgen in aller Frühe auf und ich habe keine Lust, mit einem Halbtoten durch die Gegend zu ziehen!"

"Keine Sorge! Dies ist der letzte Krug!", erklärte Ravic und leerte sein Trinkgefäß daraufhin in einem Zug.

Ein Mann fiel Ravic auf. Er trug eine zerrissene, fleckige Kutte aus grauem Gewebe. Die Kapuze trug er über den Kopf gezogen. Er hatte zunächst sehr auffällig gehinkt und Ravic hatte ihn daher für einen der armen Schlucker gehalten, die es sich beim Festmahl im Namen des Kaisers gut gehen ließen. Aber als er dann von seinem Platz aufstand, um sich noch etwas Wein zu holen, wirkten seine Bewegungabläufe auf einmal viel weniger ungeschickt und wie durch eine schwere Krankheit gezeichnet. Davon abgesehen bemerkte Ravic nun schon zum zweiten Mal, dass dieser Mann geradewegs in Branagorns Richtung schaute. Branagorn war in ein Gespräch mit einem anderen Schamanenbruder vertieft, der wohl als Schreiber am kaiserlichen Hof diente, aber schon zu alt war, um den schnellen Ritt seines Herrn nach Nudrev mitmachen zu können. Von dem Gespräch der beiden bekam Ravic nur wenig mit, da sie sich nur zum Teil auf Elfisch unterhielten und stattdessen immer wieder ins Alt-Elfische oder Anzanische wechselten.

Der Hinkende wandte unterdessen erneut den beiden Schamanen seinen Blick zu. Stahlblaue Augen hatte er - und einen klaren Blick, der Ravics ersten Eindruck von einem halb betrunkenen Bettler, der so viel Wein und Rebhuhn in sich hineingestopft hatte, wie sein Bauch zu fassen vermochte, inzwischen sehr gründlich korrigiert hatte.

War der Hinkende ein Mensch?

Auf Grund der Kapuze konnte man nicht ohne Weiteres sagen, ob er Mensch, Elf oder irgendetwas anderes war. Aber Elfen hinkten selten und wenn, dann nur vorübergehend, aber nicht dauerhaft, da sie über eine ausgefeilte Heilmagie verfügten.

Zumindest die Elfen hohen Standes, die reich genug waren und diejenigen, die selbst genug bewandert in den heilmagischen Künsten waren, dass sie sich selbst helfen konnten.

Auch unter Taschendieben und Bettlern waren mitunter Elfen, wie Ravic bemerkt hatte. Aber eher selten.

Also ist er ein armer Elf oder ein Mensch, dachte er.

Wahrscheinlich Letzteres, denn was sollte ein armer Elf aus niederem Stand, der vielleicht sogar aus einem höheren Stand verstoßen worden war, hier zu suchen haben?

Und was, wenn es ein falscher Bettler ist?, fragte sich Ravic. Ein Elf, der so tut, als ob er hinken müsste und deshalb auf Almosen angewiesen wäre, weil er nicht arbeiten könnte?

Dann konnte er ein potentieller Attentäter, Spion eines andren Elfenkönigs oder sonst etwas Unerfreuliches sein...

Ravic beschloss, den Hinkenden nicht aus den Augen zu lassen. Vielleicht bildete er sich nur etwas ein und Branagorn hatte ihn mit seiner Furcht vor Verfolgung bereits angesteckt. Für einen kurzen Moment nur wurde Ravic durch den Anblick eines Menschen-Küchenmädchens abgelenkt, das sich ziemlich ungeschickt anstellte und einen halben Krug Wein verschüttete.

Ein kleiner Tumult folgte daraufhin. Als er sich gelegt hatte, war der Hinkende in der Menge verschwunden.

"Die Wollust ist eine Todsünde auf dem Pfad des Geistes, Ravic!", drang jetzt Branagorns Stimme in seine Gedanken, der das Gespräch mit dem Schreiber offensichtlich beendet hatte.

"Wie kommst du jetzt darauf, Branagorn?"

"Du starrst das Küchenmädchen so an, als ob dir gleich die Augen herausfallen."

"Du scheinst selber zuviel daran zu denken, sonst wäre dir das gar nicht aufgefallen, Schamane."

"Gut pariert!"

"Außerdem frage ich mich, wie es so viele Elfengottgläubige Elfen und Menschen auf der Welt geben kann, wenn sie alle ihren Glauben tatsächlich befolgen und die Auffassung teilen, dass Wollust eine Todsünde sei!"

"Nun..."

"Wenn sie sich an ihren Glauben gehalten und auf dem Pfad des Geistes geblieben wären, hätten sie sich nie vermehrt und vermutlich wären dann ganze Landstriche unbewohnt."

Branagorn lächelte mild. "Es gibt eine Wahrheit des Glaubens und eine des Lebens selbst."

"Mir war ein Mann aufgefallen, der mir seltsam erschien. Er wirkte erst wie ein hinkender Bettler und bewegte sich dann auf eine Weise, die dazu nicht passte..."

"Das ist alles?"

"Ja."

"Elf oder Mensch oder Dämon?"

"Ich weiß es nicht."

"Das Erbe deiner Elfenmutter müsste dich eigentlich in die Lage versetzen genauer zu sehen!"

"Mag sein."

"Nun, wahrscheinlich ist es nicht wichtig. Aber gut, dass du aufmerksamer wirst."

Ravic zuckte mit den Schultern. "Ich habe gelernt, dass man aufpassen muss, wenn etwas nicht so ist, wie es sein sollte."

"Falsche Bettler gibt es wie Sand am Meer. Und auch, wenn du dir das nicht vorstellen kannst, aber sie gehören an Orte wie diesen! Bettler, die wissen, dass sie möglichst erbarmungswürdig wirken müssen, um die Freigebigkeit der Gläubigen damit anzuregen. Ein Festmahl wie dieses zieht sie an wie das Licht die Motten."

"Wenn du das sagst..."

"Ich habe übrigens Neuigkeiten erfahren. Offenbar tun sich in Nudrev Dinge, die Bewegung in das Spiel der Könige bringen. Wir werden einen scharfen Ritt vor uns haben..."

Ravic ahnte, was diese Worte bedeuteten: Das Festmahl war für sie beide jetzt zu Ende. Der Orkling nahm sich noch einen Waldrappschenkel mit, musste dann aber so laut aufstoßen, dass man sich zu ihm umdrehte. Und das, obwohl er nun wahrhaftig nicht der Einzige war, dem das eine oder andere Geräusch als Folge der Völlerei aus der einen oder anderen Körperöffnung drang.

Selbst unter empfindsamen, kultivierten Elfen!

"Man hat deine Stimme vernommen, Orkling", sagte Branagorn und erhob sich. "Vernimm du nun auch die meine: Es war genug für dich! Sonst platzt du!"

*

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RAVIC UND BRANAGORN verließen die Festhalle im Hauptgebäude des Königshofs, um sich zu ihrem Lager im Laufdrachentier-Stall aufzumachen. Draußen war es bereits dunkel. Eine kühle, sternklare Nacht, die noch einmal an den gerade vorübergegangenen Winter erinnerte.

Dann erreichten sie den Stall. Zeteyd von Elfenheim hatte ihnen ja angekündigt, dass sie dort nicht allein nächtigen würden. Aber im Moment war dort niemand. Nicht einmal die Stallburschen. Keiner von ihnen wollte sich das Festmahl entgehen lassen und weil niemand unter ihnen wusste, ob oder wann er so etwas je wieder erleben würde, stopften sie so viel in sich hinein, wie sie nur konnten. Bis zum letzten Stück Fleisch und dem letzten Tropfen Wein oder Bier würde das gehen, sodass am Ende wahrscheinlich kaum einer der Festteilnehmer noch in der Lage war, zum Stall zu finden.

"Vielleicht haben wir unser fürstliches Quartier wider Erwarten doch allein", meinte Branagorn von Yevroc.

Ravic war selbst so vollgegessen, dass er zu einer Antwort außerstande war. Immerhin zahlte es sich jetzt aus, dass Branagorn Ravics Durst nach Bier und Wein etwas gedrosselt hatte. Ravics Kopf war nur ein bisschen schwer, aber im Großen und Ganzen hatte er das Gefühl, noch Herr seiner Sinne zu sein.

Eines der Laufdrachentiere schnaubte.

Die Stalltür stand halb offen. Möglich, dass das an der Unachtsamkeit der Stallburschen lag. Das Lachen und der Festlärm aus dem Hauptgebäude drangen bis hier her. Eine Moment lang versuchte Ravic sich einzureden, dass die Unruhe unter den Laufdrachentieren daher kam. Dann sah er den Schatten auftauchen. Urplötzlich kam er aus einer dunklen Ecke. Durch ein Loch im Dach fiel Mondlicht herein und spiegelt sich in einer blanken Klinge eines Langmessers - etwa so lang wie eine Elle. Der Schatten stürzte sich auf Branagorn. Ravic riss das Handbeil aus dem Gürtel und ehe der Angreifer Branagorn zu erreichen vermochte, hatte die Beilklinge ihm bereits den Schädel gespalten. Er sank zu Boden und rührte sich nicht mehr.

Ravic zog das Schwert. Die Laufdrachentiere fauchten unruhig und schnaubten.

Ravic ließ den Blick schweifen, während Branagorn wie angewurzelt stehen geblieben war. Einer Salzsäule gleich war er förmlich erstarrt.

Einige Augenblicke lang geschah gar nichts. Die Laufdrachentiere brauchten etwas Zeit, bis sie sich einigermaßen beruhigten. Ravic war sich schließlich sicher, dass niemand außer ihnen im Stall war.

Er steckte das Schwert wieder ein und kniete neben dem Toten nieder. Das Handbeil steckte noch in seinem Kopf. Ravic zog es heraus. Er wischte es am Stroh ab und befestigte es wieder am Gürtel. "Du solltest deine Entscheidung, hier die Nacht zu verbringen noch einmal überdenken, Branagorn", sagte er dann.

"War das der Mann, den du in der Halle gesehen hast?", fragte Branagorn jetzt.

"Die Gewandung könnte hinkommen. Aber man sieht hier nicht viel." Ravic stand auf. Er packte den Toten unter den Achseln und zog ihn ins hereinfallende Mondlicht. Das Gesicht war jetzt gut erkennbar. Ein Elfengesicht. "Er ist es", stellte er knapp fest. "Ich hatte recht: Ein falscher Bettler, der keineswegs durch ein ungnädiges Schicksal zum Humpeln verdammt war."

"Irgendjemand wird ihn dafür bezahlt haben, dass er mich angreift."

"Ja. Fragt sich nur, wer. Du hast hier anscheinend nicht nur Freunde, Schamane."

"Wie gut, dass ich jemanden wie dich an meiner Seite habe."

"Ich könnte ihn durchsuchen. Möglicherweise finden wir irgendeinen Hinweis auf denjenigen, der den Auftrag dazu gegeben hat."

"Lass es", verlangte Branagorn, als Ravic bereits damit angefangen hatte, die Kleider des Toten zu durchsuchen und nachzusehen, was in seiner Gürteltasche zu finden war.

Ein paar Münzen aus Kupfer und Silber waren darin. Ravic nahm sie einfach an sich. Ihrem ursprünglichen Besitzer konnten sie ohnehin nichts mehr nützen. Und davon abgesehen, hatte er diese Beträge, die ja ohnehin klein genug waren, auf gewisse Weise verdient. Zumindest entsprach das Ravics innerem Sinn für Gerechtigkeit.

Dass der sich mitunter erheblich von dem unterschied, was ein Elf darüber an seiner Stelle gedacht hätte, war ihm durchaus schon aufgefallen.

"Lass es!", sagte Branagorn jetzt noch einmal. Und das war keineswegs eine Bitte, sondern im Tonfall eines energischen Befehls gesprochen. "Wir reiten sofort los! Die ganze Nacht durch, soweit es unsere Laufdrachentiere mitmachen. Hier in Elfgartenburg bleibe ich nicht für die Dauer eines Glockenschlags mehr."

Er scheint zu wissen, wer dahintersteckt, ging es Ravic durch den Kopf. Zumindest ahnt er es. Und deswegen braucht er auch gar nicht weiter zu wissen, was man bei dem Toten vielleicht noch so alles finden könnte...

*

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DIE LAUFDRACHENTIERE waren sehr schnell gesattelt. Gemeinsam luden Ravic und Branagorn dem Packtier dann seine Last wieder auf. Die Leiche des gedungenen Mörders bedeckte Ravic mit Stroh, sodass man sie nicht gleich fand.

"Glaubst du, dass der Herr dieser Königsburg etwas damit zu tun hat, Schamane?", fragte Ravic.

Branagorn von Yevroc zuckte mit den Schultern. "Soll ich diese Möglichkeit etwa ausschließen? Inzwischen habe ich gelernt, dass ich wirklich niemandem mehr trauen kann."

"Niemandem außer dem Elfengott und dem Pfad des Geistes, wie ich hoffe. So sagst du doch immer."

"Natürlich", gab Branagorn schmallippig zurück.

Sie brachen auf. Das Tor des Königshofs stand offen. Schließlich waren viele der auf den umliegenden Feldern kampierenden Heerscharen immer wieder ins Innere der Befestigung gegangen, um sich verköstigen zu lassen. Mit irgendeiner Gefahr von außen war ohnehin nicht zu rechnen. Nicht hier, mitten im Herzen von Rahtols Reich und schon gar nicht, so lang ein großes und immer noch wachsendes Heer den Königshof umsäumte wie ein zusätzlicher Schutzwall.

Die Wächter schliefen. Auch sie hatten offenbar viel Wein und Bier getrunken. Niemand behelligte Ravic Elfenstirnspalter und Branagorn von Yevroc daher, als sie das Tor passierten und ihren Weg durch das ausgedehnte Lager der Krieger suchten.

"In Nudrev wird man dich genauso unfreundlich empfangen", glaubte Ravic.

"Aus Nudrev kam vielleicht der Mörder", gab Branagorn zurück.

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Kapitel 21

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"Die Elfen! Sie haben das Flussufer besetzt!"

Valo fühlte, wie jemand ihn bei der Schulter packte und rüttelte. Er erwachte.

In der Kapelle herrschte Halbdunkel. Ein Feuer brannte vor dem Altar - und mehrere Fackeln an den Wänden.

"Rumrost!", entfuhr es Valo, als er den Ork erkannte, der ihn geweckt hatte. "Bei Rohts Hammer, es muss mitten in der Nacht sein!"

"Du solltest dir ansehen, was da geschieht", sagte Rumrost. "Und für Ruhe ist jetzt keine Zeit! Leg deine Waffen an und komm!"

Valo erhob sich.

"Du hast zu wenig Met getrunken!", rief der irre Mroo. "Es gibt Orks, die schlafen dann schlecht und stören andere!"

"Hört mir zu!", wiederholte Rumrost Sturmsohn jetzt seine Botschaft. "Hört mir alle zu! Die Nacht ist vorbei für uns! Die Elfen haben sich neu aufgestellt. Vielleicht sind von anderswo Krieger dazugestoßen oder irgendeiner ihrer Könige hat sich entschlossen, ein Heer gegen uns aufzustellen! Tatsache ist, dass sie da sind! Ich habe sie gesehen."

"Immer mit der Ruhe!", meldete sich Dhalmi zu Wort. "Zwischen ihnen und uns liegt ein ganzes Stück Wasser. Und ich kann mir kaum vorstellen, dass es genug Krieger unter den Elfen sind, die des Schwimmens fähig wären! Und da drüben in Nivandrum nichts mehr zu finden ist, was sie über das Wasser tragen könnte, können sie uns auch so schnell nicht gefährlich werden."

Das gilt allerdings nur für den Moment, wusste Valo.

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NACH DEM KAMPF GEGEN die Elfen von Endres von den Niederauen, hatte Valo den Befehl gegeben, sich komplett auf die Flussinsel zurückzuziehen. Tage waren seitdem vergangen. Ab und zu schickte Valo ein paar Späher auf die andere Seite, die sich etwas umsehen sollten. Aber die meiste Zeit beschränkte man sich darauf, das Ufer zu beobachten. Am Tag war die Sicht sehr gut. Schließlich gab es kaum noch Gebäude, Bäume oder Sträucher, die die Sicht versperrten.

Auch wenn der Blutzoll unter seinen Kriegern höher wog, als die viel größeren Verluste der Elfen, so hatte Valo letztlich nicht daran geglaubt, so bald wieder einen Elfen in der Nähe auftauchen zu sehen. Schließlich hatten sie sich eine blutige Nase geholt. Ihre Verluste waren verheerend gewesen und die Kunde von dieser furchtbaren Niederlage hatte sich ganz sicher schneller als ein Lauffeuer verbreitet.

Offenbar hatte er die Elfen wohl unterschätzt.

Was ihn in den letzten Tagen am meisten Sorgen bereitet hatte, war die Tatsache, dass Igarb und seine Begleiter noch immer nicht zurückgekehrt waren. Eigentlich hätten längst und lange ein paar Großbarken an den Anfurten der Flussinsel festgemacht werden können - natürlich nur unter der Voraussetzung, dass es nicht irgendwelche unüberwindlichen Schwierigkeiten gegeben hätte.

Gespannte Seile hätten Igarb und die Besatzungen der Großbarken diesmal wohl kaum aufhalten können. Eher schon vermutete Valo zunehmend, dass Kirie Störenfried dafür verantwortlich war, dass man die Transportschiffe noch immer nicht zur Verfügung hatte. Innerlich fühlte Valo deswegen zunehmend kalten Grimm in sich aufsteigen, auch wenn er sich davon äußerlich nichts anmerken ließ. Kirie würde schon sehen, was er davon hatte, wenn sie sich eines Tages wieder persönlich gegenüberstanden und Valo ihn an das Bündnis mit seinem Vater erinnern würde.

Valo schloss den Schwertgürtel, als er bereits im Freien war. Dhalmi und Rumrost folgten ihm. Und auch der irre Mroo und Tarasmus fanden sich ein.

Aus der Ferne waren Rufe zu hören und Klopfen.

Ein Geräusch, wie es entstand, wenn Schwerter oder die Schäfte von Lanzen und Äxten gegen Schilde geschlagen wurden, um die gegnerischen Kämpfer einzuschüchtern.

Sie klopften in einem wiederkehrenden Rhythmus. Zweimal kurz und einmal lang. Und dazu dröhnte ein Chor von Stimmen herüber.

"Der Wind kommt aus ihrer Richtung! Nur deswegen hört man ihr Geschrei so deutlich", meinte Tarasmus finster.

Dann blickte Valo zum Himmel empor. Für einen Moment hätte man denken können, dass ein Schwarm Sternschnuppen am Nachthimmel zu sehen war.

Aber das waren keine Sternschnuppen, sondern Brandpfeile.

Es waren hunderte von Geschossen. Offenbar hatten die Elfen jeden Schützen, der nur halbwegs einen Bogen spannen konnte, zusammengerufen, um die Insel zu beschießen.

Von ihrem Standort aus konnten die Elfen nur das westliche Drittel der Flussinsel treffen. Die Schamanenklosterkapelle und das Lager der Orks lagen ganz sicher außerhalb ihrer Schussweite. Um so wichtiger, dass es vollkommen ausgeschlossen war, dass ihre Brandpfeile die Anfurt erreichten und die an Land gezogenen Schiffe trafen.

"Wer hält auf der Westseite Wache?", fragte Valo.

"Neruq Scharfauge und ein paar andere Krieger sind zurzeit auf der Westseite."

Inzwischen hatten sich mehr und mehr Orks vor der Tempelstätte versammelt. Valo teilte einige von ihnen dazu ein, bei den Gefangenen zu bleiben. Das Letzte, was man jetzt brauchte, war ein Aufruhr unter ihnen.

Außerdem befahl Valo ein paar weiteren Kriegern, die Wache bei den Schiffen zu verstärken. Schließlich konnte nicht ganz ausgeschlossen werden, dass die Elfen doch über den Fluss anzugreifen versuchten. Das mochte zwar unwahrscheinlich sein, da weit und breit dafür kein Wasserfahrzeug zu sehen war, aber möglicherweise hatte man dafür auf der gegnerischen Seite doch noch irgendeine Lösung gefunden und zum Beispiel irgendein Fährfloß herangeschafft.

Mit dem Großteil der restlichen Orks machte sich Valo dann zur Westseite der Insel auf. Erneut flog eine Salve von Brandpfeilen.

"Sie wollen die Bäume und Pflanzen in Brand stecken!", rief Valo. "Wo immer ihr seht, dass ein Feuer entflammt, versucht es zu löschen, solange es noch klein ist!"

"Bei Rohts Wetterlaunen, das wird ihre Absicht sein", stimmte Dhalmi zu. "Unser Gegner ist klüger, als ich geglaubt hätte. Wenn es ihnen gelingt, einen Brand zu entfachen, wird der Wind uns den Rauch entgegentreiben und uns den Atem nehmen, Valo!"

Ein Pfeil ging dicht neben dem Nachfolger von Remirg Elfenstirnspalter in den Boden. Die Flammen loderten. Die Pfeile waren in Pech getränkt und brannten wie Zunder. Und sie waren schwer zu löschen. Valo versuchte das Feuer auszutreten. Das Pech klebte an seinen Fellstiefeln und für ein paar Augenblicke tanzten auch unter seinen Sohlen die Flammen.

Wer immer die Angreifer diesmal auch anführen mag - er muss auf jeden Fall mehr Verstand haben, als dieser Endres von den Niederauen, der mich zu töten versucht hat, ging es Valo durch den Kopf.

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WENIG SPÄTER ERREICHTE er zusammen mit den anderen die Westseite. Das Mondlicht spiegelte sich in der Wasserstraße, die die Flussinsel vom Festland trennte. Am Ufer waren unzählige Feuer zu sehen. Fackeln in der Nacht. Und immer wieder stiegen die Brandpfeile wie Sternschnuppen auf und regneten über der Insel nieder. Der Wind war mit ihnen und gab ihnen zusätzlichen Anschub.

Dumpf klang der martialische Singsang der Elfen herüber. Mit ihren Schwertern schlugen sie noch immer in demselben Rhythmus auf ihre Schilde. Wie viele Krieger da auf der anderen Seite zusammengezogen worden waren, darüber konnte man im Moment nur rätseln. Sicher waren es einige hundert. Es konnten aber auch zehn oder zwanzig mal so viele Krieger sein. In der Dunkelheit war das nicht zu erkennen und ausschließlich nach der Anzahl der lodernden Flammen konnte man bei der Einschätzung dieser Frage ganz sicher nicht gehen.

Neruq Scharfauge legte einen Pfeil ein und schoss ihn auf die andere Seite. Die Entfernung war gerade so, dass ein guter Schütze wie er noch Aussicht hatte, sein Ziel zu treffen.

Allerdings nur bei Tag. So lange Dunkelheit herrschte war das vollkommen sinnlos.

Auch einige der anderen Wachen, die hier derzeit für die Westeseite eingeteilt waren, legten Pfeile ein. Aber da schritt Valo ein.

"Kein Schuss mehr!", rief er. "Ihr verschwendet nur eure Pfeile und im Moment werdet ihr nicht schnell genug neue fertigen können, um die verschossenen zu ersetzen!"

Es war wohl mehr die Wut, die die Schützen dazu veranlasste, ihre Pfeile in Richtung dieses geradezu übermächtig erscheinenden Gegners fliegen zu lassen. Aber bei den gegenwärtigen Lichtverhältnissen war es sehr unwahrscheinlich, jemanden zu treffen. Viel wahrscheinlicher war, dass die Pfeile vom Schildwall aufgehalten wurden und irgendwo im Holz stecken blieben. Am Ende nützte das nur den Angreifern, denn sie konnten diese Pfeile unter Umständen selbst nutzen, wenn sie sie vorsichtig genug aus ihren  Holzschilden herauslösten. "Achtet auf die Feuer und löscht sie! Holt Decken aus der Kapelle! Es darf kein Brand entstehen!"

"Lasst uns übersetzen und ihnen die Schädel spalten", knurrte der irre Mroo, der mit den Anweisungen von Valo überhaupt nicht einverstanden war.

Mroo ließ es sich nicht nehmen, einen dröhnenden Schrei zur anderen Seite zu senden. Und obwohl der Wind und das Zahlenverhältnis gegen ihn waren, konnte man ihn durchaus hören.

Ein Schrei, der nicht ganz ohne Wirkung blieb, denn für einige Augenblicke gerieten die elfischen Angreifer nicht nur mit ihren Schildschlägen aus dem Rhythmus, sie vergaßen auch scheinbar ihre eigenen Kampfgesänge. Sie wurden zumindest schwächer und es dauerte etwas, bis sie zu ihrer Ordnung zurückgefunden hatten.

"Ich töte euch alle!", rief Mroo. "Mit bloßen Händen reiße ich euch die Köpfe ab, ihr feigen Hunde!"

Ein Baum fing unterdessen Feuer.

Es war in letzter Zeit recht trocken gewesen und auch wenn die zunehmende Wärme keineswegs ausgereicht hatte, um die Feuchtigkeit völlig zu vertreiben und es immer noch schwierig blieb, dass durch den zeitweiligen Dauerregen mit Wasser vollgesogene Holz in Brand zu setzen, war nun genau das geschehen.

Das Feuer breitete sich rasch aus. Der Brandpfeil steckte so hoch im Baumstamm, dass man ihn vom Boden aus nicht so ohne weiteres erreichen konnte.

Heisere Rufe waren jetzt von der anderen Seite her zu hören. Rufe, die wohl an die eigenen Leute gerichtet waren und sie dazu anhalten sollten, die Schussfrequenz noch zu erhöhen.

Die Pfeilsalven kamen jetzt in immer rascherer Abfolge. Auch in Valos Nähe schlugen sie rechts und links von ihm in den Boden. Dort richteten sie keinen Schaden an. Aber die wenigen, die in den Bäumen Feuer entzündeten, sehr wohl. Und obwohl das nur auf einen Bruchteil zutraf, waren es immer noch genug. Bald loderten an mehreren Stellen die Flammen auf. Bäume und Sträucher begannen zu brennen.

"Niemand wird diese Brände löschen können, Valo", sagte Dhalmi Orkfresse.

Der irre Mroo tobte unterdessen und schrie sich vor lauter Wut die Seele aus dem Leib. Er war nicht allein damit. Einige andere Orks waren ebenfalls kurz davor, den Verstand zu verlieren und zum Berserker zu werden. Der aufsteigende, beißende Rauch schien eine ähnliche Wirkung zu haben wie der Trank aus Fliegenpilz. Nur war in diesem Fall wohl die pure Wut darüber, nichts tun zu können, was die Orks so außer sich vor Zorn werden ließ.

"Du musst etwas sagen, Valo!", sagte Dhalmi. "Es muss jetzt etwas geschehen!"

Bin ich Roht, der einfach seine Hammerfaust niedersausen und Blitze schleudern lässt?, ging es Valo durch den Kopf. Ich bin nur ein Ork und was dort geschieht, kann ich ebensowenig beeinflussen wie alle anderen, auch wenn sie genau das von mir erwarten.

"Zurück zur Kapelle!", rief Valo.

"Wir sollen vor diesen Tieren einfach zurückweichen?", ereiferte sich der irre Mroo. "Sind wir Weiber?"

"Nein, aber hoffentlich vernünftig! Zurück jetzt!", rief Valo.

"Valo hat Recht! Hier wird gleich eine Feuersglut ausbrechen und der Rauch nimmt uns den Atem!"

Valo ballte in ohnmächtigem Zorn die Hände zu Fäusten. Genau das, was jetzt geschieht, haben die Elfen gewollt! Und der Wind ist ihr Verbündeter!

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DER RÜCKZUG VOM WESTTEIL der Flussinsel glich mehr einer heillosen Flucht vor dem sich ausbreitenden Feuer. Inzwischen waren einige derer, die zur Kapelle zurückgelaufen waren, mit Decken zurückgekehrt. Decken, die sie zuvor im Wasser getränkt hatten. Aber dieses Feuer damit zu löschen war völlig undenkbar.

Unaufhaltsam breitete es sich aus.

Ein Schrei gellte. Irgendwo war ein Ork von einem der Brandpfeile sogar getroffen worden. Der Rauch war innerhalb kürzester Zeit so dicht geworden, dass die Pfeile wie aus dem Nichts zu kommen schienen. Man konnte sie nicht mehr herannahen sehen. Man sah auch nicht mehr die Schwärme von vermeintlichen Sternschnuppen aufsteigen, sondern man bemerkte die Geschosse erst kurz bevor sie einschlugen.

"Irgendwann werden ihnen die Pfeile oder das Pech ausgehen!", glaubte Rumrost Sturmsohn, der nach jedem zweiten Wort inzwischen erbärmlich husten musste, so als stünde er kurz davor, durch eine der winterlichen Lungenerkrankungen dahingerafft zu werden, wie es auf den Höfen des Orklandes so häufig geschah, wenn die Witterung kalt war und das Frühjahr nicht kommen wollte.

"Offenbar haben die reichlich davon mitgebracht", meinte Dhalmi. Er wandte sich an Valo, der jetzt ebenfalls husten musste. "Du hast geglaubt, dass sie versuchen, auf die Insel zu kommen, um uns zu vertreiben..."

"Bei Roht, das wäre ja auch das Naheliegendste, oder etwa nicht?", entfuhr es ihm in einem bei ihm ungewohnt klingenden Ausbruch von Wut. Wut über eine eigene Fehleinschätzung, was die Elfen anging.

"Die brauchen überhaupt nicht hier her zukommen!", stellte Dhalmi fest. "Die Elfen warten einfach ab, bis wir nicht mehr Luftholen können oder sich das Feuer über die ganze Insel bis zu unseren Schiffen gefressen hat. Und dann bleibt uns nichts anderes übrig, als die Insel zu verlassen. Und vielleicht warten sie dann noch irgendwo flussabwärts auf uns, spannen Seile und sorgen dafür, dass nur ein Teil vom uns Xalanor oder gar das Meer erreicht!"

Ja, dachte Valo, genau das werden ihre Pläne sein! Was für ein verfluchter Narr war ich, diese Möglichkeit nicht vorausgesehen zu haben!

Glasklar erkannte Valo seinen Fehler. Er hatte sich nicht genug in seinen Feind hineinversetzt. Er hatte nicht daran gedacht, dass die Elfen vielleicht gar nicht daran dachten, diesen Kampf mit Hilfe von Schiffen oder Flößen zu führen, wie es für einen Ork vielleicht vollkommen selbstverständlich erschien.

In aller Ruhe konnten die Elfen jetzt abwarten, dass die Feuersbrunst ihr todbringendes Werk vollbrachte. Alles, was sie jetzt noch taten, war vielleicht das Vor-sich-hin-Murmeln magischer Formeln, die die Feuersbrunst anfachen konnten. Keinen einzigen Handschlag brauchten sie selbst zunächst dazu zu rühren. Und wenn sie später doch noch zur Insel übersetzen wollten, hatten sie nun alle Zeit der Welt, um von anderswo doch noch ein Wasserfahrzeug herbeizuholen - oder zumindest Holz, um eines zu bauen.

"Valo, wir müssen die Schiffe zu Wasser lassen und das Ufer von diesen Brandstiftern säubern!", meinte Tarasmus.

"Sind wir wahnsinnig? Gegen diese Übermacht?", mischte sich Dhalmi ein.

"Das täuscht!", war Tarasmus überzeugt. "Die haben diesen ganzen Zauber mit ihren Fackeln und den Pfeilen doch nur veranstaltet, damit wir glauben, dass da ein riesenhaftes Heer aufmarschiert ist! Tausende und Abertausende von Krieger, gegen die wir niemals eine Chance hätten. Aber wo sollte denn ein so großes Heer plötzlich herkommen, Valo? Auch die Elfen können keine Armeen aus dem Boden wachsen lassen!"

"Nein", sagte Valo. "Wir müssen etwas tun."

"Auf jeden Fall müssen wir verhindern, dass das Feuer bis zur Kapelle oder möglicherweise sogar bis zu den Schiffen vordringt", sagte Dhalmi. "Die Schiffe müssen ins Wasser. Dann können wir notfalls die Insel verlassen."

"Und den Großteil unserer Beute hierlassen?", rief Rumrost Sturmsohn aufgebracht. "Niemals. Valo, sag doch etwas! Dafür ist dein Vater nicht gestorben und wir würden Dröjn verspotten, wenn wir ihm seinen Beistand so vergelten würden!"

"Eine Schneise!", sagte Valo plötzlich. "Wir schlagen eine Schneise. Jeder Baum und jeder Strauch, der dem Feuer Nahrung geben kann, muss fortgeschlagen werden!"

"Das dauert zu lange", wandte Rumrost ein. "Wir werden das nicht schaffen! Das Feuer breitet sich zu schnell aus!"

"Dann werden wir ein zweites Feuer legen müssen, um dem ersten die Nahrung zu nehmen", sagte Valo. "Feuer gegen Feuer!"

"Dies zweite Feuer könnte uns ebenso verschlingen, Valo", gab Dhalmi zu bedenken. "Aber es wäre eine Möglichkeit."

"Die Schiffe müssen trotzdem ins Wasser, Dhalmi!" Valo fasste Dhalmi bei der Schulter. Auf den alten Ork hatte er sich bisher stets verlassen können. Ihm vertraute er am meisten und darum hatte er ihm auch die Aufgabe zugedacht, bei der dieses Vertrauen in besonderer Weise gerechtfertigt werden musste. "Nimm dir die Krieger mit den stärksten Armen. Sie sollen nicht nur die Schiffe ins Wasser lassen, sondern sie auch beladen."

"Du willst die Insel notfalls tatsächlich verlassen?"

"Wir müssen zumindest dazu bereit sein, wenn hier alles schief gehen sollte und die Götter uns ihren Beistand vollkommen versagen sollten."

Dhalmis Augen wurden schmal. Er nickte schließlich. "Gut", sagte er. "Aber ich warne dich: Viele werden davon nicht begeistert sein und dir später fluchen."

"Dann sollen sie den Göttern fluchen, denn die können mehr dafür, als ich."

"Mag sein, Valo."

"Und tu mir noch einen Gefallen", fuhr Valo dann in gedämpftem Tonfall fort, sodass es die anderen nicht hörten.

"Welchen?"

"Nimm Mroo mit. Einen irren Berserker in der Nähe des Feuers - das würde mir den letzten Rest Verstand rauben!"

"Ich kann dich gut verstehen, Valo", versicherte Dhalmi.

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MIT EINEM TEIL DER Orks machte sich Valo daran, die Brandschneise zu schlagen. Der Klang der Äxte mischte sich mit dem Knistern des nahen Feuers. So viel Pflanzenwerk wie möglich musste entfernt werden. Die Schneise komplett davon zu reinigen war zweifellos nicht mehr möglich. Aber immerhin konnte man zumindest dafür sorgen, dass ein schmaler Streifen entstand, in dem das Feuer nicht so viel Nahrung finden würde.

Jenes Feuer, das die Orks als ihren Verbündeten einsetzen wollten. Die ersten Scheiterhaufen wurden aufgeschichtet und angezündet. Wenn das Feuer kam, sollten sie lichterloh brennen und nichts übrig lassen, was den Weg der Flammen nähren konnte.

Bronyest der Schiffsbauer kannte sich gut im Umgang mit dem Feuer aus, denn bei seiner Arbeit in der Schiffswerkstatt hatte er ständig Umgang damit. Unter anderem beim Biegen der Hauptsteven spielte der Einsatz von Feuer eine große Rolle. Seine Scheiterhaufen brannten am schnellsten.

Valo wandte sich an Fhyel den Überbordgegangenen. "Geh zurück zur Kapelle und sag dort Bescheid, dass so viel Pech wie wir zur Verfügung haben, hier her gebracht wird!", wies er den jungen Ork an.

"In Ordnung", sagte Fhyel und machte sich gleich auf den Weg. Zur Beute gehörten auch einige Fässer voll Pech. Damit war es um einiges leichter die Feuer zu entfachen, die die herannahenden Flammen aufhalten sollten.

Scheiterhaufen um Scheiterhaufen wurde jetzt angezündet.

Fhyel kehrte wenig später zurück.

"Valo!", rief er. Sein Gesicht war blass geworden und Valo war gleich klar, dass irgendetwas geschehen sein musste.

"Was ist los?", fragte Valo unwirsch.

"Die Gefangenen..."

"Was ist mit ihnen?"

"Wir haben keine mehr!"

Valo glaubte im ersten Moment, sich verhört zu haben. "Was sagst du da? Bei Roht, ich habe jetzt keinen Sinn für Scherze!"

"Du musst sofort zur Kapelle. Die Gefangenen haben versucht, sich zu befreien und der irre Mroo..." Fhyel der Überbordgegangene sprach nicht weiter.

Valo begann zu ahnen, was geschehen war. Was habe ich getan, um den Zorn der Götter auf mich zu lenken?, ging es ihm durch den Kopf. Er ging mit schnellen Schritten los.

"Valo!", hörte er hinter sich den barschen Ruf des grauen Dhalmi. Der musste ihn ein zweites Mal rufen, dass er stehen blieb. Und auch das war nur der Tatsache geschuldet, dass Dhalmi so viel älter war als Valo und dass der junge Hordenfürst außerdem genau wusste, dass er auf die Erfahrung und den Rat des grauen Orks auch in Zukunft auf gar keinen Fall verzichten konnte.

Valo blieb stehen und drehte sich um. "Ihr werdet es wohl allein schaffen, die Feuer zu entzünden!", rief er.

"Valo, was immer auch geschehen sein mag - es ist geschehen und nicht mehr zu ändern!" Er deutete in Richtung der herannahenden Flammen. "Das da ist unser Feind im Moment!"

"Ja, ich weiß", murmelte Valo. "Ich sorge dafür, dass Pech genug zu euch kommt!"

Dann ging er weiter. Fhyel folgte ihm. Und Dhalmi wandte sich an Rumrost Sturmsohn und Bronyest den Schiffsbauer. "Ich muss ihm nach", erklärte er, ohne das weiter zu begründen.

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VALO ERREICHTE DIE Kapelle. Schon davor bot sich ein Bild des Grauens. Eines der Schweine, das sie in Nivandrum geraubt hatten, schnüffelte an der Leiche eines der gefangenen Schamanen. Er war durch Axthiebe regelrecht zerstückelt worden.

Weitere Leichen lagen auf den letzten Schritten zur Kapelle - ebenso zugerichtet. Am grellbunten Gewand erkannte Valo, dass eine der Frauen aus dem Webhaus darunter war.

Der grobe Ksarf und Thunkh Vierfinger kamen Valo entgegen.

Gleichzeitig drangen aus der Kapelle Laute, die wie eine Mischung zwischen Gelächter und den Schreien eines Irren klangen.

"Mroo ist da drin", sagte Ksarf. "Und ich würde im Moment niemandem empfehlen, dort hinein zu gehen, Valo."

"Was ist mit ihm?"

"Wer vermag das schon zu sagen", ergriff nun Thunkh Vierfinger das Wort. "So war er immer schon. Er tut, was ihm gerade einfällt und man sollte besser gar nicht erst anfangen, nach einer vernünftigen Erklärung für das zu suchen, was er tut."

"Bei Nidos Auge - ich habe so etwas noch nicht gesehen, obwohl ich viel herumgekommen bin", bekannte Ksarf. "Er hat alle Gefangenen umgebracht. Sie hatten versucht, das Chaos zu nutzen und sich zu befreien."

"Vielleicht hofften sie, dass die Elfen bald auf die Insel kommen..." meinte Valo.

"Die meisten Gefangenen hatten sich bereits wieder ergeben, aber Mroo war einfach nicht zu stoppen!", sagte Ksarf. "Ich bin zu spät dazugekommen, weil ich vorher verhindern musste, dass ein paar der Gefangenen sich eine Seebarke nehmen und flussabwärts treiben lassen."

Ksarf hielt sein Schwert in der Rechten. Die Klinge war blutig und Blutflecken waren auch an seinem Wams und seiner Hose zu sehen.

"So ein Ungeheuer", murmelte Fhyel.

"Jedenfalls brauchen wir diesen Teil der Beute schonmal nicht mehr von der Insel schaffen", stellte Thunkh Vierfinger deutlich nüchterner fest. "Ob wir es geschafft hätten, die Gefangenen ins Orkland zu bringen und und zu verkaufen ist fraglich. Und die Hoffnung auf Lösegeld hatte sich ja wohl ohnehin endgültig zerschlagen."

"Sie hat nie bestanden", glaubte Dhalmi. "Auf der Liste, die dieser Schamane angefertigt hatte, war offensichtlich nicht ein einziger Name, der den Elfen etwas wert wert gewesen wäre."

"Gut möglich", knurrte Thunkh. "Aber ehrlich gesagt, kämpfe ich lieber gegen Krieger, als gegen unser Eigentum! Und wieso Mroo erst die Frauen aus dem Webhaus umgebracht hat, verstehe ich überhaupt nicht!" Thunkh spuckte aus und verzog das Gesicht. "Wird jetzt eine triste Zeit hier auf der Insel werden, glaube ich!"

"Valo, du kannst ihm das nicht durchgehen lassen", sagte Fhyel der Überbordgegangene. Sein Kopf war hochrot. Er schien so langsam die Fassung wiedergefunden zu haben. "Mroo ist ein Ungeheuer! Der wird als nächstes einen von uns töten!"

"Du kennst seinen Beinamen", mischte sich Dhalmi ein.

"Ist das eine Entschuldigung?", platzte es aus Fhyel heraus.

"Du bist jung und hast noch nicht viel gesehen", sagte Dhalmi. "Beruhige dich und zügle dein Temperament."

"Valos Bruder ist wegen einer viel geringeren Tat verbannt worden!"

"Ravic hat einen Ork aus der Sippe von Valos Mutter umgebracht!", stellte Dhalmi klar. "Das ist etwas ganz anderes!" Selten hatte man den alten Ork so energisch sprechen hören. Er wandte sich an Valo. "In einem hat er allerdings recht: Manche unserer Krieger werden sich darüber beklagen, dass Mroo durch sein Gemetzel ihren Anteil verkleinert und ihr Eigentum vernichtet hat. Selbst wenn es wahr ist, dass wir die Gefangenen vermutlich niemals bis ins Orkland hätten schaffen können und auch kein Lösegeld mehr für sie bekommen hätten! Sie werden sich trotzdem beklagen und ihren Verlust letztlich dem anlasten, dem sie folgen."

"Valo! Du kannst Mroo nicht ungestraft davonkommen lassen!", wiederholte Fhyel noch einmal. "Wie sollen wir dir sonst länger folgen, wenn du diesen Irren nicht in die Schranken weist?"

"Pass auf, was du sagst, Fhyel!", fuhr Valo auf. "Und - bei den Göttern! - halte deine Wut im Zaum, denn was mit jenen geschieht, die das nicht schaffen, hättest du eigentlich an meinem Bruder sehen können!"

Fhyel schluckte.

Der Blick, den Valo ihm zuwarf, war so eisig, dass Fhyel davor zurückschreckte. Sie waren in einem Alter. Sie kannten sich seit frühester Jugend. Aber jetzt war Valo ein Hordenfürst geworden. Der Ork, von dem sich die anderen erhofften, dass er sie zu guter Beute und Reichtum führte und dass die Götter seine Unternehmungen und Pläne gesegnet hatten. Eine Kluft lag zwischen ihnen, die es vorher nicht gegeben hatte.

Dann ging Valo an ihm vorbei. Er trat durch den Eingang der Kapelle und stieg dabei über eine weitere Leiche, deren Kopf nirgends zu finden war. Blut klebte an den Mauern.

Der irre Mroo saß vor dem Altar. Arme und Beine von sich gestreckt. In der Rechten die Axt, in der Linken das Schwert. Beide Klingen waren blutverschmiert, seine Kleidung und sein Gesicht auch. Mroo hatte die Augen geschlossen. Aber er kicherte vor sich hin.

"Mroo!", rief Valo.

Dabei schritt er weiter auf den Altar zu. Inzwischen waren Dhalmi, Fhyel, Ksarf und die anderen ihm gefolgt. Aber sie blieben in der Nähe des Eingangs und warteten ab, was geschehen würde.

"Mach die Augen auf, irrer Troll!", rief Valo jetzt.

Mroo kicherte immer noch. Dann verstummte er plötzlich. Er riss die Augen auf - so weit, dass man den Eindruck hatte, sie könnten ihm aus den Höhlen fallen.

"Du sprichst laut, mein Hordenfürst", sagte Mroo. "Meine Ohren sind empfindlich!"

"Nachdem du das Eigentum aller unnötig vernichtet und viel Blut verschwendet hast, könntest du etwas tun, um uns den Rest zu erhalten! Steh auf!"

"Wie immer mein Hordenfürst befiehlt!"

"Und sieh zu, dass so viele Pechfässer wie möglich zu Bronyest dem Schiffbauer kommen! Dann dient deine Kraft wenigstens einem vernünftigen Zweck, der uns nicht alle arm macht!"

Mroo kicherte erneut. "Das sagt einer, dem das Schwert zerbrochen ist! Wer ist denn Schuld daran, dass das Blut der Gefangenen fließen musste? Du! Denn die Götter helfen dir nicht! Sie spotten über dich, wie man in der Schlacht sehen konnte!"

"Nimm ein Pech-Fass!", befahl Valo.

Mroo nickte. Er steckte seine Waffen ein. Dann lud er sich ein Fass auf den Rücken und kam auf Valo zu. Als er ihn erreichte, blieb er kurz stehen und sagte: "So viele Fässer ich auch trage, so viele Feinde oder Gefangene oder wen auch immer ich erschlage: Es wird niemals genug sein, solange uns jemand anführt, den die Götter nicht mögen."

"Und du kennst den Willen der Götter?", gab Valo zurück. "Du kennst ja nichtmal deinen eigenen ganz sicher!"

Mroo ging mit dem Fass auf den Schultern davon. Er murmelte irgendwelche finsteren Flüche vor sich hin, die glücklicherweise niemand verstand. Aber als er dann die Tempelstättentür erreicht hatte, drehte er sich noch einmal um und rief: "Als dein Vater noch lebte, hätte es das alles nicht gegeben, Valo! Niemals!"

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Kapitel 22

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"Nudrev - die Stadt ist unter diesem Namen weithin bekannt", sagte Branagorn von Yevroc. "Aber seit dort die Verhandlungen zwischen den Gesandten der Könige stattfinden, platzt sie aus allen Nähten, wie du sehen kannst, Ravic."

Ravic und Branagorn hatten den Kamm einer Anhöhe erreicht und sahen auf die ummauerte Stadt herab, die - ähnlich wie der Königshof von Elfgartenburg - von einem Zeltlager umgeben war. Nur war dieses Lager nicht ausschließlich ein Platz, an dem Krieger kampierten. Ravic sah allerlei Wagen, Laufdrachentiere und viel Volk - Elfen und Menschen -, das offenbar im Gefolge der Gesandten hierher gekommen war. Der Klang von Musik drang zu ihnen herüber und an manchen Stellen machten sowohl das Lager als auch die Stadt selbst den Eindruck, ein einziger großer Markt zu sein.

"Du warst schon öfter hier, Branagorn", fragte Ravic.

"Im letzten Jahr fast ein Dutzend mal."

"Es scheint nicht zu Fortschritten gekommen zu sein."

"Verhandlungen unter Brüdern können weitaus komplizierter sein als unter Wildfremden, so habe ich inzwischen gelernt."

"Vielleicht wäre es ratsam, wenn die Brüder direkt miteinander reden, anstatt dies von Gesandten tun zu lassen."

"Nein", schüttelte Branagorn energisch den Kopf. "Dann wird es noch schwieriger. Aber manchmal lässt es sich leider nicht verhindern, dass die Könige sich selbst einmischen, anstatt die Dinge denen zu überlassen, die etwas davon verstehen."

Ravic lachte. "Also Elfen wie dir!"

"Lebewesen, die über den Tag hinausblicken, Ravic. Aber davon gibt es nicht so viele. Übrigens, hier gibt es noch sehr viel mehr Taschendiebe als in Elfgartenburg."

"Ich werde aufpassen", versprach Ravic.

"Viele davon sind Elfen."

"Was heißt das?"

"Die sind schnell!"

"Ich auch."

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SIE ERREICHTEN DAS Lager, das die Stadt umgab. Branagorn hatte das Banner des Kaisers erkannt und so nahm er an, dass sich Kaiser Rahtol nicht in der Stadt selbst, sondern in einem vor der Stadt errichteten Zelt befand. Dieses Zelt stand normalerweise den Gesandten des Kaisers zur Verfügung und diente ihnen auch zu Zusammenkünften und Beratungen. In der Stadt selbst gab es keine Geheimnisse und wie Branagorn erläuterte, war der Ort seit Beginn der Verhandlungen zwischen den Delegationen der Könige nicht nur ein Ort der Taschendiebe, sondern vor allem auch der Spione und Zuträger.

Das Zelt der kaiserlichen Gesandten musste schon lange an seinem Ort stehen. Es war mittlerweile so befestigt, dass es schon fast wie eine Dauerbehausung wirkte - und nicht wie ein provisorisches Quartier während eines Feldzugs.

Branagorn stieg von seinem Laufdrachentier und rief einen der Wächter.

"Kümmere dich um unsere Laufdrachentiere und sag deinem Herrn, dass Branagorn von Yevroc wichtige Nachrichten für ihn hat."

Der Wächter rief einen Stallknecht herbei, der Branagorns Laufdrachentier nahm und verschwand dann für eine Weile im Zelt. Allerdings schien Branagorn nicht in Frage zu stellen, dass der Kaiser bereit sein würde, ihn zu empfangen. Der Schamane aus Yevroc wandte sich an Ravic. "Worauf wartest du? Ich brauche Schutz."

"Du fürchtest dich vor deinem Kaiser?"

"Vor dem so sehr wie vor jedem anderen. Wer weiß schon, wer den Mörder in Elfgartenburg geschickt hat..."

Ravic grinste und entblößte dabei die Reißzähne.

"Du solltest etwas mehr deinem Herrn im Himmel vertrauen, glaube ich."

"Ein Ork, der behauptet, zweimal die Weihe des Geistes empfangen zu haben, sollte darüber nicht spotten."

Ravic stieg ab. Branagorn musterte ihn von oben bis unten und meinte dann: "Dem Anlass entsprechend bist du nicht gekleidet. Vielleicht sollte ich in Zukunft dafür sorgen, dass meine Begleitung standesgemäß herumläuft."

"Hast du nicht Einfachheit gelobt, Branagorn?"

"Das ist natürlich richtig. Aber dieses Gelübde gilt nur für mich. Mir selbst ist es nicht erlaubt, die Bedeutung meiner Aufgabe durch äußerliches Gepränge zu unterstreichen und wahrscheinlich würde das meiner Sache auch gar nicht dienlich sein. Aber wenn ich meinen Wächter gut ausstaffiert hätte, würde das denselben Zweck erreichen."

"Ich fühle mich wohl in meinen Sachen."

"Wir reden später darüber. Für diese Gelegenheit ist es ohnehin zu spät."

Auch Ravic wurden jetzt die Zügel seines Laufdrachentieres und des Packtiers abgenommen.

Es dauerte eine ganze Weile, ehe der Wächter endlich zurückkehrte.

"Komm herein!", sagte er nur. Als Ravic Anstalten machte, ebenfalls einzutreten, hob der Wächter die Hand. "Er nicht!"

"Ich bin Überbringer wichtiger Nachrichten. Und der Respekt gegenüber der Heiligen Schamanenheit, deren Sendbote ich bin, und der Abtei von Yevroc, die mich schickt, gebietet es, dass ich in Begleitung erscheine", erklärte Branagorn. "Wenn du es allerdings verantworten kannst, dass dein Herr nicht erfährt, was sein königlicher Bruder Giwdul ihm zu sagen hat..."

"Warte einen Moment!"

Der Wächter verschwand noch einmal im Zelt. Offenbar durfte er so weitreichende Entscheidungen nicht selbst treffen. Wieder verging eine ganze Weile. Dann wurden Branagorn und Ravic hereingerufen.

Rahtol war ein Elf in den mittleren Jahren, umgeben von Elfen, die ihm offenbar zu Diensten waren und heftig mit ihm argumentierten. Ravic konnte davon so gut wie nichts verstehen, da sie Anzanisch sprachen.

Zunächst schien weder der Kaiser noch einer der Elfen in seiner Umgebung von den Besuchern Notiz genommen zu haben. Jedenfalls unterbrachen sie ihre Beratungen zunächst nicht.

Es dauerte etwas, bis ihr Gespräch schließlich verstummte.

Rahtol musterte zuerst Branagorn, dann Ravic und anschließend noch einmal Branagorn.

"Seid gegrüßt, Herr", sagte Branagorn. "Ich entbiete Euch die besten Wünsche Eurer Brüder Giwdul und Lerak."

"Es freut mich, Euch zu sehen, Branagorn", gab Rahtol zurück. Er deutete auf Ravic. "Welcher meiner Brüder hat Euch diesen Recken als Wächter zur Seite gestellt?"

"Niemand, Herr. Er steht in meinen Diensten."

"Hattet Ihr denn Grund dazu, Euch zu fürchten?"

"Es sind verschiedene Anschläge auf mein Leben versucht worden. Und mindestens zwei davon hat er vereitelt."

"Mein Respekt." Der Kaiser stellte sich vor Ravic auf und sah ihm geradewegs in die Augen. "Woher kommt er?"

"Er ist ein Verbannter, der nicht zurück zu den Seinen kann. Einer, der nirgendwo sonst einen Platz hätte. Er ist ein Orkling und gehörte zu den Orks, die mit den Schiffen kamen."

"Ich habe davon gehört."

Rahtol schien Ravic nicht für würdig genug zu erachten, um das Wort direkt an ihn zu richten. Und Ravic machte es wütend, dass über ihn geredet wurde, als wäre er nicht dabei. "Kein ungeschickter Zug von Euch, einen Bewacher auszuwählen, der zu keinem König und keinem Herzog und auch keinem Volk gehört", stellte Rahtol dann fest. Er wandte sich zu Branagorn um. "Aber es betrübt mich, dass Ihr offenbar mir genauso misstraut, wie meinen Brüdern."

"Wie kommt Ihr nur auf diesen Gedanken?"

"Andernfalls würdet Ihr Euch ohne Euren Begleiter in meine Gegenwart trauen."

"Söhne haben gegen ihren Vater und Brüder gegeneinander Krieg geführt. Was ist da schon ein Schamane, der nichts anderes tut, als Botschaften zu überbringen, die vielleicht nicht jedem gefallen? Ich bin nur vorsichtig, mein König und Kaiser. Nur vorsichtig! Und da alle drei der gegenwärtig in diesem Reich regierenden Könige mir schon vorgeworfen haben, ein Diener der jeweils anderen Seite zu sein, tue ich sicher gut daran."

Rahtols Gesicht wirkte für einen Augenblick etwas nachdenklich. Er sagte ein paar Worte auf Anzanisch zu den anderen Anwesenden im Raum und wandte sich dann wieder an Branagorn. "Sei’s drum. Es ist tatsächlich viel geschehen. Was habt Ihr für Neuigkeiten?"

"Ich soll Euch von König Giwdul ausrichten, dass er es nicht als einen kriegerischen Akt betrachten würde, wenn Ihr Euer Heer nach Nivandrum vorrücken lassen würdet, um die Orks zu vertreiben."

"Das schlägt mein Bruder sicher nicht ohne Eigennutz vor!"

"Das will ich nicht bestreiten."

"Sind seine Länder von den Einfällen der Orks nicht auch betroffen?"

"Deswegen schlägt Euer Bruder des weiteren vor, sein Heer  am Nivandrum gegenüberliegenden Stromufer zu versammeln. Und Ihr mögt dies ebenfalls nicht als kriegerischen Akt ansehen!"

"Pah! Er hat doch schon Teile seines Heeres über den Strom setzen lassen - auf Gebiete die unbestrittenermaßen immer mir gehörten!"

"Er würde sie zurückziehen und am östlichen Großen Stromufer gegenüber von Nivandrum versammeln."

"Und gemeinsam sollen wir dann die Eindringlinge vertreiben? Eigentlich hoffe ich, dass mein Vasall, der Graf von den Niederauen und sein Bruder dieses Problem bereits gelöst haben, wenn ich im Norden eintreffe."

"Um dann gegen Giwdul zu ziehen?" Branagorn schüttelte den Kopf. "Er hat die doppelte Anzahl von Kriegern unter Waffen. Auch wenn sie im Moment noch mehrheitlich auf dem Weg aus Ost-Nelaf zum Strom, solltet Ihr damit rechnen, dass Ihr sie nicht bezwingen könntet, wenn Ihr mit ihnen zusammentrefft!"

"Große Worte!", sagte Rahtol. "Aber vielleicht auch nichts weiter als Worte!"

"Giwdul schlägt Euch vor, ihm endgültig die Gebiete am östlichen Stromufer zu überlassen, die jetzt noch umstritten sind!"

"Die er sich genommen hat!"

"Im Moment besteht die Gefahr, dass die Orks sich festsetzen - und dass im nächsten Jahr weitere ihrer Schiffe den Strom hinauffahren. In Ynsulanien und Dalirland sind sie bereits geblieben! Das wird auch hier geschehen. Und wenn Ihr schon wenig Lust habt, Eure Herrschaft unter Brüdern zu teilen, dann ganz gewiss nicht mit fremden Eroberern, wie ich annehme! Ungläubige obendrein, die unseren Glauben verhöhnen. Jetzt sind sie in Xalanor und Nivandrum - aber es könnte leicht passieren, dass sie sich weiter ausdehnen und ins Landesinnere vorstoßen. Dann wird man auch an der Kraft der Könige zweifeln, ihr Reich zu verteidigen und ich muss jemandem wie Euch nicht sagen, was das bedeuten könnte..."

"Aufstände!"

"So ist es. Das Reich würde zerfallen. Selbst seine einzelnen Bestandteile könnte niemand mehr zusammenhalten."

Einer der anderen Elfen sprach jetzt auf Anzanisch, aber Rahtol gebot ihm mit einer Handbewegung zu schweigen. In wie fern die anderen Anwesenden die Unterhaltung zwischen Branagorn und Rahtol hatten verstehen können, war unklar. Ravic vermutete, dass dies nicht der Fall war. Zu deutlich war das Unverständnis in den Gesichtern dieser Elfen zu lesen. Sie stammten offenbar aus Teilen des Reichs, in denen die elfische Sprache nicht mehr verstanden wurde und zumindest im Alltag durch das Anzanische abgelöst worden war.

"Wenn Ihr gegen Giwdul Krieg führt, wird nur Lerak davon profitieren", sagte Branagorn.

"Dieser kleine Bastard aus der zweiten Ehe meines Vaters! Pah!" Allein der Gedanke an seinen Halbruder schien in Rahtol schon Widerwillen hervorzurufen. Er sah Branagorn prüfend an. "Wie stellt sich Euer Herr denn vor, dass es weitergeht, wenn wir beide unsere Heere bei Nivandrum stehen haben?"

"Zunächstmal ist Giwdul nicht mein Herr. Ich habe nur einen einzigen Herrn und der thront weit über uns allen! Man nennt ihn den Elfengott." Branagorn deutete kurz in die Höhe. "Ich bin in diesem Fall nur Giwduls Bote. Und was Ihr mit dieser Botschaft anfangt, müsst Ihr allein entscheiden. Denn Ihr seid der Kaiser."

"Natürlich. Aber jetzt weichst du meiner Frage aus!"

"Ich will sie Euch beantworten: Die beste Möglichkeit wäre, wenn Euer beider Heere sich bei Nivandrum auf beiden Seiten des Stroms einfänden - oder zumindest auf dem Weg dahin wären. Vielleicht braucht ihr dann gar nicht zu kämpfen. Giwdul würde einen Streifen Land am Großen Stromufer bekommen und Ihr könntet Euch Lerak zuwenden."

"Und wer garantiert mir, dass Giwdul nicht einfach übersetzt und auch noch das andere Ufer nimmt?"

"Ihr habt sein heiliges Wort."

"Hat er das schriftlich gegeben?"

"Eine Urkunde könnte gefälscht sein. Aber einem Vertreter des Glaubens wie mir, der nichts als der Wahrheit und dem heiligen Glauben verpflichtet ist, werdet Ihr Glauben schenken, denn ich habe in der Vergangenheit beiden Dienste erwiesen."

Rahtol atmete tief durch und nickte. "Das ist wahr."

"Es ist natürlich nicht anzunehmen, dass die Orks einfach so beim Anblick Eures Heers fortlaufen. So sind sie nicht veranlagt. Aber man könnte ihnen ein Lösegeld dafür anbieten, dass sie umgehend abziehen."

"Und Giwdul würde sich an diesem Lösegeld beteiligen?"

"Er würde die Hälfte davon tragen - obwohl er dazu eigentlich keinen Anlass hätte, denn bislang sind Eure Gebiete von den Einfällen der Fremden betroffen, nicht seine. Allerdings sieht er die Gefahren für sein eigenes Reich in naher Zukunft."

Rahtol verzog das Gesicht zu einem harten Lächeln. "Und er will den umstrittenen Landstreifen behalten."

"Wäre es eventuell möglich, sich mit ihm stattdessen über einen anderen Landstreifen zu verständigen?"

"Das könnte Teil eines Gesamtvertrages werden. Durchaus. Und was ist mit Lerak? Ihr habt doch ein besonderes Verhältnis zu ihm, als sein ehemaliger Lehrer. Und ich nehme daher an, dass Ihr nach wie vor in regelmäßiger Verbindung zu ihm steht."

Branagorn von Yevroc nickte. "Er hat mir zugesagt, still zu halten."

"Das heißt, er wird nicht versuchen, einen Vorteil daraus zu ziehen, wenn ich in den Norden ziehe?"

"So habe ich ihn verstanden."

"Ich traue diesem Bastard nicht. Aber Giwdul traue ich auch nicht. Es scheint, dass im Moment keiner von uns dreien stark genug ist, die anderen zu bezwingen."

"Es ist viel schlimmer: Im Moment ist offenbar keiner von Euch fähig, für sich genommen fremde Eroberer zu vertreiben."

Einige Augenblicke herrschte jetzt Schweigen. Die Wahrheit, die Branagorn zuletzt unverblümt ausgesprochen hatte, konnte ihm nicht gefallen. Aber er war nicht so wirklichkeitsfremd, sie zu leugnen. Dazu wusste er selbst zu genau, wie die Dinge standen. "Ihr könnt Giwdul sagen, dass ich einverstanden bin", sagte Rahtol schließlich. "Allerdings gibt es zwei Bedingungen."

"Und die wären?", fragte Branagorn.

"Giwdul muss seinen Treueschwur mir gegenüber erneuern und mich als Kaiser anerkennen. Gegen den alten Schwur hat er ja ohnehin schon verstoßen."

"Damit wird er einverstanden sein."

"Und er muss mir schwören, dass er kein geheimes Bündnis mit Lerak schließen wird!"

"Auch dies kann Euch versichert werden", sagte Branagorn.

Rahtol nickte. "Ich sorge dafür, dass Ihr ein gutes Quartier hier in Nudrev bekommt - und das ist zurzeit nicht einfach, wie ich Euch sagen kann!"

Ravic sah ziemlich erstaunt zu Branagorn hinüber und hoffte nur, dass man ihm seine Verwunderung nicht allzu deutlich ansah. Was für ein skrupelloser Lügner im Gewand eines einfachen Schamanen, ging es dem Orkling durch den Kopf. Er geht davon aus, dass der ungeliebte Lerak niemals mit jener Urkunde vor Rahtol erscheinen wird, die beweisen würde, dass das Bündnis zwischen Giwdul und Lerak längst existiert!

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"DEINE LEUTE WERDEN sich freuen", sagte Branagorn später, als sie in einem Gasthaus einkehrten, dessen Besitzer aus dem fernen Land Neilati im Süden kam. Er sprach ein Gemisch aus Elfisch, dem Dialekt von West-Anzanien und der Sprache seiner Heimat, die sich auch irgendwie aus dem Alt-Elfischen ableitete. Jedenfalls glaubte Ravic einige Wörter wiederzuerkennen, ohne sie zu verstehen. Aber das alles war nicht weiter schlimm, denn der Wirt konnte sich auch hervorragend mit den Händen ausdrücken. Und davon abgesehen schien Branagorn sich sehr gut mit ihm unterhalten zu können und sogar die Sprache Neilatis zu beherrschen.

"Ich war auch lange in Neilati", sagte Branagorn. "Nördlich von Auneg habe ich eine Studien betrieben."

"In Neilati soll es warm sein", sagte Ravic.

"Das ist richtig."

"Was hat dich dann in den Norden verschlagen?"

"Mein Schamanen-Orden hat mich dorthin geschickt. Man sah, dass ich Geschick im Erlernen von Sprachen besitze."

"Du hat dich mit dem Wirt ausgiebig unterhalten. Vielleicht kannst du mir sagen, wie es kommt, dass man uns hier eine Unterkunft gibt, da doch angeblich in der ganzen Stadt keine Kammer mehr zu finden ist."

"Es wurden ein paar Gäste kurzfristig ausquartiert."

"Wie kam das?"

"Es macht etwas aus, wenn der Kaiser sich für einen verwendet."

"Ich verstehe... Und du hast keine Skrupel dabei, anderen ihr Bett zu nehmen?"

"Nein."

"Man könnte glauben, du wärst ein Diener des skrupellosen Ork-Gottes Dröjn - und nicht auf dem reinen Pfad des Geistes!"

"Wie ich dir schonmal sagte: Es gibt den Glauben und das Leben. Und beide widersprechen sich manchmal."

"Ich verstehe."

Branagorn hob die Augenbrauen und zuckte mit den Schultern, während er an dem Stück Fleisch herumknabberte, das der Wirt ihm serviert hatte. "Ich habe nicht den Anspruch, sämtlichen Versuchungen widerstehen zu können, Ravic."

Ravic nagte an einem Knochen herum. Das Fleisch war nicht so stark gewürzt gewesen, wie man es sonst erleben konnte. Ravic hielt das für ein gutes Zeichen. Wer nicht stark würzte, hatte nicht die Absicht, darüber hinwegzutäuschen, dass die servierte Speise vielleicht schon nicht mehr genießbar war.

"Und Kaiser Rahtol? Er übernachtet lieber außerhalb der Stadt - in einem Zelt?", fragte Ravic.

"Er ist sehr misstrauisch", erklärte Branagorn. "In diesem Punkt ist er so wie ich - nur schlimmer."

"Das ist anscheinend der Preis, den man dafür zahlt, ein Herrscher zu sein: Man muss immer befürchten, dass es jemand auf einen abgesehen hat."

"In Zukunft werden diese Könige vor allem gegen die Ambitionen ihrer eigenen Kinder zu kämpfen haben, bis sie dann vor lauter Lebensüberdruss vergehen. So, wie in der Vergangenheit schon. Aber das soll uns im Moment nicht weiter kümmern."

"Du hast gerade von meinen Leuten gesprochen - und davon, dass sie sich freuen können."

Branagorn beugte sich etwas vor und schob dabei seinen Teller zur Seite. Er hatte offensichtlich genug. "Deine Ork-Leute werden mit einem hohen Lösegeld nach Hause fahren, wenn sie keine Narren sind."

"Ich gönne es ihnen, auch wenn ich davon nichts mehr haben werde", sagte Ravic. "Dröjn ist mit ihnen gewesen und hat ihre Fahrt gesegnet - nur auf mir scheint irgendein Fluch zu lasten, der es verhindert, dass ich ein ganz normales Leben führen kann."

"Ist das wirklich ein Fluch?", zweifelte Branagorn.

"Es ist mein Zorn, den ich nicht zähmen konnte", sagte Ravic. "Ist das etwa kein Fluch?"

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Kapitel 23

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Eine gespenstische Stille lag über der Flussinsel. Nebel hüllte sie fast vollkommen ein und verhinderte, dass man zu den Ufern sehen konnte.

"Vorsicht! Es gibt heiße Stellen, an denen man sich die Stiefel verbrennen kann", rief Dhalmi der Graue.

"Heiße Asche", murmelte Valo. "Viel mehr ist nicht geblieben...."

Die Westhälfte der Flussinsel war durch den Brand zu einer unwirtlichen Ödnis geworden. Das Gegenfeuer hatte verhindert, dass sich die Flammen darüber hinaus ausbreiteten. Stattdessen hatten sie sich gegenseitig erstickt. Außerdem war der Wind letztlich den Orks auf der Insel zugute gekommen und hatte sich als ihr wichtigster Verbündeter herausgestellt. Der Wind hatte nämlich gedreht und war dabei etwas aufgefrischt. Die Rauchschwaden der letzten Schwelbrandherde zog langsam zum Ufer bei Nivandrum hinüber. Sollen die Elfen daran ersticken!, dachte Valo grimmig.

Zusammen mit einem Teil seiner Orks zog Valo zur Westseite der Insel. Sie sahen in den Nebel. Vom Ufer waren allenfalls ein paar Schatten zu sehen, so dicht waren die mit Rauch vermischten Schwaden.

"Feucht und kalt wie das Reich der Totengöttin", knurrte Rumrost Sturmsohn. "Ich möchte wissen, wie viele Elfen da drüben sind!"

"Jedenfalls können wir nicht damit rechnen, dass sie abgezogen sind", sagte Dhalmi. "Und jeder Tag, den wir länger hier bleiben, werden es mehr werden! Sie werden Flöße bauen. Oder Schleudern. Oder vielleicht auch beides."

"Im Moment gibt es jedenfalls nichts mehr, was sie in Brand schießen könnten", sagte Tarasmus der Rote. Er hustete. Viele der Orks fühlten noch immer den beißenden Qualm im Rachen, in der Nase, in der Lunge und in den Augen. Nicht Blut, sondern Ruß hatte jetzt bei vielen von ihnen die Kleider verschmiert.

Igobnif Großhand grinste schief. "Man muss immer das Gute sehen", glaubte er.

"Aber die Gefahr nicht vergessen", sagte Dhalmi.

Worauf will er hinaus?, fragte sich Valo. Normalerweise sagt er klar und deutlich, was er denkt. Aber im Augenblick hält er sich noch zurück.

Für Valo war das ein Warnzeichen.

"Unsere Lage ist nicht so schlecht", sagte Valo. "Wir haben genug Tiere und gut haltbare Nahrungsmittel. Trinkwasser gibt uns der Fluss. Was soll uns geschehen? Eine Belagerung durch die Elfen können wir lange aushalten. Selbst mit einer vergleichsweise kleinen Schar, lässt sich die Insel gut verteidigen, zumal wir nicht davon ausgehen können, dass den Elfen plötzlich eine Flotte zur Verfügung steht, mit der sie übersetzen könnte!"

"Was machen wir mit den Schiffen?", fragte Rumrost. "Lassen wir sie beladen im Wasser, oder ziehen wir die meisten davon wieder an Land und bringen unsere Beute wieder in die Schamanenklosterruine?"

"Wenn wir tatsächlich länger hier bleiben, wäre letzteres das Beste", meldete sich Dhalmi zu Wort. "Denn wenn die Elfen auch nicht als große Schiffsbauer bekannt sind, so werden wir doch damit rechnen müssen, dass sie irgendwann auch einen Angriff vom Wasser aus beginnen werden."

"Schon deswegen, weil sie ihre Heere nicht ewig zusammenhalten können", glaubte Tarasmus der Rote. "Das sind doch teilweise auch Menschen-Bauern. Die müssen ihre Felder bestellen und ihre Tiere versorgen."

"Alles hängt davon ab, wann Igarb mit seinen Kriegern und den Großbarken zurückkehrt", sagte Rumrost.

"Es hängt davon ab, ob er zurückkehrt", korrigierte Dhalmi.

Valo sah den alten Ork an. "Du glaubst nicht mehr daran?"

"Ehrlich gesagt: nein. Igarb wäre längst zurück, wenn es ihm möglich gewesen wäre. Dein Vater hat sich immer auf ihn verlassen können."

Bei Nidos Auge, warum muss er in diesem Zusammenhang meinen Vater erwähnen, dachte Valo. Wie ein Stich in die Rippengegend wirkte das auf den jungen Hordenfürst. Gleichgültig, was ich tue, man wird mich wohl immer an Remirg Elfenstirnspalter messen. Und wie kann ich gegen den Schatten eines großen Toten vor meinen Orks und den Göttern bestehen?

"Kirie wird sich winden und die Großbarken nicht herausgeben wollen", vermutete nun auch Tarasmus.

"Es ist vollkommen gleichgültig, weshalb die Großbarken nicht hier sind!", sagte Dhalmi nun deutlich energischer, als man das sonst von ihm gewohnt war. Schon während des Feuers war Valo aufgefallen, dass der graue Ork nicht mehr so ruhig und besonnen wirkte, wie er ihn in all den Jahren in Erinnerung hatte. Dhalmi schien hochgradig beunruhigt zu sein. "Tatsache ist, dass wir zu wenig Stauraum auf unseren Schiffen haben. Ein einziger gelungener Angriff vom Wasser aus und dieser Stauraum wird sich noch vermindern. Dazu braucht nur eine unserer Seebarkes oder Langkahn in Flammen aufgehen, was nun wirklich leicht passieren kann."

"Was schlägst du vor?", fragte Valo.

"Ganz offen und ehrlich: Nehmen wir, was wir haben und fahren flussabwärts. Wir haben die Zeit, diese Fahrt gut vorzubereiten, denn wie schon erwähnt wurde: Die Elfen können nicht übers Wasser gehen und auch keine Flotte von Booten oder Flößen herbeizaubern. Und wenn Roht uns gnädig ist und das richtige Wetter schickt, dann wird es auf dem Weg zu Kirie auch sehr schwer für sie, uns vom Ufer aus anzugreifen. Was gespannte Seile und ähnliche Gemeinheiten angeht, so sind wir ja darauf vorbereitet. Man könnte eine nur mit schwimmfähigen Kriegern bemannte Seebarke vorausschicken..."

"...deren Stauraum uns dann aber auch noch verloren ginge", wandte Rumrost ein. "Denn ich nehme nicht an, dass diese vorausfahrende Seebarke bis zum Rand beladen werden kann."

"Wenn wir einiges retten wollen, müssen wir anderes opfern", sagte Dhalmi. "Die Götter wollen es so."

"Die Götter wollten, dass wir all diese Beute hierher schaffen - aber nicht, damit wir sie dann einfach zurücklassen!", ereiferte sich Rumrost. Er wandte sich an Valo. "Die Krieger werden das nicht mitmachen. Zu viel Blut ist geflossen, zu viele Witwen und Waisen werden zu Hause von der Beute leben müssen und willst du vielleicht, dass man später sagt, wir sind mit einem Hordenfürst gefahren, den die Götter verlassen hatten?"

Vielleicht wird man das ohnehin über mich sagen - nach meinem Schwertbruch, ging es Valo bitter durch den Kopf. Er trug noch das lange Elfenschwert an seiner Seite, das er in der Schlacht vor Nivandrum an sich genommen hatte. Eine gute Waffe. Besser sogar, als die Klinge, die ihm zerbrochen war. Aber im Augenblick kam ihm die Elfenklinge wir ein Zeichen für sein Missgeschick vor.

Hat sich mein Vater jemals um die Götter geschert? Oder darum, was irgendwer in seinem Gefolge gesagt hat?, ging es ihm durch den Kopf.

"Wir bleiben", sagte er. Eine Entscheidung, die voller Trotz wirkte. Trotz gegen jederman, das Schicksal und die Götter. Ich werde es ihnen zeigen! Ihnen allen! dachte er. Und wenn diese Fahrt zu Ende ist, wird man mit dem Namen Elfenstirnspalter nur noch einen Ork in Verbindung bringen! Mich! Und vom großen Remirg wird man sich erzählen, dass er mein Vater war... Valo wandte sich an Dhalmi. "Es gibt keinen Grund, zu gehen!"

"Valo, ich sage es dir im Guten."

"Du bist alt, Dhalmi. Und alte Orks haben Furcht. Ich nicht."

Dhalmi kam nicht dazu, Valo darauf zu antworten, denn in diesem Moment erscholl ein Geräusch vom Ufer herüber.

Es war ein mehr oder minder regelmäßiges Hämmern und Schlagen. Die Orks lauschten stumm. Was da hinter der Wand aus Qualm und Nebel vor ihnen verborgen blieb, konnten sie nur erahnen. Aber die Geräusche, die sie hörten, waren ihnen allen nur allzu vertraut.

"Hammerschläge!", stellte Tarasmus grimmig fest und er reckte die zu Fäusten geballten Hände grimmig empor. "Wollen wir sehen, ob ihr es schafft, etwas zu bauen, was auch schwimmen kann, ihr Elfen!", rief er.

Es konnte kein Zweifel bestehen.

"Sie werden einfache Flöße bauen", glaubte Dhalmi. "Und selbst wenn die Hälfte ihrer Leute im Fluss ertrinkt, werden immer noch genug von ihnen übrig bleiben, um uns Ärger zu machen!"

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VALO GAB DEN BEFEHL, die Schiffe, die bei der Anfurt der Flussinsel vertäut im Wasser lagen, wieder zu entladen. Den Großteil des Viehs, das man in Nivandrum geraubt hatte, hätte man ohnehin nicht mitnehmen können. Dafür war auf den schmalen Langkähnen und den etwas kleineren Seebarken einfach nicht genug Platz und davon abgesehen, konnte Vieh durch seinen Bewegungsdrang leicht schmale Schiffe zum Kentern bringen. Mit den Großbarken wäre das möglich gewesen, wobei die eigentliche Herausforderung dann wohl gewesen wäre, diese Fracht auch über das Meer zu bringen.

Die Orks schleppten alles, was zuvor hastig an Bord der Schiffe verstaut worden war, zurück zur Schamanenklosterkapelle. Das Hämmern vom Ufer erinnerte sie daran, dass schon bald ein neuer Kampf bevorstehen mochte.

"Wir könnten die doppelte Anzahl von Kriegern leicht unter Waffen stellen", meinte Bronyest der Schiffsbauer, während er ein ganzes Bündel miteinander verschnürter Äxte und Schwerter auf dem Rücken trug - alles Beutestücke von gefallenen Elfen. Allein der Metallwert war schier unermesslich.

Einen halben Tag brauchten die Orks, um die Schiffe wieder zu entladen. Anschließend fingen sie an, alle Schiffe bis auf eine Seebarke und einen Langkahn wieder an Land zu ziehen. Die Rundhölzer, die man dafür brauchte, lagen diesmal bereit und brauchten nicht erst geschlagen werden, sodass dies bis zum Abend geschafft war.

Valo hatte wie üblich Posten an der Westseite der Flussinsel und im Turm der Schamanenklosterkapelle aufgestellt, die beobachten sollten, was sich auf Seiten der Gegner tat. Allerdings hielt sich der Nebel fast den ganzen Tag, sodass nicht viel zu sehen war. Nur die Hammerschläge waren immer wieder zu hören und drängten die Orks bei ihren Vorbereitungen zur Eile. 

Valo fasste mit an, als gerade der letzte und besonders lange Langkahn an Land gezogen wurde. Die Orks zogen an dicken Seilen. Der Schiffskörper bewegte sich knarrend über die Rundhölzer. Meilenweit hätte man den Langkahn auf diese Weise ziehen können. Flussaufwärts, bis das Gewässer nicht mehr schiffbar war, dann das Schiff über Land zum nächsten Wasserlauf ziehen, dessen Tiefgang für eine Langkahn ausreichte - so pflegten sie es normalerweise zu machen. Und so hätte man es auch hier, im Land der Elfen tun können. Aber diese Pläne waren jetzt nur noch Schall und Rauch. An die Möglichkeit, tiefer ins Land einzudringen, dachte schon lange keiner der Orks mehr ernsthaft.

"Heh, seht mal da hinten!", rief plötzlich Fhyel der Überbordgegangene, gerade, als der letzte Langkahn den richtigen Liegeplatz erreicht hatte. "Auf der anderen Flussseite!"

"Du siehst Gespenster, Fhyel", meinte Ksarf der Grobe. "Da ist nichts!"

"Da sind Reiter! Ich habe doch Augen im Kopf. Und einer davon hat ein riesiges Laufdrachentier!"

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VALO GING ZUM UFER. Sanfte Wellen ließ die Strömung des Flusses an den Anfurt ausrollen. Dhalmi und Rumrost waren bei ihm. Und der irre Mroo rief: "Ich sehe ihn auch, den Elf mit dem Riesen-Laufdrachentier!"

Valo kniff die Augen zusammen. Am Ostufer des Stroms hatte ebenfalls den ganzen Tag über eine dichte Nebelwand gehangen, die verbarg, was sich weiter im Landesinnren befand.

Nur in den Mittagsstunden hatte sich diese Nebelwand an diesem grauen Tag ein wenig aufzulösen begonnen, sich dann aber gegen Abend sogar wieder verstärkt.

Dunkle Gestalten schälten sich aus dem Grau.

"Seid ihr sicher, dass das keine Hirsche sind?", meinte Thunkh Vierfinger.

Für einen kurzen Moment nur schälten sich die Gestalten dann etwas deutlicher aus der grauen Nebelmasse heraus.

"Es sind tatsächlich Reiter", murmelte Valo. "Elfen!"

"Jetzt rücken sie von allen Seiten an", sagte Dhalmi.

Valo wartete insgeheim darauf, dass der grauen Ork noch einmal darauf hinwies, dass es vielleicht besser gewesen wäre, mit einem Teil der Beute das Weite zu suchen. Aber Dhalmi war klug genug, sich eine Bemerkung in diese Richtung zu verkneifen.

"Wollen wir mal annehmen, dass die Elfen gekommen sind, um uns beim Abschlachten ihrer Brüder zu helfen", meinte Rumrost Sturmsohn. "Schließlich gibt es in diesem Land doch immer noch einen Krieg der Könige - oder etwa nicht?"

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AUF DER GEGENÜBERLIEGENDEN Stromseite lenkte Darnuc von Dalabor sein gewaltiges Laufdrachentier näher an das Flussufer heran.

"Ja, rafft eure Beute nur zusammen", murmelte er, als er die Orks auf der Flussinsel dabei beobachtete, wie sie ihre Schiffe an Land zogen. "Ihr werdet nicht viel davon haben..."

"Ich weiß nicht, ob ich Euch wirklich zuraten soll, die Flussinsel anzugreifen", meinte einer seiner Begleiter - ein Elfen-Recke mit grob gewebtem Überwurf. Darunter war ein Kettenhemd von erlesener Verarbeitung zu sehen - so blank und glänzend, dass es noch nicht lange in Gebrauch sein konnte. Die ineinander verhakten Eisenringe waren feiner, als die meisten Drahtzieher es fertig brachten.

"Ich habe meine Entscheidung gefällt, Thrawkenad", wandte sich Darnuc von Dalabor an den Krieger im edlen Kettenhemd.

"Ihr solltet auf eine Einigung der Könige warten. Sonst wird man Euren Angriff nicht nur als Angriff auf die Orks der Flussinsel werten, sondern auch als Angriff auf das Reich von Kaiser Rahtol!"

"Und wenn schon", murmelte Darnuc grimmig.

Ritter Nondramil war nicht zurückgekehrt. Er musste also damit rechnen, dass er es nicht geschafft hatte, den Schamanen Branagorn von Yevroc unschädlich zu machen. Und das wiederum konnte im ungünstigsten Fall bedeuten, dass eine Einigung der Könige unmittelbar bevorstand oder sogar schon erzielt worden war. Soweit Darnuc erfahren hatte, besaß Branagorn dafür ausgedehnte Vollmachten seines eigenen Herrn Giwdul. Selbst die Zusicherung, den Kaiserschwur zu erneuern, durfte der Schamane seinem Bruder Rahtol versprechen, wenn dieser so etwas zur Bedingung machte!

Aber nun wurde die Situation für Darnuc prekär. Wenn er wartete, konnte er nur verlieren. Der Landstrich am Stromufer, den man ihm unterstellt hatte, würde zur Verhandlungsmasse werden. Und das konnte er nur noch auf eine einzige Weise verhindern!

Er musste Tatsachen schaffen!

Niemand würde einem Darnuc von Dalabor das Land wegnehmen oder es auch nur schmälern, wenn derselbe zuvor die Orks vertrieben hatte!

Wenn er erst wartete, bis Giwdul mit seinem Heer zum Großen Strom vorrückte, ging dieser Ruhm an den König selbst oder bestenfalls an die Krieger, die er schickte.

Wenn aber der König eintraf und vor vollendete Tatsachen gestellt wurde, konnte er nicht anders, als ihn gerecht und großzügig zu entlohnen. Falls Giwdul also zu der Überzeugung kam, das östliche Stromufer ganz oder teilweise an Rahtol abzutreten und dafür ein anderes Gebiet einzutauschen, dann war das nur möglich, indem man ihm eine Kompensation anbot. Die Belohnung eines Helden!

Und was die elfischen Vasallen von Kaiser Rahtol anging, die auf der anderen Seite des Stroms in den Ruinen von Nivandrum ihre Hämmer schwangen, dass man es bis zum anderen Ufer hören konnte, so hatte Darnuc nichts dagegen, auch sie zu vertreiben, wenn sie es darauf anlegten.

Wenn sie glaubten, dass dieser Vorstoß der Angriff von König Giwdul auf die Provinz Rahtolingien war, so hatte Darnuc nichts dagegen.

Der Krieg der Könige hatte ihm bisher nur genützt.

Also war es besser, alles zu tun, um diese Flamme des Krieges am lodern zu halten, anstatt sie auszutreten, wie Branagorn von Yevroc und andere es versuchten!

"Wie lange dauert es, bis die Flöße an der richtigen Stelle sind?", fragte Darnuc.

"Eure Krieger tun alles, was sie können", sagte Thrawkenad. "Aber ihr könnt keine Wunder von ihnen erwarten!"

"Doch, genau das verlange ich", sagte Darnuc. "Ein Wunder. Denn das wird hier geschehen, wenn dieses Land von den Ungläubigen befreit wird, die übermächtig schienen."

Und ich werde der sein, der dieses Wunder vollbringt, setzte Darnuc in Gedanken hinzu.

"Ich weiß nicht, ob es das ist, was Euer König will, Darnuc!"

"Der Pfad des Geistes erzwingt es", gab Darnuc zurück. "Der Elfengott allein! Wollt Ihr Euch gegen ihn stellen, Thrawkenad?"

*

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VALO UND SEINE KRIEGER saßen am Abend in der Kapelle an ihrem Feuer. Es war eine sehr dunkle, wolkenverhangene Nacht. Und die Stimmung war angespannt.

Der irre Mroo hatte damit angefangen, die erbeuteten Schwerter mit dem Schriftzug TRÖMIL zu versehen. Schwerter mit dem Schriftzug dieses legendären zwergischen Schmiedemeisters erzielten höhere Preise auf den Märkten. Insofern war es sinnvoll, diese Gravur anzubringen. Mroo benutzte einen Feuerstein, um die Runen in die Klingen zu ritzen. Es gab verschiedene Varianten und Schreibweisen des Namens. Aber nur eine war richtig und entsprach dem Schriftzug der Original-Werkstatt. Allerdings hatte Valo seine Zweifel, dass es die überhaupt irgendwo gab.

Die Geräusche, die der Feuerstein auf dem Metall der Klingen verursachte, klang furchtbar und insgeheim verwünschte vermutlich jeder der Anwesenden den irren Mroo dafür, dass er sich ausgerechnet hier und jetzt dieser Aufgabe widmete.

Andererseits war Valo froh, dass Mroo etwas zu tun hatte.

Die Leichen der Gefangenen, von denen Mroo den Großteil auf dem Gewissen hatte, waren längst in den Fluss geworfen worden. Sie trieben jetzt stromabwärts und überall, wo die Strömung sie an Land spülte, würden man sich noch in viele Jahren grausige Geschichten über die Orks erzählen, deren Schiffe den Großen hinaufgefahren waren und Nivandrum zerstört hatten. Über dem Feuer wurde eines der Schweine gebraten, die man geraubt hatte. Besser man aß die Beute auf, als sie später nicht mitnehmen zu können und wieder den Elfen zu überlassen, so schienen die Orks zu denken. Ksarf der Grobe galt als der beste Fleischbräter unter den Orks, darum überließ man ihm die Zubereitung. Bei den Gewürzen hingegen war man sparsam. Da der Braten noch frisch war, brauchte man sie nicht. Und gut transportabel waren sie überdies, sodass man sie besser mit in die Heimat nehmen und dort auf einem der Märkte mit Gewinn verkaufen konnte.

"Lasst es euch schmecken!", meinte Ksarf der Grobe. "Jedenfalls soll später niemand über diese Fahrt sagen, dass er hungern musste."

"An Hunger wird wohl kaum einer von uns sterben", knurrte Dhalmi der Graue düster.

"Wir haben das Dreifache des sonst üblichen Wachen eingeteilt", erklärte unterdessen Rumrost Sturmsohn an Valo gewandt. "Es kann niemand unbemerkt auf die Insel kommen und uns etwa im Schlaf überraschen."

"Spätestens, wenn die elfischen Narren mit ihren behelfsmäßigen Flößen kentern und wir ihre Schreie hören, werden wie sie bemerken", glaubte Tarasmus. Einige der anderen Orks lachten. "Wie eine Kuh, der der Arsch voll Wasser läuft und die absäuft, wenn sie zu schwimmen versucht - so stellen sich die Elfen an, wenn sie über das Wasser kommen!", setzte er noch hinzu und hob das Trinkhorn.

Für einige Momente wurde die Stimmung daraufhin etwas ausgelassener. Auch andere hoben die Trinkhörner. Aber die Ausgelassenheit, die nach der Plünderung von Nivandrum innerhalb derselben Kapelle geherrscht hatte, wollte einfach nicht zurückkehren. "Unsere schlechte Laune liegt daran, dass es hier keine Webhaus-Frauen mehr gibt", meinte Tarasmus dazu.

Ein gefährlicher Moment, wie die meisten der Orks sofort begriffen. Es war von einem Augenblick zum nächsten totenstill.

Nur der schabende Feuerstein war zu hören, mit dem der irre Mroo Runen in die Schwerter ritzte. Mroo blickte schließlich auf. Er hatte Tarasmus’ Bemerkung, die er durchaus als Angriff gegen sich hätte deuten können, offenbar nicht bemerkt.

"Was ist los?", fragte er. "Ihr seid ja so andächtig wie ein Haufen Elfengottgläubige in der Tempelstätte. Und dabei dreht sich hier doch nur ein Schwein über dem Feuer."

*

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DIE NACHT BLIEB RUHIG. Valo übernahm ebenfalls eine Wache. Ob er nun Hordenfürst war oder nicht, in dieser Hinsicht wollte er keine Ausnahme sein. Und davon abgesehen hatte er im Moment ohnehin nur einen leichten, schlechten und sehr unruhigen Schlaf. Er konnte keine Ruhe finden, so übermächtig die Müdigkeit manchmal auch sein mochte.

Er hielt bei den Schiffen Wache. Drüben, auf der anderen Flussseite, waren jetzt Lagerfeuer zu sehen.

"Ich denke, das sind inzwischen einige hundert Krieger", meinte Igobnif Großhand, der mit ihm zusammen diese Wache übernommen hatte. "Und es werden immer mehr."

"Noch haben sie nichts, womit sie den Fluss überqueren könnten", stellte Valo fest.

"Das kommt noch", glaubte Igobnif. "Glaub mir, das kommt noch. Früher oder später. Du wirst es sehen."

"Hast du Nidos allsehendes Auge in dir?"

"Nein, das braucht man nicht, um das vorherzusagen. Die Elfen sammeln zunächst ihr Heer, und dann setzen sie über. Alle andere würde überhaupt keinen Sinn ergeben."

"Sollen sie nur kommen", sagte Valo. "Sie werden schon sehen, was sie davon haben!"

"Wieso kehrt Igarb nicht zurück, Valo?"

"Ich weiß es nicht."

"Was glaubst du? Hören wir noch was von ihm? Oder haben ihm und seinen Kriegern inzwischen die Elfen den Kopf abgeschlagen?"

"Das will ich nicht hoffen", murmelte Valo finster.

Tausend Gedanken gingen ihm durch den Kopf. Tausend Gedanken, die ihm ohnehin den Schlaf geraubt hätten, weswegen es ihm auch überhaupt nichts ausmachte, Wache zu halten. Die meisten dieser Gedanken beschäftigten sich damit, was die nächsten Tage bringen würden und was geschehen würde, wenn es tatsächlich zu einem Angriff über das Wasser kam.

Ein Gedanke galt jedoch seinem Bruder Ravic.

Was hätte er an meiner Stelle getan?, ging es ihm durch den Kopf. Vielleicht wäre er einfach auf die Elfen zugestürmt, zusammen mit dem irren Mroo! Ohne Rücksicht auf sich, andere, oder die Vernunft! Bei den Göttern, er ist wie unser Vater - aber ich bin es nicht.

Es erschien ihm ungerecht zu sein, dass die Götter anscheinend eher zu denen hielten, die so waren wie Remirg oder Ravic. Krieger, die ihrer Wut, ihrem Hass oder ihrer Gier folgten und nicht einem ausgeklügelten Plan.

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AM NÄCHSTEN MORGEN war aus der Ferne ein Tumult zu hören.

Wilde, triumphierende Schreie drangen von Nivandrum herüber. Die Hammerschläge waren verstummt. Hatten die Elfen etwa ihr Werk vollendet?

Statt der Hammerschläge schlugen sie nun im Rhythmus auf ihre Schilde und untermalten damit den Chor ihrer Rufe.

Valo war sofort hellwach. Er stand von seinem Lager auf und bewaffnete sich.

"Es könnte sein, dass es jetzt losgeht", sagte Dhalmi der Graue, der ebenfalls gerade erwacht war und sich in aller Ruhe die Stiefel anzog.

"Ja! Endlich! Sollen sie kommen", rief der irre Mroo. "Meine Axt verlangt nach Blut! Mehr Blut! Immer mehr Blut!"

Seine Augen traten weit hervor und waren auf unnatürliche Weise aufgerissen. Am Abend zuvor hatte Valo beobachtet, dass er sich irgendeine Mixtur hergestellt und in seinem Trinkhorn zusammengerührt hatte. Seit er nicht mehr das Wasser von Denumorh dem Rauen trinken konnte, hatte er ohne seinen Berserkertrunk auskommen müssen. Vielleicht hatte er versucht, sich selbst etwas herzustellen. Pilze, aus denen man ihn gewinnen konnte, gab es schließlich auch auf der Flussinsel mehr als genug.

Valo wartete nicht auf Dhalmi. Er machte sich sofort zum Westufer der Flussinsel auf. Igobnif und Rumrost waren ihm dicht auf den Fersen. Dann folgte der irre Mroo.

"Da sind Köpfe!", rief Thunkh Vierfinger vom Turm aus, auf dem er zurzeit Posten bezogen hatte. "Sie haben Köpfe aufgespießt! Diese Tiere!"

Eine furchtbare Ahnung stieg in Valo hoch.

Asche staubte unter seine Füßen auf, während Valo sich im Laufschritt fortbewegte.

Wenig später erreichte er das Westufer. Der Nebel, der noch am vergangenen Tag wie eine graue Wand die Sicht versperrt hatte, war nicht mehr vorhanden. Die Schwaden hatten sich vollkommen aufgelöst. Die Morgensonne schien Valo im Rücken und sorgte für eine hervorragende Sicht.

Hunderte von Elfenkriegern befanden sich am Ufer bei Nivandrum. Genau zehn von ihnen hielten sehr lange Spieße empor. Spieße, die länger waren, als jede Lanze, die irgendein Krieger - gleichgültig ob Reiter oder Fußkämpfer - verwenden konnte.

Igarbs Haarschopf erkannte Valo sofort. Und dass es sich bei den anderen blutigen Köpfen, die da emporgehalten wurden, um jene Orks handelte, die sich mit ihm zusammen aufgemacht hatten, um die Großbarken zu holen, konnte wohl nicht bezweifelt werden.

Ein Wutschrei drang jetzt über Valos Lippen. Ein Wutschrei, der kein Wort oder den Namen eines Gottes oder irgendetwas anderes beinhaltete, was eine Bedeutung gehabt hätte!

Ein Schrei, der mehr an den Schrei eines Tieres als den eines vernunftbegabten Wesens erinnerte. Nie zuvor hatte jemand so etwas je von Valo gehört. Der ganze Hass, die ganze Wut, die sich in ihm aufgestaut hatten, brach sich in diesem einen Augenblick auf eine Weise Bahn, die selbst den irren Mroo die Stirn runzeln ließ.

"Ich nehme an, auf die Großbarken brauchen wir nicht mehr zu warten", stellte Igobnif nüchtern fest.

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DER ANGRIFF FAND AM frühen Nachmittag statt. Die Elfen ließen ihre Flöße zu Wasser, die sie angefertigt hatten. Das Holz, das dafür verwendet wurde, musste von weit her geholt worden sein. Vom Westufer der Flussinsel aus konnte man die magiegetriebenen Karren sehen, die es gebracht hatten.

"Die wollen sich für die Niederlage vor Nivandrum rächen", erkannte Rumrost, "als sie glaubten, sie bräuchten nur unseren Anführer umbringen und hätten dann mit dem Rest von uns leichtes Spiel."

"Jedenfalls sind sie bereit, einiges auf sich zu nehmen", stellte Valo fest. Unterdessen eilte Fhyel der Überbordgegangene zu ihm. Valo hatte ihn zur anderen Seite der Insel geschickt, um zu erfahren, ob sich irgendetwas auf der östlichen Stromseite tat.

"Bronyest sagt, dass sie ein paar Flussboote am Ufer entlang gezogen und fest gemacht haben", sagte Fhyel.

"Sieht es so aus, als ob sie auch übersetzen wollten?", fragte Valo nach.

Fhyel schüttelte den Kopf. "Bronyest meint nein. Bei den Booten handelt es sich im Fischerboote, die höchstens zwanzig Krieger fassen würden. Höchstens! Ich glaube nicht, dass sie damit übersetzen werden. Ein Angriff wäre ihr sicherer Untergang."

"Geh nochmal zurück und ruf alle verfügbaren Bogenschützen zusammen, Fhyel."

"Ja, sicher."

"Wenn die Elfen aus dem Osten jetzt ohnehin nicht übersetzen können, dann brauchen wir dort auch keine Bogenschützen, um sie abzuwehren."

Fhyel machte sich auf den Weg.

Währenddessen wurde die erste Salve von Pfeilen vom Ufer aus abgeschossen. Diesmal waren es keine Brandpfeile. Angesichts der Tatsache, dass so gut wie alles, was im Westteil der Insel brennbar gewesen war, inzwischen zu Asche verbrannt war, wäre das wohl auch eine zu große Verschwendung gewesen. Aber vielleicht war den Elfen auch schlicht und ergreifend das Pech ausgegangen. Schließlich hatten sie zuvor so viele Brandpfeile verschossen, dass sie kaum zu zählen - und vor allem in den Köchern der Schützen kaum zu ersetzen waren.

Die Pfeile gingen nieder. Einer der Bogenschützen wurde getroffen. Er hatte keinen Schild getragen, da er beide Hände für seinen Bogen brauchte. Jetzt steckte ihm ein Pfeil im Arm.

"Verflucht!", rief er.

Sein Name war Trömil. Oft nannte man diesen Ork "Trömil wie das Schwert", weil er genauso hieß wie der geheimnisvolle zwergische Schmied der legendären Trömil-Schwerter, dessen Schriftzug so häufig kopiert wurde, um höhere Waffenpreise zu erzielen.

Als Schütze fiel Trömil nun natürlich aus.

Dhalmi kümmerte sich um ihn. Keiner der Orks, die mit Remirg Elfenstirnspalters Schiffen auf große Fahrt gegangen waren, hatte wirklich ein umfangreiches Heilwissen.

"Zieh mir diesen verfluchten Pfeil einfach aus dem Fleisch, du zaghafter Narr!", rief Trömil und biss dann die Zähne zusammen.

Eine Verletzung wie diese konnte tödlich sein. Oft genug endete so etwas in Fieber und Delirium. Dhalmi zog ihm den Pfeil heraus. Trömil schrie auf.

Erneut prasselten Pfeile nieder.

"Nicht zurückschießen!", rief Valo, nachdem bereits einige der Schützen unter den Orks nun ebenfalls Pfeile abgeschossen hatten. "Wir ziehen uns außer Schussweite zurück. Und dann erwarten wir die Elfen an Land."

Die ersten Flöße hatten sich in Bewegung gesetzt. Sie wurden mit langen Staken vorangetrieben - einfachen, langen Stangen, die manchmal allerdings lang genug waren, um auf dem Grund Halt zu finden.

"Narren, die auf Nussschalen schwimmen", lautete der Kommentar von Rumrost Sturmsohn zu diesem Anblick. "Seefahrer sind das jedenfalls nicht."

"Die einzige Stelle, wo man mit solchen Flößen anlegen kann, ist die Anfurt, an der unsere Schiffe liegen", meinte Tarasmus der Rote.

"Bis dort werden sie nicht kommen, so ungeübt wie sie im Umgang mit ihren Wasserfahrzeugen sind", war Valo überzeugt.

"Dann gibt es nur noch eine Möglichkeit", war Rumrost überzeugt.

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AN DER NORDSEITE DER Insel gab es einen flachen Uferabschnitt, an dem ein Floß dieser Größe eventuell landen konnte. Allerdings war es nicht so leicht für die Elfen, dort hinzugelangen. Eines ihrer vollbesetzten Flöße wurde von der Strömung erfasst und fortgezogen. Irgendwo flussabwärts würden sie wohl wieder an Land gelangen können. Vielleicht in einer Flussbiegung. Jedenfalls hatten sie keine Möglichkeit, aus eigener Kraft, die immer schneller werdende Fahrt ihres Floßes aufzuhalten. Die Staken berührten den Boden nicht mehr. Tumultartiges Stimmengewirr entstand unter den Kriegern, während sich das Floß wie ein Kreisel einmal um sich selbst drehte und auf vollkommen chaotische Weise flussabwärts trieb.

Fast hundert Elfenkrieger drängten sich an Bord des Floßes, alle schwer bewaffnet. Die meisten von ihnen konnten vermutlich nicht schwimmen. Diejenigen unter ihnen, die schwere Kettenhemden trugen, hätte auch dies nichts genutzt, wenn das Floß gekentert wäre. Entsprechend ängstlich reagierten sie darauf, als das Floß führerlos dahintrieb.

Das zweite Floß erreichte allerdings die flache Stelle. Und das dritte war auf dem Weg dorthin.

Eine Abteilung der Orks erwartete sie dort. Der irre Mroo war unter ihnen - aber auch Rumrost Sturmsohn und Tarasmus.

Neruq Scharfauge und die anderen Bogenschützen befahl Valo hingegen zu einer hohen Uferstelle, an der nachfolgende Flöße in guter Schussdistanz vorbei mussten. Ein Hagel von Pfeilen prasselte auf die Elfen nieder, sobald sie nahe genug heran waren. Sie versuchten sich mit ihren Schilden zu schützen, aber es gab etliche Verluste.

Die elfischen Schützen am Ufer bei Nivandrum waren wiederum zu weit entfernt, um von ihrem Standpunkt aus genau treffen zu können. Einen breitflächigen Pfeilhagel mit Brandpfeilen abzuschießen war eine Sache - aber einzelne Orks zu treffen, die überdies nur kurz aus ihrer Deckung hervortauchten, war nur schwer möglich.

Valo selbst ging mit Dhalmi und Fhyel dem Überbordgegangenen zusammen zu einer Stelle am Westufer der Flussinsel, von wo aus man an einen guten Blick auf die Elfen bei Nivandrum hatte.

Ab und zu versuchte zwar einer von denen, einen Pfeil auf sie abzuschießen, aber diese Pfeile trafen nicht. Und abgesehen davon hielt man Valo und seine beiden Begleiter aus der Ferne ohnehin nur für einfache Beobachtungsposten.

Niemanden, der besondere Aufmerksamkeit wert gewesen wäre.

Valo beobachtete, was sich am anderen Ufer tat. Die Spieße mit den Köpfen von Igarb und seinen Ork-Kriegern waren in den Boden gerammt worden. Die Köpfe ließ man dabei in Richtung der Flussinsel blicken. "Und da halten diese Elfengottgläubigen auf dem heiligen Pfad des Geistes uns für Barbaren", knurrte Fhyel finster. Er wandte sich an Valo. "Lass mich gehen und Elfen schlachten! Hier gibt es nichts für mich zu tun!"

"Doch, ich brauche dich hier"!, widersprach Valo. "Wenn sich auf der anderen Seite etwas tun sollte, was irgendwelche Gegenmaßnahmen auf unserer Seite erfordert, dann brauche ich einen schnellen Läufer, der meine Befehle notfalls bis zu unserer Anfurt tragen kann."

"Bei Roht, ich würde gerne kämpfen, anstatt als Laufbursche zu dienen", murmelte Fhyel.

Valo konnte sich gut vorstellen, dass es dem jungen Ork nicht gefiel, dass sein Hordenfürst ihn für diese Aufgabe vorgesehen hatte.

Aber er war dazu einfach am besten geeignet, da er der schnellste Läufer war. Als Jungen waren sie beide oft um die Wette gelaufen und meistens hatte er gewonnen.

Unterdessen drang der Kampfeslärm zu ihnen herüber. Das erste Floß der Elfen war angelandet oder hatte es zumindest versucht. Die Bollwerke, die zuvor von den Orks mühevoll errichtet worden waren, hatten die Brände zum Großteil zerstört. Die Elfen stürmten die Uferböschung hinauf. Andere wateten noch durch das flache Uferwasser. Das Floß schwankte, einige der Angreifer verloren das Gleichgewicht. Während die anderen Orks sich noch zurückhielten, stürmte der irre Mroo aus ihrer Mitte hervor und stürzte sich auf den erstbesten Elfen. Er schleuderte seine langstielige Zwergenaxt. Niemand sonst hätte das mit einer solchen Axt getan - allenfalls mit einem kurzschaftigen Beil. Und wahrscheinlich hätte auch niemand sonst damit getroffen.  Die Axt spaltete genau jenem Elfen den Schädel, der gerade versuchte, das Floß an einer knorrigen Baumwurzel zu vertäuen. Der Baum selbst war nach den Bränden nicht viel mehr als ein verkohlter Stumpf. Die dünneren Äste waren sämtlich ein Raub der Flammen geworden, der eigentliche Stamm bestand nur noch aus poröser Holzkohle. Aber das zum Teil vom Flusswasser freigespülte Wurzelwerk war immer noch intakt und bot ideale Schlaufen aus verholzten Wurzelfasern, an denen man ein Tau befestigen konnte.

Der Elf ließ das Tau jedoch los, taumelte mit der Axt im Kopf zurück. Der lange Stiel verhakte sich kurz in den Wurzeln. Die Axtklinge löste sich und der Schädel brach vollends auseinander, während der Elf rücklings ins Wasser fiel. Sein Blut färbte es rot. Das Floß trieb fort. Die Strömung zog an ihm und jetzt, da gekämpft wurde, war niemand da, der ihr mit Hilfe einer Stake widerstehen konnte. Mehrere  Elfen starben durch Bogenschützen. Der irre Mroo stürmte voran. Sein Schrei allein reichte schon aus, um die Elfen glauben zu machen, dass ein leibhaftiger Dämon aus der Hölle entwichen und auf sie gehetzt worden war.

"Aus dem Weg, du Irrer!" rief unterdessen Rumrost, der sich als Bogenschütze betätigt hatte. Er war nicht so gut wie die Orks aus Igarbs Sippe, aber immer noch gut genug. Er hatte den Bogen von Trömil wie das Schwert genommen, der im Moment aufgrund seiner Armverletzung nicht in der Lage war, die Sehne zu spannen. Die meisten anderen Schützen hatte Valo ja an anderen Stellen postiert, um die herannahenden Flöße anzugreifen, sodass es außer im nur noch zwei weitere Orks mit Pfeil und Bogen in der Gruppe gab, die die Elfen erwartete.

"Mroo!", schrie er noch einmal, aber der Berserker dachte gar nicht daran, auf irgendwen zu hören. Er stürmte einfach weiter, senste mit dem Schwert nach links und rechts, fasste die Klinge mit beiden Händen und wartete dann sogar bis ins Wasser hinein. Nicht einmal das nasse Element schien ihn aufhalten zu können. Eine Schneise des Todes hatte er in die Reihen seiner Gegner gepflügt. Beeindruckt von Mroos Tollkühnheit stürmten nun auch die anderen hinterher. Rumrost warf den Bogen zur Seite und zog stattdessen das Schwert. Er wollte schließlich nicht der Letzte sein, der einen Elfenschädel spaltete.

Mroo hatte inzwischen das forttreibende Floß erreicht und sich hinaufgeschwungen. Fast ein Dutzend Elfenkrieger waren noch auf dem Floß. Die hatten Mühe, sich auf dem schwankenden Gefährt überhaupt auf den Beinen zu halten. Die Stämme, aus denen das Floß gefertigt war, hatte man mit hölzernen Querstreben auf eine Weise zusammengenagelt, die auf einen Seefahrer aus dem Norden alles andere als fachmännisch wirken musste. Zusätzlich waren Seile verwendet worden.

"Ins Wasser mit euch! Für eine lange Reise ist dieses Floß sowieso nicht gemacht!", brüllte Mroo. Er griff den ersten Elfen an, stieß ihm das Schwert in den Bauch und beförderte ihn mit einem Tritt ins Wasser. Der nächste schaffte es gerade  noch den ersten Hieb des Berserkers zu parieren, ehe auch er tödlich getroffen wurde. Einen dritten und vierten Gegner tötete er ebenfalls innerhalb von Augenblicken. Sein Stand auf dem schwankenden Untergrund wirkte vollkommen sicher, während dies für seine Gegner nicht einmal ansatzweise galt. Zwei von ihnen fielen schon ins Wasser, ohne dass Mroo irgendetwas dazu tun musste. Schreiend ruderten sie im Wasser mit den Armen. Offenbar waren sie Nichtschwimmer. Die Strömung riss sie fort und es war unwahrscheinlich, dass sie es noch bis zu irgendeinem Ufer schaffen würden.

Mit barbarischen Rufen auf den Lippen kämpfte er auch die letzten Elfen auf dem Floß nieder.

Er stand nun allein da. Das Floß war schon ein ganzes Stück abgetrieben und beschleunigte stetig die Fahrt. Langsam schien es aus dem Strömungsschatten der Flussinsel zu geraten, was sich deutlich bemerkbar machte.

Mroo blickte zum Inselufer. Schreie gelten von dort herüber. Die Orks trieben die gelandeten Elfen zurück ins Wasser. Die meisten standen schon bis zu den Knien im Nass. Und weiter im Westen gab es an Bord der nachfolgenden elfischen Flöße bereits erhebliche Verluste durch die Bogenschützen. Eines von ihnen war soweit abgetrieben, dass es wohl kaum noch möglich sein würde, tatsächlich bis zur Flussinsel zu gelangen. Die Strömung trieb es auf das Ufer nördlich von Nivandrum zu.

Mroo steckte sein Schwert ein. Und sprang ins Wasser.

Er hatte schwimmen gelernt, was selbst in seiner Heimat keineswegs selbstverständlich war. "Ich fange jeden Fisch mit den Zähnen - und dasselbe mache ich mit jedem Elfen!", brüllte er, kurz bevor er sprang.

Und dann schwamm er - trotz Wams und Schwert - mit kraftvollen Zügen Richtung Flussinsel.

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MINDESTENS ZWEIHUNDERT Leichen trieben am Ende des Tages im Fluss. Nach und nach würden sie ebenso irgendein Ufer erreichen, wie man es von den herrenlos gewordenen Flößen erwarten konnte.

Der Angriff der Elfen war für die Angreifer zu einer vernichtenden Niederlage geworden. Sie hatten viele Krieger verloren. Nur ein Floß war überhaupt zu den Anfurten von  Nivandrum zurückgekehrt. Und das nur mit dezimierter Besatzung.

Darüber hinaus hatten die Elfen offenbar so große Mengen an Pfeilen in Richtung der Flussinsel geschossen, dass ihnen zunächst einmal der Vorrat daran ausgegangen zu sein schien.

"Sie werden keine Ruhe geben", sagte Dhalmi. "Aber für eine Weile müssen sie sich die Wunden lecken und vielleicht zusätzliche Kräfte herbeiholen."

"So schnell ist das sicher nicht möglich", glaubte Valo. "Es sei denn, sie bekommen Verstärkung von Kriegern aus anderen Teilen des Landes."

"Warum sollte das nicht geschehen?", fragte Dhalmi. "Was hier geschieht, wird das Missfallen der widerstreitenden Elfen-Könige erregen."

"Das hat es mit Sicherheit schon."

"Gut, dann sind wir uns zumindest in dem Punkt ja einig."

Valo sah Dhalmi fragend an. "Worauf willst du hinaus? Dass wir jetzt möglichst schnell doch noch alles in die Schiffe packen, was unsere Schiffe tragen können und uns davonmachen?"

"Da wäre weise!"

"Das wäre dumm."

"Valo! Hör auf mich! Wir haben eine Atempause gewonnen und die müssen wir nutzen, denn sie wird nicht lange anhalten. Die Elfen auf der anderen Seite des Flusses schauen noch zu, wie wir ihre Brüder abschlachten. Aber ich glaube nicht, dass dieser Zustand ewig anhält."

"Nein, das glaube ich auch nicht. Aber mit denen wir werden wir fertig."

"Valo, das hieße die Götter herauszufordern!"

"Und wenn schon! Hat mein Vater, der große Remirg Elfenstirnspalter das nicht auch immer wieder getan? Die Götter herausgefordert? Jedes Mal, wenn er als erster in die Schlacht gelaufen ist und sich auf die Feinde gestürzt hat, als wäre er ein Beserker, dann hat er ihre Gunst herausgefordert. Und je mehr er sie herausgefordert hat, desto mehr haben sie ihn belohnt. War das nicht so? Du kanntest ihn doch schließlich noch viel länger als ich und kannst das besser beurteilen."

"Ja, das war so. Aber vor mancher Dummheit konnte ich ihn bewahren - und ich hoffe, dass das bei dir auch so sein wird."

Valo wandte sich an Fhyel. "Geh schonmal zur Anfurt. Ich werde gleich dort sein."

Fhyel der Überbordgegangene wirkte etwas unschlüssig, dann nickte er und ging. Was Valo nun zu sagen hatte, war offenbar nicht für die Ohren des jungen Orks bestimmt.

"Wenn ich tun würde, was du verlangst, würde ich die Gefolgschaft der Orks verlieren - oder zumindest eines wichtigen Teils von ihnen. Wahrscheinlich der Mehrheit."

"Ein Anführer tut, was richtig ist. Er läuft nicht seinen Kriegern hinterher, sondern er muss es schaffen, dass sie ihm folgen, weil sie glauben, dass die Götter auf der Seite ihres Hordenfürsten ist und sie von dieser Gunst profitieren können, Valo!"

"Worte, Dhalmi! Nichts als Worte!"

"Vielleicht ist es einfach so, dass du die Gunst der Götter längst verloren hast, Valo", sagte Dhalmi dann. "Der Schwertbruch in der Schlacht war ein Zeichen und so sehr wir uns alle vielleicht auch das Gegenteil einreden, es bleibt ein Zeichen und wir sollten es nicht einfach übersehen."

"Ich habe zu tun, Dhalmi. Es gilt, sich auf den nächsten Angriff der Elfen vorzubereiten - gleichgültig, von welchem Ufer er nun auch immer erfolgen mag." Valo drehte sich um und ging.

"Valo!", rief Dhalmi ihm nach. Aber Valo drehte sich nicht um. "Glaubst du, den Orks wird nicht früher oder später auffallen, dass du dich vom Kampf ferngehalten hast?"

Valo blieb stehen. Er drehte sich noch immer nicht um. Dhalmis Worte hatten ihn wie ein Keulenschlag getroffen.

"Du hast es getan, weil du dich fürchtest. Und du fürchtest dich zu recht, seit dir das Schwert gebrochen ist. Du fürchtest dich nicht nur vor deinen Feinden, sondern sogar vor deinen eigenen Kriegern, weil du nämlich ahnst, dass sie dir auf die Dauer vielleicht nicht folgen. Dein Vater..."

"Mein Vater ist tot!", unterbrach ihn Valo.

"Dein Vater hätte seinen Leuten einfach gesagt, was er für richtig hält und er hätte sich einen Dreck darum gekümmert, ob sie ihm folgen. Genau deswegen aber sind sie ihm nie von der Seite gewichen."

Sehr langsam wandte sich Valo jetzt herum. Er musterte Dhalmi wie einen Fremden, den man einzuschätzen versucht. "Und was ist mit dir, Dhalmi?", fragte er dann. "An wessen Seite wirst du stehen?"

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Kapitel 24

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Ravic und Branagorn waren zusammen mit Kaiser Rahtol und seiner Reiterschar von Nudrev aus auf den Rückweg zum Heerlager beim Königshof in Elfgartenburg.

Eigentlich sollten noch weitere Verbände von Kriegern hier eintreffen. Manche waren schon überfällig, aber die Wege im Elfenreich waren weit und die Dauer einer Reise mitunter schwer einzuschätzen.

Kaiser Rahtol gab den Befehl, nach Norden zu ziehen. Diejenigen, die noch nicht bei Elfgartenburg eingetroffen waren, würden später nachkommen. Man würde die Nachzügler entsprechend informieren, wenn sie den Königshof erreichten. Einzelne Reiter oder kleinere Verbände waren meistens schneller, als es ein so riesiges Heer sein konnte, wie Rahtol es hinter seinem Banner zusammengerufen hatte.

Schließlich hatte dieses Heer einen gewaltigen Wagentross, der ihm folgte.

Unterwegs stießen immer wieder kleinere Verbände zum Heer des Kaisers dazu, so dass es immer weiter anwuchs.

"Ich frage mich, weshalb jemand, der ein so gewaltiges Heer zur Verfügung hat, es nicht schafft, mit seinen aufmüpfigen Brüdern fertig zu werden", meinte Ravic. "Selbst die Hälfte an Kämpfern müsste dazu doch ausreichen! Abgesehen davon sind die meisten Krieger doch ganz gut ausgerüstet. Selbst die Fußsoldaten."

"Du überschätzt, was du siehst", meinte Branagorn.

"Ach, wirklich? Obwohl ich noch weit davon entfernt bin, ein alter Krieger zu sein, habe ich doch schon auf vielen Schlachtfeldern gekämpft und kann das sehr wohl beurteilen. Und ich bin gewiss nicht wenig herumgekommen."

Branagorn von Yevroc lächelte mit einer spöttischen Nachsicht in den Zügen, die auf Ravic regelrecht provozierend wirkte. Gibt es überhaupt jemanden, dessen Meinung dieser Schamane insgeheim nicht verspottet?, ging es ihm dabei durch den Kopf. Überheblichkeit scheint seine zweite Natur zu sein!

"Das, was du erlebt hast, waren keine Schlachten, sondern kleine Gemetzel zwischen Barbaren. Ein Krieg zwischen Königen ist etwas anderes."

"Ich nehme an, dass in einem Krieg unter Königen auch nichts anderes als Blut fließt!", knurrte Ravic.

"Ja, nur viel mehr, als du dir das auch nur vorstellen kannst. Und auch dieses Heer wird noch anwachsen - und zwar erheblich!"

"Und König Giwdul? Hat er ähnlich große Verbände unter seinem Befehl?"

"Das hat er. Und Lerak ebenfalls. Sie ringen seit Jahren um die Macht. Mal gegeneinander, mal zu zweit verbündet gegen den dritten und mal gegen ihren Vater oder gegen sonstwen. Es hat kaum ein Jahr ohne Krieg gegeben, seit ich zurückdenken kann."

Die gewaltigen Ausmaße, die das Heer des Kaisers hatte, beeindruckte Ravic immer mehr. Er dachte daran, dass eine so riesige Schar von Kriegern möglicherweise auch gegen die Orks auf der Flussinsel zog, falls diese nicht bereit waren auf eine Lösegeldzahlung einzugehen, woran Ravic allerdings keinen einzigen Augenblick zweifelte. Sich reichlich dafür bezahlen lassen, dass man das Land wieder verließ, war die einfachste Art und Weise, ein Land auszuplündern. Und wenn der Preis in Gold oder Silber entrichtet wurde, dann konnte man diesen Gewinn auch vergleichsweise einfach transportieren, was mit geraubten Gütern nicht unbedingt immer der Fall war.

Außerdem konnte man dann im nächsten Jahr erneut kommen, die Flüsse hinauffahren und eine viel höhere Forderung stellen. Am besten, indem man einiges mehr an Schiffen aufbot, sodass ihr Anblick nicht die beabsichtigte Wirkung verfehlte.

Das alles hättest du tun können, wenn du bei deinen Leuten geblieben und eines Tages der Nachfolger deines Vaters geworden wärst, ging es ihm bitter durch den Kopf. Aber der Weg, den sein Leben genommen hatte, führte unweigerlich in eine ganz andere Richtung. Auch, wenn er sich nun rein geographisch seinen Verwandten Im Orkland wieder näherte, so war er ihnen noch nie ferner gewesen, als jetzt. Es gab kein Zurück, das wusste er. Nicht, wenn alles mit rechten Dingen zuging. Sein eigener Bruder würde ihn vielleicht sogar umbringen, wenn er es wagte, plötzlich noch einmal die Flussinsel zu betreten. Er hatte sich dazu hinreißen lassen, im Zorn einen Ork zu erschlagen und nun musste er dafür die Strafe auf sich nehmen.

Er hatte das akzeptiert und ihm war von Anfang an bewusst gewesen, dass mit dem Augenblick, da die Verbannung ausgesprochen worden war, für ihn ein anderes Leben begonnen hatte. Ein Leben, das eigentlich keinerlei Verbindung mehr zu seiner Vergangenheit haben durfte.

Und doch - Ravic konnte nicht anders, als immer wieder an seine Leute zu denken. An seinen Vater, der so große Hoffnungen in ihn gesetzt und ihn als seinen Nachfolger vorgesehen hatte. Durch seine Tat war das ausgeschlossen. Dass er die Hoffnungen seines Vaters in dieser Weise enttäuscht hatte, dafür schämte er sich mittlerweile.

Er dachte auch oft an seinen Bruder Valo. Seinen Halbbruder, wie man ihn immer wieder erinnert hatte. Valo war der Einzige, der jetzt seine Stellung einnehmen konnte.

Eines Tages die Nachfolge seines Vaters anzutreten, das war - trotz seiner Elfling-Herkunft - über so lange Zeit ein selbstverständlicher Gedanke für Ravic gewesen. Eines Tages wäre er in die Fußstapfen eines großen Hordenfürsten getreten und in der Vergangenheit hatte er auch nie daran gezweifelt, einer solchen Aufgabe irgendwann auch gewachsen zu sein.

Aber vielleicht war das von Anfang an ein Irrtum gewesen, ging es Ravic durch den Kopf. Was wäre ich denn für ein Anführer geworden?, fragte er sich nicht zum ersten Mal. Einer, der sich nicht einmal selbst beherrschen kann, soll fähig sein, andere zu führen? Er hatte sich selbst ins Unglück gebracht und vielleicht war es ganz gut so, dass er keine Gelegenheit dazu bekam, dies auch bei anderen zu tun.

Wenn es wirklich zur Zahlung eines Lösegeldes kommt, wird die Fahrt für meine Leute erfolgreich enden, wusste Ravic. Aber was, wenn nicht?

An diese Möglichkeit mochte er gar nicht denken. Das Heer der Elfen unter ihrem Kaiser Rahtol war größer, als er es sich je vorgestellt hätte. Und wenn man in Betracht zog, dass Giwdul zumindest ein Heer zur Verfügung hatte, das von Rahtol nicht so ohne weiteres geschlagen werden konnte, dann bedeutete dies, dass eine gewaltige Übermacht gegen die Orks stand.

Auch wenn es sicher sehr klug war, sich auf einer Insel zu verschanzen und man dort gewiss auch die Möglichkeit hatte, sich lange zu halten, jeder Belagerung lange standzuhalten, so war diese Übermacht doch beängstigend.

Eigentlich war das ein Kampf, den man nicht gewinnen konnte.

Du bist ein Narr, sagte er sich. Für deine Sorgen gibt es keinen Grund.

Alle Beteiligten hatten ihre Gründe dafür, auf ein Lösegeld einzugehen. Die Orks, weil sie inzwischen erkannt haben mussten, dass sie im Moment nicht weiter ins Landesinnere vorstoßen konnten. Und die königlichen Elfen-Brüder Rahtol und Giwdul, weil sie die Eindringlinge möglichst schnell loswerden mussten, um sich ihren eigentlichen Problemen widmen zu können. Was sollte also schiefgehen?

Ein anderer Gedanke kam Ravic. Und der gab in der Tat Anlass zur Sorge. Wenn meine Leute jetzt noch auf der Flussinsel sind, dann kann das eigentlich nur bedeuten, dass die Großbarken bisher noch nicht eingetroffen waren, mit denen man die Beute aus Nivandrum fortbringen könnte!

Hatte es keiner der Orks geschafft, zu Kirie Störenfried vorzudringen? Oder war Kirie nicht bereit gewesen, die Großbarken freizugeben?

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AM ABEND SASSEN SIE am Feuer. Branagorn bestand darauf, dass Ravic sich stets in seiner Nähe aufhielt und betonte das auch mehrfach.

"Du glaubst, dass man dich selbst im Lager des Kaisers umbringen würde?", fragte Ravic. "Würde das wirklich jemand wagen?"

"Es sind schon ganz andere Wagnisse eingegangen worden", sagte Branagorn. "Es treffen jeden Tag Krieger aus allen Teilen des Reiches ein und die Herolde des Kaisers reiten in alle Richtungen, um Botschaften zu überbringen. Da besteht immer die Gefahr, dass unter den Ankömmlingen jemand ist, der in Wahrheit seine ganz eigenen Pläne verfolgt."

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IN DER NACHT BRACHEN Reiter auf. Ravic wurde dadurch wach. Er stellte fest, dass auch Branagorn nicht schlief.

"Was ist da los?", fragte Ravic.

"Es werden Boten vorausgeschickt, die den Vasallen des Kaisers bei Nivandrum Anweisungen geben sollen."

"Was ist mit Giwdul? Wie erfährt er von dem Übereinkommen, das du erzielt hat?"

"Davon weiß er längst. Schon von Elfgartenburg aus sind Boten ausgeschickt worden. Elfenritter mit schnellen Laufdrachentieren, die die Wege gut kennen."

"Willst du diese Nachricht Giwdul denn gar nicht selbst überbringen? Wir hätten mit den Boten reiten können?"

"Mein Platz ist hier."

Ravic schwieg einige Augenblicke und dann verstand er. "Du misstraust König Giwdul inzwischen?"

"Ja."

"Dann hatte ich also recht", stellte Ravic fest. "Aber es wundert mich nicht. Du denkst: Wenn dieser Darnuc von Dalabor einen Mörder ausschickt, dann könnte er das auch mit Billigung seines Königs getan haben."

"Du hast die rege Fantasie eines Barbaren, Ravic."

"Ich bin vielleicht aus der Sicht eines Gelehrten wie dir ein Barbar - aber du solltest mich nicht für dumm halten!"

"Einen Dummkopf hätte ich nicht zu meinem Leibwächter erkoren", gab Branagorn zurück. "Das wäre mir schlicht zu gefährlich gewesen."

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SPÄTER SPIELTE RAVIC mit ein paar anderen Männern am Feuer ein Brettspiel. Die Männer hatten es aus ihrer Heimat mitgebracht. Die Männer kamen aus Anfurtenland und waren ihnen am vergangenen Tag entgegen gezogen.

Es dauerte eine Weile, bis Ravic die Regeln des Brettspiels beherrschte. Die Männer aus Anfurtenland begannen, sich über ihn lustig zu machen. "Woher kommst du denn, dass du immer verlierst?", fragte einer von ihnen. "Verhexte Hände musst du haben?"

"Hör auf, Ravic. Lass es gut sein", sagte Branagorn. Aber Ravic dachte nicht daran, sich von Branagorn etwas vorschreiben zu lassen. Es reichte, dass er ihm den ganzen Tag wie einem Schatten folgen musste!

Ravic spielte weiter. Er wurde tatsächlich besser. und schließlich gewann er sogar.

"Du sprichst seltsam", meinte einer der Männer aus Anfurtenland.

"Ihr sprecht auch seltsam", gab Ravic zurück.

"Ein Anzanier bist du nicht. Dann könnte man dich besser  verstehen. Und auch kein Troll. Bist du ein Wald-Elf?"

"Er ist ein Wald-Elf", griff Branagorn ein.

"Die Wald-Elfen sind doch halbe Pflanzen, so richtige Baumschmuser", meinte der Mann aus Anfurtenland. "Und außerdem - müsstest du dann nicht König Giwdul Heerfolge leisten? Das Land der Wald-Elfen liegt doch so weit östlich, dass man schon gar nicht mehr genau weiß, wo es eigentlich liegt!"

"Nun, von Anfurtenland ist mir persönlich auch nichts weiter bekannt", gab Ravic zurück, woraufhin die anderen Männer lachten.

"Wir könnten das Spiel etwas interessanter gestalten", meinte der Mann aus Anfurtenland.

"Und wie stellst du dir das vor?", fragte Ravic.

"Indem wir um einen Einsatz spielen. Um das Beil zum Beispiel, das du bei dir trägst! Oder ein Kupferstück."

"Wie wäre es mit einem Silberstück?", fragte Ravic und holte eins hervor.

"Ich soll dich nicht für dumm halten, Ravic, aber jetzt habe ich kaum noch eine andere Wahl", meinte Branagorn dazu.

"Weil das Spiel um Geld Sünde ist?", fragte der Mann aus Anfurtenland. "Das sagt man doch immer!"

"Es ist nicht nur Sünde, es ist auch dumm", erwiderte Branagorn.

Aber Ravic ließ sich nicht davon abbringen. Allerdings verlor er seine Münze. Und auch eine zweite wechselte rasch den Besitzer. Bei der dritten wurde sein Gesicht sehr finster. Und der Mann aus Anfurtenland biss mit den Zähnen auf die letzte Münze. "Kaum zu glauben, aber die scheint echt zu sein. Woher hast du so viel Silber, Wald-Elf? Sollten wir etwa einen Taschendieb unter uns haben?"

"Vielleicht eher einen Betrüger", gab Ravic zurück. "Denn wie ist es möglich, dass du andauernd gewinnst, obwohl ich dich zuvor schlagen konnte?"

"Weil du schlechter spielst, Wald-Elf!"

Ravic fühlte Zorn in sich aufsteigen. Jenen überwältigenden Zorn, der eine gefährliche Ähnlichkeit zu dem Gefühl hatte, das ihn immer wieder in seinem Leben einfach mitgerissen hatte.

"Ich hatte schon bewiesen, dass ich besser spiele, Mann aus Anfurtenland", knurrte Ravic.

"Du hättest eben nicht um einen Einsatz spielen sollen, aber ich gebe dir gerne die Gelegenheit zu einer Revanche!"

"Vielleicht sollten wir die dann etwas interessanter gestalten!"

"Ach, ja?"

"Indem wir sie zum Beispiel mit dem Schwert entscheiden."

Der Mann aus Anfurtenland griff augenblicklich zu seiner Klinge.

"Gib ihm keinen Vorwand, dich zu töten", griff jetzt Branagorn ein. "Denn das wird geschehen, wenn du ihn angreifst. Und ich glaube kaum, dass du irgendeine Chance gegen ihn hast. Er wird das hinterher einen fairen Kampf nennen - aber in Wahrheit wird es ein Mord sein."

"Misch dich nicht ein, Branagorn", sagte Ravic.

"Du hast das Spiel zu recht verloren. Deine letzten Silberstücke werden kaum ausreichen, um das Wergeld zu bezahlen, wenn du diesen Mann erschlägst."

"Schweig, Schamane!"

"Es ist genug, Ravic! Reicht eine Verbannung nicht? Muss man dir erst den Kopf abschlagen, um dein Temperament zu kühlen?"

Man hörte einige Augenblicke nur das Feuer prasseln und das Schnauben der Laufdrachentiere. Aus der Ferne drang Lautenspiel aus dem Zelt des Kaisers, dem offenbar eine gehobene Art der Unterhaltung geboten wurde.

Ravic atmete tief durch. Er hat recht, dachte er. "Genieß deinen Gewinn", raunte er schließlich dem Mann aus Anfurtenland zu, "und erwarte die Strafe für deinen Betrug nach dem jenseitigen Gericht des Elfengottes!"

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Kapitel 25

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Tage waren auf der Flussinsel vergangen, ohne, dass etwas geschah. Der Sieg gegen die von Nivandrum aus kommenden Angreifer war teuer erkauft worden, auch wenn das im ersten Moment nicht gleich sichtbar gewesen war.

Aber etliche der Orks hatten bei den Kämpfen Verletzungen davongetragen und es gab mehr als ein Dutzend Tote.

Aber dabei würde es nicht bleiben, denn von den Verletzten würde früher oder später noch ein Teil nicht überleben.

Trömil wie das Schwert hatte die letzten Nächte im Fieber fantasiert und es bestand wenig Hoffnung für ihn.

Es wurde nicht viel geredet. Die Orks beschwerten sich nicht, sie wirkten müde und abgeschlagen. Vom Turm der Kapelle und vom Westufer aus wurde ständig beobachtet, was die Elfen taten.

Sie schienen sich aus Nivandrum zurückgezogen zu haben. Nur die Spieße mit den Köpfen von Igarb und seinen Kriegern waren zurückgelassen worden, um die Orks daran zu erinnern, was auch ihnen in Zukunft blühen mochte.

Valo verbrachte viel Zeit auf dem Turm der Kapelle. Da man von hier aus sowohl zum Ufer der Elfen im Osten als auch nach Nivandrum sehen konnte, erschien ihm dies der richtige Ort, um darüber nachzudenken, was nun geschehen sollte.

"Ich glaube nicht, dass wir von den Elfen im Westen so schnell wieder etwas hören werden", meinte Rumrost, der ihn auf den Turm begleitet hatte. Auch er hatte ein paar Schrammen während des Kampfes mit den Elfen abbekommen. Harmlose Verletzungen, wie er selbst meinte. Aber ob eine Verletzung wirklich harmlos war, entschieden die Götter nach ein paar Tagen.

"Es wundert mich, dass sie sich zurückgezogen haben", bekannte Valo. "Und ich frage mich, ob dahinter nicht in Wahrheit irgendeine List steckt. Ein Plan..."

"Und was soll das für ein Plan sein?" Rumrost schüttelte den Kopf.

"Dann war es ein Befehl. Ein Befehl von dem, der dort regiert: Kaiser Rahtol. Sie waren trotz aller Verluste immer noch in einer erdrückenden Übermacht. Eigentlich gab es keinen Grund, sich zurückzuziehen."

"Vielleicht wollen sie uns hervorlocken und dazu bringen, nach Nivandrum zu gehen und uns umzusehen", vermutete Rumrost. "So ähnlich wie beim letzten Mal, als sie sich gleich auf dich gestürzt haben - den Anführer."

Valo erschien das einleuchtend. Die Elfen waren schon einmal so vorgegangen. Weshalb sollten sie es nicht erneut versuchen?

Mehr Sorgen machten Valo im Moment ohnehin die Elfen im Osten. Die jeweils auf dem Kapellenturm postierten Wachen hatten mindestens fünf große Boote gezählt, die zum gegenüberliegenden Ufer gebracht worden waren. Bei all diesen Booten war das auf dieselbe Weise geschehen: Man hatte sie mit Laufdrachentieren oder Ochsen von Land aus gezogen und dabei unterstützende Magie eingesetzt. Gruppen von Elfen taten nichts anderes, als die Hände zum Himmel zu recken und Beschwörungen zu murmeln.

Valo hatte so etwas noch nie zuvor gesehen und auch die anderen Orks, die das entweder vom Kapellenturm oder von der Anfurt aus mitbekamen, rieben sich die Augen. Kein Ork wäre auf die Idee gekommen, ein Schiff auf diese Weise vorwärts zu bewegen. "Demnächst lassen sie auch noch Laufdrachentiere auf Männern reiten!", hatte Rumrost dazu gesagt. Viele der Orks empfanden es als geradezu widernatürlich, was sie da zu sehen bekamen.

Dass sich die Elfen im Osten ebenfalls darauf vorbereiteten, den Fluss zu überqueren, lag auf der Hand. Es fragte sich nur, wie lange das noch dauern würde. Auf irgendetwas warteten sie noch.

"Valo, wie soll es jetzt weitergehen?", fragte Rumrost, nachdem sie eine ganze Weile geschwiegen hatten und Valo Elfenstirnspalter nur mit schmalen Augen die ganze Zeit nach Osten blickte, so als könnte er über die Absichten seiner Feinde mehr erfahren, wenn er sie nur lange genug beobachtete.

Ein paar elfische Posten waren am Ufer zu sehen - mehr nicht. Nicht einmal die Boote, die in letzter Zeit hierher gebracht worden waren, lagen noch in Sichtweite der Orks. Valo vermutete, dass sie in einen der zahlreichen Nebenarme des Stroms gebracht worden waren. Diese Verzweigungen konnte man von der Flussinsel aus nur zum Teil sehen.

"Es muss jemand die Großbarken holen", sagte Valo als Antwort auf Rumrosts Frage.

"Das hat schon einmal jemand versucht und du kannst dir jetzt am Ufer bei Nivandrum ansehen, was aus denjenigen geworden ist."

"Einen anderen Weg gibt es nicht."

"Es gäbe schon einen."

"Was du nicht sagst!"

"Wir könnten die Schiffe so voll wie möglich packen und dann einfach flussabwärts verschwinden."

"Es ist noch nicht lange her, da wärst du mir an die Gurgel gegangen, wenn ich das vorgeschlagen hätte!", beschwerte sich Valo.

"Es ist eben viel passiert und wir sollten unsere Lage noch einmal gründlich überdenken, finde ich." Er zuckte mit den Schultern. "War ja nur so ein Gedanke", fügte Rumrost noch hinzu.

"Ein Gedanke, den du so schnell wie möglich vergessen solltest", gab Valo sehr harsch zurück. "Wir bleiben hier und werden nicht ohne unsere vollständige Beute die Flussinsel verlassen - so wahr ich hier stehe", erklärte Valo mit einem feierlichen Ernst, wie man ihn selten bei ihm bemerkt hatte. Auch nicht in den wenigen Tagen, die er nun schon an Stelle seines Vaters als dessen Nachfolger fungierte.

Details

Seiten
1700
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738953862
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Juli)
Schlagworte
ravic gondar zwei fantasy sagas

Autoren

  • Alfred Bekker (Autor)

  • Roland Heller (Autor)

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Titel: Ravic und Gondar: Zwei Fantasy Sagas