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Mondschatten-Manöver: Die Raumflotte von Axarabor - Band 197

2021 80 Seiten

Leseprobe

Mondschatten-Manöver: Die Raumflotte von Axarabor - Band 197

von Antje Ippensen



Der Umfang dieses Buchs entspricht 73 Taschenbuchseiten.



Zehntausend Jahre sind seit den ersten Schritten der Menschheit ins All vergangen. In vielen aufeinanderfolgenden Expansionswellen haben die Menschen den Kosmos besiedelt. Die Erde ist inzwischen nichts weiter als eine Legende. Die neue Hauptwelt der Menschheit ist Axarabor, das Zentrum eines ausgedehnten Sternenreichs und Sitz der Regierung des Gewählten Hochadmirals. Aber von vielen Siedlern und Raumfahrern vergangener Expansionswellen hat man nie wieder etwas gehört. Sie sind in der Unendlichkeit der Raumzeit verschollen. Manche errichteten eigene Zivilisationen, andere gerieten unter die Herrschaft von Aliens oder strandeten im Nichts. Die Raumflotte von Axarabor hat die Aufgabe, diese versprengten Zweige der menschlichen Zivilisation zu finden - und die Menschheit vor den tödlichen Bedrohungen zu schützen, auf die die Verschollenen gestoßen sind.

Jineo und sein Vater Papso sind keine gewöhnlichen Weltraumnomaden, sondern sie haben ein geheimes Ziel. Die Jagd nach der Erfüllung ihres Traums erfordert hohe Risikobereitschaft, und prompt schlittern sie wieder einmal mit ihrem Wandelraumschiff CONIANNE in eine gefährliche Situation.

Die Raumflotte führt derweil ein Manöver durch, das zunächst planmäßig abläuft. Reine Routine auch für die neu zusammengesetzte Crew der MEGAN 3, deren Kernbesatzung jedoch unverändert aus Kapitänin Xala O’Rapin und den Offizieren Arsay Umurut, Nathan Hilk und Zirk besteht. Plötzlich droht aus der militärischen Übung tödlicher Ernst zu werden, denn etwas Unheimliches lauert am Rand des Manövergebietes.

Die CONIANNE gerät zwischen die Fronten, doch auf einmal ändert sich buchstäblich alles für Jineo und Papso. Die Ereignisse überschlagen sich – führt ihr Weg in die Katastrophe oder gibt es noch Rettung?





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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / COVER 3000AD 123rf Steve Mayer

© Serienidee Alfred Bekker und Marten Munsonius

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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1

Jineo rieb sich das Kinn, was ein kratzendes, schabendes Geräusch hervorrief. Rasieren. Ja, musste er sich mal wieder. Aber wer sah ihn hier schon? Papso würde es nicht gefallen, wenn er sein Äußeres vernachlässigte, doch in letzter Zeit fiel es ihm immer schwerer, die alten Regeln zu befolgen und die verstaubten Traditionen zu achten. Wozu? Sie begegneten niemals ihresgleichen. Sie begegneten überhaupt nur selten jemandem. Seine Gedanken drifteten immer wieder ab, wenn er sich zu zwingen versuchte, den alten Gewohnheitspfaden zu folgen.

Er saß in der „Seifenblase“, so nannten sie den mittleren Teil des Schiffes, der rein geistiger Tätigkeit vorbehalten war. Das hatten sie beide, er und Papso, schon vor ziemlich langer Zeit festgelegt. Sein Vater machte allerdings wenig Gebrauch davon, da er sich meistens im hinteren Segment, dem Laborbereich, vergrub. Dort verband er seine Theorien direkt mit der Praxis, tüftelte und werkelte, erfand und verwarf und entwickelte immer wieder neu, dass es eine wahre Pracht war. Und nie verlor er seinen Optimismus.

Allein dafür muss ihn das Universum doch irgendwann belohnen, dachte Jineo mit leichtem Sarkasmus. Er störte Papso niemals, ließ ihn total in Ruhe, kümmerte sich um die Wartung der CONIANNE, erwartete aber dafür auch, dass er in seiner knapp bemessenen Freizeit hier tun und lassen durfte, was er wollte. Im Augenblick deutete nichts darauf hin, dass sein Vater ihm das verwehren würde … Jineos Augenbrauen zogen sich zusammen. Im Grunde kamen sie zwar gut miteinander aus, doch trotzdem fühlte er eine vage Unzufriedenheit, die langsam aber sicher anwuchs. Ungeduldig mit sich selbst wischte er eine dunkelrote Haarlocke aus der Stirn und setzte sich an seinen Rechner, auf dessen Monitor sich erst einmal fast gar nichts tat; zu sehen waren nur ein paar von einer Ecke zur anderen springende Regenschirme. Vielleicht lenke ich mich selbst zu oft ab, überlegte Jineo flüchtig, ehe er sich seiner liebsten Ablenkung zuwandte: dem Scatten.

Er übte diese hohe Kunst der Kommunikation erst seit kurzer Zeit aus; tatsächlich gab es das Scatten noch nicht allzu lange, und es mutete höchst altmodisch an, ohne Bildübertragung, ohne Hologramme, ja sogar ohne Ton: Es gab nur Textnachrichten, die man miteinander austauschte. Dies aber funktionierte über große Entfernungen hinweg, da der erst kürzlich entdeckte, noch kaum erforschte Marginal-Subraum genutzt wurde; sehr praktisch dabei war, dass bei der neuen Datenübertragungstechnik und in diesem speziellen Subraumfeld kaum Störungen vorkamen, egal, in welcher wüsten Ecke des Quadranten man sich befand.

Jineo scattete mit Frauen, die so weit weg lebten, dass er wohl schwerlich darauf hoffen konnte, sie wirklich zu treffen, und übrigens wäre Papso damit auch nicht einverstanden gewesen, nicht im mindesten … also, allein schon deshalb kam ihm das eigentlich entgegen. Das Schäkern und Flirten machte Spaß, und Jineos kommunikative Fähigkeiten verbesserten sich dadurch. Glaubte er jedenfalls.

Er steckte mitten in einem extrem heißen Wortwechsel mit einer Kantok-Frau, die sich als vollbusig und mit weißblonder Mähne beschrieben hatte, es funkte zwischen ihnen beiden über Lichtjahre hinweg, die Astrochemie stimmte universal-frontal und Jineo stand kurz vor einer höchst befriedigenden Explosion, sein Beinkleid hatte er bereits geöffnet und die Finger seiner linken Hand huschten schneller und schneller über die Bedienelemente, während seine rechte anderweitig beschäftigt war – als Papso hereinplatzte. Wenigstens krähte er kurz vorher über die Bordsprechanlage, dass er hereinplatzen würde, so hatte Jineo gerade noch Zeit, die Hose wieder zuzumachen.

Er stöhnte, aus Verbitterung und auch vor Schmerz.

Im Eingangsbereich, dessen Sperre sich sogleich in glitzernde Illusionspartikel auflöste, erschien Papso. Anders als sein Sohn, der schlank und durchtrainiert war, schob er ein Bäuchlein vor sich her und hatte auch sonst eine etwas untersetzte Figur. Seine ebenfalls tiefroten Haare, schon von Grau durchsetzt, umstanden wirr den kugeligen Kopf, was ihm ein verrücktes Aussehen verlieh, einer Sonnenkorona ähnlich. Wie üblich. Papso, der kauzige Professor. Zum Haar kontrastierte allerdings sein ordentliches Outfit samt Weste und Neowollhose. Die obersten drei Knöpfe seines Retrostyle-Seidenhemdes hatte er geöffnet, so dass der Brillanttropfen an seiner Lederschnur hervorfunkelte: das einzige materielle Andenken an Jineos Mutter, das er besaß. Papsos Gesicht war mehlig bleich, aber mit hektisch roten Wangenflecken. Jineo sah in die flackernden bernsteinbraunen Augen, die sein Vater ihm vererbt hatte.

Sohn, ich hab endlich die Lösung! Jetzt können wir die minimalsten Spuren verfolgen und …“ Er stockte und blickte erstaunt auf Jineo. „Was ist mit dir? Hast du dir den Magen verdorben?“

Nein“, presste Jineo hervor. Finster erwiderte er Papsos Blick. „Und deshalb kommst du angerannt und störst mich? Sonst seh ich dich doch auch nicht bei jedem winzigen Erfolg, den du erzielst.“

Papso reagierte nicht auf die kleinen vergifteten Pfeile, die sein Sohn auf ihn abschoss. „Es geht um viel mehr und vor allem – wir müssen sofort, absolut dringend, was einkaufen! Sieh mal, deshalb hab ich dir diese Holofolie mitgebracht, da ist ein fliegender Händler, den wir sogar kennen, du kannst gleich den Kurs setzen und den Tarnmodus ändern. Auf, auf! Du …“ Wieder unterbrach er sich und legte seine Denkerstirn in Falten. „Weißt du, was ich glaube?“, sagte er in verändertem Ton, geradezu feierlich. Er hob einen gelblichen Zeigefinger.

Nein“, knurrte Jineo, „aber du wirst es mir bestimmt gleich mitteilen.“

Jungen in deinem Alter sollten sich nicht so starr auf eine Tätigkeit fixieren, sondern verschiedenste Dinge ausprobieren und mit beiden Händen arbeiten! Du sitzt viel zu lange vor dem Bildschirm.“

Nicht lange genug, dachte Jineo, der sich erst jetzt aus seiner zusammengesunkenen Haltung wieder gerade aufrichten konnte, weil das schmerzhafte Pochen im Unterleib allmählich nachließ.

Er rollte mit den Augen. Auch das ignorierte sein Vater, dem die Begeisterung aus allen Poren strömte. „Ich zähl auf dich, Sohn! Gemeinsam schaffen wir den Durchbruch!“ Er wirbelte herum, warf aber noch einen Blick über die Schulter zurück und sagte: „Du musst dich unbedingt mal wieder rasieren.“

Schon verschwand er wieder, und Jineo starrte auf den Schleier aus immateriellen Glitzerpartikeln, der sich sogleich wieder aufbaute.

Jungen in deinem Alter, dachte er sarkastisch.

Er war fünfunddreißig.

Und er konnte schon überhaupt nicht mehr zählen, wie oft Papso geglaubt hatte, kurz vor dem Durchbruch zu stehen. Stattdessen dauerte ihre sinnlose Suche bereits zwanzig Jahre an.

Jineo seufzte abgrundtief.

Einen Schiefersplitter in einem Asteroidenfeld zu finden, wäre noch einfacher gewesen als diese Herausforderung. Doch Papso wollte das partout nicht einsehen. Einerseits verstand Jineo ihn ja; es war sein einziges Ziel im Leben, und hätte er das nicht, so würde er vermutlich in sich zusammenfallen wie eine Gummifigur, aus der die Luft entwich. Der Schönheitsfehler bei dem Ganzen bestand nur darin, dass er, Jineo, das Ziel nicht mehr mittrug. Er hatte sich davon entfernt, er schöpfte längst andere Ziele und schmiedete Pläne, die sehr weit von Papsos obsessiven Vorstellungen von ihrem Daseinszweck abwichen.

Lustlos griff Jineo nach der Holofolie, die über seiner Arbeitsfläche schwebte, holte sie mit einem Fingerschnipsen näher heran und betrachtete die Daten. Der Auftrag war leicht zu erfüllen, es würde ihm keinerlei Mühe machen, den richtigen Kurs zu programmieren, und auch der Tarnungswechsel stellte ein Kinderspiel dar. Aber halt – was sollte das denn da? Er runzelte die Stirn. Offenbar war Papso bei seinen Unterlagen auch sein Einkaufszettel dazwischengerutscht. Jineos Augen flogen über die Liste, und dann stieß er zähneknirschend hervor: „Das darf doch einfach nicht wahr sein!“

Wutschnaubend rannte er in Papsos Bereich und stellte ihn zur Rede.

Krosotium, Äther-Platinum und Thulium? Bist du verrückt? Die allerseltensten Erden im Quadranten, wenn nicht im ganzen Universum? Wir können uns das verdammt nochmal nicht leisten, hast du dir mal den Kreditevorrat angesehen, den wir noch haben für die kommenden sechs stellaren Monate? Wie hast du dir vorgestellt, dass wir die verfluchte Summe zum Bezahlen aufbringen?!“ … du wahnsinniger alter Mann, hätte er fast hinzugefügt, bremste sich aber in letzter Sekunde. Dafür hätte Papso ihn vermutlich geohrfeigt oder es zumindest versucht. Natürlich bin ich ihm schon seit Jahren körperlich überlegen. Es wäre ein Kinderspiel, seine Hand abzufangen und ihm die Finger zu brechen. Jineo erschrak über seine gewalttätigen Gedanken – eigentlich war er Pazifist –, ertappte sich aber trotzdem dabei, wie er die Fäuste ballte.

Hör auf zu fluchen, Sohn“, rügte ihn Papso, und dann kicherte er auf eine Weise, wie er schon einmal gekichert hatte. Noch gar nicht lange her war das gewesen, und sie waren kurz darauf prompt in ziemlich üble Schwierigkeiten geraten.

Jineo starrte ihn wild an. Durchaus nicht zum ersten Mal wünschte er sich, abzuhauen. Wünschte sich, er könnte Papso, die verrückte absurde Suche, der sie beide ihr Leben gewidmet hatten, den beengten Raum im Wandelschiff CONIANNE – all dies einfach hinter sich lassen. Schlicht und ergreifend kündigen und weggehen. Er hatte davon gehört, dass das draußen, in der normalen Welt, ein durchaus gängiger Vorgang war. Nur, es handelte sich hier um seinen Vater, um die ganze Familie, die ihm noch geblieben war, und seiner Familie kündigte man doch nicht.

Außerdem liebe ich ihn. Mit all seinen Fehlern und Irrwegen, auf die er sich begibt – verd… ich habe ihn lieb.

Bei sich nannte Jineo es den galaktischen Nebel der Vater-Sohn-Beziehung , in dem man sich hoffnungslos verirren konnte. Als sei man in einem kaputten Raumer ohne Navigationssystem gefangen.

Also, wir kommen schon klar!“, verkündete Papso nun im Brustton der Überzeugung. „So wie immer, Sohn. Mach dir keine Gedanken, mir fällt was ein.“

Jineo fehlten die Worte, und vielleicht war das im Moment auch besser so. Er schaffte es, sich zu beherrschen. Aufhalten konnte seinen Vater sowieso niemand, er war wie ein Geschoss. Einmal abgefeuert, flog und flog er, auf sein phantastisches Ziel zu. Ein Teil von Jineo bewunderte ihn dafür. Papso kannte keine Zweifel, kein Sich-Selbst-in-Frage-Stellen, kein skeptisches „Moment mal …“ Sobald es ihn gepackt hatte, blieb er dran.

Ausgerechnet jetzt huschte ein orangefarbener Weberknecht über seinen Monitor, und Jineo stieß einen angewiderten Laut hervor. Er mochte Spinnenviecher nicht, milde ausgedrückt. Zum Glück war er nicht abergläubisch, sonst hätte er das Auftauchen dieses achtbeinigen Winzlings wohl als schlechtes Omen betrachtet.

Stumm machte sich Jineo an die Änderung ihrer Tarnung, und nur kurz darauf sauste die CONIANNE als gewöhnlicher kleiner Frachter von zylindrischer Form, mit einem konventionellen Unterlichtantrieb, hyperkristall- und solargestützt, durch Sektor W. Sie verließen diesen Sektor selten, machten aber wie üblich einen riesigen Bogen um eine Wasserwelt namens Aquandia. Den beruhigenden Nachrichten von dort, die seit einiger Zeit durch das Datennetz schwirrten, trauten sie beide kein bisschen, und damit standen sie nicht allein da. Es gab eine regelrechte Anti-Aquandia-Bewegung – Jineo hatte sich in einer der Gruppen angemeldet und las da gelegentlich mit.

So wie die CONIANNE jetzt aussah, entsprach sie so ziemlich ihrer Originalform; diese zu benutzen, stellte immer eine Art Erholung dar, da es nicht so viele Tüfteleien erforderte, um sie dem jeweiligen Raum anzupassen. Ein kleiner Raumfrachter war ein kleiner Raumfrachter, basta. Jineo empfand Stolz auf seine eigenen Fähigkeiten, die gängigen Tarnungstechnologien so umfassend auszuschöpfen, dass er in jeder brenzligen Situation zurechtkam; schon oft hatte er mit anderen Menschen darüber reden wollen, mit Spezialisten, aber das war wohl zu gefährlich. Seine größte Errungenschaft war die Vollkommenheit der Tarnung, also dass man sie wirklich kaum aufdecken konnte, und die Schnelligkeit, mit der er im Bedarfsfall die Mimikry wechseln konnte, auch zum Beispiel, um eventuelle Verfolger zu verwirren. Er hatte es schon geschafft, einer Polizeipatrouille vorzugaukeln, die CONIANNE sei nicht ein Schiff, sondern zwei, eins davon beschädigt, halbzerstört. Das „Tarn- und Wandelgeschäft“ war Jineos Leidenschaft, immer wieder nahm er sich die Technik vor, um sie weiter zu verbessern.

Sie erreichten den Treffpunkt mit dem fliegenden Händler ohne Zwischenfälle. Ihr Ziel war eine im Sektor W häufig vorkommende, harmlose Raumanomalie, Raumband oder einfach Korridor genannt: Hier prallten Meteoriten, Asteroidentrümmer oder sonstige Materiesplitter an einer Strahlenbarriere ab beziehungsweise wurden abgelenkt, während ein intelligent gesteuertes Flugzeug durch das wirr verflochtene Strahlenbündel hindurchschlüpfen konnte wie durch die Zwischenräume einer Taurolle an Bord eines antiken Seglers. Jineo hatte keine Ahnung, wieso ihm dieser reichlich angestaubte Vergleich in den Sinn kam – vielleicht, weil er gerne über die wildromantischen Abenteuer von Ozeanpiraten aus längst versunkenen Zeiten las. Er verschlang diese Lektüre regelrecht. Jedenfalls sah er das Phänomen schon von weitem, und zwar ohne irgendwelche technischen Hilfsmittel benutzen zu müssen. Er brauchte Anfang und Ende des Korridors nicht zu berechnen, er sah es. Diese besondere Fähigkeit besaß er seit seiner Kindheit: Er blickte ins öde, schwarze Weltall und konnte da, wo andere nur pechige Ödnis sahen, die verschiedenen Schattierungen von Schwarz erkennen – und sie interpretieren. Jineo seufzte erneut. Zurückgelehnt in seinem Kommandosessel in der Steuerungszentrale der CONIANNE, versuchte er seine bösen Ahnungen zu unterdrücken.

Es kann ja auch alles gutgehen, redete er sich ein. Papso kann richtig schlau sein. Meist gibt er den Zerstreuten, aber er hat auch eine andere Seite.

Der Fliegende Händler war ein Ozomi namens Tagnet – diese blauhäutigen Humanoid-Alien-Mischlinge konnten rechnen, ehe sie das Sprechen oder Laufen lernten, und Handel treiben lag ihnen im Blut. Kleiden taten sie sich oftmals bizarr; Tagnet bildete da keine Ausnahme. Er trug merkwürdige, paillettenbesetzte Unterwäsche, die man deshalb so gut sehen konnte, weil er darüber eine Art Klarsichtfolie gestreift hatte, die mit einem gewaltigen Umhang samt Schleppe um ihn herum raschelte und knisterte. Während des Verkaufsgespräches musste Jineo mehrmals arg aufpassen, um nicht versehentlich auf die Umhangfolie zu treten. Er hatte den Eindruck, dass das ihre Chancen, die begehrte Ware zu ergattern, schlagartig zunichte gemacht hätte. Der Ozomi wusste sehr genau, welchen Schatz er da anbot, und benahm sich hochnäsig und selbstgefällig. Ein höfliches Lächeln auf seinem Gesicht zu behalten, fand Jineo angesichts dessen alles andere als leicht.

Papso schien das nicht zu bemerken, er lachte und alberte herum und probierte mehrmals, dem Händler auf die Schultern zu klopfen. Daraufhin wich Tagnet naserümpfend zurück, denn Ozomis hassten es, berührt zu werden. Halb und halb erwartete Jineo schon allein deshalb, aus dem Schiff geworfen zu werden. Die CONIANNE hatte, wie es üblich war, längsseits der ZUKKO, Tagnets Frachter, angedockt und sie waren durch einen ziehharmonikaartigen Hyperkautschuk-Tunnel hinübergeschwankt. Jineo mochte die Dinger nicht, ihm wurde leicht übel darin, auch wenn es nur einige Sekunden dauerte, ihn zu durchqueren.

Der Verkaufsbereich, ein metallverkleideter Lagerraum, wirkte durch und durch chaotisch, aber Tagnet beherrschte dieses Chaos perfekt. Immer wusste er auf der Stelle, wo in den wirr gestapelten Kisten und Paletten er hinzugreifen hatte, um einen gewünschten Gegenstand zu finden. Ein Verkaufstrick, um die Kunden zu beeindrucken? Jineo fragte sich das müßig, während er seine Blicke über das Tohuwabohu wandern ließ. Da, der Plastikkistenturm, den müsste er nur mit dem kleinen Finger anstupsen, um ihn zum Umkippen zu bringen. Er spürte seine Mundwinkel zucken bei dieser Vorstellung.

Papso schäkerte noch immer mit dem Ozomi, aber inzwischen standen schon zwei von drei urnenförmigen Behältern auf dem Verkaufstisch, dessen Beine am Stahlblechboden festgeschraubt waren. Krosotium. Äther-Platinum. Bald würde der spannende Moment des Bezahlens kommen, und vielleicht ging es nicht ohne Kampf ab. Schon verrückt. Tagnet hatte sie als Käufer akzeptiert, weil ihre Kreditwürdigkeit noch nicht auf dem aktuellen Stand gewesen war – doch inzwischen hatte sich das geändert, und gleich würde die Wahrheit erbarmungslos ihr grelles Licht über die Sache werfen. Bedienstete oder eine richtig lebendige, atmende Mannschaft hatte Tagnet zwar nicht – Ozomis waren Einzelkämpfer – aber er arbeitete mit KIs und Robotern zusammen, was im Endeffekt eine größere Herausforderung darstellte. Unauffällig spannte Jineo seine Armmuskeln an; an seiner Kondition gab es nicht auszusetzen, er trainierte regelmäßig. Da sie so häufig im Weltraum unterwegs waren, ging es gar nicht ohne; die uralte Regel, nach der Raumfahrer doppelt so hart Sport machen mussten wie Nicht-Reisende, galt nach wie vor.

Thulium. Jineo erhaschte einen Blick auf das silberweiß glänzende Schwermetall, ehe Tagnet es in sein Behältnis füllte, in dem das seltene Element vor Feuchtigkeit geschützt war.

So!“, krähte der Ozomi und drehte seine durchschnittsgroße Gestalt schwungvoll zu Papso um, so dass die Umhangfolie extrastark raschelte. In seiner linken bläulich schimmernden Hand hielt er das Chiplesegerät, mit dem er herrisch wedelte. Allein dafür hätte Jineo ihm gern eine reingehauen. Wenn man ein Problem mit seinen Fäusten lösen wollte, hatte man zwar im Grunde genommen versagt, daran glaubte er. Aber es gab Ausnahmen von dieser Regel.

Papso überreichte dem Händler feierlich seinen dreieckigen transparenten Kreditchip und stand ungerührt und ohne Nervosität da. Diese Haltung behielt er bei, auch als Tagnet empört aufschrie, unmittelbar nachdem das Gerät ein scheußliches rotes Geräusch von sich gegeben und den wertlosen Chip wie angewidert ausgespuckt hatte.

Was, was soll das bedeuten? Was fällt Ihnen ein, Sie – impertinenter, nichtsnutziger, ehrloser, kreditunwürdiger …!“ Tagnet keuchte und brachte kein weiteres Schimpfwort mehr hervor. Das letzte war ohnehin die schlimmste Verbalattacke, zu der ein Ozomi fähig war. War man nicht mehr kreditwürdig, hatte man im Grunde das Recht eingebüßt zu existieren. Tagnets blaues Gesicht lief lila an.

Jineo fühlte sein Herz schneller schlagen, Adrenalin strömte, aber Papso blieb so kühl wie ein Eiswürfel.

Bitte bewahren Sie Ruhe, Mister Tagnet. Ich kann Ihnen etwas anbieten, was unsere momentane Engpasslage, die unglücklicherweise höchst plötzlich eingetreten ist, voll und ganz ausgleicht und es uns ermöglicht, unser Geschäft trotzdem abzuschließen.“

Jineo hielt den Atem an. Er rechnete fest damit, dass sein Vater nun bluffen würde wie ein Weltmeister, denn WAS um alles in der Welt sollte er Tagnet anbieten, sie waren zurzeit fast so arm wie die Cadlaner vor Entdeckung der Energierubinvorkommen ihres Mondes …

Doch er sollte sich täuschen. Was Papso tat, überraschte ihn vollkommen.





2

Käpt’n, ich verstehe das nicht“, sagte Nathan Hilk und blickte Xala O’Rapin schnurgerade in die Augen, um ihr zu zeigen, wie ernst er das meinte.

Sie befanden sich im Meeting Raum der MEGAN 3, und hier hatte die Kapitänin ihrer Kernbesatzung gerade verkündet, was heute Abend auf dem Dienstplan stand. Mal nicht so ganz das Übliche, sondern, durchaus abweichend von der Routine: ein Bußritual.

Xala wusste ganz genau, was ihr fähiger Nachrichtenoffizier meinte, und sie empfand eine Mischung aus Geduld, Nachsicht und Bedauern. In dieser Sache merkte sie wieder mal, dass er noch nicht lange zu ihrer Crew gehörte.

Schweigend erwiderte sie seinen Blick, ohne zu blinzeln. Sein Auge war nicht mehr zugeschwollen, drumherum schillerte es allerdings immer noch in schönstem Gelbgrün, als hätte er einen missglückten Schminkversuch hinter sich. Ihr Abenteuer mit dem Legenden-Kometen lag erst drei Tage zurück und mit der Allzwecksalbe für solche Blessuren, hatte er sich wohl nicht behandelt, sonst wäre schon nichts mehr zu sehen gewesen.

Gerade jetzt, wo so viel passiert! Und erst drei Tage sind vergangen, seitdem wir alle uns mit scheußlichen Gegnern und extremen Gefahren herumgeschlagen haben!“, fuhr Nathan fort und presste beide Handflächen gegeneinander. „Wieso können wir diese – Sache nicht ein weiteres Mal verschieben?!“

Das haben wir schon allzu oft getan“, sagte Xala ruhig. „Zirk glaubt schon an eine Verschwörung oder einen Fluch, und Arsay will endlich ihr Versprechen einlösen. Zirk, Arsay, korrigiert mich, wenn ich falsch liege.“

Tust du nicht, Käpt’n“, sagte ihre Erste Offizierin und lehnte sich lächelnd in ihrer Sitzschale zurück. Ihre bloßen Arme verschränkte sie hinter dem Kopf, zeigte so ihre definierten Muskeln. Und auch das goldfarbene Brandzeichen, das ihren rechten Unterarm schmückte.

Zirk ließ ein genervtes Stöhnen hören. „Mann, Jungfuchs, dass du nach Kerouan immer noch so zimperlich bist! Da haben wir doch auch harte Dinge mitgemacht.“

Das war ganz was anderes!“, widersprach Nathan heftig. „Da gab’s raue Händel und dergleichen, auch mal ´nen Wächter, dem der Schlagstock ausrutschte – aber dies hier ist barbarisch, rückständig, ein perverses Ritual und Arsay hat doch gerade erst eine A-Bewertung hinter sich. Dies hier ist …“

„… so fair wie nur was“, ertönte Arsays Stimme, wohlklingender denn je. „Nath, glaubst du wirklich, ich hätte dem Kielgeholtwerden zugestimmt, wenn ich nicht voll und ganz überzeugt wäre, dass es richtig ist? Deine Sorge um mich ehrt dich, aber sie ist fehl am Platze.“ Bei den letzten Worten kam etwas mehr Stahl in den Wohlklang ihrer Rede.

Oft erreichte sie ihren Kollegen, aber diesmal nicht. Trotz und Widerwillen blitzten weiterhin in seinen schönen grünen Augen und noch etwas anderes, was nicht leicht zu entziffern war – Xala konnte sich weitgehend in ihn hineinversetzen. Es wäre leicht gewesen, ihn von seiner Anwesenheitspflicht während Arsays Bestrafung zu entbinden, aber dies war wichtig: ein Schlüsselmoment. Er musste es nicht mögen, noch nicht einmal gutheißen, aber akzeptieren. Ihre beiden verbliebenen Dwarfinnen, Vier-Zwei-Null und Null-Zwei-Vier, die nun alles an Basismannschaft waren, was sie noch hatten, und auch Relisa als nur vorübergehend auf der MEGAN 3 tätige Crewfrau, würden nicht zuschauen, aber von der aktuellen Kernbesatzung sollte keiner fernbleiben. Wenn sich sein Sinn aber nicht wandelte, bestand die Gefahr, dass er die Strafzeremonie stören und ein Stück weit entwerten würde. Ich muss tiefer einsteigen, erkannte Xala und tauschte einen Blick mit Arsay. Deren etwas düsteres Grinsen erlosch, und ihr Gesichtsausdruck wurde ernst. Sie nickte leicht.

Nathan, ich spreche mit dir unter vier Augen“, erklärte Xala und ohne Zögern verließen Arsay und auch Zirk den Meeting Raum.

Kaum waren sie weg, trat Nathan umgehend die Flucht nach vorne an. Sie saßen einander gegenüber, den Tisch zwischen sich, und der rothaarige Nachrichtenoffizier beugte sich etwas vor, als hoffte er, so eindringlicher zu wirken. Eine der nagelneuen Schwebe-KIs, die gerade mit frischem Wasser anflog (sie sah aus wie ein blattförmiges Tablett), umrundete ihn elegant. „Käpt’n, ich, ich – weiß, dass ich eigentlich kein Recht habe, ein Veto einzulegen oder, nun ja, so stark gegen die Tradition zu argumentieren. Ich schäme mich immer noch wegen meines Versagens! Ich konnte dich nicht davor schützen, von einer Gruppe durchgeknallter Spielsüchtiger entführt zu werden und …“

Xala hob eine Hand und er verstummte. „Du hast nicht versagt. Null-Zwei-Vier und Vier-Zwei-Null mussten ihre Rollen überzeugend spielen und dich zunächst einmal belügen und manipulieren, wenngleich sie ja auch da bereits kleine Hinweise einstreuten, die euch kurz darauf halfen – und das konnte niemand ahnen. Sie hätten auch mich reingelegt, glaub mir. Und mich von meiner Aufgabe abgelenkt.“

In Nathans skeptischer Miene las sie, dass er das allerdings bezweifelte, und sie fuhr gleich fort: „Außerdem hat das nun rein gar nichts mit dieser Sache hier zu tun. Du hast selbstverständlich das Recht, Protest zu äußern, wenn dir an Bord etwas gegen deinen persönlichen, moralischen Strich geht. Ich schlage vor, du meldest dich pro forma krank. Das ist der einfachste und geschickteste Weg, damit du nicht an der Zeremonie teilnehmen musst, ohne dass es nach einer absichtlichen Kränkung aussieht. Ich meine, wir wüssten zwar Bescheid, aber die Form wäre gewahrt, und darauf kommt es schließlich an. Du könntest weiterhin Teil unserer Crew sein, du müsstest nur weiter höflich bleiben und diesen Kompromiss mittragen.“

Nathan starrte sie ungläubig an und verzog dann sein Gesicht, als sei er tatsächlich krank. Aber Xala war sofort klar, dass ihm der einfachste und geschickteste Weg, den sie da vorschlug, überhaupt nicht zusagte. Kein bisschen. Er schluckte gerade an einer kosmischen Zitrone, hätte ihre Großmutter gesagt.

Erzähl mir, was jetzt gerade in dir vorgeht.“ Xala stützte sich auf einen Ellbogen, Handrücken unter dem Kinn, eine Haltung, die sie ab und zu gern einnahm, wenn es galt, sich zu konzentrieren.

Nathan zauderte einen Moment, doch dann sprudelte es aus ihm hervor. „Will mich auf keinen Fall drücken – nur dass sie stattfindet, diese barbarische Zeremonie, das will ich eben auch nicht! Ich kann – ich kann’s nicht ertragen, dass Arsay schon wieder solche Qualen aushalten muss, nach allem, was … Also, Käpt’n, sie hat ja kein Wort darüber verloren, aber ich hab mit diesem Mischju Bäb gesprochen. Er weiß alles über A-Bewertungen, hat selbst eine mitgemacht. Die reine Hölle, mich schaudert bei dem Gedanken, dass Admiral Johnson dergleichen mitträgt und eine seiner fähigsten Raumflottenoffizierinnen dieser entwürdigenden Prozedur unterzieht!“

Nathan. Mir fällt auf, dass du sehr oft Ausdrücke wie ‚barbarisch‘ oder ‚entwürdigend‘ benutzt, schon früher habe ich das bemerkt. Es sind Formulierungen, wie sie in dem Magazin stehen könnten, für das du früher tätig warst – und wenn wir das genau betrachten, dann lebt SENSE OF WONDER ja geradezu von der Sensation, von effekthaschenden Wendungen und Ähnlichem. Mir scheint, das haftet dir noch ein wenig an. So fähig und intelligent du dich sonst verhältst – hier bist du in einem Netz von Vorurteilen gefangen, und du scheinst dich nicht befreien zu können. Ich würde gern wissen, weshalb. Antworte mal auf die nächste Frage, ohne groß nachzudenken! Nimm an, das Kielholen findet statt und du bist dabei. Was geht in dir vor? Was wäre dein größter Wunsch?“

An Arsays Stelle zu sein, die Strafe selbst auf mich zu nehmen!“

Eine Pause entstand. Das Schweigen zog sich eine Weile hin. Nathan erschrak über seine spontanen Worte, das sah Xala, doch er versuchte nicht, sie zurückzunehmen.

Verstehe. Und was, meinst du, würde sie wollen?“

Der junge Mann zuckte zusammen. „Das, das weiß ich nicht.“

Ernsthaft nicht? – Du wirst doch gewiss einen Gedanken an Arsays Wünsche und Gefühle verschwendet haben, oder?“

Nathans rötliche Brauen zogen sich zusammen, seine Augen irrten ab und dann, kurz bevor das Schweigen lähmend geworden wäre, murmelte er kaum verständlich: „Nein. Anscheinend habe ich das nicht getan. Ich glaube, ich habe nur an mich gedacht.“

Xala behielt sehr bewusst ihre neutrale Miene bei. Sie sagte nichts.

Ich kann den Gedanken wirklich nicht aushalten, dass Arsay schon wieder leiden muss, dabei hat sie eigentlich verdient, dass man sie feiert – aber ich habe mir nicht die Mühe gemacht, sie …“ Nathans Stimme wurde immer leiser und leiser und nun brach er ganz ab. Er versank aber nicht in Selbstvorwürfen, sondern fasste sich, schaute Xala offen ins Gesicht und fügte fest hinzu: „Deshalb habe ich mich in einen Haufen klischeehafter Phrasen geflüchtet. Du hast völlig recht damit, Käpt‘n.“

Xala nickte. „Mach dir bitte eins klar: Du sagst, Arsay hätte kein Wort verloren über ihre A-Bewertung, aber du hättest sie fragen können! Verdammt, Nath, nachdem ihr beide so gut als Team funktioniert habt, mehrere Male jetzt! Wo wäre ich ohne euer geniales Händchen bei Rettungsmissionen? – Und anstatt mit ihr zu reden, übernimmst du einfach das, was dieser Bäb dir erzählt, ohne zu beachten, dass der nur aus seiner eigenen Erfahrungswelt berichtet, nicht aus der von Arsay!“ Sie merkte, wie sie allmählich in Fahrt kam. Sie war in Stimmung für einen kleinen Vortrag. „Du hast keine Ahnung, was ihr diese A-Bewertung bedeutet. Denk mal nach: Die Raumflotte hängt so einiges, was sie macht, nicht an die große Glocke, niemals würde man offiziell zugeben, dass ein hochangesehener Admiral wie Johnson ein solch archaisches Ritual gutheißt, sich sogar daran beteiligt. Wieso wohl? Wie erklärst du dir, dass junge Leute Schlange stehen, um in die Raumflotte aufgenommen zu werden – obwohl es genug Gerüchte über A-Bewertungen, das Kerouan-Lager und dergleichen im ganzen Sektor gibt? Trotzdem? Oder gerade deshalb? – Es gibt Handlungen, Erfahrungen, die uns prägen, zusammenschweißen, und genau solche Wege gehören dazu . Ich behaupte nicht, dass es überall der Fall sein muss – in anderen Quadranten des Sternenreiches geht es anders zu – doch wir haben uns nun einmal für diesen Weg entschieden, und er funktioniert. W as das Kielholen angeht, so gebe ich zu, dass das nur wenige machen, es ist schon recht extrem, passt aber zu uns. Und hast du vorhin wirklich gehört, was Arsay sagte? Hast du es – angenommen? Sie sagte sinngemäß, es fühle sich für sie absolut richtig an.“

Nathan wurde immer nachdenklicher, das sah Xala deutlich. Sie erlaubte sich die Andeutung eines Lächelns, woraufhin er zögernd nickte.

Hast du das Kielholen schon mehrfach angeordnet, Käpt’n?“

Drei- oder viermal bestimmt. Ich hatte immer eine wilde Crew, schwer zu bändigen. Es hat immer reinigend gewirkt, und das wird es auch diesmal. Alle Führungsoffiziere außer dir befürworten das Ritual, und …“

Wie, du etwa auch, Käpt’n?“, unterbrach er sie ungläubig, und ihr wurde bewusst, dass er bis zu diesem Moment an eine heimliche Komplizenschaft zwischen ihnen geglaubt hatte.

Allerdings, Nathan. Das tue ich und ich habe kein Problem damit, mich dazu zu bekennen“, antwortete sie und hörte selbst, wie etwas Raues in ihren Ton kam.

Aber ich habe gedacht, du hast Arsay …“

„… verziehen, was sie uns damals antat? Oh ja, das habe ich, doch du wirst ja sicher selbst wissen, dass Verzeihen ein Prozess ist. Und mich befriedigt es mitzuerleben, wie eine Delinquentin eine verdiente Lektion erhält. Ja, das hilft mir, diesen Prozess fortzuführen und ihn vielleicht sogar schon zum Abschluss zu bringen. Es war genial von Arsay, sich dem hinzugeben – aus freien Stücken, wie du weißt.“

Und nur deshalb war Zirk bereit, wieder Teil deiner Crew zu werden, und er hat uns letztlich alle gerettet, vor drei Tagen. Was wäre wohl ohne ihn passiert …“

Du hast es erfasst. Du siehst, so hat alles seinen Sinn. Begreifst du allmählich? Und nun sag mir noch eins: Ihr seid mittlerweile Freunde geworden, du und Arsay. Was, glaubst du, erwartet sie von dir als ihrem Freund heute Abend?“

Dass ich dabei bin, dass ich das Schauspiel mitverfolge“, murmelte er fast tonlos.

Sehr richtig. Sieh es als Freundschaftsbeweis an. Versuch, es nicht zu bewerten, sei einfach mit dabei, öffne dich, lass das Ritual auf dich wirken und lerne.“

Wieder nickte Nathan. Seine Augen hatten eine dunklere Färbung angenommen, doch sein Blick war klar.





3

Bald darauf war es so weit. Als sie sich in jenem Raum einfanden, den Xala dafür bestimmt hatte, hörte der junge Nachrichtenoffizier seinen Käpt’n vor Überraschung die Luft einziehen, und er sah auch Arsay strahlen. Im ersten Moment runzelte Nathan verständnislos die Stirn, als er die beiden zusätzlich erschienenen Menschen bemerkte, die ihm fremd waren. Da er aber die Geschichte der MEGAN studiert hatte, konnte er sie dann doch rasch zuordnen – in dem Moment, da Xala sie herzlich begrüßte und ihre Namen nannte.

Mevinziel, Gardella – wie schön, euch zu sehen! – Das hier ist Nathan Hilk, seit der Steppenbrandsache unser Nachrichtenoffizier, wie ihr ja eigentlich schon wisst.“ Es machte Nathan stolz, so vorgestellt zu werden.

Mevinziel Lohan und Gardella du Blois, Unteroffiziere der MEGAN, von Anfang an mit dabei, beide sehr fähig, Lohan Idiom-Entschlüssler und Sprachtalent, du Blois Energiespezialistin. Diese Informationen spuckte Nathans innere Reporter-Datenbank umgehend aus und er begriff: Die beiden gehörten zum Kreis um Zirk, sie waren ebenfalls an Kezz‘ und Herkulats ungeheuerlicher Handlungsweise nicht beteiligt gewesen, und – auf einmal begriff Nathan ein Stück weit, wie wichtig das Bußritual war. Dadurch gewannen sie zwei wertvolle Crewmitglieder zurück. Vielleicht, wenn ich das so betrachte, schaffe ich es eher, damit zurechtzukommen. Ganz flüchtig erwog er, ob Arsay womöglich auch genau aus diesem Grund … aber nein. Er wollte nicht schon wieder etwas aus seiner Sichtweise auf sie übertragen. Projektion hieß das ja wohl. Nein. Er schaute auf die Delinquentin und sah ihre Augen leuchten. Nein, sie war aus anderen Beweggründen hier.

Er sah sich erst jetzt in dem Raum um. Noch deutete nichts so richtig darauf hin, was sich hier bald abspielen würde. Das Licht empfand er als angenehm, es war heruntergedimmt und strömte blassgolden aus verborgenen Lichtquellen, und der Raum war unterteilt in eine unauffällige graue Bühne und einen Zuschauerbereich, allerdings ohne Sitzgelegenheiten. Die fehlen wirklich, ansonsten könnte man denken, hier wird ein surreales Stück aufgeführt, womöglich setzt gleich Musik ein und …

Phantastisch, dass ihr hier seid. Ist lang her!“ Die Stimme seines Käpt’ns riss Nathan aus diesem bizarren Gedanken und er konzentrierte sich wieder auf das, was tatsächlich geschah. Er musterte die Neuankömmlinge unauffällig. Was das Outfit anging, passten Mevinziel und Gardella gut zu Zirk: Schrille Lacklederanzüge trugen sie beide, aber mit unterschiedlichen individuellen Accessoires. Der kupferhäutige Mevinziel, fast einen Meter und achtzig groß vom Scheitel bis zur Sohle, bevorzugte offenbar Pfauenaugen als Schmuck, und zwar an vielen Stellen. Sein hüftlanges schwarzes Haar wurde von einem Pfauenaugen-Stirnband gebändigt. Er zählte 34 Jahre, genau wie Arsay, während die kleine, zierliche Gardella die Älteste an Bord war, soviel wusste Nathan aus ihrer Akte. Sie wirkte allerdings alterslos mit ihren feinen Gesichtszügen und der eng am Kopf anliegenden Seidenkappe. Ihre Lieblingsaccessoires schienen Glasperlenketten zu sein.

Wenn alle Anwesenden bereit sind, können wir von mir aus mit der Zeremonie beginnen.“

Mit der – Zeremonie. Nathan versuchte sich zu wappnen, irgendwie, was alles andere als leicht war. Nirgends hatte er Details über die anscheinend sehr alte Tradition des Kielholens gefunden, nur dass es sie gegeben hatte und dass sie der Disziplinierung rebellischer Besatzungsmitglieder diente; alles andere verschwand im Nebel der Zeit, und er fragte sich, wie die zur Archaik und durchaus auch zur Grausamkeit neigende Besatzung der MEGAN das Ritual interpretieren würde. In den letzten Monaten hatte er sich schon an einiges gewöhnen und so manche liebgewonnene Überzeugung über Bord werfen oder besser gesagt umwandeln müssen – nie hätte er sich beispielsweise träumen lassen, ein Kämpfer zu werden. Jedenfalls ein Stück weit. Sein Motto „Die Feder ist mächtiger als das Schwert“ war ein wenig verblasst, zumindest in gewissen Situationen, in die er durch den Raumflottendienst zwangsläufig hineingezogen wurde. Er überlegte, wieso er sich eigentlich so sehr verändert hatte, kam aber nicht drauf. Er fragte sich auch, ob es ihm gefiel, und fand keine klare Antwort. Aber gezwungen fühlte er sich zu nichts, und das schien schon mal ein gutes Zeichen zu sein.

Nathan beobachtete, wie Zirk auf den Käpt’n zutrat und ihr etwas ins Ohr flüsterte.

Ja“, sagte sie daraufhin vernehmlich, „das ist eine wirklich gute Idee. Die beiden sollen es machen. – Mevinziel und Gardella, holt den Kiel!“ Diese Worte gehörten offenbar zum Ritual; Xala sprach sie mit besonderer Betonung aus.

Die Angesprochenen lächelten überrascht, dann aber hocherfreut – offensichtlich war das eine hohe Ehre, begriff Nathan. Zirk führte Mevinziel und Gardella in den Nebenraum, und wenig später kamen die zwei zurück und schleppten einen trapezförmigen, mit Algen und Seepocken besetzten, massiven Metallgegenstand bis zur Bühne. Die Kapitänin hatte in der Zwischenzeit irgendeinen verborgenen Schalter betätigt und eine graue Säule wuchs in der Mitte der Bühne empor. Genau auf ihr wurde der Kiel befestigt und als Nathan wieder zu Xala hinblickte, hielt sie ein paar Taue in der Hand. Der Kiel war natürlich eine Nachbildung, aber täuschend echt. Er glaubte, den grünbärtig herabhängenden Tang riechen zu können.

Jetzt wird es ernst, dachte der Nachrichtenoffizier, der als Quereinsteiger zur MEGAN 3 gekommen war, und er fasste es nicht, wieso Arsays Augen nach wie vor so intensiv funkelten. Sie schien erwartungsvoll und entspannt zugleich zu sein. Er hingegen fühlte sich wie in einem Alptraum gefangen, erinnerte sich aber gleich an sein Versprechen. Schau es dir an. Bewerte es nicht. Lass es auf dich wirken. Aus Freundschaft.

Arsay trug ihr geliebtes Rizzoleder, eine ärmellose Weste auf der bloßen Haut, eine enganliegende Hose, und ihre Haut schimmerte an diesem Tag caramelfarbig.

Xala prüfte die Taue und Zirk checkte den Inhalt seines Köchers. Darin befanden sich seine Schlaginstrumente; die berühmte „Sammlung“, die er vor einiger Zeit Nathan und Relisa hatte zeigen wollen. Nath erinnerte sich noch sehr gut an Zirks Grinsen, als sie beide leicht schockiert und mit einem Schaudern abgelehnt hatten.

Besatzung, Achtung!“, begann der Kapitän. „Auf diesem Schiff ist es Brauch, dass die Delinquentin eine Bußrede halten darf, wenn sie es will – ehe die Züchtigung anfängt. Sie darf darin auch eine Bitte unterbringen – wir möchten niemandem mehr zumuten, als er oder sie aushalten kann, das wäre kontraproduktiv. Danach werde ich sie an den Kiel binden und Zirk seines Amtes walten lassen. Arsay?“

Ihre Erste Offizierin trat in die Mitte des kleinen Halbkreises, der sich gebildet hatte, und schaute ihre Kameraden der Reihe nach an.

Ich bin froh, stolz und glücklich, hier zu stehen. Ein paar von euch sind vielleicht überrascht, das zu hören, und ich gebe gern zu, dass ich einen recht langen Weg zurücklegen musste, um an diesen Punkt zu kommen. Manchmal frage ich mich, wie ihr es damals überhaupt mit mir ausgehalten habt, schon vor der … der Spinnenweltaffäre. Mevinziel, Gardella, Zirk, ihr wisst, wovon ich spreche – mein Käpt’n natürlich auch. Was ich dann tat, war schlimmer als Verrat, und ich betrachte es als ein Wunder, eine zweite Chance bekommen zu haben. Hier mit euch, in der Raumflotte!“ Arsays große braune Augen funkelten stärker denn je. Sie holte einmal tief Luft und fügte hinzu: „Keine Limits. Ich will das ganze Programm, Zirk kann gern aus dem Vollen schöpfen. Ihr müsst entscheiden, wann ich genug habe, wann meine Schuld gesühnt ist. Ähnliches habe ich bereits durch die A-Bewertung auf Kantok erfahren, erst vor kurzem, wie ihr ja wisst, und genau wie dort werde ich auch hier und heute auf meine speziellen lucidianischen Fähigkeiten zur Schmerzbewältigung verzichten. Aus vollkommen freien Stücken.“

Anerkennendes Raunen ging durch Mevinziel, Gardella und Zirk. Letzterer schnalzte sogar bewundernd mit der Zunge und meinte: „Dann habe ich es also nur mit deiner Naturzähigkeit zu tun, Arsay? Klingt gut. Ich hoffe, dir wenigstens ein paarmal einen Schrei entlocken zu können mit meiner Kunst.“ Fast liebevoll ließ er die geflochtene Schnur einer langen schwarzen Peitsche durch seine Finger gleiten.

Das war doch krank! Nathan versuchte, sich ganz auf Arsay zu konzentrieren. Schmerzlich wurde er sich bewusst, dass dies die Wirklichkeit war. Kein Film und auch keine Episode seines Lieblingscomputerspiels Zateno, bei dem Peitschen oftmals auch eine Rolle spielten. Virtuelle Peitschen.

Nath fühlte, wie sich sein Magen verkrampfte und sein Herz schneller schlug. Nach wie vor wünschte er sich, Arsay vor dem, was gleich kam, zu beschützen. Nur gut, dass sie davon nichts ahnte. Sie würde lachen, oder, noch schlimmer, spöttisch eine Braue wölben. Und natürlich hatte sie in ihrer kleinen Ansprache klargemacht, wo sie stand. Er sollte seine Gedanken und Sorgen schleunigst aus dem Kopfe verbannen, das wusste er, doch er schaffte es nicht.

Wirst tatsächlich du sie an den Kiel fesseln, Käpt’n?“, hörte er Zirk neugierig fragen.

Ja“, lautete die knappe Antwort. Schon vollführte Xalas Hand eine auffordernde Geste in Richtung Arsay, und diese entkleidete sich vollständig, ohne das geringste Zögern, als sei dies das Selbstverständlichste auf der Welt. Ihre Bewegungen waren ruhig, ihre Haltung stolz. Nathan musste an sich halten, um bei ihrem Anblick nicht trocken zu schlucken. Halbnackt hatte er sie schon einmal gesehen, wenn auch nur für eine Schrecksekunde. Da hatte er ihr ebenfalls beistehen wollen und war kläglich gescheitert – er wollte verdammt sein, wenn ihm das jetzt wieder passierte! Er zwang sich, hinzuschauen und ihren Körper einfach nur zu betrachten, fand Zeit sich zu wundern, dass die Narben, die sie trug, ihre Schönheit sogar noch verstärkten. Ihre Muskeln waren gut sichtbar, harmonierten aber mit ihrer Erscheinung, die räuberische Weiblichkeit ausstrahlte.

Der Käpt’n packte die Delinquentin am Arm und brachte sie auf die Bühne; die Segeltaurollen um die Schulter geschlungen. Und dann band sie Arsay an den Kiel, und zwar so, dass sie diesen quasi umarmte, und sie schonte ihre Gefährtin bei der Fesselung kein bisschen. Nachdem sie aber den letzten Knoten festgezurrt hatte, streifte sie wie zufällig Nathan mit einem Blick und schenkte ihm ein aufmunterndes halbes Lächeln.

Sie ahnt wahrhaftig, wie ich mich fühle … Augenblicklich ging es Nathan besser, auch wenn er mit Befremden feststellte, dass Xala sich tatsächlich auf die Zeremonie freute. Sein Befremden war aber schon geschrumpft. Ohne Zweifel wegen der Haltung, die sowohl Xala als auch Arsay an den Tag legten.

Der Käpt’n schnipste mit den Fingern, und ein leiser, dunkler, langsam anschwellender Trommelwirbel erklang von überall und nirgends.

Fang an, Zirk.“

Der Hermaphrodit entrollte die Peitsche, schüttelte sie locker aus dem Handgelenk und nahm Maß. Mit einem bösartigen Zischen, als sei die Schnur tatsächlich eine Schlange – wie hypnotisiert verfolgte Nathan ihren Weg – raste sie durch die Luft und der erste Hieb fand sein Ziel.





4

Papso trug einen ernsten, feierlichen Gesichtsausdruck zur Schau, als er mit gemessenen Gesten den Diamanttropfen aus seinem Oberteil hervorholte und dem Ozomi hinhielt.

Dieser vergaß auf der Stelle seinen Zorn und atmete so tief ein, dass es fast wie ein Schluchzen klang. „Wirklich?“, stieß Tagnet mit hoher, dünner Stimme hervor und das Lila seines Teints verflüchtigte sich. Gierig streckte er stahlblaue Hände nach der Kostbarkeit aus – er war schon lange scharf darauf, schon seit ihrem allerersten Verkaufsrendezvous wusste Jineo das. Und Papso, so zerstreut er oft wirken mochte, war es ohne Zweifel ebenfalls nicht entgangen.

Nein!“, entfuhr es Jineo knurrend, so dass Tagnets Kopf zu ihm herumfuhr. „Das kannst du nicht machen, Dad!“

Dein Sohn scheint mit der Transaktion nicht einverstanden zu sein“, sagte der Händler, wieder an Papso gewandt. Pure Häme ließ seine Stimme regelrecht fett klingen.

Mag sein“, erwiderte Papso ungerührt, „aber er hat da nichts zu melden. Schau dir das an, Tagnet, dieser Brillant stammt ursprünglich aus den Tiefen des Planeten Diamond Riddle.“

Dieser Name war sehr bekannt und Tagnet verschluckte sich fast. „Etwa von dort, wo eine kosmische Gifthülle den Abbau der Edelsteine fast unmöglich macht?“

Weshalb ihr Wert ins beinah Unermessliche steigt, ja genau“, nickte Papso.

Jineo ballte beide Fäuste und war nahe daran, mit den Füßen zu scharren wie ein gereizter Stier. „Es ist das einzige Andenken an meine Mutter, das wir besitzen, VATER!“

Papso betrachtete ihn mit kühlen Augen. „Es gehört mir, Sohn, und ich kann damit machen, was ich will. Ich brauche diese seltenen Erden, das weißt du ganz genau, und ich bezahle sie hiermit.“ Er nahm das Lederband ab und reichte es dem Ozomi. So verschossen dieser auch in das Schmuckstück war – seine Blicke klebten regelrecht daran – versäumte er es doch nicht, den Diamanten mit Hilfe seines kleinen eiförmigen Juwelenscanners genauestens zu untersuchen. Er war zufrieden und die Transaktion kam zum Abschluss. Mit strenger Stimme befahl Papso seinem Sohn, die drei urnenförmigen Behälter zu verpacken, was dieser wie betäubt tat.

Wir gehen zurück an Bord. Haben viel zu tun. Leb wohl, Tagnet.“

Noch im Hyperkautschuktunnel gab Papso dem immer noch fassungslosen Jineo einen freundschaftlichen Rippenknuff. „Du hast deine Empörung und deinen Schmerz echt gut gespielt, Sohn!“

Gespielt?“, fragte Jineo verständnislos.

Ja! Komm, du hast doch nicht etwa im Ernst geglaubt, ich gebe diesem blauhäutigen Blutsauger Mamas Schmuck?!“ Papso griff in eine Westentasche und zog ihn grinsend hervor: den Anhänger an einer Lederschnur. Der Diamanttropfen glich seinem verkauften Gegenstück wie ein Ei dem anderen.

Jetzt fehlten Jineo buchstäblich die Worte, was nicht oft vorkam. Papso schubste ihn durch die Verbindungstür und machte sich rasch daran, den Schlauch einziehen zu lassen, indem er die entsprechende KI aktivierte. Es war gut, dass er so schnell handelte, denn für den Moment wäre der verwirrte Jineo dazu nicht in der Lage gewesen.

Sie standen im Zwischendeck der CONIANNE und endlich stieß Jineo ein eher schwächliches „Aber, aber …!“ hervor, worauf Papso lachend ausrief: „Du warst ein guter Lehrer, ohne es zu wissen, Sohn! Ich hab mir viel von dir abgeguckt, hab in deine Unterlagen und Dokumentationen gelinst: Täuschen, Umwandeln und Tarnen sind deine Spezialgebiete, und ich dachte mir, nun, unter diesen besonderen Umständen muss ich ausnahmsweise mal ein Objekt ‚duplizieren‘ und wie echt aussehen lassen, ein Objekt, das uns beiden lieb und teuer ist.“

Er packte seinen Sprössling bei den Schultern und rüttelte ihn leicht. „Jetzt lass uns starten! Ich habe natürlich keine Ahnung, wie lange er sich täuschen lässt, dieser habgierige Ozomi. Wenn sein erster Begeisterungsrausch verflogen ist, wer weiß, wer weiß. Allerdings kann uns nicht allzu viel passieren, wenn er es rauskriegt – vorausgesetzt, wir sind weit genug weg.“

Nicht viel passieren – außer, dass wir vogelfrei sind und im gesamten Quadranten auf der berüchtigten rot-schwarzen Liste landen?!“, stieß Jineo, der sich wieder gefasst hatte, ergrimmt hervor. „Papso, Tagnet ist nicht einfach irgendwer! Wenn das rauskommt, verkauft uns niemand mehr was – nicht einmal ein Stück Brot!“

Er versuchte die Hände seines Vaters abzuschütteln, aber Papso griff noch fester zu und sah ihm ernst und fest in die Augen. Seine Augen durchdrangen ihn. „Jineo, hör mich an. Ich weiß, ich habe schon oft geglaubt, nah dran oder kurz vor dem Ziel zu stehen, aber diesmal bin ich es wirklich, und deshalb konnte ich auch alle Brücken hinter uns abbrechen! Wenn wir erst einmal deine Mutter und die anderen gefunden haben und uns endlich unser wahres Leben aufbauen, kann uns der Rest der Welt egal sein! Wir gehören sowieso nicht zu denen, das weißt du doch. Du weißt, wohin wir gehören!“ Jetzt war Papsos kluges Wissenschaftlergesicht wie von einem fiebrigen Glanz übergossen und seine Finger bohrten sich fast schmerzhaft in Jineos Schultermuskeln.

Na gut“, brummte er und löste sich möglichst behutsam aus Papsos Griff. „Ich bring uns zügig hier weg, aber nicht so schnell, dass es verdächtig aussieht. Tagnet lässt unseren Kurs bestimmt noch ein paar Zeiteinheiten lang überwachen.“

Zusammenfassung

von Antje Ippensen

Der Umfang dieses Buchs entspricht 73 Taschenbuchseiten.

Zehntausend Jahre sind seit den ersten Schritten der Menschheit ins All vergangen. In vielen aufeinanderfolgenden Expansionswellen haben die Menschen den Kosmos besiedelt. Die Erde ist inzwischen nichts weiter als eine Legende. Die neue Hauptwelt der Menschheit ist Axarabor, das Zentrum eines ausgedehnten Sternenreichs und Sitz der Regierung des Gewählten Hochadmirals. Aber von vielen Siedlern und Raumfahrern vergangener Expansionswellen hat man nie wieder etwas gehört. Sie sind in der Unendlichkeit der Raumzeit verschollen. Manche errichteten eigene Zivilisationen, andere gerieten unter die Herrschaft von Aliens oder strandeten im Nichts. Die Raumflotte von Axarabor hat die Aufgabe, diese versprengten Zweige der menschlichen Zivilisation zu finden - und die Menschheit vor den tödlichen Bedrohungen zu schützen, auf die die Verschollenen gestoßen sind.

Jineo und sein Vater Papso sind keine gewöhnlichen Weltraumnomaden, sondern sie haben ein geheimes Ziel. Die Jagd nach der Erfüllung ihres Traums erfordert hohe Risikobereitschaft, und prompt schlittern sie wieder einmal mit ihrem Wandelraumschiff CONIANNE in eine gefährliche Situation.

Die Raumflotte führt derweil ein Manöver durch, das zunächst planmäßig abläuft. Reine Routine auch für die neu zusammengesetzte Crew der MEGAN 3, deren Kernbesatzung jedoch unverändert aus Kapitänin Xala O’Rapin und den Offizieren Arsay Umurut, Nathan Hilk und Zirk besteht. Plötzlich droht aus der militärischen Übung tödlicher Ernst zu werden, denn etwas Unheimliches lauert am Rand des Manövergebietes.

Die CONIANNE gerät zwischen die Fronten, doch auf einmal ändert sich buchstäblich alles für Jineo und Papso. Die Ereignisse überschlagen sich – führt ihr Weg in die Katastrophe oder gibt es noch Rettung?

Details

Seiten
80
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738953848
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Mai)
Schlagworte
mondschatten-manöver raumflotte axarabor band

Autor

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Titel: Mondschatten-Manöver: Die Raumflotte von Axarabor - Band 197