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Pique-Dame ist die Todeskarte: Berlin 1968 Kriminalroman - Band 4

2021 120 Seiten

Zusammenfassung

Berlin 1968 – Band 4

Kriminalroman von Tomos Forrest
(nach Motiven von Guy Brant)

Der Umfang dieses Buchs entspricht 131 Taschenbuchseiten.

Dieser Fall ist verzwickt. Zuerst wird vor den Augen von Bernd Schuster der Bezirksbürgermeister von Spandau ermordet. Zuvor war bereits der ‚Unternehmer‘ Fred Graumann, genannt ‚Großkopf-Fred‘, bei einem provozierten Autounfall getötet worden...

Privatdetektiv Schuster trifft auf die beiden Witwen der Ermordeten und stellt fest, dass sie sehr attraktiv sind und beide einmal Tänzerinnen waren. Was ihn stutzig werden lässt, ist, dass bei beiden die Melodie „Pique Dame“ von Tschaikowski erklingt. Was verbirgt sich dahinter? Schuster ist gefordert!

Leseprobe

Pique-Dame ist die Todeskarte: Berlin 1968 Kriminalroman - Band 4

Berlin 1968 – Band 4

Kriminalroman von Tomos Forrest



Der Umfang dieses Buchs entspricht 131 Taschenbuchseiten.



Dieser Fall ist verzwickt. Zuerst wird vor den Augen von Bernd Schuster der Bezirksbürgermeister von Spandau ermordet. Zuvor war bereits der ‚Unternehmer‘ Fred Graumann, genannt ‚Großkopf-Fred‘, bei einem provozierten Autounfall getötet worden...

Privatdetektiv Schuster trifft auf die beiden Witwen der Ermordeten und stellt fest, dass sie sehr attraktiv sind und beide einmal Tänzerinnen waren. Was ihn stutzig werden lässt, ist, dass bei beiden die Melodie „Pique Dame“ von Tschaikowski erklingt. Was verbirgt sich dahinter? Schuster ist gefordert!





Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

Cover: Nach Motiven und Grischa Georgiew 123rf – Steve Mayer, 2021

Titel/Charaktere/Treatment © by Marten Munsonius & Thomas Ostwald, 2021

Roman – Nach Motiven – by Tomos Forrest, 2021

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1.

Berlin, 18. August 1968

Kein Zweifel, er wurde beschattet. Als Bernd Schuster das Kommissariat verließ, stand der große, hagere Mann auf der anderen Straßenseite und sah anscheinend interessiert zu, wie eine alte Dame einen Taxifahrer bezahlte. Das nächste Mal bemerkte Bernd den Mann in der Spiegelung einer Schaufensterscheibe hinter sich, und jetzt entdeckte er ihn im Speakers Corner, einem nicht gerade eleganten, aber urgemütlichen Journalistentreff in der Fasanenstraße, nur einen Katzensprung vom Ku-Damm entfernt. Bernd setzte sich mit dem Rücken zur Wand an einen Zweiertisch, bestellte Kaffee und überlegte, warum es ausgerechnet Fred Graumann erwischt hatte, und was seine attraktive Witwe sich davon versprach, ihn, den Privatdetektiv Bernd Schuster, mit der Aufklärung des Falles zu betrauen. Er hatte sich Bedenkzeit ausgebeten, weil die Aufgabe für ihn im Grunde um zwei Nummern zu groß war.

Er hatte mit Inspektor Horst Südermann darüber gesprochen.

„Das ist dein Bier, Junge“, hatte Horst gesagt. „Du kannst dabei viel Geld gewinnen - oder deinen Kopf verlieren, genau wie Großkopf-Fred.“

Großkopf-Fred - das war Graumann gewesen. Radio und Presse hatten anlässlich seines Todes von dem „bekannten Großindustriellen“ gesprochen und damit den Nagel auf den Kopf getroffen, aber sie hätten ihn ebenso gut Politiker oder Verbrecherboss nennen können, denn Großkopf-Fred war ein Mann gewesen, der es verstanden hatte, auf allen Hochzeiten zu tanzen. Niemand wagte es, von einem Syndikat nach amerikanischem Vorbild zu reden, aber wenn der Begriff Unternehmen im Zusammenhang mit seinem Namen fiel, wusste jeder, dass eine mächtige Organisation gemeint, die einen großen Teil der Berliner Unterwelt bedeutete. Illegale Wettbüros, Pokerrunden in Hinterzimmern, der Handel mit Drogen und natürlich die Prostitution gehörten ebenso zu Großkopf-Fred wie zahlreiche Bars und Lokale.

Der Tod hatte ihn mitten auf der Straße ereilt, an einem sonnigen Augustmorgen. Fred Graumann hatte darauf bestanden, sich noch seine Zigaretten und die Morgenpost vom Kiosk selbst abzuholen. Auf dem Rückweg hatte er fast schon seine wartende Limousine erreicht und streckte die Hand nach der Wagentür aus, als ein Fahrzeug mit aufheulendem Motor und quietschenden Reifen ausscherte und ihn erwischte. Wohl um sicher zu gehen, dass Fred keine Überlebenschance hatten, schrammte das fremde Auto so hart an dem geparkten entlang, dass Großkopf-Fred praktisch zwischen den Blechen zermalmt wurde.

Die Täter waren unerkannt entkommen. Das Tatfahrzeug wurde kurz darauf in einer Nebenstraße entdeckt und als gestohlen identifiziert. Von den zwei Männern, die Zeugen in dem Wagen gesehen hatten, fehlte jede Spur.

Nicht, dass ein Verbrechen dieses Zuschnitts zum ersten Male in dieser Stadt geschehen wäre, aber es hatte schon besonderer Kaltblütigkeit bedurft, um einen Mann von Fred Graumanns Bedeutung in dieser Weise abzuservieren.

Großkopf-Fred hatte eine kugelsichere Limousine besessen, und er war niemals ohne seine Leibwächter aus dem Haus gegangen. Seine Bewacher hatten ihn nicht vor diesem harten, grausamen Ende bewahren können, weil er sie ausdrücklich angewiesen hatte, im Fahrzeug auf seine Rückkehr zu warten.

Der Ober brachte den Kaffee. Bernd trank ihn schwarz und spähte über den Tassenrand hinweg zu dem Hageren, der am Tresen Platz genommen hatte. ‚ Ganz clever‘, dachte Bernd . ‚Der Knilch kann mich in dem Spiegel beobachten, der unter dem Flaschenregal hängt‘. In seinem grauen Flanellanzug wirkte der etwa Vierzigjährige höchst unauffällig. Typ mittlerer Angestellter. Ein scharf gezogener Scheitel machte deutlich, dass er nicht viel von modischen Attributen hielt und eher konservativ dachte. Andererseits neigten konservative Typen nicht dazu, ihre Mitmenschen zu bespitzeln. Wenn sie das für notwendig erachteten, wandten sie sich schon lieber an Leute, die solche Dinge von Berufswegen erledigten.

Ein kleiner, untersetzter Mann blieb an Bernds Tisch stehen. Er hatte eine Halbglatze und trug eine dickglasige Brille, die ihm ein eulenhaft verschmitztes Aussehen gab, so dass niemand auf Anhieb sagen konnte, ob bei ihm der Humor oder die Verschlagenheit dominierte.

„Hallo, Joe“, sagte Bernd.

Johannes Tilles oder ‚Joe‘ war Kriminalreporter des Magazins Wahre Geschichten, einem neuen Skandalmagazin, das sich auf Crime und Sex spezialisierte, und die etablierten Zeitungen mit einer ständig wachsenden Auflage schockierte. In Branchenkreisen war bekannt, dass Joe Tilles Reportertugenden - oder besser gesagt Reporteruntugenden - diese Entwicklung kräftig gefördert hatten.

„Du warst bei der Grande Dame“, sagte Joe Tilles. „Das stimmt doch?“

Die Grande Dame war Fred Graumanns Frau. Eine Extänzerin, die vor ihrer Ehe ein bekannt bewegtes Leben geführt hatte, aber nach der Heirat so spröde und damenhaft geworden war, dass reichlich Anlass zu beißendem Spott bestanden hatte, bis Großkopf-Fred den Spöttern auf seine Weise klargemacht hatte, wie unpassend er solche Bemerkungen fand. Einige Besitzer scharfer Zungen waren krankenhausreif geprügelt worden, ein paar andere hatten ihren Job verloren. Das hatte gewirkt. Seitdem waren sarkastische Ausfälle gegen die Grande Dame unterblieben.

„Du bist gut informiert“, sagte Bernd. Joe Tilles setzte sich.

„Du gestattest doch?“ Er schnippte mit den Fingern und bestellte bei dem heraneilenden Ober einen Gin mit Bitter Lemon. Dann wandte er sich wieder Bernd zu.

„Wirst du den Fall übernehmen?“

„Welchen Fall?“, fragte Bernd.

„Spaßvogel! Wenn unsere Exballerina Berlins Stardetektiv Bernd antanzen lässt, dann gewiss nicht, um Fragen der Choreographie mit ihm zu besprechen. Glaubt sie, dass du Freds Tod besser und schneller als unsere Polizei aufklären kannst?“

„Vielleicht glaubt sie das“, meinte Bernd Schuster ausweichend, „aber ich habe ihr klarzumachen versucht, dass ein Einzelgänger wie ich kaum eine Chance haben dürfte, den Fall zu klären. Fred Graumann war wie ein Virus, der sich überall ausgebreitet hatte - in der Industrie, in der Politik, in der Unterwelt. Ein Virus wird bekämpft. Wo soll man da beginnen?“

„Du wirst dir deine Gedanken darüber gemacht haben“, sagte Joe Tilles.

„Du gewiss auch“, meinte Bernd lächelnd. „Wo würdest du denn anfangen?“

„Bei seiner Frau“, sagte Joe Tilles. „Sie muss ihn gehasst haben.“

„Als ich mit ihr sprach, war sie in Tränen aufgelöst.“

„Ihr ist klar, dass sie die Rolle der trauernden Witwe spielen muss. Und zwar überzeugend, sonst läuft sie Gefahr, von Freds Partnern zum letzten Tanz aufgefordert zu werden.“

„Sie ist jetzt eine glänzende Partie“, meinte Bernd und blickte erneut zum Tresen hinüber. Der Mann im grauen Flanell nippte an seinem Bierglas. Er trank sichtlich lustlos.

„Millionenschwer“, bestätigte Joe Tilles. „Wäre das nicht was für dich?“

Bernd Schuster grinste.

„Du bringst mich auf eine Idee. Vielleicht sollte ich den Auftrag schon deshalb annehmen. Die Grande Dame ist immer noch große Klasse, findest du nicht auch?“

„Sie hat zwei Schönheitsoperationen hinter sich“, sagte Joe Tilles. „Ihre Brust ist einfach zu schön, um wahr zu sein. Plastikgefüllt, verlass dich drauf.“

„Goldgefüllt“, meinte Bernd.

Joe Tilles rückte seine dicke Brille zurecht und zeigte seine festen, weißen Zähne.

„Du hast ja recht. Ich an deiner Stelle würde versuchen, sie zu erobern. Bei so vielen Millionen hätte ich selbst dann Interesse, wenn alles an ihr aus Plastik bestände. Aber einer wie ich hat bei solchen Puppen keine Chance“, sagte er seufzend.

„Kennst du den Typ, der am Tresen neben dem Kahlköpfigen sitzt?“, fragte Bernd.

Joe Tilles drehte sich nicht gleich um. Er wartete damit, bis der Ober den Drink brachte. „Nein“, sagte er. „Ist was mit ihm?“

Bernd zuckte mit den Schultern.

„Wahrscheinlich fange ich an, ein Opfer des Verfolgungswahns zu werden. Ich bilde mir ein, dass der Bursche mir nachstellt.“

„Oh, Liebster!“, flötete Joe Tilles mit verstellter Stimme und winkte mit einer übertrieben femininen Geste. „Ich werde direkt eifersüch...“

Ein lauter Aufschrei ließ ihn verstummen. Der Barhocker neben dem Graugekleideten kippte um, jemand lief nach hinten.

Bernd Schuster glaubte, etwas Blitzendes bemerkt zu haben, sprang auf, stieß gegen den Tisch und kippte die Tasse um. Die Lokaltür war geschlossen. Jemand rief laut: „Pass doch auf, du Trottel“. Es schien einen Zusammenprall gegeben haben, denn irgendetwas polterte hinter einem der Filzvorhänge, die die Zugänge zu den Toiletten markierten. Es war eine dunkle, rauchige Ecke, die sich nur schwer mit den Blicken durchdringen ließ. Im Lokal wurde es still. Was eigentlich gerade passiert war, konnte noch niemand klar erkennen. Der Schock des Erschreckens und der notwendig gewordenen Orientierung hatten die Gäste buchstäblich gelähmt, aber schon eine Sekunde später brach ein Sturm der Aufregung los, der Bernd daran hinderte, die Toilettenzugänge zu erreichen. Gut ein Dutzend Reporter versuchte vor ihm dort zu sein, außerdem hielt ihn Joe Tilles am Ärmel zurück.

„Hat doch keinen Zweck, Partner. Sieh dir lieber mal deinen Knilch an!“

Der Mann im grauen Flanell saß scheinbar unverändert auf seinem Barhocker, Es schien, als hätte er einen Ladestock verschluckt. Die unnatürliche Starrheit seiner Haltung lockerte sich erst, als ein starkes Zittern seinen Körper erfasste. Er wandte den Kopf, schaute geradewegs in Bernds Augen und schien etwas äußern zu wollen, aber aus seinem halboffenen, bebenden Mund kam nur ein dumpfes Krächzen.

Dann sah er an sich herunter und schien sich über den dicken Messergriff zu wundern, der aus seiner Brust ragte. Langsam breitete sich darum ein dunkelroter Fleck aus.

Bernd gab sich einen Ruck und sprang nach vorn, kam aber zu spät, um den Mann im grauen Flanell aufzufangen. Er kippte mitsamt seinem Hocker zur Seite. Als sein Körper auf den Boden schlug, sagte jemand laut: „Mist! Den hat’s erwischt.“

Bernd beugte sich über den am Boden Liegenden und sah, wie Blut den Stoff färbte.

„Einen Arzt! Die Polizei!“, schrie jemand.

Bernd drehte den tödlich Verletzten behutsam auf die Seite. Der Mann streckte sich stöhnend, schluckte krampfhaft und blickte Bernd in die Augen, erstaunt, furchtsam und plötzlich resignierend. Sein Kopf zuckte, und in die Augen trat ein heller, starrer Glanz.

„Tot?“, fragte Joe Tilles.

„Tot“, bestätigte Bernd Schuster und richtete sich auf.

Gleich darauf stürmte er aus dem Lokal. Er benutzte den Vordereingang, weil klar war, dass die Reporter allesamt versuchten, dem mutmaßlichen Täter durch den Toilettenkorridor zu folgen. Es regnete. Bernd sah einen Mann aus dem Gässchen kommen, der zum Hinterausgang des Lokals führte. Der Mann war etwas über mittelgroß. Er hatte den Kragen seines Sportsakkos hochgestellt und die Hände in die Hosentaschen geschoben. Bernd hatte keine Ahnung, wie lang die Gasse mit ihren Lieferantenzugängen war, aber er wusste, dass das Auftauchen des Mannes nicht unbedingt mit dem Verbrechen zusammenhängen musste. Ein paar junge Burschen, die hinter dem Mann gingen und eine Frau, die das Gässchen in entgegengesetzter Richtung betrat, zeigten, dass es sich um eine beliebte Abkürzung handelte.

Der Mann überquerte die Fahrbahn. Er bewegte sich ruhig und gelassen, sichtlich ohne Eile. Bernd folgte ihm. Die Ruhe des Mannes wirkte angesichts des Regens unnatürlich, denn wem konnte schon daran gelegen sein, seine schicke Sportkombination dem hässlichen Wetter auszusetzen und völlig nass werden zu lassen?

Bernd schätzte den Mann auf Fünfunddreißig. Er hatte einen federnden, elastischen Gang und schmale Hüften. Ein sportlicher, beweglicher Typ, der mangelnde Kraft mühelos mit großer Agilität zu kompensieren vermochte. Er hatte ein markantes Gesicht mit dunklem Haar und dunklen Augen. Der Mund war dick, fleischig und fast negroid, die abgeflachte Nase ließ vermuten, dass ihr Besitzer irgendwann einmal in einer Leichtgewichtsklasse geboxt hatte.

Der Mann setzte sich in einen flaschengrünen Opel. Bernd hatte Glück, dass er ein heranrollendes Taxi stoppen und dem Dunkelhaarigen folgen konnte. Er schaffte es trotzdem nicht, sich über den Zufall zu freuen, denn er musste unentwegt an den Toten im grauen Flanell denken. Wäre es nicht besser gewesen, im Lokal zu bleiben und festzustellen, wer der Tote war, statt einem Phantom zu folgen, das möglicherweise nicht das Mindeste mit dem Verbrechen zu tun hatte?

Egal, jetzt waren die Würfel gefallen, und er musste versuchen, das Beste daraus zu machen.

Die Fahrt ging hinüber nach Charlottenburg. Der Opel stoppte schließlich am Horstweg vor einem älteren Mietshaus, das den Eindruck machte, als würde es vor dem Abbruch stehen. Hinter einigen Fensterhöhlen gähnte kaltes Dunkel, aber an anderen Fenstern befanden sich noch Gardinen und bewiesen, dass das Gebäude keineswegs schon von allen Mietern verlassen worden war. Dann entdeckte Bernd die Schilder, die sich im leichten Abendwind bewegten.

Dieses Haus ist besetzt!‘ und ein weiteres: ‚Hier entsteht ein Kindergarten und eine neue Wohngemeinschaft!‘, sowie auf einem dritten Schild schließlich: ‚Weg mit dem Mietwucher!‘

„Stoppen Sie hinter dem Sattelschlepper!“, sagte Bernd und entlohnte den Fahrer im Schutz des großen, am Straßenrand parkenden Lastzuges.

Während er das Wechselgeld zurückbekam, sah er, wie der dunkle Typ das heruntergekommene Mietshaus betrat. Bernd schaute sich in der Straße um. Eine eigentlich ganz harmlose Wohngegend. Aber es gab doch auch einige Häuser, die dringend eine Sanierung benötigten.. Die am Rande der Bürgersteige parkenden Fahrzeuge sahen aus, als hätten die Besitzer ihre letzten Mark-Stücke zusammengesucht, um noch einmal den Tank mit Benzin zu füllen. Ein paar Käfer mit eingedellten Kotflügeln und Rost an den Türen, mehrere 2 CV, die alle in auffallenden Farben wohl mit einem Pinsel lackiert wurden, sowie ein R 4, bei dem zwei Reifen platt waren.

Der Fuhrpark der Hausbesetzer!‘, dachte Bernd. Das Haus, in dem der Dunkelhaarige verschwunden war, besaß zwar ein Klingelbrett, aber die Namensschilder waren längst ein Opfer kindlichen Zerstörungstriebes geworden. Bernd blickte an der Fassade hoch, dann probierte er, ob der Opel verschlossen war. Er war es nicht. Bernd setzte sich hinein. Auf dem Rücksitz lagen ein Stapel zerlesener Comic Hefte, eine Taschenlampe und eine leere Schachtel, deren Aufdruck klarmachte, dass sie einen Küchenwecker enthalten hatte. Bernd stutzte, weil ihm einfiel, dass Bombenbastler gern mit solchen Weckern arbeiteten. Aber dann hielt er die Überlegung für zu konstruiert, denn schließlich stand nicht einmal fest, ob er wirklich dem mutmaßlichen Mörder des Mannes im grauen Flanell auf den Fersen war.

Bernd öffnete den Handschuhkasten und staunte. Der Kasten enthielt ein Autotelefon. Allerdings keines der wahnsinnig teuren Modelle, wie er sich erst kürzlich eines in seinen Mercedes hatte einbauen lassen. Dieses schien eher ein umgebautes Feldtelefon der Wehrmacht zu sein, aus dem einige Drähte hingen.

„Suchen Sie was Bestimmtes?“, fuhr ihn eine harte, männliche Stimme durch das bis zur Hälfte heruntergekurbelte Seitenfenster an. Bernd wandte den Kopf und blickte in die dunklen Augen des Wagenbesitzers. Bernd schloss den Handschuhkastendeckel, stieg aus und war sich darüber im Klaren, in welche Schwierigkeiten ihn sein eigenmächtiges Verhalten bringen konnte.

„Ich bin Privatdetektiv“, erklärte er.

„So?“, sagte der Dunkelhaarige, in dessen Augen es kampflustig funkelte. „Haben Sie einen Ausweis?“

Bernd lächelte. „Wohl zu viele Fernsehfilme gesehen, was? In Deutschland kann sich jeder selbst einen Detektiv-Ausweis ausfertigen, er hat keinerlei Bedeutung. Aber Sie werden staunen – das Institut, das mich ausgebildet hat, gibt tatsächlich jedem von uns so ein Stück, gedruckt auf gutem Ausweispapier, mit auf den Weg. Hier, schauen Sie mal!“

Mit diesen Worten zog er seinen Ausweis aus der Brieftasche und kam sich vor wie ein ertappter Sünder, aber er baute darauf, dass er schon bald imstande sein würde, einen Rollentausch vorzunehmen.

„Bernd Schuster“, murmelte der Dunkelhaarige und gab Bernd die Karte zurück. „Lange werden Sie das Ding nicht mehr führen dürfen, Schnüffler. Sie wissen, was geschieht, wenn ich Anzeige gegen Sie erstatte.“

Bernd steckte die Karte ein und erwiderte: „Doch ein Fernsehfan. Selbst wenn ich wirklich Ärger mit den Behörden bekäme, wird mir weder dieser Ausweis abgenommen noch kann man mir untersagen, eine Detektei zu betreiben. Vorausgesetzt, ich bin nicht vorbestraft. Apropos – wie steht es dann da mit Ihnen, Meister?“

„Sie reden Unsinn, Mann! Wenn ich den nächsten Schupo hole, weil ich Sie in meinem Auto erwischt habe, sind Sie dran, ist doch wohl klar, oder?“

„Setzen wir mal den Fall, ich würde im Auftrag der Deutschen Post, Fernmeldeamt Berlin, arbeiten, um die Benutzer nicht genehmigter Telefone aufzuspüren“, sagte er, „wären Sie dann immer noch entschlossen, in Empörung zu machen und zur Polizei zu gehen?“

„Ich bastle gern“, sagte der Dunkelhaarige. „Elektrotechnik und Hochfrequenz sind meine Hobbys. Niemand kann mir dieses Steckenpferd verbieten. Ich störe mit meiner Anlage keine öffentlichen Anschlüsse und schädige auch sonst niemand. Genügt Ihnen das?“

„Wohnen Sie hier?“

„Ich glaube nicht, dass Sie das etwas angeht.“

„Ich bin Ihnen von der Fasanenstraße bis hier gefolgt“, sagte Bernd. „Sie kamen aus der Gasse, an der der Hintereingang von Speakers Corner liegt. Kennen Sie die Kneipe?“

„Ich habe davon gehört.“

„In dem Lokal wurde ein Mann umgebracht. Erstochen, um es genau zu sagen.“

„Wann?“

„Vor einer dreiviertel Stunde. Kurz nachdem es passiert war, verließen Sie das Gässchen.“

„Ich verstehe“, sagte der Dunkelhaarige ohne eine Spur von Erregung. „Sie brachten mein Auftauchen mit dem Mord in Zusammenhang und meinten, mir folgen zu müssen.“

„So ist es“, sagte Bernd.

„Kommen Sie mit!“, meinte der Dunkelhaarige.

„Wohin?“

„In das Haus. In meine Wohnung. Die wollen Sie doch sehen - oder?“, fragte der Dunkelhaarige.

Bernd zögerte.

„Gehen Sie voran!“, sagte er nach kurzer Pause. „Und lassen Sie sich keine Mätzchen einfallen! Damit werde ich schnell fertig.“

Der Mann grinste.

„Wofür halten Sie mich?“, wollte er wissen. „Für einen Mörder, der Ihnen eine Falle stellen will?“ Er stoppte im Hauseingang, wandte sich Bernd zu, hob beide Arme und sagte: „Klopfen Sie mich ruhig ab! Ich habe keine Waffe bei mir. Damit Sie beruhigt sind ...“

„Wenn Sie hoffen sollten, dass ich das Angebot beschämt ausschlage, muss ich Sie enttäuschen“, sagte Bernd und tastete den Dunkelhaarigen ab. Er vergaß auch nicht, die Beine des Mannes zu überprüfen, beging aber den Fehler, sich dabei zu weit hinabzubeugen. Der Mann riss das Knie hoch. Die Wucht, Schnelligkeit und Kraft, die er dabei praktizierte, trafen Bernd auf den Punkt. Ihm war, als würde sein Kopf von einer Explosion zerrissen. Bernd ging hart zu Boden. Noch im Fallen traf ihn ein trockener, gezielter Nackenschlag. Als er wieder zu sich kam, war er von einer Horde Halbwüchsiger umringt. Bernd Schuster griff unwillkürlich nach seiner Brieftasche. Sie war noch an ihrem Platz. Die Halbwüchsigen zeigten sich gutgelaunt und schienen seinen Zustand als amüsante Abwechslung zu betrachten.

Bernd kam langsam auf die Beine. Niemand half ihm dabei, nur beißende, höhnische Kommentare waren zu hören.

„Der Kerl kann nichts vertragen. Warum schaltet er nicht auf Milchkaffee um?“

„Quatsch“, rief ein anderer. „Dem hat jemand die Birne verunsichert. Darüber hat er ein bisschen nachgedacht. Im Liegen geht das besser.“

Bernd lehnte sich gegen die Wand und stellte fest, dass der Opel verschwunden war. Er fischte eine Fünfmarknote aus seiner Tasche und hielt sie hoch wie einen kostbaren Köder.

„Ihr seid doch schlaue Kinderchen“, sagte er mit kratzig klingender Stimme. „Des Lehrers Lieblinge, der Eltern Stolz. Seid ihr auch clever genug, einen raschen Schnapp zu machen?“ Er hielt die Geldnote noch höher, um sie dem sofort einsetzenden Zugriff eifriger Hände zu entziehen.

„Langsam, langsam“, sagte er. „Erst die Information, dann die Piepen! Wer war der Typ, der mich auf den Asphalt geplättet hat?“

Die Arme fielen zögernd nach unten. Die Halbwüchsigen schauten sich enttäuscht und fragend in die Augen. Bernd beschrieb den Mann, er beschrieb auch seinen Wagen.

„Den alten Schlitten habe ich gesehen“, erklärte ein blonder Junge, auf dessen verschwitztem T-Shirt der Kopf des Sängers Bob Dylan gedruckt war. „Er gehört nicht in diese Straße.“

„Der Mann auch nicht“, sagte ein anderer. „Dunkelhaarig, mit Boxernase, Sportkombination? Das könnte höchstens Bully gewesen sein, aber der sitzt seit vier Wochen im Knast.“

Bernd schaute sich um. Die Jungen machten nicht den Eindruck, als ob sie flunkerten. Sie zeigten nur deutliches Bedauern wegen der fünf Mark, die ihnen zu entgehen drohten.

„Wer wohnt hier im Haus?“, fragte Bernd.

Die Jungen grinsten.

„Sag’s ihm!“, meinte einer und stieß den Blonden in die Rippen.

„Die schöne Laura“, erklärte der Blonde. „Aber die macht’s nicht für einen Fünfer.“

„Da wäre sie auch schön blöd“, sagte ein Knirps. „Die ist das Zehnfache wert!“

„Wer wohnt noch hier?“, fragte Bernd.

„Irgendwelche Gastarbeiter aus Italien in der zweiten, und eine Gruppe Studenten in der dritten Etage“, berichtete der Blonde. „Tun so, als würden sie zur Uni gehen, sind aber alles Säufertypen ...“

Bernd gab dem Blonden den Schein.

„Teilt euch das Geld“, sagte er, „aber seid nicht so blöd, euch Zigaretten dafür zu kaufen!“

Laura Zeumer wohnte im ersten Stockwerk. Bernd klingelte. Die Frau, die ihm öffnete, war nicht älter als zwanzig Jahre und sah aus wie ein Engel. Blond, ein klares, unschuldig wirkendes Gesichtsoval, große, naive Augen. Sie trug einen schwarzen, kniefreien Hausmantel, der die Qualitäten ihrer Oberweite kaum verbarg.

„Hallo, Süßer“, sagte sie und ließ ihn eintreten. Er folgte ihr ins Wohnzimmer und fand auf dem kurzen Weg dorthin Gelegenheit, ihre kreisenden Hüften und die untadelige Linie ihrer nylonbestrumpften Beine zu bewundern. Das Wohnzimmer hätte ebenso gut als Kinderzimmer dienen können. Sessel und Couch waren mit Puppen und Teddybären aller Größen buchstäblich überhäuft. In der Luft hing der süßliche Geruch billigen Parfüms. Auf dem Tisch standen eine Ginflasche und zwei halbvolle Gläser. An einem von ihnen sah man Reste von Laura Zeumers hellem Lippenstift.

„Hallo“, sagte sie und musterte ihn erfreut in dem hellen Licht, das durch die zur Straße weisenden Fenster in den Raum fiel. „Du bist mein Typ, Großer. Du musst mir sagen; welches Spielchen dir am meisten zusagt. Danach richtet sich der Preis.“

„Ich rede gern“, meinte Bernd. „Besonders über Mord und Mörder.“

Sie starrte ihm aus porzellanblauen Augen ins Gesicht, eher verdutzt als verdrossen.

„Du bist ein seltsamer Typ“, sagte sie. „Bist du auch sicher, dich nicht in der Adresse geirrt zu haben?“

Bernd beförderte eine Puppe und zwei Teddybären von einem Stuhl auf die Couch, ließ sich rittlings auf dem Sitzmöbel nieder und sagte: „Keine Angst, ich zahle gut. Wer war der Bursche mit der Boxernase?“

Das Mädchen machte auf trotzig.

„Ich kenne keinen mit ’ner Boxernase“, behauptete sie.

„Er war hier. Vor zehn Minuten.“

„Ach, der“, sagte sie. „Der kommt ziemlich regelmäßig. Einmal in der Woche. Heute war er besonders scharf. Es gibt Männer, die nur dann gut sind, wenn sie etwas erregt. Warum hast du von Mord und Mördern gesprochen?“

„Hat er aus dem Glas da getrunken?“, fragte Bernd.

„Sicher. Warte, ich spüle es aus, du kriegst ein sauberes“, sagte das Mädchen und versuchte nach dem Glas zu greifen, aber Bernd drückte ihre Hand zur Seite.

„Nicht anfassen!“, bat er. „Ich nehme es mit.“

„Spinnst du? Das gehört zu einem Set. Ich habe nur noch vier davon.“

„Ich lass dir Geld für ein Dutzend neue hier“, sagte Bernd. „Wie heißt der Mann?“

„Mir stellt sich niemand mit Namen vor. Das tust du doch auch nicht, oder?“

Das Telefon klingelte. Es stand in der Zimmerecke auf einem weiß lackierten Fernsehgerät und war von zwei Plüschhunden eingerahmt. Als die Kleine den Hörer abnahm, trat Bernd dicht hinter sie.

„Hallo, Schätzchen“, meldete sich eine männliche Stimme. „Hat sich jemand nach mir erkundigt?“

„Wer spricht denn da?“

„Dein Liebling mit dem einmaligen Leistungsstandard“, sagte der Anrufer. „Ich hatte auf der Straße beim Weggehen eine kleine Meinungsverschiedenheit mit einem Miesling. Er wurde kess, also schickte ich ihn auf Tauchstation. Ich wette, er wird herausfinden wollen, wen ich im Haus besucht habe. War er schon bei dir?“

„Ja ... nein“, stotterte Laura Zeumer.

„Verstehe“, sagte der Mann am anderen Leitungsende grimmig. „Er ist schon dabei, dich auszuquetschen. Jetzt höre mir mal gut zu, Kätzchen! Du kennst mich nicht, du weißt von nichts. Mir ist eingefallen, dass auf dem Tisch das Glas steht, aus dem ich getrunken habe. Lass es verschwinden. Er darf es nicht bekommen. Unter keinen Umständen, klar?“

„Klar“, antwortete das Mädchen verstört.

„Wenn du versagen solltest, würde ich mich zu meinem Bedauern gezwungen sehen, dein süßes Gesicht mitsamt Luxuskörper nachhaltig zu verändern. Vergiss das nicht!“ Es knackte in der Leitung. Der Anrufer hatte aufgehängt.

„Das war deutlich“, sagte Bernd und trat zwei Schritte zurück.

Lauras Hand zitterte, als sie den Hörer auf die Gabel legte. „So ein Spinner!“

„Keine Angst! Er wird nicht erfahren, dass ich das Glas mitgenommen habe.“

Sie wirbelte herum und huschte an ihm vorbei, noch ehe er eine Chance hatte, sie festzuhalten. Sie griff nach dem Glas und schmetterte es gegen die Wand, wo es krachend in tausend winzige Scherben zerstob.

„So!“, sagte sie schweratmend. „Was sagst du nun? Für Schnüffler arbeite ich nicht.“

„Und ich“, sagte Bernd und ging zur Tür, „zahle nicht für kaputte Gläser.“ Er brauchte fast eine Viertelstunde, um ein Taxi aufzutreiben, das ihn zurück in die Fasanenstraße brachte. Vor dem Lokaleingang hatte sich eine dichte Menschentraube gebildet. Uniformierte Polizisten sicherten den Zugang.

„Ich bin Tatzeuge“, sagte Bernd und zeigte seinen Ausweis.

Der Polizist zeigte sich unbeeindruckt.

„Da könnte jeder kommen“, meinte er. „Warum sind Sie weggegangen, wenn Sie dabei waren? Als Privatdetektiv mussten Sie doch wissen, dass es Ihre Pflicht ist, bis zum Eintreffen der Mordkommission am Tatort zu bleiben.“

„Ich habe versucht, einen Verdächtigen zu stellen“, sagte Bernd. „Meinen Sie, dass ich damit meinen Pflichten zuwiderhandelte?“

Der Polizist ließ ihn mürrisch passieren. Das Lokal war leer. Offenbar wurden die Gäste von den Beamten der Mordkommission in den hinteren Räumen verhört. Inspektor Südermann gab Bernd die Hand.

„Ich hörte von Joe Tilles, dass du miterlebt hast, wie der Mann erstochen wurde. Bist du sicher, dass der Mann den Auftrag hatte, dich zu beschatten?“

„Sicher? Das nicht. Aber ich könnte schwören, dass er mir vom Kommissariat bis hierher gefolgt ist. Ob und wie lange er mir schon auf den Fersen war, kann ich nicht exakt sagen. Warum hat er mich nicht angesprochen? Offenbar fühlte er sich verfolgt, hatte aber nicht den Mut, sich mir anzuvertrauen.“

„Vielleicht wollte er feststellen, was du vorhast?“, fragte der Inspektor. „Ich bin jedenfalls sehr verwirrt.“

Diese Worte brachten Bernd zum Staunen, schließlich gehörte Mord zu Inspektor Südermanns Handwerk. Es war nicht seine Art, sich davon erschüttern zu lassen.

„Worüber?“, fragte Bernd.

„Über die Prominenz des Toten“, sagte Horst Südermann. „Es ist Gerd Heiderer.“

Bernd zuckte mit den Schultern. „Nie gehört.“

„Ich schon“, sagte der Inspektor. „Er ist der Bezirksbürgermeister von Spandau, Kandidat für den Parteivorsitzenden und mit guten Aussichten, nach der nächsten Wahl zum Kanzlerkandidaten seiner Partei aufzusteigen. Ein paar Leute gaben ihm sogar gute Chance, eines Tages unser Bundeskanzler zu werden.“

„Das haut mich um“, rief Bernd.

„Wie schön!“, sagte Inspektor Südermann zufrieden. „So leicht ist das bei dir sonst nicht zu erreichen.“

„Was brachte ihn auf die Idee, mich zu beschatten?“, wollte Bernd wissen. „Er hätte doch einen seiner Leute damit beauftragen können!“

„Vielleicht gab es in seinem Leben einen dunklen Punkt, den er niemand anzuvertrauen wagte. Nicht einmal dir, sonst hätte er nicht so lange gezögert, mit dir zu sprechen. Seine Mörder kamen ihm zuvor“, sagte der Inspektor. „Stimmt es, dass du einem Tatverdächtigen gefolgt bist?“

Bernd nickte. „Wenn der Typ in eurer Kartei enthalten ist, wissen wir heute Abend, um wen es sich handelt. Ein Gesicht mit markanten Zügen. Wir füttern den Computer mit den wichtigsten Daten und sichten danach die Fotos der Vorbestraften, auf die die genannten Details passen. Wie ist der Mörder entkommen?“

„Durch das Toilettenfenster. Ehe es die Reporter schafften, die verriegelte Tür aufzubrechen, war er längst über alle Berge. Der eigentliche Hinterausgang war verschlossen.“

„Wen hinterlässt Heiderer?“

„Eine junge, reizende Witwe. Ich habe sie vorerst telefonisch verständigt. Sie war verständlicherweise nicht in der Lage, mir irgendwelche Fragen zu beantworten. Ich fahre jetzt zu ihr und hoffe, dass sie sich beruhigt hat. Kommst du mit?“

„Gern“, sagte Bernd und schaute auf seine Uhr, „aber ich muss in zwei Stunden bei der Grande Dame sein. Ich bin angemeldet.“

„Verstehe“, sagte der Inspektor und verließ mit Bernd den Tatort. „Du wirst ihr deinen Entschluss mitteilen. Willst du den Fall übernehmen?“

„Was rätst du mir?“

„Ich bin nicht deine Gouvernante. Du musst selber wissen, was zu tun ist. Moira Graumann entstammt weder den besten Kreisen, noch genießt sie einen guten Ruf, auch wenn sie in den letzten Jahren fieberhaft bemüht war, wie eine Dame aufzutreten. Für mich ist und bleibt sie Großkopf-Freds Frau - die Frau eines Mannes, der es verstanden hat, seine undurchsichtigen und zum Teil kriminellen Aktivitäten geschickt zu tarnen. Wenn du dich in die Sache hineinkniest, läufst du Gefahr, zum Unterweltshelfer abgestempelt zu werden.“

„Du bist also dagegen.“

„Keineswegs. Ich zeige dir nur die Risiken auf. Persönlich habe ich nicht das Geringste dagegen, wenn du auf Moira Graumanns Lohnliste erscheinst. Du wirst früher oder später in ein Wespennest stechen, und wir von der Polizei werden, wie ich hoffe, davon profitieren. Deshalb begleite ich dich auch nachher.“

„Gut, ich steige ein. Aber sage mal – ist Moira eigentlich ein deutscher Vorname?“

Der Inspektor grinste.

„Und das mit deiner Vorbildung! Der Name kommt aus dem Altgriechischen und bedeutet so viel wie Schicksal. Also, alter Junge, hüte dich!“

„Jetzt nicht noch dein Spruch Schuster, bleib‘ bei deinen Leisten!

Beide gingen lachend aus dem Lokal, was ihnen einige befremdliche Blicke der Polizisten eintrug. Wer verlässt denn einen Tatort lachend?





2.

Bernd Schuster fuhr in die Kurfürstenstraße, parkte in der dafür vorgesehenen schmalen Spur, die man für die früheren Besucher der Ladenzeile angelegt hatte, und fuhr mit dem wieder einmal übelriechenden Fahrstuhl hinauf in seine Wohnung im 14. Stock. Schon als er den Flur betrat und seinen Schlüssel herauszog, wechselte der unangenehme Geruch aus dem Fahrstuhl – wie immer eine Mischung aus Urin und Biergestank – mit dem durchdringen Geruch frischer Farbe. Musik drang durch die Wohnungstür, und als er aufschloss, sah er die ganze Bescherung.

Der Flur war zum Glück mit alten Zeitungen ausgelegt worden, und neben der lauten Musik und dem Gelächter aus Lucys Zimmer befand sich dort auch die Quelle des intensiven Farbgeruchs.

Ihre Tür stand halb offen, und Bernd klopfte an, bevor er laut ausrief:

„Guten Abend! Schon wieder renoviert – oh, hoppla, das ist ungewöhnlich!“

Seine Tochter stand zusammen mit zwei gleichaltrigen Mädchen vor einer Wand, der sie eben wohl den letzten Anstrich verpasst hatten. Alle drei trugen farbverschmierte Jeans, von denen sie die Beine abgeschnitten hatten, und unter den Brüsten verknotete Blusen, deren Originalfarbe unter den zahlreichen schwarzen Farbflecken kaum noch zu bestimmen waren.

„Gut, stimmt’s, Daddy?“, rief ihm Lucy fröhlich zu.

„Äh, wenn man es mag – aber sagt mal, Mädels – wer fürchtet sich denn nicht in einem Zimmer, dessen Decke und Wände pechschwarz gestrichen wurden?“

„Ach, Bernd, dit is einfach dufte!“, rief Doris, eines der beiden Mädchen.

„Verstehe. Und die Beleuchtung?“

„Ich habe von Thilo eine besondere Glühbirne gekriegt!“, rief Lucy lachend. „Das wird so ein Disco-Effekt, mit wahnsinnigem, lila Licht!“

„Mir soll es recht sein!“, stöhnte Bernd und wollte ins Badezimmer gehen, um sich vor seinem nächsten Einsatz etwas frisch zu machen.

„Pass auf die Eimer und die Farbrollen auf, Daddy, die stehen im Bad!“, rief Lucy,

und als er den Lichtschalter im Badezimmer betätigte, sah er die ganze Schweinerei, die von den jungen Künstlerinnen hier angerichtet wurde. Im Waschbecken lagen noch nicht ausgewaschene Pinsel, aus denen in dicken Streifen die schwarze Farbe floss. Und in der Badewanne lagen in einer kleinen Wasserpfütze drei Rollen und warteten ebenfalls auf ihre Reinigung.

„Bist du schon fertig, Daddy?“, flötete eine überaus gut gelaunte Tochter.

„Nein, ich habe noch einen Termin. Es wäre prima, wenn das nachher alles wieder in einem benutzbaren Zustand ist, Lucy. Warte nicht auf mich, es könnte später werden!“

„Wir machen klar Schiff, Daddy, keine Sorge! Wir schrubben Waschbecken und Wanne mit Ata blank, und werden dir zeigen, dass die olle Klementine von Ariel nichts gegen unsere Waschkünste ist!“

„Na, wer’s glaubt!“, antwortete Bernd Schuster und zog die Wohnungstür hinter sich zu. Er fuhr hinunter, schloss seine Bürotür auf und benutzte die Dusche dort. Eine saubere Jeans und ein frisches Hemd fand sich immer in seinem Schrank, denn oft war es erforderlich, dass er sich zwischen zwei Terminen noch einmal umziehen musste.

Erfrischt und guter Laune stieg er in seinen Mercedes, um zu dem vereinbarten Treffen zu gelangen.





3.

Daniela Heiderer wohnte in einer wiederhergerichteten Gründerzeitvilla in Grunewald. Im Untergeschoss befanden sich die Verwaltungs- und Lagerräume einer Wohltätigkeitsorganisation, die erste Etage wurde von den Heiderers bewohnt, und in der Mansarde hatte sich der Hausmeister eingerichtet. Das Haus lag in der Mitte eines winzigen Gartens, der von einem alten, gusseisernen Zaun eingerahmt wurde.

Daniela Heiderer war eine schöne, junge Frau mit großen, dunklen Augen und einem Bubikopf im Schnitt der zwanziger Jahre. Sie hatte verweinte Augen, aber sie gab sich Mühe, die beiden Männer gefasst zu empfangen. Sie führte sie in das große, modern eingerichtete Wohnzimmer und bot ihnen Kaffee an, den sie aus einer blubbernden Kaffeemaschine abfüllte. Bernd schaute sich um. Die Möblierung bewies guten Geschmack, war aber andererseits so unpersönlich wie die Fassade eines Hochhauses. Es dominierten Farben und kühn geschwungene Plastikmöbel, aber es gab kaum etwas darin, was für eine individuelle Note sorgte. Bis auf ein paar Bilder über dem alten Kamin. Bernd betrachtete sie neugierig, während sie die Tassen abstellte. Die Fotos zeigten eine Ballettgruppe. Die darauf abgebildeten Mädchen waren ausnahmslos sehr hübsch.

„Ehe ich heiratete, habe ich getanzt“, erläuterte Daniela Heiderer, die sein Interesse bemerkte. „Es hat mir viel Spaß gemacht. Kein Tingeltangel“, fügte sie hinzu. „Nur dramatisches Ballett.“

„Ist das hier neben Ihnen auf dem Bild nicht die jetzige Moira Graumann?“, fragte Bernd Schuster.

„Ja. Ehe sie sich zur Revue absetzte, trat sie mit mir einige Male in der Oper auf.“

„Sie sind mit ihr befreundet?“, fragte Bernd und setzte sich.

„Wir sehen uns nur noch sehr selten“, wich Daniela aus. „Im Grunde haben wir nur wenig gemeinsam.“ Sie spitzte plötzlich die Lippen und blickte irritiert in Schusters Augen. „Ich muss mich korrigieren“, sagte sie. „Wir haben etwas gemeinsam. Moira hat ihren Mann genau wie ich verloren durch einen brutalen, mörderischen Gewaltakt.“

„Damit wären wir beim Thema“, sagte der Inspektor. „Sehen Sie ein Tatmotiv?“

„Nein.“

„Wann haben Sie Ihren Mann zuletzt gesprochen?“

„Heute Morgen. Wir frühstückten zusammen.“

„Sagte er, was er für heute vorhatte?“

„Nein.“

„Sprach er niemals über seine Arbeit?“

„Selten. Sie müssen wissen, dass er ein Idealist war, dem es darum ging, überholte Strukturen und gesellschaftliche Ungerechtigkeiten zu ändern. Er wurde aber von Jahr zu Jahr einsamer und verbitterter, weil er einsah, dass es nahezu unmöglich ist, sich gegen das Establishment durchzusetzen.“

„Zuletzt gehörte er selbst zum Establishment“, stellte der Inspektor fest. „Als Bürgermeister war er ein wohlangesehener, gutverdienender Beamter. Ihre Wohnung - pardon! - ist ein Spiegelbild seines Wohlstandes.“

„Geld bedeutete ihm nichts“, sagte die Frau. „Die Wohnung hat er sich von einem Freund einrichten lassen, der meinte, ein Mann mit modernen Ansichten müsste sich mit modernen Dingen umgeben.“

Details

Seiten
120
Jahr
2021
ISBN (ePUB)
9783738953831
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Mai)
Schlagworte
pique-dame todeskarte berlin kriminalroman band

Autor

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Titel: Pique-Dame ist die Todeskarte: Berlin 1968 Kriminalroman - Band 4