Lade Inhalt...

Vorzeichen der Apokalypse: Vincent Drago 7

2021 120 Seiten

Zusammenfassung

VINCENT DRAGO – Der Höllendämon Band 7

von Bernd Teuber

Der Umfang dieses Buchs entspricht 83 Taschenbuchseiten.

Während in der Hölle die Vorbereitungen für die Apokalypse anlaufen, plant Vincent Drago, die Macht an sich zu reißen. Helfen soll ihm dabei das Vermächtnis eines Hexenjägers, der einst für den Tod von Dragos Mutter verantwortlich war.

Leseprobe

Vorzeichen der Apokalypse: Vincent Drago 7

VINCENT DRAGO – Der Höllendämon Band 7

von Bernd Teuber


Der Umfang dieses Buchs entspricht 83 Taschenbuchseiten.


Während in der Hölle die Vorbereitungen für die Apokalypse anlaufen, plant Vincent Drago, die Macht an sich zu reißen. Helfen soll ihm dabei das Vermächtnis eines Hexenjägers, der einst für den Tod von Dragos Mutter verantwortlich war.



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

Cover: nach Motiven von Pixabay - Steve Mayer, 2021

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter

https://twitter.com/BekkerAlfred


Zum Blog des Verlags geht es hier

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!



1

Ein Fluch lastet auf den Menschen. Er ist verbunden mit den Sterblichen, mit ihren Sünden und jenen, die sterben und an einem Ort enden, den man als Hölle bezeichnet. In den Schriften und Prophezeiungen der Apokryphen steht geschrieben, dass es eines Tages einen Krieg geben wird: Die Apokalypse.

An jenem Tag wird der Himmel die Erde berühren. Die Hölle wird sich erheben und ihm entgegenstreben. Die dämonischen Geschöpfe, die in der Finsternis leben, werden vortreten und das Licht bekämpfen. Es ist die einzige Chance der Hölle, die Menschheit zu besiegen.

Dieser Ort hat keine Grenzen, keine Hoffnung, keine Vergangenheit und keine Zukunft. Er ist gefangen in einer endlosen Gegenwart. Ein Reich der Toten, wo sich Milliarden und Abermilliarden Seelen über eine grenzenlose Leere bis hin zu einem toten Horizont erstrecken, sich durch hallende Säle riesiger, düsterer Paläste schieben, sich über verwüstete Ebenen schleppen, die den fauligen Gestank ihrer unnatürlichen Vegetation atmen.

Die Apokalypse ist die Zeit, da sich die dunklen Mächte sammeln. Kämpfer aus Fäulnis und Schatten, stinkende Kadaver aus Grüften und Steppen gürten die Waffen um. Überall auf den Altären brennen die schwarzen Kerzen und das Blut unzähliger Opfer tropft in die Schalen am Fuß der Opfersteine. Kalte Winde wehen und die Tage werden von wabernden dunklen Nebelfetzen gefangen.

Es ist der Stoff, aus dem Alpträume geboren werden, insbesondere die Abseitigen. Flammen lodern himmelwärts, während Dämonen höllische Zerstörung verbreiten. Die Menschen lernen eine neue Art des Schreckens kennen. Den Schrecken des Jüngsten Gerichts und ewiger Verdammnis. Allerorten werden sie schreien aus Angst vor dem Ende der Welt.



2

Julius Brieger verabschiedete sich von seiner Frau Marion, verließ das Haus und stieg in seinen Wagen, um in der Stadt einige Besorgungen zu machen. Die Eheleute wohnten einige Kilometer außerhalb des Ortes. Sie liebten die Abgeschiedenheit. Hier ging es nicht so hektisch zu wie in der Stadt.

Unterwegs durchquerte er ein kleines Waldstück, aus dessen Wipfeln eine Schar Krähen auf die graue Oberfläche der Straße herabgeschossen kam. Allerhand kleine Tiere, die sich in Unkenntnis der Gefahr auf den Asphalt begaben, wurden von den Rädern der Fahrzeuge zerquetscht. Die Krähen fanden einen reichhaltig gedeckten Tisch. Diesmal benahmen sich die Vögel jedoch recht merkwürdig. Einen Moment lang glaubte Julius, sie würden seinen Wagen angreifen. Von schräg oben flogen sie heran. Er duckte sich unwillkürlich. Drei der großen Vögel prallten mit hässlichen, dumpfen Schlägen auf das Dach. Der Rest des Schwarms stob zur Seite.

Julius blickte in den Rückspiegel und sah drei tote Krähen auf der Straße liegen. Die anderen hatten sich in die Sicherheit des Waldes geflüchtet. Julius behielt unbeirrt seinen Kurs bei. Er redete sich ein, der Vorfall sei völlig normal gewesen. Es gab unzählige Tiere, die durch Fahrzeuge getötet wurden. Je weiter sich die Technologie entwickelte, desto weniger schienen die Tiere zu begreifen, welche Gefahr ihnen von den Fahrzeugen drohte. Es gab Gegenden, in denen der Anblick eines Eichhörnchens zur Seltenheit geworden war, weil Autos ihren Bestand so gut wie ausgerottet hatten.

Als er den Wagen auf dem Parkplatz des kleinen Supermarkts am Ortsrand abstellte, war er überzeugt, dass der Zwischenfall keine besondere Bedeutung hatte. Es tat ihm leid um die drei Krähen, die ihre Unvorsichtigkeit mit dem Leben bezahlt hatten. Julius stieg aus und betrat den Supermarkt. Er empfand eine tiefe Abneigung gegen die großen Kaufhäuser, in denen der Kunde kaum noch bedient wurde. Julius liebte die kleinen, altmodischen Läden, in denen Verkäufer hinter dem Tresen standen, sich beim Abrechnen verzählten und hin und wieder Lust nach einer kleinen Unterhaltung mit dem Kunden verspürten. Ihre Ware war ebenso gut wie die der großen Kaufhäuser.

Julius wusste natürlich, dass diese Vorliebe etwas mehr Geld kostete. Die kleinen Supermärkte konnten mit der Kalkulation der großen Kaufhäuser nicht konkurrieren und ihre Preise lagen im Durchschnitt vierzig bis fünfzig Prozent höher. Dass sie doch existierten, war Menschen wie Julius zu verdanken, die sich ihren Hang zum Altmodischen etwas kosten ließen. Der Besitzer des Supermarkts hieß Volker Laurents. Bei ihm kaufte Julius einige Lebensmittel. Volker war heute nicht besonders gesprächig. Er beantwortete Julius‘ Fragen knapp und mürrisch. Seine linke Hand war bandagiert.

Oh“, bemerkte Julius, „hat dein Hund dich gebissen? Das musste ja mal passieren. Ich habe dich immer vor diesem Vieh gewarnt. Es ist zu wild.“

Volker starrte ihn ärgerlich an. „Von wegen mein Hund“, antwortete er. „Der beißt mich nicht. Alle anderen vielleicht, aber nicht mich.“

Was war es dann?“

Volker schwieg. Das war ungewöhnlich, denn normalerweise behielt er Wissenswertes nicht für sich. Julius war sicher, er würde an einem anderen Tag erfahren, was Volker gebissen hatte. Er zog seine Geldbörse aus der Tasche, um zu bezahlen.

Ich hab‘s einem Dutzend Leute erzählt“, nahm Volker den Faden wieder auf. „Und die glauben, ich hätte nicht mehr alle Tassen im Schrank.“ Er machte eine bezeichnete Geste in Richtung Stirn.

Mir kannst du es ruhig sagen“, forderte Julius ihn auf. „Ich bin in meinen Kreisen für ein Übermaß an Verständnis bekannt.“

Volker stürzte sich mit den Ellbogen auf den Tresen. „Katzen“, begann er. „Als ich gestern Abend nach Hause ging, sprangen sie an mir hoch und bissen mich in den Arm.“

Sein Gesicht nahm einen so verzweifelten Ausdruck an, dass Julius unwillkürlich lachen musste. Volker war sofort todernst.

Ich wusste, dass ...“

Julius unterbrach ihn mit einer raschen Geste. „Ich lache über dein Gesicht. Katzen sind normalerweise Einzelgänger. Sie jagen nicht im Rudel.“

Volker dachte eine Zeitlang nach. „Diese taten es aber.“

Und dann?“

Nichts. Ich sah zu, dass ich so schnell wie möglich da wegkam. Katzenbisse sind unter Umständen giftig. Ich ging in die Notaufnahme und wurde dort verarztet.“

Julius war nachdenklich geworden. Geistesabwesend packte er seine Einkäufe in die Tasche. „Das ist merkwürdig“, murmelte er vor sich hin und verließ den Laden. Er war kaum draußen, da flog ihm etwas mit Wucht gegen den Hinterkopf. Er taumelte, stützte sich an einer Hauswand ab und sah sich um. Hastig flatternd drang ein kleiner Spatz auf ihn ein. Er hatte es auf sein Gesicht abgesehen. Julius wich zurück, aber der Vogel war hartnäckig. Er schlug mit dem Arm nach dem Angreifer. Der Spatz wurde zur Seite geschleudert. Er flog Richtung Straße, prallte gegen die Windschutzscheibe eines fahrenden Autos und fiel tot zu Boden.

Ungläubig starrte Julius auf den kleinen Körper, bis ein paar Reifen über ihn hinwegrollten und ihn in einen hässlichen brauen Fleck verwandelten. Erst nach einigen Minuten wandte er sich ab. Der Vorfall hatte ihn erheblich aus dem Gleichgewicht gebracht. Bevor er zu seinem Wagen ging, kaufte er in einem nahegelegenen Kiosk eine Zeitung. Die Titelseite enthielt die üblichen politischen Nachrichten – nichtssagend und kaum wahrnehmbar von dem, was am vorhergehenden Tag im selben Blatt gestanden hatte. Eines war jedoch neu.

Eine kleine Notiz in der unteren rechten Ecke berichtete, dass die Zahl der Angriffe durch bisher für harmlos gehaltene Tiere auf Menschen in erschreckendem Maße zunahm. Bezüglich einer detaillierten Schilderung einzelner Vorfälle wurde der Leser auf Seite vier des Blattes verwiesen. Julius setzte sich in seinen Wagen, doch er kam nicht mehr dazu, sich besagter Seite anzunehmen. Die Luft war plötzlich voll von flatterndem, krächzenden Getier. Über den Lärm hinweg drangen die Geräusche tosenden Tumults.

Vogelschwärme stürzten sich auf die Menschen, die sich mit Händen und Füßen verteidigten. Eine Frau taumelte am Wagen vorbei. Sie blutete aus mehreren Wunden im Gesicht, die meisten davon in unmittelbarer Nähe der Augen. Es war, als hätten selbst die harmlosesten Vögel gelernt, wo der Mensch am leichtesten verwundbar war. Die Frau verschwand aus Julius‘ Blickwinkel. Das Getöse hielt unvermittelt an. Eine schwarze Wolke von Vögeln wogte wenige Meter über der Straße hin und her. Dann verschwand die Armee der gefiederten Tiere.

Die Panik unter den Passanten legte sich, als man sah, dass es keine Gefahr mehr gab. Die Neugierde gewann die Oberhand. Kurz darauf ertönte das Heulen von mehreren Polizeisirenen. Die Menge stürmte auf die Fahrzeuge zu. Aber die Beamten hatten entweder strikte Anweisung, keine Auskunft zu geben, oder sie wurden in einem anderen Stadtteil benötigt. Die Fahrzeuge setzten sich wieder in Bewegung und fuhren davon. Zurück blieben Menschen, die nicht wussten, wie ihnen geschehen war. Sie standen mitten auf der Straße und diskutierten. Als der Verkehr wieder zu fließen begann, und die Fahrer die Passanten von der Straße zu scheuchen versuchten, wäre es beinahe zu einem zweiten Aufruhr gekommen.

Bevor Julius sich auf den Heimweg machte, stoppte er bei einem Baumarkt, um einige Kanister mit Insektenvernichtungsmittel zu kaufen. Beim Verlassen des Geschäfts bemerkte er, dass in den wenigen Minuten, die er sich dort aufgehalten hatte, die Zahl der Käufer erschreckend gewachsen war. Jeder schien den gleichen Bedarf zu haben. Der Andrang wurde so stark, dass die Verkäufer nicht mehr mitkamen und sich Schlangen bildeten. Julius sah zu, dass er in seinen Wagen stieg. Er erkannte die ersten Symptome einer Panik. Wäre er eine halbe Stunde später gekommen, hätte er unverrichteter Dinge wieder umkehren müssen. Selbst die Baumärkte waren auf eine derart große Nachfrage nicht vorbereitet. Ihre Lager leerten sich innerhalb kürzester Zeit.

Als Julius auf dem Nachhauseweg am Bahnhof vorbeifuhr, bemerkte er, dass auf dem Vorplatz ungewöhnlich heftiger Betrieb herrschte. Er sah mehrere mit schwerem Gepäck versehene Menschen, die in das Gebäude stürmten. Offenbar waren sie der Ansicht, sie brauchten nur die Stadt zu verlassen, um der Gefahr zu entrinnen. Während der Fahrt holte Julius sein Smartphone aus der Jackentasche und rief seine Frau an. Mittlerweile war in ihm die Befürchtung wach geworden, das es dort ebenfalls zu Schwierigkeiten gekommen sein könnte. Marions von Angst erfüllte Stimme bestätigte seine Vermutung.

Was ist los?“, fragte er hastig.

Seine Stimme schien sie so zu erleichtern, dass sie anfing, zu weinen. „Im Fernsehen berichteten sie von den Angriffen. Ich dachte ...“

Ich bin völlig in Ordnung“, unterbrach er sie. „Wie sieht es bei dir aus?“

Nicht so besonders. Alle Mücken und Käfer und wer weiß sonst noch was scheinen inzwischen verrückt geworden zu sein. Sie kommen durch alle Ritzen, setzen sich auf einen, stechen, beißen, kriechen einem in die Nase und in den Mund ...“

Konntest du etwas dagegen tun?“

Wir hatten noch etwas Insektenspray im Haus. Außerdem habe ich alle Fenster dichtgemacht. Seitdem ist Ruhe.“

Julius war erleichtert. „Gut. Bleib im Haus. Hörst du? Rühr dich nicht vom Fleck. Halte die Fenster geschlossen und warte, bis ich komme. Klar?“

Was hast du vor?“

Nichts. Ich bin so bald wie möglich da.“

Er beendete das Gespräch und steckte das Telefon wieder in die Tasche. Während der Fahrt nahm er sich Zeit, die Ereignisse zu analysieren. Die Möglichkeit, dass die Tiere von einer unbekannten Krankheit befallen sein könnten, hatte er schon längst ausgeschlossen. Er war sicher, dass es keinen Virus gab, das Vögel und Insekten in derselben Weise beeinflusste. Unter diesem Aspekt erschien es ihm immer wahrscheinlicher, dass all die unglaublichen Ereignisse, deren Zeuge er während der letzten Stunde geworden war, auf die Wirkung eines fremden Einflusses zurückgeführt werden müsste.

Eine Viertelstunde später erreichte er sein Ziel. Er nahm die Tüte mit den Einkäufen und stieg aus. Marion öffnete ihm die Haustür. Sie war aufgeregt. Im Wohnzimmer lief der Fernseher. Es gab Nachrichten.

Die Seuche hat sich mittlerweile über die ganze Erde ausgebreitet“, sagte sie. „Überall spielen die Insekten verrückt. An manchen Orten auch schon die Vögel.“

Seuche?“, fragte Julius überrascht. „Sagten sie Seuche?“

Marion dachte nach. „Weiß ich nicht“, gab sie zu. „Es macht auch gar keinen Unterschied. Die Sache wird bald vorüber sein.“

Und warum?“

Das Militär hat die Leitung der Abwehrmaßnahmen übernommen.“

Das Militär?“, fragte er überrascht. „Was wollen die denn machen? Mit Kanonen auf Spatzen schießen?“

Marion zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Aber denen wird schon etwas einfallen.“

Julius sah nachdenklich vor sich hin. „Ich wünschte, ich hätte deinen Optimismus“, sagte er nach einer Weile.




3

Dunkelheit hatte sich über das Land gesenkt. Kühler Wind bewegte die Wipfel der Laub- und Nadelbäume. Im Westen stand ein blasser Mond über den Bergen. Es war ein runder Mond, groß, leuchtend und voll. Aus der Ferne ertönte das Heulen eines Wolfes. Ein Zweiter antwortete. Es klang verzweifelt und traurig. Im Haus der Briegers war Ruhe eingekehrt.

Julius lag bereits unter der Bettdecke und verfolgte die Vorbereitungen, die seine Frau traf. Sie streifte ihr Kleid ab und zog einen dunkelroten Pyjama an. Für einen Augenblick bekam Julius ihre hängenden Brüste zu sehen. Im Stillen dachte er, wie sie sich doch in den letzten Jahren verändert hatte. Insgeheim musste er sich jedoch eingestehen, dass das Alter auch bei ihm seine Spuren hinterlassen hatte. Marion legte sich zu ihm ins Bett.

Gute Nacht“, sagte sie.

Nacht“, entgegnete er.

Das war alles. Er schaltete die Nachttischlampe aus, ließ sich auf das Kissen zurücksinken und hing seinen Gedanken nach. Er fragte sich, was es wohl mit den Angriffen der Tiere auf sich hatte. War es nur ein kurzfristiges Phänomen, oder steckte mehr dahinter? Julius wurde vom Schlaf aus der Wirklichkeit entführt. Doch er fand keine richtige Ruhe, nickte nur gelegentlich ein, dämmerte dahin. Marion drehte sich auf den Rücken und begann zu schnarchen – wie sie das immer tat. Plötzlich fuhr sie hoch. Ihr Mann gab einen unwilligen Laut von sich. Er deckte den Kopf mit einem Arm ab und versuchte, wieder einzuschlafen.

Julius “, flüsterte sie. „Hast du das gehört?“

Was denn?“

Da war ein Geräusch.“

Du träumst. Leg dich hin und schlaf weiter.“

Da – da ist es wieder“, sagte sie, und in ihrer Stimme war etwas, das ihn aufhorchen ließ.

Er spürte plötzlich ganz genau, dass etwas nicht stimmte. Eine Drohung schien in der Luft zu liegen. Er drehte sich auf die linke Seite und murmelte etwas Unverständliches. Marion legte ihren Kopf auf seine Schulter.

Julius , irgendetwas geht da unten im Haus vor. Du musst nachsehen.“ Sie rüttelte ihn. „Steh auf.“

Ach was“, gab er störrisch zurück.

Die Luft im Schlafzimmer war stickig. Es wurde immer wärmer, richtiggehend heiß. Die schweren hölzernen Fensterläden wackelten plötzlich in ihren Angeln, fuhren auseinander und schlugen klappernd gegen die äußere Hauswand. Marion zuckte zusammen.

Da unten ist jemand“, flüsterte sie.

Nun bekam es auch Julius mit der Angst zu tun. Er rutschte unter der Bettdecke hervor, schlüpfte in seine Pantoffeln und schlich vorsichtig durch den dunklen Raum. Dabei stieß er sich das Knie an einem Stuhl und fluchte leise.

Was hast du vor?“, fragte seine Frau.

Na, was wohl. Ich werde nachsehen, was da unten los ist.“

Sei vorsichtig.“

Keine Sorge, ich passe schon auf.“

Julius öffnete die Tür, verließ das Zimmer und näherte sich der Treppe, die ins Erdgeschoss führte. Die seltsamen Geräusche verblüfften ihn zuerst nur. Er vermochte sich dieses seltsame Trippeln und Scharren nicht zu erklären. Aber es kam eindeutig aus dem Keller. Dazu ertönte in immer schnellerer Folge ein schrilles Fiepen, das an seinen Nerven zerrte. Unwillkürlich dachte er an Mäuse oder Ratten, aber er wusste, dass das unmöglich war. Der schwere Gullydeckel konnte von Nagetieren nicht hochgehoben werden. Was verursachte dann diese seltsamen Geräusche?

Julius stieg die Stufen hinunter ins Erdgeschoss, öffnete die Kellertür und schaltete das Licht ein. Die Geräusche hatten an Intensität zugenommen. Am liebsten wäre er ins Schlafzimmer zurückgekehrt. Trotz trieb ihn weiter. Er wollte endlich wissen, was dort unten vor sich ging. Er stand oben an der Kellertreppe und lauschte. Dann stieg er langsam die Stufen hinab. Er hatte die Hälfte bereits hinter sich gebracht, als die Geräusche plötzlich nicht mehr zu hören waren.

Sein Gefühl sagte ihm, das er umkehren sollte. Sein Verstand jedoch trieb ihn weiter voran. Julius erreichte die letzten Treppenstufen. Noch immer überhörte er die warnende Stimme in seinem Inneren. Er betrat den Keller. Im selben Augenblick sah er sie. Ratten! Sie waren überall, rannten auf ihn zu und wurden zu einer schwarzen Woge, die ihn überrollte. Julius schrie, trat um sich, doch die Tiere wichen nicht zurück. Sie sprangen ihn an und bissen zu, schmerzhaft und gierig. Er wollte zurück zur Treppe, trat auf weiche, nachgiebige Leiber, verlor das Gleichgewicht und stürzte.

Sie sprangen auf seinem Körper herum, bissen in wahnwitziger Gier durch seinen Pyjama, zerfetzten ihn, hingen in dichten Trauben an seiner Kehle und arbeiteten sich durchs eine Hosenbeine hinauf zum Unterleib. Julius wälzte sich verzweifelt herum. Er blutete bereits aus zahlreichen Wunden und schrie wie von Sinnen. Dann schlug die Woge der Ratten über seinem Körper zusammen. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis sich der Mann nicht mehr bewegte.

Julius ?“

Vorsichtig kam Marion die Kellertreppe herunter.

Alles in Ordnung?“, fragte sie mit heiserer Stimme. „Hast du dich verletzt?“

Sie erreichte die letzte Stufe und schaute sich um.

Julius ?“

Niemand antwortete. Im Keller war es vollkommen still. Sie machte noch einige Schritte und blieb dann plötzlich stehen. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie auf die blutige Masse, die den Boden bedeckte. Gedärme, Knochen und Kleidungsreste bildeten ein unentwirrbares Durcheinander. Sekundenlang kämpfte Marion dagegen an, sich zu übergeben. Sie taumelte einige Schritte rückwärts, bis sie gegen die Wand stieß. Der Schrecken war ihr buchstäblich in die Knochen gefahren. Sie wollte gerade den Blick von dem blutigen Klumpen abwenden, als sie aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahrnahm.

Und dann sah Marion die Ratten. Hunderte waren es. Und sie sprangen genau auf sie zu. Sie stieß ein heiseres Keuchen aus. So etwas Entsetzliches hatte sie noch nie gesehen. Diese Ratten waren blutgierig und aggressiv wie Raubtiere. Marion wandte sich zur Treppe, doch bevor sie die erste Stufe erreichte, wurde sie bereits von den Tieren attackiert. Die Frau wehrte sich verzweifelt, schlug um sich, stolperte, fiel zu Boden und raffte sich wieder auf. Gleichzeitig wurden ihre gellenden Schreie lauter.

Sekunden später war sie eingehüllt in einen weichen, wogenden Mantel aus schwarzen Rattenleibern. Sie blutete aus zahlreichen Wunden, stolperte erneut und fiel dann auf den Boden. Marion war am Ende ihrer Kräfte. Die Tiere gaben keinen einzigen Laut von sich. Schweigend deckten sie ihr Opfer zu, dass nur noch schwache Abwehrbewegungen ausführte. Sie hatte keine Chance.

Julius und Marion Brieger waren nicht die letzten Opfer. Überall auf der Welt gab es Menschen, die sich Haustiere hielten. Es gab Hunde, Katzen, Hamster, Kaninchen, weiße Mäuse und Tiere exotischer Herkunft. Alle starteten im gleichen Augenblick zum Amoklauf. Es gab nur wenige Menschen, die genug klaren Verstand besaßen, um ihren Liebling beim Anblick der ersten ungewöhnlichen Symptome zu töten – und damit einem wenig beneidenswerten Schicksal entgingen.



4

Stoßstange an Stoßstange krochen die Fahrzeuge vorbei. Benzin- und Dieselgestank erfüllten die Luft der Millionenstadt Los Angeles. Jared Wilson roch es kaum. Die Kälte kroch aus den Steinplatten des Bürgersteigs in seinen Körper. Er spürte es nicht. Mit ausgestreckten Beinen lehnte er an der Hauswand. Daneben lagen seine Krücken. Die vielen Passanten machten einen Bogen um ihn. Nur wenige warfen eine Münze in die Pappschachtel, die er neben seinen Turnschuhen aufgestellt hatte.

Auf einer alten Mundharmonika spielte er eine traurige Melodie. Der Verkehrslärm war so laut, dass die vorbeihastenden Menschen sie kaum hören konnten. Als er für einen Augenblick in seinem Spiel innehielt, da war ihm, als sei die Luft plötzlich von Gelächter erfüllt. Doch so lachte kein Mensch. Jared hatte noch nie zuvor in seinem Leben solch ein Lachen gehört. Es klang abgrundtief böse. Ein unbeschreiblicher höllischer Triumph schwang darin mit.

Jared fror plötzlich bis ins Herz hinein. Doch die Kälte, die ihn zittern ließ, kam nicht vom Wind noch vom Asphalt. Sie war aus Angst geboren. Jared hatte das Gefühl, als hätte der Schatten des Todes ihn berührt. Und noch immer gellte das Lachen und hallte wider von den Hochhäusern. Aber niemand außer Jared schien es zu hören. Die Menschen gingen einfach weiter, und der Ausdruck auf ihren Gesichtern ließ erkennen, dass sie von dem Lachen unberührt geblieben waren.

Jared blickte sich um. Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte er, eine von Flammen umloderte, nachtschwarze Gestalt zwischen den anderen Menschen auf der Straße zu sehen. Er fuhr sich mit der Hand über die Augen – doch als er wieder hinsah, war die Gestalt verschwunden. Und auch das Lachen erklang nicht mehr. Er hörte nur noch das Getrappel unzähliger Füße, das Gemurmel tausender bebender Stimmen und das Dröhnen der Motoren. Was war mit ihm geschehen?

Details

Seiten
120
Jahr
2021
ISBN (ePUB)
9783738953824
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Mai)
Schlagworte
vorzeichen apokalypse vincent drago

Autor

Zurück

Titel: Vorzeichen der Apokalypse: Vincent Drago 7