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Bitter und süß: Berlin 1968 Kriminalroman – Band 3

2021 130 Seiten

Zusammenfassung

Kriminalroman von Tomos Forrest

(nach Motiven von Guy Brant)

Der Umfang dieses Buchs entspricht 117 Taschenbuchseiten.

Katharina Becker spürt, dass Hansen sie jetzt töten will. Doch sie ahnt nicht, warum. Er glaubt nicht an ihre Warnung, dass sie auch nach ihrem Tod dafür sorgt, dass er nicht ungeschoren davonkommen wird.

Noch fühlt sich Peter Hansen, ihr Mörder, sicher, dass sein Plan aufgeht. Als der Privatdetektiv Bernd Schuster bei Hansen auftaucht und ihm ein Tonband abspielt, bekommt seine Selbstsicherheit die ersten Risse, aber er verliert trotzdem sein Ziel nicht aus den Augen … und diesmal könnte es auch für den Privatdetektiv brenzlig werden.

Leseprobe

Bitter und süß: Berlin 1968 Kriminalroman – Band 3


Kriminalroman von Tomos Forrest



Der Umfang dieses Buchs entspricht 117 Taschenbuchseiten.



Katharina Becker spürt, dass Hansen sie jetzt töten will. Doch sie ahnt nicht, warum. Er glaubt nicht an ihre Warnung, dass sie auch nach ihrem Tod dafür sorgt, dass er nicht ungeschoren davonkommen wird.

Noch fühlt sich Peter Hansen, ihr Mörder, sicher, dass sein Plan aufgeht. Als der Privatdetektiv Bernd Schuster bei Hansen auftaucht und ihm ein Tonband abspielt, bekommt seine Selbstsicherheit die ersten Risse, aber er verliert trotzdem sein Ziel nicht aus den Augen … und diesmal könnte es auch für den Privatdetektiv brenzlig werden.





Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

Cover: Nach Motiven und Grischa Georgiew 123rf – Steve Mayer, 2021

Titel/Charaktere/Treatment © by Marten Munsonius & Thomas Ostwald, 2021

Roman – Nach Motiven – by Tomos Forrest, 2021

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Katharina - Sie wird umgebracht. damit sie den verbrecherischen Plänen ihres Mörders nicht gefährlich werden kann.

Hansen - ihr Mörder, der nicht ahnt, dass eine Tote Alarm schlagen kann.

Thea - die Tochter Katharinas, die sich der Mörder als nächstes Opfer ausersehen hat.

Hilda Gericke - Sie macht Bernd Schuster durch einen geheimnisvollen Anruf mobil, und damit bringt sie den Stein ins Rollen.

Franziska - ist Bernds Assistentin und unterstützt ihn bei seinen Fällen.

Bernd Schuster - ist Privatdetektiv mit einer illustren Vergangenheit. Einst in Frankfurt bei den Feldjägern, übersiedelt er nach West-Berlin mit Tochter Lucy nach seiner Scheidung. Seine Eltern haben ihm ein Vermögen hinterlassen, so dass er keine Existenzsorgen kennt und seiner Leidenschaft, den privaten Ermittlungen, nachgehen kann. In der Kurfürstenstraße eröffnet er in einem ehemaligen Ladengeschäft sein Büro, und neben Franziska ist ihm auch Knut eine echte Hilfe.

Schuster hat ein gutes Netzwerk aufgebaut, hat Freunde bei der Kriminalpolizei und durchaus positive Kontakte zum BKA und zum MAD. Sein Spürsinn und seine Kombinationsgabe führen ihn immer wieder zu interessanten Fällen…





1.

„Es ist soweit“, sagte Peter Hansen.

Die Worte ließen Katharina Becker zusammenzucken. Sie versuchte ruhig zu bleiben, aber sie hatte plötzlich Angst, schreckliche Angst.

Peter stellte seinen Cognacschwenker beiseite und erhob sich. Er war breitschultrig und schmalhüftig, fast 1,80 m groß. In seinem untadelig geschnittenen Anzug wirkte er attraktiv und anziehend, Typ Dressman, aber Katharina wusste, was sich hinter der eindrucksvollen Fassade verbarg. Er war hier, um sie zu töten.

„Du wirst es bereuen“, sagte sie.

Er stand im Lichtkreis einer Stehlampe. Sein gebräuntes Gesicht mit den dunklen Augen zeigte Erstaunen. Es war von markanter Eigenwilligkeit und hatte das Zeug für einen Hollywoodhelden.

Katharina musterte ihn aus feucht gewordenen Augen.

Er hat nie begriffen, wer du bist und was dich auszeichnet, fuhr es ihr durch den Kopf. Er weiß nichts von deiner Fähigkeit, Menschen zu erkennen und zu durchschauen. Intuition ist für ihn ein Fremdwort, mit dem er nichts beginnen kann.

„Was werde ich bereuen?“, fragte er.

„Du willst mich umbringen, nicht wahr?“

Er öffnete und schloss die Hände, alles in ihm drängte danach, sie mit festem Griff um Katharinas schönen Hals zu legen und ihn so lange unbarmherzig zuzudrücken, bis ihn nicht länger Luft, Blut und Leben durchströmten.

Er war verwirrt. Sicherlich war es ihm in den letzten Wochen immer schwerer gefallen, eine Liebe zu heucheln, die er niemals empfunden hatte, andererseits hatte es Katharinas noch immer sehr reizvoller Körper bis zuletzt verstanden, seine Sinne zu entflammen. Er starrte ihr ins Gesicht. Das weiche, sanfte Licht der braunen Lampenschirme ließ Katharina jünger erscheinen, als sie war.

Du kannst nicht zurück, hämmerte er sich ein. Alles ist vorbereitet. Dies ist die Stunde X, von der du seit Monaten träumst.

Seine Mundwinkel zuckten. Er ging auf Katharina zu, nur ein paar Schritte. Dann blieb er wieder stehen. Er begriff nicht, dass Katharina entdeckt hatte, was er beabsichtigte, es grenzte für ihn an Zauberei.

Gewiss, er war in letzter Zeit weniger zärtlich gewesen, er hatte sie gelegentlich merken lassen, was ihn bewegte, aber daraus hatte sie doch unmöglich den Schluss ziehen können, dass er sie töten wollte.

„Ja, ich will dich umbringen“, sagte er leise. „Wie hast du es herausgefunden?“

„Deine Augen haben dich verraten.“

„Du spinnst“, entfuhr es ihn. Er wollte nicht wahrhaben, was sie sagte. Es durfte einfach nicht stimmen!

Mit seinen großen, dunkelbraunen, samtigen Augen, die so mühelos männlichen Charme versprühen konnten, hatte er es im Leben stets leicht gehabt, die Gunst der Frauen zu erobern. Peter Hansen war bis jetzt davon überzeugt gewesen, dass er seine Augen wie verlässliche und gehorsame Werkzeuge zu handhaben vermochte. Hatten sie auch die Eigenschaft, ihn zu verraten?

„Es war in dir“, sagte Katharina und blickte ihn an. „Ich glaube, es hat vor drei Monaten in Baden-Baden begonnen. Habe ich recht?“ Sie nahm einen Schluck aus ihrem Glas. Ihre Hand zitterte kaum merklich. Auch in ihrer Stimme war ein leichtes Beben. Katharina gab sich Mühe, ihre Haltung zu bewahren, aber das gelang ihr nur unvollkommen.

„Ja, du hast recht“, murmelte er verblüfft.

Seine Verwirrung wuchs. Konnte Katharina hellsehen? Und wenn ja - wieso hatte er niemals etwas davon bemerkt? Bis jetzt war er der Meinung gewesen, dass Katharina nicht einmal ahnte, was er mit ihr vorhatte.

„Baden-Baden, vor drei Monaten“, sagte er kaum hörbar. „Was ist dir da aufgefallen?“

„Die Blutspritzer an deinem Sakko. Du sagtest, du hättest dich verletzt, aber du hattest nirgendwo eine Wunde. Und am nächsten Tag fanden sie die Tote.“

„Du hast den Mord mit mir in Verbindung gebracht?“, staunte er.

„Auf Anhieb. Ich wusste einfach, dass du es gewesen bist“, sagte Katharina.

„Du hast dir nichts anmerken lassen.“

„Ich wollte dich nicht verlieren.“

Er verspürte plötzlich Durst, er hatte den Wunsch, sein Cognacglas mit einem Schluck zu leeren. Aber der Schwenker stand hinter ihm, und es lag nicht in seiner Absicht, auch nur einen Schritt zurückzugehen. Erst musste er Katharina töten.

Er grinste eitel. Sie wollte ihn nicht verlieren! Das war typisch. Die Weiber waren verrückt nach ihm, das macht sie dumm und blind, sie fraßen ihm buchstäblich aus der Hand.

„Du hättest mich anzeigen können“, staunte er.

Katharina schwieg. Es gab nichts mehr zu sagen. Alles war vorbei, ihr ganzes Leben war sinnlos geworden. Sie selbst hatte es zerstört.

„Du wirst es bereuen“, wiederholte sie.

„Ich bereue niemals etwas“, versicherte er, trat vor sie hin und legte seine kräftigen Hände um den Hals der Frau. Katharina blickte ihn an. Ihre Augen schwammen in Tränen. Sie schwieg, sie wehrte sich nicht.

Plötzlich hasste er sie.

Warum machte sie es ihm so schwer? Warum unternahm sie keinen Versuch, sich zu verteidigen, warum biss und kratzte sie nicht?

Er drückte zu.

Katharinas Augen traten aus den Höhlungen. Ein tiefes Stöhnen entrang sich dem weit geöffneten Mund.

Irgendwo klirrte eine Fensterscheibe.

Peter Hansen erstarrte, ihn durchzuckte ein eisiges Erschrecken.

Hatte Katharina die Wahrheit gesagt, nahm ihre Drohung schon jetzt Gestalt an?

Er spürte, wie Katharinas Körper erschlaffte. Peter Hansen stieß die Frau zurück. Sie fiel, ohne sich zu rühren.

Peter Hansen hastete zur Tür. Er presste sein Ohr gegen die Füllung.

Stille.

Es war null Uhr fünfzig, er befand sich mit Katharina allein in dem großen Haus. Die beiden Dienstboten wohnten außerhalb. Katharina hatte sie weggeschickt - und Sylvia, Katharinas achtzehnjährige Tochter, war vor drei Tagen mit einer Freundin nach Paris geflogen.

Einbrecher? Es gab keine andere Erklärung. Peter Hansen zerquetschte einen Fluch zwischen den Zähnen. Er warf einen Blick über seine Schulter. Katharina lag leichenblass auf der Couch, ihre Augen standen weit offen. War sie bereits tot?

Hansen begann zu schwitzen. Er durfte sich dem Einbrecher nicht zeigen, er durfte ihn nicht einmal verjagen - das würde sein Alibi zerstören. Es würde ihn anfällig machen für alle möglichen Dinge, für eine Strafanzeige zum Beispiel, oder für eine Erpressung.

Hansen hörte das Knarren eines Dielenbrettes. Er schluckte. Was bewog einen Einbrecher dazu, ein Haus zu betreten, in dessen Erdgeschossräumen Licht brannte? Plante der Unbekannte einen Überfall, oder glaubte er, dass die Bewohner weggegangen waren und das Licht nur als Einbrecherabschreckung angelassen hatten?

Es wäre für ihn kein Problem gewesen, über die Terrasse zu verschwinden und im Dunkel des Gartens unterzutauchen, aber erstens befanden sich auf dem Cognacschwenker seine Fingerabdrücke, die mussten beseitigt werden, und zweitens hing in der Dielengarderobe sein dünner Regenmantel. Im Futter befand sich ein eingenähtes Schild mit seinem Namen.

Peter Hansen löste sich von der Tür. Er huschte auf Zehenspitzen zu den beiden Lampen und knipste sie aus. Das deutliche Schalterklicken irritierte ihn.

Er kehrte an seinen Lauscherplatz zurück und schrak zusammen, als er in dem fahlen Mondlicht, das durch die geschlossenen Fenstervorhänge sickerte, entdeckte, wie sich die Türklinke bewegte.

Peter Hansen presste sich mit dem Rücken gegen die Wand. Die Tür öffnete sich im Zeitlupentempo. Sie bot ihm Deckung, aber sie machte es ihm gleichzeitig unmöglich, den Eindringling zu sehen.

Eine dunkle, hochgewachsene Gestalt schob sich in den Raum. Peter Hansen griff in seine Hosentasche, er zog das Schnappmesser hervor, das er fast immer bei sich führte. Er bewegte sich behutsam, er verursachte kein Geräusch, aber der Eindringling witterte trotzdem die jähe Gefahr. Sein Kopf flog herum, seine Hand zuckte ins Innere seines Sakkos.

Er kam nicht mehr dazu, eine Waffe aus dem Hosenbund zu reißen. Ein Knopfdruck genügte, um die Klinge von Hansens Messer einrasten zu lassen. Dann stieß er zu. Ein jähes Übelkeitsgefühl schoss in seine Kniekehlen, als er spürte, wie sein Messer bis ans Heft in den fremden Körper eindrang. Der Mann brach in die Knie, dabei entzog sich der glatte Messergriff Hansens Hand.

Stöhnend kippte der Niedergestochene mit dem Oberkörper nach vorn. Er schlug mit dem Schädel hart auf den teppichbespannten Boden.





2.

Peter Hansen verkrampfte seine Rechte in der Magengegend. Er atmete mit offenem Mund und starrte zur Tür. Jenseits des ins Zimmer ragenden Türflügels staute sich die Dunkelheit der großen Halle. War der Eindringling mit einem Komplizen gekommen? Lauerte am Ende irgendwo in der Nähe der Villa ein Aufpasser und Helfer? Galt es, auch diesen Mann unschädlich zu machen?

Hansen stand am Rande eines hysterischen Ausbruchs, ihm wurde übel.

Er war hergekommen, um Katharina zu töten.

Die Umstände hatten ihn dazu gezwungen, einen Doppelmord auszuführen.

Er schaltete das Licht an. Der Unbekannte hatte sich auf den Rücken gewälzt. Er war nicht älter als 30, ein dunkelhaariger Bursche im Jeansanzug. Der Revolver war seinen Fingern entglitten. Er lag neben ihm auf dem Boden.

Der Mann starrte mit brechenden Augen zur Zimmerdecke hoch, sein Körper reagierte mit ein paar letzten, hilflosen Zuckungen.

Peter Hansen stieß sich von der Wand ab. Er merkte, dass ihm die Wäsche am Leibe klebte. Es hatte keine Bedeutung. Er trat an die Couch heran und starrte Katharina ins Gesicht. Er fand, dass es hart aussah, es war im Tod gealtert und wirkte beinahe drohend.

Ihm fielen Katharinas Worte ein. Er verdrängte sie, machte kehrt, betrat die Halle und fing an, sich im Haus umzusehen. Ehe er Klinken und Lichtschalter berührte, umwickelte er seine Finger mit dem Taschentuch. Er hatte nicht die Absicht, mehr Fingerabdrücke als notwendig zurückzulassen.

Er entdeckte, dass der mutmaßliche Einbrecher ein Fenster in der Küche eingedrückt und geöffnet hatte.

Peter Hansen kehrte ins Wohnzimmer zurück und beugte sich über den Mann. Er war tot. Hansen beruhigte sich langsam. Er griff nach seinem Cognacglas und leerte es. Er spürte die belebende Wirkung des Alkohols und holte tief Luft. Er brachte das Glas in die Küche und wusch es sorgfältig aus, dann stellte er es zurück in den Schrank.

Er ging zu seinem in der Diele hängenden Mantel, entnahm ihm ein paar Lederhandschuhe und zog sie über. Dann lud er sich den Toten auf den Rücken und trug ihn an der Küche vorbei zum Keller. Hier befand sich eine stählerne Verbindungstür zur Garage. Hansen öffnete sie mit einer Hand. In der Garage stand neben Katharinas Opel sein BMW. Hansen lud den Toten in den Kofferraum des Wagens und bemerkte erst jetzt, dass der Weg, den er zurückgelegt hatte, von einer Blutspur gekennzeichnet worden war.

Hansens Erschrecken verwandelte sich in jähe Heiterkeit. Er lachte laut. Das Lachen schwoll in der Betongarage zu einer höllisch anmutenden Lautstärke an. Hansen brach es abrupt ab.

„Morgen finden sie die Tote”, sagte er halblaut zu sich selbst. „Sie, die Blutspur und das zerbrochene Fenster in der Küche. Die Polizei wird daraus konstruieren, dass Katharina den Einbrecher überraschte, und dass es dabei zu einer Auseinandersetzung kam, in deren Verlauf Katharina von dem Mann getötet wurde. Er wurde dabei verletzt. Das jedenfalls wird die plausibelste Erklärung für die Blutspuren sein, die zur Garage führen. Klasse! Was ich für einen lästigen und gefährlichen Zwischenfall hielt, entpuppt sich jetzt als eine Ideallösung ...“

Er machte kehrt und schlüpfte in der Halle in seinen Mantel. Er betrat ein letztes Mal das Wohnzimmer und schaute sich prüfend darin um. Es war ein riesiger, sehr eindrucksvoll möblierter Raum, aber es gab eine Menge Plunder darin, der nicht Hansens Geschmack entsprach.

„Das lasse ich ändern”, sagte er. „Das meiste davon fliegt heraus. Ich habe nicht vor, mit Sylvia in einem besseren Trödelladen zu leben!“





3.

Berlin, 11. Mai 1968

Vor dem Café Kranzler am Kurfürstendamm stauten sich die Fahrzeuge.

Ein wildes Hupkonzert begann, als die zahlreichen Demonstranten langsam vorüberzogen. Die Lage eskalierte, als ein Autofahrer den Motor aufheulen ließ und langsam auf die Menschenmenge zurollte.

„Was willst du denn, du Penner?“, schrie ein langhaariger Demonstrant und trat an den Wagen. „Wir demonstrieren hier gegen die Notstandsgesetze, und du lässt deinen verschissenen Motor aufheulen? Steig aus und marschiere mit uns, es geht um unsere Rechte!“

Der ältere Mann in heller Popeline-Jacke öffnete die Tür seines Ford Taunus und bemühte sich, auszusteigen.

„Ne, Opa, dit gloobe ik jetz nich! Will’ste auf die Fresse oda wat?“, rief ein anderer, der seine dunklen Haare zum Afro gestylt hatte – ein mächtiger Haarbusch krönte sein ansonsten hageres Gesicht, auf dem nur wenige Barthaare sprossen.

„Unverschämter Lümmel!“, schimpfte der Autofahrer und ließ sich auf seinen Sitz zurückfallen.

„Verschwinde, du Gammler, und lern ersma richtig arbeiten!“, keifte seine Beifahrerin.

„Vorsicht, Oma, sonst werde ich grob!“, mischte sich schon der Dritte ein. Im Nu war der Ford von mehreren jungen Männern umringt.

„Kommt mal raus aus eurer Badewanne, beide gleich, dann zeigen wir euch mal den Weg ins Grüne!“, sagte der mit der Afro-Frisur, der den beiden Rentnern Schläge angeboten hatte, und versuchte, die Wagentür zu öffnen.

„Kannst du nicht die Tür verriegeln, Karl-Erich? Meine Güte, das hätte es alles bei Adolf nicht gegeben!“, kreischte die Beifahrerin. Aber ihr Mann hatte den Knopf rechtzeitig heruntergedrückt, und auch ihre Tür wurde schnell verriegelt.

Die umstehenden jungen Demonstranten klopften ein paarmal kräftig auf das Dach, als ein blondes, langbeiniges Mädchen zu ihnen trat und rief:

„Thilo, lass die Leute in Ruhe, die haben uns nichts getan!“

„Aber sie sind frech geworden und verdienen eine Antwort!“

„Du spinnst, Thilo! Lass die Alten, die merken doch sowieso nichts mehr!“

Der so angesprochene drehte sich grinsend zu seinem Nachbarn um und nickte mit seinem gewaltigen Kopf zu der Blonden.

„Merk’ste wat, Tom? Lucy ist wieder auf dem Pfad von Recht und Ordnung. Was war dein Alter noch gleich? Bulle oder so wat?“

Lucy warf ihren Kopf in den Nacken, drehte sich wortlos um und reihte sich wieder im Demonstrationszug ein. Da auch die anderen ihrem Beispiel folgten, gab auch Thilo auf, schlug aber noch einmal kräftig auf das Autodach, dann war er in der Menge verschwunden.

„Ho-Ho-Ho-Chi-Minh!“, rief eine laute Stimme, durch ein Megaphon verstärkt. Und schon fielen dutzendweise Stimmen in den Ruf ein. Alles hakte sich unter, der Name des vietnamesischen Revolutionsführers flog wie ein Schlachtruf von Mund zu Mund, und schließlich tönte er aus gut 8.000 Kehlen lauter als der Straßenverkehr an diesem sonnigen Maitag. Der Zug bewegte sich jetzt die Joachimsthaler Straße hinauf, wo er jedoch an der Einmündung zur Hardenberger von einem starken Polizeiaufgebot gestoppt wurde. Die Sperren begannen unmittelbar an der Ecke zur Jebensstraße.

Hier skandierten die ersten Demonstranten unterschiedliche Parolen.

Lucy, die neben ihren Freunden inzwischen ziemlich weit vorn ging, stimmte in den Chor ein: „ Wir sind hundert, ihr seid zehn, wollt ihr nicht nach Hause gehen?!“. Das wurde ein paarmal wiederholt, dann ging es im allgemeinen Gelächter unter. Immer mehr drängten sich jetzt vor der Barrikade, die aus den spanischen Reitern bestand und die gesamte Straßenbreite einnahm.

„Heute vor einem Monat haben sie auf Rudi Dutschke geschossen!“, schrie Thilo über die Köpfe der nächsten, und ein anderer antwortete:

„Dieser Scheiss-Springer mit seiner Bild ist schuld!“

„Macht kaputt, was euch kaputt macht!“, rief ein Dritter, und auch der Ruf wurde gleich von vielen Kehlen weitergebrüllt.

Lucy erblickte in diesem Augenblick eine Reiterstaffel, die hinter der ersten Reihe der Polizisten Aufstellung nahm. Doch das Lachen verging den Demonstranten, als über die Megaphone der Polizei die Aufforderungen kamen, sofort die nicht genehmigte Versammlung aufzulösen, sonst würde man mit Gegenmaßnahmen antworten.

Bullenschweine – zieht mal Leine!“, riefen einige, und unter anfänglichem Gelächter stimmten gleich wieder zahlreiche Demonstranten in diesen Ruf ein. Zugleich breitete sich Unruhe aus, und Lucy, die ein wenig besorgt ihre Freunde betrachtete, bemerkte als erstes den Wasserwerfer, der sich über einen Fußweg den Demonstranten näherte.

„Amis raus aus Vietnam! Ami, go home!“, gellte ein neuer Ruf hinter ihnen und wurde sofort aufgegriffen. Gleichzeitig rückte der Wasserwerfer in eine für ihn günstige Position, und Lucy spürte, wie die Menschen neben und hinter ihr unruhig wurden.

Niemand, der das einmal erlebt hatte, war erpicht darauf, einen scharfen Wasstrahl abzubekommen.

„Tschüss, Jungs!“, sagte Lucy leise. „Das ist mir zu gefährlich! Ich bin weg!“

„Feigling!“, zischte ihr Thilo zu.

„Du bist ein Idiot! Ich habe bei der Demo für Rudi Dutschke gesehen, wie ein paar Leute von dem Strahl getroffen wurden – ohne mich!“

Damit drängte sie sich an den anderen vorbei, und fast gleichzeitig begann die Wasserkanone, einen dicken Strahl auf die vordersten Demonstranten zu richten.

Laute Schreie erklangen, und nun liefen auch andere neben Lucy in die Sicherheit der Jebensstraße. Ein Wasserstrahl jagte dicht über ihre Köpfe eine Ladung Wasser, die sie zwar durchnässte, aber ansonsten ungefährlich war. Hinter dem Bahnhof Zoo versammelten sie sich wieder, verschnauften kurz und Thilo deutete auf ein paar Häuser auf der gegenüberliegenden Straßenseite.

„Wir könnten kurz zu Hansi rüber. Der hat ein paar dufte Scheiben, und wir ziehen in aller Ruhe ein Pfeifchen durch!“

„Ohne mich, Leute, mir reicht der Ärger noch von neulich.“

„Du musst ja nix rauchen, nur bisschen Musik hören!“

„Ne, auch nicht. Dann stinkt alles wieder an mir nach Gras, und das will ich meinem alten Herrn nicht zumuten!“

„Olle Zippe, hau doch ab!“

„Arschloch!“, antwortete Lucy kurz und schnippisch, warf ihre Haarpracht in den Nacken und eilte davon. Sie hatte ohnehin ein schlechtes Gewissen. Um an der Demo teilzunehmen, hatten sie alle die Schule geschwänzt. Das konnte nicht mehr lange gut gehen, und der Blaue Brief war fällig.

Sie wollte sich lieber nicht ausmalen, wie ihr Daddy darauf reagieren würde, bei all seinem Verständnis für die Demos gegen den Vietnam-Krieg, die Notstandsgesetze und… naja, eben gegen das Establishment.





4.

Franziska brachte den Kaffee. Dabei fiel ihr Blick durch die große Schaufensterscheibe des ehemaligen Ladens nach draußen. Eben huschte Lucy vorüber, mit besorgtem Blick zu ihr, den Zeigefinger auf die Lippen gelegt. Der Hauseingang zum Wohnblock befand sich dicht bei der Ladenzeile, und es ließ sich kaum vermeiden, hier vorbeizugehen. Sie hatte schon mehrfach angeregt, ein paar halbhohe Gardinen anzubringen, aber damit konnte sich Bernd Schuster bislang nicht anfreunden. Ein rascher Blick nach hinten zur offenen Bürotür. Er hatte nicht bemerkt, dass seine Tochter da gerade vorübergeeilt war.

Also tat Franziska so, als hätte sie die Tochter ihres Chefs nicht gesehen und stellte die Tasse vor ihm auf den Schreibtisch. Bernd Schuster lächelte seiner Sekretärin zu und sah ihr in die großen, ausdrucksvollen Augen. Er fand, dass sie bei weitem nicht das einzige an ihr waren, das Aufmerksamkeit verdiente.

Eingestellt hatte er Franziska als Detektiv-Volontärin. Zu ihrem Leidwesen war er bemüht, sie hauptsächlich für administrative Aufgaben einzusetzen. Franziska war hellblond, hochattraktiv und sehr aktionsfreudig. Sie hatte sich mit ihrer wachen Intelligenz schon in sehr gefährlichen Situationen durchzusetzen vermocht, aber Bernd wehrte sich immer wieder dagegen, sie mit besonderen Aufträgen zu betrauen. Er musste sich eingestehen, dass er in letzter Zeit nicht ausschließlich von väterlichem Verantwortungsbewusstsein geleitet wurde. Bernd starrte nachdenklich vor sich hin. Franziska gehörte zu der Sorte Frauen, für die er eine Schwäche hatte. Er griff nach seinen Zigaretten und steckte sich eine seiner geliebten Roth Händle an.

Das Telefon klingelte. Bernd nahm den Hörer ab und meldete sich.

„Ich bin tot“, sagte eine Frau am anderen Leitungsende. „Ich bin in der vergangenen Nacht ermordet worden.“

Bernd Schuster runzelte die dichten Augenbrauen. Er war es gewohnt, am Telefon verulkt zu werden. Es gab immer wieder Leute, die im Branchenverzeichnis über die Nummer seiner Agentur stolperten und meinten, den Privatdetektiv Bernd Schuster einmal gründlich auf den Arm nehmen zu müssen.

„Wer spricht dort?“, fragte Bernd.

„Mein Mörder heißt Peter Hansen, er wohnt in Berlin-Siemensstadt, Am Juliusturm 14.“

Bernd Schuster begriff, dass die dunkle, seltsam gespannt klingende Frauenstimme von einem Tonband kam. Irgendjemand spielte es für ihn am Telefon ab.

„Wenn Sie nicht sofort meine Fragen beantworten, lege ich auf“, drohte Bernd und griff mechanisch nach dem Knopf, der sein eigenes Bandgerät einschaltete und für einen Mitschnitt des Gesprächs sorgte.

„Ziehen Sie Hansen für den Mord zur Rechenschaft!“, sagte die Frauenstimme. „Sie erhalten in den nächsten vierundzwanzig Stunden einen Umschlag mit zehntausend D-Mark. Ich hoffe, dass sie zur Deckung der Ihnen entstehenden Unkosten ausreichen. Ich wende mich an Sie, weil man mir sagte, dass Sie der beste Mann der Branche seien. Ich baue darauf, dass das zutrifft. Sie hören die Stimme einer Toten.“ Kurze Pause - dann: „Sühnen Sie meinen Tod!“

Es klickte in der Leitung. Der Teilnehmer hatte aufgelegt.

„Idiotisch“, murmelte Bernd und ließ den Hörer sinken.

Franziska musterte sein Gesicht. Der Kaffeeduft stieg Bernd in die Nase, aber er starrte ins Leere. Franziska spürte, wie sehr Bernd der Anruf beschäftigte. Bernd fand ihn keineswegs so albern und abwegig, wie sein Kommentar es vermuten ließ.

Bernd spulte das Band zurück, dann schaltete er auf Wiedergabe. Er hörte den Bandinhalt mit Franziska ab. Er wiederholte das Manöver und fragte: „Was hältst du davon?“

„Es klingt verrückt“, gab Franziska zu.

„Sie nennt den Namen des angeblichen Mörders, aber nicht ihren eigenen“, wunderte sich Bernd. „Das ist doch alles Unsinn, der dumme Einfall eines weiblichen Spaßvogels. Hast du zufällig eine Freundin, die eine Schwäche für solche Scherze hat?“

„Nein“, sagte Franziska. „Die Frauenstimme kam von einem Tonband, nicht wahr?“

Bernd nickte. Er massierte sich das Kinn.

„Es kann sein, dass das Band nicht voll zurückgelaufen war. Auf diese Weise können die ersten Sätze und der Name der Sprecherin unter den Tisch gefallen sein.“

„Was wirst du tun?“

„Erst mal abwarten, ob das Geld eintrifft. Wenn wir einen Umschlag mit Papierschnitzeln kriegen sollten, steht fest, dass das Ganze ein Ulk war.

„Trink doch erst einmal deinen Kaffee“, mahnte ihn Franziska, „er wird sonst kalt.“

Bernd griff grinsend nach der Tasse.

„Das unterscheidet dich von ihm“, sagte er.

Franziska verließ sein Büro und betrat das Vorzimmer. Bernd durchblätterte das Adressbuch und stellte fest, dass es tatsächlich in Berlin-Siemensstadt, Am Juliusturm 14, jemand gab, der Peter Hansen hieß. Bernd musste zum Gericht, er wurde für eine Zeugenaussage benötigt. Als er am späten Nachmittag wieder ins Büro zurückkehrte, war Franziska damit beschäftigt, die Schreibmaschine abzudecken.

„Ich bin fertig“, sagte sie. „Oder hast du noch was für mich?“

„Was ist mit den angekündigten zehntausend Mark?“, fragte er.

Franziska lachte.

„Hast du im Ernst erwartet, dass dir jemand das Geld schickt?“

„Noch sind die vierundzwanzig Stunden nicht verstrichen“, stellte Bernd fest, aber am darauffolgenden Tag musste er einräumen, dass seine und Franziskas Zweifel berechtigt gewesen waren. Es kamen mit der Post nur die üblichen Rechnungen, aber niemand brachte ihm etwas. Bernd Schuster hatte damit gerechnet.

Er hatte eigentlich Grund, sich darüber zu freuen, dass der Mord offenbar nicht stattgefunden hatte. Trotzdem war er nicht zufrieden. Es ging ihm weder um das Geld noch um den Auftrag. Er zweifelte lediglich an seiner Urteilskraft. Er hatte die dunkle, gespannt klingende Frauenstimme trotz aller Zweifel, die mit den ungewöhnlichen Umständen des Anrufs zusammenhingen, für real und glaubwürdig gehalten. Er spielte mit dem Gedanken, Peter Hansen anzurufen, ließ das aber sein.

Er studierte die Berliner Morgenzeitungen, dann die Mittagsausgabe der BZ, und schließlich die Abendblätter. Er stieß dabei auf die Nachricht, dass die Erbin des Becker-Vermögens in ihrem Haus erwürgt worden war. Die achtzehnjährige Tochter, die sich in Europa befand, war sofort telegrafisch um ihren Heimflug gebeten worden.

In einem Wäldchen unweit vom Wannsee war das Opfer einer Messerstecherei gefunden worden, der Tote wurde als Leonhard Schnorr identifiziert - ein mehrfach vorbestrafter Einbrecher.

Es gab zwei weitere Mordfälle, von denen die Zeitungen zu berichten wussten, aber Bernd kam aus vielerlei Gründen nicht davon los, dass es zwischen dem Tod von Leonhard Schnorr und Katharina Becker einen Zusammenhang gab.

Bernd rief seinen Freund Horst Südermann von der Mordkommission an.

„Bist du für den Fall Becker zuständig?“, erkundigte er sich.

„Bin ich. Nur sage mir bloß nicht, dass irgendjemand dich darum gebeten hat, die Sache in die Hand zu nehmen“, schnaufte Südermann.

„Was schreckt dich daran?“

„Die Erfahrung. Sobald du mitmischst, kann man zwar gewiss sein, dass am Ende der Erfolg stehen wird, aber bis es soweit ist, müssen wir uns im Allgemeinen mit einem Haufen schwerer Folgeverbrechen herumschlagen. Du gehörst zu denen, die das Talent haben, eine Menge Verwirrung zu stiften.“

„Danke für den herzerwärmenden Hinweis“, spottete Bernd. „Was ist mit der Frau?“

„Das weißt du doch. Sie wurde ermordet. Erwürgt. Vermutlich mit den bloßen Händen. Irgendwann zwischen ein und zwei Uhr morgens, wie mir der Polizeiarzt versicherte. Erste Ermittlungen lassen den Verdacht zu, dass Katharina Becker von einem Einbrecher ermordet wurde, den sie auf frischer Tat ertappte.“

„Von Schnorr?“, fragte Bernd.

„Wie kommst du darauf?“

„Ich lese Zeitungen. Wurden im Hause der Frau Blutspuren gefunden?“

„Mehr als genug. Wir gehen davon aus, dass der Einbrecher das Blut verloren hat. Er kann sich beim Einschlagen des Fensters verletzt haben.“

„Dann müsste das Blut auch am Körper oder an der Kleidung der Frau zu finden sein.“

„Genau das ist der Fall.“

„Hm“, machte Bernd. „Befriedigt dich das? Es erweckt den Anschein, als sei jemand bemüht, die Polizei auf eine falsche Fährte zu lenken.“

„Wenn das so ist, werden wir dahinterkommen, verlass dich drauf. Jedenfalls lasse ich die Gruppe des im Hause Becker verspritzten Blutes mit der von Schnorr vergleichen“, meinte der Inspektor dann.

„Was war Katharina Becker für eine Frau?“

„Sie war vor allem reich. Ihr Mann ist eines natürlichen Todes gestorben - er war unheilbar krank. Sie hat alles geerbt. Mit Zweiundvierzig war sie jung und attraktiv genug, um nochmals zu heiraten, aber es heißt, dass sie aus Rücksicht auf ihre Tochter davon Abstand genommen habe. Natürlich hatte sie einen Freund, einen Liebhaber.“

„Wer ist es?“

„Ein Mann namens Peter Hansen. Nicht vorbestraft. Ein Tennisprofi.“

„Ich erinnere mich, den Namen schon einmal gehört zu haben“, meinte Bernd. „Wer ist der Nutznießer von Katharina Beckers Tod?“

„Die Tochter. Sylvia, genannt Sille. Ich kenne sie nur von Fotos. Eine Schönheit. Ihr fällt das ganze Vermögen zu. Sie wird zum umschwärmtesten Mädchen des Landes aufsteigen.“

„Danke“, sagte Bernd und legte auf.

Er schaute auf die Uhr. Es war kurz vor neun. Gegen halb zehn konnte er unter Verzicht auf die Benutzung seines 450 SEL die Wohnung in der Siemensstadt erreichen. Das war keine Besuchszeit, aber angesichts der ungewöhnlichen Umstände würde Peter Hansen für ein paar Fragen gewiss Verständnis aufbringen.

Bernd machte sich auf den Weg. Um einundzwanzig Uhr fünfundzwanzig klingelte er an Peter Hansens Tür. Sie befand sich in der dritten Etage eines Mietshauses.

Hansen kam zur Tür und öffnete. Er trug hellgraue Flanellhosen und ein Sporthemd mit Westover.

„Nein, nicht schon wieder, bitte“, sagte er, als Bernd sich vorstellte und seinen Ausweis zeigte. „Ich bin stundenlang von der Polizei durch die Mangel gedreht worden. Es war ziemlich erschöpfend. In wessen Auftrag kommen Sie eigentlich?“

„Im Auftrag der Toten“, sagte Bernd. „Darf ich eintreten, bitte?“

In Hansens dunkelbraunen Samtaugen verhärtete sich etwas. Er machte kehrt und ging schweigend ins Wohnzimmer. Bernd folgte ihm. Sie setzten sich. In einem großen Glasschrank standen die Pokale und Trophäen, die Hansen in seiner Glanzzeit als Tennisprofi gewonnen hatte. Die Einrichtung des Raumes entsprach der Prominenz, die sich mit seinem Namen verband. Sie war elegant und stilvoll, dabei betont maskulin. In der Luft hing der Geruch von Pfeifentabak.

„Ich komme mir vor, als lebte ich in einem Vakuum“, sagte Hansen. „Ich habe Katharina geliebt. Ich kann noch immer nicht glauben, dass sie tot ist.“

„Was ist mit Ihrem Alibi?“, fragte Bernd.

Hansen hob die Augenbrauen.

„Das ist eine ziemlich provozierende Frage. Natürlich ist mein Alibi okay. Sonst wäre ich vermutlich schon in Haft. Oder auch nicht. Katharinas Tod bringt mir keinen Gewinn. Im Gegenteil. Katharinas Ende macht mein Leben leer und sinnlos. Habe ich Sie richtig verstanden, als Sie behaupteten, im Auftrag der Toten zu handeln?“

„Ja“, sagte Bernd und bückte sich nach dem flachen, kleinen Diplomatenkoffer, den er mitgebracht hatte. Er entnahm ihm ein Tonbandgerät und spielte die Kassette mit dem Telefongespräch ab. Hansen hörte zu und machte keinen Hehl aus seiner Fassungslosigkeit.

„Das ist fantastisch“, sagte er.

Details

Seiten
130
Jahr
2021
ISBN (ePUB)
9783738953817
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Mai)
Schlagworte
bitter berlin kriminalroman band

Autor

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Titel: Bitter und süß: Berlin 1968 Kriminalroman – Band 3