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Ermittler und Kommissare: Krimi Sommer Bibliothek Juni 2022: 17 Romane

von Alfred Bekker (Autor:in)
©2021 1700 Seiten

Zusammenfassung

Ermittler und Kommissare: Krimi Sommer Bibliothek Juni 2022: 17 Romane

von Alfred Bekker



Über diesen Band:



Dieser Band enthält folgende Kriminalromane von Alfred Bekker:









Burmester und der Fenstersturz

Stadt der Schweinehunde

Wir fanden Knochen

Die Apartment-Killer

Chinatown-Juwelen

Der Hacker

Im Zeichen der Fliege

Die nackte Mörderin

Schweigen ist Silber, Rache ist Gold

Der Killer und sein Zeuge

Maulwurfjagd

Caravaggio verschwindet

Stirb, McKee!

Die programmierten Todesboten

Mörderpost

Killerpfeile

Central Park Killer



Kriminalromane der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch - Ideal als Urlaubslektüre.







Alfred Bekker ist ein bekannter Autor, der vor allem durch seine Fantasy-Romane und Jugendbücher einem großen Publikum bekannt wurde. Daneben schrieb er Krimis und historische Romane und war Mitautor zahlreicher Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton Reloaded, John Sinclair und Kommissar X.

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis


Burmester und der Fenstersturz

Stadt der Schweinehunde

Wir fanden Knochen

Die Apartment-Killer

Chinatown-Juwelen

Der Hacker

Im Zeichen der Fliege

Die nackte Mörderin

Schweigen ist Silber, Rache ist Gold

Der Killer und sein Zeuge

Maulwurfjagd

Caravaggio verschwindet

Stirb, McKee!

Die programmierten Todesboten

Mörderpost

Killerpfeile

Central Park Killer

Kriminalromane der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch - Ideal als Urlaubslektüre.

––––––––

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Alfred Bekker ist ein bekannter Autor, der vor allem durch seine Fantasy-Romane und Jugendbücher einem großen Publikum bekannt wurde. Daneben schrieb er Krimis und historische Romane und war Mitautor zahlreicher Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton Reloaded, John Sinclair und Kommissar X.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker (https://www.lovelybooks.de/autor/Alfred-Bekker/)

© Roman by Author /

© dieser Ausgabe 2022 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

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Burmester und der Fenstersturz: Hamburg Krimi: Burmester ermittelt 4 

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von Alfred Bekker

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Ein Privatdetektiv wird in seiner Detektei ermordet. Doch was ist der Grund? War er an etwas Großem dran? Der Privatdetektiv  Aldo Burmester erfüllt den letzten Wunsch des ihm unbekannten Kollegen und übernimmt den Fall. Als Burmester die Ermittlung aufnimmt, muss er feststellen, dass ihm bereits jemand zuvorgekommen und er diesem ein Dorn im Auge ist ...

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton Reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden und Janet Farell.

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1

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Hamburg im Jahr 1991...

Stefan Fiegenbaum nahm das Diktiergerät zur Hand und versuchte zum letzten Mal, endlich seinen Bericht abzuschließen. Aber im Grunde wusste er, dass es auch diesmal nichts werden würde. Er konnte sich einfach nicht konzentrieren. Als sein Blick seitwärts ging, sah er seine eigene Hand ein wenig zittern.

Ich bin schon weit gekommen!, durchfuhr es ihn. Er atmete tief durch, erhob sich von seinem unbequemen Bürostuhl und legte das Diktiergerät auf den unaufgeräumten Schreibtisch. Fiegenbaums Büro lag in Hamburg-Mitte nahe der S-Bahnlinie, weil er sich nichts Teureres leisten konnte. Doch jetzt hatte er vielleicht die Chance, den Aufstieg vom Schmalspur-Schnüffler zum Gentleman-Ermittler zu schaffen. Aber die Sache war noch nicht sicher. Sie stand auf Messers Schneide und wenn er Pech hatte, schnitt ihm dieses Messer am Ende die Kehle durch. Fiegenbaum musste höllisch aufpassen und wusste das auch. Aber die Versuchung war einfach zu groß gewesen. Eine solche Chance gab es nicht zweimal ...

Fiegenbaum trat ans Fenster und blickte hinaus in die Dunkelheit. Es war schon spät. Eigentlich hatte er längst zu Hause sein wollen, aber in seinem Job durfte man nicht auf die Uhr schauen.

Er dachte plötzlich an seine Frau Karin und an Michael, seinen Sohn, der in ein paar Wochen zehn Jahre alt wurde.

Um ihretwillen hätte ich mich nie auf diese verdammte Geschichte einlassen sollen, ging es ihm schmerzhaft durch den Kopf.

Aber jetzt war es zu spät dafür, irgendetwas zu bereuen. Jetzt musste er die Sache durchstehen und hoffen, dass alles gut ging. Wenn die Sache ausgestanden war, würden sie alle drei davon profitieren und eine bessere Zukunft haben. Keine nächtlichen Observationen von untreuen Ehemännern mehr, kein stundenlanges Herumlungern in der Nähe von Geldautomaten mehr, um irgendwelchen Scheckkartenbetrügern auf die Spur zu kommen.

Security Consulting – Sicherheitsberatung - für große Unternehmen, etwas in der Art schwebte Fiegenbaum für die Zukunft vor. Mit festen Bürostunden nach Möglichkeit. Und natürlich mit mehr Zeit für seine Familie.

In diesem Moment zuckte Fiegenbaum unwillkürlich zusammen. Das passierte ihm jetzt öfter. Seine Nerven hatten ziemlich gelitten, seit er in dieser Sache drin hing. Er hatte ein Geräusch an der Tür gehört. Jemand drückte auf die Klingel, aber die funktionierte schon seit langem nicht mehr. Also klopfte es eine Sekunde später.

Fiegenbaum hatte sein Schulterholster abgeschnallt und auf den Schreibtisch gelegt. Jetzt ging sein Griff dorthin, um die Waffe in die Hand zu bekommen. Es war eine Beretta und er fühlte sich schon wesentlich besser, als er den Pistolengriff in seiner Rechten spürte.

Mit der Waffe im Anschlag ging er in Richtung Tür, an der es zum zweiten Mal klopfte, diesmal schon etwas ungeduldiger.

Fiegenbaum warf einen Blick durch den Spion. Im Flur stand ein Mann, den er nicht kannte.

"Was wollen Sie?", rief Fiegenbaum.

"Machen Sie auf, ich muss mit Ihnen sprechen!", kam es durch die Tür. "Aber nicht so, dass alle Welt das mitbekommt! Oder nehmen Sie keine Klienten mehr an?"

Fiegenbaum überlegte kurz. In seinem Hirn arbeitet es fieberhaft. Der Kerl da draußen war vermutlich kein Klient - obwohl Fiegenbaum dafür bekannt war, dass man ihn zu jeder Tages- und Nachtzeit erreichen konnte. Aber in seiner jetzigen Lage glaubte er einfach nicht daran. Viel näherliegender war eine andere Möglichkeit. Jemand hatte vermutlich eine Art bezahlten Todesengel vorbeigeschickt, um Stefan Fiegenbaum loszuwerden.

"Einen Moment!", rief Fiegenbaum, ohne die Absicht zu haben, dem Fremden wirklich zu öffnen. Er wollte nur Zeit gewinnen.

Fiegenbaum schlich rückwärts und blickte sich in seinem schäbigen Büro um, in dem er jetzt wie in einer Mausefalle saß. Er hatte keine Chance hinauszukommen. Es gab keinen Balkon, keine Feuerleiter, nicht einmal die Möglichkeit zu einen Sprung aus dem Fenster, dessen Rahmen sich so verzogen hatte, dass er es im Winter hatte festnageln müssen, um nicht bei der Erledigung des leidigen Bürokrams zu erfrieren.

In Fiegenbaums Büro gab es kaum Deckung. Es war kein Ort, um sich dort zu verstecken. Die Einrichtung war karg. Außer dem Schreibtisch befanden sich da nur ein paar selbsttragende Regale an den Wänden, in denen er die Akten mit seinen Ermittlungsunterlagen aufbewahrte.

Fiegenbaum war gerade bis zum Schreibtisch gekommen, da gab es ein hässliches Geräusch. Es klang fast so, als hätte jemand kräftig geniest, aber Fiegenbaum wusste, dass es etwas anderes war. Eine Pistole mit Schalldämpfer!

Der Kerl hatte kurzerhand das Schloss zerschossen. Die Tür öffnete sich einen Spalt.

Fiegenbaum machte das Licht aus und ging hinter dem Schreibtisch in Deckung. Dann entsicherte er seine eigene Waffe. Er packte die Beretta mit beiden Händen und wartete einfach die nächsten Sekunden ab, die endlos langsam voranzuschreiten schienen. Das erste, was er durch die Tür kommen sah, war der langgezogene Schalldämpfer.

Einen Augenblick noch wartete er. So lange, bis der Kerl zur Hälfte hereingekommen war. Fiegenbaum sah von dem Eindringling nicht viel mehr als einen schattenhaften Umriss. Aber als Ziel reichte das völlig aus. Stefan Fiegenbaum dachte gar nicht daran, zu warten, bis der Killer versuchte, ihn zu töten. Seine einzige Chance war, ihm zuvor zu kommen. Und so tauchte er aus seiner Deckung hervor, legte die Beretta an und feuerte.

Der Eindringling reagierte allerdings blitzschnell. Er ließ sich zur Seite fallen und dann machte es 'Plop!'. Dreimal schnell hintereinander feuerte der Killer und traf. Ein Ruck ging durch Fiegenbaums Körper. Er taumelte nach hinten und riss seine Beretta noch einmal hoch, um zu feuern. Doch bevor er dazu Gelegenheit bekam, hatte der Killer noch einmal abgedrückt. Der Schuss traf Fiegenbaum direkt in der Brust. Die Kugel trat auf der anderen Seite wieder aus und ließ die Fensterscheibe zu Bruch gehen. Fiegenbaum wurde nach hinten gerissen, so dass er dann aus dem Fenster kippte. Sieben Stockwerke, das war schon ein ganz ordentlicher Sturz. Der Killer machte indessen das Licht wieder an.

Der Fenstersturz war eigentlich nicht geplant gewesen. Letztlich bedeutete er für den Killer aber nur, dass er jetzt schneller arbeiten musste. Eine Viertelstunde, so schätzte er, hatte er mindestens. Er warf einen kurzen Blick hinaus aus dem Fenster. Ein hässlicher Anblick.

Es war schon jemand bei dem Toten und hatte sich über ihn gebeugt, ein anderer kam herbei. Aber es würde niemand hinauf ins Büro kommen, solange nicht die Polizei eingetroffen war. Das wusste der Killer aus Erfahrung. So waren die Leute nun einmal. Sie wollten etwas sehen, aber sich in nichts hineinziehen lassen.

Der Killer steckte seine Pistole ein und wandte sich dann den Akten zu, mit denen Stefan Fiegenbaum seine Regale vollgestellt hatte. Eine nach der anderen wurde herausgerissen, durchgeblättert und dann auf den Boden geworfen.

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2

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Kriminalhauptkommissar Sven Dankwers von der Mordkommission Hamburg-Mitte war ein korpulenter Koloss. Er kam schnaufend aus seinem Dienstwagen heraus und bewegte sich auf den Tatort zu. Mantel und Jackett waren offen, seine Hemdknöpfe bis zum Zerreißen gespannt.

Die zahlreich postierten Uniformierten konnten das Heer der Schaulustigen kaum ausreichend abdrängen und auch Dankwers hatte einige Mühe, sich durch den Pulk hindurchzudrängeln.

Schließlich hatte er sich bis zu Kommissar Brandt vorgearbeitet, der neben einer männlichen Leiche stand.

"Mehrere Schüsse", erklärte der lockenköpfige Brandt, als er den Kriminalhauptkommissar neben sich auftauchen sah. "Zwei davon waren tödlich. Da ist jemand sehr gründlich gewesen."

"Sieht aus, als wäre er da oben aus dem Fenster gesprungen", vermutete Dankwers.

Brandt zuckte die Achseln.

"War sicher kein freiwilliger Sprung!"

"Warst du schon oben?"

"Ja. Jetzt ist die Spurensicherung gerade dort."

"Wo ist denn der verdammte Arzt?"

"Schon wieder weg, Chef."

"Und die Todeszeit?"

"23 Uhr 47."

Dankwers zog die Augenbrauen hoch und runzelte die Stirn. Er sah Kommissar Brandt an, als wollte dieser ihn auf den Arm nehmen.

"So genau, Herr Brand?"

"Wir haben die Aussage einer Frau, die einen Schuss hörte, nachdem sie kurz vorher auf die Uhr geschaut hatte."

"Einen Schuss?"

Brandt nickte.

"Ja, und den muss der arme Kerl hier selbst abgegeben haben. Er besaß eine Beretta. Sein Mörder hat wohl mit Schalldämpfer gearbeitet."

Dankwers verzog das Gesicht. Das klang nicht gut. Er zwang sich dazu, den Toten anzuschauen, aber die Mühe hätte er sich sparen können. Der Schädel war ziemlich zerstört und obendrein blutbeschmiert. Vom Gesicht war nicht viel zu sehen.

"Er heißt Stefan Fiegenbaum und unterhielt hier ein Büro als Privatdetektiv", hörte der Kriminalhauptkommissar die sonore Stimme von Brandt.

Dankwers nickte. "Haben wir zufällig mal mit ihm zusammengearbeitet?"

"Glaube ich nicht", meinte Brandt. "Jedenfalls ist er mir nicht in Erinnerung geblieben."

Zwei Männer kamen jetzt herbei, um den Toten in einen Zinksarg zu legen. Dankwers wandte sich ab. Er war verdammt froh darüber, dass das nicht sein Job war.

"Gehen wir hinauf in das Büro", meinte er zu Brandt.

"Es war durchwühlt", sagte Brandt. "Vielleicht ist Fiegenbaum auf irgendetwas gestoßen, das so brisant war, dass man ihm gleich einen Killer auf den Hals gehetzt hat."

Dankwers zuckte mit den Schultern.

"Schon möglich", meinte der Kriminalhauptkommissar und fuhr fort: "Kann aber genauso gut sein, dass er sich als Erpresser versuchte. Reich ist er mit seinem Job ja wohl nicht geworden - wenn er hier residierte."

Dankwers war schon ein paar Schritte gegangen, da ließ ihn Brandts Stimme abrupt stoppen.

"Ach, Chef ... Da ist noch etwas ..." Brandt druckste ein wenig herum, während Dankwers ihn anfuhr: "Na los, raus damit!"

"Fiegenbaum hatte Frau und Kinder."

"Ich hoffe, es hat sie jemand benachrichtigt. Und zwar mit Einfühlungsvermögen!"

"Das ist es ja eben. Ich hatte gehofft, dass Sie ..."

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3

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"Guten Tag, Herr Burmester!"

Die Gesichtsfarbe des Mannes war so grau wie sein Anzug. Sein Lächeln schien nichts weiter als eine gefühllose Maske zu sein. Eine geschäftsmäßige Maske. Sein Name war Norman Rüther, und er war seines Zeichens Notar und Rechtsanwalt, im Übrigen einer mit ziemlich gutem Ruf.

Aldo Burmester, der Mann auf der anderen Seite des Schreibtisches, hatte ebenfalls in seiner Branche einiges an Renommee. Er bot seinem Gast einen Sessel an.

"Es freut mich, Sie endlich einmal kennenzulernen, Herr Burmester."

"Ganz meinerseits."

"Ich habe schon einiges von Ihnen gehört. Man sagt, Sie wären Hamburgs bester Privatdetektiv."

Aldo lächelte ironisch.

"Die Leute sagen viel, Herr Rüther. Das wissen Sie sicher auch ..."

Aber diese Art von Humor kam bei dem grauen Mann offensichtlich nicht so recht an. Er blieb knochentrocken, sein Gesicht fast reglos. Er wandte den Kopf kurz zu der dritten Person, die sich im Raum befand. Es war eine äußerst attraktive Blondine, deren eng anliegendes Strickkleid wenig von dem verbarg, was sich darunter befand. Norman Rüther beeindruckte das jedoch augenscheinlich nicht im Geringsten. Er wandte sich an Aldo.

"Ich hätte Sie gerne unter vier Augen gesprochen, wenn es Ihnen nichts ausmacht."

"Es macht mir nichts aus, aber dies ist Frau Jana Marschmann, meine Mitarbeiterin. Sie wird ohnehin erfahren, worum es geht. Da kann sie auch gleich dabei sein, finden Sie nicht?"

Norman Rüther fand das nicht. Aber er setzte sich trotzdem.

"Was ist Ihr Anliegen, Herr Rüther?", erkundigte sich Aldo, während er sich eine Zigarette anzündete.

"Ich bin hier, weil ich die traurige Pflicht habe, den letzten Willen eines Verstorbenen zu erfüllen. Vor zwei Tagen wurde ein Privatdetektiv namens Stefan Fiegenbaum in seinem Büro erschossen. Es ist kein Fall, von dem Sie gehört haben müssten, Herr Burmester. Vielleicht gab es eine kleine Randnotiz in der Zeitung, vielleicht noch nicht einmal das." Rüther erzählte dies mit fast emotionsloser Stimme. Er zuckte einmal zwischendurch kurz mit den Schultern und fuhr dann fort: "Herr Fiegenbaum hat mich zu Lebzeiten beauftragt, Ihnen das hier auszuhändigen." Er überreichte Aldo ein Kuvert und dieser öffnete es. Darin befand sich ein Brief, in dem der Ermordete Aldo Burmester den Auftrag gab, seinen Tod aufzuklären. Außerdem ein Scheck sowie ein Schlüssel. Dazu eine von Fiegenbaum unterzeichnete Vollmacht, die Aldo Burmester ermächtigte, den Inhalt eines Bankschließfachs abzuholen. Laut Brief befanden sich dort die Ermittlungsunterlagen zu Fiegenbaums letztem Fall.

Aldo gab den Brief an Jana weiter, die ihn kurz überflog.

"Heißt das, dass dieser Fiegenbaum von seiner bevorstehenden Ermordung wusste - oder zumindest ahnte?", fragte Aldo stirnrunzelnd.

Rüther zuckte mit den Achseln.

"Ich weiß es nicht, Herr Burmester", bekannte er. "Ich möchte nur wissen, ob Sie den Fall annehmen. Anderenfalls muss ich mich auf die Suche nach jemandem anderem machen. Herr Fiegenbaum hatte offenbar - rein professionell gesehen - eine hohe Meinung von Ihnen. Deshalb sind Sie seine erste Wahl gewesen."

Aldo überlegte kurz. Dann nickte er. Er hatte eine Entscheidung getroffen.

"Ich werde mich um die Sache kümmern", kündigte er an. "Schließlich war Fiegenbaum gewissermaßen ein Kollege."

"Es freut mich, dass Sie die Sache so sehen, Herr Burmester", erwiderte Rüther kühl und erhob sich dann. "Sie ersparen mir damit einiges an Aufwand. Es ist schließlich nicht so einfach, einen guten Privatermittler zu finden." Er blickte dann auf seine Rolex, um zu unterstreichen, dass er jetzt schleunigst gehen musste.

"Frau Marschmann wird Sie hinausbegleiten", sagte Aldo.

Aber Rüther winkte ab.

"Danke sehr, aber ich finde den Weg sehr gut allein." Einen Augenblick später war er verschwunden.

"Das ist doch wohl die merkwürdigste Art und Weise, auf die du je an einen Fall geraten bist, Aldo. Die ganzen Jahre über, die wir schon zusammenarbeiten, habe ich so etwas noch nicht erlebt."

Aldo grinste.

"Das ist eben eine der positiven Seiten dieses Jobs: Es gibt jede Menge Abwechslung!"

Sie verschränkte die Arme vor der Brust.

"Trotzdem! Dass du dich gleich so hast breitschlagen lassen, wundert mich. Ich frage mich, warum eigentlich."

Aldo hob den Scheck und hielt ihn mit Zeige- und Mittelfinger.

"Ein Argument ist natürlich das hier!"

"Ach, komm schon!" Sie nahm ihm das Papier aus der Hand und warf einen Blick darauf und schüttelte dann den Kopf. "Du könntest dir leicht dickere Fische an Land ziehen, Aldo."

"Sicher", murmelte er und zuckte die Achseln. "Aber ich mag es eben nicht, wenn man einen aus unserer Zunft umbringt. Irgendwie muss man da doch zusammenhalten, findest du nicht?"

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"Tut mir aufrichtig leid, aber ich fürchte, ich kann nichts für Sie tun." Es war der mandeläugigen Bankangestellten nicht anzusehen, ob es ihr wirklich so leid tat oder nicht viel mehr eher peinlich war. Aber im Grunde war das auch gleichgültig.

Aldo Burmester sah noch einmal kurz in das Bankschließfach und seufzte dann. Das Fach war leer. Nicht einmal ein Staubkorn war darin zu sehen - aber es wäre auch zu schön gewesen, um wahr zu sein, hier alle Beweise wohl geordnet auf einem Haufen zu finden.

"Was heißt das - Sie können nichts für mich tun?", fragte Aldo stirnrunzelnd. "Ich habe den Schlüssel und eine Vollmacht des Verstorbenen, in dem er ausdrücklich mich dazu ermächtigt, den Inhalt des Faches abzuholen!"

"Das mag schon sein, Herr ..."

"Burmester."

"Unsere Bank verbürgt sich dafür, dass kein Unbefugter an das Fach herankommen kann."

"Herr Fiegenbaum hat eine Menge Geld dafür hingeblättert, dass ich den Inhalt dieses Faches abhole. Das hätte er nicht, wenn es leer gewesen wäre."

"Ich kann ja mal in den Unterlagen nachschauen, Herr Burmester. Wenn wirklich jemand Zugang zu dem Fach gehabt hat, müsste eine Unterschriftsprobe vorhanden sein, die wir obligatorisch verlangen."

Aldo lächelte dünn.

"Dann seien Sie bitte so freundlich und schauen Sie nach!"

Sie verließen den Raum mit den Schließfächern. Und dann sah Aldo es eine Minute später schwarz auf weiß: Der Inhalt des Fachs war abgeholt worden. Und zwar von Karin Fiegenbaum, der Witwe des Ermordeten.

"Nach den Unterlagen hatten wir keinen Grund, ihr den Zugang zu verwehren", meinte die Mandeläugige. "Sie war ja schließlich seine Witwe!"

"Hatte sie einen Schlüssel?"

"Den brauchte sie nicht unbedingt. Es kommt immer mal wieder vor, dass Hinterbliebene nicht wissen, wo der Verstorbene den Schlüssel aufbewahrt hat. In solchen Fällen verlangen wir Schadensersatz, weil wir ein neues Schloss einsetzen müssen ..."

"Und Frau Fiegenbaum hat bezahlt?"

"So ist es."

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Karin Fiegenbaum hatte feuerrotes Haar und dunkle Augen, die im Augenblick sehr traurig wirkten. Sie war eine hübsche, zierlich gebaute Frau, die sich aber im Augenblick etwas vernachlässigt zu haben schien. Jedenfalls begrüßte sie Aldo im Morgenmantel, als er vor ihrer Wohnungstür auftauchte.

Die Fiegenbaums wohnten zur Miete im Parterre eines mehrstöckigen Reihenhauses.

"Ich kaufe nichts und ich lasse mich auch zu nichts bekehren", murmelte sie müde und wollte Aldo schon die Tür vor der Nase zuschlagen.

"Warten Sie einen Moment, Frau Fiegenbaum! Ich muss unbedingt mit Ihnen sprechen ..."

Sie strich sich die rote Mähne zurück und machte: "Ach, ja? Machen Sie' es kurz! Es geht mir nicht besonders gut!"

"Mein Name ist Aldo Burmester, ich bin Privatdetektiv."

"Was wollen Sie?"

"Es geht um Ihren ermordeten Mann! Darf ich hereinkommen?"

Sie war noch immer misstrauisch, und so zeigte Aldo ihr seinen Ausweis.

"Was soll ich mit dem Wisch?"

"Wenn nach meinem Besuch das Familiensilber fehlt, wissen Sie jedenfalls, wer es hat." Er sah sie offen an. Vor ihm stand eine gebrochene Frau, die wirkte, als wäre sie ziemlich aus der Bahn geworfen worden. Und Aldos Bemerkung heiterte sie auch nicht im Geringsten auf. Sie reagierte nur mit einem Schulterzucken, das nicht weniger auszusagen schien, als dass ihr im Moment ohnehin alles ziemlich egal war.

"Wer schickt Sie?", fragte sie.

"Ihr Mann hatte einen Notar beauftragt, mich im Falle seines Todes zu engagieren, um seinen Mörder zu finden."

Sie sah Aldo erstaunt an.

"Davon wusste ich nichts", meinte sie.

"Die Polizei war sicher schon bei Ihnen, nehme ich an ..."

"Ja", nickte sie. "Ein gewisser Kommissar Brandt."

"Ein langer Kerl mit lockigen Haaren, nicht wahr?"

"Kennen Sie ihn?"

"Er arbeitet in der Mordkommission von Kriminalhauptkommissar Dankwers, und das ist ein alter Freund von mir."

Sie musterte Aldo eingehend von oben bis unten und auf einmal schien ihr aufzufallen, dass ihr eigenes Outfit an diesem Tag nicht dem letzten Schrei entsprach. Eine leichte Röte überzog ihr Gesicht. Es war ihr peinlich. Dafür schien das Misstrauen nicht mehr ganz so stark zu sein.

"Kommen Sie", murmelte sie.

Aldo wurde in ein Wohnzimmer geführt und bekam einen Platz in einem klobig wirkenden Ledersessel. Sie setzte sich ebenfalls.

"Ich sehe heute nicht besonders gut aus", meinte sie. "Aber wissen Sie, Stefans Tod war ein schwerer Schlag für mich. Ich stehe jetzt vor dem Nichts. Und ich wüsste übrigens auch nicht, wie ich Sie bezahlen sollte."

"Das hat Ihr Mann schon erledigt!"

"Was?"

"Ja, ein Scheck. Hier ist die Quittung der Bank. Ich habe ihn vor einer halben Stunde eingelöst." Aldo holte die Quittung aus seiner Brieftasche und zeigte sie ihr.

Sie runzelte die Stirn.

"Ich wusste gar nicht, dass Stefan bei dieser Bank auch ein Konto besitzt", murmelte sie. "Und dann die Summe!" Sie gab Aldo die Quittung zurück. "Ich kann für Sie nur hoffen, dass der Scheck gedeckt war, Herr Burmester."

"Hat Ihr Mann mit Ihnen über seine Arbeit gesprochen?"

"Nein, nie. Er wollte seinen Ermittler-Job und das Privatleben strikt auseinanderhalten. Deshalb liegt sein Büro auch am anderen Ende der Stadt." Sie zuckte die Achseln "Er hatte sicher dafür seine Gründe, denn die Sachen, die er gemacht hat, waren wohl nicht immer ganz ungefährlich. Er wollte uns - mich und unseren kleinen Michael - nicht in diese Dinge hineinziehen."

"Dann wissen Sie auch nicht zufällig, woran er in letzter Zeit gearbeitet hat?"

"Nein. Keine Ahnung."

"Wurde er vielleicht von irgendjemandem bedroht?"

"Nicht, dass ich wüsste, Herr Burmester." Sie zuckte die Achseln und rieb die Handflächen aneinander. "Ich fürchte, ich bin Ihnen keine große Hilfe, was?"

Aldo studierte eingehend ihr Gesicht. Die Augen wirkten unruhig, und sie rutschte auf ihrem Platz hin und her. Der Privatdetektiv hatte das Gefühl, dass sie ihm nicht hundertprozentig die Wahrheit sagte oder zumindest etwas verschwieg. Zum Beispiel die Sache mit dem Bankschließfach, aber Aldo wollte erst noch abwarten, bevor er damit herauskam.

Plötzlich sagte Sie: "Ich sehe keinen großen Sinn darin, wenn Sie auch noch in dieser Sache herumrühren, Herr Burmester."

Aldo hob die Augenbrauen.

"Es wundert mich, dass Sie das sagen."

"Was könnten Sie schon herausfinden, was die Polizei nicht auch früher oder später herausbekommt?", erwiderte Karin Fiegenbaum.

"Nun, Ihr Mann hat das offenbar anders beurteilt."

"Lassen Sie es gut sein und überlassen Sie die Sache der Polizei!"

"Merkwürdig, dass Sie so denken, Frau Fiegenbaum."

"Warum?"

"Weil es meiner Erfahrung nach so ist, dass Angehörige um jeden Preis diejenigen bestraft wissen wollen, die für die Tat verantwortlich sind."

"Das ist bei mir nicht anders", erwiderte sie mit belegter Stimme. "Aber ich bin realistisch. Außerdem können weder Sie noch die Polizei mir meinen Mann wiederholen ..."

Damit hatte sie natürlich recht. Aldo erhob sich, um zu gehen.

"Haben Sie ein Bild von ihm?"

"Ja, aber ..."

"Dann geben Sie es mir bitte."

Sie zögerte.

"Sie wollen nicht lockerlassen, oder?"

"Ich habe einen Auftrag."

"Und wenn ich Ihnen diesen Auftrag wieder entziehe?"

"Darauf würde ich mich nie einlassen, Frau Fiegenbaum. Der Auftrag war der letzte Wille Ihres Mannes. Und den werde ich respektieren."

Sie nickte. Eine seltsame Anspannung hatte sie erfasst, die Aldo sich nicht ganz erklären konnte.

"Ich hole Ihnen ein Foto", sagte sie.

Als sie zurück war und Aldo ein Foto von Fiegenbaum gegeben hatte, fragte dieser: "Liegt es vielleicht am Geld, dass Sie mir den Auftrag entziehen wollten? Darüber könnten wir reden. Ich muss nicht gleich mein Auto verkaufen, wenn ich auf den Scheck verzichte."

Sie schüttelte den Kopf und vermied es dabei, Aldo in die Augen zu sehen.

"Nein", meinte sie. "Darum geht es nicht."

"Haben Sie einen Job?"

"Nein. Ich werde mir etwas suchen müssen."

"Und eine Lebensversicherung?"

"Alles futsch. Stefan hat eine Hypothek darauf aufgenommen, als wir uns die neue Wohnungseinrichtung gekauft haben. Außerdem war ich letztes Jahr ein paar Wochen im Krankenhaus, das ging auch ganz schön ins Geld. Deshalb wundert es mich ja auch so, dass Stefan Ihnen ein solches Honorar zahlen konnte."

"Wie gesagt, wir können darüber reden."

"Ich bin keine Bettlerin!", erklärte sie empört.

"So war es auch nicht gemeint!"

"Schon gut."

Sie gingen zur Tür.

"Wir werden uns sicher bald wiedersehen", meinte Aldo. "Tut mir leid, dass ich Ihnen das nicht ersparen kann.“

"Das braucht Ihnen nicht leid zu tun."

Als Aldo die Wohnung verließ, kam ein etwa zehnjähriger Junge das halbe Dutzend Stufen bis zur Haustür hinaufgerannt. Das musste Michael sein. Karin Fiegenbaum nahm ihren Sohn voller Erleichterung in die Arme.

"Ich bin froh, dass du da bist", sagte sie.

Michael schaute zu Burmester hinüber und unterzog ihn einer kritischen Musterung.

"Wer ist der Mann?"

"Ein Privatdetektiv", erklärte seine Mutter.

"Wie Papa?"

"Ja, wie Papa."

Der Junge musterte Aldo ein paar Sekunden lang und ging dann ins Haus.

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Kriminalhauptkommissar Sven Dankwers und Aldo Burmester waren seit Jahren befreundet, aber der Kriminalhauptkommissar schien sich heute nicht besonders zu freuen, den Privatdetektiv wiederzusehen.

Er fegte wie eine Dampfwalze durch die Mordkommission, in der einen Hand einen Kaffeepott, in der anderen einen Stapel Unterlagen. Als er Aldo sah, stoppte er ziemlich abrupt, verdrehte die Augen und seufzte: "Wenn du auftauchst, Aldo, dann bedeutet das meistens Arbeit für mich. Aber ich sage dir gleich: Ich stecke bis zum Hals in Arbeit!"

Aldo lachte. "Na, da geht es dir wie mir, Sven!"

"Vielleicht. Aber mit dem Unterschied, dass ich dir bei deinem Job helfen soll, während du mich von meinem abhältst."

"Na, na, übertreibst du nicht ein bisschen?"

Dankwers schüttelte den Kopf.

"Kaum! Eher im Gegenteil!"

"Meistens war es doch so, dass wir beide profitierten, wenn wir zusammen an einem Strang gezogen haben, Sven."

"Wie auch immer, du lässt dich doch nicht abwimmeln. Also komm mit! Einen Kaffee kann ich dir allerdings nicht anbieten. Unsere Maschine ist kaputt. Ich hatte das Glück, die letzte Tasse abgekriegt zu haben!"

Wenig später waren sie in Dankwers’ Dienstzimmer und der Kriminalhauptkommissar hatte sich hinter seinem Schreibtisch ächzend niedergelassen, während Aldo es vorzog, stehenzubleiben.

"Worum geht es, Aldo? In welche Akte willst du einen unerlaubten Blick werfen?", feixte Sven.

Aldo machte eine wegwerfende Handbewegung.

"Sagt dir der Name Fiegenbaum etwas?"

"Natürlich. Ein Fall unter vielen, der darauf wartet, gelöst zu werden. Was hast du damit zu schaffen?"

"Ich suche Fiegenbaums Mörder."

Dankwers lachte heiser.

"Was du nicht sagst! Dasselbe gilt auch für mich!" Dankwers fuhr mir seinem Bürostuhl einen Meter zur Seite und hatte eine Sekunde später eine Akte in der Hand, die er anschließend Aldo hinüberreichte. "Unverbindlich zur Ansicht", meinte er. "Der Killer ist auf Nummer sicher gegangen und hat mehrfach abgedrückt. Wahrscheinlich hat er einen Schalldämpfer benutzt."

Burmester hob die Augenbrauen.

"Ein Profi?"

"Ist nicht auszuschließen. Dafür spräche auch, dass es am Tatort - seinem Büro - keinerlei Spuren gibt. Keinen Fingerabdruck, gar nichts.“

"Hat der Mörder Fiegenbaums Unterlagen durchsucht?"

"Gründlich! Woher weißt du das?"

Aldo zuckte die Achseln.

"Ich zähle einfach zwei und zwei zusammen, das ist alles." Er langte in die Innentasche seines Jacketts und holte den Brief heraus, den der Notar Rüther ihm übergeben hatte. Er gab Dankwers das Papier und meinte dazu: "Fiegenbaum muss geahnt haben, dass es jemand auf ihn abgesehen hatte. Und es hängt wahrscheinlich mit seinem letzten Fall zusammen."

Dankwers nickte.

"Fiegenbaum hat sich eine Schießerei mit dem Killer geliefert. Das heißt, dass er wusste, dass es ihm an den Kragen würde ... Hast du dir das Bankschließfach mal angesehen, von dem hier die Rede ist?"

"Habe ich. Es war leer. Die Witwe hat es leergeräumt, aber sie weiß angeblich nicht, woran ihr Mann gearbeitet hat. Was weißt du bisher über Fiegenbaum?"

Dankwers hob die Schultern.

"Nun, er ist eine Art Schmalspur-Schnüffler. Ein kleiner Fisch im großen Teich namens Hamburg. Jedenfalls geht das aus seinen Ermittlungsunterlagen hervor. Untreue Ehemänner und Ladendiebe, manchmal auch Personen- und Objektschutz."

"Und seine Auftraggeber?"

"Privatleute, manchmal mittlere und kleine Firmen." Sven Dankwers deutete auf die Akte. "Steht alles darin. Kommissar Brandt war ziemlich fleißig, leider hat er aber bislang noch keinen hier aufs Revier geschleppt, von dem man annehmen kann, dass er der Mörder war."

Aldo schlug die Akte auf.

"Ich werde mir ein paar Sachen herausschreiben", meinte er.

Da war zum Beispiel der Kaliber der Mordwaffe oder die Liste der Klienten. Aber vermutlich hatte der Mörder bei seiner Suchaktion dafür gesorgt, dass sein Name nicht auf dieser Liste stand.

"Hat Fiegenbaum eigentlich mal jemanden in den Knast gebracht oder sonst wie übel mitgespielt?", fragte der Privatdetektiv dann, während er Kugelschreiber und Notizblock aus der Jackentasche holte.

"Nicht, dass wir bisher wüssten, Aldo. Wie gesagt, die großen Sachen waren nicht sein Feld."

"Und Informanten? Jeder Privatdetektiv hat seine Spitzel, um an Informationen heranzukommen, die einem sonst kein Mensch geben würde ..."

"In seinen Akten haben wir darüber nichts gefunden." Prustend erhob er sich und walzte bis zum Fenster, wo er kurz stehen blieb, um hinaus ins Freie zu blicken. Dann drehte er sich zu Aldo herum. "Ich will dich ja nicht entmutigen, aber ..."

"Aber was?", hakte Aldo nach.

"Du weißt, dass wir nicht alle Morde aufklären können - und dieser hat gute Chancen dazuzugehören. Keine Spuren, keine Täterbeschreibung, nichts Greifbares. Wenn sich herausstellt, dass der Killer wirklich ein Profi ist, dann könnte er längst über alle Berge sein. Wenn Fiegenbaum ein Drogendealer wäre, würde man die Sache schnell in der Schublade Bandenmorde ablegen."

"Fiegenbaum war aber kein Dealer, soweit ich weiß."

"Aber ein Mann, der sich gezwungenermaßen auf beiden Seiten der Grenze, die das Gesetz zieht, auskannte. Woher wissen wir, ob er nicht auch auf der anderen Seite des Zauns gegrast hat?"

"Richtig", murmelte Aldo. "Das wissen wir nicht. Aber ich kriege es heraus, darauf kannst du Gift nehmen!"

Dankwers hob die Arme.

"Ich hoffe du lässt es mich dann wissen!"

Aldo grinste.

"Aber nur, wenn dir das nicht zu viel Zeit raubt und dich von deinem Job abhält!"

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7

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Michael musste mit seinem Fahrrad ziemlich abrupt abbremsen, um den Mann nicht anzufahren, der da mitten auf dem Gehweg stand.

"Pass doch auf!", knurrte dieser mürrisch.

"Entschuldigung!"

Einen Augenblick lang begegneten sich ihre Blicke und der Junge erschrak unwillkürlich. Der Mann war hochgewachsen und sehr schlank, was noch dadurch unterstrichen wurde, dass er einen eng anliegenden dunkelgrauen Mantel trug. Sein Gesicht war von ungesund wirkender Blässe. Als er den Jungen ansah, zuckte unterhalb des linken Auges ein Muskel. Aber das war gar nicht das eigentlich Erstaunliche. Das waren die Augen. Jedenfalls für den Jungen. Diese Augen schienen ihn geradezu zu durchbohren. Eine fast hypnotische Kraft ging von ihnen aus und verhinderten, dass Michael sich abwandte.

Auf einmal war dem Jungen klar, dass er diesen Mann nicht mochte. Er konnte nicht sagen, weshalb eigentlich. Es war einfach so.

"Ist noch was?", fragte das Bleichgesicht.

"Nein ...!", stammelte Michael.

"Warum glotzt du mich dann so an?"

Dem Jungen fiel auf, dass der Mann Handschuhe trug, obwohl es gar nicht so kalt zu sein schien, dass das nötig war.

Der Mann ging an dem Jungen vorbei, und die Stufen hinauf. Michael konnte nicht anders, als hinzusehen, denn das waren die Stufen, die zu ihrer Wohnung führten.

Seine Mutter schien den Mann zu erwarten. Jedenfalls stand sie plötzlich in der offenen Haustür.

"Tag, Frau Fiegenbaum!", sagte der Mann.

Sie schien sich nicht sehr über den Besuch zu freuen.

"Was wollen Sie?", fragte sie gereizt.

"Ich will mich nur erkundigen, ob Sie sich meinen Vorschlag überlegt haben."

Sie nickte. Und dann sah sie ihren Sohn mit dem Fahrrad. Der bleiche Mann drehte sich halb herum und verzog das Gesicht zur schwachen Ahnung eines Lächelns.

"Ihr Junge?", fragte er.

Sein Mund wurde breiter. Sie brauchte gar nichts zu sagen. Er wusste, dass es ihr Junge war.

"Ich habe es mir überlegt", sagte sie. "Ich bin einverstanden."

"Das freut mich. Auch für Ihren Jungen! Für ihn ganz besonders - wenn Sie verstehen, was ich meine!"

"Es gibt da allerdings noch ein Problem", sagte sie.

"So?"

"Nicht hier!"

Sie gingen ins Haus, aber Michael hatte kein gutes Gefühl dabei, seine Mutter mit diesem Mann allein zu wissen.

Wenig später kam er wieder ins Freie und schloss die Tür hinter sich. Seine Mutter kam nicht heraus. Der Mann blickte sich zu beiden Seiten um und lief dann zu seinem Wagen, den er am Straßenrand abgestellt hatte. Es war ein Porsche.

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8

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Aldo Burmester parkte den champagnerfarbenen 500 SL am Straßenrand und hoffte, kein Strafmandat dafür zu bekommen. Er stieg aus. Dann sah er einen langgestreckten Lockenkopf, der ihm nur zu gut bekannt war.

Es war Kommissar Brandt - und das hieß, dass der Privatdetektiv hier auf jeden Fall richtig war.

Brandt bemerkte Aldo erst, als dieser ihn schon fast erreicht hatte. Der Kommissar machte einen etwas übernächtigten Eindruck, schien aber sonst ganz gut gelaunt zu sein.

"Sagen Sie bloß, Sie arbeiten auch an der Sache, Burmester!"

"Allerdings!"

"Da oben ist es passiert!" Brandt deutete an der Hausfassade hinauf. Aldo konnte sich denken, was der andere meinte. In einem Fenster war die Scheibe zerstört. Dort musste Fiegenbaum sein Büro gehabt haben. "Die Wucht der Geschosse hat ihn aus dem Fenster geschleudert ...", war der Kommissar zu hören.

Wo Fiegenbaum aufgekommen war, brauchte Aldo niemand zu sagen. Es hatte an den letzten Tagen nicht geregnet und deshalb waren die Kreidemarkierungen noch ganz blass zu sehen.

Aldo deutete hinauf.

"Das Büro ist versiegelt, nehme ich an ..."

"Richtig."

"Ich würde mich dort gerne mal umsehen."

"Sie werden nichts finden, Burmester. Die Spurensicherung hat auch nichts entdeckt. Der Killer war so penibel, dass er sogar seine Patronenhülsen wieder eingesammelt haben muss."

"Trotzdem."

Brandt seufzte.

"Wenn Sie mir eine Zigarette geben! Ich habe meine im Büro liegenlassen."

"Wenn's weiter nichts ist!"

Sie gingen hinauf in den siebten Stock, und Brandt entfernte das Siegel. Dann ging die Tür auf. "Sie können sich gerne umsehen", meinte Brandt. "Die Spurensicherung hat jeden Fetzen untersucht. Kaputtmachen können Sie also nichts, Burmester."

"Danke!"

"So war's nicht gemeint!"

Aldo ließ den Blick über das Chaos gleiten, das hier herrschte.

"Wie lange hatte der Täter Zeit, um sich hier umzusehen?", fragte Aldo.

"23.47 wurde ein Schuss gehört und laut Protokoll war der erste Streifenwagen um 00.01 am Tatort." Brandt zuckte mit den Schultern. "Ich habe mich schon hundertmal gefragt, wonach er hier wohl gesucht haben könnte. Besonders schien er sich für Fotos zu interessieren ..."

Aldo hob die Augenbrauen.

"Wie kommen Sie darauf?"

"Der Killer hat die Akten nur kurz durchgesehen, aber wenn Fotos darin waren, sind sie herausgenommen und auf dem Boden verstreut worden."

"Und die Kamera?"

"Welche Kamera?"

"Wenn er Fotos gemacht hat, muss er eine Kamera gehabt haben. Wo ist die?"

"Wir haben keine gefunden, Burmester. Weder hier in seinem Büro, noch in seinem Wagen! Vielleicht hat der Killer sie mitgenommen."

Aldo nickte.

"Wäre möglich." Dann nahm er sich die Schreibtischschublade vor, für den sich der Mörder nicht so sehr interessiert zu haben schien. Sie war prall gefüllt mit Quittungen und Belegen, die Stefan Fiegenbaum wahrscheinlich für die Steuererklärung gesammelt hatte. Aldo holte die Schublade ganz aus ihren Halterungen heraus und stellte sie auf den Tisch.

"Was haben Sie vor?", fragte Brandt.

"Fiegenbaums letzter Fall interessiert mich. Vielleicht hat er ja in letzter Zeit irgendwelche Anschaffungen gemacht, die damit zu tun haben."

Ein paar Minuten hatte Aldo gewühlt, dann hielt er tatsächlich etwas in den Händen. Es war die Quittung für eine Kleinbildkamera, kaum eine Woche alt. Und dann war da noch etwas: S-Bahnfahrscheine. Die meisten davon gingen in dieselbe Richtung.

"Sehen Sie sich das an!", meinte Aldo, nachdem er eine ganze Weile in den Belegen herumgewühlt hatte. "In den Wochen vor seinem Tod ist Fiegenbaum fast täglich zur Hamburger Innenstadt ins Börsencentrum gefahren ..."

Brandt runzelte die Stirn. "Zeigen Sie her ..."

"Nach allem, was ich bisher über Fiegenbaum gehört habe, wäre die Reeperbahn eine plausiblere Adresse!", meinte Aldo. "Ich frage mich, was er so oft dort zu suchen hatte."

Brandt zuckte die Achseln.

"Vielleicht hatte er einen Nebenjob!" Das war natürlich nicht ernst gemeint. Aber nur, um die Zeit totzuschlagen oder sich die Hamburger Börse von außen anzusehen, war Fiegenbaum sicher auch nicht dort gewesen.

"Ich schätze, er hat jemanden beschattet", murmelte Aldo. Fragte sich nur, wen - schließlich war die Auswahl unter den zigtausend Menschen, die täglich dort und Umgebung arbeiteten, ja mehr als groß genug.

Als Aldo ein paar Minuten später wieder im Wagen saß, meldete sich Jana per Handy.

"Hallo, Aldo!"

"Na, wie steht's?"

"Wie schon! Es gibt nun wirklich Vergnüglicheres, als einen halben Tag vor einem Haus zu sitzen und darauf zu warten, dass jemand bei Frau Fiegenbaum zu Besuch kommt."

"Ist denn wenigstens jemand gekommen?"

"Allerdings! Ich habe ein paar Bilder gemacht! Es dürfte nicht allzu schwer sein, herauszukriegen, wer das gewesen ist."

Wenigstens ein vager Ansatzpunkt!, dachte Aldo.

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9

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Der Fotoladen war nicht besonders groß und an einer Straßenecke gelegen. Der bleichgesichtige Mann sah sich nach einem Parkplatz um, sah aber, dass im weiteren Umkreis keine Chance war, einen Porsche legal abzustellen. So stellte er sich ins Parkverbot. Die Sache würde nicht lange dauern. Unwahrscheinlich, dass man ihn gerade in diesen paar Minuten aufschreiben würde.

Als der bleiche Mann eintrat, sah er hinter dem Tresen einen stämmigen, untersetzt wirkenden Mann mit Halbglatze, der das Bleichgesicht eingehend musterte.

"Was wünschen Sie?", fragte der Untersetzte.

Der Eingetretene legte einen Belegschein auf den Tresen.

"Ich möchte diese Bilder abholen."

"Für welchen Namen?"

"Herr Stefan Fiegenbaum!"

Der Untersetzte nahm das kleine Stück Papier, warf einen prüfenden Blick darauf und meinte dann: "Sie sind nicht Herr Fiegenbaum! Ich kenne ihn seit Jahren. Er ist einer meiner Stammkunden."

"Und wenn schon", sagte der Fremde. "Ich habe den Beleg. Das dürfte doch genügen, oder?"

Der Fotohändler schüttelte den Kopf.

"Nein, für mich nicht."

"Hören Sie ..." Das Bleichgesicht beugte sich etwas über den Tresen, dabei ging sein Blick seitwärts. Eine Frau stand an einem Ständer mit Fotoalben und war darin vertieft, sich eines davon auszusuchen. "Ich arbeite in Herr Fiegenbaums Auftrag!"

"Reden Sie keinen Unfug!"

"Das ist kein Unfug!"

"Herr Fiegenbaum hat mich ausdrücklich angewiesen, alle Fotos, die er zu mir gibt und entwickeln lässt, nur ihm persönlich auszuhändigen. Und daran halte ich mich! Kapiert? Wie Sie an den Beleg kommen, ist mir im Übrigen auch ziemlich schleierhaft, wenn ich ehrlich sein soll!"

Jetzt kam die Frau mit einem der Alben und bezahlte es. Indessen stand das Bleichgesicht ziemlich unruhig da. Der Muskel unter dem linken Auge zuckte. Der Kerl wartete, bis die Frau weg war. Zeugen konnte er nicht gebrauchen.

"Was wollen Sie eigentlich noch?", maulte der Geschäftsmann ziemlich ungehalten, als die Frau den Laden verlassen hatte. "Ich habe doch gesagt, dass ich Ihnen nicht helfen kann." Dann sah er die Pistole in der Hand des Bleichgesichts, dessen Mund sich ein wenig verzog.

"Wirklich nicht?", meinte er sehr leise und sehr bedrohlich.

Der Fotohändler schluckte und begann plötzlich zu schwitzen.

"Ich weiß nicht, ob Sie wissen, was Sie da tun ...", murmelte er dann, offenkundig, um Zeit zu gewinnen. Dem Bleichgesicht entging die kaum merkliche Wanderung keineswegs, die sein Gegenüber mit der Linken ausführte. Ein Alarmknopf, eine Waffe, irgendetwas in der Art, so war zu vermuten.

"Die Hände nach oben!"

Der Händler gehorchte nicht. Seine Hand wanderte nur umso schneller an der Kante des Tresens nach links.

Der abgedämpfte Schuss kam leise und tödlich.

Zweimal feuerte das Bleichgesicht. Der Fotohändler wurde zurückgerissen. Er versuchte noch, sich an den Regalen festzuhalten, die sich hinter dem Tresen befanden und fegte dabei einige Kameras herunter, ehe er selbst zu Boden rutschte. Er saß reglos und mit starren Augen da und war ohne Zweifel mausetot.

Der Mörder sah kurz zur Eingangstür des Ladens hinüber. Aber es schien, als hätte er einen günstigen Zeitpunkt für seine Tat erwischt. Es war niemand zu sehen. Er steckte die Waffe beiseite und ging dann auf die Seite des Tresens. Um an die Bilder heranzukommen, die aus dem Großlabor eingetroffen waren, musste er über die Leiche steigen und trat dabei in die Blutlache, die sich indessen gebildet hatte.

Der Killer brauchte nur unter Fiegenbaum nachzuschauen und dann hatte er schon, was er suchte: Stefan Fiegenbaums wahrscheinlich letzten Film samt Negativen. Er verzichtete darauf, den Inhalt des kleinen Tütchens zu überprüfen, denn er durfte jetzt keine Zeit verlieren.

Mit schnellen, entschlossenen Schritten lief er ins Freie. Einen Augenblick später saß er schon am Steuer seines Porsches, ließ den Motor aufheulen und trat kräftig auf das Gas.

Dieser Job war erledigt! Alles, was irgendwie gefährlich werden konnte, war jetzt in sicheren Händen!

Blieb nur ein Problem, das noch einer Lösung bedurfte.

Das Problem hieß Aldo Burmester.

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10

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Als Aldo seinen champagnerfarbenen Mercedes 500 SL auf den Bürgersteig parkte, ahnte er schon, dass vielleicht jemand anderes schneller als er gewesen war.

Sein Ziel war der Fotoladen an der Ecke. Fiegenbaums Kameraquittung war dort ausgestellt worden und da der Detektiv kein eigenes Labor hatte, musste er seine Bilder irgendwo entwickeln lassen. Vielleicht war dies die richtige Adresse.

Aber vor dem Laden war schon eine mittlere Menschentraube. Etwas war dort geschehen, und es konnte noch nicht allzu viel Zeit vergangen sein. Die Polizei war noch nicht am Ort des Geschehens.

Aldo kam näher und sah die Blutspuren auf dem Bürgersteig.

Er drängte sich durch die Leute hindurch und stand wenig später im Laden und dann war ihm klar, was geschehen sein musste.

"Hat schon jemand die Polizei gerufen?", rief Aldo in das allgemeine Gemurmel hinein. Es meldete sich niemand. Einige schauten weg. Die meisten wollten mit der Sache einfach nichts zu tun haben.

Aldo sah, dass der Mann hinter dem Tresen tot war. Der Privatdetektiv ging zum Telefon, nahm den Hörer ab und rief Dankwers’ Nummer an.

Dann sah er sich ein bisschen um. Die Kasse hatte der Täter nicht angerührt, stattdessen aber in den noch nicht abgeholten Fotos herumgewühlt.

Aldo sah die Blutspuren auf dem Boden.

"Nichts anrühren! Und gehen Sie ein Stück zurück!", wies er die Leute an.

"Ich habe den Kerl gesehen!", meinte eine Frau.

Aldo wurde hellhörig.

"Erzählen Sie!"

Die Frau war Mitte vierzig und ziemlich aufgeregt. Sie hatte sich erst vor wenigen Sekunden durch die Umstehenden gedrängt und war ziemlich blass, seit sie die Leiche des Fotohändlers gesehen hatte.

"Ich habe hier ein Fotoalbum gekauft und bin dann gegangen. Am Tresen stand ein Mann. Sehr schlank und ganz bleich im Gesicht. Er hatte irgendwie eine ungesunde Gesichtsfarbe. Ich habe nicht verstanden, worum es ging, aber er hat sich mit dem armen Herr Graumann ziemlich gehabt ..." Sie schluckte. "Er ist es gewesen, Sie müssen mir glauben!" Sie sah Aldo beschwörend an.

Aldo blieb gelassen.

"Woher wollen Sie das wissen?", fragte er.

"Habe ich das nicht gesagt?" Sie fuhr sich nervös durch die Haare. "Ich bin noch einmal zurückgekommen, weil ich meine Tasche vergessen hatte." Sie deutete zu dem Ständer mit den Fotoalben. "Sehen Sie, da steht Sie ja! Als ich um die Ecke kam, sah ich, wie dieser Mann aus dem Laden lief. Er lief ziemlich schnell und stieg dann in seinen Wagen."

"Was für ein Wagen?"

"Ein Porsche."

Aldo pfiff durch die Zähne.

"Die Nummer haben Sie nicht zufällig?"

"Nein! Ich war viel zu aufgeregt."

"Verstehe."

Irgendwo im Hintergrund war jetzt die Sirene eines Streifenwagens zu hören und wurde rasch lauter.

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Am späten Nachmittag tauchte Sven Dankwers bei Aldo und Jana in der Agentur auf.

"Was gibt's, Sven? Ausnahmsweise mal ein reiner Freundschaftsbesuch?", fragte Jana keck, obwohl sie sich an zwei Fingern ausrechnen konnte, dass es nicht so war.

Sven Dankwers grinste über das ganze breite Gesicht, von einem Ohr bis zum anderen. Für Aldo hieß das, dass es irgendeine Spur gab.

"Ich habe mich um die Autonummer dieses Porsche gekümmert", machte er mit großspuriger Geste. "Er gehört einem gewissen Leonard Clausen. Und der ist beileibe kein unbeschriebenes Blatt. Einbruch, Körperverletzung und ein paar andere Kleinigkeiten stehen bei ihm auf dem Konto. Mit Rauschgift hat er es auch mal versucht, aber die etablierten Herren in der Branche haben ihm so gewaltig in die Suppe gespuckt, dass er den Appetit daran verloren hat."

"Und was macht er heute so?"

Sven Dankwers prustete und zuckte mit den Schultern.

"Er ist nicht mehr aufgefallen. Bei jemandem wie Clausen ist das allerdings nur ein Zeichen dafür, dass er geschickter geworden ist ... Aber wenn er in der Sache drinhängt, dann wohl als Handlanger."

"Was ist mit dem Fotohändler? Ist er mit derselben Waffe getötet worden wie Fiegenbaum?"

"Der Bericht steht noch aus, Aldo. Und vor morgen Mittag rechne ich auch nicht damit. Aber was hältst du davon, wenn wir Clausen mal einen Besuch abstatten?"

"Freiwillig wird er uns nichts über seine Hintermänner sagen."

"Ich kann ihn festnehmen, Aldo." Er holte ein Stück Papier aus der Jackentasche und hielt es dem Privatdetektiv hin.

"Ein Haftbefehl?"

"Ja. Nachdem diese Frau aus dem Laden Clausen in unserer Kartei wiedererkannt hatte, war das kein Problem mehr. Und wenn er erst einmal im Loch sitzt, wird er sich schon überlegen, ob er wirklich alles allein auf sich nehmen will." Dankwers klopfte Aldo auf die Schulter. "Ich dachte, du wärst vielleicht gerne dabei."

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Leonard Clausen bewohnte ein Apartment in attraktiver Lage. Das hieß, dass seine Geschäfte - was immer darunter auch zu verstehen war - ganz gut laufen mussten. Sie waren zu viert, als sie dort auftauchten: Außer Aldo und Dankwers noch zwei Kommissare.

"Bin wirklich mal gespannt, was der Kerl uns zu sagen hat", meinte Dankwers, während er die Klingel an der Apartmenttür drückte. Seine Rechte wanderte dabei in Richtung des 38er Special, den er unter dem Jackett bei sich trug. Man konnte nie wissen.

Wenn Clausen wirklich der Mann war, den sie suchten, dann hatten sie es mit jemandem zu tun, der seine Waffe schnell und sicher zu gebrauchen wusste. Und vor allem nicht lange fackelte, ehe er den Abzug betätigte!

Auf das Klingeln reagierte niemand.

"Aufmachen! Polizei!", dröhnte Dankwers.

Aldo hatte die Automatik schon in der Hand. Zwei, drei Sekunden verrannen.

Und dann ging die Tür schließlich doch noch auf. Eine junge, gut aussehende Frau im Bademantel und mit nassen Haaren öffnete die Tür einen Spalt, löste aber noch nicht die Kette.

"Was wollen Sie?"

Sie bekam Dankwers’ Ausweis unter die Nase gehalten.

"Machen Sie auf!", wies der Kriminalhauptkommissar sie nochmals an und sie gehorchte.

Die beiden Männer ließen sie einfach stehen und sahen sich in der Wohnung um. Von Leonard Clausen keine Spur. Es gab keinen Fluchtweg und über den Balkon wäre jede Flucht aussichtslos gewesen - selbst für Akrobaten und Bergsteiger. Aldo steckte die Automatik ein.

"Wo ist Leonard Clausen?", fragte der Privatdetektiv.

"Ich weiß nicht, wen Sie meinen!"

"Verkaufen Sie uns nicht für dumm! Sie werden ja wohl noch wissen, in wessen Wohnung Sie sich unter die Dusche stellen, oder?"

Sie lief rot an. Aber nicht aus Verlegenheit, sondern aus Ärger.

"Wer sind Sie?", fragte nun Dankwers an die Schöne gewandt, die ihn daraufhin trotzig musterte. "Oder wollen Sie lieber, dass wir das bei mir im Büro klären?"

Sie warf den Kopf in den Nacken.

"Linda Germuth", murmelte sie.

"Wohnen Sie hier?"

"Was dagegen?"

"Wann kommt Clausen zurück?"

"Keine Ahnung. Was wollen Sie denn von ihm?"

"Er hat einen Mann umgebracht", mischte sich Aldo ein.

Sie zuckte nur mit den Schultern. Es schien sie nicht allzu sehr zu berühren.

"Wie gesagt", meinte sie. "Ich weiß weder, wo er steckt, noch, wann er zurückkommt. Er sagt mir nie etwas."

"Wir warten hier!", grunzte Dankwers. Er wandte sich an die beiden Kommissare. "Seht euch ein bisschen um, Leute! Vielleicht finden wir ja etwas!"

Die junge Frau stemmte die Arme in die Hüften.

"Dürfen Sie das überhaupt?"

Dankwers hielt ihr den entsprechenden Wisch unter die Nase.

"Wir dürfen", sagte er.

Aldo musterte sie währenddessen.

Sie überlegt, wie sie Clausen warnen kann, ging es ihm durch den Kopf. In ihr schien es fieberhaft zu arbeiten, Aldo spürte es ganz deutlich. Sie würde die erste Gelegenheit eiskalt ausnutzen. Man musste auf sie aufpassen.

Dann kam einer der Kommissare mit einem Paar Schuhen in der Hand. Schwarze Schnürschuhe waren es. Sie waren frisch gewienert worden, aber das hieß nicht unbedingt, dass man mit ihnen nichts anfangen konnte.

"Die könnten zu den blutigen Fußspuren passen, die am Tatort zu sehen waren", meinte der Kommissar. "Die richtige Schuhgröße ist es jedenfalls!"

Indessen hatte sich Aldo am Fenster postiert. Er sah einen Porsche herankommen und nach einem Parkplatz suchen.

"Er kommt!", stellte der Privatdetektiv an Dankwers gerichtet fest.

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Linda Germuth wurde von Dankwers ins Hinterzimmer geführt.

"Wenn Sie einen Ton sagen, bekommen Sie den allergrößten Ärger. Haben Sie mich verstanden?"

Sie antwortete nicht, sondern befreite nur ihren Arm mit einer ruckartigen, trotzig wirkenden Bewegung aus dem Griff des Kriminalhauptkommissars.

Die beiden Kommissare zogen ihre Waffen und postierten sich so, dass sie die Tür im Auge hatten. Aldo stellte sich direkt neben die Tür und presste sich an die Wand. Die Automatik hielt er mit beiden Händen umklammert.

Die Sekunden verrannen. Dann drehte sich ein Schlüssel geräuschvoll herum und die Tür ging auf. Aber nur einen Spalt weit. Linda Germuth schrie aus dem Hinterzimmer, während das bleiche Gesicht von Leonard Clausen direkt in die Mündung eines Polizeirevolvers blickte.

"Keine Bewegung! Polizei!", rief der Kommissar vorschriftsmäßig, aber Clausen zögerte nicht den Bruchteil einer Sekunde. Seine Waffe trug er in der Manteltasche. Er feuerte einfach durch die edle Schurwolle hindurch und traf.

Ein Kommissar wurde nach hinten geschleudert und der Länge nach hingestreckt, während sein Kollege zurückfeuerte. Clausens Schritte waren auf dem Flur zu hören. Er rannte, was das Zeug hielt und Aldo war der erste, der sich an seine Fersen heftete.

Der Privatdetektiv hatte kaum den Kopf durch die Apartment-Tür gesteckt, da sausten bereits die Kugeln dicht über ihn hinweg und kratzten am Wandputz.

Clausen lief am Aufzug vorbei in Richtung Notausgang. Er kannte sich hier hervorragend aus, und das war sein Vorteil. Bevor er durch die Tür zur Nottreppe schnellte, brannte er noch ein paar Geschosse in Aldos Richtung. Dann war er verschwunden.

Aldo drehte sich herum und wandte sich dem zweiten Kommissar zu, der ihm gefolgt war.

"Der Kerl wird versuchen, zu seinem Wagen zu kommen!"

Der Kommissar nickte.

"Ich kümmere mich drum!", meinte er.

"Okay!"

Aldo hetzte weiter, während der Kommissar den Aufzug abwärts nahm. Mit einer energischen Bewegung lud der Privatdetektiv die Automatik durch, bevor er sich an die Tür heranwagte, die zur Feuertreppe führte. Sie stand einen Spalt offen, und Aldo konnte in einen Hinterhof blicken. Als er die Tür etwas weiter öffnete, bekam er sofort die bleierne Quittung. Drei Schüsse, ganz kurz hintereinander abgefeuert, gingen hinauf zu ihm und es blieb ihm nichts anderes übrig, als erst einmal den Kopf einzuziehen.

Dann stieß Aldo mit einem Fußtritt die Tür auf und feuerte zurück. Leonard Clausen hatte sich hinter einem abgestellten Lieferwagen verschanzt. Noch einen ziemlich ungezielten Schuss feuerte er in Aldos Richtung und lief dann davon.

Sein Porsche war auf der entgegengesetzten Hausseite, und so hatte Clausen im Augenblick keine Chance, ihn zu erreichen.

Aldo schnellte die Feuertreppe hinab. Seine Füße klapperten in rasendem Tempo über die Metallstufen, während er gleichzeitig den Flüchtenden im Auge behielt. Aber der war ziemlich großzügig mit seiner Munition umgegangen und hatte wohl den Inhalt seines Magazins vollständig verschossen.

Als Aldo auf ebener Erde angekommen war, verschwand der bleiche Leonard gerade in einem engen Durchgang zwischen zwei Gebäuden. Der Privatdetektiv setzte zu einem Spurt an. Der Durchgang machte eine Biegung, dann kam die Straße.

Aldo blieb vorsichtig und tastete sich mit schussbereiter Waffe voran. Wenig später sah er die Passanten auf dem Bürgersteig vorbeigehen und fluchte innerlich. Sicher nutzte der Kerl jetzt die Chance, in der Menge unterzutauchen.

Aldo dachte trotzdem nicht daran aufzugeben. Eine minimale Chance blieb. Er rannte los und stand ein paar Sekunden später zwischen hektischen Passanten, von denen einige etwas irritiert auf die Automatik in seiner Hand blickten.

Der Privatdetektiv drehte sich herum und dann sah er ihn, keine zwanzig Meter entfernt.

Clausen kümmerte sich nicht um die Menschen um ihn herum. Er schien seine Waffe inzwischen nachgeladen zu haben und feuerte nun wild drauflos, während Aldo sich duckte, um sich dann neben einen am Straßenrand parkenden Wagen in Deckung zu hechten. Das dumpfe Geräusch der Schalldämpferpistole ging im allgemeinen Straßenlärm völlig unter. Dennoch entstand eine mittlere Panik.

Als Aldo aus seiner Deckung mit angelegter Automatik hervortauchte, hatte Clausen eine junge Frau bei den Haaren gepackt, die offenbar einen Moment zuvor aus ihrem weißen Golf gestiegen war. Die Wagentür stand noch offen und Clausen hielt die Frau jetzt wie einen Schutzschild vor den eigenen Körper.

Die Frau schrie vor Angst, aber als sie den Schalldämpfer an der Schläfe spürte, verstummte sie abrupt.

"Geben Sie auf, Clausen! Machen Sie es nicht noch schlimmer!", rief Aldo, der die Automatik keinen Millimeter gesenkt hatte, obwohl er wusste, dass er sie in dieser Situation nicht benutzen konnte.

Leonard zog die junge Frau mit sich, bis er den Golf umrundet hatte und auf der Fahrerseite stand. Aldo wurmte es, dass er nichts tun konnte, als zuzusehen. Bevor der Killer sich dann ans Steuer setzte, ließ er die Frau los, die so schnell sie konnte davonlief.

Dann folgte ein Blitzstart. Die Reifen des Golfs drehten durch und Clausen fädelte ziemlich brutal in den Verkehr ein. Jemand hupte. Bremsen quietschten und dann brauste er davon.

Aldo überlegte eine Sekunde, ihm die Reifen zu zerballern, aber es waren zu viele Menschen in der Schussbahn.

Er fluchte leise vor sich hin, während er hinter sich ein ächzendes Geräusch hörte. Aldo wandte sich um und sah Dankwers japsend daherlaufen. Verfolgungsjagden waren schon auf Grund der korpulenten Figur nicht unbedingt Dankwers’ Stärke - zumindest, wenn sie auf Schusters Rappen durchgeführt wurden.

Nun war der Kriminalhauptkommissar völlig außer Atem.

"Jetzt werden wir ihn lange suchen können", meinte er resignierend.

"Ich habe mir die Nummer gemerkt", erwiderte Aldo, während er die Automatik an ihren Ort steckte. "Vielleicht nützt es ja was, den Golf zur Fahndung durchzugeben." Aber insgeheim wusste Aldo, dass nicht viel dabei herauskommen würde. Wenn Leonard Clausen seinen Verstand einigermaßen beisammen hatte, dann würde er den Wagen an der nächsten S-Bahnstation stehen lassen, um anschließend auf Nimmerwiedersehen unterzutauchen.

"Seine Hintermänner werden jetzt mehr als aufgescheucht sein", glaubte Dankwers. "Vielleicht gehen sie jetzt erst einmal eine Weile völlig auf Tauchstation. Das wird uns unser Geschäft nicht gerade erleichtern, Aldo."

"Dann müssen wir es so drehen, dass das Gegenteil dabei herauskommt", gab der Privatdetektiv zurück.

"Das sie noch nervöser werden?"

"Ja, und Fehler machen ..."

Sie machten sich auf den Rückweg.

"Was ist mit Kommissar Reppin?", erkundigte sich Aldo.

Sven Dankwers seufzte.

"Er ist tot, Aldo. Und ich sage dir eins: Ich werde nicht eher ruhen, bis dieser Clausen das bekommt, was ihm zusteht!"

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Leonard Clausen wusste, dass er einen schlimmen Fehler gemacht hatte. Aber nun war es nicht mehr zu ändern. Er konnte allerhöchstens noch versuchen, seine eigene Haut zu retten und das Schlimmste zu verhindern.

Clausen war mit der S- und U-Bahn mehr oder weniger ziellos durch die Stadt gefahren und schließlich weit oben im Norden von Hamburg gelandet. Seine Verfolger hatte er abgehängt, der gestohlene Golf stand irgendwo im Halteverbot und würde bald der Fahndung in die Hände fallen.

Clausen schätzte, dass er den Kommissar in seiner Wohnung voll erwischt hatte. Das war sein schlimmster Fehler gewesen, aber einer, der sich nicht hatte vermeiden lassen.

Doch nun musste er damit rechnen, dass die gesamte Polizei von Hamburg heiß auf ihn war. Polizistenmord war eben immer noch etwas ganz Besonderes.

Er kaufte sich an einer Imbissbude einen Hot Dog. Morgen würde sein Bild wahrscheinlich schon in der Zeitung stehen und in den Lokalnachrichten zu sehen sein. Dann würde alles schwieriger für ihn werden.

Mit dem Hot Dog in der Hand griff er nach seinem Handy und wählte eine Nummer, die er auswendig kannte.

"Hallo?", meldete sich etwas mürrisch eine Stimme, die Clausen auf Anhieb erkannte.

"Herr Lafett? Hier spricht Leonard Clausen!"

"Hatten wir nicht abgemacht, dass Sie mich unter diese Nummer nicht anrufen, Clausen?", fragte die Stimme auf der anderen Seite etwas ungehalten. "Was fällt Ihnen ein! Verdammt, haben Sie den Verstand verloren?"

"Ich würde es nicht tun, wenn es sich vermeiden ließe."

Lafett atmete so tief durch, dass man es durch die Leitung hören konnte.

"Na, schön!", meinte er dann. "Was gibt es?"

"Ich brauche jetzt Ihre Hilfe. Etwas Furchtbares ist geschehen! Die Polizei war in meiner Wohnung."

"Auf wessen Konto geht das?"

"Die Frau vielleicht ... Ich weiß es nicht. Dieser Burmester war auch dabei. Er steckt seine Nase allmählich entschieden zu tief in die Sache."

"Dann werden wir ihm eine Warnung zukommen lassen müssen", meinte Lafett. "Eine sehr ernste Warnung."

"Darum geht es jetzt nicht."

"Worum dann?"

"Ich muss untertauchen. Und da ist noch etwas: Ich habe einen Polizisten getötet. Ich hatte keine andere Wahl."

Auf der anderen Seite war ein paar volle Sekunden lang nur Schweigen. Dann sagte Lafett: "Damit will ich nichts zu tun haben. Ich war von Anfang an dagegen."

"Sie müssen mir helfen!"

"So, muss ich?"

"Ich werde sonst dafür sorgen, dass ihr alle mit hineingerissen werdet! Darauf können Sie sich verlassen, Lafett! Glauben Sie vielleicht, Sie können sich von mir die Kastanien aus dem Feuer holen lassen und mich dann einfach so fallen lassen?"

"Es ist Ihr Job, Leonard. Und Ihr Risiko."

"Wie Sie wollen ..."

"Warten Sie! Wo sind Sie jetzt? Vielleicht finden wir ja eine Lösung."

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Am nächsten Tag versuchte Aldo, sich mit Karin Fiegenbaum in Verbindung zu setzen. Aber als er bei ihr anrief, legte sie einfach auf. Bei weiteren Versuchen nahm sie gar nicht erst den Hörer ab. Als Aldo bei ihr auftauchte, tat sie, als wäre niemand zu Hause. Sie reagierte zuerst weder auf die Klingel, noch auf Aldos Klopfen.

Als sie schließlich doch öffnete, sah sie Aldo an wie ein Gespenst. Diesmal war sie vollständig angezogen. Sie trug Jeans und einen Sweater.

Sie sagte überhaupt nichts, sondern führte ihn nur in die Wohnung.

"Was ist los mit Ihnen?", fragte Aldo.

Sie wandte den Kopf zur Seite und schwieg noch immer.

"Ich denke, Sie haben mir einiges zu sagen ..."

Sie verzog das Gesicht. "Ach, ja?"

"Zum Beispiel wissen Sie, woran Ihr Mann zuletzt gearbeitet hat. Sie wollen es mir nicht sagen und ich frage mich, warum."

"Ich habe keine Ahnung, wovon Sie sprechen, Herr Burmester. Und ich möchte Sie bitten, jetzt wieder zu gehen."

"Tut mir leid, aber so leicht werden Sie mich nicht los!" Aldo nahm sich einen Stuhl und setzte sich darauf, während Karin Fiegenbaum starr vor sich hin blickte. Sie schien unter einem unglaublichen Druck zu stehen. Aldo fragte sich nur, woher dieser Druck letztlich kam.

"Sie haben das Bankschließfach Ihres Mannes geleert, dessen Inhalt eigentlich für mich bestimmt war", stellte Aldo sachlich fest.

Das ließ sie aufblicken. Sie strich sich die rote Mähne aus dem Gesicht und zog die Augenbrauen ungläubig zusammen.

"Was?", fragte sie. "Ich weiß von keinem Schließfach!"

"Sie brauchen mir nichts vorzuspielen, Frau Fiegenbaum. Sie sind dort gesehen worden und haben sogar Ihre Unterschrift hinterlassen."

"Ich war nicht dort! Hören Sie ..."

"Nein, Sie hören jetzt mir zu! Ich weiß nicht, woran es liegt, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass Sie gar nicht wissen wollen, wer Ihren Mann ermordet hat."

"Das ist eine unglaubliche Unterstellung, Herr Burmester!"

"Dann entkräften Sie sie und helfen Sie mir!"

"Mein Mann ist tot und nichts kann ihn wieder lebendig machen. Aber das Leben muss weitergehen. Verstehen Sie, was ich meine?"

Aldo schüttelte den Kopf.

"Nein, ich glaube nicht."

"Dann glauben Sie mir bitte wenigstens, dass ich Stefan geliebt habe. Aber jetzt muss ich an die Zukunft denken."

"Was bedeutet das?"

Ihre Blicke trafen sich. In ihren dunklen Augen sah Aldo so etwas wie Verzweiflung. Sie musste sich sehr zusammenreißen und schien es auch nur unter größten Anstrengungen zu schaffen. Ihre Lippen waren aufeinandergepresst. Schließlich sagte sie: "Es bedeutet, dass Sie mich in Ruhe lassen sollen, Herr Burmester."

"Wie ich darüber denke, habe ich ihnen ja schon gesagt." Aldo erhob sich und trat näher an sie heran. Er legte ihr den Arm behutsam um die Schulter und stellte dann fest: "Ich habe den Eindruck, dass man Sie unter Druck setzt. Ist das richtig?"

"Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen."

"Sie wissen es ganz genau. Und ich vermute, dass Sie auch wissen, wer der Mörder Ihres Mannes ist."

"Das ist eine Lüge!"

"Zumindest wissen Sie über seinen letzten Fall Bescheid, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie weggeschaut haben, als Sie den Inhalt des Schließfachs in den Händen hielten. Was war es? Fotos vielleicht? Ich wette, es waren Fotos. Vielleicht auch noch andere Sachen. Dinge, die jemandem einen Mord wert waren."

"Hören Sie auf!"

"Warum?"

"Ich war nicht in der Bank! Das sagte ich doch schon, verdammt noch mal! Warum glauben Sie mir denn nicht?"

"Ich würde ja gerne."

"Bitte gehen Sie!"

"Was ist mit dem Kerl, der Sie gestern Nachmittag besucht hat?"

Sie wurde bleich.

"Woher wissen Sie das?"

"Was spielt das für eine Rolle?", gab Aldo zurück.

"Es ist doch wohl meine Sache, wen ich hier empfange, oder?"

Aldo zuckte die Achseln.

"Sicher. Aber Sie sollten sich vor ihm in Acht nehmen."

"Ich konnte immer hervorragend auf mich selbst aufpassen."

"Der Mann heißt Leonard Clausen und hat einen Fotohändler erschossen, weil dieser sich geweigert hat, Bilder herauszurücken, die Ihr Mann ihm zur Entwicklung gegeben hat."

Sie schluckte jetzt.

"Was erwarten Sie? Dass ich vor Angst erzittere?"

"Warum nicht? Sie hätten allen Grund dazu. Dieser Mann ist ein skrupelloser Killer!" Aldo ließ das erst einmal wirken und fuhr dann nach kurzer Pause fort: "Leonard Clausen schätze ich mehr oder weniger als Handlanger ein. Ihr Mann ist irgendeiner großen Schweinerei auf der Spur gewesen. Ich schätze, er ist per Zufall darauf gestoßen. Und vielleicht hat er geglaubt, die Hintermänner unter Druck setzen zu können - aber darüber wissen Sie sicher mehr als ich."

Sie seufzte, stand auf und ging zum Fenster. Ihre Arme waren vor der Brust verschränkt.

"Ich kann Ihnen nicht helfen, Herr Burmester. Glauben Sie mir!"

"Womit erkaufen die sich Ihr Schweigen?", fragte Aldo. "Sorgen die für Ihre finanzielle Zukunft?"

"Gehen Sie, Burmester!"

"Oder hat man Ihnen nur versprochen, Sie in Ruhe zu lassen und Ihrem Jungen nichts zu tun?"

Tränen traten ihr ins Gesicht. Sie wischte sie hastig weg. Aldo schien es ziemlich genau getroffen zu haben.

"Verstehen Sie mich doch!"

"Ich verstehe Sie. Aber ich glaube nicht, dass es richtig ist, was Sie tun."

"Es ist ja nicht Ihr Junge, oder? Da kann man natürlich leicht große Reden schwingen."

Aldo schüttelte den Kopf.

"Ich will Ihnen keine Moralpredigt halten, sondern nur, dass Sie sich klarmachen, in welcher Gefahr Sie sind."

"Lassen Sie das meine Sorge sein!"

"Was glauben Sie, wie lange das gut geht? In dem Moment, in dem diese Leute den Eindruck haben, dass man sich auf Sie nicht mehr verlassen kann, wird man Ihnen das Licht ausknipsen." Aldo legte eine seiner Visitenkarten auf den Küchentisch. "Denken Sie darüber nach!", meinte er. "Auch um Michaels Willen!"

Sie wandte sich zu Aldo herum. Ihr Gesicht drückte jetzt Entschlossenheit aus.

"Ich habe mich längst entschieden, Herr Burmester. Und ich möchte, dass Sie das respektieren."

"Ich hoffe, Sie wissen, was Sie tun!"

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Während Aldo ins Freie trat, sah er kurz die Uhr an seinem Handgelenk. Vielleicht hatte Dankwers inzwischen den Bericht, der entscheiden würde, ob Leonard Clausen auch Fiegenbaum auf dem Gewissen hatte. Wenn es so war, dann blieb allerdings immer noch die Frage offen, wer ihn geschickt hatte.

Den 500 SL hatte Aldo hundert Meter weiter auf der anderen Straßenseite abgestellt. Als der Privatdetektiv schräg über die Fahrbahn ging, scherte plötzlich ein Ford aus einer Parklücke heraus, hielt direkt auf Aldo zu und beschleunigte sogar noch. Das Ganze dauerte nur wenige Sekunden.

Aldo wirbelte herum und wusste, dass nur noch eine einzige Chance blieb, am Leben zu bleiben.

Er sprang und landete hart auf der Kühlerhaube.

Das Blech knickte unter seinem Gewicht hörbar ein. Von dem Gesicht des Fahrers war nichts zu sehen. Er hatte sich einen Damenstrumpf über den Kopf gezogen, der seine Züge wie eine groteske Fratze erscheinen ließ. Der Ford stoppte ziemlich abrupt, so dass Aldo von der Haube geschleudert wurde.

Der Privatdetektiv kam hart auf den Asphalt.

Aldo saß in der Falle. Er war eingekeilt zwischen einem am Straßenrand abgestellten Pkw und dem Ford, dessen Motor nun aufheulte. Wenn Aldo jetzt auf die Beine kam und versuchte davonzulaufen, würde er zerquetscht werden. Aber einfach liegenzubleiben war eine genauso wenig verlockende Aussicht.

Das war kein Unfall, sondern ein Mordversuch. Der Kerl am Steuer des Fords wollte Aldo töten.

Aldo sah einen Reifen auf sich zuschnellen und rollte sich am Boden herum, so dass er den Bruchteil eines Augenblicks später unter dem parkenden Wagen lag.

Über sich hörte er Blech gegen Blech schrammen.

Aldo rollte unter dem Pkw hinweg und kam auf der anderen Seite auf den Bürgersteig. Mit einer schnellen Bewegung riss er die Automatik unter dem völlig ruinierten Jackett hervor, während der Ford bereits rückwärts setzte und dann losbrauste.

Indessen stand Aldo mit der Automatik in der Hand hinter dem parkenden Wagen und ballerte zweimal auf den Ford. Er zielte auf die Reifen, verfehlte aber knapp. Der Ford schlug eine Art Haken mitten auf der Fahrbahn, so dass ein entgegenkommender Lieferwagen nur um Haaresbreite ausweichen konnte. Im nächsten Moment war der Ford dann mit quietschenden Reifen in eine Seitenstraße eingebogen.

Aldo hörte ihn beschleunigen.

Den würde er wohl nicht mehr einholen.

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Eine halbe Stunde später befand Aldo sich am Pier, von wo aus die Fähren über die Elbe abgingen.

Aber diesmal schien die Fähre mit Verspätung auszulaufen - oder fürs Erste überhaupt nicht mehr. Jedenfalls lag sie noch am Pier und hinkte dem Fahrplan, der auf einem großen Plakat abgedruckt war, erheblich hinterher. Polizeiwagen parkten in der Nähe. Das ganze Gelände machte den Eindruck hektischer Aktivität. Ein uniformierter Beamter wollte Aldo wegscheuchen.

"Wir brauchen hier keine Schaulustigen, Mann!"

Aldo zog seinen Ausweis heraus und hielt sie ihm unter die Nase.

"Man hat mir gesagt, dass Kriminalhauptkommissar Dankwers hier ist", meinte er dazu.

Der Polizist betrachtete stirnrunzelnd den Ausweis und zuckte dann mit den Schultern.

"Wenn es Ärger geben sollte, werde ich alles auf Sie abwälzen."

"Es wird keinen Ärger geben. Kriminalhauptkommissar Dankwers erwartet mich!"

Das war zwar etwas übertrieben, aber auch nicht völlig an den Haaren herbeigezogen. Der Polizist ließ Aldo passieren.

"Gehen Sie zur Fähre! Der Kriminalhauptkommissar muss dort irgendwo sein."

Wenige Augenblicke später stand Aldo seinem alten Freund gegenüber. Er stand am Heck der Fähre und blickte zusammen mit ein paar anderen Männern hinab in die Tiefe. Aldo stellte sich neben ihn und blickte ebenfalls hinunter in das trübe Wasser der Elbe. Ein Taucher war da unten bei der Arbeit.

"Hallo, Sven! Was ist eigentlich hier los?", erkundigte sich Aldo.

Dankwers drehte sich zu dem Privatdetektiv herum. Sein Gesicht hatte jegliche Farbe verloren. Irgendetwas musste dem Kriminalhauptkommissar ganz gehörig an die Nieren gegangen sein. Jedenfalls konnte sich Aldo nicht erinnern, den Freund in letzter Zeit so gesehen zu haben.

"Was machst du hier, Aldo?", fragte Dankwers seinen Freund, aber er wirkte abwesend dabei.

"Brandt hat mir gesagt, ich könnte dich hier treffen", erwiderte Aldo Burmester.

Dankwers deutete hinab.

"Da unten war eine Leiche, die sich in den Schiffsschrauben verfangen hatte." Er seufzte. "Zum Glück ist es nicht mein Job, alles zusammenzusuchen. Was ich gesehen habe, hat auf jeden Fall ausgereicht, um mir für den Rest des Tages gründlich den Appetit zu verderben."

"Kann ich mir vorstellen ..."

"Das möchte ich bezweifeln, Aldo."

Dankwers wandte sich von der Reling ab und ging ein paar Schritte. Aldo folgte ihm und zündete sich dabei eine Zigarette an, was bei dem kräftigen Wind, der über das Wasser der Elbe fegte, gar nicht so einfach war.

"Der Tote ist übrigens Leonard Clausen", sagte Dankwers. "Der Schiffsführer hat sofort bemerkt, dass etwas nicht stimmte und die Maschinen abgestellt. Wäre er weniger aufmerksam gewesen, hätten wir vielleicht Schwierigkeiten bekommen, ihn zu identifizieren, aber so war sein Gesicht noch eindeutig zu erkennen."

Aldo hob die Arme zu einer abwehrenden Geste.

"Tu mir einen Gefallen und erspar mir die Details, Sven! So schön sind die nun wirklich nicht."

Ein mattes Lächeln ging über Dankwers’ Gesicht.

"Sorry."

"Wie ist es passiert?", hakte Aldo nach. "Wisst ihr schon etwas?"

"Er schwimmt wahrscheinlich schon die ganze Nacht im Wasser", erwiderte Sven Dankwers. "Aber eins steht schon fest: Er ist nicht ertrunken, sondern starb durch einen Schuss. Noch haben wir keine Ahnung, wo das geschehen sein könnte." Er zuckte mit den Schultern. "Er wurde umgebracht und dann ins Wasser geworfen."

"Ein Killer, der sein Handwerk versteht, hätte der Leiche ein paar Steine um den Hals gebunden, damit sie nicht wieder auftaucht", meinte Aldo.

"Und du meinst, dieser hier verstand sein Handwerk nicht so besonders?"

Aldo zuckte die Achseln.

"Ich schätze, dass Leonard Clausen für seine Auftraggeber einfach zu heiß wurde."

"Wie auch immer: Jedenfalls war Clausen der Mörder von Stefan Fiegenbaum. Das steht nach dem Vergleich zwischen den Projektilen, die in den Körpern von Fiegenbaum, dem Fotohändler und Kommissar Reppin steckten, wohl fest. Alle drei wurden mit derselben Waffe erschossen." Dann blickte Dankwers an Aldo hinunter und meinte plötzlich: "Ich habe das Gefühl, du warst schon mal näher am Stand der Mode, Aldo. Oder ist der Gammel-Look wieder in und ich hab's nicht mitgekriegt?"

Aldo lächelte dünn.

"Ich hatte eine ziemlich unerfreuliche Begegnung mit einem Kerl, der es vorzog, sein Gesicht nicht zu zeigen."

Dankwers hob die Augenbrauen.

"Eine Warnung an deine Adresse?"

"Ja, etwas in der Art. Vielleicht auch schon mehr."

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Karin Fiegenbaum schaute nervös auf die Uhr. Michael hätte längst zu Hause sein müssen. Sie rief in der Schule an, aber dort war er nicht mehr.

Vielleicht war er noch mit Freunden unterwegs, obwohl sie ihm eingeschärft hatte, gleich nach Hause zu kommen. Der Wagen war unglücklicherweise in der Werkstatt, sonst hätte sie ihren Sohn abgeholt.

Eine halbe Stunde, das ist nicht viel, redete sie sich ein. Das konnte alles Mögliche bedeuten. Irgendetwas Harmloses vermutlich ...

Aber sie konnte ihre Sorgen nicht einfach so abstreifen. Es half nichts, sich immer von Neuem einzureden, dass das alles nichts bedeuten musste. Sie hatte sich nichts vorzuwerfen. Sie hatte sich an das gehalten, was man ihr gesagt hatte und dafür hatte man ihr zugesichert, dass ihr nichts geschehen würde. Und natürlich auch ihrem Jungen nicht. Das war das Allerwichtigste für sie.

Karin Fiegenbaum biss sich die Lippe und unterdrückte die Tränen, die einfach so aus ihr herauslaufen wollten.

Nur kühlen Kopf bewahren!, wies sie sich selbst an. Nur nicht den Verstand verlieren!

Sie hätte schreien können, aber obwohl sie allein in der Wohnung war, tat sie es nicht. Stattdessen ging sie zum Telefon und klapperte die Reihe von Michaels Freunden ab. Zumindest diejenigen, von denen sie wusste. Nichts. Immer wieder nichts. Sie fragte sich, was sie unternehmen konnte.

Die Polizei schied aus - und dieser Burmester? Nachdem sie ihn derart abserviert hatte?

Was soll's!, dachte sie. Er weiß ohnehin schon eine Menge oder reimt es sich zusammen. Warum soll er nicht auch den Rest wissen?

Aber wenn sie Michael wirklich in ihre Gewalt gebracht hatten, dann konnte es für den Jungen das Ende bedeuten. Skrupellose Leute waren das, denen eine Leiche mehr oder weniger keine besonderen Kopfschmerzen machte.

Plötzlich hörte sie einen Wagen vorfahren. Eine Autotür wurde geöffnet und fiel wieder ins Schloss. Dann Schritte. Sie glaubte schon fast, sich verhört zu haben und spürte ihr Herz wie wild schlagen. Sie kannte diese Schritte ganz genau. Es war Michael.

Sie rannte zur Tür, öffnete und nahm ihren Sohn in die Arme, während sie flüchtig mit den Augenwinkeln eine Limousine davonfahren sah.

"Warum weinst du, Mama?", fragte der Junge.

"Ich weine überhaupt nicht", behauptete sie. "Mit wem bist du gerade gekommen?"

"Ein Mann. Er war sehr nett und hat mich mitgenommen."

"Aber ich habe dir doch gesagt, du sollst nicht einfach mit irgendjemandem, den du nicht kennst, mitgehen!"

"Aber er hat gesagt, dass er dich und Papa kennt, Mama!"

Sie atmete tief durch. Im Augenblick hatte sie nicht den Nerv, das auszudiskutieren. Dann ging das Telefon.

Karin Fiegenbaum ließ es ein halbes Dutzend Mal klingeln, ehe sie aus ihrer Starre erwachte und sich bewegte. Mit zitternder Hand nahm sie den Hörer ab.

"Ja?"

Sie hörte das Atmen eines Menschen. Karin wollte am liebsten in die Muschel hineinschreien und die Person auf der anderen Seite der Leitung auffordern, sich doch endlich zu melden.

Aber sie ließ es. Ein Kloß steckte ihr im Hals und verhinderte, dass auch nur ein einziger Ton über ihre zusammengepressten Lippen kam. Schließlich machte es 'klick!' und die Leitung war unterbrochen.

Karin Fiegenbaum ließ den Hörer sinken und fühlte den kalten Schweiß auf ihrer Stirn. Angst kroch ihr den Rücken hinauf wie eine kalte, glitschige Qualle.

Aber sie hatte verstanden.

Dies war eine Warnung, vielleicht die letzte. Man wollte ihr klarmachen, dass sie keine Chance hatte, sich herauszuwinden. Nicht die Geringste! Sie konnten jederzeit zuschlagen, wenn sie wollten. Und sie wussten genau, wie Karins Achillesferse hieß: Michael.

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"Ich komme einfach nicht über die Fahrkarten zum Börsencentrum in der Hamburger Innenstadt hinweg", meinte Aldo, nachdem er sich umgezogen und frisch gemacht hatte.

Wieder und wieder war er zusammen mit Jana die Liste von Fiegenbaums Klienten durchgegangen, aber keiner von denen hatte etwas mit der Börse zu tun. Weder Börsenmakler noch Geschäftsleute waren darunter.

Die Leute, für die Fiegenbaum gearbeitet hatte, waren von kleinerem Kaliber. Ein jiddischer Gemüsehändler zum Beispiel, dessen Laden wiederholt von einer Jugendgang heimgesucht worden war. Oder eine Frau, deren 15jährige Tochter mit dem Haushaltsgeld ihrer Mutter durchgebrannt war, um in Frankfurt als Fotomodell das große Los zu ziehen.

"Lafett", murmelte Jana. "Der Name kommt mir bekannt vor. Ich meine, im Zusammenhang mit dem Börsencentrum ..."

Aldo hob die Augenbrauen und warf dann einen Blick auf die Liste.

"Jennifer Lafett? Sie hat Fiegenbaum beauftragt, ihren Mann zu beschatten, der offenbar auf irgendwelche Abwege gekommen war ..."

"Nein, keine Frau. Ein Mann. Warte! Gregor Lafett heißt er und er kommentiert auf irgendeinem Kabelsender die Börsenentwicklung. Jede Woche freitags. Chartanalyse nennt sich das."

Aldo pfiff durch die Zähne.

"Du kennst dich ja richtig aus!"

"Was dachtest du denn!"

"Siehst du dir diese Sendung regelmäßig an?"

"Immer, wenn ich Gelegenheit habe." Sie zuckte die Schultern. "Weißt du, ich habe nämlich ein paar D-Mark in einen Aktienfond investiert und möchte natürlich ganz gerne darüber auf dem Laufenden bleiben, was aus meinem Geld wird."

Aldo grinste. "Sieh an!"

"Tja, da staunst du, was?"

"Und? Ich hoffe, es hat sich für dich gelohnt!"

"Ich kann nicht klagen", lächelte Jana.

"Wie wär's, wenn du mal versuchst die Adresse der Lafetts herauszufinden. Angenommen Fiegenbaum hat Lafett beschattet, weil seine Frau glaubte, er hätte etwas mit einer anderen ..."

"... und ist dabei auf etwas Größeres gestoßen?"

"Wäre doch möglich, oder?"

"Es ist ein Strohhalm, Aldo. Ich hoffe, du bedenkst das!"

"Ja, aber was bleibt uns anderes? Leonard Clausen hätte vielleicht interessante Dinge zu erzählen, wenn er noch leben würde. Aber er ist tot und kann uns nicht mehr zu seinen Hintermännern führen."

Jana stemmte ihre schlanken Arme in die geschwungen Hüften.

"Und was ist mit Fiegenbaums Witwe? Kannst du es noch einmal bei ihr versuchen?"

Aldo schüttelte den Kopf.

"Sie hat Angst, und ich kann sie irgendwie auch gut verstehen. Schließlich hat sie einen kleinen Jungen."

"Sie könnte Polizeischutz anfordern, Aldo."

"Du weißt doch, wie das ist, Jana! Man wird ihr und dem kleinen Michael kaum eine Rund-um-die-Uhr-Überwachung bewilligen, die ausreicht, um sie wirklich zu schützen."

"Und wenn du noch mal mit Sven sprichst? Vielleicht kann er etwas machen."

"Sie wird ihm gegenüber nie zugeben, dass sie überhaupt bedroht wird. Und dann kann er so gut wie nichts tun."

Wenig später ging das Telefon in Burmesters Agentur. Es war niemand anderes als Sven Dankwers.

"Wenn man vom Teufel spricht", murmelte Aldo. "Wenn du extra hier anrufst, gibt es wohl eine neue Spur, oder irre ich mich, Sven?"

"Erraten!", dröhnte der Kriminalhauptkommissar.

"Na, dann raus damit!"

"Ein Pizza-Bäcker in der Gegend hat einen Mann beobachtet, der offensichtlich verletzt war. Am Bein. Als er ihm helfen wollte, hat der Kerl ihn mit einer Pistole bedroht und ist davongehumpelt. Das könnte unser Mann sein, denn Clausen war ja bekanntlich ziemlich schnell mit der Waffe zur Hand. Er könnte sich gewehrt und seinem Mörder noch eins verpasst haben, bevor es ihn selbst erwischte."

Aldo pfiff durch die Zähne. Das war vielleicht ein Ansatzpunkt.

"Kann der Pizza-Bäcker den Kerl identifizieren?"

"Leider nein. Es war dunkel, und außerdem trug der Mann eine Schirmmütze. Aber meine Leute klappern jetzt alle Krankenhäuser und Arztpraxen ab, an die sich der Mann vielleicht gewandt haben könnte."

"Na, da wünsche ich ihnen viel Spaß bei dieser Sisyphus-Arbeit!"

"Wenn ich den Jungs diese Wünsche wirklich ausrichte, wirst du dich fürs Erste nicht mehr bei uns sehen lassen können, Aldo", meinte Kriminalhauptkommissar Dankwers.

"Da ist noch etwas, Sven."

"Und was?"

"Fiegenbaums Witwe. Es wäre nicht schlecht, wenn sie Polizeischutz bekäme."

Dankwers atmete so schwer, dass Aldo den Hörer etwas vom Ohr nahm.

"Aldo, du weißt wie das ist ..."

Aldo konnte sich denken, was jetzt kam. Das alte Lied vom Personalmangel und ein paar anderen Widrigkeiten, gegen die nichts zu machen war. Einen Augenblick lang hörte Aldo sich die Litanei an, dann unterbrach er seinen Freund mitten im Satz.

"Sie ist unter Druck, Sven!"

"Weißt du, was meine Vorgesetzten mit mir machen, wenn das herauskommt? Ich habe ja auch noch einmal versucht, mit der Frau zu sprechen, nachdem Brandt sich schon die Zähne ausgebissen hatte. Sie weiß nichts oder will nichts wissen. Und das heißt, dass ich nichts machen kann."

"Dann lass sie beschatten", schlug Aldo vor und setzte dann ironisch hinzu: "Schließlich wissen wir ja nicht, ob sie nicht Clausens Auftraggeber war."

Aber das ging Dankwers zu weit.

"Du willst mich wohl auf den Arm nehmen!" Er seufzte. "Eine Streife alle zwei Stunden. Das ist alles, was ich machen kann."

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"Sein wöchentlicher Auftritt im Kabelfernsehen ist nicht Gregor Lafetts eigentlicher Job", berichtete Jana, während Aldo den Mercedes 500 SL startete. Er blickte zu ihr hinüber.

"Und was ist sein Hauptjob?"

"Er leitet die Investment-Abteilung in der Allgemeinen Börse."

"Dann dürften wir ihn um diese Zeit dort am ehesten antreffen", schloss Aldo.

Es dauerte nicht lange, bis sie die Zentrale der Allgemeinen Börse erreicht hatten. Viel mehr Zeit nahm es in Anspruch, sich durch die verschiedenen Vorzimmer voranzuarbeiten. Aldo gab sich dabei als Mitarbeiter des Magazins Wirtschaftswoche aus und behauptete dreist, einem Skandal auf der Spur zu sein, in den möglicherweise auch die Investment-Abteilung der Allgemeinen Börse verwickelt sei. Aber natürlich wolle er vor Veröffentlichung der Story erst die Stellungnahme von Herrn Lafett dazu hören.

Das zog.

Und so landeten Aldo und Jana schließlich im Büro von Marina Junkers, Lafetts Stellvertreterin.

Marina Junkers war dunkelhaarig und hatte braune Augen. Es war schwer zu sagen, wie alt sie wirklich war. Entweder, sie hatte sehr schnell Karriere gemacht, oder sie sah viel jünger aus, als sie war. Jedenfalls hatte die Karriere nicht ihrem Aussehen geschadet. Sie sah blendend aus.

"Sie arbeiten für die Wirtschaftswoche?"

"Ich hatte gehofft, mit Herrn Lafett sprechen zu können."

Sie bedachte Aldo mit einem Blick, der dem Privatdetektiv aus irgendeinem Grund nicht gefiel. "Das ist leider nicht möglich, Herr ..."

"Burmester."

"Sagen Sie, habe ich Sie schon einmal gesehen?"

"Gut möglich. Wo ist Herr Lafett?"

"Er hat sich für ein paar Tage krank gemeldet."

"Etwas Ernstes?"

"Ich habe keine Ahnung." Sie lächelte. "Und es gehört auch nicht zu meinem Aufgaben, ihn auszuhorchen. Also, entweder nehmen Sie mit mir vorlieb oder Sie gehen einfach wieder!"

Aldo zuckte die Achseln. "Okay!"

"Außerdem kommen Sie niemals von dem Magazin, Herr Burmester."

"Woher wissen Sie das?"

"Instinkt. Was sind Sie? Steuerfahnder?"

"Privatdetektiv."

Diese Auskunft schien Marina Junkers nicht im Geringsten zu überraschen. Sie lächelte und dabei blitzte es eigentümlich in ihren dunklen Augen. Sie war zweifellos eine Frau, die es faustdick hinter den Ohren hatte - auch wenn sie sich alle Mühe geben mochte, das hinter einer freundlichen Fassade zu verbergen.

"Dachte ich es mir doch", meinte sie. "Was wollen Sie von Lafett?"

"Das geht nur Lafett etwas an."

"Ich verstehe ...", murmelte sie.

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"Ich habe das Gefühl, dass dein Talent als Hochstapler auch schon einmal besser ausgeprägt war", meinte Jana später. "Sie hat dich angesehen, als ob sie Anfang an genau wusste, wer du bist."

"Wir sind uns nie begegnet", behauptete Aldo.

Jana grinste.

"Bist du dir sicher? Oder kannst du dich nur nicht mehr erinnern? Bei den vielen Frauen, die dir über den Weg gelaufen sind, wäre das ja auch kein Wunder."

"Sehr witzig!"

Die nächste Adresse, bei der Aldo und Jana versuchten, Lafett zu erreichen, war die luxuriöse Villa, in der er zu Hause war. Das Anwesen war abgezäunt.

Aldo stoppte den Mercedes vor einem massiven, gusseisernen Tor. Der Privatdetektiv ließ das Seitenfenster des Mercedes hinabgleiten und betätigte das Sprechgerät.

Eine Frauenstimme meldete sich, aber es war nur das Hausmädchen.

"Ich möchte zu Herrn Lafett", sagte Aldo.

"In welcher Angelegenheit?", kam es professionell säuselnd zurück.

"Tut mir leid, das ist eine Sache unter vier Augen."

Eine ganze Weile lang herrschte Schweigen am Lautsprecher. Dann war eine andere, tiefere Frauenstimme zu hören.

"Hier ist Frau Lafett. Mein Mann ist nicht zu Hause. Kann ich ihm etwas ausrichten?"

"Ich glaube, der Name Stefan Fiegenbaum ist Ihnen nicht unbekannt, Frau Lafett."

"Sind Sie deswegen hier?"

"Ja. Mein Name ist Burmester und versuche herauszufinden, wer Fiegenbaum umgebracht hat."

"Und wie kommen Sie da auf mich?"

"Sie waren eine Klientin. Das können Sie nicht ernsthaft bestreiten. Es gibt Belege dafür. Vielleicht reden sie auch lieber mit der Polizei, aber ich dachte, sie wären vielleicht an Diskretion in dieser Angelegenheit interessiert."

Das saß. Und es erfüllte seinen Zweck, denn es dauerte nur ein oder zwei Sekunden, da ging das gusseiserne Tor automatisch auseinander. Aldo fuhr den Mercedes bei dem imposanten Haus vor, das die Lafetts bewohnten.

"Eins steht fest", meinte Jana. "Diese Klientin lag vom Einkommen her sicher weit über dem Durchschnitt, wenn man sich Fiegenbaums Kundschaft so ansieht."

Sie stiegen aus.

Das Hausmädchen empfing sie an der Tür und führte Aldo und Jana in ein sehr modern eingerichtetes und von A bis Z durchgestyltes Wohnzimmer. Eine Frau saß auf einem schwarzen Ledersofa. Das musste Jennifer Lafett sein, eine brünette Frau in den mittleren Jahren. Sie wirkte sportlich, hielt sich offenbar durch hartes Training fit. Der Typ dazu war sie jedenfalls, nicht nur ihres Körperbaus wegen. Sie hatte auch den passenden Gesichtsausdruck. Willensstark und entschlossen.

"Guten Tag, Herr Burmester." Sie warf einen misstrauischen Blick zu Jana hinüber, in dem ein stiller, kurzer Vergleich lag. "Und wer sind Sie?"

"Das ist Frau Marschmann, meine Mitarbeiterin."

"Nehmen Sie Platz!"

"Meine Mitarbeiterin ist übrigens ein Fan Ihres Mannes, Frau Lafett", meinte Aldo.

"Was Sie nicht sagen", erwiderte Jennifer Lafett sehr sarkastisch.

"Ja", bestätigte Jana. "Seit ich selbst etwas in Aktien angelegt habe, versuche ich, keine seiner Sendungen zu verpassen."

Jennifer Lafett lachte herzhaft und fast etwas erleichtert.

"Soll ich Ihnen was sagen, Frau Marschmann? Das Ganze heißt zwar Chartanalyse und klingt sehr, sehr wissenschaftlich, aber ich halte es letztlich für nicht viel genauer als Kaffeesatzleserei. Man versucht mit Hilfe statistischer Methoden Börsentrends zu ermitteln und dann vorherzusagen, wie sie sich in Zukunft entwickeln werden." Sie zuckte die Achseln, setzte einen Gesichtsausdruck auf, der deutliche Geringschätzung ausdrückte und wandte sich dann direkt an Jana: "Man muss daran glauben, verstehen Sie? Aber man bezahlt Gregor viel dafür, dass er vor laufender Kamera einige Grafiken und Schaubilder mit etwas Börsenchinesisch kommentiert."

"Es überrascht mich, dass Sie darüber so negativ denken", meinte Jana.

"Ach, ja?", lachte sie. "Ich bin nur nüchtern genug, es als das zu sehen, was es ist. Ich lasse mir nämlich nicht gerne etwas vormachen, verstehen Sie?"

"Nur zu gut", raunte Aldo. "Haben Sie deshalb auch Herr Fiegenbaum engagiert?"

"Das geht Sie nichts an!"

"Fiegenbaum sollte Ihren Mann beschatten. Weshalb?"

"Können Sie sich das wirklich nicht selbst zusammenreimen?“

"Wie wär's, wenn Sie mir ein bisschen auf die Sprünge helfen würden, Frau Lafett?!"

Sie seufzte. Es war ihr anzusehen, dass sie nicht gerne darüber sprach. Nach kurzer Pause sagte sie dann in gedämpften Tonfall: "Ich glaubte, dass er etwas mit einer anderen hätte."

Aldo hob die Augenbrauen.

"Und - hatte er?"

"Kein Kommentar."

"Wo ist Ihr Mann jetzt?", erkundigte sich der Privatdetektiv.

"In seinem Büro, nehme ich an. Oder auf irgendeinem Geschäftsessen. Wo auch immer."

"In seinem Büro hat er sich für ein paar Tage krank gemeldet. Ich habe mich erkundigt."

Jennifer Lafett verlor jetzt einen guten Teil ihrer frischen Gesichtsfarbe.

"Warum fragen Sie mich nach Dingen, die Sie doch offenbar schon wissen, Herr Burmester?"

Aldo lächelte dünn.

"Und warum lügen Sie mich an, Frau Lafett?"

"Was soll das?"

"Ihr Mann will eine Verletzung auskurieren, nicht wahr? Eine Schussverletzung?"

"Woher wissen Sie das?"

Der Detektiv zuckte die Schultern.

"Ich habe einfach mal geraten. Jetzt weiß ich es."

"Er ist leidenschaftlicher Sportschütze und ballert gerne im Garten herum. Leider ist ihm gestern Nachmittag ein Unglück passiert. Ein Schuss hat sich gelöst und ist ihm ins Bein gegangen. Nichts Schlimmes, aber es muss ja nicht unbedingt an die Öffentlichkeit, oder?"

Aldo verstand. Lafett war jetzt sicher bei einem Arzt seines Vertrauens unter dem Messer, der ihm die Unfall-Story ohne weiteres glaubte. Das Projektil war vermutlich schon im Abfall. Warum sollte er es auch aufbewahren? Und der Rest fiel unter die ärztliche Schweigepflicht.

Es würde jedenfalls sehr schwer sein, eine solche Story zu widerlegen. Aldo hatte schon seine Zweifel, ob er überhaupt auf dem richtigen Weg war.

Dann kam das Hausmädchen und brachte das drahtlose Telefon herbei.

"Sie entschuldigen mich bitte. Ich denke, es gibt nichts mehr zu sagen", nutzte Jennifer Lafett die Gelegenheit, ihre Gäste wieder loszuwerden.

Das ganze Zusammentreffen war ein Spiel gewesen, bei dem es darum gegangen war, soviel wie möglich von der anderen Seite zu erfahren, ohne selbst dafür allzu viel preisgeben zu müssen.

Aldo und Jana erhoben sich und wandten sich zum Gehen, während Frau Lafett den Hörer ans Ohr nahm. Sekunden später war sie bleich wie die Wand.

"Wann ist das geschehen?", fragte sie mit plötzlich brüchig gewordener Stimme. Dann flüsterte sie: "Mein Gott ..." Sie legte den Hörer auf und saß wie erstarrt da.

Aldo und Jana waren an der Tür stehengeblieben und hatten sich noch einmal herumgedreht.

"Was ist geschehen?", fragte Aldo.

Jennifer Lafett blickte auf und im ersten Moment schien es, als würde sie durch Aldo hindurchblicken. Sie biss sich auf die Lippe und rang um ihre Fassung. Dann flüsterte sie: "Das war der Fahrer meines Mannes ... Er sollte ihn von seinem Arzt abholen und für ein paar Tage zu unserem Landhaus bei Buxtehude bringen." Sie stockte und es dauerte etwas, bis sie weitersprechen konnte. Etwas Furchtbares musste geschehen sein. "Mein Mann ist tot!", sagte sie dann. "Auf offener Straße erschossen!" Sie schlug die Hände vor das Gesicht und begann zu schluchzen.

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Aldo wartete ab, bis Jennifer Lafett sich wieder einigermaßen gefasst hatte. Und das dauerte etwas. "Ich kann es einfach nicht fassen“, murmelte sie immer wieder und schüttelte dabei den Kopf. Sie war ansonsten sicher eine sehr beherrschte Frau, aber jetzt schien sie einem Nervenzusammenbruch nahe zu sein. Aldo wollte etwas sagen, aber sie kam ihm zuvor. "Was wird hier eigentlich gespielt, Herr Burmester?", fragte sie. "Sie scheinen ganz gut informiert zu sein, was meinen Mann angeht."

"Leider nicht gut genug."

"Also?"

"Ich hatte eigentlich gehofft, dass Sie mir weiterhelfen könnten. Aber schön, wie Sie wollen! Stefan Fiegenbaum, der Detektiv, den Sie engagiert hatten, hat bei seiner Arbeit irgendetwas entdeckt, das nicht für seine Augen und seine Kamera bestimmt war. Es hing vermutlich mit einem seiner letzten Fälle zusammen, warum also nicht mit Ihrem? Tatsache ist, dass Fiegenbaum S- und U-Bahnfahrkarten Richtung Börsencentrum gesammelt hatte, um sie steuerlich abzusetzen. Und zwar bis kurz vor seinem Tod. Wir haben uns die Liste der Fiegenbaum-Klienten vorgenommen und sind dann auf Ihren Mann gekommen."

Jennifer Lafett atmete tief durch.

"Ach, so ist das ..."

"Fiegenbaum wurde von einem Killer namens Leonard Clausen umgebracht, der seinen Auftraggebern jedoch zu heiß wurde und als Leiche in der Elbe endete. Aber der Täter hat vermutlich eine Schussverletzung davongetragen. So wie Ihr Mann ..."

Sie stand auf und verschränkte die Arme vor der Brust. Sie schien zu überlegen und kämpfte mit sich selbst. Dann hob sie schließlich den Kopf und fixierte Aldo mit ihren wachen, intelligenten Augen.

"Ich weiß nicht, worin Gregor sich da verstrickt hatte. Wirklich nicht!"

"Verlangen Sie nicht, dass ich das glaube", gab Aldo zurück.

"Es ist aber so! Ich habe mich in geschäftliche Dinge nie eingemischt."

"Stefan Fiegenbaum wird Ihnen sicher einen Bericht geliefert haben. Fotos vielleicht. Irgendetwas. Zeigen Sie mir das und dann glaube ich Ihnen vielleicht!"

"Ich habe alles vernichtet."

Aldo runzelte die Stirn.

"Weshalb?"

Frau Lafett rieb die Hände etwas verlegen aneinander. Es war ihr unangenehm, darüber zu sprechen, aber sie tat es trotzdem.

"Fiegenbaum fand heraus, dass mein Mann sich mit einer Frau traf, wie ich schon länger befürchtet hatte. Ein Callgirl. Wir hatten unsere Probleme miteinander, ich will das nicht weiter ausbreiten. Aber wir haben uns ausgesprochen und wieder zusammengerauft. Zwanzig gemeinsame Jahre, das verbindet, auch wenn nicht alles so gelaufen ist, wie man sich das am Anfang gedacht hat. Jedenfalls war die Affäre damit für mich erledigt. Und die Fotos brauchte ich nicht mehr."

"Wie war der Name des Callgirls?"

"Ist das wichtig?"

"Alles kann wichtig sein. Ich nehme an, Sie wollen, dass der Mörder Ihres Mannes nicht ungeschoren davonkommt."

"Anke Barkow. Ich habe sogar einmal bei ihr angerufen, aber es meldete sich nur ihr Anrufbeantworter." Sie zuckte die Achseln. "Beruflich nannte sie sich Francoise. An die Adresse kann ich mich beim besten Willen nicht erinnern."

"Das ist kein Problem. Hat Fiegenbaum nie versucht, Sie oder Ihren Mann zu erpressen?"

"Nein, nicht, dass ich wüsste. Ich habe auch nichts von ihm gehört, nachdem der Auftrag erledigt war."

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"Was denkst du, Aldo?", fragte Jana, als der Mercedes 500 SL wieder das gusseiserne Tor passierte. Eine dunkle Limousine kam ihnen entgegen. Das musste Lafetts Fahrer sein, der nun ohne seinen Boss zurückkehrte.

"Ich weiß noch nicht, was ich davon halten soll", murmelte Aldo.

"Glaubst du, Frau Lafett weiß wirklich nichts?", fragte Jana in einem Tonfall, der deutlich machte, wie wenig sie an diese Möglichkeit glauben konnte.

Aldo zuckte die Achseln.

"Keine Ahnung, was die Lady für ein Spiel spielt. Aber ich wette jetzt, dass wir auf der richtigen Spur sind."

Jana sah ihn mit ihren großen blauen Augen an.

"Warum? Weil Lafett ermordet wurde? Es muss nicht zwingend ein Zusammenhang, bestehen, Aldo."

"Ich weiß, Jana."

Die ganze Angelegenheit schien immer verworrener zu werden. Aber irgendwo musste es doch einen Anfang geben, an dem man beginnen konnte, das ganzer Knäuel zu entwirren. Fiegenbaum, Leonard, Lafett ...

Ein Detektiv, ein Killer und der Investment-Chef einer großen Bank ...

Eine merkwürdige Reihe!, dachte Aldo.

Und dann fiel ihm ein, dass er sich um ein Haar selbst dazugezählt hätte, wenn ihn nicht Instinkt und Geistesgegenwart in letzter Sekunde gerettet hätten. Es musste einen gemeinsamen Nenner geben.

"Vorausgesetzt, wir bewegen uns wirklich im richtigen Milieu", überlegte Aldo. "Welcher Schweinerei könnte Fiegenbaum da auf die Spur gekommen sein?"

Jana zuckte die Achseln.

"Da gibt es doch unendlich viel ... Designerdrogen zum Beispiel. Es ist doch bekannt, dass die auch im Börsencentrum kursieren ... Oder einer der hohen Herren ist schwul und jemand hat das herausgefunden und versucht, dieses Wissen zu Geld zu machen."

"Fiegenbaum?"

"Warum nicht, Aldo?"

"Heute muss man das doch nicht mehr verbergen, Jana."

"Konzernbosse sind oft sehr konservativ und denken da nicht so liberal."

Aber Aldo schüttelte den Kopf.

"Nein, es muss etwas Größeres sein. Etwas, das organisiert betrieben wird. Preisabsprachen zum Beispiel, unerlaubte Kartelle ... Steuerhinterziehung in Millionenhöhe oder so etwas. Auf jeden Fall glaube ich, dass wir es mit einer Organisation zu tun haben ..."

"Wie wär's mit Insider-Geschäften?", meinte Jana. "Jedenfalls wäre das erste, was mir bei Börse und Kriminalität einfallen würde. Außerdem ist - war - Lafett Investment-Chef ..."

"Wie funktionieren denn diese Insider-Geschäfte?"

"Noch nie davon gehört?", neckte Jana. "Es handelt sich um illegale Absprachen zwischen Börsenmaklern, Firmenmanagern und Bankern. Ein Firmenmanager könnte durch die Veröffentlichung einer nach unten manipulierten Gewinnerwartung den Aktienkurs einer Firma in den Keller gehen lassen. Die Anleger geraten in Panik und bekommen von der Bank den Rat, möglichst alles zu verkaufen, um den Verlust in Grenzen zu halten, während die in den Deal Eingeweihten genau das Gegenteil tun. Sie kaufen. Wenn der Kurs tief genug gesunken ist, treibt man ihn künstlich nach oben, zum Beispiel durch sogenannte Übernahmegerüchte, und kann dabei einen riesigen Reibach machen. Die anderen Anleger sind die Dummen und müssen die Zeche zahlen."

Aldo zuckte die Achseln.

"Ist das nicht das normale Spekulationsrisiko, das man tragen muss?"

"Natürlich, normalerweise schon. Aber wenn die Sache abgekartet ist, ist es etwas anderes. Dann ist es die mehr oder weniger eleganteste Form des Straßenraubs und im Übrigen auch illegal."

"Wahrscheinlich aber schwer nachzuweisen?"

"Fast nie."

"Gab es nicht vor kurzem in Japan einen Skandal, bei dem es um diese Dinge ging? Ich habe das nur am Rande registriert."

"Ganz recht. Und anschließend hat es einen kräftigen Kursrückgang gegeben." Sie lächelte kokett und zeigte dabei ihre strahlend weißen Zähne. "Schön zu wissen, dass es noch Dinge gibt, die der große Privatdetektiv nicht weiß", lachte sie schelmisch.

"Man lernt eben nie aus!"

"Richtig."

Aldo blickte kurz zu ihr hinüber.

"Wieviel hast du eigentlich angelegt?"

"10.000 D-Mark. Mühsam zusammengespart von dem kärglichen Gehalt, das du mir zahlst!"

"Soll das ein diskreter Hinweis sein?"

"Nun, Tatsache ist, dass ich in Wirtschaftsangelegenheiten sicher noch viel versierter wäre, wenn ich ein paar D-Mark mehr zum Spielen hätte. Oder meinst du nicht auch?"

"Darüber reden wir besser ein anderes Mal ...", meinte Aldo.

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Es war eine Straße der Ruinen. Verlassene Häuser, die zum Abriss freigegeben worden waren, um ein paar Bürotürmen Platz zu machen. Zwei Gebäude hatte es schon erwischt. Von ihnen war nur ein riesiger Schutthaufen geblieben, der noch abgetragen werden musste. Die anderen würden noch folgen und auf einem großen Plakat konnte man sehen, wie sich die Immobiliengesellschaft, der die Grundstücke hier gehörten, das Endergebnis vorstellte.

Aldo stellte den 500 SL am Straßenrand ab und blickte auf die Uhr. Der Mann, mit dem er sich treffen wollte, musste jeden Moment eintreffen. Vielleicht wartete er auch schon auf Aldo.

Der Detektiv stieg aus und schlug die Wagentür hinter sich zu. Die Dämmerung hatte sich schon grau über die Stadt gelegt. Um diese Zeit war hier keine Menschenseele. Und genau deshalb hatte sein Informant diesen Ort als Treffpunkt vorgeschlagen.

Während Aldo sich eine Zigarette anzündete und den Rauch ausstieß, sah er eine streunende Katze von einem Gebäude zum anderen huschen.

Dann hörte Burmester ein Geräusch und drehte sich herum. Aus einem der baufälligen Häuser trat hochgewachsener, breitschultriger Kerl, der Aldo noch um einiges überragte.

Er hieß Tessnow.

Seine Haut war so schwarz wie Ebenholz und die Zähne, die er beim Lächeln entblößte, so regelmäßig und weiß, dass es sich eigentlich nur um ein Gebiss handeln konnte. Die Originale hatte man ihm wohl bei irgendeiner Gelegenheit herausgeschlagen. Er war nämlich Leibwächter, Rausschmeißer und hatte schon für verschiedene Unterweltgrößen die Knochen hingehalten. Im Augenblick war er arbeitslos. Seinen letzten Boss, einen Schutzgelderpresser, hatte die Konkurrenz vor kurzem erschossen.

Tessnow kam auf Aldo zu und reichte ihm die Hand.

Aldo hatte Monate gebraucht, um einen wie ihn als Informanten zu gewinnen. Aber schließlich hatte es geklappt, was damit zusammenhing, dass der Kerl nicht mit Geld umgehen konnte und deshalb immer dringend etwas brauchte.

"Machen wir es kurz, Herr Burmester", meinte der Schwarze. "Was wollen Sie wissen?"

"Wenn jemand einen Killer braucht, zu wem geht man da im Moment?"

Tessnow sah Aldo erstaunt an. Dann sagte er: "Sie suchen einen Makler des Todes? Einen, der so etwas vermittelt? Davon gibt es Dutzende." Er grinste. "Ich dachte immer, Sie arbeiten nur mit sauberen Mitteln. Wen wollen Sie denn umbringen?"

Aldo verzog das Gesicht.

"Ich? Niemanden. Aber ich bin in folgender Lage: Ich habe einen Killer, der aber seinerseits umgelegt wurde und nicht mehr verraten kann, wer ihn beauftragt hat."

Tessnow begriff jetzt.

"Und Sie wollen den Auftraggeber wissen?"

"Ja. Oder den Vermittler. Ich gehe davon aus, dass es einen gibt. Jedenfalls ist es sehr wahrscheinlich, weil die Auftraggeber vermutlich Leute sind, die ansonsten eine völlig weiße Weste haben. Keine Mafiosi oder Drogenbarone, die sich ihre eigenen Laufburschen halten, sondern Saubermänner, die plötzlich in Bedrängnis geraten sind und einen Todesengel brauchten."

Tessnow nickte.

"Außenseiter also, die sich in der Szene nicht auskennen, aber trotzdem jemanden brauchen, der ihnen auf die Schnelle einen unliebsamen Zeitgenossen aus dem Weg räumt!"

"So ist es", bestätigte Aldo. "Der Killer heißt Leonard Clausen und ich möchte wissen, wer ihm die Aufträge vermittelte. Vielleicht komme ich so an seine Hintermänner."

"Ich werde mich umhören", sagte Tessnow. "Aber versprechen kann ich nichts. Verstehen Sie mich? Und teuer wird es auch! Ich kenne ein paar Leute, die infrage kämen ..."

"Ich brauche diese Information so schnell wie möglich." Aldo gab ihm einen Umschlag.

Tessnow schaute hinein und nickte zufrieden.

"War dieser Clausen schon lange im Geschäft?", fragte er.

"Nein, vermutlich erst seit kurzem."

"Hm ...", brummte Tessnow. "Ich rufe Sie an, Burmester!"

"Tun Sie das!"

"Aber Sie müssen mir noch etwas drauflegen. Diese Brüder kennen kein Pardon. Ich gehe ein großes Risiko ein."

Aldo nickte. Das hatte er erwartet.

"Sie bekommen noch einmal dasselbe, wenn Sie mir etwas Brauchbares vorweisen können."

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Anke Barkow alias Francoise bewohnte ein Luxus-Apartment. Ein Callgirl für gehobene Ansprüche, so schien es zuerst. Aldo hatte zunächst bei ihr angerufen, aber es hatte sich lediglich ein automatischer Anrufbeantworter gemeldet.

Jetzt stand er vor ihrer Wohnungstür und klingelte schon zum dritten Mal. Vielleicht war sie nicht zu Hause. Schließlich wurde es Aldo zu bunt, und er öffnete mit ein paar geübten Handgriffen die Tür.

Die Wohnung war ein ganz gewöhnliches Dutzend-Apartment. Die Möbel waren nichts Besonderes und irgendwie hatte Aldo das Gefühl, dass diese vier Wände unbewohnt waren.

Nirgends war etwas Persönliches zu sehen, etwas, das auf Gebrauch hindeutete. Die Schränke waren leer. Aldo ging ins Schlafzimmer. Das Bett war sorgfältig gemacht. Keine Bilder an den Wänden, keine Kleider in den Schränken. Dafür eine leichte Staubschicht auf dem Nachttisch. Vielleicht war Anke Barkow verreist. Wenn dem so war, dann hatte sie sicher vor, länger wegzubleiben.

Jedenfalls hatte sie ihren Anrufbeantworter eingeschaltet. Fragte sich nur, weshalb, wenn sie doch auf absehbare Zeit ohnehin in dieser Wohnung keine Kunden empfangen würde.

Plötzlich hörte Aldo ein Geräusch.

Jemand war an der Tür und hatte offenbar einen Schlüssel. Aldo zog die Automatik aus dem Schulterholster und stellte sich neben die Schlafzimmertür. Er wagte einen Blick und sah, wie ein elegant gekleideter Mann eintrat. Aldo schätzte ihn auf Mitte dreißig, nicht älter.

Er machte es sich auf der Couch gemütlich und blickte auf die Uhr. Dann stand er wieder auf und ging ins Schlafzimmer. Er lief an Aldo vorbei und schien gar nicht auf die Idee zu kommen, dass jemand in der Wohnung sein könnte. Als er sich umdrehte und Aldo erblickte, wurde er eine Sekunde lang völlig starr. Er schaute Aldo entgeistert an und schien erst eine schnelle Flucht zu erwägen. Vielleicht war es der Blick auf Aldos Pistole, der ihn davon abhielt.

"Wer sind Sie und was machen Sie hier?", fragte der Mann.

"Dasselbe könnte ich Sie fragen, denn schließlich ist das hier ja wohl kaum Ihre Wohnung."

Der Mann machte eine verlegene Geste. Aldo durchsuchte dann die Taschen seines Gegenübers. Er trug keine Schusswaffe, nur eine Sprühdose mit Reizgas zur Selbstverteidigung. Wenigstens hatte er einen Führerschein. Das Papier war auf den Namen Markus Hillmer ausgestellt.

Aldo steckte seine Waffe weg.

"Sie warten auf jemanden, nicht wahr?", meinte er.

Es kam schon nahe an eine Feststellung heran.

"Auf Sie jedenfalls nicht. Wer sind Sie? Ich habe Sie noch nie gesehen."

"Mein Name ist Burmester. Aldo Burmester, Privatdetektiv. Aber das wissen Sie sicher längst. Ich habe den leisen Verdacht, dass Sie vielleicht etwas mit einer Reihe von Morden zu tun haben könnten. Mich hätte es auch beinahe erwischt. Sie werden verstehen, dass ich so etwas nicht mag."

"Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen", erwiderte Markus Hillmer. Aber es klang nicht sehr überzeugend. Aldo hatte das Gefühl, dass Hillmer sehr wohl wusste, wovon der Privatdetektiv gesprochen hatte.

Aldo grinste.

"Wie sieht Francoise aus?", fragte er. "Ist sie blond oder brünett?"

"Ich ... Ich weiß nicht, was das jetzt soll ..." Er bewegte sich etwas seitwärts, um vielleicht leichter durch die Schlafzimmertür hinauszukommen.

Aldo packte ihn am Kragen und drückte ihn gegen die Wand.

"Francoise alias Anke Barkow existiert überhaupt nicht. Sie ist ein Phantom, das nur zur Tarnung für einen Treffpunkt dient ... So ist es doch, nicht wahr?"

"Was Sie nicht sagen ..."

"Warten Sie auf Lafett? Der wird nicht kommen. Er ist tot, aber er kannte auch diese Adresse. Und was war mit Fiegenbaum? Er kannte sie ebenfalls. Vielleicht musste er deshalb sterben ..." Er ließ Hillmer los, und dieser strich sein Jackett glatt. Ein deutlicher Zug von Empörung stand in Hillmers Gesicht. Und vielleicht auch noch etwas anderes.

Angst!

"Sie sind weit vorgestoßen, Burmester", meinte Hillmer. "Fiegenbaum war ein Schmalspur-Schnüffler. Ich verstehe, dass er begann, in der Sache herumzubohren, um uns anschließend eine Rechnung zu präsentieren. Wenn man in der Haut eines solchen Mannes steckt, muss man vielleicht so selbstmörderisch sein. Aber Sie, Burmester! Haben Sie das nötig? Ich habe von Ihnen gehört. Ihre Agentur geht doch recht gut."

"Mir ist Geld in diesem Fall gleichgültig", sagte Aldo.

"So etwas hört man heute selten", gab Hillmer mit sarkastischem Unterton zurück. "Aber es ehrt Sie." Er verzog das Gesicht. "Nur kann ich es Ihnen nicht abnehmen."

Aldo ging zum Telefon. Er sah dabei zu, dass Hillmer keine Gelegenheit bekam, sich davonzumachen.

"Wen wollen Sie anrufen?", fragte Hillmer etwas verunsichert.

"Kriminalhauptkommissar Dankwers von der Mordkommission."

"Aber ..."

"Anstiftung zum Mord ist auch strafbar, Herr Hillmer!" Und während er das sagte, wählte Aldo ungerührt eine Nummer.

Hillmer trat herbei und drückte auf die Gabel.

"Sie haben nichts in der Hand", schrie er. "Sie können mir doch keinen Mord anhängen!"

"Nicht nur einen", erwiderte Aldo kühl. "Ein Mann namens Leonard Clausen hat einen Polizisten getötet und ich könnte mir vorstellen, dass Sie derjenige waren, der diesen Killer engagiert hat. Die Polizei wird jedenfalls entzückt sein, wenn ich ihr den Kerl präsentieren kann, auf dessen Gehaltsliste Clausen stand!"

"Ich bin kein Mörder. Und ich bezahle keine Killer, Herr Burmester!"

"Ach, nein? Stefan Fiegenbaum wurde beauftragt, Gregor Lafett zu beschatten und ist dabei auf diese Wohnung gestoßen. Wenn ich hier hereingekommen bin, ist Fiegenbaum es auch. Und er wird auf denselben Gedanken gekommen sein, wie ich: dass dies kein gewöhnliches Apartment ist! Er brauchte nur auf der Lauer zu liegen und abzuwarten, wer sich hier alles einfindet." Aldo machte eine kurze Pause, um den letzten Satz etwas wirken zu lassen. Dann fragte er: "Zu was für einer Art Treffen dient diese Wohnung?"

Hillmer zögerte. Schließlich brachte er heraus: "Sehen Sie, ich bin Börsenmakler. Es gibt Geschäftskontakte, von denen nicht unbedingt jeder wissen muss und für solche Fälle ..."

"... haben Sie diese Wohnung."

"So ist es."

"Mit wem treffen Sie sich heute?"

"Bedaure ..."

"Wir können zusammen auf ihn warten."

"Was versprechen Sie sich davon?"

"Ich kann mir denken, um was für Geschäfte in diesem Raum gegangen ist."

Hillmer zeigte die Zähne.

"Ach, ja?", knirschte er hervor.

"Ich nehme an, ich brauche Ihnen nicht zu erklären, was ein Insider-Geschäft ist."

"Haben Sie irgendeinen Beweis?"

"Brauche ich den?" Aldo wusste jetzt, dass er richtig lag.

Hillmer sah den Privatdetektiv wütend an. Sie wussten beide, dass es gar keines Beweises bedurfte, um den Börsenmakler zu ruinieren. Aldo brauchte nur dafür zu sorgen, dass das Gerücht von Insider-Deals die Runde machte und das Ganze mit ein paar Indizien zu würzen. Das würde alles niederpurzeln lassen, selbst wenn es nicht der Wahrheit entsprach. Und auch an Hillmer würde etwas kleben bleiben, ganz gleich wie die Beweislage am Ende war. Die Börse lebte von Psychologie und Fantasie. Und genau diese beiden Dinge spielten auch hier die entscheidende Rolle. Es war wie ein Poker-Spiel.

Und Aldo entschied sich, den Einsatz noch etwas zu erhöhen.

"Sie glauben, dass das gesamte Beweismaterial vernichtet ist, nicht wahr? Der Inhalt des Bankschließfachs, die Bilder bei dem ermordeten Fotohändler ... Aber das ist nicht der Fall."

Hillmer wurde unruhig. "Ach, nein?"

"Es gibt noch den Bericht, den Stefan Fiegenbaum für Frau Lafett angefertigt hat", behauptete Aldo einfach. "Sie war so freundlich, ihn mir auszuhändigen. Ihrem Mann kann er ja nicht mehr schaden."

"Das glaube ich nicht", schnaubte er. "Das kann einfach nicht stimmen! Lafett hat gesagt, es sei alles vernichtet."

"Dann hat er gelogen. Oder seine Frau hat Lafett belogen, wie auch immer. Ich kann beweisen, dass Sie in der Sache drinhängen. Mich interessieren Ihre Insider-Geschäfte nicht. Ich bin hinter jemandem her, der Mordaufträge vergibt."

"Hören Sie, können wir nicht zu einem Deal kommen, Burmester?" Hillmer war völlig fertig. Aldos Taktik war voll aufgegangen. "Lassen Sie mich aus der Sache raus! Ich habe mit den Morden nämlich wirklich nichts zu tun."

"Dann müssen Sie mir etwas auf den Tisch legen, das ich gebrauchen kann. Sie verstehen mich doch, oder?"

"Unsere Organisation beruht darauf, dass der Einzelne so wenig wie möglich weiß. Mein Job ist es, rund um die Uhr die Börsenkurse zu verfolgen. Ich habe einen Computer neben dem Bett stehen, und der Wecker ist so programmiert, dass er mich weckt, wenn in Hongkong oder Frankfurt was los ist. Heute läuft das Geschäft rund um die Uhr, glauben Sie, ich hätte Zeit, mich um andere Sachen zu kümmern?"

"Wer kümmert sich denn um andere Sachen?"

"Ich weiß es nicht!"

In der nächsten Sekunde war ein Geräusch an der Tür zu hören.

"Gehen Sie hin!", flüsterte Aldo. "Aber wenn Sie eine Dummheit machen, werde ich behaupten, dass Sie mein Spitzel in der Organisation sind und was das für Sie bedeuten kann, brauche ich Ihnen ja wohl nicht zu sagen, oder?"

Er nickte und verließ das Schlafzimmer.

Aldo wagte einen Blick und sah einen hochgewachsenen, grauhaarigen Mann. Hillmer gab sich Mühe, nicht verkrampft zu wirken.

"Hallo Richard, was gibt's?"

"Eine Nachricht von Charley", sagte der Grauhaarige. "Die Pressekonferenz von Microtech International findet schon übermorgen statt."

"Das heißt ..."

"Es bleibt alles beim Alten", versicherte der Grauhaarige. "Der einzige Unterschied ist, dass es etwas schneller durchgezogen wird."

"Und warum?"

"Weil Charley es so will. Ich würde nicht viel fragen an deiner Stelle. Bis jetzt ist es doch immer zu unser aller Profit ausgegangen, oder?"

"Stimmt!"

Der Grauhaarige, den Hillmer Richard genannt hatte, schaute auf die Uhr und meinte dann: "Eigentlich müsste ich schon längst woanders sein. Du weißt jetzt Bescheid."

Er wandte sich zum Gehen und war einen Augenblick später wieder verschwunden. Aldo kam aus dem Schlafzimmer heraus.

"Sie haben das gut gemacht", meinte er zu Hillmer. "Wer war das?"

"Richard. Mehr weiß ich nicht. Und mehr interessiert mich auch nicht."

"Und Charley?"

"Charley habe ich noch nie gesehen."

"Sie wollen mich wohl für dumm verkaufen, Hillmer!" 

"Es ist die Wahrheit. Ich bin nie direkt mit ihm zusammengetroffen. Charleys Anweisungen bekomme ich von Richard."

Die Chance, dass Hillmer Aldo Burmester für dumm verkaufen wollte, schätzte der Privatdetektiv fünfzig zu fünfzig ein. Er ließ den Börsenmakler erst einmal stehen und rannte hinaus auf den Flur. Hillmer konnte er sich immer wieder vorknöpfen, aber der Grauhaarige ging ihm sonst durch die Lappen.

Aldo blickte sich um. Von dem Mann war nichts mehr zu sehen. Wahrscheinlich hatte er bereits den Aufzug benutzt. Jedenfalls war einer der Lifte in Betrieb, wie die Leuchtanzeige verriet.

Burmester hatte keine Lust, auf einen der anderen Aufzüge zu warten. Stattdessen spurtete er die Treppen hinunter. Er hatte eine gute Kondition, aber er war trotzdem froh, als er das Erdgeschoss erreicht hatte. Der grauhaarige Richard war gerade durch die Eingangstür ins Freie getreten. Aldo sah, wie er sich mehrfach umdrehte, so als wollte sichergehen, nicht beschattet zu werden. Dann stieg er in einen BMW. Aldo merkte sich die Nummer. So schnell wie möglich sah der Privatdetektiv zu, dass er hinter das Steuer seines champagnerfarbenen 500 SL kam. Der BMW fuhr ziemlich forsch. Aldo hatte seine Mühe, ihm auf den Fersen zu bleiben.

Es ging kreuz und quer durch die Stadt. Richard schien es vorzuziehen, ein paar Umwege zu machen. Er musste sehr nervös sein. Schließlich führte er Aldo zu einer feinen Wohnung in am Moorwerder Deich. Und an der Tür stand auch ein Name: Richard Moosbach.

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Burmester klingelte an Moosbachs Wohnungstür. Als dieser öffnete, schien er nicht im Geringsten überrascht zu sein. Vielleicht hatte Hillmer ihn vorgewarnt. Ganz auszuschließen war das jedenfalls nicht.

"Was wollen Sie?", fragte Moosbach.

"Ich möchte mit ihnen reden", erwiderte Aldo.

"Worüber?"

"Über Charley!"

Moosbach lachte heiser. "Kommen Sie herein!"

Aldo folgte ihm in ein völlig überladen wirkendes Wohnzimmer. Hier wollte jemand zeigen, wie viele Antiquitäten er sich leisten konnte - ohne Rücksicht darauf, ob die Sachen auch miteinander harmonierten.

"Sie fragen nicht einmal, wer ich bin", stellte Aldo fest.

Auf Moosbachs Lippen zeigte sich ein verhaltenes Lächeln.

"Warum sollte ich Sie das fragen? Sie sind Aldo Burmester, ein relativ erfolgreicher Schnüffler!"

"Nicht sehr freundlich formuliert!"

"Ich muss Sie ja nicht mögen, oder?"

"Hat Hillmer Sie vorgewarnt?"

"Nein. Ich habe mal ein Bild von Ihnen gesehen."

Aldo lächelte dünn.

"Bei welcher Gelegenheit?"

"Ist doch gleichgültig, oder? Einen Drink, Burmester?"

"Nein, danke!"

"Sie spielen mit dem Feuer, Burmester. Ich weiß nicht, ob Ihnen das gut bekommen wird. Woher wissen Sie von Charley?"

"Meine Sache."

Moosbach ging zu den Getränken und schenkte sich etwas ein. Aldo hörte die Eiswürfel im Glas klirren.

"Und was wollen Sie von Charley?"

"Das muss ich ihm schon selbst sagen, Herr Moosbach."

"Verstehe. Vielleicht kann ich ihm trotzdem etwas ausrichten."

"Sie sollten wissen, dass ich besser vorgesorgt habe als der arme Herr Fiegenbaum."

Moosbach hob die Augenbrauen und zog sie dann etwas befremdet zusammen. Aber das war nichts als Schauspielerei. Er wusste ganz genau, was Aldo meinte.

"Was Sie nicht sagen, Burmester", murmelte er und nippte an seinem Glas.

"Selbst wenn mir doch noch etwas zustoßen sollte, wird mein Beweismaterial stechen. Dafür habe ich gesorgt."

"Was haben Sie denn in der Hand?"

"Das werde ich nur Charley sagen."

Moosbachs Augen wurden etwas enger. Er beobachtete für einen Augenblick sehr intensiv Aldos Gesichtszüge und sagte dann im staubtrockenen Ton einer Feststellung: "Ich halte Sie für einen Bluffer!"

"Bei Ihren Insider-Geschäften haben Sie das Risiko abgeschafft, Moosbach! Aber in diesem Spiel gelten andere Regeln. Wenn Sie unbedingt russisches Roulette spielen wollen, okay. Aber es geht nicht um schwer nachweisbare Wirtschaftsstraftaten, die dann schließlich im Dickicht der Gerichte versanden. Es geht um Morde, Herr Moosbach."

"Wir könnten jeden Staatsanwalt kaufen, Burmester. Besser für Sie, wenn Sie uns das glauben."

Aldo zuckte die Achseln.

"Ein Privatdetektiv ist sicher billiger!"

"Und wie unverschämt sind Ihre Preisvorstellungen?"

Aldo ließ die Frage unbeantwortet.

"Wie komme ich mit Charley in Kontakt?", erkundigte er sich stattdessen.

"Sie überhaupt nicht, Burmester!"

"Ich verhandle nur mit ihm selbst!"

Moosbach verzog das Gesicht, nahm dann erst einmal einen Schluck. Er musterte Aldo mit einem überlegenen Lächeln auf den schmalen Lippen und schüttelte schließlich energisch den Kopf. Dann klingelte das Telefon. Richard Moosbach machte ein paar Schritte und nahm den Hörer ab. Er sagte dreimal „Ja“. Mehr nicht, dann legte er wieder auf.

Eine ziemlich einseitige Unterhaltung, dachte Aldo.

Aber Moosbach schien damit zufrieden zu sein.

"Gehen Sie jetzt, Herr Burmester! Charley wird sich mit Ihnen in Verbindung setzen."

Aldo nickte.

"Bestellen Sie Charley, dass er sich nicht allzu viel Zeit lassen soll!"

Ein ziemlich schiefes und darüber hinaus eiskaltes Lächeln stand nun auf Moosbachs Lippen. "Keine Sorge, Burmester! Es wird viel schneller gehen, als Sie denken!"

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Als Aldo gegangen war, klingelte bei Moosbach erneut das Telefon. Der Grauhaarige nahm den Apparat in die Rechte und ging zum Fenster, von wo aus er beobachten konnte, wie der Privatdetektiv in seinen Wagen stieg und davonbrauste.

"Hallo?"

"Richard? Hier ist Hillmer."

"Sie schon wieder?"

"War Burmester bei Ihnen?"

"Ja."

"Richard, der Mann meint es ernst. Und er muss auch etwas in der Hand haben. Sag Charley, dass etwas unternommen werden muss! Ich habe keine Ahnung, wie diese Panne zustande kommt, aber Burmester muss wenigstens so lange stillhalten, bis der Deal zu Ende gebracht ist, den wir gerade laufen haben."

"Regen Sie sich nicht auf, Hillmer! Oder wollen Sie aussteigen?"

"Mir wird die Sache langsam zu heiß", meine Hillmer. "So eine Insider-Sache kann ich vielleicht noch wegstecken, aber ich möchte nicht mit Mordaufträgen in Verbindung gebracht werden!"

Moosbach lächelte.

"Hat Burmester Ihnen ein bisschen Angst gemacht? Ich dachte, jemand wie Sie, der vierundzwanzig Stunden am Tag den Aktienhandel verfolgt und bei der Börse Summen jongliert, die andere in ihrem ganzen Leben verdienen, hat keine Nerven."

"Richard, ich ..."

"Hören Sie zu, Hillmer! Machen Sie Ihren Job! Den machen Sie so gut wie kein Zweiter. Aber es wäre besser, wenn Sie sich über den Rest weniger Gedanken machen würden."

Moosbach hörte Hillmer durch das Telefon hindurch seufzen.

"Ich fühl mich nicht wohl dabei ..."

"Hillmer, hören Sie! Soll ich etwa Charley berichten müssen, dass auf Sie kein Verlass mehr ist?"

"Nein. Auf mich ist Verlass!"

"Dann bin ich ja beruhigt."

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Als Jana Marschmann an diesem Morgen in ihren roten Sportflitzer stieg, um zu Burmesters Privatdetektiv-Agentur in der Beenckstraße zu fahren, war das Wetter scheußlich. Es regnete Bindfäden - und zwar zum ersten Mal seit Wochen. Unterwegs hielt sie kurz an, um sich in einem kleinen Eckladen ein paar Donuts für zwischendurch zu besorgen.

Die Fiegenbaum-Sache zog immer weitere Kreise, und so würde es sicher jede Menge Arbeit geben. Wer konnte schon dafür garantieren, dass die Essenpause dabei nicht auf der Strecke blieb?

Jana atmete tief durch und schlug sich den Mantelkragen hoch, bevor sie die Tür des Flitzers öffnete und zu einem mittleren Spurt ansetzte. Das Wasser platschte nur so auf sie herab.

Ich hätte gar nicht zu duschen brauchen, ging es ihr durch den Kopf. Eine ruinierte Frisur für ein paar Donuts!

Als sie zurückhuschte, sah sie plötzlich einen Schatten vor sich. Sie blickte auf und sah einen Mann, den der Regen nicht zu stören schien, obwohl ihm das Wasser die Baseballmütze hinuntertropfte. Als Jana in sein Gesicht sah, erschrak sie im ersten Moment. Er sah aus wie Ronald Reagan, der Ex-Präsident. Aber dann entspannte sie sich wieder, als sie in der nächsten Sekunde begriff, dass es eine Maske war, wie man sie zu Tausenden in Scherzartikelläden kaufen konnte.

Sie wollte an dem Mann vorbei, um in ihren Flitzer zu kommen, aber Ronald Reagan ließ das nicht zu und packte sie plötzlich roh am Arm.

Die Tür eines am Straßenrand parkenden Audis ging auf und Jana wurde hineingestoßen. Sie versuchte, sich zu wehren, aber der Kerl mit der Reagan-Maske hatte einen eisernen Griff. Er setzte sich neben sie und hatte dann plötzlich eine Pistole in der Hand, deren Lauf genau auf Janas Kopf gerichtet war.

"Schön ruhig, Lady!", zischte er.

Am Steuer saß ein zweiter Mann, der ebenfalls maskiert war - als Frankenstein-Monster. Er riss das Steuer herum und fädelte auf ziemlich gewagte Art und Weise in den Verkehr ein. Jemand hupte empört und der Fahrer eines überholenden Lieferwagens gestikulierte wild mit den Armen.

"Was wollen Sie?", fragte Jana, die inzwischen begriffen hatte, dass das Ganze eine abgekartete Sache sein musste. Sie erinnerte sich daran, den Audi schon ein paar Kilometer zuvor an einer Ampel hinter sich im Rückspiegel gesehen zu haben. Sie blickte in das fratzenhafte Plastikgesicht der Reagan-Maske.

"Wenn du schön brav bist, dann geht die Sache gut für dich aus, klar?"

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Aldo Burmester blickte hinaus aus dem Fenster in die grauen Wolken über dem Wilhelmsburger Inselpark. Seine tägliche Jogging-Runde hatte er in Anbetracht des scheußlichen Wetters ausfallen lassen und stattdessen ein Telefonat mit Sven Dankwers geführt, um zu erfahren, ob es etwas Neues im Mordfall Lafett gab. Aber das war nicht der Fall. Die Ermittlungen waren noch immer auf demselben Stand.

Inzwischen wunderte sich der Privatdetektiv zunehmend über seine Mitarbeiterin Jana. Unpünktlichkeit zählte nicht zu ihren Fehlern, und jetzt war sie schon fast eine Stunde überfällig. Auf den Verkehr war das nicht mehr zu schieben. Es musste etwas Ernstes passiert sein.

Burmester versuchte, sie telefonisch zu erreichen. Vergeblich.

Dann kam der Anruf.

"Burmester?"

Es war eine sonore Männerstimme. Aber sie klang irgendwie verfremdet.

"Wer sind Sie?", fragte der Detektiv misstrauisch.

"Das tut nichts zur Sache."

"Sind Sie Charley?"

Es folgte eine kurze Pause. Der Sprecher schien es vorziehen, sich dazu nicht zu äußern.

"Ich weiß, dass Sie an Ihrer Assistentin hängen, Herr Burmester. Sie werden nichts tun, was ihr Leben aufs Spiel setzt, nicht wahr? Wir haben Frau Marschmann in unserer Gewalt und werden sie töten, wenn Sie nicht tun, was ich Ihnen jetzt sage ..."

"Beweisen Sie mir erst, dass Sie die Wahrheit sagen!"

"Wie Sie wollen ..."

Eine Sekunde später hörte Aldo die Stimme von Jana.

"Aldo, ich bin hier ..." Mehr konnte sie nicht sagen. Sie wurde abgewürgt, und dann war wieder die Männerstimme zu hören.

"Lassen Sie die Finger von der Sache, in der Sie gerade herumwühlen!"

Aldo stellte sich dumm.

"Wovon reden Sie?"

"Sie verstehen mich sehr gut, Burmester! Und das Sie die Polizei aus dem Spiel lassen sollen, dürfte wohl selbstverständlich sein."

"Wie es aussieht, bestimmen Sie die Regeln", zischte Aldo, nicht gerade erfreut darüber. Aber es war nun einmal eine Tatsache. Sie zu leugnen hätte alles nur komplizierter gemacht.

"Sehr gut, dass Sie das akzeptieren."

"Warum schicken Sie mir nicht einfach einen Ihrer Killer vorbei? An Geld mangelt es Ihnen doch sicher nicht. Da werden Sie sich doch einen Spitzenmann leisten können."

"Vielleicht kommt es uns preiswerter und macht weniger Aufsehen, wenn wir uns mit Ihnen anders einigen."

Vielleicht war es einfach so, dass einigen Mitgliedern der Organisation die Sache langsam zu heiß wurde. Es waren schließlich neben Fiegenbaum auch noch ein Kommissar und ein Ladenbesitzer umgekommen. Dazu noch Gregor Lafett, der ja wohl ebenfalls zu Charleys Leuten zu zählen war.

Aldo verzog das Gesicht.

"Vorausgesetzt, ich bin nicht so unverschämt wie Fiegenbaum, nicht wahr?"

"Das haben Sie gesagt, Burmester. Kommen Sie heute Abend um acht in Harper's Bar. Ich will wissen, was Sie an angeblichen Beweisen vorliegen haben. Und dann sprechen wir über den Preis."

"Und Frau Marschmann?"

"... verbessert meine Verhandlungsbasis, Herr Burmester!"

Auf der anderen Seite machte es 'klick!'

Das Gespräch war zu Ende und Aldo fragte sich, was so merkwürdig an dieser Stimme klang. Er hatte sie ganz sicher noch nie gehört. Moosbach war es nicht, auch Hillmer nicht.

Aldo hatte die letzten zwei Drittel des Gesprächs aufgezeichnet. Vielleicht konnte man damit etwas anfangen. Aldo nahm die Kassette heraus und steckte sie in ein Kuvert. Dazu kamen ein paar Zeilen an seinen Freund Sven Dankwers und Briefmarken. Aldo machte das Ganze als Eilsendung frei. Bei nächster Gelegenheit würde es in den Kasten kommen.

Leichter wäre es gewesen, Dankwers das Tonband einfach vorbeizubringen, aber das Risiko wollte Aldo nicht eingehen. Möglich, dass er beschattet wurde, sobald er die Agentur verließ.

Aldo wollte sich schon aufmachen, da ging erneut das Telefon. Es war ein Mann, der sich nicht mit Namen meldete. Aber Burmester erkannte die Stimme dennoch sofort. Es war Tessnow.

"Es ist nur ein Gerücht", sagte der Mann auf der anderen Seite der Leitung. Am Hintergrundgeräusch war zu hören, dass das Gespräch in der Nähe einer U- oder S-Bahnstation geführt wurde.

Aldo hob die Augenbrauen. "Und?"

"Leonard Clausen soll zuletzt sehr häufig bei Oliver Schmitz gesehen worden sein ..."

Tessnow legte auf.

Oliver Schmitz, überlegte Aldo. Der betrieb ein Wettbüro und allerlei andere Geschäfte. Er war lizensierter Buchmacher, was in Deutschland nur die legale Vermittlung von Wetten auf Pferderennen beinhaltete.  Er war außerdem einer, von dem bekannt war, dass er nicht übermäßig zimperlich war, wenn er seine Schulden eintrieb. Aber wenn Tessnow ihn mit Leonard Clausen in Verbindung brachte, dann vermittelte der vielleicht nicht nur Wetten. Die Polizei hatte Schmitz schon lange im Verdacht, seinen Wettladen nur zur Tarnung für irgendetwas anderes zu betreiben. Warum nicht zur Vermittlung von Killern?

Aldo ließ sich die Sache durch den Kopf gehen. Heute Abend musste er in Harper's Bar sein. Aldo hatte die andere Seite geblufft, so dass sie ihn im Augenblick noch fürchtete. Aber wenn er Farbe bekennen und die Karten auf den Tisch legen musste, dann war es vielleicht gar nicht schlecht, etwas mehr über diejenigen zu wissen, die hinter allem steckten.

Über Charley zum Beispiel.

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Oliver Schmitz hatte sein Büro im Souterrain eines mehrstöckigen Gebäudes, dessen Fassade dringend einen Anstrich hätte vertragen können. Im Erdgeschoss befand sich ein Fitness-Studio, das ebenfalls Schmitz gehörte.

Schmitz war ein kleiner, hagerer Mann in grauer Strickjacke und mit übergroßen Tränensäcken. Nichts an seinem äußeren Erscheinungsbild deutete darauf hin, dass es ihm nichts ausmachte, jemanden ohne mit der Wimper zu zucken krankenhausreif schlagen zu lassen.

Als Aldo Schmitz‘ Büro betrat, war nur der Leibwächter dort, ein baumlanger Blondschopf, der offenbar fleißig im nahen Fitness-Studio trainiert hatte. Jedenfalls sah er aus, als könnte er jederzeit auch bei einer Bodybuilding-Meisterschaft mit konkurrieren.

Um diese Zeit war noch nichts los bei Schmitz. Aber das war für Aldo vielleicht auch besser so.

"Tag. Auf welchen Gaul  wollen Sie Ihr Geld setzen?"

Aldo winkte ab.

"Ich möchte mit Ihnen unter vier Augen reden, Schmitz."

Schmitz runzelte die Stirn, während Aldo merkte, wie sich die Muskeln des Leibwächters leicht anspannten. Dem Wettbürobetreiber gefiel die Idee nicht. Also sagte er: "Billy ist immer dabei. Ich habe keine Geheimnisse vor ihm ..."

Aldo zuckte die Achseln.

"Aber ich."

"Sagen Sie, worum es geht oder verschwinden Sie! Wer sind Sie überhaupt?"

Aldo zögerte mit der Antwort. Wenn er sagte, dass er Aldo Burmester und Privatdetektiv war, dann würde Schmitz auf einmal keinen Mund mehr haben.

"Das tut nichts zur Sache", wich er daher aus.

Was dann geschah, ging blitzschnell. Billy, der Leibwächter, schnellte nach vorn und packte Aldo am Kragen. Der Privatdetektiv wurde roh gegen die Wand gedrückt. Auf dem Gesicht des Blondschopfs stand ein hässliches Grinsen, während er durch Aldos Taschen fingerte.

Aber dieses Grinsen gefror zu Eis und wurde dann zu einer Maske des Erschreckens, als Aldo den Kerl blitzschnell packte und aushebelte. Billy landete der Länge nach hingestreckt auf dem Boden. Eine volle Sekunde brauchte er, dann war er wieder auf den Beinen.

Der Blondschopf griff unter das Jackett, wo er vermutlich seine Waffe hatte. Er zog sie annähernd zu Hälfte heraus, aber Aldo reagierte blitzschnell. Aldo kam mit der Rechten vor und hieb sie Billy direkt unter das Kinn, während die Linke in den Magen vorschnellte. Der Bodybuilder sank ächzend zusammen und klatschte dann schwer auf den Boden.

Aldo verzichtete darauf, seinem Gegner die Kanone abzunehmen. Der Kerl würde eine ganze Weile ohne Bewusstsein bleiben. Zeit genug also für eine kleine Unterhaltung mit Schmitz.

Aber der Wettbürobetreiber schien davon überhaupt nicht begeistert zu sein. Er hatte so schnell er konnte in die Schublade seines Schreibtisches gegriffen und eine Beretta herausgerissen, deren Lauf jetzt auf Aldo Burmesters Gesicht zeigte.

"Wenn Sie nur eine falsche Bewegung machen, Herr, dann sind Sie ein toter Mann!", zischte Schmitz. Aber der Umgang mit Waffen war nicht sein Ding. Er hielt die Beretta ziemlich unsicher. Trotzdem - auf diese Entfernung war es einfach zu gefährlich für Aldo, etwas zu versuchen.

Aldo nahm die Hände hoch.

"Nehmen Sie das Ding da besser weg, Herr Schmitz! Sonst passiert am Ende noch ein Unglück!"

"Das haben Sie dann zu verantworten."

"Hören Sie, Sie sind vielleicht einer, der Mörder vermittelt, aber selbst abzudrücken, da ist doch das Risiko viel zu hoch."

Schmitz runzelte die Stirn und verlor den letzten Rest von Gesichtsfarbe. Aldo schien da etwas getroffen zu haben. Er kam etwas näher an den Schreibtisch heran.

"Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen", meinte Schmitz wenig überzeugend.

"Natürlich wissen Sie von nichts", erwiderte Aldo ironisch. "Genau wie ein Heiratsvermittler in der Regel auch nicht weiß, dass es Männer und Frauen gibt, so wissen Sie nicht, was ein Killer ist, was?"

"Haben Sie eine Waffe?"

"Im Schulterholster."

"Dann legen Sie sie hier auf den Tisch! Und zwar ganz vorsichtig, wenn ich bitten darf!"

Aldo gehorchte. Und er war ganz vorsichtig.

"Zufrieden?", fragte er dann.

"Und jetzt wieder zwei Schritte zurücktreten!"

Als Aldo das getan hatte, entspannte sich Schmitz‘ Körperhaltung wieder ein wenig.

"Was haben Sie jetzt vor?", fragte Aldo.

"Wer sind Sie? Ein Bulle? Sie haben irgendwie das Auftreten, das dazu passt!"

Jetzt hatte es keinen Zweck mehr, Katz und Maus zu spielen. Nicht im Angesicht einer Beretta. Und so sagte Aldo: "Greifen Sie in meine rechte Jackettinnentasche!"

"Was soll da sein?"

"Mein Ausweis als Privatdetektiv."

Oliver Schmitz zögerte eine Sekunde. Dann ging er auf Aldos Vorschlag ein und versuchte, ihm in die Tasche zu greifen. Für den Bruchteil eines Augenblicks passte er dabei nicht auf. Aldo riss ihm den Arm mit der Beretta schmerzhaft herum und schlug ihm die Waffe aus der Hand. Sie polterte geräuschvoll auf den Boden, während Aldo den Buchmacher zur Hälfte über den Tisch zog.

Schmitz befand sich in einer ziemlich unangenehmen Lage und ächzte.

"Was wollen Sie?"

"Sie kennen Leonard Clausen!"

"Der ist tot. Und Tote soll man ruhen lassen!"

"Aber er hat für Sie gearbeitet."

"Nein, das ist falsch."

"Ich habe es aus zuverlässiger Quelle - einer Quelle, der ich auf jeden Fall mehr Glauben schenke als Ihnen, Schmitz!"

Aldo ließ den Buchmacher los, und dieser rutschte daraufhin auf der anderen Seite des Schreibtischs herunter. Als er wieder auf den Beinen stand, sah er Aldo ziemlich böse an.

"Sie können mir nichts beweisen, Schnüffler! Ich mache Leute miteinander bekannt, und das ist ja nicht strafbar."

"Wenn der eine ein Killer und der andere sein Auftraggeber ist, schon", gab Aldo den Ball zurück.

Schmitz zuckte mit den Schultern.

"Davon weiß ich nichts, und Sie können nicht das Gegenteil beweisen."

Aldo wusste, dass sein Gegenüber da leider recht hatte. Trotzdem ließ er nicht locker.

"Wer war der Letzte, den Sie mit Leonard Clausen bekannt gemacht haben?"

"Ich sage kein Wort."

"Warum? Vor wem haben Sie Angst? Leonard kann Sie nicht mehr umlegen, wenn sie ihn jetzt verraten. Aber ich kann Ihnen eine Menge Schwierigkeiten machen, wenn ich nicht eine vernünftige Antwort bekomme."

Schmitz hatte den Blick eines in die Enge getriebenen Tieres.

"Was meinen Sie damit?"

"Meine Beziehungen zur Polizei sind ausgezeichnet, Schmitz. Ich habe einige Freunde dort, von denen ich weiß, dass sie Ihnen lieber früher als später das Handwerk legen würden. Möchten Sie, dass die Ihnen die Türen einrennen? Was glauben Sie, was das für einen guten Eindruck auf Ihre Kundschaft macht." Aldo zuckte die Achseln. "Vielleicht kann ich sogar arrangieren, dass man bei Ihnen mal eine Steuerprüfung durchzieht. Wäre vielleicht ganz ergiebig!"

Jetzt besann sich Schmitz.

"Okay", meinte er. "Ich habe Leonard Clausen mit jemandem bekannt gemacht."

"Ein Name, Schmitz!"

"Ich kenne ihren Namen nicht. Sie hatte eine Sonnenbrille auf, und so konnte ich auch kaum etwas von ihrem Gesicht sehen. Und es interessierte mich auch nicht."

"Sie?", echote Aldo.

"Ja", sagte Schmitz. "Eine Frau. Das war nun wirklich eindeutig."

"Haben Sie dieser Frau noch eine zweite Bekanntschaft vermittelt, nachdem Leonard tot war?"

Schmitz schwieg.

Aldo umrundete den Schreibtisch, wobei er seine Automatik einsteckte und Schmitz‘ Beretta vom Boden aufhob. Er richtete die Pistole auf Schmitz, der sich in die hinterste Ecke des Büros zurückzog, und dabei unabsichtlich eine Vase vom Regal fegte.

Aldo lud die Waffe durch.

"Machen Sie keine Dummheiten!", stöhnte Schmitz.

"Tut mir leid, ich bin sonst nicht für solche Methoden. Aber meine Mitarbeiterin ist in den Händen dieser Leute. Und wenn ich nicht bald Namen höre, dann werde ich Sie persönlich für das verantwortlich machen, was noch geschieht."

Aldo drückte ihm die eigene Beretta an die Schläfe.

"Wenn Sie schießen, wird man das oben im Fitnesscenter hören", meinte Schmitz ziemlich schwach.

"Ja, und es wird keiner von den Kraftprotzen wagen, hier herunterzukommen. Auf mich wird kein Verdacht fallen. Es gibt mindestens zwei Dutzend Leute, die Sie gerne tot sehen würden."

Er schluckte. Dann sagte er: "Es sind zwei. Mike Gilbert und Jonas Frederick. Beide sind von auswärts. Sie wollte das so."

"Wie komme ich an die beiden heran?"

"Über eine Telefonnummer. Ich schreibe Sie Ihnen auf."

Aldo nahm die Beretta weg und meinte: "Wenn Sie gelogen haben, mache ich Sie fertig. Und das dasselbe gilt, falls es Ihnen einfallen sollte, jemanden zu warnen."

Schmitz nickte. "In Ordnung."

Indessen bewegte sich der k.o. geschlagene Leibwächter wieder ein bisschen. Als Aldo den Buchmacher verließ, stieg er über den kräftig gebauten Mann hinüber und meinte dabei zu Schmitz: "Ihr Bodyguard taugt nicht viel. Wenn Sie Ihre schmutzigen Geschäfte noch eine Weile überleben wollen, sollten Sie jemanden engagieren, der nicht so leicht auszuknocken ist."

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Aldo Burmester wählte vom Wagen aus die Nummer, die Schmitz ihm gegeben hatte. Es meldete sich eine Pension. Aldo trat auf das Gaspedal, um möglichst schnell dorthin zu gelangen.

Vielleicht war dies eine Spur, die direkt zu Jana führte. Aldo hoffte es zumindest, denn er hatte das dumpfe Gefühl, dass die Verabredung in Harper's Bar heute Abend um acht nur dazu dienen sollte, ihn aufs Glatteis zu führen und auf irgendeine Art und Weise auszuschalten, sobald die andere Seite einigermaßen abgeschätzt hatte, ob ein toter oder ein lebender Privatdetektiv ihr gefährlicher werden konnte.

Die Pension war keine vornehme, dafür aber eine unauffällige Adresse.

Der Portier war so fett, dass er wahrscheinlich für alle Tätigkeiten, die nicht im Sitzen ausgeführt werden konnten, ohnehin ungeeignet gewesen wäre. Er saß hinter dem Tresen und las in den Kontaktanzeigen eines Sex-Magazins, als Aldo zu ihm herantrat.

"Welche Nummern haben Gilbert und Frederick?", fragte Aldo.

Er blickte auf und musterte Aldo kritisch.

"Ich bin kein Auskunftsbüro", verkündete er dann ziemlich mürrisch. "Wenn Sie ein Zimmer wollen, tragen Sie sich ein, ansonsten verschwinden Sie besser!"

Aldo scherte sich nicht weiter um den Dicken, sondern langte dreist nach dem Gästebuch. Der Portier versuchte, es Aldo wieder abzunehmen, aber das Ganze ging einfach zu schnell für ihn.

So langte der Dicke zum Telefon. Aldo zog ihm kurzerhand die Schnur aus der Wand.

"Lassen Sie das schön bleiben! Sie handeln sich nur Ärger ein."

Der Portier schaute ziemlich verdutzt drein. Sein Mund stand weit offen, so als hätte er beim letzten Atemzug einfach vergessen, ihn wieder zu schließen.

Einen Augenblick später hatte Aldo die Eintragungen von Frederick und Gilbert gefunden. Sie wohnten in Nummer 13 und 14. Ein Blick zur Schlüsselwand ließ vermuten, dass die beiden nicht hier waren. Aldo zog dennoch seine Automatik und lud sie durch.

"Sind Sie ein Bulle?", fragte der Mann hinter dem Tresen.

"Die Schlüssel!", wies ihn Aldo an, ohne darauf einzugehen und streckte dabei die Linke aus.

Der Portier gehorchte, und Aldo lief mit großen, raumgreifenden Schritten die Treppe hinauf. Wenig später stand er vor Nummer 13. Er horchte kurz. Es schien niemand im Raum zu sein und so steckte er den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn vorsichtig herum.

Trotz allem war Aldo auf der Hut, als er das Zimmer betrat. Aber schon nach wenigen Sekunden ließ er die Automatik sinken. Es bestand keinerlei Gefahr.

Im Schnellgang durchsuchte Aldo den Raum nach persönlichen Gegenständen. Vielleicht war ja etwas dabei, das ihn weiterbringen konnte. Aldo hoffte es jedenfalls.

Er fand einen Koffer mit Kleidung. Aldo wühlte ein bisschen darin herum, aber ohne Ergebnis. Der Schrank war leer und selbst im Papierkorb war nichts, das dem Privatdetektiv bedeutsam erschien. Aldo hielt sich nicht länger auf und nahm sich noch die Nummer 14 vor.

Aldo fand ein paar Zeitungen, eine Illustrierte und einen Stadtplan von Hamburg. Er faltete den Stadtplan auseinander. Eine Stelle war ganz zart mit Bleistift markiert.

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Das zu Eis erstarrte Lächeln der Ronald-Reagan-Maske ließ Jana Marschmann unwillkürlich frösteln. Sie wusste nicht, wo sie war.

Während der Fahrt waren ihr die Augen verbunden worden und dann hatte sie sich irgendwann in diesem halbdunklen, kahlen Raum wiedergefunden. Sie schätzte, dass dieser Raum zu ebener Erde lag. Jedenfalls waren die beiden Maskierten mit ihr weder eine Treppe hinaufgegangen, noch in einen Aufzug gestiegen.

Jana saß in einer Ecke auf dem Boden, Hände und Füße waren mit Klebestreifen so wirkungsvoll gefesselt, dass sie sich kaum rühren konnte.

"Was haben Sie mit mir vor?", fragte sie den Mann mit der Reagan-Maske, der sie jetzt schon eine ganze Weile lang musterte.

Aber die Reagan-Maske gab keine Antwort.

Stattdessen meldete sich Frankensteins Monster, das am Fenster stand und hinausblickte. Jana konnte nicht sehen, was dort war.

"Seien Sie einfach still!", sagte Frankensteins Monster, ohne sich dabei umzudrehen. "Je weniger Sie wissen, desto besser für Sie und uns."

"Worauf haben Sie es abgesehen? Auf meinen Boss?"

Frankensteins Monster drehte sich jetzt abrupt herum, trat mit ein paar schnellen Schritten an Jana heran und packte mit der Linken ziemlich grob ihren Unterkiefer.

"Dein Gerede geht mir auf die Nerven, Lady!"

Einen Augenblick später war auch ihr Mund mit Klebeband bepflastert.

"Warum so nervös?", kam es unter der Reagan-Maske hervor. "Es ist alles prima gelaufen. Ein einfacher Job, ohne Komplikationen und Schnörkel."

Frankensteins Monster machte eine wegwerfende Geste. Dann ein kurzer Blick auf die Uhr.

"Die andere Sache steht noch aus", meinte er.

"Warum so eilig?", dröhnte es dumpf unter der Reagan-Maske hervor.

"Willst du, dass der Kleine schon von der Schule zurück ist und zusieht?"

"Nein."

"Na, also!"

"Meinst du, wir können die Lady hier sich selbst überlassen?"

Der Kerl mit der Monster-Maske schüttelte energisch den Kopf. Er schien derjenige von beiden zu sein, der das Sagen hatte.

"Nein", meinte er mürrisch. "Nicht nötig. Ich kann das allein erledigen ..."

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Aldo hielt den champagnerfarbenen 500 SL an und überlegte, worauf sich die Markierung auf dem Stadtplan wohl beziehen mochte. Er ließ den Blick an der linken Häuserfront entlanggleiten und blieb bei einem aufgegebenen Geschäft hängen, dessen Schaufenster vernagelt waren.

Die Leuchtreklamen waren abmontiert worden und es gab nichts, was einem noch verraten konnte, was hier einmal verkauft worden war. Jetzt wurde das Gebäude selbst zum Verkauf angeboten und schien seinerseits ein Ladenhüter zu sein. Das Schild mit der Aufschrift 'FOR SALE' war jedenfalls in einem Zustand, der darauf hinwies, dass es nicht erst gestern angebracht worden war.

Vielleicht ist Jana hier, dachte Aldo und stieg aus.

Ein verlassenes Gebäude wie dieses war wie geschaffen dafür, eine Entführte zu verbergen, zumal auch in der unmittelbaren Nachbarschaft einige Wohnungen leer standen. Aldo ging über die Straße und versuchte zwischen den Brettern hindurchzublicken, mit denen alles vernagelt war. Nichts zu sehen. Nur Dunkelheit.

Zwischen dem Geschäft und dem Nachbarhaus führte eine Durchfahrt in einen Hinterhof, in dem ein Wagen geparkt war. So ähnlich hatte Aldo sich das gedacht. Es war also jemand hier.

Dann hörte der Privatdetektiv plötzlich ein Geräusch.

Es waren Schritte, die aus einem auf der anderen Seite des Hinterhofs gelegenen Gebäude kamen, das früher wahrscheinlich als eine Art Lager gedient hatte. Aldo drückte sich seitlich in eine Nische, die zu einer zugemauerten Tür gehörte.

Er sah einen Mann ins Freie treten, der sich eine Frankenstein-Maske vom Kopf riss und darunter ziemlich zu schwitzen schien. Der Mann stieg in den Wagen, warf die Maske auf den Rücksitz und brauste dann einen Augenblick später an Burmester vorbei.

Aldo glaubte nicht, dass der Kerl ihn gesehen hatte. Der Privatdetektiv schlich an der Wand entlang. Die dem Innenhof zugewandten Fenster des Lagerhauses waren zwar verbarrikadiert, aber sicher war eben sicher. Aldo konnte ja nicht wissen, wo eventuell jemand auf Beobachtungsposten stand.

Bevor er die Tür passierte, zog er die Automatik aus dem Schulterholster und entsicherte sie. Er versuchte so wenig Krach wie möglich zu machen, aber die Scharniere waren wohl schon eine Ewigkeit lang nicht mehr geölt worden und knarrten daher etwas.

Aldo kam in einen großen, kahlen Raum. An den Seiten waren Glasbausteine in den Wänden, durch die etwas Licht fiel. Auf der anderen Seite war eine Tür, die wahrscheinlich in einen weiteren, ähnlichen Raum führte.

Es war zur einen Hälfte ein kaum hörbares Geräusch, das Aldo warnte. Zur anderen Hälfte vielleicht Instinkt. Jedenfalls sprang plötzlich die Tür auf. Alles Weitere ging blitzschnell.

Aldo sah eine maskierte Gestalt hervorspringen und eine Waffe heben. Ein Mündungsblitz zuckte. Das Schussgeräusch hörte sich in diesem kahlen Lagerraum wie ein Donnergrollen an und hallte mehrfach wider. Ein zweiter Schuss folgte unmittelbar danach, während Aldo sich längst zur Seite fallengelassen hatte. Der Privatdetektiv rollte sich am Boden herum, während dicht neben ihm ein Projektil in den Betonboden schlug und als tückischer Querschläger weitergeschickt wurde.

Dann riss Aldo seine Waffe hoch und drückte ab, bevor sein Gegenüber zum dritten Mal feuern konnte. Der Maskierte bekam Aldos Kugel ins linke Bein. Der Schrei, der daraufhin unter der Reagan-Maske hervordröhnte, schien je zur Hälfte aus Schmerz und Wut geboren zu sein.

"Waffe weg!", rief Aldo, aber der Maskierte dachte keine Sekunde daran aufzugeben. Er lehnte mit dem Rücken am Türpfosten und richtete erneut seine Waffe auf Aldo.

Der Kerl mit der Reagan-Maske ließ Aldo keine andere Wahl. Bevor der Maskierte seinen Schuss abgeben konnte, hatte Aldo bereits abgedrückt. Der Kerl rutschte getroffen am Türrahmen zu Boden. Er versuchte verzweifelt, seine Waffe in Anschlag zu bringen, aber das klappte nicht mehr. Einen Sekundenbruchteil danach saß er regungslos da, während sein Blut auf den kalten Betonboden sickerte.

Aldo rappelte sich auf und trat an ihn heran. Der Kerl war tot, da gab es keinen Zweifel. Als der Privatdetektiv dann in der Tür stand, sah er ein zusammengeschnürtes, blauäugiges Bündel in einer Ecke liegen.

"Jana!"

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"Es waren zwei!", sprudelte es aus Jana heraus, als Aldo ihr das Klebeband herunterzog, das ihr den Mund verschlossen hatte. Geschwind glitten Aldos Hände weiter und befreiten Jana von ihren Fesseln.

"Und wo ist Nummer zwei?"

"Das ist es ja eben, Aldo! Ich vermute bei Karin Fiegenbaum!"

Aldo erstarrte mitten in der Bewegung.

"Wie kommst du darauf?"

"Es war einem Jungen die Rede, der noch in der Schule sei und das Ganze nicht mitkriegen sollte ..."

"Wie rücksichtsvoll!", meinte Aldo ironisch.

Indessen rieb Jana sich die Hände.

"Da glaubt jemand, sich nicht mehr auf Karin Fiegenbaums Schweigen verlassen zu können."

Aldos Blick auf einen Stuhl, auf dem ein Handy lag, dazu eine Apparatur, um die Stimme zu verändern.

"Von hier aus haben sie mich heute Morgen in der Agentur angerufen, nehme ich an", murmelte Aldo. "Zwei Männer, sagst du?"

"Ja. Da bin ich trotz der Masken sicher. Schon wegen der Stimmen ..."

"War noch jemand hier? Jemand, der sich Charley nennt und die Fäden zu ziehen scheint. Ich hatte ihn an der Strippe - und du bist doch dabei gewesen, Jana."

"Das war der andere. Er trug eine Frankenstein-Maske."

Aldo nickte.

"Ich habe ihn davonfahren sehen ... Aber das ist nicht Charley. Charley ist wahrscheinlich eine Frau."

"Das musst du mir erklären!"

"Später ..."

Aldo nahm das Handy und wählte Karin Fiegenbaums Nummer. Es dauerte ziemlich lange, bis sie abnahm. Aber schließlich meldete sie sich doch, und Aldo atmete innerlich auf. Der Kerl mit der Frankenstein-Maske war also noch nicht bei ihr.

Karin schien unter starker Anspannung zu stehen und mit den Nerven ziemlich am Ende. Und sie versuchte sofort, den Privatdetektiv abzuwimmeln.

"Herr Burmester, ich habe Ihnen doch gesagt, dass ..."

"Hören Sie mir gut zu!", unterbrach Aldo sie abrupt und hoffte, dass sie nicht einfach sofort auflegte. "Sie sind in großer Gefahr. Ein Mann ist zu Ihnen unterwegs, der wahrscheinlich den Auftrag hat, Sie umzubringen." Sie sagte gar nichts, und das hielt Aldo für ein gutes Zeichen. Vielleicht glaubte Sie ihm ja. "Wenn jemand an ihrer Tür klingelt, machen Sie nicht auf!"

"Okay ..."

"Wissen Sie einen Ort, an dem sie sich für die nächste halbe Stunde verstecken können? Nachbarn vielleicht ..."

"Wir hatten nie viel Kontakt zu den Nachbarn und außerdem ..."

"Versuchen Sie es, Karin! Sie werden Ihnen schon helfen! Sie haben keine andere Chance!"

"Oh, mein Gott!", hörte er Karin Fiegenbaums Stimme ihn plötzlich unterbrechen.

"Was ist los?"

"An der Tür ist jemand."

Ein undefinierbares Geräusch drang durch die Leitung, und dann schien Karin Fiegenbaum aufgelegt zu haben.

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Aldo fuhr wie der Teufel und bedauerte, nicht in einem Streifenwagen zu sitzen und sich den Weg durch das Verkehrsgewühl mit Blaulicht und Sirene bahnen zu können.

Indessen betätigte Jana das Autotelefon, um Kriminalhauptkommissar Dankwers zu alarmieren. Als das geschehen war, berichtete Aldo ihr in knappen Sätzen, was er inzwischen herausgefunden hatte.

"Hast du schon eine Idee, wer es ist, der da die Fäden aus dem Hintergrund zieht?", fragte Burmesters Assistentin dann.

"Um das herauszufinden, habe ich das Gespräch heute Morgen aufgenommen und an Sven geschickt. Die Stimme war zwar verfremdet, aber kriminaltechnisch ließe sich vielleicht doch etwas machen. Leider ist dieser mysteriöse Charley auf Nummer hundertprozentig sicher gegangen!"

"Du sprachst von einer Frau ..."

"Leonard Clausen und die Kerle, die dich eingefangen haben, wurden von einer Frau engagiert."

"Das ist alles?"

"Leider ja. Wer immer sich auch hinter dem Namen Charley verbergen mag, er - oder sie - hat alles so arrangiert, dass es möglichst keine Spuren gibt, die zum Kopf der Gruppe führen, mit der wir es hier zu tun haben."

Als der 500 SL etwas später in der Nähe von Karin Fiegenbaums Wohnung hielt, ahnte Aldo, dass er vielleicht zu spät gekommen war.

"Da vorne ist sein Wagen!", sagte er an Jana gewandt, während er ausstieg.

"Die Polizei muss jeden Moment kommen", erwiderte Jana.

Aldo nickte.

"Bleib hier und sorg dafür, dass sie gleich dahinkommen, wo sie gebraucht werden!" Aldo nahm seine Automatik aus dem Schulterholster und bewegte sich mit schnellen Schritten vorwärts. Der Killer konnte noch in der Wohnung sein. Jedenfalls war Aldo auf der Hut, nicht in das Schussfeld zu geraten. Vorsichtig hatte Aldo sich schließlich bis zur Tür vorgearbeitet. Sie war angelehnt.

Vorsichtig tastete der Privatdetektiv sich voran, passierte die Tür und stand dann im Treppenhaus. Einen Aufzug gab es auch, aber der war im Moment außer Betrieb. Die nächste Tür führte zu Karin Fiegenbaums Wohnung. Sie war verschlossen, und Aldo öffnete sie mit einem Stück Draht. Mit der Automatik im Anschlag schlich er dann in die Wohnung.

Er ging den Flur entlang und fragte sich, ob Karin Fiegenbaum wohl noch lebte. Aldo fand den Killer dann in der Küche. Er saß am Tisch und wenn Aldo es nicht besser gewusst hätte, hätte man auf die Idee kommen können, dass er hier zu Hause war. Eine Pistole mit Schalldämpfer lag vor dem Kerl auf dem Tisch. Seine Rechte umklammerte den Griff und riss die Waffe augenblicklich in die Höhe, als der Privatdetektiv zu sehen war. Zweimal kurz hintereinander gab es das charakteristische dumpfe Geräusch. Aldo ließ sich zur Seite fallen, während die Geschosse über ihn hinweggingen und das Holz des Türrahmens splittern ließen. Aldo feuerte augenblicklich zurück. Der Schuss ging dem Killer in den rechten Arm. Der Mann schrie auf, versuchte seine Pistole erneut hochzureißen, aber er sah schnell ein, dass ihm das nicht mehr gelingen würde.

"Waffe weg!", rief Aldo.

Der Killer gehorchte. Aber statt sich zu ergeben, machte er zwei schnelle Schritte und sprang dann durch das Küchenfenster. Glas splitterte, aber aus dem Hintergrund drang bereits eine Polizei-Sirene. Aldo setzte nach und stieg durch das zersplitterte Fenster, während der Flüchtende sich längst wieder aufgerappelt hatte und davonhetzte. Der Mann hielt sich keuchend den Arm und drehte sich immer wieder zu seinem Verfolger herum. Dreißig, vierzig Meter hatte er noch bis zu seinem Wagen. Aber da war bereits der erste Streifenwagen herangekommen und bremste mit quietschenden Reifen. Die Türen gingen auf, und Polizisten brachten ihre 38er Revolver in Anschlag. Dann kam ein zweiter Wagen und noch ein dritter. Der Killer blieb stehen. Er hatte keine Chance.

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"Und du hast nicht zufällig eine Ahnung, wer dieser Charley ist?", fragte Sven Dankwers, nachdem Aldo ihm einen knappen Bericht gegeben hatte. "Was ich meine, ist: Wenn wir unseren Kollegen, die sich mit Wirtschaftskriminalität befassen, einen Tipp geben wollen, müssen wir ihnen wohl schon ungefähr sagen, in welchem Büro es sich lohnt zu suchen."

"Tut mir leid, Sven. Ich fürchte, ich stehe mit leeren Händen da."

Sven deutete auf den Killer, der gerade in einen der Streifenwagen gesetzt worden war. Jemand kümmerte sich notdürftig um seine Wunde.

"Vielleicht packt er ja aus ..."

"Ich glaube nicht, dass er viel zu sagen", vermutete Aldo. "Genau darauf basiert doch Charleys Organisation. Dass niemand weiß, wie alles zusammenhängt. Der Kerl hier hat einen Auftrag bekommen - und zwar über einen Vermittler. Er wird uns also nicht weiterhelfen können, selbst wenn er wollte.“

"Und Frau Fiegenbaum?", fragte Dankwers. "Vielleicht packt sie jetzt endlich aus. Wo ist sie übrigens?"

Aldo zuckte die Achseln. Aber dann sah er sie plötzlich. Sie kam zögernd näher und machte einen ziemlich verstörten Eindruck.

Aldo und Sven bewegten sich auf sie zu.

"Ich habe die Sirenen gehört und da dachte ich, dass alles vorbei ist ...", sagte sie.

"Wo waren Sie?", fragte Aldo. "Unser Gespräch wurde ziemlich abrupt unterbrochen."

"Tut mir leid, Herr Burmester. Als der Kerl an der Tür war, bin ich hinten aus dem Fenster gestiegen und davongelaufen."

Aldo begriff. Der Killer hatte angenommen, dass Karin Fiegenbaum kurz außer Haus war und einfach auf sie gewartet.

"Frau Fiegenbaum ...", begann der Privatdetektiv jetzt, aber sie kam ihm zuvor.

"Ich weiß, dass ich nicht besonders nett zu Ihnen war, Herr Burmester. Aber bitte, verstehen Sie auch, in welcher Lage ich war. Ich dachte, wenn ich tue, was sie sagen, dann lassen sie mich und Michael in Ruhe. Aber jetzt ist ja wohl alles vorbei."

"Sie irren sich", meinte Aldo. "Nichts ist vorbei. Dieser Kerl war nur ein Handlanger und man wird einen weiteren schicken, wann immer sein Boss es für richtig hält."

Sie machte einen hilflosen Eindruck.

"Was soll ich tun?"

"Packen Sie aus! Sie haben jetzt nichts mehr zu verlieren."

"Was wollen Sie wissen?"

"Zum Beispiel, wer hinter dem Namen Charley steckt?"

Sie schüttelte den Kopf.

"Ich weiß es nicht!"

"Aber Ihr Mann ist vielleicht dahintergekommen."

"Stefan hat mir nicht viel gesagt, Herr Burmester. Nur, dass er an einer sehr heiklen Sache arbeitete, die im Dunstkreis der Börse angesiedelt war. Er hat mir auch erklärt, wie diese Geschäfte funktionieren, die die Leute betreiben, denen er auf die Spur kam."

"Er wollte sie erpressen, nicht wahr?"

"Darüber haben wir nicht gesprochen."

"Und was war in dem Bankschließfach, dessen Inhalt für mich bestimmt war?"

"Ich weiß es nicht. Aber das habe ich Ihnen auch schon einmal gesagt." Sie sah Aldo offen an. Warum sollte sie jetzt noch lügen? Sich und ihren Jungen konnte sie nur schützen, wenn Charley so schnell wie möglich festgenommen werden konnte.

"Sie haben das Fach doch ausgeräumt", meinte Aldo.

Sie schüttelte den Kopf.

"Nein. Und auch das habe ich Ihnen schon einmal gesagt! Es war die Wahrheit! Glauben Sie mir doch!"

"Aber es gibt Zeugen! Sie waren dort! Und Sie haben Ihre Unterschrift hinterlassen!"

Karin Fiegenbaum schüttelte sehr energisch den Kopf.

"Ich habe keine Erklärung dafür!"

Aldo sah sie an und dachte: Vielleicht sagt sie ja die Wahrheit. Eine Unterschrift zu fälschen war schließlich nicht unmöglich.

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Marina Junkers erwartete eigentlich keinen Besuch mehr. Sie hatte sich die Schuhe ausgezogen und lief dann ins Bad, um die Wanne einlaufen zu lassen. Das Entspannungsbad nach diesem anstrengenden Tag würde ihr guttun. Es war jetzt eine Menge zu tun in der Investment-Abteilung der Hamburger Börse, seit Gregor Lafett das Zeitliche gesegnet hatte. Sie musste seinen Job praktisch mit erledigen. Vielleicht würde sie sogar seine Nachfolgerin werden. Aussichten hatte sie jedenfalls.

Sie hatte gerade die Gürtelschnalle gelöst und wollte das schlichte, aber elegante lindgrüne Kleid abstreifen, da klingelte es an der Tür ihres Penthouses. Also zog sie ihre Schuhe wieder an und ging hin.

Ein kurzer Blick durch den Spion, dann öffnete sie, löste aber nicht die Kette.

"Was wollen Sie?"

"Kriminalpolizei, Mordkommission!", kam es ihr entgegen. "Machen Sie bitte die Tür auf!"

Sie gehorchte. Es waren zwei Männer. Einen kannte Sie. Es war Aldo Burmester, mit dem Sie kurz bei Lafetts Büro in der Hamburger Börse zusammengetroffen war. Der andere war korpulent gebaut und hielt ihr seine Dienstmarke unter die Nase.

"Ich bin Kriminalhauptkommissar Dankwers und das hier ..."

"Wir kennen uns", unterbrach sie ihn und ließ ihren Blick zu Aldo hinübergleiten. "Wenn auch nur flüchtig. Was wollen Sie von mir?"

Aber es war nicht Aldo, der jetzt darauf antwortete, sondern Dankwers. Er fing an, Marina Junkers Ihre Rechte vorzulesen. "Sie haben das Recht zu schweigen. Falls Sie auf dieses Recht verzichten, kann alles, was Sie von jetzt ab sagen, vor Gericht gegen Sie verwendet werden."

Sie schien einige Augenblicke lang völlig fassungslos zu sein. Dann meinte Sie mit beißendem Unterton: "Was soll diese Komödie! Das muss ein schlechter Witz sein!"

"Tut mir leid", meinte Dankwers. "Es ist nicht einmal ein Irrtum."

Sie stemmte die Arme in die Hüften.

"Was liegt gegen mich vor?"

"Ich bin nicht wegen der kriminellen Insider-Geschäfte hier, mit denen Sie die Anleger betrügen. Das gehört nicht in den Bereich meiner Abteilung, aber Sie können sich sicher sein, dass die Kollegen sich dieser Sache annehmen werden. Ich bin für Mord zuständig."

"Ach, ja? Ich habe niemanden umgebracht!"

"Mag sein", sagte Dankwers. "Aber Sie haben die Aufträge gegeben."

Sie wandte sich an Burmester.

"Haben Sie ihm diesen Floh ins Ohr gesetzt?"

"Es ist kein Floh", erwiderte Aldo kühl. "Sie waren es, die Leonard Clausen beauftragte, Stefan Fiegenbaum umzubringen, weil er Ihren Geschäften auf die Spur gekommen war. Sie haben seine Witwe unter Druck gesetzt, nichts von dem zu verraten, was ihr Mann ihr vielleicht über die Sache erzählt hatte. Es scheint, als hätten Sie dann kein Vertrauen mehr in Karin Fiegenbaums Schweigen gehabt. Sie ist nur knapp davongekommen."

"Sie erzählen da Dinge, für die Sie nicht den Hauch eines Beweises haben", ereiferte sie sich.

Aber Aldo ließ sich nicht beirren.

"Zuvor haben Sie Ihren Boss Gregor Lafett erschießen lassen, der auch zu Ihrer Gruppe gehörte."

"Warum sollte ich das tun?"

"Das wissen Sie doch selbst am besten! Lafett hat Leonard Clausen in einer Art Panikreaktion erschossen. Vielleicht war Clausen einfach nicht Profi genug und hat sich zu sehr für seine Auftraggeber interessiert. Dabei ist er dann auf Lafetts Namen gestoßen. Aber genauso gut könnte ich mir auch denken, dass es Lafetts Aufgabe in der Gruppe war, mit Leonard Verbindung zu halten. Ich stelle mir das so vor: Nach der Schießerei in Clausens Apartment brauchte dieser dringend jemand, der ihm half. Er wandte sich an Lafett. Die beiden trafen sich und Lafett brachte Clausen um, denn dieser war nun eine Gefahr. Vielleicht drohte Clausen sogar. Jedenfalls ließ sich ein Profi nicht auf die Schnelle auftreiben, und Lafett stellte sich so ungeschickt an, dass er selbst eine Kugel ins Bein bekam."

Marina Junkers verzog höhnisch das Gesicht.

"Und was hat das mit mir zu tun?"

"Das will ich Ihnen sagen!", erwiderte Aldo. "Jetzt war es Lafett, der alles zum Einsturz bringen konnte. Die Kugel in seinem Bein stammte aus Clausens Waffe und konnte ihn verraten und von Lafett war es kein weiter Weg zu Ihnen selbst. Das Risiko war Ihnen zu groß, nicht wahr? Sie haben schleunigst jemanden engagiert, um auf Nummer sicher zu gehen."

"Ich bin nicht bereit, mir das länger anzuhören!", schnaubte sie.

"Lafett wusste wohl kaum, dass Charley sein Büro direkt neben seinem hatte."

"Hören Sie auf, Burmester!"

"Ich will gar nicht erst von dem Kerl, der mich fast überfahren hätte oder von der Entführung meiner Assistentin anfangen. Was hätten Ihre Leute übrigens heute Abend in Harper's Bar mit mir gemacht? Wahrscheinlich wäre ich an irgendeinen einsamen Ort gelockt worden, um auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden."

"Das sind Hirngespinste, Herr Burmester!"

"Vermutlich hätten Sie aber vorher noch genau unter die Lupe genommen, was ich gegen Sie in der Hand hätte. So haben Sie es bei Fiegenbaum doch auch gemacht, nicht wahr? Sie haben abgewartet, bis Sie jedes Detail über ihn wussten. Zum Beispiel, dass er ein Bankschließfach hat, dessen Inhalt für Sie gefährlich werden konnte. Was war darin? Kompromittierende Fotos? Ich nehme an, Sie haben das gesamte Material vernichtet. Wir werden nie erfahren, was es wirklich war."

"Warum stellen Sie mir solche Fragen? Ich habe keine Ahnung von einem Bankschließfach."

"Wirklich nicht? Sie sind doch dort gewesen, um an den Inhalt heranzukommen."

Sie fing plötzlich an zu lachen, aber dieses Lachen hatte bereits einen unüberhörbaren Anteil von Hysterie.

"Herr Burmester, Sie müssten doch wissen, dass man nicht einfach zu einer Bank gehen kann, um ein solches Fach auszuleeren. Das ist unmöglich."

"Nicht, wenn man sich eine rothaarige Perücke aufsetzt und sich mit falschen Papieren als Witwe zu verkaufen weiß! Und eine Unterschrift lässt sich mit etwas Training auch fälschen. Jedenfalls gut genug, um jeden zu täuschen, der nicht gerade ein ausgewiesener Schriftexperte ist."

Sie verzog das Gesicht.

"Um etwas zu fälschen, braucht man das Original!"

"Kein Problem", meinte Aldo. "Es gibt tausend Wege, um an eine Unterschrift zu gelangen. Vielleicht haben Sie jemanden vorbeigeschickt, der vorgab, für einen guten Zweck zu sammeln. Was weiß ich!"

"Bis jetzt nur Spekulation!", stellte Marina Junkers fest. "Wollen Sie mich deswegen festnehmen? Mein Anwalt hat mich in einer Stunde wieder auf freiem Fuß."

"Es gibt Zeugen! Ich spreche nicht von dem zwielichtigen Buchmacher, der Ihnen Leonard Clausens Dienste vermittelt hat. Der wird sein Mäntelchen nach dem Winde hängen und jeweils so aussagen, wie es für ihn selbst am besten ist."

Marina Junkers‘ Züge waren zu Eis erstarrt. "Sondern?"

Aldo lächelte dünn.

"Es gibt einen völlig unbestechlichen Zeugen. Wie Sie sicher wissen, haben die meisten Banken eine Video-Überwachung." Er machte eine Pause und sah ihr in die braunen Augen. "Sie sind gut zu erkennen, trotz Ihrer Maskerade."

"Ich sage keinen Ton mehr", meinte Marina Junkers dann fast tonlos. "Darf ich telefonieren?"

"Nur mit Ihrem Anwalt", wurde sie von Dankwers belehrt.

ENDE

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Krimis für den Strand - Acht Romane, 1000 Seiten Thriller Spannung

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Krimis für den Strand - Acht Romane, 1000 Seiten Thriller Spannung

Alfred Bekker and Henry Rohmer

Published by BEKKERpublishing, 2019.

Table of Contents

UPDATE ME

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Krimis für den Strand - Acht Romane

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Alfred Bekker schrieb als Henry Rohmer

1000 Seiten Thriller Spannung

––––––––

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ACHT KRIMINALROMANE der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Acht spannende Romane in einem Buch - Ideal als Urlaubslektüre.

HENRY ROHMER ist das Pseudonym des Schriftstellers ALFRED BEKKER, der vor allem durch seine Fantasy-Romane und Jugendbücher einem großen Publikum bekannt wurde. Daneben schrieb er Krimis und historische Romane und war Mitautor zahlreicher Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton Reloaded, John Sinclair und Kommissar X.

––––––––

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DIESES EBOOK BEINHALTET folgende Romane:

Stadt der Schweinehunde

Wir fanden Knochen

Die Apartment-Killer

Chinatown-Juwelen

Der Hacker

Im Zeichen der Fliege

Die nackte Mörderin

Schweigen ist Silber, Rache ist Gold

Titelbild: Steve Mayer

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress E-Book

© by Author

© 2015 der Digitalausgabe by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Stadt der Schweinehunde

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Thriller von Alfred Bekker

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1

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Ich sehe die Bilder von den einstürzenden Türmen. Die Bilder vom 11.September 2001, als zwei Flugzeuge von irren Terroristen in das World Trade Center gejagt haben. Immer wieder sehe ich diese Bilder. Im Fernsehen und in Gedanken. Wie oft sind die schon wiederholt worden? Es ist wie bei der Gedankenschleife eines Zwangsgestörten. Der Zwang zur Wiederholung, der Zwang, den Blick auf dieses unfassbare Geschehen zu richten und sich den Schmerz immer und immer wieder anzutun.

Die Irren, die das getan haben, waren unglücklicherweise Muslime.

Unglücklicherweise deshalb, weil ich auch Muslim bin.

Ich ging noch zur High School, als die Türme des World Trade Centers einstürzten. Und ich hatte damals keine Ahnung, dass dieser Augenblick für uns alle alles ändern würde.

Es gibt ein Davor und ein Danach.

Und das Danach ist leider die schlechtere Seite.

Inzwischen sind ein paar Jahre vergangen.

Mein Job ist es, solche Irren, wie die, die das damals getan haben, zu fassen. Besser noch: Zu verhindern, dass sie etwas Ähnliches tun werden. Aber man muss realistisch bleiben. Letzteres kommt nur sehr selten und mit viel Glück vor.

Mein Name ist Murray Abdul.

Und dies ist meine Story.

Ich jage irre Killer.

Aber es kommt durchaus öfter mal vor, dass ich denke, ich bin selber irre.

Ich überlasse Ihnen die letzte Bewertung. Ich selbst sehe mich dazu inzwischen außerstande.

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2

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Diese verdammten Schweinehunde!, dachte ich. Manchmal läuft alles schief. Es gibt Tage, an denen scheint sich alles gegen einen verschworen zu haben. Und genau so einen hatte ich wohl gerade erwischt. Ich glaube, so was nennt man wohl Schicksal. Auf jeden Fall scheint es unvermeidlich zu sein. Ich steckte also ziemlich böse in der Klemme. So böse wie schon lange nicht mehr. Aber vom Klagen wird’s auch nicht besser.

Ich saß einfach mal wieder bis zum Hals in der Scheiße. Plötzlich in der Jauchegrube - das scheint für jemanden wie mich, der Titel des ganz persönlichen Lebensromans zu sein.

Ich blinzelte.

Und hörte, was man mir sagte.

"Schön ruhig bleiben. Die Hände hoch und keine falsche Bewegung!"

"Hören Sie!"

"Nein, Sie hören! Beine auseinander und an die Wand!"

Es waren Cops, die mich filzten.

Sie tasteten mich ab. Holten meine Pistole hervor.

"Sieh an", sagte einer der Kerle. "Noch nichts davon gehört, dass das Tragen von Waffen in der Öffentlichkeit in New York illegal ist?"

"Nicht, wenn man dafür einen Grund hat.”

"Sind Sie Cop? Haben Sie eine Lizenz als Privatdetektiv? Arbeiten Sie für eine Sicherheitsfirma?"

"Bin ich das Büro für Fragen und Antworten?"

“Besser wir hören jetzt eine vernünftige Antwort, oder..”

“Oder was?”

“Scheiße, wir werden nicht gerne verarscht, hörst du?”

“Ja, aber ich muss mir dasselbe von euch Blödmännern gefallen lassen, oder was?”

Jetzt mischte sich der andere Cop ein. Ein dunkler Lockenkopf. "Er sieht nicht aus wie der Kerl, hinter dem wir her sind", sagte er.

Allah sei Dank! Es gibt doch noch so etwas wie einen vernunftbegabten Cop, dachte ich.

"Aber hier ist doch sonst niemand", meinte der erste Cop.

"Scheiße, trotzdem! Das ist der Falsche!"

“Ach, jetzt plötzlich, ja?”

“Ja.”

“Mann, was ist plötzlich los? Fällt dir jetzt plötzlich ein, dass der Wichser dich irgendwann mal an seinem Kokain hat riechen lassen oder was? Das darf dich nicht wahr sein.”

“Vielleicht regst du dich mal.”

“Ich will mich aber nicht abregen! Im Moment weiß ich nicht, wem ich zuerst eins Fresse hauen soll - dir, oder dem da!” Und damit deutete er auf mich.

“Durchsuch ihn einfach zu Ende und halt den Mund.”

Der erste Cop hatte inzwischen meine Jackettinnentasche erreicht. Er zog meinen Ausweis heraus. Meine Dienstausweis. Ich konnte sein dummes Gesicht leider nicht sehen.

"Sie sind auch Cop?"

"Agent Murray Abdul, Special Cases Field Office."

"Hier steht Muhammad Abdul."

"Nennt mich aber keiner so."

"So heißt doch kein Cop", meinte der andere. "Das ist bestimmt eine Fälschung."

“Sieht mir auch so aus!”, meinte der andere.

Was für Idioten, dachte ich, während sie immer noch auf meinen Ausweis glotzten und sich einfach nicht vorstellen konnten, dass jemand mit dem Namen Muhammad ein Cop sein kann. An Basketballspieler und Boxer mit so einem Namen hat man sich gewöhnt. Sogar an einen Präsidenten, dessen zweiter Vornahme Hussein lautet. Aber ein Cop, der Muhammad heißt? Nein, das geht wohl einfach zu weit.

Ich drehte mich um. Dieser Augenblick der Verwunderung bei meinem Gegenüber gestattete mir das.

"Hey, habe ich was davon gesagt, dass wir fertig sind?", fragte der erste Cop, der das als eine Art Majestätsbeleidigung angesehen hat.

"Ich sage das", erwiderte ich. "Meine Waffe!"

“Wie bitte?”

“Sofort!”

Ich streckte die Hand aus.

"Das muss erst überprüft werden", sagte der erste Cop.

"Weil Sie denken, dass Leute, die Muhammad Abdul heißen eher Terroristen als Cops sind?"

"Deswegen auch. Aber jemanden mit roten Haaren heißt normalerweise auch nicht so."

"Da ist ein Foto..."

"Das beweist nichts."

"Meine Mutter war Irin, die einen syrischen Einwanderer geheiratet hat!"

"Schöne Geschichte. Wer werden mal in Ihrem Field Office anrufen, ob Sie überhaupt existieren, Mister Abdul."

Der Cop griff zu seinem Handy.

Ich fasste mit beiden Händen zu, gab ihm einen Schubs, dass wir beide augenblicklich zu Boden fielen.

Der zweite Cop wollte zu seiner Waffe greifen, riss sie heraus. Dann zuckte sein Körper. Ein roter Laserpunkt tanzte. Ein Geräusch wie der Schlag mit einer Zeitung war zu hören. Zweimal, dreimal, viermal.

Der zweite Cop hatte mehrere Löcher in Kopf und Oberkörper. Er sackte leblos in sich zusammen. Ein sauberer Kopftreffer war dabei. Nichtmal eine Kevlar-Weste hätte ihn retten können.

Dem Cop, mit dem ich zu Boden gestürzt war, nahm ich meine Waffe wieder ab. Ich riss sie an mich, feuerte in Richtung des Schattens, den ich gesehen hatte.

Ein Schatten am Ende des engen Durchgangs zwischen zwei Brownstone-Häusern in der Lower East Side. Dort hatten mich die beiden Cops angehalten.

Ich schoss.

Der Schatten war weg.

Und ich bemerkte, dass der Cop, den ich zu Boden gerissen hatte, auch etwas abbekommen hatte.

Ein Schuss war ihm von der Seite ins Herz gedrungen.

Seine Augen waren starr.

Verdammt!, dachte ich.

So ein verdammter Mist!

Ich hockte da - mit zwei toten Kollegen auf dem Pflaster. Deren Blut mischte sich jetzt mit dem Dreck der Straße. So einen Anblick vergisst man nicht. Das bleibt. Für immer.

Dieser Tag hätte eine besseren Anfang verdient gehabt, dachte ich.

Aber - wie oft habe ich das schon gesagt?

Und wie oft ist nichts daraus geworden.

Verdammte Scheiße!, dachte ich.

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3

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Director Jay Chang Lee war Chef des Special Cases Field Office New York, einer Spezialeinheit des FBI, für die ich seit geraumer Zeit arbeite. Ein Mann so porentief rein und ehrbar, dass es schon fast nicht auszuhalten war.

Die Tugend in Person, so hätte man ihn auch nennen können.

Absolut korrekt.

Absolut integer.

Absolut ausgewogen.

Und absolut besonnen.

Und selbstverständlich war er in allem absolut der Beste in der ganze Abteilung und hatte immer absolut Recht.

Sie ahnen es schon.

Diese Sorte Vorgesetzte hat auch erhebliche Nachteile, wie Sie sich unschwer vorstellen können.

Mein Partner Lew brachte es mal auf den Punkt, indem er sagte: “Man kommt sich neben ihm immer irgendwie schmutzig und unvollkommen vor.”

Aber das ist eben der Unterschied.

Der Unterschied, der dafür sorgt, dass Leute wie Lew und ich auf der Straße Dienst machen und jemand wie Director Lee eben der Chef ist.

Dass Director Lee noch wesentlich höher steigt glaube ich allerdings nicht.

Wieso nicht?

Ganz einfach. Von einer gewissen Hierarchiestufe an sind dann wieder die eher etwas unappetitlichen, schmierigen Typen gefragt. Und da hat so ein Ultra-Saubermann, gegen den die Glatze von Meister Propper wie eine ölige Fettpfütze aussieht, eben keine Chance.

Lee fixierte mich mit seinem Blick.

Sein unbewegliches Gesicht musterte mich, während ich in seinem Büro saß und ihm einen mündlichen Bericht der Ereignisse gab. Seine dunklen Augen unterzogen mich der gewohnten Musterung. Eigentlich sagt man Asiaten ja nach, dass sie einen nicht so direkt anstarren. Aber Director Lee sah nur asiatisch aus. Er war in den USA geboren und so amerikanisch wie man nur sein konnte. Vielleicht sogar noch amerikanischer als es jemand mit langer Nase und und runden Augen sein musste. Ich hatte oft den Eindruck, dass Director Lee in puncto Patriotismus etwas kompensieren zu müssen glaubte.

Aber wehe, man spricht sowas aus.

In diesem Punkt war Director Lee ganz sicher nicht reif für die Wahrheit, so unerschrocken er auch sonst Fakten ins Gesicht zu blicken pflegte.

Was die dunklen Seiten seiner eigenen Person betraf, galt das nicht.

Aber das hatte er wohl mit vielen von uns gemeinsam. Also konnte er in diesem Punkt mit meiner Nachsucht rechnen.

Bis zu einem gewissen Punkt zumindest.

Aber dazu später mehr.

Nur so viel: Er überschritt diesen berühmten Punkt irgendwann in einer Weise, wie ich es nie für möglich gehalten hätte.

Aber der Reihe nach.

"Sie denken, es ist wieder derselbe?", fragte er schließlich, nachdem er mir eine Weile schweigend zugehört hatte.

Ich zuckte mit den Schultern.

"Wird sich herausstellen."

“Sicher.”

“Um ehrlich zu sein, ich bin ziemlich ratlos. Was glauben Sie, wie oft ich mir schon das Hirn darüber zermartert habe, wer dieser Irre sein könnte.”

“Offenbar nicht oft genug”, sagte Director Lee nüchtern.

“Tja, das mag sein.”

"Denken Sie immer wieder über die Frage nach, wer so einen Hass auf Sie haben könnte..."

Ich hob die Augenbrauen und vollendete seinen Satz, wovon ich eigentlich wusste, dass Director Lee das nicht leiden konnte. "...dass er mehrere Mordanschläge auf mich verübt?"

Lee verstand es ausgezeichnet, seinen Ärger darüber zu verbergen. Es war unmöglich, zu wissen, was hinter seiner glatten Stirn vor sich ging, die sich niemals in Falten legte und was dieser gleichförmige Gesichtsausdruck zu bedeuteten hatte, von dem man immer im Zweifel blieb, ob es sich wirklich um ein Lächeln handelte oder um etwas ganz anderes.

"Wem sind Sie in letzter Zeit auf die Füße getreten?", fragte Director Lee.

Ich zuckte mit den Schultern.

"Zu vielen."

"Irgendjemand davon präsentiert Ihnen jetzt die Rechnung."

Es war nur einer von mehreren Anschlägen auf mein Leben gewesen, die ich überlebt hatte. Manchmal ließ sich der Täter eine Weile Zeit, ehe er wieder zuschlug. Manchmal jahrelang. So lange, dass man schon glauben konnte, er hätte sein Ziel, mir eine Kugel in den Kopf zu jagen, inzwischen aufgegeben. Aber das hatte er nicht. Und das würde er auch niemals. Das hatte ich im Gefühl.

"Sir, darf ich vielleicht mal offen sprechen?", sagte ich.

Director Jay Chang Lee hob die Augenbrauen, die bei ihm so gerade waren, als hätte jemand sie mit einem Kayal-Stift und einem Lineal gezogen. Aber bei ihm war das nur eine Laune der Natur.

"Bitte, tun Sie das, Murray. Was haben Sie auf dem Herzen?"

Unsere Blicke begegneten sich. Ich hatte dann oft das Gefühl, dass er zwar meine, ich aber nicht seine Gedanken lesen konnte. Natürlich war das alles nur Einbildung, aber das Gefühl war trotzdem real.

Ich sagte schließlich: "Was ich Ihnen jetzt sage, klingt vielleicht verrückt."

Director Lee schien das nicht weiter abzuschrecken. Er sah mich mit seinem gewohnt regungslosen Gesicht an.

"Spucken Sie es trotzdem aus”, verlangte er.

Ich rieb mir das Kinn. Eine Verlegenheitsgeste. Und ich ärgerte mich darüber, sie gemacht zu haben, denn ich wusste, dass mein Chef sie richtig zu interpretieren wusste. Aber es war zu spät, um diese Bewegung noch mittendrin abzubrechen. Das hätte noch lächerlicher ausgesehen.

"Ganz, wie Sie meinen."

"Also?" Dieses Also hatte den Ton, den man in einem Verhör erwartet. Schien eine Berufskrankheit unseres Directors zu sein, die er einfach nicht ablegen konnte. Aber das ist bei mir vielleicht genauso. Also. Er sagte es mit der Schärfe einer Rasierklinge und einer unterschwelligen Sub-Botschaft, die nicht mehr, aber auch nicht weniger sagte als, dass es irgendwelche schrecklichen Konsequenzen nach sich ziehen würde, sollte man es wagen, irgendeine relevante Information zurückzuhalten. Director Lee hatte es drauf. Das Einschüchtern, meine ich. Das musste der Neid ihm lassen. Und das funktionierte nicht nur bei Verdächtigen. Bei Untergebenen klappte das mindestens genauso gut. Und ich war da leider keine Ausnahme.

Die wirklich guten Tricks funktionieren eben auch dann, wenn der Gegner sie durchschaut.

Wenn man dann derjenige ist, der darauf hereinfällt, ärgert man sich nochmal so heftig - und kann doch nichts machen.

Leider.

Ist Kismet.

Schicksal.

"Ich bin mir nicht sicher, ob dieser Irre mich wirklich ERSCHIESSEN will, wenn Sie verstehen, was ich meine”, erklärte ich.

Director Lee schüttelte energisch den Kopf.

"Ehrlich gesagt: Nein."

"Was ich damit sagen wollte ist: Es könnte auch sein, dass er mich nur erschrecken will.."

Die undurchdringlichen Züge von Director Jay Chang Lee ließen nicht erkennen, was er von meinen Worten hielt. Augen sind Fenster der Seele, sagt man. In dieser Hinsicht waren Mister Jay Chang Lees Augen vollkommen blind. Fenster, durch die man gar nicht erst hineinzusehen brauchte. Sie waren so vollkommen verhangen, wie bei meinen syrischen Großeltern, die immer der Auffassung gewesen zu sein schienen, dass niemand ihnen in die Wohnung zu blicken hatte und die eigenen vier Wände so etwas wie ein abgeschottetes Heiligtum waren.

"Sir, der Killer hat bis jetzt immer nur Leute in meiner Umgebung umgebracht. Er schießt gut. Er macht sich keine Mühe seine Täterschaft zu verschleiert, indem er verschiedene Waffen benutzt."

"Er will, dass man ihn als denselben Täter identifiziert? Denken Sie das?"

"Ja. Aber wissen Sie, wenn dieser Kerl wirklich mir eine Kugel in den Kopf jagen wollte, dann hätte er es, glaube ich, längst getan."

Jay Chang Lee rieb sich das Kinn.

Ein Zeichen dafür, dass er nachdachte.

Und ein Zeichen dafür, dass er im Moment nichts sagen, sondern einfach nur einen Augenblick nachdenken wollte. Man störte ihn besser nicht bei seinen tiefschürfenden Gedankengängen. Man wartete am besten einfach ab, bis diese tiefen Gedanken schließlich zu einem Resultat kamen, das sich verbal ausdrücken ließ.

Director Lee atmete tief durch und ließ die Hände in den weiten Taschen seiner Flanellhose verschwinden.

Dann sagte mein Chef plötzlich: "Vielleicht haben Sie Recht, Murray... Er will Ihnen zeigen, wie mächtig er ist. Dass er Sie ausknipsen kann, wann immer er will."

Ich nickte. "So ähnlich."

“Er zeigt Ihnen mit jeder dieser perversen Aktionen, dass er über Ihr Leben absolut gebietet, Murray. Er könnte Sie jederzeit töten. Noch hat er es nicht getan, aber Sie wissen natürlich, dass Sie gar nicht die Macht hätten, es zu verhindern, Murray.”

“Ja, leider...” murmelte ich. Und genau dieser Punkt machte mich nahezu rasend.

Director Lee fuhr fort: “Er wählt Orte aus, an denen Sie eigentlich nicht mit ihm rechnen dürften - und dann schlägt er erbarmungslos zu.”

“All die unschuldigen Toten...”, murmelte ich.

“Belastet Sie das?”

Ich hob die Augenbrauen.

“Was denken Sie denn, Director Lee! Glauben Sie, ich bin aus Holz?”

“Natürlich nicht.”

“Denken Sie vielleicht, Muslime werden mit dem Sprengstoffgürtel am Körper geboren und ein paar Tote mehr oder weniger machen ihnen nichts aus?”

“Murray...”

Ich machte eine wegwerfende Handbewegung. “Ist doch wahr”, knurrte ich und es wahr wohl unüberhörbar, wie gereizt ich war.

Director Lee nahm das zur Kenntnis - und blieb dabei kalt wie ein Fisch. Genau, wie man es von ihm erwartete.

Er sagte: “Jetzt werden Sie unsachlich, Murray. Die Sache scheint Sie doch mehr Nerven zu kosten, als Sie uns allen vielleicht weiszumachen versuchen.”

“Jetzt wollen wir mal nicht übertreiben.”

“Wieso übertreiben? Sie sind so geladen wie eine Hochspannungsleitung. Wehe, Ihnen kommt jemand zu nahe, dann kriegt er hunderttausend Volt ab und wird gegrillt wie auf dem elektrischen Stuhl.”

“Quatsch, ich bin vollkommen ruhig.”

“Sind Sie nicht.”

“Die Ruhe selbst!”

“Eine wandelnde Atombombe.”

Scheiße, ich begann zu ahnen, worauf das hinauslief. Und je mehr ich darüber aufregte, desto klarer würde Director Lee die Sache in seinem Sinn entscheiden.

Und das gefiel mir nicht.

Ich war nämlich weder irre noch arbeitsunfähig oder sonstwas. Es gab keinen Grund, mich vom Dienst zu suspendieren oder in Erholungsurlaub zu schicken. Ich wollte einfach nur weiter meinen Job machen. Routine, das erschien mir das Beste im Moment.

Wobei mein Job eigentlich kaum Routine zulässt. Aber das ist wiederum ein anderes Thema. Ein ganz anderes.

Ich musste erstmal eine ganze Ladung purer Luft hinausblasen. Luft, die sich in mir irgendwie angestaut hatte und die mich wahrscheinlich irgendwann ganz einfach zum Platzen gebracht hätte, hätte ich in diesem Moment nicht die Möglichkeit gehabt, sie loszuwerden.

Das Schlimme war: Director Lee hatte Recht. Diese Sache ging mir mehr an die Nieren, als ich wahrhaben wollte. Mehr als viele andere unangenehme Dinge, die ich in den letzten Jahren während meines Dienstes im Special Cases Field Office des FBI erlebt hatte.

Und genau das war wohl auch letztlich der Grund, warum ich so absolut empfindlich reagierte, obwohl ich durchaus sagen kann, dass das ansonsten gar nicht meine Art ist. Meine Mutter zum Beispiel hält mich heute noch für einen richtigen Phlegmatiker. Es gibt eben immer unterschiedliche Facetten. 

Eine Pause folgte.

Und dann kam der Hammer.

Lee sprach den Punkt an, auf den das ganze Gespräch wohl von Anfang an hatte hinauslaufen sollen - zumindest wenn es nach Lees Regie ging. Und danach ging es immer. Bei allem, was innerhalb der Abteilung geschah. Es gab keinen Furz, der nicht kontrolliert und von ihm genehmigt gewesen wäre.

"Können Sie arbeiten?", fragte Mister Jay Chang Lee.

Jetzt war es also raus. Können Sie arbeiten? Eine Frage, die schon wie ein Urteil klang. Ein Urteil, das da lautete: Reif fürs Irrenhaus.

Ich antwortete und versuchte innerliche Überzeugung vorzutäuschen. Aber das geht eigentlich immer schief. Man kann nur gut lügen, wenn man die eigene Lüge glaubwürdig findet. Zumindest für einen kurzen Moment. Oder sich zumindest vorstellen kann, dass diese Lüge auch der Wahrheit entsprechen könnte. Aber so konnte das nichts werden. Und ich wusste das.

"Sicher", behauptete ich.

Überzeugend klag das nicht.

Ganz und gar nicht.

Director Lee durchbohrte mich förmlich mit seinem Blick.

"Ich meine, unter diesen Bedingungen", fügte er noch hinzu.

Diese Bedingungen! Zum Teufel mit diesen Bedingungen!

Ich zuckte mit den Schultern. "Wieso nicht? Ich werde ja jetzt vermutlich erstmal wieder eine ganze Weile Ruhe vor dem Kerl haben?"

"Seien Sie sich nicht zu sicher..."

"Ein bisschen Zeit wird er sich wohl lassen..."

"Nein, das meine ich nicht."

Ich sah auf. "Nicht?"

"Ich meinte, dass es ein Kerl ist. Da sollten Sie sich nicht zu sicher sein."

“Ach so.”

Ich hatte eigentlich erwartet, dass er jetzt etwas von Erholung, Urlaub, Suspendierung, Innendienst, psychologischer Behandlung und so weiter sagte.

Aber das tat er nicht.

Diese Stufe der Eskalation wollte er sich offenbar noch aufsparen. Oder er schätzte mich als stabil genug ein, um den Dienst ganz normal fortzusetzen.

So aufgefasst, war Director Lees Schweigen zu allem weiteren vielleicht sogar eine Art von Kompliment. Die Art von Kompliment, die man von einem Perfektionisten wie Lee eben erwarten konnte. So richtig herzlich und warmherzig kam er eben nunmal nicht rüber.

Vielleicht ahnte er im tiefsten Inneren seiner Seele auch, dass er vielleicht all das, was er mir nicht vorgeschlagen hatte, selbst viel nötiger hatte als ich. Ich fragte mich nicht zu erstenmal, ob diese glatte, harte Fassade der Perfektion und Tugendhaftigkeit vielleicht wirklich nichts weiter war als eben eine Fassade. Und dass da dahinter gar nichts weiter war oder irgendwas Weiches und vielleicht sogar Faules. Dinge, die zu gut sind, um wahr zu sein, will man einfach nicht glauben.

“Sie können gehen, Murray.”

“Danke, Sir.”

Bevor ich das Büro des Chefs verließ, fragte er mich dann doch noch etwas. Ich hatte gerade die Türklinke angefasst, um den Raum zu verlassen. Director Lee hatte wirklich einen außergewöhnlichen Sinn für’s Timing.

"Wie kommen Sie mit Ihrem Partner klar, Murray?"

"Mit Lew Parker?"

"Ja."

"Wir kommen super klar."

"Freut mich."

Ich hatte die Tür schon mit einem Fuß durchschritten, da drehte ich ich noch einmal um.

"Haben Sie das gefragt, weil Lew Jude oder weil er schwul ist?"

Director Jay Chang Lee hatte bereits hinter seinem Schreibtisch platzgenommen.

Er sah auf.

Für einen kurzen Moment glaubte ich, den Ausdruck von Überraschung in seinem Gesicht erkennen zu können.

Oder zumindest so etwas wie die Ahnung von Überraschung.

Vielleicht war es auch nur Einbildung.

"Ich habe gefragt, weil ich wissen wollte, wie es mit Ihnen beiden läuft."

"Und ich hatte schon geglaubt, dass Sie deswegen fragen, weil Sie glauben, dass jeder, der ein Muslim ist oder auch nur einen halben Tropfen arabischen Blutes in den Adern fließen hat, intolerant, schwulenfeindlich und antisemitisch beziehungsweise antizionistisch ist und dass ein schwuler Jude als Partner so etwas wie der ultimative Toleranztest für mich sein könnte. Ob ich wirklich mehr auf dem Boden der amerikanischen Verfassung als auf dem des Korans stehe."

“Ihr Glaube ist Ihre Privatsache, Murray.”

“Ach wirklich, ist er das?”

“Ja.”

“Und warum fragen Sie mich dann sowas?”

“Weil ich sowas jeden frage, Murray.”

“Na dann...”

“Und im Übrigen pflege ich mir beim Fragen von Niemandem Vorschriften machen zu lassen. Auch nicht von Ihnen, Murray. Und wenn ich bei Ihnen da irgendeine empfindliche Stelle getroffen habe, dann tut es mir keineswegs leid.”

Mister Jay Chang Lee blieb so kalt wie ein zu hoch eingestellter Gefrierschrank.

Das traf es sehr exakt.

Und es war keineswegs da erste Mal, dass er so auf mich wirkte.

Nein, das war einfach seine Art.

Freundlich formuliert hätte man auch ‘sachlich’ dazu sagen können.

Man hätte...

Aber warum hätte ich freundlich sein sollen, Director Lee war es ja schließlich nicht. Jedenfalls nicht in der Zeit, in der ich in seiner Abteilung war. Man sagt immer, Gegensätze ziehen sich an. Tun sie aber nicht. Ich sage Ihnen, sie tun es wirklich nicht. Die Wahrheit ist: Sie stoßen sich ab. Mal mehr und mal weniger heftig, aber in der Regel doch deutlich spürbar. Und genau das war zwischen Director Lee und mir auch der Fall.

Lee hob die Augenbrauen. Die Art und Weise, wie er das machte, mochte ich nicht. Lee gehörte zu den Menschen, die nicht extra Worte machen mussten, um ihrem Gegenüber zu zeigen: Ich bin tausendmal schlauer als du.

Es gibt Leute, die brauchen dazu nur ihre Augenbrauen, um ihre Geringschätzung deutlich zu machen.

Und Lee war einer davon. Und bei ihm machte das auch viel Sinn, die Augenbrauen zu benutzen. Über eine nennenswerte Gesichtsmimik verfügte er ja schließlich nicht.

"Sie können gehen, Murray."

"Genau genommen, bin ich schon weg."

"Um so besser."

“Na, sehen Sie!”

“Sie sind unverbesserlich, Murray.”

“Ich weiß, Sir.”

Lee sah mich an.

Lange.

Sehr lange.

Und wie gewohnt unangenehm.

Ein Blick, den ich nicht vergessen würde.

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“Ziehen wir es durch!”

“Okay.”

Einer von ihnen rülpste.

Vielleicht hatte er das Falsche gegessen vor dieser wichtigen Sache. Manchmal können große Coups an banalen Dingen scheitern.

“Scheiße”, sagte er.

“Hauptsache, du furzt nicht noch.”

“Wieso?”

“Dann identifiziert dich nachher jeder an den Fäulnisgasen, die du hinterlässt und wir sind am Arsch.”

“Auf jeden Fall bleibst du beim Thema.”

“Häh?”

“Verdauung.”

Die Männer trugen blaue Overalls und hatten Werkzeugkoffer in den Händen. Der eine war hochgewachsen, hatte kurzgeschorenes blondes Haar, und sein Gesicht wirkte eckig und brutal. Der andere Kerl war dunkelhaarig, breitschultrig und untersetzt.

Der Blonde hatte die Rechte in der Tasche seines Overalls versenkt. Seine Faust umklammerte den harten Stahl einer Automatik mit aufgesetztem Schalldämpfer.

Die beiden Männer wechselten einen kurzen Blick, als sie den Aufzug verließen. Dann gingen sie den Korridor entlang auf die Wohnungstür eines Penthouses zu.

Vor der Tür stand ein riesiger Kerl. Seine Bodybuilderfigur sprengte beinahe den grauen Flanellanzug.

Das Gesicht war eine konturlose Maske, die völlig bewegungslos blieb.

Er hob die Arme und die Ausbeulung, die sich dabei unter seiner Schulter abzeichnete, zeigte, dass er unter dem Jackett eine Waffe trug.

"Halt!", sagte der Riese, und die beiden Männer in den Overalls blieben einige Schritte vor ihm stehen.

"Wir wollen zu Mister Ugarimov", sagte der Blonde. "Wegen der Heizung..."

Aus den Augen des Riesen wurden schmale Schlitze. Sein Gesicht verzog sich etwas. Seine Züge drückten leichtes Misstrauen aus.

"Sie sind früh", meinte er.

"Mister Ugarimov erwartet uns."

“Ach, ja?”

“Ja.”

"Dann nehmen Sie bitte die Hände hoch, damit ich Sie abtasten kann.”

“Bin kitzelig.”

“Ihr Pech.”

“Wenn du mich anfasst wie ein Schwuler, hast du gleich keinen Kopf mehr.”

“Immer mit der Ruhe. Setzen Sie die Werkzeugkoffer ganz langsam auf den Boden ab und öffnen Sie die Dinger."

Der Blonde runzelte die Stirn.

"Was soll das?"

"Anordnung von Mister Ugarimov. Hier kommt keiner rein, der nicht genau durchsucht worden ist! Also, machen Sie keine Schwierigkeiten."

Der Blonde atmete tief durch, während der Untersetzte bereits seinen Werkzeugkoffer absetzte und damit begann, die Schnallenverschlüsse zu öffnen. Blöder Wichser! So ein verfluchter Wichtigtuer! Dieser Gedanke schwirrte ihm durch den Kopf. Er konnte es nicht leiden, aufgehalten zu werden.

Der Riese an der Tür beobachtete ihn genau.

In diesem Augenblick passierte es.

Die Bewegungen des blonden Overallträgers schienen zu explodieren, er riss die Automatik hervor, war mit einem Schritt bei dem Riesen vor der Tür und presste ihm den Schalldämpfer unter das Kinn noch bevor der Bodyguard reagieren konnte.

Der Riese erstarrte zur Salzsäule.

Seine Augen wurden groß. Die Angst stand ihm ins Gesicht geschrieben.

Er war Profi genug, um zu wissen, dass er in diesem Moment keine Chance hatte und jetzt am besten gar nichts tat.

Der Untersetzte hatte nun ebenfalls seine Waffe hervorgeholt. Auch er trat an den Riesen heran, griff unter dessen Jackett und holte dessen Pistole zum Vorschein.

Für den Bruchteil einer Sekunde kam es dem Riesen in den Sinn, den Blonden mit einem gezielten Handkantenschlag zu töten. Er konnte das, hatte es lange trainiert. Aber das Risiko war zu groß, die anderen waren zu zweit, der Untersetzte würde sofort schießen, und man würde den Schuss drinnen im Penthouse nicht mal hören. Schweißtropfen bildeten sich auf der Stirn des Riesen.

"Sie gehen voran", befahl der blonde Overallträger, und seine Stimme war wie das Zischen einer Kobra.

Der Riese drehte sich langsam um.

Beinahe provozierend langsam, wenn man die Lage bedachte, in der er sich befand. Der Schalldämpfer wurde ihm jetzt in den Nacken gedrückt.

"Was immer Sie auch vorhaben, es ist ein Fehler", sagte der Riese, aber seine Stimme klang dabei brüchig, denn er wusste, dass er keine Chance hatte. Er hatte es mit Profis zu tun und das hieß, dass sie ihn mit Sicherheit nicht am Leben lassen würden. So ging das Spiel nun mal. Der Riese hatte es selbst schon gespielt.

"Mund halten!", erwiderte der Blonde kalt.

"Man kann über alles reden und Mister Ugarimov..."

"Mund halten!”

“Ja, schon gut.”

“Und Tür öffnen!"

"Mit Ihnen kann man nicht diskutieren, was?"

"Nein."

"Scheiße, dachte ich mir doch..."

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Der Blonde schob den Riesen vor sich her, drückte ihm noch immer die Waffe in den Nacken.

Ziemlich grob sogar.

Und schmerzhaft.

Der Untersetzte schloss hinter ihnen die Tür.

Die lichtdurchflutete Penthousewohnung mit dem traumhaften Blick auf den Central Park war sehr weiträumig und hatte mehrere Zimmer.

Im Empfangsraum befand sich eine moderne Sitzecke.

Futuristisches Design. Viel Plastik in geschwungenen Formen, dafür wenig Polster. Eine Wohnung, die aussehen soll, als käme sie aus dem übernächsten Jahrhundert.

Ein Mann saß dort, er hätte der Zwilling des Riesen sein können, zumindest was den Körperbau betraf. Allerdings war er rothaarig.

"He, Joe. Was ist denn...?" Er blickte von der Zeitung auf, in der er gelesen hatte, dann sprang er hoch, griff unter sein Jackett.

Er reagierte schnell, aber doch nicht schnell genug.

Er hatte die Waffe noch nicht hervorgezogen, da ertönte ein Geräusch, das wie ein kräftiges Niesen klang.

Der Schuss einer Schalldämpferwaffe.

Kurz und endgültig.

Wie ein Schlusspunkt.

Aus und vorbei in einem Sekundenbruchteil.

Auf der Stirn des Rothaarigen bildete sich ein roter Punkt, der Leibwächter wurde in den futuristischen Sessel zurückgeworfen.

Seine Arme fielen zur Seite, die Waffe entglitt seiner kraftlosen Hand, fiel zu Boden, der weiche Teppich dämpfte den Aufprall.

Die Augen waren starr.

Und die des Riesen wurden es auch.

Vor Schrecken.

Gefrorener Schrecken, der sein Gesicht zur Maske werden lässt.

Dann - eine Stimme wie klirrendes Glas.

"Wo ist er?", fragte der Blonde den Riesen, den er immer noch mit der Waffe im Schach hielt. Er flüsterte es so leise, dass man es kaum hören konnte. Sein Kumpan, der untersetzte Schwarzhaarige, hatte den anderen Leibwächter erschossen. Der Aufprall des Körpers auf dem Boden hörte sich an, als ob jemand einen nassen Sack fallen ließ.

Vom Schuss war nichts zu hören gewesen.

Auch die Waffe des zweiten Killers hatte nämlich einen Schalldämpfer.

"Wo ist er?", wiederholte der Blonde.

Seine Stimme hatte einen schneidenden Tonfall bekommen.

Man musste kein Telepath sein, um  seine Gedanken zu erraten. Antworte schon, du Arsch, oder du wirst es bereuen!

"Wer?", fragte das zukünftige Opfer, das die Gedanken auch errät, ja, sie so klar erkennen konnte, als würde eine Denkblase über dem Kopf dieses blonden Todbringers schweben.

"Verarsch mich nicht."

"Ugarimov?"

"Wer wohl sonst?"

"Weiß... weiß nicht."

"Ach, wirklich?"

"Ja."

Man konnte die Angst, die der Hüne empfand, beinahe riechen.

"Du willst doch am Leben bleiben", sagte der Blonde, und seine Stimme klang wie fernes Donnergrollen.

Der Riese schluckte.

Sein Adamsapfel tanzte dabei. Ging auf und nieder. Zweimal.

Hatte er noch eine Chance?

Er schien diese Frage für sich zu verneinen.

Verdammte Scheiße!, dachte er. So eine gottverdammte Scheiße! Das war sein Ende. Es war mehr als nur eine Ahnung. Es war beinahe Gewissheit. Kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn. Die Augen glänzte. Eine Ader am Hals pulsierte heftig.

Er sagte: "Ihr werdet mich sowieso töten."

Es war eine Feststellung. Die eigene Stimme klang ihm fremd, als er das sagte.

Fremd und schwach.

Verflucht schwach.

Die Ader an seinem Hals pulsierte immer ungesunder.

"Warte es doch ab."

“Ich weiß doch, wie sowas läuft...”

“Ach, wirklich?”

“Ja.”

“Sag uns einfach alles, was wir hören wollen und wir sind alle glücklich.”

Der Riese atmete tief durch. "Ich... ich glaube, dass er im Schlafzimmer ist." Dabei deutete er mit der Linken auf eine der Türen, die vom Empfangsraum abzweigten.

"Danke."

Wieder ertönte dieses Niesen. Zweimal kurz hintereinander.

Und der Riese sackte in sich zusammen, blieb reglos am Boden liegen, während sich eine rote Lache um ihn bildete. Seine Auge waren weit aufgerissen.

Der Blonde stieg über die Leiche hinweg zur Schlafzimmertür, während sein Komplize mit der Waffe in der Hand an der Wohnungstür verharrte.

Mit einem wuchtigen Tritt ließ der Blonde die Schlafzimmertür aufspringen.

Ein Mann in den Fünfzigern, grauhaarig und mit Oberlippenbart, saß aufrecht in einem breiten Doppelbett, vor sich ein üppiges Frühstück auf einem Tablett. Er zuckte erschrocken zusammen, blickte auf, und eine Tasse entglitt seinen Fingern. Der Kaffee ergoss sich ins Bett. Braun. Wie flüssige Scheiße.

Ugarimov saß aufrecht da.

Der Kinnladen fiel ihm herunter.

Er sah ziemlich fassungslos aus.

Eine Sekunde blieb ihm, um dieses Gesicht zu formen. Eine ganze Schrecksekunde. Mehr nicht.

Er hatte nicht mal mehr Gelegenheit aufzuschreien, bevor ihn zwei Schüsse förmlich ans Bett nagelten. Sein gefrorener Blick drückte jetzt Verwunderung aus. Die Kugeln stanzten sich durch seinen Körper hindurch, ließen ihn zucken wie eine bereits leblose Puppe.

Der Mund war zur Hälfte, die Augen ganz geöffnet. Es sah aus, als hätte er noch etwas sagen wollen. Ein letzter stummer Schrei. Mehr war es nicht.

Ugarimov war Vergangenheit.

Der Blonde atmete tief durch. "Abschaum", murmelte er. Er hätte am liebsten ausgespuckt. Aber natürlich war er clever genug, das nicht zu tun. Schließlich wollte er ja nicht unnötig DNA hinterlassen. Die Zeiten hatten sich in dieser Hinsicht leider geändert. Man konnte im Job seine Gefühlen nicht mehr freien Lauf lassen.

Das dumpfe Niesen einer Waffe mit Schalldämpfer ließ ihn plötzlich herumfahren. Aus einer der anderen Türen war eine Frau im Bademantel herausgetreten. Sie war blond und ziemlich grell geschminkt.

Sie sah gut aus.

Zumindest bevor sie von der Kugel getroffen wurde.

Der Schuss hatte sie zusammenklappen lassen wie ein Taschenmesser, und jetzt lag auch sie leblos und mit starren Augen auf dem Boden.

"Sie... Sie kam so plötzlich aus dem Bad", sagte der Untersetzte fast entschuldigend.

"Schon gut", erwiderte der Blonde tonlos. "Auch sie war Abschaum. Oder siehst du das etwa anders?"

"Nein."

"Na, also!"

“Komm jetzt.”

“Okay.”

“Du verlierst doch jetzt nicht die Nerven, oder?”

“Nein.”

“Na, hoffentlich. Ich kann Unprofessionalität nicht leiden.”

“Ist schon klar.”

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Ich kannte diesen Blick.

Diesen ganz bestimmten Blick voller Vorteile und Misstrauen.

"Wer sind Sie?"

"Hier!"

"Was?"

"Na sehen Sie doch! Oder haben Sie Ihre Lesebrille nicht auf?"

"Na hören Sie mal..."

"Murray Abdul, Special Cases Field Office!" Ich zeigte meinen Dienstausweis dem uniformierten Cop, der die undankbare Aufgabe hatte, Unbefugte vom Betreten des Tatortes abzuhalten.

"Falls Sie den Eindruck haben, dass ich schlechte Laune habe, stimmt das."

"Trotzdem..."

"Auf ihn ist heute geschossen worden", schaltete sich Lew Parker ein. Klang wie eine schwache Entschuldigung für meinen verbalen Fehltritt.

"Habe davon gehört", sagte der Cop.

“Na, dann wissen Sie, weshalb mein Partner so drauf ist.”

“Kann ich verstehen.”

“Sehen Sie!”

“Das ginge mir auch an die Nieren. Nein, nein, Irre gibt's... haben nichts Besseres zu tun, als Cops aufs Korn zu nehmen.” Der Uniformierte sah mich an. Und zwar ganz anders als vorhin. “Wie gesagt, ich kann Sie gut verstehen.”

Diese Ich-habe-so-viel-Verständnis-Tour kann ich für gewöhnlich überhaupt nicht leiden.

Darum sagte ich: "Heißt aber nicht, dass ich jetzt darüber quatschen will."

Der Cop wandte sich an Lew. "Ich hoffe für Sie, dass er auch mal gutgelaunt ist!"

“Naja - mal so mal so.”

“Er sollte zum Anti-Aggressionstraining gehen.”

“Hat Ihnen auch geholfen?”

“Genau.”

“Ich glaube, für Murray ist das nichts.”

“Wieso?”

“Das würde es bei ihm nur schlimmer machen.”

Mein Freund und Kollege Lew Parker grinste. Er tat es mir gleich, zeigte seine ID-Card vor und der Uniformierte nickte, ließ uns vorbei.

Wir waren die letzten am Tatort, einer noblen Penthouse-Adresse am South Central Park. Eine Wohnung in traumhafter Lage, mit einem Ausblick, für den man sicher viel Geld berappen musste.

Jetzt sah sie aus wie ein Schlachtfeld.

Ich sah die zusammengekrümmten Leichen einer Frau und zwei Männern, die offenbar als Leibwächter für den Besitzer dieses Penthouses gearbeitet hatten.

In der Mitte des Raums stand ein Mann in einem grauen Wollmantel, den Kragen hochgeschlagen. Er drehte sich jetzt zu uns um, und ich sah, dass sein Gesicht ziemlich zerfurcht war. Er bedachte uns mit einem abschätzenden Blicken.

"Wer sind Sie? Was machen Sie hier?", fragte er etwas unwirsch.

"Special Cases Field Office", sagte Lew. "Dies ist Agent Abdul, mein Name ist Parker."

"So?", fragte der Mann im Wollmantel nachdenklich zurück und atmete tief durch. Seine Augenbrauen zogen sich zu einer Schlangenlinie zusammen.

Ich fragte mich, warum der Kerl so gereizt auf uns reagierte. Allah, was für ein Kotzbrocken! Nicht zum Aushalten! Ich sah die Dienstmarke des Police Department durch den offenen Mantel und das ebenfalls geöffnete Jackett an seinem Gürtel hängen.

Wir zeigten ihm unsere Ausweise, die ihn aber nicht zu interessieren schienen.

"Sind Sie Captain Webbs?", fragte ich.

Zur Antwort gab es ein Geräusch.

Eines, das ziemlich unappetitlich klang.

Er zog geräuschvoll seinen Nasendreck in die Stirnhöhle. Hatte sich wohl erkältet. Bei dem wechselhaften New Yorker Wetter war das auch nicht weiter verwunderlich. Da holte man sich dauernd was.

"Ja", knurrte er. "Mordkommission, 18. Revier Midtown North. Woher...?"

"Ihr Chief sagte mir, dass Sie den Fall bearbeiten..." Ich hatte schon von Webbs gehört. Vor allem dann, wenn von Beförderungen die Rede war. Er musste gut sein. Jedenfalls war er die Karriereleiter ziemlich schnell hinaufgestolpert.

Webbs kam auf uns zu, reichte erst Lew und dann mir die Hand und versuchte im Gedächtnis zu halten, dass meine Hand jetzt vermutlich Virenverseucht war und ich mir besser erst die Hände wusch, bevor ich mir damit in der Nase popelte oder irgendeine andere Körperöffnung berührte. Ist einer der Nachteile in unserem Job. Da schüttelt man viele Hände. Aber wenn Sie irgendjemanden treffen, der sagt: Ich will gerne was mit Menschen machen, dann weisen Sie ihn auf die hygienischen Nachteile solcher Berufe ruhig hin.

Sein Blick wirkte gezwungen freundlich. Aber meinen Instinkt konnte er damit nicht täuschen. Aus irgendeinem Grund störten wir ihn...

Ich fragte mich warum.

War ich wirklich schon so vielen Leuten auf die Füße getreten, dass sich das überall herumgesprochen hatte? Eigentlich dachte ich immer, dass man mit mir gut auskommen könnte, während nur alle anderen unter einem Mangel an Toleranz und Kooperationsbereitschaft leiden. Aber vielleicht war ich auch der Einzige, der die Dinge verkehrt sah.

Scheiß drauf.

Nur Allah kennt die Wahrheit.

"Agent Abdul? Im Police Department ist Ihr Name bekannt wie der eines bunten Hundes." Er grinste schief. Dann seufzte er.

“Was Sie nicht sagen...”, murmelte ich.

“Ja, so hat eben jeder seine Ruf”, sagte er.

Das hatte ich befürchtet.

“So kann man es auch sehen.”

“Sehen Sie das anders?”

“Ich nenn’s Vorurteile.”

“Wie?”

“Vorgefasste Meinungen? Sowas kennen Sie natürlich nicht.”

“Scheiße, sind sind Sie ein Liberaler?”

Er sagte das wie ein Schimpfwort.

Liberaler.

Er hätte auch gleich Kommunist oder Terrorist oder 9/11-Attentäter sagen können.

Oder auch Scheißkerl.

Es wäre auf das Gleicher herausgekommen.

Seine Ablehnung wäre selbst dann noch passabel rübergekommen, wenn er irgendeine unbekannte Sprache gesprochen hätte, von der ich kein Wort verstand.

Und er sprach es so aus, als hätte er entweder eine heiße Kartoffel oder ein Stück Scheiße im Mund. Das ergibt dann immer einen ganz speziellen Tonfall, der sich schwer imitieren lässt.

"Nennen Sie mich Murray", sagte ich, in der Hoffnung, etwas wärmer mit ihm zu werden. Außerdem war anzunehmen, dass wir nicht zum letzten Mal zusammenarbeiteten. Irgendwo und irgendwann trifft man sich immer wieder in New York. Der Big Apple ist auch nur ein Dorf. Jedenfalls, wenn man zur selben Branche gehört. Dann läuft man sich auch in einer Acht-Millionenstadt immer wieder über den Weg.

Webbs nickte lediglich, ohne das Angebot zu erwidern, das ich ihm gemacht hatte.

Dann sagte er: "Der Chief sagte mir schon, dass jemand vom Ihrer Truppe hier früher oder später aufkreuzen würde. Schließlich ist Vladimir Ugarimov alles andere, als ein gewöhnliches Mordopfer...”

"Das ist wahr", gab ich zurück.

"Ich hatte allerdings nicht damit gerechnet, dass Sie so schnell sind..."

"Ach, ja?"

"Wir stehen noch am Anfang unserer Ermittlungen und es wäre nett, Sie würden uns erst einmal ein bisschen vorankommen lassen, bevor Sie hier für Stress sorgen..."

"Ich mache keinen Stress", stellte ich klar.

"Na großartig."

"Aber ein bisschen voran gehen sollte die Sache schon, oder?"

"Das wird sie auch."

"Um so besser."

“Na sehen Sie!”

“Dann sind wir uns ja einig.”

Er verzog das Gesicht zu einem dünnen Lächeln. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass er mich aus einem unerfindlichen Grund nicht mochte, und ich fragte mich, ob das etwas Persönliches war oder nur damit zu tun hatte, dass ich mich gerade auf einem Terrain tummelte, das er als sein Privatrevier betrachtete.

Ich ging an Webbs vorbei und warf einen Blick ins Schlafzimmer. Im Bett lag eine vierte Leiche.

Vladimir Ugarimov.

Ich kannte ihn von Fotos her. Im FBI-Computer gab es ein umfangreiches Dossier über ihn, und seine Prozessakten hätten eine mittlere Gemeindebibliothek gefüllt.

Er war Ukrainer, der auf dubiose Weise zu erheblichem Reichtum gekommen war. Man vermutete ihn als Drahtzieher hinter kriminellen Geschäften mit Giftmüll, aber für eine Verhaftung hatten die Beweise nie ausgereicht, oder sie waren aus irgendwelchen Gründen als nicht gerichtsverwertbar abgelehnt worden.

Das Giftmüllgeschäft war zur Zeit eine Domäne der Ukrainer, und sie verteidigten sie mit Klauen und Zähnen. Die Sache war ganz simpel und hatte auch höhere Gewinnspannen als der Rauschgifthandel. Man ließ sich für die Entsorgung von Giftmüll bezahlen, aber anstatt diesen wirklich auf teure Deponien zu bringen, ließ man ihn einfach in einem angemieteten Lagerhaus vor sich hin modern. Wenn der Schlamassel bemerkt wurde, waren die Täter längst über alle Berge und versuchten dieselbe Masche unter neuem Namen in einer anderen Stadt.

Ugarimov hatte sich ganz nach oben geboxt, und es war ein offenes Geheimnis, dass er seine Finger inzwischen auch in anderen dubiosen Geschäften gehabt hatte. Jetzt hatte seine Glückssträhne offensichtlich ein Ende gefunden.

"Was haben Ihre Ermittlungen bisher ergeben?", fragte ich Captain Webbs, der mir ins Schlafzimmer gefolgt und hinter mir stehengeblieben war. Ich drehte mich zu ihm um, und er zuckte die breiten Schultern.

"Ein paar Ratten haben sich gegenseitig ausgelöscht. So sehe ich das."

"Ich wollte einen Bericht, nicht Ihre Meinung über Mister Ugarimov." Ich sah ihn an und fügte hinzu: "Sie scheinen noch etwas mehr über Ugarimov zu wissen."

Er machte eine wegwerfende Handbewegung.

So als wollte er eine Fliege erschlagen.

"Was man so hört."

"Und - was hört man?"

"Das steht doch alles in Ihren Akten. Er war ein Gangster, der es inzwischen weit genug gebracht hatte, um andere Gangster für sich arbeiten zu lassen. Und sich eine Wohnung wie diese hier zu leisten."

"Ist übrigens seine Zweitwohnung", warf Lew ein.

Webbs hob die Augenbrauen. "Ach..."

“Ja, kaum zu glauben”, sagte Lew.

“Und was ist das für eine Hütte, wo er tatsächlich wohnt?”, fragte Webbs.

"Er wohnt eigentlich in Paterson, New Jersey", ergänzte Lew Parker. Ugarimov war also kein Bürger des Staates New York. Das allein schon machte seinen Tod zu einem Fall, der in unsre Zuständigkeit fiel, selbst wenn er nicht eine bekannte Größe des organisierten Verbrechens gewesen wäre.

Webbs begriff das auch sofort.

Er machte eine wegwerfende Handbewegung.

“Also euer Fall”, stellte er fest.

“Unser Fall”, bestätigte Lew.

Ich hielt es nicht für notwendig, mich da einzumischen und das auch noch einmal zu bekräftigen, auch wenn die Tatsache, dass der Tote kein Bürger des Staates New York war, es zwar rechtfertigte, dass sich das FBI einschaltete. Aber das es gleich eine Spezialabteilung wie das Special Cases Field Office sein musste, erklärte sich damit noch lange nicht.

Webbs schien das egal zu sein.

Glücklicherweise.

Ich hasste Diskussionen um die Zuständigkeit.

Aber sie kommen leider immer wieder vor.

"Schon in Ordnung", knurrte Webbs, dann erklärte er: "Der Security-Mann unten an der Pforte spricht von zwei Heizungsmonteuren, die hier hinauf wollten. Er hat sich telefonisch erkundigt - die beiden wurden tatsächlich erwartet. Merkwürdig war nur, dass eine halbe Stunde später nochmal zwei Monteure auftauchten. Die haben die Sauerei dann entdeckt."

"Dann waren die beiden ersten also falsch", stellte ich fest.

"Anzunehmen. Die Mörder sind richtig professionell vorgegangen und haben offenbar auch Schalldämpfer benutzt. Jedenfalls hat niemand Schüsse gehört. Und gute Schützen waren sie auch. Sie haben verdammt gut getroffen.”

"Tatzeit?", fragte ich.

"Heute morgen, so gegen neun Uhr. Bei allem anderen müssen Sie schon auf das Labor warten."

Ich nickte.

“Verstehe.”

“Haben Sie sonst eine Frage?”

Natürlich hatte ich das, auch wenn Webbs wohl langsam die Lust verging, den Antwort-Onkel zu spielen. Aber das war im Moment nunmal seine Rolle in diesem Spiel. Und die konnte ich ihm nicht ersparen. Inschallah...

Ich fragte: "Gibt es brauchbare Beschreibungen der beiden falschen Monteure?"

Webbs hob die Augenbrauen. Sie bekamen einen ziemlich steilen Steigungswinkel. Fast wie bei Mister Spock. Oder irgendeinem Teufel oder Dämon.

"Der Pförtner ist bei uns auf dem achtzehnten, er hilft bei der Erstellung von Phantombildern."

"Gut."

"Wer war die Frau?", fragte Lew.

Er meinte die Frauenleiche, die in der Tür zum Badezimmer lag.

Webbs kratzte sich am Kinn und die Augenbrauen senkten sich wieder. "Reese Panadero. lebte seit drei Monaten in dieser Wohnung."

"Und die beiden Leibwächter?", fragte Lew.

"Keine Ahnung. Sie hatten keine Papiere bei sich." Webbs grinste schief. "Aber das kriegen wir auch noch raus."

“Bestimmt”, sagte ich.

“Ja, oder wollen Sie das lieber alleine machen?”

“Nein, nein”, versicherte ich. “Die Amtshilfe der City Police können wir gut gebrauchen.”

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Es war ein lausig kalter Tag, und man hatte das Gefühl, dass einem die Ohren abfroren, sobald man sich im Freien aufhielt.

Aber ich hatte es längst aufgegeben, über das New Yorker Wetter zu schimpfen. Über die Hitze im Sommer und die Kälte im Winter.

Es gab Schlimmeres.

Und man muss es sowieso nehmen, wie es kommt.

Manche Ding sind eben gewissermaßen Schicksal. Das Wetter gehört dazu. Dass ich mit einem seltsamen unpatriotischen Namen geboren wurde ebenfalls. Und die roten Haare will ich in diesem Zusammenhang gar nicht erst erwähnen. Aber ich glaube, das war ein anderes Jahrhundert, in dem mir rote Haare hätten gefährlich werden können.

Sowas ändert sich immer mal.

Zurzeit war es mein arabischer Name, der mir wie ein übles Geschwür an der Backe hing.

Vielleicht ist Schicksal das falsche Wort.

Zeitgeist.

Das trifft es vielleicht besser.

Für die, die darunter zu leiden haben, ist es sowieso immer dasselbe. Scheiße, wenn man gerade die Arschkarte gezogen hat.

“Denkst du zwischendurch mal über unseren Fall nach oder hast du gerade mal wieder eine Phase verstärkten Selbstmitleids?”, fragte Lew.

“Häh?”

“Du hast mich schon verstanden. Nicht, dass ich es nicht verstehen könnte, wenn jemand, wie du, auf den andauernd geschossen wird, übel drauf ist.”

“Was beklagst du dich dann?”

“Im Ernst: Ich brauche einen Partner, auf den ich mich verlassen kann. Keine wandelnde Depression. Bist du diensttauglich?”

“Sicher.”

“Ich weiß nicht. Wenn ich an deiner Stelle wäre, Murray...”

“Was dann?”

“...wäre ich wahrscheinlich nicht mehr diensttauglich, sondern reif für eine gepflegte, abgeschiedene Anstalt, wo ich mich so lange verkriechen würde, bis die Kollegen den Schweinehund erwischt haben, der mich ins Visier genommen hat.”

“Ich bin eben nicht du, Lew.”

“Nee, bist du nicht.”

“Lew, ich steck das weg.”

“Gut.”

“Und ich denke an nichts anderes, als an den Fall.”

“Gut.”

“Ehrlich, Lew! Ich kann schon gar nichts anderes mehr denken. Aber dass ich mich zwischendurch mal umdrehe, ob da vielleicht zufällig irgendwo dieser Irre gerade auf mich anlegt, ist doch wohl erlaubt, oder?”

Lew nickte. “Ist erlaubt”, sagte er großzügig.

“Und davon abgesehen solltest du auch mal eines bedenken.”

“Was?”

Ich hob die Augenbrauen. Ich merkte außerdem, dass meine Hände in meinen Handschuhen irgendwie schwitzten, was eigentlich nicht hätte passieren dürfen.

Vielleicht hatte ich aber sonst auch einfach weniger geschwitzt. Die Temperatur war sowieso eigentlich nicht typisch fürs Schwitzen. An keiner Stelle des Körpers.

Und nichtmal dann, wenn die Handschuhe entgegen dem Etikett in Wahrheit aus Kunstleder waren.

Über den waren Grund, weshalb einer anfängt, an einem kalten Wintertag in seinen Handschuhen zu schwitzen, wollte ich eigentlich auch gar nicht weiter nachdenken...

Und schon gar nicht wäre ich dazu bereit gewesen, mir selbst einzugestehen, dass mich die Sache mit dem Irren vielleicht doch etwas mehr mitnahm, als ich wahrhaben wollte.

Ich sagte: “Der Kerl hat bis jetzt immer daneben geschossen, Lew. Er schießt mit Absicht daneben. Oder er erschießt Leute, die in meiner Nähe sind, damit ich mich schuldig an ihrem Tod führe.”

“Also im Klartext: Ein richtig fieses Arschloch.”

“Ja. Aber der springende Punkt ist: Du bist viel mehr gefährdet als ich, Lew. Schließlich hängst du dich zwei Drittel des Tages in meiner Nähe herum und wärst damit für den Irren ein perfektes Ziel.”

“Siehst du: Und ich nehme das vollkommen gelassen hin, Murray.”

Wir lachten beide.

Kann vielleicht niemand nachvollziehen, wieso wir lachten. Aber wir taten es. Irgendwie war es einfach witzig - auf eine vielleicht etwas schräge Weise.

Und abgesehen davon war es ein Zeichen dafür, dass Lew und ich gerade auf dem Weg waren, ein wirklich gutes Team zu werden. Wenn man schonmal anfängt über denselben Scheiß zu lachen, dann ist das immer eine gute Voraussetzung für alles mögliche.

Ein Paar konnten wir auf Grund unserer unterschiedlichen sexuellen Orientierung schonmal schlecht werden.

Aber wir waren vielleicht irgendwann viel mehr als das.

Partner nämlich.

“Was denkst du über den Fall?”, fragte ich nach einer angemessen langen Pause nach diesem gerade vorübergegangenen Moment des Gelächters, das wir beide richtig gedeutet hatten.

"Düstere Aussichten", meinte Lew, während wir am Central Park West entlangschlenderten, bis wir meinen Wagen erreicht hatten und einstiegen.

Mir klapperten die Zähne wie schon lange nicht mehr.

"Irgendjemand versucht da ganz gewaltig aufzuräumen", sprach Lew weiter. "Ein Bandenkrieg ist so gut wie unausweichlich..."

"Ich fürchte, da hast du recht."

Vielleicht hätten wir froh darüber sein sollen. Gangster legten Gangster um. Das war doch mal eine Abwechslung und erleichterte uns den Job. Aber so etwas denkt man nur. Aber nicht einmal das tut man zu laut.

Lew fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Sein Blick wirkte nachdenklich. "Dies ist der dritte Tote in dieser Serie..."

"Vorsicht!", erwiderte ich. "Wir wissen noch nicht, ob es wirklich derselbe Täter ist", gab ich zu bedenken.

Lew zuckte die Achseln.

"Nach den ballistischen Untersuchungen werden wir es wissen.”

“Sicher...”

“Ich wette mit dir, dass in allen drei Fällen die Kugeln aus denselben Waffen stammen.”

“Und um wie viel wettest du?”

“Um viel.”

“Na, dann...”

“Und wenn du die Vorgehensweise bedenkst..."

Ich sah meinen Kollegen fragend an. "Drei Morde", murmelte ich. "Und die Opfer waren jeweils Leute, die in der Unterwelt eine Rolle spielten. Rizzos, der Waffenhändler. Dominicanez, der Kokain-König. Und jetzt..."

"Ugarimov", vollendete Lew. "Außer der Tatsache, dass alle wahrscheinlich Verbrecher waren, haben sie aber nichts gemeinsam. Nicht einmal die Branche..."

"Aber offensichtlich haben sie einen gemeinsamen Feind!"

Lew nickte.

"Fragt sich nur, wer das ist."

Ich lachte heiser.

"Und New York war gerade dabei, den Ruf zu erringen, einer der sichersten Städte der USA zu sein."

Lew verstand, was ich meinte.

Wenn irgendein bislang unbekanntes Syndikat seine Klauen nach New York ausstreckte und es zum Gangsterkrieg kam, dann konnte es mit der relativen Ruhe schnell vorbei sein.

Und dann hatte die ganze Stadt darunter zu leiden.

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Ich rief kurz in unserer Zentrale an.

Schließlich wollte ich wissen, was die ballistischen Tests ergeben hatten.

Nicht was unseren Fall anging, sondern was MEINEN Fall anging. Der Fall, in dem ich selbst das Opfer hätte sein sollen.

Ich hatte großes Glück gehabt.

Aber das war mir auch bewusst.

Dass es stattdessen andere erwischt hatte, lastete irgendwie auf meiner Seele.

Das Schuldgefühl des Überlebenden. Psychologisch ein bekanntes Phänomen.

Dieses abstrakte Wissen hilft einem allerdings nicht im mindesten, wenn man selbst davon betroffen ist.

Ist einfach so.

"Wisst ihr schon was?", fragte ich den Kollegen aus dem Innendienst des Special Cases Field Office.

“Ja."

"Und?"

Ich konnte meine Ungeduld kaum verbergen.

Ist manchmal ein Charakterfehler von mir, den ich einfach nicht gut genug zu verbergen weiß: Ungeduld.

"Es wird dich kaum überraschen, Murray."

"Es ist also derselbe Täter, der mich schon ein paar Mal um die Ecke bringen wollte."

"Ja."

"Danke."

Wusste ich es doch. Aber es war ein mieses Gefühl, dass da jemand aus dem Verborgenen heraus auf mich Jagd machte. Nein, nicht auf mich. Bis jetzt nur auf Leute in meiner Umgebung. Wenn es um mich gegangen wäre, hätte ich das unter die Rubrik Berufsrisiko gepackt. Als Cops haben wir es nunmal auch mit Menschen zu tun, die nicht nett sind. Und manche dieser Arschlöcher stehen sogar auf der anderen Seite der Grenze, die das Gesetz gezogen hat.

Aber dass jemand, der mir an die Gurgel will, andere Leute dafür büßen lässt, hatte etwas selten Perfides an sich.

Etwas, das mich rasend machte.

Und genau das sollte wohl auch der Sinn der ganzen, unappetitlichen Angelegenheit sein. Mich in den Wahnsinn treiben und dann, wenn ich vielleicht selbst nicht mehr wusste, ob ich Muslim, Christ oder einfach nur ein Idiot war, mir zuletzt dann doch noch eine Kugel in den Kopf jagen.

Oder er will mich dazu bringen, das mit ihm zu machen, ging es mir durch den Kopf. Dann sitze ich am Ende im Knast, weil ich diesen Irren zur Strecke gebracht habe und der Kerl hat auch sein Ziel erreicht...

Nichts war so pervers und verdreht, dass ich es meinem unbekannten Gegner nicht zugetraut hätte.

"Er scheint diese Waffe für dich reserviert zu haben, Murray. Außer bei den Anschlägen, bei denen du immer in der Nähe gestanden hast, wurde sie nämlich nie benutzt."

"Zumindest nicht, dass es aktenkundig geworden wäre."

"Ja. Mit dieser Einschränkung."

"Bis später."

"Vielleicht wissen wir dann schon mehr."

Aber das hatte er bei den bisherigen Attentaten auf mich auch immer gesagt.

Es war leider nie eingetreten.

Ich hasse leere Versprechungen.

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9

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Es herrschte dichter Verkehr, und daher waren die gut 50 Kilometer zwischen Midtown Manhattan und dem auf der anderen Seite des Hudson in New Jersey gelegenen Paterson eine wahre Quälerei.

Ugarimovs Sandstein-Villa war groß und protzig und hatte vermutlich das Doppelte von dem gekostet, was zwei Agents des Special Cases Field Office in ihrem ganzen Leben verdienten.

Als ich den Wagen am Straßenrand parkte und ich Lews Blick sah, mit dem er das Anwesen bedachte, wusste ich, was in ihm vorging.

So gut kannten wir uns inzwischen.

Seine Gedanken waren in diesem Moment für mich ein offenes Buch.

Er dachte genau dasselbe wie ich.

"Vom finanziellen Standpunkt aus betrachtet, haben wir wohl die falsche Seite gewählt, was?"

“Tja...”

“Ist doch wahr, Murray!”

Ich hob die Augenbrauen.

"Findest du wirklich?"

"Nun..."

"Ugarimov hat jetzt nicht mehr viel von all seinem Reichtum. Im Leichenschauhaus sind alle gleich. Und wenn er kein Mafia-Boss, sondern ein ganz gewöhnlicher Klempner oder Busfahrer wäre, wäre er jetzt vermutlich noch am Leben.”

"Das ist allerdings wahr."

"Um ein Haar wäre ich ja selbst dort gelandet. Im Leichenschauhaus, meine ich.”

Lew runzelte die Stirn.

"Kann es sein, dass du im Moment einer ziemlich düster geprägten Grundstimmung nachhängst?", fragte mein Kollege.

Ich zuckte mit den Schultern.

"Wundert dich das?"

"Nein."

"Na, also!"

"Aber du solltest das, was passiert ist, so schnell wie möglich aus einem Kopf bannen, Murray."

"Wenn das so einfach wäre, Lew!"

"Wer sagt denn, dass es einfach ist, Murray?"

"Ach, Lew..."

"Aber notwendig ist es. Sonst hast du eine Gedanken nicht für den Fall frei, den wir im Moment zu lösen haben. Und wenn du mich fragst, bist du im Moment hart an der Grenze der Dienstunfähigkeit.”

“Hey, nicht übertreiben.”

“Das ist nicht übertrieben. Es ist einfach nur die Wahrheit, auch wenn du die nicht so gerne hören willst.”

“Amen.”

“Bedeutet: Ich habe recht, oder?”

Darauf gab ich keine Antwort.

Er hatte natürlich recht.

Ich gab es ungern zu, aber Lews Worte trafen den Kern der Sache. Jedes einzelne davon.

Allerdings war ich froh, nicht länger darüber reden zu müssen. Ich glaube nämlich nicht unbedingt, dass durch andauerndes Besprechen Probleme besser werden oder einfacher zu ertragen sind. Manchmal wird dadurch nämlich erst richtig kompliziert. Und wozu, so frage ich all die Hobby-Psychoanalytiker, die heute so herumlaufen und die man inzwischen in jeder Behörde, in jeder Firma und in jedem Dienstrang zuhauf findet, wozu hat Allah uns die Kraft zur Verdrängung gegeben?

Damit wir sie nicht benutzen?

Das will ich mir nicht vorstellen.

Will ich einfach nicht.

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10

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Wir stiegen aus.

Die Villa war von einem schmiedeeisernen Zaun umgeben. Wir traten ans Tor, und uns traf ein unangenehm kalter Wind, der durch die großzügig angelegte Allee fegte, die auf Ugarimovs Villa zuführte. Eine gute Adresse, eine feine Gegend...

Irgendwo verschluckte der Wind das Knurren eines Hundes.

Ein Mann wie Ugarimov musste sein Haus natürlich vor ungebetenen Gästen schützen.

Das Tor war gusseisern und so massiv, dass man einen Panzer brauchte, um durchzukommen. Ein Blick zwischen den Gitterstäben hindurch zeigte ein paar nervös wirkende Männer in dunklen Anzügen. Walky Talkys verbeulten die Jackettaußentaschen und hier und da sah ich offen getragene Maschinenpistolen vom Typ Uzi. Es war kein Wunder, dass man nicht versucht hatte, Ugarimov hier, in dieser Privatfestung umzubringen.

Das wäre schwierig geworden.

Selbst für ein professionelles Killer-Kommando.

Dass wäre höchstens etwas für die Navy Seals gewesen, so wie bei der Sache mit Osama bin Laden. Aber so wichtig, dass Ugarimov auf der Todesliste unseres Präsidenten stand, war er wohl nicht. Es gibt eben unterschiedliche Klassen von Schurken.

Ich drückte auf den Knopf neben der Gegensprechanlage.

Eine Männerstimme knurrte ein launiges: "Sie wünschen?"

Ich sagte: "Special Cases Field Office."

"Mister Ugarimov ist nicht zu Hause."

"Wir hätten gerne Mrs. Ugarimov gesprochen."

Lew und mir war bekannt, dass er mit einer beinahe dreißig Jahre jüngeren Frau verheiratet war.

Am anderen Ende der Gegensprechanlage herrschte einige Augenblicke lang Schweigen.

Dann bekamen wir eine Antwort.

"Einen Moment!"

Es war eine metallisch klingende Männerstimme. Kalt wie Eis. Abweisend wie der Anwalt einer Versicherung. Fies wie ein Gangster.

Eine, die man in den Disney-Trickfilmen immer den Bösewichten gibt, sodass auch der Blödeste gleich merkt, mit wem er es zu tun hat.

In der Welt, die wir die Realität nennen, hat man es da leider nicht immer so einfach.

In diesem Fall aber schon.

Gut so, dachte ich.

Man musste ja schließlich immer das Positive sehen, auch wenn das in unserem Job nicht immer leicht fällt.

Erstmal geschah gar nichts.

Alles wirkte wie erstarrt.

Eingefroren.

Dann registrierte ich, wie einer der Wächter in den gut sitzenden Beerdigungsanzügen zu seinem Funkgerät griff. Kurz darauf kam er in Begleitung eines bulligen Kerls am Tor an. Dieser hielt einen Rottweiler ziemlich kurz an der Leine. Das Tier fletschte die Zähne und wollte nach uns schnappen. Ein mannscharfes Biest, das speziell auf Menschen abgerichtet war.

Der bullige Hundeführer grinste schief und tätschelte dem Tier am Hals herum. "Er tut nichts. Er mag nur keine Cops", knurrte er dabei.

"Was Sie nicht sagen", erwiderte ich kühl.

"Ist aber so."

"Kann ja sein, dass der Köter nichts tut", sagte ich. "Für mich gilt das aber nicht."

"Wie?"

"Wenn er sich bewegt, schieße ich ihm eine Ladung Blei ins Hirn und den Rest können Sie dann an eine Garküche in Chinatown geben!"

Es gibt nur wenige Dinge, die noch weniger politisch korrekt sind, als ein Muslim zu sein. Ich meine jetzt nicht, ein rothaariger Muslim mit irischer Mutter zu sein. Ist auch schlimm, aber nicht wirklich verachtenswert.

Wirklich schlimm ist es, unfreundlich zu Hunden zu sein.

Wer das wagt, hat keine Gnade verdient und steht auf einer Ebene mit den Terroristen des 11. September.

Genau das schien der Gesichtsausdruck des Leibwächters auszusagen, als er mich jetzt anstierte, als wäre ich ein Kannibale.

Lew Parker sah mich tadelnd an.

"Was ist, du schwuler Gutmensch?", fragte ich.

Lew zog eine Grimasse.

"War das nötig?"

Ich zuckte die Schultern.

"Etwas Spaß muss doch sein."

"Spinner!"

“Wieso?”

“Ich meine es ernst, Murray.”

"Meistens geht es doch auf meine Kosten, Lew!"

Aber davon wollte Lew nichts hören.

Er machte eine wegwerfende Handbewegung.

Und das sehr ausdrucksstark.

"Sei nicht so ein Jammerlappen, MUHAMMAD! Nur, weil du einen Terroristen-Namen trägst, heißt das nicht, dass du immer das Opfer bist!"

Das saß.

Vor allem die Art und Weise, wie er MUHAMMAD anstatt MURRAY sagte.

Aber er hatte ja recht.

Es war mein Name.

Verbal ist Lew fast so gut wie mit seiner Dienstpistole. Und ab und zu kriege ich das eben zu spüren. Aber wenn man es genau nimmt, schenken wir uns da beide nichts.

Wirklich.

Der hundeführende Wächter, den ich mit meiner Bemerkung so verunsichert hatte, hörte uns stirnrunzelnd zu. Er kraulte seinem besten und vermutlich einzigen Freund den Nacken. Der Hund wirkte ruhig. Vielleicht machte er ja tatsächlich nichts.

Vielleicht...

Wir zeigten den Wächtern unsere Ausweise. Sie wurden eingehend geprüft und mit einem dumpfen Knurren zurückgegeben.

“Sowas gibt’s für drei Dollar auf dem Flohmarkt, wenn man’s drauf anlegt”, meinte einer der Kerle und grinste schief.

Lew grinste nicht.

“Ach, wirklich?”, fragte er und seine Stimme klang dünn und fies.

“Wirklich.”

Lew ist schwul, aber er ist ein konservativer Schwuler. Keiner von denen, die auf dem Christopher Street Day herumhampeln und es lustig finden, wie ein Papagei herumzulaufen. Keiner, der bei den Village People mitsingen würde. Und auch keiner, der in liberale College-Seminare gepasst hätte. Er war einfach ein Spießer und die können es oft auf den Tod nicht ausstehen, wenn man sich über Hoheitszeichen oder das, was man so dafür hält lustig macht.

Und deshalb hatte Lew jetzt auch plötzlich schlechte Laune.

Der Leibwächter, der so unbedacht dahergequatscht hatte, merkte das rechtzeitig.

“Schon gut”, sagte er.

“Finden Sie?”, fragte Lew.

"Folgen Sie uns!", kam es dann kleinlaut zwischen den dünnen Lippen des Hundeführers hindurch, während der andere Wächter den kurzen Lauf seiner zierlichen Uzi in unsere Richtung zeigen ließ.

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Mrs. Jelena Ugarimov empfing uns in einem weiträumigen, lichtdurchfluteten Raum mit hohen Fenstern. Die Einrichtung bestand zum Großteil aus kostbaren, wenn auch etwas zusammengewürfelt wirkenden Antiquitäten.

Ich sah Lews Blick.

'Alles gestohlen!', sagte dieser Blick.

Vermutlich hatte Lew sogar Recht mit dieser Vermutung.

Auch wenn Ugarimov kein Einbrecher war, in gewisser Weise hatte er sich sein Vermögen zusammengestohlen. Aber das gilt für unsere Staatsfinanzen auch, die die Wegelagerer des Finanzamts zusammengeklaubt haben.

Ich ließ den Blick schweifen.

Schönheit sollte man genießen.

Gestohlene Schönheit auch.

Ich tat es.

Es war das Haus eines Mannes, der seinen Reichtum um jeden Preis zeigen will, ging es mir durch den Kopf. Ein Angeber also.

Die Quadratmeterdichte an Antiquitäten war jedenfalls beachtlich.

Jelena war eine aschblonde Schönheit mit feingeschnittenem Gesicht und hohen Wangenknochen. Ihre Augen waren dunkel, und die Art und Weise, in der sie funkelten, warnten jeden, der mit ihr zu tun hatte, vor ihrer Hinterhältigkeit und Gefühlskälte. Ihre Figur hingegen war eine einzige, schwindelerregende Kurve, so dass einem das kalte Glitzern ihrer Augen schon entgehen konnte. Aber vielleicht war ich nach meiner letzten Trennung einfach nur etwas ausgehungert und deswegen zu sehr auf gewisse Reize fixiert.

Kann ja sein.

Nur gut, dass einer von uns immun dagegen war.

Lew nämlich.

Der hatte es in dieser Situation einfach etwas leichter, einen klaren Kopf zu bewahren.

Unser Gegenüber lächelte.

Ein falsches, berechnendes Lächeln.

Sie machte den Eindruck, genau zu wissen, was sie tat.

Alles an ihr wirkte kontrolliert.

Sie begrüßte uns mit rauchiger Stimme. Wir zeigten ihr unsere Ausweise, die sie sich eingehend ansah.

"Zwei Cops, sieh an", sagte sie mit ihrem falschem Lächeln, das jetzt zwar nicht echter, dafür aber etwas breiter wurde.

Ein Lächeln, das so falsch wie ihre Zähne, ihre Brüste, ihre Lippen und wahrscheinlich noch ein paar Dutzend etwas dezenter platzierte Ersatzteile an ihr waren.

Päpste hatten sich Bildhauer geleistet.

Aber jemand, der so reich wie Ugarimov war, konnte sich Chirurgen leisten, die mit dem Körper einer Frau genau dasselbe machen konnten, was den Klassikern nur in Stein möglich war.

"Was führt Sie hier her?", fragte sie.

Ich hasse solche Momente. Aber es kommt immer wieder vor, dass man in unserem Beruf zum Überbringer schlechter Nachrichten wird.

Ist wohl nicht zu ändern.

Liegt eben in der Natur der Sache.

Unser Job hat in diesem Punkt eine gewisse Schnittstelle zu dem Beruf eines Trauerredners.

"Ihr Mann... er ist heute morgen erschossen worden." Ich wollte es so kurz und schmerzlos wie möglich zu machen.

Jelenas Gesicht blieb völlig unbewegt. Eine Maske, die wie erstarrt wirkte. Ein Lächeln, das aussah wie gefroren.

Sie atmete tief durch.

Ihre Brüste hoben und senkten sich dabei.

Sie schluckte und sah mich dann an.

"Wo", fragte sie dann stockend, "ist das passiert?"

Ich fand die Antwort ziemlich seltsam. Und vielleicht stand meine Überraschung etwas zu deutlich in meinem Gesicht.

Ist das wirklich alles, was dich interessiert?, ging es mir etwas verwirrt durch den Kopf. Wo? Ist denn der Ort so verdammt wichtig? Er ist tot, darauf sollte es dir ankommen...

"In einem Penthouse am Central Park West...", sagte ich und wurde sogleich unterbrochen.

"Ah, ich weiß", meinte sie und ihr Tonfall wurde hart. "Das ist wohl die Wohnung, die Vlad für diese Schlampe gemietet hat..."

Nett ist was anderes, dachte ich. Aber Ugarimov hat sie sicher unter anderen Gesichtspunkten ausgewählt...

Ein harter metallischer Ton mischte sich in den surrenden Singsang, der ihr sonst eigen war und überlagerte ihn sogar. Ja, das sind die Momente, in denen der wahre Charakter eines Menschen durch die Oberfläche schimmert. Ganz leicht nur, aber so deutlich, dass man schon ziemlich blöd sein muss, um das nicht zu erkennen.

Gibt aber genug Blöde.

Sonst wären die Zeiten für diese Schöne wohl auch etwas arg hart gewesen und sie hätte nie jemanden gefunden, der sie in einem so schönen Ambiente wohnen gelassen und es ihr vermutlich sogar vererbt hätte...

"Sprechen Sie vielleicht von Reese Panadero?", hakte Lew nach.

Jelena wandte sich zu meinem Kollegen herum und musterte ihn mit einem schwer zu deutenden Blick. Dann ging sie ein paar Schritte auf ihn zu. Bei jedem ihrer wiegenden Schritte schien sie darauf zu achten, dass die aufregenden Rundungen ihres wohlgeformten Körpers auch richtig zur Geltung kamen. Dass sie in diesem Punkt bei Lew auf Granit biss, ahnte sie wohl nicht.

Sie blieb stehen.

Den linken Arm stemmte sie in die geschwungene Hüfte.

Ihr Parfum hing schwer und aufdringlich in der Luft.

"Möglich, dass sie so hieß", murmelte sie mit einer Kälte, die einen erschauern lassen konnte.

"Miss Panadero ist ebenfalls umgekommen", sagte Lew.

Jelena hob die Augenbrauen.

"Sie erwarten sicher nicht, dass ich darüber besonders traurig bin." Sie zuckte die Achseln. "Big Vlad wusste eben manchmal nicht, was wirklich gut für ihn war.”

“Ach, nein?”, wunderte sich Lew.

“Nein.”

“Tja dann...”

“Und seine Menschenkenntnis war auch nicht die Beste - jedenfalls was Frauen anging!"

Was sie nicht sagt, dachte ich. Sieh an... Sie drehte sich zu mir herum. Ihre Augen musterten mich.

Ich hielt ihrem Blick stand. Für sie war das eine Art Kräftemessen, das hatte ich im Gefühl. Manche versuchen einem die Hand zu quetschen, wenn sie sie eigentlich nur schütteln sollen. Diese Frau glotzte einen auf ihre unnachahmliche Weise an. Ich weiß nicht, was unangenehmer ist.

"Sagen Sie mir, wie es genau geschehen ist!", forderte sie mit dunklem Timbre.

"So, wie es aussieht, waren es zwei sehr professionell vorgehende Killer", sagte ich.

"Eine Hinrichtung!" Es war keine Frage, sondern eine Feststellung.

Sie nickte.

Ich nickte auch.

"So könnte man es nennen”, sagte ich, nach dem eine unangenehm lange Schweigesekunde vergangen war.

Für den Bruchteil einer Sekunde, huschte ein kaltes, böses Lächeln über ihr Gesicht. Der Eindruck einer trauernden Witwe machte sie mir nicht gerade. Was genau ich stattdessen von ihr halten sollte, wusste ich zwar auch nicht, aber eins stand für mich fest: Bei der Wahl seiner Frau hatte Ugarimov keine glückliche Hand gehabt.

"Für uns stellt sich die Frage, welcher seiner zahlreichen Feinde Ihren Mann umgebracht hat", erklärte Lew aus dem Hintergrund.

Jelena lachte auf.

Schrill klang das.

Hysterisch fast.

Aber es passte zu ihr.

Ihr Lachen war wie sie selbst: Von allem etwas too much.

"Ach wirklich?"

"Jeder Mord ist ein Mord zuviel", erklärte Lew sachlich. "Und wir versuchen ihn so gut wir können aufzuklären. Auch bei einem Mann..."

"Den Sie für einen Verbrecher halten! So ist es doch!" rief Jelena. Sie seufzte. Dabei drehte sie sich nicht zu Lew um, sondern sah weiterhin in meine Richtung.

Ich nickte.

"Dem was mein Kollege gesagt hat, kann ich nur zustimmen", erklärte ich und fuhr dann nach einer kurzen Pause fort: "Seit wann wussten Sie von der Beziehung Ihres Mannes zu Miss Panadero?"

Ihr Blick bekam etwas Katzenhaftes.

Sie näherte sich einen Schritt und verschränkte die Arme vor der ausladenden Brust, die sich deutlich durch ihren sehr engen Pullover abzeichnete.

"Jeder wusste das. Ich natürlich auch, ich bin nämlich weder blind noch taub. Vladimir hat sich nicht einmal die Mühe gemacht, seine Affären mit anderen Frauen vor mir oder irgendjemandem sonst geheimzuhalten..."

"Haben Sie Ihren Mann geliebt?"

Sie sah überrascht aus. Wie können Sie sowas fragen?, schien ihr Blick zu sagen. Aber ich hatte es nunmal gefragt. Und ich wollte auch eine Antwort haben. Da würde ich nicht locker lassen.

"Was soll die Frage?", wollte sie wissen, womit sie eine Denkblase, die ich ihr angedichtet hatte, nun ausformuliert hatte.

"Brauchen Sie länger, um darüber nachzudenken?", fragte ich.

Sie wurde dunkelrot vor Ärger. Ihre Augen funkelten. Sie schien wirklich sauer zu werden. Gut so, dachte ich. Dann vergaß sie sich und ihre verfluchte Verhaltenskontrolle vielleicht mal für ein paar aufschlussreiche Sekunden und zeigte uns einen Augenblick ihr wahres, hässliches und ungeschminktes Selbst. So zumindest lautete meine stille Hoffnung.

"Hören Sie, was soll die Fragerei?”, fauchte sie.  “Ich dachte, Sie suchen den Mörder meines Mannes! Also tun Sie Ihren Job, wenn Sie es nicht lassen können, aber hören Sie auf, dämliche Fragen zu stellen!"

Sie wirkte wie jemand, der sich in die Enge getrieben fühlte.

Ich fragte mich nur warum.

Und an dem Punkt konnte es dann wirklich interessant werden.

Ich sagte: “Hören Sie, mich wundert das einfach nur...”

“Was wundert Sie?”, unterbrach sie mich.

"Machen Sie sich keine Gedanken darüber, wer die Mörder beauftragt hat?", fragte ich.

"Glauben Sie...", sie zögerte, ehe sie weitersprach, "...dass ich...?"

Ich grinste.

"Das haben Sie gesagt!"

"Wegen dieser Reese Panadero? Mister Abdul, das ist lächerlich!" Ihr Blick ging zur Uhr. "Meine Zeit ist knapp bemessen. Wenn Sie keine weiteren Fragen mehr haben..."

"Da wäre noch etwas!"

"Dann machen Sie es kurz!"

"Sagen Ihnen die Namen Tony Rizzos und Jack Dominicanez etwas?"

"Nie gehört!"

"Wirklich nicht?"

"Wirklich nicht."

"Könnte es nicht sein, dass Ihr Mann diese Männer gekannt hat?" Ich holte zwei Fotos aus der Innentasche meiner Jacke und hielt sie Jelena hin. Sie beachtete sie kaum, nahm sie nur kurz zwischen die grazilen Finger und gab sie mir dann zurück.

"Allerweltsgesichter...", meinte sie schulterzuckend. "Was ist mit diesen Männern?"

"Sie starben vermutlich durch dieselben Täter wie ihr Mann und falls es irgendeine Verbindung zwischen ihm und diesen beiden geben sollte, sagen Sie es uns besser."

Ihr Augenaufschlag war gekonnt.

"Das werde ich, Mister Abdul..." Und dabei strich sie mir mit ihren langen Fingernägeln über das Revers der Jacke. "Sobald ich etwas in dieser Richtung erfahre..."

"Sehr schön."

"Wie waren noch die Namen?"

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"Sie sollten nicht zu Hause übernachten", sagte Director Jay Chang Lee später zu mir. Er rief mich an. Und seine Stimme hatte im Handy irgendwie einen anderen Klang, als wenn man ihm im Büro gegenübersaß. Dann kam man sich manchmal vor, als ob man in einem Eisschrank platznehmen würde und man sich beeilen musste, den Kaffee zu trinken, so lange er noch nicht kalt war.

Aber am Telefon klang unser Chef richtig menschlich.

Traute man ihm so ohne Weiteres gar nicht zu.

"Tja, eine Parkbank ist mir aber zu ungemütlich", sagte ich.

Humor war Director Jay Chang Lees Sache aber trotzdem nicht.

Vor allem nicht meiner.

Also herrschte erstmal einige Augenblicke lang Schweigen.

Ich hatte wohl ganz deutlich im Ton daneben gegriffen.

Manchmal machte ich das mit Ansicht. Nur, um zu sehen, was passierte. Und es passierte dann eigentlich immer was.

Director Jay Chang Lee räusperte sich.

Seine Art, eine Peinlichkeit zu überspielen.

"Was ich sagen wollte ist: Sie sollten nach dem Anschlag auf Ihre Person nicht zu Hause übernachten, Murray."

"Ja, das habe ich schon verstanden."

"Nehmen Sie eine der Wohnungen, die wir bereithalten, um gefährdete Zeugen unterzubringen. Rufen Sie unseren Innendienst an, der koordiniert das."

"Hm."

"Sie sind ein Dickkopf, das weiß ich, Murray. Aber ich will nicht, dass Sie in Ihren Dickschädel auch noch ein dickes Loch kriegen. Also hören Sie auf mich."

"Gut", sagte ich.

Mir war schon klar, dass der Chef eigentlich recht hatte. Und trotzdem widerstrebte es mir, mich gewissermaßen von diesem Irren, der es auf mich abgesehen hatte, aus meinen eigenen vier Wänden vertreiben zu lassen.

Aber so war nun einmal die Lage.

Ich hatte wohl nüchtern betrachtet gar keine andere Wahl.

Also rief ich bei unserem Innendienst-Kollegen an und ließ mir eine Wohnung raussuchen. Es sollte wenigstes eine einigermaßen angenehme Gegend sein.

Allerdings fuhr ich trotzdem nochmal zu meiner Wohnung, um ein paar Sachen zu holen.

"Zahnbürste kann man im Supermarkt rund um die Uhr kaufen", meinte Lew Parker, bevor ich ihn an der bekannten Ecke absetzte. "Also, was kann so wichtig sein, dass du es jetzt unbedingt holen musst? Jetzt, da sich dieser Irre dort vielleicht auf die Lauer gelegt hat, nur um darauf zu warten, dass du genau das tust, was du jetzt vorhast!"

"Lass mich einfach in Ruhe, Lew."

"Es ist doch vollkommen offensichtlich!"

"Wenn es wirklich so offensichtlich wäre, dann frage ich mich, wieso nicht längst zwei Dutzend unserer Leute in der Nähe meiner Wohnung auf der Lauer liegen und den Kerl einzufangen versuchen."

Lew zuckte die Schultern.

"Personalmangel."

"Quatsch."

"Soll ich mitkommen?"

"Nein, danke, Lew. Das ist nicht nötig."

Er grinste breit. "Du willst ja nur nicht, dass deine Nachbarn anfangen, über uns zu reden!"

Ich verzog das Gesicht.

"Wäre mir egal, Lew. Und davon abgesehen und auch, wenn es für dich eine bittere Pille sein sollte..."

"Was?"

"Du siehst nicht besonders schwul aus, Lew."

"Du siehst auch nicht aus wie ein Araber."

"Siehst du, das ist das Problem: Nichts sieht aus, wie es aussehen sollte. Und wahrscheinlich sieht der Scheißkerl, der mich ausknipsen will, nicht wie ein Scheißkerl aus, sondern..."

"...hat Titten", sagte Lew.

Ich sah ihn erstaunt an.

Beinahe hätte ich vergessen an der Ampel zu halten.

"Redet ihr Hetero-Männer nicht so?", fragte er. Er grinste dabei.

"Ich nicht."

"Ach, komm schon."

"Wirklich!"

"Zu mir solltest du ehrlich sein, Murray."

"Bin ich."

"Ich bin dein Partner."

"Vergesse ich nie, Lew! "

"Naja, du nimmst vielleicht wirklich so ein Wort wie 'Titten' nicht in den Mund. Wahrscheinlich deshalb nicht, weil du immer denkst, dass deine gestrenge katholische irische Mutter zuhört."

Ich verdrehte die Augen.

"Amateurpsychologe", sagte ich.

"War nur ein Beispiel", grinste er. "Aber du sprichst immer von einem KERL und dabei hast du nur einen Schatten gesehen. Mehr nicht. Wir haben alle unsere Vorurteile und sie machen uns regelmäßig auf irgendeinem unserer zwei Augen blind, wenn du verstehst, was ich meine."

Ich setzte ihn schließlich ab.

'Macht dir das eigentlich nichts aus, einen Schwulen als Partner zu haben?', hat mich mal ein Cousin väterlicherseits gefragt. 'Also das muss doch ekelhaft sein.' Ich hatte geantwortet: 'Schwul oder Nicht-schwul ist beim Dienstpartner nicht so wichtig. Humor oder kein Humor, das ist schon wesentlicher, bei all den Stunden, die wir zwangsweise zusammengepfercht in einem Büro oder einer fahrenden Blechkiste verbringen.'

Mein Cousin hat nie wieder mit mir über dieses Thema gesprochen.

War vielleicht auch besser so.

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13

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Ich stellte meinen Wagen in eine der wenigen Parklücken, die ich noch finden konnte. Parkplätze sind in New York etwas, das wertvoller sein kann, als die dazugehörige Wohnung oder die Blechkiste, die dann schließlich auf dem kostbaren Stück Asphalt zu stehen kommt. Es ist einfach eine Frage von Angebot und Nachfrage. Und letztere ist nunmal viel größer als Ersteres.

Ich stieg aus, klappte die Tür zu. Um den halben Block musste ich bis zu meiner Wohnung laufen.

Ich stellte mir den Kragen meiner Jacke hoch.

Es versprach lausig kalt zu werden in dieser Nacht.

Der Wind pfiff durch die Häuserschluchten und vom Hudson zog Nebel aus. Feuchte Schwaden, die wie der eisige Dunst aus dem Totenreich daherkamen. So als ob die Geister all der Mafiaopfer, die in den letzten fünfzig Jahren in dem großen Fluss mit Betonfüßen beschwert und versenkt worden waren,  beschlossen hatten, ausgerechnet jetzt aus dem trüben Gewässer emporzusteigen.

Ich ging um die Ecke. Neben mir die Wand eines Brownstone-Hauses, wie sie für die Gegend so typisch waren. Fast fünfzig Meter hatte ich bis zum Eingang des Mietshauses noch vor mir, in dem ich mich einquartiert hatte.

Es war keine besondere Wohnung.

Eine, in der man schlafen konnte. Sonst nichts. Aber ehrlich gesagt, für sonst etwas brauchte ich sie auch nicht. Der Job fraß neunzig Prozent meiner Zeit und wenn ich mich verabredete, dann bestimmt nicht bei mir zu Hause.

Längerfristige Beziehungen sind wahrscheinlich auch für Leute wie mich nichts, die mit ihrem Job verheiratet sind und sich einer Sache gewidmet haben. Dem Kampf gegen das Verbrechen nämlich. Ist aber auch möglich, dass ich Unsinn rede.

Unsinn, weil ich vielleicht einfach nur noch nicht die Richtige getroffen habe.

Aber mir ist andererseits schon klar, dass meine gegenwärtige Tätigkeit beim Special Cases Field Office keineswegs besonders familienfreundlich ist.

Ich ging noch in den Laden, der kurz hinter der Ecke kam und 24 Stunden geöffnet hatte.

Der Laden war klein. Und es erstaunte mich immer wieder, wie viel Zeug man doch auf wie wenig Platz unterbringen kann. Aber das war die besondere Stapelkunst von Donna, der Inhaberin. Donna hatte freundliche blaue Augen und ein rundes Mondgesicht. Sie war schätzungsweise dreißig und irgendwas und die gute Seele der Straße. Wenn jemand wie ich mitten in der Nacht von einem Einsatz kam, weil sich Drogendealer und solche Leute leider nicht an die Bürozeiten des Field Office halten, dann konnte ich hier noch einen Coffee to go oder einen Schokoriegel kaufen. Oder auch ein Comic-Heft. Denn ganz ehrlich, wenn man vielleicht einen Tag lang sich in seinem Wagen den Arsch plattgesessen hat, um darauf zu warten, dass irgendein fieses Drogengeschäft doch noch über die Bühne geht, von dem ein Informant behauptet hat, dass es der Deal des Jahrhunderts werden soll, dann kann man hinterher nichts anders mehr lesen, als Blasentexte. Die permanente Aufmerksamkeit bei solche Einsätzen, gepaart mit stundenlanger, scheinbarere Untätigkeit ist nämlich eine fatale Mischung.

Ich kaufte also bei Donna einen Schokoriegel, weil dies mal wieder ein Tag gewesen war, an dem ich kaum zum Essen gekommen war.

"Hi, Donna."

"Hi."

"Na, laufen die Geschäfte?"

"Könnte besser gehen."

"Tja..."

"Machst du eine Abmagerungskur, Murray, oder wieso kaufst du in letzter Zeit so wenig Schokoriegel?"

"Habe ich die vielleicht nötig?"

"Naja."

"Nun erlaube mal!"

Ich bezahlte.

Dabei brauchte ich relativ lange, um das Geld herauszufingern. Mir fehlten zehn Cent.

Dann sah ich den roten Punkt tanzen. Der Laserpointer einer Zielvorrichtung. Der Schuss ließ das Schaufenster zerspringen. Donna taumelte zurück. In ihrer Schläfe war ein rotes Loch. Ihr Mondgesicht hatte sich zu einer Fratze des Schreckens verzogen. Ein zweiter Schuss traf sie hinter dem Ohr. Sie war noch nicht auf den Boden gesunken, da ließ der dritte Schuss den Schädel platzen. Blut und Hirn spritzten bis zur Decke.

Ich hatte längst die Waffe herausgerissen.

Ohnmächtige Wut erfasste mich.

Draußen herrschte das übliche Gemisch aus Licht, Dunkelheit, aufblitzenden Scheinwerfern, Neonreklame und Finsternis.

Woher die Schüsse gekommen waren, konnte ich nicht erkennen.

Wie auch?

Ich stürzte aus dem Laden hinaus.

Rannte dabei einen alten Mann fast über den Haufen.

"Vorsicht!", rief der.

Die Schüsse waren aus einer Waffe mit Schalldämpfer abgefeuert worden.

Schussgeräusche waren nicht zu hören gewesen. Und deshalb konnte der alte Mann auch nichts davon gehört haben. Und dass die Scheibe zerborsten war, schien ihm nicht weiter aufgefallen zu sein. Aber seine Brille war auch so dick wie ein Flaschenhals und abgesehen davon starrte er damit unablässig auf den Boden, weil er wohl sehen wollte, wo er hintrat.

Liegt ja auch genug Scheiße auf der Straße.

Ich stürzte hinaus.

Wenig später hörte ich den heiseren Schrei des alten Mannes. Er hatte offenbar noch nie eine Leiche ohne Kopf gesehen.

Ich ließ den Blick schweifen.

Was ich tat, war verflucht gefährlich. Das wusste ich wohl.

Ein roter Strahl tanzte durch die Luft. Dünn wie ein Zwirnsfaden aus purem, gebündeltem Licht.

Ich warf mich zur Seite, rollte mich am Boden ab und nahm hinter einem parkenden Fahrzeug Deckung. Kugeln zertrümmerten in den nächsten Augenblicken dessen Scheiben.

Der Schütze musste sich irgendwo auf der anderen Straßenseite befinden.

Wahrscheinlich feuerte er vom zweiten oder dritten Stock aus. Von einem Fenster aus, wo man einen direkten Blick in Donnas Laden hatte.

Der Killer hatte einfach auf mich gewartet und dann zugeschlagen!, so ging es mir durch den Kopf.

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Als ich am nächsten Morgen von der Schutzwohnung aus losfuhr, um Lew trotzdem an der üblichen Ecke abzuholen, um mit ihm gemeinsam zum Dienst zu fahren, war es eiskalt.

Ich fror. 

Aber das war vielleicht auch psychosomatisch.

Der Parka hätte mich eigentlich wärmen müssen und die Heizung meines Wagens war so eingestellt, dass jeder andere angefangen hätte zu schwitzen.

Lew war so freundlich nichts dazu zu sagen.

Er hielt es einfach aus.

Und er hielt die Klappe.

Das ist manchmal nämlich einfach das beste.

Man muss nicht alles bequatschen. Nicht immer jedenfalls.

Manchmal ist es das Beste, einfach gar nichts zu sagen. Für eine Weile jedenfalls. Und nach so einem Ereignis wie dem, was ich in der Nacht erlebt hatte, trifft das doppelt zu.

Also fuhr ich und wir sagten kein Wort.

Ich versuchte an nichts zu denken. Nur an die Ampeln, an den Verkehr, an die dummen Witze des Radiomoderators.

Ich war mir übrigens sicher, dass jemand Lew angerufen und über die Ereignisse in Donnas Laden informiert hatte.

Sonst hätte Lew nämlich was gesagt, beziehungsweise gefragt.

Ich nahm an, dass Mister Jay Chang Lee das persönlich gewesen war.

Man kann über ihn viel sagen. Und gewiss auch viel kritisieren. Aber unser Chef zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass er unangenehmen Dingen nie aus dem Wege geht und solche Gespräche selbst führt. Er hat dann dieselbe stoische Ruhe wie Gary Cooper in "High Noon".

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Zwanzig Minuten später saßen wir im Zimmer von Director Jay Chang Lee.

Zwanzig Minuten ohne Gerede hatte ich hinter mir.

Die letzten quasselfreien Minuten für diesen Tag.

Vielleicht für die Woche.

Man sollte sein Glück genießen, wie es kommt, denn man weiß nicht, wann die Wiederholung läuft.

Das Büro unseres Chefs im Dienstgebäude des Special Cases Field Office New York war einfach und zweckmäßig eingerichtet.

Spartanisch war das richtige Wort.

Telefone, Rechner, Sitzmobiliar, Schreibtisch, Konferenztisch.

Alles abwaschbar.

Und im Gegensatz zu allen anderen Büros, die ich kenne, liegt hier niemals irgendetwas herum, was da nicht hingehört.

Keine Ahnung, wie unser Chef das hinbekommt.

Aber es gab eben Geheimnisse, die wohl ewig ungeklärt bleiben würden.

Die Abwesenheit von Unordnung in diesem Büro war für mich ein Fall aus den sogenannten X-Files oder Cold Cases. Rätselhaft und unlösbar.

Ein Blick auf meinen eigenen Schreibtisch in dem Dienstzimmer, das ich mir mit Lew Parker teilte, war Beweis genug für diese Aussage.

Unser Chef Jay Chang Lee lehnte sich mit der Hüfte an seinen Schreibtisch, hatte die Arme verschränkt und machte ein ziemlich ernstes Gesicht.

Und dafür hatte er auch allen Grund.

Die Fahndung nach den beiden Killern von Ugarimov lief zwar, aber die Angaben des Security-Mannes erwiesen sich als nicht sehr detailliert. Die Phantombilder waren entsprechend wenig aussagekräftig.

"Es ist fünf Minuten vor zwölf", erklärte Mister Jay Chang Lee dann. "Wenn es uns nicht gelingt, denjenigen zu stoppen, der zur Zeit seine Killer losschickt, dann fliegen uns bald die Brocken um die Ohren! Außerdem liegen mir dauernd die Kollegen der Presseabteilung in den Ohren. Der dritte Tote in dieser verdammten Serie und wir haben noch immer nichts in den Händen... Wir brauchen langsam Ergebnisse!"

Lew und ich saßen in den Ledersesseln der kleinen Sitzgruppe, die Director Jay Chang Lee für Besprechungen in seinem Büro diente. Uns gegenüber saß mit übereinandergeschlagenen Beinen Special Agent Cleve Carravaggio.

Sein Partner Orry Ermikoah lehnte an der Fensterbank und lockerte sich die exquisite Seidenkrawatte.

Die beiden hatten sich intensiv mit Rizzos' und Dominicanez' wirtschaftlichen Verflechtungen beschäftigt, worüber sie einiges an Daten mitgebracht hatten. Die Computerausdrucke lagen auf dem Tisch verstreut und ich hatte mir das eine oder andere auch etwas genauer angesehen.

Ich fühlte plötzlich das Bedürfnis, in der Nase zu popeln, weil mich da irgendwas juckte. Aber das ging natürlich nicht.

Nicht in Anwesenheit von Director Jay Chang Lee.

Bei Lew hätte ich da inzwischen keine Hemmungen gehabt. Ich hatte im Wagen schließlich auch schonmal mitbekommen, wie Lew gefurzt hatte, nachdem wir zwischendurch einen Hamburger mit vielen Zwiebeln in einer Snack-Bar genossen hatten. Schwule sind eben auch nicht ganz so reinlich und gepflegt, wie man immer behauptet.

Aber bei Director Jay Chang Lee war das etwas anderes. Bei ihm tat man so etwas einfach nicht. Um keinen Preis der Welt. Das hatte eigentlich auch gar nichts mit seinem Rang oder einem besonderen Respekt ihm gegenüber zu tun, sondern mit etwas anderem.

Irgendwie hatte unser Chef etwas an sich, dass jegliche Äußerungen von Menschlichkeit - ganz gleich, aus welcher der zahlreichen dafür in Frage kommenden Körperöffnungen sie auch immer hervordringen mochten - von vorn herein verbot.

Genau gesagt, konnte man sich manchmal fragen, ob unser Chef selbst überhaupt ein Mensch war, oder nicht vielleicht ein fischkalter Alien, gegen den selbst Mister Spock wie eine gefühlsduselige Tunte gewirkt hätte.

Ich erwies mich also als tapfer.

Und popelte nicht.

Obwohl das meiner Konzentrationsfähigkeit mit Sicherheit sehr gut getan hätte.

Ich hörte den Dressman in unserem Team reden.

Agent Ermikoah hatte eine durchdringende Stimme, die sich wie eine Messerklinge durch meine Gedanken schnitt und mich sehr schnell von dem juckenden Popel in meiner Nase ablenkte.

Zumindest zeitweilig.

Aber was, so frage ich, ist schon von Dauer?

"Ist irgendetwas, Murray?", fragte jetzt unser Chef.

"Nein, Sir."

"Das ist gut, Murray, denn das bedeutet, dass wir jetzt auch Ihre vollkommene Aufmerksamkeit haben."

"Ja, Sir."

"Sehr gut, Murray. Denn die brauchen wir auch."

"Natürlich, Sir", sagte ich.

Arschloch, dachte ich.

"Immerhin haben wir jetzt einen Anhaltspunkt", meinte Ermikoah. "Dominicanez und Ugarimov hatten beide Gelder in einer Import/Export-Firma, von der wir vermuten, dass sie in Wahrheit nur dem Zweck dient, schwarzes Geld weiß zu waschen. Rizzos und Dominicanez wiederum hatten ihr Geld in einem Chemie-Unternehmen, das seine Sonderabfälle durch eine inzwischen in Konkurs gegangene Transportfirma entsorgen ließ, von der wir vermuten, dass sie zu Ugarimovs Imperium gehörte!"

"Ein ziemlich vager Zusammenhang", meinte Director Jay Chang Lee. "Ich weiß nicht, ob uns das wirklich weiterbringt. Aber verfolgen Sie die Spur trotzdem weiter." Mister Jay Chang Lee verlagerte das Gewicht von einem Bein auf das andere und sah mich an. "Was ist mit der Witwe?"

"Ich traue ihr ohne weiteres zu, ihren Mann umgebracht zu haben. Nicht aus Eifersucht, dazu wirkte sie mir zu kühl... Aber vielleicht, weil sie jetzt über 'Big Vlads' Vermögen verfügen kann..."

"Und das soll ja ganz beachtlich sein", warf Lew ein.

Ich fuhr fort: "Aber nachdem wir jetzt den ballistischen Bericht auf dem Tisch haben und feststeht, dass Dominicanez, Rizzos und Ugarimov tatsächlich von denselben Tätern ermordet wurden, glaube ich nicht an die schöne Jelena als Auftraggeberin."

"Hat das einen bestimmten Grund, Murray?", erkundigte sich Mister Jay Chang Lee.

Ich zuckte die Achseln.

"Instinkt, Sir."

Mister Jay Chang Lee seufzte. "In diesem Fall hoffe ich beinahe, dass der Sie mal täuscht... Sonst stehen wir nämlich mit völlig leeren Händen da."

"Vielleicht kennen wir nur noch nicht den Zusammenhang zwischen den Toten und der schönen Witwe, Murray", gab Lew zu bedenken.

Ich zuckte die Schultern.

"Kann sein."

Mein Blick ruhte auf den Computerausdrucken. Wir hatten es mit einem komplizierten Geflecht aus Firmen, Scheinfirmen, Strohmännern und Leuten zu tun, die schwarzes Geld wie Heu hatten und daraus Weißes machen mussten.

Rizzos, Dominicanez, Ugarimov...

Alles große Bosse, die selbst kaum noch ein Risiko eingingen. Das trugen die kleinen Handlanger, die dann erwischt wurden.

So war das allzu oft.

Jeder von uns hatte nicht selten über diese Tatsache geflucht. Die Kleinen wurden gehenkt, die Großen notgedrungen und mit Unterstützung guter Anwälte laufengelassen.

Doch jetzt hatte jemand ausgerechnet diese Großen ins Visier genommen. Unerbittlich. Mann für Mann. Und sehr professionell.

Ich atmete tief durch. Orry erläuterte noch einiges zu den wirtschaftlichen Verflechtungen der Gangstersyndikate, deren Oberhäupter über den Jordan geschickt worden waren. Aber ich hörte kaum zu.

"Der, der diese Killer geschickt hat, muss sehr viel Geld haben", sagte ich dann irgendwann. "Denn wer immer Leute wie Ugarimov umbringt, weiß, dass er sich danach zur Ruhe setzen muss und nie wieder in Aktion treten kann... Zumindest nicht in den USA."

Mister Jay Chang Lee sah mich interessiert an. "Worauf wollen Sie hinaus, Murray?"

"Ich frage mich, ob die schöne Jelena Geld genug dafür zur Verfügung hatte - ich meine, bevor sie Big Vlads Erbin wurde!"

"Der voraussichtlichen Erbin von Big Vlad hätte doch jeder Kredit gegeben", erwiderte Orry skeptisch.

"Auch ein Lohnkiller? Normalerweise wird da im Voraus gezahlt. Und im Fall des Scheiterns hätten die Mörder dieses Geld auch dringend gebraucht, um sich vor Ugarimovs Leuten in Sicherheit zu bringen. Vermutlich wäre es ihnen trotzdem nicht gelungen."

Jetzt meldete sich Cleve Carravaggio zu Wort. "Diese Jelena soll übrigens in Ugarimovs Reich durchaus nicht nur die Rolle einer anschmiegsamen Mafia-Braut gespielt, sondern auch in den Geschäften mitgemischt haben. Jedenfalls gibt es dahingehende Gerüchte."

"Tatsache ist aber, dass sie nicht einmal ein eigenes Giro-Konto besessen hat!"

Ich grinste. "Anschmiegsam war diese Katze nun wirklich nicht..."

Mister Jay Chang Lee musterte uns einer nach dem anderen mit einer Miene, die Entschlossenheit signalisierte. "Ich denke, der einzige Weg, der Erfolg verspricht ist ein Trampelpfad durch diesen Dschungel da!" Und bei diesen Worten deutete er auf die Computerausdrucke, auf denen das komplizierte Geflecht aus Firmen und Scheinfirmen dargestellt wurde. "Irgendwo dort liegt der Schlüssel - oder es greift ein Hai nach dieser Stadt, der groß genug ist, diese gefräßigen Piranhas allesamt zu schlucken!"

In diesem Moment öffnete sich die Tür.

"Wenigstens ein Lichtblick", meinte Cleve mit Blick auf das Tablett mit den Kaffeebechern, das Karen, die fürsorgliche Sekretärin des Chefs, hereintrug.

Sie setzte das Tablett auf den schlichten Tisch zwischen den Ledersesseln.

"Bitte bedienen Sie sich!", forderte sie uns auf. Und da Karen den besten Kaffee weit und breit macht, brauchte sie das keinem von uns zweimal zu sagen.

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"Guten Tag, Gentlemen", sagte Jelena Ugarimov und bedachte die Anwesenden mit einem herausfordernden Blick. Sie hatte am Ende der langen Tafel Platz genommen, während das halbe Dutzend zumeist dunkel und sehr vornehm gekleideter Männer aufmerksam in ihre Richtung starrte. Einige von ihnen grinsten frech.

Aber das sollte ihnen noch vergehen.

Hinter Jelena hatten sich zwei baumlange Wachposten aufgestellt, beide in maßgeschneiderten grauen Sakkos und einer Uzi lässig in der Rechten.

Jelenas Blick war kühl.

Sie musterte einen nach dem anderen und langsam erstarb das Gemurmel unter den Anwesenden.

"Ich habe Sie alle hier her, zu dieser Besprechung gebeten, um mit Ihnen über die Zukunft unserer Organisation zu reden", erklärte sie dann auf eine Art und Weise, die derart selbstbewusst und sicher klang, als hätte sie in ihrem Leben nichts anderes getan.

Ihnen soll sofort klarwerden, dass hier nicht die anschmiegsame Mafia-Braut sitzt, die sie vielleicht aus früheren Tagen in Erinnerung haben, hatte sie sich vorgenommen.

Sie atmete tief durch.

Einer der Männer runzelte die Stirn. Er hatte gelocktes Haar und einen dichten Schnurrbart. "Was wollen Sie damit sagen? Was soll dieser ganze Affenzirkus hier überhaupt! Big Vlad ist tot und..."

"...und ich werde seine Geschäfte so weiterführen, als würde er noch unter uns weilen!", fuhr Jelena ihm kalt über den Mund.

Die Blicke, die sie dafür erntete, waren voller Unglauben.

Der Lockenkopf grinste schief.

"Sollen wir das ernstnehmen?"

Sein Grinsen wurde breiter.

Das Gesicht von Big Vlads Witwe blieb jedoch eisig und starr.

"Besser Sie tun es."

"Ach so?"

Sie sagte: "Keiner von euch hätte es gewagt, sich mit Big Vlad anzulegen..."

Der Lockenkopf lehnte sich zurück.

"Ich schätze, diese Schuhe sind ein bisschen zu groß für Sie", meinte er abschätzig.

"Finden Sie?"

"Allerdings."

Die beiden Wächter mit den Uzi-Maschinenpistolen luden auf ein kaum merkliches Zeichen ihrer Chefin hin ihre Waffe durch und alles im Raum erstarrte. Für einige Sekunden sagte keiner im Raum ein Wort.

"Die Spielregeln haben sich nicht geändert", erklärte sie mit dem Charme eines Gefrierschranks. "Und wenn jemand aussteigen möchte, soll er es gleich sagen. Für die Konsequenzen ist er dann allerdings selbst verantwortlich."

Eine unbehagliche Stille hing über dem Raum. Einige der Anwesenden drehten die Köpfe und sahen sich an. Aber niemand sagte etwas.

Einige Gesichter wurden dafür ziemlich blass.

"Ich sehe, es gibt keine Einwände", stellte Jelena befriedigt fest und erhob sich. "Meine Zeit ist kostbar und die Ihre sicherlich auch. Ich werde Sie in den nächsten Tagen erneut zusammenrufen, um Einzelheiten mit Ihnen zu besprechen."

"Ich schlage vor, wir sollten in nächster Zeit erst einmal etwas vorsichtiger vorgehen", meinte der Lockenkopf und erntete von Jelena dafür einen Blick tiefster Missbilligung.

Sie hob die Augenbrauen und stemmte dabei den Arm in die geschwungene Hüfte.

"Ach, ja?"

"Die Cops versuchen in der Sache herumzubohren. Habe ich jedenfalls gehört."

Big Vlads Witwe hob die Augenbrauen, die nun zwei gerade aufsteigende Linien bildeten.

Wie bei einer kühlen Vulkanierin aus Star Trek.

"Ihr Problem sind nicht die Ohren, sondern der Mund!", versetzte Jelena ätzend.

"Und dann ist da noch eine andere Sache...", meldete sich jemand. Zaghaft zwar, aber immerhin sagte er es.

Jelenas Stimme klirrte wie Eis in einem Whiskyglas.

"Und was, Mister Pitaschwili?"

Der Lockenkopf sah sie scharf an. "Wir alle fragen uns, wer Big Vlad auf dem Gewissen hat!"

"So?" Jelenas volllippiger Mund verzog sich zu einem, spöttischen Lächeln. "Von euch war es niemand? Kaum zu glauben, wenn man so hört, was alles auf der Straße so geredet wird."

Mister Pitaschwili schluckte.

Er musste sich räuspern, ehe er sprechen konnte.

Erst kam nur ein Krächzen, dann endlich Worte.

"Hören Sie auf! Dasselbe könnten wir Sie fragen!"

"Ich würde es Ihnen nicht raten!", sagte Jelena.

Eisige Entschlusskraft schwang in ihrem rauchigen Timbre mit.

Dies war eine Frau, die alles auf eine Karte setzen wollte. Alles, um ganz nach oben zu kommen. Sie wusste genau, was die Hunde vor diesem Treffen vorgehabt hatten. Sie hatten sie billig auszahlen wollen, um sie aus dem Weg zu haben.

Sie hatte genug Spione in der Nähe dieser ehrenwerten Herren, die sich allesamt Geschäftsleute nannten, aber in Wahrheit nichts als Gangster waren, um genau über deren Ziele informiert zu sein.

Das hast du mir beigebracht, Vlad! Immer gut informiert zu sein! Das garantiert das Überleben und entscheidet über Sieg oder Niederlage...

Der lockenköpfige Pitaschwili ging auf Jelena zu und die beiden Wächter hoben automatisch die kurzen Läufe ihrer Uzis. Pitaschwili hob beschwichtigend die Hände.

"Schon gut...", murmelte er. Und bei sich dachte er wohl, dass er nie den Bau dieser Löwin hätte betreten sollen. Er fuhr beinahe stotternd fort: "Es gibt da so ein Gerücht..."

"Was Sie nicht sagen..."

"Ein Gerücht von einem fremden Syndikat, das seine Finger nach New York ausstreckt..." Er schluckte. "Ich nehme an, alle hier lesen ab und zu mal Zeitung!"

"Wovon sprechen Sie eigentlich?", fragte Jelena abweisend.

"Von den Morden an Rizzos und Dominicanez!"

"Nicht unsere Branche, Pitaschwili. Wozu sich also aufregen!"

Pitaschwili hob den Zeigefinger wie eine Waffe.

"Hier will jemand groß aufräumen!"

"Wer sollte das sein?"

"Vielleicht jemand, der groß genug ist, sich in ganz unterschiedlichen Branchen zu tummeln... Und ich finde, darüber sollten wir mal nachdenken!"

"Nachdenken schadet nie, Mister Pitaschwili", erwiderte Jelena kühl. "Fragt sich nur, ob man dabei auch zu brauchbaren Resultaten kommt. Und damit meine ich nicht, sich vor Angst in die Hosen zu machen, wie Sie das offenbar kultiviert haben!"

Pitaschwilis Kopf wurde knallrot.

Aber er schien es vorzuziehen, darauf keine Erwiderung zu geben.

Und die Männer mit den Maschinenpistolen, die Jelena flankierten, schienen ihn in dieser Haltung zu bestärken.

Ein Blick in deren grimmige Gesichter und es musste jedem klar sein, dass die keinen Spaß verstanden.

Sie wirkten wie Dobermänner.

Bereit auf Pfiff zu töten.

Nur hatten sie nicht so ebenmäßige Schnauzen wie ihre tierischen Verwandten im Geiste.

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Der Anruf erreichte mich kurz nach der Mittagspause. Die Stimme war zweifellos männlich, klang aber sehr undeutlich.

Ich hatte den Eindruck, dass das Absicht war.

"Spreche ich mit Special Agent Abdul?"

"Ja. Wer sind Sie?"

"Ich habe gehört, dass Sie den Mörder von Big Vlad suchen..."

Manche Dinge schienen sich schneller herumzusprechen, als mir lieb sein konnte. In dieser Hinsicht war die Acht-Millionen-Metropole New York ein Dorf.

Ich schaltete den Lautsprecher des Telefons ein, so dass Lew mithören konnte.

"Was wollen Sie?", fragte ich.

Ich hörte, wie mein Gesprächspartner heftig atmete.

"Ein Treffen, Mister Abdul."

"Nun..."

"Im Strand Book Store... Der dürfte Ihnen ja wohl bekannt sein. In fünfzehn Minuten. Seien Sie pünktlich. Kommen Sie weder zu spät noch zu früh... Fragen Sie nach alten Ausgaben von Weird Tales."

"Und wie erkenne ich Sie?"

Es machte knack.

Der Anrufer hatte aufgelegt.

"Das bedeutet wohl, dass er dich erkennt", meinte Lew.

"Ich frage mich, was ich davon halten soll", brummte ich nachdenklich und überprüfte dabei den Sitz des 38er Smith & Wesson an meinem Gürtel. Dann stand ich auf und zog mir Jacke und Mantel an.

Lew folgte meinem Beispiel.

"Warum ruft der Kerl dich an?"

"Bin ich Hellseher?"

"Woher kennt er deinen Namen?"

"Keine Ahnung, Lew."

"Und woher weiß er, dass du an dem Fall dran bist, Murray?"

"Keine Ahnung, Lew", sagte ich zum zweiten Mal.

"Vielleicht kommt er aus dem Dunstkreis dieser Jelena..."

Ich grinste.

"Lassen wir uns überraschen!"

"Wäre doch möglich, oder?"

"Wäre es."

"Na, wenigstens in dieser Sache sind wir uns einig!"

"Nur nicht übertreiben!"

Wenig später saßen wir im Wagen und quälten uns durch den mittäglichen Verkehr des Big Apple. Der Strand Book Store war New Yorks größtes Buchantiquariat. Ein Paradies zum Stöbern. Aber auch ein Ort, der durch seine Unübersichtlichkeit wie geschaffen für ein derartiges Treffen war.

Vielleicht gab es ja wirklich jemanden aus dem Umkreis der schönen Witwe, der auspacken wollte. Aus welchem Grund auch immer.

Ich hatte allerdings ein ungutes Gefühl bei der Sache.

Mein Instinkt sagte mir, dass etwas faul an der Sache war.

Wir fuhren den Broadway entlang. An der Ecke zur zwölften Straße lag der Strand Book Store mit der Hausnummer 828. Ich war ab und zu dort gewesen und kannte mich aus. Mein Blick ging zur Uhr am Handgelenk.

"Wir sind etwas zu früh für unseren Freund", erriet Lew meine Gedanken.

"Stimmt."

"Und was machen wir jetzt?"

"Hat nicht irgendwer gesagt: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben?"

"Aber unser Freund will uns auf die Minute genau an einem bestimmten Punkt haben!"

"Siehst du, und das gefällt mir nicht, Lew!"

"Glaubst du, mir vielleicht?"

Ich parkte den Wagen in einer Seitenstraße, hundert Meter von jener Ecke entfernt. Wir stiegen aus und meldeten unsere Position noch kurz im Field Office.

Für alle Fälle...

Cops, die auf eigene Faust und ohne irgendjemanden zu informieren die waghalsigsten Einsätze machen, gibt’s im Fernsehen genug. In der Wirklichkeit kann das fatale Folgen haben. Die Kollegen sollten stets wissen, wo man ist, was man tut und wer bei einem ist. Meistens ist das alles nur überflüssige Vorsicht. Aber wenn der Fall der Fälle eintritt, ist es zu spät. Und man weiß nie im Voraus, wann das sein könnte.

Lew folgte mir in einiger Entfernung.

Wir wussten nicht, ob der Strand Book Store möglicherweise beobachtet wurde. Mein Freund war gewissermaßen eine Art Lebensversicherung für mich, falls dieses eigenartige Treffen einen Verlauf nehmen sollte, der mich in eine brenzlige Lage brachte.

Nachdem ich die Fußgängerampel an der 12. Straße passiert hatte, standen bereits die ersten Ständer mit verbilligten Taschenbüchern vor mir, in denen die Kundschaft interessiert herumwühlte.

Ich ließ den Blick schweifen und fragte mich, welcher der Kunden sich vielleicht weniger für Bücher interessierte, als er vorgab.

Ein Blondschopf mit Vollbart fiel mir auf. Er war ziemlich groß und fast schlaksig.

Er blickte dauernd auf und wirkte sehr nervös. In seinem Gesicht zuckte ein unruhiger Muskel und die Tatsache, dass er sich einen Liebesroman für Frauen aus dem Wühltisch herausgefischt hatte, sprach eher dafür, dass ihm das Buch nur als eine Art Feigenblatt diente.

Seine wässrig-blauen Augen sahen mich einen Augenblick lang an, dann blickte er in eine andere Richtung.

Ich beschloss, den Kerl im Auge zu behalten.

Dann betrat ich den Laden.

Ich wusste Lew hinter mir, machte aber nicht den Fehler, mich nach ihm umzudrehen. Eine der Angestellten lief mir über den Weg. Sie war groß und blond. Das lange Haar trug sie offen. Es reichte ihr fast bis zur Hüfte.

Die sprach ich an.

"Ich suche alte Ausgaben von Weird Tales", erklärte ich.

Weird Tales war ein geradezu legendäres Groschenheft mit Gruselgeschichten, das bis Anfang der Fünfziger Jahre erschienen war. Heute zahlten Sammler horrende Summen für gut erhaltene Exemplare.

Die junge Blonde lächelte charmant. Ihr schlanker Arm deutete zu einem Regal auf der anderen Seite des Raumes.

"Dort hinten, Sir", sagte sie.

Dann musterte sie mich kurz.

"Ich danke Ihnen", sagte ich.

"Keine Ursache."

"Wundert mich immer immer wieder."

"Was?"

"Dass sich dafür immer noch so viele Freaks interessieren. Weird Tales meine ich."

"Sehe ich aus, wie ein Freak?"

"Die sehen immer ganz unscheinbar aus."

"Ach so."

“Ist wirklich so.”

“Wenn Sie das sagen.”

Es dauerte eine Weile, bis ich mich durch den völlig überfüllten Verkaufsraum hindurchgedrängelt hatte. Die Wühltische mit den Büchern standen so eng, dass man schon etwas Geduld haben musste. Ein Paradies für Taschendiebe und konspirative Treffen.

Schließlich hatte ich es geschafft.

Die Weird Tales-Ausgaben waren sorgfältig in Folie verschweißt. Ich nahm mir eines der Hefte im Digest-Format und sah mir die schaurige Titelbildillustration an. Ein halbnacktes Mädchen mit großen Brüsten im Angesicht eines Riesengorillas. Gleichzeitig bemerkte ich aus den Augenwinkeln heraus den Blonden.

Er war mir also gefolgt.

Von der anderen Seite näherte sich ein Mann mit schwarzgelocktem Haar. Er war viel kleiner und stämmiger als der Blonde.

Aber seinem Interesse an den alten Gruselheften fehlte irgendwie der rechte Enthusiasmus, der den echten Fan auszeichnet.

Einen Augenblick später hatte er sich neben mich gedrängelt und heuchelte immer noch Interesse an den eingeschweißten Heften im Digest-Format.

Jetzt wurde es ernst...

"Nicht umdrehen, G-Man", wisperte der Lockenkopf. "Mein Leben kann davon abhängen, dass dieses Treffen kein Aufsehen erregt..."

Ich erkannte die Stimme vom Telefon wieder.

"Hört sich dramatisch an. Wer sind Sie?", fragte ich in gedämpftem Tonfall zurück.

"Jemand, der aussteigen will."

"Tatsächlich?"

"Ja."

"Am Telefon sagten Sie etwas von Big Vlad Ugarimovs Mördern..."

Er atmete tief durch.

Nein, so einfach wollte er mit seinen Informationen dann doch nicht herausrücken.

Er pokerte noch.

Wollte offenbar noch herausfinden, welchen Preis er vielleicht verlangen konnte. Pricing ist immer eine ganz eigene Kunst. Und nicht jeder beherrscht sie.

"Hören Sie, Abdul, ich brauche ein Angebot. Ich bin bereit auszusagen, aber ich brauche Sicherheit, sonst lebe ich keine zwei Stunden mehr!"

Seine Stimme hatte das gewisse Etwas.

Ein Timbre der Verzweiflung, so konnte man es wohl nennen.

Seine Angst schien mir echt zu sein. Aber ich musste mehr wissen. Und ich hatte keine Lust, meine Zeit nur mit vagen Andeutungen zu vertun. Er wollte aussteigen, so sagte er. Das bedeutete, dass er irgendwie zum Dunstkreis um Ugarimov gehörte. Einer seiner sogenannten Geschäftspartner.

Vielleicht besorgte er die Grundstücke, auf denen die Giftmüllmafia ihren Schrott sehr unfachmännisch 'entsorgte'

Oder er besaß eine Transportfirma, die in Ugarimovs Netz verstrickt war. Allerdings sagte mir mein Instinkt, dass dieser Mann vermutlich eine Etage höher anzusiedeln war. Bei den Mittelsmännern vielleicht oder in der Geldwäsche.

"Ist der blonde Riese zu meiner Linken Ihr Mann?", fragte ich.

"Ja."

"Wie beruhigend!"

Er atmete tief durch. "Wie gesagt, ich bin bereit auszusagen. Über Ugarimovs üble Geschäfte mit gefährlichem Giftmüll, über Strohmänner..."

"Ugarimov ist tot", stellte ich fest. "Wer will Big Vlad noch vor den Richter stellen?"

"Hören Sie..."

"Im Moment habe ich den Eindruck, mit Ihnen meine Zeit zu verschwenden, Mister Namenlos."

"Sie wollen Ugarimovs Mörder. Oder besser: Den, der die Killeraufträge geben hat und vielleicht einen Bandenkrieg ungeahnten Ausmaßes auslöst. Da will jemand gewaltig aufräumen! Rizzos, Dominicanez... und jetzt Big Vlad!"

"Und dieser Jemand ist zufällig auch Ihnen auf den Fersen?"

Seine Stimme vibrierte leicht.

"Ich denke schon", wisperte er. "Ich liefere Ihnen die Witwe des großen Vladimir Ugarimov ans Messer..."

"Jelena?"

"Sie hat Big Vlads Geschäfte übernommen und hat große Pläne... Sehr große Pläne!"

Von hinten spürte ich eine Bewegung und wandte halb den Kopf.

Aus den Augenwinkeln heraus sah ich einen Arm.

Er ragte zwischen den dichtgedrängten Körpern der Kunden hervor. Und die Hand hielt eine Pistole umklammert...

Der Lauf war sehr langgezogen.

Eine Waffe mit Schalldämpfer!

Grell züngelte das Mündungsfeuer aus dem Rohr.

Zweimal hintereinander machte es Plop und ein Ruck durchfuhr den Körper meines Gesprächspartners.

Sein Blick gefror zu einer Maske.

Einer Maske des Todes. Seine Augen waren weit aufgerissen und stierten mich verständnislos an. In der nächsten Sekunde sah ich das Blut... Es sickerte aus dem Mund heraus und tropfte auf den Jackenkragen.

Der Lockenkopf sackte tot in sich zusammen. Die in der Nähe stehenden Kunden des Strand Book Stores stürzten schreiend auseinander.

Blut spritzte auf die Wühltische mit den Taschenbüchern, während das Chaos ausbrach.

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Die Schreie waren geradezu ohrenbetäubend.

Ich wirbelte herum und hatte in der nächsten Sekunde meinen 38er in der Rechten. Aus den Augenwinkeln heraus sah ich, dass der blonde Leibwächter des Lockenkopfs ebenfalls nach seiner Waffe gegriffen hatte.

Er hatte das Eisen - eine große, schwergewichtige Magnum noch nicht einmal ganz unter dem Jackett hervorgezogen, da ruckte sein Kopf auf unnatürliche Weise in den Nacken.

Wie von einem Hammerschlag getroffen.

Auf seiner Stirn bildete sich ein roter Punkt, der rasch größer wurde. Er taumelte getroffen zurück, krallte sich an einem Regal fest und riss dessen Inhalt mit sich zu Boden.

Ein dumpfes Ächzen entrang sich seiner Kehle, eher auf dem Boden niederkrachte und reglos liegenblieb.

Heillose Panik erfüllte den Strand Book Store.

Die Kunden stoben in alle Richtungen auseinander. Manche suchten Deckung hinter den Verkaufstischen.

Ein Mann wühlte sich brutal durch die Menge. Von seinem Gesicht konnte ich so gut wie nichts sehen. Er trug eine tief hinuntergezogene Strickmütze und eine Brille mit Spiegelgläsern.

"FBI! Stehenbleiben!", rief ich.

Eine Warnung, die beinahe im Kreischen der Kunden unterging.

Dennoch bekam ich umgehend eine bleierne Antwort.

Das ploppende Geräusch war in dem allgemeinen Lärm nicht zu hören.

Lautlos löste sich der Schuss aus der Waffe des Spiegelbrillenträgers, dessen Backenbart wie angeklebt wirkte. Ich sah es an der Mündung der auf mich gerichteten Waffe aufblitzen und duckte mich schnell.

Der Schuss meines Gegners war schnell und nicht gut gezielt gewesen. Das Projektil zischte dicht über mich hinweg. Um Haaresbreite hätte mir das großkalibrige Ding einen Teil der Schädeldecke von der Hirnmasse herunterrasiert.

Krachend drang es hinter mir in erst in das Regal, dann in die Wand ein und zerfetzte Holz und die wertvollen Ausgaben von Weird Tales gleichermaßen, ehe es im Beton der Wand steckenblieb.

Mein Finger verstärkte den Druck auf den Abzug des 38ers.

Wut stieg in mir auf.

Ich konnte die Waffe in diesem Moment nicht benutzen, das war mir klar. Einen Mörder zu fassen war eine Sache und was meine eigene Person anging, scheute ich dabei kein Risiko, das sich noch einigermaßen vertreten ließ.

Aber in dieser dichtgedrängten Menschenmenge auf einen flüchtenden Killer zu schießen wäre unverantwortlich gewesen.

Auch für einen guten Schützen.

Und ich bin einer!

Denn selbst, wenn ich den Kerl traf, konnte die Kugel aus dem Körper wieder austreten und noch einen anderen Menschen verletzen - oder sogar umbringen.

Der Killer rannte davon, kam dabei hart gegen einen der Verkaufstische, der mit einem hässlichen, schabenden Geräusch einen halben Meter über den Boden rutschte.

Ich packte den 38er und sah zu, dass ich hinter ihm herkam.

Vor mir bildete sich eine Gasse. Die Kunden, die noch nicht in heller Panik auseinandergelaufen waren, hatten zumeist hinter den Wühltischen und Buchständern notdürftig Deckung gesucht.

Der Kerl feuerte noch einmal auf mich. Der Schuss ging daneben und kratzte irgendwo hinter mir an der Decke. Etwas fiel herunter. Ich konnte nicht sehen, was es war. Ein Teil der Deckendekoration mit den Hinweisschildern auf verbilligte Ware oder eine Lampe vielleicht.

Seitlich von mir, auf der anderen Seite des Verkaufsraums entdeckte ich Lew, der versuchte, dem Killer den Weg zum Hauptausgang abzuschneiden.

Der Killer rannte einen dicken Mann brutal über den Haufen.

Mit einem stöhnenden Laut auf den Lippen sank der Mann zu Boden, als der Ellbogen des Mörders sich in seinen Bauch drückte.

Lew hatte indessen den Ausgang erreicht und richtete seinen 38er auf den Killer.

"FBI! Sie sind verhaftet!"

Blitzschnell wirbelte der Killer herum, duckte sich und packte dann eine junge Frau an den langen, gelockten Haaren.

Sie schrie auf. Er zog sie mit einer brutalen, ruckartigen Bewegung in die Höhe und hielt ihr das Eisen an die Schläfe.

Ihre Augen waren vor Schrecken weit aufgerissen. Ihre Brust hob und senkte sich in einem schnellen Rhythmus, den die Angst vorgab.

Eine Kinderstimme rief: "Mama!"

Ein kleiner Junge hockte ganz in der Nähe, halb verborgen hinter einem der Tische. Er wagte es nicht, sich zu bewegen.

Niemand im Raum wagte das in dieser Sekunde.

Auch Lew und ich nicht.

Für die nächsten Sekunden hätte man eine Stecknadel im Strand Book Store fallen hören können.

Der Killer sagte kein Wort.

Das war auch nicht nötig. Seine Taten sprachen für sich und der kalte Lauf des Schalldämpfers am Kopf der jungen Frau. Zweifellos war er skrupellos genug, sie bedenkenlos umzubringen.

Ein Profi, der über Leichen ging und dem es auf einen Toten mehr oder weniger nicht ankam.

Eine menschliche Waffe, ausgeschickt von irgendjemandem, dem es offenbar nicht gepasst hatte, dass der tote Lockenkopf, der nun in seinem Blut neben den Weird Tales-Regalen lag, sich mit einem G-man zusammen alte Groschenhefte ansah...

Ich blickte zu Lew hinüber.

Keiner der Kunden verstellte mehr die Sicht. Die kauerten angstvoll in Deckung.

Mein Freund nickte kurz und senkte den 38er.

Ich tat dasselbe, obwohl es mir in der Seele wehtat, diesen Kerl ziehenlassen zu müssen. Aber es gab keinen anderen Weg.

Vorsichtig ging der Killer mit seiner Geisel in Richtung Ausgang. Die Spiegelgläser gaben seinem Gesicht etwas Kaltes, Insektenhaftes. Zweifellos beobachtete er jede unserer Handlungen ganz genau. Nicht eine Nuance würde ihm entgehen und es war in dieser Situation das Beste, überhaupt nichts zu tun.

Schließlich ging es um das Leben der Geisel.

"Mama!", rief der Junge noch einmal.

"Bleib, wo du bist, Chris!", rief die junge Frau. "Steh nicht auf!"

"Maul halten!", knurrte der Killer.

Das erste Mal, dass wir einen Laut von ihm hörten, der über das tödliche Ploppen seiner Schalldämpferwaffe hinausging.

Seine Stimme klang wie ein tiefes Wispern. Ein Laut, der zu einer Schlange gepasst hätte.

Der Killer näherte sich dem Ausgang.

Lew wich zurück.

Ein hochgewachsener Kunde, der gerade hereinkommen wollte, blieb wie erstarrt stehen und lief dann davon.

Die kalten Spiegelaugen des Killers warfen einen letzten Blick auf uns.

Dann schleuderte er die Frau in unsere Richtung. Sie stolperte nach vorn und stöhnte auf, als sie hart auf den Boden kam. Im selben Moment ballerte der Kerl noch zweimal drauflos und rannte dann hinaus zur Straße.

Wir zögerten keine Sekunde.

Beinahe im selben Moment setzten Lew und ich uns in Bewegung und rannten ebenfalls zum Ausgang. Lew war schneller dort als ich.

Einen Augenblick später sahen wir den Kerl mit der Spiegelbrille gerade noch in einen blauen Chevy einsteigen, der offenbar mit laufendem Motor am Straßenrand gewartet hatte.

Aus einem heruntergelassenen Fenster ragten ein paar Hände hervor, das sich um eine Maschinenpistole klammerten. In dem Moment, in dem sich der Chevy mit quietschenden Reifen in Bewegung setzte, ballerte der Wahnsinnige los, dessen Gesicht hinter den getönten Scheiben verborgen lag.

Zwei Feuerstöße mit jeweils etwa zwanzig Schuss in der Sekunde knatterten los und es blieb uns nichts anderes, als uns zu Boden zu hechten.

Die Garbe aus Blei fraß sich in die benachbarten Hausfassaden und ließ den Putz von der Wand springen.

Irgendwo schrie jemand auf.

Ich lag auf dem Pflaster des Bürgersteigs, rollte mich herum und spürte, wie dicht neben mir ein Projektil die Pflastersteine berührte und als tückischer Querschläger weiter auf eine ungewisse Reise geschickt wurde.

Ich zielte auf einen der Hinterreifen des Chevys und drückte ab.

Der Reifen zerplatzte.

Aber der Fahrer trat unbarmherzig das Gas. Es gab ein hässliches Geräusch, als der zerstörte Reifenmantel über den Asphalt gedreht wurde und die Felgen auf dem Boden entlangratschten. Funken sprühten dabei und es roch nach verbranntem Gummi.

Beinahe wäre der Wagen ausgebrochen.

Jemand, der von der entgegengesetzten Fahrbahn daherfuhr, hupte.

Der Fahrer des Chevys riss das Lenkrad herum, rasierte sich den Außenspiegel an einer Straßenlaterne ab und bog dann in eine Seitenstraße ein.

Ich rappelte mich wieder auf.

Ein schneller Blick seitwärts, sagte mir, das Lew nichts geschehen war. Aber einen Passanten hatte es an der Schulter erwischt.

Lew hatte bereits das Walkie Talkie in der Hand und verständigte die Funkzentrale des FBI. Offenbar hatte bereits jemand im Strand Book Store die City Police verständigt, denn schon dröhnte eine Sirene aus irgendeiner der Nachbarstraßen.

Ich bekam gerade noch mit, wie Lew einen Krankenwagen für den verletzten Passanten verlangte.

"Hast du noch die Nummer des Wagens in Erinnerung?", fragte er mich zwischendurch.

Ich nickte und nannte sie ihm.

"Aber lohnt kaum, das Ding in die Fahndung zu geben", erwiderte ich.

"Warum nicht? Etwa wegen des Reifens?" Er schüttelte den Kopf. "Murray, ich glaube nicht, dass den Kerlen Felgen und Achse im Moment sonderlich wichtig sind. Die werden losbrettern, bis es glüht!"

Ich schüttelte den Kopf.

Dann deutete ich auf das Sackgassenschild vor jener Einfahrt, die der Chevy mit dem geplatzten Reifen genommen hatte. Es war kaum zu sehen, weil irgendein Witzbold eine Plastiktüte darübergestülpt hatte.

Die Jagd ging weiter.

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Die Seitenstraße war eng und namenlos. Eigentlich nicht mehr, als eine etwas breitere Einfahrt, die in einem Hinterhof mündete. Ehedem war hier das Gelände einer Transportfirma gewesen, die wohl in Konkurs gegangen war. Einige Schilder wiesen noch darauf hin. Jetzt verfiel hier alles. Ratten krochen ungeniert zwischen überquellenden Mülleimern herum und suchten sich ihr Teil.

Als Lew und ich den Innenhof erreichten, sahen wir noch einige Lastwagen, die vor sich hin rosteten. Man hatte sie ausgeweidet wie eine Weihnachtsgans. Kein brauchbares Stück war noch an ihnen dran. Die Reifen fehlten, die Sitze, die Motoren...

Jede brauchbare Schraube schien herausgedreht worden zu sein.

Und dann sahen wir auch den Chevy.

Drei Türen standen offen.

Also drei Kerle!, schoss es mir durch den Kopf. Hier war ihre Höllenfahrt zu Ende gewesen. Der Innenhof wurde umgeben von einem mehrstöckigen Gebäude, dessen Fassaden herunterbröckelten. Die ehemaligen Garagen der Lastwagen standen offen. Sie waren kahl und leer. In den oberen Etagen, in denen sich vielleicht mal die Büros befunden hatten, waren zum Teil die Fenster eingeschlagen. Zollformulare wurden durch den Wind über den Hof getrieben.

Ein verlassener Ort, wie geschaffen, um sich zu verstecken.

Ein Labyrinth, in dem man sich hervorragend auf die Lauer legen konnte...

Wir nahmen hinter dem ersten Lastwagen Deckung.

"Die sind über alle Berge, Murray", meinte Lew, der wie ich den 38er in der Faust trug. "Aber die Spurensicherer sollten das ganze Gelände mal abchecken. Vielleicht haben unsere Freunde irgendetwas verloren..."

Jede Kleinigkeit konnte uns vielleicht weiterbringen.

Und wenn es nur ein vollgerotztes Papiertaschentuch war, aus dem sich vielleicht ein genetischer Fingerabdruck gewinnen ließ...

"Ich weiß nicht", meinte ich. "Ich habe ein schlechtes Gefühl..."

Lew gab per Funkgerät durch, welches Gebiet abgeriegelt werden musste. Aber es war die Frage, ob die Verstärkung von FBI und City Police schnell genug sein würde.

"Achtung!", zischte ich.

Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte ich bei einem der zerschlagenen Fenster eine Bewegung. Ich wirbelte herum, aber schon in der nächsten Sekunde knatterte eine Maschinenpistole los.

Die Projektile zerfetzten den Kasten des Lastwagens, hinter dem wir uns verschanzt hatten, dann schlugen sie dicht vor unseren Füßen in den Asphalt, und wir mussten einen Satz zurück machen. Wir kauerten hinter der Fahrerkabine des Lastwagens, und ich feuerte dreimal kurz hintereinander zurück, woraufhin das Feuer auf der anderen Seite eingestellt wurde.

Vorerst.

"Die haben auf uns gewartet", meinte Lew.

Ich lud derweil meinen 38er Smith & Wesson nach und hatte die Waffe einen Augenblick später schon wieder schussbereit.

"Immerhin sind sie noch nicht über alle Berge!"

"Im Moment sitzen wir in der Falle - und nicht sie", stellte Lew fest.

"Gib mir Feuerschutz!", forderte ich.

"Was hast du vor?"

"Mich etwas voranarbeiten! Am besten bis zum Eingang, um irgendwie ins Haus zu gelangen. Oder hast du vielleicht Lust, hier länger als Zielscheibe dieser Verrückten zu dienen?"

"Kein Gedanke... Aber willst du nicht besser auf die Verstärkung warten?"

"Wie es im Diensthandbuch steht? Dann sind die Kerle weg..."

"Auch wieder wahr!"

"Also los!"

"Du gibst das Signal!"

"Okay!"

Lew atmete tief durch und wir wechselten einen kurzen Blick. In Situationen wie diesen konnten wir uns hundertprozentig aufeinander verlassen. Das wusste jeder vom anderen.

Eine Maschinenpistolengarbe krachte in diesem Moment wieder in unsere Richtung. Ich hatte das Gefühl, das die Killer nicht so genau wussten, wo wir uns befanden. Oder sie trauten sich nicht, genau hinzusehen, weil sie Angst hatten, selbst eine Bleiladung abzubekommen.

Jedenfalls mussten wir uns einige schreckliche Sekunden lang ganz klein machen. Möglichst unsichtbar. Gegen diese geballte Feuerkraft, hatten wir nichts entgegenzusetzen. Nichts, was dem Paroli hätte bieten können. Was die Bewaffnung anging, waren dieser Killer uns überlegen.

Die Schusskraft einer Maschinenpistole ließ unsere 38er Dienstrevolver beinahe wie Spielzeuge von rührender Harmlosigkeit erscheinen.

Ich glaubte schon, dass die Ballerei fürs erste wieder vorbei war, da ging es erneut los. Die Kugeln schlugen Löcher in die Beifahrertür des Lastwagens. Die Heckscheibe der Fahrerkabine war bis dahin das einzig heile Stück Glas am Wagen. Jetzt ging es zu Bruch. Ein Regen aus scharfkantigen Scherben regnete auf Lew und mich hernieder.

Dann war erst einmal wieder Stille.

Eine tödliche, drohende Stille.

Wir beide wussten es.

Ich packte den 38er so fest, dass sich meine Knöchel weiß färbten.

Dann nickte ich Lew zu.

"Jetzt!"

Ich rannte in geduckter Haltung voran, während Lew auf das Fenster feuerte, aus dem zuvor auf uns geschossen worden war.

Eine zaghafte Erwiderung krachte los, aber Lew schien ziemlich genau zu zielen. Und der Killer dort oben ging lieber auf Nummer sicher.

Rechts und links neben mir kratzten die Kugeln am grauen Asphalt. Dann hechtete ich mich hinter einen Mercedes-Lieferwagen von uraltem Baujahr. Er war mindestens so ausgeschlachtet wie die Lastwagen.

Immerhin...

Ich hatte einige Meter gewonnen. Und der Eingang war jetzt in einer Entfernung, die vielleicht erreichbar war, wenn der der Kerl am Fenster mal nicht so hundertprozentig auf dem Posten war.

Ich feuerte ein paar Mal hinauf zu ihm und kauerte mich dann zum Nachladen hinter den Lieferwagen.

Lew machte mir ein Zeichen.

Alles in Ordnung.

Wieder herrschte einige Augenblicke lang diese eigenartige Ruhe vor dem Sturm. Jeder Muskel und jede Sehne meines Körpers waren angespannt.

Ich atmete tief durch und ließ den Blick die Fassaden auf der anderen Seite entlanggleiten.

Als ob ich es geahnt hätte...

An einem der Fenster bemerkte ich eine Bewegung.

Einer der Killer hatte sich offenbar auf die andere Seite begeben, um uns in aller Ruhe abschießen zu können. Ich ballerte zweimal in seine Richtung. Für den Moment schien er sich nicht aus seiner Deckung herauszutrauen.

Dafür war der Kerl mit der MPi um so aktiver. Er feuerte wild drauflos.

Ein unheimliches, zischendes Geräusch folgte, anschließend eine mörderische Hitzewelle.

Ich musste zur Seite hechten, als die Kugeln den Tank durchsiebten, der offenbar noch genug Kraftstoff enthalten hatte, um eine Explosion auszulösen.

Die Flammen schlugen hoch aus dem Lieferwagen heraus, während ich mich am Boden herumrollte und die Augen zusammenkniff. Die Hitze war furchtbar. Ich hatte das Gefühl, buchstäblich bei lebendigem Leibe geröstet zu werden.

Wieder schoss eine Flamme aus dem Lieferwagen heraus. Die wenigen Scheiben, die noch ganz waren, zerbarsten mit einem Klirren.

Der MPi-Schütze ballerte von oben in meine Richtung. Die Kugeln schlugen links und rechts von mir ein.

Es war die Hölle.

Mit einer heftigen Bewegung riss ich den 38er hoch und feuerte zurück. Dann rappelte ich mich hoch, feuerte ein weiteres Mal dabei und hastete in Richtung des Eingangs. Ich schoss wild drauflos. Ein paar Dutzend Schritte nur trennten mich von der bröckelnden Hausfassade...

Ich setzte alles auf eine Karte. Und etwas anderes blieb mir auch gar nicht. Ich musste so schnell wie möglich aus dem Schussfeld kommen.

Ich keuchte.

Den letzten Schuss feuerte ich aus der Trommel des 38ers und dann hatte ich es geschafft. Ich presste mich an die Fassade.

Der herausrieselnde graue Staub setzte sich in meinem Mantel fest. Ich atmete auf. Für den MPi-Schützen war ich jetzt unsichtbar. Der Winkel war zu spitz. Er konnte mich von oben weder sehen noch gezielt beschießen.

Bis zum Eingang hätte ich mich noch einige Meter an der Wand entlangdrücken müssen.

Aber dafür blieb keine Zeit, denn jetzt wurde von der anderen Seite geschossen.

Das war der Kerl mit der Schalldämpferwaffe und der Spiegelbrille. Jener Mann, der meinen Informanten getötet hatte. Jedenfalls schloss ich das aus der Tatsache, dass ich kein Schussgeräusch hörte. Ohne Vorwarnung drang die Kugel dicht neben mir in das poröse Mauerwerk und ließ noch mehr Putz herunterrieseln.

Mein 38er war leergeschossen. Ich konnte nicht zurückfeuern.

Als der nächste Schuss dicht über meinen Kopf strich, stand mein Entschluss fest. Ich hechtete in das nächste Fenster hinein. Die Scheiben waren zerschlagen, aber es ragten noch scharfe Splitterstücke in die Fensteröffnung hinein. Wie Messer.

Und ich wusste nicht, was mich auf der anderen Seite, im Halbdunkel dieser verfallenen Ruine erwartete. Hart kam ich auf den Boden und rollte mich auf die Weise ab, die man mir im Nahkampftraining beigebracht hatte.

Meine Schulter schmerzte höllisch, aber ich biss die Zähne zusammen. Mit Hilfe des Speedloaders hatte ich den 38er in Windeseile nachgeladen. Dann sah ich das Blut an meinem Arm.

Das Glas war wie ein Messer durch meinen Mantel gefahren.

Hoffte ich.

Ich glaubte einfach nicht, dass es eine Kugel war.

Innerlich fluchte ich.

Aber ich war nicht bereit, jetzt auf diese Verletzung Rücksicht zu nehmen. Ich packte den 38er fester und durchquerte den halbdunklen Raum.

Wenig später hatte ich die Tür erreicht und arbeitete mich durch den Flur vor. Eine Treppe führte hinauf. Der Aufzug war nur noch ein Schrotthaufen, und ich hatte keine Lust, ihn auf seine Funktionstüchtigkeit hin zu testen. Außerdem gab es vermutlich auch keinen Strom.

Vorsichtig ging ich die ersten Stufen hinauf. Das Geländer war schadhaft, der Handlauf teilweise abgebrochen.

Eine Bewegung ließ mich herumfahren, und ich sah eine riesige Ratte von einer Tür zur anderen huschen.

Nur den Bruchteil einer Sekunde später sah ich über mir etwas aufblitzen.

Das Mündungsfeuer einer MPi.

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Der Killer stand auf einer der oberen Treppenabsätze und ballerte in die Tiefe - auf mich.

Ich ließ mich seitwärts fallen, während die Geschosse den ohnehin morschen hölzernen Handlauf zerfrästen. Ich drückte mich an die Wand. Draußen, im Innenhof waren jetzt Polizeisirenen zu hören.

Über mir hörte ich schnelle Schritte und so wagte ich es, die Treppe hinaufzurennen. Ich nahm zwei bis drei Stufen mit einem Schritt, bis ich den fünften Stock erreichte, von wo aus der Killer mich beschossen hatte. Immer wenn ich einen Absatz erreichte, erwartete ich, von einem Bleihagel begrüßt zu werden.

Aber von dem Killer war nichts zu sehen.

Von draußen krächzte jetzt ein Megafon und forderte die Killer zum Aufgeben auf.

Lew schien die Beamten der City Police und des FBI eingewiesen zu haben.

Fieberhaft durchsuchte ich den fünften Stock. Zimmer für Zimmer. Die meisten Räume waren kahl wie ein Rohbau. Man hatte alles mitgenommen. Hin und wieder standen da noch ein paar Büromöbel und Kisten mit halbverschimmelten Papieren, aus denen sich die Ratten ihre Nester bauten.

Vielfach fehlten selbst die Türen.

Irgendwer hatte sie offenbar noch einer Verwendung zuführen können. Vielleicht auch nur als Brennholz für ein Feuer, das einem Obdachlosen die eiskalten Nächte wärmer werden ließ.

Ich fragte mich, ob sich auf der anderen Hausseite Feuerleitern befanden. Jedes Haus in New York, das noch aus dem 19. Jahrhundert stammt, besitzt sie, denn es war lange Zeit Vorschrift.

Aber wenn es hier welche gab, dann war der Kerl vielleicht schon auf und davon.

Ich arbeitete mich Raum für Raum vorwärts, trat unter einem Türsturz hindurch in ein weiteres, kahles Ex-Büro und dann...

Schon in der ersten Sekunde hatte mein Instinkt mich gewarnt.

Ich wirbelte herum und blickte auf eine Gestalt, die eine Strickmaske trug, die lediglich die Augen freiließ.

Und dann war da der kurze Lauf einer MPi, der direkt in meine Richtung zeigte.

Dann ging alles blitzschnell. Der Finger meines Gegenübers krümmte sich.

Der Druck auf den Abzug verstärkte sich und ich wusste, dass im nächsten Sekundenbruchteil die Hölle über mich hereinbrechen würde.

Ein Augenblick wie eine Ewigkeit...

Ich riss meinen 38er herum, aber zuvor hatte der Killer bereits die MPi abgedrückt.

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Ich erwartete das rot aus dem Lauf herauszüngelnde Mündungsfeuer der MPi...

Ich ließ mich seitwärts fallen und rollte mich auf dem Boden ab. Die Waffe meines Gegenübers machte klick. Kein Schuss löste sich. Entweder hatte das Ding eine Ladehemmung, was immer mal wieder vorkommen konnte, oder das Magazin war leer. Der Kerl stand wie erstarrt da und blickte nun in den kurzen Lauf meines 38er Smith & Wesson.

"Fallenlassen!", rief ich.

Er bestätigte den Eindruck, den ich von ihm hatte. Er war Profi, kein lebensmüder Wahnsinniger, dem das eigene Schicksal gleichgültig war. Und darum wusste er auch ganz genau, dass das Spiel jetzt erst einmal für ihn zu Ende war.

Er hatte verloren.

Und so ließ er die Maschinenpistole zu Boden gleiten.

"Ich bin Special Agent Murray Abdul vom FBI District New York", sagte ich und erhob mich. "Sie sind verhaftet. Sie haben das Recht zu schweigen. Falls Sie auf dieses Recht verzichten, kann alles, was Sie von nun an sagen..."

Wie automatisch betete ich diese Litanei herunter, trat auf den Kerl zu und kickte dann seine Waffe ein Stück über den Fußboden.

"Drehen Sie sich zur Wand!", forderte ich. "Die Hände nach oben und die Beine auseinander..."

Er gehorchte.

Wortlos.

Er stand da und rührte sich nicht.

Ich bemerkte die Anspannung seiner Muskeln. In dem Moment, in dem mein Instinkt mich warnte, war es bereits zu spät.

Der Karatetritt kam dann so schnell und unerwartet, dass ich nichts mehr dagegen tun konnte. Er traf mich voll am Solar Plexus und raubte mir damit eine Sekunde lang die Luft. Ich taumelte zurück, aber noch ehe ich zu Boden sacken konnte, schickte mich ein brutaler Fausthieb endgültig auf die Bretter.

Um mich herum war nur noch Dunkelheit.

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"Heh, aufwachen, Alter!"

Das erste, was ich sah, war Lews Gesicht. Und ich fühlte eine Welle von Schmerz vom Kopf aus meinen gesamten Körper zu durchfluten. Der Killer hatte mich böse erwischt.

Andererseits musste ich wohl froh sein, überhaupt noch am Leben zu sein.

Mein erster Blick glitt zur Uhr an meinem Handgelenk. Ich war wirklich nur kurz weggetreten gewesen. Und das beruhigte mich.

"Wo...?", hörte mich selber ächzen.

"Die Kerle sind weg. Über die Feuerleiter, vermuten wir. Unsere Fahndung läuft auf Hochtouren, aber es gleicht der Suche nach der berühmten Stecknadel."

"Wir waren so nahe an ihnen dran."

Lew nickte.

"Wir kriegen sie noch", versprach er. Ich erhob mich und Lew musste mir dabei helfen. Mir war ein wenig schwindelig.

"Brauchst du einen Arzt Murray?"

"Nein, lass nur! Alles in Ordnung!"

"Dass ich nicht lache!"

"Wirklich!"

Ich atmete tief durch und rieb mir die Schläfen. Ich hatte furchtbare Kopfschmerzen, aber dagegen würde hoffentlich ein Eisbeutel helfen.

In den leergeräumten Büros der ehemaligen Transportfirma tummelten sich jetzt Spurensicherer der Scientific Research Division, kurz SRD. Dabei handelte es sich um den zentralen Labor- und Erkennungsdienst des New York Police Departments.

Sämtliche Polizeireviere und auch der FBI-Distrikt forderten dort entsprechende Einsatzkräfte an, die sie für die Arbeit am Tatort benötigten.

Viele der Beamten kannte ich von anderen Einsätzen her.

Die Kollegen von der SRD würden sich hier sicher alle Mühe geben, aber ich bezweifelte, dass sie etwas Brauchbares finden würden. Die Gegner, mit denen wir es zu tun hatten, waren peinlich darauf bedacht, Spuren zu vermeiden. Es waren emotionslose Killer, die ihren Job machten und dabei kühl kalkulierten.

So sah es jedenfalls aus.

Ich sprach einen der SRD-Kollegen an, der gerade damit beschäftigt war, Patronenhülsen sorgfältig einzusammeln.

"Können Sie mir ein Polaroid von dem Pkw machen, der draußen im Hof steht?"

"Kein Problem, Sir! Aber hier wird ohnehin alles fotografiert."

"So lange möchte ich nicht warten."

"Verstehe..."

Er tat mir den Gefallen und knipste den Wagen der Gangster vom Fenster aus. Das Foto war kein Meisterwerk, aber man konnte es herumzeigen.

Ich ging mit Lew ins Freie.

Und von dort aus bewegten wir uns in Richtung des Strand Book Stores. Dort wimmelte es inzwischen auch von Beamten der verschiedenen New Yorker Polizeibehörden. Beamten der City Police schirmten den Tatort gegen Schaulustige ab. Spurensicherer des SRD machten genauso ihren peniblen Job, wie der Gerichtsmediziner, dessen Wagen ich in einiger Entfernung parken sah.

Vor dem Laden trafen wir Cleve Carravaggio und Orry Ermikoah.

Lew meinte: "Wie wär's, wenn du 'ne kleine Pause machst, Murray. Ich glaube, du hast sie nötig!"

Ich achtete nicht auf die Worte meines Kollegen.

Stattdessen fragte ich: "Wer war der Tote? Der Kerl, der sich mit mir getroffen hat... Weiß man das schon?"

Cleve Carravaggio nickte.

"Er heißt John Pitaschwili, ein eingebürgerter Georgier", erklärte er. "Er hatte Papiere dabei..."

"Kein Name, der mir etwas sagt", gestand ich.

"Aber Orry sagte er etwas."

"Ach!"

"Und wenn du dir die Computerausdrucke genauer angesehen hättest."

Ich sah ihn etwas ärgerlich an. "Komm schon, Cleve!", unterbrach ich ihn dann.

Der blonde Italo-Amerikaner lockerte seine Krawatte.

"Er ist zwar kein Ukrainer, wird aber mit Big Vlads Imperium in Verbindung gebracht. Früher hat er Drecksarbeit gemacht, zuletzt nur noch Sachen, die man im weißen Kragen erledigen kann."

"Geldwäsche", schloss ich.

Cleve Carravaggio nickte. "Dein Instinkt hat dich durch den Schlag, den du bekommen hast, nicht verlassen", stellte er fest. "Pitaschwili hat sein dreckiges Geld in einigen Läden an der Bowery stecken, die vermutlich einzig und allein diesem Zweck dienen."

Ich hörte Cleve nur mit einem Ohr zu, denn etwas abseits sah ich jemanden, den ich kannte.

Jemanden, den ich hier nicht erwartet hatte.

Captain Billy Webbs vom Achtzehnten!

Er kam gerade aus dem Strand Book Store heraus und schien sich ein bisschen am Tatort umgesehen zu haben. Ich ging auf ihn zu.

Sein Kopf ruckte seitwärts, als er mich sah. Er schlug sich den Kragen seines grauen Wollmantels hoch. Sein Lächeln war gefroren, und er zeigte die Zähne dabei.

"Ah, Sie, Agent Abdul...", murmelte er und verzog das Gesicht dabei.

"Was machen Sie hier, Captain Webbs?", fragte ich. "An sich ist das doch nicht Ihr Fall. Das achtzehnte Revier ist zwar eines der größten in New York - aber so groß ist es nun auch wieder nicht."

"Ich war gerade in der Gegend", erklärte Webbs kühl.

"Gerade in der Gegend? Am anderen Ende der Stadt?"

Er sah mich böse an.

"Was soll die Fragerei, Agent Abdul? Haben Sie etwas dagegen, dass ich mich hier umsehe?"

Ich schüttelte den Kopf.

"Durchaus nicht."

"Na, also!"

Webbs blickte an meiner recht staubigen und leicht zerschlissenen Kleidung herab. "Sieht aus, als hätten Sie eine wilde Jagd hinter sich", murmelte er dann.

Ich nickte.

"Kann man wohl sagen. Leider erfolglos."

"Haben Sie nicht den ganzen Block abriegeln lassen?"

"Schon, aber vermutlich zu spät."

"Oh..." Er zuckte die Achseln.

Ich holte meine Zigaretten aus der Manteltasche und reichte sie ihm. Er schüttelte den Kopf.

"Rauchen Sie nicht?"

"Nicht diese Sorte!"

"Verstehe..."

Ich nahm mir selbst eine und steckte sie mir an.

Dann sagte ich: "Sagt Ihnen der Name Pitaschwili etwas? John Pitaschwili?"

In Webbs' Gesicht zuckte es.

"So heißt der Tote, das habe ich mitbekommen. Ist das vielleicht der Pitaschwili, der diese Schmuddelschuppen auf der Bowery betreibt? Belle de Jour heißt einer dieser Läden, glaube ich."

"Schon möglich." Ich pfiff durch die Zähne. "Sie scheinen sich auszukennen."

"Ich lebe in dieser Stadt."

"Das tue ich auch."

"Ich weine dem Kerl und seinem Gorilla jedenfalls keine Träne nach."

"Ach, nein?"

"Er war Abschaum."

"Klingt, als wären Sie nicht gerade ein Freund von Pitaschwili gewesen, Captain Webbs", stellte ich fest.

Er atmete tief durch.

Dann streckte er mir seinen Zeigefinger entgegen wie eine Waffe.

"Hören Sie, Agent Abdul, ich habe nichts gegen nackte Mädchen, die auf Tischen tanzen, auch beinahe nichts gegen Leute, die ihre Kundschaft so viel Geld für ein Glas Champagner abknöpfen, dass man glauben könnte, dass es sich bei den Blasen, die darin aufsteigen, um Goldstaub handelt. Aber ich habe etwas gegen weiße Kragen-Verbrecher, wie Pitaschwili, der die Drecksarbeit von anderen machen lässt und an den nie jemand herangekommen ist... Er war ein Geldwäscher und bis er dort war, wo er jetzt ist, hat er so manche über die Klinge springen lassen." Seine Augen wurden zu schmalen Schlitzen, als er fortfuhr. "Wussten Sie, dass er zu Ugarimovs Syndikat gehörte?"

Meine Erwiderung war kühl und sachlich.

"Es wundert mich, dass Sie das wissen", stellte ich fest.

Ich wandte mich halb herum, um in den Book Store zu gehen.

Ich wollte mich noch einmal etwas am Tatort umsehen und mich etwas mit den SRD-Leuten unterhalten. Vielleicht gab es ja irgendeine interessante Einzelheit.

Aber Webbs' Stimme hielt mich zurück.

"Agent Abdul..."

"Ja?"

"Haben Sie..."

Er sah mich nicht an bei diesen Worten. Und plötzlich stockte er. Auf seiner Stirn bildete sich eine Falte.

"Was?", hakte ich nach.

"Haben Sie einen der Kerle erkannt, die dieses Blutbad angerichtet haben? Ein Gesicht oder so etwas?"

Ich schüttelte den Kopf.

"Leider nein", erwiderte ich dann.

"Schade."

"Allerdings."

Webbs grinste zynisch. "Ich meine, so werden wir dem, der diese Ratte namens Pitaschwili umgenietet hat, niemals einen Orden verleihen können!"

Ich sandte Webbs einen eisigen Blick zu.

"Ich finde das nicht witzig, Captain Webbs! Unsere Aufgabe ist es, Verbrechen aufzuklären. Das gilt für alle Cops. Und spielt es überhaupt keine Rolle, ob das Opfer selbst ein Gangster war."

Sein Gesicht war jetzt eine Maske.

"Vielleicht fehlt Ihnen einfach der Humor, Agent Abdul."

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Jahrzehntelang war die Bowery eine der berüchtigsten Straßen New Yorks gewesen. Ein Symbol des sozialen Abstiegs. Obdachlose, Bars und billigste Absteigen hatten das Gesicht dieser Straße der Sünde geprägt.

Inzwischen hatte sich einiges geändert. Zwar hatte die Bowery noch immer ihren über die Stadtgrenzen hinweg bekannten schlechten Ruf, aber inzwischen wurde das Straßenbild längst mehr durch Restaurants und Apartmenthäuser als durch Bars und Bordelle geprägt. Von der Sünde war nur ein Hauch geblieben. Und zu diesem Hauch gehörte das Belle de Jour - Pitaschwilis Laden.

Genau genommen hatte das zweifelhafte Etablissement nicht John Pitaschwili allein gehört. Miteigentümer war ein Jamaikaner namens Marvin Kingsroad. Ein Drogen-Tycoon, der zur Zeit wegen diverser Anklagen vor Gericht stand.

Es war später Nachmittag, als Lew und ich das Belle de Jour erreichten.

Natürlich war noch nichts los.

Lieferanten parkten im Halteverbot. Getränke wurden ausgeladen. Mit den Kistenträgern gelangten wir in den Schankraum. Ein Elektriker stand auf einer hohen Leiter und bastelte an dem ultramodernen Laserlicht herum.

Und auf der Bühne bereiteten sich ein paar kurvenreiche Girls auf ihren mehr oder minder textilfreien Auftritt am Abend vor. Sie lockerten schon mal ihre beweglichen Körperteile.

"Heh, ihr da! Raus!"

Der Kerl, der uns auf diese Weise anschnauzte, war mindestens zwei Köpfe größer als ich und so breit wie ein Kleiderschrank. Seine platte Nase und die langgezogene Narbe, die von der Schläfe bis zum rechten Nasenflügel führte, gaben ihm ein geradezu brutales Aussehen.

Eine ehemalige Messerwunde, so vermutete ich.

Der Kerl kam auf uns zu und baute sich breitbeinig auf. Er war zweifellos der Rausschmeißer, hatte aber wohl geglaubt, dass es zu dieser frühen Stunde nichts rauszuschmeißen gab...

Er bleckte die Zähne.

Die obere Reihe bestand komplett aus Edelmetall.

Als wir ihm beinahe im selben Moment unsere Dienstausweise unter die Nase hielten, erschlaffte seine Gesichtsmuskulatur von einer Sekunde zur anderen.

Er sah jetzt ziemlich blöd aus.

"Zwei G-men?", knurrte er und klang dabei schon viel kleinlauter. "Wollen Sie hier die Kundschaft vertreiben?"

"Ich sehe noch keine Kundschaft."

"Mann, es geht hier in einer Stunde los, was glauben Sie, was da alles noch zu tun ist!"

"Für Sie immer noch Mister Abdul."

Er fletschte seine Metallzähne. "Mister Abdul", presste der Eisenbeißer dann hervor. "Wenn Sie uns irgendetwas anhängen wollen, dann..."

"Wie heißen Sie?"

"Randy. Mick Randy. Und da ihr Brüder das sowieso in euren verdammten Computern drinhabt: Ich bin mal wegen Körperverletzung verurteilt worden..."

"Es geht um Ihren Boss", mischte sich jetzt Lew ein.

Mick Randy blickte kurz zu meinem Freund hinüber. Auf der Stirn des Eisenbeißers erschienen jetzt ein paar Falten. "Mister Kingsroad?"

Lew sagte: "Wir sprechen von Pitaschwili."

"Ach so..."

"Er ist im Strand Book Shop von einem Killerkommando erschossen worden. Dasselbe gilt für seinen Leibwächter Harry Jiminez."

Der Eisenbeißer wurde bleich. Der Kinnladen klappte ihm herunter.

Ich studierte aufmerksam sein Gesicht und ergänzte dann: "Wir suchen Pitaschwilis Mörder. Ist Mister Kingsroad da?"

"Lesen Sie eigentlich keine Zeitung, Mister Abdul?" Mick Randy lachte heiser. Der Elektriker hatte indessen das Laserlicht für einige Momente probeweise eingeschaltet. Es ließ Randys Metallzähne eigentümlich blitzen. Als das Flimmerlicht dann wieder abgeschaltet war, sah Randy auf die goldene Rolex an seinem Handgelenk. "Mister Kingsroad steht in diesem Moment noch vor dem Richter..."

"Davon habe ich gehört. Die Kollegen der DEA scheinen gute Ermittlungsarbeit geleistet zu haben."

"Aber Mister Kingsroads Anwälte sind auch nicht zu verachten..."

"Was Sie nicht sagen."

"Wollen Sie sich die Live-Übertragung im Fernsehen ansehen? Direkt aus dem Gerichtshof!"

"Danke!"

Indessen war eines der Girls an uns herangetreten. Eine hübsche Dunkelhaarige. Sie trug nichts weiter als einen knappen Body, der jedes Detail ihrer aufregenden Figur hervorragend zu Geltung brachte. Offenbar hatte sie uns zugehört.

"Warum sagst du ihm nichts, Mick?"

"Halt's Maul, Miranda!"

"Aber..."

"Ich habe gesagt: Halt's Maul! Scher dich zum Teufel!", schnauzte Mick Randy.

"Vielleicht werde ich mich mit Ihnen besser unterhalten, wenn Mister Randy nicht dabei ist, Ma'am", erklärte ich mit einem eisigen Blick, den ich dem Eisenbeißer zuwandte.

Ich sah, wie sich dessen Unterarmmuskeln anspannten.

Und ich war mir ziemlich sicher: Wenn ich nicht ein G-man gewesen wäre, hätte ich eine Sekunde später seine Faust im Gesicht gehabt.

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Ich setzte mich mit Miranda an einen der runden Tische. Lew ging derweil mit Mick Randy zur Theke. Der Eisenbeißer blickte immer wieder nervös zu Miranda hinüber. "Überleg dir, was du quatscht!", rief er zu ihr hinüber. "Sonst kannst du sehen, wo du in Zukunft mit deinem Hintern herumwackeln kannst!"

"Das kann ich überall!", schrillte sie zurück. "Der ist nämlich hübsch genug!"

"Dann pass auf, dass es so bleibt!"

"Willst du mir etwa drohen? Mick, du bist doch ein Holzkopf, sie werden euch einen nach dem anderen über den Jordan schicken und..."

"Halt's Maul!", rief Mick.

Und Lew meinte: "Vielleicht ist es besser wir gehen in einen Nebenraum, Mister Randy."

Der Eisenbeißer knurrte etwas Unverständliches vor sich hin. Und als Lew ihn am Oberarm fasste, riss er sich mit einem Ruck los.

Dann verschwand Lew mit Randy durch eine Nebentür.

Miranda und ich hatten etwas Ruhe.

"Einen Drink, Mister..."

"Nennen Sie mich Murray."

"Wie wär's?"

"Ich will Ihren Ärger nicht vergrößern, Miranda!"

"Welchen Ärger! Wenn das so weitergeht, bin ich sowieso bald weg - Vertrag hin oder her! Schließlich habe ich keine Lust, mich in die Nähe von jemandem zu stellen, der von irgendwem als Zielscheibe auserkoren wurde."

Sie holte mitten im Satz Luft. Ihre großen Brüste hoben sich dabei. Mir gab das Gelegenheit, etwas einzuwerfen.

"Nun mal der Reihe nach", nutzte ich meine Chance. "Wer sind die, von denen Sie gerade gesprochen haben."

"Also..."

Sie verlor einen Gutteil ihrer frischen Gesichtsfarbe.

Jetzt war sie verwirrt. Und etwas unschlüssig darüber, wie viel sie mir sagen sollte.

"Wie gut kannten Sie Pitaschwili?"

Sie wurde rot.

"Ziemlich gut. Hören Sie, ich arbeite schon eine ganze Weile hier und..."

Sie brach ab.

Ich hob die Augenbrauen.

Sie seufzte hörbar. Dann sagte sie: "Ich habe in letzter Zeit ziemlich oft mit John geschlafen - wenn das Ihre Frage beantwortet, Murray!"

"Das tut es", nickte ich.

"Ganz gleich, was andere über ihn sagen mögen, er war ein netter Kerl."

Zu dir vielleicht, Miranda, erwiderte ich in Gedanken. Zu anderen war er dafür um so härter. Aber ich verkniff mir eine Bemerkung in dieser Richtung.

Ich wollte Pitaschwilis Mörder.

"Vor wem hatte er Angst?", fragte ich.

"Vor diesem geheimnisvollen Syndikat, dessen Killer mit dem Drahtbesen durch New York räumen... Ich soll nicht darüber reden, aber heute Morgen hat jemand auf ihn geschossen und ihn nur knapp verfehlt."

"Wo war das?"

"Hier, direkt vor der Tür. Seine Leute haben alles mühsam wieder verkleistert, damit man an der Wand kein Loch sieht. Schreckt die Gäste ab... Vermutlich steckt die Kugel noch im Putz!"

Ich begriff. Pitaschwili hatte deswegen also diese Höllenangst gehabt und sich mit mir treffen wollen.

"Hatte er irgendwen in Verdacht?"

"Sie meinen, wer die Drahtzieher dieses unbekannten Syndikats sind? Nein. Er konnte sich einfach keinen Reim auf die Sache machen."

Ich hob die Augenbrauen. "Und Sie?"

"Ich?"

"Haben Sie eine Meinung dazu, Miranda?"

Sie atmete tief durch und nickte dann. "Ich glaube, die Hexe steckt hinter Pitaschwilis Tod!"

"Wer soll das sein?"

"Die Frau von Big Vlad!"

"Jelena!"

Miranda nickte. "Ja. John nannte sie manchmal so. Er konnte sie nicht leiden und sie ihn nicht!"

"Wussten Sie, was Pitaschwili im Strand Book Store wollte?"

"Sich mit Ihnen treffen, Murray!"

"Er erwähnte meinen Namen?"

"Ja."

"Wer wusste noch von dem Treffen?"

"Mit Sicherheit Mick Randy."

Ich erinnerte mich daran, dass Pitaschwili mir den Kopf der Witwe versprochen hatte. "Ihr Freund hat mir gegenüber den Eindruck gemacht, als wüsste er, wer Ugarimov getötet hätte!"

Sie legte ihre Hand auf die meine. Sie beugte sich dabei etwas vor und gestattete mir einen tiefen Einblick in ihr wohlgefülltes Dekolleté. Ihre Augen waren dunkelbraun. Ihr Blick war geradezu beschwörend.

"Diese Hexe war es, die es auf ihn abgesehen hatte! Ich hatte es ja schon länger geahnt, dass er sich vor der in Acht nehmen muss, wenn Big Vlad mal nicht mehr sein sollte. Und John war schließlich überzeugt davon, nachdem er heute Morgen von diesem Treffen zurückkam und erfahren musste, dass die Witwe Big Vlads Geschäfte weiterführen will. Und nicht nur das! Sie scheint auf Angriff aus zu sein!"

"Das ist unlogisch", sagte ich. "Pitaschwili war doch einer von Big Vlads Männern. Wenn Jelena expandieren wollte, hätte er doch davon profitiert! Und weshalb hätte die Witwe einen Killer auf ihn loslassen sollen?"

Sie bedeutete mir, mich etwas vorzubeugen. Ihr Blick glitt angstvoll durch das Belle de Jour. Fast so, als musste sie sich noch einmal vergewissern, dass wirklich niemand außer mir ihre Worte hörte. Und dann wisperte sie mir leise zu: "Wenn man mit jemandem das Bett teilt, kriegt man alles Mögliche mit. Auch Dinge, die man vielleicht besser nicht erfahren sollte..."

"Und was haben Sie über Pitaschwili herausgefunden?"

"Dass er ganz offensichtlich Big Vlad betrogen hat. Er hat in die eigene Tasche gewirtschaftet. Und der alte Löwe ist in letzter Zeit wohl etwas unaufmerksam geworden und schielte nur nach den Röcken."

"Und Sie meinen, Jelena hat das herausgefunden?"

"Natürlich! Jedenfalls denke ich das!"

"Verstehe... Vielleicht brauche ich jetzt doch noch einen Drink."

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Ich ging mit Miranda hinaus auf die Straße, nachdem sie sich etwas mehr angezogen hatte. Schließlich war es ein lausig kalter Tag.

"Es war heute Morgen, so gegen 8 Uhr. John wollte in den Wagen steigen. Ich habe vom Fenster aus dem dritten Stock aus zugesehen. Dort habe ich mein Zimmer... Ein Wagen fuhr sehr langsam heran."

"Was für ein Typ?"

"Mein Gott, da kenne ich mich nicht so aus. Er war fast weiß. Champagnerfarben. Fragen Sie mich nicht nach der Nummer!"

Ich zeigte ihr das Polaroid von dem Wagen der Killer, die Pitaschwili auf dem Gewissen hatten.

Sie sah es sich genau an.

Dann nickte sie.

"Der könnte es gewesen sein", bestätigte sie. "Aber sicher bin ich nicht..."

Aussagen von diesem Präzisionsgrad waren nicht gerade, was ein Ermittler sich wünschte. Aber es gibt schlimmere Dinge, mit denen man in unserem Job leben muss.

Immerhin konnte ich die Kugeln aus der Mauer kratzen.

Das Kaliber kam hin. Vielleicht waren das die Leute, die wir suchten.

Ich sah sie an. Sie zitterte leicht. Vor Kälte, wie ich annahm.

"Ist noch was?", fragte sie.

"John Pitaschwili scheint ein sehr gut informierter Mann gewesen zu sein."

Sie hob die dunkel nachgezogenen Augenbrauen, die ihre braunen Augen gut zu Geltung brachten. "Offenbar wusste er nicht genug", meinte sie dann. "Sonst würde er jetzt noch leben."

"Woher kann er meinen Namen haben?"

"Er hat von Ihnen gehört, so wie Sie auch schon von Big Vlad gehört hatten, bevor er eine Leiche war."

"Das meinte ich nicht."

"Ich weiß." Ihr Tonfall war jetzt gedämpft. Sie lächelte auf eine Weise, von der man nicht genau wusste, ob sie geschäftsmäßig oder ehrlich war. Eine Mischung aus beidem.

Man konnte es sich sozusagen aussuchen. "John hat einen Spion in Jelenas unmittelbarer Nähe."

"Wissen Sie, wer das ist?"

"Nein. Aber von ihm wusste er, dass Sie an dem Fall Ugarimov dran sind."

Bevor wir wieder ins Belle de Jour gingen, hielt sie mich am Arm. Sie sah mich ernst an.

"Sie kriegen sie, nicht wahr? Die Hexe..."

"Wenn sie wirklich etwas damit zu tun hat, ja!", versicherte ich ihr.

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Eine halbe Stunde später saßen Lew und ich wieder im Wagen. Wir waren auf dem Weg zurück ins Hauptquartier des FBI-Distrikts an der Federal Plaza. Die Patronen, die ich aus der Außenwand des Belle de Jour gekratzt hatte, mussten ins Labor. Ich hoffte, dass uns die kleinen Bleifetzen etwas weiterbrachten.

Außer Mick Randy und der schönen Miranda hatten wir auch noch einige andere Angehörige des Belle de Jour-Personals befragt. Alles in allem hatten unsere Ermittlungen folgenden Ablauf an diesem für John Pitaschwili verhängnisvollen Morgen ergeben.

Gegen acht Uhr war er nur knapp einem Attentat entgangen.

Da hatte er noch an jenen geheimnisvollen Unbekannten geglaubt. Ein mysteriöses neues Syndikat, das die alte Riege in die Pension städtischer Friedhöfe schickte. Einen nach dem anderen.

Und dann hatte es das Treffen bei Jelena Ugarimov gegeben, auf dem die schöne Witwe der versammelten Gangster-Mannschaft wohl wieder erwarten angekündigt hatte, die Geschäfte weiterführen zu wollen.

Da war es wohl auch zu Unstimmigkeiten zwischen Pitaschwili und der neuen Gangster-Queen gekommen.

Jedenfalls waren daraufhin bei Pitaschwili alle Alarmglocken auf einmal in Betrieb gegangen.

Vielleicht gab diesen geheimnisvollen Unbekannten gar ja nicht und in Wahrheit steckte Jelena hinter den Morden und dem Attentat auf Pitaschwili. Das musste auch eine Möglichkeit gewesen sein, die Pitaschwili durch den Kopf gegangen war.

Und diese Möglichkeit war für Pitaschwili noch bedrohlicher.

Egal ob die schöne Jelena nun selbst als Todesgöttin im Hintergrund fungierte, um ihre Position zu sichern, oder ein unbekanntes Syndikat auf der Bildfläche erschien für Pitaschwili wurde es lebensgefährlich. Und so hatte er die Flucht nach vorn angetreten.

Mit einem Anruf beim FBI.

Er war klug genug, um zu wissen, dass er es mit einem Gegner, vor dem selbst Big Vlad die Pfoten hatte strecken müssen, kaum aufnehmen konnte.

Pitaschwili hatte einfach vorausgesetzt, dass Jelena von seinen Unterschlagungen schon wusste.

"Glaubst du, sie hat sich gleich die erste Nacht nach Ugarimovs Tod damit um die Ohren gehauen, Berge von Finanzakten zu wälzen?", meinte ich zu diesem Punkt zweifelnd.

Lew zuckte die Achseln.

"Dafür wird sie ihre Leute haben. Außerdem muss so ein Coup generalstabsmäßig vorbereitet werden. Es reicht nicht, ein paar Killer zu bezahlen und den großen Boss hinwegzupusten. Man muss genau wissen, wie es dann weitergehen soll, wer Freund ist und wen man so schnell wie möglich abschießen muss."

"Eins zu Null für dich", gab ich zu.

Lew sagte: "Das ganze könnte also ein lang vorbereiteter Plan gewesen sein."

"Sowohl Ugarimovs Tod, wie auch alles andere."

"Ja."

"Klingt logisch", musste ich eingestehen.

"Komplimente höre ich immer gerne", erwiderte Lew lachend.

"Da ist nur ein Haken", wandte ich ein.

"Wäre ja auch zu schön gewesen, um wahr zu sein!" Lew sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an, während vor uns der riesige Komplex auftauchte, in dem das FBI-Headquarter untergebracht war. "Wo ist der Haken?"

"Wenn ich Jelena gewesen wäre und den Plan gehabt hätte, alles zu übernehmen, dann hätte ich mit Ugarimov angefangen."

"Vielleicht gab es einen Grund dafür, dass die beiden anderen zuerst sterben mussten."

"Und welchen?"

Lew zuckte die Achseln. "Vielleicht waren sie erst Komplizen der Witwe, haben es sich dann aber dann aber anders überlegt und kalte Füße bekommen. Schließlich ist mit Big Vlad nicht zu spaßen gewesen."

"Etwas weit hergeholt, finde ich."

"Du glaubst noch immer nicht, dass es die schöne Witwe war, was?"

Ich schüttelte den Kopf.

"Nein."

"Sie hat großen Eindruck auf dich gemacht, oder?"

Ich sah ihn kurz an.

"Quatsch!"

"Ich habe nur laut gedacht, Murray!"

"Du machst dir umsonst Sorgen!"

Lew grinste. "Beruhigend zu wissen, dass du einen Eiszapfen noch von einer Frau unterscheiden kannst!"

"Es erscheint mir nur einfach nicht logisch, dass sie die Auftraggeberin dieser Mordwelle war."

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Es war ein eiskalter, aber sonniger Morgen. Der Mond stand immer noch als weiße Sichel am klaren Himmel, während sich die Journalisten und Kameraleute vor den Stufen des Gerichtsgebäudes die Füße platt traten. Nervös verlagerten sie das Gewicht von einem Bein auf das andere und warteten auf den großen Augenblick.

Den Augenblick, an dem sie den Photo-Shoot des Tages oder vielleicht sogar ein Mini-Interview machen konnten.

Und dann war es soweit.

Inmitten einer riesigen Menschenmenge, stolzierte Marvin Kingsroad die Stufen des Portals hinab.

Als freier Mann. Ganz offensichtlich.

So, wie es alle erwartet und viele befürchtet hatten. Ein Mann, der jahrelang als Drogendealer gegolten hatte und dem mehrere Auftragsmorde an Konkurrenten zur Last gelegt worden war. Natürlich auch Steuerhinterziehung, Bestechung von Beamten verschiedener städtischer Behörden inklusive des New York Police Departments und so weiter und so fort. Die Anklageschrift hatte einen größeren Umfang gehabt als so manche Gemeindebibliothek.

Aber nach und nach war alles in sich zusammengefallen. Ein unerfahrener Staatsanwalt hatte ein übriges dazu getan.

Zeugen hatten plötzlich kalte Füße gekriegt oder waren von Kingsroads hungriger Anwaltsmeute als völlig unglaubwürdig hingestellt worden.

Jetzt war der Freispruch also perfekt.

Er war einfach nicht zu verhindern gewesen und es gab viele in New York, die das zutiefst bedauerten. Niemand zweifelte daran, dass Kingsroad nichts anderes tun würde, als mit seinen üblen Geschäften fortzufahren. Und es gab nichts, was das Gesetz im Moment dagegen tun konnte.

Zwar war es kein Freispruch erster Klasse, sondern nur einer aus Mangel an Beweisen, aber Kingsroad war das egal.

Der gebürtige Jamaikaner stand wie ein antiker Triumphator auf den Stufen des Portals und grinste mit seinen makellosen Zähnen in die Kameras. Den Cashmere-Mantel trug er offen.

Darunter wurde das Armani-Jackett sichtbar. Am Handgelenk glitzerte die goldene Rolex.

Ein dicker Schopf aus Rasta-Locken fiel ihm bis auf die breiten Schultern. Dort wurde er durch ein Seidenband zusammengehalten.

Rechts und links gingen seine baumlangen Gorillas. Das Heer seiner Anwälte folgte ihm auf den Fuß.

An Kingsroads Arm hing eine Mulattin mit rotgefärbten Haaren und kurvenreicher Figur. Das Strickleid, das sie trug, war sicher eine Nummer zu klein, stand ihr aber genau deswegen besonders gut. Bei dem Pelz, den sie trug, handelte es sich um echten Hermelin. Das entsprach zwar nicht ganz der Welle der sogenannten politischen Korrektheit, die das liberale New York genauso heimsuchte wie den Rest der Staaten, aber das kümmerte weder die kurvenreiche Rothaarige noch den Mann, der ihr diesen Pelz finanziert hatte.

Marvin Kingsroad.

Er zeigte der Journaille sein Tigerlächeln.

Seine Gorillas schubsten einige der Reporter ein Stück zur Seite.

"Mister Kingsroad gibt keine Kommentare!", brüllte einer von ihnen zwischen seinen Zähnen hindurch. Aber das wollte keiner der Wartenden glauben.

Als Kingsroad den Fuß der Treppe erreicht hatte, drehte er sich zum Schrecken seiner Sicherheitsleute nochmal um. Er hob die Hand, aber es wurde nicht ruhiger.

Er wartete gelassen.

"Mister Kingsroad, meinen Sie, dass mit diesem Urteil der Gerechtigkeit Genüge getan wurde?", erkundigte sich eine Reporterin mit einem Gesicht, das ein bisschen zu angestrengt wirkte, um noch richtig hübsch sein zu können.

"Seit heute glaube ich wieder an den Rechtstaat, Ma'am", erklärte er.

Seine Stimme war scharf und ätzend.

Sein Tonfall war zynisch.

Irgendwo unter den Dutzenden von Menschen, die sich um Marvin Kingsroad drängten befand sich ein untersetzter Mann mit dunklen Haaren.

"Abschaum", flüsterte er vor sich hin und seine Lippen bebten vor Wut und Hass. "Dieser Mann ist Abschaum, nichts als eine Ratte, die man zerquetschen sollte..."

In seinen Augen flackerte es.

Der Griff seiner Hand ging in die tiefe Tasche seines weiten Mantels.

Er fühlte etwas Kaltes, Metallenes.

Eine Pistole!

Jetzt noch nicht, sagte er sich. Es kommt eine günstigere Gelegenheit...

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"Sie sind leichtsinnig, Boss", meinte einer der Leibwächter, nachdem Kingsroad sich mit der rothaarigen Schönen auf der breiten Rückbank seines Rolls Royce niedergelassen hatte.

"Denken Sie an den armen Pitaschwili!"

Kingsroad lachte schallend.

"Der arme Pitaschwili war ein Narr, Cal! Merken Sie sich das."

Cal zuckte die Schultern und überprüfte den Sitz seines Revolvers. Aus einem Fach, das sich unter seiner Sitzbank befand, holte er dann eine kurzläufige Maschinenpistole heraus und lud die Waffe durch.

Jetzt meldete sich die Rotgefärbte zu Wort.

"Cal hat recht, Marvin! Das eben war leichtsinnig!"

"Baby, davon verstehst du nichts!"

"Ach!"

"Niemand würde so dreist sein, mich auf den Stufen des Gerichtsgebäudes abzuknallen - vor den Augen der Kameras!"

Sie zog einen Schmollmund.

Den musste sie oft geübt haben. Sie machte das perfekt.

Und dann sagte sie schneidend: "Es hätte auch niemand geglaubt, dass jemand so dreist sein könnte, Big Vlad Ugarimov über den Jordan zu schicken!"

Er sah sie an.

Da war leider etwas dran, obwohl der Mann mit der Rasta-Mähne ihr ungern recht gab.

Ein Schatten fiel über über sein triumphierendes, siegessicheres Gesicht.

Dann blickte er seitwärts.

Er sah eine gute Bekannte auf den Rolls zugehen. Jelena Ugarimov in Begleitung ihrer Leibwächter. Kingsroad hatte sie bereits im Gerichtssaal bemerkt.

"Nanu", meinte er. "Die Lady scheint was von mir zu wollen!"

Summend ließ er das Fenster heruntergleiten.

Die Ugarimov neigte sich hinunter. Ein verheißungsvolles Lächeln stand in ihrem hübschen Gesicht. Ihre Augen blitzten herausfordernd.

"Ich möchte Ihnen gratulieren, Marvin!"

"Danke, danke!"

"Ich habe Sie immer bewundert!"

"Ach, ja?"

"Sie sind einer der Größten Ihrer Branche."

Er lachte rau. "Zumindest hier im Big Apple!"

"Wir müssen uns unbedingt treffen, Marvin! Schließlich müssen wir besprechen, auf welche Weise die Geschäfte weiterlaufen sollen... Jetzt, nach Pitaschwilis Hinscheiden!"

"Okay", nickte Kingsroad. "Ein Treffen wäre nicht schlecht..."

"Ich habe einen Tisch im Antonio's reserviert. Ein Gourmet-Tempel in Little Italy..."

"Warum nicht?"

Sie warf ihm eine Kusshand zu und wirkte dabei wie eine billige Bordsteinschwalbe. Kingsroad schien das nicht zu stören. Im Gegenteil. Sein Gesichtsausdruck hatte in dieser Sekunde beinahe etwas Weiches.

"Heute Abend um acht?", säuselte sie.

"In Ordnung!"

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"Die Witwe wird rund um die Uhr beschattet", erklärte Mister Jay Chang Lee, während er an seinem Kaffeebecher nippte. "Sie kann ihre Festung in Paterson nicht verlassen, ohne dass sich einer unserer Leute an ihre Fersen heftet und sie auf Schritt und Tritt verfolgt. Selbst wenn uns das in diesem Fall nicht weiterbringen sollte, bringt es doch nebenbei eine Reihe interessanter Erkenntnisse..."

Ich nickte. Lew und ich hatten unserem Chef einen kleinen Bericht über den gegenwärtigen Stand der Ermittlungen geliefert.

"Mit Marvin Kingsroad hätten wir uns auch ganz gerne unterhalten", ergänzte Lew meine Ausführungen. "Aber der ist ja heute morgen wieder auf freien Fuß gekommen. Außerdem lässt sich das ja nachholen..."

Allerdings war fraglich, in wie weit das etwas bringen würde.

Mister Jay Chang Lee sagte dann: "Ich habe übrigens schlechte Nachrichten von der SRD."

"Geht es um das Kaliber der Waffe, mit dem Pitaschwili erschossen wurde?", fragte ich.

"Die Kollegen vom Erkennungsdienst haben jede Menge Geschosse einsammeln müssen und einige stammten tatsächlich aus jener Waffe, mit der auch Ugarimov umgekommen ist."

"Und die, die in Pitaschwilis Körper steckte?"

"Die auch." Mister Jay Chang Lee schlug die Jacke zur Seite und steckte die Hand in die Hosentasche. "Auf einigen der Patronenhülsen waren Fingerabdrücke. Die Kollegen haben sie uns Online übermittelt."

"Dann waren sie also doch nicht solche Vollprofis, wie wir bisher geglaubt haben", mischte sich Lew ein. Es war schon eine Ironie. Da bemühten diese Kerle sich peinlich genau, keinerlei Spuren zu hinterlassen. Und dann hatten sie ihre Waffen mit bloßen Händen geladen und dabei die Hülsen angefasst. Aber vermutlich waren sie auch nicht darauf eingestellt gewesen, sich mit ein paar G-men eine wilde Schießerei zu liefern.

"Sie sagen das, als ob es ein Problem dabei geben würde, Sir", sagte ich.

Mister Jay Chang Lee nickte.

"Die Routineabfrage per Computer war ergebnislos."

"Das bedeutet, dass die Männer, die wir suchen, bislang noch nie kriminell in Erscheinung getreten sind", stellte ich fest. Keine Verhaftung, kein Gerichtsverfahren...

"Klingt äußerst unwahrscheinlich, nicht wahr, Murray?", erriet Mister Jay Chang Lee meine Gedanken.

Ich nickte.

"Kann mal wohl sagen."

Die meisten fingen schließlich irgendwo klein an. Und wenn die Kerle, die sich mit uns eine Schießerei geliefert hatten, irgendwann einmal wegen eines kleineren Deliktes inhaftiert worden waren, wären Fingerabdrücke von ihnen genommen worden.

Eine halbe Stunde später saßen Lew und ich in unserem gemeinsamen Büro. Der Kaffee, den ich trank, kam nur aus dem Automaten und war mit Karens Gebräu nicht zu vergleichen. Ich saß da und stierte auf den Computerbildschirm auf meinem Schreibtisch.

Ich ließ mir die Fingerabdrücke zeigen, die auf den Patronenhülsen gefunden worden waren. Täglich werden in den USA ungefähr 30.000 Fingerabdrücke der zentralen Kartei des FBI-Hauptquartiers in Washington angefügt. Insgesamt sind dort inzwischen Fingerabdrücke von mehr als 250 Millionen Menschen gespeichert. Die Hälfte davon stammt von Kriminellen, die erkennungsdienstlich behandelt wurden. Die andere Hälfte von registrierten Beamten und Angehörigen der US-Bundesbehörden sowie der Streitkräfte. Dazu kamen noch Leute, die sich dort um einen Arbeitsplatz beworben hatten, aber abgelehnt worden waren. Außerdem gab es noch Prints aller Einwanderer. Das Computerprogramm zum automatischen lesen der Abdrücke trug die Bezeichnung AIDS, was in diesem Fall die Abkürzung für Automated Identification Division System war. Es war kinderleicht. Man gab eine passende Rubrik an, zum Beispiel "Criminal", und dann suchte AIDS online und innerhalb von Sekunden nach demjenigen, zu dem die Abdrücke gehörten... Ich startete sicherheitshalber erneut eine Abfrage. Lew bedachte mich mit einem stirnrunzelnden Blick.

"Traust du den Kollegen nicht?", grinste er.

In der Rubrik Criminal - Krimineller - war tatsächlich nichts zu holen. Vermutlich haben die Kollegen nur in dieser Rubrik abgefragt, ging es mir durch den Kopf. Und das ergab auch Sinn! Ich ging per Mausklick in die anderen Rubriken. Es war lediglich ein Griff nach dem Strohhalm. Vielleicht waren die Kerle in der Army gewesen oder...

Im Polizeidienst!

"Sieh an", sagte ich, als die Daten endlich auf dem Schirm erschienen.

Der Mann, von dem die Fingerabdrücke stammten, hieß Chuck Graymont, 37 Jahre alt, hochgewachsen und blond.

Zunächst war er bei den Marines gewesen, danach im Polizeidienst. In Jersey City war er in verschiedenen Abteilungen der Kriminalpolizei gewesen. Einige Jahre in der Drogenfahndung, dann bei den Ermittler der Mordkommission. Er hatte einige Disziplinarverfahren hinter sich und war schließlich im Rang eines Lieutenants aus dem Dienst entlassen worden. In den Disziplinarverfahren ging es immer wieder um Misshandlung von Verdächtigen.

Für ein Gerichtsverfahren hatten die Vorwürfe offenbar nie ausgereicht. Jedenfalls war es nicht dazu gekommen. Daher war er auch nicht in der Rubrik Criminal zu finden gewesen.

Wie auch immer: Graymont war von seinen Vorgesetzten offenbar als untragbar angesehen und entlassen worden.

"Ich frage mich, was der heute treibt", meinte Lew, der über meine Schulter hinweg mitgelesen hatte.

Leider war das Bild, das bei den Daten war, wohl nicht mehr auf dem neuesten Stand. Aber eine gewisse Ähnlichkeit mit den Phantombildern war nicht zu leugnen...

Ich versuchte mich an Einzelheiten im Gesicht des Mannes mit der Spiegelbrille zu erinnern, der Pitaschwili umgelegt hatte.

Ich gab es wieder auf.

Es war zwecklos.

"Wir müssen alles zusammentragen, was wir über den Kerl herauskriegen können", meinte Lew. "An erster Stelle wären da wohl das Jersey Police Department und das Marine Corps zu nennen!"

Ich nickte.

Das allerwichtigste war jedoch, Graymonts aktuellen Aufenthaltsort herauszufinden. Und das konnte wie die Suche nach der berühmten Stecknadel im Heuhaufen aussehen...

"Ich frage mich, für wen dieser Graymont jetzt arbeitet", murmelte ich zwischen den Zähnen hindurch.

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Lew und ich machten uns auf den Weg auf die andere Seite des Hudson. Wir nahmen den Holland Tunnel und dann ging es nach Süden. Es war ein Katzensprung bis Jersey City, von wo aus man mitunter einen schönen Ausblick auf die Freiheitsstatue und die Skyline von Lower Manhattan mit seiner imposanten Wolkenkratzer-Architektur hatte.

Graymonts Entlassung war zwei Jahre her.

Wir sprachen mit Captain George F. Manzoni, seinem direkten Vorgesetzten. Er empfing uns in seinem Büro. Auf dem Schreibtisch lagen Packungen eines Pizza-Service. Offenbar hatte Captain Manzoni gerade gegessen.

"Er war ein cholerischer Typ", berichtete er uns. "Unbeherrscht und oft mehr mit dem Gefühl als dem Hirn bei der Sache. So etwas kann nicht gut gehen. Nicht in dem Job, den wir machen..."

"Verstehe", meinte ich.

"Er war ein exzellenter Schütze. Das hatte man ihm bei den Marines wirklich gebracht. Egal mit welcher Waffe. Auf dem Schießstand hatte er immer die besten Ergebnisse des ganzen Departments. Aber ansonsten war er eben jemand, auf den man sich nicht verlassen kann."

"Wo kann man ihn finden?"

Manzoni zuckte die Achseln.

"Keine Ahnung. Seine letzte Adresse kann ich Ihnen geben, aber dort wohnt er nicht mehr. Er ist einfach verschwunden."

"Halten Sie es für möglich, dass er in kriminelle Kreise abgerutscht ist?"

"Nach dem, was Sie mir berichtet haben, muss ich das ja annehmen, Agent Abdul. Allerdings..."

Er zögerte.

Dann kratzte er sich nachdenklich am Kinn.

"Was?", hakte ich nach.

"Ich kannte ihn seit der Zeit, als er hier im Department angefangen hat. Als er noch in der Drogenabteilung war etwas flüchtiger, später ziemlich gut..." Er schüttelte energisch den Kopf. "Das, was Sie mir erzählen, passt nicht zu ihm. Er war nicht kaltblütig genug dafür. Außerdem hatte er immer ein sehr ausgeprägtes Empfinden für Gerechtigkeit. Wenn er meinte, dass irgendwo jemand ungerecht behandelt wurde, konnte er fuchsteufelswild werden." Manzoni zuckte die breiten Schultern und setzte dann noch hinzu: "Offenbar kannte ich ihn nicht gut genug."

Wir verabschiedeten uns von Captain Manzoni.

Chuck Graymont hatte in einem anonymen Apartmenthaus gewohnt. Die Wohnung war längst weitervermietet. Immerhin wusste einer seiner Nachbarn über ihn zu berichten, dass er es nach seiner Zeit bei der Polizei als Nachtwächter versucht habe.

Eines Tages hatte er dann einfach seine Zelte abgebrochen.

Immerhin bekamen wir heraus, dass er eine Tante in Yonkers hatte, von der ab und zu Post gekommen war. Andere Angehörige schien es nicht zu geben.

In Yonkers mussten wir dann feststellen, dass die besagte Tante vor einem halben Jahr verstorben war. Eine tragische Geschichte, die wir durch Recherchen bei Freunden und Nachbarn erfuhren. Die Tante starb durch einen Verkehrsunfall. Ein jugendlicher Drogendealer hatte einen Porsche geknackt und war damit vor der Polizei auf der Flucht. Mit geradezu halsbrecherischer Fahrweise war er durch ein Wohngebiet gebrettert. Chuck Graymont war bei der Beerdigung gewesen, wie uns eine Freundin der Toten berichtete.

Es dämmerte bereits, als wir zurück in Manhattan waren.

Und dann erreichte uns der Funkspruch aus der Zentrale...

Eine Nachricht, die mich sofort das Blaulicht auf das Dach des Wagens aufsetzen und Gas geben ließ.

Richtung Little Italy.

Dort, wo die Mott Street auf die Grand Street traf, war im Augenblick der Teufel los...

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Das Antonio's an der Ecke Grand/Mott Street gab es erst ein halbes Jahr, aber es war schon in aller Munde als eines der besten italienischen Restaurants des Big Apple. Eine Nobel-Adresse, wo die Gutbetuchten ein- und ausgingen. Oder auch die, die zeigen wollten, dass sie dazugehörten. Es war eine In-Adresse.

Jelena Ugarimov und Marvin Kingsroad saßen sich an einem zierlichen, runden Tisch gegenüber und stießen ihre Weingläser aneinander.

An den Tischen rechts und links saßen die Bodyguards beider Seiten. Unter den Jacketts beulten sich die Schulterholster. Wachsam ließen sie die Blicke schweifen.

Draußen vor der Tür waren ebenfalls Männer postiert, die die Gegend beobachteten.

Die Ereignisse der letzten Zeit hatten beide Parteien sehr nervös gemacht.

Außer Jelena, Kingsroad und ihrem jeweiligen Gefolge gab es an diesem Abend keine Gäste im Antonio's. Jelena hatte für dieses Treffen kurzerhand das Lokal gemietet. Die Summe, die sie dem Inhaber angeboten hatte, war so phantastisch, dass er nicht hatte nein sagen können.

Er hätte es vielleicht auch sonst nicht getan.

Schließlich wusste er nur zu gut, dass es Leute gab, mit denen man sich besser nicht anlegte...

"Ich bin froh, dass wir in dieser gemütlichen Atmosphäre einige Dinge besprechen konnten, die für unser beider Zukunft von entscheidender Bedeutung sein könnten", säuselte die schöne Jelena. Das Kleid, das sie an diesem Abend trug war nur ein Hauch. Aber das war Kalkül.

Kingsroad lächelte breit.

"Ich bin beeindruckt", meinte er mit Blick auf ihren tiefen Ausschnitt. "Sie sind jemand mit Mut und das imponiert mir."

"Was Sie nicht sagen."

"Was mich persönlich interessieren würde: Geht Big Vlads Tod auf Ihr Konto? Jetzt könnten Sie es mir doch sagen."

Ihr Lächeln war eiskalt.

"Solange Sie mir so etwas zutrauen, werden Sie mich respektieren, Marvin. Ich werde daher den Teufel tun und irgendetwas dazu sagen."

Die Maskierten tauchten urplötzlich aus einer der Seitentüren auf, die zum Küchentrakt und den Privaträumen des Besitzers führten. Dunkle Strickhauben mit Augenlöchern verdeckten ihre Gesichter.

Sie waren zu zweit.

Und sie hatten kurzläufige MPis bei sich.

Die Killer waren sehr schnell.

Mündungsfeuer blitzten auf.

Das Rattern der Maschinenpistolen überdeckte die mit dezenter Lautstärke gespielten italienischen Schlager, die im Hintergrund liefen.

Eine hämmernde Melodie des Todes.

Noch ehe der erste der Bodyguards seine Waffe herausgerissen hatte, ging bereits ein Ruck durch dessen Körper. Blut quoll aus einer Wunde in der Herzgegend, und das Hemd war innerhalb von Sekunden tiefrot.

Marvin Kingsroad drehte sich mit fassungslosem Gesicht halb herum.

Nicht einmal ein Schrei gelangte noch über die Lippen des Rastamans. Die Einschüsse durchlöcherten seinen Brustkorb und seine Stirn. Er rutschte nach hinten und riss den Stuhl mit sich. Marvin Kingsroad knallte auf den Boden und blieb in seltsam verrenkter Stellung liegen. Sein Bodyguard zur Linken hatte gerade seine Automatik in Anschlag gebracht, als der Kugelhagel ihn zusammenzucken ließ. Die Kugeln zerfetzten den edlen Zwirn seines Maßanzugs. Das blütenweiße Hemd wurde rot und er krachte gegen den Tisch.

Jelena Ugarimov lag zu diesem Zeitpunkt bereits reglos auf dem Boden. Eine Blutlache bildete sich neben ihrem Kopf und wurde immer größer und größer.

Die beiden Killer wichen zurück in Richtung der Küchentür. Antonio Carelli, der Besitzer des Lokals stand mit schreckgeweiteten Augen und völlig reglos in einer Nische. Dort befand sich die Garderobe. Der Italiener wagte es in in diesem Moment nicht einmal, heftig zu Atmen.

Die Killer schossen noch immer wie von Sinnen.

Das Holz der Tische splitterte.

Stühlen wurden die Lehnen förmlich durch den Kugelhagel abrasiert.

Die beiden überlebenden Leibwächter hatten sich zu Boden geworfen und gaben jetzt Feuerstöße ab. Aber ihre Automatiks hatten der rohen Feuerkraft der Maschinenpistolen kaum etwas entgegenzusetzen.

Einer der Leibwächter schrie auf, als eine Kugel ihn an der Schulter erwischte.

Der Bodyguard fluchte lauthals.

Es war einer von Kingsroads Männern.

Der andere rollte sich am Boden herum und verschanzte sich hinter einem umgestürzten Tisch. Er tauchte kurz dahinter hervor und ballerte zweimal in Richtung der Küchentür.

Die Kugeln schlugen dicht neben dem Kopf von einem der Maskierten ein. Dann liefen die beiden Killer den langen Flur in Richtung Küchentrakt. Niemand stellte sich ihnen in den Weg. Es wäre Selbstmord gewesen.

In der Küche brutzelte es.

Herzhafte Gerüche erfüllten die Luft.

Dann erreichten sie den offenstehenden Hinterausgang, durch den sie auch hereingekommen waren.

Sie gelangten in einen Hinterhof, von dem aus ein schmaler Gang wieder zurück zur Hauptstraße führte.

Doch dorthin würden sie nicht gehen.

Sie mussten über die Mauer, die den Hinterhof begrenzte. Dahinter befand sich eine schmale Seitenstraße, in der ihr Wagen wartete. Die Strickleiter, mit der sie die Mauer vor wenigen Minuten in die andere Richtung überwunden hatten, hing noch da.

Die beiden Killer verloren keine Sekunde.

Der Größere der beiden setzte bereits seinen Fuß hinein und kletterte die Mauer empor. Die MPi hing ihm an einem Riemen um die Schulter, so dass er die Hände frei hatte.

Er war schon oben auf der Mauer, als plötzlich Schritte zu hören waren.

Jemand lief den schmalen Gang entlang, der den Hinterhof mit der Hauptstraße verband.

"Halt stehenbleiben!", rief eine heisere Männerstimme.

"FBI! Werfen Sie die Waffe weg!"

Zwei Männer näherten sich mit der Waffe im Anschlag. Sie trugen den Polizeitypischen 38er Smith & Wessen beidhändig.

Die kurzen Läufe zeigten in Richtung der flüchtenden Killer.

Einen ganz kurzen Augenblick lang hing alles in der Schwebe.

Die beiden Killer erstarrten für den Bruchteil einer Sekunde mitten in der Bewegung. Der Kleinere der beiden, dessen Körperbau leicht untersetzt war, befand sich noch mit beiden Beinen auf dem Boden. Seine Muskeln und Sehnen waren angespannt. Man sah ihm förmlich an, mit welchem Gedanken er spielte: Die MPi herumzureißen und loszuballern.

Irgendetwas ließ ihn aber zögern.

Statt dessen handelte der andere, der oben auf der Mauer saß. Er riss die MPi herum und feuerte.

Und einen Sekundenbruchteil später drückte auch der zweite Killer seine Waffe ab.

Einer der G-men sackte mit einem Schrei in sich zusammen, während der Zweite hinter eine Mülltonne in Deckung hechtete.

Dreimal kurz hintereinander drückte er dabei seinen 38er ab, während das breitgestreute und etwas ungenaue Feuer seiner Gegner bedrohlich dicht neben ihm einschlug. Löcher wurden in die Blechtonne gestanzt.

Und dann schoss der G-man noch einmal zurück.

Die Kugel des 38er traf den Kleineren der beiden Killer am Oberkörper. Der Kerl wurde zurückgerissen und rutschte an der Wand hinunter zu Boden. Die MPi sackte zu Boden.

Und der Mann, der sich oben auf der Mauer befunden hatte, war weg.

Auf und davon.

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Als wir an der Ecke Grand Street und Mott Street in Little Italy anlangten, hatten wir eine Blaulicht-Reise durch halb Manhattan hinter uns. Den Broadway hatten wir am Union Square verlassen und waren dann die Fourth Avenue hinuntergebrettert, deren Verlängerung die Bowery ist. Als wir dann in die Grand Street einbogen, fielen uns schon nach kurzer Zeit die zahlreichen Blaulichter in der Dämmerung auf.

Zahlreiche Einsatzfahrzeuge der City Police standen überall herum. Ein Krankenwagen war auch zu sehen. Dazu kamen noch einige Zivilfahrzeuge, die nicht gleich als Dienstwagen von FBI, NYPD oder dem zentralen Erkennungsdienst der Scientific Research Division erkennbar waren.

Und natürlich jede Menge Schaulustige, die von den uniformierten Police Officers in Schach gehalten mussten.

Wir parkten den Wagen etwas abseits und näherten uns mit gezückten Ausweisen dem Antonio's.

Im Groben waren wir über Funk bereits unterrichtet worden.

Was wir da hatten hören müssen, war mehr als beunruhigend...

Jelena und Kingsroad - beide tot.

Aber dazu hatte es auch einen jungen G-man erwischt, der zusammen mit seinem Partner damit beschäftigt gewesen war, Jelena Ugarimov zu beschatten. Natürlich hatten die beiden als erste die Ballerei mitbekommen.

Und dann war auch noch einer der Killer ums Leben gekommen.

Die Uniformierten ließen uns passieren. Und einige Augenblicke später befanden wir uns im völlig demolierten Antonio's. Eine regelrechte Schlacht hatte hier getobt.

"Hallo, Murray", sagte eine gedämpfte Stimme. Sie gehörte Cleve Carravaggio. Orry Ermikoah sah ich auch. Er stand etwas abseits und unterhielt sich gerade mit jemandem, der aussah, als könnte er der Wirt sein.

"Die beiden Kerle kamen durch die Küche...", berichtete der Mann.

Orry hatte viel Geduld mit ihm.

Der Kerl war völlig durcheinander. Er stammelte in einer Mischung aus Italienisch und Englisch daher. Nicht alles ergab dabei auf Anhieb einen Sinn.

Ein Team der Spurensicherung tummelte sich außerdem im Restaurant.

Cleve trat auf mich zu.

"Das war der bislang größte Coup dieser Wahnsinnigen", meinte er. "Gleich zwei auf einen Streich..."

Ich blickte zu Jelenas totem Körper hinüber.

"Die Ugarimov-Witwe scheidet jetzt wohl endgültig aus der Reihe der Verdächtigen aus, was?"

"Ja." Er atmete tief durch. "Um Agent Cross tut es mir leid. Er kam frisch von der FBI-Akademie in Quantico..." Ich sah, wie sich Cleves Hände unwillkürlich zu Fäusten ballten.

Auch in mir stieg Wut auf.

Wir G-men machen einen gefährlichen Job und leider kommt es immer wieder vor, dass einer von uns im Kampf gegen das Verbrechen sein Leben lässt. Aber gewöhnen kann ich mich an diese Tatsache nicht.

"Wo ist der Killer, den es erwischt hat?", fragte Lew indessen.

Cleve machte eine Bewegung mit der Hand.

"Draußen im Hinterhof."

"Weiß man schon etwas über ihn?", hakte Lew dann nach.

Cleve Carravaggio nickte.

Er hob die Augenbrauen und stemmte die Hände in die Hüften. "Ihr werdet es nicht glauben. Das ist der Hammer..."

Ich sah ihn stirnrunzelnd an.

"Was?"

"Der Killer war ein Cop. Vielleicht kennst du ihn. Captain Webbs, Leiter der Mordkommission des 18.Reviers."

"Und ob ich den kenne", zischte ich zwischen den Zähnen hindurch.

Ich dachte an Chuck Graymont.

Ein Cop und ein Ex-Cop.

Irgendwie passte das zusammen. Und zwar auf eine Weise, die mir überhaupt nicht gefiel.

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In der City Police gab es insgesamt 283 Beamten im Rang eines Captains, darunter die Leiter der 75 Polizeireviere und die Chefs der Spezialabteilungen für bestimmte Verbrechen, die es auf jedem Revier gab. Mordkommissionen zum Beispiel.

Und einer dieser Captains war heute in einem Feuergefecht mit FBI-Agenten erschossen worden.

Billy Webbs, ein Mann, der in der Stadt als Muster-Cop gegolten hatte.

Ausgerechnet er.

Ich erinnerte mich an unsere Begegnung in Ugarimovs Penthouse. In seiner Position war es nicht schwer, eventuelle Spuren doch noch zu verwischen. Deswegen hatte ihm unser schnelles Auftauchen nicht gepasst.

Lew und ich fuhren noch am Abend auf das 18. Revier und saßen dort Captain Eric Fernandez gegenüber, einem dunkelhaarigen Mann mit braunen, sehr ernst dreinblickenden Augen und einem etwas zu buschigen Schnurrbart. Er hatte sich seine Krawatte gelockert und bot uns Automatenkaffee in Pappbechern an. Seinen Zügen war deutlich anzusehen, wie sehr ihn die Nachricht von Webbs' Tod mitnahm.

"Gibt es Angehörige?", fragte ich.

Captain Fernandez nickte. "Billy lebte mit seiner Schwester zusammen in einer Eigentumswohnung draußen in Queens. Die hatte er von seinen Eltern geerbt."

"Er hatte keine eigene Familie?"

"Der?" Fernandez schüttelte den Kopf. "Der hat nur für den Job gelebt. Wissen Sie, als er hier im Achtzehnten anfing, dachte ich erst, er wäre nur karrieregeil. Aber das war es nicht..." Der Revierleiter nippte an seinem Kaffee, der so dünn war, dass er kaum den Namen verdiente.

"Was war es dann?", fragte ich.

"Hunger nach Gerechtigkeit. So würde ich das nennen. Er hatte der Aufgabe, das Verbrechen zu bekämpfen sein Leben gewidmet. Und darüber hinaus war für kaum etwas Platz. Er war wirklich ein Vorzeigecop, wie es nur ganz wenige gibt. Er fiel die Karriereleiter so steil nach oben, dass manche schon gemunkelt haben, es könnte dabei nicht mit rechten Dingen zugehen."

"Und? Ging es mit rechten Dingen zu?"

"Er war einfach nur gut und die, die etwas anderes behaupteten nur neidisch."

"Wie groß war das, was Sie Hunger nach Gerechtigkeit genannt haben?", hakte ich nach.

Fernandez sah mich fragend an. "Worauf wollen Sie hinaus, Agent Abdul?"

"Könnte es sein, dass Webbs das Gesetz sozusagen in die eigenen Hände nehmen wollte?"

Fernandez blickte mich nicht an. Er ließ sich in seinen Drehsessel sinken, dessen Hydraulik unter ihm in die Knie ging.

Dann sprach er mit gedämpfter Stimme.

"Vor einem Jahr wurde sein damaliger Partner im Dienst von Gangstern erschossen. Die Täter konnte nie ermittelt werden. Seitdem veränderte Billy sich..."

"In wie fern?"

"Er wurde sehr verschlossen. Früher haben ihm Sonderschichten und Wochenenddienste nie etwas ausgemacht. Jetzt hatte er immer etwas zu tun... Der Job schien nicht mehr sein einziger Lebensinhalt zu sein."

"Ist das an sich nicht positiv?", fragte Lew.

"Sicher. Aber er bekam gleichzeitig recht radikale Ansichten. Die Justiz sei zu lasch, und die Mittel des Gesetzes würden nicht ausreichen, um dem Verbrechen Paroli zu bieten. Bürgerrechte hätten diese Schweinehunde nicht verdient."

"Das kratzt etwas an seinem Super-Cop-Image", kommentierte Lew Fernandez' Aussage.

Dieser zuckte die Schultern.

"Dienstlich gab es nie etwas an ihm auszusetzen. Wenn Sie übrigens noch Genaueres wissen wollen, dann unterhalten Sie Sie sich am besten mit Lieutenant James Crasco. Die beiden waren eine Weile eng befreundet."

Ich fragte: "Wo finden wir den?"

"Er hatte ein paar Tage frei. Überstunden abfeiern. Soweit ich weiß, wollte er nach Vermont. Aber morgen früh sitzt er garantiert wieder an seinem Schreibtisch!"

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Mit ziemlich gemischten Gefühlen fuhren wir hinaus nach Queens, in die große Schlafstadt New Yorks. Hier lebten die, die nicht reich genug waren, um bewundert zu werden und nicht arm genug, um Mitleid zu erregen. Statt dessen wurden sie die Zielscheibe des allgemeinen Spotts: Die Mittelschicht.

Der Tod von Webbs und die Fingerabdrücke von Graymont.

Beides zusammen gab dem Fall eine völlig neue Richtung.

"Für mich sieht das sehr nach einem Feme-Mörder-Komplott aus", meinte ich und Lew stimmte mir zu.

"Cops, die das Gesetz in die eigene Hand nehmen." Er schüttelte mit grimmigem Gesicht den Kopf. "Außer Misserfolg gibt es nichts, was unserem Ruf so sehr schadet."

"Das ist leider wahr", erwiderte ich.

"Immerhin scheint die Variante mit dem unbekannten Syndikat jetzt vom Tisch zu sein."

"Ich weiß nicht, ob ich mich wirklich darüber freuen soll", erwiderte ich. "Im Übrigen scheint der Gegner, mit dem wir es zu tun haben, ebenfalls hervorragend organisiert zu sein..."

Webbs und Graymont hatten nicht allein und auf eigene Faust gehandelt. Das war uns beiden klar. Es gab zumindest noch einen dritten Mann...

Und die Tatsache, dass sie so außerordentlich gut informiert gewesen waren, sprach eher dafür, dass die Killer, mit denen wir es bislang zu tun gehabt hatten, nur die Spitze eines Eisbergs darstellten.

Die Eigentumswohnung, die Webbs zusammen mit seiner Schwester bewohnte, lag im fünften Stock eines ziemlich anonymen Apartmenthauses, das sicher schon einmal bessere Zeiten gesehen hatte.

Wir klingelten an der Haustür. Aber wir brauchten nicht zu warten, bis uns jemand öffnete. Eine junge Frau kam uns entgegen, als sie gerade das Apartmenthaus verließ. Sie sah uns etwas erstaunt an und Lew hielt ihr den Ausweis hin.

"Das geht schon in Ordnung, Ma'am", sagte er dazu.

Die junge Frau nickte.

Wir hatten für alle Fälle Webbs Schlüsselbund bei uns, den wir am Tatort in Little Italy an uns genommen hatten.

Allerdings hoffte ich, dass wir Webbs' Schwester Catherine in der Wohnung antreffen würden. Vielleicht konnte sie uns mit ihrer Aussage weiterhelfen.

Wir nahmen den Aufzug.

Dann ging es einen langen, recht kahlen Flur entlang.

Als wir dann vor Webbs' Wohnungstür standen, stockten wir mitten in der Bewegung.

Die Tür stand einen winzigen Spalt breit offen.

"Miss Webbs?", fragte ich laut. "Miss Catherine Webbs? Hier ist das FBI!"

Keine Antwort.

Mein Instinkt warnte mich.

Und dann hörten wir ein Geräusch. Schnelle, hektische Schritte. Dann herrschte Stille.

"Miss Webbs!", rief ich noch einmal. "Hier spricht das FBI!"

Lautlos zogen wir unsere Waffen aus den Gürtelholstern.

Ich wechselte einen kurzen Blick mit Lew.

Dieser nickte dann.

Im nächsten Moment holte ich zu einem gewaltigen Fußtritt aus, der die Tür zur Gänze aufspringen ließ.

Mit der 38er im Anschlag stürmte ich vorwärts, während Lew mich von hinten sicherte. Innerhalb von Sekundenbruchteilen glitt mein Blick durch einen Raum, der die Form eines Halbrunds hatte. Ich sah eine Garderobe, an der ein Mantel hing. Eine etwas hausbacken wirkende Kommode mit einem ultramodernen Telefon darauf. Daneben das New Yorker Telefonbuch, das wie ein riesiger Backstein aussah.

Niemand war zu sehen.

Von diesem halbrunden Empfangsraum aus, führten Türen in die anderen Räume der Wohnung.

Die Tür ganz links stand halb offen.

Licht brannte dort.

Ein schabendes Geräusch drang an mein Ohr, wie von einem über den Boden schlurfenden Schuh.

"Hier ist das FBI! Kommen Sie mit erhobenen Händen heraus!", rief ich und bekam eine postwendende Antwort in Form eines Geschosses. Es krachte durch die halb geöffnete Tür hindurch und pfiff dicht an meiner Seite vorbei. Irgendwo hinter mir blieb es in der Wand stecken und ließ die Tapete von der Wand herunterblättern.

Mit einem Sprung war ich neben der Tür ganz links und presste mich gegen die Wand. Die nächste Bleiladung krachte derweil durch das dünne Holz der Tür hindurch und riss ein weiteres, beinahe handgroßes Loch hinein.

Dann hörte ich Schritte.

Ich stieß die Tür mit einem Tritt auf.

In dem Raum dahinter herrschte ein einziges Chaos. Es war eine Art Wohnzimmer. Schubladen waren aus den Schränken gerissen und auf den Fußboden entleert worden. In einer Ecke stand ein Schreibtisch, dessen verschließbare Fächer aufgebrochen worden waren. Einer der klobigen Sessel war umgestürzt.

Ein kühler Luftzug kam durch das offene Fenster herein.

Niemand schien im Raum zu sein.

Ich durchquerte das Chaos. Aus den Augenwinkel sah ich, dass Lew jetzt an der Tür war.

Ein paar Schritte und ich hatte das Fenster erreicht. Ich blickte hinab. Feuertreppen führten hinunter. Und irgendwie erwartete ich, ein paar hektische, metallisch scheppernde Schritte auf den aus Rosten gefertigten Stufen zu hören.

Aber da war nichts. Ich lauschte in die Nacht. Ein Gemisch aus Straßenlärm und einigen anderen, undefinierbaren Geräuschen drang an mein Ohr. Aber nicht das, was ich erwartete.

Mein Blick ging forschend über den Hinterhof. Dort herrschte schlechte Sicht. Es war ziemlich dunkel. Und in den großen, dunklen Schatten konnte der Kerl, den wir hier auf frischer Tat erwischt hatten, sich sehr wohl verbergen.

Aber ich glaubte nicht daran.

Mein Instinkt sagte mir, dass er so weit noch nicht geflohen sein konnte. Es war unmöglich.

Ich wandte mich kurz zu Lew herum und sagte leise: "Er muss noch auf der Feuertreppe sein. Ich bin mir sicher."

"Wenn wir ihn kriegen, kann das der Schlüssel zur Lösung dieses Falles sein."

"Ich weiß. Versuch, mir Feuerschutz zu geben, okay?"

"Okay, Murray!"

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Vorsichtig brachte ich eine Stufe nach der anderen hinter mich. Die Feuertreppe führte im Zickzack in die Tiefe. Ich hatte den 38er im Anschlag und beobachtete aufmerksam den großen dunklen Fleck, der über den unteren beiden Absätzen zu hängen schien. Dort konnte mein Kerl in aller Geduld auf mich warten.

Warten auf den günstigsten Zeitpunkt, um den G-man, der ihm auf den Fersen war, ins Jenseits zu schicken.

Stufe um Stufe brachte ich hinter mich und hatte dabei das untrügliche Gefühl, eine Zielscheibe zu sein. Ich versuchte, keinen Laut zu verursachen. Aber das war schwierig. Die Stahlschrauben, mit denen die Stufen befestigt waren, saßen nicht mehr fest genug. Die Stufen waren locker und wenn man nicht aufpasste, gab es ein schepperndes Geräusch.

Den ersten Absatz hatte ich schließlich erreicht.

Und eine lange Minute später auch den zweiten.

Ich sah kurz hinauf zu Lew.

In der nächste Sekunde blitzte etwas in der Dunkelheit auf.

Ein Schuss pfiff dicht an mir vorbei und berührte den Handlauf der Feuertreppe. Funken sprühten. Auch der zweite Schuss kratzte am rostigen Metall.

Ich riss den 38er herum und schoss dorthin, wo ich das Mündungsfeuer hatte aufblitzen sehen. Es war ein Schuss aufs Geratewohl.

Lew schoss auch, obwohl er von seiner Position aus sicher noch geringere Chancen hatte, den Kerl zu treffen, als ich.

Eine Gestalt lief dann quer über den Hinterhof. Nur für einen Sekundenbruchteil sah ich den Kerl im Licht, das aus einer Fensterfront drang. Er ballerte in meine Richtung.

Immer wieder drückte er seine Waffe und deckte mich regelrecht mit Geschossen ein. Allerdings waren seine Schüsse glücklicherweise nicht sehr präzise.

Ich kauerte in geduckter Haltung da und starrte ihn an. Der Kragen seiner Jacke war hochgeschlagen. Nur die Augen waren zu sehen. Sein Haar wurde von einer Mütze bedeckt. Eine brauchbare Beschreibung würde ich von ihm nicht liefern können.

Noch einmal drückte er ab.

Dann machte es klick.

Er hatte seine Waffe leergeschossen. Ich tauchte aus meiner unvollkommenen Deckung hervor und richtete den 38er in seine Richtung.

"Stehenbleiben!", rief ich.

Er rannte in die Dunkelheit.

Einen Warnschuss feuerte ich ihm dicht hinter die Füße, doch dann war er in der Dunkelheit verschwunden.

Ich stolperte die Feuertreppe hinunter. Zwei, drei Stufen nahm ich mit einem Sprung. Ich wusste, dass ich schnell sein musste. Sonst war der Kerl entweder endgültig über alle Berge oder hatte zumindest seine Waffe nachgeladen.

Lew folgte mir.

Ich hörte seine Schritte auf den Blechstufen.

Endlich war ich unten, auf dem Asphalt des Hinterhofs angelangt. In einer Entfernung von vielleicht zwanzig Metern stand eine Gruppe von Müllcontainern. Dort sah ich eine Bewegung. Instinktiv ließ ich mich seitwärts fallen. Ein Schuss bellte auf. Ich rollte mich am Boden herum und feuerte mit meinem 38er Smith & Wesson zurück.

Einmal noch ballerte unser Gegner in meine Richtung.

Der Schuss ging ins Nichts.

Dann herrschte Ruhe bei den Containern.

Vielleicht eine trügerische Ruhe. Ich rappelte mich auf und näherte mich in geduckter Haltung den Containern. Es war niemand mehr dort.

Eine Ausfahrt führte zur nächsten Straße, die ziemlich stark befahren war. Autos rasten in einem steten Rhythmus an der Ausfahrt vorbei. Selbst um diese Zeit noch.

Ich bewegte mich vorwärts, die Waffe immer noch im Anschlag.

Als ich die Straße erreichte, wusste ich, dass wir verloren hatten. Der Kerl war uns entwischt. Ich blickte den Bürgersteig in beide Richtungen entlang. Nirgends war jemand zu sehen.

Hinter mir vernahm ich Schritte. Es war Lew, der sich ebenfalls mit der Waffe in der Hand näherte. Ich drehte mich halb herum und schüttelte den Kopf.

"Der ist weg", meinte ich.

Lew nickte düster. "Ein gewöhnlicher Einbrecher war das ja wohl nicht, Murray."

Ich steckte meinen Revolver weg.

"Da hat jemand ganz schön kalte Füße bekommen."

"Du sagst es."

"Ich hoffe nur, dass der Kerl nicht das gefunden hat, wonach er suchte."

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Nicht lange und in Webbs Wohnung wimmelte es von Polizisten.

Wir hatten ein Team der SRD angefordert, das jetzt alles genau unter die Lupe nahm. Vielleicht gelang es uns, einen Hinweis zu finden. Ich sah mir das Telefonregister an. Viele Namen waren nicht darin eingetragen. Die meisten waren dienstlich. Sein Revier, Nummern von Kollegen. Billy Webbs schien tatsächlich jemand gewesen zu sein, der kaum private Freundschaften pflegte. Aus welchem Grund auch immer.

Aber eine Eintragung fiel mir auf.

Reverend Paul Maranero.

Ehrlich gesagt hatte ich nicht erwartet, in Webbs jemanden zu finden, der besonders gläubig war. Irgendwie schien mir seine gesamte Lebenseinstellung zu pessimistisch.

Als ich Lew darauf ansprach, meinte dieser: "Den Reverend sollen wir unbedingt befragen. Wäre doch möglich, dass er ihm Dinge anvertraute, über die er sonst mit niemandem gesprochen hätte. Murray, das war ein Mann, der von der Welt tief enttäuscht war. Er kämpfte gegen das Verbrechen und musste mitansehen, wie viele von denen, die er überführt zu haben glaubte, wieder auf freien Fuß kamen. Und er musste miterleben, wie sein Partner ermordet wurde. Zweifellos hat er sich immer wieder nach dem Grund gefragt. Warum? Wie kann so etwas geschehen? Das sind Fragen, die schon manche Leute geradewegs zu einem Prediger geführt haben."

Ich nickte langsam.

"Vielleicht hast du recht."

Eine halbe Stunde später erschien dann eine junge Frau in der Wohnungstür. Sie sah ziemlich fassungslos aus, als sie das Chaos sah, das hier herrschte.

Sie hatte schulterlanges, blondes Haar, das ihr in einer offenen Mähne hinunterfiel. Ihre Züge waren feingeschnitten.

Sie trug Jeans, Pullover und eine Jacke. Aber auch dieses eher praktische Outfit konnte ihre gute Figur nicht verbergen. Mit einer fahrigen Geste strich sie sich das Haar zurück und sah mich an, als ich und Lew uns zu ihr umdrehten.

"Wer gibt Ihnen das Recht..."

"Murray Abdul, FBI", unterbrach ich sie und hielt ihr meinen Dienstausweis hin. Ich deutete auf Lew. "Das ist mein Kollege Special Agent Lew Parker. Sie sind..."

"Catherine Webbs", sagte sie gereizt. "Und ich wohne hier."

"Woher kommen Sie jetzt?"

"Wollen Sie mich verhören, Mister Abdul?"

"Es war nur eine Frage, Miss Webbs."

Sie atmete tief durch und verschränkte die Arme unter der Brust. Die Reisetasche, die sie bei sich gehabt hatte, stand neben ihr auf dem Boden.

"Ich war ein paar Tage verreist", sagte sie. "Was ist geschehen? Warum...?" Sie sprach nicht weiter. Ich machte einen Schritt auf sie zu. Und dann versuchte ich ihr in knappen Worten zu sagen, was mit ihrem Bruder geschehen war.

Sie sah mich völlig entgeistert an.

Ihr hübsches Gesicht wurde totenblass dabei.

"Sagen Sie, dass das nicht wahr ist", flüsterte sie. "Mein Bruder..." Sie schluckte und schüttelte leicht den Kopf. Ein paar Haarsträhnen fielen ihr in die Augen. Etwas glitzerte auf ihre pfirsichglatten Wange.

Tränen.

Ich fasste sie vorsichtig bei den Schultern. Ihre Augen waren glasig. Ihr Blick leer. Sie wirkte wie unter Schock.

"Das ist nicht wahr", murmelte sie immer wieder.

Ich führte sie zu einem der Sessel.

Sie ließ sich darin fallen.

Und dann schluchzte sie hemmungslos.

Eine brauchbare Aussage würden wir heute kaum noch von ihr bekommen.

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Am nächsten Morgen sahen Lew und ich nochmal im achtzehnten vorbei. Captain Fernandez stellte uns Lieutenant James Crasco vor, der mit Billy Webbs gut bekannt gewesen war.

"Wo können wir uns mit Ihnen ungestört unterhalten?", fragte ich.

Lieutenant Crasco zuckte die Schultern. "Warum nicht in der Kantine? Um diese Zeit ist da noch niemand."

"Meinetwegen."

Fünf Minuten später saßen wir an den etwas schmucklosen Tischen. Sie waren schon ziemlich angejahrt. Aber das ewig überzogene Budget der Stadt New York würde wohl dafür sorgen, dass sie das neue Jahrtausend noch erleben würden.

"Schlimme Sache, das mit Billy", sagte Crasco dann. Er zündete eine Filterlose auf eine so routinierte Weise an, dass sie den Kettenraucher verriet.

Dann sah er Lew und mich nacheinander an und stockte mitten in der Bewegung. "Meine Güte, ich hoffe, Sie gehören nicht zu diesen militanten Nichtrauchern! Neuerdings darf ich noch nicht einmal im Büro qualmen. Nichtraucherschutzgesetz nennt sich das! Von der Kantine mal ganz zu schweigen. Darauf steht schon fast der elektrische Stuhl..." Er lachte heiser und setzte dann mit sehr ernstem Gesicht hinzu: "Ich war schon drei Wochen auf Menthol-Zigaretten umgestiegen, aber jetzt, nach der Sache mit Webbs..." Er atmete tief durch. "Das hat mich schon ganz schön mitgenommen."

Ich sagte: "Erzählen Sie uns alles, was Sie über ihn wissen."

"Meine Güte..."

"Jedes Detail kann wichtig sein."

Crasco stützte das Kinn auf die Faust und wirkte sehr nachdenklich. "Um ehrlich zu sein, in letzter Zeit ist unser Kontakt merklich abgekühlt. Früher sind wir auch mal zusammen zum Bowling gegangen, aber dafür hatte Billy keine Zeit mehr, seit..."

"Seit was?", hakte ich nach.

Crasco blickte auf. "Ich will um keinen Preis das Andenken eines toten Kollegen in den Schmutz ziehen."

"Das ist schon tief genug drin", kommentierte Lew.

Und ich gab zu bedenken: "Es geht um Mord, Lieutenant Crasco."

"Mord an Leuten, die selbst Mörder waren", erwiderte Crasco.

"Das zu entscheiden steht nur einem Gericht zu - nicht uns."

"Ja, ja..."

"Außerdem war unter den Opfern auch ein junger FBI-Agent."

"Hören Sie..."

"Nein, Sie hören mir zu: Ich kann verstehen, dass Ihnen der Tod von Webbs nahegeht. Und ich kann auch die Wut darüber verstehen, dass große Haie mehr oder weniger ungeschoren davonkommen und nur die kleinen Handlanger erwischt und verurteilt werden. Aber es ist Ihre verdammte Pflicht, uns dabei zu helfen, weitere Morde zu verhindern! Denn Webbs handelte kaum auf eigene Faust..."

"Ich habe nicht geglaubt, dass er wirklich ernst macht."

"Womit?", fragte ich.

"Damit, das Gesetz in die eigene Hand zu nehmen, wie er manchmal sagte. Ich sagte doch, dass er keine Zeit mehr zum Bowling hatte."

"Richtig."

"Er verbrachte seine freie Zeit mit Aktivitäten für eine seltsame Organisation, die sich LIGHTWARRIOR nennt."

"Was ist das für eine Organisation."

"Billy hat mich einmal zu einer der Veranstaltungen mitgenommen. Da sprach ein ziemlich fundamentalistischer Geistlicher. Er sagte, der Einfluss des Bösen in der Welt sei nur durch massive Gegengewalt einzudämmen. Dem Abschaum dürfe kein Pardon gegeben werden. Wenn meine Hand faul ist, so schlage ich sie ab! So ähnlich habe ich ihn noch im Ohr. Ob das in der Bibel steht, weiß ich nicht. Dieser Geistliche verdammte die Justiz als Steigbügelhalter des Bösen. Es seien nicht die Gesetze Gottes, denen vor den Gerichten zur Geltung verholfen werde!"

"Was hielten Sie davon?", mischte sich Lew ein.

"Ich bin nur einmal auf einer dieser Veranstaltungen gewesen, dann nie wieder."

"Wann war das?"

"Vor einem Vierteljahr. Für mich war dieser Reverend ein Spinner, den man nicht weiter zu nehmen braucht. Hier in New York gibt es so viele religiöse Richtungen wie Straßenecken. Wozu sich über so etwas aufregen?" Er verzog das Gesicht. "Ich habe sogar fünf Dollar gespendet. Für Verbrechensopfer und deren Angehörige."

Jetzt fragte ich: "Wie war der Name dieses Reverends?"

"Ich erinnere mich nicht mehr! Wie gesagt, ich habe das alles nicht für bare Münze genommen, sondern mir nur gedacht: Ein Mann, dem das Schicksal so mitgespielt hat, wie Webbs, der braucht irgendwo etwas Halt. Und wenn er ihn dort bekommt... Warum nicht?"

"Hieß dieser Mann zufällig Paul Maranero?", hakte ich nach. "Reverend Paul Maranero?"

Crasco sah mich erstaunt an.

Eine Falte bildete sich mitten zwischen seinen Augenbrauen.

Dann nickte er kurz und etwas ruckartig.

"Ja", murmelte er. "Ich glaube, so war der Name. Doch, ich bin mir jetzt sicher. Er hieß Maranero!"

"Noch eine Frage", forderte ich dann. Ich studierte dabei die Veränderungen in Lieutenant Crascos Gesicht haargenau.

Jede Kleinigkeit, jedes Zucken eines Muskels.

"Ja?"

"Haben Sie den Namen Chuck Graymont schon einmal gehört?"

"Sie meinen in Zusammenhang mit Billy?"

"Natürlich!"

"Da war mal ein Chuck... Den Nachnamen weiß ich nicht."

"Erzählen Sie, Lieutenant!"

"Das war auf einer unserer letzten Bowling-Abende. Plötzlich tauchte so ein ziemlich großer Typ auf. Eckiges Gesicht, fast grobschlächtig. Billy stellte ihn mir als Chuck vor. Und dann nahm dieser Chuck Billy kurz zur Seite. Worüber sie redeten, konnte ich nicht verstehen. Aber es schien dringend zu sein. Jedenfalls musste Billy dann plötzlich weg..."

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Catherine Webbs schluckte, als das Telefon läutete. Sie atmete tief durch. Sie hatte lange geschlafen und jetzt trug sie nichts weiter, als einen Seidenkimono. Wieder klingelte das Telefon.

Sie trat mit unter der Brust verschränkten Armen an den Apparat heran.

Das alles ist nur ein Alptraum, ging es ihr durch den Kopf.

Irgendwann muss es doch ein Erwachen geben...

Aber sie wusste, dass es nicht so war.

Dies war die Wirklichkeit.

Billy war tot. Es gab nichts und niemanden, der daran etwas ändern konnte.

Verdammt, ich habe es kommen sehen... Mein dummer Billy! Du bist in dein Verderben gerannt... Und ich habe es nicht verhindern können!

Billy war zwar ein paar Jahre älter als sie. Dennoch hatte sie - besonders seit dem Tod ihrer Eltern - immer ein wenig das Gefühl gehabt, die Vernünftigere von beiden zu sein und auf ihren Bruder aufpassen zu müssen. Vergeblich.

Sie nahm das Telefon ab.

"Ja?"

"Miss Catherine Webbs?"

Der scharfe, schneidende Klang dieser Stimme ließ Catherine unwillkürlich zusammenzucken. Sie erkannte diese Stimme sofort... Eine Gänsehaut überzog ihre nackten Unterarme.

"Was wollen Sie?", fragte sie.

In ihrer Stimme war ein leichtes Beben.

"Man wird Ihnen in der nächsten Zeit viele Fragen stellen, Miss Webbs."

"Hören Sie..."

"Nein, Sie hören mir jetzt zu! Ich schlage vor, dass Sie die Unwissende spielen. Es ist besser. Besser für das Ansehen Ihres Bruders. Aber vor allem besser für Sie, Miss Webbs."

"Sie... Sie wollen mir drohen?"

"Ich drohe nicht. Ich stelle nur fest, dass Sie eine sehr hübsche, lebenslustige junge Frau sind. Wie schnell könnte ein Unfall daran etwas ändern."

Dann machte es klick.

Die Leitung war tot.

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Bevor wir bei Catherine Webbs aufkreuzten, sprach ich noch über Funk mit der Zentrale. Ich wollte alles über Paul Maranero wissen. Alles, was vielleicht in den Archiven des FBI schlummerte.

Catherine Webbs blickte uns ziemlich abweisend an, als wir vor ihrer Tür erschienen. Sie trug Jeans und einen blauen Sweater. Ihr Haar wurde mit einer Klammer zusammengehalten.

"Wir brauchen Ihre Aussage", sagte ich ruhig. "Können wir hereinkommen?"

"Ich werde es wohl nicht verhindern können!"

Wir traten ein.

Das Wohnzimmer ihres Bruders sah immer noch so chaotisch wie am Abend zuvor aus. Sie führte uns in ihren Teil der Wohnung.

"Erwarten Sie nicht, dass ich Ihnen Kaffee anbiete", sagte sie.

"Es reicht, wenn Sie unsere Fragen beantworten."

"Na, schön, dann kommen Sie zur Sache."

Sie sah mich herausfordernd an. Kurz ließ ich den Blick über die Einrichtung schweifen. Es war nichts Besonderes darunter. Helles Mobiliar aus Kiefernholz. Ein halbes Dutzend Bücher, darunter die Bibel. Und ein Fernseher mit Videorecorder. Aber alles lag an seinem Platz und das hatte mich schon am Abend zuvor stutzig gemacht.

"Der Kerl, der hier gestern Abend eingedrungen ist, schien genau Bescheid zu wissen." Es war eine Feststellung, keine Frage. Ich studierte dabei genau Catherines Reaktion.

Sie hob die Augenbrauen und wich meinem Blick aus.

"Ach, ja?"

"Der Täter wusste, welche Räume Ihnen gehören und welche Ihrem Bruder."

"Das sagen Sie!"

"Ich glaube, dass es jemand war, den Ihr Bruder sehr gut kannte."

"Pflegen Sie auch bei Ihren Bekannten einzubrechen, Mister Abdul?", erwiderte sie spitz.

"Nennen Sie mich doch Murray." Ich machte einen Schritt auf sie zu. "Ihr Bruder ist umgekommen, und wir versuchen die Hintergründe dieser Tat aufzuklären. Das ist alles."

"Einer Ihrer Leute hat ihn umgelegt. Vermutlich wollen Sie diese Tatsache doch nur irgendwie rechtfertigen..."

"Das ist Unsinn!"

Sie atmete tief durch. Ich wurde den Eindruck nicht los, dass sie unter einem immensen Druck stand.

Jetzt mischte sich Lew ein. "Kennen Sie einen Mann namens Chuck Graymont?"

"Nein, nie gehört!"

"Immerhin hat Billy mit ihm Bowling gespielt."

"Tut mir leid."

"Und ein gewisser Reverend Paul Maranero?"

"Mir völlig unbekannt."

"Gilt dasselbe auch für eine Organisation, die sich LIGHTWARRIOR nennt?"

Sie schluckte und musterte Lew. In ihren Augen flackerte es unruhig. Ihre vollen Lippen öffneten sich ein bisschen.

Beinahe so, als würde sie noch mit sich ringen. Aber dann kam die alte Litanei.

"Ich habe keine Ahnung, wovon Sie sprechen."

Lew versuchte es noch ein paarmal. Immer wieder kam er auf dieselben Punkte zu sprechen. Aber Catherine erwies sich als eiserne Jungfrau. Sie sagte keinen Ton.

Ich machte Lew schließlich ein Zeichen und schüttelte leicht den Kopf.

"Lassen wir es, Lew", sagte ich. Und dann wandte ich mich an Catherine. "Ich habe keine Ahnung, warum Sie uns nicht helfen wollen. Aber falls Sie es sich anders überlegen: Die Nummer der FBI-Zentrale an der Federeal Plaza steht in dem dicken Klotz da draußen, der sich Telefonbuch nennt. Sie können uns über diese Nummer jederzeit erreichen. Gespräche werden weitergeleitet."

"Darauf wäre ich nie gekommen, Murray."

Sie betonte meinen Vornamen auf eine Weise, die mir nicht gefiel. Mir entging die leichte Gänsehaut nicht, die ihre Unterarme überzogen hatte. Und das, obwohl die Wohnung eher überheizt war. Ein leichtes Zittern erfasste sie.

Ich zuckte die Schultern.

"Nur für den Fall, dass Sie es sich doch noch anders überlegen!"

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Als wir wieder im Wagen saßen, führte ich von dort aus ein Gespräch mit der Zentrale. Immerhin hatte man Reverend Maraneros Adresse herausfinden können. Er wohnte in Brooklyn, Myrtle Street, Hausnummer 567.

Hier in Queens waren wir wenigstens schon mal auf der richtigen Seite des East Rivers.

Ich sprach mit Agent Walter White, einem Innendienstler der FBI-Fahndungsabteilung. Und was er mir mitzuteilen hatte, war durchaus interessant.

"Reverend Maranero war Mitglied einiger rechtsradikaler Organisationen, bevor er sich als eine Art Wanderprediger selbständig machte", berichtete White. "Er äußerte zwar immer sehr radikale Ansichten, war aber selbst wohl nie an irgendwelchen Gewalttaten beteiligt. Über eine Organisation mit der Bezeichnung LIGHTWARRIOR ist uns nichts bekannt."

"Scheint wohl auch kein öffentlicher Verein zu sein", meinte ich.

White fuhr fort: "Für einen Reverend ist es allerdings schon recht erstaunlich, dass er mal wegen Verstoßes gegen die Waffengesetze verurteilt wurde. Ist zwar schon zehn Jahre her und seitdem sind die Gesetze liberalisiert worden, aber... Für einen Mann Gottes nicht gerade alltäglich, oder?"

"Das ist allerdings wahr", zischte ich zwischen den Zähnen hindurch. "Und was ist mit Graymont?"

"Die Fahndung läuft. Und inzwischen sogar mit Erfolg! Wir haben nämlich Graymonts Wohnung gefunden. Sie war zweimal untervermietet, deswegen hat es so lange gedauert, ihn ausfindig zu machen. Er wohnte in der Lower East Side."

"Wohnte?", echote ich. Das klang nicht sehr gut.

"Ja, Murray. Das hast du richtig verstanden. Alles spricht dafür, dass Graymont untergetaucht ist. Ermikoah und Carravaggio sind gerade in seiner Wohnung. Vor ein paar Minuten habe ich mit den beiden gesprochen."

"Dann hat es wohl nicht viel Sinn, wenn wir da auch noch auftauchen, was?"

"Nein."

"Danke, Walter."

Lew, der alles mitangehört hatte, meinte: "Immerhin dürfte Graymont in der Falle sitzen. Er kann das Land nicht verlassen."

"Der Käfig, in dem er frei herumläuft, ist mir allerdings ein bisschen zu groß", erwiderte ich.

Ich ließ den Motor des Wagens an und fuhr los. Über den Queens Expressway ging es südwärts, Richtung Brooklyn. Ich war ziemlich ungeduldig. Irgendwie sagte mir mein Instinkt, dass jetzt schnell gehandelt werden musste. Sonst waren die schrägen Vögel, denen wir auf den Fersen waren am Ende allesamt ausgeflogen.

"Irgendwer muss diesen Graymont gewarnt haben", meinte Lew in die Stille hinein. "Und zwar ein Polizist. Wir hatten Graymont in der Fahndung, aber darüber ging nichts an die Öffentlichkeit. Aber auf den Revieren der City Police wusste man natürlich Bescheid."

"Webbs!", entfuhr es mir. "Er starb gestern Abend. Aber spätestens seit gestern Mittag ist Graymont in der Fahndung gewesen."

"Ich hoffe, du hast recht", erwiderte Lew.

"Wieso?"

"Na, wenn es nicht Webbs war..."

Lew brauchte nicht zu Ende zu sprechen. Ich wusste auch so, was er meinte. Es war nicht auszuschließen, dass Captain Billy Webbs nicht der einzige Beamte des NYPD war, der sich vom Gedankengut der LIGHTWARRIOR hatte anziehen lassen.

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Reverend Paul Maranero residierte in einem fünfstöckigen Haus, das aus der Zeit um die Jahrhundertwende stammte. Das Gebäude war aufwendig restauriert worden und in sehr gutem Zustand.

Ganz offensichtlich litt der Besitzer nicht unter finanziellen Schwierigkeiten.

Am Haupteingang meldeten wir uns mit Hilfe der Gegensprechanlage.

"Special Agent Abdul vom FBI", stellte ich mich vor. "Wir hätten gerne Reverend Maranero gesprochen."

"Einen Moment", sagte eine abweisende Stimme.

Wenig später kam ein blassgesichtiger Mann mit schütterem Haar und dunklem Anzug zur Tür und öffnete sie.

Das Bleichgesicht ließ sich zunächst unsere Ausweise aushändigen und betrachtete sie sehr eingehend. Ein dünnes, kaltes Lächeln erschien auf seinem Gesicht. "Es laufen so viele Betrüger heutzutage herum", erklärte er dazu.

"Sie können gerne in unserem Hauptquartier in der Federal Plaza anrufen, um sich unsere Identität bestätigen zu lassen", schlug Lew vor.

Der bleiche Mann blickte auf.

"Das dürfte nicht nötig sein", erklärte er dann. "Folgen Sie mir bitte."

Mit dem Aufzug ging es in den dritten Stock.

Reverend Paul Maranero empfing uns in einem weiträumigen, sehr repräsentativen Büro. An der Wand hing ein großes, überdimensionales Holzkreuz. Der Reverend war ein großer Mann in den Fünfzigern. Sein Haar war ergraut, ebenso wie sein ziemlich langer Vollbart, der ihm das Aussehen eines biblischen Patriarchen gab. Ruhige dunkle Augen saßen in der Mitte eines eindrucksvollen Gesichtes.

Wir stellten uns knapp und sachlich vor.

Der Reverend bot uns daraufhin an, in den dunklen Ledersesseln Platz zu nehmen.

"Zwei Special-Agents des FBI. Zwei Hüter des Gesetzes also." Der Reverend lachte heiser. Seine Stimme klang dröhnend. Und das Lächeln, das um seine dünnen Lippen spielte, war schwer zu deuten. In seinen Worten lag eine deutliche Portion Spott. "Was führt Sie zu mir, Gentlemen?"

Ich glaubte ihm die Unwissenheit nicht.

Aber er spielte sie perfekt.

Ein Mann, der es verstand, eine Bühne zu benutzen. Und im Moment war seine Bühne dieses Büro. Sein Publikum: zwei G-men.

"Gestern Abend starb ein Police Captain namens Billy Webbs im Gefecht mit einem FBI-Mann. Er hatte gerade zusammen mit einem Komplizen dafür gesorgt, dass zwei bekannte Unterweltgrößen ins Reich der Toten eingingen."

"Abschaum, also", sagte Reverend Maranero ganz offen. "Dieser Captain hat Ihnen und seinen Kollegen die Arbeit doch erheblich erleichtert..."

"Er war ein Mörder", erwiderte ich kühl.

"Das kann man unterschiedlich beurteilen. Aber, wie auch immer. Was hat das alles mit mir und meiner Stiftung für Verbrechensopfer zu tun?"

"Sie kannten Webbs", stellte ich fest.

"Ich höre seinen Namen heute zum ersten Mal, was vermutlich nur daran liegt, dass ich noch nicht dazu gekommen bin, die Zeitung zu lesen."

"Wir fanden Ihre Telefonnummer in seinem Adressenregister!"

"Was Sie nicht sagen."

"In welcher Beziehung standen Sie zu Webbs?"

"In überhaupt keiner!", beharrte der Reverend. "Sehen Sie, ich halte viele Vorträge, ich halte Gottesdienste, zu denen Tausende von Menschen kommen, ich bin seelsorgerisch tätig. Viele Menschen suchen täglich meinen Rat. Es ist gut möglich, dass dieser arme Polizist sich meine Nummer notiert hat, um mich vielleicht einmal in einer ihn bedrückenden Angelegenheit anzusprechen. Das heißt nicht, dass ich ihn kannte!"

"Wer sind die LIGHTWARRIOR?", fragte ich.

"Ich habe keine Ahnung: Sagen Sie es mir, Mister Abdul."

"Eine Organisation, die mit dem, was Sie sagen, ernst macht! Männer, die das Gesetz in die eigenen Hände nehmen und all diejenigen, die in ihren Augen Abschaum sind, eiskalt liquidieren."

"Ich habe Ihnen nichts zu sagen, Mister Abdul."

"Der Name Chuck Graymont sagt Ihnen wohl auch nichts?"

"Es tut mir leid." Er betätigte einen Knopf auf seinem Schreibtisch und schaltete damit offenbar eine Gegensprechanlage ein. "Ach, Rose, sagen Sie doch Mister Cramer, dass er sofort zu mir kommen soll. Wie es scheint, brauche ich seinen Beistand." Und dann wandte er sich an uns: "Mister Cramer ist Leiter unserer Rechtsabteilung, Gentlemen. Der Art und Weise nach, in der Sie mich hier befragen, ist zu entnehmen, dass Sie mir unbedingt etwas am Zeug flicken wollen! Ich halte es daher für besser, wenn Mister Cramer als Zeuge an diesem Gespräch teilnimmt."

"Das ist Ihr gutes Recht", erwiderte ich.

Der Reverend lief dunkelrot an. Sein Gesicht hatte nun einen sehr düsteren Ausdruck. Er deutete hinaus aus dem Fenster. "Da draußen läuft der Abschaum frei herum! Mörder und jene, die die Mörder aussenden! Drogendealer und Leute, die die Unzucht fördern, um Gewinn aus ihr zu ziehen! Ich sehe es und Gott sieht es! Aber Sie haben nichts Besseres zu tun, als einem Mann die Zeit zu stehlen, dem es um nicht anderes geht, als das Böse mit allen Mitteln zu bekämpfen! Dort draußen, in diesem Dschungel der Sünde, wäre Ihr Platz, Gentlemen! Stattdessen verfolgen Sie die Gerechten mit Ihren unhaltbaren Verdächtigungen!"

Seine Stimme dröhnte.

Die Wirkung dieses Mannes auf einer Bühne konnte ich mir jetzt vorstellen. Eine Person, deren Präsenz eine ganze Halle mühelos füllen konnte. Notfalls sogar ohne Mikrofon. Ein rhetorisches Naturtalent. Ein Mann mit einfachen Antworten auf schwierige Fragen. Und darin lag wohl das Geheimnis seines Erfolgs.

Ein kleiner dicklicher Mann mit schütterem Haar betrat wenig später den Raum. Das musste Cramer, der Anwalt sein.

"Ich hoffe, dass wir jetzt fortfahren können", hörte ich Lew sehr sachlich sagen. "Es geht einfach um die Beantwortung einiger Fragen. Um sonst nichts..."

Aber mein Instinkt sagte mir, dass wir uns an diesem granitharten Prediger die Zähne ausbeißen würden.

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Das Telefon ließ Catherine zusammenzucken. Noch bevor sie abnahm, wusste sie, wer es war.

Die Stimme...

"Sie haben es nicht anders gewollt!"

"Hören Sie, ich..."

"Es war ein Fehler, den Mund aufzureißen, Miss Webbs! Wir hatten gedacht, dass das Vermächtnis ihres Bruders, die Sache für die er kämpfte, auch Ihnen etwas bedeutet. Das war ein Irrtum."

"Ich habe nichts..."

Die Stimme unterbrach sie grob.

"Jeder Mensch muss wählen. Die Seite des Lichts - oder die des Bösen... Und Sie haben die Partei des Abschaums ergriffen..."

Der Puls schlug ihr bis zum Hals.

Sie wollte etwas erwidern, aber einen Sekundenbruchteil später war die Verbindung unterbrochen. In ihrem Gehirn arbeitete es. Sie fragte sich, was sie tun konnte, um ihr Leben zu retten. Denn, dass mit den Leuten, die es auf sie abgesehen hatten, nicht zu spaßen war, das wusste sie nur zu gut.

Nur ruhig bleiben!, sagte sie sich selbst. Sie ging zur hinteren Fensterfront der Wohnung und schaute in den Hinterhof. An der Ecke sah sie eine Gestalt. Einen Mann, der den Jackenkragen soweit hochgeschlagen hatte, dass von seinem Gesicht nicht viel zu sehen war. Über die Feuertreppen war es für ihn ein Leichtes, hier heraufzukommen. Sie atmete tief durch. Jetzt gab es für sie nur noch die Flucht nach vorn.

Kurz entschlossen lief sie zu Telefon. Sie nahm das Telefonbuch und suchte nach einer ganz bestimmten Nummer. Die des FBI-Districts New York. Hastig glitten ihre Finger über die Seiten. Dann nahm sie den Hörer ab und wählte.

"Kann ich bitte einen Agent Abdul sprechen? Es ist dringend..."

In der nächsten Sekunde ließ ein Geräusch aus dem Nachbarraum sie zusammenzucken. Sie zitterte wie Espenlaub.

Da war etwas am Fenster.

Jemand...

Glas splitterte. Jemand stieg durch das Fenster in die Wohnung ein.

"Kommen Sie schnell!", schrie Catherine durch den Telefonhörer. Sie legte nicht auf, sondern ließ den Hörer einfach fallen. Und dann war sie in zwei Sätzen bei der Wohnungstür, die sie sorgfältig verrammelt hatte. Ihre Finger kamen ihr klamm und schwerfällig vor.

Schritte drangen aus dem Nachbarraum.

Mein Gott!

Dann hatte sie es geschafft. Sie riss die Wohnungstür auf...

...und stieß einen Schrei des Entsetzens aus.

Eine hochaufgeschossene Gestalt stand dort. Innerhalb eines Sekundenbruchteils hatte eine große, behandschuhte Pranke sich auf ihren Mund gelegt. Ihr Schrei verstummte. In dem Gesicht des Fremden stand ein hässliches, zynisches Grinsen.

Mit dem Absatz kickte er die Tür ins Schloss, während sich aus dem Nachbarraum ein zweiter Mann näherte. In der Hand hielt dieser eine Automatik. Den kalten Lauf spürte sie eine Sekunde später an ihrer Schläfe.

"Scheint, als müssten wir uns mal gründlich unterhalten, Baby", wisperte einer von ihnen.

Der mit der Pistole ging zum Telefon. Er legte den Hörer auf und betätigte im nächsten Moment die Wiederholungstaste.

Dann nahm er den Hörer ans Ohr, wartete einen Augenblick ab und legte dann endgültig auf. "Sie hat mit dem FBI telefoniert", stellte er fest. Die Art und Weise, wie er das sagte, hatte etwas von einem Todesurteil.

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Die Befragung des Reverends hatte nichts gebracht. Wir aßen in einer Snack Bar eine Kleinigkeit, und tranken Kaffee aus Pappbechern. Zwei Kollegen würden die Aufgabe übernehmen, Maranero zu beschatten. Lew und ich wären dafür zu auffällig gewesen. Schließlich kannte der fromme Mann uns ja inzwischen. Dann saßen wir im Wagen und ließen uns von der Zentrale durchgeben was es inzwischen an neuen Erkenntnissen über Reverend Paul Maranero gab. Ermittlungen per Computer konnten sehr effektiv sein. So hatte die Stiftung, der Maranero vorstand, Ärger mit der Steuerbehörde gehabt und war daher vor ein paar Jahren von Jersey City nach New York umgezogen. Maranero musste immense Summen durch Spenden haben. Ein wohlgeöltes Unternehmen, das Geld wie Heu hatte. Doch immer wieder war in der Vergangenheit der Verdacht aufgekommen, das Gelder aus der Stiftung in düsteren Kanälen verschwanden.

Vielleicht in der Finanzierung von Todeskommandos...

Aber nach wie vor hatten wir nichts über die LIGHTWARRIOR. Nichts, was Maranero mit dieser ominösen Mörderorganisation in Verbindung brachte. Nichts, was einwandfrei bewies, dass er der Kopf hinter diesen Morden war, die einige illustre Köpfe der New Yorker Unterwelt dahingerafft hatten.

"An dem Kerl haben wir uns heute ganz schön die Zähne ausgebissen", meinte Lew. "Der ist aalglatt." Er atmete tief durch und sah mich an. "Hast du schon mal darüber nachgedacht, dass wir uns vielleicht verrennen, Murray? Möglicherweise waren Webbs und Chuck Graymont doch nicht Teil einer Organisation. Hast du das mal zu Ende durchdacht? Gut, einen Komplizen müssen sie noch gehabt haben, aber..."

Dann meldete sich die Zentrale. Catherine Webbs hatte sich dort unter ziemlich mysteriösen Umständen gemeldet und verlangt, mich zu sprechen, ehe der Kontakt abgebrochen war. Von unserem gegenwärtigen Standpunkt in der Nähe des Northern Boulevard war es nicht weit bis zu Catherines Wohnung. Nur ein paar Minuten. Ich setzte das Blaulicht auf den Wagen und ließ den Motor aufheulen.

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Als wir an der Haustür klingelten, reagierte niemand.

"Ich werde es mal hinten herum über die Feuerleiter probieren", meinte ich.

Lew nickte. "Und ich versuche es auf dem normalen Weg." Er klingelte bei irgendeiner der Wohnungen. "FBI. Bitte machen Sie die Tür auf!", meldete er sich an der Gegensprechanlage.

Ich machte mich derweil auf den Weg und umrundete den Block. Nur wenig später hatte ich den Hinterhof erreicht.

Wir hatten Verstärkung angefordert, konnten aber unmöglich warten, bis sie eintraf. Ich sah mich um. Meine Hand zog den 38er heraus. Vorsichtig schlich ich die Feuerleiter hinauf.

Als ich Catherines Wohnung erreichte, hörte ich ihren unterdrückten Schrei durch das eingeschlagene Fenster.

Ich stieg durch das Fenster. Ganz vorsichtig. Dann befand ich mich in Catherins Wohnzimmer. Mit schnellen Schritten durchquerte ich es. Die Tür stand einen Spalt offen. Ich presste mich daneben an die Wand, den 38er mit beiden Händen gepackt.

"Es hat keinen Zweck, sie wird keinen Ton mehr sagen", meinte eine raue Männerstimme.

Catherine wimmerte.

"Was machen wir jetzt?", fragte eine zweite Männerstimme.

"Unsere Anweisungen sind klar..."

Es machte Klick. Der Hahn eines Revolvers wurde gespannt.

Jetzt tauchte ich aus meiner Deckung hervor. Ich sah zwei Männer. Einer hielt eine Automatik in der Hand, der andere einen Revolver, dessen Lauf auf Catherines Kopf gerichtet war. Offenbar hatte man sie geschlagen. Jedenfalls blutete sie aus der Nase und dem Mund. Der Kerl mit der Automatik hielt sie grob am Arm.

"Waffen weg! FBI!", rief ich.

Der Kerl mit der Automatik ließ mir keine andere Wahl. Er riss seine Waffe hoch und feuerte. Ich ließ mich seitwärts fallen, während das Projektil meines Gegners dicht über mir den Türrahmen zerfetzte. Mein Schuss traf ihn mitten in der Brust und ließ ihn rückwärts taumeln, ehe er der Länge nach hinschlug. Ich rollte mich am Boden herum, riss den 38er in die Höhe und...

...erstarrte.

Der zweite Mann hatte Catherine gepackt und grob zu sich gerissen, so dass ihr Körper den seinen schützte. Den Revolver hielt er ihr an die Schläfe. Ein gemeines Grinsen stand auf seinem Gesicht.

"Worauf wartest du?", wisperte er. "Die Waffe weg, oder der Lady fehlt der Kopf!"

Einen Moment lang zögerte ich. Aber er saß am längeren Hebel. Ich ließ die Waffe langsam sinken. Der Kerl wich zusammen mit Catherine rückwärts, bis er die Wohnungstür erreicht hatte. Der Lauf seines Revolvers drückte noch immer gegen ihren Kopf. "Mach keine Dummheiten, Kleines", zischte der Kerl, dann öffnete er die Tür. Mein Blick glitt zu meiner 38er am Boden. Aber jeder Gedanke daran, mir die Waffe zurückzuholen, war sinnlos. Der Türspalt wurde größer und dann erstarrte der Kerl mit dem Revolver, als er seinerseits das kalte Eisen einer Waffe an der Schläfe fühlte.

Es war ein 38er Smith & Wesson. Die Waffe des FBI.

"Das Spiel ist aus, Mister", sagte Lew Parkers ruhige Stimme.

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Der Kerl, den wir festgenommen hatten, weigerte sich, auch nur einen Ton zu sagen. Papiere hatte er nicht bei sich, genau wie der Mann, den ich niedergeschossen hatte. Aber es war nur eine Frage der Zeit, bis wir die Identität der beiden herausgefunden hatten. Nach und nach trafen die Kollegen ein.

Ich wandte mich an Catherine, die sich inzwischen mit einigen Papiertaschentüchern das Blut aus dem Gesicht gewischt hatte.

"Wie wär's, wenn Sie Ihr Schweigen jetzt brechen, Catherine. Was ist hier geschehen?"

"Sie garantieren für meine Sicherheit?"

"Reden Sie schon!"

Sie sah mich an und sagte dann: "Die beiden Männer gehören zu einer Organisation, die sich LIGHTWARRIOR nennt. Billy war auch dabei. Diese Organisation bildet geheime Todeskommandos aus, die Hinrichtungen an Gesetzesbrechern vollstreckt. Der Anführer ist Reverend Paul Maranero."

Ich nickte. "Die Kerle hatten Angst, dass Sie reden, nicht wahr?"

"Ja. Anscheinend sind Sie Maranero zu sehr auf den Pelz gerückt und der glaubte dann sofort, dass ich geredet habe. Er rief hier an und drohte mir."

"Sie kennen Maranero persönlich?"

"Billy hat mich einige Male zu den Treffen mitgenommen. Zuerst habe ich gedacht, dass die LIGHTWARRIOR eine gute Sache vertreten. Aber dann..."

"Dann haben Sie gemerkt, dass die Kerle nicht nur große Rede schwingen."

"Ich habe versucht, Billy das alles auszureden. Aber was sollte ich denn machen?" Sie schluchzte auf. "Er war doch mein Bruder."

Ich legte den Arm vorsichtig um sie. Sie war ziemlich am Ende. Und nach dem was sie durchgemacht hatte, war das kein Wunder.

"Was wissen Sie über Graymont?"

"Er war hier in der Wohnung. Zusammen mit Billy."

"Haben Sie eine Ahnung, wo er sich jetzt vielleicht aufhält?"

"Ich weiß nicht. Vielleicht in dem geheimen Ausbildungscamp."

"Wo liegt das?"

"Ich war mit Billy einmal dort. Billy hat deswegen ziemlich großen Ärger bekommen. Aber er wollte mir alles zeigen. Es liegt in der Nähe von New Canaan, etwa 50 Kilometer von hier entfernt."

In diesem Moment stieß mich jemand von hinten an. Es war Lew.

"Es kam gerade ein Funkspruch", berichtete er. "Unser Reverend hat sich auf den Weg gemacht. Unsere Kollegen sind ihm auf den Fersen."

Ich wandte mich an Catherine: "Führen Sie uns zu diesem Camp. Sie sollten das in Ihrem eigenen Interesse tun. Diese Leute sind skrupellos und solange die glauben, dass Sie eine Gefahr für sie sind, werden sie entsprechend handeln."

Sie nickte.

"Okay", flüsterte sie.

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Wir brachen mit insgesamt sechs Einsatzwagen auf. Insgesamt waren etwa zwanzig Special Agents des FBI im Einsatz, darunter auch Orry Ermikoah und Cleve Carravaggio. Die meisten trugen FBI-Einsatzjacken und führten auch schwere Waffen mit sich: Die MP 5-Maschinenpistolen von Heckler und Koch sowie Schnellfeuergewehre vom Typ M 16.

Schließlich wussten wir nicht, was für ein Gegner uns gegenüberstehen würde.

Die Strecke bis New Canaan war kein Problem. Der Highway Richtung New Haven führte direkt an dem 20 000 Seelen-Ort vorbei, das sich bereits auf dem Gebiet des Staates Connecticut befand. Schwierig wurde es erst danach, als wir in die ausgedehnten Waldgebiete kamen, die sich nördlich des Städtchens erstreckten. Die Straßen wurden immer kleiner.

Bald hatten wir es nur noch mit ungeteerten Feldwegen zu tun.

Catherine saß auf der Rückbank des Wagens und versuchte sich zu erinnern. Aber ihr Erinnerungsvermögen schien ihr den einen oder anderen Streich zu spielen.

"Ich weiß, dass es hier irgendwo war", meinte sie. "Ein richtiges Camp. Ein kleines Blockhaus und dazu ein gutes Dutzend Zelte, die aussahen, als kämen sie aus Army-Beständen."

"Diese Gegend ist wie geschaffen, um sich zu verstecken", meinte Lew. "Und wenn hier jemand Schießübungen durchführt, kriegt das weit und breit kein Mensch mit."

"Und wenn sich ein Mann wie Chuck Graymont hier versteckt, auch nicht", ergänzte ich.

Wir hatten bereits einen Hubschrauber zur Unterstützung angefordert. Aber dessen Suche glich ebenfalls jener der berühmten Nadel im Heuhaufen.

Und dann war da noch Maranero.

Er hatte sich alle Mühe gegeben, unsere Kollegen abzuschütteln. Aber wie wir über Funktelefon erfuhren, waren sie ihm immer noch auf den Fersen. Maranero fuhr Richtung Norden. Richtung Connecticut...

Eine Weile irrten wir noch in der Gegend umher, dann sagte Catherine plötzlich: "Halten Sie, Murray!"

"Was?"

"Halten Sie an!"

Ich tat, was sie verlangte. Sie deutete auf ein Schild mit Hinweisen, wie man sich im Wald verhalten sollte.

Ranger hatten es aufgestellt. Irgendjemand hatte sich mit einer Schmiererei auf dem Schild verewigt.

"Hier war es", erklärte sie. "Ich bin mir sicher." Sie deutete mit dem Arm. "Ein paar hundert Meter in diese Richtung, dann kommt man auf eine Lichtung. Und dort ist es."

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Wir stiegen aus, nachdem ich unsere Position durchgegeben und weitere Verstärkung angefordert hatte. Beamten des zuständigen County Sheriffs und der State Police des Staates Connecticut waren hier her unterwegs, um das Gelände weiträumig abzusperren.

Die Schotterpiste zog sich wie ein Strich durch den dichten Wald, der uns von allen Seiten umgab.

Ich wandte mich an die Kollegen. Zwei G-Men bekamen die Aufgabe, Maranero in Empfang zu nehmen, der offenbar auf dem Weg hier her war. "Es wird nicht mehr lange dauern, bis er hier auftaucht. Und dann kann er sich nicht damit herausreden, hier nur einen Waldspaziergang gemacht zu haben", sagte ich. Er konnte nicht entkommen. Schließlich war ein Beschattungsteam ihm auf den Fersen.

Agent Fred Aragan blieb bei Catherine, die im Wagen sitzenblieb. Ich zog derweil meinen Mantel aus und vertauschte ihn gegen eine FBI-Einsatzjacke. Dann überprüfte ich noch einmal die Ladung meines 38ers. Lew tat das gleiche. "Also los, Murray! Worauf warten wir noch?"

"Du hast recht, Alter!"

"Nenn mich nicht Alter! "

"Ich werde versuchen, es mir zu merken."

"Lass es ruhig."

"Wieso? "

"Hat sowieso keinen Zweck"

"Ach! "

"Du wirst es nicht schaffen, dich dran zu halten, egal, was du versprichst."

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Ich betete dafür, dass Catherine sich nicht völlig vertan hatte, und wir an der falschen Stelle einen großen Aufstand machten. Aber das war nicht der Fall. Die G-men verteilten sich im Wald. Bald bildeten sie einen Halbkreis. Vorsichtig tasteten sie sich vorwärts. Und dann sahen wir das Camp, in dem der fromme Maranero seine vom Gerechtigkeitswahn besessenen Killer trainieren ließ. Es lag auf einer kleinen Lichtung. Das Blockhaus, die Zelte...

Aber man sah, dass es unter den LIGHTWARRIOR Männer gab, die über eine militärische Ausbildung verfügten. Alles war hervorragend getarnt. Selbst der Geländewagen, der etwas abseits abgestellt worden war, war kaum sichtbar. Die Zelte waren mit Laubwerk bedeckt worden, das von Netzen gehalten wurde. Ein Hubschrauber konnte direkt über die Lichtung fliegen und würde erst bei einem Landeflug bemerken, das dort ein Camp existierte.

Wachen patrouillierten hin und her. Sie trugen zusammengewürfelte Uniformteile, wie man sie in jedem US-Army-Shop erwerben konnte - natürlich ohne Rangabzeichen.

Zur Zeit schienen sich etwa ein Dutzend Männer im Camp aufzuhalten.

Sie waren gut bewaffnet. Überall sah ich die kurzläufigen Uzis, eine Waffe, die sich wegen ihrer Handlichkeit hervorragend für Attentäter eignete.

Noch waren sie ahnungslos. Die G-men kreisten das Lager langsam aber sicher ein. Sie warteten nur auf das Signal, um loszuschlagen. Aber man musste dabei vorsichtig sein. Es war wie beim Ausheben eines Wespennestes. Wen man nicht höllisch auf der Hut war, konnte das in einer Katastrophe enden.

Und dann erblickte ich Chuck Graymont.

Er war es, daran gab es keinen Zweifel. Ich erkannte ihn von den Fotos wieder, die ich im Computer gesehen hatte. Er hatte eine Automatik im Gürtel und zündete sich eine Zigarre an. Das Streichholz warf er achtlos weg. Er zog zweimal tief an dem dicken Stängel und blickte sich um. In seinem grobschlächtigen Gesicht zuckte ein Muskel. Er wirkte etwas nervös.

Dann kam das Signal.

Lew gab es, indem er einfach: "Los!" in sein Walkie Talkie rief. Über ein Megafon ertönte dann Orrys Stimme: "Hier spricht das Special Cases Field Office des FBI! Werfen Sie die Waffen weg und heben Sie die Hände! Sie sind umstellt! Jeder Widerstand ist zwecklos!"

Die LIGHTWARRIOR standen wie erstarrt da. Dann sahen sie sich hektisch um. Als sie von allen Seiten die G-men in den dunkelblauen FBI-Jacken auftauchen sahen, erkannten sie, dass es sinnlos war, noch Gegenwehr zu leisten. Einer nach dem anderen ließ die Waffe sinken. G-men durchsuchten sie nacheinander und steckten ihre Hände in Handschellen.

Ich kam aus dem Unterholz heraus.

Mein Blick hing an Graymont.

Er stand mit erhobenen Händen da. Aber sein Körper war angespannt. Jeder Muskel und jede Sehne. Mit einem schnellen Blick taxierte er die Lage. Dann stürzte er zur Blockhütte und fiel praktisch in die Tür.

"Bleiben Sie, wo Sie sind, Graymont! Sie sind verhaftet!", rief ich ihm hinterher. Aber das schien ihn nicht zu kümmern. Er wusste, dass er wegen Mordes drankommen würde.

Eiskalt und in Perfektion ausgeführt. Das konnte in der Todeszelle enden. Darum setzte er alles auf eine Karte. Ich hatte das Blockhaus beinahe erreicht, da donnerte bereits der Feuerstoß eines Schnellfeuergewehrs durch das Fenster. Glas splitterte, und ich warf mich zur Seite.

Noch im Fallen feuerte ich mit den 38er zweimal kurz hintereinander zurück. Dann rappelte ich mich wieder auf und hatte Sekunden später das Blockhaus erreicht. Ich presste mich gegen die Wand. Die anderen G-men waren so gut es ging mit ihren Gefangenen in Deckung gegangen. Andere, die noch noch nicht in Handschellen waren, mussten mit der Waffe in der Hand in Schach gehalten werden. Der Gedanke an Flucht war jedem dieser Männer von den Augen abzulesen. Aber keiner wagte es schließlich. Und das war auch besser so.

"Geben Sie auf, Graymont! Es hat keinen Sinn!", rief ich.

Ich erhielt keine Antwort. In geduckter Haltung schlich ich um das Haus herum.

Dann ballerte Graymont drauflos.

Die großkalibrigen Kugeln drangen einfach durch das Holz, und ich hatte großes Glück nicht erwischt zu werden. Eine Art Lotteriespiel, das mir nicht gefiel.

Er ist ein Marine gewesen, rief ich mir ins Gedächtnis zurück. Er hatte gelernt, wie man tötet - und wie man gegebenenfalls auch mit einer Übermacht fertig wird.

In kurzen Abständen schoss Graymont mehr oder minder aufs Geratewohl durch das Holz.

Dann herrschte einige schreckliche Augenblicke lang wieder Stille.

Ich schlich weiter um das Blockhaus herum.

Lew hatte sich inzwischen von der anderen Seite an das Haus herangearbeitet.

Und dann...

Ein Geräusch!

Ich kannte dieses Geräusch nur zu gut und mir war in dieser Sekunde klar, dass ich blitzschnell handeln musste.

Graymont wechselte sein Magazin.

Ich sprang auf.

Aus den Augenwinkeln heraus sah ich Lew Parkers entsetzten Blick, aber mein Freund hatte nicht hören können, was ich gehört hatte.

Ich stürmte zur Tür des Blockhauses, trat sie mit einem wuchtigen Tritt ein und blickte in den Lauf von Graymonts Schnellfeuergewehr. Ein kräftiger Ruck nur und er hätte das Magazin eingeschoben. Seine Sehnen waren gespannt wie ein Bogen. Aber er hielt in der Bewegung inne. Eine Sekunde und er würde mich über den Haufen schießen können. Ein Feuerstoß von mehr als zwanzig Geschossen innerhalb einer Sekunde würde mich durchsieben.

Aber ich brauchte nicht einmal eine halbe Sekunde, um meinen 38er abzudrücken.

Und das wusste er.

Er ließ die Waffe sinken.

Sein Mörderspiel war ausgespielt.

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Paul Maranero machte ein ziemlich erstauntes Gesicht, als er von unseren Leuten in Empfang genommen wurde.

Er hatte wohl vorgehabt, möglichst schnell dafür zu sorgen, dass das Camp spurlos verschwand. Und dem Telefon hatte er nicht mehr getraut. In den Verhören, die in den nächsten Tagen durchgeführt wurden, entwirrte sich dann nach und nach alles. Es dauerte nicht lange und die unteren Chargen in Maraneros Killer-Organisation hatten keine Lust, die Schuld allein auf sich zu nehmen. Einer belastete bald den anderen und so kam alles ans Tageslicht. Maranero war der geistige Kopf der LIGHTWARRIOR gewesen. Er hatte sogar die Opfer zum Teil selbst ausgewählt. Die Durchführung lief weitgehend unter dem Kommando von Chuck Graymont, der von dem Security Mann, nach dessen Aussage ein Phantombild von Ugarimovs Mördern erstellt worden war, als einer jener Männer wiedererkannt wurde, die Big Vlad ermordet hatten.

Dem Prozess konnten wir in aller Gelassenheit entgegenblicken.

Und das galt auch für Catherine Webbs. Da sie bereit war, umfassend auszusagen, plädierte der Staatsanwalt dafür, die Strafe, die sie wegen Verdunkelung einer Straftat erwartete, zur Bewährung auszusetzen.

"Was macht eigentlich der Typ, der es auf Sie abgesehen hat?", fragte mich Director Lee irgendwann.

"Scheint im Moment abgetaucht zu sein", meinte ich. "Jedenfalls hatte ich ein paar Tage Ruhe vor ihm. Aber ich fürchte, dass sich das sehr schnell wieder ändern wird."

Director Lee sah mich geradewegs an.

"Ich fürchte, da haben Sie recht ", sagte er.

Er sagte das irgendwie so, als würde er das in Wahrheit keineswegs befürchten, sondern sich eigentlich insgeheim wünschen, das dies geschah. War nur so ein Gefühl von mir. Ein spontaner Eindruck, der wohl der Tatsache geschuldet war, dass Director Lee mich schlicht und ergreifend nicht leiden konnte. Um das zu erfassen, musste man nicht einmal besonders sensibel sein. Es war wie ein schlechter Gestank, der zwischen uns in der Luft hing und einem den Atem raubte. Director Lee hätte auch einen ekeligen Furz lassen können. So einen grausigen Stinker, bei den man sich fragt, ob derjenige, der ihn losgelassen hat, vielleicht innerlich verfault ist, weil man das Aroma und den Giftgehalt einer solchen Gaswolke anders kaum zu erklären vermag.

Atmosphärische Störungen.

Das war es, was zwischen mir und dem Director stand.

"Ich werde aufpassen", versprach ich.

"Von Ihnen habe ich nichts anderes erwartet", sagte Director Lee.

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Ich zog zurück in meine Wohnung, denn ich konnte mich ja nicht ewig verstecken.

Falsche Entscheidung, sehr falsche Entscheidung!

Denn als ich ein paar Tage später nach einem langen Tag im Office Lew an der bekannten Ecke abgesetzt hatte und nach Hause kam, war da schon jemand. 

Ein dünner, blasser Mann mit einer Automatik in der Hand. Und deren Lauf war auf mich gerichtet.

Sein Haar war grau und kurz geschoren. Aber sehr dicht für sein Alter. Von der Kopfhaut war nichts zu sehen. Seine Augen waren genauso grau wie seine Haare. Und das Kinn hatte die Form eines großen V.

Ich wusste vom ersten Moment an, dass er es war. Er, der Irre, der mich schon so lange im Visier hatte und der es dann doch immer vorgezogen hatte, jemand anderen zu erschießen. Ich ärgerte mich, dass ich so leichtfertig eingetreten war. Aber so ist das eben. Es ist die eigene Wohnung. Und das ist eben ein Ort, an dem man sich sicher fühlt und deshalb unvorsichtig war.

So war es zu erklären.

Ärgerlich war es trotzdem.

Und vielleicht auch diesmal tödlich für mich. Schließlich konnte ich ja nicht ausschließen, dass der irre Sniper seine Sache diesmal zu Ende bringen wollte. Und im Augenblick gab es nichts und niemanden, der ihn daran hätte hindern können.

Ich erwog kurzzeitig, die Dienstwaffe herauszureißen.

Aber nur sehr kurzzeitig.

Mir wurde klar, dass ich chancenlos war. Ehe ich auch nur den Arm bewegt hatte, würde mir der dünne Mann eine Kugel in den Leib jagen. Oder vielleicht auch gleich fünf.

Auf der Waffe des dünnen Mannes war ein Schalldämpfer aufgeschraubt.

Nichtmal meine nächsten Nachbarn würden also etwas davon mitbekommen.

Verdammt, ich hätte wirklich vorsichtiger sein müssen.

Ein typisch Fall von Kismet, so ließ sich mein Missgeschick wohl zusammenfassen.

„Du warst eine Weile nicht hier“, sagte der dünne Mann. „Allerdings wüsste ich nicht, dass du Urlaub bekommen hättest.“

"Du willst mir also den Feierabend versauen", sagte ich. "Wäre ja wohl nicht das erste Mal, nicht wahr?"

“Wo du Recht hast, hast du Recht“, sagte der dünne Mann. Er grinste. Und lehnte sich etwas zurück. “Ich schlage vor, dass du ganz langsam deine Waffe hervorziehst und sie fallenlässt. Fass sie am Lauf an, und halte sie immer so, dass ich sie sehen kann, kapiert?”

“War deutlich genug.”

“Na schön, dann los”, sagte der dünne Mann.

Ich griff ganz langsam nach meiner Dienstwaffe. Und ich sorgte dafür, dass mein Gegenüber immer sehen konnte, was ich gerade mit der anderen Hand machte. Schließlich war ich ja nicht lebensmüde. “Ich frage mich, warum du deine Vorgehensweise geändert hast”, sagte ich.

“In wie fern?“

“Du hast immer nur auf Leute in meiner Umgebung geschossen. Aber nicht auf mich. Anscheinend hast du vor, das heute irgendwie zu ändern.”

“Abwarten.”

Ich holte die Waffe raus und ließ sie fallen. Genau, wie er es gesagt hatte. Es blieb mir auch keine andere Wahl. Schließlich hatte ich keine Lust auf ein Loch im Kopf. Und ebenso wenig stand mir der Sinn danach, jetzt schon in nächster Zeit herauszufinden, welche Vorstellungen vom Paradies oder der Hölle nun eigentlich zutreffend waren: Die Christlichen oder die des Islam.

“Was hast du vor?”, fragte ich.

“Warum fragst du nicht, wer ich bin. Du erinnerst dich nicht, stimmt’s? Du weißt gar nicht, was du getan hast und wenn doch, dann siehst du es nicht als deine Schuld an, sondern etwas, was eben geschieht und nicht weitere Beachtung verdient.”

Ich hob die Augenbrauen.

“Ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung, wovon du redest”, gestand ich.

“Gib der Kanone auf dem Boden einen Tritt. Damit sie über den Boden rutscht - und zwar direkt zu mir hin.”

“Soccer ist hierzulande eine Sportart für Mädchen.”

“Unglücklicherweise kannst du dort nicht aussuchen, was gespielt wird, Murray. Du hast doch nichts dagegen, wenn ich dich so nenne. Oder ist es dir lieber, wenn ich dich bei deinem eigentlichen Namen nenne? Den hörst du nicht so gerne? Habe ich von deiner Mutter gehört, als ich mich mit ihr unterhalten habe.”

“Wie bitte?”

“Die Kanone!”

Ich kickte sie in seine Richtung. Er lächelte. Aber er dachte zunächst nicht daran, mir etwas mehr über die Sache mit meiner Mutter zu erzählen. Bluffte er nur? Oder hatte er wirklich mit ihr gesprochen? Das ganze war nicht mehr und nicht weniger als eine wenig subtile Drohung.

“Es stimmt also doch”, sagte er.

“Was?”

“Dass bei euch Muslimen die Mutter der kritische Punkt ist, an dem man ansetzen kann. Ich sehe, wie es in dir arbeitet. Ich sehe, dass es dich beunruhigt, dass ich sie offenbar kenne und dass ich ihr jederzeit etwas tun könnte. Und vielleicht werde ich das sogar... Was willst du jetzt tun? Zur Waffe greifen kannst du nicht mehr? Steigt die Wut jetzt in dir auf? Zerfrisst sie dich?”

“Du redest einfach nur Unsinn.”

“Ich habe mich als dein Schulfreund Billy ausgegeben. Billy Hamilton, eigentlich William Grover Hamilton III. Er ist mit dir zur Highschool gegangen und hat sich seitdem wohl ziemlich stark verändert. Aber im Grunde bin ich sein Typ, und so hat sie diese Aussage geschluckt.”

Er schien den Anblick meines fassungslosen Gesichts zu genießen. Sein Lächeln war aasig. Er weidete sich an dem inneren Aufruhr, der in mir herrschte. Und daran, dass er anscheinend alles über mich wusste, ich aber umgekehrt nichts über ihn. Denn so sehr ich mir auch das Hirn zermarterte, ich kam einfach nicht darauf, wer er war oder was ich mir seiner abstrusen Ansicht nach ihm gegenüber hatte zu Schulden kommen lassen.

Er sagte: “Sie hat mir sogar deine Adresse gegeben, du Ratte! Na? Erstaunt?” Er kicherte. “Wer weiß, vielleicht besuche ich sie noch einmal, wenn das hier vorbei ist... Aber tu mir einen Gefallen, auch wenn dein Kopf gerade vor Wut zu zerspringen droht, solltest du jetzt nicht austicken. Ich sehe dir ja an, dass du kaum noch einen vernünftigen Gedanken fassen kannst. Und soll ich dir was sagen? Bevor du erfährst, wer ich bin, und warum ich dich leiden lasse und dies als eine besondere Form der Gerechtigkeit empfinde, solltest du nicht nur über deine Mutter nachdenken, sondern auch über die Organisation, deren Teil du bist und deren Ziele du so verinnerlicht hast, dass es schon fast wehtut, sich das ansehen zu müssen.”

“Du redest wirres Zeug, Mann!”

“Ich spreche vom FBI! Ich spreche vom Special Cases Field Office! Und ich spreche insbesondere von deinem Chef, Director Lee. Ich habe eher zufällig ein paar interessante Dinge über ihn herausgefunden. Er ist nicht ganz so tugendhaft, wie alle Welt denkt.”

“Was du nicht sagst...”

Er nahm ein Smartphone aus seiner Jacke. Mit dem Daumen bediente er es und das mit der traumwandlerischen Sicherheit eines geübten Benutzers. Es sah richtig elegant aus. “Ich habe ihn jetzt gerade auf dem Display. Ich tracke nämlich sein Handy. Und du kannst das auch. Erzähl mir nicht, dass du nicht weißt, wie das geht! Was glaubst du, wo dein Director Lee jetzt ist? Im Büro? Der letzte an der Akten- und Computerfront aus den Reigen des Special Cases Field Office? Einer der rund um die Uhr nur Rechtschaffenheit versprüht und sich für die Allgemeinheit aufopfert? Weit gefehlt. Er ist in der South Bronx. Du wirst es sicher überprüfen, wenn dass hier vorbei ist und ich gegangen sein werde. Du wirst es wissen wollen, was mit ihm los ist und hinfahren, um dich zu überzeugen. Er ist jetzt in der Lambert Road...”

“Was willst du von mir?”, zischte ich zwischen den Zähnen hindurch.

“Ich will, dass du die Wahrheit erkennst. Die Wahrheit, die da heißt, dass selbst dein Chef ein Schweinehund ist. Und wenn er ein Schweinehund ist, tja mein lieber Murray Abdul – was bist du denn dann?”

Ein Augenblick des Schweigens folgte. Er wollte, dass ich nachfragte, dass ich meine Neugier preisgab. Und in der Tat fragte ich mich, was Director Lee in einer Gegend zu suchen hatte, in der sich Prostituierte, Dealer und Gangs tummelten. Schließlich war er der Director des Field Office. und nicht ein Special Agent im Außendienst. Das ist schon etwas anderes.

Ich bezähmte meine Neugier. Denn diese Blöße wollte ich diesem Kerl nicht geben. Stattdessen hatte ich einen anderen Plan. Er wollte mich nicht töten, wenn seine Worte in diesem Punkt der Wahrheit entsprachen. Er wollte offenbar, dass ich wie von der Tarantel gestochen in die Bronx fuhr, um herauszufinden, was mein Chef dort trieb, der da im Moment wirklich nichts zu suchen hatte.

Aber das bedeutete auch, dass er sein Spiel vermutlich fortsetzen wollte. Ein Spiel, das den Tod von völlig Unschuldigen beinhaltete. Ich hatte nicht vor, dies zuzulassen. Nein, er sollte diese Wohnung nicht verlassen, es sei denn im Leichensack oder in Handschellen. Was davon zutraf, das hatte er selbst in der Hand.

“Hast du davon gehört, dass in der Gegend, in der dein Chef jetzt ist, letzte Woche ein Dealer erschossen wurde?”, fragte er. “Und in der Woche davor auch - zufällig war er da auch in der Gegend. Du willst das nicht glauben? Ich werde dir einen Link schicken, dann kommst du an die Daten. Keine Sorge, diese Spur führt nicht zu mir persönlich. Der Server wird über eine Adresse auf Tonga umgeleitet und die Daten befinden sich vielleicht in der Ukraine oder in Moldawien oder an sonst irgendeinem Ort, an dem das möglich ist. Dein Chef ist ziemlich oft in der Gegend um die Lambert Road in der South Bronx. Und jedesmal stirbt dann jemand.” Er zuckte die Achseln. “Auch eine Möglichkeit, Gerechtigkeit herzustellen. Gefällt mir sogar ein bisschen. Wer hätte das gedacht? Wir scheinen Verwandte im Geiste zu sein, dieser Director Lee und ich. Auf jeden Fall nehmen wir beide gewisse Dinge sehr genau und sehr persönlich.”

“Und was nimmst du in Bezug auf mich persönlich?”

“Erinnerst du dich an eine Schießerei in der Lower Eastside? Liegt schon ein paar Jahre zurück. Es ging um ein paar Crack Dealer. Einer von ihnen hieß Brazzo.”

“Ja, ich erinnere mich.”

Ich konnte keinen Bezug dem damaligen Fall herstellen. Der Mann, der mir gegenübersaß hatte dabei keine Rolle gespielt. Jedenfalls hatte ich ihn nicht gesehen und auch nicht festgenommen oder befragt. Ich habe ein ziemlich gutes Gedächtnis für Gesichter. Und dieses war einfach nie vor meiner Linse gewesen. Da war ich mir ziemlich sicher.

Und es waren eigentlich auch nicht genügend Jahre vergangen, als dass es vielleicht möglich gewesen wäre, dass ich ihn nicht mehr hätte wiedererkennen können.

Er lächelte wieder.

Ich mochte dieses aasige Lächeln nicht. Ein Lächeln, das nichts anderes ausdrückte, als die Freude an der Qual anderer. So etwas kann ich nicht leiden.

“Es ist damals eine Menge Blut geflossen, nicht wahr?”

“Ich hatte Glück”, sagte ich. “Ich wurde zwar verletzt, aber nicht schwer, weil ich eine Kevlar-Weste trug.”

“Ich spreche nicht von deinem eigenen Blut, du Idiot”, fauchte er mich an. Meine Antwort hatte ihn offenbar richtig wütend gemacht,. “Ich spreche von dem Blut einer völlig unbeteiligten Person, die durch das Feuer von euch durchgeknallten Cops ums Leben kam! Eine Kugel durchdrang nämlich die Wand. Es war nur eine dünne Zwischenwand aus Sperrholz oder so etwas, die man mit Tapete beklebt hatte. Aber eine Kugel geht da durch, als wäre da nichts! Und die Frau, die getroffen wurde, war meine Mutter. Ich erfuhr erst am nächsten Tag davon und ich musste mir alle diese verdammten Ausflüchte anhören, die euresgleichen dann immer parat hat, wenn ihr mal wieder über die Stränge geschlagen habt!”

Sein Gesicht war dunkelrot geworden.

Ich erinnerte mich an die Story, die er erzählte. Und das Bedauerliche an der Sache war, dass sie im Wesentlichen stimmte. “Es tut mir leid, dass Ihre Mutter damals ums Leben kam”, sagte ich. Und das war durchaus aufrichtig gemeint.

“Ach, wirklich? Ich denke nicht, dass du wirklich begriffen hast, was du damals angerichtet hast, G-man! Du wolltest diesen Scheiß-Dealer um keinen Preis entkommen lassen. Das Leben einer Unschuldigen war dir weniger wert, als die Festnahme dieses Mistkerls.”

“Ich hatte keine Ahnung, dass Ihre Mutter im Nachbarraum war! Und der Wand war auch nicht anzusehen, dass sie nur eine Art Sichtverkleidung war”, verteidigte ich mich. So hatte ich mich schon damals gerechtfertigt. Vor mir selbst. Und vor den Kollegen der Inneren, die die Sache damals natürlich unter die Lupe genommen hatten. Schon damals hatte mich das selbst nicht wirklich überzeugt. Die Zweifel daran, damals das Richtige getan zu haben, nagte bis heute an mir. Und wahrscheinlich wird er das auch in Zukunft immer tun. Ein unangenehmes Gefühl, das nie ganz verschwinden wird, wie ich inzwischen akzeptiert habe.

“Ich glaube, du musst noch etwas leiden, Murray. Und ich werde dir dazu verhelfen. Aber ich werde die Art der Leiden etwas verfeinern. Ich gehe jetzt. Es ist sinnlos mir zu folgen.” Er erhob sich. “Aber du solltest dich in der Lambert Road umsehen. Vielleicht ist da ja auch schon ein Mord gemeldet worden. Anonym. Wenn du das Stimmprofil mit dem deines Chefs vergleichst, wirst du feststellen, dass es identisch ist, auch wenn er einen Verzerrer benutzt.”

Ich hatte eine zweite Waffe dabei. Einen Kleinkaliber. Eine alte Angewohnheit. Manche Cops machen das so. Vor allem die, die eine Weile im Streifendienst waren. Ich riss die Waffe heraus. Eine Chance hatte ich. Oder vielleicht auch nur eine halbe. Aber ich hatte eine Entscheidung getroffen. Dieser Mistkerl sollte keine weiteren Unschuldigen töten. Und ganz egal, wie diese Sache hier und jetzt ausging, seine Mordserie würde hiermit zu Ende gehen. Entweder in dem ich ihm eine Kugel in den Kopf jagte oder er mir. Wenn letzteres geschah, machte es für ihn auch keinen Sinn mehr, Personen zu töten, die sich zufällig in meiner Nähe aufhielten.

Ich feuerte. Er auch.

Ich drückte noch zwei weitere Mal ab, während ihm seine Hände schon nicht mehr gehorchten. Er sackte blutüberströmt gegen die Wand und rutschte an ihr herab. Einen Schmierfleck zog er hinter sich her und riss außerdem eine Stehlampe um. Der Lampenschirm war rot gesprenkelt. Scheiße, dachte ich. Das Ding war mir mal viel wert gewesen. Aber das hatte sentimentale Gründe, auf die ich hier und jetzt nicht weiter eingehen will.

Der Kerl lehnte erstarrt an der Wand, saß da und schien mich mit seinen weit aufgerissenen, toten Augen anzustarren. Und irgendwie hatte ich immer noch den Eindruck, dass er grinste.

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Die Rechnung des Kerls, dessen Name ich bislang noch nicht mal kannte, ging auf. Ich nahm mein Handy und trackte meinen Chef. Er war tatsächlich in der Lambert Road. Ich rief ihn an und meldete ihm, was geschehen war.

“Wo sind Sie?”, fragte ich.

“Gerade aus dem Büro und auf dem Parkplatz an der Federal Plaza”, log er mich ziemlich dreist an, weil er die Außenakustik irgendwie erklären musste. “Ich kümmere mich drum, dass alles in die Wege geleitet wird. Bleiben Sie in Ihrer Wohnung. Die Kollegen werden gleich bei Ihnen sein.”

“Ja.”

“Seien Sie froh.”

“Wieso?”

“Weil jetzt für Sie der Albtraum vorbei ist, Abdul.”

“Wenn Sie das sagen.”

“Ich sage es.”

Aber ein anderer Albtraum hatte gerade erst begonnen. Später wünschte ich manchmal, ich hätte Director Lee nie getrackt. Aber so ist das eben. Die Versuchung war einfach zu groß.

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Ich blieb nicht in der Wohnung. Ich wollte wissen, was mit Director Lee los war. Also fuhr ich in die Bronx. Man könnte sagen, dass ich vielleicht jemanden hätte einweihen sollen. Lew Parker zum Beisiel. Aber die Wahrheit ist, ich wollte ihn anrufen, doch Lew hatte sein Handy abgeschaltet oder vielleicht stand sein Bett auch in einem Funkloch. Wie auch immer. Shit happens, so sagt man. Und genau das war es, was mir dann widerfuhr.

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Es war keine Schwierigkeit, Director Lee zu finden. Er hatte mit der Möglichkeit, dass ein Kollege ihn per Handy ortet, wohl überhaupt nicht gerechnet., Warum auch? Jeder sah ihn von morgens früh bis abends spät immer nur im Büro. Ein Ausbund an Pflichterfüllung. Und so verhasst er deswegen bei vielen Kollegen auch gewesen sein mag, weil schließlich jeder verhasst ist, der die Arbeitsnormen übererfüllt und allen anderen immer und immer wieder vorführt, was für moralisch minderwertige Idioten sie doch sind. Man traute ihm einfach nicht zu, gegen die Gesetze zu verstoßen. Und vor allem gegen ein Gesetz, das so alt war, wie es eine menschliche Gemeinschaft gab: Du sollst nicht töten!

Ich fand ihn in einem Hinterhof. Drei Männer lagen auf dem Boden. Drogendealer vermutlich. Sie trugen Jacken mit den Insignien ihrer Gangs. Ich kannte mich da natürlich ganz gut aus.

“Director Lee?”, fragte ich fassungslos.

“Was machen Sie hier, Murray?”

“Na, raten Sie mal.”

“Nun...”

“Man könnte sagen, es hat mir jemand einen Tipp gegeben.”

Er machte eine Bewegung. Aber da hatte ich schon meine Waffe in der Hand. “Keine Bewegung, Director!”

“Sie werden jetzt doch nicht übermütig, Murray!”

“Alles , was Sie von jetzt an sagen, kann und wird vor Gericht gegen Sie verwendet werden, Director Lee.”

“Hören Sie... Diese Schweine haben es verdient! Die Justiz hätte sie nicht verurteilt. Das wissen Sie. Und wir hätten sie auch nie gekriegt. Sie hätten einfach immer weiter gemacht.”

Während er sprach, drehte er sich, verdeckte seine Waffe und wirbelte dann herum.

Ich feuerte.

Ich feuerte, ehe er die Gelegenheit bekam, auf mich zu schießen. Getroffen sackte er zu Boden. Und dann lag er zwischen den Männern, die er nicht ganz zu Unrecht als Schweinehunde tituliert hatte.

Ein Miststück unter Miststücken, dachte ich.

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Zur Zeit habe ich ein nettes Zimmer mit vergitterter Aussicht auf der Gefängnisinsel Rikers Island. Und wie es aussieht, werde ich da wohl noch eine Weile sitzen. Ein Special Agent, der seinen Chef erschießt, das ist die eine Story. Aber ein Muslim, der einen Field Office Director erschießt, das ist schon was ganz anderes.

Mein Anwalt meint, dass da etwas an den Beweisen gedreht worden ist und man einfach nicht an die Oberfläche dringen lassen will, was da wirklich geschehen ist. Plötzlich waren die Kugeln in den Körpern der Drogendealer nicht mit denen identisch, die aus Director Lees Waffe abgefeuert worden waren. Lew Parker hat mich besucht. Er meinte, dass er mir helfen wollte. Und dann haben sie ihn in ein Field Office am Pazifik versetzt. Weiter weg geht nicht.

Wie auch immer. Mein Anwalt meint, dass es ein paar Jahre dauern könnte, bis er mich hier herausgeeist hat. Ein Muslim, der einen hohen FBI-Beamten erschießt, das passt einfach zu gut ins Klischee, oder?

Was geschehen ist, ist geschehen. Und wenigstens das eine lässt sich sagen: Zwei Killer weniger in einer Stadt, die man mit Fug und Recht als die Stadt der Schweinehunde bezeichnen kann.

ENDE

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Wir fanden Knochen

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Thriller von Alfred Bekker

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1

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"Scheiße, die Cops! Die haben den ganzen Block umstellt!"

"Schrei nicht so, Toby! In dieser verdammten Lagerhalle herrscht 'ne Akustik wie in 'ner Kirche!"

Die beiden jungen Männer lauschten kurz der Megafonstimme, die sie zum Aufgeben bewegen sollte. Panik glänzte in Toby Reynolds' Augen. Schweißperlen standen ihm auf der Stirn. In der Linken hielt er eine unscheinbare Plastiktüte. Darin zwei Kilo reinstes Kokain. Sein Komplize war einen ganzen Kopf größer. Er deutete mit der Automatik in seiner Linken zu einem Pulk von Metallfässern. "Da lassen wir den Stoff zurück!"

"Rick!"

"Ohne den Schnee können die uns nichts!"

Toby war unentschlossen. Rick riss ihm die Tasche aus der Hand. Er spurtete auf die Fässer zu. Es waren mehrere hundert. Manche angerostet, einige umgestürzt und offensichlich leer. Totenkopfschilder zeigten an, dass der Inhalt giftig gewesen sein musste. Rick versuchte bei dem erstbesten Fass den Deckel zu öffnen. Er klemmte. Also nahm er sich das nächste vor. Der Deckel fiel scheppernd zu Boden. Rick blickte hinein. Und erbleichte. Mein Gott, durchzuckte es ihn. Menschliche Gebeine!

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2

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Polizeisirenen schrillten. Die Megafonstimme meldete sich wieder. Man konnte den Eindruck gewinnen, dass eine Hundertschaft Cops im Begriff war, das brachliegende Firmengelände von Houseman Chemistry Ltd. am Rand der South Bronx zu stürmen.

Die haben auf uns gewartet, dachte Toby. Anders ist dieser ganze Mist doch nicht zu erklären...

Am toten Ende der Togeda Road hatten Toby, Rick und ein paar andere Angehörige der YOUNG CANNIBALS sich mit den Kolumbianern getroffen, um die wöchentliche Kokain-Lieferung zu übernehmen. Dann hatten die Cops zugeschlagen.

Die YOUNG CANNIBALS beherrschten den Crack-Handel im Bereich einiger Straßenzüge. Und aus einem Kilo Kokain ließ sich mit reichlich Backpulver oder Mehl leicht die hundertfache Menge an Crack aufkochen.

Toby holte seinen Komplizen ein, keuchte dabei.

Er war kein sportlicher Typ, nahm außerdem des Öfteren vom eigenen Stoff. Allerdings immer nur reinen Schnee, nie Crack.

"Was ist los? Sollen wir hier Wurzeln schlagen?"

Rick öffnete halb den Mund.

Er war unfähig, auch nur einen einzigen Ton herauszubringen.

Eine Sekunde später sah Toby die Knochen ebenfalls.

"Scheiße, was ist das denn?"

"Da war ein Perverser am Werk!"

Ein kaum erträglicher stechender Geruch stieg Toby in die Nase. Er verzog das Gesicht.

"Weg hier, Rick!"

Rick drehte sich herum, sah seinen Komplizen mit zur Maske erstarrtem Gesicht an. "Die machen uns fertig, Toby! Verdammt, am Ende kriegen wir diese Knochen auch noch ans Bein geheftet! Wir landen auf dem elektrischen Stuhl!"

"Quatsch nicht!"

"Doch, genau das wird passieren! Die legen uns...aufs...Kreuz..."

Toby schnappte nach Luft.

Seine Nasenschleimhäute waren angeschwollen. Auf Grund des regelmäßigen Kokaingenusses waren sie äußerst empfindlich. Irgendetwas Ätzendes dämpfte aus dem Fass mit den Knochen heraus.

"Mir wird schlecht", murmelte Toby.

Ricks Erstarrung löste sich.

Sie hetzten weiter.

Den Stoff versteckten sie in einem Haufen alter Autoreifen am Ende der Lagerhalle.

Dann erreichten sie einen jener Ausgänge, die nur für Personal gedacht waren. Die großen Tore hätten sie auch gar nicht zu öffnen vermocht. Seit mehreren Jahren rostete hier alles vor sich hin, die Tore ließen sich keinen Zentimeter mehr bewegen.

Diese Tür aber schon.

Ein wuchtiger Tritt von Rick reichte aus, sie sprang nach außen auf.

Toby stürmte voran, riss dabei eine Automatik unter der nietenbesetzten Lederjacke hervor.

Rick war hinter ihm.

Die beiden blickten auf eine asphaltierte Fläche. Vor sich hinrostende Container standen dort herum. Die in großen, roten Lettern gehaltene Aufschrift Houseman CHEMISTRY LTD. - CHEMICAL SUPPLY & SUPPORT blätterte schon ab. Einige wenige Truck-Zugmaschinen hatten hier ebenfalls ihr Autograb gefunden. Ausgeschlachtet bis zum Skelett.

Reifen, Scheiben, Polster -—nicht einmal die Karosserien waren noch vollständig.

Jenseits der Asphaltfläche folgten weitere Lagerhallen sowie ein fünfstöckiger Kubus, in dem sich früher Büros und Laboratorien befunden hatten. Jetzt war in den unteren Stockwerken kaum noch eine Fensterscheibe ganz.

Noch immer dröhnten die Polizeisirenen aus dem Hintergrund. Die Megafonstimme war verstummt.

Offenbar waren die Cops jetzt der Ansicht, dass genug geredet worden war.

"Verdammt, ich frage mich, was aus den Kolumbianern geworden ist", meinte Toby.

"Die Schweine werden uns nach Strich und Faden anschwärzen, wenn die Cops sie gekriegt haben. Darauf kannst du Gift nehmen!"

"Schätze, du hast recht!"

Sie setzten ihren Weg fort, die Waffen im Anschlag.

"Die verdammten Cops können unmöglich den ganzen Block auf den Kopf stellen! Wenn wir Glück haben finden die unseren Stoff nie", murmelte Rick.

"Hast du eine Ahnung!"

"Toby, glaub' mir, ich..."

"Halt's Maul!"

Sie nahmen hinter einem der Container Deckung.

Schließlich hetzten sie weiter, hielten sich dabei in Richtung des Büro- und Laborgebäudes. Das Gelände von HOUSEMAN CHEMISTRY LTD. war an drei Seiten von breiten Straßenzügen umgeben. Nur in nördlicher Richtung schloss sich sofort ein Nachbargelände an, auf dem die leerstehenden Lagerhäuser einer Im- und Exportfirma vor sich hinrotteten.

Wenn es eine Chance zu entkommen gab, dann in dieser Richtung.

Plötzlich schrie Rick auf.

Toby wirbelte herum, sah, dass Ricks rechtes Bein ganz rot geworden war.

Eine furchtbare Wunde klaffte am Oberschenkel.

"Etwas hat mich erwischt!", rief Rick.

Kein Schussgeräusch war zu hören gewesen. Der Schütze hatte offenbar eine Waffe mit Schalldämpfer benutzt.

Sekundenbruchteile später sah Toby den roten Strahl eines Laserpointers durch die Luft tanzen. Toby warf sich zu Boden. ETWAS zischte dicht an ihm vorbei. Ein Projektil.

Es brannte sich wenige Zentimeter von Toby entfernt in den Asphalt und schlug ein daumengroßes Loch.

Toby sah auf.

Blickte zu der hoch aufragenden Fassade des Büro-Kubus.

Schätzungsweise dreihundert Fenster, davon fast die Hälfte ohne Glas. Aus irgendeinem dieser Löcher hatte der Schütze zugeschlagen.

Der Killer!

Denn, dass es sich um einen Cop handelte, konnte Toby nicht glauben. Wenn die Cops eine angenehme Eigenschaft hatten, dann war es ihre Berechenbarkeit. Sie waren nunmal an die Gesetze gebunden. Ihr größtes Handicap wahrscheinlich.

Toby rappelte sich auf.

An einem der Fenster glaubte er, eine Bewegung erkannt zu haben. Er feuerte seine Automatik ab. Ungezielte Schüsse.

Rick strauchelte.

Auch er feuerte in jene Richtung, aus der er glaubte beschossen worden zu sein.

Er hielt die Waffe einhändig, während er mit der Linken versuchte, die Blutung an seinem Bein zu stillen.

Wahrscheinlich war die Schlagader durch den ersten Treffer zerrissen worden.

Er sank auf die Knie, stöhnte auf.

Für Sekundenbruchteile erschien ein roter Laserpunkt mitten auf seiner Stirn. Im nächsten Moment wurde ein rundes, blutiges Loch daraus. Sein Körper zuckte zurück.

Leblos sackte er auf den Asphalt.

Toby rannte vorwärts, duckte sich und versuchte einen der ausgeschlachteten Trucks zu erreichen, um dahinter Deckung zu finden.

Er war nicht schnell genug.

Der Laserstrahl brach sich an der verbogenen Antenne des Trucks. Eine Kugel erwischte Toby an der Schulter. Die Wucht des Aufpralls riss ihn herum, ließ ihn straucheln. Er ballerte wild mit seiner Automatik herum, ohne die Chance, seinen unsichtbaren Gegner zu treffen.

Eine Hand presste er gegen die Schulter. Das Blut rann ihm durch die Finger. Ein weiterer Schuss erwischte ihn am Kopf. Toby strauchelte der Länge nach zu Boden, erreichte gerade noch die Deckung, die er gesucht hatte.

Regungslos blieb er liegen, während sich um ihn herum eine Blutlache bildete.

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3

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"Jesse! Was ist da los bei euch?"

"Ich habe keine Ahnung, Clive!"

Es war die Stimme von Agent Clive Caravaggio, die in meinem Ohrhörer schrillte. Der stellvertretende Special Agent in in Charge war der zweite Mann im FBI Field Office New York.

Er leitete diesen großräumig angelegten Einsatz in der Bronx. Die YOUNG CANNIBALS und ihre Aktivitäten im Crack-Handel beobachteten wir schon seit längerem. Diese Gang beherrschte zwar den Crack-Handel in einem Teil der South Bronx, aber die großen Nummern waren ihre Lieferanten.

Und an die wollten wir heran.

Der Tipp eines Informanten hatte uns an diesem Sonntagnachmittag hier her gebracht. Zusammen mit mehr als dreißig G-men und noch einmal so vielen Angehörigen eines Spezialkommandos der State Police hatten wir uns auf die Lauer gelegt.

Jetzt waren wir dabei, die Ernte einzufahren.

Die Kolumbianer hatten sich gleich ergeben. Echte Profis eben. Sie hatten sofort erkannt, dass sie keine Chance hatten, wenn sie wild mit der Uzi herumknallten. Bei den YOUNG CANNIBALS war das anders. Einige von ihnen hatten das Feuer eröffnet und waren jetzt tot oder schwer verletzt.

Zwei von ihnen waren uns schlicht durch die Lappen gegangen. Ihretwegen trieben wir uns jetzt hier auf diesem brachliegenden Firmengelände herum.

Und jetzt die Schüsse...

Mein Freund und Kollege Milo Tucker fasste seine Dienstwaffe mit beiden Händen, tastete sich vorsichtig zu einem der vor sich hin rostenden Container hervor. Wir hatten gerade eine Lagerhalle umrundet. Einige unserer Kollegen sahen sich im Inneren um, während wir dem ehemaligen Büro- und Labortrakt von HOUSEMAN CHEMISTRY LTD. entgegenstrebten.

Schreie waren zu hören.

"Mit wem schießen sich die Brüder denn, zum Teufel?", knurrte unser Kollege Jay Kronburg. Wie wir alle trug er bei diesem Einsatz eine Kevlar-Weste. Aber statt der üblichen SIG verwendete Jay einen 4.57er Magnum-Colt. Ein Überbleibsel aus seiner Zeit bei der City Police.

Wir stürmten vorwärts.

Sicherten uns gegenseitig ab.

Die Schießerei verebbte schon nach wenigen Augenblicken.

Dann fanden wir die beiden flüchtigen YOUNG CANNIBALS.

Beide durch Kugeln getroffen.

Der Größere der beiden war ganz gewiss tot. In eigenartig verrenkter Haltung lag er da. Der andere befand sich in der Nähe eines ausgeschlachteten Trucks. Eine Lache aus frischem Blut färbte den Asphalt um ihn herum dunkelrot.

Er bewegte sich noch.

"Sieht so aus, als hätte da oben aus dem Büro-Trakt jemand die beiden eiskalt abgeschossen!", stieß ich hervor.

Das Motiv dafür lag auf der Hand.

Einer der beiden Flüchtigen hatte nämlich eine Plastiktüte bei sich gehabt, die vermutlich ein paar Kilo Kokain enthielt.

"Da hat wohl irgendein Geier versucht abzusahnen!", knurrte Jay Kronburg. "Aber der wird nicht viel Freude an seiner Beute haben!"

Milo rief über das Mikro an seinem Hemdkragen den Emergency Service.

Außerdem informierte er Clive über die Lage. Kollegen von uns wurden angewiesen, das Büro- und Laborgebäude abzuriegeln.

Geduckt rannte ich vorwärts.

Meine Kollegen sicherten mich.

Ich erreichte den Verletzten.

Zuerst nahm ich ihm die Waffe ab, um die sich seine Faust immer noch schloss.

Er sah mich an, wollte etwas sagen. Aber aus seinem Mund kam nichts weiter als ein heiseres Röcheln.

Milo und Jay folgten mir.

Der Verletzte hatte viel Blut aus der Wunde an der Schulter verloren. Auch ein Treffer an der Schulter konnte lebensgefährlich sein, wenn von oben geschossen worden war und der Schusskanal dann auf seinem Weg durch den Körper wichtige Organe zerriss. Am Kopf hatte er hingegen nur einen Streifschuss abbekommen.

Jay betrachtete inzwischen die Leiche des Komplizen, drehte ihn herum.

"Der hier hat den Stoff nicht", stellte er fest.

"Den haben die hier irgendwo verschwinden lassen", murmelte Milo.

Ich machte inzwischen dem Emergency Service über Funk etwas Druck. Ein Rettungsteam war vorsorglich in die Nähe des Einsatzortes beordert worden. Schließlich musste bei einer derartigen Operation immer auch mit Verletzten gerechnet werden.

Wenig später trafen die Rettungssanitäter ein, um sich um den Verletzten zu kümmern.

Wir hatten anhand seines Führerscheins inzwischen herausgefunden, wie er hieß.

Toby Jackson.

Ein bislang unbeschriebenes Blatt. Es musste sich um einen der unteren Ränge bei den YOUNG CANNIBALS handeln.

Dasselbe galt für den Toten. Er trug Führerschein und Kreditkarten bei sich, die auf den Namen Rick Donegal ausgestellt waren. Ein Name, der in unseren Dossiers über die YOUNG CANNIBALS nur unter ferner liefen genannt wurde.

Rick hatte ein Handy bei sich getragen. Mit Prepaid-Sim-Card, so dass man bei Anrufen nicht die Identität des Telefonkunden zurückverfolgen konnte. Aber immerhin gab es einen Speicher, der die letzten zehn selbstgewählten und angenommenen Gespräche verzeichnete, außerdem deren Uhrzeit und Dauer.

Besonders interessant waren die Nummern, die kurz vor dem Zeitpunkt geführt worden waren, als der Deal über die Bühne laufen sollte.

"Wird 'ne Weile dauern, bis der wieder reden kann", meinte Milo, als Toby Jackson von den Emergency Service-Leuten abtransportiert worden war.

Jay Kronburg verzog das Gesicht. "Selbst, wenn er könnte, würde er keinen Ton von sich geben", war er überzeugt. "Ist doch immer wieder dasselbe bei diesen Gang-Mitgliedern. Die sterben eher, als ihre Bande zu verraten, sonst sind sie dort auf ewig unten durch."

Augenblicke später erreichte uns über Funk die Nachricht, dass die Kollegen der City Police bei der Durchsuchung jemanden festgenommen hatten.

"Na also", kommentierte Milo.

"Ich bin mal gespannt, was das für ein Typ ist", meinte Jay.

Wenig später bekamen wir ihn in der Eingangshalle des Büro-Gebäudes zu Gesicht. Zwei Officers der City Police hatten ihn in ihre Mitte genommen. Ein kleiner, hagerer Mann mit tiefliegenden Augen und hervorspringendem Kinn. Er trug einen fleckigen Mantel, dessen linke Tasche eingerissen war. Die Baseballkappe trug den Aufdruck einer bekannten Hamburger-Kette. Der Mann roch nach einer Mischung aus Bier und Erbrochenem.

Ein Obdachloser, dachte ich.

"Außer diesem Mann war niemand im Gebäude", berichtete Captain Roy Brady von der City Police.

"Hatte er den Stoff bei sich?", fragte ich.

"Nein. Nur ein paar Plastiktüten mit irgendwelchem Plunder. Wir haben ihn durchsucht. Er hatte keine Waffe und keine Papiere bei sich."

"Sie haben kein Recht, mich festzunehmen!", beschwerte sich der Mann. Seine Sprechweise war schleppend, so als ob er einiges getrunken hatte.

Ich wandte mich ihm zu.

"Wie heißen Sie?"

"John Smith."

"Ein ziemlich häufiger Name."

"Ich heiße wirklich so, fragen Sie Schwester Agatha vom Asyl der Barmherzigen Schwestern! Da bin ich auch unter diesem Namen bekannt!"

"Lassen Sie ihn los!", wandte ich mich an die beiden Beamten, die ihn abgeführt hatten. Auf Handschellen hatten sie verzichtet. Offenbar glaubte niemand, dass dieses schmächtige Männchen irgendwelche Schwierigkeiten machen würde.

"Ich bin Special Agent Jesse Trevellian", stellte ich mich vor. "Haben Sie einen festen Wohnsitz?"

"Meistens bin ich hier. Hier wird man in Ruhe gelassen."

"Verstehe."

"Ich habe nichts getan, Mister!"

"Bist jetzt behauptet das auch niemand!"

"Und warum bin ich dann festgenommen worden?" Smith' Gesicht lief rot an. "Verdammte Cops! Vertreiben einen aus den Subway-Stations und jetzt kommt ihr wahrscheinlich damit, dass selbst der Aufenthalt in diesen rostigen Trümmern ungesetzlich ist!"

"Strenggenommen ist er das. Aber deswegen ist keiner von uns hier. Uns interessiert die Schießerei, die gerade auf dem Houseman-Gelände stattgefunden hat."

"Ich weiß nichts darüber. Wart ihr das nicht?"

"Draußen gab es einen Toten und einen Schwerverletzten."

"Ich habe mich einfach nur still verhalten, als die Ballerei losging. Ich will mit so etwas nichts zu tun haben... Ab und zu waren ein paar Jugendliche hier und haben Zielschießen mit Revolvern gemacht. Als die mich gefunden haben, haben sie die Bierdosen auf meinen Kopf gestellt, diese Schweine..."

"Nehmen wir Fingerabdrücke von dem Mann und lassen ihn dann laufen", raunte Milo mir zu.

Ich war ganz seiner Meinung.

"Der Killer muss es geschafft haben, das Bürogebäude schon vor unserer Ankunft zu verlassen", meinte Lieutenant Brady.

"Oder wir haben ihn übersehen...", murmelte ich.

"Halte ich für ausgeschlossen, Agent Trevellian. Wir haben hier jeden Winkel durchsucht. Vom Keller bis zum Dach. Ausgeschlossen, dass sich da jemand versteckt hat."

"Gibt es einen Zugang zum Kanalsystem?", hakte ich nach.

Brady zuckte die Achseln. "Sicher."

"Möglicherweise ist er darüber entkommen."

Einer der Officers meldete sich in diesem Augenblick über Funk. Er hatte eine Waffe gefunden. Ein Spezialgewehr vom Typ KX-23 der südafrikanischen Firma Jespers CombatCo.

Diese Waffe verschoss Patronen vom Kaliber .38, ließ sich zu einem handlichen Paket zusammenklappen und verfügte über eine hervorragende Laserzielerfassung.

Die Waffe eines Profi-Killers.

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Auf dem Gelände von HOUSEMAN CHEMISTRY LTD. fanden sich nach und nach die Spezialisten von der Scientific Research Division, dem zentralen Erkennungsdienst aller New Yorker Polizeieinheiten ein. Zusätzlich waren auch noch unsere eigenen Erkennungsdienstler vom FBI Field Office New York anwesend.

Von John Smith wurden Fingerabdrücke genommen.

Schmauchspuren waren an seinen Händen nicht zu finden.

Natürlich konnte er Handschuhe getragen haben, die wir jetzt auf die Schnelle natürlich nicht finden konnten.

Aber niemand von uns glaubte ernsthaft, dass Smith etwas mit den Schüssen auf die beiden YOUNG CANNIBALS zu tun hatte. Viel näherliegender war, dass der Killer einfach zu schnell für uns gewesen war.

Der Coroner traf ein, um den Toten in Augenschein zu nehmen. Das Bürogebäude wurde nochmals gründlich abgesucht.

An einem Fenster im vierten Stock fanden sich Patronenhülsen, deren Kaliber zu dem aufgefundenen Spezialgewehr vom Typ KX-23 passten. Der Obdachlose John Smith war hingegen im fünften Stock aufgegriffen worden, wo er in einem der wenigen Räume mit intakten Scheiben sein Lager aufgeschlagen hatte.

Schließlich tauchte auch das Kokain auf, dass bei dem von uns beobachteten Deal der YOUNG CANNIBALS den Besitzer gewechselt hatte.

Es fand sich in einer der Lagerhallen, versteckt in einem Haufen Reifen.

Ganz in der Nähe wurden unsere Kollegen allerdings noch auf etwas anderes aufmerksam.

Als Milo und ich davon hörten, glaubten wir zuerst an an einen makabren Scherz eines Kollegen.

Aber als wir wenig später einen Blick in das angerostete Fass warfen, sahen wir die Gebeine selbst.

Ein ätzender Geruch kam aus dem Fass heraus, raubte einem den Atem.

"Muss irgendeine Säure sein", meinte unser Kollege Orry Medina, der die Knochen entdeckt hatte. Jetzt machten sich Erkennungsdienstler daran, auch die anderen Fässer zu untersuchen.

Ein Bild des Grauens bot sich uns.

Die Fässer wurden nach und nach von den entsprechend geschulten Spezialisten der SRD geöffnet. In etwa zwanzig davon fanden sich menschliche Gebeine. Äußerst aggressive Säuren hatten dafür gesorgt, dass von diesen Toten nicht mehr übriggeblieben war, als blanke Knochen. Und auch die hatten sich teilweise schon aufgelöst. Die Säure selbst war in einigen Fässern durch chemische Reaktionen mit dem Körpergewebe und der Innenbeschichtung der Fässer fast vollständig verschwunden.

Ich wechselte einen Blick mit Orry.

Der eigentlich mit einem dunkleren Teint ausgestattete G-man indianischer Abstammung wirkte ungewohnt blass.

"Dass muss doch ein Perverser gewesen sein!", brachte er heraus.

Clive Caravaggio, unser Einsatzleiter, war ebenfalls ziemlich konsterniert. Die Tatsache, dass die Tüte mit Kokain wieder aufgetaucht war, konnte seine Laune auch nicht aufhellen.

"Wer macht so etwas?", fragte er kopfschüttelnd.

"Jemand, der sicher sein wollte, dass diese Leichen für immer verschwinden!", meinte ich.

"Ich hoffe nur, dass wir die Opfer identifizieren können", mischte sich Milo in das Gespräch ein. "Sonst haben wir nicht das Geringste in der Hand..."

Scott R. Davis, einer der Chemiker der SRD, hatte uns bereits eröffnet, dass es vermutlich reine Glückssache war, wenn sich überhaupt noch eines der Opfer identifizieren ließ. Zu weit war der Auflösungsvorgang bereits fortgeschritten. Möglicherweise fanden sich bei irgendeinem der Opfer zahnmedizinische Besonderheiten, die eine Identifizierung ermöglichten.

"Ich glaube nicht, dass dieser Leichenfund irgendetwas mit den YOUNG CANNIBALS und dem Drogen-Deal zu tun haben", meinte ich. "Die beiden Flüchtenden werden kaum so dumm gewesen sein, uns bei ihrer Flucht auf geradem Weg zu dem Ort zu führen, an dem ihre dunkelsten Geheimnisse zu finden sind."

"Sie hatten bei ihrer Flucht nicht allzu viele Wahlmöglichkeiten, was die Richtung betrifft!", gab Clive zu bedenken.

"Trotzdem - es macht keinen Sinn."

"Streng genommen wissen wir noch nicht einmal, ob es sich wirklich um Opfer handelt", warf Orry ein. "Es wäre ja auch möglich, dass irgendein krankes Hirn diese Leichen schlicht gestohlen hat."

"Illegale Exhumierungen mit satanistischem Hintergrund?", schloss Milo.

Orry zuckte die Achseln. "Warum nicht?"

Unser Chemie-Ass vom SRD hatte bereits eröffnet, dass es vermutlich reine Glücksache war, wenn sich bei einem der Toten überhaupt eine Todesursache ermitteln ließ. Etwa, wenn ein Projektil einen Knochen durchschlagen hatte.

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Als wir am nächsten Tag im Besprechungszimmer von Mister McKee, dem Chef des FBI Field Office New York saßen, war den meisten von uns der Schrecken noch ins Gesicht geschrieben. Als G-men sind wir an den Anblick von schrecklich zugerichteten Leichen gewöhnt. Aber das, was wir auf dem Houseman-Gelände gesehen hatten, stellte so gut wie alles in den Schatten, was uns in letzter Zeit zugemutet worden war.

Es herrschte eine ernste Stimmung unter den Kollegen.

Selbst der berühmte Kaffee, den die Sekretärin unseres Chef braute, schien irgendwie nicht zu schmecken.

Jonathan D. McKee hatte seine Hände in den Hosentaschen vergraben, während wir durch unsere Innendienst-Kollegen auf den neuesten Stand der Ermittlungen gebracht wurden.

"Wir wären schon erheblich weiter, wenn wir wenigstens einen der Toten in den Fässern identifizieren könnten", erklärte Agent Sam Folder, einer unserer Erkennungsdienstler. "Aber da werden wir die Arbeit der Gerichtsmediziner geduldig abwarten müssen. Der Coroner hat uns allerdings wenig Hoffnung gemacht. Die Zersetzung der Gebeine ist teilweise schon derart fortgeschritten, dass nicht einmal Zahnprofile erhalten geblieben sind."

"Der oder die Täter müssen eine verdammt starke Säure verwendet haben", meinte unser Kollege Jay Kronburg, nahm einen Schluck Kaffee und verzog das Gesicht zu einer Grimasse.

Folder nickte.

"Das Zeug heißt CML. Das ist eine Abkürzung für einen Wörterbandwurm, der aussieht als wäre er vom Beipackzettel eines Arzneimittels abgeschrieben worden. Steht zusammen mit der chemischen Formel in dem Dossier drin, dass ich für Sie zusammengestellt habe. CML zersetzt vor allem organisches Material, wie einige von Ihnen ja mit eigenen Augen gesehen haben. Interessant ist die Frage, wie der Täter an diese Chemikalie herangekommen ist, wo sie normalerweise benutzt wird und so weiter. CML wird, soweit wir bisher herausbekommen konnten, bei bestimmten Verfahren der Kunststoffproduktion verwendet. Aber da stehen wir noch ganz am Anfang. Die Kollegen in Quantico wollen uns in Kürze mit weiteren Informationen zu diesem Komplex versorgen. Darüber hinaus sind wir dabei, eine Liste sämtlicher Betriebe in den Vereinigten Staaten zu erstellen, die diesen Stoff verwenden."

"Mal wieder eine Sisyphos-Arbeit für den Innendienst", raunte Milo mir zu.

Sam Folder fasste zusammen, was es noch an Erkenntnissen über die aufgefundenen Gebeine gab. "Die Knochen in den Fässern befanden sich in unterschiedlichen Stadien des chemischen Zersetzungsprozesses", erläuterte er.

"Die Zersetzung des organischen Materials muss innerhalb von Stunden vor sich gegangen sein. Die Knochen sind da etwas widerstandsfähiger. Möglicherweise liegen einige der Toten schon einige Wochen in den Fässern. Es ist sogar nicht auszuschließen, dass sie bereits monatelang dort gelagert wurden und der Zersetzungsprozess der Gebeine deswegen zum Stillstand kam, weil die vorhandene Säuremenge durch die Reaktion mit dem organischen Gewebe natürlich ebenfalls chemisch umgewandelt wurde."

"Sie meinen, der Täter hatte unzureichende Kenntnisse, was die Dosierung der Säuremenge angeht", stellte Mister McKee klar.

Agent Sam Folder nickte.

"Ja, die Vermutung liegt nahe, dass es sich nicht um einen ausgebildeten Chemiker gehandelt hat. Sondern um einen Amateur. Zumindest in dieser Hinsicht."

Mister McKee hob die Augenbrauen. "Was meinen Sie damit?"

"Ich denke, dass der Kerl fürs Morden Geld bekam. Ein Lohnkiller."

"Ob ein Zusammenhang mit dem Spezialgewehr besteht, mit dem auf die beiden YOUNG CANNIBALS geschossen wurde, wissen wir noch nicht!", gab Mister McKee zu bedenken. "Aber das ist ja ein Punkt, auf den wir noch zu sprechen kommen werden."

Dabei richtete er einen kurzen Blick in Richtung von Dave Oaktree, unserem Chef-Ballistiker.

"Gibt es irgendwelche Anzeichen von Schussverletzungen an den Knochen?", fragte ich.

"Nein", erklärte Folder.

"Aber wenn der Kerl - mal vorausgesetzt, es ist ein Mann mit dem Spezialgewehr etwas mit den Leichen in den Fässern zu tun haben sollte, dann müsste man das doch erwarten, oder?"

"Knochenabsplitterungen durch Einschüsse sind bei dem vorliegenden Zersetzungsprozess sehr schwer zu identifizieren", gab Sam zur Auskunft.

"Und Kopftreffer? Gab es keine Einschusslöcher in den Schädeln?"

"Um ehrlich zu sein, hat mich das auch gewundert", meinte Sam.

"Es könnte sich also um zwei ganz verschiedene Fälle handeln", stellte ich fest.

"Möglich", gab Sam zu. "Aber im Moment wissen wir einfach noch zu wenig, um dazu irgendeine vernünftige Aussage zu machen..."

"...und deshalb werden wir auch in alle Richtungen ermitteln", bestimmte Mister McKee. "Ob satanistische Leichenschänder, verrückter Triebtäter oder ein Massengrab, in dem die YOUNG CANNIBALS ihre Gegner auf unschöne Art und Weise beerdigt haben. Ich halte alles für möglich!"

Im Anschluss berichtete unser Chef-Ballistiker Dave Oaktree von den Erkenntnissen, die sich im Labor im Hinblick auf das aufgefundene Spezialgewehr ergeben hatten. Fest stand jetzt, dass mit dieser Waffe auf die beiden flüchtigen YOUNG CANNIBALS geschossen worden war. "Die Waffe ist bereits einmal bei einer Schießerei benutzt worden, bei der insgesamt sieben mutmaßliche Mitglieder der YOUNG CANNIBALS starben", berichtete Oaktree. "Unser Kollege Max Carter war so freundlich, mir die Daten über den Fall herauszusuchen. Es handelt sich um das sogenannte Expressway-Massaker vor einem halben Jahr. Die Sache wurde nie aufgeklärt..."

"Gab es irgendeine Richtung, in die die Ermittlungen gingen?"

"Offenbar schickte die Konkurrenz der YOUNG CANNIBALS einen Profi-Killer", vermutete Oaktree.

"Wir werden uns diesen Fall wohl nochmal vornehmen müssen", kündigte Mister McKee an.

Agent Mell Horster, einer unserer Verhörspezialisten fasste schließlich zusammen, was die Vernehmungen der Festgenommenen ergeben hatten. Die Ergebnisse waren mehr als dürftig. Die beiden gefangengenommenen Kolumbianer schwiegen eisern. "Wir wissen, dass die beiden lose mit dem Syndikat von Ray Guerra zusammenhängen, von dem wir annehmen, dass er eine der größten Nummern im Kokainhandel hier an der Ostküste ist", berichtete Mell Horster. "Allerdings war Guerra bislang immer schlau genug, sich nichts nachweisen zu lassen."

"Was ist mit Toby Jackson?", erkundigte ich mich nach dem schwer verletzten YOUNG CANNIBAL.

"Noch nicht vernehmungsfähig. Er liegt in der Gefängnisklinik von Riker's Island. Für die nächsten Tage gibt es keine Hoffnung darauf, dass wir von ihm eine vernünftige Aussage bekommen..."

"Verstehe", murmelte ich. "Und dieser Obdachlose -—John Smith?" Ich wandte mich dabei an unseren Kollegen Max Carter von der Fahndungsabteilung.

Carter winkte ab. "Haben wir überprüft. Der ist bei verschiedenen Suppenküchen und Fürsorgeeinrichtungen der Umgebung bekannt! Um jemand anderes müsstet ihr Außendienst-Jungs euch dringend kümmern: Jimmy Barsoris."

Der Name sagte uns allen etwas.

Barsoris war der Anführer der YOUNG CANNIBALS. Bislang hatte ihm allerdings nie etwas nachgewiesen werden können.

Die Kokain-Deals ließ er von seinen Leuten durchführen. Und die mörderische Disziplin in der Gang sorgte dafür, dass keiner von denen, die der Justiz in die Hände gefallen waren, bisher geredet hatten.

"Wenn Barsoris so leicht aufzufinden wäre, stünden wir längst vor seiner Haustür, um ihm ein paar Fragen zu stellen. ", meinte Clive Caravaggio. Der flachsblonde Italo-Amerikaner zuckte die Achseln.

Max Carter grinste. "Wir haben einen Informanten, der uns da weiterhelfen kann!"

Clive hob die Augenbrauen. "Na, da bin ich aber gespannt!"

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Ray Guerra keuchte. Schweißperlen standen ihm auf der Stirn.

Der große, breitschultrige Guerra lag auf dem Rücken. Eine langbeinige Blonde ritt auf ihm. Ihre mittelgroßen Brüste wogten auf und nieder. Die leicht gebräunte Haut schimmerte.

Am linken Handgelenk hatte sie eine Tätowierung in Form einer Schlange.

"Na, los, gib's mir, Columbina", flüsterte Guerra.

Ihr kinnlanges Haar war völlig durcheinander gewirbelt.

Guerra griff nach ihren Brüsten, umfasste sie, knetete sie.

Er schloß die Augen dabei.

Columbina blickte auf ihn herab, studierte sein Gesicht, lächelte. Die junge Frau hatte alles unter Kontrolle, jeden Muskel ihres fantastischen Körpers und ebenso den Mann, der unter ihr lag, gefangen zwischen ihren Schenkeln.

Ray Guerra regierte sein Unterweltimperium aus dem Hintergrund heraus, und ich regiere Ray Guerra, dachte Columbina zufrieden.

Guerra grunzte. Columbina wusste, dass es kurz vor dem Orgasmus war, aber sie zögerte den Augenblick der Erlösung noch etwas heraus.

Schließlich krallte er seine Hände in ihre Pobacken. Guerra stieß einen Ur-Laut aus, dann war es vorbei.

Columbina lächelte.

Von ihrem eigenen Höhepunkt bekam Guerra jedenfalls nichts mehr mit.

Vermutlich ist es ihm auch egal, ob ich einen habe oder nicht, dachte sie, während sie von ihm herunterstieg.

Columbina streckte sich, ging zum Fenster, blickte hinaus.

Ihre atemberaubende Silhouette hob sich gegen das einfallende Sonnenlicht ab, aber dafür hatte Ray Guerra jetzt überhaupt keinen Blick. Er hatte noch immer die Augen geschlossen. War völlig fertig.

Columbina sah kurz zu den Bodyguards hinaus, die Ray Guerras Villa auf den Brooklyn Heights bewachten. Sie trugen dunkle Anzüge mit aufgesticktem Wappen.

Ray Guerra war der Meinung, dass auch seine Bluthunde etwas Stil haben sollten. Manche von ihnen waren mit Maschinenpistolen bewaffnet, andere führten gewaltige Doggen an der kurzen Leine mit sich herum.

Nur ein Lebensmüder konnte es wagen, die hohe Mauer zu überwinden, die Ray Guerras Villa umgab und den Versuch zu unternehmen, bis zum Haus gelangen zu wollen.

Die Doggen machten aus jedem, der so etwas versuchte, buchstäblich Hackfleisch. Darauf waren sie gedrillt.

Killerhunde!

Columbina hatte einmal mit angesehen, wie jemand von ihnen zerfleischt worden war. Die Reste hatten Ray Guerras Leute dann in den Hudson geworfen, sorgfältig in Plastik verpackt und mit einem Stein beschwert.

Columbina hatte das nicht vergessen. Manchmal verfolgte sie der Anblick noch bis in die Träume hinein, obwohl sie alles andere als ein Sensibelchen war.

Dieses Erlebnis hatte ihr gezeigt, wie eiskalt Ray Guerra sein konnte. Eiskalt wie der Tod.

Columbina war schockiert gewesen, selbst sie - eine Killerin!

Denn Columbina war weitaus mehr als nur Guerras Gespielin. Sie war so etwas wie seine rechte Hand, die Hand, die für Ray Guerra die Drecksarbeit erledigte.

Sie drehte sich zu ihm um, betrachtete ihn. Er kam wieder zu sich. Langsam schien sich das Blut wieder dort zu sammeln, wo es am dringendsten gebraucht wurde, in seinem Gehirn.

Er schlug die Augen auf. Ein seliger Blick stand in seinem Gesicht.

So mag ich ihn am Liebsten, dachte sie. Völlig niedergebumst. In diesem Zustand konnte sie alles von ihm haben, das wusste sie genau.

"Das war große Klasse, Baby", sagte Ray Guerra. Sein Brustkorb hob und senkte sich.

"Wird wohl noch 'ne Weile dauern bis du wieder normal atmen kannst, nicht wahr?", lächelte sie.

"Schon gut möglich", meinte Guerra.

Er setzte sich auf.

"Schaffst du es noch mal oder brauchst du erst mal eine Ruhepause", meinte Columbina und stemmte dabei die Arme in die Hüften.

Eine schnarrende Kunststimme meldete sich zu Wort.

Sie haben eine Email bekommen. Auf dem Nachttisch stand ein Laptop. Eines der wichtigsten Hilfsmittel für Ray Guerra bei der Lenkung seiner Geschäfte.

"Soll ich mal nachsehen, von wem die Post kommt?", fragte Columbina.

Ray Guerra verdrehte die Augen. Er nickte. "Mach nur", meinte er.

"Oder hast du irgendwelche Geheimnisse vor mir?", fragte Columbina. In ihren Augen blitzte es dabei.

Ray Guerra sah das kalte Glitzern nicht, das in ihren Augen aufleuchtete.

"Ich sagte doch, sieh nach und lies es mir vor."

Columbina ging zum Nachttisch, sie kniete nieder. Ihre Finger glitten über die Tastatur.

Ray Guerras Blick ruhte auf ihrem Rücken. Columbina war ohnehin in so gut wie alle seine Geschäfte eingeweiht.

"Sorry, Ray, aber ich glaube, es gibt keine guten Nachrichten."

"So?"

"Der Deal in der Bronx ist wohl schief gegangen."

"Was?"

"Die Sache mit diesen YOUNG CANNIBALS."

"Caramba! Mierde! Que es passado?" Guerra war innerhalb von Sekundenbruchteilen aus seiner Lethargie erwacht.

"Offenbar hat das FBI am verabredeten Ort nur darauf gewartet unsere Leute in Empfang zu nehmen", berichtete Columbina.

"Ist jemand festgenommen worden?", hakte Ray Guerra nach.

Columbina nickte. "Ja, zwei unserer Leute."

"Wir müssen sehen, dass sie weiterhin schweigen."

"Da mach dir mal keine Sorgen", sagte Columbina. "Sobald die Beiden auf Ryker's Island eingeliefert sind, haben wir sie unter Kontrolle. Kritisch ist nur die Zeit davor. Solange sie im FBI-Gewahrsam sind."

Guerra nickte.

"Wer sind sie Beiden?"

"Jorge Fernandez und Lucas Delgado", berichtete Columbina.

Guerra verzog das Gesicht.

"Die werden keinen Ton sagen, schon um ihrer Familien willen. Allerdings frage ich mich, was bei diesen YOUNG CANNIBALS schief läuft."

"Vielleicht sollten wir sie von der Liste unserer Geschäftspartner streichen", schlug Columbina vor.

"Möglich", murmelte Guerra.

"Weißt du, wie das für mich aussieht, Ray?"

"Wie?"

"Das riecht nach Verrat. Irgendjemand muss unsere Leute verraten haben. In der Organisation gibt es einen, der falsch spielt."

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Es war bereits nach Mitternacht, als wir das 'X' in der Avenue A erreichten. Das 'X' war eine der im Moment angesagtesten Nobeldiscos von Alphabet City.

Wir wussten, dass Jimmy Barsoris hier öfter anzutreffen war. Einer der Türsteher des 'X' arbeitete für uns als Informant, denn das 'X' galt als Umschlagplatz für Designerdrogen und Kokain.

Es gehörte jemanden, den unsere Wirtschaftsexperten als Strohmann ansahen und der vermutlich für einige ganz Große der Unterwelt nur sein Gesicht hinhielt.

Ein Laden, wie das 'X' war außerdem hervorragend dafür geeignet, um aus Schwarzgeld blütenweiße Dollars zu machen.

Der Türsteher ließ uns zunächst nicht hinein. Wir zeigten ihm die Ausweise, danach ließ er uns passieren. Mit keiner Regung zeigten wir, dass wir ihn kannten. Unser V-Mann spielte das Spiel mit.

Er hatte uns kurz über Handy angerufen, als Jimmy Barsoris eingetroffen war. Er musste also im 'X' sein, das stand fest. Unser Informant hatte uns allerdings gewarnt.

Barsoris war mit zahlreichem Gefolge hier.

Milo und ich drängten uns durch die Gäste, ließen den Blick schweifen.

Unsere Kollegen Clive Caravaggio und Orry Medina würden uns in Kürze folgen. Weitere Kollegen warteten vor dem Eingang des 'X'. Sämtliche Eingänge waren abgeriegelt und von unseren Leuten besetzt.

Barsoris konnte uns nicht durch die Lappen gehen.

Tänzer bewegten sich im flackernden Laserlicht zu stampfender Musik.

"Da hinten ist er", meinte Milo.

Barsoris war ganz in schwarzes Leder gekleidet. Auf seiner Brust tummelten sich mehrere silberne Amulette. Vier Mann standen bei ihm, ebenfalls in Leder. Ihre Jacken trugen das Emblem der gekreuzten Knochen. Das Erkennungszeichen der YOUNG CANNIBALS.

"Hier Jesse", raunte ich in das Mikro an meinem Hemdkragen hinein. "Ich werde Barsoris gleich ansprechen..."

"Okay", antwortete Clive. "Wir sind ganz in eurer Nähe."

"Ich hoffe, das Gefolge macht keine Zicken!"

"Damit werden wir doch fertig", raunte Milo mir zu.

Inzwischen sah ich, dass unser Kollege Fred LaRocca das 'X' durch einem Nebeneingang betreten hatte. Zwei weitere Agenten waren bei ihm.

Ich ging auf Barsoris zu.

Milo war dicht hinter mir.

Clive und Orry hielten sich etwas abseits, waren aber jederzeit in der Lage einzugreifen.

"Mister James Barsoris!", sagte ich laut genug, dass der Gangführer es trotz der stampfenden Musik hören musste.

Barsoris wirbelte herum. Seine Leute ebenfalls.

Sie erstarrten alle, als sie meine ID-Card sahen.

"Special Agent Jesse Trevellian, dies ist mein Kollege Milo Tucker", stellte ich mich vor.

Barsoris runzelte die Stirn.

Seine Hände ballten sich zu Fäusten. Jeder Muskel seines Körpers war jetzt angespannt.

"Was wollt ihr Cops von mir?", knurrte er. "Ich habe 'ne weiße Weste!"

"Eine SCHNEE-weiße Weste!", ergänzte Milo.

"Ich weiß nicht, wovon Sie reden, Mister!"

Medina und Clive hatten sich inzwischen von der anderen Seite herangearbeitet, bereit jederzeit einzugreifen, wenn die Situation außer Kontrolle geriet.

"Wir haben ein paar Fragen an Sie!", sagte ich.

"Worum gehts denn?"

"Um einen Drogendeal, an dem zwei ihrer YOUNG CANNIBALS beteiligt waren! Am Besten Sie kommen jetzt mit uns mit. Bei diesem Krach kann man sich nicht richtig unterhalten."

"Bin ich jetzt verhaftet?"

"Das liegt ganz bei Ihnen", ergänzte Milo.

"Nun hört mal zu, ihr Wichser! Ich gebe ein paar gestrandeten Jungs von der Straße eine Chance, in dem ich sie als Wachpersonal und Bodyguards einstelle! Wenn einer meint, er müsste sich mit irgendetwas anderem eine goldene Nase verdienen, kann ich leider gar nichts dafür!"

"Mir kommen die Tränen", sagte ich.

"Locht ihr vielleicht eure Streetworker ein, nur weil einige ihrer 'Kunden' rückfällig werden?"

Clive Caravaggios Stimme vernahm ich im Ohrhörer.

Er hatte jedes Detail dieser Szene mitbekommen.

"Nehmen wir ihn hops, Jesse. Der spielt nur eines seiner verdammten Spielchen..."

Clive hatte recht.

Solange der Kerl nicht in einer unserer Gewahrsamszellen im Bundesgebäude an der Federal Plaza saß, würde er uns kaum ernst nehmen. Ihn vorläufig festzunehmen war natürlich auch ein gewisses Risiko. Spätestens am nächsten Tag mussten wir ihn wieder freilassen. Haftgründe gab es vermutlich keine.

Wenn Barsoris auch nur irgendetwas mit dem gescheiterten Deal in der Bronx zu tun gehabt hatte, würde er jetzt ganz besonders darauf achten, dass man nicht das geringste belastende Indiz gegen ihn fand.

Ich wollte gerade anfangen, Jimmy Barsoris seine Rechte vorzulesen, als ein Lichtstrahl durch das 'X' tanzte.

Ein Laserstrahl, der sich durch seine Intensität aus dem Lichtgeflimmer des 'X' heraushob.

Für einen Sekundenbruchteil stand ein Lichtpunkt mitten auf Jimmy Barsoris' Stirn.

Ich warf mich nach vorn, stieß Barsoris zu Boden. Ein Schuss zischte über dessen Kopf hinweg, zerschmetterte einen Spiegel, der sich hinter der Bar befand.

Ein zweiter Schuss folgte unmittelbar darauf.

Er traf Barsoris in die Brust.

Sein Körper zuckte.

Panik-Schreie gellten durch das 'X'.

Lautlos erfolgte ein weiterer Schuss, der einen der YOUNG CANNIBALS in Barsoris' Begleitung tödlich getroffen gegen den Schanktisch taumeln ließ.

Ich riss die SIG Sauer P226 hervor, blickte empor.

Eine Wendeltreppe führte zu einer Art Empore hinauf. Mein Blick fiel auf einen grauhaarigen Mann mit Oberlippenbart, in dessen Faust sich eine Pistole mit aufgeschraubtem Schalldämpfer befand. Ein Laserpointer war auf die Waffe aufgesetzt worden.

Der Kerl feuerte erneut.

Blutrot leckte das Mündungsfeuer aus dem Schalldämpfer heraus. Er traf einen der YOUNG CANNIBALS, der versucht hatte, in Richtung des Nebeneingangs zu entkommen.

Ich krallte den Zeigefinger um den Stecher meiner SIG, wollte im ersten Moment feuern.

Aber ich zögerte.

Zu viele Menschen waren in unmittelbarer Nähe des Grauhaarigen. Es wäre selbst für einen Scharfschützen kaum möglich gewesen, den Kerl zu erwischen, ohne die unbeteiligten Gäste des 'X' in seiner unmittelbaren Nähe ebenfalls in Mitleidenschaft zu ziehen.

Einen Augenaufschlag später war der Typ im Gedränge verschwunden. Ich hielt meine ID-Card hoch, drängte mich durch die Menge, in der jetzt immer mehr blanke Panik um sich griff. Eine Panik, die ironischerweise erst ausbrach, nachdem die tatsächliche Gefahr für die meisten Gäste des 'X' gar nicht mehr bestand.

"FBI! Platz machen!", rief ich.

Die Musik war bereits verstummt. Nicht weniger lautes Stimmengewirr brandete auf. Ich erreichte die Wendeltreppe, schob einen ziemlich breiten Kerl mit Halbglatze zur Seite und hetzte dann empor. Über das Mikro am Hemdkragen gab ich eine Kurzbeschreibung an die Kollegen durch. Der Kerl durfte das 'X' nicht verlassen!

Schließlich erreichte ich die Empore, blickte mich um.

Eine Frau kreischte.

"FBI! Verhalten Sie sich ruhig!"

Ein schwerer Vorhang verdeckte den Zugang zu einem Flur. Ich stürzte los, die SIG in der Faust.

Die Gäste starrten mich an, als wäre ich ein exotisches Tier. Mit der Linken riss ich den Vorhang zur Seite.

Dahinter eröffnete sich ein breiter Korridor.

Die Lichtverhältnisse waren schlecht.

Bläuliches Flimmerlicht.

Zu beiden Seiten Aquarien mit Fischen, die das spärliche Licht durch eine Art Fluoreszenz-Effekt reflektierten.

Offenbar war so etwas im Moment schwer angesagt. Eine davonlaufende Gestalt hob sich dunkel gegen dieses Geflimmer ab, drehte sich im Lauf herum und feuerte.

Ich sah das Mündungsfeuer blitzen.

Ein Geräusch, das wie ein kräftiges Niesen klang, ertönte.

Der Schuss war schlecht gezielt, zischte an mir vorbei.

"Stehenbleiben, FBI!"

Ich feuerte auf die Beine des Flüchtigen.

Aber auch mein Schuss traf nicht.

Der Killer erreichte eine Biegung und verschwand dahinter.

Ich rannte bis zur Ecke, tauchte dann entschlossen dahinter hervor. Ein Korridor erstreckte sich vor mir. An dessen Ende begann eine Fensterfront. Dort stand der Killer und wartete offenbar nur darauf, dass ich hinter der Ecke hervorkam. Der Strahl des Laserpointers tanzte. In rascher Folge schoss mein Gegner auf mich. Ich feuerte zurück, wich dabei seitwärts, kam mit der Schulter gegen die Wand.

Mein Gegner duckte sich.

Er griff unter seine Jacke, zerrte eine Handgranate hervor. Mit den Zähnen betätigte er den Auslöser. Ein Ruck und sie war scharf. Ich hechtete zurück hinter die Biegung, so dass ich Deckung hatte, während der Killer die Granate über den Boden rollte. Wie eine Bowling-Kugel.

Ich lag flach auf dem Boden, als die Hölle losbrach.

Den Kopf schützte ich mit den Armen. Eine mörderische Welle aus Druck und Hitze zischte über mich hinweg. Aber ich bekam immer noch soviel davon ab, dass ich für Sekundenbruchteile den Eindruck hatte, dass mir eigentlich sämtliche Haare vom Kopf gesengt sein müssten.

Staub und Rauch quollen in einer grauen Wolke aus dem Korridor heraus. Ich rappelte mich hustend auf. Der Rauch biss in den Augen.

Die Druckwelle hatte dafür gesorgt, dass die Verglasung der Aquarien Risse bekommen hatte.

Wasser quoll an mehreren Stellen heraus. Ich rappelte mich auf. Innerhalb von Augenblicken würde die komplette Verglasung unter dem Druck von mehreren Kubikmetern Wasser wegplatzen.

Ich stolperte vorwärts, in den Rauch hinein.

Hinter mir ein Knall.

Ich blickte nicht zurück.

Zwei Gedanken beherrschten mich.

Ich wusste einerseits, wie gefährlich Rauch sein konnte.

Die meisten Opfer von Brandkatastrophen kommen niemals mit irgendeiner Flamme in Berührung. Sie sterben am Rauch. Das geht blitzschnell. Man bekommt keine Luft, verliert das Bewusstsein...

Und aus!

Schon so mancher schätzte seine Fähigkeit, die Luft anzuhalten, falsch ein und bezahlte das mit dem Leben.

Mein zweiter Gedanke galt dem Killer.

Ich wollte ihn einfach nicht entkommen lassen. Es gehörte schon eine gehörige Portion Rücksichtslosigkeit dazu, in einer prallvollen Diskothek auf einen Menschen zu schießen.

Wer so etwas tat, nahm die Verletzung oder den Tod von völlig Unbeteiligten billigend in Kauf. So jemand musste unbedingt gestoppt werden. So schnell wie möglich.

Ich stürzte vorwärts.

Die Entfernung bis zu der Fensterfront betrug etwa zwanzig Meter. Zwanzig Meter Korridor, in denen man kaum sehen und überhaupt nicht atmen konnte.

Aber das traute ich mir zu.

Ich hetzte vorwärts, die SIG in der Faust. Fast wie ein Blinder taumelte ich durch den Rauchnebel. So gut es ging versuchte ich zu verhindern, dass etwas von diesem Zeug in meine Lungen geriet. Ganz ließ sich das aber nicht vermeiden. Meine Augen tränten.

Endlich erreichte ich die Fensterfront. Das Glas der sehr hohen Scheiben war geborsten. Der Korridor zog sich weiter die Fensterfront entlang.

Ein angenehmer Luftzug wehte durch die zerstörten Scheiben herein. Ich konnte wieder atmen.

"Der Killer ist hinten raus!", keuchte ich in der Hoffnung, dass mein Mikro nicht irgendwie in Mitleidenschaft gezogen worden war.

"Jesse, was ist los?", hörte ich Clives Stimme.

"Alles okay mit mir. Aber der Killer darf uns nicht durch die Lappen gehen."

Ich stieg auf die Fensterbank, schlug mit dem Fuß ein paar Splitter zur Seite und kletterte hinaus auf die Feuertreppe. Ich blickte mich um. Der Killer war nirgends zu sehen. Ich hetzte die wenigen Stufen hinunter.

Ein Parkplatz und ein Grünareal befanden sich vor mir.

Eine kleine Oase der Vegetation inmitten der Betonwüste New York. Aber von diesen Oasen existierten eine ganze Menge im Big Apple. Ich ließ den Blick schweifen. Nur hin und wieder gab es jemanden, der zu seinem Wagen ging.

"Verdammt, ich dachte, die Rückfront wäre abgesichert, Clive!", knurrte ich ins Mikro.

"Ist sie auch! Brad und Robbie sind am Hintereingang! Aber sie melden sich nicht..."

"Wo sind sie?"

"In einem silberfarbenen Mitsubishi am Ende der Parkreihe!"

Robert Barrows und Brad Nyborg waren zwei Special Agents, die die Ausbildung in Quantico gerade erst absolviert hatten. Deswegen hatte ihnen Clive Caravaggio auch den vermeintlich einfachsten Job gegeben. Ihre Aufgabe war es, im Wagen zu sitzen und den Hintereingang im Auge zu behalten. Aber da der erfahrene Fred LaRocca zusammen mit ein paar Kollegen bereits die Nebenausgänge des 'X' im Inneren des Gebäudes abgesichert hatte, war unter normalen Umständen nicht davon auszugehen, dass Barrows und Nyborg überhaupt in Aktion treten mussten.

Schließlich war unser Zielobjekt ja Jimmy Barsoris gewesen.

Das Auftauchen des grauhaarigen Killers hatte alles auf den Kopf gestellt.

In geduckter Haltung lief ich auf die Wagen zu.

Der schrille Schrei einer Frau gellte.

Ich spurtete los, rannte den Parkplatz entlang. Etwa zehn Meter von dem silbergrauen Mitsubishi entfernt standen ein Mann und eine Frau. Beide wie erstarrt. Junge Leute, die wohl im 'X' getanzt hatten und jetzt unterwegs zu ihrem Wagen waren.

Auf dem Asphalt lagen zwei Tote in ihrem Blut.

Hingestreckt mit Kopfschüssen.

Unsere Agenten Barrows und Nyborg. Im Augenblick der Explosion hatten sie ihren Wagen verlassen und waren dem Killer auf seiner Flucht im Weg gewesen.

Dieser Hund!, durchzuckte es mich.

Der Mann und die junge Frau starrten mich an. Ich hob meine ID-Card.

"FBI! Bleiben Sie ganz ruhig!"

Aus dem Hintereingang des 'X' strömten inzwischen weitere Gäste. Die Handgranatenexpolsion war auch im Inneren des Gebäudes bemerkt worden. Dort herrschte jetzt vermutlich das blanke Chaos.

Über Funk meldete ich den Tod unserer Kollegen.

"Wir sind auf dem Weg zu deiner Position!", hörte ich Clive über den Ohrhörer.

Ich wandte mich an die beiden jungen Leute.

"Haben Sie irgendetwas gesehen, was mit diesen Morden zu tun hat?"

"Da lief ein Typ in Richtung..." Der junge Mann sprach nicht weiter, deutete stattdessen in Richtung der Parkanlagen. Er war kreidebleich.

"Bleiben Sie hier", sagte ich.

"Wir haben nichts damit zu tun!", zeterte die junge Frau.

"Wollen Sie, dass dieses Monster weiter frei herumläuft, nur weil Sie die Unannehmlichkeiten einer Aussage scheuen?"

Ich wartete nicht auf die Antwort, wandte mich stattdessen in Richtung des Parks. Ein Wagen fuhr aus seiner Parklücke heraus. Es handelte sich um einen Ford, mindestens sechs Jahre alt. Vermutlich noch ohne die modernen elektronischen Wegfahrsperren, die es praktisch unmöglich machen, fabrikneue Wagen im Handumdrehen kurzzuschließen.

Ein ideales Fluchtfahrzeug also.

Ich sprintete los, rannte zwischen den abgestellten Pkw hindurch und war schnell genug, um mich in fünf Meter Entfernung vor der Kühlerhaube des Wagens aufbauen zu können. Breitbeinig stand ich da, die SIG in beiden Händen.

Der Ford war gerade angefahren.

Jetzt stoppte er.

Der Fahrer war nur als Schatten erkennbar.

Meine Kollegen trafen in diesem Moment ein.

Clive und Orry näherten sich von verschiedenen Seiten mit der SIG im Anschlag.

Ich umrundete die Motorhaube des Ford, trat an die Seitenscheibe. Einen Moment später riss ich die Tür auf.

Ein Mittzwanziger mit Stachelschnitt saß hinter dem Steuer.

"Hey, cool bleiben, Mann!"

"Fahren Sie weiter!", erwiderte ich und schlug die Tür zu.

Den Lauf der SIG ließ ich sinken.

"Der Kerl scheint auf und davon zu sein!", meinte Milo, der jetzt auf mich zutrat.

Ich nickte düster. Aber ich wollte es einfach nicht glauben. Was war passiert? War er schnell genug gewesen, erst unsere Kollegen abzuknallen, sich dann ein Auto zu knacken und davonzubrausen? In meinem Hirn rasten die Gedanken. Wie lange hatte ich gebraucht, um das Fenster zu erreichen? Wenn er einen Wagen genommen hätte und davongefahren wäre, hätte ich das gesehen, war ich überzeugt.

"Was glaubst du, wo er steckt?", fragte Milo.

"Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass er nicht vom Erdboden verschluckt worden sein kann."

Polizeisirenen heulten durch die Nacht. Die Kollegen hatten wohl Verstärkung herbeigerufen. Orry sprach mit den herbeigeeilten Kräften des NYPD über Funk. Die Umgebung musste so gut es ging abgeriegelt werden.

Aber ich bezweifelte, dass unser Gegner dumm genug war, sich im Netz von provisorisch errichteten Kontrollpunkten verfangen würde. Ich ging auf den Park zu.

Mehrere Einsatzwagen näherten sich inzwischen. Die Kollegen sprangen heraus. Bevor nicht ein erheblicher Teil der Gäste das 'X' verlassen hatte, hatten sie kaum eine Chance, ins Innere zu gelangen. So übermächtig war der Strom der davoneilenden Disco-Besucher.

"Wo willst du hin?", rief Milo mir nach.

"Mich ein bisschen umsehen!"

Ich betrat die Parkanlage. Milo folgte mir. Der Rasen war kurzgeschoren wie der Kopf eines Marines. Alphabet City war zur Zeit eine Art Boomtown im Big Apple. Dass man bei den aktuellen Grundstückspreisen in dieser Gegend überhaupt noch ein Stück Grün übriggelassen hatte, grenzte schon an ein Wunder. Ein Nachtclub entstand hier nach dem Anderen.

Noble Discotheken eröffneten reihenweise. Hinter den Grünanlagen gab es eine Straße, auf deren gegenüberliegender Seite Neonreklamen blinkten. In mindestens einem Dutzend angesagter Läden tobte rund um die Uhr das Leben.

Ob der Killer es zu Fuß bis dort geschafft hatte?

Erst jetzt sah ich hinter einem hohen Gebüsch das Schild einer Subway-Station auftauchen.

Verflucht...

Milo sprach aus, was auch mir durch den Kopf ging.

"Wenn er es bis zur Subway geschafft hat, kann er jetzt sonstwo sein."

Ich nickte. "Genau dorthin ist er gelaufen, das weiß ich..."

"Kannst du neuerdings Gedanken lesen, Jesse?"

Mein Lächeln fiel etwas dünn aus. "Nein, ich versuche mich nur in den Täter hineinzuversetzen. Zur Subway zu laufen ist das Klügste, was er machen konnte."

Einsatzwagen des NYPD und unserer FBI-Lollegen trafen gerade ein. Beamte in Kevlar-Weste und MPI schwärmten aus, riegelten alles ab.

"Die kommen leider zu spät", kommentierte Milo diesen Vorgang.

"Komm!", forderte ich ihn auf und ging etwas schneller.

"Wonach suchst du eigentlich, Jesse? Der Kerl ist über alle Berge!"

"Ich habe keine Ahnung. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, diesem Kerl etwas näher auf den Fersen zu sein, wenn ich genau das tue, was er getan hast!"

Wir erreichten die Subway-Station, begrüßten die Kollegen vom NYPD.

"Die Personenbeschreibung, die wir über Funk bekommen haben, ist äußerst vage!", beklagte sich Captain John Rodriguez vom 23. Revier. "Wie soll man danach jemanden finden?"

Ich konnte ihn gut verstehen.

Milo unterhielt sich etwas mit dem Captain. Ich hörte den Beiden zu, dann sah ich plötzlich ein Augenpaar auf mich gerichtet.

Neben dem Subway-Schild kauerte ein kleiner, hagerer Mann mit tiefliegenden Augen und einem hervorspringenden Kinn.

Der Kragen seines fleckigen Mantels war hochgeschlagen. Der Schirm seiner Baseballkappe saß schief.

"John Smith", murmelte ich.

"Wie bitte?", fragte Milo.

"Der Obdachlose vom Houseman-Gelände!"

John Smith packte seine Plastiktüten zusammen und wandte sich der Treppe zu, die hinunter zum Subway-Bahnhof führte.

Mit einem kleinen Sprint holte ich ihn auf dem ersten Treppenabsatz ein.

"Bleiben Sie stehen, Mister Smith!"

Ich fasste ihn bei der Schulter.

Smith keuchte. Es dauerte ein paar Augenblicke ehe er etwas sagen konnte.

"Was wollen Sie von mir?"

"Ich bin mir sicher, dass Sie genau wissen, wer ich bin", sagte ich ruhig. Ich zeigte ihm meine ID-Card. "Und wenn Sie es tatsächlich vergessen haben sollten, dann hilft Ihnen vielleicht das hier auf die Sprünge!"

Milo hatte uns inzwischen erreicht.

"Das ist ja wirklich mehr als der Zufall erlaubt, Jesse", stieß er hervor.

"Ich habe nichts verbrochen und kenne meine Rechte!", zeterte Smith.

"Was tun Sie hier?", fragte ich.

"Ich fahre Subway. Wie Millionen andere New Yorker auch! Ist das neuerdings ein Verbrechen?"

"Nur seltsam, dass Sie immer dort auftauchen, wo jemand umkommt. Finden Sie das nicht auch, Mister Smith?"

"Sie können merkwürdig finden, was Sie wollen, G-man!"

Mit ein paar Handgriffen durchsuchte ich ihn nach Waffen.

Smith protestierte lauthals.

"Fehlanzeige", musste ich zähneknirschend einräumen.

"Das war illegal!", rief Smith. "Sie hatten kein Recht, mich zu durchsuchen! Statt Leute wie mich zu drangsalieren, solltet ihr Cops euch besser um wirkliche Verbrecher kümmern!"

Ich atmete tief durch.

Smith hielt mir seine Tüten hin. "Hier, jetzt tun Sie mir den Gefallen und sehen sich auch den Rest an! Was immer Sie auch darin zu finden hoffen."

"Lass ihn gehen, Jesse", forderte Milo.

Er legte mir dabei eine Hand auf die Schulter. Ich ballte unwillkürlich die Hände zu Fäusten. Ich spürte, dass dieser Mann irgendetwas mit unserem Fall zu tun hatte. Er konnte einfach nicht zweimal kurz hintereinander zufällig an einem Tatort auftauchen. Schon die erste Begegnung mit ihm auf dem Gelände von HOUSEMAN CHEMISTRY LTD. war in meinen Augen äußerst merkwürdig gewesen.

Ich musterte Smith. Diesmal roch er weder nach Alkohol noch nach Erbrochenem.

Smith verzog das Gesicht.

Irgendetwas stimmte mit diesem Kerl nicht. Mit seinem Gesicht... Irgendeine Kleinigkeit, aber ich kam nicht drauf.

"Auf Wiedersehen, Mister Smith", sagte Milo. "Mein Kollege ist nervlich etwas angespannt. Vielleicht unterhalten wir uns mal unter günstigeren Umständen."

"Bye!", knurrte Smith und zog davon.

Milo wandte sich an mich.

"Spinnst du jetzt völlig?"

"Ich?"

"Der Mann ist überprüft. Es gibt keinerlei Handhabe gegen ihn!"

"Er könnte es gewesen sein, Milo!"

"Was?"

"Der Killer. Das Gesicht war recht ähnlich."

"Ein Allerweltsgesicht! Du vergisst, dass der Killer mindestens zehn Jahre älter war!"

"Milo! Muss ich dir wirklich erzählen, wie man mit ein paar Tricks im Handumdrehen sein Aussehen ändert? Ein grauer Oberlippenbart, eine Perücke..." Ich machte eine kurze Pause, ehe ich fortfuhr. "Stell dir folgendes vor, Milo: Dieser Killer geht ins 'X', ballert Jimmy Barsoris nieder, verschwindet. Ich bin ihm auf den Fersen. Er sorgt für eine Explosion, mit der er glaubt, mich ausgeschaltet zu haben, trifft auf unsere Kollegen und erschießt sie kaltblütig."

"Und dann?"

"Rennt er in den Park. In den Sträuchern hat er seine Obdachlosenverkleidung deponiert. Damit geht er zur Subway-Station. Niemand behelligt ihn."

"Und die Waffe?"

"Die kann überall sein. In jedem Blumenbeet, in jedem Mülleimer."

Milo schüttelte den Kopf.

"Das ist weit hergeholt, Jesse."

"Zweimal ein Mord mit einer Laserpointer-Waffe. Zweimal verschwindet der Killer, so als wäre er vom Erdboden verschluckt worden. Und zweimal taucht dieser Mann, der sich John Smith nennt am Tatort auf, da kommt man doch ins Grübeln!"

Wir gingen die Treppe wieder hinauf.

"Du vergisst eins, Jesse."

"So?"

"Max Carter, unser hochgeschätzter Fahndungsspezialist, hat die Identität von Smith überprüft! Ich glaube, du steigerst dich da in etwas hinein."

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John Smith fuhr mit der Subway kreuz und quer durch den nächtlichen Big Apple.

Dir kann niemand etwas, hämmerte es in seinem Kopf. Der Puls schlug ihm bis zum Hals. Für kurze Zeit schloss er die Augen. Ein beinahe zufriedenes Lächeln spielte um seine dünnen Lippen.

Vor seinem inneren Auge erschien das Gesicht eines jungen Mannes.

"Michael." Er flüsterte diesen Namen. Was haben sie dir nur angetan?, ging es ihm durch den Kopf. Aber dafür werden sie bezahlen. Jeder Einzelne von ihnen.

Das Gesicht, das John Smith in seiner Vorstellung vor sich sah, veränderte sich. Es verwandelte sich in eine schwarz-weiß Fotografie. Jenes Bild, das ein Officer des New York City Police Departement ihm gezeigt hatte.

"Ist das Ihr Sohn Michael?", hatte der Officer gefragt.

Jedesmal, wenn John Smith daran zurückdachte, krampfte sich alles in ihm zusammen.

Sein Gesicht wurde zu einer starren Maske. Wie in einem Flashback war er dann in jenen Moment zurückversetzt, in dem er vom Tod seines einzigen Sohnes erfahren hatte.

Auf dem Foto waren die Würgemale am Hals deutlich erkennbar gewesen. Der Obduktionsbericht hatte später ergeben, dass Michael mit einer Drahtschlinge ermordet worden war.

John Smith schloss die Augen, in der Hoffnung diese Bilder aus der Vergangenheit loszuwerden. Er wusste nur zu gut, dass er sich nicht zu sehr in diese gefährliche Mischung aus Melancholie und Hass hineinsteigern durfte, denn dann bestand die Gefahr, dass er nicht mehr in die Realität der Gegenwart zurückfand.

Vor Michaels Tod hatte John Smith einmal davon gehört, dass traumatisierte Vietnam-Veteranen teilweise unter derartigen Flashbacks litten. Und es hatte eine ganze Weile gedauert bis er begriffen hatte, dass mit ihm etwas ganz Ähnliches vor sich ging.

Wenn alle diejenigen verstummt sind, die für Michaels Tod verantwortlich waren, dann werden vielleicht auch die Stimmen in meinem Kopf verstummen, überlegte John Smith.

Der Subway-Wagen erreichte die Station Ecke 241. Straße Dyre Avenue in der South Bronx. Hier stieg Smith aus.

Ein paar Stunden noch, dann würde der Morgen grauen, aber Smith hatte sich vorgenommen, noch bei den Barmherzigen Schwestern vorbeizuschauen, die in der Dyre Avenue ein Nachtasyl mit Suppenküche betrieben.

Smith verließ den Subway-Bahnhof. Nur wenige Menschen befanden sich um diese Zeit dort. Nachtschwärmer auf dem Weg nach Hause und solche, die kein Zuhause hatten.

Smith passierte die Treppe und gelangte zur Oberfläche. Er bog in die Dyre Avenue ein, kaum hundert Yards waren es bis zum Asyl der Barmherzigen Schwestern.

Ein breitschultriger, hochgewachsener Mann wankte ihm entgegen. Die Metallknöpfe an seiner Lederjacke reflektierten das Licht der Straßenbeleuchtung. Ob er unter Drogen- oder Alkoholeinfluss stand, war schwer zu sagen.

Jedenfalls stimmte etwas mit ihm nicht.

Smith fühlte den Puls erneut bis zum Hals schlagen. Er raste förmlich. Alles in ihm krampfte sich zusammen. Seine Hände wurden zu Fäusten, krallten sich um die Griffe seiner Plastiktüten.

Der junge Mann rempelte Smith an, stieß dabei einen glucksenden Laut aus. Er hatte keine Fahne, aber seine Pupillen waren so sehr geweitet, dass von der Iris kaum etwas zu sehen war.

Es ist einer von ihnen, flüsterte es in John Smith Hirn.

Es ist einer von ihnen, einer dieser Ratten, die Michael auf dem Gewissen haben.

Smith drehte sich um, während der Mann weiterwankte.

"Hey, bleib stehen!", rief Smith. Seine Stimme hatte einen metallischen Klang, drückte eine Entschlossenheit aus, die kein Betrachter dieser abgerissen wirkenden Gestalt zugetraut hätte.

Der junge Mann blieb tatsächlich stehen, drehte sich um, stierte Smith an. Er blinzelte, fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Sein Mund öffnete sich, so als wollte er etwas sagen, aber mehr als unverständliche Laute kamen nicht über seine Lippen.

Ja, dachte Smith, so hat Michael auch oft ausgesehen, derselbe stumpfsinnige Blick, die weit geöffneten Pupillen und auch dafür waren SIE verantwortlich. Sie haben ihn an dieses Teufelszeug gebracht, von dem man nicht mehr loskam.

Und schließlich haben sie ihn umgebracht und weggeworfen, achtlos, wie Abfall. Aber sie werden bezahlen, verdammt sie werden bezahlen, jeder Einzelne von ihnen.

"Was is'n?", fragte der junge Mann. Er hielt sich an der Mauer fest.

John Smith stellte die Plastiktüten ab. Sein Gang wirkte plötzlich aufrechter als sonst. Er wusste, dass die Stimmen in seinem Kopf erst aufhören würden, wenn er getan hatte, was sie von ihm verlangten.

Töte ihn!

Töte ihn! Er ist einer von ihnen.

Der Handkantenschlag kam sehr schnell. Selbst ein Mann, der im Vollbesitz seiner Kräfte gewesen wäre, hätte ihm kaum ausweichen können. Wie eine Sense traf er den Hals des jungen Mannes. Dessen Körper fiel schwer zu Boden.

Nichteinmal für einen Schrei hatte er Zeit gehabt.

John Smith atmete tief durch. Verdammt, es gibt so viele von ihnen, durchzuckte es ihn. So viele!

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Am nächsten Morgen war keiner von uns richtig ausgeschlafen. In Anbetracht unseres nächtlichen Einsatzes war das auch kein Wunder.

Milo und ich fuhren zu Jimmy Barsoris' Wohnung, die sich in der Nähe des Bronx Parks befand.

Unsere Erkennungsdienstler Sam Folder und Mell Horster waren bereits da. Außerdem ein paar Angehörige der Scientific Research Division.

Die Durchsuchung der Wohnung eines Ermordeten war Routine. Wir suchten Hinweise auf jemanden, der ein Motiv haben konnte, Barsoris umzubringen oder umbringen zu lassen.

Die Kollegen hatten eine gewisse Samantha Fielding in der Wohnung angetroffen. Sie schien seit ein paar Monaten bei Barsoris gelebt zu haben. Jetzt saß sie mit starrem Gesicht auf der Wohnzimmercouch.

"Special Agent Jesse Trevellian", stellte ich mich vor und deutete dann auf Milo. "Dies ist mein Kollege Milo Tucker. Wenn es möglich wäre, würden wir Ihnen gerne ein paar Fragen stellen, Miss Fielding", fuhr ich fort.

Die junge Frau bewegte den Kopf zur Seite, strich sich mit einer beiläufigen Geste eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

Sie war eine Schönheit. Die perfekte Figur zeichnete sich deutlich unter dem enganliegenden dunklen Kleid ab, dessen Saum ihr kaum über die Hälfte der Oberschenkel ging. Das lange dunkle Haar fiel ihr bis weit über die Schultern. Sie hob die Augenbrauen.

"Sollte es tatsächlich etwas geben, dass Sie noch nicht über Jimmy und mich wissen?", fragte sie sarkastisch. "Monatelang haben Sie und Ihre Kollegen doch wie Geier auf ihn gelauert. Vermutlich wurden sogar die Telefone abgehört, die Computer angezapft, was weiß ich, was Sie noch für Tricks angewandt haben, um Jimmy irgendetwas nachweisen zu können."

Sie atmete tief durch. Ihre vollen Brüste zeichneten sich dabei deutlich durch den dünnen Stoff ihres Kleides ab.

Samantha Fielding wischte sich eine Träne aus den Augen.

Das Make-up verlief etwas. "Wie wär's, wenn Sie zur Abwechslung mal wirkliche Verbrecher fangen würden, zum Beispiel den Typ, der Jimmy auf dem Gewissen hat, aber daran liegt Ihnen natürlich nichts. Wenn jemand wie Jimmy umgebracht wird, dann ist das für Sie doch überhaupt kein Fall."

"Da irren Sie sich", sagte ich. "Wir gehen jedem Verbrechen nach, gleichgültig von wem es begangen wurde oder gegen wen es gerichtet war."

"Pah!", machte sie.

"Uns ist genauso viel daran gelegen, den Mann zu fangen, der Jimmy Barsoris umgebracht hat wie Ihnen", erklärte ich. "Und es wäre nett, wenn Sie uns dabei helfen würden."

Sie erhob sich, verschränkte die Arme unter den Brüsten.

Ihr Blick wirkte abweisend.

"Mitten in der Nacht kommen Ihre Kollegen hierher, tauchen hier auf, klingeln mich aus dem Bett, erklären mir, dass Jimmy tot ist und dann fangen sie an die ganze Bude auf den Kopf zu stellen..."

"Ich kann mir vorstellen, wie Ihnen zumute ist", versuchte ich es auf die sanfte Tour.

"Nein, das können Sie nicht, Agent Trevellian."

Ich ging nicht weiter darauf ein.

"Wer hat Jimmy Barsoris so gehasst, dass er einen Killer auf ihn angesetzt hat?", fragte ich.

"Jimmy war in der ganzen Gegend beliebt, aber er hatte auch Gegner. Natürlich, wer hat das nicht."

"Reden wir Klartext", forderte jetzt Milo. "Jimmy war der Anführer einer Gang namens YOUNG CANNIBALS, die im Kokain-Handel tätig ist und das weiße Pulver als Crack an den Endverbraucher bringt."

"Einspruch!", fuhr Samantha dazwischen. "Jimmy war keineswegs der Anführer dieser... dieser CANNIBALS oder wie sie auch immer heißen."

"So?", fragte ich. "Aber diese Leute hörten auf ihn."

"Manche von ihnen arbeiteten für ihn, ja", gestand Samantha zu. "Er wollte diesen jungen Männern eine Chance geben. Manche von ihnen haben im Knast gesessen. Ich wette so jemand wie Sie macht sich überhaupt keine Gedanken darüber, wie schwer es ist, danach wieder Fuß zu fassen."

Milo und ich wechselten einen Blick.

"Komisch", sagte Milo. "Denselben Text habe ich schon mal aus Barsoris Mund gehört."

"Es ist die Wahrheit", beharrte Samantha.

"Hören Sie, es geht uns nicht darum, Sie in die Sache hineinzuziehen, Miss Fielding", erklärte ich. "Sondern, wir wollen nur, dass Sie uns das, was Ihnen über die Geschäfte von Barsoris bekannt ist, mitteilen und zwar alles, denn genau dort liegt wahrscheinlich die Ursache für seine Ermordung. Irgendjemand will ihn aus dem Crack-Handel herausdrängen oder ihm seine Position bei den YOUNG CANNIBALS streitig machen."

"Das ist doch Unsinn", sagte Samantha. "Niemand könnte ihm dort seine Position streitig machen. Für diese Männer war er wie eine Art Vater. Er hat manchen von ihnen die Ausbildung finanziert."

"Mir kommen die Tränen", sagte ich. "Und natürlich hat er das alles nur ganz selbstlos getan."

Unser Kollege Sam Folder kam auf uns zu. Er machte mir ein Zeichen. Milo blieb bei Samantha Fielding. Ich ging zusammen mit Sam in einen Nebenraum.

"Was gibt es?", fragte ich.

Sam trug einen hauchdünnen Schutzoverall, dazu Latex-Handschuhe. "Ich hatte das Vergnügen Mister Barsoris Müll durchzuwühlen", sagte er. "Und ich habe das hier gefunden."

Er reichte mir ein Kuvert. "Es sind keine Fingerabdrücke dran, aber es wäre trotzdem nett, wenn du ein Paar Handschuhe überziehen würdest, bevor du es anfasst. Man weiß ja nie, was man noch daran findet, wenn man es ins Labor gibt."

Ich langte in die Seitentasche meiner Lederjacke, holte ein Paar Latex-Handschuhe heraus und streifte sie über. Dann nahm ich das Kuvert an mich, öffnete es. Ein zusammengefalteter Bogen lag darin. Mit einer sehr schlechten Schreibmaschine waren ein paar Zeilen darauf getippt.

'Niemand entgeht seinem Schicksal, Jimmy Barsoris', stand darauf. 'Auch du nicht! Ich werde auf dich warten, dich beobachten, und ich weiß, dass von nun an kein Augenblick vergehen wird, in dem ich nicht in deine Gedanken und deinem Träumen bin. Wie gefällt es dir, wenn die Spielregeln auf den Kopf gestellt werden und du einmal derjenige bist, dem der Angstschweiß von der Stirn perlt? Gezeichnet Der Vollstrecker der Gerechtigkeit'

"Barsoris wurde also bedroht", stellte ich fest.

"Bei jemandem in seiner Position kaum verwunderlich", erwiderte Sam. "Allerdings fällt dieser Brief schon etwas aus dem Rahmen dessen, was wir eigentlich erwartet haben."

Ich nickte. "Um einen geschäftlichen Konkurrenten scheint es sich nicht zu handeln."

"Wenn wir Barsoris Vergangenheit durchleuchten, stoßen wir vielleicht irgendwie auf jemanden, dem er mal sehr wehgetan hat", meinte Sam.

Ich zuckte die Achseln.

"Nur leider hat dieser Kerl dafür gesorgt, dass er bei seinen Aktivitäten so gut wie nie Spuren hinterließ."

"Abwarten Jesse, früher oder später finden wir etwas."

Ich deutete auf die Zeilen, die der selbsternannte Vollstrecker der Gerechtigkeit auf das Papier gehackt hatte.

"Die Schreibmaschine müsste zu identifizieren sein, und im Zeitalter des Computers dürfte es auch nicht mehr allzu viele davon geben."

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"Ich würde gerne noch einmal Ihre Schreibmaschine benutzen, Schwester", sagte John Smith, nachdem er einen Löffel Suppe hinunter geschlürft hatte.

Schwester Agatha lächelte mild.

"Wieder einen Brief an Ihre Schwester in Europa?", fragte sie.

Smith nickte. "Ja, genau."

"Natürlich können Sie die Maschine benutzen, Sir."

"Ich danke Ihnen."

"Wissen Sie, dass ich schon mit dem Gedanken gespielt hatte, die Maschine auf den Müll zu geben."

"Nein."

"Ich hatte eigentlich gedacht, dass ich sie nicht mehr brauche, seit wir den Computer angeschafft haben. Doch dann stellte ich fest, dass sie für das Ausfüllen von Formularen recht praktisch ist."

"Jaja", murmelte Smith.

In der Suppenküche des Asyls der Barmherzigen Schwestern war im Moment nicht viel Betrieb. Das hing wohl auch mit der Jahreszeit zusammen. Sobald es kälter wurde, änderte sich das.

Schwester Agatha beugte sich etwas vor.

"Wissen Sie, was heute Nacht hier in der Dyre Avenue passiert ist?"

"Nein Schwester, keine Ahnung."

"Ein Mann wurde ermordet nur wenige Yards entfernt an der Ecke zur 241. Straße. Wissen Sie, ganz in der Nähe der Subway-Station. Die Polizei war da und hat alles abgeriegelt."

"Ah, deshalb das Getöse heute Morgen. Ich bin davon wachgeworden."

Smith nahm den letzten Löffel Suppe, schob den Teller von sich und erhob sich.

"Ich würde jetzt gerne den Brief an meine Schwester schreiben."

"Natürlich, Mister Smith."

Schwester Agatha sah auf Smith' Hände. Sie waren krebsrot. Die Haut schuppte. Smith juckte sich daran.

"Sie müssen mit Ihrem Ekzem zum Arzt, Mister Smith."

"Das ist nichts."

"Sie wissen doch, dass wir jeden Mittwoch unseren kostenlosen medizinischen Service anbieten."

"Ich sagte doch: Es ist nichts!", erwiderte Smith jetzt etwas unwirsch. Das fehlt mir gerade noch!, durchfuhr es ihn. So ein mildtätiger Doc, der sich alle paar Wochen mal einen Vormittag für die Armen opfert, wirft einen Blick auf meine Hände und fragt mich gleich im nächsten Augenblick, ob ich mit Chemikalien in Berührung gekommen bin!

Schließlich waren zur Zeit die Medien voll von Spekulationen über die Leichen in den Säurefässern, die hier in der South Bronx gefunden worden waren.

Smith zog seine Hände zurück, ließ sie unter den viel zu langen Ärmeln seines Mantels verschwinden.

Sie juckten höllisch.

Und wenn er sie wundgekratzt hatte, entzündeten sie sich.

Aber diese Schmerzen waren nichts gegen den Schmerz in seinem Herzen.

Michael...

Ich werde es zu Ende bringen, ging es ihm durch den Kopf.

"Mein ist die Rache, spricht der Herr", murmelte Smith vor sich hin. Erst als er Schwester Agathas irritierten Blick sah, begriff er, dass er laut gesprochen hatte.

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Das PANIC PLAY war ein Billardlokal in unmittelbarer Nähe der Subway-Station Grand Concourse in der der South Bronx.

Ein beliebter Biker Treff und so etwas wie das Wohnzimmer für Nolan Jeffers und Pel Giordano, die für YOUNG CANNBALS-Boss Jimmy Barsoris so etwas wie Paladine gewesen waren. Unterführer, von denen bekannt war, dass sie kompromisslos die Interessen ihres Chefs durchsetzten.

Ohne Rücksicht auf Verluste.

Toby Jackson, der auf dem Gelände von Houseman Chemistry Ltd. niedergeschossene YOUNG CANNIBAL war zwar noch lange nicht wieder vernehmungsfähig. Aber das Handy, das wir bei ihm gefunden hatten, war ziemlich aufschlussreich gewesen.

Kurz vor dem Deal, bei dem wir G-men auf der Lauer gelegen hatten, um die Bande hochgehen zu lassen, hatte Jackson die Nummer des PANIC PLAY gewählt. Mit wem er da gesprochen hatte, war natürlich nicht zu beweisen. Aber der Schluss lag nahe, dass es sich um Giordano oder Jeffers gehandelt hatte.

Auf jeden Fall würden die Beiden zu den größten Nutznießern von Jimmy Barsoris' Tod gehören, denn die Nachfolge bei den YOUNG CANNIBALS machten sie zweifellos unter sich aus.

Ich parkte den Sportwagen am Straßenrand.

Hinter uns fuhren Clive und Orry in einem Ford Maverick.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite saßen unsere Kollegen Fred LaRocca und Josy O'Leary in einem silbergrauen Chevy. Sie beobachteten das PANIC PLAY schon seit ein paar Stunden.

Auch die Rückfront wurde von Kollegen im Auge behalten.

"Giordano und Jeffers sind im Lokal!", meldete sich Fred LaRocca über Funk. Wir alle trugen Mikros und Ohrhörer bei diesem Einsatz.

"Das Schlimme ist, dass die Beiden eigentlich gar keinen Anlass haben, vor uns davonzulaufen", kommentierte Milo.

"Wieso?", fragte ich.

"Na, juristisch stehen wir doch ziemlich mit leeren Händen da, was die Beiden angeht..."

Wir stiegen aus.

Clive und Orry ebenfalls.

Weitere Einsatzwagen trafen ein. Mit insgesamt einem Dutzend G-men nahmen wir uns das PANIC PLAY vor. Hintereinander betraten wir das Lokal.

Im Inneren herrschte dämmriges Licht. Etwa ein Dutzend Billard-Tische befanden sich im Schankraum. An den Wänden hingen düstere Poster im Gothic-Style.

Gitarrenorientierte Klänge dröhnten im Hintergrund zu einem stampfenden Beat.

Das halbe Dutzend Typen, dass an den Tischen den Kö schwang, erstarrte sofort, als wir auftauchten. Die Männer trugen mit Emblemen bedruckte Lederjacken. Die gekreuzten Knochen, das Zeichen der YOUNG CANNIBALS war auch darunter.

Nur eine Frau befand sich unter ihnen. Sie trug langes, pechschwarz gefärbtes Haar und ein Lederkleid, dass ihr nur knapp über die Schenkel reichte.

Clive hielt seine ID-Card empor.

"Special Agent Caravaggio, FBI. Wir haben ein paar Fragen an Sie im Zusammenhang mit dem Mordfall James Barsoris sowie der Schießerei auf dem Houseman-Gelände."

"Wie kommst du auf die Idee, dass wir etwas dazu zu sagen hätten?", meldete sich ein breitschultriger Typ zu Wort, dessen Nase irgendwann einmal gebrochen sein musste. Das war Pel Giordano. Ich erkannte ihn von den Fotos, die in unserer Datenbank zu finden waren.

Ein paar Verurteilungen wegen Drogenbesitzes und Körperverletzung hatte Giordano schon abgesessen.

Inzwischen war er schlauer, ließ andere die Drecksarbeit machen und wähnte sich deswegen auf der sicheren Seite. Er glaubte, mit uns Katz und Maus spielen zu können.

"Sie werden als Zeugen vernommen, nicht als Beschuldigte. Aber diese Unterscheidung ist immer eine Auslegungssache, und wir können das ganze auch bei uns in der Federal Plaza erledigen! Dann haben Sie 48 Stunden Freipension in einer unserer Gewahrsamszellen, bis wir Ihre Personalien überprüft und die Vernehmung abgeschlossen haben!"

"Es liegt ganz bei Ihnen!", ergänzte Orry.

Einige Augenblicke lang herrschte Schweigen.

Pel Giordano blickte leicht verunsichert zu Jeffers hinüber, einem Typ mit kantigem Gesicht, kurzgeschorenen weißblond gefärbten Haaren und einem großen Ohrring auf der linken Seite. Jeffers nickte leicht. "Okay, okay, immer easy bleiben!", meinte er, hob beschwichtigend die Hände.

"Wir haben nichts zu verbergen!"

Clive wandte sich an den Mann hinter dem Schanktisch des PANIC PLAY. Ein kleiner schmächtiger Mann mit zurückgekämmten Haaren. "Haben Sie Nebenräume, die wir benutzen können?"

"Ja."

"Sie müssen wir auch befragen."

"Wieso mich? Ich..."

Clive schnitt ihm das Wort ab. "An alle: Stellen Sie sich an die Wand, die Hände nach oben, die Beine auseinander, damit wir sie nach Waffen durchsuchen können..."

Jeffers grinste breit.

"Wenn's weiter nichts ist!"

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Die Waffengesetze in New York sind im Vergleich zum Rest der Vereinigten Staaten relativ streng. Wer mit einer nicht registrierten Schusswaffe erwischt wird, muss mit empfindlichen Strafen rechnen.

Aber bei dieser Gruppe von YOUNG CANNIBALS, die wir filzten, fiel uns nicht ein einziges Schießeisen in die Hände. Nur ein paar Springmesser, und deren Besitz ist in keinem Fall strafbar.

"Die haben uns erwartet", raunte Milo mir zu.

Ich teilte diesen Eindruck.

Clive ordnete an, dass Jeffers und Giordano parallel und getrennt voneinander befragt werden sollten. Milo und ich bekamen Jeffers zugeteilt.

Wir gingen mit ihm in einen Nebenraum.

Ein spöttisches Grinsen spielte um seine Lippen.

"Wer wird jetzt der Boss der YOUNG CANNIBALS?", fragte ich ihn.

"Wer sagt, dass er der Boss der YOUNG CANNIBALS war?", fragte Jeffers zurück. "Und wieso gehen Sie davon aus, dass ich etwas dazu sagen könnte? Es gibt so viele Jungs hier in der Gegend, die Lederjacken mit den gekreuzten Knochen tragen... Hey Mann, das kann jeder!"

"Sie werden schon darauf achten, dass das kein Unbefugter tut."

"Hey Alter, zuviel Easy Rider geguckt oder was is'? Ich wollte hier nur ein paar Runden Billard mit ein paar Kumpels spielen und Sie kommen daher und begrapschen mich unsittlich und werden mir am Ende wahrscheinlich irgendeine illegale Waffe oder Crack oder weiß der Geier was unterschieben!"

Ich wechselte einen kurzen Blick mit Milo. Einen harten Brocken hatten wir vor uns. Jemanden, der sich ganz offensichtlich sehr gut auf diese Situation vorbereitet hatte. Und wenn das für alle Typen galt, die wir hier im PANIC PLAY aufgegabelt hatten, dann standen wir am Ende dieser Aktion mit leeren Händen da.

Jeffers lehnte sich auf dem Stuhl zurück, auf den er sich hingeflezt hatte. Er grinste mich unverschämt an. Der weiß genau, dass wir ihm nichts können, ging es mir durch den Kopf.

"Die Sache ist ganz einfach", meinte Milo.

"Ja?", lachte Jeffers. "Dann erklär sie mir mal, G-man!"

"Euer Boss ist ermordet worden, und wir sehen uns einfach nur um und fragen uns, wem das nützen könnte!"

"Und da kommt ihr Brüder hier her?" Jeffers verzog das Gesicht. "Die Zeiten, in denen man wenigstens die Grundschule absolviert haben musste, um beim FBI angenommen zu werden sind wohl auch lange vorbei..."

Milo ließ sich nicht provozieren.

"Gib's doch zu, ihr wolltet den Häuptling aus dem Weg räumen."

"Meine Kumpels und ich haben Alibis, Mann! Die ganze Nacht waren wir hier und haben Nonstop-Billard gespielt..."

"Bete dafür, dass ihr euch gut genug abgesprochen habt, sonst gibt das Ärger für euch!", zischte ich.

Jeffers lachte auf.

"Wir haben gute Anwälte, Mann!"

"Das glaube ich gerne!"

"Ich schlage vor, wir lassen das ganze Theater hier! Ich habe ein Alibi, ihr habt keine Drogen oder Waffen bei uns gefunden, und das war's dann! Lasst uns in Ruhe Billard spielen."

"Kennst du jemanden, der John Smith heißt?", fragte ich.

Er verengte die Augen.

"Willst du mich jetzt auf den Arm nehmen, G-man? Davon gibt es wahrscheinlich zehn Seiten im New Yorker Telefonbuch!"

"Es handelt sich um einen Obdachlosen, der auf dem Gelände von HOUSEMAN CHEMISTRY LTD. haust."

"Hey, Mann! Glaubst du, ich merke mir jeden Penner?"

"Ich glaube, ihr kennt jede Maus, die sich auf eurem Gebiet aufhält...."

"Da überschätzt du uns wohl etwas, G-man!"

"Was glaubst du, wer Toby Jackson und Rick Donegal auf dem Houseman-Gelände niedergeschossen hat?"

"Keine Ahnung, Mann! Fragen Sie Toby!"

"Der kann leider nichts sagen!"

"Hört zu, Alter, mit der Drogengeschichte, in die die Beiden verwickelt waren, haben wir nichts zu tun!"

"Ach! Und ich dachte, die haben nichtmal den kleinen Zeh bewegt, ohne Jimmy Barsoris zu fragen..."

"Der ist ja bekanntlich tot."

"Also wird es ihm auch nichts ausmachen, wenn du ihn belastest!"

"Schweinehunde seid ihr!"

Er atmete tief durch. Einige Schweißperlen standen auf seiner Stirn.

"Drei eurer Gang-Mitglieder sind innerhalb kürzester Zeit niedergeschossen worden. Zwei sind tot, einer ringt noch um sein Leben. Da scheint jemand etwas gegen euch zu haben", stellte ich fest.

Jeffers verzog höhnisch das Gesicht. "Und ich soll dir abnehmen, dass ihr diesen Kerl kriegen wollt!"

"Er ist ein Mörder. Und es spielt für uns kleine Rolle, wen er auf dem Gewissen hat. Mord bleibt Mord."

"Wie rührend!"

"Barsoris starb auch durch eine Waffe mit Laserpointer genau wie..."

"Ach, hör auf, G-man! Die Dinger sind doch längst Massenware. Was willst du uns jetzt anhängen? Verabredung zum Mord? Glaubst du, wir haben einen Profi engagiert, um Jimmy Barsoris umzubringen, nur damit wir anschließend einen Riesenärger kriegen?" Er spuckte aus, räusperte sich.

"Mann, wir sind doch nicht bekloppt!"

Milo legte mir eine Hand auf die Schulter.

"Lass gut sein, Jesse. Es kommt nichts dabei heraus", raunte er mir zu.

"Sag ich ja!", tönte Jeffers.

Ich fixierte ihn mit meinem Blick. "Wir sehen uns wieder", kündigte ich an.

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Wir verließen das PANIC PLAY. Unsere Kollegen lauerten bereits in ihren Startlöchern, um den beiden neuen Chefs der YOUNG CANNIBALS folgen zu können, wenn sie das Lokal verließen. Wir hofften, dass wir sie zu genüge aufgescheucht hatten.

Die Befragung war ein vollkommener Flop.

Die YOUNG CANNIBALS hatten sich offenbar abgesprochen, erzählten uns immer wieder dieselbe Geschichte. Angeblich hatte ausgerechnet in der Nacht ein Nonstop-Billard-Turnier im PANIC PLAY stattgefunden. Eine abgekarterte Sache.

"Wieso hast du Jeffers nach John Smith gefragt?", fragte Milo.

"War ein Versuchsballon. Ich komme einfach nicht darüber hinweg, dass er zweimal in unmittelbarer Nähe eines Tatortes zu finden war!"

"Schlag ihn dir aus dem Kopf, Jesse. Du hängst einer fixen Idee nach."

"Lass uns einen kleinen Abstecher zum Asyl dieser Barmherzigen Schwestern in der Dyre Avenue machen."

Milo seufzte.

"Was willst du denn da?"

"Angeblich kennt man Smith dort."

"Wenn Max Carter das ermittelt hat, stimmt es auch."

"Nichts gegen Max, aber ich möchte mich gerne mit jemandem unterhalten, der mir etwas mehr über John Smith sagen kann."

"Meinetwegen..."

Das Asyl der Barmherzigen Schwestern war in einem unscheinbaren Gebäude mit grauer Fassade untergebracht. Der Putz bröckelte schon von den Wänden. Aber innen sah alles tip top aus. Ich parkte den Sportwagen am Straßenrand.

Wir betraten den großen Gemeinschaftsraum und wurden von einer Ordensschwester in dunkler Tracht freundlich begrüßt.

"Special Agent Jesse Trevellian, FBI", stellte ich mich vor und deutete auf Milo. "Dies ist mein Kollege Agent Tucker."

Die Ordensschwester hob die Augenbrauen. Ich schätzte sie auf Ende vierzig. Ihre freundlichen grauen Augen musterten uns verwundert.

"Ich nehme nicht an, dass Sie den Weg hier her gefunden haben, um eine Suppe oder ein Bett für die Nacht zu bekommen."

"Nein, das ist leider richtig", gab ich zu.

"Worum geht es?"

"Um einen Mann namens John Smith, der hier bekannt sein soll."

Sie nickte. "Mister Smith ist tatsächlich hier bekannt. Er kommt regelmäßig, sagen wir all drei bis vier Tage. Ein Kollege von Ihnen hat sich bereits eingehend nach Mister Smith erkundigt. Er hatte eine sehr nette Telefonstimme..."

"Sie sprechen von Agent Max Carter."

"Ja, ich glaube, das war der Name." Inzwischen war es still im Raum geworden. Die wenigen Männer, die an den Tischen saßen, hatten ihre Unterhaltung unterbrochen.

"Lassen Sie uns in mein Büro gehen", schlug die Ordensschwester vor. "Dort sind wir ungestört."

"Einverstanden."

"Mein Name ist Schwester Agatha."

Sie führte uns durch einen engen, hochwandigen Korridor zum Büro des Asyls. "Sie glauben gar nicht, wie viel Verwaltungsarbeit mit so einer Einrichtung verbunden ist!", berichtete sie. "Aber es ist wichtig, dass sich jemand um diese Leute kümmert. Sie sind schließlich auch Ebenbilder Gottes, die es keineswegs verdienen im Schmutz zu leben."

"Sicher tun Sie ein gutes Werk, Schwester", meinte Milo anerkennend.

Ich ließ den Blick durch das Büro schweifen, während Schwester Agatha uns einen Platz anbot. Ein paar ausrangierte Ledersessel standen um einen niedrigen Tisch herum. In einer Ecke stand ein großer Schreibtisch. Darauf befand sich ein Computer und eine ziemlich vorsintflutlich wirkende Schreibmaschine, in deren Walze ein Formular steckte.

"Wollen Sie beide etwas zu trinken?", fragte Schwester Agatha. "Wir haben hier allerdings nur alkoholfreie Getränke..."

Ich schüttelte den Kopf. "Nein danke", sagte ich. Milo setzte sich. Ich blieb stehen.

Schwester Agatha seufzte.

"Ich wüsste nichts, was ich Ihnen über Mister Smith erzählen könnte - außer den Dingen, die ich bereits gegenüber Ihrem Kollegen ausgesagt habe. Was liegt überhaupt gegen ihn vor?"

"Nichts", antwortete ich.

"Dann verstehe ich nicht, was Sie hier wollen!"

"Mister Smith ist ein wichtiger Zeuge in einem Mordfall, hier ganz in der Nähe...."

"Ich verstehe... Sie meinen sicher den jungen Mann, der ein paar Häuser weiter am Ende der Straße umgebracht wurde."

Ich verengte die Augen, wechselte einen kurzen Blick mit Milo.

"Nein, das meinte ich nicht. Ich spreche von den Leichenfunden auf dem Houseman-Gelände. Mister Smith hat sich häufig auf dem Gelände aufgehalten und dort offenbar auch kampiert."

"Davon weiß ich nichts."

"Der Begriff YOUNG CANNIBALS wird Ihnen sicher etwas sagen..."

Schwester Agatha seufzte hörbar, verschränkte dabei die Arme vor der Brust. "Natürlich! Das ist eine skrupellose Gang, die in dieser Gegend viel Unheil anrichtet!"

"Gibt es irgendeinen Bezugspunkt zwischen Mister Smith und dieser Gang?"

Schwester Agatha zögerte, atmete tief durch. "Ich weiß nicht, ob es richtig ist, wenn ich Ihnen gegenüber das wiederhole, was Mister Smith mir mal in einem sehr persönlichen Gespräch anvertraut hat."

"Es geht um Mord, Schwester Agatha", gab ich zu bedenken.

"Und jeder Hinweis kann uns möglicherweise weiterbringen."

"Auch persönliche Details aus dem Leben eines Zeugen?"

"Bitte, Schwester Agatha. Wir sind so diskret wie ein Beichtvater."

Sie lächelte matt, nickte dann. "In Ordnung, Agent Trevellian. Mister Smith hatte offenbar einen Sohn, der Mitglied dieser Gang war. Er geriet immer mehr in den Bann des Übels, wenn Sie wissen was ich meine."

"Für etwas mehr Deutlichkeit wäre ich Ihnen sehr dankbar, Schwester Agatha."

Es kostete sie offenbar große Überwindung, darüber zu sprechen. Aber ich hatte das Gefühl, einem wichtigen Puzzlestück in dieser Sekunde sehr nahe zu sein.

"Smith' Sohn wurde drogenabhängig und dealte auch selbst damit. Er wollte aussteigen, traf sich mit seinem Vater, der ihm dabei zu helfen versuchte. Aber bevor er der Gang endgültig den Rücken kehren konnte, wurde er umgebracht."

"Dann hatte er einen Grund, die YOUNG CANNIBALS zu hassen."

"Den hatte er. Wir haben des öfteren darüber gesprochen. Ich habe ihm klarzumachen versucht, dass der Hass letztlich ihn selbst zerfrisst."

"Halten Sie es für möglich, dass John Smith seine Existenz als Obdachloser nur vorgetäuscht hat, um sich im Gebiet der YOUNG CANNIBALS unbehelligt bewegen zu können?"

"Nein. An seiner Identität besteht kein Zweifel. Dieser Mann ist durch sein schweres Schicksal gebrochen worden. Übrigens hat er seine Papiere bei uns zur Aufbewahrung gegeben. Darunter auch eine Geburtsurkunde."

"Ich möchte, dass Sie uns diese Papiere zeigen, Schwester Agatha. Und dann wäre da noch etwas."

Sie hob die Augenbrauen, wirkte verwundert.

"Was?"

Ich deutete auf die Schreibmaschine. "So ein Stück ist selten geworden", sagte ich.

"Ich brauche die Maschine für Formulare."

"Verstehe..."

"Und ab und zu schreibt Mister Smith darauf einen Brief an seine Schwester."

"Ich möchte eine mit dieser Maschine erstellte Schreibprobe mitnehmen. Wenn Mister Smith hier auftaucht, rufen Sie uns bitte an."

"Ja, aber..."

Ich gab ihr meine Karte und unterbrach ihre Erwiderung.

"Noch etwas, Schwester Agatha: Wann schrieb Mister Smith den letzten Brief an seine Schwester?"

"Gestern Abend."

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"Die Geburtsurkunde sieht echt aus", gab Milo zu bedenken.

"Ob es wirklich so ist, wird unser Labor herausfinden, Milo. Auf jeden Fall hat dieser Mann ein Motiv gehabt, die bisher getöteten YOUNG CANNIBALS umzubringen."

"Eine Art Rachefeldzug, meinst du?"

"Das können wir jetzt nicht mehr ausschließen."

Ich setzte das Rotlicht auf das Dach des Sportwagens und trat das Gaspedal durch.

"Sag mal, was ist in dich gefahren, Jesse?"

"Milo, wir haben nicht viel Zeit. Smith hat gestern Abend den letzten sogenannten 'Brief an seine Schwester' geschrieben! Das bedeutet..."

"...das bald wieder eines dieser Gang-Mitglieder sterben wird."

"Irgendjemand wird heute oder morgen unerfreuliche Post bekommen..."

"Genau."

"Und wohin fährst du jetzt in diesem Affenzahn?"

"Zum 'X' in der Avenue A."

"Du meinst, John Smith war auch der Killer von Jimmy Barsoris?"

"Ja."

Milo schüttelte den Kopf. "Wir haben doch das Gesicht des Attentäters gesehen, wenn auch nur kurz."

"Eine Perücke, etwas Schminke. Das geht blitzschnell, Milo. Nach dem Mord ist er hinaus in die Grünanlage gelaufen, hat irgendwo seine Waffe versteckt und sich seine Lumpen angezogen."

"Die Waffe, Jesse. Das ist ein wichtiger Punkt. Wenn er die beiden YOUNG CANNIBALS auf dem Houseman-Gelände umgebracht hat, dann musste er sich innerhalb kürzester Zeit eine neue Präzisionswaffe besorgen."

"Vielleicht hatte er mehrere. Milo, der Mann führte ein Doppelleben! Ich wette, die Geburtsurkunde gehört einem Toten und wenn unser Freund irgendwo mit dem nötigen Kleingeld auftaucht, hat er im Handumdrehen eine Waffe! Seine Quellen müssen im Übrigen exzellent sein. Er hatte stets hochwertige Waffen dabei - und Handgranaten gibt's auch nicht an jeder Straßenecke wie eine Beretta."

"Bislang alles Theorie! Es gibt noch keinen Beweis!"

"Vielleicht finden wir den jetzt ja in Form jener Waffe, mit der Jimmy Barsoris umgebracht wurde!"

Milo rief unser Field Office in der Federal Plaza an. Es war dringend notwendig, dass das Asyl der Barmherzigen Schwestern von Kollegen beobachtet wurde. Von Kollegen, die John Smith bislang nicht begegnet waren, damit er keinen Verdacht schöpfte. Ansonsten stand zu befürchten, dass Smith sofort untertauchte, sobald er den Braten roch.

Mister McKee war wenig begeistert.

Da Milo über die Freisprechanlage sprach, konnte ich alles mithören und in das Gespräch eingreifen.

"Ist das Ihre Idee, Jesse?", sprach der Chef mich direkt an.

"Sir, ich bin überzeugt davon, dass dieser Mann zur Zeit einen weiteren Mord plant!"

"Im Moment halte ich es für wichtiger, die beiden Barsoris-Nachfolger im Auge zu behalten!"

In knappen Worten erläuterte ich ihm das Ergebnis unserer Ermittlungen, sprach auch kurz die Schreibmaschine und Smith's mögliches Rachemotiv an.

"Vertrauen Sie mir, Sir!"

Mister McKee seufzte. "Na, gut, Jesse. Ich werde jemanden losschicken. Aber ich kann nur hoffen, dass die Briefe, die bei Barsoris gefunden wurden, wirklich mit derselben Schreibmaschine geschrieben wurden."

"Das sind Sie, Sir!"

Mir war selbst klar, an was für einen seidenen Faden diese Indizienkette hing. Selbst, wenn Smith der Verfasser des Briefes gewesen war, bewies das letztlich nicht, dass er auch den Empfänger ums Leben gebracht hatte.

Es dauerte nicht lange, bis wir die Avenue A erreicht hatten. Ich parkte auf dem Platz hinter dem Gebäude, in dem sich das 'X' befand. Die Nobel-Disco war seit dem Mordanschlag geschlossen gewesen. Die Untersuchungen der SRD-Kollegen waren noch nicht ganz abgeschlossen. Und außerdem würde es eine Weile dauern, bis die Folgen der Handgranaten-Explosion beseitigt waren, mit der Barsoris' Mörder mich beinahe ins Jenseits befördet hatte.

Eine Disco mit penetrantem Brandgeruch hatte kaum Chancen, Gäste anzulocken.

Wir stiegen aus.

Mein Blick schweifte von dem zerstörten Fenster an der Rückfront, durch das der Killer geflüchtet war, über die Grünlage bis zur Subway-Station, an der wir in jener Nacht John Smith aufgegabelt hatten.

"Ziehen wir 'ne gerade Linie zwischen dem Fenster da drüben und der Subway-Station", meinte Milo. "Irgendwo auf dem Weg muss die Waffe zurückgelassen worden sein."

"Stimmt."

"Vorausgesetzt, deine Theorie stimmt."

"Ja."

Wir machten uns auf die Suche, versuchten den Weg zu nehmen, den der flüchtige Killer wahrscheinlich in jener Nacht entlanggelaufen war. Wir sahen hinter jeden Strauch, ob möglicherweise die Erde aufgewühlt worden war und nahmen uns auch die Papierkörbe vor.

Ein grün gekleideter Gärtner sprach uns an.

"He, was machen Sie da?"

Ich zeigte ihm meine ID-Card.

"Trevellian, FBI", stellte ich mich vor.

"Ah, Sie sind sicher wegen der Schießerei im 'X' hier."

"Genau."

"Wenn ich Ihnen irgendwie helfen kann..."

"Wir suchen etwas, das der mutmaßliche Täter hier in den Grünanlagen versteckt haben könnte. Vielleicht ist Ihnen irgendetwas aufgefallen."

"Ein Versteck?", murmelte der Gärtner. Er machte ein nachdenkliches Gesicht. Schließlich fuhr er fort: "Ich weiß nicht, ob das etwas damit zu tun hat, aber in einem der Blumenbeete war heute Morgen ein Loch. Erst habe ich gedacht, dass ein Hund da herumgewühlt hat."

"Schätze, da kam uns jemand zuvor, Jesse!", meldete sich Milo zu Wort.

Ich nickte düster und wandte mich an den Gärtner.

"Zeigen Sie uns bitte die Stelle!", forderte ich ihn auf.

"Ich habe neue Erde draufgeschüttet."

"Trotzdem", beharrte ich.

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Jeffers und Giordano schlugen die flachen Hände gegeneinander.

"Cool, Mann! Diese G-men standen mehr oder weniger in Unterhosen da, was?" Giordano lachte.

Auf Jeffers' Gesicht stand ein breites Grinsen. "Die können uns gar nichts!"

Auch die anderen im Raum lachten.

"Jetzt sollten wir mit den Weißrussen aus Brooklyn ins Geschäft kommen!", meinte Giordano.

"Immer mit der Ruhe!", warnte Jeffers und hob die Hände dabei. "Vielleicht sollten wir uns das nochmal überlegen. Du weißt, wie sauer Ray Guerra werden kann... Und außerdem dürften die G-men uns jetzt ganz schön auf dem Kieker haben."

"Richtig!", mischte sich jetzt einer der anderen Männer ein. Ein großer Schlaks, dessen Lederjacke ihm schlaff über den Schultern hing. Er stand an einem der Fenster zur Straßenseite. "Da parkt schon' ne ganze Weile ein Wagen, der mir nicht gefällt!"

"Lass die Brüder doch!", rief Giordano mit wegwerfender Handbewegung. "Sollen sie sich die Augen ausgucken! Wir warten hier einfach ganz ruhig ab und machen unseren Schnitt, wenn denen da draußen die Geduld ausgeht!"

"Du machst es dir zu leicht!", erwiderte Jeffers.

"So?"

"Wir sollten uns mal ein paar Gedanken darüber machen, wer Jimmy eigentlich auf dem Gewissen hat!"

"Wer wohl? Ich nehme an, dass Krassimov und seine Weißrussen aus Brooklyn dahinterstecken und uns den Gefallen getan haben..."

"In letzter Zeit stellen die sich mehr oder weniger tot!"

"Weil sie vorsichtig sind, Mann! Profis eben! Und der gute Jimmy hatte die Zeichen der Zeit eben nicht erkannt!"

Giordano ging zum Tresen.

Jeffers folgte ihm.

Eines der ledergekleideten Girls verdrehte die Augen und kaute gelangweilt auf einem Kaugummi herum, als Giordano ihr einen hungrigen Blick zuwarf. Giordano grinste anzüglich. Aber die Schöne in Leder hatte nichts dafür übrig. "Ganz schön öde hier - so ohne richtig guten Schnee!", maulte sie.

Giordanos Züge wirkten angespannt.

"Nur Geduld, Baby! Du kriegst bald wieder was! Aber im Moment müssen wir clean bleiben. Wir sind hier gewissermaßen auf dem Präsentierteller. Das muss auch in dein Spatzenhirn 'reingehen!"

Der Keeper kam aus einem der hinteren Räume herbei. Er hielt einen Brief in der Hand. "Hey, Jungs! Hier ist ein Brief für euch abgegeben worden!"

Giordano und Jeffers blickten sich kurz an.

"Gib her!", forderte Jeffers.

Er nahm dem Keeper das Kuvert aus der Hand, riss es auf.

Ein mit Schreibmaschine geschriebener Brief befand sich darin. Darauf stand:

'Keiner von euch wird dem Vollstrecker der Gerechtigkeit entkommen. Ihr werdet um Gnade betteln, aber sie wird euch ebenso wenig gewährt werden, wie ihr sie gewährt habt. Ihr werdet am Geruch eures Angstschweißes ersticken, wenn eure Stunde geschlagen hat. Ihr werdet von dieser Erde getilgt werden wie schädliches Ungeziefer und nichts hinterlassen, was an euch erinnert. Es wird sein, als hättet ihr nie existiert!'

Jeffers Stirn zog sich in Falten.

"Hey, Scheiße, Mann, da mag uns einer nicht!", knurrte er und gab den Brief an Giordano weiter.

Stirnrunzelnd las er ihn.

"Jimmy hat auch so etwas gekriegt, kurz bevor..." Pel Giordano stockte. Dann knüllte er wütend den Brief zusammen, warf ihn in Richtung Papierkorb, verfehlte aber.

"Da hat's jemand auf uns abgesehen, Pel!", stieß Jeffers hervor. "Überleg doch mal, was auf dem Houseman-Gelände passiert ist!"

"Ein Deal hat sich als Falle herausgestellt und zwei unserer Leute sind getötet worden!"

"Aber nicht von den Cops!"

Giordano atmete tief durch.

Einer der anderen Männer trat zum Tresen. Es war der Schlaksige. "Wir haben einen Verräter in unseren Reihen. Das habe ich schon gleich nach dem geplatzten Deal gedacht!"

Nolan Jeffers hob die Augenbrauen. "Diesen Brief hat keiner von uns geschrieben."

"Und da legst du für alle 87 YOUNG CANNIBALS, die es zur Zeit gibt, die Hand ins Feuer?", fragte der Schlaksige.

"Scheiße, natürlich nicht!", gestand Jeffers zu.

"Und wenn da ein durchgeknallter Cop auf einem Privaten Rachefeldzug ist, weil wir vielleicht vor Jahren seinen Partner erledigen mussten?", schlug Giordano vor.

Jeffers schüttelte den Kopf. "Dann wäre der nicht so dämlich, mit einer Schreibmaschine zu schreiben, die man identifizieren kann!"

"Vorausgesetzt, man findet sie je!"

"Logisch."

"Lass uns trotzdem mal diejenigen durchgehen, denen wir in letzter Zeit wehgetan haben! Vielleicht ist da ja ein schießwütiger Mistkerl dabei!"

"Glücklicherweise sind wir im Moment ja unter FBI-Bewachung", meinte Nolan Jeffers. "Sonst würde ich mich ohne Waffe richtig unwohl fühlen..."

Und bei diesen Worten dachte er an die Knochen in den Säurefässern auf dem Houseman-Gelände. 'Es wird sein, als hättet ihr nie existiert!' Die letzte Zeile des Briefes hatte in diesem Zusammenhang einen makabren Nachklang.

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Columbina stieg nackt aus dem Pool, der sich im Untergeschoss von Ray Guerras Villa befand.

Der große Boss hatte sich auf einer Liege ausgestreckt.

Das Laptop, mit Hilfe dessen er seine Organisation regierte, stand auf einem kleinen Tisch daneben.

Das Wasser perlte von Columbinas Körper.

Ihre Brustwarzen regten sich steif empor.

Mit einer lässigen Bewegung griff sie nach einem Handtuch.

Sie war etwas ärgerlich darüber, dass Ray Guerras Aufmerksamkeit mehr dem Schirm seines Laptops als ihr galt.

"Hey, wenn du einen so stieren Blick hast, dann schaust du dir wahrscheinlich gerade wieder die Seiten von NAKEDNEWS.COM an!"

Ein flüchtiges Grinsen flog über Guerras Gesicht.

"Man muss doch informiert sein!"

"Aber du kennst meine rasende Eifersucht!"

"Auch auf Internet-Schönheiten?"

"Selbst auf die Tastatur, wenn du sie so zärtlich befingerst!"

Sie trat an ihn heran, stemmte einen Arm in die Hüfte. Ray Guerra schluckte unwillkürlich, als sie ihn mit ihrem hungrigen Blick ansah.

Guerra atmete tief durch.

Sie setzte sich rittlings auf ihn, warf einen Blick zum Laptop-Schirm. Der E-Mail-Briefkasten war geöffnet.

"Im Ernst, Schätzchen, es gibt Ärger!"

"So?"

"Fernandez' Anwalt meint, dass unsere Jungs vom FBI wackelig werden könnten. Ich will kein Risiko eingehen."

"Sind Fernandez und Delgado schon nach Riker's Island verlegt worden?"

"Nein."

"Wenn das geschieht, wäre eine Gelegenheit, das Problem zu lösen. Meinetwegen auch, wenn sie das nächste Mal dem District Attorney vorgeführt werden. Aber ich denke, du willst die Sache schnell über die Bühne gebracht haben."

"Ja..."

Sie begann mit den Fingern über seine behaarte Brust zu streichen, beugte sich nieder, bis ihre Brüste seinen Oberkörper berührten. Ihr Haar kitzelte.

"Sonst noch einen Wunsch?"

"Ja, es gibt noch ein zweites Problem. Die YOUNG CANNIBALS wollen mit einem anderen Lieferanten zusammenarbeiten. Sobald mein Spitzel mir Einzelheiten gemailt hat, müssen wir ein Exempel statuieren. Ich habe keine Lust, einen wichtigen Teil der Bronx an die Konkurrenz zu verlieren, zumal wir uns gerade im Augenblick einen Umsatzrückgang absolut nicht leisten können."

"Du weißt, dass ich alles für dich tue, Ray", hauchte Columbina.

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"Ihre Nase hatte die richtige Witterung, Jesse!", stellte Mister McKee anerkennend fest. "Gerade haben mir die Kollegen vom Innendienst das Ergebnis der Identitätsüberprüfung von John Smith gegeben. Der Mann, zu dem die auf den Namen John Smith ausgestellte Geburtsurkunde gehört, starb 1996. Dieser Obdachlose - oder was immer er auch in Wirklichkeit sein mag - benutzte die Identität eines Toten."

Es war bereits Abend, als wir im Besprechungszimmer unseres Chefs saßen. 'John Smith' hatte sich in den Grünanlagen in der Nähe der Discothek 'X' ein Rosenbeet ausgesucht, um seine Sachen zu vergraben. Frischer Torf war auf das Beet aufgebracht worden, der so leicht war, dass man ihn im Gegensatz zum schweren Mutterboden innerhalb von Augenblicken mit den Händen wegschaufeln und ein Loch graben konnte.

Zweifellos hatte John Smith dort die Waffe und einige Verkleidungsutensilien deponiert und später wieder abgeholt.

Allerdings hatte er Spuren hinterlassen. Dafür hatten die Rosen gesorgt. In den Dornen waren einige Perückenhaare hängengeblieben, die jetzt im Labor unter die Lupe genommen wurden. Außerdem war unser Kollege Sam Folder in die Avenue A unterwegs, um möglicherweise noch weitere winzige Spuren sicherstellen zu können.

Die Schriftprobe, die ich mit der Schreibmaschine erstellt hatte, war ebenfalls verglichen worden. Sie stimmte mit dem Brief an Barsoris überein. Ein Kollege der Scientific Research Division war zum Asyl der Barmherzigen Schwestern unterwegs, um die Schreibmaschine für weitergehende Untersuchungen zu beschlagnahmen.

An sämtliche Polizeieinheiten war eine Personenbeschreibung von John Smith durchgegeben worden.

Auch an unsere Kollegen, die das PANIC PLAY observierten.

Dort hatte sich allerdings bislang nichts getan.

"Wir sollten alle Todesfälle unter den YOUNG CANNIBALS der letzten Jahre unter die Lupe nehmen", meinte ich. "Möglicherweise ist durch DNA-Tests einer davon mit den Knochen auf dem Houseman-Gelände in Verbindung zu bringen..."

Mister McKee nickte. "In die Richtung gingen auch meine Überlegungen. Da gibt es allerdings ein Problem."

"So?"

"Laut Laboruntersuchungen können die Leichen in den Fässern nur in den letzten Wochen und Monaten zersetzt worden sein."

"Und so viele dokumentierte Todesfälle unter den YOUNG CANNIBALS gibt es nicht?", mischte sich Milo ein.

"So ist es", bestätigte Mister McKee. "Wir beobachten die YOUNG CANNIBALS noch nicht lange genug, um alles über sie zu wissen, aber ich glaube, dass wir es mitbekommen hätten, wenn plötzlich mehr als zwei Dutzend von ihnen umgekommen wären."

"Auszuschließen ist es aber auch nicht!", warf Milo ein.

"Dann gibt es da noch etwas, worüber ich sie informieren möchte. Fernandez und Delgado werden morgen nach Riker's Island überstellt. Sie weigern sich zu reden, was wohl auch am Einfluss ihres Anwalts liegt."

"Wer ist das?"

"John Moressy von Moressy, Richards & Crimson. Eine Kanzlei, die sich in der Vergangenheit stets um die Interessen von Ray Guerra gekümmert hat."

Ich hob die Augenbrauen. "Leider kann man einem Mann wie Guerra daraus keinen Strick ziehen."

"Fernandez war früher mal Türsteher in einem Club, der Ray Guerra gehörte. Ein Striplokal am Times Square, das wohl als eine Art Geldwäscheautomat diente. Existiert schon lange nicht mehr. Aber die Verbindung ist da."

Ich atmete tief durch.

"Mehr aber auch nicht."

"Außerdem hat sich einer unserer Informanten bei den Weißrussen aus Brooklyn gemeldet. Er will gehört haben, dass Krassimov sich darauf vorbereitet, in der Bronx einen großen Teil des Crack und Kokain-Handels zu übernehmen.

Ich pfiff durch die Zähne.

Mister McKee fuhr fort: "Jesse, da läuft etwas im Hintergrund, wovon wir allenfalls die Spitze des Eisberges gesehen haben."

In diesem Augenblick schrillte eines der Telefone auf dem Schreibtisch unseres Chefs.

Mister McKee ging an den Apparat, hob ab.

Er drückte auf die Laut-Taste, so dass wir mithören konnten.

Es war unser Kollege Jay Kronburg, der zusammen mit seinem Partner Leslie Morell die Agenten Fred LaRocca und Josy O'Leary inzwischen bei der Observierung des PANIC PLAY abgelöst hatte.

"John Smith ist gerade hier aufgetaucht!", war Jays knappe Botschaft.

"Festnehmen", wies Mister McKee den ehemaligen City Police Beamten an. "Wenn er ins PANIC PLAY gelangt, gibt's dort ein Blutbad!"

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"Alarm an alle! Der gesuchte John Smith nähert sich dem Haupteingang des PANIC PLAY!", raunte Agent Jay Kronburg in das Mikro an seinem Hemdkragen hinein. "Er nähert sich aus Richtung der Subway-Station. Wir versuchen einen Zugriff!"

Jay Kronburg und Leslie Morell stiegen aus ihrem unscheinbaren Chevy aus dem Fuhrpark unserer Fahrbereitschaft. Weitere G-men waren rund um das PANIC PLAY postiert, um genau im Auge behalten zu können, wer dort aus und einging.

Eigentlich war erwartet worden, dass die Führungsspitze der YOUNG CANNIBALS wie ein Schwarm aufgescheuchter Vögel auseinanderstob und man Leute wie Jeffers und Giordano dann beschatten konnte. Aber den Gefallen hatten sie uns nicht getan. Sie schienen sich bis dahin unter der Bewachung des FBI sogar ausgesprochen wohl zu fühlen.

Jetzt machte es das Auftauchen von John Smith leider für unsere Kollegen notwendig, die Tarnung aufzugeben.

Über das Mikro dirigierte Jay zwei weitere G-man an den Ort des Geschehens. Während Jay und Leslie sich ihm von hinten zu nähern versuchten, sollten ihm die Kollegen den Weg von vorne abschneiden.

Der Zugriff würde schwierig werden.

Zu viele Passanten befanden sich in der Nähe.

Und John Smith wusste genau, was er tat, wenn er sich stets in deren Nähe hielt.

Er wandte den Blick, blieb etwa zehn Meter vor dem Haupteingang des PANIC PLAY stehen.

Die Passanten entfernten sich.

Die beiden Agenten, die ihm den Weg abschneiden sollten, waren bis auf wenige Meter heran.

"Jetzt!", raunte Jay ins Mikro.

Smith fasste seine Plastiktüten mit der Linken, ließ die Rechte unter seinen Mantel gleiten. Offenbar hatte er die Lunte gerochen.

Jay Kronburg riss seinen 4.57er Magnum Revolver hervor.

"FBI! Stehen bleiben und die Hände hoch!"

Smith wirbelte herum, riss die Waffe heraus.

Ein Laserstrahl tanzte durch die Luft.

Smith ließ Jay keine andere Wahl.

Unser Kollege drückte ab, Smith schoss nur den Bruchteil einer Sekunde später.

Jays gewaltiges Projektil traf Smith mitten in der Brust.

Aus dieser geringen Entfernung konnte Jay kein Risiko eingehen und etwa nur auf die Beine zielen.

John Smith wurde durch die Wucht des Geschossaufpralls zurückgerissen, taumelte rückwärts, während sein eigener, auf Grund des Schalldämpfers fast geräuschloser Schuss über Jay hinwegzischte.

Smith stolperte gegen die Wand.

Riss seine Waffe hoch und feuerte erneut.

Jay Kronburg spürte das Geschoss in seine Schulter eindringen, schrie auf.

Leslie Morell feuerte ebenfalls, traf Smith im Oberkörper.

Auf der Herzseite.

Eigentlich ein absolut tödlicher Treffer.

John Smith taumelte in Richtung des Haupteingangs.

Unter seiner aufgerissenen Kleidung wurde grauer Kevlar sichtbar.

Die G-men, die sich Smith von der anderen Seite näherten, waren zur Untätigkeit verdammt. Dutzende von Passanten rannten ihnen entgegen.

Smith ließ die Plastiktüten fallen. Er schleuderte Sekundenbruchteile später etwas aus seiner Manteltasche heraus. Eine Handgranate.

Sie rollte unter einen parkenden Wagen.

Leslie Morell riss Jay mit sich. Beide drückten sich in die nächste Hausnische, nahmen dort Deckung. Jay blutete stark. John Smith drang ins PANIC PLAY vor, während auf der Straße buchstäblich die Hölle losbrach.

Die Detonation war gewaltig. Der parkende Wagen wurde regelrecht in die Luft gesprengt. Augenblicke später folgte eine zweite Explosion, die durch den Tank verursacht wurde.

Fensterscheiben zerbarsten. Metallteile flogen durch die Luft.

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John Smith taumelte mit gezogener Waffe in das PANIC PLAY hinein. Die Druckwelle der Detonation schloss die Tür hinter ihm. Scheiben klirrten.

Der Strahl des Laserpointers tanzte durch den Raum.

Ein halbes Dutzend YOUNG CANNIBALS, zwei Girls und der Barkeeper!, durchschoss es John Smith. Des Todes waren Sie alle!

Vor seinem inneren Auge sah John Smith wieder das Bild seines Sohnes.

Michael!, dachte er.

Auf einmal spürte er nichts mehr. Nicht einmal die Schmerzen, die von der schweren Prellung herrührten, die das große 4.57er Geschoss verursacht hatte, als es auf das Kevlar getroffen war. Die Weste, die er unter seiner Kleidung trug, sorgte nur dafür, dass die Wucht des Aufpralls verteilt und dem Projektil die Durchschlagskraft genommen wurde. Aber die Kraft eines solchen Geschosses blieb trotzdem enorm.

Doch war alles jetzt nicht mehr wichtig.

Genauso wenig, wie es ihn interessierte, ob er die nächsten fünf Minuten überlebte.

Nur eine Sache zählte noch.

"Michael!", flüsterte er. Ein dicker Kloß steckte ihm im Hals. Der Mann hinter dem Tresen machte eine unbedachte Bewegung. Die Quittung folgte prompt. Smith ließ die Waffenhand herumwirbeln. Er drückte ab. Der erste Schuss traf den Barkeeper in die Schulter, der zweite erwischte ihn mitten zwischen die Augen. Er schlug gegen die Wand und rutschte an ihr zu Boden.

Töte sie! Töte sie alle! Denk an Michael!, schrie es in John Smith' Kopf.

Eine Schrecksekunde verging, ehe irgendjemand sich rührte.

Dann feuerte Smith auf einen langen Schlaksigen, der am nächsten zu ihm stand. Das ledergekleidete Girl in seiner Nähe wurde von einer Kugel getroffen, die durch den Körper des Schlaksigen schlug. Schreie gellten.

Lange habe ich euch beobachtet, unter euch gelebt als verachtetes Stück Dreck!, durchzuckte es ihn fiebrig. Keiner von euch hätte wohl damit gerechnet, dass ich der Vollstrecker der Gerechtigkeit sein könnte...

John Smith stieß einen irren Schrei aus, während er weiterfeuerte.

Durch den Hintereingang kam ein Mann mit Kevlar-Weste herein. Eine SIG hielt er im beidhändigen Anschlag.

"Waffe weg, FBI!"

John Smith tötete ihn mit einem Kopfschuss. Der G-men, fiel dem Kollegen entgegen, der ihm gefolgt war.

Dieser feuerte. Ein schneller überhasteter Schuss, der ins Leere ging. Smith erwischte auch diesen G-man einen Augenaufschlag später mit einem Kopftreffer.

Einer der YOUNG CANNIBALS stürzte sich aus dem Fenster zur Straße, hinein in den Nebel aus dichten Rauschwaden, der von dort ins Innere des PANIC PLAY hineinquoll.

Smith kannte ihn.

Es war Pel Giordano.

Ein anderer schleuderte Smith ein Springmesser entgegen.

Smith duckte sich.

Das Messer zischte über ihn hinweg.

Zitternd blieb es in der Wandverkleidung stecken.

Smith feuerte eine Sekunde später auf den Messerwerfer, traf ihn in den Bauch. Diesen Moment nutzte Nolan Jeffers, der sich in einer Ecke verschanzt hatte, um zu jener Tür zu spurten, an der die beiden FBI-Agenten erschossen worden waren. Er stieg über ihre Leichen hinweg. Smith legte an, zielte auf den Kopf.

"Für Michael!", rief er und drückte ab.

Es machte nur 'klick'.

Nolan Jeffers nutzte seine Chance. Er rannte den Korridor entlang, um zum Hinterausgang des Gebäudes zu gelangen.

Smith fluchte.

Er riss das Magazin aus seiner Waffe heraus, schleuderte es von sich. Ein schneller Griff in die Tasche seines Mantels und er hatte ein Ersatzmagazin in der Hand, das er mit einer schnellen Bewegung in den Griff seiner Waffe hineinschob.

Bevor er Jeffers nachhetzte, holte er noch eine Handgranate unter dem Mantel hervor.

Mit den Zähnen riss er den Auslöser heraus, so dass die Granate aktiviert war.

Keiner dieser FBI-Leute sollte ihm von der Straße her folgen. Und außerdem musste Smith dafür sorgen, dass möglichst wenig Spuren zurückblieben. Er ließ die Granate über den Boden rollen.

Dann kratzte er sich Handgelenk.

Dieses verfluchte Ekzem.

Es wurde einfach nicht besser. Es begann genau dort, wo die Latex-Handschuhe aufgehört hatten... Verdammt, ich hätte vorsichtiger sein sollen!, ging es ihm durch den Kopf.

Bilder stiegen in seinem Inneren auf. Bilder von bleichen Knochen in rostigen Fässern. Bilder, die im nächsten Moment mit Erinnerungen an Michael verschmolzen. Michaels Lachen als kleiner Junge, Michaels erste Worte, Michaels Entlassfeier nach der Primary School... Dann das Polizeifoto mit den Würgemalen.

Die Zeit erschien ihm auf einmal wie gedehnt.

Sekunden nur blieben ihm, bis die Granate explodierte.

Einigen Augenblick lang überlegte Smith, ob es nicht das Beste war, einfach stehen zubleiben und sich von der Detonation zerreißen zu lassen. Dann war alles vorbei. Die Erinnerungen, die Bilder, die Stimmen...

Alles!

Die Versuchung war groß.

Aber dann ging ein Ruck durch ihn. Er spurtete in Richtung des Hintereingangs. Michael!, durchzuckte es ihn.

Für dich lebe ich weiter! Für die Rache an deinen Mördern!

Als die Detonation losbrach, befand er sich schon längst nicht mehr im Schankraum des PANIC PLAY.

Jeffers und Giordano konnten ihm nicht entkommen!

Davon war der Mann, der sich John Smith nannte überzeugt.

Denn Smith hatte seine Opfer gut genug ausgekundschaftet, um ihnen stets gedanklich einen Schritt voraus zu sein.

Ich brauche euch nicht einmal zu folgen!, dachte er. Ich werde euch erwarten! Und dann Gnade euch Gott! Ich jedenfalls nicht.

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Als wir das PANIC PLAY erreichten, hatte die Dämmerung längst eingesetzt. Ein Bild der Verwüstung bot sich uns.

"Jay ist vom Emergency Service abtransportiert worden!", berichtete uns Leslie Morell, den wir zwischen den Dutzenden von Einsatzwagen trafen.

"Wie schwer hat es ihn erwischt?", fragte ich.

"Eine üble Schulterverletzung. Man muss abwarten, in welchem Winkel die Kugel eingedrungen ist. Clansing und Rodgers haben großes Glück gehabt. Kurz bevor sie ins PANIC PLAY vordringen wollten, detonierte dort eine weitere Handgranate."

Leslie Morell seufzte hörbar.

Es war ihm anzusehen, wie sehr die jüngsten Ereignisse ihn mitgenommen hatten.

Er berichtete uns noch, dass zwei weitere Agenten sich nicht mehr gemeldet hatten, seit sie von hinten in das Gebäude vorgedrungen waren.

Es sollte Stunden dauern, bis ihr Schicksal für uns zur schrecklichen Gewissheit wurde, denn die Handgranatenexplosion hatte im PANIC PLAY einen Brand ausgelöst, den die angerückten Kräfte der Feuerwehr erst mühsam unter Kontrolle bringen mussten.

Unsere Dienstzeit war längst um, aber keine Macht der Welt hätte uns jetzt dazu bewegen können, nach Hause zu fahren. Wut erfasste mich. Wut auf jenen skrupellosen Mörder, der das getan hatte. Mochte ein noch so schwerer Schicksalsschlag ihn dazu getrieben haben - er hatte einfach nicht das Recht dazu, sich als Richter über Leben und Tod aufzuspielen.

Clive und Orry trafen auch ein.

"Die ganze Gegend ist abgeriegelt", stellte Clive klar.

Leslie Morell machte ein zweifelndes Gesicht. "Leider wird diese Maßnahme wohl viel zu spät kommen. Dieser 'John Smith' oder wie immer er auch in Wahrheit heißen mag, ist doch längst über alle Berge."

"Was ist eigentlich mit Jeffers und Giordano?", fragte Milo.

"Es wird wohl 'ne Weile dauern, bis wir wissen, wer entkommen konnte und wer nicht!", meinte Leslie Morell düster.

Bis tief in die Nacht blieben wir am Ort des Geschehens, warteten darauf, dass irgendeiner der zahllosen Posten und Straßensperren sich über Funk meldete, um John Smith' Auftauchen zu melden.

Aber nichts dergleichen geschah.

Er blieb wie vom Erdboden verschluckt, selbst nachdem Spezialeinsatzkommandos die Umgebung durchkämmt hatten.

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"Wir haben ihn!", verkündete Agent Max Carter von der Innendienst-Fahndung am nächsten Morgen bei der Besprechung.

Dieser Satz hatte eine mindestens ebenso belebende Wirkung wie der vorzügliche Kaffee, der in meinem Pappbecher dampfte. Mandy, die Sekretärin unseres Chefs, hatte da ihre spezielle Zubereitungsmethode. Jedenfalls war ihr Kaffee im ganzen Bundesgebäude an der Federal Plaza eine Art Legende.

"Was ich damit sagen will ist: Wir haben mit hoher Wahrscheinlichkeit die Identität jenes Mannes, der sich John Smith nennt."

"Spannen Sie uns nicht so auf die Folter, Max!", mahnte Mister McKee mit einem etwas angestrengt wirkenden Lächeln.

Unser Chef brachte die Dinge gerne schnell auf den Punkt.

"Zusammen mit ein paar Kollegen sind wir alle Fälle durchgegangen, in denen jemand umgebracht wurde, der vom Alter her John Smith' Sohn gewesen sein könnte und dessen Tod in irgendeinen Zusammenhang mit den YOUNG CANNIBALS gebracht werden kann. Wir wurden fündig."

Mit einem Schalter aktivierte Max eine Diaprojektion.

Das Gesicht eines jungen Mannes erschien. Er war tot.

Zweifellos ein Polizeifoto, dass am Tatort gemacht worden.

Die Würgemale waren selbst für den Laien erkennbar.

"Dies ist Michael McDowell. Ein Mitglied der YOUNG CANNIBALS, selbst drogensüchtig und unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen. Sie sehen die Würgemale. Sie stammen von einer Drahtschlinge. Drei YOUNG CANNIBALS wurden damals vorläufig festgenommen: Nolan Jeffers, Pel Giordano und ein Mann namens Rick Durban. Alles drei treue Gefolgsleute von Jimmy Barsoris, soweit wir wissen. Aber weder Barsoris noch seinen Paladinen konnte man etwas nachweisen."

Max zeigte das nächste Bild.

Es zeigte einen Mann in den Fünfzigern.

Ein ziemlich grobkörniges Pressefoto. Er hatte kaum Haare auf dem Kopf und einen gepflegten Knebelbart. Trotzdem erkannte ich ihn auf den ersten Blick.

"John Smith!", stieß ich hervor.

"Eigentlich Raymond McDowell, der Vater des ermordeten Michael. Er steigerte sich so in seine Rachegedanken hinein, dass er in psychiatrische Behandlung musste. Die Tatsache, dass es zu keiner Anklage gegen die verdächtigen YOUNG CANNIBALS kam, gab ihm wohl den Rest. Die Sache wurde in den Medien ziemlich breitgetreten."

"Hat Mister McDowell auch eine bürgerliche Adresse?", erkundigte sich Milo.

"Wir versuchen sie herauszubekommen. Aber vor einem Jahr ist McDowell wohl mehr oder weniger abgetaucht und scheint unter falscher Identität gelebt zu haben."

"Ein generalstabsmäßig vorbereiteter Rachefeldzug", stellte Mister McKee fest.

Max nickte. "Ja. Und es gibt da noch zwei interessante Details."

"Und die wären?", hakte Mister McKee nach.

"Erstens war McDowell als Chemielaborant beschäftigt. Er dürfte sich also in der Handhabung von Säuren auskennen und wissen, wie man Leichen damit effektiv beseitigen kann."

"Und zweitens?"

"Bevor McDowell sich in psychiatrische Behandlung begab, schlug er einen jungen Mann halb tot, in dem er ein Gangmitglied zu erkennen glaubte. Dabei hatte der mit den YOUNG CANNIBALS nicht das geringste zu tun. Er trug nur gerne Leder und hatte dasselbe Alter."

"Sie meinen, McDowells Rachedurst hatte schon damals wahnhafte Züge", meinte Mister McKee.

"Ja", bestätigte Max. "Und das heißt noch etwas anderes."

"Dass es sich bei den Leichen in den Fässern nicht nur um Angehörige der YOUNG CANNIBALS handeln muss!", schloss Orry messerscharf.

"Dann würde auch die große Zahl von Toten erklärbar", murmelte ich.

"Wir müssen Jeffers und Giordano finden!", meinte Mister McKee. "Möglichst bevor McDowell sie findet..."

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Pel Giordano betrat in Begleitung von drei YOUNG CANNIBALS das Internet-Café 'LatinByte' in der 86. Straße West, East Harlem. Den ganzen Tag hatte er sich herumgetrieben, war bei Freunden untergekrochen und hatte sich eine neue Prepaid-Simcard für sein Handy besorgt, um telefonieren zu können, ohne in Sorge sein zu müssen, dabei abgehört zu werden.

Und eine Waffe trug er jetzt bei sich.

Eine Beretta.

Und ohne bewaffnete Begleitung ließ er sich derzeit nicht auf der Straße blicken. Nicht, solange der Wahnsinnige, der im PANIC PLAY ein Blutbad veranstaltet hatte, noch auf der Lauer lag.

Dieser Penner!, dachte Giordano. Er hatte ihn zuvor des öfteren in der Gegend gesehen, ihn aber in seiner Verkleidung zunächst nicht wiedererkannt.

Giordano erinnerte das Gesicht dieses selbsternannten Vollstreckers der Gerechtigkeit an jemanden.

Auch wenn derjenige damals anders ausgesehen hatte. Seine Story war dutzendweise durch die Medien gegangen, nachdem die Anklage wegen Mordes gegen Giordano und seine Kumpane von den YOUNG CANNIBALS gar nicht erst eröffnet worden war, weil die Beweise einfach nicht ausgereicht hatten.

Michael, dieser Wichser!, dachte Giordano bitter. Wer hätte gedacht, dass diese Ratte uns noch Jahre nach ihrem Tod so viele Probleme macht!

Michael war süchtig gewesen. Zunächst war das sehr gut. Es band ihn an die Gang. Für ein paar Gramm Stoff hatte Michael alles getan, was man von ihm verlangte.

Aber er war auch unberechenbar geworden, bereit seine Gang an jeden zu verraten, der versprach, ihn mit Schnee zu versorgen.

Giordano hatte Michael McDowells Tod damals als eine Art Notwehr betrachtet.

Dass er sich damit einen unerbittlichen Rachegeist in den Pelz setzte, der sich in seinem Wahn als 'Vollstrecker der Gerechtigkeit' sah, hatte er natürlich nicht geahnt.

Giordano und Jeffers hatten jetzt die Führung der YOUNG CANNIBALS inne. Aber keiner der beiden dachte daran, sich von diesem 'Vollstrecker' die Tour vermasseln zu lassen.

Endlich hatten sie die Chance, aus dem Verteilersystem von Ray Guerra herauszukommen und ein weitaus lukrativeres Angebot anzunehmen.

Giordano machte eine lässige Handbewegung in Richtung des blassgesichtigen jungen Mannes, der im 'LatinByte' um diese Zeit für den Service zuständig war.

"Hey, Mann, ich brauche mal kurz einen eurer Rechner."

Der Blassgesichtige blickte von seinem Comic Heft auf, kaute dabei auf etwas herum. "Nehmen Sie Nummer fünf", meinte er. "Unsere Preise können Sie aus dem Aushang erkennen."

"Schon klar..."

Eine Kontaktaufnahme per E-Mail über ein anonymes Internet-Café war ziemlich sicher. Jahrelang hatten die YOUNG CANNIBALS auf diese Weise Kontakt zu Guerra gehalten.

Und die neuen Geschäftspartner schienen genauso zu denken.

Pel Giordano ging an Rechner Nummer fünf.

Seine Finger glitten über die Tasten.

Er wählte eine Internetadresse auf den Cayman-Inseln an, unter der er sich eine Email-Briefkasten hatte einrichten lassen.

Die Nachricht, auf die Pel Giordano gewartet hatte, war eingetroffen.

Der YOUNG CANNIBAL überflog die kurze Nachricht.

'APRIL 16, 3.00 p.m., FULTON FISH MARKET, ECKE FULTON STREET/SOUTH STREET', stand dort.

Giordano löschte die Nachricht schnell wieder. Ein zufriedenes Grinsen stand auf seinem Gesicht. Seine Begleiter bewachten unterdessen die Ausgänge.

Giordano erhob sich. "Alles klar", raunte er einem seiner Leute zu, der sein Haar zu einem langen Zopf zusammengefasst trug. Giordano deutete auf den blassgesichtigen Mann hinter dem Tresen, der immer noch in seinem Comic-Heft las. "Bezahl den Arsch!"

Der Zopfträger legte dem jungen Mann einen Zehn-Dollar-Schein hin, während Giordano schon in Richtung Tür ging.

"Hier, das dürfte sogar noch für 'ne Gesichtcreme reichen, du Schwuchtel!"

Die anderen lachten grölend.

Der junge Mann wurde noch blasser.

Giordano drehte sich halb herum.

"Lass ihn in Ruhe, Casey! Das Geschäft ruft!"

"Hey, Mann, immer easy bleiben! Wir hatten nicht viel Spaß in letzter Zeit!"

Giordano und sein Gefolge verließen das 'LatinByte'.

Ihre Harleys standen um die Ecke. Es sollte sie später niemand mit dem Internetcafé in Verbindung bringen. Eines der Gang-Mitglieder passte auf die Maschinen auf.

Giordano griff zum Handy, drückte eine Kurzwahltaste.

Jeffers meldete sich.

"Was gibt's?"

"Die Weißrussen haben angebissen."

"Wann läuft der Deal?"

"Am Sechzehnten, drei Uhr nachts auf dem Fulton Fish Market, Ecke Fulton Street/ South Street."

"Eigenartiger Treffpunkt."

"Sag den Jungs, sie sollen sich was Unauffälliges zum Anziehen besorgen."

"Claro!"

Giordano unterbrach die Verbindung, steckte das Handy ein.

Mit seinem Gefolge bog er um die Ecke.

Eine Straßenlaterne war ausgefallen. Die Maschinen standen im Schatten.

"Scheiße, wo ist Killer?", stieß Casey hervor. 'Killer' war der Spitzname des YOUNG CANNIBAL, der auf die Harleys hatte aufpassen sollen.

"Ich wusste doch, dass auf den Sack kein Verlass ist!", knurrte Giordano grimmig.

Seine Hand ging zur Beretta. Er zog die Waffe hervor. Sein Gefolge zog ebenfalls die Waffen. Sie erreichten die Harleys.

Giordano ließ den Blick schweifen. Die Glassplitter der Straßenbeleuchtung lagen auf dem Asphalt verstreut. Ein Hosenbein mit Springerstiefel ragte ein Stück unter einem parkenden Wagen hervor.

'Killer'!, durchzuckte es Giordano.

Jemand hatte seine Leiche unter einen Wagen gerollt!

Giordano wirbelte herum.

Er sah einen roten Strahl durch die Nacht tanzen. Das Schussgeräusch war kaum zu hören. Nur Caseys Schrei, als ihn die Kugel traf. Aus der Automatik, die der Zopfträger inzwischen mit beiden Händen umklammerte, löste sich noch ein Schuss, der aber nur dafür sorgte, dass die Heckscheibe eines geparkten Mercedes zu Bruch ging. Wie ein Taschenmesser klappte Casey zusammen, riss eine der Harleys mit sich.

Giordano feuerte in Richtung einer Hausnische, wo er kurz ein Mündungsfeuer aufblitzen sah. Sekundenbruchteile später fühlte er einen höllischen Schmerz im Oberschenkel.

Innerhalb von Augenblicken war sein Oberschenkel blutrot.

Giordano strauchelte, feuerte dabei wild um sich, dann traf ihn ein weiterer Schuss im Bauch. Er taumelte gegen die Hauswand, rutschte zu Boden.

Einer der Überlebenden YOUNG CANNIBALS, schwang sich auf seine Harley, wollte davonbrausen. Aber die Maschine startete nicht.

Offenbar war der 'Vollstrecker der Gerechtigkeit' bei seinen Vorbereitungen sehr gründlich gewesen und hatte irgendein Kabel gelöst.

Eine Kugel traf das Gang-Mitglied in den Rücken. Er sackte vornüber, bevor er mitsamt seiner Maschine zu Boden ging.

Der letzte Überlebende hatte das Magazin seiner Automatik in wilder Panik leergeschossen, bis es nur noch 'klickte'. Er duckte sich, riss aus der Satteltasche seiner Harley eine abgesägte Pump-Gun ohne Schaft, kam aber nicht mehr zum Schuss. Als er aus seiner Deckung hervortauchte, traf ihn der unsichtbare Gegner am Kopf. In eigenartig verrenkter Haltung blieb er auf dem Asphalt liegen.

Giordano kauerte am Boden, versuchte mit der Linken verzweifelt die Blutung in seiner Bauchgegend zu stoppen.

Das Leben floss förmlich in Strömen aus ihm heraus. Giordano wusste, dass er nur überleben konnte, wenn er schnell ärztliche Hilfe bekam. Er umfasste den Griff seiner Beretta, lauschte.

Schritte näherten sich.

Giordano war nicht in der Lage, den Kopf zu wenden. Der Schmerz überkam ihn wie eine rote Welle.

Das Tanzen des Laserstrahls machte ihn auf seinen Gegner aufmerksam. Dunkel hob sich die Gestalt ab. Giordano wollte seine Beretta hochreißen, abdrücken...

Der Laserpunkt tanzte auf Hand und Unterarm.

Nur einen Sekundenbruchteil, später folgte der Schuss.

Giordano stöhnte nicht einmal auf, als ihm die Kugel in die Handwurzel fuhr. Dazu hatte er keine Kraft mehr. Er ließ die Beretta los.

"Lass das besser, es ist sinnlos", meldete sich McDowells kalte Stimme.

Er trat aus dem Schatten heraus, die Schalldämpfer-Waffe mit dem Laserpointer in der Rechten. Dicht trat er an Giordano heran, kickte die Waffe des YOUNG CANNIBALS zur Seite und blickte auf ihn herab.

McDowell trug nicht mehr seine Obdachlosenverkleidung.

Seine Vorstellung als 'John Smith' war vorbei. Er trug jetzt eine graue Perücke und unauffällige Straßenkleidung.

"Sag mir, wie ihr es damals gemacht habt", flüsterte McDowell. "Sag mir, wie ihr den Draht um Michaels Hals gelegt habt... Na los! Oder willst du immer noch behaupten, unschuldig zu sein?"

Giordano schluckte.

Seine Augen glänzten.

"Warum schießt du nicht, du Bastard?"

"Vielleicht lasse ich dich sogar leben!"

"Ach, ja?"

"Du bist nur ein kleines Arschloch, Pel Giordano. Du bist wie die Drahtschlinge, die ihr damals benutzt habt. Ein Werkzeug. Umgebracht - innerlich getötet - wurde Michael damals schon lange bevor ihr ihn erwürgt habt. Durch den Stoff, nach dem er süchtig war. Ich würde dich leben lassen, wenn du mir verrätst, wann und wo euer nächster Deal stattfindet."

"Was für... ein...Deal..?"

Giordanos Stimme klang schwach.

McDowells Gesicht verzog sich zu einer Grimasse.

Er schoss.

Die Kugel drang dem YOUNG CANNIBAL in die Schulter. Er brüllte auf.

"Du hast ja keine Ahnung, wie viele Kugeln ein Mensch verträgt, wenn man gewisse Körperpartien als Trefferfläche vermeidet!", zischte McDowell. Er ging in die Hocke. Der Schalldämpfer zeigte auf die andere Schulter. "In Kürze werden die Cops hier sein. Sie werden den Emergency Service rufen. Du hast eine Chance zu überleben und dir deine Gedärme wieder zusammenflicken zu lassen. Aber ich habe nicht viel Geduld..."

"Woher.. weißt du..., dass ich... dich nicht anlüge?"

"Weil du ein mieses Arschloch bist und deinen Freunden nichts gönnst. Denn die werden den nächsten Deal einfach ohne dich machen und dich aus der Führungsriege der YOUNG CANNIBALS entfernen. Du wirst nichts tun können, schließlich liegst du ja hilflos in einer Klinik. Und ich werde in der Zeitung lesen, in welche Klinik man dich eingeliefert hat und dir den Rest geben, wenn sich deine Antwort als falsch herausstellen sollte."

Giordano schluckte.

"Woher wusstest du...?" Er stockte.

"Ich weiß fast alles über euch. Zum Beispiel, dass ihr eure Deals über Internetcafés absprecht. Ich brauchte dir nur zu folgen." McDowell feuerte erneut. Ein Geräusch wie der Schlag mit einer Zeitung. Giordano ächzte schwach. Sein Oberarm verfärbte sich rot.

Er wurde blass, flüsterte die knappe Zeile vor sich hin, die in der Email gestanden hatte. Immer wieder flüsterte er sie, wie einen Beschwörungszauber, mit dem er sich am Leben halten konnte.

In der Ferne waren die Sirenen der Cops zu hören.

McDowell erhob sich.

Er legte kurz an, feuerte ein letztes Mal. Giordano verstummte.

Für immer.

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Kurz nachdem ich Milo an der bekannten Ecke abgeholt hatte, bekamen wir einen Anruf, der dafür sorgte, dass ich den Sportwagen in Richtung East Harlem lenkte. Pel Giordano war zusammen mit mehreren seiner Gangbrüder niedergeschossen worden. Keiner der YOUNG CANNIBALS hatte überlebt.

Das verwendete Kaliber sprach dafür, dass dieselbe Waffe benutzt worden war, die auch Jimmy Barsoris niedergestreckt hatte.

Als wir in der 86. Straße eintrafen, standen dort noch immer einige Einsatzfahrzeuge der City Police sowie die Wagen der Scientific Research Division.

Ich parkte den Sportwagen am Straßenrand. Wir stiegen aus, zeigten wenig später einem uniformierten NYPD-Beamten unsere ID-Cards und wurden daraufhin auf die andere Seite der Flatterband-Abgrenzung gelassen.

Die Schießerei war in einer kleinen Seitenstraße geschehen. Die Toten waren bereits abgeholt worden.

Kreidemarkierungen zeigten an, wo sie gestorben waren.

Blutflecken waren dunkelrot auf dem Asphalt zu sehen.

Ein paar Harleys lagen auf dem Boden.

"Ich habe befürchtet, dass so etwas geschieht", murmelte ich düster.

"Wir hätten es nicht verhindern können, Jesse", hörte ich Milo sagen.

"Die YOUNG CANNIBALS haben McDowell offenbar vollkommen unterschätzt."

"Uns ist es doch anfangs nicht anders ergangen!"

"Auch wieder wahr."

Lieutenant Cy van Doren von der First Homicide Squad des 38. Reviers wurde auf uns aufmerksam und begrüßte uns.

Auf das Zeigen unserer ID-Cards konnten wir ihm gegenüber verzichten. Wir waren uns schon bei verschiedenen Gelegenheiten dienstlich begegnet.

"Böse Sache, was hier passiert ist", stellte van Doren fest. "Ich weiß nicht, wie weit man Sie informiert hat..."

"Wir wissen, wer die Opfer waren."

"Ja, man konnte sie identifizieren. Die meisten waren ja auch einschlägig bekannt."

"Haben Sie irgendeine Ahnung, was Giordano und seine Leute hier wollten?"

"Es gibt einen jungen Mann, der in dem Internet-Café um die Ecke arbeitet. Der hat ausgesagt, dass die Meute kurz vor der Schießerei an einen der Rechner gegangen ist..."

"Verabredung per Internet", murmelte Milo. "Fragt sich nur, wann und wo..."

"Und wozu!", ergänzte ich. "McDowell muss ihnen gefolgt sein und hat dann einfach auf seinen Moment gewartet."

"Einer der Erschossenen hatte ein Handy bei sich", berichtete Lieutenant van Doren. "Vielleicht können Sie was damit anfangen. Es liegt bei mir im Wagen."

"Geben Sie es uns bitte", forderte ich.

"Kein Problem."

"Und dann werden wir uns am Besten mal mit dem jungen Mann aus dem Internet-Café unterhalten..."

Giordano hatte aller Wahrscheinlichkeit nach eine Email heruntergeladen und anschließend sofort gelöscht. Aber wenn wir Glück hatten, dann gelang es unseren Spezialisten möglicherweise, diese Nachricht zu rekonstruieren.

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Zwei Stunden später...

Der Gefangenentransporter fuhr auf dem stark frequentierten Highway 278 Richtung La Guardia Airport.

Es war nur noch eine halbe Meile bis zu jener Abfahrt, die zu dem Damm hinführte, auf dem man nach Riker's Island gelangen konnte.

Ein Motorrad fuhr in einer Art Slalom zwischen den Fahrzeugen her. Der Verkehr quälte sich mit zwanzig bis dreißig Meilen pro Stunde daher, das Motorrad war schneller.

Es schob sich neben den Transporter.

Der Fahrer war vollkommen in schwarzes Leder gekleidet, der Kopf von einem Helm bedeckt. Das Leder lag eng genug um sehen zu können, dass es sich um eine Frau handelte.

Aus dem Lenkergriff zischte ein Geschoss heraus, durchschlug die Außenhaut des Gefangenentransporters. Das Motorrad beschleunigte, fuhr mit atemberaubendem, geradezu halsbrecherischem Tempo zwischen den viel langsameren Wagen her.

Die Fahrerin zählte in Gedanken.

Fünf - vier - drei - zwei - eins...

Der Gefangenentransporter explodierte.

Die Motorradfahrerin konnte die Hitze selbst aus der Distanz noch spüren. Sie warf einen kurzen Blick in den Rückspiegel auf die Flammenhölle. Nachfolgende Fahrzeuge rasten direkt hinein. Sekunden später explodierte der Tank des Transporters, nur Augenblicke später dann der Tank eines direkt in die Flammen gerasten Fahrzeuges.

Eine Massenkarambolage nahm ihren Anfang. Innerhalb von wenigen Augenblicken war der Highway blockiert.

Gut so, dachte die Motorradfahrerin.

Dieser Effekt war von ihr durchaus einkalkuliert worden.

Eiskalt.

Sie fuhr Richtung Jackson Hights, nahm dort die Abfahrt nach Woodside. Hier, im mittleren Queens dominierten große Wohnblocks, von denen viele tagsüber wie ausgestorben waren.

Die Bewohner arbeiteten zumeist in Midtown Manhattan, konnten es sich aber nicht leisten, dort auch zu wohnen.

Die Motorradfahrerin steuerte gezielt einen Parkplatz an der Noble Row an. Ein Lieferwagen war dort abgestellt.

Franco's Pizza Service stand darauf.

Ein ungemein großer, kahlköpfiger Mann stieg aus.

Er war mindestens zwei Meter groß, hätte von seiner Statur her jedem Basketball Team zu Ehre gereicht und darüber hinaus einen Oberkörper wie ein Catcher.

Der Riese öffnete die hinteren Türen des Transporters.

Die Motorradfahrerin bremste.

Dann nahm sie den Helm ab, schüttelte ihr blondes Haar.

"Alles glatt gegangen, Columbina?", fragte der Riese.

Ein kaltes Lächeln spielte um ihre vollen Lippen. "Hätte nicht besser laufen können, Rock."

"Na klasse, dann nichts wie rein mit der Maschine."

Columbina schwang behände das Bein über den Sattel.

"Gut, dass wir unseren nächsten Job erst am sechzehnten haben..."

"Übermorgen."

"Ich hasse den Fulton Fish Market. Aber leider kann man sich das ja nicht aussuchen..."

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Die Nachricht von dem Attentat auf den Gefangenentransporter platzte mitten in unsere Besprechung bei Mister McKee.

"Das waren Ray Guerras Leute!", war Clive Caravaggios messerscharfer Schluss. "Aber leider wird dieser Hund es wohl wieder so geschickt angestellt haben, dass man ihm nichts nachweisen kann!"

Max Carter teilte Clives Pessimismus. "Ich habe mir Guerras 'Karriere' in der Unterwelt nochmal angesehen. Erstaunlich ist, wie Leute, die ihm im Weg standen unter mysteriösen Umständen verschwanden.... Keinen von denen hat man je in Plastik verpackt auf einer Müllhalde gefunden oder als Wasserleiche im East River..."

"Die Tatsache, dass Guerra die beiden Gefangenen hat ermorden lassen, bevor sie Riker's Island erreichten, zeigt wie nervös er ist!", meinte Mister McKee. "Mal vorausgesetzt, Guerra steckt wirklich dahinter, was bislang niemand mit Sicherheit sagen kann." Mister McKee wandte sich an Max Carter. "Fahren Sie bitte fort, Max..."

Max nickte.

"Der Rechner, den Milo und Jesse in der 86. Straße beschlagnahmt haben, ist bei unseren Spezialisten. Aber ob wir die die Email je rekonstruieren können, ist fraglich. Die Anrufliste des Prepaid-Handys, das Giordano bei sich hatte, zeigt dass er kurz vor seinem Tod die Nummer eines anderen Prepaid-Apparates angerufen hat."

"Das muss dann Jeffers sein!", war mein erster Gedanke.

Max nickte.

"Das denke ich auch.

"Lässt sich dieses Handy anpeilen?", fragte Mister McKee.

Max hob die Schultern. "Im Prinzip ja. Aber Jeffers ist untergetaucht und wird kaum so dumm sein, sein Handy die ganze Zeit angeschaltet zu lassen. Wäre schon Glücksache, wenn wir ihn auf diese Weise aufspüren könnten."

"So vernünftig, sich freiwillig in unsere Obhut zu begeben, damit wir ihn vor McDowell schützen können, wird er wohl kaum sein!", vermutete Orry.

Ich lehnte mich zurück, nippte an meinem dampfenden Kaffeebecher. Ein wahnsinniger Mörder lief durch die Straßen New Yorks und unsere Karten standen denkbar schlecht. Dass seine Opfer ebenfalls Verbrecher waren, war keinem von uns ein Trost. Ich dachte an die Fässer mit den Knochen. Alles sah danach aus, dass McDowell tatsächlich für all die Opfer in den rostigen Säurebehältern verantwortlich war. Aber irgendetwas passte da nicht zusammen. Ich ließ die letzten drei Attentate dieses Killers Revue passieren. Die Schüsse auf dem Houseman-Gelände, der Mord an Jimmy Barsoris und die Schießerei im PANIC PLAY.

Der Mörder, der für die Leichen in den Fässern verantwortlich war, war jedenfalls weitaus weniger spektakulär vorgegangen. Mir schwebte ein Täter vor, der es darauf anlegte, dass seine Opfer zunächst einmal für lange Zeit gar nicht als solche erkennbar wurden, man sie stattdessen für vermisst hielt oder glaubte, sie wären untergetaucht.

Bis die Polizei dann die Ermittlungen aufnehmen konnte, war buchstäblich nichts mehr von ihnen übrig.

Unser Leichenfund auf dem Houseman-Gelände war ja mehr oder minder zufällig erfolgt.

Ich nahm einen tiefen Schluck aus meinem Kaffeebecher und hörte Max Carters Erläuterungen zu.

"Unser Informant bei den Weißrussen in Brooklyn hat sich gemeldet. Da soll irgendwas am 16. April, 3.00 Uhr am Fulton Fish Market laufen. Gerüchteweise haben die Weißrussen im Ausland zusätzliche Lieferungen geordert."

"Das kann eigentlich nur bedeuten, dass sie damit rechnen, in Kürze ein neues Gebiet in ihren Verteiler aufzunehmen", schloss Mister McKee.

Max Carter war derselben Ansicht.

"Dreimal dürfen wir raten, um welches Gebiet es sich dabei handelt!"

"Das Reich der YOUNG CANNIBALS", murmelte Milo.

Mister McKee atmete tief durch.

Er sah Max Carter mit hochgezogenen Augenbrauen an.

"Ist dieser Informant vertrauenswürdig?"

"Ich gehe davon aus."

"Dann würde ich vorschlagen, dass Sie alle sich die Nacht vom Sechzehnten nichts vornehmen..."

Eines der Telefone auf Mister McKees Schreibtisch schrillte in diesem Augenblick.

Unser Chef ging hin, nahm ab.

Als er wenig später wieder auflegte, wirkte sein Gesicht sehr ernst.

"Es wurden ein weiteres Dutzend Fässer mit menschlichen Gebeinen auf einem ehemaligen Industriegelände in West New York gefunden", berichtete unser Chef mit tonloser Stimme.

Dass für all diese Opfer McDowell, der selbsternannte 'Vollstrecker der Gerechtigkeit' verantwortlich sein sollte, erschien mir immer unwahrscheinlicher.

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Mit mehreren Einsatzwagen fuhren wir durch den Lincoln Tunnel nach New Jersey, bogen in Union City auf den Highway 501 Richtung North Bergen. Nach ein paar Meilen nahmen wir die Abfahrt nach West New York.

Die Fässer waren auf dem Gelände einer ehemaligen Drahtzieherei namens KWS STEEL von Jugendlichen gefunden worden. Als wir dort eintrafen war das Gelände bereits weiträumig von Kräften der State Police von New Jersey abgeriegelt worden. Die Einsatzfahrzeuge der Erkennungsdienstler und Gerichtsmediziner parkten vor der ehemaligen Fabrikationshalle.

Ich parkte den Sportwagen etwas abseits. Wir stiegen aus.

Kurz nach uns trafen unsere Erkennungsdienstler Sam Folder und Mell Horster sowie Doc Howard, der FBI-Arzt ein.

"Ich glaube, wir können diesen McDowell als Verantwortlichen für die Säure-Leichen abhaken", meinte ich an Milo gewandt. "So viele Leute kann dieser 'Vollstrecker' gar nicht umgebracht haben. Und bei der Vorgehensweise, die er bislang gezeigt hat, wäre er uns auch viel früher aufgefallen!"

"Du vergisst, dass McDowell aus der Chemiebranche kommt!", gab Milo zu bedenken.

Trotzdem schüttelte ich den Kopf.

"Du kannst mir erzählen, was du willst, ich hab's einfach im Gefühl, dass hier etwas noch nicht so zusammenpasst, wie es sein sollte."

"Und dass wir McDowell auf dem Houseman-Gelände aufgegabelt haben war nur Zufall?", hakte Milo nach. "Jesse, du träumst!"

"Warum denn nicht?"

"Das ist nicht dein Ernst!"

"Milo, dieser McDowell jagt YOUNG CANNIBALS oder Leute, die denen ähnlich sehen. Er war hervorragend über seine Opfer informiert. Warum sollte er nicht an einem Ort auf sie warten, wo ein Deal über die Bühne geht!"

"Du vergisst, dass der Deal einige hundert Yards entfernt über die Bühne ging, Jesse!"

Ich zuckte mit den Schultern.

"Meine Güte, wer wird so kleinlich sein!"

Es dauerte mehrere Stunden, bis alle Fässer geöffnet waren. Ein beißender Säuregeruch hing im Inneren der ehemaligen Fabrikhalle. Nach und nach kamen die grausigen Fakten ans Tageslicht. Scott R. Davis, der Kollege von der New Yorker SRD stellte schnell fest, dass in diesem Fall dieselbe Säure verwandt worden war wie im Fall der Houseman-Fässer.

Allerdings war der Zerfallsprozess der Knochen schon sehr viel weiter fortgeschritten. Das war selbst für Laien auf den Gebieten Medizin und Chemie nach dem ersten Blick in eines der Fässer erkennbar. Lediglich Schädel- und Knochenfragmente waren noch hier und da zurückgeblieben.

Manche der Fässer waren bis auf geringe Kalkablagerungen völlig leer. Die Gebeine waren einer kompletten chemischen Umwandlung unterzogen worden.

"Wahrscheinlich werden wir in diesem Fall gar nicht mehr feststellen können, um wie viele Opfer es sich letztlich handelt", äußerte Doc Howard uns gegenüber.

In einem der Fässer fanden sich Reste von Gold und Keramik, die wohl aus Zahnbehandlungen stammten.

Aber anhand dieser winzigen Spuren war es wohl kaum möglich, eines der Opfer zu identifizieren.

Dann öffnete Agent Sam Folder das Fass Nummer 9.

Kalkablagerungen waren deutlich erkennbar. Die Säure war verflogen oder hatte sich in die Innenbeschichtung hineingefressen. Das einzige, was sich über das Opfer wohl noch sagen ließ, war, dass es gute Zähne gehabt haben musste, denn wir fanden weder Gold noch Keramik.

Dafür aber etwas anderes.

Sam Folder holte es hervor.

Es handelte sich um eine Art durchsichtigen Kunststoffbeutel, in dessen Inneren eine galeertartige Masse war.

"Hat irgendjemand eine Ahnung, was dass hier sein könnte?", fragte Sam.

"Sieht fast aus wie die Stoßkissen, die man bei der Verpackung von Computern und anderen technischen Geräten verwendet!", meinte Milo.

"Aber in den Stoßkissen ist normalerweise Luft!", merkte ich an.

Ich nahm das DING in die Hand, wog es. Natürlich trug ich Schutzhandschuhe dabei.

"500 Gramm", schätzte ich.

Ich drehte es um und bemerkte den Hinweis MADE IN SWEDEN, darunter eine langstellige Nummer.

Doc Howard nahm mir das DING aus der Hand, wog es ebenfalls.

"Bingo!", meinte er.

Wir sahen ihn alle verständnislos an.

"Vielleicht könnten Sie sich mal etwas klarer ausdrücken, Doc!", meinte ich.

Und Milo ergänzte: "Wir haben nämlich unsere Probleme mit medizinischen Fachbegriffen."

Doc Howard lächelte matt. "Dies ist ein Brustimplantat. Jedes dieser Implantate besitzt eine individuelle Seriennummer."

"Müsste man anhand dieser Nummer nicht die Trägerin identifizieren können?", fragte Milo.

Doc Howard nickte. "Wenn die Operation in den Vereinigten Staaten von Amerika vorgenommen wurde, haben wir innerhalb weniger Stunden den Namen der Frau, die man in Fass Nummer 9 gesteckt hat."

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Drei Stunden später wussten wir, wem das Implantat eingesetzt worden war.

Margarita Guerra.

Das gab unserem Fall eine völlig neue Wendung. Margarita Guerra war nämlich niemand anderes, als die Ehefrau von Ray Guerrra, dem Mann, von dem wir annahmen, dass er bis jetzt der Großlieferant der YOUNG CANNIBALS gewesen war.

Milo und ich fuhren am frühen Abend auf die Brooklyn Heights, wo Guerra seine Villa hatte.

Als scheinbar unangreifbarer König eines Drogensyndikats thronte er dort.

Wir wurden durch das gusseiserne Eingangstor hindurchgelassen.

Bewaffnete Bodyguards mit Maschinenpistolen und mannscharfen Hunden patrouillierten auf dem Grundstück herum.

Guerra empfing uns in einem großzügig angelegten Wohnzimmer mit antiken Möbeln. Guerra wusste offenbar, was gut und teuer war.

Er verzog das Gesicht, als er unsere Ausweise sah. An seinem Arm hing eine schlanke Blonde mit sportlicher Figur und festen Brüsten. Für einen Moment lang wurde meine Aufmerksamkeit durch den eigenartigen Armreifen gefesselt, den sie am Handgelenk trug. Aber dann sah ich, dass es sich um keinen Armreif, sondern um eine Tätowierung handelte.

Sie wirkte wie eine kleine Schlange, die sich um das Gelenk legte.

"Mein Name ist Special Agent Jesse Trevellian, dies ist mein Kollege Special Agent Milo Tucker."

"Was verschafft mir die Ehre Ihres Besuchs?", fragte Guerra mit zynischem Unterton. "Wollen Sie einen Drink?"

"Nein, danke", sagte ich.

Und Milo schüttelte den Kopf. "Für mich auch nichts."

"Aber sie werden erlauben, wenn ich mir etwas genehmige..."

"Sicher."

Guerra goss sich ein Glas Whisky ein.

"Wir sind hier, weil wir Ihnen eine traurige Nachricht überbringen müssen.... Es geht um Ihre Frau Margarita."

Guerras Gesicht erstarrte.

Er wandte sich an die Blonde.

"Lass uns bitte allein, Columbina!", forderte er.

Etwas unwillig ging die Blonde an uns vorbei, verließ schließlich den Raum. Milo sah ihr nach. Sein Blick saugte sich einige Augenblicke lang an ihrem Hüftschwung fest.

"Wir haben auf einer Industriebrache in West New York ein paar Fässer mit den sterblichen Überresten bisher unidentifizierter Personen gefunden. Darunter auch ein Brustimplantat, das vor drei Jahren Ihrer Frau Margarita im Bethesda Hospital, Newark, eingesetzt wurde. Die Seriennummer lässt daran leider keinen Zweifel."

Ray Guerra wurde blass.

Er schluckte, stellte den Whisky auf eine Kommode.

"So...ähnlich wie diese Toten in den Säurefässern, die man... in der Bronx...gefunden ...hat?", fragte er stockend.

"Ja."

"Ich verstehe...", murmelte er.

"Sie haben nie eine Vermisstenanzeige aufgegeben, Mister Guerra. Aber Ihre Frau ist wahrscheinlich schon vor Monaten verstorben."

Guerra ließ sich in einen Sessel fallen. Er war blass geworden. Milo und ich wechselten einen kurzen Blick. So viel Betroffenheit hatten wir dem großen Drogenbaron gar nicht zugetraut. Zumal er ganz offensichtlich ja wohl auch schon Ersatz für seine verschollene Margarita gefunden hatte, wie die Anwesenheit der blonden Columbina nahelegte.

"Meine Frau und ich, wir hatten Probleme...", berichtete er dann. "Ich will da nicht in die Einzelheiten gehen. Es lief darauf hinaus, dass wir mehr als ein Jahr getrennt gelebt hatten. In der Zeit vor ihrem Verschwinden haben wir uns allerdings wieder aufeinander zubewegt. Es war sogar von Versöhnung die Rede. Sie wollte wieder zu mir ziehen."

"Und dann verschwand sie?"

Guerra nickte.

"Ich habe gedacht, sie hätte es sich wieder anders überlegt. Die Wohnung, die sie in Paterson, New Jersey, genommen hatte, war gekündigt, es machte wirklich den Eindruck, als hätte sie von einem Tag zum anderen die Sachen gepackt und wollte irgendwo ein neues Leben anfangen."

"Hat sie das nicht stutzig gemacht?"

"Sie war immer schon etwas sprunghaft und launisch."

Guerra zuckte die Achseln. "Für mich schien es so, als hätte sie alles unternommen, damit ich sie nicht finden kann!"

Später, als wir die Befragung von Mister Guerra abgeschlossen hatten und wieder im Sportwagen saßen, fragte mich Milo: "Was hältst du von Guerras Geschichte?"

"Seine Betroffenheit wirkte echt."

"Vielleicht ist er nur ein guter Schauspieler."

"Jedenfalls können wir die Theorie, dass McDowell für all diese Toten verantwortlich ist, wohl abhaken."

"Und dass es einen Zusammenhang zwischen Margarita Guerra und McDowell gibt, schließt du von vorn herein aus?"

"Langsam weiß ich auch nicht mehr, was ich glauben soll."

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Am übernächsten Tag zeigte meine Armbanduhr den 16. April in der Datumsanzeige.

Und zwar seit exakt drei Stunden.

Trotzdem herrschte auf dem Fulton Fish Market an der Pier 17 des South Street Seaports und in der Fulton Street bereits hektische Aktivität. 44 Millionen Kilogramm Fisch wurden hier jährlich umgesetzt. Der größte Markt seiner Art in der Welt. Die Ware kam heute größtenteils per Flugzeug aus Alaska oder Norwegen. Große Containerwagen verfrachteten sie von den umliegenden Freight Airports zum Fish Market.

Es war verdammt laut in der Fulton Street.

Kisten wurden aus den garagenartigen Hallen gezogen und in Lieferwagen verstaut, um wenige Stunden später in den Restaurants des Big Apple als Menue angeboten werden zu können. Gabelstapler manövrierten zwischen den sich stauenden Lastwagen her. Ein ziemlich unübersichtlicher Ort.

Wie geschaffen, um sich ungestört mit jemandem treffen zu können.

Überall in der Gegend hatten wir unsere Agenten postiert.

Clive Caravaggio hatte die Einsatzleitung.

Er befand sich zusammen mit Orry im oberen Stockwerk eines Lagerhauses, von wo aus man einen guten Überblick über den gesamten Fish Market hatte.

Milo und ich hatten uns an der Ecke Fulton Street/ South Street in Position gebracht, dort wo das Treffen stattfinden sollte. Es würde kaum auffallen, hier eine Kiste oder etwas ähnliches von einem Lieferwagen in einen Kofferraum zu befördern. Zahlreiche Restaurantbesitzer machten das so.

Da fiel ein Drogendeal nicht weiter auf.

Es sei denn, man wartete darauf.

So wie wir.

Unsere Leute befanden sich überall. Insgesamt dreißig G-men warteten nur darauf loszuschlagen. Manche von ihnen als Fischhändler oder Lastwagenfahrer getarnt.

Eine Motorradfahrerin fiel mir auf. Sie schlängelte sich zwischen den Lieferwagen her. Wenig später befuhr sie die Straße in anderer Richtung.

Ich gab das Kennzeichen an Clive durch. Unsere Einsatzleitung war nämlich über Laptop und Handy mit unseren Datenverbundsystemen Online verbunden. Ich wollte sicherheitshalber die Halterin wissen.

Aber dann lenkten uns andere Dinge ab.

"Eine Limousine nähert sich der Ecke Fulton Street/ South Street!", schnarrte es in unseren Ohrhörern. "Ein grauer Mercedes. Er gehört Vic Danilov, einem der Laufburschen von Robert Krassimov."

Robert Krassimov war die graue Eminenz der Weißrussen.

Auf seine Art ähnlich unangreifbar wie Ray Guerra bei den Puertoricanern.

"Wie viele Männer sitzen drin?", fragte Milo über Funk.

"Vier oder fünf."

Die Limousine tauchte auf, fuhr langsamer, hielt schließlich am Straßenrand. Ein Gabelstaplerfahrer gestikulierte wild mit den Armen, weil er bremsen musste und ihm dadurch beinahe die Fischpaletten von der Gabel gefallen wären.

Die Männer aus der Limousine stiegen aus.

Alle in dunklen Anzügen.

"Der mit den weißblonden Haaren und dem Kurzhaarschnitt ist Danilov!", informierte uns Clive über Funk. Danilov ging zu dem Gabelstaplerfahrer, drückte ihm ein paar Dollars in die Hand, woraufhin dieser schleunigst verschwand.

Einer von Danilovs Leuten hielt eine Uzi unter einem Exemplar von USA Today verborgen.

"Ich bin wirklich gespannt, was hier abgeht!", meinte Milo.

Die Motorradfahrerin kehrte zurück. Sie hielt in der Nähe einer der garagenartigen Lagerhallen, ließ den Helm auf. Ich beschloss, sie im Auge zu behalten.

Ein Lieferwagen hielt dicht bei der Limousine.

Fünf Mann stiegen aus.

Nolan Jeffers und seine Leute. Sie trugen unauffällige Kleidung, hatten ihre Lederjacken mit den gekreuzten Knochen nicht dabei.

Jeffers wirkte nervös. Zweifellos trug er eine Waffe unter dem karierten Hemd, dass er locker über der Jeans hängen hatte. Der Griff drückte sich deutlich ab, als er eine Bewegung mit dem Arm ausführte.

Die beiden Parteien gingen aufeinander zu.

Danilov musterte Jeffers von oben bis unten.

Einer der Weißrussen öffnete den Kofferraum des Mercedes.

Jeffers trat in Begleitung eines seiner Leute hinzu, warf einen Blick hinein.

"Fertigmachen für den Zugriff!", hörten wir alle Clive Caravaggios Stimme im Ohrhörer.

Die Hände gingen zu den Dienstwaffen.

Auf der anderen Straßenseite näherte sich bereits Agent Leslie Morell, verbarg sich hinter einem abgestellten Palettenstapel.

Die Motorradfahrerin ließ den Motor ihrer Maschine aufheulen.

Sie brauste los.

Ein Blitzstart, bei dem sich das Vorderrad für einige Augenblicke vom Boden abhob.

Zweifellos war diese Lady eine Könnerin auf ihrer Maschine.

Sowohl Danilovs Leute als auch Jeffers und seine YOUNG CANNIBALS wirbelten herum, waren einen Moment von ihren Geschäften abgelenkt.

Die ganze Operation war in Gefahr.

Aus dem Lenkergriff des Motorrads schoss etwas heraus.

Das Lady in schwarz brauste weiter. Sekunden später ließ eine furchtbare Explosion den Mercedes der Weißrussen in die Luft fliegen. Menschliche Körper wurden wie Puppen durch die Luft geschleudert.

"Eingreifen!", rief Clive.

Aber da war ich schon längst aus meiner Deckung hervorgetaucht. Ich sprintete hinter der Motorradfahrerin her, die jetzt abbremsen musste, weil sich vor ihr der Verkehr staute.

Ein Containerwagen versuchte rückwärts in eine Einfahrt hineinzukommen, um näher an eine Laderampe zu gelangen.

Die kleine Lücke, die noch blieb, wurde durch einen Lieferwagen verstopft, der ungeduldig an dem Containerwagen vorbeimanövrieren wollte.

"Alle festnehmen!", befahl Clive.

Für die Verletzten wurde der Emergency Service gerufen.

Aber nach dem, was ich gesehen hatte, würde es mehr Arbeit für den Coroner geben.

Mit quietschenden Reifen stoppte die Motorrad-Lady. Das Hinterrad brach etwas aus, so dass die Maschine seitlich zu mir stand.

Ich hatte die SIG in der Faust.

"FBI! Stehenbleiben."

Passanten stoben panikartig auseinander.

Die Lady in schwarzem Leder betätigte den Auslöser an ihrem Lenker. Diesmal war es der Linke. Ein ziemlich dickes Geschoss zischte in meine Richtung.

Eine Art Granate offenbar. Ich warf mich zu Boden. Die Granate schlug in einen Kistenstapel hinein. Die anschließende Detonation ließ Fischblut, Eis und Holzsplitter durch die Luft regnen. Durch die Druckwelle gingen Scheiben zu Bruch. Ich feuerte, traf die Lady in der Bauchgegend.

Sie taumelte von der Maschine herunter und blieb reglos liegen. Das Motorrad krachte auf den Asphalt.

Ich schnellte hoch, war innerhalb von Sekunden bei ihr.

Sie lag auf dem Rücken.

Atmete noch.

Das Leder ihrer Jacke war aufgerissen. Kevlar kam darunter zum Vorschein.

"Keine Bewegung!", befahl ich.

Es sah so aus, als wäre sie dazu auch gar nicht mehr in der Lage.

Aber das war ein verhängnisvoller Irrtum.

Ihr Fuß schnellte hoch, kickte mir die Waffe aus der Hand.

Milo war einige Yards hinter mir.

Aber er konnte nichts tun. Ich stand ihm in der Schussbahn.

Mit einer katzengleichen Bewegung war die Motorrad-Lady wieder auf den Beinen. Ihre Körperbeherrschung war phänomenal. Und die Tatsache, dass sie den Treffer aus meiner SIG in ihre Kevlarweste so weggesteckt hatte, sprach für eine ausgesprochen gut trainierte Bauchmuskulatur.

Sie riss ihre Jacke auf, griff mit der Linken darunter.

Für den Bruchteil einer Sekunde schob sich der Ärmel ihrer Lederjacke hoch, gab den Blick auf das Schlangentattoo frei.

Ich war bei ihr, umfasste das Handgelenk, bog es zur Seite und schlug ihr die Beretta aus der Hand, die sie gerade ziehen wollte.

Aber ich war nicht schnell genug, um ihren Schlag abzuwehren.

Er traf mich an der Schläfe, ich taumelte zurück.

"Keine Bewegung!", rief Milo, sprintete herbei.

Die Motorrad-Lady warf sich zu Boden, rollte unter dem Containerwagen her und rannte auf der anderen Seite weiter.

Milo folgte ihrem Beispiel.

Als er auf der anderen Seite hervorrollte, die SIG mit beiden Händen in Anschlag brachte, sah er die Motorradlady um die nächste Biegung hetzen.

Feuern konnte Milo nicht, dazu waren zu viele Leute da. Er rappelte sich auf, sprintete hinter ihr her.

Augenblicke später erreichte er die Biegung.

Die Lady in Black spurtete auf einen Lieferwagen zu, dessen hintere Türen geöffnet waren. Eine kleine Rampe war offenbar dazu da, dass man direkt mit dem Motorrad hätte hineinfahren können.

Franco's Pizza Service stand auf dem Wagen.

Ein Mann steckte seinen Kopf aus dem Seitenfenster der Fahrerkabine.

Der Motor wurde gestartet.

Die Lady warf sich hinten in den Lieferwagen hinein, der jetzt losbrauste.

Milo wollte auf die Reifen feuern, aber einige Passanten stoben in heller Panik auseinander, liefen orientierungslos durch die Gegend. Einer rannte ihm direkt entgegen.

Rücksichtslos rammte der Pizzawagen einen Gabelstabler, schob ihn regelrecht vor sich her, bis endlich freue Bahn war. In einem Höllentempo jagte der Pizzawagen die Straße entlang.

Milo jagte ihm noch zwei Kugeln hinterher, verfehlte den Wagen aber.

"Hier Milo Tucker!", gab er über Funkmikro durch. "Hier eine Fahndungsmeldung. Gesucht wird ein Transporter mit dem Kennzeichen..."

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Ich war nur einen Moment benommen, sammelte als erstes meine Waffe wieder ein.

"Alles klar?", fragte Milo.

"Geht so. Der Kopf brummt noch."

"Ist auch schon länger her, dass du dich von einer Frau hast verprügeln lassen, was?"

"Sehr witzig! Hast du sie vielleicht gekriegt?"

"Nein."

Die Kollegen hatten inzwischen die völlig verdutzten YOUNG CANNIBALS festgenommen. Drei von ihnen hatten Glück gehabt und die Explosion unverletzt überstanden. Danilovs Leute hatte es schwerer erwischt. Bis auf einen, der schwer verletzt in seinem Blut lag, waren alle bei der Detonation des Mercedes umgekommen.

Sirenen schrillten. Emergency Service und Feuerwehr waren unterwegs. So gut es ging hatten Kollegen für die Verletzten erste Hilfe geleistet.

Ich blickte empor, ließ den Blick über die oberen Stockwerke der Lagerhäuser schweifen.

Vielleicht war es Instinkt.

Vielleicht auch die Erkenntnis, dass es eigentlich keinen Grund dafür gab, dass John Smith alias McDowell nicht hier irgendwo lauerte. Die Gedanken rasten in meinem Kopf.

Möglich, dass McDowell aus Giordano Ort und Zeitpunkt dieses Treffens herausgepresst hatte.

Ein roter Strich zog sich für Sekunden durch die Luft.

Sah aus wie Blut, war aber nichts anderes als konzentriertes Licht.

"Vorsicht! Jemand feuert auf die Straße!", rief ich über Funk, riss die Sig heraus.

Der schwer verletzte Jeffers zuckte zusammen.

Eine Kugel hatte ihm den Rest gegeben.

Die erste Hilfe unserer Kollegen war umsonst.

"Schüsse aus dem dritten Stock des Gebäudes der FWU!", rief Milo.

Die FWU war die Fishing Workers Union, die Gewerkschaft der Fischereiarbeiter. Eines der wenigen Bürogebäude, das es hier in der Gegend gab. Und natürlich war hier um diese Zeit nichts los. Die Gewerkschaftsbüros hatten zu den normalen Geschäftszeiten geöffnet, aber nicht mitten in der Nacht.

An einem der Fenster blitze erneut das Laserlicht.

Dort war er.

Der selbsternannte 'Vollstrecker der Gerechtigkeit'.

Kurz entschlossen spurteten wir los, während sich einige Kollegen darum kümmerten, die Verletzten und Gefangenen in Sicherheit zu bringen.

Clive Caravaggio gab über Funk die notwendigen Befehle, um das Gebäude der Gewerkschaft zu umstellen.

Alle Eingänge mussten bewacht und abgeriegelt werden.

Wie sich später herausstellte, war McDowell durch ein Kellerfenster eingestiegen und hatte die Alarmanlage ausgeschaltet. Auch hier war er generalstabsmäßig vorgegangen, hatte sich den mit Abstand unauffälligsten Aufenthaltsort gesucht und auf das Treffen der YOUNG CANNIBALS mit ihren neuen Lieferanten gewartet.

Die Motorrad-Lady war ihm zuvor gekommen. Es lag auf der Hand, dass Ray Guerra sie geschickt hatte - zumal es da dieses Schlangentattoo an ihrem Handgelenk gab. Offenbar war die schöne Columbina, die an Ray Guerras Arm gehangen hatte, alles andere, als eine unbedeutende Gespielin des großen Bosses.

Wir brachen die Haupttür des FWU-Gebäudes auf, drangen mit zehn Kollegen ein.

Leslie Morell und Fred LaRocca waren auch dabei.

Die Stromversorgung der Aufzüge wurde außer Betrieb gesetzt, das Treppenhaus bewacht.

Wir arbeiteten uns in den dritten Stock vor, traten eine der Bürotüren ein.

McDowell stand am Fenster.

In seiner Hand die Waffe mit Schalldämpfer und Laserpointer, mit der er im PANIC PLAY ein Blutbad angerichtet hatte.

"FBI! Lassen Sie die Waffe fallen!", brüllte Leslie Morell, der als erster in den Raum stürmte.

Aber McDowell schien uns gar nicht zu beachten.

Mit einem Glasschneider hatte er ein Loch in die Dreifachverglasung hineingeschnitten, durch dass er den Schalldämpfer hindurchsteckte.

Milo erreichte ihn von der Seite, umfasste sein Handgelenk, nahm ihm dann die Waffe aus der Hand.

McDowells Blick war noch immer starr dorthin gerichtet, wo sich vor wenigen Augenblicken die YOUNG CANNIBALS mit den Abgesandten der Weißrussen aus Brooklyn getroffen hatten.

Es gab dort niemanden mehr, an dem er seine Rache vollziehen wollte. Die Gefangenen und Verletzten waren außer Reichweite gebracht worden.

"Michael...", flüsterte er.

"Mister Raymond McDowell, ich verhafte Sie wegen Mordverdachts. Sie haben das Recht zu schweigen. Falls Sie auf dieses Recht verzichten sollten, so..."

McDowell hörte nicht zu, während Milo ihm die Rechte vorbetete.

Er war ganz in seiner eigenen Welt gefangen.

Tränen glitzerten in seinen Augen.

"Ich werde es nicht vollenden können", murmelte er vor sich hin. "Ihr werdet sie beschützen, diese verdammten Mörder!"

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"Es ist einiges schief gegangen!", entfuhr es Columbina keuchend. Der Bluterguss auf ihrer Bauchdecke schmerzte bei jedem Atemzug. Sie nahm zwei Gläser, goss Whisky hinein und reichte eines davon dem baumlangen Rock, der etwas weniger mitgenommen wirkte als Columbina.

Sie strich sich das Haar zurück, dann begann sie sich die Lederjacke und die Kevlar-Weste auszuziehen. Beides feuerte sie nachlässig auf eine Couch. Vorsichtig betastete sie ihren Bauch. Dabei schob sie eine Hand unter ihr T-Shirt.

"Das FBI hat dort auf der Lauer gelegen.... Das ganze sah nach einer Falle aus!" Sie sah Guerra an., "Deinem Informanten bei den YOUNG CANNIBALS solltest du nochmal auf den Zahn fühlen, wenn du mich fragst!"

"Hat man dich erkannt?", fragte Guerra.

"Nein. Ich hatte den Helm und die Lederkluft an."

"Das ist gut..."

Columbina trank ihren Whisky, schmiegte sich an Ray Guerra.

Aber der große Boss blieb eigenartig kühl.

Ganz anders als sonst, wenn allein der Gedanke, an ihren hervorragenden Körper bereits dafür sorgte, dass sich seine Hose spannte.

Aber diese Leidenschaft war wie weggeblasen.

Seit jenem Augenblick, in dem die FBI-Agenten ihm ein paar wichtige Dinge mitgeteilt hatten. Puzzleteile, die Guerra leicht zusammensetzen konnte.

"Du musst mir helfen, Ray!", sagte sie. "Ich schätze, ich muss für 'ne Weile abtauchen.

"In einem Säurefass vielleicht?"

Columbina zuckte zusammen, dann erstarrte sie, als sie den kurzläufigen Revolver bemerkte, den Guerra plötzlich hervorgezogen und auf ihren Bauch gerichtet hatte.

Sie wich einen Schritt zurück, schluckte.

"Ray..."

Er feuerte. Sie presste die Hände gegen den Bauch.

Blutrot rann es zwischen ihren Fingern hindurch. Fassungslos sah sie Ray Guerra an.

"Warum?", fragte sie.

"Die G-men, die hier waren, haben Margaritas Silikon-Implantate in einem der Säurefässer gefunden, in die du meine Gegner eingelegt hast! Du hast sie umgebracht, Columbina..."

"Ray.."

"...weil du verhindern wolltest, dass sie wieder deinen Platz einnimmt."

Den letzten Satz konnte Columbina schon nicht mehr verstehen. Sie sank zu Boden.

Ray Guerra warf Rock die Waffe zu.

Dieser fing sie auf.

"Sieh zu, das du hier aufräumst, Rock."

"Ja, Sir."

"Irgendwo müsste doch ein Säurefass für Columbina zu finden sein. Du hast ihr doch immer geholfen, wenn sie jemanden beseitigte!"

Eine Megafonstimme ließ im nächsten Moment beide Männer zur Salzsäule werden.

"Hier spricht das FBI. Das Haus ist umstellt! Jeder Widerstand ist zwecklos..."

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Guerras Villa war wie eine Festung gesichert. Aber die zahllosen Bodyguards waren vernünftig. Sie wussten genau, dass sie in Teufels Küche kamen, wenn sie sich in eine Schießerei mit uns einließen. Davon abgesehen waren wir auch mit erheblicher Übermacht angerückt, unterstützt von Einsatzkräften des New York Police Department und der State Police.

Das gusseiserne Tor wurde geöffnet. Unsere Leute stürmten das Villengrundstück.

Die Bodyguards ließen sich widerstandslos entwaffnen.

Dann kam das Haus an die Reihe.

Ray Guerra nahmen wir in seinem Wohnzimmer fest.

Auf dem Teppichboden war ein großer Blutfleck zu finden.

Columbinas Leiche fanden wir um Bad.

Ein Riese namens Rock - eigentlich Robert Saranto, wie sich später herausstellte - hatte die Tatwaffe bei sich und wurde von Guerra schwer belastet.

"Ich schlage vor, Sie sagen keinen Ton mehr, ohne dass Ihr Anwalt dabei ist", sagte ich, während unser Kollege Leslie Morell die Handschellen klicken ließ.

Ray Guerra schluckte.

Er schien immer noch nicht fassen zu können, was mit ihm geschah.

"Sie haben sich für unangreifbar gehalten, nicht wahr?", meinte ich. "Aber jetzt werden Sie Schwierigkeiten bekommen, sich aus der Sache herauszuwinden. Ich nehme an, dass Ihr Freund Rock keinerlei Lust verspürt, die Schuld auf sich zu nehmen und aussagen wird."

"Damit kommen Sie nicht durch, G-man!"

Ich trat etwas näher an ihn heran. "Columbina war Ihre Killerin. Offenbar hat Sie ein einziges Mal auf eigene Rechnung gearbeitet, weil Sie die Versöhnung zwischen Ihnen und Ihrer Frau fürchtete. Das haben Sie ihr nicht verziehen."

"Dafür gibt es keinen Beweis!"

"Abwarten."

Guerra wurde abgeführt.

"Ein eiskalter Fisch", kommentierte Milo, als Guerra aus dem Zimmer war. "Er hat diese Columbina noch auf ihre Mission zum Fulton Fish Market geschickt, als er durch uns bereits erkannt haben musste, dass sie die Mörderin seiner Frau war."

In den nächsten Tagen kamen die Details dieser Geschichte ans Tageslicht. Ray Guerras Position wurde immer kritischer.

Einer nach dem anderen seiner Getreuen fiel von ihm ab und sagte aus, so dass sich ein immer kompletteres Bild ergab.

So erfuhren wir auch mehr über Columbina del Rey, bei der es sich um eine gesuchte Lohnkillerin handelte, die auch für andere Unterwelt-Größen tätig gewesen war, bevor sie sich mit Ray Guerra zusammengetan hatte.

Als 18jährige war sie zum ersten Mal wegen Drogenhandels verhaftet worden und hatte die Haftzeit genutzt, um an einem Weiterbildungsprogramm für kriminelle Jugendliche teilzunehmen.

Am Ende dieses Programms war sie ausgebildete pharmazeutisch-technische Assistentin und kannte sich hervorragend in der Handhabung und Beschaffung von Chemikalien aus.

Anders als Raymond McDowell alias John Smith. Auf dem Houseman-Gelände war er mehr zufällig auf die Säurefässer gestoßen. Möglicherweise hatte er sogar versucht, die eine oder andere Leiche der von ihm getöteten YOUNG CANNIBALS dort zu entsorgen. Das würden erst genetische Vergleiche des noch vorhandenen Knochenmaterials zeigen. Jedenfalls war er dabei nicht sonderlich geschickt vorgegangen und hatte sich verätzt.

Später sagte er aus, Columbina del Rey und Rock dabei beobachtet zu haben, wie sie einen Toten auf das Houseman-Gelände gebracht hatten.

Dem verletzten Jay Kronburg ging es nach einigen Tagen schon wieder etwas besser. Leslie Morell, Milo und ich besuchten ihn im St. Joseph's Hospital in der 46. Straße.

Die Ärzte hatten Jay noch eine Zeitlang strikte Bettruhe verordnet. Die Schusswunde hatte zu einer üblen Entzündung geführt.

Aber als wir das Krankenzimmer betraten, machte Jay einen zufriedenen Eindruck.

Es war 12.30 Uhr.

Kurz nachdem es im St. Joseph's Hospital Mittagessen gegeben hatte.

"Hallo Jungs, ihr glaubt gar nicht, wie schwierig das ist, ein Hähnchen mit einer Hand zu essen. Die haben mir ja alles so bandagiert", meinte er grinsend.

Ich blickte auf die abgenagten Knochen auf dem Teller.

"Vielleicht können wir das wegstellen", meinte Milo, der offenbar denselben Gedanken hatte wie ich.

ENDE

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Die Apartment-Killer

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Thriller von Alfred Bekker

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"Sie haben von diesem Apartment aus einen fantastischen Blick über den Central Park, Mister... wie war doch gleich der Name?"

Die attraktive Blondine im enganliegenden blauen Kleid drehte sich herum, musterte ihr Gegenüber kurz.

"Hamill. Dr. James Hamill...", kam die Antwort.

Der Mann, der sich Hamill nannte, war groß und dunkelhaarig. An den Schläfen wurde er bereits grau. Ein dünner Oberlippenbart gab ihm ein Aussehen, das an den in die Jahre gekommenen Omar Sharif erinnerte.

Ihr Lächeln wirkte etwas verlegen. "Sie müssen schon entschuldigen. Meine Freundin hat Ihren Anruf entgegengenommen und den Namen so unleserlich aufgeschrieben, dass..."

"Schon gut", schnitt Hamill ihr das Wort ab. "Ich nehme das Apartment. Ich brauche es allerdings so schnell wie möglich. Wenn wir uns in dem Punkt einigen können, lege ich dafür auch ein paar Scheine drauf!" Hamill trat an die Fensterfront heran. Ein kaltes Lächeln spielte um seine Lippen, als er hinaus auf den Heckscher Playground im Central Park blickte.

Dieses Apartment ist wie geschaffen dafür, um eine große Sprengladung zu deponieren, ging es Hamill durch den Kopf. Und wenn die losgeht, stürzt der halbe Block ein!

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256 Central Park West, einen Monat später...

Eine dunkle Rauchfahne quoll aus dem fünfzehnstöckigen Richard Dowell Memorial Building heraus, als Milo und ich dort eintrafen. Dutzende von Einsatzfahrzeugen der Feuerwehr, des Emergency Service und der City Police blockierten den Central Park West. Genau um 11.28 Uhr hatte eine gewaltige Explosion Midtown Manhattan erschüttert.

Wir waren so schnell wie möglich zum Ort des Geschehens geeilt. Den Sportwagen stellte ich am Straßenrand ab. Milo und ich stiegen aus.

In Höhe des fünften Stocks klaffte ein Loch in der Fassade des Richard Dowell Memorial Buildings, einem exquisiten Apartment-Haus, das zu Beginn des Jahrhunderts errichtet worden war. Feuerwehr und City Police hatten den Bereich weiträumig abgesperrt. Passanten wurden angewiesen, den Gefahrenbereich so schnell wie möglich zu verlassen.

Ein Megafon verkündete, dass akute Einsturzgefahr bestand.

"So eine Scheiße...", murmelte Milo vor sich hin.

Der sechste Stock bröckelte mehr und mehr ab. Ganze Betonbrocken sackten in die Tiefe, rissen Teile der Fassade in weiter unten gelegenen Etagen mit sich.

Ein Mann geriet in Panik, sprang durch ein Fenster im achten Stock, da er wohl glaubte, dass das gesamte Richard Dowell Memorial innerhalb der nächsten Sekunden in sich zusammenstürzen würde.

Mit einem Schrei fiel der Mann in die Tiefe.

Jede Hilfe kam zu spät.

Ein energischer Feuerwehrmann trat uns entgegen.

Durch den Aufdruck an seiner Jacke wusste ich, dass er Temperton hieß.

"Gehen Sie bitte zurück!"

Wir zückten unsere Marken. "Trevellian, FBI. Dies ist mein Kollege Tucker..."

"Und wenn Sie der liebe Gott persönlich wären. Hier kommt im Moment niemand durch! Sie können nichts tun, außer hier stehen zu bleiben und abzuwarten. Unsere Leute sind da drin und versuchen so viele Menschenleben wie irgend möglich zu retten." Er tickte gegen die Gasmaske, die ihm um den Hals hing. "Aber im Gegensatz zu euch sind wir entsprechend ausgerüstet..."

Ich atmete tief durch.

Der beißende Geruch des Qualms war schon in dieser Entfernung unangenehm und kratzte im Hals.

Ich warf einen Blick zu Milo, sah, dass er noch etwas erwidern wollte.

"Lass gut sein, der Mann hat recht", kam ich ihm zuvor.

"Zum Glück handelt es sich um ein Haus mit Wohnapartments. Die meisten Bewohner dürften um diese Zeit in den Büros von Wall Street sitzen...", meinte Temperton und sah dabei hinauf zur Rauchsäule. Unsere Erkennungsdienstler Sam Folder und Mell Horster trafen zusammen mit einigen Kollegen von der Scientific Research Division ein.

Die beiden begrüßten uns knapp.

Der Einsatz der Erkennungsdienstler würde sicher noch eine ganze Weile warten müssen. Solange die akute Einsturzgefahr bestand, war es unmöglich, jemanden in das Dowell Memorial hineinzuschicken, nur um ein paar Spuren zu sichern.

"Sieht aus, als hätte da jemand ein ganzes Apartment voller Sprengstoff in die Luft gejagt!", meinte Agent Sam Folder.

Vor Monaten schon hatten die Experten in allen Polizeibehörden New Yorks darauf hingewiesen, dass mit einem derartigen Fall gerechnet werden musste. Mit Sprengstoff gefüllte Wohnungen als Waffe von Terroristen.

Die Vorgehensweise war denkbar einfach. Eine Wohnung anmieten, sie mit dem nötigen Sprengstoff bestücken und den Zünder auf jeden beliebigen Zeitpunkt einstellen.

Vor dieser Art Kriegsführung durch extreme Gruppen aller Art gab es keinen Schutz. Es sei denn, man hätte ein System totaler Kontrolle eingeführt, dass einem Polizeistaat gleichgekommen wäre. Aber das wolle niemand im Big Apple.

Auf den ersten Blick betrachtet war es relativ schwer, in New York eine Wohnung zu mieten. Einerseits lag das natürlich an dem geradezu mörderischen Mietniveau, dass sich gewöhnliche Angestellte in Manhattan kaum leisten konnten.

Selbst für winzigste Apartments nicht. Bei Neuvermietungen waren dem Wucher Tür und Tor geöffnet.

Für den Mietbestand galt allerdings eine Preisbindung, die es nicht erlaubte, die Miete beliebig schnell zu erhöhen.

Wer also eine Wohnung hatte, behielt sie so lange es ging.

Besonders galt das natürlich für Apartments, deren Mietverträge schon sehr alt waren, denn im Vergleich zu den heutigen Mieten zahlten die Bewohner nur einen Spottpreis.

In der Praxis wirkte sich das so aus, dass eine Wohnung eher untervermietet als aufgegeben wurde.

Für uns brachte die Tatsache, dass ein Großteil der New Yorker zur Untermiete wohnten den Nachteil mit sich, dass sehr viel schwerer festzustellen war, wer für Anschläge wie diesen verantwortlich war.

Manchmal gab es bei diesen Untermietverhältnissen nicht einmal richtige Verträge. Die Personaldaten wurden häufig nicht erfasst, der Eigentümer war in einer beträchtlichen Anzahl der Fälle gar nicht informiert und der tatsächliche Benutzer der Wohnung wechselte oft sehr schnell.

Ein Problem, dass uns bei der Bekämpfung solcher Anschläge, wie wir ihn hier am Central Park West erlebten, behinderte.

Große Leiterwagen des Fire Service wurden jetzt näher herangefahren.

Verzweifelte hatten sich indessen in den Stockwerken Nummer sieben, acht und neun gesammelt.

Vielleicht zwanzig, dreißig Personen.

Temperton schien mit seiner Vermutung, dass die Mehrheit der Bewohner gar nicht zu Hause war, recht gehabt zu haben.

Ich drückte ihm in dieser Hinsicht jedenfalls die Daumen.

Die langen Leitern reckten sich an die zerstörte Fassade des Richard Dowell Memorial Building heran. Über Megafon bekamen die Bewohner Verhaltenshinweise.

Es war ein beklemmendes Gefühl für mich, dazustehen und nichts tun zu können, um den Leuten zu helfen.

Aber in diesem Fall war es wirklich besser, den Job den Fachleuten zu überlassen. Unsere Stunde würde noch schlagen...

Denn wer immer auch hinter diesem Anschlag stand, wir würden ihn früher oder später ermitteln und zur Rechenschaft ziehen.

Die ersten Bewohner des Richard Dowell Memorial hatten sich bereits auf die Leitern gerettet, da stürzte die gesamte Vorderfront des Building in sich zusammen. Zuerst brachen Teile der Decke zwischen den Etagen sechs und sieben herunter. Ein grollender Laut war dabei zu hören, der an Donner erinnerte. Todesschreie mischten sich in dieses Geräusch hinein, wurden von ihm verschluckt.

Ich sah, wie einer der Geretteten und ein Fire Service-Mann durch herumfliegende Beton- und Stahlteile von der Leiter geschleudert wurden.

Dann war nur noch Staub zu sehen. Er hüllte alles ein, erstickte wohl selbst den noch immer schwelenden Brandherd im fünften Stock und kroch auf uns zu.

Gleichgültig ob Angehörige des Fire Service, NYPD-Leute oder Rettungssanitäter des Emergency Service -—für sie alle gab es jetzt nur noch die Flucht.

Ich starrte auf die graubraune Wand aus Staub, die wie ein gewaltiges Ungeheuer auf uns zukam. Die Gedanken rasten nur so durch mein Hirn. Wie allen New Yorkern steckte auch mir noch die Erinnerung an das Flugzeugattentat in den Knochen, dass Al-Quaida-Terroristen auf das World Trade Center verübt hatten. Die schrecklichen Bilder der einstürzenden Türme waren um die ganze Welt gegangen. Überall hatten sie Wut und Empörung gegen das menschenverachtende Handeln der Täter ausgelöst.

Das, was sich in diesen Augenblicken vor unseren Augen abspielte, war natürlich vom Ausmaß her nicht damit zu vergleichen.

Aber die Menschenverachtung der Täter war dieselbe.

Der Tod völlig Unbeteiligter wurde billigend in Kauf genommen.

Wut erfasste mich.

Unwillkürlich ballte ich die Hände zu Fäusten.

Milo stieß mich an.

"Los! Weg!"

Das riss mich aus der Erstarrung.

Wir rannten über eine Rasenfläche von etwa fünfzig Metern auf den Heckscher Playground im Central Park zu.

Die Hunderte von Schaulustigen, die sich zuvor auf dem Playground gesammelt hatten, stoben inzwischen längst auch in heller Panik davon.

Schließlich stoppte ich, blickte zurück.

Bis hier her würden uns die Brocken nicht um die Ohren fliegen.

Die Luft war gesättigt von Staub. Ich griff nach meinem Taschentuch. Trotzdem kratzte es im Hals. Durch die sich langsam senkenden Staubschwaden sahen wir eine Ruine.

Die Rückfront des Richard Dowell Memorial Building stand noch in einer Höhe von vier Stockwerken da. Wie ein Skelett.

"Das ist ein Bild wie aus einem Krieg, Jesse", sagte Milo hustend.

"Vielleicht führt diese Stadt inzwischen ja auch so etwas ähnliches", erwiderte ich und versuchte beim Sprechen nicht allzuviel Staub zu schlucken.

Seit dem Attentat von Al-Quaida-Terroristen auf das World Trade Center am 11. September 2001 war hier offenbar alles möglich...

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Wir verbrachten mehr oder weniger den Rest des Tages am Central Park West. Die Bergungsarbeiten zogen sich über Stunden hin. Dutzende von Bewohnern des Richard Dowell Memorial Building und mehrere verletzte Feuerwehrleute mussten in Kliniken eingeliefert werden. Bei den geretteten Hausbewohnern handelte es sich vornehmlich um Leute, die in den im Erdgeschoss befindlichen Geschäften angestellt gewesen waren.

Für die Bewohner der höher gelegenen Mietwohnungen standen die Chancen schlechter.

Bei den Wohnungsinhabern bis Etage vier hatte die Chance auf eine rechtzeitige Flucht bestanden.

Einige wenige waren mit Rauchvergiftungen davon gekommen.

Sie konnten sich glücklich schätzen.

Denn für diejenigen, die sich im oberen Bereich des Gebäudes aufgehalten hatten, gab es keine Hoffnung.

Im Laufe des Tages stellte sich nach und nach heraus, welche der Bewohner zum Zeitpunkt der Explosion gar nicht im Haus gewesen waren. Es waren erfreulich viele.

Aber mit etwa dreißig Toten mussten wir rechnen.

Angesichts der Tatsache, dass sich im Dowell Memorial mehrere hundert Apartments befanden, war das eine geringe Zahl.

Trotzdem, jedes dieser Opfer war eines zuviel.

Ein Mordopfer, dessen stummer Schrei nach Gerechtigkeit von uns nicht ungehört bleiben würde.

Als wir am nächsten Morgen im Besprechungszimmer unseres Chefs saßen, war von dem lockeren Umgang, die ansonsten unter uns G-men durchaus üblich ist, nichts zu spüren.

Ich hatte nicht viel geschlafen.

Und die Ringe unter Milos Augen zeugten davon, dass es ihm genauso ergangen war.

Nicht einmal Mandys vorzüglicher Kaffee wollte mir richtig schmecken.

Nur Mister McKee, dem Chef des FBI Field Office New York, konnte man nicht ansehen, dass er vermutlich die halbe Nacht im Büro verbracht hatte.

Außer meinem Freund und Partner Milo Tucker waren noch die G-men Clive Caravaggio, Orry Medina und Fred LaRocca anwesend. Dazu unsere Erkennungsdienstler Sam Folder und Mell Horster sowie Max Carter vom Innendienst. Von der FBI-Akademie in Quantico war der Terrorismus-Experte Roger E. Desmond eingeflogen worden.

"Ich möchte Ihnen ein Amateur-Video vorführen, das bereits gestern von mehreren Sendern in den Nachrichten gezeigt wurde", erläuterte Roger E. Desmond. Auf dem Heckscher Playground im Central Park hat ein Mann aufgenommen, wie sein fünfjähriger Sohn auf ein Klettergerüst stieg. Im Hintergrund war die Explosion im Richard Dowell Memorial Building zu sehen.

"Alle Indizien sprechen bis jetzt dafür, dass es sich tatsächlich um einen Anschlag von Terroristen handelt und nicht etwa um einen Unfall", erläuterte Desmond. "Allerdings will ich gerne zugestehen, dass die Spurenlage bis jetzt noch sehr dünn ist. Das liegt an den großen Zerstörungen. Wie Ihnen Ihre Kollegen Folder und Horster ja vorhin erläutert haben, werden Dutzende von Erkennungsdienstlern noch wochenlang damit zu tun haben, die wenigen Spuren zu sichern und anschließend zu einem Puzzle zusammenzusetzen."

"So viel Zeit möchte ich dem oder den Tätern nicht lassen", verkündete Mister McKee im Brustton der Entschlossenheit.

Desmond nickte zustimmend.

Er fuhr fort: "Ich habe mich mit verschiedenen Spezialisten Ihrer Abteilung unterhalten. Das Richard Dowell Memorial war zwar nicht mehr das jüngste Gebäude, aber es existierten sehr detaillierte Baupläne. Man kann eigentlich nur zu dem Schluss kommen, dass das Apartment 321 F ganz bewusst für die Sprengladung ausgesucht wurde, um einen möglichst großen Schaden anzurichten..."

"...was den Tätern ja auch leider gelungen ist", vollendete Clive Caravaggio.

"Seit Monaten gibt es Hinweise von den Geheimdiensten CIA und NSA, dass in unter Anhängern extremer islamistischer Gruppen daran gedacht wird, Apartments in Serie anzumieten, mit Sprengstoff zu bestücken und als Zeitbomben jederzeit verwendbar zu haben."

"An die Konsequenzen mag man gar nicht denken", warf Orry ein. "Diese Leute brauchen nur mit dem Finger zu schnipsen und in New York fallen einige Dutzend Gebäude in Schutt und Asche!"

"Falls dieses Szenario zutrifft - ja", bestätigte Desmond. "Und das Schlimme ist: Wir können es kaum verhindern."

"Aber eine Sache verstehe ich nicht", sagte Mister McKee. "Wenn diese Terroristen wirklich in einer konzertierten Aktion mehrere Gebäude in Ruinen verwandelt hätten, wäre das Chaos im Big Apple doch perfekt gewesen. Die Leute haben alle noch die Bilder vom 11. September 2001 in Erinnerung und wir hätten wahrscheinlich eine Massenpanik erlebt. Wenn die Anhänger von Osama bin Laden einen Krieg gegen Amerika führen wollen, dann verstehe ich nicht, wieso sie diese Gelegenheit nicht genutzt haben, uns wie ohnmächtige Deppen dastehen zu lassen!"

Agent Desmond hob die Augenbrauen.

"Vielleicht verfolgen unsere Gegner eine andere Strategie!"

"Und die wäre?"

"Man könnte Sie als Nadelstich-Strategie bezeichnen, Mister McKee. Auf die von Ihnen beschriebene Weise ließe sich eine Art Knalleffekt erzielen. Weltweites Aufsehen, dass sich jedoch schnell wieder verflüchtigt hätte. Anscheinend geht es den Tätern aber darum, für langanhaltende Verunsicherung zu sorgen. Niemand weiß, wann und wo die nächste Bombe hochgeht. Auf die Dauer wird das diese Stadt lähmen..."

Mister McKee vergrub die Hände in den Hosentaschen.

"Ich hoffe wirklich, dass Ihre Theorie sich nicht bestätigt, Agent Desmond!"

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James Hamill betrat die Carnavan Gallery in Greenwich Village. ARABIAN NIGHTS hieß das Motto der Ausstellung, zu deren Vernissage er geladen war. Künstler aus Syrien, Ägypten und Algerien stellten ihre Werke aus.

Hamill ließ den Blick schweifen.

Die Gäste trugen Abendkleidung.

Hamill war in seinem dunkelgrauen Straßenanzug gerade noch angemessen angezogen. Eine Frau lachte schrill. Jemand hielt Hamill ein Tablett hin und er nahm eines der Champagnergläser.

Ein großformatiges, bis zur Decke reichendes Gemälde, dessen abstrakte Muster an arabische Kalligraphie erinnerten, nahm Hamill für Augenblicke in seinen Bann.

Mustafa al-Khalili hieß der Künstler. Er stammte aus Kairo, lebte aber seit zwanzig Jahren in den USA; wie seine auf einer kleinen Schautafel abgedruckte Vita verriet.

"Wie ich sehe, haben Sie Ihren Sinn für Kunst entdeckt", sagte eine Stimme in Hamills Rücken.

Er wirbelte herum, blickte in das Gesicht eines hageren Mannes. "Ray", stieß Hamill hervor.

"Was gibt es denn so dringendes?" Ray blickte auf das Gemälde und grinste dabei. "Ihretwegen muss ich mir jetzt so einen Scheiß ansehen", meinte er. "Am besten Sie kommen gleich zur Sache."

Der Mann namens Ray war ziemlich schmächtig. Er reichte Hamill kaum bis zur Schulter. Ray trug ein Jackett aus einem fließenden Stoff. Unter der Achsel war eine Verdickung zu sehen. Vermutlich von einem Schulterholster.

Hamills Gesicht veränderte sich. Es wurde zur Maske.

"Haben Sie die Nachrichten gesehen, Ray?", fragte Hamill.

Ray kniff die Augen zusammen, blickte Hamill direkt an.

"Ich weiß nicht, auf welchem Trip Sie sind, Mann. Aber Sie scheinen mir im Moment psychisch ziemlich daneben zu sein."

Hamill packte den Ray am Kragen. "Ich spreche von einer Explosion im Richard Dowell Memorial Building am Central Park West."

Ray schien ziemlich gleichgültig.

"Die Welt ist schlecht, Mann. Es passiert so vieles."

"Die Sache ist ziemlich heiß. In den Nachrichten wird von fast nichts anderem berichtet. Und im Nu werden wir den FBI oder sonstwen an den Fersen kleben haben!"

"Jammern Sie mir nichts vor, Mann. Sie wussten genau über den Job Bescheid, für den Sie angeheuert wurden."

Hamill atmete tief durch.

"Ich habe die Apartments für Sie besorgt! Apartments, die wahrscheinlich jetzt alle vollgestopft mit Sprengstoff sind, der jederzeit gezündet werden kann!"

"Hey Mann, wie sind Sie denn drauf? Wollen Sie mir was von Gewissensbissen erzählen? Das würde ich jedem anderen glaube, aber Ihnen nicht!" Rays Gesicht wurde zu einer starren Maske. "Im Übrigen würde ich es bevorzugen, wenn wir uns woanders unterhalten können! Sie reden einfach zu laut! Gehen wir vor die Tür!"

"Damit Sie mich in aller Ruhe umbringen können?"

"Seien Sie kein Narr!"

"Das bin ich nicht. Und genau deswegen bleibe ich lieber an einem belebten Ort wie diesem..."

Ray verschränkte die Arme.

Hamill begrüßte einen der Vernissage-Gäste mit einem Nicken.

"Was wollen Sie?", fragte Ray.

"Ich finde, dass ich nicht besonders gut bezahlt wurde, wenn man bedenkt, dass ich Ihnen die Möglichkeit gegeben habe, die halbe Stadt in Schutt und Asche zu legen..."

"Ich dachte, ich wäre sehr großzügig gewesen."

"Alles ist relativ. Ich bin in der Zwischenzeit in finanzielle Schwierigkeiten geraten und brauche dringend Geld..."

"Ihr Problem!"

"Könnte sich schnell ändern, Ray! Ich habe nämlich einiges über Sie herausgefunden... Ich weiß inzwischen, für wen Sie arbeiten. Leider kann ich es mir nicht leisten, das einfach für mich zu behalten."

"Verstehe!", zischte Ray zwischen den Zähnen hindurch.

"Entweder Sie bezahlen mich für mein Schweigen oder..."

"Und deshalb bestellen Sie mich hier her? Scheren Sie sich zum Teufel... Die Cops werden Sie lebenslang einlochen, wenn Sie sich an die Behörden wenden!"

"Es gibt noch andere Leute, die an diesen Informationen interessiert wären!"

"Wie schön für Sie!"

Hamills Gesicht lief dunkelrot an. Er packte Rays Jackettkragen. "Hören Sie, wenn ich nicht innerhalb von drei Tagen eine Million Dollar auf meinem Schweizer-Bankkonto habe, wende ich mich an jemand anderes!"

Ray blieb ruhig. In seinen Augen glitzerte es kalt.

"Lassen Sie mich besser los, Mann. Die Leute gucken schon komisch."

Hamill atmete tief durch, strich das Revers von Rays Jacke wieder glatt. Hamill ließ den Blick schweifen. Ein verkrampftes Lächeln spielte um seine Lippen.

"Immer cool bleiben", sagte Ray. "Ich will gar nicht wissen, in was für eine Scheiße Sie da hineingetreten sind. Wahrscheinlich mal wieder Ihre Immobilien-Geschäfte, was? War 'nen Fehler, so ein Windei wie Sie mit dem Job zu betrauen."

"Ich könnte Sie umbringen, Ray."

Schweißperlen glänzten auf Rays Stirn. "Verlieren Sie jetzt nicht die Nerven."

"Das ganze Land sucht nach den Terroristen, die hinter der Explosion am Central Park West stehen. Wenn ich meine Story an einen Fernsehsender verkaufe, werden einige Leute ziemlich erstaunt sein!"

"Träumen Sie ruhig weiter."

Ray tätschelte Hamills Wange, eine gönnerhafte, herabblassende Geste. Hamill fiel dabei der ziemlich protzig wirkende Ring mit dem roten Rubin auf, den Ray am Mittelfinger trug.

Ray packte mit einer schnellen, kräftigen Bewegung Hamill am Nacken, zog ihn zu sich heran. Hamill spürte einen stechenden Schmerz am Hals. Er schlug den Arm seines Gegenübers von sich.

Aus dem Ring, den Ray trug, ragte jetzt eine kleine Nadel heraus.

"Auf Wiedersehen, mein Freund!", sagte Ray mit einem öligen Lächeln auf den Lippen.

Hamill spürte, wie ihm die Knie weich wurden. Die Nadel an Rays Ring war offenbar vergiftet gewesen.

Die Gedanken rasten nur so durch Hamills Hirn. Panik stieg in ihm auf. Er versuchte zu sprechen, brachte aber keinen Ton heraus. Etwas lähmte seine Zunge. Er hatte Mühe zu atmen. In seiner Verzweiflung holte er zu einem Schlag gegen Ray aus. Aber der schmächtige Mann trat einfach einen Schritt zurück.

Hamills Bewegungen waren zu langsam, um ihm gefährlich werden zu können.

Der Schlag ging ins Leere.

Hamill taumelte zu Boden, schlug hart auf. Ihm war schwindlig, alles schien sich vor seinen Augen zu drehen.

Ein Raunen ging durch das Vernissage-Publikum. Jemand riss einen Witz über den Alkoholgehalt von Champagner. Der Großteil davon ging im Gelächter einer jungen Frau unter.

Hamill stieß einen röchelnden Laut hervor. Im nächsten Moment herrschte Stille in der Carnavan Gallery. Niemand bewegte sich. Alle starrten auf den am Boden liegenden Hamill, der versuchte wieder auf die Beine zu kommen.

"Einen Arzt!", rief jemand.

Hamill ließ den Blick schweifen. Er suchte nach Ray, sah, wie er sich still und unauffällig unter die Leute mischte und dabei immer mehr in Richtung Ausgang strebte.

Eine bleierne Müdigkeit hatte Hamill erfasst.

Verdammt, was hat der Kerl mir nur verabreicht?, durchzuckte es ihn. Er schaffte es, auf die Knie zu kommen.

Bei dem Versuch sich wieder zu erheben, strauchelte er erneut, riss dabei die abstrakte Plastik eines syrischen Bildhauers vom Sockel. Ein einziger Gedanke beherrschte Hamill: Ich muss diesen Kerl kriegen! Er spürte, dass ihm die Kräfte schwanden, dass ihm vermutlich nur noch wenig Zeit blieb, ehe er vollends zusammenbrechen würde.

"Ich bin Arzt", sagte jemand und fasste ihn beim Arm.

Hamill stützte sich auf ihn und zog sich hoch, stieß seinen Helfer zur Seite und griff unter die Jacke.

Im nächsten Augenblick hatte er eine Beretta in der Hand.

Ein Teil des Vernissage Publikums geriet augenblicklich in Panik. Schreie gellten durch den Raum. Andere standen wie erstarrt da.

Scheiße, reiß dich zusammen!, schrie es in Hamills Innerem. Er musste versuchen, jeden noch so kleinen Rest an Kraft zu mobilisieren. Hamill taumelte vorwärts. Seine Rechte krallte sich um den Griff der Beretta. Einige Leute in Abendgarderobe wichen ihm aus.

Er erreichte die Tür, stützte sich kurz auf, taumelte anschließend hinaus ins Freie. Ein kühler Wind blies vom Hudson River her. Nieselregen hing in der Luft. Hamill hatte Schwierigkeiten sein Gleichgewicht zu halten. Er erreichte ein parkendes Fahrzeug, stützte sich auf das Dach, rutschte ab und lag mit dem Oberkörper auf der Motorhaube.

Details

Seiten
Jahr
2021
ISBN (ePUB)
9783738953800
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2022 (Juni)
Schlagworte
ermittler killer krimi sommer bibliothek romane

Autor

  • Alfred Bekker (Autor:in)

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Titel: Ermittler und Kommissare: Krimi Sommer Bibliothek Juni 2022: 17 Romane