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Eine Rechnung vom Killer: 4 Krimis

von Alfred Bekker (Autor:in) Hans-Jürgen Raben (Autor:in) A. F. Morland (Autor:in)
©2021 500 Seiten

Zusammenfassung

Dieser Band enthält folgende Krimis:

Verschwörung der Killer (Alfred Bekker)

Der Biss der Kobra (Hans-Jürgen Raben)

Eine mörderische Rechnung (A.F.Morland)

Die Menschenhändler von Manhattan (A.F.Morland)

Eigentlich sollte es für Antonia Berg, der Zielfahnderin in der Berliner Abteilung SO, was für schwere und organisierte Kriminalität steht, ein kurzer, routinemäßiger Auftrag ohne erhöhtes Gefahrenpotential werden.

Doch am Ende kommt alles ganz anders …

Nachdem die deutschen Behörden Informationen über illegalen Waffenhandel im großen Stil vor der Küste Marokkos auf zum Teil zwielichtigen Wegen erreichen, schickt man Antonia Berg in das entsprechende Gebiet, um zu prüfen, ob an diesen Gerüchten etwas Wahres dran ist und gegebenenfalls ihre Behörde darüber zu informieren. Aber dafür bleibt ihr keine Zeit mehr, denn gerade ist sie an ihrem Einsatzort angekommen, überschlagen sich die Ereignisse und sie findet sich in den Händen einer privaten Rebellenarmee wieder, dessen Anführer eigene, weitreichende Ziele verfolgt, und dabei ist Antonia nur ein hinderliches „Insekt“ …

Leseprobe

Eine Rechnung vom Killer: 4 Krimis

von Alfred Bekker, Hans-Jürgen Raben, A.F.Morland

Dieser Band enthält folgende Krimis:



Verschwörung der Killer (Alfred Bekker)

Der Biss der Kobra (Hans-Jürgen Raben)

Eine mörderische Rechnung (A.F.Morland)

Die Menschenhändler von Manhattan (A.F.Morland)


Eigentlich sollte es für Antonia Berg, der Zielfahnderin in der Berliner Abteilung SO, was für schwere und organisierte Kriminalität steht, ein kurzer, routinemäßiger Auftrag ohne erhöhtes Gefahrenpotential werden.

Doch am Ende kommt alles ganz anders …

Nachdem die deutschen Behörden Informationen über illegalen Waffenhandel im großen Stil vor der Küste Marokkos auf zum Teil zwielichtigen Wegen erreichen, schickt man Antonia Berg in das entsprechende Gebiet, um zu prüfen, ob an diesen Gerüchten etwas Wahres dran ist und gegebenenfalls ihre Behörde darüber zu informieren. Aber dafür bleibt ihr keine Zeit mehr, denn gerade ist sie an ihrem Einsatzort angekommen, überschlagen sich die Ereignisse und sie findet sich in den Händen einer privaten Rebellenarmee wieder, dessen Anführer eigene, weitreichende Ziele verfolgt, und dabei ist Antonia nur ein hinderliches „Insekt“ …


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / COVER STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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VERSCHWÖRUNG DER KILLER

von Alfred Bekker


Kriminalroman


Der Umfang dieses Buchs entspricht 104 Taschenbuchseiten.



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch

© by Author

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de


1

"Dieser Mann muss sterben!"

Das Schwarzweiß-Photo lag auf dem rustikalen Holztisch, und für ein paar Sekunden sagte keiner der Anwesenden ein Wort. Fünf Männer standen um den Tisch herum. Jener, der zuletzt gesprochen hatte, war ein großer, hagerer Mann, dessen Haare wahrscheinlich irgendwann einmal flammend rot gewesen waren.

Jetzt waren sie bis auf ein paar Strähnen völlig ergraut. Seine intelligenten Augen blitzten, als er einen nach dem anderen musterte. Nicht die geringste Einzelheit schien ihm dabei entgehen zu können.

"Ich habe den Mann schon einmal gesehen", brach einer der Männer das Schweigen. "In der Zeitung..." Der Grauhaarige nickte.

"Das kann gut sein. Er ist Richter. Sein Name ist William Doherty."

"Den Namen habe ich schon gehört. Soll ein harter Hund sein."

"Auch harte Hunde werden begraben!"

"Hast du schon einen Plan, Seamus?"

Der Grauhaarige nickte. "Ihr könnt mit den Vorbereitungen beginnen." Die Ahnung eines Lächelns flog über sein Gesicht. "Ihr wisst, wie groß die Ohren sind, die die andere Seite hat! Also passt auf. Bevor es richtig losgeht, müssen wir noch auf Anweisungen von oben warten..." Nach einer kurzen Pause fragte jemand: "Was ist mit dem Neuen?"

Seamus zog die Augenbrauen in die Höhe.

"Dieser McDowell?"

"Ja. Ich habe es so arrangiert, dass er heute nicht dabei ist. Genau wie du gesagt hast."

"Was soll mit ihm sein, Patrick?"

"Wird er an der Operation teilnehmen?" Seamus verengte die Augen ein wenig und rieb sich dann die hervorspringende Nase. Er schien nachzudenken und sich nicht ganz sicher zu sein, was das Richtige war. Dann blickte er auf und erklärte: "Hör zu, Patrick! Du kannst McDowell sagen, dass eine Operation bevorsteht und dass er - vielleicht dabei mitmachen darf. Aber nicht mehr!" Patrick nickte.

"Okay... Aber ich sage dir, der Kerl ist in Ordnung. Noch ein bisschen grün hinter den Ohren und mit einer Menge Flausen im Kopf, aber ansonsten in Ordnung! Und dumm ist er auch nicht."

Seamus zuckte mit den Schultern.

"Mag sein, dass du recht hast. Trotzdem! - Ich möchte nicht irgendein unnötiges Risiko eingehen! Also tu, was ich sage."

"In Ordnung."

"Er soll auf keinen Fall Einzelheiten wissen. Weder um wen es geht, noch sonst irgendetwas." Seamus wandte sich von Patrick ab und blickte von einem der Männer zum anderen, gerade so, als versuchte er ihnen durch die Gesichter hindurch ins Gehirn zu blicken.

Keiner von ihnen hätte es je gewagt, die Autorität von Seamus anzuzweifeln. Sie wussten, dass sein Wort zählte. "In einer Woche bin ich wieder hier", erklärte er dann. "Und dann werdet ihr Genaueres erfahren."

Damit war das Treffen zu Ende.

Patrick nahm das Schwarzweiß-Photo vom Tisch und sah es sich noch einmal an, bevor er es an Seamus zurückgab.

"Der Hund hat eine Kugel in den Kopf wirklich verdient, nicht wahr?"

Um Seamus' Mundwinkel war jetzt ein harter Zug. Ein Gesichtsmuskel zuckte leicht.

"Er hat mehr als das verdient, Patrick!", gab der Grauhaarige hart zurück. "Glaub mir!" Patrick hatte noch nie an irgendetwas gezweifelt, das aus Seamus' Mund gekommen war. Nie. All die Jahre nicht.



2

Bount Reiniger, der bekannte New Yorker Privatdetektiv, stand am Fenster und blickte hinaus in den strahlend blauen Himmel über dem Central Park. Seine Hände steckten in den Hosentaschen. Er hob die breiten, muskulösen Schultern und atmete tief durch, bevor er sich dann wieder zu dem Mann herumdrehte, der in seinem Büro Platz genommen hatte.

Der Mann hatte deutliches Übergewicht und sein dreiteiliger Anzug war sicher eine teure Sonderanfertigung. Sein Haar war blond, hatte aber einen kräftigen Rotstich. Und wenn man sich dazu seinen Namen ansah, dann war klar, dass er irische Vorfahren haben musste.

Er hieß Rory Keogh und hatte in der Immobilienbranche mehr Geld gemacht, als er je in seinem Leben noch würde ausgeben können. Viele Probleme ließen sich mit Geld glatt bügeln, aber die Sache, die Rory Keogh im Augenblick auf der Seele lag, gehörte nicht dazu. Geld allein würde da nichts bewegen.

"Es wäre gut, wenn Sie mir langsam klipp und klar sagen würden, was ich für Sie tun soll, Mister Keogh", meinte Bount Reiniger, während er sich eine Zigarette nahm und in den Mund streckte. Er bot Keogh auch einer an, aber der wollte nicht. Bount nahm den ersten Zug, blies den Rauch aus und setzte dann hinzu: "Sie stellen mir eine Frage nach der anderen, aber mit Ihrer Sache kommen Sie nicht heraus! Ich frage mich, was das soll!"

Keogh machte eine hilflos wirkende Geste. Ein verkrampftes Lächeln ging über sein aufgeschwemmtes Gesicht.

"Entschuldigen Sie, Mister Reiniger. Es war keineswegs meine Absicht, Ihre Zeit zu verschwenden. Aber lassen Sie es sich ein Trost sein: Zeit ist für uns beide Geld, aber meine Zeit ist mindestens doppelt so teuer wie Ihre! Selbst, wenn Ihre Agentur so gut läuft, wie man hört!" Bount grinste.

"Man hört richtig. Trotzdem! Am besten, Sie sagen mir einfach, was Ihr Anliegen ist, und ich sage Ihnen dann, ob ich etwas für Sie tun kann!"

Er zuckte mit den Schultern. "Na gut", murmelte er. "Warum eigentlich nicht? Vielleicht können Sie das Schlimmste verhindern!" Er blickte Bount offen an. "Ich bin der Sohn eines armen, irischen Einwanderers, Mister Reiniger."

"Ihr Name lässt etwas in der Art vermuten."

"Als mein Vater hier kam, war er arm wie eine Kirchenmaus. Zwei Jahre später war er tot. Er arbeitete auf dem Bau. Ein Stahlträger hat ihn erschlagen. Ich war damals 15. Es war eine harte Zeit für meine Mutter, die jüngeren Geschwister - und für mich. Ich möchte, dass Sie das wissen, um besser verstehen zu können was geschehen ist. Ich sehe aus wie ein Amerikaner und so steht es auch in meinem Pass. Ich habe nicht einmal mehr einen Akzent, der mich verraten könnte - höchstens noch mein Name. Aber im Herzen bin ich immer Ire geblieben. Die Verbindungen sind nie abgebrochen."

Bount runzelte die Stirn.

"Ich verstehe", murmelte er, aber in Wahrheit begriff er noch immer nicht, worauf Keogh hinaus wollte.

"Wissen Sie, was die IRA ist?", fragte er.

"Die 'Irisch-republikanische Armee'? Eine Untergrundorganisation, die mit ihren Terroranschlägen zu erreichen versucht, dass die Briten sich aus Nordirland zurückziehen und die sechs Grafschaften an die Republik Irland im Süden angeschlossen werden."

"Sie drücken das sehr unfreundlich aus, Mister Reiniger. Aber egal! Es geht um meinen Sohn Jack. Er ist untergetaucht und ich habe den Verdacht, dass er nach Ulster gegangen ist, um sich dort der IRA anzuschließen." Rory Keogh schluckte und eine leichte Röte überzog jetzt sein Gesicht. "Sie können sich ja denken, was das bedeuten kann."

Bount hob die Augenbrauen.

"Was befürchten Sie denn?"

"Er könnte für lange Jahre hinter Gitter kommen. Er könnte womöglich sogar zum Mörder werden und sein Leben ruinieren! Außerdem ist er noch völlig grün hinter den Ohren."

"Wie alt ist er?"

"19. Er hat das College geschmissen." Er atmete gut hörbar aus. "Er hat eigentlich alles geschmissen. Ein richtiger Versager, obwohl ihm alles vorgekaut wurde. Er ist nicht so aufgewachsen wie ich! Ihm hat es an nichts gefehlt! Nur das Beste war mir gut genug für ihn, er hätte nur zugreifen müssen. Ich möchte, dass er einmal übernimmt, was ich aufgebaut habe, aber wenn ich daran denke, was geschieht, wenn ich eines Tages die Augen schließe, dann sehe ich schwarz."

"Und wie kommen Sie darauf, dass er nach Nordirland gegangen sein könnte?"

Keogh fixierte Bount mit seinem Blick, so als wollte er einen Moment lang abwägen, ob er es dem Privatdetektiv sagen sollte oder nicht.

"Wir haben uns darüber unterhalten", sagte er dann ziemlich kleinlaut. "Wir haben uns oft über das unterhalten, was heute in Belfast oder Derry geschieht. Über die Ungerechtigkeit, über den Bürgerkrieg. Und jetzt..." Er sprach nicht weiter und so vollendete Bount für ihn.

"Jetzt ist der Junge nach Belfast geflogen, um zu beweisen, dass er auch ein ganzer Kerl ist!" Keogh nickte.

"Ja, so ähnlich. Jedenfalls nehme ich das an."

"Ich hege keine großen Sympathien für die IRA", erklärte Bount Reiniger offen. "Unschuldige mit Autobomben in der Luft zu zerfetzen, das ist in meinen Augen alles andere als eine Heldentat!"

"Es geht um die Freiheit von den Briten!"

"Mir ist es gleichgültig, worum es dabei geht, Mister Keogh. Es bleibt in jedem Fall abscheulich."

"Jetzt geht es mir nur um Jack! Um sein Leben, Mister Reiniger! Um das Leben meines Sohnes!"

Bount nickte und kam etwas näher an Keogh heran. Der Privatdetektiv setzte sich halb auf den Schreibtisch.

"Es ist bekannt, dass die IRA einen beträchtlichen Teil ihres Kapitals von US-Bürgern irischer Abstammung bekommt. Aus gewissen romantischen Gefühlen heraus, die Sie mir auch zu teilen scheinen!"

"Ich werde dazu nichts sagen, Mister Reiniger."

"Könnte es sein, dass die eine oder andere Bombe, die drüben auf der anderen Seite des großen Teichs hochgeht, vielleicht von Ihrem Geld bezahlt wurde?" Bount erwartete von seinem Gegenübers gar nicht, dass er darauf antwortete, sondern fuhr statt dessen fort: "Aber jetzt, wo es um ihren eigenen Sohn geht, da bekommen Sie auf einmal kalte Füße!"

"Wenn Sie in meiner Lage wären, würde es Ihnen nicht anders ergehen!"

"Schon möglich."

"Reiniger, Sie sind meine letzte Hoffnung! Holen Sie Jack zurück! Ich gebe Ihnen einen Blankoscheck, wenn Sie das für mich tun!"

"Und wenn er gar nicht zurück will? Was soll ich tun? Ihn entführen?"

Keogh zuckte mit den Schultern. "Tun Sie, was in Ihrer Macht steht, Reiniger. Und wenn er trotzdem nicht von seinen Ideen abzubringen ist, dann habe ich wenigstens alles versucht. Sie könnten damit Jacks Leben retten!" Ja, dachte Bount. Und vielleicht nicht nur das Leben dieses verwöhnten, von einem Minderwertigkeitskomplex getriebenen Millionärssprösslings!

"Und wenn er gar nicht nach Belfast geflogen ist?", fragte Bount.

"Warum sollte er sonst untertauchen? Nein, ich glaube, dass er in Belfast ist oder versucht, dorthin zu kommen. Er hat Geld von dem Konto abgehoben, dass ich ihm eingerichtet habe. Und einmal hat er auch ganz konkret davon gesprochen, dass man etwas tun müsste. Verstehen Sie, Reiniger?"

"Ich weiß nicht..."

"Mit der Waffe in der Hand kämpfen, um Ulster zu befreien!"

"Ich hoffe, dass Sie sich irren, und wir ihn hier irgendwo aufgabeln."

"Das hoffe ich auch." Er atmete tief durch. Dann meinte er: "Ach, ja, da ist noch etwas, Mister Reiniger. Ich habe es unter seinen Sachen gefunden." Er griff in die Innentasche seiner Anzugjacke und legte eine dicke, ziemlich ramponierte Broschüre auf den Tisch. "Das ist ein Verzeichnis aller Privatpensionen in Nordirland." Bount nahm das Heft an sich und blätterte darin herum. Es war noch kein Beweis dafür, dass sich Jack wirklich auf die Reise über den großen Teich gemacht hatte. Eigentlich sprach es sogar eher dagegen, denn warum sollte er dieses Heft in dem Fall zurücklassen?

Dann stutzte Bount.

"Einige Seiten sind herausgerissen", stellte er fest.

"Vielleicht waren dort die Adressen drauf, die er ansteuern wollte!", meinte Keogh und Bount nickte.

"Ja, das könnte sein..." Er würde sich im nächsten Reisebüro ein vollständiges Original besorgen. Vielleicht war es ja eine Spur.

Bount bedachte Keogh mit einem ernsten Blick und fragte dann nach kurzem Zögern: "Jack hat keine Nachricht hinterlassen?"

"Nein."

"Vielleicht Ihnen nicht, Mister Keogh. Das Verhältnis zwischen Ihnen und Ihrem Sohn war ja auch nicht das beste, wie Sie mir berichtet haben."

"Wem sonst?"

"Hat er keine Bekannten? Freunde? Ein Mädchen vielleicht? Hat Ihr Sohn eine Freundin?"

Keogh machte ein nachdenkliches Gesicht und nickte schließlich. "Jack hatte nie viele Freunde. Aber da war ein Mädchen. Ich habe sie ein paar Mal gesehen. Ich glaube, ihr Name war Suzanne. Er hat sogar eine Weile bei ihr gelebt."

"Hat? Wann war die Sache zu Ende?"

"Vor zwei Monaten ist er wieder bei mir eingezogen." Keogh zuckte die Achseln. "Er war sehr verschlossen. Wir haben nicht weiter über die Sache gesprochen. Vielleicht hat er den Verstand verloren, weil diese Suzanne mit ihm Schluss gemacht hat."

"Seit wann ist er verschwunden?"

"Seit vier, fünf Wochen."

Bount runzelte die Stirn. "Warum wenden Sie sich erst jetzt an mich?"

"Ich hatte angenommen, er hätte sich mit Suzanne ausgesöhnt und wäre wieder zu ihr gezogen. Vorgestern habe ich dann erfahren, dass sie ihn nicht mehr gesehen hat, seit es bei ihnen gekracht hat."

"Haben Sie eine Vermisstenanzeige aufgegeben?"

"Natürlich, aber Sie wissen doch selbst, was so etwas bringt!"

"Wo finde ich diese Suzanne?"

Rory Keogh griff in die Innentasche seines Jacketts und holte ein Adressen-und Telefonregister sowie ein Farbfoto seines Sohnes hervor. "Sie müsste in Jacks Adressbuch stehen", meinte er. "Das Foto ist zwar nicht mehr das neuste, aber Sie werden ihn damit ohne Schwierigkeiten identifizieren. Benötigen Sie sonst noch etwas?"

"Ja, ich möchte mir sein Zimmer ansehen. Seine persönlichen Sachen, Sie verstehen?"

"Wenn Sie sich davon etwas versprechen, Mister Reiniger. Wenn Sie mich fragen, dann können Sie gleich ein Ticket nach Belfast buchen!"

Bount nickte.

"Das kommt vielleicht noch. Aber vorher will ich mich erst einmal nach Spuren umsehen. Bevor ich in einem so explosiven Wespennest wie Belfast herumstochere, will ich schon etwas mehr wissen. Dafür müssen Sie schon Verständnis haben."

Bount sah es Keogh an, dass er das für reine Zeitverschwendung hielt. Aber Bount würde sich nicht davon abbringen lassen, die Angelegenheit auf seine Weise anzugehen.



3

"Ich gehe natürlich davon aus, dass du diesen Auftrag abgelehnt hast, Bount", hörte der Privatdetektiv wenig später die Stimme seiner Assistentin June March sagen. Sie war eine wohlgeformte Blondine mit strahlend blauen Augen, die sorgsam darauf bedacht zu sein schien, dass ihre Kleidung die schwindelerregenden Formen auch in angemessener Weise hervorhob, anstatt sie zu verstecken.

"Ich habe den Auftrag angenommen", sagte Bount trocken.

June, die ansonsten insgeheim für ihren Chef schwärmte, sah ihn jetzt an, als ob er den Verstand verloren hätte.

"Habe ich das richtig verstanden?"

"Du hast."

"Weißt du überhaupt, worauf du dich da einlässt!"

"June! Ich lese auch Zeitung!"

"Warum nur Bount! Kein Blankoscheck ist es wert, geteert und gefedert zu werden, Bount!"

Bount hatte davon gehört, dass IRA-Terroristen so etwas mit Leuten machten, die sie für Verräter und Spione hielten. Der Privatdetektiv setzte ein optimistisches Lächeln auf.

"Ich werde schon auf mich aufpassen!"

"Das will ich hoffen."

"Ich habe eine schöne Aufgabe für dich, June!" Sie verschränkte die Arme vor der Brust. "Und welche?"

"Ich muss wissen, ob Jack Keogh wirklich nach Belfast unterwegs ist. Du musst in die Computer der hiesigen Airports hinein und alle Flüge unter die Lupe nehmen, die in Frage kommen."

June atmete heftig und gut hörbar aus. "Du stellst dir das wohl ziemlich einfach vor, was?"

Bount grinste.

"Wenn die Spitzenkönner unter den Hackern bis in die Computer von NASA und Pentagon hineinkommen, dann wirst du ja wohl den J.F.Kennedy-Airport knacken können!"

June warf ihre üppige, blonde Mähne herum. "Nichts leichter als das, Bount", meinte sie spitz, obwohl sie beide wussten, dass es so einfach nun auch wieder nicht war.



4

Suzanne Cortez war schwarzhaarig und bildhübsch. Ihre Adresse hatte Bount tatsächlich in Jack Keoghs Telefonregister gefunden. Aber sie war keineswegs ein College-Girl, so wie er ursprünglich vermutet hatte. Sie wohnte in einem heruntergekommenen Wohnblock zur Untermiete und verdiente sich ihr Geld als Serviererin in einem Schnellimbiss.

Wahrscheinlich wusste der alte Keogh das nicht.

Und wenn doch, so konnte das für ihn nur ein Grund gewesen sein, diese Verbindung abzulehnen.

Suzanne musterte Bount von oben bis unten.

"Na, Prüfung bestanden?", meinte Bount scherzhaft. Aber sie erwiderte sein Lächeln nicht, sondern blieb betont kühl.

"Ich weiß nicht. Wer sind Sie?"

"Ich heiße Reiniger, Privatdetektiv."

"Und was wollen Sie von mir? Ich habe niemanden bestohlen, niemanden umgebracht und noch nicht mal bei meinem Arbeitgeber in die Registrierkasse gegriffen!"

"Das glaube ich Ihnen gerne. Ich suche Jack Keogh!" Etwas veränderte sich in ihrem Gesicht.

"Kommen Sie herein", sagte sie. "Da können wir uns besser unterhalten."

"Das finde ich auch."

Ihre Wohnung bestand aus einem einzigen Zimmer und in dem war es ziemlich eng. Sie räumte einen Sessel frei und bot ihn Bount zum Sitzen an.

"So, Jack suchen Sie also. Sein Vater schickt Sie, nicht wahr?"

"Schon möglich."

"Was hat er denn wieder angestellt?"

"Er ist verschwunden."

Suzanne Cortez lachte schallend und zeigte dabei ihre makellos weißen Zähne. Dann schüttelte sie den Kopf.

"Was ist so lustig daran?", erkundigte sich Bount. Sie warf ihm einen nachsichtigen Blick zu. "Was wissen Sie schon über Jack? Wahrscheinlich nichts. Sein Dad hat Ihnen vermutlich ein Foto unter die Nase gehalten und jetzt sollen Sie ihn wieder einfangen."

"Im Augenblick möchte ich nur wissen, wo er ist oder was er vorhat!"

"Dazu kann ich leider nichts sagen, Mister Reiniger."

"Schade. Ich dachte, Sie wollten Jack vielleicht helfen!" Sie sah ihn prüfend an. Bount wusste, dass sie neugierig war und wissen wollte, was sich abspielte. Er hatte es gleich an der Tür schon geahnt. Und vermutlich hatte Suzanne den Privatdetektiv auch nur aus diesem Grund in die Wohnung gelassen.

"Sie wollen mich ködern", stellte sie sachlich fest.

"Ihr Freund steckt vielleicht in großen Schwierigkeiten!"

"Und Sie sollen ihn raushauen!"

"Wenn er mich lässt, vielleicht."

"Und worum geht es dabei?"

"Sein Vater denkt, dass Jack nach Belfast unterwegs ist, um sich der IRA anzuschließen. Wissen Sie etwas davon?"

"Er hat so etwas in der Art mal erwähnt." Sie zuckte mit den Achseln. "Er hatte immer schon irgendwelche verrückten Ideen. Das war nur eine von vielen. Allerdings eine, mit der er sich in letzter Zeit intensiv beschäftigt hat. Er hat sich einen Stadtplan von Belfast gekauft und sich nach Flugverbindungen erkundigt."

"Das wissen Sie genau!"

"Er hat von hier aus telefoniert und wie Sie sehen ist diese Wohnung nicht gerade ein Palast, in dem man sich zurückziehen könnte!" Sie schluckte. Auf einmal war ihr Gesicht sehr ernst geworden. Sie schien langsam zu begreifen, dass es hier womöglich nicht nur um irgendeine Kleinigkeit ging.

"Wann haben Sie Jack zum letzten Mal gesehen?"

"Seit er hier vor zwei Monaten ausgezogen ist, hatte ich keinen Kontakt mehr mit ihm. Das habe ich dem alten Keogh übrigens auch schon gesagt! Wir haben uns getrennt und damit fertig!"

"Wie kam es dazu?"

"Ich habe ihn hinausgeworfen. Sehen Sie, das wäre nie und nimmer gutgegangen mit uns beiden. Ich brauche einen Kerl, der wirklich die Hosen anhat."

"Und Jack?"

"Der hat nur so getan, als ob! Dieses Gerede davon, dass er nach Nordirland gehen will, um für Freiheit Ulsters zu kämpfen, das gehört auch in diese Schublade. Sein Dad ist das Problem, Mister Reiniger. Dauernd glaubte Jack, ihm etwas beweisen zu müssen! Das ist mehr ein Fall für den Psychotherapeuten als für jemanden wie Sie!" Bount erhob sich von dem Sessel und blickte ihr geradewegs in die dunklen Augen.

"Das kommt ganz darauf an", murmelte er.

"Wissen Sie, was ich glaube, Mister Reiniger? Ich denke, dass es diesmal genau so ist, wie sonst auch."

"Und wie war es sonst?"

"Jack hat alles Mögliche erzählt, aber nie etwas realisiert. Er ist ein Maulheld, verstehen Sie, was ich meine? Und ich glaube deshalb auch nicht, dass er wirklich nach Belfast geflogen ist. Und wenn, dann vielleicht als Tourist. Geld genug dazu hat der Kerl ja!"

"Ich hoffe, Sie haben recht."

"Bestimmt!"

Bount wollte sich schon zum Gehen umwenden, da sah er an einem Kleiderhaken eine Lederjacke hängen. Für die zierliche Suzanne schien sie mindestens drei Nummern zu groß zu sein und zwar nicht nur von der Konfektionsgröße, sondern auch von Preisklasse her.

Deshalb erkundigte sich Bount: "Ist das Ihre Jacke?" Sie warf einen Blick dorthin und schüttelte den Kopf.

"Nein. Jack hat sie hier vergessen. Er ist ziemlich überstürzt abgezogen. Wir hatten auch einen ziemlichen Streit."

Bount machte ein paar schnelle Schritte, nahm die Jacke vom Haken und durchsuchte die Taschen. Ein Kugelschreiber, ein Notizblock und ein paar Kaufhausquittungen kamen zum Vorschein. Und dann war da noch ein kleiner Zettel, auf dem eine Nummer stand. Den nahm Bount an sich.



5

Als Bount wenig später in seinem champagnerfarbenen Mercedes 500 SL saß, griff er zum Autotelefon und wählte die Nummer, die Jack Keogh sich auf dem Zettel notiert hatte.

Vielleicht kam nichts dabei heraus und es war nur die Nummer von irgendeinem College-Bekannten.

Aber das war es nicht.

Auf der anderen Seite meldete sich ein gewisser Wainright, der Inhaber eines Second-Hand-Ladens.

"Wo ist Ihr Geschäft?", fragte Bount.

"44.Straße. Wir haben ein paar interessante Angebote." Bount kam eine Idee.

"Heißen Sie mit Vornamen zufällig Cyrus?", fragte er. Auf der anderen Seite wurde es still in der Leitung. Kein Mucks mehr. Und dann knackte es. Die Verbindung war unterbrochen. Bount lächelte zufrieden.

Cyrus Wainright - der Name kam nicht allzu häufig vor, deshalb war ein Irrtum wenig wahrscheinlich. Vor ein paar Jahren war es Bount in Zusammenarbeit mit der New Yorker Polizei gelungen, einen Hehlerring auffliegen zu lassen. Und einer derjenigen, die dann schließlich vor dem Richter landeten, trug den Namen Cyrus Wainright. Eher durch Zufall war man dann auf Wainrights 'Nebenerwerb' aufmerksam geworden: das Fälschen von Dokumenten aller Art. Vorzugsweise natürlich Pässe.

Wainrights Strafe war längst abgesessen oder zur Bewährung ausgesetzt. Warum sollte er also nicht wieder im Geschäft sein?

Dass Jack Keogh Wainrights Nummer in der Jackentasche hatte, konnte eigentlich nur bedeuten, dass er einen falschen Pass benötigte. Wenn er sich wirklich der IRA anschließen wollte, war das auch naheliegend. Suzanne Cortez hielt Jack für einen Maulhelden und wahrscheinlich war er das auch. Aber möglicherweise hatte sie sich in diesem Fall geirrt.

Bount lenkte den 500 SL in Richtung der 44.Straße. Wenn Jack einen falschen Pass benutzte, dann war auf jeden Fall von Vorteil zu wissen, unter welchem Namen er jetzt auftrat.

Zwischendurch rief er June in der Agentur an.

"Schon etwas herausgefunden?"

"Wunder vollbringe ich doch jeden Tag zweimal, Bount, das weißt du doch! Aber dies hier dauert noch ein bisschen. Bis jetzt hatte ich noch keinen Jack Keogh auf dem Schirm!"

"Könnte sein, dass du bald nach einem anderen Namen suchen musst!"

"Was soll das heißen!"

Bount erklärte es ihr.

"Ich rufe dich wieder an." Dann legte er auf.



6

Wainrights Second-Hand-Laden befand sich im Souterrain eines Wohnblocks. Vom Judo-Anzug über das 20bändige Lexikon in Goldleinen bis zum CD-Player gab es hier alles.

Cyrus Wainright war ein runder, sehr hellhäutiger Mann mit lockigen Haaren. Er hatte sich nicht im Geringsten verändert, seit Bount ihn zum letzten Mal gesehen hatte. Wainright erkannte den Privatdetektiv sofort, als dieser die Ladentür passierte. Er stand hinter seinem Tresen und erstarrte für den Bruchteil einer Sekunde zur Salzsäule. Bount ließ ein mattes Lächeln über sein Gesicht fliegen und meinte: "Schön, dass wir uns mal wiedersehen, Wainright!"

Wainright selbst schien überhaupt nicht begeistert davon zu sein. Er knurrte etwas Unverständliches vor sich hin und machte einen Schritt zur Seite. Im Augenblick war kein Kunde im Geschäft und das war auch besser so.

"Noch immer im Geschäft, Wainright?"

"Was wollen Sie, Reiniger? Ich habe ein elektrisches Heizgerät im Angebot. Wie wär's damit?"

"Kein Interesse."

Bount legte das Foto von Jack Keogh auf den Tresen.

"Was soll das, Reiniger!"

"Dieser Mann hat mit Ihnen Kontakt aufgenommen. Wahrscheinlich wollte er einen falschen Pass. Sie haben wohl noch immer einen guten Namen, was solche Sachen betrifft!"

Wainright warf nur einen ganz kurzen Blick auf das Foto. Er sah überhaupt nicht richtig hin, sondern schüttelte dann sehr energisch den Kopf.

"Ich habe den Mann nie gesehen", murmelte er.

"Dann hat er Ihre Telefonnummer wohl nur einfach so in der Tasche gehabt!"

Wainrights Augen wurden zu engen Schlitzen. "Er wusste eben, wo man gut einkaufen kann!", zischte er. Dann lachte er rau. "Sie waren das vorhin am Telefon, nicht war, Reiniger?"

"Schon möglich."

"Glauben Sie, ich bin so dumm, und setze mich nach der Sache von damals noch einmal in die Nesseln? Ich weiß doch, dass man jetzt immer zuerst zu mir kommt, wenn irgendwo ein falscher Pass auftaucht. Merken Sie sich das, Reiniger: Ich bin aus dem Geschäft!"

"Klingt mir alles zu schön um wahr zu sein, Wainright!"

"Es ist aber so. Und Sie können meinetwegen glauben, was Sie wollen!"

Bount bemerkte die Bewegung zu spät, die Wainright mit der Linken ausführte. Er griff an eine bestimmte Stelle hinter dem Tresen und Bount langte hinüber und riss ihn am Oberarm halb herüber.

Aber das nützte nichts mehr.

Wainright hatte den kleinen Knopf schon gedrückt und es dauerte nur einen Augenblick, da ging eine Tür auf, die vermutlich in hintere Lagerräume führte. Bount sah zwei paar blitzende Augen. Die beiden muskulösen Kerle, die da in den Raum geplatzt waren, wirkten ziemlich angriffslustig.

Sie verteilten sich. Der eine ging ein paar Schritte nach rechts, der andere nach links. Unter den Sachen, die Wainright im Angebot hatte, war auch ein Baseballschläger und den nahm sich einer von ihnen. Sein Gesicht verzog sich dabei zu einer Grimasse. Bount sah, dass ihm vorne ein Zahn fehlte.

"Ich sehe, du hast Schwierigkeiten, Cy!" Die beiden kamen von zwei Seiten auf Bount zu und so ließ dieser Cyrus Wainright erst einmal auf die Füße fallen. Der Kerl mit der Zahnlücke war schnell herangekommen und ehe Bount sich versah, wirbelte auch schon der Baseballschläger nieder. Es war ein Schlag, der einen Schädel leicht zertrümmern konnte.

Bount spürte noch den Luftzug, als er in letzter Sekunde zur Seite tauchte, während das Holz sehr hart auf den Tresen krachte. Er reagierte blitzschnell und ließ die Faust nach oben gehen. Bount erwischte ihn mitten im Gesicht. Das Blut schoss ihm aus der Nase und er taumelte nach hinten und riss im Fallen ein Regal mit Porzellan mit sich. Indessen war der Zweite auch schon heran. Bount sah die Faust zu spät. Er wich noch aus, aber sie erwischte ihn trotzdem hart genug, um ihn der Länge nach hinzustrecken. Bount knallte auf den Boden und sah, wie sein Gegner nach dem Baseballschläger griff, den sein Partner losgelassen hatte und der jetzt auf dem Tresen lag. Der Mann grinste zynisch und trat einen Schritt näher. Er blickte von oben auf Bount herab und schwang den Baseballschläger hin und her.

"Na, hast du genug?"

Bount ahnte, dass sein Gegenüber irgendeine Gemeinheit vorhatte. Und er behielt recht.

Wie aus heiterem Himmel ließ er den Schläger nach unten sausen. "Das ist für meinen Freund da vorne!", zischte er dabei.

Bount rollte sich herum, während der Holzschläger dicht neben ihm niederging. Gleichzeitig ließ er den Fuß vorschnellen und hakte ihn in die Kniekehle des anderen. Der Kerl verlor das Gleichgewicht, während Bount zwei Sekunden später sich bereits wieder hochgerappelt hatte. Auch der andere kam schnell wieder auf die Beine, nachdem er panikartig ein paar Meter davon gerobbt war wohl in der Erwartung, dass Bount nun seinerseits nach dem Baseballschläger greifen würde, um ihm das Rückgrat zu zertrümmern.

Aber daran dachte Bount nicht eine Sekunde.

Der Kerl sah zu, dass er aus dem Laden kam und stolperte hinaus auf die Straße.

"Der wird sich hier fürs erste nicht mehr blicken lassen", meinte Bount und wandte sich zu Cyrus Wainright herum, der wie angewurzelt hinter dem Tresen stand. Er zitterte, während Bount sich das Jackett glatt strich.

Der Kerl mit der Zahnlücke lag noch im Scherbenhaufen aus Porzellan und rührte sich nicht. Er würde noch ein bisschen brauchen, bis er wieder zu sich kam.

"Was wollen Sie noch, Reiniger? Mir vielleicht noch den ganzen Laden zertrümmern? Dann werde ich zur Abwechslung vielleicht mal die Hilfe der Polizei in Anspruch nehmen und Sie landen dann dort, wo Sie mich hingebracht haben."

Reiniger lächelte dünn.

"Das können Sie gerne versuchen, Wainright." Am anderen Ende des Tresens stand ein Telefon. Bount Reiniger nahm es und stellte es Wainright direkt vor die Nase. "Hier! Rufen Sie ruhig an. Dann kann die Polizei auch gleich mal überprüfen, was von diesen Sachen hier Hehlerware ist."

"Wie kann ich wissen, woher die Sachen kommen, die man mir anbietet?"

"Und dort drüben, im Nebenraum? Die beiden Gorillas haben doch sicher beim Packen geholfen. Ich kenne Sie doch, Wainright. Was ist es diesmal? Eine Ladung Videorecorder vielleicht? Ich sollte mir das mal ansehen." Wainrights Gesicht war wie versteinert.

"Was wollen Sie?"

"Keogh, der Mann auf dem Foto, war hier, nicht wahr?"

"Und wenn?"

"Ich will nur wissen, welcher Name jetzt auf seinem Pass steht. Mehr nicht. Dann bist du mich los!"

"Es ist wie ich gesagt habe, Reiniger. Mit Pässen, da läuft eigentlich bei mir nichts mehr. Aber dieser Junge ließ einfach nicht locker. Irgendein Idiot muss ihm meinen Namen gesagt haben. Er wollte einen Pass des Vereinigten Königreichs für Jack McDowell. Natürlich sollte es sehr schnell gehen. Zu schnell. Er hatte da keine realistischen Vorstellungen."

"Und? Hat er bekommen, was er wollte?"

"Das weiß ich nicht. Ich habe ihn zu jemand anderem geschickt. Er bot ziemlich viel Geld, aber ich konnte der Versuchung widerstehen."

Bount hob die Augenbrauen und klopfte ihm auf die Schulter. "Na also, warum nicht gleich so?" Als Bount Reiniger den Laden wieder verließ und ins Freie trat, sah er den davongelaufenen Gorilla an der nächsten Ecke stehen und die Lage sondieren. Bount warf ihm nur einen kurzen Blick zu und stieg dann in seinen 500 SL.

Bevor er losfuhr verständigte er June, um ihr zu sagen, dass Jack Keogh sich wahrscheinlich als Jack McDowell eingecheckt hatte. Er ahnte bereits, dass sich die Reise nach Belfast nicht würde vermeiden lassen.

Eine knappe Stunde später wusste er es genauer.

Ein Mann namens Jack McDowell hatte vor fünf Wochen den Flug zur grünen Insel gemacht...



7

Die Stimmung in dem verräucherten Pub an der Falls Road in Belfast war mehr als ausgelassen. Die Männer saßen bierselig an der Theke und erfüllten den Raum mit lautem Stimmengewirr.

Aber da war ein hochgewachsener Mann, noch keine dreißig, der die Fröhlichkeit der anderen ganz und gar nicht zu teilen schien. Er blickte immer wieder auf die Uhr an seinem Handgelenk, so als wartete er auf jemanden. Auf der rechten Wange hatte er eine Narbe, die von dem dünnen, rostbraunen Bart nur unzureichend bedeckt wurde. Dort kratzte er sich nervös. Dann ging plötzlich ein Ruck durch seinen Körper. Ein junger Mann hatte den Pub betreten und ließ die Augen suchend kreisen.

Der Mann mit der Narbe winkte und als der andere dann herankam, schimpfte er.

"Jack, verdammt, wo bleibst du denn!"

"Tut mir Leid, Patrick!"

"Was soll das heißen? 'Tut mir Leid!' Glaubst, ich habe ewig Zeit?"

"Ich bin aufgehalten worden."

"Was du nicht sagst! Ich dachte, du brennst drauf, endlich eine Waffe in die Hand zu bekommen und damit herumballern zu dürfen, Kleiner!" Patrick zupfte sich an seinen Barthaaren herum, während Jack ihn etwas verständnislos ansah.

Jack hob die Augenbrauen und fragte dann nach einer Weile: "Du nimmst mich nicht für voll, was?" Patrick zuckte die Achseln. Dann klopfte er Jack auf die Schulter.

"Doch, ich nehme dich für voll. Und ich traue dir auch. Du scheinst das nicht richtig zu begreifen, aber das ist für jemanden in meiner Lage die höchste Auszeichnung, die er zu vergeben hat, Jack!" Er bewegte den Kopf ruckartig zur Seite. "Komm, gehen wir an die frische Luft, Kleiner!" Sie gingen zusammen hinaus auf die Falls Road. Es gab durchaus touristische Schmuckstücke in Belfast. Aber die Falls Road und die umliegenden Bezirke gehörten sicher nicht dazu.

"Was liegt an?", fragte Jack. "Etwas Großes?"

"Eine Hinrichtung. Es wird die erste große Sache sein, bei der du mitmachst!"

"Ich freue mich, dass ich endlich etwas tun kann! Ich sitze schon viel zu lange hier herum und drehe Däumchen!"

"Du bist zu ungeduldig, Jack! Das ist immer ein Fehler!"

"So bin ich nun mal!"

"Du musst uns verstehen, Jack. Glaub mir, ich weiß deinen Idealismus zu schätzen. Aber die Zeiten sind hart. Die Briten versuchen ihre Leute bei uns einzuschleusen. Da muss man vorsichtig sein!"

"Verstehe..."

Jack gefiel nicht, dass Patrick ihn immer ein bisschen wie einen grünen Jungen behandelte, obwohl noch nicht einmal zehn Jahre zwischen ihnen beiden lagen.

Aber er musste es wohl oder übel akzeptieren. Patrick war sein Verbindungsmann. Und er war froh, dass diese Verbindung überhaupt zu Stande gekommen war! Es war gar nicht so einfach gewesen, hineinzukommen...

"Wer ist es, der hingerichtet wird?", fragte Jack.

"Jemand von der anderen Seite. Jemand, der es verdient hat. Jemand, der sich als scharfer Hund gebärdet, wenn es um unsere Jungs geht, aber wenn ein Protestant auf einem Begräbnis Amok gelaufen ist, sich plötzlich in ein zahmes Lamm verwandelt!" Patricks Züge waren grimmig geworden. Seine Hände hatten sich unwillkürlich zu Fäusten geballt.

"Ein Staatsanwalt? Oder ein Richter?", versuchte Jack zu raten.

"Ein Richter."

"Wie heißt er?"

"Ich habe dir schon mehr gesagt, als ich eigentlich durfte. Du erfährst es früh genug."

"Du weißt, dass ich alles tun würde, Patrick!"

"Kannst du mit einer Waffe umgehen?"

"Zu Hause hatten wir immer Waffen. Mit der Magnum kenne ich mich ganz gut aus."

"Eine Magnum haben wir hier nicht. Bei Gelegenheit fahren wir mal ein bisschen ins Grüne, um mit der Walter PPK ein bisschen zu üben."

"Keine schlechte Idee."

Plötzlich stoppte Patrick. Er packte Jack bei den Schultern und sah ihm direkt in die Augen.

"Kannst du einen Menschen töten?"

Jack runzelte die Stirn. Was sollte die Frage? Patricks Blick schien ihn förmlich zu durchbohren. "Warum willst du das wissen?", fragte Jack, um Zeit zu gewinnen.

"Weil du dir das vorher überlegen sollst! Bevor es ernst wird. Nicht jeder ist dafür geboren. Wenn das bei dir der Fall ist, dann sag es lieber gleich. Damit nützt du der Bewegung mehr, als wenn du den Helden zu spielen versuchst und dann nicht abdrückst!"

Jack zuckte mit den Achseln.

"Es ist ja für eine gerechte Sache", meinte er. Und Patrick nickte.

"Das stimmt."

"Dann kann ich es auch!"

Sie bogen in eine Nebenstraße ein. Patrick merkte es etwas früher und packte Jack am Arm. Aber auch da war es schon zu spät. Überall standen uniformierte Bewaffnete mit kugelsicheren Westen.

"Was hat das zu bedeuten?", raunte Jack.

"Razzia", murmelte Patrick kaum hörbar. "Irgendwo in der Nähe muss was vorgefallen sein und jetzt suchen sie..." Jack schluckte. Ein Anflug von Panik stieg in ihm hoch.

"Warum gehen wir nicht zurück?"

"Weil es dazu zu spät ist. Sie haben uns schon gesehen. Wir würden nur unnötig auf uns aufmerksam machen!"

"Verdammt! Und was nun?"

"Augen zu und durch!"

Sie gingen also weiter. Jack musterte die Uniformierten, die wussten, dass sie hier in Feindesland waren. Hinter jedem Fenster, hinter jeder Ecke konnte ein Heckenschütze lauern. Man sah ihren Gesichtern an, dass sie sich hier nicht wohl fühlten.

"Hey, ihr da!", rief einer der Beamten. Sie kamen zu mehreren heran. Jack blickte zu Patrick um abzuwarten, was dieser tat.

"Mit dem Rücken zur Wand, Beine auseinander!" Sie gehorchten und wurden nach Waffen abgetastet. Sie hatten aber keine dabei. Dann wurden die Ausweise kontrolliert. Patrick bekam den seinen umgehend zurück. Jacks Pass wurde einer längeren Begutachtung unterzogen.

"Jack McDowell, das sind Sie, ja?"

"Ja."

Jack hörte seine Stimme selbst kaum. Der Uniformierte blickte ihn prüfend an. Dann wandte er sich an Patrick. "Sie können gehen!"

Patrick warf Jack einen kurzen Blick zu, der soviel hieß wie 'Wir sehen uns später!' und lief dann die Straße entlang, ohne sich noch einmal umzudrehen.

"Warum werde ich festgehalten?", rief Jack. Die Uniformierten tauschten einen Blick.

"Er könnte es sein, oder?"

Der andere schüttelte energisch den Kopf, nachdem er Jack noch einmal eingehend gemustert hatte.

"Das ist nicht unser Mann!"

"Laufen lassen?"

"Ja."



8

Das Wasser des Belfast Lough klatschte unaufhörlich gegen die Außenhaut der Fähre, die sich nun etwas gedreht hatte und die Wellen von der Seite bekam. Die Gischt spritzte hoch auf und Bount Reiniger fühlte den unwillkürlichen Impuls, sich festzuhalten.

Er saß vor einer leeren Tasse Kaffee und blickte durch die dicken Doppelglasscheiben hinaus auf die stürmische See.

In dem Aufenthaltsraum war es still geworden. Die Fähre nahm nun schon den dritten Anlauf, um den Hafen von Belfast zu erreichen, aber das Wetter meinte es nicht gut mit ihr.

Im hinteren Teil des Raums saßen ein paar Rugby-Fans aus England, die ein passendes Lied auf den Lippen hatten:

"We are sinking!", grölten sie und erinnerten jeden der Anwesenden daran, dass es bis zum festen Land noch ein bisschen zu weit war, um notfalls hinüberschwimmen zu können.

Bount hatte einen Flug von New York nach London Heathrow genommen. Dann war er in den Zug nach Liverpool gestiegen, um schließlich von dort aus die Fähre nach Belfast zu nehmen.

Seine Reisetasche stand auf dem Platz neben ihm. Das einzige, was ihm fehlte, war seine Automatic, aber die auf eine solche Reise mitzunehmen, war unmöglich. Die Airlines hatten etwas dagegen und beim Zoll würde es auch Probleme geben.

Und vielleicht war es gar nicht so schlecht, ohne Waffe in Belfast herumzulaufen, denn wenn man ihn irgendwo aufgriff - und wenn es nur bei einer Routinekontrolle war dann warf man ihn gleich in eine völlig falsche Schublade. Entweder in die mit der Aufschrift IRA oder in jene, in die der protestantische Gegenterror gehörte. Denn auch auf der Seite gab es zu allem Entschlossene, denen es gefiel, selbst Richter und Henker zu spielen. Gewalt und Gegengewalt und daneben Sicherheitsorgane, die weder das eine noch das andere wirksam verhindern konnten.

"Ist es nicht ein schönes Land", meinte der rothaarige Handelsvertreter, der Bount gegenübersaß, als die sanften Hügel aus dem Dunst heraus auftauchten, in deren Mitte Belfast lag. Der Rothaarige hatte schon während der gesamten Überfahrt Anläufe unternommen, um mit Bount ins Gespräch zu kommen.

Bount hatte auch gar nichts dagegen, aber anstatt von sich zu erzählen, wollte der Handelsvertreter es lieber umgekehrt und versuchte, Bount auszufragen. Er war ziemlich neugierig.

Bis jetzt hatte er allerdings kaum mehr herausgefunden, als dass Bount Amerikaner war - was am Akzent unschwer zu erkennen war. Bount war hart geblieben und so erzählte der Rothaarige schließlich doch von sich. Das war besser, als gar keine Unterhaltung.

"Es ist ein schönes Land", meinte Bount. "Aber mit vielen Problemen."

"Sie sagen es!" Er zuckte mit den Schultern.

"Wahrscheinlich liegt es daran, dass mehr Iren im Ausland leben, als auf der Insel selbst - Norden und Süden zusammengerechnet!"

"Sie sind auch Ire?"

"Ja. Aber ich lebe in London und den Akzent habe ich mir durch hartes Training abgewöhnt. Ab und zu fahre ich 'rüber, um Verwandte zu treffen." Er machte eine wegwerfende Bewegung. "Wenn man Ire ist - und katholisch, was für mich zusammengehört - dann muss man auswandern. Zurück kommen nur ein paar alte Männer." Und ab und zu auch ein paar junge!, setzte Bount in Gedanken hinzu.

Dann kam die Fähre endlich doch noch in den Hafen und legte an.

Bount erhob sich und nahm seine Sachen.

Das Wetter war furchtbar. Es goss in Strömen und daher knöpfte er den Mantel zu und schlug den Kragen hoch.

"Wohin wollen Sie in Belfast? Vielleicht kann ich Ihnen helfen. Ich kenne die Stadt wie meine Westentasche!"



9

Bount hatte sich in einem Hotel in der Nähe des Bahnhofs einquartiert, nachdem es ihm gelungen war, den Handelsvertreter irgendwann abzuhängen. Dieses Hotel hatte den großen Vorteil, dass es ziemlich anonym war und einem niemand Fragen stellte. An der Rezeption saß ein Pakistani, der jeden Geldschein, den er erhielt, erst einmal vor ein Sichtgerät hielt, um die Echtheit zu überprüfen. Ansonsten konnte Bount sich nicht beklagen. Der Service war okay.

Am nächsten Tag begann er dann damit, das Photo von Jack Keogh alias Jack McDowell herumzuzeigen. Bount hatte natürlich keine Ahnung, wo Jack untergekrochen war. Wahrscheinlich war er nach Belfast gekommen, ohne hier jemanden zu kennen. Und selbst, wenn er irgendeine Anlaufstelle in der Stadt hatte, war er vielleicht in irgendeinem Hotel, einer Privatpension, oder einem Pub aufgetaucht.

Bount wusste, dass das Ganze der berühmten Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen ähnelte, aber vielleicht kam ja etwas dabei heraus.

Und Bount Reiniger war ja auch alles andere als ein Anfänger.

Er ging systematisch vor. Wenn Jack nur einen Funken Verstand hatte, dann würde er dafür sorgen, so wenig wie möglich aufzufallen. Schließlich wollte er ja Kontakt mit gesuchten Terroristen aufnehmen. Und wo war das am besten möglich? In den katholischen Vierteln - dort, wo die IRA ihren Nachwuchs rekrutierte. Um die Falls Road herum zum Beispiel, oder in Ballymurphy.

Und dann hatte Bount ja auch noch die Broschüre mit den Privatpensionen. Die Adressen waren alphabetisch geordnet. Bount ging die von Jack herausgerissenen Seiten durch, um dort nach Adressen zu suchen, die in Frage kamen. Das reduzierte das Ganze schon einmal sehr erheblich.

Bount trug Jeans und Blouson. Er wollte möglichst wenig auffallen. Es war ein scheußlicher Tag. Nebel waren vom Belfast Lough emporgestiegen und hatten die Stadt in eine Art Waschküche verwandelt.

Eine Pension nach der anderen klapperte Bount ab. Aber ohne Erfolg.

Bei einer alten, redseligen Frau, die ganz allein mit ihrer Katze ein Häuschen in der Falls Road bewohnte, hatte Bount dann erstmals Glück. Bount erzählte ihr, er wäre Jacks Bruder und sein Vater würde sich Sorgen um den Jungen machen. Sie glaubte ihm die Story.

"Er kam mir gleich so seltsam vor", meinte sie.

"Inwiefern?"

"Wie einer, der davonläuft. Ich habe versucht, ihn ein bisschen auszufragen, aber ohne viel Erfolg." Sie lächelte.

"Wohnt er noch hier?"

Sie schüttelte den Kopf.

"Nein. Tut mir leid, aber da kommen Sie zu spät. Er ist vor ein paar Tagen ausgezogen."

"Haben Sie eine Ahnung, wohin?"

"Er war sehr schweigsam."

"Verstehe... Vielleicht hatte er irgendwelche Kontakte hier. Bekannte, die ihn möglicherweise aufgenommen haben könnten!"

"Nein. Er hat nie jemanden mit auf Zimmer gebracht. Ein, zwei Mal hat er von meinem Apparat aus telefoniert."

"Haben Sie irgendetwas mitbekommen. Vielleicht einen Namen?"

Die reizende alte Dame hob ihre schnurrende Katze vom Boden auf und lächelte Bount freundlich an.

"Denken Sie vielleicht, dass ich eine Lauscherin bin?" Bount erwiderte das Lächeln. "Das würde mir nie einfallen!"

"Es tut mir Leid, Sir!"

Bount fluchte innerlich. Aber immerhin wusste er nun, dass Jack hier gewesen war, hier in Belfast. Und das noch vor wenigen Tagen. Ob das etwas wert war, würde sich später zeigen. Die alte Dame bot Bount vergeblich einen Tee an. Als sie den Privatdetektiv zur Tür begleitete, sagte sie dann plötzlich: "Da fällt mir noch etwas ein..." Bount hob die Augenbrauen. "Schießen Sie los."

"Vielleicht war es gar nicht so wichtig."

"Alles kann wichtig sein. Jede Kleinigkeit." Sie strich ihrer Katze über den Kopf und wirkte nachdenklich. "Einmal, da kam ein Anruf für Ihren Bruder. Er war nicht da und so sollte ich ihm etwas ausrichten."

"Und was war das?"

"Ein gewisser Patrick wollte ihn im Falls Road Inn treffen."

"Patrick? Wie weiter?"

"Das war alles."

"Na das ist ja immerhin etwas. Ich danke Ihnen sehr."

"Nichts zu danken. Und wenn Sie mal ein Zimmer brauchen. Ich freue mich immer über nette Gäste."



10

Als Bount im Falls Road Inn auftauchte, war dort noch nicht allzuviel los. Ein paar vereinzelte Zecher saßen im Schankraum. Hinter dem Tresen stand ein etwas dicklicher, gemütlich wirkender Wirt, in dessen Mund eine dicke Zigarre steckte.

Bount ging direkt auf den Wirt zu. Er bestellte sich ein Bier und fragte dann, als wäre es eine Selbstverständlichkeit: "Kommt Patrick heute?" Der Wirt stockte. Um ein Haar wäre ihm der Inhalt eines ganzen Bierglases über die Hose gegangen.

"Welcher Patrick? Das ist ein ziemlich häufiger Name hier."

Bount wagte einen Schuss aus der Hüfte.

"Sie wissen schon, welcher Patrick. Ich muss ihn dringend sprechen."

Der Wirt musterte Bount prüfend. Einer der Gäste, bei dem es gerade noch fast so ausgesehen hatte, als wäre er vor seinem Glas halb eingeschlafen, sah auf, stierte Bount ungläubig an und wechselte dann einen Blick mit dem Wirt.

"Wer sind Sie?", fragte der Wirt.

Bount lächelte dünn.

"Kann Ihnen das nicht gleichgültig sein? Sie sollen Patrick nur ausrichten, dass ich ihn sprechen will. Könnte ja sein, dass er noch einmal her kommt."

Als Bount das Bierglas geleert hatte, biss der Wirt an.

"Wo kann er Sie denn erreichen? Vorausgesetzt, dieser Patrick legt überhaupt Wert auf eine Unterhaltung mit Ihnen!"

Bount nahm sich einen Bierdeckel, holte einen Kugelschreiber aus der Innentasche seines Blousons und notierte die Adresse des Hotels, in dem er untergekommen war.

"Hier", sagte er und schob dem Wirt den Bierdeckel hin. "Geben Sie ihm das!"



11

Es war schon dunkel, als Bount in sein Hotel zurückkehrte. Er hatte in der Stadt etwas gegessen und fragte sich, ob dieser mysteriöse Patrick wohl anbeißen würde.

Als er an der Rezeption nach seinem Schlüssel verlangte, hatte wieder der Pakistani dort Dienst. irgendetwas an ihm schien sich verändert zu haben. In seinen dunklen Augen flackerte es seltsam. Da war etwas, das Bount gestern nicht an ihm bemerkt hatte. Und auf einmal wusste Bount auch, was es war. Angst.

Als der Pakistani ihm die für den Bruchteil eines Augenblick die andere Seite zuwandte, sah Bount die frische Schramme.

"Alles in Ordnung?", erkundigte sich der Privatdetektiv.

"Ja, alles in Ordnung!", kam es zurück - allerdings auf eine Weise, die Bount sagte, dass überhaupt nichts in Ordnung war.

"Hatten Sie unfreundliche Gäste?", fragte Bount und spielte damit auf die Schramme an.

"Warum fragen Sie das?"

"Waren es einer oder mehrere, die Sie verprügelt haben?"

"Gehen Sie ruhig hinauf in Ihr Zimmer, Sir", flüsterte er und vermied es dabei sichtlich, Bount anzusehen.

"Wartet er dort oben auf mich?"

Der Pakistani blickte auf, sagte aber kein Wort. Aber Bount verstand auch so. Keine Antwort war in diesem Fall auch eine Antwort.

Bount nickte nachdenklich und nahm den Schlüssel an sich.

Er war mehr als gewarnt.

Als er vor der Zimmertür stand, lauschte er kurz. Für einen kurzen Moment glaubte er, ein Geräusch zu hören. Er vermisste jetzt schmerzlich seine Automatic, aber da er sie ja nicht herbeizaubern konnte, musste es ohne sie gehen. Bount öffnete die Tür. Sie war nicht abgeschlossen und da wusste er endgültig, wohin hier der Hase lief. Der Kerl lauerte hinter der Tür. Aber als Bount den Pistolenlauf hart in seinem Rücken spürte, war das für ihn keine allzu große Überraschung mehr. Er war vorbereitet, wirbelte blitzschnell herum und riss den Arm mit der Waffe nach oben.

Dann ließ er seine Faust nach vorne schnellen. Es war dunkel. Bount sah kaum mehr, als einen Schatten. Aber irgendwie traf er sein schemenhaftes Gegenüber doch ziemlich wirkungsvoll.

Während der Kerl nach hinten taumelte, ging Bounts schneller Griff zum Lichtschalter. Einen Sekundenbruchteil später blickte er in zwei blitzende Augen, die zu einem Gesicht gehörten, dessen hervorstechende Merkmale ein dünner, rostroter Bart und eine Narbe auf der linken Wange waren.

Der Kerl hatte den Fall abgefangen, sich auf dem Boden herumgerollt und wollte seine Waffe hochreißen. Aber da war Bount längst bei ihm. Ein gezielter Fußtritt kickte ihm die Pistole aus der Hand und ließ sie über das Bett auf die anderer Seite des Zimmers fliegen. Sie kam hart gegen die Wand und fiel von dort mit einem klackernden Geräusch zu Boden.

Der Rotbart hatte sich indessen hochgerappelt und Bount war wieder einen Schritt zurückgewichen, um den mit ziemlicher Sicherheit bevorstehenden Angriff seines Gegners besser parieren zu können.

Der Mann keuchte und warf einen kurzen Blick in Richtung der Pistole. Er schien zu erwägen, mit einem Hechtsprung über das Bett nach der Waffe zu langen. Bount schüttelte den Kopf.

"Vergiss es!", zischte er.

Einen Moment lang hing alles in der Schwebe, aber dann versuchte der Kerl es doch. Bount bemerkte, wie sich bei seinem Gegenüber die Muskeln spannten und ahnte den Sprung daher einen Augenaufschlag im Voraus. Er stürzte sich auf den Rotbart, der seinen langen Arm bereits nach der Pistole ausgestreckt hatte. Der Rotbart riss die Waffe hoch und wollte sie Bount in den Leib drücken, um dann abdrücken zu können. Aber dieser hatte ihn bereits am Arm gepackt. Sie wälzten sich auf dem nicht gerade besonders stabilen Holzbett hin und her, wobei sie beide von Glück sagen konnten, dass sich kein Schuss löste.

Das Bett war für diese Belastung nicht gemacht und brach in sich zusammen. Für den Bruchteil einer Sekunde ließ die Aufmerksamkeit des Rotbarts nach und das nutzte Bount eiskalt aus. Er verpasste seinem Gegner den entscheidenden Fausthieb mitten ins Gesicht. Für den Rotbart war dies der Knock-out. Die Spannung löste sich aus seinen Muskeln, Bount konnte ihm die Waffe abnehmen.



12

Der Rotbart machte einen alles andere als begeisterten Eindruck, als er aufwachte und in die Mündung seiner eigenen Waffe blickte.

Er saß auf dem Boden und Bount sah das wilde Flackern in den Augen seines Gegenübers.

"Schön ruhig bleiben!", warnte der Privatdetektiv und bewegte dabei die Waffe. "Du bist Patrick, nicht wahr?" Der Rotbart verzog das Gesicht.

"Warum fragst du, wenn du es doch offenbar schon weißt!" Er spuckte und legte in diese Geste die abgrundtiefe Verachtung, die er empfand.

Bount warf dem Rotbart seinen Pass hin und dieser fing ihn auf.

"Patrick Gallagher... Vorausgesetzt dieser Pass hier ist auch wirklich echt."

"Was willst du von mir?"

Bount grinste.

"Ich dachte eigentlich, dass ich dieses Hotelzimmer gemietet hatte. Ich frage mich, was dich so aufgescheucht hat?" Bount zuckte mit den Schultern. "Ich schreibe einem Wirt die Adresse auf, unter der ich zu erreichen bin und schon taucht jemand bei mir auf, der mich mit einer Pistole ins jenseits blasen will!"

Bount hob die Waffe in die Höhe. Es war eine Walter PPK.

"Ich wollte dich nicht umbringen!", schnaubte Patrick Gallagher.

"Ach nein? Was macht man den üblicherweise mit so einem Ding hier? Du hast hier auf mich gewartet."

"Weil ich wissen wollte, was du von mir willst! Du wirst dich ja nicht ohne Grund nach mir erkundigt haben." Bount nickte. "Das ist allerdings richtig."

"Darf ich aufstehen?"

"Du bleibst, wo du bist!"

"Bin ich verhaftet? Ich werde nichts sagen, weder hier noch auf dem Revier."

"Du bist nicht verhaftet und ich bin kein Polizist!" Patrick zuckte mit den Achseln und machte eine wegwerfende Bewegung mit der Hand. "Polizei, Armee, Geheimdienst - ist doch alles dasselbe. Für mich gibt es da keinen Unterschied! Oder bist du einer von diesen verrückt gewordenen Protestanten, denen es Freude macht, auf Leute wie mich Jagd zu machen."

"Die Fragen stelle ich", erklärte Bount. "Ich suche einen Mann! Du interessierst mich nur, weil du ihn wahrscheinlich kennst!"

Patrick lachte heiser.

"Was du nicht sagst! Hätte ich mir ja fast denken können. Irgendwen sucht ihr doch immer."

Bount trat an Patrick heran und hielt ihm das Foto von Jack unter die Nase. Der Blick, den der Rotbart auf das Bild warf, war kaum länger als einen Sekundenbruchteil lang und doch lang genug.

"Du kennst ihn, nicht wahr?"

Er sagte nichts, sondern blickte zur Seite. Aber er hatte ihn wiedererkannt, das hatte sein Gesicht verraten.

"Wer soll das sein?", fragte er trotzdem überflüssigerweise.

"Jack McDowell. Du brauchst mir nichts vorzumachen. Ich weiß, dass du ihn kennst!"

Patrick Gallagher blickte auf.

"Und wenn? Was willst du von ihm?"

"Mit ihm reden!"

Er lachte. "Du lügst. Du willst ihn abknallen!" Bount überlegte. Es hatte wahrscheinlich gar keinen Sinn, ihm reinen Wein einzuschenken. Die Wahrheit musste in Patricks Ohren unwahrscheinlicher, als jedes Märchen klingen. Katholiken gegen Protestanten, Briten gegen Iren, das war seine Welt, in der er sich zurechtfand und in der er zu denken gewohnt war.

"Wo ist Jack jetzt?", fragte Bount.

Patrick kniff demonstrativ die Lippen aufeinander. Er würde nichts sagen, aber Bount war auf seine Hilfe auch nicht unbedingt angewiesen. Er konnte auch selbst zwei und zwei zusammenzählen. "Er ist bei dir untergekrochen, nicht wahr?"

"Red' keinen Unfug!"

"Zieh deinen Hosengürtel aus den Schlaufen!" Er schaute Bount völlig entgeistert an. "Was?"

"Du hast schon richtig verstanden. Nun mach schon!"



13

Eine feine Gegend war es nicht, durch die Bount zu dieser späten Stunde ging. Es war dunkel. Zu beiden Straßenseiten befanden die Schemen halbverfallener Hausfassaden, an denen schon seit Jahren nichts mehr getan worden war.

Ab und zu kam er an Pubs vorbei, in denen auch jetzt noch Leben war.

Angetrunkene torkelten durch die Nacht. Bount wich ihnen so gut es ging aus. Die Straßen, in die er kam, wurden immer enger. Manche waren mit Kopfsteinpflaster belegt. An den parkenden Autos war auffällig, dass manche von ihnen ihr Lenkrad mit dicken Metallketten gesichert hatten. Die Besitzer wussten sicher am besten weshalb.

Bount kannte seinen Weg einigermaßen. Er hatte ihn sich auf dem Stadtplan genau angesehen. Bei Nacht blieb die Orientierung dennoch nicht leicht. Patrick Gallaghers Adresse, das war Bounts Ziel. Er hatte sie Patricks Führerschein entnommen. Patrick hatte ihm zwar weismachen wollen, dass die Angaben nicht mehr stimmten, aber daran glaubte Bount nicht.

Jetzt lag der Rotbart wohlverschnürt in Bounts Hotelzimmer.

Es dauerte noch ein paar Minuten, dann hatte der Privatdetektiv den Häuserblock erreicht, in dem Patricks Wohnung zu finden sein musste. Es würde keine Schwierigkeit sein, dort hineinzugelangen. Schließlich hatte Bount Patrick auch Schlüssel abgenommen.

Er passierte die Haustür und ging eine knarrende Treppe hinauf. Patrick wohnte im Obergeschoss. Von der Straße aus hatte Bount gesehen, dass dort kein Licht mehr brannte. Bount stand wenig später auch vor der Wohnungstür. Er lauschte einen Augenblick. Nichts zu hören. Dann drehte er den Schlüssel herum und trat ein. Er machte Licht, nahm die Walter mit der Rechten und sah sich um. Es war niemand da.

Die Wohnung bestand aus drei Zimmern, von denen zwei kaum mehr als bessere Abstellkammern waren. Im eigentlichen Wohnraum lag eine Luftmatratze auf der Erde. Daneben eine halb ausgeräumte Reisetasche.

Bount steckte die Walter in den Hosenbund und sah sich einige der Kleidungstücke an, die sich in der Tasche befanden. Es waren Etiketten von New Yorker Geschäften darunter.

Bount war also an der richtigen Adresse.

Er hätte sich gerne noch weiter umgesehen, aber in diesem Augenblick hörte er ein Geräusch an der Tür. Jemand betrat die Wohnung.

Bount warf einen kurzen Blick aus dem Fenster. Es war kein Wagen vorgefahren. Aber auch dort draußen in der Nacht bewegte sich etwas.

Eine ganze Sekunde verstrich, bis Bount begriff, dass es mindestens zwei, vielleicht sogar drei waren, die in die Wohnung gekommen waren.

Er zog die Walter aus dem Hosenbund und fast im selben Moment sah er zwei Kerle in den Raum stürzen.

"Waffe fallen lassen! Polizei!"

Bount hatte nicht einmal den Bruchteil einer Sekunde, um zu entscheiden, was er tun sollte. Aber er sah schnell ein, dass es sinnlos war, sich zu wehren. Er konnte sich mit diesen Männern reine kurze Schießerei liefern - bis das Magazin der Walter-Pistole leergeschossen war. Aber dann blieb ihm nur das Fenster als Fluchtmöglichkeit. Und Bount hatte keine Lust, sich den Hals zu brechen.

Also gehorchte er und ließ die Waffe fallen. Einen Augenblick später stand er mit gespreizten Beinen und erhobenen Händen an der Wand und ließ sich durchsuchen, während sich ein halbes Dutzend Beamter in Zivil in Patrick Gallaghers Wohnung umsahen.

"Wer sind Sie?", fragte ein runder, glatzköpfiger Mann, der es hier offenbar zu sagen hatte. Da Bount noch immer an der Wand stand, konnte er ihn nur aus den Augenwinkeln heraus sehen.

"Sie haben doch meinen Pass. Warum fragen Sie also?" Der Glatzkopf lächelte.

"Bount Reiniger, Amerikaner. Wahrscheinlich ein gefälschtes Dokument, genau wie diese Privatdetektivlizenz. Dafür verwette ich meine letzten Haare!"

"Kein besonders hoher Einsatz!", konterte Bount sarkastisch.

"Den Akzent machen Sie aber ganz passabel nach, Mister."

"Die Dokumente sagen die Wahrheit. Ich bin wirklich Bount Reiniger..."

"...und Privatdetektiv. Natürlich. Und ich bin der Kaiser von China. Drehen Sie sich um und strecken Sie die Hände aus!"

Was blieb Bount schon anderes übrig als zu gehorchen?

Er wusste, was geschehen würde. Es machte 'klick!' und dann hatte er ein paar Handschellen angelegt bekommen. Der Glatzkopf lächelte triumphierend. Aus irgendeinem Grund war dieser Augenblick ihm eine Genugtuung. Und Bount konnte sich auch denken warum.

"Sie verwechseln mich", erklärte er.

"Das sagt ihr doch immer!"

"Ein Telefonat nach New York und Sie werden wie ein begossener Pudel dastehen!"

Der Glatzkopf grinste. "Ich weiß, dass die IRA auch auf der anderen Seite des großen Teichs ihre Leute hat! Vor allem solche, die bei reich gewordenen Auswanderern Geld einsammeln!"

"Rufen Sie bei der New Yorker Polizei an. Erkundigen Sie sich nach der Lizenz und..."

"Machen wir alles, Mister Wie-auch-immer-Sie-heißen-mögen!" In seinen Augen blitzte es. "Ich glaube Ihnen sofort, dass Ihre Legende absolut perfekt ist, aber ich verhafte Sie trotzdem. Wir haben lange genug auf Sie gewartet!"

Bount runzelte die Stirn.

"Dies ist die Wohnung von Patrick Gallagher, nicht meine!"

"Ich weiß, Reiniger. Patrick Gallagher hätten wir schon vor längerer Zeit haben können. Er gehört zur IRA, das wissen wir. Und wahrscheinlich ist er auch an der einen oder anderen Sache beteiligt gewesen. Aber er ist kleines Rädchen. Ein Niemand. Der, den wir suchen, dass ist der Mann dahinter. Wir haben diese und ein paar andere Wohnungen wochenlang beobachten lassen..." Er zuckte die Achseln. "Irgendwann zahlt sich solide Arbeit eben aus, Mister Reiniger. Oder sollte ich Sie lieber Seamus nennen?"

"Seamus?"

"Tun Sie nicht so! Das ist doch der Deckname, unter dem Sie operieren!" Er grinste von einem Ohr zum anderen.

"Ein richtig schön irisch-katholischer Name. Wie passend. Aber vielleicht werden Sie uns ja noch verraten, wie Ihre Mutter Sie genannt hat." Einer der anderen Männer kam heran und zeigte dem Glatzkopf die Pistole. Sie war inzwischen schön säuberlich in ein Plastiktütchen gesteckt worden.

"Was gefunden?", fragte der Glatzkopf.

"Fingerabdrücke. Die Seriennummer war abgefeilt."

"Typisch. Aber wir werden trotzdem herausfinden, wo und wann diese Waffe schon einmal benutzt wurde." Er wandte sich an Bount. "Diese Walter hier wird Ihnen das Genick brechen, Reiniger oder Seamus oder wer immer Sie sind! Es würde mich nicht wundern, wenn mit diesem Eisen hier schon ein paar Morde verübt wurden."



14

Bount wurde abgeführt. Die anderen Bewohner des Hauses hatten den Krach gehört und standen im Treppenhaus.

Der Glatzkopf versuchte die Gaffer ziemlich barsch auseinanderzuscheuchen, aber ohne großen Erfolg. Als sie dann wenig später im Freien waren, sah Bount, dass ein Wagen vorgefahren war. Er wurde auf die Hinterbank gesetzt, jeweils links und rechts von einem Beamten flankiert.

Vorne, auf dem Beifahrersitz saß der Glatzkopf und lächelte zufrieden. Irgendjemand warf einen Stein auf den Wagen, der keinen größeren Schaden anrichtete. Der Fahrer hupte. Einige Gestalten liefen in der Dunkelheit davon.

"Nun machen Sie schon, dass wir hier wegkommen!", schimpfte der Glatzkopf den Fahrer an, dessen Gesicht eine nervöse Maske geworden war. Es war unverkennbar, dass hier für diese Männer so etwas wie Feindesland war. Mit quietschenden Reifen ging es durch die engen, dunklen Straßen, die schließlich wieder breiter wurden.

"Sie haben Glück, dass es Gesetze gibt, Seamus!", sagte der Glatzkopf während der Fahrt an Reiniger gerichtet.

"Wissen Sie was man eigentlich mit Leuten wie Ihnen tun sollte?"

Bount antwortete nicht.

Er spürte den tiefsitzenden Hass in der Stimme anderen. Da war jede Erwiderung vergeudet. "Jemandem wie Ihnen sollte man etwas von Ihrem eigenen Sprengstoff um den Hals hängen!" Er wandte sich nach rückwärts und verzog das Gesicht. "Na, wie würde Ihnen das schmecken?" Er erwartete nicht, dass Bount etwas dazu sagte. "Mein Bruder war in der Royal Army", sagte er dann in einem etwas anderen Tonfall. Seine Stimme war belegt. "Ein Jahr in Nordirland, das geht schnell vorüber, hat er gedacht. Und dann hat einer von deinen Freunden ihn kaltblütig abgeschossen. Aus dem Hinterhalt. Er hatte nicht den Hauch einer Chance. Er stand einfach nur vor einer Imbissbude und trug seine Uniform!"

"Das tut mir Leid", sagte Bount.

Der Glatzkopf zeigte die Zähne.

"So, tut es? Was Sie nicht sagen!"

"Das ist ehrlich gemeint."

"Was ist das? Eine neue Taktik?" Er lachte rau.

"Sie sollten mir glauben, dass ich kein IRA-Mann bin!" Der Glatzkopf machte eine wegwerfende Geste. "Wenn Sie wollen, dass ich Ihnen glaube, müssen Sie sich eine bessere Story zurechtlegen, Reiniger!"

"Sie glauben wohl nur, das, was in ihr Schema hinein paßt, was?" Bount hob die Augenbrauen. "Wäre ja auch zu traurig für Sie, wenn sich herausstellen würde, dass Sie sich geirrt haben!"

Der Glatzkopf nahm ungerührt den Hörer vom Autotelefon und wählte eine Nummer. "John, bist du es? Sieh mal zu, dass du einen Haftrichter auftreiben kannst! Was?" Eine kurze Pause. "Na, dann hol jemanden aus dem Bett, wenn es sein muss! Dieser Seamus ist uns in die Arme gelaufen. Das rechtfertigt alles!" Er legte auf und wandte sich noch einmal zu Bount Reiniger herum. "So schnell wird man Sie nicht aus dem Loch herauslassen, darauf können Sie Gift nehmen!"

Den Rest des Weges herrschte eisiges Schweigen.



15

Jack stand in der Dunkelheit und beobachtete von einer Hausecke aus den kleinen Auflauf, der vor jenem Haus entstanden war, in dem Patrick Gallagher seine Wohnung hatte.

Instinktiv war er stehen geblieben und hatte abgewartet. Er sah, wie jemand verhaftet worden war. Oben, in Patricks Wohnung brannte Licht. Es waren Schatten zu sehen, Schatten, die sich bewegten. Er konnte sich keinen wirklichen Reim darauf machen, aber es war ihm klar, dass er nicht dorthin zurück konnte.

Sie hatten Patrick, das schien ihm die einleuchtendste Lösung zu sein. Wahrscheinlich war Patricks Lichtbild schon lange in den Akten und jetzt hatten sie ihn gekriegt. Verdammt! Er fluchte innerlich.

Aber was sollte er tun? Er hatte nicht einmal mehr den Inhalt seiner Reisetasche. Die Sachen konnte er vergessen. Patricks Wohnung würde man vermutlich über längere Zeit hinweg beobachten. Es war eine verfahrene Situation. Patrick war seine Verbindung zur IRA gewesen. Er hatte ihm vertraut und er war drauf und dran gewesen, wirklich in die Organisation hineinzukommen.

Jack presste sich in den Schatten, als plötzlich der Wagen vorbeibrauste. Er versuchte, etwas zu erkennen, aber das war diesen Lichtverhältnissen unmöglich.

Wohin?, fragte er sich. In den Falls Road Inn. Wenn man ihm irgendwo weiterhelfen konnte, dann dort. Und vielleicht würde er bald schon dringend Hilfe brauchen. Wenn die Wohnung nämlich schon länger unter Beobachtung gestanden hatte, dann hatten sie auch ihn im Visier.

Zehn Minuten später war er im Falls Road Inn. Er wandte sich an Conn, den Wirt, von dem er wusste, dass er ihm trauen konnte

Als er ihm erzählte, was er gesehen hatte, runzelte Conn die Stirn.

"Patrick verhaftet?"

"Ich war dabei!"

Der Wirt schüttelte den Kopf.

"Du musst dich irren, Jack! Patrick sitzt im Hinterzimmer."

"Was?" Jack verstand die Welt nicht mehr. Der Wirt bewegte den Kopf zur Seite. "Du kannst zu ihm gehen und mit ihm sprechen, wenn du willst. Du kennst ja den Weg."

Jack nickte. Er blickte sich sorgfältig um und verschwand dann durch die Hintertür aus dem Schankraum. Ein enger Flur führte zur Küche, zu den Toiletten und zum Nebenraum.

Jack drückte die Klinke herunter. Die Tür war abgeschlossen.

"Patrick? Mach auf, ich bin's!"

Eine Antwort bekam Jack nicht. Einen quälenden Augenblick lang geschah gar nichts, dann wurde die Tür aufgeschlossen und einen Spalt geöffnet.

"Komm rein", sagte Patrick.

"Ich verstehe das nicht! Ich dachte, du wärst verhaftet! Sie waren in deiner Wohnung."

Patrick zuckte mit den Achseln. "Habe ich es mir doch gedacht, dass sie dort auch auftauchen."

"Was bedeutet das alles?"

"Das möchte ich auch gerne wissen!" Patricks Blick war sehr ernst und Jack fühlte sich auf einmal unwohl. "Ich habe versucht, dem Kerl, der nach mir herumgefragt hat, mal auf den Zahn zu fühlen. In seinem Hotel hatte er sich als Bount Reiniger eingetragen - mag das nun sein wirklicher Name sein oder nicht."

"Und?"

"Er hat mich überwältigt und mir dann ein Foto unter die Nase gehalten. Rat mal, wer darauf zu sehen war?"

"Keine Ahnung!"

"Es war ein Bild von dir, Jack! Und er kannte auch deinen Namen!"

"Oh, mein Gott!"

"Irgendetwas musst du auf dem Kerbholz haben!"

"Ich weiß es nicht! Ich habe keine Ahnung!" Patrick sah ihn prüfend an. Es war schwer zu sagen, was hinter seiner Stirn jetzt vor sich ging. "Wir müssen jedenfalls hier weg. Sofort!"

"Und wohin?"

"Vertraust du mir?"

Jack zuckte mit den Schultern. "Was bleibt mir anderes?"

"Ich weiß schon wohin, Jack. Verlass dich auf mich." Dann klopfte er ihm freundschaftlich auf die Schulter. "Du hast Glück gehabt, dass sie dich nicht auch hops genommen haben!"



16

Der Raum war kahl und fensterlos. Ein Tisch, ein Stuhl und eine grelle Lampe. Der Glatzkopf wollte es sich nicht nehmen lassen, Bount Reiniger persönlich in die Mangel zu nehmen. Wahrscheinlich war er heiß auf eine Beförderung und wenn er in seinem Alter noch höher hinaus wollte, dann musste er sich auch ziemlich anstrengen.

Dutzende von Fotos hatte man Bount vorgelegt. Von Patrick, seiner Wohnung, seinen Freunden... Jack Keogh war auch auf einigen zu sehen.

Bount vermutete, dass es der Hauptzweck dieser Übung war, ihm klarzumachen, dass die andere ohnehin bereits alles wusste und es daher besser war, kooperativ zu sein. Was seine Identität anging, so versuchte Bount es einfach mit der Wahrheit, fand damit aber nicht viel Anklang.

"Vorausgesetzt, diese komische Privatdetektiv-Story, die Sie mir da verkaufen wollen, stimmt...", begann der Glatzkopf nach einer längeren Pause gedehnt. "Was suchen Sie dann in Belfast?"

"Ich suche einen Mann", erklärt Bount. "Eigentlich ist er noch mehr ein grüner Junge. Sein Vater macht sich Sorgen um ihn und ich soll ihn zurückholen."

"Wer ist der, den Sie suchen? Wie heißt er? Ist es einer der Männer auf den Fotos?"

Aber da schüttelte Bount energisch den Kopf. "Sorry, aber darüber werde ich Ihnen nichts sagen."

"...weil es nichts weiter als eine Lügengeschichte ist!"

"Nein, weil ich meinen guten Ruf als Detektiv verlieren würde, wenn sich herumspricht, dass ich ein Plappermaul bin, das nicht in der Lage ist, Diskretion zu wahren!" Die Augen des Glatzkopfs wurden zu schmalen Schlitzen. "Ihren Auftraggeber werden Sie dann wohl auch nicht preisgeben!"

"So ist es!"

Der Glatzkopf beugte sich blitzschnell über den Tisch und packte Bount rau am Kragen. "Ich glaube Ihnen nicht! Und ich lasse verdammt noch mal nicht gerne Katz und Maus mit mir spielen! Sie spielen auf dünnem Eis, Reiniger!"

"Sie vielleicht aber auch!"

Der Glatzkopf ließ Bount los und atmete tief durch. Bount hielt die Hände etwas höher.

"Sie könnten mir wenigstens die Handschellen abnehmen", meinte er.

Aber der Glatzkopf schüttelte den Kopf. "Das Risiko werde ich nicht eingehen."

"Das Risiko, sich völlig lächerlich zu machen, scheint Ihnen weit weniger Kopfzerbrechen zu bereiten", konterte der Privatdetektiv.

"Hüten Sie Ihre Zunge, Reiniger! Sie stecken viel tiefer drin, als Ihnen vielleicht bewusst ist! Wenn sich herausstellen sollte, dass mit der Walter PPK, die Sie bei sich hatten, irgendjemand umgelegt wurde, dann wird man Sie dafür zur Rechenschaft ziehen."

"Ich habe die Waffe von Patrick Gallagher und..."

"Gallagher kriegen wir auch noch."

"Sie können ihn haben, vorausgesetzt, er hat sich nicht inzwischen selbst befreit. Ich hatte nur seinen Hosengürtel, um ihn zu fesseln!" Bount klimperte mit den Handschellen.

"Nicht so etwas wie das hier!"

"Versuchen Sie nicht, mich für dumm zu verkaufen, Reiniger!"

"Würde mir nie einfallen. Wie wär's, wenn Sie einfach mal jemanden dort hinschicken, um das Ganze zu überprüfen. Haben Sie übrigens schon in New York angerufen?"

"Guter Mann, wissen Sie, welche Uhrzeit dort im Augenblick ist? Außerdem würde es in meinen Augen auch kaum etwas beweisen, wenn man Sie dort kennt, das sagte ich Ihnen ja schon. Für mich sind Sie der mysteriöse Seamus."

Grimmig dachte Bount daran, dass Jack Keogh alias Jack McDowell inzwischen vielleicht schon über alle Berge war. Die Überraschungsaktion in Patrick Gallaghers Wohnung würde sich rasch herumsprechen. Und je nachdem, wie tief Jack schon im IRA-Sumpf drinsteckte, würden seine Gesinnungsgenossen ihm auch dabei helfen unterzutauchen.

Ich muss hier heraus!, durchzuckte es Bount. Er konnte nicht darauf warten, bis sich alles aufgeklärt hatte. Die Mühlen hier mahlten einfach zu langsam. Bis dahin war Jacks Spur vielleicht schon sehr, sehr kalt geworden. Das Telefon klingelte und der Glatzkopf nahm ab. "Hier O'Kelly!", meldete er sich und dann gab er fürs Erste außer ein paar unbestimmten Brummlauten nichts mehr von sich. Schon daran konnte Bount erkennen, dass auf der anderen Seite der Leitung jemand war, der weit über dem Glatzkopf stand. Nachdem dieser aufgelegt hatte, knurrte er: "Sie werden jetzt gleich dem Haftrichter vorgeführt!"



17

Zwei Uniformierte nahmen Bount in ihre Mitte und führten ihn ab. Es ging durch enge Flure. O'Kelly, der Glatzkopf, kam hinter der Dreiergruppe hergehechelt. Er war nicht zufrieden, das war unübersehbar. Er ist zu ungeduldig, dachte Bount. Wahrscheinlich ist das sein Hauptfehler. Und wahrscheinlich wird er deshalb auch weder den echten Seamus fangen, noch höher hinaufsteigen auf der Karriereleiter.

Schließlich blieben sie vor einer Zimmertür stehen.

"Einen Moment!", sagte O'Kelly. "Ich möchte einen Augenblick allein mit dem Richter sprechen." Er klopfte kurz und trat ein.

Bount konnte einen kurzen Blick auf den Haftrichter werfen. Es war eine gutaussehende Frau in den reiferen Jahren, aber sie schien alles andere als begeistert darüber zu sein, dass man sie um diese Zeit herbeigeholt hatte. Bount fühlte, wie die beiden Wachen ihren Griff unwillkürlich lockerten, mit dem sie den Privatdetektiv an den Oberarmen hielten.

Einer von ihnen grinste Bount grimassenhaft an. Der anderer warf einen Blick aus den Fenstern hinaus in die Nacht.

Jetzt oder nie!, durchzuckte es Bount, während er blitzartig den Ellbogen hochfliegen ließ und ihn seinem rechten Bewacher mitten ins Gesicht rammte, so dass er ächzend zurücktaumelte.

Der andere griff nach der Waffe, aber Bount war schneller.

Er zog ihn mit seinen zusammengeketteten Händen zu sich heran und rammte ihm das angewinkelte Knie in den Magen. Mit einem unterdrückten Stöhnen sank er nieder. Bount wusste, dass er nicht länger als einen Augenaufschlag Zeit hätte.

Er machte zwei ausholende Schritte und dann einen Satz durch eines der niedrigen Fenster. Glas splitterte. Bount kam hart auf dem Boden auf und rollte sich herum. Aber eine Sekunde später kam er schon wieder auf die Beine und setzte zum Spurt an.

"Stehen bleiben, oder wir schießen!", hörte er hinter sich eine Männerstimme rufen. Aber Bount blieb nicht stehen. Er lief weiter. Seine Beine bewegten sich wie automatisch. Dann krachte ein Schuss.

Bount tauchte mit einem Hechtsprung hinter einen abgestellten Streifenwagen, während eine Kugel dessen Seitenscheibe zertrümmerte. Überall gingen jetzt Lichter an. Bount kam wieder hoch und rannte weiter. Schüsse peitschten durch die Nacht und Scheinwerfer suchten nach ihm.

Der weiträumige Innenhof, auf dem er sich befand, bot außer ein paar abgestellten Wagen nicht viel Deckung. Bount rannte in die Dunkelheit hinein und versuchte, sich seitwärts zu halten, während gleichzeitig überall Tumult entstand.

Bei einem Müllcontainer stoppte er und sondierte kurz die Lage.

Die Lichtkegel gingen über den Asphalt. Bount duckte sich. Er kauerte bei dem Container nieder.

"Kommen Sie raus, Reiniger! Sie haben keine Chance!", rief O'Kelly, der inzwischen auch herausgerannt war. Er stand mit der Waffe in der Hand da und gestikulierte wild.

"Irgendwo dort hinten muss er stecken!", hörte man jemanden rufen.

"Er sitzt in der Falle", murmelte O'Kelly, nicht zuletzt, um sich selbst zu beruhigen, denn seit ein paar Augenblicken war von dem Flüchtling nichts mehr zu sehen gewesen. Die Nacht hatte ihn verschluckt und jetzt, da überall das Licht angegangen war, musste er sich irgendwo in einer Ecke verkrochen haben.

Vielleicht hatte er sich bei den geparkten Wagen versteckt oder es war ihm in dem Tumult sogar gelungen, in einen Kofferraum zu steigen.

Aber er hatte keine Chance, das stand so fest, wie das Amen in der Kirche. Die Pforte war mit bewaffneten Posten gesichert. Dahinter kam ein zwei Meter hohes Metallgittertor. Dieser Innenhof war nichts anderes als ein Käfig, aus dem es unmöglich ein Entrinnen geben konnte!

O'Kelly redete sich das immer wieder ein.

"Ich schätze, er ist in den Westflügel geflüchtet und dann über die Feuerleiter abgehauen!", rief ihm einer der Männer resigniert zu.

"Ich dachte, ihr habt dort alles dichtgemacht!", schimpfte O'Kelly.

Schulterzucken.

"Wahrscheinlich waren wir nicht schnell genug! Wir können schließlich auch nicht hexen!"



18

Als der Morgen graute, hatten sie die Stadt längst hinter sich gelassen. Die Straße führte durch sanfte, grüne Hügel. Der gestohlene Austin, mit dem sie unterwegs waren, war ziemlich allein auf weiter Flur. Das Land schlief noch.

"Wohin fahren wir eigentlich?", fragte Jack.

"An einen Ort an dem wir erst einmal verschnaufen können!", erwiderte Patrick Gallagher, der am Steuer saß.

"Hier in der Gegend?"

"Ja. Ein einsames Cottage. Ich habe dort sonst öfter mal schießen geübt. Dort finden auch Treffen statt."

"Mit Seamus?"

Patrick stutzte einen Augenblick lang. Dann fragte er zurück: "Was interessiert dich denn so sehr an Seamus?" Jack zuckte mit den Schultern. "Du hast viel vom ihm erzählt."

"Soviel nun auch wieder nicht!"

"Er scheint so eine Art Held für dich zu sein zu sein!"

"Du übertreibst!"

"Ich würde ihn gerne kennenlernen..." Patrick wandte den Kopf und musterte Jack. Dafür, dass er gleichzeitig den Wagen lenkte, machte er das ziemlich lange.

"Vielleicht wird das bald möglich sein", murmelte er dann.

Das Cottage lag tatsächlich sehr einsam. Und vor allem war es so hinter Bäumen und Hügeln versteckt, dass man es erst sehen konnte, wenn man schon so gut wie dort war. Patrick stellte den Wagen ab und sie stiegen aus.

"Wir haben nichts mitnehmen können, aber hier haben wir alles, was wir brauchen. Sogar Waffen und Munition, wenn es mal hart auf hart kommt!" Dann wurde sein Gesicht auf einmal sehr ernst. Er sah Jack offen an. "Du bist noch nicht lange dabei. Vielleicht willst du jetzt lieber abspringen."

"Nein", sagte Jack sofort.

"Denk lieber noch eine Sekunde darüber nach! Ich habe keine Wahl mehr, Jack. Aber du..."

"Ich gehöre dazu, Patrick."

Patrick zuckte mit den Schultern. "Du musst wissen, was du tust."

"Ja, das weiß ich auch."

"Worüber ich immer noch nicht hinwegkomme ist die Geschichte mit diesem Reiniger. Vielleicht bist du gar nicht so grün, wie du immer tust!" Er zuckte mit den Schultern. Jack kniff die Augen ein wenig zusammen. Da war ein Unterton in Patricks Stimme, die ihm überhaupt nicht gefiel.

"Was meinst du damit?"

"Dieser Reiniger kann kein gewöhnlicher Cop sein. Und diese protestantischen Mordkommandos gehen anders vor... Wenn Reiniger - oder wie immer sein wirklicher Name sein mag - aus dieser Ecke käme, bräuchte er auch nicht in einem Hotel absteigen, sondern würde bei seinen Leuten unterkriechen."

"Und was ist deine Lösung Patrick? Ich sehe es dir doch an! Irgendetwas spukt doch in deinem Kopf herum!" Patrick machte eine unbestimmte Geste und wandte den Kopf zur Seite. Sein Blick ging nachdenklich über die Gras bewachsenen Hügel, über die ein sanfter Wind strich.

"Die einzig plausible Erklärung ist, dass es sich bei diesem Reiniger um einen Spezialagenten handelt. Ganz gleich aus welchem Grund, aber du scheinst nun einmal auf seiner Liste zu stehen. Und das heißt, dass du eine Gefahr für uns bist!"

Jack atmete tief durch. Dahin lief also der Hase!

"Ich verstehe", murmelte er.

"Wir werden dir natürlich helfen unterzutauchen, Jack."

"Und was schlägst du da vor?"

"Ein paar Tage bleiben wir hier. Und dann geht es mit dir ab über die Grenze in den Süden."

Jack schüttelte verzweifelt den Kopf. "Ich verstehe das einfach nicht! Wie kommt dieser Kerl an mein Foto!"

"Vielleicht bist du irgendwann mal zur falschen Zeit am falschen Ort aufgetaucht. So etwas passiert." Aber keiner von beiden glaubte wirklich an diese Erklärung.



19

Ein knarrendes Geräusch weckte Bount.

Es war lausig kalt und stockdunkel um ihn herum. Ein plötzlicher Ruck ließ ihn nach irgendetwas Festem suchen. Er war begraben von knisterndem Papier, durch das sich seine zusammengeketteten Arme hindurchbohrten, bis er auf kühles Metall stieß.

Meine erste Nacht in einem Müllcontainer, dachte Bount. Kein Quartier, das man weiterempfehlen konnte, aber in dieser Nacht hatte man ihm nicht viel Auswahl gelassen. Bount war auf seiner Flucht in einen der Container gestiegen und hatte sich in den Müll hineingegraben. Und dabei hatte er großes Glück gehabt, denn in diesem Container waren vorwiegend Schnipsel aus Reißwölfen, ausgediente Formulare und anderer Büromüll und keine übelriechenden Haushaltsreste. Die Reste einiger Pausenmahlzeiten waren allerdings auch dabei... Man hatte überall nach Bount gesucht und die Müllcontainer überprüft, aber nicht besonders tief in deren Inhalt gewühlt, da keiner der Männer noch wirklich daran geglaubt hatte, den Flüchtigen dort noch zu finden. Die Möglichkeit, dass er über die Feuerleiter des Westflügels vielleicht längst auf und davon war, hatte wie ein lähmendes Gift gewirkt. Und jetzt brachte man ihn freundlicherweise auch noch durch alle Sicherheitsbarrieren hindurch. Bount fand ein Rostloch in der Außenhaut. Draußen war es heller Tag. Er hörte die Motorengeräusche von vorbeifahrenden Autos. Die Müllcontainer wurden einer nach anderen an die Straße gestellt, damit die Müllabfuhr sie leeren konnte.

Bount hörte einige Männerstimmen, die sich schließlich entfernten.

Er wartete noch etwas, dann ruderte er sich mit den zusammengeketteten Händen nach oben und schob den Deckel beiseite. Nachdem er kurz die Lage sondiert hatte, kletterte er dann ins Freie. Ein Passant auf der anderen Straßenseite warf einen kurzen Blick zu ihm hinüber, ohne ihn weiter zu beachten. Wahrscheinlich hielt er den Kerl, der da aus dem Container kam, für einen Stadtstreicher. Bount schüttelte die Reißwolf-Schnipsel notdürftig von der Kleidung.

Die Hände steckte er in den Blousonärmeln zusammen, so dass man die Handschellen nicht gleich sehen konnte. Er ging einfach die Straße entlang.

Dann hielt plötzlich ein Bus neben ihm. Bount stieg ein. Es war eine günstige Zeit. Rush hour. Der Bus war zum Bersten voll und der Mann, der die Tickets kontrollierte, war mit seinem Job hoffnungslos im Rückstand.

Nach zwei Haltestellen stieg Bount aus und verschwand in einer Seitenstraße.



20

Als Bount sein Hotel erreichte, war es fast schon Mittag. Zuvor hatte er noch ein städtisches Parkhaus besucht und nach einiger Zeit einen Wagen gefunden, dessen Kofferraum nicht abgeschlossen war und außerdem noch einen Werkzeugkasten enthielt, mit dessen Hilfe er sich von den Handschellen befreien konnte.

Ein Parkhaus war ein guter Ort für so etwas.

Wer achtete schon auf jemanden, der im Kofferraum seines Wagens herumhantierte? Den Wagen kurzzuschließen und mitzunehmen kam nicht in Frage. Den Inhalt von Bounts Taschen hatte man ihm nach der Verhaftung abgenommen und so konnte er die Parkgebühren nicht bezahlen.

Daher ging er zu Fuß.

Beim Verhör hatte man ihn nicht danach gefragt, wo in Belfast er wohnte und deshalb konnte Bount es wagen, in seinem Hotel noch einmal aufzutauchen.

Bount verlangte seinen Schlüssel und der Pakistani legte ihn auf den Tresen.

"Ich hatte Ihnen noch ein Päckchen für den Hotelsafe gegeben."

"Soll ich es Ihnen herausholen?"

Bount nickte. "Ja."

Das Päckchen enthielt Geld und Kreditkarten. Bount bezahlte seine Rechnung und meinte dann: "Was ist mit meinem Besucher dort oben? Ist er schon gegangen?" Der Pakistani wusste sofort, wovon Bount sprach. Er nickte nach einigem Zögern. "Ja."

Bount verzog das Gesicht. Er hatte damit gerechnet. Patrick Gallagher hatte ja schließlich auch genug Zeit dazu gehabt, sich selbst zu befreien. Ein Ledergürtel war eben kein Paar Handschellen.

"Wann war das?"

"Ich weiß nicht mehr genau. Irgendwann gestern Abend schon."

Das war keine gute Nachricht.

Bount hatte gehofft, dass Gallaghers Vorsprung nicht so groß war. Denn eines lag auf der Hand: Durch O'Kellys Polizeiaktion war die ganze Bande im Dunstkreis dieses mysteriösen Terroristen namens Seamus aufgeschreckt worden und würde versuchen, abzutauchen.

Und Jack Keogh würde mit ihnen abtauchen...

Bount wandte sich ab und ging hinauf, um seine Sachen zu holen. Er wusste, dass er nicht viel Zeit hatte, wenn Jack Keoghs Spur nicht völlig erkalten sollte. Aber gleichzeitig war er jetzt selbst ein Gejagter und musste entsprechend vorsichtig sein.



21

Patrick Gallagher packte die Waffe fester.

"Was ist los?", erkundigte sich Jack.

"Still, Jack!", zischte der andere und ging ans Fenster.

"Ein Wagen...", murmelte Jack und Patrick nickte.

"Ja."

"Wer kann das sein? Erwartest du hier draußen jemanden?"

"Nein."

Patrick lud seine Waffe durch, während der Wagen näher herankam. Es war ein Citroen. Einen Augenblick noch blieb Patrick Gallagher wie erstarrt am Fenster stehen, dann als der Wagen das Cottage schon fast erreicht hatte, entspannte sich seine Körperhaltung leicht. Der Citroen hielt an. Vier Männer stiegen aus, alle einfach und unauffällig gekleidet. Einer von ihnen war ein junger Kerl, so alt wie Jack vielleicht. Zwei andere waren in den mittleren Jahren. Der, der seinem Auftreten nach unzweifelhaft der Boss war, war ein grauhaariger, hagerer Mann. Über Patricks Gesicht ging ein breites Grinsen. Er wandte sich zu Jack um und steckte die Pistole in den Hosenbund.

Jack hob indessen die Augenbrauen.

"Sind das unsere Leute?"

"Ja, Jack. Du warst doch so scharf darauf, Seamus kennenzulernen." Er lachte. "Sieht ganz so aus, als hättest du gleich Gelegenheit dazu." Patrick ging zur Tür, öffnete sie und trat hinaus. Jack folgte ihm, blieb aber etwas abseits.

Patrick wurde freundlich begrüßt. Der Grauhaarige musterte Jack nachdenklich. Seine Augen waren eisgrau.

"Du bist Jack McDowell, der Neue, nicht wahr?" Jack nickte.

"Ja."

Er trat an Jack heran und gab ihm die Hand. "Ich bin Seamus", sagte er.

"Patrick hat mir viel von dir erzählt." Seamus hob die Augenbrauen. "Ach, ja?" In seiner Stimme lag eine gehörige Portion Feindseligkeit und Misstrauen. Aber war das wirklich ein Wunder, wenn man ein Leben wie Seamus führte.

Jack machte sich nicht viel daraus.

Seamus wandte sich an Patrick. "In deiner Wohnung hat man irgendeinen armen Teufel verhaftet!" Seamus schüttelte den Kopf. "Die müssen deine Wohnung schon wochenlang beobachtet haben, um auf einen günstigen Augenblick zu warten."

Patrick wirkte nachdenklich. "Langsam verstehe ich..." Jack, der stumm zugehört hatte, fragte sich, wie es kam, dass Seamus so gut informiert war.

Aber wenn auf der andere Seite versucht wurde, verdeckte Ermittler in die IRA einzuschleusen, dann war anzunehmen, umgekehrt die IRA auch ihre Leute bei den Sicherheitsorganen hatte.

"Gehen wir ins Haus!", sagte Patrick.

Seamus winkte ihn jedoch zu sich heran.

"Ich muss dich einen Moment sprechen. Und zwar allein." Er gab den Männern, die mit ihm gekommen waren, ein Zeichen. Sie gingen dann mit Jack in das Cottage. Patrick runzelte die Stirn.

"Was gibt es?"

"Komm", sagte Seamus. "Wir gehen ein Stück." Sie gingen schweigend durch das hohe, grüne Gras, das der Wind sanft in seine Richtung zwang.

Nach einer Weile fragte Patrick: "Was wird aus der Sache mit dem Richter?"

In Seamus' Gesicht zuckte ein Muskel. "Die Operation wird durchgezogen. Es gibt keinen Grund, sie abzublasen."

"Okay", meinte Patrick, aber er missverstand den anderen.

"Du und deine Leute, ihr habt mit der Sache allerdings nichts mehr zu tun!"

"Ich verstehe nicht..."

"Du bist sozusagen verbrannt, Patrick! Du solltest in den Süden gehen, um dort eine Weile zu überwintern. Sonst gefährdest du die Sache."

Patrick atmete tief durch und nickte dann. "Na, gut! Wahrscheinlich hast du recht!"

"Konntest du die anderen aus deiner Gruppe warnen? Wenn man dir auf den Fersen ist, dann wird man sicher auch die anderen bald unter die Lupe nehmen."

"Das übernimmt Conn, der Wirt vom Falls Road Inn!" Als sie den Kamm eines Hügels erreicht hatten, blieb Seamus plötzlich stehen. Sein Blick ging zurück zum Cottage. Seine Züge wirkten dabei sehr ernst.

"Da ist noch etwas anderes", murmelte er.

"Nur raus damit!"

"Bei deiner Gruppe muss ein Verräter sein, Patrick!" Patrick wurde bleich und schluckte. "Was?"

"Ja, du hast völlig richtig verstanden. Und dreimal darfst du raten, wer dafür wohl am ehesten in Frage kommt!" Patrick begriff sofort.

"Du meinst Jack McDowell, den Neuen, nicht wahr?"

"Ja, genau. Wer sonst sollte wohl die andere Seite auf deine Spur gelenkt haben, Patrick?"

"Die haben mich doch schon seit langem in den Akten." Seamus lachte rau. "Wenn die es wirklich auf dich abgesehen gehabt hätten, hätten sie doch viel früher zuschlagen können. Nein, die wollen mich, Patrick. Und zwar schon seit Jahren. Sie wissen so gut wie nichts von mir. Sie haben kein Foto und auch keine Fingerabdrücke. Sie wissen nur, dass ich existiere und dass ich gefährlich für sie bin."

"Da fällt mir etwas ein...", sagte Patrick nachdenklich,

"Jack hat mir immer wieder Fragen über dich gestellt. Er konnte es gar nicht abwarten, dich kennenzulernen!" Er zuckte mit den Schultern. "Ich habe gar nicht so darauf geachtet, aber jetzt bekommt alles natürlich einen anderen Zusammenhang."

Seamus nickte. Dann fragte er: "Was hast du ihm über die Operation gesagt?"

"Nur, dass etwas bevorsteht und dass es um einen Richter geht!"

"Richter gibt es viele. Sie können sie nicht alle rund um die Uhr bewachen lassen. Wenn er wirklich noch nicht mehr weiß, hält sich der Schaden vielleicht noch in Grenzen."

"Er weiß nicht mehr!", bestätigte Patrick eilfertig und im Brustton absoluter Überzeugung.

"Trotzdem", meinte Seamus. "Wir müssen ihn kaltstellen."

Patrick atmete tief durch. "Jetzt gleich?", erkundigte er sich und schluckte dabei.

"Nein", sagte Seamus. "Bevor wir ihn umbringen, müssen wir erst aus ihm herausgequetscht haben, was er weiß und was er davon verraten hat!" Das leuchtete Patrick Gallagher ein.

Dennoch - es fiel ihm nicht leicht, daran zu glauben, dass Jack McDowell ein eingeschleuster Under-Cover-Ermittler war. Seamus legte ihm verständnisvoll eine Hand auf die Schulter. "So etwas passiert immer wieder, Patrick. Damit muss man fertig werden."

"Ja, wahrscheinlich hast du recht. Aber da ist eine Sache, die ich einfach nicht damit verbinden kann." Patrick erzählte Seamus von seinem Zusammentreffen mit Reiniger. "Wenn jemand auf mich wie ein Under-CoverAgent wirkt, dann dieser Mann", fuhr er dann fort. "Dieser Reiniger war hinter Jack her, das steht fest. Er hatte ein Foto von ihm!" Patrick machte eine hilflose Geste. "Warum sollte dieser Kerl seine eigenen Leute jagen?" Über Seamus' Gesicht ging ein mattes, überlegenes Lächeln.

"Alles Tarnung. Wahrscheinlich sollte damit nur Jacks Legende überzeugender gemacht werden."

"Ich habe ihm vertraut", presste Patrick kaum hörbar über die Lippen.



22

Vom Hotel aus ließ Bount Reiniger sich per Taxi zu einem Gebrauchtwagenhändler fahren. Er musste fast den doppelten Preis bezahlen, damit dieser ihm einen Ford überließ, ohne nach irgendwelchen Papieren zu fragen. Sein nächster Weg führte Bount dann noch einmal zu Patrick Gallaghers Wohnung. Er wusste, dass es riskant war dort, noch einmal aufzutauchen, aber er wusste auch, dass es seine einzige Chance war, irgendeine Spur zu finden, die zu Jack Keogh führte.

Er stellte den Ford sicherheitshalber in einer benachbarten Straße ab und ging das kurze Stück zu Fuß. Wenn die Wohnung weiterhin beobachtet wurde, hatte er Pech gehabt. Aber Bount rechnete anders.

Schließlich hielt man ihn jetzt für Seamus und erwartete sicher, dass er sich so schnell wie möglich aus dem Staub machte. Und dass Patrick so dumm war, hier noch einmal aufzutauchen, damit konnte niemand rechnen. Vermutlich war die Wohnung von der Spurensicherung auf den Kopf gestellt worden. Wenn O'Kellys Truppe sich damit nicht allzu sehr Zeit gelassen hatten, mussten sie längst fertig sein. Bount hoffte nur, dass sie noch etwas für ihn übriggelassen hatten...

Die Haustür stand offen. Bount lief die Treppe hinauf und befand sich wenig später vor Patricks Wohnungstür. Das Polizeisiegel war unübersehbar. Mit einem Stück Draht öffnete Bount das Schloss und betrat die Wohnung. Alles war durcheinandergewühlt. O'Kellys Leute schienen ganze Arbeit geleistet zu haben.

Bount ging von einem Zimmer zum anderen. Die Türen der Schränke und alle Schubladen standen offen. Der Inhalt zum Teil ausgeleert. Bount fand nichts, von dem er glaubte, dass es ihm weiterhelfen konnte. Nichts, das ihm irgendeinen Hinweis darauf gab, wo Patrick Gallagher und Jack Keogh untergetaucht waren.

Bount war beinahe schon versucht, das Spiel verloren zu geben, als er schließlich an den Kleiderschrank kam. Es war nicht viel, was dort hing. Ein paar Hosen und Pullover, ein kariertes Hemd sowie ein abgewetzter Parka. Auf dem Boden standen Schuhe.

Ein paar Gummistiefel ließen Bount stutzen. Er hob sie auf und sah sie sich von unten an. Sie hatten ein grobes Profil, das voll von getrocknetem Schlamm war. Das Haus hatte keinen Garten, also stellte sich die Frage, wo Patrick diese Stiefel benutzt hatte. Von den Straßen Belfasts kam der Schlamm sicher nicht.

Vielleicht war Patrick ja regelmäßig hinaus aufs Land gefahren, zu irgendeinem einsamen Treffpunkt. Irgendein Cottage, ein kleines Landhaus, in dem man Waffen, Munition, Sprengstoff und dergleichen lagern konnte. Vielleicht auch ein Ort zum Untertauchen. Bount stellte die Stiefel zurück.

Selbst wenn es so war - um alle Cottages im Umkreis von hundert Kilometern um Belfast abzusuchen, die für so etwas in Frage kamen, brauchte man eine ganze Armee!

Bount wandte sich um und erstarrte, als er in den blanken Pistolenlauf blickte. Er sah ein paar dunkle Augen, die zu einem feingeschnittenen, hübschen Gesicht gehörten. Die junge Frau hielt ihre Waffe mit beiden Händen, während sie sich mit einer abrupten Kopfbewegung eine Strähne ihrer vollen, rostbraunen Mähne aus dem Gesicht schüttelte. Sie war eine echte Schönheit.

"Wer bist du?", fragte sie. "Und was machst du hier?" Bount blieb gelassen. "Das sind zwei Fragen auf einmal. Ein bisschen viel, findest du nicht?"

"Ich rate dir: Mach keine Mätzchen!"

"Das würde ich nie wagen!"

"Glaub Sie ja nicht, dass ich nicht abdrücke, wenn es sein muss!"

Bount hob die Augenbrauen und zuckte mit den Achseln.

"Ich glaube dir, dass du dein Schießeisen auch gebrauchst. Hauptsache, du verletzt dich nicht selbst damit!" Er sah, wie ihr die Zornesröte ins Gesicht stieg. Sie kam ein paar Schritte heran. "Was machst du in dieser Wohnung?"

"Dasselbe könnte ich dich fragen!"

"Du bist keiner von Patricks Freunden!"

"Dafür bin ich ein Freund von Seamus." Es war gewissermaßen ein Schuss aus der Hüfte gewesen, den Bount da auf die rostbraune Schönheit abgefeuert hatte aber einer, der gesessen hatte. Bount musste irgendein Zauberwort getroffen zu haben, jedenfalls ließ sie die Waffe sinken. Er sah ihr an, dass er sie tatsächlich verunsichert hatte. Und das war genau der richtige Moment, um den nächsten Pfeil abzuschießen möglichst noch, bevor sie sich von dem ersten richtig erholt hatte.

"Wo ist Patrick?"

"Ich weiß es nicht."

"Vielleicht im Cottage?"

"Was für ein Cottage! Wovon sprichst du überhaupt?"

"Weißt du wirklich nicht, was ich meine, oder tust du nur so?" Bount hatte sich bemüht, einen vertraulichen Ton in seine Stimme hineinzulegen.

"Du kennst es?", fragte sie.

"Ich war noch nie dort." Sie brauchte eine Sekunde, um das zusammenzubringen. Dann entspannten sich ihre Gesichtszüge und der Hauch eines Lächelns spielte um ihre Lippen. "Du bist auf der Flucht, stimmt's?"

"Sieht man mir das an? Ich gebe zu, die letzte Nacht habe ich in einem Müllcontainer verbracht!" Sie zuckte mit den Schultern. "Patrick hat oft Leuten geholfen, die auf den Fahndungslisten standen... Ich habe keine Ahnung, wo er jetzt ist."

"Weißt du, wo das Cottage liegt? Patrick meinte, ich könnte dort für eine Weile untertauchen."

Sie musterte ihn. Dann nickte sie, so als hätte sie eine Entscheidung gefällt. "Hast du einen Wagen?"

"Ja."

"Das ist gut. Wir werden zusammen fahren." Sie steckte ihre Waffe beiseite. "Na komm schon!", forderte sie. "Oder willst du hier Wurzeln schlagen?"

Er lächelte. "Bestimmt nicht."

Ihre Augen begegneten sich für den Bruchteil eines Augenblicks und Bount wurde das Gefühl nicht los, dass diese rostbraune Schöne irgendetwas mit ihm im Schilde führte.



23

"Bist du Patricks Freundin?"

Sie zuckte mit den Schultern. "Das wäre wohl etwas übertrieben... Aber wir glauben an dieselben Dinge." Sie machte eine kurze Pause und sagte dann: "Ich heiße übrigens Gwen. Und du?"

"Vielleicht ist es besser, du weißt meinen Namen nicht." Bount beschleunigte den Ford etwas und zog an einem Lastwagen vorbei. Es gefiel ihm nicht, dass die Frau neben ihm bewaffnet war und er selbst nicht. Noch schien sie zu glauben, dass sie beide auf derselben Seite standen. In dem Moment, in dem ihr klar wurde, dass dem nicht so war, konnte es für Bount ungemütlich werden.

"Warum wirst du eigentlich gesucht?", fragte sie.

"Man hält mich für Seamus."

In den Augenwinkeln sah Bount ihre Verwunderung. Sie blickte ihn an und fragte: "Na, und? Bist du Seamus?" Bount wurde hellhörig. Vielleicht war die Frage einfach ein Scherz, vielleicht aber auch eine raffinierte Falle. Vermutlich war es das Beste, einfach auszuweichen. "Wenn ich Seamus wäre, würde ich es dir bestimmt nicht auf die Nase binden!"

"Aber du kennst ihn."

"Frag nicht soviel."

"Du hast gesagt, du wärst sein Freund!"

"Du nicht auch?"

"Ich habe ihn noch nie gesehen."

Bount stutzte. Dann sah er in einiger Entfernung einen Militärposten auftauchen. Soldaten patrouillierten mit kugelsicheren Westen und Sturmgewehren umher.

"Wir biegen da vorne links ab und nehmen die Straße nach Clough!", bestimmte Gwen. "Das ist zwar ein Umweg, aber an den kleineren Straßen gibt es nicht so viele Kontrollen!"

Bount grinste.

"Du kennst dich aus, was?"

"Was dachtest du denn!"



24

Eine schnelle Folge gemeiner Schläge ließ Jack zurück gegen die Wand taumeln und dann zu Boden sinken. Er stöhnte und fühlte, wie ihm das Blut durch die Nase schoss. Er wollte etwas sagen, brachte aber nicht einen einzigen Ton heraus. Zusammengekrümmt wie ein Embryo lag er da und fühlte eine Sekunde später eine Stiefelspitze in der Seite.

"Lass das!", durchschnitt die befehlsgewohnte Stimme von Seamus die Luft. "Schließlich soll er ja noch in der Lage sein, uns etwas zu erzählen!" Aber Seamus hatte zu spät eingegriffen.

Jack bekam den Tritt dennoch und wurde dann an den Haaren hochgerissen. Er hatte sich in seinem ganzen Leben noch nicht so erbärmlich gefühlt. Als er aufblickte sah er in Seamus' eisgraue Augen, die ihn kalt musterten. "Du bist noch nicht lange bei uns", stellte der Graue fest. "Aber vermutlich lange genug, um zu wissen, wie es Verrätern ergeht..."

Jack schluckte stumm. Natürlich wusste er das. Er warf einen Blick zu Patrick, aber der wich ihm aus und wandte den Kopf zur Seite. Es schien, als fühlte er sich nicht ganz wohl in seiner Haut, aber er stand dennoch an der Seite von Seamus.

"Was soll das?", presste er über seine aufgesprungenen, blutigen Lippen. Der Blick, den er zu Patrick warf, war fast flehentlich. "Ich dachte, wir wären Freunde!"

"Und ich dachte, wir stünden auf derselben Seite", murmelte Patrick, ohne dabei den Kopf zu drehen. Jack versuchte, auf die Beine zu kommen und sich loszureißen, aber zwei der Kerle, die zu Seamus Gefolge gehörten, hielten ihn mit eisernem Griff nieder.

"Ich bin kein Verräter!", keuchte er und in seinen Augen blitzte die nackte Furcht.

Seamus' Züge blieben völlig unbewegt. Er zuckte mit den Schultern.

"Tut mir leid. Die Fakten sprechen eine andere Sprache!" Er beugte sich ein Stück zu Jack herab und fuhr fort: "Du bist bei uns eingeschleust worden."

"Das ist nicht wahr!"

"Army, Polizei, Geheimdienst? Irgendwer wird dich schon geschickt haben..."

Seamus packte Jack am Kragen und zog ihn hoch, so dass er eine Sekunde später wieder auf seinen Beinen stand. Er zitterte und dazu hatte er auch allen Grund. Seamus eisiger Blick bohrte sich wie ein Messer in seine Augen hinein.

"Hör zu", sagte er. "Du hast die Wahl. Du kannst schnell oder langsam sterben. Das liegt ganz bei dir!"



25

"Dort hinten, halb hinter den Hügeln liegt es!" Gwen deutete mit dem Arm und einen Augenblick später sah Bount ein Dach auftauchen. Er stoppte den Wagen und meinte: "Es liegt wirklich sehr abseits. Man kann glatt daran vorfahren."

"Das ist der Sinn der Sache!", lachte sie. Bount grinste. "Natürlich."

Er stellte den Motor aus und zog den Schlüssel ab.

"Hey, wir sind noch nicht da!", protestierte sie. Sie wirkte fast heiter. Jedenfalls viel gelöster, als zu Anfang.

"Ich möchte mich erst einmal alleine umsehen", erklärte Bount. "Du bleibst hier, Gwen!"

"Was soll das!"

"Tu einfach nur, was ich sage! Ich möchte nicht in eine Falle laufen, das ist alles. Das verstehst du doch, oder?"

"Sicher..."

Er sah sie an, um festzustellen, ob sie es ihm abkaufte. Sie kaufte. Oder tat jedenfalls so. "Okay", sagte sie. Dann langte Bount blitzschnell zu ihr herüber, packte sie am rechten Arm, drehte ihn herum und griff dann in ihre Jackentasche. Bount hatte in Patricks Wohnung genau darauf geachtet, wo sie die Pistole hin gesteckt hatte. Jetzt zog er sie heraus und nahm sie an sich.

Gwen ließ er daraufhin sofort wieder los. Sie sah ihn giftig an, während sie sich das Handgelenk rieb. Bount überprüfte die Waffe. Das Magazin war geladen.

"Entschuldigung!", sagte er. "Aber ich brauche deine Waffe!"

Sie atmete einmal heftig, bevor sie etwas sagen konnte.

"Nicht gerade die feine Art, findest du nicht auch?"

"Hättest du mir die Waffe den freiwillig gegeben?"

Sie zuckte die Achseln. "Wahrscheinlich nicht."

"Das habe ich mir auch gedacht."

Er sah, dass ihr Blick jetzt starr auf die Waffe gerichtet war.

"Was hast du vor?"

"Mit dir oder überhaupt?" Bount versuchte zu lächeln, aber sie erwiderte das nicht. "Auf das erste kann ich dir antworten, das zweite geht dich nichts an."

"Ich höre."

"Es kann alles so bleiben, wie ich gesagt habe. Du kannst hier warten oder verschwinden. Nur in die Quere kommen solltest du mir nicht!"

"Ich hätte dich gleich in Patricks Wohnung erschießen sollen!", zischte sie. Bount nahm das gelassen.

"Dazu ist es jetzt zu spät."



26

Bount stieg den Hügel hinauf.

Bei einem Busch duckte er sich ein wenig und blickte hinab. Zwei Wagen standen neben dem Cottage. Es musste also jemand dort sein.

Bount hörte einen Schrei, der halb vom Wind verschluckt wurde. Es hörte sich ganz nach einer Folterung an.

Bount pirschte sich näher heran. Schließlich erreichte er einen der Wagen. Es war ein Citroen und natürlich hatte ihn hier draußen niemand abgeschlossen. Der Schlüssel steckte sogar noch im Schloss.

Wieder ein Schrei, diesmal mehr ein Stöhnen. Etwas leiser waren verschiedene Männerstimmen zu hören. Wortfetzen, mehr nicht.

Bount lud die Waffe durch und schlich dann bis zur Hauswand heran.

Er kam an ein Fenster, und schielte hinein. Aber da war nichts zu sehen. Der Blick ging in ein Schlafzimmer. Es war niemand dort. Das Geschehen schien sich im Nebenraum abzuspielen. Das Fenster stand einen Spalt offen. Bount öffnete es ganz und stieg lautlos ein. Schnell war er bei der geschlossenen Zimmertür und lauschte. Er drückte die Klinke hinunter. Die Tür öffnete sich einen Spalt und er blickte in einen engen Flur. Außer dem Schlafzimmer gab es offensichtlich noch drei weitere Räume in diesem kleinen Landhaus.

Aus dem letzten kamen die Schreie.

Bount wusste, dass er jetzt einfach losstürmen und dem entsetzlichen Geschehen ein Ende machen konnte. Vorher musste er sich vergewissern, dass ihm nicht plötzlich jemand in den Rücken fiel. Er öffnete die Tür des ersten Zimmers und wurde gleich gebührend empfangen.

Bount sah die Pistole auf der Kommode liegen. Dazu die behaarte Pranke eines Mannes, den er sehr wohl kannte. Es war niemand anderes, als Patrick Gallagher.

"Hände hoch!", zischte Bount, aber Patrick versuchte es trotzdem. Und er war sehr schnell. Bount sah das Mündungsfeuer grell aufblitzen während er sich zur Seite sinken ließ.

Die Schüsse gingen fast gleichzeitig, aber nur eine Kugel traf.

Bount sah, wie sei Gegner herumgerissen wurde, die Waffe fiel zu Boden und er stieß einen grunzenden Schrei aus, als in sich zusammenbrach.

Bount achtete nicht weiter auf ihn.

Die Tür zu jenem Zimmer, aus dem die Schreie gedrungen waren, stand jetzt sperrangelweit offen. Bount zögerte nicht den Bruchteil einer Sekunde und suchte sofort Deckung im Türrahmen. Das war sein Glück, denn die Gestalt auf der anderen Seite schoss einen Feuerstoß aus einer MPi in den Flur.

Die Einschüsse perforierten die Schlafzimmertür. Bount wartete, bis der erste Geschosshagel verebbte und taucht dann selbst aus seiner Deckung hervor. Er feuerte zweimal kurz hintereinander.

Der erste Schuss fuhr dem MPi-Schützen in den Oberarm. Die Wucht des Projektils riss ihn um ein paar Grad herum, so dass seine Garbe an Bount vorbeiging und nun die Holztäfelung an der Wand splittern ließ. Die zweite Kugel bekam er mitten in den Kopf. Er taumelte zurück in den Raum hinein.

Bount setzte nach.

Als er mit gezogener Pistole durch die Tür kam, sah er zwei bewaffnete Männer, in deren Mitte ein Dritter zusammengekrümmt und reglos auf dem Boden lag.

Einer der beiden Bewaffneten war ein hochgewachsener hagerer Mann, dessen Haare so grau wie seine Augen waren.

Der andere war mindestens ein Kopf kleiner und sehr viel jünger.

Der Jüngere feuerte sofort, aber sein Schuss ging ins Leere. Bount war ihm um einen Sekundenbruchteil zuvor gekommen. Sein Schuss erwischte ihn an Seite und riss ihn herum. Ein Schrei, der eine Mischung aus Wut und Schmerz war, ging über seine Lippen, während nun auch der Grauhaarige feuerte, der sich zu Boden geworfen und herumgerollt hatte.

Aber sein Schuss war mehr oder weniger ungezielt und ging ins Leere.

Bount riss die Waffe herum und duckte sich instinktiv. Er spürte, wie eine weitere Kugel haarscharf an ihm vorbeizischte und drückte seine eigene Waffe ab. Aber es löste sich kein Schuss. Nur ein gespenstisches 'klick!' war zu hören. Die Waffe war leergeschossen. Bount hechtete sich hinter eine Couch, während der Grauhaarige ihm ein paar Kugeln hinterherschickte. Sie rissen das Polster auf. Manche schlugen auch glatt hindurch. Bount konnte nur seinen Kopf so weit wie möglich einziehen.

Dann verebbte der Geschosshagel auf einmal. Bount wusste, dass er in der Falle war. Er hatte keine Munition. Und die Waffe des getöteten IRA-Mannes war unerreichbar.

Und dann blickte Bount einen Augenblick später in die Züge des Grauhaarigen, die ihn unbewegt und kalt ansahen.

"Worauf wartest du, Seamus?", rief der Jüngere, der neben ihm gestanden hatte. In seiner Seite steckte eine Kugel und er stöhnte. "Warum knallst du ihn nicht ab?" Aber der graue Seamus schüttelte den Kopf. "Nicht so ungeduldig. Der Vogel hier soll uns erst sein Lied singen..." Er machte eine Bewegung mit dem Pistolenlauf, mit er Bount unmissverständlich anwies, sich zu erheben. Der Privatdetektiv gehorchte.

Seamus nahm ihm die Waffe ab. Er deutete auf den Mann, der am Boden lag, und der offenbar schwer misshandelt worden war.

"Ich hoffe, dass du es uns - und dir etwas leichter machst. Der hier wollte uns leider nichts sagen!"

Bount sah mit den Augenwinkeln, wie der Gequälte den Kopf hob. Er hatte am Kopf eine offene Platzwunde. Sein Gesicht war blutüberströmt und von Folterspuren übersät, aber Bount erkannte ihn trotzdem wieder.

Es war Jack Keogh.

Bount konnte sich die Sache leicht zusammenreimen jedenfalls im Groben. Diese Männer hier schienen überzeugt davon zu sein, dass Jack ein Verräter war. Und entsprechend waren sie mit ihm verfahren.

Bount atmete tief durch. "Was wollen Sie denn hören?"

"Etwas mehr jedenfalls, als von Ihrem Kollegen!"

"Der Junge dort, den Sie so zugerichtet haben konnte Ihnen nichts sagen, weil er nichts wusste." Ein Muskel zuckte im Gesicht des Grauhaarigen. Seamus hob die Waffe und presste Bount den Lauf an die Schläfe. Dann krachte ein Schuss.



27

Alles ging sehr schnell.

Zwei Sekunden, länger nicht. Dann war alles vorbei. Dem ersten Schuss folgte ein Ruck, der durch Seamus Körper ging. Seine Züge waren erstarrt. Als er zu Boden stürzte, lebte er schon nicht mehr.

Der andere, der sich verletzt bis zu einem Stuhl geschleppt hatte, ballerte wie verrückt in Richtung des Fensters. Panik hatte von ihm Besitz ergriffen und mit der verletzten Seite hatte er Mühe, seine Waffe ruhig in der Hand zu halten.

Doch dann krachten zwei, drei gezielte Schüsse von draußen durch das Fenster, die ihn in Kopf und Brust trafen. Der Stuhl auf dem er saß, kippte nach hinten und im nächsten Augenblick lag er lang ausgestreckt auf dem Rücken.

Er war tot.

Durch das Fenster sah Bount Reiniger dann ein hübsches, von rostbraunen Haaren umrahmtes Gesicht. Es war Gwen. Sie bedachte Bount mit einem nachdenklichen Blick.

Sie hob den Lauf ihrer Waffe und kam einen Augenblick später durch die Tür herein.

"Da staunst du, was?", meinte sie und warf dabei den Kopf in den Nacken. "Die Pistole war in einem der Wagen. Unter dem Fahrersitz."

Bount trat vor.

"Sieht aus, als hättest du mir das Leben gerettet!" Sie verzog das Gesicht und kam etwas näher. "Ich hoffe, du weißt das zu schätzen!"

"Warum hast das getan?"

"Ich habe meine Gründe."

Bount begriff, dass sie nicht darüber sprechen wollte. Sie sah Bount offen an. In der Rechten hielt sie immer noch die Waffe. "Du bist kein IRA-Mann, nicht wahr?"

"Nein."

"Von Anfang an war mir klar, dass mit dir etwas nicht stimmt!"

"Warum hast du mich dann hier her gefahren?" Sie antwortete nicht gleich.

Stattdessen blickte sie zu den beiden Männern, die sie soeben erschossen hatte. Sie deutete auf den Grauhaarigen.

"Das ist Seamus, nicht wahr?"

"Keine Ahnung. Ich sehe ihn zum ersten Mal." Sie lachte. "Er wurde von seinem Komplizen so angeredet. Ich stand am Fenster und habe zugehört."

"Du bist mir gefolgt!"

"Ich hatte gehofft, dass du mich zu diesem Seamus führen würdest. Du hast gesagt, dass du einer seiner Freunde seist."

"Das war eine Lüge."

"Mag sein" Sie zuckte mit den Schultern. "Aber darauf kommt es nicht mehr an, denke ich. Seamus ist tot. Das ist wichtig." Sie wirkte wie in Gedanken und blickte ins Leere. Bount ging zu Jack und beugte sich über ihn. Der Junge hatte natürlich nicht begriffen, was abgelaufen war. Er setzte sich mit einigen Schwierigkeiten auf.

"Wie geht es?", fragte Bount. Jack blickte den Privatdetektiv fragend an, schwieg aber. Er schien nicht so recht zu wissen, was er von dem anderen zu halten hatte.

"Du bist Jack Keogh, nicht war?"

"Ja. Woher weißt du das? Und was wird hier eigentlich gespielt?"



28

Bount holte aus einem der Wagen der Verbandskasten und versorgte Jacks Blessuren. Dabei erzählte er ihm, wer er war und in wessen Auftrag er handelte. "Und woher weiß ich, dass das auch stimmt?" Der junge Mann schien ziemlich misstrauisch zu sein. Bei dem, was er hier erlebt hatte, war das auch kaum verwunderlich.

"Du kannst dich selbst davon überzeugen!"

"Und wie? Hast du einen Ausweis? Eine Privatdetektivlizenz? Irgendetwas in der Art?"

"Nein." Bount schüttelte den Kopf. "Das hat man mir alles abgenommen. Aber du kannst auf meine Kosten ein Ferngespräch nach New York führen, wenn du willst." Bount lächelte. "Außerdem: Denk doch mal nach! Warum sollte ich dir wohl helfen und dabei mein Leben riskieren? Wenn ich dir ans Leder wollte, hätte ich das sicher nicht getan!"

"Du könntest von der anderen Seite sein!"

Bount runzelte die Stirn. "Andere Seite? Du meinst damit Polizei oder Royal Army, was? Da muss ich dich enttäuschen. Inzwischen werde ich selbst gejagt, weil man denkt, dass ich Seamus bin." Er deutete auf die Toten.

"Hältst du die dort wirklich noch für deine Seite, Jack?"

"Ich weiß nicht."

"Die wollten dich umbringen."

Er nickte und murmelte leise: "Ja." Es schmerzte ihn, dass er von jenen Leuten fast erschossen worden war, auf deren Seite er zu stehen geglaubt hatte. Und da war noch etwas anderes, dass ihn schmerzte - von seinen Blessuren einmal ganz abgesehen. "Mein Dad... Natürlich! Ich hätte es mir denken können", murmelte Jack. "Ich bin in einen ziemlich dicken Schlamassel hineingeraten, was?"

Bount nickte. "Aber du hast Glück gehabt. Obwohl es ziemlich knapp war, wie du zugeben musst."

"Und was wird jetzt?"

"Das entscheidest du selbst, Jack!"

Bount legte ihm eine Hand freundschaftlich auf die Schulter. Jack Keogh brauchte jetzt ein bisschen Zeit zum Nachdenken.

Gwen stand die ganze Zeit über fast reglos da. Sie ließ die Waffe fallen und setzte sich schließlich. Stumm hörte sie dem Gespräch zu, bis Bount sich wieder ihr zuwandte. Der kurze Blick, den sie mit Jack tauschte, sagte Bount, dass die beiden sich kannten. Alles andere wäre auch eine Überraschung gewesen.

"Du hast Seamus nicht meinetwegen erschossen, nicht wahr?", fragte Bount sie.

"Kann dir das nicht egal sein?"

"Du hättest ihn in jedem Fall umgebracht." Sie sah ihn offen an.

"Ja. Ich habe ihn gejagt wie einen wildernden Hund. Und genauso habe ich ihn auch erschossen. Es war sehr schwer, an ihn heranzukommen. Ich hoffte, es über Patrick Gallagher zu schaffen, aber das klappte nicht. Immer kam irgendwas dazwischen. Ich schätze, es waren nur Vorwände." Sie stockte ein wenig. Dann fuhr sie fort: "Weißt du, da gibt es eine ziemlich traurige Geschichte von einem Army-Lieutenant und einer jungen Frau namens Gwen. Die beiden hatten eine Tochter zusammen. Es war ein sonniger Juninachmittag und ich werde dieses Bild wohl mein ganzes Leben lang nicht vergessen können." Sie schluckte. "Der Lieutenant wollte nichts weiter, als seine Tochter zu einem Kindergeburtstag zu bringen. Sie waren gerade in den Wagen gestiegen, er ließ den Motor an und in dem Moment gab es eine Explosion."

Tränen des Zorns waren ihr in die Augen getreten. Bount begriff. Sie war hier, weil sie sich rächen wollte. "Ein Mann, der unter dem Namen Seamus operierte, steckte vermutlich hinter der Tat. Aber die Polizei hätte ihn wahrscheinlich auch in hundert Jahren nicht gekriegt. Er stand schon wegen verschiedener ähnlicher Delikte auf der Fahndungsliste. Es war seine Handschrift... Schließlich habe ich selbst versucht, etwas zu unternehmen und mich bei der IRA einzuschleichen."

Nach kurzer Pause fragte sie dann: "Bist du schockiert?"

"Nein. Ich verstehe dich."

"Nein" meinte sie. "Das glaube ich nicht. So etwas kann niemand verstehen, der das nicht selbst durchgemacht hat!" Bount nickte. "Wahrscheinlich hast du recht." Dann blickte er sich nach einem Telefon um. Als er es gefunden hatte, fragte Gwen: "Wen willst du anrufen?"

"Die Polizei. Und dann sehen wir zu, dass wir hier wegkommen, bevor hier jemand auftaucht." Bount hatte keine Lust, erneut in die Mangel von O'Kelly zu geraten. Sollte der erst einmal selbst ein bisschen recherchieren. Die Wahrheit, was Bounts Identität betraf, würde schon ans Licht kommen, aber das konnte dauern.

Noch hielt man schließlich ihn für den mysteriösen Seamus - und da der wirkliche Seamus tot war, gab es für Bount kaum eine Möglichkeit, auf die Schnelle etwas anderes zu beweisen.

Bount hatte gerade den Hörer abgenommen und wollte anfangen zu wählen, da sagte Gwen: "Du solltest ihnen gleich dazu sagen, dass ein Attentat vorbereitet wird." Bount kniff die Augen ein wenig zusammen und legte wieder auf.

"Wann?"

"Jetzt in nächster Zeit. Seamus Patrick Gallaghers Gruppe war mit der Vorbereitung beauftragt. Nach der Polizeiaktion in seiner Wohnung war er vermutlich verbrannt."

"Was bedeutet das?"

"Seamus wird jemand anderen beauftragt haben."

"Weißt du, um wen es geht?"

"Ein Richter. Aber das habe ich nur durch Zufall mitbekommen. Patrick hat mir nicht so richtig getraut. Ich habe die Behörden informiert. Natürlich anonym, denn sonst hätte ich meine eigene Sache gefährdet. Allerdings glaube ich nicht, dass mein Anruf allzu viel Eindruck gemacht hat."

"Und weshalb nicht?"

"Weil die mit solchen Anrufen überschüttet werden. Oft genug nur Leute, die sich wichtig machen wollen oder auf eine Belohnung hoffen. Außerdem hatte ich ja auch kaum etwas Konkretes anzubieten. Was glaubst du wohl, wie viele Richter es in Nordirland gibt! Außerdem gehören sie ohnehin zu den besonders gefährdeten Personen."

"Und warum sollte es mehr Eindruck machen, wenn ich es sage?"

"Wer sagt, dass es so ist? Aber vielleicht machen zwei Anrufe mehr Endruck als einer."

Bount zuckte mit den Schultern. "Solange die mich für Seamus halten, wird überhaupt nichts Eindruck machen, was aus meinem Mund kommt!"

Indessen hatte sich Jack Keogh erhoben. Er sah Gwen fassungslos an.

"Du bist der Verräter, von dem Seamus sprach!" Sie wandte den Blick kurz zu ihm herum. "Vielleicht", murmelte sie.

"Die hätten mich beinahe deswegen umgebracht!"

"Na und? Über kurz oder lang wärst du doch auch ein Killer geworden. Vielleicht bist du es sogar schon in gewisser Weise, was weiß ich! Oder glaubst du vielleicht, dass die kleinen Kurier-Dienste, mit denen dich Patrick beauftragt hat, nur Spielerei waren?"

Jack schwieg, während Bount Reiniger mit Belfast telefonierte.

Es war nicht leicht, bis zu O'Kelly vorzudringen. Der Glatzkopf ließ sich erst einmal verleugnen. Erst als Bount den Namen Seamus erwähnte, ging es vorwärts.

Man hielt ihn noch etwas hin, wahrscheinlich, um eine Fangschaltung zu legen. Aber dagegen hatte Bount nichts. Bis jemand hier auftauchte, waren sie längst weg.

"Was wollen Sie?", fragte O'Kelly gedehnt.

"Sie sind doch hinter einem Mann her, der sich Seamus nennt!"

"Glauben Sie, ich würde Ihre Stimme nicht erkennen?" Bount ging darauf nicht weiter ein. "Sie können ihn haben. Allerdings nicht mehr lebend."

"Wollen Sie mich für dumm verkaufen?" Bount beschrieb O'Kelly kurz die Lage des Cottages.

"Am besten, Sie sehen einfach mal nach, bevor Sie urteilen."

"Keine Sorge, das werde ich!"

Mit den Augenwinkel nahm Bount plötzlich eine Bewegung war. Es war Jack und er war blitzschnell. Der Junge hatte sich gebückt, eine der herumliegenden Waffen an sich gerissen und nun stand er da und fuchtelte damit herum. Er atmete heftig und bewegte sich rückwärts zur Tür.

Bount war erstarrt.

"Hörer auflegen!", zischte er.

"Sei vernünftig, Jack, was soll das!"

"Ich sage es nicht zweimal."

Bount gehorchte. Er blieb gelassen und kam einen Schritt vor.

"Was hast du jetzt vor? Amok zu laufen? Hast du immer noch nicht begriffen, was gespielt wird?"

"Ich habe sehr wohl begriffen!"

"Das glaube ich kaum!"

"Hör zu, du Privatschnüffler! Ich weiß es sehr wohl zu schätzen, dass mein Daddy einen Aufpasser hinter mir herschickt. Aber deine Mission ist jetzt beendet! Hast du verstanden!"

"War ja deutlich genug", brummte Bount. "Aber vielleicht ein bisschen hochmütig. Meinst du nicht auch!"

"Bleib ja, wo du bist!", rief er. Seine Stimme zitterte ein wenig. Er blickte von Bount zu Gwen, dann stürmte er durch die Tür hinaus. Jack sprang in den Citroen, der draußen stand und fuhr los.

Bount griff nach einer Pistole und rannte hinterher. Der Citroen brauste mitten über die Wiese und Bount legte kurz an, um auf die Reifen zu schießen.

Bount schoss einmal, aber vergeblich. In dem hohen Gras waren die Reifen nur zu ahnen und Jack drückte voll auf das Gaspedal. Aber der zweite Schuss traf. Der Citroen drehte sich herum, rutschte über das Gras und kam dann zum Stehen, während Bount hinterher spurtete.

Er brauchte nicht lange, dann war er dort und riss die Tür auf.

Jack hielt ihm die Waffe entgegen, aber Bount zeigte sich wenig beeindruckt.

"Was glaubst du, was du auf diesem Weg für eine Chance hast! Deine IRA-Freunde halten dich für einen Verräter, für die anderen bist du ein Terrorist."

"Hör auf!"

"Man hat mir beim Verhör dein Foto gezeigt. Patricks Wohnung ist lange beobachtet worden. Und du auch!" Bount schüttelte den Kopf. "Du sitzt zwischen allen Stühlen, Jack. Und da nützt es auch nichts, wenn man mit dem Kopf durch die Wand gehen will!"

Jack senkte die Waffe.

"Okay", meinte er. "Du hast gewonnen!" Er schlug mit der Hand das Lenkrad. "Hast du vielleicht auch eine Idee, wie ich aus der Sache wieder herauskomme?"

"Nun, du warst an den Vorbereitungen zu einem Attentat beteiligt. Wie wär's, wenn du zur Abwechslung mal mithilfst, jemandem das Leben zu retten!"

Er drehte den Kopf und sah Bount verwirrt an.

"Wie meinst du das?"

"Wenn der Richter stirbt, auf den ihr es abgesehen hattet, dann wird man dir vielleicht Beihilfe zum Mord anhängen. Du kannst natürlich versuchen, ob du über die grüne Grenze in den Süden kommst und einen Flieger kriegst. Immerhin hast du noch einen Pass, wenn auch einen falschen, während man mir die Papiere abgenommen hat. Aber das würde dir nichts nützen. Man würde dich per internationalem Haftbefehl selbst in den Staaten noch jagen - und irgendwann wohl auch kriegen."

Jack stieg aus dem Citroen heraus.

Er machte eine hilflose Geste.

"Ich weiß doch auch nur, dass es um einen Richter geht! Was soll ich da tun?"

"Vielleicht hat Patrick noch irgendwelche Einzelheiten erwähnt. Irgendeine Kleinigkeit, die vielleicht wichtig sein kann."

Patrick schüttelte den Kopf. Dann blickte er auf.

"Da fällt mir etwas ein..."

"Heraus damit!"

"Einmal war ich mit Patrick bei einem Ferienhaus am Lough Neagh. Das würde zu einem Richter passen."

"Was habt ihr dort gemacht?"

"Ich habe nur im Wagen gesessen und Schmiere gestanden. Was Patrick bei dem Haus gemacht, weiß ich nicht. Aber er hatte eine Kamera dabei. Ich habe ihn gefragt, was das ganze sollte, aber er wich mir aus."

"Würdest du das Haus finden?"

"Wir können es ja versuchen!"

Bount lächelte und auch Jack machte jetzt ein etwas entspannteres Gesicht. "Das ist ein Wort", meinte der Privatdetektiv.



29

Sie fuhren mit dem Ford über kleine Straßen in Richtung Nordwesten.

Bount saß am Steuer, neben ihm auf dem Beifahrersitz Jack Keogh, der nachdenklich wirkte. Bount ließ ihn in Ruhe. Der Junge es bitter nötig, ein paar Dinge für sich selbst zu ordnen.

Gwen hatte auf dem Rücksitz Platz genommen. Bount hatte ihr angeboten, sie irgendwo abzusetzen, aber das hatte sie abgelehnt. "Ich möchte euch helfen", sagte sie sehr ernst. "Ich bin es meinem Mann und meiner Tochter irgendwie schuldig. Ich möchte etwas tun, verstehst du?"

"Du hast schon genug getan, Gwen."

"Nein, das finde ich nicht."

Bount zuckte mit den Schultern. "Meinetwegen!", meinte er. "Wir können wirklich jeden gebrauchen, der auf unserer Seite ist!"

Um Gwens Lippen spielte jetzt ein stilles Lächeln.

"Ja, und ab und zu brauchst wohl auch jemanden, der dir das Leben rettet, was?"

Bount verzog das Gesicht. "Ich hoffe wirklich nicht, dass das zur Gewohnheit wird!"

"Oh, ich finde, dir könnte Schlimmeres passieren!", gab sie ihm die Retourkutsche.

Bount lächelte. Schade, dachte er. Wir hätten uns unter günstigeren Umständen kennenlernen sollen! Wer weiß, was daraus geworden wäre.

Indessen passierten sie ein Schild, auf dem stand, dass diese Straße in Richtung Portadown ging. Dort mussten sie hin, um dann auf die Westufer des Lough Neagh zu gelangen.

"Welche Chance haben wir?", fragte Jack.

"Das ist eine verbotene Frage!", erwiderte Bount.

"Verstehe, du glaubst also nicht einmal selbst dran, Bount Reiniger!"

"Wenn ich glauben würde, dass wir keine Chance hätten, säße ich jetzt nicht hier neben dir!"

Die Straßen, die sie benutzten, wurden immer kleiner. Aber das war durchaus beabsichtigt. Bount hatte keine Lust, irgendeiner Militär-oder Polizeistreife in die Arme zu laufen. Und es war nun einmal eine Tatsache, dass die großen Hauptverkehrsstraßen eher kontrolliert wurden. O'Kelly hatte sich vermutlich längst auf die Socken gemacht. Und vielleicht versuchte er sogar, das Gebiet um den Cottage weiträumig abzusperren.

Als sie die Straße überquerten, die von Belfast nach Newry führte, kam einen Militärkolonne vorbei. Bount bemerkte sofort die Anspannung bei Jack.

"Nur ruhig bleiben!", murmelte Bount. "Ich glaube nicht, dass die wegen uns unterwegs sind!"

Es waren ein paar Jeeps und ein Lkw, dazu noch ein gepanzertes Fahrzeug.

"Wenn man bedenkt, dass die Army einst hier her geschickt worden sind, um den Streit zwischen Katholiken und Protestanten zu schlichten und von beiden Seiten begrüßt wurde...", murmelte Gwen. "Jetzt sind sie nur noch Zielscheiben des Hasses..."

Die Kolonne fuhr an ihnen vorbei und Gwen blickte ihr nach.



30

Es stellte sich als unerwartet schwierig heraus, das Ferienhaus wiederzufinden. Jack war sich nicht mehr ganz sicher und so irrten sie mehr als zwei Stunden zwischen Cookstown und dem Ufer des Lough Neagh umher.

Aber schließlich hatten sie doch Erfolg. Das Haus lag in einer Kolonie schmucker Ferienwohnungen, in denen die Upper Class von Belfast ihre Wochenenden verbrachte. Bount fuhr den Ford an den Straßenrand und stellte den Motor ab.

"Und was jetzt?", fragte Jack ungeduldig. Bount hob beschwichtigend die Hand. "Abwarten."

"Sieht aus, als wäre niemand da!", warf Gwen ein und Bount nickte. Sie hatte wahrscheinlich recht.

"Aber im Nachbarhaus ist jemand", stellte Bount fest. Er öffnete die Tür und stieg aus.

Gwen fragte: "Was hast du vor?"

"Den Nachbarn ein paar Fragen stellen." Er zuckte mit den Schultern. "Vielleicht wissen die etwas!" Bount überquerte die Straße, die kaum mehr als ein asphaltierter Weg war und stand dann wenig später vor einem kleinen Holzhaus, das im Schatten weit überhängender Bäume stand. In der Einfahrt stand eine metallic-graue Limousine.

Im Hintergrund war das Wasser des Lough Neagh zu sehen.

Auf einem Bootsteg saß ein Angler, der sich konsequent zu weigern schien, zu Bount herüberzublicken.

Bount sprang über den niedrigen Zaun und ging über den ungepflegten Rasen zum Steg.

Der Angler drehte sich herum. Bount schätzte ihn auf ungefähr fünfzig. Plus Minus fünf Jahre. Sein Gesicht war lederig und braungebrannt. Er schien oft hier draußen zu sein. Vielleicht war er schon im Ruhestand und konnte es sich leisten.

"Haben Sie sich verlaufen?", grunzte er. Bount schüttelte den Kopf. "Keineswegs! Ich hätte nur gerne eine Auskunft!"

"Fragen Sie! Und dann machen Sie, dass Sie wegkommen!"

"Wem gehört das Haus dort drüben, neben Ihrem?" Jetzt stand der Angler sogar auf und runzelte die Stirn. Er musterte Bount von oben bis unten.

"Warum wollen Sie das wissen?"

Bount machte eine unbestimmte Geste. "Nun, es ist ein schönes Plätzchen hier..."

"Wem sagen Sie das!"

"Ich dachte daran, mir auch so ein Häuschen zu kaufen. Ein bisschen Entspannung am Wochenende, Angeln, Segeln. Das ist doch 'was Feines!"

"...und da dachten Sie an das Haus von O'Hines?"

"Ja, ganz recht. Es würde mir gefallen." Der Angler blickte noch einmal an Bount herab. Besonders elegant gekleidet war der Privatdetektiv im Augenblick ja nicht.

"Sie sehen mir nicht aus, wie einer, der so ein Haus bezahlen könnte."

"Soll ich Ihnen meine Kreditkarte zeigen?"

"Nicht nötig. Mein Haus wollen Sie ja nicht kaufen."

"Kommt dieser O'Hines oft hier heraus?" Der Angler verzog das Gesicht zu einer Grimasse.

"Scheint mir fast, als wollten Sie herausfinden, ob man dort unbemerkt einbrechen kann!"

"Klar doch", grinste Bount. "Und damit man mich hinterher auch erwischt, sorge ich erst einmal dafür, dass die Nachbarschaft sich an mein Gesicht erinnert!"

"O'Hines hat seine Millionen in Frachtschiffen und Tankern angelegt. Ich glaube kaum, dass er hier etwas hat, dass die Mühe lohnt, eine Alarmanlage zu knacken, Mister!" Bount pfiff durch die Zähne. "Ein Reeder also..."

"Ja, einer der wenigen Katholiken, die in diesem Land nach oben gekommen sind."

"Ein Katholik? Sind Sie sich sicher?"

"So erstaunlich ist es nun auch wieder nicht, dass Sie so ein Gesicht machen müssen!"

Bount wandte sich zum Gehen. "Ich danke Ihnen..." Wenn dieser O'Hines tatsächlich Katholik war, dann schied er vermutlich als mögliches Opfer aus - außer die IRA betrachtete ihn auf irgendeine Weise als Verräter. Aber Jack hatte von einem Richter gesprochen und auch in dem Punkt war dieser Mann nicht der Richtige.

"Wenn Sie die Bude doch noch ausräumen wollen, dann sollten Sie sich aber beeilen!", frotzelte der Angler Bount hinterher. "Sonst ist die Konkurrenz schneller! Da war nämlich vor kurzem schon einmal jemand, der alles Mögliche wissen wollte!"

Bount drehte sich noch einmal um.

"Wie sah der aus?", fragte er, ohne zu wissen, ob das jetzt überhaupt noch wichtig war.

Der Angler zuckte die Achseln. Dann runzelte die Stirn. In seinem Kopf schien es zu arbeiten.

"Warum ist das so wichtig?", erkundigte er sich misstrauisch. "Kennen Sie den Kerl vielleicht!" Dann ging ein Grinsen über sein Gesicht, dass soviel sagte wie: Ich habe dich entlarvt, mein Lieber! "Jetzt ist mir alles klar! Sie beide sind Spekulanten, nicht war? Sie, und dieser komische Kerl mit seiner Hose... Sie haben Angst, dass Ihnen die Konkurrenz ein Schnäppchen vor der Nase wegschnappt, was!"

Bount wurde hellhörig. "Was war mit der Hose?" Der Angler lachte.

"Auf seiner Jeans stand 'Love' - und dabei hatte er ein Gesicht, das so grimmig war, dass man sich fürchten konnte!"



31

Bount schüttelte den Kopf, als er zum Wagen zurückkam und sich wieder hinter das Steuer setzte. Er fuhr sich mit der Hand kurz über das Gesicht.

"Fehlanzeige. Dieses Ferienhaus gehört einem Mann namens O'Hines, der nicht nur kein Richter ist, sondern auch noch katholisch!"

"Das heißt, wir fangen von vorne an", stellte Gwen resignierend fest.

Bount versuchte ein Lächeln.

"Sieht so aus."

"Und den, auf den die IRA es abgesehen hat, werden wir nicht mehr retten können..." Sie atmete tief durch.

"Ich begreife das nicht", murmelte Jack Keogh indessen kopfschüttelnd. "Was soll Patrick denn sonst hier gewollt haben?"

"Nun dafür gibt es schon eine mögliche Erklärung", meinte Bount.

"Und? Wie sieht die aus?"

"Dieser O'Hines ist ein reicher Mann, vielleicht gehört er zu den Geldgebern der IRA." Das war Gwen. Sie blickte zu Bount, aber sie sah ihm an, dass dieser mit ihrer Version noch nicht hundertprozentig zu sein schien.

Dann meinte er: "Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass ein millionenschwerer Reeder wie O'Hines das Risiko eingehen würde, sich mit einem kleinen Terroristen wie Patrick Gallagher zu treffen." Er schüttelte energisch den Kopf. "Solche Leute sorgen immer dafür, dass für sie kein Risiko besteht. Außerdem war Patrick Gallagher wohl auch alles andere als ein führendes IRA-Mitglied."

"Er könnte als eine Art Laufbursche oder Kurier fungiert haben", gab Gwen zu bedenken.

"Und der Fotoapparat?" Patrick hob die Arme. Bount sah ihn offen an.

"Was ist deine Meinung, Jack?"

"Ich glaube, dass es da um etwas Größeres ging. Da bin ich mir sicher. Patrick hatte Karten mit sehr großem Maßstab von diesem Gebiet. Messtischblätter, auf denen fast schon jeder Bootssteg eingetragen war. Das Meiste davon hat er dann eines Tages vernichtet."

"Aber der Mann, dem dieses Haus gehört, ist kein Richter. Er ist noch nicht einmal Protestant oder Brite oder irgendetwas, das ihn zu einem Attentatsziel machen könnte."

Jack zuckte die Achseln und raufte sich die Haare. "Ich bringe das ja auch nicht zusammen."

Gwen hob die Augenbrauen. "Hast du denn nie gefragt?"

"Nein."

"Warum nicht?"

"Ich war froh, dass Patrick mich endlich für voll nahm. Ich wollte etwas tun, um die Briten zu bekämpfen und dafür sorgen helfen, dass es endlich Gerechtigkeit und Freiheit in Ulster gibt!"

"Bastard!", zischte Gwen. "Die eine Hälfte von euch besteht aus feigen Mördern, die andere aus dummen Laufburschen, die so tun, als wüssten sie nicht, dass die erste Hälfte nur töten kann, weil es die zweite gibt!" Bount hob beschwichtigend die Hände.

"Das bringt uns jetzt nicht weiter, verdammt noch mal!" Gwen seufzte. Sie fuhr sich mit einer fahrigen Geste durch das Gesicht und wirkte müde. Einen Augenblick lang wirkte sie in sich gekehrt, dann wandte sie sich an Bount.

"Gib's zu, wir haben das Spiel verloren."



32

Bount knurrte der Magen und den anderen beiden ging es ähnlich. So stieg der Privatdetektiv noch einmal aus, um den Angler zu fragen, wo in der Gegend man etwas essen konnte.

"Sagen Sie bloß, Sie können die Rechnung bezahlen bevor Sie Ihren Bruch gemacht haben!", versuchte er Bount zu ärgern.

Aber Bount blieb ruhig.

"Dafür reicht's gerade noch", frotzelte er zurück.

"Fahren Sie die Straße zwei Meilen weiter. Da ist ein Gasthaus. Es liegt an einer Kreuzung, sie können es eigentlich nicht verfehlen."

"Danke."

Wenig später ließ Bount den Ford über die schmale Straße brausen. Wenn einem jemand entgegen kam, mussten beide an den Rand fahren und sich mühsam aneinander vorbeischieben. Aber sie hatten Glück. Es kam ihnen niemand entgegen.

Ein paar Minuten, dann hatten sie das Gasthaus erreicht. Dem äußeren Anschein nach schien es sich in Wahrheit um eine Art Mischung aus Gasthaus, Pub, Kiosk und Lebensmittelgeschäft zu handeln.

Sie stiegen aus und betraten den halbdunklen, mit Holz ausgeschlagenen Schankraum.

Ein hagerer junger Kerl schmiss hier ziemlich lustlos den Laden, und so schätzte Bount, dass er nur angestellt war. Er stand hinter dem Schanktisch und las in einer Illustrierten. Als die drei eintraten, blickte er nicht auf.

"Haben Sie etwas Warmes zu Essen?", fragte Bount. Es dauerte provozierend lange, bis er seine Gäste zur Kenntnis nahm. Er kniff ein wenig die Augen zusammen und musterte sie der Reihe nach. Sein Blick blieb bei Jack Keogh hängen, der auf Grund seiner Blessuren einen ziemlich ramponierten Eindruck machte.

"Mit wem haben Sie sich denn geschlagen?", grinste der Hagere.

"Was haben Sie anzubieten?", ging Bount dazwischen. Der Hagere wandte den Kopf.

"Einen Rinder-Stew oder belegte Brote." Jack verzog das Gesicht.

Indessen sagte Bount: "Okay!"

"Sie können ja woanders hingehen, wenn es Ihnen nicht gut genug ist!", grinste der Hagere. "Allerdings werden Sie da mindestens bis Cookstown fahren müssen!" Er war sich seiner Monopolstellung in der Gegend vollkommen bewusst und kostete sie voll aus. Bount und Gwenn nahmen den Eintopf, Jack die belegten Brote. Sie setzten sich in einer Ecke an den Tisch, während der Hagere in der Küche verschwand.

"Ich bin gespannt, was der so zusammenmixt!", meinte Gwen in Bounts Richtung. Aber der war mit den Gedanken ganz woanders, das konnte man seinen Zügen überdeutlich ansehen. "Du gibst nicht auf, nicht wahr?"

"So ist es, Gwen."

"Wir kennen weder den Täter, noch das Opfer, noch den Zeitpunkt! Und unsere einzige Spur hat ins Nichts geführt!" Sie schüttelte den Kopf.

Inzwischen kam der Hagere mit dem aufgewärmten Stew und den belegten Broten. Sie bestellten auch noch etwas zu Trinken. Der Hagere nickte und zog davon. In diesem Moment ging die Tür auf und ein kräftig gebauter Mann trat ein. Er ließ die Tür zuklappen und stand einen Augenblick einfach nur da und musterte den Raum. Sein Haar etwas rotstichig und er hatte Sommersprossen. Seine Augen waren zwei schmale Schlitze und um seine Mundwinkel war ein verkniffener Zug.

Das Gesicht wirkte wie eine grimmige Maske, in dem zwei wache Augen giftig blitzten.

Der Mann trug eine Reisetasche in der Rechten. Über der linken Schulter hing ein langgezogenes Futteral für Angelruten.

Bount hätte den Mann sicher keines Blickes mehr gewürdigt, wenn da nicht der Aufnäher auf seiner Jeans gewesen wäre: Love...

"Ach, Sie sind es, Mister Smith!", wurde er von dem Hageren begrüßt.

Der Mann trat an den Schanktisch heran und stellte seine Reisetasche ab. Das Anglerfutteral hielt er die ganze Zeit über mit der linken fest.

"Ich hoffe, Sie haben etwas frei!"

"Nun, Sir, Sie haben sich zwar diesmal nicht angemeldet, aber ein Zimmer haben wir noch."

Er zuckte mit den Schultern.

"Ich habe mich ganz kurzfristig entschlossen..."

"Wie lange wollen Sie bleiben? Das ganze Wochenende?"

"Ich weiß es noch nicht."

Der Hagere legte Smith den Schlüssel hin. Dieser steckte ihn ein, nahm seine Reisetasche wieder auf und ging die Treppe hinauf, die ins Obergeschoss führte. Er schien den Weg bestens zu kennen.

Als der Mann weg war, stand Bount auf und knöpfte sich den Hageren noch einmal vor.

"Was ist?", fragte dieser. "Schmeckt das Essen nicht?"

"Kennen Sie einen Mann namens O'Hines."

"Klar. Dem gehört ein Ferienhaus hier in der Nähe. Manchmal kommt er abends mit Freunden hier vorbei. Warum?"

Das Letzte überhörte Bount einfach.

"Steigen die Freunde von O'Hines dann bei Ihnen ab?"

"Wo denken Sie hin! Das sind feine Leute. Denen ist so etwas hier nicht gut genug! Sein Haus am See ist das größte von allen. Da ist Platz genug."

"Leiht er sein Haus vielleicht auch mal für ein Wochenende aus? An seine Freunde..."

"Kann schon sein. Was weiß ich!"

"Ist unter seinen Freunden vielleicht ein Richter?"

"Sagen Sie, was soll diese verdammte Fragerei eigentlich?" Er verdrehte die Augen. "Glauben Sie, man sieht den Leuten immer gleich an, was sie von Beruf sind?" Bount grinste.

"Kommt immer drauf an, wie genau man hinsieht!"

"Ich habe genug anderes zu tun."

"Renken Sie sich beim Däumchendrehen nur nichts aus!" Bount drehte sich herum ging zurück zum Tisch.

Gwen und Jack hatten natürlich alles mitgehört.

"Das könnte die Lösung sein!", meinte der Junge. "Dieser O'Hines leiht sein Haus regelmäßig an einen seiner Freunde..."

"...der Richter ist." Bount nickte. "Aber da ist noch etwas." Er beugte sich etwas weiter vor um sicher zu sein, dass der hagere Mann hinter der Theke nichts mitbekam.

"Dieser Mann, der hier gerade auftauchte, scheint ein verdächtig großes Interesse an O'Hines' Ferienhaus gehabt zu haben. Jedenfalls sagte das der Nachbar."

"Du meinst, er war schon einmal hier?" Das war Gwen. Sie war schon drauf und dran, sich zu erheben, aber Bount hielt sie mit einer sanften Bewegung davon ab.

"Ihr beide bleibt hier", sagte er. "Haltet mir den Kerl im Auge."

"Und wie halten wir Verbindung?", fragte Gwen.

"Mir wird schon was einfallen.

Gwen zuckte mit den Schultern. "Was hast du vor?"

"Ich fahre noch einmal zurück zu O'Hines Ferienhaus. Ich kann mir nicht helfen, aber meine Nase sagt mir, dass da irgendein Zusammenhang sein muss. Irgendetwas, was wir bisher übersehen haben, und was alles zu einem logischen Ganzen machen würde..."

Bount wandte sich zum Gehen.

Er hatte den Ford schon erreicht, da sah er, dass Gwen ihm gefolgt war. Bount stieg in den Wagen sagte: "Pass ein bisschen auf den Jungen auf! Ich hoffe nicht, dass ihm wieder irgendein Unfug einfällt..."

"Pass du auf dich auf!", erwiderte sie.



33

Bount hatte die Strecke bis zu O'Hines' Haus schnell zurückgelegt. Heute war Freitag. Vielleicht kam der Richter ja noch.

Bount fragte sich, was er jetzt machen konnte. Solange warten, bis sich etwas tat? Bis irgendwann jemand bei O'Hines' Haus auftauchte?

Von dem Angler, dem das Nachbargrundstück gehörte, war nichts mehr zu sein. Er schien ausgeflogen zu sein, und das war Bount im Augenblick auch nur recht.

Er verließ den Ford und blickte sich um. Nirgends war jemand zu sehen.

Vielleicht sollte ich mich mal ein bisschen bei diesem O'Hines umsehen, dachte Bount. Dasselbe schien Patrick Gallagher schließlich auch gemacht zu haben - ebenso dieser Mister Smith, dessen Name so gewöhnlich war, dass er deshalb vielleicht schon falsch sein musste.

Vielleicht kommt ja etwas dabei heraus, dachte er. Große Hoffnungen hatte er allerdings nicht.

Aber es ging um das Leben eines Menschen, und da musste man auch den letzten Strohhalm noch ergreifen. Bount Reiniger sprang mit einem Satz über die niedrige Hecke, die O'Hines' Grundstück von der Straße trennte. Er ließ den Blick umherschweifen. Der Nachbar hatte von einer Alarmanlage geredet. Vielleicht war es wirklich nur Gerede. Und sonst hoffte Bount, dass nur das Haus selbst gesichert war.

O'Hines' Residenz war deutlich größer, als die seiner Nachbarn. Das galt sowohl für das Haus, wie auch für das Grundstück.

Rechts grenzte es ein Waldstück an, das sich am Ufer des Lough Neagh entlang zog. Bount ging zum See. O'Hines hatte ein Boot am Steg liegen. Es war wohlgesichert. Ein schönes Plätzchen, dachte Bount. Leider waren die Umstände nicht so, dass er es im Augenblick wirklich zu schätzen wusste. Er war nicht zum Vergnügen hier. Bount betrat den Steg, der sich einige Meter weit in den Lough Neagh zog. Das Wasser war ruhig. Fast spiegelglatt. Die Aussicht war traumhaft.

Bount wandte ein wenig den Blick und dann fiel ihm auf, dass hinter dem Waldstück eine weitere Wochenendresidenz auf einer vorgeschobenen Landzunge lag.

Und dort war auch Leben.

Bount sah einen Mann, der mit zwei zehn oder zwölfjährigen Jungs Ball spielte. Er atmete tief durch. Es war ein friedlicher, schon recht später Freitagnachmittag. Aber irgendwo in dieser Idylle lauerte vielleicht der Tod...

Und dann fiel es Bount wie Schuppen von den Augen.



34

Das Tor war gusseisern und die Mauer so hoch, dass es man es sich lieber zweimal überlegte, ob es den Versuch lohnte, hinüberzuklettern und sich dabei vielleicht den Hals zu brechen.

Die ganze Landzunge war auf diese Weise abgesperrt. Wer immer hier wohnte, musste ein besonderes Sicherheitsbedürfnis haben. Warum sollte er nicht Richter sein?

Bount sah keinen Postkasten und kein Namensschild. Da war eine Sprechanlage. Der Privatdetektiv probierte es einfach und drückte den Knopf. Eine Frau meldete sich, deren Stimme Selbstbewusstsein verriet.

"Wer ist da?"

"Jemand, der Ihrem Mann das Leben retten könnte!", sagte Bount einfach so ins Blaue hinein. "Ihr Mann ist doch Richter, nicht wahr?"

Bount horchte, aber auf der anderen Seite blieb es ungewöhnlich lange still. Getroffen!, dachte Bount. Oder vielmehr: Er hoffte es, denn es konnte genauso gut sein, dass die Frau auf der anderen Seite der Leitung ihn einfach nur für irgendeinen Spinner hielt.

"Wer sind Sie?", fragte die Frau.

"Mein Name ist Reiniger. Aber das wird Ihnen nichts sagen. Ich bin Privatdetektiv. Es besteht Grund zu der Annahme, dass ein IRA-Killer-Kommando auf ihn angesetzt ist. Am besten lassen Sie mich mal mit ihm persönlich sprechen..."

Wieder folgte eine Pause.

Dann: "Besser Sie gehen, Mister. Ich kaufe Ihnen Ihre Geschichte nicht ab! Wer auch immer Sie wirklich sein mögen - wenn Sie nicht verschwinden, rufe ich die Polizei!" Es knackte und einen Sekundenbruchteil später war die Verbindung unterbrochen.

Bount fluchte. Jetzt blieb nur noch eins: Klettern! Er stellte den Ford irgendwo an der Seite ab. Seine Waffe ließ er im Wagen. Wenn er damit auf der anderen Seite der Mauer auftauchte, würde ihm niemand mehr glauben, dass es ihm darum ging, ein Leben zu retten.

Dann ging Bount die Mauer entlang, in der Hoffnung, eine Stelle zu finden, an der man es wagen konnte. Er fand sie.

Ein Baum stand nahe genug, um ihm ein bisschen zu helfen. Bount kletterte den Baum hoch und hangelte dann einen Ast entlang, der über die Mauer hinwegragte. So ähnlich muss sich ein Affe fühlen, dachte er. Dann knackte im Geäst und es wurde ihm klar, dass es jetzt brenzlig für ihn wurde. Er bewegte sich ein bisschen und es knackte noch einmal. Gleichgültig, in welche Richtung es jetzt ging, der Ast würde das nicht mehr mitmachen. Bount setzte alles auf eine Karte, schwang Beine und Körper rückwärts und sprang. Er schrammte hart gegen die Mauer und bekam deren Oberkante zu fassen.

Mit kräftigen Bewegungen zog er sich hoch. Der Abstieg auf der anderen Seite war eine Mischung aus Fallen und Rutschen. Jedenfalls kam er heile unten an.

Ein kleiner Spurt und er war beim Haus.

"Was tun Sie hier?"

Der Mann war von der anderen Hausseite gekommen. Er hielt einen Ball in der Hand und zwei Jungs kamen hinter ihm her.

"Ich hatte gerade schon über die Sprechanlage eine Unterhaltung mit ihm, William", drang nun eine Frauenstimme an Bounts Ohr. Sie war fast lautlos durch die offenstehende Tür ins Freie getreten und hielt einen Revolver in der Rechten. "Er behauptet, dass er dich vor einem IRA-Killer schützen will - aber ich habe das dumpfe Gefühl, dass die Gefahr eher von ihm selbst ausgeht." Der Mann schickte die Jungen ins Haus. Sie gingen, wenn auch widerwillig. Dann trat er neben seine Frau und nahm die Waffe an sich.

"Erzählen Sie Ihre Story, Mister. Und ich hoffe, sie ist überzeugend!"

Bount nickte. "Ja, Euer Ehren! Aber ich schlage vor, dass wir dazu ins Haus gehen. Hier sind wir zu sehr auf dem Präsentierteller!"



35

Ich muss mich beeilen, dachte Smith und schaute dabei auf die Uhr. Er nahm das langgezogene Angel-Futteral an sich, hängte es sich über die Schulter und verließ dann sein Zimmer.

Als er dann wenig später die Treppe passiert hatte, und sich im Schankraum befand, hielt er nach dem Hageren Ausschau.

Er hieß Steve, dass wusste Smith inzwischen. Dazu war er oft genug hier gewesen.

Aber von Steve war keine Spur.

"Steve!"

Der Hagere kam aus der Küche und war alles andere als begeistert davon, dass jemand etwas von ihm wollte. Er konnte wirklich von Glück sagen, dass sein Laden keine Konkurrenz in der Gegend hatte.

Smith legte seinen Schlüssel auf den Tresen.

"Ich will heute noch 'raus!", sagte er. Steve verzog das Gesicht. "Ich hoffe, Sie fangen diesmal auch etwas! Das letzte Mal hatten Sie ja nicht allzu viel Glück!"

"Ich habe eine Frage!"

"Und?"

"Gibt es hier einen Bootsverleih in der Nähe?"

"Fahren Sie links und dann die nächste Rechts. Dann kommen Sie zu Harper, der verleiht Boote."

"Danke."

Smith wandte sich Gehen. Eine Sekunde lang blieb sein Blick bei dem jungen Mann und der Frau hängen, die an dem Tisch der Ecke saßen. Die Frau war so etwas wie eine Schönheit und sie sah tatsächlich in seine Richtung, blickte dann aber schnell zur Seite. Smith hielt sich nicht länger auf und ging nach draußen.

Man hörte noch, wie er in einen Wagen stieg und davonfuhr.



36

"Von O'Hines' Ferienhaus aus hat man einen herrlichen Blick auf Ihr Grundstück und Ihre Terrasse", schloss Bount seine knappe Erzählung ab. "Mit einem vernünftigen Zielfernrohr und einem entsprechenden Gewehr ist es keine Kunst, Sie von dort aus zu erschießen, während Sie mit Ihren Jungs spielen..."

An dem Winkel, in dem sein Gegenüber den Revolver hielt, konnte Bount ungefähr ablesen, wie überzeugend seine Ausführungen gewesen waren. Der Mann hielt die Waffe schräg nach unten und schien nachdenklich. Bount fragte: "Sie sind doch Richter, nicht wahr?"

"Ja, das haben Sie richtig kombiniert. Mein Name ist William Doherty und ich bin Richter in Belfast."

"Hatten Sie in letzter Zeit vielleicht öfter mit IRA Angelegenheiten zu tun?"

"Das ist mein Job!"

"Sicher. Aber ein Job, den andere Ihnen offensichtlich übel nehmen!"

"Soll ich ihn deshalb vielleicht aufgeben? Ich weiß seit langem, dass ich auf der Abschussliste stehe. In meiner Position ist man automatisch gefährdet. Um das zu wissen, bedarf es noch nicht einmal irgendwelcher Fahndungshinweise." Er hob die Waffe etwas und wog sie in der Rechten. "Was glauben Sie wohl, warum ich mir dieses Ding hier angeschafft habe!" Er seufzte. "Meine Frau hat mir keine Ruhe mehr gelassen, bis ich eine Waffe in der Tasche hatte. Und die Mauer, die mein Grundstück vom Rest der Welt abtrennt haben Sie ja auch gesehen..." Bount grinste. "Ja, allerdings. Ich hätte mir fast den Hals gebrochen."

Doherty überlegte.

"Vielleicht ist etwas dran, an dem was Sie sagen."

"Wenn ich Sie hätte umbringen wollen, dann hätte ich es jedenfalls so gemacht. Entweder von O'Hines' Grundstück oder vom See aus. Die werden Ihr Leben genau ausgekundschaftet haben und wissen, wann die größte Chance besteht, sie hier in günstiger Schussposition anzutreffen. Übrigens ist ein Mann hier in der Nähe abgestiegen, der sich schon vor längerem für O'Hines Grundstück brennend zu interessieren schien." William Doherty wandte sich an seine Frau. "Sorg dafür, dass die Kinder nicht nach draußen gehen..."

"Was hast du vor?"

"...und du bleibst auch hier!"

Dann ging er zusammen mit Bount hinaus auf die Terrasse.

Sie blickten auf den See hinaus. Ein paar Sportboote waren zu sehen.

Aber bei O'Hines tat sich noch nichts.

"Verdammt, Sie haben recht!", meinte der Richter. "Von dort hat man wirklich freie Bahn. So habe ich das noch nie gesehen..."

"Kann ich mal telefonieren?", fragte Bount.

"Sicher."

Wenig später waren sie wieder im Haus. Während Doherty unruhig am Fenster stand hinaus auf den Lough Neagh blickte, rief Bount im Gasthaus an. Er hatte den hageren Wirt am Apparat und der kostete ihn mit seinen unfreundlichen Frotzeleien erst einmal wertvolle Sekunden. Aber dann hatte er Gwen an der Leitung.

"Was ist?", fragte Doherty, nachdem Bount aufgelegt hatte.

"Sie sollten die Polizei rufen und Ihren Landungssteg ständig im Auge behalten."

"So ernst?"

"Der Kerl, den ich im Auge hatte, ist gerade aufgebrochen. Er ist unterwegs zu Harpers Bootsverleih. Wissen Sie, wo das ist?"

"Ein Stück das Seeufer entlang. Es liegt ganz in der Nähe."

Bount überlegte. "Vermutlich hat er umdisponiert und kommt jetzt vom See aus! Er ist vielleicht schon auf dem Weg hier her."

"Was schlagen Sie vor?"

"Ist das Boot da unten an Ihrem Steg vollgetankt?"

"Ja."

"Ich könnte versuchen, ihn abzufangen!"



37

Bount holte noch die Pistole aus dem Ford, bevor er in Dohertys Boot sprang, den Außenborder anmachte und das Gefährt über die Wasseroberfläche spritzen ließ. Er hielt die Augen offen, aber in den wenigen Booten, denen er begegnete, saß niemand, der auch nur entfernte Ähnlichkeit mit Smith hatte. Ein paar Minuten, dann tauchte am Ufer etwas auf, dass wie ein Bootsverleih aussah. Hier schien Bount richtig zu sein.

Er ließ das Boot direkt auf den Landungssteg zubrausen und drehte es dann kurz bevor es aufgeprallt wäre ab. Bount sprang an Land. Mit einem schnellen Handgriff war das Boot notdürftig festgemacht und dann sah er sich um. Es gab Motorboote und Segelboote. Weiter hinten sogar Tretboote. Eine Preisliste verriet, was man pro Stunde zu bezahlen hatte.

Ein Segel wurde hochgezogen. Offenbar von einem Mann, der nicht viel Erfahrung damit hatte. Bount hörte ihn vor sich hinfluchen.

Sein Blick ging weiter.

Und dann sah er ihn. Mister Love oder Smith oder wie man ihn auch nennen mochte. Er legte seine Angelausrüstung gerade sorgfältig in ein kleines Motorboot und wandte sich dem Außenborder zu.

Dem langgezogenen Futteral, dass er bei sich hatte, war unmöglich anzusehen, ob dort eine Auswahl verschiedener Angelruten verpackt war - oder vielleicht etwas ganz anderes.

Bount verlor keine Sekunde mehr.

Smith hatte ihn noch nicht bemerkt. Er blickte nach unten und versuchte, den Außenborder anzuwerfen. Der erste Versuch scheiterte. Der Motor tuckerte ein paar Takte und verreckte wieder. Bevor er den nächsten Versuch wagte, schob Smith sich die Ärmel seines Sweat-Shirts hoch.

Und dann war Bount auch schon bei ihm.

Der Kerl blickte auf und erstarrte, als er in die Pistolen-Mündung blickte, die Bount ihm entgegenhielt.

"Keine Bewegung!", zischte es über die Lippen des Privatdetektivs. Er wusste, dass er auf der Hut sein musste. Ein paar Augenblicke lang geschah gar nichts. Alles hing in der Schwebe, aber Bount entging die Muskelanspannung bei seinem Gegenüber keineswegs.

"Was wollen Sie?"

"Kommen Sie aus dem Boot!"

"Meine Brieftasche habe ich im Gasthaus gelassen!"

"Aus dem Boot, habe ich gesagt! Und ich sage es nicht ein zweites Mal!"

Smith warf einen Blick zu dem Futteral. Aber Bount würde ihm keine Chance lassen, das zu gebrauchen, was sich darin befand.

Zögernd kam er an Land.

Mit den Augenwinkeln sah Bount die verwunderten Blicke, die von den anderen Booten auf ihn gerichtet wurden.

Kein Wunder, durchschoss es Bount. Für Außenstehende wirkte das sicher wie die Wahnsinnstat eines Verrückten, was Bount da machte.

Sie glotzten zwar alle ganz entgeistert, aber keiner von ihnen war mutig genug, um einzugreifen. Bount konnte das in diesem Fall nur recht sein.

"Flach auf den Boden!", befahl Bount.

"Ich hoffe, Sie wissen, was Sie tun!"

"Worauf Sie sich verlassen können!"

Er gehorchte, wen auch mit sichtlichem Widerwillen. Einen Moment später lag er mit dem Bauch auf dem Holzsteg und Bount beugte sich über ihn, um ihn nach Waffen abzutasten.

Es war nicht das erste Mal, das Bount so etwas machte und er war diesmal besonders gründlich. Aber bei diesem Smith war einfach nichts finden, das sich als Waffe verwenden ließ.

Bount wusste, dass er sich beeilen musste. Wahrscheinlich hatte schon irgendjemand von den Umstehenden die Polizei gerufen. Er sprang in das Boot, mit dem Smith hatte aufbrechen wollen und griff nach dem Futteral.

Er öffnete es.

Alles, was er fand, waren drei Angelruten.

Bount ließ die Sachen sinken. Aber noch bevor er aufgeblickt hatte, war da plötzlich eine Faust in seinem Gesicht.

Bount taumelte.

Vage nahm er Smiths Gestalt war, der sich hochgerappelt und auf ihn gestürzt hatte. Ein zweiter Schlag folgte einen Sekundenbruchteil später. Dann verlor Bount das Gleichgewicht und plumpste benommen ins Wasser.



38

Vor allem der erste Schlag war hart und platziert gewesen. Für eine halbe Sekunde schwankte Bount zwischen Wachsein und Bewusstlosigkeit, während er instinktiv mit den Armen ruderte.

Dann kam er wieder an die Oberfläche.

Er wusste, dass seine Operation ein Schlag ins Wasser war - in mehr als einer Hinsicht. Dieser Smith schien tatsächlich nur ein harmloser Angler zu sein. In Bounts Gehirn arbeitete es, während er mit ein paar kräftigen Zügen zum Steg schwamm und sich dort hochzog. Er stand triefnass da, während die Umstehenden sich jetzt etwas näher herangewagt hatten.

Und als ihnen klar wurde, dass Bount seine Waffe im Wasser verloren haben musste, da wurden sie noch mutiger.

"Lasst ihn nicht entkommen, den Kerl!", rief einer.

"Die Polizei muss gleich da sein!"

"Bis dahin ist er weg!"

Smith kam indessen aus dem Boot heraus und wollte Bount festhalten, aber da revanchierte dieser sich und schickte ihn mit einem Hieb auf die Bretter. Dann rannte er den Steg entlang zu dem Boot, mit dem er gekommen war, während er hinter sich die Stimmen seiner Verfolger hörte. Aber sie holten ihn nicht mehr ein.

Bount ließ den Außenborder aufheulen und jagte davon. Nach ein paar hundert Metern bremste er das Tempo etwas ab und ließ den Blick schweifen. Er dachte fieberhaft nach.

Wenn Smith eine Niete war - wo lauerte dann der tödliche Hauptgewinn?

Vielleicht nirgends. Vielleicht hatte derjenige, an den Seamus den Auftrag delegiert hatte, nachdem Patrick Gallagher verbrannt war, sich ein anderes Wochenende für seinen Schlag ausgesucht. Oder hatte einen ganz anderen Plan und zog es vor, William Doherty vor dem Gerichtsgebäude oder sonst wo umzubringen.

Doherty war das auserkorene Opfer, das stand für Bount Reiniger fest.

Aber wenn er jetzt mit leeren Händen zurückkam, würde der Richter ihn womöglich für einen Spinner oder Wichtigtuer halten und die Sache nicht mehr ernst nehmen. Er zuckte die Achseln.

Bount hatte alles versucht.

Er ließ das Boot in mittlerem Tempo am Ufer vorbeirauschen. Schon bald tauchte in der Ferne auch wieder die Landzunge mit Dohertys Wochenendresidenz auf. Als Bount dann das fremde Boot sah, wurden seine Augen zu schmalen Schlitzen.



39

Das Boot war ganz in der Nähe der Landzunge. Es schien einfach nur so dahinzutreiben.

Und darin saß der mürrische Angler, bei dem sich Bount über O'Hines' Haus erkundigt hatte.

Er ließ sein Boot treiben und hatte seine Angelrute ausgeworfen.

Bount sah, wie an seiner Rute ein Fisch zu zappeln schien, aber der Angler schien daran gar nicht interessiert zu sein.

Und dann trat plötzlich William Doherty auf seine Terrasse hinaus. Er musste Bounts Boot beobachtet und gesehen haben, dass Bount zurückkehrte. Wahrscheinlich nahm er an, dass die Gefahr vorüber war oder sich erledigt hatte.

Aber das war nicht der Fall.

Bount sah, wie der vorgebliche Angler etwas Längliches hervorholte. Ein Gewehr. Er würde kurz anlegen und schießen, um dann schleunigst zum Steg zurückzufahren, um sich anschließend mit dem Wagen auf Nimmerwiedersehen aus dem Staub zu machen.

Bount ließ seinen Außenborder aufheulen und beschleunigte. Er zog eine große Heckwelle hinter sich her, als er herankam.

Der Angler hatte den Gewehrkolben schon am Kinn, als er Bount bemerkte.

Bount zog an ihm vorbei und ließ ihn die Heckwelle spüren, die das treibende Boot hin und her schaukeln ließ. Er konnte froh sein, nicht ins Wasser zu fallen. Er wirbelte herum und legte erneut an, diesmal allerdings auf Bount Reiniger. Dieser riss sein Boot herum, lenkte es direkt auf seinen Gegner zu und warf sich dabei flach auf den Boden seines Bootes.

Ein abgedämpfter Schuss löste sich, wovon in dem Getöse überhaupt nichts mehr zu hören war.

Nur die Wirkung war unübersehbar.

Das Projektil durchschlug glatt die Polyester-Außenhaut und ging dicht an Bounts Körper vorbei.

Details

Seiten
500
Jahr
2021
ISBN (ePUB)
9783738953794
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Juli)
Schlagworte
eine rechnung killer krimis

Autoren

  • Alfred Bekker (Autor:in)

  • Hans-Jürgen Raben (Autor:in)

  • A. F. Morland (Autor:in)

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Titel: Eine Rechnung vom Killer: 4 Krimis