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Willkommen bei den Mördern: Krimi Paket 11 Thriller

von Alfred Bekker (Autor) Thomas West (Autor) Pete Hackett (Autor) Cedric Balmore (Autor) Henry Rohmer (Autor) Wolf G. Rahn (Autor) A. F. Morland (Autor)
2021 1000 Seiten

Leseprobe

Willkommen bei den Mördern: Krimi Paket 11 Thriller

Alfred Bekker, Thomas West, Cedric Balmore, A.F.Morland, Pete Hackett, Wolf G. Rahn, Henry Rohmer

Dieser Band enthält folgende Krimis:



Alfred Bekker (Heny Rohmer): Stirb, McKee!

Cedric Balmore: Bount Reiniger und die Killerin

Alfred Bekker: Krähen

Pete Hackett: Der Fluch der bösen Tat 1

Pete Hackett: Der Fluch der bösen Tat 2

Thomas West: Am Ende gibt es nur Verlierer

Cedric Balmore: Guten Morgen, es wird dein letzter sein

Cedric Balmore: Sargnägel mit Totenköpfen

A.F.Morland: Willkommen im Jenseits

Wolf G. Rahn: Die Killerspinne

Thomas West: Ein Köder für den Maulwurf





Dieser Fall ist verzwickt. Zuerst wird vor den Augen von Bount Reiniger der zweite Bezirksbürgermeister von Brooklyn ermordet. Zuvor war bereits der Syndikatsboss Bob Whitehead erschossen worden.

Der Privatdetektiv Reiniger trifft auf die beiden Witwen der Verblichenen und stellt fest, dass sie sehr attraktiv sind und beide einmal Tänzerinnen waren. Was ihn stutzig werden lässt, ist, dass bei beiden die Melodie „Pique Dame“ von Tschaikowski erklingt. Was verbirgt sich dahinter? Reiniger will es herausfinden!

Copyright

Alfred Bekker

© Roman by Author /

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Alles rund um Belletristik!

Stirb, McKee!

Thriller von Alfred Bekker (Henry Rohmer)




Der Umfang dieses Ebook entspricht 140 Taschenbuchseiten.

Er ist der Chef einer wichtigen Ermittlungsbehörde - aber in seiner Vergangenheit scheint es ein dunkles Geheimnis zu geben. Ein wahnsinniger Killer hat es auf ihn abgesehen und präsentiert eine alte, blutige Rechnung.

Für die Ermittler beginnt ein Wettlauf mit dem Tod...


Rasanter Action-Krimi von Henry Rohmer (Alfred Bekker)!


Henry Rohmer ist das Pseudonym des bekannten Fantasy- und Jugendbuch-Autors Alfred Bekker. Daneben schrieb Bekker an zahlreichen Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton Reloaded, John Sinclair und Kommissar X mit.


Copyright

Ein CassiopeiaPress E-Book

© by Author

© 2015 der Digitalausgabe by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www . AlfredBekker . de

postmaster @ alfredbekker . de





1

Mister McKee erstarrte, als er den roten Punkt über das Grau seines Mantels zucken sah.

Der Laserpointer eines Zielerfassungsgerätes!

Mister McKee reagierte blitzschnell. Er warf sich zur Seite, hinter eines der am Straßenrand parkenden Fahrzeuge.

Sekundenbruchteile später schlug ein Projektil in den Asphalt ein. Ein Schussgeräusch war nicht zu hören. Mister McKee kauerte hinter einem Ford, zog die Dienstwaffe hervor und wartete ab.

Irgendwo in dieser schmalen, unübersichtlichen Seitenstraße lauerte ein Killer auf ihn.

Mister McKee umrundete in geduckter Haltung den Ford.

Aufmerksam streifte sein Blick die Fassaden der Brownstone-Häuser, die Balkone, die Feuertreppen, die Reihe der parkenden Wagen am Straßenrand...

Der Killer hatte alle Vorteile auf seiner Seite.

Wieder sah Mister McKee den Laserpunkt tanzen.

Er duckte sich.

Kugeln schlugen durch die Bleche des Fords, ließen einen der Reifen platzen und die Scheiben zerspringen. Ein Satz und Mister McKee hatte sich hinter dem dahinter parkenden Van einer Installateurfirma verschanzt.

Passanten blieben stehen, hier und da war ein Panikschrei zu hören.

Mister McKee griff in die Innentasche seines Mantels und holte sein Handy hervor. Die Nummer des FBI-Field Office New York war in das Menu einprogrammiert. Ein Knopfdruck und er war verbunden.

"Hier Special Agent in Charge Jonathan D. McKee", meldete er sich. In knappen Worten gab er seine Position und Lage durch.

Verstärkung war unterwegs.

Aber bis die eintraf, würde es noch etwas dauern.

Mister McKee klappte das Handy ein, steckte es weg und tauchte vorsichtig hinter seiner Deckung hervor. Die Pistole vom Typ SIG Sauer P226 hielt er dabei im beidhändigen Anschlag.

Ein Schuss zischte haarscharf an Mister McKees Kopf vorbei.

Sein Blick glitt hoch, entlang an den Hausfassaden.

Fieberhaft versuchte er zu erkennen, von wo aus man ihn ins Visier genommen hatte.

Er sah eine Bewegung an einem Fenster im dritten Stock.

Ein Gewehrlauf wurde zurückgezogen.

Mister McKee umrundete in geduckter Haltung den Van, lief über die Straße. Einige Passanten beobachteten ihn dabei misstrauisch. Mister McKee holte seinen Dienstausweis hervor, hielt ihn hoch und rief: "Gehen Sie aus der Schusslinie! Da oben ist ein Killer..."

Mister McKee erreichte die andere Straßenseite. Er hetzte den Bürgersteig entlang. Seine Kondition war zwar nicht mehr so gut wie damals, in Korea, aber für einen Mann seines Alters war er in guter körperlicher Verfassung.

Aus der Ferne hörte er die Sirenen eines City Police-Fahrzeugs. Er konnte nicht warten, bis die Kollegen am Ort des Geschehens waren. Er wollte den geheimnisvollen Killer stellen, der es auf ihn abgesehen hatte. Mister McKee lief auf den Eingang des Gebäudes zu, in dem er den Killer gesehen hatte.

Haus Nummer 234.

Es war kein moderner Bau.

Und das in jeder Hinsicht. Die Fassade bröckelte, und die Videokamera über der Tür hatte eine zersprungene Linse.

Mister McKee drückte ein gutes Dutzend Klingelknöpfe.

Ein Surren ertönte.

Die Tür ließ sich öffnen. Mister McKee stürmte zu den Aufzügen.

Auch sie wurden eigentlich von Videokameras überwacht.

Jemand hatte die Kabel herausgerissen. Sicherheitspersonal schien es in Nummer 234 nicht zu geben. Man verließ sich auf die Videokameras, die so etwas wie eine Illusion von Sicherheit erzeugten.

Einer der Aufzüge öffnete sich.

Ein Mann in einer dunkelbraunen Jacke trat heraus. Über der Schulter trug er eine längliche Tasche, wie man sie für Golfschläger verwendete.

Mister McKee hielt ihm seinen Ausweis unter die Nase.

"FBI! Bitte öffnen Sie die Tasche!"

Der Mann war etwas verdutzt, gehorchte dann aber. Sehr vorsichtig öffnete er das langgezogene Futteral. Es enthielt tatsächlich Golf-Schläger.

"Verzeihen Sie", sagte Mister McKee.

"Schon gut, was ist denn los, Agent?"

"Wo wohnen Sie?"

"Dritter Stock."

"Sind Sie gerade jemandem begegnet?"

"Nein. Ich wohne in Apartment C23, bin durch die Tür und dann zum Aufzug gegangen."

"Niemand da?"

"Nein."

"Gibt es einen zweiten Ausgang?"

"Ja, aber der ist abgeschlossen, da kommen Sie nicht so einfach durch - es sei denn, Sie wohnen hier und haben einen Schlüssel..."

"Danke."

Indessen heulten Sirenen durch die Straße. Das waren die Kollegen der City Police.

Die Aufzugtür bewegte sich. Ehe sie sich schließen konnte, stellte Mister McKee den Fuß dazwischen. In einem der oberen Stockwerke hatte jemand den Aufzug aktiviert. Aber solange die Sensoren der Schiebetür einen Widerstand registrierten, verhinderte die Sicherheitsschaltung, dass der Lift benutzt werden konnte. Mister McKee zog seinen Mantel aus, rollte ihn zu einem Bündel und legte ihn so auf den Boden, dass sich die Tür nicht schließen konnte.

"Rühren Sie das nicht an!", wies Mister McKee den Mann in der braunen Jacke an. Seine Stimme hatte einen autoritätsgewohnten Klang, der keinen Widerspruch duldete.

"Gehen Sie hinaus zu den NYPD-Leuten und sagen Sie Ihnen, dass sie das Haus umstellen sollen!"

Der Mann stand wie erstarrt da.

"Na los!", forderte Mister McKee nachdrücklich. "Worauf warten Sie noch?"

Der Mann in der braunen Jacke setzte sich zögernd in Bewegung.

Mister McKee ging indessen vorsichtig die Treppe hinauf.

Nachdem der Aufzug funktionsunfähig war, gab es nur diesen Weg hinunter. Das hatte er gewollt.

Mister McKee nahm die SIG in beide Hände.

Normalerweise residierte er in seinem Büro an der Federal Plaza und koordinierte die Einsätze des FBI-Field Office von New York. Ein Schreibtischjob. Aber wenn er auch nicht so im Training war, wie die aktiven Special Agents im Außendienst, so hatte er doch nichts verlernt.

Er arbeitete sich bis zum ersten Treppenabsatz vor. Den Lauf der SIG ließ er herumschnellen, riss ihn empor.

Es war niemand zu sehen.

Mit großen Schritten ging er weiter hinauf, immer zwei, drei Stufen auf einmal.

Er erreichte das erste Obergeschoss, warf einen Blick den Flur entlang. Niemand zu sehen. Vielleicht war der Killer auch längst weg, geflohen über eine der Feuertreppen auf der anderen Seite des Hauses.

Mister McKee kehrte ins Treppenhaus zurück, erreichte das nächste Stockwerk. Auch hier: nichts!

Die meisten Mieter waren um diese Zeit nicht zu Hause.

Als er das nächste Geschoss erreichte, schlich er besonders vorsichtig den Flur entlang. In diesem Stock glaubte er das Gewehr des Killers gesehen zu haben.

Der Grundriss unterschied sich von dem der unteren Stockwerke.

Der Flur machte eine Biegung.

Dann führte er direkt an einer Reihe von Fenstern entlang.

Eines der Fenster war ein Stück hochgeschoben...

Kein Zweifel, von hier aus hatte der Schütze auf ihn gefeuert. Vorsichtig näherte sich Mister McKee der Stelle.

Auf dem Boden lagen mehrere Patronenhülsen.

Achtlos hatte der Killer sie zurückgelassen.

Entweder bedeutete das, dass er in seinem mörderischen Job ein blutiger Anfänger war, oder...

...es war Absicht!, dachte Mister McKee. Der Killer will, dass ich genau das hier zu sehen bekomme!

Mister McKees in so vielen Dienstjahren gewachsener Instinkt für Gefahren meldete sich.

Sein Handy schrillte.

Mit der Linken griff er in die Innentasche seines Jacketts und holte den Apparat hervor.

"Ja?", meldete er sich.

Die Stimme, die er dann vernahm, war kaum mehr als ein flüsterndes Krächzen. "Ich weiß genau, wo Sie sind, Jonathan D. McKee... Ich weiß alles über Sie. Ihre Gewohnheiten, Ihre Vorlieben, Ihre Schwächen...." Ein Kichern folgte. "Jeden Augenblick könnte ich Sie töten - ohne, dass Sie auch nur das geringste dagegen unternehmen könnten!""

"Wer sind Sie?", fragte Mister McKee ruhig.

Die Stimme klang jetzt dumpf und verfremdet.

Das höhnische Lachen überforderte den Lautsprecher des Handy. Alles, was zu hören war, war ein durchdringender, klirrender Laut.

"Haben Sie Angst, Mister McKee?", fragte die unheimliche Stimme dann. "Schmecken Sie die Nähe des Todes? Er sitzt Ihnen wie ein ewiger Verfolger im Nacken. Sie können nichts dagegen tun. Irgendwann werde ich zuschlagen. Vielleicht in einer Sekunde - vielleicht erst in einem Jahr oder niemals."

"Sie haben vor kurzem meinen Wagen in die Luft gejagt", stellte Mister McKee fest.

Der Unbekannte schwieg.

Mister McKee ging einen Schritt weiter.

"Sie müssen mich sehr hassen", stellte er kühl fest. Seine eigenen Emotionen verbarg er fast völlig.

"Oh, ja, das tue ich..."

"Was habe ich Ihnen getan?"

"Sie werden schon noch darauf kommen, Mister McKee... Aber zuvor werde ich Sie durch die Hölle der Ungewissheit und der Todesangst schicken... Eine Reise, die Sie sich redlich verdient haben..."

Mister McKee hatte das Fenster beinahe erreicht.

An der Fensterscheibe war deutlich sichtbar der Schweißabdruck einer ganzen Hand zu sehen. Zierlich und langfingrig, wie die Hand eines Pianisten. Eine Spur, so deutlich, dass sie der Traum jedes Erkennungsdienstlers war...

Zu deutlich...

Eine Sekunde später brach die Hölle los.



2

Als Milo und ich die Seitenstraße in Upper Manhattan erreichten, hörten wir den Knall einer gewaltigen Detonation. Ich fuhr den Sportwagen, den mir die Fahrbereitschaft des FBI zur Verfügung stellte schräg auf den Bürgersteig.

Unser Kollege Orry Medina traf einen Augenblick später ein, brauste mit seinem Rover die Straße entlang und bremste mit quietschenden Reifen.

Wir rissen die Türen auf, sprangen raus und hatten dabei die SIGs schon in der Faust. Im dritten Stock von Haus Nummer 234 war ein Fenster buchstäblich herausgesprengt worden. Ein glutroter Flammenpilz schoss empor. Mauerstücke wurden aus der Wand gebrochen und in die Tiefe gerissen. Innerhalb von Sekunden bildete sich eine Staubwolke, die alles einhüllte.

Unten auf der Straße wichen die NYPD-Beamten vor den herunterkrachenden Betonbrocken zurück.

Mein Freund und Kollege Milo Tucker und ich setzten zu einem kleinen Spurt an.

Orry folgte uns.

"Agent Trevellian, FBI!", rief ich einem Sergeant zu, der unseren Weg kreuzte. "Was ist hier los?"

"Jemand hat auf euren Chef geschossen!"

"Wo ist Mister McKee?"

Der Sergeant deutete auf Haus Nummer 234. "Irgendwo dort drinnen! Wir haben angefangen das Haus zu umstellen, da ging plötzlich die Bombe los..."

Ich ließ den Sergeant stehen und lief Richtung Eingang.

Milo und Orry folgten mir.

Wir erreichten den Aufzug, dessen Schiebetür immer wieder gegen einen zusammengerollten Mantel fuhr. Wir nahmen die Treppe. Bei Bränden und Explosionen sind Aufzüge tabu, das gehört zum kleinen Einmaleins der Sicherheitsbestimmungen.

Wir hetzten die Treppen hinauf bis in den dritten Stock, dann den Flur entlang.

Dann stoppten wir im Lauf.

Mister McKee stand wie zur Salzsäule erstarrt da, den Blick auf das Loch gerichtet, dass die Explosion in die Fassade gerissen hatte. Sämtliche Scheiben waren zersprungen.

Ich atmete tief durch, steckte die SIG ins Holster.

"Gott sei Dank, Chef! Ihnen ist nichts passiert..."

Mister McKee schien uns zunächst gar nicht zu bemerken. Sein Blick war nach innen gekehrt. Er war tief in Gedanken versunken.

Dann ging ein Ruck durch ihn. Er wandte den Kopf in unsere Richtung. Sein Gesicht blieb unbewegt.

"Das war ziemlich knapp", sagte er dann. "Aber ich bin überzeugt davon, dass ER es genau so wollte..."

"Wer?"

"Der Killer, der mir schon eine ganze Weile auf den Fersen ist. Erst mit zusammengeklebten Briefen, dann mit Anrufen und einem Sprengstoffattentat auf meinen Wagen. Und nun..."

"Nun hat er Sie direkt ins Visier genommen", stellte Milo fest.

Mister McKee nickte. Er deutete auf das Loch in der Wand. "Von hier aus hat er auf mich gezielt. Mit einem Gewehr, das über Laserzielerfassung verfügte. Hätte ich den roten Strahl nicht aufblitzen sehen - ich hätte jetzt wohl eine Kugel im Kopf."

Der Chef trat etwas näher an das Loch in der Wand heran.

Vom Fenster war nichts geblieben.

"Seltsam", murmelte er dann.

"Worüber denken Sie nach, Sir?", fragte ich.

"Der Killer hat eine deutliche Spur hinterlassen. Einen Handabdruck... Ich konnte ihn gerade noch sehen und wunderte mich über den Dilettantismus des Täters, da explodierte alles. Es wirkte beinahe so, als ob..." Mister McKee machte eine kurze Pause. Auf seiner Stirn erschienen tiefe Furchen.

"...als ob er mit mir spielen wollte!"

"Ein grausames Spiel."

"Ja, wie eine Katze, die noch wartet, ehe sie ihre Beute endgültig tötet..."

"Sir, bei allem Respekt..."

Mister McKee hob die Augenbrauen und sah mich an.

"Ja?"

"Sie sollten diesem Fall jetzt endlich Priorität einräumen!"

Unser Chef nickte düster.

"Vielleicht haben Sie recht, Jesse..."



3

Das gesamte Gebäude wurde von Beamten der City Police und eintreffenden FBI-Agenten durchsucht. Die Kollegen der Scientific Research Division, des zentralen Erkennungsdienstes aller New Yorker Polizeiabteilungen, machten sich daran, nach jeder noch so kleinen Spur zu suchen.

Der Täter war offenbar entkommen. Möglicherweise über eine der Feuerleitern. Kollegen der City Police stellten fest, dass eine der Wohnungstüren im vierten Stock aufgebrochen worden war. Vielleicht war das sein Fluchtweg gewesen.

Wir befragten Dutzende von Personen aus der Nachbarschaft, um etwas mehr über den mysteriösen Schützen zu erfahren, der auf Mister McKee angelegt hatte.

Mister McKee bestand darauf, am Tatort zu bleiben und bei den Ermittlungen dabei zu sein.

Es war Mittag, als die SRD-Kollegen erste Ergebnisse mitteilen konnten. Danach war der Sprengstoff von außen an das Mauerwerk angebracht worden. Das war auch der Grund dafür, dass Mister McKee nicht durch die Wucht der Detonation zerfetzt worden war. Genauere Rückschlüsse, etwa Herkunft und Beschaffenheit des Sprengstoffs, waren erst nach zusätzlichen Laboruntersuchungen möglich.

Milo und ich begleiteten Mister McKee schließlich zu seiner Wohnung, die nur ein paar Straßen weiter gelegen war.

Die Kleidung unseres Chefs hatte bei dem Anschlag ziemlich gelitten. Sie war vollkommen verstaubt und so wollte Mister McKee nicht in seinem Büro im FBI Field Office an der Federal Plaza erscheinen.

Milo fuhr mit dem Sportwagen, während ich in Mister McKees Wagen mitfuhr, einem Chrysler aus unserer Fahrbereitschaft.

Eins stand fest, wir konnten Mister McKee jetzt auf keinen Fall aus den Augen lassen. Der Täter, der ihn beinahe umgebracht hatte, würde es vermutlich wieder versuchen. Seit einiger Zeit schon wurde unser Chef terrorisiert. Zunächst waren es nur zusammengeklebte Hass- und Drohbriefe gewesen, als deren Urheber von uns zunächst ein Computerfreak verdächtigt worden war, gegen den wir im Zusammenhang mit einem Fall von illegalem Organhandel und einer Mordserie an Obdachlosen ermittelt hatten. Aber diese Spur erwies sich rasch als Sackgasse. Der Computerfreak hatte es geschafft in die EDV des FBI einzudringen. Daher war er auch über alle Ermittlungsdetails informiert gewesen. Ein Trittbrettfahrer, dem es Freude gemacht hatte, im Schatten eines anderen Angst und Schrecken zu verbreiten. Nach seiner Festnahme hatte der Terror keineswegs aufgehört.

Ganz im Gegenteil.

Der oder die Unbekannten hatten den Druck auf ihr Opfer erhöht.

Auf die Briefe folgten Anrufe.

Die Stimme war stets so verzerrt gewesen, dass damit der Täter nicht zu identifizieren gewesen wäre.

Dann war Mister McKees Wagen auf dem Parkplatz vor unserem Dienstgebäude an der Federal Plaza explodiert, nachdem dies Augenblicke zuvor durch einen Anruf angekündigt worden war.

Und jetzt dieses Attentat, dem Mister McKee nur um Haaresbreite entgangen war.

"Der Attentäter muss Sie sehr hassen", sagte ich an Mister McKee gewandt, während wir vor einer roten Ampel warteten. Ich saß am Steuer des Chryslers. Mister McKee saß mit nachdenklichem Gesicht auf dem Beifahrersitz. Er nahm die Situation mit erstaunlicher Gelassenheit hin. Aber diese Ruhe - ja, manchmal sogar Kaltblütigkeit - gehörte zu seinem Charakter.

Wie viel davon Maske war, konnte man bei unserem Chef niemals so ganz durchschauen.

"Die meisten, die mich derart hassen könnten, sind nicht mehr in Freiheit", meinte Mister McKee dann.

Mister McKees Apartment lag in einem Block in Upper Manhattan.

Milo, der mit dem Sportwagen vorausgefahren war, parkte am Straßenrand und stieg aus. Er blickte sich um. Dann winkte er uns kurz zu. Ich lenkte den Chrysler jetzt ebenfalls an den Straßenrand und hielt hinter dem Sportwagen.

"Sie sollten nicht mehr ohne Kevlar-Weste aus dem Haus gehen", meinte ich. "Wer weiß, wo dieser Wahnsinnige beim nächsten Mal auf Sie lauert! Außerdem sollten Sie überlegen, ob Sie nicht in nächster Zeit woanders übernachten."

"Übertreiben Sie nicht, Jesse!", mahnte mich unser Chef. "Ich habe vor, meinen Dienst ganz normal fortzusetzen, ohne Abstriche. So einfach lasse ich mich nicht in die Knie zwingen."

Ein paar Minuten später standen wir vor Mister McKees Wohnungstür.

Der FBI-Chef öffnete.

Wir traten ein, ich zog dabei die SIG aus dem Gürtelholster. Schließlich konnte man nicht wissen, ob der Unbekannte nicht vielleicht hier auf sein Opfer wartete...

Mister McKee lächelte nachsichtig, als ich die Waffe schließlich wegsteckte.

"Ich bin froh, dass ich nicht in einer Position bin, in der ich ständig irgendwelchen Personenschutz um mich habe... Das würde mir ganz schön auf die Nerven gehen."

"Kann ich verstehen", meinte ich.

"Ich ziehe mir eben 'was anderes an. Sie können sich in der Zwischenzeit einen Drink machen, wenn Sie wollen. Ist alles da..."

Mister McKee verschwand im Schlafzimmer.

Nach einem Drink war mir nicht. Und Milo ging es ähnlich.

Ich dachte nach. Irgendwie musste es doch möglich sein, dem Unbekannten auf die Spur zu kommen.

"Der Kerl hat seinen Terror immer weiter getrieben", meinte Milo.

"Kerl?", fragte ich. "Wer sagt dir, dass es ein Kerl ist?"

Milo verzog das Gesicht.

" Der Täter", ahmte er den kühl-sachlichen Tonfall nach, in dem unsere Presseabteilung Erklärungen an die Öffentlichkeit zu geben pflegte. "Es wirkt so, als wollte er den Druck immer weiter erhöhen..."

Mister McKee kehrte zurück. Er band sich eine Krawatte um. Mit schnellen, routinierten Bewegungen machte er sich einen schmalen Knoten.

Plötzlich sagte er: "Wenn das stimmt, was die SRD-Kollegen herausgekriegt haben, und der Sprengsatz wirklich außen angebracht wurde, dann kann das nur heißen, dass der Schütze mich nicht zerfetzen wollte..."

"Was wollte er dann?", hakte Milo nach. "Ihnen Angst einjagen?"

"Warum nicht?" Mister McKee zuckte die Schultern. Sein Gesicht wirkte blass. Die Ereignisse hatten ihn mehr mitgenommen, als er zuzugeben bereit war.

"Sir, als Sie den Schützen entdeckten..."

Mister McKee unterbrach mich.

"Ich habe ihn nicht gesehen. Nur den Lauf seiner Waffe. Das war alles."

"War zu dem Zeitpunkt bereits irgendetwas an der Außenfassade, vielleicht ein paar Handbreit unterhalb des Fensters zu sehen?"

"Nichts, woran ich mich jetzt erinnern könnte."

"Versuchen Sie sich die Situation nochmal ins Gedächtnis zurückzurufen!"

Mister McKee fuhr sich mit der Hand über das Kinn, ging zum Fenster und blickte hinaus auf den Straßendschungel von Upper Manhattan. Er schüttelte den Kopf. "Da war - glaube ich nichts. Andererseits sind Sprengladungen heute mitunter klein und kompakt. Auf die Entfernung hin kann man so etwas für alles Mögliche halten."

"Vermutlich hat der Täter die Ladung angebracht, während sie ihm in Nummer 234 gefolgt und die Treppe hinaufgehetzt sind", meinte Milo.

Mister McKee nickte langsam.

"Durchaus möglich. Aber der Punkt ist, dass er mich getötet hätte, wenn die Ladung innen angebracht gewesen wäre!"

Das Telefon schrillte.

Mister McKee ging an den Apparat.

Ein Knopfdruck auf den Anrufbeantworter und das Gespräch wurde aufgenommen.

Eine verzerrte Stimme meldete sich. Unser Chef schaltete den Lautsprecher ein, damit wir mithören konnten. Der letzte Rest an Farbe war aus seinem Gesicht geflohen.

"Ich weiß, wo Sie jetzt sind, Jonathan D. McKee... Sie können mir nicht entgehen. Immer bin ich bei Ihnen. In Ihren Gedanken... Ich bin die Angst, die Ihnen den Rücken hinaufkriecht und die Sie nicht mehr schlafen lassen wird..."

Ein irres Kichern folgte. Es wirkte hysterisch. "Sie fragen sich, warum ich den Sprengstoff außen angebracht habe, warum ich Sie noch am Leben ließ... Ich sagte Ihnen ja, dass ich irgendwann zuschlage und Sie töte... Irgendwann! Sie werden in ständiger Ungewissheit leben. Und auch die beiden G-men, die sich jetzt, in diesem Moment bei Ihnen in der Wohnung befinden, werden Ihnen nicht helfen können..."

Ich wirbelte herum.

"Von den Fenstern weg!", rief ich.

Mister McKee verstand sofort, duckte sich. Mit zwei Schritten war ich neben dem Fenster. Milo ebenfalls. Wir hielten die SIGS in den Händen, blickten hinaus und suchten mit den Augen die Fensterzeilen auf der gegenüberliegenden Straßenseite ab.

Nirgends war etwas Verdächtiges zu sehen.

Die verzerrte Stimme meldete sich erneut aus dem Telefonlautsprecher.

"Es gibt kein Entrinnen für Sie, Jonathan D. McKee... Kein Entrinnen! Sie werden bezahlen!"

"Für was denn, verdammt nochmal!", rief Mister McKee.

"Sie sind ein intelligenter Mann, Mister McKee. Bevor Sie sterben, werden Sie es wissen!"

Die Verbindung wurde unterbrochen.



4

Wir riefen Kollegen herbei. Sie sollten ermitteln, ob uns jemand von der anderen Straßenseite beobachtete. Es gab allerdings noch eine andere mögliche Erklärung dafür, dass unser Gegner über das, was in Mister McKees Apartment geschah, so gut Bescheid wusste.

Ich nahm mir systematisch alle Lampenschirme, den Telefonhörer und andere typische Stellen zu, an denen Wanzen bevorzugt angebracht wurden. Und ich wurde schnell fündig.

Ich hielt das kleine, daumennagelgroße elektronische Abhörgerät empor.

Milo und Mister McKee verstanden sofort.

Es wurde kein Wort mehr gesprochen.

Wir gingen hinaus auf den Flur. Von dort aus riefen wir per Handy die Scientific Research Division.

"Die sollen sich mein Apartment mal gründlich vornehmen", meinte Mister McKee.

"Sie können hier nicht bleiben, Sir", erklärte ich. "Diese Wanze - und wer weiß, ob es die einzige ist! - kam ja nicht von allein in Ihre Wohnung! Unser Gegner war dort drin..."

"...und hat hoffentlich irgendeine Spur hinterlassen!", mischte sich Milo ein.

Ein Haar, ein Speichelrest, eine Textilfaser - all das konnte uns ein ganzes Stück weiterbringen.

Als wir die Eingangshalle des Apartmenthauses erreicht hatten, sprach ich einen der uniformierten S-Guards an, die hier für Sicherheit sorgten.

Der Wachmann saß in einem gläsernen Büro und überwachte auch die Videoanlage.

Wir hielten ihm unsere Ausweise entgegen.

"Was ist denn passiert?", erkundigte sich der Wachmann.

"In Mister McKees Apartment ist jemand eingedrungen", sagte ich. "Sie führen hier eine Video-Überwachung durch..."

"Ja."

"Das heißt, es kann niemand das Haus betreten, ohne aufgenommen zu werden."

"Das ist richtig."

"Und wie lange reichen diese Aufzeichnungen zurück?"

"48 Stunden. Danach werden die Bänder gelöscht, sofern uns nicht irgendein Vorfall gemeldet wird."

"Ich möchte Sie bitten, uns sämtliche Bänder auszuhändigen", ließ sich nun Mister McKee vernehmen. Der Wachmann nickte. "Okay, Sir... Wie Sie wollen."

Wir wussten nicht, seit wann sich die Wanze in Mister McKees Wohnung befunden hatte. Möglicherweise war das bereits seit Wochen der Fall, dann brachten uns die Video-Bänder nicht weiter. Aber möglicherweise hatten wir ja Glück, und auf den Bändern war jemand zu sehen, der in das vage Bild passte, das wir uns bisher von dem Attentäter gemacht hatten.

Der S-Guard machte sich daran, die Bänder zusammenzusuchen.

"Ihnen ist niemand aufgefallen, der Mister McKees Apartment besuchen wollte?", fragte ich.

"Nein, Sir", erklärte der Wachmann.

"Ihre Kollegen müssen wir auch noch befragen..."

"Kein Problem."



5

Der große Magnum Colt wummerte. Der Rückschlag der gewaltigen Waffe vom Kaliber 45 war mörderisch. Ray Torillo hielt sie beidhändig. Sein gebräuntes, von dunklem Haar umrahmtes Gesicht war zu einer Maske des Hasses verzerrt.

Immer wieder feuerte er.

Etwa dreißig Meter entfernt befand sich ein dicker Holzpfahl. Eine Gestalt war daran festgebunden, hing in den dicken Stricken wie ein Toter. Ray Torillo schoss erneut. Die Kugel fetzte in eine graue Jacke hinein, riss sie auf. Die Gestalt zuckte, der mit einer Baseballkappe bedeckte Kopf wurde durch ein weiteres Projektil von den Schultern gerissen...

Stroh kam zum Vorschein.

Eine Art Vogelscheuche war es, was Torillo sich als Ziel gewählt hatte. Nach sechs Schüssen war die Trommel des Magnum leer.

Es machte klick.

Mit einem wütenden Aufschrei schleuderte der breitschultrige Torillo die Waffe von sich.

"So ein verdammter Mist!", krächzte er.

Seine Augen waren blutunterlaufen, die Hände zu Fäusten geballt. Einer der zahlreichen Leibwächter, die Torillo umgaben, beeilte sich, die Waffe aufzuheben. Die Bodyguards trugen allesamt dunkle Anzüge, kombiniert mit ebenso dunklen Hemden. Sie wirkten fast wie Reverends. Nur die Maschinenpistolen und Funkgeräte erinnerten daran, dass sie mit der frohen Botschaft nichts zu tun hatten.

"Darling, reg dich doch nicht so auf", hauchte eine dunkle, weibliche Stimme. Ray Torillo drehte sich herum und blickte in die herausfordernden blauen Augen einer atemberaubenden Schönheit. Das blonde Haar fiel ihr lang über die Schultern. Ihr Gang hatte etwas Gazellenhaftes. Sie trug ein ziemlich enges Kleid, das von den Vorzügen ihrer Figur kaum etwas verbarg.

"Cynthia!", stieß Torillo hervor. Er schluckte. "Was machst du hier?"

"Ich habe dich gesucht. Und deine Ballerei hört man im ganzen Haus... Ich konnte mir also denken, dass du wieder hier draußen, im Garten bist!"

Torillo nickte.

Einer seiner Gorillas hatte indessen den Magnum Colt nachgeladen. Wortlos übergab er seinem Boss die Waffe.

"Lass es, Darling", hauchte Cynthia. "Die Hunde sind schon ganz verrückt..."

Torillo stieß einen dumpfen Schrei hervor und ballerte die gesamte Trommel leer. Die Vogelscheuche zuckte.

Dann steckte Torillo die Waffe hinter den Hosenbund. "Ich bin verdammt wütend", knurrte er. "Hast du schon gehört, was heute vor Gericht los war?"

Cynthia zuckte die Achseln.

"Dein Anwalt meint, ich sollte dich fragen."

"Eric ist ein verdammter Narr!"

"Darling, red' nicht so über meinen Bruder! Du weißt, dass ich das nicht mag..."

"Ist doch aber wahr! Dieser Idiot bringt uns noch alle nach Riker's Island. Ich habe alles getan, um ihm den Prozess zu ersparen, ich habe meine Verbindungen spielen lassen und werde das auch weiter tun... Aber er muss sich an die Absprachen halten!"

"Er hat Angst, Darling. Angst, für viele Jahre hinter Gitter zu wandern!"

"Veranstaltung von illegalem Glücksspiel - damit werden die Anwälte, die ich Eric bezahle mit links fertig. Es wird zu irgendeinem Deal kommen. Und was die Verabredung zum Mord angeht, hat der Staatsanwalt mächtig auf den Putz gehauen. Aber das war alles nur Theaterdonner. Die Beweislage ist schlecht, sie werden ihm das nicht anhängen können..."

Torillos Gesicht verzog sich zur wütenden Grimasse. "Wenn er verdammt nochmal die Nerven behalten würde... Er ist heute schon fast zusammengebrochen."

Torillo ging auf Cynthia zu, fasste die junge Frau bei den Schultern und sah ihr scharf in die Augen.

"Ich habe viel für deinen Bruder getan. Und womit wird er es mir am Ende danken? Damit, dass er mich ans Messer liefert!"

"Aber so etwas hat er doch gar nicht getan!"

" Noch nicht, Baby. Noch nicht. Aber wenn der erstmal ins Reden kommt, was glaubst du, was dann los ist..."

Torillo bleckte die Zähne wie ein Raubtier.

Cynthia schluckte.

Sie studierte aufmerksam Torillos Gesichtszüge.

"Sollte nicht heute Morgen dieser FBI-Mann aussagen?", fragte sie.

"Nicht irgendein G-man", korrigierte Torillo, "sondern Jonathan D. McKee, der Chef des FBI-Districts New York persönlich. Er wurde zu den Ermittlungen seines Field Office befragt... Ja, schau mich nicht so an, Engelchen. Es ist tatsächlich der Jonathan McKee. Damals war er einfacher Special Agent..."

Torillo wandte sich an einen seiner falschen Reverends, zog die Magnum hervor und warf ihm die Waffe zu. Der Leibwächter fing sie auf.

"Steck ein paar Dinger in die Trommel! Ich bin meine Wut noch nicht ganz los..."

"Okay, Boss!"

"Lebende Ziele sind einfach nicht zu ersetzen..."



6

Es war später Nachmittag, als wir in Mister McKees Büro saßen.

Mandy, seine Sekretärin, servierte uns ihren berühmten Kaffee, der im gesamten Bundesgebäude einen geradezu legendären Ruf besaß.

Mister McKee rührte seinen dampfenden Pappbecher kaum an.

Er wirkte sehr nachdenklich.

Wir arbeiteten tagtäglich mit ihm zusammen. Er war unser Vorgesetzter, aber auch eine Art väterlicher Freund und Mentor, der seine Hand über uns hielt, wenn mal was schiefging.

Eigentlich müsste man so einen Menschen genau kennen und im Laufe der Zeit alles über ihn wissen. Aber das Privatleben von Mister McKee war die ganzen Jahre hindurch immer eine Art Geheimnis geblieben. Im Grunde wusste ich nicht viel über ihn, was nicht unmittelbar mit dem Dienst zu tun hatte. Er war als Soldat in Korea gewesen und G-man geworden. Nachdem seine Familie Gangstern zum Opfer gefallen war, hatte er sein Leben völlig dem Kampf gegen das Verbrechen gewidmet.

Vielleicht besaß er so etwas wie ein Privatleben gar nicht.

Oft genug war er morgens der erste im Office und blieb bis spät in die Nacht dort. Einer, der unermüdlich für das Recht und den Schutz der Schwachen arbeitete.

Mister McKee hörte sich geduldig den vorläufigen Bericht der Spurensicherung an. Janet Montego, eine Kollegin von der Scientific Research Divion trug ihn vor und erläuterte uns die einzelnen Erkenntnisse.

"Insgesamt befanden sich drei Wanzen in Ihrer Wohnung, Mister McKee. Fingerabdrücke haben wir nicht gefunden, aber dafür etwas, das einen Menschen ebenso eindeutig zu identifizieren vermag..."

Mister McKee zog die Augenbrauen empor.

"Und das wäre?"

"Ein Ohrabdruck. Wir fanden ihn an der Tür."

Erst seit kurzem war man bei der Bekämpfung von Einbruchsdiebstählen darauf gekommen, Täter durch Ohrabdrücke zu identifizieren. Bevor Einbrecher eine Wohnung betraten, lauschten sie häufig an der Tür, um abzuschätzen, ob jemand zu Hause war. Dabei hinterließen sie mitunter einen Abdruck, der ebenso individuell wie ein Fingerprint war. Der Nachteil dieser Methode bestand bis jetzt noch darin, dass es - anders als bei Fingerabdrücken - keine umfangreichen Datensammlungen gab, mit denen man die gewonnenen Abdrücke vergleichen konnte. In den entsprechenden Dateien befanden sich erst die Ohrabdrücke einiger hundert gefasster Einbrecher und es würde noch Jahrzehnte dauern, bis die Ohr-Archive mit jenen für Fingerabdrücke auch nur im entferntesten vergleichbar waren.

In der Praxis bedeutete das, dass man den Täter erstmal ermittelt und gefangengenommen haben musste, um ihn dann mit dem Ohr-Print zu überführen.

Janet Montego zeigte uns den Abdrucke mit Hilfe eines Overhead-Projektors.

"Ein ziemlich kleines Ohr", meinte Mister McKee. "Es passt irgendwie zu der zierlichen Pianisten-Hand, deren Abdruck ich am Fenster gesehen habe."

"Was ist mit den Wanzen?", fragte ich. "Gibt es in der Hinsicht irgendwelche Hinweise?"

"Es handelt sich um das, was ich als 'handelsübliche Ware' bezeichnen würde", berichtete Janet Montego. "Das schließt zwar nicht aus, dass Geheimdienste ihre Finger im Spiel haben, aber die ganze Abhörvorrichtung deutete doch eher darauf hin, dass hier keine Spezialisten am Werk waren. Vielleicht ergibt die Auswertung der Videobänder weitere Hinweise..."

Damit gab sie das Wort weiter an Agent Max Carter, der zur Fahndungsabteilung unseres FBI-Districts gehörte und im Innendienst tätig war.

"Nun, wir wissen natürlich nicht, seit wann die Wanzen installiert waren", erklärte er. "Aber die Auswertung der Bänder hat einen Hinweis ergeben, dem wir nachgehen sollten. Wir haben alle auf den Bändern aufgenommenen Personen durch den Computer gejagt auf optische Übereinstimmungen mit gesuchten oder erkennungsdienstlich erfassten Personen hin verglichen."

"Und?", fragte Mister McKee.

"Lester Rodrigez hat gestern das Apartmenthaus betreten, in dem Sie wohnen. Ob Ihre Wohnung sein Ziel war, wissen wir nicht. Die Kamera auf Ihrem Flur hatte gestern eine Funktionsstörung..."

"...oder wurde manipuliert", mischte sich Milo ein.

"Durchaus möglich", gab Carter zu. "Die technischen Einzelheiten müsste man untersuchen. Allerdings dürfte es bei dem Namen Rodriguez bei Ihnen klingeln, Mister McKee..."

Unser Chef nickte.

"Das kann man wohl sagen. Rodriguez ist der Mann fürs Grobe in Diensten eines gewissen Eric Hernandez, dem eine Nobeldisco mit dem Namen HEAVENLY gehört, gegen den seit einiger Zeit ein Prozess läuft... Als das Attentat auf mich verübt wurde, kam ich gerade aus dem Gerichtsgebäude, wo ich meine Aussage gemacht hatte, und war auf dem Weg zu meinem Wagen, den ich ein paar Straßen weiter abgestellt hatte..."

"Dieser zeitliche Zusammenhang sieht für mich nicht gerade nach Zufall aus", warf Agent Orry Medina ein, ein G-man indianischer Abstammung, der stets durch seine erlesene Garderobe auffiel.

Gegen Eric Hernandez hatte unsere Abteilung vor einiger Zeit ermittelt. Milo und ich hatten zwar nicht an dem Fall gearbeitet, aber wir hatten genug darüber mitgekriegt, um einigermaßen Bescheid zu wissen.

Eric Hernandez' HEAVENLY galt als stadtbekannter Umschlagplatz für Designer-Drogen. Außerdem hatte Hernandez illegales Glücksspiel betrieben. Was letzteres anging, war er unseren verdeckten Ermittlern auf den Leim gegangen.

Allerdings bezweifelten Hernandez' Anwälte inzwischen, dass die Ermittlungen rechtmäßig gewesen waren. Sie forderten einen Ausschluss der dabei gewonnenen Erkenntnisse von der Beweisaufnahme im Prozess.

In dem Zusammenhang war Mister McKee am Morgen befragt worden und vielleicht würden auch noch einige unserer Kollegen vorgeladen werden.

"Möglicherweise will jemand Druck auf Sie ausüben, Mister McKee", meinte Milo.

"Um irgendetwas an meiner Aussage zu ändern?" Er schüttelte den Kopf. "Ich glaube kaum. So naiv ist Hernandez nicht."

"Wer steht hinter Hernandez?", erkundigte ich mich an Carter gewandt.

"Ray Torillo, von dem wir vermuten, dass er eine große Nummer im illegalen Glücksspiel und bei der Verbreitung von Designer-Drogen ist. Torillo ist übrigens ein Cousin von Hernandez..."

"Ein Familienclan also."

Carter nickte. "Das macht es für verdeckte Ermittlungen so schwer. Man muss nicht nur Puertoricaner sein, um im Torillo-Syndikat eine höhere Position zu bekommen, sondern auch noch zur Familie gehören... Übrigens ist die Familie schon sehr lange in New York aktiv." Carter wandte sich an Mister McKee. "Erinnern Sie sich an einen gewissen Pablo Hernandez?"

Mister McKee bestätigte.

"Ja, ich erinnere mich... Pablo hatte seine Finger damals im Mädchenhandel. Ich war maßgeblich an seiner Verhaftung beteiligt..."

"Liegt da bei Eric Hernandez vielleicht ein Rachemotiv vor?", fragte ich.

"Jesse, sein Vater bekam zehn Jahre damals..."

"... und starb nach drei Jahren in der Haft", sagte Max Carter. "Und zwar bei einer Schlägerei in der Gefängniskantine."

Mister McKee hob die Augenbrauen.

"Davon wusste ich nichts..."

"Als Rachemotiv etwas weit hergeholt", kommentierte Medina.

"Wir müssen jeder Spur nachgehen", gab Carter zu bedenken.

"Und da gibt es in der Tat noch eine weitere, die wir nicht aus den Augen verlieren sollten", meldete sich nun Agent Jay Kronburg zu Wort. Zusammen mit seinem Partner Leslie Morell hatte er in der Anfangsphase den Fall allein bearbeitet, weil wir anderen G-men vollauf damit beschäftigt gewesen waren, einen Waffenhändler-Ring zu sprengen und unseren entführten Kollegen Clive Caravaggio zu befreien.

Mister McKee wandte sich zu den beiden herum.

"Was haben Sie herausgefunden?"

"Allan Harker ist seit dem 12. dieses Monats auf freiem Fuß..."

Mister McKees Stirn umwölkte sich.

"Wer ist dieser Harker?", fragte ich.

"Ein Profi-Killer, der seit 25 Jahren in Riker's Island einsitzt. Er schwor damals Rache, weil er mich für seine Verhaftung verantwortlich machte. Im Gerichtssaal wurde er immer wieder ausfällig, wenn er mich sah. Er musste schließlich aus dem Saal gebracht werden..." Mister McKee hob den Kopf. "Wie konnte das passieren?"

Jay Kronburg antwortete: "Harker nutzte einen Krankenhausaufenthalt zur Flucht. Der Mann ist todkrank. Er hat Krebs im Endstadium und nur noch wenige Monate zu leben. Unwahrscheinlich also, dass er nochmal in das Killer-Geschäft einsteigt - mal davon abgesehen, dass die Zeit auch an ihm vorbeigegangen sein dürfte. Andererseits hat er seinen Hass auf Sie nicht vergessen, Mister McKee. Ich habe mit dem Gefängnispsychologen gesprochen. Harker hegt immer noch Gewaltphantasien, was Sie betrifft. Seine Fixierung auf Sie trägt krankhafte Züge. Er wäre zu allem fähig!"

"Warum hat mich niemand davon verständigt, dass Harker frei ist?", brummte Mister McKee. Der Ärger war ihm deutlich anzusehen.

Seine Hände ballten sich Fäusten.

"Seine Flucht ist kein FBI-Fall", gab Jay zu bedenken. "Und außerdem liegt die Sache mit Ihnen schon so lange zurück, dass wohl niemand daran dachte, Sie zu warnen."

Leslie Morell fuhr fort.

"Harkers Flucht fand am 12. statt. Zwei Tage später wurde Ihr Wagen, hier an der Federal Plaza in die Luft gejagt. Er könnte es also sein."

Mister McKee zog die Augenbrauen zusammen.

"Aber die Briefe... Das begann viel früher!"

Leslie nickte.

"Wenn Kokain und Crack ihren Weg nach Riker's Island finden, dann wird es auch möglich sein, ein paar Briefe auf den Weg zu bringen. Die Drohbriefe waren im übrigen aus den Seiten des NEW YORKER zusammengeklebt. Und Harker war ein regelmäßiger Leser dieser Zeitschrift... Und was die Telefonanrufe angeht, so ist das aus dem Gefängnis heraus auch keine Schwierigkeit. Schließlich sind per Handy schon ganze Mafia-Imperien jahrelang aus dem Knast heraus regiert worden."

"Noch etwas spricht für Harker als Täter", ergänzte Jay schließlich. "Er hatte eine militärische Ausbildung - als Sprengstoffspezialist. Er kannte sich also bestens aus..."

Mister McKee nickte.

"Bleiben Sie am Ball, was Harker angeht." Er wandte sich an Milo und mich. "Und Sie beide möchte ich bitten, im Umfeld des Torillo/Hernandez-Clans zu ermitteln. Möglicherweise gibt es da doch Zusammenhänge..."

Bevor wir auseinandergingen, wandte sich Mister McKee noch an Orry.

"Wie geht es Clive?", erkundigte er sich. "Haben Sie etwas Neues gehört?"

Unser Kollege Clive Caravaggio war während seiner Zeit, die er als Kidnapping-Opfer in der Gewalt von Waffenschmugglern verbracht hatte, übel misshandelt worden. Die Gangster hatten ihn für einen Mann der Konkurrenz gehalten und mit Hilfe von Wahrheitsdrogen Informationen aus ihm herausholen wollen. Das war das Schlimmste gewesen. Inzwischen war Clive wieder über den Berg, und wir hofften natürlich alle, dass er keine dauerhaften Schäden davontragen würde.

"Clive hat mich angerufen. Die letzten Tests waren leider nicht eindeutig. Er bleibt noch ein paar Tage zur Beobachtung in der Klinik", berichtete Orry. "Wahrscheinlich kommt er erst nächste Woche raus. Jedenfalls brennt er drauf, seinen Dienst wieder aufnehmen zu können!"

"Damit soll er sich ruhig noch etwas Zeit lassen", sagte Mister McKee.



7

Allan Harker war lang und schlaksig. Sein volles Haar war aschgrau. Er trug einen Trenchcoat, der für die Witterung eigentlich etwas zu warm war.

Nach seiner Flucht hatte er sich neue Kleidung besorgt und versucht, seine alten Unterwelt-Verbindungen wieder aufzunehmen.

Aber es hatte sich vieles geändert.

25 Jahre war eine lange Zeit...

Und während dieser ganzen Zeit hatte der Hass unaufhörlich in ihm gebrannt.

Harker hustete erbärmlich.

Der Krebs fraß an seiner Lunge. Und wenn man den Ärzten Glauben schenken konnte, dann war das meiste davon schon nicht mehr intakt. Wochen noch, vielleicht Monate. Das war alles, was Harker blieb.

Aber für das, was er vorhatte, würde es reichen.

Ein zynisches Lächeln spielte um die dünnen Lippen des Killers. Mit langsamen, fast schleppend wirkenden Schritten ging er eine schmale Seitenstraße in Little Italy entlang.

Chinatown fraß sich hier in das Italiener-Viertel hinein, breitete sich immer mehr aus, so dass sich in manchen Straßenzügen Little Italys ein asiatisches Flair bemerkbar gemacht hatte. Chinesische Schriftzüge zierten immer wieder die Geschäfte. Chinatown war eine eigene Welt für sich. Man konnte hier geboren werden und sterben, ohne jemals Englisch gelernt zu haben.

Hat sich alles sehr verändert hier, dachte Harker. Einen Augenblick lang war er sich unsicher, ob er sich vielleicht vertan hatte. Die Hausnummer an einer chinesischen Boutique gab ihm die Orientierung zurück.

Und dann fand er, was er suchte.

Carlo's Second Hand Laden.

Harkers Rechte steckte in der Manteltasche und umfasste den Griff der SIG Sauer P226, die er bei seiner Flucht einem Wachmann abgenommen hatte.

Carlo's Laden lag im Souterrain eines sechsgeschossigen Brownstone Hauses. Im Hintergrund ragten die Wolkenkratzer von Lower Manhattan auf. Das ganze Viertel lag in ihrem Schatten.

Harker betrat den Laden.

Der wenige Platz war mit Bergen von Comic-Heften, alten Pulp-Magazinen, Haushaltsgeräten und Schallplatten aus den Sechzigern und Siebzigern belegt. Ein pittoreskes Chaos.

Hinter dem Tresen stand ein kleiner, dünner Mann mit wachen grauen Augen.

Er starrte Harker an, als ob er einen Geist vor sich hätte.

Dann schluckte er.

Harker schob den Riegel vor die Tür. Ein dünnes Lächeln stand in seinem Gesicht.

"Hi, Carlo. Sag bloß, es hat dir die Sprache verschlagen."

"Mein Gott, Allan..."

"Hast wohl nicht mehr gedacht, dass wir beide uns nochmal über den Weg laufen, was?" Harkers Worte endeten in einem erbärmlichen Husten.

Carlo machte eine schnelle Bewegung zur Seite.

Eine zu schnelle Bewegung.

Harker riss die SIG aus dem Mantel. Der Lauf zeigte auf Carlos Oberkörper. Der Ladenbesitzer erstarrte.

"Hey, mach keine Dummheiten, Allan."

"Das fällt mir etwas leichter, wenn du keine machst."

"Mann, was denkst du denn von mir!"

"Du bist ein käuflicher Schleimer, der immer dem gehorcht, vor dem er am meisten Angst hat, Carlo. Ich denke, daran hat sich in all den Jahren nichts geändert!"

Carlo schluckte. Harkers Stimme klirrte wie Eis. Er spürte die absolute Gefühlskälte seines Gegenübers. Diesem Mann machte es nichts aus, notfalls über ein paar Leichen zu steigen. Das war damals so gewesen und es gab für Carlo nicht den geringsten Grund anzunehmen, dass sich daran etwas geändert hatte.

"Hört sich nicht gut an, dein Husten..."

"Scheiß drauf!", knurrte Harker.

Carlos Augen wurden schmal.

"Was willst du?"

"Ich brauche neue Papiere... Und du warst doch immer der Spezialist für sowas."

"Tut mir leid, Allan!"

"Was?"

Harkers Gesicht verzog sich. Er schnellte überraschend vor, langte über den Tresen und packte Carlo am Kragen. Er zog ihn halb über den Tisch und setzte ihm die SIG an die Stirn.

Carlo zitterte.

"Du wirst doch einen alten Freund nicht hängen lassen, oder?"

"Allan, nimm die Waffe weg, ich..."

Harker versetzte Carlo einen brutalen Stoß. Carlo wurde zurückgeschleudert, krachte gegen eine Regalwand und rutschte zu Boden. Er blutete aus der Nase.

"Überleg dir sehr gut, was du sagst, du Bastard!"

"Allan, es ist nicht so, dass ich dir keine Papiere besorgen will..."

"Ach, nein? Freut mich zu hören."

"Allan, ich bin aus dem Geschäft!"

"Aber du kennst die, die jetzt das Geschäft machen, oder?"

"Schon, aber!"

"Also, sieh zu, dass du alles Nötige veranlasst!"

Carlo erhob sich.

Harker griff in die Manteltasche und holte ein Kuvert hervor. "Hier", sagte er. "Das sind Passfotos und was du sonst noch brauchst..."

"Es gibt ein paar mächtige Leute, denen es nicht gefällt, dass du wieder aus dem Verlies herausgekrochen kommst, Harker!", zischte Carlo. "Diese Leute haben Schwierigkeiten genug, die brauchen nicht noch Probleme mit einem, der schon lebendig begraben war..."

Harker lachte rau.

"Diese Leute können mich mal. Und wenn du mir nicht hilfst, bist du ein toter Mann, Carlo! Und du weißt, dass ich jeden gekriegt habe. Jeden!"



8

Das HEAVENLY lag in der 86. Straße. Wir hofften dort Lester Rodrigez zu finden, Hernandez' Mann fürs Grobe.

Der Rausschmeißer am Eingang ließ uns anstandslos durch.

Offenbar waren wir seinem Geschmack nach gut genug angezogen, um im HEAVENLY unser Geld ausgeben zu dürfen.

Laserblitze zuckten durch den Raum.

Die Musik stampfte.

Auf der Tanzfläche wiegten sich schöne Körper zum Takt der Musik. Manche der Tänzer wirkten wie in Trance.

Wir wandten uns an die Bar.

Der Mixer wollte uns seine neueste Spezialität andrehen und redete wie ein Wasserfall. Das meiste konnte man wegen der lauten Musik ohnehin nicht verstehen.

"Wir suchen Mister Rodrigez", brachte ich schließlich vor.

Der Mixer wurde plötzlich sehr zugeknöpft.

"Lester Rodrigez. Der arbeitet doch hier", ergänzte Milo.

"Was wollen Sie denn von Lester?"

Ich lächelte dünn. "Das würden wir ihm schon gerne selbst sagen."

"Fragt sich nur, ob Lester auch mit Ihnen reden will!"

"Ich glaube schon", erwiderte ich und legte den FBI-Dienstausweis auf den Tisch.

"Ich habe keine Ahnung, wo Lester ist."

"Dann möchten wir gerne mit Mister Hernandez sprechen."

"Einen Moment..."

Der Mixer griff zum Telefon.

Ich ließ den Blick schweifen.

An einem der Nebeneingänge sah ich einen Mann mit dunklen, fast schulterlangen Haaren. Er war groß und sehr breitschultrig.

Ich erkannte ihn von den Fotos wieder, die ich von ihm gesehen hatte.

"Da ist er!", rief ich.

Mit schnellen Schritten durchquerte ich den Raum.

Milo folgte mir.

Eine sonnengebräunte Dunkelhaarige tanzte mir entgegen.

"Hi, Lust auf einen Drink?"

"Ein andernmal."

Ich schob sie zur Seite. Rodrigez schien gemerkt zu haben, dass wir zu ihm wollen. Leute wie er hatten oft einen sechsten Sinn, um Cops zu erkennen. Vielleicht hatte er auch beobachtet, wie ich dem Mixer meinen Ausweis gezeigt hatte.

Jedenfalls war er plötzlich nicht mehr da.

Ich setzte zu einem Spurt an, stieß gegen einen der Tänzer.

Die unfreundlichen Bemerkungen überhörte ich.

Ein Raunen ging durch die Menge.

"Machen Sie Platz! FBI!", rief ich.

Wir erreichten den Nebeneingang, an dem wir Rodrigez gerade noch gesehen hatten.

Ein Vorhang aus Perlenketten verdeckte ihn.

Ich teilte ihn mit der Hand, ging hindurch und blickte einen langen, mit Teppichboden ausgelegten Flur entlang.

Rodriguez befand sich am Ende des Flurs. Er ging mit schnellen Schritten davon, drehte sich dabei halb herum.

"Mister Rodrigez! Bleiben Sie stehen! FBI!", rief ich.

Rodrigez riss eine Automatik unter seiner Lederjacke hervor.

Einen Sekundenbruchteil später wummerte die Waffe los.

Zweimal kurz hintereinander peitschten Schüsse durch den Flur und pfiffen dicht über uns hinweg. Die Projektile zerfetzten einige Meter hinter uns die Deckenverkleidung. Eine Neonröhre zersprang. Es wurde etwas dunkler.

Ich riss meine SIG heraus und gab einen Warnschuss ab.

Rodrigez verschwand hinter einer Biegung.

Ich spurtete los. Milo folgte mir.

Wir erreichten die Biegung. Mit der SIG in beiden Händen tauchte ich aus der Deckung. Milo gab mir Feuerschutz.

Von Rodrigez war nichts mehr zu sehen.

Links befanden sich die Aufzüge. An den Leuchtanzeigen war zu sehen, dass einer davon gerade benutzt wurde. Der Lift war auf dem Weg nach unten.

Am Ende des Flur befand sich der Notausgang über das Treppenhaus. Die feuerfeste Stahltür stand einen Spalt weit offen.

" Nimm du den Lift, ich nehme mir das Treppenhaus vor!", rief ich.

"Wahrscheinlich will er in die Tiefgarage!", war Milo überzeugt.

Ich spurtete los, ließ die Stahltür mit einem wuchtigen Tritt zur Seite springen und sah mich um.

Von Rodrigez war nichts zu sehen. Ich hetzte die Stufen hinunter. Tief unter mir hörte ich eine Tür ins Schloss fallen.

Zwei Treppenabsätze brachte ich hinter mich. Dann führte eine Tür hinaus in einen Hinterhof. Sie war abgeschlossen.

Ein Schlüssel befand sich in einem Glaskasten. Bei Gefahr konnte dieser leicht zerstört und die Tür geöffnet werden.

Aber alles war unversehrt.

Ich lief weiter, eine weitere Treppe hinab.

Schließlich erreichte ich die Stahltür, die zur Tiefgarage führte. Ich riss die Tür auf, ließ den Blick über die Reihen von parkenden Fahrzeugen schweifen.

Milo sah ich in einiger Entfernung bei den Aufzügen. Er pirschte sich mit der SIG in der Faust an einen Betonpfeiler heran und machte mir ein Zeichen. Er wusste auch nicht, wo Rodrigez steckte.

Aber er musste hier sein.

Ich suchte hinter einem der Betonpfeiler Deckung und wartete ab.

Auf der anderen Seite der Tiefgarage heulte ein Motor auf.

Ein Porsche jagte über den Asphalt. Ich schnellte vor, packte die SIG mit beiden Händen und stellte mich mitten auf die Fahrbahn. Der Porsche brauste auf mich zu. Durch die Windschutzscheibe sah ich Rodrigez' verzerrtes Gesicht.

Anstatt abzubremsen, gab er noch Gas.

Sekundenbruchteile bevor die Stoßstange des Porsche mich erfassen konnte, sprang ich zur Seite. Der Porsche jagte Zentimeter an mir vorbei. Ich rappelte mich hoch und gab zwei gezielte Schüsse mit der SIG ab.

Der Reifen des rechten Hinterrades platzte mit einem ohrenbetäubenden Knall. Flammen züngelten empor. Der Geruch von verbranntem Gummi verbreitete sich in der Tiefgarage.

Funken sprühten, als die Felgen über den Asphalt kratzten.

Rodrigez versuchte, den Wagen gerade auf der Fahrbahn zu halten, aber das gelang ihm nicht. Er streifte einen parkenden Ford und wurde zur Seite gerissen.

Sekundenbruchteile später bohrte sich der Porsche frontal in eine überlange Mercedes-Limousine hinein.

Rodrigez riss die Tür auf.

Milo war bereits bei ihm.

Er näherte sich dem Porsche mit der SIG in beiden Händen.

Ich kam von hinten heran.

Rodrigez erstarrte.

In der Rechten hielt er noch immer seine Automatik.

"Die Waffe weg, Sie haben keine Chance!", rief Milo.

Rodrigez gehorchte, ließ die Pistole fallen.

Ich hielt ihm den Ausweis unter die Nase. "Special Agent Jesse Trevellian, FBI. Sie sind vorläufig festgenommen..."

"Heh, was habe ich denn getan?"

"Oh, da kommt einiges zusammen... Widerstand gegen die Staatsgewalt zum Beispiel. Hände auf das Wagendach, Beine auseinander..."

Er gehorchte. Ich durchsuchte ihn nach Waffen und legte ihm Handschellen an.

"Was wollen Sie?", fragte Rodrigez. "Was habe ich mit dem FBI zu tun? Ich mache meinen Job und zahle Steuern - wie jeder brave Bürger."

"Wir fragen uns auch, was Sie mit dem FBI zu tun haben, Mister Rodrigez", hakte ich nach. "Insbesondere mit dem Chef des FBI-Districts New York..."

"Ich kapier überhaupt nichts."

"Was wollten Sie gestern in einem ganz bestimmten Apartmenthaus in Upper Manhattan."

Er grinste.

"Upper Manhattan kenne ich nur aus dem Reiseführer!"

"Auf unsern Chef Jonathan D. McKee wurde ein Attentat verübt und jemand hat seine Wohnung verwanzt..."

"Was Sie nicht sagen."

"...und einen Tag zuvor betritt der Handlanger eines gewissen Eric Hernandez das Apartmenthaus, in dem Mister McKee wohnt. Und wie Sie sicher wissen, steht Ihr Boss momentan vor Gericht und läuft nur auf Kaution frei herum. Heute Morgen sagte Mister McKee aus, kurz danach geschah das Attentat..."

"He, he, was wollen Sie mir da anhängen!"

"Was wollten Sie gestern bei Mister McKee?", fragte jetzt Milo.

"Mit einer vernünftigen Antwort auf diese Frage wären wir fürs erste schon zufrieden."

"Ich war überhaupt nicht da!"

"Vielleicht haben Sie den S-Guards im Parterre einen falschen Namen angegeben. Aber Sie waren da. Es gibt eine wunderschöne Video-Aufnahme von Ihnen."

"Vielleicht sollte ich jetzt mit meinem Anwalt reden..."

"Vielleicht sagen Sie jetzt einfach, was Sie da wollten."

"Ich sage keinen Ton mehr!"

"Sie haben das Recht zu schweigen", gestand ich ihm zu. Ich strich seine Haare zurück, um sein Ohr sehen zu können. Für einen derart großen Mann war es ziemlich klein und zierlich.

Milo hatte bereits das Handy in der Rechten und telefonierte mit dem Hauptquartier. "Die Kollegen kommen gleich, um Mister Rodrigez abzuholen", erklärte er dann. Der Ohr-Abdruck würde Klarheit bringen.



9

Nachdem die Kollegen Rodrigez abgeholt hatten, empfing uns noch ein ziemlich nervöser Eric Hernandez in seinem Büro.

Herandez war ein hochgewachsener Mann mit dunklen, leicht gewellten Haaren. Seine Hände wirkten für einen Mann sehr zart und feingliederig.

Hernandez hatte uns erwartet.

Ein grimmig dreinblickender Leibwächter und ein Anwalt bildeten eine Art Begleitschutz für ihn.

"Special Agent Jesse Trevellian", stellte ich mich vor. "Dies ist mein Kollege Milo Tucker. Wir haben ein paar Fragen an Sie."

"In Zusammenhang mit Lester Rodrigez?", fragte Hernandez.

"Ja, deshalb auch."

"Er ist mein Angestellter, aber das heißt nicht, dass ich dafür haften muss, wenn er Mist gebaut hat."

"Sie sind auf Kaution frei, nicht wahr? Das heißt, dass Sie im Handumdrehen wieder im Gefängnis sitzen, wenn irgendetwas vorfällt..."

Er grinste mich an. "Sie wollen mir drohen, Agent Trevellian? Mein Anwalt, Mister Thornton, ist Zeuge und wird..."

"Regen Sie sich nicht unnötig auf", unterbrach ich ihn.

"Ich wollte Sie nur darauf hinweisen, dass es Ihnen übel bekommen wird, wenn Sie mir irgendwelche Bären aufzubinden versuchen!"

"Sie versuchen, meinen Mandanten einzuschüchtern, Agent Trevellian! Ich muss dagegen protestieren!", meldete sich Thornton, der Anwalt, mit hochrotem Kopf zu Wort.

"Einspruch stattgegeben", sagte ich. "Aber Sie sind hier nicht vor Gericht. Noch nicht."

Hernandez hob die Augenbrauen.

"Was wollen Sie, Trevellian?"

"Haben Sie eine Ahnung, was Rodrigez gestern bei Special Agent in Charge Jonathan D. McKee wollte?"

"Nein, keine Ahnung."

Hernandez' Gesicht verdüsterte sich sichtlich bei der Nennung dieses Namens.

"Wir verdächtigen ihn, in Mister McKees Privatwohnung eingedrungen zu sein und dort Wanzen angebracht zu haben."

"Warum sollte er das tun?"

"Vielleicht hatte er einen Auftrag von Ihnen!"

"Ach!"

"Haben Sie dazu irgendetwas zu sagen?"

"Hören Sie, G-man, ich mag Ihren Mister McKee nicht und Sie sind mir auch nicht besonders sympathisch, aber um Ihren Vorgesetzten fertig zu machen, brauche eine Kompanie von Anwälten, aber nicht Männer wie Rodrigez..."

"Wie weit geht Ihre Abneigung gegen Mister McKee?"

"Worauf wollen Sie hinaus?"

"Er brachte Ihren Vater hinter Gitter..."

"...wo er nach kurzer Zeit jämmerlich starb, ich weiß."

"Kurz nach Mister McKees Aussage vor Gericht wurde auf ihn geschossen."

Hernandez zuckte die Schultern. "Wenn der Schütze getroffen hätte, würde mir das nicht leid tun. Aber ich habe nichts damit zu tun."

"Das hoffe ich, Hernandez. Für Sie!"

Milo legte mir eine Hand auf die Schulter.

"Hier kommen wir nicht weiter, Jesse."

Ich atmete tief durch. Hernandez' selbstzufriedenes Lächeln reizte mich bis aufs Blut.

Ich richtete den Zeigefinger auf Hernandez.

Mein Blick fiel wieder auf die feingliedrigen, zierlichen Hände dieses Mannes. Mister McKees Schilderung von dem Abdruck auf der Fensterscheibe ging mir nicht aus dem Kopf.

"Wo waren Sie gestern, so zwischen 10.30 und 11.30?"

Hernandez verzog das Gesicht.

"Im Gericht, G-man! Weil Ihre Bluthunde mir ja unbedingt was anhängen musstet, anstatt ehrliche Geschäftsleute ihren Job machen zu lassen!"

"Irrtum, Mister Hernandez. Verkaufen Sie mich nicht für dumm, ich habe mich genau informiert. Nach der Vernehmung von Mister McKee wurde die Sitzung für anderthalb Stunden unterbrochen."

"Wahrscheinlich habe ich mich dann mit Mister Thornton, meinem Anwalt beraten... Er wird jederzeit bestätigen, dass wir zusammen waren."

"Sofern Mister Thornton darauf Wert legt, wegen Meineides dranzukommen und seine Zulassung als Anwalt zu verlieren, nur zu!", ermunterte ich.

"Was soll denn das nun wieder heißen?"

Ich wandte mich an Thornton. "Nun, sagen Sie es selbst, wo Sie waren!"

"Sie wissen es doch! Bei einer Besprechung zwischen Staatsanwalt, Richter und Anwalt der Verteidigung..."

"...bei der Mister Hernandez nicht dabei war!", vollendete ich.

Thornton wandte sich an Hernandez.

"Tut mir Leid, Mister Hernandez..."

Hernandez lachte schallend. Er erhob sich, ging auf mich zu und sandte mir einen Blick zu, von dem man glauben konnte, dass er im Stande war zu töten. "Okay", sagte er. "Ich war mit meinen Leibwächtern in Buzzard's Coffee Shop frühstücken. Und wenn's sein muss, wird das gesamte Personal des HEAVENLY Stein und Bein schwören, dabei gewesen zu sein!"

Ich lächelte dünn. "Beim nächsten Mal sollten Sie sich ein Alibi ausdenken, das wenigstens den Hauch von Glaubwürdigkeit hat. Sie werden es brauchen..."

"Es wird kein nächstes Mal geben, Trevellian!"

"Oh, doch, das wird es", prophezeite ich ihm.



10

Als wir im Hauptquartier eintrafen und in Mister McKees Büro erschienen, hörte sich dieser schweigend unseren Bericht an. Dann erklärte er: "Von Rodrigez ist inzwischen ein Ohrabdruck gemacht worden."

"Und?", fragte ich.

"Sein Ohr war es nicht, das an die Tür gedrückt wurde."

"Das bedeutet nur, dass er nicht gelauscht hat", meinte ich.

"Vielleicht hatte er einen Komplizen."

"Ja, möglich. Die Agenten Baker und Hunter nehmen ihn sich gerade zum Verhör vor. Mal sehen, was dabei herauskommt.

Ich fürchte nicht allzuviel... Vor dem Haftrichter werden wir ganz alt aussehen, wenn nicht noch ein Wunder geschieht."

"Wir müssen die Videobänder nochmal durchgehen. Vielleicht gibt es da noch eine Person, die irgendwie in einem Zusammenhang mit Rodrigez steht", meinte Milo.

"Wir haben sie alle durch den Computer gejagt", gab Mister McKee zu bedenken.

"Es kann ja auch jemand sein, dessen Bild noch nicht in unseren Dateien zu finden ist."

"Natürlich..."

Eine Pause entstand.

Mister McKee war die Müdigkeit anzusehen. Auch wenn er es nicht zugegeben hätte, die Sache ging ihm an die Nieren.

"Gibt es schon eine Spur von Harker?", fragte ich.

Unser Chef schüttelte den Kopf.

"Nein. Und ich fürchte, der ist auch zu schlau, um sich so schnell wieder erwischen zu lassen."

"Wo werden Sie heute übernachten? In Ihre Wohnung können Sie nicht, aber wenn Sie wollen, können Sie bei mir unterkommen!"

Mister McKee schüttelte den Kopf.

"Ich will nicht, dass jemand anderes zur Zielscheibe wird."

"Ich gehe davon aus, dass wir den Kerl kriegen! Und zwar bald!"

Mister McKee lächelte dünn.

"Ihr Optimismus in Ehren, Jesse. Aber ich bin mir da nicht so sicher. "Wir haben in Queens eine Wohnung für solche Zwecke..."

"Okay, dann werden wir Sie dorthin begleiten", schlug Milo vor.

"Eigentlich hat Agent LaRocca diese Aufgabe. Aber wenn Sie nicht im Stehen einschlafen, können Sie gerne mitkommen!"

Wir fuhren mit zwei Wagen. Mister McKee und Fred LaRocca benutzten einen alten Chevy, der ziemlich unscheinbar wirkte, Milo und ich nahmen einen Ford aus unserer Fahrbereitschaft. Der Sportwagen hätte zuviel Aufsehen erregt.

Und das letzte, was wir wollten, war, eventuelle Verfolger auf uns aufmerksam machen.

Fred und Mister McKee fuhren voran, während Milo und ich darauf achten sollten, dass uns niemand folgte.

Um Verfolger abzuhängen, machten wir ein paar Umwege durch das nächtliche Manhattan.

Wir befanden uns bereits auf der Second Avenue, Richtung Norden, um dann über die Queensboro-Bridge den East River zu überqueren. Ein BMW fuhr dicht auf. Er war mir bereits zuvor aufgefallen. Jetzt war ich mir sicher, dass er uns verfolgte.

"Kannst du die Nummer erkennen, Milo?", fragte ich.

"Ja, einigermaßen..."

"Dann lass die Kollegen im Hauptquartier sie doch mal durch den Computer jagen..."

"Okay..."

Milo gab über Funk die Nummer durch. Das Ergebnis der Anfrage hatten wir innerhalb weniger Augenblicke.

Der Wagen war als gestohlen gemeldet.

Milo funkte den vor uns fahrenden Dienst-Chevy an.

Mister McKee meldete sich.

"Wir werden von einem gestohlenen Fahrzeug verfolgt, Sir. Ich schlage vor, nicht auf die Queensboro Bridge zu fahren, sondern vorher abzubiegen."

"Nächste Abzweigung ist die Zweiundvierzigste!"

"Dann nehmen wir die. Vielleicht können wir dem Verfolger eine Falle stellen..."

Der Chevy nahm die Abfahrt, die in die 42. Straße mündete.

Auf der linken Seite konnte man die United Nations Headquarters aufragen sehen. Wir folgten ihm. Der BMW blieb uns tatsächlich dicht auf den Fersen.

Am Mobil Building bogen wir links ab. Dann kurz danach wieder rechts. Wir kamen in enge Seitenstraßen, die von hochaufragenden Bürohäusern umsäumt wurden. Die Lichter aus tausenden von Fenstern machte hier die Nacht fast zum Tag.

Unser Kollege Fred LaRocca lenkte den Chevy in eine Einbahnstraße hinein. Wir folgten. Der BMW klebte wie eine Klette an unserer Stoßstange.

Die Einbahnstraße war sehr eng.

Zu beiden Seiten parkten Fahrzeuge.

Milo nahm das Funkgerät.

"Mister McKee, wir knöpfen uns den Verfolger jetzt vor..."

"Okay."

Ich bremste.

Der BMW-Fahrer ging ebenfalls in die Eisen.

Fred LaRocca trat indessen das Gaspedal des Chevys durch und brauste davon. Mit quietschenden Reifen bog er um die nächste Ecke.

Wir rissen die Türen des Fords auf, zogen die SIGS aus den Gürtelholstern.

Der BMW hatte zwei Insassen, beide nur als schattenhafte Umrisse erkennbar.

Ein Van kam in diesem Moment aus einer Einfahrt heraus, setzte sich hinter den BMW und hupte ungeduldig.

Die Fahrertür des BMW sprang auf. Eine vermummte, in Sturmhaube und Lederjacke gekleidete Gestalt kam hervor, riss eine zierliche Maschinenpistole vom Typ Uzi empor. Die Waffe knatterte los. Das Mündungsfeuer blitzte auf, während ein mörderischer Kugelhagel in unsere Richtung gestreut wurde.

Wir duckten uns blitzschnell.

Die Projektile stanzten Löcher in den Kofferraum des Ford. Die Heckscheibe zersplitterte.

Sobald der Geschosshagel verebbte, tauchte ich aus der Deckung empor.

Der Vermummte rannte davon.

Er feuerte ziemlich ungezielt in unsere Richtung.

Der Van bekam auch etwas ab. Die Seitenscheibe zersprang, der Fahrer duckte sich.

Der Vermummte verschwand.

Ich näherte mich dem BMW, hielt die SIG mit beiden Händen.

Der zweite Mann im Wagen rührte sich nicht, saß einfach nur starr da.

Milo näherte sich von der anderen Seite.

"FBI! Die Hände hoch!", rief er.

Keine Antwort.

Milo riss die Beifahrertür auf, richtete die SIG auf den Kerl, packte ihn an der Schulter. Dann zog er ihm die Sturmhaube vom Kopf.

"Eine Schaufensterpuppe", stellte Milo fest.

In dieser Sekunde ging mir einiges durch den Kopf. Ich dachte daran, hinter dem Flüchtenden herzuhetzen, ich fragte mich, was die Puppe im BMW sollte und...

...hörte ein Ticken!

"Milo! Spring weg!", schrie ich aus Leibeskräften.

Im nächsten Moment ein ohrenbetäubendes Explosionsgeräusch und ein rotgelber Flammenpilz schoss empor.

Mörderische Hitze umgab mich.

Die Druckwelle der Explosion war enorm. In der Umgebung zersprangen Scheiben. Mit einem Hechtsprung rettete ich mich in letzter Sekunde, kam auf den Boden und rollte mich ab. Ich begrub das Gesicht unter den Händen, um mich notdürftig zu schützen, während Metallteile durch die Luft flogen. Der Flammenpilz züngelte empor. Dunkler Rauch stieg auf. Der Mann aus dem Van stürzte heraus und rannte davon.

Von Milo konnte ich nichts sehen.

Ich hoffte nur, dass die Flammen ihn nicht verschlungen hatten.

Der Flammenpilz fiel in sich zusammen, aber nur um sich anschließend erneut aufzublähen. Ein dumpfes Geräusch ertönte. Die mörderische Hitze versengte mich. In meinem Hals kratzte es. Ich bekam kaum noch Luft.

Mir war klar, dass ich schleunigst hier weg musste.

Ich rappelte mich auf, taumelte in Richtung Straßenrand.

Dann stellte ich mich in eine Türnische, die notdürftigen Schutz bot. Eine weitere Detonation erfolgte. Die Flammen griffen auf den Van und auf unseren Ford über. Auch der Van explodierte. Seine Vorderfront flog buchstäblich auseinander.

Metallteile flogen wie Geschosse durch die Luft.

Ich griff zum Handy, rief das Hauptquartier an.

Gleichzeitig suchte ich mit den Augen nach Milo. Aber in den dicken, beißenden Rauchschwaden konnte ich nichts erkennen.

"Milo!", schrie ich.

Keine Antwort.



11

Das PARADISE lag in der Prince Street. Es war einer der nobelsten Nachtclubs des Big Apple. Ein Laden, in dem Smoking-Zwang herrschte und der Abend schnell tausend Dollar kosten konnte.

Als Ray Torillo zusammen mit zwei Bodyguards eintraf, gab er einem der Kellner seine Karte. Auf der Showbühne tanzte derweil eine Gruppe bildschöner Girls, die völlig synchron nach und nach den Rest ihrer ohnehin sehr spärlichen Kleidung ablegten.

Ray Torillo verzog gelangweilt den Mund.

"Eure Mitternachtsshow ist aber auch nicht das, was sie mal war", meinte er abfällig.

"Die Prince Street ist nicht Las Vegas", erwiderte der Kellner.

Torillo lachte dröhnend. Einige der Gäste drehten sich um.

"Wenn euer Boß Mumm in den Knochen hätte, würde er aus so einem Laden etwas machen! Etwas, das Las Vegas vergessen lässt!"

Der Kellner war zu höflich, um etwas zu erwidern.

"Wenn Sie mir bitte folgen wollen. Mister Parese erwartet Sie im Separee..."

"Oh, dann muss es ja wichtig sein." Torillo stieß einem seiner Männer den Ellbogen in die Rippen. "Glotz nicht so, Billy! Eine so miese Show ist es nicht wert, dass du dir dafür die Augäpfel verrenkst."

Sie folgten dem Kellner durch eine Nebentür.

Sie gingen ein Flur entlang. Vor einer zweiflügligen Ebenholztür standen zwei martialisch aussehende Wächter.

Einer von ihnen hatte eine Uzi über der Schulter. Bei dem anderen ragte der Griff eines Revolvers zwischen den Knöpfen seines Jacketts hindurch.

"Waffenkontrolle", grunzte einer der beiden.

"Wer sagt das?", rief Torilo aufgebracht. "Das kommt nicht in Frage!"

"Mister Parese sagt das."

"Dann gehen wir gleich wieder. Und du kannst deinem Boss sagen, dass er mich bitte nie wieder wegen einer angeblich wichtigen Sache aus dem Bett klingeln soll! Kapiert?"

Die beiden Gorillas sahen sich ratlos an.

"Einen Moment", meinte dann der mit dem Revolver.

Er öffnete die Tür, verschwand für ein paar Augenblicke und kehrte dann mit hochrotem Kopf zurück. "Kommen Sie rein!", forderte er.

Torillo grinste abschätzig.

"Früher hätte Big Andy Parese sich nicht von solchen Volltrotteln bewachen lassen!", versetzte er, während er an den beiden Gorillas vorbeiging.

Zusammen mit seinen Bodyguards betrat er einen Raum, in dessen Mitte sich eine lange Tafel befand. Ungefähr ein Dutzend Personen hatten bereits daran platzgenommen, aber mehr als die Hälfte davon waren Leibwächter und anderes Begleitpersonal.

Der weißhaarige Andy - eigentlich Andrea - Parese saß am Ende der Tafel.

Torillo sah sich um.

Parese war nicht die einzige bedeutsame Persönlichkeit im Raum.

Da war zum Beispiel noch 'Big Daddy' Jefferson, ein hagerer Schwarzer mit grauen Haaren. Er führte ein Glücksspiel-Syndikat in Harlem. Links von ihm hatte ein massiger, kahlköpfiger Mann platzgenommen. Er hieß Joe Jordanovich, hatte lange Zeit ein Drogenkartell angeführt, war Anfang der Achtziger auf illegale Müllentsorgung umgestiegen und hatte sich inzwischen mehr oder weniger zur Ruhe gesetzt. Zumindest, was den kriminellen Teil seiner Geschäfte anging.

"Sie sind der letzte, Torillo", sagte Parese mit leichtem Tadel in der Stimme.

"Ja, und ich wäre fast wieder gegangen. Nächstes mal tue ich das auch, wenn Sie Ihren Wach-Idioten nicht beibringen können, mich mit Respekt zu behandeln!"

Parese lächelte matt.

"Sie sind jung, Torillo. Aber wenn Sie ein ganz großer werden wollen, müssen Sie lernen Ihre Gefühle zu kontrollieren!"

Torillo verzog verächtlich das Gesicht. Er setzte sich.

Seine Männer nahmen neben ihm Platz.

"Fangen Sie an, Parese. Was ist so wichtig, dass Sie eine große Versammlung einberufen müssen... Mitten in der Nacht!" Torillo lachte heiser. "Oder geht Ihr Nachtclub inzwischen so schlecht, dass Sie auf diese Weise Kunden zu Ihrer müden Strip-Show herbeilotsen müssen!"

Pareses Gesicht erstarrte.

Der Blick, den er Torollo nun zuwandte, war eisig.

Er schien es als unter seiner Würde zu empfinden, darauf zu antworten.

Stattdessen meldete sich 'Big Daddy' Jefferson zu Wort.

"Halt den Rand, Torillo! Wenn wir nicht schnell handeln, geht es vielleicht auch um deinen Arsch!"

Ein ungemütliches Schweigen entstand.

Dann begann Parese zu reden.

"Es geht um Harker", erklärte er. "Er ist wieder auf freiem Fuß, hat einen Krankenhausaufenthalt zur Flucht benutzt. Er hat versucht, seine alten Verbindungen wieder aufzunehmen, sich Waffen besorgt und setzt uns jetzt die Pistole auf die Brust. Wir sollen ihm helfen, aus alter Verbundenheit - und damit er uns nicht in Schwierigkeiten bringt."

"Klingt interessant", sagte Torillo. "Ich weiß nur erstens nicht, wer Harker war und zweitens, was ich mit der Sache zu tun habe. Ich kenne niemanden, der so heißt."

Parese sah Torillo mit seinen eisgrauen Augen an.

Der alte Mann nippte an der Espresso-Tasse, die vor ihm auf dem Tisch stand. Er lehnte sich etwas zurück.

"Harker war ein Hitman. Ein Lohnkiller. Einer der besten seines Fachs. Vor 25 Jahren hat das FBI ihn geschnappt, seitdem saß er auf Riker's Island ein. Er hat Glück gehabt, in einer Zeit verhaftet zu werden, in der es in New York State keine Todesstrafe gab..."

"Wo liegt das Problem?", fragte Torillo.

"Wir alle gehörten zu seinen ehemaligen Auftraggebern, deswegen habe ich Sie hier zusammengerufen. Harker will, dass wir ihm helfen. Er ist ein krebskranker alter Mann, der nichts mehr zu verlieren hat und kompromisslos über Leichen gehen wird. Er wird nicht einmal mehr lange genug leben, um die Vollstreckung eines Todesurteils zu erleben, das man wegen eines weiteren Mordes gegen ihn verhängen könnte."

"Das Problem ist nur, dass wir ihm nicht helfen können", ergänzte Joe Jordanovich. "Er bringt uns in Schwierigkeiten. Die Spur, die er zieht führt direkt zu uns - und dann können auch Dinge aus der Vergangenheit ans Licht kommen, die besser begraben bleiben."

"Na, schön, dann regeln Sie mal Ihr Problem, Gentlemen. Wird Ihnen sicher nicht schwerfallen. Wie ich sehe, habe ich nichts damit zu tun - und ich möchte auch nichts weiter darüber wissen!"

Torillo erhob sich.

"Bleiben Sie sitzen, Torillo!", fauchte Parese, dessen Geduld nun am Ende war.

Sein Tonfall duldete keinen Widerspruch.

Torillo erstarrte, schließlich setzte er sich wieder.

Unnötigen Streit mit der Parese-Familie konnte er im Moment nicht gebrauchen. Es gab schon genug Ärger mit seinem Cousin Eric Hernandez, der dumm genug gewesen war, sich vor Gericht ziehen zu lassen.

"Okay", sagte Torillo. "Schießen Sie los!"

"Harker hat unter anderem für Ihren Vater gearbeitet, Torillo. Und für einige Leute, die sich inzwischen unter Ihren Schutz gestellt haben. Und deren Probleme können ganz schnell auch die Ihren werden. Also wie Sie's auch drehen und wenden, Sie hängen mit drin."

Torillo wurde kleinlaut.

"Das wusste ich nicht", sagte er.

"Aber jetzt wissen Sie's. Und es fragt sich, was wir machen."

"Lässt Harker sich aufspüren?", fragte 'Big Daddy' Jefferson.

"Möglicherweise. Er hat Kontakt mit einem meiner Leute aufgenommen, um an falsche Papiere zu kommen."

"Auf jeden Fall brauchen wir einen Klassemann, der ihn hinstreckt", war Jordanovich überzeugt.

"An wen denken Sie?", fragte Parese.

'Big Daddy' Jefferson wandte sich an Torillo.

"Torillo, Sie haben doch gute Leute an der Hand!"

"Kommt nicht in Frage."

"'Ne große Klappe, aber wenn's drauf ankommt kneifen, was?"

"Vielleicht sollten wir tatsächlich jemand Außenstehenden nehmen", meinte Parese. "Wie wär's mit dem Basken? Er soll in der Stadt sein."

Jordanovich zuckte die Achseln. " Der Baske? Warum nicht! Wenn er's diskret macht..."

"Macht er", versprach Parese. "Jemand dagegen? Also beschlossen!"

Jefferson sagte: "Es muss sehr schnell gehen. Am besten, Sie nehmen noch heute Nacht Kontakt mit dem Basken auf... Am Finanziellen soll's nicht liegen!"



12

Sirenen von Polizei und Feuerwehr heulten durch die Nacht.

Die ersten Einsatzwagen brausten um die Ecke.

Ich hatte zu einem kleinen Spurt angesetzt, einen parkenden Lastwagen umrundet und war dann über die Straße gerannt.

Milo befand sich in einer Hausnische.

Seine Kleidung war ziemlich ruiniert.

Und an der Stirn hatte er eine unübersehbare Schramme.

Aber sonst schien er in Ordnung zu sein.

"Hey, alles klar, Milo?", rief ich.

"Einigermaßen", kam es zurück. "Wo ist der Kerl?"

"Über alle Berge. Jedenfalls habe ich ihn nicht mehr gesehen."

"Die Kollegen der City Police sollen die Gegend absuchen."

Milo steckte seine Waffe ein.

"Was ist mit deinem Kopf?"

"Ich habe irgendetwas abgekriegt, Jesse. Da flog einiges durch die Gegend."

"Das war 'ne Falle, Milo. Der Killer wusste genau, was er tat. Er wollte, dass wir den Wagen stoppen, uns der Puppe zuwenden und..."

"..in die Luft fliegen."

"Ja, sieht ganz so aus."

Ich holte mein Handy hervor, wählte Mister McKees Nummer. Ich war froh, den Chef wenig später am Hörer zu haben. In knappen Worten berichtete ich, was geschehen war. Als ich den Apparat einklappte, sagte ich an Milo gewandt: "Der Chef ist gut in Queens angekommen. Fred LaRocca bleibt heute Nacht bei ihm."

"Auf jeden Fall kann ihm jetzt niemand mehr gefolgt sein."

Ich nickte.

"Weißt du, was ich mich frage?"

"Raus damit."

"Der Kerl ist ziemlich schnell gerannt."

"Richtig."

"Ich frage mich, ob Allan Harker dazu in der Lage wäre... Schließlich ist er nicht mehr der jüngste und todkrank."

"Morgen früh werden wir uns seine Krankenunterlagen 'rüberfaxen lassen, Jesse."

"Okay."

"Aber selbst wenn er ein Rollstuhlfahrer wäre, würde ich Harker nicht vorzeitig von der Verdächtigenliste streichen. Er könnte Komplizen haben."

Ich warf einen flüchtigen Blick auf die Uhr.

Ein paar Stunden Schlaf standen noch in Aussicht...

Im Moment konnten wir nichts tun.



13

Als wir am nächsten Morgen im Hauptquartier eintrafen, war Mister McKee bereits in seinem Büro.

"Ich möchte Ihnen beiden danken, für das, was Sie gestern Abend getan haben", erklärte er. "Sie hatten den richtigen Instinkt."

"Ich hoffe, dieser Alptraum ist bald vorüber, Mister McKee."

"Das hoffe ich auch."

Die nächsten Stunden verbrachten wir am Telefon und am Computer. Wir sprachen mit dem Arzt der Gefängnisklinik von Riker's Island. Er faxte uns die entsprechenden Unterlagen rüber. Sein Arzt im St. Patrick's Hospital, in dessen onkologische Abteilung Harker zuletzt verlegt worden war, war dazu nicht bereit. Und auch am Telefon war er ziemlich zugeknöpft. Also mussten wir uns zu ihm hinbemühen.

Eine halbe Stunde brauchten wir durch den Vormittagsverkehr.

Dr. Jessup Mariner war ein schmallippiger Mann mit eisgrauen Augen.

Wir sprachen auf dem Flur mit ihm.

"Sie werden mir verzeihen, wenn ich das mit der Schweigepflicht sehr ernst nehme", erklärte er etwas kleinlaut, als Milo ihm eine Verfügung unter die Nase hielt, die ihn dazu zwang, uns Auskunft zu geben.

"Ich weiß nur eins", sagte Milo. "Da draußen läuft ein Killer frei herum - und es sieht danach aus, dass auch 25 Jahre Riker's Island ihn keineswegs gebessert haben."

"Mister Harker ist todkrank. Der Krankheitsverlauf lässt sich in seinen Symptomen etwas abmildern, mehr kann man nicht für ihn tun."

"Wäre er in der Lage, einen kleinen Spurt hinzulegen?"

"Wenn er nicht zu lange dauert, ja. Dann bekäme er Atemprobleme. Seiner Kondition sind daher Grenzen gesetzt, aber seine Muskulatur ist für einen Mann seines Alters ungewöhnlich gut trainiert." Er zuckte die Achseln. "Aber es wäre nun wirklich nicht das erste Mal, dass sich Häftlinge in Ermanglung anderer Möglichkeiten über Jahre hinweg hauptsächlich im Kraftraum aufhalten."

"Beeinträchtigt ihn seine Krankheit sonst noch irgendwie?"

"Nicht, sofern er regelmäßig seine Portion Morphium bekommt... Wenn er das nicht hat, leidet er unter höllischen Schmerzen..."

"Wann hätte er die nächste Dosis gebraucht?", fragte ich.

"Zwölf Stunden nach seiner Flucht. Also, entweder, er hat sich irgendwo Morphium besorgt, oder er liegt halb wahnsinnig vor Schmerzen herum und kann sich kaum noch rühren..."

"Für einen Mann mit Harkers Verbindungen dürfte es keine Schwierigkeit bedeuten, an Morphium zu kommen", war Milo überzeugt. "So wie er ja offensichtlich auch an Sprengstoff herangekommen ist."

"Vorausgesetzt, er ist der Mann, den wir suchen."

"Zumindest können wir ihn nicht von der Liste streichen."

"Leider wahr."

Wir verabschiedeten uns von Dr. Mariner.

Dann fuhren wir nach Riker's Island, um uns eine Liste der Besucher geben zu lassen, die Harker während seiner 25jährigen Haft empfangen hatte. Wenn Harker unser Mann war, dann war er wahrscheinlich auf Komplizen außerhalb der Gefängnismauern angewiesen gewesen. Und die standen vielleicht auf dieser Liste.

Außerdem wollten wir mit Mitgefangenen sprechen, die Kontakt zu Harker gehabt hatten.

So saßen wir unter anderem Aaron Gaskell gegenüber, einem Schwarzen, der fünf Jahre lang Harkers Zellennachbar gewesen war.

"Er war voller Hass", berichtete Gaskell. "Auf einen gewissen Jonathan McKee. War wohl der G-man, der ihn in grauer Vorzeit eingebuchtet hat. Mein Gott, nach all der Zeit... Aber für ihn war es, als ob es erst gestern gewesen wäre. Er hasste diesen Mann."

"Hatte er irgendwelche konkreten Pläne?", fragte ich.

"Rachepläne?"

"Ja."

"Was erwarten Sie von einem Mann, der keinerlei Aussicht hat, jemals aus diesem Loch herauszukommen? Soll er Pläne machen?"

"In der Zeit kurz vor Harkers Flucht ist Mister McKee mit Drohbriefen und Anrufen terrorisiert worden, kaum ist Harker draußen, explodiert Mister McKees Wagen an der Federal Plaza..."

Gaskell nickte.

"Ja, hört sich ganz nach Allans geheimsten Träumen an."

"Er hat 'The New Yorker' gelesen..."

"Muss ein verhinderter Intellektueller an ihm verloren gegangen sein. Ja, das hat er."

"Haben Sie je bemerkt, dass er die Seiten zerschnitten hat?"

"Nein."

"Sind Sie sich sicher?"

"Er war immer sehr eigen mit seinem Zeug - und ich habe das respektiert."

"Verstehe."

"Aber wenn er es gewollt hätte, wäre es für ihn keine Schwierigkeit gewesen, Briefe hinauszuschmuggeln."

"Wie kommen Sie darauf?"

"Ich weiß nur, dass er immer genug Geld hatte, um sich alles leisten zu können. Ich weiß nicht, woher das kam. Man munkelt, das sehr mächtige Leute ihn bezahlten. Wahrscheinlich, weil sie ihm was schuldig waren und ihn nicht einfach umbringen lassen konnten."

"Wieso nicht?"

"Weil der, der es mit Allan Harker aufnehmen kann, erstmal geboren werden muss."

"Was meinen Sie damit?"

"Ich hab' gesehen, wie er Kerle, die halb so alt wie er und wesentlich kräftiger waren, halbtot geschlagen hat. Ein alter Mann, so sieht er aus... Aber das täuscht..."

Ich zeigte Gaskell die Liste mit den Besuchern.

Über Jahre hinweg gab es immer nur zwei Namen.

Der eine war Anthony Simone. Ein Anwalt, der mir ein Begriff war. Er tauchte regelmäßig als Verteidiger von Angehörigen der Parese-Familie auf, wenn diese in rechtliche Schwierigkeiten gerieten.

Mit dem zweiten Namen konnte ich nichts anfangen.

Alexandra Berringer.

"Wissen Sie, wer das ist?"

"Wer dieser Simone ist, weiß ich nicht. Aber von Alexandra Berringer hat er ab und zu gesprochen... Das ist seine Tochter."

"Allan Harker hat eine Tochter?", fragte Milo überrascht.

Gaskell zuckte mit den Achseln. "Hat Allan mal erwähnt, ja... Aber mehr weiß ich dazu auch nicht."



14

Agent Orry Medina betrat Jack Cerezo's Boxing Center in der Brome Street.

Kaum einer der Männer bemerkte ihn. Deren Blicke waren auf den Sparring gerichtet, wo gerade zwei schwitzende Riesen aufeinander eindroschen.

Orry sah sich den Fight eine Weile an.

Es war kein hochklassiger Kampf, dafür wurde er aber verbissen geführt. Die beiden Boxer ächzten.

"Der Narbige hat 'ne große Zukunft", meinte einer der Zuschauer. "Wenn er noch ein bisschen an seiner Technik feilt, lohnt es sich vielleicht sogar, Geld auf ihn zu setzen..."

"Ich dachte, der läuft als Verlierer..."

"Da bist du falsch informiert."

"Ich warte lieber, bis er wirklich 'nen großen Namen hat..."

"Aber dann gibt's keine guten Quoten mehr!"

"Man kann nicht alles haben!"

In diesem Moment traf der Narbige seinen Gegner mit einer Geraden. Sein Gegner taumelte. Der Narbige drosch wie von Sinnen auf ihn ein. Betreuer sprangen in den Sparring, der Schiedsrichter stellte sich dazwischen. Sie hatten ihre Mühe, den Narbigen zu bändigen...

"Hallo Orry", wisperte hinter dem G-man indianischer Abstammung jemand. Orry drehte sich, um blickte in das hagere Gesicht eines kleinen Mannes in den mittleren Jahren, der etwas von einem Wiesel hatte.

"Da sind Sie ja, Brownie!"

Eine knappe halbe Stunde war es her, da hatte Brownie Walters Agent Medina im FBI-Hauptquartier angerufen.

Brownie war Hausmeister in Cerezo's Boxing-Center.

Und unser Informant.

Er versorgte uns mit Neuigkeiten aus der Unterwelt. Die Leibwächter einiger großer Bosse trainierten hier - und Brownie, das unscheinbare Wiesel, hatte große Ohren.

Brownie stieß Orry an.

"Sehen Sie die Tür dahinten? Neben dem alten Muhammed Ali-Plakat im Glasrahmen!"

"Ja, sehe ich..."

"Folgen Sie mir in ein paar Minuten."

Brownie ging durch die Schar der Männer hindurch. Die meisten nahmen ihn gar nicht zur Kenntnis.

Dann verschwand er durch die angegebene Tür.

Orry wartete noch etwas. Er bekam gerade noch den Anfang des nächsten Trainingskampfs mit, bevor er sich schließlich ebenfalls der Tür neben dem Ali-Plakat näherte.

Dann passierte er die Tür. Durch einen langen, kahlen Flur ging er vorbei an den Toiletten und Umkleiden. Schließlich erreichte er den Hintereingang. Brownie wartete auf ihn. Er hielt eine Zigarette in der Hand, wirkte sehr nervös.

Orry blickte sich um.

Es war sonst niemand hier.

"Schießen Sie los, Brownie", verlangte Orry. "Am Telefon klang die Sache ja sehr wichtig..."

"Eigentlich würde ich lieber mit Agent Caravaggio sprechen."

"Agent Caravaggio ist im Moment nicht im Dienst. Kommen Sie, ich weiß, dass Sie den Preis etwas in die Höhe treiben wollen, aber Sie sollten es nicht übertreiben."

"Darum geht es nicht", erwiderte Brownie. "Caravaggio vertraue ich. Ich bin hier in Little Italy aufgewachsen, Caravaggio ist auch Italiener..."

"Und ich bin sein Partner. Sie können mir genauso vertrauen."

Er atmete tief durch und zögerte.

"Okay", sagte er schließlich nach einer Pause. "Hier ist eine Riesensache im Gang. Gestern Abend hat der große Andy Parese eine sehr illustre Versammlung im HEAVENLY einberufen. Ich weiß leider nicht, worum es ging, aber es muss sehr, sehr dringend gewesen sein..."

"Wer war außer dem alten Parese noch dabei?"

" 'Big Daddy' Jefferson aus Harlem , Jordanovich, Torillo und noch ein paar andere."

Orry horchte auf.

"Ray Torillo? Der Puertoricaner?"

"Ja."

"Was wissen Sie noch?"

"Nur, dass es irgendetwas mit 'dem Basken' zu tun hat..."



15

Alexandra Berringer bewohnte eine wunderschöne Eigentumswohnung in Long Beach. Milo und ich fuhren dorthin, um Allan Harkers Tochter zu befragen.

"Je nachdem, wie eng die Verbindung der Beiden ist, gewährt sie ihrem Vater vielleicht sogar Unterschlupf", vermutete Milo.

"Ist nicht ganz auszuschließen."

"Jedenfalls müssen wir aufpassen. Harker mag ein alter, todkranker Mann sein, aber das Töten hat er nicht verlernt..."

Während wir nach Long Beach fuhren, saß Milo am Steuer.

Ich telefonierte mit dem Hauptquartier.

Ich wollte wissen, ob die erkennungsdienstlichen Untersuchungen am Ort der gestrigen Explosion schon irgendetwas erbracht hatten. Die Untersuchung von eingesammelten Projektilen hatte ergeben, dass mit der MPi vom Typ Uzi, die der Killer gebraucht hatte, noch kein aktenkundiges Verbrechen begangen worden war. Die Herkunft der Schaufensterpuppe auf dem Beifahrersitz war nicht mehr festzustellen. Sie war völlig zerfetzt worden. Die Explosion selbst sowie die Zerstörungen an den Fahrzeugen ließen Rückschlüsse auf den verwendeten Sprengstoff zu. Alles, was die Kollegen der SRD bislang darüber rausgefunden hatten, deutete darauf hin, dass es sich bei dem Täter der vergangenen Nacht um denselben Killer gehandelt hatte, der auch Mister McKees Wagen in die Luft gesprengt hatte.

"Alles in allem also eine Spurenlage, die alles andere als vielversprechend ist", kommentierte Milo.

Wir erreichten Long Beach.

Alexandra Berringers Wohnung lag in Strandnähe. Eine Maisonettewohnung, die ein Vermögen gekostet haben musste. Man konnte das Meer sehen. Der Geruch von Salz und Seetang hing in der Luft.

"Miss Berringer scheint es finanziell recht gut zu gehen, wenn sie es sich leisten kann, hier zu wohnen", hörte ich Milo sagen.

Ich klingelte.

Eine junge Frau öffnete uns.

Sie war bestimmt nicht älter als dreißig. Ihr Gesicht war feingeschnitten und wirkte etwas streng. Das Haar war nach hinten zu einem Knoten gebunden.

Sie trug einen schwarzen Gymnastikanzug, der die Formen ihres perfekten Körpers nahezu naturgetreu abbildete. Ihre Füße waren barfuß. Ich registrierte, das ihre Nägel schwarz lackiert waren - sowohl an den Fingern, als auch an den Zehen.

"Was wollen Sie?", fragte sie.

Beinahe gleichzeitig hielten Milo und ich ihr unsere Ausweise hin.

"Jesse Trevellian, FBI", stellte ich mich vor. "Mein Kollege Agent Tucker und ich hätten ein paar Fragen an Sie."

"Fragen?" Sie hob die Augenbrauen.

"Ihren Vater betreffend."

"Dazu habe ich nichts zu sagen."

Sie wollte uns die Tür vor der Nase zuschlagen. Milo stellte den Fuß etwas nach vorn, so dass sie dagegenprallte.

"Wir können das entweder hier besprechen oder im FBI Field Office an der Federal Plaza in New York City", erklärte er.

Ihr Blick war kühl.

"Heißt das, ich bin verhaftet?"

"Das heißt nur, dass wir mit Ihnen reden müssen, Miss Berringer."

"Mrs. Berringer", korrigierte sie uns. "Ich war mal verheiratet, aber das ist nur eine kurze Episode in meinem Leben gewesen. Ich hoffe, Sie werden mich dazu nicht befragen."

Sie führte uns in ein lichtdurchflutetes Wohnzimmer.

Die Einrichtung war in schwarz und weiß gehalten.

"Wenn Sie nichts dagegen haben, möchte ich mich gerne davon überzeugen, ob Allan Harker hier ist..." Ich hatte die SIG bereits in der Hand.

"Sie haben kein Recht dazu!", rief Alexandra Berringer, als ich die Tür zum Nachbarraum öffnete.

"Oh, doch, das habe ich."

"Wo ist Ihr Durchsuchungsbefehl?"

"Wenn Gefahr im Verzug ist, kann der nachgereicht werden!"

In der Küche und im Bad war niemand zu sehen.

Ich nahm mit großen, schnellen Schritten die Wendeltreppe.

Immer zwei bis drei Stufen auf einmal. Im oberen Teil der Maisonette-Wohnung befanden sich das Schlafzimmer und ein weiterer Raum.

Ich sah mich in beiden um.

Milo blieb derweil bei Alexandra. Ich hörte sie noch immer lautstark protestieren. Milo tat sein Bestes, um ihr zu erklären, weshalb das, was wir taten, notwendig war.

Im Schlafzimmer hing ein großformatiges Bild. Eine Schwarzweißfotografie, die einen Mann um die dreißig und ein kleines Mädchen zeigte. Das Mädchen schätzte ich auf drei oder vier Jahre alt. Im Hintergrund war der Strand von Long Beach zu sehen, wie er vielleicht vor ein paar Jahrzehnten ausgesehen hatte. Schaumkronen zogen sich wie weiße Linien über das Meer.

Ich sah mir das Bild genauer an.

Bei dem Mann handelte es sich um Allan Harker in jungen Jahren.

Ich konnte nur vermuten, wer das Mädchen war.

Seine Tochter Alexandra.

Ich ging wieder die Treppe hinunter.

"Ich hoffe Sie sind zufrieden", fauchte Alexandra mit vor der Brust verschränkten Armen.

"Ich habe nichts gefunden, was darauf hinweist, dass sich Ihr Vater hier aufgehalten hat..."

"Da bin ich ja beruhigt."

"Vielleicht können wir uns in Ruhe unterhalten", sagte ich.

"Wir tun nur unsere Pflicht..."

"Ja, das haben die Leute, die meinen Vater eingesperrt haben damals sicher auch gesagt. Und dann sperrten Sie ihn in einen Käfig und warfen den Schlüssel weg..."

"Ihr Vater war ein Killer", sagte Milo. "Ein Mann, der für Geld getötet hat..."

"Mein Vater war unschuldig", behauptete sie mit so entwaffnender Überzeugung, dass weder Milo noch ich darauf sofort etwas erwidern konnten.

"Sie meinen, er hat die Morde nicht begangen, die man ihm zur Last gelegt hat?"

"Ich meine das, was ich gesagt habe", erwiderte sie kühl.

Ihr Gesicht war zu einer Maske geworden. "Er wurde das Opfer eines Komplotts..."

Ich wechselte einen kurzen Blick mit Milo.

Alexandra atmete tief durch. Ihre Brüste hoben sich dabei.

Das feingeschnittenes Gesicht war rot angelaufen.

"Ein Komplott?", hakte ich nach.

"Sie wollen doch nicht wirklich mit mir darüber reden", meinte Alexandra. "Alles, worum es Ihnen geht, ist doch, meinen Vater so schnell wie möglich wieder einzufangen. Alles andere ist Ihnen egal. Also heucheln Sie nicht Interesse oder Verständnis oder irgendetwas anders, Agent Trevellian. Damit können Sie bei mir keine Punkte machen..."

"Da sind Sie im Irrtum", erklärte ich. "Das ist nicht alles, worum es uns geht."

"Ach, nein?"

"Das wichtigste ist für uns, weitere Morde zu verhindern."

"Mein Vater ist todkrank. Er will in Frieden sterben. Und in Freiheit. Er will nochmal das Meer sehen, nochmal frei atmen können..."

"Gestern Nacht wurde auf den FBI-Chef von New York ein Attentatsversuch verübt. Und es ist nicht der erste, seit Ihr Vater wieder auf freiem Fuß ist..."

Sie schüttelte den Kopf. "Es ist nicht zu fassen! Da wird irgendwo ein Attentat verübt und der erste Verdächtige, der Ihnen einfällt ist ein Mann, der seit 25 Jahren im Gefängnis gesessen hat!"

"Wenn das Opfer Jonathan D. McKee heißt, ist das keineswegs abwegig", erwiderte ich ernst. "Ihr Vater hat ihn gehasst... Er schwor ihm Rache!"

"Sie können nicht erwarten, dass ich Ihnen bei der Jagd auf meinen Vater helfe, Agent Trevellian. Fragen Sie mich meinetwegen nach meinem Alibi oder was auch immer... Aber Ihren Job müssen Sie schon allein erledigen."

"Das tun wir auch, keine Sorge!"

"Wenn Sie dann keine Fragen mehr haben..."

"Wo waren Sie denn gestern Nacht?"

"Hier, in der Wohnung. Allein. Tut mir leid. Wahrscheinlich reicht dieser Umstand schon, um mich für dreißig Jahre hinter Gitter zu bringen..."

"Es ist Ihnen gleichgültig, ob ein Mensch stirbt?"

"Wenn dieser Mann Jonathan D. McKee heißt, ja. Aber Sie werden das sicher zu verhindern wissen, Gentlemen..."

"Sie hassen Mister McKee?"

"Ich bin ihm nie begegnet. Er war für mich immer nur ein Name in den Gerichtsprotokollen. Ein ehrgeiziger FBI-Beamter, der mit seinen Männern dazu beigetragen hat, dass mein Vater verhaftet wurde."

"Ist er Teil des Komplotts, von dem Sie gesprochen haben?"

"Ich werde kein Wort mehr sagen, Agent Trevellian. Es sei denn in Gegenwart eines Anwalts..."

Milo nickte mir zu, so als wollte er sagen: "Es reicht, Jesse."

Wir wandten uns zum Gehen.

"Was machen Sie eigentlich beruflich?", fragte ich, auf dem Weg zur Tür. Alexandra ging barfüßig mit katzenhaftem Gang vor uns her. In ihrem schwarzen Gymnastikanzug hatte sie etwas von einer Pantherin.

Sie blieb stehen.

Ein kaltes Lächeln stand in ihrem Gesicht.

"Ich lebe", erklärte sie. "Ist doch Beschäftigung genug, oder?"

"Wenn man es sich leisten kann, ja."

"Sind Sie nun von der Steuerfahndung oder vom FBI?"

"Ich würde mir gerne ein Bild von Ihnen machen, das ist alles!"

"Auf Wiedersehen, Agent Trevellian."



16

"Was hältst du von ihr?" fragte Milo, als wir wieder im Wagen saßen.

"Ich hätte sie gerne mal in einer Lederjacke mit Sturmhaube gesehen", erwiderte ich.

"Du glaubst, dass sie der Killer von gestern Nacht ist?"

"Ihre Hände waren sehr zierlich. So wie Mister McKee sie beschrieben hat. Milo, unser Killer könnte eine Frau sei..."

"Könnte!"

"Wir sollten sie durchleuchten. Und ich bin dafür, dass sie von nun an beschattet wird."

Milo zuckte die Achseln.

"In einem muss ich dir recht geben: Sie scheint in ihrem Hass auf Mister McKee ihrem Vater kaum nachzustehen..."

"Milo, sie war vier oder fünf, als Allan Harker verhaftet wurde. Wer weiß, was man ihr über ihren Vater erzählt hat. Jedenfalls hat sie ein völlig verklärtes Bild von ihm. Sie will die Realitäten nicht anerkennen..."

"Dafür hat sie das verzerrte Hassbild von Mister McKee verinnerlicht, das ihr Vater ihr vermittelt hat!"

"Mir geht noch etwas anderes durch den Kopf, Jesse."

"Raus damit!"

"Harker hat nie vollständig ausgepackt, nie alle seine Auftraggeber genannt... Wenn Pareses Anwalt Harker regelmäßig besuchte und vermutlich auch dafür sorgte, dass er Geld bekam, dann könnte es doch sein, dass das nicht der einzige Freundschaftsdienst war, den die Bosse für ihren Lohnkiller leisteten..."

"Du meinst, sie versorgten auch Alexandra Berringer?"

"Wäre nicht das erste Mal: Schweigen gegen gute Versorgung von Angehörigen."

Ich nickte.

"Ich glaube, dass sie weiß, wo ihr Vater ist", meinte ich.

Mein Instinkt sagte mir das. Und ich hatte mich selten geirrt, wenn ich mich auf den verlassen hatte.

Milo drehte sich um.

"Ich glaube, es folgt uns ein Wagen", stellte er fest.

Ich bog eine Seitenstraße ein.

Ein sandfarbener Ford war uns dicht auf den Fersen. Zwei Männer saßen darin, unterhielten sich.

"Vielleicht sind wir nicht die einzigen, die sich für Alexandra Berringer interessieren", zischte Milo zwischen den Zähnen hindurch.



17

'Der Baske' war groß und dunkelhaarig. Er saß in Mancini's Ristorante vor seinem dritten Espresso und blickte angestrengt aus dem Fenster. Von hier aus hatte er Carlo's Second Hand-Laden genau im Blick. Er konnte sehen, wer raus und rein ging. Einen zweiten Ausgang gab es nicht.

'Der Baske' wartete schon einige Stunden. Er trug ein Leder-Longjackett. In der geräumigen Seitentasche befand sich eine Automatik mit Schalldämpfer und aufgesetztem Laserzielerfassungsgerät.

'Der Baske' sah auf die Uhr.

Dann trommelte er nervös mit den Fingern auf der Tischplatte herum.

Er war alles andere als ein Anfänger, aber diesmal war es etwas anderes. Das Opfer, das er zur Stecke bringen sollte, war eine Legende.

Sein Handy schrillte.

'Der Baske' nahm es aus der Innentasche.

"Ja?"

"Hier ist Carlo."

"Was ist los?"

"Harker kommt. Er hat gerade angerufen und will die Papiere abholen."

"Okay."

"Er muss ganz in der Nähe sein..."

"Mach dir nicht ins Höschen, Carlo!"

'Der Baske' beendete das Gespräch.

Seine Hand wanderte in die Jackentasche.

Ein Mann kam auf Carlo's Laden zu. Er ging ziemlich schnell. Von seinem Gesicht war kaum etwas zu sehen, weil er den Mantelkragen hochgeschlagen hatte.

Das musste er sein!

Einen Augenblick lang drehte er sich um. 'Der Baske' sah das Gesicht. Volltreffer!, dachte er. Ich mach dich kalt, alter Mann... Harker verschwand im Laden.

'Der Baske' stand auf, legte ein paar Dollar neben die Espresso-Tasse und ging hinaus.

'Der Baske' ging über die Straße. Mit schnellen Schritten näherte er sich Carlo's Laden. Er riss die Tür auf, hatte dabei die Automatik bereits in der Hand.

Harker stand am Tresen, Carlos schmächtige Gestalt dahinter.

Harker drehte sich halb herum.

'Der Baske' feuerte sofort.

Es ploppte zweimal kurz hintereinander.

Blutrot züngelte das Mündungsfeuer aus dem Schalldämpfer heraus.

Harker ließ sich seitwärts fallen. Haarscharf zischten die Kugeln an ihm vorbei und ließen eine Glasvitrine zerspringen.

Harkers Hand steckte in der Manteltasche. Er riss sie empor.

In der Tasche befand sich eine Pistole. Harker feuerte durch den Mantel hindurch.

Das Projektil fetzte durch das Futter hindurch und traf 'den Basken' im Oberkörper.

Der Killer zuckte unter der Wucht des Geschosses zurück.

Er schrie auf.

Ein ungezielter Schuss löste sich aus seiner Automatik, während der Strahl seines Laserpointers hektisch durch die Luft tanzte.

Harker lag inzwischen am Boden.

Er riss seine Pistole hoch und ließ sie erneut loswummern.

Zwei Schüsse kurz hintereinander trafen 'den Basken' in Hals und Bauch. 'Der Baske' taumelte gegen die Tür, rutschte dann mit starren Augen an ihr hinunter.

Harker rappelte sich auf.

Mit der Linken griff er nach den Papieren, die auf dem Tresen lagen. Sorgfältig steckte er sie ein und schien dabei alle Zeit der Welt zu haben.

Dann wandte er sich Carlo zu, der zitternd in der Ecke stand.

Harker musterte ihn kühl.

Carlo schluckte.

"Ich habe nicht gewusst, dass..."

"Spar dir dein Geseiere!", zischte Harker zwischen den Zähnen hindurch. Er steckte die Waffe ein. Carlo schluckte erst, atmete dann auf. Harker ging auf den toten 'Basken' zu, bückte sich und nahm die Schalldämpfer-Waffe an sich.

Er nahm sie mit beiden Händen.

Der Laserpunkt erschien auf Carlos Stirn, mitten zwischen den Augen.

Ehe der Ladenbesitzer etwas tun konnte, hatte Harker bereits abgedrückt.

Carlo schlug gegen die Regalwand, riss eine russische Tee-Garnitur inklusive Samowar zu Boden und sackte dann zu Boden.

"Ihr glaubt wohl, mich wie einen alten Lappen einfach wegwerfen zu können", knurrte er. "Aber da habt ihr euch den Falschen ausgesucht..."



18

Ich trat das Bremspedal voll durch. Der Sportwagen kam ruckartig zum Stehen.

Der Fahrer des sandfarbenen Ford bremste ebenfalls. Die Reifen quietschten. Wir rissen die Türen auf, sprangen hinaus. Die SIGs hielten wir im Anschlag. Vorsichtig näherten wir uns dem Ford.

Dessen Insassen waren sichtlich schockiert.

Damit hatten unsere Verfolger nicht gerechnet.

Sie sahen uns mit großen Augen unschlüssig an.

Die Straße war zu eng, um drehen zu können. Sie hatten keine Chance zur Flucht. Ich ging an die Seitenscheibe auf der Fahrerseite, hielt meinen Ausweis hoch, so dass der Fahrer ihn sehen konnte.

"FBI!", rief ich.

Die Scheibe glitt hinab.

"Kommen Sie langsam und mit erhobenen Händen aus dem Wagen!", wies ich die beiden an.

"Dass ihr G-men euch jetzt schon um Verkehrsdelikte kümmert, ist mir neu", meinte der Fahrer grinsend. Er trug einen dunklen Vollbart, war Mitte dreißig. Der Beifahrer wirkte etwas jünger, war ebenfalls dunkelhaarig und hatte eine deutlich sichtbare Narbe am Kinn.

Wir durchsuchten sie nach Waffen.

Einen 38er Special und eine Beretta stellten wir sicher.

"Das sind registrierte Waffen", erklärte der Bärtige. Seinen Papieren nach hieß er Luke Clemente.

"Werden wir überprüfen", erklärte ich.

Clemente sah mich wütend an. "Was werfen Sie uns überhaupt vor?"

"Sie sind uns gefolgt, seit wir Alexandra Berringers Wohnung verlassen haben", stellte Milo fest.

"Das bilden Sie sich ein!"

"Nein, das ist die Wahrheit", widersprach Milo.

"Selbst wenn es so wäre - gibt es irgendein Gesetz, gegen das wir verstoßen haben?"

Clemente grinste triumphierend. Der andere Mann - er besaß Papiere auf den Namen Morton Gregory - wirkte etwas zurückhaltender.

Aber Clemente hatte tatsächlich unseren wunden Punkt erwischt. Wenn die Waffen offiziell registriert waren und die beiden einen entsprechenden Schein vorweisen konnten, konnten wir sie nicht einmal wegen unerlaubten Waffenbesitzes drankriegen.

Wir hatte nichts in der Hand.

"Was interessiert Sie so an Mrs. Berringer?", fragte ich.

Ein Muskel zuckte in Clementes Gesicht.

"Wir interessieren uns nicht für Mrs. Berringer", erklärte er.

"Wir können diese Frage in unserem Hauptquartier klären. Das dauert dann etwas länger... Aber vielleicht ist das gar nicht nötig."

Die beiden blickten sich an.

Sie schienen zu überlegen.

"In wessen Auftrag beschatten Sie Mrs. Berringer?"

"Wir sagen keinen Ton mehr, bevor wir nicht mit unserem Anwalt sprechen können", meldete sich nun Morton Gregory zu Wort. "Dazu haben wir das Recht!"

"Natürlich", erwiderte ich. Ich griff in die Jackentasche und holte mein Handy hervor. Dies reichte ich ihm. "Rufen Sie an! Jetzt und hier!"

Gregory zögerte.

Dann griff er zu. Er tippte rasch eine Nummer ein. Dann begann er zu sprechen. "Ist Mister Simone im Büro? Es ist dringend!"

Ich nahm ihm den Apparat wieder ab.

Die beiden sahen mich fassungslos an.

"Sie können gehen", sagte ich.

"Was?"

"Ja, Sie haben richtig gehört."

"Aber..."

Der Mann, den er hatte anrufen wollen, war Anthony Simone der Anwalt des großen Andy Parese. Genau das hatte ich wissen wollen.

"Bestellen Sie Mister Parese ein paar Grüße vom FBI-District New York", sagte ich. "Die Waffen bekommen Sie zurück, sobald wir sie überprüft haben!"



19

Eine Dreiviertelstunde später saßen wir in unserem Dienstzimmer, das Milo und ich uns schon seit ewigen Zeiten teilten. Agent Medina war zu uns gekommen und hatte uns von seinem Treffen mit einem Informanten berichtet, der in Jack Cerezo's Boxing Center arbeitete.

"Ein Treffen der Bosse", echote ich. "Das kann nur bedeuten, dass Harkers Flucht einige Leute im organisierten Verbrechen genauso nervös macht wie die Polizei..."

Orry nickte. "Die sind genauso hinter Harker her, wie wir..."

"Deswegen beschatten Pareses Leute auch Mrs. Berringers Wohnung. Die glauben auch, dass er dort irgendwann auftauchen könnte..."

In diesem Punkt brachte uns unser Innendienst-Kollege Max Carter wenig später letzte Klarheit.

Clemente und Gregory waren weitläufige Verwandte von Parese.

"Man wird ihnen das nie beweisen können, aber wer zwei und zwei zusammenzählen kann, weiß, dass Andy Parese die beiden geschickt hat", war Max Carter überzeugt.

"Die beiden könnten wichtige Zeugen sein, was Alexandra Berringers Alibi angeht", meinte Milo.

Ich nickte.

"Vorausgesetzt, sie beobachten Mrs. Berringer schon lange genug und haben sich bei der Beschattung etwas geschickter angestellt, als sie das bei uns gemacht haben! Andererseits hätten wir im Moment nichts, womit wir sie zwingen könnten, den Mund aufzumachen. Sie haben gegen kein Gesetz verstoßen - und streng genommen ist es auch nichts mehr als eine Vermutung, dass sie vor der Wohnung der Berringer gewartet haben... Aufgefallen ist uns der sandfarbene Ford erst eine Straße weiter."

Carter kratzte sich nachdenklich am Kinn.

"Hunter und Baker hätten sich die beiden mal vorknöpfen können... Unsere Verhörspezialisten haben noch aus den meisten etwas herausbekommen!"

Milo verzog das Gesicht zu einem dünnen Lächeln. "Solange die beiden mehr Angst vor ihrem Boß als vor irgendjemand anderem haben, werden die sich hüten, auch nur einen Ton zu sagen... Die wissen doch genau, dass sie dann ihr Testament machen können. Da kennt dann selbst ein Familienmensch wie Andy Parese keine Verwandten mehr..."

"Ich werde trotzdem noch ein bisschen nachbohren", kündigte Carter an. "Vielleicht findet sich ja doch irgendeinen Ansatzpunkt, um die beiden nochmal vorzuladen und etwas gesprächiger zu machen..."

"Nichts dagegen", meinte ich.



20

Einige Minuten später wurden wir in Mister McKees Büro gerufen.

Orry, Milo und Fred hatten bereits Platz genommen, während ich mir noch einen Kaffee holte.

Unsere Kollegen Jay Kronburg und Leslie Morell trafen als Letzte ein.

Mister McKee berichtete.

"Ich habe eine Genehmigung zur Telefonüberwachung von Alexandra Berringer", erklärte Mister McKee. "Außerdem sind zwei Kollegen in Long Beach, um Mrs. Berringers Haus zu beobachten..."

"Was mit Torillo?", fragte ich. "Bekommen wir da auch eine Telefonüberwachung?"

Mister McKee schüttelte den Kopf.

"Wir haben keine hinreichenden Indizien, dass er etwas mit der Sache zu tun hat. Dasselbe gilt für Eric Hernandez. Außerdem sind das Männer, die mit allen Wasser gewaschen sind. Die werden nicht so dumm sein, vertrauliche Nachrichten über ungeschützte Leitungen auszutauschen."

"Ich hoffe nur, dass Harker uns ins Netz geht", meinte ich.

"Wir haben vielleicht eine Spur von ihm..."

Ich hob die Augenbrauen und sah Mister McKee erstaunt an.

"Und?"

"In Little Italy gab es eine Schießerei, bei der ein Ladenbesitzer und ein weiterer Mann ums Leben kamen. Der Ladenbesitzer heißt Carlo Belmonte, soll angeblich früher die Beschaffung illegaler Papiere aller Art vermittelt haben."

"Einer von Pareses Männern?", fragte Milo.

"Ganz sicher", nickte Mister McKee.

"Und wer ist der andere Tote?"

"Die Kollegen der zuständigen Homicide Squad haben 'ne Weile gebraucht, um das herauszukriegen. Aber nun besteht kein Zweifel mehr. Es handelt sich um 'den Basken'."

'Der Baske' - das war der Tarnname des Mafia-Killers Harry Montalban. Er wurde seit Jahren gesucht, hatte unter Dutzenden von falschen Identitäten gelebt und sich angeblich sogar gesichtschirurgischen Eingriffen unterzogen, um sein Äußeres zu verändern.

Immer wieder hatten Informanten uns berichtet, dass er im Auftrag der Parese-Familie aktiv war, aber Beweise hatte es dafür nie gegeben.

"Die Sache liegt für mich auf der Hand", meinte Mister McKee.

"Der Parese-Clan ist hinter Harker her, um ihn auszuschalten. Wahrscheinlich will man dort nicht, dass er irgendwelche alten Geschichten ausgräbt. Harker erwartet, dass seine alten Auftraggeber ihm helfen, aber für die ist er eine Belastung geworden, die so schnell wie möglich beseitigt werden muss."

"Ein Job für den Basken!", schloss ich.

"Genau, Jesse. Allerdings ist 'der Baske' nicht mehr dazu gekommen, seinen Auftrag auszuführen."

Was Mister McKee sagte, klang plausibel.

'Der Baske' hatte Harker wohl schlichtweg unterschätzt.

Ein tödlicher Irrtum, den wir auf jeden Fall vermeiden mussten.

"Was ist mit den Projektilen?", fragte Milo. "Sind sie mit denen identisch, mit denen auf Sie geschossen wurde, Sir?"

"Leider nicht", erwiderte Mister McKee. "Aber das muss nichts heißen. Harker war bekannt dafür, immer ein sehr großes Waffenarsenal zu verwenden - und mit seinen Verbindungen dürfte es für ihn nicht allzu schwierig gewesen sein, sich das zu besorgen, was er brauchte. Einschließlich des Sprengstoffs."

"Leslie und ich haben uns inzwischen um die Herkunft des gestohlenen Wagens gekümmert, der bei Explosion gestern Nacht zerstört wurde", berichtete nun Agent Jay Kronburg. "Der Wagen war auf einem Parkplatz in Riverdale abgestellt. Ein Überwachungskamera hat den Diebstahl sogar gefilmt."

"Lassen Sie sehen, Jay!", forderte Mister McKee.

Jay Kronburg erhob sich, legte eine Videokassette in den Recorder. Er spulte an eine ganz bestimmte Stelle.

Das Bild war nicht besonders scharf.

Eine Person in dunkler, enganliegender Kleidung ging auf den BMW zu und hatte mit wenigen Handgriffen die Tür geöffnet. Sie kannte sich aus.

Das Gesicht war nicht zu sehen. Die untere Hälfte bedeckte ein Rollkragen, der bis über den Mund hochgezogen worden war.

Eine dunkle Brille und eine tief ins Gesicht gezogene Strickmütze ließen den sichtbaren Teil des Gesichts auf ein Minimum schrumpfen.

Aber eins stand fest.

Es handelte sich um eine Frau!

Die Sachen, die sie trug, lagen einfach zu eng an, um das verbergen zu können.

"Alexandra Berringer!", stieß Milo hervor. "Sie könnte es sein."

"Vielleicht bildet sie zusammen mit ihrem Vater ein tödliches Team", vermutete Orry.

Eine Pause entstand.

Schließlich sagte Mister McKee: "Da wäre noch eine Kleinigkeit. Der Brief kam heute Morgen mit der Post. Die Erkennungsdienstler halten ihn für authentisch."

Mister McKee öffnete eine Mappe und hielt ein Stück Papier hoch. Es war mit zusammengeklebten Buchstaben bedeckt.

AN JONATHAN D. MCKEE!

DIES IST DER LETZTE TAG, DEN DU IN GESUNDHEIT VERBRINGEN WIRST, DU RATTE! AB JETZT WERDE ICH TREFFEN. TREFFEN - NICHT TÖTEN.

NOCH NICHT...



21

Cynthia Hernandez schwamm mit kräftigen, geschmeidig wirkenden Zügen durch das himmelblau schimmernde Wasser des Swimming-pools, der sich im Keller der Torillo-Villa befand.

Sie war vollkommen nackt.

Das lange Haar klebte ihr tropfnass an den Schultern.

Die blonde Färbung war nicht echt. Sie trug sie nur, weil Ray darauf stand.

Du musst fit bleiben, hatte ihr Vater Pablo Hernandez immer gesagt. Eine Einstellung, die ihm auf Riker's Island nicht viel genützt hatte.

Ihr Vater hatte nach der Inhaftierung jeglichen Lebensmut verloren.

In gewisser Weise ist es Mord gewesen, ihn auf diese Hölleninsel zu bringen, dachte Cynthia.

Mord, begangen von dem Mann, der dafür gesorgt hatte, dass Pablo Hernandez eingesperrt worden war.

G-man Jonathan McKee.

Ich glaube mein Leben wäre anders verlaufen, wenn das damals nicht passiert wäre, ging es ihr durch den Kopf.

Cynthia erreichte den Beckenrand.

Sie kletterte die Leiter empor. Vor ihr ragte Ray Torillos Gestalt auf.

Sein Blick ruhte auf ihrem phantastischen Körper, von dem das Wasser abperlte.

Er musste sie schon eine ganze Weile beobachtet haben.

Cynthia genoss seine Blicke und sah ihn herausfordernd an.

Sie kam nahe an ihn heran, schlang die nassen Arme um ihn, so dass sein Hemd ganz feucht wurde. Etwas zögernd legte er seine Hände um ihre geschwungene Taille.

Nein, dachte sie, das Format des alten Pablo Hernandez hatte Ray nicht. Von ihrem Vater hatte die puertoricanische Gemeinde New Yorks seinerzeit respektvoll als 'El Hidalgo' gesprochen - dem 'Junker'. Nach dem Tod des Hidalgo hatten viele versucht, sich an die Spitze des Clans zu beißen. Ray Torillo war nur einer in einer ganzen Reihe von Nachfolgern.

Immerhin hatte er sich über die letzten Jahre hinweg halten können.

Aber das Format ihres Vaters hatte er nicht und das ließ sie ihn ab und zu auch spüren.

Sie konnte das ungestraft tun.

Ray Torillo war zwar für seinen Jähzorn bekannt, aber in ihren Händen war er nichts als Wachs.

Sie sah ihn fragend an, während die Spitzen ihrer Brüste seinen Oberkörper berührten.

"Irgendetwas ist los mit dir, Darling... Du reagierst nicht wie sonst."

"Es geht um diesen Harker", murmelte er. "Parese hat den Basken' losgeschickt, um die Sache zu erledigen."

"Und?"

"'Der Baske' ist jetzt Wurmfutter."

"Oh..."

"Mir gefällt die ganze Sache nicht... Wenn nur dein verdammter Bruder uns nicht so in Schwierigkeiten gebracht hätte!"

"Darling, jetzt bist du ungerecht!"

"Ist doch wahr! Wegen Erics Gerichtsverfahren verfolgt man alles, was wir tun mit Argusaugen! Mir sind die Hände gebunden... Und außerdem ist da ja noch dieser Irre, der versucht, den FBI-Chef umzubringen!"

Cynthia hob die Augenbrauen.

Ihr Lächeln wirkte leicht spöttisch.

"Sag bloß, du würdest Jonathan D. McKee eine Träne nachweinen!"

"Das bestimmt nicht! Aber die Sache gibt den G-men einen Vorwand, bei uns herumzuschnüffeln. Und das gefällt mir nicht..."

Cynthia nestelte an Ray Torillo Hemd herum, öffnete zwei Knöpfe und berührte mit der flachen Hand seine behaarte Brust. "Entspann dich, Darling..."



22

Dämmerung hatte sich bereits über den Big Apple gelegt, als Milo und ich nach Hause fuhren. Der Sportwagen, den mir die Fahrbereitschaft sonst zur Verfügung stellte, musste neue Reifen aufgezogen bekommen. Daher fuhren wir mit einem anderen Fahrzeug unseres Fuhrparks. Es handelte sich um einen Chrysler 300 M.

Wir hatten gerade die bekannte Ecke erreicht, an der ich Milo nach Dienstschluss immer aussteigen ließ, da kam der Anruf.

Linda, die rauchige unbeschreiblich weibliche Stimme unserer Telefonzentrale meldete sich. In der Delancie Street war eine Apotheke überfallen worden. Das zuständige Revier der City Police hatte sofort das FBI Field Office New York verständigt, nachdem sich herausgestellt hatte, was der Täter erbeutet hatte.

Morphium.

Das musste Harker sein.

Dafür sprach auch die äußerst kaltblütige Vorgehensweise.

Der Apotheker war einfach erschossen worden.

Ich drehte den 300 M mitten auf der nächsten Kreuzung. Milo setzte das Blaulicht auf das Dach. Vielleicht war Harkers Spur noch so heiß, dass wir ihr folgen konnten...

Ich fuhr wie der Teufel. In Rekordzeit brauste ich zur Delancie Sreet. Wir passierten eine Straßensperre der City Police. Die Delancie Street war auf eine Länge von mehreren hundert Metern durch Cops abgeriegelt. Sie patrouillierten mit Maschinenpistolen, Pumpguns und Kevlar-Westen herum.

Natürlich wusste jeder dieser Männer, mit wem er es bei Harker zu tun hatte. Die Fahndungsplakate hingen auf jedem Polizeirevier.

Ich bremste den 300 M in der Nähe eines der Einsatzfahrzeuge. Wir stiegen aus.

Dann gingen wir auf die Apotheke zu, deren Eingang von Beamten der City Police abgeriegelt war.

Unsere Ausweise öffneten uns den Weg hinein.

Ein Lieutenant begrüßte uns.

"Lieutenant Grayson, 33. Revier", stellte er sich vor.

"Jesse Trevellian, FBI. Dies ist mein Kollege Milo Tucker."

"Der Apotheker liegt im Nebenraum", berichtete Grayson

"Der Täter hat ihn mit einem einzigen Schuss getötet. Er traf direkt zwischen die Augen..."

"Ja, das ist ein Markenzeichen von Harker."

Grayson reichte mir einen kleinen Zettel. Ein Rezept.

"Das hatte der Apotheker in der Hand, als wir ihn fanden. Er hat es regelrecht umklammert. Er vermutete, dass es sich um eine Fälschung handelte, ging in den Nebenraum und verständigte telefonisch unser Revier. Der Killer folgte ihm. Unser Kollege, der den Anruf entgegennahm, hörte noch den Schuss..."

"Wann war das?", fragte ich.

"Vor zehn Minuten."

"Glauben Sie, der Täter ist noch in der Nähe?"

"Wir durchsuchen hier alles..."

"Ihre Leute sollten mit Fahndungsfotos von Harker herumgehen. Vielleicht hat irgendjemand hier jemanden gesehen, der so aussieht..."

Grayson machte eine wegwerfende Handbewegung. "Läuft alles schon, Agent Trevellian."

Milo war skeptisch.

"Ich fürchte, der ist längst über alle Berge..."

Ich sah mir das Rezept genau an. Es war ausgestellt von einem gewissen Dr. James Chang, der ein paar Straßen weiter seine Praxis hatte.

"Vielleicht statten wir dieser Adresse mal einen Besuch ab", meinte Milo, der mir über die Schulter blickte.



23

Die Praxis von Dr. Chang lag im 5. Stock des Gerald W. Brady-Buildings. Dieser Büroturm hatte insgesamt zwanzig Stockwerke und gehörte damit zu den vergleichsweise niedrigen Gebäuden der Manhattan-Skyline. Die obersten 15 Stockwerke beherbergten die Büros der Gerald W. Brady Investment Corporation und ihrer Tochterunternehmen, die unteren fünf waren an Geschäfte, Dienstleister, Anwaltskanzleien und Ärzte vermietet.

Dieser Teil des Gebäudes war rund um die Uhr für jedermann zugänglich. Der Wachdienst zeigte zwar martialisch seine Präsens, aber für Harker wäre es keine Schwierigkeit gewesen, sich hier frei zu bewegen.

Ich nahm mein Handy und ließ mich über den Auskunftsservice meines Mobilfunkanbieters direkt mit der Praxis verbinden.

Eine etwas gereizte Männerstimme meldete sich.

"Spreche ich mit Dr. Chang?", fragte ich.

"Tut mir leid, unsere Praxis ist geschlossen", kam die monotone Erwiderung. "Es ist im Moment leider nicht möglich, Sie bei mir behandeln zu lassen, bitte wenden Sie sich an..."

"Ich danke Ihnen", sagte ich einsilbig, klappte das Gerät ein.

"Was ist los?", fragte Milo.

"Da stimmt irgendetwas nicht..."

Wir erreichten den Praxis-Eingang und klingelten.

Niemand öffnete.

"Mit wem hast du gerade gesprochen, Jesse?"

"Wenn ich das wüsste..."

Ich klingelte noch einmal.

Milo und ich wechselten einen Blick.

Wir hatten denselben Gedanken.

Beinahe gleichzeitig zogen wir unsere SIGs. Milo nahm Anlauf. Mit einem wuchtigen Tritt ließ er die Tür aufspringen. Holz splitterte. Mit der SIG in beiden Händen stürzte er voran. In der Praxis herrschte dasselbe klinisch-kalte Neonlicht wie auf den Fluren. Die großen Wände machten es noch greller. Milo wirbelte herum. Nirgends war etwas Verdächtiges zu sehen. Er umrundete den Schreibtisch der Sprechstundenhilfen, der mit Computern vollgestellt war.

Ich folgte meinem Kollegen, pirschte mich bis zum Wartezimmer vor, öffnete die Tür mit einem Tritt und sah hinein.

Nichts.

Dann wandte ich mich dem Behandlungszimmer zu.

Der Tür gab ich einen Stoß. Sie flog zur Seite.

Ich durchquerte den Behandlungsraum. Auch hier brannte Licht. Die Medikamentenschränke standen zum Teil offen.

Jemand hatte ziemlich rücksichtslos darin herumgewühlt und zahlreiche Packungen lagen auf dem Boden verstreut.

Auf einer Krankenliege lag ein Mann.

Regungslos. Er hatte eine kreisrunden Wunde mitten auf der Stirn. Das Blut war getrocknet.

Das musste Dr. Chang sein. Die Art, wie er gestorben war, wies auf Harker als Täter hin. Aus dem Nachbarraum hörte ich ein Geräusch. Ich pirschte mich an die Tür heran, öffnete sie ganz vorsichtig. Dahinter befand sich ein kleiner Flur. Links war die Tür zum Röntgenzimmer, rechts der Zugang zu Dr. Changs Privatwohnung.

Milo war mir auf den Fersen. Ich machte ihm ein Zeichen und bedeutete ihm, dass wir nicht allein waren.

Wir schlichen vorwärts, die SIG immer im Anschlag. Als erstes nahmen wir uns das Röntgenzimmer vor. Milo öffnete die Tür. Es war niemand darin. Dann wandten wir uns der Wohnungstür zu. Ich drückte mit der Linken die Klinke hinunter. Die Rechte umklammerte den Griff der SIG Sauer P226. Das Knattern einer Maschinenpistole drang durch die unheilvolle Stille. Die Geschosse schlugen durch die Tür. Ich warf mich seitwärts, presste mich gegen die Wand. Milo rettete sich in die Nische vor der Tür zum Röntgenraum. Ein wahrer Kugelhagel drang durch die Tür. Das Holz bedeutete keinerlei Widerstand für die Feuerstöße einer MPi. Der Schütze stand vermutlich dahinter und hielt einfach drauf. Er wusste, dass es im Flur kaum Deckung gab.

Der Geschosshagel verebbte.

Die Tür war voll von fingerdicken Löchern.

Ich schnellte aus der Deckung empor, gab der Tür einen Tritt und stand dann in geduckter Haltung da. Die SIG hatte ich mit beiden Händen gepackt. Der Lauf war leicht aufwärts gerichtet.

"FBI! Waffe weg!", schrie ich.

Ich sah Harkers Gestalt, etwa zwei, drei Meter von mir entfernt. Er war gerade in einer Rückwärtsbewegung begriffen und wollte sich zur nächsten Tür retten.

Aber dazu war es zu spät.

In der rechten Hand hielt er eine schlanke Maschinenpistole, in der linken eine Pistole mit langem Schalldämpfer und aufgesetztem Laserpointer. Der rote Strahl tanzte durch die Luft.

Er riss beide Waffen gleichzeitig empor. Mündungsfeuer züngelte aus ihnen heraus. Schüsse krachten. Ich warf mich seitwärts, während die mörderischen Geschosse dicht an mir vorbeizischten. Ich feuerte ebenfalls. Harker ließ mir keine Wahl. Ich erwischte ihn an der Schulter. Die Wucht des Geschosses riss ihn ein Stück zurück, ließ ihn zucken. Der Arm mit der MPi gehorchte ihm nicht mehr richtig. Der Lauf der Waffe sank. Harkers Zeigefinger krampfte sich um den Abzug.

Die Waffe knatterte in einem fort, und die Geschosse zerfetzten den glattgewienerten Parkettboden.

"Fallenlassen!", rief ich erneut.

Aber Harker dachte nicht daran.

Er setze alles auf eine einzige Karte. Auf ein letztes Ass, das nicht mehr stach.

Die Automatik mit Schalldämpfer zeigte in meine Richtung.

Der Laserstrahl zuckte.

Ich feuerte.

Und im selben Moment hatte auch Milo vom Flur her gefeuert.

Harker gab seinen Schuss nur Sekundenbruchteile später ab.

Ein Ruck ging durch seinen Körper. Er wurde durch die Treffer nach hinten gerissen und sank am Türrahmen zu Boden.

Ich rappelte mich auf, näherte mich dem am Boden Liegenden. Allan Harker hatte uns keine andere Wahl gelassen.

"Er hat es so gewollt", stellte Milo tonlos fest. "Vermutlich wäre er um keinen Preis der Welt noch einmal nach Riker's Island zurückgegangen..."

Ich nickte stumm.

Dann steckte ich die SIG zurück ins Holster. "Ich hoffe nur, dass Harker wirklich der Mann ist, den wir suchen", meinte ich, "und das der Alptraum für Mister McKee nun vorbei ist..."

Ich nahm mein Handy hervor und wählte mich ins Menü hinein. Wie automatisch stellte ich eine Verbindung zum Field Office her.

Und dabei dachte ich an Alexandra Berringer.

Sie war uns noch ein paar Antworten schuldig...



24

Es dauerte nicht lange und es wimmelte in der Wohnung und Praxis von Dr. Chang von Erkennungsdienstlern, FBI-Agenten und City Police-Beamten.

Auch Mister McKee persönlich tauchte auf.

Fred LaRocca und Orry Medina begleiteten ihn.

Mister McKee beobachtete mit regungslosem Gesicht, wie der Gerichtsmediziner die Leiche von Allan Harker untersuchte. Es war unserem Chef nicht anzusehen, was in diesem Moment in seinem Kopf vor sich ging.

"Wir hatten keine andere Wahl", sagte Milo. "Und ich glaube, er hat es darauf angelegt..."

Mister McKee nickte.

"Das ist durchaus denkbar", meinte er.

"Sie sollten die Sicherheitsmaßnahmen für Ihre Person einstweilen noch beibehalten", beschwor ich den Chef.

"Schließlich wissen wir nicht hundertprozentig, ob Harker tatsächlich der Mann ist, der es auf Sie abgesehen hatte. Und wenn er es war, dann hatte er eine Komplizin..."

"Ja..."

Mister McKee wirkte gedankenverloren.

Er nickte mechanisch.

Sehr schnell zeigten sich erste Ergebnisse, was die Untersuchung der Räumlichkeiten von Dr. Chang anging. Chang war bereits seit mehreren Tagen tot. Er war ledig, hatte wenig Kontakte. Die Sprechstundenhilfen waren telefonisch in bezahlten Urlaub geschickt worden, Patienten hatte Chang abbestellt. Angeblich wegen Erkrankung des Arztes. Harker hatte in der Praxis gelebt, die Vorräte an starken Schmerzmitteln aufgebraucht und mithilfe der Rezeptblocks gefälschte Rezepte erstellt. Die meisten Apotheker hatten wohl nicht so genau hingesehen, sonst wäre ihnen aufgefallen, dass Harker dabei Fehler unterlaufen waren.

Heute Abend war einem Apotheker in der Delancie Street seine Genauigkeit zum Verhängnis geworden...

Das Schrillen seines Handys weckte Mister McKee aus seiner Lethargie.

Er nahm den Apparat ans Ohr.

Falten bildeten sich auf seiner Stirn. Schließlich sagte er: "Bleiben Sie an ihr dran!"

Dann klappte er das Handy ein.

Er wandte sich an Milo und mich.

"Das waren die Kollegen, die Mrs. Berringer beschatten."

"Und?", fragte ich.

"Sie ist in ihren Wagen gestiegen und Richtung Brooklyn unterwegs. Unsere Leute lassen sie nicht aus den Augen..."

"Vielleicht taucht sie hier auf..."

"Das wäre zu schön um wahr zu sein!"

"Sie hatte ein Abendkleid an...", murmelte Mister McKee.

"Haben Sie eine Ahnung, wo sie das heute Abend ausführen will, Jesse?"

Ein weiterer Anruf beantwortete diese Frage. Alexandra Berringers Telefonanschluss wurde abgehört und so hatten unsere Kollegen ein Gespräch aufgezeichnet, das einige Minuten vor ihrem Aufbruch geführt worden war.

Der Gesprächspartner war niemand anderes , als der große Andy Parese, der sich mit Alexandra im PARADISE treffen wollte...



25

Die Show im PARADISE hatte gerade begonnen.

Andy Parese zündete sich eine dicke Havanna an. Genüsslich blies er den Rauch hinaus, versuchte Ringe damit zu formen.

"Sie wird kommen", meinte er. "Da bin ich mir ganz sicher..."

Der große Boss stellte Gelassenheit zur Schau. Die anderen am Tisch waren weit weniger ruhig. 'Big Daddy' Jefferson machte ein skeptisches Gesicht.

"Mir gefällt das nicht, dass wir jetzt anfangen, zu verhandeln..."

"Glaubst du vielleicht, mir gefällt das?", rief Joe Jordanovich. "Und vor allem gefällt mir nicht, dass Torillo sich nicht zeigt."

Parese grinste schief.

"Abwarten."

Jordanovich lachte heiser. "Sieht für mich eher so aus, als nähme der ehrenwerte Mister Torillo die Sache nicht ernst genug!"

Parese hob die Hand. "Nun mal halblang", meinte er. "'Der Baske' hatte keinen Erfolg. Und das FBI ist auf Alexandra Berringer gestoßen und hat die Männer erwischt, die sich vor ihrer Wohnung auf die Lauer gelegt hatten... Wir müssen jetzt vorsichtiger sein."

"Ihr Zickzack-Kurs gefällt mir nicht", brummte Jordanovich.

Parese lachte.

"Was glauben Sie wohl, wie es kommt, dass ich mich über all die Jahrzehnte hinweg ganz oben halten konnte? Durch Flexibilität!"

Ray Torillo erschien in diesem Moment am Eingang. Zwei seiner Leibwächter folgten ihm.

Torillos Blick glitt über das Publikum des PARADISE. Ein Kellner führte ihn an Pareses Tisch.

"Wer sagt's denn!", grinste Parese. "Torillo hat begriffen, was die Stunde geschlagen hat."

"Hi!", sagte Torillo mit zur Schau gestellter Leichtigkeit.

Er setzte sich. "Ich hoffe nur, dass das, was Sie vorhaben, Hand und Fuß hat", setzte er noch hinzu.

"Das hat es", versicherte Parese. Er lehnte sich zurück, zog an seiner Havanna. "Wir werden der Lady einreden, dass wir bereit sind, ihrem Vater zu helfen."

"Und das Fiasko mit 'dem Basken'?", fragte Torillo. "Die Berringer wird uns doch nicht mehr über den Weg trauen."

"Sie hat keine andere Wahl - und wir auch nicht. Außer uns wird ihr niemand Hilfe anbieten, also muss sie über ihren Schatten springen. Außerdem lebt sie von meinem Geld. Und wir haben gegenwärtig keine Chance, Harker noch schnell genug aufzuspüren, ehe er Schaden anrichten kann..."

"Haben Sie wirklich vor, Harker zu helfen?", fragte Torillo.

Pareses Gesicht wurde zur eiskalten Maske.

"Sobald wir ihn haben, lassen wir ihn diskret verschwinden. Auf den Grund des Hudson meinetwegen. Oder im Betonfundament eines dieser spekulativen Bauprojekte, mit denen Big Daddy sein Geld wäscht!"

Plötzlich erstarrte Pareses Blick.

"Wenn man von der Teufelin spricht...", murmelte er. Sein Blick fixierte Alexandra Berringer. Sie hatte ein blaues, sehr elegantes Kleid an, das die Rundungen ihres Körpers perfekt umspielte. Es reichte ihr bis zu den Knöcheln. In der Linken hielt sie eine Handtasche aus Krokodilleder. Ihr Blick glitt suchend über das Publikum. Als sie Parese entdeckt hatte, erschien ein kaltes, geschäftsmäßiges Lächeln um ihre Lippen.



26

Wir fuhren mit Blaulicht zum PARADISE. Unsere Agenten Patterson und Gonzales erwarteten uns bereits. Sie hatten Alexandra beschattet und waren ihr bis hier gefolgt. Jetzt warteten sie am Eingang.

Orry und Fred LaRocca postierten sich an der Ausfahrt der Tiefgarage. Zusammen mit Mister McKee betraten Milo und ich das Innere des PARADISE.

"Möchten Sie etwas trinken?", fragte uns eine schlanke Bedienung, deren Rock kaum ein Drittel ihrer Oberschenkel bedeckte.

"Tut mir leid, die Preise bei Ihnen liegen leider außerhalb dessen, was unsere Spesenabteilung genehmigen würde", erwiderte ich und und zeigte ihr meinen Ausweis.

"Genießen Sie trotzdem die Show", erwiderte die Schöne sarkastisch.

"Danke..."

Aber die Girls in den Fantasiekostümen auf der Bühne interessierten uns im Moment überhaupt nicht. Ich ließ den Blick schweifen und dann sah ich sie.

Milo hatte sie auch entdeckt.

"Da ist sie! Alexandra Berringer!"

Alexandra näherte sich in ihrem hinreißenden knöchellangen blauen Kleid einem Tisch, an dem eine Reihe Gesichter saßen, die jedem, der sich mit organisierter Kriminalität befasste, ein Begriff waren. Und die Tische daneben waren mit Leibwächtern besetzt. Alexandra blieb stehen, gewährte mir einen Blick auf ihren gebräunten, makellosen Rücken, den ihr vorne hochgeschlossenes Kleid fast vollständig frei ließ.

Dann setzte sie sich.

"Sieh an", sagte Mister McKee. "Parese, Jordanovich, Big Daddy Jefferson..."

"...und Torillo!", ergänzte Milo.

"Alles ehemalige Kunden des Hitman Allan Harker", erklärte Mister McKee.

"Torillo ist dafür eigentlich etwas zu jung", gab ich zu bedenken.

Mister McKee schüttelte den Kopf.

"Torillo hat einige Leute in seinem Clan, für die Harker früher getötet hat. Ich nehme an, dass er deswegen hier dabei ist..."

"Was glauben Sie, was da vor sich geht?"

Mister McKee zuckte die Achseln. "Irgendeine Art von Agreement." Er seufzte. "Ein Königreich für ein gutes Richtmikrofon!"

Wir bewegten uns in Richtung Bar. Von dort aus konnten wir den Tisch der Bosse gut im Auge behalten. Umgekehrt war ich mir sicher, dass man auch uns genau beobachtete.

Das Gespräch zwischen Alexandra und den Bossen war sehr schnell zu Ende.

Auf beiden Seiten waren geschäftsmäßig lächelnde Gesichter zu sehen.

"Das ging aber verdammt schnell", hörte ich Milo murmeln.

Alexandra bewegte sich katzenhaft elegant in unsere Richtung.

In Ihrem Gesicht stand so etwas wie...

...Triumph!

Mein Instinkt sagte mir, dass hier irgendetwas nicht stimmte. Fieberhaft dachte ich darüber nach, was es sein konnte.

Alexandra entdeckte mich. Ihr Gesicht erstarrte für eine Sekunde zur Maske. Sie setzte aber ihren Weg fort.

"Guten Abend, Mrs. Berringer", begrüßte ich sie.

Ihr Gesicht wurde von einer sanften Röte überzogen.

"Guten Abend, Agent Trevellian."

"So ein Zufall, Sie hier zu sehen..."

"Ich wusste gar nicht, dass G-men so gut bezahlt werden, dass sie sich das hier leisten können..."

"Ich bin ein sparsamer Mensch."

"Was Sie nicht sagen. Sie entschuldigen mich jetzt bitte..."

"Sie wollen schon gehen, Mrs. Berringer? Sie sind doch gerade erst eingetroffen?"

"Mir ist nicht gut, ich brauche frische Luft. Außerdem habe ich leider gar keine Zeit für Sie..."

"Im Gegensatz zu Mister Parese, der natürlich ein viel aufregenderer Gesprächspartner ist."

Sie sah mich an. Ihre Augen funkelten. Sie stand unter ungeheurer Anspannung, das war deutlich. Schweißperlen glitzerten auf ihrer Stirn.

Sie blickte sich um, sah noch einmal zu Pareses Tisch.

So, als sei dort irgendetwas...

Eine Bedrohung!

Sie zitterte.

Mister McKee meldete sich zu Wort. "Mrs. Berringer? Mein Name ist Jonathan D. McKee, in Special Agent in Charge und Chef des FBI-Districts New York."

Alexandra musterte ihn. Ein kaltes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. "Ich weiß", sagte sie. "Es gibt jemanden, der mir sehr viel über Sie zählt hat..."

"Allan Harker."

"Ja. Leben Sie wohl, Mister McKee. Ich habe jetzt wirklich keine Zeit mehr... Nicht einmal für den Mann, der meinen Vater unschuldig hinter Gitter gebracht hat..."

"Unschuldig?"

In diesem Augenblick wusste ich, was nicht stimmte.

Die Handtasche!

Als Alexandra sich dem Tisch der Bosse genähert hatte, hatte sie eine Handtasche dabei gehabt. Jetzt fehlte diese!

Ich wirbelte herum, stürzte ein paar Schritte vorwärts.

Ich sah die Tasche.

Sie befand sich auf dem Boden, neben dem Stuhl, auf dem Alexandra gesessen hatte.

Die Leibwächter an den Nebentischen waren bereits auf mich aufmerksam geworden. Ich sah, wie die eine oder andere Hand unter die Smokingjacke griff...

"Vorsicht!", rief ich in Pareses Richtung. "Gehen Sie..."

Der Rest meiner Warnung wurde durch das Geräusch einer mörderischen Detonation verschluckt.

Ein gewaltiger Flammenpilz fauchte empor. Der Tisch wurde buchstäblich zerrissen. Die Einzelteile in die Luft geschleudert. Schreie gellten. Menschliche Körper wurden wie leblose Puppen emporgeschleudert.

Eine mörderische Explosion.

Die Hitze war bis zu uns deutlich spürbar.

Panik entstand. Schrille Entsetzensschreie gellten durch den Saal. Ein Teil der Beleuchtung fiel aus. Die Girls auf der Bühne stoben kreischend davon.

Eine Menschenlawine setzte sich in Bewegung. Alle, die einigermaßen unverletzt geblieben waren, strebten auf den Ausgang zu. Das Personal bemühte sich gleichermaßen verzweifelt und vergebens darum, etwas Ordnung in diese Flucht zu bringen.

Ein Teil der Deckenverkleidung krachte jetzt hinunter - genau dorthin, wo gerade noch Pareses Tisch gestanden hatte.

Rauch quoll unter den Trümmern hervor.

Alexandra Berringer stand stumm da, sah dem Inferno zu.

Auf ihrem Gesicht erschien ein Ausdruck von Zufriedenheit. Er verschwand nicht einmal, als Milo ihr Handschellen anlegte und die Rechte vorbetete.



27

Feuerwehr, Notarzt und Emergency Service waren sehr schnell zur Stelle. Die Bilanz dieser Explosion war erschreckend. Die Männer an Pareses Tisch waren allesamt tot. Man würde Mühe haben, ihre Leichen zu identifizieren. Sie waren buchstäblich zerrissen worden. Auch unter den Leibwächtern an den Nachbartischen gab es Tote und Schwerverletzte. Mehrere Dutzend weitere Personen aus dem Publikum waren durch herumfliegende Gegenstände leicht verletzt worden. Wegen der Rauchentwicklung gab es mehrere Fälle von akuter Atemnot.

Alexandra saß auf dem Rücksitz des 300 M und blickte ins Nichts.

Mister McKee hatte neben ihr platzgenommen.

"Warum?", fragte er. "Warum haben Sie das getan?"

"Ich wäre entkommen", sagte sie. "Wenn Sie nicht gewesen wären, hätte ich im Tumult fliehen können..."

"Diese Männer haben 'den Basken' auf ihren Vater angesetzt, nicht wahr?"

"Ja", flüsterte sie. "Sie haben meinen Vater immer nur benutzt. Als ich am Tisch saß, versprachen Sie mir, ihm jetzt zu helfen. In Wahrheit waren sie nur ratlos. Sie wussten nicht, wo mein Vater sich befindet und sobald ich mich auf ihre Bedingungen eingelassen hätte, hätten sie mich aufs Kreuz gelegt... Sie wollten meinen Vater so schnell wie möglich ausschalten!" Sie seufzte. "Ich habe lange davon geträumt, diese Männer zu töten..."

"...so wie Sie davon geträumt haben, mich zu töten?", fragte Mister McKee.

Sie sah unseren Chef an.

Dann nickte sie.

"Ja... Sie waren genauso ein Teil des Komplotts, das meinen Vater ruinierte, wie jene Männer, die heute Abend durch die Explosion zerfetzt wurden."

"Eines Komplotts, das nur in Ihrer Fantasie existiert!", stellte Mister McKee klar. "Wollen Sie sie sehen, die Beweise von damals? Die Kugeln, die die Schädel der Opfer zerschmetterten?"

"Ich habe die Akten eingesehen. Alles Fälschungen. Alles erlogen..." Ihr Gesicht bekam etwas Starres, Fanatisches. Sie wollte sich von ihrem festen Glauben einfach nicht abbringen lassen. Ihr Vater war in ihren Augen ein guter Mensch, gegen den sich FBI, Justiz und organisiertes Verbrechen verschworen hatten. Eine Lüge, die sie sich oft genug eingehämmert hatte, um sie - auch gegen alle Tatsachen - zu glauben.

"Er wird mit mir zufrieden sein", murmelte sie entrückt.

"Sehr zufrieden..."

"Wer?", fragte Mister McKee. "Ihr Vater?"

"Ja."

"Wir haben ihn gefunden..."

"Er wird stolz auch mich sein. Und ich werde ihm helfen...", murmelte sie, ohne auf unseren Chef zu hören.

Ihre Augen waren glasig. "Daddy...", murmelte sie.

"Ihr Daddy ist tot", erklärte Mister McKee sachlich.

Sie kicherte.

"Nein," sagte sie. "das ist eine Lüge."

"Es ist die Wahrheit. Er befand sich in einer Arztpraxis, hatte den Inhaber umgebracht und dort die letzten Tage gelebt..."

"...eine Lüge", flüsterte sie und wiederholte es unablässig. "Eine Lüge...eine Lüge... eine Lüge..." Es klang wie der Singsang zu einem Beschwörungsritual. Ihr Gesicht war zu einer starren Maske geworden.

Dann hielt sie plötzlich inne.

"Sie sagen das nur, um mich hereinzulegen", erklärte sie.

"Ein Komplott. Wie bei meinem Vater. Wahrscheinlich war es Ihnen ganz Recht, dass Parese und die anderen getötet wurden. Und jetzt haben Sie eine perfekte Schuldige! Ein Opferlamm, auf das sie alles abladen können..."

Sie hielt inne. Ihr Blick wirkte leer.

Die starren Züge wurden weicher.

Und plötzlich glitzert etwas in ihren Augen.

Tränen.



28

"Noch sind wir nicht hundertprozentig sicher, dass Alexandra Berringer wirklich die Frau ist, die auf Sie geschossen hat!", meinte ich warnend, als wir wieder im Hauptquartier waren.

Mister McKee saß hinter seinem Schreibtisch, leerte den Kaffeebecher, den er aus dem Automaten gezogen hatte. Mandy war um diese nachtschlafende Zeit längst zu Hause.

"Es gibt aber eine Reihe von Indizien", meinte Mister McKee.

"Richtig - und wenn Sie ich fragen, dann ist die Sache auch ziemlich klar.."

"Na, also, Jesse! Was soll dann das Theater mit der geheimen Wohnung und der nächtlichen Bewachung noch?"

"Wir haben noch keinen Beweis dafür, ob sie oder ihr Vater wirklich Urheber der Briefe und Anrufe sind..."

"Mrs. Berringers Maisonette-Wohnung in Long Beach wird jetzt gerade von einigen Kollegen durchsucht!", gab Mister McKee zu bedenken. "Und außerdem hat Mrs. Berringer die Tat ja mehr oder weniger zugegeben."

Ich widersprach.

"Sie gab zu, Sie zu hassen."

"Und Sie denkt, dass ich Teil einer eingebildeten Verschwörung bin, die ihren Vater mehr oder minder auf dem Gewissen hat!"

"Mister McKee, tun Sie mir den Gefallen und übernachten Sie erst dann wieder in Ihrer Wohnung, wenn die Sache bis ins Letzte geklärt ist..."

Mister McKee seufzte.

"Für die paar Stunden bis zum Morgen lohnt sich der Zirkus nicht..."

"Aber..."

"...und daher werde ich mich hier im Büro etwas aufs Ohr hauen. Zufrieden, Jesse? Selbst wenn der Killer noch frei herumlaufen sollte, der es auf mich abgesehen hat, wird er es kaum wagen, mich hier anzugreifen." Mister McKee grinste.

"Einen sicheren Ort dürfte es in ganz New York nicht geben!"

"Ich will Ihnen ganz bestimmt nicht auf die Nerven fallen, Sir."

"Schon gut, Jesse. Ich weiß Ihre Sorge zu schätzen." Mister McKee blickte kurz auf die Uhr an seinem Handgelenk. "Es ist spät, Sie sollten sich etwas auch etwas ausruhen..."



29

"Ich glaube nicht, dass der Fall schon zu den Akten gelegt werden kann", meinte ich auf dem Weg nach Hause. Es war kurz nach Mitternacht. Die Straßen New Yorks immer noch ziemlich verstopft. Vor allem auf dem Broadway war gerade jetzt der Teufel los. Vermutlich war das ziemlich gleichzeitige Ende einiger Theater-Inszenierungen dafür verantwortlich.

"Wie kommst du darauf?"

"Instinkt, Milo. Ich weiß es auch nicht..."

"Diese Frau ist 'ne Psychopathin, krankhaft auf Mister McKee fixiert."

"Sie ist vielleicht eine Psychopathin, aber ob sie wirklich auf Mister McKee fixiert war, da bin ich mir nicht so sicher."

"Warte's ab, Jesse. Man wird sie verhören, ihre Wohnung wird gerade durchsucht, eine psychologische Begutachtung folgt noch... Und wenn das alles abgeschlossen ist, sehen wir klarer."

"...und in unserer Gewahrsamszelle sitzt immer noch ein Mann namens Lester Rodrigez, der mit sehr großer Wahrscheinlichkeit für die Verwanzung von Mister McKees Privatwohnung verantwortlich war."

"MITverantwortlich", korrigierte mich Milo. "Er muss einen Komplizen gehabt haben. Jedenfalls war es nicht sein Ohr, das an die Tür gepresst wurde."

"Ja, dieses Ohr..."

"Vielleicht hat die Verwanzung gar nichts mit dieser Sache zu tun! Vielleicht wolle Eric Hernandez oder sein Boß Torillo oder wer auch immer nur gut informiert sein. Zum Beispiel, um Druck auf Mister McKee ausüben zu können, wenn es zur Aussage im Prozess kommt..."

"Nein", sagte ich. Ich schüttelte energisch den Kopf. "Es muss damit zu tun haben. Der Killer hat mitgehört, während wir in Mister McKees Wohnung waren? Erinnerst du dich nicht? Der Täter hat mit dem Chef telefoniert!"

"Hat er wirklich auf das reagiert, was in der Wohnung geschah? Jesse, so etwas kann man sich leicht einreden. Vielleicht wollte er - oder sie - den Anschein erwecken."

"Trotzdem..."

Wir mussten an einer Kreuzung warten. Ich griff zum Handy, ließ mich über die Telefonzentrale an der Federal Plaza mit den Kollegen verbinden, die jetzt gerade damit beschäftigt waren, Alexandra Berringers Wohnung auf den Kopf zu stellen.

Ein Kollege meldete sich.

Agent Frank Cunningham.

"Hier Trevellian. Habt ihr inzwischen etwas gefunden? Zum Beispiel eine Waffe mit Laserzielerfassung."

"Nein. Jesse, wir haben gar keine Waffen gefunden, außer einer Gaspistole..."

"Und einen elektronischen Stimmenverzerrer?"

"Nein."

"Oder einen PC mit Sprachwiedergabe?"

"Es gibt keinen PC. Allerdings ein Handbuch über Sprengstoff und ein Notizbuch, in dem einige einschlägige Adressen stehen... Übrigens ist in ihrem Telefonregister auch die Nummer der Praxis von Dr. Chang..."

"Sie wusste, wo sich ihr Vater befand."

"Ja, sieht so aus."

"Gibt es Exemplare des New Yorker?"

"Nein."

"Okay, danke für die Auskünfte, Frank..."

Ich beendete das Gespräch. Hinter uns hupte jemand, weil die Ampel inzwischen grün zeigte. Ich ließ den 300 M voranschnellen.

"All die Gegenstände, nach denen du gefragt hast, könnte die Täterin auch irgendwo anders, als ausgerechnet in ihrer Wohnung deponiert haben", sagte Milo. "Oder es war eben doch Allan Harker, der das Ganze ausgeführt hat... Und vergiss nicht die Frau auf dem Parkplatzvideo, die den BMW gestohlen hat!"

"Wir wissen nur, dass es eine Frau war. Genau genommen jedenfalls..."

"Und das ihre Proportionen in etwa denen von Alexandra Berringer entsprechen!"

"Du hast dir ihre Proportionen aber genau angesehen!"

"Unsere Spezialisten werden schon herausbekommen, ob die Frau auf dem Bild Alexandra Berringer war..."

Ich bog ab.

"Heh, so kommen wir nie nach Hause!"

"Ich schätze, das HEAVENLY hat noch geöffnet..."

"Jesse, das ist doch nicht dein Ernst!"

"Ich möchte sehen, wie Eric Hernandez auf die neue Lage reagiert... Ich wette, die Nachricht von Torillos Tod ist längst bis zu ihm herum. Und die Tatsache, dass sein Beschützer in die Luft gebombt wurde, dürfte ihn kaum kaltlassen. Schließlich ändert das seine Situation komplett..."

"Weißt du eigentlich, wie spät es ist?"

"Ich glaube, meine Uhr ist stehengeblieben", erwiderte ich.



30

Cynthia Hernandez schob sehr sorgfältig eine Patrone nach der anderen in das Magazin der Automatik. Ihr Gesicht wirkte angestrengt dabei.

Ray, dir war es immer gleichgültig, was mit deinem Onkel damals geschah!, ging es ihr durch den Kopf.

Sie schraubte den Schalldämpfer auf und testete den Laserpointer. Einige Augenblicke lang ließ sie den roten Punkt über die Wand tanzen.

Ein verhaltenes Lächeln spielte um ihre Lippen und erstarb schließlich.

Das Telefon klingelte.

Sie schluckte, ignorierte das Klingeln des Telefons. Sie war jetzt einfach nicht in der Stimmung, den Hörer abzunehmen. Sie atmete tief durch.

Dann steckte sie die geladene Waffe in ihre Handtasche.

Ihr Inneres war erfüllt von Hass.

Das Telefon klingelt erneut, schrillte wie eine Alarmsirene in ihr Bewusstsein hinein.

Vor ihrem geistigen Auge sah sie das Gesicht ihrer Mutter.

Cynthia erinnerte sich genau. Es war jener Tag, an dem sie die Nachricht bekommen hatte, dass Pablo Hernandez bei einer Schlägerei umgekommen war. Cynthia war ein kleines Mädchen gewesen. Aber groß genug, um zu begreifen, dass sich in diesem Moment alles änderte. Ihre Mutter war von da an nicht mehr dieselbe gewesen. Sie hatte angefangen zu trinken und war vor ihren Augen körperlich und seelisch zerfallen...

Eine furchtbare Zeit.

Der Tod der Mutter war unter diesen Bedingungen für Cynthia beinahe eine Art Erlösung gewesen.

Sie wuchs nun bei ihrem wesentlich älteren Bruder Eric auf, der sie der Obhut von Kindermädchen überlassen hatte. Mit zwölf hatte sie ihre erste Psychotherapie abgebrochen, mit dreizehn versucht sich umzubringen...

Aber sie hatte damals nicht sterben wollen.

Sie wollte nur, dass diese unerträgliche Traurigkeit endlich von ihr genommen wurde, die wie ein Mühlstein unsichtbar um ihren Hals zu hängen schien. Jene Traurigkeit, die sie seit dem Tag nie wirklich verlassen hatte, als ihre Mutter die Todesnachricht erhielt...

Damals, nach ihrem Selbstmordversuch, hatte sie zum erstenmal die Stimmen gehört.

Die Stimmen in ihrem Kopf.

Sie halfen ihr.

Und sagten ihr, was sie tun konnte, um die abgrundtiefe Traurigkeit zu besiegen, die sie wie eine düstere schwarze Welle regelmäßig überfiel.

Die schwarze Welle würde bald für immer verschwinden.

Sobald Jonathan McKee seinen qualvollen Tod gestorben war...

Ein mattes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. Sie kicherte. "Ja, ja, ihr habt ja recht", murmelte sie dann. "Ich werde mich beeilen..."

Sie erhob sich.

"Es ist für alles gesorgt", murmelte sie "Macht euch keine Gedanken... Ich habe Rays Verbindungen für mich ausgenutzt und mir einen echten FBI-Ausweis besorgt! Naja, zumindest so echt, dass man ihn so schnell nicht als Fälschung erkennen kann..."

Dann ging sie an den Kleiderschrank, öffnete ihn. "Was meint ihr, was soll ich anziehen? Das rote Kleid vielleicht?... Ihr habt recht! Das passt! Rot... wie Blut... Ja, das passt sehr, sehr gut..."

Cynthia zog sich um.

Als sie fertig war, und sie die Tür bereits erreicht hatte, schrillte wieder das Telefon.

"Nein, ihr habt recht", sagte sie. "Es kann nichts Wichtiges sein..."



31

Im HEAVENLY erwischten wir einen ziemlich genervten Eric Hernandez. Er stand etwas breitbeinig da, hatte ein Handy in der Hand und versuchte offenbar vergebens eine Verbindung herzustellen.

Als er uns sah, kniff er die Augen zusammen.

"Was wollen Sie denn schon wieder hier!"

"Vielleicht einen aufregenden Abend in der Top-Discothek verbringen", meinte ich.

"Schwirren Sie ab, Trevellian! Wo Sie auftauchen, wird doch die Milch sauer! Sie verderben hier nur die gute Laune meiner Gäste!"

"Schon gehört, was heute Abend passiert ist?"

Er sah mich einige Augenblicke lang abwartend an. Dann nickte er. "New York City ist in mancher Beziehung ein Dorf. Und Ray Torillo war eine bekannte Persönlichkeit."

"Sie haben keinen Schutzpatron mehr..."

"Lassen Sie das mal meine Sorge sein!"

Wir folgten Hernandez auf einen der Flure. Die stampfende Musik war hier nur gedämpft zu hören.

Zwei furchteinflößende Bodyguards folgten uns.

"Was soll das!", schimpfte Hernandez. "Sagen Sie bloß, Sie wollen mir jetzt auch noch die Explosion im PARADISE anhängen."

"Darum sind wir nicht hier!"

"Und warum dann?"

"Auch der Mord an einem Mörder ist ein Mord - und wird von uns verfolgt", erklärte ich.

"Ach, wollen Sie damit sagen, dass Ray ein Mörder war? Das ist Verleumdung, es ist ihm nie auch nur der geringste Vorwurf gerichtlich bewiesen worden! Es gibt kein Urteil und daher..."

"Tut mir leid", beeilte ich mich zu sagen. "Ihr Boss war ja schließlich nicht allein am Tisch..."

Er atmete tief durch, kratzte sich nervös am Hinterkopf und sagte dann: "Ich kann zu der Angelegenheit nichts sagen. Punkt. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte! Auch wenn Sie es nicht für möglich halten: Der Tod meines Cousins geht mir sehr nahe..."

Er warf einem der Bodyguards sein Handy zu.

"Versuchen Sie eine Verbindung zu meiner Schwester herzustellen, und wenn Sie dafür die ganze Nacht klingeln müssen!"

"Sie haben eine Schwester?", fragte ich.

"Geht Sie das was an?"

Er ging einfach weiter den Flur entlang.

"Okay!", rief ich. "Sie können es auch anders haben! Zum Beispiel könnte ich hier und jetzt eine Tabletten-Razzia durchführen! Ich wette 500 zu 1 das irgendeiner Ihrer Gäste genug bei sich hat, um als Händler abgeurteilt zu werden! Eine Bombenreklame für Ihren Laden..."

Eric Hernandez blieb stehen. "Das wagen Sie nicht..."

"Lassen Sie's nicht drauf ankommen!"

Er kam zurück, während einer der Bodyguards unablässig auf dem Handy herumtippte.

"Was wollen Sie wissen?", fragte Hernandez barsch.

"Erzählen Sie mir von Ihrer Schwester."

"Sprechen Sie doch selbst mit ihr! Sie ist die Geliebte von Ray, also finden Sie sie vermutlich in dessen Villa. Aber darüber hinaus hat sie auch noch eine Adresse am Broadway. "

Er seufzte und fügte dann in gedämpftem Tonfall hinzu: "Falls Sie sie finden sollten, dann bringen Sie es ihr bitte vorsichtig bei... Ich fürchte, sie weiß noch nichts von dem, was geschehen ist."

"Sie haben versucht, bei ihr anzurufen?"

"Ja."

"In Torillos Villa?"

"... und in ihrer Wohnung. Und die Handynummer habe ich auch nicht vergessen. Aber Cynthia meldet sich einfach nicht. Das muss aber nicht heißen, dass sie nicht zu Hause ist. Manchmal ist sie halt etwas... seltsam."



32

Mister McKee schreckte hoch, als das Telefon schrillte. Er war sofort hellwach, erhob sich von dem schmalen Feldbett, das er im Büro aufgestellt hatte und griff zielsicher nach einem der viele Apparate auf seinem Schreibtisch.

"Ja" meldete er sich.

"Haben Sie schon geschlafen, Jonathan D. McKee?", fragte eine verzerrte Stimme.

Mister McKee drücke augenblicklich auf einen bestimmten Knopf, um das Gespräch aufzuzeichnen.

Der Terror war noch nicht zu Ende...

"Was wollen Sie?", fragte der FBI-Chef von New York.

Ein Kichern folgte, durch den Verzerrer schrecklich entstellt.

"Das wissen Sie doch, Mister McKee... Haben Sie meinen Brief nicht bekommen?"

"Ihren Brief?"

"AB JETZT WERDE ICH TREFFEN. Erinnern Sie sich?"

Die Verbindung wurde unterbrochen.

Mister McKee legte den Hörer auf.



33

"Wir suchen eine Frau", sagte ich an Milo gewandt, während der 300 M durch die Nacht jagte. "Und wenn Eric Hernandez einen Grund hat, Mister McKee zu hassen, dann hat seine Schwester es auch..."

"Ich weiß nicht."

"Milo, ich will einfach sicher sein, nichts übersehen zu haben, verstehst du?"

"Natürlich."

"Ich könnte es mir nie verzeihen, wenn Mister McKee dann doch noch etwas zustoßen würde."

"Glaubst du, mir ginge das anders?"

Per telefonischem Auskunftsservice ließen wir uns die Adresse von Ray Torillos Villa in der North Bronx geben, die im Gegensatz zur gefürchteten South Bronx eher bürgerlich wirkte.

Wir mussten einige Male klingeln ehe man uns durch das Tor ließ. Eine Reiher finsterer, wie Reverends gekleideter Leibwächter ließ uns nicht aus den Augen.

Wir wurden in einen Empfangsraum geführt, dessen Wände mit moderner Kunst vollgehängt waren. Ray Torillo hatte wohl seine kulturelle Weltläufigkeit herauskehren wollen.

Ein ergrauter, etwas müde wirkender Hausverwalter begrüßte uns im Morgenmantel.

Er hieß Hamilton und eröffnete uns, dass die City Police schon bei ihm gewesen sei, um ihm die Nachricht von Torillos Tod zu übermitteln.

"Was auch immer Sie an Fragen haben mögen", sagte Hamilton, "ich denke, dass es bis morgen früh Zeit hat..."

"Wir suchen Cynthia Hernandez", erklärte ich.

Hamilton hob die Augenbrauen.

"Weshalb?"

"Um mit ihr zu reden..."

"Auch das wird Zeit haben..."

"Ist sie hier? Sie wohnt doch hier!"

Hamilton atmete tief durch, dann schüttelte er den Kopf.

"Nein, sie ist nicht hier... Ich habe selbst schon vergeblich versucht, sie telefonisch zu erreichen..."

"Wo könnte sie sein?"

"Keine Ahnung. Normalerweise würde ich sagen, dass Miss Cynthia in ihrer Wohnung ist, aber da geht niemand ans Telefon."

Cynthia Hernandez' Wohnung lag in einem Block in der 84. Straße. Wir fuhren so schnell wie möglich dorthin.

Als wir vor ihrer Tür standen, machte niemand auf.

"Vergiss es, Jesse. Die macht sich irgendwo 'nen schönen Abend oder liegt gerade in der Wanne..."

Ich begann mit einem kleinen Drahtstück das Türschloß zu öffnen.

"Jesse, bist du verrückt? Was glaubst du, was das für ein Theater gibt..."

"Wir werden nichts durcheinanderbringen", erklärte ich. "Aber ich muss es einfach wissen... Ich muß wissen, ob diese Cynthia die Person ist, die uns schon so lange zum Narren hält..."

Die Tür öffnete sich. Wir betraten die Wohnung. Es war ein kleines Apartment. Ein Wohnraum, Küche Bad. Die Schlafcouch sah aus, als hätte darauf noch vor kurzem jemand gelegen.

Auf einem Schreibtisch stand ein Computer mit Drucker.

Zahlreiche Ausdrucke stapelten sich auf dem Tisch. Es schien so ziemlich alles zu sein, was man über das FBI Field Office New York und sein Hauptquartier an der Federal Plaza über das Internet erfahren konnte.

Ich begann die Stapel oberflächlich durchzusehen.

"Hier sind auch Anleitungen zum Gebrauch von Sprengstoff", stellte ich fest.

"Aus dem Internet kann man sich komplette Baupläne herunterziehen", meinte Milo.

"...und Cynthia Hernandez scheint davon ausführlich Gebrauch gemacht zu haben. Ich glaube, sie ist es", meinte ich. "SIE ist die Frau, die wir suchen, nicht Alexandra Berringer."

"Du scheinst die richtige Nase zu haben! Kompliment!"

In einer der Schubladen fand ich eine Mappe mit Pressemeldungen, in denen Mister McKee erwähnt wurde. Außerdem zahlreiche Fotografien. Von dem Apartment-Haus, in dem Mister McKee wohnte, von seinem Wagen, von seiner Wohnung. Auf einer Skizze war der genaue Weg verzeichnet, den Mister McKee jeden Morgen nahm, wenn er zum Dienst fuhr.

Cynthia Hernandez hatte sich sehr genau über ihr Opfer informiert...

Milo hob den Papierkorb empor und zeigte ihn mir. Er brauchte kein Wort darüber zu verlieren. Der Papierkorb enthielt zerschnittene Ausgaben des New Yorker.

Milo wühlte etwas im Papierkorb herum und fischte eine Medikamentenpackung heraus.

Er las die Aufschrift.

"Das ist ein Mittel, das die Symptome von Schizophrenie dämpft", erklärte er dann. "Wenn diese Cynthia die Killerin ist, wird sie möglicherweise ohne Rücksicht auf ihr eigenes Schicksal handeln..."

Ich öffnete eine Schublade. Eine Uzi-Maschinenpistole kam zum Vorschein. Außerdem jede Menge Munition, nicht nur für die Uzi, sondern auch noch für eine weitere Waffe...

Aber die war nicht zu finden, auch in den anderen Schubladen nicht.

"Die Frau ist auf Jagd", stellte ich fest. Ich griff zum Handy.

Ich musste Mister McKee warnen.

Sofort.



34

Das Telefon schrillte. Mister McKee griff zum Hörer.

"Ich wette, Sie können nicht schlafen", sagte die verzerrte Stimme am Telefon. "Und dabei ist der ewige Schlaf so nahe, Jonathan McKee... So nahe..."

Es klopfte an der Tür.

In unserem Hauptquartier an der Federal Plaza wird rund um die Uhr gearbeitet. Ein paar Mitarbeiter des FBI halten auch nachts die Stellung. Die Telefonzentrale zum Beispiel ist 24 Stunden besetzt. Und natürlich gibt es immer auch Operationen, die nachts laufen und von hier aus koordiniert werden müssen.

Mister McKee blickte auf.

Die Stimme aus dem Hörer sagte: "Versuchen Sie nicht, den Anruf zurückzuverfolgen. Es hat keinen Sinn, Jonathan McKee..."

Das Gespräch wurde ich unterbrochen.

"Wer ist da?", fragte Mister McKee in Richtung Tür.

Die Tür öffnete sich.

Eine Frau in einem roten Kleid stand im Türrahmen. In der einen Hand hielt sie ein Handy mit aufgesetztem elektronischen Verzerrer. In der anderen eine Pistole mit Schalldämpfer und Laserpointer. Der messerscharf gezogene rote Strahl tanzte durch das Halbdunkel in Mister McKees Büro.

Ein kaltes Lächeln erschien auf Cynthia Hernandez' hübschem Gesicht.

Mit einer Bewegung ihrer Hacke kickte sie die Tür zu.

Mister McKee erstarrte mitten in der Bewegung. Der Instinkt für die Gefahr, gewachsen in Dutzenden von Dienstjahren, hatte ihn Richtung Schublade greifen lassen. Dort hatte er seine Dienstwaffe abgelegt. Aber nun war es zu spät. Die Schublade war nur einen Spalt weit geöffnet, ein Stück vom Griff der SIG war sichtbar...

"Keine Bewegung, Mister McKee. Und keine Tricks..."

Sie steckte das Handy mit dem elektronischen Verzerrer in die offene Handtasche, die sie über der Schulter trug. Der rote Laserpunkt des Zielerfassungsgerätes blieb indessen zitternd auf Mister McKees Brust stehen.

"Nehmen Sie die Hände von der Schublade", zischte sie zwischen Lippen hindurch. "Und bewegen Sie sich nicht zu schnell..."

Mister McKee gehorchte.

Er war lange genug G-man, um eine Gefahr exakt einschätzen zu können. Und so wusste er, dass er im Moment keine Chance hatte, etwas zu unternehmen. Er musste auf Zeit spielen.

"Wer sind Sie?", fragte Mister McKee.

"Ich bin die Stimme, die Ihnen den Schlaf raubt. Ich bin die Frau, die Ihnen Briefe schreibt..."

"...und mich beinahe in die Luft gejagt hätte?"

"Ich spiele mit Ihnen, Jonathan McKee. Merken Sie das nicht? Die ganze Zeit über habe ich mit Ihnen gespielt, Sie leiden lassen. So wie mein Vater gelitten hat, nachdem Sie dafür gesorgt hatten, dass er in den Knast wanderte..."

"Ihr Vater?", echote Mister McKee. "Wer ist Ihr Vater?"

Sie kicherte.

"Sie wissen es wirklich nicht? Strengen Sie Ihr Spatzenhirn an, G-man!"

"Tut mir leid, Sie müssen mir schon auf die Sprünge helfen."

"Gerne!", erwiderte Cynthia. "Nichts lieber als das!"

In ihr Timbre hatte sich der Tonfal kalter Grausamkeit gemischt.

Sie packte ihre Pistole mit beiden Händen.

Es verging nur der Bruchteil einer Sekunde, ehe sie feuerte.

Das Schussgeräusch klang durch den Schalldämpfer wie ein lautes Niesen oder der Schlag mit einer Zeitung.

Mister McKee taumelte getroffen zurück, sank in den Sessel...



35

Ich fuhr wie der Teufel. Der 300 M schoss durch die Straßenschluchten des nächtlichen New York. Milo hatte das Blaulicht auf das Dach gesetzt.

Während ich wie ein Wahnsinniger fuhr, versuchte Milo noch einmal, Mister McKee telefonisch zu erreichen. Als wir von Cynthia Hernandez' Wohnung aus angerufen hatten, war sein Apparat besetzt gewesen.

Mister McKee nahm schließlich ab.

"Sir, Jesse und ich haben interessante Neuigkeiten, was den Killer angeht, der es auf Sie abgesehen hat. Allan Harker war es nicht - und auch Alexandra Berringer nicht." Milo fasste das, was wir herausgefunden hatten knapp zusammen.

"Hier ist alles in Ordnung", erklärte Mister McKee seltsam gedehnt. Er ächzte, so als ob er eine schwere Last zu tragen hätte oder...

...verletzt war!

"Machen Sie sich keine Sorgen, Milo."

"Die Frau, die es auf Sie abgesehen hat, heißt Cynthia Hernandez..."

"Melden Sie sich bei Agent Caravaggio ab und machen Sie Feierabend, Milo. Wir sprechen morgen über die Sache, okay?"

"Okay", murmelte Milo und beendete das Gespräch. Dann sagte er: "Sie ist bei ihm. Mister McKee ist in ihrer Gewalt, da bin ich mir ganz sicher. Welchen Sinn sollte es sonst haben, dass wir uns bei Agent Caravaggio abmelden und Feierabend machen sollen..."

Agent Clive Caravaggio.

Das war eine Anspielung auf Kidnapping.



36

"Schön haben Sie das gemacht, McKee!", sagte Cynthia kalt lächelnd. "Sehr schön..."

Der Apparat war auf Lautsprecher geschaltet.

Cynthia hatte alles mitgehört.

Mister McKee hielt sich die Schulter. Blut sickerte zwischen seinen Fingern hindurch.

"Woher wussten Sie, dass ich um diese Zeit hier, in meinem Büro bin?", fragte er. Er wollte Zeit gewinnen. Jede Sekunde, jede Minute konnte ihn im Endeffekt vielleicht retten.

"Ich wusste es nicht", erwiderte Cynthia.

"Aber..."

"Ich wollte hier auf Sie warten. Sie sind morgens immer sehr früh und pünktlich. Nachdem ich Sie am Telefon hatte, habe ich natürlich gehofft, dass Sie hier sind. Aber Sie hätten mich ja auch mit einer Anrufweiterschaltung zum Narren halten können..."

"Sie haben an alles gedacht, nicht wahr?"

"Das habe ich."

"Wieso hat man Sie überhaupt in dieses Gebäude gelassen?"

"Ich bin eine FBI-Agentin", erwiderte sie triumphierend. "Jedenfalls steht das auf einem Ausweis, den ich vorgezeigt habe..."

Mister McKee nickte.

"Verstehe..."

Eine Pause entstand. Cynthia umrundete den Schreibtisch, öffnete die Schublade und ergriff die SIG, die dort lagerte.

"Ich werde Sie nicht sofort töten, McKee. Sie sollen keinen leichten Tod haben. Mein Vater hatte auch keinen leichten Tod. Und warum sollte es Ihnen besser gehen!"

"Ihr Vater hat Verbrechen begangen, die ihn normalerweise auf den elektrischen Stuhl gebracht hätten! Aber die wirklich schlimmen Dinge konnte man ihm nicht beweisen! Er bekam zehn Jahre. Für einen Mann, bei dem ein Fingerschnippen genügte, um irgendjemanden über die Klinge springen zu lassen, ist das nicht besonders viel, finden Sie nicht?"

Es ploppte.

Mister McKee stöhnte auf, hielt sich den Oberschenkel.

"Was glauben Sie, wie viele Kugeln ein Mensch aushalten kann, Jonathan McKee? Ich weiß es nicht... Ich bin gespannt darauf, Sie auch?"

"Geben Sie auf, Cynthia! Der Agent, der vorhin angerufen hat, weiß, dass Sie die Täterin sind. Sie werden nicht davonkommen..."

"Ja, mag sein."

"Und das stört Sie nicht? Auf Polizistenmord steht in New York die Todesstrafe..."

"Die Traurigkeit...", murmelte sie, fast wie geistesabwesend. "Die Traurigkeit wird aufhören. Es wird heller in mir, wenn Sie leiden, Jonathan McKee... Sie haben das gesagt. Sie haben es versprochen und was sie versprechen, werden sie halten... Ganz bestimmt"

Ein beinahe verklärtes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht.

Sie hob erneut die Waffe mit dem Schalldämpfer.

"Hören Sie auf!", rief Mister McKee.

"Vielleicht hat mein Vater das auch gerufen, als er eingesperrt wurde... Zehn Jahre... So lang... Meine Mutter war danach nicht mehr dieselbe. Sie war ein Wrack, trank nur noch... Und die Traurigkeit... Sie hat mich seit jenem Tag nicht mehr verlassen. Nie mehr. Wie eine schwarze Welle... Aber das wird nun vorbei sein. Endgültig..."

Der Laserpunkt tanzte.

Sie zitterte.

Ihre Augen wirkten unruhig.

Die Lippen waren aufeinandergepresst, wirkten wie ein dünner gerader Strich...

Sie war völlig entrückt und schien jetzt mit jemandem zu sprechen, der gar nicht anwesend war.

"Ja, ich weiß! Ich muss es jetzt zu Ende bringen. Ich habe nicht mehr viel Zeit...Zu Ende... Ja, ja... Ich tu's... Hört auf, mich zu drängeln, ich tu's ja!"



37

Als wir den Flur vor Mister McKees Büro erreichten, befand sich dort bereits ein Dutzend schwerbewaffneter G-men in Kevlar-Westen. Wir hatten die im Haus verfügbaren Kollegen von unterwegs aus alarmiert, aber die meisten von denen waren Innendienstler. Die hatten zwar dieselbe Grundausbildung in Quantico genossen, die allen FBI-Agenten zu Teil wird, aber selbstverständlich ist es ein Unterschied, ob man den Umgang mit der Waffe tagtäglich im Außendienst übt, oder nur hin wieder mal einen Auffrischungskurs am Schießstand hinter sich bringt.

Und die für solche Fälle ausgebildeten Spezialkräfte mussten erst aus dem Schlaf geklingelt werden.

Ich hatte den Kollegen zu äußerster Vorsicht geraten.

Auf keinen Fall durfte das Zimmer von Mister McKee vorschnell gestürmt werden. Denn die Frau, mit der wir es zu tun hatten, war zu allem entschlossen. Möglicherweise handelte es sich sogar um eine psychopathisch veranlagte Persönlichkeit.

Immerhin war Cynthia Hernandez wahnsinnig genug gewesen, den FBI-Chef von New York in dessen Büro anzugreifen! Wer so etwas wagte, konnte kaum damit rechnen, einfach wieder davonspazieren zu können.

Eine Kamikaze-Tat.

"Es muss sehr schnell gehen!", sagte ich. "Wir werden nur eine einzige Chance bekommen... Die Täterin leidet vermutlich unter schizophrenen Wahnvorstellungen. Mit freiem Abzug oder dergleichen können wir sie nicht ködern..."

Milo und ich zogen die SIGs.

Mein Freund und Kollege nickte mir zu.

Mit einem Tritt öffnete ich die Tür, riss die SIG empor und duckte mich.

Cynthia wandte sich halb herum. Sie hatte in jeder Hand eine Waffe. Eine SIG in der Linken, in der rechten ihre Schalldämpfer-Pistole. Der Laserpunkt tanzte zitternd auf Mister McKees Stirn.

Die SIG streckte sie blitzschnell in meine Richtung und drückte ab.

Ich duckte mich.

Der Schuss zischte dicht über mich hinweg und blieb im Deckensturz stecken. Beinahe gleichzeitig drückte sie die Pistole ab, die sie auf Mister McKee gerichtet hatte.

Ich feuerte.

Ich musste es tun, auch wenn ich Mister McKee damit in Gefahr brachte. Aber wir hatten es mit einer Täterin zu tun, die nicht rational handelte.

Es war ein gezielter Schuss, der Cynthia an der Schulter erwischte, sie zurückriss. Mister McKee schnellte unterdessen vor, bog ihre Rechte mit der Automatik zur Seite, bevor es zweimal kurz hintereinander ploppte. Die Kugeln fetzten in die Tapete hinein. Cynthia krampfte sich zusammen, drückte immer wieder ab.

Dann war ich bei ihr.

Milo ebenfalls.

"Geben Sie auf!", rief Milo.

Aber dieser Ruf erreichte sie gar nicht. Ihre Augen waren glasig. Ihr Gesicht verzerrt. Blut färbte die Schulter ihres Kleides dunkel. Sie schwenkte erneut die SIG herum und ließ einen ungezielten Schuss durch die Luft krachen, der eine Neonröhre zerstörte.

Dann hatte ich ihr Handgelenk gepackt.

Milo nahm ihr die SIG ab.

Mister McKee gelang dasselbe mit der Automatik.

"Ein Notarzt!", rief ich in Richtung Flur.

Nicht nur für Cynthia, sondern auch Mister McKee war der dringend erforderlich.

Milo ließ die Handschellen klicken.

Cynthias Widerstand ließ nach. Sie ließ sich in einen der Bürostühle sinken.

Die Schusswunde an ihrer Schulter schien sie gar nicht zu bemerken.

Ihr Blick war nach innen gekehrt.

Sie atmete tief durch und beruhigte sich langsam.

Unsere Kollegen stürzten herein und umringten sie.

Ich wandte mich Mister McKee zu.

"Alles in Ordnung, Sir?"

"Einigermaßen..."

"Sie sind verletzt!"

"Halb so wild. In Korea habe ich schon Schlimmeres durchgemacht."

Er hatte Schmerzen, das war keine Frage. Trotzdem ging ein mattes Lächeln über sein Gesicht. "Das verdammt knapp, Jesse. Wie kommen Sie und Milo überhaupt hier her? Ich dachte, Sie sind in Ihrem Apartment und schlafen sich aus..."

"Eine lange Geschichte, Mister McKee", erwiderte ich.



38

Im Verlauf der nächsten Tage stellten sich weitere Einzelheiten heraus. Lester Rodrigez, Eric Hernandez Mann fürs Grobe, der sich bislang strikt geweigert hatte, auch nur einen Ton zu sagen, gab zu, zusammen mit Cynthia Hernandez für die Verwanzung von Mister McKees Wohnung gesorgt zu haben. Der Ohrabdruck an der Tür gehörte zu Cynthia. Sie hatte Rodrigez für die Aufgabe angeheuert, weil der sich besser mit der Installation von Abhörtechnik und dem Öffnen von Türen auskannte. Sie hatte das Apartmenthaus unabhängig von Rodrigez betreten. Und da sie nicht vorbestraft oder erkennungsdienstlich behandelt worden war, hatte eine Computerabfrage der auf der Videoaufzeichnung sichtbaren Personen nicht ihren Namen ausgespuckt.

Rodrigez' Angaben nach hatten weder Ray Torillo noch Eric Hernandez etwas von dieser Aktion gewusst. Das war Cynthias Privatangelegenheit gewesen. Seiner Aussage nach hatte sie neben ihm gestanden, während er die Wanzen installierte und fotografiert.

Rodrigez hatte nicht nachgefragt, sondern sich über seinen Zusatzverdienst gefreut. Inzwischen wurde ihm die Sache zu heiß. Und auch wenn Cynthias Bruder Eric ihn dazu drängte, weiterhin zu schweigen, so wollte Rodrigez doch nicht länger als Cynthias Komplizin dastehen.

Der Einbruch in Mister McKees Wohnung war juristisch gesehen schließlich ein Fliegengewicht gegenüber einer mögliche Anklage wegen gemeinschaftlichem Mordversuch.

Cynthia war eine kranke Frau.

Sie litt unter schizophrenen Wahnvorstellungen. Letztlich hing ihr Schicksal von den Geschworenen ab. Aber es war sehr wahrscheinlich, dass sie den Rest ihrer Tage in Sicherheitsverwahrung verbringen würde.

Mister McKee fehlte genau einen Tag, um seine Schusswunden behandeln zu lassen.

Dann saß er bereits wieder in seinem Büro auf seinem Posten.

"Langes Herumliegen würde mir nur schaden", meinte er, als seine Sekretärin Mandy ihn darauf ansprach.

Niemand sah ihm an, dass unter seinem korrekten dreiteiligen Anzug einige Meter Verbandmaterial an Schulter und Oberschenkel zu finden waren. Nur die Krücken, die er notgedrungen benutzte, um das verletzte Bein nicht allzu sehr zu belasten, deuteten auf seine Verwundungen hin.

"Ich möchte möchte mich nochmal bei Ihnen beiden bedanken", sagte Mister McKee, während er mit Milo und mir allein im Büro war. "Diese Frau war zu allem entschlossen. Und beinahe hätte sie ihr Ziel auch erreicht... Aber aber auf eine Sache muss ich doch noch zurückkommen."

"Und die wäre?", fragte ich.

Mister McKee seufzte auf eine Art und Weise, mir klar machte, dass jetzt etwas Unerfreuliches kam.

"Ihnen ist doch klar, dass Sie eine Wohnung ohne rechtliche Grundlage betreten haben..."

"Gefahr im Verzug!", wandte Milo ein. "Dann dürfen wir überall hin!"

"Milo, das ist nicht Ihr Ernst! Diese Begründung zerfetzt Ihnen vor Gericht doch ein Jurastudent in der dritten Studienwoche! Da können Sie auch gleich behaupten, dass die Tür offenstand. Das wäre genauso wenig glaubwürdig!" Mister McKee lehnte sich zurück. "Ich weiß, wenn Sie das nicht getan hätten, wäre ich jetzt nicht mehr am Leben. Und deshalb bin ich auch der Letzte, der Ihnen irgendeinen Vorwurf machen wird... Außerdem gehe ich davon aus, dass es nie herauskommen wird. Aber trotz alledem rate ich Ihnen, mit diesen Dingen vorsichtiger zu sein. Wenn Beweise auf unzulässige Weise erlangt wurden, kann das am Ende einen ganzen Prozess platzen lassen und der Täter geht straffrei aus!"

"Schon klar, Sir!", sagte ich.

"Ich hatte wirklich geglaubt, dass Alexandra Berringer es auf mich abgesehen hatte..." Er schüttelte mit nachdenklichem Gesicht den Kopf. "Ich war mir sicher!"

In diesem Moment meldete sich Mandy über die Gegensprechanlage.

"Agent Clive Caravaggio möchte Sie sprechen, Sir..."

"Stellen Sie durch, Mandy. Auf Apparat 2."

"Nein, nein, Sir. Sie haben mich missverstanden. Agent Caravaggio steht hier neben mir. Er meldet sich zum Dienst."

"Ich denke, der ist erst nächste Woche wieder fit!"

Jetzt meldete sich Clives Stimme. "Sir, hier Caravaggio..."

"Kommen Sie rein!", brummte Mister McKee.

"Scheint so, als hätte Clive sich seinen Vorgesetzten zum Vorbild genommen", meinte ich grinsend.

Clive betrat das Büro.

"Was machst du denn schon hier? Ich dachte, die Schwestern im St. David's Hospital seien so nett", feixte Milo.

Clive verzog das Gesicht.

"Sind sie auch", meinte der flachsblonde Italo-Amerikaner.

"Aber unglücklicherweise haben die meisten von ihnen den Grundsatz, sich nicht mit Patienten einzulassen... Aber jetzt bin ich ja kein Patient mehr!"

Milo und ich lachten.

Und Mister McKee schmunzelte verhalten.


ENDE

Bount Reiniger und die Killerin: N. Y. D. - New York Detectives


Krimi von Cedric Balmore


Der Umfang dieses Buchs entspricht 109 Taschenbuchseiten.


Das Auto des Privatdetektivs Bount Reinigers ist in der Werkstatt und so muss er mit der U-Bahn fahren. Auf dem Bahnsteig sieht er einen Mann mit einem Ausdruck in den Augen, der ihn glauben macht, der Mann sei selbstmordgefährdet, und Bount beschließt sich um ihn zu kümmern. Doch dafür ist es zu spät. Als Bount den Mann anspricht, sackt dieser bewusstlos zusammen. Für einen kurzen Moment erwacht der Fremde dann noch einmal. Er haucht den Namen Jill und fragt „Warum?“ Einen Augenblick später ist der Mann tot.

Bount glaubt, dass der Fremde ermordet wurde. Er beschließt Jill zu finden und die Frage des Toten zu beantworten.


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



Die Hauptpersonen des Romans:

Oliver Carr - Er muss sterben, weil er zu viel weiß und anderen gefährlich werden könnte.

Jill Lark - Als sie merkt, wie viel Geld ihr Freund sein eigen nennt, dreht sie durch.

Ronald Tacker - Er setzt alles auf eine Karte, muss aber erkennen, dass er der falschen Frau vertraut hat.

Lyonel Dissinger - Er handelt nach der Devise ,wie du mir, so ich dir', zieht aber zum Schluss den Kürzeren.

June March - unterstützt Bount Reiniger bei seinen Ermittlungen.

Bount Reiniger - ist Privatdetektiv.



1

Dieses Signal tödlicher Verzweiflung.

Bount hatte ihn das letzte Mal bei einem Mann gesehen, der sich in der Central Station vor einen einfahrenden Zug geworfen hatte.

Bount hatte nicht die Absicht, eine Wiederholung des damals Erlebten zuzulassen. Er gab sich einen Ruck und benutzte die Ellenbogen, um den Ausgang zu erreichen. Die Türen schlossen sich mit asthmatisch anmutendem Keuchen, Bount schaffte es in letzter Sekunde, aus dem Wagen zu springen.

Der Zug fuhr an, mit kreischenden Rädern und stählernem Hämmern. Bount und der Mann blieben allein auf dem Bahnsteig zurück, eingetaucht in bläuliches Leuchtstoffröhrenlicht,

Bount Reiniger drängte sich mit anderen Passagieren, die es wie er eilig hatten, um den Einstieg in die U-Bahn. Rush-Hour in Manhattan. Das war nun mal so, wenn man kein Taxi bekommen hatte und der eigene Wagen zur Inspektion in der Werkstatt stand.

Inmitten der Flut nachdrängender Passagiere verharrte ein hochgewachsener, schätzungsweise vierzigjähriger Mann reglos auf dem Bahnsteig. Der Blick leer und mit blassem, seltsam gespannt wirkendem Gesicht. Er schien nicht wahrzunehmen, welche Hektik ihn umspülte, er wirkte wie ein Fels in der Brandung.

Nein, der Vergleich hinkte. Ein Fels war stark, aber dieser Mann war ohne Kraft. Bount kannte diesen Blick, das sich auf schmutzigen, mit Plakaten und Schmierereien bedeckten Kacheln spiegelte.

„Haben Sie Feuer?“, wandte Bount sich an den Mann.

Der Mann antwortete nicht. Er wirkte wie in Trance.

Der Mann war durchschnittlich gekleidet, in grauem Flanell. Der Krawattenknoten war leicht verrutscht. „Pardon“, wiederholte Bount. „Haben Sie ...“

Weiter kam er nicht. Der Mann brach abrupt zusammen. Seine Augäpfel rollten nach oben,

vor seinen Mund trat etwas Schaum.

Ein Epileptiker, dachte Bount und hielt Ausschau nach Hilfe. Am anderen Ende des Bahnsteigs tauchte eine dicke Frau mit Hund auf. Sie sprach mit dem Tier und nahm keine Notiz von ihrer Umgebung.

Bount bückte sich. Er hatte einige Mühe, den Bewusstlosen zu einer Bank zu schleppen und darauf zu legen. Die Lider des Mannes bebten, „Jill“, murmelte er. Sein Blick wurde klarer, er schien den Moment der Schwäche überwunden zu haben, aber es war zu spüren, dass er kaum etwas von dem wahrnahm, was um ihn herum geschah. „Mein Gott, Jill“, sagte er stockend. In seinen Augen standen plötzlich Tränen.

„Warum?“, fragte er.

Im nächsten Moment rollte sein Kopf zur Seite, sein Körper schien sich zu strecken, dann verließ ihn schlagartig jede Spannung.

Bount bekam einen trockenen Mund.

Er wusste, was das plötzliche Abschlaffen zu bedeuten hatte. Bount griff nach der Hand des Mannes, er suchte den Puls, aber er fand keinen.

Der Mann war tot.



2

Sie schritten gemeinsam durch den Park. „Ich bringe es einfach nicht fertig“, sagte das Mädchen zu ihrem hochgewachsenen Begleiter. „Was du verlangst, ist Wahnsinn. Ich kann ihn nicht vergiften wie eine Ratte!“

Oliver Carr vermied es, Jill anzusehen. „Klar, es ist Mord“, gab er zu, „aber gleichzeitig ist es ein Akt von Notwehr. Ich habe das Geld unterschlagen. Ich habe es für uns getan. Damit wir das Haus kaufen, heiraten und vernünftig leben können. Wenn sie mich jetzt auf die Straße setzen, ist alles aus, dann ist unsere Zukunft aussichtslos.“

„Das wäre sie auch, wenn wir einen Mord auf unser Gewissen laden würden.“

„Dissinger hat herausbekommen, dass ich das Geld genommen habe“, sagte Oliver Carr. „Ich habe versucht, die Sache mit ihm ins Reine zu bringen, aber er ist offenbar entschlossen, mich mit Schimpf und Schande aus der Firma zu jagen. Er hasst mich. Er hasst mich, weil er weiß, dass du mir gehörst.“

„Das redest du dir ein.“

„Ich weiß, was ihn bewegt“, presste Oliver Carr durch die Zähne. „Ich kenne diesen feinen Herrn. Er ist ein Schwein, er ist nicht besser als ich, im Gegenteil! Lyonel Dissinger, unser Herr Finanzdirektor! Er wirtschaftet sich seit langem Unsummen in die eigenen Taschen und hat die Stirn, mich einen Betrüger zu nennen ...“ Sie blieben unweit des großen Teiches stehen und beobachteten, wie Kinder die Enten fütterten. Mitten auf dem Wasser schwamm eine Ente kieloben, tot.

„Ich kann es nicht“, sagte Jill Lark und schüttelte sich. „Es muss einen anderen Weg geben. Du sitzt in der Datenverarbeitung. Wenn es stimmt, dass Dissinger die Firma schädigt, oder geschädigt hat, muss es dir doch gelingen, das aufzudecken und ihn damit unter Druck zu setzen.“

„Ich soll ihn erpressen?“

„Du sollst deine Trümpfe gegen seine ausspielen“, wehrte Jill Lark ab.

„Mir fehlen konkrete Beweise. Ich habe jetzt nicht die Zeit, sie zu suchen. Ich kann nach meiner Kündigung auch nicht zur Geschäftsleitung gehen und Dissinger anschwärzen. Das würde nichts bringen. Man würde mir vorwerfen, ich versuchte mich auf billige Weise an ihm zu rächen. Kein Mensch würde auf mich hören, niemand! Was aber das Schlimme ist: Ich hätte keine Chance, einen neuen Job zu kriegen. Ich brauche dir nicht zu sagen, was das bedeutet. Wir könnten nicht heiraten. Nein, entweder schalten wir Dissinger aus, oder wir finden uns damit ab, nie mehr eine gemeinsame Zukunft zu haben.“

Jill schüttelte ihr leuchtendes, fast schulterlanges Blondhaar zurecht. Ihre weichen, vollen Lippen zuckten.

„Ich war immer dagegen, dass du das System überlistest und dir Beträge für nicht erbrachte Leistungen auf ein fingiertes Konto überweisen lässt“, maulte sie.

„Ja“, bestätigte er mürrisch, „du hast diese Zweifel wiederholt zum Ausdruck gebracht. Du hattest Angst vor der Entdeckung. Du hattest auch keine moralischen Einwände, dir fehlte einfach der Mumm, mich zu decken. Als ich dir klarmachte, wie leicht es ist, auf diese Weise zu Geld zu kommen, und als ich dir sagte, dass Dissinger sich mit Gewissheit ganz ähnlicher Methoden bedient, warst du durchaus bereit, mein Handeln als einen Geniestreich zu feiern.“

„Wie ... wie stellst du dir das mit ihm denn vor?“, fragte Jill und musterte die tote Ente.

„Ich habe Cyanidlösung besorgt. Du träufelst ein paar Tropfen davon in Dissingers Kaffee, in seine Thermoskanne, aus der er sich laufend bedient, wie du sagst. Das Gift wird ihn in Sekundenschnelle umhauen. Er wird nicht einmal merken, was mit ihm los ist.“

„Es ist Mord.“

„Sein Tod sichert unsere Zukunft. Sein Tod ist unser Leben“, sagte Oliver Carr großspurig.

Er war nicht viel größer als das attraktive, blonde Mädchen. Ein braunhaariger, salopp gekleideter Mann in Sportkombination und dünnem Rolli. Wer ihn und das Mädchen sah, brachte im allgemeinen ein gefälliges Lächeln zustande. Jill und Oliver waren fraglos ein hübsch anzusehendes Paar.

„Wenn Dissinger stirbt, wird die Polizei mühelos feststellen, auf welche Weise er zu Tode gekommen ist“, meinte Jill und ging weiter. Oliver blieb dicht an ihrer Seite und blickte auf ihren rot schillernden, schönen Mund. „Man wird die Leiche obduzieren“, fuhr Jill stockend fort. „Man wird das Gift entdecken und prompt dahinterkommen, wie es in Dissingers Körper gelangte. Da bekannt ist, dass ich, seine Sekretärin, ihm täglich die gefüllte Kanne auf den Schreibtisch stelle, wird der Verdacht auf mich fallen.“

„Sie werden dir nichts beweisen können. Ich schmuggle das leere Giftfläschchen in Dissingers Papierkorb, sorge aber vorher dafür, dass seine Fingerabdrücke darauf kommen.“ Er schwieg ein paar Sekunden, weil ihnen ein Pärchen entgegenkam, und sagte, als die Luft rein war: „Die Polizei muss und wird annehmen, dass er Selbstmord verübte. Man wird nach einem Motiv suchen und irgendwann entdecken, dass Dissinger die eigene Firma betrogen hat.“

„Das ist Theorie. Oliver, wird die Wirklichkeit nicht ganz anders aussehen?“

„Was ich vortrage, ist logisch und schlüssig, du kannst dich darauf verlassen.“ Er blickte Jill an. „Nein, dir droht keine Gefahr“, versicherte er. „Versetze dich doch einmal in die Lage der untersuchenden Beamten. Warum hättest du deinem Chef Gift in den Kaffee schütten sollen? Es ist allgemein bekannt, wie sehr Dissinger dich schätzt. Euer Verhältnis zueinander gilt als ungetrübt.“

„Das ist es ja eben, was mich quält“, sagte Jill und biss sich auf die Unterlippe, „Er war immer nett zu mir. Er hat es einfach nicht verdient, dass ich ..“ Sie führte den Satz nicht zu Ende.

„Ich glaube, das siehst du nicht ganz objektiv“, meinte Oliver Carr. „Du bist hochattraktiv. Hat Dissinger nicht erst kürzlich versucht, dir zu nahe zu treten? Und auf dem Betriebsfest ist er ganz schön frech geworden! Es hätte nicht viel gefehlt, und ich hätte ihn verprügelt.“

„Er ist ein Mann. Er war nicht der einzige, den ich zurechtweisen musste“, meinte Jill schulterzuckend. „Wenn er nüchtern ist, achtet er strikt auf die zwischen uns gebotene Distanz.“

„Dissinger ist ein Dieb. Ein Schwein. Und mich will er vernichten!“, erregte sich Oliver Carr. „Manchmal habe ich ihn in Verdacht, dass er mich nur deshalb hasst, weil ihm klar ist, dass du mir gehörst.“

„Woher sollte er das wissen? Ich habe es ihm bestimmt nicht gesagt. Ich habe mich immer strikt nach deinen Wünschen gerichtet“, meinte Jill, „Das ist gut so. Niemand darf etwas von unserer Verbindung erfahren, darauf baut sich mein Plan auf. Es ist entscheidend für den Erfolg, wir liefern den Bullen sonst Anhaltspunkte für das Tatmotiv.“

„Ich bringe es einfach nicht fertig, Oliver“, murmelte das Mädchen, „und ich wünschte, du würdest aufhören, immer nur an Mord zu denken. Es ist keine Basis, um eine Ehe einzugehen.“

„Unsinn! Es ist die einzige Grundlage, die sich uns nach Lage der Dinge bietet. Wir müssen rasch handeln und dafür sorgen, dass Dissinger seine Augen schließt, ehe er Gelegenheit findet, meine Verfehlungen an die große Glocke zu hängen.“ Er fasste Jill am Ellenbogen, „Oder hat er in dieser Hinsicht schon etwas unternommen?“, schloss er misstrauisch.

„Nein“, erwiderte Jill und blieb erneut stehen. „Du scheinst mir nicht zuzuhören, Oliver. Ich kann es nicht. Was du sagst, klingt zwar logisch und einleuchtend, aber die Ausführung des Ganzen übersteigt meine Kräfte. Ich kann einfach nicht zur Mörderin werden.“

„Wenn du mich wirklich liebst, musst du es tun“, sagte Oliver Carr beschwörend.

„Du quälst mich!“

Oliver Carr holte tief Luft, ballte die Hände und blickte mit düsterem Gesichtsausdruck ins Leere. „Okay“, sagte er. „Dann tue ich es.“



3

„Wie denn?“, fragte Jill ängstlich. Er zuckte mit den Schultern. Jill Lark sah, wie es in ihm arbeitete.

„Morgen, nach der Mittagspause, gehe ich zu ihm“, sagte er. „Ich werde ein bisschen um seine Gnade betteln, um seine Einsicht, nur so, zum Schein. Er wird mir die Tür weisen, aber vorher stelle ich ihm die Thermoskanne auf den Schreibtisch. Er kriegt doch zweimal täglich eine Kanne, nicht wahr?“

„Ja, er trinkt das Zeug wie Wasser. Es ist, als sei er süchtig“, bestätigte Jill.

„Du brauchst nicht dabei zu sein, wenn ich ihm das Gift in die Kanne kippe“, meinte Oliver Carr. „Du weißt von nichts! Du spielst die Ahnungslose, verstanden? Er wird den Kaffee trinken und tot umfallen. Ich nehme seine Fingerabdrücke und sorge dafür, dass sie auf das Fläschchen gelangen, dann verkrümele ich mich...“

„Was ist, wenn er bei deinem Besuch den Kaffee nicht anrührt?“

„Das halte ich für unwahrscheinlich. Er hat noch jedes mal an seiner Tasse genippt, wenn ich mit ihm gesprochen habe“, erinnerte sich Oliver Carr.

„Das ist richtig“, nickte Jill. „Aber du wirst Dissingers letzter Besucher sein, das kann dich in Schwierigkeiten bringen,“

„Ich werde erklären, Dissinger als Betrüger entlarvt zu haben“, meinte Oliver Carr. „Das wird sein Ende so aussehen lassen, als habe er in einer Kurzschlussreaktion Selbstmord begangen. Es wird der perfekte Mord sein!“

„Die Polizei wird wissen wollen, was du Dissinger im einzelnen und ganz konkret vorgeworfen hast. Spätestens in diesem Augenblick wirst du passen müssen“, gab Jill ihm zu bedenken.

„Das sehe ich anders. Die Erfahrung lehrt, dass schon bloße Andeutungen einen Beschuldigten oft genug in Panik versetzt haben“, sagte Oliver Carr und blickte auf seine Uhr. „Wir müssen kehrtmachen und ins Büro zurück. Wir trennen uns vorher, wie gewöhnlich.“

Um zwei Uhr fünfzehn betrat Oliver Carr das große, mahagonigetäfelte Büro seines Vorgesetzten. Lyonel Dissinger wirkte wie immer sehr bedeutend, vital und gepflegt. Er trug das dichte, dunkle Haar glatt zurückgekämmt. Sein Gesicht war schmal, straff und eckig. Die hellblauen Augen hatten etwas prüfendes, manchmal sogar eisiges. Im Revers seines Nadelstreifenanzuges steckte eine weiße Nelke.

„Hören Sie, Carr“, meinte Dissinger unwirsch, „ich habe eine Menge zu erledigen und muss Sie bitten, sich kurz zu fassen ... oder sind Sie gekommen, um Ihren Schaden wiedergutzumachen? In diesem Fall finden Sie bei mir ein offenes Ohr.“

Oliver Carr stellte die chromblitzende Thermoskanne auf dem Schreibtisch ab. „Miss Lark hat mich darum gebeten, den Kaffee hereinzubringen“, sagte er.

„Setzen Sie sich, knurrte Dissinger, griff nach der Kanne und füllte sich eine Tasse mit Kaffee. „Ich brauche Ihnen nicht zu erklären, wie die Dinge stehen. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, Sie zu feuern, aber inzwischen bin ich zu der Einsicht gekommen, dass Sie eine letzte Chance verdienen.“

„Tatsächlich, Sir?“, murmelte Oliver Carr und starrte wie hypnotisiert auf die Thermoskanne.

„Ist was?, fragte Dissinger. „Sie sehen auf einmal so komisch aus ..“

„Oliver Carr gab sich einen Ruck. „Ich bin okay, Sir“, versicherte er.

Dissinger lehnte sich zurück. „Immerhin haben Sie der Firma mehr als zehn Jahre lang treu gedient. Ihre Verfehlungen beschränken sich auf die letzten sechs Monate. Da ich zu wissen glaube, wie sie zustande gekommen sind und weshalb sie begangen wurden, will ich versuchen, Ihnen eine goldene Brücke zu bauen.“

„Das ist sehr anständig von Ihnen, Sir“, würgte Oliver Carr hervor. Diesmal ruhte sein Blick auf der gefüllten Kaffeetasse. Dissinger schob sie hin und her, aber er traf noch keine Anstalten, sie zum Munde zu führen.

„Wenn Sie sich mit einer Versetzung innerhalb der Firma bereit erklären und darüber hinaus einverstanden sind, den angerichteten Schaden wiedergutzumachen, können wir uns einigen“, sagte Dissinger und lächelte dabei. Carr fand, dass es ein öliges Lächeln war. Er hasste es, er hasste auch den Mann, der es produzierte.

„Nun?“, fragte Dissinger.

„Ich danke Ihnen, Sir“, sagte Oliver Carr und verfolgte, wie Dissinger langsam die Tasse zum Munde führte und trank. Dissinger nahm einen weiteren, ziemlich großen Schluck, dann stellte er die Tasse ab.

Lyonel Dissinger runzelte die Augenbrauen, es schien, als lauschte er in sich hinein. Er kam auf die Beine, nicht ganz ohne Mühe, und schwankte ein wenig.

„Ist Ihnen nicht wohl, Sir?“, fragte Oliver Carr.

Er schwitzte. Dissinger hatte ihm die Hand zur Versöhnung geboten, aber er war darauf nicht eingegangen. Oliver Carr nahm sich vor, Jill diese unerwartete Wende des Geschehens vorzuenthalten.

Es war zu spät. Hätte er Dissinger die Tasse aus der Hand reißen und erklären sollen, warum?

Es gab Dinge, die einfach nicht machbar waren, egal wie man es auch drehte und wendete.

Lyonel Dissinger griff mit beiden Händen in die Luft und brach dann abrupt zusammen. Er blieb liegen, ohne sich zu rühren.

Carr sprang auf und eilte um den großen Schreibtisch herum. Im Laufen riss er das leere Fläschchen aus der Tasche. Er streifte sich Handschuhe über, rieb das Glas sauber und presste das Fläschchen kurz in Dissingers kraftlose Finger, dann warf er es in den Papierkorb und eilte mit hämmerndem Herzen aus dem Büro.

Das Vorzimmer war leer. Jill würde, das wusste er, erst nach Ablauf von zwanzig oder dreißig Minuten an ihren Arbeitsplatz zurückkehren.



4

Bount betrat sein Office und lächelte matt, als er June an ihrem Vorzimmerschreibtisch sitzen sah. Sie sah wie immer zum Anbeißen aus, aber Bount war nicht in der Stimmung, der Verlockung zu erliegen.

Er ließ sich auf einen der Stühle fallen, die für Besucher bereit standen, streckte beide Beine weit von sich und sagte: „Bount Reiniger, Privatdetektiv. Mit dem Tod auf du und du.“

„Hast du die Absicht, den Slogan für eine Werbekampagne zu benutzen?“, spottete June. „Er mag Teens und Twens ansprechen, Leute in der Pubertät, aber bestimmt nicht den Personenkreis, dessen Honorarzahlungen deinen Laden ölen.“

Wilkie Lenning kam herein, Bounts zweiter Mitarbeiter. Er war schlank, beinahe hager und hatte stark umschattete Augen. Sie ließen vermuten, dass er wieder einmal in irgendeinem Lokal die Nacht hindurch seinem Jazzhobby gefrönt und zu wenig Schlaf bekommen hatte. Bount hatte es aufgegeben, sich darüber zu mokieren. Wilkie brachte es auf wundersame Weise fertig, auch mit wenig Schlaf auszukommen. Sein zuweilen beklagenswertes Aussehen war die einzige sichtbare und nennenswerte Auswirkung seiner langen Nächte. Seine Konzentrationsfähigkeit litt darunter erstaunlicherweise ebenso wenig wie sein Eifer, sich als ein stets zuverlässiger und wendiger Mitarbeiter zu bewähren.

Bount holte ein Päckchen PALL MALL aus der Tasche, ließ sich von Wilkie Feuer geben und gab die Zigaretten an seine Mitarbeiter weiter, dann berichtete er, was ihm zugestoßen war.

„Ein hinzukommender Mann hat mir geholfen, den Toten ins Büro des Stationsvorstehers zu tragen. Ich habe gewartet, bis der Arzt und die Polizei eintrafen und meine Beobachtungen zu Protokoll gegeben.“

„Und?“, fragte June mit leichter Ungeduld. Sie war von ihrem Chef spannendere Berichte gewöhnt. „Ein Mann ist in einer U-Bahn-Station tot zusammengebrochen. Du hast dich um den Toten gekümmert. Es war doch kein Verbrechen, oder?“

„Das ist ja der Haken“, sagte Bount. „Es war eines. Der Arzt vermutete es jedenfalls. Wegen der erweiterten Pupillen. Es ist nicht auszuschließen, dass der Mann vergiftet wurde.“

„Oh“, machte June.

„Genaueres wird die Obduktion ergeben“, sagte Bount. „Der Mann muss gewusst haben, was ihn erwartete. Ihn muss schlagartig die Erkenntnis überfallen haben, wem er den Schmerz in seinen Eingeweiden verdankt. Er nannte auch den Namen. Jill.“

„Hast du das zu Protokoll gegeben?“

„Selbstverständlich“, sagte Bount. „Aber natürlich habe ich mich jeder Wertung enthalten. Der Mann hat diese Jill nicht angeklagt, nicht direkt jedenfalls. Er hat nur die Frage nach dem ,Warum‘ gestellt.“

„War es eine Schuldfrage?“; wollte Wilkie wissen.

„Ich sehe das so, aber auch das habe ich nicht gesagt. Gefühle gehören nicht in ein Protokoll.“

„Du sprichst immerzu von dem ,Mann“‘, meinte June. „Wie heißt er denn eigentlich?“

„Keine Ahnung. Er hatte keine Papiere bei sich, nichts, was seine Identifizierung ermöglicht haben würde“, sagte Bount. „Komisch, nicht wahr?“

„Kann ich nicht finden“, meinte Wilkie. „Ich vergesse oft genug meine Papiere, oder die Brieftasche. Bei dem, was ich hier verdiene“, fügte er mit mildem Sarkasmus hinzu, „kann ich sie auch ruhig mal verlieren, ohne dabei ein armer Mann zu werden.“

„Deine beklagenswerte Not bricht mir das Herz“, sagte Bount. Sein Gesicht verriet, dass er in Gedanken noch bei dem war, was er in der Subwaystation erlebt hatte. „Es wird morgen in den Zeitungen stehen“, sagte er.

„Auf der letzten Seite“, vermutete June. „Für die Schlagzeilen gibt es nichts her.“

„Stimmt, aber mein Name wird auftauchen. Ich glaubte dem Mann helfen zu müssen, als ich aus dem anfahrbereiten Zug sprang. Ich meinte ihn von einem Selbstmord abhalten zu können, ohne zu ahnen, dass seine Lebensuhr schon abgelaufen war. Ich schulde ihm etwas. Ich weiß nicht genau, was, aber ich muss einfach diese Jill finden und herausbekommen, ob sie die Mörderin war.“

„Noch steht keineswegs fest, dass es sich um ein Verbrechen handelt. Es kann eine ganz gewöhnliche Lebensmittelvergiftung gewesen sein“, sagte Wilkie.

„Es war Mord“, sagte Bount. „Ich warte nur noch auf die offizielle Bestätigung meines Verdachtes, dann werde ich aktiv.“

„In wessen Auftrag?“, fragte June.

„Im Auftrag meines Gewissens. Wie findest du das?“

„Ich bewundere dein Gewissen. Ich bewundere alles an dir“, spottete June, „aber noch mehr würde ich dich bewundern, wenn du dich um Aufträge kümmertest, die das nötige Kleingeld zum Bestreiten der Bürokosten und unserer Gehälter sichern.“

„Das ist ja großartig“, meinte Bount. Habt ihr euch etwa abgesprochen, um mir klarzumachen, dass es ohne Gehaltserhöhungen nicht weiter geht?“

Er wartete die Antwort nicht ab, marschierte in sein Privatbüro, ließ sich in den Drehsessel an seinem Schreibtisch fallen und wählte die Nummer seines Freundes Captain Toby Rogers.

Rogers war Chef der Mordkommission Manhattan, Bount und Toby waren Duzfreunde, aber der häufige Konkurrenzcharakter ihrer Arbeit gestaltete das Verhältnis zuweilen problematisch.

„Hast du schon was von dem Toten aus der U-Bahn gehört?“, fragte Bount.

„Der Bericht ist mir soeben auf den Schreibtisch geflattert“, erwiderte Toby Rogers. „Kann in dieser verdammten Stadt denn nichts passieren, ohne dass auf diese oder jene Weise der Name Bount Reiniger darin vorkommt?“

Bount grinste. „Du kannst dich nicht beklagen. Ich habe es wiederholt verstanden, deiner Position Glanz und Würde zu verleihen.“

„Du verfährst nach dem Prinzip, dass eine Hand die andere wäscht“, knurrte der Captain. „Ab und zu lässt du einige Brosamen aus deiner Ermittlungstätigkeit für mich abfallen, weil du genau weißt, wie sehr dir das hilft, wenn du selbst mal Unterstützung brauchst.“

„Was ist mit dem Mann?“

„Das Obduktionsergebnis liegt noch nicht vor. Ich rufe dich an, sobald ich Näheres weiß“, sagte Toby Rogers. Bount legte auf. Er starrte aus dem Fenster auf den grauen, verwaschenen Himmel, der sich über New York spannte und fragte sich, was in diesem Moment wohl jene Jill denken, tun oder sagen mochte, die im Leben und Sterben des Unbekannten eine so große und entscheidende Rolle gespielt hatte.



5

„Dissinger hat einen Kollaps erlitten“, hörte Oliver Carr am nächsten Morgen im Büro. „Sie haben ihn ins Krankenhaus eingeliefert. Niemand weiß etwas Genaueres.“

Oliver Carr blickte nicht von seiner Arbeit hoch. Das Gift war absolut tödlich, das wusste er. Es wunderte ihn nicht, dass man zögerte, Dissingers Ende publik werden zu lassen.

Selbstmord war eine delikate Angelegenheit. Offenbar scheute die Firmenleitung davor zurück, ihn an die große Glocke zu hängen, oder sie suchte nach einer Formulierung, um das Geschehen nicht allzu schockierend wirken zu lassen. Immerhin hatte Dissinger zur Firmenspitze gehört und die Geldgeschäfte abgewickelt.

Carr hatte sich am Vorabend weder mit Jill getroffen, noch mit ihr telefoniert. Das entsprach einer Absprache. Es war klar, dass sie von nun an vorsichtig sein mussten. Noch stand keineswegs fest, ob die Polizei bereit war, die Selbstmordtheorie zu akzeptieren.

Nach Feierabend fuhr Oliver Carr nach Hause. Er bewohnte ein Anderthalbzimmer-Apartment in der Turnbuli Avenue, Brooklyn.

Er ging geradewegs in die Küche, öffnete den Kühlschrank und holte sich eine Dose Bier heraus. Er leerte sie im Stehen. „Schmeckt besser als Champagner“, sagte er schmatzend und wischte sich mit dem Handrücken die Lippen ab.

Er empfand keine Reue, sondern nur ein Gefühl grimmigen Triumphes. Das überraschte ihn ein wenig, aber gleichzeitig stimmte es ihn froh. Es machte deutlich, dass er das Zeug hatte, auch mit größeren Problemen fertigzuwerden. Er war ein Mann mit guten Nerven.

Er erschrak, als er Schritte hörte.

Schritte in seiner Wohnung.

Die Tür öffnete sich. In ihrem Rahmen stand der Mann, den Oliver Carr für tot gehalten hatte.



6

Lyonel Dissinger trug seinen Nadelstreifenanzug. Es gab in seinem Äußeren nur zwei Veränderungen. Er hatte die weiße Nelke im Revers gegen eine rote vertauscht, und in seinen Augen war ein Ausdruck, den Oliver Carr zum ersten Mal darin bemerkte.

Er enthielt tödlichen Hass, obwohl der Mund des Besuchers ein breites Lächeln zeigte.

„Hallo, Killer“, sagte Dissinger.

Oliver Carr, der gerade noch geglaubt hatte, sich seiner guten Nerven rühmen zu dürfen, ließ die Bierdose fallen. In seinem Magen krampfte sich etwas zusammen. Er hatte Mühe, zu atmen.

Dissinger lehnte sich gegen den Türrahmen. „Du hast deine Gewohnheiten beibehalten“, spottete Dissinger. „Ich weiß es von Jill, Jedes mal, wenn du vom Büro nach Hause kommst, trinkst du ein Bier.“

Oliver Carr griff sich an den Hals. Er musste mit einem plötzlichen Schweißausbruch fert werden. Was war geschehen? Wie kam es, dass Dissinger noch lebte, und wie hatte er es geschafft, in die Wohnung zu gelangen?

„Wir haben die Dose präpariert“, sagte Dissinger mit einem Gesichtsausdruck grimmiger Zufriedenheit. „Ein paar Dosen sind beim Probieren draufgegangen, aber dann hatten wir die Kurve raus.“

Oliver Carr begann zu zittern. Er konnte sich nicht erinnern, jemals von einem so quälenden Angstgefühl terrorisiert worden zu sein.

„Wie sind Sie in die Wohnung gekommen?“, krächzte er hilflos. Ihn drängte es nach einer ganz anderen Frage, aber er hatte nicht den Mut, sie auszusprechen.

„Oh, das war leicht“, sagte Dissinger. „Jill hat einen Abdruck des Schlüssels genommen und sich davon ein Zweitexemplar anfertigen lassen.“

„Jill“, murmelte Oliver Carr fassungslos.

Sie hatte ihn verraten. Sie hatte mit Lyonel Dissinger gemeinsame Sache gemacht.

Zugegeben, Dissinger hatte den besseren Job und die größeren Aussichten, Geld zu machen, aber er war schließlich verheiratet, mit ihm konnte sie nichts beginnen, nichts, außer einem schmutzigen, kleinen Verhältnis...

Das Übelkeitsgefühl in Oliver Carr nahm zu. Es beruhte im wesentlichen auf der Erkenntnis, dass das, was er für einen perfekten Mord gehalten hatte, zum Bumerang geworden war und sich jetzt gegen ihn kehrte.

„Was ist mit dem Bier?“, fragte er. „Das ist vielleicht eine dumme Frage“, höhnte Lyonel Dissinger. „Es ist vergiftet.“ Er lachte kurz. „Du hast dir das Geschehen selbst zuzuschreiben. Warum hast du mein ehrlich gemeintes Angebot nicht akzeptiert? Es war deine letzte Chance. Eine gute Chance, wie ich hinzufügen darf. Du wolltest nicht. Du wolltest statt dessen meinen Tod. Ich konnte nicht zur Polizei gehen. Ich musste mich zur Wehr setzen. Ich habe es auf meine Weise getan.“

„Aber ich habe gesehen, wie Sie den Kaffee getrunken haben“, würgte Oliver Carr hervor. Er registrierte ein jähes Kneifen in der Magengegend und schnappte nach Luft.

„Ich habe den Kaffee kurz in den Mund genommen, aber nicht geschluckt“, erklärte Lyonel Dissinger. „Den Zusammenbruch habe ich simuliert.“

Carr gab sich einen Ruck. Seine Knie versagten ihm fast den Dienst. Er schaffte es gerade noch, den nächsten Küchenstuhl zu erreichen. Er fiel darauf, ließ den Kopf hängen und atmete keuchend, mit offenem Mund. Er begriff, dass er dringend einen Arzt brauchte, aber er hatte nicht die Kraft, das Telefon im Wohnzimmer zu erreichen.

„Ja, Jill“, bestätigte Dissinger und bekam einen verträumten Gesichtsausdruck, „Wir lieben uns. Sie hatte nicht den Mut, es dir zu sagen. Als du sie zur Mörderin machen wolltest, verlorst du ihre letzten Sympathien. Sie berichtete mir von deinem Plan und ist seitdem bereit, meine Gegenmaßnahmen zu decken.“

„Sie hat sich nur für den größeren Betrüger entschieden“, stellte Oliver Carr fest.

„So ist das Leben, Carr“, spottete Dissinger. „Frauen lieben die Starken. Du wirst in wenigen Minuten tot sein, ich aber werde leben ... leben mit Jill.“

„Damit kommen Sie nicht durch“, krächzte Oliver Carr, dem Tränen in den Augen standen, Tränen der Wut und der Verzweiflung.

„Wer sollte mich daran hindern?“

„Die Polizei. Sie wird herausbekommen, was geschehen ist“, sagte Oliver Carr.

Dissinger lachte laut. „Warum sollte sie?“, antwortete er.

„Einen Arzt..“, wimmerte Oliver Carr.

Er hasste sich wegen seiner Schwäche, seiner Tränen und seiner Angst, aber er konnte nichts dagegen tun. Die Angst vor dem Tod würgte und schüttelte ihn.

„Du warst der Meinung, dass die Polizei bei meinem Ende auf Selbstmord tippen müsste. Das wird sie bei dir viel eher tun. Deine Verfehlungen sind bekannt. Ich habe keinen Anss, sie zu verschweigen. Es wird so aussehen, als hättest du dich vergiftet, weil dir von der Firma gekündigt wurde und weil du nicht den Mut hattest, mit dem Makel eines Betrügers zu leben. Dir blüht jetzt das Schicksal, das du mir zugedacht hattest.“

Oliver Carr versuchte sich zu erheben. Es ging nicht.

Er hatte keine wirklichen Schmerzen, war jedoch plötzlich außerstande, seine Umgebung mit der gewohnten Schärfe und Klarheit wahrzunehmen. Dissingers grinsendes Gesicht verzerrte sich wie in einem Jahrmarktsspiegel.

Carr rutschte vom Stuhl und fiel zu Boden. Er bäumte sich nochmals auf, wehrte sich gegen das kalte, endlose Dunkel, in das sein Körper ihn zerrte, aber seine Kräfte reichten nicht aus, um die Entwicklung zu stoppen. Sein Bewusstsein erlosch.



7

Das Telefon klingelte. Bount stemmte sich aus dem Sessel hoch, drehte den Lautstärkeregler des TV-Gerätes zurück und trat ans Telefon, ohne dabei den Bildschirm aus den Augen zu lassen. Die Globetrotters hatten den Sieg bereits in der Tasche, aber sie kämpften, als ginge es darum, eine drohende Niederlage abzuwenden.

Es war zehn Minuten vor Neun. „Reiniger“, meldete er sich.

„Ich bin’s, Toby. Wir haben den Namen des Toten aus der U-Bahn ermittelt. Den Papieren zufolge heißt er Nikolaus Gringer. Er wohnte zuletzt im ,Roosevelt‘ an der Madison Avenue. Dort liegen auch die Papiere. Naja, lagen. Jetzt habe ich sie vor mir, auf dem Schreibtisch. Sie haben eine bemerkenswerte Eigenschaft. Sie sind falsch. Eine gute Arbeit, Kann nicht billig gewesen sein.“

„Sein wahrer Name ist dir nicht bekannt?“

„Nein. Mit den Fingerabdrücken, die wir von ihm genommen haben, ist leider nichts anzufangen. Sie sind weder hier noch beim FBI in Washington registriert“, sagte der Captain,

„Wie lange wohnte er im ,Roosevelt?“

„Vier Wochen. Er hatte eine kleine Suite in der dritten Etage gemietet, für hundertzehn Dollar pro Tag. Vor einer Woche hat er das erste Mal gezahlt, anstandslos, und in bar. Unter seinen Klamotten sind ’ne Menge Sachen, die aus Italien stammen. Wir haben Interpol eingeschaltet. Es ist durchaus möglich, dass es sich bei ,Gringer‘ um einen Illegalen handelt. Möglicherweise um einen Mann, der von der italienischen Polizei gesucht wird und der meinte, sich hier deren Zugriff entziehen zu können.“

„Das sind Spekulationen, nehme ich an.“

„Ich weiß. Du kannst noch ein halbes Dutzend dranhängen, das bleibt dir unbenommen, und genau das wirst du vermutlich tun, wenn ich dir sage, dass es Mord war.“

„Ich dachte es mir.“

„Die Cyanidlösung, die ihn um die Ecke gebracht hat, kommt in keinem Lebensmittel vor. Jemand muss sie ihm eingetrichtert haben“, sagte der Captain.

„Welche Zeitspanne lag zwischen der Einnahme des Giftes und dem Zusammenbruch?“

„Schätzungsweise eine halbe Stunde.“

„Danke“, sagte Bount und legte auf. Er trat an das Fernsehgerät und stellte es ab. Plötzlich war der Wirbel der Globetrotters für ihn ohne Interesse.

Er holte seinen 450 SEL aus der Werkstatt und fuhr zur Madison Avenue. Es waren nur ein paar Häuserblocks bis zum ,Roosevelt‘. Er fuhr über den Times Square bis zur 47ten Straße und bog dort nach links ab.

Um zweiundzwanzig Uhr fünfzehn betrat er das ,Roosevelt' und sprach mit Jim Hankers, dem Hoteldetektiv.

Bount kannte Hankers. Sie waren Kollegen gewesen, noch bis vor zwei Jahren. Hankers hatte eine leidlich gutgehende Agentur in der 42ten Straße geführt, mitten im Nachtjackenviertel. Er war einer der wenigen gewesen, die es verstanden hatten, ihren Namen sauber zu halten. Jetzt, wo er die 65 überschritten hatte, gab er sich damit zufrieden, die Nachtschicht im Hotel zu übernehmen.

Man sah ihm an, dass er unter Schlaflosigkeit litt. Er hatte eine gelbliche, schlaffe Gesichtshaut und entzündet wirkende Augen. Bount sprach mit Hankers am Tresen der hufeisenförmig angelegten Bar am Ende der Rezeption. Sie lag etwas höher als die riesige Hotelhalle, so dass man das Treiben in der Halle und vor den sechs Lifts in Muße beobachten konnte.

„Komisch“, sagte Hankers, „er ist mir sofort aufgefallen. Ich brauche dir nicht zu erzählen, was hier los ist. Ein ständiges Kommen und Gehen. Gesichter, Gesichter, Gesichter. Trotzdem hat man einen Riecher für diejenigen, mit denen etwas nicht stimmt. Dieser Gringer war so einer. Er konnte sich plötzlich umdrehen, ganz abrupt. Es sah aus, als hätte er etwas ganz wichtiges liegen gelassen, meinetwegen sein Geld, aber in Wahrheit wollte er wohl bloß sehen, wer hinter ihm war. Vielleicht litt er unter Verfolgungswahn.“

„Nicht zu unrecht, wie sich gezeigt hat.“

Hankers nickte und schnippte mit den Fingern, um einen der drei Barkeeper zu rufen. „Bier?“, wandte er sich an Bount. Der nickte. Hankers bestellte zwei Biere und fuhr fort: „Ich habe Gringers Umdrehen einmal bemerkt, ganz zufällig. Von diesem Moment an wusste ich Bescheid. Ich habe versucht, etwas über ihn herauszufinden. Aber da war nichts zu holen, nichts negatives, meine ich. Er war nett und umgänglich mit dem Personal und sein Gesicht war in keinem mir bekannten Steckbrief enthalten. Er zahlte seine Rechnung, es gab also nicht den leisesten Grund, sich weiterhin mit ihm zu beschäftigen. Schließlich und endlich hat ein Mann meines Kalibers sich mit ganz konkreten Fällen herumzuschlagen.“

„Das ist klar“, sagte Bount. „Hast du ihn jemals mit einer Puppe gesehen?“

„Ja. Einmal. Das war so um diese Zeit. Sie kamen gemeinsam durch die Halle und fuhren mit dem Lift nach oben. Gringer wirkte gelöst, er war sichtlich in das Girl verliebt. Das war zu verstehen. Sie sah klasse aus.“

„Würdest du sie wiedererkennen?“

„Nur, wenn sie sich in den gleichen Klamotten zeigen würde ... in einem taubenblauen Kostüm mit einem dazu passenden Käppi, einem Hütchen aus Filz.“

„Beschreib’ sie mir“, sagte Bount und nahm sein Bier entgegen. Hankers tat das gleiche. Er trank erst einmal, bevor er antwortete. „Ich bin zwar im Dienst, aber ein Bier ist immer drin, das hält mich in Schwung“, meinte er beinahe entschuldigend. „Ja, wie sah sie aus? Etwas über mittelgroß, schlank und so kurvenreich wie eine, der klar ist, dass zu viel Oberweite die Proportionen stört, die aber andererseits weiß, dass da schon was da sein sollte. Sie hatte genau das richtige Format. Große Augen, lang bewimpert. Möglich, dass die Dinger künstlich waren. Ein sinnlicher Mund, einer der dazu einlud, verrückte Sachen zu probieren, weißt du. Ich bin ein alter Knacker und nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen, aber als ich Gringer mit dieser Puppe sah, verspürte ich plötzlich Frühlingsgefühle, da habe ich ihn um sie beneidet.“

„Sie heißt Jill und hat ihn vermutlich aus dem Verkehr gezogen“, sagte Bount.

„Hm“, machte Hankers ungerührt. „So was soll ja vorkommen. Überraschen würde es mich nicht. Aber was überrascht mich schon als Kind dieser Stadt?“

„Wie viel Geld hat man bei ihm gefunden?“, fiel es Bount ein.

„Nichts.“

„Er hatte nichts im Hotelsafe deponiert?“

„Nein.“

„Dann ist es das“, sagte Bount.

„Dann ist es was?“, fragte Hankers. „Er hatte vermutlich Geld. Sehr viel sogar, nehme ich an. Hundertzehn Dollar pro Tag für’s bloße Wohnen kann sich nicht jeder leisten, oder?“

„Ich könnte es nicht.“

„Sie hat ihm was in den Kaffee gekippt und sich mit seinem Geld aus dem Staub gemacht“, meinte Bount.

„Das ist nicht auszuschließen, aber wie willst du das Mädchen finden?“

„Kannst du mich nicht was Leichteres fragen?“

„Ich kenne dich. Dich reizen Aufgaben dieser Art. Aber sie kosten Zeit, Geld und Nerven, und niemand gibt dir eine Erfolgsgarantie. Weshalb konzentrierst du dich auf diese Puppe? Deine Theorie kann falsch sein. Möglich, dass dieser ,Gringer' Geld hatte, möglich auch, dass man ihn deshalb aufs Kreuz legte. Aber weshalb sollen das nicht die Leute getan haben, die ihn aufspürten? Die Leute, von denen er sich bedroht und verfolgt fühlte und denen er, wie anzunehmen ist, die Mäuse abgenommen hat? Die Tatsache, dass Gringer unter falschem Namen lebte, lässt doch nur einen Schluss zu: Er hat jemand bestohlen, ist von diesem Jemand entdeckt und umgebracht worden und ..“

„Okay“, fiel Bount dem Kollegen ins Wort. „Wir sind schon wieder mitten im Fachsimpeln. Du weißt, wie wenig ich davon halte. Es macht zwar Spaß, Hypothesen zu entwickeln, aber am Ende zeigt sich meistens, dass die Dinge ganz anders liegen. Hast du sonst noch mal jemand in Gringers Begleitung gesehen?“

„Ein einziges Mal, aber das war nicht im Hotel“, erinnerte sich Hankers. „Das war in der 42ten Straße. Ich habe dort meinem Büronachfolger einen Besuch abgestattet. Tatsache ist, dass ich von dem Kerl noch Geld kriege. Er kann nicht zahlen. Er möchte ja gern, aber die Geschäfte gehen nicht so gut, wie er es sich erhofft hat. Ich habe ihm einen Tipp gegeben und...“

Bount räusperte sich. Hankers begriff, stoppte seinen Redefluss und sagte: „Gringer sprach mit Hugo. Mit Hugo Leicester. Ihm gehört der Klamottenladen gleich neben Millers Sexkino. Hugo und Gringer standen vor der Ladentür und redeten miteinander wie alte Bekannte. Ich kenne Hugo seit Jahren, obwohl er nicht gerade das Angebot hat, das mich reizen könnte. Er führt vor allem Jeans und diesen idiotischen Glitzerkram, den Twens in Diskotheken tragen. Travolta für Arme, du weißt schon. Wir haben uns noch begrüßt, wenn auch bloß durch einen kurzen Zuruf. Komisch, dass mir das erst jetzt wieder einfällt. Ich hab’s nicht mal der Polizei gegenüber erwähnt. Dabei quatschten die beiden miteinander, als seien sie alte Bekannte .,.“

„Hat Hugo seinen Laden noch offen?“

Hankers blickte auf seine Uhr. „Wenn du dich beeilst, triffst du ihn noch an. Vor Elf macht er selten dicht. Das Abend und Nachtgeschäft ist allemal das beste, sagt er.“

„Hast du’n Bild von Gringer hier?“ Hankers zog seine Brieftasche aus dem Sakko, öffnete sie und überließ Bount eine Fotografie. „Es ist das einzige, was wir haben. Bring mir’s zurück, wenn du es nicht mehr brauchst und halte mich auf dem Laufenden. Wir haben’s nicht gern, wenn unseren Gästen etwas zustößt. Ich könnte mir einen Namen machen, wenn ich dazu beitrage, den Fall aufzuklären.“

„Ich vergesse dich nicht, du hast mir weitergeholfen“, meinte Bount, fischte etwas Kleingeld aus seiner Tasche und wollte zahlen, aber Hankers legte ihm die Hand auf den Unterarm und sagte: „Das geht auf Kosten des Hauses. Es war dem .Roosevelt' ein Vergnügen, einen so prominenten Besucher bewirten zu dürfen.“

„Ich werde das Haus überall empfehlen“, meinte Bount, verabschiedete sich und ging.

Er nahm sich nicht die Mühe, mit dem Wagen zur 42ten zu fahren. Dort war es erfahrungsgemäß so gut wie unmöglich, eine Parklücke zu finden.

Hugo Leicester, dem Bount kurz vor Elf in dessen Ramschladen gegenüberstand, war ein untersetzter, wieselflinker Mann mit Halbglatze, stechenden Augen, einem munteren Lächeln und der Eigenschaft, beim Sprechen die Hände zur Hilfe zu nehmen.

„Ah, Sie kommen von Jim Hankers?“, fragte er, nachdem Bount sich vorgestellt hatte. „Ich mag ihn. Einer von der alten Garde. Davon gibt’s heutzutage nicht mehr allzu viele, Mister. Aber soll ich mich beklagen? Die Zeiten sind zwar hektisch, aber der Umsatz steigt. Es ist nur ein Jammer, dass die Lebenshaltungskosten noch rascher klettern. Was kann ich für Sie tun, Mister? Ich habe einen Posten fabelhafter Stretchcord-Jeans bekommen, da ist auch Ihre Größe dabei. Wollen Sie sich die mal ansehen? Wenn Sie ein Freund von Jim sind, mache ich Ihnen einen besonderen Preis ...“

„Ich suche diesen Mann“, sagte Bount. „Nicht ihn, sondern seine Identität“, korrigierte er sich.

Hugo Leicester setzte sich eine Brille auf. Er hielt das Foto auf Armeslänge von sich, dann führte er es näher an seine Augen heran. „Was ist mit ihm?“, fragte Leicester.

„Kennen Sie den Mann?“

„Ja, er kommt mir bekannt vor, aber ich weiß nicht, wo ich ihn schon einmal gesehen habe. Ist es möglich, dass es sich um einen Kunden handelt? Ich habe viele Stammkunden, aber zu denen gehört er nicht.“

„Jim hat Sie einmal im Gespräch mit dem Mann gesehen, Sie standen mit ihm vor der Ladentür.“

„Oh, tatsächlich? Das geschieht fast täglich. Ich rede gern mit meinen Kunden. Wenn sie mir gefallen, geleite ich sie bis zur Tür. Das schafft Freunde, wissen Sie, und es gibt keine bessere Geschäftsbasis als Freundschaft, Wärme, und ein kleines Gespräch.“

„Versuchen Sie sich zu erinnern. Worüber haben Sie mit dem Mann gesprochen?“

„Tut mir leid, Mister, aber ich kann mich nicht mal erinnern, ihn in ein Gespräch verwickelt zu haben. Kann sein, dass er fremd in New York war und ein paar Tipps haben wollte, Tipps, die diese Straße betreffen, wissen Sie“, fügte er augenzwinkernd hinzu. „Aber Sie wissen es nicht genau?“

„Bedaure, Sir, ich muss passen.“



8

Hugo Leicester brachte den Besucher zur Ladentür, wechselte noch ein paar Worte mit ihm und kehrte in seinen Laden zurück. Es waren noch zwei Kunden da. Einer wurde bedient, der andere stand an der Kasse. Hugo Leicester kümmerte sich nicht um sie. Er eilte in sein Büro, das gleichzeitig als Lager diente, und in dem man sich kaum bewegen konnte, ohne gegen Warenstapel und Kartons zu stoßen, griff nach dem Telefon und wählte eine Nummer, die er im Kopf hatte. Er kaute ungeduldig auf der Unterlippe herum, während das Freizeichen monoton in sein Ohr tutete.

„Ja?“, tönte ihm schließlich eine Frauenstimme entgegen.

„Ich muss Blacky sprechen.“

„Wer ist denn da?“

„Ich bin’s, Hugo. Es ist dringend.“

„Blacky ist nicht zu Hause.“

„Verdammt, wo kann ich ihn finden?“

„Er hat mir nicht gesagt, wo er zu erreichen ist.“

„Mit wem spreche ich überhaupt?“

„Ich bin Dolly.“

„Hallo, Dolly“, sagte Hugo grimmig und legte auf. Ein Geräusch in seinem Rücken ließ ihn herum zucken.

Die Tür hatte sich geöffnet, ein Mann betrat den Raum. „Blacky!“, stieß Hugo Leicester hervor. „Gerade habe ich versucht, dich anzurufen ..“

Der Mann, der sich mit dem Rücken gegen die Tür lehnte, war schätzungsweise 35. Es war leicht zu erkennen, dass er seinen Spitznamen dem tiefschwarzen, nackenlangen Haar und den nicht minder dunklen Augen verdankte. Er hatte aufgeworfene Lippen, eine abgeplattete Nase und eine fliehende Stirn. Er war keine Schönheit, aber er war auch nicht hässlich.

„Ich bin stets zur Stelle, wenn ich gebraucht werde“, sagte Blacky.

„Ein Bulle war hier, Naja, kein Bulle, sondern ein Privateye. Bount Reiniger, Ein bekannter Mann. Er hat mir ein Bild von Ronny unter die Nase gehalten. Wie findest du das?“

„Merkwürdig“, sagte Blacky. „Richtig komisch.“

„He, was ist los mit dir?“, fragte Hugo Leicester stirnrunzelnd. „Bist du high oder so was? Du bist ganz anders als sonst..“

„Kann schon sein, dass das zutrifft“, meinte Blacky und zog einen Revolver aus seiner Jacke. Er tat es mit der Linken. Mit der Rechten fischte er einen Schalldämpfer aus der Gesäßtasche und schraubte ihn auf die Waffenmündung.

Hugo Leicester sah fassungslos zu. Er setzte sich. „He, langsam, Blacky“, sagte er. „Ich dachte, das sei zwischen uns vorbei. Gelaufen und vergessen. Ich zahle pünktlich, du kannst dich wahrhaftig nicht beschweren. Also bitte nicht die alten Drohgebärden, die gehen mir an die Nieren.“

„Was du nicht sagst!“, höhnte Blacky, ging etwas in die Knie und blickte über die Schulter durch das kleine, quadratische Fenster, das sich in der Tür befand, in den langgestreckten Laden. Die beiden Kunden waren gegangen. Einer der Verkäufer legte Ware zusammen, der andere war mit der Kasse beschäftigt.

Hugo Leicester schaltete blitzschnell. Er griff nach der Pistole, die griffbereit in einem Fach unter dem Tisch lag und riss sie hervor. Blacky drehte sich um. Seine Augen weiteten sich, als er die Waffe in der Hand des Älteren sah. „He, spinnst du?“, murmelte er.

„Das darf dich nicht überraschen, Blacky“, verteidigte sich der Ladenbesitzer. „In dieser Gegend muss man auf alles vorbereitet sein,“

Blacky grinste. Er zeigte keine Angst, er schien eher amüsiert zu sein. „Mann, Hugo!“, sagte er kopfschüttelnd. „Du bist großartig. Einfach umwerfend komisch. Du weißt, dass du mich nicht umlegen kannst. Es wäre dein sicheres Ende.“

„Ich will dich nicht umlegen. Ich will niemand umlegen“, sagte der Angesprochene und fuchtelte mit der Linken in der Luft herum. „Ich bin ein friedfertiger Mensch, der zufrieden ist, wenn sein Laden läuft und er seine Familie ernähren kann. Ich will keinen Ärger, Aber wenn du herkommst und mich mit einer Kanone bedrohst, setzte ich mich zur Wehr, das ist mein gutes Recht.“

„Leg’ das Ding aus der Hand.“

„Erst musst du deine Kanone wegstecken“, forderte Hugo Leicester, der besorgt feststellte, dass sein Gegner den Finger am Abzug gekrümmt hatte.

„Nicht doch, Alterchen. Ich erteile hier die Befehle. Tu, was ich dir sage!“

„Der Laden gehört mir, Blacky. Ich bin immer ein pünktlicher und zuverlässiger Zahler gewesen. Ich habe selbst dann keine nennenswerten Schwierigkeiten gemacht, als ihr die Schutzgebühr erhöht habt. Ich kann erwarten, dass das honoriert wird. Was du mit mir machst, widerspricht den Absprachen, es zerstört die Geschäftsgrundlage.“

„Warum war Reiniger hier?“

„Das habe ich dir bereits gesagt. Er suchte Ronny. Das wollte ich dir mitteilen. In dem Augenblick kamst du herein. Das ist alles.“

„Für wen arbeitet Reiniger?“

„Das weiß ich nicht.“

„Ein Privateye zieht nicht auf eigene Faust los. Er hat einen Klienten, einen Mann, der ihn für die Recherchen bezahlt“, sagte Blacky.

„Mann, danach konnte ich ihn nicht gut fragen. Es interessierte mich auch nicht. Es ist eure Sache, wie ihr damit fertig werdet. Ich habe meinen Part jedenfalls erfüllt und denke, dass es Zeit wird, dafür belohnt zu werden. Reiniger weiß nichts, und ich habe ihn abgewimmelt.“ Blacky grinste. „Aber du weißt etwas, Blacky. Der Boss ist der Meinung, dass es zu viel ist. Zu viel, um geduldet zu werden. Deshalb ist er der Meinung ...“

Hugo Leicester hörte kaum noch hin.

Er erfasste blitzschnell, dass er handeln musste. Abdrücken, ehe Blacky dazu kam.

Hugo Leicester kannte das Risiko, das sich damit verband. Er begriff, was seiner Tat folgen musste, aber das waren Überlegungen von untergeordneter Bedeutung. Sie waren klein und unwichtig angesichts der Erkenntnis, dass die Organisation seinen Tod beschlossen hatte.

Hugo Leicester zog durch und schoss. Er berührte den Abzug insgesamt dreimal. Die Pistole in seiner Hand bäumte sich auf, aber er hielt sie fest, er verstand damit umzugehen, er hatte sie oft genug auf seinem Wochenendgrundstück erprobt.

Blacky riss den Mund auf. Sein Körper zuckte zusammen. Die Schrecksekunde lähmte ihn. Er hatte mit allem gerechnet, nur nicht damit, dass der Alte sich wehren könnte.

Blacky brach in die Knie. Vor seinen Augen löste sich die Umgebung in rosige Nebel auf. Er versuchte abzudrücken, aber das gelang ihm nicht. Er hörte einen dumpfen Laut und begriff, dass der Revolver seiner Hand entfallen war.

Irgend etwas schlug hart gegen seinen Rücken. Es war die Tür, die einer der Verkäufer auf gestoßen hatte. „Iss was, Chef?“, ertönte eine entsetzte Stimme.

Blackys Sinne schwanden.

Er kippte mit dem Oberkörper nach vorn und schlug auf den Boden.



9

Bount betrat den Laden. Von den beiden Verkäufern war niemand zu sehen. Auch Hugo Leicester befand sich nicht im Verkaufsraum. Bount strebte auf die Tür im Hintergrund des Ladens zu. Noch ehe er sie erreichte, wurde sie aufgestoßen. Einer der Verkäufer verließ das Büro. Er war leichenblass.

„Wir haben geschlossen, Mister“, murmelte er, offenbar völlig verwirrt.

Bount ging an ihm vorbei. Er stieß die Tür zum Büro auf und sah einen Mann vor sich liegen. Der Mann lag auf der Seite, seine Augen standen offen, in ihnen war die Eiseskälte des Todes.

Einer der Verkäufer lehnte an der Wand, er starrte auf den Toten und bewegte den Mund, ohne etwas zu sagen. Er schien unter Schockwirkung zu stehen, genau wie Hugo Leicester, der am Tisch saß, eine Pistole in der Hand hielt und wie ein Kretin ins Leere starrte.

Neben dem Toten lag ein Revolver mit Schalldämpfer. Hugo Leicester blickte Bount an. „Sie?“, fragte er.

„Ja, ich. Mir ist da unterwegs etwas eingefallen. Deshalb bin ich nochmals zurückgekommen.“

„Oh ja?“, murmelte Hugo Leicester. Er schien nicht zu erfassen, worum es ging.

„Warum haben Sie auf ihn geschossen?“, fragte Bount.

„Ruf die Polizei, Toby“, sagte Leicester. „He, Toby, ich spreche mit dir!“ Der Verkäufer zuckte zusammen. „Ich benutze den Apparat an der Kasse“, murmelte er und ging hinaus. Er schwankte wie betrunken.

„Er hat Angst“, sagte Hugo Leicester, „Das kann ich verstehen. Es ist nicht gut, sich mit der Organisation anzulegen,“

„Mit welcher Organisation?“

„Blacky kassiert die Schutzgebühr“, sagte Hugo Leicester. „Er wollte mich umlegen. Ich bin ihm zuvorgekommen. Es war Notwehr.“

„Haben Sie nicht gezahlt?“, erkundigte sich Bount.

Hugo Leicester schwieg.

Bount blickte durch das Glasfenster in der Tür und sah, dass einer der Verkäufer die Ladentür schloss. Der zweite stand neben der Kasse und telefonierte. Bount wandte sich Hugo Leicester zu. Der griff nach dem Telefon und drehte die Wählscheibe. Die Pistole hatte er aus der Hand gelegt.

„Hallo, Frieda“, sagte er. „Ich muss verreisen. Du musst mir ein paar Dinge zurechtlegen. Wäsche, zwei Anzüge, die Toilettenartikel. Beeil’ dich damit, ich hole das Ganze in einer Stunde ab.“

Er legte auf. „Sie wird es nicht verstehen“, sagte er. „Sie hat nie etwas verstanden. Aber ich liebe sie. Sie ist die beste Frau, die ein Mann haben kann, und jetzt werde ich sie vielleicht verlieren. Jetzt sehe ich sie vielleicht niemals wieder.“ Seine Augen wurden nass, er fuhr mit dem Handrücken darüber.

„Sagen Sie mir, wo und wie ich Jill finde“, sagte Bount.

„Jill?“, echote Hugo Leicester,

„Das blonde Mädchen, das mit Gringer verkehrte“, sagte Bount.

„Wer ist Gringer?“

„Der Mann, dessen Foto ich Ihnen zeigte. Ich weiß, dass sein Name anders lautete. Und Sie wissen es vermutlich auch.“

„Reiniger, Sie töten mir den letzten Nerv! Ich muss damit fertig werden, einen Mann erschossen zu haben, und Sie quälen mich mit absurden Fragen!“, erregte sich Leicester. „Ich habe in Notwehr gehandelt, okay, aber das wird die Organisation nicht kümmern. Die wird nach Rache dürsten und mich bestrafen wollen. Was Blacky, dieses Monster, nicht geschafft hat, wird ein anderer zu erreichen versuchen. Ich muss abhauen. Ich muss türmen, ehe die Organisation kurzen Prozess mit mir macht.“

„Verfallen Sie nicht in Panik“, empfahl Bount. „Noch ist nichts verloren. Wenn Ihre Angaben stimmen und Sie sagen der Polizei alles, was Sie über Blacky und dessen Hinterleute wissen, haben Sie eine gute Chance, die Situation im Griff zu behalten.“

„Das glauben Sie doch wohl selber nicht. Mit Blacky habe ich die Organisation getroffen. Dafür muss ich zahlen, das steht fest.“

„Ich kann Ihnen helfen.“

„Mir hilft nur die Flucht.“

„Ich könnte Ihre Gegner in Trab halten und auf diese Weise dafür sorgen, dass sie keine Zeit finden, sich um Sie zu kümmern.“

„Sie wollen einen Auftrag von mir haben, was?“, fragte Leicester und schüttelte den Kopf. „Ist nicht drin, Reiniger. Ich brauche jeden Dollar für die Flucht.“

„Ich bitte Sie nicht um Geld, ich bitte Sie um Mitarbeit, um Informationen. Wie heißt dieser Blacky mit richtigem Namen?“, fragte Bount.

„Keine Ahnung, den kenne ich nicht, aber die Polizei wird ihn Ihnen sagen. Die kennt Blacky, davon bin ich überzeugt.“

„Wie heißt Blackys Organisation? Wer ist der Mann, der sie leitet?“

„Das kann ich nur vermuten, Reiniger. Ich habe nicht die Absicht, darüber zu sprechen“, murmelte Hugo Leicester. „Bei diesen Leuten verfahren alle nach der gleichen Devise. Man zahlt, hält den Mund und schluckt seinen Ärger und seine Verzweiflung stumm hinunter. Sie wissen doch genau, was in dieser Gegend los ist, Reiniger.“

„Ich weiß vieles, aber ich weiß nicht genug. Das liegt daran, dass Leute wie Sie keine Fragen stellen und einfach zahlen“, meinte Bount.

„Ich kann Ihnen Namen von ein paar Leuten nennen, die Fragen gestellt haben. Sie sind heute entweder Krüppel, oder sie sind tot. Ich schließe nicht aus, dass mich ein ähnliches Schicksal erwartet“

Bount zuckte mit den Schultern. Er fühlte sich frustriert. Hugo Leicester begriff einfach nicht, was gut für ihn war. Argumente änderten nichts an der Situation. „Hören Sie, Hugo“, sagte Bount. „Ich bin nicht versessen darauf, in jeden zweiten Mordfall verwickelt zu werden, der sich in Manhattan ereignet. Wenn Sie nichts dagegen haben, setze ich mich ab. Schließlich war ich nicht dabei, als Sie Blacky umgepustet haben.“

Hugo Leicesters Lippen zuckten nervös. „Gehen Sie nur. Was hätte ich davon, wenn ich Sie in die Geschichte reinziehe? Damit muss ich allein fertig werden.“

Bount verließ Büro und Laden. Am Schaufenster blieb er stehen. Ein Drittel der Auslage war für Damenmoden reserviert. Bount musterte ein taubenblaues Kostüm. Die Puppe, auf der es hing, trug ein Käppi von der gleichen Farbe.

Bount kehrte nochmals in den Laden zurück. „Haben Sie was vergessen, Sir?“, fragte der Verkäufer.

„Das Kostüm im Fenster, was kostet es?“

„Neunzig Dollar, Sir, Ein Sonderangebot. Französische Ware, ganz große Klasse.“

„Wie viele haben Sie davon?“

„Es ist das letzte, Sir. Ich kann es aus dem Fenster nehmen“, bot der Verkäufer sich an.

„Haben Sie viele davon abgesetzt?“

„Nur eines, Sir.“

„Haben Sie es verkauft?“

„Ja, Sir, warum?“, wunderte sich der Verkäufer.

„Es interessiert mich. Beschreiben Sie mir die Kundin, bitte“, sagte Bount, „Es war ein Kunde. Ein Mann. Er erklärte mir, dass das Kostüm für seine Freundin bestimmt sei, und dass er es Umtauschen müsse, falls es nicht passt. Er hat sich jedoch nicht wieder bei mir sehenlassen. Ich kann mich noch erinnern, dass der Chef ein paar Worte mit dem Kunden gewechselt hat.“

„Hat der Kunde das Kostüm gleich mitgenommen?“

„Dazu hatte er keine Lust. Wir haben es seiner Freundin zugestellt. Ich selbst habe es abgeliefert.“

„Kann ich die Adresse der jungen Dame haben, bitte?“

„Wofür, Sir? Was soll das alles? Ich begreife offen gestanden nicht, was“

Bount unterbrach den Verkäufer, indem er ihm eine Zwanzigdollarnote in die Brusttasche stopfte. „Es ist für mich sehr wichtig“, sagte er.

„Sie wohnt drüben in Queens, in der 235ten Straße. Ich bin sicher, dass ich das Haus wiedererkennen würde, aber die Nummer habe ich vergessen. Im Erdgeschoss befindet sich eine Offsetdruckerei, daran erinnere ich mich genau. Die Empfängerin hieß Shark oder Lark oder so ähnlich ... ja, Lark. Das ist ihr Name. Zufrieden, Sir?“

„Jill Lark?“

„So ist es, Sir.“

„Und das“, fragte Bount und nahm Gringers Foto aus der Brieftasche, „war der Kunde, den Sie bedienten?“

„Das war er. Genau“, staunte der Verkäufer.

„Was geht hier vor?“, ließ sich Hugo Leicester vernehmen. Seine Stimme wirkte verändert. Er hatte sein Büro verlassen und strebte auf Bount zu. Er war sehr blass. „Ich denke, Sie wollen verschwunden sein, ehe die Bullen hier verrückt spielen?“, fragte er.

„Schon gut, ich gehe“, sagte Bount und verließ den Laden.

Er kehrte zurück ins ,Roosevelt'“. Hankers saß noch am Bartresen. Er trank jetzt Kaffee. „Deine Kostümbeschreibung hat mich weitergebracht“, sagte Bount und setzte sich neben Hankers. „Gringer hat bei Hugo das Kostüm gekauft, in dem du das Mädchen gesehen hast. Nur bestreitet Hugo, den Mann zu kennen. Hast du eine Erklärung dafür?“

„Warum fragst du mich? Das kann Hugo dir doch besser beantworten als ich.“

„Er ist ein bisschen durcheinander. Er hat nämlich einen Gangster namens Blacky erschossen. In Notwehr.“

Hankers war nicht sehr beeindruckt, aber er sah auch keineswegs fröhlich aus. „Armer Hugo. Er muss ausgeflippt sein. Das dem so was passieren musste!“

„Sie wollten ihn umlegen. Das muss er glasklar erfasst haben. Da ist er dem Killer zuvorgekommen“, fasste Bount zusammen. „Nun frage ich mich, weshalb man ihn jetzt, so kurz nach Gringers Tod, umzulegen versucht.“

„Ich fühle mich leider außerstande, darauf zu antworten“, spottete Hankers. „Und Hypothesen helfen dir ja auch nicht weiter.“

„Mr. Hankers zum Büro“, ertönte eine Lautsprecherstimme.

Hankers glitt seufzend von seinem Hocker. „Das ist das schöne an meinem Beruf“, sagte er. „Er ist frei von Momenten der Langeweile, besonders in diesem Haus.“

Bount verließ das Hotel.



10

Am nächsten Morgen rief ihn Captain Rogers an. „Ich habe was für dich“, sagte er.

„Was denn?“, wollte Bount wissen. „Einen Toten“, erwiderte der Captain.

„Na, wenn das kein wundervoller Tagesauftakt ist“, meinte Bount grimmig. „Ist es jemand, den ich kenne?“

„Das bezweifle ich. Oder kannst du mit dem Namen Oliver Carr was anfangen?“

„Keine Reaktion in meiner Schaltzentrale“, erwiderte Bount.

„Ein kleiner Angestellter. Er wurde vergiftet. Die Obduktion hat ergeben, dass ihn dieselbe Cyanidlösung aus dem Wege räumte, die diesem Nick Gringer zum Verhängnis wurde. Naja, es gibt allerdings einen kleinen Unterschied dabei. Oliver Carr musste mit einer stärkeren Dosis fertig werden. Sie muss sehr schnell gewirkt haben, aber die Zusammensetzung war im Prinzip die gleiche wie bei Gringer. Möglicherweise ist’s ein Zufall, aber mir fiel er auf. Ich dachte, es könnte nichts schaden, dich darauf hinzuweisen.“

„Schon notiert, vielen Dank“, sagte Bount. „Da gibt es noch einen Toten. Den Burschen aus der 42ten Straße. Was ist mit ihm?“

„Oh, du sprichst von Blacky. Alles deutet darauf hin, dass der Ladenbesitzer in Notwehr handelte. Sein Opfer heißt Don Keller. Ein übler Gangster. Arbeitete für den Cobelli-Mob. Ich brauche dir nicht zu sagen, dass Cobelli die Gegend um die 42te kontrolliert.“

„Was ist mit Leicester?“

„Er ist getürmt.“

„Was wirst du unternehmen?“

„Eine Fahndung ausschreiben und mich rasch wichtigeren Dingen zuwenden“, sagte der Captain. „Ich bin überzeugt davon, dass Leicester die Wahrheit sagt. Jetzt versucht der Alte unterzutauchen, weil er Cobellis Rache fürchtet.“

„Ihr hättet ihn in Schutzhaft nehmen sollen.“

„Wen, Leicester? Ich hab’s ihm angeboten. Er wollte davon nichts wissen.“

Bount bedankte sich und legte auf. Eine Stunde später klingelte er im Hause 61 235te Straße an Jill Larks Wohnungstür. Niemand öffnete. Er probierte sein Glück an der Nachbartür. Eine Frau machte auf, deren Kopf mit Lockenwicklern gespickt war und die Bount durch fingerdicke Brillengläser musterte, „Kann ich was für Sie tun, Mister?“

„Ich möchte zu Miss Lark. Es ist eilig. Können Sie mir sagen, wo ich sie finde?“

„Oh, Jill arbeitet. Sie ist sehr tüchtig. So was wie 'ne Chefsekretärin ...“

Bount zog Gringers Foto aus der Tasche. „Kennen Sie den?“, fragte er.

Die Frau nahm das Foto in die Hand, betrachtete es aus der Nähe und hielt es dann auf Armeslänge von sich. „Er kommt mir vertraut vor“, sagte sie. „Kann es sein, dass ich ihn schon einmal irgendwo gesehen habe? Jetzt fällt es mir wieder ein. Er ist mal hier gewesen. Ich habe ihn beim Verlassen von Jills Wohnung gesehen.“

„Wann war das?“

„Vor zwei, drei Wochen, so genau kann ich das nicht sagen. Ist es denn so wichtig?“, fragte sie und gab ihm das Bild zurück.

„Ich suche ihn“, wich Bount aus. „Wo arbeitet Mss Lark?“

„In der Finanzabteilung von Fletcher, Fletcher & Greenstar“, erwiderte die Frau.

Etwa elf Uhr dreißig betrat Bount das Vorzimmer von Lyonel Dissinger. Es war groß und elegant, wie fast alles in dem dreißigstöckigen Verwaltungsgebäude des Gemischtwarenkonzerns. Hinter dem Schreibtisch, der das Namensschild Jill Lark trug, saß die junge Dame, die Bount suchte. Sie sah sehr viel besser aus, als er es erwartet hatte. Ihr Sex Appeal gefiel ihm, aber er brauchte nur an die brechenden Augen des Mannes auf dem U-Bahnsteig zu denken, um seinen Appetit an die Kette zu legen.

„Sir?“, flötete Jill und strahlte ihn an.

„Ich bin Bount Reiniger“, stellte er sich vor.

„Wenn Sie zu Mr. Dissinger wollen, muss ich Sie enttäuschen. Er ist heute morgen zu einem Kongress nach Pittsburgh geflogen.“

Bount zog sich einen Stuhl heran und nahm darauf Platz. „Das ist ja fabelhaft“, sagte er. „Es gibt mir die Möglichkeit, mich ohne Zeitbeschränkung mit Ihnen zu unterhalten.“ Er lächelte. „Sie haben doch nichts dagegen?“

Jill erwiderte sein Lächeln. Ihre roten Lippen leuchteten wie gelackt. „Das hängt vom Thema ab, das Sie aufzugreifen wünschen“, meinte sie kokett.

„Mord“, sagte Bount.

Er hatte eine Schwäche für Knalleffekte dieser Art. Die Reaktion des Gesprächspartners pflegte meist mehr Aussagekraft zu haben als ein Dutzend langer Sätze.

Was Jill Lark anging, so zeigte sie sich zwar erstaunt, beinahe schockiert, aber das war angesichts von Bounts Verhalten, keineswegs ungewöhnlich. „Mord?“, echote sie.

„So ist es. Ich bin Privatdetektiv.“

„Geht es um Mr. Carr, Sir?“

Bount hob die Augenbrauen. Jetzt war er es, der das Opfer eines Knalleffektes wurde. „Sie kennen ihn?“

„Nur sehr flüchtig. Eigentlich bloß vom Sehen. Er hat in der Firma gearbeitet, oben in der Computerabteilung, Die Nachricht von seiner Ermordung hat sich wie ein Lauffeuer in der Firma ausgebreitet.“

Bount holte Gringers Foto aus der Brieftasche und überreichte es Jill. „Kennen Sie den?“, fragte er.

„Ja. Woher haben Sie das Bild?“

„Das ist nicht wichtig. Wer ist der Mann auf dem Foto?“

„Das ist Nick. Nick Gringer. Er hat mich einige Male ausgeführt.“

„Er ist tot, das wissen Sie doch?“

„Nein, tot? Wie entsetzlich!“, stammelte Jill. „Ein Unfall?“

„So kann man es nennen. Aber Mord ist die präzisere und passendere Bezeichnung. Er wurde vergiftet. Mit einer Cyanidlösung. Genau wie Oliver Carr, der in dieser Firma arbeitete. Haben Sie dafür eine Erklärung?“

„Nein. Warum fragen Sie gerade mich?“

„Sie kannten Gringer. Ich war dabei, als er starb.“

„Sie?“

„Ja. Lesen Sie denn keine Zeitungen?“

„Doch, schon, aber von Nicks Tod ist mir nichts zu Ohren gekommen. Natürlich habe ich mich gewundert, dass er sich nicht mehr gemeldet hat. Ich wollte ihn schon selbst mal anläuten, er wohnt, wohnte im ,Roosevelt', aber irgendwie bin ich davon wieder abgekommen. Offen gestanden war unsere kleine Affäre sehr einseitig. Schon das Wort Affäre ist dafür eigentlich um ein paar Nummern zu groß. Er hat sich in einem Restaurant zu mir an den Tisch gesetzt, wir sind ins Gespräch gekommen, und als wir uns verabschiedeten, bat er mich um meine Telefonnummer. Ich habe sie ihm gegeben, weil er einen netten, höflichen Eindruck machte, und weil es mir gefiel, wie er zu plaudern verstand. Er war noch einer von der alten Schule, wissen Sie. Richtig galant. So etwas gefällt einer Frau.“

„Aber klar“, sagte Bount. „Wie ging es weiter?“

„Er rief mich an, lud mich zum Essen ein. Von da an sahen wir uns ziemlich regelmäßig ... mindestens zweimal in der Woche. Er war mal bei mir, und ich habe ihn einige Male im Hotel besucht. Ich glaube, er war in mich verliebt. Als ich das merkte, ging ich zu ihm auf Distanz. Schließlich hätte er fast mein Vater sein können ... er war 43, glaube ich.“

„Sie wissen es nicht genau?“

„Doch, 43. Ich habe ihn mal nach seinem Alter gefragt, und da hat er es mir genannt.“

„Was trieb er in New York?“

„Das habe ich auch von ihm wissen wollen. Er war in manchen seiner Antworten nicht sehr präzise. Manchmal drängte sich mir sogar der Verdacht auf, dass er etwas zu verheimlichen hatte. Wenn es stimmte, was er mir sagte, dann hatte er eine größere Erbschaft gemacht und war damit beschäftigt, sein Geld möglichst nutzbringend anzulegen. Ich habe ihn immer nur mit voller Brieftasche angetroffen. Ich habe ihm gesagt, wie leichtsinnig es sei, anderen Leuten zu zeigen, was er besaß, aber darüber hat er nur gelacht. Sein Tod beweist, dass er gut beraten gewesen wäre, meine Warnungen etwas ernster zu nehmen.“

„Sie glauben, dass es Raubmord war?“

„Ich glaube gar nichts, aber mir fällt auf Anhieb kein anderes Motiv ein. Der arme Nick. Er war so sympathisch“, seufzte sie.

„War er mit Carr befreundet?“

„Das halte ich für ausgeschlossen. Wie kommen Sie darauf?“, fragte Jill. „Beide starben an demselben Gift.“

„Kann das nicht Zufall sein?“

„Durchaus, aber es liegt nahe, da eine Verbindung zu suchen“, meinte Bount.

„Ja, natürlich. Darf ich fragen, in wessen Auftrag Sie Ihre Recherchen betreiben?“

„Ich tue es auf eigene Faust. Ich kann den Ausdruck in den Augen des sterbenden Gringer nicht vergessen. Und ich vergesse auch nicht die Art, wie er Ihren Namen nannte und nach dem ,Warum' fragte.“

„Er hat meinen Namen genannt?“, flüsterte Jill und schluckte.

„So ist es. Es hörte sich an, als wollte er fragen: Warum hast du das getan, warum hast du mich getötet?“

„Das ist völlig absurd. War es nicht eher so, dass er sich vor dem Tode fürchtete und zu wissen begehrte, warum sein Ende ihm die Chance nimmt, mir weiterhin seine Liebe zu zeigen?“

„Das ist durchaus möglich“, meinte Bount, „aber ich habe Anlass, zu glauben, dass meine Version der Wahrheit näher kommt.“

Jill Larks Wangen röteten sich. „Das ist unverschämt“, zischte sie. „Ist Ihnen eigentlich klar, was Sie damit zum Ausdruck bringen? Sie bezichtigen mich des Giftmordes! Ich habe keine Worte für diese ... diese Unterstellung. Sie ist schlechthin grotesk. Es mag zutreffen, dass ich Nick nicht geliebt habe, aber ich hatte weder einen Grund ihn zu hassen, noch ihn zu töten.“

„Es ist anzunehmen, dass er reich war. Dafür sprechen nicht nur seine Hinweise auf die angeblich gemachte Erbschaft, dafür spricht auch sein nicht gerade billiger Hotelaufenthalt. Bei dem Toten wurde kein Geld gefunden. Auch in seinem Hotelzimmer fand sich nichts von Wert. Sie gehören zu den wenigen, die ihn näher kannten und die gewusst haben dürften, was er besaß.“

Jill sah erschöpft aus. Sie schloss kurz die Augen, dann hob sie die Lider und sagte mit einer Mischung aus Resignation und Konzentration: „Sie sind Detektiv. Sie jagen nach Schuldigen und greifen nach der erstbesten Motivation, die sich Ihnen bietet. Okay, ich wusste, dass Nick vermögend ist, aber ich kenne viele vermögende Männer, wenn Sie wollen, nenne ich Ihnen sogar die Namen. Aber das bedeutet doch nicht, dass ich sie umbringe, um mich selbst zu bereichern! Ich verdiene in dieser Position ausgezeichnet. Ich bin mit meinem Leben zufrieden. Ich habe nicht den geringsten Grund, es zu verändern oder gar kriminell zu werden. Sehe ich denn aus wie eine Mörderin?“

„Nein“, erwiderte Bount wahrheitsgemäß.

Jill stieß die Luft aus. „Vielen Dank“, meinte sie sarkastisch. „Sie sind wahrhaftig ein harter Mann. Sie schlagen einem die Verdächtigungen um die Ohren, dass es nur so kracht. Ich wusste nicht, dass Nick tot ist. Jetzt, wo es mir zu Ohren gekommen ist, werde ich die Polizei anrufen und mich als Zeugin zur Verfügung stellen, das verspreche ich Ihnen. Ich befürchte nur, ich werde kein Licht in das Verbrechen bringen können. Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wer den armen Nick auf dem Gewissen hat.“

„Wo hat er gelebt, ehe er nach New York kam?“

„Im Mittelwesten. In einer Fünftausend-Seelen-Gemeinde“, erwiderte Jill. „Er hat mir einmal den Namen des Ortes genannt, aber ich habe ihn vergessen.“

„Er hieß nicht Gringer. Der Name war erfunden.“

Jill starrte ihm ins Gesicht. „Warum denn das?“, fragte sie verblüfft.

„Ich weiß es nicht. Seine Papiere waren falsch. Der Polizei zufolge handelte es sich um ganz erstklassige Fälschungen, um Profiarbeit.“

„Das verstehe ich nicht.“

„Es beweist, dass Nick einiges zu verbergen hatte. Fest steht allerdings, dass er nicht zu den gesuchten, registrierten Verbrechern gezählt haben kann. Seine Prints sind in Washington nicht gespeichert.“

„Würden Sie mir einen Gefallen tun, bitte?“

„Das hängt davon ab, wie er beschaffen sein soll“, meinte Bount vorsichtig.

„Arbeiten Sie für mich.“

„Wie stellen Sie sich das vor?“

„Als Privatdetektiv sind Sie auf die Honorare Ihrer Klienten angewiesen. Lassen Sie mich Ihre Klientin sein. Ich habe Nick nicht geliebt, aber er hat mir viel bedeutet. Es käme mir schäbig vor, wenn ich nicht alles menschenmögliche versuchte, um sein schreckliches Ende klären und sühnen zu lassen. Sind Sie sehr teuer?“

„Kommt ganz darauf an, was Sie darunter verstehen. Qualität kostet Geld. Ich unterhalte ein großes Büro mitsamt Stab und bekenne mich zu der Schwäche, nicht schlechter als andere leben zu wollen. Billig bin ich also nicht“, schloss Bount. .

„Nein, das halte ich nicht durch“, seufzte Jill Lark. „Am Ende fordern Sie ein paar Hunderter für den Tag. Falls die Aufklärung der Sache Wochen oder Monate in Anspruch nehmen sollte, müsste ich dabei pleite gehen. Schade! Ich würde wirklich gern etwas tun, um Ihnen zu beweisen, wie viel mir daran liegt. Nach Lage der Dinge werde ich mein Angebot wohl zurückziehen müssen.“

„Ich räume Ihnen einen Sondertarif ein“, sagte Bount. „Zweihundert, pro Tag. Was halten Sie davon?“

Jill Lark presste die Lippen zusammen und überlegte. Dann sagte sie: „Einverstanden. Aber wenn Sie nach zwei Wochen nicht vorangekommen sind, muss ich aussteigen.“

„Bis dahin ist alles klar“, versprach Bount.

„Was macht Sie dessen so sicher?“

„Ich habe da so meine Erfahrungen“, meinte er. „In einer Woche wissen wir mehr.“

„Wer hat Ihnen gesagt, dass Nick mit mir befreundet war?“, erkundigte sich Jill.

„Das ist eine lange, wenn auch keineswegs uninteressante Geschichte“, meinte Bount. „Ich will sie Ihnen erzählen. Oder halte ich Sie auf?“

„Keineswegs“, meinte Jill und holte eine Thermoskanne aus ihrem Schreibtisch. „Um diese Zeit gehe ich sonst zum Essen. Ich teile mir mit meinem Chef die Mittagspause, aber da er nicht da ist, muss ich die Stellung halten, wegen des Telefons“, erklärte sie und füllte eine Tasse mit Kaffee. Sie musterte Bount fragend. „Nehmen Sie auch eine?“

„Danke, nein.“

„Sprechen Sie nur weiter“, bat Jill, dann trank sie.

„Tja, was soll ich Ihnen sagen? Ich habe mit dem Hoteldetektiv vom ,Roosevelt' gesprochen und erfahren, dass Gringer mit einer Begleiterin in einem taubenblauen Kostüm gesehen wurde, mit einer sehr attraktiven, jungen Dame. Außerdem hat der Detektiv Gringer einmal im Gespräch mit einem Ramschladenbesitzer in der 42ten Straße gesehen. Ich bin also losgezogen, um mit dem Geschäftsmann zu reden. Ich habe ihm Gringers Foto vorgelegt. Der Ladenbesitzer winkte ab, nein, er kenne den Mann nicht. Das war, wie ich inzwischen weiß, gelogen.“

„Tatsächlich? Warum hat er bestritten, Nick zu kennen?“, fragte Jill,

„Das weiß ich nicht, aber er dürfte seine Gründe gehabt haben“, sagte Bount. „Ich ging und kehrte nochmals in den Laden zurück, um eine Frage zu stellen, die ich vergessen hatte. Dabei stieß ich auf einen Toten, auf einen Mann, der sich Blacky nannte und Don Keller hieß. Der Ladenbesitzer hatte ihn in Notwehr getötet. Jetzt frage ich mich, was Blacky von dem Mann wollte.“

„Das Ganze wird ja immer schlimmer und furchtbarer“, murmelte Jill Lark.

„Es kommt noch besser“, sagte Bount. „Als ich den Laden verließ, weil ich keine Lust verspürte, von der Polizei in lange Befragungen verwickelt zu werden, entdeckte ich im Schaufenster des Ladens ein taubenblaues Kostüm mit exakt dem Hütchen, das der Hoteldetektiv mir beschrieben hatte. Ich wandte mich an den Verkäufer und erfuhr, dass das Kostüm ein einziges Mal verkauft worden war, nämlich an Gringer. Er muss es für Sie erstanden haben. Da der Verkäufer sich an Ihre Adresse erinnerte, hatte ich keine Mühe, Sie aufzuspüren.“

„Das ist wirklich toll“, murmelte Jill. „Ja, Nick hat mir so ein Kostüm geschenkt. Der Rock war ein bisschen zu weit. Ich habe ihn mir enger machen müssen.“

„Ich habe da eine Theorie entwickelt“, sagte Bount. „Wollen Sie sie hören?“

„Ja, bitte, schließlich bezahle ich Sie dafür“, meinte Jill mit einem Anflug von Spott.

„Gringer wurde gesucht. Nicht von der Polizei, sondern von der Unterwelt. Es ist nicht auszuschließen, dass irgendein Syndikat Fotos von Gringer verteilt hat. Gringer sah das Kostüm in dem Laden, ging hinein und kaufte es. Der Ladenbesitzer merkte, dass er den Mann vor sich hatte, der gesucht wurde und versuchte Gringer aufzuhalten. Ehe Gringers Gangsterfreunde auftauchten, hatte Gringer sich abgesetzt. Vielleicht war ihm Leicesters Gesprächigkeit verdächtig vorgekommen. Es kann aber auch sein, dass der Ladenbesitzer sein eigenes Süppchen zu kochen versuchte und das Syndikat mit falschen Informationen fütterte. Jedenfalls kam das Syndikat zu dem Schluss, dass Hugo Leicester für sein Doppelspiel bestraft werden müsse, deshalb schickten sie ihm Blacky auf den Hals. Leicester kehrte den Spieß um und killte den Killer.“

„Unglaublich“, murmelte Jill, „aber was hat das alles mit Nick zu tun? Warum sollte er von der Unterwelt gejagt worden sein?“

„Es ist zu vermuten, dass er sich mit Geld oder Vermögenswerten ausstattete, die die Mafia als ihr Eigentum betrachtete“, sagte Bount.

„Wer hat das Geld jetzt?“

Bount lächelte. „Die Mafia hat es sich zurückgeholt. Es kann aber auch sein, dass Sie es an sich genommen haben.“

Jill runzelte die Augenbrauen. „Ich finde das gar nicht witzig“, sagte sie.

„Ich will nicht witzig sein“, stellte Bount klar. „Immerhin geht es um Mord.“

„Ich bezahle Sie nicht, um mich von Ihnen beleidigen zu lassen“, meinte Jill giftig.

„Erstens haben Sie mich noch nicht bezahlt, und zweitens bin ich zwar bezahlbar, aber nicht käuflich. Mit anderen Worten: Wenn sich herausstellen sollte, dass Sie bei unserer Zusammenarbeit die Prinzipien von Treu und Glauben verletzt haben, können Sie nicht erwarten, dass ich loyal zu Ihnen stehe. Sie wären nicht der erste Klient, der im Laufe der Ermittlungen zu meinem Gegner wurde.“

„Sie haben wirklich eine reizende Art mit Ihren Klienten umzuspringen“, nörgelte Jill und holte das Scheckbuch aus ihrer Tasche. „Sie bekommen Eintausend als Anzahlung“, entschied sie und griff nach dem Kugelschreiber. Ehe sie das Scheckformular ausfüllte, nahm sie einen weiteren Schluck aus ihrer Kaffeetasse. „Ich bekomme doch das zu viel Bezahlte zurück, falls sie schon morgen oder übermorgen fündig werden sollten?“, fragte sie.

„Das versteht sich von selbst.“

Jill unterschrieb den Scheck, löste das Formular aus dem Heft und überließ es Bount.

„Danke“, sagte er und steckte es ein.

Jill legte den Kugelschreiber aus der Hand, Sie starrte ins Leere. Es schien, als husche ein Schatten über ihre Gesichtszüge. „Mein Gott“, flüsterte sie.

„Was ist?“, fragte Bount.

„Mein Magen. Mir ist auf einmal ganz schlecht. Sollte was mit dem Kaffee...?“

Sie führte den Satz nicht zu Ende. Bount nahm die Tasse an sich. Er roch daran, ohne etwas Verdächtiges wahrzunehmen. Jill Lark erhob sich. Sie schwankte ein wenig und begann plötzlich zu zittern.

„Einen Arzt“, stammelte sie. „Rasch einen Arzt!“

Sie wäre zusammengebrochen, wenn Bount nicht blitzschnell reagiert hätte. Er rannte um den Schreibtisch und fing das in den Knien einknickende Mädchen auf. Er bettete es kurzerhand auf die Schreibtischplatte, griff nach dem Telefon und wählte den Notruf.



11

„Für die Bank“, sagte Bount, als er das Vorzimmer seines Offices betrat und den Scheck auf Junes Schreibtisch legte. June spitzte die Lippen. „Ein Hoch unserem super tüchtigen Chef“, sagte sie.

„Freu’ dich nicht zu früh“, riet Bount. „Kann sein, dass wir das Geld zurückgeben müssen. Ich gehöre nämlich zu den altmodischen Leuten, die von Mörderinnen kein Bares annehmen.“

„Es ist kein Bares. Es ist ein Scheck.“

„Weibliche Logik“, sagte Bount und ließ sich auf einen der Besucherstühle fallen. „Damit komme ich nicht zurecht.“

„Es ist Geschäftslogik“, widersprach June. „Wenn du sie vernachlässigst, wirst du eines nicht mehr allzu fernen Tages pleite machen.“

„Jill Lark ist im Krankenhaus gelandet. Eine Vergiftung. Wenn nicht alles täuscht, hat ihr jemand eine Portion Cyanid in den Kaffee gekippt.“

„Erst Gringer, dann Oliver Carr, jetzt Jill Lark“, fasste June zusammen. „Ergibt das einen Zusammenhang?“

„Ganz bestimmt, nur bin ich leider außerstande, ihn zu sehen“, meinte Bount.

„Du bist auch schon besser gewesen“, stichelte June.

„Mit leerem Magen denkt sich’s schlecht“, sagte Bount und erhob sich. „Ich gehe erst mal was essen. Bist du so gut und suchst mir Ed Skormanskys Adresse heraus?“

„Um Himmels willen, wer ist denn das?“

„Cobellis rechte Hand, der Mann, der die Schläger und Killer des Syndikats befehligt. Blacky war einer seiner Leute. Du findest Ed im Telefonbuch, nehme ich an. Zwei Leute seines Namens dürfte es in dieser schönen Stadt kaum geben.“

June war schon am Blättern. Sie stieß ihren Zeigefinger auf einen Namen, „Das ist er“, sagte sie. „Brooklyn, Egan Avenue 72.“

„See you later“, sagte Bount, erhob sich und ging.

Das Haus Egan Avenue 72 war ein Office-Building mit neun Stockwerken, in dem sich eine Versicherung namens INTERMUTUAL niedergelassen hatte. Im achten und neunten Stockwerk befanden sich große Etagenwohnungen. Die von Ed Skormansky befand sich im Dachgeschoss und hatte den Charakter eines Penthouses. Da der Lift in der achten Etage endete, musste man eine Treppe benutzen, um die Wohnung zu erreichen. Sie war durch ein gusseisernes Gittertor gesichert. Bount drückte auf den Klingelknopf und nannte, als eine Lautsprecherstimme nach seinem Begehr fragte, seinen Namen. Der Summer ertönte, die Tür öffnete sich. Bount stieg die Treppe hinauf. An ihrem oberen Ende empfing ihn ein stämmiger, knapp dreißigjähriger Mann mit Bulldoggengesicht und Catchernacken.

„Legen Sie mal die Pfoten gegen die Wand“, schnauzte ihn der Mann an.

Bount gehorchte und ließ sich nach Waffen abklopfen. „Sie haben sich wirklich was Nettes für den Empfang Ihrer Besucher ausgedacht“, sagte Bount.

„Kommen Sie“, knurrte das Bulldoggengesicht.

Die Wohnung war riesengroß und super elegant. Es war leicht zu erkennen, dass die Einrichtung von einem Innenarchitekten besorgt worden war. Skormansky saß in seinem Arbeitszimmer. Er war nicht allein. Am Fenster stand ein Mann und blickte hinaus. Er drehte sich bei Bounts Eintritt nicht einmal um.

Skormansky stand auf und kam dem Besucher entgegen. Wenn man wusste, welche Position Skormansky innerhalb des Syndikats bekleidete, musste sein Äußeres überraschen. Es war keineswegs unsympathisch und wurde von einem glattrasierten, freundlichen Gesicht geprägt. Skormansky war schätzungsweise 30 und galt als ein Youngster unter den Etablierten der Branche. Er hatte dunkelblondes, glatt zurückgekämmtes Haar und tiefblaue Augen.

„Hallo, Bount Reiniger“, empfing er Bount. „Das sind Sie doch, nicht wahr? Ihr Name ist fast schon Legende. Ich mag Leute, die es zu Lebzeiten soweit bringen. Mir imponiert Leistung, wissen Sie.“

„Wenn man Sie hört, könnte man meinen, Sie sprächen mit einem Achtzigjährigen.“

Skormansky lachte. Er rückte Bount einen Sessel zurecht. „Sie sind ein Schnellstarter gewesen, genau wie ich. Schnellstarter haben oft Mühe, sich zu halten, aber Sie haben das geschafft. Von mir kann ich nur hoffen, dass sich die Dinge im gleichen Stil entwickeln.“

Bount setzte sich. „Es liegt an Ihnen, dieses Ziel zu erreichen“, sagte er. „Aber natürlich ist es bei der sehr unterschiedlich gearteten Zielsetzung unserer Interessen nicht gerade leicht, Parallelen zu ziehen.“

„Du kannst uns allein lassen, Bob“, sagte Skormansky.

Der Mann am Fenster drehte sich um und verließ den Raum, ohne Bount einen Blick zu schenken.

„Ein freundlicher Zeitgenosse“, sagte Bount, nachdem sich die Tür hinter dem Mann geschlossen hatte.

„Bob ist okay, aber Konversation und gute Manieren gehören nicht zu seinen Vorzügen“, meinte Skormansky lächelnd. „Was führt Sie zu mir, Reiniger?“

„Ich wüsste gern etwas über Blackys Tod.“

„Was davon bekannt ist, steht in den Zeitungen. Dieses Monster hat Blacky erschossen.“

„Sie und ich wissen, dass Hugo Leicester kein Monster ist“, sagte Bount. „Er handelte in Notwehr.“

„Das sagt er. Ich glaube ihm nicht. Warum hätte Blacky ihn bedrohen sollen?“

„Blacky war bewaffnet, als er zu Hugo kam, das steht fest.“

„Blacky war ein Waffenfetischist, der hatte immer irgendeine Kanone bei sich, das weiß jeder, der ihn kannte“, sagte Skormansky schulterzuckend.

Bount seufzte. „Wir können das Gespräch auf dieser Ebene fortführen“, sagte er, „aber ich fürchte, das würde weder Sie noch mich befriedigen. Wir wissen doch, was gespielt wird, Ed. Sie arbeiten für Cobelli. Blacky war ein Mann Ihres Teams. Er war in die Disziplin genommen und würde schwerlich etwas ohne Ihr Okay getan haben. Mit anderen Worten: Sein Besuch bei Hugo Leicester war das Ergebnis Ihres Befehls, Sie werden bestreiten, dass es sich so verhielt, aber das bringt uns nicht weiter. Mir geht es gar nicht so sehr um den Tod von Don Keller, mich interessiert nicht einmal die Flucht von Hugo Leicester. Ich bin vor allem an Nick Gringer interessiert, oder wie immer der Mann geheißen haben mag. Kannten Sie ihn?“

„Ich bin mit der Geschichte vertraut, weil ich ein eifriger Zeitungsleser bin. Ich weiß nichts von diesem Nick Gringer. Überhaupt nichts. Zufrieden?“

Skormanskys Lächeln war sanft, freundlich und vertrauenerweckend, aber Bount wusste und spürte, dass es aufgesetzt war, ein Stück Lüge, ein Akt vollkommener Schauspielkunst.

„Nun gut“, seufzte Bount, „dann muss ich mich an den Captain wenden und ihm sagen, zu welchen Schlüssen ich gekommen bin. Sie werden ihn interessieren.“

,,Sie können mich nicht einschüchtern, Reiniger. Sie schaffen es auch nicht, mir zu drohen. Die Sache mit Blacky war ein Betriebsunfall. Niemand hat ihn gewollt, schon gar nicht Blacky. Übrigens hat der Captain schon mit mir gesprochen. Rogers wollte wissen, welche Aufgaben Blacky in meinem Namen zu lösen hatte.“

„Was haben Sie ihm geantwortet?“

„Die Wahrheit. Ich kenne Blacky, sehr gut sogar, aber das bedeutet keineswegs, dass er auf meiner Lohnliste steht. Hin und wieder fiel mal ein Job für ihn ab. Irgendeine Kleinigkeit, aber er ist nicht mein Angestellter.“

„Wir sind schon wieder beim Blablabla“, sagte Bount.

Skormansky strahlte. „Das ist nun mal die Konversation unserer Zeit“, sagte er. „Sie wird auch die 80er Jahre bestimmen. Was danach kommt, kratzt mich nicht. Wir Menschen haben leider aufgehört, uns viel zu sagen.“

„Ich habe Ihnen eine ganze Menge zu sagen“, stellte Bount fest.

„Ich höre“, sagte Skormansky lächelnd. Er hatte sich Bount gegenüber niedergelassen und legte ein Bein über das andere. Seine freundlich wirkende Selbstsicherheit hatte fast unverschämte Züge. Falls er dennoch Ängste hegte, die im Zusammenhang mit den Giftmorden standen, zeigte er sie nicht. Bount begriff in diesem Augenblick, was Skormansky in so jungen Jahren zu einem Mann in gehobener Position gemacht hatte, zu einem Vertrauten von Cobelli. Skormansky hatte keine Nerven.

„Das Syndikat“, sagte Bount, „war hinter Gringer her. Den entscheidenden Tipp hat es von Hugo Leicester bekommen. Nachdem Gringer aus dem Wege geräumt worden war, hielten Sie oder Ihr Boss es für angezeigt, auch den Informanten aussteigen zu lassen. Ich weiß, dass das nur eine Theorie ist. Ich habe keine Ahnung, wie und wo dabei solche Leute wie Oliver Carr und Jill Lark ins Bild kommen, aber ich werde herausfinden, was es damit für eine Bewandtnis hat. Wir sprechen uns noch, Skormansky, und zwar schon bald. Ich habe allerdings Zweifel, ob Ihnen diese Unterhaltung gefallen wird.“

Skormansky stand auf. Er lächelte nicht mehr und ballte die Hände zu Fäusten.

„Sie können wahrhaftig nicht behaupten, dass ich Sie unfreundlich empfangen habe, Reiniger“, meinte er. „Wie gesagt, ich schätze Prominenz. Dennoch würde ich nicht mal vom Präsidenten dieses Landes ungerechtfertigte Vorwürfe hinnehmen. Ich würde mich zur Wehr setzen. Ich zeige Ihnen, wie.“

Er schlug zu.

Bount, der noch saß, riss den Kopf zur Seite, aber die blitzschnelle Reaktion kam zu spät. Skormanskys Linke traf sein Kinn.

Bount war im Nu auf den Beinen. Er nahm die Deckung hoch. Ehe er aber soweit war, landete Skormansky den zweiten Treffer. Er hatte den Drive und die Wirkung eines Profischlages.

Die Umgebung löste sich vor Bounts Blicken in Wellenlinien auf. Er schaffte es mühsam, auf den Beinen zu bleiben, aber es war klar, dass er kaum wusste, was er tat und dass sein Widerstand mehr Reflex als Bewusstseinsarbeit war.

Skormansky lachte. Dann schlug er ein weiteres Mal zu. Es war ein hässlicher und zudem gefährlicher Schlag unter die Gürtellinie.

Bount schnappte nach Luft und fiel um wie ein gefällter Baum.

„Du Schwein!“, sagte Skormansky. „Du dreckiges Miststück! Dir zeige ich’s!“

Die Tür öffnete sich. Der Mann, der bei Bounts Ankunft am Fenster gestanden hatte, steckte seinen Kopf ins Zimmer. „Werde ich gebraucht?“, fragte er.

Skormansky stieß die Luft aus. Dann lachte er. „Wie du siehst, komme ich prima allein zurecht.“

Der Mann blickte auf Bount. „Gute Arbeit“, lobte er und zog sich zurück.

Bount hatte Mühe, sein Bewusstsein im Griff zu behalten. Es versuchte immer wieder in die schwarzen Nebel einer Ohnmacht abzudriften. Seine Rippen schmerzten, und das gefiel ihm nicht. Noch viel weniger gefiel ihm, wie Skormansky über ihn hergefallen war, praktisch ohne Vorwarnung.

„Steh’ auf, du langer Lulatsch“, knurrte Skormansky und stieß seinem Besucher in die Seite. Bount quälte sich auf die Beine. Er spuckte kurz, wischte sich mit dem Handrücken über den Mund und war verzweifelt bemüht, das Schwächegefühl abzuschütteln, das ihn gefangen hielt.

Skormansky grinste höhnisch. „Wer immer nur auf der Suche nach Scheidungsmotiven ungetreuen Männern oder Frauen hinterherläuft, kriegt Plattfüße, der schadet seiner Form“, höhnte er. „Was hat dich bloß auf den Gedanken gebracht, dich um Ronny zu kümmern?“

„Ronny? Wer ist Ronny?“, murmelte Bount. Er hielt sich mit einer Hand an einer Sessellehne fest und sah, wie sich in Skormanskys Gesicht etwas veränderte. Es schien, als fiele ein Rollo darüber. Kein Zweifel, Skormansky hatte sich verplappert. Es war erstaunlich, dass das einem Mann wie ihm überhaupt passieren konnte.

„Verschwinde, und vergiss nicht, dass du bei einem zweiten Besuch dieser Art weniger glimpflich davonkommen wirst“, drohte Skormansky. Er schlug erneut zu, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. Diesmal schaffte es Bount, der heran fliegenden Faust mit einem Sidestep zu entkommen.

Skormansky staunte. Er hatte nicht damit gerechnet, dass Bount sich so rasch fangen würde. Aber größer noch als Skormanskys Verblüffung war seine Wut. Er schlug nicht gern ins Leere. Also schickte er erneut die Rechte auf die Reise. Seine Knöchel schrammten über Bounts Wange, aber sie traf nicht voll.

Bount ging auf Distanz. In Situationen wie diesen brachte er es fertig, ganz cool zu sein. Er ließ seine Wut nicht in sein Handeln einfließen, sie blieb gleichsam draußen vor der Tür.

Skormansky fluchte. Er griff mit beiden Fäusten an. Er wollte einen weiteren Erfolg verbuchen, wollte Bount noch einmal am Boden sehen.

Bount ließ Skormansky voll auflaufen. Skormansky schnappte nach Luft, als er den Treffer hingenommen hatte. Für eine volle Sekunde war er wie gelähmt. Er verstand nicht, dass ein Mann, der vor Sekunden noch am Boden gelegen hatte, schon wieder zu fighten vermochte.

Bount ließ ihm keine Chance. Noch ehe die Schrecksekunde Skormanskys verklungen war, traf Bounts Rechte.

Jetzt war Skormansky angeschlagen. Er stand immer noch auf den Beinen und war sichtlich entschlossen, das Blatt zu wenden, aber er hatte keine Aussicht, damit durchzukommen. Bounts Fäuste beherrschten die Situation. Die Linke kam voll durch. Skormansky fiel um. Bount beugte sich über den Gegner und klopfte ihn nach Waffen ab. Skormansky hatte tatsächlich eine bei sich. Er trug einen Revolver im Schulterholster. Bount nahm die Waffe an sich.

In diesem Moment öffnete sich die Tür. Der Gorilla steckte erneut grinsend den Kopf ins Zimmer. „Hast du ihn ..“, begann er, unterbrach sich jedoch abrupt, als er feststellte, dass es einen Szenenwechsel gegeben hatte.

„Nimm die Klauen hoch, Freundchen“, sagte Bount, richtete sich auf und ließ den Gorilla in die Waffenmündung blicken. Der Gorilla gehorchte schweigend.

Bount ging zur Tür. Er stieß dem Gorilla die Waffe in die Seite, knöpfte ihm den Smith & Wesson ab, leerte Trommel und Lauf von den darin befindlichen Patronen, gab dem Gorilla die Waffe zurück und durchquerte die Diele. Der Mann, der Bount hereingelassen hatte, war nicht zu sehen. „Sag Skormansky, dass er sich seine Kanone bei mir abholen kann“, erklärte Bount vor dem Verlassen der Penthousewohnung. „Mache ihm klar, dass er sie nur dann bekommt, wenn er mir dafür einen gültigen Waffenschein vorlegt.“



12

In Lyonel Dissingers Vorzimmer saß an diesem Morgen eine ältere, nervös wirkende Dame mit Brille und im Nacken verknotetem Haar. Bount legte ihr seine Karte auf den Schreibtisch. „Melden Sie mich Mr. Dissinger, bitte“, sagte er.

Die nervöse Dame griff nach dem Kärtchen, überflog es und wurde noch unruhiger, als sie Bounts Beruf entdeckte. Sie murmelte etwas Unverständliches, verschwand hinter der Tür von Dissingers Privatbüro und tauchte Sekunden später wieder auf. „Mr. Dissinger lässt bitten, Sir“, murmelte sie.

Dissinger kam Bount entgegen, mit einer roten Nelke im Knopfloch. Er streckte dem Besucher mit freundlichem Ernst die Hand entgegen. „Ist es möglich, dass ich von Ihnen schon gehört habe?“, fragte er.

„Das ist nicht auszuschließen“, bestätigte Bount.

„Nehmen wir in der Sesselgarnitur Platz“, schlug Dissinger vor und machte eine einladende Handbewegung. „Was kann ich für Sie tun, Sir?“

Sie setzten sich. „Ich war gestern schon einmal hier. Ich war dabei, als Ihre Sekretärin umkippte, und ich war es auch, der den Notarztwagen alarmierte.“

„Oh, das waren Sie? Dann muss ich mich bei Ihnen für Ihre Umsicht bedanken. Wenn Miss Lark zusammengebrochen wäre, ohne sofortige Hilfe zu bekommen, hätte sie leicht ein Opfer der Vergiftung werden können, nicht wahr?“

„Kaum“, sagte Bount. „Ich habe mit dem Krankenhausarzt gesprochen. Die Laboruntersuchung von Miss Larks Mageninhalt lässt keinen Zweifel daran, dass es sich um keine tödliche Giftmenge gehandelt hat.“

„Was schließen Sie daraus?“

„Ehe ich Ihnen das sage, wüsste ich gern, wie Sie zu Miss Lark stehen.“

„Ich schätze sie. Sie ist beweglich, stets präsent und von bemerkenswertem Intellekt.“ Er lächelte matt. „Wo findet man das heute schon noch einmal, Attraktivität plus Intelligenz? Miss Lark hatte beides. Ich habe sie schon mal zum Essen eingeladen, ich kann auch nicht leugnen, dass sie mich als Frau reizt, Sie wissen schon , aber ich würde nicht mal im Traum daran denken, mit ihr flirten zu wollen. Solche Dinge sind für einen Mann in meiner Position tabu, sie schaden der Autorität.

Außerdem würde die Firmenleitung daran Anstoß nehmen. Sie werden verstehen, dass ich keine Lust habe, mir meine Chancen zu verderben.“

„Sie sind Finanzdirektor. Ist das nicht schon einer der einflussreichsten Posten innerhalb der Firma?“

„Das ist fraglos richtig, aber natürlich gibt es noch Entwicklungsmöglichkeiten“, sagte Dissinger. „Zum Beispiel hätte ich nichts dagegen, im kommenden Monat zum Vizepräsidenten gewählt zu werden. Für diesen Posten ist der Ruf totaler Integrität unerlässlich. Nein, zwischen Miss Lark und mir hat es nichts gegeben und wird es nichts geben.“

„War sie mit Oliver Carr befreundet?“

„Wie kommen Sie denn darauf?“

„Ich suche eine Verbindung. Oliver Carr wurde vergiftet, genau wie Miss Lark.“

„Das ist richtig“, sagte Dissinger und zeigte zum ersten Mal Anzeichen von Unruhe. „Ich habe selbst schon darüber nachgedacht, aber ich muss zugeben, dass mir dazu nichts Plausibles eingefallen ist. Festzustehen scheint nur, dass der Täter in der Firma zu suchen ist.“

„Haben Sie schon mal den Namen Gringer gehört? Nikolaus Gringer?“

„Nein.“

„Er war mit Miss Lark befreundet. Jetzt ist er tot. Das Gift, das sein Ende verursachte, ist in der Zusammensetzung identisch mit dem, das Carr tötete und Miss Lark ins Krankenhaus brachte.“

„Phantastisch“, murmelte Dissinger. „Ich habe dafür keine Erklärung.“

„Was war Carr für ein Mann?“ Dissinger räusperte sich. „Darüber möchte ich lieber nicht sprechen.“

„Es geht um Mord, Mr. Dissinger.“

„Das hat mir auch schon die Polizei gesagt. Ich weiß, worum es geht, aber finden Sie es fair, wenn man einen Toten auf die Anklagebank setzt?“

„Wenn ich Sie richtig verstehe, hat Oliver Carr sich der Firma gegenüber nicht korrekt verhalten?“

„Er hat Unterschlagungen begangen. Die Schadenshöhe hält sich in Grenzen, aber dieser Umstand entschuldigt in keiner Weise, was Carr getan hat.“

„Können Sie nicht genauer werden?“

„Er arbeitete in der Computerabteilung. Es ist ihm gelungen, unseren Kontrollsystemen ein Schnippchen zu schlagen. Er hat fiktive Rechnungssummen auf ein Konto überweisen lassen, zu dem nur er Zugang hatte.“

„Wissen Sie genau, wie viel er auf diese Weise an sich zu bringen vermochte?“

„Meine Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen. Alles deutet darauf hin, dass er sich um schätzungsweise fünfzehntausend Dollar bereichert hat. Ich hatte vor, ihn zur Rede zu stellen und aus der Firma zu werfen, aber dann kam sein jähes Ende dazwischen.“

„Haben Carr und Miss Lark sich gekannt?“

„Das müssen Sie Miss Lark fragen. Ich habe die beiden niemals zusammen gesehen.“ Dissinger erhob sich. Er trat hinter seinen Schreibtisch, schob ein Bild von der Wand und legte damit eine quadratisch geformte Tresortür frei. Er öffnete ihr Kombinationsschloss und nahm eine Dose aus dem Safe. „Kaffee“, sagte er und wandte sich um. „Ich bin gewarnt. Ich mache mir meinen Kaffee jetzt selbst. Ich habe keine Lust, das Schicksal von Carr und meiner Sekretärin zu teilen. Gedulden Sie sich einen Moment, bitte. Ich setze nur rasch das Wasser auf.“ Er verschwand hinter der Tür seines Waschraumes und tauchte eine Minute später wieder auf. „Ich hoffe“, sagte er, „sie leisten mir beim Kaffeetrinken Gesellschaft.“

„Brauchen Sie jemand, der ihn abschmeckt?“, spottete Bount.

„Ich bin ganz schön verunsichert, das dürfen Sie mir glauben“, sagte Dissinger.

„Haben Sie schon mal den Namen Ronny gehört?“

„Kann schon sein. In welchem Zusammenhang wollen Sie ihn gebracht sehen?“

„Der Mann, der Gringer hieß, Nikolaus Gringer, trägt in Wahrheit den Namen Ronny. Ich wüsste gern, wie der Zuname beschaffen ist.“

„Du lieber Himmel, warum fragen Sie mich? Ich habe keine Ahnung“, versicherte Dissinger.

„Sie waren gestern in Pittsburgh?“

„So ist es. Ich wurde telefonisch von dem in Kenntnis gesetzt, was meiner Sekretärin widerfahren ist.“ Er blickte auf seine Uhr. „Ich habe die Absicht, sie nach dem Essen im Krankenhaus zu besuchen.“ Er stand auf, verschwand im Waschraum und kehrte zwei Minuten später mit einem Tablett zurück, auf dem er eine Kanne und zwei Tassen balancierte. „Wenn Sie Angst vor dem Kaffee haben, brauchen Sie ihn nicht zu trinken“, meinte Dissinger und stellte das Tablett auf dem Tisch ab.

Bount sah zu, wie der Finanzdirektor die Tassen füllte. Seine Hand zitterte kaum merklich. „Ist es nicht eher so, dass Sie Angst haben?“, fragte Bount.

Dissinger stellte die Kanne hart ab. „Ja, ich habe Angst“, bekannte er. „Ist das ein Wunder?“

„Nein.“

„Nehmen Sie Sahne?“, fragte Dissinger und erhob sich, ohne Bounts Antwort abzuwarten. Dissinger holte eine Dose aus dem Schreibtisch und stellte sie auf den Tisch. Sie war geöffnet. „Die“, warnte Bount, „könnte vergiftet sein.“

„Machen Sie Witze?“, murmelte Dissinger konsterniert.

„Welchen Sinn hat es, den Kaffee in den Safe zu stellen und die Sahne nicht zu sichern?“

„Sie haben recht. Wir rühren das Zeug besser gar nicht erst an“, meinte Dissinger und schob die Dose beiseite. „Lieber Himmel, dieser Giftmischer bringt den ganzen Laden durcheinander. Sie sind Privatdetektiv, haben Sie keine Erklärung für das abstruse Geschehen?“

„Ich könnte mir denken, dass Miss Larks Vergiftung nur simuliert wurde.“

„He?“

„Wenn meine Hypothese zutrifft, dann ist Miss Lark auf irgendeine Weise in die begangenen Verbrechen verwickelt. Um jeden so gearteten Verdacht auszuschalten, kam sie auf die Idee, sich selbst zu vergiften. Sie nahm eine Dosis, die ihr nicht ernsthaft schaden konnte.“

Dissinger riss die Augen weit auf. „Das glauben Sie?“, murmelte er.

„Es ist eine durchaus wahrscheinlich anmutende These, nicht wahr?“

„Sie kennen Jill nicht. Miss Lark, meine ich. Sie wäre einfach nicht fähig, ein Verbrechen zu begehen. Weshalb hätte sie, um bei Ihrer absurden Theorie zu bleiben, einen Mann wie diesen Oliver Carr umbringen sollen, einfach vergiften? Sie hat ihn nicht einmal gekannt.“

„Doch, sie hat ihn gekannt. Er arbeitete in ihrer Firma“, sagte Bount.

„Natürlich wusste sie, wer er war, aber das bedeutet doch nicht, dass sie intime Beziehungen zu ihm unterhielt!“

„Es wird Sie interessieren, zu erfahren, dass ich mich vor allem deshalb für den Fall interessierte, weil ich zufällig zugegen war, als dieser Ronny seine letzten Worte äußerte. Er starb in meinen Armen. Dabei fiel der Name Jill.“

„Es gibt viele Jills, allein in dieser Stadt mindestens einhunderttausend, würde ich sagen.“

„Richtig, aber wie viele Jills mag es wohl geben, die in Giftanschläge verwickelt wurden, bei denen Cyanid eine Rolle spielte?“, fragte Bount. „Setzen wir einmal den Fall, dass Jill Oliver Carr besser gekannt hat, als Sie es sich träumen lassen. Vielleicht hat er das Geld für Sie unterschlagen. Sie wollte möglicherweise mehr, immer mehr. Er wollte aussteigen und sich zu den Unterschlagungen bekennen. Um dem zuvorzukommen, brachte die in Zugzwang geratene Jill ihren Liebhaber um.“

„Das ist eine verrückte These. Sie kann nur von einem Mann kommen, der Jill, pardon, Miss Lark, nicht kennt.“

„Finden Sie?“

„Es ist leicht, Jill Lark und Oliver Carr in Verbindung zu bringen, schließlich arbeiten sie in einer Firma, aber wie und wo kommt dieser Nikolaus Gringer ins Spiel?“

„Er war reich. Es kann sein, dass das Geld, für das sein Mörder sich interessierte, aus Mafiaquellen oder anderen illegalen Kanälen stammte, aber das steht auf einem anderen Blatt, Was den Mörder vordringlich gereizt und was er an sich gebracht hat, war Gringers Geld. Ronnys Geld. Ich weiß, dass Jill Ronny gekannt hat. Sie stellt es nicht einmal in Abrede.“

„Oh“, hauchte Dissinger.

Bount trank seinen Kaffee, verabschiedete sich und ging. Aus der nächsten Telefonzelle telefonierte er mit seinem Office. June gab ihm Wilkie Lenning an die Strippe. „Schnapp dir einen weißen Pflegerkittel und dringe unter einem Vorwand in Miss Larks Krankenzimmer ein“, bat Bount. „Zaubere eine Wanze in den Raum und zeichne auf, was zwischen Jill Lark und ihrem Boss, Lyonel Dissinger, gesprochen wird. Dir bleibt nicht viel Zeit. Er wird sie in schätzungsweise zwei Stunden mit seinem Besuch beehren.“



13

Jill sah blass aus, aber sie lächelte, als Lyonel Dissinger mit einem großen Blumenstrauß das Krankenzimmer betrat. Sie waren allein.

„Wie geht es dir?“, fragte er und legte den in Zellophanpapier verpackten Strauß auf dem Nachtschränkchen ab.

„Großartig. Ich fühle mich noch ein wenig schwach, aber die Rekonvaleszenz macht Fortschritte. Ich wusste nicht, wie toll es ist, von anderen umsorgt zu werden.“ Sie griff nach einem Papierblatt, das sie unter dem Kopfkissen liegen hatte und überreichte es Dissinger. Es war in Blockbuchstaben mit einem grünen Filzschreiber beschriftet. Der Inhalt lautete:

VORSICHT! UNTER FENSTERBRETT KLEBT WANZE!

Dissinger steckte den Zettel ein. Er bückte sich, um nachzusehen, ob die Information stimmte. Er setzte sich, stand aber sofort wieder auf, löste die Wanze von ihrem Platz und warf sie kurzentschlossen aus dem Fenster.

„Das war dumm von dir“, sagte Jill stirnrunzelnd. „Es wäre klüger gewesen, die Schnüffler zu bluffen.“

„Wer sind sie?“

„Keine Ahnung. Ein junger Mann war hier, in weißem Kittel. Ich habe mich schlafend gestellt. Er hat kurz gelüftet, dann ging er wieder hinaus. Ich begriff sofort, dass etwas mit ihm nicht stimmen konnte. Ich stand auf und schaute mich am Fenster um, dabei stieß ich auf die Wanze.“

„Ich tippe auf Bount Reiniger“, sagte Dissinger.

„Ein unangenehmer Typ“, erklärte Jill.

„Er weiß zu viel.“

„Das hilft ihm nicht weiter. Er kann nichts beweisen“, meinte Jill.

„Das sehe ich anders. Er kann dir und mir erhebliche Schwierigkeiten machen.“

„Was schlägst du vor?“

Dissinger grinste gequält. „Wir geben ihm zu kosten, was den anderen so schlecht bekommen ist. Wie denkst du darüber, Liebling?“

„Eine großartige Idee“, sagte Jill. „Ich wünsche Bount Reiniger dazu schon jetzt guten Appetit.“



14

Er traf das Mädchen in einem Schnellimbiss. Sie hatte kurzgeschnittenes, rot gefärbtes Haar und hübsche blaue Augen. Bekleidet war sie mit einem knapp sitzenden Pulli und Cordhosen. Ein Seidentuch um den Hals sorgte für einen kessen Akzent. „Hallo“, sagte Bount und setzte sich zu ihr an den Tisch. „Sie waren mit Oliver befreundet, nicht wahr?“

„Wer sind Sie?“

„Ich heiße Bount Reiniger und bin Privatdetektiv.“

„Oh“, machte sie.

„War die Polizei schon bei Ihnen?“

„Ich wüsste nicht, was ich ihr sagen sollte. Zwischen Oliver und mir lief seit Monaten nichts mehr. Wer hat Ihnen gesagt, dass ich mit ihm befreundet war?“

„Ich hab’s von den Jungens erfahren, mit denen er im Hause wohnte und gelegentlich Billard spielte.“

„Okay, was wollen Sie wissen?“

„Warum haben Sie sich von ihm getrennt? Oder war er es, der Schluss machte?“

„Ach, wissen Sie, wer kann das so genau sagen? Nach meinem Dafürhalten hatte er sich in diese Puppe aus der Firma verknallt. Ich war plötzlich aus dem Geschäft. Mir war’s ganz recht, ich war nämlich auch dabei, mich neu zu orientieren.“ Sie lächelte, streckte die Hand aus und zeigte Bount ihren Verlobungsring, „Alles echt“, sagte sie. „Wie finden Sie ihn?“

„Klasse“, sagte Bount. „Wer war das Mädchen, für das Oliver sich begeisterte?“

„Ich weiß nur, dass sie Jill hieß. Er hat sie mir gegenüber ein einziges Mal erwähnt, aber ich habe ihn einmal in ihrer Begleitung gesehen, drüben in Long Island. Sie gingen Arm in Arm, wie Verliebte. Einmal blieben sie stehen und schauten sich tief in die Augen. Das Mädchen hob sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn. Es sah richtig niedlich aus, ungefähr so, als durchlebten sie eine Pennälerliebe. Jetzt kann ich darüber lächeln, aber an jenem Tag war ich ganz schön sauer. Das muss vor zwei oder drei Wochen gewesen sein“, fügte sie hinzu.

„Können Sie das Mädchen beschreiben?“

„Sie sah wirklich gut aus. Sie trug ein taubenblaues Kostüm, und auf dem Kopf hatte sie so’n Käppi, wie sie jetzt in Mode sind. Ihr...“

„Danke“, fiel Bount dem Mädchen ins Wort. „Das genügt.“

Er stand auf und verließ das Lokal. Als er die Straße überquerte, merkte er, dass jemand hinter ihm war. Bount erreichte seinen Wagen und zuckte auf den Absätzen herum. Das Manöver brachte ihm aber nicht mehr ein als den Anblick eines schweren Revolvers, den ein bulliger, knapp dreißigjähriger Mann auf ihn gerichtet hielt.

„Was ist das“, murmelte Bount, der blitzschnell die Situation erfasste. „Ein Holdup?“

Der Gunman verhielt sich wie ein Profi. Er deckte die Waffe zum Bürgersteig hin mit seinem Körper ab. Zur Straße hin wurde er durch Bounts 450 SEL abgeschirmt.

Niemand blickte zu ihnen hin. Die Straße war kaum belebt.

„Du ziehst mit der Linken deine Kanone aus dem Holster und lässt sie fallen“, schnauzte der Gunman,

„Ich bedaure dich enttäuschen zu müssen“, sagte Bount. „Ich habe nichts dergleichen im Angebot.“

„Okay, das werden wir gleich haben. Du gehst voran, in diese Richtung“, befahl der Gunman und machte eine Bewegung mit der Waffenmündung. „Zwanzig Schritte genügen. Dann biegst du in das schmale Alley ein. In der Gasse erwartet dich eine hübsche, kleine Überraschung.“

„Großartig“, sagte Bount und trabte los, ohne erkennbare Hast. „Ich liebe Überraschungen. Sie erinnern mich an meine Wundertütenjahre.“

Der Gunman blieb dicht hinter ihm. Er hatte die Hand mit dem schweren Revolver in die Jackentasche geschoben. Es gab keinen Zweifel, dass sein Finger am Abzug geblieben war.

Bount spannte die Muskeln, als er in die Gasse einbog. Hinter einem Kistenstapel sprangen zwei Männer hervor. Einen davon kannte Bount. Es war Skormanskys Leibwächter. Sie gingen mit den Fäusten auf ihn los. Bount keilte zurück und versuchte mit dem Rücken an die Wand zu kommen, aber er stolperte über ein vor schnellendes Bein und ging zu Boden.

Einer der Männer versuchte sich über ihn zu werfen. Bount stach die Hand hoch. Die Reflexbewegung traf mit ausgestreckten Fingern das Gesicht des Angreifers. Er jaulte wie ein getretener Hund und rollte zur Seite.

Im Nu war der Zweite heran. Bount konnte in der Wahl seiner Mittel nicht zimperlich sein. Sein hochfliegender Fuß traf den Gangster an einer Stelle, wo es weh tat. Der Gangster stieß einen Schrei aus, ging neben Bount zu Boden und krümmte sich.

Bount war sofort wieder auf den Beinen, federnd und mit geballten Fäusten. Als er die auf sich gerichtete Schusswaffe des dritten Mannes sah, war freilich klar, dass der überraschende Anfangserfolg keine Chance hatte, ausgebaut zu werden.

Im Gegenteil.

Sobald die Männer sich aufgerappelt hatten, würden sie ihm zeigen, was sie von Revanche hielten.

„Wer war die Puppe, mit der du gesprochen hast?“, wollte der Gunman wissen.

„Einfach ein hübsches Mädchen. Für so was habe ich eine Schwäche, darauf fliege ich“, sagte Bount.

„Dir stopfen wir noch die Schnauze!“

„Zu dritt sollte euch das längst gelungen sein. Steht ihr noch in der Ausbildung?“, höhnte Bount.

Er wusste, dass es dumm war, seine Gegner zu reizen, aber sie gehörten nun mal zu den Typen, bei denen er einfach nicht den Mund halten konnte.

Das Gesicht des Gunman lief rot an, aber er drückte nicht ab. Spätestens in diesem Moment wusste Bount, dass seine Gegner keinen Mordbefehl hatten, sondern lediglich den Auftrag, ihm einen Denkzettel zu verpassen.

Natürlich war das kein Freibrief. Gangster neigten dazu, dass bei ihnen sehr leicht eine Sicherung durchbrannte.

„Dreh’ dich um, leg’ die Pfoten gegen die Wand und spreiz’ die Beine“, schnaufte der Gangster.

Die beiden anderen Männer waren dabei, sich zu erheben. Sie hatten damit einige Mühe.

Bount drehte sich herum, er schien dem Befehl zu folgen, aber plötzlich wurde aus der Drehung ein richtiger Wirbel. Er flog buchstäblich herum und traf mit der hochfliegenden Handkante das Gelenk seines Gegners.

Der Karateschlag war hart und präzise. Die Waffe flog durch die Luft, krachte gegen eine Holzkiste und landete scheppernd auf dem Boden.

Noch ehe einer der Gangster imstande war, zu schalten, hatte Bount sich in den Besitz des Revolvers gesetzt. „Stinkt ab“, sagte er, „oder legt ihr Wert darauf, dass ich euch zum nächsten Revier schleppe?“

Keiner der Gangster sagte ein Wort. Sie trollten sich mit gesenkten Köpfen, Bount folgte ihnen auf die Straße. Er schob dabei die Waffe in seine Jackentasche, um jegliches Aufsehen zu vermeiden.

Die Gangster blickten sich wiederholt nach ihm um, aber sie trafen keine Anstalten, das verlorene Terrain zurückzuerobern.

„Grüßt Skormansky von mir“, rief Bount ihnen hinterher. Er war nicht so gutgelaunt, wie seine Stimme es vermuten ließ. Er hatte zwar eine kleine Schlacht gewonnen, aber bei Skormanskys Rachsucht war zu befürchten, dass daraus ein Bumerang werden würde.

Er fuhr zurück ins Office. Sein Team erwartete ihn im Vorzimmer. Wilkie saß auf Junes Schreibtisch und baumelte mit den Beinen. „Fehlanzeige“, meldete er.

Bount zog die Tür hinter sich ins Schloss. „Dissinger war nicht bei Jill?“

„Oh doch, aber plötzlich war Sendepause. Ich sah gerade noch, wie die Wanze aus dem Fenster flog.“

„Eine richtige kleine Show, was? Du bist unwiderstehlich, Wilkie, ein Erfolgstyp.“

„Okay, es war eine Panne“, gab Wilkie Lenning zerknirscht zu. „Die Puppe hat nicht geschlafen, sie hat bloß so getan, als ob sie pennte. Sie bot einen hübschen Anblick, wirklich, für den Typ könnte ich schwärmen.“

„Du würdest dir damit den Magen verderben“, prophezeite Bount.

„Sie muss beobachtet haben, wie ich die Wanze unter das Fensterbrett drückte. Dabei habe ich die Aktion mit dem Rücken abgeschirmt! Trotzdem“, schloss er grinsend, „war das Ganze nicht umsonst.“

„Nein?“

„Du hast mir berichtet, dass Lyonel Dissinger klare Distanz zu der Süßen hält, richtig?“

„Das hat er gesagt. Ich hab’s nur wiederholt, aber nicht geglaubt.“

„Was Dissinger gesagt hat, war’n Haufen Blech. Ehe er die Wanze aus dem Fenster schmiss, hat er Jill geduzt. Und sie ihn“, sagte Wilkie.

Bount spitzte die Lippen, sah aber nicht sonderlich überrascht aus. Er warf den Revolver in Wilkies zugreifende Hände. „Noch eine Kanone aus der Sammlung Skormansky“, sagte er. „Leg' sie zu der anderen in den Safe.“

„Was ist passiert?“, fragte June. Ihre Stimme klang besorgt. Das war nicht verwunderlich. Sie hatte genug von dem Cobelli-Mob gehört und wusste, wozu er imstande war.

„Skormansky kann einfach nicht verwinden, dass ich ihn in seinem trauten Heim auf die Matte gelegt habe“, sagte Bount. „Das will er mir heimzahlen. Aber natürlich sind bei ihm noch ein paar andere Überlegungen im Spiel. Er will mich abhängen. Er will erreichen, dass ich aus lauter Angst oder Respekt vor seinem Schlägertrupp aufhöre, in der Ronny-Geschichte herumzustochern. Er wird sich damit abfinden müssen, dass ich nicht eher locker lasse, bis der Fall geklärt ist.“

„Das klingt sehr hübsch und imponierend, geradezu mannhaft“, meinte June bitter, „aber ich kann nicht sagen, dass es klug ist. Dass dein Job voller Risiken steckt, liegt in der Natur der Sache, wir alle akzeptieren das. Aber ein kleiner Privatkrieg mit Einzelgängern lässt sich nicht mit dem vergleichen, was du jetzt herausforderst. Ich brauche dir nicht zu erklären, wie dabei das Kräfteverhältnis beschaffen ist.“

„Es geschieht nicht zum ersten Male, dass ich mich mit solch einem Verein anlege.“

„Das kann und muss nicht immer gutgehen. Skormansky ist nahezu unverwundbar. Selbst wenn es dir gelänge, ihn auszuschalten, hast du damit noch nicht Cobelli lahmgelegt. Viele Hunde sind des Hasen Tod, Bount.“

„Ich mag diese alten Sprüche. Sie treffen allemal den Kern eines Problems“, sagte Bount. „Nur kann ich dieses Mal nicht kneifen. Wenn ich es täte, könnte ich nicht mehr in den Spiegel blicken. Willst du mich im Ernst um dieses Vergnügen bringen?“

June lächelte schon wieder. „Das wäre herzlos, einfach nicht auszudenken. Ich mach’ dir einen Vorschlag. Wie wäre es, wenn du Wilkie und mich aktiv einschaltest? Das würde dir die Arbeit erleichtern und das Risiko verteilen.“

„Es gibt ein paar Risiken, die ich lieber allein trage. Der Fall Ronny gehört dazu.“

„Niemand bezahlt dich dafür“, klagte June.

„Du vergisst Jill Lark.“

„Die tausend Dollar habe ich abgeschrieben. Das Mädchen hat doch Dreck am Stecken. Du wirst ihr das Geld wiedergeben, davon bin ich überzeugt.“

„Du bist ein kluges Mädchen, June“, sagte Bount lächelnd, trat an June heran und küsste sie auf die Stirn.



15

Das Telefon klingelte. June griff nach dem Hörer und meldete sich. Bount beobachtete, wie ihre Augen groß und rund wurden. „Wann würde es Ihnen passen, Sir?“, fragte sie. „Ja, ich denke das lässt sich einrichten. In zwei Stunden. Ich rufe zurück, falls etwas dazwischenkommen sollte.“ Sie legte auf. „Das wirft mich um“, murmelte sie. „Er will dich sprechen. Du sollst ihn besuchen.“

„Du bist atemlos“, sagte Bount. „Soll ich ins Weiße Haus kommen?“

„Nein, zu Cobelli. Er war selbst am Apparat. Er hat einen Auftrag für dich.“

„Sein Pech. Ich arbeite nicht für ihn.“

„Das sagst du ihm am besten selbst. Er erwartet dich in zwei Stunden in seinem Haus in Long Island. Die Adresse lautet...“

Bount fiel June ins Wort. „Ich kenne das Grundstück. Es gleicht einer Festung. Ich wüsste gern, was Cobelli im Schilde führt.“

Bount fuhr nach Long Island. Trevor Cobellis Grundstück befand sich an der Rils Avenue, nur einen Steinwurf vom Jakob Rils Park entfernt. Eine mehr als mannshohe Hecke verwehrte den Blick auf den parkähnlichen Garten, in dessen Zentrum die Gebäude standen. Hinter dem hohen Gartenportal befand sich ein Pförtnerhäuschen mit Schrank. Als Bount davor stoppte, stellte er fest, dass sich auf der Innenseite der Hecken ein solider Maschendrahtzaun befand. Über Keramikknöpfe laufende Drähte signalisierten, dass der Zaun mit einer Alarmanlage gekoppelt war.

Im Zentrum des Parks standen einige Gebäude. Das große, langgestreckte Haupthaus hatte den Charakter eines englischen Landsitzes und imponierte mit roten Ziegeln und weißen Fensterläden. Es schien aus dem frühen neunzehnten Jahrhundert zu stammen.

Der Pförtner war ein junger, sonnenbebrillter Mann in Jeans und grauem Sweat-Shirt. Er ließ sich Bounts Ausweis geben und verglich das Foto mit dem Besucher. „Sie werden erwartet, Sir“, sagte er dann, öffnete die Schranke und gab den Ausweis zurück.

Bount fuhr bis vor das Haupthaus. Die Tür öffnete sich. Ein Mann Mitte der Zwanzig trat heraus. Der Mann sah nicht aus wie ein Gangster, eher wie ein junger Aufsteiger. Wie ein Mann, der sich dem Management und dem Erfolg verschrieben hat. Er hatte ein glattrasiertes, bebrilltes Gesicht und glänzte mit einem verbindlichen Lächeln.

„Mr. Cobelli erwartet Sie, Sir.“ Minuten später trat Bount dem Syndikatsboss gegenüber. Cobelli zählte mit seinen 55 zu den fast schon legendären Figuren der Szene, die immer wieder in den Medien als Drahtzieher des Big Business erwähnt wurden, denen man bislang aber nichts ans Zeug hatte flicken können.

Trevor Cobelli war ein mittelgroßer und keineswegs bedeutungsvoll aussehender Mann, der auf Anhieb vor allem durch seine stramme, soldatische Haltung auffiel. Sein Scheitel war exakt gezogen. Das silbergraue Haar wirkte wie pomadisiert. Cobelli hatte eine fahle, blasse Haut, die vermuten ließ, dass es mit seiner Gesundheit nicht zum Besten stand. Seine Augen waren ungewöhnlich hell. Der schmale Mund machte deutlich, dass Cobelli nicht unter Gefühlsneurosen litt.

Der Raum, in dem die beiden Männer zusammentrafen, war schlicht, aber elegant möbliert. Eine Längswand war mit dicht gefüllten Buchregalen bestückt. Cobelli gab Bount nicht die Hand, zeigte jedoch ein freundliches Lächeln, das nicht frei von eisiger Verächtlichkeit war.

„Setzen Sie sich, Mr. Reiniger“, sagte er.

Der Hausherr und sein Besucher nahmen vor dem Kamin Platz. Auf seinem Sims standen gerahmte Familienfotos.

„Wie ich hörte, hat Skormansky etwas eigenmächtig gehandelt“, sagte Cobelli lächelnd. „Ich möchte mich dafür entschuldigen.“

Bount erwiderte das Lächeln. „Wie Sie vermutlich vernommen haben, hatte ich keine Mühe, seine Eigenmächtigkeiten zu korrigieren.“

„Sie sind ein Mann, der mir imponiert“, sagte Cobelli. „Ich habe schon viel von Ihnen gehört. Das wenigste davon hat mir gefallen, aber ich muss bekennen, dass Ihre Erfolgsbilanz sich sehen lassen kann.“

„Danke.“

„Sie versuchen herauszubekommen, was es mit diesem Nikolaus Gringer für eine Bewandtnis hat. Ich bin bereit, Ihnen dabei zu helfen.“

„Tatsächlich?“

„Der Mann, der sich Nikolaus Gringer nannte, hieß in Wahrheit Ronald Tackers.“

Bount stülpte die Unterlippe nach vorn und überlegte. „Da rührt sich nichts in meiner Schaltzentrale“, stellte er fest.

„Kein Wunder“, meinte Cobelli. „Ronny war das, was man ein unbeschriebenes Blatt nennt, bis zu dem Tage jedenfalls, wo er Fähigkeiten und Aktivitäten entwickelte, die niemand ihm zugetraut hätte. Ronny besaß das Vertrauen meines Freundes Zanutti.“

„Toby Zanutti, Chicago?“, fragte Bount. Cobelli nickte. „Ein großer Mann. Toby war einmal ein wilder Gangster, der vor nichts zurückschreckte. Er bestreitet das nicht, also besteht für mich kein Anlass, sein Bild zu schminken. Ebenso wahr ist es jedoch, dass Toby es verstanden hat, sich legalen Geschäften zuzuwenden. Ich brauche Ihnen nicht zu erklären, dass es auch legale Glücksspiele gibt, legale Wettbüros, und so weiter, und so weiter.“

„Vergessen Sie nicht die Prostitution“, sagte Bount,

Cobelli lachte. „Ein großer Umsatzbringer, richtig. Aber was soll’s? Die Leute wollen das haben, und der Staat profitiert davon. Ich möchte wetten, dass Toby der größte Steuerzahler von Chicago ist.“

„Bleiben wir bei diesem Tackers“, empfahl Bount, der sehr genau wusste, was es mit Toby Zanutti für eine Bewandtnis hatte.

„Okay. Tackers arbeitete in Zanuttis Zentrale, in der Buchhaltung, um genau zu sein. Tackers war so etwas wie eine graue Maus. Tüchtig, bescheiden, beliebt und scheinbar loyal. Als einer von Tobys Geldboten ausfiel, erhielt Tackers den Auftrag, eine größere Geldsendung nach Atlanta zu bringen. Es handelte sich immerhin um sieben Millionen Dollar in bar. Das Geld ist niemals in Atlanta angekommen. Tackers auch nicht.“

Bount machte keinen Hehl aus seiner Skepsis. „Ein Mann wie Zanutti schickt kein Greenhorn mit sieben Millionen Dollar auf die Reise“, sagte er.

Cobelli lächelte. „Genau das hat er aber getan. Aus sehr einleuchtenden Gründen, Irgendwie war durchgesickert, dass das Geld auf die Reise gebracht werden sollte. Toby hatte ein paar Hinweise erhalten, dass es Leute gab, die versuchen wollten, den Transport abzufangen. Das brachte Toby auf die Idee, einen Mann zu schicken, bei dem niemand eine solche Summe vermuten würde, eben Tackers. Die Wahl war nicht so dumm, wie sie Ihnen heute erscheinen mag. Tackers war verheiratet, er hatte zwei Kinder. Die Ehe galt als glücklich. Natürlich ging Toby in diesem Fall davon aus, dass der treue, tüchtige Tackers nichts tun würde, um Ehe und Existenz aufs Spiel zu setzen. Aber genau das ist geschehen. Tackers konnte der Millionenversuchung nicht widerstehen. Er hat Job, Frau und Kinder im Stich gelassen. Er ist mit den sieben Millionen getürmt.“

„Wer hat das Geld jetzt?“

„Seine Mörder, nehme ich an“, sagte Cobelli. „Sie sollen das Geld für uns finden, Reiniger.“

„Soll das heißen, dass Sie mir vertrauen?“, spottete Bount.

Cobelli lachte leise. „Oh nein. Wir vertrauen Ihnen nicht. Wenn es um Millionenbeträge geht, ist man gut beraten, keinem zu trauen, nicht einmal dem besten Freund. Aber was sollen wir machen? Wir haben keine Wahl. Sie werden verstehen, dass Toby Zanutti kein Mann ist, der sich mit einem solchen Verlust zufriedengibt. Er will sein Geld wiederhaben, und er will diejenigen bestraft sehen, die versucht haben, ihn aufs Kreuz zu legen.“

„Was Tackers angeht, so hat der ja schon seine Strafe erhalten, oder?“

„Nicht von Toby, auch nicht von uns.“

„Wollen Sie mir nicht erklären, was im einzelnen geschehen ist?“

„Wenn ich das so genau wüsste, hätte ich Sie nicht herzubitten brauchen“, meinte Cobelli, „Was wir wissen, ist dies: Tackers hat sich mit Zanuttis Geld abgesetzt. Toby hat daraufhin an alle seine Freunde in den Staaten eine Art von Steckbrief verteilen lassen ... Fotos mit Tackers Daten. Hier in New York fast tausend. Missverstehen Sie mich bitte nicht. Mir ging es nicht um Tackers Skalp, ich wollte nur sein Geld. Zunächst hörten wir von keiner Seite etwas über unseren Freund, aber dann tauchten die ersten Hinweise auf, ein Tipp von hier, und einer von dort, und wir wussten plötzlich, dass Tackers in New York war. Natürlich verdoppelten wir unsere Anstrengungen, ihn zu finden. Ich ließ nochmals ein paar tausend Steckbriefe verteilen..

„Alles nur Ihrem Freund Zanutti zuliebe?“, fiel Bount Cobelli ins Wort.

Der lachte kurz. „Ja und nein. Ich muss der Korrektheit halber hinzufügen, dass Toby einen Finderlohn ausgesetzt hat. Zehn Prozent der Gesamtsumme. Sie werden verstehen, dass ich nicht abgeneigt wäre, sie zu kassieren.“

„Was geschah mit Leicester?“

„Der hat ihn erkannt. Er hat uns auch benachrichtigt, aber da war es schon zu spät.“

„Warum musste Leicester sterben?“

„Das müssen Sie Blacky fragen. Don Keller hatte keinen Auftrag, Leicester zu töten, weder von mir noch von Skormansky. Das müssen Sie mir glauben.“

„Weshalb hätte Keller den Händler töten sollen?“ .

„Das kann ich nur vermuten. Don Keller muss der Überzeugung gewesen sein, dass Leicester Tackers gut kannte. Blacky hat möglicherweise sogar geglaubt, dass Tackers und Leicester zusammenarbeiteten und dass sich ein Teil der Beute in Leicesters Besitz befand. Blacky wollte, glaube ich, den Alten nicht töten, er wollte ihn nur einschüchtern und zum Reden bringen. Leicester hat das missverstanden, er hat geschossen, ohne lange zu fackeln.“

„In diesen Überlegungen steckt nicht viel Logik. Wenn Leicester Ihre Organisation davon in Kenntnis setzte, dass er Tackers gesehen hat, muss Don Keller sich doch gesagt haben, dass es zwischen den beiden, also zwischen Tackers und Leicester, kein Vertrauensverhältnis gegeben haben kann!“

„Sie sehen das falsch. Blacky hat vermutlich angenommen, dass Leicester seinen Freund Tackers abzuhalftern wünschte, um das bei ihm verborgene Geld behalten zu können. Leicester ist kein Killer, auch wenn er getötet hat. Leicester wollte Tackers mit Hilfe des Syndikats loswerden. Deshalb der Tipp an uns. Aber in Wahrheit waren Tackers und Leicester Spießgesellen. So jedenfalls hat es Blacky gesehen. Die Kombination mag richtig oder falsch gewesen sein, für Don Keller endete sie tödlich.“

„Ich danke Ihnen für die instruktiven Hinweise“, sagte Bount. „Aber warum wenden Sie sich gerade an mich? Ein Mann mit Ihren Verbindungen und Talenten muss doch die Möglichkeit haben, selbst fündig zu werden.“

„Ich habe keine Lust, meine Leute allzu großen Versuchungen auszusetzen“, meinte Cobelli. „Sieben Millionen könnten selbst den Loyalsten weich werden lassen. Meine Wahl heißt Reiniger. Spüren Sie das Geld auf. Wie ich bereits erwähnte, stehen dem Finder zehn Prozent Belohnung zu. In diesem Fall müssten wir uns die Summe natürlich teilen. Dreihundertfünfzigtausend für mich, die andere Hälfte für Sie.“

„Das klingt verlockend.“

„Es ist ein einmaliges Angebot.“

„Sie haben nicht den leisesten Verdacht, wer Tackers aus dem Weg geräumt haben könnte?“

„Wir wissen, dass er in ein blondes, attraktives Mädchen verknallt gewesen sein muss, das ihn wiederholt im ,Roosevelt“ besuchte. Leider habe ich keine Ahnung, wer das Mädchen war. Sie gilt es zu finden, das ist klar.“

Bount stand auf. „Ich lasse mir das Ganze durch den Kopf gehen“, versprach er.

Cobelli erhob sich. „Dafür habe ich Verständnis“, meinte er und brachte den Besucher zur Tür. „Um eines freilich muss ich Sie bitten, Reiniger. Wiederholen Sie nicht Tackers Fehler. Wenn Sie das Geld aufspüren sollten, vergessen Sie bitte nicht, wem es gehört.“

„Ich werde bemüht sein, mich zu gegebener Stunde daran zu erinnern“, erwiderte Bount.

„Das kann ich einfach nicht machen“, sagte Bount, Er saß mit June beim Abendessen in einem kleinen, italienischen Restaurant, das sie häufig besuchten. Der fruchtige Rotwein hatte Junes Blick verträumt werden lassen, aber sie war weit davon entfernt, der Unterhaltung nicht folgen zu können.

„Ich kann verstehen, wie dir zumute ist“, meinte June. „Es widerstrebt dir, der Mafia als Geldbeschaffer zu dienen. Du vergisst dabei, dass das Geld den Leuten gehört... und dass du vermutlich kein zweites Mal auf einen Schlag eine Drittelmillion Dollar verdienen kannst.“

„Ich kann dabei auch meinen Kopf verlieren. Von meinem Ruf ganz zu schweigen.“

„Wenn es stimmt, dass es sich bei dem Geld um legale Einnahmen handelt, sind deine Skrupel fehl am Platze.“

„Du argumentierst mit weiblicher List und Tücke und verschließt deinen Blick vor der moralischen Seite der Angelegenheit“, tadelte Bount.

„Du bist Privatdetektiv und nicht der Vorsteher einer moralischen Institution“, erinnerte ihn June. „Im übrigen liegt es an dir, dafür zu sorgen, dass das wiedergefundene Geld dem Fiskus nicht verborgen bleibt.“

„Wenn ich für Cobelli arbeite, bin ich an meine Schweigepflicht gebunden. Und im übrigen: Was ist mit Jill Lark? Ich habe ihren Scheck angenommen. Das hat Vertragscharakter. Ich kann da nicht einfach aussteigen.“

„Der Vertrag ist null und nichtig, wenn sich herausstellt, dass er als Täuschungsmanöver angelegt war“, sagte June. Bount blickte auf seine Uhr. „Vielleicht“, sagte er, „lässt sich das noch heute Abend klären.“

Eine Stunde später verabschiedete er sich von June. Er hatte sich angeboten, sie nach Hause zu bringen, aber June bestand darauf, ein Taxi zu nehmen. Bount war es recht. Er fuhr zu Jill Larks Wohnung.

Er fand in der Nähe des Hauses eine Parklücke und sah schon beim Aussteigen, dass hinter den Fenstern von Jill Larks Wohnung Licht brannte. Er betrat das Haus, fuhr mit dem Lift nach oben und klingelte an Jill Larks Tür.

Niemand öffnete. Bount wiederholte das Klingeln, aber ohne Erfolg. Er setzte sich hinter den Liftschacht und wartete. Nach knapp einer Viertelstunde hörte er, wie die Tür behutsam geöffnet wurde. Bount stand auf und trat hinter dem Schacht hervor. Lyonel Dissinger sah aus wie ein ertappter Sünder, aber er meisterte die Schrecksekunde und sagte: „Hallo! Sie wollen doch hoffentlich nicht zu Miss Lark? Sie liegt noch im Krankenhaus.“

„Ich möchte mit Ihnen sprechen, Mr. Dissinger“, sagte Bount. „Können wir das nicht in Miss Larks Wohnung tun?“

Dissinger zögerte. Er zerrte nervös die Nelke aus seinem Revers, schnüffelte daran, stieß sie in das Knopfloch zurück und sagte: „Es wird Ihnen in der Wohnung nicht gefallen. Sie sieht aus, als sei darin eine Bombe explodiert.“

„Tatsächlich?“

„Jemand hat sie buchstäblich auf den Kopf gestellt“, nickte Dissinger.

„Könnten das eventuell Sie gewesen sein?“

„Erlauben Sie mal...“, protestierte Dissinger.

Bount ging auf ihn zu. „Kommen Sie, ich sehe mir das einmal an.“

Sie betraten die Wohnung. Im Wohnzimmer sah es aus, als hätten Berserker darin gewütet. Der Inhalt von Schränken und Schubladen lag auf dem Boden verstreut.

Dissinger ließ sich in einen Sessel fallen. „In der Küche sieht es nicht besser aus“, murmelte er. „Ich verstehe das alles nicht.“

Bount ließ sich Dissinger gegenüber nieder. „Was hat Sie in Miss Larks Wohnung geführt?“

„Miss Lark hat mich darum gebeten, hier einmal nach dem Rechten zu sehen.“

„Ich habe geklingelt. Warum haben Sie mir nicht geöffnet?“, fragte Bount.

„Es ist schon ziemlich spät. Ich hatte Angst.“

,Angst vor wem?“

„Ich weiß es nicht. Vergessen Sie nicht, dass jemand Jill ermorden wollte. Wer immer an der Tür stand, wollte zu Miss Lark, und nicht zu mir. Nein, ich sah keine Veranlassung, auf Ihr Klingeln zu öffnen.“

„Sie haben mir etwas vorgemacht, Mr. Dissinger.“

„So, habe ich das?“

„Ich weiß, dass zwischen Miss Lark und Ihnen sehr enge, um nicht zu sagen intime Kontakte bestehen. Warum haben Sie versucht, das zu bestreiten?“

Ein Schatten fiel über Dissingers Gesicht. „Können Sie sich das nicht denken? Ich habe Ihnen gesagt, wie wenig förderlich es meiner Position und meiner Karriere ist, wenn herauskommt, dass ich mit meiner Sekretärin liiert bin. Das war auch der Grund, weshalb ich Ihnen gegenüber die gebotene Zurückhaltung übte.“

„Das haben Sie hübsch formuliert. Sie haben mir die Unwahrheit gesagt.“

Dissingers Gesicht verschloss sich, es wurde verdrossen und arrogant. „Ich bin nicht verpflichtet, Sie mit sogenannten Wahrheiten zu bedienen“, sagte er.

„Was hat die Polizei inzwischen herausgefunden?“

„Das Gift, das Jill beinahe getötet hätte, muss in die Kanne praktiziert worden sein, als Jill vorübergehend das Büro verlassen hat. So was geschieht einige Male am Tage“, sagte Dissinger. „Die Kanne ist überprüft worden. Die Prints, die darauf gefunden wurden, stammten ausnahmslos von Jill. Es ist anzunehmen, dass der Täter Handschuhe trug.“

„Ich habe inzwischen herausgefunden, was es mit Nikolaus Gringer für eine Bewandtnis hatte“, sagte Bount. „Das ist interessant.“

„Er arbeitete für eine Mafiaorganisation in Chicago und hatte den Auftrag, sieben Millionen Dollar zu transportieren. Das hat er auch getan, aber nicht so, wie es seine Auftraggeber von ihm erwarteten. Er ist mit dem Geld untergetaucht.“

„Nun gut, was haben Jill oder ich damit zu tun?“, fragte Dissinger.

„Das wissen Sie so gut wie ich. Dieser Ronny war mit Jill befreundet. Sie hat möglicherweise gewusst, wie reich er war. Jedenfalls kann ihr nicht entgangen sein, dass er keineswegs unter Geldmangel litt.“

„Was schließen Sie daraus?“

„Zunächst einmal gar nichts, aber wenn ich meinen Freund Toby Rogers davon unterrichte, was ich inzwischen herausbekommen habe, wird er mit Sicherheit darauf tippen, dass Jill Lark das Geld gestohlen hat.“

„Das ist absurd! Jill ist selbst Opfer, das wissen Sie verdammt genau.“

„Sie lebt. Im Gegensatz zu Ronny und Oliver Carr.“

„Was beweist das schon? Ein Schluck mehr von dem vergifteten Kaffee, und sie wäre tot gewesen!“

Bount stand auf. „Können wir gehen?“ Dissinger blinzelte. Er war von Bounts abruptem Handeln verunsichert. „Klar, warum nicht? Gehen wir!“

„Sie haben doch inzwischen die Polizei verständigt?“, fragte Bount.

„Wieso?“

„Hier ist eingebrochen worden. Das ist ein Fall für das zuständige Revier.“

„Es ist nicht meine Wohnung. Ich werde Jill von dem Geschehen unterrichten, sie kann entscheiden, was zu tun ist“, sagte Dissinger.

„Damit verschaffen Sie den Tätern oder dem Täter einen erheblichen Vorsprung.“

„Ich setze mich schnellstens mit Jill in Verbindung“, versprach Dissinger.

Sie verließen die Wohnung und das Haus. Als sie die Straße betraten, entzündete sich in einem dunklen Hausflur auf der gegenüberliegenden Seite ein kleiner, greller Blitz. Noch ehe Bount den Schuss hörte, spürte er den harten Schlag an seiner Schulter. Er warf sich zu Boden.

Dissinger stand wie erstarrt.

„Deckung!“, schrie Bount.

Der Ausruf wurde zugedeckt von zwei weiteren Schüssen. Ihr Krachen fiel so dicht hintereinander, dass es wie eine Einheit wirkte.

Lyonel Dissinger zuckte zusammen. Er hob die Hand und schien sich an die Brust fassen zu wollen, aber daraus wurde nichts mehr. Plötzlich riss es ihm die Beine unter dem Körper weg und er fiel zu Boden.

Bount starrte über die Straße. Der dunkel gähnende Hauseingang, in dem der Schütze stand oder gestanden hatte, gab nichts von seinem Geheimnis preis. Bount robbte zu Dissinger.

Dissinger lag auf dem Rücken. Seine Augen standen weit offen. Er versuchte etwas zu sagen, aber er brachte nur noch ein paar würgende Laute zustande. Im nächsten Moment streckte sich sein Körper. Der Kopf rollte zur Seite, und die Augen brachen.

Lyonel Dissinger war tot.



16

„Das hätte ins Auge gehen können“, meinte Toby Rogers und setzte sich zu Bount ans Bett. „Schlimm?“

„Nur eine Fleischwunde. Ich begreife nicht, warum sie das nicht ambulant behandelt haben“, knurrte Bount. „Morgen will ich hier ’raus.“

„Wen haben sie treffen wollen, dich oder Dissinger?“, fragte Toby Rogers.

„Das musst du den Schützen fragen.“

„Er ist getürmt. Keine heiße Spur“, sagte Toby Rogers. „Kannst du mir auf die Sprünge helfen?“

„Jill Lark könnte daran interessiert gewesen sein, dass Lyonel Dissinger aus dem Verkehr gezogen wird“, sagte Bount.

„Sie hat ein astreines Alibi. Zur Tatzeit war Abendvisite. Der Arzt war bei ihr.“

„Dann muss ich passen.“

„Ich habe Neuigkeiten für dich. Wir wissen jetzt, wer sich hinter dem Namen Nikolaus Gringer verborgen hat. Es war ein Mann namens Ronald Tackers.“

„Oh“, sagte Bount.

„Du scheinst nicht sonderlich interessiert zu sein.“

„Das scheint nur so. Was weißt du über ihn?“

„Er stammt aus Chicago. Er hat dort in einer Firma gearbeitet, die Toby Zanutti gehört.“

„Ich weiß“, sagte Bount.

Der Captain riss die Augen auf. „Wenn das stimmt, hast du deine Informationspflicht verletzt. Warum hast du mich nicht verständigt?“

„Ich habe den Hinweis von Cobelli erhalten und brauche dir nicht zu sagen, dass ich an meine Schweigepflicht gebunden war“, sagte Bount.

„Cobelli? Was hast du mit diesem Aasgeier zu schaffen?“, fragte Toby Rogers.

„Er betrachtet sich als Zanuttis Freund und ist daran interessiert, das Geld aufzutreiben, das Tackers angeblich nach New York gebracht hat. Ich soll Cobelli bei der Suche behilflich sein.“

„Seit wann hilfst du diesen Gangstern?“

„Ich helfe vor allem mir selbst.“

„Das tut jeder Dieb und Gauner“, knurrte Toby Rogers. „Du enttäuscht mich, Bount.“

„Cobelli zufolge handelt es sich um legal erworbene Gelder“, sagte Bount. „Wenn das zutrifft, besteht für mich kein Anlass, den Unnahbaren zu spielen. Wenn Cobelli mich belogen haben sollte, wird er dafür geradestehen müssen. Dann lasse ich ihn hochgehen. Ich sorge jedenfalls dafür, dass der Fiskus von dem Geld erfährt. So gesehen tue ich sogar ein gutes Werk.“

„Noch hast du die Mäuse nicht.“

„Cobelli hat übrigens eine interessante Theorie entwickelt, die Hugo Leicester und den Tod von Don ,Blacky‘ Keller betrifft“, sagte Bount und berichtete, was der Syndikatsboss ihm auseinandergesetzt hatte.

„Glaubst du den Schmus?“, fragte der Captain. „Das hat Cobelli dir doch bloß erzählt, um sein Syndikat aus der Schusslinie zu holen.“

„Kann sein, kann auch nicht sein. Die Hypothese wirkt stichhaltig.“

„Wie und wo kommen dabei Oliver Carr, Jill Lark und Lyonel Dissinger ins Spiel, und wer war der Unbekannte, der auf euch geschossen hat?“, fragte Toby Rogers.

„Ich habe mir darüber schon ein paar Gedanken gemacht. Ich bin dicht dran, glaube ich.“

„Du warst gestern dicht am Tod, wenn ich dich daran erinnern darf“, sagte der Captain. „Der Anschlag könnte sich leicht wiederholen.“ Er erhob sich. „Halte mich auf dem Laufenden, alter Junge. Ach, noch eins Jill Lark soll morgen aus dem Hospital entlassen werden.“

„Ich freue mich, sie wiederzusehen“, sagte Bount. „Ich habe nun mal ’ne Schwäche für aggressive Blondinen.“

„Die Männer, die bislang eine Schwäche für Jill zeigten, sind inzwischen so steif und starr wie Bretter“, warnte der Captain. „Vergiss das nicht.“

„Ich denke daran“, versprach Bount.

Er wurde noch am gleichen Abend entlassen. Der Verband an seiner rechten Schulter war nicht sonderlich groß, aber lästig. Bounts Kräfte waren gleichsam gefesselt. Er konnte sich weder auf einen Faustkampf noch auf andere körperliche Auseinandersetzungen einlassen. Um dieses Manko auszubügeln, führte er nach langer Zeit wieder einmal seinen Smith & Wesson im Schulterholster spazieren.

Er fuhr gegen Mittag zu Jill Lark und traf das Mädchen in ihrer Wohnung an. Jill hatte sich ein Kopftuch umgebunden. Als sie die Tür öffnete, hielt sie ein Staubtuch in der Hand. „Sie stören“, sagte sie.

„Ich bewundere Sie.“

„Darauf kann ich verzichten.“

„Sie werden aus dem Krankenhaus entlassen und bringen Ihre Bleibe in Schuss, als sei nichts geschehen. Wissen Sie, was ich daraus schließe? Dass Sie keinen Grund haben, sich vor jemand zu fürchten. Weder vor einem Giftmischer, noch vor dem Typ, der auf Ihren Freund Lyonel und mich geschossen hat.“

Jill musterte ihn aus kalten wütenden Augen. „Okay“, sagte sie. „Kommen Sie herein. Ich gebe Ihnen zehn Minuten. Mehr nicht.“

Bount folgte dem Mädchen ins Wohnzimmer. Dort erinnerte kaum noch etwas an die Unordnung vom Vorabend. „Sie haben gute Arbeit geleistet“, lobte Bount.

Jill legte das Staubtuch aus der Hand, zündete sich eine Zigarette an und sagte: „Ich bin für Ordnung. Das halte ich in der Firma so, und auch zu Hause.“

„Sehr löblich“, sagte Bount, „Haben Sie Anzeige wegen des Einbruchs erstattet?“

„Nein. Ich will Ihnen erklären, warum. Jemand will mich töten. Oder auch nur erschrecken. Sie wissen, dass es Oliver Carr erwischt hat. Und Nick Gringer. Ich war mit ihnen befreundet, genau wie mit Lyonel. Jetzt hat es auch ihn getroffen. Ich kann aus all dem nur schließen, dass es jemand gibt, der es nicht ertragen kann, dass ich anderen meine Gunst schenke. Das Ganze ist eine Serie von Verbrechen, die auf Eifersucht beruhen. Ich werde aus New York verschwinden. Ich werde mich diesem Wahnsinnigen entziehen. Das ist das Beste für mich, glaube ich. Ich wäre einfach nicht in der Lage, mir hier einen neuen Freund zuzulegen. Schließlich müsste ich befürchten, dass der Ärmste schon morgen vergiftet oder erschossen wird ...“

Sie machte eine Pause, ihr schien die Luft ausgegangen zu sein.

„Das war eine eindrucksvolle Rede“, sagte Bount.

„Ich habe sie nicht gehalten, um Ihren Beifall zu finden“, erklärte Jill Lark gereizt. „Ich versuche nur, Ihnen die Augen zu öffnen.“

„Ich weiß inzwischen ein paar Kleinigkeiten, die Ihr Augenmerk verdienen“, sagte Bount. „Nikolaus Gringer hieß in Wahrheit Ronald Tackers und ist mit sieben Millionen Dollar aus Chicago getürmt.“

„Das habe ich nicht gewusst“, murmelte Jill Lark.

„Wenn ich den Leuten, die das Geld vermissen, mitteilte, wer mit Ronald Tackers befreundet war, könnte das für Sie sehr unangenehme Folgen haben“, sagte Bount.

„Das klingt wie eine Drohung.“

„Sie dürfen es gern so auffassen,“

Jill Lark nahm ihr Kopftuch ab und schüttelte ihr Haar zurecht. Sie blickte Bount an und fragte mit sanfter, ein wenig klagender Stimme: „Warum hassen Sie mich?“

„Da sind Sie auf dem Holzweg. Ich hasse keine Menschen. Ich hasse allenfalls das Verbrechen. Was nun Sie angeht, Jill, so habe ich eine Theorie entwickelt, die mich erschreckt. Es fällt mir nämlich schwer, Sie für das wohl skrupelloseste weibliche Wesen zu halten, dem ich jemals begegnet bin, aber die Fülle der Fakten, mit denen Sie mich konfrontieren, lässt keine andere Schlussfolgerung zu.“

„Ich pfeife auf Ihre Folgerungen“, sagte Jill scharf. „Ich bin nicht Täter, sondern Opfer. Das dürfte mein unfreiwilliger Krankenhausaufenthalt bewiesen haben. Ich liefere Ihnen eine schlüssige Hypothese zum Tod von Gringer, Carr und Dissinger, aber Sie glauben mir nicht und ziehen es vor, mir die Schuld an den Geschehnissen zu geben. Lieber Himmel, sehe ich denn aus wie ein Monster?“

„Sie sehen reizvoll aus. Sexy, wenn Sie den Ausdruck erlauben aber ich gehöre nicht zu denen, die sich von schillernden Äußerlichkeiten den Blick trüben lassen.“

„Also gut“, seufzte Jill Lark. „Erläutern Sie mir Ihre Theorie.“

„Sie sehen blendend aus. Die Männer sind scharf auf Sie“, sagte Bount, „Ronald Tackers war es. Oliver Carr war es. Und Lyonel Dissinger war es. Es hat sicherlich noch ein paar Dutzend andere gegeben, aber die sind für unsere wahre Geschichte nicht wichtig. Okay, vermutlich war Ronald Tackers für Sie nicht mehr als ein Mann, mit dem man ausgehen konnte, zunächst jedenfalls. Als Sie entdeckten, was mit ihm los war, wurde er für sie zum Objekt. Sie töteten ihn, um sich die gestohlenen sieben Millionen Dollar unter den Nagel reißen zu können.“

„Sieben Millionen Dollar! Ich weiß nicht, wovon Sie reden“, murmelte Jill Lark.

„Sie wissen es verdammt genau“, widersprach Bount. „Dann war da die Sache mit Oliver Carr. Er war ein guter Freund für Sie gewesen, nehme ich an, ein brauchbarer Liebhaber, aber plötzlich benötigten Sie ihn nicht mehr. Nicht als siebenfache Millionärin. Da stellten Sie begreiflicherweise andere Ansprüche. Es ist verständlich, dass Carr nicht bereit war, sich ohne weiteres abschütteln zu lassen. Möglicherweise hatte er auch von Ihrer Beute Wind bekommen und musste deshalb ausgeschaltet werden. Jedenfalls gaben Sie ihm dasselbe Gift zu kosten, das schon Tackers erledigt hatte. Nun blieb noch Dissinger. Bei dem mussten Sie behutsamer vorgehen. Inzwischen war ich ja aufgetaucht, und auch die Polizei drohte Ihnen ins Handwerk zu pfuschen. Um mich und meine beamteten Kollegen hinters Licht zu führen, kamen Sie auf die Idee, sich selbst zu vergiften. Die exakt berechnete Dosis hatte den gewünschten Effekt. Sie kamen ins Krankenhaus, aber nicht ins Jenseits.“

„Ihre blühende Phantasie verdient Bewunderung“, spottete Jill Lark.

„Sie können mich korrigieren, wenn Sie mit mir durchgeht“, sagte Bount. „Wie schon erwähnt stand Ihnen nur noch Dissinger im Wege. Ein weiterer Giftmord schied aus. Sie schickten Dissinger unter einem Vorwand in Ihre Wohnung. Auf der Straße erwartete den Finanzdirektor ein bezahlter Killer. Er schlug zu, als der Arzt im Krankenhaus Visite machte und Ihnen damit ein hieb und stichfestes Alibi lieferte.“

„Ich habe eine Überraschung für Sie“, sagte Jill Lark.

„Ich höre.“

„Oliver Carr wollte mich dazu bringen, meinen Chef umzubringen. Vergiften, um genau zu sein. Ich habe nicht mitgemacht. Im Gegenteil, ich habe Olivers Plan durchkreuzt, indem ich Lyonel mitteilte, was ihm drohte.“

„Mit dieser Mitteilung setzen Sie neue Akzente“, erklärte Bount.

„Ich sage die Wahrheit. Wie Sie wissen, sollte Oliver wegen seiner Veruntreuungen von der Firma entlassen werden. Ich wusste das von Lyonel, und Oliver erfuhr es von mir. Um seiner Entlassung zuvorzukommen, kam Oliver auf die Idee, seinen Widersacher auszuschalten. Ich sollte die Cyanidlösung in Dissingers Kaffee kippen. Ich lehnte das ab. Daraufhin hat Oliver es selbst getan. Nur hat Dissinger den Kaffee nicht getrunken, weil er von mir gewarnt worden war.“

„Interessant. Und Sie saugen sich das nicht aus den Fingern?“, fragte Bount.

„Es ist die Wahrheit“, wiederholte Jill Lark. Sie war sehr blass, aber ihre Stimme war fest und entschlossen. Es schien, als sei sie froh, sich von einer schweren Gewissenslast befreit zu haben.

„Setzen wir einmal voraus, Ihre Angaben stimmten“, meinte Bount. „Dann muss ich annehmen, dass Dissinger den Spieß umkehrte und seinerseits Carr vergiftete.“

„Genau so war es. Lyonel hat Olivers Bier vergiftet“, gab Jill zu, „Für Lyonel war es ein Fall von Notwehr.“

„Es war Mord.“

„Welchen Sinn hat es, darüber zu rechten? Jetzt sind beide tot.“

„Damit ist das Verbrechen nicht aus der Welt geschafft“, sagte Bount. „Warum haben Sie Dissinger nicht daran gehindert, zu töten?“

„Ich habe es versucht“, behauptete Jill Lark. „Es war zwecklos. In gewisser Hinsicht kann ich verstehen, wie ihm zumute war. Lyonel hatte Angst vor Oliver, und diese Angst war mehr als berechtigt. Es ist einfach so, dass der Stärkere von beiden gewonnen hat. Oder sehen Sie das anders?“

„Warum haben Sie der Polizei verschwiegen, was Sie wissen?“, fragte Bount.

„Ehe es zu dem Mord kam, wollte ich nicht glauben, dass Lyonel Ernst machen könnte, und als es passiert war, hing ich mit drin, denn ich hatte Lyonel den entscheidenden Tipp gegeben. Niemand kann von mir erwarten, dass ich mich selbst bloßstelle. Was ich Ihnen jetzt sage, ist gleichsam für den internen Gebrauch bestimmt. Ich werde es der Polizei gegenüber weder wiederholen noch zugeben. Außerdem wollte ich nicht in Verbindung mit Nikolaus Gringers Tod gebracht werden. Ich habe zu keinem Zeitpunkt gewusst, dass er einen falschen Namen trug und in Wahrheit Ronald Tackers hieß.“

„Das soll ich Ihnen glauben?“

„Mir ist es egal, was Sie von meinen Worten halten. Jedenfalls steht fest, dass ich nicht die geringste Ahnung habe, was aus Nicks Geld geworden ist.“

„Finden Sie es nicht merkwürdig, dass Ronny Tackers das Opfer einer Cyanidvergiftung wurde, genau wie Oliver Carr?“, fragte Bount.

„Was ist daran so merkwürdig? Ich habe gelesen, dass es sich bei dem Zeug um ein wirkungsvolles und nicht ungebräuchliches Gift handelt“

„Sie kannten Oliver. Er forderte und erwartete von Ihnen, dass Sie Dissinger abservieren. Ich vermute, dass Carr Ihnen bei dieser Gelegenheit die Zusammensetzung des Giftes erläuterte, dass Sie durch ihn wussten, wie es zu beschaffen ist. Diese Umstände kamen Ihnen entgegen, als Sie sich entschlossen, Ronny Tackers aus dem Wege zu räumen.“

„Jetzt versuchen Sie einmal klar und logisch zu denken“, erregte sich Jill Lark. „Setzen wir einmal den Fall, ich hätte gewusst, wie viel Geld Nick gehörte. Wäre es da für mich nicht am einfachsten gewesen, den Geldkoffer zu schnappen und mich damit aus dem Staube zu machen? Ich habe keine festen Bindungen in New York, und mit sieben Millionen lässt sich in jeder Stadt der Erde ein neues Leben beginnen.“

„Das klingt einleuchtend und wirft die Frage auf, weshalb Sie nicht diesen Weg gegangen sind“, meinte Bount. „Ich weiß darauf nur eine Antwort. Sie hatten Angst, von Tackers gejagt zu werden. Wenn Sie mit dem Geld verschwunden wären, hätte der Diebstahl in Mafiakreisen schnell die Runde gemacht. Es wäre bekannt geworden, wer mit dem Geld getürmt ist. Sie vergifteten Ronny Tackers in dem guten Glauben, dass niemand dahinter kommen würde, wer den Mord begangen und das Geld gestohlen hatte.“

„Das sind doch nur Hypothesen“, sagte Jill Lark ärgerlich und stand auf. „Ich habe Ihnen zehn Minuten gegeben. Die sind längst um. Hauen Sie ab, los, ich kann Ihre Visage nicht mehr ertragen.“

Bount erhob sich, „Wir sprechen uns noch“, sagte er. „Guten Tag.“



17

Lester McPartland stieg aus dem Taxi und zündete sich eine Zigarette an. „Fünf Dollar, Mister“, sagte der Fahrer ungeduldig. McPartland drückte dem Fahrer den geforderten Betrag in die Hand, ohne den Kopf zu wenden. Er blickte an der Hausfassade empor und fühlte, wie ihn ein gutes Gefühl erwärmte. Es war lange her, dass er es empfunden hatte. Es stellte sich jedes mal dann ein, wenn er auf dem besten Wege war, zu viel Geld zu kommen.

Minuten später klingelte er an Jill Larks Tür. Das Mädchen blinzelte verblüfft, als sie ihn sah. „Hallo, Jill“, sagte er. „Darf ich nähertreten?“

„Wer sind Sie? Ich kenne Sie nicht!“

„Oh doch, Mädchen“, sagte er grinsend. „Du kennst mich. Ich bin Lester McPartland.“

Jill Lark warf einen ängstlichen Blick über McPartlands Schulter, dann trat sie zur Seite und ließ den Besucher eintreten. Sie ging ins Wohnzimmer voran, warf den Staublappen aus der Hand und fauchte: „Sie hätten nicht herkommen dürfen. Ich habe Sie am Telefon ausdrücklich um Diskretion gebeten!“ McPartland lachte. „Nur keine Aufregung, Mädchen“, meinte er. „Niemand hat mich gesehen, oder wirst du beobachtet?“

„Vor ein paar Minuten war Reiniger bei mir, ein Privatdetektiv“, sagte sie. „Er weiß so ziemlich alles. Ich glaube, ich muss ihn mir vom Halse schaffen.“

McPartland ließ sich in einen Sessel fallen. Er war ein knapp dreißigjähriger Mann in einem sehr auffälligen, gestreiften Anzug, dessen modischer Höhepunkt gut drei Jahre zurücklag. Das Gesicht des Besuchers war schmal und hatte regelmäßige Züge, aber wer genau hinblickte, entdeckte ein paar Punkte, die einer Sympathiewerbung im Wege standen. McPartlands dunkle Augen waren stechend, und sein schmallippiger, nahezu farbloser Mund hatte die Angewohnheit, nervös zu zucken.

„Dann tu’s doch“, sagte er.

Jill Lark setzte sich. Sie blickte ihrem Besucher in die Augen, „Wir haben am Telefon klare Absprachen getroffen“, sagte sie. „Warum halten Sie sich nicht daran?“

McPartland grinste. „Du hast mich gebeten, deinen Chef umzupusten. Du hast mir dafür Zehntausend versprochen. Du hast gesagt, ich würde sie durch die Post zugestellt bekommen. Ich hatte da plötzlich meine Zweifel. Es könnte ja sein, dass es dich gar nicht gibt, oder dass du versuchen würdest, zu türmen, noch ehe ich die Bucks habe. Wie gesagt, ich hielt es für besser, selber nach dem Rechten zu sehen. Hier bin ich, Mädchen. Ich erspare dir den Gang zum Postschalter, das ist alles.“

„Ich habe nicht geglaubt, dass Sie’s tun würden, das Sie ihn umlegen würden, meine ich“, murmelte Jill Lark.

„Wieso hast du’s nicht geglaubt?“

„Mord auf Bestellung, ohne Vorauszahlung, ohne Sicherheiten“, murmelte Jill. „Das ist schon stark.“

„Du hast mich aus dem Krankenhaus angerufen. Du hast mir gesagt, wer du bist. Natürlich habe ich mich erkundigt. Als ich erfuhr, dass es dich gibt und dass du tatsächlich im Krankenhaus liegst, habe ich prompt gehandelt. Ich habe einen Riecher für Leute, bei denen was zu verdienen ist. Nur eines musst du mir noch sagen: Wer hat dir meine Adresse vermittelt? Wer hat dir gesagt, dass der gute Lester die Fähigkeit hat, den Killer zu spielen?“

„Ich hab’s von einem Bekannten erfahren.“

„Wer ist das?“

„Spielt doch keine Rolle!“

„Für mich schon. Ich muss wissen, wer mit meinem Namen hausieren geht.“ Er grinste. „Wer weiß, vielleicht zahle ich dem Mann eine Vermittlerprovision?“

„Ich hab’s von meinem Chef gehört. Von Dissinger.“

„Was denn“, staunte McPartland, „von dem Kerl, den ich abserviert habe?“

„So ist es. Er hatte vor, Sie schon früher einzuschalten. Er wollte Sie darum bitten, seinen Nebenbuhler aus dem Wege zu räumen, aber dann hat er den Job selbst erledigt.“

„Okay, lassen wir’s dabei bewenden. Wo sind die Mäuse?“

„Ich habe sie nicht hier“, sagte Jill Lark. „Ich muss zur Bank gehen.“

„Einverstanden“, meinte McPartland. „Ich begleite dich.“

„Hören Sie endlich auf, mich zu duzen“, sagte Jill Lark nervös. „Wir sind Geschäftspartner, nicht mehr und nicht weniger.“

„Du hast Angst vor mir, nicht wahr?“

„Ich fürchte mich vor keinem“, behauptete Jill Lark. Sie entspannte sich plötzlich. „Es ist sinnlos, wenn wir miteinander streiten“, erkannte sie. „Wir sitzen in einem Boot. Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?“

„Einverstanden, aber wenn ich schon bleiben darf, würde ich’s ganz gern sehen, wenn du das blöde Kopftuch und die Kittelschürze ablegst.

Du bist ’n hübsches Mädchen, das ist zu sehen. Warum gibst du dir soviel Mühe, das zu verbergen?“

Jill Lark erhob sich und ging hinaus. „Ich bin gleich zurück“, versprach sie.

McPartland schaute sich im Zimmer um, entdeckte eine Stereoanlage und stand auf, um eine Platte aufzulegen. Jill Lark kehrte Minuten später zurück. McPartland lächelte ihr entgegen. Er fand, dass Jill das Lächeln wert war.

Sie balancierte ein Tablett auf der Hand und präsentierte sich ohne Schürze und Kopftuch, mit schulterlangem, seidig schimmerndem Haar und erneuertem Makeup. Das Hemdblusenkleid aus blassgrüner Honanseide umspannte ihre sehr weiblichen Formen mit provozierender Anschmiegsamkeit.

Sie stellte das Tablett auf dem Tisch ab, füllte zwei Tassen mit Kaffee und ging zum Barfach des Wohnzimmerschrankes. „Nehmen Sie Brandy dazu, oder darf es Whisky sein?“, erkundigte sie sich.

„Brandy ist okay“, meinte McPartland und setzte sich.

Jill Lark nahm ihm gegenüber Platz. „Bedienen Sie sich“, forderte sie ihn auf und führte die Tasse zum Mund. Sie behielt McPartland im Blick. Der lächelte. „Warum trinkst du nicht?“, fragte er.

„Das habe ich gerade getan!“

„Du hast eine Schluckbewegung gemacht, aber nicht getrunken“, stellte er fest.

„Sie sehen Gespenster!“ McPartland stand auf. „Trink!“, herrschte er sie an.

„Ich lasse mich von Ihnen doch nicht herumkommandieren“, sagte Jill Lark. Sie war auf einmal sehr blass geworden.

„Trink!“, presste McPartland durch seine Zähne. Seine Augen hatten sich zu Schlitzen verengt.

„Ich will nicht!“

„Ich will dir sagen, was du willst. Du willst mich vergiften, um die Zehntausend nicht zahlen zu müssen. Dir liegt daran, den Mann loszuwerden, der in deinem Auftrag zum Killer wurde. Aber daraus wird nichts, Schätzchen. Ich drehe den Spieß um.“

„Was ... was haben Sie vor?“, stotterte Jill.

„Du verdienst Strafe“, höhnte McPartland. „Nein, ich will dich nicht vergiften. Ich wollte nur herausfinden, was es mit dem Kaffee für eine Bewandtnis hat. Ich bin nicht so dumm, die Kuh zu schlachten, von deren Milch ich zu leben beabsichtige. Du kannst dich freikaufen. Wir beginnen mit Einhunderttausend. Was hältst du von der Idee?“

„Sie haben den Verstand verloren!“ McPartland ging um den Tisch herum. Jill Lark erhob sich. Sie wich vor dem Mann bis an die Wand zurück. McPartland grinste. Es war ihm anzusehen, dass er die Situation genoss. Seine Hand zuckte hoch. Er schlug zu, gleich zweimal hintereinander. Jills Wangen glühten. Es war schwer auszumachen, ob der Glanz in ihren Augen Hass war oder Angst. McPartland vermutete eine Mischung aus beidem.

„Wo ist das Geld?“, fragte er.

Jill Lark senkte den Kopf. „Ich habe ein paar Tausender hier“, murmelte sie. „Die gebe ich Ihnen.“

„Wir machen Fortschritte“, sagte McPartland und folgte Jill Lark ins Schlafzimmer.

Das Mädchen öffnete den Schrank und griff zwischen einen Wäschestapel. Als sie die Hand hervorzog und sich blitzschnell dem Besucher zuwandte, hielt sie eine Pistole in der Hand. Ihr Finger lag am Druckpunkt des Abzugs. „Damit hast du nicht gerechnet, du miese kleine Ratte, was?“, keuchte sie. „Nimm die Pfoten hoch, oder ich garniere dich mit Blei.“

McPartland sah verdutzt aus. Dann tat er etwas höchst unerwartetes.

Er lachte.

„Was für eine Sprache!“, spottete er. „Geziemt es sich für eine junge, gebildete Dame, solche Worte in den Mund zu nehmen? Ich frage mich, wo du die aufgegabelt hast.“ Er lachte erneut. „Ich wette, du siehst dir zu viele Krimis an“, fuhr er fort. „Krimis haben nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Im Krimi wird geredet. Im wirklichen Leben wird gehandelt. Peng, peng, so wie ich’s mit Dissinger gehalten habe. Deine Quasselei macht klar, dass du gar nicht den Mut zum Abdrücken hast. Leg’ die Kanone aus der Hand. Sie hilft dir nicht weiter.“

Er ging auf sie zu, sehr langsam. Er grinste dabei. Es war zu sehen, welche Mühe es ihn kostete, sich selbst zu überwinden, aber er bewegte sich unaufhaltsam vorwärts.

„Stopp!“, sagte Jill Lark.

Im nächsten Moment schoss sie.

Lester McPartland brach zusammen. Sein Kopf rollte langsam zur Seite. In seinen Augen war nichts als Erstaunen.



18

Jill Lark zwang sich zum Langsamgehen. Obwohl es sie drängte, zu rennen, war ihr klar, dass sie sich beherrschen musste, wenn sie eine Chance haben wollte, aus der hoffnungslos verfahrenen Situation herauszukommen.

Sie begriff, dass ihre Flucht viel zu spät kam, aber noch war Zeit, verlorenes Terrain wiedergutzumachen. Jetzt ging es vor allem darum, aus der Stadt zu verschwinden, auf Nimmerwiedersehen.

Sollten sie doch den Toten in ihrer Wohnung finden und das Geschehen rekonstruieren! Sollten sie ihr doch die Morde an Ronny Tackers und Lester McPartland anhängen! Mit einem Koffer voll Dollarnoten, mit sieben Millionen Dollar im Rücken, hatte sie gute Aussichten, ihren Gegnern ein Schnippchen zu schlagen.

Sie öffnete die Garage, hastete auf den Allegro zu und öffnete dessen Tür.

„Ich habe Sie erwartet“, ertönte eine Stimme aus dem Dunkel.

Die Stimme gehörte Bount Reiniger.

Jill Lark schloss die Augen. Sie musste also noch einmal töten. Ein letztes Mal... oder würde es so weitergehen, scheinbar endlos?

Bount löste sich aus dem Dunkel. Er zog ein Päckchen Pall Mall aus der Tasche. „Rauchen in der Garage verboten“, sagte er, „wir sollten ins Freie gehen.“

Jills Blick schoss zur Sandkiste, Bount lachte. Jill Lark zuckte zusammen. Sie begriff, dass sie sich mit ihrem Blick verraten hatte.

Jill trat vor das Garagentor. Bount folgte ihr. Er zündete sich die Pall Mall an und sagte:

„Ich habe mit dem Hausmeister gesprochen. Von ihm erfuhr ich, wo Sie Ihren Wagen abgestellt haben. Ich bin hergekommen, um mir die Garage einmal anzusehen. Garagen stecken oft voller Geheimnisse, wissen Sie. Als ich dabei war, mir Ihren Wagen vorzuknöpfen, hörte ich Schritte, gleich darauf drehte sich ein Schlüssel im Schloss. Genügt Ihnen diese Erklärung?“

„Mir genügt es, zu wissen, dass Sie Hausfriedensbruch begangen haben“, zischte Jill Lark.

Bount hielt ihr das Päckchen Pall Mall unter die Nase. „Rauchen Sie?“, fragte er.

„Ja, aber ich habe meine eigene Sorte“, sagte Jill Lark und öffnete ihre Handtasche. Sie griff hinein. Fast gleichzeitig zuckte Bounts Hand nach vorn. Jill Lark stieß einen Schrei aus, als er ihr die Pistole entwand.

„Sie wollten mir Feuer geben, wie ich sehe“, spottete Bount. „Ihnen ist entgangen, dass meine Zigarette bereits brennt.“

„Ich hatte nicht vor, auf Sie zu schießen“, murmelte Jill Lark, der es schwer fiel, ihre flatternden Nerven im Griff zu behalten. „Ich wollte Sie nur auf Distanz halten.“

Bount beschnupperte die Waffenmündung. Sein Gesicht wurde ernst. „Das Ding ist benutzt worden, vor weniger als einer halben Stunde, würde ich sagen“, stellte er fest.

Jill Lark schwieg, Ihr fiel einfach nichts mehr ein. Sie war mit ihren Kräften am Ende.

„Ich warte“, sagte Bount.

„Geben Sie mir eine Zigarette“, bat Jill

Bount folgte der Aufforderung. Sie inhalierte tief, legte den Kopf in den Nacken und blies den Rauch in die Luft. „Ich habe mich falsch verhalten“, sagte sie, „Ich hätte von Anbeginn auf das richtige Pferd setzen sollen. Schließlich sind Sie früh genug in mein Leben getreten, Bount. Ich darf doch Bount sagen?“

„Ich kann nicht behaupten, dass ich mich geschmeichelt fühle“, erklärte Bount. „Auf wen haben Sie geschossen?“

Das Mädchen lachte kurz. Es klang hysterisch. „Nicht doch, Bount“, sagte sie. „Das ist ein klarer Bruch in Ihrer sonst so vorzüglichen Logik. Sie halten mich für eine Giftmörderin, nicht wahr? Wer mit Gift arbeitet, schießt nicht.“

„Sie sind in der Wahl Ihrer Mittel keineswegs zimperlich“, stellte Bount kühl fest.

„Das hat seine Gründe, Bount. Es geht für mich um ungeheuer viel. Um sieben Millionen.“ Sie lachte erneut. „Ich wollte nicht teilen, nicht mit Lyonel. Deshalb habe ich dafür gesorgt, dass er aus dem Verkehr gezogen wurde. Nur hatte der Killer leider nun den Einfall, mich erpressen zu wollen. Ja, ich habe ihn umgelegt. Mit dieser Pistole. Hätten Sie an meiner Stelle anders gehandelt, Bount?“

Bount war plötzlich davon überzeugt, dass die von ihren Kollegen als ungemein intelligent gelobte Jill Lark aufgehört hatte, die Kontrolle über ihre Äußerungen und über ihr Denken und Handeln zu behalten.

„Ich mache jetzt reinen Tisch, Bount“, sagte sie. „Ja, ich habe Ronny vergiftet, ich wusste auch, wie er heißt. Er hat mir vertraut. Das war sein Fehler. Er war einfach nicht mein Typ. Mit Ihnen wäre das anders gelaufen. Ich muss zu einem Mann aufblicken können. Bei Ihnen kann ich das. Die anderen, Ronny, Oliver und Lyonel, waren meine Marionetten. Keiner hat begriffen, wozu ich fähig bin. Sie wissen es, sie kann ich nicht austricksen. Das macht Sie für mich zum Größten, Bount.“

„Lassen Sie uns gehen.“

„Wohin?“

„Zu meinem Freund Toby Rogers. Er interessiert sich für Ihre Geschichte.“

„Langsam, Bount. Wer ein paar Millionen mit Füßen tritt, ist ein Narr. Ich bin bereit, mit Ihnen zu teilen. Was halten Sie davon?“

„Sie können nicht teilen, was Ihnen nicht gehört“, sagte Bount.

„Das Geld gehört mir. Mir allein. Ich habe dafür alles aufs Spiel gesetzt.“

„Haben Sie mir kürzlich die Wahrheit erzählt?“

„Welche Wahrheit?“, fragte Jill Lark. „Es gibt so viele!“

„Wo liegt der Mann, den Sie niedergeschossen haben?“

„In meiner Wohnung. Ich habe zunächst erwogen, ihn verschwinden zu lassen. Es ist unmöglich. Haben Sie schon mal versucht, eine Leiche zu bewegen? Natürlich hätte ich mir Hilfe holen können, schließlich bin ich in der Lage, dafür zu zahlen, aber diesem Risiko wollte ich mich nicht aussetzen. Ich wollte mit keinem zweiten McPartland bekannt werden, verstehen Sie. Eines freilich ist mir klargeworden. Ein solches Ding dreht man nicht allein. Man braucht einen Partner. Einen, auf den Verlass ist. Einen wie Sie, Bount.“

„Lassen Sie uns gehen.“

„Wir können bei mir zu Hause alles in Ruhe besprechen. Wir nehmen ein paar Drinks und dann ... dann besiegeln wir unsere Freundschaft, nicht wahr?“, hauchte Jill Lark und trat dicht an Bount heran. „Wir werden viel Spaß zusammen haben. Ich bin eine sehr leidenschaftliche Frau.“

Bount trat zurück. „Ich schließe nur die Garage“, knurrte er. Jill wirbelte auf den Absätzen herum. Sie begann quer über den quadratischen Garagenhof zu rennen. Bount nahm die Verfolgung auf. Er hatte keine Mühe, den Abstand zu verringern. Jill Larks klappernde Absätze und der enge Rock waren für einen Sprint einfach nicht geeignet.

Jill Lark erreichte die Ausfahrt und den Bürgersteig.

„Stopp!“, schrie Bount.

Jill hörte nicht auf ihn. Sie blickte weder nach links noch nach rechts. Sie jagte wie von Furien gehetzt über die Straße.

Der Fahrer des braunen Cadillacs, der das Mädchen urplötzlich vor seinem Kühler auf tauchen sah, rammte energisch den Fuß auf die Bremse, aber der Reflex kam zu spät. Der Wagen nahm Jill Lark buchstäblich auf die Hörner. Sie wurde hochgewirbelt und krachte im nächsten Moment durch die in tausend milchige Krümel brechende Windschutzscheibe.

Bount stoppte. Er hatte einen bitteren Geschmack im Mund. Bremsen kreischten. Ein Fahrer in der Wagenkette reagierte zu spät. Der Kühler seines Fahrzeuges bohrte sich in das Heck eines Volkswagens.

Der Cadillac hielt. Ein nicht mehr junger Mann kletterte verstört ins Freie und blickte sich wie hilfesuchend um. Bount begann zu rennen. Er hatte auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine Telefonzelle entdeckt. „Kümmern Sie sich um das Mädchen“, rief er im Laufen. „Ich verständige die Polizei und den Notarztwagen.“



19

Als Bount zu dem Cadillac zurückkehrte, hatte der Fahrer mit Hilfe eines zweiten Mannes die Verletzte auf den Asphalt gebettet. Jill Lark blutete aus mehreren Platzwunden am Kopf. Sie war ohnmächtig. Bount beugte sich zu ihr hinab. Der Puls schlug schwach, aber regelmäßig.

„Sie tauchte plötzlich vor meinem Wagen auf“, jammerte der Fahrer. „Ich konnte nichts anderes tun, als bremsen, aber da war einfach nichts zu machen!“

„Sie haben keine Schuld“, sagte Bount und richtete sich auf. „Ich kann das bezeugen.“

Fünfzehn Minuten später erschien der Notarztwagen. Jill Lark war bei ihrem Abtransport noch immer bewusstlos. Nach weiteren zwanzig Minuten kreuzte Toby Rogers mit zwei Assistenten auf. Bount führte ihn in die Garage.

„Lieber Himmel, wie primitiv“, staunte Captain Rogers, als Bount mit seinen Händen den Sand der Löschkiste zur Seite schob und einen Aluminiumkoffer freilegte.

„Simple Ideen sind oft die wirksamsten“, sagte Bount. „Es war kein schlechtes Versteck.“

„Ich muss das Geld vorübergehend beschlagnahmen“, erklärte der Captain. „Es gehört zu den Beweisstücken.“

„Das wird Zanutti nicht gerade in einen Begeisterungstaumel versetzen.“

„Ich habe nicht den Ehrgeiz, ihm als Entertainer zu dienen“, sagte der Captain. „Ich pfeife auf seine Gefühle. Er kann das Geld ja zurückfordern. Er wird es sogar bekommen, wenn ihm der Nachweis gelingt, dass es aus legalen Quellen stammt.“

„Ich hoffe sehr, dass ihm das gelingt“, meinte Bount. „Für mich stehen dabei immerhin dreihundertfünfzigtausend Dollar Erfolgsprämie auf dem Spiel.“

„Die hat dir Cobelli versprochen. Ich bin nicht sicher, ob du ihm vertrauen darfst.“

„Er wird zahlen“, sagte Bount. „Für dich fällt dabei auch etwas ab.“

„Willst du mich bestechen?“

„Ich wüsste nicht, warum. Mir geht es lediglich um deinen dicken Bauch. Ich möchte ihn noch praller werden lassen. Wie wäre es mit einem Essen in einem Nobelrestaurant? Du bist mein Gast.“

Toby Rogers grinste. „Wir sollten June mitnehmen“, schlug er vor. „Damit’s uns besser schmeckt.“

„Du bist wirklich ein Gourmet“, meinte Bount.

Die beiden Assistenten hatten den Koffer freigelegt und aus der Kiste gehoben.

Sie öffneten ihn.

Toby Rogers stieß beim Anblick der sauber gebündelten Scheine einen Pfiff aus.

„Wie schön kann doch Papier sein“, meinte er verzückt. Er seufzte plötzlich. „Aber freue dich nicht zu früh auf deinen Anteil“, warnte er. „Du kriegst ihn nur dann, wenn Zanutti die Herkunft des Geldes erklären kann.“

„Du brauchst dich nicht zu wiederholen. Kann ich jetzt verschwinden?“

„Wohin so eilig? Hast du ’ne Verabredung?“

„Ich muss ins Krankenhaus, zu Jill. Ich schulde ihr tausend Dollar“, sagte Bount.

„Sonst nichts?“

„Nein“, erwiderte Bount. „Sonst nichts.“

ENDE



Krähen

von Alfred Bekker


Roman


Der Umfang dieses Buchs entspricht 91 Taschenbuchseiten.


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



1

"Nein", flüsterte die grauhaarige Frau mit den hellblauen Augen. Ihr Mund war halb geöffnet. Sie war starr vor Schrecken.

Vom Horizont her sah sie den dunklen Schwarm der Vögel herannahen. Wie düstere Gedanken schwebten sie am Himmel.

Es waren Krähen.

Ich habe sie gerufen!, wurde es ihr klar und diese Erkenntnis traf sie wie ein Schlag. Sie fühlte die Verzweiflung in sich aufsteigen. Es war ein düsterer, wolkenverhangener Tag. Dorothy Carson fröstelte. Ein eisiger Wind kam von der Küste her und blies über das grau wirkende Land. Ein krächzender Laut durchschnitt die Stille wie ein Messer. Die alte Dame wirbelte herum und sah zur Vorderfront des weiträumigen, herrschaftlich wirkenden Landhauses, das sie bewohnte. Auf dem Dach hatte ein halbes Dutzend Krähen Platz genommen, ohne dass Dorothy davon etwas bemerkt hätte. Und ein paar weitere kamen jetzt noch hinzu. Es war gespenstisch.

"Fort mit euch, ihr kleinen Bestien!", rief Dorothy mit heiserer, kraftlos klingender Stimme. Der Vogelschwarm vom Horizont kam indessen näher.

Unfassbar, dachte sie. Es sind meine Gedanken, die diese Wesen herbeirufen. Meine düsteren Gedanken und eine geheimnisvolle Kraft, die ihnen innezuwohnen scheint...

Aber warum verschwanden sie dann nicht wieder, wenn sie es wünschte? Warum hatte sie offenbar nicht auch die Macht, diese Vögel wieder zu verjagen?

Sie hörte das Krächzen und dieser Laut ging ihr durch Mark und Bein. Einen Moment lang war Dorothy Carson wie betäubt, dann strebte sie dem Hauptportal des Landhauses zu. Sie hatte Angst. Namenlose Angst, die ihr die Kehle zuschnürte und sie halb wahnsinnig zu machen drohte... Angst vor jenen dunklen Geschöpfen, die sie selbst herbeigerufen hatte, über die sie aber dennoch nicht vollends Herrin war. Die Vögel kamen näher. Dorothy Carson rannte jetzt. Es war ein großer Schwarm. Der wolkenverhangene Himmel begann sich zu schwärzen. Einige der Vögel flogen sehr tief. Und das grauenerregende Krächzen war nun allgegenwärtig. Dieser Laut ließ Dorothy frösteln. In ihrem Innern krampfte sich alles zusammen. Sie hörte sich selbst unverständliche Worte vor sich hinmurmeln.

Ich kann meine Kraft nicht kontrollieren!, ging es Dorothy siedend heiß durch den Kopf. Sie versuchte, sich zu konzentrieren, aber es gelang ihr nicht. Sie war erfüllt von nichts weiter als nackter Furcht.

Dann stolperte sie, nur wenige Meter von dem Treppenaufgang des Portals entfernt. Dorothy schluchzte. Es war sinnlos, sich gegen die übermächtigen dunklen Mächte zu stellen, die sie selbst herbeigerufen hatte. Diese Kräfte waren zu stark. Sie konnte sie nicht bändigen, so sehr sich auch bemühte. Sie keuchte. Der Angstschweiß stand ihr kalt auf der Stirn, als sie sich herumdrehte und den Schwarm der Krähen auf sich zukommen sah. Sie flogen sehr tief. Und die tierischen Schreie ihrer heiseren Vogelstimmen klangen wie finstere Todesdrohungen. Dorothy schrie aus Leibeskräften und schloss dann die Augen. Sie drehte sich wieder herum, barg den Kopf in den Händen und lag da wie ein zusammengekrümmter Embryo. Dann spürte sie eine Berührung an der Schulter und ein Schauer ließ sie zittern.

Details

Seiten
1000
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738953763
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Juli)
Schlagworte
willkommen mördern krimi paket thriller

Autoren

  • Alfred Bekker (Autor)

  • Thomas West (Autor)

  • Pete Hackett (Autor)

  • Cedric Balmore (Autor)

  • Henry Rohmer (Autor)

  • Wolf G. Rahn (Autor)

  • A. F. Morland (Autor)

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Titel: Willkommen bei den Mördern: Krimi Paket 11 Thriller