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Auf dem Dorf wird auch gemordet: 10 Krimis auf 1419 Seiten

von Alfred Bekker (Autor) Peter Haberl (Autor) Albert Baeumer (Autor) A. F. Morland (Autor)
2021 1500 Seiten

Leseprobe

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Auf dem Dorf wird auch gemordet: 10 Krimis auf 1419 Seiten

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von Alfred Bekker, Peter Haberl, A. F. Morland & Albert Baeumer

Der Umfang dieses Buchs entspricht 1419 Taschenbuchseiten.

Spitzen-Krimis mit Tatorten in dörflicher Idylle. Mordfälle weit ab der großen Metropolen. Genau dort, wo man glaubt, dass die Welt noch in Ordnung und das Böse so fern sei...

Drei Krimis aus der vermeintlichen heilen Provinzwelt - mit skurrilen Ermittlern, ungewöhnlichen Fällen und Typen, wie sie nur noch in Dörfern vorkommen.

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Alfred Bekker: Zweisam in Sonsbeck

Alfred Bekker: Hinter dem Mond

Peter Haberl: Geburtstag – Sterbetag

Alfred Bekker/ Albert Baeumer: Mercator, Mord und Möhren

Alfred Bekker/ Albert Baeumer: Kaffee, Kunst und Kaviar

Peter Haberl: Die Tote im Unterholz

Peter Haberl: Der Satan hat noch einen Trumpf im Ärmel

A. F. Morland: Ein Mörder in Bergesfelden

A. F. Moland: Flucht in die Berge

Alfred Bekker: Der verlorene Erbe

Titelbild: STEVE MAYER.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Authors

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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ZWEISAM IN SONSBECK

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von Alfred Bekker

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1

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Die Stimmen.

Sie hören nicht auf.

Ich dachte, ich könnte sie zum Schweigen bringen, aber das war wohl ein Irrtum. Eine gewisse Traurigkeit überkommt mich. Ein Gefühl der Vergeblichkeit.

Zu Hause ist es manchmal ziemlich einsam.

Wenn ich niemanden habe, mit dem ich reden kann, höre ich die Stimmen.

Also muss ich immer dafür sorgen, dass ich nicht allein bin.

Es war an einem heißen Juli-Nachmittag, als die St. Gerebernus-Prozession durch Sonsbeck zog.

Letztes Jahr.

Der Musikverein Harmonie 1911 spielte.

Trotz der komischen Uniform, die nicht gerade feminin wirkt, fiel mir eine Trompeterin auf. Ich bin nicht sehr musikalisch, hatte aber das Gefühl, dass es nicht richtig sein kann, wenn man eine Trompete aus dem Bläsersatz dermaßen schrill heraushört. Dem Gesichtsausdruck des Dirigenten nach hatte ich mit dieser Einschätzung Recht.

Damals sah ich Franziska zum allerersten Mal. Allerdings wusste ich noch nicht, dass sie Franziska hieß.

Ich konnte sie einfach nicht vergessen.

Ihr Gesicht, meine ich.

Ich betrete das Sonsbecker Rathaus in der Herrenstraße 2. Es dauert eine Weile, bis ich mich durchgefragt habe und schließlich im Zimmer des Sachbearbeiters sitze, der dafür zuständig ist, einem Bedürftigen wie mir Hilfe zum Lebensunterhalt zu gewähren.

Der Sachbearbeiter heißt Wolke. So hat er sich mir gegenüber vorgestellt. Seine Kollegin, die während unseres Gesprächs mehrfach hereinschneit und uns mit irgendwelchen ach so dringenden Lappalien unterbricht, nennt ihn HEBBET.

Nicht HERBERT sondern HEBBET.

Vielleicht kommt sie aus dem Hessischen.

Jedenfalls ist sie nicht von hier.

Zugezogen.

Ihre Sprache verrät sie.

Sie ist blond und quirlig.

HEBBET ist genau das Gegenteil.

Dunkelhaarig und ziemlich behäbig. Richtig lahm. So, wie man sich einen Beamten in seiner Amtsstube eben vorstellt.

Wolke lehnt sich in seinem Sessel zurück und sieht mich abschätzig an.

"Sie wollen also Geld von mir haben."

"Nicht von Ihnen persönlich."

"Logisch", knurrt er. "War ein Witz."

"Ach, so."

Er atmet tief durch, beugt sich vor und greift sich anschließend mit schmerzverzerrtem Blick an den Rücken. Irgendetwas zwickt ihn da. Das sind eben die Folgen des Dauersitzens. Kann man in jedem Apothekenblatt nachlesen.

"Sie haben zurzeit keine Arbeit?", fragt er mich.

"Nein."

"Seit wann?"

"Seit ... Schon jahrelang."

"Wovon haben Sie gelebt?"

"Vom Geld meiner Mutter."

"Ist Ihre Mutter berufstätig?"

"Nein, jetzt nicht mehr. Sie steht nicht mehr auf. Jedenfalls nicht ohne Hilfe."

"Heißt das, sie ist ein Pflegefall?"

"Kann man so sagen."

"Zahlen Sie Miete?"

"Nein. Ich lebe im Haus meiner Mutter. Also, eigentlich ist es mein Haus. Sie hat es mir vor ein paar Jahren überschrieben."

"Außer den Zuwendungen Ihrer Mutter haben Sie keinerlei Einkünfte?"

"Ich habe hin und hin und wieder mal ..." Ich stocke.

"Schwarzarbeit?", erlöst er mich davon, mich selbst belasten zu müssen.

"Ja."

Er seufzt. Sieht genervt aus. Ich bereue schon, überhaupt hier her gekommen zu sein.

"Sie müssen mir Ihre Vermögensverhältnisse offen legen, sonst gibt es kein Geld für Sie", erklärt mir Wolke jetzt unmissverständlich. "Wenn Sie Ihre Mutter pflegen, dann hätten Sie auch vielleicht Anspruch auf Leistungen der Pflegekasse. Haben Sie Ihre Mutter vom medizinischen Dienst begutachten und in eine Pflegestufe einstufen lassen?"

"Nein."

"Das sollten Sie schleunigst veranlassen", sagt Wolke. "Ihren Schilderungen entnehme ich, dass Ihre Mutter bettlägerig ist."

"Ja."

"Dann sind Sie auf Grund der übernommenen Pflege auch nicht voll erwerbsfähig." Er seufzt, sieht auf die Uhr. "Wissen Sie was, ich muss heute pünktlich weg. Aber ich habe hier ein Formular für Sie. Füllen Sie das bitte aus und kommen Sie doch danach wieder in mein Büro."

"Wann?", frage ich.

Er zuckt die Achseln. "Die Tage mal."

Ich bekomme das Formular.

Seine quirlige Kollegin schneit noch einmal hinein. "HEBBET, eine Unterschrift!", säuselt sie, legt ihm was auf den Tisch. HEBBET unterschreibt ohne sich das Blatt durchzulesen.

"Alles klar?", fragt HEBBET Wolke.

"Alles paletti. Hast du übrigens schon gehört, dass da eine junge Frau vermisst wird?"

"Wirklich?"

"Ja, hier aus dem Ort."

"Nö, weiß ich nix von."

"Kam gerade im Radio. Den Namen habe ich vergessen, aber morgen ist sicher ein Foto in der Zeitung."

"Vielleicht kennen wir sie."

"Sandra Stahlke oder Stahnke."

"Nee, das ist 'ne Schauspielerin, da vertust du dich, Katharina."

"HEBBET ..."

"Ja, wirklich!"

"HEBBET, die heißt Susan Stahnke und ist auch keine richtige Schauspielerin sondern ... Wat weiß ich!"

Ich habe langsam das Gefühl, hier überflüssig zu sein. Immerhin weiß ich jetzt, dass die Quirlige Katharina heißt. Sie gefällt mir. Ich hätte sie gerne zu Hause. Nur so zum Reden. Nur zum Reden. Nicht für mehr.

Das Land hier am Niederrhein ist flach. Bäume, Häuser, Alleen, hin und wieder eine Kirche. So sieht es aus hier in Sonsbeck. Idyllisch könnte man dazu sagen. Mein Haus liegt ein Stück die Weseler Straße raus. Man kann es von der Straße aus nur im Winter sehen, wenn die Bäume kein Laub tragen. Mein Wagen, der Wagen, der meinem Vater gehört hat, steht jetzt in der Garage. Ich habe kein Geld für den Sprit mehr. Ich bin ein sparsamer Mensch, aber vielleicht war ich in der Vergangenheit nicht sparsam genug.

Jetzt fahre ich mit dem Fahrrad in die Stadt.

Geht auch.

Muss gehen.

Muss einfach.

Als ich später meine Mutter umbette, damit sie bequem liegt und keine Druckstellen bekommt, sagt sie: "Wir damals, in der schweren Zeit, wir haben ganz andere Sachen ausgehalten. Und du meckerst, wenn du mal in die Pedale treten musst!"

Als ich das Sozialamt verlasse, fällt mir das Plakat der Volkshochschule auf. "Volkshochschulzweckverband Alpen-Rheinberg-Sonsbeck-Xanten" , so nennt sich diese Institution mit vollem Namen. In Zimmer 22 des Rathauses residiert der offizielle Ansprechpartner, ein Herr mit einem holländisch klingenden Namen. Ich sehe mir das Plakat an. Karate für Anfänger, Wirtschaftsenglisch für Fortgeschrittene und Kreatives Schreiben.

MORD FÜR ANFÄNGER UND FORTSCHRITTENE, steht da in großen Buchstaben. Lernen Sie literarisch zu morden.

Klingt interessant, denke ich.

Schreiben befreit, heißt es. Man ordnet dadurch angeblich seine Gedanken.

Die vielen Stimmen im Kopf. Auch andere Dinge. Man ordnet seine Welt. Man erschafft seine Welt neu. Besser vielleicht.

Eine Weile habe ich das geglaubt.

Aber es stimmt nicht.

Gleichgültig, mit welch salbungsvollen Worten unsere Kursleiterin dies auch zu beschwören versucht. Die Stimmen sind immer noch da.

Und manch anderes auch. Aber in so einem Volkshochschulkurs für Kreatives Schreiben lernt man nette Menschen kennen. Frauen überwiegend. Und das ist doch auch etwas.

Es ist eine traurige Sache.

Warum bleiben sie nicht?

Warum erschrecken sie, wenn sie das Haus betreten? Weshalb beklagen sie alle sich über einen bestimmten Geruch, von dem sie nicht sagen können, wodurch er verursacht wird?

Sie wollen nicht bleiben und mit mir reden.

Ich weiß nicht warum.

Ist es zuviel, was ich verlange?

Das kann ich mir nicht vorstellen. Und doch, es ist immer dasselbe.

Sie wollen nicht bleiben. Ich kann von Glück sagen, wenn sie sich wenigstens mit mir an den gedeckten Tisch setzen.

"Hat jemand etwas von Franziska gehört?", fragt die Kursleiterin irgendwann, nachdem Franziska schon das dritte Mal nicht zum Kurs gekommen ist.

Zunächst herrscht Schweigen.

Schließlich sagt eine junge Frau mit mattglänzendem Haar und einem sehr ernsten Gesicht, bei dem man unwillkürlich auf die Idee kommt, dass eine schwere Jugend sehr schwermütige Gedanken zur Folge hat:

"Ich habe bei ihr geklingelt, aber es war wohl niemand da."

"Also wenn ihr jemand zufällig begegnen sollte", so die Kursleiterin,

"dann möge er ihr doch bitte schöne Grüße von mir ausrichten und sie fragen, ob sie nun an unserer Lesung teilnehmen will oder nicht.

Irgendwann muss ich ja auch planen."

Sie wird nicht teilnehmen, denke ich.

Weder an der Lesung, noch an sonst irgendetwas.

Franziska wird gar nichts mehr tun.

Ich zünde die Kerzen an.

Der Schein der Flammen fällt auf ihre ebenmäßigen Züge und taucht sie in ein diffuses Licht.

Ich konnte sie nicht gehen lassen.

Ich konnte einfach nicht.

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2

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Ich spaziere gerne am Dassendaler Weg zwischen dem Römerturm und der St. Gerebernus-Kapelle. Manchmal sagen mir Stimmen, ich soll hier hin gehen. Vielleicht suche ich instinktiv die Nähe eines sakralen Gebäudes. Betreten habe ich die Kapelle nie. Auch keine andere Kirche.

Seit Jahren nicht.

Es wäre mir irgendwie unangemessen vorgekommen. Du hast dort nichts zu suchen! , sagt eine Stimme.

Aber eine andere widerspricht: Genau hier bist du richtig. Im Angesicht des Kreuzes. Wo sonst willst du Buße tun?

Ich schließe die Augen.

Kneife sie zu.

Drücke die Handflächen auf die Ohren.

Es ist dunkel.

So dunkel.

Der Chor der Stimmen verstummt nicht.

Ich spüre eine leichte Berührung. Sie wirkt wie ein elektrischer Schlag.

"Ist Ihnen nicht gut?", dringt eine weibliche Stimme in mein Bewusstsein. Ich erkenne sie wieder, öffne die Augen und sehe die quirlige Katharina aus dem Sozialamt. Ihr Gesicht wirkt besorgt.

"Alles in Ordnung."

"Wirklich?"

"Wirklich."

"Ich habe ein Handy dabei. Soll ich einen Arzt rufen?"

"Nein, danke."

Sie sieht mich zweifelnd an. "Na, Sie müssen es ja wissen."

"Eben!"

Geh weg.

Sofort.

"Ich meine, es ist halt so, dass Kurse meistens im Laufe der Zeit kleiner werden", sagt die Leiterin einmal. "Aber wenn man keine Lust mehr hat, könnte man sich eigentlich wenigstens abmelden, finde ich."

Hast du eine Ahnung!, denke ich.

Die Leiterin macht ein ernstes Gesicht.

Drei volle Sekunden Schweigen.

Dann wenden wir uns dem Text einer rothaarigen, sehr hageren und sehr unzufrieden wirkenden jungen Frau zu, die aussieht, als hätte sie in ihrem jungen Leben schon viel mitgemacht. "Ich habe das Problem, wie ich historische Fakten in meinen Krimi einbauen soll", sagt sie. "Ich möchte schließlich nicht aufdringlich oder belehrend klingen, andererseits ... Nun, ich habe einen Kompromiss zwischen spannender Handlung und historischer Genauigkeit versucht."

Wir hören ihr zu.

Nachdem sie zwei Seiten lang über die Gründung der Stadt Sonsbeck im Jahre 8 v. Christus durch den römischen Kaiser Tiberius doziert und Bezüge zur Herrschaft der Grafen von Cleve im zwölften Jahrhundert hergestellt hat, die in Sonsbeck eine Bockwindmühle besaßen, denke ich, dass dieser Kompromiss gründlich daneben gegangen ist. Eigentlich geht es ihr nämlich darum, einen Mord zu beschreiben, der in der Turmwindmühle stattfindet, die zu dem daneben liegenden Hotel gehört.

Als die Rothaarige anschließend noch ellenlange und detailreiche Beschreibungen des fast völlig von Efeu überwuchterten Mauerwerks zum besten gibt, denke ich: Man sollte die Todesstrafe wieder einführen.

Für Langweilerinnen.

Etwas fasziniert mich doch an ihr.

Ihr Gesicht.

Sie ist nicht mein Typ, das hatte ich innerhalb der ersten zwei Sekunden entschieden, in denen ich sie sah.

Trotzdem...

Ihr Gesicht - nein, ihr Gesichtsausdruck! - dieses fleischgewordene Monument aus Qual und Entsagung, muskulös durch das Kauen von Grünkernen und Müsli, gezeichnet durch den Ausdruck permanenter Unzufriedenheit, der sich bereits in Form von charakteristischen Falten verewigt hat, erinnert mich an Mutter.

Sie sah auch so drein.

Wenn sie von der schweren Zeit sprach.

Sie sprach oft davon.

Kein Wunder, dass sie früh Falten bekam.

Das mit den Stimmen fing an, als ich etwa fünf Jahre alt war.

"Dafür brauchen wir keinen Arzt", hatte Mutter damals gesagt. "Das wächst sich aus, wenn du größer wirst."

Es hat nie wieder richtig aufgehört. Sie sind immer da. Das Einzige, was sie vorübergehend übertönen kann, sind die Stimmen anderer.

Die Stimmen meiner Besucherinnen zum Beispiel.

Mutter hat keine von ihnen gemocht - und das, obwohl ich ihr nur das Beste über sie berichtet habe. Keiner von ihnen ist sie persönlich begegnet.

"Was ich gehört habe, reicht mir für ein Urteil", pflegte sie zu sagen.

Ein Urteil.

Das war es.

Ein Urteil ohne Berufung. Ohne Verteidiger. Nur eine einsame Richterin.

"Reg dich nicht so auf", sagte ich.

"Wieso soll ich mich nicht aufregen, wenn du dich mit den falschen Frauen triffst? Welche Mutter würde sich da nicht aufregen?"

"Weißt du nicht, dass so etwas einen zweiten Schlaganfall auslösen kann?"

"Ach, Junge!"

Gegenüber vom Sonsbecker Rathaus befindet sich ein Parkplatz.

Dahinter ragt die Silhouette der evangelischen Kirche hervor. Zwei Einsatzwagen der Polizei stehen auf dem Parkplatz. Als ich mit dem Fahrrad in die Herrenstraße einbiege, fallen sie mir wegen der eingeschalteten Blinklichter gleich auf. Irgendetwas muss passiert sein.

Ich fahre auf den Parkplatz. Um die Polizisten hat sich ein Pulk von schaulustigen Passanten gebildet. Uniformierte Beamte teilen Handzettel aus. Das Bild einer jungen Frau ist darauf zu sehen. Darunter die Frage, ob jemand ihr in den letzten Tagen begegnet sei. Ein Beamter kommt auf mich zu, drückt mir auch so einen Zettel in die Hand.

"Was ist passiert?", frage ich.

"Versuchen wir gerade herauszufinden."

"Sie ist doch nicht tot?"

Meine Stimme vibriert.

Warum eigentlich?

Der Beamte sieht mich an. Seine Augen sind dunkelgrau. Genau wie sein Schnauzbart, der so dick ist, dass man von den Lippen nichts sehen kann. Er mustert mich. Ich fange an zu schwitzen. Ich fange immer an zu schwitzen, wenn mich jemand so ansieht. Genau auf diese Weise.

Unmöglich zu sagen, woran das liegt. Ich weiß nur, dass sich dann meistens die Stimmen melden.

Geh weg.

Sofort.

Flieh!

"Sehen Sie sich das Bild genau an", sagt der Polizist. "Vielleicht kennen Sie die junge Frau ja ..."

Ich nicke.

Senke zögernd den Blick.

Bislang habe ich es vermieden, mir das Gesicht anzusehen.

Tu es nicht!

Sieh nicht hin!

"Schreckliche Sache", sage ich.

"Naja, wir wissen ja noch nicht sicher, was wirklich passiert ist", erwidert der Uniformierte.

"Ich glaube, dann würden Sie nicht so eine große Aktion starten."

"Also, was ist? Kennen Sie die Frau?"

"Nein."

Ich muss schlucken.

Er sieht dir deine Lüge an, denke ich. Er sieht dir an, dass du jeden Tag mit ihr sprichst, dass sie an deinem Tisch sitzt, dass ihr zusammenlebt wie ein altes Paar.

Ich höre die Leute reden. Von härteren Strafen und perversen Schweinen, von schlampigen Gutachtern und zu milden Urteilen wegen einer schweren Kindheit. Das ganze Stammtischgequatsche eben. Der Polizist geht weiter.

Geh weg.

Sofort.

Ich steige auf das Fahrrad, zittere dabei.

"Sie wollen wirklich schon gehen?"

Ihr Gesicht wirkt verlegen.

"Ja."

"Aber ..."

Woran liegt es nur? Mutter kann nichts damit zu tun haben. Sie liegt seit ihrem Schlaganfall starr da und wenn ich sie nicht alle paar Stunden umbetten würde, bekäme sie Druckstellen, die sich nach einiger Zeit dunkel verfärben. Manchmal ruft sie nach mir, das hat sie jetzt nicht getan. Der Hass, den sie meinen Besucherinnen entgegenbringt, kann doch nicht durch die Wände ihres Zimmers gedrungen sein wie eine schwarze Giftwolke!

Ich höre Stimmen.

Einen dumpfen, choatischen Chor, der lauter wird, anschwillt.

"Ich muss mich auf den Weg machen. Verstehen Sie mich doch, es ist höchste Zeit ..."

"Ich habe den Tisch gedeckt!"

"Hören Sie, ich will Sie nicht kränken, aber ..."

"Aber?"

"Ich weiß nicht, ob es richtig war, Ihre Einladung anzunehmen ... Was ich sagen will ist ..."

"Sie können mir das nicht antun! Ich habe für Sie gekocht!"

"Das ist sehr nett, aber - "

"Alles ist vorbereitet ... "

Sie runzelt genau in diesem Moment die Stirn.

"Vorbereitet?"

Viele von ihnen haben genau in diesem Moment die Stirn gerunzelt.

Ich kann es unmöglich erklären, aber es ist so.

Ich habe kein gutes Gefühl.

"Es gibt Lachs in Kräuterbutter. Dazu einen guten Wein. Es wird Ihnen schmecken ..."

Ich habe etwas Scheußliches getan.

Naja, das haben die meisten vielleicht irgendwann schon mal in ihrem Leben. Aber das, was ich getan habe, ist von besonderer Scheußlichkeit.

Ich weiß es, aber ich kann es nicht ändern.

Ich empfinde auch keine Schuld.

Es ist so gekommen.

Aus.

Fertig.

Reden wir über etwas anderes.

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Ich sehe ihr in die Augen, diese leuchtend blauen Augen, die mich ganz friedlich anblicken.

Sie sitzt mir gegenüber, mit diesen Augen, mit ihrem schmalen Mund, mit ihrem feingeschnittenen Gesicht. Ihr Mund lächelt nicht mehr. Er ist vielmehr unbeweglich, etwas starr, ich weiß auch nicht.

Ich hebe mein Glas und proste ihr zu.

Sie schweigt.

Ich rede mit ihr. Oder besser: Ich erzähle ihr alles Mögliche. Über mich. Über meine Ansichten. Über Gott. Und die Welt.

Nein, vielleicht doch nicht über Gott. Was ich damit sagen will ist Folgendes: Gott hat in dieser Geschichte eigentlich nicht allzu viel verloren.

Ich sollte ihn aus dem Spiel lassen.

Um seinetwillen.

Mein Mund produziert Worte. Eins nach dem anderen, ohne Unterlass. Eigentlich bin ich ein schweigsamer Mensch, vielleicht sogar schüchtern. Ich lebe zurückgezogen mit meinen drei Katzen. Wie schon gesagt: Das Haus, in dem ich wohne, liegt etwas abseits.

Ich habe es für mich allein und das ist gut so.

Ein Tag vergeht. Und ein weiterer.

Ich lasse sie am Tisch sitzen. Sie blickt mich starr an, wenn wir uns unterhalten.

Hätte ich sie doch gehen lassen sollen?

Vielleicht.

Ich konnte es nicht.

Es war einfach unmöglich.

Ich brauchte sie.

Und ich hoffe nur, dass ich ihr nicht allzu sehr wehgetan habe.

Jedenfalls hat sie nicht geschrien. Sie war wohl sofort tot. Ganz bestimmt.

Ich bette Mutter um. Von links nach rechts. Ihre Gliedmaßen sind starr. Ich packe Kissen zwischen die Gelenke.

Sie redet nicht mit mir. Sie ist beleidigt.

"Ist deine Besucherin noch da?", fragt sie plötzlich.

Der erste Satz - seit Tagen.

"Ja."

"Sie ist nicht gut für dich."

"Mutter!"

"Bring sie weg."

"Nein, noch nicht!"

"Ich mag sie nicht. Sie ist ..."

"Ja?"

"... wie die anderen."

Im Innersten meines Herzen weiß ich, dass Mutter Recht hat.

Bedauerlicherweise.

Ein Kursteilnehmer trägt eine Geschichte vor, die von einem Raubmord handelt. Er stottert beim Lesen. Der Text bricht plötzlich ab.

"Mir fällt kein Ende ein", meint der Schreiber, der sich mit der flachen Hand bei jeder Gelegenheit über das schüttere Haar streicht. Dadurch lädt es sich statisch auf, steht in der Gegend herum. Wie bei jemandem, der auf dem elektrischen Stuhl sitzt.

"Ich habe jetzt eine richtige Schreibhemmung, weil ich einfach nicht weiterkomme!", stöhnt er noch mal auf.

Er kann noch nicht richtig dichten, aber so gequält dreinschauen wie ein richtiger Dichter kann er schon.

Immerhin etwas.

Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben, heißt es.

"Vielleicht kann ich mich einfach nicht so richtig in einen Mörder hineinversetzen", meint der Wie-ein-gequälter-Dichter-Dreinschauende dann.

Er wendet sich an mich.

Ausgerechnet.

"Wie schaffst du das denn?"

"Ich?"

"Du hast doch letzte Woche auch eine Mörder-Story geschrieben."

"Ja."

"Na?"

"Ich weiß nicht."

Ich kann mich nicht mehr konzentrieren. Ich höre die Stimmen. Ich versuche zu verstehen, was sie sagen ...

"Ist Ihnen nicht gut?", dringen die Worte der Kursleiterin plötzlich in mein Bewusstsein.

"Mir? Wieso?"

"Sie sehen so blass aus!"

Am vierten oder fünften Tag nahm ich meine Besucherin über die Schulter und setzte sie in einen der großen Ohrensessel, die bei mir im Wohnzimmer stehen. Wir saßen beieinander. Es war schön. Jedenfalls besser, als wenn man alleine dasitzt.

Von Tag zu Tag gab es mehr Fliegen im Haus und mir war klar, woher das kam.

Ich betrachtete wehmütig ihr Gesicht.

Schade, aber ich würde mich von ihr verabschieden müssen.

Ich schob es noch ein paar Tage vor mir her. Schließlich hatte ich mich an ihre Gesellschaft gewöhnt.

Dennoch, es war unvermeidlich.

Ich löste ein paar Fußbodenbretter, unter denen ich eine Grube angelegt hatte und legte sie zu den anderen.

Später gehe ich zu Mutter.

Sie hat schon nach mir gerufen. Ziemlich ungeduldig. Die Stimmen in meinem Kopf haben die ihre übertönt. Das ist manchmal ganz angenehm. Gegen den großen Chor kommt sie eben doch nicht immer an. Ich lächele. Trotz der Sache mit meiner Besucherin.

"Willst du, dass ich Druckstellen bekomme?"

"Nein."

"Willst du, dass mir irgend ein Quacksalber das tote Fleisch herausschneiden muss?"

"Nein, natürlich nicht."

"Du weißt, dass ich Ärzte hasse und um keinen Preis einen dieser Pfuscher an mir herummachen lasse!"

Das hatte sie auch nach dem Schlaganfall gesagt, als ich sie fand. Mit starren Gliedmaßen, verkrampften Fäusten, einem hängendem rechten Augenlid.

Ich hatte sie damals kaum verstehen können, so undeutlich sprach sie.

Immerhin - das ist von allein besser geworden. Oder ich habe mich mehr daran gewöhnt. Ich bin mir nicht ganz sicher.

"Warum hast du mich dann solange warten lassen, Junge?"

"Ich habe sie weggebracht."

"Deine Besucherin?"

"Ja."

"Gott sei Dank."

Ich bette sie um.

Diesmal von rechts nach links. Sie liegt zusammengekrümmt wie ein Fötus da.

Ich schiebe Kissen unter die Gelenke.

Routine.

Jedesmal dieselbe Prozedur.

Ich muss sie genau einhalten - sonst bekommt Mutter Druckstellen, hat Schmerzen und wird sauer.

Außerdem bekomme ich die Klappe der großen Kühltruhe nicht zu, wenn ich sie falsch lagere.

ENDE

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HINTER DEM MOND

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von Alfred Bekker

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1

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Eine laue Julinacht Anno 1969

Da ist ein Raumschiff.

Da ist ein blutiges Messer.

Und da ist ein Junge, der tot im Gras liegt.

Das alles ist in der Erinnerung untrennbar miteinander verbunden.

Aber alles der Reihe nach...

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2

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Im Jahr 1864 steht Friedrich Wilhelm Kötter aus Ladbergen im Münsterland an Deck eines Schiffs, das gerade in den New Yorker Hafen einläuft und blickt seinem neuen Leben entgegen.

Der Mond geht auf und Kötter kann in diesem Augenblick nicht ahnen, dass man ein Jahrhundert später den Mond vor lauter Lichtern in der Stadt, die niemals schläft, gar nicht mehr zu sehen vermag.

Für noch weniger wahrscheinlich hätte Kötter die Möglichkeit gehalten, dass 1969 ein Mensch den Mond betritt.

Dass es sein Urenkel sein wird, der diesen großen Schritt für die Menschheit vollbringt, hätte er sich wohl nicht einmal vorzustellen vermocht.

„Das ist Amerika!“, ruft einer der anderen, zerlumpten Auswanderer Kötter zu und klopft ihm auf die Schulter. „Sieh es dir an! Hier ist alles möglich.“

Aber Kötter macht eine wegwerfende Handbewegung.

„Bauer bleibt Bauer!“, meinte er „Auch hier.“

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3

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Ein Jahrhundert später...

Am 21. Juli 1969 ist keine Nacht wie andere Nächte. Überall sitzen die Menschen an den Fernsehern, sehen auf ein paar verwackelte Schwarzweißbilder und auf die klugen Gesichter von Raumfahrtexperten, die erläutern, was dort gerade zu sehen ist und herumorakeln, wie lange es wohl noch dauern wird, bis der Adler gelandet und Neil Armstrongs Fuß seinen Abdruck in den Mondstaub geprägt hat.

Überall versuchen weltraumbegeisterte Kinder und Jugendliche, die ihren Eltern die Erlaubnis abgetrotzt haben, diesen größten Moment der Menschheitsgeschichte live mitzuerleben, verzweifelt ihr Gähnen zu unterdrücken und nicht einzuschlafen, bevor der große Moment gekommen ist.

Überall...

Aber da gibt es ein kleines Dorf im Münsterland, das diesem zwang zur kollektiven andachtsvollen Menschheitsverbrüderung widersteht. Ein Dorf, das zum Mantel der Geschichte sagt: Geh mir aus den Augen und streife mich ja nicht! Ein Dorf, dessen größter Sohn gerade die größte Tat der Menschheitsgeschichte vollendet und dabei der Versuchung widersteht hinzuschauen.

Denn als Neil Armstrong, der Urenkel eines gewissen Friedrich Wilhelm Kötter aus Ladbergen sich gerade bei seinem berühmten Satz verhaspelt, als er von einem kleinen Schritt für einen Menschen, aber einem Riesenschritt für die Menschheit spricht, ist in der Bauernschaft Ladbergen-Wester Schützenfest. Und wer käme schon auf die Idee, das wichtigste Ereignis des Jahres zu verschieben. Selbst das Ereignis des Jahrhunderts – ja, des Jahrtausends! - wird daran nichts ändern.

In Ladbergen-Wester sitzt niemand vor dem Fernseher.

Fast niemand.

Nur ein fünfjähriger Junge sieht fern. Er hat sich den Wecker gestellt, der ihn alle zehn Minuten aufschrecken lässt, damit er nicht einschläft. Er gähnt und sieht auf den Fernsehschirm, wo ein Mann im kobaltblauen Anzug und mit wichtiger Miene gerade sagt: „Wir bekommen jetzt gerade Neuigkeiten aus Houston...“

Er heißt Ralf und seine Eltern sind nicht zu Hause, sondern sitzen zusammen mit dem Rest der erwachsenen Dorfbevölkerung im Festzelt. Und die Kinder schlafen. Manche vor Erschöpfung, weil sie vorher soviel Unsinn gemacht haben und herumgetobt sind, weil niemand da war, um es zu verbieten.

Vielleicht hat auch von denen der eine oder andere davon geträumt, sich die Mondlandung anzusehen, wenn er schon nicht nicht ins Festzelt und Biertrinken darf. Aber Ralf ist wohl der einzige der es geschafft hat, dies auch in die Tat umzusetzen.

Er ist das Ganze sehr planvoll angegangen. Er hat sich darüber informiert, wann mit der Landung zu rechnen ist, hat vorher etwas geschlafen und sich dann den Wecker gestellt, damit er pünktlich aufwacht. Schließlich wollte er nicht das Risiko eingehen, alles zu verpassen.

Auf dem Boden verstreut liegt ein halbes Dutzend Bücher über die Raumfahrt, über die Planeten und über ferne Sterne. Da steht alles drin, was man bisher darüber weiß.

Aber das ist nicht sehr viel.

Ralf ist erst fünf, aber er kann besser lesen als manch einer aus dem vierten Schuljahr, von denen einige noch ziemlich herumstottern, wenn sie ein Stück vorlesen sollen, das sie vorher nicht geübt haben.

Die vier Tage Reise zum Mond, die Umkreisungen des Orbiters, das Ausklinken der Landefähre und schließlich das Aufsetzen auf der Mondoberfläche... Ralf kennt jeden einzelnen Schritt auf dem Weg dorthin. Er hat die Berichte über die vorhergehenden Apollo-Missionen verfolgt, die nur bis in die Umlaufbahn des Mondes gekommen sind und er hat keine Folge der Sendungen von Professor Heinz Haber verpasst, der einem all das erklärte.

Ralf hatte nicht alles verstanden, aber vieles. Und das, was er nicht verstanden hat, ließ sich begreifen, wenn man in Büchern nachschlug.

Er hatte sich das Lesen selbst beigebracht und war deshalb ein Jahr früher in die Schule gekommen.

Wäre doch gelacht gewesen, wenn es da etwas gegeben hätte, was er nicht hätte herausfinden können.

Seine Neugier war so grenzenlos wie das Universum selbst.

Ralf sieht auf die Uhr.

Eigentlich hat sein Freund Andreas angekündigt, in der Nacht zu ihm zu kommen, damit sie gemeinsam die Mondlandung erleben konnten.

Andreas wohnt ein Haus weiter – gut hundert Meter entfernt und seine Eltern hätten es nicht gemerkt, wenn er das Haus verlässt.

Schließlich sind sie bis zum frühen Morgen ebenso im Festzelt beschäftigt wie Ralfs Eltern.

Andreas ist ein Jahr älter aber Ralf hatte trotzdem immer schon den Eindruck, dass er nicht ganz so helle war. Man musste ihm manchmal die Dinge dreimal erklären, wenn man sicher sein wollte, dass er sie auch richtig begriffen hatte.

Und deshalb hatte sich Ralf auch große Mühe gegeben, ihm eindringlich klarzumachen, wie er den Wecker zu stellen hätte, damit er auch pünktlich aufwachte.

Offenbar vergeblich.

Andreas hätte längst hier sein müssen!, geht es Ralf ärgerlich durch den Kopf.

Dieser Dussel!

„Ey, bist du ein Lehrer oder was?“, hatte ihn Andres noch angefahren, als Ralf seine Kontrollfragen gestellt hatte, um herauszufinden, in wie fern sein Freund tatsächlich begriffen hatte, was zu tun war. „Du brauchst nicht zu denken, dass ich doof bin, du Schlaumeier. Und nur, weil du vorzeitig eingeschult wurdest, brauchst du dir auch nichts einzubilden!“

Auch wenn Andreas nicht der Hellste war – Ralf fand es doch angenehm, ihn um sich zu haben.

Dann hatte er jemanden, dem er von seinen Ideen erzählen konnte. Jemanden, der ihm fasziniert zuhörte, wenn er davon sprach, wie eine Mondfähre aufgebaut war, wie der Orbiter funktionierte, wie stark die Rakete sein musste, die all das aus der Anziehungskraft der Erde herauskatapultierte und so zielgenau in den Weltraum hineinschleuderte, dass es den Mond erreichte.

Über dreihunderttausend Kilometer.

Eine Zahl, die sich nicht mal Ralf vorstellen kann.

Andreas kann fehlerfrei bis 22 zählen. Ralf hat es immerhin schon mal geschafft einfach so und aus Spaß die Zahlen bis 1000 aufzuschreiben, ohne eine zu vergessen.

Aber 300 000 – das ist einfach nur ein magischer Begriff.

Einen Kilometer – das weiß er ziemlich genau, wie viel das ist. Einen Kilometer muss man laufen, um ins Dorf zu kommen und im Kiosk von Oma Oelrich ein Bessy-Heft zu kaufen.

Genau tausend Schritte. Ralf hat es abgezählt.

Und hundert Schritte sind es bis zum Haus von Andreas‘ Eltern. Wenn er den Wecker richtig gestellt hätte, wäre er aufgewacht und hergekommen!, denkt Ralf.

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Er sieht die verwackelten Schwarzweißbilder der Landefähre >Eagle>, sieht die Umrisse von Neil Armstrong. Das ist er also. Der zweite große Moment. Der Adler ist gelandet und jetzt ist Armstrong ausgestiegen und der erste Mensch betritt den Mond. Mit so einer Fähre möchte ich mal fliegen, denkt Ralf. Wenigstens einmal.

Nach dieser Nacht wird er das nie wieder denken.

Einige Augenblicke lang versinkt er in seinem Traum von einer Zukunft als Astronaut. Den ersten Mann auf dem Mond gibt es ja nun schon, aber da draußen sind noch viele Planeten. Warum sollte er nicht der erste Mann auf dem Mars werden?

Dass Neil Armstrongs Vorfahren aus Ladbergen stammen, darüber haben sie in der Schule geredet. Was ein Ladberger geschafft hat, könnte doch auch einem zweiten gelingen, denkt Ralf.

Er hört einen Schrei und fährt zusammen.

Ein Schrei so hell und schrill wie eine Kinderstimme.

Ralf sitzt da und kann sich nicht bewegen, denn obwohl sie so verzerrt klang, hat er die Stimme sofort erkannt. Andres!

Ein Geräusch lässt ihn sich zum Fenster drehen. Auf dem Fernseher hat man jetzt gerade wieder zurück ins Studio geschaltet und ein Experte sagt ein paar kluge und salbungsvolle Worte über die Zukunft der Menschen und den Blick von einem anderem Himmelskörper auf die ferne Erde, der uns allen doch bewusst machen könnte, wie verwundbar wir doch sind. Die Erde als verletzliche Insel des Lebens im All. Ralf hört nicht zu. Er geht zum Fenster.

Ist Andreas vielleicht in einen Kuhfladen getreten? Hat er deshalb so geschrien? Memme!

Er nimmt seine Taschenlampe, die er letztes Weihnachten bekommen hat und die seitdem fast ständig seine Hosentasche ausbeult.

Ralf öffnet das Fenster.

Ein kühler Hauch kommt herein. Und zusammen mit diesem Hauch auch ein wimmernder Laut. Da ist irgend etwas geschehen. Irgend etwas Schlimmes.

Ralf sieht nochmal zum Fernseher. Immer noch Studio. Nicht Houston. Nicht der Mond. Kein Armstrong, keine EAGLE.

„Andreas?“, ruft Ralf.

Aber da gibt es keine Antwort. Das Wimmern verstummt.

Ralf steigt nach draußen. Er läuft ein paar Schritte. Der aufkommende Wind biegt die Bäume und lässt sie rascheln.

„Wo bist du denn, du Blödmann?“

Er lässt den Strahl seiner Taschenlampe suchend herumfahren.

Und dann sieht er ihn. Andreas liegt im Gras.

Er sieht das Blut.

Viel Blut.

Und in den starren Augen spiegelt sich das Mondlicht. Der Mund steht offen – wie gefroren im Schrecken.

Da liegt auch ein Messer.

Die Klinge blitzt auf.

Zumindest dort, wo sie nicht mit Blut beschmiert ist.

Dann knackt ein Ast. Ralf lässt den Lichtkegel seiner Lampe herumfahren. Eine Gestalt schält sich aus der Dunkelheit heraus.

Ein Mann.

Er hebt den Arm vor das Gesicht, denn die Lampe blendet ihn. Ralf sieht nur die Hand und die Stirn und die hakenförmige Narbe.

Und das Blut an seinem Hemd und dem Ärmel.

Der Mann dreht sich um, stolpert davon. Er geht ganz seltsam. Mit seinem Bein stimmt was nicht.

Ralf hat schon mal jemanden gesehen, der sein Bein so bewegte. Das war im Urlaub am Strand.

Ralf hatte die ganze Zeit das Bein eines Mannes angestarrt, der vor ihm herlief, dann bei einer Sandburg stehenblieb, zum Schenkel griff, das Bein abschnallte und in den Sand steckte.

„Das kommt vom Krieg“, hatte ihm sein Vater später gesagt.

Dieser Mann geht genauso. Er hat ein Holzbein.

Aber schon einen Moment später sieht Ralf ihn nicht mehr. Er ist einfach verschwunden, so als hätte es ihn nie gegeben – und Andreas liegt da, wie eine starre Puppe, so als hätte er nie gelebt.

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5

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Anno 2009...

Vierzig Jahre später.

Der Fernseher läuft. Die alten Bilder werden noch einmal gezeigt. Immer wieder aufs neue. Die Landung von Apollo 11 – in einigen Programme sogar die Originalübertragung in voller Länge.

Ralf sieht den Adler landen.

Und sitzt wie erstarrt da. Denkt plötzlich an das Blut, das Messer, den toten Andreas und den Mann in der Dunkelheit.

„Wolltest du nicht auch immer Astronaut werden?“, fragt die demente Achtzigjährige im Rollstuhl, die ab und zu nochmal einen hellen Moment hat, ansonsten mit Ralfs Mutter aber nur den Name gemein zu haben scheint.

Ralf antwortet nicht.

„Komisch, du hast dich so sehr dafür interessiert, dass weiß ich noch genau. Aber das hatte sich dann plötzlich erledigt...“

„Ja“, murmelt er. „Das hatte es.“

„Schade, dass du so weit weg wohnst.“

Nein, denkt er. Das ist gut so.

„Ich hoffe, man sorgt hier in diesem Altenheim gut für dich“, sagt er.

Sie beugt sich vor. „Ich habe da einen Herrn kennengelernt. Der ist nett.“

„Ah, ja...“

„Hat aber genauso wenig Haare wie dein Vater früher.“

52 war Ralfs Vater nur geworden. Verkehrsunfall, Kreuzung Lengericher Straße/ Saerbecker Straße. So etwas nannte man wohl Schicksal.

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6

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Eine Dorfkneipe.

Ralf ist wegen eines Klassentreffens nach Ladbergen gekommen. Und jetzt sitzen sie beim Bier – alle die, die damals das Lesen lernten, als Neil Armstrong zum Mond flog.

„Aber der Ralf, der konnte dat schon!“, sagt einer. „Obwohl er der Jüngste war.“

„Hatte ich mir selbst beigebracht“, sagt er.

„Du wolltest doch damals immer schon was besonderes werden. Astronaut, glaube ich, oder? So wie unser größter Ladberger, hier, wie heißt er noch – Nils Armstrong.“

Neil – nicht Nils!, will Ralf ihn korrigieren, aber er behält die Worte für sich. Was soll‘s?

„Naja, aber Professor für Chemie ist ja auch nix Schlechtes oder? Nicht gerade sowas wie eine Reise zu den Sternen, aber ich schätze mal das liegt ja auch daran, dass die mit den Astronautenprogrammen damals erstmal eine Pause eingelegt hatten, wenn ich das richtig sehe...“

„Ist damals nicht der Andreas umgekommen?“, fragt eine Frau. Jetzt ist sie dünn und hager wie ein Hering. Damals, hat Ralf noch gut in Erinnerung, konnte sie kaum aus den Augen sehen, wenn sie lachte, so dick waren ihre Wangen. Wie die meisten, die am Tisch sitzen, ist sie nie aus Ladbergen herausgekommen. Anders als Ralf.

Ilona heißt sie. Die dicke Ilona, denn es gab auch noch eine andere, die dünn war. Zu Ralfs Verwirrung ist allerdings in den letzten vierzig Jahren die dünne Ilona dick geworden und die dicke dünn.

„Ja, richtig der Andreas...“, sagt jemand anderes. „Ralfi, dass war doch dein bester Freund, oder?“

„Ja“, murmelt Ralf. Er hört den Stimmen der anderen zu, ihrem Wortschwall aus Erinnerungen und Halbwahrheiten. Das gesammelte Dorfgerede eben, abgeschliffen und in seinem wahren Kern etwas verfälscht durch die Zeit.

„Ich meine die Polizei, die hat ja damals nicht so richtig herausfinden können, wer das nun eigentlich gewesen ist.“

„Ja, aber es gab in den nächsten Jahren noch drei weitere Kinder, die hier in der Gegend umgebracht wurden.“

„Ich meine, so'n Wort wie Kinderschänder, da hat man ja damals nur hinter vorgehaltener Hand von gesprochen.“

„Ich weiß noch, dass wir einige Zeit kaum raus durften und unsere Eltern uns überall hingebracht hatten.“

„Ja, das hat sich dann bald auch gelegt. Ich meine du kannst Kinder doch nicht rund um die Uhr überwachen!“

„Hat sich das nicht in der Nacht des Schützenfestes abgespielt?“

„Die Nacht des Schützenfestes! Das war doch die Nacht der Mondlandung“, sagt jemand. „Allerdings muss ich zugeben, dass mir das auch jetzt erst aufgefallen ist, weil alle Leute über das Jubiläum von Nils Armstrong sprechen.“

Wieder Nils!, denkt Ralf, weil ihn das etwas ablenkt. Eigentlich will er nichts mehr davon hören. Seit er Andreas gefunden hatte, war sein Interesse an Raumschiffen wie weggeblasen. Und wenn jemand das Wort Apollo aussprach oder Armstrong oder EAGLE oder Orbiter, dann konnte es sein, dass er Schweißperlen auf die Stirn bekam. Immer noch. Wahrscheinlich würde das auch nicht mehr aufhören. Nur ganz dunkel erinnert sich Ralf daran, wie er später vom Dorfpolizisten befragt wurde und noch später von einem Kriminalhauptkommissar und danach von einem Mann, von dem er bis heute nicht wusste, wer er war, aber der immer sehr verständnisvoll nickte, wenn er einen Satz beendete.

Die Zeit nach dieser Nacht erschien Ralf im Rückblick wie ein verworrener Alptraum. Und manchmal hatte er das Gefühl, bis heute nicht wirklich daraus aufgewacht zu sein.

„Echt, dat muss ein Auswärtiger damals gewesen sein“, hört er jemanden sagen.

„Ja, und warum sind dann noch weitere Kinder umgekommen?“, fragt jemand anderes und stört damit den lokalpatriotischen Grundkonsens am Tisch.

„Ja, aber kannst du dir denn vorstellen, das jemand, der mit unseren Eltern zusammen im Festzelt gesessen und Bier gesoffen hat, sowas tun würde? Jemand, hier aus der Gegend?“

„Vielleicht sogar jemand, der mit Neil Armstrong verwandt ist“, sagt Ilona. Diesmal die dünne, die jetzt dick ist. Einen Augenblick herrscht Schweigen, diese Bemerkung findet jeder unpassend. „Ich mein‘ ja nur“, sagt sie.

Ihre Namensvetterin erlöst die Runde aus ihrer bedrückenden Stille.

„Fährst du morgen nochmal deine Mutter besuchen, Ralf?“

„Ja.“

„Meine ist auch im Haus Widum Lengerich. Wir sind zufrieden. Also – sie und ich.“

„Verstehe.“

„Wann fährst du?“

„Weiß noch nicht.“

„Kannst du mich mitnehmen? Unser Wagen ist nämlich kaputt, aber wenn ich ihr zu erklären versuche, dass ich deswegen nicht zu ihr kommen kann, versteht sie das nicht.“

„In Ordnung“, sagt Ralf.

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Ralf sitzt mit seiner Mutter im Tagesraum des Seniorenheims Haus Widum in Lengerich – zehn Kilometer von Ladbergen entfernt. Aber für Mutter ist das Ausland. Schon das Platt, das man hier spricht unterscheidet sich hörbar vom Ladberger Platt. Wie soll man sich da wohlfühlen? Darum hat sie sich lange gesträubt, hier her zu ziehen. Aber schließlich war es unumgänglich gewesen.

„Ich hatte ja immer gehofft, dass du mal unseren Hof übernimmst“, sagt sie. „Aber das ist ja alles anders gekommen. Weißt du, was der Onkel Friedhelm gesagt hat: Selbst schuld, wenn du das Kind erst ein Jahr früher zur Schule lässt und dann auch noch aufs Gymnasium schickst. Selbst Schuld!“

Ralf hat seit ein paar Jahren einen Lehrstuhl für Chemie in Zürich. Zuvor war er in New York, Sydney, Tokio und Delhi. Mal in der universitären Forschung und mal als Mitarbeiter an einem Forschungsprojekt in der Industrie. „Hauptsache weit weg, was?“

Das musste einer von Mutters hellen Momenten sein.

Sie sah ihn an.

„So kann man das nicht sagen“, meinte er.

„Nee?“ Sie runzelt die Stirn. „Du bist doch der Ralf, oder?“

„Ja, der bin ich.“

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Die Tür geht automatisch und Rollatorengerecht zur Seite, aber der Mann der jetzt hereingefahren wird, sitzt im Rollstuhl. Er blickt starr drein. Aber Mutters Blick hellt sich auf, als sie ihn sieht.

„Das ist der Herr, der so nett ist“, sagt sie. „Er hört mir zu.“

„Ah, ja...“, murmelt Ralf.

Die Altenpflegerin fährt den Rollstuhl an den Tisch.

Der Mann lässt durch nichts erkenne, dass er Mutter überhaupt bemerkt hat. Er interessiert sich mehr für den Kuchen, der an seinem Platz steht, den er aber nicht ohne Hilfe essen kann.

Die Altenpflegerin will ihn etwas näher an den Tisch fahren, aber die Rollen des Stuhls treffen auf einen Widerstand. Der linke Fuß ist vom Tritt gerutscht.

„Oh tut mir leid“, sagt die Altenpflegerin. Sie ist noch jung. Eine neue. Und wohl auch etwas ungeschickt.

„Das macht nichts“, sagt Mutter. „Links ist alles aus Holz bei ihm!“

Ralf erstarrt, als er die hakenförmige Narbe auf der Stirn des Mannes sieht.

Das ist er!, wird ihm klar und ein eisiger Schauder überläuft seinen Rücken. Wie oft hat er in die Gesichter gestarrt, immer wenn er Menschen begegnet war, die im passenden Alter waren, hinkten und eine Narbe am Kopf aufwiesen. Aber in diesem Moment gab es keinerlei Zweifel.

„Ist er nicht nett?“, hört er Mutter sagen. „Ich weiß nur seinen Namen gerade nicht...“

ENDE

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Geburtstag - Sterbetag

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Regionalkrimi aus der Oberpfalz

von Peter Haberl

Die Kommissare Degenhart und Kutzer beschäftigt diesmal der Tod einer älteren Frau, die an ihrem Geburtstag ermordet aufgefunden wurde. Den Täter vermuten die Ermittler im engen Familienumfeld, denn in dieser Familie spielen sich Dramen ab. Aber laufen die Ermittlungen wirklich in die richtige Richtung?

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1. Kapitel

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Am Montag, dem 9. November, war die verwitwete Anna Scholz von ihrem Sohn Bruno gegen 9:00 Uhr morgens tot in ihrer Wohnung aufgefunden worden. Sehr schnell war klar, dass sie keines natürlichen Todes gestorben, sondern dass ihrem Ableben nachgeholfen worden war. Jemand hatte sie mit einer schweren Vase aus Bleikristall niedergeschlagen und dann erwürgt. Klarheit bestand auch dahingehend, dass es sich nicht um einen Raubmord handelte.

Makaber an der ganzen Sache war, dass Anna Scholz an diesem Tag ihren fünfundsiebzigsten Geburtstag feierte. Ihr Geburtstag war also auch ihr Sterbetag.

Hauptkommissar Walter Degenhart und Oberkommissar Karl Kutzer aus dem Kommissariat 1 bei der Kriminalpolizei Weiden wurden mit den Ermittlungen beauftragt. Zunächst einmal machten sich die beiden Beamten daran, die Ergebnisse der Spurensicherung in der Wohnung der Getöteten auszuwerten. Es gab natürlich eine Reihe von Fingerabdrücken sowie DNA-Resultate, aber keine dieser Spuren ließ einen Hinweis auf den Täter zu, denn sie stammten von der Getöteten selbst oder ihren nächsten Angehörigen, die regelmäßig in der Wohnung verkehrt waren.

Die Kommissare hatten auch mit einigen Nachbarn der Getöteten gesprochen, aber auch aus diesen Aussagen ergaben sich keine verwertbaren Hinweise. Fakt war, dass laut Gerichtsmedizin der Tod gegen 8:00 Uhr morgens eingetreten und dass Anna Scholz erwürgt worden war.

Degenhart und Kutzer standen im Moment also noch vor einem Rätsel. Sie befanden sich in Degenharts Büro, es war Freitag früh und gegen das Fenster prasselte Regen. Es war viel zu warm für die Jahreszeit, und wenn man den Meteorologen glauben durfte, dann war der Winter noch lange nicht in Sicht. Für die kommende Woche waren schon wieder Temperaturen im zweistelligen Bereich angesagt, der 20-Grad-Marke näher als der 10-Grad-Marke.

„Was wir wissen, ist gar nichts“, gab Hauptkommissar Degenhart zu verstehen und schaute etwas frustriert drein, vielleicht war es auch nur Ratlosigkeit, die seinen Blick beherrschte.

„Außer, dass die Getötete bei ihren Mitmenschen nicht gerade beliebt war“, wandte Oberkommissar Kutzer ein. „Den Bekundungen einiger Hausbewohner entsprechend war sie ziemlich rechthaberisch und unduldsam, aber auch missgünstig und neidisch. Sie hat sich selbst und ihre Familie für weitaus besser als den Rest der Welt gehalten.“

„Von dieser Spezies gibt es eine ganze Menge“, knurrte Degenhart. „Wenn man die alle wegen ihres Charakters umbringen würde, dann wären wir von der Polizei ganz schön gefordert. Aber es ist wohl so, dass das Motiv für die Gewalttat, der Anna Scholz zum Opfer fiel, in ihrem Verhalten ihren Mitmenschen gegenüber gesucht werden muss. Zu ihren Kindern scheint sie ja ein ganz passables Verhältnis gehabt zu haben. Ich schlage vor, dass wir uns mit ihrem Sohn Bruno unterhalten, der sie tot aufgefunden hat. Was meinst du?“

„Warum nicht? Irgendwo müssen wir ja versuchen, einen Ansatz zu finden. Also sprechen wir mit Bruno Scholz. Ich ruf ihn an, um zu sehen, ob wir ihn in seiner Wohnung erreichen.“

Karl Kutzer holte einen kleinformatigen Notizblock aus der Innentasche seiner Jacke, klappte ihn auf, fand die Telefonnummer von Bruno Scholz und griff nach Degenharts Telefon. Nachdem er die Nummer getippt hatte, musste er kurze Zeit warten, dann erklang eine Frauenstimme: „Hier bei Scholz. Sie sprechen mit Waltraud Scholz.“

„Oberkommissar Kutzer, Kripo Weiden“, stellte sich Karl Kutzer vor, hörte seine Gesprächspartnerin scharf die Luft durch die Nase ausstoßen und fügte hinzu: „Ist Ihr Mann zu Hause, Frau Scholz? Wir hätten gerne noch einmal mit ihm gesprochen.“

„Bruno ist noch nicht in der Lage, arbeiten zu gehen“, erklärte Waltraud Scholz. „Der Mord an seiner Mutter hat ihn ziemlich mitgenommen, er ist regelrecht traumatisiert. Ich weiß nicht, ob es gut ist, wenn Sie mit ihm über das Verbrechen sprechen.“

„Ihr Mann ist also zu Hause“, konstatierte Oberkommissar Kutzer, ohne zunächst ihren hintergründigen Einwand zu beachten. „Es wird sich nicht vermeiden lassen, dass wir ihm noch einige Fragen stellen, Frau Scholz. Natürlich werden wir dabei den schlechten Gesundheitszustand Ihres Gatten berücksichtigen. – Wir sind in ungefähr zwanzig Minuten bei Ihnen.“

Tatsächlich standen die beiden Kriminalbeamten nach einer guten Viertelstunde vor der Tür des Ehepaares Bruno und Waltraud Scholz. Bruno Scholz war ein mittelgroßer Mann von einundvierzig Jahren, etwas übergewichtig und mit lichten Haaren. Seine Frau war mindestens zehn Jahre älter, ihr Gesicht war bleich und sah ungesund teigig aus, ihre blassblauen Augen waren wässrig und der erste Eindruck Degenharts war der, dass diese Frau wahrscheinlich zu sehr dem Alkohol zusprach.

Während sich Bruno Scholz als die Unruhe in Person zeigte, schien seine Gattin den Besuch der beiden Kriminalpolizisten mit aller Gelassenheit hinzunehmen. Sie nahmen in dem etwas heruntergekommen wirkenden Wohnzimmer Platz und Degenhart heftete seinen Blick auf Bruno Scholz, der neben seiner Frau auf der Couch saß und nervös seine Hände knetete. „Sie haben Ihre Mutter tot in ihrer Wohnung aufgefunden, Herr Scholz“, begann Bruno Scholz. Er war Lagerarbeiter in einem hiesigen Baumarkt.

„Ja, ja, das ist richtig.“ Scholz schluckte würgend und wich dem Blick des Hauptkommissars aus. „Aber ich hab das doch alles schon Ihren Kollegen erzählt.“

„Das stimmt. Aber da mein Kollege Kutzer und ich mit den Ermittlungen beauftragt wurden, müssen wir sozusagen noch einmal bei Null beginnen. Darum bitte ich Sie, unsere Fragen umfassend zu beantworten.“

„Das sehe ich ein. Glauben Sie mir, es fällt mir schwer, darüber zu sprechen. Aber gut - ich hab meine Mutter gegen 8:00 Uhr angerufen, weil ich ihr zum Geburtstag gratulieren wollte, aber sie ging nicht ans Telefon. Mir war sofort klar, dass irgendetwas nicht stimmte, dachte aber gewiss nicht an Mord und Totschlag, mehr an einen Schwächeanfall oder eine Herzattacke. Wegen ihres Geburtstags hatte ich an diesem Tag Urlaub genommen, denn ich wollte den Nachmittag meiner Mutter widmen. Beunruhigt fuhr ich zu ihrer Wohnung. Auf mein Läuten hin öffnet niemand, sodass ich mich entschloss, in die Wohnung zu gehen. Sie müssen wissen, dass ich einen Schlüssel besitze. – Meine Mutter lag in der Küche auf dem Fußboden, unter ihrem Kopf hatte sich eine Blutlache gebildet. Ich verständigte sofort den Rettungsdienst und die Polizei, und dann versuchte ich, erste Hilfe zu leisten. Leider war meiner Mutter nicht mehr zu helfen. Sie war tot.“

Bruno Scholz hatte den Kopf gesenkt und starrte wie geistesabwesend auf die Tischplatte. Seine Mundwinkel zuckten, es war deutlich, dass ihn die Erinnerung zu übermannen drohte und dass er gegen die Tränen ankämpfte. Seine Frau saß mit unbewegtem Gesicht daneben und musterte ihn von der Seite. Degenhart konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass eine Art Geringschätzung, vielleicht sogar Verachtung in ihrem Blick zum Ausdruck kam.

„Ich kann verstehen, dass Sie der gewaltsame Tod Ihrer Mutter sehr getroffen hat“, murmelte der Hauptkommissar. „Ihr Verhältnis zu Ihrer Mutter war nicht schlecht. Das wissen wir von den Nachbarn Ihrer Mutter.“ Nun richtete Degenhart seinen Blick auf Waltraud Scholz, die ihn trotzig erwiderte. „Bei Ihnen sah das schon etwas anders aus, Frau Scholz“, gab der Hauptkommissar wider, was die bisherigen Ermittlungen ergeben hatten. „Ihre Schwiegermutter und Sie sollen sich nicht gerade geliebt haben.“

Jetzt verschloss sich das Gesicht von Waltraud Scholz geradezu, und in ihre Augen trat ein Glitzern, das der Hauptkommissar als gehässig einstufte. Sie stieß hervor: „Ich bin die zweite Frau von Bruno. Mit seiner ersten hat er drei Kinder, die meiner Schwiegermutter ziemlich ans Herz gewachsen waren. Seine geschiedene Frau verließ mit den Kindern Weiden und meine Schwiegermutter bekam ihre Enkel nur noch ganz selten zu sehen. Sie hat mir die Schuld daran gegeben. Auch hat sie es nie akzeptiert, dass Bruno mich, die ich elf Jahre älter bin als er, geheiratet hat. Aber als er damals aus dem Gefängnis entlassen wurde ...“

Geradezu erschreckt brach Waltraud Scholz ab, schaute ihren Mann an und zog den Kopf zwischen die Schultern, als duckte sie sich vor seinem wütenden Blick.

Hauptkommissar Degenhart entging keine dieser Reaktionen, und ihm blieb auch nicht verborgen, dass sich Bruno Scholz‘ Gesicht verfinstert hatte und er seine Frau mit einem Blick bedachte, der geradezu vernichtend war.

„Weswegen waren Sie inhaftiert?“, fragte Degenhardt an Bruno Scholz gewandt.

„Eine Dummheit, die ich zutiefst bereue, die meiner Jugend und meinem Leichtsinn aber auch dem schlechten Umgang, den ich pflegte, zuzuschreiben war. Wir haben einen Mann in seiner Wohnung überfallen, ihn niedergeschlagen und beraubt. Ich hab dafür fünf Jahre gesessen. Gleich nach meiner Verhaftung verließ mich meine erste Frau, Waltraud hingegen hielt in all den Jahren zu mir.“

„Sie beide kannten sich also schon vor Ihrer Inhaftierung“, mischte sich nun Oberkommissar Kutzer in die Befragung ein, und es war keine Frage sondern eine Feststellung.

„Ja“, antwortete Bruno Scholz. „Ihr damaliger Mann und ihr Bruder haben zusammen mit mir den Raubüberfall begangen. Ihr Mann, der noch unter Bewährung stand, wurde zu einer Gesamtstrafe von zehn Jahren verurteilt. Waltraud hat sich von ihm scheiden lassen. In der Zwischenzeit ist er an Lungenkrebs gestorben.“

„Wann wurden Sie aus dem Gefängnis entlassen?“, fragte Kutzer.

„Das ist über fünf Jahre her. Wie ich schon sagte, es war eine große Dummheit, ich bin vorher nie straffällig geworden und auch hinterher nicht mehr. - Es ist richtig, dass meine Mutter die Waltraud nie als ihre Schwiegertochter akzeptiert hat. Die beiden sprachen kein Wort miteinander, zu irgendwelchen familiären Festivitäten wurde Waltraud nie eingeladen.“

„Das heißt, dass Sie gewissermaßen zwischen zwei Feuern standen, Herr Scholz“, resümierte der Hauptkommissar. „Hat Ihre Mutter versucht, Sie gegen Ihre Frau einzunehmen?“

„Ich verstehe nicht ...“

„Ich meine, ob Ihre Mutter gegen Ihre Frau gehetzt hat“, präzisierte Degenhart seine Frage.

„Sie hat sich schon des Öfteren darüber ausgelassen, dass Waltraud nicht die richtige Frau für mich sei“, gab Bruno Schulz nach anfänglichem Zögern zu. „Ich habe derartige Gespräche immer versucht abzuwürgen, denn sie endeten meistens mit Streit und meine Mutter warf mich entweder aus der Wohnung oder ich verließ diese wutentbrannt von mir aus.“

„Ihre Mutter starb am Montag gegen 8:00 Uhr morgens. Waren Sie um diese Zeit zu Hause?“

„Natürlich! Das kann meine Frau bezeugen. Ich rief meine Mutter gegen 8:30 Uhr an, um ihr zum Geburtstag zu gratulieren. Als sie nicht abnahm, entschloss ich mich, zu ihr zu fahren.“

„Das heißt im Umkehrschluss, dass auch Sie sich am Montagmorgen um 8:00 Uhr hier in ihrer Wohnung befanden, Frau Scholz“, schloss Degenhart.

„Falls Sie mich oder meinen Mann in Verdacht haben, etwas mit dem Tod meiner Schwiegermutter zu tun zu haben, dann können Sie dies jetzt knicken, Herr Kommissar“, kam es mit ironischem Unterton über die Lippen von Waltraud Scholz. „Ich mochte meine Schwiegermutter nicht. Aber sie deswegen umzubringen – auf eine solche Idee wäre ich nie im Leben gekommen.“

Degenhart konzentrierte sich wieder auf Bruno Scholz und sagte: „Ihre Mutter war allgemein nicht recht beliebt. Zumindest ihre unmittelbaren Nachbarn wollten mir ihr nichts zu tun haben – weder im Guten noch im Bösen. Man hat uns erzählt, dass sie der Meinung war, über diesen Leuten zu stehen, außerdem soll sie missgünstig und neidisch gewesen sein.“

Es gab für den Hauptkommissar keinen Grund, damit hinter dem Berg zu halten. Er hatte einen Job zu erledigen und auf die Gefühle Einzelner konnte er nicht allzu viel Rücksicht nehmen. Immerhin galt es, ein Tötungsdelikt aufzuklären, wobei Degenhart auf keinen Fall von Mord sprechen wollte. Das Gesetz kannte im Hinblick darauf eine Reihe von Unterscheidungen.

Bruno Scholz ließ kurze Zeit verstreichen, in der er scheinbar seine Antwort formulierte. „Der gängige Spruch meiner Mutter war: ‚Wo ich scho hing’schiss’n hab, da hat der oder die noch niad amal hing’schmeckt‘“, murmelte er dann und fügte sogleich versonnen hinzu: „Es stimmt schon: Leicht war der Umgang mit meiner Mutter nicht. Die hat den anderen Leuten nix gegönnt, alles was andere gehabt haben hat sie schlecht g‘macht. Sie hat immer nur gedacht, wir sind wer. Vor allem auf den Erich war sie so stolz, weil es der zum Finanzobersekretär g‘bracht hat. Wenn ich bloß dran denk, wie meine Mutter über den Matheis her’zog’n ist. An dem hat’s ja kein gutes Haar g’lass’n.“

„Wer ist das?“, hakte Degenhart sofort nach.

„Martin Matheis. Der ist früher – da war er sechzehn oder siebzehn – mit meiner Schwester rumgezogen. Der Martin ist aufs Gymnasium gegangen und meiner Mutter wär er als Schwiegersohn schon recht gewesen. Als der Martin meine Schwester sausen ließ, war er bei meiner Mutter unten durch.“

„Es gibt einen Dr. Martin Matheis in Weiden“, warf Oberkommissar Kutzer ein. „Urologe ...“

„Ja, dös is er. Meine Schwester hat Jahre nach der Sache mit Martin den Ringer Franz g’heiratet, einen g‘lernten Schlosser, der als Handwerker natürlich nicht dem Niveau entsprach, das meine Mutter von ihrem Schwiegersohn erwartet hat. Der Martin wär’s aus ihrer Sicht schon gewesen – aber der hat ihr was gepfiffen. Sie hat einen regelrechten Hass auf ihn entwickelt, und wo’s a Möglichkeit g’funden hat, hat’s ihn schlecht g’macht.“

„Hat das der Doktor Matheis gewusst?“, erkundigte sich Degenhart.

„Ja, freilich, soweit ich weiß, hat der Martin meine Mutter sogar vor drei oder vier Wochen angerufen und sie aufgefordert, es zu unterlassen, seinen Ruf zu schädigen.“

„War das alles?“, fragte der Hauptkommissar.

„Wie meinen Sie denn das?“

„Hat Doktor Matheis Ihrer Mutter irgendwelche Konsequenzen angedroht?“

„Konsequenzen – nicht direkt. Meine Schwester hat mir lediglich erzählt, dass der Martin g‘sagt hat, dass er sich das nicht länger g‘fallen lässt und dass es gewaltig raucht, wenn sie damit nicht aufhört.“

„Wie hat Ihre Mutter darauf reagiert?“

„Sie soll getobt haben. Und da meine Mutter über ein ziemliches Repertoire an Kraftausdrücken verfügte, kann ich mir schon vorstellen, dass der Martin von ihr alle Namen erhielt nur nicht seinen eigenen.“

„Wenn Ihre Mutter sich für jemand Besseren hielt“, stieß Oberkommissar Kutzer hervor, „dann passt aber das Vokabular, das sie sich zugelegt zu haben schien, nicht – ganz und gar nicht zu dieser Selbsteinschätzung.“

„Meine Schwiegermutter war früher Arbeiterin in einer Porzellanfabrik hier in Weiden“, mischte sich Waltraud Scholz ein. „In dieser Umgebung ist der Umgangston oft nicht gerade gepflegt. Meine Schwiegermutter konnte ausgesprochen unverschämt und ordinär werden.“

„Ihr Vater ist vor über dreißig Jahren gestorben“, brachte sich wieder der Hauptkommissar ins Gespräch ein, und er hatte sich dabei Bruno Scholz zugewandt. „Wir wissen, dass Ihre Mutter die Wohnung in der Humboldtstraße gekauft und längst abbezahlt hat. Hat Ihr Vater ihr so viel Geld hinterlassen, oder wie sonst konnte sie sich eine Dreizimmer-Eigentumswohnung leisten?“

„Meine Mutter hatte einen Hausfreund. Der ist dreizehn Jahre jünger als sie, war aber Berufssoldat, und zwar Offizier, und – ich weiß das zwar nicht genau –, er hat wahrscheinlich meiner Mutter Geld zugesteckt.“

Die Kommissare wechselten einen schnellen, vielsagenden Blick, und Degenhart sagte: „Ach, wie interessant. Von diesem Hausfreund hatten wir bisher nicht die Spur einer Ahnung.“

„Aus diesem Verhältnis sind wir nie so richtig schlau geworden“, gab Waltraud Scholz zu verstehen. „Keiner in der ganzen Familie kann sich vorstellen, dass da auf sexuellem Gebiet irgendetwas lief. Jeder war davon überzeugt, dass der Trummer einen Mutterersatz suchte. Vielleicht leidet er auch an einem Ödipuskomplex. Wer weiß ...“

„Trummer ist wohl sein Name?“, hakte Degenhardt nach.

„Ja, Jakob Trummer. Er ist zweiundsechzig Jahre alt und war Major bei der Bundeswehr. Ich glaube, der hat vor meiner Schwiegermutter nie eine Frau gehabt. Irgendetwas stimmt mit dem nicht.“

„Mach jetzt den Jakob nicht schlecht!“, fuhr Bruno Scholz seine Frau an, und in seinen Augen blitzte es ärgerlich.

„Darf man die Anschrift von Herrn Trummer erfahren?“, fragte der Hauptkommissar.

Erich Scholz nannte sie ihm. Jakob Trummer wohnte nicht weit von der ermordeten Anna Scholz entfernt.

Für den Moment hatten die beiden Kommissare keine weiteren Fragen, sodass sie sich verabschiedeten. Sie beschlossen, zuerst Jakob Trummer und danach Dr. Martin Matheis einen Besuch abzustatten.

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2. Kapitel

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Was hältst du davon?“, fragte Hauptkommissar Degenhart seinen Kollegen, als sie zu Jakob Trummer fuhren.

„Nun ja“, antwortete der Oberkommissar und wiegte nachdenklich den Kopf. „Wenn alles stimmt, was wir über die Tote erfahren haben, dann war sie keine erfreuliche Zeitgenossin. Sie wollte nach außen hin mehr scheinen, als sie tatsächlich war – also mehr Schein als Sein. Was ihre Schwiegertochter anbetrifft, so scheint die Antipathie auf Gegenseitigkeit beruht zu haben. Ich glaube aber nicht, dass Waltraud Scholz in der Lage ist, zu der alten Frau zu fahren, ihr eine Vase über den Schädel zu ziehen und sie dann zu erwürgen. Im Übrigen hat sie ein Alibi.“

„Das ihr ihr Mann bescheinigt hat. Was ist, wenn die beiden unter einer Decke stecken?“

Kutzer schoss dem Hauptkommissar einen schnellen Seitenblick zu, konzentrierte sich sodann aber wieder auf den Verkehr und erwiderte: „Das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn soll nicht schlecht gewesen sein“, verlieh er seiner Skepsis Ausdruck.

„Anna Scholz wird nicht gerade darüber glücklich gewesen sein, als man ihren Sohn vor zehn Jahren wegen des Raubüberfalls für fünf Jahre hinter Gitter schickte“, gab der Hauptkommissar zu verstehen. „Gemessen an dem, was wir über Anna Scholz in Erfahrung gebracht haben, dürfte sie ihrem Sohn den Fehltritt von damals kaum verziehen haben, denn er hat dem Image, das sie sich für ihre Familie aufgebaut hat, ziemlich geschadet. Und er hatte möglicherweise irgendwann ihre ständigen Vorwürfe satt.“

„Das ist natürlich ein Aspekt, den man nicht vernachlässigen sollte“, musste Karl Kutzer zugeben. „Im Zuge unserer Ermittlungen werden wir dahingehend sicherlich den einen oder anderen Hinweis erhalten und entsprechende Schlüsse ziehen.“

Das Gespräch zwischen den beiden Kommissaren schlief ein, und schon drei Minuten später rangierte der Oberkommissar den Dienstwagen vor dem Gebäude, in dem Jakob Trummer eine Wohnung besaß, in eine Parklücke.

Trummer war zu Hause. Fragend fixierte er die beiden Beamten, die vor seiner Korridortür standen. Er war zweiundsechzig Jahre alt, mittelgroß und untersetzt und verfügte über eine Halbglatze.

„Ich vermute, dass Sie Herr Jakob Trummer sind“, sagte Hauptkommissar Degenhart.

„Bin ich. Darf ich fragen, wer Sie sind?“

„Ich bin Hauptkommissar Degenhart von der Kriminalpolizei Weiden, das ist mein Kollege Oberkommissar Kutzer. Wir hätten in der Sache Anna Scholz einige Fragen an Sie, Herr Trummer.“

Ein Schatten schien über Trummers Gesicht zu huschen, sein Blick wurde abweisend, er schnarrte: „Ich hab Frau Scholz gut gekannt, mit ihrem tragischen Ableben habe ich jedoch nichts zu tun. Ich wüsste auch nicht, was Sie mich in diesem Zusammenhang fragen möchten.“

„Es reicht, wenn wir es wissen!“, versetzte Oberkommissar Kutzer etwas harsch. „Wir wollen auch keine Diskussion über den Sinn oder Unsinn unserer Arbeitsweise mit Ihnen beginnen. Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder Sie sprechen jetzt mit uns – oder Sie erscheinen am Montagmorgen um 8:00 Uhr bei uns in der Dienststelle.“

„Ihr Ton gefällt mir nicht!“, blaffte der ehemalige Major.

„Nun, mir gefällt Ihr Kasernenhofton ebenso wenig“, versetzte der Oberkommissar kühl. „Haben Sie sich entschieden?“

„In meiner Wohnung haben Sie nichts verloren“, stieß Jakob Trummer mit einem hohen Aggressionspotential in der Stimme hervor. „Einen Durchsuchungsbefehl haben Sie ja gewiss nicht. Also werde ich Montagmorgen früh um 8:00 Uhr bei Ihnen in der Polizeiinspektion erscheinen. Es gäbe aber sicherlich andere Möglichkeiten für Sie, Ihre Zeit sinnvoll zu nutzen, als ein unnötiges Verhör durchzuführen.“

„Seien Sie pünktlich“, knurrte Hauptkommissar Degenhart, ohne auf den letzten Satz Trummers einzugehen, und wandte sich ab. Oberkommissar Kutzer und Jakob Trummer maßen sich noch einmal mit einem eisigen Blick, dann schwang auch Kutzer herum und folgte seinem Kollegen zur Treppe.

Als sie unten waren, sagte der Oberkommissar zornig: „Wahrscheinlich hat er zu der Getöteten gepasst wie die Faust aufs Auge. Er ist nur arrogant, sonst nichts, und lebt in der irrigen Meinung, dass aufgrund seines Berufes jeder vor ihm strammstehen müsste.“

„Du hast ihn auch nicht gerade mit Samthandschuhen angefasst“, erwiderte Degenhart. „Gehe ich richtig in der Annahme, dass er dir vom ersten Moment an unsympathisch war?“

„Bis in die Seele“, versetzte Oberkommissar Kutzer. „Diese Sorte ist für mich wie ein Brechmittel. Je mehr ich von diesen Zeitgenossen kennenlerne, umso mehr liebe ich Hunde und Katzen.“

Wenig später waren sie auf dem Weg in die Innenstadt, wo Dr. Matheis seine urologische Praxis betrieb. Der Hauptkommissar hatte die Telefonnummer der Praxis per Internet festgestellt und nun rief er dort an. Eine weibliche Stimme meldete sich: „Urologische Praxis Doktor Matheis, was kann ich für Sie tun?“

„Hier spricht Hauptkommissar Degenhart von der Kriminalpolizei Weiden. Ist Herr Doktor Matheis zu sprechen? Wir sind gerade auf dem Weg zu ihm.“

„Worum geht es denn? Um ein gesundheitliches Problem oder ...?“

„Nein, es geht nicht um ein gesundheitliches Problem sondern um Ermittlungen, die wir betreiben.“

„Ich verbinde Sie mit dem Herrn Doktor, einen Augenblick bitte.“ Es dauerte gerade mal die Spanne dreier Atemzüge, als eine sonore männliche Stimme erklang: „Doktor Matheis. Wenn mich die Kripo sprechen will, dann geht es gewiss um Anna Scholz.“

„Richtig, Herr Doktor Matheis. Wir sind auf dem Weg zu Ihrer Praxis, und ich wollte nur sichergehen, dass Sie anwesend sind. Ein paar Minuten haben Sie sicherlich Zeit für uns.“

„Es ist terminlich zwar ziemlich eng bei mir, aber ein paar Minuten werde ich sicher herausholen können. Ich erwarte Sie.“

„Vielen Dank. Wir werden in etwa zehn Minuten bei Ihnen sein.“

Oberkommissar Kutzer parkte wenig später den Dienstwagen auf dem Großparkplatz beim Busbahnhof, opferte einen Euro für den Parkschein, dann machten sie sich zu Fuß auf den Weg in die Dr. Pfleger Straße, wo sie nach weiteren drei Minuten die Praxisräume des Dr. Matheis betraten. „Sie sind sicherlich die Herren von der Kripo“, empfing sie eine dunkelhaarige Frau mittleren Alters.

„Ja, Hauptkommissar Degenhart, das ist mein Kollege Oberkommissar Kutzer. Doktor Matheis hat sich bereit erklärt, mit uns zu sprechen.“

„Ich weiß Bescheid“, sagte die Sprechstundenhilfe und lächelte freundlich. „Allerdings hat er gerade einen Patienten drinnen. Wenn Sie sich also ein paar Minuten gedulden. Sie können sich ins Wartezimmer setzen.“

Degenhart bedankte sich und die beiden Beamten begaben sich ins Wartezimmer, in dem zwei Männer darauf warteten, behandelt zu werden. Sie grüßten und setzten sich. Ihre Geduld wurde auf keine allzu lange Probe gestellt, dann kam die Sprechstundenhilfe und forderte sie auf, ihr zu folgen. Im Arztzimmer wartete Doktor Matheis, ein mittelgroßer Mann Ende der vierzig, der noch seine vollen Haare besaß, die allerdings ziemlich grau waren. Er reichte den beiden Beamten die Hand, bat sie, Platz zu nehmen und schaute schließlich fragend von einem zum anderen. „Ich ahnte, dass Sie irgendwann bei mir auftauchen würden.“

„Gibt es einen Grund für diese Annahme?“, erkundigte sich Degenhart.

„Nun ja, ich kenne Frau Scholz seit über dreißig Jahren, und sie war nicht gerade eine gute Freundin von mir.“

„Deswegen sind wir hier“, erklärte der Hauptkommissar. „Wir haben mit Bruno Scholz und dessen Ehegattin gesprochen und erfahren, dass Sie die Getötete vor einiger Zeit angerufen haben, weil sie Sie schlecht gemacht haben soll.“

„Es gibt für mich keinen Grund, es abzustreiten“, versetzte der Arzt. „Frau Scholz hat kein gutes Haar an mir gelassen, nachdem ich als Jugendlicher kurze Zeit mit ihrer Tochter gegangen bin und das Verhältnis – das eigentlich gar kein richtiges war, sondern eher nur eine Freundschaft zwischen Heranwachsenden – beendet habe.“

„Was erzählte Frau Scholz über Sie, das man unter dem Oberbegriff Negativkennzeichnung einordnen kann?“

„Es betrifft sowohl meine berufliche Tätigkeit als auch mein Privatleben. Obwohl weder sie noch irgendeiner aus ihrer Verwandtschaft jemals bei mir in Behandlung war, verbreitete sie das Gerücht, dass ich mehr Patienten verpfuscht als geheilt habe. Was meine Privatsphäre anbetrifft, hat sie überall herumerzählt, dass meine Frau und ich meinen Vater, der bis zu seinem Tod bei uns im Haus lebte und den meine Frau pflegte, finanziell ausgebeutet hätten. Mir wurden einige dieser Gerüchte zugetragen, und darum hab ich Frau Scholz angerufen und sie aufgefordert, derlei Rufschädigungen und Verleumdungen zu unterlassen.“

„Sie sollen ihr gedroht haben“, sagte Kutzer.

„Gedroht – nein. Ich sagte ihr lediglich, dass sie sich mit ihren Äußerungen meine Person betreffend zurückhalten solle, da es ansonsten irgendwann mal ganz gewaltig raucht.“ Dr. Matheis zuckte mit den Achseln und fügte hinzu: „Wenn man es eng sieht, kann man diese Äußerung vielleicht als Drohung auffassen.“

„Verstehen Sie mich nicht falsch, Herr Doktor Matheis, wenn ich Sie jetzt nach Ihrem Alibi für Montagmorgen frage“, gab Degenhart zu verstehen.

„Natürlich nicht, schließlich haben Sie ja einen Job zu erledigen. Okay, okay, ich bin am Montag um 8:00 Uhr in der Praxis gewesen. Bis 7:45 Uhr war ich zu Hause und habe mit meiner Frau gefrühstückt. Eine Viertelstunde benötige ich von meiner Wohnung in Schirmitz bis zu meiner Praxis hier in der Dr. Pfleger Straße.“

„Ich nehme an, dass dies zum einen Ihre Sprechstundenhilfe, zum anderen Ihre Ehegattin bestätigen können“, sagte Degenhart.

„Natürlich.“

„Wir werden sie befragen“, erklärte der Hauptkommissar, dann beugte er sich ein wenig vor und schaute dem Arzt fest in die Augen. „Wenn Sie Frau Scholz so viele Jahre gekannt haben, dann können Sie uns sicher einiges über sie und ihr familiäres Umfeld erzählen.“

„Meine Eltern und das Ehepaar Scholz waren miteinander befreundet. Allerdings starb Herr Scholz schon sehr früh und Anna Scholz zog sich ziemlich zurück. Das war zu der Zeit, als ich mit Carmen gegangen bin. Sie hat drei jüngere Brüder, und zwar Erich, Bruno und Wilhelm. Erich ist der älteste, Wilhelm der jüngste von den dreien. Ganz besonders stolz war Frau Scholz auf ihren Ältesten, weil der es zum Beamten gebracht hat. Weniger Freude hat ihr Bruno bereitet, der vor ungefähr zehn Jahren straffällig geworden ist und einige Jahre inhaftiert war. Danach hat er eine Frau geheiratet, die viel älter ist als er und die Frau Scholz nie akzeptiert hat.“

„Und wie war das Verhältnis der Getöteten zu ihrem jüngsten Sohn?“, fragte Oberkommissar Kutzer.

„Der hat Bäcker gelernt und arbeitet bei einer hiesigen Großbäckerei. Wilhelm ist verheiratet, hat aber keine Kinder. Das Verhältnis zwischen ihm und seiner Mutter soll – soweit ich das weiß –, gut gewesen sein.“

„Kann man das auch von Frau Scholz und ihrer Tochter respektive ihrem Schwiegersohn behaupten?“, hakte Kutzer nach.

„Ich habe jedenfalls nichts Gegenteiliges gehört“, versetzte Dr. Matheis. „Mit Sicherheit weiß ich, dass Frau Scholz mit Bruno viele Jahre kein einziges Wort gesprochen hat und dass sie ihn auch nie im Gefängnis besuchte. Damals tönte sie, dass er für sie gestorben sei. Inwieweit sich dieses Verhältnis verbessert hat, kann ich Ihnen nicht sagen. Ich hab mich für die Familie Scholz nämlich nicht im Geringsten interessiert. Was ich weiß, hat man mir zugetragen, denn es gibt noch lose Kontakte zu ehemaligen Jugendfreunden, die das eine oder andere erfahren und mir dann, wenn wir uns mal zufällig treffen, erzählen.“

„Wenn Frau Scholz Sie überall schlecht gemacht hat, Herr Doktor Matheis, dann waren Sie sicherlich auch nicht allzu gut auf sie zu sprechen“, konstatierte Hauptkommissar Degenhart und beobachtete dabei den Arzt.

Dr. Matheis verzog etwas den Mund, dann antwortete er: „Eigentlich war es mir egal, was an verbalen Ergüssen über mich aus dem Mund von Frau Scholz kam. Im Grunde war sie, was ihre Persönlichkeit betraf, recht einfach gestrickt. Irgendwann aber musste ich mich einmal wehren, das war ich mir selber schuldig. Wobei jeder wusste, dass ihre Attacken nur ihrem Neid und ihrer Missgunst zuzuordnen waren.“

„Können Sie uns etwas zu dem Verhältnis der Frau Scholz zu Jakob Trummer sagen?“

„Er soll Major bei der Bundeswehr gewesen sein. Ich kenne den Mann nicht persönlich, hab lediglich gehört, dass er ziemlich überheblich sein soll.“

„Bezüglich seines Verhältnisses zu Frau Scholz wissen Sie nichts, wie?“

„Gar nichts.“

„Tja, das wär‘s von meiner Seite“, erklärte Degenhart. „Hast du noch Fragen, Karl?“

Oberkommissar Kutzer schüttelte den Kopf. „Nein.“

Degenhart erhob sich. „Vielen Dank Herr Doktor Matheis, dass Sie uns etwas von Ihrer kostbaren Zeit zur Verfügung gestellt haben. Sollten sich noch Fragen ergeben, werden wir noch einmal auf Sie zukommen.“

„Jederzeit“, versetzte der Arzt.

Als die beiden Kommissare in Richtung Großparkplatz marschierten, meinte Degenhart: „Die Sprechstundenhilfe hat sein Alibi für Montagmorgen bestätigt. Und wenn ich auf meine Menschenkenntnis vertrauen kann, glaube ich nicht, dass der Arzt etwas mit dem gewaltsamen Ableben der Anna Scholz zu tun hat.“

„Ich gebe dir recht“, pflichtete Oberkommissar Kutzer bei, „doch sollten wir ihn nicht völlig aus dem Spiel nehmen. Immerhin hatte er ein Motiv, den negativen Äußerungen der Anna Scholz über ihn entgegenzutreten. Darum sollten wir ihn noch auf unserer Liste der Verdächtigen belassen.“

„Wir müssen uns noch mit Wilhelm Scholz und Carmen Ringer unterhalten“, erklärte Degenhart. „Und dann werde ich mal mit Nürnberg Verbindung aufnehmen, um zu erfahren, inwieweit Erich Scholz vernommen worden ist und was die Vernehmung gegebenenfalls ergeben hat.“

„Die Befragung von Wilhelm Scholz und Carmen Ringer könnten wir heute noch erledigen“, meinte Oberkommissar Kutzer.

„Carmen Ringer wohnt mit ihrem Mann ganz in der Nähe“, sagte Degenhart. „Darum sollten wir sie zuerst aufsuchen.“

Die Adresse war bekannt, Kutzer fand unmittelbar vor dem Gebäude, in dem Carmen Ringer mit ihrem Mann und zwei Kindern zur Miete wohnte, einen Parkplatz und manövrierte den Wagen gekonnt hinein.

Carmen Ringer war eine kleine, zierliche, vielleicht sogar untergewichtige Frau von siebenundvierzig Jahren, die um mindestens fünf Jahre älter aussah und die die beiden Beamten aus wässrigen, leicht geröteten Augen anschaute. „Frau Carmen Ringer?“, kam es fragend von Degenhart.

Sie nickte, dann antwortete sie mit etwas schwerer Zunge: „Ich denke, Sie kommen von der Polizei. Bruno hat mich angerufen und mir erzählt, dass Sie bei ihm waren. Ich hab mir schon gedacht, dass Sie auch mir einen Besuch abstatten.“

Eine ziemliche Alkoholfahne schlug den Kommissaren entgegen. Carmen Ringer war ziemlich angetrunken. Einige Strähnen ihrer blonden Haare hingen ihr wirr in die Stirn. Und obwohl sie sich mit einer Hand gegen den Türrahmen stützte, schwankte sie leicht. Degenhart warf seinem Kollegen einen vielsagenden und gleichzeitig fragenden Blick zu, und als Karl Kutzer nickte, sagte er: „Ich bin Hauptkommissar Degenhart von der Kripo Weiden, das ist mein Kollege, Oberkommissar Kutzer. Dürfen wir einen Augenblick reinkommen?“

„Denken Sie etwa, dass ich meine Mutter umgebracht habe?“, lallte die Frau.

„Wir ermitteln lediglich, Frau Ringer“, entgegnete Hauptkommissar Degenhart. „Das heißt, wir verdächtigen im Moment gar niemand.“

„Wer immer es war, der meine Mutter umgebracht hat!“, giftete die angetrunkene Frau. „Ich wünsche ihm, dass er in der Hölle schmort. Meine Mutter war doch eine herzensgute Frau, die keinem Menschen etwas zuleide getan hat. Der Mörder muss bis an sein Lebensende eingesperrt werden.“

„Es spricht sich nicht gut zwischen Tür und Angel, Frau Ringer“, sagte der Hauptkommissar.

Sie begriff. „Bitte, treten Sie ein.“

Carmen Ringer ließ die beiden Polizisten an sich vorbei in die Wohnung gehen.

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3. Kapitel

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Sie nahmen im Esszimmer Platz. Auf dem Tisch standen eine Flasche Sekt und ein halb gefülltes Glas. „Verstehen Sie das nicht falsch“, sagte Carmen Ringer mit unsicherer Stimme, „normalerweise trinke ich nicht. Aber der Tod meiner Mutter – dieser sinnlose, gewaltsame Tod, ausgerechnet an ihrem 75. Geburtstag – lässt mich nicht mehr los. Ich gehe mit dem Gedanken daran abends ins Bett und stehe am Morgen wieder mit ihm auf. Ich – ich versuche meine Empfindungen zu betäuben. Doch es will mir nicht gelingen.“

„Ich glaube nicht, dass Alkohol das richtige Mittel ist, um Emotionen – egal welcher Art – unter Kontrolle zu bringen“, gab Hauptkommissar Degenhart zu bedenken. „Was sagt Ihr Mann dazu?“

„Ich sagte es doch bereits: Normalerweise trinke ich nicht. Mein Mann hat sehr viel Verständnis für meine derzeitige Gefühlslage und lässt den Dingen ihren Lauf.“

„Er ist in der Arbeit, wie?“, erkundigte sich Oberkommissar Kutzer.

„Ja.“

„Gehen Sie auch einer Arbeit nach?“

„Manchmal übe ich einen Aushilfsjob bei einem Friseur aus. Ich habe den Beruf mal erlernt, war aber, nachdem ich unser erstes Kind bekam, nicht mehr als Friseuse – abgesehen von den Aushilfsjobs – tätig.“

„Ihre Mutter kam auf gewaltsame Weise ums Leben. Darüber hat man Sie ja in der Zwischenzeit informiert. Hatte Ihre Mutter Feinde? Ich meine, gab es jemand, der ihr nicht freundlich gesinnt war?“

„Meine Mutter! Feinde? Nein – o nein! Sie war bei allen Menschen, die sie konnten, angesehen und beliebt. Warum sollte sie Feinde haben? Sie hat keinem Menschen etwas getan, sie war eine herzensgute Frau.“

„Sie sind die erste, die uns Ihre Mutter so beschreibt“, versetzte Degenhart unbeeindruckt. „Ihre Nachbarn haben sie als missgünstig und neidisch beschrieben, Ihre Schwägerin sogar als ordinär und unverschämt.“

Carmen Ringers Gesicht veränderte sich zu einer Maske der Wut, sie griff nach dem Sektglas, trank es mit einem Zug leer, setzte es hart auf den Tisch zurück und fauchte: „Sie reden sicherlich von Waltraud, dieser falschen Kuh! Natürlich!“ Carmen Ringer schlug sich mit der flachen Hand leicht gegen die Stirn. „Waltraud war meiner Mutter alles andere als freundlich gesinnt, der traue ich sogar den Mord zu. Die ist doch asozial bis in die Knochen, und ich bin davon überzeugt, dass sie damals, als mein Bruder zusammen mit ihrem Mann und ihrem Bruder den Raubüberfall ausführte, ihre schmutzigen Hände im Spiel hatte.“

Die Brauen Degenhart schoben sich zusammen, er sagte: „Wie kommen Sie zu dieser Schlussfolgerung? Ich muss Ihnen ja sicherlich nicht sagen, dass es gefährlich sein kann, solche Behauptungen aufzustellen.“

„Gegen sie wurde doch damals ermittelt. Man vermutete, dass sie Schmiere gestanden hat, während mein Bruder und seine beiden Kumpane in das Haus des Mannes eindrangen. Allerdings wurde sie von keinem der drei belastet und so hat der Staatsanwalt die Ermittlungen gegen sie eingestellt.“

„Es war nicht nur Ihre Schwägerin, die Ihrer Mutter kein besonders gutes Zeugnis ausgestellt hat. Auch die Nachbarn Ihrer Mutter äußerten sich nicht gerade freundlich über sie.“

„Das sind alles Proleten, die meine Mutter aus Neid schlecht machen.“

„Worauf sollten diese Leute Ihrer Mutter neidisch sein?“, klinkte sich wieder Oberkommissar Kutzer ins Gespräch ein.

„Nun ja, meine Mutter besaß eine schuldenfreie Eigentumswohnung, ein neues Auto und sie fuhr einmal im Jahr zwei Wochen lang ans Mittelmeer. Das können sich viele ihrer Nachbarn nicht leisten, und darum hat keiner von ihnen meiner Mutter das schöne Leben gegönnt. Diese Bande ist nur aus Missgunst und Neid zusammengesetzt.“

„Woher hatte Ihre Mutter das Geld für ein derart sorgenfreies Leben?“, mischte sich wieder Degenhart ein. „Sie war Hilfsarbeiterinnen in der Porzellanindustrie, ihre Rente wird also nicht allzu hoch gewesen sein, und was die Witwenrente anbetrifft, so dürfte diese auch nur ziemlich gering ausgefallen sein, ist Ihr Vater doch ziemlich jung gestorben, und auch er war nicht gerade ein Großverdiener.“

Das Gesicht von Carmen Ringer hatte sich wieder etwas entkrampft, allerdings schien der letzte Schluck Sekt ihren Zustand gehörig verschlechtert zu haben, denn ihr Kinn sank immer wieder auf die Brust, als wäre der Kopf plötzlich zu schwer geworden und der Hals zu schwach, um ihn erhoben zu halten.

„Meine Mutter war halt ihr Leben lang sparsam“, lallte sie und bekam plötzlich Schluckauf. „Im Übrigen frage ich mich, was die finanziellen Verhältnisse meiner Mutter mit ihrer Ermordung zu tun haben.“

Carmen Ringer gab sich Mühe, ihrem Blick ein hohes Maß an Trotz zu verleihen, doch es gelang ihr nicht, dem Blick des Hauptkommissars länger als zwei – drei Sekunden standzuhalten. Und wieder musste sie hicksen.

„Ihre Schwägerin und Ihr Bruder meinen, dass Ihre Mutter möglicherweise Geld von Herrn Jakob Trummer erhielt.“

Carmen Ringer kicherte. „Das mit dem Trummer ist so eine Sache“, stieß sie dann hervor. „Er ist dreizehn Jahre jünger als meine Mutter und kein Mitglied der Familie kann sich vorstellen, dass er irgendein sexuelles Interesse an ihr hatte. Meine Mutter war stark übergewichtig und gehbehindert. Soviel ich weiß, hat der Trummer auch nie in der Wohnung meiner Mutter übernachtet. Weiß der Teufel, warum er sich so an meine Mutter gehängt hat.“

„Kann es sein, dass er Ihre Mutter finanziell unterstützte?“, fragte Kutzer.

„Ich weiß es nicht.“ Carmen Ringer hickste.

„Wie war das Verhältnis Ihres Mannes zu seiner Schwiegermutter?“

„Gut, wie soll es sonst gewesen sein? Meine Mutter hat Franz sehr gemocht.“

„Das mag sein“, versetzte Degenhart, „allerdings hat man uns erzählt, dass er als gelernter Schlosser nicht dem Niveau entsprach, das sich Ihre Mutter von ihrem Schwiegersohn erwartete.“

„Von wem stammt diese gemeine Lüge?“, giftete die angetrunkene Frau. „Wahrscheinlich auch von Waltraud. Die soll bloß vorsichtig sein! Sonst lernt sie mich mal kennen!“

„Diese Aussage stammt von Ihrem Bruder Bruno. Er hat uns auch erzählt, dass Ihre Mutter ziemlich rüde über einen früheren Freund von Ihnen, nämlich Doktor Martin Matheis, hergezogen ist. Grund dafür war, dass Herr Matheis damals die Freundschaft mit Ihnen beendete und sich damit die Feindschaft Ihrer Mutter zuzog.“

Carmen Ringer verzog den Mund, was wohl ihre Geringschätzung zum Ausdruck bringen sollte, was aber im Endeffekt nur ein klägliches Verrutschen ihrer Gesichtszüge war. Dann stieß sie hervor: „Meine Mutter hat den Martin nie leiden können. Und als die Sache zwischen uns damals auseinanderging, war sie alles andere als böse. Dass der Martin keinen Charakter hat, hat sie damals nämlich sehr schnell erkannt.“

„Gibt es einen Grund Ihrerseits, Herrn Doktor Matheis Charakterlosigkeit zu unterstellen?“

„Na ja, er soll aufs Geld sein wie der Teufel auf die arme Seele, der soll sogar seinen eigenen Vater, der bei ihm im Haus gelebt hat und ein Pflegefall war, bis zu dessen Tod ausgenommen haben wie eine Weihnachtsgans.“

„Sie sagen, er soll ... Konkret wissen Sie also nichts.“

„Ich kann Ihnen nur sagen, was meine ...“ Carmen Ringer brach ab, räusperte sich, schluckte würgend und wich dem Blick des Hauptkommissars betreten aus.

„Sie geben genau das wider, was Ihnen Ihre Mutter vorgesagt hat, wie?“, knurrte Degenhart.

„Er hat meiner Mutter gedroht!“, keifte Carmen Ringer und schaute den Hauptkommissar bedeutungsvoll an.

„Er hat lediglich zum Ausdruck gebracht, dass es mal raucht, wenn Ihre Mutter nicht aufhört, ihn vor Gott und der Welt schlecht zu machen. Solche – hm, Drohungen werden allein in Weiden wohl am Tag tausendmal ausgesprochen. Ein Indiz dafür, dass Doktor Matheis in die Wohnung Ihrer Mutter eingedrungen ist und sie getötet hat sehe ich in dieser Aussage nicht. Auch wenn Sie das vielleicht jetzt gerne hören wollen.“

„Unterstellen Sie mir nur nichts!“, schnappte Carmen Ringer, legte den Kopf in den Nacken und griff sich mit der rechten Hand an die Stirn. „Mir ist nicht gut, ich glaub, ich muss mich hinlegen. Wenn ich Sie also bitten dürfte, mich alleine zu lassen. - Mein Gott, ist mir plötzlich übel.“ Mit dem letzten Wort stemmte sie sich am Tisch in die Höhe, wankte bedenklich und ließ ein leises, aber langgezogenes Stöhnen vernehmen.

Sie war keine gute Schauspielerin.

Die beiden Kommissare erhoben sich, Degenhart sagte: „Wir kommen in den nächsten Tagen sicher noch einmal bei Ihnen vorbei, Frau Ringer. Legen Sie sich jetzt hin und versuchen Sie zu schlafen, und – es wäre für Sie vielleicht besser, nicht mehr zum Alkohol zu greifen, wenn Sie die Trauer um Ihre Mutter übermannt. Alkohol ist nämlich kein adäquates Mittel, um Probleme zu lösen.“

„Normalerweise trinke ich nicht ...“

Als Degenhart und Kutzer auf der Straße standen, knurrte der Oberkommissar: „Wer‘s glaubt, wird selig.“

„Wovon redest du?“

„Von ihrer Behauptung, dass sie normalerweise nicht trinkt.“

„Ich nehme ihr das auch nicht ab. Etwas übertrieben kam mir auch ihre Aussage vor, dass ihre Mutter eine Seele von Mensch gewesen sei. Ich glaube nicht, dass ihr Charakter von den Mitmenschen ausgesprochen negativ eingestuft wird, nur weil man ihr aus nicht nachvollziehbaren Gründen irgendetwas neidet oder weil man ihr gegenüber missgünstig eingestellt ist.“

Scholz Wilhelm, der jüngste Sohn der getöteten Anna Scholz, wohnte auch nicht weit entfernt, nämlich in der Kantstraße, ebenfalls im Ortsteil Hammerweg. Als Bäcker begann sein Tag ausgesprochen früh, dafür aber war er jetzt, es war noch nicht einmal ein Uhr, schon zu Hause. „Mein Mann schläft“, sagte seine Gattin, die die Korridortür gerade so weit geöffnet hatte, dass von ihrem Gesicht lediglich ein drei Zentimeter breiter, senkrechter Ausschnitt zu sehen war. „Er war seit halb 3 Uhr auf den Beinen ...“

„Darauf können wir leider keine Rücksicht nehmen, Frau Scholz“, versetzte Hauptkommissar Degenhart. „Ihnen ist sicher bekannt, dass Ihre Schwiegermutter gewaltsam zu Tode kam. Unsere Aufgabe ist es, denjenigen, der sie tötete, zu entlarven. Den Täter zu überführen dürfte auch im Interesse Ihres Mannes, der ja ein Sohn der Getöteten ist, liegen.“

Einen Augenblick lang hatte es den Anschein, dass die Frau von Wilhelm Scholz aggressiv reagieren wollte. Doch dann seufzte sie nur ergeben, zog die Tür auf und trat zur Seite. „Kommen Sie herein, ich wecke Wilhelm auf. Erfreut wird er nicht gerade sein. Aber er wird es wohl akzeptieren müssen.“

Sie geleitete die beiden Beamten ins Wohnzimmer und bot ihnen Plätze zum Sitzen an. Ehe sie sich abwandte, um ihren Mann zu holen, fragte sie: „Waren Sie denn schon bei Bruno und bei Carmen? Falls nicht, sollten Sie ...“

Degenhart unterbrach sie, indem er hervorstieß: „Wir waren sowohl beim Bruder als auch bei der Schwester Ihres Mannes. Und jetzt sind wir hier, weil wir auch Ihrem Gatten ein paar Fragen zu stellen haben. Also bitte ...“

Es hatte ziemlich ungeduldig geklungen. Mit zwingendem Blick musterte er die etwa fünfunddreißigjährige Frau, die das blonde Haar kurz geschnitten trug und mit einer engen Jeans bekleidet war, die ihre ziemlich üppigen Proportionen von der Hüfte abwärts betonte. Auch die enge, weiße Bluse spannte sich bedenklich über ihrer Brust und hätte nach Meinung des Hauptkommissars leicht ein oder zwei Nummern größer ausfallen sollen.

Ihr ganzes Verhalten mutete trotzig und in gewisser Weise respektlos an und war nicht dazu angetan, die Stimmung des Hauptkommissars zu heben. Da er das Gefühl hatte, in der Sache Anna Scholz auf der Stelle zu treten, tendierte diese nämlich gegen Null, und ein derartiges emotionales Tief machte Degenhart leicht reizbar.

„Schon gut, schon gut!“, entfuhr es der Frau, sie schwang auf dem Absatz herum und verließ das Wohnzimmer. Es dauerte keine zwei Minuten, dann erschien Wilhelm Scholz. Hauptkommissar Degenhart registrierte, dass er weder seinem Bruder Bruno noch seiner Schwester Carmen in irgendeiner Weise ähnlich sah. Wilhelm Scholz war eher klein, dafür aber ziemlich übergewichtig. Obwohl er noch keine vierzig war, verfügte er nur noch über einen dunklen Haarkranz, und selbst der präsentierte sich schon ausgesprochen licht. Sein rundliches Gesicht wies eine gesunde Färbung auf. Er hatte sich einen etwas mitgenommen wirkenden Trainingsanzug angezogen.

Fast feindselig fixierte er abwechselnd die Polizisten. „Ich wüsste nicht, was ich Ihnen zum Tod meiner Mutter sagen könnte. Ich hatte mir an diesem Tag freigeben lassen, weil wir am Nachmittag zu ihr zum Kaffeetrinken eingeladen waren, feierte sie doch am Montag ihren 75. Geburtstag. Meine Frau und ich schliefen an diesem Tag etwas länger, doch dann, irgendwann zwischen neun und halb zehn rief mich mein Bruder an und eröffnete mir, dass meine Mutter tot in einer Blutlache in ihrer Wohnung gelegen hat. Ich hab nicht den geringsten Schimmer, wer ihr das angetan haben könnte. Darum kann ich mir auch nicht vorstellen, was Sie von mir wollen.“

„Setzen Sie sich, Herr Scholz“, gebot Hauptkommissar Degenhart, und nachdem sich Wilhelm Scholz etwas zögerlich niedergelassen hatte, fuhr er fort: „Wir haben einige Nachbarn Ihrer Mutter befragt und darüber hinaus mit Ihrem Bruder Bruno sowie Ihrer Schwester Carmen gesprochen.“

„Ja und? Wissen‘s denn schon, wer meine Mutter umg‘bracht hat? Sind’s gekommen, um mir den Namen ihres Mörders zu nennen? Soll ich raten, wer‘s getan hat?“

„Sagten Sie nicht eben, Sie hätten nicht den geringsten Schimmer, wer sie getötet haben könnte?“, fragte Oberkommissar Kutzer.

„Das hindert mich doch nicht, zu raten!“

„Na, dann sagen Sie uns doch, wen Sie raten würden“, sagte Degenhart.

„Das ist nicht so einfach, aber auf Anhieb würde ich sagen, dass es der Martin war. Er war stinksauer auf meine Mutter und hat ihr gedroht, dass er ihr Dampf unter dem Hintern macht, wenn sie nicht aufhört, ihn überall schlecht zu machen.“

Oberkommissar Kutzers linke Braue zuckte in die Höhe. „Schätzungsweise ist die Rede von Doktor Martin Matheis, nicht wahr?“

„Wenn Sie seinen Namen kennen, dann unterstelle ich, dass Sie Bescheid wissen.“

„Wir haben bereits mit Herrn Doktor Matheis gesprochen“, erklärte der Oberkommissar. „Ihre Mutter war ja nicht gerade gut auf ihn zu sprechen. Dass es Doktor Matheis nicht gefiel, dass sie ihm Geldgier und Charakterlosigkeit nachsagte, ist nachvollziehbar, und dass er dem entgegentrat und sich weitere Verleumdungen und üble Nachreden verbat, ebenso.“

„Sei‘s wie‘s mag“, murmelte Wilhelm Scholz und zuckte mit den Schultern, „meine Mutter ist tot und Tatsache ist, dass sie irgendjemand erdrosselt hat. Ich kann‘s nimmer lebendig mach‘n. Was meint denn mein Bruder? Und was hat Ihnen meine Schwester erzählt?“

„Nicht allzu viel“, versetzte Hauptkommissar Degenhart, beugte sich etwas vor und musterte Wilhelm Scholz mit durchdringendem Blick. „Sagen Sie mal, Herr Scholz, hat Ihre Schwester ein Alkoholproblem?“

In diesem Moment betrat auch wieder die Gattin von Wilhelm Scholz das Wohnzimmer. Sie schien die letzte Frage gehört zu haben, denn sie antwortete anstelle ihres Mannes: „Ein immenses, würde ich sagen. Die ist ja mittags schon angesäuselt und einmal mussten sie sie sogar nach Wöllershof bringen, weil sie im Suff total ausgerastet ist und randaliert hat. Der Franz versucht das natürlich geheim zu halten, und auch meine Schwiegermutter hat darüber tunlichst Stillschweigen bewahrt. In ihren Augen wäre es ja eine Schande gewesen, wenn sich das herumgesprochen hätte.“

„Interessant“, murmelte Degenhart. „Sie war also in der Psychiatrie. Wie lange war sie denn dort zur Behandlung?“

„Nicht lange. Man hat ihr eine Entziehungsmaßnahme vorgeschlagen, aber sie verwahrte sich dagegen, wie eine Alkoholabhängige behandelt zu werden. Also hat man sie noch ungefähr zwei Wochen wieder nach Hause geschickt.“

„Können Sie uns etwas zum Verhältnis Ihrer Schwester zu Ihrer Mutter sagen?“, fragte Degenhardt an Wilhelm Scholz gewandt.

„Sie haben sich verhältnismäßig gut verstanden. Meine Schwester hat zweimal in der Woche bei meiner Mutter geputzt und für sie die eine oder andere Besorgung erledigt. Wenn wir alle bei meiner Mutter versammelt waren, zum Beispiel an ihrem Geburtstag oder zu Weihnachten, habe ich nie feststellen können, dass das Verhältnis zwischen ihr und Carmen irgendwie gestört wäre.“

„Können Sie das auch im Hinblick auf das Verhältnis zwischen Ihrer Schwägerin und Ihrer Mutter behaupten?“, mischte sich Oberkommissar Kutzer ein.

„Wenn Sie von der Waltraud sprechen – nein. Als mein Bruder sie geheiratet hat, stand meine Mutter kurz vor einem Kollaps. Was hat sie den Bruno regelrecht bekniet, die Finger von Waltraud zu lassen. Ihr erster Mann war kriminell, schließlich und endlich ist er sogar im Gefängnis gestorben. Nein, das Verhältnis zwischen Waltraud und meiner Mutter war nicht gut, ich möchte sagen, es gab überhaupt kein Verhältnis zwischen den beiden. Bei Familienfeierlichkeiten hat meine Mutter die Waltraud stets ausgeschlossen, und wenn sich Bruno beschwert hat, erklärte sie im klipp und klar, dass auch er wegbleiben könne, wenn es ihm nicht passe.“

„Sie nannten vorhin den Namen Franz“, ergriff nun wieder Hauptkommissar Degenhart das Wort. „Ich vermute, die Rede ist von Franz Ringer, Ihrem Schwager.“

„Richtig. Der versucht natürlich zu vertuschen, dass seine Frau schluckt. Ich persönlich mag ihn nicht besonders, er ist ein Duckmäuser und sagt zu allem, was von meiner Schwester kommt, ja und amen.“

„Die beiden haben zwei Kinder, nicht wahr?“

Wilhelm Scholz nickte. „Den Sebastian und die Angelika. Sebastian ist einundzwanzig Jahre alt, und er lebt noch bei seinen Eltern. Angelika ist neunzehn und vor einem halben Jahr von zu Hause ausgezogen. Sie lebt mit einem Kerl zusammen, den ich persönlich nicht kenne.“

„Aber Jakob Trummer, den ehemaligen Major, kennen Sie sicherlich“, konstatierte Degenhart.

„Ja, natürlich. Der ist ja ständig bei meiner Mutter herumgesessen, hat sie mit seinem Auto spazieren gefahren und das eine oder andere für sie erledigt. So richtig bin ich nie schlau geworden aus dem Verhältnis. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass bei den beiden im Bett etwas gelaufen sein könnte.“

„Zu der Stunde am Montagmorgen, als Ihre Mutter starb, haben Sie also in Ihrem Bett gelegen und geschlafen“, fasste Degenhart das Ergebnis dieses Besuchs zusammen. Er heftete den Blick auf die Gattin des Wilhelm Scholz. „Können Sie das bestätigen, Frau Scholz?“

Sie nickte wiederholt. „Das könnte ich notfalls sogar unter Eid aussagen.“

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4. Kapitel

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Jetzt fehlen uns noch drei Aussagen“, erklärte Hauptkommissar Degenhart, als sie in Richtung Polizeiinspektion unterwegs waren. „Nämlich die von Trummer, von Erich Scholz und von Franz Ringer. Was Trummer anbelangt, so wird dieser am Montagmorgen bei uns in der Dienststelle auf dem Teppich stehen. Erich Scholz wurde oder wird von den Kollegen in Nürnberg vernommen, das heißt, uns bleibt im Moment nur Franz Ringer. Heute ist Freitag und ich vermute, dass er früher Feierabend hat als an den übrigen Wochentagen.“

„Wir wissen, wo er beschäftigt ist“, gab Karl Kutzer zu verstehen. „Um es herauszufinden, wäre es am einfachsten, bei seinem Arbeitgeber anzurufen.“

„Dein kriminalistischer Spürsinn ist wieder einmal umwerfend“, versetzte Degenhart mit gutmütigem Spott und fischte sein Mobiltelefon aus der Jackentasche. Die Telefonnummer, die er benötigte, hatte er in seinem Notizblock notiert, er tippte sie und stellte die Verbindung her. Gleich darauf meldete sich eine Frauenstimme: „Metallbau Meister, Sie sprechen mit Frau Lubinsky. Was kann ich für Sie tun?“

„Hauptkommissar Degenhart, Kriminalpolizei Weiden. Ich habe lediglich eine Frage an Sie, Frau Lubinsky: Befindet sich Herr Franz Ringer noch in der Arbeit oder hat er bereits den Feierabend angetreten?“

„Die Beschäftigten in der Schlosserei haben vor einer halben Stunde Schluss gemacht“, erwiderte die Frau am anderen Ende der Leitung.

„Vielen Dank.“ Degenhart unterbrach die Verbindung, ließ das Handy wieder in die Jackentasche gleiten und sagte: „Nach menschlichem Ermessen müsste Franz Ringer in der Zwischenzeit zu Hause eingetroffen sein. Fahren wir also noch einmal hin.“

Die Beamten läuteten zehn Minuten später an der Wohnungstür von Franz und Carmen Ringer, doch niemand öffnete. Oberkommissar Kutzer klingelte an der Tür der gegenüberliegenden Wohnung in dieser Etage und gleich darauf zeigte sich eine ältere Frau. „Wir möchten zu Herrn Ringer. Haben Sie eine Ahnung, wo er und seine Frau sein könnten?“

„Sie waren doch vor etwa einer Stunde schon einmal hier und haben sich eine ganze Zeit in der Wohnung aufgehalten“, sagte die Frau, ohne auf die Frage des Oberkommissars einzugehen. Forschend musterte sie sein Gesicht, als versuchte sie in seinen Zügen zu lesen.

„Stimmt. Frau Ringer klagte, dass sie sich nicht wohl fühle, daher vermute ich, dass sie sich niedergelegt hat und schläft. Wir wollen aber nicht zu ihr sondern zu ihrem Mann. In seinem Betrieb haben wir erfahren, dass er vor ungefähr einer Dreiviertelstunde ins Wochenende gegangen ist.“

„Wahrscheinlich kauft er ein“, erzählte die Frau. „Die Carmen hat sich also wieder einmal nicht wohl gefühlt“, kam es dann mit spöttisch angehauchter Stimme über ihre Lippen. „Hat‘s wohl wieder amal zu tief ins Glas g‘schaut.“ Die Frau schaute Kutzer verschwörerisch an, und als sie weitersprach, flüsterte sie fast. Sie sagte: „Ich glaub, die Carmen säuft. Mir ist das in der letzten Zeit schon des Öfteren aufgefallen, dass sie torkelte und wirres Zeug daherredete.“ Ihre Stimme sank noch weiter herab, als sie hinzufügte: „Die haben‘s sogar schon einmal mit dem Sanka abgeholt und nach Wöllershof gebracht, weil‘s b‘soffen randaliert hat.“

„Sie können uns also auch nicht sagen, ob sich jemand in der Wohnung befindet“, meinte Oberkommissar Kutzer und wollte sich abwenden, doch da ergriff die Frau noch einmal das Wort und sagte:

„Der Franz hat damals auf Teufel komm raus mit seiner Schwiegermutter g‘stritten. Die alte Scholz ist nämlich, nachdem der Sanka mit der Carmen weg war, aufgetaucht und hat ihm im Treppenhaus lautstark Vorhaltungen gemacht, weil er den Rettungsdienst angerufen hat. Die beiden haben sich damals ziemlich heftig gestritten und der Franz hat seine Schwiegermutter schließlich aufgefordert, auf der Stelle das Haus zu verlassen.“

Degenhart, der bisher schweigend vor der Tür zur Wohnung des Ehepaares Ringer gestanden hatte, sagte: „Das heißt also, dass das Verhältnis zwischen Franz Ringer und seiner Schwiegermutter nicht ganz ungetrübt war.“

„In den Augen der alten Scholz war der Franz doch nur ein kleiner Pisser, der mit Hängen und Würgen seine Familie ernähren konnte und der es zu nichts gebracht hat. Der Franz hat mir öfter mal sein Leid geklagt. Seine Schwiegermutter soll der Carmen damals abgeraten haben, ihn zu heiraten, weil er nichts sei und weil er es nie zu was bringen würde. Die Scholz hat sich immer für wen Besseres gehalten und einer wie der Franz – der lediglich über einen qualifizierten Schulabschluss verfügt – hatte ihrer Meinung nach in ihrer Familie keinen Platz. Ich weiß nicht mehr, zu wem sie irgendwann mal gesagt hat, dass ihre Carmen etwas Besseres verdient habe als einen Schlosser.“

„Solche Aussagen sind doch sicher auch bis zu Herrn Ringer durchgedrungen“, meinte der Hauptkommissar.

„Na klar. Zu mir hat der Franz einmal gesagt, dass er wohl erst seine Ruhe haben würde, wenn seine Schwiegermutter unter einigen Kubikmetern Erde verschwunden sei. Die Carmen soll nämlich immer mehr auf die Hetztiraden ihrer Mutter abgefahren sein und dem Franz vorgeworfen haben, dass es ihm immer schon am Ehrgeiz gemangelt hat und dass er sich ein Beispiel an anderen Männern nehmen solle, die Karriere gemacht haben und ihrer Frau Dinge bieten, die er ihr niemals würde bieten können mit seinem lächerlichen Gehalt als Schlosser.“

„Daraus ziehe ich zwangsläufig den Schluss, dass Franz Ringer nicht gerade gut auf seine Schwiegermutter zu sprechen war“, erklärte Degenhart.

„Er hat es zwar nie so direkt ausgesprochen, aber ich glaube, er hat sie gehasst wie die Pest. Aber der Franz ist ein ziemlich gutmütiger Kerl und er hat alles geschluckt, nur um des lieben Friedens willen. Als er den Rettungsdienst angerufen hat, weil seine Frau randalierte, war das mehr oder weniger eine Kurzschlussreaktion, wie er mir später gesagt hat, weil er sich nicht mehr anders zu helfen gewusst hat. Dös is a arme Sau, der Franz.“

„Was wir von Ihnen eben gehört haben, ist sehr interessant. Gibt es noch mehr zu berichten, das Verhältnis zwischen Frau Anna Scholz, ihrer Tochter und ihrem Schwiegersohn betreffend? Wenn ja, dann sollten wir ...“

Degenhart verstummte, weil auf der Treppe unten Schritte zu hören waren. Gleich darauf erschien ein Mann, der mit einem blauen Overall bekleidet war, auf dessen Kopf eine Baseballmütze saß und den der Hauptkommissar auf Mitte vierzig schätzte. Er trug eine Plastiktüte mit dem Reklameaufdruck eines bekannten Discounters in der linken Hand.

„Da kommt ja der Franz“, stieß die Nachbarin hervor. „Mich brauchen‘s ja dann wohl nimmer.“

„Vielen Dank noch einmal für Ihre wertvollen Hinweise“, bedankte sich Degenhart und blickte dem Mann entgegen, der irgendwie müde die Treppe emporkam. Die Nachbarin verschwand schnell in ihrer Wohnung und drückte die Korridortür ins Schloss. Jetzt hielt Franz Ringer mitten auf der Treppe an, in seine Augen trat ein erwartungsvoll-angespannter Ausdruck. Den Hauptkommissar mutete es fast an wie ein misstrauisches Lauern.

„Grüß Gott, Herr Ringer“, grüßte der Hauptkommissar. „Ich bin Hauptkommissar Degenhart von der Kriminalpolizei Weiden. Mein Kollege Kutzer und ich möchten mit Ihnen sprechen.“

Franz Ringer presste einen Augenblick die Lippen zusammen, sodass sie nur noch einen dünnen, blutleeren Strich in seinem Gesicht darstellten, setzte sich schließlich ruckartig wieder in Bewegung und kam nach oben. „Sie waren doch heute schon bei uns und haben mit meiner Frau gesprochen. Sie hat mich telefonisch informiert. Ich kann Ihnen auch nicht mehr sagen.“

„Wir sind der Meinung, dass es notwendig ist, mit Ihnen zu sprechen“, konterte Degenhart. „Wenn Sie jetzt natürlich keine Zeit haben, werden wir das akzeptieren, ich möchte Sie dann aber bitten, am Montagvormittag um 10:00 Uhr bei uns in der Inspektion zu erscheinen. Wie‘s Ihnen beliebt ...“

Ringer stieß scharf die Luft durch die Nase aus, ihm stand regelrecht auf die Stirn geschrieben, wie wenig erbaut er von diesem Besuch war. Etwas unschlüssig schaute er von Degenhart zu Kutzer und wieder zu Degenhart, dann sagte er: „Als mich meine Frau angerufen hat, äußerte sie, dass sie sich nicht wohl fühle. Ich denke, sie schläft jetzt und ich möchte nicht, dass sie gestört wird. Ich unterstelle, dass Sie dafür Verständnis haben.“

„Wie Sie wollen. Dann eben am Montagvormittag um 10:00 Uhr in der Polizeiinspektion.“

In dem Moment wurde die Korridortür geöffnet und in ihrem Rahmen erschien Carmen Ringer. Ihre Haare waren ziemlich unordentlich, was darauf schließen ließ, dass sie tatsächlich gelegen hatte. „Es geht mir wieder gut. Daher ist es nicht notwendig, dass du am Montag freinimmst, Franz. Da wir nichts zu verbergen haben, solltest du die beiden Herren von der Kriminalpolizei in die Wohnung bitten und ihre Fragen beantworten.“

Ihre Stimme hatte immer noch nicht richtig klar geklungen, sie hatte so manche Endung verschluckt oder bei dem einen oder anderen Wort zu lallen begonnen, zumindest aber schien sie den Schluckauf überwunden zu haben.

Hauptkommissar Degenhart vermutete, dass Carmen Ringer schon länger hinter der Tür gestanden und gelauscht hatte.

Franz Ringer schoss seiner Frau einen wütenden Blick zu, dann knurrte er: „Bitte, nach Ihnen.“

Er betrat hinter den beiden Polizisten die Wohnung und schloss die Tür. Carmen Ringer ging auf etwas unsicheren Beinen voraus ins Esszimmer und setzte sich sofort auf einen der Stühle. „Bitte, nehmen‘s Platz.“

Die Sektflasche und das Glas waren jetzt verschwunden. Scheinbar hatte Carmen Ringer, nachdem die Kommissare gegangen waren, nicht mehr getrunken, denn sie schien nicht mehr ganz so stark beschwipst zu sein.

Franz Ringer brachte die Tüte mit den Einkäufen in die Küche, dann kam auch er ins Esszimmer und setzte sich. „Sie haben mit Frau Neumeyer gesprochen“, brummte er. „Was hat diese neugierige Spinatwachtel denn zu erzählen gewusst?“

„Gibt es einen besonderen Grund für diese Frage?“, erkundigte sich Oberkommissar Kutzer.

„Die Neumeyer ist die größte Ratsch‘n hier im Haus. Die verreckt ja fast vor lauter Neugier, ihr entgeht nichts – aber auch gar nichts. Und sie weiß über jeden hier im Haus was. Die Alte ist mit Vorsicht zu genießen.“

„Wir haben nichts von Bedeutung von Frau Neumeyer erfahren“, erklärte Hauptkommissar Degenhart, beugte sich etwas vor und heftete seinen zwingenden Blick auf Franz Ringer. „Sie waren nicht gerade gut auf Ihre Schwiegermutter zu sprechen, Herr Ringer“, sagte er dann mit besonderer Betonung.

Franz Ringer stieß sich mit dem Daumen seiner rechten Hand gegen die Brust, setzte ein verblüfftes Gesicht auf und stieß hervor: „Ich!? Wie kommen Sie denn darauf? Ich hab gegen meine Schwiegermutter doch nicht das Geringste gehabt – im Gegenteil ...“ Seine Hand sank wieder nach unten.

„Wir wissen, dass es Ihnen Ihre Schwiegermutter angekreidet hat, dass Sie nur –“ der Hauptkommissar hob die Hände in Schulterhöhe und deutete mit Zeige- und Mittelfingern imaginäre Anführungszeichen an, „– einen handwerklichen Beruf ausüben. Deswegen hat sie sogar Ihrer Frau abgeraten, Sie zu ehelichen.“

„Das kann Ihnen doch nur die Neumeyer gesteckt haben!“, erregte sich Carmen Ringer. „Diese alte Dreckratsch‘n. Die soll doch die Krätze kriegen!“

„Kein sehr frommer Wunsch, Frau Ringer“, knurrte Oberkommissar Degenhart. „Außerdem wissen Sie ja gar nicht, ob uns das Frau Neumeyer gesagt hat. Wie Sie wissen, haben wir in der Zwischenzeit mit Ihren Brüdern Bruno und Wilhelm und deren Gattinnen gesprochen. Ihre Mutter hat Ihrem Mann immer den Doktor Matheis als Paradebeispiel für einen Schwiegersohn hingestellt. Das ist definitiv, unabhängig davon, dass sie den Arzt vor Gott und der Welt schlecht gemacht hat.“

„Sie hat Martin gehasst!“, giftete Carmen Ringer.

„Aber doch nur, weil er im Gegensatz zu allen anderen in ihrer Familie Karriere gemacht und sie ihm das nicht gegönnt hat, nachdem er damals das Verhältnis mit Ihnen beendete.“

„Das ist doch Unsinn!“, fauchte die Frau.

„Es ist die Wahrheit“, murmelte Franz Ringer und strich sich mit einer fahrigen Geste seiner rechten Hand über den Mund. „Es stimmt, ich war meiner Schwiegermutter nie gut genug. Wobei ich mich frage mit welcher Begründung sie mich gewissermaßen als Versager anschaute. Weder sie noch ihr Mann – Gott hab ihn selig – haben es beruflich zu etwas gebracht, und das gleiche gilt für ihre drei Söhne. Sie bildet sich zwar Wunder was ein darauf, dass Erich Finanzobersekretär ist, aber so weltbewegend ist das in meinen Augen auch wieder nicht. Mittlerer Dienst – kein Grund, sich darauf etwas einzubilden.“

„Wie redest du den plötzlich über meine Familie!“, entfuhr es Carmen Ringer und sie schaute dabei ihren Mann regelrecht entsetzt an. „Großer Gott, wenn das die Mama hören würde.“

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5. Kapitel

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Natürlich hat es mich getroffen und ich habe immer schwer daran getragen, dass ich wegen meines Handwerksberufes von meiner Schwiegermutter nicht so richtig akzeptiert wurde“, gab Franz Ringer zu verstehen.

„Wie waren Ihre Gefühle, Ihre Schwiegermutter betreffend?“, fragte der Hauptkommissar. „Ich meine, haben Sie Ihre Schwiegermutter tatsächlich gehasst oder hat Sie ihre Inakzeptanz lediglich betroffen gemacht?“

„Ich hätt sie manchmal ansatzlos auf den Mond schießen können“, knurrte Franz Ringer. „Nur mit Rücksicht auf meine Frau habe ich immer alles geschluckt und den Mund gehalten. Mit ihrer Hetzerei gegen mich hat sie es sogar geschafft, Carmen in die ...“

Er brach ab, denn seine Frau sprang wie von einer Tarantel gestochen aus dem Sessel in die Höhe, schluchzte auf und rannte aus dem Zimmer. Krachend flog die Tür hinter ihr zu.

„Ich glaube, ich weiß, was Sie sagen wollten“, erklärte der Hauptkommissar. „Ihre Frau stand gewissermaßen zwischen zwei Feuern, und das hat sie veranlasst, öfter mal zur Flasche zu greifen. Wir wissen, dass Ihre Gattin ein immenses Alkoholproblem hat.“

„Ihre Mutter hat sie in den Suff getrieben, und ich stand dem allen machtlos gegenüber. Einige Male dachte ich schon daran, alles liegen und stehen zu lassen und zu gehen, aber letztendlich fehlt mir immer dazu der Mut. Ich denke dann an unsere Kinder und versuche mich mit allem abzufinden.“

„Haben Sie für Montagmorgen ein Alibi?“

Franz Ringer lachte gallig auf. „Wenn Sie jetzt denken, dass ich meine Schwiegermutter auf dem Gewissen habe, dann irren Sie sich ganz gewaltig. Sie hat mir zwar ziemlich gestunken, und hin und wieder habe ich ihr auch die Pest an den Hals gewünscht, aber umgebracht habe ich sie nicht.“

„Sie hatten ein Motiv“, stellte Oberkommissar Kutzer fest.

„Es gab schätzungsweise eine Reihe von Leuten, die ein Motiv gehabt hätten, meiner Schwiegermutter den Hals umzudrehen“, versetzte Franz Ringer.

„Wo waren Sie Montagmorgen zwischen halb 8 Uhr und halb 9 Uhr?“ Oberkommissar Kutzer stellte diese Frage mit Nachdruck im Tonfall.

„In der Arbeit. Ich fange jeden Tag um 7:00 Uhr an. Sie können das gerne nachprüfen.“

„Kennen Sie Doktor Martin Matheis persönlich?“, erkundigte sich Hauptkommissar Degenhart.

„Ich kenne ihn, gewiss. Er, der Herr Akademiker mit Doktortitel wäre meiner Schwiegermutter als Schwiegersohn schon recht gewesen. Weil er sich damals von Carmen getrennt hat, war meine Schwiegermutter überhaupt nicht mehr gut auf ihn zu sprechen. Aber es gibt kaum jemand, über den meine Schwiegermutter nicht hergezogen ist. Sie selbst hat sich für das Maß der Dinge gehalten. Ihr Selbstbewusstsein war fast schon krankhaft.“

„Wenn Sie Montagmorgen ab 7:00 Uhr in der Arbeit waren, können Sie gar nicht bestätigen, dass Ihre Frau zum Tatzeitpunkt zu Hause war.“

„Nein, kann ich nicht. Aber für Carmen lege ich die Hand ins Feuer. Die war ihrer Mutter geradezu hörig. Meine Frau können Sie als Täter ausschließen.“

„Wenn jemand gewaltsam ums Leben kommt, muss nicht immer ein Mord aus niedrigen Beweggründen dahinterstecken“, belehrte Degenhart den Mann. „Es kann aus den verschiedensten Gründen zu Affekthandlungen kommen, und davor ist wahrscheinlich kein Mensch auf dieser Welt gefeit. Können Sie Ihre Frau herholen?“

„Ich glaube, ich habe sie ziemlich aus der Fassung gebracht“, murmelte Franz Ringer etwas geknickt. „Ich schau mal nach ihr. Einen Moment bitte.“

Nach dem letzten Wort erhob sich Franz Ringer und verließ den Raum. Da er die Türe offen gelassen hatte, konnten die beiden Beamten wenig später murmelnde Stimmen vernehmen. Was jedoch gesprochen wurde, war nicht zu verstehen. Wenig später aber erschien das Ehepaar und sowohl Degenhart als auch Kutzer registrierten, dass Carmen Ringer geweint hatte. Als sie saß, sagte der Hauptkommissar: „Wir haben Ihr Alibi noch nicht geprüft, Frau Ringer. Wo waren Sie am Montagmorgen, als Ihre Mutter starb?“

Die Frau starrte den Beamten an, als hätte er kompletten Unsinn von sich gegeben. Dann schniefte sie vernehmlich und antwortete mit weinerlicher Stimme: „Ich war zu Hause. Wo soll ich sonst gewesen sein?“

„Kann das jemand bestätigen?“

„Mein Sohn. Wir haben gemeinsam versucht, meiner Mutter telefonisch zum Geburtstag zu gratulieren, aber sie nahm nicht ab. Ich habe mir auch keine Gedanken gemacht, denn ich sagte mir, dass sie vielleicht noch irgendetwas zu besorgen hatte für Nachmittag, nachdem sie die ganze Familie zu Kaffee und Kuchen eingeladen hatte.“

„Auch die Frau Ihres Bruders Bruno?“

„Die natürlich nicht. Waltraud gehört nicht dazu und wird nie dazu gehören. Wahrscheinlich war sie es sogar, die ...“

Carmen Ringer brach abrupt ab.

Hauptkommissar Degenhart wusste, was sie sagen wollte, warf seinem Kollegen einen Blick zu und sagte: „Ich denke, wir haben genug gehört. Was meinst du?“

„Denk ich auch.“

„Wir gehen“, erklärte der Hauptkommissar. „Sollte sich herausstellen, dass Sie zum Zeitpunkt des Todes Ihrer Mutter in der Arbeit waren, Herr Ringer, dann sind Sie natürlich aus dem Schneider.“

„Meine Angabe wird Ihrer Nachprüfung standhalten“, versetzte Ringer.

„Wenn du mich fragst, dann tun sich in dieser Familie Abgründe auf“, stieß Oberkommissar Kutzer hervor, als er wieder hinter dem Steuer des Dienstwagens saß und das Fahrzeug in Richtung Polizeiinspektion lenkte. „Und die Getötete wollte all das Negative, mit dem sie sich seit Jahren konfrontiert sah, verdrängen – vielleicht auch kompensieren, indem sie sich mit einem Panzer aus Arroganz und Boshaftigkeit wappnete. Sie versuchte das alles zu verdrängen, suchte die Splitter in den Augen der anderen und übersah dabei die Scherben in den eigenen.“

„Ja, das sehe ich genauso. Leider gibt uns diese Erkenntnis nicht den geringsten Hinweis darauf, wer Anna Scholz vom Leben zum Tod beförderte. So richtig freundlich gesinnt war ihr – außer Carmen Ringer – niemand in der ganzen Familie. Sie waren untereinander zerstritten. Bruno Scholz war so etwas wie das schwarze Schaf der Familie. Seine Mutter machte ihm die schwersten Vorwürfe und Vorhaltungen wegen seiner Straftat und weil er die viel ältere Frau geheiratet hat. Waltraud Scholz und Franz Ringer hassten Anna Scholz. Carmen Ringer hat Waltraud Scholz als falsche Kuh bezeichnet. Wilhelm Scholz hat uns erzählt, dass er seinen Schwager Franz nicht besonders gut leiden kann.“

„Warten wir bis zum Montag, was uns Jakob Trummer zu erzählen hat“, gab der Oberkommissar zu verstehen und bremste ab, weil vor ihm die Bremslichter eines Wagens aufleuchteten. Eine Ampel ein ganzes Stück weiter vorne hatte auf Rot umgeschaltet und die vor den Beamten fahrende Autokolonne kam zum Stehen. „Ich bin aber auch neugierig, was die Vernehmung von Erich Scholz in Nürnberg ergeben hat.“

„Er war scheinbar der Liebling seiner Mutter, weil er als Beamter zumindest annähernd das erreicht hat, was sie sich für ihre Kinder wünschte. Auch sollten wir mal mit Sebastian Ringer sprechen, dem Enkel der Getöteten. Ich vermute nämlich den Täter im engsten Umfeld des Opfers, und dazu gehört auch der junge Mann. Aber an oberster Stelle auf meiner Liste der Verdächtigen steht im Moment Franz Ringer. Der hat jahrelang gute Miene zum bösen Spiel gemacht, und am Montag ist vielleicht eine Sicherung bei ihm durchgebrannt.“

Kutzers Mundwinkel bogen sich skeptisch nach unten. „Wenn er zu dem Zeitpunkt, als bei Anna Scholz der Tod eintrat, an seinem Arbeitsplatz war, kannst du ihn von deiner Liste nehmen.“

„An zweiter Stelle steht bei mir Waltraud Scholz und ihr folgt Bruno Scholz, ihr Gatte. Immerhin hat er die Tote gefunden. Wer sagt uns denn, dass er sie nicht erwürgt hat, ehe er Polizei und Rettungsdienst verständigte. Ich schließe auch nicht aus, dass er zusammen mit seiner Frau die später Getötete aufsuchte, um ihr zum Geburtstag zu gratulieren. Es kam zum Streit, der schließlich eskalierte ...“

„Das kann ich mir nicht vorstellen“, erklärte der Oberkommissar, „nachdem Anna Scholz ihrer Schwiegertochter den Zutritt zu ihrer Wohnung von Anfang an verweigert hatte. Oder würdest du zu jemandem gehen, um ihm zum Geburtstag zu gratulieren, von dem du weißt, dass er mit dir nichts zu tun haben möchte und du bei ihm den Fuß nicht über die Schwelle bekommen wirst?“

„Vielleicht starteten sie einen Versöhnungsversuch zum 75. Geburtstag der Frau Scholz“, mutmaßte Hauptkommissar Degenhart.

„Das glaube ich nicht“, knurrte Oberkommissar Kutzer. „Zwischen Anna Scholz und ihrer Schwiegertochter waren die Fronten geklärt, da herrschte Eiszeit. Bruno Scholz stand dazwischen. Vielleicht sollte man ihn an die zweite Stelle auf unserer Verdächtigenliste setzen.“

Kutzer fuhr wieder an, denn die Ampel zeigte grünes Licht. Zwanzig Minuten später betraten die beiden Kommissare die Polizeiinspektion und gleich darauf auch Degenharts Büro. Auf seinem Schreibtisch lagen einige bedruckte Blätter. Der Hauptkommissar nahm sie, warf einen Blick darauf, und sagte: „Die Kollegen in Nürnberg haben das Protokoll hinsichtlich der Vernehmung von Erich Scholz gefaxt.“ Nach dem letzten Wort setzte er sich und heftete seinen Blick auf das oberste Blatt Papier. Er las es durch, nahm sich den zweiten Bogen und schließlich auch den dritten vor, legte das Vernehmungsprotokoll zurück auf den Schreibtisch und richtete den Blick auf Kutzers Gesicht. „Erich Scholz war am Montag in der Früh nachweislich in Nürnberg, ebenso seine Frau und seine drei Kinder. Sie scheiden aus als Täter.“

„Fein“, versetzte Oberkommissar Kutzer, „dann brauchen wir uns auf ihn und seine Familie schon nicht mehr konzentrieren. Ich würde sagen, wir haben eine erste Eingrenzung des Täterkreises. Warten wir noch ab, was die Vernehmung des Kommisskopfes am Montag ergibt, und dann sollten wir damit beginnen, zu selektieren.“

„Okay, dann machen wir für heute – ich meine für diese Woche – Schluss. Du hast recht, wir müssen abwarten, was uns die nächste Woche beschert.“

„Dann bleibt es mir nur noch, dir ein erholsames Wochenende zu wünschen“, sagte Karl Kutzer.

„Ja, erholsam wird es ganz sicher, denn wir haben uns vorgenommen, die beiden nächsten Tage nicht aus dem Tempel zu gehen und alle Fünfe gerade sein zu lassen. Heute Abend gehen meine Frau und ich allerdings zum Griechen.“

„Zu Costa, wie?“

„Ja. Von all den Griechenrestaurants hier in Weiden ist mir Costa das Liebste. Bei dem stimmt alles.“

„Meine Frau und ich gehen lieber gutbürgerlich essen“, erklärte Karl Kutzer. „Zurzeit bevorzugen wir den Ratskeller am Unteren Markt. Bei dem kriegst du einen Zander, der sich Sie schreibt. Ich kann dir nur raten, dort auch mal hinzugehen.“

„Ich werd‘ meiner Frau den Vorschlag machen. Fisch isst sie nämlich für ihr Leben gern. - Dir auch ein schönes Wochenende, Kollege. Wir sehen uns dann am Montag früh in alter Frische.“

Kutzer verließ das Büro, die beiden Kommissare traten das Wochenende an.

Am Morgen des darauffolgenden Montags trat Hauptkommissar Degenhart seinen Dienst zwanzig Minuten früher an als normal, denn er erwartete Jakob Trummer, den pensionierten Offizier der Bundeswehr, dessen Vernehmung er sich nicht ganz einfach vorstellte.

Er hatte sich eine Tageszeitung mitgebracht, schlug die Seite mit den Todesanzeigen auf und sein Blick erfasste die Todesanzeige von Anna Scholz, die ihre Kinder erst veröffentlichen ließen, nachdem der Staatsanwalt den Leichnam freigegeben hatte und ein Termin für die Beerdigung feststand. Der Trauergottesdienst sollte am kommenden Mittwoch um 9:00 Uhr abgehalten werden, anschließend würde auf dem Stadtfriedhof die Verabschiedung stattfinden. Der Leichnam sollte eingeäschert werden und die Urnenbeisetzung zu einem späteren Zeitpunkt im engsten Familienkreis stattfinden.

Oberkommissar Kutzer betrat das Büro. „Guten Morgen, alles in Ordnung?“

„Ebenfalls guten Morgen. Der Termin für die Beerdigung von Anna Scholz steht fest. Sie findet am Mittwoch auf dem Stadtfriedhof statt. Ich muss mich berichtigen – sie wird dort nicht beerdigt, sondern geht von dort aus auf den Weg ins Krematorium. Möglicherweise sollten wir der Zeremonie beiwohnen. Ich bin nämlich davon überzeugt, dass auch ihr Mörder anwesend ist.“

„Allerdings wird er sich nicht als dieser zu erkennen geben“, versetzte Kutzer und schaute auf seine Armbanduhr. „Fünf Minuten vor 8. Der Herr Major dürfte jeden Moment antanzen.“

„Wie ich ihn einschätze, kommt er keine Sekunde früher.“

„Wie war‘s beim Griechen?“

„Das Essen war wie immer vorzüglich. Du solltest wirklich mal mit deiner Frau dorthin gehen.“

„Ich werd‘s mir überlegen.“

In dem Moment, als Hauptkommissar Degenhart die Zeitung wieder zusammenlegte, klopfte es an der Tür. Die Blicke der beiden Beamten kreuzten sich, Degenhart nickte, Kutzer ging zur Tür und öffnete sie. Vor ihm stand Jakob Trummer und schnarrte sogleich: „Da bin ich. Ich hoffe, Sie verschwenden nicht unnötig meine kostbare Zeit.“

„Keine Sorge“, versetzte Kutzer mit Eis in der Stimme, trat zur Seite und vollführte eine einladende Handbewegung. „Treten Sie ein.“

Die linke Braue Trummers zuckte in die Höhe, was seinem Gesicht einen ausgesprochen arroganten Ausdruck verlieh, mit einem Ruck setzte er sich in Bewegung und ging an dem Oberkommissar vorbei in das Büro. „Es ist 8:00 Uhr, ich bin pünktlich, wir können beginnen. Wo darf ich mich hinsetzen?“

Die Art und Weise, mit der Jakob Trummer auftrat, führte bei Degenhart zu einer erhöhten Adrenalinausschüttung, Zorn kochte in ihm hoch und er stieß grimmig hervor: „Bei uns hier ist es Sitte, dass man grüßt, wenn man ein Zimmer betritt. Vielleicht legte man bei der Bundeswehr darauf keinen Wert, bei uns aber ist das anders. Oder muss ich davon ausgehen, dass Ihnen niemals jemand den erforderlichen Anstand beigebracht hat?“

Trummer zeigte Anzeichen von Unsicherheit. Er war es nicht gewohnt, dass man ihm auf diese Art und Weise begegnete. Als Major war er in der Regel gegrüßt worden, und diesen Anspruch hatte er auch auf sein ziviles Leben übertragen. Nun aber war da jemand, der ihn mit genau jenem Tonfall, den er selbst am Leibe hatte, und in militärisch schroffer Weise zurechtwies. Sein Blick irrte ab, er schluckte und räusperte sich, plötzlich aber strafften sich seine Schultern, er schien zu seiner blinden Selbstsicherheit zurückgefunden zu haben und blaffte:

„Im Gegenteil, ich habe eine ausgesprochen gute Erziehung genossen. Wenn Sie das Gegenteil behaupten wollen, beleidigen Sie meine Eltern.“

Degenhart winkte ab. „Das liegt mir natürlich fern, und wir haben Sie auch nicht vorgeladen, um uns über Formalitäten zu streiten.“ Er wies auf einen der Stühle bei dem kleinen Besuchertisch. „Setzen Sie sich.“

Trummer ging zu dem Tisch hin und ließ sich nieder. Die beiden Beamten setzten sich zu ihm, und der Hauptkommissar sagte: „Reden wir nicht lang drumherum, Herr Trummer. Ich frage Sie jetzt etwas, und erwarte eine klare Antwort: Hatten Sie mit Frau Anna Scholz ein Verhältnis?“

„Nein.“

„Sie sollen aber sehr viel Zeit bei ihr verbracht haben.“

„Wir waren gut befreundet. Dass die Leute sich den Mund zerreißen, war sowohl mir als auch Anna klar, doch wir scherten uns nicht darum. Seh‘ ich aus wie ein Mann, der mit einer dreizehn Jahre älteren Frau – einer Greisin sozusagen – ein Verhältnis anfängt?“

„Wie sieht ein Mann aus, der das macht?“, warf Oberkommissar Kutzer hin.

„Ich wollte damit lediglich zum Ausdruck bringen, dass es mir nie im Traum eingefallen wäre, mit dieser alten Frau irgendwie intim zu werden. Und falls Sie jetzt noch von mir wissen wollen, ob ich sie umgebracht habe, dann lautet die klare Antwort nein. Warum sollte ich sie umbringen? Außerdem bin ich nie so früh am Morgen zu ihr gegangen.“

„Wie und wann entstand die Freundschaft zwischen Ihnen und Frau Scholz?“

„Ist das für die Aufklärung des Verbrechens relevant?“

Die Frage brachte Oberkommissar Kutzer gleich wieder auf die Palme. Elender Kotzbrocken!, schoss es ihm durch den Kopf, dann knirschte er: „Über die Relevanz von Fragen und Antworten sollten Sie uns entscheiden lassen, guter Mann. Es ist ...“

„Ich bin nicht Ihr guter Mann!“, fiel ihm Jakob Trummer ins Wort und funkelte ihn kriegerisch an.

Hauptkommissar Degenhart hob beschwichtigend die rechte Hand und sagte: „Beruhigen Sie sich, Herr Trummer. Und dann beantworten Sie bitte meine Frage.“

„Ich kannte Frau Scholz seit etwa fünf Jahren, zu dieser Zeit wohnte ich im selben Haus wie sie, allerdings nur zur Miete. Ich habe hin und wieder eine Besorgung für sie erledigt, und so ist unsere Freundschaft entstanden. Vor drei Jahren habe ich mir dann meine jetzige Wohnung gekauft und bin ausgezogen, die Freundschaft haben wir allerdings aufrechterhalten.“

„Haben Sie Frau Scholz finanziell unterstützt?“

Trummer fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen, dann zog er die Unterlippe zwischen die Zähne und kauerte darauf herum.

„Warum zögern Sie mit der Antwort?“ Der Blick des Hauptkommissars, mit dem er Jakob Trummer musterte, war durchdringend und schien dem ehemaligen Offizier Unbehagen zu bereiten, denn er zog die Schultern an und vermied es, Degenhart anzuschauen.

„Nun ja ...“, setzte Trummer zu einer Antwort an, brach aber sogleich wieder ab, als sträubte sich alles in ihm, die Frage wahrheitsgemäß zu beantworten.

„Sie haben Frau Scholz also Geld gegeben“, zog der Hauptkommissar schließlich den richtigen Schluss, und als Trummer nickte, fragte er: „Wie viel haben Sie ihr gegeben und – warum haben Sie sie unterstützt? Sie waren ihr doch nicht zum Unterhalt verpflichtet.“

„Es waren unterschiedlich hohe Beträge“, antwortete Jakob Trummer. „Anna hat für mich gekocht und ich habe ihr gewissermaßen Kostgeld gezahlt. Das ist der Grund. Daran ist ja wohl auch nichts Verbotenes.“

Der letzte Satz kam schon wieder in seiner gewohnt schnoddrigen und selbstbewussten Art. Herausfordernd schaute er jetzt den Hauptkommissar an.

„Nein, daran ist nichts Verbotenes“, bestätigte Degenhart. „Hat es zwischen Ihnen und Frau Scholz auch mal Streit gegeben?“

Trummer schüttelte den Kopf. „Nie“, verneinte er. „Worüber hätten wir streiten sollen? Ich habe mich nicht in ihre Angelegenheiten eingemischt und sie sich nicht in die meinen.“

„Das Verhältnis der Getöteten zu ihren Kindern scheint nicht schlecht gewesen zu sein“, sagte Hauptkommissar Degenhart. „Wobei sich Bruno wahrscheinlich eine Reihe von Vorwürfen anhören musste, nachdem in seinem Leben nicht alles so gelaufen ist, wie es sich seine Mutter vielleicht gewünscht hatte. Was Brunos Frau angeht, scheint das Verhältnis zu ihrer Schwiegermutter ziemlich getrübt gewesen zu sein. Das gleiche gilt für ihren Schwiegersohn, Herrn Ringer.“

Jakob Trummer spitzte einen Moment die Lippen, schaute sekundenlang auf einen unbestimmten Punkt im Raum, dann antwortete er: „Bruno taugt nicht viel. Er hat einen schlechten Umgang gepflegt und ist sogar kriminell geworden. Die Frau, mit der er jetzt verheiratet ist, stammt aus total verkorksten Verhältnissen, ihr erster Mann war ein arbeitsscheues, kriminelles Subjekt, das - soweit ich weiß – mehr als die Hälfte seines Lebens hinter Gittern saß. Man hat sogar getuschelt, dass Waltraud in einer bekannten Weidener Kneipe angeschafft haben soll. Aber das habe ich nur gehört und ich möchte es auf keinen Fall behaupten. Jedenfalls ist sie bis ins Knochenmark asozial und in der Familie Scholz möchte keiner mit ihr etwas zu tun haben. Dass Franz auf seine Schwiegermutter schlecht zu sprechen gewesen sein soll, ist mir neu.“

„Das ist so“, behauptete Degenhart. „Eine Frage noch, Herr Trummer: Haben Sie für vorigen Montag, für die Zeit zwischen 7 und 9 Uhr ein Alibi?“

„Nein. Ich lebe nämlich alleine, wenn ich Ihnen aber sage, dass ich bis kurz nach 8:00 Uhr im Bett gelegen habe, dann müssen Sie mir das glauben.“

„Im Moment gibt es für mich keinen Grund, dies anzuzweifeln“, erklärte der Hauptkommissar.

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6. Kapitel

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Irgendetwas stimmt mit dem nicht“, knurrte Oberkommissar Kutzer, nachdem Jakob Trummer das Büro verlassen hatte. „Wenn ich nur wüsste, was es ist.“

„Normal ist es jedenfalls nicht, dass sich ein Zweiundsechzigjähriger an eine Fünfundsiebzigjährige hinhängt, sodass sogar der Eindruck entsteht, er habe ein Verhältnis mit ihr.“ Degenhart zuckte mit den Schultern. „Aber es ist wohl so, dass es nichts gibt, was es nicht gibt.“

„Was jetzt?“, erkundigte sich Oberkommissar Kutzer.

„Wir sollten noch mit dem Sohn des Ehepaares Ringer sprechen“, antwortete Degenhart. „Ich will aber erst mal bei ihm zu Hause anrufen, ob er überhaupt erreichbar ist. Hast du die Nummer der Ringers notiert?“

„Ja.“ Kutzer holte sein Notizbuch aus der Innentasche seiner Jacke, schlug es auf und sagte: „Nimm den Hörer, ich diktiere dir die Nummer.“

Eine halbe Minute später hatte der Hauptkommissar Carmen Ringer am Telefon. Als er seinen Namen nannte, glaubte er ein unterdrücktes Ächzen zu vernehmen, das ihr wohl unwillkürlich entschlüpfte. „Hab ich Sie erschreckt, Frau Ringer?“

„Nein, gar nicht. Hatten Sie nicht für heute Morgen den Jakob zu sich bestellt? Sind Sie denn mit seiner Vernehmung schon fertig? Was hat er Ihnen denn erzählt?“

Heute klang ihre Stimme klar, woraus Hauptkommissar Degenhart schloss, dass sie noch nicht getrunken hatte. „Nichts, was wir nicht schon gewusst hätten“, antwortete Degenhart auf ihre letzte Frage. „Ich rufe Sie an, Frau Ringer, weil wir gerne noch mit Ihrem Sohn Sebastian gesprochen hätten. Ist er zu Hause? Wenn nicht, wo können wir ihn gegebenenfalls erreichen?“

„Sebastian ist als Kraftfahrzeugmechaniker beschäftigt und befindet sich in der Arbeit. Was wollen Sie denn von meinem Sohn? Verdächtigen Sie ihn etwa auch, dass er der Täter sein könnte? Er hat seine Oma abgöttisch geliebt.“

„Nennen Sie mir bitte den Betrieb, in dem Ihr Sohn arbeitet“, forderte der Hauptkommissar mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete.

Carmen Ringer kam seiner Aufforderung nach, Degenhart bedankte sich, legte auf und sagte zu seinem Kollegen: „Er arbeitet bei dem Renault-Händler am Forst. Verlieren wir keine Zeit.“

Um von der Regensburger Straße, wo sich die Polizeiinspektion befindet, zum Forst zu gelangen, mussten die Beamten die ganze Stadt durchqueren. Sie hätten zwar auch die Autobahn benutzen können, aber Kutzer zog es vor, den Dienstwagen durch den Stadtverkehr zu steuern.

Bei dem Autohaus angelangt stellte sich Degenhart einer jungen Dame an der Rezeption vor und bat sie, Sebastian Ringer kommen zu lassen. Sie mussten fast fünf Minuten warten, dann erschien ein junger Mann von höchstens eins sechzig, der mit einem Blaumann bekleidet war und dessen Hände ölverschmiert waren.

„Wir werden Ihre Zeit nicht unnötig lange in Anspruch nehmen, Herr Ringer“, gab Degenhart zu verstehen. „Setzen wir uns dorthin“, fügte er hinzu und deutete mit der linken Hand auf eine lederne Sitzgarnitur, die in der Verkaufshalle um einen niedrigen Tisch, auf dem einige Zeitschriften lagen, gruppiert war.

„Sie kommen wegen meiner Oma, nicht wahr?“, fragte Sebastian Ringer mit belegter Stimme.

„Sehr richtig“, übernahm es Karl Kutzer, zu antworten. Sie hatten die Sitzgruppe erreicht und ließen sich nieder. Der junge Mann war die personifizierte Unruhe. Seine Mundwinkel zuckten, nervös massierte er seine Hände, sein rastloser Blick sprang zwischen den beiden Beamten hin und her. „Erzählen Sie, Herr Ringer, wie war Ihr Verhältnis zu Ihrer Großmutter?“

„Sehr gut.“ Der junge Mann schien sich einen Ruck zu geben, und stieß hervor: „Ich denke, dass der Matheis meine Oma ermordet hat. Er hat sie vor einiger Zeit angerufen und ihr gedroht. Es war kein anderer als er.“

Sebastian Ringer hatte es im Brustton der Überzeugung gesprochen.

„Wenn er es war, dann finden wir das auch heraus“, versicherte Hauptkommissar Degenhart. „Aber noch sind wir nicht so weit. Haben Sie vorigen Montag gearbeitet?“

„Natürlich! Ich war um 7:00 Uhr in der Werkstatt, und das kann fast jeder hier bezeugen.“

„Davon bin ich überzeugt“, erklärte der Hauptkommissar. „Kann es sein, dass Sie auf dem Weg zu Ihrer Betriebsstätte bei Ihrer Großmutter vorbeigefahren sind, um ihr zum Geburtstag zu gratulieren?“

„Nein. Ich wollte am Montagmittag aufhören, um am Nachmittag mit meiner Oma und dem Rest der Familie ein wenig Geburtstag zu feiern. Gegen 10:00 Uhr erfuhr ich allerdings, dass sie gestorben sei.“ Die Augen des jungen Mannes füllten sich mit Tränen, seine Stimme hatte zuletzt brüchig geklungen, und es war deutlich, dass er mit aller Gewalt gegen seine Gefühle ankämpfte. „Ich habe mir sofort freigeben lassen und bin zur Wohnung meiner Oma gefahren, aber da hat es schon von Polizisten gewimmelt und ich durfte die Wohnung nicht betreten.“

„Wir wissen, dass Ihr Vater Ihrer Oma nicht gerade wohlgesinnt war. Sie sind sein Sohn, und mir stellt sich die Frage, ob er mit Ihnen über sein schlechtes Verhältnis zu seiner Schwiegermutter gesprochen hat.“

„Mein Vater – der Oma schlecht gesinnt – das soll wohl ein Witz sein!“ Sebastian Ringer wischte sich mit dem Handrücken über die Augen, blinzelte einige Male und fuhr fort: „Die beiden haben sich doch glänzend verstanden, für meinen Vater war die Oma fast so etwas wie eine Mutter.“ Sebastian Ringer kniff die Augen etwas zusammen und schob das Kinn vor: „Wer behauptet, dass mein Vater auf meine Oma schlecht zu sprechen gewesen wäre?“

Dieser letzte Satz hatte fast drohend geklungen.

„Ihr Vater hat es selbst zugegeben.“

„Das kann ich nicht glauben.“ Der junge Mann spuckte die Worte geradezu hinaus.

„Es ist so.“

„Aber Sie denken doch nicht, dass mein Vater die Oma ...“ Die Stimme des jungen Mannes versagte, es war, als sträubte sich alles in ihm, das Ungeheuerliche auszusprechen. Lediglich sein würgendes Schlucken verriet, wie schwer er an diesem Gedanken zu tragen hatte.

„Es gibt überhaupt noch keinen Verdacht, wer der Täter sein könnte“, erklärte Degenhart. „Auch im Hinblick auf Herrn Doktor Matheis deutet nichts darauf hin, dass er Ihre Oma ermordet hat. Eines aber hat sich ganz klar herauskristallisiert, und zwar, dass in Ihrer Familie nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen war. Ihre Oma konnte nicht mit ihrer Schwiegertochter Waltraud, ihr Sohn Bruno stand wahrscheinlich mehr auf Seiten seiner Frau, Ihr Vater war alles andere als gut auf Ihre Oma zu sprechen und ...“

„Entschuldigen Sie, wenn ich Sie unterbreche, Herr Kommissar“, fiel Sebastian Ringer dem Polizisten ins Wort. „Mir ist jetzt, als Sie den Namen meines Onkels erwähnten, etwas eingefallen. Als ich am Freitagnachmittag nach der Arbeit meine Oma besuchte, verließ in dem Moment, in dem ich aus dem Auto stieg, Bruno ihre Wohnung. Er schmiss die Haustür hinter sich zu, dass ich schon befürchtete, sie fällt aus dem Rahmen. Ich rief ihm zu, was los sei, aber er winkte nur wütend ab, lief zu seinem Auto, warf sich hinein und legte einen Kavaliersstart hin, dass die Reifen qualmten.“

„Sie haben Ihre Oma doch sicherlich gefragt, weshalb Ihr Onkel wutentbrannt das Haus verlassen hat.“

„Sicher, aber die Oma hat mir nur eine ausweichende Antwort gegeben. Ich denke aber, dass Onkel Bruno sie um Geld anpumpen wollte.“

„Gibt es einen Grund für diese Annahme?“, brachte sich Oberkommissar Kutzer in das Gespräch ein.

„Er hat sie schon öfter mal angepumpt.“

„Und – hat sie ihm Geld geliehen?“

„Einmal hat sie mir erzählt, dass sie ihm tausend Euro geliehen hat, sagte aber mit demselben Atemzug, dass sie hinter diesem Geld wohl herbeten könne. Sie meinte damit, dass es ihr Bruno wohl nie zurückzahlen werde.“

„Seit wann haben Sie denn ausgelernt?“, wechselte Hauptkommissar Degenhart das Thema.

Fragend schaute ihn der junge Mann an. „Was hat das damit zu tun?“, platzte es dann aus ihm heraus.

„Nun ja, Sie fahren ein Auto, und ich glaube nicht, dass Sie schon so viel Geld verdient haben, um sich einen Wagen leisten zu können. Ihre Eltern haben sicherlich auch nicht das nötige Kleingeld, um Ihnen einen fahrbaren Untersatz zu finanzieren.“

„Ich hab vor einem Jahr im August ausgelernt. Ich verdiene also seit fast anderthalb Jahren gutes Geld.“

„Was ist das für ein Auto, das Sie fahren?“

„Ein Renault Megan. Ich habe ihn übertragen gekauft, er hat 10.000 Euro gekostet.“

„Hatten Sie so viel Geld?“

Sebastian Ringer begann an seiner Unterlippe zu nagen.

Oberkommissar Kutzer verlor schließlich die Geduld und stieß hervor: „Antworten Sie, hatten Sie das Geld oder nicht?“

„Die Oma hat mir fünftausend geliehen“, gab Sebastian Ringer mit schwankender Stimme zu. Er duckte sich etwas und es war deutlich, dass ihm dieses Frage- und Antwortspiel geradezu körperliches Unbehagen bereitete.

Bei Hauptkommissar Degenhart spielten mehrere Dinge zusammen, die ihn zu diesen Fragen veranlassten. Die meisten Mordmotive waren in der Habgier zu suchen, und die größte Rolle in diesem Zusammenhang spielte das Geld. Es waren zum einen ein untrüglicher Instinkt, zum anderen die Menschenkenntnis, zum dritten ein erprobter Spürsinn sowie die jahrelange Erfahrung, die ihn auf diese Schiene geführt hatten. Er ergriff noch einmal das Wort, indem er sagte:

„Sie hatten also fünftausend Euro Schulden bei Ihrer Großmutter. Wie viel davon haben Sie schon getilgt?“

Sebastian Ringer druckste herum, offensichtlich war ihm die Frage unbequem und es fiel ihm schwer, darauf zu antworten, schließlich aber murmelte er: „Noch gar nichts.“ Er atmete tief durch und fuhr fort: „Mir reicht das Geld, das ich verdiene, hinten und vorne nicht. Da ich noch zu Hause wohne muss ich zur Miete beitragen und Kostgeld zahlen, das Auto kostet eine Menge an Unterhalt, ich brauch hin und wieder was zum Anziehen und – ich habe eine Freundin, vor der ich auch nicht dastehen möchte wie ein Hungerleider. Ihr Vater ist Lehrer und ihre Eltern erwarten sicherlich vom Freund ihrer Tochter, dass er nicht gerade ein Habenichts ist.“

„Sie spielen Ihrer Freundin und deren Eltern also einen gehobenen Status vor“, knurrte Oberkommissar Kutzer. „Wissen die drei, dass Sie hier als Kfz-Mechaniker schaffen und dass Sie sich - davon gehe ich mal aus -, mit dem Anfangsgehalt eines jungen Mechanikers begnügen müssen.“

„Ich habe es Karin nicht verschwiegen. Ihre Eltern legen keinen Wert auf einen besonderen Status. Ihnen reicht es, wenn der Freund ihrer Tochter anständig ist und arbeitet und nicht gerade von der Fürsorge lebt.“

„Na, dann gibt es ja keine Probleme“, mischte sich wieder der Hauptkommissar ein. „Und Sie müssen vor Ihrer Freundin und deren Eltern nicht den Krösus spielen.“

„Das muss in der Familie liegen“, brummte Oberkommissar Kutzer vor sich hin. Seine Stimme hob sich: „Na schön, sei es wie es mag, Fakt ist, dass Sie bei Ihrer Oma fünftausend Euro Schulden hatten, von denen Sie noch keinen Cent getilgt haben und – die Sie möglicherweise auch gar nicht tilgen wollten. Haben Sie mit Ihrer Großmutter darüber gesprochen, dass Sie keine Möglichkeit sehen, ihr das Geld zurückzuzahlen?“

„Sie hat mich des Öfteren deswegen angesprochen, doch ich habe sie immer vertröstet. Vor ungefähr vierzehn Tagen ist sie damit herausgerückt, dass das Geld gar nicht von ihr stammt sondern dass sie es sich von Jakob Trummer geliehen hat. Und der hat natürlich auf Rückzahlung gedrängt. Aber meine Oma hat ja auch keine allzu hohe Rente, sodass sie an mich herangetreten ist und mich aufgefordert hat, alsbald mit der Schuldenrückzahlung zu beginnen.“

„Gibt es einen Darlehensvertrag zwischen Ihnen und Ihrer Oma?“, fragte Degenhardt.

„Nein.“

„Na schön“, stieß Degenhart hervor. „Wann haben Sie Ihre Oma vor ihrem Tod zum letzten Mal gesehen?“

„Am Freitagnachmittag. Das war, als ich beobachtete, wie Bruno wütend das Haus verließ, in dem meine Oma wohnte.“

„Haben Sie auch am Freitagnachmittag mit ihr über das Geld gesprochen, das Sie ihr schulden?“

„Natürlich! Sie hat mich sogar als Betrüger bezeichnet. Weil sie so aggressiv war, bin ich gegangen. Sie hat mir noch gedroht, dass etwas los sei, wenn ich innerhalb einer Woche nicht mindestens fünfhundert Euro auf den Tisch blättere.“

„Was – denken Sie – wäre die Konsequenz gewesen, wenn Sie diese Forderung nicht erfüllen hätten können?“

„Ich habe keine Ahnung“, murmelte Sebastian Ringer. „Ich hab mir nur gedacht, dass sie sich schon wieder einkriegen wird, und bin gegangen. Sie hat mir mit ihrem Geschrei das ganze Wochenende versaut.“

„Aber sie hat Sie auch verunsichert“, warf Oberkommissar Kutzer dazwischen. „Und Sie haben wahrscheinlich das ganze Wochenende herumgesessen und gegrübelt, was Sie erwarten könnte, wenn Sie nicht zahlen. Es hat Ihnen keine Ruhe gelassen und Sie sind am Montag früh vor der Arbeit zu Ihrer Großmutter gefahren, um noch einmal mit ihr zu sprechen und sie zu besänftigen. Aber sie wollte nur Geld von Ihnen sehen, weil sie ja mit dem Darlehen bei Herrn Trummer in der Schuld stand. Ich vermute, dass Sie sich stritten, dass der Streit eskalierte und dass Sie dann nach der Blumenvase gegriffen haben. Und weil Sie außer sich waren vor lauter Wut und nur noch rot sahen, stürzten Sie sich auf Ihre Großmutter und drückten ihr so lang den Hals zu, bis sie tot war.“

Sebastian Ringers Gesicht entfärbte sich und wurde bleich wie ein Leichentuch. Er öffnete den Mund, wollte etwas sagen, seine Lippen bewegten sich auch, aber seine Stimmbänder versagten ihm den Dienst. Die einzige Reaktion, die er zustande brachte, war, dass er beide Hände hob und wiederholt den Kopf schüttelte, schließlich stieg ein unartikuliertes Krächzen aus seiner Kehle und dann keuchte er: „Nein, nein und nochmals nein! Ich war Montag früh nicht bei meiner Oma. Aber ...“

Sebastian Ringer brach ab, nahm das Gesicht in beide Hände und krümmte den Oberkörper nach vorn. Ein trockenes Schluchzen entrang sich ihm.

„Was?“, kam es von Kutzer und das Wörtchen fiel wie ein Peitschenschlag, der den jungen Mann zusammenzucken ließ.

„Ich – ich habe am Samstag mit meiner Mutter darüber gesprochen und sie gebeten, mit der Oma zu reden.“

„Und, hat sie?“

„Ich weiß es nicht. Allerdings hat sie mir versprochen, mit dem Jakob zu sprechen, schließlich hilft sie ihm ja seit mehreren Jahren, seinen Haushalt zu führen.“

„Interessant“, platzte es aus Degenharts Mund. „Ihre Mutter ist also bei Herrn Trummer als Haushaltshilfe beschäftigt“, stellte er dann fest.

„Sozusagen“, bestätigte Sebastian Ringer.

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7. Kapitel

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Wir haben mit Ihrem Sohn gesprochen, Frau Ringer“, gab Hauptkommissar Degenhart zu verstehen.

Aus geröteten, etwas wässrigen Augen starrte ihn Carmen Ringer an. Offensichtlich hatte sie schon wieder ein gewisses Maß an Alkohol konsumiert und sie war nicht mehr ganz nüchtern. Einen Augenblick lang empfand der Kriminalbeamte sogar Mitleid mit ihr.

„Dann wissen Sie wohl jetzt auch, dass er mit dem Tod seiner Großmutter nichts zu tun hatte“, sagte sie mit etwas verschwommener Stimme. „Damit wäre meine Familie wohl aus dem Schneider. Sicher haben Sie in der Firma, in der mein Mann arbeitet, wegen seines Alibis nachgefragt.“

„Ja, man hat mir bestätigt, dass Ihr Mann vorigen Montag um 7:00 Uhr an seinem Arbeitsplatz war. Man konnte mir allerdings nicht mit Sicherheit sagen, ob er in der Zeit zwischen 7:00 Uhr und – sagen wir mal 8:30 Uhr ständig im Betrieb anwesend war. Dort hat nämlich jeder der Beschäftigten seine Aufgabe und keiner achtet so richtig auf den anderen.“

„Sein Alibi ist also nicht wasserfest?“

„So kann man es jederzeit ausdrücken“, bestätigte der Hauptkommissar. „Aber der Grund, weswegen wir noch einmal bei Ihnen vorsprechen, Frau Ringer, ist ein anderer. Ihr Sohn hat gestanden, bei der Getöteten fünftausend Euro Schulden gehabt zu haben, die er nicht zurückzahlen konnte. Es sei deswegen zwischen ihm und seiner Großmutter mehrere Male zum Streit gekommen, sie hat ihn sogar als Betrüger bezeichnet. An dem Freitag vor ihrem Tod hat sie Ihr Sohn ein letztes Mal besucht und die beiden haben sich im Streit getrennt.“

„Ja, das ist richtig. Sebastian hat sich von seiner Oma fünftausend Euro gepumpt, um sich das Auto kaufen zu können. Er hätte ein Ei gelegt, wenn er die Karre nicht bekommen hätte. Wir wollten ihm das Geld nicht geben, weil wir damit unser gesamtes Erspartes riskiert hätten, war uns doch klar, dass Sebastian nicht in der Lage sein würde, das Darlehen zurückzuzahlen.“

„Und warum haben Sie dann nicht verhindert, dass er sich das Geld von seiner Großmutter leiht?“, mischte sich Oberkommissar Kutzer ein. „Es wäre Ihre Aufgabe als verantwortungsvolle Mutter gewesen.“

„Meine Mutter war eine erwachsene Frau, mein Sohn ist ein erwachsener Mann. Wie käme ich dazu, mich in deren Angelegenheiten zu mischen?“

„Weil Sie wussten, dass er eine Schuldentilgung wider besseres Wissen versprochen hat. Das ist Betrug! Und Sie haben Ihren Sohn dabei noch unterstützt.“

„Derlei Unterstellung verbitte ich mir!“, brauste Carmen Ringer auf. „Meine Mutter hat ruhig mal was für Sebastian tun können. Bisher hat sie alles nur den Kindern meines Bruders Erich in den Hintern hineingeschoben.“ Ein gehässiges Glitzern war in die Augen der angetrunkenen Frau getreten. „Und wenn ihr Sebastian das Geld zurückgezahlt hätte, würden es auch wieder nur die drei Bankerten meines Bruders bekommen haben.“

Jetzt zeigt sie ihr wahres Gesicht!, schoss es dem Hauptkommissar durch den Kopf und er fühlte den vielsagenden Blick seines Kollegen geradezu körperlich. „Sie waren also der Meinung, dass Ihr Sohn gegenüber den Kindern Ihres Bruders von Ihrer Mutter benachteiligt wurde?“

„Auf der ganzen Linie! Bei meiner Mutter galt nur Erich etwas, weil er Beamter ist. Seine Kinder sind einundzwanzig, neunzehn und sechzehn Jahre. Der Max studiert im zweiten Semester Volkswirtschaft, die Liesbeth hat irgendwann im Mai oder Juni das Abitur gemacht und will Medizin studieren, der Freddy geht noch aufs Gymnasium. Mein Bub hingegen hat nur einen qualifizierten Hauptschulabschluss und ist Handwerker wie mein Mann – und das war in den Augen meiner Mutter gar nichts.“

„Also war sie doch nicht so eine herzensgute Frau, wie Sie uns das immer glauben machen wollten“, knurrte Degenhart.

Er erntete dafür einen gehässigen Blick der Frau, Sekunden lang mahlte sie mit den Kiefern, dann zischte sie: „Ich finde nicht, dass es irgendeinen Menschen etwas angeht, was ich tief in mir von meiner Mutter gehalten habe. Was glauben Sie, wie enttäuscht und traurig ich oft war, wenn meine Mutter über meinen Mann hergezogen ist und ihn als Versager und Hungerleider hinstellte. Ich konnte das ja meinem Mann gar nicht alles sagen, denn er ist ziemlich sensibel und ich weiß nicht, wie er reagiert hätte. Ich bin – trotz allem – sehr an meine Mutter gehangen und habe immer gehofft, dass sie eines Tages ihre Meinung über meinen Mann revidiert.“

„Nach dem Streit mit seiner Oma am Freitag vor ihrem Tod hat Ihr Sohn mit Ihnen gesprochen“, ergriff wieder der Hauptkommissar das Wort. „Er hat Ihnen von der Auseinandersetzung erzählt und Sie haben ihm zugesagt, mit Ihrer Mutter zu sprechen.“

„Das wollte ich an ihrem Geburtstag tun, denn ich hoffte darauf, dass sie an diesem Tag gut gestimmt wäre. Leider ist es nicht mehr dazu gekommen.“

„Und jetzt, da Ihre Mutter tot ist, dürfte Ihr Sohn seine Schulden auch los sein“, gab Oberkommissar Kutzer zu verstehen. „Es existiert nämlich kein Darlehens- oder Rückzahlungsvertrag.“

„Aber Sie wissen doch jetzt Bescheid“, murmelte Carmen Ringer mit lahmer Stimme. „Damit können Sie bezeugen, dass die Erben meiner Mutter einen Anspruch auf Schuldentilgung gegen meinen Sohn haben. Die Erben sind wir, also ihre vier Kinder. Ich werde natürlich darauf verzichten, von meinem Sohn das Geld zu fordern. Meine Brüder aber werden es ihm auf keinen Fall schenken.“

„Ich vermute, dass nicht Sie und Ihre drei Brüder Anspruch auf die fünftausend Euro erheben können, denn das Geld hat Jakob Trummer Ihrer Mutter geliehen. Und das wissen Sie ganz genau, Frau Ringer. Ich kenne den Grund nicht, aus dem Sie versuchen, uns immer noch Sand in die Augen zu streuen. Sie wollten nämlich nicht nur mit Ihrer Mutter wegen des Geldes sprechen, sondern auch mit Herrn Trummer, für den Sie im Übrigen als Haushaltshilfe arbeiten. Wahrscheinlich hat er sie weder steuerlich noch versicherungsrechtlich angemeldet, weil Sie versuchten, es uns zu verschweigen.“

„Wer sagt Ihnen denn, dass der Jakob mich bezahlt hat?“

„Umsonst ist der Tod – und der kostet das Leben“, versetzte der Hauptkommissar. „Sie selbst verfügen nur über ein geringes Einkommen aus Ihrem Aushilfsjob als Friseurin, das Einkommen Ihres Mannes als Schlosser ist sicher auch nicht so hoch, dass Sie etwas zu verschenken hätten. Sie müssen Miete und Nebenkosten bezahlen, und Sie laufen auch nicht in Lumpen herum. Daher ist es nicht glaubhaft, wenn Sie uns erzählen wollen, dass Sie ohne finanzielle Gegenleistung mehrere Male in der Woche den Haushalt des Herrn Trummer verrichten.“

„Das ist aber so!“, brach es trotzig über ihre Lippen.

„Im Endeffekt interessiert es mich auch nicht“, erklärte Hauptkommissar Degenhart. „Vielmehr interessiert mich, ob Sie mit Herrn Trummer wegen des Geldes gesprochen haben und was er zu sagen hatte. Also erzählen Sie‘s uns.“

„Das alles hat doch nichts mit dem gewaltsamen Tod meiner Mutter zu tun“, ächzte Carmen Ringer. „Weder ich, noch mein Mann, noch Sebastian haben ihren Tod verschuldet. Das mit dem Geld hätten wir schon irgendwie hingekriegt.“

„Bitte, beantworten Sie meine Frage“, forderte sie Degenhart auf.

„Ja, ich hab mit dem Jakob darüber gesprochen. Er ist bereit, mit der Rückzahlung zu warten.“

„Gibt es einen Vertrag zwischen ihm und Ihrer Mutter?“

„Ja. Dass das Geld für meinen Sohn bestimmt war, steht allerdings nicht in dem Papier.“

„Warum haben Sie uns gegenüber das alles verschwiegen? Meinen Sie nicht, dass es für uns wichtig ist, zu wissen, dass Ihr Sohn noch kurz vor dem Tod Ihrer Mutter mit dieser Streit hatte?“

Und Kutzer fügte hinzu: „Irgendwie klingt alles, was Sie uns eben erzählt haben, nicht besonders stimmig. Vor allem glaube ich Ihnen nicht, dass Sie den Haushalt des Herrn Trummer unentgeltlich verrichten. Irgendetwas läuft da, von dem wir nichts wissen sollen. Was, Frau Ringer?“

„Ich hab Ihnen von dem Streit nichts erzählt, weil ich befürchtet habe, dass Sie die falschen Schlüsse ziehen. Mein Sohn hat meine Mutter nicht umgebracht. Alles andere hat mit dem gewaltsamen Tod meiner Mutter nichts zu tun, und darum erschien es mir auch nicht notwendig, Ihnen davon zu erzählen.“

„Es stellt sich ein Problem, Frau Ringer“, kam es von Degenhart. „Soeben haben wir aus Ihrem Mund vernommen, dass Sie es Ihrer Mutter angekreidet haben, dass diese Ihren Sohn benachteiligt hat. Wir nehmen an, dass Sie des Öfteren darüber auch mit Ihrem Mann gesprochen haben. Weder Sie noch Ihr Mann können uns für Montag früh 8:00 Uhr ein Alibi bieten.“

„Aber Franz war doch in der Arbeit“, stieß die Frau hervor und musterte den Hauptkommissar mit flackerndem Blick. „Und ich war hier in der Wohnung.“ Plötzlich blitzte es in ihren Augen auf und sie sagte: „Hat Ihnen mein Sohn denn nicht gesagt, dass mein Bruder Bruno in dem Moment, als Sebastian vor dem Haus, in dem meine Mutter wohnte, aus dem Auto stieg, wutentbrannt aus der Haustür kam. Er wollte auch Geld von meiner Mutter, doch sie hat ihm was gepfiffen. Wahrscheinlich hat er es am Montag in der Früh noch einmal versucht, und als meine Mutter es ablehnte, ihm Geld zu geben ...“

„Wir wissen von seinem zornigen Abgang aus der Wohnung ihrer Mutter am Freitag vor ihrem Tod“, erklärte Degenhart, „und wir werden heute noch mit ihm darüber sprechen. Wir werden uns auch mit Herrn Trummer ein weiteres Mal unterhalten müssen, und auch mit Ihrem Mann.“

„Ich weiß nicht mehr, wo mir der Kopf steht“, stöhnte Carmen Ringer. „Mir kommt das alles langsam vor wie ein schlechter Traum.“

„Es wird Sie sicher nicht überraschen, Frau Ringer, wenn ich Ihnen sage, dass sowohl Sie, als auch Ihr Mann und Ihr Sohn für mich als Täter infrage kommen. Denn auch das Alibi Ihres Sohnes wackelt. Er wurde zwar an seinem Arbeitsplatz gesehen, war aber zeitweise verschwunden. Sebastian behauptet zwar, einmal längere Zeit auf der Toilette gewesen zu sein, aber dabei kann es sich auch um eine Schutzbehauptung handeln.“

„Wir haben mit dem Tod meiner Mutter nichts zu tun!“, keifte sie. „Nehmen Sie meinen Bruder Bruno in die Mangel. Das Verhältnis zwischen ihm und meiner Mutter war seit vielen Jahren angespannt, sie hat ihm nie verziehen, dass er straffällig geworden ist, er hat sie gehasst, weil sie die Schlampe nicht akzeptierte, die er geheiratet hat.“

„Sonst haben Sie uns nichts zu sagen?“ Während er dies fragte, erhob sich Degenhart aus dem Sessel, in dem er Platz genommen hatte.

„Was erwarten Sie denn?“

„Die Wahrheit.“

„Die müssen Sie schon selber herausfinden!“, zischte Carmen Ringer. Sie schien jetzt vollkommen ernüchtert zu sein.

„Das werden wir, mein Wort drauf“, versicherte Hauptkommissar Degenhart. „Ich glaube nämlich, wir sind schon ganz nah an ihr dran.“

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8. Kapitel

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Bruno Schulz wohnte in der Altstadt Weidens, genau gesagt Hinterm Zwinger. Die Suche nach einem Parkplatz in der Dr. Pfleger-Straße verlief ergebnislos, sodass Oberkommissar Kutzer den Dienstwagen im Parkdeck beim Großparkplatz abstellte und sich die beiden Polizisten zu Fuß auf den Weg machen mussten. Aber schon drei Minuten später marschierten sie durch das Obere Tor, unmittelbar dahinter ging es rechts in die enge Gasse, die den Namen Hinterm Zwinger trug.

Waltraud Scholz öffnete, nachdem Kutzer an der Wohnungstür geläutet hatte, und maß die Kommissare mit überraschtem Blick. „Was führt Sie heute zu mir? Was es zu sagen gab, haben wir Ihnen erzählt. Oder haben Sie den Mörder schon geschnappt und sind hier, um mich darüber in Kenntnis zu setzen.“

„Nein“, antwortete der Hauptkommissar, „der- oder diejenige, der Ihre Schwiegermutter auf dem Gewissen hat, läuft nach wie vor frei herum. Wir hätten gerne noch einmal Ihren Mann gesprochen.“

„Der arbeitet ab heute wieder.“

„Aha. Na schön, dann werden wir ihn eben an seinem Arbeitsplatz aufsuchen.“

„Was wollen Sie denn von meinem Mann?“

„Wir haben erfahren, dass er an dem Freitagnachmittag, der dem Todestag Ihrer Schwiegermutter vorausging, bei dieser war und Streit mit ihr hatte.“ Degenhart entging keine noch so kleine Reaktion im Gesicht der Frau, und er glaubte erkennen zu können, wie sehr sie erschrak. „Ich denke, Ihr Mann hat mit Ihnen darüber gesprochen.“

Waltraud Scholz atmete schneller, fast stoßweise, und sie vermied es, Degenhart anzusehen. Schließlich murmelte sie: „Bruno hat mir von dem Streit erzählt. Am Mittwoch zuvor ist unsere Waschmaschine kaputtgegangen. Wir haben uns im Media-Markt eine neue angeschaut, aber die, die wir wollten, hätte über achthundert Euro gekostet. Nun, wir hatten das Geld nicht flüssig, und wenn wir die Maschine finanziert hätten, dann hätte sie uns noch mehr gekostet. Daher hat Bruno sich entschlossen, seine Mutter zu fragen, ob sie ihm das Geld leiht.“

„Also fuhr er am Freitagnachmittag zu ihr und äußerte sein Ansinnen, doch seine Mutter lehnte ab und es kam zum Streit“, resümierte Hauptkommissar Degenhart.

„Ja, genauso war es.“ Fast entsetzt schaute Waltraud Scholz den Hauptkommissar an. „Und jetzt denken Sie sicherlich, dass Bruno seine Mutter erwürgt hat, weil sie ihm das Geld nicht geliehen hat.“

„Zwischen ihm und seiner Mutter war schon lange was am Schwelen“, erwiderte Degenhart. „Frau Scholz war mit vielem, mit dem Ihr Mann in den vergangenen Jahren aufwartete, nicht einverstanden, und wir vermuten, dass sie ihm ständig irgendwelche Vorhaltungen gemacht hat. Vielleicht lief das Fass bei ihm irgendwann über ...“

„Sie konstruieren da etwas, das alles andere als zutreffend ist“, stieß Waltraud Scholz hervor. „Sicher, Bruno und seine Mutter haben oft gestritten, und zwar meistens wegen mir. In Ihren Augen war ich eine asoziale, kriminelle Schlampe, und sie hat es nie verwunden, dass Bruno hinter mir gestanden hat. Er hat sich nicht aufhetzen lassen wie die Carmen, mit deren Mann die alte Hexe ja auch nicht einverstanden war. Apropos – Carmen! Bruno hat mir erzählt, dass seine Mutter an dem Freitagnachmittag erwähnte, dass sie dem Sohn der Carmen schon fünftausend Euro geliehen und noch keinen einzigen Cent zurückerhalten habe. Und als Bruno die Wohnung seiner Mutter verließ, fuhr Sebastian vor. Haben Sie schon mal daran gedacht, dass er die Alte erwürgt haben könnte? Habe ich Ihnen jetzt vielleicht sogar einen neuen Hinweis geliefert? Nehmen Sie sich das Bürschchen zur Brust – dann haben Sie vielleicht den Mörder.“

„Wir wissen von den Schulden Sebastians bei seiner Großmutter“, gab Oberkommissar Kutzer zu verstehen.

„Dem hat sie fünftausend gegeben, wohlwissend, dass er ihr nichts zurückzahlen wird. Ihrem eigenen Sohn hat sie die scheiß achthundert Euro verweigert. Ich hab ihr gewünscht, dass sie an ihrem Geiz erstickt. Am meisten hat sie dem Erich und seinen Kindern zugeschoben. Meine Schwiegermutter war ja so ungerecht ...“

„Ihr Mann ist einundvierzig Jahre alt“, antwortete Kutzer. „Glauben Sie nicht auch, dass er für sein Leben selbst verantwortlich ist? In diesem Alter darf sich kein Sohn und keine Tochter mehr darauf verlassen, dass ihm oder ihr die Eltern finanziell unter die Arme greifen. Ihr Mann hat doch Einkommen. Haben Sie denn keinen Notgroschen auf die Seite gelegt?“

„Was mein Mann verdient ist zum Leben zu wenig, zum Sterben aber zu viel“, entgegnete Waltraud Scholz. „Es reicht gerade mal so, dass wir Monat für Monat – und das nur mich Ach und Krach - über die Runden kommen.“

„Arbeiten Sie denn nicht?“

„Ich bin arbeitssuchend. Mit zweiundfünfzig Jahren ist es nicht so einfach, einen Job zu bekommen, zumal wenn man nie eine Ausbildung genossen hat.“

„Arbeitslosengeld zwo bekommen Sie wohl nicht.“

„Nein. Dafür ist das Einkommen meines Mannes zu hoch. – Aber das ist meine Sache und die Sache meines Mannes. Unser beschissener Staat unterstützt sämtliche desolaten Staaten in der EU, die eigenen Leute aber lässt er im Regen stehen. - Es ist richtig, Bruno hat sich mit seiner Mutter am Freitag vor ihrem Tod gestritten. Aber das kommt in den besten Familien vor. Ich habe es Ihnen doch bestätigt: Als meine Schwiegermutter starb, lagen mein Mann und ich im Bett. Er hat also ein Alibi. Was wollen Sie überhaupt?“

„Ihr Mann gehört ebenso wie Sie zu den Verdächtigen, Frau Scholz. Die Alibis, die sich gegenseitig bestätigen, sind nicht allzu viel wert.“

„Aber – das ist doch wohl ...“ Die Frau verschluckte sich, musste husten, ihre Augen quollen aus den Höhlen und ihr Gesicht nahm eine rote Färbung an. Da sie die rechte Hand vor den Mund hielt, registrierte Hauptkommissar Degenhart, dass Zeige- und Mittelfinger vom Nikotin braun verfärbt waren. Waltraud Scholz musste eine starke Raucherin sein.

Sie bekam den Hustenanfall unter Kontrolle, ihre Augen schwammen in einem See von Tränen, ihre Brust hob und senkte sich unter keuchenden Atemzügen. „Sie – Sie bezichtigen uns also der Lüge!“, presste sie hervor. „Das – das ist ...“

„Das ist Ihre Interpretation meiner Aussage“, unterbrach sie Degenhart. „Ich brachte lediglich zum Ausdruck, dass die Alibis wenig wert sind, weil wir nicht ausschließen können, dass Sie sich gegenseitig decken.“

„Nein, nein“, murmelte sie mit brüchiger Stimme, „das tun wir nicht. Wir haben vorigen Montag, zu der Zeit, als meine Schwiegermutter starb, tatsächlich im Bett gelegen. Das schwöre ich bei allem, was mir heilig ist.“

„Wir fahren jetzt zu dem Baumarkt, in dem Ihr Mann arbeitet. – Sie sind eine starke Raucherin, Frau Scholz, nicht wahr?“

„Na ja, es geht. Wie oft hab ich mir schon geschworen, damit aufzuhören. Aber es ist nicht so einfach. Und da auch Bruno raucht und er überhaupt nicht daran denkt, es sich abzugewöhnen, werde ich immer wieder verführt.“

„Man kann es schaffen“, erklärte Degenhart. „Ich war Kettenraucher, seit über fünf Jahren rühre ich aber keine Zigarette mehr an. Man muss nur einen festen Willen haben. Rauchen kostet nicht nur eine Menge Geld, es schädigt auch die Gesundheit und verkürzt wahrscheinlich das Leben. Das ist es nicht wert ...“

Er nickte Waltraud Scholz zu, verabschiedete sich mit einem knappen Gruß und ging – gefolgt von Oberkommissar Kutzer – zur Treppe.

„Ich habe Ihnen die Wahrheit gesagt!“, rief ihnen die Frau hinterher, und sie verlieh ihrer Stimme ein hohes Maß an Eindringlichkeit.

Die Kriminalbeamten fuhren zu dem Baumarkt in der Regensburger Straße, nur einen Katzensprung von der Polizeiinspektion entfernt, und schon wenig später saß ihnen im Aufenthaltsraum Bruno Scholz gegenüber. Er verriet Nervosität, sein Blick war unstet, unablässig befeuchtete er sich mit der Zungenspitze die Lippen.

„Hat Ihre Frau Sie gewarnt?“, begann Degenhart die Vernehmung und musterte das Gesicht des unruhigen Mannes mit scharfem Blick.

„Gewarnt – wovor?“, entrang es sich Bruno Scholz.

„Kann ich mal Ihr Handy haben?“, fragte der Hauptkommissar und hielt Bruno Scholz die geöffnete Rechte hin.

Scholz hüstelte verlegen, räusperte sich und murmelte schließlich: „Waltraud hat mich angerufen. Na schön, Sie wissen von dem Streit mit meiner Mutter am 6. November. Ich geb’s zu, ich war saumäßig wütend. Sie hätt mir doch die scheiß paar Kröten pumpen können. Weil ich ihr vorg‘worfen hab, dass sie für mich nix übrig hat, hat’s mich ausg’schafft. Achthundert Euro! Dem Ableger von der Carmen hat’s fünftausend in den A... - ich meine Hintern g’schob’n.“

„Hat Ihnen Ihre Mutter denn nicht gesagt, dass das Geld für Sebastian gar nicht von ihr stammte?“, fragte Degenhart.

Bruno Scholz starrte den Hauptkommissar ungläubig an. „Ha!“, machte er. „Dös Geld war niat von meiner Mutter?“ Plötzlich huschte der Schimmer des Begreifens über sein Gesicht und ihm entfuhr es: „Dös hat ihr der Jakob gegeb’n, stimmt’s?“

„Ja, es kam von Herrn Trummer.“

„Das bedeutet ja ...“

„Sprechen Sie ruhig weiter, Herr Scholz“, forderte Kutzer. „Was bedeutet es?“

„Dass meine Mutter auf den Schulden sitzen geblieben ist, nachdem Sebastian keine Rückzahlung leistete.“

„Das ist richtig“, bestätigte Kutzer. „Ihre Schwester hat uns berichtet, dass es zwischen Ihrer Mutter und Herrn Trummer einen Darlehensvertrag gab, in dem jedoch nicht die Rede davon ist, dass mit den fünftausend Euro Ihr Neffe begünstigt werden sollte. Im Rahmen der Erbenhaftung hat Herr Trummer grundsätzlich einen Anspruch auf Rückzahlung der Schuld gegen Sie und Ihre Geschwister.“

„Gegen mich!? So weit käm’s noch! Der Rotzlöffel hat sich a Auto von dem Geld g’kauft, und ich sollt‘ mit dafür gradstehen. Dös kummt ja überhaupt niat in Frage.“

„Keine Sorge, Herr Scholz“, sagte Hauptkommissar Degenhart. „Ihr Neffe wird nicht umhin kommen, zuzugeben, dass er bei seiner Großmutter fünftausend Euro Schulden hat – Geld, das von Herrn Trummer stammt.“

In Bruno Scholz‘ Augen blitzte es auf. „Is dös überhaupt sicher, dass es sich um die fünftausend vom Trummer handelt, die meine Mutter dem Sebastian gepumpt hat?“

Degenhart begriff und er verspürte Abscheu in sich aufsteigen. Widerlich!, durchzuckte es ihn, und er sagte frostig: „Vergessen Sie’s, Herr Scholz. Es ist das Geld von Trummer, und Sebastian tritt als Schuldner an die Stelle Ihrer Mutter. Wenn Sie also denken, dass Sie als einer der Erben Ihrer Mutter einen Teil des Darlehens Ihrem Neffen gegenüber geltend machen können, dann sind Sie auf dem Holzweg.“

„Wofür halten Sie mich denn, Herr Kommissar?“

„Für einen, der nicht mal achthundert Euro für eine Waschmaschine auf der Seite hat“, blaffte Oberkommissar Kutzer und nahm damit seinem Kollegen die Antwort ab. „Ihre Frau hat Ihnen sicher gesteckt, dass wir ihr und Ihnen das Alibi, das Sie sich gegenseitig bestätigen, nicht so ohne weiteres abnehmen.“

Bruno Scholz warf sich in die Brust. „Beweisen Sie uns das Gegenteil!“, fauchte er patzig.

„Wir werden uns Mühe geben“, versetzte Degenhart unbeeindruckt, den dieses jähe, impertinente Verhalten in seiner Auffassung bestätigte, dass Bruno Scholz vielleicht nicht das Unschuldslamm war, als das er sich hinstellte.

„Sie vergeuden Ihre Zeit“, brummte Scholz und sein Ton war jetzt wieder moderat. „Nehmen Sie sich lieber meinen Neffen vor, oder den Franz. Ich will Ihnen jetzt was sagen. Wir haben uns immer gefragt, was das für ein Verhältnis zwischen dem Trummer und meiner Mutter ist. Jeder hat sich ans Hirn gegriffen, weil es nicht sein kann, dass sich einer wie der Trummer an einer viel älteren, absolut übergewichtigen und gehbehinderten Frau vergreift. Ich hab darüber nachgedacht. Ich glaub, der Trummer war nicht hinter meiner Mutter, sondern hinter meiner Schwester her. Und meine Mutter hat das unterstützt, war der Trummer doch ein hoher Offizier, außerdem bezieht er eine fette Pension.“

Diese Aussage sorgte auch bei Degenhart und Kutzer für Überraschung.

„Das ist ja ein völlig neuer Aspekt“, entfuhr es dem Hauptkommissar.

„Ich kann es zwar nicht mit Gewissheit behaupten“, fügte Bruno Scholz hinzu, „aber es spricht einiges dafür. Die Carmen geht auch in der Woche zweimal zu ihm, um seinen Haushalt zu richten. Möglicherweise läuft da etwas. Sie wissen ja sicher, dass meine Schwester kein Feind des Alkohols ist. Und wenn’s g’soffen hat, kennt sie sich nimmer. Vielleicht ...“

Bruno Scholz brach ab und zuckte mit den Achseln.

„Wenn das so ist“, murmelte Degenhart, „inwiefern soll es einen Zusammenhang mit dem Tod Ihrer Mutter geben?“

„Vielleicht ist der Franz dahintergekommen“, mutmaßte Bruno Scholz.

„Ihre Frau hat Ihren Neffen verdächtigt“, erklärte Oberkommissar Kutzer.

„Der kann’s natürlich auch g’wes’n sein. Was ist eigentlich mit dem Matheis? Habt ihr den schon vernommen?“

„Wir haben mit ihm gesprochen“, antwortete Degenhart. „Ihre Mutter scheint nichts unversucht gelassen zu haben, um ihn schlechtzumachen.“

„Dös hab ich Ihnen doch g’sagt. Meine Mutter konnte ziemlich bösartig sein. Meinen’s niat, dass der Martin meine Mutter umgebracht hat?“

„Wir wissen es nicht. Hatten Sie nach dem Streit mit Ihrer Mutter am 6. November nachmittags noch einmal Kontakt mit ihr?“

„Nein. Als ich sie wieder geseh’n hab, war sie maustot.“

Zweifelnd fixierten die beiden Polizisten Bruno Scholz, und dessen Unbehagen wuchs unter den Blicken, die auf besondere Art Druck auf ihn ausübten. Er legte die Stirn in Falten, starrte grübelnd zu Boden und tippte sich plötzlich mit den Fingerkuppen seiner rechten Hand gegen die Stirn, wie jemand, der sich unvermittelt an etwas erinnert. „Da fällt mir ein“, sagte er, „ich hab am Samstagvormittag bei meiner Mutter angerufen und mich bei ihr entschuldigt. Ich wollte nämlich keinen Streit mit ihr, schon gar nicht drei Tage vor ihrem Fünfundsiebzigsten.“

„Und?“, fragte Degenhart, ohne Bruno Scholz aus den Augen zu lassen.

„Sie meinte, es wäre schon in Ordnung, und gab sogar zu, etwas überreagiert zu haben, als sie mich aus der Wohnung warf.“

„Kam die Rede noch einmal auf das Geld, das Sie für die Waschmaschine benötigten?“, erkundigte sich Oberkommissar Kutzer.

„Nein. Ich wollt‘ doch koin neier Streit a’fanga.“

„Wäre noch die Sache mit Ihrem Alibi zu klären“, meinte Degenhart. „Hat Sie in der Zeit zwischen 7 und halb 9 denn keiner der Bewohner Ihres Hauses gesehen?“

„Nein, wir sind ja erst gegen 8:30 Uhr aufgestanden, und ich hab sofort versucht, meine Mutter anzurufen. Als sie nicht abgenommen hat, bin ich in meine Klamotten geschlüpft und bin in die Humboldt Straße gefahren, wo ich sie dann tot auffand.“

„Haben Sie in der Zwischenzeit eine Waschmaschine gekauft?“, fragte Kutzer.

„Ja. Beim Media-Markt. Wir zahlen dreiunddreißig Monatsraten.“

„Nur noch eine Frage“, sagte Degenhart. „Ihre Vermutung, dass Ihre Schwester eventuell etwas mit Jakob Trummer hat – ist sie wirklich nur in ihrem Kopf entstanden, oder gibt es irgendwelche Hinweise, die sie fundamentieren?“

„Meine Mutter hat doch immer gegen den Franz gewettert, weil er nur ein einfacher Handwerker ist und weil er nie den Ehrgeiz besessen hat, mehr aus sich zu machen. Er war in ihren Augen ein Habenichts und Hungerleider und hin und wieder, wenn sie sich in Rage geredet hatte, verkniff sie es sich nicht, zu sagen, dass sie sich für die Carmen einen Mann gewünscht hat, der was darstellt, und zwar beruflich und auch von seinem Erscheinungsbild her. Sie haben den Franz ja kennengelernt. Er ist ganz sicher kein Bild von einem Mann.“

„Nun ja“, knurrte Kutzer, „über Geschmack kann man nicht streiten. Ihrer Schwester wird Herr Ringer wohl gefallen haben, andernfalls hätte sie ihn ja wohl nicht geheiratet.“

„Ich glaub, die Carmen war Jahre, nachdem der Martin mit ihr Schluss gemacht hat, noch immer in ihn verknallt. Den Franz hat’s meiner Meinung nur g’heiratet, weil’s den Martin eifersüchtig machen wollt‘. Die Carmen gibt’s zwar nicht zu, aber glücklich glaub‘ ich is‘ mit’m Franz niat worn. Dös is‘ vielleicht auch a Grund, weshalb sie immer wieder zur Flasche greift.“

„Ich denke, das war’s für heute“, erklärte Hauptkommissar Degenhart und schaute seinen Kollegen fragend an. „Fällt dir noch was ein?“

„Im Moment nicht.“

Degenhart stemmte sich am Tisch in die Höhe. „Dann will ich mal auf Wiedersehen sagen, Herr Scholz. Sollten sich noch Fragen stellen, wissen wir ja, wo wir Sie erreichen können.“

„Froh bin ich, wenn alles vorbei ist“, brummte Bruno Scholz. „Hoffentlich haben’s den Mörder bald, damit ich endlich mei‘ Ruh‘ hab.“

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9. Kapitel

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So fügt sich ein Mosaiksteinchen zum anderen“, bemerkte Hauptkommissar Degenhart, als sie wieder stadteinwärts fuhren. „Ich finde den Hinweis, dass Jakob Trummer hinter Carmen Ringer her war respektive ist als ausgesprochen wertvoll.“

„Und Anna Scholz soll als Kupplerin tätig gewesen sein“, fügte Oberkommissar Kutzer hinzu. „Wenn zwischen dem Trummer und der Carmen Ringer was war und Franz Ringer ist dahintergekommen, dann schließe ich nicht aus, dass er ausgeflippt ist.“

„Man hat ihn uns als zurückhaltenden, stillen Mann beschrieben“, kleidete Degenhart seine Zweifel in Worte. „Einen, der immer gute Miene zum bösen Spiel gemacht haben soll, um den Frieden in seiner Familie aufrechtzuerhalten.“

„Stille Wasser gründen tief“, philosophierte Karl Kutzer. „Wie wir wissen, trampelte die Getötete Franz Ringer jahrelang auf den Nerven herum. Kann es da nicht zum Blackout bei ihm gekommen sein?“

„Nun, ausschließen möchte ich es nicht“, gab der Hauptkommissar zu. „Hören wir uns an, was Jakob Trummer dazu zu sagen hat.“

Sie durchquerten die Stadt von Süden nach Norden und erreichten den Stadtteil Hammerweg, und schon bald darauf parkte Kutzer den Dienstwagen vor dem Gebäude, in dem Trummer eine Eigentumswohnung besaß.

Er war zu Hause, stellte sich breitbeinig unter die Korridortür, verschränkte die Arme vor der Brust, musterte die Polizisten ohne die Spur einer Gemütsregung und schnarrte: „Langsam gehen Sie mir auf den Zeiger!“

„Das tut mir sehr, sehr leid, Herr Trummer“, versetzte Degenhart nicht ohne ätzend-sarkastischen Unterton, „aber es ist nun mal nicht zu ändern.“

Aus der Wohnung war das Scheppern von Geschirr zu vernehmen und Jakob Trummer presste die Lippen zusammen, als müsste er gegen einen jähen Zorn ankämpfen.

„Sind Sie nicht alleine, Herr Trummer?“, fragte der Hauptkommissar und hatte auch schon einen Verdacht, wer sich in der Wohnung befinden könnte. „Ist vielleicht Ihre – hm, Haushälterin anwesend? Ich spreche von Frau Carmen Ringer.“

„Carmen ist nicht meine Haushaltshilfe!“, blaffte Trummer. Sein Gesicht hatte sich wieder etwas entspannt.

„Was dann?“

„Nun ja, sie geht mir im Haushalt ein wenig zur Hand - unentgeltlich und vollkommen unverbindlich. Es geht niemand etwas an.“

„Da wäre ich mir nicht so sicher. Uns stellen sich noch ein paar Fragen, Herr Trummer, die Sie möglicherweise beantworten können. Wir können das gleich erledigen, indem Sie uns in Ihre Wohnung lassen, wir können die Befragung aber auch wieder bei uns in der Inspektion durchführen. Wie es Ihnen beliebt.“

Er kämpfte kurze Zeit mit sich, das spiegelte sich deutlich in seinen Gesichtszügen wider, doch schließlich nickte er und sagte: „Kommen Sie herein. Ich sehe ja ein, dass Sie Ihren Job machen müssen. Und ich will mich nicht als Hemmschuh erweisen.“

Wieso dieser jähe Gesinnungswechsel?, fragte sich Degenhart überrascht. Will er uns gnädig stimmen? Wenn ja, weshalb?

Der Hauptkommissar ging an Jakob Trummer vorbei in die Wohnung, Karl Kutzer folgte ihm, und Trummer sagte: „Geradeaus, bitte.“

In dem Moment trat Carmen Scholz aus einer Tür rechterhand und stellte sich den drei Männern in den Weg. „Sie werden langsam zu einem Alptraum für mich“, keifte sie. Ihre Augen waren klar, funkelten aber gehässig. „Haben’s meinen Bruder und seine alte Schlampe schon in die Mangel genommen? Was wollen Sie jetzt vom Jakob? Ich ...“

„Überlassen Sie das bitte uns, Frau Ringer“, unterbrach sie der Hauptkommissar.

„Denken Sie etwa, dass er ...“

„Nein, aber es können Zusammenhänge bestehen. Bitte, treten Sie zur Seite und lassen Sie uns durch.“

„Tu, was er sagt!“, gebot Jakob Trummer.

Carmen Ringer gab – wenn auch nur widerwillig – den Weg frei und die drei Männer gingen ins Wohnzimmer, wo Trummer den Polizisten Sitzplätze anbot und sich selbst auf die Couch setzte. Die Tür hatte er hinter sich ins Schloss gezogen. „Carmen ist mit den Nerven am Ende“, versuchte Trummer die Frau zu entschuldigen. „Sie hat ihre Mutter sehr geliebt. Ihr gewaltsamer Tod und nun das Ermittlungsverfahren ... - Das alles frisst an ihrer Psyche, lässt sie fast keinen Schlaf mehr finden und das nagt auch an ihrer körperlichen Verfassung.“

Degenhart schaute Jakob Trummer mit einem Blick an, der in dessen Hirn einzudringen schien, und fragte: „Haben Sie eine intime Beziehung mit Carmen Ringer?“

Trummer prallte regelrecht zurück und staute den Atem. Schließlich stieß er die verbrauchte Luft aus den Lungen und er stieß hervor: „Was berechtigt Sie zu dieser Frage?“

„Eine Tote mit eingeschlagenem Schädel und Würgemalen am Hals, eine fünfundsiebzigjährige Frau, die möglicherweise von einem gehörnten Ehemann umgebracht wurde.“

„Sie denken, dass ...“

„Es wäre eine logische Schlussfolgerung“, knurrte Degenhart.

Trummer beugte sich nach vorn, stellte die Ellenbogen auf den Tisch und nahm sein Gesicht in die Hände. Die Augen hatte er gesenkt und er vermittelte den Anschein, in sich zu gehen. Die Blicke der beiden Beamten hatten sich regelrecht an ihm verkrallt.

Nach einem zitternden Atemzug begann Jakob Trummer zu sprechen: „Es begann vor etwa fünf Jahren, nachdem ich Anna einige Male geholfen habe, Besorgungen von ihrem Auto in ihre Wohnung zu bringen. Sie lud mich hinterher immer auf eine Tasse Kaffee ein, und nach dem dritten oder vierten Mal erschien plötzlich auch Carmen. Offensichtlich hatte ich ihr Interesse erregt, es schmeichelte mir und die Treffen in der Wohnung ihrer Mutter nahmen Regelmäßigkeit an.“

„Sie kamen sich näher“, konstatierte Oberkommissar Kutzer.

„Ja. Als ich einmal die Sprache darauf brachte, dass ich es hasse, meine Wohnung regelmäßig zu putzen, zu waschen und zu bügeln – überhaupt meinen Haushalt zu versorgen, bot sich Carmen spontan an, mir zur Hand zu gehen.“

„Und Sie kamen sich noch näher“, warf Kutzer dazwischen.

„Ja, verdammt, wir landeten in meinem Bett. Carmen wurde meine Geliebte. Nachdem ich mir diese Wohnung kaufte und hierzuzog, behielten wir das bei.“

„Wusste Frau Scholz, dass Sie und ihre Tochter ein intimes Verhältnis pflegten?“

„Ich glaube schon – nein, ich bin mir fast sicher. Denn einmal äußerte sie, dass sie schon noch dafür sorgen werde, dass sich Carmen und der Blindgänger – damit meinte sie den Franz -, scheiden lassen werden. Dann könne ihre Tochter endlich das Leben führen, das ihr zustehe.“

Hauptkommissar Degenhart glaubte an der Tür ein Geräusch vernommen zu haben und erhob sich, erreichte sie mit drei Schritten und riss sie auf. Vor ihm stand Carmen Ringer, das rechte Ohr noch zur Tür gedreht, das Gesicht blutleer und mit zuckenden Lippen. „Der Lauscher an der Wand hört seine eigene Schand‘!“, stieß Degenhart hervor.

„Bitte“, murmelte sie mit brüchiger Stimme, „ich bitte Sie, verraten Sie es nicht meinem Mann. Ich – ich bereue es doch schon lange, etwas mit Jakob angefangen zu haben, aber ich kam nicht mehr raus aus dieser Nummer. Der Jakob ...“

„Jetzt halt‘ aber die Luft an!“, schnarrte Jakob Trummer. „Ich hab‘ dich nicht gezwungen, mit mir in die Kiste zu springen. Du wolltest das doch! Daran, dass es Zufall war, dass du immer dann aufgetaucht bist, wenn ich in der Wohnung deiner Mutter war, glaub‘ ich doch schon lange nicht mehr. Du wolltest es und deine Mutter hat es vorangetrieben.“

„Bitte, Herr Kommissar, mein Mann darf es nicht erfahren“, flüsterte die Frau mit tränenerstickter Stimme.

„Ich denke, Ihr Mann weiß es längst, Frau Ringer“, erklärte Degenhart. „Und die Schuld für alles wies er Ihrer Mutter zu. In den Tagen vor ihrem fünfundsiebzigsten Geburtstag ging es in Ihrer Familie drunter und drüber. Ihr Bruder Bruno stritt sich mit Ihrer Mutter, ebenso Ihr Sohn. Und Ihr Mann war stinksauer auf seine Schwiegermutter, hat sie ihn doch seit Jahren als Hungerleider und Versager hingestellt. Also ist er am Montag in der Früh zu ihr gefahren ...“

Carmen Ringer wankte ins Wohnzimmer und drohte jeden Moment zusammenzubrechen. „Nein – nein – nein ...“, flüsterte sie für sich und ließ sich schließlich neben Jakob Trummer auf die Couch sinken. „Er – er hat doch ein Alibi.“

„Darüber haben wir bereits gesprochen, Frau Ringer. Ihr Mann trat am 9. November nachweislich gegen 7 Uhr die Arbeit an, wurde aber zwischen 7 und halb 9 nur sporadisch gesehen. Da in dem Betrieb keiner so richtig auf den anderen achtet, weil sich jeder auf seine Tätigkeit konzentriert, konnten wir nicht in Erfahrung bringen, wann genau Ihr Mann ab 7 Uhr an seinem Arbeitsplatz war und wann nicht. Mit dem Auto braucht er bis zur Wohnung Ihrer Mutter allenfalls sieben oder acht Minuten.“

Carmen Ringer schlug die Hände vor das Gesicht und begann hemmungslos zu weinen. Als Jakob Trummer tröstend den Arm um ihre Schultern legte, fuhr sie hoch, als hätte er sie mit einem glühenden Eisen berührt. „Fass mich nicht an!“, schrie sie. „Du bist an allem schuld! Du hast doch gedroht, Franz alles zu verraten, wenn ich nicht mehr mitspiele! Ich wollte die Sache doch schon lange beenden, aber du hast mich gezwungen, bei der Stange zu bleiben.“

„Jetzt mach aber halblang!“, schnarrte Trummer. „Du warst es doch, die mir immer erzählt hat, wie sehr dich das Leben mit Franz ankotzt. Du hast dich mir doch regelrecht aufgedrängt, und deine Mutter hat dazugeholfen. Hätte ich mich bloß nie auf euch hinterhältige Bande eingelassen.“

„Wenn Sie Frau Ringer tatsächlich erpresst haben, wird das rechtliche Konsequenzen haben, Herr Trummer“, gab Degenhart zu verstehen. Und an Carmen Ringer gewandt sagte er: „Ein derartiger Erpressungsversuch wäre allerdings ins Leere gegangen. Denn dass Ihr Mann von dem Verhältnis erfährt, dafür hat Ihre Mutter gesorgt, Frau Ringer. Doch sie hat aufs falsche Pferd gesetzt. Statt dass Ihr Mann zu einem Rechtsanwalt gerannt ist, um die Scheidung in die Wege zu leiten, ist er zu ihr gefahren und ...“ Die Rechte des Hauptkommissars wischte durch die Luft. „Den Rest können wir uns an fünf Fingern abzählen. – Komm, Kurt. Ich glaube, wir müssen mit Franz Ringer eine ernste Unterhaltung führen.“

„Ich verstehe“, murmelte Jakob Trummer. „Jetzt ist mir klar, was deine Mutter meinte, als sie sagte, dass sie dafür sorgen werde, dass ihr – du und Franz – euch scheiden lasst.“ Der Mayor a.D. griff sich an den Kopf. „Was für ein perfider Plan. Dahinter steckt ja fast schon eine kriminelle Energie.“

„Das ist alles nicht erwiesen!“, giftete Carmen Ringer und ging langsam um den Tisch herum. „Aber wenn Franz tatsächlich der Mörder meiner Mutter ist, dann soll ihn der Blitz treffen. Dann wünsche ich ihm, dass ...“

Hauptkommissar Degenhart hob schnell die Hand und gebot mit dieser Gebärde der Frau, zu schweigen. Er fuhr sie an: „Wenn er Ihre Mutter getötet hat, dann wird er nach Recht und Gesetz bestraft. Also sparen Sie sich jede weitere verbale Entgleisung. Gehässigkeiten musste ich mir in den vergangenen Tagen genug anhören. Außerdem sollten Sie sich vor Augen führen, dass Sie alles andere als unschuldig sind an der Entwicklung der Dinge und der Eskalation am Ende. Schließlich hat Sie ja keiner gezwungen, Ihren Mann zu betrügen.“

„Wenn er deine Mutter umgebracht hat, dann hat er dieser Welt einen große Dienst erwiesen!“, stieß Jakob Trummer hervor. „Sie war ja ein Teufel in Menschengestalt! Ein normal denkender Mensch kann sich keinen derart niederträchtigen und skrupellosen Plan ausdenken. Auch ich fühle mich schuldig – schuldig deshalb, weil ich mitgespielt und dieses schändliche Spiel nicht durchschaut habe.“

„Schätzungsweise sehen wir uns noch das eine oder andere Mal“, erklärte Degenhart. „Auf jeden Fall dann, wenn die Verhandlung gegen Franz Ringer stattfindet und Sie als Zeugen vor Gericht erscheinen.“

Degenhart und Kutzer verließen die Wohnung und ließen zwei Menschen zurück, deren unheilvolle intime Verbundenheit innerhalb weniger Minuten in Verachtung, Abscheu und Hass umgeschlagen war.

Zehn Minuten später parkte Kutzer im Hof der Firma Meister im Gewerbegebiet Am Forst. Und weitere zwei Minuten später kam Franz Ringer in den Aufenthaltsraum, in den man die Beamten geführt hatte. Aus seinem fragenden Gesichtsausdruck schloss Degenhart, dass Carmen Scholz ihren Mann nicht telefonisch von dem Vorfall in Trummers Wohnung in Kenntnis gesetzt hatte.

„Herr Ringer“, sagte Hauptkommissar Degenhart, „Sie stehen im Verdacht, am Montag, dem 9. November, morgens gegen 8 Uhr Ihre Schwiegermutter Anna Scholz in deren Wohnung ermordet zu haben. Wir verhaften Sie daher im Namen des Gesetzes. Drehen Sie sich um und legen Sie die Hände auf den Rücken, damit Sie mein Kollege fesseln kann.“

Fassungslos starrte Franz Ringer den Kriminalbeamten an. Seine Lippen bewegten sich, ein unartikulierter Laut kämpfte sich in seiner Brust hoch und brach aus seiner Kehle, seine Augen weiteten sich. So sehr er sich auch bemühte, er brachte kein Wort hervor.

„Kurt, fessle ihn und klär‘ ihn über seine Rechte auf.“

Franz Ringer war zu keiner Reaktion fähig. Erst, als Oberkommissar Kutzer hinter ihn getreten war und die Handschellen klickten, entrang es sich ihm: „Was sagen‘s denn da? Ich hab doch meine Schwiegermutter nicht umg‘bracht! Wie kommen’s denn drauf, dass ich ihr Mörder bin?“

„Wir sprechen in der Polizeiinspektion darüber“, sagte Oberkommissar Kutzer, dann klärte er den Festgenommenen über seine Rechte auf.

Franz Scholz‘ Kinn sank auf die Brust, ergeben murmelte er: „Jetzt hat sie’s also doch noch g’schafft, die alte Giftspritz’n. Selbst über ihren Tod hinaus schadet sie mir noch. – Herr, gib ihr die ewige Ruhe - Betonung auf ewig! So a böser Finger wie die darf koi zwoats Mal auf’d Welt kumma.“

„Sie werden heute noch dem Haftrichter vorgeführt“, sagte Degenhart. „Gehen wir.“

Als sie Franz Ringer aus dem Firmengebäude und zu ihrem Auto dirigierten, war das für den Verhafteten ein regelrechter Spießrutenlauf. Er ging mit gesenktem Kopf und versteinerten Zügen. Innerlich aber war er aufgewühlt und der Aufruhr seiner Gefühle ließ sein Herz rasen. „Ich hob mei Schwiegermutter niat umg’bracht“, keuchte er, als ihn Kutzer auf den Rücksitz drückte.

Degenhart und Kutzer brachten Franz Ringer in die Dienststelle in der Regensburger Straße und begannen sofort mit dem Verhör. Sie befanden sich in einem nicht sehr großen Raum, in dem ein grelles Neonlicht brannte und in dessen Mitte ein Tisch stand, um den vier Stühle gruppiert waren. Auf einem kleinen Schreibtisch an der Wand standen ein PC und ein Drucker. Eine Schreibkraft hatte an dem Computertisch Platz genommen.

„Wir werfen Ihnen vor, am 9. November, nachdem Sie Ihren Dienst bei Metallbau Meister um 7 Uhr angetreten haben, das Betriebsgelände zwischen halb 8 und 8 Uhr noch einmal verlassen zu haben, zur Wohnung der Anna Scholz, Ihrer Schwiegermutter, gefahren zu sein, diese mit einer Vase niedergeschlagen und anschließend erwürgt zu haben.“ Hauptkommissar Degenhart machte eine kurze Pause. „Sie würden uns allen eine Menge Arbeit und Ärger ersparen, wenn Sie ein Geständnis ablegen würden, Herr Ringer.“

„Ich hab meine Schwiegermutter nicht erwürgt“, behauptete Franz Ringer mit schwankender Stimme, die ihm selbst fremd vorkam. „Aus was für einem Grund sollte ich das tun?“

„Weil Sie sie dafür verantwortlich gemacht haben, dass Ihre Frau Sie mit dem Jakob Trummer betrog.“

Ungläubig, als würde er nach dieser Eröffnung aus allen Wolken fallen, starrte Ringer den Hauptkommissar an. Sekundenlang reagierte er gar nicht, Sekunden, in denen er verarbeitete, was er soeben vernommen hatte. Schließlich entrang es sich ihm: „Meine Frau – und der Trummer!? Himmel, Herrgott! Wissen Sie überhaupt, wie ungeheuerlich diese Behauptung ist?“

„Ich bin mir dessen voll und ganz bewusst, Herr Ringer. Hören Sie zu ...“

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10. Kapitel

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Es war Anfang Januar, als Hauptkommissar Degenharts Telefon läutete. Es war der Portier, der anrief und sagte: „Da ist ein Herr Scholz, er möchte Sie gern sprechen.“

„Hat der Herr Scholz auch einen Vornamen?“, fragte der Hauptkommissar, der ahnte, dass es sich bei dem Besucher um jemand aus der Familie der am 9. November getöteten Anna Scholz handelte.

„Erich – er heißt Erich Scholz.“

Degenhart war überrascht. „Lern ich ihn also auch persönlich kennen“, sagte er. „Es geht in Ordnung, schicken Sie ihn in mein Büro.“

„Mach ich.“

Degenhart sagte seinem Kollegen Kutzer telefonisch Bescheid, dann erwartete er den Besucher in der Tür zu seinem Büro. Zuerst kam Oberkommissar Kutzer, dann erschien am Ende des Flurs Erich Scholz. Er sah seinem Bruder Wilhelm sehr ähnlich. Degenhart begrüßte ihn und bat ihn ins Büro, wo er ihm am Besuchertisch einen Sitzplatz anbot. „Was führt Sie zu mir, Herr Scholz?“, fragte schließlich der Hauptkommissar.

„Ich bin mir nicht sicher, ob es für Sie wichtig ist“, antwortete Erich Scholz. „Es geht um den Mord an meiner Mutter. Sie haben doch meinen Schwager verhaftet und der sitzt seit ungefähr Mitte November in Untersuchungshaft.“

„Das stimmt. Er leugnet zwar nach wie vor, am Morgen des 9. November in der Wohnung Ihrer Mutter gewesen zu sein, aber es spricht sehr viel dafür, dass er der Täter ist. Andernfalls hätte ja der Staatsanwalt auch keinen Haftbefehl beantragt und der Haftrichter nicht die U-Haft angeordnet. – Haben Sie irgendwelche anderen Erkenntnisse?“

„Ich weiß nicht. Vielleicht ist Ihnen bekannt, dass meine Mutter ein Testament verfasst hat.“

„Ja, davon habe ich gehört. Sie soll die Eigentumswohnung an Sie vererbt haben.“

„Das ist richtig. Ich muss lediglich den gesetzlichen Pflichtanteil an meine Geschwister auszahlen. Alles andere, insbesondere eine Lebensversicherung, ein kleines Sparvermögen, das Auto et cetera soll zu gleichen Teilen auf uns vier Geschwister aufgeteilt werden.“

„Das ist normal“, gab Oberkommissar Kutzer zu verstehen.

Erich Scholz nickte. „Meine Frau und ich haben gestern begonnen, die Wohnung auszuräumen. Die Möbel meiner Mutter sind ja nichts mehr wert. Meine Geschwister und ich haben beschlossen, sie an eine wohltätige Einrichtung zu verschenken, und alles, was übrig bleibt, als Sperrgut zu entsorgen.“

„Auch daran ist nichts Außergewöhnliches“, murmelte Kutzer etwas ungeduldig.

„Gestern erschien plötzlich mein Bruder Bruno in der Wohnung und begann, in sämtlichen Schüben und Schranktüren herumzustöbern. Auf meine Frage, was er denn suche, erhielt ich zunächst keine Antwort. Er war wie besessen, und gestern Abend, als ich ihm erklärte, dass meine Frau und ich für heute Schluss machen wollen, fuhr er mich an. ‚Wo sind die tausend Euro! Hast du sie dir unter den Nagel gerissen! Der Teufel soll dich holen, wenn du versuchst, mich um meinen Anteil zu bescheißen‘.“

Jetzt waren die beiden Kommissare ganz Ohr. „Von welchen tausend Euro sprach Ihr Bruder?“, fragte der Hauptkommissar.

„Genau das fragte ich Bruno auch“, antwortete Erich Scholz. „Und er erzählte mir, dass unsere Mutter in ihrer Wohnung tausend Euro versteckt haben musste. Das wisse er definitiv, und da er ein Viertel von allem – abgesehen von der Wohnung – geerbt habe, gehören zweihundertfünfzig Euro von dem Geld ihm. ‚Ich lass mich von dir und deiner Alten -‘ er meinte meine Frau, ‚- nicht um einen Teil  meines Erbes betrügen‘, fauchte er mich an. Und wenn ich das Geld nicht freiwillig rausrücke, würde er es aus mir herausprügeln.“

„Und?“

„Ich weiß nichts von tausend Euro. In der Wohnung hab ich sie jedenfalls nicht entdeckt. Das hab ich Bruno auch gesagt, und er wäre um ein Haar auf mich losgegangen. Ich hab ihn aus der Wohnung gewiesen, und als er sich weigerte zu gehen, hab ich gedroht, die Polizei zu rufen. Da hat er sich endlich getrollt, nicht jedoch ohne mir zu drohen, dass er mir das Geld vom Rücken herunter prügeln werde.“

Im Kopf des Hauptkommissars begannen die Gedanken zu wirbeln. Die Brisanz dieser Eröffnung war ihm wohl bewusst. „Und Ihr Bruder hat nicht erwähnt, woher die tausend Euro stammen sollten, die Ihre Mutter nach seiner Meinung in ihrer Wohnung versteckt haben sollte?“

„Nein.

„Gut, Herr Scholz, ich glaube, Sie haben uns einen großen Gefallen erwiesen und ein großes Unrecht verhindert“, presste Degenhart hervor. „Mehr will ich im Moment nicht sagen, aber sicher werden Sie sehr bald erfahren, wovon ich spreche. Sind Sie länger in Weiden? Wo können wir Sie gegebenenfalls erreichen?“

„In der Wohnung meiner Mutter. Wir hausen dort, bis wir sie komplett ausgeräumt haben. Mit der Renovierung warten wir bis zum Frühling.“

Nachdem Erich Scholz gegangen war, sagte Degenhart zu seinem Kollegen: „Wetten, dass Bruno Scholz am 9. November in der Früh bei seiner Mutter war und von ihr die tausend Euro wollte, die er – aus welchem Grund auch immer – in ihrer Wohnung vermutete.“

„Das einfachste wäre es, ihn zu fragen.“

Degenhart dachte kurz nach, dann schüttelte er den Kopf und sagte: „Knöpfen wir uns erst seine Frau vor. Denn wenn er zum Zeitpunkt der Tat nicht in seiner Wohnung war, dann werden wir ihr dahingehend die Würmer aus der Nase ziehen – und dann fällt sein Alibi in sich zusammen wie ein Kartenhaus und wir haben ihn am Wickel.“

„Das bedeutet, dass wir wahrscheinlich den falschen Mann dem Haftrichter vorführten“, knurrte Kutzer ziemlich zerknirscht.

„Das bedeutet es wohl. Aber noch ist er ja nicht verurteilt, und er wird gegebenenfalls vor Gott und der Welt rehabilitiert sein, wenn wir den Irrtum aufklären und den richtigen Mann hinter Schloss und Riegel bringen. Ich werde mich dann persönlich bei ihm entschuldigen.“

„Ja, das ist das Mindeste, was wir tun können.“

„Okay, brechen wir auf. Vielleicht bringt der heutige Tag eine vehemente Überraschung für alle Beteiligten.“

Der Hauptkommissar erhob sich und griff nach seiner Jacke, die er über die Stuhllehne gehängt hatte. Die beiden Kommissare trugen sich in die Außendienstliste ein, dann verließen sie das Dienstgebäude, setzten sich in den Dienstwagen und Karl Kutzer chauffierte sich und seinen Kollegen zum Großparkplatz Naabwiesen. Die paar hundert Meter bis Hinterm Zwinger liefen sie.

Waltraud Schulz zuckte regelrecht zusammen, als sie die Korridortür ihrer Wohnung öffnete und ihr Blick die beiden Kommissare erfasste. Ihre Lippen sprangen auseinander, sie wollte etwas sagen, verschluckte sich aber und begann asthmatisch zu husten. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, einen Moment lang sah es so aus, als würde es sie heben, aber dann bekam sie den Reiz in den Griff und keuchte: „Entschuldigen Sie, mir ist Speichel in die Luftröhre ...“

Wieder hustete sie.

Geduldig warteten die Polizisten, bis sie ausgehustet hatte, und nachdem sie noch einige Male geräuspert hatte, sagte Hauptkommissar Degenhart: „Dürfen wir reinkommen? Die Sache mit Ihrer Schwiegermutter beinhaltet – wie sich jetzt herausgestellt hat -, noch einige Unbekannte, die der Klärung bedürfen.“

„Unbekannte?“, fragte sie und schaute verständnislos. „Welche Unbekannten? War etwa der Franz gar nicht der Mörder? Sind Fremde in die Wohnung meiner Schwiegermutter eingedrungen und ...“

„Das ist nur so eine Redewendung“, erklärte Degenhart, ohne den Sinn näher zu erklären.

„Ach so. Na gut, kommen’s rein.“  Ihr verunsicherter Blick sprang von Degenhart zu Kutzer, sie war die Unruhe in Person. Fahrig strich sie sich mit Daumen und Zeigefinger über das Kinn.

Nachdem sie im Wohnzimmer Platz genommen hatten, fragte Degenhart: „Was gibt es Neues von der Familie Scholz zu berichten?“

Waltraud Scholz räusperte sich den Hals frei, der wahrscheinlich noch von ihrem Hustenanfall belegt war, schluckte würgend, vermochte aber den Kloß, der ihr im Hals zu stecken schien, nicht loszuwerden. Sie sprach mit belegter Stimme, als sie antwortete: „Der Franz hat die Scheidung eingereicht. Ja, Sie hör’n schon richtig. Nicht die Carmen will sich scheiden lassen, sondern der Franz. Dabei sollt‘ man doch meinen ...“

„Sie hat ihn schmählich betrogen“, bemerkte Degenhart, als Waltraud Scholz verstummte und nur mit den Achseln zuckte.

„Ja, sicher, aber er hat ihre Mutter umgebracht und die ganze Familie ins Unglück gestürzt.“

„Das bezweifeln wir zwischenzeitlich.“

Der Mund der Frau klappte auf und sie vergaß ihn wieder zu schließen, aus großen, runden Augen schaute sie den Hauptkommissar verdutzt an. „Sie – bezweifeln – das?“, brach es abgehackt über ihre Lippen.

„Wir bezweifeln auch, dass Sie uns mit der Wahrheit bedient haben, was das Alibi Ihres Mannes betrifft“, schickte Degenhart seiner vorigen Aussage hinterher.

Ein versiegender Laut stieg aus ihrer Kehle, und dann stammelte sie: „Aber – ich – hab Sie doch nicht angelogen. Bei meiner Seele und beim Leben meiner Mutter, ich schwöre, dass ich ...“

„Schwören Sie keinen Meineid!“, fuhr ihr Oberkommissar Kutzer in die Parade. „Um was für tausend Euro handelte es sich, die Ihr Mann gestern in der Wohnung Ihrer Mutter suchte? Raus mit der Sprache. Und dieses Mal wollen wir die Wahrheit hören. Allerdings muss ich Sie darauf hinweisen, dass Sie sich nicht selbst belasten müssen. Also, was hat es mit den tausend Euro auf sich?“

Einen Moment lang sah es so aus, als würde Waltraud Scholz im nächsten Moment aufspringen und die Flucht ergreifen. Sie saß angespannt und irgendwie sprungbereit in dem schon recht mitgenommen wirkenden Sessel, ein aufgeregtes Flackern in den Augen, unablässig die Hände, die auf ihren Oberschenkeln lagen, bewegend.

Plötzlich aber sanken ihre Schultern nach unten, sie senkte den Kopf und murmelte mit verlöschender Stimme: „Nach dem Streit am Freitagnachmittag, als meine Schwiegermutter es ablehnte, uns das Geld für eine neue Waschmaschine zu leihen, kam der Bruno voll Zorn nach Hause, verwünschte seine Mutter und betrank sich. Am nächsten Tag, als er wieder nüchtern war, meinte er, dass er es sich nicht völlig mit seiner Mutter verscherzen und sich wegen des Streits vom Vortag bei ihr entschuldigen wolle.“

„Das hat er ja auch getan“, sagte Degenhart. „Wir wissen es von Ihrem Mann selbst. Was aber hat das alles mit einem Betrag von tausend Euro zu tun?“

Offensichtlich fiel es Waltraud Schulz schwer, darüber zu sprechen, denn sie vermittelte zweimal den Anschein, zum Sprechen anzusetzen, doch kein Buchstabe kam über ihre Lippen.

„Ihr Mann war am Montagmorgen, am Geburtstag seiner Mutter, bei dieser. Was wollte er dort? Es hat doch mit den tausend Euro zu tun, nach denen er gestern wie besessen in der Wohnung seiner Mutter suchte. Machen Sie den Mund auf, Frau Scholz: Sie haben uns belogen, als sie behaupteten, dass Ihr Mann in der Stunde, in der seine Mutter starb, im Bett lag.“

„Ich – ich konnte doch nicht zulassen, dass – dass er ...“ Ein Ruck durchfuhr sie, ihr Kopf zuckte hoch, sie schaute Degenhart voll an und sagte: „Bruno und seine Mutter begannen am Telefon wieder zu streiten. Er warf seiner Mutter vor, dass sie dem Sebastian fünftausend Euro in den Hintern geschoben habe, wohlwissend, dass sie keinen Cent zurückerhält. Für ihn habe sie nicht mal ein paar Hunderter übrig. Da hat meine Schwiegermutter behauptet, dass ihr Sebastian am Tag zuvor tausend Euro von dem Geld zurückgezahlt hatte.“

Jetzt ging dem Hauptkommissar ein Licht auf, und er stieß hervor: „Und der Gedanke an die tausend Euro ließ Ihren Mann nicht mehr los, wie? Er steigerte sich regelrecht in ihn hinein – und am Montag in der Früh ist er losgefahren, um sich das Geld zu holen.“

„Ja“, kam es klanglos aus dem Mund der Frau. Sie starrte mit leerem Blick auf die Tischplatte. „Meine Schwiegermutter ließ ihn arglos in die Wohnung, weil sie der Meinung war, er käme, um sie zu ihrem Geburtstag zu beglückwünschen. Er aber wollte von ihr die tausend Euro. Sie behauptete, dass sie gelogen habe, als sie sagte, dass ihr Sebastian das Geld am Freitag gegeben habe. Sie habe das nur gesagt, um Brunos Vorwurf, sie habe Sebastian das Geld hinten hineingeschoben, entgegenzutreten und ihm den Wind aus den Segeln zu nehmen.“

„Ich verstehe“, murmelte Degenhart. „Doch er glaubte ihr nicht, der Streit eskalierte, Ihr Mann griff zur Blumenvase und schlug seine Mutter nieder. Und dann verlor er die Beherrschung gänzlich.“

„Bruno wollte das nicht“, entrang es sich der Frau und sie fing an zu weinen.

„Und es gab tatsächlich keine tausend Euro in der Wohnung seiner Mutter“, knurrte Oberkommissar Kutzer.

„Als er begriff, was er getan hatte, verließ er voll Panik die Wohnung“, antwortete Waltraud Scholz weinerlich. „Während der Fahrt nach Hause aber beruhigte er sich und nachdem er angekommen war, bekniete er mich, ihm ein Alibi zu geben. Ich – ich wollte ihn nicht verlieren. Darum ...“

„Und dann kehrte er in die Wohnung seiner Mutter zurück, verständigte Polizei und Rotes Kreuz und mimte den verzweifelten Sohn“, stieß Kutzer hervor. „Von Panik war da aber nicht mehr viel zu bemerken. Ich würde das eher als kaltblütig und wohlüberlegt bezeichnen.“

Darauf wusste Waltraud Scholz keine Antwort.

„Waren Sie und Ihr Mann denn tatsächlich so sehr auf die achthundert Euro für die Waschmaschine angewiesen?“, fragte Degenhart schließlich. „Ihr Mann hat mir erzählt, dass Sie sich zwischenzeitlich eine Maschine gekauft haben – auch ohne das Geld von seiner Mutter.“

„Das Geld, das Bruno verdient, ist spätestens am 25. des Monats alle. Wir haben unser Konto um mehr als zweitausend Euro überzogen, und Sie wissen ja sicher, wie hoch die Dispozinsen sind. Die Bank hat außerdem gedroht, uns kein Geld mehr zu geben, weil der Kreditrahmen längst ausgeschöpft ist. Jeder Cent, den wir zusätzlich ausgeben müssen, reißt ein Loch in unsere Kasse. Und dann gab die Waschmaschine den Geist auf. Bruno war regelrecht verzweifelt.“

„Wir haben genug gehört“, gab Hauptkommissar Degenhart zu verstehen. „Fahren wir zu dem Baumarkt und erklären wir Bruno Scholz seine Festnahme. Sie sollten es unterlassen, Ihren Mann zu warnen, Frau Scholz. Fügen Sie sich selbst nicht noch mehr Schaden zu. Denken Sie daran, dass sich wegen Ihrer Falschaussage ein unschuldiger Mann seit anderthalb Monaten in U-Haft befindet.“

„Keine Sorge. Wahrscheinlich ist es für Bruno sogar eine Erlösung, wenn die Wahrheit endlich ans Licht kommt. Ich weiß nicht, wie lange er mit der Schuld, die er auf sich geladen hat, leben hätte können.“

Die beiden Kommissare hatten es jetzt eilig. Und schon fünfzehn Minuten später schlossen sich die plastikummantelten Stahlspangen um Bruno Scholz‘ Handgelenke. Widerstandslos ließ er sich abführen. Und beim Verhör zeigte er sich geständig. Er würde den Rest des Tages und die kommende Nacht in einer der Zellen im Keller der Polizeiinspektion verbringen, um am nächsten Tag dem Haftrichter vorgeführt zu werden.

Als sich am späten Nachmittag Degenhart von seinem Kollegen Kutzer verabschiedete, sagte er: „Bruno Scholz wurde damals, nachdem er sich an dem Raubüberfall beteiligte, doppelt bestraft. Fünf Jahre Haft erhielt vom Gericht, lebenslange Minderachtung und ständige Maßregelungen durch seine Mutter. Dass er irgendwann einmal durchdrehte, ist gar nicht verwunderlich. Ich weiß auch gar nicht, wen ich mehr bedauern soll; das Opfer oder den Täter.“

In den Augen des Oberkommissars glaubte Degenhart die Antwort, lesen zu können. „Ich denke, wir sind wieder einmal einer Meinung“, sagte er, versetzte Kutzer einen kameradschaftlichen Klaps gegen den Oberarm und wandte sich dann ab, um zu seinem Auto zu gehen.

ENDE

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Mercator, Mord und Möhren

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von Alfred Bekker & Albert Baeumer

Was hat eine Möhre mit dem Rätsel um den Mercator-Stein in der Gemeinde Gangelt zu tun, wo vor fast 500 Jahren einst der Kartograph Gerhard Mercator einen Längen- und und einen Breitengrad sich kreuzen ließ? Und warum sterben plötzlich in Gangelt Menschen eines unnatürlichen Todes?

Reporter Georg Schmitz ermittelt.

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Fakten und Tatsachen

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Die Handlungen in diesem Roman sind rein fiktiv. Zahlreiche agierende Personen sind jedoch nicht frei erfunden, haben aber ihr schriftliches Einverständnis gegeben.

Kryptographie wurde bereits durch den Einsatz von unüblichen Hieroglyphen bei den Ägyptern um 1900 v. Chr. eingesetzt. Im Mittelalter waren in ganz Europa vielfältige Geheimschriften u. a. zum Schutz des diplomatischen Briefverkehrs in Gebrauch, so etwa das Alphabetum Kaldeorum. Kryptographie und Kryptoanalyse spielen sowohl wie im vorliegenden Roman als auch während der Blütezeit von Mercators Schaffen eine wesentliche Rolle. Die Anfänge der mathematischen Kryptographie wurden in dieser Zeit mit der Erzeugung von schlüsselgestützten Zeichenaustauschalgorithmen gesetzt. Auch Kryptographiescheiben nutzte man schon im Mittelalter für den Austausch von geheimen Informationen.

Bis zum heutigen Tage ist es der Wissenschaft nicht genau gelungen zu erforschen, woher Mercator die Informationen zur Herstellung seiner winkeltreuen Karten erhalten hat. Dies wird wohl immer sein Geheimnis bleiben.

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Anno 1554

Rumpelnd rollte der Messwagen über den von Schlaglöchern übersäten Weg. Gerhard Mercator saß hinten bei den wertvollen Messinstrumenten und es tat ihm in der Seele weh, wie sein kostbarster Besitz durchgeschüttelt wurde.

„So fahr doch etwas weniger grob!”, ereiferte sich der Kartograph. Müde schaute er auf die flache Landschaft, die sich noch weit bis zu seinem Ziel nach Gangelt streckte.

Seit zwei Jahren schon hatte er in Duisburg eine neue Heimat gefunden. Im Herzogtum Wilhelms des Reichen von Jülich-Kleve-Berg herrschte religiöse Toleranz und er musste dort nicht fürchten, noch einmal wegen „Lutherei” angeklagt zu werden. Sechs Monate Kerkerhaft, die auch nur auf Grund einflussreicher Fürsprache hatten beendet werden können, reichten ihm. Jetzt hatte er sein unbehelligtes Auskommen und konnte sich ganz dem Handwerk widmen, das ihn über die Grenzen seiner Heimat hinweg berühmt gemacht hatte – dem Zeichnen von Karten. Ihm war es gelungen, anhand von Längen- und Breitengraden die genaue Positionierung von Ländern, Orten und Flüssen graphisch im richtigen Verhältnis darzustellen, deren Winkeltreue die Länder erstmals so zueinander ordnete, wie es den tatsächlichen Verhältnissen entsprach.

Sein Grundgedanke: „Ein gerader Weg auf der Karte ist auch ein gerader Weg über Land”, war für seine Zeit eine revolutionäre Idee. Nie zuvor war das gelungen und entsprechend zahlreich waren die Aufträge, mit denen man ihn bestürmte. Die europäischen Herrschaftshäuser hatten auch schon gierig ihre Finger nach seinen maßstabsgerechten und winkelgetreuen Land- und Seekarten ausgestreckt. Ein mulmiges Gefühl machte sich in ihm breit, wenn er daran dachte, dass seine Karten oft über Krieg oder Frieden entschieden.

Tag und Nacht hätte er zeichnen können und er hatte bereits eine Reihe von Hilfskräften in seiner Werkstatt beschäftigt, die dort jedoch zumeist als Kopisten tätig waren. Und auch seine Söhne könnten hier ihr Auskommen finden, sobald sie alt genug wären. Aber Grundlage des Erfolgs war die Genauigkeit und Wirklichkeitstreue. Das war es, was die Karten von Mercator von denen so vieler anderer Kartenzeichner unterschied. Und dafür war es notwendig, genaue Messungen durchzuführen.

Gegenwärtig arbeitete Gerhard Mercator an einer neuen Karte der Deutschen Lande. Besser und genauer als all ihre Vorgängerinnen sollte sie sein. Doch dazu musste erst eine recht mühselige Vorarbeit geleistet werden.

„So fahr doch etwas langsamer!”, herrschte er seinen Kutscher erneut an.

„Es sind die Pferde, Meister! Sie ziehen so!”

„Ach, so red’ doch nicht einen solchen Unsinn! Es kommt nicht darauf an, dass wir das Jülicher Land durchrasen, sondern darauf, dass alles in Ruhe geschieht und die Instrumente nicht zu Schaden kommen!”

Der Kutscher hieß Johann und war in manchen Dingen etwas ungehobelt. Aber Mercator war froh, dass er diese Hilfe hatte. Mit Pferden konnte Johann vorzüglich umgehen. Und das Wichtigste war, dass er bei den manchmal recht langwierigen Messungen nicht ungeduldig wurde. Johann ließ die beiden Pferde etwas langsamer vorangehen und drehte sich um.

„Es kann nicht mehr weit bis Gangelt sein, Meister Gerardus!”, sagte er, als sie gerade an dem Städtchen Heinsberg vorbeifuhren. Gerhard Mercator schätzte es, auch beim Vornamen mit der latinisierten Form angeredet zu werden. Die Form des Namens stellte ihn in gewisser Weise in eine Reihe mit den römischen und griechischen Geistesgrößen. Einen neuen Ptolemäus, so nannten ihn so manche seiner gelehrten Kollegen, weil er das Bild, das sich die Menschen durch die Karten des Ptolemäus von der Welt machten, erheblich korrigiert hatte. Es gefiel ihm, wenn man so von ihm redete.

„Na, erkennt Ihr die Gegend wieder, Meister Gerardus?”, fragte Johann und wandte sich erneut seinem Herrn zu.

„Und ob!”, murmelte Mercator. Ihm kam es mit einem Mal so vor, als hätte er sich auf eine Reise in die eigene Vergangenheit begeben. In dem Ort, den er nun ansteuerte, hatte er seine Kindheit verbracht.

Lange war es her ...

Seine Eltern stammten aus dem kleinen Ort Gangelt, bis sie nach Rupelmonde in den Habsburgischen Niederlanden übergesiedelt waren. Aber die ersten Jahre hatte er hier gelebt.

„Es hat sich wenig in den letzten Jahren verändert”, meinte er mehr zu sich selbst als zu Johann. Ein kleiner, mit einer Mauer umgebener Ort und einem mächtigen Burgturm, die dem Herzog von Jülich als Bastion zur Verteidigung seiner Ländereien dienten. Wenige Häuser und eine erhöht stehende Kirche befanden sich innerhalb der Mauern. Ein Ort, wie es ihn zu Dutzenden im Jülicher Land gab. Mit einer Besonderheit – Gangelt besaß die Stadtrechte. Hier war also die Gerichtsbarkeit vertreten.

Gerhard Mercator hatte sich vorgenommen, seiner Heimat ein Denkmal zu setzen. Man würde noch Jahrhunderte später diesen Flecken sofort auf jeder Karte markiert finden, selbst wenn der Name Gangelt vielleicht zu unbedeutend war, um verzeichnet zu werden. Gerhard Mercator lächelte still in sich hinein. „Wer das Privileg besitzt, der Welt als Erster ein Gesicht zu geben, hat die Möglichkeit, sie zumindest im kleinen Detail nach seinem eigenen Bild zu prägen!“

„Genau hier ist der Punkt!”, stellte der Kartograph ein paar Stunden später fest. Sie befanden sich auf einem Acker nur ein paar Steinwürfe von Gangelt entfernt. Hie und da beäugten die Bauern aus der Umgebung misstrauisch, was sie dort taten. Es hatte sich herumgesprochen, dass der große Mercator wieder unterwegs war, um mit seltsamen Apparaturen Messungen durchzuführen, die zu noch seltsameren Berechnungen führten. Für die Leute war er nichts anderes als ein Magier oder Alchimist. Jemand, der eine Geheimlehre beherrschte, von der sie nichts verstanden.

Ja, sie verstanden wahrscheinlich nicht einmal, weshalb es so wichtig sein sollte, sich ein Bild von der Welt als Ganzes zu machen. Ihre Welt endete meistens schon wenige Meilen hinter dem Horizont. Auf jeden Fall aber dort, wo sich die Grenzen ihres Herzogtums befanden. Kaum einer von ihnen kam je wirklich über die Grenzen dieses Landstrichs hinaus.

Auch in dieser Hinsicht war Gerhard Mercator eine Ausnahme gewesen. Während Mercator noch im Nachdenken versunken war, sah Johann seinen Herrn und Meister verwirrt an.

„Von welchem Punkt sprecht Ihr, Herr?”, fragte er.

„Von einem Punkt, der von nun an auf jeder Karte verzeichnet sein wird – und zwar als Schnittpunkt des 51. Breitengrades und des 6. Längengrades der Erdkugel.” Er lächelte. „Große Städte mögen zu kleinen Flecken schrumpfen oder sogar ganz ausgelöscht werden, sodass niemand mehr ihre Namen auf einer Karte verzeichnet. Aber dieser Punkt lässt sich nicht auslöschen! Er ist immer da!” Von seiner eigenen Begeisterung übermannt, blickte der Kartograph zu einem der Bauern hinüber, der schon mindestens seit einer Stunde dastand, die Forke mal in der rechten und mal in der linken Hand, und Mercator bei seinen Berechnungen zusah – wie einem Jahrmarktsmagier bei seinen Kunststücken.

„Wir müssen diesen Ort markieren”, stellte Mercator sachlich fest.

„Wie wäre es mit einem Stein?”, fragte Johann.

„Am besten, du fährst mit dem Wagen los und besorgst einen! Aber das muss schon ein ziemlich großer Brocken sein, damit man ihn nicht einfach verschiebt.”

„Meister, ich ...”

„Lass dir von den Leuten hier helfen! Wenn man ihnen ein paar Münzen gibt, machen sie das sicher gerne!”

Johann wusste, dass es keinen Sinn hatte, mit Mercator über diese Dinge diskutieren zu wollen. Der Kartograph erwartete einfach nur, dass gemacht wurde, was er gesagt hatte. Alles andere, abgesehen von den Messungen, zählte dann ohnehin nicht.

Während Johann mit dem Wagen losfuhr, um einen Stein zu besorgen, behalf sich Mercator zunächst einmal damit, dass er eines seiner Instrumente genau dort ablegte, wo er den Schnittpunkt berechnet hatte.

Dann blickte er auf und sah sinnierend zum Gangelter Burgturm hinüber, der einen idealen Bezugspunkt für seine Peilungen bot.

Zwei Stunden später kehrte Johann mit einem veritablen Felsbrocken auf dem Wagen zurück. Ein paar Knechte hatten ihm geholfen, den Brocken auf den Wagen zu laden. Jetzt musste der Wagen so an die Stelle herangefahren werden, dass man den Stein nur noch von der Ladefläche herunterschieben musste, sodass er an der richtigen Stelle zu liegen kam.

Nachdem der Stein auf dem errechneten Schnittpunkt abgelegt war, ritzte Mercator die Zahl 51 mit einem Feuerstein in die raue Oberfläche.

„Für unsere Messungen setzen wir noch einen Holzpflock mit einer Fahne daneben”, sagte er. „Dann findet man die Stelle schneller. Und langfristig wird man hier gewiss eine deutlichere Markierung setzen!”

„Ich weiß nicht, ob der Bauer, dem dieses Feld gehört, wirklich so begeistert ist, wenn wir ihm Steine auf den Acker tragen”, meinte Johann. Doch Mercator winkte nur müde lächelnd ab und wandte sich wieder seinen Messgeräten zu.

Gerhard Mercators Messarbeiten in und um Gangelt zogen sich tagelang hin. Er hatte sich im Dorfgasthof einquartiert, während Johann in einem Stall schlief, in dem gegen ein paar Münzen auch die Pferde des Nachts untergebracht wurden.

Abends saß der Kartograph oft noch bei flackerndem Kerzenlicht vor dem Kartentisch, den er auf seinem Wagen mitführte und sich in das angemietete Gastzimmer hatte stellen lassen. Er machte dann Skizzen für seine Berechnungen, bis die Kerzen zu weit heruntergebrannt waren.

Zweiunddreißig Jahre alt war Mercator inzwischen, aber er sah durch den langen, bereits von ersten grauen Strähnen durchzogenen Bart deutlich älter aus. Schatten tanzten unruhig auf seinem Gesicht, weil es durch die Fensterläden seines Gastzimmers zog. Sich Glas einsetzen zu lassen, das konnten sich nur reiche Patrizier in Colonia oder Anwers leisten – aber nicht ein Wirt in Gangelt. Mercator seufzte, denn ihn fröstelte ein wenig, dennoch waren seine Augen vollkommen ruhig und konzentriert. Während er zeichnete und den Zirkel schwang, wirkte er in seiner Versunkenheit fast wie ein verklärter Heiliger, für den die Welt um ihn herum keine Bedeutung hatte. Nur Punkte, Winkel und Geraden zählten dann noch.

An einem der folgenden Tage befand sich Gerhard Mercator in der Nähe des Schanzberger Hügels vor den Toren Gangelts. Es war diesig, leichter Nebel schien aufzuziehen und der Himmel wirkte wie ein graues Leichentuch. Mercator hoffte, dass sich das Wetter nicht allzu sehr eintrübte und es zu regnen begänne.

In der Nähe stand der Wagen mit dem Arsenal an selbst gebauten Messinstrumenten, deren fachmännischer Gebrauch letztlich das Geheimnis seiner außerordentlichen Kartendarstellungen war. Viele sprachen von den Werken eines Genies, wenn sie seine Karten mit denen verglichen, die man andernorts erwerben konnte. Aber ihm selbst war sehr wohl bewusst, dass deren Qualität mit Genialität sehr wenig zu tun hatte. Es war Handwerk. Einfaches, solides Handwerk, mit großer Sorgfalt ausgeführt; so seine feste Überzeugung.

Während Johann die meiste Zeit geduldig herumsaß und darauf wartete, dass er Mercator bei irgendeiner Sache zur Hand gehen musste, war der Kartograph wie üblich ganz in seine Arbeit vertieft.

Vom Schanzberg aus peilte er die Spitze des Gangelter Kirchturms an. Dann suchte er einen Bezugspunkt in der Landschaft. Er ging etwas herum, ließ den Blick in die Ferne schweifen und suchte den Horizont nach auffälligen Gebäuden oder Bäumen mit hervorstechenden Merkmalen ab. Dabei fiel ihm ein knorriger Baum auf, der vom Blitz gespalten worden war und jetzt sehr verwachsen wirkte.

Einen Moment lang überlegte er, ob er den alten Baum zum Eckpunkt eines gedachten Dreiecks machen sollte, dessen Entfernungen er über Winkel abmessen konnte. Dann entschied er sich aber dagegen, denn der Baum trug jetzt schon kaum noch Blätter. Das bedeutete, er war morsch und vielleicht schon in wenigen Jahren nur noch Futter für die Borkenkäfer.

Er ließ den Blick weiter schweifen und bemerkte plötzlich durch einige Sträucher hindurch einen auffallenden roten Fleck, der sich zu bewegen schien und deshalb Mercators Aufmerksamkeit erregte.

Dieser rote Fleck war der Umhang eines Mannes, wie sich einige Zeit später herausstellte. Mercator konnte die Gestalt zunächst nur schemenhaft erkennen, wie sie im morgendlichen Nebel aus dem Gestrüpp hervortrat und vor einem halb zugewachsenen Gesteinsbrocken stehen blieb.

Allein, dass der Mann einen roten Umhang trug, sprach schon sicher dafür, dass er kein einfacher Bauer war, deren Kleidung zumeist dunkelbraun, grau oder leinenfarben blieb. Traditionellerweise war es dem einfachen Volk untersagt, farbige Kleidung zu tragen - abgesehen von den Gauklern.

Also war der Mann entweder ein Adeliger oder ein Gaukler, was Mercator jedoch nur beiläufig bedachte, schließlich war er ganz und gar auf die Suche nach einem Messpunkt konzentriert.

In der Ferne öffnete der Unbekannte seinen Umhang. Offenbar hatte er zwei Gegenstände in seinen Händen - eine Hacke und etwas, das wie eine Kiste aussah.

Mercator überlegte mittlerweile, ob er vielleicht jenen Gesteinsbrocken zum Bezugspunkt für seine Messungen nehmen sollte. Was der Mann in der Ferne tat, bemerkte er nur, wenn er ab und an von seiner Arbeit aufsah und so achtete er auch nicht weiter auf den Umstand, dass normalerweise weder Gaukler noch Adelige mit einer Grabhacke in der Hand herumliefen.

Während noch einige Nebelschwaden über das Feld waberten, legte der Unbekannte seinen Umhang ab. Auch darunter war er recht bunt gekleidet, sodass er noch immer auffiel. Er drehte sich ständig um, so als fürchtete er, beobachtet zu werden.

Dann begann er damit, ein Loch zu graben. Die Kiste, die er bei sich getragen hatte, war ebenfalls rot. Mercator schätzte trotz der großen Entfernung, dass die Kiste eine Kantenlänge von anderthalb Ellen haben müsse, was er aufgrund ihres Größenverhältnisses zu dem Mann und einem in der Nähe befindlichen Baum grob überschlug. Solche Schätzungen waren ein Sport für den Kartographen. Er freute sich dann, wenn er sie später mit der Wirklichkeit vergleichen konnte und dachte für sich, dass er den Mann gelegentlich ansprechen könnte, falls er ihn in Gangelt träfe.

Später bemerkte Mercator noch, dass der Mann die rote Kiste offenbar neben dem Gesteinsbrocken vergrub. Anschließend schüttete dieser das Loch mit Erde zu und bedeckte die Stelle mit Gestrüpp. Dann machte er sich eiligst davon. Der Fremde schien nicht bemerkt zu haben, dass er beobachtet wurde.

Mercator schüttelte verwundert den Kopf und machte sich wieder an seine Arbeit. Er hatte schon längst die Stelle, an der er den Mann im roten Umhang gesehen hatte, als Bezugspunkt ausgesucht. Ein Dreieck mit den Eckpunkten Gangelter Kirchturmspitze, der Grabungsstelle des Unbekannten und dem von ihm ermittelten Schnittpunkt zwischen 51. Breitengrad und 6. Längengrad entstand in seinem Kopf.

Mercator begann zu rechnen.

Er schrieb mit einem Stift aus Graphit auf einem Pergament, das er auf ein Brett gespannt hatte, sodass er es als tragbares Schreibpult immer mitnehmen konnte.

„51 ... Meine Glückszahl!“, dachte er.

Der Gedanke war plötzlich da und ließ ihn lächeln. Beim ersten Anschein machte die Natur manchmal den Eindruck absoluter Willkür, aber dann gab es wiederum Momente, in denen sich eine so tief gehende Ordnung zu offenbaren schien, dass man es kaum glauben konnte. Man musste sie eben nur erkennen. Insofern gab es für Mercator auch keinen Widerspruch zu dem Glauben an Gott und den Erkenntnissen der Wissenschaft, der Logik und der Mathematik ...

„51 ...

Vor den Toren des Ortes, in dem ich aufwuchs, kreuzen sich der 51. Breitengrad und der 6. Längengrad. 2800 Schritte sind es zwischen der Kirchturmspitze und dem Schnittpunkt. Und vom Schnittpunkt aus bis zu dem Ort, wo der Kerl seine Kiste vergraben hat, sind es genau 5100 Schritte!

5100 ...

51 ...

Wer soll da an Zufall glauben?“

Diese Gedanken gingen Mercator durch den Kopf und seine sonst so konzentrierten Gesichtszüge wirkten jetzt plötzlich sehr viel weicher.

„Was mag das nur für eine Magie sein, die von der Ziffernfolge 51 ausgeht?“, fragte er sich.

Aber er beschloss, nicht weiter darüber nachzudenken, denn er wusste genau, dass man sich in der Analyse solcher mathematischen Muster genauso verlieren konnte wie im Zählen der Sterne am Firmament. Über all diesen Gedanken, mathematischen Überlegungen und Berechnungen vergaß Mercator den Umstand, dass ein ungewöhnlich gekleideter Mann eine geheimnisvolle Kiste vergraben hatte. Es war für den Wissenschaftler in diesem für ihn so wichtigen Moment keine beachtenswerte Sache.

In dieser Nacht arbeitete Mercator wieder sehr spät. Aber zwischendurch nickte er dabei ein und lag nun vornüber gebeugt auf dem Schreibpult. Plötzlich schreckte er hoch. Stimmen hatten ihn geweckt. Seine Kerze war erloschen. Es war ziemlich dunkel.

Mercator ging zum Fenster, von wo aus er die Stimmen jetzt deutlicher hörte.

Er öffnete die Läden, um sich durch das einfallende Mondlicht wenigstens etwas orientieren zu können. Ein kalter Hauch wehte herein. Es war feucht und dunstig draußen. Nebelschwaden sanken in die engen Gassen zwischen den Häusern und vom Mond war nichts weiter zu sehen als ein blasser, verwaschener Fleck, der immer in der Gefahr stand, vom Dunst so sehr überlagert zu werden, dass man gar nichts mehr von ihm wahrnehmen konnte.

Plötzlich hastige Schritte! Gestalten rannten durch die Nacht.

Sie liefen über die Straße, die vor dem Gasthaus herführte.

Waffengeklirr war zu hören. Aufgeregte Stimmen, Wortfetzen.

„Zum Südtor!”, rief ein Mann mit heiserer Stimme.

Im Schein einer schwankenden Laterne, die einer der Männer trug, glaubte Mercator zu erkennen, dass es sich um Mitglieder der Stadtwache handelte. Augenblicke später waren sie verschwunden und die Stille legte sich wieder über das kleine Städtchen.

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2

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Als der Kartograph am nächsten Morgen den Wirt danach fragte, was sich in der Nacht wohl zugetragen haben mochte, wusste dieser von nichts.

„Aber bis heute Abend bin ich informiert, werter Herr! Darauf könnt Ihr Euch verlassen!”

Der nächste Tag verging ereignislos – sah man einmal davon ab, dass der wieder aufkommende Nebel Mercator im Zeitplan zurückwarf. Schließlich ließen sich bei Nebel manche Bezugspunkte einfach nicht erkennen, die er jedoch für seine Berechnungen brauchte. An diesem Tag hatte er sich vorgenommen, den Burgturm, der gleichzeitig auch als Stadttor genutzt wurde, zu vermessen, um weitere Koordinaten für eine Karte zur Verfügung zu haben.

„Wir können nur hoffen, dass es bald wieder klarer wird”, meinte er zu Johann gewandt, dem das alles ziemlich einerlei war.

Als Mercator am Abend zu seinem Quartier innerhalb der Stadtmauern von Gangelt zurückkehrte, hörte er, wie die Stadtwachen sich aufgeregt mit einigen Bewohnern unterhielten. Ein richtiger kleiner Auflauf aus Männern, Frauen und Kindern hatte sich gebildet.

Niemand achtete auf Mercator, obwohl er allein für die Einheimischen durch den Wagen mit den recht seltsam wirkenden Messinstrumenten schon jemand war, der normalerweise ständig angegafft wurde, wo auch immer man seiner ansichtig wurde.

Es musste also etwas geschehen sein, was das Interesse der Leute noch mehr in seinen Bann zog, als die merkwürdigen und für das gemeine Volk völlig undurchschaubaren Aktivitäten eines wunderlichen Mannes mit langem Bart.

Es interessierte Mercator, was dort wohl los sein mochte. Gleichzeitig scheute er sich aber davor, sich einfach zu der Menschenmenge zu stellen. Also wies er Johann an, dies zu tun, während er schon mit dem Wagen zur Herberge fuhr.

Der Kartograph hatte seine wertvollen Instrumente bereits eigenhändig ausgeladen, als Johann endlich erschien.

„Nun, was redet man hier in Gangelt?”, fragte ihn Mercator.

„Es ist hier in der Nähe etwas Furchtbares geschehen!”, berichtete Johann völlig außer Atem und mit hochrotem Kopf. Die Aufregung, die den ganzen Ort erfasst zu haben schien, hatte offensichtlich auch von ihm Besitz ergriffen.

Er schnappte nach Luft.

„Nun fahr schon fort und spann mich nicht so auf die Folter!”, verlangte Mercator.

„In der Nähe des Südtores wurde gestern am späten Abend ein Mann tot aufgefunden!”, erklärte Johann. „Jedenfalls berichten das die Stadtwachen. Den Schädel hatte man ihm eingeschlagen. Er trug einen roten Umhang und es soll sich um einen hohen Herrn gehandelt haben!”

„Wer sollte denn ein so abscheuliches Verbrechen begehen?”

„Darüber wird noch gerätselt und es gibt wohl allerhand Gerüchte darüber.”

Wenig später erfuhr Mercator dann von seinem Wirt weitere Einzelheiten. Der Wirt war völlig außer sich. Es kam äußerst selten vor, dass in Gangelt etwas geschah, worüber man sich so trefflich das Maul zerreißen konnte. Normalerweise mussten da schon Spekulationen über den Diebstahl eines Huhns ausreichen – oder darüber, dass eine Bettlerin mit vielen Runzeln und unappetitlichen Geschwüren vielleicht den bösen Blick hatte.

So ein Verbrechen sprengte einfach das normale Leben in den Mauern des Ortes.

„Ich weiß es aus sicherer Quelle”, begann der Wirt im Tonfall eines Verschwörers. „Der Tote ist der Adjutant des Herzogs von Jülich!”

„Nein!”, entfuhr es Mercator.

„Es ist die Wahrheit! Ihr könnt es mir glauben und ich weiß es von offizieller Stelle, aus berufenem Munde. Nur musste ich halt demjenigen versprechen, nicht darüber zu reden. Aber es spricht sich ja sowieso früher oder später alles herum.”

„Das ist allerdings wahr.” Mercator zögerte, bevor er seine nächste Frage stellte. Es lag ihm nämlich ganz und gar nicht daran, irgendwie aufzufallen.

„Trug der Adjutant einen roten Umhang?”, erkundigte er sich dann.

„Ist er Euch vorher also auch schon mal aufgefallen!”, meinte der Wirt. „Ja, Ihr habt recht, es ist der Kerl mit dem roten Umhang. Hier in meinem Gasthaus am Tisch dahinten in der Ecke hat er gesessen, seine Mahlzeit gehalten und sein Bier getrunken. So wahr ich hier vor Euch stehe! Und ein großzügiges Trinkgeld hat er mir auch noch gegeben!”

„Er muss es gewesen sein!“, überlegte Mercator und dachte an den Mann im roten Umhang, den er dabei beobachtet hatte, wie er eine Kiste vergrub.

„Ist bekannt, weshalb der Adjutant ermordet wurde?”, fragte Mercator.

„Nein. Das ist ein Rätsel. Im Moment gehen die Stadtwachen von Haus zu Haus und suchen nach Zeugen. Leute, die den Adjutanten in den letzten Tagen gesehen und vielleicht irgendetwas Verdächtiges beobachtet haben.”

Einen Moment lang erwog Mercator, sich vielleicht auch zu melden. Schließlich war es ja nicht ausgeschlossen, dass die Beobachtung, die er gemacht hatte, etwas mit dem Tod des Adjutanten zu tun hatte.

Aber dann entschied er sich dagegen. Die Zeit, da man ihn in Rupelmonde wegen „Lutherei” festgenommen und ein halbes Jahr im Kerker hatte schmachten lassen, war ihm noch zu lebhaft in Erinnerung. Besser, man hielt sich von der Obrigkeit fern – auch auf die Gefahr hin, dass dann ein feiger Mord vielleicht ungesühnt blieb.

„Eine Garantie für Gerechtigkeit sind die weltlichen Herren nun wirklich nicht!“, beruhigte er sein Gewissen. „Wer sagt schon, dass sie den Richtigen zur Rechenschaft ziehen würden?“

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Nach Abschluss seiner Arbeiten in der Gegend von Gangelt zog Mercator mit seinem Messwagen weiter zur Burg Millen im gleichnamigen Ort. Auch dort quartierte er sich für ein paar Tage ein, um Messungen in der Umgebung durchzuführen.

Schon bei seiner Ankunft machten in Millen Gerüchte die Runde, die etwas mit dem Tod des Adjutanten zu tun hatten.

Johann berichtete ihm darüber, nachdem er die Pferde in einen Stall gebracht und mit den dort beschäftigten Knechten gesprochen hatte. Mercator erfuhr auch davon in der Schenke, in der er seine Mahlzeit einnahm.

„Der Adjutant des Herzogs muss ein ganz krummer Hund gewesen sein”, erzählte der Wirt so laut, dass es alle Zecher im Schankraum mithören konnten. „Er war nämlich keineswegs im herzöglichen Auftrag unterwegs, wie mir einer erzählt hat, der bei den herzöglichen Landsknechten angestellt war und letzte Woche durch die Gegend zog, um sein Glück in Antwerpen zu machen.”

„Weswegen war der Kerl denn sonst in der Gegend?”, fragte einer der Zecher, ein vierschrötiger Mann mit riesigen Händen. Mercator, der in einer Ecke der Schenke am Tisch saß und aß, hatte aus dem Gespräch erfahren, dass der Mann der Schmied von Millen war.

„Er war auf der Flucht!”, behauptete der Wirt. „Es war nämlich Anklage gegen ihn erhoben worden, weil er angeblich dem Herzog eine Kiste mit 5100 Goldgulden gestohlen hat!”

„5100 ... 51 ... Wieder diese Ziffernfolge!“, durchfuhr es Mercator. Er dachte an seine Beobachtungen am Gangelter Schanzberg. An die 5100 Schritte zwischen dem Schnittpunkt des 51. Breitengrades mit dem 6. Längengrad und der Stelle, an welcher der Adjutant des Herzogs offenbar einen unvorstellbar großen Schatz vergraben hatte ...

Einen Schatz, den zumindest der Adjutant auf keinen Fall mehr heben konnte.

Mercator verdrängte alle Gedanken an den toten Adjudanten und das vermeintliche Diebesgut. Seine Angst, selbst des Diebstahls bezichtigt zu werden, wenn er die Kiste ausgraben und dabei entdeckt würde, war viel zu groß. Er hatte ein gutes Auskommen und war auf Gestohlenes nicht angewiesen.

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Vierzig Jahre später ...

Duisburg, 2. Dezember 1594

Flackerndes Kerzenlicht erhellte den Raum. Die Luft war abgestanden. Der Atem des im Bett liegenden Gerhard Mercator ging schwer. Er hatte das Gefühl, dass ihm eine schwere Last auf die Brust drückte und ahnte, dass es der Tod selbst war ...

Vor zwei Jahren hatte er sich in aller Unerbittlichkeit angekündigt, als den großen Kartenzeichner ein Schlaganfall ereilte und ihn weitgehend gelähmt hatte. Glücklicherweise hatte Mercator zu diesem Zeitpunkt längst seine Söhne und zum Teil auch schon einige seiner Enkel in die Abläufe seiner Kartographenwerkstatt eingebunden, sodass er nicht mehr überall selbst Hand anlegen musste. Es reichte aus, wenn nach seinen Methoden gearbeitet wurde.

In diesen zwei Jahren hatte sich der Zustand Mercators stetig verschlechtert. Ja, sein Befinden glich gar einer abfallenden Kurve und Mercator ahnte, dass er nun die Null-Koordinate fast erreicht hatte. Es war also die Zeit gekommen, um letzte Dinge zu ordnen. Zeit, um letzte Geheimnisse zu offenbaren, wenn man nicht wollte, dass sie bis in alle Ewigkeit Geheimnisse blieben.

Die Tür knarrte und fiel wieder ins Schloss. Der entstandene Luftzug hätte beinahe die Kerzen ausgeblasen. „Mein Lebenslicht ist nur noch schwach!“, ging es Mercator durch den Kopf. „Vielleicht habe ich doch zu lange gewartet. Noch ein paar Augenblicke! Länger werde ich nicht brauchen!“

In diesem Moment hörte Mercator Schritte und sah seinen jüngsten Sohn Rumold, der in die Fußstapfen seines Vaters getreten war und sich mit Leib und Seele dem Kartographenhandwerk verschrieben hatte.

„Mein Sohn”, flüsterte er.

„Ihr habt mich rufen lassen, Vater?”

„Komm näher ... Das Sprechen fällt mir schwer!”

Rumold gehorchte. Er trat an das Bett und seine Gesichtszüge vermochten das Entsetzen über den Zustand des Vaters kaum zu verbergen.

„Der Herrgott wird mich sehr bald zu sich rufen”, sagte Mercator. Er sprach sehr leise. Seine Stimme war kaum mehr als ein schwaches Wispern. Manche Worte waren kaum zu verstehen und wurden durch das Knistern des Kaminfeuers überdeckt.

Er machte eine Pause und sammelte die wenigen Kräfte, die ihm noch geblieben waren.

„Kann ich irgendetwas für Euch tun, Vater?”, fragte Rumold.

„Nein”, ächzte dieser. „Nur zuhören und jedes Wort bewahren, dass ich dir jetzt sagen werde, Rumold. Ich weiß, dass ich dich früher hätte einweihen sollen und ich hoffe, dass es jetzt noch nicht zu spät ist ...”

„Worum geht es?”

Wieder folgte eine Unterbrechung. Mercator schloss die Augen und sein Atem wurde so flach, dass Rumold für einen kurzen Moment glaubte, sein Vater wäre bereits entschlafen.

Aber das war nicht der Fall.

Die Augen öffneten sich wieder. Glasig waren sie und ihr Blick schien durch Rumold hindurchzugehen und ihn gar nicht mehr richtig wahrzunehmen.

Schließlich fuhr Mercator fort: „Ich werde die Tabulae Graphica nicht mehr beenden können, mein Sohn.” Vor fünf Jahren war die vierte und bisher letzte Ausgabe dieser Kartensammlung erschienen, zu der insgesamt 22 moderne Landkarten gehörten. Karten, die die Welt endlich so zeigten, wie sie war. Eine fünfte Lieferung hatte Mercator noch selbst vollenden oder zumindest beaufsichtigen wollen. 29 Karten waren bereits fertig, aber es fehlten noch fünf. Der Gedanke an deren Fertigstellung hatte Mercator wohl in den letzten Wochen auch die Kraft gegeben, nicht der Agonie des Todes nachzugeben und einfach die Augen zu schließen. Aber nun musste er sich eingestehen, dass seine Kräfte einfach nicht mehr ausreichten. Es schmerzte ihn, vor der Vollendung dieses Ziels die Augen schließen zu müssen. Aber andererseits bedeutete es auch das Ende einer langen Qual.

„Versprich mir, dass du die Tabulae Graphica vollendest, mein Sohn! Versprich es mir!” Seine zitternde Hand griff nach Rumolds Unterarm und krallte sich regelrecht darum.

„Ich verspreche es, Vater! Ihr könnt Euch darauf verlassen. Ich verbürge mich dafür – und wenn ich es Euren Enkeln auferlegen muss, falls mir etwas zustoßen sollte.”

Mercator atmete auf. „Das ist gut”, sagte er. Er schien sehr erleichtert über diese Versicherung seines Sohnes zu sein, sein Werk abzuschließen.

Mercator hatte es von jeher gehasst, auf Grund welcher Umstände auch immer, eine unfertige Arbeit hinterlassen zu müssen.

„Da ist noch etwas, was ich dir sagen muss, Rumold ...”

„Was, Vater?”

„Sieh in die Schublade der Kommode!”

Rumold gehorchte.

„Dort ist ein versiegelter Umschlag! Bring ihn mir”

Als Mercator den Umschlag in den zittrigen Händen hielt, brach er das Siegel und holte den Inhalt hervor. Eine Karte, mit der es offenbar eine besondere Bewandtnis hatte. Rumold half dabei, sie auseinander zu falten.

„Es ist eine Karte, die meine Heimat zeigt”, sagte Mercator mit brüchiger Stimme. „Das Land um Gangelt ... Du siehst dort ein Kreuz!”

„Ja, Vater.”

„Das Geheimnis ist verschlüsselt. Du musst...”

„Vater!”

„Bei dem Kreuz ... Dort ist ... dort ... ist ...”

Die Stimme des großen Kartographen versagte. Das Leben war von ihm gewichen, bevor er das Geheimnis hatte preisgeben können. Rumold schossen die Tränen in die Augen. Er hatte seinen Vater sehr geliebt und verehrt. Nach einer Zeit der Andacht schloss er ihm behutsam die Augen. Als man Rumold später nach den letzten Worten fragte, die Gerhard Mercator geäußert habe, erklärte er, dass sein Vater darum gebeten habe, vom Prediger in der Kirche mit einem Gebet bedacht zu werden.

Rumold nahm die Karte an sich und betrachtete sie am Abend im Schein der niederbrennenden Kerzen genauer.

Am Rand war eine merkwürdige Kombination aus Buchstaben und Zahlen zu sehen. Das musste die Verschlüsselung sein, die sein Vater gemeint hatte.

Rumold kannte verschiedene Methoden, um Botschaften zu verschlüsseln. Er selbst hatte das auch schon verschiedentlich angewendet. Oft im Auftrag von adeligen Häusern, die auf diese Weise geheime Botschaften sicher überbringen wollten.

Rumold probierte die ihm bekannten Entschlüsselungscodes aus,

aber keiner passte. Auch die Vornamen seiner Geschwister führten zu keinem Erfolg.

Die hier angewandte Art der Verschlüsselung war ihm unbekannt.

Nachdenklich faltete Rumold die Karte wieder zusammen. Es schien fast so, als hätte der große Mercator das Geheimnis der Karte mit in den Tod genommen.

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Anno 2007

Als Georg „George” Schmitz die heiligen Hallen betrat, in denen die Redaktion seiner Zeitung untergebracht war, grinste er von einem Ohr bis zum anderen.

„Hallo George!”, grüßte ihn der Chef vom Dienst. „Man liest dauernd ´was in unserem Blatt von dir, aber man sieht dich kaum noch in der Redaktion!”

Schmitz hob die Augenbrauen.

„Das ist die Gnade des Freiberuflers”, erwiderte er vergnügt. „Außerdem muss ich meinem Ruf als ´Rasender Reporter der Region‘ doch gerecht werden, oder?”

„Sicher, George.”

Schmitz, der seinen Vornamen gerne auf die feine englische Art aussprechen ließ, war fünfzig Jahre alt, mittelgroß und hatte ein pfiffig wirkendes Gesicht mit sympathischer Ausstrahlung. Die Vorliebe für gutes Essen sah man seinem leichten Bauchansatz an. Besonders die asiatische Küche hatte es ihm angetan. Zum gesundheitlichen Ausgleich dieses Lasters verzichtete er jedoch vollkommen auf Zigaretten und Alkohol, wobei letzteres für einen Lokalreporter normalerweise das Karriere-Aus bedeutete. Wo, wenn nicht an der Biertheke, erfuhr man die Hintergründe zu den Dingen, die Menschen bewegten? Wie Schmitz es geschafft hatte, trotz seines erklärten Nicht-Biertrinkertums ein Rechercheur mit so hervorragenden Kontakten in der Bevölkerung zu werden, war vielen seiner Kollegen schlicht ein Rätsel. Vielleicht war es einfach seine gewinnende Art, mit der er Gesprächspartner für sich einzunehmen wusste, sodass sie ihm dann häufig mehr preisgaben, als sie sich eigentlich vorgenommen hatten.

Lena, eine Volontärin, rief von einem der Computertische herüber. „George, der Typ von der Gangelter Feuerwehr hat wieder angerufen!”

„Ich hoffe, du hast ihm meine Handynummer gegeben!”

„Klar! Und ich habe versucht, ihm zu erklären, dass du ein freier Mitarbeiter bist und hier nur auftauchst, wenn du mal nicht gerade draußen unterwegs bist. Aber das wollte er mir nicht glauben, weil so viel von dir in der Zeitung steht!”

„Das begreift der nie. Am besten, ich rufe ihn an. Hast du dir die Nummer geben lassen?”

„Hier!”

Sie rauschte herüber und gab George einen Zettel.

„Geht es etwa immer noch um den Brand von letzter Woche?”, fragte der Chef vom Dienst und verzog dabei das Gesicht.

„Nein, wahrscheinlich um das Jahresfest der Feuerwehr von Gangelt.”

„Und dann hat noch jemand anderes angerufen – auch ein Feuerwehrmann”, berichtete Lena. „Das war der Herr Milthaler aus Gangelt. Er dachte, du wärst zufällig mal hier, weil dein Handy wohl nicht eingeschaltet war. Wahrscheinlich wird er es dann in nächster Zeit noch mal versuchen.”

George nickte.

„Akku leer”, meinte er. „Aber inzwischen ist er wieder randvoll. Hat Herr Milthaler gesagt, worum es ging? Wenn es nämlich in Gangelt gebrannt hätte, hätte ich eigentlich davon hören müssen ...”, sagte er grinsend in Richtung seines Chefs.

„Es ging um irgendein Fest.”

„Ach ja”, seufzte George. „Das Jahresfest der Freiwilligen Feuerwehr von Gangelt.”

Nun lachte auch der Chef vom Dienst. „Lange kein Mord oder etwas ähnlich Spektakuläres in der Gegend passiert, was, George? Dass du dich jetzt schon mit so einem Kleinkram wie Feuerwehrfesten abgeben musst, spricht doch Bände über die zurückgehende Kriminalitätsrate in unserer Region!”

„Warum macht ihr dann daraus nicht eine Schlagzeile?”, gab George den Ball zurück. „VERBRECHENSRATE IM SELFKANT RÜCKLÄUFIG – MORDREPORTER WIRD JETZT ARBEITSLOS!”

„Besonderer Service der Zeitung: Unser Star-Reporter schreibt jetzt auf Wunsch für Ihre Hochzeitszeitung!”, ergänzte Lena. „Das wäre doch was!”

Alle lachten.

„Aber mal ehrlich”, sagte George und strich sich dabei mit einer etwas hektisch wirkenden Geste den dunkelblonden, aber schon leicht ergrauten Schurrbart glatt. „In den nächsten zwei Wochen werde ich es wirklich mal etwas ruhiger angehen lassen.”

„Dann darf aber kein Mord, kein lokaler Polit-Skandal und kein spektakulärer Unfall dazwischenkommen, oder?”, meinte der Chef vom Dienst.

Augenzwinkernd antwortete George: „Es gibt ja noch Polizei und Feuerwehr. Ich muss ja nicht alles alleine machen!”

„Darf man fragen, was du vorhast?”, fragte der Chef vom Dienst und lehnte sich in seinem breiten Bürosessel zurück, während Lena wieder zu ihrem Platz zurückging.

Schmitz’ Vorliebe für Fernreisen war unter den Kollegen bekannt. Ab und zu konnte man daher auch vollkommen genrefremde Reiseberichte von dem rührigen Reporter lesen, in denen er seine persönlichen Eindrücke zu Papier – oder besser gesagt in seinen Laptop brachte. Besonders Asien und Afrika hatten es ihm angetan und zogen ihn immer wieder aufs Neue an. Für den rundum geerdeten, in seiner Region verwurzelten Schmitz war das wie ein Kontrastprogramm zu seinem sonstigen Leben, in dem er mindestens die Hälfte aller wichtigen lokalen Funktionsträger duzte und viele schon seit Jahren kannte. Hier in seinem Revier war ihm beinahe „jeder Bierdeckel“ vertraut und da brauchte er ab und zu die Abwechslung des Exotischen und Unvermuteten.

Aber das war es diesmal nicht. „Ich muss dich enttäuschen, es geht nur bis Gangelt”, sagte George und genoss es, die Augen seines Chefs vor Verblüffung hervortreten zu sehen.

„Bis Gangelt? Vielleicht Gangelt in Florida oder so etwas – oder meinst du wirklich unser Gangelt?”

„Unser Gangelt”, bestätigte George.

„Dann lass mich raten: Du bist doch an einer Story dran! Jemand hat den Mercator-Stein am 51. Breitengrad umgestürzt und du verrätst mir nichts davon, weil du in Ruhe an der Sache arbeiten willst!”

„Nein, es ist ganz einfach. Meine Frau macht eine Kur in Bad Pyrmont und da dachte ich mir, ich könnte es mir ja auch mal richtig gut gehen lassen. Jetzt hat doch in Gangelt dieses neue Mercator-Hotel eröffnet und ich werde mich mal ein paar Tage dort einquartieren, das Wellness-Programm testen, sehen, was die Küche zu bieten hat und so weiter. Einfach mal die Füße komplett hochlegen.”

„Nicht schlecht”, staunte sein Gegenüber und sah ihn ungläubig an.

„Unter die Hotelkritiker bist du jetzt aber nicht gegangen, oder?”

George lächelte auf seine hintergründige Weise.

„Wer weiß? Schließlich bin ich unabhängiger Journalist und da soll mir das mal jemand verbieten.”

Er gab seine Daten für die letzten Artikel per USB-Stick ab, hielt noch hier und da ein Schwätzchen mit dem einen oder anderen Zeitungskollegen, um über alles auf dem Laufenden zu bleiben, was sich in der Region so tat und verließ anschließend die Redaktion genauso gut gelaunt, wie er sie betreten hatte.

In den nächsten Tagen würden noch ein paar Artikel von ihm abgedruckt werden. Aber dann?

Anderthalb Wochen Tageszeitung ohne Georg Schmitz.

Sowohl für die Leser als auch für George selbst würde das ziemlich ungewohnt sein.

George ging zum Parkplatz und stieg in seinen blauen VW Lupo. Die Reisetasche befand sich schon gepackt im Kofferraum – der unverzichtbare Laptop und seine Kamera allerdings auch. Man konnte ja nie wissen! Und George hatte nicht die Absicht, den Albtraum eines jeden Reporters wahr werden zu lassen, der da lautete: Es passiert etwas und man hat keine Möglichkeit, darüber zu schreiben, weil man ohne Laptop und anderes Handwerkszeug dasteht.

Und falls nichts geschehen sollte, was es wert gewesen wäre, in die Laptoptasten gehackt zu werden, dann könnte er sich zumindest schon mal an das Linux-Betriebssystem gewöhnen. Das hatte er sich neu aufgespielt, weil er die Fehler und Sicherheitslücken von Windows XP und einem Bill Gates einfach satt hatte.

Elf Kilometer waren es von Geilenkirchen bis Gangelt.

Wirklich keine Weltreise!

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Gemütlich schlenderte Jan van Pollak über den Lütticher Flohmarkt. Es war ein kühler, aber sonniger Sonntagmorgen. Dutzende von Sprachen klangen durcheinander.

Vom Kleintier bis zu einem großen Angebot von russischsprachigen Büchern und Videos konnte man hier alles bekommen. Trödel und Tand ebenso wie wertvolle Antiquitäten. Manchmal beides auf eine Weise gemischt, die es schwer machte, das Wertvolle vom nicht so Wertvollen zu unterscheiden.

Jan van Pollak war 42 Jahre alt. Er hatte Kunstgeschichte und Bibliothekswissenschaften in Bonn und Amsterdam studiert und sogar einen akademischen Grad erwoben. Dr. van Pollak konnte er sich nennen. Aber das hatte dem Sohn eines Belgiers und einer Deutschen nicht viel genützt. Er fuhr seit ein paar Jahren in Lüttich Taxi, nachdem er die Hoffnung, irgendwann zu habilitieren und einen Lehrstuhl zu bekommen, aufgegeben hatte. Mit einem Antiquariat für alte Bücher war er pleitegegangen und hatte einen Offenbarungseid leisten müssen. Mit dem Taxi verdiente er so viel, wie er brauchte und durfte, ohne seine Gläubiger begehrlich zu machen.

Nebenbei hatte er noch ein paar Einnahmen aus einer schwarzen Quelle. Er machte Expertisen von Kunstwerken und Antiquitäten für Leute, die am Rand der Legalität arbeiteten. In vielen Fällen war er wohl eher auf der anderen Seite der Grenze, die das Gesetz zog. Es waren Kunstwerke von zweifelhafter Herkunft, die er für ein Handgeld beurteilte. Ob sie gestohlen oder illegal eingeführt waren, das wollte van Pollak gar nicht so genau wissen.

Jedenfalls bekam er so das nötige Honorar, um auf Flohmärkten wie diesem seiner Leidenschaft für alte Bücher nachzugehen. Meistens war es nicht der Rede wert, was so angeboten wurde. Übelriechender Papiermüll, nur ein paar Cent wert. Manche der Händler boten konsequenterweise Bücher gleich als Kiloware an.

Aber hin und wieder gab es ein paar rare Schmuckstücke in all diesem billigen Zeug zu finden. Wertvolle Erstausgaben zum Beispiel oder uralte Kartensammlungen. Die Händler wussten dann zumeist gar nicht über den Wert ihrer Ware Bescheid.

Ab und zu hatte van Pollak schon das eine oder andere Schnäppchen gemacht. Da er wusste, wo man solche wertvollen Ausgaben zu einem reellen Wert an den Mann bringen konnte, war fast immer ein ganz ansehnlicher Gewinn drin.

Der Stand, an dem van Pollak jetzt stehen blieb, gehörte einem Russlanddeutschen, der schlecht Deutsch, noch schlechter Flämisch und überhaupt nicht Französisch sprach. Ein Drittel seines Angebots bestand aus russischen Romanen, der Rest aus einem Sammelsurium aus staubigen Taschenbüchern und dicken Folianten in Deutsch, Niederländisch und Französisch.

Van Pollak interessierte sich für ein paar Bände mit aufwändigen Farbtafeln, die vor dem ersten Weltkrieg herausgebracht worden waren. Sie lagen direkt neben einigen Stapeln mit Romanheftchen. Die deutschen und die niederländisch-flämischen Ausgaben von Jerry Cotton und Perry Rhodan fielen ihm auf. Van Pollak griff jedoch zu einem anderen Buch, einem Atlas aus dem Jahre 1889. Neugierig blätterte er etwas darin herum.

Die Bindung hatte sich bereits ziemlich aufgelöst.

Er legte ihn zur Seite, weil etwas anderes sein Interesse erregte.

Es war ein altes Buch mit einem schwarzen Einband. Die Goldlettern auf dem Rücken waren fast verblasst. Aber man konnte sie noch lesen: Hermann von Schlichten, ABSONDERLICHE KULTE.

Van Pollak nahm das Werk an sich, schlug es auf und sah auf das Erscheinungsjahr: 1899.

Es war die legendäre Erstausgabe eines okkulten Kompendiums, das ein im Wahnsinn endender Geisterbeschwörer im Wien der Jahrhundertwende verfasst hatte. Ein Zeitgenosse von Gustav Meyrink und vielleicht sogar mit ihm bekannt.

„Dreihundert Euro!“, dachte van Pollak. „Mindestens!“

Ihm war bekannt, dass dieses Kompendium nie wieder aufgelegt worden war, sich jedoch in der Okkultistenszene großer Beliebtheit erfreute. Mit etwas Glück glaubte van Pollak sogar das Doppelte herausholen zu können.

Er blätterte in den Seiten herum.

In erster Linie achtete er darauf, dass der Band vollständig war und nicht jemand etwas herausgerissen hatte. Ein herausgerissenes Deckblatt reichte schon, um den Wert zu halbieren.

Es fehlte jedoch nichts.

Und der Besitzer des Werkes hatte seinen Namen sehr dezent in eine Ecke des Deckblattes geschrieben: Jakob Weyden, Duisburg stand dort in Blockbuchstaben. Wann dieser Band im Besitz eines gewissen Herrn Weyden aus Duisburg gewesen war, konnte man allerdings so nicht feststellen.

Beim Durchblättern rutschte plötzlich an einer Seite etwas heraus: ein zusammengefalteter Bogen Papier. Erst wollte van Pollak ihn zurückschieben, doch neugierig geworden, zog er ihn komplett heraus. Das Papier unterschied sich in seiner Beschaffenheit und Farbe sehr stark von dem des Buches. Es war viel gröber und besaß eine mehr gelbliche Farbe.

Van Pollak faltete den Bogen auseinander.

„Eine Karte!“, stellte er überrascht fest. Ein deutliches Kreuz markierte einen bestimmten Punkt. Zwei Linien waren hervorgehoben. Der 51. Breiten- und der 6. Längengrad! Am Rand befanden sich eigenartige Kombinationen aus Zahlen und Buchstaben sowie das Namenszeichen Mercators.

Van Pollak schluckte. Sein Herzschlag beschleunigte sich.

„Mein Gott!“, durchfuhr es ihn. „Ich hätte nicht gedacht, dass es sie wirklich gibt!“

In seinem Studium der Geschichtswissenschaften hatte er einiges über Mercator gelesen und erfahren, dass dieser seinem Sohn auf dem Sterbebett eine geheimnisvolle Karte übergeben hatte. Seinem Sohn war es nicht gelungen, das Geheimnis der Karte zu entschlüsseln. Obwohl in der jetzigen Zeit noch manche Mercatorkarten erhältlich waren, blieb diese jedoch bis zum heutigen Tage verschollen.

„Du wollen kaufen?”, fragte der Russe. „Immer vorsichtig, ist alt!”

„Was wollen Sie dafür haben?”, fragte van Pollak, der die Karte wieder zusammenfaltete.

„War Zettel in Buch?”

„Ja.”

„Dann wieder reinlegen! Ist alt... und wertvoll. Gibst du fünfzig Euro?”, fragte der Russe.

„Vierzig”, bot van Pollak an.

„Fünfundvierzig.”

„Okay!”, meinte van Pollak und besiegelte damit den Handel.

Handeln war Ehrensache, fand van Pollak. Außerdem hätte er den Russen nur misstrauisch gemacht, wenn er das Buch für 50 Euro gleich gekauft hätte.

Aber auf die dreihundert Euro, die er mit Hermann von Schlichtens ABSONDERLICHEN KULTEN verdienen konnte, kam es jetzt gar nicht mehr an.

Dreihundert Euro ...

Van Pollak lächelte.

Die Karte war mindestens drei Millionen wert!

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Van Pollak ging zu seinem Wagen, einem gebrauchten Toyota mit reichlich Roststellen an der Karosserie. Die Ausgabe der ABSONDERLICHEN KULTE mit der Karte darin hatte er unter den Arm geklemmt und legte sie nun auf den Beifahrersitz.

Dann nahm er das Mobil-Telefon aus der abgewetzten Lederjacke, die selbst wie eine Antiquität wirkte. Ein Prepaid-Handy. Mehr konnte er sich nicht leisten. So um die zwanzig Euro hatte er noch an Guthaben. Hoffte er zumindest.

Er wählte eine Nummer aus dem Menü und sprach dann in fließendem Flämisch:

„Hör mal, du musst für meine Taxi-Schichten in der nächsten Woche jemand anderen einplanen ... Nein, ich kann nicht. Nein ... Ich bin die ganze Woche nicht da, tut mir leid.”

„Und wahrscheinlich werde ich nie wieder Taxi fahren müssen, wenn ich zurückkehre!“, dachte er für sich.

Dann lehnte er sich zurück.

Er schloss für einen Moment die Augen und genoss einfach nur dieses riesige Glücksgefühl, das in ihm aufstieg. Noch konnte er es gar nicht richtig fassen!

Über 5000 Goldgulden soll der Adjutant des Herzogs von Jülich im Jahre 1554 gestohlen haben, bevor ihn das Gericht des Herrn in Form eines feigen Raubmörders hinweggerafft hatte.

„Niemand weiß bis heute, wo dieser Schatz versteckt ist! Aber für jemanden, der sich im Besitz dieser Karte befindet, und gleichzeitig über mittelalterliche Verschlüsselungstechniken Bescheid weiß, sollte es doch kein Problem sein, den Ort zu finden,“ dachte van Pollak.

Dummerweise konnte er diese Sache nicht allein durchziehen. Er brauchte Hilfe. Und dabei ging es weniger darum, jemanden zu finden, der bereit war, eine Schaufel in die Hand zu nehmen, als vielmehr jemanden, der dafür sorgte, dass die Goldgulden in die richtigen Hände verkauft wurden.

Van Pollak kannte sich aus.

In Nordrhein-Westfalen sah ein Gesetz vor, dass beim Fund eines Schatzes die Hälfte dem Entdecker und die andere Hälfte dem Eigentümer des Fundortes zugesprochen wird.

Van Pollak hatte allerdings nicht die Absicht zu teilen. Im Gegenteil! Es gab vielleicht sogar Personen, die bereit waren, noch sehr viel mehr zu bezahlen als den angesetzten Schätzwert, der im Wesentlichen den Materialwert berücksichtigte.

Menschen, denen es wichtig war, etwas Einzigartiges zu besitzen und die gar nicht daran dachten, mit diesen Goldmünzen auf den Markt zu gehen.

Außerdem bestand die Möglichkeit, die Goldgulden einzeln zu verkaufen, woraus sich vielleicht ein noch wesentlich höherer Gewinn erzielen ließ.

Vorausgesetzt natürlich, man hatte die richtigen Kontakte.

Aber über diese verfügte van Pollak.

Schließlich waren das genau die Leute, die ihn ansonsten mit Expertisen beschäftigten.

Van Pollak öffnete die Augen und wählte eine weitere Nummer.

Es war eine Nummer in Deutschland.

Eine Aachener Vorwahl.

„Hier ist van Pollak. Wir müssen uns dringend treffen.”

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George setzte seine Reisetasche und den kleinen Koffer mit dem Laptop auf dem Boden ab. Er atmete tief durch, ließ den Blick durch das Foyer des neu errichteten Mercator-Hotels in Gangelt schweifen und sah dann den Portier an der Rezeption an.

„Schmitz”, sagte er nur. „Ich habe reserviert.”

„Georg Schmitz”, gab der Portier zurück, ohne in seinen Unterlagen nachschauen zu müssen. „Von der Zeitung.”

„Richtig.”

„Ich habe Sie gleich wiedererkannt!”

Schmitz hatte Kolumnen geschrieben, die auch einen Schattenriss seines markanten Gesichts zeigten. Normalerweise war es ihm nicht unangenehm, wie eine lokale Persönlichkeit gleich erkannt zu werden. Allerdings war er diesmal in rein privater Sache unterwegs und da wäre es ihm eigentlich schon lieber gewesen, nicht als Reporter erkannt und angesprochen zu werden. Er hatte sogar überlegt, unter falschem Namen zu reservieren, um endlich einmal ungestört entspannen zu können. Aber das hatte sich jetzt erledigt. Außerdem wäre er mit dem Gesetz in Konflikt gekommen. Und das wollte er partout nicht.

„Unter diesem Aspekt gesehen war es vielleicht ein Fehler, nach Gangelt zu gehen, um sich zu erholen,“ dachte er. „Aber nur unter diesem ...“

In diesem Augenblick betrat Edmund-Josef Wolf, der Hotelmanager, das lichtdurchflutete Foyer. Er war mittelgroß. Seine aufmerksamen Augen ließ er durch den Raum schweifen. Diesen Augen entging nichts. Keine falsch gefaltete Serviette und keine Falte in einer Tischdecke. Als Manager war er letztlich für alles verantwortlich. Man sagte ihm wie den meisten seiner Kollegen Pedanterie nach, aber die konsequente Kontrolle über alle Kleinigkeiten war in Wolfs Gewerbe wahrscheinlich die Grundlage des Erfolgs – und die Fähigkeit, den eigenen Betrieb aus der Sicht des Kunden zu sehen. Dass er selbst ein Gourmet war, gestattete ihm manchmal, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden.

Wolf ging mit weiten, zielstrebigen Schritten auf George zu und gab ihm lächelnd die Hand.

„Schön, wieder die Presse im Haus zu haben”, sagte er und lachte Schmitz freundlich zu.

„Diesmal bin ich rein privat hier”, antwortete der Reporter schnell.

Wolfs Blick fiel auf die Laptop-Tasche.

„Na ja, so wie jemand wie Sie eben privat ist”, meinte er augenzwinkernd. „Ich hoffe, es springt dabei ein schöner Artikel über unser Hotel heraus. Internet-Anschluss finden Sie bei uns in jedem Zimmer, aber das wissen Sie ja.”

„Eigentlich habe ich vor, ein paar Tage gar nichts zu schreiben”, sagte George.

„Glaubst du wirklich selbst daran?“, überlegte er dabei. „Das wäre doch wohl das erste Mal, dass du das auch tatsächlich durchhältst!“

„So, so”, meinte Wolf.

Er verzog keine Miene, aber irgendwie hatte George das Gefühl, dass der Hotelmanager ihm nicht recht glaubte.

Lächelnd erwiderte George: „Meine Frau lässt es sich in Bad Pyrmont bei ihrer Kur gut gehen. Da dachte ich, dass ich auch mal was für mich tue und ausprobiere, was es bei Ihnen an Wellness und Komfort so alles gibt! Sauna, Schwimmbad, Massage ... Wenn man viel sitzt, zwickt es einem nämlich immer schnell im Rücken!”

„Da kann ich Ihnen nur die Dienste unseres Physiotherapeuten Bas Horsmans empfehlen. Eine Spitzenkraft in seinem Beruf. Der wird Ihnen sicher helfen können.”

„Danke, darauf werde ich zurückkommen.”

„Davon abgesehen möchte ich besonders auf unseren exquisiten Weinkeller hinweisen. Und vielleicht fällt Ihnen ja doch noch etwas ein, was Sie über uns zu Papier bringen können. Und sei es auch nur eine lustige Glosse oder so etwas. Sie wissen, dass aller Anfang schwer ist und wir jede Zeile brauchen können, die auf uns aufmerksam macht.”

George hob abwehrend die Hände. „Diesmal ganz sicher nicht. Den Laptop habe ich nur dabei, weil ...” Er zögerte. „Na ja, falls doch irgendetwas ganz Außergewöhnliches passiert. Es ist der absolute Reporteralbtraum, dass etwas in unmittelbarer Nähe passiert und man nichts dabei hat, um darüber schreiben zu können!”

„Mit anderen Worten: Es müsste schon ein Mord im Mercator-Hotel passieren, damit man Sie an die Tasten bekommt!”, lächelte Wolf.

„Aber so etwas will ja niemand ernsthaft hoffen”, gab Schmitz leicht entsetzt zurück.

„Natürlich nicht. Ich wünsche Ihnen auf jeden Fall einen schönen Aufenthalt hier im Mercator-Hotel - auch wenn davon leider niemand erfahren wird.”

„Danke, danke”, meinte George artig und wollte schon zu seinem Zimmer gehen.

Auch Wolf war bereits wieder auf dem Sprung, aber der Portier wandte sich an ihn.

„Herr Wolf?”

„Ja?”

„Herr Hamacher hat vorhin angerufen. Wegen der Hochzeit heute Abend.”

„Ah, ja.”

„Er fragt, ob er seine Scheinwerfer schon heute Nachmittag in den Raum bringen kann und möchte deswegen zurückgerufen werden.”

„Sagen Sie ihm: Nicht vor 14.30 Uhr.”

„Gut.”

Wolf nickte George noch einmal freundlich zu und ging dann eilig davon.

Der Reporter blieb nun doch noch in der Halle stehen. Er wusste natürlich, wer dieser Herr Hamacher war. In gewisser Weise handelte es sich um einen Kollegen. Der Postbeamte betrieb nebenberuflich ein Pressebüro und war auch als freier Mitarbeiter für die gleiche Zeitung tätig.

Fotografieren war sein in professioneller Qualität betriebenes Hobby. Ab und zu schaute George unter www.foto-hamacher.de vorbei, um sich über Ereignisse aus der Umgebung auf dem Laufenden zu halten.

Er wandte sich an den Portier.

„Wer heiratet denn?”

„Bernd Walters, ein Industrieller aus Aachen.”

„Na, wenn so jemand hier heiratet, dann hat sich der Ruf des Mercator-Hotels aber schon weit herumgesprochen!”

Der Portier lächelte verhalten. „Dass die Hochzeit hier stattfindet, liegt wohl eher daran, dass seine Zukünftige, Samira Petzold, von hier stammt.”

George runzelte die Stirn. Der Name war ziemlich ungewöhnlich und irgendwo klingelte da etwas in seinem Kopf.

Dann schnipste er mit den Fingern. „Rote Haare, Sommersprossen, ausladende Formen, etwa ein Meter fünfundsiebzig groß?”

„Stimmt.”

„Die müsste jetzt so Ende zwanzig sein. Als 16-jährige Schülerin war sie mal in einen Unfall verwickelt, über den ich berichtet habe. Sie war mit dem Fahrrad unterwegs und ein LKW-Fahrer hatte sie übersehen und angefahren. Vom Fahrrad war nur noch ein Knäuel von Metallrohren übrig – aber ihr war nichts passiert! Man sprach damals von einem Wunder und selbst die Bildzeitung hat davon berichtet.”

„Tut mir leid, ich bin nicht von hier”, sagte der Portier. „Darüber weiß ich nichts.”

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Schmitz bezog wenig später sein Zimmer. Internet-Anschluss, Fernseher, ein bequemes Bett, eine Minibar und ein gemütliches, chices Ambiente – es war für alles gesorgt, was man als Gast mit gehobenen Ansprüchen so brauchte. Aus seinem Fenster hatte er eine schöne Aussicht auf den Gangelter Burgturm und die umliegenden Felder.

Zu Mittag aß er mit Genuss Züricher Geschnetzeltes mit Spätzle.

Mit asiatischer Küche, die George normalerweise bevorzugte, konnte das Mercator-Hotel natürlich nicht dienen. Aber von dieser Vorliebe einmal abgesehen, war George vielseitig kulinarisch interessiert und gegenüber allen Genüssen sehr aufgeschlossen.

Etwas verwundert war er schon, als der Koch ihn persönlich am Tisch fragte, wie es ihm geschmeckt habe.

„Das Menü war ausgezeichnet”, entgegnete George.

„Der eigentliche Grund dafür, dass ich Sie anspreche ist, dass ich immer Ihre Artikel lese und dann meinen Namen sehe ...”

„Wie?”, fragte George irritiert.

„Ich heiße auch Schmitz. Michael Schmitz.”

Schmitz seufzte. „Ja, da teilen wir ein Schicksal: Wir sind zahlreich. Ich kenne sogar mindestens noch fünf andere Leute, die Georg Schmitz heißen. Aber da mich jeder George nennt, gibt es ja keine Verwechslungsgefahr.”

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Den Nachmittag verbrachte George mit verschiedenen Wellnessanwendungen im Mercator-Hotel. Er schwitzte in den verschiedenen Saunen und zog seine Runden im Schwimmbad. Zunächst fiel es ihm schwer, sich zu entspannen. Immer wieder glaubte er, sein Handy klingeln zu hören. Aber das legte sich nach kurzer Zeit. Dass man natürlich Handys in diese Bereiche nicht mitnehmen konnte, schon der Feuchtigkeit wegen, leuchtete ihm ein. Natürlich auch um die anderen Gäste nicht zu stören.

Spätestens nachdem sich der Physiotherapeut Horsmans, ein sympathischer und sehr freundlicher Niederländer, eingehend mit ihm beschäftigt hatte, war er so entspannt wie schon seit Jahren nicht mehr. Selbst an sein Handy verschwendete er keinen Gedanken und genoss die unbeschwerte Ruhe.

Am Abend wurde im Mercator-Hotel die Hochzeit des Industriellen Bernd Walters gefeiert. George beschloss, sich nicht in der Nähe blicken zu lassen, da man vielleicht erwartete, dass er einen Artikel über dieses Ereignis schreiben würde. Und das hatte er nun wirklich nicht vor. So verbrachte er noch einige Zeit in der Hotelbar und dort traf er Karl-Heinz Hamacher, der gerade eine Pause von seinem Fotografen-Job einlegte.

„Ist hier was passiert und ich habe nichts davon mitbekommen?”, fragte Hamacher augenzwinkernd. „Oder was führt dich sonst hierher?”

„Diesmal nur die Lust zu faulenzen und sich den Rücken durchkneten zu lassen”, sagte George.

„Na, da bin ich ja froh!”

Während beide noch einen Drink bestellten, gesellte sich eine weitere Person zu ihnen an die Bar. Für beide kein Unbekannter. Dr. Martin Achten war vor seinem Ruhestand der Zahnarzt für die Gangelter Bevölkerung. Er gehörte offenbar zur näheren Verwandtschaft oder Bekanntschaft der Brautleute und war wohl deswegen eingeladen.

Dr. Achten schwitzte.

„Ich hab noch mal mit meiner Frau einen Walzer wie früher aufs Parkett gelegt, aber jetzt brauche ich eine Pause”, meinte er und bestellte ein Bier. Er sah sich neugierig um. „Hier im Mercator hat sich ja einiges getan, wenn man bedenkt, dass das Richtfest noch nicht mal ein halbes Jahr her ist.”

„Apropos Mercator”, sagte Hamacher. „Sie sind doch ein anerkannter Mercator-Spezialist, Herr Dr. Achten.”

„Na ja, das eine oder andere habe ich schon herausgefunden”, sagte er bescheiden.

„So unwesentliche Dinge wie die Tatsache, dass Mercators Eltern aus Gangelt stammen zum Beispiel”, mischte sich George augenzwinkernd ein.

„Wann war Mercator eigentlich zuletzt hier in Gangelt?”, fragte Hamacher interessiert.

„Das müsste 1554 gewesen sein”, überlegte Dr. Achten laut. „Jedenfalls hat er da einige Vermessungsfahrten durchgeführt und ich vermute, dass ihm da die Idee kam, den Schnittpunkt zwischen dem 51. Breitengrad und dem 6. Längengrad genau auf Gangelt zu legen.”

„Das hat mich nämlich vor kurzem meine Cousine gefragt. Sie betreibt ja eine Pension hier in Gangelt und sie hatte wohl einen Gast, der als Hobby private Mercator-Studien durchführte. Vielleicht kennen Sie den, aber ich komme jetzt auch nicht auf den Namen.”

Während Dr. Achten in seinen Ausführungen über Mercator weiterfuhr, musste George ständig gähnen.

„Die Sauna und die Physiotherapie haben mir wohl ziemlich zugesetzt”, meinte er nach einigen verzweifelten Versuchen, sich am Gespräch zu beteiligen. „Ich glaube, ich gehe heute mal etwas früher ins Bett.”

„Vorher sollten Sie aber doch noch die Köstlichkeiten der Abendkarte probieren!”, meinte Hamacher.

„So?”

„Die haben exquisite Sachen hier.”

„Mal sehen ...”

George verabschiedete sich und strebte müde seinem Zimmer zu.

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In dieser Nacht schlief Schmitz schnell ein. Vielleicht lag es daran, dass er den Kochkünsten seines Namensvetters mit der Chefkochmütze doch nicht hatte widerstehen können und am Abend noch ein schmackhaftes Mahl genossen hatte.

Es war schon nach Mitternacht, als er auf einmal wach wurde. Um etwas frische Luft hereinzulassen, öffnete er das Fenster und blickte hinaus in die Nacht. Der Mond stand wie ein verwaschener Fleck am Himmel. Nur vereinzelt waren in Gangelt jetzt noch Geräusche zu hören.

Hier und da fuhr noch ein Wagen über die Sittarder Straße, aber die Intervalle dazwischen, in denen es fast ganz still war, wurden deutlich länger. Eine ganze Weile saß George einfach nur am Fenster und blickte in die Nacht. Er dachte nach und ließ den Gedanken freien Lauf.

Das Gespräch an der Bar hing ihm noch nach. Den genauen Grund dafür konnte er auch nicht sagen.

„Wahrscheinlich war ich schon so müde, dass die Worte direkt in mein Unterbewusstsein gingen und dort jetzt herumkreisten wie ein scheinbar zielloser Schwarm Zugvögel!“, überlegte er.

Dr. Achten hatte erzählt, dass ein gewisser Gerhard Kremer aus Gangelt sich später Gerardus Mercator nannte. Dieser Name war zweifellos dem besten Globographen seiner Zeit weitaus angemessener als der Allerweltsname, den ihm seine Eltern mit ins Leben gegeben hatten.

„Und ein gewisser Georg Schmitz nennt sich „George”, dachte der Reporter lächelnd. „Zumindest in diesem Punkt gibt es eine Parallele ...“

Ein kurzer, schriller Schrei holte George schlagartig aus der Tiefe seiner Gedankenwelt heraus.

Der Schrei war durchdringend.

„Ein Verbrechen!“, war Schmitz’ erster Gedanke.

Aber als dann ein gurgelnder Laut folgte, senkte sich sein Pulsschlag bereits spürbar. „Nein, wahrscheinlich nur ein Betrunkener, der den Weg nach Hause nicht gefunden hatte!“

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Als am Morgen um fünf Uhr die Sirenen von Polizei und Notarzt durch Gangelt schrillten und George aus dem Schlaf gerissen wurde, ahnte der erfahrene Reporter bereits, dass vielleicht hinter dem Schrei in der Nacht mehr steckte als er zunächst angenommen hatte.

Innerhalb weniger Sekunden saß er senkrecht im Bett. Die Reporterspürnase meldete sich. Er spurtete zum Fenster und spähte hinaus. Der Morgen dämmerte und noch ein weiterer Einsatzwagen fuhr mit quietschenden Reifen um die Kurve.

„Da Polizeifeste immer nachmittags oder abends stattfinden, kann diese Ansammlung von Dienstfahrzeugen wohl nur bedeuten, dass da etwas anderes passiert ist!“

George war im Nu angezogen. Dieser Versuchung konnte er einfach nicht widerstehen.

Er griff automatisch nach seiner Kamera und verließ eiligst das Hotel. Wenig später hatte George den Platz vor dem alten Rathaus in Gangelt erreicht. Er brauchte einfach nur dem Lärm und dem Klang der Sirenen nachzugehen, um herauszufinden, wo etwas geschehen war.

Im morgendlichen Halbdunkel blinkten überall die Lichter von Einsatzfahrzeugen. Der Rettungsdienst war da – und ebenso die Polizei mit verschiedenen Fahrzeugen.

Eine Menschentraube verdeckte die Sicht.

Vor allem Polizisten, Feuerwehrleute, Helfer des Rettungsdienstes – und natürlich Passanten, die um diese frühe Zeit schon zur Arbeit mussten.

Ein recht stattlicher Mann mit grauem Haar und normalerweise einem humorvollen ruhigen Lächeln im Gesicht kam dem Reporter aufgeregt entgegen.

Aber dieses Gesicht war jetzt vollkommen blass geworden und von Humor war auch nichts zu sehen.

George kannte ihn - wie fast jeden in der Gegend. Es handelte sich um Herrn Schütz, den Ortsvorsteher von Gangelt.

Von Beruf war er Fluglotse und wenn man ihn reden hörte, dann sprach sein saarländischer Dialekt dafür, dass hier ein Zugezogener offenbar erfolgreich integriert worden war.

Als er George sah, ging er zielstrebig auf den Reporter zu.

Herr Schütz wirkte sichtlich schockiert.

George hatte ihn noch nie so erlebt.

„Man hat einen Toten gefunden!”, brachte Herr Schütz aufgelöst heraus. „Dem hat jemand eine Möhre in den Hals gerammt!”

„Was?”

„Er hatte die Kette des alten Prangers um den Hals und hing daran – mit der Möhre im Mund!”

„Und das neben der Statue vom Muhrepenn!”, murmelte George. Damit hatte es etwas Besonderes auf sich. Vor dem alten Gangelter Rathaus stand die Statue eines Gänserichs, der eine Möhre im Schnabel hielt und an eine Legende aus der Gangelter Geschichte erinnerte. Danach hatten die Gangelter Bürger 1594 ein Fest nicht unterbrechen wollen, als Soldaten aus Brabant anrückten, um die Stadt anzugreifen. Hinter den dicken Mauern fühlte man sich schließlich sicher. Allerdings fehlte für eines der Stadttore ein Holzriegel. Einer der Wachhabenden nahm stattdessen einfach eine dicke Möhre, die diesen Zweck genauso gut erfüllen konnte. So feierten die Gangelter einfach weiter und auch die Wachen sahen nicht ein, dass sie besonders aufpassen sollten. Am Abend kehrten die Gänse zurück. Ein Gänserich entdeckte die Möhre, riss sie heraus und fraß sie, woraufhin die Feinde ohne Mühe in die Stadt eindringen und sie plündern konnten.

An diese legendäre Begebenheit sollte der Gänsebrunnen, der sich im Laufe der Zeit zu einer Art Wahrzeichen des Ortes entwickelt hatte, erinnern.

Neben dem Gänsebrunnen hatte man einen alten Pranger aufstellen lassen, an dem sich vor allem viele Kinder und Jugendliche sehr interessiert zeigten. Ein beliebtes Fotomotiv war, „sich an den Pranger zu stellen” und dabei den Gänsebrunnen im Vordergrund und das alte Rathaus im Hintergrund zu haben.

Dass man nun an dieser historischen Stätte eine Leiche mit einer Möhre im Rachen gefunden hatte, konnte man fast, wenn es nicht so tragisch gewesen wäre, als einen ironischen Kommentar zur Stadtgeschichte Gangelts auffassen.

„Ich habe den Toten entdeckt”, sagte Herr Schütz. „Ich kann Ihnen sagen, da wird einem schon anders.” Dabei strich er sich mit dem Handrücken einige Schweißperlen von der Stirn.

„Dann haben Sie Polizei und Rettungsdienst alarmiert?”, fragte er.

„Ja, sicher. Eine erste Aussage habe ich bei den Freunden und Helfern in Grün auch schon gemacht, jetzt muss ich dringend zur Arbeit. Wir sind schwach besetzt im Moment, aber Flugzeuge starten und landen nun einmal immer.”

„Alles klar”, sagte George und verabschiedete sich von Herrn Schütz.

Der Reporter drängelte sich durch die Menschenmenge.

Und dann hatte schließlich auch er einen freien Blick auf den „Muhrepenn” und den Gänserich aus Bronze sowie auf den Toten. Der hing am Pranger, indem ihm jemand den Kettenring um den Hals gelegt hatte. Die Möhre ragte ihm noch aus dem Mund. Seine geöffneten Augen waren starr und leblos.

George erschauderte. Solch ein Anblick, und das im beschaulichen Örtchen Gangelt. Dennoch machte er einige professionelle Fotos und wunderte sich noch, dass die Polizei bisher keinerlei Absperrmaßnahmen vorgenommen hatte. Er wusste auch noch nicht, ob er tatsächlich Fotos veröffentlichen oder sie überhaupt an die Zeitungsredaktion weitergeben würde. Aber es kam oft vor, dass die Polizei von ihm erstellte Fotos anforderte. Die Zusammenarbeit mit der Polizei hatte sich für George als sehr erfolgreich erwiesen.

Eine Nahaufnahme der Leiche, die so erbärmlich an der Kette hing, würde es auf keinen Fall geben. Zumindest nicht mit dem Zusatz „Foto: Schmitz”. Schließlich gab es Grenzen der Pietät und auch Tote hatten ihre Würde.

George war zwar neugierig, aber keineswegs sensationslüstern. Da verzichtete er lieber mal auf einen ganz spektakulären Schnappschuss, wenn er das Bild vielleicht teuer verkaufen, aber nicht mit seiner Person und seiner Reporterehre dahinterstehen konnte.

Außer ihm fotografierte noch jemand. Das musste ein Beamter der Kripo sein, der die Beweissicherung vornahm.

George sah sich um und entdeckte auch gleich ein paar Bekannte. Da war zum Beispiel der Erste Polizeihauptkommissar Burkhard Biewendt, ein mittelgroßer, kräftiger Mann mit braunen, kurzen Haaren und einem dichten Oberlippenbart.

Biewendt war Leiter der Polizeiwache West mit Sitz in Geilenkirchen. 55 Jahre war er jetzt und einige Jahrzehnte davon hatte er im Polizeidienst verbracht.

Er begrüßte George mit einem knappen Nicken.

„Also ganz ehrlich, so etwas habe ich auch noch nicht gesehen”, gestand er dem Reporter gegenüber. „Wenn hier in der Gegend mal ein Tötungsdelikt vorkommt, dann ist meistens jemand im Suff erschlagen worden oder dergleichen. Aber das hier, da weiß ich gar nicht, was ich davon halten soll.”

„Sieht fast so aus, als wollte der Täter das Opfer noch nach dem Tode verhöhnen – so wie die Leiche drapiert worden ist”, meinte Schmitz nachdenklich.

„Ja, den Eindruck hat man wirklich.”

„Weiß man, wer der Tote ist?”

„Nein, er hatte keine Papiere bei sich. Die Taschen wurden komplett ausgeleert. Manche waren nach außen gestülpt. Und außerdem hat es wohl vorher einen kurzen, aber sehr heftigen Kampf zwischen dem Opfer und seinem Mörder gegeben.” Biewendt blickte kurz auf die Uhr. „Mein Kollege von der Kripo müsste eigentlich schon längst hier sein”, meinte er. „Blaulicht hat der ja schließlich auch, damit er die paar Kilometer von Heinsberg hier ´runterfahren kann!”

„Wer macht das? Der Jupp Krichel?”

„Genau. Der müsste jeden Moment eintreffen. Und ich muss mich jetzt darum kümmern, dass die Feuerwehr hier alles weiträumig absperrt. Sonst ist ganz Gangelt bald auf den Beinen und will sich die Leiche angucken und wir können hier nicht mehr in Ruhe arbeiten – geschweige denn, dass wir irgendwelche Beweise sichern könnten.”

„Ah ja, der Krichel“, dachte Schmitz.

Franz-Josef, genannt „Jupp” Krichel hatte ebenfalls den Rang eines Ersten Kriminalhauptkommissars und leitete als solcher das Kriminalkommissariat 21.

George hatte früher schon öfter mit ihm zu tun gehabt. Kapitalverbrechen waren ja schließlich das Steckenpferd des Reporters.

Inzwischen bemühten sich zwei Polizisten, ein paar besonders aufdringliche Gaffer etwas auf Distanz zu halten, was ihnen schließlich mit geballter amtlicher Überzeugungskraft auch gelang. Schmitz kannte die beiden Beamten. Sie hießen Jansen und Schroten. Beide Mitte bis Ende fünfzig, beide graubärtig, beide gleich groß – so um die ein Meter fünfundsiebzig – und beide von ruhigem, umgänglichem Temperament, sodass sie die Situation schnell bereinigten, ohne dass das Ganze auch nur ansatzweise eskalierte.

Mittlerweile hatten Helfer des Rettungsdienstes den Toten aus seiner bizarren Lage befreit und vorsichtig auf den Boden gelegt.

In diesem Moment hörte George, dass eine Wagentür zugeschlagen wurde. Ein Mann mit hoher Stirn und energisch wirkenden Schritten kam mit einem Arztkoffer unter dem Arm direkt auf den Ort des Verbrechens zu.

Er sorgte dafür, dass sofort jeder wusste, wer er war.

„Dr. Belden, Gerichtsmedizin. Machen Sie bitte Platz,” befahl er im Amtston. Durch die Menschenmenge ging ein Raunen. Doch der Gerichtsmediziner hatte wohl den richtigen Ton getroffen, denn unvermittelt teilte sich die Menge der Neugierigen. So bildete sich eine schmale Gasse, die Dr. Belden zügig durchschritt.

Zu dieser Zeit traf auch Kriminalhauptkommissar Krichel von der Kreiskriminalpolizei in Heinsberg ein. Schon von weitem erkannte ihn George an seinem aufrechten Gang und der großen schlanken Statur. Der dunkelhaarige Kripobeamte war ihm bei den vielen Gelegenheiten, bei denen sie zusammengearbeitet hatten, als kompetenter und zielstrebiger Ermittler aufgefallen.

George wusste, dass Krichel für den weiteren Gang der Ermittlungen jetzt die entscheidende Instanz sein würde. Entweder der Fall würde in seine Zuständigkeit fallen, falls dies von der Art und Weise der Ermittlungen möglich war, oder der Fall würde der Mordkommission in Aachen zugeordnet werden.

George bemühte sich, noch etwas näher heranzukommen.

Einer der Sanitäter des Rettungsdienstes wandte sich an den Gerichtsmediziner.

„Der Mann war leider schon tot, als wir eintrafen”, meinte er.

„Da konnten Sie auch nichts machen”, befand der Gerichtsmediziner nach kurzer Begutachtung. „Die in den Rachen gepfropfte Möhre scheint tatsächlich die Todesursache zu sein. Aber genau kann ich das natürlich erst nach erfolgter Obduktion sagen.”

„Wann glauben Sie, sind Sie soweit, dass wir einen vorläufigen Bericht bekommen können?”, fragte George höflich.

Dr. Belden runzelte die Stirn und musterte den Reporter von oben bis unten. Er war noch nicht lange auf seinem Posten, abgesehen davon reichte George Schmitz’ legendärer Ruf auch nicht ganz bis Düsseldorf, wo sich das gerichtsmedizinische Institut befand, das Dr. Belden geschickt hatte.

„Arbeitet der auch für Sie?”, wandte er sich an Krichel, den Belden zu kennen schien.

„Nein, aber mir brennt dieselbe Frage auf der Zunge”, sagte Krichel.

Dr. Belden atmete tief durch.

„Gehen wir mal davon aus, dass die Leiche in anderthalb Stunden in Düsseldorf bei mir auf dem Seziertisch liegt und ich schon gefrühstückt habe, dann brauche ich noch mal zwei bis drei Stunden bis ich fertig bin.”

„Das bedeutet, vor Mittag wissen wir bereits mehr”, gab George seiner Hoffnung unverhohlen Ausdruck.

„Ob Sie dann mehr wissen, weiß ich nicht. Aber die Polizei schon. Wer sind Sie eigentlich?”, fragte Dr. Belden und zog erwartungsvoll seine Augenbrauen nach oben, sodass sich seine Stirn krauste.

Dass George sich irgendwo vorstellen musste, kam wirklich selten vor. Und seinen Presseausweis brauchte er noch sehr viel seltener. Er kramte ihn aus der Jackentasche und hielt ihn Dr. Belden vor die Nase.

Dieser sah ihn sich stirnrunzelnd an.

„Ich hoffe nur, dass Sie nicht alles brühwarm ausposaunen, was am Ende fahndungstaktisch von Bedeutung sein könnte!”

„Das haben wir schon unter Kontrolle”, versicherte Kriminalhauptkommissar Krichel.

„Na schön”, sagte Dr. Belden. „Alles, was ich bisher sagen kann ist, dass es einen kurzen, heftigen Kampf gegeben hat. Es gibt Kratzspuren am Hals. Vielleicht lässt sich die DNA des Täters ja sichern. Aber auch das kann ich jetzt noch nicht versprechen.”

Er deutete auf den Pranger und die herabhängende Kette. „Sieht aus wie eine Tat, die aus Hass oder Rache verübt wurde, oder?”

Er zuckte mit den Schultern.

„Ich meine, wer würde sonst einen Toten in eine so demütigende Position bringen. Das ist doch wie ein Kommentar post mortem, wenn Sie verstehen, was ich meine.”

„Wir werden in alle Richtungen ermitteln”, versprach Hauptkommissar Krichel.

George blieb noch am Tatort, um das Ende der erkennungsdienstlichen Tätigkeiten abzuwarten.

Dabei beobachtete er, wie Karl-Heinz Milthaler von der Feuerwehr in Gangelt bei Polizeihauptkommissar Biewendt auftauchte. George hörte nur mit halbem Ohr hin.

Es ging um Einzelheiten der Absperrrungen, um welche die Polizei die Feuerwehr gebeten hatte.

Es war schließlich nicht ganz unwahrscheinlich, dass der Täter bei seiner Flucht noch Spuren hinterlassen hatte. Vielleicht hatte er sich bei dem Kampf ebenfalls verletzt. Auch die Papiere, Brieftasche und was immer er dem Opfer sonst noch abgenommen hatte, musste er irgendwo gelassen haben.

Die Polizei hoffte natürlich darauf, dass er die einfachste Möglichkeit gewählt hatte. Und das war eine Entsorgung in einem der öffentlichen Papierkörbe. Also mussten sämtliche Papierkörbe durchsucht und deren Inhalt sichergestellt werden.

Am wichtigsten aber war es, Zeugen zu finden, die vielleicht etwas gesehen hatten. George wurde in diesem Moment bewusst, dass auch er selbst ein Zeuge war.

Schließlich hatte er in der Nacht den Schrei gehört, dem er zunächst keine weitere Bedeutung zugemessen hatte. Das war deutlich nach Mitternacht gewesen. Also zu einem Zeitpunkt, da man auf dem Platz vor dem alten Rathaus in Gangelt kaum mit Zeugen rechnen musste.

George hielt das Handy ans Ohr.

„Hallo? Ja, hier George. Ich bin hier in Gangelt.”

Er sprach mit der Redaktion seiner Zeitung in Geilenkirchen. Um diese Zeit war da natürlich niemand zu erreichen, darum sprach er dem Chef vom Dienst kurz eine Nachricht aufs Band, die etwa den Tenor hatte, dass es nicht nötig sei, noch jemand anderen nach Gangelt zu schicken.

Er hielt das für angebracht. Denn offiziell hatte er sich schließlich in den Urlaub verabschiedet. Und dass ihm jemand anderes dazwischenfunkte, wollte er frühzeitig unterbinden.

Heinz-Leo Krükel, der Ortspolizist aus Gangelt, kam auf ihn zu.

„Na, Herr Schmitz? Ich dachte, Sie machen Urlaub? Jedenfalls hört man das so läuten.”

„Hat sich das schon herumgesprochen, ja?”

„Sie sind doch im Mercator-Hotel und testen dort die Sauna und das Angebot des Physiotherapeuten.”

George hob die Augenbrauen.

„Gibt es nicht so etwas wie ein Wellness-Geheimnis?”, fragte er augenzwinkernd.

„Da bin ich mir ehrlich gesagt über die Gesetzeslage nicht so hundertprozentig sicher”, meinte Krükel verschmitzt, dessen Name leicht mit dem des Kripo-Beamten Krichel aus Heinsberg zu verwechseln war. „Vor allem, wenn es sich um Personen der lokalen Zeitgeschichte handelt ... Aber Sie können es ja wohl nicht lassen, oder?”

„Niemand kann aus seiner Haut, Herr Krükel.”

„Wie wahr, wie wahr”, gab der im Gegensatz zu seinen Kollegen Schroten und Jansen eher agil wirkende Polizeihauptkommissar Krükel zurück. Darüber hinaus teilte er auch eine andere wichtige Gemeinsamkeit mit den beiden in etwa gleichaltrigen Kollegen nicht: die Vorliebe für das Tragen eines Bartes.

„Mal ganz unter uns”, meinte George jetzt leise. „Glauben Sie, dass die Kripo Heinsberg den Fall selbst übernimmt oder wird in Aachen eine Mordkommission gebildet?”

„Lieber Herr Schmitz, bin ich vielleicht ein Hellseher?”

„Nein, aber ich denke schon, dass Sie einschätzen können, wie die Aktien so stehen, meinen Sie nicht?”, versuchte George, ihn doch noch zu einer Aussage zu bewegen.

Krükel verschränkte die Arme vor der Brust und schaute auf George herunter. Mit seinen 1,83m war er deutlich größer als Schmitz.

„Also ich tippe auf eine Mordkommission. Dazu ist der Fall schon durch den außergewöhnlichen Tathergang zu aufwändig. Sie werden sehen, im Handumdrehen haben wir hier Druck von allen Seiten. Der arme Kerl mit der Möhre wird früher oder später nicht nur in den Zeitungen von Geilenkirchen und Aachen stehen, sondern auch in der Bildzeitung. Von den Boulevardsendungen des Privatfernsehens mal ganz zu schweigen. Da können Sie Gift drauf nehmen.”

„Aber nur in homöopathischen Dosen bitte! Das Gift, meine ich”, entgegnete George lächelnd.

„Ich sage Ihnen, dass gibt hier einen Riesen-Zirkus!”

George nickte nachdenklich.

Ja, seine eigenen Gedanken gingen in dieselbe Richtung.

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George knurrte der Magen. Er hoffte nur, dass sich die Arbeit am Tatort nicht so lange hinzog, dass das Frühstücksbüffet im Mercator-Hotel schon abgeräumt war, bevor er dort auftauchte.

Aber auch, wenn er sich eigentlich ein paar Tage ganz der eigenen Erholung hatte widmen wollen, so stellte diese ungewöhnliche Mordtat doch so etwas wie einen Ausnahmetatbestand dar. Ein Ereignis, bei dem seine Chronistenpflichten als Reporter - so wie Georg Schmitz sie nun einmal in jahrzehntelanger Praxis verinnerlicht hatte - Vorrang vor seinen eigenen Bedürfnissen nach Erholung, Wellness und einer Rückenmassage hatte.

Neugierig, aber aus der Distanz, beobachtete er die Kripoleute bei ihrer Arbeit. Dabei verhielt er sich weitgehend wie ein unauffälliger, stummer Schatten.

Er war anwesend, aber man bemerkte ihn kaum.

Und nur hin und wieder versuchte er, eine kurze Zwischenfrage zu stellen - ebenfalls dezent und unaufdringlich. Es machte sich schon bezahlt, dass er hier viele der Einsatzkräfte gut kannte. Und Informationen konnte man nie genug bekommen.

So erfuhr er, dass es Blutspuren an dem Bronze-Gänserich und ein paar Spritzer drum herum gab. Mit Hilfe von Luminol konnten auch kleinere Blutspritzer sichtbar gemacht werden. Im morgendlichen Dämmerlicht leuchteten die Stellen bläulich.

An den Absätzen der Wildlederschuhe des Opfers wurden Schleifspuren festgestellt.

Es stand daher ziemlich schnell fest, dass der eigentliche Kampf in unmittelbarer Nähe des Gänsebrunnens stattgefunden hatte und das Opfer die wenigen Meter zum Pranger geschleift worden war. Da musste es bereits tot oder zumindest bewusstlos gewesen sein. Der Ermordete war ein Mann von Anfang vierzig, schlank, mit dunklem, schütter werdendem und etwas ungepflegt wirkendem Haar. An der linken Schläfe hatte er ein Muttermal, das etwa die Größe eines Zweicentstücks aufwies.

Die örtlichen Polizeikräfte bekamen Polaroids vom Tatort ausgehändigt, die das Gesicht des Toten zeigten.

Als Vertreter der Presse erhielt George auch eins.

Kriminalhauptkommissar Jupp Krichel überreichte es ihm.

„Sie bekommen es auch noch per E-Mail als Datei”, sagte er. „Und Sie haben die ausdrückliche Genehmigung, es zu veröffentlichen.”

„Mit einem Aufruf, dass sich jeder melden soll, der diesen Mann irgendwann in den letzten Tagen gesehen hat, nehme stark ich an”, lautete Georges messerscharfer Schluss.

Schließlich war das beileibe nicht die erste Mordermittlung, die er in den letzten 30 Jahren seines Reporterdaseins mitbekommen hatte.

„Uns interessiert natürlich vor allem die letzte Nacht”, erklärte der Kripo-Beamte.

„Meine Kollegen werden deswegen sämtliche Kneipen in und um Gangelt abklappern und alle Haushalte hier in unmittelbarer Umgebung. Vielleicht hat den Mann ja irgendjemand gesehen oder kann eine Aussage darüber machen, mit wem er zusammen war, welches Auto er fuhr oder wo er wohnte.”

„Ist schon klar”, sagte George.

„Danke für Ihre Unterstützung, Herr Schmitz.”

„Nichts zu danken. Ich kann übrigens selbst eventuell auch noch eine Beobachtung beitragen.”

„Sie?”, fragte Krichel ungläubig und schaute George erwartungsvoll an.

Der Reporter berichtete in knappen Sätzen von seinem nächtlichen Erlebnis. Von dem Schrei, den er bei offenem Fenster gehört und dann aber zunächst nicht weiter beachtet hatte, weil er dachte, dass es sich um die Äußerung eines Betrunkenen handelte.

„Wann war das etwa?”, hakte Kriminalhauptkommissar Krichel nach.

„Mitternacht war schon lange vorbei – und um fünf Uhr ging das ganze Theater hier mit Sirenen und dergleichen los.”

„Ja, kurz vorher ist der Tote entdeckt worden.”

„Also würde ich sagen, es war so zwischen zwei und halb drei in der Nacht, als der Schrei zu hören war, sonst hätte ich danach nicht so tief einschlafen können. Leider habe ich nicht auf die Uhr geschaut.”

„Wir werden andere Zeugen danach befragen”, versprach Krichel. „Vielleicht findet sich ja jemand, der den Schrei auch bemerkt hat und dabei zufällig auf die Uhr gesehen hat. Dann wären wir in der zeitlichen Rekonstruktion der Tat schon ein ganzes Stück weiter.”

„Noch etwas”, fragte George beiläufig, „haben Sie sich mal überlegt, wo die Möhre eigentlich herkommt?”

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George ging schließlich zurück zum Hotel. Das Frühstück war bereits in vollem Gang und Hotelmanager Wolf sah nach dem Rechten. Er grüßte den Reporter freundlich, als er ihn bemerkte. Schmitz holte den Laptop aus dem Zimmer, um bei Kaffee und Brötchen schon mal ein paar Zeilen zu schreiben.

Eine erste Meldung sozusagen, die auf jeden Fall am Tag darauf ihren Platz in der Zeitung finden würde.

Wolf blieb kurz an seinem Tisch stehen.

„Na, wie ich sehe, hat Ihr Urlaub nicht einmal 24 Stunden gedauert”, stellte er lächelnd fest.

„Was soll ich machen?”, seufzte George. „Heute Nacht ist beim Gänsebrunnen ein Mann mit einer Möhre umgebracht worden und darüber muss ich einfach schreiben.”

„Ich habe das ganze Aufgebot an Einsatzfahrzeugen und so weiter aus meiner Wohnung beobachten können.”

Schmitz holte das Foto des Opfers hervor und zeigte es Wolf. „Haben Sie den Mann in den letzten Tagen zufällig mal hier in Gangelt gesehen?”

Wolf sah sich das Bild an und schüttelte den Kopf. „Nein, tut mir leid, der ist mir völlig unbekannt.”

George Schmitz zuckte mit den Schultern und nahm das Bild wieder an sich.

„Hätte ja sein können. Man weiß nämlich leider nichts über ihn. Keine Papiere, kein Name, kein Wagenschlüssel – nichts.” George grübelte, dann sagte er: „Heute Nacht gab es einen Schrei, so gegen halb drei. Haben Sie davon etwas mitbekommen?”

„Tut mir leid, ich habe geschlafen wie ein Murmeltier”, gestand Wolf.

„Haben Sie etwas dagegen, wenn ich die anderen Hotelgäste danach frage, ob jemand den Mann vielleicht gesehen hat?”, fragte George.

„Nein, im Prinzip nicht. Nur erregen Sie bitte nicht zu viel Aufsehen. Die Leute sind schließlich hier, um sich zu erholen - nicht, um erschreckt zu werden.”

„Aber über den Mord ist ohnehin spätestens bis heute Mittag jeder in Gangelt informiert - es sei denn, jemand ist gerade verreist und besitzt auch kein Handy.”

„Ich habe volles Vertrauen zu Ihnen, Herr Schmitz”, verabschiedete sich Wolf und verließ dann eilig den Frühstücksraum.

Nachdem George zu Ende gefrühstückt hatte, stand er auf und tickte ein paar Mal mit dem Löffel gegen die leere Kaffeetasse, sodass er die Aufmerksamkeit aller im Frühstücksraum befindlichen Gäste erregte.

„Meine Damen und Herren, mein Name ist Georg Schmitz. Der eine oder andere wird meine Artikel in der hiesigen Zeitung vielleicht kennen. Ich benötige Ihre Mithilfe. Heute Nacht wurde ein bisher unbekannter Mann, ungefähr vierzigjährig und dunkelhaarig vor dem alten Rathaus ermordet. Tatzeit: wahrscheinlich zwischen zwei und drei.”

Ein Raunen ging durch den Raum.

George befürchtete schon, vielleicht etwas zu dick aufgetragen und damit die Gäste verschreckt zu haben. Aber andererseits mussten sie vielleicht ein bisschen aufgeschreckt werden, damit sie bereit waren zu helfen. Dieser Fall war wie ein verworrenes Wollknäuel. Wo man damit begann, den Faden zu entwirren, war im Grunde völlig gleichgültig. Hauptsache war, man fing irgendwo an. Und das möglichst schnell und effektiv. Denn die Zeit arbeitete bei einem Kapitalverbrechen immer für den Täter. Jede Stunde, die ungenutzt verstrich, sorgte dafür, dass Beweise vernichtet und Spuren verwischt wurden.

George hob beschwichtigend die Hände.

„Keine Sorge, Ihre Sicherheit dürfte nicht in Gefahr sein. Die Polizei tut, was sie kann und ist mit großem Aufgebot im Einsatz. Ich möchte erstens jedem von Ihnen gleich das Bild des Toten zeigen und Sie bitten zu überlegen, ob Sie diesen Mann vielleicht gestern oder an den letzten Tagen irgendwo hier in der Umgebung von Gangelt gesehen haben. Alles, was wir über ihn erfahren, hilft der Polizei, den Täter zu fassen, der ihm mit Gewalt eine Möhre in den Rachen gerammt und das Opfer dann mit der Pranger-Kette aufgehängt hat.”

Einige der Gäste waren schockiert über die Grausamkeit, mit der das Verbrechen begangen worden war. Andere hatten wohl schon gerüchteweise etwas davon gehört. Ob der lokale Rundfunk etwas gebracht hatte, wusste George natürlich nicht, da er das Programm nicht hatte verfolgen können.

Aber eigentlich hielt er das für unwahrscheinlich. Bevor es nicht eine erste offizielle Meldung der Polizei gab, war nicht damit zu rechnen, dass der Mord in den Lokalnachrichten eine Rolle spielte. Sicher würde die Meldung spätestens gegen Mittag folgen, sobald der Obduktionsbericht vorlag.

Der Reporter begann also, das Foto des Toten herumzuzeigen. Leider ohne Erfolg. Zwei oder drei Gäste glaubten, ihn gesehen zu haben, konnten sich aber nicht mehr genau erinnern, wann und wo. Außerdem ließen sich die Größenschätzungen nicht mit der Körpergröße des Opfers in Übereinstimmung bringen.

Den Schrei in der Nacht aber hatten zwei der Gäste gehört.

Eine Frau in den Fünfzigern meinte sich zu erinnern, dabei auf ihren Digitalwecker geschaut zu haben. Der Schrei hatte sich danach um exakt 2.36 Uhr in der Frühe ereignet.

„Zwanzig Minuten später”, so meinte die gleiche Frau, „habe ich einen nur schattenhaft erkennbaren Mann gesehen, der aus Richtung Marktplatz am Mercator-Hotel vorbeirannte.”

Ob diese Beobachtung mit der Tat am Gänsebrunnen in Zusammenhang stand, musste sich noch erweisen. Es war durchaus möglich, dass beide Dinge gar nichts miteinander zu tun hatten.

George notierte sich die Aussage jedenfalls und schrieb sich auch die Personalien auf. Vielleicht hielt es die Polizei für nötig, sich noch einmal genauer zu erkundigen.

„Hören Sie, Sie haben doch gesagt, dass der arme Kerl mit einer Möhre umgebracht wurde, woll?”, meldete sich nun ein älterer Herr zu Wort. Er sprach mit einem Dialekt, der eine Herkunft irgendwo aus dem Ruhrgebiet oder dem nördlichen Sauerland vermuten ließ.

„Das ist richtig”, bestätigte George.

„Also, ich weiß ja nicht, ob das was damit zu tun hat und überhaupt wichtig ist, aber ...”

„Alles kann wichtig sein”, stellte George klar und schaute sein Gegenüber interessiert an.

„Gestern am späten Nachmittag, so kurz vor Geschäftsschluss, da bin ich durch das Städtchen geschlendert. Es ist wunderschön hier“, begann er zu berichten. „Wenn man sich mit offenen Augen umsieht, kann man manche reizvolle Besonderheit in seinem historischen Stadtkern entdecken. Mein Weg führte an den Resten der alten Stadtmauer vorbei, ehe ich das vollständig erhaltene Heinsberger Tor mit seinem Spitzbogen und der Figur des Gangelter Chronisten Jacobus Kritzraedt erreichte. Über die Heinsberger Straße, von der man einen schönen Blick auf die spätgotische Pfarrkirche St. Nikolaus mit ihrem leuchtenden Turm hat, kam ich auf dem Marktplatz an. Ich war schon etwas müde, wollte aber noch zu diesem Restaurant am Kahnweiher. Hamacher, glaube ich, heißt es. Während ich am Gänsebrunnen stehen blieb und mir die Gedenktafel Gerhard Mercators anschaute, beobachtete ich, wie eine junge Frau sich neben mir mit einer Bekannten unterhielt, während ihr Sohn ziemlich ungeduldig herumquengelte, weil ihm langweilig war. Da hat der Kleine eine Möhre aus dem Einkaufskorb seiner Mutter genommen und dem Bronzegänserich in den Schnabel geklemmt – direkt neben die Möhre aus Bronze! Die Mutter hat das gar nicht weiter bemerkt.”

„Und die Möhre ist dort stecken geblieben?”, vergewisserte sich George.

Der alte Mann zuckte mit den Schultern.

„Ich denke schon”, meinte er. „

„Als der Junge eine zweite Möhre aus dem Korb nahm, bemerkte die Mutter das und es gab Ärger. Wer weiß, was der Kleine damit vorhatte. Die beiden sind dann weitergegangen. Auch ich habe meinen Weg fortgesetzt. Er führte mich über die Kirchstraße, vorbei an der Kirche, die ich mir in den nächsten Tagen eingehend betrachten will, und rechts über den Freihof mit dem „flandrischen Löwen”, dem Wappentier Gangelts. Auf der Bruchstraße hielt ich noch einmal inne am zweiten noch erhaltenen Stadttor. Schon bald erreichte ich das gemütliche Café – Restaurant Haus Hamacher, wo ich mir eine wohlverdiente Ruhepause gönnte und noch einmal über das Geschehen am Gänsebrunnen nachdachte.”

„Die Möhre im Schnabel habe ich auch gesehen!”, unterbrach plötzlich eine etwa vierzigjährige Frau die ausführlichen Schilderungen des alten Mannes.

Sie trug eine sehr strenge Knotenfrisur und ein Businesskostüm, das vermuten ließ, dass sie nicht zur Erholung, sondern aus beruflichen Gründen in Gangelt war und für die Zeit ihres Aufenthalts eben das Mercator-Hotel als Unterkunft gewählt hatte.

„Ich auch!”, mischte sich nun ein Mann mit grauen Haaren und hoher Stirn ein. „Kaschinski mein Name. Ich komme nicht von hier und habe auch keine Ahnung, was dieser komische Vogel vor dem Rathaus soll, aber ich fand es ausgesprochen witzig, dass da jemand eine zweite Möhre in den Schnabel gesteckt hatte.”

George seufzte hörbar.

Zumindest die Frage, woher die Tatwaffe stammte, war damit wohl geklärt.

Und noch etwas anderes war für Schmitz jetzt klar: Die Tat war weit weniger absichtsvoll inszeniert worden, als es auf den ersten Blick schien. Der Täter konnte durchaus spontan nach dem ersten besten Mordwerkzeug gegriffen haben, nachdem er mit dem Opfer vermutlich in Streit geraten war – und das war eben die Möhre im Schnabel des Gänserichs.

Es war eine kühle Nacht gewesen, sodass sie sicher hart wie ein Dolch geworden war. „Dürfte nicht besonders angenehm gewesen sein, die Spitze in den Rachen gerammt zu bekommen!“, ging es dem Reporter durch den Kopf.

Eigentlich hatte George nach dem Frühstück noch ein paar physiotherapeutische Anwendungen bei Bas gebucht, aber die mussten jetzt erst mal warten.

Dieser spektakuläre Mordfall hatte Vorrang.

Er sah auf die Uhr.

Bis der Obduktionsbericht vorlag, waren noch ein paar Stunden Zeit, die der Reporter keineswegs ungenutzt verstreichen lassen wollte.

Also machte sich George auf, um sich in der Umgebung auf eigene Faust zu erkundigen. Natürlich würde er sich alle Kneipen und Restaurants vornehmen. Schließlich musste der geheimnisvolle Tote irgendwo auch etwas gegessen oder bei jemandem gewohnt haben. Selbst wenn er nicht aus dieser Gegend stammte, war es doch sehr unwahrscheinlich, dass ihn niemand kannte oder zumindest gesehen hatte.

Wenn morgen ein erster Artikel erschienen war - natürlich verbunden mit einem Aufruf an die Bevölkerung, sich zu melden, falls man irgendwelche sachdienlichen Hinweise geben konnte - würden seine Ermittlungen wahrscheinlich sehr viel weniger zähflüssig vorangehen. Denn dann aktivierte sich das Informantennetzwerk des Reporters „George” Schmitz quasi von selbst.

„Allerdings wird es so auch mit meinem Urlaub endgültig vorbei sein!“, wurde es dem Reporter klar. Jeder würde ihn dann auf die Sache ansprechen und ihn mit seinen Beobachtungen belästigen. Manche waren vielleicht wichtig, aber erfahrungsgemäß war das meiste natürlich vollkommen bedeutungslos. Die Spreu vom Weizen zu trennen, das war sowohl seine Aufgabe als auch die der Polizei. „Bin mal gespannt, wer da zuerst zu einem Ergebnis kommt!“, ging es ihm durch den Kopf. Ein gewisser Wettbewerb konnte – bei aller Kooperation – nicht schaden. Konkurrenz belebte schließlich das Geschäft. Das galt für das Zeitungsgeschäft ebenso wie für die Mördersuche.

George machte sich also auf, zeigte in den Geschäften und Gaststätten im Einzugsbereich des alten Rathauses das Bild des Opfers und erkundigte sich danach, ob jemand den Toten gesehen hatte. Im Innern des alten Rathauses hatten etliche Umbauarbeiten stattgefunden und seit einiger Zeit befand sich darin ein Café. Auch die dortigen Angestellten konnten ihm bei seiner Recherche nicht weiterhelfen.

Viele der Aussagen waren ausgesprochen widersprüchlich.

Ein Ladenbesitzer meinte, dem auf dem Bild dargestellten Mann eine Zeitung verkauft zu haben, war sich dann aber plötzlich doch nicht mehr so ganz sicher. Außerdem war das Opfer wechselweise mit einer Frau, einer Frau und zwei Kindern oder einem Hund gesehen worden, wobei Schmitz den Eindruck hatte, dass die Zeugen am meisten auf den Hund geachtet hatten.

All das ergab noch nicht einmal den Ansatz eines klaren Bildes.

Dann erreichte Schmitz schließlich das Café-Restaurant „Haus Hamacher”, welches im Übrigen nichts mit dem nebenberuflich tätigen Fotografen Hamacher zu tun hatte, den Schmitz am Rande der Hochzeit des Aachener Industriellen Bernd Walters getroffen hatte. Das Haus lag idyllisch am Kahnweiher, einem beliebten Ausflugsziel der Region.

Am Vormittag war in der Gaststätte „Haus Hamacher” natürlich noch nicht viel los. Lieferanten brachten ihre Waren und das ganze Lokal wurde auf Vordermann gebracht. Aber es war jemand dort, der ihm Auskunft geben konnte.

George zeigte das Bild des Mordopfers einem der Lieferanten, aber der hatte den Mann noch nie zuvor gesehen.

Mehr Glück hatte Schmitz bei einem der Kellner. Er hieß Markus Grätzer, war schlank, dunkelhaarig und machte den Eindruck, ausgesprochen korrekt zu sein und jede schwierige Lage meistern zu können, in die man in der Gastronomie so kommen konnte. Angefangen von A wie ‚angeheiterte Gäste’ bis Z wie ‚Zechpreller’.

„Der Typ war hier!”, sagte er und gab Schmitz das Foto zurück.

„Sind Sie sicher?”

„Ganz sicher – und zwar gestern Abend.”

„Ist Ihnen irgendetwas besonders aufgefallen?”

„Er hat sich lautstark mit einem rothaarigen Typen gestritten – da vorne an der Bar. Und dann ist er ziemlich aufgebracht abgedampft und hat nicht einmal sein Bier bezahlt.”

„Wer? Der Rothaarige oder der Mann auf dem Foto?”

„Der Mann auf dem Foto. Der Rothaarige war viel ruhiger und blieb relativ gelassen – obwohl man Rothaarigen ja immer ein gesteigertes Temperament nachsagt. Ist aber in dem Fall wohl ein pures Vorurteil.”

George hob die Augenbrauen.

„Und Sie haben den Kerl einfach abziehen lassen, ohne dass er bezahlt hat?”, wunderte sich der Reporter.

Der Kellner atmete tief durch.

„Ich wollte ihn noch aufhalten, aber das ging nicht.”

„Wieso nicht? So ein großer, kräftiger Kerl wie Sie – da reicht doch ein strenger Blick und so ein Zechpreller kommt zur Vernunft.”

Der Kellner lächelte mild.

„Schön wär’s!”

Er schüttelte den Kopf.

„Nein, normalerweise ist so eine Situation leicht zu händeln. Aber unglücklicherweise war genau in dem Moment eine Versammlung im Nebenraum zu Ende. Es strömten alle hier in den Raum. Manche wollten noch ein Bierchen zischen, andere hinaus zum Ausgang. Und in dem Gewühl ist auch der Mann davongekommen. Ich glaube auch nicht, dass es sich um einen vorsätzlichen Zechpreller handelte. Er war einfach so in Rage wegen des Streits mit dem Rothaarigen, dass er nicht mehr daran gedacht hat zu bezahlen. Dummerweise bin ich in dem ganzen Gewühl nicht mehr hinter ihm hergekommen.” Er hob die Schultern. „Künstlerpech!”

„Und dieser Rothaarige?”, hakte George nach. Jemand, mit dem sich das Opfer heftig gestritten hatte - genau danach war er auf der Suche. Vielleicht kam er auf diesem Weg den Hintergründen der Tat auf die Spur.

Der Kellner deutete zur Theke.

„Der Rothaarige blieb da ganz ruhig sitzen. Ich habe dann auch nicht mehr so auf ihn geachtet, weil dort ein heftiges Gedränge herrschte. In der Versammlung im Nebenraum war es wohl ziemlich hoch hergegangen und deshalb brauchte gut ein Drittel der Teilnehmer vor dem Heimweg noch eine Abkühlung in flüssiger Form, wenn Sie verstehen, was ich meine.”

George nickte: „Ich denke schon. Was war das denn für eine Versammlung?”

Der Kellner setzte ein Gesicht auf, das von gespielter Empörung zeugte.

„Aber Herr Schmitz? Kann es sein, dass die legendäre Spürnase unserer regionalen Zeitung und der zweifellos bestinformierte Mann im ganzen Selfkant nichts von den epochemachenden Dingen mitbekommen hat, die sich hier - außer diesem Mord natürlich - ereignet haben?”

„Ich bin im Urlaub hier”, verteidigte sich George und verbesserte sich sogleich: „Oder besser gesagt: Ich war im Urlaub. Damit ist es nun, nach dem Vorfall am Gänsebrunnen, wohl vorbei”, setzte er in einem bedauernden Tonfall hinzu.

Der Kellner beugte sich etwas vor. „Die Bürgermeister der drei Gemeinden Gangelt, Selfkant und Waldfeucht hatten zu einer Veranstaltung mit allen Beteiligten der grünen Woche geladen”, erklärte er dann. „Dort wurde heftig über die Umsetzung des neuen Tourismuskonzepts für den Selfkant diskutiert! Hundertfünfzig Teilnehmer waren das, so über den Daumen gerechnet!”

„Und davon haben sich einige hinterher noch mit dem Rothaarigen an der Bar unterhalten”, vermutete George.

Der Kellner verdrehte die Augen. „Also gelauscht habe ich nicht – aber es wäre sehr wahrscheinlich, dass jemand von denen, die hier ein wenig länger ausgehalten haben, noch irgendwas an dem Rothaarigen aufgefallen ist. Die Herren Bürgermeister waren übrigens auch mit von der Partie.”

Der Kellner kniff die Augen zu einem schmalen Spalt zusammen und sah den Reporter fragend an.

„Denken Sie, der Rothaarige könnte den Kerl auf dem Foto umgebracht haben?”

„Das weiß ich nicht. Aber im Moment wäre ich schon zufrieden, wenn ich ihn befragen und er mir wenigstens den Namen des Toten nennen könnte.”

„Der Tote hieß Jan”, sagte der Kellner jetzt trocken.

„Woher wissen Sie das denn?”, staunte George.

„Weil der Rothaarige das hinter ihm hergerufen hat: „Das kannst du mit mir nicht machen, Jan!” Daran erinnere ich mich ganz genau.”

„Aber wie der Rothaarige heißt, das haben Sie nicht zufällig auch noch herausbekommen?”, hakte George nach.

Der Kellner schüttelte den Kopf.

„Nein, leider nicht. Aber vielleicht ist ja einer der Gäste von gestern näher mit ihm ins Gespräch gekommen.”

„Wann ist er denn gegangen, der Rothaarige?”

„Spät”, sagte der Kellner. „Ich glaube, er war sogar der Letzte. Die genaue Uhrzeit kann ich Ihnen nicht sagen und von den anderen Gästen war schon keiner mehr hier.”

„Ich danke Ihnen, Sie haben mir sehr geholfen”, erklärte Schmitz. „Ach, noch eine Frage: War zufällig jemand von der Presse bei der Auftaktveranstaltung der drei Selfkant-Bürgermeister?”

Der Kellner schüttelte energisch den Kopf.

„Deswegen waren auch einige der Initiatoren ziemlich sauer! Da gibt es zwei profilierte Lokalreporter hier in der Gegend, die auch noch beide vor Ort sind – aber der eine hält es für wichtiger eine Hochzeit zu fotografieren und der andere zieht es vor, sich den Rücken durchkneten zu lassen, anstatt dieses wichtige Ereignis zur Kenntnis zu nehmen!”, sagte der Kellner augenzwinkernd. „Ich zitiere nur. Das habe ich so aufgeschnappt. Aber erwarten Sie jetzt nicht, dass ich Ihnen verrate, wer das von sich gegeben hat!”

„Keine Sorge”, erwiderte George. „Auch meine Neugier hat Grenzen.”

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Der Tote hieß also mit Vornamen Jan und hatte schätzungsweise ein bis zwei Stunden vor seinem gewaltsamen Tod einen Streit mit einem rothaarigen Mann gehabt, so rekapitulierte George die Ergebnisse seiner bisherigen Recherchen in diesem Fall. Viel war das noch nicht, aber immerhin ein Anfang. Vielleicht waren sich beide Männer später noch einmal begegnet und hatten ihre Auseinandersetzung fortgesetzt – worum auch immer es dabei gegangen sein mochte.

Aber es gab vielleicht einen Weg, um mehr darüber herauszufinden.

Nachdem der Reporter das Restaurant „Haus Hamacher” wieder verlassen hatte, rief er als erstes Kriminalhauptkommissar Krichel an. Der saß inzwischen schon wieder in seinem Büro in Heinsberg.

„Tut mir leid, Herr Schmitz, aber ich habe noch nichts Neues für Sie. Der Obduktionsbericht kommt frühestens in einer halben Stunde. Ich habe auch schon versucht, in Düsseldorf Dampf zu machen, aber ich bin überzeugt davon, dass Dr. Belden tut, was er kann.”

„Deswegen rufe ich auch nicht an”, behauptete George.

„So?”, fragte Krichel interessiert und fühlte förmlich, dass der Reporter irgendetwas herausgefunden hatte.

„Dass Sie noch nichts für mich haben, konnte ich mir schon denken, aber ich habe vielleicht etwas für Sie. Kann ich, sagen wir in einer Stunde, bei Ihnen vorbeikommen?”

„Können Sie. Ich werde da sein. Aber vielleicht könnten Sie schon mal so etwas wie eine Andeutung machen”, bat Krichel höflich um Aufklärung.

„Nein, nicht am Telefon. Ich muss vorher auch noch etwas erledigen. Wir sehen uns dann, Herr Krichel.”

George unterbrach die Verbindung und in Krichels Büro war nur noch der Piepston des Telefons zu hören. Nachdenklich legte der Kriminalhauptkommissar den Hörer auf.

Schmitz hingegen telefonierte nacheinander mit den drei Bürgermeistern der Selfkant-Gemeinden, die gestern ihre Versammlung bei Hamacher abgehalten hatten.

Er machte ihnen folgenden Vorschlag: Da die Veranstaltung vom Vorabend ja mehr oder minder unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattgefunden hatte, könne man nachträglich noch für etwas Publicity sorgen, indem er die Bürgermeister und vielleicht den ein oder anderen, der am Abend dabei gewesen sei, dazu befrage.

Damit stieß Schmitz sofort auf positive Resonanz.

Und so wurde nach einigem Hin und Her ein Treffen für den Abend vereinbart. Natürlich im Lokal Hamacher. Und bei dieser Gelegenheit, so nahm sich Schmitz vor, würde er die Beteiligten dann auch gleich nach dem Rothaarigen fragen.

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Das Mittagessen im Hotel Mercator, auf das sich Schmitz eigentlich schon sehr gefreut hatte, musste wohl oder übel ausfallen.

„Immerhin tue ich damit etwas für die schlanke Linie und trage auch noch zur Lösung des Falls bei!“, dachte der Reporter. „Und wer wäre für so edle Zwecke nicht sofort bereit gewesen, ein paar Stunden zu darben?“

George fuhr zum Polizeipräsidium nach Heinsberg. Dabei schlug er den Weg über Kreuzrath nach Birgden ein. Am Ortseingang von Birgden hielt er kurz an, um sich das „Birgdener Betkreuz” genauer anzusehen. Ein Freund aus diesem schmucken Örtchen hatte ihm vor kurzem von dieser alten Andachtsstätte erzählt. Im Jahre 1798 soll hier Kindern am Weißen Sonntag die Gottesmutter erschienen sein. Das Kreuz – umgeben von einer kleinen Kapelle – wurde von zahlreichen Betern, ja oft von Scharen von Wallfahrern besucht. George nahm sich vor, der Bedeutung dieses Kreuzes genauer nachzugehen, dann könnte er später darüber einen Artikel für die Zeitung verfassen. Er zwang sich aber jetzt, seine Gedanken wieder auf das Ziel seiner Fahrt zu richten.

Über Waldenrath erreichte er Heinsberg.

Als er in Krichels Büro eintraf, war der Obduktionsbericht gerade gefaxt worden.

In etwa hatte der Reporter diesen Umstand auch vorausschauend so abgeschätzt.

„Was beinhaltet der Obduktionsbericht?”, fragte er ziemlich forsch.

Sein Gegenüber zögerte.

„Ich möchte nicht jedes Detail haarklein in der Zeitung lesen”, erklärte Krichel dann vorsichtig. „Schließlich wollen wir den Kollegen die Option offen halten, gegebenenfalls aus fahndungstaktischen Gründen einige Fakten noch nicht direkt an die Bevölkerung herauszugeben. Herr Schmitz, Sie verstehen doch sicher, was ich damit meine.”

„Vollkommen”, versicherte George. Und noch etwas anderes hatte er verstanden. Krichel hatte von den Kollegen gesprochen. Nicht von wir oder uns. Das sprach eigentlich dafür, dass nicht die Kripo in Heinsberg den Fall übernehmen würde, sondern die in Aachen.

So, wie es eigentlich angesichts der Umstände des Falles auch zu erwarten gewesen war.

„Die Aachener übernehmen also.” Diese Worte, die da über die Lippen des Reporters kamen, waren keine Frage, sondern eine Feststellung.

Krichel nickte.

„Ja, leider. Ich hätte gerne gezeigt, dass wir auch in der Lage wären, so einen Fall hier von Heinsberg aus zu lösen. Aber das haben andere entschieden.” Er zuckte mit den Schultern. „Da ist wohl nichts zu machen.”

Dass Diensthierarchien so ihre Tücken besaßen, hatte George schon des Öfteren am eigenen Leib erfahren. So konnte er Krichels Ärger über die Entscheidung, die Kripo Aachen den Fall bearbeiten zu lassen, durchaus verstehen. Das war genauso, als wenn der Chef einer Zeitungsredaktion im letzten Moment doch noch einen Artikel aus dem Blatt verbannte oder eine andere Überschrift nahm, die die Bedeutung des Textes auf den Kopf stellte.

Dies alles hatte George schon erlebt und durchlitten. So gesehen war er froh, letztlich als freier Mitarbeiter sein eigener Herr zu sein.

Vorschriften wollte er sich jedenfalls von niemandem machen lassen.

Der Obduktionsbericht lag auf Krichels Schreibtisch – und zwar so, dass Schmitz ihn lesen konnte.

„Sehen Sie ihn sich ruhig an”, sagte Krichel nach einer Weile.

„Kann ich eine Kopie machen?”

„Nein, das wäre dann doch zu viel des Guten. Übrigens steht im Grunde genommen auch nichts darin, was wir nicht erwartet hätten und was Sie nicht schon wüssten. Sie sagten am Telefon, dass Sie auch noch etwas zum Fall beitragen könnten. Ich würde das dann weitergeben, sobald sich die Kollegen über die personelle Zusammensetzung der Mordkommmission geeinigt haben!”

„Augenblick”, murmelte George in diesem Moment, nahm das Fax mit dem Obduktionsbericht und folgte mit den Augen den Zeilen.

Er konnte schnell lesen und hatte den Inhalt sofort erfasst.

Dem Bericht nach war der Tote Anfang vierzig und wog 75 Kilogramm. Aber um das herauszufinden, hätte es nun wahrlich nicht unbedingt der Hilfe eines Gerichtsmediziners bedurft. Zumindest nicht in diesem Fall.

Als Todesursache war angegeben: Gewaltsame Aspiration eines Fremdkörpers in den oralen Trakt.

Als Tatwaffe wurde eine etwa 23 Zentimeter lange Möhre festgestellt. Die Verletzungen passten exakt zu den Verwundungen, die der Tote speziell im Rachenbereich davongetragen hatte. Durch das kräftige Einführen des Gemüsekörpers brach ein Frontzahn ab, wobei im Zuge des Gewaltaktes leichte Blutungen im Rachenbereich verursacht wurden - so stand es in dem Bericht. George musste innerlich schmunzeln, obwohl die Sache an sich nun wirklich nicht lustig war. Aber die Mischung aus Fachchinesisch und Behördendeutsch war schon von ganz besonderer Qualität.

„Und den Zeitungen sagt man immer einen schlechten Stil nach“, ging es ihm durch den Kopf. „Dagegen hörte sich doch selbst ein Text in einer Boulevardzeitung noch wie Lyrik an!“

Der Obduktionsbericht führte weiter aus:

„Das Opfer konnte durch den Verschluss der unteren Luftwege nicht mehr am Gasaustausch teilnehmen. Infolgedessen kam es zur Mangelversorgung mit Sauerstoff, die letztlich zum Herzstillstand führte.“

„Also wenn ich atme, heißt das korrekt, ich nehme am Gasaustausch teil”, murmelte er.

„So wird das nun mal ausgedrückt”, sagte Krichel.

George las aufmerksam weiter.

„Auffällig bei der Obduktion waren hierbei zyanotische Verfärbungen der Haut im oberen Halsbereich. Zudem befand sich eine hohe Konzentration von nicht abgeatmetem Kohlendioxid im Gewebe und im Blut. Weiterhin wurden Petechien in den Augenbindehäuten festgestellt. Unter den Fingernägeln der rechten Hand befanden sich Hautreste, die darauf schließen lassen, dass dem Täter beim Abwehrkampf mit den Fingernägeln Kratzspuren zugefügt werden konnten. Eine DNA-Analyse sollte diesbezüglich veranlasst werden.“

Besonders der letzte Absatz interessierte ihn natürlich.

„Wann ist mit dem Ergebnis der DNA-Analyse zu rechnen?”, fragte er.

„In ein oder zwei Tagen. Je nachdem, wie viel die Kollegen im Labor zu tun haben. Aber es wäre schon ein ausgesprochener Glücksfall, wenn wir den Täter wegen einer Vorstrafe gespeichert hätten”, winkte Krichel ab.

„Wer übernimmt eigentlich jetzt die Leitung der Aachener Mordkommission?”

„Der Mann heißt Clausen.”

„Kenne ich nicht”, meinte George nachdenklich.

„Kriminalhauptkommissar Kevin Clausen. Er ist neu bei den Kollegen in Aachen, hat aber schon jede Menge Erfahrung.”

„Der Vornahme Kevin sagt mir allerdings, dass er nicht älter als 40 sein kann.”

„Wieso das?”, wunderte sich Krichel.

„Weil der Name Kevin dadurch populär wurde, dass Kevin Keegan beim HSV spielte – und das muss Ende der Siebziger gewesen sein. Die ältesten Kevins sind also höchstens Ende dreißig.”

Krichel lächelte verhalten.

„Sie haben recht! Übrigens können Sie ihn gleich kennenlernen.” Krichel blickte auf die Uhr. „Er müsste jeden Moment hier vorbeikommen. Wir unterstützen natürlich die Ermittlungen der Kollegen aus Aachen, wo wir nur können.”

Wie auf das Stichwort klopfte es an der Tür. Ein Mann, bekleidet mit Jeans und einem gerade wieder in Mode gekommenen Cord-Jackett, trat ein. Er stellte sich als „Clausen” vor. Mehr war nicht nötig. Er hatte offenbar mit Krichel schon ausgiebig telefoniert.

Georges Alterseinschätzung kam genau hin.

Es gehörte zu seinem speziellen Recherchestil, oft schon aus Kleinigkeiten wichtige Informationen gewinnen zu können. Der Name war ein solches Detail, das schon sehr aussagekräftig sein konnte. Es gab Namen, die kamen nur in bestimmten Jahrgängen vor. Wer „Marvin” oder „Mick-Tyler” hieß, war auf jeden Fall noch unter achtzehn, während „Wilhelm” und „Auguste” vermutlich Bewohner eines Pflegeheims waren.

„Und was ist mit dem Namen Jan?“, überlegte der Reporter.

Clausen unterzog George einer eingehenden Musterung und runzelte dann die Stirn.

„Von Ihnen habe ich doch schon etwas in der Zeitung gelesen.”

„Aber eher in Geilenkirchen als in Aachen.”

„Ich wohne in Geilenkirchen.” Clausen machte eine Pause. „Hören Sie, eigentlich finde ich es nicht besonders gut, wenn die Presse gleich alles breittritt, was es an Ermittlungsergebnissen gibt und ...”

„In diesem Punkt können Sie sich voll und ganz auf mich verlassen”, versicherte George. „Und im Übrigen bin ich in erster Linie hier, um Informationen zu geben, nicht um welche zu bekommen.”

Na ja, ganz korrekt war das nicht. Die Gewichtung zwischen Geben und Nehmen war schon in etwa gleichwertig.

„Aber sei’s drum!“, dachte Schmitz.

„Und, welche Informationen haben Sie?”, wollte Clausen wissen.

„Der Tote hieß Jan mit Vornamen. Er war am Abend zuvor im Haus Hamacher und ist dort von einem rothaarigen Mann so angeredet worden, nachdem sich beide heftig gestritten hatten. Heute Abend treffe ich mich mit einem Teil der Gäste, die ebenfalls zugegen waren. Sie können ja gerne dazukommen, wenn Sie wollen.”

Clausen war ziemlich perplex. „Wie haben Sie das geschafft?”

„Berufsgeheimnis. Das Opfer ist Anfang vierzig. Damals war der Name Jan relativ häufig in Deutschland”, erklärte George. „Aber andererseits könnte es sich auch um einen Niederländer oder flämischen Belgier handeln – denn da kommt dieser Name noch häufiger vor!”

„Wir werden die Kollegen einschalten”, versprach Krichel, während Clausen noch zögerte. George schob Letzteres einfach auf den Umstand, dass der Mann aus Aachen sich noch nicht so gut in die Fakten eingearbeitet hatte. Krichel fuhr an Clausen gewandt fort: „Wäre doch möglich, dass da jemand mit dem Vornamen Jan vermisst wird, zu dem das Foto des Opfers passt!”

„Unbedingt!”, meinte George. „Übrigens, die Herkunft der Möhre ist auch geklärt.” Er referierte kurz die Zeugenaussage, nach der ein Kind dem Bronzegänserich die Möhre in den Schnabel geschoben und dort zurückgelassen hatte.

„Bei der ersten Durchsicht der Fakten dachte ich an eine sorgfältig geplante Inszenierung eines Racheplans oder dergleichen”, gestand Clausen. „Irgendeine gedemütigte Seele, die es dem Opfer - aus welchem Grund auch immer – mal richtig zeigen wollte. Aber wenn das, was Sie erzählt haben, der Wahrheit entspricht, dann war es wohl doch eher eine spontane Tat.”

„Das passt auch besser zum Obduktionsbericht”, meinte George.

„Ein spontan eskalierter Streit also”, sinnierte der Polizeihauptkommissar.

Aber George schüttelte den Kopf. „Irgendetwas ist seltsam. Meiner Ansicht nach widersprechen sich die Merkmale. Einerseits spricht schon der Tatort für eine Spontantat. Schließlich musste der Täter damit rechnen, dass selbst zu dieser späten Stunde jemand aus dem Fenster sieht und ihn bemerkt. Auch der Kampf deutet nicht auf eine lange Planung oder einen lang gehegten Rachegedanken hin, der hier verwirklicht wurde und bei dem das Opfer in aller Öffentlichkeit gedemütigt werden sollte.”

„Sondern?”, fragte Clausen, der missmutig dreinblickend die Arme vor der Brust verschränkte.

Ihm gefiel es ganz offensichtlich nicht, dass hier jemand Schlussfolgerungen zog, der nicht zu den ermittelnden Beamten gehörte. Krichel schien hingegen damit überhaupt keine Probleme zu haben. Interessiert beugte er sich nach vorne.

„Ich würde aus dem Bauch heraus sagen: Die Tat selber geschah spontan und wahrscheinlich wirklich aus einem Streit heraus. Aber was danach geschah, erfolgte eiskalt und hatte nichts mit Emotionen zu tun. Das Opfer wurde gründlichst durchsucht, wir wissen bis jetzt nicht, wie es hieß, wer es war und vor allem was der Mann hier in Gangelt wollte, weil sein Mörder alle Spuren beseitigt hat.”

In diesem Augenblick klingelte das Telefon auf Krichels Schreibtisch.

Der Kriminalhauptkommissar nahm den Hörer ab und meldete sich. Dann sagte er zweimal kurz hintereinander „Ja” und schließlich noch einmal „Okay”, bevor er auflegte und seinen Blick hob. Zwei Augenpaare starrten ihn gespannt an. Er genoss eine Weile das Gefühl, mehr zu wissen als seine beiden Besucher. Dann informierte er die beiden:

„Das war das kriminaltechnische Labor. Die Kollegen sind sich sicher, dass das Unterhemd, die Schuhe und die Jeans des Ermordeten aus Belgien stammen. Sie tragen Etiketten einer Kaufhauskette mit Filialen in Lüttich, Antwerpen und Brüssel. Der Rest seiner Kleidung ist nicht zuzuordnen. Internationale Konfektionsware, die genauso gut aus Deutschland stammen könnte.”

„Somit wäre die Idee, die Polizei in Belgien einzuschalten, vielleicht gar nicht so schlecht”, gab George zurück und freute sich insgeheim.

Natürlich kauften auch viele Deutsche in Belgien ein, wie umgekehrt Niederländer und Belgier nach Nordrhein-Westfalen strömten. Seit der Euro die Preise vergleichbar machte und man keine Verluste mehr durch den Geldumtausch hatte, war das gang und gäbe.

Trotzdem waren drei Kleidungsstücke, die mit Sicherheit aus Belgien stammten, vielleicht doch ein Hinweis.

Das Opfer hieß Jan, war Anfang vierzig, vielleicht Belgier oder in Belgien lebend.

Für den ersten Tag war das an Informationsausbeute gar nicht so schlecht, befand George triumphierend. Schließlich hatte er keineswegs vor, nur Informationen zu liefern. Er wollte auch welche bekommen.

Und dieser Tag war ja noch nicht zu Ende.

Georg Schmitz freute sich schon auf den Abend mit den Bürgermeistern, weil er hoffte, dass dabei vielleicht noch das eine oder andere wichtige Detail zutage trat.

Er setzte sich in seinen Wagen und fuhr zurück nach Gangelt.

Für das Mittagessen im Mercator war es jetzt leider schon zu spät. George seufzte.

„Macht nichts, dann mache ich außer Wellness eben noch eine außerplanmäßige Abmagerungskur“, dachte er. Und zwar nach seiner ganz eigenen Methode.

Der Reporter schaltete das Radio an.

Wie immer hörte er „100´5 - Das Hit Radio”. Dieser Sender war einfach der Beste in der westlichsten Region von NRW. Die Lokalnachrichten aus dem Kreis Heinsberg interessierten ihn natürlich genauso wie der regionale Wetterbericht oder die Warnung vor Blitzern. Plötzlich horchte George auf und drehte das Radio etwas lauter.

Eine erste Meldung über den Möhrenmord in Gangelt wurde gebracht. Allerdings gab es nicht mehr als eine eher dürre Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft, die mit dem Hinweis endete, dass in alle Richtungen ermittelt werde und Hinweise der Bevölkerung gerne entgegengenommen würden.

Etwas ausführlicher als über die eigentlichen Ermittlungen, zu denen es wohl auch nicht allzu viel zu sagen gab, wurde über die Absperrmaßnahmen der Sittarder Straße durch die Feuerwehr berichtet, die damit während des Vormittags verbunden waren.

Kurze Zeit später - nach ein paar Musikstücken und als George Gangelt beinahe schon erreicht hatte – folgte noch ein Interview mit einem Sprecher einer Bürgerinitiative, die sich gegen die Lärmbelästigung durch den Fliegerhorst in Geilenkirchen wandte. Dort waren die AWACS-Aufklärer der Nato stationiert und diese Stationierung bildete letztlich so etwas wie einen strukturpolitischen Tropf, an dem die wirtschaftliche Existenz der gesamten Region hing. Denn abgesehen von dem sich sehr positiv entwickelnden Tourismus gab es hier keine Branche, die vergleichbar viele Arbeitsplätze zur Verfügung stellen konnte.

Sollte die AWACS-Flotte aus irgendwelchen Gründen eines Tages mal von Geilenkirchen verlegt werden, so wären die Folgen sicher gravierend.

Und zwar nicht nur für die stationierten Soldaten, ihre Familien und die Zivilangestellten, sondern weit darüber hinaus.

„Wer weiß, ob sich der Aufschwung der Region dann in diesem Maße fortsetzen würde“, überlegte George.

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Als er ins Hotel zurückkehrte, hatte er eigentlich vor, die Zeit noch zu nutzen und schon einmal etwas über seine bisherigen Erkenntnisse zu Papier zu bringen. In den großzügigen und gemütlichen Räumlichkeiten des Hotels gab es ja dazu genug Ecken, wo man sich mit dem Laptop hinsetzen und arbeiten konnte. Über einen W-LAN-Hotspot war eine drahtlose Internet-Verbindung überall gewährleistet, sodass das Ergebnis von Georges journalistischen Bemühungen am Ende auch den Zeitungsverlag erreichen konnte.

Bevor er allerdings mit seinem Laptop auf diese Weise tätig wurde, ging er zunächst einmal zur Rezeption, um alles, was er für den Rest dieses Tages und auch für die nächsten Tage an Wellness-Anwendungen gebucht hatte, wieder abzusagen.

„Dann wird jetzt also endgültig ein richtiger Arbeitsbesuch aus Ihrem Aufenthalt hier im Mercator-Hotel”, meinte der Portier mehr oder weniger bedauernd.

George meinte achselzuckend: „Ist leider nicht zu ändern. Da draußen läuft ein Mörder frei herum und ...”

„¡ das sollte man nicht der Polizei überlassen, meinen Sie das?”

Aber diese Schlussfolgerung ging dem Reporter dann doch zu weit. „Ich sehe mich nicht als Konkurrenten der Polizei und der Justiz, sondern als ihr Partner”, rückte er das Bild wieder zurecht. „Auch wenn manche vielleicht ein bisschen länger brauchen, um das zu erfassen.”

Der Portier sah ihn nun fragend an.

In diesem Zusammenhang dachte George natürlich an Kriminalhauptkommissar Kevin Clausen, der seine Skepsis gegenüber dem Reporter kaum hatte verbergen können.

Genau genommen hatte er sich noch nicht einmal die Mühe gemacht, es überhaupt zu versuchen. Aber George war trotzdem zuversichtlich, dass es am Ende doch noch zu einer konstruktiven Zusammenarbeit kommen würde. Seinen Gedanken noch nachhängend, ging der Reporter zum Restaurant des Hotels und suchte sich ein ruhiges Plätzchen.

Er war einige Zeit so intensiv mit seiner Arbeit beschäftigt, dass er nicht einmal bemerkte, dass der Kaffee im Kännchen, den er sich bestellt hatte, inzwischen ganz kalt geworden war.

Als er schließlich doch wieder einen Schluck nehmen wollte, verzog er das Gesicht.

„Herr Schmitz?”, hörte er auf einmal eine weibliche Stimme fragen.

Der Reporter blickte auf und sah in das Gesicht einer gepflegten, reiferen Dame mit grau-weißem, kinnlangem Haar und einer Brille, hinter der zwei aufmerksam wirkende Augen hervorsahen.

„Ja, bitte?”, fragte Schmitz.

Er versuchte sich zu erinnern, ob er diese Frau vielleicht schon irgendwann einmal gesehen hatte. In seinem Hirn lief die Namenssuche auf Hochtouren. Schließlich lernte er in seinem Beruf so viele Menschen kennen, dass es trotz eines sehr guten Namensgedächtnisses einfach unmöglich gewesen wäre, sich alle zu merken.

Die Dame erlöste ihn glücklicherweise aus der Ungewissheit, ob er sie vielleicht doch hätte kennen müssen, indem sie sich einfach vorstellte.

„Mein Name ist Conzen”, sagte sie. „Und natürlich kenne ich Sie durch die Zeitung. Das hat sich inzwischen in Gangelt herumgesprochen, dass Sie hier im Mercator-Hotel residieren und über den Mord recherchieren, der sich heute Nacht am Gänsebrunnen ereignet hat!”

„Ein Mord mit einer Möhre. So etwas gibt es nicht alle Tage”, antwortete Schmitz – mehr aus Verlegenheit, als dass er im Moment wirklich etwas zu sagen gehabt hätte. „Jetzt freue ich mich aber, Sie einmal persönlich kennenzulernen, Frau Conzen. Der Name Conzen ist natürlich über Gangelt hinaus bekannt. Na ja, eigentlich war ich hier, um Urlaub zu machen – aber den kann ich wohl ad acta legen. Ich bin jetzt so drin in dem Fall, dass ich gar nicht mehr anders kann, als die Sache bis zum Schluss zu verfolgen.” George zuckte mit den Schultern und strich sich dann den Oberlippenbart glatt. „Wer A sagt, muss auch B sagen, oder?”

„Es scheint bei Ihnen ähnlich zu sein wie in der Landwirtschaft”, meinte Frau Conzen. „Da gibt’s ja auch keinen Urlaub.”

„Könnte man durchaus vergleichen”, nickte der Reporter.

„Darf ich mich einen Augenblick zu Ihnen setzen?”, fragte nun Frau Conzen.

„Bitteschön, Sie müssen schon entschuldigen, dass ich so unaufmerksam war.”

Frau Conzen lächelte und nahm Platz.

„Herr Schmitz, ich suche Sie nicht ohne Grund auf. Wie Sie eben schon sagten, ist gestern Nacht doch ein Mann mit einer Möhre ermordet worden.”

„Etwa um halb drei.” Forschend sah George dabei die alte Dame an.

„Ich konnte schlecht schlafen, deshalb habe ich in der Nacht am Fenster gestanden. Etwa um die von Ihnen genannte Zeit muss es gewesen sein, dass ich einen Mann vorbeieilen sah. Er kam aus der Richtung des alten Rathauses und hastete zum Luisenring. Ich habe mir nichts dabei gedacht, aber als ich jetzt davon hörte, dass da jemand umgebracht wurde, habe ich natürlich gleich einen Zusammenhang vermutet. Ich meine, es ist ja eigentlich schon ungewöhnlich, wenn jemand noch um diese späte Stunde unterwegs ist, oder?”

„Wo wohnen Sie denn genau?”

„In der Burgstraße Nummer 5. Im Burgturm. Unser Arbeitszimmer liegt in 15 Metern Höhe und das Fenster geht Richtung Kirche raus.”

„Haben Sie den Mann genauer sehen können?”, fragte der Reporter hoffnungsvoll.

„Für einen kurzen Moment. Er wurde voll vom Schein einer Laterne erfasst und blickte sich um – so als befürchtete er, dass ihn jemand sehen könnte. Ich will da jetzt nicht zuviel hineininterpretieren, aber er schien mir sehr gehetzt zu sein. Und wenn er wirklich etwas mit dem Mord zu tun hatte, ist das auch nur zu verständlich, oder?”

„Natürlich”, nickte der Reporter. „Worauf ich eigentlich hinauswollte. Können Sie ihn beschreiben? Er stand ja Ihrer Aussage nach zumindest für kurze Zeit gut sichtbar im Licht.”

„Er hatte rote Haare und war ein sportlicher Typ. Die Größe würde ich auf etwa ein Meter achtzig schätzen.”

Rote Haare!

Die Erwähnung dieses Merkmals elektrisierte George geradezu. An sich war die Beobachtung von Frau Conzen weder besonders spektakulär, noch musste sie zwingend mit dem Mord in Zusammenhang stehen. Aber die roten Haare schufen einen sehr engen Zusammenhang mit dem Opfer. Jedenfalls glaubte George nicht an den Zufall, dass sich das Opfer wenige Stunden vor seinem Tod mit einem rothaarigen Mann gestritten hatte und kurz nach dem Mord ein Rothaariger in der Nähe des Tatorts gesehen wurde.

„Ich weiß ja nicht, ob das irgendetwas zu bedeuten hat”, sagte Frau Conzen und zuckte mit den Schultern.

„Doch, das wäre durchaus möglich”, glaubte der Reporter.

Als George Schmitz später noch einmal vor die Tür ging, um sich ein bisschen die Beine zu vertreten, schlenderte er an der Nikolauskirche vorbei in Richtung des alten Rathauses.

Vielleicht brachte ihm ja der Eindruck, den die Umgebung dieses Platzes auf ihn machte, die entscheidende Inspiration, um in diesem Fall einen Schritt weiterzukommen.

Noch, so hatte er das Gefühl, kratzten sowohl die Polizei als auch er selbst lediglich an der Oberfläche. Worum es wirklich ging, war wahrscheinlich noch nicht einmal ansatzweise sichtbar geworden.

Das Geräusch eines Flugzeugs ließ George aufblicken.

Über den Gangelter Kirchturm flog eine Boeing 707 mit dem bekannten Radarteller der AWACS-Aufklärer, der diese Maschinen schon von weitem erkennbar machte.

In Afghanistan und auf dem Balkan waren diese Maschinen schon eingesetzt worden – aber was es jetzt in Gangelt so Interessantes radartechnisch zu erfassen gab, darauf konnte sich der Reporter auch keinen Reim machen. Vielleicht hatte die Mannschaft einfach Lust, noch eine Extra-Runde über ihr Stationierungsgebiet zu fliegen?

Aus seinen Gedanken über den Möhrenmord war George jedenfalls erst einmal herausgerissen worden.

Er fuhr sich mit einer beiläufigen Handbewegung über das Gesicht.

Aber vielleicht war das auch ganz gut so. Manchmal verbiss man sich einfach zu sehr in irgendwelche Details und sah dann den Wald vor lauter Bäumen nicht.

George atmete tief durch.

Er sah der AWACS-Maschine nach, die einen ausgedehnten Bogen flog.

„Vielleicht sitzt da ja eine Art Nachwuchs-Mercator an den Kontrollbildschirmen und will Gangelt neu vermessen!“, dachte der Reporter leicht amüsiert.

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Zur gleichen Zeit saß an Bord der AWACS-Maschine ein Mann hoch konzentriert vor seinem Kontrollbildschirm.

Das rote Haar war ziemlich dicht und weit davon entfernt, soldatisch korrekt geschnitten zu sein. Es wuchs einfach zu schnell nach und er hatte es wieder mal versäumt, rechtzeitig den Friseur in Anspruch zu nehmen.

In diesen Dingen war der Rothaarige genauso nachlässig wie dabei auf den korrekten Sitz seiner Uniform zu achten. Seine Hemden wirkten schlecht gebügelt und irgendwie war er einfach nicht das, was man sich als das Urbild eines schneidigen Offiziers vorstellte.

Aber dafür war er ein exzellenter Ortungstechniker und beherrschte die Bordsysteme wie kein Zweiter.

Und auch wenn er den Offiziersrang besaß, so hatte er doch eine Führungsposition eigentlich nie angestrebt. Für Führungsaufgaben wäre er auch denkbar schlecht geeignet gewesen, da er ausgesprochen scheu und zurückhaltend war – hin und wieder aber zu Ausbrüchen von Jähzorn neigte. Dann entlud sich alles, was sich zuvor über längere Zeit in ihm angestaut hatte.

Im Grunde war er froh, relativ wenig mit Menschen zu tun zu haben und sich stattdessen auf die Technik konzentrieren zu können. Die war vergleichsweise verlässlich. Und wenn dann doch einmal irgendetwas Unvorhergesehenes passierte, dann gab es dafür immerhin zumeist auch eine nachvollziehbare Erklärung. Bei Menschen war das anders.

Die Streitereien mit seiner Freundin waren ein gutes Beispiel dafür.

„Ey, Jürgen, sag mal, was hast du da eigentlich am Hals?”, fragte der Ortungstechniker an dem Terminal direkt neben ihm und grinste ihn an.

„Ein paar Kratzer, nichts weiter”, antwortete der rothaarige Jürgen unwirsch.

„Sieht übel aus. Das blutet in deinen Hemdkragen!”

Jürgen betastete vorsichtig die Stelle.

Er verzog das Gesicht.

„Wo hast du dir das eigentlich geholt, Jürgen?”

„Das war die Katze meiner Freundin. Das Biest ist unberechenbar!”

„Genau wie ihre Besitzerin!“, fügte Jürgen in Gedanken noch hinzu.

Der Mann am zweiten Terminal lachte nun wieder. „War das wirklich die Katze deiner Freundin - oder sie selbst?”

„Du gehst mir ziemlich auf die Nerven”, meinte der Rothaarige nun und schaute seinen Nachbarn nicht gerade freundlich an.

„Meine Güte, man wird doch wohl mal eine Bemerkung machen dürfen. Schließlich fliegen wir extra deinetwegen eine Extra-Runde, nur weil du dich plötzlich für Motten interessierst!”, erwiderte sein Kollege und schüttelte unwillig den Kopf.

Motten – gemeint waren hier nicht die ziemlich schmucklosen Falter, die diesen Namen trugen und eine bevorzugte Beute von Fledermäusen waren. Gemeint waren vielmehr die gleichnamigen künstlich aufgeschütteten Hügel, auf denen man im Mittelalter Befestigungsanlagen errichtete.

„Schon seltsam, dass du plötzlich ein Faible für Lokalgeschichte entdeckt hast”, meinte der Offizier vom Nebenterminal ziemlich überheblich.

„Ihr werdet alle noch sehen!“, durchfuhr es Jürgen. Sein Gesicht bekam einen finsteren Ausdruck.

Die Mundwinkel verzogen sich nach unten und ein harter Zug prägte sein Gesicht.

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Pünktlich um 20 Uhr traf sich George mit einigen Teilnehmern der Versammlung des gestrigen Abends im Restaurant Haus Hamacher, in der Hoffnung, etwas mehr über den geheimnisvollen Rothaarigen zu erfahren.

Diesmal wurde George vom Wirt persönlich begrüßt, ein unübersehbarer, dunkelblonder Hüne von 1,90 m, der auf den Namen Jochen Wüllenweber hörte. Er war Ende dreißig, sprach einen leichten, für die Gegend typischen Dialekt und hatte als „Restaurantchef” in Gangelt natürlich eine zentrale Stellung inne.

Dreißig Angestellte beschäftigte er im Haus Hamacher.

George traf den Wirt draußen vor der Tür an, wo Wüllenweber den letzten Rest einer Zigarette verqualmte.

„Die neuen Anti-Raucher-Gesetze bringen mich ganz schön in Schwierigkeiten, seit ich im eigenen Lokal nicht mehr qualmen darf”, bekannte er.

„Vielleicht ein Grund, es sich abzugewöhnen”, meinte George lächelnd.

Wüllenweber zuckte mit den Schultern.

„Das ist nicht ganz so leicht, wie man sich das vorstellt!” Er deutete auf den Eingang. „Also heute findet das Nachtreffen zur Tourismus-Versammlung statt!” Er grinste und fügte noch hinzu: „Zwecks Mördersuche!”

„Hat sich das also schon herumgesprochen, ja?”

„Natürlich. Ich meine, dass Lokalpolitiker gerne in die Zeitung wollen, ist natürlich klar – und unsere regionalen Würdenträger nicht gerade begeistert davon waren, dass ihr Treffen von der örtlichen Presse ignoriert wurde.”

„Davon kann keine Rede sein!”, unterbrach ihn George.

„Ich sage Ihnen auch nicht, wer von den Damen und Herren sich so geäußert hat. Aber wenn gleich zwei in der Region tätige Reporter etwas Wichtigeres zu tun haben, als diese epochemachende Versammlung mit einem Bericht zu würdigen, dann kann man schon an eine Verschwörungstheorie denken.”

„Habe ich nicht auch das Recht auf Urlaub?”, fragte George in gespielter Empörung.

„Das schon! Aber ich glaube, es wäre einigen lieber gewesen, Sie hätten auf dieses Recht genauso zu Gunsten der Versammlung verzichtet, wie Sie es jetzt wegen dieses Möhrenmordes tun!”

„Aber das ist doch was anderes!”, entgegnete George leicht gereizt.

Wüllenweber lachte. „Ja, das sehen die da drinnen bestimmt genauso, nur mit umgekehrter Priorität!”

Mittlerweile hatte der Restaurantchef seine Zigarette aufgeraucht. Aber ehe sie das Haus betraten, wollte George ihm noch seine Fragen stellen – und zwar möglichst, solange sie allein waren und niemand anders zuhörte.

„Der Tote soll im Haus Hamacher zusammen mit einem rothaarigen Mann gesehen worden sein, mit dem er sich heftig gestritten hat.”

George zeigte Wüllenweber ein Foto des Opfers. „Können Sie dazu irgendetwas sagen?” Der Wirt betrachtete einen Augenblick das Bild und dachte kurz nach.

„Nein, tut mir leid. Ich habe weder den Mann auf dem Foto gesehen, noch ist mir ein Rothaariger in Erinnerung geblieben. Sie müssen wissen: Gestern Abend hatten wir hier dermaßen viel Trubel, dass ich kaum zum Atmen gekommen bin. Nicht mal eine Zigarette zwischendurch war drin.”

„Na ja, trotzdem Danke für Ihre Auskünfte.”

„Gern geschehen. Und sollte ich irgendetwas hören, dann melde ich mich natürlich sofort.”

„In Ordnung.”

Sie gingen jetzt ins Innere des Café-Restaurants. Wüllenweber führte George zu dem Tisch, an dem sich bereits die drei Bürgermeister der Selfkantgemeinden versammelt hatten. Aber sie waren nicht allein gekommen. Durch Mundpropaganda unter den Teilnehmern der Veranstaltung des gestrigen Abends hatten sich noch einige andere Personen eingefunden. George hoffte nur, dass der Hauptgrund dafür nicht Neugier war oder der Drang, in die Zeitung zu kommen, sondern dass die Anwesenden auch wirklich etwas zur Sache beizutragen hatten.

Der Reporter wurde von der Gruppe natürlich sofort erkannt und mit einem lauten „Hallo, Herr Schmitz” erwartungsvoll begrüßt.

Zunächst erkannte George in der Runde einen sportlichen Endvierziger im grauen Anzug und mit entschlossen wirkenden Gesichtszügen, die Tatkraft und Willensstärke verrieten. Das war Bernhard Tholen, der Bürgermeister von Gangelt.

Sein Gesichtsausdruck war ernst.

„Schön, dass Sie die Zeit gefunden haben und Ihren wohlverdienten Urlaub unterbrechen”, sagte er. „Der Selfkant ist eine Region, die sich touristisch neu aufstellt und da sind wir natürlich darauf angewiesen, dass die Öffentlichkeit davon auch entsprechend Kenntnis bekommt.” Dem pflichteten Herbert Corsten und Johannes von Helden, die beiden Bürgermeister der Gemeinden Selfkant und Waldfeucht bei.

„Natürlich”, sagte George. „Deshalb bin ich ja hier.”

„Nun deswegen vielleicht auch – aber in erster Linie doch wegen des Möhrenmordes”, mischte sich nun Gerd Schütz ein. Der Ortsvorsteher hatte den Toten bekanntermaßen am Morgen entdeckt und die Rettungskräfte sowie die Polizei alarmiert. Natürlich war er als Ortsvorsteher auch bei der Versammlung gewesen, hatte sie aber, wie sich später herausstellte, an dem Abend gleich nach der Zusammenkunft wieder verlassen und somit von einem Streit zwischen dem späteren Mordopfer und dem Rothaarigen nichts mitbekommen.

Trotzdem war er jetzt ins Haus Hamacher gekommen, da er natürlich wissen wollte, wie sich der Fall, der mit seiner Entdeckung begonnen hatte, nun weiterentwickelte.

„Die Polizei tappt wohl noch ziemlich im Dunkeln”, meldete sich nun Frau Fernholz, die als eine der drei Selfkant-Gästeführerinnen geschichtlich Interessierten die Sehenswürdigkeiten und historischen Stätten von Gangelt näherbrachte. Als ausgebildete Fremdsprachenkorrespondentin führte sie auch Besichtigungen in französicher Sprache durch. „Oder was ist Ihr Eindruck?”, wandte sich die freundlich wirkende Tourismusspezialistin direkt an George.

Der räusperte sich und meinte: „Nun, ich denke, es wäre ungewöhnlich, wenn die Polizei jetzt schon einen Verdächtigen hätte, den sie festnehmen könnte, wo doch noch nicht einmal alle Spuren ausgewertet sind.”

„Welche denn zum Beispiel?”, mischte sich nun Brigitte Geradts-Wimmers ein, eine gepflegt wirkende Frau mit schulterlangen blonden Haaren. Sie war ebenfalls ausgebildete Fremdsprachenkorrespondentin und arbeitete als Bank- und Diplomkauffrau sowie als Dozentin. Daneben war sie auch als Gästeführerin im Selfkant tätig, was ihr viel Spaß machte. George hatte über sie – ebenso wie über die anderen Gästeführerinnen – schon einmal eine Artikelserie geschrieben und kannte sie daher alle. Ein charmantes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. „Na, kommen Sie, Herr Schmitz, geben Sie sich einen Ruck und verraten Sie uns schon heute ein bisschen von dem, was morgen in der Zeitung stehen wird!”

Dann nippte sie an ihrem Mineralwasser.

„Eine gute Idee!”, lobte Bürgermeister Tholen.

„Wir verraten auch nichts!”, meinte Ortsvorsteher Schütz augenzwinkernd.

Aber George winkte ab. „Ja, ja, das kenne ich. Und morgen liest dann kein Mensch mehr die Zeitung!” Er bestellte sich ein Wasser. Mit Frau Geradts-Wimmers teilte er nämlich die Abneigung gegen Alkohol. Im Übrigen gab es für einen Reporter so etwas wie einen festen Feierabend nicht – und manchmal sogar nicht einmal Urlaub, wie er jetzt hatte feststellen müssen – daher brauchte man einfach ein gewisses Durchhaltevermögen. Und dafür war Alkohol nun mal Gift. „Eigentlich bin ich hier, um etwas zu erfahren und nicht, um selber ausgefragt zu werden!”, beteuerte der Reporter.

„Obwohl wir dafür doch eine Spezialistin unter uns hätten!”, meinte ein dicklicher Herr, bei dem sich George nicht ganz sicher war, um wen es sich handelte. Er hatte ihn irgendwo schon mal gesehen. Vielleicht ein Geschäftsmann aus der Stadt. Der beleibte Mann deutete auf seine Nachbarin: „Na los, Frau Bürsgens, jetzt wollen wir mal sehen, wie Sie den Leuten die Informationen aus der Nase ziehen! Hier scheinen Sie mit Georg Schmitz ja gleich ein geeignetes Testobjekt zu haben – und wir würden alle davon profitieren!”

Gelächter kam auf.

George wusste natürlich sofort, worauf dabei angespielt wurde. Die Endvierzigerin mit natürlicher, sportlicher Ausstrahlung war Kunigunde Bürsgens, eine Gästeführerin aus der Nachbargemeinde Waldfeucht. Wie allgemein bekannt war, betätigte sie sich nebenberuflich seit vielen Jahren als Interviewerin für das Institut für Demoskopie in Allensbach.

„Ich glaube, hier herrschen abenteuerliche Vorstellungen darüber vor, was ich für Allensbach so mache”, sagte sie ebenfalls belustigt.

Für einen Scherz war Kunigunde Bürsgens – genannt Kuni – nämlich immer zu haben und so war es ihr auch nicht unangenehm, dass sich die Allgemeinheit für ein paar Augenblicke auf ihre Kosten amüsierte.

„Herr Schmitz, vielleicht könnten Sie ja das Foto des Toten noch herumgehen lassen”, schlug jetzt Franz Oschmann vor, dessen Stimme das allgemeine Gemurmel sofort durchdrang und direkt Gehör fand. Kein Wunder, er war pensionierter Schulrektor und sein Leben lang darauf angewiesen, sich akustisch durchzusetzen. Davon abgesehen, engagierte sich Oschmann stark für den Naturschutzbund NABU.

„Ja, das wäre in der Tat keine schlechte Idee”, bestätigte Bürgermeister Tholen jetzt entschieden.

Also ließ George Schmitz das Bild in der Runde herumgehen.

Herr Schütz ergriff nun das Wort: „Ich war etwas früher hier als Sie”, sagte er an George gewandt, „und daher habe ich mir die ganze Geschichte mit dem Rothaarigen und dem Streit schon mehrfach anhören müssen!”

„Na, genau genommen haben Sie uns doch alle regelrecht ausgefragt!”, warf Kuni Bürsgens ein.

„Wie auch immer”, fuhr Schütz fort, „mir fällt dazu nur ein, dass ich einen Rothaarigen kenne. Also kennen ist zuviel gesagt, ich sehe ihn öfter. Und zwar morgens, wenn ich sehr früh raus muss. Ein- oder zweimal trug er dann eine Uniform.”

„Was für eine?”, fragte George. „Feuerwehr? Polizei?”

„Bundeswehr.”

„Ah, ja.”

„Also kein Kampfanzug, sondern Ausgehuniform. Aber sie saß schlecht. Der Schlips hing ihm wie ein Strick um den Hals und die Jacke war aufgeknöpft.”

„Rangabzeichen haben Sie nicht zufällig erkennen können?”, hakte George interessiert nach.

„Darauf habe ich nicht geachtet. Aber ich könnte mir denken, dass er vielleicht hier im Fliegerhorst Geilenkirchen-Teveren eine Position hat. Allerdings dürfte es da natürlich nicht nur einen Rothaarigen geben.”

George zuckte mit den Schultern. „Wer weiß, das ist doch schon mal ein Anfang.”

„Da sagen Sie was!”, meldete sich jetzt Bürgermeister Tholen zu Wort und wandte sich dabei an den Ortsvorsteher Schütz. „Vielleicht meinen wir denselben Mann! Ich habe ihn auch ab und zu mal gesehen. Manchmal auch mit einer jungen Frau im Arm. Die war deutlich jünger als er. Anfang zwanzig – höchstens. Lange dunkle Haare, gelockt.”

„Gelocktes dunkles Haar also”, meinte Oschmann halblaut und mehr an sich selbst gewandt.

Er überlegte und sagte dann: „Das könnte die Bettina Lange sein. Die hatte ich mal in der Klasse. Sie grüßt mich immer noch. Dabei ist mir aufgefallen, dass sie offenbar einen rothaarigen Freund hat, der um einiges älter ist als sie. Ich habe die beiden schon mehrmals in Gangelt zusammen gesehen.”

„Wissen Sie zufällig, wo diese Bettina Lange wohnt?”, erkundigte sich George.

„Nein. Aber soweit mir bekannt ist, arbeitet sie in der Bank.”

„Danke, vielleicht bringt uns das ja tatsächlich weiter.”

Erst jetzt fiel George auf, dass Oschmann das Foto des Toten gar nicht weitergereicht hatte.

„Haben Sie den Toten etwa auch irgendwo gesehen?”, erkundigte sich der Reporter nachdenklich.

Oschmann nickte.

„Ja. Ich bin mir sogar ziemlich sicher. Das ist erst ein paar Tage her. Er hatte seinen Wagen am Straßenrand geparkt und trug einen Spaten bei sich, so als hätte er irgendwo etwas vergraben. Ich dachte erst, das ist so einer, der seinen Müll einfach irgendwo ablädt und sich dann davonmacht. Oder jemand, der eine Panne hat! Ich hielt also an, ließ die Scheibe herunter und fragte ihn, ob er Hilfe bräuchte.”

„Und?”, fragte George gespannt und drehte dabei nervös seinen Kugelschreiber auf dem Tisch hin und her. „Brauchte er denn Hilfe?”

„Nein. Mehr hat er auch nicht gesagt. Ich bin dann weitergefahren.”

„Schade”, entfuhr es dem Reporter enttäuscht. „Es wäre natürlich schön, wenn Sie sich das Autokennzeichen gemerkt hätten.”

„Nein, habe ich nicht. Aber es war ein Toyota – und das Nummernschild war”, er zögerte jetzt und überlegte.

„Etwa aus Belgien?”, ergänzte George und schaute Oschmann dabei fragend an.

„Ja.”

„Sieh an, sieh an“, dachte der Reporter.

Da führten also doch schon mal ein paar Spuren zusammen.

Was den Streit zwischen dem Rothaarigen und dem späteren Opfer anging, den George für sich privat jetzt erst einmal einfach den Belgier nannte, konnte keiner der Anwesenden irgend etwas beitragen, was substanziell gewesen wäre.

So verabredete sich George für den nächsten Tag am frühen Nachmittag mit Oschmann, damit der ehemalige Schulleiter ihm den genauen Ort zeigen konnte, wo sich der Toyota-Fahrer aufgehalten hatte.

„Nicht, dass dieser Typ da eine Leiche vergraben hat”, meinte Kuni Bürsgens in die Runde, woraufhin sie von allen betretene Blicke erntete. „Na ja, was weiß ich, was der Hintergrund der ganzen Geschichte ist! Ich meine, wenn jemand auf so seltsame Weise umgebracht wird, dann kann das doch eigentlich nur bedeuten, dass sich da jemand an diesem Mann rächen wollte, oder? Sonst macht man so etwas doch nicht! Eine Leiche quasi an den Pranger stellen, sodass sie regelrecht präsentiert wird!”

Aber in diesem Punkt war George schon einen Schritt weiter.

Die anderen Umstände des Verbrechens sprachen eher für die Tat eines eiskalten Killers – insbesondere die Tatsache, dass er den Toten durchsucht und alles entfernt hatte, was irgendwie auf die Herkunft des Opfers deuten konnte. „Das muss ein Profi gewesen sein”, sinnierte George noch vor sich hin, nachdem er die kleine Runde verlassen hatte und sich auf dem Rückweg zum Hotel befand.

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Nachdem George diesmal noch etwas länger mit seiner Frau telefoniert hatte, schlief er in dieser Nacht wie ein Murmeltier.

Er stand viel zu spät auf. Selbst sein Handywecker hatte es nicht hinbekommen, ihn früh genug aus den Federn zu holen.

Zum Glück bekam er aber noch etwas vom Frühstücksbüffet mit, das immer sehr reichlich gehalten war. „So könnte eigentlich jeder Tag starten“, dachte sich der Reporter.

Nach dem Frühstück erkundigte sich George nach Bettina Lange und fand sie tatsächlich in der örtlichen Bank.

Eine junge attraktive Frau, die ziemlich nervös wurde, weil ihre Kollegen und Vorgesetzten sich natürlich fragten, was der bekannte Reporter wohl von ihr während der Arbeitszeit wollte.

„Ich kann jetzt nicht mit Ihnen sprechen”, versuchte sie ihn abzuwimmeln. „Sie sehen doch, was ich hier zu tun habe”, und deutete auf die Kunden im Schalterraum.

„Es geht um den Möhrenmord”, machte George ihr nochmals deutlich. Bettina Lange zuckte mit den Schultern. „Und, was habe ich damit zu tun?”, fragte sie etwas schnippisch.

„Vielleicht nicht unbedingt Sie, aber Ihr Freund ”, entgegnete George forsch.

„Das ist doch wohl eine Unverschämtheit. Mein Freund und ein Mord, ja? Habe ich das jetzt richtig verstanden? Ich weiß nicht, wie Sie auf so einen absurden Gedanken kommen, aber da sind Sie absolut auf dem Holzweg”, ereiferte sich die junge Frau.

„Sie würden mir einfach einen großen Gefallen tun, wenn Sie mir den Namen Ihres Freundes verraten würden! Dann könnte ich die Sache überprüfen”, meinte George beschwichtigend.

„Damit er dann morgen in der Zeitung steht? Das würde ich nicht mal ihm wünschen.”

Ihre Stirn umwölkte sich.

„Haben Sie sich zerstritten?”, hakte George interessiert und zugleich teilnahmsvoll nach.

„Ja. Streng genommen weiß ich gar nicht mal mehr, ob er überhaupt noch mein Freund ist. Ich hoffe natürlich, dass wir wieder zusammenkommen, aber ...”

„Wird er vielleicht jähzornig?”

„Jetzt drehen Sie das wieder alles in eine Richtung, die ich nicht unterschreibe, Herr Schmitz”, erwiderte die junge Frau ungehalten.

„Frau Lange, wir suchen einen rothaarigen Mann, der häufiger morgens früh im Ort gesehen wurde und sich am Abend vor dem Mord mit dem späteren Opfer heftig im Haus Hamacher gestritten hat. Ob er zugleich der Täter ist, das weiß ich nicht, aber er hat das Opfer mit Namen angeredet. Und da wir auch dessen Identität noch nicht kennen, könnte uns Ihr Freund vielleicht behilflich sein.”

Sie seufzte.

„Mit was für einem Namen soll mein Freund - oder Ex-Freund - den Kerl denn angeredet haben?”

„Jan. Wir kennen nur den Vornamen.” Bettina Lange dachte nach. Dann sagte sie: „Er kennt mindestens drei Leute, die Jan heißen. Das ist kein sehr seltener Name.” Sie zögerte und fügte leise hinzu: „Mein Freund heißt Jürgen Wisbert und wohnt in Waldfeucht. Das ist in der Nähe dieses Radiomuseums. Er bewohnt da eine Einliegerwohnung.”

„Und er ist beim Fliegerhorst in Geilenkirchen stationiert?”, ergänzte der Reporter in fragendem Tonfall.

„Ja”, nickte sie.

„Der Möhrenmord wurde etwa um halb drei begangen. Aber danach soll Ihr Freund noch in Gangelt gesehen worden sein - und zwar ganz in der Nähe des Tatortes, nämlich am Burgturm.”

„Hat da mal wieder jemand zufällig am Fenster gesessen oder was?”, meinte Bettina Lange spöttisch.

Sie verschränkte jetzt die Arme vor der Brust und sprach so laut, dass sich einige der anderen Angestellten und Kunden zu ihr umdrehten. Verlegen sprach sie daraufhin in gedämpftem Tonfall weiter. „Ist doch wahr”, knurrte sie. „Da haben wohl bestimmte Leute nichts anderes zu tun, als nachts aus dem Fenster zu glotzen und den Mond anzustarren, weil ihr Leben sonst zu langweilig ist!”

„Sie haben meine Frage nicht beantwortet”, versuchte George zum eigentlichen Thema zurückzukommen.

Sie beugte sich etwas vor und sagte leise: „Es kann tatsächlich sein, dass er gesehen wurde. Aber dafür gibt es eine Erklärung.”

„Welche?”

„In der Nacht haben wir uns derart gestritten, dass er seine Sachen gepackt hat und abgezogen ist.”

„Mitten in der Nacht?”, wunderte sich der Reporter.

„Ja, mitten in der Nacht!”

„Sind Ihnen irgendwelche Kratzspuren oder vergleichbare Verletzungen an ihm aufgefallen?”

In der Zeitung hatte davon nichts gestanden. Bettina Lange schien sich aber trotzdem nicht über die Frage zu wundern. „Das kann man nun auslegen, wie man will!“, dachte George.

„Hören Sie, wir sind beide sehr leidenschaftlich. Wir streiten uns heftig und wir versöhnen uns heftig – aber keiner von uns wird dabei handgreiflich! Kann sein, dass ihn meine Katze mal gekratzt hat. Aber das tut sie bei mir auch!” Sie zog den Ärmel ihres Pullovers ein Stück hoch. Ein paar frisch verschorfte Kratzer wurden sichtbar. „War es das?”

„Ich hätte gerne noch etwas mehr über die ‚mindestens drei Jans’ gewusst, die Ihr Freund kennt.”

Ihr nochmaliges Seufzen klang jetzt ziemlich genervt.

„Einer ist sein Bruder, ein anderer ist ein Nato-Kollege.”

„Niederländer? Belgier?”, fragte George hoffnungsvoll.

„Nein, ein Pole. Ich habe ihn mal bei einer Weihnachtsfeier des Stützpunktes kennengelernt.”

„Und der dritte Jan?”

„Irgendein alter Kumpel, den Jürgen wohl noch von der Schule kennt. Mit dem telefoniert er manchmal ziemlich lange, aber der kann es nicht sein.”

„Wieso?”

„Weil Jürgen mir mal erzählt hat, dass er in Belgien lebt. Brüssel oder Lüttich – keine Ahnung, ich habe mir das nicht gemerkt. Und das war es jetzt auch, ich muss weiterarbeiten.“

„Nur noch eine Frage.”

„Die letzte!” Bettina Lange warf dabei energisch den Kopf in den Nacken, sodass ihre schwarze Mähne wild durcheinanderwirbelte.

„Versprochen!”, erwiderte George Schmitz.

Sie hob die Augenbrauen. „Also gut!”

„Wann kommt Jürgen Wisbert normalerweise vom Dienst?”

„Je nachdem, wie er eingeteilt ist. Aber Sie sollten nicht vor 17 Uhr mit ihm rechnen.”

„Und kann man ihn im Dienst telefonisch erreichen?”

„Nein. Sein Handy hat er im Moment auch abgeschaltet, weil er nicht mit mir reden will. Und außerdem läuft da zurzeit irgendetwas auf dem Fliegerhorst, was topsecret ist. Ein neuartiges Ortungssystem wird wohl getestet. Wenn Sie mal eine kleinere Ausgabe dieser AWACS-Flugzeuge über Gangelt kreisen sehen, dann könnte er da vermutlich drin sitzen.”

Ein Herr im grauen Anzug trat jetzt neben Bettina Lange.

„Gibt es irgendwelche Probleme?”, fragte dieser.

„Nein, überhaupt keine”, sagte George, bevor Bettina Lange antworten konnte, und er verabschiedete sich.

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Nach dem Gespräch mit der jungen Frau telefonierte George mit Kriminalhauptkommissar Krichel, um ihn über den bisherigen Stand der Dinge in Kenntnis zu setzen.

„Das ist jetzt Clausens Fall”, sagte Krichel. „Ich schlage vor, Sie sprechen direkt mit ihm. Wenn Sie die Durchwahl nach Aachen nicht haben sollten -”

„Doch, die habe ich”, unterbrach ihn George. „Aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass die Chemie zwischen Clausen und mir nicht so ganz stimmt und da dachte ich, dass Sie ihm die Fakten, die ich bisher ermittelt habe, vielleicht vorlegen könnten.”

„Kann ich”, meinte Krichel, nachdem er kurz überlegt hatte.

Von seinem bevorstehenden Treffen mit Herrn Oschmann an der Stelle, wo der Schulleiter das spätere Mordopfer mit einem Spaten gesehen hatte, erwähnte George noch nichts. Er wollte erst mal selbst sehen, was dabei herauskam.

Darüber, dass der Tote früher einen Toyota mit belgischem Kennzeichen gefahren hatte, setzte er ihn allerdings in Kenntnis. Es konnte ja schließlich sein, dass die Karre irgendwo abgestellt worden war und jemand sie fand. In dem Fall ergab sich dann ein sehr viel breiterer Ansatzpunkt für Ermittlungen.

„Was ist eigentlich mit der DNA?”, fragte George den Kriminalhauptkommissar beiläufig.

„Ist registriert”, erklärte dieser trocken, ohne eine Gefühlsregung in der Stimme.

„Was? Und das sagen Sie mir erst jetzt?”, fragte George erstaunt und fuhr sich nervös durch die Haare.

„Die Spur nützt uns nichts”, winkte Krichel ab, „denn wir haben keinen Namen dazu. Es geht um einen Mordfall in Aachen, der bisher ungeklärt ist. Das Opfer war ein gewisser Franz Ternedden, der als Hehler Verbindungen zum organisierten Verbrechen hatte. Er starb durch einen Messerstich. DNA-Spuren von mindestens drei Personen wurden gesichert, von denen keine identifiziert werden konnte. Wir wissen auch nicht, ob es sich bei diesen Personen um die Täter oder um weitere Opfer handelt, die fortgeschafft wurden.”

„Aber einer davon war der Mann, den der tote Jan gekratzt hat”, stellte George fest.

„Jedenfalls wissen wir, dass es ein Mann war”, bestätigte Krichel.

Nach dem Mittagessen traf sich George mit Herrn Oschmann. Sie hatten zuvor noch einmal kurz telefoniert und den Mercator-Stein als Treff- und Orientierungspunkt ausgemacht.

Oschmann war pünktlich und wartete bereits, als George eintraf. Beide hatten das schöne Wetter genutzt, um diesen besonderen Punkt, der reizvoll inmitten von Feldern am Gangelter Ortsrand lag, zu Fuß zu bewältigen.

Der Schulleiter saß auf der Bank unter den Linden vor dem alten Wegekreuz.

George hatte seine Kamera um den Hals. Vielleicht gab es ja irgendeinen Schnappschuss zu machen. Jedenfalls wollte er dann gerüstet sein. Ein interessierter Blick glitt zu dem Stein hinüber, mit dem man dem großen Gerhard Mercator ein Denkmal gesetzt hatte. Aber nicht nur dem Kartographen Mercator sollte ein Denkmal gesetzt werden, sondern auch dem Ort selbst, denn der Sandstein wies jeden Touristen darauf hin, dass sich hier in Gangelt der 51. Breiten- und der 6. Längengrad schneiden. Ein erhebender Moment für jeden, zu erkennen, dass er sich an einem Punkt befindet, der auf jedem Globus und jeder Weltkarte deutlich zu sehen ist.

Der Staher Künstler Kurt Preuss hatte das Denkmal in Form einer Weltkugel auf einem Sockel angefertigt. Auf dem Sockel waren unter anderem ein Relief mit der Gans, die die Möhre verspeist, und der Löwe aus dem Gangelter Stadtwappen zu sehen.

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George erinnerte der Stein von der Form her an eine überdimensionale Figur aus einem Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel. Über Geschmack ließ sich streiten – aber kaum darüber, dass dieser Stein zu einem Wahrzeichen der Gegend geworden war.

Wenn man in die andere Richtung sah, konnte man den Gangelter Kirchturm sehen. George stellte sich vor, dass vielleicht vor fünf Jahrhunderten Mercator genau hier gestanden hatte, um seine Messungen durchzuführen.

Vielleicht hatte er sogar die Kirchturmspitze als Bezugspunkt für seine Berechnungen genommen.

„Ja, hier weht der Mantel der Geschichte”, sagte Herr Oschmann lächelnd und kam auf George zu.

Aufgrund seiner guten Menschenkenntnis fiel es ihm nicht schwer, die Gedanken des Reporters zu erraten. „Ein kleines Kreuz auf einer Landkarte, aber ein großer Schritt in die Geschichtsbücher für Gangelt.”

„Vor allem erst mal ein dicker Stein”, antwortete George und streckte die Hand zur Begrüßung aus. „Hallo, Herr Oschmann. Da bin ich. Freut mich, dass Sie Zeit haben, um mir Ihre Beobachtungen noch mal vor Ort zu schildern.”

Oschmann nickte.

„Ist doch selbstverständlich. Wenn man dazu beitragen kann, ein Verbrechen aufzuklären.”

„Na ja, davon sind wir leider noch ziemlich weit entfernt, wie mir scheint.”

„Ich will Ihnen die Stelle mal zeigen, wo ich den Wagen des Getöteten gesehen habe.”

„Nennen wir ihn Jan”, schlug George vor. „Er hieß ja wohl tatsächlich so. Aber das macht die Sache weniger unpersönlich.”

„Meinetwegen - Jan”, erwiderte der ehemalige Schulrektor.

Sie gingen ein Stück den Feldweg entlang, kaum dreißig Meter. Dann blieb Herr Oschmann stehen, sah sich noch einmal nach allen Seiten um. Man konnte von hier aus in alle Richtungen ziemlich weit sehen. Felder und Wiesen, soweit das Auge reichte, in der Ferne mal ein kleines Waldstück.

Und natürlich die Silhouette von Gangelt. Oschmann deutete auf eine Stelle am Wegesrand. „Hier war es!”, meinte er bestimmt.

„Sicher?”

„Hundertprozentig.”

George suchte mit den Augen den Boden ab. Da waren ziemlich tiefe Reifenspuren zu sehen.

„Das ist sicher er gewesen”, erklärte Herr Oschmann. „Vielleicht hat er den Spaten ja doch dazu benutzt, sich freizugraben, weil er stecken geblieben ist!”

Aber George schüttelte entschieden den Kopf, nachdem er ein paar Fotos gemacht hatte. „Ich bin zwar kein Erkennungsdienstler, aber für mich sieht das eher so aus, als hätte das Opfer einfach das Gaspedal durchgetreten und so lange Vollgas gegeben, bis sich der Wagen aus dem Dreck gewühlt hatte.”

„Wollten wir den Toten nicht Jan nennen?”, fragte Herr Oschmann und blickte den Reporter verschmitzt an.

George nickte.

„Sie haben recht.”

Er griff zum Telefon, um Kriminalhauptkommissar Krichel anzurufen.

Sollten sich doch die Fachleute darum kümmern, die Spuren zu sichern. Vielleicht bekam man ja sogar ein brauchbares Reifenprofil.

Die Zeit bis zum Eintreffen der Polizei nutzte George noch damit, um sich umzusehen. Er wollte unbedingt wissen, was Jan mit dem Spaten gemacht hatte und suchte daher nach Stellen, wo vielleicht gegraben worden war. Allerdings fand er nichts dergleichen. Er verdreckte sich nur vollkommen die Schuhe.

„Wir wissen einfach noch zu wenig über den Mann”, stellte er frustriert fest. „Ein Belgier oder vielleicht auch ein Deutscher, der in Belgien lebt ... das ist nicht viel!”

„Vielleicht auch ein Mercator-Fan”, meinte Herr Oschmann und deutete auf den Stein.

Eigentlich war das witzig gemeint gewesen, aber in Georges Hirn begannen die Gedanken zu rasen. Dass dieser Jan aus Belgien mit einem Spaten hierher kam und ausgerechnet in der Nähe des Mercator-Steins etwas vergraben wollte, erschien ihm dann doch mehr als nur ein Zufall.

„Ver-graben oder aus-graben“, dachte George, „das ist hier die Frage!“

Er seufzte.

„Mein Kopf ist leer”, bekannte er. „Nichts ist so wie es scheint und ich bringe die wenigen Teile, die wir von dem Puzzle haben, einfach nicht zusammen.”

Herr Oschmann nickte grübelnd.

„Nichts ist so, wie es scheint, da haben Sie recht.”

„Ich meinte das jetzt aber nicht philosophisch”, sagte George.

„Ich auch nicht.”

Herr Oschmann deutete auf den Mercator-Stein. „Das Denkmal da zum Beispiel sollte eigentlich genau dort stehen, wo sich der 51. Breitengrad und der 6. Längengrad schneiden.”

„Ja, und? Wird das nicht den Touristen so erzählt?”, fragte George und horchte interessiert auf.

„Der Stein liegt um 120 Meter versetzt.”

Der Reporter traute seinen Ohren kaum zu glauben. Es war wie ein Paukenschlag und er meinte sich nochmals vergewissern zu müssen: „Wie bitte?”

„Ja, das wurde nie an die große Glocke gehangen, aber ein richtiges Geheimnis ist es eigentlich auch nicht. Da gibt es doch diesen Mercator-Spezialisten... .”

„Dr. Achten?”

„Genau. Ich hatte ihn vor Jahren mal in meine Klasse eingeladen, weil wir das Thema Mercator im Unterricht hatten. Da hat er das erzählt. Außerdem weiß ich von ihm, dass der Westdeutsche Rundfunk mit einem Dreierteam und einem Studenten vor einigen Jahren in seinem Beisein genaue Messungen des Punktes mittels GPS angestellt hat. Prüfen Sie die Lage über GPS nach! Sie werden sehen, dass die Angaben stimmen!”

„Aber wieso hat man den Stein nicht an die richtige Stelle gesetzt?”, fragte George erneut ungläubig.

Herr Oschmann zuckte mit den Schultern. „Da spielen wohl viele Dinge eine Rolle. Zunächst einmal die Eigentumsrechte von Grund und Boden und zweitens verläuft der Radweg da hinten und dann müssen die Touristen nicht über das Feld trampeln ..., was weiß ich!”

George atmete tief durch. Dann zuckte er mit den Schultern. „Eigentlich macht sich der Stein da ja auch ganz gut. Mit dem Baum im Hintergrund. Ein Postkartenmotiv par excellence!”

Und doch, so einfach war es auch wiederum nicht. Mit dieser Entdeckung schien es doch eine besondere Bewandtnis zu haben.

Nach einer halben Stunde traf Kriminalhauptkommissar Krichel schließlich ein. George erläuterte ihm, worauf er gestoßen war. Eine Viertelstunde später musste er dasselbe noch einmal erklären, als Herr Clausen zusammen mit zwei Kollegen eintraf.

Krichel war sehr freundlich.

Aber Clausen schien es nicht zu gefallen, wieder auf den Reporter zu treffen.

„Ich weiß nicht, ob es wirklich der Sache dient, wenn Sie überall mitmischen, Herr Schmitz”, sagte er missmutig. George musste sich stark beherrschen.

„Ich denke, dass ich damit nur der Aufklärung des Falles gedient habe”, erklärte George. Er blieb dabei sehr freundlich, denn er spürte, dass sich Clausen allein durch die Existenz des Reporters schon angegriffen fühlte. Da George ein gutes Gespür für Menschen hatte, wollte er auf keinen Fall, dass die Sache eskalierte. „Wahrscheinlich liegt es daran, dass wir uns einfach noch nicht kennen!“, dachte George. Denn jeder Polizist, der bisher mit ihm zusammengearbeitet hatte, wusste, dass George den Behörden nicht ins Handwerk pfuschen wollte. Ganz im Gegenteil!

„Sie müssen zugeben, dass die Informationen von Herrn Schmitz die Sache ein ganzes Stück weitergebracht haben!”, wandte sich Krichel beschwichtigend an seinen Kollegen.

Dieser knurrte etwas vor sich hin. Dann glitt sein Blick zu den Reifenspuren.

„Wir müssen mal sehen, ob wir einen vernünftigen Abdruck hinkriegen, den man hinterher einem Vergleich zuführen kann.”

In diesem Moment klingelte das Handy des Reporters. George wandte sich etwas ab und nahm den Anruf an.

„Spreche ich mit Herrn Georg Schmitz, der so viele Artikel in der Presse schreibt?”, vergewisserte sich eine weibliche Stimme.

„Am Apparat.”

„Mein Name ist Ursula Helbig, ich wohne in der Dahlmühle 11 in Gangelt. Sie haben doch in der Zeitung eine Art Aufruf gestartet, dass man sich bei Ihnen melden sollte, wenn man den ermordeten Mann schon einmal gesehen hätte.”

„Das ist richtig.”

„Ich bin mir inzwischen sicher, dass er es war.”

„Wovon sprechen Sie bitte?”

„Das ist schon ein paar Tage her und ich habe dem auch zunächst keine Bedeutung zugemessen. Erst als ich Ihren Artikel in der heutigen Ausgabe unserer Zeitung las, wurde mir klar, dass meine Beobachtung vielleicht etwas mit dem Fall zu tun haben könnte.”

George runzelte die Stirn. „Spannen Sie mich nicht so auf die Folter! Was haben Sie gesehen, Frau Helbig? Sie wissen doch: Jede noch so unbedeutend erscheinende Kleinigkeit kann letztlich dazu beitragen, den Fall aufzuklären.”

Frau Helbig machte eine kurze Pause und fuhr dann fort: „Die Sache ist einfach die, wir betreiben doch ein Gästehaus. Und vor gut einer Woche tauchte der Mann, der jetzt ermordet wurde, bei uns auf, weil er ein Zimmer brauchte.”

„Heißt das, er hat bei Ihnen gewohnt?”

„Nein, wir waren leider ausgebucht. Ich konnte da nichts machen. Deshalb habe ich ihm eine Liste von anderen Unterkünften mitgegeben und ihm die Pension von Frederike Menzing in Waldfeucht empfohlen.”

„Ich danke Ihnen, das wird der Polizei sicher sehr weiterhelfen.”

„Einen Moment, das war noch nicht alles. Ich habe den Mann noch einmal gesehen – hier bei uns an der Dahlmühle. Ich war gerade im Vorgarten beschäftigt und wollte einen Strauch in den Boden setzen, als ein Wagen an der Mühle parkte. Er hatte ein belgisches Kennzeichen, das weiß ich noch. Aber fragen Sie mich jetzt bitte nicht nach dem Typ. Irgendein moderner Wagen.”

„Saß dieser Mann darin?”

„Ja. Er stieg aus und traf sich mit zwei anderen Männern, mit denen er offenbar verabredet war. Jedenfalls warteten die schon seit etwa einer Viertelstunde dort auf ihn.”

„Wann war das?”

„Vor drei Tagen.”

„Können Sie die beiden Männer beschreiben?”

„Der eine war rothaarig, der andere hatte einen Bart – aber nur um das Kinn herum. Ich glaube Knebelbart nennt man das.”

„Wie alt waren die Herren ungefähr?”

„Die beiden schätze ich auf Ende dreißig, Anfang vierzig. Was sie miteinander geredet haben, weiß ich im Einzelnen nicht. Aber einer von denen hat immer wieder laut gesagt: So geht das nicht! Und dann hat der, der später getötet wurde, den Kofferraum seines Wagens geöffnet und etwas herausgeholt. Erst einen Spaten. Der war bestimmt gerade erst gekauft worden und sicher noch nie in der Erde, so wie der geblinkt hat! Ich habe mich gefragt, was jemand, der hierher als Tourist kommt, wohl mit einem Spaten will. Und dann war da noch etwas anderes. Ein Gegenstand, der aussah wie ein langer Stab mit einem Teller am unteren Ende.”

„Ein Metalldetektor?”

„Keine Ahnung, Herr Schmitz. Ich dachte erst an ein Minensuchgerät. Mehr habe ich auch nicht gesehen. Dann kam Horst – also mein Mann – und hat mich zum Telefon gerufen. Meine Tochter war nämlich am Apparat.”

„Haben Sie vielen Dank, das waren sehr wichtige Informationen, Frau Helbig.”

George beendete das Gespräch und wandte sich an die Kriminalbeamten.

„Ich weiß jetzt, wo unser Toter vermutlich gewohnt hat”, erklärte er den verblüfften Beamten. „Und zwar in der Pension von Frau Frederike Menzing in Waldfeucht. Dort werde ich jetzt hinfahren und Sie können sich mir gerne anschließen!”

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Als Leutnant Jürgen Wisbert den Parkplatz am Fliegerhorst erreichte, knöpfte er seine Uniformjacke auf und atmete tief durch. Er öffnete den Wagen – einen Ford – und ließ erst einmal die abgestandene Luft abziehen, bevor er einstieg.

Er nutzte die Zeit, um sein Handy wieder einzuschalten. Während der Dienstzeit war es grundsätzlich ausgeschaltet. Vor allem jetzt, da bei der Erprobung des neuen Ortungssystems seine volle Konzentration gefordert war.

Abgesehen davon wollte er auch nicht, dass Bettina ihn anrief oder mit einer SMS-Flut belästigte. Und das hätte sie zweifellos getan.

Jürgen Wisbert kratzte sich an dem von dichtem rotem Haar bedeckten Hinterkopf und gähnte. Es war ein anstrengender Tag gewesen.

Sie haben sechs neue Nachrichten, las er auf dem Display seines Handys.

Das hatte er befürchtet. An dem Abend im Haus Hamacher wollte er eigentlich einen Schlussstrich unter ihre Beziehung setzen, war aber nach Mitternach doch wieder bei ihr aufgetaucht. Er kam einfach nicht von ihr los. Sie hatten sich gestritten und getrennt. Mitten in der Nacht hatte sie einen Streit provoziert, und er hatte ihre Wohnung wütend verlassen.

Es war weder das erste Mal, dass sie sich stritten, noch das erste Mal, dass sie sich trennten. Aber jetzt sollte es dabei bleiben, so hatte Jürgen beschlossen. Bettina war eine tolle Frau – aber sehr anstrengend. Jürgen hatte sich überlegt, dass es vielleicht besser war, sich eine zu suchen, die emotional etwas ausgeglichener war – und nicht so kratzbürstig. Beinahe ebenso kampflustig war ihre Katze, die seiner Ansicht nach emotional genauso gestört war wie Bettina.

Jürgen überlegte kurz, ob er die Handy-Nachrichten nicht einfach löschen sollte. Dann erlag er der Versuchung und sah sie sich doch an.

Irgendwie hing er eben an Bettina und es hatte schon seinen Grund, dass sie sich immer wieder versöhnt hatten.

Die ersten Botschaften waren das Übliche, was er in solchen Situationen von Bettina bekam. Botschaften mit dem Tenor: „Lass uns noch mal reden”. Nur die letzte hatte einen anderen Akzent.

Sie lautete: Ein Reporter war bei mir in der Bank und hat wegen der Sache mit deinem Kumpel Jan Fragen gestellt. Ruf mich bitte sofort zurück, sobald du dein Handy nach dem Dienst wieder einschaltest! SOFORT!!!

Das letzte „SOFORT“ hatte drei Ausrufezeichen.

Jürgens Blick veränderte sich. Die Augen wurden schmal.

Er betastete die Striemen an seinem Hals, auf die ihn auch schon Kollegen angesprochen hatten.

Dann ging er in sein Handymenü und wählte eine Nummer aus, die einfach nur unter der Bezeichnung „U” gespeichert war.

Wenig später meldete sich eine Männerstimme.

„Ja?”

„Wir müssen uns treffen.”

„Jetzt?”

„Sofort!”

„Was ist denn los?”

„Die Sache zieht offenbar Kreise. Ein Presse-Typ war bei meiner Freundin.”

„Ich dachte, ihr hättet euch getrennt?”, meinte der andere fragend.

„Ist doch jetzt egal, oder?”, antwortete Wisbert etwas verärgert.

Eine Pause.

Dann sagte die Stimme: „Bei dir zu Hause?”

„Nein. An einem öffentlichen Ort, wo wir uns wie zufällig treffen könnten. Ich schlage das Bauernmuseum in Tüddern vor. Am Teich steht so eine alte Saftpresse. Dort treffen wir uns in einer halben Stunde und können dann reden.”

Wieder eine Pause.

„Wie du meinst, Jürgen.”

Das Gespräch wurde unterbrochen.

Jürgen Wisbert steckte das Handy ein und setzte sich jetzt in den Wagen. Das Radio ging von allein an, als er den Motor startete. Es lief das HitRadio auf 100`5 FM.

„ ... und viele Hörer im Selfkant und Umgebung wird es sicher interessieren, wie der Stand der Dinge bei der Suche nach dem geheimnisvollen Möhrenmörder ist”, hörte er den Studiosprecher sagen. „So wird der bislang unbekannte Täter genannt, der einen bisher ebenfalls unbekannten Mann vor dem alten Rathaus in Gangelt getötet hat, indem er ihm eine Möhre in den Hals rammte. Die Hintergründe dieser Tat lagen ja bis jetzt im Dunklen. Nun hat Staatsanwalt Jansen eine erste Pressekonferenz abgehalten. Hier ein O-Ton von dieser Pressekonferenz!”

Im nächsten Moment war die ruhige Stimme von Staatsanwalt Jansen zu hören. Akustisch unterlegt wurde sie von den Blitz-Geräuschen zahlreicher Fotoapparate.

„Wir ermitteln in alle Richtungen und möchten – auch aus fahndungstaktischen Gründen – hier nicht vorschnell die Suche einengen. Tatsache ist, dass wir für jeden Hinweis auf die Identität des Opfers dankbar sind. Wir haben in diesem Zusammenhang auch eine Suchanfrage an die Kollegen der belgischen Polizei gerichtet, da das Opfer belgischer Staatsbürger sein könnte. Manche von Ihnen haben vorhin die Frage aufgeworfen, ob es sich bei der ungewöhnlich grausamen und sehr demonstrativen Art und Weise dieses Mordes vielleicht um ein Bestrafungsritual des organisierten Verbrechens handeln könnte, aber das kann ich bisher weder dementieren noch bestätigen.”

Jürgen Wisbert schaltete das Radio abrupt aus.

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Eine einzigartige Sammlung alter Schätze verbarg sich hinter den Pforten des Bauernmuseums in Selfkant Tüddern. Vom alten Traktor bis hin zur Bauernküche der Urgroßeltern war alles zu finden, was das Leben in dieser Gegend in der Vergangenheit geprägt hatte. Für ein paar Stunden konnte man sich hier in die gute alte Zeit zurückversetzt fühlen. Es gab eine 2000 Quadratmeter große Ausstellungshalle, aber auch Exponate in dem umgebenden Gelände. Darunter auch eine hölzerne Saftpresse in der Nähe eines kleinen Teichs.

Ein Mann mit einem Knebelbart sah mehrmals nervös auf die Uhr, so als würde er jemanden erwarten.

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Zur gleichen Zeit trat Herr Borgans, der Inhaber des Bauernmuseums vor die Tür, um eine Zigarettenpause zu machen. Borgans trug ein dunkles Jackett, darunter ein schwarzes T-Shirt. Ein kalter Hauch wehte von Westen über das Land und ließ ihn leicht frösteln. Er vergrub die Linke in der Hosentasche und ließ die Zigarette aufglühen. Im Inneren des Museums war das Rauchen natürlich verboten. Erstens gab es dort eine Reihe brennbarer Stoffe und zweitens reagierte das Publikum inzwischen sehr empfindlich auf das Rauchen in Gebäuden, vor allem Eltern mit kleinen Kindern und Lehrer mit Schulklassen – und das waren letztlich Borgans Kunden.

Er beobachtete den Mann an der Saftpresse eine Weile und trat dann auf ihn zu, was diesen aus irgendeinem Grund noch unruhiger machte, als er ohnehin schon war.

Borgans fiel auf, dass der Mann mit dem Knebelbart Handschuhe trug. Handschuhe aus braunem Leder, die an manchen Partien perforiert waren.

„Autofahrerhandschuhe!“, dachte er. „Was für Angeber, die es im wahren Leben wohl gerne zum Testpiloten für Rennwagen geschafft hätten!“

„Kann ich Ihnen irgendwie helfen?”, fragte Borgans.

„Nein, danke”, lautete die knappe Erwiderung.

„Wollen Sie ins Museum? Wir haben geöffnet.” Doch sein Gegenüber verzog keine Miene und schien auch nicht zu einem Gespräch aufgelegt zu sein.

„Es ist alles in Ordnung, ja?”, bemühte sich der Museumsbesitzer erneut.

Der Fremde drehte sich demonstrativ um und sah in eine andere Richtung. Nach dieser offensichtlichen Zurückweisung zuckte Borgans mit den Schultern.

„Wie Sie meinen.”

Er drehte sich um und ging zurück zum Hauptgebäude des Museums. Sein Handy klingelte. Die Zigarette trat er mit dem Fuß aus und verschwand dann wieder im Inneren des Gebäudes.

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Leutnant Jürgen Wisbert erreichte zehn Minuten später das Bauernmuseum. Er parkte den Wagen hinter einem ebenfalls gerade eingetroffenen Reisebus, stieg aus und warf die Tür ins Schloss.

Mit eiligen Schritten ging er auf die Saftpresse zu, während aus dem Reisebus gerade eine Schar von Senioren strömte. Die etwa vierzig grauhaarigen Damen und Herren bewegten sich im Schneckentempo und recht lautstark auf den Museumseingang zu. Herrn Borgans war die Ankunft dieses Busses offenbar kurz zuvor telefonisch angekündigt worden, denn er stand nun zur Begrüßung bereit.

Wisbert erreichte die alte Saftpresse.

Sein Gesicht war jetzt fast so rot wie seine Haare.

Er hatte die Krawatte seiner Uniform gelockert und wirkte ziemlich aufgebracht.

Der Mann mit dem Knebelbart streckte seine Hand aus.

„Was ist?”, fragte er. „Du weißt, worauf ich warte!”

Er vermied es, seinem Gegenüber in die Augen zu schauen.

Jürgen Wisbert nickte.

„Ja, das weiß ich.”

„Und?”

„Ich hatte eine Abmachung mit Jan und nicht mit dir.”

„Was soll das heißen?”, fragte sein Gegenüber lauernd.

„Ich steige aus. Und zwar hier und jetzt”, verkündete Wisbert mit fester Stimme, die seine innere Angst überspielen sollte.

„Hast du vergessen, wie viel Geld bei der Sache drin ist?”

„Nicht genug. Ich lass die Finger davon. Seit Jans Tod ist die Sache einfach zu heiß geworden. Und wenn du schlau bist, dann verschwindest du einfach und lässt Gras über die Sache wachsen.”

Der Mann mit dem Knebelbart verengte seine Augen. Seine Hände ballten sich zu Fäusten.

„Mach´s gut”, sagte Leutnant Wisbert.

„So einfach kannst du dich nicht verdrücken, Jürgen. Da liegen irgendwo Millionen herum, die ein geschickter Zwischenhändler noch verdoppeln könnte - und nur, weil du etwas Muffensausen bekommst, soll ich diese Riesenchance aufgeben?” Der Fremde schüttelte wütend den Kopf.

Jürgen Wisbert zuckte mit den Schultern.

„Tut mir leid.”

„Ich verstehe schon. Der lästige Jan ist ausgeschaltet und jetzt denkst du, dass ich mich von dem Polizei-Theater um den Möhrenmord einschüchtern lasse und verschwinde, damit du endgültig freie Bahn hast!”

„Nein, du irrst dich! Ich habe das Projekt einfach aufgegeben, da das Risiko im Moment zu hoch ist.”

„Jan ist tot“, hämmerte es in seinem Kopf, aber er vermied es, das Thema anzusprechen.

„Ich will die Aufnahmen, Jürgen!”, herrschte der Mann Wisbert an.

„Wir werden uns nicht wiedersehen”, erwiderte dieser und senkte seinen Blick.

Der Mann mit dem Knebelbart wandte sich kurz zum Eingang des Bauernmuseums um.

Die Seniorengruppe war nicht mehr zu sehen.

Für Jürgen Wisbert war die Sache erledigt. Er wollte jetzt nur so schnell wie möglich diesen Ort verlassen und die ganze Geschichte am liebsten vergessen. Worauf hatte er sich da nur eingelassen? Aber so sollte er nicht davonkommen. Der Mann mit dem Knebelbart packte ihn plötzlich grob am Kragen und riss ihn herum. Ehe Leutnant Wisbert reagieren konnte, hatte er schon einen kräftigen Faustschlag gegen den Kopf abbekommen.

Wisbert ächzte und wankte. Er war benommen.

Ein zweiter Hieb traf den AWACS-Navigator wie ein Hammerschlag in die Magengrube.

Bevor Wisbert in sich zusammensackte, zerrte der Mann mit dem Knebelbart ihn über den Bottich der Saftpresse. Der Rothaarige war zu benommen, um sich dagegen wehren zu können.

Die kräftigen Hände des Mannes mit dem Knebelbart drückten den Kopf zwischen die Pressbacken der Saftpresse. Mit seiner linken Hand drehte er an der Welle. Herr Borgans hatte das gute Stück hervorragend gepflegt. Kein bisschen Rost war an der Welle zu sehen, die sich deshalb tadellos weiterdrehen ließ. Wie vor fünfzig Jahren, als sie in der Erntezeit beinahe täglich genutzt wurde.

Wisbert stöhnte auf.

Er ruderte verzweifelt mit den Armen.

Aber nur kurz. Dann erschlafften sie auf einmal völlig.

Ein grausiger Knacklaut ertönte und zerriss die friedliche Idylle. Der Schädelknochen und das Genick des Leutnants brachen. Blut troff an der unteren Pressbacke entlang in den Bottich. Der Mann mit dem Knebelbart atmete tief durch. Noch immer war er rasend vor Wut. So kurz vor dem Ziel aufgeben – nein, das war nichts für ihn. Er tastete den Toten ab und nahm dessen Brieftasche und Wagenschlüssel an sich.

Dann ging er zum Parkplatz, um Jürgen Wisberts Wagen zu durchsuchen. Er machte das sehr gründlich und ließ sich die nötige Zeit dabei. Der Seniorenbus versperrte die Sicht vom Museum aus. Und der Busfahrer interessierte sich wohl auch für die Heimatgeschichte des Selfkants. Jedenfalls war er mit seiner Reisegruppe gegangen. Vielleicht benutzte er auch einfach nur die Museumstoilette.

Der Mann mit dem Knebelbart fluchte leise vor sich hin.

Offenbar hatte er das, was er suchte, nicht gefunden.

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George Schmitz hörte die Blitzerwarnungen auf „100`5 - Das HitRadio”. Aber eigentlich war er mit den Gedanken gar nicht dabei, so sehr war er mit dem Mordfall auf dem Gangelter Marktplatz beschäftigt.

Und da er nicht richtig zugehört hatte und sich auch nicht sicher war, ob gerade die Straße nach Waldfeucht erwähnt worden war, bremste er sicherheitshalber etwas ab.

Der Reporter hatte den in der Nähe des Mercator-Steins gelegenen Treffpunkt mit Herrn Oschmann verlassen. Die Polizei suchte dort zwar noch weiter nach Spuren, aber George hatte nicht das Gefühl, dass viel dabei herauskommen würde. Er fuhr stattdessen zur Adresse von Jürgen Wisbert, dem rothaarigen Mann, der sehr wahrscheinlich mit jener Person identisch war, die sich in der Gaststätte Hamacher heftig mit „Jan”, dem Opfer des Möhrenmordes, gestritten hatte.

Wisbert bewohnte eine Einliegerwohnung mit separatem Eingang in einem Bungalow.

George parkte seinen Wagen am Straßenrand. Etwas weiter entfernt stand ein Ford Maverick halb auf dem Bürgersteig. Er fiel George sofort auf, weil er ein auswärtiges Kennzeichen hatte.

AC – für Aachen.

Wenig später stand George vor dem zu ebener Erde gelegenen Eingang der Einliegerwohnung. Am Klingelschild stand „J. Wisbert”. Er war also richtig. Der Reporter klingelte.

Niemand öffnete. George klingelte noch einmal. In der Einfahrt hatte er keinen Wagen gesehen, aber es gab zwei geschlossene Garagen – eine für die Hauptwohnung des Bungalows und eine für den Mieter der Einliegerwohnung, wie der Reporter vermutete. Wisbert hatte den Wagen wahrscheinlich in die Garage gestellt. „Oder er ist zu seiner Freundin gefahren!“, ging es George durch den Kopf. „Dann sollte ich ihn vielleicht lieber gleich bei Bettina Lange suchen.“

Er versuchte es noch einmal und klingelte jetzt Sturm.

Wieder keine Reaktion.

George zuckte mit den Schultern. Er wandte sich schon zum Gehen, als er plötzlich durch eines der Fenster eine Bewegung sah.

Mehr als einen Schatten hatte er nicht bemerkt. Aber dieser Schatten war eindeutig zu groß für eine im Haus zurückgelassene Katze oder einen Hund. Letzterer hätte wohl auch sofort angeschlagen.

George drückte die Stirn gegen die Scheibe.

„Herr Wisbert?”, rief George und klopfte gegen das Glas.

Nein, er war sich sicher! Da war jemand in der Wohnung. Natürlich hätte es sein können, dass Bettina Lange ihren Freund so lange mit Anrufen und SMS bearbeitet hatte, dass er zumindest zu einem klärenden Gespräch zu ihr zurückgekehrt war. Aber George hielt es letztlich doch für wahrscheinlicher, dass der Leutnant hier steckte – in seinen eigenen vier Wänden.

Er ging zum Eingang zurück und drückte den Daumen erneut dauerhaft auf den Klingelknopf. Mindestens eine halbe Minute lang. Dann klopfte er gegen die Tür. „Herr Wisbert, ich habe gesehen, dass Sie zu Hause sind! Bitte öffnen Sie, ich muss dringend mit Ihnen sprechen!”

Auf der anderen Seite der Tür war ein Geräusch zu hören.

Die Gegensprechanlage wurde jetzt eingeschaltet.

„Wer sind Sie?”, fragte eine männliche Stimme.

„Mein Name ist Georg Schmitz. Ich arbeite für die hiesige Zeitung. Ich würde Ihnen gerne ein paar Fragen zu Ihrem Bekannten Jan stellen, der vorgestern mit einer Möhre vor dem alten Gangelter Rathaus umgebracht wurde.”

Eine Pause folgte.

„Einen Augenblick”, sagte die Stimme. „Ich werde Ihnen öffnen.”

Die Erwähnung des Namens Jan hatte sich also als Sesam-öffne-dich erwiesen.

Die Tür wurde einen Spaltbreit geöffnet. Innen herrschte ein diffuses Halbdunkel. Der Spalt vergrößerte sich. Die Faust kam viel zu schnell und hart, um ihr ausweichen und sie abwehren zu können. Der Schlag traf George mit voller Wucht gegen die Stirn. Ein zweiter folgte rasendschnell und ließ ihn taumeln. Dann wurde er unsanft am Kragen gepackt und in die Wohnung gezogen. Er strauchelte, ging zu Boden und kam hart auf. Alles drehte sich vor seinen Augen.

Er dachte noch: „Hoffentlich ist meiner Kamera nichts passiert.“ Da bekam er einen weiteren Schlag, der ihn endgültig ausknockte. Ihm wurde es schwarz vor den Augen und er wurde ohnmächtig.

Wie viel Zeit vergangen war, als er wieder erwachte, wusste George nicht. Er stöhnte leise. Sein Kopf schmerzte fürchterlich. Vorsichtig betastete er die Stellen, an denen ihn die Fausthiebe wie Hammerschläge getroffen hatten.

Vorsichtig und ganz langsam bewegte er seinen Kopf und stellte fest, dass er sich nicht im Flur befand, wo er zusammengeschlagen worden war, sondern dass man ihn ins Bad geschleift und bäuchlings in die Wanne gelegt hatte. Plötzlich drang das Plätschern von Wasser in sein Bewusstsein. George verschluckte sich. Das Wasser lief ihm bereits in Nase und Mund. Es war eiskalt und ließ ihn sofort hochschrecken. Von einer Sekunde zur anderen war er wieder voll da, auch wenn ihm der Schädel höllisch wehtat.

Der Täter musste ihn hierher gebracht haben, offenbar in der Hoffnung, dass er lange genug bewusstlos bleiben würde, um in der kaum zur Hälfte gefüllten Wanne zu ertrinken. Das ging innerhalb von Minuten. George erinnerte sich dunkel an einen Fall, über den er in der Zeitung berichtet hatte.

Damals ging es um den Bewohner eines Altenheims, der in seiner eigenen, fünf Zentimeter hoch mit Wasser gefüllten Waschschüssel ertrunken war, weil er einen Schwächeanfall erlitten hatte und er allein den Kopf nicht mehr aus der Schüssel hatte heben können. Nur wenige Minuten hatte die Pflegerin den Mann allein gelassen, damit er sich das Gesicht waschen konnte. Diese kurze Zeitspanne hatte schon ausgereicht.

Von plötzlicher Panik erfüllt, stemmte er sich auf und kletterte ächzend aus der Wanne. Nebenbei registrierte er, dass seine Kamera verschwunden war. Aber irgendwie erschien ihm das im Moment nicht wichtig.

George war pitschnass – aber er lebte. Er blickte auf seine Uhr. Anderthalb Stunden waren vergangen, seit er zum letzten Mal die Blitzermeldungen auf „100`5 - Das HitRadio” gehört hatte. In dieser Zeit hätte die Wanne eigentlich längst überlaufen und er demzufolge ertrinken müssen. George grübelte und sein Reporterehrgeiz war wieder geweckt.

Auf jeden Fall hatte es wohl keinen Sinn, aus dem Haus zu stürzen, um den Täter zu verfolgen. Der war längst über alle Berge.

George sah sich die Wanne noch einmal genauer an. Der Wannenstöpsel steckte nicht im Abfluss. Deshalb war die Wanne auch nicht voll. Aber welchen Sinn hätte es gehabt, das Wasser aufzudrehen, wenn nicht die Absicht dahintergesteckt hätte, ihn zu ertränken? Einen Augenblick lang überlegte George, ob er nicht besser von allem die Finger lassen sollte, um keine Spuren zu verwischen.

Aber dann war die Neugier einfach zu groß.

Er steckte den Stöpsel in den Abfluss. Dieser war etwas zu groß und passte nicht richtig, weil er an einer Stelle etwas verformt war, sodass er nicht richtig schloss. Wenig später schon spülte ihn das Wasser aus dem Abfluss heraus. „Wie gut, dass Jürgen Wisbert entweder in der letzten Zeit nur geduscht oder bei seiner Freundin gebadet hat!“, dachte der Reporter. So, wie sich die Dinge darstellten, hatte ihm dieser Umstand das Leben gerettet.

George stellte noch immer leicht benommen und mit einem komischen Gefühl in der Magengegend das Wasser ab.

Das Rauschen ging ihm ganz gehörig auf die Nerven.

Während er sich bückte, wurde im schwindelig. Die Faustschläge hatten ihn wohl doch schwerer in Mitleidenschaft gezogen, als er im ersten Moment gedacht hatte.

Als er das Bad verlassen wollte, bemerkte er, dass die Tür von außen abgeschlossen war. Er blickte sich suchend um – kein Fenster, durch das er hätte klettern können. Aber was war denn das? Unter der Heizung sah er sein Handy liegen, das ihm bei seinem Transport in die Badewanne wahrscheinlich aus dem Gürtel gerutscht war. Nur vorsichtig den Kopf bewegend und ganz langsam tastete er nach dem Gerät und zog es hervor. Es funktionierte noch. Im ersten Moment dachte er daran, es sich leicht zu machen, bei der Polizei anzurufen und sie hierher zu beordern, damit man ihn herausholen konnte.

Er hatte die Nummer schon angewählt und es hätte nur noch eines einzigen Knopfdrucks bedurft, da überlegte es sich der Reporter anders.

„Nein, erst einmal werde ich mich selbst hier umsehen!“, beschloss er kurzerhand.

Da Wisbert auf irgendeine Weise mit dem Möhrenmordfall in Zusammenhang stand, lag der Schluss nahe, dass hier vielleicht der Schlüssel zu allem zu finden war. Er rüttelte an der Tür. Aber so einfach war die nicht aufzubrechen, da er ziehen musste und sie nicht einfach mit einem Tritt zur Seite springen lassen konnte.

Er sah sich um, durchsuchte den Badezimmerschrank und fand schließlich ein Maniküre-Etui. Die Feile hatte genau die Breite wie die Schlitzschrauben, mit denen das Schloss montiert war. George schraubte sie eine nach der anderen damit heraus. Das dauerte längere Zeit, da ihn seine Kopfschmerzen immer wieder innehalten ließen. Endlich gelang es ihm die Tür zu öffnen. Er schleppte sich in den Flur. Dort lag seine Kamera auf dem Boden. George hob sie auf und überprüfte als erstes ihre Funktionsfähigkeit. Es schien noch alles in Ordnung zu sein. „Gott sei Dank!“, dachte er.

Dann sah er sich im Wohnzimmer um. Die Einrichtung entsprach etwa dem, was man landläufig als „Gelsenkirchener Barock“ bezeichnete. Viel zu große und klobige Möbel, die sicher in der Weite einer Verkaufshalle sehr repräsentativ gewirkt hatten. Hier aber sorgten sie für Enge und Muffigkeit. Vom Stil her waren es Stücke aus den Sechzigern. Erbstücke also. Nur der riesige Flachbildschirm war neu. Eine aufgerissene Tüte Chips lag auf dem Tisch.

Dann ging er zu dem ebenfalls sehr klobigen Schreibtisch, auf dem sich ein Computer befand. Auf allem hatte sich eine dicke Staubschicht gelegt. “Kein sehr ordentlicher Mensch, dieser Jürgen Wisbert”, dachte George, dessen nasse Kleidung auf dem unsauberen Boden große Tropfen hinterließ.

Die Schubladen des Schreibtischs waren aufgerissen worden und etliche Papiere lagen auf dem Boden verstreut. Es war offensichtlich alles durchwühlt worden. Damit wurde für George klar, dass es vermutlich nicht Wisbert gewesen war, der ihn so brutal niedergeschlagen hatte. Vielmehr hatte er offenbar jemanden beim Durchsuchen von Wisberts Wohnung überrascht. George fragte sich nun, wonach dieser Unbekannte wohl gesucht haben mochte.

Bei seiner weiteren Überprüfung des Zimmers bemerkte er einige Bücher, in deren Titeln der Name MERCATOR zu finden war. Hier und da hatte Wisbert gelbe Post-its in die Bände geklebt. Manche davon waren aber auch herausgefallen.

Einige der Folianten waren offensichtlich in blinder Zerstörungswut auf den Boden geworfen worden.

„Der geheimnisvolle Jan aus Belgien gräbt in der Nähe des Mercator-Steins den Acker um und ein Mann, mit dem er kurz vor seinem Tod in Streit gerät, entpuppt sich als ein Hobby-Mercator-Forscher!“, ging es George durch den Kopf.

An einen Zufall mochte er jetzt nicht mehr glauben.

Er machte schnell ein paar Schnappschüsse davon, wie der Täter den Schreibtisch hinterlassen hatte – denn dessen Inhalt hatte ihn offenbar am meisten interessiert. Der Rest des Raums war nämlich nicht in Mitleidenschaft gezogen worden. Es waren keine Kissen aufgeschlitzt oder andere Spuren einer sehr intensiven Suche zu finden.

„Vielleicht sollte ich jetzt doch mal die Profis heranlassen!“, überlegte er und griff bereits zum Handy. Da fiel ihm ein gelber Zettel zwischen den herumliegenden Büchern ins Auge.

Darauf stand: Dr. Achten. Dahinter eine Telefonnummer.

Offenbar hatte Wisbert den größten lokalen Mercator-Spezialisten kontaktiert – beziehungsweise er hatte es zumindest vor. Noch während George überlegte, ob er zuerst die Polizei oder Dr. Achten anrufen sollte, hörte er von draußen Polizeisirenen.

Zuerst dachte George, dass die Polizeifahrzeuge vielleicht zur Adresse von Jürgen Wisbert wollten. Möglicherweise hatte ja einer der Nachbarn die Polizei gerufen, weil ihm etwas aufgefallen war.

Aber diese Vermutung erwies sich als falsch. Die Sirenen wurden wieder leiser. Ihr Ziel musste in der Nähe liegen – befand sich aber ganz bestimmt nicht hier an seinem Aufenthaltsort.

Das Ganze erschien George sehr merkwürdig. Er setzte sich, weil ihm immer noch der Schädel brummte. Erschöpft schloss er die Augen und versuchte zur Ruhe zu kommen. Aber seine nasse Kleidung erinnerte ihn an seine missliche Lage, und er begann erbärmlich zu frieren. Seine Zähne klapperten - ob vor Kälte oder von dem Schock, dem Tod gerade noch mal von der Schippe gesprungen zu sein - er wollte nicht darüber zu intensiv nachdenken.

Er holte tief Luft und rief dann die Polizei an, um zu melden, was geschehen war. Er hatte Kriminalhauptkommissar Krichel am Apparat. Die Untersuchungen am Mercator-Stein waren wohl gerade ohne Ergebnis abgebrochen worden.

„Haben Sie den Mann erkennen können, der Sie niedergeschlagen hat?”, fragte Krichel.

„Nein. Selbst, dass es ein Mann war, ist streng genommen nur eine Annahme. Da war ein Schatten, eine Bewegung und dann dachte ich, mich hätte ein Vorschlaghammer getroffen. Ich war weg. Und um ein Haar wäre ich endgültig nicht mehr auf dieser Welt gewesen. Zuerst dachte ich, dass es Jürgen Wisbert gewesen sei, der mich ausschalten wollte, weil er der Täter ist. Aber als ich den durchwühlten Schreibtisch später sah, war mir klar, dass das jemand anderes gewesen sein musste.”

„Jürgen Wisbert ist das auf keinen Fall gewesen”, sagte Kriminalhauptkommissar Krichel. „Der ist nämlich tot.”

„Wie bitte?”, entgegnete George ungläubig.

„Jemand hat ihn in die Saftpresse vor dem Bauernmuseum in Tüddern gequetscht und seinen Schädel bersten lassen. Clausen und seine Leute sind am Tatort. Und zu Ihnen schicke ich jetzt gleich auch jemanden, der Sie befragen wird. Benötigen Sie einen Arzt?”, fügte er dann doch noch fürsorglich hinzu.

„Nein”, wehrte George ab, „ich möchte lieber sofort zum Bauernmuseum fahren. Da zieht es mich nämlich jetzt hin.”

„Das hatte ich befürchtet.”

„Wieso?”

„Clausen hat mir gesagt, dass er Sie dort nicht haben will!”

„Der hat wohl noch nie etwas von Grundrechten und der Presse- und Meinungsfreiheit gehört”, empörte sich der Reporter.

„Herr Schmitz, mein Kollege will einfach ungestört arbeiten, das ist alles.”

„Aber das Recht auf Ungestörtheit hat keinen Verfassungsrang, Herr Krichel”, erwiderte Schmitz.

„Da haben Sie allerdings recht!”, seufzte dieser.

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Bevor Schmitz das Haus verließ, ging er in die Küche an den Eisschrank und nahm eines der Kühlelemente heraus. Das hielt er sich an den schmerzenden Kopf. Dabei setzte er sich auf einen der Stühle.

Eine kleine Pause musste er sich wohl noch gönnen – schon, um die Blutergüsse nicht zu schlimm werden zu lassen. Außerdem überlegte Schmitz, ob er seiner Frau überhaupt etwas von dem erzählen sollte, was ihm widerfahren war. Sonst kam sie am Ende noch auf die Idee, ihre Kur abzubrechen und das wollte George nun wirklich nicht.

Der Reporter beschloss, die Zeit zu nutzen, indem er Dr. Martin Achten anrief. Er hatte Glück.

Der Mercator-Spezialist war zu Hause und nach einigem Klingeln ging er an den Apparat.

„Hier Achten.”

„Georg Schmitz von der Zeitung”, sagte Schmitz kurz und knapp. „Hören Sie, es geht um einen Bundeswehroffizier, der im hiesigen Nato-Fliegerhorst Dienst tut - sein Name ist Jürgen Wisbert und er bekleidet den Rang eines Leutnants. Ein großer Mann mit roten Haaren und Sommersprossen. Der scheint sich sehr für das Leben Mercators interessiert zu haben und im Übrigen habe ich hier Ihre Telefonnummer auf einem Zettel gefunden.”

„Wisbert? Ja sicher, der hat sich bei mir gemeldet.”

„Wann?”

„Vor ein paar Tagen.”

„Vor dem Möhrenmord?”

„Auf jeden Fall davor.”

Der Möhrenmord war im Bewusstsein der Bürger des Selfkants gewiss ein so einschneidendes Ereignis, dass jeder sich daran erinnerte und wahrscheinlich noch wusste, was er an jenem Tag getragen, was er getan und was er gegessen hatte. Ein Ereignis, das wie eine Marke in der Zeitlinie wirkte. Man wusste sofort, was davor und was danach geschehen war. So wie beim 11. September oder dem Fall der Mauer. Nur, dass der Möhrenmord natürlich diese Wirkung lediglich auf lokaler Ebene hatte.

„Ich bin mir sicher, dass es davor war. Montag glaube ich”, ergänzte Dr. Achten jetzt.

„Was wollte er von Ihnen?”

„Wie Sie schon sagten, er interessierte sich für Mercator – und insbesondere dafür, ob und warum der Mercator-Stein nicht exakt an der Stelle steht, wo er eigentlich stehen müsste.”

„Was wollte er in diesem Zusammenhang wissen?”, hakte George nach.

„Zum Beispiel, ob es denkbar wäre, dass Mercators Messungen nach heutigen Maßstäben ungenau gewesen sein könnten.”

„Und? Was haben Sie ihm geantwortet?”

„Ich habe ihm gesagt, dass Mercator vielleicht noch kein GPS hatte, aber ich trotzdem Abweichungen von mehr als zehn Metern für äußerst unwahrscheinlich halten würde. Die Messinstrumente der damaligen Zeit, die Mercator ja mehrheitlich eigenhändig konstruiert hatte, waren schon sehr genau, und wenn dann noch ein fähiger Mann mit spitzer Feder zu rechnen wusste ...”

„Haben Sie eine Ahnung, was jemand in unmittelbarer Nähe des Mercator-Steins mit einem Spaten vorhaben könnte?”

„Vielleicht ein paar Kartoffeln ausgraben.”

„Ich meine es ernst. Der Mann, der dort mit einem Spaten gesehen wurde, ist das spätere Mordopfer. Der Bundeswehr-Offizier, der sich bei Ihnen ein paar Nachhilfestunden in Bezug auf Mercator geben ließ, wurde heute in eine Saftpresse am Bauernmuseum gedrückt, sodass ihm der Schädel zerquetscht wurde – das kann kein Zufall sein!”

„Furchtbar! Ich werde darüber nachdenken, Herr Schmitz.”

„Tun Sie das. Darf ich Sie später noch mal wegen dieser Sache anrufen?”

„Sicher.”

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Beim Verlassen des Hauses ließ der Reporter das Türschloss einfach einrasten. George war zwar kein ausgebildeter Spurenexperte, aber er konnte an der Tür zumindest keinerlei Spuren eines Einbruchs erkennen. Also musste der Täter einen Haustürschlüssel besessen haben. Vielleicht hatte Wisberts gegenwärtige Ex-Freundin noch einen Schlüssel zu seiner Wohnung. Aber das wenige, was sich über den Täter sagen ließ, lief eher darauf hinaus, dass er wesentlich größer und kräftiger als die zierliche Bettina gewesen war. Kräftig genug, um einen Reporter nicht nur zusammenzuschlagen, sondern ihn auch noch in die Wanne zu hieven.

Es kam jetzt darauf an, wann genau Wisbert beim Bauernmuseum umgebracht worden war und ob dem Opfer der Schlüssel abgenommen worden war. Dann war der Mörder von Jürgen Wisbert wohl auch derjenige, der um ein Haar ihn, Georg Schmitz, umgebracht hätte.

Bevor George in seinen Wagen stieg, hielt er noch einen Augenblick lang inne. Irgendetwas hatte sich am Straßenbild verändert. Es musste eine Kleinigkeit sein, die man normalerweise gar nicht registrierte. Aber George hatte in diesem Augenblick das Gefühl, dass es wichtig war. Er kniff die Augenbrauen zusammen.

„Na ja, vielleicht fällt es mir wieder ein!“, ging es ihm durch den Kopf.

Und dann wusste er es!

„Der Maverick!“ Der Jeep stand nicht mehr dort.

George setzte sich ans Steuer seines Wagens. Mit nasser Kleidung war das alles andere als ein Vergnügen.

Mit brummendem Schädel und sich in seiner Haut absolut unwohl fühlend, raste er zurück zum Mercator-Hotel. Er durchschritt eiligst die Eingangshalle und hastete zum Aufzug, ohne die Blicke der Hotelgäste und Angestellten zu beachten, die ihn ganz unverhohlen anstarrten. Die gemütliche Atmosphäre des Zimmers und eine lange heiße Dusche reichten aus, ihn wieder in eine annehmbare Form zu bringen. Der Kaffee, den ihm der Zimmerservice servierte, stärkte seine Lebensgeister und er fühlte sich für den Rest des Tages gewappnet.

Voller Tatendrang lief der Reporter nun wieder durch die Hotelhalle und stieg in sein Auto. Es dauerte nicht lange, bis George das Bauernmuseum erreicht hatte – wobei erreichen wohl nicht ganz der richtige Begriff war. Die Straße war mit Einsatzfahrzeugen der verschiedensten Art zugeparkt und es war gar nicht so leicht, noch einen freien Platz am Straßenrand zu finden, wo man das Fahrzeug abstellen konnte. Am Knotenpunktschild 31 für Fahrradfahrer wurde er endlich fündig. Dort standen schon etliche Pedalritter, die sich über den Mord unterhielten. George stieg aus, nahm seine Kamera und machte sich auf den Weg. Er musste ein ganzes Stück bis zum eigentlichen Ort des Geschehens laufen.

Beinahe angekommen, versuchte ihn ein uniformierter Polizist davon abzuhalten, weiter in Richtung Saftpresse zu gehen.

„Tut mir leid, Sie können hier nicht weiter!”, sagte der Beamte.

George überlegte fieberhaft, ob er den Mann kannte, konnte sich aber nicht erinnern, ihn schon mal gesehen zu haben. Möglicherweise war dieser zur Verstärkung von Clausen und seiner Sonderkommission aus Aachen mitgekommen.

George zückte seinen Presseausweis.

„Schmitz, Redakteur der hiesigen Zeitung.”

Der Beamte runzelte die Stirn und nickte schließlich.

„Zwar kenne ich ihn nicht, aber er offenbar mich!“, ging es Schmitz durch den Kopf. „Aber das kann manchmal genauso nützlich sein!“

„Herr Clausen hat mich eigentlich vor Ihnen gewarnt!”, erwähnte der Polizist jetzt.

„Herr Clausen erwartet mich, weil ich wichtige Angaben zum Fall machen kann. Und zwar was das Opfer Jürgen Wisbert angeht.”

In diesem Moment tauchte Clausen höchstpersönlich hinter einer Ecke des Bauernmuseums auf. Er sprach mit Dr. Belden von der Gerichtsmedizin.

„Ah, da ist Herr Clausen. Er kann mich dann ja selbst wegschicken, wenn ihm meine Gesellschaft unangenehm ist”, meinte George und ging an dem verdutzten Beamten einfach vorbei.

Clausen und Dr. Belden wurden nun auch auf George aufmerksam. „Was suchen Sie hier?”, wurde er ziemlich unfreundlich von Clausen empfangen.

„Hat Herr Krichel Sie noch nicht informiert?”, entgegnete George betont gleichmütig.

In diesem Augenblick klingelte Clausens Handy.

„Diesmal sollten Sie vielleicht drangehen”, meinte Belden jetzt.

Clausen nahm widerwillig den Apparat ans Ohr und sagte einmal „Hier Clausen” und dann lange Zeit gar nichts mehr, abgesehen von einem gelegentlichen „hm.”

Kurz vor Ende des Gesprächs ließ er dann zumindest drei Worte fallen, die George die Identität des Gesprächspartners bestätigten.

„Danke, Herr Krichel”, sagte Clausen und klappte das Handy zusammen. Dann steckte er es weg und wandte sich noch einmal kurz an Dr. Belden.

„Wir beide haben dann ja wohl alles besprochen, oder?”

„Ja”, erwiderte Belden sehr kurz angebunden.

„Dass Sie sich mit dem Obduktionsbericht bitte beeilen mögen, brauche ich ja wohl nicht gesondert zu betonen. Dieser Fall hat inzwischen absolute Priorität!”

„Ich kann Wunder vollbringen”, behauptete Dr. Belden schnippisch, „allerdings immer nur eins nach dem anderen und nicht mehrere zur gleichen Zeit. Sie verstehen, was ich meine?”

„Ich hoffe für Sie nur, dass die Staatsanwaltschaft das auch versteht. Die macht nämlich inzwischen ganz schön Druck, den ich gerne an Sie weitergeben werde!”

„Rufen Sie mich bitte nicht vor morgen früh um acht an, Herr Clausen.”

Mit diesen Worten ging Dr. Belden davon und nickte George nur kurz zu.

Die Stimmung schien ziemlich gereizt zu sein – aber dafür hatte der Reporter Verständnis. Schließlich war dies der zweite äußerst bizarre Mord innerhalb von wenigen Tagen in einem Gebiet, in dem sich normalerweise Fuchs und Hase - oder auch schon mal der Tourist und sein Hotelier - gute Nacht sagten. Eine Gegend, die durch ihre Lage im äußersten Westen, durch gelegentliche Meldungen über die Aktivitäten von einigen AWACS-Gegnern und einige touristische Highlights von sich reden gemacht hatte - aber eigentlich nie durch eine besonders hohe Kriminalitätsrate.

Clausen trat auf George zu.

„Kriminalhauptkommissar Krichel hat mich gerade über das informiert, was Ihnen widerfahren ist”, stellte Clausen fest.

„Damit bin ich jetzt sicher im Handumdrehen von einem lästigen Reporter zu einem wichtigen Zeugen mutiert, wie ich annehme”, erwiderte George. „Aber wie auch immer, ich bin so oder so an der Aufklärung des Falles interessiert.”

„Wenn ich das richtig verstanden habe, was Herr Krichel mir da auf die Schnelle berichtet hat, dann sind Sie vielleicht von demjenigen niedergeschlagen worden, der Jürgen Wisbert umgebracht hat!”, stellte Clausen fragend fest.

George nickte. „Genau das nehme ich auch an.”

„Haben Sie den Kerl denn gesehen?”

„Nein. Aber angesichts seiner Körperkraft nehme ich tatsächlich an, dass es sich um einen Mann handelte – und nicht um eine Frau.”

„Eine wirklich brauchbare Eingrenzung des Täterkreises ist das noch nicht gerade!”, stellte Clausen gallig fest. Er wandte sich um und bedeutete George mit einer Geste, ihm zu folgen. „Machen Sie ruhig Bilder, aber seien Sie einigermaßen pietätvoll bei der Auswahl der Fotos, die am Ende veröffentlicht werden.”

„Das bin ich immer.”

„Ich bin nicht Ihr Fan, Herr Schmitz. Das sage ich ganz offen.”

„Und ich bin sicher alles andere als der natürliche Feind der Ermittlungsbehörden. Ganz bestimmt”, entgegnete der Reporter in einem Tonfall, der keine Antwort zuließ.

Clausen führte George zur Saftpresse. Die Leiche lag bereits in einem der bekannten Zinksärge. Der Deckel war geschlossen. Aber selbst jetzt war der Anblick angesichts des verspritzten Blutes und der ausgetretenen Hirnmasse noch grausig genug.

Clausen atmete tief durch. „Ganz ehrlich, ich bin schon ettliche Jahre bei der Polizei und habe schon eine Menge schlimmer Dinge sehen müssen. Aber der Anblick dieser Leiche war selbst für mich starker Tobak!”

George machte ein paar Bilder von der blutigen Saftpresse.

„Sie sollten veranlassen, dass die Proben von Fremd-DNA, die man unter den Fingernägeln des Möhrenmord-Opfers gefunden hat, mit denen von Jürgen Wisbert verglichen werden. Dann kann man ihn entweder als Täter identifizieren oder ausschließen”, schlug George vor. „Wisbert war wohl definitiv derjenige, der sich mit diesem Jan kurz vor dessen Ermordung heftig gestritten hat. Aber ich glaube eher, dass beide von einer dritten Person umgebracht wurden.”

„Dem Kerl, der Sie niedergeschlagen hat”, schloss Clausen.

George nickte. „Ja.”

„Wenn Sie mir jetzt noch ein Motiv und die Adresse des Täters nennen könnten, wäre ich sehr glücklich”, meinte Clausen nun wieder mit einem ziemlich sarkastischen Unterton. „Und nicht nur ich! Auch die Staatsanwaltschaft, das Landesinnenministerium und wer sonst noch im Moment wegen dieser Morde vor den Medien Rede und Antwort stehen muss.”

George gestand: „Ich habe leider noch nicht den Hauch einer Ahnung”.

„Sehen Sie, das ist der Punkt! Der Möhrenmord und der Mord an der Saftpresse müssen noch nicht einmal von derselben Person verübt worden sein!”

„Aber es gibt einen Zusammenhang, das müssen Sie schon zugeben!”, betonte George hartnäckig.

„Weil der Mann, der als Täter des Möhrenmords in Frage kommt, wenig später selbst umgebracht wird?”, erwiderte Clausen und sah den Reporter dabei fragend an.

„Unter anderem!”

Clausen zuckte mit den Schultern. „Warten wir die Ergebnisse der DNA-Untersuchung ab. Ihren Vorschlag im Hinblick auf einen Abgleich von Wisberts DNA mit dem Material, das unter den Fingernägeln des Möhrenmordopfers gefunden wurde, habe ich nämlich ebenfalls schon Dr. Belden unterbreitet. Wenn sich tatsächlich herausstellen sollte, dass Wisbert der Möhrenmörder war, dann gibt es einen Zusammenhang.”

Langsam liefen beide während des Gesprächs über das Gelände des Bauernmuseums. Plötzlich blieb George stehen und fragte: „Hat Ihnen Herr Krichel nichts von der Mercator-Spur erzählt?”

Kriminalhauptkommissar Clausen hob die Augenbrauen. Dann fuhr er sich mit einer fahrigen Geste über das Gesicht. Er hatte deutlich sichtbare Ringe unter den Augen. Wie jemand, der in letzter Zeit nicht besonders viel Schlaf abbekommen hatte. „Und bis der Fall nicht gelöst ist, wird er sich wohl auch nicht viel Ruhe gönnen können!“, überlegte George.

„Herr Krichel hat das kurz angerissen”, sagte Clausen schließlich zögernd. „Das mit Mercator, meine ich.”

„Ich gebe ja zu, dass da noch nicht viele Indizien zusammenkommen”, meinte George, „aber andererseits glaube ich einfach nicht an den Zufall, dass das eine Mordopfer mit einem Spaten in der Nähe des Mercator-Steins gesehen wurde, während sich das zweite Mordopfer eingehend für eben dieses Thema interessierte und sich sogar bei Dr. Achten darüber informiert hat!”

„Haben Sie irgendeine schlüssige Theorie darüber?”, fragte Clausen.

George schüttelte den Kopf. „Nein.”

„Na, sehen Sie!”

„Noch habe ich keine Theorie darüber. Aber das liegt nur daran, dass mir noch ein paar Teile im Puzzle fehlen.”

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George rieb sich seine Schläfen. Seine Kopfschmerzen plagten ihn immer noch und er musste bereits mehrfach niesen. Eine Erkältung war nun wirklich das Letzte, was er sich erlauben konnte, wenn er diesen Fall - diese Story, korrigierte er sich insgeheim! - weiterverfolgen wollte.

Eigentlich müsste er sich doch noch von einem Arzt untersuchen lassen oder sich zumindest etwas Ruhe gönnen. Aber er wollte auf keinen Fall etwas verpassen. Notfalls konnte er später in der hoteleigenen Sauna seine beginnende Erkältung ausschwitzen. Noch in Gedanken versunken lief der Reporter auf das Bauernmuseum zu, während Clausen sich wieder zu seinen Kollegen begab.

George fand Herrn Borgans, den Besitzer im Eingangsbereich. Er rauchte eine Zigarette. Sein Gesicht wirkte sehr blass, was wohl in erster Linie damit zu tun hatte, was in unmittelbarer Nähe des Museumsgebäudes geschehen war. George kannte Herrn Borgans flüchtig.

„Dass so etwas am helllichten Tag geschehen kann!”, stieß Herr Borgans kopfschüttelnd hervor.

„Sie haben nichts beobachtet?”, hakte der Reporter gleich nach.

„Nein! Es war gerade eine Gruppe von Senioren gekommen und ich hatte alle Hände voll zu tun, mit denen fertig zu werden.”

„Wo ist diese Seniorengruppe jetzt?”, erkundigte sich George.

Herr Borgans hob die Schultern. „Auf und davon. Die Hälfte der Leute stand unter Schock, als sie gehört hatten, was hier passiert ist. Die Polizei hat die Personalien aufgenommen und ein paar Fragen gestellt. Aber einige dieser Herrschaften waren so fertig, dass man sie wahrscheinlich kaum nach der Uhrzeit hätte fragen können.”

„Wer hat denn den Toten da draußen entdeckt?”, fragte George und senkte teilnahmsvoll die Stimme.

„Das war ein Museumsgast. Eine ältere Frau, die daraufhin einen Schwächeanfall erlitt und vom Notarzt ins Krankenhaus mitgenommen werden musste.”

„Herr Borgans, versuchen Sie sich an die Zeit davor zu erinnern. Jede Beobachtung, die Sie vielleicht gemacht haben, könnte weiterhelfen.”

„Danach hat mich dieser Kriminalhauptkommissar Clausen auch gefragt. Aber ehrlich gesagt fällt mir da wirklich nichts ein, womit ich Ihnen weiterhelfen könnte. Von der Tat habe ich nichts gesehen – und leider auch keiner meiner Gäste.”

„Und mit der Saftpresse? Da war alles in Ordnung?”

„Die lief wie geschmiert. Man hätte sie jederzeit noch benutzen können.” Er schluckte. „Und heute hat das ja auch jemand getan.”

Gierig zog er an seiner Zigarette und zum ersten Mal wagte er jetzt einen offenen Blick in Richtung der blutigen Saftpresse. Dann ging plötzlich ein Ruck durch ihn.

„Davon habe ich diesem Kommissar Clausen noch wirklich nichts erzählt.”

„Wovon denn?”, fragte George sofort nach.

„Es ist mir gerade erst wieder eingefallen. Vor der Führung mit der Seniorengruppe habe ich auch eine Zigarettenpause gemacht, genau wie jetzt. Da stand an der Saftpresse ein Mann. Ich sah gleich, dass er sich für die Ausstellungsstücke nicht die Bohne interessierte.”

George nickte ihm aufmunternd zu: „Können Sie ihn beschreiben?”

„Groß, kräftig, durchtrainiert. Mitte vierzig. Er trug einen Knebelbart und das Haar war nicht mehr so richtig voll.”

„Kompliment. Danach könnte man ein Phantombild machen”, erwiderte George.

„Ich habe den Kerl angesprochen”, berichtete Borgans jetzt ganz aufgeregt. „Er schien auf jemanden zu warten.” Er zuckte mit den Schultern. „Wenig später kam dann die Seniorengruppe.”

„Wissen Sie, was für einen Wagen der Mann fuhr?”

„Nein, darauf habe ich nicht geachtet.” Herr Borgans dachte noch mal einen Augenblick lang nach. Sein Blick wirkte dabei nach innen gekehrt. Er nahm die Zigarette gedankenverloren in den Mund und ließ sie aufglühen.

„Eigentlich war kaum ein Fahrzeug auf dem Parkplatz. Der Reisebus, ein Ford Maverick -”, zählte er auf.

„Mit Aachener Kennzeichen?”, hakte George sofort nach.

Herr Borgans sah ihn erstaunt an. „Woher wissen Sie das? Das stimmt!”

George informierte sofort Clausen über das Gespräch mit dem Museumsbesitzer und fragte nach, ob nicht irgendeine Möglichkeit bestünde, den Ford Maverick in die Fahndung aufzunehmen.

„Das ist ein seltener Wagen – und wenn davon einer hier am Tatort auftaucht und außerdem noch bei der Wohnung des Ermordeten, dann halte ich das nicht für einen Zufall – zumal der Maverick ja ein Aachener Kennzeichen hatte.”

Clausen runzelte die Stirn. „Was wollen Sie jetzt? Eine Halterabfrage?”

„Ja.”

„Und was glauben Sie, wie viele Fords vom Typ Maverick es in Aachen gibt?”

„Vielleicht ein Dutzend, aber bestimmt nicht mehr. Und wenn es bei einer dieser Personen einen Zusammenhang zu unserem Fall gibt, sind wir vielleicht einen Schritt weiter.”

„Wir werden dieser Spur nachgehen, Herr Schmitz. Sobald wir hier fertig sind.” Der Kommissar betonte dabei das „wir” überdimensional und sah dabei den Reporter scharf von der Seite an.

George atmete tief durch.

Das klang in etwa so, als wollte Clausen sagen: Das machen wir, wenn wir sonst nichts mehr zu tun haben. Und wann George dann an die entsprechenden Informationen herankäme, wäre fraglich.

„Vielleicht sollte ich da besser mal auf eigene Faust recherchieren!“, überlegte er. Dabei kam wahrscheinlich mehr heraus.

Der Reporter wandte sich ab und beobachtete jetzt, wie sich Spurensucher auf dem Parkplatz einen Wagen gründlich vornahmen. George ging zu ihnen hinüber und erfuhr, dass es sich um den Wagen von Jürgen Wisbert handelte.

„Schon irgendetwas Relevantes gefunden?”

„Nein. Aber das Handschuhfach ist gründlich durchsucht worden. Es ist alles auf dem Boden verstreut.”

„Woran könnte der Täter interessiert gewesen sein?”

„Keine Ahnung. Jedenfalls war der Wagen nicht abgeschlossen. Anzeichen für ein gewaltsames Öffnen der Türen waren nicht zu finden. Er hat wahrscheinlich dem Opfer den Schlüssel abgenommen.”

„Das dürfte zur Spurenlage an seiner Wohnungstür passen”, murmelte George.

Zumindest ein paar Teile des Puzzles setzten sich jetzt in seinem Kopf zusammen. Der Täter hatte sein Opfer an der Saftpresse getroffen. Sicher war er hier mit Jürgen Wisbert verabredet und hatte diesen an der Saftpresse bereits erwartet, was den Mann mit dem Knebelbart nach Aussage Herrn Borgans, dem Museumsinhaber, verdächtig erscheinen ließ. Aus irgendeinem Grund war es zu einem plötzlichen Ausbruch der Gewalt gekommen – genau wie beim Möhrenmord. Ein Streit? Eine Meinungsverschiedenheit? War diese Tat ein Ausdruck unbeherrschter Aggressionsimpulse oder gab es einen nachvollziehbaren Grund dafür, weshalb Jürgen Wisbert aus dem Weg geschafft werden musste? Beide Morde ließen sich auf zweierlei Weise interpretieren. Als das Werk eines wahnsinnigen Psychopathen, der hemmungslos tötete – oder als das Werk eines eiskalt und berechnend handelnden Täters, der jeweils nur die naheliegendsten Werkzeuge benutzt hatte, um seine Opfer sehr zielgerichtet auszuschalten.

„Gesucht wird also ein Maverickfahrer aus Aachen mit Knebelbart!“, dachte George.

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Wenig später telefonierte er mit Frau Menzing aus Waldfeucht, deren Pension dem geheimnisvollen Jan aus Belgien empfohlen worden war. Ursprünglich hatte George sie nach seinem Treffen mit Herrn Oschmann am Mercator-Stein zuerst ansteuern wollen. Aber als er von unterwegs aus mit ihr zu telefonieren versucht hatte, war niemand an den Apparat gegangen. So hatte sich der Reporter dafür entschieden, zuerst Jürgen Wisberts Adresse aufzusuchen. Dies hatte ihn zwar beinahe das Leben gekostet, aber im Hinblick auf seine Recherche hatte es sich doch als Glücksfall erwiesen.

Offenbar konnte er sich auf seine Reporterinstinkte nach wie vor hervorragend verlassen.

Jetzt hatte er mehr Glück mit der Pension Menzing.

„Ja?”, meldete sich eine Stimme, die zwar verriet, dass es sich um eine ältere Person handeln musste, deren rauer Ton aber unklar ließ, ob es sich um die Stimme eines Mannes oder einer Frau handelte.

„Schmitz”, meldete sich George, „mit wem spreche ich?”

„Ich kaufe nichts”, kam die prompte Antwort zurück.

„Ich will Ihnen nichts verkaufen. Ich ...”, George kam einfach nicht zu Wort.

„Brauchen Sie ein Zimmer?”, unterbrach ihn die Stimme.

„Ne! Warten Sie, nicht auflegen! Ich bin von der Zeitung.”

„Ich lese keine Zeitung. Meine Augen sind zu schlecht. Ich will deswegen auch kein Abonnement.”

„Ich wollte Sie nur etwas fragen -”

„Wiederhören.”

Es machte klick und der Kontakt war unterbrochen, ehe George dem Teilnehmer überhaupt eine Frage hatte stellen können. Der Reporter schüttelte unwillig den Kopf. So etwas hatte er noch nie erlebt.

Er beschloss trotzdem hinzufahren, um zu klären, ob Frau Menzing die Pensionswirtin von Jan, dem Belgier, gewesen war. Der Reporter überlegte, ob möglicherweise die Polizei ihr schon einen Besuch abgestattet und sie mit Fragen gelöchert hatte. Schließlich hatte George ja Kriminalhauptkommissar Krichel darüber informiert, wohin er fahren wollte.

Wenig später hatte George die Pension in Waldfeucht erreicht. Ein Schild wies am Straßenrand darauf hin, dass es freie Zimmer gab.

George parkte den Wagen in der Einfahrt. Er stieg aus und ging auf das Haus zu. „Frederike Menzing” stand auf dem Namensschild an der Tür des Bungalows, dessen Baujahr George auf die Siebziger schätzte.

Er klingelte.

Niemand öffnete.

Er klingelte noch einmal, diesmal länger. Wieder regte sich nichts.

Dann wurden mehrere Schlösser und ein Riegel geöffnet. Die Prozedur dauerte einige Zeit, bis sich die Tür einen Spalt öffnete. Zwei wässrig blaue Augen schauten ihn an. Die Vorhängekette blieb jedoch noch eingehakt.

„Wer sind Sie?”, fragte die Frau durch den Spalt.

„Georg Schmitz von der Zeitung. Ich berichte immer über Vorfälle in dieser Gegend.”

„Ich kenne Sie nicht”, stellte sie klar.

„Wir haben vorhin telefoniert.”

„Habe ich Ihnen da nicht gesagt, dass ich keine Zeitung lese?”

„Das schon.”

„Na, also!”

„Frau Menzing, vielleicht dürfte ich mal hereinkommen, dann könnten wir uns besser unterhalten!”, erwiderte George beschwichtigend.

Die alte Dame antwortete zunächst nicht. George schätzte sie auf mindestens achtzig. Sie setzte jetzt eine dicke Brille auf und musterte den Reporter von oben bis unten.

„Ich weiß ja nicht, ob ich Ihnen trauen kann. Man hört so vieles von Trickbetrügern im Fernsehen, dass man sich kaum noch traut, Gäste aufzunehmen.”

„Frau Menzing, sehen Sie sich doch mal bitte dieses Foto an!”, forderte George sie auf und reichte ihr ein Bild des Möhrenmord-Opfers durch den Schlitz.

Dabei fuhr er fort: „Diesem Mann ist Ihre Pension empfohlen worden. War er Ihr Gast?”

„Ja. Bis gestern.”

„Bis gestern?, echote George und starrte die alte Dame ungläubig an.

Frau Menzing löste das Vorhängeschloss, öffnete jetzt die Tür vollends und blickte noch einmal auf das Foto, bevor sie es George zurückgab.

„Haben Sie einen Ausweis?”, fragte sie dann forsch.

George gab ihr seinen Presseausweis und es dauerte einige Augenblicke, bis Frau Menzing das Lichtbild mit ihrem realen Gegenüber verglichen hatte und zu dem Schluss gekommen war, dass beide identisch waren.

„Kommen Sie herein und setzen Sie sich. Sie müssen schon entschuldigen, dass ich etwas misstrauisch bin.”

„Natürlich. Dafür habe ich Verständnis. Sagen Sie, haben Sie nichts davon gehört, dass der ganze Selfkant herauszufinden versucht, wer dieser Mann war?”

„Was?”, fragte nun Frau Menzing ungläubig, während sie George ins Wohnzimmer führte und ihm einen Platz anbot.

„Ja. Er wurde nämlich in der Nacht vom Fünfundzwanzigsten auf den Sechsundzwanzigsten auf dem Markt in Gangelt umgebracht, indem ihm sein Mörder eine Möhre in den Hals rammte. Gut, Sie lesen keine Zeitung, aber ...”

„Ich sehe auch nicht mehr fern”, fiel im Frau Menzing ins Wort. „Meine Augen sind zu schlecht geworden. Schließlich kann ich mich ja nicht eine Handbreit vor den Schirm setzen. Und das Radio ist seit einer Woche defekt. Mein Enkel hat versucht, es zu reparieren, aber er meinte, dass da nichts mehr zu machen sei und ich mir ein neues kaufen müsste! Aber so verschwenderisch bin ich nicht, dass ich ein Radio einfach wegwerfe, an dem wahrscheinlich nur irgendeine Kleinigkeit nicht mehr funktioniert! Oder ich verschenke es an das Radiomuseum in Waldfeucht.

„Ja, ja.”

„Wertarbeit weiß man heute nicht mehr zu schätzen. Billig kaufen und schnell wegwerfen. So läuft das!”

George versuchte wieder auf das Thema zurückzukommen.

„Der Mann, der hier wohnte. Sein Vorname war Jan. Wie lautete sein voller Name?”, hakte er nach und versuchte so zu verhindern, dass Frau Menzing vollkommen abschweifte.

„Van Pollak”, sagte sie. „Der Mann hieß Jan van Pollak und sprach für einen Belgier sehr gut Deutsch. Ich habe ihn darauf angesprochen und er hat mir gesagt, er sei kein Belgier, er sei in Deutschland aufgewachsen. In Münster. Deswegen beherrsche er so gut Deutsch. Man hat es ihm ja auch wirklich nicht angehört, dass er Belgier ist. Er hatte keinerlei Akzent oder so etwas. Wann sagten Sie, ist er umgebracht worden?”

„Vorgestern Nacht.”

„Das ist nicht möglich.”

„Wieso?”

„Weil ich gestern Nachmittag noch mit ihm gesprochen habe.”

„Erzählen Sie.”

„Wollen Sie nicht erst eine Tasse Kaffee?”, bemühte sich Frau Menzing doch noch.

„Später vielleicht.”

„Ich werde ihn schon mal aufbrühen. Es dauert immer eine Weile, bis der durchgelaufen ist.”

Sie ging nach nebenan in die Küche. George seufzte. Wahrscheinlich hatte es wenig Sinn, hier zu drängeln. Die Zeit verlief bei Frau Menzing einfach in einem anderen Tempo als beim Rest der Welt. Und wenn man etwas von ihr erfahren wollte, musste man sich wohl oder übel darauf einstellen.

In diesem Moment klingelte Georges Handy.

Es war die Zeitungsredaktion. Der Chef vom Dienst persönlich.

„Sag mal, George, bekommen wir heute Abend noch etwas über die Möhrenmordsache?”

„Ja, kein Problem”, gab dieser zurück.

„Du weißt ja, bis wann die Sachen bei uns eingetroffen sein müssen.”

„Klar. Ich bin praktisch schon am Laptop.”

„Fein. Wie viele Zeilen soll ich freihalten?”

„Halbe Seite wäre nicht schlecht”, meinte der Reporter fachmännisch.

„Angeblich soll es da in Tüddern noch ein anderes Verbrechen gegeben haben, bei dem einem Mann der Schädel zerquetscht wurde”.

Hier wurde George auf einmal hellhörig.

„Ich war bereits am Tatort. Beide Fälle hängen zusammen. Was mich interessieren würde: Woher weiß man denn schon in Geilenkirchen davon?”

„Weil es eine offizielle Verlautbarung der Staatsanwaltschaft dazu gab”, erwiderte der Chef vom Dienst.

„Nun, dann wäre es doch nett, wenn ich die in mein Mailfach bekommen könnte!”

„Schon geschehen, George.”

„Ich melde mich später wieder.”

„Gut.”

George unterbrach das Gespräch und steckte das Handy weg. Frau Menzing kam mit einem Kaffeegedeck, das sie auf einem Tablett trug. Ihre Hände zitterten dabei etwas, sodass das Geschirr schepperte.

George sprang ihr hilfreich zur Seite.

„Milch und Zucker?”, fragte die alte Dame.

„Schwarz.”

Sie schenkte George ein. Dann setzte sie sich.

„Herr van Pollak hat vorgestern Nacht nicht hier geschlafen. Deswegen habe ich mir aber keine Sorgen gemacht.”

„Warum nicht?”

„Er hatte gesagt, dass es sehr spät würde. Im Verlauf des Tages hat er mich dann nochmals angerufen. Er würde zu Freunden hier in der Gegend ziehen. Ein Bekannter käme, um seine Sachen zu holen, da er dazu im Moment keine Zeit habe, weil er eine Reihe geschäftlicher Termine hätte.”

„Haben Sie eine Ahnung, um was für Termine es dabei ging?”

„Ich nehme an, dass es etwas mit Kunsthandel zu tun hat. Herr van Pollak ist nämlich Sachverständiger. Er hat mir beispielsweise auch die Landschaftsbilder, die hier im Wohnzimmer hängen, ungefähr preislich eingeschätzt. Wissen Sie, mein verstorbener Mann mochte die Jagdszenen mit der Landschaft des Selfkants im Hintergrund, aber da ich sowieso kaum etwas davon sehen kann, habe ich mir überlegt, sie vielleicht zu verkaufen. Leider sind diese Gemälde nur von lokal bekannten Künstlern angefertigt worden, was sich leider auf den Wert negativ auswirkt. Ich hätte es bevorzugt, wenn die Werke von irgendeinem experimentierfreudigen Schmierfink stammten. Hier wären die Erlösaussichten sicher wesentlich besser gewesen.”

„Ist dieser Bekannte dann gekommen, um van Pollaks Sachen abzuholen?”, steuerte der Reporter das Gespräch wieder behutsam in seine Richtung.

„Ja.”

„Können Sie ihn beschreiben?”

„Groß, kräftig und er war Bartträger. Sehr gepflegt übrigens. Nicht so wie die Hippies früher.”

„Ein Knebelbart, der um den Kinnbereich herum stehen gelassen wird?”, fragte George interessiert nach.

„Ja, genau! Stand ihm gut, soweit ich das sehen konnte.”

George atmete tief durch. „Frau Menzing, es muss Sie jemand anderer angerufen haben, denn van Pollak war zu diesem Zeitpunkt längst tot.”

„Aber ich habe doch seine Stimme gehört!”

„Und ich habe gesehen, wie van Pollak abtransportiert und ins Leichenschauhaus gebracht wurde. Sind Sie sich wirklich sicher, dass es Ihr Gast war, mit dem Sie am Telefon gesprochen haben?”

Frau Menzing machte nun ein ziemlich ratloses Gesicht. „Na ja, so sicher, wie man da eben sein kann”, meinte sie.

„Ich denke, dass der Mann mit dem Bart mit Ihnen gesprochen hat. Und ich denke auch, dass er der Mörder gewesen ist oder mit dem Mord zumindest etwas zu tun hatte.”

Frau Menzing schluckte. „Oh mein Gott!”, flüsterte sie. „Das habe ich nicht gewusst!”

„Es macht Ihnen auch niemand einen Vorwurf. Wenn die Polizei nachher noch zu Ihnen kommt ...”

„Die Polizei?”, meinte Frau Menzing und machte beinahe ein noch erschrockeneres Gesicht.

„Die Beamten werden Sie ganz sicher aufsuchen. Dann müssen Sie denen jedes Detail, an das Sie sich noch erinnern können, berichten.”

Sie nickte heftig.

„Ja, natürlich.”

„Ich habe noch zwei Fragen an Sie.”

„Bitte, Herr Schmidt.”

„Schmitz“, korrigierte George sie leicht amüsiert, „haben Sie den Wagen des Mannes mit dem Knebelbart gesehen?”

„Nein.”

„Haben Sie in der Nähe Ihrer Pension einen Ford Maverick gesehen?”

„Ich kenne mich mit Autos überhaupt nicht gut aus”, erwiderte die alte Dame.

„Das ist ein schwerer Geländewagen,” versuchte George es noch einmal.

„Ich erinnere mich wirklich nicht. Tut mir leid. Aber ich gehe selten raus. Und wenn ich vom Fenster aus zur Straße sehe, kann ich unmöglich erkennen, was für ein Wagen das ist, es sei denn, es handelt sich um einen Riesenlastwagen oder so etwas. Aber den erkenne ich dann auch nicht so gut mit meinen Augen, sondern ich spüre es, weil die Bilder an den Wänden wackeln, wenn so ein Riesengefährt über die Straße brummt.”

„Die zweite Frage bezieht sich auf die Sachen, die der Mann abgeholt hat. Was war das?”

„Alles, was Herr van Pollak besaß. Ich habe hinterher nachgeschaut. Es war nichts vergessen worden.”

„Können Sie mir irgendetwas darüber sagen, was das war – abgesehen von seiner Kleidung und dergleichen persönlichen Dingen?”

„Ja, Herr van Pollak hatte viele Bücher dabei. Schließlich hat er Kunstgeschichte studiert, wie er mir gesagt hat und da erwartet man natürlich einen Bücherwurm. Sein besonderes Interesse galt dabei dem Mann, nach dem dieser Stein in Gangelt benannt wurde. Ich komme jetzt nicht drauf”, grübelte Frau Menzing.

„Meinen Sie etwa den Mercator-Stein?”, entgegnete der Reporter und saß nun wieder kerzengrade.

„Genau! Er wusste sehr viel über Mercator. Wie viele Kinder er hatte und dass einige davon seine Kartenzeichnerwerkstatt weitergeführt hätten. Einmal habe ich ihm Kaffee und Kuchen gebracht, nachdem er für Stunden nicht aus seinem Zimmer gekommen war. Da habe ich gesehen, dass er eine uralte Karte ausgebreitet hatte. Ich war natürlich neugierig und habe gefragt, was er denn da macht und er meinte nur, dass in Bezug auf Mercator eben noch nicht alle Geheimnisse gelüftet seien.”

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Es war früher Abend, als George ins Mercator-Hotel zurückkehrte. Er nahm nur einen Salat, weil er nicht vom Essen müde werden wollte. Schließlich hatte er noch einiges zu tun. Auf seinem Zimmer tippte er den Bericht für die morgige Ausgabe der Zeitung in den Laptop ein. Dann loggte er sich über W-LAN ins Internet ein und schickte den Artikel ab - inklusive einer Auswahl der Fotos, die er bei der Saftpresse gemacht hatte.

Er lehnte sich seufzend zurück. Der Rücken tat ihm weh. Eigentlich war er hierher gekommen, um sich zu erholen und die Verspannungen loszuwerden, die in seinem Job wahrscheinlich unvermeidlich waren. Massage, Schwimmen, überhaupt etwas Bewegung sollten seinen Tagesablauf bestimmen.

Er hatte gesehen, dass man im Hotel auch Fahrräder ausleihen konnte, um den Selfkant zu erkunden.

„Vielleicht ist das was für morgen“, dachte George, „oder für übermorgen. Je nachdem, wie sich der Fall weiterentwickelte.“

Während George darüber nachdachte, wie man die Zeit an den nächsten Tagen doppelt verplanen konnte, klingelte sein Handy. Er ging an den Apparat. Es war seine Frau. Er sprach fast eine halbe Stunde mit ihr und als sie ihm von all den Kuranwendungen ausführlich berichtet hatte, die sie in Bad Pyrmont erhielt, seufzte er und meinte: „Tja, das Leben könnte so angenehm sein.”

„Und ist bei dir irgendetwas Aufregendes passiert?”, wollte sie von ihm wissen.

„Ach, nichts Besonderes. Das Übliche eben”, erwiderte George. „Abgesehen davon, dass jemand versucht hat, mich zu ersäufen und dem Mann, den ich befragen wollte, der Schädel mit einer Saftpresse zusammengequetscht wurde!“, hätte er eigentlich noch hinzufügen müssen, aber darauf verzichtete er lieber. Seine Frau sollte ihre Kur genießen. Sie konnte ja später alles in der Zeitung nachlesen.

Das Hoteltelefon auf seinem Zimmer unterbrach das Gespräch mit einem beinahe melodiösen Klingelton. George runzelte die Stirn. Was war da los? Wieso rief ihn jemand auf dem Zimmer an? Er hatte die Nummer niemandem gegeben, da er normalerweise selten auf dem Zimmer war und er ohnehin am besten über Handy erreicht werden konnte.

„Einen Moment mal”, sagte George zu seiner Frau und ging zu dem Hoteltelefon, das auf dem kleinen eleganten Schreibtisch gleich neben dem Bett stand. Er nahm ab.

„Schmitz!”

„Gott sei Dank erreiche ich Sie! Ihr Handy war dauernd besetzt. Hier ist Dr. Achten.”

„Guten Abend!”

„Ich hatte gehofft, dass Sie im Hotel sind und dort hat man mich weiterverbunden. Hören Sie, ich habe da etwas, was Sie interessieren könnte. Haben Sie einen Moment Zeit?”

„Im Prinzip schon.”

„Dann kommen Sie doch zu mir raus. Manche Dinge kann man besser zeigen, als dass man lange darüber redet.”

„Gut.”

Dr. Achten gab seine Adresse durch. Sicherheitshalber. Dann legte er auf und George wandte sich wieder seiner Frau auf dem Handy zu.

„Ich muss jetzt dringend weg. Wir telefonieren später noch mal, in Ordnung?”

„Sag mal, wieso bist du denn so in Eile? Das hört sich ja so an, als würdest du arbeiten!”, staunte sie. Doch das hörte George schon nicht mehr. Er hatte das Gespräch schnell beendet und war bereits auf dem Weg zu Dr. Achten.

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George hastete aus dem Mercator-Hotel und strebte auf sein Auto zu, als sein Blick auf den hell erleuchteten Burgturm fiel. Die kleine Burgstraße war in das sanfte Licht der schönen alten Straßenlaternen getaucht. Schnuppernd sog George die milde Abendluft ein und beschloss spontan, die kurze Strecke zu dem Mercator-Spezialisten durch den stillen Ort zu Fuß zurückzulegen.

Das anheimelnde Licht der Laternen begleitete ihn vorbei an dem schaurigen, jetzt aber wieder harmlos daliegenden Platz des ersten Mordes und führte ihn weiter durch das Heinsberger Tor in den Schützengraben. Seine Schritte hallten auf dem Weg an der alten Stadtmauer entlang, aber die friedliche Abendstimmung legte sich beruhigend auf seine Gedanken, die sich ständig um die zwei Morde rankten. Als er nach wenigen Minuten das Haus des Mercator-Spezialisten erreichte, hatte er sich „den Kopf freigelaufen.”

Frau Achten öffnete ihm die Tür.

„Mein Mann erwartet Sie schon”, sagte sie und führte George ins Wohnzimmer. „Er hat mir erzählt, was mit dem Leutnant geschehen ist, der sich so sehr für Mercator interessierte. Getötet in einer Saftpresse!” Sie schüttelte entsetzt den Kopf. „Mein Gott, das mag man sich gar nicht vorstellen.”

„Nein, das ist wirklich außergewöhnlich grausam”, bestätigte George.

Dr. Achten hatte auf dem Tisch zahlreiche Folianten, Kopien von alten Stichen, Dokumente und Bücher ausgebreitet, bei denen schnell ersichtlich war, dass sie alle in irgendeiner Form mit Gerhard Kremer alias Gerardus Mercator zu tun hatten.

Während sein Blick über den Tisch schweifte, begann George zu berichten: „Vielleicht sollte ich Ihnen noch sagen, dass das Opfer des Möhrenmordes Jan van Pollak hieß. Er war auch mit Jürgen Wisbert bekannt. Dieser van Pollak wurde nicht nur mit einem Spaten in der Nähe des Mercator-Steins gesehen, sondern eine andere Zeugin hat auch beobachtet, dass er in seinem Kofferraum ein Gerät aufbewahrte, das wie ein Minensuchgerät aussah.”

„Ein Metalldetektor?”, fragte Dr. Achten sofort.

„Sehr wahrscheinlich.”

„Herr Schmitz, es geht hier vermutlich um eine Schatzsuche. Und wenn dieser van Pollak und Leutnant Wisbert dabei ein Team waren, könnte der Metalldetektor von der Bundeswehr stammen. Man müsste nachforschen, ob beim NATO-Fliegerhorst in Geilenkirchen-Teveren vielleicht so ein Gerät fehlt?”

„Das wäre in der Tat ein Anhaltspunkt. Aber, wie kommen Sie darauf, dass es um eine Schatzsuche geht – und vor allem: Um welchen Schatz soll es sich dabei handeln?”, fragte der Reporter und schaute sein Gegenüber interessiert an.

„Mir ist das erst nach und nach klar geworden – aber wenn man von meiner Hypothese ausgeht, dann ergeben Leutnant Wisberts hartnäckige Fragen ebenso einen Sinn wie der Spaten am Mercator-Stein”, meinte Dr. Achten nachdenklich.

„Im Moment verstehe ich nur Bahnhof, vielleicht fangen Sie einfach mal von vorne an, Herr Doktor, damit ich Ihnen folgen kann.”

Der Mercator-Spezialist nickte. „Sehr gerne”, sagte er. Jetzt war er in seinem Element. „Jürgen Wisbert hat mich ja immer wieder danach gefragt, wie genau die damaligen Messmethoden gewesen sind.”

„Das sagten Sie mir schon am Telefon.”

„Der Punkt, an den Mercator die Kreuzung vom 51. Breitengrad und 6. Längengrad gelegt hat, könnte ein wichtiger Bezugspunkt bei der Suche nach diesem Schatz sein. Insbesondere muss man in Betracht ziehen, dass der Stein hundertzwanzig Meter von der Stelle entfernt steht, an der er stehen müsste. Und hier wird es spannend. Leutnant Wisbert nahm doch an Aufklärungsflügen teil, so hätte vermutlich ein Blick auf die Ortungsgeräte gereicht, um festzustellen, dass der Mercator-Stein nicht genau auf der Schnittstelle der Koordinaten steht. Vielleicht hat er auch mit einem handelsüblichen GPS nachgemessen - keine Ahnung.”

„Noch mal zurück zu meiner ganz banalen Frage bitte, Dr. Achten: Um was für einen Schatz soll es hier eigentlich gehen?”

„Darauf wollte ich gerade kommen. Wir wissen, dass Mercator im Jahr 1554 in Gangelt war und Vermessungsarbeiten durchgeführt hat. Damals hat er auch an Ort und Stelle den Punkt festgelegt, an dem sich der 51. Breitengrad und der 6. Längengrad schneiden. Es gibt zeitgenössische Quellen aus der Feder des Chronisten Kritzraedt, die sogar die Tage mit einem geringen Unsicherheitsfaktor bestimmbar machen, an denen Mercator damit beschäftigt war. Und jetzt kommt´s! Zur selben Zeit wurden dem Herzog von Jülich von seinem Adjutanten mehr als 5000 Goldgulden gestohlen. Der Adjutant floh mit dem Schatz nach Gangelt und wurde dort später ermordet am Südtor, dem heutigen Bruchtor, aufgefunden. Von seiner Beute fand man jedoch keine Spur.”

„Hatte er vielleicht einen Komplizen, der nicht mit ihm teilen wollte?”

„Durchaus möglich. Das wird bislang vom Nebel der Geschichte verhüllt. Vielleicht hat auch einer derjenigen, die vom Herzog mit der Verfolgung betraut worden waren, den Flüchtigen aufgespürt und versucht, aus dem Adjutanten herauszupressen, wo sich das Diebesgut befindet, um es selbst an sich zu nehmen. Das liegt alles im Dunkeln – weder wurde der Schatz je gefunden, noch der Mord an dem Adjutanten aufgeklärt. Dieser Schatz hätte übrigens heute einen Wert von ungefähr 3 Millionen Euro und ich habe mir sagen lassen, dass man, wenn man die richtigen Beziehungen hat, auch das Doppelte herausholen könnte, wenn man es geschickt anstellt.”

„Sie meinen jetzt aber nicht etwa gute Beziehungen zu irgendwelchen Museen, oder?”

„Nein, Herr Schmitz! Eher zu dem, was man Kunst-Mafia nennt. Mit Kulturgütern aller Art gibt es einen blühenden illegalen Handel.”

„Jedenfalls sind das Summen, die vielleicht einen Mord motivieren können. Oder auch zwei!”, überlegte der Reporter laut.

„So ist es!”

„Und was hat dieser Gold-Diebstahl jetzt mit Mercator und dem Mercator-Stein zu tun?”, fragte George nun grübelnd.

„Mercators Sohn Rumold berichtet in einem ihm zugeschriebenen Brief, der seinem Testament beigelegen haben soll, dass sein Vater ihm schon in frühester Jugend gesagt hätte, dass er sich keine Sorgen darüber zu machen brauche, dass das Geschäft mit der Kartenwerkstatt einmal nicht mehr laufen und die Familie verarmen würde. Er wisse nämlich von einem vergrabenen Schatz, den man im Notfall heben könne. Aber er solle niemandem etwas davon verraten und das sei auch nur für den Notfall gedacht. In dieser Hinsicht war Mercator eben ein echter Protestant: Man soll von seiner Hände Arbeit leben. Wie auch immer. Rumold geht in dem eben erwähnten Brief davon aus, dass sein Vater bei seiner Arbeit zufällig beobachtet hat, wie der Adjutant des Herzogs seine Beute vergrub. Erst als der Dieb wenig später tot aufgefunden wurde und Mercator zeitgleich von dem Diebstahl hörte, begriff er wohl die Zusammenhänge. Sein Sohn Rumold berichtete weiter, dass sein Vater die Lage des Schatzes auf einer seiner Karten verschlüsselt markiert habe. Mercator hat von den Karten, die er von Gangelt und der Umgebung anfertigte, verschiedene Fassungen hergestellt und nur auf einer dieser Karten war der Code zur Entschlüsselung der genauen Position angegeben.”

„Heißt das etwa, Mercator hat diesen Schatz wirklich nicht gehoben?”, fragte der Reporter staunend.

Dr. Achten schüttelte energisch den Kopf. „Nein, natürlich nicht!”

„Aber er hat sein Wissen auch nicht den Schergen des Herzogs berichtet?”, ergänzte Schmitz nun ein wenig ungläubig und noch immer in einem fragenden Tonfall.

Er schaute dabei Dr. Achten unverwandt an.

„Trinken Sie um diese Zeit noch Kaffee?”, drang nun Frau Achtens Stimme dazwischen.

„Nein, vielen Dank, Frau Achten.”

„Kann ich Ihnen sonst irgendetwas anbieten?”

„Ich möchte Ihnen wirklich keine Umstände machen.”

„Aber einen erfrischenden Saft vielleicht?”

Sie stellte eine Schale mit leckeren belgischen Pralinen auf den Tisch, dazu eine Flasche Saft mit zwei Gläsern.

„Danke sehr.”

George gönnte sich eine Süßigkeit und wandte sich dann wieder Dr. Achten zu.

Dieser fuhr fort: „Sie müssen sich in Mercator hineinversetzen. In Rupelmonde hat er monatelang im Kerker gesessen wegen Lutherei, wie man das damals nannte. Es war eine Epoche kompromissloser religiöser Auseinandersetzungen. Reformation, Bauernkrieg, die Wiedertäufer in Münster und Kaiser, die um die Einheit eines Reiches ringen, das sich als heilig, römisch und deutsch bezeichnet, aber nur noch letzteres ist und seinen religiös begründeten Zusammenhalt längst verloren hat. Aus seiner bitteren Erfahrung in Rupelmonde hat Mercator offenbar die Konsequenz gezogen, sich aus politischen und religiösen Konflikten nach Möglichkeit herauszuhalten und vor allem um die Mächtigen der damaligen Welt einen weiten Bogen zu machen, um nicht irgendwann erneut im Kerker zu landen. Also hat er schlicht geschwiegen und von daher ist es auch realistisch, dass er den Schatz nie angerührt hat. Das Risiko wäre ihm viel zu groß gewesen.”

„Dann hat er den Schatz also als eine Art geheime Lebensversicherung angesehen”, schloss George nachdenklich.

„Ja, das könnte man so annehmen.” Eine Weile herrschte nun Stille im Raum. Dann fragte George: „Und sein Sohn Rumold?”

„Der dachte wohl genauso, denn dieser Brief, von dem ich sprach, war ja seinem Testament beigelegt worden. Vorausgesetzt, er stammt wirklich von Rumold, worüber es gewisse Zweifel gibt. Das Original wird heute bei der Mercator-Gedenkstätte in Rupelmonde zusammen mit anderen Originaldokumenten aufbewahrt. Kopien sind unter anderem über das Internet der Forschung zugänglich. Ich hatte vor Jahren Gelegenheit, auch die Originale in Augenschein zu nehmen.” Bei diesen Worten leuchteten Dr. Achtens Augen auf.

Die Faszination, die er in Bezug auf die Geschichte des großen Kartographen empfand, war ihm deutlich anzumerken.

„Das bedeutet, sehr wahrscheinlich ist der Schatz beim Tod von Rumold noch an Ort und Stelle gewesen”, stellte George sachlich fest. „Wo ist denn die Karte geblieben, auf der die Lage verzeichnet ist?”

„Genau das ist der Punkt”, nickte Dr. Achten anerkennend. „Rumold berichtet in seinem Brief, dass sein Vater sie ihm auf dem Sterbebett übergeben habe. Er gibt an, sie befinde sich in einem Geheimfach seines Schreibtischs und erklärt auch, wie das zu öffnen sei. Weder über den Verbleib des Schreibtischs noch über die Karte gibt es aber danach gesicherte Quellen. Die Karten über das Jülicher Land waren natürlich Bestandteil von Mercators Kartensammlungen, aber die Fassung mit dem Lage-Code des Schatzes blieb lange verschwunden. Ein Exemplar der Karte, die das Jülicher Land samt der Codierung zeigt, tauchte um 1850 bei einem Händler in Hamburg auf und landete später in einem Museum in Antwerpen. Neuere Datierungsmethoden haben dann um 1890 ergeben, dass es sich nicht um die Originalkarte handeln kann, sondern um eine Kopie, die nach 1800 entstanden sein muss. Vielleicht ist es sogar nur die Kopie einer Kopie und ob sich dem Kopisten die Bedeutung der Kombination aus Zahlen und Buchstaben am Rand erschlossen hat, ist sehr fraglich. Deswegen bezweifle ich auch, dass besondere Sorgfalt auf die richtige Wiedergabe des Codes gelegt wurde und es vielleicht auch gar nicht klar war, auf welche Dinge es da ankommt.”

Dr. Achten unterbrach hier seine Ausführungen und zeigte George einen Bildband in niederländischer Sprache, der die Exponate aus Antwerpen in einer qualitativ einwandfreien Großaufnahme zeigte.

Die Karte – ganz im Stil Mercators gezeichnet – stellte das Jülicher Land dar. Am Rand war die von Dr. Achten angesprochene Kombination aus Zahlen und Buchstaben zu sehen.

„Die Pensionswirtin von Jan van Pollak erwähnte, dass ihr Gast eine alte Karte studiert habe”, murmelte der Reporter fasziniert. „Könnte es sich um eine Kopie dieser Karte gehandelt haben?”

„Durchaus“, entgegnete Dr. Achten.

„Was ist mit dem Original?”

„Verschollen. Bis heute.”

Der Reporter dachte kurz nach und meinte dann: „Aber anhand des Codes, der hier angegeben ist, müsste dann die Stelle zu finden sein, an der die Goldgulden vergraben wurden!”

Dr. Achten atmete tief durch und nickte schließlich. „Theoretisch ja.”

„Was heißt theoretisch?”, fragte George und zog die Stirn kraus.

„Theoretisch heißt, dass Sie dann erstens davon ausgehen müssten, dass der Code dieser Kopie fehlerfrei ist. Das zweite, noch größere Problem ist aber der Code selbst. Sehr wahrscheinlich wurde er mit Hilfe einer sogenannten Alberti-Scheibe generiert, die auch Mercator besessen haben dürfte.”

George schaute ihn nun fragend an.

Dr. Achten lächelte und erklärte: „Die Alberti-Scheibe besteht aus mehreren Scheiben, auf denen jeweils Buchstaben- und Zahlenfolgen stehen. Diese Scheiben werden gegeneinander verdreht. Das Ganze funktionierte nach dem Prinzip der polyalphabetischen Substitution.”

„Also ein A ist durch die Verdrehung zum Beispiel ein F oder eine Zahl und so weiter?”

„Genau.”

„Wie bei der ENIGMA, die auf deutscher Seite im zweiten Weltkrieg eingesetzt wurde”, ergänzte George und Dr. Achten schaute ihn nun ein wenig erstaunt an.

„Richtig. Die ENIGMA ist ein später Nachfahre der Alberti-Scheibe. Das Problem ist, dass man bei der Alberti-Scheibe verschiedene Schlüssel benutzen kann, um die gegeneinander verdrehten Scheiben zu fixieren. Wenn man nicht weiß, welchen Schlüssel man benutzen muss, bekommt man den Code nicht heraus. In seinem dem Testament beigelegten Brief schreibt Rumold, dass sein Vater ihm den richtigen Schlüssel vor seinem Tod nicht mehr nennen konnte. Es ist aber auch möglich, dass Rumold mit dieser Aussage nur seine Erben schützen wollte, damit die Suche nach dem Schatz nicht wieder aufgenommen wurde. Ohne Schlüssel wäre es für die damalige Zeit vollkommen aussichtslos gewesen, den Code zu knacken. Für uns besteht heute die Schwierigkeit, dass wir natürlich nicht einfach ins Museum gehen und irgendeine der noch erhaltenen Alberti-Scheiben benutzen können, um den Code zu dechiffrieren. Erstens fehlt uns der Schlüssel und zweitens sind diese Scheiben oft sehr individuell gestaltet gewesen. Welche Scheibe nun Mercator damals benutzt hat, ist nicht überliefert.”

Einige Augenblicke lang herrschte Schweigen.

Schließlich sagte George: „Wenn Jürgen Wisbert und Jan van Pollak auf der Suche nach diesem Schatz waren, müssen sie den Code geknackt haben.”

„Mit Hilfe eines Computers halte ich das nicht für unmöglich. Aber dazu bin ich zu wenig Kryptologe”, erwiderte Dr. Achten.

„Angenommen, sie haben das geschafft und dieser Code hat irgendetwas mit dem Schnittpunkt des 51. Breitengrades und des 6. Längengrades zu tun...”

„Wovon wir ausgehen können, wenn man Mercators sonstige Arbeitsweise betrachtet!”, stimmte ihm Dr. Achten zu. „Dann mussten die beiden aber feststellen, dass die Angaben nicht stimmen, weil der Mercator-Stein nicht an der richtigen Stelle errichtet wurde.”

Er zögerte und fuhr dann fort:

„Jürgen Wisbert hatte durch seinen Job Zugang zu detaillierten Aufnahmen der Umgebung. Ihm wird das aufgefallen sein – aber die Konsequenzen für die Schatzsuche sind vielfältig, Herr Schmitz. Es kann ein Fehler im Code vorliegen, ein Fehler bei den Messungen, die Mercator vorgenommen hat oder ... ?”

„Daher wohl seine dauernden Nachfragen diesen Punkt betreffend!”, meinte der Reporter.

„Genau!” George kratzte sich nachdenklich am Kinn.

„Auf jeden Fall gab es mindestens einen dritten Mann bei diesen Schatzgräbern - mal vorausgesetzt, Ihre Hypothese trifft zu. Und der scheint im Moment seine Komplizen umzubringen.”

„Vielleicht haben sie den Schatz schon gefunden und es gab Probleme dabei, die Beute aufzuteilen”, meinte Dr. Achten. Er zuckte mit den Schultern. „Nur ein Gedanke.”

„Wenn der Code von so entscheidender Bedeutung ist, dann müsste bei der Gruppe doch eigentlich auch jemand sein, der Kryptologe ist, oder?” Hierbei schaute George Dr. Achten erwartungsvoll an.

„Das wäre von Vorteil”, erwiderte dieser. „Und am besten noch jemand, der Zugang zu einem Großrechner hat und sich mit Verschlüsselungen auskennt.”

„Verstehe”, murmelte George.

Langsam schien der Mörder an Profil zu gewinnen. Ein Mann, Mitte vierzig, Knebelbart, Fahrer eines Ford Maverick mit Aachener Kennzeichen und wahrscheinlich jemand, der in irgendeiner Weise etwas mit Verschlüsselungen und Computern zu tun hatte. Wenn das kein Raster war, mit dem die Polizei etwas anfangen konnte!

„Ich brauche den Code”, sagte George bestimmt.

„Das habe ich mir schon gedacht und eine sorgfältige Abschrift angefertigt. Aber ich weise darauf hin, dass es sich bei meiner Karte nicht um das Original handelt und ich daher Fehler nicht ausschließen kann. Außerdem gibt es eine zerstörte Stelle am Rand der Karte, bei der ich mir nicht sicher bin, ob dort vielleicht noch ein paar für die Entschlüsselung sehr wichtige Zeichen gestanden haben.”

Während Dr. Achten die Karte übergab, überlegte der Reporter kurz und sagte dann: „Ist mir schon klar. Trotzdem denke ich, dass es nicht schaden kann, diese Daten mal jemandem vorzulegen, der sich mit so etwas auskennt.”

„Es könnte der Schlüssel zu diesem Fall sein”, stimmte Dr. Achten zu und führte seinen Gast zur Haustür.

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Es war spät geworden. Aber immerhin hatten sich wieder einige wichtige Puzzle-Teilchen zusammengefügt. Tief in Gedanken versunken schlenderte George durch das nächtliche Gangelt zurück zum Mercator-Hotel. In der Nacht träumte er von geheimnisvollen Zahlen, verschlüsselten Codes und einem Mörder, der dem Mann mit dem Knebelbart täuschend ähnlich sah. Noch ziemlich müde und erschlagen erschien er am Morgen im Frühstückssaal. Bei einer Tasse Kaffee und frischen Brötchen las er seinen eigenen Artikel in der Zeitung. Zwei kleinere Tippfehler fielen ihm auf und ein falsch gesetztes Komma, bei dem er sicher war, es an die richtige Stelle gesetzt zu haben. Mit dieser Bilanz konnte George leben. Nur wer nichts tat, machte keine Fehler – das galt für den Reporter ebenso wie für die Kollegen in der Redaktion. Wichtiger war für ihn, dass nichts Wesentliches herausgekürzt worden war.

Die Story wurde gleich zweimal gebracht. Einen ausführlichen Bericht gab es im Lokalteil und eine kürzere Meldung im überregionalen Mantel. George biss gerade in sein knuspriges Frühstücksbrötchen, als sein Handy klingelte. Der Reporter seufzte, aber Job war eben Job und so nahm er das Gespräch an.

Es war die Redaktion. Man wollte gerne mehr über den letzten Mord an der Saftpresse veröffentlichen. Und das selbstverständlich so schnell wie möglich. George versprach, einen längeren Artikel zu liefern, wies aber auch darauf hin, dass er sich schließlich nichts aus den Fingern saugen konnte. Manches brauchte nun einfach seine Zeit und dazu gehörten unglücklicherweise auch kriminaltechnische Untersuchungen.

Was seine jüngsten Erkenntnisse über einen Zusammenhang zwischen den beiden Morden und dem Kartographen Mercator sowie der Beute eines dreisten Diebstahls anging, so erwähnte er davon nichts. Noch war das alles zu spekulativ.

Nach seinem ausgiebigen Frühstück hatte er einen Entschluss gefasst. Er rief bei der Firma CSB-System AG an, einem in Geilenkirchen ansässigen, weltweit operierenden Software-Unternehmen, das spezifische IT-Lösungen für verschiedene Branchen anbot. Der Reporter kannte den Vorstandsvorsitzenden Dr. Schimitzek persönlich und hatte sich überlegt, dass er von diesem vielleicht die Möglichkeit bekam, die verschlüsselten Daten, die auf der Kopie der Mercator-Karte des Selfkants verzeichnet waren, mit Hilfe eines Großrechners zu entschlüsseln.

Auch wenn weder die von Mercator verwendete Alberti-Scheibe noch der dazugehörige Schlüssel erhalten geblieben waren, musste es doch möglich sein, den Ort zu finden, an dem der Adjutant vor fast 450 Jahren den Schatz vergraben hatte.

Vielleicht ergab sich aus diesen Erkenntnissen auch eine neue Ermittlungsrichtung in dem bizarren Doppelmordfall, mit dem er sich im Moment beschäftigte.

George erreichte jedoch Dr. Schimitzek nicht und bekam die Auskunft, dass dieser erst morgen wieder in der Firma sei, da er sich noch auf Geschäftsreise befände.

„Werde ich es also morgen früh noch einmal versuchen!“, dachte George.

Danach rief er einen guten Bekannten an und bat ihn um eine Liste aller Halter, die einen Ford Maverick mit Aachener Kennzeichen besaßen.

Zwar ging George davon aus, dass auch die Polizei die heiße Spur mit dem Maverick verfolgte, aber er wollte unbedingt selbst eine Liste der in Frage kommenden Halter in den Händen halten, da er sich mit Kriminalhauptkommissar Clausen nicht so besonders gut verstand und ihn ungern darum bitten wollte. Und Kommissar Krichel von der Kripo Heinsberg wollte er nicht unnötig in Verlegenheit bringen, indem er ihn dazu nötigte, seinen Kollegen zu hintergehen. Darauf war er vielleicht später noch angewiesen, wenn es um Dinge ging, die er nicht selbstständig herausfinden konnte.

George blickte auf die Uhr.

Vor Mittag war nicht damit zu rechnen, dass es irgendwelche neuen Erkenntnisse gab. Weder der Obduktionsbericht noch der Bericht der Spurensicherung würden bis dahin vorliegen. Auch eine Liste der Maverick-Halter mit Aachener Kennzeichen bekam er auf keinen Fall früher, da sein Bekannter an einer Sitzung teilnehmen musste und erst dann wieder Gelegenheit hatte, an den Datenbestand heranzukommen, wie er George am Telefon erklärt hatte.

Und auch der Großrechner von CSB-System stand frühestens morgen zur Verfügung, um den Mercator-Code vielleicht zu entschlüsseln. So blieb dem Reporter ein ganzer Vormittag, an dem seine Ermittlungen voraussichtlich auf der Stelle stehen blieben. George überlegte hin und her.

Vielleicht war ja jetzt Gelegenheit dazu, das zu tun, weswegen er eigentlich nach Gangelt gekommen war, nämlich sich zu erholen und etwas für sein Wohlbefinden zu tun.

George stand auf und ging zur Rezeption. Er sprach den Portier an und fragte. „Ich habe gehört, dass man hier auch Fahrräder ausleihen kann.”

„Das können Sie.” Der Portier reichte George eine Fahrradkarte von der Region Selfkant und führte ihn zum Fahrradschuppen, wo er ein nagelneues Rad herausholte. „Sie können einfach ein Stück fahren und sich später mit dem MultiBus zurückfahren lassen. Die Nummer steht auf der Fahrradkarte.”

Um sein Gewicht unter Kontrolle und seinen Kreislauf in Schwung zu halten, war es für George sehr wichtig, sich körperlich zu betätigen. Der Tastendruck auf dem Laptop oder das Auslösen seiner Kamera waren schließlich nicht gerade kalorienzehrende Aktivitäten und auch ansonsten verbrachte der Reporter einen Großteil seiner Arbeitszeit sitzend, ob er nun in einem Gerichtssaal saß, um später von einem Prozess zu berichten, mit seinem Wagen unterwegs war oder gerade am Rechner einen Artikel tippte.

Das Wetter war gut, die Gelegenheit gegeben – also ergriff George sie beim Schopf.

Schnell zog er sich für die Radtour noch mal um. In einem etwas sportlicheren Outfit saß er schon zwanzig Minuten später auf seinem leichtlaufenden Rad und fuhr von Gangelt aus in Richtung Millen. Der kleine Ort lockte mit zwei touristischen Attraktionen: einer Probstei und einer Zehntscheune aus dem 12. Jahrhundert. Außerdem führte der Fahrradweg gemächlich am Rodebach entlang durch teilweise sehr waldreiche Regionen.

Viele Gedanken gingen George beim Radeln durch den Kopf. Die Vorstellung, dass Mercator einst wahrscheinlich einen ähnlichen Weg durch das damalige Jülicher Land genommen hatte, inspirierte den Reporter. Was hatte sich seitdem verändert? Wenn man die Landschaft betrachtete wohl nicht viel. Wahrscheinlich war das eine oder andere Waldstück abgeholzt und zu einem Feld umfunktioniert worden. Vielleicht hatten sich auf den umliegenden Feldern auch die Aufteilung und die bevorzugte Saat verändert. Aber wenn man sich den Asphalt auf den Straßen und das eine oder andere moderne Gebäude wegdachte, so blieb doch sehr vieles, was sich seit der Zeit des großen Kartenzeichners nicht verändert hatte. Die Stadtmauern von Gangelt zum Beispiel und der Kirchturm, dessen Spitze ein idealer Punkt für Peilungen aller Art gewesen sein musste.

„Vielleicht wird er dazu heute noch verwendet, wenn die AWACS-Maschinen aus Geilenkirchen-Teveren aufsteigen und hier ihre Testflüge durchführen“, ging es dem Reporter durch den Kopf.

Er strampelte munter weiter in Richtung Millen.

Der Wind blies zwar ein bisschen aus der Gegenrichtung, aber da es fast keine Steigungen zu überwinden gab, kam er dennoch gut voran. „Hätte ich schon längst mal machen sollen!“, überlegte er. „Das macht die Gedanken frei.“

Als das Ortsschild von Millen auftauchte, bemerkte George, dass das Rad immer schwergängiger wurde. Zuerst schob der Reporter diesen Umstand auf sein mangelndes Training, dann aber merkte er, dass mit dem Vorderreifen etwas nicht stimmte.

Gut zehn Meter vor dem Ortsschild stieg er vom Rad.

Aus dem Vorderreifen entwich zischend die Luft und in Sekundenschnelle war der Reifen platt. Als er das Rad herumdrehte, um zu sehen, ob irgendeine äußerliche Verletzung des Gummimantels erkennbar war, wurde er rasch fündig. Ein rostiger Nagel, der auch noch abgebrochen war, entpuppte sich als Übeltäter. Er steckte noch im Gummi. George zog ihn heraus, woraufhin mit einem Zischlaut auch noch der letzte Rest an Luft austrat.

„Na großartig!“, dachte er. „Wenn etwas danebengeht, dann richtig!“

Ziemlich ratlos schaute er sich die Fahrradkarte an und entdeckte rein zufällig die Nummer des MultiBusses.

Er wählte mit seinem Handy 02431-886688 und gab seinen gegenwärtigen Standort an. Eine freundliche Stimme versprach ihm, dass der Bus ihn in einigen Minuten abholen würde.

„Ich habe ein defektes Fahrrad dabei. Ist das ein Problem?”

„Kein Problem”, teilte man ihm am anderen Ende der Leitung mit.

George brachte das Rad bis zum Ortsschild und lehnte es dagegen, denn es widerstrebte ihm, es einfach auf den Boden zu legen. Dann ging er ein Stück auf und ab, sah immer wieder auf die Uhr und rief sich in Erinnerung, dass eigentlich kein Anlass zur Hektik bestand. Schließlich gab es im Moment keinen Termin, der ihn jagte. Und Urlaub bedeutete letztendlich auch, dass man Zeit vertrödeln konnte, ohne dauernd daran zu denken, dass man vielleicht noch dieses oder jenes schaffen konnte.

Noch während der Reporter seinen Gedanken nachhing, kam ein Wagen angebraust und hielt am Straßenrand. Das Blaulicht und die Aufschrift POLITIE wiesen ihn als Dienstfahrzeug aus - allerdings als eines der niederländischen und nicht der deutschen Polizei, wie das Kennzeichen bestätigte. Dies war hier im Grenzbereich nicht außergewöhnlich, da die beiden Polizeibehörden schon seit Jahren zusammenarbeiteten.

Am Steuer saß eine Beamtin in Uniform. Ihr Haar war dunkel und sportlich kurz. Das Gesicht wirkte freundlich. George schätzte ihr Alter auf Ende zwanzig. Ihren Schulterstücken nach war sie Brigadier.

Die Seitenscheibe wurde heruntergelassen.

„Guten Tag, meneer!”

„Einen wunderschönen Tag”, grüßte George zurück.

„Ich suche ein Waldstück in der Nähe von Waldfeucht. Kennen Sie sich hier vielleicht ein bisschen aus?”

„Und ob”, sagte George.

Die niederländische Polizistin sprach mit deutlichem Akzent, aber gut verständlich. Auf dem Rücksitz bemerkte George einen Satz Nummernschilder mit belgischem Kennzeichen.

„Ich muss zu einem Waldstück”, erklärte ihm die Polizistin, nachdem sie ausgestiegen war. „Aber ich glaube, ich bin falsch. Mein Navigationssystem scheint nicht auf dem neuesten Stand zu sein.” Sie holte eine Karte hervor und zeigte George das einsam gelegene Waldstück. Er kannte diesen Ort. In der Nähe befand sich die Ruine einer Stallung, die vor drei Jahren abgebrannt war. Auf Grund eines Streits mit der Versicherung hatte der betreffende Bauer nicht das nötige Geld flüssig, um die Stallung wieder aufzubauen. Jetzt standen dort die verrußten Grundmauern mit dem abgebrannten Dachstuhl. Glücklicherweise konnte man das kaum sehen, denn Bäume verdeckten das Gebäude. George hatte seinerzeit über den Fall und den Streit mit der Versicherung berichtet. Inzwischen wurde das Ganze in dritter Instanz verhandelt und ein Ende des Rechtsstreits war noch nicht absehbar.

Nachdem er der Polizistin den Weg erklärt hatte, bedankte sie sich mit einem fröhlichen „Bedankt”.

Bevor sie sich in den Wagen setzen konnte, fragte George:

„Was ist denn dort los?” Der Riecher für sensationelle Nachrichten meldete sich bei ihm. Und ein zweiter Blick auf die Nummernschilder auf dem Rücksitz brachte seine kleinen grauen Zellen noch mehr in Aufruhr.

„Es geht um ein Fahrzeug, das wohl einfach irgendwo abgestellt wurde”, antwortete sie.

„Und was hat die Polizei in den Niederlanden damit zu tun?”, fragte George nun interessiert und hatte dabei sein Missgeschick mit dem Fahrrad schon fast vergessen.

„Ich bin Brigadier Nina Kosten aus Schinveld von der Polizei Brunssum-Onderbanken”, erklärte sie. „Und offenbar ist es so, dass jemand einen Wagen bei euch in Deutschland in einer abgebrannten Stallung abgestellt, die Nummernschilder mitgenommen und bei uns weggeworfen hat.”

„Nummernschilder eines Wagens, der aus Belgien stammt”, schloss George.

„Ja.”

„Zufällig ein Toyota?”

Die attraktive Polizistin runzelte die Stirn. „Sind Sie Hellseher – oder der Eigentümer des Wagens?”

George zeigte ihr jetzt seinen Presseausweis. „Georg Schmitz, von der hiesigen Zeitung. Sagen Sie, war das ein Herr Clausen, der Sie zu dieser Stallung bestellt hat?”

„Nein. Das war der Kollege Krichel. Die Schilder sind bei uns abgegeben worden und ich habe angeboten, sie ihm vorbeizubringen, damit man an Ort und Stelle gleich klären kann, ob sie wirklich von dem Wagen stammen.”

„Die Fahrgestellnummer stimmt wohl überein, vermute ich.”

„Ja”, erwiderte die Polizistin und runzelte dabei wiederum die Stirn. Ihrer Meinung nach schoss der Reporter allmählich etwas über das Ziel hinaus.

„Der Halter dürfte ein gewisser Jan van Pollak aus Belgien sein. Haben Sie bereits mit der dortigen Polizei Kontakt aufgenommen?”, fragte George, der nicht bemerkt hatte, dass die junge Frau nur widerwillig Auskunft gab.

„Hören Sie, Herr Schmitz, ich weiß ja Ihre Hilfe sehr zu schätzen und wenn Sie wollen, nehme ich Sie und Ihr Rad auch ein Stück mit. Aber ich kann Ihnen jetzt wirklich nicht mehr sagen. Erstens wartet Herr Krichel auf mich und zweitens weiß ich nicht, ob ihm das recht wäre, wenn ich Ihnen alles haarklein erzähle. Schließlich könnte ich dadurch seine Fahndungstaktik kaputt machen.”

„Ja, natürlich!”, ergab sich George in sein Schicksal.

„Wahrscheinlich ist es besser, Sie sprechen mit Herrn Krichel direkt. Haben Sie seine Nummer?” Dabei sah sie ihn aufmunternd an.

„Allerdings.”

In diesem Moment kam jedoch der MultiBus und hielt genau am Ortsschild von Millen, so wie George es telefonisch angegeben hatte.

„Tja, sieht so aus, als würde ich schon abgeholt”, sagte George und nickte Brigadier Nina Kosten noch einmal freundlich zu. „Wahrscheinlich sehen wir uns in Kürze wieder.”

„Vorausgesetzt, Ihre Beschreibung schafft das, wozu mein Navigationssystem nicht in der Lage war! Dag!”

George sah dem niederländischen Einsatzfahrzeug noch ein paar Augenblicke lang nach. Der Fahrer hinter dem Steuer des MultiBusses stieg aus und öffnete ihm einladend die Tür.

„Schade um den schönen Ausflug!”, murmelte George vor sich hin und schob das Fahrrad mit dem platten Reifen auf den Bus zu.

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Mit einem wehmütigen Blick auf sein defektes Rad ließ sich George mit dem MultiBus zurück nach Gangelt bringen. Sein Fahrradausflug war zwar nicht ganz so gelaufen, wie er ihn sich erträumt hatte, aber dafür hatte er etwas Wichtiges für die Ermittlungen in den beiden Mordfällen erfahren. Offenbar ging bei der ausgebrannten Stallung etwas vor sich, wovon er sonst vielleicht gar nicht oder erst viel zu spät erfahren hätte.

George gab das Fahrrad eiligst beim Portier zurück und fuhr dann mit dem Wagen Richtung Waldfeucht. Erst im Auto fiel ihm auf, dass er sich noch nicht mal umgezogen hatte. Aber egal, es gab Wichtigeres und das duldete keinen Aufschub. Die ausgebrannte Stallung hatte er schnell erreicht. George erinnerte sich noch gut daran, als er das letzte Mal hier gewesen war. Es hatte sich fast nichts verändert. Und das alles, weil eine Versicherung ihre Zahlung so lange auf Eis gelegt hatte, bis sie vermutlich in letzter Instanz doch dazu verurteilt wurde. Und welche Tricks sich die Versicherung danach ausdenken würde, konnte man noch gar nicht abschätzen.

Mehrere Einsatzfahrzeuge standen auf der Wiese herum, die offenbar lange nicht gemäht worden war. Auch das Dienstfahrzeug von Brigadier Nina Kosten erkannte George.

Sie unterhielt sich gerade mit zwei Polizisten aus dem Selfkant, die George ebenfalls gut bekannt waren. Der eine war der dunkelblonde, mit Naturlocken gesegnete 51-jährige Polizeioberkommissar Wolfgang Simon vom Bezirksdienst Waldfeucht. Er strich seinen Bart glatt, während er einerseits seiner niederländischen Kollegin zuhörte, andererseits aber bereits durch Georges Erscheinen abgelenkt wurde. Der Dritte im Bunde war sein 59-jähriger Kollege Peter Jung.

„Unsere Kollegin hat uns bereits vorgewarnt, dass mit Ihnen wohl auch noch zu rechnen sei”, brummte Jung ihm entgegen.

„Damit hatte sie allerdings Recht”, nickte George. Er wandte sich an Brigadier Kosten. „Was ist denn mit den Nummernschildern?”

„Fragen Sie Herrn Krichel, der ist in der Stallung”, antwortete Simon anstelle seiner niederländischen Kollegin. Brigadier Kosten lächelte trotzdem charmant. „Ich habe gehört, dass Sie von allen nur George genannt werden.”

„Das ist korrekt. Von mir aus können Sie mich auch so nennen”, strahlte George die junge Dame an.

„Bei uns duzt man sich häufiger als bei euch. Oder Ihnen? Wie auch immer. Die Schilder passen”, sagte sie dann.

„Und die Fahrgestellnummer entspricht einer Halterabfrage bei den Kollegen in Belgien”, ergänzte Jung.

„Was einige Fragen aufwirft”, murmelte George.

Zum Beispiel die, was der Mörder von Jan van Pollak in den Niederlanden gesucht hatte. Dass er van Pollaks Wagen verschwinden lassen musste, lag auf der Hand. Er hatte sich ja auch sonst bemüht, jegliche Spuren zu beseitigen, um damit schon die Identifizierung des Mordopfers zu erschweren. Aber George konnte sich einfach nicht vorstellen, dass der Mörder nur deswegen über die Grenze gefahren war, um die Schilder auf eine Weise zu entsorgen, die möglichst viel Verwirrung stiftete.

Fragen über Fragen. George schüttelte den Kopf und sah zum Stall hinüber.

Es gab kein Tor in der Stallung. Alles, was davon übrig geblieben war, waren ein paar verkohlte Holzstücke, die etwas abseits zur Seite geräumt worden waren.

Der Toyota, von dem die belgischen Kennzeichen stammten, die Brigadier Kosten mitgebracht hatte, war passgenau in die Ruine hineingeparkt worden.

Kriminalhauptkommissar Krichel von der Kripo Heinsberg begrüßte George flüchtig. Er war nicht allein. Zwei Kollegen waren eifrig mit der Spurensicherung beschäftigt.

Der Kofferraum des japanischen Wagens stand offen.

George warf einen Blick hinein.

Da war außer einem Spaten auch noch ein handelsüblicher Metalldetektor zu finden.

„Also doch, eine Schatzsuche”, entfuhr es George halblaut.

Metalldetektoren dieser Art wurden mittlerweile ziemlich häufig verkauft, zum Beispiel an Militaria-Sammler. Diese gingen damit vorzugsweise über die Schlachtfelder des Zweiten Weltkriegs, in der Hoffnung, Orden- und Ehrenzeichen, SS-Dolche oder Ähnliches zu finden, was sich vielleicht wieder aufpolieren und an die entsprechend interessierte Kundschaft verscherbeln ließ.

Aber zu dieser Sorte von Schatzsuchern hatte Jan van Pollak wohl ganz offensichtlich nicht gehört, auch wenn ihm ein gewisses Interesse für Geschichte nicht abzusprechen war.

Krichel wandte sich an George und hob die Augenbrauen.

„Wissen Sie vielleicht inzwischen mehr als ich?”, erkundigte er sich interessiert.

George nickte bedeutungsvoll. „Möglicherweise steht der Fall im Zusammenhang mit einem Raub, der vor fast 450 Jahren begangen wurde.”

„Das ist dann aber verjährt!”, mischte sich einer der Spurensicherer ein und fand seine Bemerkung wohl sehr witzig. Von Krichel erntete er dafür aber nur einen tadelnden Blick.

George sah nun Krichel an und fragte ihn: „Sagen Sie, ist das jetzt wieder Ihr Fall oder weshalb sind Sie hier zu finden und nicht Ihr Kollege Clausen?”

„Wir sind wieder eingeschaltet worden, um die Kollegen aus Aachen zu unterstützen”, erklärte Krichel mit betont gleichmütiger Stimme.

„Heißt das, der Fall wächst denen über den Kopf?” Der sarkastische Unterton in Georges Stimme war dabei nicht zu überhören.

„Das heißt nur, dass sich die Sache sehr stark ausgeweitet hat und daher eine Amtshilfe nötig wurde. Vielleicht erzählen Sie mir jetzt mal, was Sie herausgefunden haben, Herr Schmitz. Sie wissen doch, ich sehe den Reporter nicht als natürlichen Feind der Polizei an.”

„Das weiß ich”, versicherte ihm George lächelnd. Anschließend fasste er in knappen Worten zusammen, was er – ausgehend von dem starken Interesse, das sowohl Jürgen Wisbert als auch Jan van Pollak an Mercator gezeigt hatten – mit Hilfe von Dr. Achten in Erfahrung bringen konnte.

„Sie glauben also, es geht um diese 5100 Goldgulden, die dem Herzog von Jülich geraubt wurden?”

„Ja. Dieser Schatz – oder die Suche danach – verbindet zwei der Opfer und ist wahrscheinlich der Schlüssel zu der ganzen Sache.”

„Haben Sie eine Theorie?”, fragte der verblüffte Krichel.

„Drei Männer kommen auf irgendeine Weise zusammen und versuchen, diesen Schatz zu finden. Sie müssen den Code auf der Karte entschlüsselt haben, die Mercator von dieser Gegend zeichnete. Vielleicht gab es dann Probleme beim Teilen. Oder jemand wollte aus dem Projekt aussteigen oder drohte sogar damit, es zu verraten. Nun, ich gebe zu, dass das Puzzle noch ziemlich löchrig ist, aber vielleicht wird ja noch ein richtiges Bild daraus, wenn wir den Code entschlüsselt haben.”

„Das bekommen Sie hin?”, meinte Krichel fragend und schaute den Reporter dabei schon fast ein wenig ehrfürchtig an.

„Ich werde es Sie wissen lassen, wenn es soweit ist. Keine Angst, ich habe nicht vor, mir einen Schatz illegal unter den Nagel zu reißen.”

„Na, dann bin ich ja beruhigt.” Krichel lächelte mild. „Sie haben einen guten Riecher, Herr Schmitz.”

George grinste.

„Das erkennen Sie erst jetzt?”

„Wir haben jedenfalls inzwischen ein Dossier der belgischen Polizei über Jan van Pollak. Und was da drinsteht, passt ebenso zu Ihrer Theorie wie der Spaten und der Metalldetektor.”

„So?”, fragte nun George überrascht.

„Van Pollak hat in Münster Kunstgeschichte studiert und war als Verfasser von Expertisen tätig. Er wird von der belgischen Polizei in Zusammenhang mit der sogenannten Kunst-Mafia gebracht, die wohl sehr viel mehr für seine gutachterlichen Tätigkeiten gezahlt hat als irgendwelche Museen oder Privatleute. Es reichte bei ihm nie zu einer Verhaftung, aber er wird auf der anderen Seite der Grenze als jemand angesehen, der zum Dunstkreis dieser gefährlichen Leute gehört. Davon abgesehen ist er übrigens deutscher Staatsbürger, auch wenn er in Belgien lebte.”

George nickte langsam. „Er hat - pardon hatte - also Kontakte zur Kunst-Mafia?”

„Das ist sicher.”

„Wer immer die 5100 Goldgulden des herzöglichen Adjutanten ausgräbt, braucht diese Kontakte auch. Vorausgesetzt er hat nicht vor, mit dem Land NRW oder dem Eigentümer des Grundstücks zu teilen, sondern verfolgt die Absicht, diese Goldstücke an sehr viel besser zahlende Abnehmer zu verkaufen.”

450 Jahre machten aus einem gewöhnlichen Zahlungsmittel wie den Goldgulden ein Kunst- und Kulturobjekt erster Güte, vergleichbar mit archäologischen Schätzen aus Ägypten oder dem Reich der Khmer.

„Fragt sich, was Jürgen Wisbert dabei einbrachte”, meinte George und grübelte. „Beide kannten sich gut, wie ich von Wisberts Ex-Freundin erfahren habe.”

„Freundschaft ist ein Aspekt”, erklärte Krichel. „Aber ich weiß nicht, ob van Pollak jemand war, der mit einem guten Freund teilen würde, wenn es nicht unbedingt sein müsste. Was in dem Dossier aus Belgien steht, lässt ihn als einen ziemlich windigen Typen dastehen.”

„Vielleicht gibt es noch einen anderen Grund, weshalb Wisbert dabei war.”

„Ich bin gespannt!”

„Wisberts Job bei der NATO”, sagte George. „Er hatte Zugang zu den modernsten Ortungssystemen und nahm auch an Testflügen für neue Systeme teil. Mir ist bekannt, dass Archäologen heute schon sehr häufig mit Hilfe von Systemen arbeiten, die der Luftaufklärung ähneln, bevor sie anfangen zu graben. Im Notfall muss natürlich Google Earth reichen, aber ich wette, dass eine Spezialaufnahme aus einigen hundert Metern Höhe viel aufschlussreicher ist.”

„Sie meinen doch nicht etwa, Wisbert sollte herausfinden, wo der Schatz vergraben liegt?”

Erneut staunte der Kommissar nicht schlecht über den Reporter.

„Wäre doch denkbar”, meinte dieser nur.

Die Konsequenz aus dieser Überlegung war George durchaus bewusst. „Sie hatten eine Karte, vermutlich auch nur die Kopie einer Kopie aus einem Museumskatalog – so wie Dr. Achten”, erklärte George. „Vielleicht aber sogar ein Original. Oder zumindest eine vollständige Kopie, denn bei der, die in dem Museumkatalog von Dr. Achten abgebildet war, fehlte eine Ecke, von der wir nicht wissen, ob sie wichtig ist.”

„Klingt alles sehr kompliziert!”, stöhnte nun Kommissar Krichel.

„Überhaupt nicht, Herr Krichel!”, widersprach George sofort. „Irgendwer glaubte, den Schlüssel des Codes erkannt zu haben und der Mercator-Stein muss dabei eine wichtige Rolle spielen. Aber der ist nicht dort, wo er sein sollte, also funktioniert das Ganze nicht mehr. Und der oder die Schatzsucher wissen auch nicht, ob Mercator tatsächlich richtig gemessen hatte und man einfach nur mit einem GPS-System überprüfen muss, wo sich der 51. Breitengrad und der 6. Längengrad tatsächlich treffen.”

Krichel stimmte ihm zu: „Das macht Sinn. Anstatt den halben Selfkant rund um den Mercator-Stein umzugraben, hat sich Jürgen Wisbert einfach während seiner Arbeitszeit etwas umgesehen.”

„Und dann gibt’s da noch den dritten Mann, der die beiden umgebracht hat.”

„Richtig! Es fehlt eigentlich nur noch jemand, der Verbindungen zur Hehlerszene der Kunst-Antiquitätenmafia hat”, meinte Krichel.

„Dann ist das unser Mann,” bestätigte George. „Der Typ mit dem Knebelbart und vermutliche Fahrer eines Mavericks! Haben Sie schon eine Liste von verdächtigen Maverick-Fahrern aus Aachen vorliegen?”

„Das wollte Herr Clausen persönlich übernehmen”, erklärte Krichel und sah dabei etwas betreten zu Boden.

„Dachte ich es mir doch”, murmelte George und fügte in Gedanken hinzu: „Gut, dass ich mich in dieser Hinsicht nicht auf die Hilfe der Polizei verlassen habe!“

Er blickte auf die Uhr. In anderthalb Stunden konnte er frühestens mit einer Mitteilung seines Bekannten rechnen.

„Aber eigentlich braucht diese Dreier-Bande noch jemanden”, stellte George dann plötzlich fest und brachte damit den Kommissar erneut zum Schwitzen.

Krichel sah ihn an: „Und wen?”

„Der Code ist sicher nicht leicht zu entschlüsseln. Man braucht vielleicht nicht gleich ein ganzes Institut von Mathematikern, wie die Briten, als sie im Zweiten Weltkrieg die deutsche ENIGMA-Maschine knackten. Aber ein Computerspezialist wäre schon nicht schlecht, denke ich jedenfalls.”

„Könnte Wisbert diese Rolle nicht übernommen haben? In Geilenkirchen gibt es auch ein paar Großrechner”, erwiderte Krichel, schließlich wollte er sich das Heft nicht ganz aus der Hand nehmen lassen.

„Fragt sich nur, ob die Sicherheitsmaßnahmen der NATO deren unautorisierte Benutzung verhindert hätten”, meinte George. „Das ist schließlich etwas anderes, als einfach nur auf den Bildschirm zu schauen, ob da irgendwelche verdächtigen Auffälligkeiten zum Beispiel im Infrarotbild zu erkennen sind, die vielleicht nahelegen, dass da gegraben wurde.”

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Als George den Fundort des Toyotas verließ, gingen ihm viele Dinge durch den Kopf. Unter anderem dachte er darüber nach, dass es vielleicht doch noch eine vierte Person in dieser illustren Schatzsucher-Truppe gegeben haben könnte. Jemanden, der Computerkenntnisse hatte, die vielleicht auch über die von Leutnant Wisbert deutlich hinausgingen. Am besten ein Spezialist für Verschlüsselungsverfahren.

Wenn dem so war, dann war diese Person in höchster Lebensgefahr, denn es gab eigentlich keinen Grund anzunehmen, dass der Mörder bei Komplize Nummer drei rücksichtsvoller vorgehen würde, als er es bei den beiden anderen Opfern getan hatte.

Und eine weitere ungeklärte Frage blieb: Was hatte der Mörder in Holland zu suchen gehabt?

„Ob dort etwa der vierte Mann wohnt oder arbeitet?“, überlegte der Reporter plötzlich erschrocken. Aber bislang war dieser Gedanke nichts als eine bloße Hypothese. Und zudem eine, die nur ein einziges Argument für sich ins Feld führen konnte: nämlich, dass sie keiner der bisher gewonnenen Erkenntnisse widersprach.

George entschied sich dazu, das Mittagessen diesmal nicht im Mercator-Hotel einzunehmen, sondern auch der übrigen Gastronomie des Selfkants eine Chance zu geben, sich angenehm in seiner Erinnerung zu verewigen.

Davon abgesehen konnte er dort vielleicht noch das eine oder andere in Erfahrung bringen. Hotels und Gaststätten waren schließlich stets auch Umschlagplätze für Neuigkeiten aller Art; die Vorläufer der Zeitung gewissermaßen.

Kurz entschlossen strebte George das Selfkänter Hotel-Restaurant Peters in Hoengen an, das seit 1650 in lückenlosem Familienbesitz war. Als er dort eintraf, fiel ihm gleich die zwanglose Atmosphäre auf. Ein Ort, an dem man sich wohlfühlen konnte. Unter den Gästen waren viele Holländer und Belgier, wie George sehr schnell an dem Stimmengewirr feststellte. Niederländisch, Französisch und Deutsch klangen durcheinander.

Der Reporter setzte sich an einen etwas abseits gelegenen Tisch und bestellte beim Kellner ein Mittagessen. Zwischendurch rief er noch einmal bei seinem Bekannten an, der inzwischen herausgefunden hatte, was er wissen wollte.

„Ich habe hier eine Liste von 18 Haltern eines Ford Mavericks mit Aachener Kennzeichen”, sagte er.

„Ich schreibe mit”, erklärte George, holte einen Notizblock hervor und schrieb sich die achtzehn Namen auf. Drei davon konnte er gleich wieder streichen. Die Halter waren Frauen und George war überzeugt davon, von einem Mann niedergeschlagen und beinahe umgebracht worden zu sein.

„Und wenn es eine Frau mit der Figur einer bulgarischen Hammerwerferin war?“, ging es ihm durch den Kopf. Konnte man wirklich irgendeine Möglichkeit ausschließen? Zudem war es ja auch denkbar, dass der Wagen zwar auf eine Frau zugelassen war, aber ihr Mann oder Lebensgefährte das Fahrzeug fuhr.

„Wenn du abgesehen vom AC-Kennzeichen noch irgendetwas wüsstest, könnte man vielleicht die Abfrage präzisieren”, schlug der Bekannte vor, der natürlich schon an Georges Tonfall merkte, dass der Reporter sich die Sache wohl etwas zu einfach vorgestellt hatte.

„Immerhin, es sind achtzehn Namen, mit denen man anfangen kann zu spielen”, meinte er und überlegte. „Ob davon jemand in der Computerbranche arbeitet, weißt du nicht etwa zufälligerweise?”, fragte er dann.

„Ich glaube, du verwechselst mich mit einem Detektivbüro. Das wirst du schon selbst herausfinden müssen!”

George seufzte: „Wie auch immer, vielen Dank.”

„Ich hoffe, ich konnte dir weiterhelfen.”

„Ich denke schon.”

George unterbrach die Verbindung und schaute versonnen auf die Namen. Nach wenigen Minuten brachte der Kellner schon das Essen. George begann mit der Mahlzeit und ließ es sich schmecken. Noch während er aß, trat ein kräftiger Mann an Georges Tisch. Er hatte dunkelblondes Haar und trug einen Schnauzer. „Darf ich mich einen Moment zu Ihnen setzen?”

„Ja sicher.” George runzelte die Stirn. „Sind Sie nicht der Hotelier?”

„Genau. Franz Peters ist mein Name.”

Er zog einen Stuhl etwas zurück und setzte sich zu George an den Tisch. „Ich erinnere mich”, sagte George. „Ich habe mal einen Bericht geschrieben, in dem Ihr Hotel eine Rolle spielte. Es ging um irgendeine Veranstaltung, aber ich komme jetzt nicht drauf.”

Peters lächelte: „Da kann ich Ihnen weiterhelfen.”

„So?”

„Der Artikel hieß „Vom Strahlenschutzbeauftragten zum Hotelier“ und war ein Portrait dieses Hauses und seiner Geschichte.”

„Richtig! Der Titel war allerdings nicht von mir, das hat unser Chef verbrochen.”

Franz machte eine wegwerfende Handbewegung. „Kein Problem. Der Artikel hat sich als prima Werbung herausgestellt.”

„Na, da bin ich ja beruhigt”, sagte der Reporter und lehnte sich zufrieden und gesättigt zurück.

„Ich spreche Sie aus einem anderen Grund an, Herr Schmitz. Sie untersuchen doch diese Mordfälle.”

„Na ja, streng genommen muss ich zugeben, dass die Untersuchungen von der Polizei gemacht werden. Ich versuche eben nur, das eine oder andere Detail, welches ich durch meine Recherche herausfinden konnte, dem gesamten Puzzle hinzuzufügen. Mehr mache ich nicht.”

Peters hob die Augenbrauen. „Na, stellen Sie Ihr Licht mal nicht unter den Scheffel. Ich verfolge Ihre Artikel, die Sie zu der Sache in der Zeitung veröffentlichen und ich hätte Sie auch um ein Haar schon angerufen.”

„Weswegen?”, fragte George nun interessiert.

„Der Mann, der mit der Möhre umgebracht wurde, war hier.”

„Wann?”, meinte der Reporter nun und konnte es kaum fassen. Da hatte er mit seiner Restaurantwahl wohl einen richtigen Glückstreffer gelandet.

Peters fuhr nun fort: „Ein paar Tage vor seinem Tod. Ich kann nicht mehr genau sagen, wann das war. Aber er war nicht allein! Ich bin mir nicht sicher, ob das überhaupt etwas zu bedeuten hat, aber vielleicht interessiert es Sie, mit wem er hier saß.”

George machte ein nachdenkliches Gesicht und meinte dann: „Lassen Sie mich raten! Der eine hieß Jürgen Wisbert und war rothaarig. Und der zweite war ein kräftiger Mann mit Knebelbart. Sein Name ist noch unbekannt. Beide so Anfang bis Mitte vierzig.”

„Können Sie Gedanken lesen?”, staunte der Hotelier. „Es war tatsächlich ein Rothaariger dabei. Das ist ja wohl der Mann gewesen, dem man den Schädel zerquetscht hat, oder? Und dass der andere einen Knebelbart hatte, stimmt auch. Aber es war noch ein vierter Mann dabei.”

„Ach!”, entfuhr es dem Reporter dann doch noch.

„Sah aus wie ein Wikinger. Blondes Haar, blonder Bart. Und er sprach mit niederländischem Akzent.”

„Sie haben nicht zufällig auch noch den Namen und die Adresse?”

„Nein, aber etwas, das fast so gut ist. Er hat nämlich mit Kreditkarte bezahlt. Ich habe das mal nachgeprüft. Die Karte ist auf den Namen Pieter van de Kerkhoff ausgestellt.”

„Niederländer?”

„Ja. Wohnt in Schinveld.”

„Also im Revier von Brigadier Nina Kosten!“, überlegte George. Er dachte an die Nummernschilder des Toyotas, die auf der anderen Seite der Grenze entsorgt worden waren. Vielleicht hatte der Mann mit dem Knebelbart einen kleinen Abstecher in die Niederlande unternommen, um genau diesen Mann aufzusuchen. Wahrscheinlich hatte er dabei versucht die Schilder wegzuschaffen, in der Annahme, dass es zwischen der deutschen, belgischen und niederländischen Polizei bei der Zusammenarbeit mit Sicherheit irgendwelche Reibungsverluste gab und sich die Fahndung auf diese Weise erschweren ließ.

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Nach dem Mittagessen fuhr George die wenigen Kilometer über die Grenze bis ins niederländische Schinveld und dachte dabei an die Zeiten zurück, als es noch Grenzkontrollen zwischen beiden Ländern gegeben hatte. Das Abkommen von Schengen hatte dem lokalen Schmugglergewerbe fast vollkommen die Grundlage entzogen – mit einer Ausnahme. Die liberalen niederländischen Drogengesetze führten dazu, dass erhebliche Mengen Cannabis den Weg über die Grenze fanden. Auf deutscher Seite stand man in dieser Hinsicht so gut wie auf verlorenem Posten. George hatte mehrfach über das Problem berichtet.

Es gab nur einen Pieter van de Kerkhoff in Schinveld, wie George schon kurz nach seiner Ankunft feststellte. Dieser bewohnte einen schmucken Bungalow, an dem ein Firmenschild prangte. VAN DE KERKHOFF DIGITAL SECURITY & COMPUTER SYSTEMS stand dort.

„Treffer!“, dachte George. Offenbar beschäftigte sich Pieter van de Kerkhoffs Firma mit der Sicherheit von Computersystemen. Die grundlegenden kryptologischen Kenntnisse, die es erlaubten, einen Code wie den auf der Mercator-Karte zu entschlüsseln, durften bei ihm vorausgesetzt werden. Schließlich bestand eine Herausforderung der Branche immer wieder darin, Verschlüsselungssysteme zu entwickeln und diese anschließend auf ihre Sicherheit hin zu testen.

George klingelte.

Ein junger Mann öffnete die Tür.

„Dag!”, grüßte er freundlich.

„Sprechen Sie Deutsch? Mein Name ist Georg Schmitz.”

„Ich spreche ein bisschen Deutsch.”

„Sind Sie Pieter van de Kerkhoff?”

„Nein, das ist unser Chef.”

„Ist der vielleicht zu sprechen?”

„Tut mir leid. Nicht im Haus.”

„Und wo könnte ich ihn finden?”

„Ist den ganzen Nachmittag bei einem Kunden. Möchten Sie einen Termin ausmachen? Geht aber erst nächste Woche!”

„Nein, nein, so lange hat das leider nicht Zeit. Wann ist Herr van de Kerkhoff denn wieder zu sprechen?”

„Heute Abend vielleicht. Aber es wird spät, hat er gesagt”, erwiderte der junge Mann.

„Na gut, da ist dann wohl nichts zu machen. Ich melde mich noch mal”, sagte George.

„Worum geht es denn bei Ihnen? Trojanerbefall?”, fragte der Niederländer nun interessiert.

„Sagen Sie ihm, es geht um jemanden namens Jan van Pollak. Ich bin überzeugt, er weiß dann schon Bescheid.”

George gab dem jungen Mann seine Karte mit dem Hinweis, dass er jederzeit erreichbar sei.

„Werde ich ihm sagen”, versprach der junge Mann stirnrunzelnd.

George fuhr daraufhin zurück nach Gangelt.

Er beschloss, schon einmal ein paar Zeilen an seinem täglichen Artikel zu schreiben. Zu berichten gab es ja einiges, schließlich war jetzt endlich der Wagen des Möhrenmordopfers gefunden worden.

Zunächst überlegte George, den Artikel im Mercator-Hotel zu schreiben, aber dann entschied er wiederum, dass ein Wechsel des Ambientes der Kreativität durchaus zuträglich sein konnte und stattete einem Lokal namens „Flammerie“ in Hastenrath einen Besuch ab. Dessen Betreiber hieß Michael Nowitzki und war ein hagerer Mittvierziger mit kurzen Haaren und von ausgeglichenem Temperament.

George suchte sich einen zurückgezogenen Platz, bestellte einen starken Kaffee und packte seinen Laptop aus.

Er begann zu schreiben, kam aber irgendwie nicht so recht voran. Zweimal musste er zwischendurch gähnen.

„Na, der Kaffee scheint ja nicht stark genug zu sein”, kommentierte Nowitzki, als er George nun das zweite Kännchen an den Platz brachte.

„Ich glaube, dagegen hilft im Moment auch kein stärkerer Kaffee”, meinte George vollkommen übermüdet.

„Mittagsschlaf soll ja gesund sein”, gab ihm Nowitzki einen fast väterlichen Rat.

Details

Seiten
1500
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738953732
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Mai)
Schlagworte
dorf krimis seiten

Autoren

  • Alfred Bekker (Autor)

  • Peter Haberl (Autor)

  • Albert Baeumer (Autor)

  • A. F. Morland (Autor)

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Titel: Auf dem Dorf wird auch gemordet: 10 Krimis auf 1419 Seiten