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Thriller Spannung 2021: 13 Urlaubs-Krimis auf 1527 Seiten

von Alfred Bekker (Autor:in) A. F. Morland (Autor:in) Fred Breinersdorfer (Autor:in) Horst Bieber (Autor:in) Richard Hey (Autor:in) Hans-Jürgen Raben (Autor:in)
2021 1600 Seiten

Zusammenfassung

Thriller Spannung 2021: 13 Urlaubs-Krimis auf 1527 Seiten

Von Alfred Bekker, Fred Breinersdorfer, Richard Hey, Horst Bieber, A.F.Morland, Hans-Jürgen Raben

Kriminalromane der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre. Dieses Buch enthält folgende Krimis:



A.F.Morland: Der Super-Boss von Brooklyn

Fred Breinersdorfer: Auf der anderen Seite des Hofes

Hans-Jürgen Raben: Eine Bombe für den Senator

Horst Bieber: Alte Freundin braucht Hilfe

Alfred Bekker: Tot und blond

A.F. Morland: Eingemauert bei lebendigem Leib

A.F. Morland: Henker in eigener Sache

Richard Hey: Die Löwenbändigerin

Horst Bieber: Die Kommissarin und die geheimnisvolle Fremde

Horst Bieber: Ein Schwan stirbst selten allein

Alfred Bekker: Hinter dem Mond

Alfred Bekker: Münster-Wölfe

Alfred Bekker: Kahlgeschoren





Fred Breinersdorfer erfand den Fernsehermittler Anwalt Jean Abel.

Richard Hey erfand die Kommissarin Katharina Ledermacher

Horst Bieber gewann den deutschen Krimi-Preis.

A.F.Morland erfand den Dämonenhasser Tony Ballard. Seine Romane haben über die Jahrzehnte eine Millionenauflage erreicht.

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jonas Herlin, Adrian Leschek, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.

Leseprobe

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Thriller Spannung 2021: 13 Urlaubs-Krimis auf 1527 Seiten

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Von Alfred Bekker, Fred Breinersdorfer, Richard Hey, Horst Bieber, A.F.Morland, Hans-Jürgen Raben

Kriminalromane der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre. Dieses Buch enthält folgende  Krimis:

––––––––

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A.F.Morland: Der Super-Boss von Brooklyn

Fred Breinersdorfer: Auf der anderen Seite des Hofes

Hans-Jürgen Raben: Eine Bombe für den Senator

Horst Bieber: Alte Freundin braucht Hilfe

Alfred Bekker: Tot und blond

A.F. Morland: Eingemauert bei lebendigem Leib

A.F. Morland: Henker in eigener Sache

Richard Hey: Die Löwenbändigerin

Horst Bieber: Die Kommissarin und die geheimnisvolle Fremde

Horst Bieber: Ein Schwan stirbst selten allein

Alfred Bekker: Hinter dem Mond

Alfred Bekker: Münster-Wölfe

Alfred Bekker: Kahlgeschoren

––––––––

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Fred Breinersdorfer erfand den Fernsehermittler Anwalt Jean Abel.

Richard Hey erfand die Kommissarin Katharina Ledermacher

Horst Bieber gewann den deutschen Krimi-Preis.

A.F.Morland erfand den Dämonenhasser Tony Ballard. Seine Romane haben über die Jahrzehnte eine Millionenauflage erreicht.

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jonas Herlin, Adrian Leschek, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Der Super Boss von Brooklyn

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Ein Roberto Tardelli Thriller

von A. F. Morland

Der Umfang dieses Buchs entspricht 101 Taschenbuchseiten.

Alfredo Sandrelli, ein Mann der Commissione und gefürchteter Spürhund der Cosa Nostra, trägt sich mit der Absicht, den König von Brooklyn, Brian Cusack, des Betrugs am Syndikat zu überführen. Da Cusack in letzter Zeit nicht mehr genügend Geld an das Syndikat abgab, liegt der Verdacht nahe, dass er für sich selbst etwas zu viel auf die Seite bringt. Doch Cusack bekommt Wind von der Sache und schickt einen Killer, der dafür sorgt, dass Sandrelli keinen Fuß mehr auf den New Yorker Boden setzt.

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Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Der Mord sollte am helllichten Tag verübt werden, und es sollte nicht einen Menschen, sondern gleich fünf treffen. In der Ferne tauchte der silberne Privatjet auf. Majestätisch schwebte er heran. Deutlich hob er sich vom postkartenblauen Himmel ab.

Gelassen und ohne Eile brachte der Killer das Abschussrohr in Stellung. Er visierte das Düsenflugzeug emotionslos an. Es würde eine glatte Sache werden. In wenigen Augenblicken würde die abgefeuerte Rakete den Jet treffen ...

Der Jet gehörte Alfredo Sandrelli, einem Mann der Commissione. Er flog die Maschine nicht selbst, sondern überließ dies einem erfahrenen Piloten, während er mit seinen vier Freunden im Passagierraum saß und sich unterhielt.

„Gleich werden wir in New York landen“, sagte Sandrelli, ein vierzigjähriger dunkelhaariger Mann mit getönter Brille. Er war ein gefürchteter Spürhund der Cosa Nostra.

Da die Ehrenwerte Gesellschaft zahlreiche Unternehmungen hatte - saubere und schmutzige -, war es nötig, den Leuten, denen man „vertraute“, ab und zu auf die Finger zu sehen. Denn: Vertrauen ist gut - Kontrolle ist besser.

Sandrelli fand zumeist sehr schnell heraus, ob ein Vertragspartner zu viel in die eigene Tasche wirtschaftete, wodurch dem Syndikat eine Menge Geld entging. Er brauchte dies nur den entsprechenden Leuten zu melden, und schon reagierte der Mob. Die betreffende Person wurde ihres Amtes enthoben und durch eine loyalere ersetzt, wobei diejenigen, die man abberufen hatte, in neunundneunzig von hundert Fällen im Leichenschauhaus landeten.

Da Sandrellis Tätigkeit dem Syndikat viel Geld einbrachte, war man ihm gegenüber nicht knausrig. Man beteiligte ihn prozentuell an den Gewinnsteigerungen, und das wiederum war für Alfredo Sandrelli ein Ansporn, noch mehr gute Taten für die Mafia zu setzen.

Um effektiver arbeiten zu können, hatte er sich einen Mitarbeiterstab von drei Mann zugelegt. Er bezahlte sie aus seiner eigenen Tasche, war gewissermaßen ihr Chef.

„New York“, sagte Sandrelli und rollte mit den Augen. „Eine faszinierende Stadt.“

„Eine unsichere Stadt“, sagte einer seiner Freunde. „Voll von Verrückten. Einer von ihnen hat John Lennon grundlos gekillt.“

„Das hätte in jeder anderen Stadt auch passieren können“, sagte Sandrelli.

„Es ist aber in New York geschehen.“

„Ich komme trotzdem immer wieder gern hierher“, bemerkte Alfredo Sandrelli. „Dieser Hexenkessel, der Schmelztiegel der Nationen hat ein eigenes Flair, wie du es bei keiner anderen Stadt findest. Broadway. Empire State Building. Der Sitz der Vereinten Nationen ...“

Sandrellis Freund grinste. Er sah dabei die anderen an.

„Jetzt kommt er ins Schwärmen.“

„Ich mache euch einen Vorschlag“, sagte Alfredo Sandrelli. „Wir sehen zu, dass wir unseren Job so rasch wie möglich hinter uns bringen, und dann machen wir einen drauf, der sich gewaschen hat. Was haltet ihr davon?“

„Dafür sind wir immer“, bekam er zur Antwort.

Der Pilot meldete sich über den Bordlautsprecher. Er bat die Passagiere, das Rauchen einzustellen und sich anzuschnallen. Folgsam hakten die Mafiosi die Gurte fest.

„Also noch mal“, fasste Sandrelli zusammen, was er mit seinen Freunden während des Fluges besprochen hatte. Er drückte seine Zigarette im Aschenbecher aus. „Brian Cusack, der der König von Brooklyn genannt wird, liefert in letzter Zeit nicht mehr genügend Geld an das Syndikat ab. Er sagt, die Einnahmen sind zurückgegangen, aber die Commissione will ihm nicht so recht glauben. Sie vermutet eher, dass Cusack neuerdings zu viel für sich selbst auf die Seite bringt. Unsere Aufgabe ist es, den Beweis dafür zu erbringen. Wir werden Cusack auf Herz und Nieren überprüfen, wie wir das schon mit vielen anderen Übelfingern getan haben. Wir durchleuchten seine Bankverbindungen, forschen etwaige Strohmänner aus, die für ihn Geschäfte tätigen, sehen uns an, was er besitzt und wohin das Geld, das er einnimmt, verschwindet, und wenn wir auch nur ein Haar in der Suppe finden ...“

„... kriegt Cusack einen Zementsarg verpasst“, sagte einer von Sandrellis Freunden.

„Ja, aber nicht von uns. Dafür sind wir nicht zuständig. Dafür hat das Syndikat andere Experten an der Hand. Brian Cusack wird sang und klanglos von der Bildfläche verschwinden, wenn er eine unsaubere Gangart gewählt hat. Das hat er sich selbst zuzuschreiben. Wer den Hals nicht vollkriegt, der muss früher oder später mit so einem Ende rechnen. Die Cosa Nostra lässt sich nicht an der Nase herumführen.“

Der Jet setzte zur Landung auf dem Privatflughafen an. Schnurgerade visierte er die Landebahn an, doch er sollte sie nicht mehr erreichen.

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Die Rakete stammte aus Army-Beständen. Der Killer hatte sie sich nicht selbst besorgt. Brian Cusack hatte sie ihm verschafft. Cusack hatte da so seine weitreichenden Verbindungen. Er konnte so ziemlich alles auftreiben, wenn er wollte. Haargenau hatte der Killer - sein Name war Gordon Keel - die Düsenmaschine im Visier. Er feuerte die Rakete im richtigen Moment ab. Das Geschoss mit dem hochexplosiven Sprengkopf verließ das Rohr und nahm Direktkurs auf den silbernen Vogel.

Es vergingen wenige Sekunden. Dann hatte die Rakete ihr Ziel erreicht. Ein greller Blitz flammte auf. Der Knall drang Keel erst später ans Ohr. Eine ungeheure Kraft wirkte auf die Maschine ein. Sie riss das Flugzeug buchstäblich auseinander. Wrackteile, Sitze, Menschen flogen durch die Luft. Eine heiße Druckwelle raste nach allen Seiten davon.

Gordon Keel warf das ofenrohrähnliche Gerät weg. Es hatte seinen Zweck erfüllt, er brauchte es nicht mehr. Nun war es wichtig, so rasch wie möglich von hier wegzukommen.

Sämtliche Flugzeugtrümmer hatten noch nicht den Boden erreicht, da wirbelte der Killer bereits herum und setzte sich ab. Am Ende des Flugfeldes überkletterte Keel einen Zaun. Dort stand der Wagen, mit dem er hergekommen war. Ein gestohlenes Fahrzeug. Gordon Keel war ein vorsichtiger Mann. Er startete die Maschine und fuhr los. Im Rückspiegel sah er den schwarzen Rauchpilz, der träge zum Himmel hochstieg, aber das ging ihn nichts mehr an. Er hatte seine Arbeit getan. Brian Cusack konnte mit ihm zufrieden sein. Der König von Brooklyn würde nicht vergessen, einen angemessenen Geldbetrag auf sein Konto transferieren zu lassen.

Unbehelligt erreichte Gordon Keel South Brooklyn. Er ließ den heißen Wagen am Erie Basin stehen und betrat wenig später einen Billardclub. Der fette Besitzer nickte ihm freundlich zu. „Lange nicht mehr gesehen, Amico.“

Keel hob die Schultern und grinste. „Man hat viel zu tun.“

„Das ist gut. Das bringt Moos ein. Wie wär's mit einem Spiel? Ich habe schon lange nicht mehr gegen einen Könner verloren.“

„Später. Erst muss ich telefonieren.“

„Okay. Ich mach’ inzwischen schon ein paar Stöße, um in Form zu kommen, sonst stehe ich gegen dich ja als vollkommener Idiot da.“

„Untertreib' nicht so schamlos! Das letzte Mal habe ich vor einem halben Jahr gegen dich gewonnen.“

„Seither warst du auch nicht mehr hier“, sagte der dicke Italo-Amerikaner.

Keel begab sich zur Telefonbox. Er betrat die Zelle und schloss die Falttür hinter sich. Brian Cusacks Nummer kannte er auswendig. Klar, er arbeitete schon seit drei Jahren für den König von Brooklyn. In dieser Zeit hatte er für Brian Cusack schon eine ganze Menge Leute abserviert. Aber noch nie gleich fünf auf einmal. Das war heute zum ersten Mal passiert.

Dass das Ärger mit der Mafia geben könnte, glaubte er nicht. Cusack würde schon einen Dreh finden, der den Verdacht von ihm ablenkte. Der König von Brooklyn war ein ganz ausgebuffter Schurke. Der war manchmal schlimmer als die Mitglieder der Ehrenwerten Gesellschaft, mit deren Genehmigung er im Hafengebiet von Brooklyn absahnte.

Keel warf eine Münze in den Automaten und tippte dann Cusacks Nummer. Er brauchte nicht lange zu warten. Es hob sofort jemand ab, aber es war nicht Cusack selbst, sondern dessen rechte Hand Cyril Murray.

„Ich bin es, Gordon“, sagte Keel. „Gib mir mal den Boss!“

„Augenblick“, erwiderte Cyril Murray.

Stille am anderen Ende. Für etwa fünf Sekunden. Dann war der König von Brooklyn am Apparat. „Ja, Gordon?“

„Die Sache ist gelaufen“, sagte Keel.

„Wie geplant?“

„Haargenau so.“

„Hat dich jemand gesehen?“

„Nein.“

„Überlebende?“

Auf diese Frage lachte Gordon Keel nur.

„Ist gut“, sagte Brian Cusack. „Ich bin mit dir sehr zufrieden und werde mich für den Gefallen, den du mir erwiesen hast, auch entsprechend erkenntlich zeigen. Hast du Lust, heute Abend mit mir zu essen?“

„Das würde ich sehr gern tun.“

„Schön, dann bis heute Abend. Da können wir dann ausführlich über die Einzelheiten sprechen. Am Telefon ist das nicht so günstig. Es könnte sich jemand in unser Gespräch hineinwählen oder so. Die Technik ist leider nicht perfekt.“

„Wer ist das schon?“

„Wie es aussieht, scheinen wir beide es zu sein“, erwiderte Cusack lachend und legte auf.

Gordon Keel verließ die Telefonzelle und begab sich zu dem Tisch, an dem der dicke Billardclubbesitzer bereits übte.

„So, Freund“, sagte er lächelnd. „Jetzt habe ich jede Menge Zeit für dich.“

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Brian Cusack war ein eleganter Mann mit scharf geschnittenen Zügen und Augen, die ständig entzündet zu sein schienen. Er liebte Schalkrawatten und blütenweiße Stecktücher, die er weit aus der Brusttasche heraushängen ließ. Seine persönliche Note.

Er war ein Erfolgsmensch und schätzte sich selbst ziemlich hoch ein. Deshalb wagte er es auch, hin und wieder die Mafia zu hintergehen. Er wusste, dass das sehr gefährlich war, aber er liebte das Risiko, und er hielt sich für schlauer als die Männer, für die er tätig war. Warum sollte seine Schlauheit nicht Zinsen tragen?

Er saß an einem großformatigen Schreibtisch, auf dem sich die Post häufte. Geschäftsbriefe, Rechnungen, Vertragsentwürfe. Auch Verbrecher haben damit zu tun, wenn sie eine gewisse Größe erreicht haben.

Aufgewachsen war Brian Cusack an der Gowanus Bay. Seine Eltern - er hatte sie kaum gekannt - waren arm gewesen und früh gestorben. Er hatte schon mit sechzehn auf eigenen Beinen stehen und selbst für seinen Lebensunterhalt sorgen müssen. Bald hatte er begriffen, dass für ihn das leicht verdiente Geld nicht auf dem ehrlichen Weg lag, und so hatte er sich auf die andere Seite des Gesetzes geschlagen. Er hatte sich mit den richtigen Typen zusammengetan. Sie waren zumeist um ein paar Jahre älter als er gewesen und hatten ihm Verschiedenes beibringen können.

Es war für ihn eine Herausforderung gewesen, besser zu sein als jeder andere. Er legte seine Freunde herein, wo er konnte, und sie muckten nicht auf, denn wer sich mit Brian Cusack anlegte, der hatte kein langes Leben mehr vor sich.

Schritt für Schritt baute Cusack seine Position in Brooklyn aus. Er verstand es, Geld anzuhäufen, und damit kaufte er sich gute Männer, die für ihn heikle Jobs erledigten. Bald war er so groß, dass die Mafia auf ihn aufmerksam wurde. Aber man ließ ihn in Ruhe. Erst als seine Gewinne so beachtlich waren, dass sie der Ehrenwerten Gesellschaft ins Auge stachen, suchte man den Kontakt mit ihm.

Der Mob schlug ihm eine Beteiligung vor. Im Klartext hieß das: Die Mafia wollte an seinen Gewinnen teilhaben. Er war klug genug, um zu wissen, dass man ein solches Angebot nicht ablehnen durfte, und so wurde er ein Partner des Syndikats, der den Schutz dieser großen Organisation genoss und dafür eine Gewinnbeteiligung abgeben musste. Man ließ ihm weitgehend freie Hand. Er konnte nach eigenem Gutdünken entscheiden. Der Mafia war so lange alles recht, solange er die vereinbarten Prozente vom Gewinn regelmäßig ablieferte.

Doch mit der Zeit gefiel Brian Cusack diese Partnerschaft nicht mehr. Er hatte nichts davon. Der einzige Nutznießer war die Mafia. Folglich ließ sich der König von Brooklyn, zu dem er mittlerweile geworden war, etwas einfallen. Er zweigte Gelder ab, bevor er die Gewinne festsetzte und von diesen dann die Prozente für die Ehrenwerte Gesellschaft abzog.

Solange er dies im Kleinen tat, fiel das nicht auf. Jedes Unternehmen unterliegt gewissen Schwankungen. Als Cusacks Abstriche aber immer dreister wurden, muckte das Syndikat auf. Er erfuhr, dass sich die Commissione damit beschäftigen wollte, und er hörte, dass man auf ihn eine Prüfungsgruppe ansetzen wollte. Alfredo Sandrelli und seine cleveren Spürhunde sollten sich um seine Geschäfte kümmern.

Das löste in Brian Cusack einen Alarm aus, und er reagierte auf seine Weise. Sandrelli und seine Freunde lebten nun nicht mehr, und Cusack musste dafür sorgen, dass niemand auf die Idee kam, ihn mit dem Attentat in Verbindung zu bringen.

Cyril Murray stand hinter ihm. Cusack schnippte mit dem Finger. Murray, ein bulliger Typ mit Glotzaugen, trat einen Schritt vor. Er leitete die Geschäfte während Cusacks Abwesenheit, war aber bei weitem nicht in alles eingeweiht, denn uneingeschränktes Vertrauen brachte der König von Brooklyn nur sich selbst entgegen.

„Ja, Boss?“

„Die Nummer von diesem Journalisten ...“

„Von Christopher Copeland?“

„Ja. Wo ist die?“

„Sie muss auf deinem Schreibtisch liegen.“

„Da liegt so viel.“

Murray half dem Boss beim Suchen. Er entdeckte den Zettel unter der Schreibzeugtasche. „Hier“, sagte er und wedelte mit dem Papier.

„Ruf ihn an!“, verlangte Cusack.

„Okay.“

Murray drehte den Apparat zu sich, nahm den Hörer ab und tippte die Nummer des Journalisten. Es läutete fünfmal am anderen Ende der Leitung. Dann meldete sich Christopher Copeland.

„Hallo!“

„Mister Copeland?“

„Ja?“

„Einen Augenblick. Ich gebe Ihnen Mister Cusack.“

Cyril Murray reichte den Hörer an Cusack weiter.

„Hallo, Copeland. Wie geht’s immer?“

„Viel zu tun.“

„Von dem Leiden sind wir alle befallen. Was macht Ihre Galle?“

„Die gibt nun wieder Ruhe.“

„Vielleicht sollte mein Hausarzt Sie einmal aufsuchen. Der Mann ist große Klasse. Hervorragender Diagnostiker. Ausgezeichneter Therapeut. Soll ich ihm Ihre Adresse geben? Die Kosten übernehme selbstverständlich ich.“

„Meinetwegen. Er kann ja mal vorbeikommen.“

„Ich wette mit Ihnen, er findet im Handumdrehen raus, was mit Ihnen los ist und sagt Ihnen, wie Sie Ihr Leiden losbringen. Ein Phänomen, der Mann.“

„So was soll's ja geben. Ich bin einem solchen Arzt leider noch nicht begegnet.“

„Er verlangt natürlich sein Geld, das ist klar. Aber der ist jeden Dollar, den er kriegt, wert. Ich meine, was hat man außer seiner Gesundheit sonst noch, nicht wahr? Hat ein kluger Kopf nicht mal behauptet: Nur in einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist?“

„Ein weiser Spruch.“

„Da Ihre Zeit ebenso knapp bemessen ist wie meine, müssen Sie mir erlauben, nun zum eigentlichen Grund meines Anrufs zu kommen. Sie erinnern sich noch an unser Gespräch, das wir in der vergangenen Woche unter vier Augen hatten.“

„Selbstverständlich“, sagte Christopher Copeland.

„Nun, die Sache wurde inzwischen aktuell. Ein Privatjet, der mit fünf Mafiosi besetzt war, wurde von einem Unbekannten mit einer Rakete, die aus Army-Beständen stammte, abgeschossen. Ich möchte, dass Sie sofort Ihre weitreichenden Beziehungen spielen lassen. Posaunen Sie in alle Welt hinaus, dass der Täter ein Mann ist, der mit dieser Tat einen persönlichen Rachefeldzug gegen die Mafia gestartet hat. Wie besprochen, werde ich mich für diese Gefälligkeit in gebührendem Maße erkenntlich zeigen.“

„Ich habe mir bereits eine kleine Backgroundstory zurechtgezimmert“, sagte Copeland.

„Wunderbar!“, lobte Brian Cusack. „Ich schätze es, wenn meine Freunde mitdenken. Lassen Sie hören!“

„Also dieser Mann ist verbittert, weil er durch das Syndikat seine Frau und seine Tochter verloren hat. Der Mob packte ihm eine Bombe unter seinen Wagen, aber nicht er stieg in das Auto ein, sondern ...“

„Ausgezeichnet“, lobte Cusack wieder.

„Ich lasse dabei offen, in welcher Stadt es zu dieser Tragödie gekommen ist. Auch den Namen des Mannes kann ich nicht nennen, denn er hat mich in meiner Wohnung anonym angerufen.“

„Großartig!“, sagte Cusack.

„Und er hat weitere Taten angekündigt.“

„Die Story ist so gut, dass sie echt sein könnte“, sagte der König von Brooklyn begeistert. „Ich wusste, dass Sie für mich genau der richtige Mann sind, Copeland. Ich glaube, ich werde künftighin öfter etwas für Sie zu tun haben. Lassen Sie Ihre Kollegen nun umgehend von diesem anonymen Anruf wissen, okay?“

„Selbstverständlich.“

„Mein Arzt wird Sie noch heute aufsuchen.“

„Vielen Dank.“

„Nichts zu danken. Ich bin aus ganz persönlichen Gründen an Ihrer Gesundheit interessiert“, sagte Brian Cusack und legte den Hörer in die Gabel. Er blickte Cyril Murray an und fragte: „Na, wie habe ich das wieder gedeichselt?“

„Bestens.“

„Ein Unbekannter. Ein Verrückter hat sich entschlossen, gegen die Mafia anzutreten. In Kürze wird das in allen Zeitungen stehen, alle Fernseh- und Rundfunkanstalten werden es berichten. Und wir haben mit dem tragischen Tod von Alfredo Sandrelli und seinen Freunden - den wir aus tiefstem Herzen bedauern - nichts zu tun.“

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Es kam nicht oft vor, dass Roberto Tardelli mit einem zarten Kuss geweckt wurde, denn er war ein Tramp, der ständig in anderen Betten schlief. Nur wenn er in New York war, hatte er so etwas wie einen festen Wohnsitz, denn es existierte ein Dauerangebot, auf das er liebend gern zurückgriff, wenn ihn ein Auftrag in diese Metropole führte. Samantha Ford, eine junge Ärztin, mit der Roberto seit einigen Jahren befreundet war - ein Fall hatte sie damals zusammengebracht -, wäre ihm böse gewesen, wenn er sie nicht aufgesucht hätte.

Dass er dies dennoch nicht immer tat, lag daran, dass er das blonde Mädchen mit den strahlenden Veilchenaugen nicht in Gefahr bringen wollte. Wenn ihm also irgendwelche Gangster zu dicht auf den Fersen waren, wenn die Luft bleihaltig zu werden drohte, zog er es vor, in einem Hotel abzusteigen, damit Sam, wie er das hübsche Mädchen liebevoll nannte, nichts zustoßen konnte.

Ihre Lippen waren weich und warm. Er genoss den Kuss, räkelte sich und öffnete die Augen. Der Tag war noch nicht richtig angebrochen. Graues Licht lag über der Stadt.

Roberto seufzte.

„Bei strahlendem Sonnenschein kann jeder aufstehen, nicht wahr?“

„Guten Morgen“, sagte Samantha. „Der Kaffee ist schon fertig.“

„Du warst schon auf?“, sagte er erstaunt. „Ich habe nichts bemerkt.“

„Ich habe mich wie eine Einschleichdiebin aus dem Schlafzimmer gestohlen, damit du nicht aufwachst.“

„Sehr rücksichtsvoll.“

„Nun wird es langsam Zeit für dich.“

„Wie spät ist es denn?“

„Vier Uhr.“

„Eine barbarische Zeit.“

„Ich habe mir den Job im Hafen nicht ausgesucht“, meinte Samantha Ford.

„Du hast recht. Das war ich.“ Roberto arbeitete seit kurzem im Hafen von Brooklyn. Er wollte Brian Cusack kriegen, den sie den König von Brooklyn nannten und der ein Geschäftspartner der Ehrenwerten Gesellschaft war. Befreite er Brooklyn von Cusack, diesem gefährlichen Parasiten, dann verlor die Mafia eine gute Einnahmequelle, und dem Kampf gegen die Mafia hatte Roberto Tardelli gewissermaßen sein Leben gewidmet.

Die Hafenarbeit war ein hartes Brot, aber Roberto beschwerte sich nicht. Er konnte kräftig zupacken, war nicht zimperlich, und vor schwerer Arbeit war er noch nie fortgelaufen. Nur das frühe Aufstehen störte ihn, aber auch in diesen sauren Apfel biss er, nur um Brian Cusack das Handwerk legen zu können.

Während Roberto duschte, schob Samantha zwei Weißbrotscheiben in den Toaster. Obwohl sie ihren freien Tag hatte, nicht ins Krankenhaus musste und im Bett hätte bleiben können, so lange sie wollte, frühstückte sie mit Roberto.

Nach dem Frühstück zog Roberto eine warme blaue Wolljacke an und setzte eine gestrickte Mütze mit Rollrand auf.

„Sehe ich nicht zünftig aus?“, fragte er lächelnd.

„Wie ein echter Hafenarbeiter“, bestätigte ihm die junge Ärztin. „Kommst du mit deiner eigentlichen Arbeit voran?“

„Ich bin laufend am Sondieren. Es wird nicht leicht sein, Cusack ein Bein zu stellen, aber ich werde es schon irgendwie schaffen.“

Samantha begleitete ihn an die Tür.

„Ich wünsche dir einen erfolgreichen Tag.“

„Und was steht bei dir auf dem Programm?“

Samantha hob die Schultern.

„Weiß ich noch nicht. Vielleicht gehe ich ins Museum. Schade, dass wir nicht zusammen sein können.“

Roberto lächelte.

„Wir hatten die Nacht für uns, und das ist nicht immer so.“ Dann gab er ihr einen Abschiedskuss und verließ das Apartment. Er ahnte nicht, dass dieser Tag die Ereignisse gewaltig vorantreiben würde und er seinem Ziel einen Riesenschritt näherkommen sollte.

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Es war feucht und kalt an diesem Morgen. Der Himmel - obwohl wolkenlos - war noch grau. Die Nacht konnte sich noch nicht entschließen, zu gehen, und der Tag war noch zu schwach, um sie zu vertreiben.

Still und verlassen lagen die riesigen Frachtkähne an den Piers von Brooklyn. Irgendwo kläffte ein Köter. Der Wind blies alte Zeitungsfetzen an den Fronten der Lagerhäuser vorbei. Wie Ungetüme aus der Vorzeit ragten die mächtigen Kräne empor. Bald würde hier das Leben erwachen,  wenn die ersten Hafenarbeiter eintrafen. Doch noch war alles ruhig.

Auf einem der Kähne bewegte sich eine Plane. Sie wurde ein Stück zurückgeschoben. Ein Kopf tauchte auf. Vorsichtig. Der Mann peilte die Lage. Er hatte ein großes rundes Gesicht und dunkle Knopfaugen. Ein leidender Ausdruck stand in seinem Antlitz. Das Leben schien nicht gerade sanft mit ihm umgegangen zu sein. Wie ein Mensch, der ständig auf der Flucht ist, sah er aus.

Die Luft war rein. Er tauchte wieder unter die Plane.

„Wie sieht's aus?“, fragte ihn eine zaghafte Mädchenstimme aus der Dunkelheit. Sie gehörte Maria Wassinski, seiner Schwester. Er hieß Jossip Wassinski und war um fünf Jahre älter als sie.

Sie stammten aus Polen, einem Land, in dem sie nicht mehr leben wollten. Sie hatten einfach nicht mehr die Kraft dazu. Sie waren wegen ihrer politischen Aktivitäten verfolgt worden. Man hatte ihnen das Leben so schwer wie möglich gemacht, und sie hatten befürchtet, in ihrer Heimat vor die Hunde zu gehen. Deshalb hatten sie sich entschlossen, auszuwandern. Illegal natürlich, denn eine Ausreisegenehmigung hätte man ihnen nicht erteilt.

Sie hatten ihre gesamten Ersparnisse zusammengerafft, hatten sich nach Danzig begeben, hatten einen Matrosen bestochen und waren als blinde Passagiere auf diesen Frachter gelangt. Nach einer Fahrt, die kein Ende nehmen wollte, waren sie in New York eingetroffen. In der Freiheit. In Amerika, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

„Du wirst sehen“, sagte Jossip Wassinski immer zu seiner Schwester. „In Amerika werden wir unser Glück finden.“

Noch zweifelte Maria daran. Sie wusste nicht, ob es richtig war, daheim alles stehen und liegen zu lassen und davonzulaufen. Sie hatte Angst vor der Zukunft, denn Amerika würde sie nicht mit offenen Armen aufnehmen. Schließlich waren sie illegale Einwanderer, und gegen die hat jeder Staat dieser Welt etwas.

Sie hatten eine Adresse. Ein Landsmann würde ihnen weiterhelfen, wenn sie ihn aufsuchten. Jossip war voller Zuversicht, dass sich für sie alles zum Guten wenden würde. Er war kräftig. Er würde jede Arbeit annehmen, die man ihm anbot, und er würde fleißig arbeiten.

„Wir werden unseren Weg machen!“ Auch das war einer seiner Sprüche, die immer wiederkehrten. „Lass uns nur erst einmal amerikanischen Boden unter den Füßen haben, Maria.“

Seine Schwester brauchte vorerst nichts zu tun. Sie sollte Zeit haben, den richtigen Job zu finden. Jossip wollte nicht, dass sie unversehens auf die schiefe Bahn geriet. Man hatte ihn gewarnt. New York war nicht nur ein heißes Pflaster, sondern auch ein schlüpfriges, wenn man sich nicht vorsah.

„Es ist alles ruhig“, sagte Jossip. Er schlang seine Arme um Maria und drückte sie innig an sich. „Mein kleines Täubchen, du brauchst keine Angst zu haben. Es wird alles gut werden. Wir tun in wenigen Augenblicken den ersten Schritt in ein neues Leben. In diesem Land darf man sagen, was man sich denkt. Solange du das Gesetz nicht übertrittst, darfst du tun und lassen, was dir Spaß macht.“

Maria schüttelte den Kopf.

„Nein, Jossip. Das trifft auf uns beide nicht zu. Wir sind in diesem Land unerwünscht. Sobald du sagst, was du dir denkst, fällst du auf, und sobald man auf dich aufmerksam geworden ist, schiebt man dich ab. Dann geht es zurück nach Polen.“

„Polen“, sagte Jossip und strich zärtlich über das dunkelbraune Haar seiner schönen Schwester. „Polen gehört der Vergangenheit an, Maria. Unsere neue Heimat heißt Amerika.“ Er griff nach ihrer Hand, und dann krochen sie gemeinsam unter der Plane hervor. Sie schlichen geduckt über das Deck des Frachters. Zwei Schemen waren sie, die durch das Morgengrauen huschten.

Sie erreichten die Gangway. Jossip Wassinski blieb kurz stehen, um sich wieder gründlich umzusehen. Nachdem er festgestellt hatte, dass die Luft auch auf dem Kai rein war, lief er mit Maria die Gangway hinunter. Unten angelangt, pumpte er seine Lungen voll und sagte überwältigt: „Endlich, Maria! Endlich stehen wir auf amerikanischem Boden. Wir sind zu Hause.“

„Das kommt mir nicht so vor“, flüsterte Maria Wassinski. Sie blickte zur mächtigen Skyline von Manhattan hinüber. Oft schon hatte sie diese Ansicht auf Bildern gesehen. Aber sie hatte nicht gewusst, dass hier alles so groß und mächtig war. „Ich habe den Eindruck, ich bin in dieser Stadt ein winziges Sandkorn.“

Jossip nickte.

„Das bist du auch. Und das ist gut so. In irgendeiner Falte dieses Riesen werden sich zwei Sandkörner verlieren, und niemand wird sich darum kümmern. Deshalb ist es ja so leicht, in New York unterzutauchen. Knapp acht Millionen Einwohner leben hier. Kommt es da auf uns beide an?“

Sie schritten den Kai entlang. Container standen umher. Was in den Lagerhäusern keinen Platz mehr fand, wurde davor abgestellt. Jossip wusste ungefähr, in welche Richtung er gehen musste. Er hatte sich zu Hause einen alten Stadtplan angesehen. Maria hatte keine Ahnung, wo sie sich befand. Sie vertraute einfach - wie in allem - ihrem älteren Bruder, der für sie schon die richtigen Entscheidungen treffen würde.

Sie erreichten ein Lagerhaus, aus dem Stimmen drangen. Marias Hand drückte fester zu. Jossip bemerkte es. Er blickte das glutäugige Mädchen sanft lächelnd an.

„Du brauchst dich nicht zu fürchten. Es kann dir nichts passieren. Ich bin bei dir. Solange ich dich beschütze, wird dir niemand ein Leid zufügen.“

Er huschte mit ihr hinter die Containergruppe. Vor dem Lagerhaus standen zwei Fahrzeuge. Das Rolltor war halb offen. Wer sich im Lagerhaus befand, konnte Jossip nicht sehen.

„Warte hier!“, sagte er zu seiner Schwester.

Sie blickte ihn erschrocken an.

„Was hast du vor?“

„Ich bin gleich wieder zurück.“

„Geh nicht weg, Jossip! Ich habe Angst. Lass mich nicht allein.“

„Du wirst dich hier verstecken und nicht von der Stelle rühren. In fünf Minuten bin ich wieder bei dir.“

Ehe ihm Maria widersprechen konnte, eilte er davon. Er schlich auf das Rolltor des Lagerhauses zu und sah einen Augenblick später vier Männer. Einer wurde von zwei großen Kerlen gehalten. Vor ihm stand ein bulliger Typ mit Glotzaugen.

Es war Cyril Murray, die rechte Hand Brian Cusacks, der an diesem Morgen schon früh aus den Federn gekrochen war, um Brad Rafferty, einem Schlitzohr, das den König von New York hereingelegt hatte, ins Gewissen zu reden.

„Hör zu, Brad“, knurrte Murray. „Ich denke, ich habe eine Eselsgeduld mit dir gehabt, aber einmal ist Schluss damit.“

„Verdammt noch mal, ich weiß nicht, wer die Container, die für Cusack bestimmt waren, geklaut hat“, beteuerte Rafferty zum x-ten Male.

Murrays Glotzaugen wurden schmal.

„Könntest du sie dir nicht unter den Nagel gerissen haben?“

„Wie kommst du denn darauf?“

„Du hast heute Nacht mit ’ner Menge Geld um dich geschmissen. Hast die Puppen tanzen lassen.“

„Darf ich das denn nicht?“

„Aber ja, wenn es ehrlich verdientes Geld ist schon. Woher hast du den Zaster?“

„Gewonnen.“

„Bei wem?“

„Ich war mit Freunden zusammen. Drüben in Manhattan. Sie hatten 'ne Pechsträhne. Ich habe ihnen die Hosen ausgezogen, und weil’s so großartig gelaufen ist, habe ich hinterher eben ein bisschen gefeiert. Ist da was dabei?“

„Du denkst wohl, die Schlauheit mit der Schöpfkelle gefressen zu haben, was?“, herrschte Murray ihn an. „Aber so clever wie du bin ich allemal noch. Ich glaube dir die Geschichte mit den fremden Männern nicht. In Brian Cusacks Budget klafft ein Loch von zehntausend Dollar. Dafür muss eine alte Frau ganz schön lange stricken, mein Lieber. Brian ist mächtig sauer auf dich, wie du dir denken kannst. Er mag Typen nicht, die ihn reinlegen. Wer könnte ihm das verdenken? Weißt du, was seine erste Reaktion war, als er erfuhr, dass du ihn bestohlen hast? ,Umlegen!‘, hat er gebrüllt. ,Legt das Schwein auf der Stelle um!‘ Aber ich konnte ihn beschwichtigen. Ich machte ihm klar, dass er nichts gewinnt, wenn er dich beseitigen lässt, dass er aber sehr wohl etwas gewinnen kann, wenn er dir dein Leben lässt, denn dann wirst du dich dafür bedanken, indem du das Geld herausrückst, um das du ihn geprellt hast.“

Rafferty schüttelte ärgerlich den Kopf.

„Langsam bin ich es leid, immer wieder dasselbe sagen zu müssen.“

„Denkst du, mir geht es anders?“, knurrte Murray. „Junge, ich rate dir, nimm endlich die Zähne auseinander!“

„Ich habe Cusack nicht bestohlen.“

„Wer war es dann?“

„Das weiß ich nicht!“

„Okay, Freund. Du hast es nicht anders gewollt“, sagte Cyril Murray, und es klang so, als würde er bedauern, dass er nun Gewalt anwenden musste. Seine Männer hielten Brad Rafferty fest. Der Mann hatte keine Möglichkeit, auch nur einem einzigen Schlag auszuweichen. Er musste sie alle voll einstecken. Murray war früher Boxer gewesen. Er ließ von Rafferty erst ab, als er schrie: „Aufhören! Hör auf! Willst du mich erschlagen?“

„Wenn es sein muss, ja!“, blaffte Murray. Er holte zum nächsten Schlag aus.

Da brach Raffertys Widerstand.

„Okay! Okay!“, stöhnte er. „Du hast gewonnen! Okay, ich gebe zu, die Container für mich abgezweigt zu haben.“

„Na also“, sagte Murray zufrieden. „Warum nicht gleich?“

Rafferty konnte nicht mehr auf seinen eigenen Beinen stehen. Wenn Murrays Männer ihn nicht gehalten hätten, wäre er zu Boden gegangen. Schwer atmend hing er zwischen ihnen.

„Du hast das Zeug verkauft?“, fragte Murray.

„Ja. Aber ich habe keine zehn Riesen dafür gekriegt.“

„Wieviel denn?“

„Sechstausend.“

„Idiot. Ein guter Geschäftsmann wird aus dir nie.“

„Ich wollte das Geschäft so schnell wie möglich abwickeln. Das drückt immer auf den Preis.“

„Wo ist das Geld?“

„Es sind nur noch fünftausend Dollar übrig.“

„Na schön, Rafferty, und wo befinden sich die?“, wollte Cyril Murray wissen.

„In meiner Wohnung.“

Murray setzte ein eiskaltes Lächeln auf.

„Das wär's also. Nun kann ich dir verraten, was Cusack mir aufgetragen hat. ,Leg ihn um, sobald er dir gesagt hat, wo sich das Geld befindet.‘ Das hat der Boss mir befohlen. Du weißt, dass sich der König von Brooklyn hundertprozentig auf mich verlassen kann. Du hättest lieber spuren sollen, dann wäre dir das hier erspart geblieben.“

Der Bullige holte ein Springmesser aus der Tasche. Rafferty riss entsetzt die Augen auf.

„Murray! Nein! Um Gottes willen! Das kannst du doch nicht machen!“, schrie er.

Er kam noch einmal zu Kräften und wollte die beiden Kerle abschütteln, die ihn festhielten. Es gelang ihm nicht. Wie zwischen zwei Schraubstockbacken war er eingeklemmt.

„Ich kann“, sagte Murray eiskalt.

„Aber Cusack hat sein Geld doch wieder!“

„Einen Teil davon.“

„Den Rest beschaffe ich auch noch. Ich verspreche es.“

„Darauf verzichtet mein Boss, wenn er dafür weiß, dass du deine Strafe erhalten hast“, sagte Cyril Murray.

„Warte!“, schrie Brad Rafferty verzweifelt.

Doch Murray wartete nicht ...

Jossip Wassinski traf der Schock mit der Wucht eines Keulenschlages. New York - eine Stadt des Verbrechens! hatte ihm zu Hause in Polen einmal jemand gesagt. Man sei hier seines Lebens nicht sicher. Jede vierte Einwohner sei schon einmal überfallen worden, hieß es. Jossip hatte das alles für übertrieben gehalten. Für eine antiamerikanische Propaganda.

Doch nun war er selbst kaum auf amerikanischem Boden, Zeuge eines kaltblütigen Mordes geworden. Er zitterte vor Entsetzen. Wie in Zeitlupe sah er Rafferty in sich zusammensinken. Dem Polen traten dicke Schweißperlen auf die Stirn.

Ein Mord! Vor seinen Augen war ein Mord verübt worden! Ein Mensch war getötet worden! Und er hatte es gesehen, aber nicht verhindern können! In seiner Kehle war plötzlich ein schmerzhaftes Würgen. Sein Magen krampfte sich zusammen.

Auch das war seine neue Heimat. Auch so sah sie aus. Grausam. Verdorben. Brutal. Ein Menschenleben schien hier nichts wert zu sein.

Maria! Seine Schwester fiel ihm ein. Er sah die Verbrecher wie durch einen trüben Schleier, und er hörte ihre Stimmen, als würden sie durch dicke Daunenkissen dringen.

„Was machen wir mit ihm?“, fragte einer der Männer.

„Lassen wir ihn hier liegen?“, fragte der andere.

„Werft ihn ins Wasser!“, entschied Cyril Murray.

Jossip war wie gelähmt. Er hatte das Gefühl, umzufallen, wenn er sich jetzt umdrehte. Aber er musste weg von hier. So schnell wie möglich. Er konnte nicht am Tor stehenbleiben. Die Gangster würden den Toten in wenigen Augenblicken aus dem Lagerhaus tragen und ins Wasser werfen. Er musste zurück zu Maria. Endlich fühlte er sich dazu imstande, sich umzuwenden und zu seiner Schwester zurückzueilen.

Sie sah den Schweiß auf seiner Stirn und die Panik in seinem Gesicht. Erschrocken weiteten sich ihre Augen.

„Heilige Muttergottes, was ist geschehen, Jossip? Du bist weiß wie eine getünchte Wand!“

Er legte ihr die Hand auf den Mund.

„Ein Mann wurde ermordet“, flüsterte er. „Ich hab's gesehen ...“

Maria Wassinski befreite sich von der Hand ihres Bruders.

„Das müssen wir der Polizei melden“, presste sie aufgeregt hervor.

„Wir? Die illegalen Einwanderer?“

„Es ist unsere Pflicht, Jossip.“

„Was geht es uns an, wenn sich hier die Ratten gegenseitig totbeißen?“

„Du darfst nicht zusehen, wie ein Mensch getötet wird und es hinterher einfach vergessen!“

„Wir müssen an uns selbst denken.“

„Jossip, dies ist unsere neue Heimat. Wenn wir hier mit einem halbwegs reinen Gewissen leben wollen, dürfen wir nicht einfach weggehen, als wäre alles in Ordnung, als ginge dieser Mord uns nichts an. Er geht uns sehr wohl etwas an, denn er wurde in unserer Heimatstadt verübt, und wir sind für alles, was hier geschieht, von nun an mitverantwortlich. Wenn wir diese Verbrecher nicht schalten und walten lassen, wie es ihnen passt, wird sich ihre Bewegungsfreiheit zwangsläufig einengen.“

Jossip Wassinski drückte seine Schwester nach unten.

„Still! Sie kommen“, raunte er ihr zu.

Und dann trugen die Gangster Brad Rafferty aus dem Lagerhaus ...

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6

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Als Roberto Tardelli im Hafengebiet eintraf, war die Polizei bereits da, und Froschmänner tauchten im Hafenbecken nach der Leiche. Roberto stieg von seiner Kawasaki. Er, der Hafenarbeiter, hatte sich dieses heiße Eisen zugelegt, und alle seine neuen Kollegen wussten, dass dieser Maschine seine ganze Liebe galt.

Er bockte die Maschine auf und nahm den Sturzhelm vom Kopf. Nachdem er das riesige Ding an die Maschine gehängt hatte, setzte er seine Wollmütze auf und begab sich mit natürlichem Interesse zu den Einsatzfahrzeugen der Polizei.

Zahlreiche Schaulustige - fast durchwegs Hafenarbeiter - hatten sich eingefunden. Eine spürbare Spannung lastete über der Szene. Roberto erreichte die Menschengruppe.

Er entdeckte Joe Atkins. Seit Tagen arbeitete er mit ihm zusammen. Sie hatten sich angefreundet. Atkins trug eine schwarz glänzende Lederweste und verwaschene Jeans.

Roberto Tardelli legte ihm die Hand auf die Schulter. Der muskulöse Hafenarbeiter wandte sich um. „Ah, Roberto.“

„Was wird hier gesucht?“

„Die Bullen erhielten einen anonymen Anruf. Im Lagerhaus soll ein Mann gekillt worden sein. Die Leiche haben die drei Gangster dann im Wasser versenkt.“

Roberto nickte. Einer der Froschmänner tauchte auf und gab mit Handzeichen zu verstehen, dass sie den Toten gefunden hatten. Er ging gleich wieder nach unten, und wenig später wurde die Leiche an Land gebracht. Ein schweres Eisenstück baumelte an seinen Beinen.

Die Leute drängten näher heran. Die Cops hatten Mühe, sie zurückzuhalten.

„Kennst du den Toten?“, fragte Roberto.

„Ich glaube ja“, antwortete Joe Atkins.

„Wer ist es?“

„Brad Rafferty. Ein unsauberer Typ. Schacherte mit allem und jedem. Was nicht niet- und nagelfest war, hat er geklaut. Ich glaube, sein Name hat auf Brian Cusacks Lohnliste gestanden.“

„Was hat er für Cusack getan?“, erkundigte sich Roberto.

Atkins zuckte mit den Schultern.

„Ich nehme an, er hat für ihn gestohlen. Wahrscheinlich hat er für ihn auch die Ohren offengehalten, um zu erfahren, wo sich etwas Lohnendes unter den Nagel reißen ließ. Solche Leute hat Cusack viele in diesem Hafen.“

„Wer mag Rafferty umgebracht haben?“

Wieder zuckte Atkins mit den Schultern.

„Das wird wohl nie rauskommen. Aber ich könnte mir durchaus vorstellen, dass dieser Mann in Cusacks Auftrag ermordet wurde.“

„Und aus welchem Grund?“

„Vielleicht hat Rafferty den König von Brooklyn angeschmiert. Das wäre ihm zuzutrauen gewesen.“

Ein Leichenwagen traf ein. Brad Rafferty wurde in einen Zinksarg gelegt. Als man den Deckel auf die Metallwanne schraubte, entdeckte Roberto Tardelli unter den Neugierigen Keith Powers, den alten Penner, der mit Vorliebe seine Nächte in dieser Gegend verbrachte.

Vor vier Tagen - Roberto war zu früh dran gewesen - hatte er den Penner verschlafen aus dem Wrack eines Rettungsbootes klettern sehen. Sie hatten sich eine Weile über die Nichtswürdigkeit des Lebens unterhalten, und als Robertos Kollegen eingetrudelt waren, hatte sich Keith Powers aus dem Staub gemacht, denn er verabscheute die Arbeit und vielleicht auch jene, die sie verrichteten.

Roberto drängelte sich zu ihm vor.

„Na, Keith. Wie war die Nacht?“

„Kalt“, sagte der Penner. Er war nicht so dick, wie er aussah. Sein Leibesumfang sah deshalb so aufgebläht aus, weil er sämtliche Kleidungsstücke, die er besaß, anhatte. Sein Haar war grau, und graue Bartstoppeln bedeckten seine Wangen. „Haben Sie eine Zigarette für mich?“

„Leider nein.“

„Ach ja, ich vergaß, dass Sie Nichtraucher sind, Chef. Mann, wovon wollen Sie denn mal kaputt werden?“

„Jemand hat die Polizei anonym verständigt. Warst du das?“, fragte Roberto Tardelli.

„Ich doch nicht. Warum sollte ich so etwas tun?“

„Nun, vielleicht hat sich ausnahmsweise mal dein Gewissen geregt.“

„Bei mir regt sich schon lange nichts mehr, Chef. Die Zeiten sind vorbei. Heute will ich nur noch meine Ruhe haben.“

„Danach strebt jeder.“

„Aber die wenigsten erreichend.“ Roberto wies auf den Zinksarg, der soeben in den Leichenwagen gehoben wurde. „Hast du den Toten gekannt?“

„Nur vom Sehen. Mann, fangen Sie jetzt bloß nicht an, mich wie’n Bulle auszuquetschen, Chef. Das kann ich nämlich nicht vertragen. Ich bin allergisch gegen Bullen.“

„Dann solltest du dich desensibilisieren lassen.“

„Quatsch! Ich gehe ihnen einfach aus dem Weg, das reicht auch.“

„Wo hast du die heutige Nacht verbracht?“, erkundigte sich Roberto Tardelli.

„Dort drüben auf dem Kahn.“

„Dann müsstest du den Mord eigentlich mitgekriegt haben.“

„Hab' ich aber nicht.“

Roberto hatte den Eindruck, dass ihm der Penner irgendetwas verschwieg. Er holte eine Banknote aus der Tasche. „Bist du an zehn Dollar interessiert?“

Keith Powers leckte sich gierig die Lippen und seine Augen glänzten.

„Meine Güte, wieso sind Sie denn so scharf auf 'ne Information, Chef?“

„Die Sache interessiert mich.“

Der Penner zog Roberto beiseite. Er griff nach dem Geldschein, doch Roberto zog ihn schnell zurück.

„Nicht so hastig“, sagte er. „Erst möchte ich hören, was du gesehen hast.“

„Ich bin auf keinen Ärger erpicht, Chef.“

„Du wirst keinen kriegen.“

„Man lebt in dieser Gegend gefährlich, wenn man zu viel hört und sieht, deshalb halte ich lieber die Schnauze.“ Der Penner lächelte nervös. „Aber in Ihrem Fall will ich eine Ausnahme machen, Chef. Weil Sie mir so sympathisch sind, weil Sie in mir keinen Abfall der menschlichen Gesellschaft sehen und weil ich weiß, dass Sie den Mund halten können.“

„Das kann ich.“

„Also gesehen habe ich nicht, wie man den Mann gekillt hat. Ich war in der vergangenen Nacht ziemlich besoffen“, erzählte Keith Powers. „Ein alter Kumpel, der über Nacht zu Geld gekommen ist, - fragen Sie mich nicht wie, ich habe ihn auch nicht danach gefragt -, hat mit mir zusammen eine schöne Pulle geleert. Auf so viel Schnaps schlafe ich dann immer wie ein Toter. Deshalb habe ich niemand kommen und niemand gehen gehört.“

Roberto schmunzelte.

„Bis jetzt ist deine Geschichte noch nicht einmal einen Cent wert, Keith.“

„Abwarten. Ich verdiene mir den Zehner schon noch. Gucken Sie mal dort rüber! Sehen Sie das dunkelhaarige Mädchen und den Mann neben ihr?“ Roberto sah in die angegebene Richtung. Etwas abseits von den Schaulustigen standen die beiden. Sie schienen sich in ihrer Haut nicht wohlzufühlen und würden wohl auch nicht mehr lange bleiben. Fast hätte man den Eindruck haben können, die beiden hätten kein reines Gewissen.

„Was ist mit denen?“, fragte Roberto.

„Die haben den Mord mit angesehen. Das heißt - nur er. Sie nicht.“

„Bist du sicher?“

„Absolut. Die beiden haben die Polizei anonym angerufen.“

„Woher weißt du das?“

„Ich habe sie heimlich belauscht. Sie wollten zwar sehen, was hier passierte, aber sie drängten sich nicht in den Vordergrund. Sie merkten nicht, dass ich in ihrer Nähe war und so hörte ich, was sie leise miteinander redeten.“

Roberto fragte sich, was die beiden zu verbergen hatten. Sie waren armselig gekleidet, schienen aber ehrliche Leute zu sein. Sie hatten sicherlich einen triftigen Grund gehabt, die Polizei anonym zu benachrichtigen. Diesen Grund und noch einiges mehr hoffte Roberto Tardelli von ihnen zu erfahren. Er gab Keith Powers die zehn Dollar und steuerte auf das Mädchen und den Mann zu.

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Die Massenmedien hatten ausführliche Berichte über den Tod der fünf Menschen gebracht, deren Jet mit einer Rakete abgeschossen worden war. Einige Zeitungen ließen es sich nicht nehmen, alte Storys neu zu garnieren und ihren Lesern noch einmal zu servieren. Das Thema Mafia hielt das Interesse der Leute immer wach. Wenn vom Syndikat die Rede war, gingen die Zeitungen weg wie die warmen Semmeln. Fotos von Kirk Douglas, Frank Sinatra und Gregory Peck erschienen. Die Schauspieler hatten mit ernster Miene die Hand zum Schwur erhoben, um zu beteuern, dass Frankie Boy kein Mitglied der Ehrenwerten Gesellschaft war. Dies und vieles andere wurde wiedergekäut, weil man den Lesern recht viel Mysteriöses und Suspektes bieten wollte.

Der Tod der fünf Mafiosi wurde nach allen Regeln der journalistischen Kunst ausgeschlachtet. Und alle Berichterstatter vergaßen nicht, darauf hinzuweisen, dass der Jet von einem unbekannten Mann abgeschossen worden war, der damit angeblich seinen privaten Rachefeldzug gegen die Cosa Nostra gestartet hatte.

Je nach politischer oder gesellschaftlicher Färbung wurde dem Leser eine melodramatische Story jenes Mannes geboten, der rot sah, nachdem er Frau und Tochter verloren hatte. Ein Mann, der überhaupt nicht existierte, rückte mit einem Mal in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Manche Leute sagten: „Bravo! So ist es richtig. Man muss der Mafia die Zähne zeigen!“ Andere drückten diesem Mann heimlich die Daumen und hofften, dass er unter den Mitgliedern der Ehrenwerten Gesellschaft weiter aufräumte.

Doch Pietro Gravina, ein angesehenes Mitglied des Syndikats, wollte die Geschichte des Unbekannten nicht so recht glauben. Er war es gewesen, der sich an die Commissione gewandt hatte, weil ihm aufgefallen war, dass Brian Cusack in letzter Zeit nicht mehr so viel wie früher ablieferte, obwohl die Geschäfte des Königs von Brooklyn nach wie vor gut florierten. Auf seine Veranlassung hin hatte die Commissione Sandrelli und seine Männer nach New York geschickt. Als Pietro Gravina hörte, dass Sandrellis Düsenflugzeug von einer Rakete zerfetzt worden war, hatte er sofort Brian Cusack mit diesem Anschlag in Zusammenhang gebracht.

Es gab keinen geheimnisvollen Unbekannten.

Der Mörder von Alfredo Sandrelli und seinen Freunden war Cusack, davon war Gravina überzeugt. Die Story mit dem unheimlichen Rächer war geschickt lanciert worden. Das wollte Gravina beweisen.

Er saß zu Hause an seinem Schreibtisch und telefonierte. Draußen graute der Morgen, und Gravina würde bald zu Bett gehen, denn er war ein Nachtmensch, der am Tag schlief. Er sprach mit seinen Mafia-Freunden über seinen Verdacht, und man bat ihn, die Beweise dafür zu beschaffen. „Das werde ich tun“, sagte er zu seinem letzten Gesprächspartner und legte den Hörer in die Gabel.

Die Tür öffnete sich, und Angela, seine dicke Frau, trat ein.

„Kannst du denn nicht wie ein normaler Mensch schlafen, Pietro?“, fragte sie gähnend. „Wir beide sind wie Sonne und Mond. Stehe ich auf, legst du dich nieder. Eine komische Ehe ist das. Manchmal frage ich mich, ob du mich überhaupt noch liebst.“

„Wie kannst du nur so etwas sagen, Angela?“, fragte Pietro Gravina und erhob sich. „Erfülle ich dir nicht jeden Wunsch? Wer hat dir den goldenen Ring in der vergangenen Woche gekauft? Der Mann, der dich nicht mehr ausstehen kann, eh?“

„Gewiss, du bist großzügig. Aber ich habe nicht sehr viel von dir. Wenn du nicht schläfst, arbeitest du, und wenn du nicht arbeitest, schläfst du. Für mich hast du kaum Zeit. Warum hat mich der Herr mit Unfruchtbarkeit bestraft? Wenn ich wenigstens Kinder hätte, würde ich alles leichter ertragen. Die einsamen Tage. Die einsamen Nächte.“

Er ging zu ihr und nahm sie in seine Arme.

„Wir könnten ein Kind adoptieren. Eins oder zwei ...“

„Man kriegt solche kleinen Würmer nicht so leicht. Manche Ehepaare warten mehrere Jahre. Bis dahin bin ich zu alt, um kleine Kinder großzuziehen. Ich bin neununddreißig.“

„Ich habe Beziehungen. Ich könnte die Sache beschleunigen“, sagte Gravina.

„Ist das dein Ernst? Oder sagst du das nur, damit ich dich in Ruhe lasse?“

„Wenn dir so viel daran liegt, Kinder um dich zu haben, sollst du welche bekommen“, versprach Pietro Gravina seiner Frau.

Sie küsste ihn.

„Verzeih mir! Ich habe dir unrecht getan. Du bist ein guter Mensch. Ich freue mich auf die Bambini. Ich werde endlich eine Aufgabe haben. Wir werden eine Familie sein. Eine richtige Familie, Papa.“

„Ich werde noch heute anrufen“, versprach Gravina, und seine Frau war davon überzeugt, dass er sein Wort halten würde. „Geh' jetzt“, sagte er. „Ich habe noch zu tun.“

„Soll ich dir einen Espresso bringen?“

„Ja. Der würde mir guttun.“ Angela Gravina verließ das Arbeitszimmer ihres Mannes. Er hörte sie in der Küche hantieren, wandte sich um und griff nach dem Telefonhörer. Er wählte eine siebenstellige Nummer. Eine verschlafene Stimme meldete sich.

„Guten Morgen, Tony“, sagte Gravina.

„Pietro?“, kam es verwundert und ärgerlich aus dem Hörer.

„Ganz recht.“

„Sag mal, du tickst wohl nicht richtig. Weißt du, wie spät es ist?“

„Zeit für dich, aufzustehen“, erwiderte Gravina.

„Ich denke nicht daran.“

„Ich brauche dich. Also wirst du deinen fetten Hintern aus dem Bett schwingen und auf dem schnellsten Wege hierherkommen, sonst lernst du mich kennen!“, sagte Pietro Gravina barsch.

Der Mann, mit dem er sprach, gab sich gleich weit weniger streitsüchtig.

„Was ist denn passiert?“

„Erzähle ich dir alles, sobald du hier bist. In zwanzig Minuten klingelst du an meiner Tür, wenn du keinen Ärger haben willst.“

„Na schön. Ich komme.“

„Du bist ein wahrer Freund. Das schätze ich so sehr an dir“, sagte Gravina spöttisch und legte auf.

Seine Frau brachte den Espresso. Sie blickte ihn liebevoll an, dachte wohl schon an die liebe Familie, die sie mit ihrem Mann bilden würde. Dass Pietro Gravina ein hohes Tier bei der Ehrenwerten Gesellschaft war, wusste sie nicht. Sie ahnte nur, dass er mit dem Syndikat zu tun hatte, und das gefiel ihr nicht. Aber welche italienische Frau hätte es gewagt, ihrem Mann in seine Geschäfte hineinzureden?

Diese Dinge wurden vom Privatleben zumeist streng getrennt, deshalb stellte es eine Ausnahme dar, dass Gravina den Mann, den er vorhin angerufen hatte, zu sich ins Haus bestellt hatte. Aber außergewöhnliche Situationen erforderten außergewöhnliche Maßnahmen.

Gravina nahm die Espressotasse in Empfang. Der Kaffee duftete herrlich. Dass er den Negerschweiß vor dem Schlafengehen trank, störte ihn nicht. Er würde trotzdem wie ein Murmeltier, das Winterschlaf hielt, schlafen können.

Als Angela Gravina den Raum wieder verlassen wollte, sagte er: „Ach, Angela ...“

Sie drehte sich halb um. „Ja, Pietro?“

„In Kürze wird hier Tony Tornado eintreffen. Du führst ihn gleich in mein Arbeitszimmer, ja?“

Angelas Blick wurde ärgerlich.

„Habe ich dir nicht schon mehrere Male gesagt, dass ich Tony Tornado nicht in meinem Haus haben will?“

„Es ist auch mein Haus, vergiss das nicht, und ich hätte ihn nicht herbestellt, wenn es nicht wichtig wäre“, erwiderte Gravina schroff.

„Dieser Mann hat das Unglück an seinen Schuhen.“

„Komm, spiel jetzt nicht die hellsichtige Hexe!“

„Ich will nicht, dass er es in unser Haus trägt.“

„Das wird er nicht. Er bleibt höchstens zehn Minuten, dann geht er wieder. Du wirst freundlich zu ihm sein, verstanden? Ich brauche ihn. Er muss etwas für mich erledigen.“

Angelas Miene hatte sich verfinstert.

„Tony Tornado“, sagte sie verächtlich. „Ich verstehe nicht, wie du dich mit solchen Leuten abgeben kannst.“

„Man kann sich die Männer, mit denen man arbeitet, nicht immer aussuchen, aber davon verstehst du nichts.“

Angela Gravina verließ das Arbeitszimmer ihres Mannes. Fünfzehn Minuten später läutete es. Gravina hörte Angela mit Tony Tornado reden. Die beiden wechselten nur wenige Worte miteinander. Dann öffnete sich die Tür, und Angela sagte: „Dein Besuch ist da, Pietro.“

„Er soll hereinkommen“, verlangte Gravina.

Tornado betrat den Raum. Angela blieb draußen. Sie schloss die Tür, und einen Moment lang überlegte sie, ob sie lauschen sollte. Aber dann schüttelte sie ärgerlich über sich selbst den Kopf. Nein, so etwas hatte sie noch nie getan, und sie würde es auch in Zukunft nicht tun. Was nicht für ihre Ohren bestimmt war, wollte sie nicht hören, und was sie wissen sollte, das erzählte ihr Pietro sowieso. Es wäre nicht richtig gewesen, den eigenen Mann auszuspionieren, deshalb zog sich die Frau zurück.

Gravina nickte zufrieden, als Tony Tornado eintrat.

„Na also“, sagte er brummig. „Da bist du ja.“

Tornado bleckte die Zähne.

„Bin ich nicht immer schnellstens zur Stelle, wenn du mich rufst? Obwohl ich sagen muss, dass ich gern noch zwei Stunden geschlafen hätte.“

„Du wirst noch genug schlafen - wenn du tot bist“, sagte Gravina.

Tornado stand vor seinem Schreibtisch. Ein Mann wie ein Felsblock. Er war nicht schön und nicht hässlich. Ein Durchschnittsmensch war er aber trotzdem nicht. In Mafia-Kreisen war er für seine Härte und seine Gefühlskälte bekannt. Wenn er sich jemanden vorknöpfte, der hatte nichts zu lachen.

Tony Tornado wurde zumeist dann herangezogen, wenn eine heikle Angelegenheit besonders schnell erledigt werden sollte. Tornado war nicht zimperlich. Vor seinen Methoden zitterten alle, die ihn kannten. Niemand wünschte sich, dass Tony Tornado sich ihn einmal aufs Korn nahm.

„Setz dich!“, sagte Gravina. Er bediente sich Tornados von Zeit zu Zeit wie eines Instruments.

Der große Mann nahm Platz. Er maß fast zwei Meter. Das war ungewöhnlich für einen Italiener. Er hatte auch kein schwarzes Haar, sondern war brünett. Seine Augen blickten mitleidlos und stechend.

„Was hast du auf dem Herzen?“, fragte Tornado.

„Du weißt, dass es gestern fünf Tote gegeben hat“, sagte Gravina. „Fünf Mitglieder des Syndikats haben ihr Leben verloren. Eine Rakete hat es ausgelöscht.“

„An dieser Sensation konnte keiner vorbeisehen. Alle Zeitungen, das Fernsehen und die Rundfunkanstalten berichteten darüber. Ein Verrückter übte Selbstjustiz. Er hat dem Mob den Kampf angesagt. Er möchte es bei diesem einen Verbrechen nicht belassen. Weitere werden folgen. Das hat er jedenfalls angekündigt.“

Gravina nickte. „So lautet die offizielle Version.“

„Gibt es noch eine andere?“, fragte Tornado verwundert.

„Meine“, sagte Gravina. Er öffnete die Zigarrenschachtel, die auf seinem Schreibtisch stand, und nahm sich eine Havanna. Er bot auch Tornado eine an, doch der lehnte mit den Worten ab: „Noch nicht so früh am Morgen. Das tut meinen Bronchien nicht gut.“

„Ist dir bekannt, wessen Flugzeug die Rakete zerfetzt hat?“, fragte Gravina.

„Alfredo Sandrellis.“

„Und weißt du, aus welchem Grund er nach New York kam?“

„Nein. Davon stand nichts in der Zeitung.“

„Natürlich nicht. Man könnte Sandrelli als eine Art Betriebsprüfer bezeichnen. Wenn eines unserer Unternehmen nicht mehr genügend Geld abwirft, sieht er nach, ob unser Vertragspartner nicht zu viel in die eigene Tasche wirtschaftet.“

„Er kam also nach New York, um sich so einen Knaben vorzunehmen?“

„Sehr richtig.“

„Wen?“, wollte Tony Tornado wissen.

„Brian Cusack.“

„Den König von Brooklyn?“

„Genau den“, sagte Pietro Gravina. „Cusack muss davon Wind bekommen haben, dass ihm die Commissione Sandrelli auf den Hals hetzen wollte, und er hat dagegen schnellstens etwas unternommen.“

Tony Tornado wiegte den Kopf.

„Du meinst, er hat den Jet abschießen lassen?“

„Ich bin davon überzeugt. Und damit niemand auf die Idee kommen kann, dass er mit dieser Sache etwas zu tun hat, hat er die Geschichte mit dem persönlichen Rachefeldzug eines unbekannten Mannes erfunden.“

„Gerissen - wenn es wahr ist, was du sagst.“

„Es ist wahr. Ich kenne Brian Cusack gut genug. Ich weiß, was man ihm zutrauen kann.“

„Okay, er hat sich Sandrelli vom Hals geschafft, aber hat er damit etwas gewonnen? Ich meine, den Job, den Sandrelli getan hat, tun doch bestimmt auch noch andere für die Commissione.“

„Das schon. Aber niemanden musste einer, der ein falsches Spiel spielt, mehr fürchten als Alfredo Sandrelli. Der kam allen drauf. Vor dem konnte man nichts verheimlichen. Er war ein absolutes Ass auf seinem Gebiet.“ Gravina hatte viel Zeit für die Glutkrone an seiner Zigarre verwendet. Nun paffte er genießend. Den Rauch blies er über den Schreibtisch. Träge kroch der graublaue Dunst über die Arbeitsplatte.

„Was soll ich nun tun?“, erkundigte sich Tornado.

„Ich möchte, dass du die Beweise für meine Behauptung beschaffst.“

„Wird nicht leicht sein.“

„Das kümmert mich nicht. Wichtig ist nur, dass du dieses Ziel so schnell wie möglich erreichst, damit ich Cusack die Rechnung präsentieren kann. Er hat den Bogen eindeutig überspannt. Er denkt, er ist gerissener als wir alle zusammen, glaubt, er kann uns geistig in die Tasche stecken, aber der Raketenanschlag auf den Mafia-Jet soll ihm das Genick brechen. Mach dich sofort an die Arbeit! Geld spielt keine Rolle. Schmiere jeden, von dem du dir eine Information versprichst! Bestich die Leute, die dir Nachteiliges über Brian Cusack erzählen können, und verschaffe mir den Beweis, dass der König von Brooklyn Sandrelli und seine Mitarbeiter ins Jenseits befördern ließ!“

Tornado nickte mit zusammengezogenen Brauen.

„In Ordnung, Pietro. Ich werde mich darum kümmern. Wenn Cusack wirklich etwas mit diesem Mordanschlag zu tun hat, finde ich es heraus.“

„Er hat, darauf kannst du Gift nehmen. Er hat!“

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Roberto Tardelli wollte sich des hübschen brünetten Mädchens und des Mannes, der daneben stand, annehmen. Aber zwischen ihnen und ihm arbeitete noch die Polizei, und ein Cop versperrte Roberto den Weg.

„Hier können Sie nicht durch“, sagte der Uniformierte. „Sie sollten überhaupt Ihrer Wege gehen. Hier gibt es nichts mehr zu sehen. Der Tote ist bereits im Leichenwagen.“

Der Cop hatte mit lauter Stimme gesprochen. Was er gesagt hatte, galt nicht nur für Roberto Tardelli, sondern auch für alle anderen Schaulustigen.

Roberto wollte sich nicht zurückdrängen lassen.

„Ich muss dort hinüber“, sagte er ärgerlich.

„Haben Sie nicht gehört, was ich gesagt habe, Mann? Hier wird gearbeitet, falls Ihnen das noch nicht aufgefallen sein sollte. Wollen Sie dem Captain und seinen Leuten auf die Finger treten?“

Roberto sah, wie sich das Mädchen und der Mann umwandten. Scheu blickten sie nach links und rechts, während sie sich entfernten. Sie verschwanden zwischen zwei Lagerhäusern.

Roberto machte auf den Hacken kehrt und lief zu seiner Kawasaki. Als er seinen Sturzhelm aufsetzte, rief ihm Joe Atkins zu: „He, Roberto! Wo willst du hin?“

„Ich muss noch mal schnell weg.“

„Es ist gleich Arbeitsbeginn. George Keller sieht es nicht gern, wenn jemand nicht pünktlich ist.“ George Keller war der Vorarbeiter. Er führte ein strenges Regime. Der hätte früher gut als Peitschenknaller auf eine Galeere gepasst.

„Sag Keller, ich komm’ später“, erwiderte Roberto. Gleichzeitig startete er die Maschine. Seine Worte gingen in dem Geknatter unter.

„Wie?“, rief Atkins. „Was hast du gesagt?“

„Nichts. Ciao!“ Roberto fuhr los. Er hatte keine Zeit. Das Pärchen durfte ihm nicht entwischen. Er hatte einige Fragen an sie. Zum Beispiel die, wovor sie sich fürchteten, denn Angst hatten sie, das war ihnen deutlich ins Gesicht geschrieben.

Er fuhr einen Halbkreis, bog um die Ecke des Lagerhauses und fuhr an dessen Rückfront entlang. Schon nach kurzem erblickte er das Pärchen wieder. Sie hatten inzwischen die Straße erreicht, die am Hafen vorbeiführte. Soeben hielten sie ein Taxi an und stiegen ein.

Also hinterher, dachte Roberto Tardelli. Egal, wohin ihr fahrt, ich bin hinter euch.

Das gelbe Taxi fuhr zum Gowanus Expressway, fuhr diesen in südwestlicher Richtung hinunter, bog in die 26. Straße ein und stoppte vor einem schäbigen Haus. Wer da drin wohnte, der war mit Reichtümern bestimmt nicht gerade gesegnet. Roberto verlangsamte die Geschwindigkeit. Er sah das Pärchen aussteigen, ließ die Kawasaki ausrollen, nahm den Sturzhelm ab, versorgte ihn und ging den beiden, die inzwischen das altersschwache Haus betreten hatten, nach.

Er erreichte den Eingang. Die Stufen, die zur Tür hinaufführten, waren wackelig und an mehreren Stellen gebrochen. Das Tor hing so schief in den Angeln, dass es sich wohl kaum mehr schließen ließ. Von den Ziegeln war der Verputz abgebröckelt. Die Kunststeinplatten im Gang klapperten, wenn man auftrat. Roberto versuchte so leise wie möglich zu sein. Er schritt den Gang entlang und erreichte eine Hinterhoftür. Sie war halb offen. Roberto sah in einer Entfernung von etwa dreißig Yards das Mädchen und den Mann. Sie sprachen mit einem alten Männchen, das nicht mehr gerade stehen konnte und schwerhörig war. Deshalb mussten sie so laut sprechen, dass Roberto auch mitbekam, was sie sagten.

„Zu Oleg Darski wollen wir“, wiederholte Jossip Wassinski soeben.

Das Männchen bildete mit der dürren Hand einen Trichter am Ohr.

„Wie war das?“

„Darski. Oleg Darski. Er wohnt hier. Wir wollen zu ihm“, sagte Jossip Wassinski ungeduldig.

„Meinen Sie den Polen?“

„Ja.“

„Ich hatte keine Ahnung, dass der Darski heißt. Hier sprach jeder nur vom Polen, wenn von ihm die Rede war.“

„Wo wohnt er?“

Das Männchen zuckte mit den Schultern.

„Kann ich Ihnen leider nicht sagen.“

Jossip Wassinski warf seiner Schwester einen nervösen Blick zu.

„Der Mann macht mich rasend.“

„Lass mich mal“, sagte das Mädchen. Sie beugte sich leicht vor, griff nach den Schultern des dürren Männchens und sagte eindringlich: „Wir sind Freunde von Oleg Darski. Landsleute. Es wäre sehr wichtig für uns, ihn zu sehen.“

„Das glaube ich Ihnen gern, aber der Pole wohnt nicht mehr hier. Er ist vor einem Monat ausgezogen.“

„Wohin?“, fragte Maria Wassinski enttäuscht.

„Das weiß ich nicht. Niemand hier weiß es. Er hatte keinen besonders guten Kontakt mit uns. Nicht einmal verabschiedet hat er sich, als er seine Siebensachen packte und auf Nimmerwiedersehen verschwand. Missis Jennings wohnt jetzt in seiner Wohnung.“

Jossip blickte seine Schwester ernst an.

„Was tun wir jetzt?“, fragte Maria ihn verzweifelt.

„Wir werden ohne Oleg Darski zurechtkommen. Sei unbesorgt!“

Er blickte über die Schulter seiner Schwester und bemerkte Roberto Tardelli, der in diesem Augenblick den Hinterhof betrat. Maria sah ihrem Bruder an, dass er erschrocken war.

„Was ist?“, fragte sie beunruhigt.

„Der Mann ...“, presste Jossip Wassinski aufgeregt hervor. „Er war im Hafen. Jetzt taucht er hier auf. Er muss hinter uns her sein. Komm, wir müssen verschwinden! Schnell! Schnell!“

Es gab einen langen schmalen Durchgang, durch den man die 27. Straße erreichen konnte. Das Pärchen ließ den alten Mann stehen und ergriff die Flucht.

„Halt!“, rief Roberto Tardelli. „Warten Sie!“

Jossip und Maria Wassinski verschwanden im Durchgang. Das klapperige Männchen schüttelte verwundert den Kopf.

„Wie die Verrückten“, sagte der Kleine. „Wie die Verrückten ...“

Roberto stürmte durch den Hinterhof. Der Mann dachte, er würde auf ihn zurennen und hob abwehrend beide Hände. Roberto beachtete ihn nicht. Er eilte an ihm vorbei.

„Noch ein Verrückter“, stellte der Alte fest.

Roberto erreichte den Durchgang. Von den Polen war nichts mehr zu sehen. Sie mussten die 27. Straße erreicht haben. Roberto forcierte sein Tempo. Mit langen Sätzen hastete er zwischen den Häuserfronten hindurch. In der nächsten Sekunde passierte es.

Aus einer Mauernische flog eine Gestalt heraus. Jossip Wassinski katapultierte sich Roberto Tardelli entgegen. Seine Hände waren zu Fäusten geballt. Er war entschlossen, um seine Freiheit zu kämpfen. Der fremde Mann war hinter ihm und Maria her. Sie wollten beide nicht wieder nach Polen abgeschoben werden. Wenn sie aber in Amerika bleiben wollten, mussten sie sich dieses Verfolgers entledigen.

Der erste Faustschlag traf Roberto Tardelli, und da der Angriff unverhofft gekommen war, hatte Roberto Tardelli auch Mühe, den Treffer wegzustecken. Der Pole prallte gegen ihn. Sie fielen beide gegen die Hausmauer.

Roberto sah Maria in der schattigen Nische stehen. Ihre Augen waren groß wie Tennisbälle und voll von Furcht und Verzweiflung. Gespannt presste sie ihre Fäuste gegen das bleiche Gesicht, während sie den Kampf verfolgte, mit dem sie nicht einverstanden war.

Jossip schlug wieder zu. Er kämpfte mit dem Herz eines Löwen. Aber dann riss Roberto seine Fäuste als Deckung hoch. Die nächsten Hiebe blockte er ab. Zwei Faustschläge sah er rechtzeitig kommen. Die pendelte er aus, und als sich eine günstige Gelegenheit bot, konterte er.

Der Pole stöhnte mit schmerzverzerrtem Gesicht auf.

„Jossip!“, schrie Maria entsetzt.

Ihr Bruder setzte alles auf eine Karte. Wie von Sinnen schlug er auf Roberto Tardelli ein, doch dieser hatte seinen Gegner bereits unter Kontrolle. Kein Schlag landete mehr da, wo Jossip Wassinski es haben wollte. Der Pole keuchte schwer, er verausgabte sich zu sehr. Bald war er so erschöpft, dass er mit seinen Schlägen nicht einmal mehr einem Kind hätte wehtun können.

Ein Aufwärtshaken warf ihn an die Wand. Er sackte daran langsam nach unten.

„Jossip!“, schrie Maria verzweifelt. „Oh, heilige Muttergottes, Jossip!“

Sie stieß Roberto Tardelli beiseite, ließ sich neben ihrem Bruder auf die Knie fallen und drückte seinen Kopf gegen ihre üppigen Brüste.

„Jossip, Jossip, warum hast du das getan?“

„Das möchte ich auch wissen“, sagte Roberto Tardelli schneidend.

„Was wissen Sie denn, in was für einer Lage wir uns befinden?“, schrie Maria ihn mit Tränen in den Augen an.

„Warum sind Sie uns gefolgt?“, fragte Jossip Wassinski heiser.

„Weil ich der Ansicht bin, dass Sie beide mir eine Menge zu erzählen haben“, erwiderte Roberto Tardelli ernst.

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9

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Vom frühesten Morgen an war Tony Tornado für Pietro Gravina unterwegs. Er sprach mit vielen Leuten, suchte TV-Redakteure in ihren Büros oder zu Hause auf, sprach mit Reportern und Journalisten, schmierte diesen, setzte jenen unter Druck. Einen Journalisten, der ihn vor die Tür setzen wollte, schlug er sogar zusammen, aber der Mann war nicht so ergiebig, wie Tornado gehofft hatte. Langsam tastete er sich vorwärts.

Woher war die Story vom privaten Rächer gekommen? Wer hatte sie in Umlauf gebracht?

Dieser Redakteur hatte es von jenem Kollegen erfahren. Der wiederum war von einem anderen angerufen worden. Es stellte sich als ziemlich schwierig heraus, den Ursprung der Meldung zu finden.

Aber dann fiel zum ersten Mal der Name Christopher Copeland. Und kurz darauf hörte Tony Tornado denselben Namen noch einmal und ein drittes Mal. Als der Name dann noch ein viertes Mal auftauchte, wusste der Mafioso, dass er den richtigen Mann gefunden hatte.

Christopher Copeland musste von Brian Cusack den Auftrag erhalten haben, das Gerücht vom schwarzen Mann zu verbreiten, und er hatte gleich vier seiner wichtigsten Kollegen angerufen. Wahrscheinlich waren es sogar mehr als vier Journalisten gewesen, die von ihm das Märchen serviert bekommen hatten.

Christopher Copeland also. Tornado suchte dessen Büro auf. Er fuhr mit dem Lift zur siebzehnten Etage hoch, wie es ihm der Portier erklärt hatte, und wandte sich dann nach rechts. Zwei hübsche Girls gingen vor ihm. Da die Röcke wieder kürzer wurden, zeigten sie viel Bein, und das gefiel ihm. Sie betraten eines der Büros, und Tornado ging allein den Gang weiter entlang. An einer Tür stand Copelands Name. Der Mafioso klopfte und trat ein. Er gelangte in ein kleines Vorzimmer, das von hellem Tageslicht durchflutet war. An einem gläsernen Schreibtisch saß eine nette Rothaarige. Elegant. Piekfein. Ihre Fingernägel waren lang und blutrot. Sie trug ein Kleid, dessen Ausschnitt einen beachtlichen Einblick gewährte. Ihr Lächeln war freundlich, aber unverbindlich. Neben ihr klebten eine Menge Ansichtskarten an der Wand. Hawaii, Bahamas, Acapulco ...

„Was kann ich für Sie tun?“, fragte sie mit einer weichen, einschmeichelnden Stimme.

„Ich möchte Mister Copeland sprechen. Ist er da?“

„Leider nein.“

Tony Tornado war enttäuscht, aber er ließ es sich nicht anmerken.

„Ich bin ein Bekannter von Christopher. Er sagte, ich solle ihn doch mal besuchen, wenn ich in der Nähe zu tun hätte, und nun ergibt es sich mal, und er ist nicht da.“

„Er müsste bald kommen, Mister ...“

Tornado überhörte die versteckte Frage nach seinem Namen.

„Dumm“, murmelte er. „Zu dumm.“

„Wenn Sie hier auf Mister Copeland warten wollen“, sagte die Sekretärin des Journalisten und wies auf einen bequemen Sessel, neben dem auf einem kleinen Glastisch mindestens zehn Illustrierte lagen.

Der Mafioso tat geschäftig.

„Ich weiß nicht. Ich habe auch noch einen Termin, den ich unter keinen Umständen verbummeln darf. Eine Menge Geld ist dabei im Spiel, Sie verstehen? Ich dachte, ich schau' nur mal schnell herein und sag’ guten Tag.“

„Ich kann Mister Copeland etwas bestellen, wenn Sie möchten.“

„Ach, das ist nicht nötig. Ich rufe ihn einfach im Laufe des Vormittags an, okay?“

„Wie’s Ihnen lieb ist. Wie war doch gleich Ihr Name, Mister ...“

„Miller. Frank Miller.“

„Ich werde Mister Copeland sagen, dass Sie da waren, Mister Miller.“

„Sehr freundlich. Ach, sagen Sie, fährt Christopher noch seinen Buick?“

„Soviel ich weiß, hatte Mister Copeland noch nie einen Buick, Mister Miller.“

„Ach nein? Sollte ich mich wirklich so irren?“

„Er fährt seit Jahren stets den neuesten Oldsmobile.“

„Ach ja, richtig. Er ist doch wohl zufrieden damit, oder?“

„Ich denke schon. Jedenfalls hat er über seine Fahrzeuge noch nie etwas Nachteiliges gesagt. Er würde der Marke ja auch wohl kaum treu bleiben, wenn er damit nicht zufrieden wäre.“

„Das ist richtig“, sagte der Mafioso. „Ich möchte mir in den nächsten Tagen auch einen neuen Wagen zulegen, deshalb habe ich gefragt.“ Er blickte wieder geschäftig auf seine Uhr. „Tut mir leid, den alten Knaben nicht angetroffen zu haben. Vielleicht klappt's beim nächsten Mal. War auf jeden Fall nett, Sie kennenzulernen.“

Er verließ das Büro. Ein kleiner aufgeblasener Mann kam ihm auf dem Gang entgegen. Sie wichen beide nach derselben Seite aus und wären beinahe zusammengestoßen.

„Entschuldigung“, sagte der Aufgeblasene.

„Meine Schuld“, sagte Tony Tornado höflich und ging weiter. Er verstand es gut, sich zu verstellen. Aber Christopher Copeland würde ihn anders kennenlernen. Ganz anders!

Er verließ das Bürohaus und kaufte sich eine Zeitung. Dann legte er sich auf dem Parkplatz auf die Lauer und wartete auf den Oldsmobile des Journalisten.

Seine Geduld wurde auf keine harte Probe gestellt. Schon nach fünfzehn Minuten bog das Fahrzeug auf den Parkplatz ein und stoppte auf einem der markierten Felder, die den Wagen von Leuten vorbehalten waren, die im Bürohaus tätig waren. Es war bei weitem nicht für alle Wagen Platz, und ohne seine guten Beziehungen hätte Copeland wohl kaum ein Parkfeld ergattert.

Tony Tornado faltete die Zeitung zusammen und trabte los. Er hatte mit Christopher Copeland einige ernste Takte zu plaudern.

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10

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Sie saßen einander in einer Cafeteria gegenüber. Roberto Tardelli hatte die beiden Geschwister aus Polen eingeladen. Bisher hatten sie nur vage Andeutungen gemacht. Jossip hatte eine Lügengeschichte zu erzählen versucht, doch Roberto war schnell dahinter gekommen, dass der Mann nicht die Wahrheit sagte.

„Sie müssen in mir keinen Feind sehen“, sagte er.

„Warum haben Sie uns verfolgt?“, fragte Jossip Wassinski vorwurfsvoll. „Sind Sie von der Polizei?“

„Nein“, antwortete Roberto. „Wäre es schlimm, wenn ich ein Cop wäre?“

Der Pole biss sich auf die Lippe und schwieg.

„Was haben Sie zu verbergen?“, fragte Roberto. „Sie sollten es mir sagen. Vielleicht kann ich Ihnen helfen.“

Der Pole blickte Roberto ungläubig an.

„Warum sollten Sie uns helfen? Was hätten Sie davon?“

„Muss man immer etwas davon haben, wenn man für jemanden etwas tut? Ich sehe Ihnen an, dass Sie Hilfe brauchen. Wenn ich Ihnen aber helfen soll, müssen Sie sich mir anvertrauen.“

Jossip Wassinski nahm einen Schluck von seinem Kaffee.

„Ich wüsste nicht, warum ich Ihnen vertrauen sollte. Ich kenne Sie nicht. Sie sind ein Hafenarbeiter. Sie waren dabei, als man den Toten aus dem Wasser fischte. Als wir den Hafen verließen, folgten Sie uns. Wir wissen immer noch nicht, was Sie eigentlich von uns wollen. Wir kennen noch nicht einmal Ihren Namen. Soll man so einem Menschen blind vertrauen?“

„Ich heiße Roberto Tardelli. Sie haben versucht, mich niederzuschlagen. Würden Sie so einem Mann Ihre Hilfe anbieten?“

„Nein.“

„Sehen Sie, aber ich tu’s.“ Roberto wies auf das Mädchen. „Ist sie Ihre Freundin?“

„Sie ist meine Schwester“, antwortete Jossip Wassinski schroff. „Wir hätten mit Ihnen nicht in dieses Lokal gehen sollen. Das war ein Fehler.“

„Es soll Ihnen kein schlimmerer Fehler in Ihrem Leben unterlaufen“, sagte Roberto lächelnd. „Sie wollten zu Oleg Darski, einem Landsmann von Ihnen, einem Polen.“

„Na und? Ist das verboten?“

„Wissen Sie, was ich glaube?“

„Was?“

„Dass Sie illegal in dieses Land gekommen sind. Oleg Darski sollte Ihnen weiterhelfen, aber er ist fortgezogen, und nun sind Sie ratlos. Ist es nicht so?“

Jossip Wassinski schwieg hartnäckig. Roberto wusste aber trotzdem, dass er den Nagel auf den Kopf getroffen hatte. Er brauchte nur Maria Wassinski anzusehen. In ihrem Gesicht konnte er wie in einem aufgeschlagenen Buch lesen. Sie brauchte kein Wort zu sagen. Er wusste auch so Bescheid.

Die beiden hatten Angst davor, abgeschoben zu werden. Es war ihnen deshalb hoch anzurechnen, dass sie die Polizei trotzdem wenigstens anonym verständigt hatten. Er sagte es ihnen nun auf den Kopf zu: „Sie haben die Polizei angerufen.“

Jossip Wassinski zuckte wie unter einem Peitschenhieb zusammen.

„Das ist nicht wahr!“

„Sie haben den Mord beobachtet. Ihr Gewissen ließ es nicht zu, einfach zu schweigen. Sie mussten die Polizei informieren. Aber Sie taten es anonym, weil Sie es sich nicht leisten können, offen in Erscheinung zu treten.“

„Das ist nicht ...“

Roberto hob die Hand.

„Ein Penner hat Sie belauscht. Es hat keinen Zweck, zu leugnen.“

Jossip starrte Roberto grimmig an.

„Was wollen Sie von uns, Mister Tardelli?“

„Ich werde Sie ins Vertrauen ziehen und Ihnen etwas erzählen, was im Hafen keiner weiß. Ich arbeite erst seit kurzem da. Mein richtiger Dienstgeber ist die Regierung. Ich arbeite nur deshalb im Hafen, um Material gegen einen Mann zu sammeln, der Brian Cusack heißt und den sie den König von Brooklyn nennen. Er ist ein übler Verbrecher, der mit der Mafia zusammenarbeitet. Der Mann, der heute umgebracht wurde - Brad Rafferty - war einer von Cusacks Leuten. Ich sehe zum ersten Mal eine echte Chance, dem König von Brooklyn ein Bein zu stellen. Deshalb bin ich Ihnen gefolgt. Weil ich hoffe, Brian Cusack mit Ihrer Hilfe unschädlich machen zu können.“

Maria Wassinski holte tief Luft. Sie wollte reden, doch Jossip legte ihr die Hand auf den Arm und sagte: „Still!“

„Aber es hat doch keinen Zweck mehr, zu schweigen, Jossip.“

„Still, sage ich! Hast du nicht gehört, dass dieser Mann für die Regierung arbeitet?“

Roberto nickte.

„Nun befürchten Sie, dass ich Sie und Ihre Schwester nach Polen zurückschicke, nicht wahr?“

„Müssen Sie das nicht tun?“

Roberto lächelte.

„Glauben Sie mir, mir liegt viel mehr daran, einem gewissenlosen Schurken wie Brian Cusack das Handwerk zu legen, als Sie ausweisen zu lassen.“

„Heißt das, Sie werden uns nicht ...?“

„Was haben Sie gesehen?“, fragte Roberto. „Ich sagte es schon einmal, ich möchte Ihnen helfen. Wenn Sie mir erzählen, was Sie gesehen haben, und sich bereit erklären, das auch vor Gericht zu wiederholen, verspreche ich Ihnen, dafür zu sorgen, dass man Sie nicht abschiebt. Leuten, die uns einen großen Gefallen erwiesen haben, denen erweisen auch wir unsere Dankbarkeit. Ich habe hervorragende Beziehungen. Ich könnte Ihnen beiden zur amerikanischen Staatsbürgerschaft verhelfen, wenn Sie mir helfen, Brooklyn von dieser gefährlichen Plage, deren Name Brian Cusack ist, zu befreien.“

Maria sah ihren Bruder ernst an.

„Willst du immer noch schweigen, Jossip?“

Er rang mit sich selbst. Sollte er diesem Fremden trauen? Sagte Tardelli die Wahrheit? Er atmete hörbar ein.

„Nein“, sagte er dann leise. „Ich glaube, es ist besser, wenn ich jetzt rede.“

Roberto lächelte zufrieden.

„Ein vernünftiger Entschluss.“

„Ich bin Jossip Wassinski“, sagte der Pole. „Und das ist meine Schwester Maria. Wir stammen aus einem kleinen Ort, hundert Kilometer von Danzig entfernt. Sie werden ihn nicht kennen ...“

Nun erzählte Wassinski seine Lebensgeschichte. Er und seine Schwester hatten viel mitgemacht. Roberto hatte Mitleid mit ihnen.

Wassinski kam auf den Mord an Brad Rafferty zu sprechen. Der Mann hatte Cusack bestohlen, hatte es zunächst nicht zugegeben und war deshalb von einem bulligen Kerl mit Glotzaugen schwer zusammengeschlagen worden.

Robertos Herz machte einen Freudensprung. Er kannte nur einen einzigen Mann, auf den diese Beschreibung passte, und das war Cyril Murray, die rechte Hand des Königs von Brooklyn.

Als er diesen Namen erwähnte, bestätigte ihm der Pole, dass der Mann, der Rafferty erstochen hatte, so hieß.

„Sie wissen nicht, wieviel Ihre Aussage wert ist, Jossip“, sagte Roberto begeistert. „Cyril Murray hat Brad Rafferty in Brian Cusacks Auftrag ermordet. Sie können das bezeugen. Damit kriege ich diese Brut. Werden Sie vor Gericht diese Aussage beeiden?“

„Ja, Mister Tardelli. Dazu bin ich bereit“, sagte der Pole ernst.

„Als Kronzeuge der Anklage kann man Sie nicht abschieben“, sagte Roberto. „Nach dem Prozess kriegen Sie von uns eine funkelnagelneue Staatsbürgerschaft. Zuvor werden Sie um politisches Asyl ansuchen. Ich verspreche, Ihnen jedes Hindernis aus dem Weg zu räumen und mich für Sie und Ihre Schwester nach besten Kräften zu verwenden.“

„Dafür danke ich Ihnen in meinem und im Namen meiner Schwester, Mister Tardelli.“

„Nennen Sie mich Roberto!“

„Gut. Und was soll nun weiter geschehen?“

„Zunächst brauchen Sie schnell eine Unterkunft. Ich habe eine für Sie. Sie werden bei einer Freundin von mir wohnen, und im richtigen Moment hole ich Sie dann - wie ein Zauberer das Kaninchen - aus meinem Zylinder.“

Er rief die Kellnerin und bezahlte. Sie verließen die Cafeteria. Roberto winkte ein Taxi herbei, setzte sich mit den Polen in das Fahrzeug und nannte dem Fahrer Samantha Fords Adresse.

Zwanzig Minuten später waren sie da. Roberto stocherte mit dem Schlüssel im Schloss herum und war erstaunt, als sich die Apartmenttür plötzlich öffnete. Samantha blickte ihn lächelnd an.

„Was machst du denn für ein Gesicht?“, fragte die junge Ärztin.

„Ich dachte, du wolltest ins Museum ...“

„So ein Pech. Ausgerechnet heute war wegen Umbauarbeiten geschlossen. Ein Glück, dass ich vor dem Weggehen anrief, das hat mir den Weg erspart.“

Samantha blickte an Roberto vorbei auf die beiden Fremden. Roberto machte Jossip und Maria Wassinski mit der jungen Ärztin bekannt. Sie traten ein, und Roberto erklärte Samantha die Situation.

„Würdest du den beiden für ein paar Tage dein Gästezimmer zur Verfügung stellen, Sam?“, fragte er.

„Wir möchten Ihnen natürlich nicht zur Last fallen“, sagte Jossip Wassinski.

„Last“, sagte Samantha und lächelte. „Ich bitte Sie, Sie sind doch keine Last für mich. Sie sind mir sogar sehr willkommen. Ich wusste mit meinem freien Tag ohnedies nichts anzufangen. Nun habe ich Gesellschaft, und ich bin sicher, dass Sie mir viel Interessantes über Polen zu erzählen haben.“

Bevor Roberto ging, küsste er die junge Ärztin.

„Danke, Sam. Du bist ein Engel.“

„Das weiß ich.“

„Gleich kriege ich Komplexe“, sagte Roberto und verließ das Apartment. Das Taxi wartete noch vor dem Haus. Roberto kehrte damit nach Brooklyn zurück und schwang sich wieder in den Sattel seiner Kawasaki. An seinen Job im Hafen dachte er nicht mehr. Er hatte nun Wichtigeres zu erledigen.

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Christopher Copeland kam von der Bank. Brian Cusack hatte prompt bezahlt. Der Journalist hatte heute um fünftausend Dollar mehr auf seinem Konto. Ein stolzer Betrag für diesen kleinen Freundschaftsdienst. Es war das reinste Vergnügen, dem König von Brooklyn gefällig zu sein.

Noch in der Bankfiliale hatte sich Copeland überlegt, wie er noch mehr aus der Sache herausholen konnte, und er war auf die Idee gekommen, die Geschichte von dem unbekannten Rächer weiter aufzubauschen.

Copeland - fünfunddreißig, blond und Brillenträger, mit Lederflicken an den Jackettärmeln - griff nach dem Hörer des Autotelefons und setzte sich mit einem bekannten Kollegen in Verbindung. Peter Harding war dessen Name.

„Dieser Verrückte“, berichtete ihm Christopher Copeland, „Sie wissen, wen ich meine, hat mich soeben wieder belästigt.“

„Der Mann, der den Jet abgeschossen hat?“, fragte Harding überrascht.

„Ja, der Rächer. Er hat mich wieder angerufen. Weiß der Teufel, wieso er sich ausgerechnet immer an mich wendet.“

„Vielleicht deshalb, weil Sie eine Menge Leute in Journalistenkreisen kennen.“

„Das wird's wohl sein.“

„Was hat er gesagt?“

„Dass er weitermachen wird, dass er sich schon eine neue Rakete beschafft hat, und dass er mit ihr eine ganze Mafia-Konferenz in die Luft jagen wird. Angeblich soll irgendwo in unserer Stadt ein geheimes Treffen verschiedener Mafia-Größen stattfinden.“

„Woher weiß der Rächer das denn?“, fragte Harding.

„Das hat er mir nicht mitgeteilt.“

„Also ich stehe zwar nicht auf Seiten der Mafia, das ganz bestimmt nicht, aber ich kann auch nicht befürworten, was dieser Mann tut. Das Verbrechen zu bekämpfen und die Verbrecher ins Zuchthaus zu bringen, dafür sollte doch die Polizei da sein.“

„Die Polizei scheint unserem Freund zu lax zu arbeiten“, sagte Copeland.

„Deshalb geht es aber doch trotzdem nicht an, dass einer hergeht und das Gesetz selbst in die Hand nimmt.“

„Bin ganz Ihrer Meinung“, sagte Christopher Copeland. „Werden Sie’s bringen?“

„Das ist doch wohl klar. So eine Information darf man seinen Lesern doch nicht vorenthalten“, antwortete Peter Harding.

„Sage ich auch.“

„Vielen Dank für den Anruf“, sagte Harding. „Ich werde mich bestimmt mal revanchieren.“

Sie legten gleichzeitig auf, und Copeland rief Brian Cusack an.

„Ich möchte mich für das außerordentlich hohe Honorar bedanken, das Sie auf mein Konto überweisen ließen, Mister Cusack.“

„Sie haben ja auch prompt gearbeitet, nicht wahr?“

Copeland erzählte dem König von Brooklyn, dass er bereits darangegangen war, die Story auszubauen. Er hörte unterschwellig heraus, dass Cusack das nicht so ganz recht war.

„Übertreiben Sie’s nicht, sonst wird die Sache unglaubwürdig“, warnte der Gangsterboss.

„Keine Sorge, ich weiß, wie weit man eine Geschichte aufpumpen darf. Ich lebe schließlich davon - und neuerdings nicht mal so schlecht.“

„Hören Sie, ich bin Ihnen zwar dankbar, dass Sie mir geholfen haben, aber wenn Sie denken, dass das ein Rentenjob für Sie wird ...“

„Jetzt schätzen Sie mich nicht richtig ein, Mister Cusack. Ich hatte nicht die Absicht, Geld dafür zu verlangen. Ich tu’s aus reiner Gefälligkeit und um der ganzen Story mehr Halt zu geben.“

„Dann muss ich mich wohl bei Ihnen entschuldigen.“

„Ist nicht nötig. Ich kann mir vorstellen, dass Sie im Augenblick ein wenig nervös sind. Aber ich halte zu Ihnen. Ich möchte, dass Sie das wissen.“

„Danke, Mister Copeland. War mein Arzt schon bei Ihnen?“

„Ja.“

„Hat er Sie gründlich untersucht?“

„Ja.“

„Und?“

„Er ist sicher, dass er mir eine Operation ersparen kann.“

„Wenn er das sagt, dann können Sie's ihm glauben.“

Copeland bog in die Straße ein, in der das Bürohaus stand, in dem er arbeitete. Kurz bevor er den Parkplatz erreichte, beendete er das Gespräch mit Brian Cusack. Er ließ den Oldsmobile bis zu seiner markierten Parkfläche rollen und tippte dann kurz auf die Bremse.

Als er den Motor abstellen wollte, wurde die Tür auf der Beifahrerseite aufgerissen, und ein Mann, den er nicht kannte, setzte sich zu ihm in den Wagen. Der Mann hielt eine zusammengelegte Zeitung in seinen Händen.

„Hören Sie mal, was soll das?“, herrschte Christopher Copeland den Fremden an.

„Maul halten!“, knurrte Tony Tornado. „Lassen Sie die Hände auf dem Lenkrad!“

„Einen Dreck werde ich ...“ Der Journalist unterbrach sich, denn plötzlich schälte Tornado aus der Zeitung eine Kanone, die mit einem klobigen Schalldämpfer versehen war. Ein überzeugendes Argument, dem sich Copeland nicht verschließen konnte.

Ein dünner Schweißfilm legte sich auf Copelands Stirn.

„Wer sind Sie? Was wollen Sie?“

„Ich bin ein Mann, der es furchtbar gut mit dir meint, mein Junge. Es würde mir das Herz brechen, wenn du mich zwingen würdest, auf dich zu schießen.“

„Ich werde tun, was Sie von mir verlangen.“

„Sehr vernünftig. Dann fahr mal los.“

„Wohin?“

„Wirst du schon sehen. Erst mal weg von hier. Nicht zu schnell. Nicht zu langsam. Schön zügig. Und dass du mir alle Verkehrszeichen beachtest. Sollte eine Verkehrsstreife sich veranlasst sehen, dir zu folgen, weil du irgendwelchen Mist gebaut hast, bist du dran. Klar?“ Copeland nickte. Er verließ den Parkplatz. „Nette Mieze, deine Sekretärin“, sagte Tornado.

„Sie waren in meinem Büro?“

„Ich wusste ja nicht, dass du herumzigeunerst. Wo warst du?“

„Bei der Bank.“

„Stimmen die Kohlen?“

„Sind Sie hinter meinem Geld her? Da werden Sie eine herbe Enttäuschung erleben. Ich bin nicht reich.“

„Armut ist keine Schande“, sagte Tornado und grinste. Er sagte dem Journalisten, wie er fahren musste. Die ganze Zeit war die Pistole auf Copeland gerichtet. Der Mann wäre wahnsinnig gewesen, wenn er auch nur den Versuch unternommen hätte, den Mafioso auszutricksen. „Wie ist die Mieze denn im Bett?“, wollte Tornado wissen.

„Weiß ich nicht“

„Du willst doch nicht sagen, dass du noch nie bei ihr zu landen versucht hast.“

„Sie ist verlobt.“

„Ist doch kein Hindernis.“

„Darüber denken meine Sekretärin und ich anders.“

„Bist wohl ein kleiner Saubermann, was? Einer, der nie etwas Böses tut oder etwas, das sich nicht gehört. Wie kommt es dann aber, dass du Lügengeschichten verbreitest. Kannst du mir das erklären?“

Dem Journalisten fuhr ein eisiger Schreck in die Glieder. Er wurde blass um die Nase, versuchte, die Kontrolle über sich nicht zu verlieren.

„Ich verstehe nicht, was Sie meinen“, krächzte er.

„Du weißt sehr gut, wovon ich rede“, sagte Tornado scharf. „Denk an den Anruf!“

„Mein Gott, sind Sie etwa der Unbekannte, der mich ...“

„Lass den Quatsch! Willst du mich verarschen? Den Knilch, von dem du allen deinen Freunden und Bekannten erzählt hast, gibt’s ja gar nicht. Den hast du erfunden. Oder war’s Brian Cusack? Auf wessen Mist ist die Story gewachsen, he?“

„Glauben Sie im Ernst, ich hätte eine Unwahrheit verbreitet?“, fragte Christopher Copeland. Ihm war heiß und kalt zugleich.

„Ja, das glaube ich“, sagte Tony Tornado.

Copelands Handflächen waren feucht geworden. Er leckte sich nervös die Lippen. Schweißtropfen glänzten auf seiner Stirn. Tornado wies darauf und sagte grinsend: „Den Schweiß könnte ich als Geständnis deuten.“

„Würden Sie nicht auch schwitzen, wenn jemand fortwährend eine Kanone auf Sie richtet?“

„Wenn ich ein reines Gewissen hätte nicht. Aber das hast du nicht. Du hast etwas ausgefressen, und nun klapperst du innerlich mit den Zähnen. Wieviel hat Cusack dir bezahlt?“

„Wofür?“

„Spiel nicht den dummen August! Für die Story von dem Mann, der rot sieht.“

„Der hat mich wirklich angerufen.“

„Das kauf ich dir nicht ab“, sagte Tony Tornado kalt. „Du solltest dich allmählich bequemen, mir die Wahrheit zu erzählen, Freundchen, denn lange lasse ich mir von dir nicht mehr die Hucke volllügen. Danach gibt’s Stoff!“

In Copelands Kopf überschlugen sich die Gedanken. Er befand sich in einer fürchterlichen Situation. Sagte er die Wahrheit, dann hetzte ihm Cusack seine Gorillas auf den Hals. Blieb er bei seiner Lügenstory, würde ihm dieser Fremde einiges antun. Wie kam er aus dieser Zwickmühle heil heraus? Wer war dieser Unbekannte? Wer hatte ihn geschickt?

Tornado zwang den Journalisten, zu einer großen Mülldeponie zu fahren. Dort musste Copeland das Fahrzeug anhalten. Der Mafioso nickte zustimmend.

„Hier gefällt es uns. Nicht wahr? Die Gegend ist auch nach deinem Geschmack.“

„Eigentlich nicht ...“

„Steig trotzdem aus!“

Copeland leckte sich die Lippen. Der Motor lief noch. Sollte er einen Versuch wagen? Wenn er nur so tat, als würde er den Wagen verlassen, wenn der Fremde gleichzeitig mit ihm ausstieg, wenn er sich aber gleich wieder auf den Fahrersitz fallen ließ und Gas gab ...

Würde er dann eine Chance haben? Er wusste es nicht, und er war nicht so risikofreudig, um es herauszufinden. Mit zitternder Hand stellte er den Motor ab. Er blickte sich um. Alles, was Menschen nicht mehr brauchen können und wegwarfen, türmte sich ringsherum auf. Weit und breit war niemand zu sehen, der Copeland hätte helfen können. Er war allein mit diesem Mann, der ihn mit einer Schalldämpferpistole bedrohte. Ein verdammt mieses Gefühl war das.

„Wirst du dich endlich bequemen, das Fahrzeug zu verlassen?“, knurrte Tony Tornado ungeduldig.

Christopher Copeland drückte den Wagenschlag auf. Er hätte nicht gedacht, dass ihm der kleine Gefallen, den er Brian Cusack erwiesen hatte, solchen Ärger einbringen würde. Er fragte sich, wie weit der Unbekannte gehen würde. Was hatte der Fremde mit ihm vor? Copeland stieg aus. Ein brennendes Kribbeln war in seinem Nacken. Einen Moment lang überlegte er, ob er nicht einfach die Beine in die Hand nehmen und türmen sollte.

Aber er war sicher, dass der Fremde ihm nachgeschossen hätte, und er konnte sich nicht vorstellen, dass der Mann danebengeschossen hätte. Das schien ein Profi zu sein. Der konnte mit seiner Pistole bestimmt umgehen. Da Copeland keine Kugel in den Rücken gejagt bekommen wollte, blieb er neben seinem Oldsmobile stehen.

Tony Tornado stieg ebenfalls aus. Er ging um das Fahrzeug herum.

„Umdrehen!“, befahl er.

„Was haben Sie mit mir vor?“, fragte Copeland krächzend. „Werden Sie mich umbringen?“

„Dreh dich um!“ Christopher Copeland gehorchte. „Wir gehen ein Stück“, sagte Tornado.

Er muss vom Syndikat sein, überlegte der Journalist. Er hat den Auftrag, die Wahrheit herauszufinden, damit die Ehrenwerte Gesellschaft sich bei Cusack für den fünffachen Mord revanchieren kann. Aber was habe ich damit zu tun? Ich habe doch lediglich eine Story in Umlauf gebracht.

Copeland nahm hinter sich eine rasche Bewegung wahr. Er wollte sich umdrehen, kam jedoch nicht mehr dazu. Die Pistole traf seinen Nacken. Er fiel wie ein vom Blitz getroffener Baum um.

Als er wieder zu sich kam, lag er gefesselt auf dem Rücken. Tony Tornado stand neben ihm. Die Sonne war hinter dem Mafioso und strahlte dem Journalisten grell in die Augen. Er konnte nur die Umrisse des Fremden erkennen. Ihm fiel auf, dass der Mann rings um ihn Glasflaschen aufgestellt hatte.

„Wir werden ein kleines Spielchen spielen“, sagte Tornado grinsend. „Ich stelle eine Frage. Wenn du sie nicht beantwortest, oder wenn mir deine Antwort nicht gefällt, schieße ich eine von den Flaschen kaputt. Okay?“

„Sie sind ein Sadist.“

„Irgendwie muss ich schließlich an die Wahrheit herankommen.“

„Die Wahrheit stand in allen Zeitungen.“

„Das stimmt nicht. Du hast sie für Brian Cusack in Umlauf gebracht.“

„Nein.“

Tony Tornado hob die Waffe, zielte und schoss. Eine Flasche neben Copelands Bein zerplatzte. Glasscherben schwirrten hoch. Der Journalist zuckte heftig zusammen.

„Wieviel hat Cusack für die Lügengeschichte bezahlt?“, wollte Tornado wissen.

„Nichts. Keinen Cent. Ich hatte mit Cusack noch nie etwas zu schaffen.“

Tornado schoss wieder. Diesmal traf die Kugel die Flasche, die sich in Copelands Hüfthöhe befunden hatte.

„Sag bloß, du kennst Cusack gar nicht.“

„Ich weiß, wer er ist, aber ich hatte noch nie persönlich mit ihm zu tun.“

Tornado feuerte den nächsten Schuss ab. Das Projektil zertrümmerte eine Flasche in Schulterhöhe. Ein Glassplitter schrammte über Copelands Gesicht. Der Journalist stieß einen Schmerzensschrei aus.

„Hier kannst du schreien, so laut du willst“, sagte Tornado grinsend. „Es wird dich keiner hören. Wenn du meine nächste Frage nicht zufriedenstellend beantwortest, kann es für dich kritisch werden“, warnte der Mafioso den Journalisten.

Copeland drehte den Kopf und blickte auf die Flasche, die knapp neben seinem Hals stand. „Sie werden doch nicht ... Ich kann tot sein ...“

„Glaub mir, das würde mein Gewissen nicht im Mindesten belasten. Ich brauche einen Erfolg. Wie ich den erreiche, ist meine Sache. Kriege ich nicht raus, was ich erfahren muss, sind meine Freunde auf mich sauer, und ich mag das nicht. Es würde das gute Klima, das zwischen uns bisher geherrscht hat, beeinträchtigen.“

„Bitte ...“

„Ich frage dich noch einmal: Hast du in Cusacks Auftrag diese Geschichte in Umlauf gebracht?“

Copeland schüttelte verzweifelt den Kopf. Er presste die Zähne zusammen, wollte nicht antworten, sah, wie der Fremde die Pistole wieder hob, und da siegte die Angst.

„Halt!“, schrie er. „Nicht schießen! Nicht mehr schießen! Ich will Ihnen die Wahrheit sagen! Ja, Cusack hat mit mir Kontakt aufgenommen. Ich habe diese falsche Information an meine Kollegen weitergegeben. Cusack hat dafür fünftausend Dollar bezahlt.“

Tornado grinste zufrieden.

„Wunderbar, wie schön du singen kannst.“

„Cusack wird mich umbringen, wenn er erfährt ...“

„Vor Cusack brauchst du keine Angst zu haben. Der lebt nicht mehr lange. Wer war der Mann, der die Rakete abgefeuert hat?“

„Warum wollen Sie das auch noch wissen?“

„Weil ich ein gründlicher Mensch bin. Kennst du den Namen?“

„Ich glaube, es war ...“

„Nun?“

„Gordon Keel.“

„Vielen Dank“, sagte Tony Tornado.

Copeland rann der Schweiß in breiten Bächen von der Stirn. Er lag gefesselt auf dem Rücken, war dem Unbekannten auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Was würde der Mann nun, nachdem er geredet hatte, mit ihm anstellen? Würde er ihn töten?

Tornado hob die Waffe und richtete sie auf den Kopf des Journalisten. Copeland riss entsetzt die Augen auf.

„Warum?“, schrie er. „Warum wollen Sie mich umbringen? Ich habe Ihnen doch alles gesagt ...“

„Hör zu, Kamerad! Du vergisst unsere Begegnung, verstanden?“

„Ja. Ja, selbstverständlich. Ich tue alles, was Sie von mir verlangen. Aber bitte lassen Sie mir mein Leben.“

„Ich lass dich hier liegen. Es wird dich schon jemand finden. Im Erfinden von Lügenstorys bist du ja einsame Spitze. Also wirst du dir wieder eine unwahre Geschichte einfallen lassen. Solltest du erzählen, was wirklich passiert ist, sehen wir uns wieder.“

„Ich werde nichts verraten.“

„Solltest du dir einfallen lassen, Brian Cusack zu warnen, kannst du ebenfalls gleich dein Testament machen.“

„Ich halte mich jetzt aus allem raus.“

„Sehr vernünftig. Auf diese Weise lebst du nämlich am längsten.“ Tornado wandte sich um und begab sich zu Copelands Oldsmobile. Er setzte sich in das Fahrzeug und verließ die Mülldeponie.

Copeland blieb mitten im Dreck liegen. Aber er war trotzdem froh ...

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Cyril Murray. Er hatte Brad Rafferty in Brian Cusacks Auftrag ermordet. Ihn wollte sich Roberto Tardelli als Ersten schnappen. Anschließend wollte sich Roberto den König von Brooklyn holen. Sobald er Murray in seine Gewalt gebracht hatte, wollte er ihn zur Polizei bringen. Die Cops würden ihre helle Freude darüber haben, denn Murray stand schon ziemlich lange auf ihrer Wunschliste. Er war bisher nur nie bei einer Straftat zu erwischen gewesen.

Das war nun anders. Es gab einen Augenzeugen, der Cyril Murray schwer belasten konnte: Jossip Wassinski. Und kein Anwalt, nicht einmal der cleverste Rechtsverdreher, würde Murray wieder loseisen können. Diesmal würde Murray festkleben.

Roberto wollte Murray aus dessen Apartment holen, doch es kam anders. Zwei Männer tauchten bei Murray auf, sie holten ihn ab, und er fuhr mit ihnen nach Borough Park.

Roberto Tardelli hing sich mit seiner Kawasaki an, ohne dass die Gangster es merkten. Er hielt niemals den gleichen Abstand ein, ließ hin und wieder Fahrzeuge vorfahren, holte auf, fiel wieder zurück, verlor aber den schwarzen Gangsterwagen nicht aus den Augen.

In der 39. Straße, nahe dem riesigen Greenwood Cemetery, verlangsamte der Wagen, in dem Murray saß, seine Fahrt. Roberto ließ seine Maschine auch etwas langsamer rollen. Er beobachtete, wie das schwarze Fahrzeug auf das Gelände einer aufgelassenen Lokomotivfabrik fuhr. Was wollten die Gangster da? Wickelten sie hier irgendwelche Geschäfte ab?

Es war bekannt, aber die Polizei konnte es nicht beweisen, dass Brian Cusacks Leute im Hafen alles, was nicht niet- und nagelfest war, stahlen. Sie brachen in Lagerhäuser ein, stahlen das Frachtgut auch manchmal von den Schiffen. Die Sore verschwand zumeist auf Nimmerwiedersehen, und die Behörden zerbrachen sich den Kopf, wo sich der Umschlagplatz für alle diese gestohlenen Güter befand. War das etwa hier?

Hatte Cyril Murray Roberto Tardelli - ohne es zu ahnen - zu diesem Ort geführt? Roberto sah den schwarzen Wagen zwischen schäbigen Hallen verschwinden. Manche Gebäude waren schon arg demoliert. Zwischen ihren Mauern, dort, wo einmal Menschen gearbeitet hatten, wucherte Unkraut aus dem aufgebrochenen Betonboden. Hier konnte man tatsächlich Geschäfte abwickeln, die man unter Ausschluss der Öffentlichkeit tätigen wollte. Kein Mensch wäre auf die Idee gekommen, dass hier Diebesgut an den Mann gebracht wurde.

Roberto ließ seine Maschine weit genug von der Lokomotivfabrik entfernt stehen. Er überquerte die Straße und verschwand in einer Halle, die kein Dach mehr hatte, deren Fenster eingeschlagen waren, deren Vorderfront eingestürzt war. Das Gelände war so groß, dass man sich darauf verlaufen konnte. Nicht alle Gebäude befanden sich in einem so schlechten Zustand wie das, in dem sich Roberto Tardelli gerade aufhielt.

Er huschte durch eine kleine Wildnis, die ihn manchmal sogar überragte. Die Natur war in die Halle eingebrochen und hatte sie zurückerobert. Roberto blieb kurz stehen. Er orientierte sich, prüfte den Sitz seiner Luger, die in der Schulterhalfter steckte, setzte seinen Weg fort.

Er war nicht unbedingt ein Freund von Waffen, aber ohne seine Pistole hätte er die Lokomotivfabrik nur ungern betreten. Schließlich warfen Murray und seine Freunde nicht mit Wattebällchen, wenn man sich ihnen in den Weg stellte. Roberto stolperte über Ziegelsteine. Glassplitter knirschten unter seinen Schuhen. Er versuchte leise zu sein, aber es gelang nicht immer.

Sobald er die Halle durchquert hatte, gelangte er an ein hohes glasloses Fenster. Er lehnte sich daneben an die brüchige Mauer und peilte vorsichtig die Lage.

Zwischen zwei besser erhaltenen Gebäuden stand der schwarze Gangsterwagen. Cyril Murray und seine beiden Komplizen saßen nicht mehr in dem Fahrzeug. Sie verschwanden soeben um die Ecke des linken Gebäudes. Roberto wollte sehen, wohin sie gingen, deshalb kletterte er aus dem Fenster und folgte ihnen.

Im Schatten des langgestreckten Gebäudes eilte er auf den schwarzen Wagen zu. Plötzlich vernahm er Motorlärm. Ein Fahrzeug näherte sich. Roberto blickte sich gehetzt um. Wo konnte er sich verstecken?

Eine schmale Tür fiel ihm auf. Er öffnete sie hastig und glitt in die Fabrikhalle. Gleich neben der Tür führte eine Treppe nach oben. Roberto überlegte nicht lange. Er hastete die Stufen hinauf und erreichte ein Fenster, von dem aus er einen guten Überblick über die Szene hatte. Soeben verstummte der Motorlärm. Roberto sah einen Lastwagen, der mit Kisten beladen war.

Cyril Murray kannte den Fahrer. Er ging auf ihn zu. Der Mann sprang aus dem Laster. Murray schlug ihm auf die Schulter und fragte, wie es ihm gehe.

„Prima“, antwortete der Lastwagenfahrer grinsend.

Murray wies mit dem Daumen auf die Ladung.

„Sind das die Antiquitäten aus Europa?“

„Kistenweise altes Zeug“, sagte der Fahrer. „Die Leute, die so etwas kaufen, müssen meschugge sein.“

„Ist ’ne prima Wertanlage“, sagte Murray.

„Ja, aber nur, weil es so viele Idioten gibt, die so ziemlich jeden Preis für den Ramsch bezahlen.“

„Uns kann das egal sein. Hauptsache die Kasse klingelt“, sagte Murray. Er blickte auf seine Uhr. „Sie müssen gleich hier sein.“

Roberto nahm an, dass die rechte Hand des Königs von Brooklyn von den Leuten sprach, mit denen er das Geschäft mit den Antiquitäten abwickeln wollte. Tatsächlich tauchte gleich darauf ein Wagen auf, der mit zwei Männern besetzt war. Das Fahrzeug hielt hinter dem Lastwagen an. Zwei gut angezogene Kerle stiegen aus. Verbrecher wie Cyril Murray. Vielleicht nicht ganz so schlimm, denn ihr Geschäft war die Hehlerei, während Murray auch vor einem Mord nicht zurückschreckte.

Murray lobte die Pünktlichkeit der Geschäftsfreunde. Er wies auf den Lastwagen.

„Da ist das Zeug. Wollt ihr euch ansehen, was sich in den Kisten befindet?“

„Ist nicht nötig“, antwortete einer der beiden Hehler. „Wir lassen die Kostbarkeiten lieber verpackt. Sollte es Reklamationen geben, was ich mir nicht vorstellen kann, wenden wir uns an Cusack.“

Murray nickte zufrieden.

„Dann gehört der Plunder jetzt euch. Aber den Lastwagen kriegen wir wieder.“

„Man wird ihn so bald wie möglich hierher zurückbringen.“

„Fehlt nur noch eines“, sagte Murray. „Die Pinke.“

Der Mann, mit dem er sprach, holte einen Umschlag aus der Innentasche seines Jacketts, der prall mit Dollarscheinen gefüllt zu sein schien.

„Vertrauen gegen Vertrauen“, sagte Murray grinsend. „Ich werde nicht nachzählen.“

Roberto überlegte, was er anstellen konnte, dass die Sore nicht in irgendwelchen Kanälen verschwand. Dort unten waren sechs Verbrecher. Wenn er den Abtransport der Antiquitäten aus Europa verhindern wollte, musste er sich mit ihnen allen anlegen.

Ehe er sich entschließen konnte, aktiv zu werden, vernahm er hinter sich plötzlich ein leises Geräusch. Der Umschlagplatz wird bewacht!, schoss es ihm durch den Kopf.

Er wirbelte herum, doch er war nicht schnell genug. Ein Totschläger zuckte herab. Er ließ sich zur Seite fallen. Dadurch traf ihn das schwarze Ding nicht voll, aber seine Widerstandskraft war angeknackst.

Mit seinen Fäusten stürzte er sich auf den Mann, der sich an ihn herangepirscht hatte. Obwohl er kaum etwas sehen konnte, drosch er zu. Da hieb der Gangster noch einmal mit dem Totschläger auf ihn ein. Und diesmal raubte ihm der Treffer das Bewusstsein.

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Tony Tornado ließ den Oldsmobile des Journalisten beim Owls Head Park stehen. Er ließ seinen Blick über das Wasser der Upper New York Bay gleiten. Es herrschte reger Schiffsverkehr. Frachter trafen ein oder verließen die Metropole. Passagierschiffe und Ausflugsboote waren unterwegs. Dazwischen tummelten sich private Motorboote und Yachten.

Der Mafioso suchte eine Imbissstube auf, verschlang mit Heißhunger einen Hot Dog und dachte an Christopher Copeland, der wahrscheinlich immer noch auf der Mülldeponie lag.

War es richtig gewesen, den Mann am Leben zu lassen? Tornado glaubte, dem Journalisten so viel Angst eingejagt zu haben, dass er niemals über das sprechen würde, was ihm zugestoßen war. Vielleicht würde er erzählen, Mugger hätte ihn überfallen und auf der Deponie abgelegt. Tornado war sicher, dass Copeland eine glaubwürdige Geschichte einfallen würde. Er konnte den Journalisten getrost vergessen und die nächsten Schritte tun. Ihm war bekannt, dass Pietro Gravina jetzt in tiefstem Schlummer lag, und es bereitete ihm eine gewisse Freude, den Mafia-Freund ebenso aus dem Schlaf zu reißen, wie dieser es mit ihm getan hatte.

Er verlangte von dem Mann hinter dem Tresen eine Münze und zog sich dann in die Telefonbox zurück. Nachdem er die Nummer gewählt hatte, wartete er geduldig.

Eine Frauenstimme meldete sich. Angela Gravina. Tony Tornado nannte seinen Namen.

„Was wollen Sie?“, fragte die Frau brüsk.

„Ich muss mit Pietro sprechen.“

„Ausgeschlossen. Er schläft jetzt.“

„Es ist dringend.“

„Rufen Sie in vier Stunden wieder an!“

„So lange duldet die Sache keinen Aufschub.“

„Ich bin nicht bereit, meinen Mann zu wecken. Er braucht den Schlaf.“

„Sie werden diesmal eine Ausnahme machen“, sagte Tornado.

„Kommt nicht in Frage!“

Der Mafioso wurde ärgerlich.

„Hören Sie, wenn Sie Ihren Mann jetzt nicht sofort ans Telefon holen, komme ich zu Ihnen und hole ihn persönlich aus dem Bett, und ich garantiere Ihnen, dass er nicht sauer auf mich sein wird, sondern auf Sie, wenn ich ihm erzähle, dass Sie sich geweigert haben ...“

„Also gut, wenn es wirklich so wichtig ist.“

„Das ist es.“

„Dann werde ich ihn eben wecken“, sagte Angela Gravina. „Warten Sie einen Augenblick!“

Tornado hörte, wie sie den Hörer weglegte und irgendetwas in abfälligem Tonfall murmelte. Er wusste, dass sie ihn nicht mochte, doch das störte ihn nicht. Er hatte selten mit ihr zu tun. Wenn Pietro Gravina etwas von ihm wollte, trafen sie sich meistens irgendwo in der Stadt.

Es dauerte lange, bis sich Pietro Gravina mit schläfriger Stimme meldete. Tornado lachte.

„Jetzt kriegst du zurück, was du mir heute Morgen angetan hast.“

„Ich hoffe für dich, du hast einen triftigen Grund, mich aus dem Schlaf zu reißen, sonst drehe ich dir bei der nächsten Gelegenheit den Hals um“, brummte Gravina.

„Ich habe den Beweis.“

„Welchen Beweis?“

„Mann, wach auf! Hast du mich nicht losgeschickt, damit ich dir den Beweis beschaffe, dass die Geschichte vom unbekannten Rächer erfunden ist? Ein Journalist namens Christopher Copeland hat die Story in Umlauf gebracht. Er hat dafür von Cusack fünftausend Dollar gekriegt.“

„Wunderbar!“, rief Gravina begeistert aus. „Junge, du bist mit Gold nicht aufzuwiegen.“

„War das ein triftiger Grund, dich zu wecken?“

„Allerdings. Ist dir auch bekannt, wer den Jet in Cusacks Auftrag abgeschossen hat?“

„Gordon Keel.“

Gravina lachte.

„Tony, heute ist ein Festtag für mich.“

„Was soll geschehen, Pietro?“

„Du kümmerst dich um Keel.“

„Was soll ich ihm antun?“

„Schick ihn über den Jordan!“

„Okay.“

„Und anschließend widmen wir uns gemeinsam Brian Cusack. Ich muss unbedingt dabei sein, wenn er ins Gras beißt.“

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Roberto schlug die Augen auf. Es ging ihm nicht gut. Sein Schädel brummte, und ein unangenehmes Würgen saß in seinem Hals. Ihm war übel.

Er lag etwa da, wo der Lastwagen mit den gestohlenen Antiquitäten gestanden hatte. Das Fahrzeug und die Hehler hatten die Lokomotivfabrik inzwischen verlassen. Anwesend waren nur noch Murray und seine Freunde, zu denen auch der Lkw-Fahrer und der Mann gehörten, der Roberto niedergeschlagen hatte. Es gab also Posten auf dem aufgelassenen Fabriksgelände. Wie viele, das wusste Roberto nicht. Seiner Ansicht nach jedenfalls einen zu viel. Und zwar den mit dem Totschläger.

Er konnte sicher sein, dass sie ihn bereits gründlich durchsucht und ihm die Luger abgenommen hatten. Als er sich aufsetzte, rammte ihm einer der Gangster den Schuh gegen die Brust, und er fiel wieder auf den Rücken.

„Liegenbleiben!“, schnarrte der Kerl.

„Das kann man auch freundlicher sagen“, brummte Roberto.

Cyril Murray starrte ihn mit schmalen Augen an.

„Wer bist du?“

„Frederic Sali ist mein Name“, antwortete Roberto. Da die Gangster keine Papiere bei ihm gefunden hatten, konnte er ihnen jeden Fantasienamen nennen.

„Was hast du auf diesem Areal zu suchen, Sali?“, fragte Murray. „Wolltest du deine verdammte Neugier befriedigen?“

„Hören Sie, muss ich hier herumliegen? Darf ich nicht aufstehen?“

Murray nickte. Er hatte nichts dagegen. Roberto erhob sich. Er streifte den Mann, der ihn niedergeschlagen hatte, mit einem vorwurfsvollen Blick.

„Ich bin nicht neugierig“, sagte Roberto.

„Aber du möchtest gern alles wissen, nicht wahr?“, blaffte Murray.

„Ich kümmere mich prinzipiell nur um meinen eigenen Kram.“

„Das kaufe ich dir nicht ab, Junge. Du hast uns beobachtet und belauscht!“

„Das hat sich so ergeben.“

„Für wie dämlich hältst du uns eigentlich, he? Ich rate dir, mir die Wahrheit zu sagen, sonst werde ich verdammt unangenehm. Dann wirst dir wünschen, nie auf die Welt gekommen zu sein. Weißt du, was ich glaube, Sali?“

„Was denn?“

„Dass du ein Spürhund bist. Ein Schnüffler. Ein Privatdetektiv, der sich einen Namen machen will, indem er uns in die Pfanne haut. Was sagst du dazu?“

„Wenn meine Situation nicht so ernst wäre, würde ich jetzt lachen.“

„Lach nur! Vielleicht ist es das letzte Mal, dass du dazu Gelegenheit hast.“

„Ich und ein Privatdetektiv. Das ist wirklich zu komisch. Ausgerechnet ich“, sagte Roberto.

„Du siehst aus wie einer.“

„Gibt es denn eine genaue Regel, wie die aussehen müssen?“

„Du trägst eine Kanone.“

„Ich wette, jeder von Ihnen besitzt ein Schießeisen. Ist er deshalb auch ein Schnüffler? Ich muss mich vor Bullen und Spürhunden genauso in Acht nehmen wir ihr.“

Murray bleckte die Zähne.

„Wir sind Saubermänner.“

„Ich auch“, sagte Roberto. „So wie ihr.“

„Na schön, vielleicht bist du kein Privatdetektiv, aber warum hast du uns dann bespitzelt?“

„Ich sagte es schon mal, es hat sich so ergeben.“

„Erklär' mir das genauer!“, verlangte Cyril Murray.

„Ich war verabredet. Mit einem Kerl, der mir 'ne MPi verschaffen wollte. Er wollte sie mir hierher bringen, aber es muss etwas schiefgelaufen sein, denn der Typ kam nicht. Ich dachte, ich hätte nicht richtig verstanden, wo ich auf ihn warten sollte, befürchtete, in der falschen Halle zu sein, sah mich etwas um, und sah Sie und Ihre Leute. Kurz darauf tauchte der da auf und gab mir eins auf die Rübe.“

Murray nagte an der Unterlippe. Die Geschichte, die sich Roberto hatte einfallen lassen, klang nicht schlecht. Murray war geneigt, sie zu glauben. Aber ein kleiner Rest von Misstrauen blieb noch. Da er keine Zeit hatte, sich zu überlegen, was nun mit Roberto geschehen sollte, weil in der nächsten Stunde noch einiges zu erledigen war, befahl er seinen Männern, Roberto in einen der Keller zu bringen.

„Was haben Sie mit mir vor?“, fragte Roberto.

„Weiß ich noch nicht. Kennst du den König von Brooklyn?“

„Mister Cusack? Klar. Wer kennt den nicht? Ich würde furchtbar gern für ihn arbeiten, bloß nimmt der nicht jeden.“

„Er wird über dein Schicksal entscheiden“, sagte Murray. „Er wird dich entweder in seine Dienste stellen oder dich umlegen,“

Roberto wurde in einen düsteren Keller gebracht. Es roch nach Moder und Schimmelpilz. An der Decke liefen Rohre. An sie wurde Roberto gefesselt. Bevor Murray ging, sagte er: „Wir sehen uns später wieder.“

„Wird Mister Cusack auch kommen?“, wollte Roberto wissen.

„Ja. Du kannst jetzt schon zu Gott beten, dass du ihm gefällst, sonst bist du nämlich dran.“

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Die Bar hatte rund um die Uhr geöffnet. Das war Gordon Keel an dem Lokal so sympathisch. Er konnte hier zu jeder Tages- und Nachtzeit aufkreuzen. Es war immer etwas los. Auf einer kleinen Bühne wurden heiße Stripnummern abgezogen. Es gab zwei Negersängerinnen, die abwechselnd arbeiteten, und im Hinterzimmer konnte man jederzeit ein verbotenes Spielchen machen.

Die Animiermädchen waren nicht abgeneigt, mit ihren Kunden für eine Weile nach Hause oder ins Hotel zu verschwinden. Kurzum, die Bar verfügte über einen Service, der Gordon Keel behagte.

Er war betrunken, feierte seit einer kleinen Ewigkeit nun schon seinen Erfolg. Die Sache auf dem Flugplatz hatte ja auch zu gut geklappt, und Brian Cusack hatte eine Menge Geld für diesen leichten Job ausgespuckt. Wenn das kein Grund zum Feiern war.

Ginny, ein blondes Girl mit Herzchenmund und ,viel Holz vor der Hütte‘ - wie Keel sich ausdrückte -, hatte längst gespürt, dass bei Keel das Geld locker saß, und sie zog ihm einen Schein nach dem anderen aus der Brieftasche.

„Weißt du, was ich riesig fände?“, fragte er mit schwerer Zunge, während er das blonde Gift mit glasigen Augen anstierte.

„Was?“, fragte Ginny.

„Wenn du für mich, für mich ganz allein, strippen würdest.“

„Okay! Komm mit zu mir, Gordon, und dein Wunsch geht in Erfüllung.“

Keel grinste und schüttelte den Kopf.

„Nein, ich möchte, dass du's hier tust.“

„Dann sehen doch alle andern zu.“

„Macht ja nichts. Ich hätte trotzdem das Gefühl, du würdest die Hüllen für mich allein fallenlassen. Wieviel möchtest du dafür haben?“

Ginny lächelte schlau.

„Wieviel ist es dir denn wert?“

,,'nen Hunderter“, sagte Gordon Keel und stopfte dem Mädchen das Geld in den Ausschnitt.

Sie strahlte.

„Dann pass mal gut auf, was ich dir zu bieten habe.“ Sie verschwand, schaltete hinter der Bühne ein Tonband ein, trat vor den Vorhang und begann mit ihrer heißen Show. Sie blickte dabei nur Keel an.

Während sie sich aus dem Kleid schälte, betrat Tony Tornado das Lokal. Der Mafioso blickte sich kurz um, entdeckte Keel und begab sich zu ihm. Die beiden kannten sich flüchtig. Keel wusste, dass Tornado sein Geld genau wie er jenseits der Gesetze verdiente, dass er ein gefährlicher Mafia-Killer war, entzog sich jedoch seiner Kenntnis.

„Mister Keel“, sagte der Mafioso ernst.

„Jetzt nicht.“

„Ich muss mit Ihnen reden.“

„Jetzt nicht!“, sagte Keel ärgerlich. „Die Kleine dort oben strippt gerade für mich. Das will ich mir ansehen. Wenn Sie Durst haben, bestellen Sie sich irgendetwas. Es geht auf meine Rechnung.“ Keel schnippte mit dem Finger. Der Barmixer eilte herbei. „Gib ihm, was er haben will, Charley.“

Ginny hakte den BH auf.

„Ist sie nicht eine Wucht? Ist sie nicht Spitze?“, keuchte Keel.

Tony Tornado verlangte einen Bourbon on the rocks. Er bekam den Drink umgehend. Mit dem Glas in der Hand betrachtete er Gordon Keel und dachte: Du armer Irrer freust dich soeben zum letzten Mal.

Ginny schlüpfte aus dem Höschen, doch damit war ihre Nummer noch nicht zu Ende. Jetzt wurde es erst richtig heiß. Gordon Keel trat der Schweiß auf die Stirn. Er beschloss, mit Ginny später wegzugehen, konnte nicht wissen, dass er dazu schon nicht mehr in der Lage sein würde.

Als die Strip Show zu Ende war, spendete vor allem Gordon Keel begeisterten Applaus. Das Girl verschwand hinter dem Vorhang, und Tornado fragte: „Können wir jetzt reden?“

„Okay. Aber ich habe nicht viel Zeit“, sagte Keel.

„Ich auch nicht“, erwiderte Tornado.

„Worum geht’s?“

„Gibt es keinen Ort, wo wir uns ungestört unterhalten können?“

„Im Waschraum wären wir allein, aber ich bin ziemlich wackelig auf den Beinen.“

„Sie können sich auf mich stützen.“

„Worum geht's denn nun?“

„Um ein Geschäft. Man hat mich beauftragt, Sie zu fragen, ob Sie bei einer heiklen Sache mitmachen möchten. Es wären fünf Riesen für Sie drin.“

„Darüber will ich Genaueres hören“, sagte Gordon Keel und rutschte vom Hocker. Ginny erschien. Schon wieder angezogen. Keel kraulte ihr Kinn und flüsterte: „Halt dich für mich frei, Baby! Bin gleich wieder zurück. Dann tun wir zusammen was Schönes, okay?“

Tornado brachte Brian Cusacks Killer in den Waschraum. Gordon Keel war zu betrunken, um die Gefährlichkeit seiner Lage zu begreifen. Wenn er nüchtern gewesen wäre, wäre sein Misstrauen wach geworden. So aber hatte der Alkohol es eingeschläfert. Er kam nicht im Entferntesten auf die Idee, dass Tornado ihm die Rechnung für den Anschlag mit der Rakete präsentieren wollte. Er glaubte wirklich, dieser Mann wollte ihm nur ein Geschäft vorschlagen.

„Schießen Sie los!“, sagte Keel lallend. Er schwankte, lehnte sich an die verflieste Wand. „Ich bin ein Spezialist für heikle Angelegenheiten ...“

„Das ist uns bekannt.“

„Tatsächlich? Woher?“

„Die Spatzen pfeifen es von den Dächern.“

„Was genau pfeifen sie?“

„Dass Sie den Mafia-Jet abgeschossen haben“, sagte Tony Tornado schneidend.

Gordon Keel zuckte elektrisiert zusammen. Der Schock machte ihn schlagartig nüchtern. Mit einem Mal wusste er, was Tornado wirklich von ihm wollte. Blitzschnell versuchte er seine Pistole aus der Schulterhalfter zu reißen, doch Tony Tornado war schneller.

Er zog die Schalldämpferpistole und drückte ab. Keel riss entsetzt die Augen auf. Er erstarrte mitten in der Bewegung. Die Kräfte verließen ihn. Seine Lider flatterten und schlossen sich, während er an der Wand langsam nach unten rutschte. Als er auf den Boden fiel, lebte er bereits nicht mehr.

Tony Tornado hatte seinen Auftrag erfüllt, und der nächste wartete schon auf ihn.

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Roberto Tardelli hing nun gefesselt an der Rohrleitung und musste froh sein, überhaupt noch zu leben. Was er geplant hatte, war gründlich schiefgegangen. Cyril Murray hatte er sich holen wollen, und was war daraus geworden? Nun war er ein Gefangener des Königs von Brooklyn, und sein Leben hing an einem seidenen Faden. Würde der Mann, der für die Mafia im Hafen absahnte, sein falsches Spiel durchschauen? Wenn ja, dann war er erledigt. Man würde ihn hier unten erschießen und vergessen. Irgendwann würde hier dann ein Skelett hängen.

Roberto schauderte bei diesem Gedanken. Nein, er wollte nicht auf Cusack warten und diesem die Möglichkeit einräumen, sich für oder gegen ihn zu entscheiden. Er wollte lieber versuchen, sich zu befreien. Sofort ging er daran, die Fesseln am Rohr zu scheuern, aber er erkannte sehr schnell, dass dies eine Lebensaufgabe war, denn das Rohr war rund und nicht rau genug, um den Strick durchzuscheuern. Also musste er sich etwas anderes einfallen lassen. Er packte das Rohr mit beiden Händen und hängte sein ganzes Körpergewicht daran. Das Knirschen des Mauerhakens war Musik in seinen Ohren.

Er belastete das Rohr mehrmals ruckartig und lockerte damit die Halterung, die schon nach kurzem aus der brüchigen Decke fiel, wodurch sich das Rohr tief durchbog und an einer Schweißstelle auseinanderbrach. Dort rädelte Roberto seine Hände aus und war frei - aber trotzdem immer noch gefesselt. Er wollte darangehen, den Strick über die scharfkantige Bruchstelle des Rohres zu ziehen, da vernahm er Schritte.

Einer von Murrays Freunden hatte das Brechen des Rohres gehört, und kam nachsehen, ob mit dem Gefangenen noch alles in Ordnung war. Roberto eilte durch den schummerigen Keller. Neben der gemauerten Treppe ging er in die Hocke. Er ballte die Hände zu Fäusten und wartete auf den Gangster, der gleich erscheinen würde. Oben öffnete sich die Tür.

Der Mann kam die Treppe herunter. Er hielt einen Revolver in seiner Rechten. Robertos Luger steckte in seinem Gürtel. Es war der Bursche, der Roberto mit dem Totschläger außer Gefecht gesetzt hatte.

Roberto wartete auf den richtigen Augenblick. Als der gekommen war, schnellte er hoch und griff nach den Beinen des Verbrechers. Der überraschte Mann kippte nach vorn und fiel die restlichen Stufen hinunter. Roberto war sofort bei ihm. Der Mann wollte aufspringen und seinen Revolver auf den Angreifer richten, doch Roberto Tardelli hieb zu. Der Schlag raubte dem Gangster augenblicklich die Besinnung. Roberto konnte erleichtert aufatmen. Er befreite sich hastig von seinen Fesseln, nahm seine Luger und den Revolver des Verbrechers an sich und verließ den Keller.

Nach wie vor hatte er keine Ahnung, wie viele Posten diesen geheimen Umschlagplatz bewachten. Er musste vorsichtig sein. Hinter jeder Ecke konnte ein Kerl lauern, und ein zweites Mal wollte sich Roberto nicht mehr überraschen lassen.

Zwischen auf ragenden Mauerfragmenten sah Roberto einen schwarzen Wagen schimmern. Das Fahrzeug bewegte sich, kam näher. Roberto flankte über ein niedriges Mauerstück und ging dahinter in Deckung.

In dem Wagen, der da ankam, saßen Cyril Murray und Brian Cusack, der König von Brooklyn. Ein Staatsbesuch für mich, dachte Roberto gallig. Welche Ehre. Er traute sich zu, Cusack und seine Männer allein mattzusetzen. Solche Kunststücke brachte er immer wieder fertig, und gerade das war es, was ihn als einen Top-Agenten von COUNTER CRIME - jener geheimen Regierungsstelle, die gegen das organisierte Verbrechen kämpfte - auswies.

Mit zwei Waffen in den Händen fühlte er sich der Situation gewachsen. Voll brennender Ungeduld wartete er auf den Augenblick, dem König von Brooklyn das Handwerk zu legen.

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An diesem Tag verzichtete Pietro Gravina auf seinen Schlaf. Er hatte sich mit Mitgliedern der Ehrenwerten Gesellschaft telefonisch unterhalten, und man hatte übereinstimmend festgestellt, dass Brian Cusack sein Recht, zu leben, verloren hatte. Der Anschlag auf den Mafia-Jet musste mit Cusacks Tod gesühnt werden. Da dies auch Gravinas Ansicht war - er hatte sich für seine Entscheidung lediglich die nötige Rückendeckung geholt -, traf er sich mit Tony Tornado am Buttermilk Channel.

Dass Gordon Keel nicht mehr lebte, wusste Gravina bereits von Tornado. Der Killer musste ihm nun die Einzelheiten erzählen. Zufrieden hörte er sich an, was Tony Tornado berichtete.

„Bravo, Tony! Du bist ein Meister deines Fachs.“

„Man tut, was man kann“, erwiderte Tornado schmunzelnd.

„Wo sind die MPis?“

„Im Kofferraum“, sagte Tornado. „Vielleicht werden wir sie nicht brauchen. Das wird sich herausstellen.“

„Was planst du?“

„Wir fahren zu Cusack, suchen ihn in seinem Haus auf, tun so, als hätten wir mit ihm geschäftlich zu reden - und legen ihn um. Sollte Cyril Murray bei ihm sein, erledigen wir auch ihn gleich, damit er uns keinen Ärger machen kann. Sollte Cusack aber nicht daheim sein, dann warten wir mit den MPis auf ihn vor seinem Haus. Sobald er eintrifft, eröffnen wir das Feuer und damit basta.“

Tornado nickte.

„Mir soll's recht sein.“

„Fahr los! Ich kann es nicht mehr erwarten, diesem Bastard ins Gesicht zu spucken.“

Tony Tornado ließ den Wagen anrollen. Die Mafiosi waren zehn Minuten unterwegs. Als sie in die Straße einbogen, in der Brian Cusack wohnte, rief Pietro Gravina heiser aus: „He! Dort fährt er!“

Tornado sah den schwarzen Wagen ebenfalls, der mit vier Mann besetzt war. Einer davon war Brian Cusack.

„Mit der Variante hast du nicht gerechnet“, sagte er.

„Macht nichts. Fahr’ hinterher! Wir werden den Kretin und seine Freunde eben woanders erledigen. Es ist nicht so wichtig, wo er stirbt, sondern nur, dass er stirbt. Das sind wir Alfredo Sandrelli, das sind wir der Cosa Nostra schuldig.“

Der schwarze Wagen fuhr zu einer aufgelassen Lokomotivfabrik beim Greenwood Cemetery. „Hier verscherbelt Cusack vermutlich all das Zeug, von dem wir nichts wissen sollen. Hier wickelt er seine privaten Geschäfte ab. Wird Zeit, dass das aufhört. Das Syndikat hat durch Cusack große Verluste hinnehmen müssen. Er hat den Mob um eine Menge Geld betrogen.“

Tornado grinste kalt.

„Und was hat es ihm eingebracht? Den Tod.“

Der schwarze Wagen verschwand zwischen den verfallenen Fabrikhallen.

„Bestens“, sagte Pietro Gravina zufrieden. „Einen größeren Gefallen, als hierher zu fahren, hätte uns Cusack gar nicht tun können. Hier haben wir die Brut schön beisammen. Es wird keine Zeugen geben, wird eine glatte Sache werden. Völlig überrascht werden sie sterben, werden es nicht fassen können, dass es mit ihnen aus ist. Tja, wer die Mafia hereinlegen will, der muss viel früher aufstehen.“

Tony Tornado stoppte den Wagen. Gravina stieg aus. Ein fanatisches Feuer leuchtete in seinen Augen. Er hätte es sich nicht nehmen lassen, dabei zu sein, wenn es Cusack an den Kragen ging. Der Mann war ihm schon lange ein Dorn im Auge. Er hasste Typen, die sich für „Mr. Cleverness“ persönlich hielten, und es war ihm eine Genugtuung, Brian Cusack nun zu beweisen, was für ein armes Würstchen er in Wirklichkeit doch war.

„Hol die Maschinenpistolen!“, verlangte Gravina.

Tornado blickte sich kurz um. Niemand war in der Nähe. Der Mafioso öffnete den Kofferraum und entnahm ihm die beiden Tommyguns. Gravina nahm die automatische Waffe in seine Hände, als würde ihm Tornado ein wertvolles Geschenk überreichen.

„Komm, Tony“, sagte er grinsend. „Wir werden gebraucht.“

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Der schwarze Wagen fuhr an Roberto Tardelli vorbei. Roberto huschte an der Mauer entlang. Geduckt, jedes Geräusch tunlichst vermeidend. Neben einem grauen Betonpfeiler, der weiter oben geknickt war, nahm Roberto eine Bewegung wahr. Er zuckte sofort zurück.

Dort stand ein weiterer Wachtposten. Roberto hätte viel darum gegeben, wenn er gewusst hätte, wie viele es insgesamt waren, denn dann hätte er sich darauf einstellen und seine Pläne auf sie abstimmen können. So aber musste er die Rechnung mit mehreren Unbekannten erstellen.

Roberto beobachtete den Gangster. Der Mann hatte eine MPi geschultert. Er hatte die Ankunft des Wagens mitgekriegt, traf aber keinerlei Anstalten, die Fabrikhalle zu verlassen.

Er sollte Cusack, Murray und die anderen Bandenmitglieder vermutlich aus dem Hintergrund sichern, sollte ihnen den Rücken freihalten. Dass die Wachen ihren Job nicht gerade tierisch ernst nahmen, bewies die Tatsache, dass Roberto jede Menge Zeit gehabt hätte, Cyril Murray zu erschießen, bevor der Kerl ihm mit dem Totschläger eins aufs Haupt gegeben hatte.

Die Posten waren wohl nur zur allgemeinen Beruhigung aufgestellt. Roberto glitt an der Wand nach unten. Er legte sich auf den Bauch und robbte auf den Gangster zu.

Der Mann zündete sich soeben eine Zigarette an. Achtlos warf er das Streichholz weg. Es landete knapp vor Roberto Tardellis Nase. Der Mann ahnte nicht, in welcher Gefahr er schwebte, und das war gut so, denn hätte der Bursche gewusst, was auf ihn zukam, hätte er augenblicklich die Maschinenpistole von der Schulter gerissen und wild drauflos geballert.

Drei Yards war Roberto noch von ihm entfernt. Der Posten zog den Zigarettenrauch tief in seine Lunge. Er stand halb schräg mit dem Rücken zu Roberto.

Jetzt musste alles sehr schnell gehen. Der Mann durfte keine Chance haben, einen Warnruf auszustoßen. Roberto hielt in jeder Hand eine Waffe. Er konzentrierte sich auf den Angriff, der dann in der nächsten Sekunde erfolgte. Für den Gangster musste es den Eindruck erwecken, Roberto Tardelli käme aus dem Boden geschossen.

Roberto sprang auf. Der Mann drehte sich. Er ließ die Zigarette fallen und wollte zur MPi greifen, aber es blieb beim Wollen, denn ein harter Schlag holte den Verbrecher von den Beinen.

Roberto fing den Mann auf. Er ließ ihn langsam zu Boden gleiten und nahm ihm die Maschinenpistole ab. Auch den Colt Diamondback, den der Gangster im Gürtel trug, nahm Roberto an sich. Nun war er bis an die Zähne bewaffnet. Er steckte die Faustfeuerwaffen weg. Die Luger kehrte an ihren angestammten Platz - in die Schulterhalfter - zurück. Roberto nahm die MPi in beide Hände und eilte auf eine rostzerfressene Eisentür zu, hinter der er die Stimme Brian Cusacks vernahm.

Mit der MPi im Anschlag wollte er dem König von Brooklyn und seinen Komplizen entgegentreten. Sollte es einer wagen, zur Waffe zu greifen, würde er sein blaues Wunder erleben.

Roberto hatte die Tür schon fast erreicht. Unwillkürlich blickte er nach rechts, und im selben Moment entdeckte er zwei Männer, die gleichfalls mit Maschinenpistolen bewaffnet zu Brian Cusack unterwegs waren. Jedoch nicht in friedlicher Absicht. Roberto sah es in ihren Gesichtern. Diese Männer waren gekommen, um Cusack zu töten!

Es ging Roberto gegen den Strich, dass der König von Brooklyn sterben sollte, deshalb geriet er in die fatale Lage, Brian Cusack und seine Gangsterfreunde warnen zu müssen.

Doch ehe er den Warnschrei ausstoßen konnte, brach die Hölle los ...

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19

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Maria und Jossip Wassinski fühlten sich wohl in Samantha Fords Apartment. Das Gästezimmer gefiel ihnen. Sie hatten noch nie in einem so schönen Raum gewohnt.

Bei einem Drink saßen sie im Livingroom. Jossip Wassinski schüttelte den Kopf und sagte: „Wie das Schicksal manchmal spielt. Wir hatten das größte Glück unseres Lebens, an Roberto Tardelli geraten zu sein.“

Maria lächelte ihn vorwurfsvoll an.

„Und du hast versucht, ihn niederzuschlagen.“

„Ich bin froh, dass ich es nicht geschafft habe. Schade, dass Roberto mich nicht mehr verprügelt hat. Ich hätte es verdient. Er kann sehr beherzt kämpfen.“

Samantha nickte.

„Es gibt nichts, wovor Roberto Angst hat. Jedenfalls macht er auf mich diesen Eindruck.“

„Wir haben vollstes Vertrauen zu ihm“, sagte Jossip.

„Das können Sie haben.“

„Zu Ihnen auch.“

„Ich helfe gern.“

„Ein Wunschtraum wird für uns in Erfüllung gehen“, sagte Jossip. „Wir werden amerikanische Staatsbürger.“

„Kann Roberto das für uns wirklich erreichen?“, fragte Maria leise.

„Wenn er es Ihnen versprochen hat, können Sie sich darauf verlassen“, sagte Samantha Ford.

„Er ist ein bemerkenswerter Mann“, sagte Maria.

Jossip lachte.

„He! Vorsicht! Du hast dich doch nicht etwa in ihn verliebt.“

Maria lächelte. „Nein. Aber er wäre der Mann, in den ich mich verlieben könnte.“

„Und der Mann, den ich als dein großer Bruder neben dir akzeptieren würde“, sagte Jossip Wassinski.

Samantha Ford seufzte.

„Roberto Tardelli ist schon ein seltenes Exemplar. Ich hätte gern mehr von ihm, aber sein Beruf ... Roberto ist ein Mann, den alle brauchen. Es wäre schlecht um unser Land bestellt, wenn es nicht Männer wie ihn geben würde. Obwohl ich mir das immer einrede, bin ich traurig, wenn er nicht bei mir ist, und ich lebe in ständiger Sorge, dass er eines Tages zu viel wagen könnte.“

Jossip sagte überzeugt: „Er wird immer wieder zu Ihnen zurückkehren, Samantha. Ich glaube, niemand weiß genauer als er, wieviel er riskieren darf.“

Die junge Ärztin seufzte wieder.

„Hoffentlich haben Sie recht, Jossip. Obwohl er nicht oft bei mir ist, wäre ich doch untröstlich, wenn es ihn eines Tages nicht mehr geben würde.“

Pietro Gravina und Tony Tornado sahen Brian Cusack aus dem Wagen steigen und eröffneten sofort das Feuer auf ihn. Ihre automatischen Waffen hämmerten laut. Das Krachen der Schüsse hallte zwischen den Hallen der aufgelassenen Lokomotivfabrik. Auch Cyril Murray und die beiden Hitmen waren ausgestiegen. Als die Maschinenpistolen zu hämmern begannen, stieß Murray einen wüsten Fluch aus und ließ sich augenblicklich fallen.

Tornados und Gravinas Geschosse trommelten gegen den Wagen. Sie zertrümmerten die Heckscheibe, hackten schräg über das Blech, ratschten über das Fahrzeugdach und näherten sich Cusack, doch bevor ihn die Projektile erreichen konnten, warf auch er sich auf den Boden.

Hastig robbte er hinter das Auto. Sobald er in Deckung war, riss er seinen Revolver aus der Schulterhalfter. Cyril Murray schoss bereits zurück. Auch die beiden Hitmen erwiderten das Feuer.

Trotzdem rückten Gravina und Tornado näher. Ihre Kugeln klatschten auf die Granitsteine und jaulten als gefährliche Querschläger durch die Luft. Brian Cusack und seine Komplizen waren nicht in der Lage, die Angreifer zurückzutreiben.

„Verdammt, das ist Gravina!“, zischte der König von Brooklyn. Er hatte sich schon lange nicht mehr in einer solchen Situation befunden. Normalerweise beteiligte er sich an keinen Schießereien mehr. Das überließ er seinen Gunmen. Doch diesmal war er gezwungen, sich selbst seiner Haut zu wehren. „Gravina und Tony Tornado!“, sagte Cusack zu Murray.

„Dann weiß Gravina also Bescheid“, sagte Murray.

„Anzunehmen.“

„Aber von wem?“

„Keine Ahnung.“

„Vielleicht hat Gordon Keel nicht dichtgehalten.“

„Das glaube ich nicht. Auf Keel kann man sich verlassen.“

„Und wenn Copeland umgefallen ist?“

„Der hat viel zu viel Angst vor mir“, sagte Cusack. Er zielte auf Tornado und drückte ab. Doch der große Mafioso wechselte blitzschnell schießend die Position und entging so einem Treffer.

Roberto Tardelli wollte nicht dabei zusehen, wie sich die Gangster gegenseitig abknallten. Er wusste nicht, weshalb der König von Brooklyn und seine Männer so unverhofft angegriffen wurden. Ihm war aber klar, dass er ein Blutbad verhindern musste.

Aber die Lage war für ihn nicht ungefährlich. Er konnte sehr leicht zwischen die Fronten geraten. Wenn sich die beiden Parteien entschlossen, zuerst ihn fertigzumachen und sich erst dann wieder gegeneinander zu stellen, würde er keinen leichten Stand haben.

Trotzdem wagte er es und griff in das Geschehen ein. Mit der erbeuteten Maschinenpistole betrat er die Szene. Er zog den Stecher durch und trieb die kämpfenden Parteien auseinander.

„Das ist der Kerl, den wir erwischt haben!“, rief Murray verblüfft aus, und als er sah, dass Roberto seine MPi in Gravinas und Tornados Richtung schwenkte, stellte er fest: „Er ist auf unserer Seite!“

Doch er sollte Augenblicke später eines Besseren belehrt werden. Gravina und Tornado zogen sich zurück, und nun drehte sich Roberto und ließ seine Waffe erneut hämmern. Diesmal in Cusacks Richtung.

„Hat der Kerl den Verstand verloren?“, brüllte Cyril Murray wütend auf.

„Von wegen auf unserer Seite!“, schrie Cusack, sprang auf und rannte im Zickzack davon. Seine Männer folgten ihm. Sie fanden hinter einer verfallenen Mauer Deckung.

Kurze Zeit herrschte Stille. Roberto zog sich zurück. Er hatte es nicht leicht. Er wollte sich beide Parteien schnappen. Gravina und Tornado ebenso wie Cusack und seine Männer. Aber der König von Brooklyn hatte Vorrang, deshalb versuchte er an diesen heranzukommen.

„Wir müssen trachten, so schnell wie möglich von hier wegzukommen“, sagte Brian Cusack grimmig.

„Zum Teufel, wir haben doch hier drei Männer postiert. Wo sind die?“, ärgerte sich Murray. „Auf ’nem Kaffeeklatsch?“

Im Schutz der Mauer setzten sie sich ab. Die Hitmen sicherten nach allen Seiten. Cusacks und Murrays Gesichter waren angespannt. Sie hielten ihre Waffen schussbereit in der Hand, doch niemand zeigte sich, keiner stellte sich ihnen in den Weg.

Sie durchquerten eine Hallenruine, zogen sich über einen Schuttberg zurück. Roberto Tardelli beschrieb einen Bogen und versuchte von Osten her an die Gangster heranzukommen, denn aus dieser Richtung erwarteten sie ihn bestimmt nicht.

„Was nun?“, fragte Tony Tornado, während er die Maschinenpistole hob, so dass der Lauf nach oben wies.

„Verdammt“, knirschte Pietro Gravina. „Mich würde brennend interessieren, wer der Kerl war, der sich unvermittelt an der Schießerei beteiligt hat. Zuerst dachte ich, er wäre einer von Cusacks Männern, aber dann hat er nicht nur auf uns, sondern auch in die andere Richtung geballert.“

„Ein Bulle vielleicht?“

„Einer allein würde sich nicht in eine so große Gefahr begeben.“

„Vielleicht gibt es noch mehr von seiner Sorte auf dem Gelände“, sagte Tornado. „Wenn das der Fall wäre, sollten wir uns lieber beizeiten absetzen.“

„Mensch, spinnst du?“, fuhr Gravina ihn an. „Und Cusack?“

„Um den können wir uns ein andermal kümmern.“

„Der geht doch jetzt sofort auf Tauchstation. Es könnte Wochen, vielleicht sogar Monate dauern, bis wir ihn wiederfinden würden. Er muss sterben. Hier und heute!“

Gravina verließ seine Deckung. Tornado folgte ihm. Zwischen großen Gebäuden fanden sie einen Weg, der im rechten Winkel zu Cusack und seinen Leuten führte. Die gegnerischen Parteien gingen zum zweiten Mal auf Kollisionskurs.

Noch hatten sie einander nicht entdeckt. Aber in einer zerklüfteten Halle prallten sie dann zum zweiten Mal aufeinander. Als Gravina die vier Männer entdeckte, eröffnete er sofort wieder das Feuer.

Einer der Hitmen wurde getroffen. Ein schriller Todesschrei gellte durch das Gebäude. Der Mann drehte sich um die eigene Achse und brach zusammen. Cusack und die anderen spritzten aufgeregt nach allen Seiten auseinander.

Roberto Tardelli hörte den Schrei und die Schüsse. Er forcierte sein Tempo und erreichte die Längsfront der Halle, in der der Gangsterkrieg tobte. Ein Mann fiel ihm auf, der mit langen Sätzen auf die Fabrikshalle zu hetzte. Er hielt eine MPi in seinen Händen. Es war wohl der dritte Posten, der Cusacks Umschlagplatz für das Diebesgut bewachen sollte. Kaum die Halle betreten, ließ er die Maschinenpistole auch schon rattern. Es gelang ihm, Gravina und Tornado ein Stück zurückzutreiben. Schießend kämpfte er sich bis zu Cusack vor.

„Bist du endlich aufgewacht?“, herrschte Cusack ihn an.

„Ich war am andern Ende des Geländes, als die Knallerei losging“, verteidigte sich der Posten.

„Jack hat’s erwischt“, knirschte Cusack. „Wir müssen hier raus!“

Der Posten wies nach links.

„Da hinüber. Ich gebe euch Feuerschutz.“ Er gab Dauerfeuer. Breitbeinig stand er da. Er drehte den Oberkörper und damit auch die MPi. Ein breites Feld bestreute er mit seinen Kugeln.

Gravina und Tornado blieben ihm nichts schuldig. Sie nahmen ihn aus zwei Richtungen unter Beschuss, und sein Feuerschutz brach zusammen. Er war gezwungen, in Deckung zu gehen. Die Fronten fraßen sich fest.

Draußen eilte Roberto Tardelli auf eine Leiter zu. Sie führte an der Fassade zum teilweise eingestürzten Dach hinauf. Von dort oben hoffte Roberto einen guten Überblick zu haben.

Wenn er Glück hatte, war es ihm möglich, von dieser hohen Warte aus beide Parteien in Schach halten zu können. Er hängte sich die MPi über die Schulter.

In der Halle kläfften nach wie vor die Waffen. Weithin waren die Schüsse zu hören. Roberto konnte das nur recht sein. Nichts wäre ihm angenehmer gewesen als die Unterstützung der Polizei, die von irgendjemand, der die Knallerei gehört hatte, alarmiert wurde.

Die eiserne Leiter war vom Rost schon ziemlich arg angeknabbert. Sehr viel Vertrauen durfte man zu ihr nicht mehr haben. Sie knirschte und wackelte, und es war nicht auszuschließen, dass sie aus der Mauerverankerung brach, sobald Roberto das Dach fast erreicht hatte. Dann wäre es mit ihm acht Meter in die Tiefe gegangen.

Roberto verdrängte den Gedanken, dass etwas passieren konnte. Nur wer wagt, kann auch gewinnen. Er kletterte hastig die Sprossen hoch, während in der Fabrikhalle nach wie vor der Teufel los war.

Jetzt brach eine eiserne Halteklammer. Zum Glück hielt die zweite noch. Aber die Leiter klapperte und wackelte gefährlich. Roberto beeilte sich, auf das Dach zu gelangen.

Endlich war er oben. Über einen schmalen brüchigen Sims erreichte er ein großes Loch im Dach. Er legte sich auf einen morschen Balken und blickte hinunter.

Gravina und Tornado flitzten soeben schießend hoch. Sie stürmten auf ihre Gegner los. Cusack und die Hitmen suchten Deckung hinter einer dicken Trennwand. Cyril Murray sprang auf und wollte die Wand ebenfalls erreichen, doch da erwischte ihn eine Garbe aus Gravinas Maschinenpistole.

Er riss die Arme hoch, bog den Körper nach vorn, stolperte und fiel. Für Roberto Tardelli bestand kein Zweifel, dass der Mann tot war. Als Brian Cusack seinen Stellvertreter zusammenbrechen sah, drehte er durch. Die kalte Wut packte ihn. Er wollte sich nicht mehr länger von den Mafiosi hetzen lassen. Er wollte sich nicht mehr länger vor ihnen verstecken. Mit einem heiseren Schrei kam er aus der Defensive.

Ein weiter Sprung beförderte ihn aus der Deckung. Tony Tornado und Pietro Gravina wollten ihre Maschinenpistolen sofort auf ihn richten, doch er war schneller.

Seine Kugel erwischte Gravina. Der Mann hatte keine Chance, ihr zu entgehen. Seine Beine knickten ein. Er fiel auf das Gesicht und rührte sich nicht mehr.

Cusack wollte diesen Erfolg wiederholen, aber Tony Tornado blieb nicht einfach als Zielscheibe stehen. Er zog sich schießend zurück.

„Los!“, brüllte Brian Cusack. „Hinterher! Der Bastard darf nicht entkommen!“

Die Hitmen fächerten auseinander. Zu dritt versuchten sie sich Tornado zu holen. Der Mafioso hielt sie sich mit einer Vielzahl von Schüssen vom Leib. Aber einmal wird jedes Magazin leer. Tornado verfeuerte seine letzte Patrone.

Als die Waffe nur noch klickte, warf er sie weg und griff nach seiner Pistole. Doch im nächsten Moment erstarrte er. Drei Waffen waren auf ihn gerichtet.

Er begriff, dass er verloren hatte. Brian Cusack und die beiden Hitmen näherten sich ihm langsam. Der König von Brooklyn bleckte die Zähne. Er blickte Tornado hasserfüllt an.

„Pech gehabt!“, sagte er heiser. „Jetzt sitzt du in der Klemme.“

Tornados Gesicht wurde teigig.

„Kommt schon!“, knurrte er. „Macht Schluss!“

Cusack nickte seinen Männern zu.

„Macht ihn fertig!“

Als sie ihre Waffen auf den Mafioso richteten, schrie Roberto Tardelli: „Halt! Hände hoch! Lasst eure Waffen fallen! Ich kann mit meiner MPi jeden von euch erwischen. Es wäre dumm, wenn einer von euch den Helden zu spielen versuchte!“

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Seit Jahren arbeitete Clips Duffy auf der Mülldeponie. Früher hatte er alten Leuten ihr Gerümpel abgekauft, hatte es zum Trödler gebracht und verscherbelt. Heute war er selbst Trödler, und sein Sohn zog von Haus zu Haus, um all die Dinge abzuholen, die die Leute nicht mehr gebrauchen konnten, während der Vater tagaus, tagein im Müll nach Gegenständen wühlte, die man im Laden noch einmal an den Mann bringen konnte. Es war modern, Antiquitäten in seiner Wohnung stehen zu haben, und es gab Leute, die gaben gutes Geld für alte Stücke. Je schäbiger sie waren, desto besser verkauften sie sich manchmal.

Clips Duffy konnte das nur recht sein. Er hoffte, dass dieser Altwaren-Boom noch recht lange anhielt, denn davon profitierten er und sein Sohn. Duffy war ein kleiner Mann, der das Gesicht einer Wühlmaus hatte. Vielleicht grub er deshalb so gern im Müll herum. Sein Gesicht war von Wind und Wetter gegerbt und grau vom Staub.

In dem Sack, den er auf dem Rücken trug, befanden sich ein paar Gegenstände, an denen er große Freude hatte. Kupfergeschirr. Eine Messingvase. Ein Alabasterengel. Der Job auf der Deponie wurde von Tag zu Tag einträglicher. Die Menschen warfen immer wertvollere Dinge weg, ohne es zu wissen. Clips Duffy brauchte sie nur wieder einzusammeln und in seinem Laden auf Hochglanz zu bringen und auszustellen. Das Zeug ging weg wie die warmen Semmeln.

Duffy kratzte sich am Kopf. Grinsend dachte er: Vielleicht sollte man versuchen, die Leute dazu zu erziehen, ihre alten Sachen nicht mehr wegzuschmeißen, sondern gleich zu mir in den Laden zu bringen. Das würde mir meine Arbeit wesentlich erleichtern.

Er lachte in sich hinein und ging ein paar Schritte weiter. Plötzlich stutzte er. Was war das gewesen? Er hob den Kopf und lauschte. Da war es wieder, das Geräusch, das ihn stutzig gemacht hatte.

Jemand stöhnte.

Um Himmels willen.

Duffys Herz schlug sofort schneller. Er überkletterte den Müllberg, der ihm die Sicht nahm, stolperte, fiel, blieb an einem Stück Stacheldraht hängen, zerriss sich die alte Arbeitskleidung, kam wieder auf die Beine und erblickte einen gefesselten Mann, der verzweifelt versuchte, sich zu befreien.

„Mister!“, rief der Altwarensammler. „Mister, warten Sie, ich helfe Ihnen!“

Christopher Copeland drehte den Kopf in seine Richtung. Noch nie war ihm jemand so willkommen gewesen wie dieser alte Mann in der schäbigen Kleidung.

„Ich komme schon!“, rief Clips Duffy. „Gleich bin ich bei Ihnen!“

Atemlos erreichte er den Journalisten.

„Sie schickt der Himmel“, sagte Copeland.

„Wer hat das getan?“, wollte Duffy wissen.

„Zwei Kerle. Autostopper.“

„Ich sag’s ja immer. Man soll keine Stopper mitnehmen. Zehnmal geht es gut, beim elften Mal kriegt man eins auf die Birne, wird ausgeraubt, und wenn man Pech hat, sogar umgelegt.“

Duffy durchsuchte seine Taschen. Er fand sein Messer nicht gleich, sagte, dass Copeland nur noch ein wenig Geduld haben müsse, das Messer würde sich gleich finden.

„Wie lange liegen Sie schon hier?“, wollte der Altwarensammler wissen.

„Eine halbe Stunde.“

„Sie Ärmster. Ihre Handgelenke sind ja schon ganz wundgescheuert.“

„Ich wollte die verdammten Fesseln abkriegen, aber sie sitzen zu stramm.“

„Wenn diese Banditen andere Dinge auch so gut könnten wie unschuldige Menschen wie Pakete verschnüren, was?“

Endlich fand Clips Duffy sein Messer. Er hatte es nicht gekauft, sondern auf der Deponie gefunden. Der Griff war mit handgeschnitztem Elfenbein verziert. Eine Rarität. Und eine Kostbarkeit, von der sich Duffy ausnahmsweise nicht trennen wollte.

Rasch schnitt er die Stricke durch.

„So“, sagte er danach, und das Messer verschwand wieder in einer seiner Taschen. „Jetzt sind Sie frei, Mister. Wie fühlen Sie sich?“

„Es geht einigermaßen“, sagte Copeland.

„Soll ich Ihnen beim Aufstehen behilflich sein?“, fragte Clips Duffy fürsorglich.

„Nein, danke. Das schaffe ich schon allein.“

„Wie Sie meinen.“

Copeland erhob sich.

„Sehen Sie Ihre Taschen durch“, forderte ihn Duffy auf.

„Wozu?“

„Sie müssen doch wissen, was Ihnen gestohlen wurde.“

Copeland tat dem Mann den Gefallen. Er checkte seine Taschen durch, obwohl er wusste, dass ihm der Mafioso nichts abgenommen hatte.

„Nichts“, sagte er dann. „Es fehlt nichts.“

„Wirklich nicht?“, fragte Duffy verwundert.

„Es ist alles da. Die Kerle scheinen nur an meinem Wagen interessiert gewesen zu sein.“

„Können Sie sich an die Banditen noch erinnern?“

„Ich habe ein schlechtes Personengedächtnis.“

„Heißt das, Sie würden die Kerle nicht wiedererkennen?“

„Ich weiß es nicht.“

„Sie müssen trotzdem Anzeige erstatten.“

Davon wollte Christopher Copeland verständlicherweise nichts wissen. Er hatte Angst vor einem Wiedersehen mit dem Mafioso. Wenn er sich an die Polizei wandte, würde man ihm viele Fragen stellen. Noch mehr als dieser Altwarensammler, und wenn er sich bei seiner Aussage dann verhedderte, würde man seinen Schwindel durchschauen. Man würde die Wahrheit von ihm hören wollen, und es konnte für ihn lebensgefährlich sein, die Wahrheit zu sagen.

„Kommen Sie“, sagte Clips Duffy hilfsbereit. „Dort hinten steht mein Lastwagen. Eine alte Karre, bei der man den Eindruck hat, sie würde jeden Augenblick auseinanderfallen, aber bisher hat sie das noch nicht getan. Ich bringe Sie zur Polizei.“

„Das ist wirklich nicht nötig, ich komme schon allein zurecht“, wandte der Journalist ein.

„Hören Sie, ich kann Sie doch nicht allein davontrotten lassen. Wie stünde ich denn vor mir selbst da?“

Copeland musste den Altwarensammler zu dessen Lastwagen begleiten.

Copeland blieb davor stehen. Duffy grinste.

„Sieht nicht sehr vertrauenerweckend aus, die Karre, wie? Aber sie fährt noch ganz gut.“

Der Altwarensammler legte seinen groben Jutesack hinten auf die Ladefläche und kletterte dann in das Fahrerhaus. „Kommen Sie, Steigen Sie ein!“, forderte er den Journalisten auf.

Christopher Copeland stieg ein. Duffy startete die Maschine. Sie sprang sofort an, machte aber einen Höllenlärm. Sie verließen die Mülldeponie. Von Minute zu Minute wurde Copeland unruhiger. Es konnte nicht mehr weit bis zum nächsten Polizeirevier sein. Dort würde er dann eine Aussage machen müssen, die nicht stimmte, und auch was dieser Altwarensammler sagte, würde zu Protokoll genommen werden.

Die nächste Ampel zeigte rot. Zwei Wagen vor ihnen stand ein freies Taxi in der Kolonne. Das war die Rettung. Copeland griff in seine Hosentasche, holte seine Dollars hervor und legte einen Hunderter auf die Sitzbank.

„Vielen Dank für Ihre Mühe“, sagte er.

„Warten Sie, so warten Sie doch!“, rief Duffy. „Ich nehme kein Geld von Ihnen.“

„Stecken Sie es getrost ein, ich kann es mir leisten.“

„Aber ich muss mit Ihnen doch noch zur Polizei..

„Ich nehme das Taxi dort vorn.“

„Und meine Aussage?“

„Die Cops werden mir auch so glauben“, sagte Copeland und sprang aus dem Lastwagen. Ein Windstoß wollte sich die Banknote holen, doch Duffy packte blitzschnell zu und steckte sie ein, während Copeland zum Taxi voreilte und sich in den gelben Wagen setzte.

Es kam Grün.

Das Yellow Cab setzte sich in Bewegung. Copeland nannte dem Fahrer seine Adresse. Zu Hause angekommen, duschte er. Danach zog er sich um und nahm sich einen großen Drink.

Hinterher rief er die Polizei an, um zu melden, dass man ihm seinen Wagen gestohlen hatte. Er sprach nicht von zwei Autostoppern, die ihn überfallen hatten, und erst gar nicht über den Mafioso, der ihn unter Druck gesetzt hatte. Er meldete einen ganz gewöhnlichen Autodiebstahl. So etwas kam alle Tage vor. Und er wusste eines: dass er Männern wie Cusack nie wieder einen Gefallen erweisen würde. Was er erlebt hatte, sollte ihm eine Lehre sein.

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Zunächst standen die Gangster wie angewurzelt da. Sie hoben weder die Hände, noch trennten sie sich von ihren Waffen. Roberto Tardelli hatte sie gut im Visier. Er befand sich schräg über ihnen, und jeder, der sich eine Chance ausrechnete, war ein Idiot.

„Habt ihr nicht gehört?“, rief er schneidend. „Ihr sollt eure Waffen fallenlassen und die Flossen hochnehmen!“

Tony Tornado zog seine Pistole sichtbar mit zwei Fingern. Er warf sie auf den Boden. Roberto war sein Lebensretter. Ohne ihn wäre er jetzt bereits mit Blei gespickt gewesen. Aber er empfand keine Dankbarkeit, denn er glaubte zu wissen, dass dieser Bursche dort oben - wer immer er sein mochte - dafür sorgen würde, dass er im Zuchthaus landete.

„Cusack!“, schrie Roberto. „Brauchen Sie eine Extraeinladung?“

Der König von Brooklyn trennte sich endlich von seiner Waffe. Aber seine beiden Hitmen glaubten, es ihm schuldig zu sein, sich für ihn total einzusetzen. Sie kreiselten herum. Ein Revolver krachte. Eine MPi hämmerte. Roberto war gezwungen, zurückzuschießen.

Er spürte einen glühend heißen Schmerz am linken Oberarm, biss die Zähne zusammen und ließ den Abzug seiner Maschinenpistole erst los, bis die beiden schießwütigen Kerle kampfunfähig waren.

„Raus aus der Halle!“, rief Roberto. Sein Befehl galt Tornado und Cusack. Die beiden Hitmen waren verletzt und konnten nicht gehorchen.

Der Mafioso und der König von Brooklyn setzten sich in Bewegung. Sie würdigten einander keines Blickes. Mit erhobenen Händen verließen sie die Fabrikshalle.

Roberto behielt sie von oben ständig unter Kontrolle. Als sie aus der Halle traten, eilte Roberto zur Leiter zurück. Sie wackelte und klapperte wieder besorgniserregend, aber sie hielt der neuerlichen Belastung stand.

Als Roberto unten den Fuß auf die Granitsteine setzte, war in der Ferne das Wimmern einer Polizeisirene zu hören. Da kamen sie, die Freunde und Helfer, alarmiert von jemandem, dem Roberto dafür sehr dankbar war.

Roberto hielt die Gangster mit der MPi so lange in Schach, bis der Streifenwagen der City Police auftauchte. Ein zweites Fahrzeug traf ein. Um Missverständnissen vorzubeugen, warf Roberto die Maschinenpistole weg. Die Cops konnten schließlich nicht riechen, dass er auf ihrer Seite stand.

Er musste sich mit Cusack und Tornado an die Wand stellen. Man nahm ihm die Luger ab. Er ließ es geschehen, und als man ihn fragte, berichtete er, was geschehen war.

Daraufhin wollten die Cops von Tony Tornado wissen, warum er und Gravina den König von Brooklyn und seine Männer zu töten versucht hatten, und der Mafioso erklärte, dass dies ein Revancheakt hätte sein sollen, denn Cusack habe den Mafia-Jet von seinem Killer Gordon Keel abschießen lassen.

Roberto pfiff erstaunt durch die Zähne. Das war ihm neu.

„Da kommt einiges zusammen“, sagte er. „Denn ich kann beweisen, dass Cusack seinem Stellvertreter Cyril Murray den Auftrag gegeben hat, Brad Rafferty zu ermorden.“

Die Cops setzten sich mit der Zentrale in Verbindung. Kurz darauf trafen zwei Krankenwagen und ein Leichenwagen ein. Tote und Verletzte wurden abtransportiert.

Und auf den König von Brooklyn wartete das Exil. Man würde ihn ebenso ins Zuchthaus stecken wie Tony Tornado. Da Roberto keine Papiere bei sich hatte, musste er gleichfalls mit aufs Revier. Dort erklärte er dem diensthabenden Lieutenant, wer er war. Ein kurzes Telefonat genügte, und Robertos Worte waren bestätigt.

Roberto konnte aufatmen. Er hatte es geschafft, den König von Brooklyn unschädlich zu machen.

Der Lieutenant wies auf Robertos Oberarm.

„Es ist eine Schande, dass sich noch niemand um Ihre Verletzung gekümmert hat, Mister Tardelli.“ Er wollte zum Telefon greifen und den Polizeiarzt zu sich bitten, doch Roberto winkte lächelnd ab.

„Lassen Sie nur, ich hab’ da schon jemanden, der sich liebend gern darum kümmern wird. Ihr Arzt könnte das nicht besser machen.“

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Roberto hatte geläutet, und nun öffnete sich die Tür. Er lächelte.

„Hallo, Sam, da bin ich wieder.“

Die junge Ärztin erschrak. „Du bist ja verletzt!“

„Es ist nur ein Kratzer. Und da ein echter Indianer keinen Schmerz kennt ...“

„Komm rein, ich muss mir das sofort ansehen“, sagte Samantha Ford hastig.

Im Livingroom saßen Jossip und Maria Wassinski. Als er sah, wie sich Marias Augen weiteten, sagte er schmunzelnd: „Kein Grund zur Aufregung. So etwas passiert mir fast alle Tage.“

Samantha holte den Erste Hilfe Kasten. Roberto musste sich ausziehen und setzen.

„Wie hast du dir das eingehandelt?“, fragte die Blondine mitfühlend.

Er berichtete, dass es ihm gelungen war, den König von Brooklyn zur Strecke zu bringen. Einesteils war sie froh darüber. Andernteils nicht. Roberto würde New York verlassen, und sie würde ihn Gott weiß wann wiedersehen. Sie ließ sich nicht anmerken, dass sie traurig war. Gewissenhaft verarztete sie seine Wunde.

„So“, sagte er zu den Polen, als Samantha mit ihrer Arbeit fertig war. „Und nun werde ich mein Versprechen einlösen, das ich Ihnen beiden gegeben habe.“

„Vielen Dank, Roberto“, sagte Jossip Wassinski. „Sie können vor Gericht mit mir rechnen. Ich werde aussagen, was ich gehört und gesehen habe.“

Roberto lächelte.

„Damit tun Sir mir einen großen Gefallen.“ Er blickte Maria an. Sie wurde rot und senkte verlegen den Blick.

Er ging zum Telefon und rief Colonel Myer, seinen Vorgesetzten, an Er führte ein langes Gespräch mit dem Chef von COUNTER CRIME und erhielt von diesem die Zusage, dass er sich persönlich für die Geschwister aus Polen einsetzen würde. Als er den Hörer in die Gabel legte, sagte er zufrieden: „In Kürze werden die USA um zwei wertvolle Staatsbürger reicher sein.“

Daraufhin schwammen Marias Augen in Tränen, und Jossip Wassinski schüttelte ihm ergriffen die Hand.

„Das werde ich Ihnen nie vergessen, Roberto“, sagte er ernst. „So lange ich lebe, werde ich tief in Ihrer Schuld stehen.“

Roberto winkte lächelnd ab.

„Geschenkt. Sagen Sie mir lieber, was Sie gern trinken.“

„Wodka.“

Roberto wandte sich an Samantha.

„Hast du welchen im Haus?“

„Nein.“

„Dann werde ich welchen besorgen.“ Er rief einen nahe gelegenen Supermarkt an und ließ zwei Flaschen bringen, und dann stießen sie auf die Freiheit an, und auf das Leben, und auf die Liebe ... Einfach auf alles ...

ENDE

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Fred Breinersdorfer

Auf der anderen Seite des Hofes

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––––––––

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Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

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Später Sommer. Es war heiß draußen, die Glut der Nacht vibrierte sichtbar über den Dächern der Stadt, aber hier, nackt im Bett, gelegentlich gestreift von einem leichten Lufthauch, ließ es sich einigermaßen aushalten, zumal Billys Mädchen mit dem Kopf auf seinem Bauch lag und seine Haut streichelte. Das Mädchen hieß Elke. Aus der nach Knoblauch riechenden Küche kam Billys Katze und sprang auf die Fensterbank, von wo sie in die Nacht verschwand.

Billy starrte hinaus in den Stadthimmel, der nie richtig dunkel wird. Die Silhouette des gegenüberliegenden Daches mit zwei hohen Kaminen und einem bizarren Buckel hatte Billy schon oft skizziert und gemalt. Er hatte sie gebogen, kubistisch zerhackt, in Momentaufnahmen von innen her explodieren lassen, in rot, vornehmlich in einem seltsamen roten Ton. Billy liebte dieses Rot. Rohes Rot. Die Farbe, wie sie in der Mitte der erregten weiblichen Scham vorkommt.

Ein Fenster, von der anderen Seite herüber zum Hof schauend, halb verborgen hinter den zitternden Blättern einer Pappel, war wie so oft in diesem späten Sommer noch erleuchtet. Es fehlte darüber ein sommerlicher Taghimmel und das Haus mit Baum und hellem Fenster hätte gewirkt wie das "Empire de la lumière" von René Magritte. Billy konnte auch diesmal nicht genau erkennen, wer genau drüben im Fensterausschnitt zu sehen war, nur dass es wohl ein Mann mit eigenartig gebeugtem Rücken war, der sich schlaflos am Tisch sitzend mit hängendem Kopf betrank. Der Mann geisterte genauso wie die Silhouette des Hauses durch die Skizzenblöcke und über einen Teil der Leinwände von Billy. Der Trinker war eingezogen, kurz nachdem Billy sein Mädchen aus Marbella mitgebracht hatte. Und seit er eingezogen war, studierte Billy die Einsamkeit des fremden Mannes, den er nie auf der Straße oder in einer der Kneipen oder Geschäfte der Gegend sah. Er hätte ihn vermutlich auch nicht erkannt, denn die stets unruhigen Pappelblätter und die fahle Beleuchtung im Fenster auf der anderen Seite des Hofes, verhinderten einen klaren Blick und erzeugten stattdessen Fantasiebilder, die mit den Wahrheiten eines Trinkerlebens wahrscheinlich nichts gemeinsam hatten und nur auf die Leinwände eines Billy Wosdabczik passten.

Billy versuchte, sich mit seinen Lippen Elkes Geschlecht zu nähern, kein Vorwand, um das Rot in der Scheidenmitte zu studieren, sondern weil sich Billy nach körperlicher Liebe in heißen Nächten sehnte, doch sein Mädchen entzog ihm ihren Körper. Aber sie begann sofort, Billy an den aufregendsten Stellen zu liebkosten. Es geschah öfters, dass Elke ihm ihren Körper entzog und ihn gleichzeitig noch weiter reizte, auch wenn er schon gierig genug nach ihr war.

Billys Freundin beugte sich über seinen Schwanz und lutschte daran herum. Es war ein fast unkörperlicher Liebesakt. Nur ihr Kopf berührte seinen Buch ein wenig. Ihre Haare spürte er natürlich. Und er genoss es, wenn sie mit einer Hand weich und liebevoll seinen Hodensack hielt und mit den Fingern der anderen Hand dafür sorgte, dass seine Eichel in ihrem Mund nicht von seiner Vorhaut bedeckt war, während ihre Zunge ihr Spiel spielte. Aber sonst spürte er nichts von ihrem Körper. Ganz anders, wenn er sie morgens nach dem Aufwachen liebte, wenn sie schlaftrunken die Beine anzog, um es ihm einfach zu machen, in sie einzudringen und ihn fest an sich presste, um so viel wie nur möglich von seiner vom Schlaf trockenen und durchwärmten Haut in der Morgenkühle spüren zu können.

Im Radio begannen sie, das gemeinsame Nachtprogramm der ARD zu übertragen. Elke unterbrach ihre Liebkosung und ging zu dem Apparat und stellte etwas anderes ein. Ein Lied das ihr besser gefiel. Ein Saxophonquartett spielte auf einem freien Sender Gershwin. Billy hatte wenig für Gershwin übrig, aber er ließ sie gewähren. Er wartete voller Ungeduld auf ihren Mund.

Elke legte sich wieder zu ihm und fuhr fort, mit ihrer Zunge zu spielen, bis es ihm kam. Sie saugte aus seinem Ding wie sie aus einem Strohhalm ihre Diät-Coke in der Gluthitze des spanischen Sommers in Marbella gesaugt hatte, als sie bei Billy in einem Sommerkurs für Malerei als Aktmodell gejobbt hatte. Dabei hatte Billy festgestellt, dass Elke sehr talentiert für Landschaftsmalerei war. Noch nie gemalt und dann stellte sie ruhige, klare Farbflächen aus Acryl in ein Verhältnis zu einander, sodass Landschaften förmlich vor dem Betrachter aufwuchsen. Doch sie verlor schon bald die Freude an ihren Farbflächen. Elke blieb seit Marbella bei Billy und sprach gelegentlich von ihren Plänen in der Schule. Billy tat nichts, um sie davon abzuhalten, ihr Abitur abzulegen. Es gab viel zu viele Malerinnen, wenngleich Elke begabter war, als die meisten, die Billy kannte. Billy hatte wegen seiner Malerei nie Abitur gemacht. Er fand es für sie besser, das Abitur abzulegen und nicht zu malen, aber er war sich nicht sicher, ob Elke seine Meinung in diesem Punkt interessierte.

Als Billy seufzend sein Sperma ausgestoßen hatte, küsste ihn Elke und schenkte ihm dabei mindestens die Hälfte seines Samens. Er schmeckte in Billys Mund warm und merkwürdig rau.

Die beiden lagen nach Billys Erguss noch einige Zeit auf dem Bett so herum und sagten dies und das; leise, müde, langsam. Billy studierte den Schwung des Beines des Mädchens, das sie so über den Bettrand hängen ließ, dass der Säufer gegenüber ihre Scham hätte bewundern können, wenn er ein Voyeur gewesen wäre. Aber er war nur ein einfacher Trinker, dachte Billy.

Die beiden zündeten sich eine Zigaretten an. Es war zu heiß zum Schlafen, zu heiß zum Reden. Elke war eine Mollige, manche würden sogar sagen sie war prall. Aber Billy war das egal. Er nahm fast nie den ganzen menschlichen Körper wahr, eher nur Fragmente. Billy liebte es wenn Elke ihre Hüfte beim Rauchen im Bett seitlich herausstellte. Das gab einen schönen Schwung. Billy war bloß nicht der Künstler, der es schaffte, einen so schönen Schwung abzubilden. Er fuhr deswegen die Linie ihrer Hüfte mit der Hand nach. Er tat das nicht ohne wieder aufblühende Leidenschaft.

Und Elke ließ sich plötzlich doch von ihm entzünden. Sie spreizte mit ihren Fingern die Lippen zwischen ihren Beinen. Und Billy verfluchte sein Alter, in dem es immer schwieriger wird, kurz nachdem man ausgesaugt worden ist, noch eine zweite Erektion zu produzieren. Umso länger dauerten seine Liebkosungen und umso zärtlicher wurde das Mädchen. Billy ließ sich verführen sein Mädchen zu verführen. Elke begann vor Aufregung zu seufzen.

Die beiden waren endlich eins geworden. Elkes Stöhnen hallte schon längere Zeit über den Hof, bis sie ihn schließlich umklammerte und schrie, wie es Billy noch nie bei ihr gehört hatte.

Später, als Billy vom Klo kam, wo er versucht hatte zu pinkeln, sah er durch die Blätter der Pappel, dass der Trinker seinen Platz verlassen hatte, ohne das Licht zu löschen. Er ließ eine Bemerkung darüber fallen, bevor er sich wieder zu ihr legte.

Elke trank aus einer Sprudelflasche und saß im Schneidersitz auf dem Bett und betrachtete dabei schweigend die herumstehenden Leinwände mit aufgeplatzten Silhouetten von Häusern, Kirchen, Banken und den Porträts heruntergekommener Menschen, Leinwände die kaum jemand kaufen wollte, was Elke nicht verstand.

"Mach den Vorhang zu", sagte das Mädchen beiläufig. "Ich will nicht, dass der Mann da drüben hereingafft."

"Er sitzt nicht mehr da."

"Deswegen".

"Er kann doch durch die Pappelblätter gar nichts sehen," sagte Billy. "Warum meinst du, dass er gafft?"

"Wer ist das eigentlich?"

Billy zuckte mit den Schultern und streichelte Elkes Kopf und Wangen. "Warum soll der gaffen?"

Nach einem weiteren kleinen Schluck Wasser huschte ein selbstbewusstes Lächeln über ihr Gesicht. "Warum soll sich ein anderer Mann nicht dafür interessieren, was hier so geht?"

"Dann mach halt den Vorhang zu," sagte Billy.

Billys Mädchen ging an das Fenster und zog den Vorhang zu. Das freie Radio sendete ein Intermezzo. Eine Frau rezitierte feierlich ein selbst geschriebenes Gedicht, das damit zu tun hatte, wie herzlos Menschen miteinander umgehen können. Es war ein trauriges Gedicht. Elke war am Fenster stehen geblieben und starrte durch einen Spalt des zugezogenen Vorhangs. Billy hörte der Frau im Radio genau zu, weil er oft dachte, dass die anderen mit ihm roh umgingen und weil er glaubte, dass er das nicht verdient habe, weil er eigentlich ganz fair und rücksichtsvoll zu anderen war, nicht so schwierig wie viele Maler. Nach dem Gedicht spielte die Frau ein banale Musik und zerstörte damit den Zauber ihrer Worte.

"Man sieht nichts", sagte Elke.

Es klingelte.

Es klingelte ein zweites Mal. Die beiden sahen sich an. Im freien Radio erklärte jetzt ein Hobbyfunker, wie man mit Leuten in Australien per Tastfunk Verbindung aufnimmt. Im Schreck registriert man die absurdesten Details.

"Du machst doch nicht auf, oder?", flüsterte das Mädchen.

Es klingelte wieder. Noch einmal. Und noch einmal. Es klingelte jedes Mal ohne zu drängen. Kurz, preußisch.

"Wer ist das?"

"Irgendein verdammtes Arschloch", zischte Billy.

"Wir sind einfach nicht da," flüsterte Elke. "Warum sollen wir reagieren?"

Billy löste sich trotzdem von dem Mädchen. Elke zuckte wegen der abrupten Bewegung zusammen.

Es klopfte an der Tür. Toc, toc, toc.

"Hast 'n Guckloch in der Tür, dann guck ich," sagte Elke.

Billy ging gucken, doch Elke kam mit und drängte sich neugierig vor. Sie prallte zurück, als hätte sie den Teufel gesehen. Billy nahm sie instinktiv in den Arm und sah selbst durch den Spion.

"Jemand erkannt?"

Elke antwortete nicht.

Im Fisheye sah Billy einen Mann im Anzug ohne Krawatte und barfuß, der dem Trinker hinter der Pappel auf der anderen Seite Hofes trotz der Entfernung sehr ähnlich sah. Billy meinte, ihn an seinem gebeugten Rücken zu erkennen.

"Hau ab, Spanner", rief Billy durch die Tür.

Das Gesicht vor der Tür kam dem Fisheye ziemlich nahe, war deshalb verzerrt, grinste scheinbar, fletschte die Zähne, die Augen zu gelben Blasen mit braunen und schwarzen Ringen aufgequollen, je näher das Gesicht dem Spion kam.

Es klingelte wieder, diesmal quälend lang und der Mann sagte: "Nur einen Moment, wenn Sie die Zeit hätten. - Verstehen Sie? Ich verlange doch nichts Unbilliges." Er klingelte wieder. Kopf und Gesicht vor der Tür schrumpfte zu einer kleinen Kugel, weil der Mann zurücktrat und sich auf dem Treppenabsatz umsah, als fürchte er, andere Bewohner im Haus geweckt zu haben. Das Flurlicht erlosch, es flackerte sofort wieder auf.

"Hol die Bullen", sagte Elke laut.

Billy riss sich von dem Anblick des Fremden mit dem gebeugten Rücken los, weil er spürte, wie sein Mädchen in seinen Armen zitterte. Ihre Haut fühlte sich plötzlich ungesund kühl und feucht an.

"Oh ja, gleich die Polizei", sagte die Stimme vor der Tür. Und das Gesicht mit den gelben Augen pendelte plötzlich noch näher vor dem Fisheye herum. "Gute Idee, Elke, hole die Polizei!"

"Angst", würgte das Mädchen kaum vernehmbar hervor.

Billy umschlang sie mit beiden Armen. Der Mann hatte sich vor der Tür an den Rand des von innen sichtbaren Bereichs gepresst.

"Wer ist das?" Und weil Elke nicht antwortete zischte Billy: "Wer das ist, will ich wissen?"

Die Tür flog unvermittelt krachend auf.

Mit dem Mann drang der Geruch von altem Schweiß und frischem Schnaps in Billys Wohnung. Das passte nicht zu dem eleganten Anzug, den er trug und zu dem teuren Hemd. Er schwankte auf seinen nackten Füssen und rieb sich die Schulter.

"Hau ab, hau sofort abhauen", schrie das Mädchen und verkrallte sich förmlich in Billys nackte Haut.

"Ja, ja", sagte der Mann in beschwichtigendem Ton, "ja, Elke. Ich möchte nur an diesen Menschen hier eine Frage stellen." Sein Finger deutete auf Billy.

Unvermittelt griff das Mädchen den Trinker an, schlug nach ihm, versuchte, ihn hinauszudrängen. Auch Billy griff an. Doch das Handgemenge endete, weil der Mann mit zwei entschlossenen Hieben seiner Fäuste sich Raum verschaffte. Keuchend stand er da und sagte: "Herr Wosdabczik, bitte, gestatten Sie mir eine Frage. Eine einzige nur. Sie wissen vielleicht, dass Elke und ich, dass wir ein Verhältnis hatten?"

"Das ist Ringleben?", fragte Billy mit Blick auf Elke.

"Ringleben!"

"Ich war mit ihr zusammen. Vor diesem Job in Marbella. Vor Ihnen Herr Wosdabczik. Es war Liebe. Nicht so wie bei Ihnen, mit allem Respekt. Auch wenn noch ein paar Jahre mehr zwischen ihr und mir liegen als bei Ihnen. Liebe und viel Leidenschaft!"

"Laber nicht, hau ab", fuhr Elke dazwischen.

"Ich bin zu Hause fort gegangen und habe mir die Wohnung gegenüber genommen, um immer in deiner Nähe zu sein." Der Mann griff sich an den Hemdkragen, als wolle er einen nicht vorhandenen Schlips richten, weil Elke auf die Bemerkung von ihm schnaubend die Luft ausstieß.

"Keiner hat dich drum gebeten."

"Also, die Frage an Sie ist die, Herr Wosdabczik ... ich habe übrigens keinen Zweifel gehabt, dass Elke mit Ihnen schläft."

Elke lachte wütend.

"Ich kenne Elke gut, besser als sie sich selbst kennt. Besonders ihren Körper, müssen Sie wissen, Herr Wosdabczik. Schlafen kann sie von mir aus, mit wem sie will. Da passiert bei ihr nämlich nichts. Ich weiß das, weil ... ich habe nie gehört, wenn Sie beide etwas miteinander gehabt haben sollten. Bei uns dagegen, Elke, sag dass es stimmt, bei uns war sogar die körperliche Liebe noch viel tiefer. Ich bin der Mann, der jedes Mal die Saiten in Elke zum Klingen gebracht hat."

"Gehen Sie und trinken Sie einen", sagte Billy, der nicht die Absicht hatte, auf die Frage zu warten, die der Mann immer noch nicht herausgebracht hatte.

Doch der Trinker blieb unerschütterlich. "Frage: War das heute Nacht das erste Mal, dass Sie bei Ihnen so erregt war, dass man ... dass man ihre Leidenschaft hören konnte?"

"Das geht Sie nichts an und jetzt hauen Sie ab", sagte Billy und versuchte diesmal überfallartig, den Mann aus der Tür zu drängen. Doch der gab nicht auf.

"Ich habe ein sehr feines Gehör", sagte der Trinker, "ich weiß, dass Sie Ihnen vorhin was vorgespielt hat."

Elke griff nicht in das Handgemenge ein, zumal Billy den Mann fast schon über die Schwelle geschoben hatte und im Begriff war, die Tür zu schließen. Mit einem kleinen Lächeln, in dem noch Reste von Verständnis und Zuneigung für den Trinker mitschwangen, sagte sie zu ihm. "Ringleben, du hast auch deine Zeit gebraucht, bis ich zum ersten Mal so weit war, und bei Billy und mir hat es heute Nacht richtig geklingelt, da war nichts gespielt."

"Ausgeschlossen!" Mit ungeahnter Kraft gelang es Ringleben Billy zurück in die Wohnung zu stoßen. "Elke du kannst mich nicht täuschen."

"Doch! - Es ist endgültig, verstehst du. "

Ein metallisches Licht blendete die beiden Nackten in der Tür, weil der Trinker mit der blitzenden Klinge eines Stiletts plötzlich Lichtreflexe erzeugte. Billy wollte zupacken und ihm das Messer entreißen, und Elke versuchte noch, sich hinter die Tür zu flüchten. Doch der Mann war schneller.

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Eine Bombe für den Senator

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Hans-Jürgen Raben

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Polit-Thriller mit dem Geheimagenten Steve McCoy

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IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Martin Kucera/123 RF mit Steve Mayer, 2018

Lektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2018 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Klappentext:

Nach einem Bombenanschlag auf Senator Joseph Clark, den dieser sehr schwer verletzt überlebt, bedeutet dies das politische Ende des Mannes. Unter Verdacht, den Anschlag verübt oder in Auftrag gegeben zu haben, steht Kevin McLaren, ein potentieller Nachfolger des Senators. Nach einem weiteren Verbrechen sprechen alle Indizien gegen ihn, und er wird verhaftet.

Wegen der politischen Brisanz, die dieser Fall mit sich bringt, bekommt Steve McCoy, der Geheimagent und Spezialist für besonders heikle Angelegenheiten, den Auftrag, Licht in die ganze Sache zu bringen und stößt dabei auf Dinge und Menschen, die auch für ihn das Ende bedeuten können. Plötzlich wird er selber vom Jäger zum Gejagten. Und für einen Moment sieht er in Augen, die nur den Tod versprechen, Augen, die nicht lächeln können. In denen die kalte Erbarmungslosigkeit eines menschlichen Raubtiers liegt, das Menschen wie Ungeziefer auslöscht und dabei keine Gnade kennt. Kann Steve McCoy diesem Monster in Menschengestalt Einhalt gebieten?

***

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1.

New York, Upper East Side, September 1984

Der schlanke hochgewachsene Mann hatte sich seit einer halben Stunde nicht von der Stelle gerührt. Er stand am Fenster eines leeren Zimmers in einer verlassenen Wohnung im südlichen Manhattan und starrte durch ein Fernglas hinunter auf die Straße.

Vor ihm auf dem Fensterbrett stand ein kleiner schwarzer Kasten aus Metall. An dessen Oberseite befanden sich mehrere Knöpfe und eine dünne Antenne, die leicht hin und her schwankte. Neben dem Mann lehnte ein Gewehr an der kahlen Mauer.

Plötzlich ging ein Ruck durch die schlanke Gestalt. Die Hände in den schwarzen Lederhandschuhen krampften sich fester um das Fernglas.

Der Gegenstand, den der Mann so angestrengt betrachtete, war ein dunkelgrüner Lincoln, der seit geraumer Zeit auf der anderen Straßenseite parkte. Hinter den getönten Scheiben war die Gestalt des Chauffeurs zu erkennen. Die Limousine war ein Dienstwagen, und sie gehörte Senator Joseph Clark, der in diesem Augenblick aus dem Haus kam und auf den Wagen zuging.

Der Chauffeur sprang heraus, flitzte um den Wagen und riss die hintere Tür auf. Der Senator stieg schwerfällig ein, und mit einem dumpfen Geräusch schloss sich die Tür.

Der Mann am Fenster löste seine rechte Hand vom Fernglas und führte sie langsam zu dem Metallkasten, bis die ausgestreckten Finger über den Knöpfen schwebten. Dann hielt er wieder inne und wartete auf das Geräusch des anspringenden Motors.

Mit einer raschen Bewegung drückte er auf den roten Knopf.

Der Donner der Explosion erschütterte die ruhige Straße. Irgendwo klirrten Fensterscheiben. Der Lincoln wurde wie von einer Riesenfaust gepackt und fast einen halben Meter in die Luft geschleudert.

Splitterndes Glas, das ohrenbetäubende Kreischen des Metalls und ein lauter Schmerzensschrei zerrissen die Stille. Langsam kippte der Wagen zur Seite und blieb auf der Fahrbahn liegen.

Eine grelle orangerote Flamme schoss unter der Motorhaube hervor, und augenblicklich erfüllte beißender Gestank die Luft. Eine dunkle Rauchwolke wälzte sich über die Straße. Von allen Seiten liefen Leute auf den Wagen zu. Hilfreiche Hände zerrten die Insassen nach draußen.

Der Mann am Fenster musterte sein Werk mit der kühlen Sachlichkeit eines Chirurgen. Er warf einen raschen Seitenblick zu seinem Gewehr. Er würde es heute nicht mehr brauchen. Die paar Pfund Sprengstoff hatten ihren Zweck erfüllt. Der Wagen war nur noch ein Schrotthaufen, und Senator Joseph Clark würde in der nächsten Zeit nicht sehr aktiv sein können.

Er warf einen letzten Blick auf die verkrümmte blutüberströmte Gestalt. Der Senator lebte noch, aber er war mit Sicherheit schwer verletzt.

Ob der Chauffeur noch lebte, war nicht zu erkennen. Aber das war dem Mann mit den schwarzen Handschuhen völlig gleichgültig.

Er verstaute das Glas in dem eleganten Lederkoffer, der hinter ihm stand. Dann schraubte er mit sorgfältigen Bewegungen das Gewehr auseinander, nachdem er es entladen hatte. Die Objektive des Zielfernrohres versah er mit Schutzkappen. Mit seinem Handwerkszeug ging er stets pfleglich um.

Zuletzt verschwand das Gerät, mit dem er die Explosion ausgelöst hatte; in seinem Koffer. Ein letzter prüfender Blick in die Runde – er hatte nichts übersehen. Im Laufe der Zeit Er hatte sich daran gewöhnt, keine Spuren zu hinterlassen, denn das war für ihn lebenswichtig.

Als er die Treppe hinunterstieg, sah er wie ein Handelsvertreter aus. Er nickte einer älteren Frau freundlich zu, die mit schweren Paketen beladen die Treppe hinaufkeuchte.

In der Ferne klangen Sirenen auf.

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2.

Kevin MacLaren lehnte am Kamin seiner eleganten Stadtwohnung im südlichen Manhattan an der Park Avenue. In der Hand hielt er ein großes Glas Whisky, aus dem er aber bisher kaum getrunken hatte. Mit einer mechanischen Bewegung schüttelte er die Flüssigkeit. Schließlich nahm er einen winzigen Schluck.

MacLaren war mittelgroß und hatte dunkle, schon leicht schüttere Haare und ein wenig Übergewicht. Er hielt sich mit Golf und Tennis fit, trank wenig und rauchte zu viel. Er war jetzt fünfundvierzig Jahre alt und strebte in seiner politischen Karriere einen Senatorenposten an.

Er blickte zu seiner jüngeren Schwester Barbara hinüber, die in einem tiefen Sessel saß und ihn aufmerksam musterte. Vielleicht auch ein wenig missbilligend, dachte er.

„Wo ist deine Frau?“, fragte Barbara MacLaren plötzlich.

„Joan?“ Er lachte kurz auf. „Sie sagt mir selten, wo sie ist.“

Barbara zog die Augenbrauen zusammen. Sie war unverheiratet geblieben und himmelte ihren älteren Bruder an. Joan, seine Frau, konnte sie nicht ausstehen. Das beruhte allerdings auf Gegenseitigkeit. Die beiden Frauen gingen sich aus dem Weg, wo sie nur konnten, und Kevin MacLaren stand ein wenig ratlos zwischen ihnen. Er liebte seine Frau und versuchte, großzügig über ihre Fehler hinwegzusehen. Aber er schätzte auch seine Schwester. Auf ihre Ratschläge, die ihm schon oft geholfen hatten, hätte er ungern verzichtet.

„Was passiert jetzt nach dem Unfall von Senator Clark?“, erkundigte sich Barbara.

„Es war kein Unfall“, murmelte er. „Sein Wagen wurde von einer Sprengladung zerfetzt. Glücklicherweise hat er den heimtückischen Anschlag überlebt. Sein Chauffeur war sofort tot. Clark liegt auf der Intensivstation im Krankenhaus. Er ist noch bewusstlos. Die Ärzte sagen, dass er für mindestens acht Wochen unter strengster Aufsicht liegen muss. Und danach werden sie ihn für drei Monate in ein Sanatorium einweisen. Das heißt, Clark kann seinen Abschied vom politischen Leben nehmen. Außerdem ist er zu alt.“

„Und wer wird sein Nachfolger?“ Barbara blieb bei diesem Thema hartnäckig, obwohl sie merkte, dass ihm das unangenehm war.

Kevin zuckte mit den Schultern. „Der Unfall, wie du das nennst, kam für uns alle überraschend. Natürlich arbeite ich seit Jahren darauf hin, Clarks Nachfolger zu werden. Aber ich bin nicht der einzige Kandidat. Ehrlich gesagt, ich bin mir nicht sicher, wie ich mich jetzt verhalten soll.“

Sie beugte sich vor. „Du hast doch nur einen einzigen Konkurrenten für die Nachfolge. Ist es denn so schwer, ihn abzuhängen?“

MacLaren nahm einen kräftigen Schluck von seinem Whisky. „Du meinst John Carruthers? Er kämpft seit fast fünf Jahren gegen mich. Dabei waren wir einmal Freunde! Aber seit Joan damals mich geheiratet hat, hasst er mich. Und jetzt wird er versuchen, mich bei der Bewerbung um den Posten auszuschalten. Ich kenne ihn. Er beherrscht eine Menge schmutziger Tricks, und er wird sie auch anwenden.“

„Aber du kannst doch nicht aufgeben, nur weil du einen Gegner hast, der ernst zu nehmen ist!“

„Wer spricht von aufgeben? Es ist nur die Frage, ob ich überhaupt noch will! Seit dem Attentat auf den Senator bin ich mir nicht sicher, ob diese Karriere erstrebenswert ist.“

Barbara kam auf ihn zu und legte ihm eine Hand auf den Arm. Ihre Stimme klang sanft und leise. „Seit Jahren hast du nur dieses Ziel. Und jetzt zuckst du zurück. Es gab nie eine so günstige Gelegenheit! Der Posten, den du haben willst, muss neu besetzt werden. Das ist doch eine einmalige Chance!“

MacLaren stellte sein Glas hart ab. „Es passt mir nicht, auf diese Weise mein Ziel zu erreichen. Ich wollte regulärer Nachfolger von Senator Clark werden – und er hätte mich auch dazu gemacht. Aber dieser Anschlag hat alles über den Haufen geworfen.“

„Hat man schon eine Ahnung, wer dahintersteckt?“

„Bis jetzt gibt es keine Spur. Man hat nur einige verformte Reste der Sprengladung und des Zünders gefunden. Wie ich aus dem Polizeihauptquartier erfahren habe, hat man aber noch keine Anhaltspunkte.“

Barbara ging zum Fenster hinüber.

„Ich meine, du solltest dich nicht von diesen Dingen beeinflussen lassen. Du hast jetzt deine Chance, und du musst kämpfen. Denk noch einmal darüber nach.“

MacLaren klammerte die Hand um sein Whiskyglas und starrte auf die bernsteingelbe Flüssigkeit.

„Hoffentlich habe ich den Kampf nicht schon verloren, bevor er begonnen hat.“

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3.

Polizei-Sergeant Masters schüttelte fassungslos den Kopf. Vor ihm lag ein aufgeschlagener Aktenordner mit einem Bericht aus dem Labor.

„Lieutenant! Kommen Sie doch bitte mal herüber!“, rief er.

Sein Vorgesetzter, Lieutenant Anderson, walzte seine zweihundertzwanzig Pfund Lebendgewicht an den Schreibtisch heran.

„Was gibt’s?“, knurrte er ungnädig.

„Sehen Sie sich das an!“, sagte Masters aufgeregt. „Das Labor hat Fingerabdrücke identifizieren können. Die Funkzündung, die Senator Clarks Wagen hochgehen ließ, besteht aus Teilen einer Fernsteuerungsanlage für ein Modellflugzeug. Und daran waren deutlich Fingerabdrücke zu erkennen.“

„Na, und? Weiß man auch, wem sie gehören?“

„Das ist es ja! Sie gehören zweifelsfrei Kevin MacLaren. Das ist einer der Vertrauten des Senators. Vielleicht wird er sogar sein Nachfolger.“

„Ja, ich weiß. Ich habe ihn schließlich selbst verhört, und das ist erst ein paar Stunden her. Woher wissen die Jungs denn so genau, dass es sich um seine Abdrücke handelt? Wir haben ihm doch keine abgenommen.“

Masters fuhr mit dem Finger über den Bericht. „Er war bei der Armee. Und in den Militärakten werden alle Abdrücke gespeichert.“

Anderson nagte an seiner Unterlippe. Seine Augen waren halb geschlossen, und er machte einen schläfrigen Eindruck. Langsam schüttelte er den Kopf.

„Das passt nicht zusammen. Aber wenn sich das bestätigt, werden wir der Sache wohl nachgehen müssen. Suchen Sie alle Unterlagen heraus, die wir in unseren Archiven über diesen MacLaren haben. Erkundigen Sie sich auch beim FBI und beschaffen Sie seine Militärakte.“

Masters blickte erstaunt auf. „Wollen wir ihn nicht gleich verhaften? Die Fingerabdrücke sind doch ein klarer Beweis. Und ein Motiv hat er auch, wenn er Nachfolger des Senators werden will.“

Anderson blinzelte. „Dass man euch auf der Polizeischule das Nachdenken nicht beibringt, ist bedauerlich. Sergeant Masters, dies kann ein politischer Fall werden, und daran kann man sich verdammt leicht die Finger verbrennen. Sie können nicht einfach hingehen und MacLaren verhaften. Entweder müssen die Beweise so hieb- und stichfest sein, dass wir keine andere Wahl haben, oder wir riskieren einen Skandal ersten Ranges. Die Presse zerreißt uns in der Luft.“

„Aber Fingerabdrücke sind doch klare Beweise“, wandte Masters ein.

„Wissen Sie so genau, wo Sie Ihre Fingerabdrücke überall gelassen haben, Sergeant?“ Anderson legte die Stirn in Falten. „Das reicht mir nicht. Ich will erst alles wissen, was man über den Mann wissen kann.“

„Na gut.“ Masters zuckte mit den Schultern. Sie müssen wissen, was Sie tun. Soll ich MacLaren überwachen lassen?“

Anderson schüttelte wieder den Kopf. „Das ist nicht nötig. Er wird weder fliehen noch sich sonst verdächtig machen. Dazu wäre er viel zu schlau. Eine Überwachung können wir uns sparen.“

„Aber so schlau kann er nicht sein, wenn er seine Fingerabdrücke an Beweisstücken hinterlässt.“

Anderson lächelte. „Eben. Das ist es ja, was mich so stört. Denken Sie mal darüber nach.“

Sergeant Masters klappte den Ordner zu. Der Lieutenant hielt offenbar nicht viel vom raschen Zugreifen. Dabei wusste doch jedes Kind, dass man Verdächtige beschatten musste.

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4.

Der schlanke, hochgewachsene Mann mit den schwarzen Handschuhen und der Sonnenbrille saß auf dem Rücksitz eines Dodge. Er hatte eine dunkle Hautfarbe und scharf geschnittene Gesichtszüge. Ein gepunkteter Schal war um seinen Hals geschlungen, und ein weicher Hut verdeckte seine Stirn.

Auf den Knien lag ein schwarzer Diplomatenkoffer mit einem Zahlenschloss. Er starrte auf die Hinterköpfe der beiden Männer, die vor ihm auf den Vordersitzen saßen. Niemand sprach ein Wort.

Harvey Atkins und Bill Ellison fühlten sich immer ein wenig unbehaglich, wenn sie ihren Auftraggeber in der Nähe wussten. Der schlanke Mann strahlte Kälte aus und sagte wenig. Sie wussten, in welchem Geschäft er tätig war, aber da er sie für ihre Handlangerdienste gut bezahlte, störte es sie nicht weiter.

Sie waren Schlägertypen, die nicht clever genug waren, selber einen Coup zu landen. Wenn sie es versuchten, ging es unweigerlich schief. Und sie hatten es schon mehrfach versucht. Nach jedem Unternehmen waren sie im Gefängnis gelandet, bevor sie einen Dollar der Beute ausgeben konnten. Daher hatten sie eines Tages beschlossen, nur noch Auftragsdienste zu erledigen. Sie brauchten jemand, der für sie dachte.

Und genau das tat ihr Boss. Sie konnten sich nicht beklagen. Noch nie war ihr Risiko so gering gewesen.

Atkins, der am Steuer saß, warf einen flüchtigen Blick in den Rückspiegel. Für Sekundenbruchteile blickte er in die kalten Augen, und er bemühte sich, seine Furcht zu unterdrücken.

Rasch wandte er den Blick ab und blickte wieder zum Eingang des modernen Appartementhauses hinüber, den sie seit einer halben Stunde beobachteten. Dort herrschte reges Kommen und Gehen, aber das Wild, das sie erwarteten, war noch nicht aufgetaucht. Sie wussten nur, dass sie auf eine Frau warteten, die sie verfolgen sollten.

Ellison reinigte sich mit einer schmalen Messerklinge die Fingernägel. Seine Einstellung zu den Dingen des Lebens war sehr unkompliziert. Er machte sich nicht viel Gedanken. Sein Boss hatte ihm gesagt, was zu tun war, und so tat er es, ohne darüber nachzudenken.

Atkins blickte leicht irritiert auf die Klinge, die gewöhnlich in Ellisons Ärmel steckte. Er konnte sehr gut mit der Waffe umgehen. Als sie sich eine Zeit lang als Zuhälter versucht hatten, hatte das Messer als Instrument der Überredung gute Dienste geleistet. Atkins erinnerte sich an manch blutiges Gesicht, das Ellison mit Schnittwunden verunziert hatte.

„Da ist sie!“

Die Stimme klang scharf wie ein Peitschenhieb, und die beiden auf den Vordersitzen zuckten zusammen. Blitzschnell verschwand das Messer in Ellisons Ärmel. Atkins schluckte und fuhr sich mit der Zunge über die Mundwinkel.

Er folgte mit seinem Blick dem ausgestreckten Arm und nickte. Sie sah genauso aus, wie sie der Boss beschrieben hatte. Vielleicht noch hübscher!

Barbara MacLaren kam aus der Wohnung ihres Bruders und wollte nach Hause fahren. Sie besaß eine eigene kleine Wohnung auf der anderen Seite des East River. Mit schnellen Schritten ging sie zu einem Taxistand, der etwa hundert Meter entfernt war.

„Sie will zum Taxistand“, stellte Harvey Atkins fest und drehte sich halb herum.

Der Mann auf dem Rücksitz antwortete nicht. Er schien nachzudenken und strich mit den Händen sanft über seinen Koffer.

Bill Ellison holte ein Päckchen Kaugummi aus seiner Tasche und schob sich gleich zwei der dünnen Streifen in den Mund. Befriedigt mahlte er darauf herum.

„Tatsächlich, sie geht zu den Taxis“, meinte er.

Atkins knurrte unwillig. „Das habe ich ja eben gesagt. Sollen wir ihr nachfahren?“, fragte er über die Schulter.

„Natürlich!“ Die Stimme klang jetzt sanft, und sie vibrierte vor innerer Spannung. „Ich will, dass die Frau in jeder Minute beschattet wird. Ich muss wissen, was sie tut und wann sie es tut. Ich treffe euch morgen zur selben Zeit am üblichen Treffpunkt.“

Der Mann drückte die Tür auf und verschwand geräuschlos aus dem Wagen. Atkins dachte an eine Katze – oder eine Schlange. Sie sahen ihm nicht nach, denn das hatte er ihnen ausdrücklich verboten. Als er ihnen den ersten Auftrag gegeben hatte, waren sie ihm nachgegangen. Aber er hatte auf sie gewartet und sie mit wenigen präzisen Schlägen, die höllisch schmerzten, zu Boden geschickt.

„Wenn ihr das noch mal versucht, bekommt ihr eine Kugel verpasst“, hatte er dann ohne jede Emotion gesagt und war gegangen.

Atkins ließ den Motor an und legte den ersten Gang ein. Im Rückspiegel beobachtete er die Straße. Als sie frei war, wendete er und hielt auf der anderen Seite wieder an. Barbara MacLaren stieg gerade in ein Yellow Cab.

„Dann wollen wir uns mal dranhängen“, meinte Atkins. Der Dodge rollte langsam vorwärts.

Ellison spuckte den Kaugummi aus dem Seitenfenster und schob sich gleich einen Neuen in den Mund.

„Sabato!“, murmelte er. „Hat er eigentlich auch einen Vornamen?“ Atkins wandte flüchtig den Kopf, während er das Taxi im Auge behielt.

„Unser Boss? Ich kenne nur diesen Namen. Und kein Mensch weiß, ob das ein Vorname oder ein Familienname ist. Und vor allen Dingen: Ich will es gar nicht wissen.“

„Aber ein merkwürdiger Name ist es doch“, sagte Ellison. „Es klingt nach Mexiko. Dabei sieht er nicht aus wie ein Mexikaner.“

„Jetzt halt mal die Luft an. Dieser Name klingt auch nach Tod. Und darüber will ich nicht reden.“

„Ist ja schon gut. Pass lieber auf, dass du das Taxi nicht verlierst!“

„Den gibt’s nicht, der mich abhängt“, murmelte Atkins und gab Gas.

Der Mann, der sich Sabato nannte, hatte dem Dodge aus schmalen Augenschlitzen noch ein paar Sekunden nachgeblickt. Nun ging er in entgegengesetzter Richtung weiter. Er trat in eine Telefonzelle und wählte eine Nummer in Manhattan. Als sich der Teilnehmer meldete, sagte er nur: „Sie wissen, dass der erste Teil erledigt ist. Die nächste Zahlung ist fällig. Ich erwarte den Betrag heute Abend an der vereinbarten Stelle.“

Er wartete nicht auf die Antwort seines Gesprächspartners, sondern legte abrupt auf und verließ die Telefonzelle. Er hielt sich nicht gerne lange an einem Ort auf.

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5.

Joan MacLaren rauchte hastig eine Zigarette und drückte die Kippe mit einer fahrigen Bewegung im Aschenbecher aus. Der Mann, der ihr gegenübersaß, lächelte amüsiert.

„Bist du nervös? Wartet dein Mann auf dich? Es ist schon spät. Vielleicht solltest du jetzt besser gehen.“

„Behandle mich nicht immer wie ein Kind, John. Du weißt genau, weshalb ich nervös bin. Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll.“

Sie blickte John Carruthers fragend an. Er sah gut aus und war im gleichen Alter wie ihr Mann, wirkte aber jünger. Er tat auch mehr für seine Gesundheit und war weitaus ehrgeiziger.

Joan hatte sich schon oft gefragt, warum sie damals eigentlich MacLaren geheiratet hatte. Aber sie kannte die Antwort. Damals sah es so aus, als würde Kevin schneller Karriere machen. Aber er war ein Schwächling, nicht hart genug für das Geschäft eines Politikers.

John Carruthers war ein ganz anderes Kaliber. Er hatte keine Hemmungen und beherrschte perfekt den intrigenreichen Tanz um die Macht. Wer weiß, vielleicht würde er eines Tages noch ins Weiße Haus einziehen. Deshalb hatte sie die Beziehungen zu ihm auch nie abgebrochen. Sie wusste, dass Carruthers sie nach wie vor begehrte. Es würde sein größter Triumph sein, wenn er seinem Rivalen auch noch die Frau ausspannen konnte.

Sie zündete sich eine neue Zigarette an und sagte: „Einer von euch beiden wird Clarks Nachfolger werden. Ich möchte wissen, wer es sein wird. Dann erst kann ich mich entscheiden.“

Carruthers lächelte. „Dein Mann hat keine Chance, glaube mir. Ich habe die besseren Karten. Mach Schluss mit ihm und komm zu mir. Hier liegt die Zukunft.“

Sie schüttelte den Kopf. „Das ist nicht so einfach. Gib mir noch ein paar Tage Zeit. Ich muss darüber nachdenken.“

„Aber nicht zu lange. Ich weiß nicht, was du noch bei ihm willst. Er wird den Zweikampf mit mir verlieren, das steht fest. Damit ist seine politische Karriere beendet. Über viel Kapital verfügt er auch nicht. Das Vermögen gehört seiner Schwester, und die ist geizig. Sie wird ihn finanziell nicht unterstützen. Und bis er an dieses Vermögen herankommt, bist du alt und grau.“

Joan zitterte. „Warum sagst du mir das alles? Ich weiß es ja selbst. Aber ich kann mich trotzdem nicht so schnell entscheiden.“

„Was macht Delmonte?“, wechselte er plötzlich das Thema.

„Sein Assistent? Er ist hinter dem Geld her, und ein bisschen auch hinter mir. Er wird keinen Erfolg haben. Dafür ist er nicht der richtige Typ.“

„Man kann einen Menschen nicht so schnell beurteilen“, sagte er leise und hob sein Glas. „Cheers, mein Liebling!“

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6.

Der schlanke hochgewachsene Mann streifte sich die schwarzen Handschuhe sorgfältig über die Finger, bevor er die gläserne Schwingtür aufstieß.

Der Mann, den man Sabato nannte, sah sich aufmerksam in der Halle des Apartmenthauses um. Der Portier war nicht da. Durch einen fingierten Anruf war er für einige Minuten weggelockt worden.

Mit raschen Schritten ging Sabato auf den Lift zu. Die Tür des Mittleren stand auf. Er ging hinein und drückte auf den Knopf für das achtzehnte Stockwerk. Mit sanftem Surren setzte sich der Lift in Bewegung. Ohne Halt erreichte er sein Ziel. Sabato stieg aus und ging zwei Stockwerke zu Fuß wieder hinunter.

Auf solche Kleinigkeiten legte er großen Wert. Sollte der Portier wieder in der Halle sein, würde er nur feststellen können, dass jemand ins achtzehnte Stockwerk gefahren war.

Aber sein Ziel lag im Sechzehnten.

Sabato hätte sein Ziel auch im Dunkeln gefunden. Er warf einen Blick auf seine teure Armbanduhr. Es war zehn Minuten nach Mitternacht. Sein Zeitplan stimmte auf die Minute. Der breite Korridor wurde von indirektem Licht nur schwach erleuchtet.

Vor einer Tür blieb er stehen. Mit einer gemessenen Bewegung zog er einen Schlüssel aus der rechten Manteltasche. Er schob ihn lautlos in das Sicherheitsschloss und öffnete die Tür.

In der Wohnung war es dunkel. Er wartete einen Augenblick, bis sich seine Augen an die Lichtverhältnisse gewöhnt hatten. Sein Atem ging ruhig. Er wandte den Kopf und orientierte sich. Links lag eine kleine Küche, dahinter ein winziges Gästezimmer. So hatte man es ihm jedenfalls beschrieben.

Vorn lag ein geräumiges Wohnzimmer mit einem Balkon. Auf der rechten Seite befanden sich Bad und Schlafzimmer. Dort lag sein Ziel. Er machte noch einige Schritte und legte sein Ohr an die Tür. Schwache Geräusche verrieten, dass dort jemand schlief.

Er drückte die Tür zum Wohnzimmer lautlos auf, sodass mehr Licht in den Flur fiel. Dann zog er aus seiner linken Manteltasche einen schweren Gegenstand, der in ein Tuch gewickelt war. Vorsichtig ließ er ihn in seine Hand gleiten. Es war eine Armeepistole.

Er griff wieder in die Tasche, holte einen röhrenförmigen Gegenstand heraus und schraubte ihn auf den Lauf der Pistole. Mit einem festen Griff prüfte er den Sitz des Schalldämpfers.

Ganz langsam spannte er die Waffe, bis die erste Patrone in die Kammer glitt. Er schob den Sicherungshebel zurück, und die Pistole war schussbereit. Er nahm sie in die linke Hand und drückte mit der Rechten die Klinke der Schlafzimmertür herunter. Auch diese Tür ließ sich geräuschlos öffnen.

Deutlich hörte er die flachen Atemzüge eines schlafenden Menschen. Sacht tastete seine Hand zum Lichtschalter. Er konnte nichts sehen. Nur die Geräusche verrieten, wo sich das Bett befand.

Er schloss die Augen zu schmalen Schlitzen und drückte auf den Schalter. Eine Deckenleuchte flammte auf und tauchte das Schlafzimmer in helles Licht. Mit zwei, drei schnellen Schritten stand er vor dem breiten französischen Bett und riss die Decke zur Seite.

Er hatte keinen Blick für den halb entblößten Frauenkörper, sondern suchte nur sein Ziel. Mit einer fließenden Bewegung setzte er die Waffe genau auf das Herz der Frau, die schlaftrunken hochfuhr und nicht begriff, was mit ihr geschah.

Dreimal drückte er ab, und jedes Mal klang es wie ein dumpfer Schlag aus weiter Ferne. Der Körper der Frau bäumte sich auf und sackte haltlos zusammen. Aus ihrem Mund kam ein gurgelndes Geräusch. Dann herrschte wieder Stille. Aus Nase und Mund flossen dünne Blutfäden. Das Laken färbte sich langsam rot. Er kannte die Wirkung der Waffe aus dieser Entfernung und brauchte die Frau deshalb nicht herumzudrehen, um zu sehen, wo die Kugeln ausgetreten waren.

Barbara MacLaren war tot. Und sie hatte nicht einmal mitbekommen, dass sie sterben sollte.

Sabato schraubte den Schalldämpfer ab und ließ ihn in die Tasche gleiten. Anschließend legte er die Waffe auf den Teppich und kickte sie mit dem Fuß weit unter das Bett. Er zog die Decke über die Tote, löschte das Licht und verließ das Zimmer.

Er blickte wieder auf die Uhr. Der Zeitplan stimmte immer noch. Diesmal ging er zu Fuß drei Stockwerke tiefer und ließ einen Lift kommen. Als er in die Halle trat, nickte er befriedigt. Vom Portier war noch nichts zu sehen.

Sabato trat in die Nacht hinaus und ging mit schnellen Schritten die Straße hinunter, bis er seinen dort geparkten Wagen erreichte.

Erst als er eingestiegen war, zog er die Handschuhe aus.

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7.

Steve McCoy war in die Betrachtung seiner neuen Schreibtischlampe versunken, die er sich am Vormittag in einem sündhaft teuren Geschäft an der Madison Avenue gekauft hatte. Schließlich nickte er befriedigt. Die Lampe passte zu der übrigen modernen Einrichtung.

Auf der Madison Avenue war es so laut gewesen, dass er nur ein paar Dinge gekauft und dann den Rückweg nach Brooklyn angetreten hatte. In seinem Haus, das er von seinen inzwischen verstorbenen Eltern geerbt hatte, fühlte er sich wohl. Wenn er paar Tage frei hatte, wie jetzt nach einem anstrengenden Job, kehrte er gern dorthin zurück.

Sein Arbeitgeber war das Department of Social Research in Washington, die Tarnbezeichnung einer geheimen Abteilung des Justizministeriums, die sich mit dem Kampf gegen das organisierte Verbrechen befasste. Dessen Feldagenten wie Steve McCoy auch arbeiteten meistens unter einer Tarnidentität, und sie besaßen zusätzlich einen größeren Handlungsspielraum als beispielsweise die Kollegen vom FBI.

Das Telefon klingelte. Er ließ es  klingeln, doch als der Anrufer nicht aufgab, nahm er seufzend den Hörer auf. Er ahnte, dass dieser Griff zum Telefon eine Menge Unannehmlichkeiten bringen würde. Aber das war nun mal sein Beruf.

„Hier McCoy“, meldete er sich.

„Greene“, kam es kurz und knapp aus dem Hörer.

Steves Aufmerksamkeit war sofort geweckt. Colonel Alec Greene war Chef des Departments und damit sein Boss. Wenn er an einem seiner freien Tage anrief, konnte es sich nur um etwas Schwerwiegendes handeln. „Ich höre!“

„Es tut mir leid, dass ich Sie ausgerechnet heute stören muss, doch ich bin in New York. Wir treffen uns in einer Stunde in dem Restaurant am Bryant Park. Wir haben uns dort schon einmal getroffen.“

Er hatte aufgelegt, bevor Steve reagieren konnte. Und Leid tut es dir ganz bestimmt nicht!, dachte Steve.

Er brauchte mit dem Taxi eine knappe Stunde bis zu ihrem Treffpunkt. Das Restaurant befand sich am Ende des Bryant Park, direkt hinter dem Prachtbau der Bibliothek. Sein Boss war schon da. Steve erkannte von Weitem die breitschultrige Gestalt mit den eisengrauen Haaren. Und er war nicht allein!

„Nehmen Sie Platz, Steve.“ Der Colonel deutete auf seinen Gast. „Das ist Dr. Highwood, ein recht bekannter Anwalt in dieser Stadt. Er vertritt Kevin MacLaren, und der wiederum hat uns über das Justizministerium gebeten, seinen Fall zu untersuchen.

„Seinen Fall?“, fragte Steve mit hochgezogenen Augenbrauen.

Alec Greene nickte. „Er gilt als Nachfolger von Senator Clark und ist gestern verhaftet worden. Warum, wird Ihnen Dr. Highwood gleich erläutern. Der Fall ist jedenfalls politisch brisant und kann hohe Wellen schlagen. Man hat uns um Hilfe gebeten, da bei uns keine Informationen an die Medien durchsickern, die schon wie die Mücken um das Licht kreisen.“

Der Colonel winkte einen Kellner heran, und sie bestellten Kaffee.

Der Anwalt räusperte sich und begann: „Mein Name ist Highwood, und ich vertrete einen Klienten, der in einer bösen Klemme steckt.“

Steve betrachtete den Anwalt aufmerksam. Für seine Größe hatte Highwood eine Spur zu viel Fett angesetzt. Er sah nicht so aus, als sei er ein Anhänger von viel Bewegung an frischer Luft. Auch sein schwarzes dichtes Haar war für einen Anwalt etwas zu lang. Sein Blick hinter der dicken Hornbrille jedoch war scharf und durchdringend. Ein Mann, den man nicht unterschätzen durfte.

Steve lehnte sich zurück. „Erzählen Sie mir ihre Geschichte – oder den Fall, wenn es überhaupt ein Fall ist.“

Dr. Highwood lächelte schwach. „Ein Fall wird es ganz bestimmt. Ein Teil davon steht schon in der Zeitung.“

Er griff in seine Brusttasche und zog eine zerdrückte Zeitung hervor. „Die ist von heute Morgen. Lesen Sie selbst!“

Steve griff nach dem Blatt, das der Anwalt ihm hinhielt. Er las die klotzige Überschrift:

„Politiker unter Mordverdacht verhaftet!“

Rasch überflog er den Text:

„Unter dem dringenden Verdacht, seine Schwester ermordet zu haben, ist gestern der Politiker Kevin MacLaren verhaftet worden. MacLaren ist einer der Anwärter auf den Posten von Senator Clark, der vor wenigen Tagen bei einem Sprengstoffanschlag schwer verletzt wurde und sich seitdem im Krankenhaus befindet. Wie die Polizei mitteilt, gibt es Hinweise darauf, dass MacLaren an diesem Attentat beteiligt war. Auf dem elektrischen Zünder wurden seine Fingerabdrücke gefunden. Gestern Morgen wurde seine Schwester Barbara MacLaren tot aufgefunden. Sie wurde durch drei Schüsse aus unmittelbarer Nähe getötet. Die Tatwaffe, eine Armeepistole, lag unter dem Bett. Sie gehört ihrem Bruder, dessen Fingerabdrücke ebenfalls auf der Waffe sichergestellt wurden.

Der Verhaftete bestreitet in beiden Fällen energisch seine Schuld. Die Ermittlungen dauern an. Es wird erwartet, dass der Beschuldigte nur gegen eine sehr hohe Kaution auf freien Fuß gesetzt wird.“

Steve ließ das Blatt sinken.

„Kevin MacLaren“, murmelte er.

„Richtig.“ Der Anwalt nickte bekräftigend. „Die Sache sieht sehr mies aus, noch schlimmer, als aus diesen paar Zeilen hervorgeht. Es gibt für beide Fälle ein handfestes Motiv, und mein Mandant hat in beiden Fällen kein Alibi.“

„Reden Sie weiter. Das scheint in der Tat ein interessanter Fall zu sein“. Steve McCoy beugte sich vor. „Ich nehme an, dass Polizei und FBI ebenfalls ermitteln. Gibt es dort schon Erkenntnisse, die nicht in der Zeitung stehen?“

Der Anwalt hob die Schultern. „Das weiß ich nicht. Mein Klient hatte nur einen erlaubten Anruf, und er bat mich, das Justizministerium einzuschalten. Das habe ich getan, und wenig später hat mich Colonel Greene angerufen. Wir haben ein Treffen verabredet, und jetzt sitzen wir gemeinsam hier. Mit der Polizei habe ich noch nicht gesprochen.“

„Zu diesem Zeitpunkt gibt es eigentlich nur eine wichtige Frage“, mischte sich der Colonel ein. „Hat MacLaren die beiden Verbrechen begangen oder nicht? Die bisher vorliegenden Beweise sprechen nicht gerade für ihn.“

Highwood blickte ihn ernst an. „Ich kenne ihn sehr gut, und ich bin der festen Überzeugung, dass er es nicht getan hat.“

„Wann kann ich mit ihm reden?“, fragte Steve.

Highwood zuckte mit den Schultern. „Wann Sie wollen. Heute noch! Ich habe im Untersuchungsgefängnis jederzeit Zutritt. Außerdem will ich versuchen, ihn gegen Kaution freizukriegen. Vielleicht gelingt es mir, den Richter davon zu überzeugen, dass bei ihm keine Fluchtgefahr besteht.“

„Wieso können Sie so sicher sein, dass MacLaren die ihm zur Last gelegten Verbrechen nicht begangen hat?“

„Finden Sie es heraus. Mir scheint, dass man eine teuflische Falle aufgebaut hat, in die er ahnungslos hineingelaufen ist. Sie werden schon dahinterkommen, was ich damit meine.“

Steve sah den Anwalt nachdenklich an. „Sie sind sich Ihrer Sache ziemlich sicher, wie?“

„Allerdings.“

„Dann werden wir Ihren Mandanten gleich besuchen.“

„Ich danke Ihnen.“

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8.

Nicholas Delmonte saß in dem bequemen Drehsessel hinter dem Schreibtisch seines Arbeitgebers. Irgendwann, vielleicht schon sehr bald, würde er auch in so einem Sessel sitzen können. Er würde wie MacLaren mit vielen wichtigen Leuten reden und sich näher an die Schalthebel der Macht heranarbeiten können.

Delmonte kaute auf seiner Unterlippe. Dass man MacLaren verhaftet hatte, hatte ihm einen Schock versetzt. Er hätte es nie für möglich gehalten, dass ein so wichtiger Mann mit gewöhnlichen Verbrechern Verbindung aufnehmen könnte. Aber offensichtlich galten in diesem Land auch für die wichtigeren Leute keine besonderen Regeln. Wenn sie es versuchten, fielen sie sehr tief, wie der Fall Watergate bewies.

Delmonte war MacLarens Assistent. Gleich nach seinem College Abschluss hatte er beschlossen, die politische Laufbahn einzuschlagen. Er hatte sich alles viel einfacher vorgestellt, und dass seine Karriere nicht schneller verlief, machte ihm schwer zu schaffen. Nach sechs Jahren war er immer noch Assistent, und MacLaren war noch nicht Senator. Washington und das Weiße Haus waren weit. Wenn beides nicht in zu weite Ferne rücken sollte, musste bald etwas geschehen.

Eine Bewegung an der Tür riss ihn aus seinen Gedanken. Er blickte auf und erkannte Joan MacLaren. In einem bis zur Hüfte geschlitzten Kaminkleid lehnte sie an der Tür und betrachtete ihn spöttisch.

„Der Sessel ist noch viel zu groß für Sie“, sagte sie langsam.

Delmonte lief rot an, und sein pickliges Gesicht zuckte nervös. Er stand hastig auf und stolperte beinahe über die Beine des Sessels.

„Ich habe nur nachgesehen, ob etwas auf dem Schreibtisch liegt, das unbedingt erledigt werden muss.“

Sie lächelte und fixierte den schmächtigen kleinen Kerl, den sie wegen seiner kümmerlichen Figur und seines unsicheren Blicks verachtete. Sie wusste genau, dass er sie heimlich mit seinen Blicken verschlang. Es machte ihr Spaß, ihn aufzuregen, denn er würde es nie wagen, sie zu belästigen.

Mit leichten Schritten kam sie näher und beugte sich vor. Ihm fielen fast die Augen aus dem Kopf, als ihre festen Brüste vor ihm schwebten.

„Sie haben wieder geschnüffelt“, sagte sie leise. „Weder mein Mann noch ich schätzen das. Selbst wenn Kevin zurzeit nicht da ist, sollten Sie vorsichtig sein. Sie werden nie so sein wie er. Sie werden immer ein kleines Licht bleiben.“

Aufreizend langsam drehte sie sich um und ging wieder zur Tür. Delmonte starrte ihr nach, wobei er sich an der Schreibtischplatte festklammerte. Er wusste nicht, genau, ob er sie liebte oder hasste. Nur eines wusste er genau: Eines Tages würde er sie kriegen, ob sie wollte oder nicht.

Er ließ sich wieder in den Sessel sinken und dachte nach. Sie liebte ihren Mann nicht besonders, das war klar. Und dass sie engen Kontakt zu Carruthers hatte, war offensichtlich. Er musste unbedingt mehr darüber erfahren, denn eines Tages würde er dieses Wissen gebrauchen können.

Aber zuerst kam die Arbeit. Er zog die mittlere Schreibtischschublade auf und wühlte in den Papieren herum. Da war es!

Er legte die grüne Mappe auf den Schreibtisch und schlug sie auf. Kevin MacLaren hatte das Memorandum vor einigen Monaten verfasst. Darin war sein Programm für den Fall festgelegt, dass er Senator Clarks Nachfolger werden würde.

Delmonte hatte keine Ahnung, warum sein Auftraggeber gerade dieses Papier brauchte. Aber man hatte ihm genaue Instruktionen gegeben. Und vor allem hatte man ihm tausend Dollar versprochen. Es war ein großer Betrag für die lächerliche Aufgabe, diese grüne Mappe aus dem Schreibtisch zu holen, zumal MacLaren jetzt im Untersuchungsgefängnis saß. Er schloss die Schublade wieder und blickte auf seine Uhr. In wenigen Stunden würde er die Mappe übergeben und sein Geld erhalten.

Delmonte grinste verschlagen.

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9.

Steve McCoy schüttelte dem Mann wortlos die Hand und setzte sich auf den Stuhl neben Dr. Highwood. Das Besuchszimmer im Untersuchungsgefängnis bot einen tristen Anblick: grau gestrichene Wände, eine von Kratzern übersäte Tischplatte und die typischen Metallstühle der staatlichen Institutionen.

Kevin MacLaren sah schlecht aus. Sein Gesicht war blass, und er hatte tiefe Ringe um die Augen. Er wirkte müde und erschöpft.

„Sie wollen mir helfen?“, begann er.

Steve nickte. „Erzählen Sie, was passiert ist. Dann werde ich Ihnen sagen, wie wir weiter verfahren.“

„Ich fürchte, in meinem Fall stehen Chancen nicht sehr gut. Alle Indizien sprechen gegen mich, und die Polizei wird das Verfahren bald abschließen.“

Steve lehnte sich zurück. „Hören Sie zu, Mister MacLaren. Es interessiert mich nicht, was die Polizei in Ihrem Fall zu tun gedenkt. Ich will mir mein eigenes Urteil bilden, und das kann ich nur, wenn Sie alle meine Fragen wahrheitsgetreu beantworten, auch dann, wenn Sie sich vielleicht durch die Antworten belastet fühlen.“

MacLaren zuckte mit den Schultern. „Nun gut, fragen Sie.“ Er warf einen schnellen Seitenblick zu seinem Anwalt, aber Highwood nickte nur leicht mit dem Kopf.

„Welchen Nutzen haben Sie von den beiden Verbrechen, für die man Sie verantwortlich macht?“, fragte Steve.

MacLaren zögerte einen Moment und erklärte mit leiser Stimme: „Motive gibt es genug. Durch die Ausschaltung von Senator Clark wird die Nachfolgefrage akut. Jeder weiß, dass ich mich seit Jahren darum bemühe. Durch den Tod meiner Schwester erbe ich ein nicht unbeträchtliches Vermögen. Es ist allgemein bekannt, dass ich selbst nicht gerade reich bin.“

„Wie kommt Ihre Pistole in das Zimmer Ihrer ermordeten Schwester?“, unterbrach ihn Steve McCoy. „Und wie kommen Ihre Fingerabdrücke an die Zündanlage der Sprengladung in Senator Clarks Wagen?“

MacLaren blickte ihn unbewegt an. „Wenn ich das wüsste! Ich fasse täglich so viele Dinge an, dass es kein Problem ist, mir bei irgendeiner politischen Veranstaltung einen bestimmten Gegenstand in die Hand zu drücken, an den ich mich später nicht erinnern kann. Und die Pistole? Ich habe sie seit Wochen nicht in der Hand gehabt. Aber meine Fingerabdrücke sind natürlich drauf. Sie liegt normalerweise in einer Schublade in meinem Schlafzimmer.“

„Das heißt, diese sogenannten Beweisstücke können ohne große Schwierigkeiten manipuliert worden sein?“

MacLaren nickte entschlossen. „Der Meinung bin ich allerdings. Auch der Polizei-Lieutenant scheint sich seiner Sache nicht ganz sicher zu sein. Bei den Verhören zog er diese Möglichkeit in Betracht.“

„Dann ergeben sich als Nächstes zwei Fragen“, stellte Steve fest. „Erstens: Wer hat ein Interesse daran, Sie zu belasten. Und zweitens: Wer hatte die Möglichkeit, Ihre Fingerabdrücke zu beschaffen und an Ihre Pistole heranzukommen?“

„Ich habe eine Menge politischer Gegner. Es ist durchaus möglich, dass mich der eine oder andere aus dem Verkehr ziehen will. An meine Pistole konnte jeder heran, der in meinem Haus verkehrte. Und das sind eine ganze Menge Leute.

„Sie haben also keinen bestimmten Verdacht?“

„Nein. Ich möchte niemanden belasten, wenn ich es nicht beweisen kann.“ MacLaren sah etwas hilflos aus.

„Wie stehen Sie zu Ihrer Frau?“, fragte Steve weiter.

Dr. Charles Highwood sog scharf die Luft ein, sagte aber nichts. MacLaren schien irritiert und zögerte.

Ehe er den Mund aufmachte, erklärte Steve: „Danke, diese Antwort genügt mir schon. Also werde ich mich auch mit Ihrer Frau gründlich unterhalten müssen.“

„Heißt das, Sie werden weiter ermitteln?“, fragte der Anwalt.

„Ja. Das heißt es“, antwortete Steve. „Wer hält sich außerdem noch ständig in Ihrem Haus auf?“

„Mein Assistent. Nicholas Delmonte. Ich habe ihn schon seit vielen Jahren und kann mich nicht beklagen.“

„Und er ist immer noch Assistent?“

MacLaren sah ihn erstaunt an. „Natürlich! Er wird es auch nie weit bringen. Dazu fehlt ihm zu viel. Er ist ein guter Assistent, aber mehr nicht.“

Steve erhob sich. „Gut. Weitere Fragen habe ich zurzeit nicht. Einiges kann ich sicher auch von Ihrem Anwalt erfahren.

Sie verabschiedeten sich, und Highwood begleitete ihn nach draußen.

„Ich bin sicher, dass er die Wahrheit sagt. Ich kenne MacLaren schon seit vielen Jahren. Er kann keiner Fliege etwas zuleide tun. Deswegen wird er allerdings auch nie ein erfolgreicher Politiker werden. Ich bitte Sie, tun Sie alles, was möglich ist.“

„Das tue ich immer“, antwortete Steve kurz.

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10.

Der Verkehr war abgeflaut, und ein leichter Nebel hatte sich über die Straße gelegt. Steve schaltete das Licht im Wagen an und betrachtete noch einmal die Fotos, die ihm der Anwalt zur Verfügung gestellt hatte. Er würde Joan MacLaren und auch Delmonte danach sofort wiedererkennen. Er schob die Bilder in die Tasche und stieg aus.

Delmonte hatte eine winzige Wohnung in einer ziemlich miesen Gegend in der Nähe der Piers. Steve sah auf seine Uhr. Um diese Zeit müsste der Sekretär eigentlich zu Hause sein. Steve schlenderte langsam auf das Haus zu, die Hände in den Taschen vergraben. Vorübergehende Passanten drückten sich scheu vorbei. Es war eine Gegend, in der man sich nachts nicht allein auf den Straßen aufhalten sollte.

Als er das baufällige Mietshaus erreicht hatte, blieb er plötzlich stehen. Im Hausflur war das Licht angegangen. Steve wich in den Schatten zurück. Nach ein paar Sekunden öffnete sich die Haustür. Ein junger Mann erschien, ein schmales Päckchen unter dem Arm.

Steve erkannte ihn sofort. Delmonte!

MacLarens Assistent ging zielstrebig die Straße hinunter. Steve folgte ihm in einigem Abstand. Die Verfolgung war nicht schwierig, da Delmonte damit überhaupt nicht rechnete. Nach etwa fünfhundert Metern bog der junge Mann in eine breitere Straße ein, in der mehr Betrieb war. Steve vergrößerte den Abstand, denn Delmonte ging jetzt langsamer und blickte sich manchmal um.

Schließlich blieb der Assistent vor einem Lokal stehen, musterte den Eingang und verschwand plötzlich darin.

Steve wich zwei Pennern aus, die ihn sonst angerempelt hätten, und betrachtete die Kneipe. „Bills Tavern“ stand in nur noch teilweise aufleuchtenden Buchstaben über der Tür. Die Fenster waren mit schmutzigen Vorhängen dekoriert. Entschlossen drückte Steve die Tür auf und trat ein.

Ein Schwall von warmer abgestandener Luft schlug ihm entgegen. Er verzog angewidert die Nase, als er den Geruch von schalem Bier, vollen Aschenbechern und angebranntem Essen wahrnahm.

Mit einem raschen Blick erfasste er die Szene. Niemand beachtete ihn. Rechts befand sich eine lange Theke, die dicht besetzt war. Einzelheiten waren bei der trüben Beleuchtung und der rauchigen Luft nur schwer zu erkennen.

Links befand sich eine Reihe Nischen mit Sitzecken, die nur zum Teil besetzt waren. In einer saß Delmonte, das Päckchen immer noch unter dem Arm. Vor ihm stand ein Kellner in einer ehemals weißen Schürze. Offenbar nahm er gerade die Bestellung auf.

Delmonte war allein und schien sich nicht besonders wohlzufühlen. Er sah sich in dem Raum unsicher um, als befürchte er, von irgendjemandem angegriffen zu werden.

Steve wandte sich zur Seite und ließ sich an einem kleinen runden Tisch nieder. Er musterte flüchtig den übervollen Aschenbecher und die Bierlache – aber die anderen Tische sahen nicht besser aus. Außerdem hatte er hier einen guten Überblick. Der Kellner brachte Delmonte gerade seinen Drink.

Steve bestellte ein Bier und wartete. Delmonte war mit Sicherheit kein Stammgast in diesem Lokal. Er schien herbestellt worden zu sein, und Steve wollte gerne wissen, mit wem sich der junge Mann hier treffen wollte.

Steve McCoy brauchte nicht lange zu warten. Er hatte gerade den ersten Schluck von seinem Bier genommen, als die Tür aufging und zwei weitere Gäste das Lokal betraten.

Es waren zwei Gangstervisagen. Sie sahen sich kurz um und gingen dann zielstrebig auf Delmonte zu, der ihnen ein wenig ängstlich entgegensah. Steve konnte zwar nicht hören, was gesprochen wurde, aber das, was er sah, sprach für sich selbst.

Das Päckchen, das Delmonte bei sich hatte, wurde geöffnet. Eine grüne Mappe kam zum Vorschein. Einer der beiden Neuankömmlinge blätterte darin herum, zog dann einen Zettel aus der Tasche und verglich damit irgendetwas. Steve lächelte. Man hatte dem Mann offenbar aufgeschrieben, worauf er achten sollte.

Die Prüfung fiel offensichtlich befriedigend aus. Die Mappe wurde wieder eingewickelt und wechselte ihren Besitzer. Anschließend zog einer der beiden einen Umschlag aus der Tasche und schob ihn über den Tisch. Delmonte griff gierig danach und riss ihn auf.

Durch die heftige Bewegung wurden einige der Geldscheine, die darin waren, über den Tisch verstreut. Schnell sammelte Delmonte sie wieder ein, zählte sie hastig durch und schob sie in seine Tasche. Er nickte. Das Geschäft war zur beiderseitigen Zufriedenheit abgewickelt worden.

Die beiden Ganoven standen auf. Delmonte blieb sitzen und nippte ein weiteres Mal an seinem Glas.

Steve warf ein paar Dollar auf den Tisch und stand ebenfalls auf. Die beiden anderen Typen waren jetzt wichtiger als Delmonte. Der Vorgang, den er eben verfolgt hatte, ließ keinen Zweifel zu. Material hatte gegen Bezahlung seinen Besitzer gewechselt. MacLarens Assistent war käuflich. Steve würde sich mit ihm noch näher befassen müssen.

Er sah sich um. In der Kneipe achtete immer noch niemand auf ihn. Delmonte stierte vor sich hin. Die beiden Ganoven waren bereits wieder draußen.

Schnell drückte er die Tür auf und atmete gierig die frische Luft ein. Die beiden waren noch keine zehn Schritte entfernt. Er hatte sich die Gesichter gut eingeprägt und würde sie jederzeit wiedererkennen. Langsam folgte er ihnen.

Plötzlich verschwanden sie in einer dunklen Toreinfahrt. Steve zögerte. Sie hatten sich nicht umgedreht, dennoch schien der Richtungswechsel unmotiviert. Aber Steve hatte keine Wahl. Er ging auf die Einfahrt zu.

Obwohl er mit einer Falle rechnete, kam der Angriff überraschend. Eine massige Gestalt stürzte sich auf ihn, und ein gewaltiger Hieb in die Herzgegend nahm ihm den Atem. Er taumelte zurück.

Schon tänzelte der andere heran und versetzte Steve einen Schlag gegen die Schulter. Steve wurde herumgeworfen. Der Erste hatte darauf gewartet. Steve glaubte, von einer Dampframme getroffen zu werden, als ihn der Hieb voll erwischte.

Er knurrte wütend, kam wieder auf die Beine und ging in Abwehrstellung. Die beiden wollten ihn fertigmachen. Aber Steve war entschlossen, jetzt die Initiative zu ergreifen.

Er wich dem nächsten Schlag durch einen Sidestep aus und schlug selbst zu. Der Angreifer lief direkt in seine Faust und heulte auf, als ihn der rechte Haken am Ohr erwischte. Der andere warf sich auf Steve McCoy. Er war größer und schwerer – aber auch unbeherrschter.

Steve hatte keine Schwierigkeiten, ihm auszuweichen. Er tänzelte zur Seite. Sein gestrecktes rechtes Bein schoss vor und traf die Kniescheibe des anderen. Zugleich fuhr seine Handkante gegen den Hals des Gegners. Er wurde gegen die Hauswand geschleudert, wo er wimmernd stehenblieb und seine Knie umklammerte.

Doch Steve war mit ihm noch nicht fertig. Er wollte nachsetzen, um ihn endgültig auszuschalten. In diesem Augenblick erwischte ihn der andere von hinten zwischen den Schulterblättern. Steve wirbelte herum und wich dem nächsten Schlag aus. Er hörte nur das Keuchen des anderen.

Aus dem Augenwinkel sah er, dass der Erste sich wieder von der Mauer löste und auf ihn zu humpelte. So leicht gaben die beiden nicht auf. Aber auch Steve hatte noch ein paar Tricks in Reserve. Er wich zurück, als der Kleinere angriff. Sie versuchten, ihn in die Zange zu nehmen.

Steve grinste. Solche Situationen waren ihm vertraut, sodass er mechanisch reagieren konnte. Er schlug eine Finte und drehte sich dann blitzschnell um seine Achse. Einer der beiden Gegner stöhnte laut auf, als ihn Steves Faust voll traf.

Sofort wich Steve wieder zurück und ließ den Zweiten auflaufen. Nun hatte er von der Schlägerei genug. Er wollte gerade nach seiner Waffe greifen, um der Auseinandersetzung ein Ende zu machen, als er das Blitzen einer dünnen Klinge bemerkte. Er hatte keine Zeit mehr, die Beretta zu ziehen und ging rasch in Abwehrhaltung.

Die scharfe Klinge zischte vor. Sie hätte ihm das Gesicht zerschnitten, wenn er nicht im letzten Augenblick zur Seite ausgewichen wäre. Er legte alle Kraft in die ausgestreckten Finger der rechten Hand, um einen Karatestoß anzubringen. Aber es gelang ihm nicht ganz. Der Gegner wich ebenfalls zurück, wechselte das Messer in die andere Hand und griff erneut an. Diesmal versuchte er es mit einem Stoß von unten.

Steve wusste, wie gefährlich ein erfahrener Messerkämpfer war. Er blockte die Aufwärtsbewegung mit seinem Unterarm ab und spürte, dass der Stoff seines Ärmels aufgerissen wurde. Gleichzeitig hieb seine Hand durch die Luft wie eine Axt. Nun kannte er keine Rücksicht mehr.

Er traf das Jochbein des anderen und hörte das Knirschen des Knochens. Der fürchterliche Hieb riss den Kopf des anderen herum. Der Gangster schrie laut auf. Mit einem zweiten Hieb traf Steve das Handgelenk des Gangsters, und das Messer klirrte zu Boden.

Der Zweite blieb stehen und wich langsam zurück, als Steve auf ihn zuging. Er hob abwehrend die Hand.

„Hören Sie, können wir uns nicht anders einigen?“, fragte er.

Steve zog seine Pistole, und der andere starrte entsetzt auf die dunkle Mündung.

„Sie – Sie wollen doch nicht schießen?“, stammelte er ängstlich.

Steve ließ die Waffe kreisen, und die beiden stolperten zurück. Sie gehörten zu den kleinen Ganoven, die sich nur stark fühlten, wenn sie die Oberhand hatten. Sobald sie einem Stärkeren gegenüberstanden, waren sie feige und ängstlich. Steve kannte diesen Typ gut. Kanalratten, dachte er.

„Wo ist die grüne Mappe?“, herrschte er sie an.

Einer von ihnen griff unter seine Jacke. Steve hob die Pistole, aber der andere holte tatsächlich den Umschlag heraus und warf ihn mit einem ärgerlichen Grunzen auf den Boden.

„Und jetzt verschwindet!“, sagte Steve. „Aber schnell, ehe ich es mir anders überlege!“

„Wir sehen uns noch“, knurrte einer der beiden, ehe sie im Dunkeln verschwanden.

Steve McCoy bückte sich und hob die Mappe auf. Dann ließ er seine Waffe wieder im Holster verschwinden und trat den Rückweg zu seinem Wagen an.

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11.

Joan MacLaren saß vor dem Spiegel und bürstete ihr Haar. Sie starrte ihr Ebenbild an und verzog das Gesicht. Die ersten Falten zeigten sich. Sie wurde nicht jünger. Es wurde Zeit, eine Entscheidung zu treffen.

Sie hielt erschrocken inne, als das Klingeln des Telefons sie aus ihren Gedanken riss. Wer konnte das jetzt noch sein? Um diese Zeit hatte früher höchstens Kevin angerufen, um ihr mitzuteilen, dass er noch irgendwo aufgehalten wurde. Aber im Untersuchungsgefängnis würde man ihm das kaum erlauben. Sie lächelte.

Sie erhob sich, schlenderte zum Nachttisch hinüber und nahm den Hörer ab. „Ja?“

Sie erkannte die leise drängende Stimme am anderen Ende sofort.

„Hör zu, da ist etwas passiert, das unsere Pläne beeinflussen kann. Ich muss wissen, ob dein Mann jemanden mit der Aufklärung seines Falles beauftragt hat. Das ist sehr wichtig.“

Sie tat erstaunt. „Die Polizei beschäftigt sich ausführlich mit dieser Angelegenheit. Und der Staatsanwalt auch, nehme ich an. Aber das solltest du eigentlich wissen.“ Sie lachte leise.

„Das meine ich nicht.“ Seine Stimme wurde beschwörend. „Kümmert sich ein Außenstehender um Kevin? Gibt es jemanden, der außerhalb der offiziellen Stellen Ermittlungen anstellt?“

Joan runzelte die Stirn. „Er hat natürlich seinen Anwalt. Dr. Highwood. Das ist ein alter Schulfreund, der seine Verteidigung übernehmen will. Aber das ist doch ganz normal. Ich verstehe nicht, wieso du so daran interessiert bist.“

Die fremde Stimme unterbrach sie ungeduldig. „Ich weiß, dass er einen Anwalt hat. Aber gibt es außer ihm jemanden? Das muss ich herauskriegen.“

Joan zögerte einen Moment und dachte nach. Die Sache erschien ihr mysteriös. „Mir ist nicht bekannt, dass außer seinem Anwalt noch jemand für ihn arbeitet. Delmonte vielleicht?“

Der Mann am anderen Ende lachte. „Nein, der bestimmt nicht!“

„Wenn du schon so genau Bescheid weißt, warum fragst du mich dann noch?“

„Nun sei nicht gleich beleidigt. Ich bitte dich nur um eine kleine Gefälligkeit.“

„Diese Gefälligkeiten kenne ich. Na schön, was soll ich für dich tun?“, fragte Joan MacLaren mit sarkastischem Unterton.

„Geh morgen zu deinem Mann und frage ihn, ob er selbst irgendjemanden beauftragt hat. Du musst es aber so geschickt anstellen, dass er nicht argwöhnisch wird.“

„Danke für die Belehrung. Ich weiß, wie ich mit meinem Mann umgehen muss. Ich bin schließlich schon ein paar Jahre mit ihm verheiratet.“

Wieder ertönte ein leises Lachen. „Hoffentlich nicht mehr allzu lange!“

„Das lass nur meine Sorge sein!“ Wütend knallte sie den Hörer auf die Gabel.

Sie setzte sich wieder vor den Spiegel und versuchte, sich zu beruhigen. Ihre Hände zitterten leicht. Sie streckte sie aus und betrachtete die schlanken Finger. Dann blickte sie wieder in den Spiegel. Noch war sie schön, und die Männer drehten sich auf der Straße nach ihr um. Aber schon jetzt mussten die Erzeugnisse der kosmetischen Industrie in erheblichem Maße dazu beitragen. Eines nicht allzu fernen Tages würde es auch damit vorbei sein. Und bis dahin musste sie erreicht haben, dass es darauf nicht mehr ankam.

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12.

Steve McCoy blickte an der Fassade des Hauses hinauf. Es lag in einem guten Viertel und sah noch relativ neu aus. Hier also wohnte Kevin MacLaren, von Beruf Politiker und zurzeit unter Mordverdacht Untersuchungsgefangener der Stadt New York.

Steve war schon früh hergekommen. Er hoffte, MacLarens Frau anzutreffen, ehe sie das Haus verließ. Denn mit ihr musste er unbedingt sprechen. Er studierte die Tafel mit den Namen der Mieter und ließ sich dann vom Lift nach oben tragen.

Er drückte auf die Klingel, und es dauerte fast dreißig Sekunden, bis sich die Tür langsam öffnete. Es war nicht Joan MacLaren, die ihm öffnete. Delmontes käsiges Gesicht sah ihm ängstlich entgegen.

„Wir kaufen nichts“, sagte er missmutig.

Steve machte einen Schritt nach vorn und legte eine Hand auf die Tür.

„Ich will Ihnen nichts verkaufen.“ Er drückte Delmonte mit Leichtigkeit von der Tür weg und drängte in die Wohnung.

„He! Was erlauben Sie sich? Verlassen Sie sofort diese Wohnung!“ Delmonte gab sich empört, konnte seine Furcht aber nicht verbergen. Er war das personifizierte schlechte Gewissen. Ohne weitere Gegenwehr trat er zurück und ließ Steve McCoy nähertreten.

Steve beschloss, gleich aufs Ganze zu gehen. Mit Überraschung und Einschüchterung kam man bei diesen Typen am weitesten.

„Sind Sie allein?“

Delmonte nickte überrascht. „Ja. Mister MacLaren ist – äh ...“

„Ich weiß, wo er ist. Und seine Frau?“

„Sie ist bei ihm. Sie ist heute schon sehr früh zu ihm gefahren. Und sonst ist niemand hier. Was wollen Sie denn von mir?“

Steve betrachtete ihn abschätzend, und der andere wurde nervös.

„Verdammt noch mal, so antworten Sie doch endlich. Das ist Hausfriedensbruch!“

Plötzlich schien ihm eine Idee zu kommen, und er wurde ganz kleinlaut. „Polizei?“, fragte er leise.

Steve antwortete nicht und ging ins Wohnzimmer. Er stellte sich ans Fenster und blickte auf die Straße hinunter.

„Mister Delmonte, Sie haben merkwürdige und außerdem gefährliche Bekannte“, bemerkte er sanft.

Er spürte, dass der andere den Atem anhielt.

„Wie meinen Sie das?“

Steve fuhr herum. „Lassen Sie das alberne Spiel. Wer hat Sie beauftragt, die grüne Mappe aus MacLarens Unterlagen zu nehmen, und wie viel haben Sie dafür bekommen? Diese Papiere sind in den falschen Händen ein weiterer Beweis für MacLarens Schuld, das ist Ihnen doch klar? Also? Antworten Sie!“

Delmonte wurde wachsbleich. Auf seiner Stirn bildeten sich Schweißperlen. Er wich langsam zurück, bis er sich an einem Tisch festhalten konnte.

„Ich weiß nicht, wovon Sie reden“, flüsterte er.

Steve McCoy trat einen Schritt auf ihn zu und packte ihn an den Aufschlägen. „Sie wissen sehr genau, wovon ich rede. Gestern Abend haben Sie eine bestimmte Mappe an zwei Typen übergeben, die man unschwer als Gangster übelster Sorte erkennen konnte. Dafür haben Sie einen Umschlag mit Geld bekommen.“

„Ja, ja, aber das ist doch harmlos“, stammelte Delmonte. „Das war eine kleine Gefälligkeit. Das hat nichts zu bedeuten! Das waren Parteifreunde von MacLaren, die sich für ein Referat interessierten. Da ist doch nichts dabei! Und das Geld waren Schulden, die mir bei dieser Gelegenheit zurückgezahlt wurden.“

„Mit Ausreden sind Sie ja schnell bei der Hand.“ Steve schüttelte den anderen leicht und ließ ihn schließlich los. Er konnte ihm nichts beweisen, und Delmonte hatte überraschend schnell reagiert.

„Ihr Boss wird sich wahrscheinlich für diese Art von Parteifreunden bedanken“, sagte Steve. „Solche merkwürdigen Geschäfte zahlen sich selten aus. Daran sollten Sie denken, wenn Sie das nächste Angebot dieser Art bekommen. Und das kommt bestimmt, denn leider haben Ihre Parteifreunde die Mappe wieder verloren, und das ist sicher sehr ärgerlich für sie.“

Delmonte bewegte den Mund wie ein Fisch auf dem Trockenen. Er wollte etwas sagen, brachte aber nichts heraus.

In diesem Moment ging die Tür auf. Joan MacLaren stand auf der Schwelle. Langsam zog sie ihre Handschuhe aus und betrachtete die beiden Männer von oben bis unten.

„Ich wusste nicht, dass Sie Ihren Besuch in unserer Wohnung empfangen, Delmonte.“ Ihre Stimme klirrte wie Eis.

„Das ist nicht mein Besuch“, antwortete Delmonte hastig. „Er wollte eigentlich zu Ihnen. Ich habe ihm ja gesagt, dass niemand hier ist. Er hat sich noch nicht mal vorgestellt.“ Langsam zog er sich zurück.

Die Frau gab die Tür frei und ließ Delmonte durch. Er schien erleichtert, als er den Raum verlassen konnte.

Sie musterte Steve abschätzend, warf Handschuhe und Tasche auf einen Stuhl und setzte sich auf eine zierliche Couch.

„Dort drüben stehen Getränke“, sagte sie und deutete auf die Bar.

Steve rührte sich nicht und betrachtete sie schweigend.

„Ich glaube, ich weiß, wer Sie sind“, sagte sie schließlich. „Sie arbeiten für meinen Mann, um seine Unschuld zu beweisen, was nicht ganz einfach sein dürfte. Er scheint großes Vertrauen zu Ihnen zu haben.“

Steve verriet sein Erstaunen nur mit einem leichten Runzeln der Stirn. Ihr Mann hatte ihr offenbar einiges erzählt – wenn auch nicht alles. Er verspürte kein Bedürfnis, ihr die ganze Wahrheit mitzuteilen. Sollte sie ihn einfach für einen Privatdetektiv oder etwas Ähnliches halten.

„Wundern Sie sich darüber, dass ich alles weiß?“ Sie lächelte überlegen und arrogant. „Sie müssen wissen, dass mein Mann mir alles erzählt, wenn ich ihn danach frage. In dieser Beziehung ist er ganz anders als ich.“

Steve nickte leicht. „Das ist wohl so.“

Er wandte sich ab und ging zur Bar. „Was wollen Sie trinken?“

„Einen Bourbon mit Soda, bitte. Nehmen Sie sich, was Sie mögen.“

Steve mixte ihr den Drink. „Um diese Zeit trinke ich noch nichts. Ich muss tagsüber arbeiten.“

Sie sah ihn spöttisch an und hob ihr Glas.

„Auf Ihren Erfolg, Mister McCoy!“

Er nickte ihr zu. „Ich habe eine interessante, wenn auch einseitige Unterredung mit Mister Delmonte gehabt. Immerhin hat er ein schlechtes Gewissen.“

Sie fuhr hoch. „Was wollen Sie damit sagen? Meinen Sie etwa, ich sollte auch ein schlechtes Gewissen haben? Ich habe weder Sprengladungen versteckt noch jemanden umgebracht. Ich ahnte nicht, dass mein Mann solche Dinge tun könnte.“

„Sie glauben also an seine Schuld?“

Sie nagte an ihrer Unterlippe. „Ich weiß es nicht. Und jetzt gehen Sie. Ich möchte dieses Gespräch mit Ihnen nicht fortsetzen. Denken Sie daran, dass mein Mann Sie beauftragt hat, nicht ich. Ich habe Ihnen nichts weiter zu sagen.“

Steve stand auf. Seine Stimme blieb ruhig. „Ich werde sicher noch mal wiederkommen. Sie haben mir noch eine ganze Menge zu sagen. Über die Kanzlei von Dr. Highwood können Sie mich erreichen. Mein Name ist Steve McCoy.“

Mit ein paar schnellen Schritten war er an der Tür und riss sie auf. Delmonte stand auf der anderen Seite, hob abwehrend die Hände und wollte zu einer Erklärung ansetzen.

Steve McCoy schnitt ihm mit einer unwilligen Handbewegung das Wort ab. „Wir sprechen uns noch!“

Joan MacLaren krampfte ihre Hand um das Glas und starrte noch lange auf die Tür.

Dann erhob sie sich und ging zum Telefon.

––––––––

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13.

Der schlanke hochgewachsene Mann mit der dunklen Gesichtsfarbe zog sorgfältig die Handschuhe straff. Anschließend stieg er aus dem Wagen und öffnete den Kofferraum. Er warf einen prüfenden Blick nach allen Seiten, aber niemand achtete auf ihn. Die Leute in dieser Gegend hatten genug mit ihren eigenen Problemen zu tun.

Er nahm den langen Gegenstand, der in einer braunen Segeltuchhülle steckte, heraus und knallte den Kofferraum wieder zu. Langsam ging er auf einen Hauseingang zu und trat ein. Er machte kein Licht im Hausflur. Er war es gewohnt, sich im Dunkeln zurechtzufinden.

Er brauchte drei Minuten, bis er das oberste Stockwerk erreicht hatte. Ohne Schwierigkeiten öffnete er die Klappe, die auf das Dach führte. Mit einem eleganten Satz schwang er sich hoch und stemmte sich durch die Luke. Leise fiel die Klappe wieder zurück.

Er brauchte ein paar Sekunden, um sich auf der abschüssigen Fläche zu orientieren. Er ging nach vorn zur Straßenfront und riskierte einen Blick. Das Haus auf der gegenüberliegenden Seite war etwa gleich hoch. Er musterte die Fenster im oberen Stockwerk. Die Wohnung, die er suchte, war erleuchtet. Er bemerkte einen flüchtigen Schatten, der sich hinter den Fenstern bewegte.

Der Mann, den man Sabato nannte, verzog keine Miene. Er wusste, dass er sein Wild um diese Stunde antreffen würde. Er pflegte seine Aktionen gründlich vorzubereiten. Deswegen war sein Preis auch ziemlich hoch – und das Risiko seiner Auftraggeber gering. Das wusste man in den Kreisen, wo sein Name hinter vorgehaltener Hand geflüstert wurde.

Sabato sah sich auf dem Dach um, bis er einen geeigneten Platz gefunden hatte. Hinter einem Schornstein kauerte er sich nieder. Er zog ein Gewehr aus der Segeltuchhülle. Es war ein Präzisionsgewehr von Browning, Marke Safari Grade.

Er strich kurz mit der Hand über den Walnussschaft und überprüfte den Verschluss. Danach schraubte er das Weaver-Zielfernrohr auf und nahm die Schutzkappen an den Objektiven ab.

Schließlich holte er ein Magazin aus der Tasche und füllte es mit fünf H&H .375 Magnum-Patronen. Er drückte das Magazin in die Kammer, bis der Riegel einrastete. Dann zog er den Verschlusshebel zurück, und die erste Patrone glitt in den Lauf.

Er richtete sich auf und stützte den Gewehrlauf gegen die Schornsteinmauer. Er presste sein Auge gegen das Okular des Zielfernrohrs und schwenkte den Lauf langsam herum, bis er sein Ziel im Visier hatte. Er überprüfte noch einmal die Entfernung und drehte an der entsprechenden Schraube.

Das Gewehr war auf das mittlere der drei erleuchteten Fenster gerichtet. Dort lebte der Mann, den er in dieser Nacht töten wollte. Für ihn war das eine Arbeit wie jede andere. Es gab nur einen Unterschied. Er durfte sich keine Fehler leisten. Er war ein Spezialist und machte keine Fehler. Das überließ er den Amateuren. Zum Beispiel solchen Dummköpfen wie Atkins und Ellison.

Sein rechter Zeigefinger erreichte kurz den Druckpunkt und entspannte sich gleich darauf wieder. Noch war es nicht soweit.

Der Mann dort drüben lief unruhig im Zimmer hin und her. Durch das hochwertige Zielfernrohr waren alle Einzelheiten gut zu erkennen. Die Wohnung war nicht besonders geschmackvoll ausgestattet. Zur Straße hin lagen ein winziges Schlafzimmer mit einem Fenster und das Wohnzimmer mit zwei Fenstern.

Der Mann stand jetzt in der Mitte des Zimmers vor einem runden Tisch. Er hielt etwas in der Hand, das nicht genau zu erkennen war. Der Vorhang verdeckte ihn zum Teil.

Sabato hielt das Gewehr völlig ruhig auf die Stelle gerichtet, wo der Mann wieder vorbeikommen musste. Im Fadenkreuz war eine hässliche Vase, die auf einem Schrank stand.

Als sich nach dreißig Sekunden immer noch nichts rührte, schwenkte Sabato den Lauf herum. Das Fadenkreuz wanderte mit. Irgendetwas schien die Aufmerksamkeit des Mannes erregt zu haben. Er stand in merkwürdig gespannter Haltung da.

Plötzlich war er aus Sabatos Gesichtsfeld verschwunden. Rasch schwenkte Sabato den Lauf herum, aber hinter keinem der Fenster tauchte der Mann auf. Dann atmete er auf. Das Opfer war wieder ins Zimmer getreten.

Aber es war nicht allein, ein zweiter Mann folgte ihm.

Sabato stieß einen Fluch aus. Er musste seinen Plan ändern. Jetzt hatte er keine Zeit mehr zu verlieren.

Er sah, dass der andere zur Zimmermitte zurückwich. Schnell richtete er das Gewehr wieder auf die alte Stelle. Die Vase erschien im Fadenkreuz.

Und dann, ganz langsam, schob sich ein Hinterkopf vor die Vase. Noch einmal korrigierte Sabato die Richtung, bis der Schnittpunkt der beiden dünnen Fäden genau hinter dem linken Ohr lag.

Dann drückte er ab.

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14.

Steve McCoy erstarrte, bis er den Schock überwunden hatte. Dann warf er sich zu Boden, robbte zur Tür und löschte das Licht.

Aber es fiel kein weiterer Schuss.

Steve blieb einige Minuten bewegungslos liegen. Danach kroch er zum Fenster und blickte vorsichtig hinaus. Es war niemand zu sehen. Er musterte die Fenster und das Dach des Hauses auf der anderen Straßenseite. Dann wandte er den Kopf und versuchte, die Schussbahn zu bestimmen. Der Schütze musste auf dem gegenüberliegenden Dach hocken. Wenn er noch dort war.

Er zog die Jalousien an den beiden Fenstern herunter und machte wieder Licht. Übelkeit stieg in ihm auf.

Er hatte sich vorgenommen, an diesem Abend mit Delmonte ernsthaft zu sprechen. Er war sicher, dass er ihn zum Reden bringen würde.

Die Geschichte mit der grünen Mappe stank zum Himmel. Delmonte hatte Dreck am Stecken.

Doch er konnte ihm nun nicht mehr weiterhelfen.

Steve McCoy hatte geklingelt und MacLarens Assistent einfach ins Zimmer geschoben, als ihm geöffnet worden war. Delmonte hatte ihn nur fassungslos angestarrt und war zurückgewichen.

Steve hatte gerade den Mund aufgemacht, als die Scheibe ein Loch bekommen hatte, eine Vase klirrend zerplatzt war – und Delmonte plötzlich kein Gesicht mehr gehabt hatte. Für einen Sekundenbruchteil stand er reglos da – dann war er wie vom Blitz getroffen zusammengesackt, ohne jeden Laut. Das Geschoss aus dem Hinterhalt war in seinen Hinterkopf gedrungen und hatte ihm den halben Schädel weggerissen, bevor es die Vase zersplittert hatte und in der Wand steckengeblieben war.

Delmonte war sofort tot gewesen. Überall war Blut. Hier konnte Steve nichts mehr tun.

Er blickte auf seine Uhr. Seit dem Schuss war noch nicht viel Zeit vergangen. Vielleicht hatte er noch eine Chance, den heimtückischen Schützen zu erwischen. Jedenfalls war dieser Mord für ihn der letzte Beweis, dass im Fall MacLaren die Dinge anders lagen als sie zu liegen schienen. Irgendjemand spielte hier ein teuflisches Spiel.

Steve rannte die Treppe hinunter, da es in diesem alten Haus keinen Fahrstuhl gab. Er überquerte mit raschen Schritten die Straße und verschwand in dem Hauseingang auf der anderen Seite.

Obwohl er selbst den Schuss nicht gehört hatte, hätte irgendjemand etwas bemerken müssen. Aber in dieser Gegend würde sich vermutlich niemand darum kümmern.

Steve lauschte. Im Haus rührte sich nichts. Er stieg langsam hinauf. Unter dem Dach blieb er stehen. Es war keine Schwierigkeit, die Luke vom Boden aus zu erreichen.

Er zog sich hoch. Sekunden später stand er auf dem Dach. Er ging nach vorn und sah die Fenster von Delmontes Wohnung. Hier musste der Schütze gestanden haben. Steve sah sich suchend um und musterte das Dach.

Keine Patronenhülse blinkte verräterisch. Das war auch nicht zu erwarten, wenn es ein professioneller Schütze gewesen war. Solche Leute pflegten ihre Spuren sorgfältig zu verwischen. Und eine Patronenhülse war eine Spur, für die jedes Polizeilabor der Welt überaus dankbar war.

Steve trat ein paar Schritte nach links. Hier war der ideale Platz. Er beugte sich suchend vor, doch bei der schwachen Beleuchtung war nichts zu erkennen. Seufzend richtete er sich wieder auf. Da bemerkte er den Schatten, der auf ihn zusprang.

Aus dem Augenwinkel sah er, dass ein länglicher Gegenstand auf ihn zuschoss. Steve wollte ausweichen, aber es war zu spät. Ein mörderischer Schlag traf ihn in die Seite und nahm ihm den Atem. Er taumelte nach hinten und prallte gegen die Mauer des Schornsteins.

Ein höllischer Schmerz zuckte durch seinen Körper, und vor seinen Augen flimmerte es. Er krallte sich mit einer Hand an den Steinen fest, um sich wieder hochzuziehen. Doch er erhielt einen Tritt gegen den Kopf.

Kraftlos rollte er zur Seite. Er hörte sich stöhnen und spürte, dass ihm die Sinne schwanden. Dass er von flinken Händen durchsucht wurde, spürte er schon nicht mehr.

Als Steve wieder zu sich kam, war fast eine halbe Stunde vergangen. Er richtete sich auf und betastete seinen Kopf. Wieder fuhr der Schmerz durch seinen Körper als er die blutverklebte Stelle an seiner linken Schläfe berührte.

Er hatte sich wie ein Anfänger überrumpeln lassen. Der Mörder hatte hier oben gewartet und darauf gelauert, dass ein Neugieriger kam, um nachzusehen. Vielleicht war er auch nicht sicher gewesen, ob er Delmonte getötet hatte, oder er hatte es nicht riskieren wollen, zu schnell auf der Straße gesehen zu werden. Der unbekannte Mörder hatte schließlich nicht wissen können, dass Delmonte an diesem Abend Besuch bekommen würde.

Steve stand schwankend auf und hielt sich an der Ziegelmauer fest. Diese Runde war eindeutig an den Gegner gegangen.

Er verließ das Dach auf demselben Weg, den er gekommen war, und überlegte, ob er noch einmal in Delmontes Wohnung gehen sollte. Aber das erschien ihm zu riskant. Wenn er Pech hatte, nahm man ihn noch als Mörder fest.

Er suchte seinen Wagen und ließ sich dankbar in die Polster des Camaro sinken. Dann ließ er den Motor an. Für heute hatte er genug. Er war wütend auf sich selbst und schwor sich, dass er den unbekannten Gegner stellen und mit ihm abrechnen würde.

Die zweite Runde würde anders enden!

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15.

Dr. Charles Highwood rutschte unruhig auf dem Stuhl hin und her.

„Haben Sie vielleicht einen Schluck zu trinken? Wenn ich reden muss, ist meine Kehle immer wie ausgedörrt.“

Joan MacLaren warf den Kopf zurück und lachte laut auf. „Wie machen Sie das eigentlich vor Gericht, lieber Freund? Dort werden hochprozentige Getränke selten gereicht, soviel ich weiß.“

Der Anwalt lächelte zerknirscht. „Ich habe eine kleine Taschenflasche. Sie stammt noch aus der Prohibitionszeit und gehörte meinem Vater. Das ist meine eiserne Reserve. Ein kleiner Schluck zwischendurch beruhigt die Nerven.“

„Sie wollen doch nicht sagen, dass Sie Nerven haben?“

Highwood stand auf und ging zur Hausbar. „O doch! Gerade jetzt, in diesem Fall, merke ich es wieder. Man ist schließlich nicht mehr der Jüngste. Und Ihr Mann ist in einer verdammt heiklen Lage. Ich weiß nicht, ob wir ihn da herauspauken können. Jedenfalls ist noch keine Anklage erhoben worden, sodass wir noch ein wenig Zeit haben.“

Er wandte sich rasch um. „Interessiert Sie das überhaupt?“ Seine Stimme klang ein wenig schärfer, und Joan zuckte zusammen.

Auf ihrer Stirn bildete sich eine tiefe Falte.

„Seien Sie nicht albern. Aber was kann ich schon tun? Ich weiß überhaupt nichts. Ich bin mir nicht sicher, was ich glauben soll. Hat er’s getan, oder hat er’s nicht getan? Soll das doch die Polizei herausfinden. Die wird schließlich dafür bezahlt.“

Highwood spritzte Sodawasser aus einem Siphon in sein Glas und nahm einen kräftigen Schluck. „Ich glaube, Sie könnten sich etwas mehr um Ihren Mann kümmern. Seine Situation ist scheußlich. Er braucht Sie jetzt.“

Joan trommelte mit ihren Fingern auf dem Tisch.

„Mein lieber Doktor, Sie mischen sich wieder in Angelegenheiten ein, die Sie nichts angehen. Ich habe Sie noch nie sonderlich leiden können, und jetzt finde ich, dass Sie ein bisschen zu weit gehen. Sorgen Sie dafür, dass mein Mann die denkbar beste Verteidigung erhält, aber zerbrechen Sie sich nicht meinen Kopf.“

Dr. Highwood sah sie ernst und ein wenig traurig an.

„Ich hoffe, Sie wissen, was Sie tun.“ Er stellte sein Glas mit einem heftigen Ruck auf die polierte Glasplatte der Hausbar und marschierte mit großen Schritten hinaus, ohne ein weiteres Wort zu sagen.

Sie blickte ihm unbewegt nach.

„O ja, ich weiß sehr gut, was ich tue“, sagte sie schließlich leise.

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16.

Steve McCoy räusperte sich ein zweites Mal, diesmal lauter. Aber der Sergeant hinter dem riesigen Schreibtisch nahm ihn noch immer nicht zur Kenntnis.

Sergeant Masters hatte heute seinen schlechten Tag. Den hatte er mindestens einmal im Monat. Seine Kollegen hatten sich daran gewöhnt und machten an diesen Tagen einen weiten Bogen um ihn. Nur ein Erdbeben oder der Besuch des Polizeipräsidenten hätten ihn aus dieser Stimmung gerissen. Man munkelte, dass seine schlechte Laune irgendwie mit seiner Frau zusammenhing, aber so genau wusste es natürlich niemand.

Steve ergriff die Initiative. „Hören Sie, Sergeant, ich möchte mit jemandem sprechen, der ...“

„Aber ich nicht“, unterbrach ihn der Sergeant.

Jetzt wurde es Steve McCoy zu bunt. Er knallte die Faust auf den Tresen, der Besucherraum und Büro trennte, und rief: „Wollen Sie mir jetzt endlich zuhören?“

Masters zuckte unwillkürlich zusammen. Das hatte in seiner Gegenwart noch niemand gewagt, schon gar nicht an einem Tag wie diesem. Er blickte irritiert auf und nahm seinen Besucher zum ersten Mal bewusst zur Kenntnis. Sorgfältig legte er den Kugelschreiber, mit dem er in irgendwelchen Aktenstücken Notizen gemacht hatte, zur Seite, und lehnte sich zurück. Sein Gesicht war ein einziges Fragezeichen.

„Ich weiß zwar nicht, wer Sie sind, aber wenn Sie hier randalieren wollen, kann ich Sie gern in unsere Ausnüchterungszelle sperren.“

Steve wäre am liebsten über den Tresen gesprungen, um diesem unhöflichen Polizisten eine aufmunternde Ohrfeige zu verpassen. Er nahm sich zusammen.

„Ich möchte jetzt sofort Ihren Vorgesetzten sprechen.“

„Das geht leider nicht“, antwortete Masters ungerührt.

„Und warum nicht?“

„Weil ich Sie nicht anmelden kann.“

„Und warum können Sie mich nicht anmelden?“ Steve konnte sich nur noch mühsam beherrschen.

Sergeant Masters sah ihn fast mitleidig an.

„Erstens haben wir jetzt keine Sprechstunde, und zweitens darf ich meinen Platz hier nicht verlassen. Wenn Sie sich ein wenig gedulden, haben Sie vielleicht Glück, und der Lieutenant kommt aus seinem Zimmer. Dann können Sie gern mit ihm reden.“

Steve sah, dass der Sergeant sich wieder über seine Akten beugte und zum Kugelschreiber griff. Aber so leicht gab Steve nicht auf.

Er griff nach dem internen Telefonbuch, das in seiner Reichweite auf dem Tresen lag. „Darf ich mal telefonieren?“

Der Sergeant brummte etwas, das man mit viel gutem Willen als Zustimmung auslegen konnte, und fügte hinzu: „Ortsgespräche kosten zehn Cent.“

Steve blätterte schnell die Seiten durch, bis er den Namen entdeckte, der ein paar Schritte weiter an der Tür stand: Lieutenant Anderson. Er wählte die dreistellige Nummer und wartete, bis sich eine freundliche Stimme meldete.

„Ja?“

„Lieutenant Anderson? Hier ist Steve McCoy. Ich bin in Ihrem Vorraum und möchte mich gern ein paar Minuten mit Ihnen unterhalten.“

„Und warum kommen Sie dann nicht herein?“, fragte Anderson und legte auf.

Verwirrt ließ Steve den Hörer auf die Gabel gleiten. Das war schon eine merkwürdige Truppe in diesem Revier. Der Sergeant hatte den kurzen Dialog offenbar nicht zur Kenntnis genommen. Jedenfalls reagierte er nicht, als Steve die Schranke hochklappte und auf die Tür zuging, hinter der der Lieutenant residierte.

Steve bemerkte zunächst einen fetten Mann, der in einer nicht mehr ganz neuen und auch nicht ganz sauberen Uniform hinter einem fast leeren Schreibtisch hockte und ihm freundlich entgegensah.

„Guten Tag, Mister ... Wie war gleich Ihr Name?“

Steve deutete eine knappe Verbeugung an.

„McCoy ist mein Name. Ich bin Ermittler für MacLarens Anwalt Dr. Highwood.“ Diese Tarnung schien ihm am Glaubhaftesten, und sie war nicht einmal ganz falsch.

Lieutenant Anderson wies mit einer vagen Geste auf einen wackligen Stuhl vor dem Schreibtisch und knöpfte sich einen weiteren Knopf seiner Uniformjacke auf. Er schwang sich mit seinem Stuhl herum und starrte auf die gegenüberliegende Hauswand.

„MacLaren“, sagte er schließlich mit leiser Stimme. „Das ist ein merkwürdiger Fall. Ich weiß nicht, ob ich darüber mit Ihnen sprechen möchte.“

Steve beugte sich vor. „Warum finden Sie den Fall merkwürdig? Sehen Sie, ich ermittle im Interesse meiner Klienten, um die Wahrheit herauszufinden. Und Sie mussten den Fall übernehmen, weil die Verbrechen in Ihrem Revier geschehen sind. Warum sollen wir nicht ein paar Informationen austauschen?“

Der Lieutenant schwenkte wieder in seinem Drehstuhl herum.

„Ich weiß nicht, wer Sie sind, Mister McCoy, und deshalb können Sie nicht erwarten, dass ich Sie jetzt mit dem Stand meiner Ermittlungen vertraut mache.“

„Davon kann auch keine Rede sein“, wandte Steve ein. „Ich habe nur den Verdacht, dass nicht alles so ist, wie es zu sein scheint. Mit anderen Worten, ich glaube, da ist eine Schweinerei im Gange.“

Anderson blinzelte und rieb sich mit dem Handrücken über seine Knollennase.

„Das ist schon möglich. Aber haben Sie auch Beweise dafür?“

Steve zuckte mit den Schultern. „Sie wissen so gut wie ich, dass man in einem solchen Fall nicht über Nacht Beweise finden kann. Aber wenn man erst mal weiß, in welcher Richtung man zu suchen hat, steht man dicht vor dem Erfolg.“

„Bis jetzt haben wir nur Indizien dafür, dass Kevin MacLaren das getan hat, was man ihm zur Last legt. Aber ich gebe zu, dass es einige Ungereimtheiten gibt. Trotzdem kann ich ihn nicht laufen lassen. Es geht schließlich um einen Mord – von dem Attentat auf den Senator gar nicht zu reden.“

Ja, es geht um Mord“, sagte Steve. Er wusste, dass es in diesem Fall sogar um zwei Morde ging, aber das wollte er dem Lieutenant nicht gleich auf die Nase binden. Er wollte zwar Informationen holen, aber keine peinlichen Fragen beantworten. „Sind Sie denn sicher, dass es MacLaren war?“

Der Lieutenant sah ihn lange schweigend an. Dann schüttelte er langsam den Kopf. „Ich bin meiner Sache nie ganz sicher, und in diesem Fall schon gar nicht. Aber ich finde noch heraus, was da stinkt.“

Steve erhob sich. „Danke. Mehr wollte ich nicht wissen.“

An der Tür drehte er sich noch einmal um. „Sie haben einen merkwürdigen Sergeant da draußen. Er ist nicht geradezu hervorragend für den Posten eines Empfangschefs geeignet.“

Anderson lächelte schwach. „Sergeant Masters ist eine Seele von Mensch, aber er hat an einem Tag im Monat schlechte Laune. Wir haben uns daran gewöhnt und nehmen Rücksicht auf ihn. Das sollten Sie auch tun. Auf Wiedersehen, Mister McCoy.“

Steve drückte die Tür hinter sich leise ins Schloss. Masters saß immer noch über seine Akten gebeugt und blickte nur kurz auf, als Steve so behutsam wie möglich an ihm vorbeiging.

„Lassen Sie sich nicht stören, Sergeant, ich finde schon allein raus“, bemerkte er grinsend. „Und wenn Sie wieder Ihren Anfall haben, versuchen Sie’s doch mal mit einem Mickey-Mouse-Film.“

Er war draußen, ehe der verblüffte Sergeant antworten konnte.

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17.

Joan MacLaren zögerte, blickte sich schnell nach allen Seiten um und trat dann entschlossen auf den Eingang des Lokals zu. Mit einer heftigen Bewegung stieß sie die Tür des „Pentangle“ auf und ging hinein. Sie war zum ersten Mal in dieser verräucherten Kneipe in der winzigen Straße parallel zur Pearl Street, ein paar hundert Meter von den Piers am East River entfernt, fast an der südlichen Spitze Manhattans.

Sie hatte sich lange umhören müssen, bevor sie die Adresse erfahren hatte, und den Namen des Mannes, an den sie sich wenden konnte.

Nach einigen Sekunden hatten sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt. Nur ein paar trübe Funzeln erhellten den langgestreckten Raum. Rechts erhob sich eine hohe Theke aus Holz, vor der eine Reihe Barhocker standen. Links standen kleine, runde Tische in Nischen.

Es waren nicht viele Gäste anwesend. An der Bar lümmelten einige junge Burschen in Lederkleidung, und an den Tischen saßen ein paar Männer und Frauen, die bestimmt nicht zur besseren New Yorker Gesellschaft gehörten.

In der Mitte tanzte ein Paar eng umschlungen zu den hämmernden Klängen einer Music-Box. Sie zeigten wenig Verständnis für den Rhythmus. Sie tanzten offenbar nach einer ganz anderen Melodie und hatten nur Interesse an sich selbst.

Joan MacLaren wandte ihren Blick ab und ging langsam zur Bar. Niemand nahm sie zur Kenntnis. Einerseits empörte sie das, andererseits war sie froh darüber.

Sie schwang sich auf einen Barhocker und legte die Beine übereinander. Ein unglaublich fetter Barkeeper watschelte auf sie zu. Vor dem Bauch trug er eine schmierige Schürze, die wohl schon der Küchenjunge der „Mayflower“ getragen hatte, mit der die ersten Siedler aus England kamen.

Er grinste sie unverschämt an, wobei einige schwärzliche Zahnstummel sichtbar wurden. „Was darf’s denn sein?“

„Einen Gin-Tonic, bitte.“

„Häh?“ Er beugte sich vor, und sein schlechter Atem kam wie eine Wolke zu ihr herüber. Auch die ledergekleideten Burschen hatten sich umgedreht und beobachteten sie mit gierigen Augen.

„Ich möchte einen Gin-Tonic“, wiederholte Joan lauter und zündete sich mit zitternden Fingern eine Zigarette an.

Der fette Barkeeper nahm ihre Bestellung wortlos entgegen und hatte sich bereits wieder entfernt, ehe sie ihm sagen konnte, weswegen sie hergekommen war. Jetzt hielt sie das Ganze für keine gute Idee mehr. Sie sog hastig an ihrer Zigarette und senkte den Blick.

Sie zuckte zusammen, denn plötzlich erklang eine seidenweiche Stimme dicht hinter ihrem Ohr. Sie fuhr entsetzt herum und starrte in ein dunkles Gesicht, das mit Narben und Pickeln übersät war. Einer der Lederfetischisten war von seinem Hocker geglitten und lautlos auf sie zugekommen.

Er merkte wohl, dass sie nicht verstanden hatte, und wiederholte: „Wollen wir nicht nach hinten gehen? Dort ist ein schönes ruhiges Zimmer.“

Er grinste hässlich und streckte den Arm aus.

In diesem Moment knallte der Barkeeper den Gin-Tonic auf den Tresen, sodass ein Großteil der Flüssigkeit überschwappte, und sagte: „Hau ab, Freddy, sonst gibt’s Ärger.“

Der jugendliche Ganove grinste noch stärker und wich ein paar Schritte zurück. Er hob beschwichtigend die Hand.

„Ist ja schon gut, Slim. Man wird wohl noch einen kleinen Scherz machen dürfen. Die Dame versteht das schon. Vielleicht treffen wir uns dann draußen?“

Sein Grinsen war wie weggefegt, und er blickte sie lauernd an. Ein kalter Schauerlief ihr über den Rücken.

Sie sah dankbar zu dem fetten Barkeeper. Er wischte mit einem Tuch über den Tresen und verteilte den Schmutz. Die übervollen Aschenbecher wurden wohl nur einmal täglich geleert. Der Lederjüngling hatte sich wieder unter seine Kumpane gemischt und flüsterte mit ihnen.

Sie hörte Fetzen dieser Unterhaltung und spürte plötzlich Furcht. Die Music-Box spielte nicht mehr, aber das Paar tanzte immer noch.

Der Barkeeper spülte seine Gläser, aber sie merkte, wie er sie dabei aus den Augenwinkeln beobachtete. Sie gab sich einen Ruck und winkte ihn wieder heran.

Zögernd kam er näher und blickte sie fragend an.

„Sind Sie Slim Tucker?“, fragte sie.

Auf seiner Stirn bildete sich eine steile Falte. Er wandte sich halb ab und wischte wieder über den Tresen.

„Und wenn schon. Das steht schließlich draußen an der Tür. Was wollen Sie von mir? Und wer hat Ihnen etwas von mir erzählt?“

„Sie brauchen keine Angst zu haben“, sagte sie schnell.

Er fuhr herum und lachte kurz. Dabei musterte er sie von oben bis unten. Ihr wurde im selben Augenblick bewusst, wie blödsinnig diese Bemerkung gewesen war.

„Ich meine“, fuhr sie fort, „man hat mir einen Tipp gegeben, dass Sie mir helfen können.“

„Was für einen Tipp?“, fragte er misstrauisch.

„Sie können mir Rico Manzini vermitteln“, sagte sie entschlossen und nippte an ihrem Gin-Tonic.

Slim Tucker schnippte mit den Fingern zur Music-Box, und einer der Lederjünglinge warf Münzen ein. Laute Rockmusik dröhnte durch den Raum und übertönte die Gespräche. Der Barkeeper wandte sich Joan MacLaren zu.

„Was wollen Sie denn von Rico?“, fragte er.

„Ich habe einen kleinen Job für ihn, bei dem er ein paar hundert Dollar verdienen kann.“

„Was für einen Job?“ Er grinste listig. „Rico übernimmt nur ehrliche Aufträge. Er muss auf sich aufpassen.“

„Er soll einen Mann ein paar Tage beobachten. Weiter nichts. Nur beobachten und mir dann erzählen, was dieser Mann macht. Und er soll sich dabei nicht erwischen lassen.“

„Das ist alles?“, fragte Tucker. Er wischte seine Hände an der schmutzigen Schürze ab und betrachtete sie abschätzend. „Wir lieben nämlich keine krummen Dinger.“

Sie hatte inzwischen ihre Sicherheit wiedergefunden. „Das ist alles. Bringen Sie mich nun mit Manzini zusammen oder nicht?“

Er zögerte noch einen Moment bis er sagte: „Die Vermittlungsgebühr beträgt fünfzig Dollar. Dafür, dass ich Sie mit Rico bekanntmache. Ob er dann den Job übernimmt, muss er selbst entscheiden.“

Sie biss sich auf die Lippen. Dieser Halsabschneider, dachte sie. Sie öffnete ihre Handtasche und zog fünf Zehn-Dollarnoten heraus.

Mit einem flinken Griff ließ er die Scheine unter seiner Schürze verschwinden.

„Und vier Dollar für den Drink“, sagte er und sah sie ungerührt an.

Mit einem Seufzer gab sie ihm das Geld, was ihm ein beifälliges Grinsen entlockte. Dann wandte er sich zur Seite und deutete mit der Hand in eine der dunklen Nischen.

„Dort sitzt Rico.“ Damit schlurfte er zurück zum Gläserspülen.

Joan MacLaren rutschte von ihrem Hocker und steuerte die Nische an. Sie war empört, dass Tucker ihr für eine Handbewegung fünfzig Dollar abgenommen hatte, wusste jedoch, dass es besser war, nichts zu sagen. Sie presste ihre Handtasche fest an sich, als sie die lauernden Blicke der Männer an der Bar bemerkte.

Der Mann, der an dem kleinen Tisch in der Nische saß, blickte ihr entgegen, machte aber keine Anstalten aufzustehen. Mit einem kurzen Kopfnicken deutete er auf einen der Stühle und nahm dann einen kräftigen Schluck aus seinem Bierglas.

Sie setzte sich und betrachtete Rico Mazini. Er war gewiss keine Schönheit, wenn er auch einen gewissen südländischen Charme hatte. Eine lange Narbe zog sich von seiner rechten Schläfe fast bis zum Mundwinkel hinunter. Das Nasenbein schien mehrmals gebrochen zu sein, und zwei seiner Vorderzähne fehlten. Messerstiche und Boxhiebe hatten ihn gezeichnet.

Rico Manzini war Anfang Dreißig. Sein schwarzes gelocktes Haar fiel ihm tief in die Stirn. Er trug einen relativ modischen Anzug und ein knallgelbes Halstuch.

„Sie übernehmen manchmal kleine Jobs, die vertraulich behandelt werden müssen“, begann sie.

Er winkte ab. „Ist schon gut. Wenn Slim Sie herüberschickt, wird schon alles seine Richtigkeit haben. Ich verlasse mich auf ihn. Wir sind nämlich Partner. Was wollen Sie also von mir?“

„Ich möchte, dass Sie einen Mann beobachten. Beschatten, sagt man wohl in Fachkreisen. Nur für ein paar Tage. Ich will wissen, mit welchen Leuten er zusammenkommt und was er sonst macht, besonders am Abend.“

„Warum nehmen Sie nicht einen Privatdetektiv? Die haben feste Preise, und außerdem machen die das beruflich.“

„Ich habe meine Gründe“, sagte sie. „Im Übrigen kann ich die Plattfüße nicht leiden. Ich zahle Ihnen hundert Dollar pro Tag.“

Manzini schüttelte den Kopf. „Hundertfünfzig Dollar am Tag. Darunter mache ich es nicht. Zahlbar im Voraus.“

Joan MacLaren zögerte.

„Na gut“, sagte sie schließlich. „Ich gebe Ihnen zweihundert Dollar im Voraus und den Rest nach Erledigung des Auftrags. Das ist ein faires Angebot.“

Er nickte. „In Ordnung.“

Dann beugte er sich plötzlich vor und packte sie so hart an der Schulter, dass sie kurz aufschrie. „Was steckt dahinter, Lady? Sie brauchen keinen Mann wie mich, nur um einen anderen beobachten zu lassen.“

Er hatte sie wieder losgelassen, und sie rieb die schmerzende Stelle.

„Es kann sein, dass der betreffende Mann nicht sehr begeistert ist, wenn er merkt, dass er überwacht wird. Vielleicht versucht er, Sie unter Druck zu setzen und herauszubekommen, wer ihr Auftraggeber ist. Und das darf auf keinen Fall herauskommen. Deshalb komme ich zu Ihnen.

Manzini lehnte sich zurück und lächelte.

„So ähnlich habe ich es mir vorgestellt. Sie sind eine reizende Dame. Wenn ich nicht gefragt hätte, wären mir diese Feinheiten entgangen. Aber ich bin ein misstrauischer Mensch. Ich rieche unangenehme Dinge auf hundert Meter. Gut, kommen wir zum Geschäft. Wer ist der Mann?“

Sie kramte wieder in ihrer Handtasche und zog ein Hochglanzfoto heraus. Der Mann auf dem Bild lächelte freundlich in die Kamera. Manzini nahm das Foto in die Hand und betrachtete es lange.

„Der Mann weiß, was er will. Aber er weiß noch nichts von mir. Ich übernehme den Job.“

Fordernd streckte er die Hand aus. „Die Anzahlung, bitte.“

Sie schob das Geld über den Tisch. Anschließend nahm sie einen Zettel aus der Tasche.

„Der Name des Mannes ist John Carruthers. Hier ist die Adresse. Ich möchte, dass Sie ihn beobachten und feststellen, mit wem er sich trifft“

Manzinis Augen verengten sich. Er steckte das Geld und den Zettel ein. „Wie kann ich Sie erreichen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich rufe Sie an. Geben Sie mir eine Nummer. In drei oder vier Tagen treffen wir uns wieder. Dann geben Sie mir einen Bericht, und Sie bekommen das restliche Geld.“

„In Ordnung. Rufen Sie bei Slim an. Nicht zu früh am Abend, denn ich bin schließlich hinter diesem Mann her. Aber Sie können mich täglich hier erreichen.“

Sie stand auf. „Es wäre natürlich gut, wenn Sie nicht auffallen. Dann wird auch nichts passieren.“

„Ich werde nicht auffallen, und ich kann mich auch wehren.“

„Dem Mann darf nichts geschehen“, sagte sie schnell. „Sie sollen ihn nur beobachten, nichts weiter. Wenn Sie entdeckt werden, beenden Sie die Überwachung sofort.“

Er grinste unverschämt. „Ist gut, Lady. Sie nehmen die Dienste eines zuverlässigen Fachmanns in Anspruch. Empfehlen Sie uns weiter.“

Sie nickte nur, drehte sich abrupt um und ging zur Tür. Sie bemühte sich, nicht zu den Männern an der Bar hinüberzusehen, deren Blicke sie in ihrem Rücken spürte. Einer glitt von seinem Hocker, aber ein scharfer Zuruf von Manzini stoppte ihn sofort.

Joan MacLaren atmete auf, als sie wieder auf der Straße stand. Sie hatte einen weiteren Zug in ihrem Spiel gemacht. Einen gefährlichen Zug.

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18.

Steve McCoy erhöhte das Tempo. Auf dem Union Square hielt er sich rechts und bog in die Park Avenue ein. Nach einigen Querstraßen erreichte er die East 20th Street. Hier, in einem der alten Häuser am Gramercy Park, wohnte Dr. Charles Highwood.

Die alten roten und braunen Backsteinhäuser wirkten wie eine Oase der Ruhe in der hektischen Stadt. Sie umgaben den winzigen Park mit dem hohen Eisenzaun auf allen vier Seiten. Steve warf einen Blick zu Nummer 28 hinüber. Das war Theodore Roosevelts Geburtshaus. Jetzt war ein kleines Museum darin untergebracht.

Ein paar Häuser weiter wohnte der Anwalt. Steve hatte Glück und fand unmittelbar vor dem Haus einen Parkplatz. Er stieg aus, schloss ab und ging die Stufen zum Hauseingang hinauf.

Die Haustür war nicht verschlossen. Einen Portier gab es auch nicht, ebenso wenig wie einen Fahrstuhl. Man musste die ausgetretenen Treppenstufen benutzen.

Der Anwalt wohnte im ersten Stock. Steve wusste nicht, ob Highwood da war, aber er hatte sich in der Nähe aufgehalten und konnte einen nicht angekündigten Besuch riskieren.

Hinter der Wohnungstür ertönten gedämpfte Stimmen. Plötzlich hörte Steve klatschende Geräusche und einen erstickten Schmerzensschrei.

Steve erstarrte. Da stimmte etwas nicht. Er griff zum Kolben der Beretta und beugte sich zum Schlüsselloch hinunter. Es war nichts zu erkennen. Auch die Stimmen waren nicht zu verstehen. Es war nur ein undeutliches Gemurmel. Auf jeden Fall waren es mehrere Stimmen. Wieder ertönte das klatschende Geräusch. Steve hörte, dass jemand aufstöhnte.

Vorsichtig prüfte er das Türschloss – es gab nicht nach. Es war ein Sicherheitsschloss, und er hatte nichts bei sich, womit er es hätte öffnen können. Da half nur ein Trick.

Er zog die Pistole aus dem Holster, klingelte mehrmals kurz hintereinander und trat dann zur Seite, sodass man ihn nicht auf den ersten Blick entdecken konnte.

Nach dem Klingeln wurde es in der Wohnung schlagartig still. Steve hörte schleichende Schritte hinter der Tür. Der Fremde atmete rasch. Steve McCoy schob sich lautlos an der Wand nach vorn und klingelte erneut.

Er hörte die Schritte wieder in die Wohnung zurückkehren. Dann klang leises Stimmengemurmel auf. Wer auch immer in der Wohnung von Charles Highwood war – man war sich nicht einig, was geschehen sollte. Steve hoffte, dass die Leute dort drinnen glaubten, dass jemand an der Haustür klingelte.

Steve drückte wieder auf den Knopf.

Nach wenigen Sekunden war wieder jemand hinter der Tür. Steve hielt den Atem an. Er spürte, dass sich ein Schweißfilm zwischen Handfläche und Kolben bildete, und entkrampfte die Hand.

Ein schwaches Geräusch verriet, dass die Tür geöffnet wurde. Steve sah, dass sich der schmale Spalt langsam verbreiterte. Jetzt war die Zeit zum Handeln gekommen.

Mit einem gewaltigen Satz sprang Steve McCoy nach vorn und warf sich gegen die Tür. Sie wurde gegen die Wand geschmettert. Steve starrte in das verblüffte Gesicht eines der beiden Gangster, mit denen er erst kürzlich eine Auseinandersetzung gehabt hatte. Dem anderen war die Klinke aus der Hand gerissen worden, und er hatte noch nicht begriffen, was mit ihm geschah.

Steve ließ ihm keine Zeit zum Überlegen. Er holte mit dem rechten Arm aus und schlug zu. Der Lauf der Waffe traf die Schläfe des Gangsters. Die Haut platzte auf, und ein dünner Blutfaden lief über das Gesicht.

Der wuchtige Hieb hatte den Gangster gegen die Wand geschleudert, und seine Abwehrreaktion ging ins Leere.

„Bill!“, brüllte er.

Steve schlug ihm die Linke in die kurzen Rippen, und der andere rutschte zu Boden.

Zu spät sah Steve die Bewegung hinter sich. Ein Schatten warf sich auf ihn. Mit abgewinkeltem Arm fing Steve den Fausthieb ab, drehte sich um seine Achse und ließ wieder seine Linke kommen. Sie traf nicht den Punkt, verschaffte ihm aber Luft.

Den nächsten Angriff stoppte er, indem er den Pistolenlauf dem Gangster gegen den Kehlkopf hielt.

„Schluss jetzt!“, rief er. „Sonst knallt’s.“

Für einen Sekundenbruchteil achtete er nicht auf den Ersten. Er spürte einen harten Schlag gegen seinen Unterarm. Die Beretta flog in die Garderobe, und die beiden Gangster huschten flink wie die Wiesel aus der Wohnung.

Steve hörte sie die Treppe hinunterpoltern. Er hob seine Waffe auf und lief nach hinten.

Mitten im Wohnzimmer saß Dr. Charles Highwood auf einem kostbaren Holzstuhl, an den er mit einem dicken Strick gefesselt war. Seine rechte Augenbraue war aufgeplatzt, und aus seiner Nase lief Blut. Die beiden hatten ihn fachmännisch zusammengeschlagen.

Steve lief zum Fenster und blickte die Straße entlang. Die zwei laufenden Gestalten waren nicht zu übersehen. Sie stiegen in einen Dodge und fuhren hastig aus der Parklücke, wobei sie wenig Rücksicht auf die Stoßstangen der vor und hinter ihnen parkenden Wagen nahmen.

Steve prägte sich das Kennzeichen ein und nickte nachdenklich. Die beiden würde er wiederfinden.

Er steckte die Pistole ein und trat zu dem Anwalt. Er beugte sich über ihn und löste die Fesseln. Highwood sah ihn aus geschwollenen Augen deprimiert an.

„Wie ist das passiert?“, erkundigte sich Steve.

Highwood massierte sich die Handgelenke, nachdem die Fesseln gefallen waren. Er zuckte mit den Schultern. „Die beiden haben geklingelt, und ich habe aufgemacht. So einfach war das.“

Er ging zu seiner Hausbar hinüber, goss sich Whisky ein und schüttete ihn hinunter. „Das tut gut. Gott sei Dank, dass Sie gekommen sind. Ich weiß nicht, was die beiden sonst noch mit mir angestellt hätten. Ich hatte Angst.“

Steve nickte. „Das kann ich verstehen. Aber die müssen doch irgendwas von Ihnen gewollt haben.“

Highwood goss sich noch einen Drink ein. „Das haben sie auch. Aber ich habe es nicht begriffen. Einer von ihnen sagte ständig, dass ich mir einen Urlaub verdient hätte und dringend die Stadt verlassen müsste. Am besten schon morgen. Sie wollten mich dazu überreden, für einige Wochen aus New York zu verschwinden. Und der Aufforderung haben sie Nachdruck verliehen.“

„Das verstehe ich schon“, meinte Steve. „Ich bin mit den beiden bereits einmal zusammengestoßen. Es sind zwei primitive Schläger. Ich werde sie wiederfinden und aus dem Verkehr ziehen. Hat man Ihnen gedroht?“

Der Anwalt tupfte sich mit einem Taschentuch über das Gesicht, doch die Blutung hatte bereits aufgehört.

„Sie haben gesagt, dass sie morgen wiederkommen wollen, um festzustellen, ob ich noch da bin. In diesem Zusammenhang haben sie finstere Drohungen ausgestoßen.“

„Die waren auch ernstgemeint“, erläuterte Steve. „Der Auftraggeber der beiden muss sehr daran interessiert sein, Sie aus dem Verkehr zu ziehen.“

„Aber warum?“, fragte Highwood.

„Das ist doch nicht so schwer zu begreifen“, meinte Steve. „Es hängt alles mit dem Fall MacLaren zusammen. Ihre Theorie ist richtig. Hier versucht irgendein unangenehmer Zeitgenosse, unseren Freund zu belasten und aus dem Weg zu räumen. Auf sehr elegante Art und Weise. Da aber bei der Polizei noch gewisse Zweifel bestehen, versucht der Unbekannte, MacLarens Verbündete auszuschalten. Denn ohne Unterstützung von außen ist der Politiker natürlich hilflos.“

Highwood nickte. „Das scheint mir eine plausible Theorie zu sein. Das heißt mit anderen Worten, der Unbekannte wird nervös. Sein raffinierter Plan ist durchkreuzt worden. Er wird Fehler machen.“

„Ja. Und er ist nicht allein. Da sind diese beiden kleinen Ganoven. Außerdem mischt noch ein Dritter mit, mit dem ich einmal aneinandergeraten bin. Er ist gefährlich, wahrscheinlich ein Berufskiller. Aber eine dieser Spuren wird uns zu dem Unbekannten führen. Was wir brauchen, ist Zeit.“

„Die kann ich Ihnen verschaffen“, sagte der Anwalt. „Ich kenne eine Menge Tricks, um die Anklageerhebung hinauszuzögern. In diesem Fall, in dem die Gegenseite nur über Indizien verfügt, ist das keine große Schwierigkeit.“

„Gut!“ Steve nickte. „Ich glaube, unsere Marschrichtung ist jetzt klar. Ich kümmere mich um unsere Gegner, und Sie sorgen dafür, dass ich nicht gegen die Zeit kämpfen muss. Ich muss mich auch noch mit MacLarens Frau und seinen Bekannten und Freunden unterhalten. Irgendwo werde ich Hinweise finden. Hinter allem steckt jemand, der MacLaren genau kennt und der vor allem ein gutes Motiv hat.“

Highwood lächelte. „Sie sollten sich intensiver um seine Frau kümmern. Ich bin sicher, dass sie mehr weiß, als sie Ihnen bisher gesagt hat. Sie spielt ihr eigenes Spiel.“

Steve sah den Anwalt nachdenklich an. „Sie verschweigen mir doch nichts, oder etwa doch?“

Highwood schüttelte den Kopf. „Nein. Ich habe nur einen gewissen Verdacht. Aber Sie müssen selbst dahinter kommen. Das ist mir lieber.“

„Das werde ich. Ich halte Sie auf dem Laufenden. Rufen Sie mich an, wenn Sie irgendetwas erfahren. Und lassen Sie niemanden in die Wohnung, den Sie nicht kennen.“

„Wird schon gutgehen. Viel Erfolg.“

Sie schüttelten sich die Hände.

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19.

Rico Manzini starrte auf den Zettel und runzelte die Stirn. Er stand vor einem gepflegten Brownstone-Haus in der 63th Street East. Ein Baldachin war über den Bürgersteig gespannt, und zu beiden Seiten des Eingangs standen hohe Blumenkübel.

Rico marschierte auf den Eingang zu und studierte die Namensschilder an der Seite. John Carruthers wohnte tatsächlich hier. Vorsichtig warf er einen Blick in das Foyer des Hauses. Hinter einem kleinen Tresen saß ein Pförtner und blätterte in einer Zeitschrift.

„Wissen Sie zufällig, ob Mister Carruthers im Haus ist?“

Der Portier ließ die Zeitschrift sinken und starrte ihn an. „Was wollen Sie denn von ihm?“

Rico lächelte böse. „Das geht wohl nur ihn und mich etwas an.“

„Wir dürfen niemanden hereinlassen, den wir nicht kennen oder der nicht angemeldet ist. Wenn Sie einen Termin hätten, würden Sie auf meiner Liste stehen. Wenn nicht ...“ Der Portier machte eine unbestimmte Handbewegung.

Manzini wusste nicht, was er jetzt tun sollte. Schließlich hatte seine Auftraggeberin verlangt, dass er sich unauffällig verhalten sollte. Also dreht er sich um und marschierte wieder aus der Tür.

Der Portier sah ihm kurz nach und griff zum Telefon.

Manzini stieg in seinen Wagen, der er schräg gegenüber geparkt hatte. Zu dieser späten Stunde gab es immerhin einige freie Plätze. Er schwang sich hinter das Steuer und richtete sich auf eine längere Wartezeit ein. Vielleicht hatte der Mann, den er beobachten sollte, noch eine Verabredung zum Essen. Ein mögliches Treffen in einer Bar wäre ihm allerdings lieber gewesen, denn er verspürte das Verlangen nach einem ordentlichen Drink.

Die leichte Bewegung hinter dem Vorhang an einem der Fenster des zweiten Stockwerks bemerkte er nicht.

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20.

Sabato, der Killer, dessen richtigen Namen niemand kannte, lag lang ausgestreckt auf seinem Bett in dem kleinen schmutzigen Hotel in der Nähe des Grand Central Terminal. Er hatte die Arme unter dem Kopf verschränkt und dachte nach.

Es gab einige Dinge, die ihn irritierten. Dinge, die sich anders entwickelten, als es vorgesehen war.

Und das liebte er nicht. Seine Spezialität waren Jobs, bei denen es keine Spuren gab und keine Mitwisser außer dem Auftraggeber. Doch diesmal war alles anders. Es gab eine ganze Menge Leute, die mit dieser Sache zu tun hatten. Jeder einzelne von ihnen erhöhte das Sicherheitsrisiko.

Sabato machte sich keine Illusionen. Sein Beruf war gefährlich. Eines Tages machte er vielleicht einen Fehler. Aber dieser Tag sollte so weit wie möglich in der Zukunft liegen.

Das Schrillen des Telefons riss ihn aus seinen Gedanken. Er zögerte einen Moment, ehe er den Hörer abnahm und sich mit einem halblauten „Hallo“ meldete.

„Sind Sie das, Sabato?“, fragte eine Stimme am anderen Ende, die er genau kannte.

„Ja. Wer sonst?“, knurrte er unwillig. „Sie wissen genau, dass Sie mich unter dieser Nummer nur in Notfällen anrufen dürfen.“

„Der Notfall ist eingetreten“, sagte die Stimme am anderen Ende hastig. „Ich werde seit kurzer Zeit beobachtet. Ich weiß nicht, wie lange das schon geht, aber heute habe ich es bemerkt. Ein einzelner Mann. Südländischer Typ.“

„Was hat er getan?“, fragte Sabato.

„Er hat in meinem Haus nach mir gefragt, und jetzt sitzt er in einem Auto auf der anderen Straßenseite.“

„Ist er wirklich allein?“

„Ja. Ganz bestimmt. Ich hätte es gemerkt, wenn noch ein anderer in der Gegend herumschleichen würde.“

„Beschreiben Sie ihn näher“, sagte Sabato.

Die Stimme am anderen Ende zögerte. „Na, ja. Das ist immer ein bisschen schwierig. Ich sagte schon, dass er ein südländischer Typ ist. Schlank, dunkle Gesichtsfarbe, schwarze Haare. Auffällig ist ein grellgelbes Halstuch. Er ist mittelgroß und sonst nicht sehr auffällig.“

„Was für einen Wagen hat er?“

„Sein Wagen? Ach ja. Ein Chevrolet, ein ziemlich altes Modell. Dunkelgrün. Die Nummer habe von hier oben nicht sehen können.“

Sabato lächelte schwach, „Ihre Angaben sind äußerst präzis. Sie treffen wahrscheinlich auf einige tausend New Yorker zu.“

„Ach, Quatsch!“, sagte sein Gesprächspartner. „Schaffen Sie mir den Kerl vom Hals, und zwar schnell. Sie wissen genau, dass ich zurzeit keine Beobachter gebrauchen kann. Und berechnen Sie mir für einen solchen Fall nicht gerade den Höchstsatz.“

Damit legte er auf.

Sabato behielt den Hörer noch ein paar Sekunden in der Hand. Seine Wangenmuskeln zuckten, und seine Augen hatten sich dunkel gefärbt. Da waren sie schon wieder, diese unerwarteten Schwierigkeiten in diesem Fall! Sein ungutes Gefühl verstärkte sich immer mehr.

Er musste noch vorsichtiger werden und sich seine Schritte sehr genau überlegen. Es interessierte ihn wahrlich nicht, ob er einen Mann mehr oder weniger ausschaltete. Den unbekannten Beobachter aus dem Verkehr zu ziehen, traute er sich ohne Weiteres zu.

Aber was ihm gar nicht gefiel, war, dass sein Auftraggeber offenbar nicht völlig abgeschirmt war. Irgendjemand hatte Verdacht geschöpft. Und wenn sein Auftraggeber trotz aller Vorsichtsmaßnahmen entlarvt wurde, war auch er, Sabato, nicht mehr sicher. Das musste um jeden Preis verhindert werden.

Er ließ den Hörer auf die Gabel sinken und stand auf. Es war Zeit, seinen Entschluss in die Tat umzusetzen.

Er nahm seinen alten abgewetzten Lederkoffer aus dem Schrank und klappte ihn auf, nachdem er ihn auf das Bett gelegt hatte. Das Geheimfach war für einen Nichteingeweihten nicht zu erkennen. Oft musste er den Inhalt des Geheimfachs vor neugierigen Augen schützen. Zum Beispiel beim Übertreten einer Grenze. Oder bei Kontrollen in Flughäfen.

Er löste die unsichtbaren Verschlüsse, griff in das Fach und holte einige Gegenstände heraus, die er auf dem Bett ausbreitete: eine automatische FN-Pistole, Kaliber 9 mm Para, einen Schalldämpfer, ein Reservemagazin, eine Schulterstütze, die am Kolben befestigt wurde, und eine Schachtel Patronen.

Sorgfältig lud er das dreizehnschüssige Magazin. Danach schraubte er den Schalldämpfer auf und überprüfte die Waffe. Die Mechanik funktionierte einwandfrei. Er schob das Magazin in das Griffstück und lud die Pistole durch.

In einer Spezialtasche seines Sakkos verschwand die Waffe. In einer anderen Tasche versenkte er Schulterstütze und Ersatzmagazin.

Er war bereit.

Er verschloss den Koffer wieder und schob ihn in den Schrank. Anschließend nahm er den Mantel über den Arm, setzte eine Mütze auf, trank noch einen Schluck Milch aus dem Glas auf seinem Nachttisch, löschte das Licht und verließ das Zimmer.

Sorgfältig schloss er ab.

Absichtlich nahm er die Treppe. Unten überprüfte er kurz seinen Pulsschlag, aber er war völlig ruhig. Er hätte sich gewundert, wenn es anders gewesen wäre. Schnell verschluckte ihn die Nacht.

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21.

Steve McCoy stand am Fenster seines Arbeitszimmers und blickte auf die Straße unter ihm. Selbst zu dieser späten Stunde flutete der Verkehr in beiden Richtungen.

Er drehte sich um und ging zu seinem Schreibtisch, auf dem ein Stapel Zeitungsausschnitte lag. Ein alter Freund in der Redaktion der New York Times hatte sie ihm heute besorgt. Eines hatten all diese Berichte gemeinsam: Sie beschäftigten sich mit Kevin MacLaren.

Steve hatte zwei Stunden gebraucht, bis er alle Artikel durchgesehen hatte. Er wusste jetzt eine Menge über den Politiker, der wegen Mordverdachts in Untersuchungshaft saß und von dessen Unschuld er überzeugt war. Denn beim Lesen hatte er einige bemerkenswerte Informationen erhalten.

Kevin MacLaren war nicht der Einzige, der Nachfolger von Senator Joseph Clark werden wollte. Er hatte seit Jahren einen politischen Gegner, der bei jeder Gelegenheit gegen MacLaren antrat. Dabei waren die beiden vor langer Zeit Freunde gewesen.

Außerdem kannte MacLarens Frau seinen Gegenspieler gut. Beide hatten sich damals um sie beworben – MacLaren hatte das Rennen gemacht.

Steve nahm einen der Ausschnitte in die Hand. Da war er!

John Carruthers. Etwa im selben Alter wie MacLaren. Ein wenig bulliger und kräftiger. Steve prägte sich das Bild gut ein. Das entschlossene Gesicht mit dem kantigen Kinn wirkte selbstbewusst. Ein Mann, der seinen Weg ging.

Steve beschloss, sich diesen Carruthers näher anzusehen. Er musste sich von diesem Mann ein Bild machen, um ihn in das Puzzle, das allmählich entstand, einordnen zu können.

Nachdem, was er über ihn gelesen hatte, konnte Carruthers der Mann sein, der ungewöhnliche Wege ging, um sein Ziel zu erreichen.

Allerdings, Mord gehörte bisher nicht unter die Methoden, die dieser Mann anwandte. Aber Methoden konnten sich ändern.

Steve sah auf seine Uhr. Es war noch Zeit für einen späten Besuch. Die Adresse hatte er bereits herausgesucht. Von seinem Haus aus konnte er es über die Brooklyn-Bridge in einer guten halben Stunde schaffen Er warf einen letzten Blick auf das Foto in der Zeitung und verließ den Raum.

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22.

Rico Manzini klappte den Kragen hoch. Es wurde allmählich kühl. Auch die Dunkelheit behagte ihm nicht. In dieser ruhigen Wohngegend brannten die Straßenlaternen nur in größeren Abständen. Das hatte zwar gewisse Vorteile, aber dennoch beschlich ihn ein unangenehmes Gefühl.

Seit zwei Stunden stand er nun hier, und es hatte sich nichts ereignet. Der Mann, den er beobachten sollte, war offensichtlich zu Hause und hatte sich noch nicht gezeigt. Als es dunkel wurde, war hinter einigen Fenstern Licht angeschaltet worden. Das war alles.

Rico überlegte, ob es eine Möglichkeit gab, in das Haus einzudringen. Schließlich verwarf er diesen Gedanken wieder und beschloss, sich eine Zeitlang die Beine zu vertreten. Der Verkehr war abgeflaut, und nur noch wenige Fahrzeuge fuhren durch die Straße.

Plötzlich hörte er das Geräusch eines näherkommenden Wagens, der ziemlich langsam fuhr. Rico blieb stehen und starrte dem Auto entgegen. Er wich langsam zurück, bis er im Schatten eines Baumes stand. Der Wagen, ein Camaro, kam immer näher.

Rico hielt den Atem an, als das Fahrzeug vor dem Haus, in dem sein Zielobjekt wohnte, stehenblieb. Jetzt wurde es endlich interessant. Er drückte sich tiefer in den Schatten und bedauerte, dass er nicht näher herangehen konnte. Aber er dachte nicht daran, das kleinste Risiko einzugehen. In diesem Fall hielt er sich strikt an die Vorschriften seiner Auftraggeberin.

Aus dem Wagen stieg ein hochgewachsener und gut gekleideter Mann von schlanker Statur. Rico kannte ihn nicht und versuchte, sich das Bild des Fremden einzuprägen. Vielleicht konnte seine Auftraggeberin etwas damit anfangen.

Der Fremde ging auf den Eingang zu, zögerte und blickte sich nach allen Seiten um. Schließlich bewegte er sich weiter und stieß die Eingangstür auf. Rico sah, dass der Fremde durch das hell erleuchtete Foyer ging und mit dem Pförtner sprach. Es dauerte einige Minuten und einen längeren Wortwechsel, bis der der Neuankömmling die breite Treppe emporstieg.

Rico stieß den Atem aus und ging auf den Camaro zu und beschloss, die Nummer zu notieren. Auf diese Weise konnte er vielleicht feststellen, wer der Fremde war.

Als er sein Notizbuch herauszog, hörte er die Schritte. Langsam und gemessen kam jemand die Straße entlang. Rico blickte sich um – und erkannte die Umrisse einer dunklen Gestalt, die keine dreißig Meter entfernt war. Die Schritte waren verstummt, und der drohende Schatten rührte sich nicht.

Rico spürte, dass eine eisige Hand nach seinem Herzen griff, und ihn plötzlich eine entsetzliche Angst überkam.

Einige Sekunden konnte er sich kaum rühren, und diese Zeit erschien ihm wie eine Ewigkeit. Er verfluchte seinen Leichtsinn. Er hatte keine Waffe bei sich. Dann versuchte er, sich wieder zu beruhigen. Der Schatten dort drüben bewegte sich überhaupt nicht!

Vielleicht hatte die Person genauso viel Angst wie er. In dieser stillen Straße um diese Zeit! Rico bemühte sich zu grinsen, er brachte jedoch nur eine Grimasse zustande. Er war ein Feigling, und er wusste es.

Langsam trat er den Rückweg an. Kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn. Er musste nur seinen Wagen erreichen, dann war er in Sicherheit. Verdammt noch mal, diese paar Meter musste er schaffen, ohne dass er einen Herzschlag bekam.

Rico riskierte einen vorsichtigen Blick über die Schulter. Der Schatten folgte ihm in gleichmäßigem Abstand.

Er begann zu laufen, stolperte und fing sich ab. Sein Verfolger – er zweifelte nicht mehr daran, dass es ein Verfolger war – hatte die Distanz verringert.

Gehetzt blickte Rico sich um. Als sein Verfolger in den Schein einer Laterne kam, erkannte er, dass es ein Mann war. Ziemlich groß und sehr schlank. Er trug nichts bei sich und hatte die Hände in den Taschen vergraben.

Rico war nur noch zehn Meter von seinem Wagen entfernt. Er würde es schaffen. Sein Verfolger war immer noch ein ganzes Stück hinter ihm.

In diesem Augenblick hatte er noch genau dreiundzwanzig Sekunden zu leben, aber das wusste er natürlich nicht.

Rico Manzini hatte den Wagen erreicht und bemühte sich mit zitternden Fingern, das Türschloss aufzubekommen. Er riskierte noch einen ängstlichen Blick zurück.

Sein Verfolger war stehengeblieben. Rico sah, dass er mit irgendeinem Gerät hantierte, dass er auf diese Entfernung nicht erkennen konnte.

Endlich hatte er die Tür geöffnet. Als er sich in den Wagen schwingen wollte, sah er das Aufblitzen des Mündungsfeuers. Und das war so ziemlich das Letzte, was er in seinem Leben sah.

Für den Bruchteil einer Sekunde wunderte er sich darüber, dass er keinen Schuss hörte. Den Schalldämpfer sah er schließlich nicht.

Dann registrierte er den Schmerz in seiner Brust. Er spürte ein Frösteln und gleichzeitig Hitze, ausgehend von der Stelle über seinem Herzen, wo ihn die Kugel getroffen hatte.

Er schwankte, und seine Hand löste sich langsam vom Wagendach. Für einen Moment stand sein Körper noch aufrecht, gehalten von der geöffneten Tür. Dann rutschte er langsam in den Straßenstaub.

Auf diese Entfernung mit einer Pistole, dachte er. Ein guter Schütze. Schwarzer Nebel hüllte ihn ein. Ein letztes Zittern durchlief seine verkrümmte Gestalt. Rico Manzini, ein kleiner Ganove mit großen Träumen, war tot.

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23.

John Carruthers öffnete selbst. Steve erkannte ihn selbst nach den schlechten Zeitungsbildern sofort.

Carruthers sah seinen späten Besucher erstaunt an.

„Ja?“, fragte er vorsichtig und höflich. „Man hat mir gesagt, dass es außerordentlich wichtig sei. Es ist schon ziemlich spät für einen Besuch.“

„Mein Name ist Steve McCoy. Ich bearbeite einen Mordfall und würde gern ein paar Worte mit Ihnen wechseln.“

„Polizei?“

„Nein.“

„Dann weiß ich nicht, über welchen Mordfall wir uns unterhalten sollten.“ Die Stimme war etwa zehn Grad kälter geworden und lag jetzt kurz über dem Gefrierpunkt.

„Barbara MacLaren“, sagte Steve langsam.

Mit dem Gesicht von John Carruthers ging eine Veränderung vor. Seine Verbindlichkeit war wie weggeblasen. Er musterte Steve drohend und öffnete die Tür ein Stück weiter.

„Kommen Sie herein, wenn es nicht zu lange dauert. Meine Zeit ist sehr begrenzt, wie Sie sich vielleicht denken können.“

„O, es liegt an Ihnen, wie lange es dauert“, sagte Steve lächelnd und betrat die Wohnung.

Sie war mit Geschmack und viel Geld eingerichtet worden. Das große Wohnzimmer an der Rückfront schien dem Katalog eines teuren Einrichtungshauses nachgestaltet worden zu sein. Alle Einzelheiten waren aufeinander abgestimmt. Nur eines vermisste Steve: Die persönliche Note. Alles wirkte ein bisschen kalt. Aber damit passt sie zu dem Bewohner, dachte er.

Carruthers deutete mit einer kreisenden Handbewegung auf die zahlreichen Sitzgelegenheiten.

„Nehmen Sie Platz, wo Sie wollen. Einen Drink?“

Steve schüttelte den Kopf. „Nein, danke. Es wird nicht lange dauern, und ich muss auch noch fahren.“ Er ließ sich in einen lederbezogenen Sessel englischer Herkunft sinken.

Carruthers zündete sich eine Zigarette an. Er blickte an Steve McCoy vorbei.

„Wie war das mit Barbara MacLaren, Mister McCoy? Ich nehme an, Sie wollten mich mit diesem Namen neugierig machen.“

„Sie wissen sicher, dass Kevin MacLaren in Untersuchungshaft sitzt“, begann Steve. „Es gibt viele Anzeichen, dafür, dass man ihn zu Unrecht verdächtigt.“

Carruthers fuhr herum.

„Wer sagt das? Die Polizei? Oder ist das Ihre persönliche Ansicht? Im Übrigen möchte ich wissen, weshalb Sie darüber mit mir sprechen wollen.“

„Das hat einen plausiblen Grund“, meinte Steve. „Sie stehen sowohl mit MacLaren als auch mit seiner Frau in enger Beziehung. Die eine Beziehung ist mehr beruflicher Natur, die andere mehr – nun ja, ich glaube, das brauchen wir nicht im Einzelnen zu erörtern. Da Sie aber die einzige Person sind, auf die das zutrifft, wollte ich gern mit Ihnen reden.“

„Und was haben Sie davon?“, fragte Carruthers mit leiser Stimme.

„Ich kann mir ein besseres Bild machen“, antwortete Steve.

Carruthers drückte mit einer heftigen Bewegung seine Zigarette in einem Aschenbecher aus.

„Sie haben jetzt lange genug um den heißen Brei herumgeredet. Sagen Sie mir endlich, was Sie eigentlich von mir wollen. Sie sind doch sicher nicht hergekommen, um dunkle Andeutungen zu machen.“

„Ich glaube“, sagte Steve langsam, „dass Sie in irgendeiner Weise mit dieser Sache zu tun haben.“

Carruthers erstarrte und sah ihn lange an.

„Wollen Sie damit behaupten, dass ich dafür verantwortlich bin, dass Kevin MacLaren im Gefängnis sitzt?“, fragte er schließlich.

Steve McCoy zuckte leicht mit den Schultern und stand auf. „Das kann ich im Augenblick nicht sagen, da ich es nicht beweisen kann. Aber Sie können sicher sein, dass ich die Zusammenhänge noch aufdecken werde.“

Carruthers war ebenfalls aufgestanden. Seine Stimme zitterte vor unterdrückter Wut.

„Diese ungeheuerliche Anschuldigung werden Sie noch bereuen. Ich werde alles in Bewegung setzen, um Sie dafür zur Rechenschaft zu ziehen. Und Sie können mir glauben, dass ich als Politiker ausgezeichnete Verbindungen zu allen Behörden habe. Sie werden in dieser Stadt keine Chance mehr haben.“

Steve verbeugte sich leicht. „Tun Sie, was Sie für richtig halten. Aber seien Sie vorsichtig in der Auswahl Ihrer Mittel.“

Carruthers folgte Steve zur Tür.

„Ich finde schon allein hinaus“, sagte Steve und zog die Tür auf. Er wandte sich noch einmal halb um. „Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht, Mister Carruthers. Wir werden uns aber sicher noch begegnen.“

Der Politiker antwortete nicht und starrte ihn mit gerunzelter Stirn an. Dann schmetterte er die Tür ins Schloss.

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24.

Steve ging leise pfeifend auf die Straße. Der Besuch hatte sich gelohnt. Carruthers war jetzt so verunsichert, dass er handeln musste. Und dabei würde er Fehler machen. Der Fuchs war aus seinem Bau gelockt. Steve war überzeugt davon, dass der Politiker sehr tief in den Fall verwickelt war, obwohl er sich nicht vorstellen konnte, dass Carruthers ein Killer war.

Weit und breit war kein Mensch zu sehen. Von fern drang Straßenlärm herüber, wie durch Watte gefiltert.

Steve sah sich schnell nach beiden Richtungen um. Als er das Haus betrat, hatte dort ein Mann gestanden, der ihn aufmerksam beobachtet hatte. Steve hatte ihn sofort bemerkt, bevor der andere sich in den Schatten eines Baumes gedrückt hatte.

Er blickte zu seinem Camaro, der wenige Schritte entfernt an der Bordsteinkante stand. Es war nichts Verdächtiges zu sehen. Aber Steve war vorsichtig. Es war schließlich nicht auszuschließen, dass ihn ein unangenehmer Zeitgenosse aus dem Weg räumen wollte. Er dachte an die Bombe im Wagen des Senators Joseph Clark.

Vorsichtig näherte er sich dem Wagen und inspizierte ihn von allen Seiten. Türen, Kofferraum und Motorhaube waren intakt. Er beugte sich hinunter und blickte unter den Wagenboden. Auch hier war alles in Ordnung. Die Zeit war zu kurz gewesen, als dass jemand eine Sprengladung an die Zündvorrichtung hätte koppeln können.

Steve sah sich wieder nach allen Seiten um. Er hatte ein unbehagliches Gefühl, ohne zu wissen, warum. Und das störte ihn.

Schließlich heftete sich sein Blick auf das Heck des Wagens, der in einiger Entfernung stand, dort, wo der Beobachter gestanden hatte. Plötzlich wusste er, was ihn störte.

Die Fahrertür stand offen, und außerdem brannte die Innenbeleuchtung. Das war vorhin nicht der Fall gewesen. Und er wusste genau, dass der Wagen schon dort gestanden hatte, als er angekommen war.

Langsam ging er die Straße hinunter. In dem Fahrzeug war niemand zu sehen. Steve blieb stehen und lockerte die Beretta im Holster an der Hüfte, ohne sie herauszuziehen.

Es blieb alles ruhig. Er ging weiter.

Dann beschleunigte er seine Schritte plötzlich. Neben der geöffneten Autotür lag jemand auf der Straße.

Steve beugte sich über den Liegenden. Der Mann war tot, daran gab es keinen Zweifel. Der Oberkörper war halb unter den Wagen gerutscht und lag in einer riesigen Blutlache.

Steve hob den Körper ein Stück an, bis er das Gesicht sehen konnte. Der Mann war ihm völlig unbekannt. Vorsichtig ließ er ihn wieder zurücksinken und trat zurück.

Direkt an der Ecke stand eine Telefonzelle. Er rief das Police Department an und verlangte die zuständige Mordkommission. Schließlich hatte er einen mürrischen Beamten in der Leitung, der versprach, sofort alles in die Wege zu leiten.

„Und schicken Sie bitte Lieutenant Anderson hierher“, sagte Steve vorsichtshalber ein zweites Mal.

„Der ist für diesen Bezirk nicht zuständig“, antwortete der Beamte nach einer kurzen Pause.

„Das weiß ich“, sagte Steve. „Aber ich glaube, dass dieser Mord mit einem anderen Fall zusammenhängt, den der Lieutenant gerade bearbeitet.“

„Woher wollen Sie das so genau wissen?“ Die Stimme klang plötzlich sehr misstrauisch.

„Ich bin Hellseher“, erklärte Steve kurz und hängte ein. Er war sicher, dass der Lieutenant kommen würde.

Wenig später wurde die Straße von den kreisenden Rotlichtern der Polizeifahrzeuge auf gespenstische Art erleuchtet. Zwei Scheinwerfer wurden angeschlossen, und deren gleißendes Licht verwandelte die unwirkliche Szene in einen richtigen Tatort.

Ein halbes Dutzend Kriminalbeamte bewegten sich um den Wagen mit dem Toten und suchten nach Spuren. Ein Fotograf machte seine Aufnahmen, und über der Leiche hockte der zuständige Pathologe.

Ein paar Schritte abseits stand Steve McCoy, die Hände in den Taschen vergraben. Er hatte sich gegenüber Lieutenant Anderson mit seinem Ausweis des Justizministeriums ausgewiesen, den er für solche Fälle bei sich trug. Anderson kaute genüsslich an einem dick belegten Sandwich.

„Sie hätten mir bei unserem ersten Treffen schon sagen können, für wen sie ermitteln. Dann hätte ich nicht so lange über Sie nachdenken müssen.“

„Etwas Nachdenken kann ja nicht schaden“, bemerkte Steve etwas spitz.

Neben dem Wagen stand der Leiter der zuständigen Mordkommission, dessen Namen Steve nicht verstanden hatte. Er gab seine Anweisungen und fuchtelte mit den Armen.

„Bitte?“, fragte Steve irritiert. Er hatte nicht zugehört.

„Haben Sie den Mann gekannt?“, wiederholte Anderson.

„Nein.“ Steve schüttelte den Kopf. „Ich glaube nur, dass dieser Mann nicht zufällig an dieser Stelle ermordet wurde.“

„So? Und weshalb glauben Sie das?“ Anderson biss wieder ein großes Stück von seinem Sandwich ab.

„Als ich kam, um Carruthers zu besuchen, war er schon hier. Der Wagen parkte an derselben Stelle, und der Mann beobachtete das Haus des Politikers – und mich natürlich auch. Ich kann es nicht beschwören, dass der Tote dieser Mann war, aber der Verdacht liegt nahe.“

„Haben Sie Carruthers besucht?“, fragte Anderson freundlich, ohne den Blick von der erleuchteten Szene zu wenden.

„Warum nicht? Es gibt nicht allzu viele Spuren in diesem Fall.“

„In welchem Fall?“ Anderson wandte ruckartig den Kopf und hörte auf zu kauen.

„Lieutenant Anderson“, sagte Steve. „Die Polizei hat ihre Methoden, und ich habe meine. Und ich glaube, dass dieser Mord mit einem Fall zusammenhängt, den ich gerade bearbeite. Da die Polizei in dieser Sache anderer Ansicht ist, habe ich gewisse Hemmungen, mich Ihnen anzuvertrauen.“

„Sie sprechen von MacLaren“, sagte Anderson langsam. „Und Carruthers. So weit, so gut. Aber was hat dieser Tote damit zu tun?“

Steve zuckte mit den Schultern. „Überlassen Sie Ihrem Kollegen doch den Fall. Er ist schließlich der Boss hier. Ich kann nicht beweisen, dass der Tote der Mann ist, der mich beobachtet hat. Und ich weiß auch nicht, weshalb man ihn ermordet hat. Aber ich bin mir sicher, dass es Zusammenhänge zwischen Kevin MacLaren, Carruthers und diesem Toten gibt.“

Anderson sah ihn ernst an. „Und weiter?“

„Nichts weiter. Deswegen habe ich Sie herbitten lassen. Ziehen Sie Ihre eigenen Schlüsse.“ Er ließ den Lieutenant stehen und trat zu dem Wagen.

Der Tote wurde gerade in einen Zinksarg gehoben, und die Polizisten standen in einem dichten Pulk zusammen.

Steve stellte sich einfach zu der Gruppe, was niemanden zu stören schien. Die Leute hatten sich an seine Anwesenheit am Tatort bereits gewöhnt. Er merkte, dass auch Anderson nähertrat.

„Fassen wir zusammen“, sagte der Leiter der Mordkommission gerade. „Der Tote heißt Rico Manzini und wurde durch einen einzigen Schuss aus mittlerer Entfernung getötet. Die Tat geschah erst kürzlich. Er wurde getroffen, als er in seinen Wagen steigen wollte. Ansonsten haben wir weder einen Hinweis auf den Täter noch auf das Motiv. Oder gibt es irgendwelche Spuren?“

„Keine Patronenhülsen oder weitere Einschüsse“, sagte einer der Polizisten. „Es muss sich um einen sehr guten Schützen handeln.“

„Dann müssen wir die Ergebnisse des Labors abwarten. Fragen Sie jetzt die Leute in den benachbarten Häusern, ob sie den Schuss gehört oder sonst irgendetwas bemerkt haben.“

„Das hat keinen Sinn“, sagte Steve zu Anderson. „Den Schuss hat mit Sicherheit niemand gehört. Ich war schließlich auch nicht weit weg und hätte bestimmt reagiert. Außerdem kann ich genau die Tatzeit bestimmen. Ich war höchstens eine Viertelstunde bei Carruthers.“

Anderson winkte ab. „Verwirren Sie meinen Kollegen nicht mit Ihren Vermutungen. Er hat’s schon so schwer genug.“

Steve verstand den Hinweis und lächelte leicht. Mit diesem dicken Polizisten ließ sich zusammenarbeiten.

„Sind Sie der Mann, der den Toten gefunden hat?“

Steve drehte sich um. Der Leiter der Mordkommission stand vor ihm und wippte auf den Fußspitzen. Er hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt.

„Ja, ich habe ihn gefunden.“

„Ihren Namen und Ihre Anschrift bitte!“

Steve sagte es ihm und zeigte seinen Ausweis.

„Haben Sie etwas gesehen oder gehört, das uns weiterhilft?“

Steve schüttelte den Kopf. „Nein, nichts. Ich war zu Besuch bei einem Bekannten – mein Wagen parkt noch vor der Tür – und sah den erleuchteten Wagen stehen. Ich bin darauf zugegangen und habe ihn gefunden.“

Der Polizist betrachtete den Ausweis, als sei er ein gefährliches Insekt. Er hatte seinen Namen erneut genannt, aber Steve hatte ihn wieder nicht verstanden.

„Haben Sie eine Waffe?“

„Ja.“ Steve griff zum Holster und holte die Beretta heraus. Die Lizenz reichte er gleich nach.

Der Beamte prüfte alles gründlich und musterte ihn misstrauisch.

„Vielleicht ist es doch besser, wenn Sie mit auf’s Revier kommen“, sagte er schließlich.

Anderson mischte sich ein. „Das ist sicher nicht notwendig. Ich kenne den Mann. Er wird morgen freiwillig zu Ihnen kommen, um seine Aussage zu Protokoll zu geben.“

„Na gut. Auf Ihre Verantwortung.“ Er trat zurück und wandte sich wieder an seine Leute.

„Danke“, sagte Steve und nickte Anderson zu.

„Keine Ursache“, meinte der Lieutenant. „Sie werden sicher eine Gelegenheit bekommen, sich zu revanchieren.“ Er drehte sich auf dem Absatz um und marschierte zu seinem Wagen.

Steve sah ihm ein paar Sekunden nach, ehe er ebenfalls zu seinem Camaro ging.

Am Tatort waren die Scheinwerfer inzwischen wieder ausgeschaltet worden, und nur noch die Rotlichter flackerten.

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25.

Sabato öffnete den Verschluss und löste die Schraube, die den Ladeschlitten festhielt. Schließlich war die Waffe in ihre Einzelteile zerlegt. Mit Pinsel, Bürste und Waffenöl reinigte er die Pistole gründlich. Sie war fast neu und zu kostbar zum Wegwerfen. Er hatte sich an die präzise Waffe gewöhnt. Umso gründlicher musste er die Spuren des Schusses beseitigen.

Zwar wusste er genau, dass die Polizei anhand des Geschosses jederzeit beweisen konnte, dass dies eine Mordwaffe war. Aber dazu mussten sie die Pistole erst einmal in die Hand bekommen und zweitens mussten sie den Verdacht haben, dass damit ein unbekannter Gauner irgendwo in New York erschossen worden war.

Er trank einen Schluck Milch und hob anschließend den Lauf gegen das Licht. Zufrieden nickte er. Sein Handwerkszeug musste in Ordnung sein. Darauf legte er großen Wert. Er setzte die Pistole wieder zusammen und versteckte sie mit dem Zubehör in dem Geheimfach im Koffer.

Es war schon spät. Er spürte, dass er plötzlich müde wurde.

Er erstarrte und war hellwach, als das Telefon klingelte. Erst nach dem dritten Mal hob er ab. Er nannte seinen Namen nicht, aber er erkannte die Stimme sofort, die sich am anderen Ende meldete.

„Hat alles geklappt? Die Polizei war hier und hat gefragt, ob ich etwas gehört oder gesehen habe. Das habe ich natürlich nicht. Meinen Glückwunsch.“

„Sie sollen mich doch hier nicht anrufen, Mister“, sagte Sabato mit harter Stimme. „Das ist für uns beide viel zu gefährlich.“

„Es ist ein weiterer Notfall eingetreten“, entgegnete der andere hastig. „In der Zeit, in der der Beobachter ausgeschaltet wurde, war ein richtiger Schnüffler bei mir zu Besuch. Er weiß für meinen Geschmack zu viel und muss aus dem Wege geräumt werden.“

„Ich glaube, ich habe bald keine Lust mehr, für Sie zu arbeiten“, sagte Sabato. „Entweder sehen Sie Gespenster, oder die halbe Stadt weiß bereits, was Sie treiben.“

„Hören Sie zu!“ Die Stimme wurde drängend. „Ich bezahle gut. Aber dieser Mann muss weg. Er ist gefährlich. Und ich habe den Eindruck, dass er die Wahrheit kennt.“

„Ich bin an Ihrem Geld nicht mehr interessiert“, antwortete Sabato. „Sehen Sie doch selbst zu, wie Sie sich die Mitwisser vom Hals schaffen.“

„Ich lasse Sie hochgehen“, drohte der andere. „Ich weiß genug über Sie, die Polizei wird sich über einen solchen Fang freuen. Sie wissen, dass ich in dieser Stadt eine Menge Beziehungen habe.“

Sabato schwieg ein paar Sekunden, aber seine Augen hatten einen Ausdruck angenommen, bei dessen Anblick anderen ein kalter Schauer über den Rücken gelaufen wäre.

„Das würden Sie nicht wagen“, sagte er schließlich. „Sie hängen mit drin, wenn Sie gegen mich etwas unternehmen.“

Sein Gesprächspartner am anderen Ende lachte.

„Wer wird Ihnen glauben? Bei dem Job, den Sie haben? Ich bin in New York ein bekannter und wichtiger Mann. Ihr Wort gilt absolut nichts gegen meins. Also, tun Sie es oder nicht?“

Sabato nagte an seiner Unterlippe. „Ja. Wie heißt der Mann?“

„Er heißt Steve McCoy und ist irgendein Schnüffler. Die MacLarens müssten ihn kennen, vielleicht auch ihr Anwalt. Außerdem habe ich vom Fenster aus gesehen, wie er sich mit der Polizei unterhalten hat. Irgendjemand wird schon wissen, wie Sie ihn finden. Aber beeilen Sie sich, ehe er weitere Schritte unternehmen kann.“

„Ich werde mich darum kümmern“, sagte Sabato und legte auf. Er ließ sich auf das Bett sinken und verschränkte die Arme hinter dem Kopf.

Der Auftrag wurde lästig wie ein Klumpfuß und der Kreis der Beteiligten immer größer. Damit wurde der Sicherheitsfaktor unberechenbar. Er befand sich in einer Situation, in der er nie zuvor gewesen war. Sein eigener Auftraggeber erpresste ihn. Und dagegen war Sabato allergisch.

Es war höchste Zeit, eine Lösung zu finden, die ihn von allen Schwierigkeiten befreite.

Er stand auf und öffnete den Koffer, der immer noch auf dem Tisch lag. Es roch leicht nach Waffenöl.

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26.

Steve McCoy wachte mühsam auf. Er blinzelte, als ein Sonnenstrahl in seine Augen blendete. Er schwang die Beine aus dem Bett und reckte sich.

Die Nacht hatte er in seinem Haus in Brooklyn verbracht. Er wollte heute Morgen sehr früh beginnen.

Er sah auf seine Uhr. Es war in der Tat noch früh.

Eine kalte Dusche und ein kräftiges Frühstück brachten ihn auf die Beine.

Sein erster Weg führte ihn zu dem zuständigen Polizeirevier, wo er seine Angaben über den Mord vom Vorabend protokollieren ließ. Das Ganze dauerte knapp zwanzig Minuten. Endlich konnte er gehen. Die Polizisten hatten zu dieser frühen Stunde offensichtlich auch noch keine Lust zu längeren Verhören. Zudem hatte niemand Interesse an dem kleinen Ganoven, der von einem anderen Ganoven erschossen worden war.

Anschließend führte Steve mehrere Telefongespräche. Seine Dienststelle hatte schließlich jede Menge gute Verbindungen zu allen Bereichen der Verbrechensbekämpfung. Danach hatte er einen Namen und eine Adresse. Sie gehörte einem der Gangster, die Dr. Charles Highwood zusammengeschlagen hatten. Der Name lautete Harvey Atkins und die Adresse East 31. Straße.

Das Haus hätte bei einer Schönheitskonkurrenz keinen Preis gewonnen. Steve blickte die Fassade hinauf. Der Putz war zum größten Teil abgeblättert, und die Fenster hätten dringend einen Anstrich gebraucht. Vor dem Eingang lärmten Kinder. Es roch nach Abfällen.

Steve schüttelte den Kopf. Immer mehr New Yorker mussten in solcher Umgebung leben. Die Slums breiteten sich aus wie Krebsgeschwüre – Brutstätten des Verbrechens. Und es sah nicht so aus, als könnte diese Entwicklung in der nächsten Zeit aufgehalten werden. Das hatte nur einen Vorteil: Steve McCoy würde sich über Arbeitsmangel nicht zu beklagen haben.

Er drückte die Tür auf und ging in den dämmerigen Hausflur. Rasch überflog er die Namen auf den Briefkästen. Er hatte keine großen Schwierigkeiten gehabt, den Besitzer des Wagens festzustellen, mit dem die Gangster vor Dr. Highwoods Haus geflohen waren. Ein zweiter Anruf hatte ihn über einen Auszug aus dem Strafregister informiert. Dort war auch der Komplice von Atkins registriert: Bill Ellison. Solche kleinen Gangster änderten ihre Gewohnheiten selten. Deshalb kam die Polizei ihnen auch immer wieder auf die Spur. Sie hatten einfach kein Format.

Steve stieg die baufälligen Treppen hinauf, nachdem er den Namen entdeckt hatte, mit krakeliger Schrift auf einen winzigen Zettel geschrieben. Harvey Atkins wohnte im dritten Stock.

Je weiter Steve nach oben kam, desto undefinierbarer wurden die Gerüche. Er hätte es hier nicht einen Tag ausgehalten. Schließlich stand er im dritten Stock, in der Hand die Werbedrucksache, die er aus Atkins Briefkasten gefischt hatte.

Die Klingel an der Tür, an der unter anderen auch der Name von Harvey Atkins stand, funktionierte nicht. Steve klopfte.

Es dauerte nur Sekunden, bis die Tür geöffnet wurde. Eine alte Frau in einem schmutzigen Kittel starrte ihn wortlos an.

„Ich möchte zu Mister Atkins“, sagte Steve.

Sie verzog das Gesicht zu einem Grinsen, wobei eine prächtige Reihe von Zahnlücken sichtbar wurde.

„Sie können ja mal versuchen, ihn wachzukriegen. Er schläft ziemlich lange, weil er sich am Abend volllaufen lässt. Aber wenn Sie zu seinen Freunden gehören, wissen Sie das sicher.“

Sie betrachtete ihn abschätzend. „Und wenn Sie nicht dazugehören, wird er Sie gleich rausschmeißen.“

Sie zog die Tür auf und ließ Steve eintreten.

„Dritte Tür rechts. Gehen Sie ruhig rein.“

Sie sah ihm nach, als er auf die Tür zuging. Im Gesicht hatte sie immer noch ihr Grinsen, das immerhin für eine Nebenrolle in einem Gruselfilm gereicht hätte.

In dem Zimmer roch es nach abgestandenem Fusel und Zigarettenrauch. Die Einrichtung war dürftig. Das einzig Neue war ein Telefon auf dem Nachttisch.

Atkins lag in voller Kleidung auf dem Bett und schlief. Als Steve weiter ins Zimmer trat, schlug er plötzlich die Augen auf und sah den Eindringling fassungslos an.

Steve warf den Werbebrief aufs Bett. „Ich bringe die Post.“

Erst beim Klang der Stimme schien der Gangster zu begreifen, was vorging. Blitzschnell warf er sich herum, riss die Schublade des Nachttisches auf und griff hinein.

Mit einem großen Schritt war Steve heran und trat mit dem ausgestreckten Fuß hart gegen die Schublade. Atkins heulte auf, da seine Hand eingeklemmt wurde. Hastig zog er sie zurück. In der Schublade lag ein Revolver.

Den nächsten Angriff konnte Steve McCoy leicht abwehren. Der Gangster versuchte, vom Bett hochzukommen und dabei einen Schwinger zu landen. Eine rechte Gerade schickte ihn zurück, und sein Kopf prallte gegen die Wand.

„Können wir uns jetzt unterhalten?“, fragte Steve mit ruhiger Stimme.

Aber Atkins gab noch nicht auf. Er stieß einige unzusammenhängende Worte aus und ging erneut auf Steve los. Dieser wich tänzelnd einige Schritte zurück und ließ seinen Gegner kommen. Der Gangster war wütend und stürmte los wie ein Stier.

Steve machte es wie ein Torero und ließ ihn ins Leere laufen. Atkins fuhr wieder herum und versuchte, alle Kraft in einen mörderischen Hieb zu legen. Steve fing die Faust mit dem Unterarm ab, machte wieder eine Drehung und rammte Atkins den Ellbogen in die Herzgrube. Der Gangster stöhnte und taumelte zurück.

Steve setzte nach und zog Atkins hoch. Jeden weiteren Widerstand erstickte er mit einem platzierten Schlag auf das Jochbein. Das tat höllisch weh, wie er aus eigener schmerzhafter Erfahrung wusste. Damit war Atkins Kraft gebrochen. Er blieb auf dem wackligen Stuhl liegen, auf den ihn Steve geschleudert hatte.

„Jetzt reicht’s aber“, sagte Steve und massierte sich die Knöchel der rechten Hand. „Ich wollte nur ein paar Fragen stellen.“

Atkins starrte ihn dumpf an und verzog schließlich das Gesicht zu einem missglückten Grinsen. „Ich weiß nicht, wovon Sie reden. Sie dringen einfach bei mir ein und schlagen mich nieder.“

„Lassen wir das Versteckspiel. Sie wissen genau, wer ich bin, denn wir sind uns schon begegnet. Sie haben den Kürzeren gezogen, und heute wird dasselbe passieren. Ich möchte wissen, wer Ihnen den Auftrag gegeben hat, Dr. Highwood zu überfallen.“

„Niemand hat mir den Auftrag gegeben. Das war ein dummer Zufall. Ich gebe zu, dass wir bei diesem Anwalt waren, aber wir wollten ihn nur um ein paar Dollar erleichtern.“

Steve lächelte freundlich und schlug mit der flachen Hand zu. Die gewaltige Ohrfeige warf den Gangster vom Stuhl, und er prallte wieder mit dem Kopf gegen die Wand.

„Ich weiß nicht, wie lange Sie das aushalten“, sagte Steve. „Ich habe den ganzen Tag Zeit.“

Atkins rappelte sich mühsam auf und stützte sich gegen die Wand.

„Das werden Sie noch bereuen“, murmelte er leise.

Steve lächelte ihn ungerührt an. „Ihr Komplice heißt Bill Ellison. Richtig?“

Atkins nickte erst, nachdem er einen aufmunternden Hieb gegen die Rippen eingesteckt hatte.

„Na also, wir kommen doch voran“, meinte Steve fröhlich. „Und jetzt noch den Namen des Auftraggebers.“

„Nein!“ Atkins schrie es fast. „Wenn ich den sage, bin ich ein toter Mann. Ich kenne den Namen auch gar nicht. Er ruft uns nur an, wenn er uns braucht. Wir kennen nur den Decknamen.“

Steve trat einen Schritt zurück und betrachtete ihn prüfend.

„Wie nennt sich dieser Mann? Es geht hier um Mord! Ich muss den Namen haben. Sie müssen sich sowieso einen anderen Job suchen.“

„Wenn er erfährt, dass ich Ihnen den Namen genannt habe ...“ Atkins brach ab und senkte den Kopf.

Steve packte ihn am Arm.

„Los! Raus damit! Sonst liefere ich Sie bei der Polizei ab, und zwar unter Mordverdacht. Dann haben Sie keine ruhige Minute mehr, das schwöre ich Ihnen.“

„Er nennt sich Sabato.“ Die Worte waren kaum zu verstehen.

„Sabato.“ Steve wiederholte den Namen und betonte jede Silbe. „Und weiter?“

„Weiter nichts. Das ist sein Name. Einen anderen gibt es nicht. Und es ist bestimmt nicht sein richtiger.“

„Und wo hält er sich normalerweise auf?“, fragte Steve.

„Das wissen wir nicht. Er ruft uns an und bestimmt einen Treffpunkt. Er hat uns verboten, ihm nachzugehen. Als wir es einmal versucht haben, hat er uns fast umgebracht.“

Steve nickte langsam. Er hatte den Eindruck, dass der Gangster die Wahrheit sagte.

In diesem Augenblick klingelte das Telefon. Beide starrten das schwarze Plastikgehäuse an.

„Na los, gehen Sie ran!“, sagte Steve schließlich.

Atkins hob langsam den Hörer ab.

„Ja?“, sagte er.

Plötzlich wurde sein Gesicht kreidebleich, und er sah Steve McCoy entsetzt an. Er sagte nichts, sondern hörte seinem unbekannten Gesprächspartner zu, wobei er mehrmals nickte.

Steve ahnte, wer am anderen Ende sprach. Mit einer raschen Bewegung nahm er Atkins den Hörer aus der Hand.

„Hier spricht Steve McCoy“, sagte er. „Falls wir das Vergnügen noch nicht hatten, wird es vermutlich bald soweit sein.“

Dann gab er den Hörer zurück.

Atkins starrte ihn nur an und legte den Hörer behutsam auf die Gabel. Er ließ sich auf das Bett sinken und stützte den Kopf in die Hände.

„Das war doch Ihr geheimnisvoller Auftraggeber?“, fragte Steve. „Das wird ihm gar nicht schmecken. Wir werden versuchen, ihn aus der Reserve zu locken. Und Sie müssen mir jetzt helfen, denn er wird annehmen, dass Sie mir alles verraten, was Sie wissen.“

Atkins murmelte ein paar unverständliche Worte. In welcher Lage er war, hatte er begriffen. Steve hatte fast Mitleid mit ihm. Doch ihm hätte nichts Besseres passieren können, als den Unbekannten an der Leitung zu haben. Zum ersten Mal hatte er die Chance, an den Killer heranzukommen und ihn aus der Deckung zu locken.

„Was wollte er von Ihnen?“, fragte er Atkins.

„Er hat mir Ihren Namen genannt“, murmelte der Gangster. „Wir sollen Sie finden und beobachten.“

„Er kennt meinen Namen also schon“, sagte Steve nachdenklich. „Wer ihm den wohl gesagt hat ... Ich bin also schon dicht dran.“

„Tun Sie mir den Gefallen und verschwinden Sie endlich“, beschwor ihn Atkins. Seine Stimme klang müde und verzweifelt.

„Na schön“, entgegnete Steve. „Sehen Sie zu, wie Sie mit Ihrem geheimnisvollen Unbekannten fertigwerden. Wir sprechen uns später noch. Und geben Sie sich keine Mühe. Ich finde Sie, wo immer Sie sich auch aufhalten.“

Damit drehte er sich auf dem Absatz um und ging hinaus.

Unten setzte er sich in seinen Wagen. Er behielt den Eingang im Auge und wartete.

Sabato, dachte er. Ich bin gespannt auf unsere Begegnung.

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27.

Der schlanke hochgewachsene Mann mit den dunklen Augen löste langsam die Hand von der Gabel des Telefons. Er hatte sie seit fast einer Minute nach unten gedrückt. Den Hörer hielt er immer noch in der Hand. Dann legte er ihn mit einer schnellen Bewegung auf.

Er legte die Stirn in Falten und überlegte fieberhaft. Sein Auftraggeber hatte Recht. Dieser Schnüffler McCoy wusste wirklich zu viel. Dass er Atkins ausfindig gemacht hatte, war unglaublich. Und dann noch diese Provokation am Telefon!

Der Mann, der sich Sabato nannte, ging zum Fenster und starrte hinaus. Er war ein Killer, dessen war er sich bewusst. Sein Beruf war das Töten. Es hatte den Anschein, als müsste er sehr schnell beruflich tätig werden. Er lächelte böse.

Er öffnete seinen Koffer und legte den Inhalt des Geheimfachs auf den Tisch. Sorgfältig wählte er sein Handwerkszeug aus. Diesmal ging es um ihn selbst.

Er entschied sich schließlich für den 44er Magnum. Der schwere Revolver war zuverlässig und hatte eine vernichtende Wirkung. Sabato wog die Waffe in der Hand. Das war kein Spielzeug für schwache Hände. Er strich zärtlich über die Combat-Griffschalen und überprüfte alle Funktionen. Danach lud er die Trommel.

Mit geübten Griffen befestigte er sein Schulterholster und schob den Revolver hinein. Schalldämpfer und Ersatzmunition verschwanden in der Sakkotasche. Er trat kurz vor den Spiegel. Der Anzug war so gearbeitet, dass man die Waffe unter der Achsel kaum sah.

Als Nächstes nahm er ein schmales Stilett in einer schwarzen Lederscheide aus dem Koffer. Er schob es in den Schaft seines Halbstiefels. Auch das war eine zuverlässige Waffe – in der Hand eines Spezialisten jedenfalls.

Sabato sah auf die Uhr. Es wurde Zeit. Er musste sich beeilen, wenn er seinem Gegner zuvorkommen wollte. Er war entschlossen, die Gefahr zu beseitigen. Das hieß, es durfte niemanden mehr geben, der ihm gefährlich werden konnte. Es waren nicht viele. Die, die ihn schon kannten, mussten zuerst verschwinden.

Er verließ sein Hotelzimmer, ohne gesehen zu werden. Den Weg kannte er, und er wusste auch, wie viel Zeit er brauchen würde. Denn er nahm die U-Bahn. Das war der sicherste und schnellste Weg. Und niemand würde auf ihn achten.

Die Fahrt dauerte genau achtundzwanzig Minuten. Dann war er am Ziel. Noch fünf Minuten zu Fuß, und er stand vor dem Haus, in dem sein erstes Opfer wohnte: Bill Ellison.

Ellison hatte den Fehler begangen, ihn kennengelernt zu haben. Und es war zu befürchten, dass der kleine Gangster reden würde, wenn er in die Mangel genommen wurde – ein Risiko, das Sabato nicht eingehen konnte.

Mit einem kurzen Blick überzeugte er sich davon, dass niemand auf ihn achtete. Schließlich ging er mit raschen Schritten ins Haus. Zwei Minuten später stand er vor der Tür, hinter der Bill Ellison wohnte. Die Wohnung hatte seiner Mutter gehört, die vor zwei Jahren gestorben war. Sein Vater war schon vor Jahren bei einem Banküberfall von einem Polizisten erschossen worden.

Sabato öffnete mit einem Spezialwerkzeug das alte Schloss und trat in die Wohnung. Er bewegte sich völlig lautlos, und seine Sinne waren bis zum Äußersten angespannt. Eine flüchtige Durchsuchung der Wohnung führte zu keinem Ergebnis. Ellison war nicht zu Hause.

Sabato setzte sich in einen Sessel und wartete. Die Hände lagen ruhig auf seinen Knien. Tür und Fenster behielt er im Auge – er war ein vorsichtiger Mann.

Es dauerte länger als eine Stunde, bis die Tür aufgeschlossen wurde. Sabato rührte sich nicht. Er hörte es im Flur rumoren. Schließlich kam Ellison ins Zimmer, im Arm eine riesige braune Papiertüte mit Lebensmitteln.

Er erstarrte, als er Sabato bemerkte. Dann glitt ihm die Tüte aus den Händen und fiel auf den Fußboden. Klirrend zerplatzte eine Flasche, und irgendeine Flüssigkeit lief aus. Wahrscheinlich Bier, dachte Sabato, ohne den anderen aus den Augen zu lassen. Seine Hände hatten sich noch keinen Zoll bewegt.

„Wie – wie kommen Sie hier herein?“, stammelte Ellison. „Was wollen Sie von mir? Harvey hat mir nicht gesagt, dass Sie einen Auftrag für uns haben.“

Sabato lächelte schwach. Nur seine Augen blieben ernst.

„Ich habe einen Auftrag für dich allein. Das ist eine einmalige Gelegenheit für dich. Du wirst alles zeigen müssen, was du hast.“

„Aber ich habe noch nie ohne Harvey gearbeitet.“ Ellisons Stimme klang zweifelnd. Er fühlte sich nicht wohl in seiner Haut.

„Wir brauchen Harvey diesmal nicht“, sagte Sabato leise. „Dafür kannst du das Geld auch allein behalten.“

Ellison zuckte mit den Schultern. „Das wird Harvey aber gar nicht recht sein. Ich habe noch nie ohne ihn ...“

„Hör auf!“ Die harte Stimme unterbrach ihn, und Ellison zuckte zusammen. Seine Hände zitterten leicht.

Sabato sah es mit Befriedigung. „Wir wollen gehen.“

Ellison bewegte sich immer hilfloser. Ein Schwachsinniger, dachte Sabato angewidert. Ein hirnloser Schläger und Feigling.

Ellison bückte sich und wollte die zerrissene Tüte aufheben. Ein paar Äpfel waren über den Fußboden gekollert.

„Lass das jetzt liegen!“ Sabatos Stimme klang wie ein Peitschenhieb. Er stand mit einem Ruck auf. Mit einer flüchtigen Bewegung überzeugte er sich davon, dass die dünnen Lederhandschuhe fest saßen.

„Also los, gehen wir endlich!“

Er schob Ellison mit der Hand aus der Tür. Ellison ließ die Schultern hängen, aber er biss schon wieder auf dem Kaugummi herum, an dem er sich beim Betreten des Zimmers fast verschluckt hatte.

Sie gingen rasch die Treppe hinunter. Sabato war immer einen halben Schritt hinter Ellison. Keiner sagte ein Wort. Ellison traute sich nicht, und Sabato hatte dem anderen nichts mehr zu sagen. Auf der Straße wandten sie sich nach links.

„Wohin gehen wir?“, fragte Ellison mit einem schnellen Seitenblick in das steinerne Gesicht des Killers. Der schüttelte nur leicht den Kopf und deutete vorwärts.

Es waren nur ein paar hundert Meter bis zu dem Schrottplatz, den Sabato ausgewählt hatte. Schon von Weitem hörten sie das Kreischen des Metalls. Die Schrottautos wurden in der riesigen Presse zu handlichen Paketen geformt.

Sie betraten den Platz durch ein schmales Gittertor, das nicht abgeschlossen war. Das Schloss war verrostet. Niemand achtete auf sie. Ringsum standen dunkle Fabrikgebäude.

„Was wollen wir hier?“, fragte Ellison erneut. Aber er bekam auch diesmal keine Antwort. Sabato stieß ihn leicht zwischen die Schulterblätter, und sie gingen weiter. Zu beiden Seiten einer schmalen Gasse türmten sich Autowracks in mehreren Etagen übereinander. Wieder ertönte das ohrenbetäubende Geräusch, als ein Wagen von der Presse zusammengedrückt wurde.

Sabato streckte den Arm aus und packte Ellison an der Schulter. Sie blieben stehen. Ellison sah sich um. Dann verzerrten sich seine Züge entsetzt.

Er stolperte und hob abwehrend die Arme. Sein Schrei wurde vom Kreischen der Presse übertönt – und auch das Donnern der 44er Magnum.

Die Wucht des schweren Geschosses hob Ellison von den Füßen. Er wurde gegen ein Autowrack geschleudert, fiel in eine zersplitterte Scheibe, und ein dolchartiger Glassplitter bohrte sich in seinen Hals.

Sabato senkte den Revolver. Ellison rutschte neben dem Hinterrad zu Boden. Die helle Jacke färbte sich dort dunkel, wo die Kugel ausgetreten war. Ellison rührte sich nicht mehr. Ein Schuss durchs Herz aus dieser Entfernung mit einer 44er Magnum überlebte niemand.

Sabato steckte den Revolver ein, packte die Leiche unter den Achseln und zerrte sie bis zum Ende der Gasse. Er blickte um die Ecke und sah befriedigt die Reihe der Autowracks, die für die Presse vorgesehen waren. Es war kein Mensch in der Nähe. Die Autowracks wurden mit einem Elektromagneten in die Presse gehoben, und der Kranführer konnte diese Stelle nicht einsehen.

Der Killer wusste das, denn er hatte hier bereits einmal einen Auftrag erledigt.

Er öffnete den Kofferraum des letzten Wagens, hob den Toten hinein und schlug die Klappe wieder zu. In einigen Stunden würde Bill Ellison spurlos verschwunden sein, eingeschlossen in einem rechteckigen Block aus Metall, Glas und Kunststoff, bestimmt für einen heißen Schmelzofen.

Sabato warf einen prüfenden Blick in die Runde. Er war immer noch allein. Langsam streifte er seine Handschuhe ab und schob sie in die Tasche. Dann drehte er sich ruckartig um und trat den Rückweg an. Auf seinem Gesicht stand ein schwaches Lächeln.

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28.

Steve McCoy suchte gerade einen anderen Sender im Autoradio, als Harvey Atkins das Haus verließ. Steve blickte auf seine Uhr. Über zwei Stunden hatte er warten müssen, aber seine Geduld hatte sich schließlich bezahlt gemacht. Der Motor des Camaro sprang an.

Atkins achtete nicht auf seine Umgebung, sondern strebte mit schnellen Schritten auf einen Taxistand zu, der etwa zweihundert Meter entfernt war, Steve McCoy folgte in einigem Abstand.

Der Gangster stieg in ein Yellow Cab, und der Wagen scherte aus der Reihe. Steve hatte keine Schwierigkeiten, ihm zu folgen. Es ging ins südliche Manhattan, Richtung East River. Sie fuhren über die Bowery und bogen vor der Manhattan Bridge nach links ab.

Zwei Querstraßen weiter hielt das Taxi. Steve sah, dass Atkins bezahlte, die Straße überquerte und auf der anderen Seite in einem Lokal verschwand.

Steve brauchte ein paar Minuten, bis er eine Parklücke gefunden hatte. Dabei fragte er sich, wieso der Gangster nicht seinen eigenen Wagen benutzte, sondern Geld für ein teures Taxi ausgab. Aber vielleicht war das gar nicht so merkwürdig. Vielleicht hatte Atkins nur die Absicht, sich nach dem Besuch von Steve McCoy volllaufen zu lassen.

Steve schloss seinen Wagen ab und ging ebenfalls über die Straße. Das Lokal hieß schlicht „The Saloon“ und unterschied sich von einer ehrlichen alten Westernkneipe wie ein Ackergaul von einem Rennpferd.

Es war unmöglich, von außen hineinzusehen. Die zwei schmierigen Fenster wurden von dichten Vorhängen verhängt. Über dem Eingang flackerte ein rotes Neonlicht. Die Speisekarte neben der Tür war so verblichen, dass man fast kein Wort mehr erkennen konnte. Entschlossen drückte Steve die Tür auf. Es dauerte ein paar Sekunden, bis er sich an die schlechten Lichtverhältnisse gewöhnt hatte. Er setzte sich an einen Tisch in einer Nische gleich neben dem Eingang.

Der Grundriss des Raums war fast quadratisch. An der gegenüberliegenden Seite befand sich die Bar mit einigen wackligen Hockern, deren Polster völlig zerschlissen waren. Die Mitte des Raumes war frei, offenbar eine Tanzfläche.

Eine relativ moderne Music-Box stand an der Seite, sie war jedoch nicht in Betrieb. An der Bar hockten zwei Männer. Harvey Atkins war nicht zu sehen. Entweder saß er in einer Nische, oder er hatte das Lokal bereits wieder verlassen. Vielleicht gab es einen Hinterausgang.

Steve stand auf und schlenderte zu den Toiletten. Im Vorbeigehen bestellte er beim Barkeeper ein Bier.

Vor Steve öffnete sich ein schmaler Gang, der bis unter die Decke mit leeren Kistenstapeln gefüllt war. Nur eine trübe Funzel brannte. Mehrere Türen gingen von dem Gang ab. Die Erste betraf Ladys, die Zweite Gents, und auf der Nächsten stand „Privat“. Dahinter befand sich noch eine weitere, auf der nichts stand.

Steve öffnete sie. Es war ein Lagerraum, in dem es nach schalem Bier und alter Wäsche roch. Er rümpfte die Nase.

Die letzte Tür führte auf einen Hof, war aber abgeschlossen. Atkins befand sich jedenfalls nicht hier.

Steve überprüfte noch die Toilette. Aber auch dort befand sich außer monatealtem Dreck nichts Bemerkenswertes. Er ging zurück in den Gastraum. Sein Bier stand inzwischen auf dem Tisch. Er nahm einen kleinen Schluck und sah sich gründlich um.

Jetzt erst entdeckte er die Treppe. Sie war schmal und leicht zu übersehen und führte an der linken Seite zwischen zwei hölzernen Nischen in den ersten Stock. Dort oben musste Atkins sein.

Steve überlegte, ob er hinaufgehen sollte. Dann verwarf er diesen Gedanken. Denn er hätte kaum unauffällig verschwinden können, und der Barkeeper beobachtete ihn bereits aufmerksam. Fremde Gäste waren in solchen Etablissements immer suspekt.

In diesem Augenblick kam ein neuer Gast herein. Er ging mit raschen Schritten durch den Raum auf die Treppe zu und verschwand nach oben. Steve sah ihn nur von hinten. Er war schlank und hochgewachsen und trug dunkle Handschuhe. Sein Anzug war vermutlich nicht von der Stange. Trotzdem erkannte Steve den Riemen des Schulterholsters unter dem Sakko.

Er setzte langsam das Bierglas ab und zog die Stirn in Falten. Hier fand sicher keine gewöhnliche geschäftliche Besprechung statt.

Steve stand auf und ging ebenfalls zu der Treppe. Er blickte nach oben, konnte aber nichts erkennen. Wie ein Schatten glitt der Barkeeper neben ihn.

„Das dort oben ist privat.“ Er legte seine Hand in einer vertraulichen Geste auf Steves Schulter.

Steve McCoy schüttelte die Hand unwillig ab.

„Ich dachte, ich hätte einen Bekannten entdeckt. Er ist eben nach oben gegangen.“

Der Barkeeper schüttelte leicht den Kopf und grinste. „Sie haben sich bestimmt getäuscht. Der Mann gehört mit Sicherheit nicht zu Ihren Bekannten.“

Er lachte leise in sich hinein. „Das würde mich jedenfalls sehr wundern. Darf ich Ihnen noch ein Bier bringen? Vielleicht auf Kosten des Hauses? Bei neuen Gästen tun wir das immer.“

Steve sah ihn unbewegt an. „Nein, danke. Ein Bier in Ihrem Laden reicht mir völlig.“

Der Barkeeper zuckte mit den Schultern und schlurfte wieder hinter seinen Tresen, um dort in einer Sportzeitung weiterzulesen.

Steve setzte sich an seinen Tisch und wartete. Mehr konnte er im Moment nicht tun, obwohl er vor Anspannung fast vibrierte. Er fühlte, dass er dicht vor dem Ziel war. Er glaubte zu wissen, warum und durch welche Machenschaften Kevin MacLaren in Untersuchungshaft gekommen war.

Auf der Treppe wurden Schritte laut. Steve lehnte sich tiefer in den Schatten zurück. Harvey Atkins erschien, und hinter ihm der schlanke Neuankömmling. Die beiden sprachen nicht miteinander und gingen auf den Ausgang zu.

Als sie an ihm vorbeikamen, warf der zweite Mann einen Blick in Steves Richtung. Für einen Sekundenbruchteil kreuzten sich ihre Blicke, und Steve durchzuckte es wie ein elektrischer Schlag.

Das musste er sein!

Der Killer.

Für einen Moment hatte er in Augen gesehen, die nur den Tod versprachen, Augen, die nicht lächeln konnten. In ihnen lag die kalte Erbarmungslosigkeit eines menschlichen Raubtiers.

Dann waren die beiden Männer draußen. Steve warf einen Dollarschein für sein Bier auf den Tisch und folgte ihnen. Er spürte, dass ihn das Jagdfieber packte. Sein Puls beschleunigte sich, und seine Sinne schärften sich wie immer in solchen Situationen.

Er blinzelte, als er in das helle Tageslicht trat. Die beiden Männer überquerten vor ihm die Straße, ohne sich umzusehen. Sie gingen in Richtung der Piers.

Steve folgte ihnen in dem Gewirr der Straßen zwischen Williamsburg Bridge und Chinatown. Bis zum East River waren es nur ein paar hundert Meter.

Steve hatte keine Mühe, den beiden auf den Fersen zu bleiben, obwohl sie ziemlich schnell gingen. Er hielt immer denselben Abstand. Aber er wusste, dass sie ihn bemerkt hatten.

Schließlich waren sie im Hafengebiet angekommen. Steve hatte keine Ahnung, was die beiden hier wollten, aber er war entschlossen, sich nicht abschütteln zu lassen.

Die Silhouetten einiger Frachtschiffe hoben sich gegen den diesigen Himmel ab. An den nächstliegenden Piers lagen keine Schiffe. Die Gegend wurde unübersichtlich. Nur einige Werftarbeiter begegneten ihm. Das Gewirr von Kränen, Lagerschuppen, Containerstapeln und Eisenbahnwaggons war für einen Fremden schwer zu überschauen.

Plötzlich wusste Steve McCoy, was die beiden hier wollten. Es war eine Falle. Die Gegend war ideal dafür, einen Mann am helllichten Tag auszuschalten. Und die dunklen Gewässer des East River waren schweigsam.

Steve lockerte den Kolben der Beretta und bewegte sich mit äußerster Vorsicht. Gerade waren die beiden hinter einem Kistenstapel verschwunden. Er wusste nicht, wo er sich befand.

In der Deckung einer langen Reihe von Containern schlich er weiter. In der Nähe war kein Laut zu hören. Nur aus der Ferne drang das Geräusch von Schmiedehämmern herüber.

Er riskierte einen Blick um die Ecke. Es war niemand zu sehen. Die beiden schienen vom Erdboden verschluckt zu sein. Aufmerksam musterte er seine Umgebung. Gegenüber standen einige Ladekräne, die aber zurzeit nicht in Betrieb waren. Sie standen auf hohen Gerüsten, die in Schienen direkt an der Kaimauer liefen.

Links befand sich ein langgestreckter Lagerschuppen, dessen Tore verschlossen waren. Davor stand eine Reihe von Lastwagen. Rechts waren weitere Container aufgetürmt, unterbrochen von Gassen, sodass man leicht an sie herankonnte. Zu diesem Zweck standen einige Gabelstapler bereit.

Steve zuckte zusammen, als der Schuss krachte. Mit einem hässlichen Geräusch schlug die Kugel einen knappen halben Meter neben ihm in die Stahlwand eines Containers. Blitzschnell warf er sich zu Boden. Keine Sekunde zu früh! Die zweite Kugel hätte ihn erwischt.

Er rollte zur Seite und robbte um die Ecke zurück. Den Standort des heimtückischen Schützen hatte er nicht ausmachen können. Jedenfalls war die Treffsicherheit des Schützen auf eine solche Entfernung beachtlich. Die nächste Deckung war etwa vierzig Meter entfernt. Wer auf diese Distanz mit einer Pistole so knapp sein Ziel verfehlte, durfte nicht unterschätzt werden.

Steve stand auf, klopfte den Staub ab und sah sich um. Wenn er über die freie Fläche rannte, würde er wie ein Hase abgeschossen werden. Er musste also den Schützen umgehen.

Mit großen Schritten lief er zurück und bog in die nächste Gasse zwischen den Containern ein. Vor der nächsten Quergasse hielt er an. Er riskierte einen vorsichtigen Blick. Niemand war zu sehen. Er hetzte weiter. Als er um die nächste Ecke spähte, sah er eine Bewegung.

Hinter einem der Kräne stand jemand. Steve kniff die Augen zusammen und versuchte, Einzelheiten zu erkennen. Aber die Gestalt war auf diese Entfernung nicht zu identifizieren. Er musste näher heran. Eng an die Container gepresst, arbeitete er sich vorwärts.

Als er das Ende der Containerreihe erreicht hatte, schlug dicht vor seinen Füßen eine Kugel ein und schrammte eine tiefe Furche in das Pflaster. Gleichzeitig hörte er das Krachen einer schweren Faustfeuerwaffe.

Steve sprang ein paar Schritte zurück. Es hatte keinen Sinn. So kam er an seinen Gegner nicht heran. Der saß in guter Deckung und konnte ihn jederzeit auf Distanz halten. Außerdem waren sie zu zweit und konnten ihn in die Zange nehmen, wenn er nicht aufpasste.

Steve sah sich um, plötzlich hatte er einen Einfall. Geduckt lief er wieder zurück, schlug einen weiten Bogen und näherte sich dann dem Lagerschuppen. Sein Ziel waren die schweren Trucks vor dem Schuppen.

Vermutlich lauerten seine Gegner noch bei den Kränen, denn dort hatten sie freies Schussfeld nach allen Richtungen.

Steve kletterte in einen der Trucks und schwang sich auf den hohen Fahrersitz. Schnell machte er sich mit der Apparatur vertraut. Danach schloss er die Zündung kurz. Mit einem dumpfen Röhren sprang der Motor an. Der Wagen zitterte vor geballter Kraft.

Steve legte den ersten Gang ein und ließ den Lastzug anrollen. Er duckte sich hinter das Lenkrad, sodass er gerade noch den Weg erkennen konnte. Sein Ziel waren die Kräne.

Das Geräusch des Motors übertönte die Revolverschüsse. Zwei Kugeln schlugen in kurzen Abständen gegen das Metall der Zugmaschine. Eine dritte ließ die Windschutzscheibe zersplittern und bohrte sich hinter ihm in die Rückwand der Fahrerkabine. Steve rutschte noch tiefer.

Schließlich war er bei den Kränen. Er sah eine schlanke hochgewachsene Gestalt davonhuschen. Sein Gegner wusste, wann es Zeit war, den Rückzug anzutreten. Ein Profi.

Steve trat auf die Bremse und stoppte den Truck. Der andere war jetzt zwischen den Containern verschwunden.

Aber wo war Harvey Atkins?

Steve richtete sich auf und blickte sich um. Die Hafenanlagen schienen völlig verlassen. Er schaltete den Motor ab und stieg aus, die Pistole in der Hand.

Er blickte zu den Containerstapeln hinüber. Aber der schlanke Mann war verschwunden. Wenn er sich bereits abgesetzt hatte, konnte Steve ihn nicht wieder einholen. Die Gegend war viel zu unübersichtlich.

Steve McCoy spürte, dass im Augenblick keine Gefahr mehr bestand. Trotzdem blieb er vorsichtig. Irgendwo lief Harvey Atkins noch herum, und Steve konnte sich vorstellen, dass der Gangster nicht gerade gut auf ihn zu sprechen war.

Steve näherte sich langsam dem Kran, von dem aus man auf ihn geschossen hatte.

Erst als er unmittelbar davorstand, bemerkte er Harvey Atkins. Der Gangster lag in seltsam verkrümmter Haltung neben einem der großen Räder des Schienenkrans. Er lag halb auf der Seite, einen Arm unter dem Körper, den anderen abgewinkelt, als wollte er sich abstützen und aufstehen.

Aber aufstehen würde Harvey Atkins nie mehr. Denn er war tot.

Steve McCoy ging in die Knie und steckte seine Waffe ein. Er berührte den Toten an der linken Schulter, und der Körper rollte zur Seite.

Zwei Zentimeter unter dem linken Ohr entdeckte er die tödliche Wunde. Aber es war kein Einschuss, sondern ein Messerstich. Die Wunde blutete kaum. Auch das war das Werk eines professionellen Killers. Steve überlief es kalt.

Der Killer löschte die Menschen wie Ungeziefer aus, und selbst ein Gangster wie Atkins hatte einen solchen Tod nicht verdient.

Steve erhob sich und blickte auf die Leiche hinunter. Der Killer wusste, dass man ihm auf der Spur war, und versuchte jetzt, alle Mitwisser auszuschalten. Der Unbekannte war gefährlicher als eine gereizte Klapperschlange. Er würde rücksichtslos zuschlagen, wenn er sich bedroht fühlte.

Müde trat Steve den Rückzug an. Er konnte nur noch die Mordkommission benachrichtigen. Und er selbst hatte jetzt nur noch eine einzige Spur.

––––––––

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29.

Alle Beteiligten spürten es: Heute war der Tag der Entscheidung. Obwohl keiner vom anderen wusste, hatten sie alle dasselbe Ziel. Ein Haus in der Upper East Side.

Dort wohnte John Carruthers.

Joan MacLaren war die Erste. Sie kam mit einem Taxi. Aus der Morgenzeitung hatte sie erfahren, dass Rico Manzini tot war. Ermordet in der Nähe des Mannes, den er überwachen sollte. Sie wusste nicht genau, was sie davon halten sollte, aber sie hatte ein unbestimmtes Angstgefühl. Sie konnte sich zwar nicht vorstellen, dass John damit etwas zu tun hatte, aber sie ahnte Unheilvolles.

Sie wollte mit ihm sprechen und ihm auf den Kopf zusagen, dass er mehr von der Verhaftung ihres Mannes wusste, als er zugab. Sie hatte es sich selbst nicht eingestehen wollen, dass ihr gefährliches Spiel zwischen ihrem Mann und John tödliche Konsequenzen hatte. Sie hätte gern einiges rückgängig machen wollen, aber sie wusste, dass es dazu bereits zu spät war.

Sie konnte nur noch retten, was zu retten war. John musste ihr endlich die ganze Wahrheit sagen. Er hatte sie benutzt, um an die Waffe ihres Mannes zu kommen, die nun als Mordwaffe bei der Mordkommission lag.

Fünf Minuten später traf Dr. Charles Highwood ein. Er wusste selbst nicht genau, was ihn eigentlich hierher führte. Aber er war zurzeit nicht über den Stand der Dinge informiert. Die Zeit drängte: Kevin MacLaren würde bald offiziell angeklagt werden. Und es hatte den Anschein, als wäre man keinen Schritt weitergekommen. Steve McCoy verfolgte irgendwelche Spuren und schwieg sich aus.

So hatte der Anwalt einen plötzlichen Entschluss gefasst und sich zu John Carruthers auf den Weg gemacht. Er wusste, dass Carruthers ein unerbittlicher Gegner Kevin MacLarens war. Aber MacLaren selbst war wie mit Blindheit geschlagen. Er nahm nicht einmal zur Kenntnis, dass seine Frau ein Verhältnis mit Carruthers hatte.

Highwood stieg aus dem Taxi und ging langsam auf der Straße auf und ab, die Hände auf dem Rücken. Er wusste nicht, wie er seinen Besuch bei dem Politiker motivieren sollte. Was wollte er ihn fragen?

Er blickte auf, als ein Wagen neben ihm stoppte. Nach einer Schrecksekunde erkannte er einen Camaro. Er blieb stehen und sah Steve McCoy gespannt entgegen. Der Agent stieg aus und schloss die Tür ab. Die beiden Männer schüttelten sich die Hände.

„Was machen Sie denn hier?“, fragte Steve McCoy.

Der Anwalt zuckte mit den Schultern. „Das kann ich nicht sagen. Es war nur eine Idee. Ich habe das Gefühl, dass Carruthers der Schlüssel zu dem ganzen Fall ist. Aber es gibt nicht die Spur eines Beweises. Und jetzt weiß ich nicht, was ich ihm sagen soll.“

Steve nickte. „Mit Ihrem Verdacht haben Sie völlig recht. Ich bin sicher, dass Carruthers der Drahtzieher ist. Aber auch ich kann es nicht beweisen. Wir können ihn nur überrumpeln. Im Übrigen glaube ich, dass er in höchster Lebensgefahr ist.“

Highwood blickte überrascht auf. „Wieso das?“

„Er hat einen Killer gemietet, und der fühlt sich offensichtlich bedroht, denn er räumt seine Helfer aus dem Weg. Einen von ihnen habe ich heute Morgen selbst gefunden. Von dem anderen gibt es keine Spur. Niemand hat ihn heute gesehen. Ich war in seiner Wohnung. Alles spricht für einen überstürzten Aufbruch. Ich glaube, dass auch er tot ist. Der Killer kennt keine Rücksicht.“

In Highwoods Gesicht stand das blanke Entsetzen.

„So schlimm ist es? Ich habe es nicht für möglich gehalten, dass Carruthers so weit gehen würde.“

Er drehte sich um und blickte zum Haus hinüber. Mit leiser Stimme fragte er: „Was können wir tun?“

„Ich werde mit ihm reden“, sagte Steve McCoy. „Es ist unsere einzige Chance. Der Killer wird mir bestimmt nichts sagen.“

„Na schön, wenn Sie meinen.“

„Und Sie benachrichtigen die Polizei. Verlangen Sie Lieutenant Anderson. Hier ist zwar nicht sein Revier, aber wenn Sie ihm sagen, worum es geht, wird er kommen. Und er soll das Blaulicht abschalten. Unser Freund wird sonst nur verstört. Lassen Sie mir etwas Zeit.“

Damit wandte er sich um und ging auf den Eingang zu, ohne sich noch einmal umzusehen.

Und dann kam noch jemand. Ein schlanker hochgewachsener Mann von dunkler Gesichtsfarbe. Er parkte seinen Mietwagen, den er sich vor einer Stunde unter falschem Namen geliehen hatte, in einer Seitenstraße.

Mit gesenktem Kopf, die Hände in den Taschen vergraben, ging er gemächlich die Straße entlang. Er wirkte wie ein Angestellter auf dem Wege nach Hause, völlig desinteressiert an seiner Umgebung. In Wirklichkeit registrierte er alles. Diese Fähigkeit hatte ihn bis jetzt überleben lassen.

Noch diesen einen Job, dann war er wieder sicher. Es tat ihm zwar um das Geld leid, das ihm nun entgehen würde. Aber seine persönliche Sicherheit hatte Vorrang. Aufträge erhielt er immer wieder. Killer hatten Konjunktur.

Es dämmerte schon. Die Tage wurden wieder kürzer. Auf der Straße herrschte kaum Verkehr, und auch Fußgänger waren kaum zu sehen. Er passte den richtigen Augenblick ab. Als in beiden Richtungen alles frei war, huschte er in den schmalen Zwischenraum zwischen den Häusern. In aller Ruhe sah er sich um.

Das Tor zu einer Tiefgarage war geöffnet, und ein Wagen stand davor. Vielleicht wollte Carruthers noch wegfahren.

Hinter einem der Fenster brannte Licht. Aber Besucher waren offensichtlich nicht gekommen, sonst hätten wohl mehr Lampen gebrannt. Lautlos schlich er auf die Garage zu, um von ihr aus ins Haus zu gelangen. Er setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen, obwohl die Lärmkulisse der Großstadt das Geräusch seiner Schritte sicher übertönen würde.

In der Tiefgarage, die nur Platz für einen Wagen bot, gab es tatsächlich eine Tür. Er nickte befriedigt und drückte die Klinke herunter.

Die Tür war nicht verschlossen.

Lautlos verschwand er im Haus.

––––––––

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30.

John Carruthers starrte Steve McCoy missmutig an. Fieberhaft dachte er nach. Er versuchte, einen Entschluss zu fassen, wollte dabei aber jeden Fehler vermeiden. Er wusste, dass es jetzt ums Ganze ging.

Steve McCoys Worte lasteten noch über ihm. Der Detektiv hatte gesagt: „Und deshalb haben Sie einen Killer gemietet, der für Sie die Schmutzarbeit machen sollte. Er hat ein Attentat auf Senator Joseph Clark verübt, damit die Nachfolgefrage akut werden konnte. Um MacLaren auszuschalten, wurde seine Schwester ermordet und der Verdacht auf MacLaren gelenkt.

Aber inzwischen fühlt sich der Killer selbst bedroht. Er räumt die Leute aus dem Weg, die ihn identifizieren können. Und da Sie vermutlich auch dazugehören, werden Sie der Nächste sein. Wahrscheinlich auch der Letzte. Außer Ihnen kann niemand mehr Hinweise auf den Killer geben. Ich selbst kenne nur seinen Decknamen: Sabato.“

Carruthers zog nervös an einer Zigarre. Er starrte auf seine Fußspitzen, und seine rechte Hand trommelte auf der Sessellehne.

Joan MacLaren hatte die Unterhaltung, die Steve McCoy fast allein bestritt, mit wachsendem Entsetzen verfolgt. Mit aufgerissenen Augen blickte sie zwischen den beiden Männern hin und her, als könne sie ihren Ohren nicht trauen. Ihre Hand krampfte sich um ein leeres Glas.

Im Raum herrschte drückendes Schweigen. Steve McCoy hatte die Situation im Griff. Er merkte, dass seine Worte Eindruck auf den Politiker machten. Carruthers hatte offensichtlich noch nicht daran gedacht, dass er ein Opfer seines eigenen Killers werden könnte. Zwischen ihm und Joan MacLaren tat sich eine Kluft auf. Die Frau würde ihren Liebhaber wie eine heiße Kartoffel fallenlassen.

Steve war zufrieden. Er war sicher, dass er Carruthers dazu bewegen konnte, alles zuzugeben. Dann endlich konnte er sich auf die Jagd nach dem Killer machen. Und Kevin MacLaren würde endlich frei sein.

„Das sind ungeheuerliche Anschuldigungen“, sagte Carruthers mühsam. „Sie können nichts davon beweisen.“

Steve spielte den Überlegenen.

„Es wird reichen. Sie sind auf jeden Fall erledigt. Mir kommt es nur noch darauf an, den Killer zu fassen.“

Und nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „Bevor er Sie erwischt.“

Carruthers schüttelte langsam den Kopf. „Sie sind ja verrückt.“

Er blickte auf und sah zu Joan MacLaren hinüber. „Du glaubst doch wohl kein Wort von dieser idiotischen Geschichte? Der Mann weiß ja nicht, was er sagt. Du glaubst doch nicht, dass ich auf diese Weise versuchen würde ...“

Sie senkte den Kopf und begann, leise zu schluchzen. Das Glas fiel aus ihrer Hand, und sie schlug die Hände vor das Gesicht.

Rührend, dachte Steve. Sie spielt schon wieder eine neue Rolle. Diesmal die Enttäuschte und Hintergangene. Dabei war er überzeugt, dass sie einiges geahnt und wahrscheinlich sogar Hilfe geleistet hatte, um den tückischen Plan umzusetzen. Aber das war natürlich nicht zu beweisen.

Steve konzentrierte sich auf die beiden, damit ihm keine Regung entging. Und als er den leichten Luftzug hinter sich spürte, reagierte er zu spät.

Er ließ sich aus dem Sessel fallen und griff nach der Beretta. Doch da verhallte das Donnern des Schusses bereits.

Aus dem Augenwinkel sah er das fassungslose Gesicht von Carruthers, den die Kugel mitten auf der Nasenwurzel erwischt hatte. Der Sessel kippte nach hinten. Carruthers fiel mit einem dumpfen Geräusch zu Boden und riss einen kleinen Tisch mit. Glas klirrte, und ein Aschenbecher kollerte unter die Couch.

Joan MacLaren schrie hysterisch auf.

Das alles hatte nur einen Herzschlag lang gedauert. Steve sah, dass der Lauf der 44er Magnum langsam herumschwenkte, und die Mündung erschien ihm wie ein Ofenrohr.

Der Killer stand auf gespreizten Beinen in leicht gebückter Haltung, die Arme ausgestreckt. Den Kolben der Waffe umklammerte er mit beiden Händen.

Auch der nächste Schuss war ohrenbetäubend. Steve hatte sich in letzter Sekunde herumgeworfen. Die Pistole lag in seiner Faust. Er feuerte zurück, traf aber nur ein Bild an der Wand.

Gleichzeitig spürte er den Schlag gegen seinen linken Oberarm. Er spürte keinen Schmerz. Kühl, fast sachlich registrierte er, dass er getroffen war, aber nicht tödlich. Noch hatte er eine Chance.

Seine Waffe bellte zweimal kurz hintereinander, und mindestens ein Schuss traf. Der schlanke Mann stöhnte auf und zog sich hastig zum Ausgang zurück.

Sein letzter Schuss zertrümmerte einen kleinen Tisch, zerfetzte die Füllung eines Sessels und schlug schließlich in die Wand dicht über dem Boden ein.

Steve stand schwankend auf und presste die rechte Hand mit der Pistole gegen den linken Arm, der kraftlos herunterhing. Der Ärmel war bereits blutdurchtränkt. Es tropfte auf den hellen Teppichboden. Es war ein glatter Durchschuss. Langsam meldete sich pochender Schmerz. Er biss die Zähne zusammen und drehte aus dem zerrissenen Ärmel eine provisorische Aderpresse.

Dann stolperte er hinter dem Killer her. Es war seine letzte Chance. Er warf einen raschen Seitenblick zu Joan MacLaren, die immer noch schrie.

Der Killer rannte die Treppe hinunter. Steve schoss zweimal, traf aber nicht. Er spürte, dass seine Wunde immer noch blutete. Er brauchte dringend einen ordentlichen Verband und musste sich beeilen, ehe er endgültig außer Gefecht war.

Auf der Straße konnte er den Killer zwar nicht direkt sehen, denn er hatte sich hinter einen der großen Blumenkübel geduckt. Dort konnte er seinerseits nicht verschwinden, ohne eine Kugel zu riskieren. Steve rannte zu dem schweren Lincoln vor der Garageneinfahrt.

Heute war sein Glückstag. Der Schlüssel steckte noch. Steve ließ den Motor an und gab Vollgas. Die durchdrehenden Räder schleuderten kleine Steinchen gegen die Hauswand. Steve kurbelte am Steuer und hatte Mühe, den schweren Wagen mit einer Hand auf der Bahn zu halten. Er merkte auch, dass er langsamer zu reagieren begann. Die Verletzung machte ihm zu schaffen.

Der Killer hatte eiserne Nerven. Eine Sekunde, bevor der Wagen den Blumenkübel traf, schnellte er hoch und sprang mit einem gewaltigen Satz zur Seite.

Steve warf das Steuer erneut herum. Die Servolenkung machte sich bezahlt. Der Wagen schrammte kreischend an dem Betonkübel entlang.

Steve spürte einen harten Schlag. Der Killer war von einem Kotflügel getroffen worden. Der schlanke Mann wurde zwei, drei Meter durch die Luft geschleudert und fiel gegen den Blumenkübel.

Steve stieg auf die Bremse, und der Lincoln kam schleudernd zum Stehen. Er ließ sich hinausfallen und lief zu Sabato hinüber.

Er brach fast in die Knie, als er den Killer erreichte. Seine Pistole hatte er irgendwo verloren.

Sabato lag mit dem Gesicht nach unten mitten zwischen heruntergefallenen Blumen, die Arme weit ausgebreitet. Wenige Zentimeter neben seiner rechten Hand lag die 44er Magnum.

Steve trat die Waffe mit einem heftigen Fußtritt zur Seite. Dann beugte er sich hinunter.

Der Killer rührte sich nicht.

Steve zerrte ihn unter Aufbietung aller Kräfte hoch und wälzte ihn auf den Rücken.

Er schluckte und musste sich abwenden.

Der Kopf stand in einem unnatürlichen Winkel zur Seite. Die Augen starrten weit aufgerissen in den dunklen Himmel. Sabatos Genick war durch den Sturz gebrochen. Er würde niemanden mehr umbringen können.

Steve McCoy hörte halb im Unterbewusstsein das Schlagen von Wagentüren, Rufe und Schritte. Langsam sank er neben dem toten Killer zu Boden. Rote Nebel wallten vor seinen Augen.

Dr. Highwood und Lieutenant Anderson, die sich über ihn beugten, erkannte er nicht mehr.

––––––––

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31.

Ich weiß nicht, wie ich Ihnen für das danken soll, was Sie für mich getan haben“, sagte Kevin MacLaren zu Steve McCoy, der entspannt in einem Sessel saß. Seinen linken Arm trug er in einer Schlinge.

Steve zuckte mit den Schultern. „Für Ermittlungen werde ich bezahlt. Es tut gut, auch mal einen Unschuldigen vom Verdacht zu befreien, als immer nur Schuldige zu verfolgen.“

„Ich hoffe, Sie können Ihren Arm bald wieder gebrauchen“, entgegnete MacLaren.

Steve machte eine vage Geste. „Halb so schlimm. Der Arzt sagt, in zwei Wochen merke ich davon nichts mehr. Ich habe Glück gehabt.“

„Na ja, ich glaube, wir gehen dann wieder“, mischte sich Dr. Highwood ein und sah Steve McCoy ein wenig unsicher an.

MacLaren streckte seiner Frau die Hand entgegen. Sie hatte bisher noch kein Wort gesagt. „Komm. Das Ganze hat dich doch sehr mitgenommen.“

Der Anwalt tauschte einen kurzen Blick mit Steve. Dann erhob auch er sich, und er ging mit Steve zur Tür.

Eine halbe Stunde später saß er mit Highwood in dem Café am Bryant Park, das er schon von ihrem ersten Treffen kannte. Es war erst wenige Tage her, in denen viel passiert war. Auch Colonel Alec Greene war natürlich wieder dabei.

„Das war alles ziemlich überraschend“, begann der Anwalt. „Ich hätte nicht gedacht, dass Sie den Fall so schnell aufklären können.“

Steve nahm einen Schluck von seinem Espresso. „Die Rolle von MacLarens Frau ist jedoch immer noch nicht ganz klar. Damit wird sich ihr Mann auseinandersetzen müssen. Ich denke, sie hat ihn ganz schön hintergangen.“

„Wir haben eine politische Krise verhindert, ehe sie sich richtig ausbreiten konnte“, stellte der Colonel zufrieden fest. „Die Medien haben nicht die ganze Wahrheit erfahren, und der Justizminister ist glücklich.“

„Ist schon merkwürdig, wenn man selbst als Einziger alle Tatsachen kennt“, sinnierte Steve.

Die beiden sahen ihn nur schweigend an.

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Alte Freundin braucht Hilfe

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Kriminalroman von HORST BIEBER

Der Umfang dieses Buchs entspricht 138 Taschenbuchseiten.

Hauptkommissar Rudolf (Rudi) Herzog arbeitet im LKA-Referat Zeugenschutz und übernimmt den Schutz der als Zeugin in einem Mordprozess geladenen Isa Vandenburg , die Rudi seit der Grundschule kennt und mit der er einmal auch ein Ferienverhältnis gehabt hat, was er allerdings im Amt den Kollegen verschweigt.

Viele fürchten Isas Kenntnisse und folglich ihre Aussage vor Gericht, und bis zu ihrem Auftritt in der Verhandlung werden auch mehrere Anschläge auf sie verübt, die zwar alle abgewehrt werden können, aber Rudi langsam daran zweifeln lassen, dass er es mit einer unschuldigen, zu Unrecht verfolgten Schönheit an seiner Seite zu tun hat...

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Personen

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Rudolf (Rudi) Herzog (40): Kriminalhauptkommissar in der Abteilung Zeugenschutz des LKA Hessen

Isa Vandenburg (40): Eine zu schützende Zeugin, Grundschulfreundin von Rudi Herzog

Ilka Vandenburg (38): Isas Schwester, lebt zur Zeit im Schlangenbader Haus ihrer Schwester Isa

Julia und Jonas Vandenburg (beide 16): Isas Zwillinge

Paul Fichter: Rudis Gruppenleiter

Detlef Brock: Kriminalrat, Chef der Abteilung Zeugenschutz

Ullrich Schiefer: Hälftiger Eigentümer der Firma Utom Import & Export

Tomasio Lucano: Schiefers Utom-Partner, ist ermordet worden

Boris Stepkow: Verurteilter Mörder des Tomasio Lucano

Wilfried Lederer: Staatsanwalt

Andrea Sturm: Staatsanwältin

Alexander Dorberg: Essener KHK i.R.

Erwin Hösel: Vorsitzender Richter einer Strafkammer in Wiesbaden

Timo Reufels: Schlechter Pokerspieler mit hohen Schulden

Hugo Klimmt: hilfsbereiter Klempnermeister und Geschäftsbesitzer

Alle Namen und Taten, Personen und Ereignisse, Geschäfte und Organisationen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

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Dienstag, 10. Juni

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Die vier Männer und die Frau, die seit Stunden in dem abhörsicheren Konferenzraum des Landeskriminalamtes saßen, kannten sich alle seit Jahren und verstanden sich normalerweise recht gut. Aber mittlerweile war die Stimmung in der Runde fast so schlecht wie die Luft. Die Lautstärke hatte zugenommen, der Ton war schärfer geworden, die Argumente bissiger. Doch Fortschritte hatten sie nicht erzielt.

„Sie müssen uns helfen“, schloss Peter Lössmann, Hauptkommissar im Referat Organisierte Kriminalität, sein eindringliches Plädoyer. Kriminalrat Detlef Brock, Leiter der Abteilung Zeugenschutz, antwortete so stur und unfreundlich wie schon die ganze Zeit zuvor: „Wir müssen gar nichts, Herr Kollege. Wir sollen eine Zeugin zu einem bestimmten Zeitpunkt lebend und aussagefähig in einem Gerichtssaal abliefern, nicht mehr und nicht weniger. Was uns hoffentlich gelingt. Sobald der Vorsitzende diese Frau aus dem Zeugenstand entlässt, gehört sie Ihnen. Bis dahin werden wir sie beschützen und nicht vernehmen. Wir sind keine Ermittler und wollen auch nicht in den Verdacht geraten, anderen Referaten zu dienen.“

„Aber sie ist im Moment die wichtigste Zeugin für das, was sich bei dieser Utom Import und Export abgespielt hat.“

Brock blieb stur. „Das kann ich nicht beurteilen. Aber wenn das so ist, hätten Sie sie vielleicht gründlicher vernehmen sollen, bevor sie nach dem Unterschreiben ihrer Aussage fortgehen durfte.“

„Herr Lederer kann bestimmt erklären, warum zu diesem Zeitpunkt noch kein Verfahren gegen Utom eingeleitet war.“

„Das habe ich doch schon mehrmals“, knurrte Staatsanwalt Wilfried Lederer. „Ein Anfangsverdacht ergab sich erst, nachdem wir mit der Familie Lucano gesprochen hatten. Und die musste für eine Fahrt aus dem tiefsten Süden Siziliens drei Tage mit den langsamsten Bummelzügen anreisen, weil sie angeblich kein Geld für Flugtickets besaß. Danach haben wir sofort versucht, mit der Zeugin erneut zu sprechen. Doch die war an einen unbekannten Ort 'verreist', sobald sie bei uns ihre Aussage gegen Schiefer unterschrieben hatte.“

„Gut verständlich“, lachte Paul Fichte, Leiter der Gruppe, die den Schutz der Zeugin übernommen hatte. „Sobald sie über Utom singt, müssen viele in Deutschland um ihre Freiheit und im schönen Italien um ihr Leben fürchten.“

„Sie können einem richtig Mut machen“, flötete die Frau spitz. Staatsanwältin Andrea Sturm war erst seit zwei Jahren dabei und hielt viele Horror-Geschichten über die Mafia und die Camorra für übertrieben.

„Das war nicht meine Absicht, Frau Staatsanwalt.“

„Darf ich Ihnen eine Frage zu ihrer beruflichen Tätigkeit stellen?“

„Natürlich.“

„Sie halten es also für möglich, dass jemand die Zeugin noch vor dem Auftritt im Gericht umbringt und Sie das nicht verhindern können.“

Fichte warf einen Blick auf seinen Vorgesetzten Brock und seufzte. „Das ist leider nicht so einfach. Seit diesem verdammten Zeitungsartikel wissen Schiefer und sein Anwalt, was Schiefers frühere Mitarbeiterin aussagen wird. Wenn sie zwei oder drei Tage vor ihrem vorgesehenen Zeugen-Auftritt in einem Kühlfach einer Gerichtsmedizin landet, wird jeder Mensch, auch ein erfahrener Kammervorsitzender, vermuten, da ist also was dran, was sie über Schiefer und die Utom beim Staatsanwalt ausgesagt hat und unter Eid wiederholen wollte respektive sollte. Ob sich Schiefer einen Gefallen tut, wenn er jetzt ein Killerkommando losschickt, steht sehr dahin.“

„Aber die vielen Geschäftspartner von Utom, die die Kenntnisse der Zeugin fürchten müssen, wären erleichtert.“

„Vielleicht sogar in doppelten Hinsicht, Frau Staatsanwalt.“

„Wie meinen Sie das?“

„Schiefers Geschäftspartner wären eine gefährliche Belastungsquelle los und möglicherweise auf Jahre einen langjährigen Partner, der nach aller Aufmerksamkeit, die er schon erregt hat, mehr eine Belastung geworden denn ein zuverlässiger Geschäftspartner geblieben ist.“

Brock mischte sich ein. „Fichte will sagen, dass wir es unter Umständen mit zwei Gruppen zu tun haben, die hinter der Zeugin Vandenburg her sind. Für Schiefer wäre es ideal, wenn sie erst im Zeugenstand widerrufen würde – womit ihre Glaubwürdigkeit im Fall Schiefer und bei allen späteren Verfahren zum Teufel wäre – und eine Gruppe, für die es am sichersten wäre, die Zeugin schon vorher zum Schweigen zu bringen.“

Staatsanwalt Lederer mischte sich ein: „Es gibt nicht nur zwei Gruppen, die an der Zeugin interessiert sind, sondern drei. Vergessen Sie die Familie Lucano nicht, die einem 'Ehrenkodex' verpflichtet ist, den unser Gesetzbuch nicht akzeptiert.“

„Also Blutrache?“, fragte Andrea Sturm ungläubig.

„Am Ende läuft es darauf hinaus, ja. Wie es übersetzt genau heißt, weiß ich nicht.“

Fichte holte tief Luft: „Wir halten es für denkbar, dass Schiefers Konkurrenten und Feinde die Vandenburg so schnell wie möglich ins Grab bringen wollen, damit Schiefer für Jahre hinter Gittern verschwindet und die Konkurrenz sein Geschäft übernehmen kann. Genauer: die Verbindungen und Kontakte aufnimmt oder an sich zieht, dank derer Utom erfolgreich war.“

„Großartig“, platzte Andrea Sturm heraus, „das macht das alles so klar und übersichtlich.“

Brock und Lössmann zuckten die Achseln. Es war die erste Gemeinsamkeit in der langen Sitzung. Fichte sagte trocken: „Die Zeugin Vandenburg ist zumindest Mitwisserin strafbarer Handlungen. Wie weit sie Beihilfe geleistet hat, muss die Justiz entscheiden.“

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Bodo Zoller, den sie wegen seiner akzentfreien deutschen Sprache und seines „nordischen Aussehens“ zum Verbindungsmann bestellt hatten, traf sich mit seinem „Objekt“ wie gewöhnlich abends spät in ihrer Wohnung. Er traute ihr seit dem Zeitungsartikel über die Aussage der Vandenburg bei Staatsanwalt Lederer nicht mehr hundertprozentig, obwohl sie schwor, sie sei in diesem Fall nicht die Quelle für den Journalisten gewesen. „Tut mir leid, Bodo, ich habe nur diese GPS-Angaben. Über alles andere wird eisern geschwiegen.“

„Weißt du wenigstens, ob und wie sie bewaffnet und ausgerüstet sind?“

„Wie üblich, MP, ein G 200 und Nachtsichtgeräte.“

„Danke.“ Sie zog ihr Shirt hoch, und er schüttelte den Kopf. „Nein, tut mir leid, heute kann ich nicht bleiben. Wir müssen uns noch heute vor völliger Dunkelheit das Gelände und die Umgebung anschauen. Ein andermal gern, mein Schatz, versprochen.“

Der blauäugige Riese Bodo war gerade fünf Minuten weg, als es an ihrer Wohnungstür klingelte. Marcel – der Teufel mochte wissen, wie er richtig hieß – schien zu ahnen, was der Besucher vor ihm falsch gemacht hatte. Als erstes legte er ein Bündel Geldscheine auf den Tisch, dann griff er ihr in den Schritt und begann mit der anderen Hand, unter dem Shirt den Verschluss ihres BHs aufzuhaken. Sie schnallte schon seinen Gürtel auf. Nach dem zweiten Höhepunkt gab sie ihm freiwillig einen Zettel mit den Daten, die sie auch Bodo ausgehändigt hatte, und bezog das Bett neu, bevor sie duschte. Marcel hatte zweitausend Euro auf ihrem Tisch zurückgelassen. Sie nahm die Hälfte und stieg eine Treppe hoch, klingelte. „Hei, Andy. Ich haben mein ausgeliehenes Geld bekommen und kann dir jetzt dein Geld zurückgeben.“

„Prima. Darauf einen Schluck?“

„Aber immer.“ Sie strich sich über Hüften und Busen, was ihm nicht entging. Reizvoll war sie nicht, aber im Bett erfahren und jederzeit willig. Sie hatte Bodo und Marcel im Rondeau getroffen. Sie ging häufiger in das Lokal, weil hier Männer Frauen aufgabelten, die deswegen auch in diesen düsteren Schuppen kamen.

„Dann komm rein.“ Sie ging um Mitternacht in ihre Wohnung zurück. Das hatte ja alles geklappt wie bestellt. Sie kassierte für ihre Auskünfte immer gern zweimal und musste nur darauf achten, dass sich Bodo und Marcel nicht zufällig bei ihr trafen.

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Mittwoch , 11. Juni

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Der Chef hatte schlechte Laune, alle hatten es ihm schon angesehen, als er zur Morgenbesprechung in das Konferenz-Zimmer kam. Seine Haare standen wild vom Kopf ab. „Mal herhören!“, schnarrte er, „ich habe schlechte Nachrichten für euch. Kollege Rotter ist heute nacht gestorben.“

„Scheiße!“ - „Verdammt, das gibt’s doch nicht!“ - „Um Himmels willen!“ - „Die armen Kinder!“ - Rotter hatte ein Zwillingspärchen, das in diesem Jahr eingeschult worden war.- „Die arme Frau!“

„Ja“, sagte der Chef bissig, „Das war die erste Katastrophenmeldung. Die zweite ergibt sich logisch daraus. Die Vandenburg hatte wohl Recht mit ihrer Behauptung gegenüber dem Journalisten, es gebe hier bei uns einen Maulwurf.“

„Halt mal“, unterbrach Rudi Herzog seinen Chef energisch und trat einen Schritt vor. „Wie heißt die Zeugin? Vandenburg?“

Paul Fichte nickte.

„Und wie mit Vornamen?“

„Isa.“

„Weißt du zufällig auch, wo sie geboren ist?“

„In Mainz-Kastel, so viel ich weiß. Warum fragst du?“

„Ich bin in Mainz-Kastel mit einer Isa Vandenburg in die Grundschule gegangen. Oder hieß das damals noch Volksschule? So häufig ist der Name Vandenburg ja nun nicht, der Vorname Isa auch nicht.“

„Nee“, sagte der Chef gedehnt. „Rudi, wir reden gleich mal unter vier Augen, einverstanden?“

Rudi Herzog brummte zustimmend und trat in die zweite Reihe zurück. Das gehörte mit zum Schlimmsten, wenn man einen Maulwurf in den eigenen Reihen befürchten musste. Man durfte keinem mehr rückhaltlos vertrauen und musste den Kreis der Mitwisser, bei wichtigen und unwichtigen Einzelheiten, so klein wie möglich halten. Die sieben Kollegen und drei Kolleginnen, die zur Zeit in dieser Gruppe Zeugenschutz arbeiteten, kannten diese Vorsichtsmaßnahmen; keiner liebte sie, aber alle beachteten sie. Der Kollege Rotter könnte vielleicht noch leben, wenn geheim geblieben wäre, wo er sich mit der Zeugin Isa Vandenburg versteckt gehalten hatte. Aber so war gestern Abend das abgelegene Haus im Lesterwald mit Maschinenpistolen und Leuchtspurmunition angegriffen worden. Rotter hatte es dabei mit einem Streifschuss bös erwischt, der ihn sofort außer Gefecht setzte. Die Zeugin Vandenburg konnte später aus dem brennenden Haus fliehen, aber als die von ihr alarmierten Kollegen plus Feuerwehr eintrafen, stand der ganze Bau schon in hellen Flammen. Rotter, der halb drinnen, halb draußen an der Haustür lag, lebte zwar noch, als man ihn bergen konnte, aber die Kugel, der Blutverlust, die Flammen und die eingeatmeten Rauchgase hatten ihm zu stark zugesetzt. Er war heute nacht auf einer Intensiv-Station seinen Verletzungen erlegen. Alle schauten zum Chef hoch, aber der schwieg eisern. Keine Silbe darüber, wo die Zeugin im Moment untergebracht war, kein Wort darüber, ob sie noch lebte, schwer oder nur leicht oder gar nicht verletzt war.

„Wie steht es mit unseren anderen Fällen? Neuigkeiten?“

„Vielleicht“, meldete sich der Kollege Anders zu Wort. „Ich habe gestern gegen 23 Uhr wieder diesen merkwürdigen kleinen Mann mit dem riesigen Köter gesehen. Er stand an der Ecke und wartete wohl auf etwas.“

„Was dann auch gekommen ist?“, wollte der Chef nach einer langen Pause wissen.

„Nein. Gegen Mitternacht ist er mit seinem Hund abgezogen.“

„Hm.“ Paul Fichte sagte nichts weiter. Immerhin war der Kollege Anders so vernünftig gewesen, nicht auf eigene Faust den Eckensteher zu kontrollieren, andererseits aber auch nicht fantasievoll oder selbstbewusst genug, die ganze Truppe zu alarmieren. „Na schön. Sonst noch was?“

„Ja, ich möchte mich beschweren“, antwortete der Kollege Albert Heimerich laut. „Mir ist gestern nacht schon wieder eine Infrarot-Kamera verreckt, natürlich genau in dem Moment, als ich dieses Pärchen knipsen wollte, das schon seit Tagen um das Haus herumschleicht. Können Sie denen in der Werkstatt nicht mal Dampf machen, entweder die Geräte besser in Schuss zu halten oder neue anzuschaffen?“

Das allgemeine Gemurmel verriet, dass Kollege Heimerich mit seiner Beschwerde nicht allein stand.

„Ich werd's versuchen“, versprach der Chef. „Aber Erfolg ist nicht garantiert. Tja, wenn keiner mehr ... okay, Freunde, dann Abmarsch. Rudi.“

Herzog und sein Chef Paul Fichte gingen in das kleine Zimmer des Gruppenleiters.

„Also, Rudi. Setzt dich und schieß mal los!“

„Ich bin in eine Gustav-Stresemann-Grundschule in Mainz-Kastel gegangen. In meiner Klasse war auch eine Isa Vandenburg, ein hübsches Mädchen, was mir natürlich erst sehr viel später aufgefallen ist“ - der Chef grinste breit, über Rudis amouröse Eskapaden und Erfolge klatschte und tratschte das ganze Amt - „dann bekam sie eine Empfehlung für's Gymnasium und ich bin bis zum Einjährigen zur Realschule gegangen, wie das damals wohl noch hieß. Danach haben wir uns nur noch selten gesehen, mal in der Stadt, mal im Schwimmbad, mal im Bus, ihre Familie wohnte ja nicht weit von meinen Eltern. Und mit Isas Schwester Ilka konnte man Pferde klauen.“

„Aha“, knurrte Fichte.

„Habt ihr euch auf der Grundschule gut verstanden?“

„Eigentlich schon. Jedenfalls haben wir uns zum Schluss nicht mehr so geprügelt wie in der ersten und zweiten Klasse. Sie hatte damals einen sehr harten Schlag, keine Angst vor niemandem und ließ sich nichts gefallen.“

„Das heißt, sie vertraut dir heute noch?“

„Das will ich doch stark hoffen, warum fragst du?“

„Ich habe heute schon mit ihr telefoniert. Sie hat sich zwar sehr ordentlich erkundigt, wie es Rotter geht, aber sie war auch stinkwütend, dass man sie doch so schnell gefunden hatte.“

„Muss es denn Verrat gewesen sein?“

„Du kennst das Haus?“

„Ja.“

„An dem Bau kommt doch niemand durch Zufall vorbei. Nee, Rudi, diese Bande hat genau gewusst, wen sie dort antreffen würde.“

„Trotzdem ist Isa entkommen.“

Der Chef zog den Kopf ein. „Musst du immer den Finger in die offenen Wunden legen? Selbstverständlich macht mir das Sorge. Der erfahrene Rotter wird ziemlich gleich zu Beginn ausgeschaltet, die unerfahrene Vandenburg kann später fliehen. Und nicht nur das. Sie hat den noch unbekannten Knaben, der gewaltsam zu ihr ins Zimmer kam, wahrscheinlich, um sie umzulegen, mit einem wunderschönen Kopfschuss erledigt.“

„Kopfschuss? Woher hatte sie eine Waffe?“

„Das wollte sie mir am Telefon nicht verraten. Es sei doch gut, dass sie eine Neun-Millimeter-Beretta gehabt habe. So konnte sie türmen, bevor das Treppenhaus in Flammen aufging, und uns noch über Handy alarmieren.“ Rudi verschluckte die Frage, warum man ihr ein Handy gelassen hatte, das doch angepeilt werden konnte.

„Eine gefährliche Frau“, meinte er stattdessen versonnen.

Der Chef betrachtete ihn halb wehmütig, halb grämlich. „Gefährlich und gefährdet. Erzähl' mal weiter!“

„Das letzte Mal habe ich Isa in Mainz vor dem Bahnhof getroffen. Die drei wollten nach München.“

„Die drei?“

„Isa war schwanger und hatten einen so dicken Bauch, dass ich sie sofort gefragt habe. 'Was wird das denn? Ein Elefant oder eine Kinderkompanie für einen afrikanischen Bürgerkrieg?'

„Du solltest dir deinen Charme patentieren lassen, lieber Rudi!“

„Danke für den Tip. Der Antrag läuft schon. Kein Elefant, aber Zwillinge.“

„Ach nee, das wusste ich nicht; dass sie Kinder hat, steht nicht in den Akten. Hat sie was über den Vater gesagt?“

„Keine Silbe.“

„Aber es gab einen?“

„Biologisch wohl unvermeidlich. Aber wenn du wissen möchtest, ob sie verheiratet oder fest liiert war – das hat sie mir nicht gesagt, und ich habe sie nicht gefragt. Erstens hatte ich es eilig und zweitens bin ich ja nicht taktlos, Chef.“ Fichte verkniff sich eine passende Antwort. „Na schön, Rudi, jetzt überleg' noch mal, wann war das?“

Rudi rechnete und erinnerte sich. Wenige Tage später hatte er die bestandene Aufnahmeprüfung gefeiert, und das war jetzt ziemlich genau siebzehn Jahre her.

Der Chef kratzte sich das Kinn. „Das heißt, wenn sie die Zwillinge vor siebzehn Jahren erwartet und bekommen hat, müssten die jetzt gerade so Teenies sein?“

Beinahe wäre Rudi herausgerutscht: „Sie hat sie bekommen“, aber Paul Fichte hätte dann sofort gefragt: „Woher weißt du das?“

Isa hatte es ihm selbst gesagt, aber das wollte er nicht verraten. Ihre letzte Begegnung vor jetzt fünfzehn Jahren ging niemanden was an, die war nämlich sehr privat gewesen und sehr intim verlaufen. Vor allem hatte sie unter Umständen angefangen, die man kaum glauben konnte.

Rudi lag nämlich in einer Ferienanlage auf Lanzarote im Liegestuhl am Swimmingpool, als eine sehr attraktive Blondine an ihm vorbeigehen wollte, stockte, sich umdrehte, ihn unschlüssig musterte und dann unsicher murmelte: „Rudi? Rudi Herzog aus Mainz-Kastel?“

Er brauchte etwas länger, sie wiederzuerkennen: „Isa Vandenburg aus der Gustav-Stresemann-Grundschule?“

Jahre zuvor, am Mainzer Bahnhof, hatte sie nicht sehr vorteilhaft ausgesehen, dicker Bauch, strähniges Haar und ein verquollenes, bleiches Gesicht, mit Ringen unter den nicht ausgeschlafenen Augen. Das alles hatte sich danach sehr zum Besseren verändert. Ausgesprochen schlank und sportlich, kein Bauch, schmale Hüften, strammer und fester Busen, blonde Locken, blauen Augen und tief gebräunt. Das alles aufreizend verpackt in einem weißen knappen Bikini. Eine sexy Schönheit und, wie sich bald herausstellte, ohne eine ihn störende männliche Begleitung auf der Insel. Schon bei ihrer ersten Verabredung erzählte sie, dass sie gesunde Zwillinge bekommen hatte, Julia und Jonas. Am Abend, als sie nach einem hervorragenden Essen noch einen Wein tranken und dabei auf das abendliche Meer schauten, fragte er nach dem Vater von Julia und Jonas, den Namen wollte sie nicht nennen, nur so viel preisgeben, dass er sie unmittelbar nach der Entbindung aus, wie sie damals schon fand, fadenscheinigen Gründen verlassen hatte. Immerhin habe er die Vaterschaft anerkannt und sich verpflichtet, monatlich sehr anständig Unterhalt zu zahlen – was er tatsächlich noch immer tat. Aber sie musste die Kunstakademie verlassen und sich einen Job suchen. Mit zwei Säuglingen nicht ganz einfach, wie sie klagte. Zum Glück half ihre jüngere Schwester Ilka aus, auch Isas Mutter sprang häufiger ein, und als sie für die Kinder einen verlässlichen Hort gefunden hatte, ging es auch beruflich aufwärts. Ihr damaliger Freund suchte eine zuverlässige Mitarbeiterin und stellte sie zu sehr generösen Bedingungen in seiner Firma Utom Import & Export ein. Jetzt war sie in der Frankfurter Import- und Exportfirma die Sekretärin des einen Chefs und so etwas wie eine Geschäftsführerin mit einem sehr guten Gehalt, einer Gewinnbeteiligung und ziemlich weitreichenden Kompetenzen.

Der Wein war gut, das Meer glitzerte romantisch, der Mond strahlte fast kitschig, und vor dem Eingang ihres Bungalows küssten sie sich lange und heftig, Isa presste sich fest an ihn, nahm ihn aber nicht mit hinein. Die nächsten Tage verbrachten sie vom Morgen bis zum Abend zusammen und schon in der zweiten Nacht ging sie mit ihm ins Bett. Rudi hatte damals keine Freundin, die junge Dame, von der er gehofft hatte, sie würde es werden, hatte sich vier Tag vor dem Abflug kurz und ohne Begründung für immer verabschiedet. Außerdem verstanden Isa und er sich sehr gut, die alte Vertrautheit aus der Grundschulzeit hatte sich, wenn auch in angenehm veränderter Form, erhalten.

Auch, dass er zur Polizei gegangen war, gefiel ihr. Sie drückte ihm die Daumen, dass sein Wunsch, zur Kriminalpolizei zu wechseln, bald in Erfüllung ging. Beamter, das war doch was Solides, und als er begann, sich Hoffnungen zu machen und heimlich Pläne zu schmieden, bekam sie einen Anruf aus Frankfurt und gleich danach veränderte sich ihr Verhalten.

Zwar schliefen sie noch immer jede Nacht miteinander, aber er hatte gleichwohl den festen und unangenehmen Eindruck, dass sie sich zurückzog. Sie musste vor ihm nach Deutschland zurückfliegen, und am Abend, als sie schon gepackt hatte, gestand sie ihm, dass sie in Frankfurt von einem Mann erwartet wurde.

„Rufe mich bitte nicht an, Rudi.“

„Willst du mir nicht sagen, wer auf dich wartet?“

„Nein, das möchte ich nicht. Es war wunderschön mit dir, ich werde dich und diese herrlichen Tage und Nächte nie vergessen. Aber es war leider nur ein schöner Urlaub vom Alltag und in meinem Alltag ist die Position des festen Liebhabers schon besetzt.“ Er dache, einer der alten Vulkane der Insel sei erneut ausgebrochen und er werde gerade von glühender Lava verschüttet. Doch sie blieb hart und ließ sich nicht umstimmen. Vor fünfzehn Jahren hatte er Isa das letzte Mal gesehen, als sie morgens in den Bus stieg, der sie zum Flughafen in Arrecife brachte.

Rudi hatte lange gebraucht, um über diese herbe Enttäuschung hinwegzukommen, und noch länger hatte es gedauert, bis er nachts nicht mehr von Isa träumte oder andere Frauen, die er kennen lernte, mit ihr verglich. Das alles konnte und wollte er dem Chef nicht auf die Nase binden. Denn der hätte ihn dann auf keinen Fall im Schutzprogramm Vandenburg mitarbeiten lassen, und in der Sekunde, in der Rudi von Rotters Unglück gehört hatte, stand für ihn fest, dass er Isa wiedersehen wollte, beruflich zuerst, dann hoffentlich auch privat. Sie war fünfundzwanzig Jahre alt, als sie ihn auf Lanzarote verließ, heute war sie vierzig, und in dem Alter sah die Welt auch für sie sicher anders aus.

„Was überlegst du, Rudi?“

„Ich überlege, wo der Haken sein kann.“

„Welcher Haken?“

„Warum fragst du mich nicht direkt, ob ich Rotters Stelle bei Isa Vandenburg einnehmen will?“

„Weil ich nicht weiß, ob sie denn überhaupt weiterhin Polizeischutz haben will.“

„Dann rufe sie doch an und frage sie einfach.“

„Das kann ich nicht.“

„Und warum nicht?“

„Wir haben uns heute natürlich auch darüber unterhalten, wie die Bande ihr auf die Spur gekommen sein kann.“

Rudi ging ein Licht auf. „Hat man ihr Handy angepeilt oder über die Funkzelle gefunden?“

Fichte hob die Hände zur Decke.

„Ist doch möglich, oder? Jedenfalls wusste sie sofort, wovon ich sprach und hat mir freiwillig zugesichert, sie würde unmittelbar nach Ende unseres Gesprächs ihr Handy ausschalten. „Was sie auch getan hat, ich habe sie gerade eben vor unserem Gespräch schon nicht mehr erreicht.“

„Und wohin hast du sie geschickt?“

„In die Erbsensuppe.“

„Das heißt ...?“

„Das heißt, dass du auf gut Glück hinfahren müsstest und fragen darfst, sind Sie oder bist du einverstanden, dass ich Sie oder dich künftig bei Tag und Nacht beschütze? Wenn wir viel Glück haben, sagt sie ja.“

„Hast du ihr die Waffe abgenommen?“

„Nein.“

„Dann ist auch ein anderer Ablauf denkbar. Ich will in ihr Zimmer kommen und sie wird nervös. Eine gute Schützin soll sie ja sein und in ihrer Nervosität verpasst sie mir auch einen prächtigen Kopfschuss. Ich weiß nicht, ob ich das überlebe, Chef.“

„Quatschkopf. Gib dir Mühe und sei vorsichtig, ich habe überhaupt den Eindruck, das empfiehlt sich bei dieser Frau ohnehin. Lederer hat mich auch gewarnt.“

„Okay, ich fahre hin und versuche sie umzustimmen. Für alle Fälle werde ich dafür sorgen, dass unsere Handys abgeschaltet und täglich nur zwischen 17 und 18 Uhr eingeschaltet sind. In der Zeit werde ich dich auch anrufen, wenn nicht vom Handy, dann von irgendwoher über's Festnetz. Es soll ja auch noch funktionierende Telefonzellen geben. Von den Kollegen erfährt niemand, mit welchem Auftrag ich unterwegs bin. Wie steht's mit Spesen?“

„Wenn ich sage, kein Limit, heißt das nicht, dass du versuchen sollst, eine Spielbank zu sprengen.“

„Ich würde den Gewinn ungeschmälert bei Vater Staat abliefern.“

„Trotzdem nein.“

„Alles klar. Ich nehme mir eine neue Heckler und Koch mit – keine Angst, ich schieße sie korrekt ein und gebe die Vergleichsprojektile beim Donnerer ab.“

Warum Ewald Thor der Donnerer hieß, musste eigentlich niemandem erklärt werden. Er war zuständig für den Schießkeller und die Waffenkammer des Amtes, führte die Listen, wer welche Waffe bekommen und wer wann seine vorgeschriebenen Schießübungen mit welchen Ergebnis absolviert hatte. Außerdem gab er Schießunterricht, er war ein hervorragender Lehrer und ein noch besserer Schütze.

Der Chef kritzelte schon eine Anforderung einer neue Dienstwaffe für den Kriminalhauptkommissar Rudolf Herzog, Abteilung Zeugenschutz.

„Wie lange darf ich die schöne Isa hautnah begleiten?“

„Du musst sie am Mittwoch, 18. Juni, um elf Uhr lebend im Wiesbadener Landgericht, Mainzer Straße, Saal 15, abliefern. Sie und dieser Boris Stepkow sind auf zehn und elf Uhr als Zeugen geladen. Ich bin zum Termin auf jeden Fall in der Nähe.“

„Okay, alles klar. Bis in acht Tagen um elf Uhr, toi,toi,toi.“ „Halt, Rudi, noch was! Ich habe das dumpfe Gefühl, dass man Isa Vandenburg nicht nur als Belastungszeugin in einem Mordfall braucht, sondern sich von ihr eine Menge Aussagen und Informationen erhofft, die für viele andere, die wir noch nicht kennen, gefährlich sind. Ich fürchte, deswegen haben wir eine Menge unfreundlicher Typen an Isas Hacken kleben, die meinen, nur eine tote Zeugin sei eine gute Zeugin. Augen auf und deine schöne neue Heckler & Koch immer nur mit vollem Magazin herumtragen.“

„Klar, danke, Paul.“

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Die nächsten Stunden war Rudi Herzog gut beschäftigt. Er holte sich seine neue Pistole, gab im Schießkeller die vorgeschriebene Anzahl von Übungsschüssen ab, bewältigte bei Ewald Thor den Papierkrieg und konnte natürlich wegen der Lärmschützer auf den Ohren keine der neugierigen Bemerkungen des Donnerers verstehen. Die Kantine schenkte er sich, erstens der Qualität wegen und zweitens mit Rücksicht darauf, dass er ab jetzt stumm neben seinen Kollegen und Kolleginnen sitzen musste. Es würde sich schnell herumsprechen, dass Kriminalrat Brock vom Zeugenschutz einen Maulwurf in seiner Abteilung befürchtete. Aber das musste nicht gerade Rudi Herzog verbreiten, auch nicht zusätzlich den an sich richtigen Hinweis, dass die undichte Stelle oder der Verräter auch in der Staatsanwaltschaft sitzen konnte. Zu Hause packte er eine Reisetasche mit Wäsche, Shirts und Socken, goss zum letzten Mal seine Blumen und brachte den Reserveschlüssel zu seiner Nachbarin Anja Wesskamp, die wohl wusste, dass er im Landeskriminalamt arbeitete, aber keine Ahnung hatte, was dort genau seine Aufgabe war.

Sie lächelte ihn an: „Sei vorsichtig und komm' heil wieder, Rudi.“

„Ich werde mir Mühe geben, Anja.“ Es war das erste Mal, dass sie so etwas äußerte. Die hübsche Nachbarin war selbstbewusst, aber auch sehr zurückhaltend, und Rudi hatte sich bisher nicht um sie bemüht.

Gegen 16 Uhr fuhr er los Richtung Gellhausen. „Erbsensuppe“ war der amtsinterne Spottname für ein Versteck bei Linsengericht.

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Kriminalrat Brock und Hauptkommissar Paul Fichte erreichten zu dieser Zeit schon die Polizeistation in Montabaur, wo Oberkommissar Wilde bereits auf sie wartete. Er lotste sie zum Tat- und Brandort, stieg aber gut hundert Meter davor aus und führte seine Gäste durch einen schmalen Waldstreifen auf eine fußballfeldgroße Wiese. In der Mitte parkten mehrere Autos rund um ein mit Flatterbändern abgesperrtes Viereck.

„Reiner Zufall“, sagte Wilde bedächtig. „Ein uns lange bekannter Jagdpächter hat sich heute morgen zufällig in seinem Revier umsehen wollen und hat dabei die Leiche entdeckt.

„'Zufällig' hören wir nicht gerne, Kollege“, brummte Fichte.

„Na schön“, gab Wilde nach, „uns hat er gesagt, ein Nachbar hätte ihn angerufen, am Rande seines Reviers habe es mächtig gebrannt und er sollte sich besser einmal ansehen, was das Feuer in seinem Revier angerichtet habe. Es ist zwar kühl für die Jahreszeit, aber verdammt trocken, gut möglich, dass die Flammen auf seinen Bezirk übergegriffen haben.“

Brock und Fichte sahen sich mit langen Gesichtern an. „Wissen wir, wer dieser hilfsbereite Nachbar war?“

„Sicher, Namen und Adresse habe ich allerdings auf dem Revier.“

Die Leiche des Mannes sah schrecklich aus. Kein Zweifel, er war von einer Garbe aus einer MP voll getroffen worden.

„Wissen wir, wer er ist?“

„Er hatte Papiere auf den Namen Böttiger bei sich. Sein Auto steht etwa einen Kilometer entfernt unten an der Landstraße.“

„Wann hat es ihn erwischt?“

„Vorgestern gegen 23 Uhr, würde ich denken.“

„Da hat die Hütte nach Aussage dieser Vandenburg schon gebrannt.“

Brock hatte keine Lust mehr: „Auto und Leiche zum LKA nach Wiesbaden. Ich fresse einen Besen samt Putzhilfe, wenn der Knabe wirklich Böttiger heißt. Und das Auto ist entweder gestohlen oder eine Doublette. Könnten Sie sich bitte darum kümmern, Kollege Wilde?“

„Bin schon dabei.“

Auf der Rückfahrt nach Montabaur und Wiesbaden schwiegen Fichte und Brock und sprachen erst offen miteinander, als der Kollege ihnen Namen und Anschrift des Mannes gegeben hatte, der das Feuer entdeckt hatte. Sie trafen ihn zuhause an und waren sich schnell einig, dass Arnold Reiser mit dem Fall Vandenburg nichts zu tun hatte.

Reiser besaß ein kleines Geschäft für Haushaltswaren in Montabaur und ein größeres in Koblenz. Fichte und Brock hielten ihn schnell für einen Mann von bescheidenem Verstand, den außer Jagen und Pilzen nicht viel interessierte. Vielleicht ging es ja weiter, wenn sie wussten, wer der Tote von der Waldwiese wirklich war.

Es war gar nicht so leicht, die rechte Hand des Toten so weit zu säubern und den Körper so zum Gerät zu bugsieren, dass sie die Hand auf die Sichtscheibe legen konnten, aber die Mühe hatte sich gelohnt. Die Fingerabdruck-Datenbank meldete umgehend, dass es sich um Bodo Zoller handelte, mehrfach vorbestraft wegen schwerer Körperverletzung, versuchten Totschlags und fahrlässiger Tötung. Der unerlaubte Waffenbesitz nahm sich daneben fast wie ein Kavaliersdelikt aus.

„Eine echte Killerlaufbahn“, meinte Hellmann. „Ich rufe mal gleich Brock an, der wartet schon auf ein Ergebnis.“

Brock bedankte sich für die schnelle Arbeit der Kollegen. Das Versteck Lesterwald war also doch nicht so einsam gelegen gewesen und war jetzt im doppelten Sinne des Wortes verbrannt. Und wenn es Verrat gab, durfte man nicht darauf vertrauen, dass ein anderes, immer wieder benutztes Versteck auch in Zukunft sicher war. Fragte sich nur, für wen Bodo Zoller gearbeitet hatte und wer ihn warum umgelegt hatte. Brock war inzwischen davon überzeugt, dass es nicht nur zwei, sondern drei Gruppen gab, die hinter ihrer Zeugin her waren. Er hatte gestern absichtlich nicht die Familie Lucano erwähnt, die nach dem „Ehren“-Kodex der Mafia den gewaltsamen Tod eines Clan- oder gar Familienmitglieds rächen musste.

Fichte lachte: „Und weil keiner in der Familien alt genug ist, das zu erledigen, haben sie einen Killer gekauft und hatten deswegen kein Geld mehr für Flugtickets.“

„Ein italienischer Familienkrieg im Rhein-Main-Dreieck hat uns gerade noch gefehlt, Paul.“

Eine aufmerksame Assistentin bemerkte, als sie die Leiche für die Öffnung vorbereiteten, an dem Shirt des Mannes mehrere brünette lange und glatte Haare, die sich als Frauenhaare herausstellten und für alle Fälle asserviert wurden.

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Ähnliche Gedanken wie Fichte und Brock wälzte auch Rudi. Ein festes und sicheres Versteck bis zu Mitte nächster Woche? Aber auch eine ständige Bewegung zusammen mit dem männlichen oder weiblichen Schützling hatte ihre Probleme. Rudi fuhr einen normalen, unauffälligen Mittelklassewagen mit einer normalen Wiesbadener Nummer – bloß kein Behörden-Kennzeichen. Die beste Sicherheit für ihn und seinen Schützling war, nicht aufzufallen, im Strom der Fahrgäste, Einkäufer, Touristen und Spaziergänger mitzuschwimmen.

Der Chef hatte gestern entschieden, die Zielperson Isa Vandenburg aus dem Lesterwald in ein Versteck in der Nähe des Ortes Linsengericht zu bringen, von der Fichte-Truppe allgemein als „Erbsensuppe“ verspottet.

Rudi trödelte gemütlich Richtung „Erbsensuppe“. Das Versteck war ein alter längst aufgegebener Bauernhof, vor Jahren von einem Künstlerehepaar aus Frankfurt aufgekauft und aufwendig restauriert. Das Ehepaar hatte sich dann nach zwei harten Wintern doch entschlossen, in ein wärmeres Land mit mehr Sonne auszuwandern, und hatte sein Domizil relativ billig verkauft. Die Lage war an sich unübertrefflich. Mitten in einem Feld mit freier Sicht – und notfalls freiem Schussfeld – in alle Himmelsrichtungen, eine geschotterte Zufahrtsstraße, die kein Autofahrer, wollte er seine Stoßdämpfer behalten, mit mehr als 20 km/h passieren würde, mit einer Scheune, die als Garage diente, einem Geräteschuppen, in dem ein Notstromaggregat und mehrere Trinkwassertanks untergebracht waren, und auf mehreren hundert Meter im Umkreis kein Nachbar, keine Verbindungs- oder Bundesstraße und kein Spazierweg. Es war unglaublich still, bis auf die wenigen Vögel, die nachts auf Jagd gingen oder flogen.

Als Rudi von dem ehemaligen Wirtschaftsweg auf die Schotterpiste abbog, wurde er geknipst, er bemerkte den Blitz auf dem hohen Holzmast und wusste, dass nun sein Kennzeichen an die Hausbewohner gemeldet und über Funk an einem anderen Ort elektronisch gespeichert wurde. Wer absolute Ruhe und absolute Einsamkeit schätzte, war hier gut aufgehoben. Ansonsten kam es dem Stadtmenschen Rudi Herzog wie die Vorhölle vor, eingerichtet von des Teufels verbitterter Großmutter. Als er fünfzig Meter vom Eingang entfernt war, trat ein Mann vor's Haus und beobachtete ihn offen in einem Feldstecher. Der Kollege Claus Kowalski nahm die Vorschriften offenbar sehr ernst.

Rudi winkte ihm zu, als er ausstieg, und Kowalski winkte zurück. Dann trat eine unbekannte Frau aus dem Haus und erst als sie laut höhnte: „Ich werd' verrückt, man verdoppelt meine Schutztruppe!“, erkannte er Isa an der Stimme wieder. Die blonden Locken waren verschwunden, diese langen glatten brünetten Haare durften wohl eine Perücke sein, und die zusätzlichen Kilos, die sie in Form von Kissen oder einer gefütterten Schutzweste auf den Hüften herumschleppte, standen ihr nicht. Auch sie winkte Rudi zu: „Gott zum Gruße, großer Meister.“

Er zögerte, sie hatte vermieden, ihn mit Du oder Sie anzureden und nicht zu erkennen gegeben, dass sie ihn kannte oder wiedererkannt hatte. Zufall oder von ihrer Seite Absicht? Deswegen rief er ebenfalls ohne Anrede zu ihr hinüber: „Guten Tag, schöne Frau.“

Kowalski trat an ihn heran. „Tach, Rudi. Der Alte hat schon angerufen, du übernimmst? Dann kann ich also weg von hier?“ Er senkte die Stimme: „Ich wäre nicht böse, wenn ich gleich abdampfen könnte, sie ist nicht so ganz leicht zu ertragen.“

Rudi brummte heuchlerisch: „Der Chef hat mich auch schon gewarnt. Wenn du magst, fahr' los, sobald ich die Hütte durchsucht habe. Hat es irgend etwas Auffälliges gegeben?“

„Nein, absolut tote Hose den ganzen Tag über. Komm!“

Er ging mit Rudi auf die Frau zu, die neben der Tür stehen geblieben war und sie spöttisch musterte. Kowalski meinte nervös: „Das ist mein Kollege Rudi Herzog, er löst mich jetzt ab.“

„Ich heiße Isa Vandenburg, wie sicherlich im Amte schon bekannt,“ antwortete sie ungerührt. Es klang zynisch.

„Auf Wiedersehn, Frau Vandenburg. Und alles Gute für Sie.“

„Tschüss, Herr Kowalski, kommen Sie gut nach Hause.“ Das hörte sich jetzt eher höhnisch als nett an. Kowalski ging nicht sofort zur Garage, sondern wartete, bis Rudi einmal durchs Haus gelaufen war. Selbst seinem Rücken war anzusehen, wie froh Kowalski war, von hier fortzukommen. Rudi schaute auf seine Uhr – kurz vor achtzehn Uhr. Der Chef musste noch an seinem Schreibtisch sitzen. Und so war es.

„Rudi hier, ich habe gerade von Kowalski übernommen. Er fährt eben los.“

„Na, Rudi, was Neues?“

„Nein, und bei euch?“

„Auch nicht. Lederer wollte mir eine dicke Zigarre verpassen, und wurde so dreist, dass ich ihn nachdrücklich darauf hinweisen musste, der Maulwurf könne auch bei ihm, in der Staatsanwaltschaft, sitzen. Ich dachte, er fällt gleich von Wut auseinander.“

Staatsanwalt Wilfried Lederer war berühmt und berüchtigt für seine Unhöflichkeit. Aber wenn Rudis Chef „nachdrücklich“ wurde, rummste es im Karton, ganz gleich, mit wem Fichte es zu tun hatte. Als Kowalskis Auto außer Sicht geriet, sagte Isa: „Komm, lass uns reingehen! Es war doch richtig, dass ich dich nicht gekannt und nicht geduzt habe?“

„Goldrichtig, Isa. Je weniger Kollegen wissen, dass wir uns von früher kennen, desto besser. Und mein Chef weiß auch nicht, dass und wie wir uns in Lanzarote getroffen haben. Es geht ihn auch nichts an.“

Sie kniff ihm ein Auge zu, drehte sich um und öffnete die Tür. „Gut, dass du gekommen bist, von Kollegen wie Rotter und Kowalski hätte ich mich nicht länger beschützen und belästigen lassen.“

„Wusstest du, dass ich komme?“

„Ja, der Kowalski hat fast pausenlos mit seinem Chef in Wiesbaden telefoniert. Aber nun komm!“

Er schaute ihr nach und hielt sie an der Schulter fest, weil sie merkwürdig steif und humpelnd ging und dabei wie angetrunken schwankte: „Sag mal, ist was mit deinen Gelenken? Oder mit deinem Becken?“

„Nein, keine Angst. Ich trage nur so eine dicke gefütterte kurze Hose, weißt du, wie die Torleute beim Eishockey.“

„Wer hat dir denn das sexy Wäscheteil verpasst?“

„Eine Kollegin von dir.“

„Eine Kollegin? Wann und wo, Isa?“

„Sie hieß Senta Stolze und hat mich mit Rotter in das Haus gebracht, das dann abgebrannt ist. Wir haben uns darüber unterhalten, wie man mich am besten verstecken kann, und da meinte sie, sie würde mir eine Perücke besorgen und meine Figur so verändern, dass mich kein Mensch mehr an meiner äußeren Erscheinung und an meinen Bewegungen erkennen würde.“

„Das ist ihr gelungen. Ich habe dich eben auch nicht erkannt.“

„Und dabei habe ich nicht einmal meine höchst elegante neue Brille aus echtem Fensterglas getragen. So, so, nicht erkannt, ich fühle mich auch scheußlich und hässlich in dem Ding. Und an Perücken bin ich auch nicht gewöhnt. Durst?“

„Schon, aber Alkohol ist für mich verboten, bis ich dich heil abgeliefert habe.“

„Aber ich werde mir nach diesem stinklangweiligen Tag einen Wein gönnen. Sag nichts und denk' daran, man muss aussagebereite Zeugen bei Laune halten.“

Er konnte auch gar nichts sagen, weil in der Minute eine auffällig große Drohne so niedrig über sie hinwegdröhnte, dass sogar die Fensterscheiben leise klirrten. „Wo kommt das Ding denn her?“, sorgte sich Rudi. Sie zuckte die Achseln: „Die kurvt schon seit Mittag hier herum. Kowalski hat deswegen telefoniert, aber niemand weiß anscheinend, wem die Drohne gehört und wer sie von wo aus steuert.“

Und die Person am Steuergerät musste das Haus sehen können, denn die Drohne kam nach einer Minute zurück und dröhnte wieder direkt über das Haus hinweg.

Rudi sagte nichts, aber machte sich in Gedanken einen dicken Knoten ins Taschentuch. Diesen Kowalski würde er sich zur Brust nehmen, wenn er diesen Auftrag beendet hatte. Konnte der Arsch wirklich so dumm sein? Telefonierte den ganzen Tag mit seinem Handy und brachte es fertig, seiner Ablösung zu verschweigen, dass hier eine nicht identifizierte Drohne die Gegend unsicher machte? Ein Gerät, mehr als groß genug, um eine Fernsehkamera mit Sender zu tragen.

Sie sah ihn fest an: „Schlechte Laune? Oder machst du dir Sorgen?“

„Beides stimmt etwas,Isa.“ Sie drehte den Korken aus der Flasche und hielt ihm ein Glas hin.

„Danke, wirklich lieber nicht.“

„Sind wir hier nicht sicher?“

„Doch. Zu neunundneunzig Prozent schon. Ein kleiner Rest Unsicherheit bleibt immer.“ Und bei unbekannten Drohnen am Himmel war dieser Rest sogar ziemlich groß, mit Sicherheit größer als nur ein Prozent.

„Und was willst du dagegen tun?“

„Wir können morgen sozusagen ins Blaue losfahren, also fliehen.“

„Ich fürchte, das nutzt nicht viel, Rudi, er hat überall seine Leute. Viele davon kennen mich. Und die Organisation ist verdammt groß.“

„Wer hat überall seine Leute?“

Eine halbe Minute staunte sie ihn an. „Ullrich Schiefer“, sagt sie endlich heiser.

„Und wer ist Ullrich Schiefer?“

„Sag bloß, du kennst den Fall nicht?“

„Nein. Ich weiß nur, dass du als Zeugin geladen und bedroht worden bist, damit du nicht wahrheitsgemäß aussagst.“

Nach einer langen Pause lachte sie ungläubig. „Das ist ja goldig. Ich habe gehört, wie Ullrich Schiefer seinem Laufburschen Boris Stepkow den Auftrag erteilt hat, Ullrichs Geschäftspartner Tomasio Lucano umzulegen. Was Stepkow dann auch getan hat, und zwar so dilettantisch, dass man ihn wenig später geschnappt und zu lebenslänglich verurteilt hat. Stepkow mit seiner langen Vorstrafen-Liste ist an der Sicherungsverwahrung nur vorbeigeschrammt, weil er sich bereit erklärt hat, als Kronzeuge gegen Schiefer auszusagen.“

„Du hast also gehört, wie Schiefer den Mordauftrag gegeben hat?“

Sie nickte energisch.

„In welcher Beziehung hast du denn zu Schiefer und Stepkow gestanden?“

„Schiefer war viele Jahre mein Chef und Geliebter. Stepkow arbeitete als eine Art Laufbursche und Bote und Mann für's Grobe in der Firma Utom.“

„Utom? Was heißt das?“

„Ullrich Schiefer und Tomasio Lucano.“

„Dein Chef? Dann weißt du also eine Menge über seine Geschäfte?“

„Das darfst du laut singen, fast alles, was ich nicht selbst in der Firma erfahren oder organisiert habe, hat Schiefer mir anfangs im Bett erzählt. Er redet gerne und braucht Bewunderung.“

„Bedroht er dich deswegen? Hat er Angst vor einer Mitwisserin?“

„Nein, glaube ich nicht. Er weiß, dass ich im Nebenzimmer war, als er Stepkow den Auftrag zum Mord an Lucano gab; und erst dann, als Stepkow gegangen war, will Ullrich bemerkt haben, dass die Tür einen Spalt offenstand. Was zu glauben mir schwerfällt.“

„Du meinst, er hatte das in dem Moment übersehen?“

„Das hat er zumindest mir gegenüber behauptet.“

„Hm hm“, machte Rudi sorgenvoll.

„Was soll das – hm hm?“

„Und wenn er dich zur Mitwisserin machen wollte und dir nach deiner Aussage Beihilfe vorwerfen wird? Oder von seinem Verteidiger unterstellen lässt? Denn mit deiner Aussage, dass du den Mordauftrag mit eigenen Ohren gehört hast, gibst du natürlich auch zu, dass du an dem Tatort gewesen bist. Als Mitwisserin oder Beihelferin.“

Isa schüttelte den Kopf. „Das wird er nicht.“

„Und warum nicht?“

„Du fragst wie dieser Staatsanwalt Lederer.“

„Ja? Polizisten und Staatsanwälte neigen zur selben Denke, das stimmt. Und wo hast du diesen Mordauftrag gehört?“

„In einem Haus. Im Schlangenbad. So, und jetzt ist Schluss mit der Vernehmung einer Verdurstenden.“ Sie griff nach der Flasche und schenkte sich Wein ein. Er beobachtete sie einen Moment unschlüssig und seufzte leise. Sie wollte also nicht mehr auspacken. Deshalb stand er auf und schaltete den Fernseher an.

Das Programm war lausig und gegen zehn Uhr ging er ins Bett, lag lange wach, weil er grübelte. In Isas Geschichte fehlte ein wichtiges Verbindungsglied. Unterstellt, die Tür zum Nebenzimmer stand tatsächlich einen Spalt offen, als Schiefer den verhängnisvollen Auftrag erteilte. Wie konnte Stepkow wissen, dass sich im Nebenzimmer die Geliebte und Mitarbeiterin seines Chefs aufhielt. Wenn er es nicht wusste, konnte sich ein alter Knastologe ausrechnen, dass seine Aussage gegen Schiefers Aussage stehen würde, wenn er bei der Polizei behauptete, sein Chef Schiefer habe ihm den Mordauftrag gegeben. Das vermochte sich auch jeder Staatsanwalt auszurechnen. Mit einem Mal konnte er einen weiteren Zeugen für seine Anklage „Anstiftung zum Mord“ präsentieren.

Was hatte Isa dazu gebracht, ihrem Chef und Geliebten anzukündigen, sie würde die Aussage des verurteilten und schon einsitzenden Mörders Boris Stepkow vor Gericht bestätigen? Sie musste es Schiefer angedroht haben, sonst hätte der sie nicht so unter Druck gesetzt, dass sie schließlich zur Polizei ging, vor einem Staatsanwalt aussagte und um Zeugenschutz bat.

Rudi verschränkte die Hände hinter dem Kopf und versuchte vergeblich, seine Gedanken abzuschalten und einzuschlafen. Die Gedanken wirbelten weiter und kamen nicht zur Ruhe. War Schiefer der Mann, der vor fünfzehn Jahren auf Isa in Frankfurt wartete, als sie Rudi auf Lanzarote so unerbittlich in die Wüste schickte? War Schiefer der Vater von Jonas und Julia? Rudi starrte in die Rabenschwärze unter der Decke und fühlte sich plötzlich sehr unglücklich. Von der erhofften Freude, Isa wiederzusehen, verspürte er nichts.

Weit entfernt knattert die Drohne leise, aber noch deutlich zu vernehmen. Isa hatte fast den ganzen Liter Rotwein getrunken und war zuerst recht fröhlich und dann ziemlich rasch müde geworden, als sie sich im Fernsehen eine ausgesprochen alberne Komödie angesehen hatte, was sie wahrscheinlich wohl auch deshalb getan hatte, um nicht länger mit ihm reden zu müssen. Sie schlief im Zimmer über dem schmalen Flur gegenüber, das vergitterte Fenster war geklappt, und Rudi hatte zuletzt auch die Haustür kontrolliert, abgeschlossen und den schweren Innenriegel vorgeschoben. Dann erstarrte er und atmete schwer. Seine Zimmertür knarrte und wurde ganz vorsichtig aufgeschoben.

„Rudi?“, flüsterte eine Frauenstimme. „Schläfst du schon?“

Er holte tief Luft. „Nein“, sagte er in normaler Lautstärke. „Isa. Was ist los?“

„Ach, das ist gut.“ Sehen konnte er sie nicht, er ahnte nur den schwarzen Schatten, als sie an sein Bett kam und sich hinlegte, sich unter die Decke schob und ihm eine Hand auf die Brust legte. Er langte nach ihr und wollte sie an sich ziehen, aber sie sperrte sich: „Deswegen bin ich nicht gekommen“, flüsterte sie. „Rudi, da ist jemand im Haus.“

Er sagte nichts. Nach einem Liter Rotwein hörte auch er mal Gespenster, spürte Geister und roch kleine Schwefel-Teufelchen. Sie ahnte, was er dachte. „Nein, bestimmt, Rudi. Es ist nicht der Rotwein. Da ist jemand im Haus. Und ich glaube, der ist schon heute mittag gleichzeitig mit der Drohne gekommen und hält sich seitdem irgendwo verborgen.“

„Isa, wie soll der hereingekommen sein?“

„Durch ein Fenster?“

„Die sind alle vergittert und geschlossen. Oder hast du es irgendwo klirren und brechen hören?“

„Nein“, gab sie zu. „Rudi, ich habe trotzdem Angst.“ Dass sie sich dabei an ihn presste, war ja ganz angenehm, aber sie mussten schlafen, der morgige Tag würde anstrengend werden.

„Okay“, gab er nach. „Wo hast du deine Pistole? Du kannst sie entsichern und so neben deinem Bett liegen lassen, während ich einmal durchs Haus gehe und nachschaue.“

Er hatte sein schönes, neues Stück auf den Nachttisch gelegt, schob Isa sanft aus dem Bett und legte einen Arm um ihre Taille. Kein Zweifel, die Frau war plötzlich sehr viel schlanker geworden. Sie trug einen dünnen baumwollenen Schlafanzug mit kurzen Armen und kurzen Beinen und kicherte, als sie seine forschende Hand auf ihrem nackten Bauch spürte. „Zufrieden mit der Figur?“

„Oh ja, sehr.“

„Ihr Männer habt auch immer nur das eine im Kopf.“

„Im Kopf weniger, schöne Isa.“

Sie gluckste, für Sekunden von ihrer Angst abgelenkt. Sie mussten die Pistole aus ihrer Handtasche holen, die sie leichtsinnigerweise im Wohnraum neben der Couch hatte stehen lassen. Er nahm ihr die Waffe ab, schaute sich das Magazin an – sechs Patronen – lud durch, entsicherte und gab ihr die Beretta zurück. „Vorsicht, Isa. Gespannt und entsichert.“

Er wartete, bis sie in ihr Zimmer gegangen war und innen den Riegel vorgeschoben hatte, dann ging er in sein Schlafzimmer, holte die Akkulampe aus der Reisetasche und wartete lauschend unten im dunklen Wohnzimmer. Nichts zu hören, aber jetzt verspürte er auch das blöde Gefühl, dass sich noch jemand im Haus aufhielt. Anders als Isa hatte er gelernt und geübt, in solchen Fällen systematisch vorzugehen. Nichts zu sehen, nichts zu hören. Aber es roch verändert. Schweiß? - nein. Rasierwasser, Parfüm, Hautcreme? - Ja, so etwas in der Art, schwach, aber unverkennbar. In der albernen Fernsehkomödie, die sie gesehen hatten, war die Ehefrau ihm auf den Seitensprung gekommen, weil er nach dem Parfüm der Freundin roch. Rudi grinste in sich hinein. Er knipste die Lampe an und ging durch die Räume des Erdgeschosses, machte in allen Zimmern Licht, ohne einen unerwünschten Besucher zu entdecken und aufzuscheuchen oder Spuren zu finden, die ein Fremder hinterlassen hatte. Der Geruch von Parfüm, Seife, Rasierwasser oder Hautcreme wurde schwächer. Auch in den Zimmern des ersten Stocks gab es nichts Auffälliges und hier oben konnte er bei aller Konzentration auch nichts mehr erschnuppern. Alle Fenster und Türen waren okay. Er klopfte leise an ihre Tür, aber sie antwortete nicht, und in Erinnerung an ihre Schießkünste zog er es vor, nicht gewaltsam in ihr Zimmer zu poltern und sie aus dem Schlaf hochzureißen. Jetzt konnte er auch einschlafen.

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Donnerstag, 12. Juni

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Rudi wurde wach, weil irgendwo laute Musik spielte. Er schlug die Augen auf und sofort blendete ihn die helle Sonne. Acht Uhr. Er hatte gut geschlafen und fühlte sich topfit, bis auf den niedrigen Blutdruck. Weil er ein Gewohnheitstier war, stieg er zuerst in seinen Trainingsanzug und verschob das Waschen und Rasieren auf die Zeit nach dem Frühstück. Ohne Kaffee im Bauch sollte kein Mensch gezwungen sein, systematische Handlungen wie etwa Rasieren vorzunehmen. Er zog die Tür einen Spalt auf und rief laut: „Isa?“

„Auch schon wach, du Faulpelz? Auf, auf, Frühstück ist fertig.“ Sie musste in der Küche sein. Auch sie hatte sich in eine Art Hausanzug geworfen, strahlte vor Energie und räumte ein, dass sie im Vertrauen auf seine Sorgfalt sofort eingeschlafen sei.

„Was machen wir heute?“

„Das überlege ich noch.“

Dazu ging er in die kleine Diele, der schwere und offensichtlich vor kurzem geölte Innenriegel der Haustür war aufgezogen. Also doch! Leise lief er in sein Schlafzimmer zurück und nahm das Handy. Katrins Nummer war immer noch gespeichert, er drückte die Taste und wartete, bis sich eine Frau einstellte: „Ja?“

„Hallo, Katrin.“

„Ich werd' verrückt, mein fröhlicher Sesselmann.“

„Den du hoffentlich noch in guter Erinnerung hast.“

„Warum fragst du, willst du mich etwa besuchen?“

„Das auch, aber in erster Linie brauche ich deine Hilfe.“

„Wie das?“

„Katrin, ich bin mit einer Frau unterwegs, der man angedroht hat, sie zu ermorden.“

„Auf erotischen Pfaden unterwegs?“

„Im Rahmen eines Zeugenschutzprogramms. Offenbar haben wir in unserer Abteilung oder in der Staatsanwaltschaft einen Maulwurf, zwei Verstecke sind aufgeflogen und verbrannt, und heute Nacht ist ein Unbekannter in unserem Versteck gewesen, aus dem ich jetzt anrufe.“

„Was hat er gewollt?“

„Das weiß ich noch nicht, aber wahrscheinlich wartet er vor dem Haus und wird sich an uns dranhängen. Ich brauche für ein paar Tage eine sichere Wohnung, die wir bis zum kommenden Mittwoch benutzen können. Und da ist mir die Geschichte mit der geerbten Wohnung bei Bonn eingefallen. Hast du sie schon verkaufen können?“

„Nein, sie steht immer noch leer und wartet auf einen Käufer.“

„Meinst du, wir könnten dort für ein paar Tage und Nächte unterschlüpfen?“

Die Bekanntschaft mit Katrin Köhler verdankte er der deutschen Bahn. Sie saßen sich in einem Regionalexpress gegenüber, sie stand auf, um in das Gepäckfach zu greifen, als die Bahn so plötzlich und so ruckartig bremste, dass sie sich unfreiwillig auf seinen Schoß setzte. Sie kamen ins Gespräch, mussten beide in Mainz aussteigen, zuerst bei Kaffee und Kuchen, dann bei einem Rheinhessen-Riesling kam man sich näher, vertiefte die Beziehung bei einem gemeinsamen Skiurlaub. Katrin war Finanzbeamtin in Mülheim an der Ruhr. Als ihr eine Aufstiegschance im Amt geboten wurde, entschied sie sich dafür und gegen ein Zusammenleben mit Rudi Herzog. Sie trennten sich ohne Zank und ohne Vorwürfe und hielten seitdem telefonisch Kontakt. Am Telefon hatte sie ihm auch erzählt, dass sie in Bonn von einer Tante eine Wohnung geerbt hatte, die sie gern verkaufen wollte. Aber ihre Preisvorstellungen und die der wenigen Interessenten lagen noch schmerzhaft weit auseinander, wie sie bei ihrem letzten Telefongespräch klagte. Die schöne Wohnung stand immer noch leer.

„Wann brauchtest du denn ein Dach über dem Kopf?“

„Am liebsten noch heute Abend.“

„Rudi, dazu müsste ich sofort nach Bonn kommen. Ich will mal versuchen, den Nachmittag frei zu nehmen. Die alte Handynummer gilt ja noch?“

„Immer noch.“

„Okay, ich melde mich. Aber es kann etwas dauern. Ich muss erst einige Termine verschieben.

Isa sah ihn neugierig an: „Na, alles klar?“

„Ja und Nein. Wir müssen auf einen Anruf warten. Das kann allerdings dauern.“

„Soll ich schon packen?“

„Ja. Hier bleiben wir auf keinen Fall.“

Sie sprang auf und er bewunderte wieder ihre langen Beine: „Vergiss deinen schusssicheren Keuschheitsgürtel nicht!“

„Einpacken oder anziehen?“

„Einpacken reicht.“

Während des Telefonats hatte Katrin ihn auf eine Idee gebracht: „Bevor wir losfahren, müssen wir ein paar ernste Worte reden, damit du verstehst, was hier abläuft.“

Sie gluckste. „Du hörst dich an wie meine Mutter vor meinem ersten Rendezvous.“

Er grinste. „Nach deiner unterschriebenen Aussage vor Staatsanwalt Lederer wird jeder vermuten, dass deine Behauptung richtig ist, wenn du jetzt, wenige Tage vor dem Prozess umgebracht wirst. Das liegt also nicht unbedingt im Interesse deines früheren Chefs und Liebhabers Schiefer.“

„Vielen Dank, zu freundlich. Müssen wir auch besprechen, wo ich begraben sein möchte und welche Grabsteininschrift ich mir wünsche?“

Er ließ sich nicht beirren: „Schiefer wäre sehr viel mehr geholfen, wenn du dich im Zeugenstand plötzlich nicht mehr erinnern kannst oder willst, dich in Widersprüche verhedderst. Gibt es etwas, womit er dich im letzten Moment noch erpressen, verwirren oder aus dem Gleichgewicht bringen könnte?“

Nach einer Bedenkminute zuckte sie die Achseln.

„Was ist mit deinen Kindern? Wenn er droht, ihnen was anzutun?“

„Das wird er nie tun!“

„Wie kannst du da so sicher sein?“

Sie zuckte wieder die Achseln, antwortete aber nicht.

„Julia geht in Essen-Werden auf die Folkwangschule, nicht wahr?“

„Ja.“

„Wo wohnt sie?“

„In der Ahornstraße 14, das liegt in Stadtwald. Das Haus gehört einer Großtante von mir, die sich mit Julia sehr gut versteht.“

Rudi notierte sich die Adresse. „Ich werde mal einen Essener Kollegen bitten, ab sofort ein Auge auf deine Tochter zu haben.“

„Wenn du meinst?!“

„Und Jonas?“

„Der fährt jeden Tag nach Darmstadt und zurück.“

„Warum denn das?“

„Du, er ist noch nicht volljährig, hat zwar mit 16 ein gutes Abi gemacht, aber das wurde noch ein richtiger Zirkus, bis er zum regulären Studium zugelassen wurde. So hat meine Schwester in Schlangenbad ein Auge auf ihn.“

„Na schön. So, wenn wir mal unterstellen, dass Schiefer ein Interesse hat, dich am Leben zu lassen, haben seine zahlreichen Feinde, mit denen er früher doch illegale und lukrative Geschäfte gemacht hat, ein großes Interesse daran, dass du darüber nichts aussagen kannst. Und vielleicht ist einem schon aufgegangen, dass er mit deinem gewaltsamen Tod auch Schiefer im kommenden Prozess schaden kann, also mit einem Streich zwei lästige Fliegen erledigen kann.“

„Du kannst einem richtig Mut machen.“

„Ich will dir nur die nötige Angst einjagen, damit du nicht leichtsinnig wirst. Wir müssen auf zwei Gruppen achten, die aus verschiedenen Motiven und mit verschiedenen Absichten hinter dir her sind, die sich vielleicht gar nicht kennen.“

„Und die sich im Idealfall gegenseitig lahmlegen oder zu Krüppeln schießen?“

„Wann hast du zum letzten Mal einen Idealfall erlebt?“

Jetzt griente sie boshaft: „Vor 15 Jahren auf Lanzarote.“

„Danke für die Blumen. Trink deine Tasse aus und fang mal an zu packen. Deine Handtasche bitte.“

Er hatte sich erinnert, Isa hatte die Tasche abends leichtsinnigerweise im Wohnzimmer neben der Couch auf dem Boden stehen lassen.

„Darf ich die mal haben und den Inhalt anschauen?“

„Muss das sein?“

„Ja. Muss sein.“ Sie hatte den üblichen Krempel in der Tasche, darunter auch eine angebrochene Monatspackung Pillen und eine noch verschlossene Packung Kondome. Weil er spürte dass sie ihn beobachtete, verkniff er sich den Satz: „Doppelt hält wirklich besser.“ Auf den ersten Blick ungewöhnlich war nur ein Teil, ein kleiner mattgrauer Würfel aus Plastik, um den zwei Schlingen eines blanken Drahts gewickelt waren. „Was ist denn das, Isa?“

„Gib mir doch mal bitte mein Etui mit Nagelschere, Nagelfeile und so für die kleine Maniküre unterwegs.“

Der Deckel des grauen Würfels ließ sich problemlos aufhebeln. Darunter verbarg sich, was Rudi befürchtet hatte, eine Miniplatine mit zwei elektronischen Bausteinen, zwei winzige Spulen, ein kleiner Quarz und zwei Knopfzellen.

„Was ist denn das?“

„Das, liebe Isa, ist ein Sender, den unser nächtlicher Besucher dort platziert hat und mit dem sie uns den ganzen Tag über anpeilen wollten.“ Er nahm eine Nagelzange und knipste die kleinen Kabelstücke von der Batterie zur Platine durch. „So, Ende der Vorstellung. Jetzt darfst du packen.“

„Sag mal, muss ich jetzt diesen scheußlichen Keuschheitsgürtel wieder anziehen?“

„Nein. Aber Perücken und Brille sollten es schon sein.“

Sie schnitt eine Grimasse, doch in diesem Punkt blieb er hart. Die Perücke war nicht die Krönung der Friseurkunst, aber die Brille mit dem leicht getönten Fensterglas veränderte den Gesichtseindruck mächtig. Über die nächsten Tage sprachen sie nicht. Rudi war klar, dass sie einen gewaltigen Nachteil hatten: Die anderen wussten, wann und wo Isa auftauchen musste. Während er packte, überlegte er sich, wie sie am 18. Juni unbemerkt in das Gebäude des Landgerichts kommen könnten. Er musste sich darauf verlassen, dass kein Maulwurf ihr neues Versteck verraten würde, dann konnten sie dort bis zum Mittwoch bleiben und erst am frühen Vormittag nach Wiesbaden zum Landgericht losfahren.

Gegen 12 Uhr rief Katrin an: „Okay, ich habe alle herumbekommen und kann den Dienst tauschen. Du hast doch ein Navi?... Schön. Kommt nach Bonn-Ückesdorf, suche den Paula-Roming-Weg 19 und fahrt dort in die offenstehende Tiefgarage. Ich erwarte euch da. Sagen wir mal, gegen 15 Uhr.“

Eine knappe Stunde später fuhren Rudi und Isa los, die Haustür war noch zugeschlossen, und Isa achtete nicht darauf, dass der Innenriegel zurückgezogen war.

*

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Muno, genannt die Maus, war doch ziemlich nervös geworden, als da jemand in der Nacht in allen Zimmern nacheinander Licht machte und wieder ausknipste. Also war doch jemand misstrauisch geworden? Wie und wodurch? Der kleine Mann wartete bewegungslos. Die Drohne, das Steuergerät, die Fernsehkamera, der Bildschirm und der Sender dazu lagen schon lange bruchsicher verpackt in seinem Kofferraum. Erst als Rudis Auto am Horizont verschwunden war, telefonierte er über Handy: „Sie sind gerade losgefahren. Sandfarbener Corsa, WI Strich RH 234.“

„Okay, wir übernehmen.“

Doch mit dem Übernehmen wurde nichts. Als der sandfarbene Wagen an ihnen Auto vorbeifuhr, blieb es in ihren Kopfhörern stumm. Munos so gepriesener Peilsender funktionierte nicht oder man hatte ihn gefunden und noch im Haus entsorgt oder lahmgelegt. Die Männer verfolgten den Corsa noch, so weit sie konnten. Aber als Rudi die Autobahn 3 ansteuerte, gaben sie es auf. Ohne Peilsender und Peilempfänger war es ziemlich aussichtslos, allein eine Verfolgung auf einer vollen Autobahn anzufangen, ohne dem Verfolgten auf Dauer aufzufallen.

„Muno, hörst du? Wir geben auf, dein Peilsender arbeitet nicht.“

„Scheiße.“

Der wütende Chef gab Muno Recht, setzte sich aber sofort an den Computer und rief das Mailprogramm auf. Mit der Adressdatei „Rundschreiben“ erreichte er an die vierhundert Mitarbeiter, Vertreter, Geschäftspartner und Betriebs-Nebenstellen im In- und Ausland: „Dringend. Gesucht wird ein sandfarbener Corsa mit dem amtlichen Kennzeichen WI – RH 234. Sofort Standort an Utom oder Agentur Kollau melden, sehr wichtig für uns alle. Niels.“

Niels Kollau betrieb offiziell eine übel beleumdete Inkasso-Agentur, aber einige Mitarbeit kassierten nicht nur, sondern teilten auch rücksichtslos aus – Schläge, Tritte, Pfefferspray und in besonderen, hoch bezahlten Fällen auch blauen Bohnen und beseitigten anschließend sorgfältig ihre Opfer. Dafür war Kollau in bestimmten Kreisen berühmt und wurde öfter engagiert, weil sich herumgesprochen hatte, dass er seine Auftraggeber nie verpfiff oder später erpresste.

Muno schaute ihm über die Schulter, während Kollau tippte: „Glaubst du, das bringt was?“

„Hast du eine bessere Idee?“

Muno musste passen. Einen Versuch war es auf jeden Fall wert.

*

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Auf der Autobahn erkundigte sich Isa: „Wohin fahren wir eigentlich?

„Wir können in Bonn für ein paar Tage unterschlüpfen. Das ist nicht so weit weg. Es reicht, wenn wir am Mittwoch erst am Morgen nach Wiesbaden losfahren. Du bist dann noch immer pünktlich im Gericht. Kennst du Bonn?“

„Etwas. Wir hatten, als die Regierung noch in Bonn saß, eine Vertretung dort. Die habe ich ein paarmal besucht. Jetzt beschäftigen wir nur noch einen Mitarbeiter auf Honorarbasis dort.“

„Kennt der dich?“

„Nein, ich bin ihm nie begegnet.“

Die Autobahn war voll, lief aber störungsfrei. Fast pünktlich kurvten sie durch das Endenicher Ei und steuerten Richtung Röttgen. Rudi war vor mehreren Jahren kurz zu einem Lehrgang in Meckenheim gewesen und staunte, wie sehr sich in dieser kurzen Zeit ein Nest wie Ückesdorf verändert hatte. Das Navi führte sie problemlos in den Paula-Roming -Weg. Vor dem siebenstöckigen Haus Nr. 19 wartete schon Katrin Köhler auf sie, fiel Rudi um den Hals und betrachtete Isa aus schmalen Augen. „Wirklich nur dienstlich unterwegs?“, hauchte sie verschwörerisch und gab Isa dann die Hand: „Freut mich, Sie kennenzulernen. Ich heiße Katrin Köhler.“

„Isa Vandenburg. Angenehm.“

„Kommen Sie, wir müssen in die sechste Etage. Keine Sorge, es gibt einen Aufzug.“

„Wo soll ich den Wagen lassen?“

„Zur Wohnung meiner Tante gehört auch ein Stellplatz in der Tiefgarage. Ich bring dich hin.“ Rudi musste ziemlich kurbeln und rangieren, um sich auf einen schmalen Streifen zwischen Pfeilern und Wand zu quetschen und sich dann wie ein Aal aus dem Auto zu schlängeln. Die Tante hatte bestimmt ein sehr kleines Auto gefahren. „Ja, das habe ich verkaufen können.“

Die Wohnung war noch fast vollständig möbliert, nur auf den verschossenen Tapeten zeichneten sich helle Rechtecke mit grauen Randstreifen ab. „Die Tante hatte eine große Vorliebe für flämische Landschaftsmalerei aus dem Beginn des 19. Jahrhunderts. Ein Interessent, der die Wohnung besichtigte, verstand was von Malerei und hat ziemlich grob gesagt 'Die Wohnung ist mir zu teuer. Aber die Bilder würde ich Ihnen abkaufen, wenn sie dafür einen etwas realistischeren Preise verlangen.' Wir haben uns schließlich geeinigt.“

„Womit habt ihr euch duelliert?“

„Mit Messern und Gabeln. Das ist eine ziemliche Bescherung. Die Immobilienpreise sinken, Bonn hat den Regierungs-Umzug nach Berlin nicht ganz so gut verkraftet, wie erhofft. Ich würde sagen, ihr schaut euch einmal an, was man aus dem Kühlschrank noch essen kann, sonst müssen wir einkaufen gehen.“

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Viel hatten Isa und Rudi nicht auszupacken, und die beiden Frauen verschwanden sehr bald zu einem Großeinkauf, bei dem, wie Isa versprach, der flüssige Teil nicht zu kurz kommen würde. Katrin wollte bald zurück nach Mülheim und nahm sie nur noch mit in den fünften Stock zur Familie Bellmann. „Das sind Freunde von mir, Rudolf Herzog und Isa Vandenburg. Sie werden ein paar Tage über Ihnen sozusagen Probe wohnen, um sich klar zu werden, ob sie kaufen sollen. Rudi hat einen Job im Rheinischen Landesmuseum bekommen. Also nicht verwundern, wenn sie hier durchs Haus turnen.“

Die Bellmanns waren beide in den Sechzigern und machten einen ruhigen, zuverlässigen Eindruck. Katrin drückte ihm noch die Schlüssel in die Hand und verzog sich nach fünf Minuten. Ein paar Minuten später gingen auch Rudi und Isa in ihr neues Domizil.

Er brachte Katrin noch zur Tür, bedankte sich noch einmal und sah, als er zurückkam, durch die offene Schlafzimmertür, Isa vor dem Doppelbett stehen.

„Tja, nun ist es endlich so weit“ seufzte sie. Das klang nicht nach wildem Begehren oder ungezügelter Lust und deswegen tröstete er sie: „Ich bin nicht mehr der junge Wilde von den Kanaren.“

„Ich auch nicht mehr“, gab sie zu.

„Wir werden die paar Nächte überstehen“, meinte er ruhig. „Kannst du Kaffee kochen?“, fragte er danach höflich. „Das wäre nett, ich muss noch telefonieren.“

Sein Chef knurrte, weil Rudi sich weigerte, ihm zu sagen, wo sie sich jetzt versteckten. Fichte lenkte bald ein, einen bockigen Rudi konnte man nicht umstimmen, und es war jetzt Rudis Aufgabe und allein in seiner Verantwortung, Isa heil zum Gerichtstermin zu bringen.

Danach rief Rudi Hugo an. Hugo Klimmt war einer der wenigen Männer, die genau wussten, was Rudi Herzog beruflich machte und auf deren Verschwiegenheit er sich hundertprozentig verlassen durfte. Als Heranwachsender hatte Hugo beobachtet, wie ein kräftiger Mann eine junge Frau überfiel und vergewaltigte. Einzugreifen hatte er bei dem brutalen Hünen nicht gewagt, aber den Täter unbemerkt zu seinem mehrere Straßen entfernt geparkten Auto verfolgt, sich Marke, Farbe und das Autokennzeichen aufgeschrieben und war dann zur Polizei gegangen. Dank seiner Aussage wurde das Opfer rechtzeitig gefunden und der Täter gefasst und überführt und zu sechs Jahren verurteilt. Im Knast erzählte er einem Zellengenossen, dass er nach seiner Entlassung als erstes diesen verdammten Zeugen umlegen und sich dann noch einmal diese blöde Zicke von Frau „vornehmen“ wolle. Der Zellen-Mitbewohner hatte Gründe, sich einen weißen Fuß zu machen, und verriet das Gerede seines Nachbarn an die JVA-Leitung, die das durchaus ernst nahm. Als der Vergewaltiger aus der Haft entlassen wurde, standen das Opfer und Hugo unter Personenschutz. Rudi Herzog kümmerte sich um Hugo Klimmt; den der Ex-Sträfling tatsächlich aufspürte und mit einer Waffe überfiel. Rudi mischte sich ein und bei dem Schusswechsel erschoss Rudi den Angreifer, was ihm viel dienstlichen Ärger, aber auch Hugos ewige Dankbarkeit einbrachte.

„Toll, mal wieder was von dir zu hören“, sagte Hugo ernsthaft. „Brauchst du wieder Hilfe?“

„Ja, wenn du mittlerweile auch Frauen und Mädchen im Montagedienst beschäftigst.“

„Tue ich.“

„Mit Firmen-Overalls?“

„Aber ja.“

„Auch in Übergrößen?“

„Warum? Ist sie so dick?“

„Nein. Aber sie muss den Overall in deinem Geschäft überziehen und dann im Landgericht wieder ausziehen. In der Verhandlung sitzen bestimmt Typen, die sie beobachten sollen, und ich möchte nicht, dass dieser schöne Trick auffliegt.“

Hugo Klimme betrieb eine Klempnerei und ein Geschäft für Sanitärbedarf. Name, Firma und Telefon waren auf den von der Firma gestellten Overalls groß aufgedruckt, und dass ein Klempner zu einem „Eileinsatz“ in ein Gerichtsgebäude gerufen wurde, war nicht auffällig oder verdächtig. So konnte Rudi seinen Schützling Isa in das Gebäude bringen, und in dem Richterzimmer neben Saal 15 würde sie den Overall ausziehen und später wieder über ihre Sachen ziehen.

„Alles klar. Und wann?“

„Mittwoch, 18. Juni. Sie ist auf elf Uhr geladen. Wir tauchen am Vormittag rechtzeitig bei dir in der Firma auf ...“

„Gebucht, Rudi.“

Hugo musste für den Termin mindestens einen Firmenkombi und ein paar Männer bereithalten, für die er natürlich später vom Amt bezahlt wurde.

„Vielen Dank, Hugo.“

„Mach' ich doch gern für dich.“

Sie tranken noch eine Flasche von den Flüssig-Einkäufen, und als Rudi jetzt wieder fragte, wer denn der Mann gewesen sei, der sie in Frankfurt auf dem Flughafen erwartete, gab sie zu: „Das war

Ullrich Schiefer.“

„Ist er der Vater von Jonas und Julia?“

„Nein, das ist oder besser war Tomasio Lucano.“

„Ullrichs Freund?“

„Ja.“ Tomasio war als Kind italienischer Gastarbeiter in München aufgewachsen und hatte auf einem Oktoberfest, auf dem die Akademiestudentin Isa Vandenburg als Aushilfskraft bediente, sie und Ullrich Schiefer kennengelernt. Sie hatten sich angefreundet, und als Isa ihrem Tomasio gestehen musste, dass sie von ihm schwanger war, hatte Tom gerade mit Ullrich ein Geschäft gegründet, das sich auf den Im- und Export nach und von Italien spezialisierte. Der Betrieb blühte, die Firma Utom zog nach Frankfurt, Tom ließ sie nach der Geburt sitzen, zahlte aber für die Zwillinge, und als sie eines Tages zufällig Ullrich begegnete, bot der ihr einen Job bei Utom an. Später konnte sie sich ein Haus in Schlangenbad leisten, dazu eine Hausangestellte, so dass sie die Zwillinge zu sich nehmen konnte. Julia wollte Schauspielerin werden und Jonas studierte Maschinenbau in Darmstadt. Als es kritisch wurde und Isa untertauchen musste, zog ihre Schwester Ilka nach Schlangenbad, kümmerte sich um das Haus, um Jonas und in den Unterrichtsferien auch um Julia. Isa hatte Fotos von ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester auf dem Handy und Rudi brummte ehrlich begeistert: „Donnerwetter, wie hübsch Ilka geworden ist.“ Zuletzt hatte er sie als Grundschüler in Kastel gesehen, und damals schien sie immer im Schatten der Schwester Isa zu stehen.

„Und wie soll es weitergehen?“

„Wenn ich meine Aussage vor Gericht überlebe, will ich wegziehen, nach Vilona.“

„Himmel hilf. Wo ist denn das?“

„Das ist eine vom Massen-Tourismus Gott sei Dank noch nicht ruinierte Kanareninsel. Dort besitze ich ein Grundstück direkt am Meer und eine Bauerlaubnis für eine Ferienbungalowsiedlung. Einen sprach- und landeskundigen Partner aus der Branche habe ich auch schon gefunden, dort will ich mich verstecken.“

„Vor wem?“

„In erster Linie vor Schiefer, der ja nicht ewig im Knast sitzen wird und dessen Rachsucht ich aus eigener Anschauung kenne.“

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Mehtar Ben Ali war Tunesier, ein gebildeter, weltläufiger Mann, mehrfacher Dollar-Millionär, der fließend Englisch, Französisch und Italienisch sprach. Gregor Nellen, ein Rechtsanwalt mit viel Geld und einem schlechten Ruf bei Kollegen und der Justiz, unterhielt sich mit ihm auf Französisch. Dolmetscher konnten sie bei den heiklen Dinge, die sie zu erledigen hatten, nicht gebrauchen.

„Die Familie hält vorerst still“, versicherte Ben Ali. „Aber sobald Schiefer verurteilt ist, müssen wir entscheiden, was mit seiner Firma geschehen soll. Ich habe jemanden an der Hand, der der Sache schon mit Einsatz seines Lebens gedient hat, und genügend Geld und Kenntnisse und Connections mitbringt. Wir können ihm vertrauen.“

„Ich würde sagen, das entscheidest du. Ich verstehe zu wenig von der Sache und von dem neuen Geschäft. Vor allem fehlen mir die Sprachkenntnisse.“

Was Ben Ali nur Recht war. Er hielt den Rechtsanwalt Gregor Nellen für einen skrupellosen, geldgierigen Lumpen ohne Überzeugungen und ohne jedes Gewissen. Aber das musste er ihm ja nicht verraten, vermutete allerdings, was Nellen schon ziemlich genau ahnte, was Ben Ali von ihm hielt. Der räuspert sich: „Die Druckerei arbeitet doch noch?“

„Zu den alten Bedingungen und in alter Qualität.“

„Das ist gut. Hier habe ich fünfzehn Namen und Fotos von Männern, für die ich die üblichen Papiere brauche.“

„Geht in Ordnung. Du musst aber dafür sorgen, das die nicht wie dein Landsmann Amri durch Deutschland turnen und eine Dummheiten nach der anderen begehen.“

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Rainer Hilgenrath hatte wie jeden Tag, bevor er abends sein Büro verließ, noch einmal in seinen Computer geschaut und die mail des Chefs gelesen, dass ein sandfarbener Corsa gesucht wurde. Hilgenrath hatte kein Ahnung, was das zu bedeuten hatte, ihm fiel nur das Kennzeichen auf, RH waren nämlich seine Initialen und 234 ließ sich gut behalten. Vom Bonner Talweg fuhr er nicht lange nach Lengsdorf, wo er sich eine Eigentumswohnung gekauft hatte. Von Männern wie ihm lebte die Lebensmittelindustrie, er war ein guter Bediener der Mikrowelle und schluckte lieber teure Lebensmittelergänzungsprodukte, als sich einmal frisches Gemüse zu kaufen und zuzubereiten. Obst kam ihm nicht auf den Tisch oder Teller. Objektiv betrachtet führte er ein tristes Leben, was ihm schon gar nicht mehr auffiel, und während sich die Schale in der Mikrowelle drehte, überlegte er, wann er zum letzten Mal eine mail oder einen Auftrag von der Frankfurter Utom oder der Agentur Kollau bekommen hatte. Früher, als Außen-, Finanz- und Wirtschaftsministerium des Bundes noch an einem Ort waren, hatte sein Weizen geblüht, aber das war lange vorbei. Ihm hatten die Wiedervereinigung und der Regierungsumzug nach Berlin nur Nachteile gebracht. Allerdings hatte er auch nie die Entschlusskraft aufgebracht, seine Zelte hier abzubrechen und nach Berlin oder Frankfurt umzuziehen. Linda hatte ihn vor Jahren verlassen; eine andere Frau hatte er nicht mehr kennengelernt. Er trank noch seine übliche Flasche Weißwein von der Ahr und ging, unzufrieden mit sich, seinem Leben und vor allem mit dem Fernsehprogramm früh zu Bett.

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Isa und Rudi hatten bis kurz vor Mitternacht sich gegenseitig erzählt, wie es ihnen nach dem Abschied auf Lanzarote ergangen war, wobei eine zweite Flasche Wein daran glauben musste. Das Doppelbett war nicht die Krönung des Schlafkomforts. Der erste Sex nach fünfzehn Jahren war dagegen großartig, wie beide fanden und sich gegenseitig versicherten.

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Freitag, 13. Juni

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Sie fuhren am nächsten Vormittag in die Innenstadt, ohne festes Ziel, nur um zu bummeln. Beide wollten sie ein Stück am Rhein laufen, Beethoven vor der Post begrüßen, vielleicht das Beethovenhaus besichtigen, und Isa wünschte sich einen Stop auf dem Kreuzberg am Kapellchen, weil das in der Morgensonne so hübsch ausgesehen hatte. Er wollte wenigstens einmal einen Blick auf die Arbeitsstelle werfen, die ihm Katrin bei den Bellmanns so großmütig zugewiesen hatte. Doch vor diese löblichen Absichten hatte das Schicksal die Suche nach einem Parkplatz gesetzt: Sie fanden einen auf der Poppelsdofer Allee und achteten beim Einrangieren nicht weiter auf einen Kleinwagen, aus dem ein vielleicht vierzigjähriger Mann mit einer mürrischen Miene stieg, dem Rudi den angepeilten Platz weggeschnappt hatte. Rainer Hilgenrath ärgerte sich und schaute eigentlich nur deshalb auf das Kennzeichen des sandfarbenen Autos. Aus Wiesbaden, natürlich, wieder einer dieser unnützen Besucher des ehemaligen Bundesdorfes. Doch dann stutzte er. RH 234 , seine Initialen und die Zählanleitung für Kleinkinder. Wo hatte er das kürzlich gesehen oder gelesen? Er lief vorbei an Zunz seliger Witwe auf den Bonner Talweg und warf seinen Computer an. Da war es. Keine Minute später ging eine Mail an den Chef raus: Der gesuchte Corsa WI – RH 234 parkte im Moment auf der Bonner Poppelsdorfer Allee in Höhe des Hauses Nr. 25. MfG Hilgenrath. Sekunden später begann der Chef wie ein Wilder zu telefonieren, und während Rudi und Isa auf der Hofgartenseite am Schloss vorbeischlenderten, organisierte der Chef eine lückenlose Beobachtung und spätere Verfolgung des sandfarbenen Autos mit dem Wiesbadener Kennzeichen. Rudi und Isa waren etwas enttäuscht. Zwar schien die Sonne aus einem blauen wolkenlosen Himmel, das Siebengebirge war gut zu erkennen, aber der Rein führte so wenig Wasser, das nur teilweise beladene Schiffe mit gebremster Geschwindigkeit bergauf und talwärts fuhren. Schon weit vor dem alten Wasserwerk, das sie sich als Ziel gesetzt hatten, bogen sie ab. Die Schlange vor dem Haus der Geschichte war ihnen zu lang und deswegen nahmen sie die Straßenbahn zurück zur Universität. Beethoven musste warten, am Kaiserplatz fanden sie ein noch nicht überfülltes Restaurant und stöhnten, als sie daran dachten, dass ihnen nun noch ein Fußmarsch fast bis an das Poppelsdorfer Schlösschen bevorstand. Isa winkte sofort ab, als er sich erkundigte: „Noch das Kapellchen auf dem Kreuzberg?“

„Angeblich muss man auf den Knien eine lange Treppe hochrutschen.“

„Kommt darauf an, wie viele Sünden du inzwischen begangen hast.“

„Nein, danke. Nur noch Schuhe aus und dann einen langen Mittagsschlaf.“

Die beiden Autos mit Bonner Kennzeichen, die sich abwechselnd an sie hängten, bemerkten sie beide nicht und führten ihre Verfolger direkt in den Paula-Roming-Weg Nr.19. Als die Verfolger das Ergebnis über Handy an den Chef weitergaben, ordnete der an, sich zurückzuziehen und alles Weitere der Zentrale zu überlassen. Den Männern war es recht. Sie wussten, dass sie ihr Honorar bekommen würden, auf die Agentur Kollau war in diesem Punkt Verlass. Auch Rainer Hilgenrath rechnete sich bei einem verspäteten Mittagessen ein hübsches Sümmchen aus, das ihm wohl zustand und er auch dringend benötigte. Rudi und Isa schliefen tief und ahnungslos, ihre Schuhe kühlten aus und ihre Füße schwollen ab.

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Alexander Dorberg, Essener Hauptkommissar im Ruhestand, hatte in der Ahornstraße bis 12 Uhr warten müssen. Erst dann fuhr ein grellroter Sportwagen vor, aus dem ein junger, großer sportlicher Mann mit blonden Locken heraussprang und zur Haustür sprintete. Dort wurde ihm umgehend geöffnet und ein sehr anziehendes Mädchen fiel ihm stürmisch um den Hals. Der Kuss dauerte so lange, dass Dorberg den halben Chip voll fotografieren konnte. Da waren mehrere Pfeile Amors gewaltig eingeschlagen.

Als eine Stunde später beide das Haus noch nicht verlassen hatten, ging Dorberg zur Haustür. Auf dem Klingelschildchen stand „L.Behrens“ und auf einem gekritzelten Pappstückchen darunter „J. Vandenburg“. Er ließ sich über die Auskunft mit Behrens, Ahornstraße verbinden. Nach dem siebten Klingeln wurde abgenommen. „Vandenburg.“

„Guten Tag, sagte Dorberg freundlich, „mein Name ist Alex Dorberg, könnte ich bitte mit Frau Behrends sprechen?“

„Tut mir leid, meine Tante ist nicht da.“

„Wissen Sie zufällig, wann ich sie erreichen kann?“

„Nein, aber sie wollte heute Abend aus Kleve zurückkommen.“

„Danke, dann versuche ich es morgen noch einmal. Wiederhören.“

„Ciao.“

Wer wollte ihnen verargen, dass Julia und ihr Freund eine sturmfreie Bude nutzten. Das Kennzeichen des Sportwagens hatte er aufgeschrieben. Den Namen der Tante und ihre Telefonnummer ebenfalls, also konnte er für heute beruhigt nach Hause gondeln. Unterwegs hielt er für ein schnelles Bier am Uhlenkrug und traf, wie gewöhnlich, einen früheren, inzwischen ebenfalls pensionierten Kollegen an. Viele Polizisten, die in Rüttenscheid oder Bergerhausen wohnten, schluckten im Uhlenkrug vor oder nach dem Gesundheitsspaziergang ein Bierchen. Dorberg war nur einmal im Stadion gewesen. Schwarz-Weiß Essen spielte gegen Alemannia

Aachen. Das Spiel endete 9 : 1, Dorberg wusste schon gar nicht mehr für wen, aber nach diesem einseitigen Schlachtfest hatte er das Stadium nie mehr betreten. Und bis zu Rot-Weiß Essen an der Hafenstraße war es ihm zu weit.

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Sie hatte alle Abende allein in ihrer tristen Wohnung verbracht und sich vor dem Schlafen wieder einmal mit der Frage herumgequält, warum kein Mann und kein Kollege was von ihr wissen wollte und weshalb sie keine echte Freundin hatte. Gut, sie war keine Schönheit, das wusste sie, hatte ein etwas ausdrucksloses Gesicht und eine nur durchschnittlichen Figur. Aber das waren und hatten viele andere Frauen auch, die doch einen Freund, Liebhaber oder Ehemann abbekommen hatten. Den einzigen Kollegen, der Anstalten machte, sich länger an sie zu binden, mochte sie nicht leiden, weil sie ihn für eine aufgeblasene Null hielt, einen Fummler, über den sich mehrere Frauen schon beschwert hatten. Was machte sie falsch? Dabei liebte sie Sex in jeder Form und zierte sich nie lange, bis alle Hüllen fielen.

Darüber grübelte sie noch, als es klingelte. Verwundert ging sie zur Tür und drückte den Sprechknopf: „Ja?“

„Hallo, hier ist Lupo. Bist du noch zu sprechen?“

„Jederzeit. Komm rauf!“

Sie wartete, bis sie unten die Haustür ins Schloss fallen hörte, stieg dann schnell aus ihren Hosen und zog ihr Shirt über den Kopf. An Lupo hatte sie gar nicht mehr gedacht. Vielleicht endete dieser Abend ja doch noch ganz angenehm. Als sie die Wohnungstür geöffnet und bis auf einen Spalt angelehnt hatte, zog sie sich vollständig aus.

Lupo seufzte leise, als er ins Zimmer kam, wo eine nackte Frau auf ihn wartete. Sein Kumpel Tuku hatte es vorhergesagt: „Die legt mehr Wert auf deinen steifen Schwanz als auf deine gefüllte Brieftasche.“

„Ich bin aber gar nicht scharf auf sie.“

„Spaß ist Spaß,Lupo, und Job ist Job.“

Also zog auch Lupo sich aus und schob mit ihr ins Schlafzimmer. Sie brauchte lange, bis sie zum Orgasmus kam, es artete für ihn in Arbeit aus, aber wie hatte Tuku richtig prophezeit: „Job ist Job.“ Erst eine Viertelstunde später wagte Lupo zu fragen: „Wie lange arbeitet das Ding denn noch?“

„Welches Ding?“

„Das du für uns versteckt hast.“

„Ach so, das meinst du. Über eine Woche noch. Was denkst du, kannst du noch mal? Ich habe noch Lust.“

Sie hatte immer Lust, wie Lupo inzwischen wusste. Ihr Freund konnte es nicht leicht mit ihr haben. Dass sie keinen Freund hatte, wusste er nicht. Ihm reichte, dass sie hinter dem Geld her war. Und Geld spielte für Lupo und seine Chef keine Rolle.

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Samstag, 14. Juni

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Beim Frühstück fragte Isa: „Ist es weit bis Brühl?

„Nein, warum?“

„Ich möchte gern einmal das Schloss Augustusburg besichtigen. Die haben ab 11 Uhr geöffnet.“

„Woher weißt du?“

„Ich kann mit meinem Handy im Internet surfen.“

„Dann informiere dich doch auch über Schloss Falkenlust und das Wasserschloss Schallenburg. Das mache ich alles nur unter einer Bedingung mit.“

„Und welcher?“

„Dass du mich ins Max Ernst Museum begleitest.“

„Gebucht und versprochen.“

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Der Chef, Lupo, Tuku und ihr „Handwerker“ Ahmed hatten sich spät, schon bei Dunkelheit, in Sechtem bei Ricki einquartiert, der nicht sehr erfreut dreinschaute, sich aber mit einem Zweihunderter umstimmen ließ. Mit einem weiteren Zweihunderter überließ er ihnen für den nächsten Tag auch sein Auto und rangierte den Wagen mit dem Frankfurter Kennzeichen in eine alte Scheune. Hotelzimmer für vier gleichzeitig spät ankommende Gäste wären viel zu auffällig gewesen.

„Hat dein Methusalem auch ein Navi?“

„Nein, das gab's noch nicht, als ich den Karren gekauft habe. Wohin müsste ihr denn?“

„Nach Bonn-Ückesdorf.“

„Ich bring euch hin und fahr' mit einem Bus in die Stadt zurück.“ Nur Tuku war aufgefallen, dass der Chef die Straße nicht genannt hatte, in der die Vandenburg mit einem Begleiter untergekrochen war.

Sie frühstückten alle noch ausgiebig an einer Tankstelle, ließen später Ricki an einer Bushaltestelle aussteigen und warteten noch fast eine Stunde im Paula-Roming-Weg, bis der Wagen mit der Wiesbadener Nummer die Tiefgarage verließ. Der Chef hatte entschieden, dem Auto nicht zu folgen; solange die beiden nicht auf sie aufmerksam wurden, bestand für sie kein Grund, nicht in dieses Versteck zurückzukehren; Tuku und Ahmed zogen ihre Kostümjacken mit dem fantasievollen Aufdruck „Bundesnetzagentur, Störungsdienst“ an und verschwanden im Haus Nr. 19. So ein Haustürschloss war für Tuku ein Kinderspiel. Im Treppenhaus setzten sie sich Kopfhörer auf und schalteten ihre Suchempfänger ein, die jeder in seiner Werkzeugtasche verborgen hatte. Sie blieben vor jeder Wohnungstür stehen und bewegten kurz ihre Peilantennen. Erst im sechsten Stockwerk hörten sie beide ein schwaches rhythmisches Signal. Auf dem Schildchen unter dem Klingelknopf stand Katrin Köhler. Tuku notierte sich den Namen, während Ahmed klingelte und dann, als sich drinnen nichts rührte, seinen Dietrich ansetzte. Beide zogen dünne Handschuhe an und suchten den Wohnraum und dort ein geeignetes Versteck, eine Wanze zu verstecken. Tuku grübelte: Wer zum Teufel war Katrin Köhler? Der Name war ihm noch nicht untergekommen.

Lupo war ebenfalls mit dem Bus in die Stadt gefahren und hatte sich bei einem Autoverleih einen unauffälligen Mittelklassewagen mit einem BN-Kennzeichen besorgt und war mit dem Wagen zurückgekommen. Im Kofferraum gab es mehr als genug Platz für ein digitales Aufzeichnungsgerät und einen stärkeren Sender mit einem für mehrere Tage reichenden Akkusatz. Es müsste doch mit dem Teufel zugehen, wenn der Begleiter nicht versuchen würde, die schöne Isa auszuhorchen.

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Isa und Rudi absolvierten einen mit Kultur und Geschichte reich befrachteten Vormittag. Nach zwei Schlössern und einem Museum brummten ihre Köpfe und brannten ihre Füße. Im nächstbesten Restaurant aßen sie sie mäßig, aber teuer zu Mittag und fuhren entspannt nach Bonn zurück. Von dem ungebetenen Besuch in „ihrer“ Wohnung bemerkten sie nichts, und auf den in ihrer Straße parkenden Wagen achteten sie nicht. Nach dem ausgedehnten Mittagsschlaf kochte Isa Kaffee und stöberte bei der Suche nach einer neuen Tischdecke in einem Schrank einen großen Kasten mit Brettspielen auf.

„Lach mich nicht aus, Rudi, aber ich würde gerne wieder einmal 'Mensch ärgere dich nicht' spielen.“

„Okay, ich bin dabei.“ Das erste Spiel gewann er und zog ihr als Siegesprämie das Shirt über den Kopf. Sie gluckste und half ihm nach seinem zweiten Gewinn, ihren BH aufzuhaken. Weil es ihnen zu lange dauerte, jedes Mal ein ganzes Spiel zu absolvieren, verzichteten sie bald auf Würfel und lackierte Holzfiguren und stolperten gemeinsam ins Schlafzimmer, wobei er sich mehr beeilte als sie. Sie konnten nicht ahnen, dass sie damit vier Leute gewaltig ärgerten, weil die Wanze im Wohnzimmer nur schwache Laute aus dem Schlafzimmer und ein kaum verständliches Gespräch auffing, in dem es jedenfalls nicht um Geld ging.

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Einem früheren verdienten Kollegen verweigerte man im Präsidium keine Auskunft nach dem Halter eines grellroten Sportwagens. Er hieß Timo Reufels und wohnte in Schuir in der Mintropstraße. Dorberg rief dort an und hörte von einer jungen Frau, Bruder Timo sei nicht da, sondern nach Werden gefahren.

„Vielen Dank, dann weiß ich, wo ich ihn finde“, log Dorberg überzeugend geläufig und fuhr los. Einen Parkplatz in der Altstadt zu finden, war nicht so einfach, aber Dorberg war seit dem altersbedingten Verzicht auf Blaulicht und Martinshorn inzwischen ein Meister des Einparkens geworden; er ging anschließend zur Abtei, auf der Suche nach einem grellroten Sportwagen. Den fand er nicht, aber sichtete einen großen jungen Mann mit einer blonden Lockenpracht, der wie ein Fels in der Brandung den Strom junger Leute teilte, die alle aus der Schule kamen. War denn heute, am Samstag, Unterricht gewesen. Julia fiel dem Blonden um den Hals. Für ein Mädchen war sie recht groß, wie Dorberg fand, aber für ihren Timo musste sie sich zum Kuss auf die Zehenspitzen stellen, Dorberg beobachtete es amüsiert. Zu seinem Erstaunen steuerten die beiden nicht seinen Sportwagen an, sondern gingen Hand in Hand über die Ruhr-Brücke auf den S-Bahnhof zu. Timo musste eine Fahrkarte lösen, Dorberg tat es ihm nach; Julia besaß wohl eine Dauerkarte. Sie stiegen in Stadtwald aus, trennten sich aber bald. Sie ging Richtung Ahornstraße, Dorberg folgte Timo, der ohne Zögern einen Kleingartenverein Horst John ansteuerte. Dort schien sich Timo auszukennen und war kein schlechter Fußgänger, marschierte stramm ohne Zögern und Unsicherheit direkt auf eine größere Laube zu, die – mit Bauerlaubnis? - zu einem kleinen gemauerten Häuschen erweitert worden war. Als Timo die Eingangstür öffnete, drang eine dichte Wolke aus Tabakrauch und Bierdunst bis an den Zaun, wo Dorberg erst einmal stehen geblieben war, um nicht im letzten Moment noch aufzufallen. Die nächste Stunde passierte wenig, ab und zu ging ein Mann in den Garten, um einen großen Baum zu wässern. Eine Toilette gab es in dem Häuschen wohl nicht, und wegen dieser blasenschwachen Typen wagte Dorberg nicht, näher an den Bau heranzuschleichen. Doch nach einer guten Stunde schien drinnen jemand zu denken, der Mensch brauche auch Sauerstoff zum Atmen und öffnete die Eingangstür weit und ließ sie offen stehen. Drei Schritte nach rechts gerückt, und Dorberg erkannte durch die Öffnung eine Runde von Männer, die Karten spielten. Weil sie regelmäßig etwas auf den Tisch vor ihnen legten, vermutete Dorberg, dass hier gepokert wurde. Timo Reufels saß so, dass Dorberg ihn nicht durch die offene Tür sehen konnte. Als der Spieler die Tür wieder schloss, machte sich Dorberg nachdenklich auf den Weg zurück, ärgerte sich in Werden über das Knöllchen, das unter seinem Scheibenwischer steckte, und fuhr nach Hause. Sollte er Rudi alarmieren oder noch abwarten?

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Der schlechte Empfang störte auch den Chef so sehr, dass er schließlich dem Drängen Lupos und Tukus nachgab. Sie sollten laut Auftrag diese Tussi – so hatte sich der Chef ausgedrückt – ausschalten und damit hatten sie lange genug gewartet. Ahmed würde im Auto warten, nachdem er den drei Männern die Haustür geöffnet hatte. Der Chef, Lupo und Tuku nahm den Aufzug, was Rudi zufällig hörte und was ihn störte. Besuch noch um diese Tages- oder besser Nachtzeit? Mit einer durchgeladenen und entsicherten Heckler & Koch ließ sich bestimmt nachdrücklicher fragen und so schauten der Chef, Lupo und Tuku in den Lauf einer Pistole, als sie im sechsten Stock den Aufzug verlassen wollten.

Lupo vergriff sich im Ton: „Aus dem Weg, du Wichser. Wir wollen nur mit der dummen Gans sprechen.“

Rudi schoss nicht sofort, sondern trat erst einmal kräftig zu. Wer konnte denn wissen, dass Lupo so schmerzempfindliche Weichteile besaß und Tuku einen so schlechten Gleichgewichtsapparat?! Lupo ging zu Boden und riss im Fallen Tuku von den Füßen, der sich sofort anschickte, die Treppe im freien Flug hinunterzusegeln, wobei er ruhestörend laut schrie und die Familie Bellmann aus dem Schlaf riss und aus dem Bett holte. Den Aufprall gegen die Hauswand auf dem nächsten Absatz überlebte Tukus Schädeldecke nicht, und als das Echo seines letzten Schreis verklungen war, richtete Rudi seine Pistole auf den Bauch des Chefs, der daraufhin keinen Widerstand wagte. „Na, was seid ihr denn für komische Vögel?“

„Arschloch.“

„Mach dich ganz schnell vom Acker, sonst knallt's.“ Und weil der Chef nicht sofort gehorchte, lachte Rudi hässlich und schoss an dessen Kopf vorbei. Aber die Aufregung forderte auch bei ihm ihren Tribut. Die Kugel zerfetzte das rechte Ohrläppchen des Chefs, der laut heulend die Treppe hinuntersprang, über Tukus Leiche stolperte und das aus seiner Wohnung getreten Ehepaar Bellmann unsanft in die Diele zurückschleuderte und weiter brüllend nach unten raste, wobei er eine Linie von Blutstropfen auf Treppen und Absätzen hinterließ.

„Rudi, was ist denn hier los?“ Isa sah entzückend aus, wenn auch das kurze durchsichtige Nachthemdchen nicht zum Ernst der Situation passte.

„Du solltest Besuch bekommen.“

„Ach nee. Und woher hatten die meine Adresse?“ Das beschäftigte und beunruhigte Rudi auch.

„Kennst du den da unten auf dem Absatz?“

Sie trat nur so weit vor, dass sie einen schnellen Blick auf die Leiche werfen konnte. „Nein. Ist er tot?“

„Sieht so aus, ja.“

„Müssen wir jetzt die Polizei rufen?“

„Eigentlich ja, aber ich glaube, das erledigen schon die Bellmanns für uns.“

So war es, eine halbe Stunde später war an Schlaf in dieser Nacht nicht mehr zu denken. Die halbe Bonner Kripo schien sich ein Stelldichein in Ückesdorf zu geben und lärmte ungeniert durch das Haus.

Der Arzt war auch der Meinung, dass ein unglücklicher Treppensturz und Aufprall gegen die Wand Tukus tödliches Schädel-Hirn-Trauma verursacht hatte. Doch Rudis Hoffnung, seine Funktion und Aufgabe geheimhalten zu können, verflog, als ein Hauptkommissar Schneider die Szene betrat und sofort wissen wollte, welche geheimnisvolle Wand dem Mann, den sie vor dem Hauseingang auf dem Zuweg gesichtet hatten, das halbe rechte Ohr abgerissen habe. Doch der lädierte Knabe hatte trotz seiner Wunde das Weite suchen können. Es half nichts, Rudi musste Dienstwaffe und Dienstausweis vorzeigen, seine Dienststelle nennen und erklären, was er mit einer Frau hier in einer ihm nicht gehörenden Wohnung zu suchen habe. Am meisten schien sich Schneider darüber aufzuregen, dass sich ein hessischer Polizist hier in Nordrhein-Westfalen aufgehalten hatte, ohne sich bei den Bonner Kollegen zu melden. Rudis Beteuerungen, er habe keinerlei Amtshandlung vorgenommen, sondern nur Geld in zwei Schlössern und einem Museum in Brühl gelassen, wollte Schneider nicht ohne weiteres glauben. „Ich fürchte, das wird Minister Jäger gar nicht gefallen.“

„Der Kerl gefällt mir auch schon lange nicht mehr“, schnappte Rudi, und damit hatte er wohl auf den richtigen Knopf gedrückt.

„Herr Kollege, wir verstehen uns“, schmunzelte Schneider. „Wenn Sie mir versprechen, nicht das Weite zu suchen, reden wir über alles am Montag weiter.“

„Einverstanden. Wenn ich bis dahin meine Pistole wiederbekommen kann. Sie wissen doch, ein Besuch kommt selten allein.“

„Wen haben Sie denn da in Ihrer Gewalt?“

„Unter meinem Schutz“, korrigierte Rudi gekränkt.

„Wie auch immer. Putins Freundin?“

„Streng geheim“, wehrte Rudi ihn ab.

„Na schön, die Pistole gebe ich Ihnen mit. Und am Montag will ich den Staatsanwalt überzeugen, dass das abgerissene Ohrläppchen kein versuchter Totschlag war, sondern im Eifer des Gefechts eine unglückliche, zufällige Handbewegung eines geschätzten hessischen Kollegen, dem es wirklich nicht eingefallen ist, die föderale Ordnung der Inneren Sicherheit auf eigene Faust auszuheben.“

„Ich danke Ihnen von Herzen, Herr Kollege.“

Einen weiteren Besuch hätte Rudi nicht fürchten müssen. Ahmed sah mit Entsetzen, wie ein blutender und vor Schmerzen wimmernder Kumpan auf das Auto zukroch. Ahmed half ihm in den Wagen und machte, dass er fortkam, bevor die anrückende Polizei alle parkenden Autos und wartende Fahrer kontrollieren konnte.

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Sonntag, 15. Juni

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Rudi riss seinen Chef Paul Fichte um neun Uhr aus dem schönsten Sonntagsschlaf und beichtete. Fichte war nicht erfreut, meinte aber, das ließe sich alles reparieren, Hauptsache, der Zeugin war nichts passiert.

„Nein, kein Härchen gekrümmt.“

„Aber wie haben die euch so rasch wiedergefunden?“

Beide sinnierten, dann hatte Fichte eine scheußliche Idee, scheußlich, weil sie richtig sein konnte. „Die haben euch doch in der 'Erbsensuppe' besucht?“

„Ja, und sogar in Isa Handtasche einen Peilsender hinterlassen.“

„Dann hat mit Sicherheit jemand das Haus beobachtet, als ihr losgefahren seid. Du bist mit deinem Privatwagen unterwegs?“

„Ja.“

„Mit Wiesbadener Kennzeichen?“

„Ja.“

„Den fährst du immer noch?“

„Ja.“

„WI unter BN, das fällt auf.“

Rudi sagte nichts. Der Zufall konnte ein sehr hilfreicher, aber auch sehr heimtückischer Kollege sein, der überhaupt nicht half, sondern im Gegenteil mächtig schadete. Und Isa hatte ihn gewarnt, die Organisation Utom und die mit Utom zusammenarbeitende Organisierte Kriminalität hatte überall ihre Leute, warum nicht auch in der ehemaligen Bundeshauptstadt? Rudi brauchte einen Leihwagen und musste seinen braven Sandfarbenen vorerst in der Tiefgarage stehen lassen.

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Noch früher als Rudi hatte der Chef der Agentur telefoniert, nachdem Ahmed und Ricki ihm das blutende Ohr notdürftig desinfiziert und verbunden hatten. Anwalt Nellen lag noch neben seiner neuesten „Freundin“, als sein Handy rumorte. Vorsichtshalber ging er in ein Nebenzimmer. Der Chef gestand, dass ihre geplante Aktion schiefgelaufen war und sich jetzt die Polizei einmischte.

„Was heißt hier geplant?“, unterbrach Nellen brüsk. „Ihr solltet sie bis zum Prozess kaltstellen oder ausschalten. Von Mord oder Totschlag war keine Rede. Unentschuldigtes Fehlen bei einem Gerichtstermin, auf das und auf nichts anderes hatten wir uns verständigt.“

Der Chef wollte sich nicht auf eine lange Debatte am Telefon einlassen. Sein Ohr schmerzte, und er hatte starke Kopfschmerzen.

„Einer meiner Mitarbeiter ist dabei tödlich verunglückt. Ich weiß nicht, wie rasch man ihn identifizieren wird und wie schnell das zu uns führt.“

„Aha“, sagte Nellen trocken, „jetzt verstehe ich. Sie sind also draußen, nicht mehr im Geschäft, das wollten Sie doch sagen?“

„Ja.“

„Gut oder vielmehr schlecht, das war natürlich der letzte Auftrag, den Sie von mir bekommen haben.“

„Das befürchte ich, ja.“

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Rudi versuchte beim Frühstück, mit dem Wenigen, was er wusste und vermutete, Isa zu erklären, was sich heute Nacht im Treppenhaus abgespielt hatte. Er war damit gerade fertig, als Dorberg anrief.

„Die junge Dame aus der Ahornstraße hat sich mit einem jungen Mann eingelassen, der mit einer professionellen Bande pokert. Du weißt, was das in der Regel bedeutet?“

„Aber ja. Danke für die Warnung.“

Eigentlich reichte es jetzt mit den Schreckensmeldungen.

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Für Rudis Geschmack nahm Isa diese Horrormeldung zu gelassen auf: „Julia hat kein Geld und kann auch kein Geld organisieren oder leihen. Da habe ich vorgesorgt, bevor ich zur Staatsanwaltschaft gegangen bin. Das Geld ist erstens gut versteckt und den Schlüssel zum Versteck habe ich zweitens sozusagen in vier Teile zerlegt, erst mit allein Teilen lässt sich das Versteck, wenn man es denn entdeckt hat, auch öffnen. Und Fremde müssen aufpassen, dass dabei die Sprengladung nicht hochgeht.“

„Welche Sprengladung?“

„Mit der das Geld zusätzlich gesichert ist.“

Rudi schluckte: „Isa, du wirst mir langsam unheimlich.“

„Warum. Hast du es auch auf mein Geld abgesehen?“

„Nein, auf dich; wenn du dich damit abfinden kannst, dass ein hessischer Hauptkommissar wahrscheinlich sehr viel weniger verdient, als du in deiner Vergangenheit.“

„Das wird sich noch herausstellen, mein Bester.“ Sie gähnte, dass er ihre Mandeln bewundern konnte.

So folgte ein langen Kuss, bei dem Rudi und Isa keinen Grund hatten, aus dem Fenster zu schauen. Deshalb bemerkten sie auch nicht, dass ein Auto mit einem SU-Kennzeichen auf der Straße hielt, ein Mann ausstieg und sich in einen dort parkenden Wagen mit einem Bonner Kennzeichen setzte. Beide Wagen fuhren gemeinsam los.

Rudi und Isa fanden derweil den Weg ins Schlafzimmer.

Hinterher überlegte er gerade, ob es sich lohnte, noch einmal ohne Isa ins Bett zu gehen, als sein Chef Paul Fichte anrief: „Rudi, mir ist noch so eine scheußliche Idee gekommen.“

„Und welche?“

„Wenn Sie euch in der 'Erbsensuppe' mit einen Peilsender beglückt haben, können Sie am Samstag, als ihr fast den ganzen Tag in Sachen Kunst und Kultur unterwegs gewesen seid, in eurer Wohnung völlig ungestört eine Wanze montiert haben.“

„Du kannst einen richtig aufheitern.“

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Rechtsanwalt Nellen erreichte Mehtar Ben Ali in einem ICE nach Zürich und informierte ihn über den missglückten Anschlag in Bonn. Sie sprachen wie üblich Französisch miteinander.

„Das heißt, jetzt sind wahrscheinlich die anderen am Zuge.“

„Das fürchte ich auch.“

Das stimmte schon nicht mehr, als Nellen die Handytaste mit dem roten Hörer drückte. Sofort bimmelte der Apparat und ein unbekannter Mann fragte, ohne sich vorzustellen: „Haben Sie heute morgen mit unserem Chef Niels Kollau telefoniert?“

„Warum wollen Sie das wissen? Wer sind Sie überhaupt?“

„Weil wir gestern Nacht bei einer schiefgelaufenen Operation in Bonn dabei waren, aber von den Bullen nicht bemerkt wurden. Da war die Wanze schon montiert und wir haben einen Teil der Gespräche gespeichert ... nein, abgehört haben wir die Scheibe noch nicht. Wir wissen nicht, was auf der Platte drauf ist ... Wir haben sie erst heute bergen können. Richtig, Sie müssten eine Katze im Sack kaufen. Wir lassen Ihnen Katze und Sack auch sehr billig.“

„Wo in Bonn war das?“

„In Ückesdorf.“

„Okay. Riskieren wir es. Kommen Sie am Montagvormittag mit der Scheibe in meine Kanzlei. Aber Vorsicht, keine Tricks. Ich bin im Moment sehr nervös.“

Rudi scheuchte Isa aus dem Bett. „Schluss mit dem Vergnügen. Los, wir müssen nach einer Wanze suchen.“ Der Anblick einer auf den Knien herumkriechenden Isa war sehr hübsch und durchaus anregend, was sie aber oben auf einem Schrank fand, sehr viel weniger. Rudi legte die Wanze lahm, und bei viel frischem Kaffee überlegten sie gemeinsam, worüber sie sich unterhalten hatten, was einen Fremden, einen Übelgesinnten, einen Feind davon wohl interessieren mochte. Das Gespräch setzten sie bei einem langen Spaziergang im Kottenforst fort und ahnten natürlich nicht, dass der Läufer in dem weinroten Trainingsanzug ein Beamter der Kriminalpolizei war, der sich dienstlich fit hielt, um ein Auge auf Rudi und Isa zu haben. Hauptkommissar Schneider hatte mit einer Leiche genug.

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Den Rest des Tages vertrödelten sie. Katrin rief zwischendurch einmal an und war ehrlich empört, was Freund Rudi an gewalttätiger Unruhe in das friedliche Haus eingeschleppt hatte. Rudi gab sich zerknirscht und musste lange Süßholz raspeln, bis sie sich beruhigte. Oder wenigstens so tat.

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Andere waren fleißiger. Zwischen Wiesbaden und Bonn glühten die Telefonleitungen und stöhnten die Server über die Unmassen vom Mails, die zwischen den beide Städten hin- und herflitzten. Sogar Kriminalrat Brock opferte seinen geheiligte Sonntagsschlaf und kam ins Amt, um lange und gelegentlich lautstark mit Paul Fichte zu konferieren. Ricki und Lupo verbanden den Chef mehrmals, bevor sich Rickis und seine Gäste mit ihrem letzten Geld den Tank auffüllten und mit gänzlich ungewohnten schlappen 120 km/h auf den Weg nach Frankfurt und Wiesbaden machten. Dank des Schleichens reichte die Tankfüllung mehr als genug aus. In Frankfurt erschien der „Hausarzt“ der Bande und kümmerte sich um das lädierte Ohr des Chefs: „Das Gehör rechts ist wohl hin, Chef.“

„Sehr erfreulich.“

„Aber für das kaputte Ohr gibt es aufsetzbare Prothesen. Du wirst dich wieder auf die Straße wagen können, ohne aufzufallen.“

„Prächtig. Und wann?“

„Etwas Geduld musst du noch haben.“ Der Chef wusste, was bei Ärzten das Wort „Geduld“ bedeutete, und seufzte; er hätte diesen Auftrag nie annehmen und seinem Bauchgefühl vertrauen sollen ... Ein Ohr und einen wichtigen Mitarbeiter verloren und alles wahrscheinlich ohne Honorar. Das Leben war manchmal verdammt hart.

Über diese leider unerschütterliche Wahrheit hatten sich auch Rudi und Isa unterhalten.

Rudi schlug beim Kaffee eine Partie Halma vor, was ihr nicht behagte. Seinen Vorteil zu suchen und es dabei dem Gegner möglichst schwer zu machen, war ihr zu anstrengend, erforderte zuviel Konzentration und anstrengende Vorausschau. Sie schaute ihn direkt an, sichtlich schlecht gelaunt.

„Das solltest du mit Ilka spielen. Die plant gerne weit voraus. Mit wenig Erfolg allerdings.“

„Du magst deine Schwester nicht sonderlich, was?“, fragte er träge.

„Nein“, gab sie zu.

„Gibt es dafür einen bestimmten Grund?“

„Wenn man das einen Grund nennen kann“, murmelte sie abwehrend.

„Lass mal hören.“

Sie setzte sich aufrecht hin und zog ihr Shirt stramm. „Ich war immer die Hübschere, der die Jungens nachliefen. Das hat mir Ilka nie verzeihen wollen. Weißt du, deswegen fing sie mit solch dummen Sprüchen an. Du bist schöner als ich, aber ich bin klüger als du. Man kann eben nicht alles haben, Schwesterherz.“

Ohne darüber nachzudenken, platzte er heraus: „Aber du wolltest immer alles bekommen. Wie?“

„Ja, wollte ich. Was ist dabei? Sag bloß. Du bist keine Egoist!“

„Doch, bin ich. Aber in Grenzen. Wenn du den anderen leben lässt, hat der keinen Grund, auf dich zu schießen.“

„Das ist doch Kirchengewäsch.“

„Meinst du? Warum hat Schiefer dir denn gedroht, dich umzubringen?“

„Weil er Angst hat, ich könnte ihn verraten.“

„Verraten? An wen?“

„Staatsanwalt, Polizei, Finanzamt, an seine Konkurrenz im Milieu. Die waren zum Schluss doch alle hinter ihm her.“

„Hinter ihm? Oder hinter der Utom.“

„Da gibt es keinen Unterschied“, stellte sie mürrisch klar. Rudi schwieg und überlegte, wohin sie ein harmloses Gespräch über Halma und Mühle geführt hatte. Dann schoss ihm durch den Kopf: Wie gut kannte er Isa eigentlich? Vier Jahre Grundschule zählten wohl nicht wirklich. Zweieinhalb Wochen Ferien auf Lanzarote. Da steckte sie doch wohl schon tief in dem Sumpf, aus dem sie sich jetzt nur unter Lebensgefahr befreien konnte. Was wollte sie eigentlich von ihm? Hatte sie sich wirklich gefreut, dass er kam, um Kowalski abzulösen?

Und wieso war sie unverletzt aus dem brennenden Haus im Lesterwald entkommen und der erfahrene Rotter gleich zu Beginn ausgeschaltet worden. Wer war der Mann, den sie im schon brennenden Haus erschossen hatte. Rudi kannte das Phänomen – wenn man erst einmal anfing, misstrauisch kritische Fragen zu stellen, ging es endlos weiter, bis aus Weiß zum Schluss Schwarz geworden war.

„Ich muss mal telefonieren“, sagte er plötzlich und ging auf den Balkon, der zum Paula-Roming-Weg hinaus lag, und rief Fichte an: „Sag' mal, Paul, Isa Vandenburg hat doch bei dem Brand einen Mann erschossen, der zu ihr ins Zimmer kam. Habt ihr den schon identifiziert?“

„Nein zuviel verbrannt. Mit Mühe haben wir etwas DNA gesichert und müssen nun ungeduldig warten bis wir über eine Vermisstenmeldung mit DNA-Beilage mehr herausbekommen. Warum fragst du?“

„Erzähle ich dir später.“

„Wie du meinst. Aber in diesem Zusammenhang habe ich eine vielleicht unerfreuliche Neuigkeit für dich. Man hat in der Nähe des abgebrannten Verstecks eine männlich Leiche gefunden und eindeutig als einen Geldeintreiber und Berufskiller Bodo Zoller identifiziert. Erschossen mit einer Neun-Millimeter Beretta. Und so eine kleine Artillerie führt doch auch deine Isa spazieren. Vergiss nicht, sie ist draußen herumgelaufen, während des Haus abbrannte und sie auf Krankenwagen, Feuerwehr und die Kollegen wartete.“

„Was willst du damit andeuten?“

„Gar nichts. Sei nur vorsichtig! Kowalski hat nämlich zu Protokoll gegeben, dass Isa zuerst Rotter und dann ihn gefragt hat, ob ein gewisser Rudolf Herzog noch beim Personenschutz des LKA arbeite.“

„Mich laust der Affe.“ Er schluckte heftig.

„Schatz, mit wem telefonierst du da so lange?“ Isa war ungeduldig geworden und trat jetzt auf den Balkon heraus. Dann ging alles so schnell, dass selbst der trainierte Rudi nicht alles mitbekam. Es knallte irgendwo, aber nicht weit entfernt, ein Blumenkasten, der am Balkongitter hing, zerlegte sich in Einzelteile. Isa schrie auf, als ein Teil sie traf, und stürzte rückwärts ins Zimmer zurück, Rudi beugte sich über die Balkonbrüstung, ein zweiter Knall, und auch der Blumenkasten vor Rudis Brust zerlegte sich, ein Großteil der Erde landete in seinem Gesicht, und deshalb konnte er den hellgrauen Lieferwagen, der unten auf der Straße gegenüber gestanden hatte und nun eilig losfuhr, nicht genauer erkennen.

Isa war unverletzt bis auf eine schmerzhafte Beule am Hinterkopf, die aber nicht blutete. Rudi brauchte eine Viertelstunde, die wertvolle Blumenerde von seinem Gesicht und vor allem von seinen Lippen in den Abfall zu befördern. Fichte hatte wahrscheinlich nichts mitbekommen und aufgelegt.

Isa verlangte zur Beruhigung unbedingt einen Schluck Wein und diesmal lehnte Rudi ein Glas nicht ab.

„Wollten die mich umbringen?“, fragte sie erschüttert.

Das hatte Rudi auch schon überlegt und schüttelte nach einiger Zeit den Kopf. „Glaube ich nicht, bei dem ungünstigen Schusswinkel konnte kein Meisterschütze sicher sein, dich oder mich zu treffen.“

„Die Polizei willst du nicht rufen?“

„Nein, wozu? Der Schütze ist längst über alle Berge, die Blumenkästen werde ich Katrin ersetzen, und alles in allem glaube ich, dass man dir nur einen Schrecken einjagen und mich warnen wollte.“

„Dein Wort in Gottes Gehörgang!“

„Seit wann glaubst du an Gott?“

„Blödmann.“

*

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Lupo konnte mal wieder sein Maul nicht halten: „Hoffentlich bald“, pflaumte er zum Schluss den Chef an: „Die Rücklagenbildung bei uns allen war nicht konsequent, folglich nicht sehr erfolgreich.“ Er sagte nicht, schließlich könne man das, was man wusste, auch an eine andere Agentur verkaufen. Das war auch nicht nötig, der Chef wusste es ohnehin und kannte auch den im Milieu gültigen Spruch, dass den meisten Menschen das Hemd näher sei als der Rock.

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Montag, 16. Juni

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Lupo erschien gegen neun Uhr in der Kanzlei und sagte der Sekretärin, die ihn nicht auf der Terminliste hatte: „Melden Sie Ihrem Chef bitte, ein Herr Ückes aus Bonn möchte ihn sprechen. Er weiß dann schon Bescheid.“

Die CD wechselte für tausend Euro den Besitzer, Lupo leugnete stur, dass sie sich eine Kopie gebrannt hatten, was Nellen, der seine Pappenheimer kannte, ihm nicht glaubte.

*

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Isa weigerte sich, mit Rudi in die Stadt zu fahren und etwa das „Haus der Geschichte“ zu besuchen, während er mit dem Kollegen Schneider „regelte“, was sich in Katrins Treppenhaus abgespielt hatte. Rudi ließ sich erst überzeugen, nachdem er Isas Beretta inspiziert und ihr das feierliche Versprechen abgenommen hatte, lieber als erste zu schießen, denn als zweite angeschossen oder gar erschossen zu werden.

Kollege Schneider war beeindruckt. „Sie müssen ja ein hohes Tier in ihrem Amt sein.“

„Den Eindruck hatte ich bisher nicht“, erwiderte Rudi ehrlich.

„Wenn Sie wüssten, wer alles sich eingemischt hat.“

„Wahrscheinlich alle diejenigen, die vorher gegen das Zeugenschutzprogramm im Fall Vandenburg waren.“

„Gut möglich. Zum Glück gibt es auch in Verwaltungen 'tätige Reue'.Haben Sie Ihre Dienstwaffe mitgebracht?“

„Ja.“

„Kann ich die mal sehen?“

Er verglich sie umständlich mit den Angaben auf einem Ausdruck. Der Donnerer bestätigte, dass es sich bei der Heckler & Koch um die neue Dienstwaffe des Kriminalhauptkommissars Rudolf Herzog, LKA-Abteilung Personenschutz, handelte. Damit war der formelle oder dienstliche Teil eigentlich erledigt, nachdem Rudi ein Protokoll und seine Aussage aus der Nacht unterschrieben hatte, aber Schneider war noch nach Plaudern zumute: „Natürlich kenne ich mittlerweile zumindest in Umrissen den Fall. Sie scheinen ja eine wirklich wichtige Kronzeugin spazieren zu fahren. Ich denke, der Mörder Lucanos sitzt bereit.“

„Tut er, aber wenn man den zweiten Firmeninhaber wegen Anstiftung zum Mord für Jahre hinter Gitter schicken kann, hat man eine große OK-Firma lahmgelegt.“

„Schön. Aber für wie lange? Da stehen doch bestimmt schon Utom-Konkurrenten bereit, den Laden zu übernehmen.“

„Wahrscheinlich ... aber das kümmert mich wenig, ich bin kein Ermittler. Für mich ist der Auftrag erledigt, sobald der Vorsitzende die Zeugin Isa Vandenburg aus dem Zeugenstand entlässt“, log Rudi betont gleichmütig. Schneider griente etwas ungläubig, verfolgte das Thema aber nicht weiter: „Ich fürchte, dann geht für Sie die Arbeit erst richtig los.“

„Wie meinen Sie das?“

„Ihre Kollegen werden Ihre Zeugin durch die Mühle drehen, um möglichst viel über die Geschäfte der Utom zu erfahren, die Hintermänner und Verbindungen. Wo stecken mögliche Akten und Unterlagen?“

Rudi wollte nicht zugeben, dass er daran auch schon voller Sorge gedacht hatte. Und Schneider legte den Finger gleich in die nächste Wunde: „Ohne überzeugende Akten und Dokumente muss sie dann mindestens noch einmal in den Zeugenstand – lebend und aussagefähig.“

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Hauptkommissar Schneider irrte nur in einem Punkt. Mehtar Ben Ali stand nicht, sondern saß entspannt in Liechtenstein auf einem bequemen Armsessel im luxuriösen Besprechungszimmer seines Anwaltes Terzani. Seit Ben Ali zum ersten Mal von Spannungen zwischen Tomasio Lucano und Ullrich Schiefer wegen der „Ausweitung des Geschäftsfeldes“, an der Ben Ali ein großes finanzielles und politische Interesse besaß, gerüchteweise gehört hatte, war er fest entschlossen, notfalls Utom selbst zu übernehmen, als dieses wichtige, ja unverzichtbare Element in ihren Plänen untergehen zu lassen. Nun konnte man ein OK-Unternehmen nicht einfach kaufen oder mit einer unfreundlichen Übernahme an der Börse an sich bringen. Seit Monaten kümmerte sich Terzani um einen Interessenausgleich zwischen den verschiedenen Gruppen, die ein Auge auf Utom geworfen hatten. Es ging voran, langsam zwar, aber immerhin, es ging voran.

„Hat du jetzt eine Ahnung, wo die Akten stecken?“

„Nein, nicht wirklich“, räumte Ben Ali ein. „Aber wir schalten von Tag zu Tag mehr Möglichkeiten aus. Es geht voran.“

„Viel Erfolg“, wünschte Terzani. „Ich kümmere mich dann mal um Bellini.“

„Muss das sein?“

„Die Familie besteht darauf und hat – nicht vergessen – nur unter dieser Bedingung dem Verkauf zugestimmt.“

Ben Ali nickte stumm. Er verstand vieles nicht, was diese Christen Moral, Ehre oder Anstand nannten. Aber sich aufzuregen, wenn ein gestandener Mann wie Ben Ali mit einer vierten Ehefrau liebäugelte, die von sich behauptete, echt blond und noch Jungfrau zu sein.

*

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Sie trafen sich in der Wohnung und beschlossen, nichts mehr zu unternehmen. Doch Isa und Rudi war keine Ruhe vergönnt. Eine Viertelstunde später lärmte Isas Handy, sie drückte die Taste und wurde nach einigen Sekunden weiß wie die Wand. „Das ist nicht dein Ernst ... das kannst du nicht machen, Julia. Ich bitte dich, das ist kein Mann wert ... Ja, ich komme sofort.“

Sie wandte sich an Rudi. „Wie lange fahren wir nach Essen?“

„Was ist los?“

„Später. Wie lange?“

„Eine gute Stunde.“

„Hast du gehört. In einer guten Stunde bin ich bei dir, dann reden wir über alles. Bis gleich.“

„Timo hat sich von Julia getrennt, weil sie ihm kein Geld leihen kann. Timo hat Spielschulden und ist wohl ziemlich verprügelt worden, weil er heute seinen letzten Termin für die Rückzahlung nicht eingehalten hat. Jetzt geht ihm der Arsch auf Grundeis, und Julia soll ihm helfen. Wenn nicht, dann sei sofort und für immer Schluss mit der großen Liebe.“

„Okay, wir fahren. Zieh dich schon schon mal an, vergiss deine Beretta nicht, ich rufe nur mal schnell meinen Bekannten Dorberg an.“

Alexander Dorberg war nicht erstaunt, als er von dem Drama hörte.

„Und du willst jetzt von mir mal so eben wissen, wer hinter dieser Pokerbande steckt?“

„Das wäre wunderbar.“

„Das wiederholst du nicht, wenn du hörst, was ich heute herausgefunden habe. Die Laube gehört dem Bruder des Grafen von Stahl.“

„Wie bitte?“

„Essen hat einer Bordellstraße, heißt die Stahlstraße, und der mächtigste Mann dort wird der Graf von Stahl genannt.“

„Da hat eine Prostituierte den letzten Rest von literarischer Bildung und Humor zusammengekratzt.“

„Schon möglich. Bürgerlich heißt der Kerl Leo Woslowski und wohnt in Haarzopf. Natürlich habe ich seine Adresse. Wir treffen uns in der Ahornstraße.“

Der Leihwagen lief so gut, dass Rudi ernsthaft überlegte, seine alte sandfarbene Möhre endlich abzustoßen und sich einen neuen Karren zu leisten. Auf seinem Konto hatte er genug Geld angesammelt. Sie rasten, was die vier Zylinder, gefüttert mit Super plus, hergaben. Dorberg wartete schon vor dem Haus und winkte ab, als Isa sich bei ihm bedanken wollte.

„Ich habe zwei Töchter durch die romantische Phase der großen Lieben gebracht“, sagte er trocken. Beide haben ihre Examina geschafft, sind verheiratet, haben Kinder und ich muss jetzt Enkelinnen durch Liebeskummer und -leiden schubsen. Ich lege ehrlich keinen Wert darauf, Urgroßvater zu werden.“

Isa klingelte Sturm, und Rudi meinte: „Versuche sie zu trösten und zur Vernunft zu bringen. Wir kommen zurück, sobald wir die Schuldscheine, sofern vorhanden, eingesammelt haben.“

Dorberg und Rudi nahmen den Leihwagen mit Bonner Kennzeichen. Leos Haus war zu groß und zu pompös für die Umgebung, die meisten Fenster waren erleuchtet. Bevor Dorberg klingelte, machten sie ihre Waffen schussbereit. In der Diele ging auch ein Licht an und sie hörten, dass hinter der Eingangstür ein Hund hechelte und knurrte.

Dorberg schien den Grafen von der Stahlstraße zu kennen und begrüßte den großen Mann, der die Haustür öffnete, fröhlich mit: „Na Leo, du alte Drecksau und Kinderschänder, wir wollen nur ein paar Schuldscheine einlösen.“

Ob der Hund auf das Wort Drecksau dressiert war, blieb unklar. Jedenfalls machte er Anstalt, Dorberg an die Kehle zu springen, was Rudi nicht duldete. Es wurde ein prächtiger Kopfschuss, der Rottweiler legte sich flach auf die Dielenfliesen, und als Leo Woslowski in die Tasche griff und seine Hand mit einem Schnappmesser wieder hervorkam, schoss Dorberg dem unvorsichtigen Leo in den Oberschenkel; Woslowski legte sich neben seinen toten Hund, das Messer rutschte über die Fliesen bis an die Wand.

„Seid ihr Arschlöcher verrückt geworden?“, kreischte eine mangelhaft bekleidete Frau los, die in die Diele gestürzt kam. Dorberg schien sie zu kennen und grüsste unverändert freundlich: „Hallo, Rita, du stählerne Königin der Schwanzlutscherinnen. Lässt dich Leo wieder ran an sein kleines Stück? Es lebe Viagra – oder?“

„Was wollt ihr Komiker?“

Jetzt schoss Dorberg noch einmal. Hinter Rita ging eine Wandleuchte zu Bruch. Sie schrie auf und ließ sich auf die Knie fallen. „Wir wollen alle Schuldscheine, die Leo hat, und zwar subito, pronto, verstanden?

Leo winkte sie heran, damit er ihr was ins Ohr flüstern konnte, und drohte dann laut: „Das werdet ihr bezahlen. Ich mache euch fertig und verfüttere das Hackfleisch an meinen neuen Hund.“

„Ja, das wissen wir, wenn du aus dem Krankenhaus kommst und noch laufen kannst. Wenn es dir lieber ist, fackeln wir vorher die Stahlstraße ab. Ich weiß sehr genau, was du unter Ritas Bett versteckt hast. Für sie sind fünf bis sieben Jahre drin, für dich, wenn alle Frauen aussagen, zwölf bis fünfzehn plus Sicherungsverwahrung.“ Rita stand auf und schlich mit krummem Rücken aus der Diele. Minuten später kam sie mit einer prall gefüllten Papiertüte zurück. Dorberg und Rudi holten sich zwei Stühle und schauten sich in aller Ruhe die Scheine, Notizen und Zettel an. Kaum zu glauben, wer sich da mit welchen Summen verschuldet hatte. Darunter auch auch ein Timo Reufels, und weil im Wohnraum lustiges Kaminfeuerchen prasselte, fütterten sie den Kamin mit etwas Papier und einer halbvollen Papiertüte.

Rita hing sich ans Telefon: „Einen Notarztwagen bitte, mein Freund hat sich aus Versehen ins Bein geschossen.“ Na ja, so konnte man es auch ausdrücken.

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Auf der Rückfahrt erklärte Dorberg sein Handeln. „Wir hatten zweimal den schönen Leo bis vor Gericht gebracht. Und beide Male kam er mit Notwehr durch. Ich hatte mir fest vorgenommen, bevor mich ein Schwerverbrecher in Notwehr ersticht, schieße ich lieber, eigentlich wollte ich seine Eier treffen, aber der Oberschenkel ist ja auch ganz nett.“

„Ist das deine Dienstwaffe?“

„Nein, die habe ich längst abgegeben. Diese Pistole habe ich heimlich einem Totschläger abgenommen, der sie in den nächsten Jahren nicht mehr brauchte, und dann hatte ich mich an das gute Stück gewöhnt.“

Rudi staunte. So kannte er seinen Freund Dorberg gar nicht.

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Isa kam an die Haustür gestürzt: „Erfolg gehabt?“, flüsterte sie.

„Ja“, gaben beide genau so leise zurück.

„Passt! Das darf sie nicht hören, ich habe sie wohl so weit, dass sie mit mir nach Bonn kommt und Timo für den Moment vergisst.“

Das war Rudi eigentlich gar nicht recht; aber er konnte es der besorgten Mutter einer liebeskranken Tochter wohl nicht abschlagen. Schon auf der Ruhrbrücke erkundigte sich Julia: „Schläfst du – Entschuldigung, schlafen Sie mit meiner Mutter?“

„Ja, du kannst mich ruhig duzen. Heute nacht überlasse ich aber dir meine Betthälfte.“

„Dann bist du der Schulfreund aus Lanzarote?“

„Nein, der aus Mainz-Kastel, den deine Mutter auf Lanzarote zufällig wiedergetroffen hat.“

„Es geht doch nichts über alte Freundschaften“, murmelte Julia etwas aufsässig, aber das überhörte Rudi elegant, weil er gerade einen dieser idiotischen, lebensgefährlichen Gigaliner überholen musste.

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Dienstag, 17. Juni

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Die Couch war verdammt unbequem, Rudi spürte schmerzhaft alle Knochen, als Julia mit ihrem Handy am Ohr ins Wohnzimmer kam. Sie bemerkte seinen empörten Blick und verteidigte sich: „Ich muss mich doch in der Schule abmelden.“

„Du redest nicht mit Timo?“

„Nein, der ist für mich gestorben.“

Das konnte man, musste man aber nicht glauben.

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Isa hatte den Tag bereits verplant, wie sie beim Frühstück verkündete. „Julia und ich schauen uns das Haus der Geschichte an. Und du, lieber Rudi, darfst dir Rainer Hilgenrath vorknöpfen. Er hat sein Büro auf dem Bonner Talweg, nicht weit von der Einmündung der Weberstraße.“

„Und was soll ich bei ihm?“

„Das bleibt ganz dir überlassen.“

Julia kicherte. Timo Reufels schien schon graue Vorzeit zu sein. Sie fuhren zu dritt mit dem Bus in die Stadt. Was nutzten zwei fahrbereite Autos, wenn man am Zielort keinen Parkplatz fand?

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Rudi hatte keine Mühe, Hilgenraths Büro zu finden. Viel mühsamer war, eine Ausrede zu erfinden, was er von ihm eigentlich wollte. Hilgenrath öffnete selbst die Bürotür und schien ihn zu erkennen oder zu verwechseln.

„Was kann ich für Sie tun, Herr Gerber?“

„Ich müsste mit allen Mitarbeitern - früheren oder noch aktiven - Mitarbeitern der Firma Utom sprechen.“

„Verraten Sie mir auch, warum?“

Nun war Improvisation gefragt: „Nach dem Tod von Tomasio Lucano steht nun auch Ullrich Schiefer vor Gericht. Unter diesen Umständen spricht viel dafür, die Firma so schnell wie möglich zu verkaufen.“ Das hatte Hilgenrath auch schon überlegt. „Aber dazu müssten wir von allen Mitarbeitern hören, was bei ihnen an Aufträgen noch läuft und welche Ansprüche sie an die Firma stellen.“

Hilgenrath, wie immer in letzter Zeit knapp bei Kasse, hörte die Münzen klingeln. „Einer sitzt vor dir“, sagte er deswegen rasch.

Rudi kramte seinen Merkblock hervor. „Und weshalb hast du noch Ansprüche an die Firma?“

„Kollaus Büro hat doch über Rundbrief nach dem sandfarbenen Corsa mit der Wiesbadener Nummer gefragt.“ Das wusste Rudi noch nicht, konnte es sich aber nach der Warnung Fichtes gut vorstellen. Deshalb verzog er keine Miene und schaute unverändert auffordernd drein. „Ich hab' den Karren auf der Poppelsdorfer Allee zufällig gesehen und das sofort an Kollau gemailt.“

„Alles klar. Dafür steht dir noch ein Honorar zu, ich werde dafür sorgen.“ Die Lücken schlossen sich. Kollau hatte sicherlich nicht auf eigene Faust gearbeitet, er musste nur noch den Namen es Auftraggebers ausspucken, den Rest konnte Fichte sicherlich organisieren.

„Danke, ich bin übrigens der letzte frühere Utom-Mitarbeiter in Bonn und Umgebung.“

„Danke für deine Auskünfte.“

Rudi stellte sich erst in einen Hauseingang, bevor er mit Hauptkommissar Schneider telefonierte. „Ich habe vielleicht was für Sie.“

„Dann lassen Sie mal hören.“

„Diese Schläger und Überwacher werden von einer Art Agentur in Frankfurt gesteuert. Der Chef heißt Kollau.“

„Danke, das ist sehr hilfreich.“

Unmittelbar danach wurde Rudi von Isa angerufen. „Bei uns wird es etwas später, mach dir' keine Sorgen. Wir fahren noch nach Königswinter.“

„Wozu denn das?“

„Julia erklimmt mit mir den Drachenfels.“

„Da kann man auch hochfahren.“

„Das wissen wir längst. Julia ist ein moderner Teenager mit einem modernen Handy.“

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Rudi vertrödelte den Nachmittag auf dem Sofa. Morgen würde unter Umständen ein harter Tag werden, vor dem er etwas Fracksausen hatte. Bis jetzt war ja alles gut gegangen, aber das war leider keine Garantie, dass es so blieb. Bevor die Damen von ihrer Höhen-Expedition zurückkamen, tankte er den Leihwagen auf, kontrollierte den Reifendruck und packte seine wenigen Klamotten. Julia würde mit ihnen die Wohnung verlassen und versprach hoch und heilig, mit dem Bus zum Bahnhof Bonn zu fahren und einen Zug nach Essen zu nehmen, sich wieder um ihre Schule und Karriere zu kümmern und Timo nicht anzurufen. Rudi hatte in dem Punkt so seine Zweifel. Alle drei luden ihre Handys auf und gingen früh zu Bett. Der Wetterbericht im Fernsehen versprach einen trockenen Tag mit mäßigen Temperaturen. Paul Fichte meldete, dass er seine Hausaufgaben für morgen gemacht habe und ihnen die Daumen drücke.

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Mittwoch, 18. Juni

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Sie kamen pünktlich los. Isa hatte auf Wunsch Rudis neue Jeans und ein elegantes Shirt angezogen. Der Firmen-Overall musste sich leicht darüber anziehen und ausziehen lassen. Die Autobahn lief sehr ordentlich, der Verkehrsfunk meldete keine Staus oder Sperrungen oder Unglücke auf der 61. Rudi fuhr zügig, aber vorsichtig und riskierte nichts. Sie erreichten Wiesbaden früher als berechnet und bogen gegen 10 Uhr 15 in die Röderstraße ein, die für längere Zeit gesperrt gewesen war. Meister Hugo Klimmt hatte die Zeit genutzt, seinem Geschäft eine neue Fassade zu spendieren und auf seinem Hof hinter dem Vorderhaus ausreichend Platz für seine Firmenkombis zu schaffen.

Rudi machte es kurz: „Das ist Isa, und das ist Hugo.“

„Freute mich.“

„Vielen Dank für Ihre Hilfe.“ Sie verschwanden beide im Haus. Dort gab es Toiletten und einen Waschraum für Frauen. Der Overall lag schon bereit und passte Isa wie angegossen. Die Haare unter der Firmenmütze versteckt und eine perfekte Klempnergesellin erschien auf dem Hof und setzte sich in einen der Kombis, den ein echter Angestellter Klimmts steuerte. Zehn Minuten später setzte sich der Pulk in Bewegung und erreichte wenige Minuten vor elf das Landgericht. Die echten Klempner und die falsche Klempnerin sprangen heraus und stürmten in das Gebäude. Der Justizangestellte in seinem gläsernen Halbrund schaute alarmiert hoch, ließ sich aber täuschen. Wenn Klempner ein öffentliches Gebäude im Laufschritt betraten, war irgendwo große Not am Mann, erst recht in einem Gerichtsgebäude, wo viele die Hosen gestrichen voll hatten und das Geschäft Hugo Klimmt hatte erstens einen guten Ruf und war zweitens auch bei der Justizverwaltung bekannt. Eine Hand ergriff Isa Arm und zog sie die Treppe in den ersten Stock mit hoch. Vor einer halb geöffneten Tür wartete Paul Fichte und winkte Isa herein. Sie schlüpfte aus dem Overall, warf die Mütze dazu und setzte sich eine Minute vor elf auf die Bank neben der Saaltür 15 und atmete schon wieder normal, als ein Lautsprecher knackte: „Die Zeugin Isa Vandenburg bitte in den Saal 15.“

Sie stand auf, die Tür wurde von innen geöffnet.

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Der Auftritt der Klempner-Brigade war nicht unbemerkt geblieben. Der Chef mit dem auffälligen Ohrverband, Muno und Lupo saßen in einem Kleintransporter auf der anderen Straßenseite und behielten den Haupteingang des Gerichtes im Auge.

„Mein Gott, da muss einer aber die Hosen voll haben“, spottete Lupo und Muno nahm das Gewehr in die Hand und versenkte die Scheibe.

„Waffe weg!“, zischte der Chef. „Bist du verrückt geworden? Hier wimmelt es von Bullen in Zivil, die Pistole unter der Jacke auf dem Rücken im Gürtel. Willst du alle Klempner erschießen, du Dummkopf?“

Muno legte das Gewehr gekränkt zurück.

Der Chef schüttelte den Kopf. Ihr Auftrag war erledigt. Sie hatten Isa Vandenburg daran hindern sollen, ihrer Ladung auf Mittwoch, 18. Uhr 11 Uhr im Landgericht Wiesbaden zu folgen, Und das war Ihnen doch auch gelungen.

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Isa blieb unsicher an der Tür stehen, bis der Mann in der Mitte der Richter sie fragte: „Sind Sie Frau Vandenburg?“

„Ja.“

„Dann kommen Sie bitte nach vorn. Wenn Sie mögen, können Sie sich auf den Stuhl dort setzen.“

Die üblichen Belehrungen über Vereidigung und uneidliche Falschaussagen ließ sie noch im Stehen unbewegt über sich ergehen.

Erst danach ging Isa nach vorn und setzte sich.

„Frau Vandenburg, sagen Sie bitte dem Gericht, wann und wo Sie geboren sind?“

„Am 26. Januar 1977 in Mainz.“

„Sie wohnen heute in Schlangenbad?“

„Ja.“

„Was machen Sie beruflich?“

„Ich bin Sekretärin bei einem der Eigentümer der Firma Utom.“

„Bei dem Angeklagten?“

„Ja, bei Ullrich Schiefer.“

„Das Gericht würde gerne wissen, unter welchen Umständen Sie Ullrich Schiefer kennengelernt haben.“

„Ich studierte in München. Und weil das Geld, das mir meine Eltern monatlich gegeben haben, vorn und hinten nicht reichte, habe ich nebenbei gejobbt. Unter anderem als Aushilfskellnerin beim Oktoberfest. Dabei habe ich die Freunde Tomasio Lucano und Ullrich Schiefer kennen gelernt. Tom, also Lucano, hat sofort angefangen, mir den Hof zu machen. Er war der Sohn italienischer Gastarbeiter, in München geboren und aufgewachsen.“

„Wie weit ging dieses 'Hof machen'?“

Details

Seiten
1600
Jahr
2021
ISBN (ePUB)
9783738953725
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Juli)
Schlagworte
thriller spannung urlaubs-krimis seiten

Autoren

  • Alfred Bekker (Autor:in)

  • A. F. Morland (Autor:in)

  • Fred Breinersdorfer (Autor:in)

  • Horst Bieber (Autor:in)

  • Richard Hey (Autor:in)

  • Hans-Jürgen Raben (Autor:in)

Zurück

Titel: Thriller Spannung 2021: 13 Urlaubs-Krimis auf 1527 Seiten