Lade Inhalt...

Eine letzte Runde Leben: Kommissarin Bramberger ermittelt

2021 120 Seiten

Zusammenfassung

Eine letzte runde Leben

Kommissarin Bramberger ermittelt zwischen Salzburg und Berchtesgaden

Krimi von Roland Heller



Der Umfang dieses Buchs entspricht 133 Taschenbuchseiten.



"Den Strick", presste der Killer durch seine Zähne. "Wo hast du ihn?"

"Was wollen Sie damit?", murmelte Jürgen Artner.

Seine Kleider klebten ihm durchschwitzt am Körper, und er bemühte sich vergeblich darum, sein konstantes Zittern abzustellen.

"Dich fesseln, Jürgen", sagte der Killer. "Was denn sonst?"

"Warum wollen Sie das tun? Warum?", stieß Jürgen Artner hervor.

"Weißt du das nicht, Jürgen?", fragte der Killer...

Es sah aus wie Selbstmord.

Aber Kommissarin Bramberger vermutet von Anfang an, dass mehr hinter dieser Sache steckt. Vor allem deshalb, weil es nicht bei diesem einen Toten bleibt.

Sie nimmt die Ermittlungen auf – und stößt mitten hinein in ein Wespennest, einem Krieg, der zwischen zwei Verbrechergangs zu eskalieren droht.





Leseprobe

image
image
image

Eine letzte runde Leben

image

Kommissarin Bramberger ermittelt zwischen Salzburg und Berchtesgaden

Krimi von Roland Heller 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 133 Taschenbuchseiten.

„Den Strick“, presste der Killer durch seine Zähne. „Wo hast du ihn?“

„Was wollen Sie damit?“, murmelte Jürgen Artner.

Seine Kleider klebten ihm durchschwitzt am Körper, und er bemühte sich vergeblich darum, sein konstantes Zittern abzustellen.

„Dich fesseln, Jürgen“, sagte der Killer. „Was denn sonst?“

„Warum wollen Sie das tun? Warum?“, stieß Jürgen Artner hervor.

„Weißt du das nicht, Jürgen?“, fragte der Killer...

Es sah aus wie Selbstmord.

Aber Kommissarin Bramberger vermutet von Anfang an, dass mehr hinter dieser Sache steckt. Vor allem deshalb, weil es nicht bei diesem einen Toten bleibt.

Sie nimmt die Ermittlungen auf – und stößt mitten hinein in ein Wespennest, einem Krieg, der zwischen zwei Verbrechergangs zu eskalieren droht.

image
image
image

Copyright

image

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

Nach Motiven von Guy Brant

Cover: Steve Mayer, 2021

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter

https://twitter.com/BekkerAlfred

Zum Blog des Verlags geht es hier

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!

image
image
image

1

image

Nein!“, keuchte Jürgen Artner. „Nein!“

Er wich vor dem Killer zurück, stieß rückwärtsgehend einen Stuhl um und stolperte darüber, ohne zu fallen. Im nächsten Moment prallte er mit seinem Rücken gegen die Wand. Sein angstvoller Blick irrte durch den Raum. Er blickte gehetzt um sich, suchte eine Waffe, einen Fluchtweg. Aber er wusste instinktiv, dass jede Gegenwehr zu spät kam, dass das alles sinnlos war. Der Tod hatte ihn eingeholt.

Der Killer kam näher, leicht geduckt. In den kleinen lauernden Augen spiegelte sich die Konzentration des Jägers, aber auch die Mordlust einer Bestie. Er war ein Mann, der keinen Pardon kannte. Töten war für ihn ein Job.

Der Killer schwang seinen Arm mit der Pistole wie ein Pendel vor Jürgens Kopf hin und her.

„Ich kenne da ein paar Stellen, an denen schmerzt es besonders“, belehrte er den Jungen. Aber Jürgen wusste auch so, dass sein Gegenüber es ernst meinte.

„Den Strick“, presste der Killer durch seine Zähne. „Wo hast du ihn?“

„Verdammt, mach keine Späße! Ich besitze keinen Strick.“

„Eine Wäscheleine tut’s auch, mein Junge“, sagte der Killer mitleidlos.

Der Killer hatte eine flache Stimme, und sie hörte sich an, als sei ihr Besitzer völlig außer Atem. Aber dieser Eindruck war falsch. Der Killer war völlig gelassen wie immer, wenn einer seiner Aufträge sich dem Höhepunkt näherte und wenn er beweisen musste, dass er der perfekte Mörder war.

„Was wollen Sie damit?“, murmelte Jürgen Artner.

Seine Kleider klebten ihm durchschwitzt am Körper, und er bemühte sich vergeblich darum, sein konstantes Zittern abzustellen.

„Dich fesseln, Jürgen“, sagte der Killer. „Was denn sonst?“

„Warum wollen Sie das tun? Warum?“, stieß Jürgen Artner hervor.

„Weißt du das nicht, Jürgen?“, fragte der Killer.

Schade, dass er keine Zeit hatte, diesen Dialog fortzusetzen. Das letzte Gespräch mit seinem Opfer! Der Killer genoss diese Situation. Sie bereitete ihm ein unterschwelliges Vergnügen, auf das er nur ungern verzichtete — aber diesmal war Eile geboten, denn sicherlich kehrte die Kommissarin noch einmal in Jürgens Wohnung zurück.

„Ich weiß gar nichts“, meinte Jürgen erregt.

Natürlich war das gelogen. Er hatte befürchtet, dass es eines Tages so kommen würde, so und nicht anders. Warum hatte er sich nicht besser auf diese Stunde vorbereitet? Es war doch klar gewesen, dass sie ihn eines Tages durchschauen und bestrafen würden!

„Beeil dich, mein Junge — sonst muss ich dir weh tun“, drohte der Killer.

„Ich besitze keine Wäscheleine“, erwiderte Jürgen Artner schwer atmend. Er war achtzehn, sah aber bedeutend älter aus. Dafür sorgten schon der dunkelglänzende Kinnbart und die dichten Koteletten, ganz zu schweigen von dem schulterlangen Haar. Sein Aussehen hatte ihm den Spitznamen »Missionar« eingebracht, obwohl jeder, der ihn kannte, genau wusste, dass Jürgen Artner Zeit seines Lebens weit davon entfernt gewesen war, christliche Ideale zu predigen.

„Okay“, sagte der Killer, „dann nehmen wir die Leitungsschnur der Stehlampe.“

„Was haben Sie mit mir vor?“, fragte Jürgen Artner.

„Ich will dir einen kleinen Schrecken einjagen, einen, den du nie wieder vergisst.“

„Ich will mit dem Boss sprechen — lassen Sie mich mit ihm telefonieren, bitte.“

„Der Boss ist nicht zu sprechen — nicht für dich, mein Junge.“

„Lassen Sie mich mit ihm reden!“

„Das hättest du dir früher überlegen müssen. Und deine eigenen Geschäfte sind dem Boss sowieso ein Dorn im Auge. Das stimmt ihn für dich nicht gerade freundlich. Nein, Junge, du bekommst jetzt deinen Lohn.“

Jürgen Artner sprang nach vorn. Kurz sah es aus, als werde er wie ein Pfeil von einer Sehne abgeschossen, aber sein Sprung wurde jäh gebremst. Der vorschnellende Fuß des Killers brachte ihn hart zu Fall. Jürgen Artner blieb wie betäubt liegen; ihm schien dies alles wie ein böser Traum und dass das Dunkel, das in der Beuge seines Ellenbogens herrschte, in einen sanften Schlaf münden müsste.

Ein scharfes, reißendes Geräusch ließ ihn hochzucken. Er sprang auf und sah, dass der Killer die Lampenschnur aus ihrer Befestigung gerissen hatte.

„Mach sie da oben fest!“, kommandierte der Killer und wies mit dem Kopf auf den Stahlhaken, der die Deckenlampe hielt. Jürgen Artner griff nach dem Strick und überlegte, ob er ihn dem Mann um den Hals werfen konnte. Verdammt, er musste doch etwas tun, er konnte doch nicht einfach zusehen und zulassen, wie man ihn umbrachte — kaltblütig ermordete!

Aber vielleicht war wirklich alles nur ein Spiel, ein grausames Manöver, das dem Zweck diente, ihn zu kurieren, ihn zuverlässiger zu machen.

Warum sollten sie ihn töten? Seine Verfehlungen waren nicht so schlimmer Natur, dass sie ein Verbrechen dieser Art rechtfertigten, einen Mord!

„Ich warte, aber nicht mehr lange“, grollte der Killer und ballte die Fäuste.

„Wie soll ich denn da oben rankommen?“, murmelte Jürgen Artner.

„Steig auf den Tisch.“

Jürgen Artner gehorchte. Hier oben hatte er die Chance, seinen Gegner anzuspringen und durch die Wucht des Aufpralls zu Boden zu reißen. Die Frage war nur, ob draußen, vor der Wohnungstür, nicht ein oder zwei Männer standen, die das Unternehmen absicherten und dem Killer Rückendeckung lieferten.

„Mach schon!“, forderte der Killer. Jürgen musste auf die Zehenspitzen steigen, um das Kabel an den Haken zu bringen.

Jürgen Artner verknotete das Lampenkabel an dem Deckenhaken und fragte sich, warum er das alles tat, weshalb er nicht um sein Leben kämpfte.

Lag es daran, dass er trotz seiner Befürchtungen noch immer nicht glauben konnte oder wollte, dass jetzt alles aus sein sollte, aus und vorbei? Oder lag es an dem Respekt, an der Furcht, die er vor dem Killer und dessen Auftraggebern hatte?

Was es auch sein mochte: Er beugte sich den Befehlen dieses Mannes, auch wenn er bemüht war, sie mit Worten und Taten zu verzögern.

„Gut so?“, fragte er.

„Jetzt die Schlinge“, sagte der Killer.

Jürgen Artners Zittern verstärkte sich. „Die Schlinge?“

„Ich erkläre dir, wie das gemacht wird.“

„Wenn Sie glauben, dass ich mich aufhänge, irren Sie sich!“, stieß Jürgen Artner hervor.

„Die Schlinge“, wiederholte der Killer ruhig und erklärte ohne eine Spur von Erregung, wie Jürgen Artner sie zu knüpfen hatte. Der Junge gehorchte.

„Gut so“, meinte der Killer. „Steck deinen Kopf hinein, los.“

„Ich bin doch nicht verrückt.“

Der Killer richtete seinen Revolver auf Jürgen. „Wäre dir das lieber?“, fragte er.

„Hören Sie auf, mich zu quälen!“

„Ich zähle bis drei“, sagte der Killer mit seiner flachen, leidenschaftslosen Stimme. „Eins, zwei...“

Jürgen Artner sah das kalte, mordlustige Glitzern in den Augen seines Gegners und schob rasch den Kopf in die Schlinge, zusammen mit seinen Fäusten, die die Lampenschnur umklammert hielten und von denen er glaubte, dass sie eine gewisse Absicherung gegen den Ernstfall bedeuteten.

Der Killer nickte. „Brav, mein Junge“, sagte er.

Im nächsten Moment schnellte sein Bein nach vorn und stieß den Tisch unter Jürgens Füßen beiseite.

Jürgen Artner wollte schreien, aber er brachte nur einen krächzenden Laut zustande. Er fiel, bis mit einem Ruck sein Fall gestoppt wurde. Seine Beine hingen hilflos in der Luft. Der Killer schob den Revolver in seinen Hosenbund zurück, hob den Stuhl auf und rückte den Tisch wieder zurecht, schaute sich noch einmal in dem Zimmer um und ging dann hinaus, ohne seinem Opfer einen letzten Blick zu schenken.

image
image
image

2

image

Als Verena Bramberger die Hand nach dem Klingelknopf ausstreckte, bemerkte sie, dass die Tür nur angelehnt war. Sie klingelte trotzdem. Erst nach dem dritten ergebnislosen Klingelversuch schob sie die Tür mit der Fußspitze zurück und trat über die Schwelle.

„Hallo!“, rief sie, wenn auch nicht sehr laut, verstummte aber gleich darauf, denn das Wort erstarb ihr gleichsam auf der Zunge.

Im Wohnzimmer brannte Licht. Die Tür zur Diele stand offen. Sie sah den Toten sofort. Er hing an einem dünnen Strick von der Decke herab: Jürgen Artner!

Achtzehn Jahre alt. Zwölf Monate davon hatte er in einem Jugendstraflager zugebracht.

Sie hatte einen gallebitteren Geschmack im Mund, wie immer, wenn sich ihr die Frage aufdrängte, was mit einer Gesellschaft los war, in der ein junger Mensch auf diese Weise enden konnte.

Sie wusste, dass es auf diese Frage tausend scheinbar plausible Antworten gab, sie wusste aber auch, dass die besten logischen Erklärungsversuche keine Lösung der bestehenden Probleme zuwege bringen konnten.

Sie schaute sich in der Wohnung um. Der Junge war tot. Auf den ersten Blick gab es keine Spuren, die auf einen Kampf hindeuteten.

Im Treppenhaus ertönten Schritte, kamen näher, stoppten vor der Tür. Es klingelte.

„Die Tür ist nur angelehnt!“, rief sie.

Im nächsten Moment kam Spielmans herein.

Ausgerechnet Richard Spielmans!

Ein Sensationsreporter, dessen Kolumnen von Tausenden gelesen wurden, ein harter, gerissener Endvierziger, der über Leichen ging, wenn er damit einen Knüller landen konnte, ein Mann, für den die Wahrheit nur ein Werkmaterial war, das man beliebig kneten und verformen konnte — Hauptsache, es sprach den Leser an, seine Tränendrüsen, sein Gefühl, seine Neugierde, seinen Hang zu Vorurteilen.

„Das hätte ich mir denken können“, schnaufte Spielmans, dessen zur Fettleibigkeit neigender Körper von dem Weg in die Hausmansarde sichtlich strapaziert worden war.

„Was hätten Sie sich denken können?“

„Dass Sie hier sind“, meinte er und trat näher, um über ihre Schulter zu blicken. „Also doch!“

„Wer hat Sie eigentlich gerufen?“, fragte Bramberger.

„Ist das Jürgen Artner?“

„Ja.“

„Sie haben ihn also in den Tod getrieben“, stellte Richard Spielmans fest.

Bramberger begriff augenblicklich, dass Jürgen Artners Tod für Spielmans aus mehr als einem Grund ein gefundenes Fressen war. Spielmans hatte nämlich eine Eigenschaft, die nicht unerwähnt bleiben durfte: Er hasste die Polizei.

Er stürzte sich auf jeden Fall, der ein Versagen eines Polizisten oder gleich der gesamten Organisation zu beweisen schien, er hörte nicht auf, die Polizei zu bekämpfen. Polizisten waren in seinen Augen Versager, Schläger, sogar Killer. Er hatte nie zu sagen vermocht, was er an die Stelle dieser Organisation zu setzen wünschte, er gab sich damit zufrieden, die Polizei pausenlos anzugreifen.

Es gab ein paar Polizisten, die ihm unterstellten, dass er für diese Hasskampagne von der Unterwelt bezahlt wurde, aber das ließ sich nicht beweisen, und im Übrigen hatte der fabelhaft verdienende Spielmans es wahrhaftig nicht nötig, seine Karriere mit so riskanten Aufträgen zu gefährden.

„Also los“, sagte Bramberger. „Wer hat Sie gerufen?“

„Der Tote“, meinte Richard Spielmans und zückte seine Kamera, um Artner zu knipsen. Das aufflammende Blitzlicht tauchte die verzerrten Züge des Jungen in eine flüchtige, geisterhaft bläuliche Reflektion.

Richard Spielmans schoss noch ein Foto, dann schaute er Bramberger an. „Stellen Sie sich neben ihn“, forderte er.

„Ich denke nicht daran.“

„Na hören Sie mal!“, schnaufte der Reporter. „Ich verschaffe Ihnen auf diese Weise kostenlos eine Menge Publizität, das kann Ihnen doch nur recht, sein.“

„Was bringt Sie denn darauf?“

„Jeder sieht sein Bild gern in der Zeitung“, erklärte Richard Spielmans.

Er grinste dabei. Der Tod des Jungen berührte ihn anscheinend nicht. Das Geschehen war für ihn nur Stoff für ein oder zwei Artikel, mehr nicht.

„Das hängt von den Umständen ab“, sagte die Kommissarin.

„Da muss ich Ihnen zustimmen“, meinte der Reporter. „Wer lässt sich schon gern neben seinem Opfer fotografieren?“

Bramberger verspürte ein Jucken in ihren Fäusten, wusste aber, dass nicht daran zu denken war, diesem Gefühl nachzugeben. Richard Spielmans hätte daraus in seiner Kolumne nur den Schluss gezogen, dass die Männer und Frauen der Bundespolizei brutal und unbeherrscht waren — so, wie er es seit Langem behauptete.

„Sie haben mit Artner telefoniert?“, fragte Bramberger. „Wann?“

„Vor etwa dreißig Minuten.“

Sie blickte auf ihre Uhr. „Das wäre neun Uhr zehn gewesen“, sagte sie.

„Ungefähr — plus oder minus zehn Minuten.“ Spielmans gab es mit einem spöttischen Lächeln im Gesicht zu.

„Das lässt sich ja Gott sei Dank überprüfen. Darf ich `mal Ihr Handy sehen?“

„Tut mir leid, das ist nicht drin.“

Die Kommissarin blickte ihn erwartungsvoll an. „Was hat er Ihnen gesagt?“

„Er hat behauptet, dass er sich umbringen würde, weil Sie ihn dazu gezwungen hätten“, ließ er endlich den Grund seines Hierseins durchblicken.

„Kannten Sie Jürgen Artner?“

„Nein.“

„Wieso hat er sich an Sie gewandt?“

„Ich bin ein berühmter Mann, Bramberger. Ich kriege täglich ein Dutzend Anrufe von Leuten, die genau wissen, dass ich mich für die Belange des kleinen Mannes einsetze, dass ich seine Rechte verteidige.“

Bramberger lag eine scharfe Antwort auf der Zunge, aber sie hielt sich zurück und ging zur Tür. „Rühren Sie nichts in der Wohnung an“, sagte sie scharf. „Nichts, hören Sie? Wenn Sie diese Anordnung ignorieren, knalle ich Ihnen eine Strafanzeige wegen Behinderung und Vernichtung von Beweismitteln vor die Füße.“

Sie wartete seine Antwort nicht ab und ging hinaus. Sie überprüfte die Straße vor dem Haus, aber die Straße lag ruhig da. Nichts rührte sich momentan. Sie zückte ihr Handy und alarmierte die Mordkommission und kehrte in Artners Mansardenapartment zurück.

„Jetzt will ich’s genau wissen“, sagte sie und berührte flüchtig Jürgen Artners schlaff herabhängende Hand. Die Leichenstarre hatte noch nicht eingesetzt.

Genau in diesem Moment schoss Spielmans ein Foto.

„Was wollen Sie genau wissen?“, fragte er und ließ die Kamera sinken.

Die Kommissarin blickte ihm wütend entgegen. „Was machen sie noch immer hier?“

„Die Öffentlichkeit hat ein Recht auf Information“, versicherte er ihr mit einer Selbstsicherheit, als sei sein Beruf der wichtigste in der Welt. „Also, Frau Kommissarin, was wollten Sie genau wissen?“

„Was Artner wirklich zu Ihnen am Telefon gesagt hat — wenn es wirklich Artner gewesen sein sollte.“

„Er hat doch Ihren Wagen geklaut, nicht wahr?“

„Ja, er hat’s jedenfalls versucht. Ich habe ihn dabei erwischt, bin ihm mit einem Taxi gefolgt und musste miterleben, wie er meinen Flitzer gegen eine Mauer setzte.“

„Richtig. Sie haben ihn aus dem Wagen gezerrt und vor Wut geschlagen. Ich kann’s verstehen. Ich wäre auch ganz schön sauer, wenn ich zusehen müsste, wie jemand meinen Schlitten klaut und zu Bruch fährt.“

„Artner hat nur den Kotflügel beschädigt“, sagte sie. „Im Übrigen kann keine Rede davon sein, dass ich ihn geschlagen habe. Ich musste ihn nur festhalten, weil er türmen wollte.“

„Es ist klar, dass Sie das sagen müssen“, meinte Richard Spielmans grinsend.

Bramberger verspürte erneut das bekannte Kribbeln in ihren Fäusten, ohne sich davon etwas anmerken zu lassen.

„Haben Sie das Gespräch mitgeschnitten?“, fragte sie.

„Nein“, erwiderte er, „aber ich habe es fast wörtlich im Gedächtnis behalten.“

„Irgendjemand hat mir mal erzählt, dass Sie jeden Anruf auf Band nehmen.“

„Fast jeden“, sagte er. „Den aber nicht. Es genügt doch wohl, dass ich mit ihm gesprochen habe und sofort hergekommen bin.“

„Sie wollten, wenn ich Sie recht verstehe, Artner davon abhalten, Selbstmord zu verüben“, vergewisserte sich Bramberger.

„So ist es.“

„Das nächste Revier ist keine fünf Minuten von hier entfernt“, sagte sie. „Wenn Sie die Beamten informiert hätten, wäre vielleicht noch etwas zu retten gewesen.“

„Das lässt sich hinterher leicht sagen“, meinte er leicht gereizt. „Wollen Sie mir etwa den Schwarzen Peter zuspielen? Ich wollte nicht gleich die Pferde scheu machen. Natürlich hielt ich es für nicht ausgeschlossen, dass Artner sich am Telefon nur wichtig gemacht hatte.“

„Ich glaube nicht an diese Selbstmordtheorie“, sagte die Kommissarin. „Warum hätte er sich umbringen sollen?“

„Weil Sie ihm androhten, dass Sie ihn in den Knast bringen würden, mindestens für ein oder zwei Jahre“, sagte Richard Spielmans. „Das hat ihn geschockt, das hat ihn fertiggemacht. Das eine Jahr Jugendstraflager hätte ihm gereicht, erklärte er mir. Lieber würde er sich aufknüpfen, als nochmals hinter Gitter zu marschieren. Das waren seine Worte.“

„Tun Sie nicht so unschuldig, Spielmans. Selbst Ihnen muss doch klar sein, dass Autodiebstahl nicht zu den Kavaliersdelikten gehört und bestraft wird. Selbst Artner muss klar gewesen sein, dass so eine Tat geahndet wird. Das ist doch keine Begründung, freiwillig aus dem Leben zu scheiden.“

„Ich gebe nur wieder, was ich gehört habe.“

„Die Frage ist nur, ob diese Worte von Jürgen Artner geäußert wurden“, sagte sie.

„Von wem denn sonst? Sie sehen doch, dass er sie wahr gemacht hat.“

„Setzen wir einmal den Fall, er hatte Feinde. Gegner, die seinen Tod wollten. Denen war mein Zusammenstoß mit Jürgen Artner doch hoch willkommen. Einer dieser Burschen rief Sie an, um mir die Schuld in die Schuhe schieben zu können. Damit schlugen sie zwei Fliegen mit einer Klappe. Sie räumten Artner aus dem Weg und stempelten mich zum Buhmann, zum Auslöser des angeblichen Selbstmordes.“

„Im Konstruieren von Unschuldsbeweisen sind Sie ganz groß“, höhnte Richard Spielmans, „aber Sie erwarten doch hoffentlich nicht, dass ich Ihnen diese Hypothese abkaufe? Die Tatsachen liegen klar auf der Hand. Sie haben Jürgen beim Wagendiebstahl erwischt und gehörig fertiggemacht — wie das wohl jeder an Ihrer Stelle getan hätte. Jürgen reagierte mit einer plötzlichen Panik und knüpfte sich auf. Das sind die Fakten. Es tut mir leid—, aber in gewisser Weise haben Sie den Jungen auf dem Gewissen. Sie haben ihn zu hart rangenommen.“

„Das werden Sie natürlich so schreiben!“

„Ich bin meinem Gewissen und einer objektiven Wahrheitsfindung verpflichtet“, tönte er.

„Haben Sie schon eine Schlagzeile?“, spottete Bramberger. „Ich wüsste nämlich eine für Sie. `Rasender Bulle treibt Jungen in den Tod!` Darunter, etwas kleiner: `Die Tragödie eines Jungen, der einmal einen schicken Wagen fahren wollte`.“

„Prima“, sagte Richard Spielmans. „Sie kennen meinen Stil!“

„Leider“, nickte Bramberger. „Es ist ein Stil der Verdrehungen und Verzerrungen, es ist der Stil eines Mannes, der die Sensation und die Produkte seiner Phantasie höher stellt als das, was Sie so schön mit objektiver Wahrheitsfindung bezeichnen.“

„Mich können Sie nicht beleidigen“, höhnte er. „Sie sitzen in der Tinte, das macht Sie sauer und ungerecht.“

In gewisser Weise musste sie ihm beipflichten. Sie saß in der Tinte. Obwohl sie nicht daran glaubte, dass Jürgen Artner aus Furcht vor einer Strafe Selbstmord begangen hatte, stand außer Zweifel, dass der Augenschein gegen sie sprach. Sie hatte ihn gehörig angepfiffen, kein Zweifel, aber sie hatte ihn weder bedroht noch geschlagen. Sicher war, dass man diese Feststellung von ihr nur als Schutzbehauptung werten würde und dass — was sie besonders wurmte — Richard Spielmans wieder einmal Gelegenheit bekam, die Polizei durch den Kakao zu ziehen.

„Wie war seine Stimme?“, fragte die Polizistin.

„Sehr erregt, das ist doch klar.“

„Hell oder dunkel?“

„Mittellage“, meinte er vorsichtig.

„Dialekt?“

„Es hörte sich so an, als wäre er nicht hier aufgewachsen“, sagte Spielmans.

„Hm“, machte Bramberger betroffen. „Das stimmt sogar. Er ist aus dem Norden zugezogen. Dort oben ist er groß geworden.“

„Na, bitte“, meinte Spielmans.

Plötzlich musste Bramberger grinsen, wenn auch sehr unlustig und recht bitter.

„Für mich steht fest, dass der Junge ermordet wurde. Ein Bursche mit seiner Vergangenheit hängt sich nicht gleich auf, wenn er bei einem Wagendiebstahl erwischt wird. Wie würde es wohl Ihrem Ruf als instinktsicherer Sensationsreporter bekommen, wenn Sie den Fall falsch anpacken?“

„Ich kann mich jederzeit korrigieren“, sagte Richard Spielmans. „Niemand erwartet von mir seherische Gaben.“

„Klar, Sie können sich korrigieren“, sagte sie bitter. „Erst schlagen Sie die Polizei in die Pfanne, dann klopfen Sie die Story auf andere Möglichkeiten hin ab.“

„Es geht diesmal nicht um die Polizei, sondern um Sie“, sagte Richard Spielmans.

„Das lässt sich nicht voneinander trennen — und das wissen Sie verdammt genau.“

„Warum sind Sie noch einmal hergekommen?“, wollte Spielmans wissen.

„Ich wollte mit ihm sprechen. Ich wollte versuchen, ihm klarzumachen, dass er auf dem falschen Weg ist. Ich wollte ihm dabei Hilfe anbieten.“

„Mir kommen gleich die Tränen!“, höhnte er. „Da ist ein Junge, der Ihre Karre zu Schanden fährt, und Sie spielen sich als edler Pädagoge auf! So was gibt’s doch gar nicht. Das ist mehr, als ich vertragen kann.“

„Haben Sie schon mal jemand geholfen — ehrlich geholfen?“, fragte Bramberger.

„Sie scheinen meine Kolumne nicht zu kennen. Sie besteht aus echter Lebenshilfe.“

Die Kommissarin wandte sich ab. Mit Richard Spielmans war nicht zu reden. sie verplemperte nur ihre Zeit, wenn sie die nutzlose Unterhaltung fortsetzte.

Sie schaute sich in dem Wohnzimmer um. Es hatte auf der Fensterseite eine Dachschräge und war nur mittelgroß. Die Möbel wirkten alt, schäbig und ziemlich wacklig. Eine teure Stereoanlage und ein großer Stapel moderner Vinylplatten waren der einzige Hinweis darauf, dass es Jürgen Artner keineswegs immer an Geld gemangelt hatte.

Sie warf einen Blick in das nebenan liegende Schlafzimmer. Neben dem Bett stand ein Mädchenfoto in einem grünen Lederrahmen. Sie zog das postkartengroße Bild heraus.

„In Liebe, Deine Marion“, stand darauf.

„Geben Sie mal her“, meinte Richard Spielmans und richtete sein Kameraobjektiv auf das Foto. „Ganz hübsche Puppe, was? Ein bisschen töricht im Gesicht — aber ganz bestimmt ganz klass im Bett.“

„Was bringt Sie denn darauf?“

„Das sieht man ihr doch an! Wer so einen Mund hat, kann von der Liebe nicht genug kriegen.“

„Es ist ein sehr weiches Gesicht, irgendwie romantisch“, stellte Bramberger fest.

„Sie spinnen ja! Das ist die typische Rockermieze“, erklärte Richard Spielmans. „Die kennt nur drei Aufenthaltsorte — den Bartresen, den Motorradsozius und das Bett.“ Er lachte laut, als hätte er einen Witz gemacht. Anscheinend störte er sich absolut nicht daran, dass er eine solche Äußerung einer Frau gegenüber fallen ließ – und den Blick, den Bramberger ihm zuwarf, ignorierte er in seiner Selbstgefälligkeit ebenfalls.

„Sicherlich wäre es klüger, die Reihenfolge umzukehren“, fügte er noch an.

Die Kommissarin ging zurück ins Wohnzimmer. Es gab keine Kampfspuren darin. Auch sein Handy fand sie nicht.

„Das arme Schwein“, seufzte Spielmans, aber seine Stimme war ohne Mitgefühl.

Dann traf die Mordkommission ein. Bramberger gab zu Protokoll, was sie wusste, und ignorierte mit steinerner Miene Richard Spielmans gehässige Zwischenbemerkungen, die keinen Zweifel daran ließen, dass der Reporter seine Version des Geschehens für glaubwürdiger und völlig unanfechtbar hielt.

image
image
image

3

image

Danach ging Bramberger — allein — eine Etage tiefer und suchte nach Zeugen, die ihr etwas über Jürgen Artner erzählen könnten.

Die meisten Hausbewohner erwiesen sich als wortkarg und gaben an, ihren Mitbewohner kaum zu kennen.

Schließlich wurde sie doch fündig. Der Mann hieß Louis Candella und war, wie sich bei dem kurzen Vorgespräch herausstellte, Büroangestellter der städtischen Müllabfuhr.

Candella war ein bebrillter, umgänglich wirkender Endfünfziger, der sich ihr in Hausschuhen, verknitterten Hosen und am Hals offenstehendem, nicht mehr ganz sauberem Oberhemd präsentierte. Die legere Art seiner Erscheinung passte zu der Unordnung des Wohnzimmers. Ehe sie sich setzen konnte, musste er rasch einen Stapel Zeitungen von dem Sessel räumen.

„Ich kann es noch immer nicht fassen“, sagte Candella. „Hat er sich wirklich aufgehängt?“

Die Nachricht, die ihm Bramberger unterbreitet hatte, überraschte ihn sichtlich.

„Das wird die Mordkommission ermitteln. Wie gut kannten Sie Jürgen Artner?“

„Er wohnte ja direkt über mir, ich hörte seine Schritte, seine verdammte Beatmusik — aber es wäre zu viel behauptet, wenn ich sagen würde, dass ich ihn gekannt habe. Für ihn war ich ein alter Knacker. Er hatte keinen Grund und sicher auch keine Lust, mit mir zu reden, wenn wir uns mal im Treppenhaus trafen. Er brachte kaum einen Gruß zustande. Offen gestanden, mochte ich ihn nicht.“

„Aus einem bestimmten Grund?“

„Es war einfach eine rein gefühlsmäßige Abneigung, fürchte ich.“

„Hatte er gestern Besuch – oder heute in der Früh?“

„Das weiß ich nicht.“

„Hörten Sie Schritte, ungewöhnliche Geräusche oder laute Stimmen?“

„Nein.“

„Kennen Sie seine Freundin, ein Mädchen namens Marion?“

„Ein hübsches Ding, blond und richtig sexy“, meinte Mr. Candella. „Dabei erstaunlich scheu und zurückhaltend. Ja, ich habe sie einige Male mit ihm gesehen. Sie blieb manchmal bei ihm und hat, wie ich vermute, einen Schlüssel für seine Wohnung.“

„Wie kommen Sie zu dieser Vermutung?“

„Sie geht ein und aus, auch wenn er nicht Zuhause ist.“

„Haben Sie eine Ahnung, wie sie heißt und wo sie wohnt?“, fragte sie.

„Nein.“

„Wovon lebte Jürgen Artner?“

„Das habe ich mich oft gefragt. Er war immer gut in Schale und fuhr einen schnellen Flitzer, einen schnittigen BMW, getunt, wenn man mich fragt...“

„Wo steht der Wagen? Vor dem Haus?“, unterbrach sie ihn.

„Wo denken Sie hin. Das war ihm viel zu gefährlich. In dieser Hinsicht verstand er keinen Spaß. Wehe, wenn sich jemand dem Wagen nur näherte und ihn womöglich angriff. Ständig war er mit einem Tuch hinterher. Der Wagen blitzte vor Sauberkeit. Nein, der stand nicht auf der Straße vor dem Haus. Er hatte einen Stellplatz in Wengers Garage, gleich an der Ecke. Ich habe ihn dort wiederholt gesehen. Wenger bedient die ganze Gegend, er hat ’ne gute Werkstatt und ist freundlich zu jedermann. Übrigens fällt mir ein, dass ich Artners Freundin einige Male beim Verlassen von Martha Danners Beauty Salon gesehen habe — das ist ein Schönheitssalon im Zentrum. Ich glaube, dass sie dort arbeitet.“

Bramberger notierte sich alles, was er sagte, in ihr Notizbuch und stellte noch ein paar weitere Fragen, ehe sie sich verabschiedete. Als sie in Jürgen Artners Wohnung zurückkehrte, war Spielmans bereits gegangen, weil er es sicherlich eilig hatte, seinen Bericht für die nächste Ausgabe seines Blattes zu schreiben.

„Was haben Sie herausgefunden?“, fragte sie den Polizeiarzt.

„Genaues wird die Obduktion ergeben“, meinte er, „aber alles deutet auf Selbstmord hin. Der Exitus dürfte gegen neun Uhr eingetreten sein.“

„Hm“, machte Bramberger. „Angeblich hat Artner vorher mit Richard Spielmans telefoniert — aber das kann er nicht von hier, aus seiner Wohnung, gemacht haben.“

Der Arzt rückte desinteressiert an seiner Brille herum. „Diese Frage fällt nicht in mein Ressort. Ich frage mich allerdings schon, was Sie so sicher macht.“

„Haben Sie hier ein Telefon gesehen?“

„Ich bin Arzt, kein Durchsuchungsbeamter“, antwortete der Polizeiarzt unwirsch.

Bramberger merkte, dass sie Kommissar Philipps, der Leiter der Mordkommission, prüfend musterte und erwiderte seinen Blick. „Sie fragen sich, was an Spielmans gesammelten Erzählungen dran sein könnte, nicht wahr?“

Er nickte. „Genau. Stimmt das, was er behauptet?“

„Ich habe doch klipp und klar zu Protokoll gegeben, wie sich die Dinge abgespielt haben“, erwiderte Bramberger.

„Warum sind Sie noch einmal zurück in seine Wohnung gekommen?“

„Um mit ihm zu sprechen. Leute von Jürgen Artners Zuschnitt wirken auf mich frustrierend. Sie sind vital, intelligent und beweglich — aber sie finden einfach keinen Weg, diese Gaben nutzbringend einzusetzen. Stattdessen ziehen sie es vor, kriminell zu werden. Ich bilde mir manchmal ein, dass es helfen könnte, wenn man sie individuell anspricht, wenn man ihnen klarmacht, wie töricht sie sind, und dass es falsch ist, die Gesellschaft mit Zynismus und Gewalt verändern zu wollen. Ich weiß, dass es im Allgemeinen ziemlich nutzlos ist, mit solchen Leuten reden zu wollen, aber ich wollte es wenigstens versucht haben.“

„Wissen Sie, dass Spielmans die bessere Ausgangsposition hat?“, fragte Philipps. „Seine Theorie von Jürgen Artners Tod ist beinahe nahtlos. Die Öffentlichkeit wird sie schlucken, ohne Einschränkungen.“

„Hm“, machte Bramberger. „Da bleibt mir nichts anderes übrig, als ihm das Gegenteil zu beweisen.“

„Wie wollen Sie das schaffen?“

„Keine Ahnung“, sagte die Kommissarin. In diesem Moment wirkte sie frustriert.  „Ist sein Handy bereits aufgetaucht?“

„Bislang haben wir noch keines gefunden. Weshalb interessieren Sie sich dafür?“

„Ich will überprüfen, ob Artner tatsächlich mit Spielmans telefoniert hat.“

„Wenn ich es finde ...“

„Werden Sie mich auf dem Laufenden halten?“

„Ist doch klar“, sagte Philipps.

Bramberger verabschiedete sich und ging. Ihr roter BMW parkte unter einer Straßenlaterne. Sie blieb vor ihm stehen und betrachtete den völlig deformierten Kotflügel, dann setzte sie sich seufzend hinter das Lenkrad. Sie griff nach dem Handmikrofon und rief die Zentrale.

Melanie, das Mädchen mit der rauchigen, phantasiebeschwingenden Stimme, meldete sich.

„Hallo, Melanie“, sagte Bramberger. „Versuche doch mal herauszufinden, ob Martha Danner die Besitzerin ihres Schönheitssaloon ist oder ob der Salon einen anderen Besitz er hat. Wenn sie selbst die Besitzerin ist, dann verbinde mich mit ihr.“

„Wird gemacht“, sagte sie.

Bramberger wartete ernst. Sie musste immerzu an den Jungen und an Richard Spielmans Version des Geschehens denken, aber auch daran, dass die Boulevard-Zeitungen am kommenden Morgen berichten würden, was Spielmans dazu zu sagen hatte. Sie war außerstande, sich dagegen zur Wehr zu setzen. sie konnte nur hoffen, dass es ihr irgendwie und irgendwann gelang, Richard Spielmans Selbstmordtheorie zu entkräften.

Schon drei Minuten später meldete sich Melanie über den Wagenlautsprecher. „Ich habe die Besitzerin an der Strippe, Verena. Sie heißt tatsächlich Martha Danner. Moment, ich verbinde.“

Martha Danners Stimme war von der zuckersüßen Art, die nicht darüber hinwegtäuschen konnte, dass sich dahinter ein berechnendes, knallhartes Wesen verbarg.

„Bramberger, Polizei“, stellte sie sich vor und fragte, ob sie ein Mädchen mit dem Namen Marion beschäftigte. „Sie war mit Jürgen Artner befreundet“, fügte sie hinzu.

„Aber ja“, antwortete Martha Danner. „Ja, Marion Bell. Marion ist total verknallt in den Kerl. Sie geht für den Jungen durchs Feuer — was ich für total verrückt halte, denn der Bursche taugt nichts. Aber so ist sie nun mal. Loyal bis zur Selbstaufgabe. Sie glaubt, dass er sie heiraten wird. Aber. – Moment `mal, wieso war?“

„Er ist tot“, sagte Bramberger.

„Du meine Güte! Hat er sich endlich mit seinem Flitzer den Schädel eingerannt? Das musste ja mal so kommen. Er fuhr immerzu wie ein Verrückter.“

„Vieles deutet auf Selbstmord hin“, sagte die Kommissarin, „aber die Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen. Ich habe ihn gefunden, in seiner Wohnung — an einem Strick.“

„Der uns Selbstmord? Das kann ich mir nicht vorstellen. Da muss er voller Pott gewesen sein“, sagte die Frau. „Der hätte doch nicht mal im Traum daran gedacht, sich bei klarem Kopf aufzuhängen.“

„War er süchtig?“

„Kann ich nicht sagen, aber ich vermute es stark, würde mich zumindest nicht überraschen, drücken wir es einmal so aus. Der hat alles mitgenommen, was das Leben zu bieten hatte“, versicherte sie.

„Wie und wo kann ich Marion erreichen?“

„Sie wohnt zusammen mit einer Freundin in einem kleinen Apartment. Warten Sie, ich suche Ihnen die Adresse raus, sie steht auf meinem Merkblock. Hier ist sie.“

„Danke“, sagte Bramberger. „Können Sie mir verraten, wovon Jürgen Artner lebte?“

„Bestimmt nicht von seiner Hände Arbeit“, versicherte sie. „Fragen Sie am besten Marion. Aber erwarten Sie ja nicht, dass das Mädchen gegen Jürgen Artner Partei nimmt. Sie ist ihm verfallen, einfach hörig.“

„Ich fahre am besten zu ihr“, sagte die Polizistin.

„Ja, das würde ich auch empfehlen. Die Nachricht von Jürgens Tod wird sie wie ein Schlag treffen.“

„Mit wem wohnt sie zusammen?“

„Mit Samantha Gruber, einer Kollegin. Ich beschäftige Sam ebenfalls als Kosmetikerin.“

„Danke“, sagte Bramberger und hängte auf.

Bis zu ihrer Wohnung war es nicht weit. Der Gedanke, einem jungen verliebten Mädchen beibringen zu müssen, dass sein Freund tot war, bedrückte sie. Hinzu kam, dass sie sehr vorsichtig sein musste, wenn sie nicht wollte, dass ihr Besuch als eine Beeinflussung ausgelegt wurde. Bestimmt würde Marion am nächsten Tag Richard Spielmans Bericht lesen. Vielleicht würde sie ihm glauben und zu der Auffassung gelangen, dass ihr Besuch nur dem Zweck gegolten hatte, für ihre Version des Geschehens Reklame zu machen.

Das Haus war ein moderner, aber nicht sehr aufwendiger Neubau mit mehreren Etagen, ein richtiger Wohnblock, der den Namen Block in mehrfacher Hinsicht verdiente. Die Mädchen wohnten im dritten Stockwerk. Bramberger fuhr mit dem Lift hinauf und klingelte.

Das Mädchen, das ihr öffnete, hatte sich ein paar Lockenwickler ins Haar gedreht und ein Chiffontuch darüber geknüpft. Sie war blass, hübsch und großäugig, nicht viel älter als zwanzig und von einer fast knochigen Schlankheit. Bekleidet war sie mit grüner Samt Hose und einem schwarzen T-Shirt.

„Bramberger“, stellte sie sich vor. „Ist Marion Bell zu sprechen.“

„Tut mir leid. Marion ist gerade weggegangen. Dieser Kerl hat sie einfach mitgenommen.“

„Welcher Kerl?“, fragte Bramberger.

„Ich kenne ihn nicht, aber er war mir verdammt unsympathisch. Was wollen Sie denn von Marion?“

„Ich bin Polizei-Beamtin“, sagte Bramberger und zeigte ihr ihren Ausweis.

„Hat Jürgen etwas angestellt?“, entfuhr es ihr.

„Wie kommen Sie denn darauf?“

„Wenn eine wie Sie hier aufkreuzt und nach Marion fragt, steckt meistens Jürgen dahinter. Meistens? Immer! Marion würde nie etwas Ungesetzliches tun — höchstens dann, wenn Jürgen sie dazu anstiftet. Der schreckt vor nichts zurück.“

„Wie gut kennen Sie ihn?“

„Gut genug, um ihn zum Kotzen zu finden.“

„Er kam oft her?“

„Nicht mehr in letzter Zeit“, sagte Samantha. „Er mochte mich nicht — was ganz auf Gegenseitigkeit beruhte. Wollen Sie nicht hereinkommen?“

„Danke“, erwiderte Bramberger und ließ sich von ihr in ein typisches Jungmädchenwohnzimmer führen. Die Wände waren mit knalligen Pop-Postern bepflastert. Manche Stücke der Einrichtung machten einen selbstgefertigten Eindruck. Der Raum war in ein ziemlich diffuses Licht gehüllt, wurde aber sofort heller, als Samantha Gruber einen Lampenschirm hochklappte. Wir setzten uns. Das Mädchen steckte sich eine Zigarette an.

„Was war das für ein Mann, der Marion abgeholt hat?“, fragte Bramberger, die ein Gefühl des Misstrauens beschlichen hatte.

„Der Killer“, antwortete Samantha.

„Wie bitte?“, stieß Bramberger wie elektrisiert hervor.

„Der Killer“, wiederholte Sam. Sie war sich bewusst, welche Wirkung dieser Name auf die Polizistin ausübte. „Jürgen nannte ihn so.“

„Wann war das?“, fragte Bramberger sofort, deren Gefühl für ein schreckliches Ereignis sich steigerte.

„Was? Als er abgeholt wurde? Oder als er Killer genannt wurde?“

„Beides“, antwortete Bramberger und wartete gespannt auf die Antwort.

Sam nahm noch einen Zug aus der Zigarette, ehe sie sie auf einer Untertasse ausdämpfte. Sie hatte sich schon länger nach einem Aschenbecher umgesehen, aber keinen gefunden.

„Vor drei oder vier Wochen. Marion, Jürgen und ich saßen in einem Straßencafé, da kam dieser Typ vorbei. So ein Gesicht vergisst man nicht. Jürgen sagte: ›Seht ihn euch an. Das ist ein Killer, und so nennen sie ihn auch.‹ Das waren seine Worte. Natürlich dachten Marion und ich, dass das nur Angabe von ihm sei. Wichtigtuerei. Aber Jürgen bestand darauf, dass er den Mann kennen würde und genau wusste, was mit ihm los war.“

„Hat er einen Namen genannt?“

„Nein, er sprach nur vom ›Killer‹.“

Bramberger erhob sich. „Wann hat der Mann Marion abgeholt — und mit welcher Begründung?“

„Vor fünf Minuten. Er sagte, dass mit Jürgen etwas los sei und dass er sie zu ihm bringen müsste.“

„Zu ihm bringen...“, murmelte Bramberger und merkte, wie sie ein Frösteln überlief.

„Wo ist denn Jürgen?“, drängte das Mädchen.

„Im Jenseits“, sagte die Kommissarin.

image
image
image

4

image

Warum sagen Sie nichts?“, drängte Marion nervös.

Sie bereute es jetzt schon, dem Mann gefolgt zu sein. Sein Verhalten ängstigte sie irgendwie. Vielleicht trug zu ihrer Stimmung auch bei, dass Jürgen ihn ihr als einen Mörder vorgestellt hatte. Lieber Himmel, welche Beziehungen bestanden zwischen Jürgen und diesem schweigsamen, düsteren Fremden?

„Was sollte ich denn sagen?“, murmelte der Mann. Er fuhr den unauffälligen dunkelblauen Ford mit viel Konzentration und ohne Eile.

„Zum Beispiel, weshalb ich mitkommen sollte.“

Marion starrte geradeaus durch die Windschutzscheibe. Immerhin befanden sie sich auf dem Weg zu Jürgens Wohnung, das beruhigte sie.

„Warum ist er nicht selbst gekommen?“, fragte sie.

„Dazu war er nicht in der Lage.“

„Ist ihm etwas zugestoßen?“

„Ja, das sagte ich doch schon.“

„Sie haben mir nicht gesagt, was es ist.“

„Er ist tot“, sagte der Killer.

Marion saß wie erstarrt. Draußen zogen Häuser, erleuchtete Schaufenster und rollende Fahrzeuge vorüber, alles schien in Bewegung zu sein, und doch hatte sie auf einmal das Gefühl, dass die Welt stillstand.

„Nein“, murmelte sie und begann zu zittern. „Nein!“

„Er hat sich was angetan“, sagte der Mann und stoppte bei Rot an einer Ampelkreuzung.

„Sich was angetan — ohne mich zu benachrichtigen? Das gibt es nicht!“, stieß sie hervor.

„Er kann gar nichts mehr tun. Er ist tot.“

Die neuerliche Bestätigung schnürte ihre Kehle zu. Sie wollte etwas sagen, aber in ihrem Hals saß ein Kloß. Sie atmete mehrmals tief ein und aus, ehe sie vermeinte, dass es ihrer Stimme wieder besser ging.

Das musste auch der Killer gedacht haben, denn jetzt sprach er endlich. Er fragte sie:

„Wann haben Sie zuletzt mit ihm gesprochen?“

„Heute am Nachmittag. Wir haben zusammen Kaffee getrunken, ich hatte frei.“

„Ah“, sagte der Mann. Die Ampel sprang auf Grün. Sie fuhren an.

„Reden Sie doch!“, keuchte Marion und merkte gar nicht, wie sie ihre Hände in seinen Unterarm verkrallte. „Ich muss wissen, was passiert ist! Er kann nicht tot sein. Ich glaube es nicht. Sie machen mir etwas vor!“

Er schüttelte sie wütend ab. „Aufhören! Wollen Sie, dass wir gegen einen Leitungsmast prallen?“

Marion erschlaffte. Sie sank ein wenig in sich zusammen, starrte durch die Windschutzscheibe, sah die knalligen Farben und Lichter, und hatte deutlicher als zuvor das Empfinden, dass diese Fahrt keinen Zusammenhang mit der Wirklichkeit hatte, dass sie ein absurder, grotesker Traum war.

„Er lebt, er muss leben“, murmelte sie.

„Er hat sich aufgeknüpft.“

„Aufgeknüpft?“, murmelte sie und brauchte einige Sekunden, ehe ihr der furchtbare Sinn der Worte klar wurde.

„Ein Bulle hat ihn so weit gebracht.“

Details

Seiten
120
Jahr
2021
ISBN (ePUB)
9783738953701
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Mai)
Schlagworte
eine runde leben kommissarin bramberger

Autor

Zurück

Titel: Eine letzte Runde Leben: Kommissarin Bramberger ermittelt