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Verlier dein Leben in Berlin: Berlin 1968 Kriminalroman Band 2

2021 140 Seiten

Leseprobe

Verlier dein Leben in Berlin: Berlin 1968 Kriminalroman Band 2


von Tomos Forrest



Der Umfang dieses Buchs entspricht 127 Taschenbuchseiten.



Privatdetektiv Bernd Schuster hat schon einmal einen Fall für Carsten Mittler übernommen, denn dessen Frau Yvonne hatte sich einfach aus dem Staub gemacht. Doch nun sitzt er wieder im Büro des Privatdetektivs und bittet ihn um Hilfe.

Mittler glaubt, dass er in das Schussfeld des BKA geraten ist. Doch er kann sich den Grund nicht erklären. Schuster übernimmt den Fall und stößt auch gleich auf einen Toten ... und wo die schnelle Mark gemacht werden kann, verliert man auch schnell sein Leben!



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

Cover: Nach Motiven und Grischa Georgiew 123rf – Steve Mayer, 2021

Titel/Charaktere/Treatment © by Marten Munsonius & Thomas Ostwald, 2021

Roman – Nach Motiven – by Tomos Forrest, 2021

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1.

Bernd Schuster fielen sofort die Beamten auf, die am Zugang der Öffentlichen Toilette standen. Zwei Sanitäter drängten sich durch die Neugierigen, während die Polizisten versuchten, die anderen zurückzudrängen.

„Weitergehen, nicht stehenbleiben!“, sagte ein großer, breitschultriger Zivilist, der eben aus den Toilettenräumen trat und den Uniformierten zunickte. „Danke, Kollege!“

Die ganze Szene hatte nichts Ungewöhnliches.

Schuster war eben mit dem Zug aus Hannover zurückgekommen und wollte vom Bahnhof Zoo hinüber in seine Wohnung in der Kurfürstenstraße. Der Menschenauflauf hatte seinen raschen Schritt gebremst, und jetzt hob der große Zivilbeamte die Hand und winkte zu ihm herüber.

„Guten Tag, Horst!“, grüßte Schuster seinen Bekannten bei der Kriminalpolizei. „Am frühen Vormittag schon ein Mordfall?“

„Nein, Schuster. Hast du mal eine Zigarette für mich?“

Der Privatdetektiv griff in die Tasche seines dunkelbraunen Cordjacketts und zog eine Packung Roth Händle heraus.

Südermann verzog das Gesicht schmerzlich.

„Hatte vergessen, dass du dieses Kraut liebst. Aber egal, ich bin mal so frei!“

Bernd Schuster hatte seinen kleinen Aktenkoffer zwischen den Füßen abgestellt, nahm sich selbst eine Zigarette und hielt dem Inspektor das Feuerzeug hin.

„Lass uns ein paar Schritte abseits gehen.“

„Also nichts für dich. Dann tippe ich auf einen Drogentoten“, sagte Schuster und blickte den Inspektor erwartungsvoll an. Der stieß eine große Qualmwolke aus und nickte.

„Da kommen die Kollegen vom Rauschgiftdezernat schon. In diesem Monat bereits der dritte Tote, und keiner von diesen Burschen war bislang älter als zwanzig Jahre. Mann, Schuster, kannst du dir das vorstellen? Der erste Junge war gerade mal vierzehn Jahre, der zweite knapp Achtzehn, jetzt dieser hier. Laut Ausweis zwanzig Jahre. Das Schlimme diesmal: Ich kenne den Toten. Tony, der in der Disco Brom in der Kantstraße auflegt. Anton Kaufinger, bürgerlicher Name.“

Schuster zog die Augenbrauen hoch.

„Tony aus dem Brom? Ist das sicher, Horst?“

„So sicher wie das Amen in der Kirche. Und für uns beide besonders übel. Wir haben beide Töchter. Und ich weiß von meiner Doris, dass sie und deine Lucy und noch ein paar andere Mädchen da fast jeden Abend sind.“

Die beiden wechselten einen raschen Blick.

„Aber dieser Tony – was hat er genommen? Doch nicht nur einen Joint oder ein mit LSD getränktes Stück Löschpapier unter die Zunge gelegt! Gibt es jetzt im Brom harte Drogen?“

Inspektor Horst Südermann zog die Schultern hoch.

Ein Blick in sein Gesicht hätte einem Unbeteiligten gezeigt, dass der Inspektor in den letzten Minuten um Jahre gealtert schien. Seine Gesichtshaut wirkte plötzlich grau, und die Schultern des schweren, massigen Polizisten hingen kraftlos herunter.

„Das war eindeutig der Goldene Schuss, da brauche ich keinen Gerichtsmediziner. Liegt da zusammengekrümmt neben dem vollgeschissenen Klobecken, seine Utensilien noch verstreut, und hat mit zwanzig Jahren den letzten Schnaufer gemacht.“

Die beiden schwiegen, dann griff Schuster seinen Koffer wieder auf.

„Ich muss los, Horst. Wer weiß, was mich im Büro alles wieder erwartet. Aber ich denke, wir sollten ein ernstes Wort mit unseren Töchtern reden.“

„In jedem Falle, Schuster, in jedem Falle. Und darum beten, dass uns so etwas erspart bleibt!“

Die beiden Männer nickten sich zu, dann ging ein sehr nachdenklicher Bernd Schuster dem Ausgang zu, wartete an der Ampel auf die Grünphase und hatte schon wieder ein schlechtes Gefühl. Ein Blick zur anderen Straßenseite zeigte ihm zwei blonde Mädchen, vielleicht im Alter seiner Tochter. Schulterlange Haare, ein buntes Stirnband. Superkurzer Mini-Rock, der beim Gehen wippte und dem Betrachter verriet, dass keines der beiden Mädchen einen Slip trug.

Bernd Schuster musste bei diesem Anblick würgen.

Wieder zwei Kinder auf dem Baby-Strich. Ich würde am liebsten hinüberlaufen und sie an den Schultern packen und schütteln, um sie aufzuwecken. Aber das ist… verdammt!‘, unterbrach er seine Gedanken, als ein großer Ford neben den beiden kurz anhielt, die Mädchen sich über das Fenster beugten und gleich darauf einstiegen. Als der Fahrer Gas gab, sprintete Schuster los, die Aktentasche in der Hand.

Schon nach wenigen Metern erkannte er das Sinnlose seiner Bemühungen.

Der Ford war schon um die nächste Straßenecke gebogen.

Schuster ballte die Faust und schlug sie gegen einen Laternenpfahl.

Der Schmerz brachte ihn wieder zur Besinnung.

Kopfschüttelnd machte er kehrt und schlug den Weg zur Kurfürstenstraße ein.

Er hatte sich fest vorgenommen, noch an diesem Nachmittag mit Lucy zu sprechen. Da ahnte er jedoch nicht, dass dieses Gespräch auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden musste, weil ihn sein beruflicher Alltag gleich vereinnahmte. Franziska, seine treue Hilfe, schob ihm ein paar Notizen hin, als er in das Büro in dem ehemaligen Laden trat, und gleich darauf klingelte das Telefon.

„Willkommen daheim!“, sagte Franziska lächelnd und hielt ihm den Telefonhörer hin.





2.

Carsten Mittler kippte den Glasinhalt einfach hinab. Dann schob er das geleerte Glas über den Tresen zurück.

„Noch einen“, sagte er.

Im glattrasierten Gesicht des Barkeepers zuckte kein Muskel. Er griff nach der Whiskyflasche und füllte das Glas. Carsten Mittler stemmte einen Ellenbogen auf den Tresen, schaute sich flüchtig in dem mäßig besuchten Lokal um und verzog angewidert das Gesicht. Schlimm, was es für Pinten gab in der Großstadt West-Berlin! Aber nicht einmal halb so schlimm wie das, was er hinter sich hatte.

„Mein Gott“, stieß er hervor.

„Bitte?“, fragte der Barkeeper. Er stellte das Glas vor Mittler hin. Der griff danach.

„Nichts“, sagte Mittler und trank. Diesmal nahm er sich Zeit damit, aber das war falsch. Der Whisky war nicht von der Sorte, die ein genussvolles Abschmecken vertrug, er taugte nichts.

In diesem Moment öffnete sich die Tür. Mittler schluckte, als er den Mann sah, der hereinkam.

Ein Blonder mit schütterem Haar.

Er trug Cordhosen, ein Cordjackett, darunter ein kariertes Sporthemd und schiefgetretene Lederslipper. Er war ungefähr mittelgroß und ließ die linke Schulter hängen. Langsam kam er näher. Die Art, wie er sich bewegte, hatte etwas unnatürlich Hölzernes. Er ging wie einer, der die Kontrolle über sich zu verlieren drohte. Es schien, als kostete es ihm eine Menge Kraft, aber er wankte weiter, leicht torkelnd und dennoch zielbewusst.

Sein Ziel war Carsten Mittler.

„Wenn das kein Zufall ist“, sagte Carsten Mittler grimmig.

Der Mann hielt sich am Tresen fest. Der Barkeeper sah ihn an. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber irgendetwas brachte ihn dazu, sich eine Bemerkung zu verkneifen.

„Ich ... BKA ...“, murmelte der Mann.

Er sprach nicht laut, aber was er sagte, war gut zu verstehen.

„Was ist los?“, wollte Carsten Mittler wissen.

„Einhundertzehn“, murmelte der Mann. Dann brach er abrupt zusammen.

Carsten Mittler sah das Loch in seinem Rücken. Es befand sich in der Cordjacke und schimmerte feucht. Das nachdrängende Blut veranlasste Mittler, seine Augen zu schließen. Ihm war auf einmal ganz schlecht.

„Ist er betrunken?“, fragte der Barkeeper, verließ seinen Arbeitsplatz und kam um den Tresen herum. Jetzt waren auch die anderen Gäste aufmerksam geworden. Sie kamen näher und bildeten einen Halbkreis um den Gestürzten. Der Barkeeper kniete sich neben dem Mann auf den Boden und drehte ihn mit einiger Anstrengung auf die Seite. Er blickte in die weit offenen, gebrochenen Augen des Mannes, schickte einen grimmigen Blick in die Runde und erklärte: „Da ist nichts mehr zu machen, Freunde. Den hat’s erwischt.“

„Tot?“, fragte jemand überflüssigerweise.

„Tot“, bestätigte der Barkeeper und kam auf die Beine.



3.

Mittler legte ein paar Geldscheine auf den Tresen und ging zur Tür. Der Anblick von Blut schlug ihm auf den Magen, er brauchte frische Luft.

Der Barkeeper rief ihm hinterher: „He, Sie! Warten Sie mal! Sie müssen bleiben, bis die Polizei kommt. Er hat doch mit Ihnen gesprochen, oder?“

Mittler blieb an der Tür stehen. Es fiel ihm schwer, gegen seine Übelkeit anzukämpfen. „Er hat was gesagt, aber ich kann damit nichts anfangen. Verdammt, ich kenne den Mann nicht!“

Er verließ das Lokal, lehnte sich gegen die Hauswand und pumpte seine Lungen voll Luft. Er brauchte fast eine volle Minute, ehe er sich soweit gefangen hatte, dass er weitergehen konnte. Er marschierte zu seinem Wagen, startete die Maschine und fuhr los. Sein Ziel war die Kurfürstenstraße. Er ließ den Ford P7 in einer Parkverbotszone in der Ansbacher Straße stehen, ging die wenigen Schritte zum Häuserblock und betrat das Ladenbüro.

„Hallo, Süße“, sagte Mittler, als er den Empfangsraum betreten hatte und das Mädchen sah, an das er sich so gern erinnerte. „Ich hab’s einfach nicht ausgehalten. Ich musste Sie unbedingt wiedersehen.“

Das Mädchen hinterm Schreibtisch lächelte ihm in die Augen. Es war ein Lächeln, das Mittler wohltat. Er stützte sich mit beiden Händen auf den Schreibtisch, warf einen Blick auf das hölzerne Namensschild, das dabei zwischen seine Hände geriet und sagte: „Franziska. Ein zauberhafter Name. Er gefällt mir so gut wie Sie selbst.“

„Vergessen Sie nicht, dass Sie ein verheirateter Mann sind, Herr Mittler“, sagte Franziska lächelnd. Sie wusste sofort, wer der Besucher war und hatte ihn entsprechend eingestuft.

„Wo steht geschrieben, dass es einem Verheirateten verwehrt bleiben muss, sich ästhetischen Betrachtungen hinzugeben, die nicht an die Person seiner Frau gebunden sind? Spaß beiseite. Ich bin durchaus nicht so scherzorientiert, wie es Ihnen vorkommen mag. Ich habe etwas ganz Scheußliches erlebt. Ich muss Bernd Schuster sprechen. Er ist doch im Büro?“

„Ja, ich melde Sie an. Der Chef ist gerade erst aus Hannover zurück“, sagte Franziska, betätigte die Sprechtaste der Gegensprechanlage und setzte ihre Worte in die Tat um.

Eine Minute später begrüßte Carsten Mittler den Mann, der ihm auf halbem Wege in seinem Privatbüro entgegenkam, durch einen kräftigen Handschlag.

„Hallo, Herr Schuster“, sagte Mittler. „Offenbar kann ich ohne Sie nicht mehr leben.“

„Setzen Sie sich doch!“, sagte Bernd Schuster und schob dem Besucher einen Sessel zurecht. „Was kann ich diesmal für Sie tun?“

Mittler lehnte sich seufzend zurück.

„Ich wünschte, ich wäre so groß wie Sie, so bedeutend ... und ich könnte mir ein Mädchen im Vorzimmer leisten, das wie Franziska aussieht. Wie geht es Ihrem Mitarbeiter Knut? Er hat mich seinerzeit tief beeindruckt. Erst hielt ich ihn ja für einen Spargeltarzan, aber dann zeigte er mir sehr schnell, was in ihm steckt.“

„Knut ist in Ordnung. Er macht heute frei.“

„Sie sind doch auch frei - für mich, hoffe ich?“

„Erzählen Sie mir bitte nicht, dass ich schon wieder Ihre Frau suchen soll.“

„Sie ist nicht zu Hause, aber das hat aufgehört, mir Sorgen zu machen. Ich bin fertig mit ihr. Sie ist ein Flittchen. Eine wie Yvonne kann man nicht ans Haus binden, das ist einfach ausgeschlossen.“

„Seit wann ist sie verschwunden?“

„Es geht nicht um Yvonne, es geht um mich. Kennen Sie das Lokal ‚Die Funzel‘ in Wilmersdorf?“

„Nein.“

„Das überrascht mich nicht. Ein Pennerschuppen. Ich bin eher zufällig da reingeraten, denn ich brauchte eine Stärkung. Noch während ich da an der Theke stehe, kommt der Killer rein.“

„Wer?“

„Der Mörder. Der Mann, der mich umlegen wollte.“

Bernd setzte sich erst jetzt. Er lächelte.

„Nun mal langsam, Herr Mittler. Soviel ich weiß, besitzen Sie einen gut gehenden Schreibmaschinengroßhandel.“

„Büromaschinen“, korrigierte Mittler. „Mit Schreibmaschinen allein ist kein Geld zu verdienen.“

„Okay, Büromaschinen. Sie zahlen pünktlich Ihre Steuern, beschäftigen zwei Dutzend Angestellte und bemühen sich, ein guter Bürger zu sein. Das letzte Mal versicherten Sie mir, keine Feinde zu haben. Aber wenn das stimmte und wenn Ihr Leben sich während der letzten sechs oder sieben Monate nicht grundlegend geändert haben sollte, gibt es wohl für niemand einen Grund, Ihnen nach dem Leben zu trachten.“

„Dann wüsste ich gern, warum der Mann auf mich gezielt hat ... und kurz darauf selbst ins Gras beißen musste.“

„Haben Sie getrunken, Herr Mittler?“

„Zwei Whisky, aber ich weiß verdammt genau, wovon ich rede“, sagte der Besucher. „Ich war unterwegs zu meinem Steuerberater, zu Herrn Tobias Schulz, der sein Büro in der Brandenburgischen Straße hat. An einer Ampelkreuzung musste ich halten. Plötzlich schob sich ein Wagen in mein Blickfeld. Nun interessiert sich in dieser Stadt kein Kraftfahrer für Fahrzeuge, die neben ihm halten. Es sei denn, es säße eine hübsche Puppe am Steuer. Aber diesmal musste ich wie unter Zwang den Kopf wenden, und da bemerkte ich es. Ein Mann zielte mit einer Waffe auf mich. Ich saß wie erstarrt. Ich sah ihn genau, das Gesicht, das schüttere Blondhaar, die Art, wie er beim Zielen ein Auge zukniff. Komischerweise hatte ich keine Angst. Ich dachte: Der erlaubt sich einen Scherz. Ich wollte mich nicht lächerlich machen, indem ich Entsetzen zeigte oder mich auf den Boden warf, verstehen Sie?“

„Ich verstehe“, sagte Bernd geduldig.

„Ich sah, wie er den Finger am Abzug krümmte. In diesem Moment tauchte ein Streifenwagen auf der anderen Seite des Wagens auf. Ein Zufall. Der Kerl mit der Waffe reagierte sofort. Er ließ sie sinken. Die Ampel sprang auf Grün. Die Kolonne setzte sich in Bewegung. Ich bog in die Wegener ein und hielt. Ich brauchte eine Stärkung. Auf diese Weise geriet ich in die ‚Funzel‘.“

„Weiter“, bat Bernd, der nicht den Eindruck machte, als ob die Geschichte des Besuchers ihn vom Stuhl zu reißen drohte.

„Ich trank einen Whisky, dann bestellte ich mir den zweiten. Ich versuchte mir darüber klarzuwerden, was der Mann von mir gewollt hatte ... mein Leben oder nur die Genugtuung, jemand erschreckt zu haben. Noch ehe ich mir darüber klarzuwerden vermochte, kreuzte er auf. Er betrat die ‚Funzel‘. Betreten ist möglicherweise nicht der richtige Ausdruck. Er torkelte herein, kam geradewegs auf mich zu und hatte dabei Mühe, die Balance zu halten. Zunächst dachte ich, er habe einen über den Durst getrunken, aber dann kippte er um, und ich entdeckte, was er mit sich herumschleppte: eine tödliche Verletzung im Rückenbereich.“

„Mit dieser Geschichte können Sie bei jeder Zeitung einen Haufen Geld verdienen.“

„Ich habe genug Geld“, knurrte Mittler, „aber ich habe plötzlich Zweifel, ob mir die Chance erhalten bleibt, es auszugeben. Jemand will mir an den Kragen. Deshalb bin ich hier, Sir. Ich erwarte, dass Sie herausfinden, was es mit der Sache für eine Bewandtnis hat. Der Kerl behauptete, vom BKA zu sein.“

„Sie haben mit ihm gesprochen?“

„Das ist zu viel gesagt. Er brachte, ehe er zu Boden ging, ganze drei Worte heraus. Ich. BKA. Und einhundertzehn. Einhundertzehn! Ist es möglich, dass das ’ne Agentennummer ist ... so ähnlich wie 007?“

„Keine Ahnung“, sagte Bernd. „Was passierte danach?“

„Er fiel um und war tot. Mir wurde dabei ganz blümerant, und ich setzte mich ab. Ich verließ das Lokal und fuhr geradewegs zu Ihnen. Das ist alles.“

„Was erwarten Sie von mir?“

„Ich muss wissen, warum die Hundertzehn hinter mir her war. Warum sie mich töten wollte. Das ergibt alles keinen Sinn. Es macht mich fertig. Setzen wir mal den Fall, dass ich mit jemand verwechselt wurde. Dann ist die Hundertzehn zwar tot, aber ich stehe immer noch auf der Abschussliste des BKA. Verdammt, dagegen muss doch etwas unternommen werden! Kennen Sie jemand von diesem Verein?“

„Mal davon abgesehen glaube ich nun wirklich nicht, dass das Bundeskriminalamt eine Killerorganisation ist, für die Sie es halten. Natürlich ist es gezwungen, gelegentlich ein paar üble Tricks zu praktizieren, aber das bewegt sich im Wesentlichen auf der politischen Ebene, in Etagen, die hoch über Ihnen liegen. Ich kann mir einfach nicht denken, dass das BKA an Carsten Mittler, Büromaschinen en detail und en gros, interessiert sein sollte.“

„Was Sie sagen, trifft genau das, was ich auch denke, aber die Tatsachen sind nun mal anders. Ein Sterbender lügt nicht. Warum sollte er? Er hat sich mir vorgestellt. BKA. Und einhundertzehn. Ich muss wissen, wer der Mann war, was er von mir wollte, und weshalb er mit einer Kugel an der Ausführung seines Auftrages gehindert wurde.“

„Sie hätten das Eintreffen der Polizei abwarten sollen“, meinte Bernd, „dann wüssten Sie jetzt schon den wirklichen Namen des Toten.“

„Er wird in den Zeitungen stehen, hoffe ich. Aber das genügt mir nicht. Der Mann hat versucht, auf mich zu schießen - und dann ist er selbst ein Mordopfer geworden. Natürlich könnte ich jetzt zur Polizei gehen und den Burschen erklären, was ich Ihnen erzählt habe, aber das würde nur dazu führen, dass ich in die Behördenmühle gerate und mit dem Tod des Ärmsten in Zusammenhang gebracht werde. Sie werden verstehen, dass ich dazu keine Lust habe.“

„Okay“, sagte Bernd. „Klingt interessant. Ich übernehme den Fall.“





4.

Behutsam schob sie ihren Schlüssel ins Schloss, drehte ihn vorsichtig und ließ die Wohnungstür aufschnappen. Dahinter lag alles im Dunkel. Lucy hielt den Atem an, lauschte.

Dann huschte sie in den Flur, schloss die Tür so leise wie möglich und verhielt erneut.

Alles schien gut zu gehen, ihr Vater musste bereits schlafen.

Noch einmal lauschte sie an der Tür zu ihrem Zimmer, dann trat sie entschlossen ein. In diesem Augenblick flammte das Licht auf, und sie wich mit einem leisen Aufschrei zurück.

Ihr Vater saß in dem alten Ohrensessel, den sie einst vor dem Sperrmüll gerettet hatte. Als erste Arbeit riss sie den Bezugsstoff herunter und bespannte den Sessel dann mühsam neu. Ihr Vater half dabei, hatte die Polsternägel besorgt und achtete darauf, dass beim Befestigen des neuen Stoffes keine Falten entstanden.

Er hatte eben den Lichtschalter am Nachttisch betätigt und sah ihr mit strenger Miene entgegen.

Verlegen blieb Lucy in der Türöffnung stehen. Das war jetzt wirklich gründlich schief gelaufen.

„Was hast du zu deiner Entschuldigung vorzubringen?“

„Ich weiß, es ist spät geworden, Daddy, aber ich…“

„Es ist bereits 23.10 Uhr. Wir hatten 22.00 Uhr vereinbart.“

„Ich weiß, und es tut mir ja auch leid, aber ich…“

„Lucy, ich habe dir vertraut. Du wolltest unbedingt heute Abend noch einmal los, und ich habe mich von dir breitschlagen lassen, obwohl du morgen eine Mathe-Arbeit schreibst. Und wir haben klare Absprachen getroffen. Warum kann ich dir in Zukunft wohl nicht mehr vertrauen?“

„Aber Daddy, es war wirklich keine Absicht! Ich konnte nicht anders…“

„Du konntest nicht anders? Warum? Hat man dich gefesselt und an die Bar gebunden?“ Seine Stimme klang scharf, aber sein Gesicht war jetzt in der schlechten Deckenbeleuchtung nur noch traurig. Der Geruch von Zigaretten und Bier, den Lucy aus jeder Pore zu verströmen schien, machte die Sache für ihn nicht besser.

„Bitte, versteh‘ mich doch! Ich hatte dir doch gesagt, dass wir alle wegen eines Freundes zusammengekommen sind, verstehst du das nicht? Er war verschwunden, und niemand wusste, weshalb er nicht mehr zum Auflegen in die Disco kam. Da wollten wir…“

„Von wem redest du, Lucy? Von welchem Freund?“

„Von Tony, dem Disc-Jockey im Brom!“

Bernd musste sich beherrschen, um nicht laut zu werden.

„Tony ist tot, Lucy. An einer Überdosis gestorben, ganz beschissen in einer öffentlichen Toilette am Bahnhof Zoo. Der goldene Schuss, verstehst du das? Der erste Drogentote in deiner Lieblingskneipe! Himmeldonnerwetter, Lucy, du bist doch wohl alt genug, um dich von solchen Orten fernzuhalten, oder?“

„Tony ist tot? Oh, mein Gott, das ist nicht wahr!“

Die schmale Gestalt seiner Tochter schwankte im Türrahmen, und noch bevor er aus dem Sessel aufspringen konnte, klappte sie förmlich zusammen. Bernd Schuster spürte, wie ihn etwas wie ein Messerstich direkt ins Herz traf. Mit einem Sprung war er bei ihr, hob sie vom Boden auf und legte sie auf ihr Bett. Dann lief er ins Bad, nahm ein Handtuch und ließ das Wasser darauf laufen.

Als er in ihr Zimmer zurückkehrte, schlug sie gerade die Augen wieder auf.

„Lucy! Bist du in Ordnung? Du hast mir vielleicht einen Schrecken eingejagt!“, sagte er besorgt, faltete das Handtuch zusammen und fuhr ihr damit über die Stirn und den Hals.

„Papa…“, klang ihre Stimme kläglich.

Da war nichts mehr von der coolen Lucy, seiner gerade mal siebzehn Jahre alten Tochter, der er bittere Vorwürfe machen wollte aufgrund der verspäteten Heimkehr. Stattdessen kniete er jetzt neben ihrem Bett, tupfte ihr die Stirn und immer wieder den Hals, bis sie sich plötzlich aufrichtete.

„Es ist gut, Papa, ich bin nur … so erschrocken! Weißt du das sicher mit Tony?“

„Natürlich, Lucy! Du weißt, dass ich einen direkten Draht zur Polizei habe. Aber es war ein echter Zufall. Ich kam mit dem Zug aus Hannover an, bemerkte den Auflauf in der Halle und wollte vorbeigehen, als ich Horst Südermann sah, der mir zuwinkte. Man hatte einen Drogentoten gefunden.“

„Und da … hast du von … Tony erfahren?“

„So ist es. Er hat ja wohl schon länger mit LSD und anderen Drogen im Brom gehandelt. Ich denke mal, du weißt das. Aber er selbst war schon längst nicht mehr mit diesen Dingen zufrieden. Tony hing bereits längere Zeit an der Nadel.“

„Tony spritzte sich Heroin?“, erkundigte sich Lucy entsetzt.

„Ja, das steht fest. Seine Unterarme waren übersät mit Einstichen. In der letzten Zeit muss er sich auch unter die Fußsohle gespritzt haben, damit man die zahlreichen neuen Stellen nicht sofort bemerkte, wenn er in der Disco auflegte, erzählte mir Südermann am Nachmittag, als wir noch einmal telefonierten. Aber ist dir nie aufgefallen, was mit diesem Tony los war? Ich meine, selbst im Dunkeln muss man doch die Stellen an seinen Armen bemerkt haben!“

Bernd Schuster hatte seinen Tonfall von ärgerlich bereits längst zu besorgt gewechselt. Jetzt ging es nicht mehr um die Verspätung der Siebzehnjährigen, sondern ausschließlich um die Sorge des alleinerziehenden Vaters um seine Tochter.

„Nein, Papa, ich schwöre es dir, dass ich nie etwas davon bemerkt habe. Im Brom ist es immer schummrig, und auch, wenn die Discokugeln sich drehen, kann man nichts auf den Armen eines anderen wirklich erkennen. Gerüchte hat es immer gegeben, aber heute haben wir uns versammelt, weil wir alle in Sorge waren, dass man Tony überfallen haben könnte.“

„Überfallen? Warum?“

„Er hat immer die Tageseinnahmen in einer Geldbombe mitgenommen und auf dem Nachhauseweg in den Nachttresor geworfen. Jemand erzählte, dass er dabei schon einmal überfallen wurde!“, erklärte Lucy mit stockender Stimme.

„Das war nun nicht der Fall, aber…“

Bernd Schuster schwieg beklommen. Sein Zorn war längst verraucht, und immer wieder strich er seiner Tochter über Gesicht und Wangen, wie um sich zu überzeugen, dass sie wirklich auf ihrem Bett lag und zu Hause, in der Sicherheit ihrer Wohnung, wohlbehalten angekommen war.

Eine Zeitlang schwiegen die beiden, und Bernd sah, wie seine Tochter zitterte. Er hielt ihre Hand und bemerkte erst nach einer ganzen Weile ihre tiefen Atemzüge.

Lucy war erschöpft eingeschlafen, und er betrachtete ihr zartes Gesicht, das von den langen, blonden Haaren umrahmt wurde.

Sie sieht aus wie ihre Mutter, als wir uns kennen gelernt haben. Mein Gott – wie lang ist diese Zeit in Frankfurt eigentlich her? Ich bin jetzt 39 Jahre, Lucy ist Siebzehn. Ich war nur zwei Jahre älter, als ich mich für zwölf Jahre bei der Bundeswehr verpflichtete. Dann lernte ich Rosanna kennen, wir heirateten, ein Jahr später bist du auf die Welt gekommen, mein Liebling. Dann mein Dienstende bei den Feldjägern, die Trennung, der Umzug nach West-Berlin. Meine Erbschaft. Das Büro nach meiner Ausbildung zum Detektiv mit Diplom. Immerhin. Und jetzt diese Scheiß-Drogen in dieser verfluchten Stadt! Wie kann ich dich aus allem heraushalten, Lucy? Wie soll das gehen in dieser verrückten Stadt, in der beinahe an jedem Tag eine Demonstration stattfindet, die Polizisten auf Demonstranten einschlagen und Studenten sich mit den Kommunisten solidarisch erklären, sich unterhaken und über den Kuh’damm laufen, um gemeinsam lautstark ‚Ho-Ho-Ho Tchi Minh‘ zu brüllen! Und meine geliebte Lucy muss überall dabei sein, immer in der vorderen Reihe, alles überbrüllen und eines Tages… eines Tages wird sie an der falschen Stelle sein und einem erbarmungslos zuschlagenden Polizisten gegenüberstehen, und ich…‘

Bernd Schuster spürte, wie ihn die Traurigkeit übermannte.

Noch ein Blick in das friedliche Gesicht seiner Tochter, dann nahm er die Tagesdecke vom Sessel, bereitete sie behutsam über sie aus, schlich sich auf Zehenspitzen hinaus und löschte das Licht.

Als er ihre Türe anlehnte, lauschte er noch minutenlang ihren tiefen, gleichmäßigen Atemzügen.

Dann ging er in sein Schlafzimmer, zog den Bademantel aus, den er über seinem Schlafanzug trug, und legte sich ebenfalls hin.

Was für eine beschissene Welt!‘, dachte er. ‚Und ich muss noch als Privatdetektiv mitten in diesem Dreck herumwühlen, anstatt mich in einem gemütlichen Haus am Stadtrand von Berlin zu entspannen und mein Erbe zu genießen. Und dafür sorgen, dass Lucy ihr Abi schafft und dann mit dem Studium beginnt. Möglichst weit weg von West-Berlin, meinetwegen in Hannover oder an der Uni Braunschweig. Da ist es wenigstens noch übersichtlich mit der Kriminalität. Frankfurt, München oder Stuttgart sind kaum besser als dieses Drecksloch Berlin!‘

Eine Weile rollte er sich noch hin und her, bis er ebenfalls eingeschlafen war.

Aber seine Träume waren unruhig, und immer wieder schreckte er auf. Als das Licht zwischen der Jalousie in sein Schlafzimmer drang, erhob er sich dankbar, dass diese Nacht endlich zu Ende war. Beim Gang ins Bad entdeckte er, dass Lucy bereits in der Küche damit beschäftigt war, den Frühstückstisch zu decken.

Lächelnd eilte er an die Tür, um ihr einen guten Morgen zu wünschen.





5.

Carsten Mittler fuhr nach Hause. Sein stattliches Anwesen, noch aus der Gründerzeit, befand sich in Heiligensee. Hier gab es große Gewerbeflächen, aber auch zahlreiche Bauten, die von den Alliierten genutzt wurden. In einer schnurgeraden Straße, die vor einem Jahr mit Bäumchen bepflanzt worden war, lag seine Villa, die er erst vor wenigen Jahren renoviert hatte und dabei auch mit einem geradezu blendenden Weiß die Fassade streichen ließ. Die gepflegten, von Hecken begrenzten Vorgärten in der Straße mit dem seltsamen Namen Mattenbuder Pfad wirkten so genormt wie der Rest der Umgebung. Mittler war das egal. Er war ein Antiquitätennarr und zufrieden, dass sich sowohl das Äußere wie auch das Innere seines Hauses grundlegend von dem seiner Nachbarn unterschied. Da er beträchtliche Werte im Hause hortete, verfügte er über eine aufwendige Alarmanlage. Außerdem gab es, seitdem sich in den letzten Jahren die Zahl der Einbrüche gehäuft hatte, einen straff organisierten Selbstschutzdienst im Viertel, an dem auch Mittler einmal in der Woche teilnahm. Man konnte in diesen Tagen nicht alles der Polizei überlassen. Die war durch die ständigen Unruhen ohnehin überfordert, und nach mehrfachem Fehlalarm erklärte der zuständige Revierleiter, dass man in Zukunft ernsthaft überlegen würde, wieder einen Streifenwagen in das Viertel zu entsenden, nur weil ein paar hysterische Rentner sich über Katzen aufregten, die in den Nächten die Mülltonnen durchsuchten oder eine rollige Katze auf den nächsten Baum scheuchten, um dann unter ihr ein endloses Klagelied anzustimmen.

Carsten Mittler war 43, etwas über mittelgroß und von eher ruhiger Wesensart. Er hatte die Firma von seinem Vater geerbt und ohne viel Ehrgeiz weitergeführt. Er verdiente genug, um gut leben zu können. Es hatte sogar für Yvonne gereicht, die mit ihren Ansprüchen wahrhaftig nicht zurückhaltend gewesen war. Jetzt, nach ihrem neuerlichen Verschwinden, ging es ihm blendend, er konnte seine Gewinne in sein Hobby investieren und brauchte sie nicht länger mit Yvonne zu teilen. Der Haushalt wurde ihm von einer wahren Hausperle namens Maria versorgt, die nach dem Abendessen die Villa verließ, so dass er freie Bahn für die Freundinnen hatte, mit denen er sich über Yvonnes Verschwinden hinwegtröstete.

Nein, er hatte wahrhaftig keinen Grund gehabt, mit seinem Leben unzufrieden zu sein, aber dieser Tag war ihm unter die Haut gegangen. Er hatte schlagartig alles verändert. Mittler fühlte sich bedroht. Das war neu in seinem Leben. Er baute darauf, dass es Bernd Schuster gelingen würde, das Ganze zu bereinigen.

Als er sein Haus betrat, klingelte im Wohnzimmer das Telefon. Mittler setzte sich neben den Apparat, nahm den Hörer ab und meldete sich.

„Schuster.“

„Ach, Sie sind’s“, meinte Mittler. „Schon fündig geworden?“

„Ich kann nicht zaubern“, meinte der Privatdetektiv. „Aber ich habe da eine Idee. Sie haben doch allerhand an den Füßen, nicht wahr? Eine gut gehende Firma, ein schuldenfreies Haus, einen Haufen wertvoller alter Klamotten, und vermutlich ein Bankkonto, das sich sehen lassen kann ...“

„Was hat das mit den heutigen Vorfällen zu tun?“, fragte Carsten Mittler stirnrunzelnd.

„Es ist nur so eine Idee. Sie hängt mit Yvonne zusammen“, meinte Bernd.

„Der Teufel soll sie holen!“

„Könnte es nicht sein, dass sie darauf hinzuwirken versucht, dass er stattdessen Sie holt?“

„Moment mal. Wollen Sie ihr unterstellen, dass sie versucht haben könnte, einen Mörder anzuheuern?“, fragte Mittler.

„Wenn jemand umgelegt werden soll, stellt sich wie immer die klassische Frage: cui bono - wem nützt es. Ihr Tod käme doch wohl Yvonne zugute, sie würde alles erben - die Firma, das Haus mitsamt Inhalt, Ihre Antiquitäten. Richtig?“

„Richtig“, murmelte Mittler und bekam schmale Augen. „Verdammt, von der Seite habe ich’s noch nicht betrachtet. Ich kann einfach nicht glauben, dass es sich so verhält. Schön, Yvonne ist leichtsinnig und sexy, sie braucht immerzu neue Impulse, aber sie ist nicht kriminell.“

„Vielleicht ist’s ihr Freund“, gab Bernd zu bedenken. „Vielleicht hat er sie rumgekriegt und davon überzeugt, wie vorteilhaft es für sie und ihn wäre, wenn Sie aus dem Leben scheiden.“

„Ich ändere das Testament!“, versprach Mittler schnaufend. „Nur so, für alle Fälle. Trotzdem kann und will ich mich Ihrer Hypothese nicht anschließen. Es gibt zu vieles, was nicht dazu passt. Die BKA-Story. Würden Sie mir bitte erklären, wie die sich in Ihre fabelhafte Theorie einfügt? Sie haben doch selbst gesagt, dass die BKA-Beamten keine Killer sind.“

„Dafür habe ich noch keine Erklärung.“

„Bleiben Sie am Ball!“, sagte Mittler und legte auf. Er stand auf, ging hinüber zu dem kleinen Wagen mit den Getränken, wählte einen schottischen Whisky aus und schenkte sich ein Glas sehr gut voll.

Einen Moment lang hielt er die Nase darüber und genoss das Aroma. Gerade wollte er den ersten Schluck nehmen, als es an der Haustür klingelte. Mittler blickte auf seine Uhr. Es war gleich acht Uhr. Er ging in die Diele, schielte durch den Spion und sah das Gesicht eines Fremden.

„Was wünschen Sie?“, fragte er laut, ohne die Tür zu öffnen.

„Ich komme von Yvonne“, sagte der Mann.

Mittler öffnete die Tür. Der Mann war schätzungsweise 35 Jahre alt, hochgewachsen und dunkelhaarig. Er hatte tiefliegende, fast schwarze Augen, ein kleines Bärtchen und die markant geschnittenen Gesichtszüge eines Mannes, dessen Eltern unter südlicher Sonne gelebt haben. Bekleidet war er mit einem stark taillierten Anzug aus gutem Stoff. Krawatte und Schuhe waren zu auffällig, um als wirklich elegant gelten zu können.

„Was gibt’s?“, fragte Mittler barsch.

Der Mann wandte den Kopf. Dann blickte er die Straße hinauf und hinab.

„Müssen wir das zwischen Tür und Angel ausmachen?,“ fragte er.

Mittler zögerte, dann führte er den Besucher ins Wohnzimmer.

„Fassen Sie sich kurz!“, bat er, ohne dem Dunkelhaarigen einen Platz anzubieten.

Der Besucher verschränkte die Arme vor der Brust.

„Yvonne lässt schön grüßen“, sagte er.

„Ich bin zutiefst gerührt“, höhnte Mittler. „Mir kommen gleich die Tränen.“

„Ich lebe mit ihr zusammen. Sie ist eine fabelhafte Frau“, erklärte der Besucher.

„Kommen Sie endlich zur Sache, und tun Sie nicht so, als wären Sie hier, um sich in Höflichkeiten zu üben!“, antwortete Mittler barsch.

„Yvonne braucht Geld.“

Mittler lachte kurz und wütend. Es klang wie ein Bellen.

„So, braucht sie das“, sagte er. „Geld! Wieviel darf’s denn sein? Welche Summe wäre ihr denn recht, bitte schön? Schließlich kann und darf sie von ihrem Mann erwarten, dass er ihren Seitensprung finanziert und dafür sorgt, dass es ihrem Liebhaber an nichts fehlt. Schlafen Sie mit ihr?“

„Sie fordert einhunderttausend“, sagte der Mann.

Mittler setzte sich.

„Moment mal“, fragte er. „Wieviel?“

„Einhunderttausend.“

„Einschließlich Mehrwertsteuer?“, höhnte Mittler.

„Das ist kein Witz.“

„Wirklich? Ich kann darüber nur lachen. Yvonne ist schon dreimal abgehauen. Das erste Mal habe ich sie selbst aufgestöbert, das zweite Mal ist es mir nur mit Hilfe eines Privatdetektivs gelungen, sie zurückzuholen - und jetzt will ich sie gar nicht wiederhaben, um keinen Preis. Ich bin fertig mit ihr. Sie ist mir so gleichgültig geworden, dass ich nicht mal Wert auf eine Scheidung lege. Zum Teufel damit!“

„Yvonne denkt gleichfalls nicht an Scheidung. Sie will nur das Geld.“

„Na, entzückend. Sie will nur das Geld. Einhunderttausend Mark. Und wofür, wenn ich fragen darf?“, brüllte Mittler, dem langsam der Kragen zu platzen drohte.

„Für ihr Schweigen.“

„Wofür?“

„Für ihr Schweigen“, wiederholte der Besucher mit unbeweglich anmutendem Gesicht.

Mittler wollte lachen, aber das schaffte er nicht. Er musste an die Geschehnisse des Tages denken, an den auf ihn gerichteten Revolverlauf, an den Tod des Mannes, der von sich behauptet hatte, für das BKA zu arbeiten.

Aber hatte er das wirklich mit seinen Worten zu sagen versucht? War es nicht ebenso gut möglich, dass er lediglich darum ersucht hatte, dem BKA Mitteilung von seinem Tod zu machen? Rätsel über Rätsel! Freilich, Yvonnes absonderliches Verhalten ließ vermuten, dass zwischen den Vorgängen ein Zusammenhang bestand - aber welcher?

Mittlers Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen.

„Mir kommt da eine Idee“, sagte er langsam und so leise, dass er kaum zu verstehen war. „Yvonne weiß gar nichts von Ihrem Hiersein. Sie weiß nicht einmal, dass es Sie gibt. Aus irgendeinem verrückten Grund scheinen ein paar Leute zu glauben, dass es bei mir etwas zu holen gibt. Informationen vielleicht. Oder Geld. Oder beides. Wie dem auch sei: Sie benutzen Yvonnes Namen nur als Vorwand. Sie wollen auf den Busch klopfen und feststellen, wie ich auf Ihre Forderung reagiere. Habe ich recht?“

Details

Seiten
140
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738953695
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v1025385
Schlagworte
verlier leben berlin kriminalroman band

Autor

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Titel: Verlier dein Leben in Berlin: Berlin 1968 Kriminalroman Band 2