Lade Inhalt...

Aztekenblut: Vincent Drago 6

2021 120 Seiten

Leseprobe

Aztekenblut: Vincent Drago 6


von Bernd Teuber


Der Umfang dieses Buchs entspricht 82 Taschenbuchseiten.


Vincent Drago hat es auf den Opferdolch des Azteken-Priesters Cazumel abgesehen. Es gelingt ihm sogar, die Waffe in seinen Besitz zu bringen, doch dann wird er niedergeschlagen. Als er wieder zu sich kommt, ist der Dolch verschwunden. Kurze Zeit später geschehen in Mexico City mehrere grauenvolle Morde. Für Drago steht fest, dass hier finstere Mächte am Werk sind.



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

Cover: nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2021

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter

https://twitter.com/BekkerAlfred


Zum Blog des Verlags geht es hier

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!



1

Mexiko.

Vier aztekische Priester hielten den Mann an den Gliedmaßen fest und streckten ihn auf dem Steinblock aus. Er sollte dem Sonnen- und Kriegsgott Huitzilopochtli geopfert werden, dessen Schrein sich hinter dem Altar befand. Seine Kleidung bestand lediglich aus einem Lendentuch, das mit roten und weißen Längststreifen bemalt war.

Verzweifelt versuchte der Mann, sich zu befreien, doch es gelang ihm nicht. Die Azteken hatten ihn bei einem ihrer zahlreichen Kriegszüge gefangen genommen. Und nun sollte er einen grausamen Tod sterben. Ein fünfter Priester erschien auf der Plattform und näherte sich dem Opferaltar. In seiner rechten Hand hielt er ein Messer aus Feuerstein. Damit führte er einen schnellen Schnitt unterhalb des Brustkorbes durch. Blut strömte aus der Wunde und färbte den Opferaltar dunkelrot.

Der Mann schrie, bäumte sich auf. Doch seine Befreiungsversuche waren erfolglos. Der Priester griff durch die Schnittwunde unter die Rippen in den Brustkorb hinein und zog das schlagende Herz heraus. Die Adern durchtrennte er mit der Klinge. Dann hielt er das blutige Herz der Sonne entgegen. Die Menschen, die am Fuß der Stufenpyramide standen, brachen in lautes Jubelgeschrei aus.

Der Priester legte das Herz in die aus einem Jaspisblock gemeißelte Adlerschale und tränkte das Abbild des Gottes Huitzilopochtli mit dem warmen Blut. Ein kaum merkliches Lächeln umspielte die Lippen des Mannes. Er war im Begriff, ein Ritual zu beenden, das ihn stark und unbezwingbar machen sollte.

Nimm dieses Opfer an, dieses Herz!“, rief er mit lauter Stimme. „Ich habe die Bedingungen erfüllt. Gib mir nun die Macht, die mir zusteht!“

Das Abbild des Gottes Huitzilopochtli reagierte auf die Worte des Priesters. Dämpfe stiegen aus den Augenhöhlen. Der Priester breitete seine Arme aus. Stärke durchströmte ihn, floss in seine kräftigen Glieder, die jetzt mit Blut besudelt waren. Dem Blut jener, deren Seelenkraft es war, die ihm Kraft verlieh. Er gab den Männern am Altar ein Zeichen. Sie zerrten den Toten vom Opferstein und warfen ihn die Treppenstufen hinunter.



2

Obwohl die Sonne erst vor wenigen Stunden aufgegangen war, herrschte bereits eine drückende Hitze. Doch Vincent Drago störte das nicht. Als Höllenwesen war er hohe Temperaturen gewöhnt. Unablässig marschierte er den steinigen Pfad entlang. Sein Ziel war Monte Tlaloc, die höchst gelegene Kultstätte der Welt, westlich von Mexico City an der Grenze zum Bundesland Tlaxcala. Der Beginn des Pfades war nicht schwierig zu finden. Drago sah eine deutliche Lücke im dichten, überhängenden Gebüsch am Wegesrand, und dort zweigte ein schmaler Trampelpfad ab, der gleichmäßig ansteigend den bewaldeten Hang querte. Drago entschied, dass dies der richtige Weg sein müsse, und begann seinen Aufstieg. Zehn Minuten später, nach zwei langen Spitzkehren, die ihn fünfzig Meter höher gebracht hatten, blieb er stehen und spähte unschlüssig umher. Er konnte nicht mehr erkennen, wo es weiterging. Aber die Richtung war klar. Langsam stapfte er aufwärts.

Am Wegesrand entdeckte er drei mystisch anmutende Steine. Einer sah aus wie eine Schildkröte, der Zweite stellte ein Krokodil dar und der Dritte war das Abbild einer Kröte. Doch diese Steine waren nicht auf natürliche Weise entstanden. Menschenhände hatten sie erschaffen, vor Jahrhunderten, als dieser Ort eine bedeutende Kultstätte war.

Drago ging langsam weiter. Er befand sich nun auf über 3700 Meter und die Luft war sehr dünn. Bis zum Gipfel musste er noch weitere 400 Höhenmeter überwinden. Das Atmen fiel ihm schwer. Trotzdem galt seine ganze Aufmerksamkeit der Umgebung, denn er wollte auf keinen Fall den Ort verfehlen, den er suchte. Drago hatte es auf einen besonderen Gegenstand abgesehen, der sich im Tempel von Monte Tlaloc befand. Mit seiner Hilfe wollte er den Höllenthron in seine Gewalt bringen.

Der Weg beschrieb eine sehr enge Kurve und führte weiter den Hang hinauf. Der Dämon richtete seinen Blick nach oben. Am Himmel kreisten einige schwarze Vögel. Ihre Schreie durchdrangen die Stille. Als sie Drago entdeckten, veränderte sich die Tonlage. Die Geräusche nahmen zu und klangen aggressiver.

Als der Dämon abermals nach oben blickte, sah er, dass sich die Vögel zu einem Pulk zusammengeschlossen hatten. Sie bildeten eine geometrische Figur, ein Dreieck, dessen Spitze genau auf ihn zeigte. Während sie ihre herabstürzten, stießen sie ein wildes Kreischen aus. Drago zählte sechs oder sieben Tiere. Sie streckten ihm ihre kräftigen Fänge entgegen. Die Krallen waren scharf wie Rasierklingen. Damit konnten sie ihn nicht nur verletzen, sondern auch töten. Drago wich dem Angriff eines Vogels aus. Der harte Schnabel verfehlte seine Stirn nur knapp.

Er duckte sich und stieß seine Faust kraftvoll nach oben. Sie traf den nächsten Vogel. Das Tier wurde hochgeschleudert, überschlug sich und flatterte taumelnd durch die Luft. Mit dem nächsten Faustschlag brachte Drago einen Vogel zum Absturz. Er stürzte zu Boden. Sofort sprang der Höllendämon auf das Tier, bevor es sich wieder in die Luft erheben konnte. Knirschend zerbrachen die Knochen. Regungslos blieb der Vogel liegen. Als Drago sich umwandte, sah er den nächsten Angreifer. Mit einer schnellen Bewegung stieß er die Fänge, die ihm an den Hals fahren wollten, zur Seite. Dann tötete er den Vogel mit einem Schlag, in den er seine ganze Kraft legte. Als er sich dem nächsten Gegner zuwenden wollte, stieß dieser auf ihn herab und brachte ihn zu Fall.

Mit einer schnellen Drehbewegung gelang es Drago im letzten Moment, sich vor dem scharfen Schnabel in Sicherheit zu bringen. Dann packte er den Vogel am Hals und drückte zu. Das Tier flatterte aufgeregt mit den Flügeln und versuchte, sich aus dem Griff zu befreien. Doch Drago ließ es nicht zu. Immer fester schlossen sich seine Finger um den Hals, bis die Gegenwehr des Vogels nachließ. Drago überzeugte sich davon, dass das Tier tot war, und warf es auf den Boden.

Die anderen Vögel brachen den Angriff ab und erhoben sich laut kreischend in die Luft, immer höher, bis er sie nicht mehr sehen konnte. Drago fragte sich, was diese Tiere wohl dazu veranlasst hatte, ihn anzugreifen. Lag es an seiner dämonischen Ausstrahlung? Wollten sie ihn von dem Tempel fernhalten? Oder hatten sie einfach nur Hunger? Schulterzuckend setzte er seinen Aufstieg fort.

Eine Stunde später konnte Vincent Drago von Weitem endlich den Haupttempel sehen. Zum Teil standen nur noch die mächtigen Grundmauern. Der Rest war zusammengestürzt oder den Naturgewalten zum Opfer gefallen. Drago blieb stehen und schaute sich um. Von hier oben hatte man einen guten Überblick über die Bergwelt des mexikanischen Hochlandes. Ihm gegenüber befand sich der Iztaccihuatl und dahinter der Popozateptl. Etwas weiter östlich lag der Pico de Orizala, Mexikos höchster Gipfel. Doch Drago hatte nicht das Geringste für diese traumhafte Landschaft übrig. Ihn interessierte etwas völlig anderes.

Beim Neuordnen der Höllenbibliothek war er auf die Aufzeichnungen eines spanischen Geistlichen aus dem 16. Jahrhundert gestoßen. Darin berichtete er von einer alten aztekischen Legende, derzufolge sich im Tempel von Monte Tlaloc eine geheime Grabkammer befand. Außer einer Mumie gab es dort auch einen Opferdolch, mit dem der Priester Cazumel Tausende Menschen getötet hatte. Es hieß, dass er in den Händen von Dämonen eine gefährliche Waffe wäre. Angeblich besaß er magische Kräfte und verlieh seinem Besitzer uneingeschränkte Macht.

Auf diesen Dolch hatte Drago es abgesehen. Wenn es ihm gelang, die Waffe in seinen Besitz zu bringen, würde es ein Leichtes sein, die dunklen Kräfte in ihr zu aktivieren. Langsam schritt er den alten Weg hügelan auf den Tempel zu. Einst diente er den Azteken als mächtige Kultstätte. Doch die Zeit hatte ihre Spuren hinterlassen. Was noch vorhanden war, stand wie Klippen im Wind, die steinernen Fäuste geballt. Ein trostloser Anblick und ein tröstlicher zugleich, denn Drago hoffte, dass die unterirdischen Gewölbe keinen allzu großen Schaden genommen hatten. Sicher gab es noch irgendwo einen Eingang. Doch wohin er sich auch wandte, überall stieß er nur auf ein Gewirr aus Blöcken und Geröll.

Drago versuchte sich an die Passagen aus den Aufzeichnungen zu erinnern, die einen Durchgang ohne Hindernisse schilderten. Der spanische Geistliche hatte es geschafft, und es gab keinen Grund, warum Drago es nicht auch schaffen sollte. Andererseits hatte der Bericht nur beschränkten Wert, denn vor vielen Jahren war diese Region durch schwere Erdbeben erschüttert worden, die das Gesicht des Tempels durch Erdrutsche verändert haben mochten.

Als er über Felsblöcke und Geröll stieg, konnte er sehen, dass die Erdbeben am Gemäuer tatsächlich nicht spurlos vorbeigegangen waren. Drago ließ sich auf einen Steinhaufen sinken, streckte die Beine aus und sog schnaufend die kühle Luft ein. Eine Weile verging, bevor ihm auffiel, dass dieser Luft ein Modergeruch anhaftete, wie man sie zuweilen auf Friedhöfen antraf. Schließlich erhob er sich wieder und suchte nach einer Möglichkeit, wie er in den Tempel hineingelangen konnte.

Erdbeben und die Erosion der Zeit hatten Teile der Mauern zum Einsturz gebracht und in Schutthaufen verwandelt, hatten andere Teile abgetragen und zu hohlen Ruinen gemacht, aber noch immer reckte sich der mächtige Bau aus aufeinandergetürmten Quadern trotzig in den Himmel. Er schien der Welt zu verkünden, dass keine gegen ihn gerichtete Macht sein Rückgrat brechen würde. Die Legenden sagten, dass dieser Tempel niemals von den Spaniern erobert worden sei, und sie schrieben dies dem Mut der Verteidiger zu, aber das pflegten Legenden meistens zu tun. Es war etwas in den Steinen, etwas, das auch der Geruch von Moder und Fäulnis nicht bezwingen konnte. Der Tempel war nur noch eine Ruine, aber die Legende lebte fort.

Eine halbe Stunde später machte der Dämon eine Zufallsentdeckung, einen fast verschütteten Durchgang in einer der inneren Mauern. Dieser Teil des Tempels sah noch wesentlich besser aus, als der Rest und Drago hatte das Gefühl, vor einigen interessanten Entdeckungen zu stehen. Er kletterte über die Schutthalde hinab. Die Mauern, die um ihn herum aufragten, waren heil. Drago räumte das Geröll beiseite. Schließlich versperrte nur noch ein großer Felsblock den Weg.

Er war anscheinend von der Kuppe gerollt und zwischen den Mauerresten hängengeblieben. Diesen Felsblock musste er bewegen, wenn er den Durchgang betreten wollte. Dragos Herz schlug einige Takte schneller. Er näherte sich dem Höhepunkt seines Unternehmens. Der Block sah aus, als würde er mehrere Tonnen wiegen, deshalb war Drago ziemlich überrascht, als er ihn ohne übermäßig große Anstrengung beiseiteschieben konnte. Eine Öffnung blickte ihm finster entgegen.

Drago schaltete seine Taschenlampe ein, die er vorsichtshalber mitgebracht hatte, und stieg vorsichtig die Stufen hinunter. Der Lichtstrahl strich langsam über den Boden und riss einen kreisförmigen Ausschnitt blendender Helligkeit aus der Schwärze. Unter einer dünnen Erdschicht befand sich gewachsener Fels. In ihn waren Treppenstufen gehauen. Kein Laut ertönte - außer seinen Schritten. Dreißig Meter tief ging es hinab. Drago musste sich bücken, sonst hätte er sich in dem höhlenartigen Gang den Kopf gestoßen.

Dann stand er in einem ebenen, kleinen Raum. Im Schein der Taschenlampe sah er Kavernen und gewundene, verschlungene Gänge. Ein seltsames unterirdisches Reich tat sich vor ihm auf. Drago sah die Reliefs und Zeichnungen an den Wänden. Sie zeigten Camaxtli, den Gott der Jagd, des Krieges, des Schicksals und des Feuers. Gleich daneben stand Chalchiuhtotolin, der Gott der Krankheiten und Plagen. Außerdem gab es noch einige Abbildungen von blutigen Opferritualen und Massakern.

Drago leuchtete in einige Kammern. Es gab Kleine und Große, die man schon als Säle bezeichnen konnte. Manche lagen etwas höher, als das Niveau der unterirdischen Höhlengänge, andere ein wenig tiefer. Es war kühl in dieser finsteren Unterwelt und es roch nach abgestandener Luft. Türen gab es nicht, nur Öffnungen. In den Winkeln lagen dunkle Schatten wie gefährliche Ungeheuer, die nur darauf warteten, über den Dämon herfallen zu können.

Drago wusste nun genau, wohin er sich zu wenden hatte. Er ging zu der gegenüberliegenden Mauer und machte sich an einem offenbar ehemaligen Durchlass zwischen zwei Räumlichkeiten zu schaffen. Sehr behutsam wischte er eine dicke Kruste aus Schmutz und grauen Steinen beiseite, dann hatte er eine Steinplatte freigelegt. Zwei kräftige Faustschläge genügten, um sie zu zerstören. Dahinter lag ein Gang, der in die Tiefe führte und dessen Ende in der undurchdringlichen Dunkelheit jenseits des Bereichs seiner Lampe nicht zu sehen war. Modriger Geruch schlug Drago entgegen, als er sich durch die Öffnung zwängte. Mit jedem Schritt, den der Dämon vorwärtsging, nahm er zu und entwickelte sich schließlich zu einem an Verwesung erinnernden Gestank.

Der Gang endete in einer großen Höhle. Bizarre Reliefs befanden sich an den Wänden. Etwas schien von den alten, grauschwarzen Steinen auszuströmen und die Realität hinwegzuwischen, als wäre sie nur Kulisse und die blutige Vergangenheit dahinter mit ihrer Pein und ihrer Qual frischer und lebendiger denn je. Der Ort hatte eine düstere Ausstrahlung. Das spürte Drago. Dunkle Kräfte führten hier ein verborgenes Dasein und warteten nur darauf, beschworen zu werden. Diese Mauern hatten so viele Grausamkeiten gesehen. In blutgetränktem Boden waren die Toten am ruhelosesten.

Drago wunderte sich, dass die Luft hier drinnen erstaunlich frisch war. Irgendwo mussten Öffnungen existieren, die ins Freie führten und ständig frische Luft hereinließen. Diese Öffnungen waren von Außen nicht zu sehen. Der hintere Teil der Höhle war erhöht. Stufen führten hinauf. Oben auf dem Podest lag eine Gestalt, eingewickelt in mehrere Decken und mit Seilen verschnürt wie ein Paket.

Drago legte die Taschenlampe beiseite, löste die Seile, krallte seine Finger in den Stoff und riss ihn auseinander. Vor ihm lag, in einen bunten, verstaubten Federmantel gekleidet, eine Mumie. Die dunklen, verdorrten Hände wirkten wie Klauen. Das Gesicht war verwittert vom Alter. Schwarzgelbe Zähne bleckten wie zu einem Schrei. Lange schwarze Haarbüschel umgaben den Kopf. Dunkle, leere Augenhöhlen schienen ihn anzustarren.

Über vierhundert Jahre war die Mumie alt, und trotzdem schien es, als sei noch eine Art böses Leben in ihr, ein dämonisches schwarzes Sein, das seine Quellen jenseits aller rationalen Überlegungen hatte. Drago wickelte die Mumie aus, tastete sie ab und durchsucht sie so gründlich wie möglich. Schließlich fand er den Opferdolch. Fasziniert starrte er das Artefakt an. Dunkle Flecken zeichneten sich darauf ab. Man brauchte nicht viel Fantasie, um zu erkennen, dass es sich um getrocknetes Blut handelte. Wie viele Menschen mochten durch diese Klinge gestorben sein?

Drago hatte die Mumie für ein paar Sekunden aus den Augen gelassen. Als er wieder hinschaute, kam es ihm so vor, als hätte sie sich bewegt. Er kniff die Augen zusammen und schüttelte den Kopf. Das konnte nicht sein. Die Mumie war tot und etwas Totes konnte sich nicht bewegen. Es musste eine Täuschung gewesen sein. Vermutlich wurde sie durch den Schein der Taschenlampe hervorgerufen.

Drago leuchtete die Mumie an. Er konnte sich nicht helfen. Ihm war es schon wieder so, als wäre die Position der Mumie geringfügig anders. Doch dann wandte er sich wieder dem Opferdolch zu. Drago lächelte. Dieses Artefakt würde ihm dabei helfen, den Höllenthron zu besteigen. Er war so in Gedanken versunken, dass er nicht merkte, was hinter ihm geschah.

Die Mumie erhob sich, streckte die Arme nach vorn und kam langsam, Schritt für Schritt auf den Dämon zu. Drago hatte ihr den Rücken zugekehrt. Ein Geräusch ließ ihn herumfahren, aber er war zu langsam. Etwas knallte gegen seinen Kopf. Die Taschenlampe und der Opferdolch entfielen seinen kraftlos gewordenen Händen. Stöhnend brach er zusammen, fiel gegen die Mumie und rutschte langsam an ihr zu Boden. Leere Augenhöhlen starrten ihn an. Dann stieg die Gestalt über Drago hinweg, nahm den Opferdolch an sich und ging mit steifen Schritten aus der Höhle.



3

Als Drago erwachte, brauchte er einige Augenblicke, bis er sich wieder erinnerte. Ein Puzzleteilchen fügte sich an das andere, und bald war das gesamte Bild zu erkennen. Die schwere Benommenheit ließ nach. Stöhnend richtete er sich auf, presste seine Hände an den Hinterkopf und ließ noch heftiger stöhnend wieder los. Da war eine dicke Schicht geronnenen Blutes, und die Stelle fühlte sich an, als wären die Nerven an der Oberfläche.

Alles um ihn herum drehte sich. Drago hatte den Eindruck, in einem schlingernden Boot zu sitzen. Übelkeit machte ihm zu schaffen, und sein Magen hatte sich in einen harten Klumpen verwandelt. Als der Schmerz an seinem Kopf nachließ, bemerkte er, dass die Taschenlampe verschwunden war. Da er sie während des Sturzes noch in seiner Hand gehalten hatte, musste sie hier irgendwo herumliegen. Er tastete den Boden ab. Insekten krochen ihm über die Finger. Er schüttelte sie ab und suchte weiter schließlich entdeckte er seine Taschenlampe. Er schaltete sie ein und sah sich hastig um. Er war allein. Aber jemand hatte während seiner Bewusstlosigkeit gründliche Arbeit geleistet. Die Mumie war verschwunden, ebenso der Opferdolch.

Mit zitternden Fingern leuchtete Drago die unmittelbare Umgebung ab, doch die Waffe konnte er nirgendwo entdecken. Das gab es doch nicht! Er schüttelte den Kopf, weil er es nicht begreifen wollte. Noch einmal suchte er den Raum ab. Das Einzige, was er entdeckte, waren Fußspuren, die nach draußen führten. Fluchend – und das nicht nur wegen der Kopfschmerzen – folgte er ihnen. Mit dem Entsetzen kroch auch die Wut in ihm hoch. Gleichzeitig versuchte er, sich zu konzentrieren.

Dragos Sinne waren überscharf. Er konnte jeden Diener der dunklen Mächte auf Anhieb erkennen, mit und in welchem Körper er sich auch immer tarnen mochte. Er tastete mit seinen Sinnen umher. Etwas Unheimliches lag in der Luft. Ein starker dämonischer Einfluss. Eine Aura, die sich nicht von der unterschied, auf die er gestoßen war, als er die Tempelruine betrat. Irgendetwas war erwacht, das wusste er mit Sicherheit. Eine dunkle Macht, die ihr unheilvolles Treiben bereits aufgenommen hatte. Aber er konnte sie nicht genau lokalisieren.

Ein furchtbarer Zustand , dachte er. Während der Wind um die alten Steine strich, stand er hier und konnte nur hoffen, dass ihm eine Möglichkeit zum Eingreifen geboten wurde. Er musste die Mumie finden und den Dolch um jeden Preis in seinen Besitz bringen.



4

Die Mumie des Azteken-Priesters Cazumel ging einen schmalen Schotterweg entlang, der in sanften Serpentinen den Hügel hinab führte. Sie konnte sich an nichts erinnern. Nur langsam kehrte ihr Bewusstsein zurück. Unzählige Fragen drängten sich auf. Wer bin ich?

Nachdem Cazumel mehr als eine Stunde umhergewandert war, sah er ein Haus. Es war ein rechteckiger, einstöckiger Bau, der auf einem Natursteinsockel stand. Vorsichtig näherte er sich dem Gebäude und schaute durch das Fenster, konnte jedoch nicht viel erkennen. Eine Gardine hing davor. Er wandte sich der Tür zu. Sie war nicht abgeschlossen. Cazumel konnte sie problemlos öffnen und das Haus betreten. Neugierig sah er sich um. Einige Gegenstände waren ihm vertraut: der Tisch, die Stühle. Doch andere hatte er nie zuvor gesehen.

Ein heißeres, trockenes Knurren kam aus seiner Kehle, von längst verdorrten Stimmbändern artikuliert. Die Mumie stieß gegen eine Vase, die auf dem Boden zerbrach. Kurz darauf wurde im Hintergrund eine Tür geöffnet. Eine Frauenstimme erklang: „Hallo? Ist da jemand?“

Die Mumie trat hinter einen Wandvorhang. Eine dicke Frau mit einer weißen Schürze betrat den Raum. Sie stemmte die Hände in ihre breiten Hüften und schaute sich um. Die Mumie rührte sich nicht.

Das darf doch wohl nicht wahr sein“, rief die Frau plötzlich. „Die teure Vase.“

Die Mumie kam hinter dem Wandvorhang hervor, und die Frau schrie lauf auf, durchdringend und gellend. Dann zuckte der Opferdolch vor. Blut färbte die weiße Schürze. Die Frau brach zusammen. Cazumel stieg über sie hinweg und durchsuchte systematisch das Haus. Auf dem Wohnzimmertisch lag ein länglicher, schwarzer Gegenstand. Er drückte einige der Tasten und zuckte entsetzt zurück, als Stimmen und Musik ertönten.

Ruckartig wandte er sich um und suchte nach der Quelle, aus der die Geräusche kamen. Sein Blick fiel auf den Fernseher. Kleine Gestalten waren dort zu sehen. Sie vollführten eigenartige Tänze und hüpften herum, als wären sie verrückt geworden.

Magie“, flüsterte die Mumie.

Nach einiger Zeit verstummte die Musik. Das Bild wurde dunkel. Weiße Schriftzeichen erschienen, die von unten nach oben liefen. Was hatte das zu bedeuten? Etwas Ähnliches hatte die Mumie noch nie zuvor gesehen oder gehört. Ungläubig starrte Cazumel den geheimnisvollen Gegenstand an. Einen Augenblick später war das Gesicht einer hübschen Frau zu sehen. Sie lächelte.

Guten Tag, meine Damen und Herren. Hier ist TV Azteca mit den Nachrichten. Wie soeben gemeldet wurde, hat ein bewaffnetes Kommando in Mexico City acht Menschen entführt. Zeugenaussagen zufolge stürmten die Täter ein Restaurant und verschleppten ihre Opfer. Bei den Entführten handelt es sich vermutlich um Mitglieder des Drogenkartells von Julirco Nueva Generación. Die Tat könnte in Zusammenhang mit Territorialkämpfen zwischen verfeindeten Banden stehen. Fahnder untersuchten die vor dem Restaurant geparkten Autos der Verschleppten. Einige der Opfer hatten falsche Ausweispapiere. „Die Ermittlungen dauern an“, sagte Staatsanwalt Fernando Borja. Auf Überwachungskameras sei zu sehen, dass kurz vor dem Angriff ein Mann das Restaurant verließ. Sechs Frauen, die mit den Opfern am Tisch saßen, wurden von den Entführern verschont. Unter den Verschleppten sollen ein Unternehmer und der Chef einer privaten Sicherheitsfirma sein. Der Polizeichef von Mexico City wies die Sicherheitskräfte an, ihre Patrouillen zu verstärken. Auf der Suche nach den Entführern und ihren Opfern beteiligen sich Soldaten und die Polizei. Sie errichteten Kontrollpunkte an den Zufahrtsstraßen. Als Drahtzieher der Tat wird der Drogenboss Javier Alvarado vermutet.“

Alvarado“, wiederholte die Mumie. Mit dem Opferdolch stieß sie gegen den Bildschirm, rutschte jedoch ab. Auf dem Tisch entdeckte sie einen schweren, kristallenen Aschenbecher. Sie nahm den Gegenstand und warf ihn gegen den Bildschirm. Es krachte, Funken sprühten in dem zertrümmerten Fernsehgerät. Im Zimmer stank es durchdringend nach verschmorten Isolierungen.

Zwei Stunden ging Cazumel durch das Haus und betrachtete Gegenstände, die er noch nie zuvor gesehen hatte. Beunruhigt und ratlos trat sie schließlich ins Freie.



5

Javier Alvarado wohnte in einer Villa außerhalb von Mexico City. Er hatte es in seinem Leben weit gebracht. Alvarados Familie lebte in bitterer Armut. Als der Vater starb, war Alvarado elf Jahre alt und von heute auf morgen am Ende seiner Kindheit angelangt. Um sich durchzuschlagen, nahm er jeden noch so miesen Job an, war Straßenfeger, Schlachthausarbeiter. Als er sechszehn war, hielt er es zu Hause nicht länger aus. Seine Mutter unternahm nicht einmal den Versuch, ihn zurückzuhalten. Die nächsten Jahre verbrachte er in der Gesellschaft von Gaunern, Dieben und Zuhältern.

Er wohnte bei einer alten Nutte, die einen Narren an ihm gefressen hatte und in ihm so etwas wie einen Sohn sah. Sie war sogar imstande, ihm mehr Liebe zu geben als die eigene Mutter. Aber die vielen Männerbesuche, das Gelächter, die eindeutigen Geräusche nebenan gingen ihm bald auf die Nerven, sodass er weiterzog.

Einen Beruf konnte er nicht erlernen. Er schlug sich mit Gelegenheitsarbeiten durch, wurde eingesperrt, weil er einem Mann während einer Schlägerei eine Flasche über den Schädel gezogen hatte. Im Knast lernte er einen Einbrecher kennen, der sich eine Philosophie zurechtgelegt hatte, die Alvarado gefiel.

Wenn dich das Schicksal in den Arsch tritt, musst du dich umdrehen und ihm die Zähne zeigen.“

Das hatte er getan, nachdem er wieder entlassen wurde. Der Einbrecher war ihm ein großartiger Lehrmeister. Er brachte ihm ein Handwerk bei, das goldenen Boden hatte. Schließlich landete er in Mexico City. Mit einem einzigen Wunsch: Er wollte reich werden. Alvarado beging mit einigen Komplizen kleine Überfälle und handelte mit allem, was sich zu Geld machen ließ. Geradezu prädestiniert für seine Verbrechen war der Flughafen Aeropuerto Internacional de la México, dessen Zulieferer und Lagerhäuser immer wieder ausgeraubt und bestohlen wurden, wobei oft korrupte Wachleute behilflich waren.

Im Alter von 24 Jahren wurde Alvarado erstmals für einen Überfall inhaftiert. Er verriet seine Komplizen nicht und saß alleine eine Haftstrafe von drei Monaten ab, was seine Reputation in seinem kriminellen Umfeld erheblich steigerte. Kaum aus der Haft entlassen, startete er seine Unternehmungen von Neuem, raffte Geld zusammen und stieg schließlich ins Drogengeschäft ein.

Zudem kaufte er Geschäftsräume und kleine Läden. Diese Immobilien baute er zu Unternehmen und Bauvorhaben aus. Bald galt Alvarado als unantastbar, weil er jeden kaufte – den kleinen Streifenpolizisten ebenso wie dessen Vorgesetzten. Auch Staatsanwälte, Richter und Politiker standen auf seiner Lohnliste.

Zusammenfassung

von Bernd Teuber

Der Umfang dieses Buchs entspricht 82 Taschenbuchseiten.

Vincent Drago hat es auf den Opferdolch des Azteken-Priesters Cazumel abgesehen. Es gelingt ihm sogar, die Waffe in seinen Besitz zu bringen, doch dann wird er niedergeschlagen. Als er wieder zu sich kommt, ist der Dolch verschwunden. Kurze Zeit später geschehen in Mexico City mehrere grauenvolle Morde. Für Drago steht fest, dass hier finstere Mächte am Werk sind.

Details

Seiten
120
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738953664
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (April)
Schlagworte
aztekenblut vincent drago

Autor

Zurück

Titel: Aztekenblut: Vincent Drago 6