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Shannon und die Wolfsjäger: Shannon 18

2021 120 Seiten

Leseprobe

Shannon und die Wolfsjäger: Shannon 18


Western von John F. Beck


Der Umfang dieses Buchs entspricht 136 Taschenbuchseiten.



In Rockwood Valley geht die Angst um. Ein Rudel Wölfe hat es auf die Rinder abgesehen. Doch noch mehr fürchten sie sich vor Red Sam, der Jagd auf Menschen macht. Nur einer wäre wohl in der Lage, dieses blutrünstige Tier zu töten, doch man will den Wolfsjäger nicht in der Stadt haben. Der Rancher Freeman heuert stattdessen vier Revolvermänner an, die Männer, hinter denen Shannon her ist …



Copyright

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Alfred Bekker

© Roman by Author

Cover: Edward Martin

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Wolfsgeheul drang aus der Tiefe der verschneiten Bergwälder. Plötzlich fiel ein Schuss, ein dumpfer, fremder Laut in der Einsamkeit der Wildnis. Shannon dachte sofort an die vier Männer, denen er seit mehreren Tagen folgte. Der stundenlange leichte Schneefall hatte ihre Fährte ausgelöscht. Aber sie waren noch immer irgendwo vor ihm. Shannon hielt, zog die Winchester 66 aus dem Scabbard und lauschte. Kein Laut mehr. Vorsichtig ritt der große, dunkelhaarige Mann mit der Schussnarbe an der rechten Schläfe weiter. Nach einer Viertelstunde erreichte er den Rand einer weiten Lichtung, über der ein dünner Flockenschleier hing. Wölfe knurrten. Dann schrie eine heisere, verzweifelte Stimme: „Ich weiß, dass du noch da bist, Atkins! Verdammt, Mann, du kannst mich doch hier nicht liegen lassen! Komm her, lass es uns austragen! Aber schick diese verdammten Bestien zum Teufel!“

Mitten auf der Lichtung lag ein totes Pferd, daneben ein gedrungener, in dicke Winterkleidung gehüllter Mann. Sein schnurrbärtiges Gesicht war vor Anstrengung verzerrt. Keuchend versuchte er das nur wenige Handbreit von ihm entfernte Gewehr zu erreichen. Es ging nicht. Er war mit einem Fuß unter dem massigen Pferdekörper festgeklemmt. Ringsum im Schnee bewegten sich graue Schatten auf ihn zu.

Wölfe!

Acht oder neun ausgewachsene zottige Tiere. Ihre gelbgrünen Lichter funkelten. Sie knurrten, hechelten, krochen fast auf dem Bauch. Shannons Fäuste schlossen sich fester um das Gewehr. Er hatte noch nie erlebt , dass Wölfe einen Menschen angriffen, wenn sie nicht verwundet oder in die Enge getrieben worden waren. Doch der Winter war streng und schneereich, die Berge und Täler ohne Wild. Das erschossene Pferd war den Wölfen willkommene Beute. Immer enger zog sich ihr Kreis um den Gestürzten.

„Verschwindet!“, schrie der Mann. „Haut ab, ihr Teufel!“

Seine Stimme, sein Fäusteschütteln beeindruckte sie nicht. Eine große dunkelgraue Wölfin schob sich ein paar Schritte vor, bleckte den Fang und duckte sich zum Sprung.

„Atkins!“, brüllte der Schnurrbärtige entsetzt. „Schieß endlich, du Hundesohn!“

Es war Shannon, der einen Schuss über die Lichtung jagte. Gleichzeitig trieb er seinen Braunen unter den Bäumen hervor. Die Wölfe stoben auseinander. Shannon erwartete, dass sie in wilder Flucht davonrennen würden. Aber als er den Cayusen neben dem im Schnee Liegenden zügelte, waren sie noch immer da. Ein paar liefen am Rand der Lichtung hin und her. Andere kauerten reglos, wie auf dem Sprung im Schnee und belauerten ihn. Shannon hatte Mühe, sein schnaubendes und stampfendes Pferd zu beruhigen. Keuchend drehte sich der Schnurrbärtige auf die Seite. „Atkins, du ...“

„Mein Name ist Shannon. Nur ruhig Blut, Mister, die Wölfe bekommen dich nicht.“ Geschmeidig sprang Shannon ab, schob seine Winchester neben den festgeklemmten Fuß und schob den Pferdekadaver so weit hoch, dass der Gedrungene sich endlich befreien konnte. Sofort kroch er zu dem im Schnee liegenden Karabiner.

„Vorsicht! Dieser Schuft steckt noch irgendwie da drüben unter den Bäumen. Er wird ...“

Da knallte es schon. Shannon warf sich blitzschnell neben den Schnurrbärtigen und zog den Kopf ein. Die Kugel schlug in das schon halb mit Schnee bedeckte tote Pferd. Jetzt erst verließen die Wölfe die Lichtung. Lautlos tauchten sie im Halbdunkel des Tannenwaldes ein. Der Schnurrbärtige wandte Shannon sein grimmiges Gesicht zu.

„Danke, Freund! Das war Hilfe im rechten Augenblick. Tut mir leid, dass du nun ebenfalls in dieser verfluchten Sache drinsteckst. Ich bin Abe Holborn. Atkins, dieser Bastard, ist mir von Rockwood aus heimlich gefolgt. Weiß der Henker, wie Freeman Wind davon bekommen hat, dass ich zu Shono McKay will. Aber nur er kann Atkins auf meine Spur gehetzt haben.“ Er stieß den Karabiner über das Pferd und hob vorsichtig den Kopf. „He, Atkins, bist du noch da? Glaub ja nicht, dass du jetzt noch leichtes Spiel hast, du Lump!“ Keine Antwort. Wütend spuckte Holborn zur Seite aus. „Er wartet nur darauf, dass wir einen Fehler machen. Er weiß genau, wie prächtig er uns hier festgenagelt hat. Die Hölle soll ihn verschlingen und Freeman dazu!“

Shannon ersetzte ruhig die abgeschossene Patrone.

„Wer ist Freeman?“

„Der Boss im Rockwood Valley!“ Holborn lachte rau. „Der Mann, dem hier die größte Ranch und das dickste Bankkonto gehören. Er will verhindern, dass ich McKay, den besten Wolfsjäger von Wyoming, ins Tal zurückhole, damit er dieser verfluchten Wolfsplage ein Ende macht. Ich hab noch keinen Winter erlebt, in dem die Wölfe so schlimm waren wie in diesem. Rockwood Valley ist in hundert Meilen Umkreis das einzig besiedelte Tal in der Windriver Range. Sämtliche Graufelle des westlichen Wyoming scheinen sich hier zu versammeln. Sie haben mir schon zehn Rinder von der Weide geholt, ein paar sogar am helllichten Tag. Aber der Schlimmste von allen ist der rote Sam. Ein Monstrum von Wolf! Er soll früher sein Unwesen droben in Montana getrieben haben. Da haben ihn die Goldgräber seines rötlichen Fells wegen so getauft. Es heißt, dass er auch Menschen angreift.“

„Das tut kein Wolf, wenn einer nicht gerade mit einer Flinte oder mit einer Heugabel auf ihn losgeht.“

Holborn feuerte einen Schuss zum Waldrand, bevor er grimmig den Kopf schüttelte.

„Red Sam ist nicht irgendein Wolf. Das ist ein Verrückter, ein Killer, der nicht nur aus Hunger tötet. So was gibt’s vielleicht nur alle hundert Jahre mal, aber es ist Tatsache. Nur ein Kerl wie Shono McKay könnte es mit ihm aufnehmen. Aber nein, diese Narren im Tal, die alle nach George Freemans Pfeife tanzen, reden sich ein, sie schaffen es auch ohne ihn. Sie hassen McKay wie die Pest, nicht nur, weil er ein halber Indianer ist. Vor zwei Jahren haben sie ihn wie einen Verbrecher aus dem Tal gejagt, obwohl ...“

Ein peitschender Knall kam vom Waldrand. Hinter den lautlos nieder schwebenden Flocken glühte ein fahler Mündungsblitz. Shannon schoss zurück. Nur ein höhnisches Lachen antwortete. Holborn fluchte. „Er brauchte nur zu warten, bis wir hier eingeschneit sind. Wir werden noch erfrieren, verdammt noch mal.“

Auch Shannon spürte die beißende Kälte, die durch seine fellgefütterte Mackinaw-Jacke drang. Es war Nachmittag. In ein paar Stunden würde es noch kälter werden. Er zog die Beine an.

„Gib mir Feuerschutz, Holborn. Ich werd versuchen, an ihn ranzukommen, bevor er anfängt, auch noch auf meinen Gaul zu schießen.“

„Warte!“, keuchte der schnurrbärtige Rancher. „Du bist fremd hier. Du kennst Slade Atkins nicht. Er ist Freemans bester Schütze, mehr Revolvermann als Cowboy. Der knallt dich ab wie ’nen Hasen.“

Shannon lächelte hart.

„Er wird es versuchen wie viele andere vor ihm — mehr nicht.“

Hastig griff Holborn nach seinem Arm. Sein grimmiges, wettergegerbtes Gesicht war ernst.

„Du hast genug für mich getan. Ich will nicht, dass du auch noch deinen Skalp verlierst. Schließlich hast du mit der ganzen verflixten Geschichte nichts zu tun. Ich hab jetzt mein Gewehr, ich kann mich bewegen. Das ist genug, um es allein mit Atkins auszukämpfen. Ich werde mit ihm reden, damit er dich verschwinden lässt.“

„Wenn er der Bastard ist, für den du ihn hältst, wird er ja sagen und mir dann eine Kugel in den Rücken jagen.“

Holborn ließ ihn los und fluchte wieder: „Du hast recht, Shannon. Er ist genau der Typ dazu. Zur Hölle mit ihm! Anfangs ging es ihm nur darum, meinen Ritt zu McKay zu verhindern. Das hat Freeman ihm sicherlich befohlen. Aber seit Atkins weiß, dass ich ihn erkannt habe, wird er alles tun, um zu verhindern, dass einer von uns nach Rockwood gelangt. Auch wenn sich dort ja doch niemand findet, der ihn zur Rechenschaft zieht.“

„Na denn!“, meinte Shannon entschlossen. „Schieß, wenn ich dir ein Zeichen gebe! Ich werde ...“ Er brach ab. Ein Schatten huschte unheimlich schnell am Waldrand entlang. Ein großer rotbrauner Körper flog gestreckt durch die Luft. Dann gellte ein entsetzlicher Aufschrei über die Lichtung. Holborn sprang auf.

„Der rote Sam! Er hat Atkins erwischt!“

Ein Knirschen, Knurren und Scharren kam von den Bäumen. Shannon traute seinen Augen nicht. Sein Verstand weigerte sich zu glauben, was sich da drüben abspielte. Es war eine Alptraumszene. Eine Gestalt wälzte sich auf dem Boden, darüber ein zottiger, auffällig rotbrauner Wolf - der riesigste, den Shannon je gesehen hatte! Er hatte seinen Fang in die Kehle des unter ihm liegenden Mannes geschlagen. Alles war sekundenschnell gegangen. Shannon riss sein Gewehr hoch, schoss ohne zu zielen und rannte vorwärts.

„Zurück, Shannon!“, schrie Abe Holborn erschrocken.

Der Wolf gab Atkins sofort frei, wirbelte herum und starrte Shannon an. Sein Rachen war geöffnet, die großen Reißzähne schimmerten gefährlich. Blut tropfte von seinen Lefzen, Menschenblut. Seine Nackenhaare waren gesträubt. Ein unheimliches heiseres Knurren kam tief aus seiner Kehle.

Shannon stockte. Es war das erste Mal, dass ein Wolf nicht auf der Stelle die Flucht vor ihm ergriff. Ein Wolf? Die Indianer hätten diese riesige zottige Bestie mit den unheimlich glühenden Augen vielleicht für einen Bergdämon gehalten. Aber Shannon war nicht abergläubisch. Er presste die Lippen zusammen, hob die Winchester an die Schulter und zielte diesmal sorgfältig.

Der große Rotbraune schien jedoch genau zu wissen, was ein Gewehr war. Shannons Schuss flammte den Bruchteil einer Sekunde zu spät. Der vierbeinige Killer war bereits herumgeschnellt. Mit einem gewaltigen lautlosen Satz verschwand er zwischen den Tannen. Schnee staubte von einem tief herabhängenden Zweig, dann rührte sich nichts mehr. Shannon ließ das Gewehr sinken. Er fröstelte. Ihm war, als fühlte er noch immer den Blick des Wolfes auf sich gerichtet, einen kalten, bösen, wissenden Blick,

Keuchend blieb Holborn bei ihm stehen. Ein Zittern war in seiner rauen Stimme: „Glaubst du mir jetzt?“

Shannon antwortete nicht. Seine Kehle war wie zugeschnürt. Die Stille und das Halbdunkel zwischen den Bäumen waren wie ein Vorhang, hinter dem eine tödliche Gefahr lauerte. Mit der Winchester an der Hüfte ging Shannon zu Atkins. Es war ein grauenvoller Anblick. Der zerwühlte Schnee war blutgetränkt. Die sanft fallenden Flocken bedeckten langsam das verzerrte Gesicht des Toten. Atkins’ Pferd war fort. Blutbesudelte Geldscheine lagen zerstreut im Schnee. Holborn bückte sich. Seine schwielige Hand bebte.

„Freemans Geld! Blutgeld! Aber niemand wird beweisen können, dass es von ihm stammt. Ich wollte, er wäre hier und könnte Atkins so sehen.“

„Wir können den Mann hier nicht liegen lassen. Wie weit ist es bis Rockwood?“

„Wir werden bei Einbruch der Dunkelheit dort sein. Aber vielleicht ist es besser, Shannon, du schlägst einen Bogen um die Town und das ganze verdammte Rockwood Valley, nach allem, was hier geschehen ist. Um diese Jahreszeit findest du dort ja doch keinen Job, nur jede Menge Wölfe.“

„Vielleicht sind auch die vier darunter, hinter denen ich her bin“, murmelte der Satteltramp. „Auch sie sind Killer, nur mit dem Unterschied, dass sie auf zwei Beinen herumlaufen und mit dem Colt töten.“



2

Drei Stunden später, als Shannon seinen Cayusen vor dem einzigen Saloon in Rockwood zügelte, wusste er, dass er wieder einmal am Ende einer heißen Fährte war. Die niedrigen, schneebedeckten Häuser, die sich hinter falschen Bretterfassaden verbargen, die schnurgerade breite Main Street mit den teilweise überdachten Gehsteigen zu beiden Seilen — alles um ihn schien im Dunkel der hereinbrechenden Nacht zu versinken. Reglos, mit hochgeschlagenem Jackenkragen verharrte er im Sattel und starrte auf das Brandzeichen der vier Gäule, die unter dem weit vorspringenden Saloondach festgebunden waren.

Dunhams Pferde!

Shannons Miene spannte sich. Ein stählerner Glanz erschien in seinen dunklen, indianerhaften Augen.

Dunham!

Der Name beschwor die Erinnerung an eine kleine, einsam gelegene Ranch herauf, auf der Shannon Zuflucht vor dem Blizzard gefunden hatte, der ganz Wyoming unter einer dicken Schneedecke begraben hatte. Die Erinnerung an herzliche Gastfreundschaft, knisterndes Kaminfeuer, heißen Tee und Tabakqualm. Aber Shannon war nicht der einzige gewesen, den der Schneesturm auf Joe Dunhams Anwesen geweht halte. Am nächsten Tag waren vier weitere Männer aus den weißen Hügeln getorkelt — am Ende ihrer Kraft, halb erfroren, nachdem sie im Blizzard die Pferde verloren hatten. Dunham hatte auch sie aufgenommen — seine Mörder.

Das Krachen der Schüsse, die plötzlich die Stille in der Ranchhütte zerfetzt hatten, hallte wider in Shannons Ohren. Er war im Stall bei den Pferden gewesen und zu spät gekommen. Sie hatten ihm einen Gewehrlauf über den Schädel gehauen, und als er aufgewacht war, waren sie fort gewesen, mit Dunhams Pferden, reichlich Proviant und genug Munition.

Shannon saß ab, schlang die Leine um den Zügelholm, zog die Handschuhe aus und schob sie in die Satteltasche. Es hatte aufgehört zu schneien. Petroleumlampen brannten hinter den Fenstern. Er war allein auf der verschneiten Straße. Holborn brachte Atkins zum Totengräber. Die Nacht fiel wie ein schwarzer Schleier auf das Rockwood Valley. Die Silhouette der zerklüfteten, dicht bewaldeten Windriver Range war nur mehr zu ahnen. Fernes Wolfsgeheul kam von dort. Eine Drohung, die die Menschen in ihre Häuser und ans warme Herdfeuer bannte. Aus dem Saloon drang Gelächter, ein Durcheinander rauher, lärmender Stimmen. Stimmen, die Shannon von Joe Dunhams Ranch kannte.

Er lockerte den 44er Army Colt in der tiefhängenden Halfter, ehe er die halb verglaste Saloontür öffnete. Die Scheiben waren mit Eisblumen beschlagen. Er fand die Männer, die er suchte, mit dem ersten Blick. Sie hockten um einen runden Tisch. Karten lagen zwischen ihnen, daneben standen Gläser und Flaschen. Der einzige Gast außer ihnen war ein etwa dreißigjähriger, breitschultriger Mann, der am Ende der Theke lehnte. Er beobachtete Shannons Eintreten mit einem scharfen, wachsamen Blick. Sein Gesicht war fast eine Spur zu kantig, zu hart. Er trug Weidereitertracht. Aber Shannon sah sofort, dass sein Colt tiefer hing, als das bei einem gewöhnlichen Rindermann sonst der Fall war.

Buffalo, einer von Dunhams Mördern, der mit dem Rücken zur Tür saß, lachte noch schallend über einen Witz, der eben gefallen war. Ein schwerer, bärtiger, ganz in fransenverziertes Leder gekleideter Kerl. Grizzly, sein Bruder, ebenfalls ein Bulle von Mann, saß links von ihm. Auch ihn konnte man in seinem Lederanzug für einen Büffeljäger oder Fallensteller halten. Ihre richtigen Namen kannte niemand, ebensowenig die Namen der beiden anderen. Der junge Kerl mit dem spitzen, hinterhältigen Gesicht war als Kansas-Kid bekannt. Der Vierte im Bunde hieß ganz einfach Silver. Ein hagerer, über vierzig Jahre alter gefährlicher Mann mit silberweißem Haar und durchdringend kalten Augen.

Er sah Shannon zuerst. Shannon erwartete, dass der Tanz sofort losgehen würde, dass er schnell wie nie zuvor sein musste. Doch Silver saß steif auf dem Stuhl. Kansas-Kid drehte beim Zuklappen der Tür gleichgültig den Kopf. Sein Blick schien achtlos über Shannon zu streifen. Dann zuckte er zusammen, verfärbte sich und wollte blitzschnell zum Revolver greifen. Silver hielt seinen Arm fest. Seine zusammengepressten Lippen wirkten wie ein messerscharfer dunkler Strich in dem hageren Gesicht. Buffalo blieb das Lachen in der Kehle stecken, als er sich überrascht auf seinem Stuhl umdrehte.

„Hey, das ist aber eine Überraschung! Du hast uns gerade noch gefehlt, Shannon! So heißt du doch, wenn ich mich recht erinnere. Komm her! Setz dich! Trink eine Runde mit! Auf Kosten des Hauses, was, Harper, du alter Geizkragen?“ Er schlug sich klatschend auf die Schenkel und schüttelte sich vor Lachen. Ein Lachen, von dem Shannon sich nicht täuschen ließ. Buffalo war längst nicht so betrunken, wie er tat. Grizzlys und Kids Hände waren herabgesunken, lagen in der Nähe der glattgewetzten Coltgriffe.

„Was ist, Shannon?“, grinste Buffalo breit. „Steh da nicht so verfroren herum! Harper hat genug Whisky für uns alle. Her mit deiner Pumaspucke, Harper! Wird's bald!“

Shannons Gesicht war maskenhaft starr.

„Du weißt genau, dass ich mit dir keinen Whisky trinken werde, du Bastard! Mit keinem von euch!“

Buffalos Grinsen war nur noch eine hässliche Grimasse. Er beugte sich lauernd auf dem Stuhl vor.

„Das ist aber schade. Was willst du denn? Doch hoffentlich keinen Ärger, wie?“

„Du weißt, warum ich hier bin.“

Kansas-Kids Zähne knirschten. In seinem jungen mageren Gesicht zuckte es heftig. Wieder hielt Silver ihn fest. Die Augen des Silberhaarigen glitzerten wie Eissplitter.

„Verschwinde, Shannon!“, sagte er schleppend. „Mach hier keinen Stunk! Du würdest ihn nicht überleben. Wir sind zu viert. Du hättest ja doch keine Chance.“

„So wie Joe Dunham keine Chance hatte, was?“

Grizzly sprang fluchend auf und stieß seinen Stuhl zurück. Eine rote Narbe brannte wie ein Kainsmal auf seiner niedrigen Stirn. Zerzaustes Haar fiel unter seinem speckigen Stetson hervor. „Na los doch, du verrückter Hund! Zeig, was du kannst!“

„Gern.“ Shannon lächelte, aber es sah mehr wie das Zähnefletschen eines Tigers aus. Plötzlich, von einem Moment zum anderen, hielt er seinen langläufigen 44er in der Faust. Grizzly hatte seinen klobigen alten Whitneyville Walker Colt erst halb aus dem Leder. Erschrocken ließ er die Waffe los. Die anderen fluchten. Nur Silver verzog keine Miene.

„Na und, Shannon? Willst du uns nun alle der Reihe nach über den Haufen schießen, ohne dass einer einen Finger gegen dich rührt? Übernimm dich nur nicht!“

„Ich bin kein Mörder. Ich werde nicht schießen, wenn ihr mich nicht dazu zwingt. Aber es gibt ein Sheriffs Office in dieser Town. Ich werd euch hinbringen.“

Die Kerle grinsten plötzlich. Silver drehte langsam den Kopf und blickte den jungen breitschultrigen Mann an der Theke an.

„Du bist an der Reihe, Burnett. Sag ihm, er soll sich zum Teufel scheren! Oder noch besser: Befördere ihn gleich selbst dort hin!“

„Vorsicht, Burnett!“, warnte Shannon scharf. „Besser, du mischt dich nicht ein, auch wenn das deine Freunde sind! Aufstehen, ihr Halunken! Der Sheriff wird sich freuen, wenn er euch sieht.“ „Da wäre ich mir nicht so sicher“, meinte der Mann an der Theke mit spröder Stimme. Mit der Linken schob er die aufgeknöpfte Jacke auseinander. Ein fünfzackiger Messingstern blitzte im Schein der Petroleumlampen. Ohne Hast zog Burnett seinen Revolver. Keine Spur Lässigkeit war mehr an ihm.

„Leg dein Schießeisen auf den Tisch, Shannon!“

Buffalo lachte, dass sein struppiger Bart wackelte.

„Freemans Tal, Freemans Stadt, Freemans Sheriff! Dein Pech, Shannon, dass auch wir seit einer Stunde auf Freemans Lohnliste stehen!“ Er wollte abermals losbrüllen, aber der verbissene Zug um Burnetts Mund und der Colt, den Shannon noch immer in der Faust hielt, hinderten ihn daran. Burnett löste sich von der Theke.

„Du hast noch fünf Sekunden, Shannon!“

Freemans Sheriff!, hämmerte es in Shannons Kopf. Bevor er den Colt herumschwingen konnte, war er ein toter Mann. Schweiß trat ihm auf die Stirn. Er sah Dunham wieder in seinem Blut liegen.

„Noch zwei Sekunden!“

Alles war umsonst gewesen! Shannon legte den 44er auf den Tisch neben sich. Die Bitterkeit steckte wie ein Kloß in seiner Kehle. Seine Stimme klang gepresst: „Du hilfst skruppellosen Mördern, Burnett. Schurken, die nicht davor zurückschrecken, einen Mann zu töten, der ihnen Gastfreundschaft gewährte.“

„Er lügt!“ Kansas-Kid fuhr so heftig hoch, dass sein Stuhl umkippte. Seine blassgrauen Augen flackerten. „Jag ihn zum Teufel, Burnett! Er will uns einen Mord anhängen, den wir nicht begangen haben!“ Er lachte schrill. „Oder hast du etwa einen Zeugen, Shannon, der das Gegenteil beweist, he?“

„Ich hab eure Steckbriefe. Ich fand sie nach eurem Mord an Joe Dunham bei euren toten Pferden in den Hügeln südlich von Fort Washakie. Sieh sie dir an, Burnett, damit du weißt, für wen du den Stern verrätst!“ Shannon zog die zerknitterten Papierbogen aus der Innentasche seiner Mackinaw-Jacke und warf sie neben seinen Colt. Wie auf Kommando standen nun auch Silver und Buffalo auf.

Silvers Stimme klang wie brechendes Eis.

„Okay, Shannon, du willst es also nicht anders!“

„Lasst die Eisen stecken!“, drohte Burnett scharf. Die Banditen waren noch überraschter als Shannon. Silvers Kopf flog herum. Zum ersten Mal war die Härte seines hageren, unbewegten Gesichts erschüttert.

„Bist du verrückt, Burnett? Denk an Freeman!“

Mit harten Tritten, den Colt in der Faust, kam der Sheriff durch den Saloon. Er faltete die Steckbriefe auseinander, dann stellte er sich entschlossen neben Shannon.

„Ich glaube nicht, dass Freeman steckbrieflich gesuchte Verbrecher auf seiner Ranch haben will. Im Namen des Gesetzes: Weg mit euren Schießeisen, sonst knallt‘s! Shannon, du kannst deinen Colt wieder nehmen. Ich hab mich geirrt.“

Shannon grinste erleichtert.

Zu früh!

Eine harte, befehlsgewohnte Stimme rief von der ins Obergeschoss führenden Treppe: „Schluss, Quint! Ich hab diese Männer als Wolfsjäger angeheuert. Ich dulde nicht, dass du sie hinter Schloss und Riegel steckst!“

Ein schlanker, mittelgroßer Mann, weit über fünfzig, aber mit einem straffen, energischen Gesicht und scharfen grauen Augen, kam die Stufen herab. Er trug einen städtisch geschnittenen Mantel. Seine Stiefel glänzten. Er hielt sich betont aufrecht. Seine Schultern waren zurückgebogen.

„Hallo, Mr. Freeman“, grinste Buffalo. „Hallo, Jake!“

Ein weiterer Mann kam hinter dem drahtigen Rancher die Treppe herab: groß, sehnig, in einem mantelähnlichen schwarzen Umhang. Ein flachkroniger, ebenfalls schwarzer Hut beschattete das harte, gut geschnittene Gesicht, in dem nur der grausame Zug um die Mundwinkel störte. Seine Bewegungen wirkten raubtierhaft geschmeidig, lässig lehnte er sich mit verschränkten Armen neben der Treppe an die Saloonwand. Freeman wies mit einer Kopfbewegung auf ihn.

„Quint, das ist Jake Teggard, der Anführer dieser Männer. Er hat sie nach Rockwood kommen lassen, weil ich einen Vertrag mit ihm habe. Einen Vertrag darüber, dass Teggard mit seinen Freunden das Tal von Wölfen säubert und Red Sam zur Strecke bringt. Worauf wartest du noch, Quint! Steck deinen Revolver weg!“

Eine dünne Schweißschicht überzog Burnetts Stirn.

„Mr. Freeman, es sind Mörder und Banditen, die ...“

„Wer sagt das?“, unterbrach ihn Freeman eisig. Er deutete geringschätzig auf Shannon. „Er etwa? Ein Satteltramp mit einem tief geschnallten Eisen! Was weißt du denn von ihm? Seinen Namen, nicht mehr. Bisschen wenig, findest du nicht? Also, tu, was ich dir sage!“

„Shannon hat ihre Steckbriefe mitgebracht. In Texas sind für jeden von ihnen fünfhundert Dollar Belohnung ausgesetzt.“

„Fälschungen!“, krächzte Kansas-Kid.

Freeman kam mit schnellen, energischen Schrillen von der Treppe herüber. Er nahm die Steckbriefe und zerriss sie, ohne einen Blick darauf zu werfen. Buffalo und die anderen grinsten. Teggard beobachtete die Szene mit gespielter Gleichgültigkeit. Die flache schwarze Hutkrempe verdeckte seine Augen, aber Shannon fühlte förmlich seinen stechenden Blick. Dieser Kerl war noch ein ganzes Stück härter und gefährlicher als die anderen.

Freemans graue Augen funkelten den Sheriff zornig an.

„Texas, oah! Was geht uns Texas an? Du bist Sheriff im Rockwood Valley in Wyoming! Verdammt noch mal, Quint, du weißt, wie schlimm es die Wölfe draußen im Tal treiben! Kein Tag, an dem nicht einer von uns Ranchern ein paar gerissene Rinder auf der Weide findet. Ich hab Teggard und seine Leute angeworben, dieser Plage ein Ende zu machen, nachdem wir vergeblich versucht haben, den Wölfen Herr zu werden. Aber diese Biester werden immer mehr, und wir können nicht selber Tag und Nacht unterwegs sein. Wir haben nicht mal genug Leute, unsere Herden zu bewachen. Aber Teggard und seine Freunde sind erfahrene Jäger. Ich brauche sie, und deshalb werde ich nicht nach ihrer Vergangenheit fragen.“

„Aber ich!“

Freeman trat einen Schritt zurück. Eine Spur Ungläubigkeit schwang in seiner Stimme mit.

„Quint, zum Teufel, ich hab dir einen Befehl gegeben!“

Burnett ließ die vier Banditen nicht aus den Augen. Sein Finger ruhte am Abzug.

„Ich tue nur meine Pflicht!“

Freemans Mundwinkel spannten sich. Vielleicht war es das erste Mal, dass jemand in Rockwood es wagte, sich ihm zu widersetzen. Doch seine Stimme blieb kalt und beherrscht.

„Deine Pflicht ist es, für Ordnung und Sicherheit im Tal zu sorgen. Dazu gehört auch, alles zu tun, damit die Wölfe vertrieben werden, bevor sie uns ruinieren. Vergiss nicht, dass die Town von uns Ranchern lebt. Und vergiss vor allem nicht, wem du es verdankst, dass du den Stern trägst.“

„Ich werde von der Stadt bezahlt, Mr. Freeman, nicht von Ihnen!“

Der Rancher lachte hart.

„Wo ist da der Unterschied? Sei vernünftig, Quint! Wir haben keine andere Wahl, als Teggard und seine Männer auf die Spur der Wölfe zu setzen. Red Sam ist im Tal. Willst du warten, bis hier das Chaos ausbricht? Oder willst du etwa Shono McKay anstelle von Teggards Wolfsjägern hierhaben?“

Burnett zuckte zusammen.

„Lassen Sie McKay aus dem Spiel!“

„Ich schon, aber werden es andere ebenfalls tun? Weiß der Himmel, wann einer auf die Idee kommt, loszureiten und ihn ins Tal zurückzuholen, weil er sich anders gegen die verdammten Wölfe nicht mehr zu helfen weiß.“

„Wie Holborn zum Beispiel“, warf Shannon ein.

Freemans Kopf ruckte herum. Seine Augen verengten sich.

„Was ist mit ihm?“

„Er war auf dem Weg zu McKay. Ein Mann namens Atkins wollte ihn deswegen ins Jenseits befördern. Doch der Rote Sam hat ihn erwischt. Holborn bringt ihn gerade zum Totengräber.“

Freeman ballte die Fäuste.

„Was hab ich damit zu tun?“

„Ich habe nicht von Ihnen gesprochen, Freeman“, lächelte Shannon verkniffen.

Einen Moment funkelte blanker Hass in den Augen des Ranchers. Dann hatte er sich schon wieder in der Gewalt. Er wandte sich erneut an den Sheriff.

„Red Sam also! Er hat sein erstes Opfer gefunden. Willst du Teggards Partner jetzt noch immer einsperren?“

„Es geht nicht darum, was ich will, sondern was ich muss!“

„Ich warne dich, Quint!“, murmelte Freeman. „Du wirst das ganze Tal gegen dich haben. Alle wissen, dass ich diese Männer für die Wolfsjagd bezahlte. Ich habe tausend Dollar auf Red Sam ausgesetzt, zehn Dollar für jeden weiteren erlegten Wolf. Alle haben neue Hoffnung geschöpft. Sie werden dich zum Teufel jagen, wenn du sie darum betrügst. Erwarte dann ja nicht, dass ich einen Finger für dich rühre.“

„Ich kann auf mich selbst aufpassen.“

Freeman schüttelte den Kopf.

„Du sprichst wie ein Dummkopf, Quint.“

„Ich habe einen Eid auf das Gesetz geleistet, Mr. Freeman. Ich habe immer getan, was Sie wollten. Aber es ist nicht meine Schuld, dass Sie die falschen Männer ins Tal geholt haben.“

„Dann wird es auch nicht meine Schuld sein, wenn du Lorna nie wieder siehst!“, versetzte der Rancher klirrend. „Oder glaubst du, ich lasse zu, dass meine Tochter einen Mann heiratet, der sich offen gegen mich stellt?“

Burnett atmete schwer.

„Lorna ist alt genug, selbst zu entscheiden, was ...“

„Sie war auch damals alt genug, als sie sich entschloss, mit McKay, diesem verdammten Halbblut, auf und davon zu gehen! Ich habe damals verhindert, dass sie den falschen Mann nahm, ich werde es auch diesmal verhindern.“

Burnetts eckiges Gesicht lief dunkel an,

„Lorna war jung und einsam, und sie hatte es satt, von Ihnen herumkommandiert zu werden. Deshalb wollte sie mit McKay fort. Es ist nicht nötig, dass Sie hier so von Ihrer Tochter sprechen, Freeman.“

„Ich schulde niemand Rechenschaft, am wenigsten dir, Quint! Ich bin der Boss, und das wirst du noch zu spüren bekommen, wenn du nicht endlich den Revolver wegsteckst.“

„Noch hat er uns nicht, Mr. Freeman“, grinste Buffalo lauernd. „Und ich wette, er wird uns auch nicht bekommen. Er kann höchstens einen von uns erwischen, dann ist er selbst dran. Ich glaube nicht, dass er es darauf ankommen lässt.“

„Vergesst nicht, dass ich mit von der Partie bin!“ Shannon nahm schnell seinen 44er vom Tisch. Er richtete die Waffe jedoch nicht auf die vier Schurken, sondern auf Teggard.

„Lass dein Schießeisen am Platz! Sag diesen Narren, sie sollen abschnallen und friedlich sein, sonst bist du der erste, den es erwischt.“

Teggards schlanke Rechte war unter dem schwarzen Umhang verschwunden. Plötzlich war es totenstill im Saloon. Der Keeper war in der angrenzenden Küche verschwunden. Langsam zog Teggard die Hand unter dem Umhang hervor.

„Du machst einen Fehler, Shannon, der dir das Leben kosten wird. An deiner Stelle würde ich ...“

„Du bist nicht an meiner Stelle.“ Shannon grinste hart.

Teggard stieß sich von der Wand ab. Mit katzenhaften Schritten kam er so nahe an Shannon heran, dass dessen Colt ihn fast berührte. Sie waren gleich groß, vielleicht auch gleich gefährlich. Teggards Augen waren kalt und ausdruckslos wie die Augen einer Klapperschlange.

„Es wird dir noch leidtun“, war alles, was er sagte.

Shannon sah aus den Augenwinkeln eine Bewegung. Bevor Kansas-Kid, der von Grizzlys klobiger Gestalt halb verdeckt wurde, seinen Sixshooter aus der Halfter hatte, füllte das Krachen von Shannons 44er den Saloon. Die Kugel zerschmetterte ein Glas auf der Tischplatte neben dem jungen, spitzgesichtigen Banditen. Kid riss die Hand von der Waffe. Da zielte Shannons Colt bereits wieder auf Teggard. Shannon grinste, als die Halunken jetzt widerspruchslos ihre Revolver abschnallten.

„Bring sie weg, Burnett! Ich werde dafür sorgen, dass du keine Kugel in den Rücken bekommst.“



3

Der Knall eines Schusses riss Shannon aus dem Schlaf. Scherben wirbelten durch das karg möblierte Sheriffs Office. Burnett presste sich mit einem Gewehr in den Fäusten an die Wand neben dem zerschossenen Fenster. Gähnend erhob sich Shannon von dem schmalen Feldbett an der Rückfront.

Der Sheriff hatte nicht übertrieben. Auf dem gegenüberliegenden überdachten Gehsteig gab es keinen freien Platz mehr, so dicht drängten sich die winterlich gekleideten Gestalten aneinander. Gewehrläufe schimmerten. Von den gegen die beißende Kälte eingemummten Gesichtern war nicht viel mehr als die funkelnden Augen zu sehen. Sie starrten alle zur Front des Sheriffs Office. Nur ein Mann hielt sich abseits, lässig an einen Vordachpfeiler von Harpers Saloon gelehnt: Jake Teggard. Der Wind zerrte an seinem langen schwarzen Umhang. Die Zigarre zwischen seinen Zähnen glühte immer wieder heftig auf. Ein halb spöttisches, halb gelangweiltes Lächeln spielte um Teggards Mund, so als wüsste er genau, wie sich die Dinge entwickeln würden. Er schien nur darauf zu warten, dass er losmarschieren konnte, seine befreiten Kumpane händeschüttelnd und schulterklopfend in Empfang zu nehmen.

„Gib sie raus, Burnett!“, schrie ein Mann auf der anderen Straßenseite, und sofort brüllte die ganze Menge im heiseren Chor: „Gib sie raus! Gib sie raus!“

Der Sheriff schüttelte bitter den Kopf.

„Diese Narren! Sie tun so, als hätte ich ein paar Unschuldige aus ihrer Mitte eingebuchtet. Und alles nur, weil Freeman ihnen eingetrichtert hat, dass sie nur mit Teggards Crew mit den Wölfen fertig werden. Hauptsache, sie retten ihre Herden, alles andere ist ihnen gleich.“ Er griff in die Hosentasche und hielt Shannon einen blankpolierten Fünfzack hin. „Steck ihn dir an, Amigo! Ich werde dich als Deputy vereidigen.“

Shannon grinste sauer.

„Ich wüsste nicht, wozu das gut sein sollte. Ich helf dir auch so.“

Burnett runzelte die Stirn.

„Wer bist du überhaupt, Shannon, dass du den Stern ablehnst und doch Jagd auf diese Verbrecher gemacht hast?“

„Ein Herumtreiber, der nichts weiter besitzt als sein Pferd, seinen Colt und seine Winchester. Ein Mann der mal von diesem, mal von jenem Job lebt und zwischendurch sein Glück mit den Karten versucht. Kein Mann, der für den Stern taugt.“ Shannon blickte auf die Bohlentür mit dem winzigen vergitterten Fenster, hinter der sich das dem Office angegliederte Jail befand. „Der Mann, den die Schurken da hinten auf dem Gewissen haben, hat mir Gastfreundschaft gewährt. Das ist alles. Tut mir leid, dass sich diese Kerle ausgerechnet Rockwood als Winterquartier ausgesucht haben.“

„Mir tut es auch leid! Bevor du hier aufgetaucht bist, war ich mit Freemans Tochter so gut wie verlobt. Weiß der Henker, was nun daraus wird.“

„Was ist denn damals aus McKay geworden?“, fragte Shannon beiläufig, ohne den Sheriff anzublicken.

Burnett riss es förmlich herum.

„Ich will nichts von ihm hören!“

„Weil du ein schlechtes Gewissen hast? Weil du damals nichts unternommen hast, als Freeman ihn wie einen Verbrecher davonjagte und dir damit freie Bahn bei Lorna verschaffte? Du liebe Zeit, reg dich nicht auf, Burnett! Tu das Gewehr weg! Die Sache geht mich ja nichts an. Aber Holborn ist überzeugt, McKay wäre genau der richtige Mann, die Wölfe loszuwerden. Nur McKay.“

Schneeschleier tanzten vorbei. Dahinter blitzten zwei, drei Mündungsfeuer. Shannon riss den Sheriff zur Seite. Keinen Sekundenbruchteil zu früh. Kugeln pfiffen herein. Noch mehr Männer sprangen auf die Fahrbahn. Drohend rückten sie näher. Burnett repetierte. Da trat plötzlich Stille ein. Alle wandten den Kopf. Ein Reiter tauchte straßenabwärts in den weißen Schwaden auf. Das an- und abschwellende Singen des Windes übertönte das Knirschen der Hufe im Schnee.

„Freeman!“ Burnett umklammerte seine Remington fester.

Der schlanke Rancher thronte wie ein siegreicher Feldherr im Sattel. Er schien den Wind und den Schnee nicht zu spüren. Sechs dick vermummte Männer ritten in militärisch ausgerichteter Zweierreihe hinter ihm, jeder ein Gewehr vor sich über dem Sattel — zweifellos Cowboys der Freeman-Ranch. Die Menge auf der Main Street wich respektvoll zurück. Eine Handbewegung Freemans brachte das Pochen der Hufe hinter ihm zum Verstummen. Nur Freeman ritt weiter, bis er auf gleicher Höhe mit dem Sheriffs's Office und Burnetts drohender Karabinermündung war.

„Du hast es dir also nicht anders überlegt, Quint?“

„Nein, Mister Freeman.“

Der Reiter legte die behandschuhten Fäuste aufs Sattelhorn.

„Ich habe mit dir zu reden, Quint. Ich komme hinein.“

„Es ist alles gesagt, Mister Freeman. Bleiben Sie, wo Sie sind!“

„Gib mir keine Befehle, Quint! Ich komme.“ Freeman glitt aus dem Sattel. Burnetts Gewehr peitschte. Schnee und Erdbrocken spritzten neben Freeman. Sein Pferd tänzelte wiehernd zur Seite.

Es war ein Augenblick, in dem das letzte Band zwischen Freeman und dem Sheriff zerschnitten wurde. Ein Augenblick, in dem alle den Atem anhielten.

Ein Schuss auf Freeman, wenn auch nur ein Warnschuss — so etwas hatte es in Rockwood noch nicht gegeben. Eine Weile stand Freeman wie versteinert. Dann zog er ruhig Handschuhe und Mantel aus und schnallte den Coltgurt ab, den er darunter trug. Alles landete im Schnee auf der Straße. Freemans Gesicht war grau, schmal und kantig. Es kostete ihn Überwindung, die Hände in Schulterhöhe zu heben. Entschlossen ging er auf die Officetür zu. Shannon öffnete mit seinem unverwüstlichen Grinsen.

„Nur hereinspaziert! Aber schnell. Es zieht.“ Hastig schloss er die Tür hinter dem Rancher. Der schaute sich prüfend um, als erwarte er noch jemand hier drinnen zu sehen. Fäuste donnerten gegen die Bohlentür.

„Freeman, holen Sie uns endlich raus!“ Es war Buffalos wütende Stimme. Shannon knallte kurzerhand einen Schuss in das massive Eisenholz. Danach herrschte Ruhe. Freeman blickte Burnett an.

„Kann ich die Hände runternehmen?“

„Von mir aus.“ Sie standen sich wie Fremde gegenüber. Unvorstellbar, dass Burnett irgendwann mal Freemans Schwiegersohn sein würde.

„Hör zu, Quint, ich mach dir ’nen Vorschlag.“

„Zwecklos! Ich lasse Silver und die anderen nicht frei. Es sind Verbrecher, die vor keinem Mord zurückschrecken, wenn sie Beute wittern. Ich kann diese Verantwortung nicht übernehmen.“

„Sollst du auch nicht. Ich bin der Boss im Tal. Ich übernehme sie.“

„Sie größenwahnsinniger Narr!“, rief Shannon scharf. „Teggards Freunde sind keine Wolfsjäger sondern Banditen, die einen Unterschlupf suchen und von Ihren Wolfsprämien angelockt wurden. Befreien Sie sie, und sie werden im Rockwood Valley mehr Schaden anrichten als alle Wölfe zusammen!“

Freeman wandte sich nicht nach ihm um.

„Ich werde kämpfen, Quint! Nicht für mich und meine Ranch, sondern für alle im Tal. Ich werde jeden Preis für die Rettung des Rockwood Valley bezahlen, jeden! Zum Teufel, glaubst du denn, Atkins bleibt der einzige, den dieser verdammte rote Killerwolf erwischt? Wenn du Teggards Crew hier festhältst, geht jedes weitere Opfer dieser Bestie auf dein Konto, Quint! Das sollte dir klar sein, ehe du nochmals von Pflicht und Verantwortung sprichst!“

Burnetts Miene verlor alle Farbe. Jedes Wort kam mühsam über seine zuckenden Lippen.

„Nun, gut, dann werde ich einen Mann zu Shono McKay schicken.“

Freeman prallte zurück.

„Du bist verrückt!“ Und nach einer Sekunde tiefen Luftholens: „Du glaubst doch nicht im Ernst, er hat vergessen, was damals geschah? Er wird keine Hand für uns rühren.“

„Er wird es für Lorna tun“, antwortete der Sheriff heiser.

Freeman starrte ihn mit verbissener Miene an. Die Knöchel seiner geballten Fäuste schimmerten weiß. Eine Flut von Worten brannte auf seiner Zunge, aber er sagte nur: „Ich werde es niemals zulassen.“ Mit einer zähflüssigen Bewegung wandte er sich ab und ging zur Tür. Er machte nur drei Schritte, dann warf er sich nach links, wo der Gewehrrechen an der Wand stand. Weder Burnett noch Shannon hatten dem grauhaarigen Rancher diese katzenhafte Schnelligkeit zugetraut. Im nächsten Moment hielt Freeman schon einen kurzläufigen Henrykarabiner in den Fäusten und wirbelte herum. Sein sonst so beherrschte kantiges Gesicht war verzerrt.

Shannon kam ihm zuvor. Sein 44er Army Colt krachte. Trotz der geringen Distanz war es bei der Schnelligkeit des Geschehens ein Meisterschuss. Die Kugel schmetterte dem Rancher das Gewehr aus den Händen, ohne ihm die Haut zu ritzen. Pulverdampf brodelte. Freeman taumelte gegen Burnetts Schreibtisch. Er und der Sheriff starrten einander keuchend an. Alles andere schien für sie ausgelöscht.

Zusammenfassung

Western von John F. Beck
(XXX)

Der Umfang dieses Buchs entspricht 136 Taschenbuchseiten.

In Rockwood Valley geht die Angst um. Ein Rudel Wölfe hat es auf die Rinder abgesehen. Doch noch mehr fürchten sie sich vor Red Sam, der Jagd auf Menschen macht. Nur einer wäre wohl in der Lage, dieses blutrünstige Tier zu töten, doch man will den Wolfsjäger nicht in der Stadt haben. Der Rancher Freeman heuert stattdessen vier Revolvermänner an, die Männer, hinter denen Shannon her ist …

Details

Seiten
120
Jahr
2021
ISBN (ePUB)
9783738953657
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (April)
Schlagworte
shannon wolfsjäger

Autor

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Titel: Shannon und die Wolfsjäger: Shannon 18