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Schicksale im Haus an der Ecke #30: Die ungewöhnliche Rache

2021 108 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Die ungewöhnliche Rache

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Die ungewöhnliche Rache

Schicksale im Haus an der Ecke #30

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 108 Taschenbuchseiten.

 

Gina hatte sich verlaufen, sie jagte durch enge Gassen. Die junge Frau fühlte sich verzweifelt und einsam. Dann stolperte sie über irgend etwas und stürzte zu Boden. Als sie sich aufraffte, sah sie die Hand. Da lag ein Mensch am Boden und rührte sich nicht.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Gina Mendel – Sachbuchautorin, gerät in inneren Zwiespalt.

Klaus Hörner – Jurist und ihr Freund, hat Schwierigkeiten mit seinem Sexualleben.

Peter Kiefer, Günther Pauli – Strichjungen, flippen aus, als ihnen eine Frau in die Quere kommt.

Dazu die Bewohner vom Haus an der Ecke.

 

 

1

Dass man so leiden konnte und doch nicht daran starb! Dass man so verzweifelt sein, so unendlich tief sinken konnte in einen Schmerz, der immer grausamer wurde, je weiter man sich fallen ließ! Mit der Zeit hatte Gina gelernt, sich fallen zu lassen. Dann war der Schmerz nicht mehr so schlimm. Sie fing sich auch schneller wieder. Sie war doch kein Kind mehr! Sie kannte das Leben durch und durch. Ach Gott, dachte Gina Mendel verzweifelt, wahrscheinlich kenne ich es noch immer nicht richtig. Wie ein Kartenhaus ist alles für mich zusammengefallen. Wie dumm von mir, auch nur daran zu denken, dass ich es schaffen könnte.

Gina stand am Fenster und starrte auf die Dachziegel des gegenüberliegenden Hauses. Alles war fremd hier, die Umgebung, das Zimmer.

»Warum trifft mich das Schicksal nicht, wenn ich daheim bin«, flüsterte sie verzweifelt. »Warum immer in der Fremde? Warum hier? Ich darf mir nichts anmerken lassen, nicht das geringste!«

Ginas Herz war so müde, so klein und verzagt. Nichts lenkte sie im Augenblick von ihrem Kummer ab.

Langsam kamen die Tränen. Unaufhaltsam rannen sie bald aus den weit geöffneten Augen des Mädchens.

»Ich kann nicht mehr«, flüsterte Gina verzweifelt. »Ich kann einfach nicht mehr! Ich bin am Ende! Ich bin müde und ausgelaugt. Warum hilft mir denn niemand? Warum kommt keiner, der mir sagt, es wird alles gut?«

Gina drehte sich um. Dies war ein ganz normales Hotelzimmer. Hatte sie das alles nicht schon öfter erlebt?

»Ich bin eine Närrin«, murmelte sie. »Eine ausgemachte Närrin! Warum lerne ich nicht aus meinen Fehlern? Ich muss es endlich begreifen!«

Sie warf sich auf das Bett und weinte bitterlich. Alles war ihr so unwichtig, so gleichgültig. Wenn das Leben zur Qual wird, hört jedes Gefühl auf. Dann will man nur noch seinen Frieden und sonst gar nichts. Irgendwann konnte Gina auch nicht mehr weiter. Ihre Kehle war wie ausgetrocknet, ihr Herz tat jetzt noch mehr weh. Sie zitterte wie ein ängstlicher Vogel.

Der Schlag war so überraschend für Gina gekommen. So unvorbereitet hatte er sie getroffen. Sie verstand die Welt nicht mehr.

Gina Mendel wusste, wenn sie zu lange hier auf dem Zimmer blieb, würde jemand kommen und sich nach ihr erkundigen. Man würde sehen, dass sie geweint hatte, und man würde ihr Fragen stellen. Fragen, die sie sich selbst nicht mal beantworten konnte.

Apathisch stand Gina auf.

Sie wollte sich hier in der Fremde keine Blöße geben. Sie wollte keinem ihren Schmerz zeigen. Sie musste einfach irgendwie diese grausame Zeit überstehen, und zwar elegant und ohne dass man ihren Kummer bemerkte.

Gina wusch sich immer wieder das Gesicht. Die Haut war vom Weinen ganz gespannt. Die Augen waren müde und brannten fürchterlich. Gina kühlte sie lange. Das brachte keine Linderung. Nichts konnte ihr mehr helfen, gar nichts. Gina betrachtete sich im Spiegel. Sie sah schrecklich aus.

Energisch wischte Gina sich mit einem Tuch die letzten Tränen ab und schminkte sich.

»Ich zeige es nicht! Und wenn ich daran krepiere, ich zeige es nicht!«

Sie war vollkommen aus der Bahn geworfen worden. Alles erschien ihr so sinnlos.

So empfand Gina es zumindest.

Worin sollte sie noch den Sinn ihres Lebens erkennen? Vor einer guten Woche hatte sie sich mit Mühe gefangen, hatte geglaubt, nun habe sie den Sprung geschafft, nun sei sie frei.

Gina ertappte sich bei einem gequälten Lachen, aber das Lachen tat ihr weh.

Sie hatte mal wieder geglaubt! Wieder gehofft! An das Gute im Menschen zum Beispiel. Sie hatte alles aufgegeben, hatte ein ganz neues Leben beginnen wollen und war gegangen. Das Schicksal hatte es zunächst sogar gut mit ihr gemeint. Sie lernte neue Leute kennen, darunter nette Männer, normale Männer, mit denen man lachen und scherzen konnte. Männer, die ihr unmissverständlich zeigten, dass sie sie bewunderten. Sie war jemand! Das hatte ihr so wohlgetan, war Balsam für ihre wunde Seele gewesen. Gina war richtig aufgeblüht. Sie war so glücklich gewesen! Es war schön zu wissen, dass man noch begehrt wurde.

Schließlich war Gina eine bekannte und gefragte Sachbuchautorin. Sie wollten jetzt gemeinsam etwas schaffen, Gina und die Männer. Ihre Ideen waren ausgezeichnet. Ihr Verstand wurde gefordert. Gina war als Beraterin und Mitarbeiterin dem Juristen Klaus Hörner zur Seite gestellt worden. Sie hielten gemeinsam Vorträge, besuchten zusammen Seminare, um sich weiterzubilden. Alles lief wirklich gut. Bald kamen sie sich über das Berufliche hinaus immer näher. Sie liebten sich, wurden enge Freunde. Gina zumindest liebte Klaus wirklich. Sie hätte ihm alles geopfert. Natürlich war es bald ganz normal, dass sie ein gemeinsames Hotelzimmer nahmen. Gina hatte angenommen, so würde es auch hier in Baden-Baden sein.

Aber dann hatte Klaus Hörner einen Freund mitgebracht, Peter Kiefer. Gina wusste ja schon lange, dass Klaus sich gern mit jungen Männern abgab. Sie wusste aber auch, dass es nicht seine wahre Natur war. Er war sich über seine Gefühle unklar. Vielleicht hatte Gina deswegen auch soviel Verständnis für ihn aufgebracht, mehr als all die anderen Freunde in seiner Umgebung. Er unterstützte seine Freunde finanziell. Wenn sich das herumsprach, wäre er seinen Beruf los. Sie hatten nächtelang Gespräche darüber geführt, viele Nächte durchdiskutiert. Gina hatte angenommen, er habe es endlich verstanden. Er hatte ihr sogar hoch und heilig versprochen, den Jungen wegzuschicken. Damals hatte Gina noch nicht gewusst, dass es mehrere davon gab.

Gina hatte alle Hoffnung auf diese Woche gesetzt. Sie sagte sich: Wenn wir acht Tage beisammen sind, kann ich ihm vieles begreiflich machen. Er muss endlich erwachsen werden, das Leben meistern und mich nicht dauernd quälen. Sie war so voller Zuversicht gewesen, so glücklich!

Dann war der Schlag gekommen.

Peter Kiefer, als Chauffeur getarnt, fuhr mit nach Baden-Baden! Ein bezahlter Strichjunge auf dem Seminar! Gina dachte, ich kann es nicht fassen! Ich begreife Klaus nicht. Die ganzen fünfhundert Kilometer saß sie im Auto und dachte daran. Sie spürte, wie ihr Herz klopfte. Sie konnte einfach nicht mehr richtig denken. Die ganze Fahrt über sah sie die Augen des Jungen, sein höhnisches Grinsen. Ich bin die Nummer eins! Ich habe es geschafft! Du kannst uns mal! Du bist ausgetrickst, meine Liebe, schien sein Verhalten auszudrücken.

Und Klaus?

Er redete wie ein Wasserfall. Er erklärte Gina doch tatsächlich, dass sie auch zu dritt gute Freunde sein könnten.

Gina hatte Klaus angesehen und gedacht: Das bilde ich mir nur ein, das kann er nicht wirklich wollen. Das gibt es nicht! Das glaubt mir keiner! Ich glaube, gleich platzt mir der Schädel!

»Warum sagst du nichts?«, fragte Klaus scheinheilig.

Gina konnte nicht mehr reden. Außerdem wollte sie sich vor dem Jungen keine Blöße geben. So tief wollte sie sich nun doch nicht demütigen.

Dann dachte sie: Im Hotel werde ich mit Klaus reden. Wenn wir allein sind, sage ich es ihm. Vor allen Dingen wird er begreifen müssen, was er der Umwelt für ein Schauspiel gibt.

Die Fahrt war schon qualvoll für Gina gewesen, aber der große Hammer sollte ja noch kommen. Erst am Ziel der Reise erklärte ihr Klaus kurz und bündig: »Nimm dein ganzes Gepäck aus dem Wagen! Wir wohnen in einem anderen Hotel, Peter und ich. Ich habe dort ein Doppelzimmer für uns genommen!«

Das war also Ginas Tragödie. Das hatte sie fast das Leben gekostet. Allein in ihrem Hotelzimmer hatte sie anfangs nämlich daran gedacht, sich aus dem Fenster zu stürzen. Doch dann siegte der Trotz.

Sie war ins Kongresszentrum gegangen.

Dort hatte sie sehr nette Leute kennengelernt. Wie eine Ertrinkende hatte sie die Hände der Freundschaft ergriffen. Nun war sie endlich frei! Sie konnte sich nicht mal mehr über Klaus und seinen Strichjungen aufregen.

Als letztes hatte sie ihm noch eingeschärft: »Bleibe mir mit deinem bezahlten Stricher vom Leibe! Komm mir nicht in die Nähe! Verschwinde! Allein kannst du mich jederzeit ansprechen, wenn du Probleme hast, aber nicht in seiner Gegenwart!«

Jetzt, nach zwei Tagen, war Gina soweit, dass sie zu Klaus gehen konnte und sich sogar bei ihm bedankte. »Ich danke dir, dass du so grausam zu mir warst, Klaus! Wirklich, ich bedanke mich herzlich dafür. Schau, du brauchst kein schlechtes Gewissen zu haben. Ich gehe meinen Weg, du gehst deinen Weg. Lass uns einfach Freunde sein! Ich habe mich wieder gefangen. Ich bin frei! Hörst du? Jetzt bist du mich endlich los. Ich bin dir doch nur unbequem gewesen all die Zeit mit meinen Ermahnungen. Du wirst sie nie mehr anhören müssen. Du kannst tun und lassen, was du willst.«

»Wenn du glaubst, dass du mich damit unter Druck setzen kannst, dann irrst du dich gewaltig. Ich lasse mich nicht unter Druck setzen! Schon gar nicht so!«

Gina starrte Klaus an. »Hast du mich denn nicht verstanden? Ich bin dir nicht mehr böse, Klaus! Wir gehen auseinander, ohne uns zu zerfleischen. So einfach ist das. Wir halten noch die paar Vorträge miteinander, die wir gemeinsam angenommen haben, und dann trennen sich unsere Wege für immer. Ich habe neue Partner kennengelernt. Wir werden in Zukunft gemeinsam Bücher schreiben. Wenn du willst, kann ich dir sogar deinen Nachfolger vorstellen! Deinen beruflichen Nachfolger, meine ich, Klaus!«

Klaus starrte Gina an. Er glaubte ihr einfach nicht Sie war so lange sein Spielzeug gewesen, dass er nicht begriff, dass sie selbständig geworden war.

Ganz tief im Herzen wusste Gina, er hatte alles immer nur getan, um sie zu quälen. Er hasste sie, weil sie stark war und er nicht. Er hasste sie, weil sie beliebt war und Erfolg hatte.

In diesen Minuten begriff Gina alles.

Deswegen hatte er sie in der Fremde immer gequält.

Er tat ihr jetzt nur noch leid.

»Du hast mir gesagt, dass du ohne Männer nicht auskommen kannst. Ich habe es begriffen und ziehe mich zurück. Ich gebe dir nur noch einen letzten Rat: Mach es nicht so öffentlich! Du könntest dich beruflich ruinieren. Du wirst zwar nicht auf mich hören, aber so hat jeder seinen Weg gefunden. Es macht mir nichts mehr aus, Klaus! Ich habe es endlich begriffen. Man kann dich nicht ändern, weil du dich nicht ändern willst! Du willst es so. Ich respektiere es voll und ganz!«

Wütend verließ Klaus sie auf der Stelle.

Vor einer Woche wäre sie ihm noch nachgelaufen. Rechnete er auch jetzt damit? Gina wusste es nicht.

Sie stand da und nickte ihm nach. Ihr Herz schmerzte noch ein wenig. Nach so langer Zeit war es nicht einfach, einen Freund zu verlieren. Zumindest hatte sie geglaubt, einen Freund zu besitzen.

Gina drehte sich um und ging zu ihren neuen Bekannten. Sie dachte dabei: Gute Freunde sind wichtiger als ein Mann fürs Bett. Vor zwei Tagen hatte sie sich alles von der Seele geweint. Sie war innerlich ganz leer, aber frei. Deswegen hatte sie jetzt viel Raum für neue Bekanntschaften.

Gina lebte so offensichtlich auf, dass man es ihr sogar spontan sagte. Sie strahlte, war glücklich und bekam viele Komplimente. Im Berufsleben, wohlverstanden! Ach, es war eine schöne Zeit. Immer wieder wurden Gina neue und bedeutende Menschen vorgestellt. Menschen, die für ihre Zukunft wichtig werden konnten.

Irgendwo außerhalb Ginas Leben zog Klaus seine Kreise, seine einsame Bahn. Gina hatte ihn und den Strichjungen nicht mehr zu Gesicht bekommen.

Irgendwann bemerkte Gina in dieser Woche, dass Klaus immer engere Kreise um sie zog. Aber Gina schwieg. Die neuen Bekannten sprachen mit ihr über Klaus. Alle fanden ihn sehr merkwürdig.

Gina sagte nur: »Unsere Beziehung ist aus.«

Klaus ließ Gina nicht aus den Augen. Er wurde eifersüchtig. Einer der neuen Bekannten, er war wirklich nett, hatte sogar Mitleid mit Klaus und sagte: »Er bemüht sich so sehr um dich. Er ist so weich und offen. Bist du wirklich so hart, Mädchen?«

Sie saßen gerade zusammen in einer Bar. Klaus war auch gekommen, Gina staunte darüber. Warum war er hier? Warum war er nicht bei seinem jungen Freund?

Klaus konnte es nicht ertragen, Gina glücklich zu sehen. Er verging fast vor Eifersucht, als er sehen musste, dass sich andere Männer so sehr um sie bemühten.

All die Jahre hatte Gina nicht so viel Aufmerksamkeit erhalten wie jetzt.

Verdutzt stellte Gina fest, dass mal wieder ein Sprichwort zutraf. »Lass los, und du wirst alles behalten«, sagte Gina und lachte leise.

Klaus bemühte sich sehr um sie. Sie aber konnte nur noch freundlich zu ihm sein. Er war zerrissen, einsam, verzweifelt, und er hatte keine Freunde.

Endlich fragte sie ihn nach dem Strichjungen.

Dann kam er mit der Wahrheit heraus.

»Ich habe ihn gleich zu Anfang heimgeschickt!«

Inzwischen war es Nacht geworden. Klaus hatte den anderen Männern versprochen, Gina zum Hotel zu begleiten. Sie hatte es zugelassen, obwohl die anderen traurig darüber waren. Gina hatte einfach nett zu Klaus sein wollen. Außerdem lag ihr Hotel auf seinem Weg. Die anderen Freunde hätten ihretwegen einen Umweg machen müssen.

Gina blieb mitten in der Fußgängerzone stehen und blickte Klaus an.

»Wann hast du ihn heimgeschickt?«, fragte sie.

Der Junge war seit drei Tagen nicht mehr hier. Er hatte die ganze Zeit bleiben wollen. Für ihn war ja auch das Doppelzimmer bestellt worden.

Die Mitteilung traf Gina wie ein Keulenschlag.

»Warum?«, fragte sie verwirrt.

»Nun, ich hatte meine Gründe«, sagte Klaus kurz.

Sie blickte ihn an. Gina dachte, er würde lieber sterben als die Wahrheit zu sagen.

»Ja«, sagte sie etwas lahm. »Das ist ja was! Nun ja …« Viel mehr konnte sie dazu nicht sagen.

Klaus brachte Gina zum Hotel. An der Eingangstür blieb er stehen.

»Ich wünsche dir einen guten Heimweg zu deinem Hotel«, sagte Gina ruhig.

Klaus drehte sich um und ging.

Gina fuhr mit dem Lift zu ihrem Zimmer.

Sie konnte lange nicht glauben, was Klaus gesagt hatte. Sollte das wirklich der Neubeginn sein? Gina legte sich seit einiger Zeit die Karten. Einen Neubeginn hatten ihr die Karten neulich verhießen. War es das? Was wollten die Karten ihr zeigen oder sagen? Was war denn der Neubeginn, ihre neuen Freunde, oder die Wandlung von Klaus?

Gina schwirrte alles im Kopf herum.

Ein toller Gefühlssturm entstand in ihrem Herzen. Sie hatte sehr wertvolle Menschen hier kennengelernt. Sie spielte niemals mit Herzen oder Gefühlen. Das hatte sie nie getan und würde es auch nie tun. Schon deswegen nicht, weil sie selbst schon so viele Wunden erhalten hatte.

 

 

2

Am nächsten Tag war es wie am vorigen Tag. Klaus ließ Gina nicht aus den Augen. Klaus war immer zur Stelle, wo Gina auch immer war.

Eifersüchtig bewachte er sie.

Gina genoss es. Ihr Herz schlug wild. Sollte nach langer Zeit endlich doch noch alles gut werden? Sollte sie ihn von seiner Zuneigung zu Männern befreit haben?

Um seinetwillen wünschte sie es sich so sehr.

Aber es war einfach zu schön, um wahr zu sein.

Klaus wurde tatsächlich ein anderer Mensch. Selbst die Besucher im Kongress-Zentrum bemerkten es. Alle fragten Gina: »Was ist denn mit dem geschehen? Der sieht ja gar nicht mehr so grämlich aus. Er ist gesprächig und gesellig geworden. Richtig nett ist er!«

Gina antwortete: »Was auch sein sollte, ihr bleibt meine Freunde! Und unser Buch schreiben wir zusammen! Wenn ich einmal mein Wort gegeben habe, dann halte ich es auch!«

Klaus erfuhr von diesen Zukunftsplänen und wollte es nicht wahrhaben. Gina blickte ihn ruhig an und sagte nur: »Es tut mir leid, aber das wird gemacht! Sollten wir wieder zusammenkommen, ändert das nichts an meinem Vorhaben!«

Das war schwer für Klaus.

Gina ahnte ja nicht, wie sehr sie wieder im Netz hing. Helfen wollen, dieser Wesenszug, der in ihr so stark ausgeprägt war, sollte sie mal wieder zu Fall bringen.

Klaus spielte seine Rolle hervorragend. Die anderen waren auch noch so anständig, Gina zu sagen: »Er ist so zerrissen. Bleibe doch bei ihm! Er braucht dich doch! Er hat außer dir niemanden.«

Gina war wirklich eine Närrin.

Sie hätte es inzwischen wissen müssen.

Es war ein schlimmer Charakterzug bei ihm. Er wollte Gina nicht loslassen, er brauchte sie zum Quälen. Gina begriff es nicht.

Gina ging zu Klaus zurück.

Er schien sehr glücklich darüber zu sein.

Sie sagte zu ihm: »Schau, ich komme noch einmal zu dir zurück. Sollte noch einmal etwas vorfallen, dann kann ich nicht mehr. Dann müssen wir uns für immer trennen. Das weiß ich. Es liegt also bei dir, wie wir in Zukunft miteinander auskommen. Ich bin bereit und fange noch einmal ganz von vorn mit dir an!«

»Und die anderen Männer?«, fragte Klaus.

»Das sind meine guten Freunde geworden. Sie waren da, als ich sie brauchte. Ich bin ehrlich. Ich sage dir, ich habe gute Freunde gefunden, sonst nichts.«

Das ärgerte ihn. Er zeigte es aber nicht.

Es begann eine sehr schöne Zeit. Gina dachte: Es hat sich also gelohnt. Der ganze Kummer um ihn hat sich gelohnt. Das Gute siegt doch! Sie war froh und unbeschwert.

Im Herzen blieb aber doch ein kleines Misstrauen.

Gina sagte zu Klaus: »Schau, wir wollen uns nicht mehr verletzen! Ich kenne dich. Du wirst eine Zeit des Übergangs brauchen. Ich respektiere das vollkommen, Klaus! Ich habe Verständnis dafür. Du wirst den Weg zu mir zurückfinden, aber du musst es selber wollen. Also, wenn du es noch

nicht sofort lassen kannst, dann nimm wenigstens Rücksicht auf mich! Du hast Gelegenheit, dich zu ändern. Du kannst es! Du kannst es allein schaffen, aber ich bin immer da, wenn du mich brauchst.«

Sie vereinbarten, dass jeder sein Leben leben sollte, und dass sie sich eines Tages entscheiden wollten. Gina setzte Klaus noch weiter unter Druck. Nur seine bezahlten Jungen wollte sie nicht mehr in ihrer Umgebung haben.

»Mach das in der Stille ab«, riet sie ihm.

Klaus versprach es.

Jetzt konnten sie wirklich voller Zuversicht in die Zukunft blicken. Zumal sie ja beruflich zusammenarbeiteten, war es unendlich wichtig, dass sie sich gut verstanden.

Das Glück dauerte aber nicht lange.

Gina fühlte es. Tief im Herzen spürte sie die Unruhe bei Klaus.

Ihn ritt der Teufel. Gina begriff, dass er wie besessen war. Er konnte sie nicht glücklich sehen, nicht mal mit ihm. Er musste sie quälen.

Klaus machte einen Fehler.

Er glaubte, wenn sie erst mal von den neuen Freunden fort war, dann sei sie wieder Wachs in seinen Händen. Er brauchte Gina zum Quälen. Gina spürte den Beginn der Phase ganz deutlich. Seit fünf Tagen waren sie erst daheim.

Wenn man nicht damit rechnet, geschlagen zu werden, ist die Wucht eines Schlages am größten. Man sinkt in die Knie und kann es nicht fassen. Vor allen Dingen begreift man die Sachlage zuerst nicht. Man möchte einfach den Grund erkennen. Warum tut er das? Warum?

Sie waren dienstlich unterwegs. Eigentlich lief alles ganz normal und friedlich. Gina war guter Stimmung.

Sie hatten sich endlich gefunden. Das Leben und die Zukunft konnten wundervoll werden.

Abends wollten sie eine Kleinigkeit essen gehen. Gina war arglos, glaubte sie doch, Klaus habe jetzt den festen Willen, sich zu ändern. Man soll nie aufgeben, immer die Hand ausstrecken. Um so bestürzter war sie über das Lokal, in dem sie landeten. Es war sein Milieu. Sie nahm es zuerst einfach hin. Es war schon spät, da hatten viele Lokale nicht mehr auf, oder es gab kein Essen mehr. Dies war ein schmuddeliges Lokal mit schmuddeligen Kellnern, und Gina war nicht hochmütig. Das konnte man ihr wirklich nicht nachsagen. Es machte ihr auch nichts aus, dass sie um ein Messer bitten musste, worüber der Ober sehr erstaunt war. Es fing eine eifrige Suche an.

Was Gina weh tat, das waren die Blicke. Nicht die, die man ihr zuwarf. Die Gäste brauchten eine Weile, um zu verkraften, dass hier eine Frau am Tisch saß. Immer wieder warf man Gina verstohlen einen Blick zu. Doch dann sah sie die Blicke, die ihrem Begleiter zugeworfen wurden. Sie verstand ohne Mühe. Gina dachte noch: Nun ja, ich weiß es doch. Das ist seine Vergangenheit. Aber es ist vorbei! Er hat es mir versprochen!

Viel hatte er gesagt, so unendlich viel, er hatte sie beruhigt, er wollte sie ja nicht verlieren. Er brauchte sie. Wozu? Gina wusste es noch nicht. Später stiegen sie in den Wagen. Klaus wies auf einen Mann und sagte: »Das ist mein Freund. Mit ihm war ich in Bangkok.«

Gina schluckte. Sie schluckte mehrmals und dachte: O nein, o nein!

Mühsam fragte sie: »Und warum hast du mich hierher mitgenommen?«

»Ich dachte, du würdest ihn mögen, du würdest dich mit ihm anfreunden.«

Gina wurde es übel, so übel wie noch nie in ihrem Leben. Sie sackte in sich zusammen.

»Ich bin eine Frau«, sagte sie mühsam. »Ich bin eine ganz normale Frau, verstehst du? Ich kann an solchen bezahlten Burschen keinen Gefallen finden. Außerdem mögen sie ja keine Frauen. Was soll das?«

Klaus schwieg.

Gina war betroffen. Sie konnte für Augenblicke nicht mehr denken. Gina dachte: Das darf einfach nicht wahr sein. Das ist zu viel! Ich begreife es nicht. Ich verstehe es einfach nicht. Er kann es doch nicht mit Absicht tun, sich vor meinen Augen so tief fallenzulassen. Warum nur? Warum denn nur? Versteht er denn gar nichts? Begreift er denn nicht, dass dabei jede Liebe kaputtgeht?

Irgendwie schaffte Gina es doch mühsam, ein Gesprächsthema zu finden. Sie gingen in ein Lokal, das Gina liebte. Dort aßen sie und unterhielten sich. Gina versuchte zu vergessen. Sie wusste, wenn er seine Veranlagung ändern wollte, musste sie bereit sein, ihm zu helfen. Aber wenn er es nicht mehr konnte? Pausenlos hämmerte diese Frage in Ginas Kopf. Wenn er sich gar nicht mehr ändern konnte?

Sie erinnerte sich. Er hatte sie gewollt, unbedingt! Er hatte den bezahlten Jungen fortgeschickt. Gina klammerte sich an diese Tatsache.

Verzweifelten Menschen auf der Suche nach ihrem Weg soll man helfen, dachte sie. Ich bin bereit. Ich bin wirklich bereit, vieles zu tun, was ich bisher noch nie getan habe. Ich kann es, weil ich ihn liebe: Aus Liebe kann man alles schaffen, sagte sich Gina immer wieder. Wenn ich ihn genug liebe, werde ich ihn befreien können.

Der Augenblick kam, in dem sie aufbrechen musste. Klaus wollte noch einen Kaffee trinken gehen. Wieder ein zwielichtiges Lokal in einer engen Gasse! Es ging schließlich auf drei Uhr zu. Da standen sie, diese Schwachen. Strandgut der Gesellschaft, verlebte Typen, Nachtgespenster, die sich noch bombastisch fühlten, junge Burschen, fast noch Kinder.

Gina sah die Welt nur noch voller Jungs. Sie sah das Lokal und wieder die forschenden Blicke, die man ihr zuwarf. Man war erstaunt und erschrocken, sie hier zu sehen. Sie kümmerte sich nicht darum, dachte: Was soll‘s, ich ecke nicht an, verhalte mich ganz still. Sie lachte leise in sich hinein. Wie grotesk doch die Situation ist, dachte sie. Jetzt komme ich an Schauplätze, die ich in meinen Büchern so oft beschrieben habe. Jetzt sitze ich zwischen ihnen, bin aber keine von ihnen.

Wieder sah sie lüsterne Blicke auf ihrem Begleiter ruhen. An den Blicken, an der Art, wie er sich hier gab, wusste sie, dass er oft hier war. Wahrscheinlich jede Nacht. Er sagte es ihr auch. Klaus fand, hier sei das wirkliche Leben. Hier lebten die wahren Menschen. Die anderen seien für ihn lebendige Tote.

Langsam begriff Gina seine Denkweise. Er merkte nicht, dass er hier störte. Sein Jahrgang war hier nicht mehr gefragt.

»Aber ich verstehe das nicht«, murmelte Gina sich mühsam beherrschend. »Diese Menschen leben doch nicht wirklich! Sie sind Strandgut! Sie wollen sich wahrscheinlich auch gar nicht ändern. Sie sehen nicht glücklich aus. Sie sehen nicht so aus, als wären sie toll aufgelegt.«

»Nun ja, ein paar von ihnen mögen vielleicht Probleme haben«, gab Klaus widerwillig zu.

»Du bist krank«, sagte Gina leise.

»Nein! Nein, das nicht«, dann sah er ihren Blick und sagte schnell: »Ich habe dir ja versprochen, dass ich mich ändern werde.«

Kannte sie den Mann an ihrer Seite eigentlich?

»Ich muss gehen. Ich habe noch eine Stunde Fahrt vor mir. Morgen, was heißt morgen, es ist ja schon morgen, habe ich einen anstrengenden Tag vor mir.«

Klaus brachte Gina zu ihrem Auto.

In vier Tagen würden sie wieder dienstlich zusammenkommen. Sie verabredeten, wann sie sich treffen wollten, dann trennten sie sich.

Nebel lag auf den Straßen. Gina war alles egal. Sie dachte: Ich begreife das Leben nicht mehr. Ich verstehe nichts mehr. Es ist so wirr. Ich kann nicht mehr denken. Meine Gedanken sind wie Räder, sie drehen sich ständig im Kreis.

Dann stand wieder dieses Warum im Raum.

»Was willst du von mir?«, flüsterte Gina immer wieder vor sich hin.

Daheim fiel sie wie eine Tote ins Bett. Sie war völlig ausgelaugt. Gina wusste, noch ein paar solcher Tage und Nächte, und man konnte sie beerdigen. Dann war sie am Ende.

Samstag musste Gina früh heraus. Sie versuchte, wieder normal zu werden. Sie überlegte hin und her, konnte aber nicht richtig arbeiten. Ihr Schreibtisch war vollgeladen, aber sie konnte nichts tun.

Es würde sich zu einer Tragödie ausweiten, wenn sie nicht mehr würde arbeiten können. Mit ihren Gedanken und Ideen verdiente sie ja Geld. Sie schrieb Bücher, musste einen klaren Kopf behalten. Dann dachte sie: Am nächsten Freitag wird sich alles ändern. Ich werde mit ihm reden. Er wird begreifen, dass das wirkliche Leben viel schöner ist. Er muss es begreifen, er kann doch denken, er ist doch hochintelligent! Er wird es verstehen. Er sagt doch selbst, ich will diese Einbahnstraße verlassen. Ich muss sie verlassen. Hilf mir!

Gina spürte Liebe in sich aufsteigen.

Klaus brauchte Hilfe. War es nicht schön zu wissen, dass jemand Hilfe brauchte? Wenn ihr Weg auch schwer war, die Aussicht zu siegen war es wert zu warten, zu helfen, stark zu bleiben.

Gina wurde wieder zuversichtlich, fröhlich und heiter. Sie konnte fast schon wieder lachen.

 

 

3

»Ich muss dich sprechen«, sagte Klaus. Seine Stimme klang ganz normal.

»Nett, dass du mich anrufst! Ich habe gar nicht damit gerechnet, heute deine Stimme zu hören«, sagte Gina heiter. »Du, ich habe schon wieder alles vergessen. Ich meine, was ich am Freitag zu dir gesagt habe. Es war dumm von mir! Aber lassen wir das! Ich werde nicht mehr darüber reden. Du willst dich ja ändern.«

»Das ist gut, dass du jetzt so denkst«, sagte Klaus. »Das ist schön. Dann müssen wir uns nicht mehr bekämpfen, nicht wahr, Gina?«

»Das wollte ich dir auch gerade vorschlagen!«

»Gut, dann habe ich da noch eine Frage wegen Freitag.«

»Ja, ich werde pünktlich sein. Wir haben ja eine lange Fahrt vor uns. Wir müssen rechtzeitig ankommen. Über vier Stunden werden wir schon brauchen. Aber das macht nichts. Du hast ja einen schnellen Wagen.«

»Wegen Freitag, ja, also, hast du etwas dagegen, wenn ich Günter Pauli mitnehme?«

Gina glaubte, nicht mehr atmen zu können. Sie glaubte, schon gestorben zu sein. Sie hörte sich sagen: »Ja, ich habe etwas dagegen! Das ist klar gegen die Abmachung!«

In ihrem Kopf war jetzt nur noch Watte. Sie konnte nicht mehr überlegen.

»Ich muss ihn aber mitnehmen, hörst du? Tut mir leid!«

Gina ahnte in dieser Sekunde, sie würde es nie schaffen. »Wenn du es musst, dann lässt es sich nicht ändern. Dann wird das halt das Ende sein. Du hast dich endgültig entschieden.«

Klaus sagte: »Wenn du es so siehst, dann tut es mir leid. Ich muss es einfach tun!«

Und Gina hatte an einen neuen Anfang geglaubt!

Sie sah schwarze Ringe, sah bald gar nichts mehr. Sie fiel und fiel. Doch da war ihr Gewissen. Sie mussten ja zusammen ihren Vortrag halten. Sie hatten vor Monaten schon zugesagt. Sie mussten antreten! Sie waren bekannte Leute. Viele Gäste kamen und wollten sie hören.

Irgendwie bekam Gina sich wieder in den Griff. Müde hörte sie sich sagen: »Gut, ich habe verstanden. Es tut schon gar nicht mehr weh. Ich werde pünktlich zur Stelle sein und unterwegs lesen.«

»Ich wollte dir gerade sagen, ich kann dich nicht mitnehmen. Wir fahren allein, Günter und ich. Ich werde auch ein anderes Hotel für uns nehmen.«

Lieber Gott, dachte Gina, sterbe ich immer noch nicht? Lieber als alles andere möchte ich auf der Stelle tot sein. Dann hätte alles ein Ende, dann hätte ich meinen Frieden.

Sie lebte aber noch. Ihr Schmerz zählte nicht.

Hier ging es jetzt um den Vortrag, um die Menschen, die darauf warteten.

»Ich habe dich noch nie um etwas gebeten, doch jetzt tue ich es. Ich muss mitfahren! Ich habe keinen schnellen Wagen wie du. Allein schaffe ich es nicht. Bitte, ich muss mitfahren! Ich werde hinten sitzen und lesen oder schlafen. Ich muss nur mitfahren, das ist alles!«

»Nein, tut mir leid«, erwiderte Klaus schroff.

Gina schloss die Augen. Ihr Herz zerbrach.

Gina konnte Klaus nicht umstimmen. Er blieb bei seiner Weigerung.

Sie legte den Hörer auf die Gabel.

Gina taumelte ins nächste Zimmer. Sie musste sich fangen. Sie durfte nicht ausflippen. Sie war kurz davor, aus dem Fenster zu springen. Er war sehr süß, dieser Gedanke! Schluss, aus, Ende!

Gina schleppte sich ins Bad, sie erblickte ihr Gesicht im Spiegel. Es wirkte wie versteinert, tot, blutleer.

War sie das noch?

War das wirklich Gina Mendel?

War es nicht schon ein Gespenst, das ihr da entgegenblickte? Tage des Glücks tauchten in ihren Gedanken auf. Vor ein paar Tagen auf dem Seminar war sie so glücklich gewesen, hatte diese netten Menschen kennengelernt. Ganz normale Männer, die gab es noch!

Gina brach in die Knie.

Sie legte ihren Kopf an die Wand und weinte bitterlich.

Wenn die Seele zerbricht, fühlt sich der Körper müde an. Er findet nicht mehr seine Mitte. Das ist sehr schlimm. Er ist wie ein Boot auf dem tobenden Meer. Es treibt dahin, ohne Ruder und Steuer. So erging es Gina. Sie konnte sich nach diesem Schlag nicht mehr fangen. Der Sinn des Lebens, doch vor allen Dingen der Glaube an die Liebe war ihr genommen. Sie war bis ins Mark getroffen. Die junge Frau konnte einfach nicht verstehen, warum sie so verletzt worden war.

Irgendwo hakte jetzt bei ihr etwas aus. Sie fühlte, sie musste sich beweisen, dass sie trotzdem noch eine Frau war. Es würde sie sonst noch vollkommen um ihren Verstand bringen.

Gina dachte zuerst an ihre neuen Freunde. Nein, sie wollte nicht mit ihren Herzen spielen. Sie wäre ja dann nicht besser als Klaus. Diese Freunde mochten sie, also durfte sie sich in ihrer Verzweiflung nicht an sie wenden. Es wäre zwar besser gewesen, denn sie hatte durch Gespräche mit ihnen vieles begriffen.

Vorerst ging Gina den vollkommen falschen Weg. Dass er sich als Einbahnstraße entwickeln konnte, daran dachte sie nicht. Sie fühlte nur, dass ihr Herz schmerzte. Ihr Leben hatte jeden Sinn verloren. Auch die Arbeit, die sie so geliebt hatte. Dafür hatte sie gelebt, ja, buchstäblich alles geopfert. Das war jetzt vorbei, alles unwichtig geworden.

Eines Abends zog Gina sich den leichten Mantel über. Unruhe hatte sie ergriffen. Sie verließ die Wohnung und durchstreifte die dunklen Straßen. Sie hoffte nicht darauf, Klaus zu treffen. Das war es nicht. Sie ging nur einfach los, sah das leuchtende Fenster einer Spelunke und fühlte einen Augenblick lang starkes Herzklopfen. Für sie war es ein ganz neues Gefühl, allein so eine Kneipe zu betreten.

Trotz stieg in ihr hoch. Sie stieß die Tür auf. Verlebte, gezeichnete Gesichter starrten ihr entgegen. Sie war ja schon mal hier gewesen. Gina ging tapfer weiter, setzte sich an einen Tisch und bestellte sich etwas zu trinken. Ginas Blicke tasteten die Umgebung ab. Sie sah all die Männer, junge Männer, ihre leeren Gesichter, die toten Augen. War Klaus nicht auch leer und tot? Gina hätte heulen können, doch das tat man hier nicht. Man würde sie auslachen, vielleicht sogar ‘rauswerfen.

Sie spürte die fragenden Blicke nicht.

Gina wollte vergessen.

»Möchten Sie etwas trinken?«, fragte der Ober.

»Klar!«, rief Gina.

Klaus hatte ihr gesagt: »Hier ist das wirkliche Leben! Hier leben die Menschen noch. Die anderen, die jetzt in ihren Betten liegen und schlafen, sind tot. Ich bin nicht tot. Dies ist pulsierendes Leben. Findest du nicht auch?«

Gina wollte seine Stimme nicht mehr hören. Sie wollte vergessen.

Ihre Hand umkrallte das Glas. Der Schnaps tat ihr gut. Sie fühlte sich etwas leichter. Es ging schon wieder. Sie konnte sich freier umsehen. Ihre Einsamkeit umhüllte sie wie ein schwarzes Tuch. Sie hätte aufschreien mögen.

Noch hätte sie weggehen können.

Wieder kam ein Schnaps.

Dann stand eine Männergestalt vor ihr.

»Darf ich mich zu Ihnen setzen?«, fragte der Fremde.

Ginas Blick kroch an einem Mantel hoch, sah darüber ein markantes Gesicht. Ein blonder Mann stand vor ihr.

Donnerwetter, dachte Gina, es gibt also auch noch ganze Kerle! Oder sollte sie sich mal wieder täuschen? Sie hatte viele dafür gehalten, und dann hatte ihr Klaus erklärt, dies seien Schwule.

Ginas Weltbild stand völlig auf dem Kopf.

»Darf ich Ihnen etwas zu trinken bestellen?«, fragte der Fremde.

»Warum nicht?«, sagte Gina gleichgültig.

Sie war schon betrunken. Schließlich war sie keinen Alkohol gewöhnt. Der Mann sprach mit ihr. Sie sah, wie sich seine Lippen bewegten, verstand aber den Sinn seiner Worte nicht. Ihr war ohnehin alles egal. Sie musste wohl richtig antworten, er lächelte sie zumindest freundlich an. Dann streckte er seine Hand aus und streichelte Ginas Hände.

Fassungslos blickte sie ihn an.

Männerhände streichelten ihre Hände!

Tränen schossen Gina in die Augen.

»Sind Sie so einsam?«, fragte der Mann.

Konnte er ihre Gedanken lesen?

Der Alkohol hatte sie wieder belebt.

»Nein, nein«, rief Gina hastig. »So ist es auch wieder nicht. Sie verstehen mich falsch.«

Er legte den Arm um ihre zuckenden Schultern.

Zusammenfassung

Gina hatte sich verlaufen, sie jagte durch enge Gassen. Die junge Frau fühlte sich verzweifelt und einsam. Dann stolperte sie über irgend etwas und stürzte zu Boden. Als sie sich aufraffte, sah sie die Hand. Da lag ein Mensch am Boden und rührte sich nicht.

Details

Seiten
108
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738953244
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (April)
Schlagworte
schicksale haus ecke rache

Autor

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Titel: Schicksale im Haus an der Ecke #30: Die ungewöhnliche Rache