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Der Auftrag in London: N.Y.D. – New York Detectives

2021 104 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der Auftrag in London: N.Y.D. – New York Detectives

Copyright

Die Hauptpersonen des Romans:

1

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Der Auftrag in London: N.Y.D. – New York Detectives

Krimi von Cedric Balmore

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 104 Taschenbuchseiten.

 

Ein Auftrag führt den New Yorker Privatdetektiv Bount Reiniger nach London. Er gibt sich als der Börsenmakler Dick Masterson aus, um den Killer in Empfang zu nehmen, der Masterson umbringen soll. Doch der entwischt, weil jemand den Detektiv niederschlägt. Als Reiniger später seinen Klienten aufsucht, beginnt er zu ahnen, dass etwas faul an der ganzen Sache ist …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Frankie Cootle — Er tötet in der Maske den Biedermannes für Geld, und das wird ihm zum

Verhängnis.

Dick Masterson — Seine Tipps als Börsenmakler sind für andere Gold wert, aber er selbst

spekuliert zu hoch.

Margret Masterson — Sie ist eine attraktive Frau, doch sie wird den Opfer ihres Hasses.

Mark Thakeray — Er stellt Bount Reiniger eine Falle, doch sie schnappt nach der falschen Seite

zu.

June March - ist Bounts Assistentin und hilft ihm bei seinen Fällen.

Bount Reiniger - ist Privatdetektiv.

 

 

 

1

Frank Cootle machte es sich in dem fast leeren U-Bahn-Abteil bequem. Jetzt kurz vor acht waren die Wagen der Circle Line nur schwach besetzt. Er legte seine Füße auf den gegenüberliegenden Polstersitz, schloss die Augen und versuchte sich vorzustellen, wie Dick Masterson als Toter aussehen würde.

Frank Cootle musste einräumen, dass dies insofern ein merkwürdiger Gedanke war, als er Masterson nicht persönlich kannte. Immerhin besaß er eine exakte Beschreibung des Börsenmaklers. Er hatte dessen Biographie im Kopf, und er trug den mit einem Schalldämpfer ausgerüsteten Revolver bei sich, der die kleinen grauen Zellen in Mastersons Meisterhirn zum Stillstand bringen würde.

Frank Cootle grinste, hob ein Augenlid und las den Namen der Station ab, in der der Zug hielt. South Kensington. Noch ein Stop bis Sloane Square.

Masterson verdiente, was ihn erwartete. Aber selbst wenn dem nicht so gewesen wäre, hätte für ihn, Frank Cootle, nicht der geringste Anlass bestanden, sich in Gewissensbissen zu üben. Hätte er diese Fähigkeit besessen, wäre er kein Killer geworden. Er wusste, dass Masterson groß, gut aussehend, selbstsicher und vital war. Ein Mann von Format, der mit jeder schwierigen Situation fertig wurde.

Mit jeder - ausgenommen mit der, die jetzt in Gestalt seines Killers auf ihn zurollte.

Cootle wandte den Kopf.

Er sah die Spiegelung seines Gesichtes in der Glasscheibe und wurde mit einem Schlag verdrossen. Wenn er das eigene Grinsen erblickte, hasste er sich. Er war mit seinem Gesicht alles andere als einverstanden. Es war eines von denen, die das andere Geschlecht zu keinem zweiten Blick einladen. Ein Gesicht, das in der Masse unterging.

Der Zug verminderte das Tempo und kam mit kreischenden Bremsen zum Stehen. Cootle erhob sich und stieg aus. Sein schäbiges, braunledernes Aktenköfferchen, in dem sich die Waffe befand, ließ ihn aussehen wie einen Clerk auf dem Weg zum City Office. Tatsächlich betrachtete er sich als einen Mann auf dem Wege zur Arbeit.

Er schritt die King's Road hinab und hatte ein gutes Gefühl in der Magengegend. Das hatte er immer, wenn eine Bewährungsprobe vor ihm stand. Der Jammer war nur, dass dies zu selten geschah. Ein Mann mit seinen Talenten wurde nicht sehr häufig benötigt. Dies war nicht zuletzt dem Umstand zuzuschreiben, dass nur wenige wussten, wovon er sich ernährte - übrigens auf einem Einkommensniveau, das dem von ihm getragenen Risiko Hohn sprach.

Der Masterson-Job brachte ihm zweitausend Pfund ein, mehr gab der Markt nicht her.

Den Zweidrittel-Vorschuss hatte Cootle längst ausgegeben, um das Dach seines kleinen Hauses im Bezirk Putney abdichten zu lassen. Trotz seiner finanziellen Handikaps war Cootle im Großen und Ganzen mit seinem Leben zufrieden. Er hatte sich mit den Umständen arrangiert und empfand deshalb auch keinerlei Neid, als er das gepflegte, zweistöckige Haus in der Smith Street betrat, das um Klassen besser war als seine eigene Behausung.

Die obere Etage des Gebäudes gehörte dem Stockbroker Dick Masterson. Ehe Cootle an der schwarz lackierten Officetür klingelte, rückte er erwartungsvoll seine Krawatte zurecht. Dann lauschte er gespannt, den Blick starr auf das schlichte Messingschild mit der Gravur MASTERSON ENTERPRISES Ltd. gerichtet.

Hinter der Tür ertönten Schritte, sie wurde geöffnet.

In ihrem Rahmen zeigte sich ein unaufdringlich in graues Flanell gekleideter Mann von gut einsachtzig. Er ähnelte nur entfernt dem älteren Foto, das Cootle von seinen Auftraggebern erhalten hatte, aber das war ohne Bedeutung. Für Frank Cootle stand jedenfalls fest, dass er dem Mann gegenüberstand, dessen Tod beschlossene Sache war, und den er in wenigen Minuten erschießen würde.

„Guten Tag“, sagte Cootle höflich. „Ich bin Joe Crackwood. Ich hatte mich angemeldet.“

 

 

2

Bount Reiniger blickte auf seine Uhr.

Er hatte den Killer erwartet und war nicht überrascht, dass der Besucher so bedeutungslos und geradezu mitleiderregend bieder aussah - wie ein vom Leben Geprügelter, der sich mit wachsender Verbitterung, aber ohne Erfolg, gegen die Tücken des Schicksals zu wehren versucht.

Ein guter Killer sah harmlos aus, das war in London nicht anders als in New York.

Bount Reiniger, der bekannte Privatdetektiv, war aus den Staaten herübergekommen, um Dick Masterson, seinem Klienten, aus gewissen Schwierigkeiten zu helfen.

Bount bezweifelte nicht, dass sein Besucher in Wahrheit gar nicht Crackwood hieß, aber in diesem Punkt standen sie pari, denn schließlich trat Bount als Dick Masterson auf - jedenfalls an diesem Morgen und bei dem wohl alles entscheidendem Zusammentreffen mit dem Killer. Es ging für Bount darum, den Gegner unschädlich zu machen und herauszufinden, wer seine Hintermänner waren.

Bount hatte den Auftrag eigentlich nur angenommen, um einmal einen Tapetenwechsel vornehmen zu können. Der Gedanke, sich in einer ungewohnten Umgebung bewähren zu müssen, war von verlockender Überzeugungskraft gewesen, und hatte nur einen Makel: Bount wusste, dass er wieder einmal mit seinem Leben spielte.

Aber erstens gehörte das zu seinem Beruf als Privatdetektiv, und zweitens war die von Masterson in Aussicht gestellte Erfolgsprämie ein guter Grund, die schwindende Kaufkraft des englischen Pfundes zu ignorieren.

„Ich habe Sie nicht vor neun erwartet“, sagte Bount und ließ den Besucher eintreten.

„Wie ich Ihnen telefonisch mitteilte, fliege ich nach Rotterdam“, behauptete Cootle. „Der Weg von der City nach Gatwyck Airport ist weit. Man muss Verkehrsbehinderungen in Rechnung stellen und tut gut daran, sich Zeitreserven zu schaffen. Ist dies der Weg, Sir?“

Bount nickte. „Immer geradeaus“, sagte er. „Die Tür steht offen.“

In England war vieles anders als in Amerika. Es gab bei den meisten Freischaffenden keine sterilen Vorzimmer mit synthetisch lächelnden Damen. Die Offices sehr reicher Männer sahen zuweilen aus, als hätten sie sich, das Telefon einmal ausgenommen, seit dem viktorianischen Zeitalter kaum verändert. Auch das Privatbüro des Stockbrokers Dick Masterson war von diesem Charakter. Lediglich ein Fernschreiber erinnerte an seinen Beruf als Börsenmakler. Auf dunkel getäfeltem Holz hingen zwei barock gerahmte Gemälde, ziemlich schief übrigens. Kaum jemand wusste, dass es sich bei ihnen um echte Constables handelte, die alles in allem gut fünfzigtausend Pfund wert waren.

Der große Schreibtisch war mit Stößen von Papieren und Zeitungen beladen. Aus einem silbernen Klapprahmen lächelten die Gesichter von Mastersons Frau Margret, 39, und der gemeinsamen Tochter Kathy, 11.

„Nehmen Sie Platz, Mister Crackwood“, forderte Bount den Besucher auf und fühlte sich dabei in seiner stockbritischen Aufmachung alles andere als wohl. Aber natürlich war er sich darüber klar, dass der verknitterte, dunkle Streifenanzug und seine miserabel darauf abgestimmte Krawatte zum Image des Maklers Masterson gehörten. Tatsächlich entstammten die Kleidungsstücke der Garderobe des Stockbrokers.

Es war für Bount recht problematisch, sein Englisch wie das eines Londoners der Upper Class klingen zu lassen, aber er hatte ein paar Tage Zeit gehabt, sich darauf einzustellen. Er war sicher, keine schlechte Figur zu machen.

Der Killer setzte sich. Das Aktenköfferchen stellte er neben dem Besucherstuhl am Boden ab.

„Rauchen Sie?“, fragte Bount.

„Danke, nein,“ sagte Cootle und merkte, dass er ein wenig nervös wurde. Er konnte nicht erklären, woran das lag. Es pflegte ihm nichts auszumachen, einem Opfer Auge in Auge gegenüberzusitzen, aber dieser Masterson irritierte ihn. Er hatte etwas an sich, das nicht ins Bild passte. Aber was war es?

„Wie Sie mir am Telefon sagten, suchen Sie eine Anlagemöglichkeit für Ihr Geld“, meinte Bount verbindlich. „Ich brauche Ihnen nicht zu erklären, welche Auflagen sich damit verbinden ...“

Cootle grinste schwach.

„Es ist kein Schwarzgeld“, sagte er. „Eine Erbschaft.“ Er griff nach dem Koffer und legte ihn auf seine Knie. Bount wusste, was kommen würde. Er stand auf und trat an die Schmalseite des Schreibtischs.

„Meinen Glückwunsch“, sagte er.

Cootle zögerte, den Koffer zu öffnen. Warum hatte Masterson sich erhoben? Das war ungewöhnlich. Andererseits stand der Makler gut drei Schritte von ihm entfernt. Cootle hielt sich für einen reflexsicheren Mann.

Nein, Masterson hatte keine Chance.

Cootle öffnete den Koffer. Blitzschnell griff er nach dem Revolver. Er riss ihn aus dem Koffer und richtete die Waffenmündung auf Bount.

„Hier haben Sie das Ding, das ich geerbt hatte“, höhnte er. „Der Inhalt gehört Ihnen.“

„Eine hübsche Waffe“, sagte Bount. „Aber ohne Schalldämpfer sähe sie vermutlich eleganter aus.“

Cootle war verblüfft, seine Verwirrung währte nur eine Sekunde, aber das war genau die Zeit, die ihm zum Verhängnis werden sollte. Es lag daran, dass Cootle auf bestimmte Reaktionen seiner Gegner programmiert war. Sie pflegten mit einem Schock zu antworten, mit Entsetzen, oder mit flatternder Furcht. Keiner hatte es bislang geschafft, ihn auf diese Weise aus dem Tritt zu bringen.

Als Bount auf Cootle zuschnellte und die Rechte abschoss, war Cootle immer noch wie gelähmt, und als er meinte, handeln zu müssen, war es bereits zu spät.

Bounts durchtrainierte Handkante traf Cootles Handgelenk. Der Gegner verlor die Waffe aus den Fingern, sie flog im hohen Bogen durch die Luft und landete mit dumpfem Knall auf der hochflorigen Auslegeware.

Cootle sprang auf. Schmerz, Wut und Enttäuschung formierten sich in ihm zu einem Anfall wilder Aggression. Er war kein Faustkämpfer, er hatte tatsächlich Bount gegenüber nicht den Hauch einer Chance, aber das kümmerte ihn nicht. Er versuchte einen Sonntagstreffer zu landen, er brauchte diesen Knockout, um sich erneut in den Besitz seiner Waffe zu bringen. Aber als er ein paar Haken abzuschießen versuchte, kassierte er bereits eine volle Linke, der sofort ein weiterer Treffer folgte.

Cootle sah vor seinen Augen ein ganzes Sonnensystem. Er schlug zwar weiterhin blindlings um sich, aber seine Aktivität war ohne Erfolgschance, sie hatte mehr Defensiv als Offensivcharakter.

Bount zog die Rechte ab. Sie traf den Punkt. Frank Cootle hörte auf, sich in Sternen zu baden. Er spürte, wie sein Bewusstsein in einen schwarzen Strudel gerissen wurde, kippte um und verlor das Bewusstsein.

Bount hob den Revolver auf, beschnupperte dessen Mündung, nahm den Schalldämpfer ab, legte ihn auf den Schreibtisch, und schob die Waffe in seinen Hosenbund. Dann beugte er sich über Cootle und überzeugte sich davon, dass der Besucher keine weiteren Waffen bei sich trug. Schließlich und endlich überprüfte Bount die Brieftasche des Ohnmächtigen. Aber sie enthielt keinerlei Papiere und nur zehn Einpfundnoten.

Cootle kam zu sich. Er stemmte sich hoch und schnaufte dabei laut. Sein Blick festigte sich. Er sah das leere Aktenköfferchen am Boden liegen und verzog das Gesicht. Er hatte Mist gemacht. Tödlichen Mist!

Er kam auf die Beine und ließ sich in den Armlehnstuhl fallen. Er schnappte nach Luft, dann murmelte er: „Ich bin fertig. Meine Familie hat nichts zu knabbern. Das brachte mich auf die Idee ...“ Er suchte nach Worten, dann behauptete er mit gespielter Zerknirschung: „Ich dachte, dass bei einem Stockbroker was zu holen sei.“

„Sie haben nicht von Geld gesprochen“, erinnerte ihn Bount. „Sie wollten mich voll Blei pumpen.“

„Das ist doch Unsinn“, behauptete Cootle und merkte, wie sich seine Stirn mit Schweiß bedeckte. „Ich wollte Ihnen bloß einen Schrecken einjagen.“

„Wie heißen Sie?“

„Crackwood, das wissen Sie doch.“

„Kommen Sie, wir fahren zu Ihnen“, sagte Bount.

„Zu mir?“

„Ja, zu Ihnen. Ich möchte mir Ihre Familie ansehen. Die Triebfeder Ihres Handelns.“

Cootle schluckte. Er legte den Kopf schief und meinte: „Das können Sie mit mir nicht machen. Meine Frau ist sehr krank. Sie hält mich für einen Ehrenmann. Ich habe bis jetzt versucht, einer zu sein, aber die Not ...“

„Mir kommen gleich die Tränen“, sagte Bount.

„Sie glauben mir nicht?“

„Kein Wort“, sagte Bount.

Cootle heuchelte Bitterkeit und Empörung.

„Sie haben gut reden! Sie sind ein reicher Mann! Sie wissen nicht, wie es in einem aussieht, der nicht mal weiß, womit er die Milch für die Kleinen bezahlen soll.“

Bount nahm den Revolver aus dem Hosenbund. Er wog ihn in seiner Rechten.

„Dafür sind in Soho mindestens hundert Pfund zu erzielen. Das würde gereicht haben, um die erste Not zu lindern. Verschonen Sie mich also mit diesem Rührstück! Sagen Sie mir, wer Ihnen den Mordauftrag erteilte, oder wir marschieren gemeinsam zur Polizei.“

„Mordauftrag?“, echote Cootle blinzelnd. „Ich höre wohl nicht richtig?“

„Sie verstehen mich großartig“, sagte Bount. „Sie sind ein Killerprofi. Zugegeben, Ihnen fehlt der letzte Schliff, der große Atem, aber Sie gehören zu denen, die keinerlei Skrupel kennen und an deren Händen, darauf möchte ich wetten, eine Menge Blut klebt.“

„Wovon reden Sie überhaupt?“

„Von Ihnen. Los, wir fahren jetzt gemeinsam zur Polizei! Dort wird man feststellen, wer Sie sind.“

Es lag keineswegs in seiner Absicht, ohne Mastersons Einverständnis den Weg zur Polizei anzutreten, aber er musste mit seiner Drohung versuchen, den Besucher einzuschüchtern und zu einem Geständnis zu bringen.

„Okay, ich heiße nicht Crackwood“, bequemte sich Cootle zuzugeben, „aber meinen richtigen Namen werden Sie von mir nicht erfahren. Was Sie mir unterstellen, ist absurd. Ein Profikiller führt sich nicht so amateurhaft auf, wie ich es getan habe. Oder? Mann, ich wollte Sie um etwas Geld erleichtern, das gebe ich ja zu. Alles andere ist Quatsch, mein Wort darauf!“

„Ich habe keine Lust, mir weiter Ihre Lügen anzuhören“, sagte Bount, schob den Revolver zurück in seinen Hosenbund, riss Cootle mit einer Hand aus dem Stuhl hoch und gab dem Killer einen so heftigen Stoß, dass er gegen die Wand flog. „Gehen wir!“

Cootle schluckte. In seinen Augen flackerte jähe Furcht auf. Er konnte es sich nicht leisten, mit der Polizei konfrontiert zu werden. Der Revolver, den sein Gegner ihm abgenommen hatte, war schon einmal benutzt worden bei einem nur sechs Wochen zurückliegenden Mord. Cootle wusste, dass er damit ein Berufsprinzip verletzt hatte. Er war sich seiner Sache jedoch völlig sicher gewesen und hatte nicht geglaubt, dass etwas schiefgehen könnte.

„Was hätten Sie davon, wenn Sie mich anzeigten?“, fragte der Killer mit heiser klingender Stimme. „Das würde Sie um kein Pfund reicher, aber meine Familie und mich unglücklich machen.“

Bount empfand ein Gefühl der Frustration, aber auch der dumpfen Wut. Er ging zur Tür und öffnete sie.

„Ich warte“, herrschte er Cootle an.

„Ich komme nicht mit.“

„Wie Sie wollen“, meinte Bount und schloss die Tür. Er trat an den Schreibtisch und griff nach dem Telefonhörer. „Ich bitte die Polizei her.“

„Warten Sie noch einen Moment!“, rief der jetzt am ganzen Körper vor Angst schwitzende Cootle.

Bount hielt den Hörer in der Schwebe. „Worauf?“

„Wir können uns doch einigen.“

„Ehe wir weiterreden, muss ich wissen, mit wem ich es zu tun habe“, erwiderte Bount. „Aber keine weiteren Lügen. Sie würden Ihnen schlecht bekommen.“

„Ich bin Bount Brecker“, behauptete Cootle.

„Wo wohnen Sie?“

„In Croydon, Larsson Drive 55.“

„Nennen Sie mir Ihre Telefonnummer.“

„Ich habe keine. Telefon kann ich mir nicht leisten, Sir“, sagte Cootle.

Bount begann die Wählscheibe zu drehen. Cootles Augenbrauen zuckten nervös.

„He, was soll das?“, rief er.

„Das sehen Sie doch. Ich bin dabei, die Polizei zu verständigen“, erwiderte Bount. Cootle gab sich einen Ruck. Mit einem Sprung erreichte er den Schreibtisch und drückte die Gabel des Telefons nach unten.

„Ich packe aus“, sagte er dumpf.

„Das hört sich schon besser an“, meinte Bount, legte den Hörer auf und setzte sich.

Cootle nahm im Besuchersessel Platz, bückte sich nach seinem Aktenköfferchen, legte es auf die Knie und ließ die Schlösser einschnappen.

„Werden Sie mich laufenlassen, wenn ich mit der Wahrheit herausrücke?“

Bount ließ die Frage unbeantwortet.

„Wer hat Sie zu mir geschickt?“, wollte er wissen.

„Der Mann hat sich mir nicht vorgestellt.“

„Was hat ihn dazu bewogen, den Auftrag gerade Ihnen zu erteilen?“

„Das kann ich nur vermuten. Er muss gewusst haben, dass ich in Geldverlegenheit bin.“

„Was hat er präzise von Ihnen gefordert?“

„Ich ... ich sollte auf Sie schießen.“

„Sie sollten mich töten. Das wollen Sie damit doch sagen, nicht wahr?“

„Nein, nein“, versicherte Cootle hastig. „Ich sollte Sie nur ausschalten, kurzfristig aus dem Verkehr ziehen. Ich bin doch kein Mörder!“

„Wovon leben Sie?“

„Von diesem und jenem.“

„Sie haben keinen festen Beruf?“

„Ich bin Handelsvertreter.“

„Sie handeln mit dem Tod.“

„Wie kommen Sie bloß auf diesen Quatsch? Okay, ich habe Sie bedroht, ich war sogar bereit, auf Sie zu schießen, aber jetzt bin ich froh, dass es nicht soweit gekommen ist. Es hätte leicht passieren können, dass Sie ernsthafter verletzt worden wären, als es meinem Auftraggeber und mir hätte recht sein können.“

„Wann sehen Sie den Mann wieder?“

„Er ruft mich an.“

„Obwohl Sie kein Telefon haben?“

Frank Cootle senkte den Blick.

„Klar habe ich eines“, gab er zu.

„Wieviel Vorschuss hat der Mann Ihnen gezahlt?“

„Fünfzig Pfund.“

„Wir fahren jetzt zu Ihnen“, entschied Bount.

Cootle unterließ es diesmal, zu protestieren. Solange die Polizei nicht eingeschaltet wurde, hatte er durchaus die Chance, sich aus seiner gefährlichen Lage zu befreien. Noch wusste Masterson nicht, mit wem er es zu tun hatte. Vielleicht gelang es ihm, Cootle, sogar, seinem Gegner den Revolver abzuknöpfen. Er hatte ihn jedenfalls recht sorglos im Hosenbund stecken. Ein rascher Griff konnte die Situation wieder schlagartig zu seinen Gunsten verändern.

Cootle stand auf.

„Ich bin bereit“, sagte er.

„Sie gehen voran“, entschied Bount. Cootle ging zur Tür. Dort blieb er stehen und drehte sich um.

„Sie sind nicht Masterson“, kam ihm halblaut eine plötzliche Erleuchtung.

„Hat man Ihnen nicht mein Bild gezeigt?“

„Doch, aber es war ein altes Foto. Sie sehen ihm ähnlich, aber Sie sind es nicht“, sagte Cootle und spürte kalte Wut in seinem Bauch. Warum war es ihm nicht gleich aufgefallen. dass er nicht Masterson vor sich hatte?

„Welches Motiv hat Ihnen Ihr Auftraggeber genannt?“, fragte Bount.

„Keines.“

„Das soll ich Ihnen glauben?“

„Mann, versetzen Sie sich einmal in meine Lage!“, meinte Cootle. „Ich habe keine Fragen an ihn gerichtet. Ich habe nur an das Geld gedacht. Fünfzig Pfund! Wissen Sie, welche Wirkung die auf einen haben, der Kohldampf schiebt?“ Bount schwieg. „Von dem Mann stammt auch der Revolver mitsamt dem Schalldämpfer“, behauptete Frank Cootle, der es für eine gute Idee hielt, die Herkunft der Waffe zu verschleiern.

„Worauf warten wir noch?“, fragte Bount und machte eine einladende Handbewegung. „Gehen wir.“

Cootle öffnete die Tür und betrat das Vorzimmer. Bount folgte ihm.

In diesem Moment spürte Bount, dass etwas nicht stimmte. Er wusste, dass er der Stimme seines Instinktes vertrauen durfte. Wenn sie ihn nicht trog, dann befand sich jemand hinter ihm - irgendjemand, der von der sich öffnenden Tür verdeckt worden war.

Bounts Hand zuckte nach dem Revolver im Hosenbund, aber seine Reaktion kam zu spät.

Ein harter, brutaler Schlag traf seinen Hinterkopf. Es schien, als durchzuckte ein greller Feuerblitz sein Nervensystem. Der jähen, schmerzhaften Explosion folgte tiefe Dunkelheit.

Bount verlor das Bewusstsein, noch ehe sein Körper den billardgrünen Spannteppich erreicht hatte.

Das Erwachen aus der Ohnmacht war für Bount mit einem quälenden Druck auf Stirn und Schläfen begleitet. Er hatte einen scheußlichen Geschmack im Mund und wälzte sich auf die Seite, weil er hoffte, durch eine Positionsveränderung die Schlagfolgen abschütteln zu können. Aber danach fühlte er sich um keinen Deut besser.

Er zögerte, die Augen zu öffnen. Um ihn herum war es totenstill. Nicht einmal das Ticken einer Uhr war zu vernehmen, aber dann registrierte er die Verkehrsgeräusche der nahen King’s Road.

Bount setzte sich behutsam auf und hob die Lider. Seine Erinnerung setzte ein. Er befand sich in Dick Mastersons Vorzimmer. Langsam kam er auf die Beine. Seine Knie leisteten ihm nur widerwillig Gefolgschaft.

Der Killer war verschwunden. Alles wies darauf hin, dass er mit einem Komplizen gemeinsame Sache gemacht hatte. Aber wie war der Mann ins Büro gekommen - und warum war von den beiden nicht vollendet worden, was sie in Mastersons Office geführt hatte?

Bount massierte sich mit den Fingerspitzen die Schläfen, und tastete dann vorsichtig nach der Stelle an seinem Hinterkopf, wo das Entstehen einer stolzen Beule nicht aufzuhalten war.

Aus dem Vorzimmer führte eine Tür in den Waschraum. Bount ging hinein, hielt den Kopf unter das aufgedrehte kalte Wasser, rieb sich mit einem Papiertuch trocken, und ging auf immer noch unsicheren Beinen durch das Vorzimmer in Mastersons Privatbüro.

Bount stoppte auf der Schwelle.

Der Killer lag vor ihm zwischen Schreibtisch und Wand. Er ruhte bäuchlings auf dem Boden. Das rechte Knie war angezogen, als versuchte er aufzustehen. Die beiden Arme waren zur Seite geworfen. Neben ihm lag der Revolver.

Bount machte ein paar Schritte nach vorn, beugte sich zu dem Killer hinab und drehte vorsichtig dessen Kopf zur Seite. In den weit aufgerissenen Augen des Mannes war das Leben erloschen - er war tot.

Bount richtete sich auf. Sein schmerzender Schädel machte es ihm schwer, einen klaren Gedanken zu fassen.

Wer hatte den Killer ermordet - und warum?

Bount zog ein Taschentuch aus der Hose, umfasste damit den Revolver und beschnüffelte die Mündung. Ein starker Geruch von Barium und Antimon machte deutlich, dass es die Tatwaffe war.

Das bedeutete: Der Täter hatte ihm, Bount, den Revolver abgenommen und damit auf den Killer geschossen.

Damit wurde das Geschehen keineswegs durchsichtiger. Im Gegenteil.

Bount legte den Revolver zurück auf den Platz, wo er gelegen hatte, setzte sich an den Schreibtisch und griff nach dem Telefonhörer. Er wählte Mastersons Privatnummer. Nach einiger Zeit meldete sich eine dunkle, angenehm klingende Frauenstimme: „Masterson.“

„Reiniger. Ist Ihr Mann zu sprechen, bitte?“

„Er hat sich heute einen freien Tag genommen. Er ist nach Epsom gefahren. Ich erwarte ihn in zwei oder drei Stunden zurück.“

„Können Sie mir sagen, wie und wo ich ihn erreichen kann?“, fragte Bount.

„Bedaure, nein. Soll er Sie anrufen, sobald er zurückkommt?“

„Danke, nein“, sagte Bount.

Er legte auf. Er war verpflichtet, die Polizei zu informieren, aber wenn er das tat, würde herauskommen, dass er sich Mastersons Namen bedient hatte, und dass sein Auftraggeber Wind von einem Mordplan bekommen hatte. Die Polizei würde zu wissen begehren, was sich dahinter verbarg, und der Stockbroker Masterson würde möglicherweise in Schwierigkeiten geraten, die für ihn in geschäftlicher und gesellschaftlicher Hinsicht gravierende Folgen haben konnten.

Nein, so ging es nicht. Masterson hatte ihn nicht nach London kommen lassen, um in einen Mordfall verwickelt zu werden, sondern um einem solchen zu entgehen. Bounts Berufsethos ließ es einfach nicht zu, einem Klienten zu schaden, also begann er zu überlegen, was zu tun war, um Masterson nicht in die Schusslinie geraten zu lassen.

Zunächst einmal musste die Leiche verschwinden. Zumindest musste er, Bount, dafür sorgen, dass sie außerhalb des Büros entdeckt wurde.

Dass er damit die Landesgesetze verletzte, war ein sehr ernstzunehmender Faktor. Bount entschuldigte ihn vor sich mit der Überlegung, dass er England und London nicht eher verlassen würde, bis er den Täter gestellt und der Justiz überantwortet hatte.

Das Telefon klingelte. Bount nahm den Hörer ab und meldete sich.

Eine Mrs. Simmons bat um einen Termin für den Kauf von Wertpapieren. Reiniger gab ihr einen nach Gutdünken und hinterließ auf dem Schreibtisch eine diesbezügliche, für Dick Masterson bestimmte Notiz.

Bount erhob sich, schaltete den Anrufbeantworter ein, ging um den Schreibtisch herum und kümmerte sich nochmals um den Toten. Er war mit einem einzigen Schuss erledigt worden, aus kürzester Distanz. Der Blutverlust hielt sich in Grenzen.

Drei Schritte von dem Toten entfernt lag das schäbige Aktenköfferchen, in dem er seinen Revolver transportiert hatte.

Bount bückte sich danach, legte es auf den Schreibtisch und ließ die Schlösser aufspringen. Das Köfferchen war leer, so schien es jedenfalls. Aber als Bount seine Hand in ein am Deckel angebrachtes Brieffach schob, stießen seine Finger auf einen Umschlag. Er zog ihn heraus. Der Umschlag war an einen Frank Cootle adressiert, der in Putney lebte, und enthielt eine Rechnung in Höhe von siebzehn Pfund für eine Regentonne.

Bount klopfte den Toten ab und fischte ihm den Schlüsselbund aus der Hosentasche, dann verließ er damit Office und Gebäude. Er ging bis zur Kings Road und hatte einige Mühe, ein freies Taxi zu bekommen. Er wechselte unterwegs zweimal den Wagen und traf gegen neun Uhr vierzig in Putney ein.

Das Haus, in dem Cootle wohnte, war von schmalem, mehr als bescheidenem Zuschnitt. Es gehörte zu einem Einheitstyp, der sich in grauer Tristesse von einem Straßenende bis zum anderen zog, und dessen Erkerfenster einen eher rührenden als gelungenen Versuch darstellten, einen Hauch von Exklusivität zu verbreiten.

Auf der Straße spielten Kinder, vor den Hauseingängen standen plaudernde Frauen. Es gab keinen Zweifel, dass Bount sofort in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückte, das ließ sich einfach nicht verhindern. Bount nahm den Schlüssel aus der Tasche, öffnete damit die Haustür und fragte sich, welche Gefahren er damit heraufbeschwor.

Er atmete auf, als er in dem kleinen dunklen Windfang stand und die Außentür hinter sich ins Schloss zog. Es roch muffig, das Haus war entweder feucht, oder Cootle hielt nicht viel von regelmäßiger Lüftung.

Bount öffnete die Tür zur Diele. Er tat es äußerst behutsam, denn er wusste nicht, ob es eine Mrs. Cootle gab, oder ob noch andere Leute im Hause lebten.

Im Wohnzimmer spielte das Radio. Bount schlich sich auf Zehenspitzen zur Tür und lauschte. Er hörte ein knackendes Geräusch, dann noch eines. Bount holte lief Luft, dann stieß er die Tür auf.

Der Mann, der damit beschäftigt gewesen war, den Inhalt einer Schreibkommode, zu durchstöbern, fuhr auf den Absätzen herum, als hätte er einen Messerstich erhalten. Der Mann war schätzungsweise 30. Er war mittelgroß und trug zu braunen Feincordhosen einen hellen Stofflumber mit Strickbündchen. Sein rundes, glattrasiertes Gesicht war von grobem Schnitt und in den kleinen, nahe beieinander stehenden Augen zeigte sich ein ängstliches, aber auch drohendes Flackern.

„Guten Morgen“, sagte Bount und trat über die Schwelle. „Störe ich?“

 

 

3

Der Mann war von Briefen und Papieren umgeben. Er hatte sie aus den Schubladen gerissen und, wie anzunehmen war, nach flüchtiger Prüfung zu Boden fallen lassen. Einen Brief hielt er noch in der Hand.

„Wer sind Sie?“, stieß er hervor.

„Der Mann, der Franks Tod aufzuklären wünscht“, sagte Bount und ging auf den Fremden zu.

Der Mann blinzelte.

„Ich verstehe kein Wort. Frank soll tot sein? Wollen Sie mir einen Bären aufbinden?“

„Eigentlich ist er heute Morgen losgezogen, um einem anderen das Lebenslicht auszublasen“, meinte Bount und erfasste mit einem Blick die schäbige, geschmacklose Zimmereinrichtung. Ein Sammelsurium billiger Möbel aus allen Epochen, das von dem gleichen muffigen Geruch umweht wurde, der den Besucher schon im Windfang empfing, „aber dann wollte es das Schicksal so, dass er bekam, was einem anderen zugedacht war. Wie finden Sie das?“

„Ich habe Sie gefragt, wer Sie sind!“

„Ich sage es Ihnen, sobald ich Ihren Namen weiß“, meinte Bount lächelnd. Er hatte den Mann erreicht und blieb dicht vor ihm stehen.

Die Angst war aus den Augen des Unbekannten verschwunden. Nur die Drohung war geblieben. Sie nahm an Intensität rasch zu.

„Ich kriege noch Geld von ihm“, sagte der Mann mit halblauter, wie gepresst klingender Stimme. „Ich habe ihn ein Dutzend Male gemahnt. Hat nichts geholfen. Jetzt bin ich hergekommen, um mir ohne sein Einverständnis zu holen, was mir zusteht. Zufrieden?“

„Ich schon. Die Frage ist nur, ob auch die Polizei so reagieren wird.“

„Die Polizei?“, echote der Mann.

„Aber ja. Sie werden mich zum nächsten Revier begleiten“, sagte Bount, der keineswegs vorhatte, die Drohung in die Tat umzusetzen. Ihm ging es lediglich darum, sein Gegenüber in die Enge zu treiben.

Details

Seiten
104
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738953237
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (April)
Schlagworte
auftrag london york detectives

Autor

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Titel: Der Auftrag in London: N.Y.D. – New York Detectives