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Der Baron #27: Die Mörderparty

©2021 125 Seiten

Zusammenfassung

Der Baron Alexander von Strehlitz hat von Ronald O‘Keefe, Besitzer von Lancaster Castle, das Versprechen, aus seinem Schloss eine Stätte für Jugendliche, die keine Eltern oder kein geregeltes Zuhause haben, zu machen.
Bei einer Party will der Hausherr Alexander die Urkunde und einen Scheck überreichen.
Als er dort eintrifft, befindet sich bereits eine illustre Gesellschaft im Schloss - und ein toter Ronald O‘Keefe …

Leseprobe

Table of Contents

Der Baron #27: Die Mörderparty

Copyright

Das sind die Leute, die Sie kennenlernen sollten:

Prolog

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

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22

Der Baron #27: Die Mörderparty

von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 125 Taschenbuchseiten.

 

Der Baron Alexander von Strehlitz hat von Ronald O‘Keefe, Besitzer von Lancaster Castle, das Versprechen, aus seinem Schloss eine Stätte für Jugendliche, die keine Eltern oder kein geregeltes Zuhause haben, zu machen.

Bei einer Party will der Hausherr Alexander die Urkunde und einen Scheck überreichen.

Als er dort eintrifft, befindet sich bereits eine illustre Gesellschaft im Schloss - und ein toter Ronald O‘Keefe …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Das sind die Leute, die Sie kennenlernen sollten:

Alexander von Strehlitz, genannt der „Baron“, 38 Jahre, 1,88 m groß, dunkelhaarig, gut aussehend, schlank und muskulös, sehr sportlich, abgeschlossenes Zoologiestudium, Hobbysegler und Hochseeschiffer mit Kapitänspatent für große Fahrt, bekannter Schriftsteller von Reiseberichten und Expeditionserlebnissen, Leiter von verschiedenen Expeditionen in Afrika und Südamerika, in Übersee durch seine Goodwillreisen zugunsten unterentwickelter Gebiete in Südamerika bekannt geworden, Sieger vom Indianapolis-Rennen für schwere Tourenwagen 1969, ebenso bekannt in Monte Carlo und der Jet-Society als brillanter Pokerspieler und Gesellschafter. Frauen vergöttern ihn, Männer schätzen ihn als prächtigen Partner und umsichtigen Leiter oft abenteuerlicher Unternehmungen.

Robert Burton, der Sekretär des Barons, 35 Jahre alt, 1,70 m groß, spärliches dunkelblondes Haar, korpulent, Brillenträger, gelernter Bankkaufmann, ein Mathematiker aus Passion, spricht sieben Fremdsprachen und hat ein fabelhaftes Gedächtnis, viel Sinn für Statistiken und Daten. Robert arbeitet seit Jahren für den Baron und weiß über dessen Finanzen besser Bescheid als der Baron selbst. Hat die Eigenart, immer dann französisch mit dem Baron zu sprechen, wenn es um Geldfragen geht.

Michel Dupont, genannt „Le Beau“, 28 Jahre alt, 1,75 m groß, drahtiger durchtrainierter Mann mit dunklem Haar, kantigem, nicht sehr schönem Gesicht mit zerschlagener Nase. Seit vielen Jahren dem Baron ein treuer Freund und Begleiter auf vielen abenteuerlichen Reisen. Le Beau ist gebürtiger Franzose, sehr leidenschaftlich, liebt Frauen und gutes Essen und Trinken, ist leicht zu erregen, ein ausgezeichneter Karatekämpfer, Motorbootfahrer aus Leidenschaft und begeisterter Reiter. Außer Frauen und Pferden liebt er auch rasante Wagen. Er ist gelernter Motorenschlosser und Flugzeugmechaniker.

James Morris, der Chauffeur des Barons, 31 Jahre alt, 1,94 m groß, sehr stark und breit, wiegt über zwei Zentner, Stirnglatze, sonst struppiges, dunkelblondes Haar, breites Gesicht mit Stupsnase. James war früher Artist, nämlich Untermann einer menschlichen Pyramide. Nach einer Knöchelverletzung verlor er sein Engagement und geriet in schlechte Kreise. Der Baron holte ihn gegen Kaution aus einem Lissabonner Untersuchungsgefängnis und fand in James den treuesten Anhänger, den ein Mensch sich denken kann. Wo James hinschlägt, blüht keine Blume mehr, aber gleichzeitig hat der Hüne ein friedliches gutartiges Gemüt, tut für den Baron alles, aber dass der Baron einen so mäßigen Autofahrer wie ihn zum Chauffeur gemacht hat, begreift James selbst nicht.

Das also sind der BARON und seine Freunde ROBERT, LE BEAU und JAMES. Ein echter und draufgängerischer Mann und seine Freunde. Ihr Feld ist die Welt, heute sind sie reich, morgen haben sie keinen roten Heller, und immer sind sie bereit, dem Teufel auf den Schwanz zu treten, wenn es gilt, anderen zu helfen, die in Bedrängnis sind. Keiner von ihnen ist ein Tugendbold, aber wenn die Lage es erfordert, halten sie eiserne Disziplin. Sie sind vier knallharte Männer, und für manch einen sind sie die letzte Hoffnung. Sie lieben das Abenteuer, sie lieben das Leben. Ob im Orkan auf See, im dampfend heißen Urwald oder auf schillerndem Parkett des Casinos von Monte Carlo, sie sind überall zu Hause. Es gibt Zeiten, da trinken sie Sekt und essen Kaviar, und es gibt Situationen, da teilen sie sich den letzten Tropfen lauwarmen und brackigen Wassers und kauen auf harter Brotrinde. Und immer bleiben sie Kameraden und halten zusammen … der Baron und seine Crew.

 

 

Prolog

SCOTLAND YARD IM SCHLAMM STECKENGEBLIEBEN

Birmingham (eig. Meld). — In der gestrigen Nacht blieben Beamte von Scotland Yard buchstäblich im Morast stecken, als sie zur Aufklärung eines zwielichtigen Mordfalles zum Lancaster Schloss gerufen wurden. Ein über dem Leienshire County niedergegangenes Unwetter hatte alle Zufahrtswege zu dem Schloss unterbunden. Wie gemeldet wird, soll Ronald O'Keefe,

Enkel des Schlosserbauers und jetziger Besitzer von Lancaster Castle, Selbstmord begangen haben. Andere Berichte sprechen von einem Mord. Scotland Yard selbst gab mir folgenden Kommentar ab: Man werde versuchen, trotz der schwierigen Wegverhältnisse zum Schloss durchzukommen. Notfalls werde man einen Hubschrauber anfordern. Wie es weiter heißt, soll sich auf dem Schloss eine illustre Gesellschaft versammelt haben. Darunter auch der berühmte Internist Dr. Wilder, der nicht minder bekannte Baron Strehlitz und andere Persönlichkeiten. Von Baron Strehlitz sagte Scotland Yard County-Chef Burlanger halb scherzend und halb im Ernst, der Baron sei ihm eine gewisse Hoffnung, dass bis zum Eintreffen vom Yard alles seine gewisse Ordnung habe. Immerhin sei Baron Strehlitz auch schon als Kriminalist hervorgetreten...

 

1

Der Kies knirschte unter den breiten Reifen des schwarzen Mercedes. Der Baron hatte die Scheiben heruntergelassen und roch den würzigen Duft von Laub und frischgesägtem Buchenholz. Goldene Herbstsonne fiel durch die bunten Kronen der Bäume hinab auf die Palette eines in allen Farben schimmernden Waldbodens.

Der Wagen rollte langsam den etwas gekrümmten Weg entlang, an dessen Flanken nun übermannshohe Haselnusssträucher einen Blick auf das Schloss verhinderten, das doch irgendwo da vorn stehen musste.

„Sehen Sie es schon, James?“, fragte der Baron.

James, der mit der Haltung eines Richtkanoniers am Steuer saß, erwiderte, ohne sich umzudrehen: „Nein, Sir, aber der Luftaufnahme nach, die Robert aufgenommen hat, macht der Weg eine Kurve, und dahinter liegt es dann. Robert hat gesagt, es wäre eines der prächtigsten Schlösser in Old England. Ich habe vorher noch nie davon gehört, aber er muss es ja wissen. Weiß ja immer alles.“

Der Baron schwieg und begnügte sich damit, den alten Baumbestand dieses Herbstwaldes zu mustern. In diesen Rotbuchen, diesen Eichen und urigen Ulmen steckte ein Kapital, aber alles wirkte wie vergessen, verwildert, drohend. Man konnte sich in diesem einstigen Park durchaus giftige Reptilien vorstellen oder Bären, die plötzlich hinter den dicken Stämmen auftauchten. Nachts musste dieser Wald auf eine schreckhafte Seele schlimmer als ein Alptraum wirken.

Die Kurve, von der James gesprochen hatte, kam. Der Mercedes rauschte sanft hindurch, und dann sahen sie es. Es war im Stil der Frührenaissance erbaut, gotisch, aber längst nicht aus dieser Zeit, sondern nur stilecht vor etwa hundert Jahren erbaut. Das stand nicht dran, man musste es wissen, sonst konnte man es sich nur schwer vorstellen. Alles hier sah aus, als habe hier ein paar Jahrhunderte lang niemand gelebt oder sei nur sehr flüchtig und selten einer dagewesen, um Ordnung zu schaffen. Der Kiesweg war neu angelegt, vielleicht auch nur frisch mit Kies beschüttet. Aber schon der Vorplatz vor dem Schloss wirkte verheerend. Der dort von Unkraut umwucherte Brunnen mit seinen herrlichen Skulpturen stand verloren zwischen riesigen Steinplatten, aus deren Fugspalten meterhohes Gras quoll und gelb wie Weizen im Winde schwankte.

Das Schloss mit seinen vielen Butzenfenstern bestand aus einem Querbau, grau, wuchtig, gewaltig wie das Schiff eines Doms. Rechts und links davon die Flügel. Auch sie erinnerten an eine Kirche. Die Sonne spiegelte sich in den unzähligen kleinen, bleigefassten Scheiben der vielen Fenster. Der Kiesweg führte genau auf eine Art Torhalle zu, die sich im linken Flügel befand, und in die man mit dem Wagen hineinfahren konnte. James tat es, stoppte in der Halle ab, und nun sahen sie hinter der Ausfahrt auf der anderen Seite dieser Torhalle einen großen Platz, frisch bekiest, und auf ihm standen sechs größere Limousinen. Zwei davon waren mindestens Rolls Royce oder Bentleys.

James stieg aus, um dem Baron die Tür zu öffnen, aber da tauchten zwei Männer in Lakaienkluft auf, von denen der eine die Wagentür aufriss und dabei eine Haltung einnahm, als hätte er einen Stock verschluckt. Der Baron stieg aus, blickte sich suchend um, aber außer diesen beiden Männern in Lakaienuniform und mit diesen bullbeißerischen Gesichtern war niemand zum Empfang erschienen.

Der zweite Lakai machte eine Handbewegung auf das Portal zu, das weit geöffnet stand. Man konnte durch die Öffnung in das riesige Foyer blicken, das infolge der bunten Butzenscheiben in allen möglichen Farben schillerte.

Der Baron nickte, und der Lakai ging voraus, ganz Würde wie ein Butler. Sie gelangten in die Halle. Sie hatte die Ausmaße eines Konzertsaales. Hoch wie in einer Kathedrale wölbte sich ein in klaren Linien gezeichnetes Dach über diesem nüchtern und doch in seiner Klarheit packenden Raum voller Atmosphäre.

Und wie eine Königin, umhüllt von den in allen spektralen Farben leuchtenden Sonnenstrahlen, die durch die Butzenscheiben hinab auf sie fielen, stand sie da: eine Frau mit fließend goldenem Haar. Angetan mit einem weißen Kleid, das wie eine Toga weich und lose von ihren Schultern fiel. Der Stoff war aber offenbar etwas durchsichtig, denn infolge des mehr von hinten strahlenden Sonnenlichtes zeichnete sich ganz klar die Kontur ihres Körpers unter diesem Gewand ab.

Sie kam mit kurzen Schritten näher, und es sah aus, als schwebe sie. Als ein Sonnenstrahl ihr Gesicht traf, sah der Baron die nahezu klassischen Züge dieser etwa sechsundzwanzigjährigen Frau, deren Schönheit fast überirdisch, engelhaft anmutete. Sie lächelte, als sie vor ihm stehenblieb. „Baron Strehlitz?“, fragte sie, und dabei zeigte sie ihm zwei Reihen perlweißer, bezaubernd schöner Zähne. Aber sogar das wirkte bei ihr, als sei sie eine Elfe, eine Nymphe, aber kein Mensch aus Fleisch und Blut, behaftet mit Fehlern und Schwächen. Sie sprach weiter. „Sie sind es also. Ich wusste es. Herzlich willkommen, Sir. Mein Name ist Ruth Harricks. Jane ist meine Schwester. Verzeihen Sie ihr bitte, dass sie nicht selbst kam, Sie zu empfangen. Aber die anderen Gäste sind schon seit gestern da, und es gibt noch sehr viel Vorbereitungen für heute Abend. — Möchten Sie sich erst etwas erfrischen? Ich würde Ihnen Ihr Zimmer zeigen, Baron.“

Er sah sie an, und in seinem Blick lag mehr als nur forschendes Interesse. Er hatte auch gar nicht mehr zugehört, was sie ihm gesagt hatte. Er sah, spürte und empfand nur die Nähe dieser einmaligen Frau. Und alles in ihm konzentrierte sich darauf, sie näher, sie ganz kennenzulernen.

„Baron“, fragte sie ihn etwas verwirrt, „hören Sie nicht zu?“

„Ich kann nur eines sagen, Miss Harricks“, erwiderte er, „dass Sie die schönste Frau sind, die ich jemals gesehen habe.“ Und das meinte er ehrlich.

Sie winkte verlegen ab.

„Sie Charmeur!“, schalt sie betroffen. „Kommen Sie, ich zeige Ihnen am besten doch erst das Zimmer. Um Ihre Koffer hat sich gewiss schon Tom gekümmert. Es ist der Diener, der Sie hereingeführt hat. Darf ich vorgehen?“

„O ja, bis in den siebten Himmel, meine Liebe.“

Sie drehte sich, nachdem sie schon ein Stück gegangen war, heftig um, sah ihn flammend an und flüsterte: „Bitte, Baron, wenn Stefan das hört, wird er Sie hassen!“

Er lachte unterdrückt und sah sie so unternehmungslustig an wie ein Schuljunge, der einen Streich plant.

„Schon gut, schon gut, und wer ist dieser Stefan? Ihr Verlobter?“

„Verlobter?“ Sie ging voraus, ohne sich umzusehen. „Wir sind nicht verlobt, aber er stellt mir nach. Er ... Ach, es wird Sie kaum interessieren.“ Sie sagte es so, als ginge es ihn nichts an, und das war damit wohl auch gemeint.

Sie führte ihn über eine Wendeltreppe aus knarrendem Eichenholz empor zu einer Galerie, von der aus man durch eine der vier oder fünf Türen in einen langen Gang gelangte, der an eine Festung oder an die Verbindungswege unterirdischer Kasematten erinnerte.

Ruth Harricks drückte die vierte Tür rechts auf, ein gewichtiges Stück Holz, massiv und für Jahrhunderte gemacht. Sie quietschte ein wenig in den schweren Angeln, und die Eisenbeschläge glänzten, als Licht aus dem Zimmer darauf fiel.

Der Baron stand direkt hinter Ruth, als die Tür aufschwang. Und so sahen sie beide gleichzeitig in den Raum hinein: auf den Tisch mit der grünen Samtdecke, auf die geschnitzten Stühle und die Gestalt, die darauf saß und mit Kopf und Schultern auf dem Tisch lag. Die Arme hingen herab. Und dort, wo der Kopf die Samtdecke drückte, hatte sich eine dunkle Lache ausgebreitet, die aussah wie Erdbeersaft, Der dort mehr lag als saß, war ein Mann. Und in seiner Stirn klaffte ein Loch. Nicht sehr groß und schon fast schwarz von geronnenem Blut Die Augen schielten zur Decke, glanzlos und ohne Blick.

Ruth schrie gellend auf: „Ronald!“

Der Baron war mit einem Schritt bei dem Mann. Aber er brauchte weder Arzt noch Hellseher zu sein, um es zu konstatieren, was mit dem etwa fünfzigjährigen Bedauernswerten los war. Ihn hätte nicht einmal ein Genie unter allen Ärzten zum Leben erweckt.

„Ist ... ist er tot?“, lispelte Ruth entsetzt.

„Ja“, sagte der Baron, „erschossen, und zwar aus etwa einem Meter Entfernung. Es sind Pulverschleimspuren zu sehen. Zu wenig für einen Selbstmord.“ Er bückte sich und hob die Pistole mit einem Taschentuch auf, die unterhalb der rechten Hand des Toten am Boden lag. „Es ist kein Selbstmord, auch wenn es so aussehen soll. — Wo gibt es hier ein Telefon?“

Ruth sah ihn verwirrt an.

„Telefon?“ Sie deutete zur Tür. „Im Nebenzimmer.“

„Rufen Sie die Polizei an, Miss Harricks. Jetzt! Sagen Sie, Ronald O'Keefe sei erschossen worden!“

Sie zitterte und war mit einem Male sehr blass. Als kostete es sie alle Kraft, wandte sie sich um und wankte zur Tür.

„Rufen Sie die Polizei an und sagen Sie, was Sie gesehen haben! Gehen Sie, Ruth!“, mahnte der Baron erneut, als sie zögerte.

Er wollte sich gerade umdrehen und wieder dem Toten zuwenden, als eine Männerstimme mit scharfem Unterton sagte: „Ruth, mein Kind, bemühe dich nicht. Das Telefon ist gestört. Ich versuche schon seit zehn Minuten, einen Arzt und die Polizei zu bekommen. Er hat sich erschossen, ich selbst habe es gesehen, konnte es aber nicht verhindern. — Wer ist dieser Gentleman, Ruth?“

Ruth stand vor einem hageren blonden Manne von etwa fünfunddreißig Jahren. Er sah ganz gut aus, sportlich vor allem, und auch sonst machte er eine Menge her, wenigstens in den Dingen, die Frauen mochten. Aber, und das übersah der Baron nicht, er hatte kalte Augen - eiskalte. Die veränderten sich auch nicht, wenn er lächelte wie jetzt . Es kam Alexander wie eine Maske vor.

Ruth schien sich an die Frage des Blonden erinnert zu haben, deutete mit einer Handbewegung auf ihn und wandte sich Alexander von Strehlitz zu.

„Baron, das ist Mr. Warren. — Frank, ich habe Baron Strehlitz gerade sein Zimmer zeigen wollen. Dies hier sollte es sein.“

„So ein makabres Pech“, meinte Warren, und nickte dem Baron grüßend zu. „Aber er war schon immer einer, der die Überraschung anderer schätzte, Diesmal ist es ihm wieder ausgiebig gelungen.“

Alexander lächelte verbindlich und fragte so nebenher: „Sie sagten, Sie hatten es gesehen? Wann war es denn?“

„Es ist keine halbe Stunde her. — Aber Sie sehen, Sir, dass Ruth sehr erschrocken ist. Ich glaube, wir sollten uns erst einmal um sie kümmern. Ich werde das tun. — Ruth, mein Kleines, komm, ich bringe dich nach unten..

„Weiß ... weiß Jane schon, was ...“ Weiter kam sie nicht, dann überwältigte sie der Schmerz. Sie schluchzte und hörte nur halb, wie Warren sagte: „Tja, Kleines, sie weiß es. Gerade ist Dr. Finch bei ihr, um es ihr zu sagen.“ Er legte Ruth den Arm schützend um die Schultern und führte sie hinaus. In der Tür warf er einen Blick über die Schulter zum Baron hin und rief: „Am besten, Sie lassen hier alles unberührt, bis die Polizei kommt. Wir werden den Diener losschicken. Er kann sie holen.“

Der Baron nickte, blickte kurz auf den Blutfleck auf der Samtdecke und dachte: So sieht Blut aus, wenn es Stunden alt ist. Getrocknet und dunkel. Nein, nie im Leben starb dieser Mann vor einer halben Stunde. Und niemals war es ein Selbstmord!

 

 

2

Le Beau kam eine Stunde später, beinahe gleichzeitig mit Tom, dem Diener, der in einem Kombiwagen den Landpolizisten geholt hatte. Und weil sich in der allgemein herrschenden Aufregung praktisch niemand tun ihn kümmerte, marschierte der drahtige Mann mit dem Belmondokopf im Schloss herum, das er schon gleich an der falschen Stelle betrat, nämlich durch das kleine Portal am anderen Flügel, der als unbewohnt galt.

Während Le Beau in diesem Teil des Schlosses verschwand und untertauchte, umringten acht Personen den dicken Landpolizisten, der seine Mütze abgenommen hatte, sich den Schweiß von der Stirn tupfte und angesichts der auf ihn einredenden Menschen hilflos und fast ängstlich um sich sah wie ein kleines Schwein, das den Metzger fürchtet. Etwas von einem kleinen Schwein hatte er in seinem feisten Gesicht mit den kleinen Perlaugen.

Alexander von Strehlitz, der abseits in der großen Foyerhalle stand, beobachtete die Szene mit Befremden. Und bald war ihm völlig klar, dass zwei Leute in diesem Kreis dort das Sagen hatten. Einmal jener Frank Warren, den er schon kannte und der ihn an einen der professionellen Spieler in Monte Carlo erinnerte. Dann stand dort jener Dr. Harold Finch, den man ihm vorhin vorgestellt hatte. Ein untersetzter, brünetter Vierziger, dichte Brauen, wulstige Lippen, die den Sinn für Genuss verrieten. Finch hatte vorhin noch dasselbe Märchen verbreitet wie vor einer Stunde jener Frank Warren, nämlich die Behauptung, er sei Zeuge des Selbstmordes gewesen. Übrigens zusammen mit Warren. Aber man habe — das betonte er mehrfach — nichts mehr tun können. Der Schuss sei zu schnell gefallen.

Der Polizist war ein Mensch schlichter Denkungsart, das sah der Baron dem etwa fünfzigjährigen Mann an, der gewiss wacker und brav von der Verkehrsübertretung bis zum Hühnerdiebstahl Schuldige fasste und bestrafte, für den die Leute hier im Schloss etwas Besonderes, etwas Feines waren, dem er übles Tun einfach nicht zuzutrauen schien.

Alexander hörte, wie dieser Finch mit dem Polizisten sprach und gerade sagte: „Er war ein Nervenwrack, unser lieber Ronald. ich meine Mr. O’Keefe. — Kommen Sie nur, dort ist die Treppe. — Also mit den Nerven war er ’runter, das wusste jeder. Aber dann so etwas ... Wir waren entsetzt. Seine Frau ist völlig erledigt. Seine Mutter ist kaum zu beruhigen. Dr. Wilder hat ihr gerade eine Beruhigungsspritze gegeben. — Mein Gott, alle müssen wir ja nun nicht mit ihm gehen. Ich glaube, es genügt, wenn Frank mitkommt. — Dort die Treppe, Sergeant ...“

Außer Frank Warren blieben die anderen zurück, so dass jener Dr. Finch mit Warren und dem Polizisten die Treppe zur Galerie emporstieg. Die übrigen gruppierten sich um Ruth Harricks, die verheult aussah und von einem großen, dunkelhaarigen Manne getröstet wurde, den Alexander so unsympathisch fand, dass er ihm am liebsten die Faust ins aalglatte Gesicht gestoßen hätte. Wie Alexander so zufällig gehört hatte, war das dieser Stefan Tivkow, ein Immobilienmakler aus London, mindestens achtundvierzig Jahre alt und scharf wie ein Rasiermesser.

Die vier übrigen kannte der Baron nicht, obgleich sie sich in ihrer auffälligen Art nicht übersehen ließen. Da war ein platinblondes Liebchen um die zwanzig, Zuckerschnäuzchen mit großem Make up, wenig an und viel Kurve. Sie hing wie hingegossen an einem Burschen, der vielleicht zehn Jahre älter war als sie, einem Gorilla mehr als einem Menschen ähnelte und dann höchstens mit seinem martialischen Schnauzbart einem jener Hunnenreiter glich, wie sie vor vielen Jahrhunderten in Europa einfielen. Die Pranken dieses Mannes zeigten, dass er nicht am Schreibtisch aufgewachsen war, sondern für gewöhnlich fest zupacken konnte. Die Puppe nannte ihn laut und unüberhörbar: „Happy“.

Die beiden anderen, die noch herumstanden, waren Tom, der Diener, der übrigens auch ziemlich viel von einem Preisringer an sich hatte, und James.

James und dieser Tom schienen sich ein wenig angefreundet zu haben. Nun gingen sie wieder durch den Dienstboteneingang in Richtung Küche davon. Irgendwie kamen beide in diesem Augenblick dem Baron wie zwei Schwergewichtler vor, die zusammen stark genug waren, ein paar Säle zu räumen. Bevor der Baron dieser Begegnung ausweichen konnte, kam jener unsympathische Stefan Tivkow, der so tat, als hätte er Ruth Harricks gepachtet, mit Ruth auf den Baron zu, grüßte mit einer lässigen Handbewegung und sagte: „Ich glaube, es wird Zeit, dass wir uns kennenlernen. Ruth hat mir eine Menge von Ihnen erzählt, mein Bester. — Hallo!“ Er streckte dem Baron die Hand hin und schnarrte: „Ich will Ruth nicht bemühen. Mein Name ist Tivkow. Den Ihren kenne ich, Baron Strehlitz. — Ich befasse mich übrigens mit Grundstücken. Nur ausgesuchte Objekte. Keine Allerweltslagen. Wenn Sie mal was brauchen ...“

„Ich bin aus diesem Grunde hier, aber das sollte ein wenig anders sein“, erwiderte der Baron, ergriff Tivkows Hand, die ihm wie ein feuchter Schwamm vorkam.

Tivkow nickte.

„Schade, daraus wird ja nun wohl kaum etwas. Ich habe auch gehört, dass O'Keefe diese Party heute zum Anlass nehmen wollte, Ihre Idee mit der Kinderfarm zu verwirklichen.“

Der Baron lächelte kühl.

„Kinderfarm ist etwas falsch ausgedrückt. Wir wollen keine Kinder züchten, sondern es soll eine Farm sein, auf der Jugendliche eine neue Heimat finden. Jugendliche, die keine Eltern oder kein geregeltes Zuhause haben. Menschen, die verdammt dazu sind, schon mit fünfzehn Jahren ins Kriminellenmilieu zu rutschen, weil die Gesellschaft sie von vornherein ausstößt. Und diese Farm wollte Mr. O'Keefe in einer Art Stiftung zur Verfügung stellen. Für die Hinterhofjungen und -mädchen aus London, Liverpool und sonst wo in England. Ich glaube auch nicht, Mr. Tivkow, dass diese Absicht, mit Mr. O’Keefes Ableben geändert wurde. Sicher denkt seine Witwe nicht anders darüber.“

Tivkow zuckte die Schultern und verzog das Gesicht in deutlicher Skepsis.

„Da würde ich aber keine Wette wagen, verehrter Baron.“

Ruth sah den Baron strahlend an. Im Augenblick hatte sie alle Trauer vergessen.

„O nein, Baron, ich kenne meine Schwester. Ganz sicher wird sie das auch wollen.“

Tivkow lächelte nichtssagend, dann meinte er: „Glauben Sie denn, dass solche sozialistischen Ideen sich überhaupt verwirklichen lassen?“

Der Baron schüttelte den Kopf.

„Sie sollten die Feinheiten unseres Wortschatzes besser berücksichtigen, Mr. Tivkow. Es heißt hier soziale Idee und nicht sozialistisch. Und im Übrigen haben meine Freunde und ich dieses Unternehmen in anderen Ländern schon mit Erfolg aufgebaut. Zum Beispiel in der Nähe von Mailand und auf einem Dorf bei Pittsburgh in den USA. Es funktioniert, Mr. Tivkow. Leider können immer nur einige Dutzend dort Unterkommen, und wir müssten für Tausende Plätze haben. Weil immer nur wenige der Reichen bereit sind, dafür etwas zu spenden. Wären es mehr, könnten wir vielleicht Tausende davor retten, schon mit neunzehn oder zwanzig Jahren ins Verbrecherleben abzurutschen. Oft noch früher.“

Tivkow zuckte wieder die Schultern.

„Ich jedenfalls glaube nicht, dass Sie sich jetzt noch Hoffnungen machen sollten. — Ruth, mein Liebes, wollen wir etwas in den Garten gehen?“

Sie stieß die Hand zurück, mit der er nach ihrem Arm greifen wollte und sagte schroff: „Gehen Sie allein, Stefan! Ich möchte mich mit dem Baron unterhalten. Jetzt weiß ich, warum Ronald so begeistert war von dieser Idee. Ich bin es auch. Und ich will mehr darüber wissen.“

Tivkow lächelte säuerlich.

„Umso größer wird die Ernüchterung sein. — Wir sehen uns sicher später noch!“ Dann ging er zum Portal.

 

 

3

Der Baron lehnte sich an die Tür der Toilette. Das kleine Fenster des WCs war geöffnet, und in die Öffnung ragte die dünne Antenne, die Alexander ausgefahren hatte. Er hielt ein Funkgerät von Taschenlampengröße in der Rechten und sprach gerade leise hinein: „Bleib drüben und lass dich hier überhaupt nicht blicken, wenn du sicher bist, dass dich noch niemand hier zur Kenntnis genommen hat! Es war jedenfalls gut, dass du nach meiner Durchsage sofort richtig reagiert hast und gar nicht erst hier bei den anderen aufgetaucht bist. Hast du mit James gesprochen?“

„Nein, der hängt doch dauernd mit diesem Preisboxer zusammen, diesem Tom“, kam Le Beaus Stimme etwas verzerrt aus dem Gerät. „Aber der Kontakt mit Robert klappt vorzüglich. Mein Ding hier hat eben doch mehr Saft drauf, das reicht weiter. Robert hat noch keine Auskünfte gegeben, aber er meldet sich in einer Stunde. — Du, hör mal, Alexander, wer ist der süße Fratz mit dem hellen Haar?“

„Ruth Harricks sagte, sie wäre eine Bessy Laudon — wonach du übrigens auch Robert fragen kannst — ein Mädchen aus London, arbeitet in einer Boutique oder so. Ich würde sagen: Playgirl. Und der Kerl ist ein Farmer, ziemlich großer Besitz, war früher mal bei O'Keefe Verwalter, hat sich mit einem Kredit von O’Keefe und eigener Kraft hochgeschuftet. Primitiver Kerl, sagt Ruth, aber ich finde ihn gar nicht so dumm.“

„Aber dumm gucken wird er, weil mir die Kleine gefällt.“

Alexander lachte.

„Warum hast du nur immer etwas für solche hübschen, aber dümmlichen Larven übrig?“

„Im Bett sind die mitunter große Klasse.“

Der Baron fragte kühl: „Hoffentlich vergisst du nicht, was du zu tun hast, Le Beau, oder muss ich dich daran erinnern?“

„Nein, aber irgendwann werde ich ja wohl diesen süßen Fratz bewundern dürfen.“

„Vorerst aus der Ferne, mein Lieber. Ende!“

Er zog die Antenne ein, schloss das kleine Fenster und steckte den Sender in die Jackentasche. Dann verließ er die Toilette, deren zweite Tür er ebenfalls verschlossen hatte. Er gelangte hier auf den Flur des zweiten Stockwerks, wo man ihm wegen des Vorfalles im ursprünglich vorgesehenen Zimmer einen anderen Raum angewiesen hatte. Hier sei er auf der ganzen Etage allein, hatte ihm Frank Warren gesagt und hinzugefügt, dass von einem Gespenst auf dem Schloss bislang noch nichts bemerkt worden sei. Nun, über diesen bemerkenswerten Witz lachte Warren allein. Und nach kurzer Zeit wusste Alexander auch, dass er keinesfalls die Etage allein bewohnte, sondern zumindest zeitweilig noch in einem der vorderen Zimmer Nachbarn besaß. Jedenfalls war dort jemand aus einem der Zimmer gehuscht und nach einiger Zeit wiedergekommen. Das Zimmer war verschlossen wie auch das Nachbarzimmer vom Baron. Es waren die beiden einzigen von zwölf, die abgeschlossen waren.

Als dann der Baron an der Wand zu diesem Nachbarzimmer in seiner Kemenate auch noch ein verstecktes Mikrophon fand, schön von einem Engelsbildchen kaschiert, nahm er kurzentschlossen sein Bettzeug, schleppte es zum gegenüberliegenden Zimmer, machte sich dort das Bett, holte seine beiden Koffer und stopfte zum Abschied eine Papierserviette auf das Mikrophon, nachdem er sie ordentlich im Waschbecken eingeweicht hatte.

Als er dann am Fenster stand und hinaus auf die Wiese sah, die von Hecken, Büschen und Bäumen umrahmt war, bemerkte er auch die schweren Wolken, die tief über die Wipfel zogen.

In der Ferne wetterleuchtete es. Ein Gewitter näherte sich, und hierzulande konnten Gewitter leicht zu Unwettern werden. Das nahe Moor und der aus unzähligen Seitenarmen und Nebenflüssen bestehende Cunnigan River würden sich zu einem riesigen See vereinen, der schon manchem Auto, manchem Wanderer zum Grab geworden war.

Der Landpolizist, jener Sergeant mit dem Schweinchen-Dick-Gesicht, hatte versprochen, sofort die Mordkommission zu alarmieren. Er hatte es dem Baron versprochen, gleichzeitig aber das Märchen vom Selbstmord, das ihm die anderen eingetrichtert hatten, als eigene Weisheit wiederholt. Vielleicht, dachte Alexander, holt er die Mordkommission nicht. Oder sie kommt wegen des Wetters nicht weiter. Auf alle Fälle braut sich hier nicht nur dieses Gewitter zusammen. Lancaster Castle, auf Grund einer Laune eines reichen Mannes erbaut, war auf dem besten Wege, nicht nur in der Geschichte berühmter Bauwerke Englands, sondern auch in den Annalen der Kriminalistik einen oberen Platz einzunehmen.

Alexander war überzeugt, dass man Ronald O'Keefe ermordet hatte, um die Stiftung der Lancaster Farm, jener neuen Heimat für junge Menschen, zu verhindern. Und jemand wollte sich bereichern.

Es kamen dafür allerlei Leute aus den verschiedensten Gründen in Betracht. Um auch die geringste Möglichkeit auszuschöpfen, die einen Hinweis bot, beschloss Alexander, hinunter zu den anderen zu gehen. Vielleicht begegnete er Jane O'Keefe. Er kannte Ronalds Frau nicht. Nur mit dem Millionär selbst hatte er bislang Kontakt gehabt. Er wusste nur, dass Jane O’Keefe sehr exzentrisch sein sollte, aber dieses Gerücht mochte er seitdem nicht mehr glauben, da er Ruth, Janes Schwester, kennengelernt hatte. Im Übrigen musste er sich eingestehen, dass er auch Ruths wegen nach unten ging, sie wiederzusehen, mit ihr zu reden, sie zu erobern, das beschäftigte ihn ebenso wie der geheimnisvolle Mord und dessen Hintergründe.

Als er nach unten wollte, begegnete er auf der schmalen Treppe Tom, dem bulligen Diener. Tom blieb neben dem Baron stehen und sagte laut: „Sir, wenn Sie irgendwelche Wünsche haben, ich meine Speisen und Getränke aufs Zimmer und so, dann lassen Sie es mich bitte wissen. Unser Butler ist sehr krank, schon seit Wochen. Ich habe seine Aufgabe vorerst übernommen.“ Und sofort fügte er kaum hörbar hinzu, ohne die Lippen zu bewegen: „Nehmen Sie sich in Acht, Sir! Hüten Sie sich vor Dr. Wilder!“ Und schon ging er weiter.

Der Baron rief ihm nach: „Danke, Tom, ich werde Ihnen Bescheid sagen, wenn ich Wünsche habe ...“

Unten in der Halle lehnte Frank Warren an einer der Säulen und las in einer Zeitung. Er hatte sicher Mühe, etwas zu erkennen, denn es war sehr düster. Als der Baron näher kam, blickte Warren auf, öffnete den Mund, als wolle er etwas sagen, aber da donnerte es so laut über dem alten Gemäuer, dass alle anderen Geräusche untergingen.

Ein Fensterflügel sprang auf und schlug im Wind, der mit einem Male kalt ins Foyer fegte, Blätter hereintrieb und in den alten, staubbedeckten Fahnen zauste, die an den Wänden hingen und einmal historischen Regimentern vorgestanden hatten. Der Baron ging hin und schloss das Fenster. Als er sich davon umwandte, kam ihm Warren lächelnd entgegen.

„Sie machen sich hier ziemlich nützlich, nicht wahr?“, fragte er spöttisch.

„Das stört Sie beträchtlich, wie ich annehme“, erwiderte Alexander.

Warren zuckte die Schultern.

„Ich würde an Ihrer Stelle abreisen. Im Grunde gibt es hier doch so gut wie nichts, was so überflüssig wäre wie Ihr Besuch. O’Keefe ist tot. Der einzige Mensch, dem Sie vielleicht etwas bedeutet haben. Wir anderen mögen solche Späße nicht; ich meine Ihr Projekt.“

„Das ist mir völlig gleichgültig, Warren, was Sie und Leute Ihres Kalibers mögen und nicht mögen. Es geht um etwas anderes. Was würden Sie sagen, Warren, wenn ich behaupte, dass Sie den Sergeant und auch mich angelogen haben?“

Warren trat einen Schritt zurück, als müsste er einem Schlag ausweichen. Im gleichen Augenblick blitzte es grell, und das erschrockene Gesicht Warrens war erleuchtet wie von Jupiterlampen.

„Was sagen Sie?“, schrie Warren. „Ich werde ...“ Was er weiter sagte, ging in einem infernalischen Donnergetöse unter. Dann blitzte es wieder auf, doch das war nicht an den Fenstern und kam nicht von draußen. Das zuckte in grellem Orangerot in der rechten hinteren Ecke des Foyers, direkt unter der Galerie. Und mehr instinktiv als bewusst sprang der Baron zur Seite. Kleine Steinsplitter fegten ihm ins Gesicht. Dann blitzte es ein zweites Mal. Alexander sprang erneut zur Seite, und auch Warren versuchte, vom Baron wegzukommen. Daran erkannte Alexander, dass Warren so ahnungslos nicht sein konnte. Aber gerade das hatte wohl der Schütze in der finsteren Foyerecke nicht einkalkuliert. Sein dritter Schuss traf Warren in der Schulter. Warren wurde herumgerissen und stolperte direkt auf den Baron zu, der ihn auffing, ihn vor sich wie einen Schild hielt und auf einen vierten Schuss wartete. Da es nicht mehr donnerte, mussten die beiden letzten Schüsse gehört worden sein, falls man sie in den anderen Räumen nicht auch für Donner halten sollte.

Aber offenbar war das nicht der Fall, denn oben auf der Galerie tauchte Hep Jenkins auf, dieser Großfarmer mit der Catcherfigur. Hinter ihm erschien wie ein Teil seiner selbst die platinblonde Bessy Laudon, das Püppchen, das prompt in hysterische Schreie ausbrach, als der Baron den stark blutenden Warren zu einem Sessel schleppte und in die Polster sinken ließ.

Unten aber kamen Tom und James von der Tür zum Küchengang her. Und aus der einzigen Tür, die außer dem Portal unten noch vorhanden war, die aber unterhalb der Galerie lag, trat Dr. Finch, die Hände in den Taschen seiner karierten Jacke.

 

 

4

Es war Finch, der zuerst etwas sagte.

„Mein Gott, was ist mit Frank? — Tom, holen Sie Doktor Wilder! Holen Sie ihn schnell! Er muss auf seinem Zimmer sein!“

James war zuerst bei Warren. Während er sich neben den Verletzten kniete, raunte er dem Baron leise zu: „Erster Stock, Mittelbau, das fünfte Zimmer. Die alte Lady!“ Dann donnerte es wieder, und der Baron verstand nichts mehr. Aber womöglich war die Botschaft ohnehin ausgesprochen.

Hep Jenkins kniete sich neben den Baron vor den bewusstlosen Warren. „Sieht wie ein Blattschuss aus“, meinte er, und seine Worte waren von einem grellen Blitz begleitet.

„Er lebt“, meinte der Baron, stand auf und lief durch das Foyer. Tom kam gerade mit Dr. Wilder.

Von Dr. Sam Wilder wusste der Baron viel, wenn auch längst nicht alles. Aber gesehen hatte er ihn bislang nur flüchtig. Wilder war sehr groß, hatte eine Stirnglatze und machte in seiner saloppen, überlegenen Art den Eindruck eines Mannes von Welt. Er war darin dem Baron ziemlich ähnlich und gehörte zu dem Personenkreis, der in Lumpen ebenso attraktiv und respektheischend wirkte wie im Frack. Es entging Alexander nicht, dass Wilder zu ihm herübersah und sein Blick sich mit dem des Barons für einige Sekunden vereinte. Dann aber wandte sich Wilder dem Verletzten zu.

Tom kam zum Baron hin, ging langsam an ihm vorbei und raunte ihm zu: „Er ist der Medizinmann des Teufels. Passen Sie gut auf ihn auf!“ Dann war Tom schon weiter.

Alexander entdeckte indessen zwei Patronenhülsen, hob sie auf und entschloss sich dann, nach oben zu dem Zimmer zu gehen, das James ihm angegeben hatte. Die anderen beachteten Alexander nicht, sondern umringten den Verletzten.

Regen trommelte aufs Dach. Sturm heulte, und das Gewitter, das jetzt direkt über dem Haus stand, erinnerte an eine Schlacht. Donner, Blitz, Sturmböen, Hagelschauer, das alles vermengte sich zu einem Krawall, der in diesem Gemäuer noch grauenhafter anzuhören war als anderswo. Türen schlugen im Durchzug. Irgendwo knallte ein Fenster zu, und dann klirrten Scherben.

Details

Seiten
125
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738953220
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (April)
Schlagworte
baron mörderparty

Autor

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Titel: Der Baron #27: Die Mörderparty