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Berlin Turbo #10: Endstation Marokko

2021 160 Seiten

Zusammenfassung

Ein Superauftrag lockt, drei Monate lang volle Ladung immer wieder nach Marokko. Doch der Mann, der für die Spedition das Geschäft eingefädelt hat, Rossmann, wirkt unsympathisch. Als Rolli und Klaus die Touren aufnehmen, werden sie plötzlich mit einem Toten konfrontiert. Und dann sollen sie auch noch Fracht mitnehmen, die ihnen gar nicht gefällt.

Berlin in den 1980-er Jahren: Die Stadt ist geteilt, die DDR existiert noch, und es besteht ständig die Gefahr, dass aus dem Kalten Krieg ein heißer wird.
Die Stadt ist nur durch Transitwege mit dem Bundesgebiet verbunden. Unter diesen widrigen Umständen muss die Berliner Spedition von Sabine Schalupke für ihre Kunden Waren in alle Welt liefern. Fahrer Klaus Matschke und der aus dem westdeutschen Bayern zugezogene Rolf ,Rolli‘ Nerlinger erleben unversehens gefährliche Abenteuer und werden in Kriminalfälle hineingezogen.
Jeder Spannungsroman der Serie Berlin Turbo ist in sich abgeschlossen.

Leseprobe

Table of Contents

Endstation Marokko

Copyright

1

2

3

4

5

6

Endstation Marokko

Berlin Turbo #10

Roman von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 160 Taschenbuchseiten.

 

Ein Superauftrag lockt, drei Monate lang volle Ladung immer wieder nach Marokko. Doch der Mann, der für die Spedition das Geschäft eingefädelt hat, Rossmann, wirkt unsympathisch. Als Rolli und Klaus die Touren aufnehmen, werden sie plötzlich mit einem Toten konfrontiert. Und dann sollen sie auch noch Fracht mitnehmen, die ihnen gar nicht gefällt.

 

Berlin in den 1980-er Jahren: Die Stadt ist geteilt, die DDR existiert noch, und es besteht ständig die Gefahr, dass aus dem Kalten Krieg ein heißer wird.

Die Stadt ist nur durch Transitwege mit dem Bundesgebiet verbunden. Unter diesen widrigen Umständen muss die Berliner Spedition von Sabine Schalupke für ihre Kunden Waren in alle Welt liefern. Fahrer Klaus Matschke und der aus dem westdeutschen Bayern zugezogene Rolf ,Rolli‘ Nerlinger erleben unversehens gefährliche Abenteuer und werden in Kriminalfälle hineingezogen.

Jeder Spannungsroman der Serie Berlin Turbo ist in sich abgeschlossen.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Addi Piltz riss die Augen weit auf, als der im Ami-Look aufgemotzte Mercedes-Sattelschlepper in den Hof preschte.

Einer seiner Dieselschlosser, der neben ihm stand, ein junger Mann, pfiff durch die Zähne und meinte anerkennend: „Der hat sich verfahren, der wollte auf die Avus.“

„So fährt er wirklich“, sagte Addi Piltz, immer noch ein wenig atemlos, ob der Überraschung.

Der rote Sattelzug drehte jetzt eine Ehrenrunde, dass die Reifen heulten. Dann stoppte er scharf vor dem Büro ab. Die Tür flog auf, und ein Mann mit dunklem lockigem Haar und einer beigefarbenen Kombination sprang vom Fahrerhaus herunter.

„Der reinste Artist!“, entfuhr es Addi Piltz.

Der Fahrer sah jetzt die beiden drüben vor der Werkstatt, tippte sich mit zwei Fingern wie ein General grüßend an die Stirn und marschierte dann mit federndem Schritt direkt ins Büro.

„Was steht an dieser Kiste dran?“, fragte Addi Piltz. „Das ist doch irgendwie französisch.“

„Ist französisch, aber lesen kann ich‘s auch nicht“, meinte der Dieselschlosser. „Der Nummer nach kommt die Kiste aus Marokko.“

„Was alles bei uns hier aufkreuzt!“ Addi Piltz schüttelte den Kopf. „Komm, Junge, wir müssen weitermachen, Frühstückspause ist beendet. Hoffentlich bringt der uns nicht noch Arbeit. Die Mühle sieht aus, als hätte sie‘s dringend nötig, vom Dreck ganz abgesehen.“

Der junge Schlosser hatte es nicht so eilig, wieder an die Arbeit zu kommen.

Er warf noch einen Blick auf den Sattelzug und meinte: „Der sieht wirklich aus, als wäre er durch die Wüste gefahren. Und da kommt er wohl auch her. Ich hätte ihn mir am liebsten mal angesehen.“

„Das sieht dir ähnlich“, knurrte Addi Piltz. „Von mir aus kannst du ihn sogar fotografieren, aber erst kommt der Zylinderkopf auf die Maschine vom Spandau.“

„Schon gut, Meister, schon gut! Ich weiß es ja. Da heißt es immer, die Leute werden ruhiger, wenn sie älter sind, aber das muss wohl ein Gerücht sein, Meister.“

„Kann dir doch nicht passieren. So langsam wie du bist“, meinte Addi Piltz, „kannst du doch kaum noch langsamer werden. Also, mach schon! Den Zylinderkopf, Junge, in einer Stunde musst du fertig sein. Dann kommen Nerlinger und Matschke mit dem Wilmersdorf.“

Der junge Bursche hatte sich schon zum Gehen gewandt, blieb aber jetzt stehen und blickte über die Schulter zu Addi Piltz zurück. „Was haben die denn dran?“

„Inspektion“, sagte Addi Piltz. „Und das muss hopp-hopp gehen, die haben schon wieder Ladung.“

In diesem Augenblick verließ drüben der Mann in der beigefarbenen Kombination wieder das Büro, ging zu seinem Sattelzug, klomm ins Führerhaus, und sofort sprang der Motor an.

Addi Piltz hatte zu tun. Er vergeudete keinen Blick. Aber ein paar Sekunden später hatte er Grund, die Augen noch weiter aufzureißen als vorhin.

Er hörte das Brummen des Motors mehr im Unterbewusstsein. Er hörte auch, dass der Zug wieder so scharf abgebremst wurde, und er dachte noch bei sich: Manche gehen mit dem Zeug um, dass es eine Art hat. Ich würde ihm ein paar hinter die Löffel geben, wenn ich sein Chef wäre. In den Hintern würde ich ihn treten! Die Reifen so zu ruinieren!

Der Motor heulte wieder auf. Addi Piltz wusste, dass der Zug jetzt im Rückwärtsgang fuhr. Aber er überlegte gar nicht, wozu und wohin. Und dann auf einmal hörte er den donnernden Schlag.

Mit einem Sprung war er am Fenster, schaute hinaus auf den Hof und sah, dass der Sattelzug rückwärts gegen die Zugmaschine geknallt war, die zum Rangieren auf dem Hof stand. Eine ehemalige Sattelzugmaschine, die nur zum Rangieren benutzt wurde, ein Magirus 256 D 16.

„Du lieber Himmel, was hat denn der gemacht! Dieser ausgemachte Idiot!“

Der Fahrer zog wieder vor, und nun war die Bescherung richtig zu erkennen. Das Führerhaus des alten Magirus war seitlich eingedrückt.

Da hielt es Addi Piltz nicht mehr in der Werkstatt. Auch die Gesellen, drei an der Zahl, waren schon vor ihm nach draußen gestürzt. Addi Piltz folgte ihnen, und sie liefen wie magnetisch angezogen hinüber zum alten Magirus.

Der Fahrer war noch immer nicht ausgestiegen aus dem Mercedes. Jetzt tat er es, sprang hinunter, lief nach hinten, und Addi Piltz brüllte, dass es nur so schallte über den ganzen Hof:

„Ja, du Hirsch, was hast du denn gemacht! Bist du vom Affen gebissen, du Blödmann! Ruinierst hier das ganze Inventar!“

Der Fahrer war jetzt neben der ramponierten Zugmaschine stehengeblieben. Aber er betrachtete nur die Rückseite seines Aufliegers. Da war nicht allzu viel geschehen.

Addi Piltz war jetzt bei dem Fahrer angekommen, die Gesellen neben ihm. Die grinsten erwartungsvoll, denn sie kannten ihren Boss. Er konnte ganz schön loslegen. Aber bevor Addi Piltz überhaupt zu Wort kam, wandte sich ihm der Fahrer grinsend zu. Sein narbiges Gesicht entspannte sich noch mehr, und zwei Reihen perlweißer Zähne wurden sichtbar. Und dann meinte er, während er zugleich die Arme ausbreitete: „Es tut mir leid. Verdammt, ich habe das Ding nicht gesehen, es tut mir leid.“

Addi Piltz schluckte nur, warf dann einen Blick nach links und sah den beschlagenen Spiegel des Sattelschleppers. Dann wandte er sich dem Fahrer wieder zu und fuhr ihn an: „Vielleicht putzt du mal deinen verdammten Spiegel, dass du was siehst, du Penner!“

Der Mann grinste noch mehr. „Die sind nicht schmutzig. Chef, die sind beschlagen. Das geht nicht mehr weg. Weißt du, wovon das kommt, Alter? Es kommt vom Salz der Wüste. Da könnte ich mir jede Woche ein paar neue Spiegel kaufen. Okay, okay, meine Versicherung bezahlt den Schaden, dafür mache ich mir nicht in die Hosen. O verdammt noch mal! Übrigens wollte ich den Auflieger hier stehen lassen.“

„Hier stehenlassen? Wer, zum Teufel, bist du überhaupt?“, brüllte Addi Piltz.

In diesem Augenblick kam Ralf Kirchlechner aus dem Büro. Der junge sympathische Disponent ging sehr schnell, rannte sogar das letzte Stück, und rief Addi Piltz beschwörend zu: „Addi, mach keinen Wind! Ich erklär‘ dir das.“ Und als er bei Addi war, nahm er ihn am Arm, zog ihn ein Stück beiseite und flüsterte: „Meister, der Bursche ist unheimlich wichtig für uns. Der kommt aus Marokko, dort, wo die Chefin unseren Stützpunkt einrichten will. Der Bursche ist wahnsinnig wichtig für uns.“

„So wichtig, dass er unser Geschirr kaputtmacht, dass er hier den ganzen Hof ruiniert, hier herumrast, als wäre er auf der Avus, dieser Schwachkopf? Wo sind wir denn? Ist das hier Berlin, oder ist das irgendein Negerdorf in Marokko?“

Addi hatte sich keine Hemmungen auferlegt und so laut gebrüllt, dass man es überall auf dem Hof und nicht nur in der Umgebung der Sattelzugmaschine hören konnte.

Der fremde Fahrer grinste zu Addi hinüber, aber er sagte nichts. Und die drei Schlosser standen da, als hätten sie eine Freikarte im Zirkus.

Und dann tauchte auch noch die Chefin auf. Jutta Schalupke stand in der Tür, und völlig unbeeindruckt von der beschädigten alten Zugmaschine rief sie über den Hof: „Herr Piltz, kommen Sie doch einmal!“

„He, Meister“, fragte der Fahrer mit schnarrender Stimme, „wo kann ich nun den Auflieger stehenlassen, hier oder wo?“

„Schaff ihn auf den Sperrmüll, wir brauchen keinen Auflieger hier!“

„Herr Piltz“, riet jetzt Kirchlechner, „gehen Sie hinüber zur Chefin!“ Dann wandte er sich dem Fahrer zu: „Stellen Sie ihn dort drüben hin, da stört er überhaupt nicht, Herr Rossmann.“

„Na endlich“, meinte der fremde Fahrer, grinste wieder, tippte sich, wie vorhin, mit zwei Fingern grüßend an die Stirn, klomm in seine Zugmaschine und fuhr ein Stück weiter. Als er zurücksetzte, beugte er sich weit aus dem Fahrerhaus, denn die Spiegel waren so blind wie oxydiertes Blech.

Dann, als der Auflieger so stand, wie er ihn haben wollte, stieg er aus und sattelte ab.

Als er dann vorzog, war Addi Piltz immer noch im Büro, und die drei Gesellen nutzten die Gelegenheit, diesen exotischen Fremdling und sein Fahrzeug noch weiter zu bewundern. Aber der Mann im Mercedes donnerte aus dem Hof. Ein staubiger, schmutziger, roter Auflieger stand herum, und drüben erinnerte die eingedrückte Seite des Fahrerhauses der alten Sattelzugmaschine an den Vorfall von eben. Aber niemand schien sich darum zu kümmern. Nur Kirchlechner hatte noch einmal kurz hingesehen und war dann ebenfalls im Büro verschwunden.

In diesem Augenblick rollte wieder ein Zug in den Hof, diesmal der weiße Magirus 360 M 19, die Plane grün, die Speditionsaufschrift am Fahrerhaus, Rolf Nerlinger am Steuer, Klaus Matschke neben ihm. Sie kamen von einer langen Fahrt zurück und hofften auf drei Tage Pause. Sie wussten nicht, dass sie schon wieder Ladung erwartete und Addi Piltz auf die schnelle die Inspektion am Zug durchfuhren wollte, damit sie rasch wieder auf Achse kamen.

Noch freuten sich die beiden auf die drei Tage.

„Da steht der Auflieger von diesem Wahnsinnskerl, der uns bald frontal draufgerast wäre“, meinte Nerlinger und deutete auf den Auflieger, der hinten im Hof stand.

„He, sieh mal den alten Rangierer an, den hat‘s irgendwie erwischt! Was haben sie denn mit dem gemacht?“ Klaus Matschke deutete auf die Zugmaschine mit dem eingedrückten Führerhaus.

„Was weiß ich, vielleicht ist so ein Hottentotte damit irgendwo gegen gefahren“, meinte Nerlinger noch.

Die drei Gesellen standen an der Tür und winkten den beiden zu.

Rolf Nerlinger zog den Lastzug bis vor die Werkstatt, stoppte, und das Zischen der abgeblasenen Luft war das letzte Geräusch, der Motor war abgestorben, die Türen flogen auf. Die beiden Männer kletterten aus dem Fahrerhaus.

Klaus Matschke streckte und reckte sich, Rolf Nerlinger musterte verwundert die drei in der Tür. „Addi nicht da, oder warum sonst hängt ihr hier herum?“

„Guten Morgen, Rolli!“, rief einer der drei. „Der Meister ist drüben im Büro. Wir hatten eben ‘ne kostenlose Vorstellung.“

„Etwa der Verrückte, der uns an der Ausfahrt bald gerammt hätte?“, fragte Rolf Nerlinger.

Der blonde Geselle grinste. „Aber immer, Rolli! Der ist hier herumgekurvt. Sieh dort drüben, der alte Rangierer, den hat er sich aufs Korn genommen. Rückwärts drauf.“

„Was ist denn das für ein Verrückter?“ Rolf schaute hinüber zum Auflieger und konnte mit Mühe etwas von der Aufschrift auf der Bracke erkennen. Das war französisch, das sah er, aber er konnte es nicht richtig entziffern.

„Irgendein Wüstengeier, hat er jedenfalls gesagt“, meinte der Blonde. „Die Spiegel sind ihm angelaufen, vom Salz in der Wüste, hat er gesagt.“ Die drei lachten.

„Ist wirklich eine Karre aus der Wüste“, stellte Rolf fest. „Na ja, mich geht‘s nichts an. Also, hier ist die Kiste, die Schlüssel stecken, dann könnt ihr den Karren fertigmachen. In drei Tagen …“

„Rolli, nichts in drei Tagen“, meinte der Blonde wieder. „Der Meister hat gesagt, wir müssen ganz schnell ranklotzen. Du hast wieder Fracht.“

„Ohne mich“, meinte Nerlinger. Dann wandte er sich Klaus Matschke zu. „Bring meine Tasche mit, das mit der Chefin mache ich. Du kannst schon mal deinen Wagen anheizen, wir zischen dann gleich los.“

„Ist gemacht, Rolli“, meinte Klaus.

„Und noch was, Cowboy“, Rolf Nerlinger war schon auf dem Weg zum Büro stehengeblieben und wandte sich um. „vergiss die beiden Flaschen nicht!“

„Hab‘ ich doch schon, Rolli.“

„He, Cowboy“, meinte der blonde Schlosser, „es ist nicht so wie ihr denkt, ihr könnt nicht freimachen. Er hat eine ganz eilige Ladung für euch.“

„Wer?“, fragte Klaus gereizt.

„Na Ralf, wer denn sonst?“

„Drei Tage frei, hat es geheißen. Dabei bleibt es.“

„Du wirst dich wundern, Cowboy. Wenn Rolli aus dem Büro kommt, sagt er dir‘s bestimmt. Spandau hat die Maschine kaputt, ihr müsst seine Fracht übernehmen. Ich bin dabei, den Zylinderkopf aufzusetzen.“

„Na und, dann macht doch voran und steht hier nicht ‘rum! Wenn ihr euch beeilt hättet, könnte der Spandau wieder fahren.“

„Kann er nicht, er hat auch was am Getriebe, das dauert länger. Wir haben die Teile noch nicht. Lieferrückstand, hat es geheißen.“

Klaus war nun doch nicht mehr so sicher, dass sie die drei Tage bekommen würden. Aber er kochte innerlich vor Wut. Und weil sein Wagen drüben im Schuppen stand, gar nicht weit von der Stelle, wo der Auflieger abgestellt war, ging er dann doch hinüber, und auf dem Weg musste er an der Zugmaschine vorbei. Er besah sich den Schaden, zuckte aber nur die Schultern und ging weiter.

In diesem Augenblick hörte Klaus das hochdrehende Motorgeräusch eines Diesels. Wie auf ein Kommando blickte er zur Einfahrt hinüber, und dann tauchte der rote Mercedes schon auf. Die Sattelzugmaschine!

Da ist dieser Wahnsinnige wieder, der uns bald draufgescheucht wäre, dieser Hannes! Ich glaube, den muss ich mir mal zur Brust nehmen!

Ohne dass er noch darüber nachdachte, stemmte Klaus die Arme in die Hüften und wartete, was weiter geschehen würde.

Die Zugmaschine brauste in den Hof in einem Tempo, wie Klaus noch nie einen Lkw hier im Hof hatte fahren sehen. Vorn am Eingang stand unübersehbar das Schild 10 km. Ob dieser Hirsch nicht lesen kann, dachte Klaus.

Die Zugmaschine zog eine Schleife, wurde abgestoppt, als würde ein Reifentest gemacht, der Motor brüllte erneut auf, und die Zugmaschine schoss rückwärts auf den Auflieger zu. Der Fahrer hatte die linke Tür offen und beugte sich weit heraus. Dann wieder ein Abstoppen, ein Stück zurück, und haargenau, das musste Klaus anerkennend zugeben, zog die Maschine zum Aufsatteln unter den Dorn.

Sie hatte schon eingeklinkt, so genau saß das. Der Fahrer sprang heraus und vollendete, was es noch zu tun gab. Als die Anschlüsse saßen und alles erledigt war, wartete Klaus darauf, dass sich der Fahrer ihm zuwandte. Das tat er auch, grinste, murmelte einen Gruß und wollte wieder zu seinem Führerhaus zurück, da ging Klaus zwei Schritte auf ihn zu und sagte: „Augenblick mal!“

Der Mann blieb stehen und wandte sich ihm zu.

„Siehst du hier irgendwo Gitter?“

Rossmann blickte Klaus verwundert an. „Was für Gitter?“ Sein Gesicht nahm einen fragenden Ausdruck an.

„Die Gitter von einer Irrenanstalt. Das ist aber keine. Das ist der Hof einer Spedition, Bruder. Und ich habe auch keine Lust, wegen so einem Verrückten wie dir vorzeitig auf die Intensivstation zu kommen. Du hättest uns vorhin beinahe gerammt, du Armleuchter. Und jetzt will ich dir mal zeigen, was ich davon halte. Unser Job ist hart genug, wir brauchen nicht noch solche Verrückten wie dich, die einen zusätzlich fertigmachen.“

„Nun mal langsam, langsam“, meinte Rossmann, als Klaus auf ihn zukam. „Spiel hier nicht verrückt!“

Diese Pfeife, dachte Klaus, den nehme ich auseinander.

„Mach keinen Quatsch, du bist der Blöde dabei, ich sage dir‘s!“, rief Rossmann.

„Auch noch frech werden!“ Und dann schoss Klaus die rechte Faust ab.

Aber der Schlag ging ins Leere. Rossmann duckte sich, und auf einmal geschah etwas, womit Klaus nicht im Traum gerechnet hatte. Dieser Rossmann schien regelrecht zu explodieren. Sein rechtes Bein flog hoch, gleichzeitig drehte er sich, war plötzlich neben Klaus, der den Tritt in die Magengrube bekam und meinte, ersticken zu müssen. Und dann bekam er einen Schlag in den Nacken, der ihn wie einen Stier fällte und zu Boden warf.

Die drüben in der Werkstatt hatten das nicht sehen können, weil der Auflieger die Sicht verdeckte. Aber im Büro hatten sie es gesehen.

Rolf Nerlinger stürzte aus dem Büro heraus, gefolgt von Jutta Schalupke und Ralf Kirchlechner. Beide versuchten Nerlinger aufzuhalten, aber der war jetzt wie eine Dampfwalze.

Rossmann war einen Schritt zurückgetreten, blickte erst auf den am Boden liegenden Klaus Matschke, der sich mühsam aufzustützen versuchte, dann wandte sich Rossmann dem auf ihn zustürmenden Nerlinger entgegen.

Nerlinger sagte kein Wort. Sein Gesicht war dunkelrot vor Zorn. Und dann war er da.

„Er hat es gewollt“, rief Rossmann, „er ist auf mich losgegangen, verdammt! Ich habe ihn gewarnt. Es ist sein Bier.“

Nerlinger sagte gar nichts. Er kam jetzt langsam näher, hatte die Arme hängen, den Kopf etwas nach vorn, und starrte Rossmann nur an.

Rossmann wich bis zum Auflieger zurück. Weiter konnte er nicht, und dann stand er wieder wie vorhin, die Hände ein wenig nach oben, bereit, sich noch einmal so zu verteidigen, wie er das eben getan hatte.

Aber bei Nerlinger war alles anders. Der kam näher, und ganz plötzlich duckte er sich, sprang zur Seite, und die Finte genügte. Rossmann machte wieder diesen Karatesatz, trat gleichzeitig nach seinem Gegner, aber jetzt war er es, der ins Leere stieß. Und dann war Nerlinger schon neben ihm. Mit dem linken Fuß donnerte er gegen Rossmanns rechtes Schienbein, dann hatte er ihn mit der rechten Hand am Gürtel gepackt, riss ihn hoch und schleuderte ihn durch die Luft.

Rossmann fiel auf die Seite, kam aber sofort wieder hoch und war jetzt wie blind vor Wut. Er flog Nerlinger entgegen, der nur darauf gewartet hatte, angegriffen zu werden.

Als Rossmann wieder treten wollte, wich Nerlinger aus, packte aber blitzschnell das rechte Bein von Rossmann, drehte es mit einem Ruck herum, und Rossmann brüllte auf vor Schmerz und schlug aufs Gesicht.

Da war Nerlinger schon wieder über ihm, riss ihn hoch und versetzte ihm einen K.o., der Rossmann ein paar Meter weit durch die Luft stieß. Als Rossmann besinnungslos zusammenbrach, war Klaus wieder auf den Beinen, hielt sich mit der Rechten vorsichtig den Nacken, wahrend Jutta Schalupke und Ralf Kirchlechner inzwischen an der Kampfstätte eingetroffen waren.

„Herr Nerlinger, sind Sie wahnsinnig geworden! Was haben Sie da gemacht? Warum tun Sie das? Das ist ja Geschäftsschädigung. Er ist ein ganz wichtiger Mann für uns. Du lieber Gott!“

Jetzt kniete sie sich neben den am Boden liegenden Rossmann.

„Sieh dir das an!“, entfuhr es Nerlinger. „Dieses verdammte Arschloch! Und mit dem haben Sie auch noch Mitleid, Chefin.“

Sie sah auf und blickte Rolf Nerlinger wütend an. „Ja, das habe ich auch. Er ist für uns ein ganz wichtiger Mann! Sie wissen überhaupt nicht, was Sie tun!“

Rolf Nerlinger spie wütend aus. „So ist das also! Okay, dann darf so ein wichtiger Mann meinen Kollegen zusammenschlagen. In Ordnung, Chef, ich hol‘ die Papiere, und zwar jetzt und sofort.“

Ralf Kirchlechner kam, die Hände beschwörend erhoben, auf Nerlinger zu. „Mensch, Rolli, mach doch keinen Quatsch! Klaus hat ja angefangen damit. Ich habe es selbst gesehen, und du auch. Sei ehrlich, er hat ihn angegriffen.“

„Warum wohl? Dieser Misthund wäre uns bald in den Wagen geknallt. Wir sind die ganze Zeit ohne einen Kratzer gefahren, dann kommt so ein Schweinekerl und rast wie ein Bekloppter da rum. Und das sollen wir uns einfach gefallen lassen? Statt dass er vom Hof geschmissen wird, bekomme ich noch einen Anschiss! Nichts da, ich will die Papiere!“

Mit gepresster Stimme pflichtete ihm Klaus bei: „Ich will auch die Papiere. Schluss hier, mir reicht das. Jetzt bekommen auch noch die Recht, die sich hier wie Irre benehmen.“

„Hol das Zeug aus dem Wagen“, sagte Rolf Nerlinger, blickte dann aber zu Klaus hin und sah, dass der offensichtlich noch seine Schwierigkeiten hatte. „Nein, lass mal, ich mache es selbst. Heiz deine Karre an, und dann hauen wir ab hier. Die Papiere hole ich mir morgen“, wandte sich Rolf an Ralf Kirchlechner. „Und dann sind die fertig. Ich habe drei andere, die mich sofort einstellen, da

brauche ich diesen Saftladen nicht dazu, wo irgendein wild gewordener Heini noch bedauert wird, wenn er endlich mal eins auf die Fresse bekommen hat.“

Rossmann war wieder zu sich bekommen, und Jutta Schalupke bemutterte ihn, als wäre er schwerverletzt.

Jetzt, als er sich aufrichtete und es ihm offensichtlich besser ging, sah sie mit flammendem Blick auf Nerlinger und rief mit überschnappender Stimme: „Sie wissen überhaupt nicht, was Sie tun. Sie sind der Verrückte! Wie können Sie so etwas machen, einen Mann so zusammenschlagen. Er hat einen so weiten Weg hinter sich, und er muss auch wieder zurück. So eine weite Tour. Was haben Sie nur mit ihm gemacht!“

Rolf Nerlinger würdigte sie keiner Antwort mehr. Er kletterte drüben in den Magirus, holte seine Sachen heraus, und indessen hatte Klaus seinen roten Kadett aus dem Schuppen gefahren und lenkte ihn hinüber zum Magirus, aus dem Rolf die Sachen holte, die ihnen gehörten.

Klaus nahm ihm die Sachen ab und lud sie in den Kadett, da kam Ralf Kirchlechner über den Hof gelaufen und sagte: „Verdammt noch mal, macht doch keinen Quatsch! Über diese Sachen kann man doch reden, das ist doch alles nicht so schlimm. Und dieser Mann ist wirklich sehr wichtig für uns. Wir bekommen einen Haufen Fahrten durch ihn. Menschenskind, wir trinken zusammen einen Schnaps, und die Sache hat sich. Mit dem kann man doch sprechen, der nimmt das bestimmt nicht übel, wenn wir einen Schwamm drüber machen.“

Rolf Nerlinger blickte Ralf Kirchlechner spöttisch lächelnd an. „Schwamm drüber? Machst du Späße, Sportsfreund? Hier ist kein Schwamm.“

„Die Chefin hat es doch nicht so gemeint. Du musst sie verstehen“, sagte Kirchlechner.

„Ich versteh‘ alles. Hoffentlich hast du auch verstanden, Ralf. Morgen Mittag sind die Papiere fertig, alles klar?“ Er wandte sich Klaus zu. „Also, mach Dampf auf, wir zischen ab.“

Rolf stieg ein, und Klaus setzte sich hinters Steuer. Er verzog schmerzvoll das Gesicht, denn der Nacken tat ihm immer noch weh.

Kirchlechner hob die Hände. „Nun wartet doch! Nun wartet doch!“, rief er. „Macht doch keinen Blödsinn!“

„Los, fahr ab“, sagte Rolf nur, und Klaus fuhr los.

Kirchlechner wedelte mit dem Arm, rief etwas, das sie nicht verstanden, und dann waren sie schon aus dem Hof.

Kirchlechner war stehengeblieben, blickte resignierend hinter dem Wagen her, der gerade um die Ecke bog, wandte sich dann um und ging zum Büro, in das Jutta und der noch immer angeschlagene Rossmann gegangen waren.

Drinnen saß Addi Piltz und rauchte genussvoll seine Pfeife. Er hatte das ganze Schauspiel beobachtet und freute sich insgeheim diebisch, obgleich ihm klar war, dass die Firma eben ihre beiden besten Männer verloren hatte. Aber die Schadenfreude war im Augenblick bei ihm größer.

Als Kirchlechner eintrat, saß Rossmann in einem Sessel, und Jutta Schalupke fragte gerade:

„Wollen Sie etwas trinken, Herr Rossmann? Ich bringe Ihnen etwas, warten Sie.“ Und dann war sie schon ins Allerheiligste verschwunden, in ihr eigenes Zimmer.

Kirchlechner war stehengeblieben und schaute Addi Piltz an. „Die sind weg“, sagte er.

„Kann ich mir vorstellen“, meinte Addi und warf einen kurzen Blick auf Rossmann, der offenbar noch völlig mit sich beschäftigt war. „Dann kann er ja die Fracht fahren. Sieht aus, als schaffte er so etwas in der halben Zeit, wie der aufdreht. Fragt sich bloß, was von allem ankommt.“

„He, Alter, reiß das Maul nicht so weit auf!“, sagte Rossmann, und seine Stimme klang gequetscht.

Da tauchte Jutta mit einem Glas Mineralwasser auf.

„Was ist das?“, fragte Rossmann, als sie es ihm hinhielt.

„Wasser.“

„Wasser?“ Rossmann verzog das Gesicht. „Wir sind doch nicht in der Wüste! Haben Sie keinen Whisky?“

„Das schon, aber es wäre wahrscheinlich für Sie besser, wenn Sie … “

„Wenn Sie Whisky haben, bringen Sie mir einen Whisky“, sagte Rossmann und tastete vorsichtig nach seinem ramponierten Kinn.

„Er hat einen guten Schlag, was?“, meinte Piltz, der Rossmann beobachtet hatte.

„Mal langsam, den bekommt er wieder“, versprach Rossmann. „Irgendwann, da treffe ich den schon.“

„Dann vertun Sie sich mal nicht. An Nerlinger hat sich schon mancher die Zähne ausgebissen, da waren ganz andere Typen dabei als Sie.“

Rossmann schwieg, und Jutta kam mit der Whiskyflasche und einem Schnapsglas.

„Chefin, ich möchte Sie einen Augenblick sprechen“, sagte Kirchlechner.

Jutta, die allmählich zu ahnen begann, was der ganze Vorfall bewirkt hatte, sah Kirchlechner betroffen an. „Was ist denn mit den beiden?“

„Die sind weg, Chefin, genau wie sie es Ihnen gesagt haben. Ich werde wohl die Papiere fertigmachen müssen.“

„Dann sollen sie dahin gehen, wo der Pfeffer wächst. Ich kann mir nicht alles bieten lassen.“

„Was haben Sie sich denn bieten lassen, Chefin?“, fragte Addi Piltz. „Wäre ich jünger, hätte ich es genauso gemacht wie Rolli. Ich sehe doch nicht zu, wie einer meinen Kumpel fertigmacht.“

Rossmann schaute auf und blickte in Addis Richtung. „Fertigmacht ist gut. Dieser Mistkerl hat mich angegriffen, ist Ihnen das vielleicht entgangen?“

Addi würdigte Rossmann keines Blicks und sah nur Jutta Schalupke an. „Da kommt einer in den Hof gerast wie ein Blöder, knallt uns noch gegen die Zugmaschine, hätte um ein Haar einen Unfall mit Nerlinger gebaut, und wenn die ihn dann zur Rede stellen, dann sind die auch noch schuld? Das darf doch wohl nicht wahr sein!“

„Ich verbiete Ihnen, so zu sprechen!“, sagte Jutta Schalupke.

Addi grinste nur schief. „Okay“, sagte er. Dann wandte er sich Kirchlechner zu. „Meine Papiere kannst du auch fertigmachen, Ralf.“

„Das ist ja eine Verschwörung!“, schrie Jutta Schalupke mit überschnappender Stimme.„Das lasse ich mir nicht gefallen. Darüber reden wir noch.“

„Mit mir nicht mehr“, meinte Addi, erhob sich und schlurfte der Tür zu.

Ralf rief ihm nach: „Mach doch keinen Blödsinn! Spiel du nicht auch noch verrückt, zwei reichen schon für einen Tag.“

„Zwei? Sieht der aus wie zwei?“, fragte Addi und deutete auf Rossmann.

„Dann lassen Sie doch den alten Knacker ziehen“, sagte Rossmann zu Jutta Schalupke. „Auf solche Heinis wie den könnt ihr doch sicher noch verzichten.“

Addi wandte sich um. „Willst du von mir auch noch eine drauf?“, fragte er. „Ich bin zwar ein alter Sack, aber mit solchen Jüngelchen wie dir werde ich noch fertig, auch wenn du um dich trittst wie ein verrückt gewordenes Pferd. Dagegen habe ich auch ein Medikament, das kannst du mir glauben. Na, komm doch mal her, oder hast du Schiss?“

„Ich vergreife mich nicht an Invaliden“, meinte Rossmann verächtlich.

Addi wollte tatsächlich einen Streit vom Zaune brechen, aber diesmal stellte sich Ralf Kirchlechner vor Rossmann und fuhr Addi an: „Jetzt reicht‘s aber, verdammt noch mal! Du kannst die Papiere haben, aber einen Krach fängst du hier nicht an. Soll ich die Funkstreife rufen? Mir reicht das von vorhin.“

„Scheißfirma“, meinte Addi nur, wandte sich um und verschwand nach draußen.

„Chefin, ich möchte Sie sprechen“, wiederholte Kirchlechner sein Anliegen von vorhin.

„Ja, ja, gehen Sie schon mal vor, ich komme gleich nach“, sagte Jutta Schalupke und wandte sich an Rossmann. „Und was soll jetzt werden?“

„Ist das meine Sache?“, fragte Rossmann. „Sie wollten doch die Frachten haben. Ich kann sie auch jemand anderem geben. Immerhin sind von Ihnen zwei Züge für ein Vierteljahr voll beschäftigt. Aber das scheint nicht viel zu zählen bei Ihren Leuten. Sie sollten froh sein, wenn die alle abhauen.“

„Herr Rossmann, das ist alles furchtbar unglücklich gelaufen. Es tut mir sehr leid. Was soll ich denn machen? Sie haben ja selbst erlebt, dass es einfach so gekommen ist. Ein unglücklicher Zufall. Ich muss erst mal sehen, wie ich jetzt weiterkomme. Ich habe eine eilige Fracht. Aber Sie haben ja schon eine Ladung, sonst würde ich Sie wirklich bitten, das zu machen. Und im Übrigen …“

Er unterbrach sie mit einer schroffen Handbewegung. „Ich habe meine Ladung, aber ich will mal nicht so sein. Ich bin ja noch bis morgen hier. Ich komme heute Abend noch mal vorbei. Oder besser noch, wir könnten irgendwo zusammen essen, was halten Sie davon?“

Jutta Schalupkes Bereitwilligkeit war mit einem Schlag beendet. „Ach, wissen Sie“, sagte sie abweisend, „so möchte ich es nicht haben. Wir können heute Nachmittag weiter darüber sprechen. Im Augenblick habe ich noch anderes zu erledigen. Wenn Sie also noch mal vorbeikommen wollen …“

Rossmann grinste, aber dabei tat ihm das Kinn weh, und er verzog schmerzvoll das Gesicht. „Na gut, bis heute Nachmittag.“ Er erhob sich, warf Kirchlechner einen abschätzenden Blick zu, und dann ging er nach draußen, kam aber unmittelbar danach schon wieder zurück, als Jutta gerade mit Kirchlechner in ihrem Büro verschwinden wollte.

„He, ruft mal ein Taxi für mich“, rief Rossmann. Er hielt die linke Hand an sein ramponiertes Kinn und schloss dabei sein linkes Auge.

Kirchlechner ging ans Telefon, ohne ein Wort zu erwidern und rief ein Taxi. Rossmann wandte sich ab und ging hinaus. Kirchlechner verfolgte noch, dass Rossmann hinüber zu seiner Zugmaschine ging, dann folgte er Jutta Schalupke in deren Büro.

Die stand hinter ihrem Schreibtisch. „Herr Kirchlechner“, sagte sie aufgeregt, „was machen wir nur? Es ist ja ganz furchtbar, was sich da ereignet hat! Wie konnte das überhaupt alles passieren? Ich habe das bis jetzt nicht begriffen. Warum fällt denn Nerlinger über …“

„Er ist doch nicht über ihn hergefallen. Das Ganze hat doch viel früher begonnen, Chefin. Erst ist dieser Rossmann hier im Hofe herumgerast …“

„Sagen Sie nicht dieser Rossmann! Wir können so viele Frachten durch ihn bekommen, und ich habe das nach geprüft, es stimmt. Seit Wochen bemühe ich mich darum, und dann passiert hier so etwas. Das ist ja entsetzlich. Und dann kündigen auch noch Nerlinger und Matschke.“

„Und Addi Piltz“, ergänzte Kirchlechner. „Ich weiß nicht, was die größere Katastrophe ist. In der Werkstatt geschieht doch nichts ohne Addi, bis sie einen neuen Meister haben. Da vergeht wahnsinnig viel Zeit, und außerdem wird der Zug Spandau nicht fertig.“

„Und was machen wir mit dem Zug Wilmersdorf? Du lieber Gott, jetzt wird mir erst mal richtig klar, was das heißt. Wir haben doch einen festen Termin. Wir müssen doch die Fracht …“

„Ich weiß“, sagte Ralf Kirchlechner, „das wäre nicht das Schlimmste. Diese eine Fracht, die könnte sonst wer fahren. Wir können sie an eine andere Spedition abgeben. Aber Nerlinger und Matschke fehlen Ihnen auch sonst, und das sind wirklich unsere besten Fahrer. Die haben Dinge für Sie möglich gemacht, Frau Schalupke, die hat noch keiner fertiggebracht. Selbst Kölzer, der vor nichts zurückschreckt, hätte das nicht geschafft, was Nerlinger und Matschke gemacht haben. Und jetzt gehen die einfach so weg, Knall auf Fall. Mein Gott, das kann doch nicht so bleiben!“

„Was soll ich denn machen? Herr Kirchlechner, was soll ich machen?“

„Sie müssen mit ihnen reden“, erklärte er. „Sie waren wirklich nicht ganz gerecht. Sie haben sich um Rossmann gekümmert und so getan, als wären die beiden Verbrecher. So etwas tut doch weh, und ich kann die beiden verstehen. Und was Addi Piltz angeht, kann ich das auch verstehen.“

Sie schlug die Hände vors Gesicht. „Immer etwas Neues, und nie etwas Gescheites“, stöhnte sie. „Warum soll ich mich denn entschuldigen? Schließlich …“

„Sie brauchen es ja nicht zu tun.“

Sie nahm die Hände vom Gesicht. „Können Sie denn nicht mit denen reden?“

Kirchlechner schüttelte den Kopf. „Nein, Chefin, das müssen Sie selbst tun. Und ich würde Ihnen empfehlen, sich zu beeilen. Die sind jetzt erst einmal in ihre Kneipe gefahren, wie sie das immer tun. Jedenfalls glaube ich das. Und da werden sie auch noch Mittagessen.“ Er schaute auf seine Armbanduhr. „Ihnen bleiben zwei Stunden Zeit, die beiden da zu erreichen, wenn sie hingegangen sind. Ich nehme es stark an, weil sie das immer getan haben. Wenn sie es heute nicht tun, ist es ganz schlecht, dann kriegen Sie die Jungs nur noch einzeln. Und wenn Sie sie nicht beieinander haben“, er schüttelte den Kopf, „dann sehe ich schwarz.“

„Also gut“, meinte sie stöhnend. „Und was mache ich mit Herrn Piltz?“

„Mit dem reden Sie auch. Er ist ja noch nicht weg, er ist drüben in der Werkstatt. Ich nehme an, er nimmt sein Zeug zusammen.“

„Dann gehen Sie hin, rufen Sie ihn her.“

„Der kommt bestimmt nicht. Ich tät‘s ja auch nicht.“

„Wieso denn nicht, was soll das heißen? Bin ich denn an allem schuld? Ich meine es doch nur gut! Ich gebe all diesen Männern Arbeit, ist das schließlich nichts?“

„Aber Sie haben sie beleidigt, alle drei. Und wenn auch Ihre Motive zu verstehen sind und die Sorge um Aufträge, so sind Sie meines Erachtens doch etwas zu weit gegangen mit denen, die Ihnen immer die Treue gehalten haben.“

Er blickte durchs Fenster und sah draußen das Taxi in den Hof fahren. Rossmann ging darauf zu, winkte, das Taxi hielt, und Rossmann lief die letzten Schritte schneller. Dann stieg er ein, das Taxi fuhr los.

„Im Grunde hat Nerlinger recht. Rossmann ist wirklich wie ein Verrückter. Ich weiß nicht, ein seriöser Mann ist es jedenfalls nicht.“

„Seriöser Mann! Die sind eben da unten so. Der ist schon seit zwanzig Jahren da unten in der Wüste. Der ist dort praktisch aufgewachsen, er ist als Kind hingekommen. “

Kirchlechner sagte nichts, schaute aus dem Fenster hinaus, obgleich es auf dem Hof außer der ramponierten Zugmaschine und dem abgestellten Sattelzug nicht viel zu sehen gab.

„Wenn Sie sich nicht beeilen, Chefin, ist Addi Piltz auch weg. Und wenn Sie zu ihm nach Hause gehen, dann haben Sie auch noch die Frau, mit der Sie reden müssen. Ich würde ihn gleich beim Schlips bekommen und mit ihm sprechen. Noch ist das Eisen heiß.“

In Jutta arbeitete der Stolz. „Er findet in seinem Alter jedenfalls nicht sofort wieder eine Stellung“, behauptete sie.

„Das ist im Prinzip richtig, Chefin. Aber Addi Piltz hat sehr viele Freunde unter den Fahrern. Und ich wette, einen Meister wie ihn bringen die in einer anderen Spedition unter. Es gibt genug in Berlin, die Addi Piltz nehmen würden, die wissen, was sie an ihm haben. Und da mag die Arbeitslage noch so schlecht sein. Also, sprechen Sie mit ihm und fahren Sie dann sofort anschließend in die Eckkneipe, ich schreibe Ihnen die Adresse auf.“

„An mir bleibt alles hängen, dabei habe ich für die Firma so gute Aufträge hereingebracht. Das bedeutet auch Arbeit für die Männer. Es ist wirklich nicht leicht, in der heutigen Zeit Aufträge zu bekommen und …“

Ralf Kirchlechner schaute sie an. „Das ist alles richtig. Sie haben völlig recht, und trotzdem durften Sie so mit den dreien nicht reden, durften Sie sie so nicht behandeln. Sie haben etwa noch vier Stunden Zeit, Frau Schalupke, dann müssten die Verpackungsmaschinen geladen werden. Ich bitte Sie, mich anzurufen, wenn Sie mit Nerlinger und Matschke klarkommen. Sonst muss ich eine andere Spedition beauftragen. Und ich fürchte, dann ist nicht nur die eine Ladung weg, die fahren dann auch die übrigen, da bin ich sicher.“

Details

Seiten
160
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783738953206
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (April)
Schlagworte
berlin turbo endstation marokko

Autor

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Titel: Berlin Turbo #10: Endstation Marokko